Rudolf Presber Mein Bruder Benjamin Geschichte eines leichten Lebens   Copyright 1919 by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart   Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart Papier von der Papierfabrik Salach in Salach, Württemberg Erstes Kapitel Benjamin! Ich schreibe Deinen lieben Namen hin, der Dein Name im Taufbuch nicht war, den Dir die Familie gab und das Schicksal bestätigte. Und indem ich ihn hinschreibe Deinen Namen, blüht meine Jugend leuchtend vor mir auf. Ich bin Dir vorangeschritten im Leben, immer um zehn Jahre, die sich nicht einholen ließen. Du bist mir vorangeschritten im Tode; und eines Tages wird kein Unterschied mehr sein zwischen Dir und mir. Dann steht die Zeit für uns stille, für den einen wie den andern, und langsam verhallen auf deutschem Boden unsere Schritte; und unsere Namen verblassen im Gedächtnis der Lebenden, die uns noch kannten. Benjamin! Du warst die jüngste Jugend in unserem Hause; warst das frischeste Reislein am alten Hugenottenstamm, der Gütigste unter den Trotzigen, denen der Ahnen Kampf um Recht und Glauben noch im Blute spukte. Du hast das Leben in seiner Blüte geliebt, und es hat Dir mit Blüten vergolten. Für den Kampf unserer dunklen Tage, für den splitternden Bruch mit so vielem, in dem Du erzogen warst und Dich lächelnd wohlgefühlt, wärst Du wohl nicht gemacht, nicht gerüstet gewesen. Und wie Dir gar die verzichtende Weisheit des Alters zu Gesicht gestanden hätte, wer will's sagen, da Du Dein Antlitz, den beseelten Spiegel der Lebensfreude, längst verhüllt und verborgen hast. Benjamin! Wenn wir, allen Zweifeln zum Trotz, uns doch da drüben wiederfinden sollten, wirst Du, der lebend nicht zu zürnen vermochte, als Verklärter hadern mit mir, daß ich aufschrieb, was ich nun sorgsam schreiben will: Dein Leben? Ich wag's. Fehler mögen sich in diesen Blättern finden, Irrtümer, Ungenauigkeiten – keine bewußte Entstellung. Weit zurückschweifen mußte mein Blick – wie gern hat er's getan! Denn wie viel Sonne lag auf diesem verlassenen Land! Dann wurden mir Deine Tagebücher Führer, diese ehrlichen Bekenntnisse in ihrer sauberen, fast pedantischen Schrift; und die meinen, knapper, leidenschaftlicher oft im Ton und parteiischer in der Stellung zu Welt und Menschen, ergänzten. Mit alten Leuten sprach ich von Dir, die Dich noch gekannt hatten. Und in ihren Augen war ein warmes Leuchten bei Deinem Namen, und ihre lebendige Liebe grüßte Deinen Schatten. »Ein unnütz Leben« nanntest Du beim Abschied für immer das Deine. Ist ein Leben wirklich unnütz, aus dem Freude und Frohsinn blüht? Schlägt ein Herz wirklich umsonst, das keine Falschheit kennt? Wir können nicht alle Entdecker sein, Eroberer, Glaubenshelden und Heroen. Auch die Stillen, Gütigen, Frohen, die den Sturm meiden, das Volksgewühl und die Barrikaden, haben ihr Recht. Und wissen vielleicht, nach einem Leben fern allen Schrecken der Schlacht, heldischer zu sterben, als mancher verblutende Held. Wir haben oft zusammen gelacht, mein Bruder Benjamin; öfter, Aug' in Auge, gelächelt. Und lächelnd gehst Du heute noch neben mir, sorgfältig gekleidet, rotbäckig und mit großen, blauen Augen die wunderreiche Welt betrachtend. Und meine Seele wird froh und feierlich, wenn sie Deiner gedenkt und all der Pläne, Hoffnungen, Irrungen eines Herzens, das nicht zu altern geboren war. Laß sehen, ob etwas, und wenn nur ein weniges, von all dem Glanz und der Fröhlichkeit, die Dein kurzes Leben ausstrahlte, auch diesen Blättern der Erinnerung beschieden ist. Gibt's ein Jenseits, und bist Du dort – wissender, als ich, Anteil nehmend vielleicht noch aus Sternenferne an dem, was wir Gebrechlichen hier unten so wichtig und so nutzlos planen, fügen und bauen –, so lächle meinem bescheidenen Beginnen mit dem unverlernten Lächeln Deines jungen Erdengangs. Der Du Blut warst meines Blutes, Träumer meiner Träume, der Du wuchsest in denselben lieben Mauern mit mir, betreut von denselben gütigen Menschen, belehrt von denselben Büchern, gezüchtigt von demselben Schmerz, entzündet von denselben Freuden, erhoben von denselben Liedern, die unsere Mutter, von der Arbeit ruhend, in die Dämmerung des stillen Hauses sang; Du, mir auf ewig verknüpft durch das Köstlichste, Unverlierbare einer schönen, reinen gemeinsamen Jugend, sei mir gegrüßt, mein Bruder Benjamin! Zweites Kapitel Wenn du sehr brav zu sein versprichst, erzähl' ich dir etwas,« sagte Frau Margarete Morgenthau, die auf den Zehenspitzen aus dem Schlafzimmer meiner Eltern kam. Und ohne das Gelübde meiner Bravheit abzuwarten, fügte sie sofort hinzu: »Du hast eben ein Brüderchen bekommen.« Ich weiß mich noch gut zu erinnern, in unserem kleinen Eßzimmer geschah's, das wir, da nach des Vaters Wort »viel geduldige Schafe« hineingingen, das »Ställchen« nannten. Und unzählige Familienbilder, ernste Herren in Vatermördern und lächelnde Damen mit Büchern und Blumen in den Händen, sahen zu, wie Margarete Morgenthau nach dieser Mitteilung ein weißes Taschentuch ausgebreitet ins Fenster legte. Die warme Julisonne, die hoch am Himmel stand, leuchtete prall darauf. Dieses aber war – viel später hab' ich's erfahren – ein sinnreiches Zeichen für den Gatten Joseph Morgenthau. Der konnte von seinem Arbeitszimmer aus, drüben über der Straße, durch die Zweige des breiten Akazienbaumes dies Fenster sehen und betrachtete es an jenem Sommermorgen andauernd interessevoll. Denn seit unsere Sophie um neun Uhr morgens seine Frau vom Morgenkaffee und dem »Intelligenzblatt« aufgeschreckt: »Ei, Sie möchte doch 'mal gleich erüwwer komme, Frau Morgenthau,« ahnte er ein freudiges Ereignis im Hause seines Freundes Hubert. Nun sagte ihm verabredetermaßen das Tuch: alles ist gut gegangen – das Kind ist da. Frau Morgenthau war eine der besten Freundinnen unserer Mutter, etwas älter, als diese, wohlbeleibt, mit roten, immer etwas erhitzten Backen und einer pechschwarzen Haarkrone auf dem gutmütigen, etwas breiten Gesicht. Alles an ihr war breit. Auch ihre Hände, die meiner Kindheit viel Gutes getan. Auch ihre Rede, die meinem jugendlichen Ungestüm manchmal zu ausführlich schien und meist mit viel eindringlichen Fragen nach Dingen geschmückt war, die ich bedeutend lieber für mich behalten hätte. Im Nebenzimmer ließ sich jetzt ein dünnes, quieksendes Stimmchen vernehmen. »Merkwürdig,« Frau Morgenthau wiegte mit leiser Mißbilligung ihr Haupt und heftete ihren Blick in den Akazienbaum, »merkwürdig, es hätte ein Mädchen sein sollen. Aber, mein lieber Junge, die Natur spielt wunderbar.« Ich war zehn Jahre alt und dachte noch nicht viel über das Spiel der Natur nach. Wußte auch damals nicht, daß Frau Morgenthau, die selbst kinderlos, aber kinderlieb war, in den Kreisen ihrer Bekannten eine scheue Verehrung genoß, weil sie stets das Geschlecht eines erwarteten Menschleins aus irgendwelchen Anzeichen in Mienen, Gehaben oder Träumen der Mutter richtig und untrüglich zu bestimmen wußte. Bloß diesmal hatte sie sich offensichtlich geirrt. Es blieb aber, soviel ich weiß, der einzige Fall, in dem Frau Morgenthaus prophetische Sicherheit versagte. Dieser Irrtum der sonst Unfehlbaren aber hatte zur Folge, daß Babykorb und alles Zubehör in rosa ausgeschlagen und verziert war; denn Rosa ist nach ererbtem Brauch die Farbe der Mädchen, Blau aber die Farbe der Jungen. Und Frau Morgenthau hatte einen Zweifel darüber, daß es ein Mädchen sein werde, in ihrer bestimmten Art nicht geduldet; ja sie hatte noch zwei Tage vor der Geburt mit dem Doktor Schilling, unserem Hausarzt, der die Möglichkeit unfehlbarer Voraussage leugnete, einen ärgerlichen Disput gehabt, den meine gute Mutter durch einen besänftigenden selbstgemachten Nußlikör, der von Arzt und Freundin in gleicher Weise geschätzt wurde, gütig beilegte. Frau Morgenthau begab sich wieder in die Wochenstube, in deren Halbdunkel ich rasch durch die geöffnete Tür einen scheuen, neugierigen Blick warf. Ich sah aber nur ein mir unbekanntes weibliches Wesen von hinten, das sich die Ärmel einer blauen Bluse bis zu den Ellbogen aufgekrempelt hatte und, wie mir schien, sich an einer auf Stühle gestellten, kleinen Badewanne plätschernd zu schaffen machte. Vom Bett meiner Mutter gewahrte ich nur einen Kissenzipfel, spitz und hell, von meinem neuen Bruder überhaupt nichts. Allein geblieben im »Ställchen«, überließ ich mich einer wunderlichen Gedankenflucht. Nun waren wir mit einmal drei : Mathilde, ich und der Kleine, der da nebenan wimmerte. Wie kam das und warum? Was würde Mathilde sagen, wenn sie aus der Klavierstunde kam? Und erst der Papa, der auf seinem Sonntagmorgengang um die Anlagen jetzt wohl gerade am Eschenheimer Turm angelangt war! Ja, und morgen vor der Religionsstunde, da wollte ich, genau so wie neulich der Seligmann, der eigentlich ein Jude war, aber die evangelische Religionsstunde doch auf Wunsch des Vaters mitnehmen durfte, an das Katheder zu dem Herrn Bauschmidt herantreten und sagen: »Entschuldigen Sie, Herr Bauschmidt, ich habe gestern mittag ein Brüderchen bekommen.« Und nun waren gerade die Tanten nicht in Frankfurt; die wären doch sicherlich gern dabeigewesen, wie das Brüderchen kam! Ja, wie war es denn gekommen? Und warum gerade heute , am Sonntag? Eigentlich fein, daß es just ein Sonntag war; und daß die Sonne so herrlich schien! Aber nun würden wir sicher später zu Mittag essen, als sonst. Und der wievielte Juli war denn eigentlich heute? Das müßte man sich doch merken. Der siebzehnte – fein, da konnte ich gleich in meinem »Schülerkalender« nachsehen, was da sonst noch ... »1762 Peter III. von Rußland wird erdrosselt.« Kein schöner Gedenktag. »1792 Kosciusko siegt bei Dubienka über die Russen.« Schwierige Namen. Gut, daß wir keine russische Geschichte zu lernen brauchten. »1793 Charlotte Corday enthauptet.« Erdrosselt ... enthauptet ... einen blutigen Geburtstag hat er sich ausgesucht. Und gerade, wie ich mir überlege, wer Charlotte Corday gewesen sein könnte und warum sie wohl enthauptet worden ist, kommt Mathilde aus der Klavierstunde. Sie ist ein Jahr jünger als ich, aber genau so groß. Ihre zwei langen, kastanienbraunen Hängezöpfe fordern heraus, sie daran zu ziehen; und ich habe häufig dieser Verlockung nicht widerstanden. Dann hatte sie eine Art, mit der schlanken, knochigen Kinderhand mir ganz rasch eine Serie von Katzenköpfen zu verabreichen, die mir heute noch in schmerzhafter Erinnerung ist. »Du, Mathilde, rat mal, was wir bekommen haben?« »Ich mag nicht raten.« Das ist nicht wahr; sie fürchtet einfach, daß sie's nicht kann. »Du bekommst einen Groschen, wenn du's rätst.« » Zeig ' mir erst den Groschen!« Das geschieht. Die Prüfung ergibt, daß der Groschen zwar echt, aber dreckig ist; was sich daraus erklärt, daß ich ihn vorhin auf der Straße gefunden habe. »Also nun rat, was wir bekommen haben?« »Von wem haben wir's bekommen?« Das ist eine sehr gescheite Frage. Denn hätten wir's von Tante Emma bekommen, so wären's – leicht zu raten – Zuckerplätzchen. In diesen sah sie die einzige ganz unschädliche Leckerei für Kinder. Und hätten wir's von Onkel Ammann bekommen, so wären's sicher kleine Kupferstiche, von denen uns allemal der Vater die Hälfte schleunigst wieder abnahm, weil sie aus Romanen stammten, deren Inhalt, geschrieben wie gemalt, für die Jugend durchaus ungeeignet war. Nach einer Weile des Nachdenkens entschied ich: »Vom lieben Gott haben wir's bekommen.« Und mir war dabei ganz fromm zumute. Aber Mathilde traute meiner Frömmigkeit nicht. » Dir wird gerade der liebe Gott was schenken, wo du gestern wieder eine Vier im Rechnen gehabt hast!« »Der liebe Gott fragt nicht nach den Zensuren, wenn er was schenken will. Und übrigens hatte der Karl Zillig auch eine Vier. Und wenn er mir was schenken will –« »Der Karl Zillig?« »Nein, der liebe Gott, dann schenkt er eben. Und jetzt behalt' ich meinen Groschen und sag' dir's so. Wir haben ein Brüderchen bekommen.« Auf diese Weise erfuhr nicht nur meine Schwester Mathilde, sondern auch mein Vater, der eben vom Spaziergang um die Tore gekommen und ins Zimmer getreten war, die Geburt meines Bruders Benjamin. Viel später erst hab' ich begriffen, warum mein guter Vater, der ein Riese von Mann war, sich jetzt in heller Freude zu der schon in Hut und Mantel aus der Wochenstube huschenden Frau Morgenthau niederbeugte, sie freundschaftlich ans Herz zog und damit mit gedämpftem Jubel äußerte: »Also doch – also doch ein Junge !« Vierjährig war ihm, knapp vor einem Jahr, ein Söhnchen gestorben. Draußen auf dem schönen Frankfurter Friedhof, zu Füßen der Großeltern, die wir Kinder nicht gekannt, lag sein kleines Grab; und Fuchsien, seine Lieblingsblumen auf der Mutter Blumentisch, blühten links und rechts zur Seite des aufgeschlagenen Marmorbuches, auf dem der Vers zu lesen war: Du kamst, du gingst mit leiser Spur, Ein lieber Gast im Erdenland. Woher? Wohin? Wir wissen nur Aus Gottes Hand – in Gottes Hand. Damals haben wir den Tod kennengelernt, Mathilde und ich. Aber begriffen haben wir ihn nicht. Wir mußten still sein und leise in unseren Spielen, denn nebenan, hieß es, war das Ernstchen sehr, sehr krank. Es rief manchmal unsere Namen, aber wenn wir auf Zehenspitzen an sein Bett treten durften, dann drehte es die Augen weg und erkannte uns gar nicht. Und der Doktor Schilling kam und machte nicht, wie sonst, einen Spaß mit uns, wenn er das Zimmer verließ. Und dann eines Abends – die Amsel sang so schön drüben in dem höchsten Zweig des Akazienbaums, und die Scheiben der Morgenthauschen Wohnung blitzten den Sonnenuntergang, wie lauter goldene Spiegel, zurück –, da weinte mein Vater, der große, starke Mann, und der Schmerz schüttelte seinen Riesenkörper. Und wir Kinder wunderten uns sehr, daß man so groß und stark sein und noch so weinen konnte. Und unsere Sophie ging weinend mit Blumen durch unser Zimmer, die waren von Mutters Blumentisch abgeschnitten; das durfte sonst niemals geschehen. Im Nebenzimmer aber schluchzte die Mutter fassungslos über dem Gitterbettchen, in dem das Ernstchen lag. Ganz blaß lag es und still jetzt und rief nicht mehr nach uns und seinem Laubfrosch, den es noch im Fieber immer sehen und füttern wollte. Seine Händchen waren gefaltet. Die halb leeren Medizinflaschen auf dem Tisch klirrten leise, wenn jemand an sein Bettchen trat. Der Vater hatte uns hingeführt, und seine Stimme war von Tränen erstickt, als er sagte: »Gebt ihm noch einen Kuß, Kinder – aber nur auf die Stirn. Streichelt ihm die Händchen – ganz sanft. Und erschreckt nicht – daß er so kalt ist ...« Aber wir erschraken doch und schauerten. Und hatten uns krampfhaft fest an den Händen, die Mathilde und ich, als wir wieder ins Ställchen zurückschlichen. Jetzt hatte ihn also der Doktor Schilling doch nicht retten können. Nun war er tot. War dasselbe, wie all die würdigen Herren in Vatermördern da an der Wand und die lächelnden Damen mit den Büchern und Blumen. Nun konnte er gewiß mit all denen, die wir nie gekannt, sprechen im Himmel und ihnen erzählen von uns. Aber vielleicht wußten sie das alles lange schon, auch daß er bald zu ihnen kommen würde. Und wir besprachen miteinander, was wir vom Tode wußten. Sprachen von dem Kanarienvogel, der eines Morgens starr und schmal, wie ein gelber Strich, die Füßchen an den Leib gezogen, neben seinem Futternäpfchen im Käfig gelegen; von dem Spitz der Frau Gruber, den der schwere gelbe Postwagen überfahren hatte, und von dem Dichter Friedrich Rückert, den die Eltern noch gekannt und in Neuses besucht hatten, und der auch plötzlich aufgehört hatte zu dichten und zu atmen und in seinem Apfelgarten umherzugehen. Und aus den Erinnerungen an den Vogel und den Spitz und den Dichter ging uns die frostige Ahnung des unermeßlichen Reiches auf, in das damals der kleine Bruder entschwebt war. Und an derselben Stelle, da er sich, unter Blumen und benetzt von den Tränen der Eltern, blaß und kalt ausgestreckt, regte sich jetzt ein neues winziges Leben. Schrie sich rot und ballte die Fäustchen. »Gelt, das ist jetzt das neue Ernstchen?« fragte mich Mathilde am Abend jenes Tages, als wir unseren Abendreisbrei löffelten. Ich glaub', ich hab' damals ein bißchen gelacht, wie über einen Witz. Denn Kinder fühlen selbst nicht, daß ihre törichten Fragen oft mit furchtlosen Fingern an die dunkelsten Lebensrätsel rühren und an die tiefsten Mysterien. Wenn ich an jene Jahre denke in meinem Elternhaus! Sie standen unter einem milden freundlichen Stern. Meine Mutter zog die Trauerkleider aus, die sie um den toten Liebling getragen. Mein Vater lachte wieder, nicht nur in die Wiege des kleinen Weltbürgers, sondern auch mit uns »Großen« im Kinderzimmer, wie er viele Monate nicht getan. Auf dem »Hausaltärchen« – so nannte meine Mutter eine besonders schöne alte Kommode, auf der die Bilder all ihrer toten Lieben zwischen schlanken Vasen und kleinen Reliquien standen – war der schwarze Flor abgenommen von dem Kinderbild im Elfenbeinrähmchen. Nur viel blühende Blumen, wie sie die Jahreszeit und der Blumentisch eben hergeben, standen um das lächelnde Bubenköpfchen, das aus großen Augen ins Leben, guckte in sein kurzes Leben. Und die Tanten spielten manchmal wieder etwas fröhlichere Weisen abends in der guten Stube, wo das Pianino stand mit dem gestickten Drehstuhl davor. Die Tanten ... Vier Tanten haben in unserem Leben eine Rolle gespielt. Die eine war in einer nahen Residenz verheiratet mit einem Geheimrat. Das war ein jovialer Herr mit einer mächtigen blanken Glatze, die mittags und abends der Wein von eigenen Weinbergen am Rhein rötlich illuminierte. Sehr »geheim« war kaum, was er trieb; denn er tat sehr bieder und öffentlich seinen kaum aufreibenden Dienst. »Geraten« hat er wohl auch nicht viel, der Herr Geheimrat Ammann, der alle Jahre eine Speckfalte mehr im Nacken ansetzte und alle zwei Jahre einen neuen Orden ins Knopfloch. Seine Frau Hermine war die einzige Schwester unseres Vaters. Groß und schwer, wie er, mit einer mächtigen, aber geraden Nase. »Die Nase ist die Verstandesröhre,« sagte unsere Mutter, »darum ist die Tante Hermine so gescheit.« Und sie war gescheit. So gescheit, daß sie dem vergnüglichen Geheimen viel durch die Finger sah, seinen Jähzorn vor mancher beruflichen Dummheit behütete und, wo sie ihn und die anderen regierte, immer klug im Hintergrund blieb, scheinbar nur besorgt, daß die Läufer richtig lagen im Treppenhaus ihrer kleinen Villa, daß jedes Möbel seinen gewohnten Platz hatte und behielt und sich jeder Gast wohlfühlte an ihrem Tisch oder in ihrem Fremdenstübchen unter den entsetzlich vielen Bildern von Schlachten und Begräbnissen, Königen und Schauspielern, ballspielenden Mädchen und blitzerschlagenen Schäfern, die sich verschworen zu haben schienen, das Muster der Tapete dem forschenden Auge geheimzuhalten. Diese Tante war nur mit »Festen« für unsere Erinnerung verbunden. Sie kam zu Geburtsfesten nach Frankfurt, und wenn ein besonders schönes Konzert im Museum oder ein ganz neues Theaterstück in dem unscheinbaren alten Schauspielhaus gegeben wurde, kam sie auch. Und wenn wir sie in der nahen Residenz besuchen durften, war's auch ein Fest; denn eine gütigere Wirtin war für die Jugend nicht zu denken. Sie besaß einen unerschöpflichen Vorrat an Gelee, fragte nie nach der Zensur und spielte glänzend Halma und Domino, um schließlich doch immer zu verlieren, damit der Partner, der ihr leid tat, seinen Groschen gewinnen konnte. Ich habe sie nie hitzig, nie ungerecht gesehen. Ohne es darauf anzulegen, imponierte sie, nicht nur körperlich, allen, bis auf ihre Köchin, das Mariechen, der überhaupt nichts imponieren konnte, allenfalls eine Vorratskammer, die besser assortiert gewesen wäre als, der Tante ihre, zu der das Mariechen den Schlüssel hatte. Und solche Vorratskammern gab's eben nicht viele. Die drei anderen Tanten waren Schwestern meiner Mutter, die von Vieren die Jüngste war. Die Älteste, die im Taufbuch den schönen urdeutschen Namen Thusnelde führte, entsprach äußerlich diesem Namen wenig. Sie war klein und rundlich, lebte immer in einer Angst vor irgend etwas und war dabei doch immer quecksilbrig und vergnügt. Bald fürchtete sie, ihr Vermögen zu verlieren, bald von einer ansteckenden Krankheit, die angeblich in der Nachbarschaft aufgetreten, dahingerafft zu werden. Dann hatten sich wieder Mäuse in ihrem Hause gezeigt, und sie besorgte, daß diese ihr im Schlaf über das Gesicht laufen könnten, und sie bedeckte deshalb das bedrohte Antlitz vor dem Einschlafen mit einem Seidentuch. Dann wieder nährte sie die Überzeugung, daß ihr alles Silber gestohlen werden müsse, oder daß der Blitzableiter auf ihrem Hause nichts mehr tauge, und das nächste Gewitter ihr das Dach überm Kopf anzünden werde. Aber es brauchte nur einer über ihre Besorgnisse ungläubig zu lächeln, dann lachte sie mit und war in Dankbarkeit bereit, ihm ein angenehmes Frühstück vorzusetzen oder ihn Sonnabends in ihre Theaterloge ins Schauspielhaus zu bitten. Als Witwe des früh gestorbenen Fabrikanten Benno Braun war sie an dessen Fabrik, die jetzt sein Kompagnon leitete, noch still beteiligt. Daß diese Fabrik in die Luft fliegen würde, war längere Zeit ihre felsenfeste Überzeugung, obschon keinerlei Explosivstoffe in ihre Räume kamen. Sie lebte in mehr als auskömmlichen Verhältnissen, genoß ihr Leben auf schönen Reisen und im Besuch aller festlichen Veranstaltungen, auf denen es von einer Loge aus etwas zu sehen gab. Denn ins Gewühl mischte sie sich ungern, seit sie beim Schützenfest, klein wie sie war, beinahe erdrückt worden wäre und vom Festzug nichts gesehen hatte, als den schmierigen Überzieher ihres Vordermanns, der die fast Zerquetschte von Zeit zu Zeit durch ein rauh nach hinten gebrummtes »Dränge Se nit so!« einzuschüchtern wußte. Für uns Kinder war die Tante Tüßchen – wie wir sie statt des zu langen und für sie entschieden zu feierlichen »Thusnelde« nannten – ein wahres Juwel. Sie huldigte der Ansicht, daß die Kinder viel zu viel lernen müßten und daß es ein Unsinn sei, die Ärmsten sechs Stunden im Tag auf eine splittrige Holzbank zu drücken, um ihnen von längst verstorbenen Perserkönigen und ebenso toten Griechenhelden Dinge in den Kopf zu setzen, die bestimmt nicht wahr sein konnten. Ihr gütiger Sinn war darauf gerichtet, die kleinen Märtyrer für diese schlimmen Erziehungsfehler einer grausamen Zeit durch kleine Aufmerksamkeiten zu entschädigen, die nicht immer den herzlichen Beifall der Familie fanden, uns Kinder aber begeisterten. Sie selbst hatte ein hübsches, etwas zartes Töchterchen, Cäcilie. Fast gleichaltrig mit meiner Schwester Mathilde wuchs es, blaß, schlank, mit einem Madonnenscheitel, etwas blumenartig heran. »Wie die Lilien auf dem Felde,« äußerte mein Vater oft, halb lachend, halb ärgerlich. Viel später hab' ich verstanden, daß er den botanischen Vergleich aus der Bibel deshalb wählte, weil es ihm vorkam, daß auch Cäcilchen nicht säete und nicht erntete und unser himmlischer Vater ernährte es doch. Ernährte es sogar gut und reichlich und mit viel Süßigkeiten, von denen Tante Tüßchen auf ihren Reisen stets neue wohlschmeckende Spezialitäten entdeckte, mit deren Verfertigern sie in regem Geschäftsverkehr blieb, der sich um die Weihnachtszeit in einer Weise steigerte, die selbst den überbürdeten Postboten auffiel. Die Tanten Emma und Leonis waren Zwillinge. Sahen sich auch sehr ähnlich. Nur war Emma kleiner, weicher und stiller, Leonis etwas stattlicher, unternehmender und geräuschvoller. Da die eine nur heiraten wollte, wenn auch die andere sich dazu entschlösse, und da leider nun immer gerade dann ein Freier der einen erschienen war, wenn die andere just un bestürmt blieb, so hatten sie, nicht immer leichten Herzens, beide eine hübsche Anzahl Körbe ausgeteilt und waren schließlich beide alte Jüngferchen geworden, die unter uns in der ersten Etage ihr stilles behagliches Leben führten, eine für die andere sorgend, Blumen ziehend, wundervolle Stickereien anfertigend und lange Briefe an alte Pensionsfreundinnen schreibend, mit denen sie eigentlich nichts mehr gemein hatten, als die Erinnerung an französische Konversation, spartanische Mahlzeiten und deutsche Kochrezepte. Beide Tanten aber spielten wundervoll Klavier. Ein angeborenes großes Talent war in beiden durch viel Fleiß und Energie zu ansehnlicher Höhe entwickelt. Es mag sein, daß die Erinnerung in dankbaren Menschenherzen manches verstärkt und übertreibt; daß sie aus Braven schon Heilige, aus Kunstfertigen schon Wunderwirker macht – aber mich dünkt, ich habe nie mehr, auch nicht in den ausverkauften Konzerten berühmtester Meister, so seelenvoll, so einfach, so ans Herz greifend Bach, Mozart, Chopin spielen hören, wie damals als Junge von den Tanten. Und alles auswendig. Das Kind staunte, wenn diese kleinen, festen Hände in fabelhaften Läufen über die weißen Tasten geisterten und den dunklen Raum füllten mit einer zwingenden Kraft der Melodien, die fast körperlich das kleine lauschende Herz bedrängten, streichelten, erhoben. Den dunklen Raum – das war das Merkwürdige an den beiden Tanten. Sie übten wohl unten in ihrer Wohnung auch am Tage. Aber wenn sie anderen erlauben sollten, zuzuhören, wenn sie »oben« bei uns auf dem gestickten Drehstuhl unter dem großen Ölbild meines Vaters, auf dem er wie ein gönnerhafter Polenkönig aussah, am Piano sitzen sollten, mußte es die Dämmerstunde sein. Und das wob für uns Kinder noch etwas unsagbar Feierliches und Geheimnisvolles um ihr Spiel, wenn der Körper der Spielenden mehr und mehr ins Dunkel verschwamm, nur ein Licht des Abends noch auf der Stirn lag und die Hände noch ein wenig aufleuchteten. Und schließlich war es, als ob's der Raum selbst sei, der klinge; als ob gar kein menschliches Wesen dieser zauberischen Töne geschickter Urheber sei. Und wir saßen, Mathilde und ich, mäuschenstill aus dem Teppich von weichen Fuchsfellen. Wallfahrer, nach beschwerlichem Weg den Kalvarienberg entlang, oben angekommen vor dem goldenen Herzen der wundertätigen Madonna, können nicht mit innigerem Schauer den anschwellenden Sang der dankenden Beter vernehmen, als wir Kinder damals den Gesang des herrlichen Instrumentes. Drittes Kapitel Die Taufe des Bruders war das erste ganz große Fest in der Familie, dessen ich mich entsinne. Ich freute mich auf den neuen Samtanzug, den ich zum erstenmal anziehen durfte, auf den vielen Kuchen, auf die Rede des Pastors und darauf, daß ich sicherlich an diesem Tag länger aufbleiben durfte. Der Samtanzug war denn auch sehr schön. Erst viele Jahre später hab' ich auf einem Bilde, denn ich bin darin photographiert, entdeckt, daß er quer über die Brust eine Naht hat. Was nicht die Regel bei Samtanzügen ist und wohl daher kam, daß der meine aus einem Rock meiner Mutter hergestellt war. Der Kuchen war wirklich reichlich, und der Pastor Knospe redete sehr lange. Und alles war, während er redete, so still, daß man Tante Tüßchens Seidenkleid, das ihr ein bißchen eng geworden war in den Nähten, zuweilen krachen hörte, wenn der Pastor Knospe Atem holte. Das tat er aber oft und lang und sah dabei nach der Decke, als ob ihm der Leitfaden für die Fortsetzung seiner Gedanken da oben vom Plafond herunterkommen müsse. Zunächst äußerte er, es sei schön, daß wir uns hier alle im Zeichen des christlichen Sakraments zusammengefunden hätten, und wir sollten uns alle der Weihe dieser Stunde wohl bewußt werden. Dann sagte er, daß dieser kleine »Hermann Otto Wilhelm« jetzt ein Christ sei, wenn er auch noch nichts davon wisse. Das sei aber das Schöne und Heilige am Himmel, daß er sich in seiner Gnade bereits derer annehme, die sich so etwas noch gar nicht verdienen konnten. Dann sprach er von den Aposteln und wie sie getauft hätten – aber da verlor ich ein wenig den Faden, weil unten auf der Straße jemand »Frische Erdbeeren« ausrief. Und die heilige Taufe sei ein Symbol – an dieser Stelle kniff mich Mathilde heftig in den Oberarm und fragte mich, was das sei ein »Symbol«; worauf ich ihr antwortete, sie sei eine Gans. Denn ich wußte es selbst nicht. Und dieses Symbol der heiligen Taufe verbinde nun dieses liebe Menschenkind noch inniger mit uns allen. Hier senkte Frau Margarethe Morgenthau bescheiden ihre große schwarze Haarkrone, denn sie hatte an diesem Vormittag erst die Synagogensteuer bezahlt. Meinem Vater, der nicht sehr kirchlich gesinnt war, mochte die Rede ein bißchen lang scheinen. Er sah zweimal verstohlen auf die Uhr. Meine gute Mutter, die noch etwas blaß und schmal aussah, saß in einem geblümten Seidenkleide, sehr feierlich aufgebaut, zwischen zwei rund geschnittenen Oleandern, die sonst unten am Hauseingang das Glasdach flankierten, und deren glänzend grüne Zweige sie jetzt kitzelten, wenn sie den Kopf bewegte. Der Senator Buck, der persönlich, wie sein Titel, übriggeblieben war aus der stolzen Zeit der Freien Reichsstadt und mit seinem pergamentnen Vogelskopf aussah wie ein Pharao der siebzehnten Dynastie, dem sie einen weißen Schäferbart zu tief unter den Hals gehängt haben, lehnte geschlossenen Auges am weißen Kachelofen und bewegte die Lippen, hinter denen nicht mehr allzuviel Zähne standen. Es sah sich an, als ob er die ganze Rede emsig memoriere. Seine Gattin stand, gereckt und sehr geschmückt, neben dem Onkel Ammann, der all seine Orden angelegt hatte, die nicht recht zu dem rotgewürfelten Schnupftuch paßten, das der eifrige Schnupfer häufig an die geräumige Nase führte. Herr Morgenthau, der nicht gut hörte, erkundigte sich von Zeit zu Zeit bei der Tante Geheimrat, die majestätisch in einem dunklen Atlaskleid die Situation beherrschte, was der Pfarrer eben gesagt habe. Frau Morgenthau aber senkte meist, bescheiden, die schwarze Haarkrone. Die drei Tanten Tüßchen, Emma und Leonis standen im Halbkreis vor dem Pastor Knospe, der bald die eine, bald die andere anzusprechen schien, und hielten abwechselnd den Täufling, dessen Kopf wie ein rosafarbenes Pünktchen in all dem blendenden Weiß der Kissen und Spitzen lag. Tante Tüßchen sah dabei aus, als ob sie dieses gefährliche Amt mitten im Seesturm verrichte, und als ob sie erwarte, daß der nächste furchtbare Windstoß ihr die teure Last vom Arm über die Reeling in den Atlantischen Ozean fege. Tante Emma übernahm das Kind mit überirdisch lächelnden Augen, als ob es nicht im Steckkissen, sondern auf der heiligen Gralschüssel läge. Tante Leonis aber, die Hauptpatin, die den Rufnamen »Wilhelm« bestimmt hatte, hielt das Bündel Spitzen, wenn die Reihe an sie kam, krampfhaft fast in Gesichtshöhe vor sich hin, bis ihr die Arme zitterten. Hinter ihr hielt sich im Arrangement der Dekorationsbäume, deren Zweige Tante Tüßchen ängstlich mied, weil sie fürchtete, Läuse zu bekommen, unsere Sophie bereit, das Kindchen aufzufangen, wenn die Kraft der Tante Leonie dieser ungewohnten Zumutung nicht mehr gewachsen sein sollte. Hermann Otto Wilhelm aber, der winzige Mittelpunkt der feierlichen Zeremonie und dieser erlesenen Versammlung, benahm sich für sein Alter außerordentlich gesittet. Die rosigen Fäustchen links und rechts ans Köpfchen gelegt, guckte er mit runden blauen Äugelchen unverwandt an den Plafond, als ob er erwarte, daß sich dieser auftun und irgend etwas Himmlisches dort herauslassen werde, segnend oder auch nur um die erschrecklich lange Taufrede durch überirdischen Eingriff zu beendigen. Erst als ihm das Taufwasser von der Stirn über das Näschen und in das suckelnde Mäulchen lief und er enttäuscht geschmeckt hatte, daß es sich wider Erwarten nicht um Milch handle, zog er ein bedrohliches Schippchen. Dann brüllte er los, laut und ergiebig. So war es zu verstehen, wenn auch nicht angenehm, daß Herr Morgenthau durchaus nicht mehr hörte, daß der Pfarrer noch betete; was Herr Morgenthau, als guter Beobachter, vielleicht auch aus den gefaltet erhobenen Händen hätte folgern können. Aber er folgerte nicht und begann seinerseits bereits geräuschvoll mit der Gratulation. Während dann die Eltern mit den Gästen sich zum Taufschmaus niederließen, die Damen sich noch ein Tränchen wischend, die Herren schon in munterem Männergespräch, bekamen wir, Mathilde und ich, im Ställchen dicke Schokolade mit Napfkuchen. Bei welcher Gelegenheit ich der Schwester meinen felsenfesten Entschluß mitteilte, so rasch wie möglich Pfarrer zu werden. Denn mir gefiel das sehr, daß einer, weil er einen langen schwarzen Rock anhatte, darin er aussah wie ein Lichthütchen, und oben weiße Bäffchen trug, so andauernd in die anderen hineinreden konnte, ohne daß sie etwas sagen durften, bis er ganz fertig war. Dabei brauchte er selbst das Kind gar nicht zu halten. Und nachher bekam er weißen Putenbraten und gemischten Salat, eine Eisspeise und sogar Schaumwein, und wurde nach all diesen Genüssen in einem gemieteten Einspänner nach Hause gefahren. Mathilde ihrerseits meinte, daß wiederum Begräbnisse, die doch auch vom Pfarrer besorgt werden müßten, gewiß nicht so lustig seien. Da gab es weder Putenbraten noch Eisspeise, noch Sekt, aber leicht nasse Füße und einen Rachenkatarrh. Im Hinblick auf diese dunklere Seite der Seelsorge wurde ich wieder schwankend in der eben getroffenen Berufswahl. Wir gingen ins Schlafzimmer, wo Hermann Otto Wilhelm in seinem immer noch rosafarbenen Korb lag und sich verdientermaßen ausschlief von Rede, Taufwasser und Gebrüll. Wir setzten uns rechts und links an den Korb, dessen Farbe durch Frau Morgenthaus irrtümliche Prophezeiung bestimmt war, und tauschten ganz leise, das sanft schlummernde Brüderchen nicht zu wecken, unsere Eindrücke und unsere Gedanken über die Orden des Onkels Ammann, über die Haarkrone der Frau Morgenthau, über die Kosten eines Einspänners, das Alter des Senators Buck, die Verwendung der Reste des gemischten Salats und den mutmaßlichen Wohlgeschmack des Schaumweins. Dann wurden wir still, denn die Amsel sang so schön von dem Akazienbaum in den Abend, der den Wolken die goldenen Säume lieh. »Findest du,« fragte Mathilde plötzlich und sah dabei mit ihren großen, lieben, braunen Augen in den Korb, »findest du, daß er jetzt als Hermann Otto Wilhelm anders aussieht wie vorher?« Ich fand das nicht und sagte es ihr. Und sie nach einer Weile: »Ich meine, weil er doch jetzt ein Christ ist.« »Ja,« nickte ich, »das ist er jetzt; aber er weiß es noch nicht.« »Vielleicht,« Mathilde machte ein nachdenkliches Gesicht, »vielleicht wissen viele, viele Menschen gar nicht, was sie sind. Und nur der liebe Gott weiß es.« »Das ist ja auch genug, wenn der 's weiß.« »Ja, vielleicht.« Dieses merkwürdige Religionsgespräch hatte uns feierlich gestimmt, und wir hörten wieder auf die Amsel. Bis sie fortflog in den Abend. »Du, Adolf, du bist doch auch getauft, nicht wahr – und ich auch – und wir wissen gar nichts mehr davon, als was uns die anderen erzählen. Das kann wahr sein und kann auch nicht.« »Es ist wahr. Papa lügt nie.« »Mama auch nicht. Aber irren können sie sich doch. Ich meine aber, man sollte recht, recht viel behalten von dem, was man erlebt hat – damit man später nicht immer bloß den anderen glauben muß.« »Das sollte man wohl.« Eine Weile schwieg Mathilde. Ihr hübsches Köpfchen arbeitete. Es war schummrig geworden im Zimmer. Der alte Schrank knackte. Von drüben über dem Korridor hörte man gedämpftes Lachen der Taufgesellschaft. »Du, Adi, wollen wir uns vornehmen – wir beide –, daß wir den Tag heute ganz, ganz fest im Gedächtnis behalten und wer da war und die Rede und all das, und wie wir hier zusammengesessen haben?« »Das wollen wir, Mathilde!« Wir reichten uns feierlich, wie nur Kinder sein können, die Hand über den Korb, in dem das Brüderchen lag und lächelte. »Und später« – sie beugte sich über die weißen Kissen, in denen Hermann Otto Wilhelm, die Fäustchen am Kopf, seinen ersten Christenschlaf tat, und ihre dicken kastanienbraunen Mädchenzöpfe kringelten auf die gestickten Engelchen der Decke – »und später, wenn er groß ist, erzählen wir's ihm. Alles.« »Das wollen wir wirklich tun!« Und wir haben Wort gehalten. Er hat später durch unsere Erzählungen alle Einzelheiten von seiner Taufe so genau und lückenlos erfahren und gekannt, wie wir selbst. Von der Ankunft der Tante Tüßchen angefangen, die gewohnheitsmäßig zu früh kam, aus Furcht, was Unterhaltsames zu versäumen, bis zur Abfahrt des Pfarrers in dem Einspänner, der zwei Stunden hatte warten müssen, weil der Rauentaler so blumig und so kühl war, den der frohgelaunte Vater »nur für die Herren« nach aufgehobener Tafel noch selbst aus dem Keller geholt hatte. * Er hieß also nun Hermann Otto Wilhelm. Der Rufname war Wilhelm. Niemand hat ihn je so gerufen. Und wenn er später unter ein Papier von Wichtigkeit seinen Namen schreiben mußte, gab's immer ein kleines Zögern und Besinnen. Denn die Familie nannte ihn nur Benjamin, abgekürzt »Ben«, und die Freunde auch. Zum erstenmal aber hörte ich den Namen nennen an einem Sonntag. Das war nicht lange nach der Taufe. Da sah unser Vater mit uns beiden, Mathilde und mir, lächelnd zu, wie das Brüderchen gebadet wurde. »Ein rundes Kerlchen ist's,« sagte er zur Mutter, die das Köpfchen, das in ihrer hohlen Linken lag, einseifte mit der rechten Hand. Und seine Stimme klang froh und stolz, als er so sprach. Später hab' ich mich erinnert, daß er schon viel weiße Fäden hatte damals im starken, schwarzen Schnurrbart; und so mag sich sein Stolz wohl erklären. Dann zog er uns beide, Mathilde und mich, dicht an sich. Und während wir ein bißchen überspritzt wurden, alle drei, von Wassertropfen und Seifenschaum, fragte er: »Habt ihr auch eure biblische Geschichte gut im Kopf, ihr zwei Strolche?« »Wir sind jetzt beim Riesen Goliath,« erzählte Mathilde, »der war von Gath und sechs Ellen und eine Handbreit hoch, und das Gewicht seines Panzers war fünftausend Lot Erzes ...« Ich aber schwieg, denn ich wußte nicht recht, wo wir in der biblischen Geschichte hielten, weil ich in der letzten Religionsstunde meine Rechenaufgaben gemacht hatte. Aber der Vater schien gar nicht an den Riesen Goliath von Gath zu denken und auch nicht an mein schuldbewußtes Schweigen. »Im ersten Buch Mose steht's,« belehrte er, »da, wo Joseph, der des Pharao Minister geworden, die geängstigten Brüder empfängt. Da sagt Juda zu Joseph: »Wir haben einen Vater, der ist alt, und einen jungen Knaben, in seinem Alter geboren; und sein Bruder ist tot, und sein Vater hat ihn lieb.« »Was du bibelfest bist,« bewunderte die Mutter und seifte. »Ich hab's gesucht und nachgelesen. Und nun behalt' ich's. Und weiter heißt's da: »Der Knabe kann nicht von seinem Vater wegkommen; wo er von ihm käme, würde er sterben.« Und dieser Knabe, der von Jakobs Söhnen der jüngste war und der letzte, hieß Benjamin. Der da –« und des Vaters schlanke Männerhand, die kräftig und doch so edel geformt war, wie ich selten eine Hand gesehen, legte sich behutsam auf das nasse Kinderköpfchen. » Der – der ist unser Benjamin. Und er soll Glück bringen im Lande Kanaan und in Ägypten!« Seit dieser Stunde hieß Hermann Otto Wilhelm nicht anders als Benjamin und, da der Name bald zu lang befunden wurde, einfach »Ben«. Mathilde aber, die alles gern wörtlich nahm, fragte mich nachher ganz kleinlaut, ob denn der Vater nach Kanaan auswandern wollte und wo das läge. Ich aber spürte, daß er das wohl nur so bildmäßig gemeint habe, und daß uns der kleine Benjamin auch in Deutschland Glück bringen könne. Nicht bloß in Kanaan und Ägypten. Viertes Kapitel »Auf seine Vaterstadt ist jeder stolz. Und hätte sie nichts Besonderes, als einen alten Kirchturm mit goldenem Gockelhahn und ein paar winklige Höfe, in denen alte Leiterwagen stehen. »Auf dem Dach des Domes von Mailand, im Anblick der Peterskirche in Rom wird dem Deutschen noch der Gedanke an seinen alten Kirchturm auftauchen! und bei aller Bewunderung der Künste des Pellegrino Pellegrini und des Lombarden Bramante wird er in leiser, innerlicher Abwehr dankbar protestieren: »Mein Kirchturm daheim war aber auch schön; und so ein wunderlicher Gockelhahn für die Spitze ist weder dem Pellegrino Pellegrini noch dem Lombarden Bramante eingefallen.« Und durch die bunten Säulengänge der Alhambra oder über den Riesenhof der Omarmoschee die scheuen Schritte lenkend zum heiligen Stein, der Adams erste Fußstapfen spürte und bewahrte, wird er plötzlich das liebe winklige Höfchen aus seiner Heimatstadt vor seiner Seele Augen aufsteigen sehen; und die rostigen Ketten an dem alten Leiterwagen werden durch seine Erinnerung klirren mit einem seltsamen Heimwehton. »Dafür ist er ein Deutscher!« Der Professor Kunkel war auch ein Deutscher, freilich kein angenehmer. Aber so viel ich der Art entnahm, wie er, der Festrede des Kollegen Wendelin mit verkniffenem Lächeln lauschend, das Kinn in den zu engen Kragen zwängte und die Unterlippe kaute, mißfiel ihm diese schwungvolle Art, den Schülern und deren Angehörigen von ihrer Heimatliebe zu reden. Dieses aber hielt den Redner auf dem mit den deutschen Farben geschmückten Katheder unter den buntgereihten lebensgroßen Kaiserbildern nicht ab, in seine dunkle, männlich schöne Stimme, die zu seiner ganzen Erscheinung gut paßte, noch mehr Wärme zu legen, als er, uns Abiturienten direkt anredend, fortfuhr: »Wenn einer aber erst, wie Ihr , meine lieben Abiturienten, in Frankfurt geboren ist! ... »Frankfurt – ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte, deutscher Städteherrlichkeit schlägt rauschend seine wunderbunten Seiten auf. Erzgeschiente Römerkohorten streben auf sorglich gebauter Heerstraße den Höhen des Taunus zu und schlagen rastend ihr Lager am Main. Karl, der Frankenkaiser, sucht, die Sachsen zu besiegen, seinem Heere die gefahrlose Furt durch den Fluß und gibt der kleinen Merowingersiedlung den Namen. Der Fromme Ludwig baut sich hart ans Ufer die Kaiserliche Pfalz. Der längst als Hauptstadt des Ostfränkischen Reiches zu Glanz und Ansehen gekommenen Stadt verleihen kaiserliche Gunstbriefe immer neue Rechte. Die Messen zu Ostern und im Herbst ziehen aus allen deutschen Gauen Kaufleute und Käufer, Wundertäter und Schaulustige in Scharen heran. Die Goldene Bulle bringt der durch Gewohnheitsrecht zur Wahlstadt gewordenen die feierliche Bestätigung; und seit der zweite Maximilian unter den bunten Bildern der Fassade durch die spitzbogige Tür des »Römer« ins Rathaus der Reichsstadt schritt, empfingen hier , wo wir heute versammelt sind, die deutschen Kaiser das Zeichen ihrer Macht: die Krone ...« So ungefähr hatte auf dem geschmückten Katheder da vorn, umgeben vom gesamten Lehrerkollegium, das andächtig zuhörte oder Andacht heuchelte, der Professor Richard Wendelin gesprochen, derjenige unter unseren Lehrern, der es in Klugheit und Güte am besten verstanden hatte, unseren jungen Herzen nahe zu kommen. Wir Abiturienten saßen, die meisten im ersten Frack, die anderen im schwarzen Rock, nicht ohne Stolz zu seinen Füßen. Hinter uns, nach Klassen geordnet, das ganze humanistische Gymnasium. Vor uns, nur durch den breiten Gang getrennt und durch das kleine inselartige Podium, auf dem der Oberlehrer Münzer einsam, wie ein vergessener Robinson, am Bechsteinflügel hockte, wo er den musikalischen Auftakt und den Schlußgesang der Feier zu leiten hatte, saßen die geladenen Verwandten der Schüler und die Freunde der Anstalt. Der Professor Wendelin sagte damals bestimmt noch mehr und vermutlich äußerst Gescheites und sicherlich sehr Wichtiges. Zuweilen flatterten auch noch Fetzen seiner schönaufgebauten Rede, die er, nur selten einen flüchtigen Blick auf die Blätter in seinen weißen Handschuhen werfend, frei zu halten bestrebt war, in mein Ohr und Bewußtsein. So hörte ich noch Betrübliches über die Leidenszeiten der Stadt im Dreißigjährigen Krieg, der aber ebensowenig wie der Siebenjährige dem Wohlstand Frankfurts dauernd schaden konnte. Dabei sah Professor Steidel, unser letzter Ordinarius, ein sonst gütiger Mann, der für unsere Leidenszeit etwas spät, einen der übelsten und verknöchertsten Schultyrannen abgelöst hatte und deshalb für unser Empfinden eine Glorie um das bebrillte Haupt trug, meinen Mitschüler Moritz Veilchenstock bedeutungsvoll an. Veilchenstocks in Südafrika reich gewordener Vater versteuerte einige siebzig Millionen und hatte gestern, dankbar für das gerade noch bestandene Abitur des Sohnes, der Naturaliensammlung des Gymnasiums ein ausgestopftes Krokodil und den kunstvoll präparierten Riesenschädel eines Nilpferdes geschenkt. Ich vernahm auch noch einige sanft mißbilligende Bemerkungen über den Herrn von Dalberg, den Fürstprimas des Rheinbundes, und über die Besetzung Frankfurts durch Napoleon. Mir fiel ein, daß damals, wie erzählt wurde, der Chef des Hauses Bethmann, die Plünderung der Stadt abzuwenden, aus eigenen Mitteln den französischen Truppen unzählige Wagen Käse entgegenfahren ließ. Und mich kam plötzlich, da ich, zu lange mit dem Knoten meiner ersten weißen Halsbinde beschäftigt, nur rasch und dürftig gefrühstückt hatte, ein großes Gelüsten an nach einem einzigen gutbelegten Käsebrötchen. Denn diese Feier im alten Römersaal dauerte nun schon zweieinhalb Stunden; und nach dem Professor Wendelin war noch die lateinische Abschiedsrede unseres Primus Nathan Geyer zu erwarten: » De dignitate feminarum Roma antiqua .« Ich gebe zu, daß mir an jenem Vormittag im April die Stellung der Frau im alten Rom ziemlich gleichgültig gewesen wäre, selbst wenn sich Nathan Geyer dazu entschlossen hätte, mich auf deutsch darüber zu belehren. An die lateinischen Ausführungen dieses durch seine Gründlichkeit gefürchteten Musterschülers aber dachte ich, und mit mir wohl die meisten meiner Konabiturienten, nur mit leisem Schauer. Inzwischen tagte da vorn noch, in den Ausführungen des Professors Wendelin, die deutsche Nationalversammlung. Die Schüsse, die den General Auerswald und den Fürsten Lichnowsky töteten, knatterten sehr wirkungsvoll aus den geschilderten Pöbeltumulten heraus; und wenige Minuten später schritt der Legationerat von Bismarck durch die Eschenheimergasse nach dem Bundesratspalais, wo er – ein mutiger Versuch seines Königs – den verärgert scheidenden Bundesgesandten Herrn von Rochow ersetzen sollte. Meine Gedanken waren wieder wo anders. Sie verweilten beim Bundesratspalais, bei dessen Bau – eine Geschichte, deren bloße Andeutung meine auf Anstand haltende Tante Emma sehr empören konnte – der sonst mit dem Raum sehr üppig schaltende Baumeister leider einen gewissen, selbst für Diplomaten nicht entbehrlichen geheimen Platz einzubauen vergessen hatte. Diese Ideenverbindung brachte mich wieder auf Tante Emma und meine Familie, die vollzählig, wie ich wußte, diesem feierlichen Akt meiner Entlassung aus der Schule ins Leben beiwohnen wollte, und die ich in dem Gewühl der »Verwandten und Freunde der Anstalt«, das da vor mir unter den lebensgroßen Bildern der Kaiser sich unruhig ausbreitete und an den Türen noch staute, beim besten Willen nicht entdecken konnte. Das Mittelstück dieser geladenen Versammlung zu sehen war mir allerdings durch den Bechsteinflügel, an dem eben der Oberlehrer Münzer den Schlaf bekämpfte, sehr erschwert. Ich konnte nur, ein wenig vorgeneigt, durch die blankglänzenden Beine des Instruments hindurch meine behutsamen Nachforschungen anstellen. Gerade zog da vorn unter sichtbarem Beifall und zur größten Genugtuung des vortragenden Professors Wendelin, der selbst Reserveoffizier bei einem Infanterieregiment, seit Orléans Inhaber des Eisernen Kreuzes und darauf vielleicht stolzer war, als auf seinen Professortitel, der schneidige General Vogel von Falckenstein, als siegreicher Preuße, mit der Division Goeben in Frankfurt ein. Die Zeil herunter nach der Hauptwache. Ich erinnerte mich aus meinen frühesten Jahren der meiner kindlichen Naivität unverständlichen Aufregung, die dieser preußische Einzug in die Frankfurter Familien gebracht. »Plünderungen« waren angesagt und erwartet. Daß verschiedene Gebäude »dem Erdboden gleich gemacht« werden würden, war an der Börse und im Café Milani eine ausgemachte Tatsache; man wußte nur noch nicht, ob die Paulskirche und die Judengasse dazu gehören würden. Tante Tüßchen, die sich bewußt war, immer auf Preußen geschimpft zu haben, erwartete stündlich das Eintreffen der Guillotine. Frau Morgenthau hatte persönlich, ihre Nachtruhe opfernd, ihr Silber im Garten hinter dem Holzstall vergraben und später, als sie's erleichterten Herzens wieder ausgrub, einen silbernen Suppenlöffel zu wenig vorgefunden, dem die Gute lange nachtrauerte. Einer resoluten aus Ostpreußen eingewanderten Freundin meiner Eltern aber, die ihr Haus ganz besonders bedroht sah, war es auf unerklärliche Weise gelungen, durch Wachen und Bajonette bis zum General Vogel von Falckenstein selber in sein Hotelzimmer vorzudringen, den sie zu seiner größten Überraschung mit einem Fußfall und den stürmisch hervorgestoßenen Worten grüßte: »Herr Jeneral, Vaterchen und Großvaterchen haben unter Preußen jedient« ... Und dann war alles sehr harmlos – freilich dafür recht kostspielig –, aber in bester Ordnung gekommen. Und einer von den beiden furchtbaren Kürassieren, die in blankem Küraß, mit gespannten Pistolen, auf hohen Rappen, der Infanterie voran, unterm Stahlhelm das geängstigte Publikum scharf fixierend, die Zeil hinunter trabten, hatte sich später – mein Vater erzählte das oft mit schmunzelndem Behagen – als biederer Weinreisender entpuppt, der den verblüfften Frankfurter Patriziern ganz gemütlich seine nicht billigen Saarweine andrehte. Während meine schweifenden Gedanken so in der Vergangenheit, in Ruhm und Mißgeschick meiner Vaterstadt herumwühlten, hörten meine Augen nicht auf, zwischen den Beinen des Bechsteinflügels in der Menge der Teilnehmer am Festakt meine Verwandten zu suchen. Sie waren, ich wußt' es, ziemlich vollzählig erschienen. Nicht nur um mich unter den aufgerufenen Abiturienten im Schmuck des ersten Fracks zu sehen; auch Benjamin sollte von Sexta nach Quinta aufrücken. Man raunte sich mit heimlich leuchtenden Blicken in der Familie zu, die Möglichkeit sei gegeben, daß er »Primus« werde. Das hatte er nun freilich nicht gemacht; und es gehörte der ganze fröhliche Optimismus, der ihn auszeichnete, dazu, sich das einzubilden und in Andeutungen vorzubereiten. Als der Ordinarius der Sexta die Platzfolge der nach Quinta versetzten Schüler, vorlas, ergab sich's, daß Benjamin als Fünfzehnter unter Zweiunddreißig diese höhere Stufe humanistischer Gelehrsamkeit erklomm. Also zwar ganz schön in der Mitte, aber doch keineswegs eine ernste Konkurrenz für den rothaarigen Siegmund Simon, der seit der untersten Vorschulklasse in jedem Diktat »Null Fehler« schrieb und in den vier Jahren nur viermal – alljährlich am Versöhnungsfest – den Unterricht versäumt hatte. Jetzt hatte mein Blick die ganze Familie Simon entdeckt, den Bankier selbst und vier mäßig blühende Töchter, alle rothaarig und reichlich mit Sommersprossen gesprenkelt. Dicht hinter diesen wuscheligen Mädchenköpfen, die den Anschein erweckten, als sei da mitten im Saal Feuer ausgebrochen, gewahrte ich jetzt Tante Tüßchens überaus festlichen, mit Rosen geschmückten Hut. Sie hatte ihr in Perlmutter gefaßtes Opernglas in der Hand, das sie durch den größeren Teil ihres Lebens begleitete, und kaute diskret etwas, das ihr sicherlich als ein segensreiches Prophylaktikum gegen irgendeine in der Menge drohende Ansteckungsgefahr empfohlen war, das aber, nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, nicht lieblich schmeckte. Neben ihr saßen die Eltern. Der Vater, wie immer bemüht, durch die wuchtige Masse seines riesigen Körpers die hinter ihm Sitzenden nicht um den Genuß des Ausblicks zu bringen, die Mutter mit verklärtem Glückslächeln bald ihren Abiturienten suchend, bald ihren Jüngsten, von dem in der allzu reichen Vortragsfolge dieser »Progressionsfeier« noch eine Deklamation zu erwarten war, bald einen stolzen Blick zur Seite werfend auf das strahlende Brautpaar, das übermorgen in der St. Katharinenkirche für immer verbunden werden sollte. Vorn sprach jetzt der Oberlehrer Kappel, der den mitleidlosen Spitznamen führte »Oberlehrer Zappel«, weil alles an ihm zappelte. Seine Arme und Beine waren im Unterricht und auch sonst, wenn er redete, in einer beständigen nervös zuckenden Bewegung; und er war anzusehen, als ob er geradeswegs aus einem Ameisenhaufen käme. In Anbetracht dieser Eigentümlichkeit war sein Thema: »Der Tanz in der Antike«, nicht sehr glücklich gewählt. Tante Tüßchen, die ihr Opernglas nicht vom Auge ließ, hat mir später gestanden, daß sie geglaubt habe, der merkwürdige Mann gedenke seinen Vortrag durch Andeutungen charakteristischer Tänze der Alten anschaulich zu erläutern. Während der Oberlehrer Kappel bemüht war. nachzuweisen, daß die »Orchesis« der Hellenen nicht nur rhythmisch schöne Bewegungen geboten, sondern die gesamte Kunst des Gebärdenspiels mitumfaßt habe, sah ich hinüber zur Schwester Mathilde, deren lächelnde Augen im Blick ihres Verlobten, des aufrecht in allem Glück die Würde wahrenden Hauptmanns Kurt von Möckwitz ruhten. Mir fiel das Gespräch ein, das ich gestern in der Dämmerung des »Ställchens« mit meinem Brüderlein Benjamin über Verlobung, Hochzeit und Geschwisterliebe gehabt, und das den folgenden denkwürdigen Verlauf genommen. »Adolf,« sagte Benjamin, indem er mit Hilfe von Bauklötzen seine auf dem Plateau des ungeliebten lateinischen Übungsbuches von Ostermann aufgebaute Pappfestung gegen jeden feindlichen Angriff verstärkte, »das ist doch eigentlich komisch, gelt, daß die Mathilde diesen Donnerstag mit dem Kurt einfach fortgeht von uns?« »Gott, so einfach ist das schließlich nicht mit dem Fortgehen. Sie hat den Kurt voriges Jahr in Pyrmont kennengelernt; dann hat er die Eltern besucht, hat sich mit ihr verlobt, weil sie ihm gefallen hat, und hat dann –« »Ja, das hat er alles – aber ich finde das komisch. Die Mathilde gehört doch hier ins Haus. Der Kurt könnte ja grad so gut dem Papa seinen Bücherschrank mitnehmen, weil er ihm gefällt, oder die Madonna über dem Sofa in der guten Stube.« »Das ist doch nicht dasselbe, Ben. Die Mathilde ist kein Schrank und eine Madonna ist sie auch nicht. Und er hat sie doch gefragt, der Kurt, ob sie will. Und sie hat »ja« gesagt.« »Warst du dabei?« »Nein, aber ich weiß es.« » Warum hat sie aber bloß ja gesagt? Verstehst du das, Adi? Sie hat den Papa lieb, sagt sie, und hat die Mama lieb, sagt sie; und uns, dich und mich – nun, uns hat sie doch auch lieb. Und niemand hat ihr was getan. Und da kommt in der Allee in Pyrmont ein fremder Herr und sagt: »Mein Fräulein, Sie haben dies Buch auf der Bank am Erdbeertempelchen liegen lassen.« Und da wird sie rot und sagt: »Entschuldigen Sie, das ist gar nicht mein Buch.« Und da sagt er: »Ja, aber es gehört auch mir nicht.« Und dann zieht er noch einmal den Hut und sagt: »Dann verzeihen Sie, Fräulein, ich heiße Kurt von Möckwitz.« Und das verzeiht sie ihm und sagt, sie heißt Mathilde Mewes. Und jetzt nimmt er uns die Mathilde fort, weil er am Erdbeertempelchen in Pyrmont ein Buch gefunden hat, das ihr gar nicht einmal gehört hat.« »Ja,« lach' ich, »lieber Ben, wenn man's so schildert, ist's allerdings recht wunderlich. Aber der Kurt hat doch dann die Mathilde zum Hotel begleitet; und mittags bei der Kurmusik hat er sich unserer Mutter vorgestellt, nicht wahr. Und dann haben sie Touren zusammen gemacht im Wagen nach Hameln ins Rattenfängerhaus und mit der Bahn nach Hildesheim zum tausendjährigen Rosenstock – und da hat er die Mathilde eben liebgewonnen und sie ihn.« »Aber wir haben sie doch auch lieb. Haben sie länger lieb, als er, besser lieb.« »Besser, Ben? Anders vielleicht, aber nicht besser.« Benjamin überlegt. »Glaubst du, Adi, daß er sie – geküßt hat? Beim tausendjährigen Rosenstock?« Die Frage ist mir nicht angenehm. Ich bin selbst in dem Alter, in dem man das Schönste auf den Fluren sucht, um – nun um es nicht gerade als Buchzeichen in die »Antigone« zu legen. Habe auch, mich den Scherzen ruppiger Kommilitonen über die Beziehungen der Geschlechter schamvoll fernhaltend, des öfteren schon über das Wesen der Liebe nachgedacht; aber gerade über die Gefühle der um ein Jahr jüngeren Schwester, die mir bisher Kamerad war, nachzudenken, ist mir peinlich. »Ich bin nicht dabei gewesen,« weich' ich aus. »Ich finde die Küsserei überhaupt dumm,« entscheidet Benjamin und beginnt die preußische Infanterie aufzustellen. »Was haben sie davon?« Mir fällt ein, daß Benjamin jetzt unbewußt aus den Spuren der skeptischen Philosophie des Katers Hiddigeigei wandelt, dessen Bekanntschaft mir die letzte Weihnacht vermittelt hat. Mathilde und ich haben uns auf dem Sofa unter den Zimtsternen und Wachslichtem des Christbaums noch den »Trompeter« abwechselnd vorgelesen. Und als ich, denn die Reihe war an mir – ich glaube, sehr gefühlvoll – das Lied Jung-Werners las: »Nein gedenk' ich, Margarete,« ist sie plötzlich, mit den Tränen kämpfend, aufgesprungen und in ihr Zimmerchen geeilt. Ich Hab' mit meinem goldgeschnittenen Trompeterbuch ziemlich dumm auf dem Sofa dagesessen, ein wenig verdutzt in Anton von Werners Illustrationen geblättert, dann einige Zimtsterne von den Goldfäden genommen und sinnend vertilgt, und schließlich nachdenklich das Kuvert aufgehoben, das der Schwester bei ihrer Flucht aus dem Briefmäppchen auf den Teppich gefallen war. An sie adressiert, Poststempel »Pyrmont«, mit dem Datum des August. »Sie kennt uns alle doch viel, viel besser,« räsonniert Benjamin weiter, während er, ziemlich unmilitärisch, hinter die auf ihren blauen Beinen marschierende Infanterie attackierende rote Husaren aufbaut, »und dann läuft sie uns einfach mit dem fremden Mann fort. Warum denn? Weil er ihr den tausendjährigen Rosenstock gezeigt hat oder weil er ihr ein schmieriges Buch nachgetragen hat?« »Schmierig, Ben, war das Buch nicht ,« berichtige ich. Das kann ich. Ich weiß, daß das Buch noch ganz neu und sogar unaufgeschnitten war. Denn Kurt hatte es, wie er später gestand, eine Viertelstunde ehe er's hinter Mathilde hertrug, erst selbst in der Buchhandlung am Kurtheater hinterlistig gekauft. »Was findet sie eigentlich so Besonderes an ihm?« Benjamins Stimmung ward feindlich. Die Eifersucht quält sein kleines Herz, das der stets frohen und gütigen älteren Schwester in Zärtlichkeit zugetan ist. »Er hat einen blonden Bart – den haben viele. Ich auch, wenn ich groß bin. Er hat Schmisse im Gesicht, weil er studiert hat. Hätt' er besser gefochten, hätt' er keine.« »Na, sieh mal, Ben, er hat zum Beispiel den Krieg mitgemacht –« »Das hat Herr Lützelmann auch.« Herr Lützelmann ist der hilfreiche Mann, der alle vierzehn Tage meinem Vater die Hühneraugen schneidet. Er hat, als Kind, die Blattern gehabt, was man ihm noch ansieht, und trägt den Kopf tief in den runden Schultern, wie eine mißtrauische Schildkröte. Ein Sprachfehler macht seine an sich lebhafte Unterhaltung nicht angenehmer. Die Wahl zwischen Herrn Lützelmann und unserem Schwager Kurt wäre also auch bei anderen jungen Damen kaum zweifelhaft gewesen. »Kurt ist ein gescheiter Mann, ist weit gereist. Bis Afrika –« »Er hätt' aus Afrika nicht wiederzukommen brauchen!« trotzt Benjamin. »– ist der Freund eines Fürsten.« »Ach – dem sein' Fürst sein Land ist so klein, daß es auf meinem Atlas gar nicht mal draufsteht!« »Er hat viel gelesen und gelernt.« »Das kann er ihr alles hier erzählen.« »Ja, Ben, aber er möcht' die Mathilde gern für sich allein haben.« »Das ist eben die Gemeinheit –« »Ben!« »Jawohl, eine Gemeinheit!« Und jetzt geschieht etwas Sonderbares. Benjamin, der seine Bleisoldaten liebt, wie Julius Cäsar die zehnte Legion, wie Friedrich Wilhelm I. seine Riesengarde kaum geliebt haben kann, fegt wütend mit dem Kinderarm über Infanterie und Husaren hin, daß sie reihenweise umfliegen; zerstört sein kunstvolles Festungswerk so gründlich, daß Ostermanns lateinisches Übungsbuch mitsamt den Panzertürmen vom Tisch fliegt. »Ben – aber Ben!« Das hübsche ehrliche Bubengesicht zuckt im Kampf gegen die Tränen; aber der Wille ist zu schwach noch, zu undiszipliniert. Die dicken Tropfen laufen ihm glitzernd über die Backen. Ein fassungsloses Schluchzen schüttelt seine Brust und würgt seinen schmalen Hals. »Sie soll – soll bei uns – bleiben!« Und jetzt liegt der kleine Kerl zwischen meinen Knien, niedergeworfen von Schmerz und Scham, und weint in meine Hände, die sein heißes Köpfchen aufrichten wollen. Und ich weiß und fühl's, das ist das erste große, wirkliche Leid, das den kleinen verwöhnten Liebling der Familie, das Nesthäkchen, im Innersten aufrüttelt. ... Und siehe, da ist es Ben, der mich von Ben erlöst. Eben hab' ich noch mit einem seltsamen wehen Gefühl der Szene gestern im Ställchen gedacht, hab' noch das unstillbare Schluchzen des Jungen, das mir die eigene Wehmut um den nahen Verlust weckte, im Ohr gehabt, da hör' ich – von da vorn, vom geschmückten Katheder – eine wohlbekannte, helle schmetternde Stimme: »Die Löwenbraut. Von Adalbert von Chamisso.« Der Schüler der Sexta, heute nach Quinta aufgerückt, Benjamin Mewes, zwar bloß Fünfzehnter in der Klasse, aber im »Deutschen« der Beste, darf »nach eigener Wahl« ein Gedicht aufsagen. Und der Schlingel hat, das war sein wohlbehütetes Geheimnis, die »Löwenbraut« gewählt. Eine seltsame Huldigung an die treulose Schwester. Ein Trotz und Trost in der Allegorie. »Mit der Myrte geschmückt und dem Brautgeschmeid, Des Wärters Tochter, die rosige Maid, Tritt ein in den Zwinger des Löwen; er liegt Der Herrin zu Füßen, vor der er sich schmiegt.« Ich sehe zu den Eltern hinüber. Der Vater sitzt vornübergeneigt und schmunzelt in seinen starken angegrauten Schnurrbart. Die Mutter lächelt stolz-bescheiden. Ihr Junge sagt Chamisso auf! Tante Leonis schließt die Augen und bewegt die Lippen. Sie kennt hundert Gedichte auswendig und mehr, auch die »Löwenbraut«, und spricht jetzt, seelisch gesammelt, halblaut jedes Wort mit. »O wär' ich das Kind noch und bliebe bei dir, Mein starkes, getreues, mein redliches Tier –« Benjamins Blick sucht Mathilde. Die hat verstohlen ihre Hand in die Rechte Kurts gelegt. Beide sind sehr beglückt, daß man so eng sitzt; daß so viele Menschen da find, und daß keiner sich um sie kümmert. Das starke, getreue und redliche Tier geniert sie weiter nicht. Benjamins Kinderstimme zürnt und droht: »Es fiel ihm ein, daß schön ich sei, Ich wurde gefreiet, es ist nun vorbei –« »Warum schreit er so?« sagt hinter mir der Seligmann. Und leise zu mir: »Ist in Eurer Familie jemand taub?« Auch das Lehrerkollegium ist aufmerksam geworden auf den ungeheuren Stimmaufwand, mit dem Benjamin das Zwiegespräch zwischen der bräutlichen Wärtertochter und dem angeblich redlichen, aber immerhin gefährlichen Tier zu schildern unternimmt. Professor Kunkel schüttelt mißbilligend den Kopf. Professor Wendelin sucht durch diskret beschwichtigende Handbewegung den Rezitator pantomimisch zu milderer Tonart zu bestimmen. Oberlehrer Münzer am Flügel gibt Lebenszeichen und scheint erstaunt, daß da vorn plötzlich von einem Löwen die Rede ist. Als er einschlief, tanzten die alten Griechen um den Altar des Zeus. »Und draußen erhebt sich verworren Geschrei, Der Jüngling ruft: »Bringt Waffen herbei; Ich schieß' ihn nieder, ich treff' ihn gut!«« »Dein Bruder will wohl aufs Theater?« sagt hinter mir der Seligmann. »Er soll Stunden nehmen beim Erwin Schuster.« »Der Erwin Schuster wird überschätzt,« flüstert unser Primus Geyer, der gewohnheitsmäßig alles überschätzt findet. Während die beiden hinter mir das Zanken kriegen, der Seligmann und der Geyer, über den Wert der Schusterschen Menschendarstellung im Frankfurter Schauspielhaus, erledigt Benjamin da vorn erst die geschmückte Braut, dann durch tödlichen Schuß des Bräutigams auch den Löwen. Aber es ist ersichtlich, seine volle Sympathie ist bei der toten Bestie. Für den Bräutigam hat er nichts übrig. Fünftes Kapitel Ein wenig hat sich diese ablehnende Stellung dem Schwager gegenüber schon drei Tage später bei der Hochzeitsfeier geändert. Der Pfarrer Knospe, der als junger Geistlicher schon die Eltern getraut hatte, hielt – woraus eine freundschaftliche Unterredung mit meinem Vater auf der Progressionsfeier im Römer vielleicht nicht ohne Einfluß war – eine zwar sehr lange, aber auch recht warmherzige Rede, in der vom lieben Gott nicht allzuviel und von dem Apostel Paulus, der sonst alle seine Predigten beherrschte, gar nicht die Rede war. Dagegen empfahl er uns allen, uns »untereinander zu lieben«, wobei er sich auf die Autorität des Apostels Johannes berief, der sich im hohen Alter noch in die Gemeinde tragen ließ und ermahnte: »Kindlein, liebet euch untereinander.« Und wie wir das machen sollten, das führte der Pfarrer Knospe nun für jedes einzelne Familienglied sinnreich durch, immer hinzufügend, daß es in diesem Falle eigentlich ganz überflüssig sei, daß er's aber doch tun wolle. Und jedem einzelnen legte er zuletzt ans Herz, auch das neue Familienglied, den heute hier begrüßten Sohn, Schwager und Neffen recht von Herzen zu lieben. Und in diesem Sinne apostrophierte er auch, als letzten, meinen Bruder Benjamin. Der saß, durchdrungen von der Wichtigkeit seiner persönlichen Anwesenheit bei dieser heiligen Handlung, sehr ernst und mit großen Augen zwischen der Mutter und mir. Aus dem gemalten Fenster fiel ein bunter Schein auf sein andächtig gesenktes Köpfchen. Es kam ihm vor, der liebe Gott und der Pfarrer Knospe wüßten von der unschönen Art, mit der er leider neulich, dem Schwager zürnend, seine geliebten Bleisoldaten mit dem Arm vom Tisch gefegt; wüßten, warum er nicht den Rat seines Freundes Fips Tomasius befolgend auf der Progressionsfeier die »Kraniche des Ibikus« aufgesagt, sondern statt dieser harmlosen Vögel den anzüglichen Löwen Chamissos gewählt, der einem Bräutigam knapp vor der Hochzeit so üblen Streich spielt. Und als nun, was schon niemand mehr zu hoffen wagte, der Pfarrer Knospe sich doch noch entschlossen hatte, »Amen« zu sagen, und das knieende junge Paar die Ringe getauscht hatte und der Gesang der Gemeinde einsetzte, da nahm sich Benjamin vor, den Schwager von ganzem Herzen zu lieben, wie das der Evangelist Johannes und der Pfarrer Knospe eindringlich empfohlen hatten. Er wollte dem Entführer seiner Schwester alle Woche einen Brief schreiben und ihn niemals merken lassen, daß er, Ben, das zudringliche Finden und Nachtragen vergessener Bücher in deutschen Bädern in Anbetracht der das Familienleben erschütternden Folgen nach wie vor mißbilligte. Und Ben zog die Hand meiner Mutter zu sich herüber, die Hand, die das Frankfurtsche Kirchengesangbuch hielt, das »mit obrigkeitlichem Privilegio« im Jahre 1764 »aufs fleißigste ausgefertigt«, die Namen von Mutter, Großmutter und Urgroßmutter untereinander in zierlichen Schnörkeln auf dem vergilbten ersten Blatt trug. Und die Mutter, der schon Silberfäden die an den Schläfen tiefgestrichenen Haare durchzogen, und ihr Jüngster, dem lichtblond, wie Gold, der junge Scheitel glänzte, sangen, die Köpfe dicht beisammen, aus dem ererbten Gesangbuch, das durch viel liebe, längst ausruhende Hände gegangen war, andächtig, gläubig, hoffend, froh und ungestört von der furchtbaren Orthographie, das schöne alte Lied: Wo Gott nicht selber baut das hauß, So richtet keine müh was aus; Wo Gott die stadt nicht selbst bewacht, So schützt sie keine stärck noch macht. Im Kirchenstübchen, wo dann die Gratulation der nächsten Freunde stattfand, und der Küster auf sein Trinkgeld wartete, wurde viel Salbungsvolles geredet. Das war so Sitte bei Frankfurter Trauungen. Auch küßte man sich ausgiebig; und es war nicht immer dazu nötig, daß man sich näher kannte oder den Wunsch hatte, die Beziehungen über diesen Kuß hinaus fortzusetzen. Tante Tüßchen, die bei solchen Gelegenheiten sehr bewegt war von dem trüben Gedanken, es könne das letzte Familienfest sein, dem sie beiwohne, bat schluchzend den Major Ottokar von Wüllich, Kurts Onkel, den sie bei dieser Gelegenheit zum erstenmal sah, sie in gutem Andenken zu behalten. Tante Emma vergaß völlig, daß ihr der Senator Buck schon beim feierlichen Austritt in die Kirche den Saum der Schleppe abgetreten hatte. Der Landgerichtsrat Tomasius aber, der Tante Hermine für die Mutter des Bräutigams hielt, machte ihr herzliche Komplimente über die vortreffliche, männlich aufrechte Haltung des Sohnes während der langen Zeremonie. Da der Rat vom Fluß seiner wohlgesetzten Worte beglückt schien, ließ sie ihn bei seinem Glauben und sah beunruhigt dem Beginnen des Geheimrats zu, der in die leere Kirche zurückstrebte, einen portugiesischen Orden zu suchen, den er im Gedränge von der reichgeschmückten Brust verloren hatte. Der zehnjährige Benjamin aber glitt von einem Arm in den andern. Alle schienen ihn trösten zu wollen, daß er die Schwester heute hergeben mußte, die nicht nur Latein mit ihm gelernt, die bald Schach, bald Federball mit ihm gespielt, nein, die auch die nie versagende Zuflucht all seiner kindlichen Fragen und Nöte gewesen war. Endlich gelang's ihm, nachdem er sich durch die engere und weitere Familie tapfer durchgeküßt, bis zum Brautpaar vorzudringen, vor dem der Kirchendiener, den künftigen Lebensweg mit seinen bewegten Wünschen pflasternd, schon die Türe aufriß. Draußen stand der Wagen mit den silberbeschlagenen Laternen. Die Schimmel, die ihr Lenker trotz ihres ehrwürdigen Alters beim Austritt des Brautpaares noch zum »Tänzeln« bewegte, zuckten in den Hinterbeinen. Und der verwitterte Kutscher, der schon so viele Paare ins ungewisse Glück oder Unglück gefahren, führte den weißen Riesenhandschuh an die breite Silberborte des Zylinders und lächelte seinen Glückwunsch. »Laßt Ben mit uns fahren!« Mathilde, ein Tränchen noch im lächelnden Auge, vom Glück der Stunde rosig überhaucht, vom myrtenbesteckten Schleier weiß umwallt, zog den Bruder dicht an sich. »Wenn du willst, Thilde, gewiß.« Kurt half dem Jungen selbst in den Wagen, der allerdings als Zweisitzer gedacht war und nur ein ganz kleines Bänkchen zu Füßen des jungen Paares Ben als Sitzplatz bot. Und die Schimmel zogen an. Die Frankfurter Bürger, die um die zwölfte Stunde an jenem Tage um die Hauptwache lustwandelten, die auf der Bockenheimer Gasse beim Kaufmann Obert die Fischkörbe oder bei der Frau Einbiegler die Spielsachen bestaunten, oder die just auf der Promenade dem Goldfischteich zustrebten, genossen das ungewöhnliche Schauspiel, eine Brautkutsche, in der ein zehnjähriger Junge mitfuhr, vorüberrollen zu sehen. Am »Prinzen von Arkadien« stand der Dichter Honnefs, der nie in eine Kirche, aber täglich hier zum Frühschoppen ging, und schwenkte huldigend den Hut. Und als der Wagen am fensterreichen Wohnhaus der Jungeschen Gaskronenfabrik, das altertümlich und behaglich die Einfahrt zur stillen Guilloletstraße bewachte, um die Ecke bog, da sah der Fips Tomasius, der neugierig auf die heimkehrenden Wagen wartete, wie die Braut in einer Wolke von Weiß aus ihrem Kranze ein blühendes Myrtenzweiglein brach und es dem Bruder Benjamin an die Brust ins Knopfloch steckte. Dies Myrtenzweiglein hat Ben den ganzen Festtag, wie einen hohen Orden, getragen. Selbst beim Festschmaus fiel sein stolz besorgter Blick von Zeit zu Zeit immer wieder auf diesen Schmuck. Er saß ganz unten an der Tafel, als »Tischdamen« seine kleinen Freundinnen Ruth, die Tochter des Kommerzienrats Baddach, und Elsbeth Tomasius, links und rechts neben sich. Und als die schon vom ersten Schlückchen des ungewohnten Weins angeregte kleine Ruth in holder Neckerei ihm das Zweiglein mit flinkem Griff aus dem Knopfloch ziehen wollte, klappste der erzürnte Ben sie so derb auf die kecken Finger, daß die in seiner Nähe gerade zum drittenmal Himbeereis nehmende Margarete Morgenthau mißbilligend äußerte: »Aber, Benchen! So was tut man doch nicht.« Da es aber, wie Ben aus Erfahrung wußte, vieles gab, das man nach Ansicht der Frau Margarete Morgenthau »nicht tat« und das leider dennoch allerwärts geschah und geübt wurde, so nahm er sich diese friedliche Zurechtweisung nicht weiter zu Herzen. Und auch Ruth Baddach lachte bald wieder, wie Kinder lachen, die aus dem rätselvollen Fest einer Hochzeit eine geräumige Schüssel Himbeereis mit Waffeln langsam aber sicher sich nähern sehen. Diese Hochzeitstafel, die lang, wie lang abgedeckt ist, könnt' ich heute noch malen. Und ich sehe jeden Teilnehmer am Festschmaus noch in seiner Art und seinem Alter von damals an dem langen Tisch sitzen und höre aus dem fröhlich anschwellenden Stimmengewirr noch jedes einzelnen Ton und Rede. Am schmalen Kopf des langen blumengeschmückten Tisches saß das Brautpaar. Mathilde war nie eigentlich schön, aber anmutig heute, wie immer, und reizend durch die munteren, sprechenden Augen unter der hohen Stirn, auf der, fast zu reich, das kastanienbraune Haar, vom Scheitel gebändigt, in weichen Wellen nach den Schläfen floß. Sie saß in kerzengerader Schlankheit, jedem Zutrunk mit glücklichem Lächeln dankend, neben dem stolz strahlenden Kurt. Das Ritterliche seiner aristokratischen Erscheinung wurde noch betont durch das dunkle Eiserne Kreuz, das sich mit dem hellen Myrtenzweiglein ins Knopfloch teilte, und durch die zwei langen schmalen Durchzieher, die den kurzgeschnittenen blonden Bart des »Alten Herrn« der Heidelberger Westfalen vom Ohr zum Kinn in dünnen Furchen scheitelten. Es hieß, der junge Erbprinz von Baldeneck sei sein Freund. Seinem Entschluß habe er's zu danken, daß er, als Oberschloßhauptmann, gesetzt sei über die schönen Besitzungen des regierenden Fürsten, der als alter müder Mann schlafarme Nächte bei seinen Büchern, Münzen und Gemmen verbrachte. Alle in der Familie hatten rasch Kurts natürliche, verbindliche Art, die den Damen gegenüber einen kleinen Stich ins Altmodische hatte, herzlich liebgewonnen. Sogar Tante Tüßchen, die gern die Altfrankfurterin herausbiß, deren Elternhaus auf der Zeil, den Mumms und Rothschilds gegenüber stand. Sie nannte immer noch den Kaiser bloß »König von Preußen« und behandelte Preußen, als beginne dieses unwirtliche, menschenleere Land fünfhundert Kilometer nördlich vom gut bevölkerten, vorbildlich gepflegten Frankfurter Palmengarten, an dem sie wohnte. Neuerdings aber bezwang sie ihre demokratischen Instinkte so weit, daß sie zugab, man könne Oberschloßhauptmann, beinahe Kammerherr und Freund eines Erbprinzen und doch ein ganz netter Mensch sein. In diesem versöhnlichen Sinne äußerte sie sich auch dem Major Ottokar von Wüllich gegenüber, der meine Mutter zu Tisch führte und an dessen anderer Seite die Tante in malvenfarbener Seide saß. Es erbitterte sie nur, daß Mathilde in der kleinen fürstlichen Hauptstadt die sogenannten Hofknickse lernen und üben müsse. Solches fand sie – ganz abgesehen von der Schwierigkeit dieser überflüssigen Zeremonien, die man in Frankfurter Tanz- und Anstandsstunden gottlob nicht lernte – einer geborenen Frankfurterin und ihrer Nichte unwürdig. Darüber beruhigte sie nun wieder der Geheimrat Ammann, der einen eigentlich zum »glasweise Servieren« bestimmten alten Rauenthaler hatte vor sich hinstellen lassen und nun mit befriedeter Seele der weiteren Entwicklung des Festes, seinen Schüsseln und Reden entgegensah. Im Schmuck seiner sämtlichen Orden – auch der portugiesische hatte sich unter einem Stuhl in der Kirche wiedergefunden – belehrte der Onkel die Widerstrebende, unter kurzen Hinweisen auf die bewährte Kraft der monarchischen Staatsform, über den Sinn, Zweck und Nutzen gewisser höfischer Sitten, in denen er die feinste Zuspitzung notwendiger Äußerlichkeiten unserer Kultur erblickte. Tante Tüßchen hinwiederum glaubte gehört zu haben, daß nach dem Vorbilde Preußens die deutschen Höfe bei jeder unpassenden Gelegenheit den schrecklichen »Fackeltanz« tanzen ließen. Diese choreographische Unternehmung aber stellte sie sich, nach ihren eigenen Worten, als »ein Gespring' und Gehopse« von dünnbeinigen, kahlköpfigen Ministern vor, die mit geschwungenen Pechfackeln höchst bizarre und feuergefährliche Übungen veranstalteten. Die Einwendung des Onkels Geheimrat, daß er in seinen siebenundzwanzig Jahren Hofdienst solche wunderliche Tanzerei nie gesehen oder gar mitgemacht, parierte sie mit der schmeichelhaften Wendung, daß sie ihn persönlich immer für einen leidlich vernünftigen Mann gehalten habe, und daß es eben gottlob in jedem Lande und Ländchen revolutionäre Geister gäbe, die sich nicht von der Willkür kleiner Potentaten durch brennende Pechreifen Hetzen ließen. Das Gespräch des benachbarten Paares war weit weniger politisch. Es erhob sich in schönen und beschwingten Wendungen durchaus über die Zeitlichkeit. Tante Leonie, damals schon durch übertriebenes Klavierspiel in den Nerven erschüttert, besprach, einen seltsamen visionären Glanz in den immer noch schönen Augen, mit dem Dichter Otto Honneff das nie ganz erklärte Wunder der poetischen Inspiration. Honneff war ein Jugendfreund unseres Vaters. Nach seiner Angabe war er mal ein sehr schönes Kind gewesen. Das sah man jetzt dem Manne, dem der krebsrote Kopf, von schütterem Blondbart umflattert, auf dürrem Halse saß, wirklich nicht mehr an. Er hatte sich einst, von den hochgehenden Wogen des Jahres Achtundvierzig in die winklige Redaktion eines oppositionellen Witzblattes geworfen, durch heftige Streitgedichte eine längere Festungshaft zugezogen. Diese benutzte er dazu, sich im geliebten Schachspiel zu vervollkommnen und den zur Verfügung des Gefangenen gestellten Keller eines begeisterten Verehrers seiner Satiren gründlichst auszutrinken. Als er, ein ansehnliches Bäuchlein vor sich her tragend, die Festung verließ, konnte er drei Partien Schach blind spielen, dazu drei Flaschen Rheinwein vertragen, hatte seinen wütenden Haß gegen die Tyrannen verloren, eine rote Nase gewonnen, um seine Person den Nimbus des politischen Märtyrers gewoben und für seine Lieder den Ton einer Resignation gefunden, die eben nur »in Ketten«, die er freilich nie getragen, erworben wird. Seine, wirkliche Kenntnis der Getränke spiegelnden Weinlieder und der Ruf seines vortrefflichen Schachspiels hatten ihn in den kleinen Freundeskreis des Multimillionärs von Schwarzschild geführt, eines unverehelichten Bankiers und Sybariten, der ihm durch sein Welthaus das kleine Vermögen so klug und nutzbringend verwalten ließ, daß Honnefs einer der Wenigen wurde, der, seit Horaz, durch seine Sabinergütchen wandelnd, die junge Leukonöe und alten Falerner besang, von der Lyrik leben konnte. Er wohnte behaglich, kleidete sich mit Sorgfalt, aß gut und trank noch besser, frühstückte im »Prinzen von Arkadien«, machte sein Mittagsschläfchen im »Bürgerverein« über einem erfreulichen Buch und verbrachte die Abende, an denen er nicht mit dem Multimillionär Schach spielte oder des Freundes Keller »ordnete« und »katalogisierte«, auf einem Ecksitz in der dritten Reihe des Schauspielhauses. Auf diese Weise hatte der Dichter Otto Honneff des Kollegen Lessing in Frankfurt besonders hoch bewertetes Schauspiel von »Nathan dem Weisen« einundvierzigmal und Laubes »Karlschüler« achtundzwanzigmal gesehen; er hätte die »Braut von Messina« so gut wie Kotzebues »Schneider Fips« ohne Buch soufflieren können. Sein weinroter Charakterkopf gehörte für das Auge des Frankfurter Logenbesuchers durchaus zum Bild des Parketts; nicht weniger, als die alte Dame mit der immer noch schwarzen Biedermeierfrisur, die sie die Marthe Schwertlein nannten, und die eine schöne, aber zähe Verehrung keinen Abend versäumen ließ, an dem Erwin Schuster in Frack oder spanischem Mantel in edler Pose auf der Bühne stand; oder als der reich gewordene Gemüsehändler, den der Volkswitz mit dem Titel »Lord Blumenkohl« ehrte, und der stets im Schmuck englischer Anzüge, die dicken Finger mit vielen Brillanten verziert, auf seinem Stammsitz unter der Proszeniumsloge der Vorstellung solange beiwohnte, bis ihn alle im Hause gesehen hatten. Otto Honneff liebte, das war ein offenes Geheimnis, für dessen Popularisierung das zweite und letzte seiner Liederbücher in sangbaren Rhythmen gesorgt, die gute Tante Leonie. Liebte sie mit jener an Poeten öfter beobachteten Genügsamkeit, die nicht mit stürmischer Energie den ausschließlichen Besitz der Geliebten erstrebt, sondern mehr darauf bedacht ist, die einsichtig erkannte Unerreichbarkeit der Wünsche lyrisch zu verwerten. Er hatte bis jetzt dreimal um sie angehalten. Aber jedesmal unglücklicherweise zu einer nicht günstigen Zeit, da Tante Emmas Weg gerade kein Freier kreuzte. Somit waren jedesmal seine Chancen bei der Schwester gering. Und jedesmal skizzierte er, gewissermaßen als Bilanz der Unternehmung, auf die Rückseite der reichhaltigen Frühstückskarte im »Prinzen von Arkadien« ein tief melancholisches Lied der Resignation, das er im Lauf mehrerer Wochen – er übereilte sich nie bei der Arbeit – zu vier oder fünf Versen von rhythmischem Wohlklang und starker Bildhaftigkeit ausgestaltete. Diese Gedichte erschienen dann zunächst in der »Didaskalia«, später, mit Weinliedern und Taunusgesängen gesammelt, in seinem »Weltbrevier«. Und damit war für ihn die Angelegenheit bis zur nächsten Werbung durchaus erledigt. Tante Leonie aber, die seit ihren frühesten Mädchentagen eine schwärmerische Liebe für die Dichtkunst nährte, schrieb diese Lieder, die der Dichter ihr handschriftlich geschenkt, noch einmal, ihre Schönheit nachkostend, in ihr Poesiealbum ab. Dort standen sie zwischen Gedichten von Byron, Hölderlin, Leuthold und Lenau, ihren Lieblingsdichtern, deren Lebenswerk ihr fabelhaftes Gedächtnis getreulich umschloß. Sie zeichnete eigenhändig, sehr hübsch und naturgetreu ein Vergißmeinnichtkränzlein um die wie gestochen geschriebenen Zeilen und trug auf die Schleife in ganz kleinen Zahlen das Datum des Tages ein, da sie dem Dichter und der Dichter ihr diese Verse geschenkt. Vielleicht war es der leise, heimliche Wunsch meiner Mutter, als sie damals die Tischordnung entwarf, daß doch noch die späte Schwärmerin und der aller Eile abholde Lyriker sich fürs Leben finden möchten. Dann aber hätte ihre Umsicht nicht dem Paare gegenüber, neben die Tante Emma den Senator Buck setzen dürfen, der sehr viel aß, sehr wenig sprach und als Bewerber nicht in Betracht kam, da er seit dreiundzwanzig Jahren in einer von Stürmen freien Ehe mit Frau Ida lebte. Diese vortreffliche Dame saß schweigsam unten an der Tafel und ließ sich von dem Schauspieler Erwin Schuster von seinem erfolgreichen Zusammenspiel mit Bogumil Dawison und Friedrich Haase, die der Erzähler fein kopierte, anmutig unterhalten. Währenddessen hatte mein Vater die Aufgabe, Frau Hildegard von Möckwitz, Mathildens Schwiegermutter, in Stimmung zu bringen. Das war zunächst nicht leicht Denn sie war eine geborene Freiin von Erlenriede und strömte kilometerweis eine so vornehme Kälte aus, daß man als ihr Tischherr leicht – wie mein Vater sich ausdrückte – Eiszapfen in den Bart bekam. Aber sein Beruf hatte meinen Vater gewöhnt, mit Frauen umzugehen. Er war Lehrer der Geschichte und Literatur an den angesehensten Mädcheninstituten der Stadt. Und wenn es somit auch beträchtlich jüngere Semester waren, die ihn täglich umgaben, so nahm er doch aus diesen Unterrichtsstunden, in denen die weibliche Jugend an seinen Lippen hing, um jetzt über den alten Fritz, jetzt über den jungen Goethe das Wissenswerte zu erfahren, eine ruhige, liebenswürdige Sicherheit im Verkehr auch mit den älteren Jahrgängen des Geschlechts ins tägliche Leben mit hinaus. Ein bis zu seinem Tode schöner, stattlicher Mann, dessen dunkle Stimme in sicherem Vortrag der zarten Träumerei Eichendorffscher Mondscheinlyrik wie der Wucht der Bürgerschen »Leonore« gewachsen war, und dessen Unterrichtsgebiet alles umfaßte, was zarte Seelen beben macht und emporreißt, mußte viel junge Herzen aus dem pflanzenhaften Schlaf wecken. Daß er's tat und konnte, hat er nie, eitel, als Macht seiner Persönlichkeit empfunden. Heute in der Erinnerung weiß ich und versteh' ich's, was mir als Heranwachsendem im Alltag unseres Hauses gar nicht so zum Bewußtsein kam: unser Vater ist angeschwärmt worden, wie wenig Männer. Er nahm das mit der freundlich ruhigen Gelassenheit hin, mit der man das Selbstverständliche, wie den Frühlingswind und den Maienregen, durchs Haar und über die Haut gehen läßt. Von den frühesten Lenztagen bis tief in den Spätherbst kam er nie ohne Blumen aus dem Unterricht. Ein paar Veilchen, eine Rose, ein Bündel dunkler Astern lagen immer auf seinem Katheder. Ohne zu fragen von wem, griff er solch Sträußchen gelegentlich einmal, während er vortrug, und führte es lächelnd an die Nase. Das war sein Dank; und der beglückten kleinen Spenderin, die klopfenden Herzens ihr Köpfchen tiefer aufs Buch beugte, war's genug. Er hat nie eine Schülerin bevorzugt, nie ein erblühendes kleines Weib mit anderem Auge angesehen, als mit dem des Gärtners, der junge Stämmchen zu hüten und sorglich anzubinden hat. Das Allzumännliche sprach nicht in diesem gütigen und starken Pflichtmenschen: aber das Menschliche in ihm gehörte, Liebe und Begeisterung weckend für die starke Tat und das schöne Wort, der Jugend, die leuchtenden Auges zu seinen Füßen saß. Viel, viel später, als ihn längst die Erde deckte und auf dem Säulenstein auf seinem Grab das Wetter ein wenig die Goldbuchstaben verwaschen hatte, hab' ich's oft erfahren, daß beim Nennen meines Namens in gelangweilten Gesichtern gesellschaftlich höflicher, reifer Frauen ein seltsamer Glanz aufzuckte: »Sind Sie etwa ein Sohn von Hubert Mewes?« – »Ja, gnädige Frau.« – »Das war mein Lehrer.« Und immer lag dann eine gepflegte Frauenhand fest und freundlich in der meinen, und ich hörte, wie aus einem fernen Chor von vielen, vielen, die ich nicht sah: »Wir haben ihn alle, alle sehr verehrt ...« Ein herrliches Gefühl und ein wehmütiges zugleich für den Sohn, der seinen korrekt bescheidenen Weg geht, Mündelgelder verwaltet, Beleidiger verklagt, Ehescheidungen einleitet, Testamente anficht und am Schreibtisch wie in der schwarzen Robe, nur seine nüchterne Pflicht als einer unter tausend Anwälten tut. Freilich Benjamin, mein Bruder Benjamin ... Vielleicht liegt der Schlüssel zu vielem, was sein Leichtsinn gelebt und vergessen, im Beruf, in der Lebensarbeit unseres Vaters. Vielleicht haben alle die Möglichkeiten, die das helle Auge des Vaters gewiß sah und die sein Pflichtgefühl kampflos beiseite legte, im Sohn zur Gestaltung, zum Erlebnis gedrängt ... Vielleicht sind die Kinder auch insofern nur die leibliche äußerliche Fortsetzung der Eltern, als sie bestimmt sind, das Versäumte früherer Generationen, sich selber unbewußt, nachzuholen; auf daß sich in einem Geschlecht alles erschöpfe, was die Natur an Möglichkeiten vorsieht; daß sich der Sohn freiwillig binde, wo der Vater sich schweifend regte, und auch wieder, daß sich der Sohn, befreit, aus dem Zwang löse, durch den der Vater gebunden war. Damals wußt' ich nicht, was ich heute weiß; dachte mit meinen zwanzig Jahren nicht, was ich heute denke. Ahnte nicht, wieviel Freude und Schmerz uns Benjamin noch bringen sollte; und am wenigsten, daß ich einmal – zwischen Konferenzen und Terminen – mir zur Erinnerung und dem oder jenem vielleicht zu menschlichem Miterleben – dies Buch schreiben würde, das seinen fröhlichen Namen trägt ... Ich glaube nicht, daß gerade die Unterschiede zwischen dem Johannisevangelium und den Synoptikern Tante Hermine besonders interessierten, aber der gute Pfarrer Knospe, als ihr Tischherr, hatte, nachdem er sich der leicht humoristisch getönten Rede auf das Brautpaar umständlich entledigt, dieses ergiebige Thema gefunden. Und das hatte er nun mal so in der Übung von seinen Predigten: er kam mit einem Thema für die Dauer eines Mittagessens aus. Auch die Ansichten über Kindererziehung nach dem Vorbild Basedows und Pestalozzis, die der Landgerichtsrat Tomasius, seine Tischnachbarin scharf und unnachsichtig auf ihre Aufmerksamkeit über die Brille prüfend, zwischen Salm und Pute zum besten gab, vermochten Frau Margarete Morgenthau nicht sehr zu fesseln, da in ihrem kinderlosen Zustand ohne ein Naturwunder, wie es der liebe Gott an Abrahams Sarah vollzog, keine Änderung mehr zu erwarten war. Auch kannte sie Basedow nur von einer Krankheit her, die ihr nach diesem vortrefflichen Mann benannt schien. Sie benützte deshalb die erste Redepause, als der Rat ein Stück Blei im Rehrücken gefunden hatte, das sich nicht kauen ließ, um dieses mißliebige Thema mit flinker und überraschender Wendung zu wechseln. Und sie erzählte nun ihrerseits dem wehrlosen Rat, wie sie den lieben Benjamin, der sich gerade durchaus ausreichend mit Kirschkompott versah, zuallererst in seinem eben entfachten Leben gesehen habe. Und sie deutete an, daß der interessante Fall damals ganz ähnlich lag, wie in der schweren Stunde der Madame Lätitia Bonaparte, die den kleinen Napoleon auf einem Fußteppich liegend fand, der in symbolischer Ahnung die Weltkugel als gewirktes Muster aufwies. Und wenn Margarete Morgenthau davon absah, daß ihr Erlebnis sich nicht in Ajaccio auf Korsika, sondern in Frankfurt am Main in der Nähe der Promenade zugetragen, und daß der kleine Teppich in meiner Mutter Schlafzimmer nicht die Weltkugel, sondern ein buntes Blumenarrangement als Muster zeigte, so hatte sich alles dem Beispiel der Geburt des Welteroberers sehr ähnlich begeben. Margarete Morgenthau gab zu verstehen, daß ohne ihr hilfreiches Dazukommen vielleicht der liebe Benjamin jetzt nicht da unten mit Ruth Baddach so fröhlich kichernde Zwiesprache hielte, und daß sie das Blumenbukett, in das der liebe Junge so gewissermaßen hineingeboren war, nach ihren Erfahrungen mit Ahnungen und Symbolen, für eine höchst erfreuliche Vorbedeutung halten müsse. Diese keineswegs kurze Geschichte, die ich, als der andere Tischnachbar der gewissenhaften Erzählerin, mitgenoß, konnte den Rat nicht mehr in voller Frische ergötzen, da er sie – bei der konservativen Art meiner Mutter, Tischordnungen zu entwerfen – schon aus Mathildens Konfirmationsfeier und auf der meinen mit ganz denselben Details und prophetischen Folgerungen gehört hatte. Er beteiligte sich denn auch bald über den Tisch hinüber an der lebhaften Unterhaltung, in die der Weingroßhändler Gustav Sebastian Schupp seine, Tomasius', Gattin Malwine listig verstrickt hatte und die von der Vorzüglichkeit der von »Schupp Söhne« vertriebenen Rhein- und Moselweine und der erstaunlichen Billigkeit der Preisliste des Hauses Schupp Söhne handelte. Da Malwine Tomasius mit dem harmlos jugendlichen Gesicht unter schneeweißen Haaren zwar noch eine reizende Frau war – ich sag's wirklich nicht nur deshalb, weil ich die Tochter später heiratete und von ihr im Alter ein gleiches Aussehen erhoffe –, aber die Leidenschaft hatte, alles Erreichbare »billig zu kaufen«, was im Laufe der Zeit recht sehr ins Geld lief, so beeilte sich der Rat von dem Teppich von Ajaccio loszukommen und auf die Unterhaltung gegenüber prophylaktischen Einfluß zu gewinnen. Er stellte wehmütig die räumliche Beschränktheit seines Kellers fest und beklagte, daß dieser bescheidene Raum ganz mit preiswertem Moselwein gefüllt sei. Hierbei wurde seine Tochter Käthe, meine zierliche Tischdame, sehr rot. Eine nicht ungefährliche Eigentümlichkeit, die heute noch an ihr zu beobachten ist, wenn andere Leute in ihrer Gegenwart heftig lügen. Sechstes Kapitel Nach aufgehobener Tafel bildeten sich zwanglose Gruppen. Das Hochzeitspaar war in aller Stille verschwunden, eine kleine Schweizerreise anzutreten. Die Mutter kam mit schlecht verwischten Tränenspuren, aber doch glücklich lächelnd, wieder zur Gesellschaft und hing sich in des Vaters Arm. Tante Tüßchen winkte am Balkon einer gemütlich fahrenden Gepäckdroschke nach, von der sie irrtümlich annahm, daß sie das junge Paar entführe. Als sie entdeckte, daß ein Puppenwagen auf dem Dache der Droschke stand, brach sie die Begrüßung ab. Pfarrer Knospe verwickelte in einer Ecke Onkel Ammann in ein tiefschürfendes Religionsgespräch, das dieser nicht gesucht hatte. Malwine Tomasius schrieb sich an Vaters Schreibtisch nach dem Diktat Tante Emmas, die durch ihre Handarbeiten berühmt war, Adressen auf, wo man angefangene Stickmuster billig kaufen könne; was sehr umsichtig von ihr genannt werden muß, da niemand in ihrer Familie Talent oder Geduld zu solchen Arbeiten besaß. Der Schauspieler Erwin Schuster bedauerte, daß er – ganz gegen seine Gewohnheit – soviel gegessen habe, so daß es ihm schwer falle, jetzt unmittelbar nach dieser köstlichen Mahlzeit etwas Künstlerisches zur Unterhaltung der verehrten Anwesenden beizutragen. Er stellte aber bereitwilligst für eine spätere Stunde den Monolog Wallensteins in Aussicht. Tante Tüßchen sah darin eine unpassende Programmnummer für eine Hochzeit, da sie sich richtig erinnerte, daß dieser gesprächige Feldherr häufig in Eger von zwei talentlosen Episodenspielern gemordet wurde. Sie hörte aber überhaupt nicht gern vom Tode und schenkte sich deshalb – besonders seit ihr ein Plüschmantel in der Schauspielhausgarderobe vertauscht worden war – gern bei Trauerspielen den letzten Akt. Mir war sonderbar zumute. Ich war, mein noch nicht allzu ernst genommenes juristisches Studium in Freiburg für drei Tage unterbrechend, von der Dreisam zum Main gekommen, die Schwester zu verheiraten. Die Feier, die Reden, der Weingenuß verstärkten in mir das wehe Gefühl, daß ich hier ein Stückchen Leben verliere. So herzlich und intim konnte ich, nachdem nun ein Mann fürs Leben von ihr Besitz ergriffen, mit der um ein Jahr Jüngeren wohl nicht mehr stehen. Wie hatten wir uns geliebt und vertraut! Ich war der erste, dem sie ihren leisen Verdacht mitgeteilt hatte, daß jenes merkwürdige Buch, das Kurt im Erdbeertempelchen zu Pyrmont gefunden haben wollte, überhaupt gar niemand verloren habe, sondern daß es von dem listigen Hauptmann käuflich erworben sei. Und sie war die erste, der ich gestanden hatte, daß ich nie im Leben ein schöneres, reicheres Blond gesehen habe, als das Haar, das Käthe Tomasius allmorgendlich zu einem leuchtenden Haarkrönchen aus ihrem hübschen Mädchenköpfchen ordnete. Mathilde würde mir schreiben, gewiß. Schon aus der Schweiz und auch später. Und ich ihr auch. Das war schon von Freiburg nach Frankfurt so gewesen. Aber sie zeigte vielleicht Kurt meine Briefe, der in seiner männlichen Reife mir überlegen und doch immerhin ein Fremder war. Und alles würde sie mir wohl auch nicht mehr schreiben. All die kleinen Scherze und Neckereien, die, oft von stichelnden Verschen gewürzt und pointiert, in unserem geschwisterlichen Leben eine so große Rolle gespielt, würden seltener, frostiger werden. Ein Dritter, den all das eigentlich nichts anging, würde mitlachen wollen oder erstaunte Fragen stellen, da er all die kleinen ulkigen Andeutungen und Beziehungen gar nicht verstehen konnte. Ich kam mir mit einmal verlassen und bemitleidenswert vor, ein peinlicher Seelenzustand, der nach dem reichlichen Genuß ungewohnter, schwerer und guter Weine nicht selten beobachtet wird. Ich sehnte mich nach Ablenkung. Und da der Major Ottokar von Wüllich, dessen Galanterie bei den Backfischen anfing und bei den Urgroßmüttern noch nicht endete, gerade Käthe Tomasius, die bewundernden Blicke ins glitzernde Gold ihres Haarkrönchens senkend, mit allerlei Jagdspässen fesselte und ihre unverdorbene Munterkeit aus dem Lachen gar nicht herauskommen ließ, beschloß ich, erzürnt über diesen Aufschneider, der seelischen Genügsamkeit Käthes wie einer Untreue grollend, mein Brüderlein Ben zu suchen. Im Salon war er nicht. In Vaters Zimmer, wo Pfarrer Knospe unter den Zigarren gerade die schwerste und schwärzeste suchte, war er auch nicht. Ein Blick ins verlassene Eßzimmer belehrte mich, daß er sich hier bei den Trümmern des Festmahls aufhielt und seine kleinen Damen Ruth und Elsbeth emsig darin unterwies, wie man aus den fast geleerten Champagnerkelchen, indem man ihre Neigen zusammenschütte und mit etwas Rotwein färbe, noch immer ein recht anmutiges Getränke gewinnen könne. »Ben!« »Ach, du bist's.« Ben schien erleichtert. Er hatte wohl vermutet, der Vater suche ihn, der mehrfach über die Tafel hin schon beziehungsvolle Blicke von den Getränken zu seinem Jüngsten hatte wandern lassen. »Was machst du denn da, Ben?« »Wir spielen Kellermeister.« Der Pluralis bezog geschickt die harmlose Ruth in seine zweifelhafte Unternehmung ein. Dem Mädel aber, in dessen sicheren Bewegungen schon die junge Dame sich leise andeutete, schien es richtiger, sich harmlos singend zur Gesellschaft zu begeben. Elsbeth folgte verlegen. Und so blieb ich mit Ben allein. Der ungewohnte Genuß alkoholischer Flüssigkeiten hatte seinen Bubenkopf gerötet. Seine Augen glänzten noch lebhafter, als sonst, und seine Sprache nahm hier und da ein selbstgetürmtes Hindernis, das sie sonst nicht kannte. »Wie ist dir zumute, Ben?« »Wie einem Quintaner,« lachte er stolz. »Ich meine, weil nun doch unsere Mathilde ...?« »Gott, sie hat's ja selbst gewollt.« Ben äußerte das mit der Miene eines grollenden Braven, der vergeblich sein Bestes getan hat, einen leichtsinnigen Kameraden vom gähnenden Abgrund zurückzuziehen. »Hast du ihr noch gute Reise gewünscht?« »Nein. Der Kurt wär' ja doch wieder dabei gewesen.« Das war dieselbe Logik, die mich die Heimlichkeit der Abreise nicht hatte stören lassen. »Du, weißt du,« Bens junge Stirne zog greisenhafte Falten. Er nestelte ärgerlich an seinem schon etwas angewelkten Myrtenreis im Knopfloch, »weißt du, der ist wohl jetzt immer dabei? Aber das weiß ich: wenn ich einmal heirate und meine Frau hat Brüder – also die, dann ...« Es wurde mir nicht ganz klar, was Ben in diesem noch nicht allzu nahgerückten Zeitpunkt Verständiges zu unternehmen gedachte. Doch schien es so, als ob er entschlossen sei, den Brüdern seiner Frau ganz erlesene Ehrungen vorzubehalten. »Die Hauptsache ist, Ben – er liebt sie.« »Gott, sonst braucht' er sie doch nicht zu heiraten.« Das war ja nun wieder richtig. Denn Schätze hatte unser redlich sich mühender Vater nicht gesammelt, die etwa einen skrupellosen Mitgiftjäger locken konnten. Ein Kavalier, wie Kurt, grad gewachsen, Hauptmann, blond, konnte überall – in Frankfurt schon gar – wirklich ganz andere Partien machen. »Hör, Adolf, wenn du mich nicht verrätst –« »Hab' ich dich schon einmal verraten?« »Nein. Ja und dann, wenn du mich – den Rest da noch austrinken läßt, dann erzähl' ich dir etwas.« »Benchen, keine Bedingungen! Aber – wenn dein Herz daran hängt, trink' das Schlückchen noch. Ich seh' nicht hin.« Ben nickte vergnügt, trank aus dem hohlen Fuß des Biedermeierglases die letzten matten Schaumperlchen, setzte behutsam hin und sagte, indem er mich verschmitzt ansah: »Die Tante Leonie kann nächstens auch in die Schweiz fahren.« Dabei stand er auf einem Bein, wie ein Storch, und rieb sich listig blinzelnd die Nase. »Wie meinst du das? Die Tante Leonie –?« »Pscht! Also –« Er dämpfte seine Stimme zum Verschwörerflüstern, »du, vorhin – daneben – der Doktor Honneff, der hat ganz allein mit ihr aus dem Sofa gesessen – unter dem langweiligen Gummibaum, der alle Jahre ein Blatt bekommt. Und er hat die Hand auf dem Herzen gehabt – also so – und hat ihr gesagt ...« »Ben, du hast dich doch nicht versteckt gehabt?« »Aber ich kann mich doch nicht hinter dem einen Blatt von dem Gummibaum verstecken!« Ben war gekränkt. »Aber du hast gehorcht?« »Gehorcht! Er hat doch so laut gesprochen ... Du, weißt du, ich glaub', der hat auch viele Gläser ausgetrunken – viel mehr, als ich.« »Stell das Glas hin, Ben!« »Ist ja nichts mehr drin. Also seine »Muse« war' sie, hat er gesagt – eine von den neun, weißt du.« »Ja, ich bin im Bilde.« »Welche, weiß ich nicht mehr. Die haben alle so verrückte Namen. Und dann hat er einen Vers aufgesagt. Wahrscheinlich einen von sich . Ich glaube, Dichter sagen nie Verse von anderen auf. Vielleicht hat er ihn auch grad erst gemacht ... Und die Tante Leonie ist ganz blaß geworden, genau wie manchmal, wenn sie zuviel Klavier gespielt hat ...« Ben unterbrach sich und lauschte. Aus dem Nebenzimmer erklang Erwin Schusters kräftiges Organ zu tiefer Nachdenklichkeit gedämpft: »Wär's möglich? Könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte? Nicht mehr zurück, wie mir's beliebt? Ich müßte Die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht? ...« »Au, fein! Sie spielen drin Theater!« Bens Jungengesicht leuchtete verklärt auf. »Schuster rezitiert bloß den Wallensteinmonolog.« »Fein! Ich lauf' rasch durchs Ställchen – da komm' ich dicht hinter ihn.« Und fort war er. Ich trat leise in den Salon, wo der Liebling der Frankfurter, Erwin Schuster, das gerötete Schlemmerhaupt versonnen gesenkt, den finsteren Blick in den Teppich bohrend, des Friedländers Unentschlossenheit in Schillerschen Jamben ausströmte. Onkel Ammann liebte fünffüßige Jamben nach einer guten Mahlzeit überhaupt nicht, und sein Gesichtsausdruck vermochte das leider nicht zu verbergen. Pfarrer Knospe, dem sein geistlicher Beruf den Theaterbesuch nicht empfahl, genoß die Schönheiten einer langen, gebundenen Rede, die er mal nicht selber hielt, mit kindlicher Dankbarkeit. Margarete Morgenthau flüsterte leise Tante Emma ins Ohr, daß für sie »zu so was« doch das Kostüm gehöre, und daß sie ein Wallenstein störe, der bei hochverräterischen Erwägungen auf der prallen Frackweste mit der goldenen Uhrkette spiele. Meine gute Mutter aber sah still versonnen vor sich hin. Der Herzog von Friedland, das Grauen des Fatalisten in der Stimme, stellte in diesem Augenblick fest: »Einmal entlassen aus dem sicheren Winkel Des Herzens, ihrem mütterlichen Boden, Hinausgegeben in des Lebens Fremde, Gehört sie jenen tück'schen Mächten an, Die keines Menschen Kunst vertraulich macht ...« Und er meinte damit, als der Wallenstein, den er vorstellte, seine »Tat«. Meine Mutter aber hörte und verstand das anders. Der mütterliche Boden ihrer Seele war aufgewühlt. In ihren Augen blinkte es feucht, und ihr Herz saß, fern von Pilsen wie von Frankfurt, mit ihrem Kinde im Schnellzug und fuhr über Darmstadt nach Basel. Als Erwin Schuster geendet hatte, entzog er sich in effektvoller Bescheidenheit rasch allen Ovationen durch das Versprechen, dem Wallenstein später Richard den Dritten folgen zu lassen, der ihm noch besser liege. Ben hatte sich an mich herangepirscht. »Was macht er denn nun mit dem schwedischen Obersten, der Wallenstein?« Gerade wollt' ich's ihm erklären, da trat Tante Leonis an uns heran. Sie war sichtlich erregt. Die Flügel ihrer schönen geraden Nase bebten. »Habt ihr – habt ihr nicht den Doktor Honneff gesehen?« Und da geschah das Grausame. »Der liegt im Ställchen,« Ben sagte das, als ob es sich um ein vergessenes Wäschestück handelte und nicht um einen Menschen von Bedeutung. Seine Gedanken waren noch beim schwedischen Oberst vom blauen Regiments Südermannland. »Wie denn –? Er liegt –?« Tante Leonie zuckte schmerzhaft zusammen. Sie nahm wohl einen Unglücksfall an. Ohne eine Antwort Bens abzuwarten, eilte sie nach dem Ställchen, das heute als Abstellraum für Schüsseln, Blumen und anderes Entbehrliche dienen mußte. Ich folgte ihr, Übles ahnend, indem ich Ben an der Hand mitzog. Auf dem Sofa im Ställchen lag er wirklich, der Dichter Otto Honneff. Hatte sich, nach dem reichlichen Weingenuß vom Schlaf übermannt, wohl nur zu flüchtiger Ruhe da niedergelassen. Wollte bloß ein Nickerchen machen oder nachdenken. Seine Natur aber hatte anders beschlossen. Er war zu schwerem Schlummer umgesunken und hatte sein Haupt sanft in einen bereitgestellten Kranzkuchen gebettet, während seine Linke, einen Halt suchend, in einer Schüssel Konfitüren lag. Aus seinem befriedeten Antlitz war das Geistige geflüchtet und sein Atem ging schnarchend in gewaltigen Stößen, als wollte er den von der gebauschten Hemdbrust gegen den Mund gestoßenen schütteren Bart gewaltsam an die Decke blasen. Tante Leonie stand erstarrt. Dann wendete sie sich rasch und rauschte wortlos an uns vorbei. Sie tat mir leid, und ich war sehr ärgerlich auf Ben. »So was tut man doch nicht, Ben?« »Was denn? Sie braucht ja nicht selber nachzusehen – ich hab's ihr doch gesagt, daß er da liegt. Wenn sie mir nicht glaubt ...« »Jetzt hast du vielleicht zwei Menschen für immer getrennt.« »Wieso –?« Ben stutzte nachdenklich. Dann kam in sein sonst so fröhliches Gesicht ein finsterer Zug. »Warum hat nicht Kurt auch mal so gelegen ... mit dem Kopf in einem Kranzkuchen?« »Ben – jetzt schäm ' dich aber!« »Ich schäme mich schon,« sagte Ben, rotübergossen und haschte nach meiner Hand. »Komm, Ben, er ist müde. Lassen wir ihn schlafen!« * Tante Leonie ist an jenem Abend nicht mehr heraufgekommen aus ihrer Wohnung im ersten Stock. Sie hat die Kerzen angesteckt – eine andere Beleuchtung brannte sie nie – und hat aus ihrem Kaunitz ihr Testament vorgenommen. In diesem schon vor Jahren abgefaßten Schriftstück hatte sie ihre Schwester Emma zur Erbin eingesetzt. Jetzt überlas sie das einst Geschriebene aufmerksam, nahm die Feder, die jüngst erst die letzte Dichtung Otto Honneffs gewissenhaft in das Poesiealbum eingetragen, und schrieb in ihrer steilen, deutlichen, nur manchmal seltsam aussetzenden Schrift diesen wichtigen Zusatz: »Stirbt aber meine geliebte Schwester Emma vor mir, so vermache ich alles, was ich besitze, meinem Neffen Benjamin Mewes, dem jüngsten Sohn meiner jüngsten Schwester, zum Dank dafür, daß er, als Kind, das mein Engel werden sollte, in unbewußter Fürsorge mich vor der größten Dummheit meines Lebens bewahrt hat.« Ein paar Worte dieser Nachschrift, die ordnungsgemäß mit Unterschrift und Datum versehen ist, sind wie von kleinen Wassertropfen verwischt gewesen, als man das Papier fünf Jahre später fand. Siebentes Kapitel Die Briefe, die mir Ben in meine Studentenjahre erst nach Freiburg, dann nach Berlin schrieb, spiegelten getreulich alle Hoffnungen und Pläne, Kämpfe und Enttäuschungen seiner flackernden Jünglingsseele. Zweimal wöchentlich kamen sie, kosteten recht häufig Strafporto, da er sehr ausführlich war und es liebte, »Einlagen« zu machen, die mich nach seiner Ansicht interessieren mußten. Das waren dann meist Todesanzeigen, Beilagen zum »Intelligenzblatt«, auf deren weiße Rückseite er sein persönliches Urteil über die Verblichenen angemerkt, und Verlobungs- oder Geburtsanzeigen aus Familien, die uns bekannt oder benachbart waren. Aber auch Seiten aus einem deutschen Aufsatz legte er zuweilen bei, an dessen Rand er die roten Korrekturen des Lehrers seinerseits mit blauer Tinte nochmals »korrigiert« und zuweilen mit nicht eben schmeichelhaften Anmerkungen versehen hatte. Und was ich schon aus seinen Briefen wußte, das bestätigten mir diese gesandten Aufsatzproben: auf den noch kindlich schmalen Schultern des rasch und schlank in die Höhe wachsenden Ben saß ein unruhiges, originelles Köpfchen. Und die offenen Augen in diesem Kopf sahen schon Welt und Menschen auf ihre Weise. Ich hab' mir all die Episteln aufgehoben und bin heute herzlich froh, daß ich sie habe. Ich hör' ihn wieder schwatzen daraus und lachen, sein frohes Jugendlachen, und sehe auch schon angedeutet die nachdenkliche Falte, die später oft, wenn er in seinem gütigen, leichtsinnigen Herzen die anderen in ihrer Feierlichkeit oder ihren dunklen Leidenschaften nicht begriff, zwischen seinen großen blauen Augen sich steil über die gerade Nase legte. Ich greif' ein Beispiel seiner Korrespondenz heraus, das mir in all seinen wunderlichen Sprüngen und willkürlichen Abschweifungen so recht ein Zeugnis seiner Art scheint. Also schrieb mir der Dreizehnjährige an einem Junitag; und ich erinnere mich heute noch mit Behagen, wie ich den Brief auf dem Freiburger Schloßberg in der Dattlerschen Weinwirtschaft, ein Viertel goldgelben Markgräfler vor mir, das alte Münster zu Füßen, an einem wolkenlosen Vormittag, der nirgends so schön ist, wie im lieben Badener Land, lächelnd gelesen und wieder gelesen habe: »Gestern stand die Schlacht bei Fehrbellin im Kalender. Papa hat mir aus Heinrich von Kleist vorgelesen – kennst Du ihn? Du mußt ihn nicht verwechseln mit Ewald von Kleist. Der hat Idyllen gemacht und so was. Sehr langweilig. Papa findet's schön, aber weißt Du, ich glaube, er sagt's nur so, weil der bei Kunersdorf gefallen ist. Dulce et decorum est pro patria mori , haben wir gestern beim Professor Kunkel übersetzt. Aber der wird sich hüten, so was selber zu machen! Er übersetzt's bloß ins Lateinische. Denk Dir, immer bei den Sedanfesten ist er plötzlich krank. Die Primaner sagen, er ärgert sich, weil dann der Professor Wendelin in Uniform kommt mit einem Orden, das kann er nicht leiden. Der Kurt hat neulich auch einen Orden bekommen. Die Mathilde schrieb's der Mutter. Aber Tante Tüßchen sagt, da braucht er nicht stolz darauf zu sein, denn er ist nur auf dem Bahnhof gewesen, als der Fürst von Bolynien ankam. Der reist übrigens mit einer Dame, die gar nicht seine Frau ist, sagt Tommy Schupp. Der weiß all das; denn sein Vater verkauft dem Fürsten immer Wein. Aber sein Hauptgeschäft sind, glaub' ich, seine Hunde. Er züchtet jetzt nur noch Foxterriers, so stachelhaarige, weißt Du; und die haben einen ganz richtigen Stammbaum, furchtbar komisch. Und oben ist ihr Bild drauf. Und sind schrecklich teuer. Der Tommy sagt, sein Vater ist furchtbar reich. Denn er verkauft allen Leuten, die was vom Wein verstehn, Hunde; und allen Leuten, die was von Hunden verstehn, verkauft er Wein. Aus dem »Prinzen von Homburg« hat mir der Papa vorgelesen. Wie findest Du den großen Kurfürst? Groß mag er gewesen sein, aber er ist ein Dickkopf. Aber wenn einer die Macht hat und ist ein Dickkopf, nachher ist er ein großer Mann. Wenn er bloß ein einfacher Bürger wäre und so ein Dickkopf, dann möcht' ich sehen, was geschieht, und wie er nachher hieße in den Geschichtsbüchern. Aber da kommt er gar nicht 'rein. Der Kottwitz ist fein, der läßt sich nicht einschüchtern. Ich meine bloß, so in den Theaterstücken ist es ganz schön, aber ob einer wirklich dem Großen Kurfürsten so die Meinung gesagt hat? Es wird doch furchtbar gelogen in der Dichterei, nicht? Denn wie's wirklich ist, das gibt doch nie ein Gedicht. Genau, wie sich's nie hinten reimt, wenn die Leute auf der Straße miteinander reden. Oder wenn sich's doch mal reimt, klingt's dumm. Der Pfarrer Knospe hat jetzt auch Gedichte herausgegeben. Tante Tüßchen sagt, seine Frau hat's bezahlt. Ich hab' Papa gefragt, wie er sie findet. Er sagt, sie sind sehr schön eingebunden und der Pfarrer ist ein guter Mann. Und heute, wo Rubens im Kalender steht, weil er da geboren ist – 1577! –, hat er mir Bilder von ihm gezeigt. Die Frauen sind alle so dick. Magst Du das? Aber vielleicht wollt' er, daß man gleich sieht, daß es Frauen sind. Bei Onkel Honnefs – ich soll ihn jetzt »Onkel« nennen, sagt er – hab' ich andere Bilder gesehen, so von Malern, die noch leben. Da sind die Frauen alle ganz dünn und haben Beine wie der Direktor Tycheles. Dem gucken immer noch hinten die Schäfte von den Zugstiefeln heraus. Fips Tomasius sagt, elegante Leute tragen nie Zugstiefel, und der Fürst Pückler-Moskau (oder Muskau, ich weiß nicht recht) hätte nie Zugstiefel getragen. Der Fips Tomasius hat jetzt eine Krawattensammlung. Er hat schon siebzehn Stück. Aber fünf davon sind eigentlich Schlipse von seinen Schwestern, die hat er ihnen gestohlen. Oder eigentlich: er macht einen Kaffeeflecken drauf, dann wollen die Käthe und die Elsbeth die Schlipse nicht mehr anziehen, und dann nimmt er sie sich. Sonntags trägt er jetzt Handschuhe. Die riechen schrecklich nach Benzin. Aber das macht nichts, sagt er, der Kaiser Napoleon habe in Wilhelmshöhe auch gewaschene Handschuhe getragen. Was sagst Du, daß dem sein Sohn gefallen ist? Gegen die Zulus. Das ist doch eklig für einen Kaisersohn, so bei einer Prügelei mit Kaffern ums Leben kommen. Papa liest jetzt »Die Ahnen« von Freytag. Er heißt Gustav mit Vornamen und ist ein Bekannter von Onkel Ammann, denk' Dir. Aber der Onkel Ammann liest seine Bücher nicht. Das ist alles doch nicht wahr, sagt er; denn so weit zurück kann kein Mensch wissen, was gewesen ist. Aber die Tante Leonie hat neulich, wie er das letztemal hier war, einen Disput mit ihm gehabt. Und sie ist sehr heftig geworden und hat gesagt: die Dichter wissen immer genau, wie's gewesen ist. Das ist eine besondere Gabe, daß sie das wissen. Deshalb sind sie Dichter. Und wenn es nicht so war , wie die Dichter das machen, dann hätt' es so sein müssen . Und da hat der Onkel Ammann gesagt: ob sie denn glaube, daß die Dichter der liebe Gott sind? Und denk Dir, da hat sie gesagt: ja, das glaubt sie allerdings. Denn was aus den Dichtern herauswill – sie hat das schöner gesagt, aber ich weiß es nicht mehr so, denn Elsbeth Tomasius war dabei und hat immer gelacht und hat mir ans Schienbein getreten –, das ist eben der liebe Gott. Und das war schon bei Homer so, der an viele Götter geglaubt hat. Da hat der Onkel Ammann gesagt, er glaubt, der Homer hat an gar nichts geglaubt, sondern er hat bloß den andern die Götter gemacht, damit die Leute glauben sollen, er weiß mehr, wie sie. Und die meiste Dichterei ist eine große Windbeutelei, hat er gesagt, und eine Wichtigmacherei. Da ist die Tante fuchsteufelswild geworden und hat eine lange englische Sache zitiert, in Versen, von einem Lord, der ist sehr schön gewesen, sagt sie, und hat gehinkt. Und wie sie fertig war, hat der Onkel Ammann gesagt, er hat sein Englisch vergessen und er will jetzt in Ruhe Kaffee trinken. Am Abend hat dann die Tante Leonie schrecklich viel Klavier gespielt und viel wilder, als sonst. Und die Tante Emma hat bei ihr am Klavier gesessen und hat leise in sie hinein geredet und hat sie beruhigen wollen. Das ist jetzt oft schwer. Und der Doktor Schilling ist alle paar Wochen ein paarmal da und schüttelt den Kopf. Er verschreibt der Tante Leonie gar kein Rizinus, was er doch sonst immer verschreibt, und hat mit dem Papa neulich eine ganze Stunde allein gesprochen. Dann hat der Papa die Mama ins Zimmer gerufen, und die hat geweint. Das hab' ich selbst gehört. Die Mathilde hat einen Hofball mitgemacht, und sie hat sich in dem Kleid photographieren lassen. Tante Tüßchen sagt, es ist unanständig, weil oben so wenig Stoff dran ist. Aber da find' ich die Frauen von Rubens viel unanständiger. Mathilde ist auch lang nicht so dick. Und all die Unanständigkeit, die jetzt an den Höfen ist, sagt Tante Tüßchen, kommt bloß von Preußen. Und sie hat gehört, der Fackeltanz ist auch unanständig. Die Mama wollte dieses Jahr wieder nach Baireuth, weil's ihr doch bei der Eröffnung so großartig gefallen hat. Aber dann ist's ihr doch wieder zu teuer gewesen, und sie sagt, sie will sich lieber ein neues Eßservice für täglich kaufen. Unser altes mit dem Zwiebelmuster ist schon recht kaputt. Denn die Sophie hat doch geheiratet, und das neue Bärbchen ist aus Schwanheim, eine Nichte von der Frau Meincke, unserer Nähterin, Du weißt, und schlägt viel zusammen. Papa sagt, sie ist so dumm, daß sie nachts nicht einschlafen kann. Aber am Tage schläft sie oft in der Küche. Dann kann die Mutter sich tot schellen. Frau Morgenthau hat's gleich gesagt, daß sie nichts taugt. Aber Mama sagt, man muß Geduld haben, und sie hat sie mit uns Kindern auch gehabt. Jetzt ist auf der Bockenheimer Gasse eine »Griechische Weinstube«, die heißt »Zur Stadt Athen«. Die Primaner gehen da manchmal heimlich hin, aber die Magister sind dahinter gekommen; und es hat einen großen Krach gegeben. Alle Weine heißen da nach griechischen Helden: »Achilles«, »Odysseus«, »Nestor« und so. Und schmecken fein nach Rosinen, sagt der Fips Tomasius. Jetzt sind hier Abbildungen zu sehen von dem, was der Professor Schliemann in Troja ausgegraben hat. Es ist alles furchtbar kaputt. Aber aus manchen Scherben kann man noch was lesen. Da will der Professor Kunkel ein Buch drüber schreiben. Und der Fips Tomasius hat dem Tommy Schupp weisgemacht, sie hätten auch den Nachttopf des Königs Priamus unter einem goldenen Bett gefunden. Aber wie er ihm dann erzählt hat, auf dem Topf wär' eine Inschrift gewesen: »König Priamus seinem lieben Direktor Tycheles zur freundlichen Erinnerung«, da hat ihm der Tommy Schupp eine heruntergehauen. Und dann haben sie beide eine Stunde Arrest bekommen, weil das in der Geographiestunde gewesen ist. So viel Blumen, wie dieses Jahr, hat Papa noch nie bekommen, sagt die Mutter. Alle Gläser auf dem »Altärchen« stehen immer voll. Der Erwin Schuster aber hat neulich bei seinem Jubiläum noch mehr bekommen. Er hat den Wallenstein gespielt. Den kann er. Neues lernt er nicht mehr gut, sagt Papa, aber das Alte kann er ganz großartig. Aber heute abend spielt er den König Lear. Das ist eine ganz große Rolle, weil das Stück fünf Akte hat. Und er hat erst Angst gehabt und wollte nicht. Aber der Theaterdirektor, den wir jetzt haben, das ist ein ganz feiner, der geht immer in Handschuhen, und alle Dichter hier lieben ihn sehr, denn er will alle aufführen, aber angefangen damit hat er noch nicht; der sagt, der König Lear ist schon im zweiten Akt verrückt, und da kann dann der Erwin Schuster auf der Bühne sagen, was er will. Sonntags geh' ich jetzt immer mit dem Rat Tomasius spazieren. Da ist die Elsbeth mit und die Ruth Baddach. Aufs Forsthaus, auf die Schweinstiege und nach Isenburg sind wir schon gegangen und oft tief in den Wald 'rein. Aber der Rat Tomasius fragt nie einen nach dem Weg, und eine Karte nimmt er auch nicht mit. Er geht immer nur nach seinem Kompaß. Der muß verrostet sein oder die Nadel bleibt wo hängen. Denn wir kommen meist wo ganz anders 'raus, als wir hingewollt haben. Aber das ist einerlei, denn Du weißt ja, um Frankfurt ist's überall so schön. Und neulich, wo ein Platzregen kam, gerade als wir rasch nach Sachsenhausen zurück wollten und in Wirklichkeit auf Sprendlingen zugelaufen sind, da sind wir drei, die Elsbeth Tomasius und die Ruth Baddach und ich, zusammen unter einem Schirm gegangen, ganz dicht, das war furchtbar lustig. Und das ist doch was anderes, ob man mit Mädels unter einem Schirm geht oder mit dem Fips Tomasius und dem Tommy Schupp. Man spürt nicht so viel Knochen, und ich find', die Mädels riechen auch besser. Findest Du nicht? Sie lachen auch ganz anders, nicht so laut und so ruppig. Und die Ruth Baddach ist viel klüger als der Fips Tomasius, der ist bloß frech. Aber vielleicht kommt das auch daher, weil sie eine Jüdin ist. Papa sagt, seine besten Schülerinnen sind auch fast alle Jüdinnen, und das tut ihm oft leid. Das ist wie bei uns in der Klasse; nur im Turnen und Singen sind die Christen die besten, aber das hilft nichts gegen 's Sitzenbleiben. Aber die Ruth ist getauft; und sie sagt, sie heiratet mal nur einen Christen. Ihr Vater hat Geld genug dazu, sagt sie, und dann werden die Kinder blond. Aber Tommy Schupp sagt, in der folgenden Generation kann's dann wieder anders werden. Das weiß er von den Foxterriers. Und jetzt leb wohl, lieber Bruder! Die Eltern lassen grüßen und Du sollst nicht so viel Geld brauchen. Die gewaschenen Taschentücher schickt Dir die Mutter, aber es fehlen zwei. Wo die denn wären? Und Du sollst die neuen Hemden schonen und nur tragen, wenn Du zu den Professoren eingeladen bist. Da gibt's wohl viel Weisheit und wenig zu essen? Oder nicht? Laß es Dir gut gehen und »wandle in Zucht und Fröhlichkeit«, wie der Pastor Knospe immer sagt. Si tu et Fräulein Schäffer (so heißt doch Deine Wirtin?) valetis, bene est, ego valeo . Sei nicht so faul und schreib mal und behalte lieb Deinen sich jetzt ins lateinische Domestikum stürzenden, Dich herzlich liebenden Bruder Ben.« Achtes Kapitel Er selber jedenfalls nahm sich den gütigen Spruch, mit dem der Pfarrer Knospe gern die Jugend salbte, eh' er sie entließ, mindestens in seiner zweiten Hälfte zu Herzen. Ben lebte in Fröhlichkeit. Die Zucht war nicht immer im selben Maße bestimmend für seine Tage. Als Spätling und Nesthäkchen, war er ein wenig von den Eltern verwöhnt. Die Schwester war verheiratet, der Bruder auf der Universität. So war er im Hause auf die Gespräche mit den Eltern angewiesen, die den aufgeweckten, munteren Burschen manchmal schon für erwachsen gelten ließen. Auch hatte er ausgezeichnete Ohren, der gute Ben. Und besonders Mitteilungen, die eigentlich durchaus nicht für ihn bestimmt waren, gelangten eigentlich immer zu seiner Kenntnis. Er hatte dann eine harmlose Art, so zu tun, als sei er ins Vertrauen gezogen und um seinen persönlichen Rat befragt. Und manchmal traf er mit einer guten Bemerkung den Nagel mitten auf den Kopf. Dann gab ihm der Vater wohl einen kleinen freundlichen Backenstreich und ermahnte: »Sei nicht so vorlaut, Ben!« Aber seine Augen leuchteten zur Mutter hinüber: ein Kerlchen, was? Seine drei intimsten Freunde aber waren Tommy Schupp, Fips Tomasius und Willibald von Gollwitz. Tommy Schupp war bestimmt, später das Weingeschäft Schupp-Söhne zu übernehmen, das sein ungemein geschäftstüchtiger Vater zu hoher Blüte gebracht hatte. Gustav Sebastian Schupp aber hatte den Ehrgeiz, einen akademisch gebildeten Sohn als seinen Nachfolger in dem mit den Bildern vieler Fürsten und edler Lords, ja sogar einem eigenhändig unterschriebenen Porträt Seiner Heiligkeit des Papstes geschmückten Privatkontor in der Gallusstraße zu sehen. Er verlangte deshalb von Tommy, der lieber mit dem »Einjährigen« in der Tasche ausgetreten wäre und auf dem Bureau seines Vaters Zigaretten geraucht hätte, unerbittlich die Absolvierung des Gymnasiums und nach einem Studium, dessen Art und Richtung der Vater nicht vorschreiben wollte, und das er durch einen fürs Korps ausreichenden Wechsel verlockender zu gestalten willens war, die Doktorwürde. Tommy, der seinen Vater mit einer respektlosen Liebe betrachtete, nannte das den »Fimmel seines alten Herrn«. Er sah durchaus nicht ein, wie er später als Doktor irgendeiner Fakultät seinen Kellermeistern, Küfern, Bureauangestellten, Reisenden und Stiften mehr imponieren sollte, denn als bloßer Inhaber und Chef des Hauses »Schupp-Söhne«. Auch behauptete er, es sei seinem Erzeuger bei diesem wissenschaftlichen Ehrgeiz ganz gleichgültig, ob er, der Sohn, einmal als Roßarzt, Kaplan oder Rabbiner heimkehre, wenn er nur unter den Firmenstempel »Schupp-Söhne« vor seinen guten Namen den Doktortitel sehen könne. Fips Tomasius hingegen wollte und sollte Jurist werden. Von einem Abtrünnigen abgesehen, der leider Mediziner und als solcher ein berühmter Kliniker geworden, waren alle männlichen Sprossen des Stammes Tomasius Richter oder Anwälte. Gerade weil er aber Jurist und nichts anderes werden wollte, fand sich Fips Tomasius mit Ben, der noch über seine Zukunft nicht so gern nachdachte, wie er die Gegenwart genoß, in der heiligen Überzeugung zusammen: daß in seinem künftigen Leben die Trigonometrie und die Logarithmen eine durchaus untergeordnete Rolle spielen müßten. Aus welcher Auffassung sich für beide Freunde häufige und heftige Konflikte mit dem an der Galle leidenden Mathematiklehrer ergaben, die leider nicht selten, da sich der Professor Köberle als der Stärkere erwies, für Fips und Ben mit Arreststunden, ja sogar mit ernstlicher Gefährdung der Versetzung endeten. Fips wurde in diesen Fällen kurz vor der Katastrophe durch seine beispielslose Frechheit gerettet, die es dem nie Verlegenen ermöglichte, bei den entscheidenden Klassenarbeiten, Unwohlsein heuchelnd, beim Besuch eines stillen Ortes, auf den das Mißtrauen des Professors Köberle sich zu folgen scheute, die gestellten Aufgaben von dem heimlich zugesteckten Zettel des Primus abzuschreiben. Unter listiger Hinzufügung einiger kleiner Schönheitsfehler der Ausrechnung, damit das Wunder der plötzlichen Erleuchtung dem ohnehin nie schlummernden Argwohn Köberles nicht allzu auffällig werde. Ben aber verstärkte seine von der Mathematik gefährdete Position wieder durch sein erstaunliches Sprachtalent. Diese in der Familie sonst seltene Begabung gestattete ihm, ohne von der französischen oder englischen Grammatik eine nennenswerte Ahnung zu haben, die Konversation in beiden Sprachen mit spielender Sicherheit zu bewältigen. »Ben schläft zwar in der Grammatikstunde,« pflegte mein Vater halb ärgerlich, halb stolz zu sagen, »aber er nachtwandelt dafür durch die Konversation.« Mit den alten Sprachen ging's nicht ganz so flott. Die Prosaiker langweilten ihn beträchtlich; aber die Dichter machten ihm ehrliche Freude. In der Übersetzung des Homer und Horaz stand er nicht hinter dem Primus zurück, der freilich weit gewissenhafter präparierte, aber keineswegs die Findigkeit für die Nuance des passenden deutschen Ausdrucks hatte, wie der nachtwandelnde Ben. Kam hinzu, daß Ben in einem etwas eigenwilligen, sprunghaften Stil deutsche Aufsätze schrieb, die inhaltlich weit über dem Durchschnitt standen, und die seinen Ordinarius tapfer für ihn eintreten liehen, so oft in den Konferenzen der Mathematiker beklagte, daß diesem »nicht unbegabten, aber renitenten Schüler« leider – soweit er und sein Fach in Betracht käme – die Fähigkeit abgesprochen werden müsse, das Klassenziel je zu erreichen. Willibald von Gollwitz war der dritte und letzte von Bens Intimen. Der Letzte war er leider auch in der Klasse häufig; was weniger in mangelnder Beanlagung, als in seiner großen Vorliebe für spannende Indianerbücher, später für Abenteuerromane seine tiefere Begründung hatte. In der Familie derer von Gollwitz hatten die Landsknechtnaturen und Forschungsreisenden von jeher die größte Rolle gespielt. Willibalds Ahnen hatten in spanischen, russischen, mexikanischen Diensten Bataillone und Armeen geführt; hatten für Potentaten geblutet, die sie nicht kannten, und für Sachen, die sie nichts angingen. Kaum ein Drittel der unternehmenden Herren war im Bett gestorben. Der Großvater Willibalds war dem Pfeilgift eines Patagoniers erlegen; ein Onkel war auf einer Jagd in Zentralafrika von einem Nilpferd totgetreten worden. Und wenn einmal ein Gollwitz, weiß der Himmel wieso, das heutzutage im allgemeinen nicht mehr lebensgefährliche theologische Studium gewählt hatte, so wurde er bestimmt als Missionar von den Hottentotten massakriert oder von den Chinesen in den Hoang-Ho geworfen. Der Vater Willibalds war relativ einfach gestorben, indem er bei Vionville als Rittmeister vom Pferd geschossen und nicht mehr gefunden wurde. Seine Witwe legte den Trauerschleier, der ihrer gut konservierten Blondheit gut stand, nicht ab, und dieser lang wehende Trauerschleier genoß einer gewissen Berühmtheit unter den Platanen auf dem Hofe des Gymnasiums. Wenn er eines Tages in der letzten Pause um zwölf Uhr dunkel über den Hof flatterte, so wußten die Schüler der Oberklassen aus Erfahrung, daß die Versetzung drohte und Willibald von Gollwitz in Gefahr war, dem Ausrücken seiner Klassenkameraden nicht beiwohnen zu dürfen. Ben nannte das: die Familie von Gollwitz flaggt Halbmast. Aber er war immer selbst etwas in Sorge um das Schicksal seines Freundes, dessen Leistungen als Schüler zu seinen erstaunlichen Kenntnissen in der Lebensgeschichte der Cortez, Pizarro, Colleone, aber auch Robinson, Peter Simpel, Ivanhoe und Quentin Durward in keinem Verhältnis standen. Kam hinzu, daß die demokratischen Überzeugungen einiger Lehrer so weit gingen, daß sie an dem Adelsprädikat des Schülers Anstoß nahmen. Auch der Vorname »Willibald« mißfiel dem Professor Kunkel zum Beispiel sehr. Er faßte sein Urteil über Namen und Person des Schülers in dem kurzen Satz zusammen: »Willi hätte genügt – aber du genügst nicht .« Dieser kleine Kreis der Unzertrennlichen Ben, Tommy, Fips und Willibald drohte gesprengt zu werden, als das Ewigweibliche in den Gesichtskreis trat. Oder vielmehr, als die Augen der Jünglinge sehen lernten, was schon da war und sich knospenhaft entwickelte. Käthe Tomasius, der ich zum achtzehnten Geburtstag gratuliert hatte, schrieb mir in meine Examensnöte nach Kassel, wo ich dabei war, den Referendar zu bauen: »... Ihr Bruder Ben hat jetzt Tanzstunde mit meiner Schwester Elsbeth. Auch unser Fips, Tommy Schupp und Willibald von Göllwitz beteiligen sich als Kavaliere. Es ist sehr amüsant, wie galant sich die Freunde um mein Schwesterchen bemühen. Fips, der Bruder, aber grollt: »Zu dumm! Was ist denn an dem Aff?!« Er erzählt, daß »die Pute« vor zwei Jahren noch mit Puppen gespielt hat (wenn Fips nicht zu Hause ist, tut sie's heute noch), und daß sie sich im Dunkeln fürchtet. Aber keine dieser schlechten Eigenschaften schreckt die jungen Ritter ab. Sie haben jetzt sogar noch ein »Lesekränzchen« gegründet und lesen »Nathan den Weisen« mit verteilten Rollen. Elsbeth natürlich die Recha. Die Bewerbung um die Rolle des Tempelherrn hat leider zu Tätlichkeiten zwischen Tommy und Willibald geführt. Jetzt liest ihn Ben. Übrigens wirklich sehr nett im Ton und sehr tempelritterlich. Nur das schroff Abweisende gegen die gute Daja und gar gegen Recha will ihm nicht recht gelingen. Das liegt seiner Natur wohl nicht. Die vielen Schülerinnen Ihres Herrn Vaters, zu denen ich ja auch dankbar gehöre, haben ihn eben von kleinauf gewöhnt, den Frauen »zart entgegenzukommen«. Bei uns riß sich doch die ganze Pension vor Jahren darum, den kleinen Kerl auf den Schoß zu nehmen und ein bißchen abzuknutschen, wenn er Ihren Vater abholen kam ...« Das hat sich dann wohl an seinem Leben ein wenig gerächt. Er hatte, als Kind, zu viel auf dem Schoß hübscher, junger Frauen gesessen, der gute Ben. Hatte zu selbstverständlich die Liebkosungen kleiner Hände hingenommen, den flüchtigen Kuß weicher Lippen in seinen Locken, wie etwas Alltägliches, gespürt. Ein süßes Gift war wohl in den vielen Leckerbissen enthalten, die von zierlichen Fingern seiner Jugend in den Mund gesteckt wurden. Und in die Zärtlichkeit für das hübsche, blauäugige Kind mischte sich, nie ausgesprochen, die Liebe stürmisch erwachender Herzen für einen stattlichen Mann, der, als Lehrer, mit schöner dunkler Stimme alles kündete, was junger Frauen Seelen ahnen, fürchten, hoffen läßt: von Kriemhildens Rache bis zu Gretchens Liebe, von Tristans Meerfahrt bis zu Werthers jähem Ende. * Ist's nicht manchmal, als ob Familien die großen Wendepunkte ihrer Geschicke ahnten? Als ob, unausgesprochen, durch aller Herzen der Gedanke zöge: reicht euch noch einmal die Hände – der Tag hat nie mehr seinesgleichen. Ich hab's in der unseren, ich hab's in anderen Familien erlebt, daß ein Fest plötzlich sich reicher, inniger ausgestaltete und schmückte, als wüßten's alle, die daran teilnahmen, es wird das letzte sein dieser Art; so werden wir's niemals mehr begehen. So aber schmückten sich jene weißen Weihnachtstage, von denen ich erzählen will; so leuchten sie in meine Erinnerung herüber. Wir waren noch einmal alle zusammen, die wir zusammengehörten. Auch Kurt hatte sich zum erstenmal seit der Verlobungszeit zum Fest freimachen können. Fürst und Erbprinz verbrachten das Christfest in Rom und gedachten eine Reise nach Sizilien anzuschließen. So hatte Kurt, der Oberschloßhauptmann, die »Buden alle zugemacht«, wie er das nannte, hatte auf kurzer Rundreise durch das Ländchen, die selbst im Bummelzügle nicht allzu lang währte, die verschiedenen Schlösser, Jagdschlösser, Stadthäuser unter tüchtige Kastellane gestellt, die nötigsten Reparaturen angeordnet und dann mit Weib und Kind einen dreiwöchigen Urlaub nach Frankfurt angetreten. Mit Weib – und Kind! Der Stammhalter, jetzt vier Jahre alt, war mitgekommen. Ein strahlendes, quecksilbrig vergnügtes Bübchen, das David hieß. Dieser Vorname begegnete in der Familie Kopfschütteln. Tante Tüßchen befürchtete sogar, ein etwa nachfolgendes Brüderchen werde nun Eleasar oder Isidor getauft. Aber da war nichts zu ändern. Die Großmutter Hildegard von Möckwitz, geborene Freiin von Erlenriede, hatte als Patin so gewünscht und bestimmt, weil in der Familie der Freiherren von Erlenriede der älteste Junge stets David geheißen hatte; und, wie sie sich kühl und gewählt ausdrückte, auf aller Davids Tun hatte sichtlich des Himmels Segen geruht. Ben aber, stolz und vergnügt in der Würde des jungen Onkels, fand es sehr lustig, daß nun, wie er das formulierte, die uralte Familie Jakobs, die er bisher allein repräsentierte, in diesem kleinen David einen zweiten Vertreter hatte. Zu Ehren des Jungen und zur fröhlichen Erinnerung für die zwei anderen Generationen wurde alles im Besucherzimmer noch einmal aufgebaut, wie zu jener Zeit, da Mathilde noch lange Hängezöpfe und ich kurze Hosen trug. Die Abende vor dem Fest fanden uns bei geheimnisvoller Arbeit unter der schon geschmückten Tanne, deren waldfrischer Atem die Wohnung würzig durchzog. Die Puppenküche Mathildens mit all dem blanken kleinen Kupfergeschirr wurde säuberlich eingerichtet. Ich selber, meiner neuen Würde als Referendar nicht achtend und froh, den elenden Examenskram vergessen zu können, stellte daneben voll Eifer meinen Kramladen im alten Glanz der Firma wieder her und füllte das dreistöckige »Lagerhaus« mit listig versiegelten Miniaturkisten, von denen jede ein kleines Scherzgeschenk für ein Familienglied enthielt. Bens vielbeschossene Festung bekam neue saubere Fähnchen auf die Türme; und die in den Ketten gelockerte Zugbrücke wurde vom Vater eigenhändig repariert; eine Arbeit, die ihn, der zu solchen Dingen nicht sehr begabt war, da er sie dicht am überheizten Kachelofen verrichtete, redlich schwitzen ließ. Die Tanten Emma und Leonie aber saßen, Brillen auf den Nasen, Tannennadeln auf den schon etwas angeschneiten Scheiteln und Flocken vom Baumschnee an den Kleidern, vor dem »Putzgeschäft«, das noch Mathildens Mädchennamen am blanken Firmenschilde trug, und stellten in Kästen und Erker zu den verblichenen Puppenhutmodellen von Anno dazumal entzückende kleine Handarbeiten auf Seide und Stramin, die sie eigens für diesen Zweck an vielen stillen Abenden in bunten Mustern gestichelt. Dabei sah Tante Emma oft sorgenvoll über die Brille zu der Schwester hin, deren Züge seltsam starr geworden waren, deren Augen einen unstet flackernden Glanz zeigten. Es war ein offenes Geheimnis in der Familie, das jeder kannte, keiner im Gespräch berührte: Tante Leonie war gemütskrank. Damals, nach jener peinlichen Szene im Ställchen, da sie, bereit, dem Dichter Honneff das erbetene Jawort fürs Leben zu geben, den Freier in weinschwerem Schlaf, auf einen Kranzkuchen das liederreiche Haupt gebettet, wiederfand, hatte sie noch mit wachem Entschluß jenen Zusatz zu ihrem letzten Willen geschrieben. In der Nacht aber war der erste Anfall erfolgt, der die Schwestern wochenlang in schwerer Sorge um die zerrüttete Seele ließ. Laute Ekstasen wechselten mit brütendem Schweigen tiefer Depressionen. Hellere Tage kamen, an denen die Kranke ganz vernünftig, fast wie immer, sich gab, an allem Anteil nahm, ja sogar Klavier zu spielen verlangte. Aber gerade das und die Lektüre bis tief in die Nacht hatte ihr der Doktor Schilling streng verboten. Dann deklamierte sie wieder stundenlang, die Augen im blassen reglosen Gesicht, geschlossen, tiefliegend, wie eingedrückt. Sprach Verse aus fabelhaftem Gedächtnis. Ganze Gesänge der Danteschen »Hölle«, des Byronschen »Don Juan«, des Lenauschen »Faust«. Und dann kamen wieder seltsam verwirrte Tage, an denen sie sich für die verlassene Braut des Lord Byron oder des Nikolaus Lenau hielt. Sie wartete mit Blick und Rede auf die reuige Wiederkehr des Entfernten, den die Völker feierten in den ihr gewidmeten Liedern; und keine sanfte Belehrung konnte sie davon überzeugen, daß beide Dichter längst tot und begraben seien. Dabei blieb sie auch an diesen verwirrten Tagen durchaus friedlich, schmückte sich nur das mählich ergrauende Haar mit Blumen und Brust und Hände mit allem Schmuck, den sie besaß. Sie sah verschämt lächelnd in den Spiegel, den sie sonst kaum beachtet hatte; und in ihre Bewegungen kam etwas Tänzelndes, Spielerisches. Sie las wohl auch von weißen Blättern ganze Briefe vor, voll Zärtlichkeit und schöner Gedanken; nie geschriebene Briefe, die sie von ihrem fernen Bräutigam empfangen haben wollte und in denen für alle Familienmitglieder liebe Grüße und kleine Freundlichkeiten enthalten waren. Ein paar Stunden später, meist nach einem tiefen, traumlosen Schlaf, wußte sie nichts mehr von diesen Briefen, Hoffnungen und Erwartungen, widmete sich, scheu und schweigsam, kleinen häuslichen Pflichten, die man ihr, um sie zu beschäftigen, anvertraute, stickte im gespannten Rahmen mit ruhigsten Fingern die feinsten Blumen und Girlanden und sah aus müden, traurigen Augen, wie aus weiter, weiter Ferne, jeden an, der gütig zu ihr sprach. So saß sie auch, allen, die sie sahen und liebten, Angst und Wehmut weckend, an jenen Abenden vor der Weihnacht, ein müdes Lächeln um die schmalen Lippen, an Mathildens altem Puppenladen; und es war, als ob ihr zerrütteter Geist die wieder zum Kind gewordene mit all diesen Dingen selber spielen lasse. Der Dichter Otto Honneff wurde nie mehr genannt, nicht von ihr und in ihrer Gegenwart nicht von den anderen. Der Vater sah ihn noch oft, lesend im Bürgerverein, schlafend im Schauspielhaus, Schach spielend im Café Milani und nahm jedesmal die Überzeugung mit nach Hause, daß er die Anteilnahme des Poeten am Schicksal der einst Geliebten, ökonomisch in lyrischen Dosen über einen goldgeschnittenen Liederband verteilt, einmal auf dem Büchermarkt wiederfinden werde. Die Kerzen jener Weihnacht sind in meinem Herzen noch nicht erloschen. Heller als all die anderen Bäume, die ich erlebt, die ich mit entzündet und mit gelöscht habe, brennen seine Lichter durch die toten Jahre zu mir herüber. Die Stimmen seiner kleinen Silberglocken klingen noch in mein andächtig lauschendes Ohr, und unter dem Moos der Krippe, um die zwischen Wollschafen und Ziegen die drei Könige knieten vor dem wächsernen kleinen Kindlein in der Krippe, tönt leise wieder die Schweizer Spieluhr ihr »Stille Nacht, heilige Nacht ...« Und selbst den Fehler im dritten Takt, den das Genfer Spielwerk jedesmal quieksend verübt, seit Ben es einmal beim Abräumen des Tisches an Silvester fallen ließ, lieb' ich im treuen Gedächtnis. Denn auch der Quiekser im Weihnachtslied gehört zur Christnacht in meinem längst geschlossenen Elternhause. Nie hab' ich meinen Vater froher, gütiger gesehen, als an jenem heiligen Abend. Und es ist so hübsch, hat so etwas Rührendes, wenn Riesen froh und gütig sind. Er hatte der Mutter, die sonst die Kasse mit ängstlicher Umsicht führte und gut Bescheid wußte in unseren leicht überschaubaren Finanzen, von einem Extraverdienst aus heimlichen Privatstunden, die er gegeben, ein Harmonium gekauft. Ben mußte am Tag von Heiligabend zwei Stunden mit ihr spazieren gehen, damit sie das umfangreiche Geschenk ja nicht abladen sah zur bestellten Zeit! Ganz weit von unserem Hause entfernt, drüben am Main, auf der Sachsenhausener Seite am Städelschen Institut, mußten die beiden – er verlangte feierlich ihr Ehrenwort – auf und ab spazieren, was bei dem Schneewind, der über den Fluß heulte, keine reine Freude war. Aber er fürchtete, daß sonst der Wagen mit dem Harmonium ihnen begegnen und der Kutscher gerade sie fragen könne, wo hier »Nummer 15« sei, oder wo der Doktor Hubert Mewes wohne, für den er ein Harmonium abzuliefern habe. Dann war die Überraschung gestört, und das durfte nicht sein. Und wie er's dann mit Bärbchens und meiner Hilfe mit Tischtüchern zudeckte, das Harmonium, daß es sich ja nicht durch seine Form verrate, wenn die Mutter die letzte ordnende Hand an die Bescherung legte und den Baum ansteckte; wie er sich kindlich freute auf ihr erstauntes, froh aufleuchtendes Gesicht – ich werde das nie vergessen. Und oft, oft deck' ich mit ihm in Erinnerung noch einmal mit weißen Tüchern das Harmonium zu, das ich nur dreimal habe spielen hören ... Und in die Wehmut jener Erinnerungen mischt sich ein Lächeln. Das wundervolle Geläut der Frankfurter Glocken, in dem die brausende Gewalt der Domglocke die helleren Schwestern dunkel übertönte, konnte man in unserer Wohnung, wenn der Ostwind über die Stadt strich, besonders gut hören. Und Ostwind setzte an jenem kalten, klaren Winterabend ein. Kein Fensterchen im Hause aber gewährte durch seine Lage den vollen Genuß dieses weihevollen Konzertes so rein und deutlich, als das Fensterchen der wenig anmutigen Besenkammer, die sonst niemals zu Feierlichkeiten irgendwelcher Art mit herangezogen wurde. Zu diesem engen und schmucklosen Raum führte ein kleiner Gang, der gerade die Familie faßte, wenn keiner auf den Gedanken kam, sich zu bewegen. Der Vater aber hielt darauf, daß wir, ehe das helle Silberglöckchen zur Bescherung rief, dem frommen Konzert der großen Schwesterglocken aus Frankfurts Türmen die Herzen öffneten. Und so standen wir, alle, heiliger Gefühle voll, gedrängt im Gang zu der Besenkammer, und lauschten, die Blicke versenkt in die Silhouetten von Putzeimern und Bürsten, schweigend und andächtig, wie über Straßen und Dächer der im Mondschein liegenden alten Reichsstadt Frankfurt der geisterhafte Gesang der Glocken, die Weihnacht kündend, zu uns herüberschwang. Dann brannte der Baum. Der kleine David war allen Glanzes, aller Freude Mittelpunkt. An »Onkel« Bens Hand tobte er jauchzend von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, zog die Holzpferde des Stalls an den Schwänzen, griff räubernd in die Rosinen der Puppenspeisekammer, überflog die Buntheit der Münchener Bilderbogen, warf im Kaufladen die Mehlkiste um, stülpte das Schmetterlingsnetz auf den geflaggten Festungsturm, langte sich einen Schokoladengockelhahn so heftig vom Baum, daß das Wachs der Lichte auf Mathildens Blusen und Handschuhe tropfte, und vertiefte sich dann in einen Zauberkasten. Die rätselvollen Geheimnisse dieses Kastens ließen ihn die ganze Umgebung vergessen. Ebenso das Weihnachtsgedicht, das ihm die stolze Mutter beigebracht und von dessen himmlischem Inhalt er so tief und heftig in den ihm geläufigeren »Struwwelpeter« entgleiste, daß eine Umkehr ins Reich des Christkinds nicht mehr möglich schien. Weshalb denn die entzückten Großeltern diese Programmnummer zur Zufriedenheit erledigt erklärten. Dann setzte sich Tante Emma an das Harmonium, und meine Mutter, in Vaters Arm gehängt, sang mit ihrer immer noch schönen Stimme das alte liebe Weihnachtslied: »Es ist ein' Ros' entsprungen ...« Dabei liefen ihr ganz leise zwei Tränen über die freudeerhitzten Wangen. Später – als sie dachte, niemand sieht's, ich hab's aber doch gesehen – brach sie einen Zweig von dem geschmückten Daum, ein Ästchen, an dem goldene Fäden glitzerten. Das legte sie im Nebenzimmer still auf das »Altärchen« vor des toten Ernstchen Bild. Dann kam sie zurück und küßte uns alle auf die Stirn, Mathilde, mich und Ben. »Kinder, ich dank ' euch.« »Aber, Mutter, wofür denn?« »Dafür – daß ihr da seid; daß ihr gesund seid.« So sind die Mütter. Sie mühen sich in Angst und Nöten ein hartes Leben lang um uns; und wir haben nichts zu tun als da zu sein, zu lächeln, gesund zu sein – und sie danken uns noch, daß wir ihnen so viel Müh' und Sorge gemacht haben. Bei der Weihnachtsgans, die nie fehlen durfte, war's lustig. Kurt erzählte kleine Hofgeschichten mit parodistischem Humor, und neckte Mathilde mit ihrer nicht allzu großen Sicherheit auf dem höfischen Parkett. Mathilde wieder neckte Ben mit seiner Vorliebe für Leseabende und lange blonde Zöpfe. Sie stellte sich unwissend, von wem das gestickte Lesezeichen sein könnte, das, geheimnisvoll an der Tür abgegeben, nun als Mittelstück zwischen Büchern, Krawatten, Schlittschuhen auf Bens Tischlein prangte. Einander mit den Augen anzwinkernd, riet die Familie auf die gute Frau Morgenthau als Spenderin oder gar auf Frau Meincke, die bald achtzigjährige, schwerhörige Nähfrau. Ben aber parierte die Neckerei nicht schlecht, indem er mit gutgespieltem Ernst behauptete, seine Vermutung gehe dahin: daß ihm der Direktor Tycheles, der ihn nicht ausstehen konnte, weil er auf den Treppen drei Stufen nahm und auf Schulkorridoren leise sang, dies als Zeichen der Versöhnung geschickt habe, daß er's in den Tacitus lege. Dann wurde der kleine David, der das Rätsel einiger Kunststücke des Zauberkastens bereits in etwas gewaltsamer Weise gelöst hatte, zu Bett gebracht. »Onkel« Ben leitete die Zeremonie. Wobei es mir, der ich in das halbdunkle Schlafzimmer hinzukam, fast so schien, als ob der gute Ben bei aller Sympathie für den Neffen, auch für die dörfliche Anmut des drallen Kindermädchens, das sehr rote Backen hatte und sehr kurze Ärmel trug, nicht mehr blind sei. Die beiden überwachten, als ich eintrat, zu beiden Seiten des Kinderbettchens eine vor dem Schlafengehen nicht unwichtige Angelegenheit, die der kleine David, auf einem Töpfchen im Bett sitzend, noch besorgen sollte. Es war ihnen aber im anmutigen Privatgespräch entgangen, daß der David es vorgezogen hatte, einen Hanswurst im Arm, bereits im Sitzen einzuschlafen. Erst mein Eintritt weckte den Jungen wieder und führte die Angelegenheit durch den kleinen Schreck zu gutem Ende. Ben stellte mir nun, über das Bettchen hinweg, mit einigen feierlichen Worten die ländliche Schöne vor, die ich längst kannte. Er erwähnte rühmend, daß ihr Vater eine Kuh, zwei Schweine und fünfzehn Hühner besitze, wobei er bei den Schweinen drei Ferkel und bei den Hühnern einen Hahn nicht mitgerechnet habe. Mithin habe es die einzige Tochter solchen Vaters eigentlich nicht nötig, hier fremde Kinder zu betreuen. Aber die Annemarie wollte ein bißchen die Welt sehen. Dieses Annemarie genannte Wesen ihrerseits, das die weite Welt sehen wollte und mit der Bewachung von David auf seinem Töpfchen bescheiden begann, lachte den hübschen Jungen mit breiter Fröhlichkeit an. Sie schien durchaus erfreut, daß ihr Schützling einen Onkel in so munteren Jahren besaß, der sie und ihre Familie zu schätzen wußte. Als ich mich in die Unterhaltung mischte, widmete sich Ben wieder ausschließlich dem Neffen. »Jetzt sind wohl alle deine Wünsche erfüllt, Davidchen?« David, dem Annemarie gerade das Nachthemdchen hinten zuknöpfte, gähnte. Dann schüttelte er leicht den Kopf. »Nicht? Noch einen Wunsch hast du?« Ben verwunderte das sehr, obschon er selber stets reich an Wünschen war. David schien sich, müde wie er war, auf die Pantomime beschränken zu wollen. Er nickte bloß. »Ja, da werd' ich mal mit dem Christkindchen reden,« meinte Ben großartig und onkelhaft, als ob solches Zwiegespräch die einfachste Sache von der Welt wäre. Das Davidchen sah ihn ungläubig an: »Das tann mir das Tristkind dar nicht deben,« äußerte es ketzerhaft. »Nanu!« Ben nahm die Partei des Christkinds. »Das Christkind kann dir das nicht geben? Das wär' ja noch schöner!« »Nein.« Das Davidchen blieb bei seinem betrüblichen Unglauben. »Was ist es denn, das du dir wünschst, Davidchen?« »Ei, ich wünsch' mir ein Schwesterchen.« Jetzt wollte sich die Annemarie schier umbringen vor Lachen. Ich mußte die kleine Badewanne wegstellen, sonst hätte sie die bestimmt umgeworfen in ihrer geräuschvollen Vergnügtheit. »So – ein Schwesterchen?« Ben wußte, wie es schien, auch nicht recht, ob da das Christkind zuständig war. »Ei, ich hab's im Sommer schon unserm Storch desagt.« »Dem Storch?« »Ja, der is über unser Haus deflogen.« Das Davidchen legte beruhigt das blonde Köpfchen aufs Kissen. Es schien die Angelegenheit in guten Händen zu wissen. » Eurem Storch? Tja –« Ben lächelte verschmitzt, »wer weiß, Davidchen, ob das Euer Storch war, der da gerade über euer Haus geflogen ist? Das kann ein ganz anderer Storch gewesen sein.« Das Davidchen öffnete noch einmal groß die blauen Augen. Ich war neugierig, was es aus diesen scharfsinnigen Skeptizismus wohl erwidern könnte. Langsam fielen dem Davidchen die schweren Augen wieder zu, und aus müdem Mäulchen kam noch das abschließende Wort: »Och, Onkel Ben, das spricht sich so bei den Störchen 'rum.« Und seelenruhig entschlief der blonde Kleinstädter, der seine deutschen Störche kannte. Neuntes Kapitel Im Februar kränkelte der Vater. Sein Freund Joseph Morgenthau hatte eines Mittags still und friedlich, das zweite Morgenblatt der »Frankfurter Zeitung« über die Knie gebreitet, wie immer an seinem Fensterplatz gesessen. Aber als Frau Morgenthau mit der leisen Frage, »Joseph, schläfst du?« dem Eheliebsten den selbstbereiteten Kaffee und das mürbe Hörnchen brachte, hatte er nicht, wie sonst, heftig geleugnet, geschlafen zu haben und ärgerlich behauptet, nur in Nachdenken über die verrückte Politik versunken gewesen zu sein. Er leugnete und behauptete überhaupt nichts mehr. Er war tot. Es fand sich unter seinen nachgelassenen Papieren die Bestimmung, daß bloß ein näher von ihm bezeichneter Psalm an seinem Grabe gesungen werden und mein Vater, als Einziger, ein paar Worte sprechen sollte. Eine geistliche Begleitung hatte er sich verbeten. Den Glauben seiner Väter mochte er, obschon er nur noch am Versöhnungstag im Tempel erschienen war, nicht verleugnen; aber die zahlreichen Bekannten, die über sein Bekenntnis im unklaren gewesen waren, wünschte er auch im Tode nicht aufzuklären. Margarete Morgenthau hätte gern festlichere Veranstaltungen gesehen, denn sie war unter allen Umständen fürs Feierliche. Und sie sagte ganz richtig: man stirbt doch nur einmal . Aber sie fügte sich. Da das Wetter am Begräbnistag sehr abscheulich und der gewünschte Psalm sehr lang war, so erkältete sich mein Vater, der barhäuptig am offenen Grabe stand, an diesem Morgen schwer. Erst schien's ein Muskelrheumatismus. Er reiste mit der Mutter nach Wiesbaden. Die Bäder halfen ein wenig. Zu Hause stellten sich die Schmerzen in alter Kraft wieder ein. Ben, der viel Geschick und Sicherheit in seinen langen, schmalen Händen hatte, setzte dem Leidenden jeden Abend trockene Schröpfköpfe auf den Rücken. Dann sprach der Vater mit ihm. Oft, den Schmerz verbeißend, in seiner launigen Weise, manchmal auch ernst. »Ich glaub' nicht mehr recht an meine Genesung,« sagte er eines Abends zu Ben, der gerade wieder seinen armen Rücken mit dem heißen Sauggläschen quälte. »Du wirst sehen, der gute Joseph Morgenthau zieht mich nach.« »Aber, Papa,« lachte Ben, »ein Begräbnis ist doch nicht ansteckend.« »Das nicht. Aber ich will dir etwas sagen, Ben. Unsere Maler – und auch die Meister der anderen Völker – haben so viel und so gern »Totentänze« gemalt. Grusliche und ermahnende. Da ist immer ein Gerippe zu sehen, das grinsend fiedelt und lockend vorantanzt. Bald sieht sich's an, als tanze der Knochenmann einen behaglichen Ländler, bald eine feurige Mazurka. Eins haben die Herren Maler vergessen – die Chaine anglaise . Du kennst sie aus der Tanzstunde, die Tour in der Française? Einer reicht dem andern die Hand, geht vorüber und scheint ihn doch, wie an einem Bande, nachzuziehen ... Begräbnisse im rauhen Winter, wenn ältere Leute, erschüttert vom Abschied, erhitzt vom weiten Gang, im kalten Regenwind an offenen Gräbern stehen – sind solche Touren im Totentanz. Chaine anglaise . Der eine gibt, vorübergehend für immer, dem andern die Hand – und zieht ihn nach.« Und ein andermal sagte der Vater lächelnd zu seinem jüngsten Sohn, als er das Hemd wieder über den schmerzenden Rücken heruntergelassen: »Nun sieh mir mal fest in die Augen, Ben. Weißt du, manchmal muß ich denken, wenn du dich später deines Vaters erinnern willst, siehst du nichts, wie einen über die Stuhllehne gekrümmten nackten Buckel voller kleiner, roter Kreise. Siehst nichts, wie einen von der modernen Medizin geschundenen Märtyrer von hinten. Ich aber möcht', daß du deines Vaters Antlitz siehst, wenn du an ihn denkst. Und daß du ihm immer – immer , mein Jung'! – so offen und ehrlich in die Augen schauen kannst, auch wenn diese Augen längst nur noch in deiner Erinnerung sich aufschlagen.« Da wurde Ben ernst: »Glaubst du denn nicht an ein Wiedersehen, Vater?« Der Vater blickte eine Weile nachdenklich vor sich hin. Dann sagte er: »Setz dich mal hier zu mir her, mein lieber Ben. Ich will dir was erzählen. Du bist alt genug dazu. Meine Mutter, deine Großmutter, war eine einfache Landpastorsfrau. Sie hatte für Mann und Kinder zu sorgen, das schmucke Pfarrerhäuschen sauber zu halten, den Garten zu besorgen, den Kranken in der Gemeinde zu helfen und für die Armen Bittgänge zu den reichen Bürgern zu tun. Zum Grübeln und Nachforschen blieb ihr wirklich nicht viel Zeit. Sie glaubte, was ihr Mann sagte, den sie liebte, und dem, das wußt' sie, kein unwahres Wort je aus dem Munde ging. Nicht auf der Kanzel, die feierlich die geschnitzten Engel in der Kirche trugen, nicht auf dem Strohstuhl daheim am Familientisch. Ich aber, ihr Ältester, ging in die Welt, studierte die Philosophen, las die Dichter, hörte Priester und Ketzer. Und mein geliebter Lehrer in Tübingen, Friedrich Vischer, der Ästhetiker, der das hübsche Buch »Auch Einer« geschrieben hat – lies es und ärgere dich nicht daran, daß der Held darin immer den Schnupfen hat! – der schrieb mir, als ich Abschied nahm als junger Doktor und um des verehrten Mannes Bild bat, unter das Blatt: »Unser Gott ist ein immanenter Gott. Seine Wohnung ist überall und nirgends. Sein wahrer Tempel der Menschengeist. Diesen Gott zu verherrlichen, ist die höchste Aufgabe der Kunst.« Nicht ohne weiteres willig, stets in verba magistri zu schwören, hatte ich doch dies Bekenntnis zu dem meinigen gemacht. Hatte auch da und dort manches veröffentlicht in diesem Sinne. Da wurde – grad' hatte ich mich als junger Lehrer hier niedergelassen – meine Mutter schwer krank. Ein Telegramm rief mich in mein Elternhaus. Spät abends fuhr ich über den Rhein – damals stand die Brücke noch nicht. Ich sah von fern schon das Lichtchen im Zimmer, drin, wie ich wußte, die Kranke lag. Und mir schien: das Lichtchen, das aufblinkte und wieder zu verlöschen drohte, winkte mir: »Eile dich, komm!« Dann saß ich stundenlang an ihrem Bett, hielt die Hand, die mir nur Liebes getan, wischte ihr behutsam mit einem feuchten Tuch die Lippen und kühlte ihre Stirn. Stundenlang. Auf ihrem Nachtkasten lag zwischen ein paar Medizinflaschen und dem Bild des Vaters das Gesangbuch. Und darauf ihre Brille. Und ich las unter der Brille die Verse des alten schönen Lutherliedes: »Ein' feste Burg ist unser Gott – ein' starke Wehr und Waffen.« Und ich dachte, wenn sie noch einmal zu sich kommt, wird ihr geängstigtes Herz nach der Wehr und Waffen greifen. Aber ich glaubte, ihre müde Seele ist schon hinüber; nur das stark gebaute Wohnhaus, das so vielem widerstand, will noch nicht einstürzen. Da, gegen Mitternacht, kam sie noch einmal zu sich. Sie schlug die Augen auf, suchte, erkannte, lächelte dankbar. Ich gab ihr Tee und sie trank. Und war schwach und müde, aber klar, wie nur Sterbende sein können, wenn sie, ohne Furcht, wissen: wir stehen am Tor. Und plötzlich zog sie mit der blassen, abgearbeiteten Hand meinen Kopf tiefer, ganz tief, zu sich, damit ich ihre schwache Stimme höre: »Hubert – ich gehe.« Ich weinte und konnte keinen Trost lügen. Aber sie wollte ihn auch nicht, sie war eine starke Frau. Da plötzlich kam eine Angst in ihre tapferen Augen. Eine Angst, wie vor etwas ganz Schrecklichem. Mich fror in diesem flehenden Blick. »Hubert – dein Vater, als er starb, hat gesagt: »Mutterchen, sei getrost, wir sehen uns wieder ...« – »Ja, ich weiß, Mutterchen.« – »Du, Hubert – du hast anders geschrieben. In deinen Aufsätzen. Ganz anders, wie der Vater gepredigt hat. Glaubst du denn nicht – daß wir – ich und der Vater – und du – daß wir uns da drüben wiedersehen ?« ... Und siehst du, Ben, da war der Lehrer vergessen und die Lehre, der schöne Spruch und die stolze Überzeugung. Nur die Rheinfahrt blieb im Bewußtsein, die Heimkehr und das erlöschende Licht. Und ich hab' mich zu der Sterbenden, die nur noch in diesem einen Zweifel atmete, die ihr bißchen Leben mit letzter Kraft goß in diese Frage, ans Bett gekniet. Ich hab' meine weißen Schreiberhände in ihre harten gefaltet, wie Kinder tun, und hab' fest und laut bekannt: »Mutter, ich glaub ', daß wir uns wiedersehen!« Da hat sie gelächelt und nichts mehr gesagt. Nur noch ein Druck der Hand, ein Aufleuchten in den Augen. Dann wurden die Finger schlaff und die Lider fielen zu. Sie war, als Glückliche, gestorben in der Zuversicht ... Und ich – ich hab' in jener Stunde erfahren, es gibt ein Postulat des Herzens, das stärker ist als alle Vernunft, mächtiger als die Dialektik aller Lehrer, als die Logik allen Geschehens. Es ist nicht, sagt der Verstand. Und: es ist doch , denn es muß sein, sonst wär' ich nicht, sagt in heiliger Stunde das Herz ... Ben, mein lieber Junge, du wirst zweifeln, hadern, verneinen, wie ich – das bleibt unserem Geschlecht in seinen langen, schmalen Hugenottenschädeln nicht erspart. Aber dann wird einmal die Stunde kommen, da schreit dein wundes Herz: Und es ist doch so!« » Credo, quia absurdum ,« sagte Ben, der das einmal wo aufgeschnappt hatte. »Nicht mit Mönchslatein verwirren, Ben, was groß, deutsch, menschlich ist! Mit beiden Füßen auf der Erde stehen, mein Jung', auf der lieben, schönen deutschen Erde – aber den Blick manchmal in die Sterne schicke und, so weit's gehen will, über die Sterne hinaus! Und die Toten, die man geliebt hat, und die uns geliebt haben, mit gehen lassen im Leben! Damit sie uns nicht fremd geworden sind, wenn sie vielleicht doch einmal – weit hinter allen Sternen – uns entgegenkommen.« Zwei Tage nach diesem Gespräch lag mein Vater im Fieber. Acht Tage später war er tot. Rippenfellentzündung, Lungenentzündung. Das Herz hatte nicht ausgehalten. Als Frau Margarete Morgenthau in tiefer Trauer ihren Kranz brachte, stand Ben im Sterbezimmer und nahm von den vielen, vielen Blumenarrangements die Karten der Spender ab. Er hatte tiefliegende Augen und war sehr blaß. Frau Morgenthau, die mit Küssen sehr freigebig war, umarmte und küßte den Jungen unter vielen Tränen: »Ben – lieber Bub' – du weißt doch, ich war die Erste, die ...« Ben wußte es und verhinderte die Erzählung. »So rasch hinter meinem Joseph ... Wer hätte das gedacht, Ben ... An was ist denn dein lieber Vater ...?« Da sah sie Ben aus großen, traurigen Augen an und sagte nur: » Chaine anglaise !« Da zuckte Margarete Morgenthau zusammen, ging rasch in die gute Stube und schluchzte der erschreckten Tante Tüßchen ins Ohr, so furchtbar das zu sagen sei, sie glaube, der arme Ben sei im Oberstübchen nicht mehr ganz richtig ... Ben aber war in diesen dunklen Tagen ein anderer. Die letzten Gespräche, die er mit dem Vater geführt, beschäftigten ihn unausgesetzt. Er fühlte, daß der vom Tod schon Gezeichnete, der das Zeichen selbst fühlte , dem jüngsten Sohn noch etwas mitgeben wollte auf den Lebensweg. Ein Stück von sich selbst, einen Trost in Kämpfen, die kommen mußten. Und er fühlte auch das andere: daß ein starker, reifer, fertiger Mann sich selber, lächelnd, einen Halt suchte in bangem Zweifel, sich selber, als Letztes, einer Hoffnung Brücke baute zu einem Land, das er nicht sah. Zu einem Glauben: daß doch nicht alles verloren untertauchen müßte ins Nichts. So kam es, daß Ben in einer stolzen Trauer um den toten Vater war. Daß er umherging, wie ein verschwiegener Freund, der einen letzten Auftrag bekommen, ein Vermächtnis gehört hat. Still, mit zurücksinkendem Kinn, den schmalen hochstirnigen Kopf schwer im Atlaskissen, lag der Tote unter Palmen und Zweigen vom Lebensbaum, unter Riviera-Veilchen und deutschen Rosen. Und Ben war immer um ihn, als ob er seinen Schlaf bewachen müßte. Hatte kein Auge, kaum ein Wort für Ruth Baddach, die, vom dunklen Kleid die knospenhafte Schönheit betont, einen wundervollen Kranz von Orchideen zu Füßen des Sargs legte; kein Auge für die blonde Elsbeth Tomasius, die scheu und ängstlich den ersten Toten ihres jungen Lebens, wie etwas Furchtbares, mit dem Blick streifte und in zitternden Händen den Nelkenstrauß krampfhaft festhielt. Auch die dralle Annemarie sah er nicht, die immerzu neue Kränze und Sträuße brachte und mit bettelnden Augen leise Fragen an ihn richtete. Er sah nur den Vater. Den Freund, den Toten. Und als am letzten Abend vor der Beerdigung alle hinausgegangen waren, auch die arme Mutter, die ganz klein und gebückt einherschlich unter der Last ihres Schmerzes, und nur die beiden silbernen Leuchter brannten, die schon im Haus auf der Zeil den frohen und ernsten Festen der vier Schwestern geleuchtet, da öffnete Ben die Flügeltür weit nach dem grünen Zimmer, in dem das Harmonium stand. Er konnte das wächserne Antlitz des Toten sehen von dem Stuhl, den er sich an das Instrument heranzog. Und er behielt ihn im Auge, als hoffe er auf ein Lächeln, eine Bewegung. Der Atem von unzähligen Blumen, deren Duft die Nacht verstärkte, schwamm durch den Raum. Und erst zaghaft, dann mit sicherem Anschlag die Akkorde greifend, ließ Benjamin das Instrument brausen: »Ein' feste Burg ist unser Gott – ein' starke Wehr und Waffen« ... Ben spielte das alte Lutherlied für den toten Vater. Haus und Straße schwiegen. Im Zimmer neben mir weinte die Mutter in die Kissen. Zehntes Kapitel Unter den Papieren des Vaters, die mir die Mutter zu ordnen gab – ihren vom Weinen müden Augen hatte der Arzt das Lesen verboten – befand sich manches, das gewiß nicht für seinen Unterricht in den Instituten bestimmt war. Ob er das, von dem er nicht viel reden durfte in seinem Beruf, sich selbst nur zur Rechenschaft hingeschrieben, ob es bestimmt war, einmal in seinem Alter, von dessen behaglicher Arbeit am Schreibtisch er oft geträumt hatte, in ein rückschauendes Werk aufgenommen zu werden, ich weiß es nicht. Ich hielt und las die Blätter mit jener seltsamen Scheu, mit der ein Sohn den lang verwehrten Blick wirft in tiefste Seelenfalten des nie mehr heimkehrenden Mannes, dem er Leben und Pulsschlag dankt; und es war mir, als führe ich mit seinem verklärten Geist ein ungehemmtes Gespräch über zarte, verhüllte Dinge, die der Lebende nie berührt hatte. Mitten unter allerlei Anmerkungen über Gelesenes und Erlebtes stand da zu lesen: »Das Schönste, was Dichter in allen Sprachen gesagt, und das Dümmste, was Voreilige in allen Ländern gesündigt, hat denselben Kern und Antrieb: die Liebe. Erdichtete Romane und Schauspiele sind ohne sie so wenig denkbar, wie die Biographien unserer Ernstesten und Größten. Aber unser Herz bleibt ein Künstler. Es liebt die Rosen und fühlt sich von der Botanik gelangweilt. Es braucht die Liebe und wendet sich ärgerlich von der Wissenschaft ab, die sich mit ihrem Wesen beschäftigen möchte. Es hofft, frohlockt und leidet; aber es begnügt sich in den Angelegenheiten, die ihm die wichtigsten sein müßten, da sie ihm die gefährlichsten werden können; mit schön gebauten Sentenzen, mit bunten Gleichnissen, mit schillernden Wortspielen und mit den getrockneten Blüten der Erfahrung, die den herben Geruch aller toten Freuden ausströmen.« Jede Zeile verriet: es war ein Literat, der das schrieb. Aber nicht nur ein Literat. Es war ein Schauender und Erlebender, dessen Anteilnahme an der Welt und ihrem Frühling über den Blick aus Schulstube und Studierzimmer weit hinausging. Und auf einem anderen Blatt, nach Tinte und Format nicht aus derselben Zeit stammend, las ich dies, das wie ein Vorwort anhub zu einem nie geschriebenen Buche: »Der Lebensroman der Männer, so verschieden er sich sonst abspielen mag, weist ein Kapitel auf, das im Erinnerungsbuche wenigstens das Motiv gemeinsam hat: die Liebe. Was ist schon alles über sie geschrieben worden! Wenn für jede Dummheit und jede Lüge, die ein Blindverliebter oder ein Blindverärgerter sich geleistet, eine goldene Leitersprosse gestiftet werden müßte, man könnte längst von der Erde zum Mond auf einer fertigen Leiter steigen! Das letzte Wort über sie wird nie gesprochen werden, solange sich der Hungrige und der Satte im Urteil über Ernährung, der Friedfertige und der Kampflustige in der Wertung des Waffenhandwerks nicht begegnen. Sie handelt lächelnd mit Lebenstränken und Giften, die keiner voneinander kennt. Sie läßt Toren für einen kurzen Frühlingstag weise scheinen, macht aus behutsamen Weisen voreilige Narren; und aus Trivialen lockt sie noch ein flüchtig aufblitzendes Fünkchen Poesie. Sie verändert dem von ihr Berührten das Weltbild, wandelt selbst Leid in süßen Selbstgenuß und läßt sich so wenig in Worte fangen, wie der Sonnenschein in die Mützen und Mausefallen der braven Schildbürger. Und wahrlich, wer ihrer heiteren Schöne sich freuend, die »Komödie« der Liebe dichten will, der unterscheidet sich nicht gar so viel von den guten Bürgern von Schilda! Das aber ist der Zauber der Liebe, ob wir sie erleben oder nachdichten: ein Schimmer von Größe liegt über allem, was sie angeht, und – wo sie schreitet, klingen aus Sang und Jubel und Hymnen und Schwärmerei für feine Ohren die leisen Schellchen der Narrheit mit ... Der Himmel gebe meinen Söhnen ein starkes Herz gegen ihr Gift, ein dankbares Herz für ihren Zauber, ein hellhöriges Herz für die leise klingenden Schellchen, wenn sie einzieht und wenn sie vorüberfährt.« Mir gegenüber, als ich dies las, saß Ben und schrieb, ohne aufzublicken, einen Brief. »An wen schreibst du denn eine so lange Epistel, Ben?« »Ich bin Ruth Baddach einen Brief schuldig. Sie ist bei ihren Verwandten in Heidelberg.« »So. Sag mal, Ben, was schreibt ihr euch nun so, die Ruth Baddach und du?« Ben kneift das Auge etwas zu, was ihm ein sehr listiges Ansehen gibt, und sagt trocken: »Siehst du, Adi, wenn wir dir das mitteilen wollten, würden wir's ja vielleicht dir schreiben.« Pause. Er fühlt, daß er frech gewesen, und es tut ihm schon leid. »Sie hat eine Fußwanderung gemacht den Neckar aufwärts nach Neckarsteinach, schreibt sie mir. Und dann sind sie mit dem Nachen zurückgefahren. Bei Mondschein. Da läßt man sich einfach so treiben, das muß famos sein.« »Ben, ich glaube, du bist überhaupt sehr für das Einfach-sich-treiben-lassen?« »Gott, warum nicht – wenn Mondschein ist.« Er lacht. Dann wird er plötzlich ernst und sagt wichtig: »Du, Adi, wenn du zufällig – ich meine, es könnt' ja sein, nicht wahr – wenn du zufällig Käthe Tomasius sehen solltest in diesen Tagen ...« Ich habe das Gefühl, daß ich rot werde, und ärgere mich darüber. Ich hatte allerdings vor, später Käthe Tomasius zufällig zu begegnen, wenn sie in ihre Gesangstunde gehen würde. »Wie kommst du denn darauf, Ben, daß ich – –?« »Nun, Frankfurt ist ja so groß nicht – und man begegnet sich leicht, wenn man sich nicht gerade absichtlich ausweicht.« »Vielleicht will ich Käthe Tomasius ausweichen?« »Du, dann mußt du nachher um Fünf nicht ausgehen – da hat sie nämlich Gesangstunde und kommt die Taunusanlage herunter ...« Da ich das ganz genau weiß, kann ich ihm die weitere Schilderung des Wegs bis zur Hochstraße schenken. »Du wolltest vorhin etwas anderes sagen, Ben?« »Ja, also,« es kommt etwas verlegen Bittendes in seine blanken blauen Augen, »sag' ihr, bitte, nichts davon!« »Von was?« »Nun – daß Ruth Baddach und ich uns schreiben.« »Nanu, Junge – du bist wohl größenwahnsinnig? Was soll das denn Fräulein Käthe interessieren?« »Sie nicht, aber – sie erzählt's vielleicht weiter.« »Wem denn?« »Elsbeth.« Jetzt ist er ganz rot geworden, übers ganze Gesicht bis an die Ohren. Wir lächeln uns etwas verlegen an über den Tisch, auf dem sein angefangener Brief liegt und die Blätter von des Vaters Hand. Und unwillkürlich fällt mein Blick auf eine Stelle in des Vaters etwas wunderlich schnörkliger Schrift, in die man sich, wie in eine alte Klosterhandschrift, erst mühsam hineinlesen muh: »Der Himmel gebe meinen Söhnen ein starkes Herz gegen ihr Gift, ein dankbares Herz für ihren Zauber, ein hellhöriges Herz für die leise klingenden Schellchen, wenn sie einzieht, wenn sie vorüberfährt ...« Ich sehe Ben mit neuen Augen an. Gewiß steht Harmloses in dem Brief, den er da schreibt, aber es ist kein Kinderbrief mehr. Ben hat, ohne es vielleicht zu wissen, sein Herz entdeckt. Sein Herz, das – aus seiner einen kleinen Bemerkung hab' ich's herausgehört – noch ängstlich zwischen zwei Frauen steht, wie Buridans berühmtes Eselchen zwischen den Heubündeln. »Ich denke,« sag' ich nach einer Weile, »Ruth Baddach und Elsbeth Tomasius sind Freundinnen!« »Aber ja, das sind sie auch. Aber sieh mal, ich meine ... so Mädels, nicht wahr, sie können befreundet sein und doch ... wie soll ich das sagen? ... sieh mal so: es ist doch der einen lieber, wenn die andere nicht dasselbe zu Weihnachten bekommt.« Ich lache: »Da hast du recht.« Und er, des Beispiels froh, das er gefunden und hinter dem er die Knifflichkeit des eigenen Falls versteckt glaubt, redet sich in Eifer: »Wenn die eine eine goldene Uhr bekommt, nicht wahr, dann freut sich sicher die andere für sie. Dafür sind's Freundinnen. Und wenn die andere ein Abonnement für die Oper kriegt, freut sich wieder die eine. Aber wenn sie beide zufällig ganz denselben Hut bekommen, daß es aussieht, bald hat ihn die eine auf, bald die andere – dann ...« »Dafür sind's Freundinnen.« »Na ja. Das hört eben mal wo auf, nicht?« »Bei dem Hut?« »Oder wo anders.« »Und sag mal, lieber Ben, du , du bist wohl in diesem herrlichen Weihnachtsgleichnis – der neue Hut?« »Ich bin – –« Ben will aufbrausen, bezwingt sich aber, rafft seine Papiere auf und sagt nur: »Ich bin mir zu gut, mich von dir hänseln zu lassen.« Und er verschwindet hinauf in sein Zimmer, dort seinen Brief fertig zu schreiben. Sonst ist er nicht empfindlich. Lacht gern und gutmütig über sich wie über andere. Wenn's ihn jetzt verletzte, daß ich ihn gegen das Fell strich, so bestätigt das meine Vermutung. Der kleine Ben, immer noch das Jungchen, das Nesthäkchen in unseren Augen, ist verliebt. Zum erstenmal verliebt. In Ruth? In Elsbeth? Ich weiß es nicht – weiß er's? Wohl in beide ... Und mit den Blättern spielend, auf die der Vater – wer weiß: wann, warum und in welcher Stimmung – seine stillen Gedanken über die Liebe niedergeschrieben, wandle ich auf den Spuren des vom Zauberstäbchen der Allmächtigen zum erstenmal berührten Brüderleins. Ich stelle vergleichend Elsbeth und Ruth nebeneinander. Man kann kaum verschiedenere Typen finden. Elsbeth, mir vielleicht durch meine Gefühle für die ältere Schwester besonders empfohlen, ist das Urbild des frischen deutschen Mädels. Wunderschönes, hellblondes Haar auf einem lieben, kindlich gebliebenen Köpfchen. Ihre blauen Augen mit den langen goldseidigen Wimpern haben oft etwas Bittendes, Erschrecktes; als wollten sie sagen: »Tu mir nicht weh, du Welt da draußen –!« Sie ist eher klein, als groß für ihr Alter. Das hübscheste an ihr sind ihre weichen, grübchenreichen Hände mit den spitz zulaufenden rosigen Fingern. Man fühlt's, es sind keine faulen Hände, und sie werden Kranken wohltun ... Ganz anders Ruth Baddach. Sie ist schlank und groß, und ihre Nackenlinie hat Stolz, wie der Blick ihrer dunklen, feuchtglänzenden Augen. Schwer und schwarz liegt der Knoten ihres reichen Haares. Ihre Haut hat einen blassen Elfenbeinglanz; gibt ihr etwas Fremdländisches. Sie wird nie rot. Wenn ihr etwas peinlich ist, werden ihre Augen klein, und die Flügel ihrer leichtgeschwingten schmalen Nase beben. Wenn sie lacht, fliegt ihre etwas kurze Oberlippe noch ein wenig zurück und läßt die starken weißen Vorderzähne aufleuchten. Ihre Augen lachen nicht mit. Ihre Augen strahlen Intelligenz einer klugen, kultivierten Rasse. Eine junge Judith, eine reifende Deborah. Alles an ihr ist ihrem Alter voraus, ihr Blick, ihr Gang, ihre Rede. Alles ist gebändigte, ihre Zeit erwartende Energie in dieser hübschen jungen Jüdin, die, wie viele ihrer Frankfurter Stammgenossinnen, stolz ist auf ihre Abstammung aus altem Tempeladel und auf die gepflegte Reinheit ihrer Rasse. Und, unwillkürlich lächelnd, seh' ich Ben zwischen diesen beiden so grundverschiedenen Mädchen seinen ersten Blumenweg ins Land der Liebe gehen. Nur eine kann einmal die Siegerin sein – nicht sie selbst wohl, aber ihr Typ – die Blonde oder die Schwarze. Und ich nehme mir vor, unauffällig und ohne das Glück junger, aufblühender Seelen zu stören, den Bruder zu beobachten. On revient toujours ... das heißt doch, als Erfahrungssatz, nichts anderes, als daß der reife Mann schließlich auch für den Lebensbund den Typ in der Vollendung sucht, nach dem er, da der Hauch erster Liebe ihm die Torenaugen sehend blies, mit zitternden jungen Händen haschte. Elftes Kapitel Aber damals sind meine fröhlichen Beobachtungen jäh unterbrochen worden durch neue Betrübnis, durch tiefe Trauer, die über die Familie kam. Und ich muß von dieser Trauer ausführlicher reden; denn sie ist mit Bens Werdegang und Schicksal aufs innigste verknüpft. Die Schatten, die sich um Tante Leonies Seele legten, wurden damals dichter und dunkler. Den Tod meines Vaters, den sie, wie alle Frauen der Familie, verehrt hatte, glaubte sie nicht. Er lebte – für sie –, aber er verbarg sich. Er wollte sie nicht mehr sehen, er zürnte ihr und hielt sich versteckt. Oder die Familie verbarg ihn vor ihr. Die Gereiztheit der Kranken mehrte sich täglich. Sie deklamierte viel und laut; und wenn sie sich in unbewachten Augenblicken mit einer wilden Hast ans Klavier setzte und spielte, so waren es Phantasien, die plötzlich mit jähen Dissonanzen abbrachen. Tante Emma widmete sich ganz der Pflege. Nur ihre Hände, nur ihr Zuspruch machten die Kranke zuweilen noch ruhig. Wenn Schlafpulver nicht halfen, ließ sie, hinter dem Bett auf einem Schemel stehend und auf den Kopf der schwer Atmenden gebeugt, den Magnetismus ihrer festen kleinen Hände wirken, die in ruhigen, gleichmäßigen Strichen vom Scheitel der Schlummerlosen niederglitten bis zu den blassen Wangen. Wohl tausendmal strich sie so – stunden- und stundenlang. Sie führte kaum ein eigenes Leben mehr. Sie war nur da für die Kranke. Die aber war nie bei ihr. Ihr verwirrter Geist hörte bald Lenaus zarten Geigenstrich aus dem Turme der Weibertreu von Weinsberg, bald fuhr er mit Lord Byron nach Portugal, nach Malta, nach Missolunghi. Und ihr unerhörtes Gedächtnis schäumte noch immer von deutschen, italienischen, englischen Versen. Sie spielte, immer sicher im Rhythmus und Wortlaut, mit den schwierigsten Terzinen des »Inferno«, wie mit dem Wohlklang der Ottaverimen des »Don Juan«, und hauchte dann wieder ein Lenausches Schilfliedchen, rein, wie Kinderatem, aus. Den ernsten Rat des Arztes, den leise geflüsterten Wunsch der Familie, die immer unruhigere Kranke, die niemand mehr erkannte, Tote für Lebende und Lebendige für Tote hielt, einer Anstalt zur Pflege zu übergeben, wies die Schwester mit entrüsteter Energie zurück. Die Mutter hatte sie beide zur selben Stunde in den Kampf der Welt geschickt; sie waren von Geburt, Natur, Schicksal aufeinander angewiesen und hatten sich die Treue gelobt und gehalten. Das sollte, das durfte nicht anders werden, weil der Geist der einen sich verwirrt hatte. Aber Ernst und Anstrengung der Pflege untergruben wohl die Gesundheit der Pflichtgetreuen. Ohnmachtsanfälle kamen und mehrten sich. Ida, das treue Dienstmädchen, das den Schwestern wohl fünfzehn Jahre schon den Tisch deckte, flüsterte bei jedem Besuch meiner Mutter und Tante Tüßchen ins Ohr: »So darf's awer nit weitergehe, gnädiche Frau.« Aber wer wollte, wer konnte Gewalt anwenden? An einem milden Frühsommertag wurde die ganze Familie alarmiert. Ida kam, verweint und entsetzt, ohne Kopftuch, atemlos gelaufen. Die Nacht war furchtbar. Die Kranke hatte »ihren Bräutigam« erwartet. »Den Lord«, sagte die Ida, »mit dem, wo sie's immer hat, Sie wisse schon.« Sie wollte das Haus festlich erleuchten. Mit einem Licht versuchte sie Gardinen und Teppiche anzuzünden – er sollte von fern schon die Fackel ihrer Freude sehen. Mit vereinten Anstrengungen war es Tante Emma und der treuen Magd schließlich gelungen, die Schwärmende aufs Bett niederzudrücken. »Ei, Sie glauwe nit, was die noch for e Kraft hat!« schluchzte Ida. Und während Ida die immerfort Verse Murmelnde sanft in den Kissen niederhielt, strichen die blassen Hände der Schwester ihre letzte magnetische Kraft in die eingefallenen Schläfen der Kranken. »Un denke Se,« schloß Ida ihre Erzählung, »ei, ich hawe des noch nie gesehe – zum erstemal hawe die Händ' von der Fräulein Emma gezittert, als wie Elspelaub, so wahr als daß ich leb'! Und schließlich is se mir ohnmächtig geworde – awer die Fräulein Leonie, weiß Gott, hat wahrhaftig geschlafe.« Als wir – die Mutter und ich, Ben war im Gymnasium und sollte gleich nachkommen – leise in die liebe, altjüngferlich adrette Wohnung der Tanten eintraten, saß eine barmherzige Schwester am Bett der Tante Emma. Die Schwester drehte ruhig ihre weiße Haube zu uns hin, zeigte ein gütiges, lebenstrahlendes Gesicht und sagte mit der Milde berufsmäßigen Trostes: »Es war zuviel für sie. Das Herz will nicht mehr recht. Wir haben Kampfer eingespritzt und etwas Sekt gegeben. Aber ich fürchte ...« Nebenan schlief Tante Leonie noch immer. Aber selbst im Schlaf hatten ihre Züge etwas Abwesendes, Unirdisches, Weltfremdes. Mir kam das Furchtbare zum Bewußtsein. Die beiden Frauen, die durch seltsames Spiel der Natur zusammen ins Leben eingetreten waren, würden auch zusammen wieder gehen. Die Mutter schlich auf Zehenspitzen zwischen den Zimmern und Betten hin und her, ratlos, taumelnd, müde. Plötzlich gab ihr die Schwester, die, den Rosenkranz betend, kein Auge von der Liegenden gelassen hatte, ein Zeichen und machte den Stuhl an Tante Emmas Bett frei, mit einer Handbewegung befehlend: »Setzen Sie sich zu ihr« – und auf die stumme Frage durch ein Nicken antwortend: »Ja, es ist das Ende.« Ganz friedlich mit geschlossenen Augen lag die Sterbende. Nur das Röcheln war unheimlich; sonst war alles an ihr, um sie friedliche Ruhe. Ein Sonnenstrahl fiel über ihr Bett auf die farbigen Miniaturbilder ihrer Eltern. Die beiden lächelten sich freundlich an – er aus hohem Vatermörder, sie aus lichtblauem Schal –. lächelten über das Bett ihres müden Kindes, das nun zu ihnen kam. Nebenan hörte ich leise Stimmen. Ben war gekommen und – war's nicht so? Er sprach mit der erwachten Kranken. Sprach englisch –? Ich bog den Kopf nach der offenen Tür. Wahrhaftig, da stand der Junge, dicht am Lager, und hielt ihre abgemagerte Hand. Er war erhitzt vom raschen Gang, die Wangen gerötet, das volle, braune Haar, das in eigenwilligen Locken der Bürste widerstand, sorglos hochgestrichen. In seinen hübschen, guten Augen lag unsägliches Mitleid. Und ich hörte, staunend, mit klopfendem Herzen, was die beiden miteinander sprachen. Englisch, fehlerlos beide und mit ausgezeichneter Aussprache. Und mitten in Grauen und Trauer dieser furchtbaren Stunde fiel mir ein, daß Bens fabelhaftes Sprachtalent, das mir und der Schwester abging, wohl aus der Familie der Mutter ererbt sei. »Du bist's? – Endlich du!« Die Stimme der Kranken war klar und ruhig, wie sie lange, lange niemand von uns gehört, und in dem » You are it – at last « lag eine Welt von scheuer, weiblicher Zärtlichkeit. »Ich habe mich um dich geängstigt – und wie hab' ich Angst um dich gehabt!« »Sei ruhig und ohne Sorge, meine liebe Freundin.« In Bens junge Stimme kam eine suggestive Kraft. Er fühlte sich als Helfer und Tröster. Das Mitleid gab ihm die seltsame Sicherheit seines Spiels: »Ich bin's und bin gesund.« Sie Kranke setzte sich auf und sah ihn mit hoffenden Augen an: »Kommst du mich holen, mein Freund?« »Möchtest du denn verreisen?« »Ja – ja« – sie haschte Bens Hand und hielt sie an ihre Wange –, »weit, weit über ein blaues Meer, blau wie die Veilchen, die du mir so oft geschickt hast. Mit dir, Hand in Hand, stehen am Mast ...! Ach, und all die weißen Segel, die uns vorausfahren. Voraus ins Blaue, wo der Himmel auf dem Meer ruht, siehst du sie – all die weißen Segel ...« Weiße Segel? Ich sehe sie.« Ist das Phantasie, ist's Suggestion – wie nennt man's richtig? Ben schien mir, als er mit gütiger Zuversicht dieses » White sails? I see them « aussprach, tatsächlich dem Bildnis Byrons zu gleichen, das den jungen Lord in seinem zwanzigsten Jahre darstellt, kurz, ehe sein Weltruhm begann. »Lauter Boote – lauter bekränzte Boote siehst du? Und in dem einen sitzt meine Schwester Emma. Sie winkt mir ... Und in dem anderen dort der schöne große Mann, das ist mein Schwager Hubert – nicht tot, wie sie gesagt haben. Ich hab's ja gewußt! ... Oh, und du bist bei mir, und wir beide – wir gleiten hinter all den weißen Segeln her ...« In diesem Augenblick fuhr die Hand der barmherzigen Schwester mit ganz sanftem, sicherem Griff über die Augen der Tante Emma und legte die Lider über den gebrochenen Blick. »Sie hat vollendet,« sagte sie ernst und fest, schlug das Kreuz und trat zur Seite. Nebenan aber sprach die Gestörte noch immer mit Lord Byron. Aber jetzt klang's beruhigt, sanft, fast froh, was sie sprach. Und Ben antwortete ihr, unverwandt in ihr zärtlich suchendes Auge schauend, in tadellosem Englisch. Und er sah alles, was sie sah, und glaubte alles, was sie glaubte. Vier Stunden später, als der Abend langsam dämmerte, zog ihre still gewordene Seele der Schwester nach. Ben hat bis zuletzt ihre Hand gehalten. Und er war mit so inbrünstigem Ernst aufgegangen in seiner Rolle, daß er, als sie mit einem befreiten Lächeln in die Kissen zurücksank, leise den Kopf zu uns wendend, sagte: » She does not breath anymore, the poor thing – she is dead .« * In dieser Minute aber – und das ahnte er nicht und wir alle nicht – war Ben ein vermögender Junge. Denn, wie ich später als Testamentsvollstrecker feststellte, lag der Fall so. Tante Emma hatte Tante Leonis zu einer Zeit, da sie – immer etwas herzleidend – erwarten mußte, daß die scheinbar robustere Schwester Leonie sie überleben würde, diese zu ihrer Universalerbin eingesetzt. Leonie aber hatte an jenem Abend von Mathildens Hochzeit in Dankbarkeit für Bens wunderliche Gewaltkur an ihrer schwärmerischen Liebe ganz ordnungsgemäß den Zusatz zu ihrem Testament gemacht, durch den Ben ihr ganzes Vermögen erben sollte, wenn die Schwester Emma vor ihr die Augen schlösse. Da das Vermögen beider Tanten aber zum größten Teil in der reichen ertragbringenden Fabrik des Onkels Braun arbeitete und den einfach und sparsam Lebenden eine jährlich wachsende Rente abgeworfen hatte, so war Ben, wenn er großjährig wurde, Herr eines Kapitals, das von dreiviertel Millionen schon jetzt nicht weit entfernt war. Und das war damals noch ein hübsches Vermögen. Selbst in Frankfurt. Als Ben von seinem Erbe erfuhr, schwieg er sehr verblüfft. Dann erklärte er, das ginge durchaus nicht. So sei das von der gerechten und gütigen Tante Emma gewiß nicht gemeint gewesen; und die arme Tante Leonie sei sicher schon damals nicht mehr richtig klar im Kopf gewesen, als sie jenen Zusatz schrieb. Wir müßten alle teilen. Nicht genug damit: er entwarf in einer Cicero-Stunde, die ihn eigentlich über die verwerflichen Machenschaften des Catilina hätte aufklären sollen, einen sinnig gestaffelten Plan, wie seine Erbschaft unter die Familie auszuteilen wäre. Auch das Davidchen war bedacht, und unsere Sophie, die treue Seele, war nicht vergessen. Ja, es fand sich sogar ein etwas rätselhaft begründeter Posten unter dem Namen der Annemarie. Das Ganze war, von einigen Rechenfehlern abgesehen, eine hübsche und menschenfreundliche, wenn auch für eine Cicero-Stunde etwas ungewöhnliche Arbeit. Mit dem ganzen Eifer des Juristen, der's noch nicht lange ist, belehrte ich ihn, daß er unbedingt alleiniger Erbe und daß nach dem Wortlaut der allein gültigen, in der gesetzlichen Form niedergelegten letztwilligen Verfügung ein anderer Sinn ausgeschlossen sei. Tante Leonie, das gab ich zu, war zwar zur Zeit der Abfassung jener Zusatzbestimmung etwas exaltiert und vielleicht auch schon in den Nerven angegriffen; aber keinesfalls hatte sie der geistigen Klarheit so sehr entbehrt, daß ihr Testament als anfechtbar gelten oder seine Ungültigkeit erklärt werden konnte. Nun schämte sich Ben plötzlich, daß er einmal reicher, viel reicher sein sollte, als wir. Er schlug vor, wir sollten wenigstens seinen mühsam in der Cicerostunde ausgearbeiteten Verteilungsplan in eine wohlwollende Erwägung ziehen. Ich hatte Mühe, dem sonst gescheiten Kerl zu beweisen, daß er vor Vollendung seines einundzwanzigsten Jahres gar kein Recht habe, selbständig über dieses Vermögen zu verfügen oder gar wesentliche Teile davon zu verschenken. Er fand das blöd und benützte die Gelegenheit, zu erklären, daß er in der ganzen Juristerei eine sehr üble Angelegenheit, gewissermaßen eine Verirrung der menschlichen Vernunft erblicke und deshalb persönlich bestimmt nicht Jus studieren werde. Aber sein Lieblingsgedanke tauchte nun wieder auf: Schauspieler werden. Der Vater, als er noch lebte, hatte ihn erst ausgelacht und dann ernst ermahnt: »Alles kannst du werden, mein Jung', von mir aus. Zwei Berufe aber erwählst du mit meiner Zustimmung nicht . Du wirst nicht Offizier und nicht Schauspieler. Zum Offizier hast du nicht Geld genug. Schulden machen oder auf reiche Heirat angewiesen sein – das fehlte noch! Und Schauspieler? Wer da nicht sehr viel Talent – und Glück – hat und eine ganz besondere Note und kräftige Ellenbogen, der bringt's über eine ewige Unbefriedigtheit, eine neidzerfressene Streberei selten hinaus. Und die Welt des Scheins sieht sich hinter den Kulissen ganz anders an, als vom bequemen Parkettsessel aus. In dir steckt von den Vätern her, die alle Magister und Pastoren waren, zu viel – nenn's Korrektheit, nenn's Philistertum, nenn's bourgeoise Rückständigkeit –, um an der Hand des Theaterteufels ins grelle Glück des Ruhms zu taumeln.« Nun war der Vater tot, die Verhältnisse hatten sich geändert – wenigstens für Ben – und die Mutter war gut und schwach. Das Abiturium sollte er zwar bestimmt machen, aber dann, wenn schließlich Talent da war ... und wenn sein Herz daran hing ... Auf große Gagen war er ja nun nicht angewiesen. Tante Tüßchen, zu Rate gezogen, schwankte. Sie hatte gehört, daß große Schauspieler, wie Rossi und Devrient – dieses Namens sollte es sogar mehrere gegeben haben –, durchaus kein Geld zugesetzt hätten bei dem gefährlichen Beruf. Von einem gewissen Hugo Kunkel hingegen hatte sie gehört, daß er von der Familie, die in Offenbach durch Pfeffernüsse reich geworden war, verstoßen wurde und an obskuren Sommertheatern in der abgelegten Garderobe eines mitleidigen Vetters jetzt, als Fünfziger, noch Bonvivants mit gefärbten Haaren spielte. Ben ging mit raschem Entschluß zu Erwin Schuster, sich auf sein Talent prüfen zu lassen. Er hatte zu diesem Zweck, fleißig und sehr geräuschvoll, den Wallenstein studiert, die ganze Rolle. Als ich Fips Tomasius, dem er als einzigem Szenen daraus vorgespielt, vorsichtig befragte, wie ihm Ben als Herzog von Friedland gefalle, meinte dieser listige Jüngling: »Im »Lager« ist er am besten.« »Aber da kommt der Wallenstein doch gar nicht vor?« Fips nickte freundlich zustimmend. »Drum eben.« Diese herbe Kritik war vielleicht nicht ganz gerechtfertigt, vielleicht schon ein wenig vom Neid auf zukünftigen Ruhm beeinflußt. Oder aber von dem herben Urteil, das Ben über die Juristerei fällte, der nun wiederum Fips Tomasius nach der Familientradition zustrebte. Jedenfalls erwies sich das Studium der Riesenrolle des Wallenstein zum Zwecke der Talentprobe als unnötig. Denn Erwin Schuster legte bei der Prüfung auf andere Dinge Wert. Der große Künstler empfing Ben in einem dick von Tabakswolken erfüllten Zimmer, den Leib sorglich in einen türkischen Schlafrock gewickelt, ein feuchtes Tuch um die oben ausrasierte Stirne. Er hatte am Abend zuvor etwas lange gekneipt und war menschlich nicht ganz auf der Höhe. Aber freundlich und gnädig, wie es einem genialen Menschendarsteller ziemt, der von einem werdenden Kollegen ausnahmsweise nicht angepumpt, sondern bloß um Rat gefragt wird. Den Wallenstein, wie gesagt, lehnte er als Talentprobe leider ab. Auch von Egmont, den Ben anbot, wollte er für diesen Fall nichts wissen. Hingegen ergriff er plötzlich ein grün und rot kariertes Sofakissen, schleuderte es mit kräftigem Ruck in die Diwanecke und ersuchte Ben, sich vorzustellen, daß dieses Sofakissen die schöne Desdemona sei. Er, Ben, sei jetzt Othello, der Mohr von Venedig. Er habe die Desdemona, sein heißgeliebtes Eheweib, im Verdacht, daß ... Ben unterbrach, errötend, mit der Anmerkung, daß ihm das Stück bekannt sei. Schön. Dann solle Ben jetzt den Bettvorhang zurückschlagen. Der war nicht da. Aber Schuster machte das mit großer Geste vor, wie man solchen Bettvorhang, der nicht da ist, mit einem imponierenden Griff in die Luft beseitigt. Dann faßte der Künstler wieder an den schmerzenden Kopf. Hierauf stellte Erwin Schuster dem aufmerksam lauschenden Ben diese künstlerische Aufgabe: er solle – mit dem Hintergedanken, daß er die schöne Desdemona später erwürgen werde – zu dem Sofakissen nur diese Worte sprechen: »Hast du zur Nacht gebetet, Desdemona?« Ben hat später zugegeben, daß ihn diese konzentrierte Prüfung befangen machte. Aber er meinte, daß er trotzdem vielleicht der neuen und schwierigen Aufgabe Herr geworden sei, wenn nicht das Sofakissen, als er sich zu der gewünschten Frage niederbeugte, ob es zur Nacht gebetet, so infam nach Pfeifentabak gerochen hätte. Diese Wahrnehmung habe ihn aller Illusion beraubt, und er glaube selbst, daß seine Frage nach dem Nachtgebet nicht sehr mohrenhaft, sehr shakespearisch oder auch nur sehr venezianisch ausgefallen sei. Erwin Schuster äußerte nichts weiter über den Eindruck, den er von Bens künstlerischer Leistung empfangen hatte. Er nahm vielmehr ein Buch aus seiner Bibliothek, die sich Ben reichhaltiger gedacht hatte, und fragte über die Achsel, ob Ben die Lessingsche »Emilia Galotti« bekannt sei. »Gewiß,« beteuerte Ben und überlegte bei sich, ob am Ende wieder das üble Sofakissen eine Rolle in der Komödie spielen sollte. »Ich würde mich da,« fügte er zögernd hinzu, »am meisten für die Figur des Kammerherrn Marinelli interessieren.« Erwin Schuster runzelte die Stirn. »Der Marinelli verlangt eine reife Kunst. Eine ganz reife. Ich spiele ihn selbst erst seit fünfzehn Jahren. Nein – aber der Prinz, das wäre Ihre Rolle! Wir wollen einmal versuchen. Nehmen Sie das Buch, bitte. Nein, nicht ganz am Anfang – wir probieren nur ein charakteristisches Moment. Ich bin jetzt der Maler Conti – ich habe Ihnen eben das bestellte Bildnis der Gräfin Orsina gebracht. Sie haben's gleichgültig weggestellt und Vortreffliches über die Kunst gesagt.« Ben war sehr froh, daß er das Vortreffliche schon gesagt hatte. »So – jetzt –« Erwin Schuster nahm zu Bens großem Erstaunen ein Porträt von der Wand, eine Photographie in etwas verschmutztem Goldrahmen. »Jetzt – stelle ich plötzlich das Bild der Emilia Galotti vor Sie hin – Sie wissen: der Prinz liebt die Emilia ...« Ben wußte das. Aber ihm wurde übel zumute. Denn das Bild, das angeblich die schöne Emilia Galotti darstellen sollte und das Erwin Schuster jetzt, die Finger voll Staub, auf einem Armsessel aufbaute, zeigte durchaus keine schöne Frau. Überhaupt keine Dame, sondern zu Bens Entsetzen die wohlbekannten Züge des Direktors Tycheles, der, ein Jugendfreund Schusters, diesem zu seinem Bühnenjubiläum kein sinnigeres Geschenk hatte zu machen gewußt, als sein Konterfei im hochgeknöpften Bratenrock und mit allen Würdefalten des Schultyrannen. »So« – Schuster war von seiner Inszenierung befriedigt – »ich gebe Ihnen jetzt – haben Sie's? Hier, bitte, Seite zehn – gebe Ihnen jetzt das Stichwort. Also –« Schusters Antlitz glättete sich blitzartig zu höfischer Verbindlichkeit. Sein Blick war milde und seine Rede Öl, als er, sein Schädelweh vergessend und in die Rolle des Malers Conti kriechend, auf das Bild deutete und nach Lessings Vorschrift zum Prinzen Ben sagte: »Eine bewundernswürdigere Kunst gibt es, aber sicherlich keinen bewundernswürdigeren Gegenstand, als diesen .« Ben gab sich alle Mühe, ein Prinz zu sein. Aber die Verzücktheit des vom Anblick des heimlich geliebten Wesens jäh Betroffenen gelang ihm durchaus nicht, als er, dem alten Tycheles, der ihm herzlich unsympathisch war, ins zerknitterte Gesicht starrend, die Worte seiner Rolle hervorstieß: »Was seh' ich? Ihr Werk, Conti? Oder das Werk meiner Phantasie? – Emilia Galotti!« »Wie, mein Prinz? Sie kennen diesen Engel?« Schuster äußerte das in tiefstem Erstaunen. Für die Antwort des Prinzen schrieb Lessing nun, in Klammern, dem armen Ben vor: »indem er sich zu fassen sucht, aber ohne ein Auge von dem Bilde zu verwenden.« Das war kein Vergnügen für Ben, der diesen unangenehmen Mann in der Oberprima noch als Ordinarius zu erwarten hatte. Seiner Rede fehlte deshalb auch alle Herzlichkeit, als er dem Maler Conti antwortete: »So halb! – um ihn eben wiederzuerkennen.« »Sie – um sie wiederzuerkennen!« korrigierte Erwin Schuster. »Es ist doch die Emilia Galotti!« »Pardon – ja. Um sie eben wiederzuerkennen.« Und Ben fährt in der Rolle fort: »Es ist einige Wochen her, als ich sie mit ihrer Mutter in einer Vegghia traf. – Nachher ist sie mir nur an heiligen Stätten wieder vorgekommen – wo das Angaffen sich weniger ziemt. – Auch kenn' ich ihren Vater. Er ist mein Freund nicht.« Diese allerletzten Worte kamen mit guter, überzeugter Betonung. Aber Erwin Schuster hatte das Bildnis seines Freundes, des Direktors Tycheles, schon wieder ergriffen und war dabei, es an den Nagel an der Wand zu hängen. Dann versuchte er sich den Staub von den Fingern zu blasen, was nicht ganz gelang, und entschied energisch, aber nicht unfreundlich: »Nein, mein junger Freund. Er reicht nicht. Sie haben nicht die überwältigende Kraft der Phantasie, die notwendig, ja, die unerläßlich ist für einen Charaktersucher, für einen tiefschürfenden Menschengestalter. Sie haben Worte gesprochen – korrekt und nicht sinnlos – aber Sie haben nicht die erwachende Desdemona gesehen in ihrer rührenden blonden Schönheit, als Sie sich anschickten, sie zu erwürgen ...« Ben dachte, daß er sie aber gerochen hatte, und daß ein nach Tabak duftendes Sofakissen ihn nicht begeistern könne. »– und das Bild der Emilia Galotti, nach der Sie – als Prinz – mit jeder Faser Ihres Herzens verlangen, hat Ihrer Stimme nicht das heimliche Beben glutvoller Leidenschaft zu verleihen vermocht.« »Mein Gott, Herr Schuster,« Ben wagte, bescheiden im Ton, diese Einwendung, »vielleicht – wenn das Bild wirklich eine Dame vorgestellt hätte, wenn auch ein alte Dame und ...« »Das ist eben – verzeihen Sie dem erfahrenen Künstler das harte Wort – ist eben das Un genialische, das Ewig-Dilettantische, das Unausrottbar-Kitschige. Ob das Bild zufällig ein Nilpferd darstellt oder einen Harzer Käse – das ist total gleichgültig. Die große Suggestion, die die anderen erfassen, schütteln, bezwingen soll, all die Blödiane in den Logen und im Parkett, die muß von Ihnen selber ausgehen, muß Sie selbst zuerst gepackt und durchknetet haben.« Und als ob er zeigen und beweisen wollte, wie dies Wunder geschehe, näherte er sich einem ausgestopften und etwas von den Motten zerfressenen Uhu, der mit großen grünen Glasaugen auf dem niedrigen Ofen stand, legte die Hand mit den blitzenden Brillantringen schweratmend aufs Herz, rang beängstigend nach einem Wort, fand es endlich und lächelte, unsagbar beglückt, den verstaubten Vogel an: »Was seh' ich? Ihr Werk, Conti? Oder das Werk meiner Phantasie? – Emilia Galotti!« Und sich wieder zu Ben wendend, sagte er mit der rasch erschlafften Miene des schwer Verkaterten: »Und dabei vergesse ich keinen Augenblick, daß es ein Uhu ist.« ... In der Nacht, die diesem schweren Prüfungstage folgte, hatte Ben einen schrecklichen und bedrückenden Traum. Er schoß einen Uhu in unserem Garten. Und als der Vogel vom Aste fiel, war's gar kein Uhu, sondern der Direktor Tycheles. Dem aber Federn aus den Ohren wuchsen. Und in entsetzlicher Angst packte Ben seine Jagdbeute in den blau und rot gewürfelten Überzug eines riesigen Sofakissens und warf die abscheuliche Last in ein Gewässer, das gerade so aussah, wie der Main bei Schwanheim, von dem Ben aber, ohne je in Ägypten gewesen zu sein, wußte, daß es nur der Nil sein konnte. Als er in durchgeschwitztem Hemde aufwachte, hatte er den Gedanken, Schauspieler zu werden, für alle Zeiten aufgegeben. Aber er ging hinfort auch nicht mehr so gern, wie früher, ins Theater. »Wenn ich jetzt den Schuster auf der Bühne sehe, muß ich immer an den Uhu auf dem niedrigen Ofen denken,« sagte er. Dafür las er viel. Alles durcheinander aus Reclamheftchen, die sich schließlich auch zwischen den Seiten des Tacitus und Cicero unterbringen ließen. Andersen und Calderon, Heine und Puschkin, Swift und Jokai, Börne und Immermann. Oft ließ er sich auch von Ruth Baddach beraten, bei deren Vater Paul Heyse und Georg Ebers verkehrten, wenn sie durch Frankfurt kamen, und die alles las, was dem Konsul von seinem Buchhändler geschickt wurde. Und dann trieb er auch Reitsport. Das letztere Vergnügen verdankte er eigentlich Tante Tüßchen. Die hatte der Mutter den Gedanken nahegelegt, wie gefährlich es sei, wenn Ben einmal, als Einundzwanzigjähriger, plötzlich nach dem Gesetz über ein großes Vermögen frei verfügen könne, ohne vorher an ein etwas kostspieligeres Leben gewöhnt worden zu sein. Wie in allen Dingen Beispiele die Stärke ihrer Rede waren, so kannte sie auch hier einleuchtende Exempel von Jünglingen, die, in allzu spartanischer Einfachheit erzogen, dann plötzlich zu Geld gekommen, in einer einzigen Woche oder gar in noch kürzerer Zeit Hunderttausende verzettelt und verjubelt hatten. Speziell einen Fall hatte sie im Auge, wo der Sohn eines kalifornischen Krösus – oder war es ein indischer Radscha? – in Unkenntnis seines Reichtums herangewachsen war und dann, als sein Schatz ihm meuchlings übermittelt wurde, einer Bauchtänzerin haselnußgroße Brillantringe für alle zehn Fußzehen geschenkt hatte. Wenn auch meine Mutter nicht glaubte, daß Ben die Ersparnisse seiner guten Tanten sofort in Brillantringen für die Füßchen einer Bauchtänzerin oder ähnlich schmachvoll anlegen würde, so machten die Worte der besorgten Schwester doch Eindruck auf ihr leicht zu verdüsterndes Gemüt. Ein wenig abergläubisch, wie sie war, empfand sie es auch als eine Art Warnung des Schicksals, daß just an diesem Abend der Raimundsche »Verschwender« in einer Neueinstudierung im Schauspielhaus gegeben wurde. Rasch entschlossen, spendierte sie dem überraschten Ben einen Parkettsitz für dieses höchst lehrreiche Stück und ließ sich abends, als er heimkam, den Inhalt, den sie nicht mehr recht zu kennen heuchelte, ganz genau von ihm erzählen. An diese Erzählung knüpfte sie dann belehrsame Erörterungen über den höchst verderblichen Leichtsinn des sonst sympathischen Julius von Flottwell. Wenn Raimund diesem allzu großzügigen Genießer die edle Fee Cheristane und später in der Gestalt des Bettlers den nicht minder wohlgesinnten Geist Azur beigegeben, so habe er, scheine ihr, damit sagen wollen, daß man überirdische Kraft zu Hilfe rufen müsse, um der gefährlichen Neigung zu sinnloser Verschwendung erfolgreich zu widerstehen. Ben, der sich während dieser Unterredung das warm gehaltene Abendessen mit gewohntem Appetit schmecken ließ, gab zu, daß das eine durchaus verständige Erklärung sei, und äußerte, er habe in der großen Pause bereits ein vorzügliches Schinkenbrötchen dem Theater gegenüber bei der Frau Hold zu sich genommen. Die Mutter wies dann auf die vorbildliche, aber leider seltene Treue des Dieners Valentin hin, die, als ein Glücksfall für den leichtsinnigen Herrn von Flottwell, durchaus nicht immer in Rechnung zu stellen sei. Namentlich nicht bei den derzeitigen Dienstbotenverhältnissen. Ben, der ein kaltes Hühnerbein in Arbeit hatte, bestätigte das und fügte seinen früheren Mitteilungen hinzu, daß die Frau Hold für eine schließlich auf Zuspruch angewiesene Wirtin zwar erstaunlich grob, aber ihr Schinken weitaus der beste in Frankfurt sei. Die Mutter rühmte, wie solche Zaubermärchen durch einen tieferen Sinn so gut oder nicht viel schlechter, als die »Iphigenie« des großen Mitbürgers oder die »Räuber« seines Freundes, zum Nachdenken anregen müßten. Ben, der sich, abschließend, einen Apfel schälte, ging hierin mit ihr einig und erzählte, daß auch Elsbeth Tomasius im Theater gewesen sei. Ganz in seiner Nähe. Und oben im ersten Rang habe Ruth Baddach gesessen. Die finde aber den »Verschwender« zu sentimental. Die Mutter gab nun ihrer Überzeugung Ausdruck, daß gesunde Leibesübungen nicht eigentlich – auch wenn sie Geld kosteten – zur sogenannten Verschwendung zu rechnen seien. Der junge Körper müsse gestählt und ein Gegengewicht gegen das viele Sitzen über den Büchern geschaffen werden. Und wenn Ben wirklich meine, daß ihm der Reitunterricht zuträglich sei, so wollte sie ihm gestatten, am Samstag mal im Reitinstitut von Zwerg und Söhne anzufragen, ob er vielleicht noch an einem Kursus teilnehmen könne. Als er dies hörte, ließ Ben die letzte Apfelscheibe, die ohnedies etwas angestoßen war, auf den Teller zurückfallen, sprang auf und herzte seine »alte Dame« ab, daß der ganz angst und bange wurde. Er versprach ihr jubelnd, ganz bald Fensterpromenade zu reiten, worauf sie keinen Wert legte in der nicht unrichtigen Anschauung, daß gründliche Übungen in der Bahn, in deren Sand man schließlich weicher falle, als aufs Straßenpflaster, unbedingt vorausgehen müßten. Auch nahm sie Ben das Wort ab, keine zu feurigen Tiere zu besteigen; keine Hengste, von denen sie sich arger Unarten versah. In dieser Vorsicht lag vielleicht eine gewisse Überschätzung des Pferdematerials von Zwerg und Söhne; aber eine Vereidigung Bens schien ihr dennoch nötig. Die Mitternacht war nahe, da hörte man noch aus Bens Stübchen gedämpften Gesang. Er hatte noch rasch einen Brief geschrieben. Jetzt zog er sich, vergnügt und mit sich und seinem Tagewerk zufrieden, aus und sang dazu, nicht ganz richtig, aber von Herzen, das eigentlich so resignierte Lied des Valentin, das sich doch die Welt und just alle jungen, hoffenden Herzen erobert hat: Da streiten sich die Leut' herum Wohl um den Wert des Glücks. Der eine heißt den andern »dumm«, Am End' weiß keiner nix ... Zwölftes Kapitel Es gibt sonderbare Zufälle. Ben hatte Mittwochs und Sonnabends seinen Reitkursus. Jung, schlank, geschmeidig wie er war, erlernte er die Kunst, ein Pferd mit Hand und Schenkeln zu regieren, rasch. Und wenn es auch nicht eben die feurigen Berberhengste waren, die manchmal in der Mutter angstvollen Träumen, aber nicht in den Ställen von Zwerg und Söhne vorkamen, so gab ihm der Stallmeister doch schon bald die schwierigeren Pferde. Zu denen in erster Linie ein Schimmel, eine gewisse »Undine«, gerechnet wurde, die hartmäulig und unzuverlässig war, und ein nervöser Fuchswallach, namens »Kobold«, der dieser Bezeichnung alle Ehre machte, indem er mit Vorliebe plötzlich in irgendwelche offene Türen einzubiegen strebte, gleichviel wohin diese Öffnungen führten und ob ihr Rahmen hoch genug war, auch den Reiter ohne Schrammen und Beulen mit durchzulassen. Schon nach Bens zwölfter Unterrichtsstunde war ein »Musikreiten« des Mittwochskursus angesetzt in Gemeinschaft mit einem Dienstagkursus, der von Damen geritten wurde. Ben hatte zu diesem ersten Reitfest der Mutter neue Gamaschen abgeschmeichelt, von Tante Tüßchen prachtvolle Schnallsporen erwirkt und meine besten Ballhandschuhe dazu angezogen, so daß er, hübsch und frisch, wie er war, in sicherem Sitz auf dem »Kobold« eine ganz gute Figur machte, als er als erster in die geschmückte Bahn einritt, sieghaft lächelnd, als habe er eben das Derby zu Epsom gewonnen. Und nun kam der Zufall – wenn man geneigt bleibt, nach genauer Kenntnisnahme der Tatsache das noch so zu nennen. Als erste Dame des Dienstagkursus ritt eine halbe Minute später zur entgegengesetzten Tür heraus aus dem Stall in die Bahn, schlank, federnd im Sitz, das runde Hütchen verwegen auf dem tiefschwarzen Haarknoten – Ruth Baddach. Sie grüßte lächelnd, den blanken Silberknopf des Reitstöckchens an die Hutkrempe legend, den ob dieser Begegnung höchst verblüfften Ben. Der hatte von seinen Reitstunden bloß dem Fips Tomasius, sonst niemandem, etwas erzählt; und dem eigentlich auch nur, um seinen durch die Muskelschmerzen in den Oberschenkeln bedingten breiten Matrosengang aus dem gemeinsamen Schulweg zu erklären. Er hatte sich all die Wochen mit heimlicher Vorfreude ausgemalt, ein wie stolzes und ritterliches Bild die Überraschung ergeben müßte, wenn er eines Morgens, Sporen am Gurt, auf tänzelndem, schäumendem Roß erst am Fenster der Elsbeth Tomasius und dann in der Liebigstraße am Fenster der Ruth Baddach vorbeiritt und, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt, die jungen Damen aus dem Sattel grüßte. Und nun hatte Ruth Baddach auf diese Überraschung durchaus nicht am Fenster in der Liebigstraße gewartet, sondern war selbst in einem sehr gut sitzenden und die Anmut ihrer knospenden Büste hebenden Reitkleid zu Pferd gestiegen und grüßte ihn dort drüben in anmutiger Sicherheit mit dem silberbeknopften Reitstock. Durch diese unvorhergesehene Programmänderung geriet Ben in eine üble Verwirrung. Er vergaß die neuen Sporen, vergaß den vorschriftsmäßigen Knieschluß, vergaß vielleicht überhaupt, daß er im Sattel saß. Hierdurch verletzte er irgendwie »Kobolds« stallberühmte Empfindlichkeit. Die Gemütsbewegung des Reiters offenbar durchaus mißverstehend, stieg der nervöse Fuchs fast senkrecht in die Höhe und schlug dann sofort hinten aus. An den blitzartigen Wechsel dieser Übungen noch nicht gewöhnt, flog Ben, wie geschleudert, über den Hals des edlen Tieres und lag, als er die Situation wieder begriff, ohne Hut, mit meinen geplatzten Handschuhen in der Bahn. »Machen Sie das öfter?« fragte Ruth mit ironischer Anteilnahme, nachdem sie sich, herantrabend, überzeugt, daß Ben sich weiter nicht beschädigt hatte. Ben beteuerte ärgerlich, daß dies das allererste Mal gewesen sei. Dann machte er sich, innerlich fluchend, daran, »Kobold«, der fröhlich schnaubend einen kleinen Siegesgalopp die Wand entlang riskierte, wieder einzufangen. Da gerade die Musik in der Seitenloge die Instrumente stimmte, was »Kobolds« neckischen Übermut zu stacheln schien, und in der Mittelloge einige Zuschauer, darunter Offiziere der Bockenheimer Husaren in ihren hellblauen Jacken, erschienen, so trieb die ärgerliche Unternehmung dieser Pferdejagd ohne Lasso dem guten Ben den Schweiß aus allen Poren. Tante Tüßchen aber, die eben mit meiner Mutter und Frau Morgenthau in die Loge neben der Musik eintrat, war der Ansicht, dies sei die erste Programmnummer, daß jeder sein Pferd einfange. Erfreut über den schönen Eifer, mit dem Ben sich dieser offenbar nicht leichten Aufgabe entledigte und bald hinter dem »Kobold« hersprang, bald ihn, eine Bahnecke abschneidend, zu überlisten suchte, klatschte sie herzlichen Beifall. »Was macht er denn?« fragte Frau Morgenthau erstaunt. »Ich denke, wir sollen sehen, wie er reitet –? Aber er läuft ja zu Fuß?« »Er fängt sich erst sein Pferd,« erläuterte Tante Tüßchen. »Das ist so.« »Aber er hat ja Sand auf dem Rücken?« meinte die Mutter besorgt. Und dachte dabei, ihr wäre es lieb, wenn auch alles weitere an diesem Nachmittag zu Fuß abgemacht werden könnte. Und dann sagte sie plötzlich – und ihre Augen blickten verträumt vor sich hin – mehr zu sich selbst, als zu den anderen: »Was wohl mein guter Hubert dazu sagen würde, wenn er seinen Jüngsten jetzt so sehen könnte, wie er, gespornt, Sand auf dem Rücken, hinter einem davongaloppierenden Pferde herläuft?« Und im Nachdenken machte sie die alte Erfahrung, daß es schwer ist, sich vorzustellen, was Tote zu einer neuen Zeit und ihren neuen Sitten und Bräuchen sagen möchten, die sie nun einmal nicht erleben durften, nicht ahnen konnten. Nebenan lächelten die Reiteroffiziere diskret. Dann klappten sie plötzlich, wie auf Kommando, die Hacken zusammen und grüßten, Hand an den Mützen, die vorübertrabende Ruth Baddach. » Die sollten Sie sich fischen, Pichelsdorf!« flüsterte der Rittmeister einem kleinen, dicken Oberleutnant ins Ohr, der aussah, wie eine Burgunderreklame. »Dann könnten Sie jede Nacht im Écarté das nette Sümmchen verlieren, das sich gestern der Bruchsaler Dragoner von Ihnen mitgenommen hat.« »Wenn ich die bekäme, blieb' ich sogar vielleicht mal 'ne Nacht zu Hause,« äußerte der Oberleutnant von Pichelsdorf und klemmte das Einglas ins linke Auge. Auf diese Kunst war er sehr stolz, weil die Kameraden das Einglas nur rechts einklemmen konnten. »Pichelsdörfchen wird auf Vorrat solide,« lachte der Rittmeister. »Übrigens« – er nickte hinter Ben her – »der Junge sitzt gar nicht schlecht.« Ben hatte endlich »Kobold« überlistet, und es war ihm gelungen, den Fuchs ohne Hilfe zu besteigen. Mit doppeltem Ehrgeiz und Eifer besorgt, die kleine Blamage vergessen zu machen, nahm er jetzt seine Knochen und alle Energie zusammen und ritt, wirklich sehr hübsch für einen Anfänger, äußerst gewissenhaft die Figuren der Quadrille. Als Kavalier Ruths, die einem vorzüglich zugerittenen Rappen ihres Vaters die Lösung des Figurenrätsels ruhig überlassen konnte. Der Rappe kannte die Bahn und die Musik, kannte die Kommandos und den »Kobold«, kannte sogar in der Loge den kleinen, dicken Oberleutnant Pichelsdorf, der das Einglas links zu befestigen vermochte. Denn der war sein früherer Besitzer und hatte ihn mit einem erfreulichen Profit von achthundert Emmchen dem Kommerzienrat Baddach angedreht, weil er – der Rappe – zwar in der Bahn ein sehenswertes Tier war, aber draußen leider jedes Hindernis refüsierte ... Als Ben an einem Sonntagvormittag im August das viertemal ausreiten durfte, allein, traf er – wiederum zufällig – am Brunnen des »Lachhannes« in der Taunusanlage Ruth Baddach, die, einen kleinen schicken Groom auf einem Halbpony hinter sich, dem Main zutrabte. So ritten sie beide nach dem Forsthaus und frühstückten da gemütlich und unbekümmert im Buchenschatten. Tranken Kaffee, aßen Kuchen, fütterten die Hühner und beachteten es weiter nicht, daß zwei Tische hinter ihnen der Senator Buck, mit einem Thermometer seine warme Milch umrührend, im Wechselgespräch mit der sichtlich um den Morgenschlaf verkürzten Gattin den Wandel der Zeit mißbilligte, der es jungen, sehr jungen Leuten gestattete, zu früher Morgenstunde, allein oder vielmehr zu zweien, im Walde sich zu ergehen. »Aber sie sind doch zu Pferd ,« meinte Frau Ida und gähnte. »Jetzt nicht,« sagte der Rat streng. Und damit hatte er recht. Denn die beiden Pferde bewegte der Groom am Waldrand, was, wie Ben zuweilen mit verstohlenem Blick konstatierte, einen sehr wohlhabenden Eindruck machte. In einiger Entfernung saß der Professor Kunkel zum Schutz vor der Feuchtigkeit auf seinem mitgebrachten Plaid und tauchte ein altbackenes Hörnchen in die Schokolade, die er statt des eigentlich bestellten Kaffees endlich bekommen hatte. Er ließ dabei, über seine Brille spähend, die beiden nicht aus dem Auge. Da der einsame Genießer von niemand hier gesucht oder erkannt wurde, so blieb am anderen Tage in der lateinischen Stunde sein Ausspruch Ben gegenüber rätselhaft: »Ja, mein Bester, davon allein, daß Sie, mit Sporen an den Beinen, in Gesellschaft von Amazonen die Hühner mit Rosinen füttern, werden Sie die Perfekta auf »i« ohne Veränderung der Quantität des Stammvokals wohl nie begreifen!« Dreizehntes Kapitel Es hing wohl weniger mit den Perfekta auf »i« ohne Veränderung der Quantität des Stammvokals, als vielleicht mit der Pflege des Sports zusammen, daß Ben jetzt rasch männlicher wurde in Ton, Rede und Gebärde. In seinem Zimmerchen, das er hübsch und geschmackvoll mit allerlei Buntdrucken ausgestattet hatte, roch es oft leicht und angenehm nach ägyptischen Zigaretten. Und zweimal in der Woche tat er gegen Abend einen geheimnisvollen Gang, der ihn nach seiner Aussage bald da, bald dort mit den Freunden Fips Tomasius, Tommy Schupp und Willibald von Gollwitz zu wissenschaftlicher Aussprache zusammenführte. Diese Aussage habe ich nie so wörtlich genommen, wie die gute Mutter, die sich entzückt zeigte von der Animiertheit, in der Ben stets von diesen wissenschaftlich beschwingten Zusammenkünften heimkam. Es hat sich später herausgestellt, daß diese Aussprache der Freunde allemal in einem lauschigen Eckchen der Weinstube »Zur Stadt Athen« in der Bockenheimer Gasse stattfand. Dort gab es in gebuckelten, offenen Fläschchen süße und angenehm harzige Weine, die die feurige Sonne von Hellas gereift und der Konsul Menzer in Neckargemünd nach Deutschland importiert hatte. Diese auch in der Farbe erfreulichen Getränke, die zum Teil von den berühmten Inseln Ithaka und Mytilene stammten, hatten auf der Karte gar stolze und heroische Namen, die ihre Bestellung humanistisch gebildeten jungen Männern ganz besonders empfehlen mochten. Sie hießen »Agamemnon«, »Odysseus«, »Ajax«, und ein ganz besonders süßer und molliger Tropfen, der wie die flüssige Sonne selbst im Glase stand, hieß »Helena«. Es hatte sich nun bei der wissenschaftlichen Aussprache der jungen Freunde in der um die frühe Abendstunde nie sehr besuchten »Stadt Athen« der liebenswürdige Brauch herausgebildet, sich die Namen der jeweiligen Lieblingsgetränke als Kneipnamen beizulegen. So hieß Fips Tomasius »Odysseus«, was zum listigen Zwinkern seiner stets vergnügten Augen gut paßte. Tommy Schupp hieß »Ajax«. Willibald von Gollwitz hatte sich in Getränk und Namen für »Agamemnon« entschieden. Ben aber war »Paris«. Das Wohl der Damen wurde in »Helena« ausgebracht. Und dazu aß man knusprige Keks, den Teller zu einer halben Mark, die umständlich und gewissenhaft mit Streichhölzern ausgeknobelt wurden. Ben aber befolgte in diesem Symposion, wie er den Freunden gestand, eigentlich nur das gute Beispiel des Dichters Otto Honneff. Dieser hatte einmal ein hübsches, von Ben besonders geschätztes Lied geschrieben, das begann: Mich juckt das Fell wohl dann und wann – Drum will ich mich erdreisten: Warum soll sich ein deutscher Mann Nicht einen Humpen leisten? »Dein irdisch und dein himmlisch Wohl Bedrohen schwer die Reben, Es will nun mal der Alkohol Dir keinen Frieden geben!« Ach, alles das mag sein, mag sein – Ich will den Römer fassen Und sprech': Der Deutsche soll den Wein Sich nicht verekeln lassen! »Zur Sünde macht der Saft geneigt –« So tadelt das Gekreische, »Wo sich ein hübsches Mädel zeigt, Da wirst du schwach im Fleische. Du redest gar im lockern Reim, Du faßt sie um das Mieder; Und leitest du sie abends heim, Singst du verbot'ne Lieder ...« Ach, alles das mag sein, mag sein – Doch soll's euch auch verdrießen, Ich trotz': Der Deutsche soll den Wein Nicht auf die Erde gießen! Wohl denn, ich lob's, wenn Nüchternheit Bedächtig will beraten; Doch seht, ein Rausch, vom Mut gefeit, War Vater aller Taten; Und wen wir heut mit Huldigung Als tapfern Helden loben, Der hat als Zecher, keck und jung, Den Becher auch erhoben. Der goß das goldne Labsal ein Und sprach nach Vätersitten: Ein Deutscher soll den edlen Wein Nicht liederlich verschütten! Diese Verse zitierte Ben gern. Er wußte auch zu berichten, daß der Dichter – wie alle wirklich bedeutenden Menschen – seine hier vorgetragene Lehre gelebt habe oder noch lebe. Und daß er das Leid um Tante Leonie, aus dem er schon drei Bücher gemacht hatte, allabendlich aufs neue durch den »Vater aller Taten« zu bekämpfen suche. Ben aber trug Leid um Elsbeth Tomasius. Die hübsche Blondine war seit einigen Wochen – teils um sich in der französischen Sprache zu vervollkommnen, teils um das notwendigste für den Haushalt zu erlernen, das ihr die selbst recht unpraktische Frau Malwine leider nicht beibringen konnte – von ihrem Vater für ein Jahr in eine Pension am Genfer See gebracht worden. Erst nach ihrer Abreise kam es Ben zu vollem Bewußtsein, daß das liebe, gutherzige Mädchen unbedingt zu seinem Leben gehöre. Ja, er hatte die naive Grausamkeit, Ruth Baddach von seiner Betrübnis zu sprechen. Ruth Baddachs Augen wurden klein, als ob sie in eine weite Ferne sehe, als sie ruhig entgegnete: »Elsbeth ist ein schönes, ein deutsches Mädchen. Sie ist ganz dazu angetan, einen Frühling auszufüllen, aber kein ganzes Leben!« Ben war anderer Ansicht. Er zürnte Ruth wegen dieses Ausspruchs und fand die Bücher, die sie ihm lieh, nicht mehr so interessant, wie früher. Er verschaffte sich Bilder des Genfer Sees und einen Baedeker der französischen Schweiz, um wenigstens über die Wege, die ihr Fuß wandelte, orientiert zu sein, und über die Aussichten, die sie auf den Montblanc genoß. Und dann begrub er zweimal in der Woche sein junges Leid, »wie die Goten – ihren König Alarich« in der Stadt Athen. Und Fips, Tommy und Willibald, die persönlich nichts zu begraben hatten, schlossen sich gern als Trauergefolge an. Eines schönen Herbstabends kam ich nach einer langweiligen Schwurgerichtssitzung, in der ich Protokoll hatte führen müssen, nach Hause. Als ich, noch mit Überzählung der Meineide beschäftigt, die heute wohl geschworen worden waren, im Korridor meinen Mantel ablegte, hörte ich erregte Stimmen in der guten Stube. Die Mutter – Ben dazwischen – und dann eine dunkle Männerstimme, die mir für einen freundschaftlichen Besuch unerfreulich laut und heftig schien. »Wer ist denn bei meiner Mutter –?« »Ei, der Herr Rat Tomasius.« »Was will er denn?« Ich bereute diese Frage sofort. Denn ich sagte mir selbst, daß der Rat Tomasius unserem Bärbchen kaum den Zweck seines Besuches auseinandergesetzt hatte. »Ei, ich glaub' als, sie duhe sich zanke.« Ich überlegte einen Augenblick. Daß es gerade der Rat war – schien mir nicht angenehm. Aus Gründen. Und warum waren sie so erregt – beide, den Stimmen nach – die Mutter und der Rat? Aber Ben war zugegen – besonders Schlimmes konnt' es daher nicht sein, sonst hätten sie doch nicht gerade Ben ... Aber vielleicht brauchte die Mutter Unterstützung in diesem rätselhaften Disput – und dann: ich hatte eine gewisse herzklopfende Neugier, die mir sonst fremd ist. Mit geheuchelter Unschuld – die sinnlos war, denn die Stimmen mußte ein Tauber auf dem Korridor vernehmen – trat ich ein. »Ach, Verzeihung – ich wußte nicht.« »Gut, daß Sie kommen,« sagte der Rat Tomasius. Aber sein Gesichtsausdruck war durchaus nicht so erfreut, wie es seine Worte vermuten ließen, als er ohne weitere Begrüßung zwei rasche Schritte auf mich zu machte. Er hatte einen feuerroten Kopf. Brille und Krawatte saßen schief. »Ja, es ist ganz gut, daß du kommst,« nickte meine Mutter. Die war nun wieder recht blaß. Sie saß auf dem Sofa und hielt die Hände fest gefaltet im Schoß. Ben stand am Trumeau und betrachtete den Abguß der Danneckerschen Ariadne, als ob er die Tochter des Minos hier zum ersten Male sehe und sich sehr verwundere, daß sie nackt auf einem Tiger reite. »Wissen Sie, was Ihr Bruder getan hat?« »Nein.« Ich sah zur Mutter. Die schwieg. Auch Ben äußerte nichts und verwunderte sich weiter über die verlassene Braut des Dionys. »Oder vielmehr, was er noch tut?« fragte der Rat. Mir schien es richtiger, statt über Perfektum oder Präsens zu streiten, einmal von der Sache selbst zu reden. Dazu war der Rat Tomasius aber jetzt offensichtlich entschlossen. Er trat dicht vor mich hin, und sein Hals schwoll im Zorn so sehr an, daß ihm der locker geschürzte Selbstbinder aufging. Ich wagte ihn nicht darauf aufmerksam zu machen, mußte aber immer hinsehen. »Der junge Herr« – der Rat legte gereizte Ironie in seinen Ton – »schreibt heimlich Briefe! Verliebte Briefe! An meine Tochter in die Schweiz! Verstehen Sie?« Ich verstand. Der Rat aber, mit der Gründlichkeit des Juristen, hatte seiner Tasche ein zerknittertes Blatt entnommen, mit dem er offenbar schon öfter so die Luft durch fuchtelt, wie eben jetzt. » Solche Briefe – in die Pension – meiner Tochter – nach der Schweiz!« Da klang, ganz ruhig und fest, meiner Mutter Stimme vom Sofa: »Sie vergessen nur, Herr Rat, daß Ihr Fräulein Tochter – ihm geantwortet hat.« »Was denn!« schnaubte der Rat, »es ist ein junges Mädel!« »Gewiß,« vom Sofa kam freundliche Bestätigung. »Sonst würde Ben wohl kaum an sie geschrieben haben – und sie nicht an ihn.« Diese einfache Weisheit, ruhig, ja liebenswürdig vorgetragen, ließ den Rat einen Moment stutzen. Die Mutter, die ihren Sohn – ohne sein Handeln zu billigen – verteidigte, brachte ihn aus dem Konzept. Er ging in hastigen Schritten umher. Dann blieb er vor Ben stehen. »Liebesbriefe – in die Schweiz !« Er legte auf die »Schweiz« einen drohenden Ton. Mir fiel die Stelle aus dem »Tell« ein, da Parricida sagt: »Seh' ich die Reuß –? Sie floß bei meiner Tat!« Dann kam mir der Gedanke, daß es schließlich an der Ungehörigkeit der Sache nichts geändert hätte, wenn die Briefe nicht nach der Schweiz, sondern nach Schweden oder nach Kalifornien gegangen wären. Aber der Rat schien das Ziel der Korrespondenz besonders belastend zu finden, denn er wiederholte zornig: »In die Schweiz!« Und plötzlich zerriß er dicht vor Bens Augen den Brief. »Das muß aufhören! Die Vorsteherin hat mir ganz entrüstet geschrieben: ob das die Moral sei in Deutschland?! Solche Briefe nach der Schweiz zu schreiben! Wenn ich gewußt hätte, daß das der Dank ist, als ich Sie zu unseren Waldspaziergängen aufforderte ...!« Bens Blick suchte unwillkürlich den Kompaß an der Uhrkette des Rats. Mir kam vor, er schluckte verdächtig; und seine Augen glänzten verschwommen. Noch dichter trat der erzürnte Vater vor den unglücklichen Briefschreiber hin: »Was haben Sie – was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht ? Bitte – was haben Sie sich dabei gedacht?« Ben bekämpfte tapfer die aufsteigenden Tränen. Sein junges Leid würgte ihn. Ich dachte unwillkürlich an die Szene vor Jahren, als er, über die Bleisoldaten gebeugt, dem Schwager Fehde ansagte, der ihm die geliebte Schwester entführte. »Ich habe mir gedacht –« langsam, Wort für Wort, wie Tropfen, die von einem verregneten Baume fallen, kam's von Bens leise zitternden Lippen; aber in seine Augen stieg ein leiser Trotz, als er so sprach: »Hab' mir gedacht – in fünf Jahren oder sieben – das hatten wir uns doch ausgerechnet – könnten wir heiraten.« Der Rat lachte grimmig auf. Er schien diese Ansicht durchaus nicht zu teilen. Aber Ben war nun einmal im Zuge und schien sich mutig zu seinen Ansichten bekennen zu wollen. »Und dann – und dann –« »Sprich dich nur aus, Ben,« ermunterte die Mutter gütig. Und ihre Augen streichelten den Sohn, der da vor ihr peinlich verhört wurde. »Und dann – ich dachte mir's auch so schön, daß einmal zwei Brüder zwei Schwestern zu Frauen haben.« » Was ist das?« Es kann sein, daß diese erstaunte Frage vom Rat ausging, der gerade seinen heftigen Spaziergang unter dem Bild meiner Großmutter mütterlicherseits unterbrochen hatte. Die stammte aus Rothenburg an der Tauber und lächelte aus dem schönen glatten Bilde ganz so, als wüßte sie das, mit einem altmodischen deutschen Frauenlächeln aus weißer Halskrause auf den empörten Rat. Es kann aber auch sein, daß die Frage von meiner Mutter gestellt wurde, die jetzt mit ganz runden Augen auf dem Sofa saß, vorn auf der Kante, sich mit beiden Händen an dem Polster festhaltend, als führe sie durch den Seesturm in einem sehr kleinen Nachen, der in Gefahr sei zu kentern. Und es kann sein, daß diese Frage überhaupt nicht gestellt wurde, sondern daß wir sie nur dachten. Alle drei. Der Rat, die Mutter und ich. »Zwei Brüder – zwei Schwestern –?« Das hatte aber jetzt bestimmt der Rat gefragt! Und er bohrte dabei den Blick in die gemalten lichtblauen Augen meiner Großmutter, als ob nur eine Dame aus Rothenburg an der Tauber dieses Rätsel lösen könne. Ben war ruhig geworden. Er schien sich gar nicht mehr als Angeklagter zu fühlen, sondern nur sich selber Rechenschaft zu geben über seine durchaus vernünftigen und logischen Erwägungen, die zu der Korrespondenz nach dem Genfer See geführt hatten. Ein Briefwechsel, der leider, so schön und herzlich er ihm selber schien, der Madame Dutrepont und dem Rat Tomasius sehr mißfiel. »Ich meine,« erläuterte er, und aus seinem Gesicht wich aller Trotz, »ich meine, weil doch Adolf die Käthe heiraten will, und – –« Das weitere, das er meinte, weiß ich nicht mehr. Wenn plötzlich dort auf dem Sofa meiner Mutter aus dem geöffneten Mund ein junger Lämmergeier geflogen wäre oder aus dem blanken Schädel des Rats eine fruchtreiche Dattelpalme in die Höhe geschossen wäre, mein Erstaunen hätte nicht größer sein können. Obschon – » Was ist das?« Jetzt war's aber wirklich wieder der Rat Tomasius gewesen, der das gefragt hatte. Und er wandte dabei den Blick von meiner Großmutter aus Rothenburg ab und widmete seine ganze, nicht gerade freundliche Aufmerksamkeit mir. »So rede doch, Adi –« ermahnte die Mutter, die sich von ihrem Staunen erholt hatte und wieder etwas zuversichtlicher in ihrem Nachen saß. »Was der Ben da sagt – ist das denn –« »Ja, also –« Eine seltsame Feierlichkeit kam über mich und – das verdankte ich vielleicht meinem Bruder Ben, der mich harmlos und zuversichtlich anlächelte – eine wunderlich sichere Ruhe. Ich sah Käthes liebes, ein bißchen verlegenes Gesichtchen, während ich redete, dicht vor mir, und ich weiß genau, daß ich dachte: die gerade Nase hat sie von ihrem Vater, dem Rat, sonst aber, gottlob, hat sie mehr von der Mutter. »Ja also, Herr Rat, liebe Mutter – ich wollte es eigentlich – oder vielmehr, wir wollten das eigentlich erst, wenn ich den Assessor gebaut hätte, bekanntgeben ...« »Was heißt: bekanntgeben?« schnaubte der Rat. Nicht daß er, außer dem juristischen, kein Deutsch mehr verstand – und das Juristische ist ja eigentlich kein Deutsch. Er schien vielmehr Anstoß an dem von mir gewählten Ausdruck zu nehmen. Mein Gefühl sprach ihm die Berechtigung zu. Und ich verbesserte mich: »Ich hatte allerdings vor, Sie, verehrter Herr Rat, und Ihre verehrte Frau Gemahlin –« »Nun?« Ja, wenn er's jetzt noch nicht versteht, dachte ich, und weiter: es wäre Zeit, daß er sich die Krawatte wieder bindet. Aber ich fuhr korrekt und doch mit Wärme fort und immer noch mit jener unbeirrten Sicherheit, die mir aus Bens ermunterndem Lächeln zu kommen schien: »– habe vor, Sie recht herzlich um die Hand Ihrer Tochter Käthe zu bitten. Wir lieben uns.« Auf diese Weise verlobte ich mich, ganz plötzlich und programmwidrig, in einer seltsamen Stunde zu meiner eigenen Überraschung mit der gar nicht anwesenden Käthe Tomasius. Oder eigentlich: Ben verlobte uns. Er hat sich das auch immer zum Verdienst angerechnet. Denn meine ein Jahr später geschlossene Ehe mit Käthe Tomasius ist glücklich geworden und ist's geblieben bis heute. So glücklich, daß von ihr hier nicht weiter die Rede sein soll. Denn glückliche Ehen sind nun einmal für alle anderen, die sie nicht selbst führen, sehr langweilig. Nur das will ich noch von diesem wunderlichen Tage sagen. Als ich später hinaufging in Bens Zimmer unter dem Vorwand, ihn nach meinen besten Besuchshandschuhen zu fragen, in Wahrheit, um einmal nachzusehen, wie er dieser bösen Stunden Erschütterung überstand – fand ich ihn vor einem Heft sitzend. Ganz still. Er hatte geweint. »Was machst du denn, Ben?« »Ich arbeite.« »Das ist recht. Arbeit ist immer das beste, wenn –« Ich wollte großartig sagen: wenn man Herzschmerzen hat. Aber ich stockte, denn ich wußte im Augenblick gar nicht, wie das tut. Ich hatt' es wahrhaftig vergessen, und der Satz wäre mir dumm und verlogen vorgekommen. Deshalb legte ich nur meine Hand auf sein krauses, braunes Haar und fragte anteilnehmend: »Lateinisches Domestikum?« »Nein. Deutscher Aufsatz.« »Schwieriges Thema?« »Och – über die Schlacht bei Kunersdorf.« Ich beugte mich ein wenig und las über seine Achsel dieses Schlachtberichtes ersten Satz, über den er noch nicht hinausgekommen war: »Der zwölfte August war auch für Friedrich den Großen ein Unglückstag ...« »Wieso – auch «? »Aber heut' ist doch der zwölfte August ...« In Bens Augen, die den Wandkalender suchten, schwamm es feucht. Ich wußte, es war nicht der Sieg der Russen über den großen König, der ihn so schmerzte. »Hilf mir, Adi!« »Bei der Schlacht bei Kunersdorf? Ich weiß nur noch – man vergißt leider so viel –, weiß nur noch, daß in dieser Schlacht eine Kugel den König traf, die sich an seiner goldenen Tabakdose plattdrückte.« »Ja« – Ben stierte vor sich hin, »es geht schließlich nicht alles so schlecht aus, wie's manchmal scheinen will.« »Sehr richtig, Ben! Kopf hoch! Lern's vom alten Fritzen. Auf Kunersdorf folgt Torgau und – Leuthen!« Und mit plötzlichem Entschluß das historisch-symbolische Gespräch abbrechend, griff ich in die rechte Westentasche und entnahm ihr mein flaches silbernes Zigarettenetui. »Das schenk ' ich dir, Ben.« »Mir?« in seine Augen kam ein froher Glanz, »ja – warum denn?« »Zur Erinnerung an die Schlacht bei Kunersdorf – und die Tabaksdose des großen Königs.« Man ist freigebig, wenn man glücklich verliebt ist« Denn man behält ja im Schenken so viel, so viel. Ben war aufgestanden. Das Glück über das kleine Geschenk und der Schmerz über den großen Verlust kämpften sichtlich in seinem jungen Herzen. Sein zuckender Mund, der sprechen wollte und nicht konnte, war ein Spiegel seiner süß schmerzenden Zerrissenheit. Da zog ich seinen hübschen, frischen Jungenkopf fest, ganz fest an meine Brust und sagte: »Und danken wollt' ich dir auch noch, Ben.« Vierzehntes Kapitel Ich las, und die Mutter lauschte andächtig. »Die uns so sehr auffallende Unreinlichkeit und wenige Bequemlichkeit der Häuser entspringt auch daher: sie sind immer draußen, und in ihrer Sorglosigkeit denken sie an nichts. Dem Volk ist alles recht und gut; der Mittelmann lebt auch von einem Tag zum andern; der Reiche und Vornehme schließt sich in seine Wohnung, die eben auch nicht so wohnlich ist wie im Norden. Ihre Gesellschaften halten sie in öffentlichen Versammlungshäusern. Vorhöfe und Säulengänge sind alle mit Unrat besudelt, und es geht ganz natürlich zu. Das Volk fühlt sich immer vor. Der Reiche kann reich sein, Paläste bauen, der Nobile darf regieren, aber wenn er einen Säulengang, einen Vorhof anlegt, so bedient sich das Volk dessen zu seinem Bedürfnis, und es hat kein dringenderes, als das so schnell als möglich loszuwerden, was es so häufig als möglich zu sich genommen hat.« Frau Morgenthau, die, als gute Freundin, bei meiner Mutter unangemeldet eintreten durfte, wie der Marquis Posa seit jener denkwürdigen Audienz beim spanischen Philipp, stand schon eine Weile im Zimmer und hörte mit zu. Sie trug einen jener merkwürdigen Kapotthüte, die ich nur auf ihrem Kopfe gesehen, und an denen ein Bündel dicker dunkler Kirschen bald links, bald rechts wiederkehrte, als ob es keine andere Frucht oder Blume gebe, ihr Haupt würdig zu schmücken. Mit leichtem Unmut schüttelte sie den Kapotthut mit dem Kompott. »Nein, aber daß der Junge aus Italien so unanständige Dinge schreibt!« »Aber liebe Margarete – übrigens guten Tag –« sagte die Mutter freundlich belehrend, »das schreibt doch unser Ben nicht! Adolf liest mir aus Goethes »Italienischer Reise« vor.« »So?« Frau Morgenthau zog ihre Mantille aus und nickte befriedigt. »Das freut mich, daß es der Ben nicht schreibt. Ja, der große Goethe – mein Joseph selig hat immer gesagt: »Ein Genie is er und ein Frankfurter is er auch . Das ist viel auf ein mal. Und wir müssen zu ihm halten, schon weil er vom Großen Hirschgraben stammt. Aber einen Hang zum Unanständigen hat er auch gehabt.« Also mein Joseph selig hat so was gar nicht gemocht. Und dann hat er mir ein paar Stellen aus dem »Faust« zitiert – auswendig – also im Buch sind die hinten bloß so punktiert –, aber, weißt du, man müßt' sich schämen, so was auch nur zu punktieren, wenn man nicht der Goethe wär' und den »Faust« geschrieben hätt'!« Frau Margarete Morgenthau äußerte noch vielerlei über Goethe und ihren Joseph selig und deren wechselseitige Beziehungen – die eigentlich nur die Beziehungen Josephs zu Goethe und hier wieder nur zu dessen Stücken waren, sofern diese im Frankfurter Schauspielhause aufgeführt wurden. Sie stand kritisch über den beiden und hatte, als die Lebende, recht. Ich klappte den neunzehnten Band der Cotta'schen Goethe-Ausgabe resigniert zu. Mit der Lektüre war es nun für heute vorbei. Schade. Wir waren über Regensburg auf den Brenner, vom Brenner über Trient, Torbole, Malcesine nach Verona gewandert. Immer hinter Ben her, mit Goethe. Die Mutter und ich. Wir hatten in der Galerie Gherardini und dem Palazzo Beriloqua die köstlichen Sachen an den Wänden, die wir nicht sahen, zu bewundern versucht. Schließlich waren wir, an den Scaligergräbern vorbei, auf dem Markte angekommen, wo man Knoblauch und Zwiebeln kauft, und hatten in die Vorhöfe und Säulengänge hineingeschaut, in denen leider weit unschönere Dinge, als im Palazzo Beriloqua und der Galerie Gherardini, umherlagen. Es war nicht unsere Schuld, daß Frau Morgenthau gerade nur noch die unerfreulichen Geheimnisse dieser Palastwinkel mit uns genoß. »Er schreibt so wenig, der Jung',« erklärte die Mutter der Freundin. »Wir wissen gar nicht, ob er noch in Verona ist oder wieder nach Mailand zurück oder schon weiter. Und weil er nicht schreibt, laß ich mir – meine Augen werden schwach und leicht müde; deine auch? – ja, da laß ich mir von Adolf jetzt ein bißchen aus dem Goethe vorlesen. Der war doch auch dort überall. Hast du das gewußt?« Frau Margarete Morgenthau war nur die Schweizer Reise gegenwärtig. Und sie erinnerte sich da im besonderen einer Begegnung des Dichters mit einem Obersten Landolt in Schaffhausen. Dies hatte sie deshalb interessiert, weil sie mit einem Fräulein Landold in die Schule gegangen war. Die schrieb sich aber hinten mit einem weichen »d« und hatte auch keinen Obersten in der Familie, nur einen Postdirektor. So daß diese merkwürdige Beziehung zu Goethe nicht aufrechtzuerhalten war. Die sonst immer teilnehmende Dame begriff auch nicht recht, warum sich die Mutter, wenn's denn schon Goethe sein sollte, gerade die »Italienische Reise« vorlesen ließ. Da war der »Götz« immerhin unterhaltender, und der »Tasso« hatte seine Schönheiten. Reisebeschreibungen schienen ihr nie sehr interessant; denn schöne Aussichten konnte man schließlich doch nicht in Buchstaben malen. Und was vor fünfzig Jahren einer auf dem Gotthard gefrühstückt oder in Ravenna genachtmahlt hatte, konnte dem zeitlich und örtlich Entfernten gleichgültig sein. Auch waren die Personen, mit denen der Reisende damals vielleicht gesprochen, bestimmt tot, und die Hotelverhältnisse hatten sich geändert. Die Mutter schenkte diesen beherzigenswerten, aber vielleicht etwas nüchternen Ansichten, so gern sie der Freundin sonst zuhörte, wenn sie von Marktpreisen oder günstigen Kaufgelegenheiten berichtete, diesmal nicht die gewohnte Aufmerksamkeit. Sie schaute lächelnd vor sich hin und hatte noch den Klang der Namen im Ohr: Trient, Torbole, Malcesine, Verona ... welch schöne Namen diese südlichen Städte alle hatten! Das blühte aus den Vokalen, duftete aus den weichen Konsonanten, klang doch besser wie Schopfheim, Gundelfingen oder Bomst. Und so schön, wie ihre Namen klangen, waren sie wohl auch anzusehen, die Städtchen da unten – trotz der Säulengangwinkel und ihrer üblen Geheimnisse. Und Ben, ihr Sohn, sah jetzt das alles! Sah es mit jungem, begeistertem Herzen, sah es mit seinen zwanzigjährigen blauen Augen, lernbegierig und genußfähig. Durchwanderte es so gründlich, daß er nicht Zeit zu ausführlichen Briefen hatte und, ganz gegen seine sonstige Vorliebe für lange und hübsche Episteln, immer nur schrieb: »Herrlich – herrlich! Wenn ich erst heimkomme, erzähl' ich euch, wie herrlich!« So was gab ja nun freilich kein anschauliches Bild von Italien; wohl aber malte sich in so kurzen Sätzen des Reisenden Wohlbefinden und seine unzerstörte Lebensfreude. Die Mutter war glücklich und zufrieden und ließ sich das andere aus des großen Frankfurters Werken vorlesen. Und so führte sie Johann Wolfgang Goethe über die Alpen zu Ben. An dieser Reise war eigentlich wieder Tante Tüßchen schuld und ihre verständnisvolle Behandlung der Jugend. »In ein paar Monaten ist der Bub großjährig,« hatte sie nachdenklich gesagt, »dann gehört ihm sein Vermögen, und das ist nicht klein. Macht er aber seine erste große Reise allein, wenn er eben über das viele Geld die freie Verfügung bekommen hat, so wird diese Unternehmung planlos und schrecklich kostspielig werden. Nein, Charlotte, du mußt ihn ans Reisen in fremdem Lande gewöhnen, solang er noch von dir abhängt. Solange er noch gebunden ist an eine besprochene Marschroute und an ein Reisegeld, das du ihm aussetzest. So lernt er disponieren und hat für die spätere Freiheit gewissermaßen die Hauptprobe hinter sich.« Auch Tante Hermine, die in jener Zeit in Frankfurt war, um eins der Museumskonzerte zu besuchen, pflichtete diesen Ansichten bei. Das erste Semester in Freiburg, meinte sie, habe gezeigt, daß das rein philosophische Studium, wie es Ben zunächst ins Auge faßte, ihm doch keine rechte Freude mache. Ihn nicht »ausfülle«, wie man jetzt sage. Das könne sie verstehen, denn diese sogenannten Philosophen hätten im Grunde nicht viel Erfreuliches getan. Einer habe allemal umständlich bewiesen, daß der andere nichts verstanden habe. Und die Summe aller Lehren, die man heute gutmütig »Philosophie« nenne, ergebe ein Bild der irdischen und überirdischen Dinge von einer Klarheit, wie etwa – nun wie etwa, wenn ein Maler, der sich in seine Palette gesetzt habe, das so entstandene Farbengemisch auf seiner Hose großartig ein »Gemälde« nenne. Ben ziehe es offenbar fort von dieser Hose, sie meine das natürlich bildlich: von dieser »Philosophie« und der ewigen Katzbalgerei ihrer Vertreter; und er habe sich zu ihrer Freude dem Künstlerischen, der Kunstgeschichte und der Literatur zugewendet. Auch darin sehe sie zwar keinen Brotberuf – aber den brauche ja der Junge nicht. Wohl aber eine Lebensfreude und eine Arbeitsmöglichkeit. Gerade für ihn sei solches notwendig, der nicht am Ersten jeden Monats auf den Boten mit den paar blauen Scheinen, die seinen Gehalt darstellen, sehnsüchtig zu warten brauche. Italien aber sei nun einmal das Land der Sehnsucht für alle Schönheitssucher – sie gebe zu, es sei wohl etwas Tradition und Suggestion bei diesem Urteil. Sie persönlich sei drei Tage in Venedig eingeregnet und am vierten von Moskitos beinahe aufgefressen worden und sei heilsfroh gewesen, als sie wieder in Gossensaß am Brenner in kühler Laube vor einem sauber gedeckten Tisch saß und eine mückenlose Mahlzeit einnahm. Aber Ben werde sicherlich in den Kirchen und Museen dort, auf all den Friedhöfen und auch in einigen romantischen Osterien all das Schöne, Bunte, Herrliche, Sehenswerte finden, das nun einmal seit Generationen die deutschen Reisetagebücher mit seinem Ruhm fülle und im Baedeker zwei, ja manches sogar drei Sternchen habe. Dann hatte sich Kurt, als der älteste Mann in der Familie, um Rat befragt, brieflich dahin geäußert: »Unser hoher Herr hat unseren Erbprinzen mit achtzehn Jahren zum erstenmal nach Italien geschickt. Bis Florenz ist er damals gekommen. Im nächsten Jahr bis Rom. Im dritten bis Neapel. Hier ist man allgemein der Ansicht, daß wir den Kunstverein nicht hätten ohne die erste Reise, das Neue Museum und den Botanischen Garten nicht ohne die zweite und die Akademie der lebenden Sprachen und das Süßwasseraquarium nicht ohne die dritte Reise.« Nun sollte ja Ben keine Akademie gründen und auch kein Süßwasseraquarium; aber es war doch einleuchtend, daß Schwager Kurt mit dieser Aufzählung der Früchte von den drei erfolgreichen Italienreisen des Erbprinzen auf den Nutzen hinweisen wollte, den der einzelne und – in dem Falle, daß es sich um einen viel Vermögenden, Hochgestellten handelte – sogar die Gesamtheit von solcher Fahrt gen Süden gewinne. Unten an den Brief aber hatte Mathilde noch geschrieben: »Wie freue ich mich für Ben! Wie gönne ich ihm den Blick von der Galerie des Mailänder Doms auf den Sankt Bernhard und Monte Rosa, auf das Matterhorn und die Ortlerspitze! Und den Blick vom Campanile di San Marco über die Lagunen ins Adriatische Meer! Freilich, ich war auf der Hochzeitsreise da mit meinem Kurt, und wir waren sehr, sehr glücklich. Da grüßt der Monte Rosa noch ganz anders aus dem Blau, und die Lagunen leuchten im Silber der Mondnacht, wie das schönste Märchen selbst, das uns das liebe Leben erzählt.« Die Tanten, Kurts Brief, Mathildens Postskriptum gaben den Ausschlag. Ben fuhr, mit einem für fünf Wochen anständig berechneten Reisegeld, zwischen seinem ersten und zweiten Semester hinaus, Italien zu entdecken. Als er abfuhr, schwenkte er, solange er uns auf dem Bahnsteig sehen konnte, sein grünes Reisehütchen, und unbekümmert um die Mitfahrenden, die zum Teil wohl nur bis Bensheim oder Mannheim reisten und sonst keine Veranlassung hatten, diese oft erlebte Abfahrt hemmungslos zu bejubeln, schmetterte er uns Winkenden zu: »Da–hin – da–hi–hin möcht' ich mit dir –!« Die Mutter hatte unter Tränen gelächelt, als ich sie am Arm durch die Mainzer Landstraße nach Hause führte: »Wenn er uns nur gesund an Leib und Seele heimkommt, der Ben!« Seit er das grüne Hütchen geschwenkt und das Heimwehlied der Mignon in die Frankfurter Bahnhofshalle gejubelt hatte, waren bald vierzehn Tage vergangen. Seine anfangs ausführlichen, dann spärlicheren Briefe spiegelten eitel Lebensfreude. Selbst daß er schon falsches Geld herausbekommen und einer ihm den Feldstecher gestohlen hatte, entzückte ihn. Daß die Kavaliere in der ersten Klasse – die er auf Kurts Rat von der Grenze an benutzte – oft und ausgiebig auf den Boden des Coupés spuckten, schien ihm, als fremde Sitte, ergötzlich und bemerkenswert. Die ersten Wanzen schickte er als Leichen, mit Gummi aus den Briefbogen befestigt, an mich persönlich und schrieb an den Rand: »Anwohner des Gardasees. Still und zutraulich. Wie alles hier, von den Fremden lebend. Vielleicht durch Kurt dem Museum des Erbprinzen zu überweisen. Bitte mich dann als Spender zu nennen und den etwa postwendend folgenden Orden gut aufzuheben!« So weit war also die »Fahrt in die Welt«, wie Tante Tüßchen diese Reise nach Norditalien etwas großartig bezeichnete, gut und fröhlich begonnen. Daß die Lebenszeichen seltener wurden, beunruhigte niemand. Der Museumsbesuch nahm Zeit. Die Campaniles hatten entsetzlich viel Stufen. Die Züge fuhren in Italien langsam. Und dann die Post, die italienische Post! Es ging da sicherlich, meinte die Mutter, manches verloren, vielleicht gerade das Schönste, Charakteristischste, das er schrieb, der Ben. Aber er kam ja wieder! Und dann – man hatte des anderen Frankfurters genauere Aufzeichnungen, der über Trient, Torbole, Malcesine nach Verona und weiter gereist war. Als ich am Abend jenes Tages, da Frau Margarete Morgenthau unseren Besuch der Sehenswürdigkeiten Veronas an Goethes Hand gestört hatte, zu mir nach Hause kam, war ein Brief Mathildens an meine Frau gekommen. Es war da zu lesen, daß ein Gartenfest bei Hof stattgefunden hatte, das nicht sehr unterhaltend verlief, da endlose Kompositionen der leider hochbegabten Fürstin-Mutter zu kaltem Tee und warmer Limonade gespielt wurden. Ferner: daß der Erbprinz wieder nach Italien abgereist sei, und man von dieser Reise abermals eine neue Belebung der künstlerischen und wissenschaftlichen Bestrebungen und Genüsse in der kleinen Residenz erwarte. So gedenke er, ein Gastspiel eines italienischen Stars, dessen berühmten Namen sie vergessen habe, oder gar des Orchesters der Mailänder Scala anzubahnen. Diesen Mitteilungen folgte Rühmliches von dem jetzt zehnjährigen Davidchen, das bereits mit der lateinischen Deklination im Kampf lag und erstaunliche Anlage zur Malerei zeigte, leider zunächst in Schulhefte niedergelegt, die für andere Zwecke bestimmt waren, so daß ihm sein kunstfeindlicher Ordinarius häufig an den empfindlichen Ohren zog. Worüber dann ein aufgeregter Briefwechsel mit dem Schulrat entstanden war. Am Ende des Briefes aber kam eine Bemerkung, die mich aufhorchen ließ. »Ich weiß nicht, liebe Käthe,« schrieb die Schwester, »ich habe da einen ganz merkwürdigen Brief von Ben bekommen. Fröhlich, fast ausgelassen, aber, wie mir scheint, etwas überhitzt. Ob das bloß die Sonne da unten ist, die ja im Frühling schon recht tapfer brennen kann? Er bezieht sich da mit Dank auf einen Brief von Kurt und mir an die Mutter, in dem wir damals seine Italienreise lebhaft befürworteten und schreibt dann von allerlei ... Aber wart', ich will Dir die Sätze lieber abschreiben. Also so lautet dieser Teil seines Briefes aus der Colomba d' Oro in Verona: »Oh, ich werde die Spitze des Ortler sehen und das Matterhorn und den Monte Rosa – genau , wie Ihr , wie Du und Kurt! Ich werde auf Türmen stehen und durch Klostergewölbe wandeln – genau , wie Ihr , wie Du und Kurt! Ich werde Rosen pflücken und Zitronenblüten in den herrlichen Gärten über der Etsch und auf den Inseln der Lagunen – genau , wie Ihr , wie Du und Kurt!« ... Und jetzt kommt das Sonderbarste: »Morgen pilgern wir« (so steht's da: »pilgern wir «! Pluralis, Mehrzahl) »– zum Grabe der Julia. War't Ihr auch da? Sie ist die Heilige, die Märtyrerin der Liebe, die hier alles erfüllt, die Limonengärten und die Kreuzgänge, die Schlachten der Falter über den Steinen und Blumen des Campo Santo und die Menschenherzen, die sich dem Frühling und der Schönheit öffnen« ... Das ist ja sehr poetisch, nicht wahr, und ich finde, Ben sagt solche Sachen wirklich hübsch. Aber frag' doch mal Adolf, ob er nicht auch den Verdacht hat, daß der Junge ... wie soll ich's sagen – einen dummen Streich macht? Immer dieses: » genau , wie Ihr , wie Du und Kurt«! Es mag ja sein, daß ich da mehr hineinlege, weil ich's erlebt habe, nicht wahr? Denn es war wirklich schön damals. Und immer wenn ich Davidchen ansehe, muß ich denken, ein Hauch, ein Gedächtnis von all dem Schönen, von all den Spaziergängen an blauen Wassern, den Gondelfahrten und Mondscheinnächten ist vielleicht in sein Leben hinübergeschwommen. Aber eben das macht mich ängstlich, daß nicht etwa Ben ... Er ist noch nicht einundzwanzig; und phantasiereich und temperamentvoll ist er auch. Sprich doch mal mit Adi darüber und schick' mir doch gelegentlich mal das Rezept Eurer Mandeltorte, die ich an Mutters Geburtstag dort aß. Ich habe sie aus dem Gedächtnis nachgemacht, aber sie ist gar nicht aufgegangen und ...« Der Rest des Briefes handelte von dieser wohlschmeckenden Mandeltorte und einer weißen Federboa, die sie nach Frankfurt zum Waschen und Aufarbeiten geschickt. Von Ben war dann nicht mehr die Rede. Das Gelesene gab mir zu denken. Aber da ich am nächsten Tag in einer Ehescheidung zu plädieren hatte, bei deren Verhandlung die Ehegatten nach Wechselseitigen schweren Injurien beinahe das Prügeln bekamen und sich schließlich doch entschlossen, die eheliche Gemeinschaft wieder aufzunehmen, so vergaß ich Ben und den Blick auf den Monte Rosa. Fünfzehntes Kapitel Am Morgen darauf begegnete ich auf dem Gang zum Gericht am Uhrtürmchen des Bockenheimer Tors Ruth Baddach. Sie war wirklich hübsch geworden und sah stolz und vornehm aus. Als ich höflich grüßend vorbei wollte, sprach sie mich an. »Ich habe auf Sie gewartet, Herr Doktor.« »Hier? Auf mich?« »Ich weiß, daß Sie heute um halb zehn Uhr Termin haben.« »Ja, woher denn?« »Ich habe mich, ohne meinen Namen zu nennen, auf Ihrem Bureau erkundigt.« »Sehr schmeichelhaft –« »Das soll es natürlich nicht sein. Nur: sehr einfach. Ich begleite Sie ein Stück, darf ich, Sie haben ja Eile. Und wenn ich Sie aufhalte, hören Sie mir doch nicht zu.« Und wir gingen zusammen, gut Schritt haltend, über die Zeil, auf der um diese Stunde das geschäftliche Treiben erwachte. Spaziergänger aus der Gesellschaft waren kaum zu begegnen. »Wollen Sie einen Prozeß führen, liebes Fräulein?« »O nein!« Sie lachte; und ich sah wieder ihre Oberlippe die langen weißen Zähne freigeben. »Prozesse überlass' ich meinem Vater. Der hat eine kleine Leidenschaft dafür. Ein Prozeß muß immer »schweben«. Ich nenne ihn schon den »schwebenden Kommerzienrat«. Aber Sie wissen ja selbst ...« Ich wußte allerdings. Der Kommerzienrat war ein erfreulicher Klient von mir. Als Besitzer von drei Häusern im Osten in der Nähe des Zoologischen Gartens, eines Geschäftshauses in der Fahrgasse und zweier neuer Etagenhäuser im vornehmen Westen, fehlte es ihm nie an Gelegenheit, »sich nichts gefallen zu lassen«, wie er das ausdrückte. Gegen Arme und Bedrückte gutmütig, hatte er die Neigung, Wohlsituierten gegenüber auf dem Buchstaben der von ihm entworfenen, sehr knifflichen Kontrakte zu bestehen. Und er konnte am selben Tage einem armen Teufel, der ihm zwei Jahre die Ateliermiete schuldig geblieben war, klaglos »rücken« lassen und mit einem südamerikanischen Konsul um eine Tapete, eine Türklinke oder einen im Kontrakt nicht erlaubten Foxterrier in die zweite Instanz gehen. »Mit was kann ich Ihnen also dienen, mein liebes Fräulein?« »Mir – dienen? Das ist auch nicht ganz der Zweck meines ungewohnten Morgengangs. Sonst liege ich nämlich um diese Zeit noch tief, tief in den Federn – ich lese abends lang ...« »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.« »Das tu' ich auch nicht. Ich erscheine nur nicht gerne anders, wie ich bin. Und ich brauche nicht so viel Schlaf, wie es scheinen könnte, wenn Sie mal hören, daß ich gewöhnlich erst um zehn Uhr aufstehe.« »Um zehn Uhr? Aber Sie haben doch mehrfach, als Ben noch da war, mit ihm morgens um acht auf dem Forsthaus gefrühstückt?« »Ja – damals ... Da sind wir auch geritten.« »Freilich. Das könnten Sie aber doch noch .« »Ich könnte – ja. Aber – vielleicht langweilt's mich. Ich kenne jeden Reitweg durch den Stadtwald und jedes Huhn auf dem Forsthaus und der Schweinstiege ... Aber Sie erwähnten Ben. Seinetwegen geh' ich hier mit Ihnen.« »Seinetwegen?« Unwillkürlich blieb ich stehen. Sie trat an die immer geschmackvolle Auslage des Ströhleinschen Geschäfts und schien die hübschen, teuren Luxusgegestände aufmerksam zu mustern, während sie langsam vor sich hin sprach: »Ich hab' einen Brief von Ben. Aus Verona.« »Ist etwas – passiert?« »Passiert? Nein, nein. Der Brief ist sogar sehr vergnügt. Aber –« »Kommt der – Monte Rosa drin vor?« »Auch.« Sie lächelte wieder ihr verständnisvolles Lächeln. »Überhaupt viel Berge, viel Geographie. Rundblicke. Ein bißchen verdächtige Rundblicke von Türmen und so.« »Nun schließlich, Rundblicke, liebes Fräulein Ruth, von sicheren Türmen aus genossen, scheinen mir noch keine direkte Gefahr. Türme sind überhaupt nur für Lebensmüde gefährlich. Sie werden mir zugeben, von dieser traurigen Gilde ist Ben weit entfernt.« »Sehr weit. Er genießt und freut sich des Genusses.« »Den wir ihm alle doch gönnen –?« Ich sah sie scharf beobachtend an. Ihre feinen Nasenflügel zitterten ein wenig. Es kam etwas Hochmütiges in ihre Augen; aber sie war dadurch eher schöner, denn der Hochmut stand diesem linienschönen, kühlen Kopf. Ich dachte, eine orientalische Gemme müßte dieses Profil zeigen, das irgendwann, zur Zeit der Richter vielleicht, als Baruch oder Gideon das Schwert führte, in Israel schon eine Rolle gespielt. »Ich möchte nicht mißverstanden werden,« sagte sie, »wenn ich indiskret erscheine. Ben ist gleichaltrig mit mir – Sie entsinnen sich vielleicht, daß unsere Bekanntschaft eigentlich eine Bekanntschaft unserer Ammen war. Wir wurden, ein paar Tage alt, um die Promenaden spazieren getragen, beide im Steckkissen.« »Des Ihrigen erinnere ich mich sogar noch. Es waren Valenciennesspitzen dran – zu Hause bei uns wurde mit Begeisterung von unseren Damen von diesem Kissen gesprochen.« »Wirklich mit Begeisterung?« Sie streifte mich mit einem prüfenden Blick von der Seite. Dann sagte sie kühl referierend: »Meine gute Mutter protzte gern ein bißchen. Sie hat kurz gelebt und vielleicht eine wehmütige Ahnung gehabt, daß sie ihren Reichtum nicht lange genießen werde. Und dieser Reichtum war ihr neu. Sie stammte aus sehr kleinen Verhältnissen. Mein Vater hat sie, als Tochter eines Schuldners in Fürth, kennengelernt und sich – es war wohl das erste und einzige Mal in seinem Leben – sofort in sie verliebt. Und da mein Vater gewohnt ist, rasch zu kaufen, was ihm gefällt, war sie sechs Wochen später seine Frau. Ein Jahr später lag ich in den von Ihnen ironisierten Valenciennesspitzen.« »Ich habe mir nicht erlaubt, zu spotten.« »Sie hätten's ruhig tun können. Hätte meine Mutter ihre erwachsene Tochter erlebt, so hätte sich diese kleine Schwäche gegeben. Sie wäre verdorrt unter meinem Hohn. Man hat , aber man redet nicht davon.« »In Frankfurt nicht immer das Übliche –« »Nein, leider. Aber es sind wirklich nicht nur die Glaubensgenossen meines Vaters – ich bin mit zwölf Jahren getauft – die ...« »Aber nein, das mein' ich auch nicht. Es ist mehr noch ein Rest des Trotzes der alten freien Reichsstadt – der verblichenen Senatorenherrlichkeit – ein wenig sogar des Gefühls landsmännischer Zugehörigkeit zu Goethe –« »– und zu den Rothschilds! Das Volk hier in seiner Sprache, die am Main so lieb und fast hübsch klingt und draußen in der Welt gleich ein bißchen gewöhnlich wird, sagt in seiner treffenden Derbheit: Dick duhn is mei Lewe – Gott kennt mei Umständ'!« »Verzeihung,« ich sah heimlich auf die Uhr, »aber wir nahen uns dem Gericht, dem Tummelplatz meiner Pflichten, und entfernen uns von Verona.« »– dem Tummelplatz von Bens Vergnügungen. Sie haben recht. Ich wollte nur noch sagen – meine Freundschaft zu Ben ist fest und ehrlich.« »Ich weiß. Er schätzt Sie sehr.« »Das ist sehr richtig ausgedrückt. Er – schätzt mich. Schätzt mich sehr.« Ihre Stimme war nicht so ganz sicher, als sie das sagte. »Schätzt mich so sehr, daß er mich zuweilen sogar, arglos vergnügt, in sein Herz sehen läßt.« »Ein etwas närrisches, aber ein gütiges, warmes Herz.« »Vielleicht zu gütig für die Welt und die Zeit. Es muß für Männer, wenn sie nicht Geschäftsleute sind, wie mein unter Zahlen großwerdender Vater, der erst rechnet, dann handelt, und dann erst redet – ich meine, es muß Momente geben, in denen sie von unserem großen Landsmann lernen und seinem köstlichsten Wort.« »Und welches ist das köstlichste Wort Goethes?« »Ach nein. Diesmal vom alten Amschel Rothschild. Mein Vater erzählt die Geschichte gern, wie den alten Baron – oder war er's noch nicht – ein redegewandter Schnorrer hart bedrängte mit Aufzählung ganz schrecklicher Unglücksfälle, die ihn betroffen. Da zog der alte Amschel schließlich, dicke Tränen in den Augen, die Perlenklingelschnur und sagte zu dem eintretenden Diener mit bewegter Stimme: »Moritz, schmeiß den Kerl ' raus – er bricht mir das Herz!« Ich kannte die Geschichte, da sie mir mein Klient, der Kommerzienrat, fast jedesmal erzählte, wenn er mich konsultierte. Aber ich fand ihre Beziehung zu Ben nicht ohne weiteres. »Sie spielen auf die große Gutherzigkeit meines Bruders an? Ist Ihnen da vielleicht ein Fall bekannt geworden, der ...« »Ich tue etwas Ungewöhnliches, ich weiß das.« Sie warf stolz und energisch den Kopf zurück und jedes Wort, das sie jetzt sprach, kam überlegt und entschlossen heraus. Wie reif ist dieses noch nicht einundzwanzigjährige Mädchen, dacht' ich, eine fertige Frau. »Wir Frauen sind älter, als die Männer, die mit uns im selben Jahr und Monat geboren sind.« Es war, als ob sie in meinem Schädel die Gedanken ablesen könne. »Und wenn wir die gleichaltrigen und doch viel jüngeren Männer schätzen, so dürfen wir ein bißchen für sie mitdenken. Besonders wenn sie rasch Italien auskosten wollen, und wir ruhig hier in unserem alten Frankfurt sitzen.« »Hat Ben Ihnen irgendwelche Geständnisse gemacht?« Ihre Vorbereitungen beunruhigten mich mehr, als ich gestehen wollte. »Wenn ich ihn hier hätte, wüßt' ich alles. Als er ging, liebte er Elsbeth Tomasius, ihre niedliche Schwägerin.« »Noch immer?« » Wieder . Damals nach der verunglückten Korrespondenz schien es ja vorbei. Er zürnte ihr ernstlich, daß sie seine gemütvollen Briefe so unvorsichtig herumliegen ließ. Na ja, sehr geistreich war das ja auch nicht. Entweder man korrespondiert – oder man korrespondiert nicht. Aber die leichtsinnige Zuziehung Dritter ist auf alle Fälle zu vermeiden ... Als sie dann zurückkam, vielleicht noch hübscher, jedenfalls reifer, als sie gegangen war, und ein wenig vom Parfüm der französischen Schweiz umwittert, da ist wohl die alte Neigung rasch wieder erwacht. Aber Ihr Herr Schwiegervater war auf der Hut. Die berühmten Spaziergänge nach dem Kompaß wurden eingestellt oder nur in großer Gesellschaft unternommen. Ben trauerte, sehnte sich und hoffte. Er hat mich noch beim Abschied gebeten – aber nein, das gehört nicht hierher.« »Erscheine ich Ihnen sehr unbescheiden, Fräulein Ruth, wenn ich Sie bitte, jetzt zu dem zu kommen, was hierher gehört?« »Nein. Sie scheinen mir sogar sehr bescheiden. Das ist er übrigens auch. Ein kleiner, nicht unschöner Familienfehler, an dem wir Baddachs nicht leiden. Also – Bens Vertrauen zu mir in seinen Briefen ging nicht so weit, wie sein mündliches. Er hat eben mit Briefen üble Erfahrungen gemacht. Immerhin hat er mich – im vorletzten – gefragt, ob ich nicht auch den Namen »Teresina« entzückend finde? Ob nicht eine Welt von Zärtlichkeit und Anmut im Wohllaut dieses Namens läge? An einer späteren Stelle hat er dann gemeint, daß der Romane stets schon bei der Namengebung von Städten, Flüssen, Menschen mit einer fabelhaften Sicherheit im symbolischen Wohlklang das Wesen des zu Bezeichnenden erschöpfe.« »Dann wäre also nach dieser Theorie eine gewisse Teresina – zärtlich und anmutig?« »Das ist anzunehmen. Und ist ihm zu gönnen.« »Wieso – ihm zu gönnen?« »Nun – er reist offenbar mit ihr.« Diese Mitteilung kam nicht bösartig, anklagend oder gar zornig denunzierend hervor. Ruth Baddach blieb von einer erstaunlichen schlichten Sachlichkeit. Mir war's fast, als ob ich mit ihrem Vater rede. Aber das Sachliche beunruhigte mich doch sehr. »Er – reist mit ihr? Hat er Ihnen das auch geschrieben?« »Nein. Hätte er's geschrieben – so wäre das – vielleicht, sicher weiß ich's nicht – ein Grund gewesen, Sie heute morgen nicht auf Ihrem Gerichtsgang abzufassen. Denn dann wäre die Bitte um Diskretion stillschweigende Voraussetzung. Aber so ... In seinem letzten Brief, den ich gestern erhielt, taucht der Name Teresina wieder auf. Und dann – ja, dann hat mit derselben Post mein Vater einen Brief von Ben bekommen.« »Ihr Herr Vater?« »Ja. Ich glaube den ersten. Ich erkannte die Handschrift. Der Stempel »Verona«, wie bei dem meinen. Ich habe nichts gesagt, daß ich den Brief bei der Post auf dem Frühstückstisch liegen sah. Der Vater hat nichts gesagt, daß er ihn bekam. Bloß am Abend, in der Pause des »Lohengrin«, hat er plötzlich gefragt: »Hast du Nachricht von Ben? Wie gefällt ihm Italien?« Ich berichtete von den Rundblicken. Mein Vater hörte lächelnd zu und nickte: »Brav, brav! Wenn er sich auf Aussichtstürme beschränkt – das Billett für den Turm kostet fünfundzwanzig Centesimi? wenn er nobel ist, einen halben Lire für den Kustoden – so reist er billig.« Und nach einer Weile: »Sammelt er eigentlich was, dein Freund Ben? Ich meine, hat er Interesse an Münzen, alten Bildern – oder so was?« – »Ich glaube, er sammelt Autographen.« – »Hm« – Ich kenne meinen Vater. Wenn er »Hm« sagt, glaubt er nie , was er gehört hat. Und wieder nach einer Pause, der Vorhang hob sich schon zum dritten Akt: »Das kann teuer werden.« »Ja, glauben Sie denn, daß Ben in Italien alte Handschriften und –« »Nein. Ich glaube –« Wir standen vor dem Gericht. Sie sah mich ruhig lächelnd an mit einer konventionellen Höflichkeit, die mir als geschickte Maske für die beiden grüßend vorbeikommenden Kollegen bestimmt schien. Und ich dachte wieder nicht ohne Bewunderung: Wie fertig, wie reif ist dieses kluge, schöne Mädchen. »Ich glaube,« sagte sie, »daß er mit der zärtlichen und anmutigen Teresina reist, und daß diese Begleitung viel Geld kostet.« »Sie meinen, er hat Ihren Herrn Vater angepumpt?« »Sagen wir: er hat Ihre Frau Mutter nicht beunruhigen wollen. Das war zartfühlend und auch nicht dumm. Sein Vermögen liegt zum Teil auf Vaters Bank. In drei Monaten hat er das Verfügungsrecht. Er wird in dem Brief, den ich nicht kenne, meinem Vater geschrieben haben: »Könnten Sie mir nicht à conto « ... Und so.« »Glauben Sie, daß es sich um große Summen ...« »Da kann ich nichts glauben. Ich kenne weder die Fülle der Anmut noch den Grad der Zärtlichkeit dieser Teresina. Weiß von ihr selbst nichts, als den Namen. Aber ich kenne Ben mit seinem raketenstreuenden Idealismus. Wenn er liebt – erzieht er. Und die Erziehung einer Teresina dürfte Geld kosten. Und wenn er liebt, denkt er – Sie wissen das selbst von jenem Besuch des Rates Tomasius – gleich ans Heiraten ...« »Großer Gott! Er wird doch nicht ...« Aber dann mußte ich in der Erinnerung lächeln. »Damals freilich – war ich 's dann, der geheiratet hat.« »Damals, das ist richtig. Aber Sie sind jetzt nicht in Verona. Und sind schon verheiratet – glücklich, wie ich weiß – und können die Schwester der Teresina nicht noch dazu heiraten.« »Nein, nein, gewiß nicht.« Mir kam der Schweiß, obschon der Frühlingsmorgen kühl und bedeckt war. »Und der Vater der Teresina – wenn sie einen hat und kennt – ist ein Südländer, wohl kaum ein Prinzipe oder Nobile, eher ... Na, das bleibt Vermutung. Aber er stellt sich vielleicht der Angelegenheit gegenüber nicht auf den Standpunkt des Rates Tomasius, der den Heiratsgedanken weit von sich wies. Ben gibt dort unten Geld aus; er wird auch erzählt oder angedeutet haben, daß er vermögend ist und –« »Allgütiger – das sind ja schreckliche Perspektiven! Aber der Bengel muß sich doch selbst sagen –« »Was verliebte junge Leute »sich selbst sagen« – das ist gewiß viel, aber niemals das Vernünftige. Ben sieht nur die Siebzehnjährige –« »Ist sie erst siebzehn, die Teresina?« »Ich weiß nicht – ich nehme das an. Und er sieht ihr sicher sehr originelles Figürchen auf dem noch nie geschauten Hintergrund blühender Mandelbäume, blauer Seen, dunkler Lorbeergebüsche. Er glaubt vielleicht, daß er diesen Frühling und diese Landschaft mit heiratet. Hofft, daß die siebzehnjährige Teresina niemals siebenundzwanzig wird oder gar siebenunddreißig und dann schon längst verblüht ist, eine dicke Matrone mit fettigen Fingern, wie kleine Fleischwürste, mit speckigem Hals, Korallen in den fleischigen Ohren und einen schwarzen Bartansatz in den Mundwinkeln. Er vermag nicht vorauszusehen, daß alle Erziehung nichts genützt hat, daß die Signora den ganzen Tag Konfekt ißt und bestenfalls französische Romane liest; daß sie nie Deutsch lernt und das heimische Italienisch längst mit gequetschter fetter Stimme spricht. Daß im Salon keine Mandoline liegt, aber ein zerrissenes Korsett und ein seidener Unterrock; daß die ganze Wirtschaft aus dem Leim geht und eine verrückte Pleite übrigbleibt ...« Dem Ernst des Tatsächlichen zum Trotz und meine schlimmen Vermutungen besiegend, stieg mir jetzt doch ein Lächeln auf. Die kluge Kühle dieser Frühreifen war vom Temperament durchbrochen. Eine Leidenschaft malte. Und hinter aller Freundschaft und Teilnahme und Vorsicht blitzte, grell und unverkennbar, die weibliche Eifersucht auf. Ruth liebte Ben, den sie kannte, und haßte Teresina, die sie nie gesehen. »Ich danke Ihnen, mein liebes Fräulein Ruth – danke Ihnen sehr.« »Sie werden mich nicht verraten?« »Was denken Sie! Bestimmt nicht.« »Und – was werden Sie tun?« »Zunächst meinen Prozeß da oben verlieren – denn, unter uns Verschworenen, die Sache meines Klienten steht oberfaul. Dann – zu meiner Mutter gehen und ihr sagen: ein lieber Kollege von mir, der nicht genannt sein möchte, hat vor ein paar Tagen in Mailand und Verona unseren Ben getroffen. Der gute Junge scheint etwas heftig und unvorsichtig zu genießen. Laßt uns im Familienrat erwägen, was zu geschehen hat.« »Und wenn etwas geschieht –?« »Erfahren Sie's!« »Aber nichts –« Zum erstenmal, seit wir zusammen gingen und sprachen, klang etwas wie eine weiche Bitte aus ihrer Rede. Ihre hübschen dunklen Augen unterstrichen, fest in den meinen liegend, jedes Wort, »aber nichts – was ihm weh tut?« »Gewiß nicht. Denn ich liebe ihn, den Ben, wie –« Beinah' hätte ich gesagt: »wie Sie,« aber ich hatte die forensisch geschulte Zunge noch in der Gewalt und vollendete den herzlich begonnenen Satz etwas nüchtern: »Wie man eben seinen Bruder liebt, nicht wahr?« Ein Händedruck. Wir schieden. Zehn Minuten später nannte der Kollege Meyer III den von mir vertretenen und in meinem letzten Schriftsatz als kindlich reinen Biedermann und Typ des treudeutschen Kaufmanns geschilderten Lederhändler »einen der Krebsschäden des südwestdeutschen Lederhandels« und stellte unter Beweis, daß er in Rußland mehrfach vorbestraft sei und in Deutschland mit beiden Ärmeln bereits das Zuchthaus gestreift habe. Die Aussprache mit der Mutter am Abend, bei der auch Tante Tüßchen unglücklicherweise zugegen war, wurde durch der Letztgenannten lebhafte Phantasie und Neigung, immer das Schlimmste zu erwarten, beträchtlich verwirrt. Schon bei den ersten Andeutungen, daß eine Frau im Spiele und Ben vielleicht zu größeren Aufwendungen veranlaßt sei, sah Tante Tüßchen das Vermögen Bens zertrümmert, ihn selbst, katholisch geworden, in Abhängigkeit von einer italienischen Verwandtschaft, deren vornehmste Mitglieder noch Abruzzenräuber und Wegelagerer der Campagna waren. Als sie in ihren Ausführungen so weit ging, Bens Leben von dieser schrecklichen »Familie Teresina«, wie sie in Verkennung des weiblichen Vornamens die Sippe nannte, für ernstlich bedroht zu erklären, beschwor mich die Mutter, noch in dieser Stunde abzureisen, um Ben zu retten und, möglichst unvermählt, heimzubringen. Ich beruhigte die ausgeregten Frauen. Ben konnte sowenig an sein Vermögen, da er noch drei Monate von der Großjährigkeit entfernt war, wie ohne Papiere in Italien oder sonstwo eine rechtsgültige Ehe schließen. »Aber umgebracht werden könnte er,« beharrte Tante Tüßchen, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Dazu braucht er keine Großjährigkeit und keine Papiere.« Das war ja nun richtig. Aber ich machte sie darauf aufmerksam, daß von solch schrecklichen Verbrechen doch niemand etwas habe, und daß sie diesem Fräulein Teresina. das sie nicht kenne, solche Dinge wirklich nicht nachsagen dürfe. »Du kennst sie aber auch nicht,« schluchzte die Mutter. »Wenn du nicht reisest – reise ich. O Gott, und ich kann das Reisen so schlecht vertragen!« »Beruhige dich nur, Mama, wenn's wirklich nötig sein sollte, bin ich ja schließlich bereit. Aber bedenke doch – das kostet wieder viel Geld und –« »Aber jede Stunde, die der Junge da unten allein ist – oder mit der Familie Teresina zusammen, kostet's viel mehr Geld.« »Mehr, wie er bei sich hat, kann er ja zunächst nicht ...« »Oh, sag das nicht – er wird Geld leihen von Wucherern –« Tante Tüßchen fand diesen unerfreulichen Ausweg. »Die werden sich hüten, einem deutschen jungen Kerl, der –« »So wird er spielen. Monte Carlo ist ja ganz dicht bei Verona –« »Nanu!« »Weit ist's nicht . Und dann wird er versuchen, das Verschleuderte wieder einzubringen. Und wird dublieren und immer wieder dublieren – bis er gar nichts mehr hat. Der Ärmste! Und dann wird er – aber ich will das nicht ausdenken! Kennt ihr den Selbstmörderfriedhof von Monte Carlo? Da liegen sie reihenweise, die armen Teufel, reihenweise ... Landschaftlich sehr schön – aber was hat ein Toter von der Landschaft?« »Nu hör ' schon auf!« Ich war ärgerlich. Diese Unglücksunkerei machte mich auch schon nervös. Ich dachte nach. Hörte nur noch, wie Tante Tüßchen, schmerzlich bewegt, anmerkte: »Ich hab's euch aber gleich gesagt: laßt ihn nicht so weit reisen!« Das war nun genau das Gegenteil von dem, was sie gesagt und geraten hatte. Aber Tante Tüßchen spielte überhaupt in der Familie gern die Rolle einer Kassandra. Freilich nicht einer Kassandra, die das Unangenehme genau so kommen sah, wie es nachher eintraf, sondern einer nicht ganz so talentvollen Seherin, die allemal nachher, wenn Unangenehmes passiert war , sich einbildete, dieses restlos vorausgesehen zu haben. Das praktische Ergebnis der erregten Beratungen aber war dies. Es wurde telegraphisch – mit Rückantwort – bei meinem Schwager Kurt angefragt, ob er nicht auf Kosten der Familie die Reise übernehmen wolle. Begründung sollte ihm auf der Durchreise in Frankfurt mitgeteilt werden. Wir dachten bei diesem Vorschlag daran, daß sein Freund, der Erbprinz, ja gerade auch in Italien war und nach Mathildens Brief mit der Scala verhandelte, und daß somit vielleicht diese Reise auch noch mit dienstlichen und höfischen Pflichten zu verquicken war, was möglicherweise auch die Kosten etwas verringert hätte. Die Antwort, die, leider nachts um drei Uhr, an mich kam und Käthe sehr erschreckte, lautete: »Kurt gestern Mandeln herausgeschnitten. Umständen nach wohl. Reise unmöglich. Was ist denn mit Ben los? Tausend Grüße Malthilde.« Also blieb nichts übrig. Ich mußte fahren. Und fuhr. Sechzehntes Kapitel Ich sang nicht , wie Ben getan hatte, bei der Abfahrt: »Da–hin – da–hi–i–in möcht' ich mit dir.« Und schwenkte auch kein grünes Hütchen. Ich war recht ärgerlich. Ich wäre ja recht gern einmal nach Italien gefahren, aber mit Käthe und in schöner Ferienruhe. Nach Vorbereitungen durch Hehn und Gregorovius; nicht bloß, wie jetzt, mit einem rasch antiquarisch erstandenen Baedeker, einem kalten Huhn, einer Flasche Rotwein, einem leichten Coupéköfferchen und schwerer Besorgnis. Auf dem Gotthard war's mörderlich kalt, und ich fror in meinen für die Sonne des Südens berechneten Sachen. An der Grenze nahmen mir die Kerle von der Douane meine Zigarren ab. In Mailand kam ich mitten in der Nacht an, fuhr nach dem Hotel Metropol. Dieser angenehme Gasthof befand sich nach Tante Tüßchens Erinnerung in einer besonders ruhigen Straße. Das war nun einer der vielen Irrtümer, denen das Gedächtnis der sonst vortrefflichen Frau bei ihren Reiseerinnerungen unterworfen war. Das Hotel Metropol lag nicht in einer »besonders ruhigen« Straße, ganz im Gegenteil direkt am Domplatz. So daß ich die ganze Nacht kein Auge schließen konnte, weil der beträchtliche Lärm der erwachenden Straßen zu meinem zweifenstrigen Vorderzimmer aufbrandete. Ein rascher Gang durch den Dom. Vor dem geschundenen Bartholomäus – als ich gerade die stolze Inschrift entzifferte: » non me Praxiteles sed Marcus finxit Agrates « und mir gestand, daß ich auf die Vermutung mit dem Praxiteles keinesfalls allein gekommen wäre – näherte sich mir ein Führer. Der bot mir erst leise flüsternd » una bella ragazza « an – dann, da ich schweigend zu Tandardinis Geburt der Jungfrau weiterschritt, schlug er mir vor, mir vom Turm des Doms den Monte Rosa zu zeigen. Der Monte Rosa, den ich zu sehen verschmähte, führte mich zu meiner Aufgabe zurück. Eine Stunde später saß ich im Zug nach Verona zwischen einem Priester, der schlief und nach Weihrauch roch, und einer Dame, die in einem Korb zwei lebende Hühner hatte. In der »Colomba d'Oro« in Verona, nach übler Fahrt glücklich gelandet und von einem schwarzlockigen Kellner wortreich empfangen, hatte ich mit meinen paar italienischen Brocken wenig Glück. Man verstand, weiß der Teufel wieso, daß ich einen Abbate aus Pavia zu sehen wünsche, der hier abgestiegen war, aber gerade in San Zeno die Messe las. Dann empfahl man mir die Besichtigung der sehr sehenswerten Arena. Endlich verstand mich der herbeigeholte Pikkolo, der überhaupt intelligenter schien, als der Kellner, dessen Kopf wohl durch die anstrengende Produktion dieser unerhörten schwarzen Haarfülle ganz in Anspruch genommen war. » Il Signore tedesco –?« Der Pikkolo machte nun zunächst seiner Umgebung – auch ein üppiges Zimmermädchen, das vor zehn Jahren eine Schönheit gewesen sein mußte, hatte sich eingefunden – den schwierigen Fall klar. Ich suchte den jungen deutschen Herrn, der hier mit einer Dame gewohnt. » Sua cugina ,« erläuterte grinsend der Ober. Das Zimmermädchen nickte hoheitsvoll und erläuterte: » Sua parente .« Der Pikkolo führte mich, sehr aufgeregt, in die Zimmer der Herrschaften. Eins links am Gang, die Aussicht nach der Piazza, eins rechts vom Gang mit dem Blick nach einer Gasse. »Aber die sind ja leer?« » Si, Signore –« »Abgereist?« » Per Venezia, si, Signore. Con sua cugina. « Und wieder äußerte das Zimmermädchen, hoheitsvoll nickend: » Con sua parente .« Der Teufel hol die cugina und die parente , dacht' ich. Und ich versuchte festzustellen, welches Hotel der Lagunenstadt der Signore tedesco con sua cugina mit seinem Besuch zu beehren gedachte. Da zuckten die drei die Achseln. So weit hatte er sich ihnen leider nicht anvertraut. In Venedig warteten meiner große Überraschungen. Ich stieg in der »Citta di Monaco« ab, dicht am Markusplatz. »Deutsche Bedienung« stand im Baedeker, das hatte mir dieses Hotel empfohlen. Der erste Mensch, der mir entgegenkam, als ich, erwägend, wo ich eine Fremdenliste einsehen könnte, das Sträßchen nach dem Markusplatz entlang ging, war der Dichter Otto Honneff. »Doktor, was machen Sie hier?« Er streckte mir sichtlich erfreut die Hand entgegen. »Wollen wir im Café Scizzero eine Partie Schach spielen?« Das war nun allerdings nicht mein Reisezweck, sofort nach meiner Ankunft in dem noch nie geschauten Venedig in einem Café am Markusplatz mit Otto Honneff Schach zu spielen. Ich sagte ihm das ehrlich. Er begriff das rasch mit seinem sonst bei Dichtern nicht häufigen Sinn für das Praktische. Als ich Bens Namen erwähnte, blieb er stehen und äußerte hocherfreut: »Ben – hier? Also doch!« »Wieso – also doch?« »Ich habe mich also nicht getäuscht. Er war's. Ich sah einen jungen Herrn, sehr elegant, sehr vergnügt, mit einer – einer, na, sagen wir etwas auffallenden Dame ins Hotel Danieli eintreten –« »Wann?« »Etwa vor einer Stunde. Ich dachte mir, wenn ich nicht wüßte, daß der wackere Ben Mewes in Freiburg studiert –« »Das Semester ist zu Ende. Er hat Ferien.« »Ach, ja – richtig! Aber ich hatte den Jungen auch nicht so männlich, so flott und fertig in Erinnerung.« »Man wächst und entwickelt sich. Beim Studium und auf Reisen.« »Besonders auf Reisen,« nickte der Dichter. »Zu Hause studiert man das Leben schlecht. Und Sie – wollen Sie auch studieren hier?« »Nein, ich ... Aber Sie sagten ins Hotel – wie hieß es?« »Danieli. Es ist wohl das beste, vielleicht auch das teuerste am Platz. Liegt an der Riva degli Schiavoni gleich beim Dogenpalast im alten Palazzo Dandalo.« »Großer Gott!« In einem alten Palazzo beim Dogenpalast – das sah Ben ähnlich! »Lassen Sie uns rasch dahin gehen – oder können Sie mich nicht begleiten?« »Doch, doch. Ich habe ja gar nichts zu tun. Das ist hier übrigens die allgemeine Beschäftigung. Ich bin mit meinem Freund, dem Baron, hierhergekommen. Kaum sind wir angekommen, sein Diener ist noch beim Auspacken, kommt ein Telegramm! er muß zurück. Nach Berlin. Keine ruhige Stunde hat doch so ein vielbeneideter Mann! Aber ich – nun bin ich mal hier, in meinem alten lieben Venedig ...« »Sie kennen die Stadt?« »Kennen ist kein Wort. Ich könnte blind drin spazierengehen. Das ist das Feinste an dieser Stadt, sie verändert sich nicht. Kommen Sie mal woanders hin nach zehn Jahren – nichts ist mehr, wie früher. Wo ein Kunstsalon war, seift ein Friseur die Droschkenkutscher ein, und wo ein Patrizierhaus stand, verkauft ein Stift Bismarckheringe. Eine Weinstube ist ein Spritzenhaus geworden; und wo einmal ein hübsches Mädel hinter Geranientöpfen Strümpfe strickte, qualmt ein Polizeiwachtmeister seinen Knaster über blauen Aktendeckeln. Hier – zwischen der Punta della Motta und dem Campo di Marte verändert sich nichts. Den Canal Grande können sie, Gott sei Dank, nicht asphaltieren, und aus Santa Maria della Salute wird, solange die alte Erde sich dreht, kein Rangierbahnhof. Mir ist's sogar immer, als säßen noch dieselben Tauben aus dem geschwärzten Marmor der Prokurazien und unter den Hufen der vier Erzrosse von San Marco. Dieselben, wie damals, als ich vor dreißig Jahren zum erstenmal unterm Torre dell' Orologio her diesen schönsten und verwunschensten Platz der Welt betreten. Sie müssen heute abend mitkommen! Ich habe Ihnen eigens den größten Künstler Venedigs, den Vollmond bestellt. Und die Musik spielt ...« »Alles sehr schön. Aber leider, leider bin ich Unseliger nicht hier, um San Marco zu besichtigen, die Tauben zu füttern und den Vollmond zu betrachten.« Und ich erzählte ihm Zweck und Sinn meiner eiligen Reise. »Ich habe eine besondere Sympathie für Ihren Bruder Ben,« sagte der Dichter und zündete umständlich eine neue Virginia an, während sich zwei zerlumpte Bengelchen, heftig keifend, um den weggeworfenen Stummel balgten. »Man hat mir erzählt, wie schön und mitleidsvoll der gute Kerl unserer teuren Leoni« die letzte Stunde erleichtert hat ... Dann hab' ich ihn mal in der »Stadt Athen« von der Ferne betrachtet. Er hat eine Art, genüßlich Wein zu trinken, die nicht allen Deutschen eignet, am wenigsten den heutigen Jungen, die über die eklige Quantitätssauferei und den öden Komment ganz vergessen, daß die Liebe zu edlen Getränken nur ein Weg zur Begeisterung, zur Steigerung der Persönlichkeit ist.« Der Dichter Honneff sagte auf dem Weg zum Hotel Danieli noch mancherlei, vielleicht sogar Besonderes, über die verständige und seelischen Nutzen bringende Art, mit gegorenen Getränken umzugehen. Ich aber war nicht mehr recht bei der Sache. Mein bewundernder Blick ruhte zum erstenmal auf dem wettergeschwärzten Marmor von San Marco, durch den das Gold der Mosaiken leuchtete, auf den leicht geschwungenen Bronzepfeilern der Bibliothekhalle des Sansovino, auf der imponierenden Pracht des Dogenpalastes. Dann schweifte das Auge in heller Sonne über die Riva, deren buntes, lautes Leben mich entzückte, und über das stillgrüne Wasser, auf dem die schwarzen Gondeln, silberne Furchen ziehend, leise glitten. In der Ferne ruhten, grau und schwer, ein paar Panzer. Im Eingang zum Hotel Danieli grüßte Otto Honneff ein unscheinbares Männchen, das mit gelangweiltem Gesicht in einem blauen Sakko und weißen Hosen mißmutig in die Sonne trat. »Das war einer aus der Familie Vanderbilt,« flüsterte der Dichter. »Er kam gestern mit seiner Jacht von Triest.« Da ich mich nach dem Prinzen aus der Dollardynastie umsah, rempelte mich ein robuster Herr an. »Sie – kennen S' net a wenig Obacht geben? Wann S' sich was anschauen wollen im Rücken, nachher laufen S' net vorwärts dabei!« Mit dieser geraunzten Ermahnung war der baumlange Hotelgast, ganz in Weiß, an mir vorbeigekommen. Der Portier dienerte ihm, die Mütze in der Hand, mehrfach nach und wünschte angenehme Unterhaltung. »Wer war das?« fragte der Dichter den Pförtner, der sich wieder gefaßt hatte. »Das war der Erzherzog Leopold Ludwig von Österreich.« »Bloß?« fragte ich unwillkürlich. Und freute mich, daß der Portier deutsch sprach. Wurde aber gleich wieder traurig bei dem Gedanken, daß Ben ausgerechnet in so einem unerschwinglichen Hotel, in dem lauter Vanderbilts und Erzherzöge verkehrten, mit der Cugina wohnte. Der Pförtner, nach Ben befragt, besann sich einen Augenblick. »Ach, das ist der Herr, der gestern die beiden Affen gekauft hat?« »Um Gottes willen – zwei Affen hat er gekauft? Was will er denn damit?« Mir fiel ein, daß Ben die Neigung hatte, zu Geburts- und anderen Festtagen Verwandte und Freunde mit Präsenten zu überraschen, die ihm selber Spaß machten, und von denen er irrigerweise annahm, daß sie auch andere entzücken mußten. Es war zu meiner Herzenserleichterung eine Verwechslung. Auch der Herr, der den Paolo Veronese im Dogenpalast kopieren ließ, war er zu meiner Genugtuung nicht. Als wir durchblicken ließen, daß der junge Herr, den wir suchten, vermutlich nicht allein hier abgestiegen sei, sondern mit einer lieben Verwandten, nickte der Pförtner verständnisvoll. »Jawohl – ganz recht. Der junge Signore ist mit der Dame und Seiner Hoheit in der Privatgondel des Duca della Palma nach dem Palazzo Vendramin gefahren.« Ich war, auch von der langen eiligen Reise etwas überanstrengt, schon ganz wirr. Ein Vanderbilt, ein Affe, ein Erzherzog, ein Paolo Veronese – und jetzt wieder eine Hoheit. Und gleich in einer herzoglichen Privatgondel! Solche Fülle erlebte man, als junger Frankfurter Anwalt, sonst nur in der Operette. »Da fahren wir vielleicht am besten nach dem Palazzo Vendramin?« »Der ist um diese Zeit nur für Bekannte und Freunde des Duca della Grazia geöffnet.« Schon wieder ein Duca! Und wie kam Ben, zwei Tage in Venedig, zur Bekanntschaft mit all diesen Ducas und Hoheiten? Freilich, mich hatte ja auch vorhin gleich ein Erzherzog apostrophiert, wenn auch nicht freundlich, er hatte doch mit mir gesprochen. Die höchste Aristokratie schien in dieser merkwürdigen Stadt ohne Pferde und ohne Hunde das gewöhnlichste Publikum zu sein. Ich hätte mich in diesem Moment gar nicht gewundert, wenn der dicke Herr, der dort ächzend und schweißtriefend einer Gondel entstieg und, seinen photographischen Apparat hinter sich herziehend, dem Hotel zustrebte, sich mir plötzlich als der Doge Dandalo vorgestellt und mich zu der berühmten Zeremonie seiner heute abend stattfindenden Vermählung mit der Adria persönlich eingeladen hätte. »Wissen Sie, wo die Herrschaften den Abend verbringen?« Diese sehr vernünftige Frage hatte Otto Honneff gestellt. »Ich hörte die Herren davon sprechen, daß sie abends im Restaurant des Café Quadri speisen wollten.« Wir dankten und gingen. Bis zum Abend war ich also, ohne mein Zutun, beschäftigungsloser Gast Venedigs. Otto Honneff erwies sich als kein schlechter Führer. Er hatte freilich die Neigung, mein Interesse für versteckte kleine Osterien, in denen man hervorragende Rotweine für billiges Geld trank, zu überschätzen. Er machte zwischen den Sehenswürdigkeiten Station in der Fiaschetteria Toscana, mischte sich mit mir unters venezianische Volk in der Mondo Nuovo und zeigte mir – warum, weiß ich nicht mehr – eine eingemauerte Kanonenkugel in der Wand der Graspo d'uva, wo wir einen Vivo della botte tranken, den ich nach seinem klingenden Namen für ein höchst adeliges Gewächs halten mußte, der aber in Wahrheit nichts weiter als ein billiger, aber erfreulicher Landwein vom Faß war. Aber in dieser flüchtigen Einkehr in wunderliche Kneipchen – »man muß wie Uferschwalben zu trinken verstehen,« bemerkte er verschmitzt – erschöpfte sich die Führung Honneffs nicht. Er ließ mich auch einen entzückten Blick tun ins Innere der Markuskirche, hetzte mich durch die Säle der Akademie, schleppte mich durch das Gewühl des Rialto, zeigte mir den zum Himmel stinkenden Fischmarkt, stellte mich, plötzlich aus einem engen Gäßchen vorbrechend, vor das Wunder der Reiterstatue des Colteoni und erklärte mir unter der Holzdecke der Madonna dell' Orto vor dem heiligen Stephanus seine fromme Vorliebe für Palma Vecchio. Dazwischen aßen wir irgendwo unter einem nicht sehr blattreichen Baum, dem einzigen, den ich bisher in Venedig gesehen, sehr fette Makkaroni und tranken einen schweren, dunklen Chianti dazu, der wie Purpur im Glase leuchtete. Irgendwo sang ein erfreulicher Tenor zur zittrigen Mandoline: » O dolce Napoli ...« Meine Füße waren müde von all den Brückchen und Treppen, meine Augen von Marmor, Gold, Bronze, Mosaik und dem raschen Wechsel greller Sonne auf den Plätzen und den tiefen Schatten in den malerischen Gäßchen. Und in meinem Kopf schwirrten Namen durcheinander, bald drohend, bald zärtlich, bald fragend, bald erläuternd, wie lauter ehrfurchtbehangene Vokabeln aus einer wundervollen Sprache, deren das deutsche Ohr sich, lernbegierig aber mühsam, bemächtigte. Tintoretto, Colleoni, Ca' d'Oro, Piazzetta, Giacomuzzi, San Giovanni, Papadopoli, Sebastiano, Bellini, Pordenone, Giovanelli, Vaporetto ... Und dazwischen hörte ich Mädchenlachen und die eintönigen Rufe der Straßenhändler. Um die achte Stunde saßen wir im Restaurant Quadri im ersten Stock. Rings um unser hübsch gedecktes Tischchen aßen vornehme Venezianer merkwürdige Gerichte, tranken dunklen Wein dazu, lasen Zeitungen, disputierten und benutzten eifrig die Zahnstocher. Viel Fremde waren da. In der Ecke langweilten sich ein paar Engländer. Am Fenster zankten sich Franzosen über einen Leitartikel des » Temps «. Den Erzherzog, der mich auf der Riva gerüffelt hatte, erkannte ich hinter einigen Flaschen Asti Spumante, die er bereits in angenehmer Gesellschaft geleert hatte. Hinter uns las ein Vater seiner Tochter in unverfälschtem Sächsisch einen Brief aus Dresden vor. Ben war noch nicht zu sehen. Wenn er nun gar nicht kam? Wenn ihn irgendein Duca eingeladen hatte? Und wenn er kam? Wie sollte ich das Wiedersehen einleiten, wie ihm rasch und eindringlich den Zweck meiner Reise erklären? Dieser fatale Vino della botte hatte mir den Kopf heiß gemacht, und der Chianti – schon wieder stand er vor uns! – legte sich mir etwas schwer auf die Zunge. Ja, ja, » o dolce Napoli ...« Das heißt, ich war ja in Venedig. Aber mir schien, das war jetzt dasselbe. »Ich finde das unverantwortlich von Ben, uns so lange warten zu lassen!« »Er weiß doch gar nicht, daß Sie da sind.« Damit hatte der Dichter Otto Honneff, der mich erstaunt ansah, nicht unrecht; und er belohnte sich durch ein gewaltiges Stück Hühnerleber, das er sich geschickt aus dem Risotto à la Milanese herausfischte. »Unglaublich, was so ein Junge riskiert! Die erste große Reise – und gleich eine Freundin und den Duca ...« »Was denn?« Honneff goß sich aus dem strohumsponnenen Fiasko ein neues Glas von dem scharlachroten Chianti ein, der seinen Beifall hatte. »Wenn die Jugend nichts mehr riskiert, wer soll's tun? Geheimräte springen nicht über Gräben; und Großmütter fangen selten an, auf Rollschlittschuhen übern Asphalt zu laufen. Die Jugend ist dazu geschaffen und ausersehen, das für Aufrechterhaltung des regulären Weltbetriebes notwendige Quantum an Torheiten zu leisten. Von diesen Torheiten bleibt dann allemal eine bedeutende Auslese übrig, wächst und entwickelt sich unter behutsamer Pflege zu Weisheiten und Dauerwerten. Wovon ein immer gescheiter und richtig prophezeiender Prozentsatz der lieben Mitwelt dann »gleich gesagt hat«, daß es unbedingt Weisheiten und Dauerwerte sein mußten ...« In diesem Augenblick sah ich Ben eintreten. Siebzehntes Kapitel Mit seinem leichtsinnigen Siegerlächeln kam er, vergnügt, lebhaft, erstaunlich sicher, eine große weiße Nelke im Knopfloch des tadellos sitzenden Jacketts, das ich zum erstenmal an ihm sah. Mein erstes Gefühl war ein leiser Stolz auf den schmucken Bruder. Er machte wirklich eine gute Figur in seiner Gesellschaft. Und er sprach italienisch. Sprach es gewiß nicht wie ein Venezianer; kaum wie einer, der oft im Lande gewesen ist; aber seine sichere Sprachbegabung, sein Ohr für den Tonfall fremder Sätze und seine Furchtlosigkeit Fehlern der Syntax und Konstruktion gegenüber ließen ihn eine Unterhaltung führen, die mindestens aus der Ferne leicht und ohne jede Hemmung schien. Die Dame ging voraus. Eine üppige, nicht große Blondine, schrecklich blond und sicher noch nicht lange. Sie trug ein schickes Kostüm von Rohseide und agierte sehr lebhaft mit einem Sonnenschirm, den ein Korallenknopf von Kartoffelgröße zierte. Auf ihrem Florentiner Hut blühte ein ganzer Garten. Die Cugina –! Die Cugina, wie sie im Buche steht, in einem italienischen Buche, dacht' ich. Aber ich konnt's nicht leugnen, dieses etwas starke und nicht gerade distinguierte Gesicht mit den lebhaften Äugelchen und der vergnügten Stupsnase war doch hübsch und originell. Links neben ihr trippelte mit kleinen Schritten ein kurzbeiniger, zitronengelber Herr, der schwatzte wie ein Wasserfall, und an den kleinen, lebhaft mitredenden Händen feurige Steine blitzen ließ. Aha, der Duca! dacht' ich. Auf der anderen Seite der Typ des deutschen Offiziers in Zivil. Schlank, sehnig, den kurzen, leicht aufgekämmten Schnurrbart zuweilen streichelnd mit der schmalen Aristokratenhand, an der nur ein einziger Wappenring saß. Kühle, vornehme Ruhe verbreitend in diesem Gewirr der Stimmen, Düfte, Speisen und Menschen. Die Hoheit! Ich hätte es gewußt, wenn ich auch diesen scharfen, etwas vogelartigen Kopf nicht schon mehrfach auf Momentbildern auf Gruppenaufnahmen mit dem diskret zur Seite stehenden Schwager Kurt, dem Schloßhauptmann und Kammerherrn, gesehen hätte. Der Ober schien die Herrschaften zu kennen und zu erwarten. Er führte in der Begrüßung ein ganzes Ballett auf, steuerte die kleine Gesellschaft aber, treu und sicher, zu einem besonders hübsch mit Blumen geschmückten Tisch und lud mit großartigen Handbewegungen, als ob er Throne verschenke, zum Sitzen ein. Ein paar Köpfe fuhren herum. Offiziere wechselten Grüße mit dem Herzog. Zwei Venezianerinnen betrachteten Ben wohlgefällig durch die Lorgnetten. »Na, er hätte in schlechtere Gesellschaft kommen können,« meinte Honneff. »Mein Freund, der Baron, hat einmal einen verwandten Jüngling aus einer Seiltänzergesellschaft in Solothurn losgeeist. Seine Liebste lief im Trikot auf Kugeln.« Mich interessierte im Augenblick das Abenteuer mit der Dame, die in Solothurn auf Kugeln lief, wenig. Ich ließ Ben nicht aus den Augen. Ich war unschlüssig, was ich zunächst unternehmen sollte. Aber da kam mir der Zufall zu Hilfe. Der Stuhl, auf dem sich der dicke Duca etwas zu plötzlich niedergelassen hatte, krachte und wackelte. Ben sah sich hilflos nach einem anderen um; und bei diesem Rundblick durch den Saal fand sein Auge zwar keinen leeren Stuhl, aber mich. Den Bruchteil einer Sekunde nahm sein hübsches Gesicht einen etwas blöden Ausdruck an. Dann stieg ihm eine Röte über die Wangen nach der Stirn. Und schon kam er auf mich zu. »Adi – du ?! Das ist aber eine Überraschung!« »Nicht wahr – ja. Ich bin nämlich ...« »Du bist nämlich – ein ganz famoser Kerl!« Ben umarmte mich mit großer Herzlichkeit. Die Lebhaftigkeit des Südens schien auf seine Gefühlsäußerungen schon abgefärbt zu haben. Dann begrüßte er den Dichter und zeigte sich über dessen Anwesenheit in Venedig ebenfalls sehr erfreut. Sprach auch gleich die schmeichelhafte Hoffnung aus, daß der Aufenthalt Honneffs in der herrlichen Stadt dem deutschen Volke venezianische Dichtungen von unvergänglichem Werte schenken werde. Dann wandte er sich wieder zu mir. »Ist Käthe auch da? Nein? Schade, du hättest sie mitbringen sollen!« Er zürnte mir ernstlich. »Ich weiß nicht recht« – mein Blick suchte die rotblonde Cugina, die eben drüben ausgelassen lachend, nach dem dicken Duca, der sich schon selbst einen Stuhl geholt hatte, mit der Serviette schlug – »weiß nicht recht, ob das angebracht gewesen wäre. Ganz abgesehen davon ...« » So ist's recht – jetzt sehen wir von allem ab! Jetzt denken und wissen wir nur, daß wir jung sind und in Venedig sind, und daß es Frühling ist und – ach, Adi, hast du 'ne Ahnung, was dieses Land schön ist! Aber morgen führ' ich dich ... Keine Widerrede! Wir brauchen nicht mit der Masse zu laufen – die Visitenkarte des Erbprinzen öffnet uns alle Türen, und der Duca – ist ein famoser Kerl – er sieht ein bißchen grotesk aus, es ist wahr, aber ich sage dir, ein prächtiger Mensch und so gar nicht eingebildet, nein – ja also der Duca ist zwar Genueser – die Dorias, du kennst sie – Fiesco! – sind Vettern von ihm – aber seine Mutter ist eine Venezianerin, noch verwandt mit den Grimaldis und Papadopolis ... Aber ihr müßt zu uns herüberkommen! Die Herren werden sich riesig freuen. Und Teresina erst recht – ich hab' ihr schon so viel von dir erzählt, Adi.« Ich war etwas verblüfft, daß gerade ich den Gesprächsstoff für die venezianischen Unterhaltungen zwischen Ben und der blonden Teresina abgegeben haben sollte. War überhaupt verblüfft. Wo nahm der Junge, vor einem Jahr noch Primaner, mein Bruder, meines Vaters, des Lehrers in bürgerlichen Mädcheninstituten spätgeborener Sohn, die Sicherheit her, eine auffallend hübsche, freilich auch hübsch auffallende italienische Freundin zwischen einer deutschen Hoheit und einem Genueser Herzog, vergnügt und sorglos, durch die Geheimnisse und Genüsse der Dogenstadt zu führen? Schon sprach Ben italienisch mit dem Kellner. Die Kenntnisse in der Sprache Dantes, die der für lebende Sprachen so begabte Ben rasch noch vor der Abreise emsig betrieben, hatten sich offenbar im Umgang mit Teresina ganz erstaunlich vervollkommnet. Ob alles ganz richtig war, was er jetzt sagte, weiß ich nicht. Aber der Jüngling verstand ihn, nickte, lächelte, dienerte. Eh' wir recht wußten, was geschah, lagen unsere Gedecke aus dem Tisch, an dessen Kopf Teresina, ein herrliches Gebiß, wie eine Perlenschnur, unter leicht angemalten Lippen enthüllend, uns wie alte liebe Bekannte anlachte. Ben stellte uns vor. Der Erbprinz äußerte mit kühler Freundlichkeit, daß es ihm angenehm sei, einen weiteren Schwager seines Kammerherrn kennen zu lernen. Von dem Dichter Otto Honneff habe er schon viel gehört; auch, wenn er sich recht erinnere, vor Jahren ein sehr schönes Theaterstück im Hoftheater genossen. Da von dramatischen Arbeiten Honneffs nur ein satirisches Lustspiel existierte, bei dessen einziger Aufführung vor dreißig Jahren im Stadttheater zu Hanau nur eine Dame, die Mutter des Dichters, gelacht hatte, so berührte die Höflichkeit des Herzogs hier eine wunde Stelle. Aber der Dichter begrub auch diesen Schmerz bald nach seinem eigenen bewährten Rezept, »wie die Goten ihren König Alarich«. Der Duca überschüttete uns wie ein Wasserfall mit italienischen Höflichkeiten. Ich verstand kein Wort. Honneff, der italienisch sprach, sagte mir gelegentlich leise, er halte ihn für ein großes Kamel. Plötzlich erschienen noch zwei Damen, eine alte und eine junge, mit einem Herrn. Alle, auch Ben, kannten die Herrschaften schon, und die Begrüßung war sehr lebhaft. Honneff äußerte mir ins Ohr die Vermutung, die alte Dame trage ein Gebiß. Er liebte solche Detailbeobachtungen, die zur Klärung der Situation wenig beitrugen. Bei der Vorstellung ergab sich's, daß die alte Dame eine kurländische Baronin von Schöllings war, die das harte Deutsch der baltischen Provinzen sprach und äußerst bekümmert aussah, selbst wenn sie Fröhliches zu sagen wußte. Sie war groß und starkknochig, und ob sie saß oder ging, es sah immer so aus, als sitze sie zu Pferd. Die jüngere Dame – sie mochte Ende der Zwanzig sein – war die Nichte dieser Reiterin, eine Komtesse Sonja Frerecks, schlank, blaß, mit einem flehenden Blick unter stets leicht gesenkter Stirn, wie eine Märtyrerin, die den Beginn neuer Foltern erwartet. Sie sprach leise mit einer sehr angenehmen Stimme und hatte schlanke, durchsichtige Hände, deren feine Schönheit sie, wie mir schien, geschickt zur Geltung zu bringen wußte. Sie bestellte sich lauter Gerichte, die diese Hände in immer neuen subtilen Tätigkeiten zeigten, Krebse, Artischocken, Früchte. Dazu trank sie Eisgetränke, die ein raffiniertes Spiel mit dem Strohhalm erlaubten. Von dem Herrn in ihrer Begleitung, einem deutschen Aristokraten von guter Sportfigur, der eine Hochquart auf der militärisch gebräunten Stirn trug, wußt' ich erst nicht recht, wo ich ihn hintun sollte. Verwandt mit den Damen konnt' er nicht sein. Aus seiner Sprache klang der Berliner oder die Garde. Als ich mich eben entschlossen hatte, ihn für eine Zufallsbekanntschaft der Gesellschaft zu halten, klärte mich Honnefs, dessen Mitteilungen in mein Ohr mir unschicklich schienen, aber sich nicht vermeiden ließen, dahin auf, daß es der Adjutant des Erbprinzen sei. Ein Herr von Birkhuhn. Das freute mich, denn ich hatte vorhin Bierhuhn verstanden und fand den Namen für diese Kavaliererscheinung unpassend. Die baltischen Damen sprachen mit der Hoheit. Wie mir schien von einem gemeinsamen römischen Aufenthalt im Vorjahr. Mir wollte es aber so vorkommen, als ob der Erbprinz, während die alte Baronin, tiefbekümmert, mit ihm wieder das Kapitol besuchte und die Komtesse mit Märtyrerblick ihn zum Morgengang durch die Campagna aufforderte, ziemlich zerstreut antwortete. Er sah meist nach Teresina hinüber. Hatte er den huschenden Blick ihrer koketten Augen erwischt, dann kniff er die seinen ein wenig zusammen, und ein diskretes Lächeln schien mir die Cugina zu prüfen oder irgendeine Verständigung mit ihr zu suchen. Ben sprach französisch mit der Baronin, italienisch mit dem Duca, deutsch mit dem Erbprinzen und schenkte dazwischen bald der neben ihm sitzenden Teresina ein, die eine Menge zu vertragen schien, bald kaufte er prächtige farbige Blumen oder sehr klebriges Naschwerk für die Damen einer der nicht sinnverwirrenden, aber ganz gut gekleideten Verkäuferinnen ab, die hier von den Kellnern nicht als lästige Konkurrenz empfunden wurden. Der Duca, der – ziemlich grundlos – sehr stolz aus sein Deutsch war, das er in Berlin und München gelernt hatte, widmete sich fast ausschließlich der dankenswerten Ausgabe, Teresinas Aussprüche und Gedanken alsbald aus dem kaskadenhasten Italienisch, das sie mehr lachte als sprach, zu übersetzen. »Sie sakke, es freue sich sehr zu sein in eine so vornehmigte Compagnia – und sie sakke, sie verhoffen fiducialmente, sie alles wiederzugesehn in seine Concerto in der schönne Deitschland.« Ich gewann den Eindruck, daß die baltischen Damen es sich noch überlegen würden, ob sie in der schönne Deitschland gerade das Konzert der Signorina Teresina besuchen würden. Von der Nichte Sonja, deren Augen sich bei der Ankündigung dieses Vergnügens noch mehr umflorten, mußte ich annehmen, daß sie jede andere Abendunterhaltung diesem musikalischen Genuß vorziehen würde. Und der Baronin, die eben aus ihrem Stuhle nach der Villa Falconieri ritt, schien mir bereits eine herbe Kritik dieser Veranstaltung um den Mund zu zittern. Ben aber war vergnügt. Er sprach mit glücklich leuchtenden Augen in Teresina hinein und markierte mit Hilfe ihres Sonnenschirms, den er sich gegriffen hatte, ein lautloses Mandolinenständchen. Teresina wollte sich ausschütteln vor Lachen, suchte aber dabei mit den blanken Augen die Hoheit, die, kerzengerade, als ob sie in Ordenstracht einer Sitzung des Johanniterkapitels präsidiere, ein Filet tranchierte. Ich kam mit Herrn Hauptmann von Birkhuhn ins Gespräch. Er hatte auf Wunsch des Erbprinzen, während dieser mit Teresina, Ben und dem Duca im Palazzo Vendramin den Cäsarenfries und das Zimmer, in dem vor fünf Jahren Richard Wagner gestorben war, besichtigte, mit den baltischen Damen auf der Insel S. Giorgio Maggiero den Campanile bestiegen. Was, wie ich an seinem unerfreuten Gesicht ablas, keine ganz leichte Unternehmung gewesen war. Als sie die zweiunddreißig Schneckenwindungen der Holztreppe emporgestiegen, hatte sich's, wie Herr von Birkhuhn erzählte, herausgestellt, daß der Schlüssel zu der Türe oben sich noch unten beim Kastellan befand, und der Hauptmann hatte das recht mäßige Vergnügen, wieder herabsteigend diesen Mann und den Schlüssel zu suchen. Eine Unternehmung, für die ihn der Reiz der Rundsicht später über die besonnte Stadt und die glühenden Lagunen nicht voll entschädigt zu haben schien. Überhaupt, so höflich er war, so einen recht vergnügten Eindruck machte mir der Hauptmann und Adjutant nicht. Und als er erfuhr aus unserem Gespräch, was er vorher nicht begriffen hatte, daß ich der Bruder Bens sei, dem übrigens, wie ich zu bemerken glaubte, seine besondere Aufmerksamkeit galt, da streifte mich ein eigentümlich fragender Blick. So, als wollte er mich, ohne besondere Hoffnung auf Gewinn, einschätzen auf meinen Wert. Dann aber erkundigte er sich mit höflicher Anteilnahme nach meinen Privatverhältnissen. Ob ich verheiratet sei, ob ich auch , wie Ben, bloß zum Vergnügen hier herum reise oder einen Zweck mit meinem Ausenthalt verbinde, etwa Maler oder Archäologe sei. Als ich dies alles verneinte, wurde er wieder schweigsam. Befragte mich dann aber noch, wer und was der, wie ihm scheine, den Schlaf bekämpfende Nachbar auf meiner anderen Seite sei. Ich klärte ihn auf, daß Otto Honnefs, der leider unter dem Druck reichlich genossenen Alkohols eben nicht ganz den von mir erhofften Eindruck machte, ein genialer Poet sei, der in Deutschland eine nicht große, aber erlesene Gemeinde besitze. Herr von Birkhuhn hatte die Freundlichkeit zu versichern, daß er sich durch baldige Lektüre bemühen werde, des Eintritts in diese erlesene Gemeinde würdig befunden zu werden. Der Erbprinz, der mir den Versuch zu machen schien, von dem Ritt mit der baltischen Tante durch die Campagna sich höflich zu lösen, empfahl ihm, zerstreut aber herzlich, über den Tisch, zunächst die Bekanntschaft mit jener vorhin schon von ihm gerühmten Tragödie, die leider gar nicht von Otto Honneff war. Während nun der Duca ein schwieriges Kunststück mit Zündhölzern und Zahnstochern zum Besten gab, dessen munterer Sinn mir rätselhaft blieb, da ich kein Italienisch verstand, und während Komtesse Sonja erzählte, daß sie auf dem Pincio in Rom, just vor einem Jahr, im Anblick der Peterskirche genau diese heutige Tafelrunde vorausgesehen habe, fiel mein Blick auf Bruder Ben. Der hatte zärtlich seine Hand auf den vollen Arm Teresinas gelegt und, den Mund dicht an den mit Perlchen besetzten goldenen Reif gelegt, den sie als Ohrring trug, flüsterte er ihr offenbar neckische und zärtliche Dinge ins Ohr. Sie mußte ihn unbedingt mit der grübchenreichen Hand, lachend, leicht auf den Mund schlagen. Mir aber wurde das Herz schwer. Daheim waren sie nun überzeugt, daß ich Ben bereits eingefangen und ernstlich ins Gebet genommen; daß ich ihn auf den Pfad der Tugend zurückgeführt und gewiß schon von der »Familie Teresina« und dieser Circe selbst mit sanfter Gewalt losgeeist. Statt dessen – saß ich hier, ließ mir die Paste asciutte al sugo e al burro schmecken, in der ich Nudeln mit Paradiesäpfelbuttersoße erkannte, setzte eine Frittata und einen Formaggio darauf, begoß das alles mit einem sehr köstlichen roten Carmignano und sah zu, wie Ben eine hochblonde üppige Italienerin, die nach Deutschland kommen wollte konzertieren, in den runden Arm kniff! Freilich, die Sache mit dem Einheimsen und Insgewissenreden war auch nicht so einfach. Ganz so wie Tante Tüßchen sich die »Familie Teresina« gedacht hatte, sah diese merkwürdige Tafelrunde im Café Quadri am Markusplatz in Venedig wahrhaftig nicht aus. Ich konnte doch schließlich nicht einfach den kleinen dicken Duca am Kragen nehmen und auf den Markusplatz hinauswerfen; konnte die Hoheit nicht gewaltsam durch den Ober entfernen lassen und die baltische Baronin samt der Komtesse davonjagen, um mit Ben im Namen der besorgten Familie in Frankfurt gründlichst unter vier Augen deutsch zu reden. » Oh, questo – tuo fratello ?!« hörte ich jetzt über den Tisch herüber Teresinas vergnügte Stimme erstaunt fragen, » Questo ?« Sie hatte offenbar jetzt erst das nahe verwandtschaftliche Verhältnis begriffen, in dem Ben mit mir stand. Und als dieser nun sein Glas hob und mir listig zutrank, schnellte die lebhafte kleine Südländerin vom Sitze auf, und ehe ich's hindern konnte, war sie dicht bei mir und gab mir einen Kuß. Wovon ich ein großes Erstaunen und einen fettigen Geschmack nach Lippenpomade zurückbehielt. In diesem Augenblick machte der Erbprinz den Vorschlag, zur »Serenata« zu fahren. Und – so schwach ist der Mensch! – als ob ich »des Lotos süße Kernfrucht, die der Heimat Angedenken löscht«, genossen hätte, ich war, glaub' ich, der erste, der den Hut ergriff und, wie unterm zauberischen Einfluß des Leichtsinns, der hier aus Gesprächen, Gelächter, Blumen und Musik strömte, wiederholte: »Zur Serenata!« Achtzehntes Kapitel Ich weiß nicht, ob die Gondeln bestellt waren. Jedenfalls, als wir den Markusplatz durchquert hatten, auf dem ganz Venedig, die Kühle genießend, im Mondschein promenierte, lagen an der Piazzettatreppe zwei Gondeln, die wir mit schöner Selbstverständlichkeit bestiegen. Eine rasche, schweigsame und sehr geschickte Regie hatte uns so verteilt, daß der Erbprinz Ernst Erich, der Duca und Teresina in der ersten Gondel saßen. Auch Herr von Birkhuhn, dessen Bedarf an Konversation mit den baltischen Damen für heute gedeckt schien, war im letzten Moment noch hineingesprungen. In unserer zweiten Gondel saßen mit mir die Baronin, die visionäre Nichte, der Dichter Honneff und mein Bruder Ben. »Die Herren Brüder haben sich gewiß viel zu erzählen,« rief der Erbprinz freundlich winkend herüber. Und schon glitt seine Gondel an uns vorüber. Eine wundervolle Silhouette, von der nur der silberne Eisenkamm am Schnabel aufglänzte. Das war ja nun wohl richtig, daß wir zwei uns mancherlei zu sagen gehabt hätten, und einen Augenblick pochte wieder mein Gewissen: steig aus, nimm Ben beiseite und rede mit ihm! Aber das Märchen dieser erleuchteten Kais, dieser Säulenhallen, Kuppeln und Türme, die der Vollmond in sein blasses Gold tauchte, schmeichelte alle guten Vorsätze in einen sanft entspannenden wundervollen Traum. Honneff, von der kühlen Abendluft, die uns von der in Marmorhoheit thronenden Maria della Salute entgegenstrich, geweckt und neu belebt, fand, zwischen den Damen sitzend, Worte, die zum erstenmal heute abend seinen Beruf und sein Ingenium aufleuchten ließen. Der Takt der Ruder der beiden Gondoliere, die schweigend auf der Poppa standen und im schönen Rhythmus der biegsamen Körper die Ruder bewegten, gab die leise Begleitmusik zu seinen Worten. »Venedig« ... Der Dichter sprach das mit einer großen Handbewegung, als schenke er uns hiermit gnädigst die genannte Stadt. »Warum lieben wir's, wie kaum eine andere Stadt? Weil wir Deutschen den liebsten Traum träumen, wenn leise Melancholie mitklingt. Weil wir empfänglich sind wie kein anderes Volk für die farbenreichere Schönheit südlicher Länder. Weil wir das Meer geliebt haben, ehe wir wagten, es zu befahren. Uns Deutschen ist im Wunderlande Italien Venedig ein einzigartiges Kleinod geblieben von unschätzbar besonderem Wert. Die entthronte Herrin des Mittelmeers, im Witwenschmuck ihres Marmors, ihrer Brunnen und Statuen, ihrer Kirchenschätze und Bilder, hat uns in ihrer rührend stolzen Schönheit selbst , wie eine Heilige unter den Städten, berührt. Eine Heilige, die gekämpft und gelitten hat, und der der Himmel die Glorie ewiger Schönheit um das Haupt gießt.« Ben hörte nicht zu. Der sonst so Empfängliche schien für die Reize dieser gepriesenen Heiligen die volle Bewunderung nicht aufzubringen. Er nagte unruhig die Unterlippe und sah hinter der entgleitenden Gondel her, über der jetzt zwei kleine weiße Schmetterlinge zu schweben schienen. Das waren Teresinas hübsche Hände, die uns übermütig winkten. Jetzt waren wir in den großen Kanal eingebogen. Der Dichter Honneff verschenkte alsbald mit einer neuen großen Armbewegung die Paläste. Bewacht von den bunten Pfählen, die der alten Geschlechter blassende Farben zeigten, ließen sie in majestätischer Ruhe das Gold des Mondscheins an ihren Toren und Loggien niederfließen. »Wenn man so denkt –! Fast aus jedem dieser Adelshäuser ist einmal ein stolzer Adelssproß in die rote Staatsgondel des Dogen gestiegen. Hat sich, den Ring ins Meer senkend, der Adria vermählt. Hat Briefe mit dem Papst, Verträge mit den Fürsten getauscht. Hat sich im Kampf mit der Herrschaft der Nobili gequält und einzig die dosci inquisitori di stato gefürchtet, die selbst ihn strafen konnten und über sein Grab hinaus die Familie. Und hat schließlich, resigniert lächelnd, den Lieblingskünstler bestimmt, der einmal, wenn ihm im Tode die Ehren von den nachprüfenden Correttori zugesprochen, sein Grabmal meißeln sollte im geweihten Gotenbau von San Giovanni è Paolo.« Ich lauschte andächtig. Diesem weinfrohen Mann hatte ich manchmal, wenn ich ihn, als starken Esser und wahrscheinlich nicht schwächeren Trinker, bei Familienfesten beobachtet, seine eigenen Bücher, die Wohlklang und Tiefsinn enthielten, nicht zugetraut. Noch heute mittag erschien er mir mehr als Weltbummler und Schlemmer, denn als ein von der Muse Geküßter; und fast ärgerlich hatte ich sein gerötetes und, nicht zu leugnen, ein wenig gedunsenes Gesicht mit dem Schlaf kämpfen sehen. Jetzt aber schien der Zauber dieser lautlos gleitenden Fahrt durch die Vollmondnacht Venedigs jenes reichere, bessere Teil seines Ichs geweckt zu haben, dem er den Rhythmus schöner Worte, den Schwang manchen Liedes dankte, das die schwärmende Jugend daheim in Deutschland sang. Durch die Erwähnung von San Giovanni è Paolo angeregt, sprach die Baronin von dem Reiterstandbild des Colleoni, der hier auf den kleinen, versteckten Platz doch wirklich zu ungünstig gestellt sei, nicht würdig seines Ruhmes. »Sein Ruhm?« Honneff ließ die rechte Hand über den Rand der Gondel ins Wasser gleiten und sah nachdenklich das unruhige Silber der Wellchen sie umspielen, während er sprach: »Es ist mehr. Unvergeßlich reitet er, die gepanzerten Glieder im Sattel gereckt, daher. Aber – unvergeßlich durch die Kunst, die Kunst eines anderen, nicht durch seine Taten. Unvergeßlich durch seine kluge Eitelkeit, nicht durch die Wucht seiner Siege. Bartolomeo Colleoni, der Condottiere der Republik von San Marco! Hinter seinem Rücken, in der gotischen Gruftkirche, schlafen die Dogen. Ein paar ihrer Namen haften ja auch vielleicht im Ohr der Fremdlinge, die hier im Schatten des Chors die Grabdenkmäler, von Engeln und Musen bewacht, gefunden haben. Keiner von diesen Herren über Stadt und Lagunen aber prägt Namen und Bild so stark dem schauenden Wanderer durch die Dogenstadt ein, wie dieser bezahlte, dieser käufliche Söldnerführer. Wie dieser Abenteurer, der sein Schwert vor einem halben Jahrtausend skrupellos dem Meistbietenden verkauft. Ein Kerl jedenfalls! Er hat die Fürsten gefoppt und schließlich einer stolzen Republik die ärgerliche Denkmalspflicht in höhnender Testamentsklausel aufgezwungen. Dieser Vielumhergetriebene hat bald für Neapel, bald für Mailand, bald für Venedig gekämpft. War in Schlössern und Kerkern heimisch. Und am Ende hat er den grimmigen Witz seines rauhen Lebens gemacht: hat, ehe er sich nach Bergamo in die berühmte Capella Colleoni zum ewigen Schlummer zurückzog, sein großes erstrittenes und ergaunertes Vermögen der Republik Venedig vermacht. Aber – mit der üblen Auflage: ihm, dem käuflichen Abenteurer, ein würdiges Reiterdenkmal zu setzen! Schalkheit und Eitelkeit, Hohn und Eigensinn haben sich wohl in diesem unbeugsamen letzten Willen vermählt. Knirschend haben die venezianischen Kaufleute dem tollen Kriegsmann den geckischen Wunsch erfüllt. Auf einen versteckten Platz haben sie sein Denkmal gestellt – aber sieh da, Meister Andrea del Verocchio, des großen Leonardo kunstreicher Lehrer, hat in diesem unwillig von der Republik bestellten Denkmal des Condottiere das an Kraft und Schönheit nie mehr erreichte, schönste Reiterstandbild der Welt geschaffen! Und wer heute, an der Scuola di San Marco vorbei, sich dem aus gewaltig ausgreifenden schweren Schlachthengst daherreitenden grimmigen Ritter nähert, der hat das Gefühl: hier steht eine ganze wilde in Waffen starrende Zeit wieder auf. Hier eint sich höchster Kunstsinn mit brutaler Kraft. Hier reitet siegreich ein Held gewaltiger Dramen. Und doch – dieser Colleoni, mit den Sforzas verschwägert, zuzeiten gefürchtet von Venetien bis tief an die neapolitanische Bucht, war bloß einer von Vielen. War ein bezahlbarer Glücksritter, wie die anderen; ein Gewaltmensch, wie seine vergessenen Vettern des Quattrocento. Nur – eitler , als sie, und mit einer höheren Meinung vom Ruhm und Klang eines Namens, den die Nachwelt mit Schauern der Bewunderung spricht. Kein größerer Held, als die Verschollenen, ist dieser erzgegossene Condottiere gewesen, nur ein größerer Poseur, ein geschickterer Regisseur seiner unstillbaren Eitelkeit. Erst daß er den Künstler fand, der ihn für die Ewigkeit aufs Pferd setzte, hat seinen Weltruhm entschieden.« Ich hatte aufmerksam zugehört, dankbar, nach viel Wein und leichter Unterhaltung mal wieder die kräftige Sprache eines Nachdenklichen zu hören. Eines Künstlers, der stolz für die Ewigkeit und heiligende Macht der Kunst plädierte. Alle die vielen mit farbigen Lampions geschmückten Gondeln, alle die mit bunten Teppichen belegten Barken, die uns entgegenkamen »der überholten, all das Lachen und Geplauder, das, sich mit dem Ton der plätschernden Ruderschläge mischend, auf der silbrigen Wasserstraße schwamm, hatte mein Auge erfreut, aber meine Gedanken nicht eigentlich abgelenkt von dem Ruhm Venedigs, dessen Sänger mir gegenüber zwischen den baltischen Damen saß. Jetzt aber sah ich zur Seite und in Bens Gesicht. Es war mir sofort klar, daß Bens Gedanken sich nicht mit dem Colleoni und überhaupt nicht mit irgend etwas beschäftigt hatten, das die Kunst des Quattrocento oder die Geschichte Venedigs anging. Er lebte durchaus in der Gegenwart, und seine unruhig flatternden Augen suchten die eine Gondel unter den vielen, vielen, die jetzt dicht um das reichgeschmückte, bunterleuchtete Schiff der Serenatasänger sich glatt und leicht zusammenschoben. Durch eine einzige Gondel, in der ein älteres zerknittertes Ehepaar, fast ängstlich in die Lodenmäntel gewickelt, in diese fremde huschende Welt starrte, waren wir von der Gondel getrennt, in der der Erbprinz mit Teresina und den anderen saß. Mir schien es, daß die Hoheit, vermutlich um fester und bequemer in den Daunen der schwellenden Kissen zu sitzen, den Arm hinter Teresinas Nacken gelegt hatte. Auch Ben hatte das offenbar bemerkt, und es mißfiel ihm. Die baltischen Damen hatten, schweigend und zerstreut, Honneffs venezianische Hymnen und Belehrungen über sich ergehen lassen. Sie tauschten mehrfach verstohlene Blicke. Auch ein paar leise Worte, die sie ruhig hätten lauter sprechen können. Denn es war Russisch, das hier in der Gondel niemand außer ihnen verstand. »Wissen Sie, daß ich auch diese Gondelfahrt genau voraussah – etwa im Oktober vorigen Jahres?« sagte plötzlich die Komtesse zu Ben. Sagte es auf Französisch; warum das, ahn' ich nicht. Ich hörte nicht, was er antwortete. Denn die Baronin nickte mir ernst zu und erläuterte: »Meine arme Nichte ist Clairvoyante. Eine Schickung! Sie schaut bedeutsame Ereignisse oft mit fabelhafter Genauigkeit in ganz plötzlich sich einstellenden Wachträumen.« Ich dachte, daß diese gefürchtete Gabe nicht sehr unangenehm werden könnte, wenn die bedeutsamen Ereignisse, die sie sah, die Bedeutsamkeit dieser Fahrt zur Serenata nicht überstiegen. Dann aber fiel mir ein, daß alles Bedeutsame schließlich relativ sei; und daß ein Fremdling in diesem Kreise, wie ich, schließlich nicht wissen könne, was dieser Abend in der Gondel für Leben und Gemüt der Seherin selbst bedeute. Es war still geworden in unserem schwarzen Schiffchen. Da vorn im Mittelpunkt all der leicht, wie in lieblichem Rhythmus sie umschwebenden Gondeln sang eine geputzte Sängerin auf primitivem Podium in reich geschmückter Barke. Ihrem imponierenden Busen, der zu den Sternen aufwogte, entstieg erst eine Arie der »Nachtwandlerin«, dann der Sterbegesang der »Traviata«. Die Meister Bellini und Verdi hätten sich über den gewaltigen Sopran gefreut und, Italiener wie sie waren, der Sängerin sogar vielleicht das ewige Tremolieren verziehen. Im Lichterglanz funkelte der Kanal, und die weite Sterndecke des Firmaments schien nur eine himmlische Fortsetzung seiner irdischen Herrlichkeit. Die Marmorwände der Paläste warfen Gesang und Mandolinenklang zurück. Im Hintergrund spannte der Rialto seinen dunklen Bogen ... Ich schlechter Kerl genoß – die Seele von Wein und Liedern beschwingt, glückbefriedet, wie nie – die Herrlichkeit dieser südlichen Lenznacht mit vollen Zügen. Dachte an irdische und ewige Dinge, an Käthe, die Heimat, die Jugend und die fernen Gräber – und über allem, allem lag, froh, versöhnend, frühlingsmäßig, in einer nie gekannten Fülle der Zauber dieser Stunde. Und alles durchdrang das Bewußtsein: Du lebst, du bist jung! Daß Ben noch jünger war und seine Neigung zu leben noch heftiger, war mir ganz entfallen. Und mit diesem naheliegenden Gedanken leider auch der Zweck, die Aufgabe meiner eiligen venezianischen Reise. Auf einen Vorschlag des Erbprinzen trugen uns die Gondeln, als die Serenata verklungen, nicht den kürzesten Weg zum Molo zurück. Wir ruderten vielmehr den Kanal hinauf bis zu dem Kirchlein S. Marcuola, in dem ein früher Tizian hängen sollte, den die kunstfreundliche Hoheit herzlich liebte. Aber da es jetzt Nacht war und S. Marcuola, wie zu vermuten, geschlossen und mithin der junge Christus, den Tizians Meisterhand zwischen den heiligen Andreas und die heilige Katharina gestellt, nicht zu sehen, so mußte diese Fahrt anderen Zweck haben. Den erkannt' ich auch bald. Wir stiegen aus und gingen nun zu Fuß über Brücken und Brückchen durch malerische Winkelsträßchen und engste Gäßchen zurück. Wir sollten den halben Shakespeare erleben, den »Kaufmann von Venedig« und den »Othello«, erklärte die Hoheit lachend. Ein phantasieloser Tropf, wem hier nicht Shylock mit Tubal, auf der Suche nach der entführten Tochter, entgegenkam; wem nicht im Schatten jenes freskengeschmückten Hauses, den Feldherrnmantel um den kupfernen Leib geschlagen, Othello, der Mohr Venedigs, auf dem Wege zum hohen Rat begegnete! Die Enge der dunklen Gäßchen bedingte, daß wir zu zwei und zweien gingen. Wie sich der Zug vor mir ordnete, den mir die Hoheit mit Teresina zu eröffnen schien, weiß ich nicht recht. Weiß nur, daß neben mir der Hauptmann Birkhuhn, einen angenehmen deutschen Duft von Zigaretten und Kölnischem Wasser verbreitend, einherschritt und sehr freundlich zu mir redete – »Ich habe Ihnen etwas abzubitten, Herr Doktor – in der Vergangenheit und vielleicht in der Zukunft.« Das klang im Moment etwas rätselhaft. Aber nachts, im schlafenden Venedig, gehört das Rätselhafte durchaus zu einem Spaziergang. Und später hab' ich's sogar verstanden. Der Hauptmann genoß einen Augenblick an einem zierlichen Brückchen den Blick auf einen Heiligen, der segnend über flimmernd rotem ewigem Lämpchen ein Haus hütete, das lebensmüde in den Kanal sinken zu wollen schien. Dann fuhr er fort. »Als mich heute der Prinz mit den baltischen Damen auf S. Giorgio Maggiore schickte, wußte ich Bescheid. Voriges Jahr waren es zwei Schottinnen, mit denen ich immerzu auf florentinische Kirchtürme klettern mußte. Er selber spürt dann wieder seine gebrochene Zehe und kann keine Treppen steigen. Aber der hohe Herr ist immer sehr besorgt, daß seinen Freundinnen vom Vorjahr keine schöne Aussicht entgeht, während er sich der Gegenwart widmet. Als ich nun an den Tisch im Quadri kam und Sie fand, verehrter Herr Doktor, glaubte ich an eine Intrige. Oder vielmehr, war bestärkt in dieser Vermutung, die schon aufgetaucht war, als Ihr Herr Bruder – er ist's doch wirklich?« »Gewiß. Mein jüngerer Bruder.« »Jünger, das sieht man. Sehr jung. Besonders jung für – venezianische Abenteuer.« »Sie meinen –?« »Ich meine – oder vielmehr, ich meinte, daß ... Sie sind doch Advokat?« »Anwalt in Frankfurt.« »Frankfurt – so? Eine schöne Stadt. Ein bißchen unblond , aber das hat auch seine Qualitäten. Tja, was ich sagen wollte – Sie wissen vielleicht oder wissen nicht, daß eine Nebenlinie des fürstlichen Hauses, die schon unserem Regierenden den kleinen, aber netten Thron mit großer Gerissenheit streitig gemacht hat, darauf ausgeht, den Erbprinzen auszuschalten –« »Auszuschalten? Wie soll sie das machen?« Der deutsche Jurist in mir wurde mitten im schlummernden Venedig wach. »Nun, ziemlich einfach – oder ziemlich raffiniert. Der Erbprinz reist – oder sagen wir so – der Erbprinz verehrt schöne Frauen. Verehrt leidenschaftlich. Und wäre imstande – einmal um einer Frau willen, die er nicht anders erobern kann, den strengen und deutlichen Ehegesetzen des fürstlichen Hauses ein Schnippchen zu schlagen. Eine Mesalliance aber schlöße ihn von der Regierung aus. Und da der jüngere und einzige Bruder bereits die menschliche Laune hatte, eine ehemalige Operettensängerin – der Beruf ist mild ausgedrückt – zur linken Hand sich anzutrauen – sie heißt jetzt Baronin Brinkenau, auf Affichen hieß sie vor fünf Jahren noch bezeichnender »Mademoiselle Lolotte« – so wäre der Weg eben frei für die andere Linie, wenn ...« Mir kam der Gedanke, daß solch romantische Fürstengeschichten sich sehr hübsch anhören zwischen diesen unwahrscheinlichen Kulissen der Brücken, Nischen und Türmchen, die der Mond bemalte. »Auf jeder Reise noch ist uns so was über den Weg gelaufen wie jetzt – Aber ich will Ihrem Herrn Bruder nicht zu nahe treten. Voriges Jahr in Rom war es diese Komtesse mit den ewigen Visionen – sie hat übrigens wirklich Gesichte. Vor drei Jahren war es in Neapel die Schottin ... Übrigens ein wundervolles Weib! Und immer hatte da die Nebenlinie die unsichtbaren, aber geschickten Hände im Spiel.« »Sie meinen,« ich begann zu verstehen, »meinen, daß der Herr Erbprinz – oder vielmehr: daß diese italienische Dame –« »Wie ich den Erbprinzen kenne – und ich kenne ihn gut , denn ich wurde mit ihm erzogen, war mit ihm Kadett, hatte mit ihm den ersten Rausch, und er hat mir meine erste Geliebte ausgespannt –« »Das ist allerdings eine ziemlich erschöpfende Bekanntschaft.« »O ja. Mir genügt sie. Aber was wollen Sie – viel anderes hat man nicht gelernt – und schließlich ist es schwer, das Milieu zu wechseln, wenn man mal in gewisse Jahre kommt.« Ich überlegte, ob mir dieser Herr von Birkhuhn, der mit einer kühlen, sympathischen Selbstverständlichkeit diese merkwürdigen Dinge sagte, auch so viel Vertrauen geschenkt hätte, wenn er nicht so viel roten Wein getrunken, so viel Musik gehört und so viel venezianische Brückchen im Mondschein überklettert hätte. »Ich hatte einen Argwohn gegen Ihren Bruder gestern – als er plötzlich im Aussichtswagen mit der auffallenden Dame auftauchte. Ich hatte einen Argwohn gegen Sie – als ich Sie plötzlich, als zweiten Kavalier der Italienerin, bei Quadri fand.« Ich mußte unwillkürlich lachen. »Wenn Sie wüßten, Herr Hauptmann – oder Herr Adjutant – wie soll ich sagen?« »Bitte einfach: Herr von Birkhuhn. Der Name ist nicht überwältigend schön, etwas grotesk, aber seit ein paar Jahrhunderten hat sich die Familie daran gewöhnt. Und er ist mit nicht immer bedeutenden, aber ganz braven Menschen in der Geschichte unseres Ländchens verbunden.« »Ja also, Herr von Birkhuhn, wenn Sie wüßten, warum ich eigentlich hier in Venedig bin –« »Pardon, ich hatte nicht vor, indiskret zu sein. Ich hatte nur ein gewisses – sagen wir, ein gewisses Reinlichkeitsbedürfnis. Man weiß ja nicht, wie oft man sich noch sieht. Der Prinz ist rasch in seinen Entschlüssen und Reisedispositionen. Tja, ich wollte sagen: ein gewisses Reinlichkeitsbedürfnis, Ihnen zu gestehen, daß ich mich getäuscht habe. Eine Absicht Ihrerseits unseren – das heißt des Erbprinzen – Weg zu kreuzen, liegt offenbar wirklich nicht vor.« »Weiß der Teufel – nein. Pardon!« »Bitte. Ich fluche selbst zuzeiten recht gern. Es erleichtert. Die kleinen seelischen Ventile der Sprache sind nicht zu unterschätzen. Wenn man auch in unseren abhängigen Stellungen diese Ventile meist nur in Monologen öffnen kann.« In diesem Augenblick bogen wir durch die Merceria, die jetzt mit ihren geschlossenen Läden grau und tot wirkte, wieder auf den Markusplatz ein, der nun, weiß und glatt und ziemlich leer, weit größer und feierlicher wirkte, als am Mittag und Abend. »Ich möchte noch mit dir reden, Ben!« Am Portal des Hotels Danieli tat ich diesen Entschluß kund. Ich wollte als Abgesandter der Familie ein gutes Gewissen haben, wenn ich zu Bett ging. Honneff erbot sich, die baltischen Damen nach dem nahen Grand Hotel zu geleiten. Der Duca ließ mir durch Honnefs » felicissima notte « wünschen, und hatte sich schon irgendwo auf dem Wege verkrümelt. Der Erbprinz und Herr von Birkhuhn verabschiedeten sich herzlich. Teresina markierte hinter der ringgeschmückten hübschen Hand ein leises Gähnen und beteuerte, der Tag habe sie sehr angestrengt. Wir brachten sie nach ihrem Zimmer, in das Ben noch einen Augenblick mit eintrat. Ich stand auf dem Korridor und hörte ihn lebhaft reden. Seine Stimme klang bald erregt, bald zärtlich. Sie lachte, lachte Tonleitern. Ein kurzes klatschendes Geräusch, ich dachte an die Lippenpomade. Neunzehntes Kapitel Nun war ich mit Ben allein. Sein schönes, zweifenstriges Zimmer lag selbstverständlich – ich hatte das nicht anders von Ben erwartet – im ersten Stock nach vorn. Die Aussicht über das Wasser war unbeschreiblich. Gerade gegenüber reckte sich der Campanile von S. Giorgio hoch über der Insel auf. Ich dachte mit Respekt an den Herrn von Birkhuhn, der da heute, gleich zweimal, hinaufgeklettert war. Ben, den der Umgang mit Hoheiten und Ducas rasch zum vollendeten Weltmann gemacht zu haben schien, bot mir Zigaretten an. Ich erkannte das flache Silberetui, das ich ihm damals geschenkt, als er mich meuchlings mit Käthe verlobt hatte. »Danke, ich möchte jetzt nicht –« »Nimm nur! Es ist gut gegen die Moskitos. Sie sind ganz leicht, die Zigaretten. Türkische. Teresina raucht sie immer.« Teresina – da waren wir! »Sag mal, Ben ...« »Ich weiß schon. Aber muß das jetzt sein?« Er hatte seinen Arm in den meinen geschoben und führte mich ans Fenster. »Sieh mal – da hinaus, Adi! Du bist, ich kann's mir jetzt denken, meinetwegen hierher gefahren. Ich bin ja nicht so dumm – Brav von dir, edel, brüderlich, alles was du willst. Aber jetzt in dieser herrlichen Nacht – sieh nur, wie der Mond die breite goldene Brücke zum Lido baut – dort drüben der dünne Nebelstreif ist der Lido – Also Adi, all das schenk' ich dir!« »Das hat mir vorhin Honnefs schon geschenkt. Aber ich muß mit dir reden. Wer ist diese Teresina – und wie kommst du zu diesem Mädel?« »Also zunächst, Adi – damit du nicht denkst ...« »Ich denke erst, wenn ich dich gehört habe.« »Das ist anständig von dir. Also zunächst – es ist eine Dame!« »Angenommen. Aber diese Dame war in deinem Reiseprogramm von der Familie in Frankfurt nicht vorgesehen.« »Sie hat sich mir freiwillig angeschlossen.« »Das kann ich mir denken. An Anwendung von roher Gewalt hab' ich auch wirklich nicht gedacht. Aber – um das Geringste zuerst zu sagen – du machst Aufwendungen für die Person.« »Dame, bitte.« »Meinetwegen. Du hast –« ich sah ihn scharf an, denn ich durfte hier nur vermuten und den Namen des Kommerzienrats nicht nennen, »hast dir irgendwie Geld verschafft, denn was du mitnahmst, das reicht doch nicht für zweie – im Hotel Danieli –« »Ich habe – Hörst du die Moskitos? Das ist eine ganz lustige Musik, wenn man nicht gerade im Bett liegt. Hast du in deinem Zimmer Bettvorhänge?« »Ich weiß nicht. Also, bitte, was hast du?« »Ich habe dem Kommerzienrat Baddach geschrieben, mir telegraphisch etwas hierher anzuweisen. Das hat er getan. Ich bin ihm doch sicher, nicht wahr?« »Ben – Ben!« In diesem Augenblick geschah das Merkwürdige. Ich war bei Ben den jähen Umschlag der Stimmungen schon gewöhnt, aber so plötzlich war noch keiner gekommen. Er sprang auf und umarmte mich so stürmisch, daß mir die Zigarette aus dem Munde fiel, drückte mich aus das rotseidene Sofa, setzte sich dicht, ganz dicht neben mich und jubelte mit einer jungenhaften Herzlichkeit, die ich nur bei ihm so rein und so gewinnend gekannt habe: »Adi – was bin ich froh , daß du da bist!« Da war mein schulmeisterlicher Ton, in den ich mich hineinreden wollte, verflogen. Ich saß neben ihm, ganz Lauschender, ganz Teilnehmender, ganz Bruder und hörte die merkwürdige Geschichte seiner »ersten großen Liebe«. Er hatte das Licht gelöscht. Aber der Mond goß Helle genug in das Zimmer, das seine Fenster auf Wasser und Himmel öffnete. Und draußen warf der Lenzwind, der sich erhoben hatte, klatschend die Wellen der Adria an die feuchten Quader des Kais. In einem Mailänder Café hatte Ben, als er aus der Brera kam und vom Sposalizzio des Raphael, einer Damenkapelle gelauscht. Sie wurde von einer fetten Sizilianerin dirigiert und spielte temperamentvoll, aber nicht sehr rein, wie das bei Damenkapellen, auch außerhalb Italiens, wohl vorkommt. Eine überaus herrliche Blonde zupfte seelenvoll mit Elfenhänden die Mandoline. Es war Teresina. Die Schilderung, die Ben, zunächst ohne sie zu nennen, von ihr entwarf, entsprach ja nicht ganz meinen persönlichen Wahrnehmungen; aber es blieb kein Zweifel: sie war es. Das Auge des Verliebten sah sie so; und die Glut seiner wortreichen Schilderung ließ mich erkennen, daß die Lieblichkeit aller Madonnen, die er bis zu dieser Stunde, von den Reisehandbüchern und ihren oft irreführenden Sternchen beraten, mit gläubigen Blicken in Kirchen, Museen und Galerien gesucht, rasch und gründlich verblaßt war neben dem leuchtenden Rot, das Teresina mehrfach im Tag auf die Lippen ihres hübsch geschnittenen Mundes legte. Der Toskaner Wein, den er, der Musik lauschend, genoß, hatte, wie er selbst zugab, Bens Mut in einer Weise erhitzt, daß er alsbald Außerordentliches wagte. Er kaufte von einem Blumenmädchen einige nicht billige Kamelien und ließ sie durch den Kellner in einer Pause der reizenden Mandolinenspielerin überreichen. Mit jenem bezaubernden Lächeln, das Ben noch niemals so hold und rein in den irdischen Kreisen Frankfurts oder in den himmlischen Kreisen der oberitalienischen Kunst erschaut, hatten ihre dunklen Augen den mutmaßlichen Spender gesucht. Hatten ihn schließlich gefunden und mit einem verschämten Blitzen innigen Dankes scheu gegrüßt. In der nächsten Pause war die Künstlerin, ganz zufällig, an seinem Tischchen vorbeigekommen. Er hatte die froh Erstaunte tapfer angesprochen, und sie zeigte sich anmutig erfreut über sein begeistertes, wenn auch sprachlich nicht einwandfreies Lob ihres herrlichen Spiels. Einer Einladung, nach Beendigung des Konzertes eine Tasse Schokolade mit dem Bewunderer ihres Talentes zu trinken, versprach sie nach einigem Zögern Folge zu leisten. Hielt auch Wort. Trank zu seiner Freude nicht eine Tasse Schokolade, sondern vier. Nahm auch einen Chartreuse. Sprach mit bestem Appetit der Paste zu, die der aufmerksame Kellner mehrfach erneuerte; und öffnete schließlich mit jenem kindlichen Vertrauen, das ihre hervorstechendste Eigenschaft war, ihr reiches Herz. Ein echtes Frauenherz. Ein südliches, aber ein schönes. Ihre eminente Begabung für Musik war von ihrem talentvollen, aber charakterlosen Vater, der unedel an allen Menschen, besonders den ihm nächststehenden zu handeln pflegte und deshalb auch – denn sie glaubte an gerechte Strafen des Himmels – später ruhmlos verschollen ist, früh erkannt und zum schnöden Gelderwerb verwertet worden. Erst als Wunderkind, dann als Mitglied einer Kapelle, die in anrüchigen Häusern, von denen sie gar nicht reden wollte – Ben auch nicht – spät in der Nacht zu äußerst leicht geschürzten Tänzen aufspielte, hatte sie ihren Unterhalt redlich selbst verdient. Und den des Vaters, der sie zwar häufig prügelte, aber sonst nicht weiter beachtete oder zu Edlem erzog. Bis dieser Unnütze dann, vielleicht nicht ganz ohne Mitwirkung der gereizten Kriminalbehörden, ganz aus dem jungen und schon so leidvollen Leben der erblühten Tochter verschwand. Ein ungemein vornehmer Kavalier aus Rom, dessen hohe Stellung sie, dankbar für genossene Guttaten, auch nicht mit der leisesten Andeutung verraten wollte, hatte sich dann ihrer reizgeschmückten Jugend angenommen. Freudig, freigebig, selbstlos. Das einzige, was dieser wahrhaft Edle von ihr verlangte, war ein bißchen Musik. Er litt leider an Schlaflosigkeit infolge der mit seiner hohen und verantwortungsreichen Stellung verbundenen Aufregungen und konnte nur einschlafen, wenn sie leise und gefühlvoll Mandoline spielte. In grüne Seide gekleidet, mußte sie das tun; in grüne Seide, die er liebte, weil ihre Farbe seinen Augen, ihr Rauschen seinen Ohren wohltat. Er war unglaublich sensibel, aber ein Kavalier vom bereits etwas gelichteten Scheitel bis zur immer noch elastischen Sohle. Das hätte man ihm angesehen, auch wenn er nicht überall Kronen, auf die Wäsche gestickt, getragen hätte. In seiner selbstlosen Zuneigung hielt der vornehme Herr der Seelenfreundin Dienerschaft, Wagen und Pferde. Schenkte ihr auch schönen Schmuck, von dem sie heute noch einiges besaß und der – entgegen der Gepflogenheit vieler anderer Kavaliere – fast durchweg echt war. Nur eine doppelreihige Perlenkette hatte sich leider bei der Nachprüfung durch eine Pfandleihe in Florenz als täuschend gefertigte Imitation erwiesen. Doch nahm Teresina an, daß der Spender selber, der Arglose, beim Einkauf von einem listigen Händler betrogen worden sei. Dieses ideale, auf reiner Geistigkeit und der gemeinsamen Liebe zur Musik aufgebaute Freundschaftsverhältnis wurde bedauerlicherweise jäh gestört durch einen Tuchfabrikanten aus Monza, der die liebreizende Künstlerin in einer Konditorei kennen lernte und mit Blumen, Besuchen und kandierten Früchten zudringlich wurde. Eines Tages, als ihm Teresina gerade, da er unschöne Anforderungen an die Arglose stellte, in edler Wallung ihres Mädchentums die Türe gewiesen, ereignete sich etwas Betrübliches. Ausgerechnet in dieser Türe begegneten sich die beiden Herren, der hohe Aristokrat aus Rom und der niedrig denkende Fabrikant aus Monza. Die für jeden Wissenden so harmlose Situation war für Unaufgeklärte wie geschaffen zu Mißverständnissen. Zwei Ohrfeigen klatschten, die später weder der hohe Aristokrat aus Rom noch der Tuchfabrikant aus Monza in Empfang genommen haben wollte; die aber doch irgendwie zur Verteilung gekommen sein mußten. Der hohe Herr zog sich grollend auf seine Besitzungen in den Sabinerbergen zurück; wenn er nicht dort Selbstmord beging, was Teresina für unsagbar schrecklich, aber sehr möglich erklärte. Der Tuchfabrikant ließ sich niedrigerweise auch nicht mehr sehen. So blieb der armen Teresina nichts übrig, als ihren kostbaren Schmuck bis auf kleine traurige Reste, ihr schönes Silber, ja sogar die wertvollsten ihrer Toiletten und alle Pelze zu verkaufen, um ihren Verpflichtungen gegen Hauswirt und Lieferanten nachzukommen. Enttäuscht, aber nicht verzweifelt, warf sie sich wieder in die Arme ihrer geliebten Kunst. Mehrere ehrenvolle Engagementsanträge für Konzerte nach Südamerika, nach Buenos Aires und Rio de Janeiro schlug sie aus. Sie mißtraute diesen fernen Ländern und dem Kunstverständnis ihres Publikums. Auch hielt sie sich selbst in ihrer Bescheidenheit noch nicht für reif, in anderen Erdteilen als Solistin aufzutreten. Sie schloß sich also der Damenkapelle an, in der Ben sie gefunden hatte. Und zwar – o glücklicher Zufall – gleich am zweiten Abend ihres Auftretens in diesem Café war sie ihm hier begegnet! Daß der Kellner, als ihn Ben mit der Blumenhuldigung zu ihr schickte, sich dahin geäußert: die Dame spiele schon seit sechs Monaten mit der Kapelle jeden Tag zweimal hier, war ein Irrtum des zerstreuten Angestellten oder vielmehr eine Verwechslung mit der brünetten Florentinerin, die neben ihr, ziemlich talentlos, geigte. An dieser Florentinerin war übrigens, wie Teresina, ohne sie schlecht machen zu wollen, bemerkte, nichts echt, als das reichliche Gold in ihren Vorderzähnen. Ben, in dessen Seele die Reize des Südens in Duft, Klang und Farbe feinste Schwingungen ausgelöst hatten, und der sich die letzten Nächte, wenn er nicht gerade seinen Pantoffel nach Mäusen warf, mit der Lektüre von »Romeo und Julia« als Vorbereitung auf Verona beschäftigt hatte, war von dieser, wie er rühmend hervorhob, in schlichtester Natürlichkeit vorgetragenen Lebensgeschichte eines schuldlos einsamen schönen Mädchens aufs heftigste bewegt. Er bat Teresina an die Reinheit seiner Gefühle zu glauben, wenn er ihr vorschlug, sich mit ihm am anderen Morgen um zehn Uhr in San Ambrogio zu treffen, wo er ihr dann weitere Vorschläge zu unterbreiten gedenke. Als er eine halbe Stunde später als verabredet, denn er hatte vom Domplatz aus den falschen Omnibus benutzt, im romanischen Pfeilerhaus des heiligen Ambrosius von einem Bilde Luinis zum andern ging, unruhig, ärgerlich und ohne rechte Stimmung für Kreuzabnahmen und altchristliche Sarkophage, sah er plötzlich vor der Statue der heiligen Marcellina in tiefer Andacht eine edelgewachsene junge Dame knien, deren unerhört blonder Haarknoten unter dem Spitzentuch brennend leuchtete wie gefangenes Sonnengold. Teresina! Sie war es und hatte, wie sie ihm später errötend bekannte, aus gläubigem Herzen ein Gebet verrichtet: daß er, Ben, sie ein wenig lieben möge. Daß dieses Gebet aber, sei es nun von der angegangenen Heiligen, sei es vom heißen Trieb seines Herzens allein, der Erfüllung entgegengeführt worden, gestand Ben der schönen Teresina am Grabstein des Kaisers Ludwig II., der im Vorhof von San Ambrogio einsam begraben liegt. Teresina, deren Herz von einer warmen Frömmigkeit erfüllt war, zeigte sich ängstlich bewegt, daß sie solch weltliches Geständnis an einem geweihten Ort anhören müsse. Aber Ben beruhigte sie darüber und erklärte, daß diese Kirche aus den Trümmerresten eines heidnischen Bacchustempels erbaut sei. Dieses hatte er selbst, in deutscher Gründlichkeit sich vorbereitend, nachts in seinem Reisehandbuch gelesen; und der Gedanke an den weinfrohen Heidengott hatte ihm den Mut gestärkt, zwischen frommen Fresken und gemalten Martyrien dem weltlichen Gefühle für dieses schöne Mädchen Raum zu geben. Sie waren dann zusammen zu Fuß durch die heiße Stadt geschlendert zum Corso di Porta Romana. Haltmachend vor der prachtvollen Fassade der Ospedale Maggiore, hatte ihm Teresina verschämt erklärt, daß sie heute nacht sich das Gelübde abgelegt habe, der Kunst zu entsagen und Krankenschwester zu werden, wenn Ben, der tiefen Eindruck auf sie gemacht, wie nie ein Mann zuvor, sie nicht liebe. Da war Ben, selig seinen Arm in den ihren legend, mit ihr hinübergegangen und eingetreten in die Kühle von San Nazaro; und vor dem Hauptwerk Luinis, von dem er aber keinerlei bleibenden Eindruck empfing, vor der schrecklichen Marter der heiligen Katharina, hatte er gewagt, das schöne Mädchen zum erstenmal fest an sich zu drücken und ihr zu sagen, daß sie der Kunst erhalten bleiben müsse und er dafür sorgen werde, daß der Weg ihrer Kunst sich würdig und ihrem Talent wie ihren weiblichen Vorzügen entsprechend gestalte ... So weit war Ben gekommen in seiner Erzählung, die sich bemühte, klar, ehrlich und sachlich zu sein. Ich bin überzeugt, hätte er mir dies alles auf dem Roßmarkt in Frankfurt oder auf dem Weg am Main entlang nach der Gerbermühle mitgeteilt, ich hätte ohne weiteres das, was romantisch und unwahrscheinlich an dieser Geschichte war, kühl beiseite getan und ihm sofort ernstlich ins Gewissen geredet. So aber saß ich im Mondschein im alten Palazzo Dandalo. Draußen rauschten die Lagunen, und der genossene rote Wein ging noch spürbar im Blute um. Die Namen all der Heiligen und Kirchen sprachen mit; und Bens leuchtende Augen predigten mir ein wunderliches Evangelium der Jugend und Lebensfreude. Vielleicht wäre ich jetzt mit einem Händedruck geschieden, aber da fand Ben das verhängnisvoll abschließende Wort: »Und nun werde ich sie ausbilden lassen.« »Ausbilden lassen –? In was denn –? Wo denn?« »Nun natürlich in der Musik. Auch ihre Stimme ist ja fabelhaft. Ein Schmelz und eine Sicherheit im Tonansatz und – aber du sollst sie hören, morgen. Sie soll singen in der Gondel. Wir fahren nach dem Lido hinüber – nur wir drei. Der Erbprinz fällt mir sowieso auf die Nerven. Und der Duca redet so viel und ist so schrecklich, wie soll ich sagen – so schrecklich italienisch, Ich weiß nicht, ob du mich verstehst ...« »Ja, ja. Aber lassen wir den Duca! Wo willst du denn dieses Mädchen ausbilden lassen?« »Natürlich in Deutschland. Ich werde sie doch nicht hier all den Anfechtungen ausgesetzt lassen. Der Tuchfabrikant aus Monza ist doch nicht der einzige, dem diese Unbeschützte auffällt. Er ist doch nur ein Typ und –« »Ben, du bist ...« Ich wollte sagen »verrückt«. Aber der Mond verbot mir's. So sagt' ich nur: »Du bist – noch nicht einundzwanzig Jahre!« »Hier heiraten junge Männer oft schon mit zwanzig.« »Um Gottes willen, du willst sie doch nicht ...« Ich sah plötzlich Tante Tüßchen im Winkel sitzen und besorgt das Haupt schütteln: »Hab' ich's nicht gesagt? Die Familie Teresina! Die schreckliche Familie Teresina!« Ben war ans Fenster getreten. Schlank und jung hob sich seine Silhouette vom Goldgrund des Nachthimmels. Die Mosaiken in den Tornischen der Kirchen, an denen uns der nächtliche Weg vorbeigeführt, fielen mir ein. Alles war hier anders, war stilisiert, ins Unwirkliche, Künstlerische erhoben. Die mitteleuropäischen Begriffe von Herkommen, Moral, Vernunft gerieten ins Schwanken, zerflossen in einen fernen Nebel. Ein Heimkehrender sang unten die Herzogarie aus dem Rigoletto. La donn' e mobile com' pium' al vento ... Neben seinen schweren Schuhen trippelten kleine zierliche Füße. Deutlich unterschied man's in der Stille der Nacht. Und immer wieder platschten im Rhythmus die Wellen an die Quader des Kais. »Sie will selbst nicht, daß ich sie heirate –« sagte die Silhouette am Fenster. »Wenigstens jetzt noch nicht. Erst soll sie fertig ausgebildet sein fürs Konzertpodium. Erst müssen die großen Erfolge da sein – und sie werden kommen! Ich habe in Frankfurt ans Hochsche Konservatorium gedacht. Der Vater war doch mit Professor Scholz gut bekannt, der ...« Jetzt kam mir plötzlich der Gedanke, es sei Fastnacht. Das war doch ein Witz, daß Ben, unser Ben, der nächstens erst großjährig wurde, die italienische Geliebte – denn das war sie doch gewesen – in Frankfurt ausbilden ließ. In der Stadt, in der unsere Mutter mit Frau Pfarrer Knospe und Frau Rat Tomasius und Frau Senator Buck alle Dienstage ihr »Kränzchen« hatte; in der Tante Tüßchen das Konzert im Palmengarten gratis von ihrem Balkon hörte, und Frau Morgenthau, in ernster Besorgnis den Kapotthut mit den Kirschen wiegend, die Heiratsschancen der benachbarten Jugend zum nie versagenden Gesprächsstoff machte? Ich bat Ben, sich wieder neben mich zu setzen und mir aufmerksam zuzuhören. Dieses aber verweigerte er, Müdigkeit vorschützend, entschieden. Er bat mich, nun in mein Hotel zu gehen, wenn ich nicht vorziehe, bei ihm zu übernachten. Für welchen Fall er selbst auf dem Sofa schlafen werde. Diesen letzten Vorschlag lehnte ich dankend ab. Ich nahm mir vor, jetzt mein Hotel aufzusuchen und morgen in aller Frühe, ausgeschlafen und nüchtern, vom Einfluß des Mondes und Wellenschlags befreit, mit dem guten Ben ernste Worte zu reden. So trennten wir uns. In der Tür aber hielt mich Ben noch einmal zurück, sah mir treuherzig in die Augen und sagte mit einem leichten Pathos: »Am Grabe der Julia in Verona – du mußt dir allerdings nicht zu viel darunter vorstellen – ich war auch enttäuscht. Es ist nur ein Steintrog, nicht mehr – und er liegt voll schmieriger Visitenkarten – die meisten mit deutschen Namen natürlich. Am Grabe der Julia – hab' ich Teresina das Wort des Romeo – denk' dir, sie kennt Shakespeare kaum! Sie hat gemeint, er lebt noch – so köstlich naiv ist sie in vielem, ja. Die italienischen Institute sind wohl schlecht. Und Lehrer, wie unseren Vater, für Literatur und so – gibt's nicht. Aber denke – ganze Gesänge des »Inferno« kann sie auswendig, sagt sie. Ja, also – am Grabe der Julia hab' ich ihr Romeos Wort zitiert: »Die Tat allein beweist der Liebe Kraft« ... Und für mich war das an dieser Stelle – wenn's auch nur ein Trog voll Visitenkarten ist und kein echter Sarkophag – für mich war das ein Schwur. Das mußt du festhalten, Adi, wenn du etwa morgen auf dieses Thema zurückkommen willst.« »Das will ich allerdings. Aber jetzt – gute Nacht!« Tief in Gedanken war ich zunächst die Riva nach der falschen Seite hinaufgelaufen. Kam also nach längerer Irrfahrt in der Nähe der Gardini Publici heraus, statt an den Markusplatz. Als ich ziemlich ärgerlich und todmüde wieder zurückfand und noch einmal am Hotel Danieli vorkam, graute der Morgen schon. Die Fenster in Bens Zimmer waren dunkel. Er schlief gewiß und träumte von Abenteuer, Liebe und Edelmut. Am Kai aber vor dem Hotel war's schon lebendig. Eine Gondel schwebte an der Treppe. Stimmen klangen aus der aufgesetzten Felze. Das Häuschen der venezianischen Gondeln Männerstimmen. Mir kam vor, ich kannte sie. Eine Frauenstimme lachte dazwischen. Tonleitern. Auch das hatte ich schon gehört. Heute oder –? Ein paar elegante Rohrplattenkoffer standen dem Ruderer zu Füßen. Andere vorn. So früh schon reist eine Gesellschaft ab, dacht' ich. Aber ich war froh, daß ich's nicht sein mußte, und daß ich endlich ins Bett kam ... Als die Sonne schon hell am wolkenlosen Himmel lachte und die Luft schon warm und golden war, viel später leider, als ich gedacht, machte ich mich, ziemlich von Moskitos zerstochen, wieder auf den Weg zu Danieli. Bei der syrischen Granitsäule, auf der seit Jahrhunderten der längst entthronte Stadtheilige Theodor das Krokodil bändigt, begegnete mir der Dichter Otto Honneff. Sehr aufgeregt rief er mir entgegen: »Kommen Sie rasch! Ihr Bruder Ben ist ganz verzweifelt!« »Verzweifelt? Was ist denn?« »Sie ist auf und davon!« »Wer?« »Nun die Diva! Die Blondgefärbte, Lippengemalte!« »Wie denn? Abgereist?« »Ja doch! Mit dem Erbprinzen und dem Adjutanten. Die Hotelgondel hat die Herrschaften zum Frühzug nach Rom gefahren.« Das also war die Stimme gewesen! Und das Lachen, die Tonleiter! ... Armer, armer Ben! Im Vestibüle des Hotels traf ich die baltischen Damen. Die Baronin ritt, wie ein Feldherr, zwischen segeltuchüberspannten Koffern umher. Auf einem davon saß, wie ihr eigenes Grabdenkmal, die Komtesse und starrte mit visionären Augen auf eine gelblederne Hutschachtel zu ihren Füßen. »Vorigen Oktober« – die Komtesse sprach das als einzige Antwort auf meinen Gruß langsam vor sich hin, als ob sie sich selber examiniere – »auf dem Bahnhof in Reval hatte ich plötzlich diese Vision: ich sah Ernst Erich in einer Gondel mit einer Dame. Die Gondel war schwarz und die Dame war hochblond. Und auf der schwarzen Gondel standen Koffer, Koffer, Koffer.« Mir kam der Gedanke: wenn sie's vor einem Jahr in Reval vorausgesehen, warum hat sie hier in Venedig, wo die Gondeln zu Hause sind, nicht aufgepaßt? Und dann dacht' ich weiter: es ist ganz gut so, daß sie nicht aufgepaßt hat. Ich ging hinauf zu Ben. Er stand am Fenster, die geballten Fäuste trotzig in die Taschen des Sakkos vergraben. »Ben?« »Was?« Hart und abweisend klang's, wie er nie sonst sprach. Ich trat dicht an ihn heran und legte den Arm um seine Schulter. Er lachte vor sich hin, aber das Lachen klang nicht sehr lustig. »Das nennt sich ein Prinz! Eine Hoheit! Mein Gast ist er gestern abend noch – oder ich bin seiner gewesen, das ist ja schließlich egal – und heute morgen entführt er mir – mit Gewalt, denn anders ist das nicht möglich gewesen – das glaube mir!« »Ich glaub's dir,« sagte ich begütigend, aber ich hatte die Tonleiter aus der Gondel im Ohr. »– entführt er mir dieses Mädel, dieses prächtige Mädel, dieses eminente Talent, das zu bilden mein Stolz, meine Lebensaufgabe werden sollte!« Es war vielleicht das beste, ich redete jetzt nicht mit ihm von seinen Lebensaufgaben und wie sie die Familie auffaßte. Ich trat an den Tisch, auf dem die Morgenpost lag. Zwei Briefe und eine Karte, nachgesandt von Verona. Alle drei Handschriften kannt' ich. Ein dicker Brief von der Mutter. Ein langes elegantes Kuvert mit den großen verwegenen Buchstaben, die Ruth Baddachs energischen Charakter verrieten. Und eine Karte mit der zarten kalligraphischen Adresse, die Elsbeths Ordnungssinn malte. Noch nicht einundzwanzig und so viel besorgte Frauen, dacht' ich unwillkürlich. Mir fiel der Vater ein, der ruhig lächelnd mit seinem gleichmäßigen Schritt aus dem Unterricht in den Instituten kam und der Mutter die Veilchensträußchen hinlegte, die er heute wieder auf seinem Pult gefunden ... So was vererbt sich, so was rächt sich, dacht' ich. Was kann man dagegen tun? » Aqua fresca – aqua fresca! « Von unten rief's eine heisere Stimme. Karren rollten. Kinder schrien. Holzpantöffelchen klapperten über die Steintreppen. Der venezianische Tag begann. Zwanzigstes Kapitel Die Familie hatte mir's damals hoch angerechnet, daß ich Ben so rasch, unbeweibt und – körperlich – unverwundet, aus Italien und dem Machtbereich der gefürchteten »Teresina« heimgebracht. Das hatte sein Gutes gehabt. Denn die Mutter schenkte mir »zur Erinnerung« eine sehr schöne Büste Dantes, von dem sie irrtümlicherweise annahm, daß er in Venedig geboren sei. Ben selber aber, dankbar für meine Diskretion, mit der ich die näheren Umstände unserer beschleunigten Heimkehr in Schleier hüllte, schloß sich noch herzlicher an mich an in seinen Briefen aus Heidelberg, wo er nun studierte. In der Anlage, gegenüber dem Denkmal des Fürsten Wrede, bewohnte Ben in der Neckarstadt mit den Studiengenossen Fips Tomasius und Willibald von Gollwitz eine behagliche kleine Wohnung von vier Zimmern, um die rings – denn die Wohnung sprang als Flügel des großen Hauses gegen Berg und Wald hin vor – ein schmaler Balkon lief. Die drei Frankfurter, seit Sextanertagen befreundet, waren sich genug und hatten nicht das Bedürfnis, in Korps oder Burschenschaft einzutreten, so eifrig und zäh auch beide um sie warben. Das wären auch drei feine, flotte Füchse für die Kneiptafel und den Fechtsaal gewesen! Alle drei sahen gut aus, wußten sich zu benehmen und hatten einen sehr auskömmlichen Wechsel. Ben, mittlerweile großjährig geworden, hatte sich der ängstlichen Familie durch Handschlag verpflichtet, mindestens bis zum Schluß seiner Studien das Kapital nicht anzugreifen und keinerlei Experimente spekulativer oder wohltätiger Art damit zu machen. Diese Vorsichtsmaßregel war sehr nötig. Denn Ben hatte unglücklicherweise drei Tage vor seiner Großjährigkeit, als er über Sonntag in Frankfurt war, eine Droschke benutzt, deren betrunkener Kutscher sein altes und abgetriebenes Pferd sinnlos quälte. Das hatte ihn in einer Weise empört, daß er allzu hastig ausstieg, dabei in den Schmutz fiel und, in seiner berechtigten Entrüstung durch diese Berührung mit der leider unsauberen Mutter Erde noch gesteigert, dem Droschkenkutscher eine Szene machte, die viel Volks um sich sammelte. Gerade als der Kutscher Miene machte, die von ihm in derbsten Frankfurter Schimpfworten geführte Unterhaltung mittels des Peitschenstiels fortzusetzen, erschien ein Schutzmann, der besänftigende Notizen in ein dickes Taschenbuch machte und Ben auf den »Tierschutzverein« verwies. Da war Ben zu Hause auf das Adreßbuch losgestürzt, um das Bureau dieses Vereins zu erforschen, dem er sofort größere Zuwendungen zu machen gedachte. An demselben Tage zeigte er mir einen Brief, in dem ihn Annemarie, das dralle Landmädchen, mit dem er sich vor Jahren um das Töpfchen versammelt hatte, auf dem das Davidchen saß, in beweglichen Worten um Hilfe anging. Sie hatte sich ihrem schon damals geäußerten Programm gemäß die Welt angesehen; war dann, um erkleckliche Kenntnisse von deren Schlechtigkeit bereichert, mit Zwillingen ins Elternhaus heimgekehrt, hatte dort großes Viehsterben mit erleben müssen und den Vater aus dem Wirtshaus wieder ans Haus zu gewöhnen versucht. Wenn ihr mit einem kleinen Kapital geholfen würde, so war bei ihrer im Dorf sprichwörtlichen Tüchtigkeit, nach ihrer Aussage, ein rasch wieder aufblühendes Anwesen zu erwarten; und es bestand die Möglichkeit, daß des Nachbars Peter, der kürzlich von Darmstadt dagewesen war, wo er bei den weißen Dragonern diente, über das kleine Malheur mit den Zwillingen wegsehend, sie ehelichte. So erschien eine ihr bald zu erweisende Beihilfe weniger eine Wohltat als eine sichere Kapitalanlage. Dies alles war in einer eigenartigen Orthographie und langen Sätzen, die nicht übel anfingen, aber selten richtig oder überhaupt zu Ende gingen, umständlich erzählt. Mit einer Anspielung aus Bens nahe Selbständigkeit und in der Zuversicht, daß der liebe Gott persönlich über der Verzinsung wachen werde, schloß das zutrauliche Schreiben. Ben erwog eine einmalige Beihilfe von dreitausend Mark, wollte sich aber erst einmal erkundigen, was eine Kuh, zwei Schweine und fünfzehn Hühner kosteten; denn diese genannten Tiere hätten, wie er sich wohl entsinne, den Viehstand von Annemaries Vater zu jener Zeit ausgemacht, als das Davidchen aus dem Töpfchen saß. Erschreckt ob der Üppigkeit der einsetzenden Wohltätigkeitsunternehmungen des Bruders hatte ich zunächst nichts gesagt, mich aber dann von meinem Bureau aus schriftlich mit dem Bürgermeister des Dorfes in Verbindung gesetzt, in dem die Annemarie beheimatet war. Der biedere Mann schrieb mir, daß die Annemarie allerdings unehelich Zwillinge geboren hätte, die aber den Tag ihrer Geburt nicht überlebten. Des Mädels Vater, der Bauer Moser, der ein braver und nüchterner Mann sei, habe es eine Weile mit ihr als Helferin in Feld und Garten versucht; aber gerade gestern habe er sie davongejagt, weil, wie die Auskunft charakteristisch lautete, »das Mensch nit arweite will und nix nit als wie Spuzze im Kopp hat«. Der Brief des Bürgermeisters, den ich vorlegte, hatte Ben das Gelübde erleichtert, auch auf Wohltätigkeitsakte größeren Stils mindestens bis zum Ende seines Studiums zu verzichten. Die beiden Kommilitonen aber, Fips Tomasius und Willibald von Gollwitz, hatten sehr vernünftig gehandelt, als sie mit Ben zusammenzogen. Sie hatten verlangt, daß Ben auf Ehrenwort ohne ihre Zustimmung monatlich bestimmt nicht mehr von seinen Zinsen verbrauche, als jeder von den beiden als Wechsel von zu Hause bezog. Somit konnte Ben, dessen bei aller Vergnügtheit verständiger Lebensauffassung das Zusammenleben mit den Freunden das wichtigste war, keinerlei üppige Sprünge machen, die etwa die andern nicht mittun konnten. Zur Freiheit des Studentenlebens und der Brüderlichkeit der Gesinnung kam die völlige Gleichheit der Bezüge. Nur eine Konzession machten die beiden dem Freunde. Er durfte sich einen Diener halten, der die Wohnung instand hielt, morgens den Kaffee kochte, allen dreien die Stiefel putzte, die kleinen Gänge besorgte und bei den jungen Herren ein recht angenehmes Leben hatte. Vielleicht hätten es die beiden sogar nicht ungern gesehen, daß Ben einen recht eleganten jungen Mann engagiert hätte. Willibald von Gollwitz sprach schon von alten weißen Handschuhen, die er »zum Servieren« beisteuern könnte, während Fips Tomasius aus seiner Krawattensammlung einige schon mehrfach gewaschene weiße Selbstbinder der Eleganz der Bedienung zu opfern gedachte. Bei Ben aber meldete sich als erster auf die ins »Heidelberger Tageblatt« eingerückte Annonce ein armer Teufel aus Schlierbach, der ein Holzbein hatte und ziemlich verhungert aussah. Da dieser Invalide, dessen Stimme seiner zerknitterten Erscheinung entsprach, an Bens Gutmütigkeit appellierte, so nahm ihn Ben, der den traurigen Blick seiner, Enttäuschung fürchtenden Augen nicht zu ertragen vermochte, in Dienst. Der Mann hieß Hugo Hagedorn, war, als er den Dienst antrat, schon nicht mehr in der Blüte seiner Jahre, blaß, verhungert und unrasiert, und wurde zunächst in einen älteren blauen Sakko gekleidet, den Ben abgelegt hatte, und der silberne Köpfe bekam. Auch mit Wäsche versah Ben den neuen dienstbaren Geist, da dieser kein Hemd zum Wechseln besah und der blanke Gummikragen nicht gut aussah. Hugos Gepäck, als er zuzog, bestand überhaupt nur aus einer Wichsbürste, einem alten Sommerüberzieher, einen Plaidriemen und einem zerbeulten Globus, den ihm einmal ein Buchhändler, für den er den Umzug mitbesorgt, geschenkt hatte. Hugo war leise und bescheiden; bloß das Holzbein machte einigen Lärm, da es die Neigung hatte, in seiner Gefühllosigkeit an Türen, Stühle und andere Möbel anzustoßen. Dieses aber lag zum Teil wohl auch daran, daß es kein sehr kunstreich gearbeitetes, sondern ein billiges Holzbein war, das außerdem noch viele Jahre schon seine Pflicht unter der rechten Hüfte Hugo Hagedorns geleistet. Solcher Einsicht entzog sich der gute Ben nicht. Daher kam es, daß der Kommerzienrat Baddach, der in jener Zeit einmal beim mittlerweile zum Konsul der Türkei avancierten Weingroßhändler Schupp Tante Tüßchen zu Tisch führte, die um den Neffen Besorgte in merkwürdiger Weise beruhigen konnte. Er sagte ihr nämlich, während er in seiner zutraulichen und gewinnenden Art ihre Linke mit seiner Rechten tätschelte: »Meine liebe Gnädige, Sie haben Angst, daß die guten Verhältnisse, in denen sich Ihr Neffe befindet – und er befindet sich wirklich ganz gut, daß wissen Sie, in deren Fabrik sein wesentlichstes Geld steckt, und ich, der ich der Bankier seines Vermögens bin – fürchten, sag' ich daß den jungen Mann die holde Weiblichkeit zu leichtsinnigen Depensen veranlassen könnte. Nun denn – da will ich Ihnen verraten, obschon ich eigentlich eine kleine Indiskretion begehe, daß die einzige größere Summe, die ich bis jetzt auf einen Scheck von ihm bezahlte –« »O Gott, ein Scheck!« Tante Tüßchen, die, so begütert sie war, nur in bar zahlte, hielt den Scheckverkehr für etwas Unsittliches und für den Anfang des Ruins. »Warten Sie, warten Sie! Diese einzige größere Summe ging an ein orthopädisches Institut. Zum Ausgleich für ein neu gefertigtes Holzbein – wenn ich mich recht erinnere, aus Nickel und Polisanderholz.« »Für ein Holzbein aus Polisanderholz?« Tante Tüßchen war voll Staunen. Als sie aber früh am nächsten Morgen unserer Mutter die Geschichte erzählte, gab sie doch ihren Zweifeln Ausdruck. Sie meinte, daß schließlich auch solches Holzbein – besonders die vornehme Ausführung in Polisander brachte sie auf die Vermutung – für eine Dame bestimmt sein könnte, deren gewinnende Vollkommenheiten vielleicht mehr im Oberkörper konzentriert waren. Wenn nun auch Tante Tüßchen mit diesem Argwohn entschieden zu weit ging, so hat Hugo Hagedorn, mittelbar durch das alte Holzbein, das sein Engagement veranlaßte, doch die Brücke geschlagen zu einer Herzensangelegenheit, die für Bens Leben nicht ohne Bedeutung blieb. Als ein Mann, der häufig auf die Unterstützung des Nächsten angewiesen war, hatte sich Hugo Hagedorn, so anständig sein unkomplizierter Charakter sonst war, bei seiner Familie keiner großen Beliebtheit erfreut. Wie man das ja auch in anderen Kreisen trifft, daß verarmte Verwandte nicht gerade eine bedeutende oder beneidenswerte Rolle spielen. Sein nächster Verwandter aber war sein Schwager, Witwer seiner einzigen Schwester, Adam Ackerle mit Namen, der an der alten ehrwürdigen Heiliggeistkirche in einer der Kirchenmauer selbst angeklebten uralten Bude eine Korbwarenhandlung betrieb. Ein stiller fleißiger Mann, der nur eine Vorliebe hatte für die dunkelgoldenen badischen Landweine, die ihn vor Jahren über den frühen Tod einer braven arbeitsamen Frau getröstet hatten. Dieser Biedere, der seine meisten Körbe noch selbst flocht und weidlich auf die Konkurrenz der elenden Fabrikware schimpfte, hatte eine Tochter, der er in der Taufe in seiner Neigung zu allerlei vornehmen Dingen den für die Tochter eines Korbmachers vielleicht etwas ausgefallenen Namen Eveline gegeben hatte. Das Mädel war jetzt achtzehn Jahre, hatte zwar nur die Volksschule, diese aber als beste Schülerin, besucht, hielt auf sich und war von der Mutter Natur gar angenehm ausgestattet. Mittelgroß, war sie von lieblichstem Ebenmaß der Formen, vielleicht ein ganz klein wenig zum Rundlichen neigend. Das hübsche Oval ihres immer freundlichen Köpfchens wurde von gesunden roten Backen belebt und zwei gütige vergnügte Augen standen unter offener Stirn. Fast das schönste aber waren ihre reichen, dunkelblonden Haare, die, wenn sie sie öffnete und den Kopf schüttelte, sie wie ein glitzender Mantel, wie ein feiner Schleier, in dem heimliches Gold funkelte, umwallten. Die kleinen festen Hände, die schon tapfer mit zugepackt hatten in der Wirtschaft, der früh die Mutter fehlte, hatten ihre hübsche Form und ihre Grübchen nicht eingebüßt. In ihrer Stimme aber, der alle harten Töne fehlten, schlummerte es wie ein heimlicher Gesang; wie ein Volksgesang, gut und schlicht, ein bißchen sentimental, ein bißchen wehmütig. Und hätte nicht der Schalk in diesen lieben blauen Augen gesessen und hätte nicht das ganze Persönchen Leben und Lebensfreude ausgeströmt, man hätte mit dieser süßen Stimme, die manchmal an alte Märchenfiguren wie die arme Griseldis erinnerte, Mitleid haben können. Zwischen dem Vater mit der weingeröteten Nase und dem Onkel mit dem Holzbein stand diese liebe weibliche Jugend, so deutsch, so badisch, als ob sich die Natur einen Spaß mit der Familie gemacht hätte, indem sie zwischen zwei leicht karikierte Exemplare bedrückter Männlichkeit das junge aufrechte Weib in seiner ganzen Liebenswürdigkeit zu stellen bedacht gewesen. Da nicht mehr zu besorgen war, daß der nunmehr auskömmlich besoldete Hugo Hagedorn ihn anpumpte, so holte der Korbmacher Ackerle, der seinen Abendtrunk gern im »Silbernen Hirschen« am Wredeplatz machte, jetzt zuweilen den Schwager ab. Das geschah so um die Zeit, wenn die drei Herren Studiosi ihren Bummel nach dem Schloß oder durch den Stadtgarten machten oder schon zum Abendbrot noch dem »Rodensteiner« oder zur Musik ins »Bremen-Eck« gegangen waren. Hierbei und auch bei seinen Sonntagsbesuchen bei den Ackerles wußte Hugo, den das späte Glück solcher Anstellung beseligte, von den drei vergnügten Herren so viel Rühmendes und Lustiges zu erzählen, daß der alte Ackerle nickend in seinen Markgräfler schmunzelte. Er war sonst eben kein fröhlicher Mann, und ein dunkles Kapitel in seinem Leben, das ihn vor Jahren ein paar Wochen der Familie und der Arbeit ferngehalten hatte, war der Anlaß gewesen, daß er dem Weine oft kräftiger zusprach, als ihm gut war. Er mochte auch sonst die Studenten nicht sehr, die ihm mehrfach – besonders die verflixten Rhenanenfüchse, die ihr Weg nachts von der Kneipe bei ihm vorbeiführten – sein Firmenschild abgehängt und durch das Schild eines Schusters oder einer Hebamme ersetzt hatten. Und wenn sie gar bei ihm einkaufen kamen, so handelte es sich meist um sehr unwesentliche Geschäfte oder gar um »Bestellungen«, aus denen nachher nichts wurde; und der Hintergedanke der Besuche schien allemal nur der zu sein, die hübsche Eveline, die zuweilen im Lädchen mithalf, mehr aus der Nähe beaugenscheinigen zu können. Auch hatte der an der Buchhandlung gegenüber der Universität malerisch an den Eckstein geräckelte dicke Dienstmann Muck, den seine gewaltige Körperfülle und tiefe Abneigung gegen anstrengendere Geschäfte zum Postillon d'Amour besonders qualifizierten, und der solche Kommissionen schon beinahe ein Menschenalter, seelisch unbeteiligt aber gewissenhaft, betrieb, mehrfach nach solchen Studentenbesuchen Veilchen oder Nelkensträuße mit Billettchen überbracht, die durchaus nicht für Adam Ackerle persönlich bestimmt waren. Eveline lachte dann, während der Vater in den schon beschneiten Vollbart schimpfte. Steckte singend eine Nelke dem alten Herrn oben in die Arbeitsschürze, die anderen in ein hübsches Zierglas und ging munter, ohne sich weiter um die Spender und ihre Prosa oder Verse zu kümmern, ihren häuslichen Geschäften nach. Sie mochte die Studenten alle gut leiden. Sie schienen ihr zum Bild zu gehören, zum Leben ihrer Vaterstadt; und in den Universitätsferien, wenn die gelben Schwabenmützen, die weißen Saxoborussenstürmer, die roten Alemannenkappen in den Straßen und auf den Brücken fehlten, schien ihr Heidelberg nicht halb so schön. Die steifen Engländer, die im »Prinzen Karl« wohnten, und die wortkargen Amerikaner, die mit rasierten Holzgesichtern und Tellerfrisuren aufs Schloß stelzten, ja selbst die üblichen Hochzeitspärchen, die besonders im Frühling und Herbst den »kurzen Buckel« hinaufkeuchten und abends oben im Schloßhotel früh die Lichter löschten, konnten ihr die Stiftungsfeste und Umzüge in Viererzügen mit Bannern und die Schloßbeleuchtungen mit Fackeln und Gesang nicht ersetzen. Aber so sehr sie alle Studenten mochte und zum Vergnügtsein brauchte, einen einzelnen hatte sie noch nicht gefunden und ausgezeichnet. Auf keines der vielen Billettchen, die der dicke Muck schon angeschleppt hatte, war jemals eine Antwort von ihr gekommen. Das wußte Adam Ackerle ganz gut; und deshalb sagte er zum Schwager Hugo Hagedorn einmal im »Silbernen Hirschen«, als das vom blonden Markgräfler beschwingte Gespräch auf allerlei studentische Liebeshändel kam, die auf der Kirchweih in Handschuchsheim begonnen und auf der Hirschgasse ausgefochten wurden: »Weischt, Hugo, i glaub' als, meine Eveline, das ischt eine, wo überhaupt kei Mannsbild nie was ausricht. Die lacht halt und ischt allweil fidel. Aber eher will i glaube, daß dein Holzbein im Frühling ausschlagt, als daß das Mädel sich einen von die Studente in Kopf setzt.« Das war vielleicht keine sehr zarte, aber eine deutliche Art, seine väterliche Ansicht über die Immunität der Tochter gegen das viel verbreitete süße Gift der Liebe auszudrücken. Nun, das Holzbein Hugo Hagedorns hat allerdings nicht ausgeschlagen. Es war längst totes Holz und poliert. Aber die hübsche Eveline, des Korbmachers Adam Ackerle einzige Tochter, ist Ben begegnet. Und Ben ihr. Und die beiden haben sich sehr, sehr lieb gehabt. Einundzwanzigstes Kapitel Und dies alles kam so. Im »Goldenen Herz«, dessen Restaurant mit einer Metzgerei zusammen betrieben wurde, war geschlachtet worden. Und von den frischen Würsten wollte Adam Ackerle dem Schwager, der kürzlich eine ihm von Ben geschenkte Fünfzigerkiste Zigarren gutherzig mit ihm geteilt, eine besonders fette übersenden. Er schickte Eveline. Das war an einem Maienabend. Es hatte geregnet und war wieder klar geworden. Die Luft war herrlich rein. Die Schwarzamseln sangen hinten auf dem Berg, und es duftete wunderschön nach jungem Laub und feuchtem Moos und all den Blüten, die nach dem kurzen Frühlingsregen ihre volle Pracht erschlossen hatten. Eveline hatte schon Sommer gemacht. Sie trug zu dunklem Rock eine helle Waschbluse, die ihren weißen Hals frei ließ, und in dem Halsgrübchen ruhte an dünnem Silberkettchen eine alte römische Münze, die der Vater einmal am Neckar gefunden hatte. Sie stieg die Treppen bis zu der kleinen Studentenwohnung – der »Festung«, wie die drei Freunde sie nannten – und schellte. Sie dachte, den Onkel Hugo allein zu treffen, denn der schöne Abend hatte doch sicher die drei Studenten aufs Schloß oder auf die Molkenkur gelockt; und dann wollte sie sich rasch und heimlich einmal die Wohnung der drei ansehen, von der Onkel Hugo ihr und dem Vater so oft und so gern erzählte, wie ulkig und gemütlich sie mit bunten Bildern und spaßigen Dekorationen und allerlei lustigem Kram ausgestattet sei. An diesem Abend aber waren die drei Studenten zu Hause. Willibald von Gollwitz hatte am Tage zuvor auf Vandalenwaffen gegen einen Schwaben gefochten, mit dem er beim Friseur in der Haspelgasse einen erregten Disput gehabt hatte über die Frage, ob es nötig sei, sich gerade am Sonntagvormittag die Haare schneiden zu lassen. Da der Schwabe, der überhaupt auf die Benennung und besondere Verwendung der einzelnen Tage keinen Wert legte, die Ansicht vertrat, daß er sich die Haare schneiden lassen könne, wann es ihm beliebe, und Willibald von Gollwitz sich zu der Bemerkung hinreißen ließ, daß in Rücksicht auf die Nebenmenschheit auch der Montag für die beabsichtigte Verschönerung genügt hätte, wobei er sogar andeutete, daß bei der Verschönerung im Fall des Schwaben nicht eben viel herausgekommen sei, so war dem Kartenaustausch die Forderung und der Forderung die Mensur gefolgt. Bei dieser ritterlichen Übung in der Hirschgasse hatte der Schwabe eine Hakenquart und drei unbedeutende Blutige und Willibald von Gollwitz einen Durchzieher und im siebenten Gang eine Hochquart mit Knochensplitterchen und damit die Abfuhr bezogen. Nun saß er vergnügt, genäht, fieberfrei und mit verwickeltem Kopf mit den Freunden, die ihm zuliebe zu Hause blieben, spielte nicht sehr talentvoll Skat und wartete mit den anderen auf Hugos Rückkehr. Den hatten sie in die Schermerssche Weinstube geschickt, ein kräftiges Nachtmahl und zwei Flaschen Mosel zu holen. Als es draußen schellte, entspann sich eine wortreiche Debatte, wer öffnen sollte. Ben behauptete, daß er erst vorgestern dem Bierführer geöffnet habe, also jetzt nicht an der Reihe sei. Fips Tomasius pochte auf seine Würde als der Älteste, und Willibald von Gollwitz machte entrüstet geltend, daß ihn als schwer Bresthaften in seinem hilflosen Zustand nur die niedrige Gefühllosigkeit gänzlich verrohter Barbaren zwingen könne, auf den Korridor hinauszugehen und den anstrengenden Dienst eines Pförtners zu versehen. Man kam überein, daß der draußen Stehende vielleicht von selbst wieder gehen werde; worin man eine einfache und glückliche Lösung der Angelegenheit sah, da man niemand erwartete. Worauf Ben einen Grand ansagte, den er verlor. Aber es schellte wieder. Da sich die negative Bereitwilligkeit der Drei zu öffnen, nicht geändert hatte, so beschloß man, das Amt des Portiers für diesen dringenden Fall auszuknobeln. Gerade, als es zum drittenmal ziemlich energisch läutete, fiel Fips Tomasius mit der »niedrigsten Hausnummer« herein. Schimpfend ging er öffnen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er wiederkam. Mit einer Wurst in der Hand und einem eigentümlich verklärten Gesicht. »Was ist denn los?« »Die Wurst ist abgegeben worden.« »Eine Wurst –? Für wen?« »Für Hugo.« »Und darüber strahlst du so?« »Strahl' ich? Das ist vielleicht das Abendrot von draußen.« »Blödsinn. Du hast ja ganz rote Backen.« »Ich freue mich, daß es noch edle Verwandte gibt, die anderen Leuten Würste schicken. Spielen wir weiter!« Und er griff energisch die Karten und mischte. »Hallo – hallo! Du mischst ja nur die Hälfte! Ein verdralltes Huhn! Was hast du denn? ... Da ist doch was faul.« »Im Gegenteil. Ben, du spielst aus.« Ben aber spielte nicht aus. Er sah vielmehr Fips listig an und sagte: »Du, Fips, mir kam vor, es war eine Damenstimme?« »Was du für feine Ohren hast! Eine Verwandte von Hugo. Eine Tante, glaub' ich – oder Nichte.« »Hm. Das scheint mir ein Unterschied,« meinte Willibald, »der sich ungefähr aus dem Alter der Dame ersehen ließe.« Ben aber hatte jetzt einen Einfall. Er eilte nach dem Schreibtisch, raffte den Feldstecher auf und war in zwei großen Schritten aus dem Balkon. Erstaunt saßen die beiden anderen, die Karten in der Hand, und sahen, wie Ben, sich interessevoll über das Eisengeländer vorbiegend, mit dem Glase auf den Wredeplatz niederschaute, der in den letzten Strahlen der Abendsonne lag. Nach einer Weile kam er herein, nahm die Karten auf und spielte wortlos aus, ohne zu merken, daß ihm die beiden Freunde eine abscheuliche Schundkarte, mit der kein Teufel spielen tonnte, hinterlistig arrangiert hatten. Fips aber war auch zerstreut und gab Willibald so schlecht zu, daß das Spiel trotzdem für sie verloren ging. Willibald warf jetzt ärgerlich die Karten hin. »Was habt ihr eigentlich? Ich lasse mir das Gehirn verdreschen, verliere edelstes Blut und diverse Knochensplitter – und ihr spielt wie preisgekrönte Trottel! Da ist doch was los?« »Ben, hast du die – Tante noch gesehen?« fragte Fips unsicher. Ben lächelte listig. »Ich weiß nicht, ob ich die Tante gesehen habe; aber was ich gerade noch gesehen habe, hat mir genügt.« Da gab Fips das Spiel verloren. Er schob die Karten zusammen und stand auf: »Also, Kinder, das ist ein Bild von einem Mädel! So was hab' ich überhaupt – Also, ich sage bloß – Jetzt sitzen wir – wie lange? – in Heidelberg und haben das nicht gesehen!« »Was denn?« Willibald war immer noch nicht im Bilde. »Von was redet er nun wieder?« Aber Fips wurde philosophisch: » So wenig kennt man seine Nebenmenschen – so wenig! Daß der Hugo ein Holzbein hat, das wußten wir; aber daß er auch eine Nichte hat –« »Nun ist's wieder die Nichte –?« Willibald von Gollwitz schob ärgerlich an seinem Verband herum. »– eine Nichte hat, die einfach wie eine junge Göttin so schön ist – das wissen wir nicht.« In diesem Augenblick kam Hugo von Schermers und brachte in verdeckten Schüsseln drei Portionen Rührei mit Schinken und ein Terrinchen Entenpastete mit geröstetem Brot, dazu Butter, Käse und zwei Flaschen Trabener. Das alles baute er still und liebevoll aus dem Tische auf. Die drei jungen Leute sahen ihm zu. Ein ganz neues Gefühl hatte Besitz von ihnen ergriffen und drückte sich in ihren schweigenden Gesichtern aus. Eine gewisse Hochachtung. Denn wie Fips Tomasius angedeutet hatte: sie kannten jetzt diesen Nebenmenschen besser. Er hatte nicht nur ein Holzbein, sondern auch eine allerliebste Nichte. Und solcher Besitz adelt in der Anschauung junger Herzen selbst einen in der Fortbewegung behinderten Bedienten, der die Silberknöpfe seiner Hörigkeit am blauen Jackett trägt. ... Am Morgen nach jenem Skatspiel hatte Ben in der Nähe der Heiliggeistkirche zu tun. Wovon er aber vor den Freunden kein Wesens machte. Ihm fiel ein – oder eigentlich er hatte an nichts anderes gedacht schon während des Kollegs von sieben bis acht über Logik und Propädeutik – fiel ein, daß er vielleicht ein Körbchen Früchte als Aufmerksamkeit nach Hause schicken könnte. An Tante Tüßchen oder an Frau Morgenthau oder an irgendwen. Ja so, es war Frühling, da gab's keine Früchte. Also Blumen. Blumen gab's, und die konnte man bestimmt in das Präsentkörbchen tun. Oder sonst was. Die Hauptsache war das Körbchen. Das mußte unbedingt an der Heiliggeistkirche gekauft werden. Und zwar heute, gleich. Er hatte sich von Hugo das Lädchen so genau und umständlich beschreiben lassen, als ob es sich um einen Weg durch Schnee und Eis tief in den zerklüfteten Himalaja handele, um einen Pfad, der leicht verfehlt werden konnte. Als er die bescheidene Bude ohne Schwierigkeit gefunden, entfernte der alte Adam Ackerle gerade erst die Bretter von dem Verschlag. Er hatte gestern abend wieder den alten Kummer seines Lebens etwas reichlich begossen. Den Käufer gewahrend, rief er nach hinten: »Eveline – bedien du doch mal den Herrn!« So stand Ben, nicht ganz zwölf Stunden, nachdem er sich das heimkehrende Mädchen gerade noch ins Sehfeld des Feldstechers eingefangen, an der Mauer der Heiliggeistkirche der Tochter des Korbmachers gegenüber, die jung und schön war wie dieser Heidelberger Morgen im Mai ... Als Fips Tomasius aus dem Handelsrechtkolleg kam, das der als Examinator gefürchtete Professor Solomon Baddach, Ruths Onkel, dreimal wöchentlich von acht bis neun Uhr las, führte ihn ein Umweg an der Heiliggeistkirche vorbei. Wenn er später behauptete, ihm sei plötzlich eingefallen, daß er sich endlich mal die Grabmäler des Kaisers Ruprecht und seiner Gemahlin Elisabeth von Zollern betrachten könne, welcher Beider erlauchte Gebeine seit Jahrhunderten in dieser ehrwürdigen Kirche am Marktplatz beigesetzt sind, so entspricht das wohl kaum ganz den Tatsachen. Die Wahrheit ist, daß Fips gern das Mädel wiedergesehen hätte, das gestern einen verwirrenden Eindruck auf sein eigentlich schon von Mariechen, der schlanken Blondine, die im »Rodensteiner« mit so seelenvollem Augenaufschlag die Krüge mit dem Löwenbräu auf die Bierfilze setzte, in Besitz genommenes Herz gemacht hatte. Als er aber den kleinen Korbladen gefunden hatte, vor dem er neben allerlei Marktkörben auch das rohrgeflochtene Kostümgestell einer üppigen Dame kopf- und armlos zu sehen war, entdeckte er im Innern des mehr als bescheidenen Raums seinen Freund Ben, der einen ziemlich ruppigen schwarzen Spitz, wie eine große Rarität, streichelnd bewunderte, wobei er unverwandt in die Augen der hübschen Eveline sah, die wohlgefällig lächelnd dabeistand. Da pfiff Fips Tomasius ärgerlich vor sich hin, schob die lederne Kollegienmappe höher unter den Arm und beschloß, nichts gesehen zu haben. Am Nachmittag kamen dann zwei große Marktkörbe an, die Ben für die Besorgungen Hugos in der Stadt persönlich gekauft hatte, und die durchaus ausgereicht hätten, den Wochenbedarf für eine kinderreiche Familie heimzutragen. Dieser merkwürdige Ankauf führte zu allerlei Vermutungen der Freunde und zu listigen Bemerkungen, denen Ben aber mit kühlem Bekennermut die Spitze abbrach, indem er erklärte, es sei möglich, daß diese Körbe, wie Willibald behauptete, für die Küche einer Fremdenpension zu achtzig Betten gedacht seien. Es sei auch möglich, wie Fips höhnte, daß er, Ben, genau so gut hätte einen Leiterwagen für die paar Besorgungen Hugos anschaffen können. Aber es sei drittens möglich, sogar noch viel möglicher, als die beiden zugestandenen Möglichkeiten, ja, er möchte andeuten: es sei in hohem Grade wahrscheinlich, daß die beiden Freunde sich demnächst über seine, Bens, Pläne und Unternehmungen beträchtlich erstaunen würden. Und damit hatte Ben recht. Es gab aber einen Dritten, der sich noch mehr erstaunte. Und das war Hugo Hagedorn, der eines Tages – es war Anfang Juni und ein Sonntag – morgens früh beim Aufräumen des gemeinsamen Wohnzimmers der drei Studiosi, die noch tief in ihren Betten lagen, eine Jahrmarktphotographie fand, schlecht und verschwommen auf einer Metallplatte, aber verblüffend durch die dargestellte Gruppe. Da war nämlich Ben Mewes, stud. phil. links von einer abgestumpften Säule zu sehen. Auf der Säule stand: »Erinerung zum Souvenir«, was Hugo zu wenig schien in Beziehung auf die Erinnerung, die nur ein »n« hatte, und zu viel in Beziehung auf das Souvenir, das doch in der Erinnerung schon drin lag. Rechts von der abgestumpften Erinerung-Souvenir-Säule aber stand ein etwas geniert lachendes Mädel, dem ein breiter Strohhut mit zwei Möwenflügelchen an der Seite, das Gesicht ins Mohrenhafte beschattete. Und auf der abgestumpften Säule sah, erstaunt und unzufrieden, ein schwarzer Spitz. Hugo Hagedorn aber hätte geschworen, daß er den schwarzen Spitz kannte und das Mädel auch. Und es wurde ihm seltsam zumute, als er dachte, daß vielleicht der junge Herr, den er von den drei Studenten am meisten liebte ob seines gütigen Herzens und seiner frohen Art, mit diesem Mädel, das seiner leiblichen Schwester leibliches Kind war, jene zarten Beziehungen unterhalten könnte, die die Sommersonne in Heidelbergs lieblicher Umgebung so oft und gern segnend beschien und der Mond über Schloß und Königstuhl noch öfter und lieber. Ben trat ein, als Hugo Hagedorn, der sich, sein Bein zu schonen, ein wenig gesetzt hatte, das merkwürdige Bild noch sinnend in den Fingern hielt. Als Ben jetzt in einem weißen Flanellanzug, der für die Frische des Morgens vielleicht ein wenig kühn war, vor ihm stand, schnellte Hugo empor, hielt aber immer noch krampfhaft das Bild in der Hand. Einen Augenblick sahen sich die beiden an, dann wurden beide rot. Und schließlich sagte Ben, indem er seinem Diener das Bild sanft aus der Hand nahm: »Sie müssen nichts Schlechtes denken von mir, Hagedorn – und erst recht nicht von – der Dame.« Die »Dame« tat Hugo Hagedorn sehr wohl. Ihm fiel ein, daß er sich schon oft Gedanken gemacht, wer wohl der erste sein würde, der seine hübsche Nichte küßte. Daß es ein Student sein müßte, der sie später doch nicht heiratete, schien ihm immer eine ausgemachte Gewißheit. Denn in kleinbürgerlichen Kreisen der Universitätsstädte denkt man in solchen Dingen nüchtern und richtig; hat auch der Exempel genug erlebt, die den Verlauf der Dinge in anderen Fällen vorausahnen lassen. Da war's denn Hugo Hagedorn immer, wenn er des Schwagers liebreizendes Mädel sah, eine heimliche Freude und Genugtuung, daß sie nicht, wie andere Weiberchen, die er gekannt hatte, nach dem äußerlichen ging. Nicht nach einer verwegenen roten Mütze mit Goldborte den Kopf herumriß, nicht nach ein paar Durchziehern und einer verschnürten blauen Pakesche blinzelte, nicht hinter einem hochadeligen Namen herseufzte, auf den ein weißer Stürmer gestülpt war. Wenn's denn schon einer sein soll, der nicht gleich an den Altar winkte und in die Genügsamkeit des ehelichen Kämmerleins, so schien ihm ein so hübscher, froher, gütiger Junge wie Ben, der den Leuten nicht nach den Holzbeinen sah, sondern ins Herz, eben recht. So kam es, daß Hugo Hagedorn, der vielleicht jetzt, als Mutterbruder dieses schönen Kindes, hätte den Moralischen, den Ablehnenden, vielleicht gar den Entrüsteten spielen sollen, nur die unbeholfenen treuherzigen Worte fand in seinem badischsten Badisch: »'s ischt halt e arg lieb Kerlche, die Eveline.« Da ging Ben in überwallendem Gefühl zu seiner besten Zigarrenkiste – das heißt es war eigentlich Willibalds seine, aber das entdeckte er erst später und glich es aus – tat einen tüchtigen Griff hinein, so energisch, daß einige Deckblätter beschädigt wurden, und drückte Hugo Hagedorn ein halbes Dutzend Importen in die Hand. Wozu er das für diese Situation vielleicht ungewöhnliche Wort sprach: »Rauchen Sie die Stengel auf unsere Gesundheit, lieber Hagedorn!« Zweiundzwanzigstes Kapitel Und der liebe Hagedorn rauchte. Rauchte an jenem Sonntag. Rauchte noch manchen Sommerabend Bens geschenkte Zigarren. Und immer ging das Problem in seinem Kopf hin und her: eigentlich ist's nicht recht. Eigentlich nicht. Er heiratet sie nicht. Aber sie weiß es und hat ihn doch lieb. Und, weiß Gott, wenn ich ein Mädel wäre, ich hätt' ihn auch lieb. Und wie nett er mit ihr ist, und wie er für sie sorgt. Verliebt ist er, aber nie ruppig, nie gemein. Und sogar die paar nackten Frauenzimmer, die der Herr von Gollwitz ins Wohnzimmer an die Wand spendiert hat, mußten weg, seit die Eveline kam, ein über den anderen Tag, für die Herren den Tee auf der Maschine machen, ehe sie singend in die Berge liefen. Und dann kam eine Zeit, da erhielt Hugo Hagedorn die Erlaubnis, jeden Sonnabend mittags bis Montag früh seine Verwandten in Schlierbach zu besuchen. Er hatte nun zwar keine Verwandten in Schlierbach; und der Herr Ben wußte das, wie es die Eveline – die er jetzt »Ev'« nannte – auch wußte. Aber über Sonntag wurde er eben in der Wohnung in der Anlage nicht gebraucht. Da kam für anderthalb Tage eine kleine blonde Hausfrau und hielt alles so hübsch und adrett, wie es Hugo Hagedorn bei aller Sorgfalt selber kaum halten konnte. Und dann war die Wohnung voller Blumen, und es wurde musiziert und gesungen. Und wenn Hugo Hagedorn von den »Verwandten in Schlierbach« am Montag wiederkam, waren die jungen Herren wieder allein, und nur eine Haarnadel vielleicht auf dem Teppich in Herrn Bens Zimmer oder ein Lied für Sopran auf dem Klavier im Wohnzimmer verriet, daß – jemand dagewesen war. Das Seltsamste aber war der Schwager Korbmacher. »Hugo,« hatte der eines Abends spät im »Silbernen Hirschen« zu ihm gesagt: »Hugo, weischt, i könnt' dir jetzt das Kännle an den Kopf feuere. Das könnt' i, und der Herr Pfarrer tät vielleicht saage: Der Jähzorn ischt nit schön, Ackerle – aber dies mal hascht recht g'habt! Denn siehscht, Hugo, du häscht's doch g'wußt, das mit der Eveline und dem Student. Saag nix – du häscht 's g'wußt! Denn dumm maagscht sei – meine Frau, deine Schwester, Gott hab' se selig, so lieb se g'wese ischt, hätt' auch 's Pulver nit erfunde. Dafür steht ja auch der Berthold Schwarz in Freiburg am Franziskaner Platz. Aber so dumm und so von Gott verlasse bischt doch nit g'wese, daß du nit g'merkt habe sollscht, was sich da anspinnt. Awer siehscht, die Eveline hat mir's halt selber g'sagt. Und sie hat mir versproche, daß sie sich nix einbilde will, was ihr nachher weh tut, wenn's halt nit so kommt. Und weiter hat sie mir versproche, daß sie mir nit davon lauft und mein Kind bleibt. Daß sie mich nit allein laßt, wann's kommt, wie der Arzt g'sagt hat, daß i emal zusammenklapp. 's ischt vielleicht nit schön und nit so das Normalische, was wir miteinander g'redt habe, die Eveline und ich. Aber siehscht, i hab zu unserm Herrgott alleweil ein eigenes Verhältnis g'habt. Mein G'schäft klebt, wie ein Schwalbeneschtle am Kuhstall, an der alte Heiliggeistkirch, und nit dreimal hat in den letschte zwanzig Jahr da drinne die Orgel g'spielt, ohne daß ich se nit g'hört hab. Zum Gottesdienscht, wenn die alte Weiber all 'neinlaufe, bin i ja freilich nit oft gange; aber wenn die Sonn so recht g'brannt hat auf mei G'schäftle, und wenn die Körb so geknackt habe von der Hitz, als wenn das Flechtwerk noch den Sommer g'spüret, dann hab i oft da drinne mich ins Kühle g'setzt, wo kein Mensch drin g'wese ischt – und siehscht, da kann man sich ganz anders mit'm liebe Gott unterhalte. Und da hab' i mi oft g'fragt – und ihn, verstehscht, ihn – ob i das hübsche Mädel, wo ihrer Mutter so ähnlich ischt – denn so garschtig du bischt, Hugo, sei nit bös, so schön war die, gelt? – ob i das mit alle Höllstrafe bedrohe soll und soll's fein aufhebe, bis emal e lahmer Schuster, wie der Lechleitner am Karlstor, kommt oder e Korbmacher, der wo emal ... na, du weischt scho, als wie i, oder beschtefalls e schlechtrasierter Poschtassistent, der zehn Stund im Tag Marke leckt und abends bei seiner Frau zusamme schimpft, was er bei seine grobe Vorgesetzte nit so auslasse darf. Und – Hugo – ischt deine Schwester deshalb eine schlechtere Frau g'wese, weil sie bis zu ihrem Tod noch das Bild von dem Rhenane mit den zwei farbige Bänder hat auf der Kommode stehn g'habt, dem sie gut g'wesen ischt einen Heidelberger Sommer lang und ein Wintersemester? E paar Büchle hat sie noch von ihm g'habt – von einem g'wisse Geibel eins und eins mit so lauter kleine Verschle, lange und kurze, wo sie Mirza Schaffy g'heiße hat. Das war ein Türk oder ein Persianer oder so was. Sicher kein Christemensch, aber Verschle hat er g'konnt. Und da war'n noch Strichle mit Bleistift dran, die wo der Rhenane selber g'macht hat – Das hab i alles g'wußt. Alles. Und sie hat's g'wußt, daß i's weiß. Und ischt mir dankbar g'wese, verstehscht, daß i ihr alles g'lasse hab und nit gerührt hab mit meine dicke, harte Handwerkerfinger an all dem, was emal g'wesen ischt. Nie haben wir davon g'sproche – nie. Bloß einmal – die Eveline ischt scho zur heiligen Kommunion gange –, da hat deine Schwester mir ein Zeitungsblatt hing'legt, abends neben meinen Teller. Aus Leipzig oder aus Berlin war's. Und hat mit ihr'n Finger auf eine Todesanzeig g'wiesen, wo g'schtanden ischt: Es hat Gott, dem Allmächtigen und Allgütigen gefallen, den Herrn Justizrat, Ritter hoher Orden ... und so. Da hat sie nur g'sagt: »Er ischt tot.« Und am Abend hab i's an ihre rote Auge g'sehe, daß sie ein wenig g'weint hat. Und an dem Bild von dem Rhenanen ischt ein Sträußle g'legen. Aber der Tisch war gedeckt wie immer, und sie hat nit anders, wie sonst, g'fragt: »Magscht e Pfeifle Vatter?« ... Und siehscht, Hugo, i gönn halt der Eveline auch ihren »Rhenanen« für später auf die Kommod und ihren Persianer oder was jetzt Mod auf'm Bücherbrettle ischt. Und weil i's ihr gönn – wenn's auch weh tut, denn siehscht, für voll nimmt so einer uns kleine Leut ja doch nit und wenn wir zehnmal der Vatter sind – weil i's ihr gönn, deshalb verlaß i mich auch auf ihr Wort. Sie bleibt bei mir in Heidelberg, das hat's mir versproche, und lauft ihr'm alten Vater nit davon, wie dem Amburger seine, die wo's mit dem preußischen Baron g'habt hat und wo jetzt in München Kellnerin sein soll; und wie der Schöpfle ihr Theres, die wo in Berlin vor die Hund gange ischt. Und des halb, Hugo, siehscht, des halb schmeiß i dir jetzt nit das Kännle an Kopp und sitz mit dir im »Silbernen Hirschen«, als ob alles in schönster Ordnung wär mit uns und mit die andern. Aber« – und hier tat Adam Ackerle einen tiefen und bedächtigen Zug, »wer weiß überhaupt, Hugo, ob das halt die Ordnung ischt, was wir jetzt so die Ordnung nennen. Und sind gar so stolz, wenn wir's Maul breit machen und »Ordnung« sagen. Im Chorgestühl von der Heiliggeistkirch, wenn draußen die Sonn auf'n Marktplatz und auf meine knackende Körb g'brannt hat und das Licht durch die Glasfenster so schön bunt auf die Grabstein im Steinboden g'fallen ischt, auf die Kaiser und Markgrafen, die nimmer aufstehn, da hat mir der liebe Gott manchmal den G'danke gebe: ein jeder muß sich halt seine Ordnung selber mache. Wie als daß er's vor sein G'wissen verantworten kann und sein Nachdenken. Nachher wird er's da oben schon erfahr'n, ob er ein Narr war mit sein Gewissen und sein Nachdenken oder ein ganz G'scheiter. Ein Lump oder ein braver Kerl.« Hugo Hagedorn war damals sehr froh gewesen, daß ihm das Krüglein im »Silbernen Hirschen« nicht an den Kopf flog. Sein eigenes Gewissen und Nachdenken fühlte sich dadurch entlastet. Er konnte jetzt oben in der Anlage Evelines Bilder – es waren längst richtige und hübsche Aufnahmen, mit und ohne Spitz, mit und ohne Hut, lachend und ernste, dazu gekommen – ohne peinliches Gefühl frühmorgens abstauben. Konnte jeden Sonnabend ohne Reue und Scham die »Verwandten in Schlierbach« besuchen. Und da Ben die Unkosten dieser pietätvollen Reise trug und jedesmal üppig zehn Mark dafür spendierte, und da, wie gesagt, gar keine Verwandten in Schlierbach vorhanden waren, so fuhr Hugo Hagedorn über Sonntag seelenruhig nach Mannheim, wohnte in einem billigen Hotel und ging abends in den zweiten Rang ins Hoftheater. Dort kannte und schätzte ihn der Logenschließer bald als »den kunstfreundlichen Herrn aus Heidelberg« und legte ihm vor Vorstellungsschluß die Garderobe heraus und half ihm in den Paletot. Und im Gefühl, in einem Großherzoglich badischen Hof- und Nationaltheater gewissermaßen als Stammgast von auswärts betrachtet und geschätzt zu werden, gewann Hugo Hagedorn an Selbstachtung und dankte im stillen seiner Nichte Eveline für den Kunstgenuß und das späte Glücksgefühl. Ev' war Bens Geliebte geworden. So selbstverständlich es ihr erschienen war, daß sie bis zu dem Tage, da Ben zu ihres Vaters Geschäft kam, irgend etwas zu kaufen, all die bebänderten und unbebänderten Bewerber um ihre Gunst ausgelacht hatte, schalkhaft vergnügt ausgelacht hatte, nicht boshaft und hochmütig, so selbstverständlich erschien es ihr jetzt mit einmal, daß sie Ben schenkte, was seine Liebe von ihr begehrte. Es kam ihr gar nicht in den Sinn, sich als Studentenliebchen zu fühlen. Sie wollte ebensowenig mit dem hübschen und eleganten Burschen Staat machen vor Freundinnen und Kleinbürgern, als sich und ihr gesundes Gefühl scheu verbergen, wie eine Schande in Heimlichkeit. Sie liebte ihn, weil er jung war und froh und gütig, und weil seine Augen so hell aufleuchten konnten, wenn sie kam, so traurig nachblickten, wenn sie ging. Sie liebte ihn, weil er, ohne schulmeisterlich zu reden, ihr so viel sagte und zeigte, was sie mit ihrer braven Volksschulbildung nicht wußte und kannte, und das zu wissen und zu hören sie sich doch so oft gesehnt. Sie liebte ihn, weil er aus einer anderen Gesellschaftssphäre kam, in der ein feiner Geschmack und eine kultivierte Lebensführung zu einem geistigen Genießen erzog, an dem er sie nun teilnehmen ließ. Sie liebte ihn, weil er ihr weibliches Gefühl, das scheu und keusch blieb, auch wenn sie sich ihm schenkte, nie verletzte und anderen nie erlaubte, in Scherz oder Anspielung das »kleine Mädel« in ihr zu sehen, das einer heute zum Zeitvertreib küßt und morgen, gelangweilt, wegschickt. Sie liebte ihn, weil er alles, was Jugend, Leichtsinn und Studentenleben war, lachend verkörperte und auch wieder ernst und ein bißchen schwermütig sein konnte nach Frankenart. Und sie liebte ihr altes Heidelberg, das Schloß, die Berge und den Neckar noch inniger, seit sie die Begeisterung miterlebte, mit der Bens junges, empfängliches Herz sich fest und innig drängte an dies herrlichste Stückchen deutscher Erde, das sie geboren und das ihre harmlos frohe Kindheit beschützt hatte. Und sie sang, seit sie ihren Arm in seinem fühlte beim Wandern, mit einem ganz neuen Gefühl, mit einer Fröhlichkeit, die ein Glaube war und ein Bekenntnis, von den Bergen ins Tal: »Alt Heidelberg, du Feine, du Stadt an Ehren reich!« Ja, sogar ihren Vater liebte sie reiner und herzlicher, seit sie erkannt hatte, daß der alte Mann, ganz gegen Sitte und Herkommen und taub für die leise und lautere Stichelrede der Nachbarn und guten Freunde, ihr in schmerzhafter Selbstüberwindung das Glück ihres jungen Frühlings ließ und gönnte. Daß er nicht schalt und nicht fragte, nicht mit Wort oder Blick strafte, ja nicht einmal tadelte und warnte; daß er nur zuweilen mit der harten, verarbeiteten Hand, die schon ein wenig zitterte, ihren Scheitel berührte als wollt' er sagen: wenn's einmal anders kommt, Kind, ich bin auch noch da. ... Fips Tomasius und Willibald von Gollwitz hatten sich, nach einigen schüchternen und vergeblichen Versuchen in der ersten Zeit, mit zu konkurrieren, auf die bescheideneren Rollen fröhlicher Paten dieses jungen Glücks besonnen und zurückgezogen. Sie behandelten Ev' durchaus als junge Dame ihrer Kreise, wenn sie abends kam, die Dreie abzuholen zum Spaziergang den Neckar entlang nach dem schattigen Garten der Stiftsmühle oder hinauf nach dem Kohlhof; oder wenn sie über Sonntag blieb und in eifrigen Hantierungen ganz die kleine Hausfrau spielte. Sie beneideten Ben wohl; aber sie freuten sich zugleich, ein wenig Anteil zu haben an der Sauberkeit, Ordnung und Fröhlichkeit, die das junge Weib in das häusliche Leben dieses Triumvirats trug. Sie fragten, ehe sie ihre kurzen Pfeifen in ihrer Gegenwart ansteckten, stets, ob sie rauchen dürften. Sie ließen sie nichts tragen oder heben. Sie halfen ihr ritterlich beim Aus- und Einsteigen in Boot und Wagen. Und selbst als Ben bei einer würzigen Maibowle oben auf dem Königstuhl angeregt hatte, daß Ev' mit den Freunden Schmollis trank, blieb ein Respekt und eine scheue Bewunderung zurück, die ihren Umgang mit des Freundes Liebchen in guten Formen hielt. Ihre eigenen kleinen Amouren mit Kellnerinnen und Ladenmädchen, oder die kleinen Reisen nach Mannheim, die nicht gerade in einer Hoftheatervorstellung der »Braut von Messina« endeten, wurden in Ev's Gegenwart nur in knappen mysteriösen Andeutungen berührt. Oder sie sprachen heimlich lateinisch oder ein schreckliches Englisch zusammen. Denn just in der Selbstverständlichkeit, mit der Ev' ihre Liebe zu Ben behandelte und zu Inhalt und Richtschnur ihres einfachen und sauberen Lebens machte, lag ein Achtung erzwingendes Bekenntnis der Reinheit ihres Herzens und ihrer Gefühle. Dreiundzwanzigstes Kapitel Ich habe das alles erst später so gesehen, wie es wurde und war. Als ich zum ersten Male, und zwar durch die gute Frau Margarete Morgenthau von Ev' näheres hörte, schien mir die Sache ganz anders. Schien mir verdächtig und gefährlich. Ich fürchtete eine zweite, schlimmere Auflage des Teresinaromans, dessen unerfreuliches Schlußkapitel auf dem Hintergrund Venedigs ich aus nächster Nähe miterlebt hatte. So kam es, daß ich den aufgeregten Ausführungen dieser oft bewährten Freundin der Familie, die mich, den Kapotthut mit den Kirschen kummervoll wiegend, auf meinem Bureau eigens zum Zweck dieser Mitteilungen aufgesucht hatte, mit wachsender Besorgnis zuhörte. Frau Morgenthau, die, verwitwet und kinderlos, wie sie war, für niemand zu sparen brauchte und von der vernünftigen Ansicht ausging, daß sie ein gutes Recht habe, mindestens die Zinsen ihres Kapitals restlos persönlich zu verzehren, machte in jedem Frühsommer eine schöne Reise, die sie angeblich nach den italienischen Seen führen sollte. Sie kam aber auf diesen Fahrten über den Vierwaldstätter See nie hinaus. Einmal gefiel ihr das internationale Leben in Luzern so ausgezeichnet, daß sie sich unmöglich von diesem Gewühl von echten und unechten Grafen, Marquisen, Herzögen, Baroninnen im Vestibül des Grand Hotel National losreißen tonnte. Ein andermal fesselten sie die Golftourniere der Engländer auf dem Axenfels in einer Weise, daß sie aus der halben Berghöhe über Brunnen unbedingt erst die letzten Entscheidungen auf dem grünen Rasen abwarten mußte. Und dieses Jahr umkreiste sie wochenlang auf den Spuren Richard Wagners die Villa Triebschen, um dem Geist des Bühnenfestspiels vom Ring der Nibelungen, das sie mehrfach im verdunkelten Hause Baireuths gehört, seelisch näher zu kommen. Auf der Rückreise hatte sie dann in Heidelberg Station gemacht. In der doppelten Absicht, die berühmte Schloßruine zu besichtigen und Ben mit ihrem Besuch zu überraschen. Das erstere gelang ihr, und sie erklärte sich befriedigt davon, wennschon sie unter dem Vorurteil litt, daß zerstörte Schlösser in diesem unbrauchbaren Zustand zu erhalten, besonders zu einer Zeit, da die Wohnungsnot eine immer größere Rolle spielte, eigentlich gegen Sinn und Vernunft der lebenden Menschheit sei. Die zweite Nummer ihres wohlüberdachten Programms, die Überraschung Bens, war ihr hingegen nicht gut geglückt. Das lag daran, daß Ben just einen für zwei Tage berechneten Ausflug nach Heilbronn unternommen hatte; vermutlich um das Haus des berühmten Käthchens zu beaugenscheinigen. Nicht allein, wie Frau Morgenthau durch gewisse Umfragen in Haus und Nachbarschaft, in denen sie Großes leistete, einwandfrei feststellte, sondern mit zwei Freunden, mit denen er zusammenwohnte, und – nun kam das Beunruhigende – mit einer Dame! Einer hübschen und jungen Dame, die einen großen Strohhut mit rosagefärbten Möwenflügelchen trug. Ihr Interesse für den geliebten Sohn der Freundin hatte dann die gute Frau Morgenthau so weit geführt, daß sie sich, unter Berufung auf die alten und innigen Beziehungen zum Hause Mewes, von dem zunächst etwas mißtrauischen Hugo Hagedorn die Wohnung zeigen ließ, um festzustellen, ob der liebe Junge auch gut untergebracht sei und ob es ihm an nichts fehle. Während ein Seitenblick in die Zimmer von Fips und Willibald sie überzeugte, daß es sich hier um behagliche, aber eben nicht ungewöhnliche Studentenbuden handelte, hatte sie in Bens Schlafzimmer sowie in dem offenbar von demselben ordnenden Geschmack betreuten Wohnzimmer deutliche Spuren einer weiblichen Fürsorge unschwer festgestellt. Am Schlafzimmerfenster auf dem Tischchen neben einem blauen Glas mit Blumen gewahrte ihr scharfes Auge ein rotes Nadelkissen in einer verdächtigen Herzform. Und in dem roten Herz steckten zwei Hutnadeln mit Rosenquarzköpfen, die Ben doch unmöglich zum persönlichen Gebrauch da verwahrte. Auch hatten auf dem Klavier zwischen Familienbildern, die sie kannte, und besonders auf dem Schreibtisch, den dicke Bücher belasteten, hübsch gerahmte Amateur- und Kunstphotographien in reicher Zahl herumgestanden, die alle ein und dieselbe junge und, wie Frau Morgenthau zugeben mußte, sehr anmutige und, nach ihren Gesichtszügen zu urteilen, mit sich und der Welt zufriedene junge Dame darstellten. Frau Morgenthau wäre sich und ihrer Lebensführung durchaus untreu geworden, wenn sie nach dieser beunruhigenden Entdeckung nicht die umfangreichsten Nachforschungen angestellt hätte, wer diese junge Dame sei. Auch hatte sie festzustellen unternommen, wie sie wohl heiße, wo sich etwa ihre Familie aufhalte und welcher Art die Beziehungen sein könnten, die sie mit Ben verbänden. Hugo Hagedorn erwies sich als unergiebig; dagegen hatte die schwerhörige Obstfrau am Wredeplatz und das ältliche Fräulein in einem Blumengeschäft in der Anlage der vorsichtig, aber herzlich Forschenden willig allerlei Wissenswertes enthüllt. Durch diese Hinweise und Mitteilungen war Margarete Morgenthau schließlich nach einigen Irrwegen, die sie leider auch in eine verdächtige kleine Häusergruppe unten am Neckar führten, wo geschminkte ältliche Mädchen sie erstaunt aus den Fenstern anlachten, in ein Korbgeschäft an der Heiliggeistkirche geführt worden. Dort hatte sie, um nichts zu Teueres einzukaufen, aber doch mit dem Budenbesitzer in ein orientierendes Gespräch zu kommen, ein geflochtenes Kinderrasselchen eingekauft. War aber trotz herzlichen Interesses in ihren Kenntnissen nur insofern bereichert worden, als der alte Adam Ackerle mißtrauisch zugab, eine einzige Tochter zu besitzen, die jung und weiblichen Geschlechts sei, der er alles Gute gönne und um deren heutigen Aufenthalt er sich den Teufel gekümmert habe. So zog Frau Morgenthau mit ihrem preiswerten Kinderrasselchen, für das sie keine rechte Verwendung kannte, ab und holte, da sie den Abendzug nach Frankfurt unbedingt noch erreichen wollte, ihr Gepäck im Hotel. Gerade als sie, den Kutscher zur Eile treibend, denn die Zeit drängte, auf den roten Sandsteinbau des Bahnhofs zufuhr, kam ein flotter Zweispänner mit leichtem Handgepäck vom Bahnhof her. Drei Studenten saßen darin und neben dem einen im Fond eine junge Dame, die den Arm voll Wiesenblumen hatte. Diese erkannte Frau Morgenthau zuerst an ihrem großen Strohhut mit den Möwenflügelchen daran – denn in diesem selben Hut stand das Fräulein auf dem Schreibtisch und auf dem Klavier und auf dem Nachttischchen Bens. Und – da gab's keine Täuschung – der junge, äußerst wohl aussehende Mann im Wagen neben ihr, der den Arm leicht um ihre Schulter gelegt hatte und, wie es Frau Morgenthau vorkam, angenehme Dinge in die lächelnd Zuhörende hineinsprach, war ihrer Freundin Charlotte Mewes jüngster Sohn Ben. Und den beiden gegenüber – wahrhaftig! – saßen Fips Tomasius und Willibald von Gollwitz und schienen sehr aufgeräumt; denn sie hatten beide grüne Zweige in der Hand, mit denen sie gewissenhaft den Takt zu einem Gesang schlugen, den sie halblaut verübten. Niemand aber in diesem rollenden Wagen nahm die geringste Notiz von Frau Morgenthau, die im Vorbeifahren durch heftiges Winken die Aufmerksamkeit der jungen Leute zu erregen suchte. Sie erreichte aber nichts anderes damit, als daß ein paar Straßenjungen, ihre Beweglichkeit mißverstehend, ihr eine ironische Ovation brachten und schließlich die Zunge herausstreckten. Frau Morgenthau war so verblüfft von dieser unerwarteten Begegnung, daß sie leider in einen Bummelzug einstieg, anstatt in den Schnellzug. So kam sie nach ungemein zeitraubender Fahrt tief in der Nacht erst in Darmstadt an, das ihr schon bei Tag niemals als unterhaltsame Stadt erschien, das ihr aber bei Nacht vollends mißfiel. Da erst wieder am Morgen ein Zug nach Frankfurt ging, so mußte sie in der »Traube« übernachten, was durchaus nicht in ihrem Programm vorgesehen war und sie sehr verdroß. Nun saß sie bei mir im Bureau und erzählte mir ihre Odyssee mit einer homerischen Umständlichkeit, die ihr, da sie alles ihre Person Betreffende sehr wichtig nahm, durchaus geboten schien. Da ich mich für den mangelhaften Fahrplan der Main-Neckar-Bahn und den nächtlichen Empfang in der gastlichen »Traube« weniger interessierte, so dachte ich über das von Ben Gehörte nach. Und als die erzählende Frau Morgenthau endlich mit ihren Koffern wieder in ihrer Wohnung ankam und ihren Bericht beschloß, bat ich sie zunächst, unsere Mutter, die in letzter Zeit ein bißchen klapprig wurde und viel an Migräne litt, nicht mit der immerhin nicht aufgeklärten Geschichte zu beunruhigen. Frau Morgenthau versicherte, daß dies auch ihr Wunsch und Gedanke gewesen sei. Wir kamen überein, daß ich nun einmal an einem freien Tag, an dem ich nicht zu plädieren hatte, in Heidelberg nach dem Rechten sehen sollte. Gerade als sich Frau Morgenthau, vielleicht mit veranlaßt durch das ungeduldige Gesicht meines Bureauvorstehers, der schon zum dritten Male unterbrechen mußte, erhoben hatte, um sich rasch zu verabschieden – was bei ihr immerhin noch lange dauerte – kam mit der zweiten Post ein Brief von Ben. Sie erkannte die Handschrift sofort, und ich mußte nachsehen, ob von ihrem Besuch was drin stehe. Ich überflog den Brief und konnte ihr noch den Herzenstrost mit auf den Weg geben, daß Ben sehr bedauert habe, den so lieben Besuch der Frau Morgenthau verfehlt zu haben. »Der liebe Junge –« nickt« Frau Morgenthau, und die Tränen, die ihr überhaupt ziemlich locker in den Drüsen sahen, traten ihr in die dunklen Augen –, »er ist doch anhänglich. Ja, das ist er. Aber er weiß auch, ich bin die erste gewesen, die ...« Und nun kam die Geschichte von dem Sommertag vor zweiundzwanzig Jahren und von dem Teppich mit den Blumenbuketts und der rettenden Hilfe, die sie damals geleistet. Dann ging sie. Bens Brief aber berührte in Wirklichkeit die Angelegenheit mit diesen Worten: »... Neulich hat auch plötzlich die köstliche Dame Morgenthau aus unbekannten Gründen in Heidelberg Station gemacht. Auf der Rückreise von Lugano, das sie nie erreicht. Hagedorn, der allein zu Hause war – wir waren ein bißchen in die Berge –, hatte den Namen der Besucherin vergessen. Aber als er die Kirschen am Kapotthut erwähnte, war ich orientiert. Vielleicht wollte sie mir nur die Geschichte von dem Teppich mit dem Blumenbukett wieder mal erzählen, Repetitio est mater ... Übrigens, tut sie's noch ein mal – dann schieß ' ich. Zuchthaus hin, Zuchthaus her, ich schieße . Es ist ja eine liebe Frau und wirklich, ich gönn' ihr alles Gute – aber weißt Du, wie Schopenhauer in einem Briefe an die Mutter Johanna schrieb, mit der er nicht berückend stand: »Es gehört zu meinem Glücke zu wissen, daß du glücklich bist; aber es gehört nicht zu meinem Glücke, ein Zeuge davon zu sein.« Ich finde das großartig ausgedrückt. Überhaupt schreiben kann der Mann. Ei, ja! Aber die Welt als Wille und Vorstellung ...? Vorstellung – gut. Aber »Wille« – das ist so ein Wort, wie jedes andere, scheint mir, für einen Begriff, nach dem die Herren Philosophen alle seit tausend Jahren mit Stangen im Nebel fischen. Weshalb auch mein großer Lehrer der Philosophie hier – omen in nomine – wie Du aus meinen früheren Ergüssen längst wußtest, wenn's nicht überhaupt zur allgemeinen Bildung gehörte – auch Fischer heißt. Aber ganz Heidelberg nennt ihn nur beim Vornamen: »der Kuno«. In der Trambahn die Schaffner stoßen die Engländer an, die im Baedeker nachlesen, was sie gesehen haben, und flüstern: » Sie , Mister, – dort! Der Kuno!« Und der Wilhelm im Café Häberlein stört die Hochzeitspärchen beim Küssen und Fußeln, um ihnen durch die Scheibe zu zeigen: »Da drüben bei der Milchanstalt geht der Kuno.« Die Blinden von Heidelberg kennen seinen Tritt – jeder Schritt eine Exzellenz ... Aber Du, Adi, was für ein Kerl, was für ein Lehrer! Die deutschen Lehrstühle scheinen sonst nur zu oft eine letzte Zuflucht für Stotterer und Sprachgestörte. Da ist endlich mal ein Redner . Einer, der die Sprache in der Gewalt hat, wie ein Ziethenhusar seinen Gaul. Die lieben Kollegen und ihre Klüngel sagen zwar: er ist ein Komödiant. Schön. Dann denk' ich an den alten Fritzen. Der hörte den General ruhig an, der dem schneidigen Seydlitz (war er's nicht?) nachsagte: er söffe; und dann klopfte er dem Ankläger mit dem Krückstock auf die Schulter: »Sauf Er auch !« ... Apropos Saufen und Fischer! Du mußt mal herkommen – nicht nur wegen der verschiedenen guten Flüssigkeiten, die wir hier entdeckt haben. Ich nehm' Dich ins Auditorium Vierzehn mit. Brauchst keine Treppe zu steigen. Gleich Parterre links. Er liest jetzt Schopenhauer – im Grunde gewiß nichts für mich: Pessimist, Weltverekler, Menschenhasser, Weiberfeind – aber wie er den zeigt, erklärt, recht haben läßt ... Denn das ist das Fabelhafte an dem Kuno, der doch ein so guter Hasser ist: so lang er referiert, hat allemal der andere recht. Nie hält er uns Wahrheitssuchende mit starren Trotz ein selbstgefundenes, eigenes System hin. Nie zwingt er die Zögernden zum Schwur: »Glaubt!« Er behandelt jedes System von Wert als ein Kleinod. Als einen Edelstein, der die wunderbare Fassung seiner durchdachten, formvollendeten Rede verdient. Er läßt jedem echten Denker das Recht, zunächst ungestört von kritischen Bedenken, den Tempel seiner Lehre noch einmal aufgebaut zu sehen. Und erst wenn der Bau in klaren, sicheren Linien, allen meßbar, wie ein tadelloses Modell vor unseren geistigen Augen steht, tritt der nachschaffende Künstler zurück. Dann deutet er auf diesen Pfeiler, auf jenen Gebälkträger und kritisiert: »Sehen Sie dort den Bruch – gewahren Sie dort den Riß – erspähen Sie jene Schwäche des Unterbaus, durch die das Ganze stürzen muß – betrachten Sie jene kokette Verzierung, die eine späte Altersarbeit verrät.« Das aber ist, scheint mir, die einzige Art, uns Junge zu belehren, ohne uns verworren zu machen. Die einzige Art, den Toten gerecht zu werden und den Lebenden den Respekt vor der Arbeit vergangener Jahrhunderte zu wahren. Du mußt ihn mal hören, Adi! Also wenn er auf dem Katheder sein kleines Schlüsselchen – Gott weiß, was es schließt – aus der Tasche zieht, um mit ihm zu spielen – denn anders kann er nicht reden, scheint's; und vielleicht weiß er auch, daß die silbergefaßten Brillantringe besonders schön leuchten bei diesem Spiel ... und er hat gepflegte Hände, wie sie jeder Kopfarbeiter haben sollte ... Dafür darf der Kopf dann faltig sein und zerrissen und ein wenig wie eine böse Bulldogge – das macht nichts. Wo war ich –? Ja, wenn er also mit dem Schlüsselchen spielt und das schwierigste so klar und einfach und verständlich herauskommt, dann begreift man die Begeisterung, mit der seine alten Schüler an ihm hängen. Und begreift – Du, jetzt staune! –, daß der Ben Mewes, Adis geschätzter Bruder, der sonst den Fleiß nicht erfunden hat, erst zwei mal das Kolleg bei ihm versäumt hat. Vierstündig vormittags – dreistündig nachmittags. Macht sieben Stunden in der Woche. Daneben Literatur – Minnesänger und Lessing. Und Kunstgeschichte – Altertum. Ein bißchen trocken. Gips, kein Marmor. Das Parthenon, im Modell, ohne Sonne ... Aber geschwänzt wird überhaupt nicht. Und das in einem Sommer, Adi, der so hell und so herrlich ist, der uns so viel Sonne geschickt hat. Und – mir, mir besonders! Und diese Mondnächte – also, Adi, Venedig war ja herrlich und in der Nacht die goldene Brücke nach dem Lido unvergeßlich! Und der Blick auf den Monte Rosa – war er's nicht? Mir kommt vor, es ist schon so lang her. Aber, komm hierher , und ich führ' Dich – übrigens nach einem sehr eßbaren Abendessen in einem Weinstübchen, das ein famoser Holländer mit ganz unwahrscheinlicher Perücke für Schlemmer offen hält – führ' Dich hinauf vor den Otto-Heinrich-Bau, wenn der Vollmond wie ein Spitzbube über die Berge kommt. Und dann laß ich Dich – wenn Du brav bist – zu Füßen das schlafende Heidelberg sehen mit seinen lieben, lieben Sträßchen und den Neckar, der so gemütlich die letzte große Schleife zieht und in der Ferne den Rhein. Unsern Rhein, an dem die alten Herren begraben liegen, die einmal auf Kanzeln und in kleinen Bürgermeisterstuben unseren Namen getragen haben und unser frohes, fränkisches Herz. Und neben mir, Adi, Du, neben mir, ganz dicht, zeig' ich Dir – denn Du bist ja erwachsen und darfst so was sehen – vielleicht etwas Süßes, Gutes, Lebendiges – etwas, das zu diesen Sommernächten gehört, wie Scheffel zu Heidelberg, wie Heidelberg zur Pfalz, wie die Pfalz zu Deutschland und wie Deutschland zu des lieben Gottes schönstem Gartenstück! ...« Ein echter Ben-Brief. Ein Durcheinander von Tatsachen und Stimmungen und hinter allem sein fröhlicher Jungenkopf mit den roten Backen und den blitzenden Augen. Jäh brach die Epistel ab. Mir schien, da kam jemand dazwischen. Der flüchtige, auch etwas verwischte Schluß enthielt nur noch Grüße für alle, und als Postskriptum die Mitteilung, daß er Gelegenheit habe, »sehr preiswert« eine Louis-XVI.-Kommode für fünfzehnhundert Mark zu kaufen, an der aber die Beschläge nicht echt seien und der Schlüssel fehle. Ob ich sie wolle? Und daß er mich bitte, doch der Mutter aus ihrem Album seine Kinderbilder zu stibitzen – heimlich und – großes Ehrenwort! – nur leihweise – es interessiere sich in Heidelberg jemand dafür. Der Brief bestätigte mir, was das scharfe Auge der Frau Morgenthau wachsam erspäht hatte. Gottlob, Heidelberg lag nicht so weit wie die Dogenstadt! Die Fahrt dahin konnte – hin und zurück – unauffällig, wenn's sein mußte, in einem Tag erledigt werden. Verdacht zu schöpfen brauchte keiner. Ben selbst hatte mir ja nahegelegt, ihn zu besuchen. Und dann hatte meine Schwägerin Elsbeth, die sich kürzlich mit dem ältesten Sohn des Pfarrer Knospe verlobt hatte, mich in vertraulicher Unterredung unter vier Augen gebeten, doch von Ben die drei dummen Briefe zurückzuerbitten, die sie ihm in ihrer Backfischschwärmerei aus der Pension geschrieben. Die seinen hatte der Rat Tomasius, dem seit zwei Jahren schon ein weißer Marmorblock auf dem letzten Stübchen lag, noch persönlich in der ihm eigenen Gründlichkeit erledigt. Vierundzwanzigstes Kapitel Als ich, fünf Tage später, im Mittagszug Frankfurt–Basel mir ein Coupé suchte, nickte mir aus einem Abteil erster Klasse eine Dame zu. Ich erkannte Ruth Baddach und trat grüßend heran. »Oh, Sie fahren gewiß auch nach Heidelberg?« Sie schien ehrlich erfreut, mich zu sehen. »Allerdings, liebes Fräulein. Aber nicht ganz so vornehm wie Sie. Ein kleiner Rechtsanwalt kann sich nur zweiter Güte leisten.« »Warten Sie – ich komme mit Ihnen nebenan ins Nichtraucherabteil – oder nein, das Raucherabteil ist ja ganz leer – um so besser, da können wir rauchen. Lassen Sie das Gepäck nur im Netz. Meine Jungfer gibt schon acht. Rosa –« Sie wandte sich an ein üppiges weibliches Wesen, das einen grauen Regenmantel schier mit dem Überfluß an Weiblichkeit sprengen wollte und ein kokettes Schäferhütchen auf brandrotem Haar trug. »Rosa, wir steigen in Heidelberg aus. Daß Sie mir nicht nach Basel weiterfahren! Ich denke, der Herr Professor wird den Wagen schicken, wenn er nicht selbst ... Sehen Sie sich nach dem Gustav um, Sie kennen ihn ja.« Im breiten Gesicht der als Rosa angeredeten Zofe leuchtete etwas auf. Man sah es, sie kannte den Gustav. »Es ist eine außerordentlich tüchtige und zuverlässige Person, meine Rosa –« sagte Ruth, als wir uns im Raucherabteil am Fenster gegenüber sahen, »übrigens: Rosa Riemenschnut, ein verrückter Name, nicht? Gewandt, willig, diskret, kurz, ideal – bloß die Männer zwischen siebzehn und siebzig sind ihr alle gefährlich.« » Nach siebzig nicht mehr?« »Ich denke, das liegt nur an den Männern. Heidelberg wird wohl kein sehr glücklicher Boden für sie sein. Aber wie ich die brave Rosa kenne, verlobt sie sich spätestens morgen abend mit Gustav, dem Diener meines Onkels. Den hat sie auf seiner Durchreise mit dem Professor zum Kongreß nach Berlin letzten Herbst in Frankfurt gesehen. Seitdem korrespondiert sie mit ihm.« »Oh, dann verlieren Sie ja die Perle?« »Aber nein. Sie hat ihren Schiller gelesen; sie »prüft« sich, eh' sie sich »ewig bindet«. Die Verlobung dauert nur, bis ich wieder heimreise.« »Und wann ist das?« Ruths Augen wurden klein. Sie sah mich einen Augenblick schweigend an, als ob sie hinter meiner harmlosen Frage etwas anderes vermute, dann sagte sie: »Ich weiß selbst noch nicht. Wenn Frauen schon zum Studium zugelassen wären – das kommt , glauben Sie mir, das kommt bestimmt, wenn auch mein Onkel Professor ärgerlich behauptet: »Juristen würden die Weiber nie, weil wir mit dem Herzen Recht sprechen wollten, nicht mit dem Kopf. Aber ich wollte sagen, wenn wir schon immatrikuliert werden könnten, blieb ich das ganze Semester da. Vielleicht sogar noch die folgenden.« »Sind Sie Frankfurts überdrüssig?« »Ja und nein. Aber rauchen Sie nicht –?« Sie bot aus einem sehr zierlichen, goldenen Zigarettenetui schlanke Ägypterinnen an. »Ach, Sie betrachten das Etuichen? Gold mit Monogramm in kleinen Saphiren –« Sie lachte. »Ein bißchen üppig in seiner Sinnigkeit. Aber – »Geschenk des Herrn Kommerzienrats Baddach« – wie auch im Zoo an dem Käfig des Amerikanischen Biber steht. Haben Sie ihn gesehen, den Biber? Nein. Man sieht ihn meist nicht, denn er ist fast immer unter Wasser. Das hat er mit meinem Vater gemein, der ihn geschenkt hat. Der jetzt immerzu schenkt, nicht bloß Biber. Der überhaupt jetzt von einer Freigebigkeit ist, daß es einem Angst werden könnte ... Ihn selber aber sieht man auch nicht viel öfter, als den Biber im Zoo.« »Auch – unter Wasser?« fragte ich. »Nein, im Feuer.« Sie sagte das ganz ernst und blies, kunstgerecht, schwankende Kringel ins Coupé. Der Zug hatte sich in Bewegung gesetzt. Wir waren allein geblieben. »Sehen Sie – jetzt, von der Brücke das Stadtbild! Das ist der einzige Moment, der mir jedesmal, wenn ich ausfahre, einen Heimwehstich ins Herz gibt – jedesmal, wenn ich einfahre, einen heimlichen Jubel auslöst. Frankfurt! Wie schön sich das aufbaut in der sanften Schwingung den Fluß entlang – der Dom, der die Spitze kühn in den Himmel bohrt – der abgebrannte, dem die alte Generation noch nachweint, kann lang nicht so schön gewesen sein – und die Paulskirche mit ihrer bläulichen Kuppel – und die feinen alten Häuser am Kai mit den gereihten Fenstern, ohne Schnörkel, Gesimse, Balkone – alle, als wollten sie sagen: hier wohnen alte Geschlechter, hier wohnen große Kaufherren – Respekt! Und dort die alte Brücke, um die all die Märchen und Sagen weben, die unsere Kindheit entzückt haben – Aber schon aus! Sachsenhausen mit seinen Gemüsebeeten und Spargelpflanzungen wischt alle Sentimentalität wieder weg. Hinter dieser Brücke, wenn der Blick getilgt ist, hat man sich wieder.« Sie zog das Vorhängchen vor gegen die grelle Sonne, löschte den glimmenden Stumpf ihrer Zigarette und sah mich ein wenig ironisch an. »Mein Vater prozessiert wohl nicht mehr viel?« »Gar nicht mehr. Er scheint – zum Schmerz seines Anwalts – sehr friedlich geworden mit zunehmendem Alter.« »Wie man's nimmt – die Friedlichkeit und das Alter. Wenn er das hörte: Alter! Er hat noch einmal Feuer gefangen. Sie wissen: gelagertes Holz brennt gut. Vielleicht ist er auch durch den beruflichen Verkehr mit den durchreisenden Türken – übrigens die Paschas vom Goldenen Horn sind seltener, als die ganz geriebenen Schnorrer aus Smyrna und Damaskus – selbst etwas türkisch angehaucht. Sie haben doch gewiß gehört –? Nein? Wo leben Sie? Nur in den Akten? Ja so. Sie sind glücklich verheiratet – immer noch – man weiß und gönnt's Ihnen. Nein, wirklich, Sie haben keine Neider ... Aber Ben ist schon orientiert – er korrespondiert ja so viel nach Frankfurt – und er würde Ihnen das schon sagen ... Gott, die Sache ist ja so einfach. Da war im Orpheum eine Artistin, Gigi Blondin – erinnern Sie sich –?« »Ich glaube. Trat sie nicht mit dressierten Affen auf?« »Beinah. Mit Kakadus. Sie ging auf dem Drahtseil in einem meergrünen Trikot – und dann kamen die weißen Kakadus aus den Kulissen geflogen und setzten sich ihr auf Arme und Schultern. Sehr schöne Schultern übrigens. Und während sie auf dem Drahtseil schaukelte, sprach sie mit den Viechern.« »Ja, ich erinnere mich – es soll ein bißchen Schwindel dabei gewesen sein.« »Geht's auf einer Bühne ganz ohne Schwindel? In der Kulisse stand ein Tierstimmenimitator, der antwortete für die Kakadus. So kamen sehr geistreiche Gespräche zustande.« »Aber sie tritt nicht mehr auf – oder ...?« »Nein. Der Kommerzienrat und türkische Konsul Baddach hat der Direktion Reugeld – ich denke so dreitausend Mark – für sie bezahlt. Sie bewohnt jetzt in der Lersnerstraße eine hübsche Etage, hat eine Jungfer und einen Groom, reitet morgens einen bemerkenswerten Apfelschimmel durch die Promenaden, sitzt Dienstags und Samstags in der Rangloge im Opernhaus, nimmt – zum Vergnügen – Gesangsunterricht und gießt jeden Nachmittag um sechs Uhr dem Kommerzienrat und türkischen Konsul Baddach ein Löffelchen Arrak in den chinesischen Tee ...« »Sie – wollen damit andeuten, daß Ihr Herr Vater ...« »Aber lieber Doktor, ich will gar nichts andeuten. Ich will nur nicht dümmer sein als halb Frankfurt. Übrigens, er ist wirklich glücklich, mein Vater. Es hat direkt was Primanerhaftes, sein Glück. Aber ich gönn's ihm – und fahre nach Heidelberg.« Mir fiel eine Stelle in Bens letztem Brief ein. Das Zitat aus dem Epistel Schopenhauers, des Sohns an die Mutter. »Sie haben sich doch nicht mit Ihrem Herrn Vater –« »Überworfen? Aber nein. Wir sind beide nicht für die großen Worte und die großen Szenen. Ich hab' ihm zu seinem Geburtstag – vor vier Wochen –, es war übrigens sein achtundfünfzigster, alle Achtung, nicht wahr! – hab' ihm einen sehr hübschen Kakadu von Bronze geschenkt. Wirklich ein kleines Kunstwerk. Man macht jetzt solche Vögel sehr hübsch den Japanern und ihren Falken nach. Und wie er den Kakadu sah, war er im Bilde. Übrigens war er all die Zeit auch gegen die Tochter vollendeter Kavalier. Daß er sich den Bart färbt – das geschieht ja wohl nicht für mich. Aber sein Gerechtigkeitsgefühl oder ein gewisses Schuldbewußtsein hat ihn veranlaßt, mir immerzu – nicht immer hübsche, selten praktische, aber meist wertvolle Geschenke zu machen. Offenbar führt er – ordnungsliebend, wie er ist – säuberlich Buch und ist bestrebt; nicht weniger für die Tochter auszugeben, als für die Geliebte.« Das alles sagte sie freundlich referierend, als spräche sie von einem fremden Herrn, den sie mal auf dem Rheindampfer getroffen oder mit dem sie ein Wohltätigkeitsbasar zusammengeführt. »Hat es Ihren Herrn Vater nicht sehr schmerzlich berührt, daß Sie ...?« »Daß ich ihm ein bißchen aus der Sonne gehe? Aber nein. Wir haben uns ganz ruhig zusammen ausgesprochen. Ich habe ihm gesagt: »Lieber Papa, heute bist du glücklich; morgen bist du vielleicht lächerlich. Dein Glück ist ein bißchen zu jugendlich, als daß es eine Tochter von dreiundzwanzig Jahren – so alt bin ich, nichts zu machen, lieber Doktor! – als daß es eine Tochter von dreiundzwanzig Jahren so ganz aus unmittelbarer Nähe miterleben müßte. Und deine Lächerlichkeit wird so sehr deine persönliche Angelegenheit sein, daß du froh sein wirst, mich nicht dabei zu haben. Übrigens ist Heidelberg nicht aus der Welt, und wenn du, deiner Jugend entsprechend, plötzlich die Masern bekommen solltest oder den Keuchhusten, so bin ich auf telegraphischen Ruf sofort bei dir.« »Sie reden mit Ihrem Herrn Vater ein bißchen –« Ich suchte das Wort. »Respektlos,« half sie freundlich aus. »Ich werde Ihnen was sagen. Mein Vater ist ein merkwürdiger Mann. Er hat, wie alle reichen Leute, keine allzu große Meinung von der Würde der Menschheit. Er weiß, daß alles käuflich ist –« »Alles?« »Alles. Es kommt nur aus das Angebot an. Es gibt Kleinigkeiten, wie schöne Pferde, Villen, Brillanten, die bekommen Sie schon um ein Portefeuille voll brauner Lappen. Und es gibt kostbare Dinge, wie etwa Überzeugung, Liebe, Rechtlichkeit und solche Ansichtbarkeiten, die man nicht satteln, nicht umbauen und nicht à jour fassen kann. Aber für viel, für sehr viel Geld kaufen – kann man sie auch .« »Das ist doch nicht Ihre Ansicht, liebes Fräulein?« »Ich entdecke zuweilen im Spiegel, daß ich doch mehr die Tochter meines Vaters bin, als ich dachte. Besonders seit er sich die Haare färbt und etwas weniger ißt, um bessere Figur zu machen, entdecke ich das ... Aber ich wollte von meinem Vater reden. Sein Respekt vor den anderen fängt erst da an, wo diese anderen den Mut haben, ihm zu zeigen, daß sie selber keinen Respekt haben vor seinen Theorien, seinem Geld und seinem Zynismus. Einen Augenblick hat er wohl daran gedacht – so stark kann der Eindruck meergrüner Trikots auf Herren sein, die mit achtundfünfzig Jahren anfangen, sich den Bart zu färben! –, daran gedacht, diese Kakadudame zu heiraten. Da habe ich ihm, ohne große Feierlichkeit und Einleitung, gestern erklärt: »Lieber Papa, wenn du die Dame mit den Kakadus zum Standesamt führst und ihr den Namen gibst, den meine Mutter getragen, dann trete ich in sechs Wochen – ohne Pseudonym, mit deinem Namen – im Orpheum in einer Dressurnummer auf. Seehunde oder Affenpinscher, das ist mir gleich. Aber ich trete auf. Im Trikot. Dir zu Ehren: meergrün.« Da hat er gelacht – ein bißchen gezwungen, wie ein Bauer beim Zahnarzt – und hat gesagt: »Liebe Ruth, du bist immer originell!« Das hat er nicht geglaubt, denn ich bin in seinen Augen so besonders originell gar nicht. Ich weiß nur, was ich will. Und ich würde auftreten – meergrün mit singenden Seehunden oder so was. Hagenbeck stellt einem für ein paar tausend Mark im Handumdrehen so eine Nummer zusammen. Würde auftreten, wenn er diese Gigi Blondin ...« Das Gespräch wurde mir peinlich. Ich versuchte, auf ein anderes Geleise zu kommen. »Ist diese Künstlerin wohl verwandt mit dem einst so berühmten Seiltänzer, der –« »Der auf dem Seil über den Niagarafall mit dem Schubkärrchen lief? Vermutlich so verwandt, wie ich mit Ludwig dem Frommen oder Sie mit Judas Maccabäus. Aber selbstverständlich behauptet sie's. Eine Verwandtschaft durchs Drahtseil ... Aber lassen wir die Kakadudame! Sehen Sie lieber, wie hübsch und friedlich diese sauberen Städtchen der Bergstraße sich an die bewaldeten Höhen kuscheln. Und welche Obstkammer das ist! Besonders viel Kirschen soll's gegeben haben dieses Jahr.« Eine seltsame Gedankenverbindung zeigte mir bei dem Wort »Kirschen« das Kapotthütchen der Frau Morgenthau. Und mit der Frau Morgenthau fiel mir Ben und der Zweck meiner Reise wieder ein; und daß damals, als ich in nicht unähnlicher Mission nach Venedig fuhr, Ruth Baddach die Veranlassung gewesen war. »Schreibt Ihnen Ben noch fleißig?« fragte ich, ohne besonders neugierig auf die Antwort zu sein. Und dachte dabei, wie verschieden in der Reife, in der Lebensanschauung, in der Art sich zu geben und die Welt zu nehmen, sind doch gleichaltrige Menschen! »Ja. Er schreibt noch nette und lustige Briefe. Zeichnet auch wohl kleine Karikaturen an den Rand. Dazwischen philosophiert er – eine höfliche Konzession an die Fakultät, bei der er inskribiert ist, kein Herzensbedürfnis – und plaudert über Kunst und Theater – mehr nach Neigung, und oft eigensinnig und originell. Freilich, in letzter Zeit ist er etwas knapper geworden mit seinen Berichten ...« »Das schöne Wetter dieses herrlichen Sommers ...« »Ja, ja. Er hat vielleicht, wie Hamlet, zu viel Sonne. Übrigens« – sie hatte eine Apfelsine geschält, sehr zierlich mit gespreizten Fingern und bot mir jetzt ein appetitliches Scheibchen der saftigen Frucht im Teller ihrer Schale. »Bitte – sie sind zuckersüß. Ich sag' das nicht nur, weil der gestoßene Zucker drüben im Coupé bei meiner Jungfer geblieben ist. Dort, wo diese saftigen Früchte herkommen, gibt's noch mehr Sonne, als Ben jetzt auf Kopf und Herzen hat. Übrigens – was ich sagen wollte – von der Angelegenheit, in der Sie , lieber Doktor, jetzt nach Heidelberg fahren, hat er mir nichts geschrieben.« Sie sah mich dabei mit einem listigen Lächeln an, das ihr kluges Gesicht gut kleidete. Nur ihre Augen blieben immer ernst und dunkel, als stünden sie forschend auf Wache. »Sie meinen –?« Ein leiser Ärger, wohl über das etwas unbeholfene Versteckspiel, das ich treiben wollte, huschte um ihren Mund. »Lassen wir's,« sagte sie. »Übrigens, dieser Freiherr von Buchecker ist ein Vetter des Herrn von Birkhuhn.« Wenn sie mir mitgeteilt hätten die Großtante des Königs Nabopolassar sei eine geborene Kyaxares aus Ninive gewesen, so hätte mir das in unsere Unterhaltung ebensogut gepaßt. Der Name Birkhuhn klang irgendwoher aus einer fernen Ecke meines Lebens, ohne daß ich im Augenblick wußte, in welcher Richtung diese Ecke lag; und einen Freiherrn von Buchecker kannte ich bestimmt überhaupt nicht. Aber mir schien, ich würde mehr erfahren, wenn ich mich orientiert stellte. Ich sagte also bloß: »Ei der Tausend – was Sie nicht sagen!« »Ja,« nickte sie. »Die Mütter der beiden Siebenzackigen sind Schwestern. Herr von Birkhuhn ist übrigens dieses Frühjahr wieder mit dem Erbprinzen in Italien gewesen. Diesmal haben die Herren in Capri mit zwei Spanierinnen die blaue Grotte besichtigt. Der Erbprinz legt sich nicht gern auf eine bestimmte Nation fest.« Jetzt wußte ich wieder, wer Herr von Birkhuhn war. Der nächtliche Weg über Brückchen und Sträßchen Venedigs fiel mir ein und mein Gespräch mit dem Adjutanten in jener Vollmondnacht, die mit Teresinas Flucht abschloß. Aber der Freiherr von Buchecker – wer war das? »Mein Vetter Theodorich hält mich über diese Dinge auf dem laufenden. Er schreibt nicht so hübsch wie Ben, aber sachlicher, phantasieloser. Nehmen Sie ein Täfelchen Schokolade? Sie können ruhig – es ist Lindt und vor acht Tagen erst aus der Schweiz gekommen. Mein galanter Vater hat mir fünf Pfund auf die Reise geschenkt, woraus ich entnehme, daß er zehn hat kommen lassen. Theodorich – kühner Name, nicht? Ein kleines christlich-germanisches Gegengewicht gegen seinen Vater, meinen Onkel Professor, der zu seinem Ärger Salomon mit Vornamen heißt. Er hat sich ein etwas pompöses Landhaus auf der Neuenheimer Seite überm Neckar gebaut – herrliche Aussicht aufs Schloß. Diese Villa nennt mein Vater den Salomonischen Tempel. Und seit der Onkel mit dem Nachbar um ein Mäuerchen prozessiert, das die Gärten trennt und das keiner von beiden reparieren lassen will, sagt mein Vater: »Nun hat er auch schon seine Klagemauer am Salomonischen Tempel.« Aber Theodorich, der Sohn, ist schrecklich arisch. Blond, lang aufgeschossen, Korpsstudent, kein Welteroberer, aber ein guter Kerl. Ein bißchen Fatzke, seidene Strümpfe mit Börtchen, schmales goldenes Armband, Dreimillimeterfrisur, englischer Schneider, der alle halbe Jahre im Viktoriahotel absteigt und den paar Dandys von Heidelberg die Maße nimmt. Sonst nicht dumm und sicher Aussicht auf korrekte Karriere. Als Vorbereitung darauf vor zwei Jahren in aller Stille getauft. Der Wunsch der Väter – den er im Vorjahr noch teilte; ob jetzt noch, weiß ich nicht – war's: daß wir beide uns heiraten. Wie ich acht Jahre alt war, hatt' ich das auch vor. Da war Vetter Theodorich auf Besuch bei uns, und ich fand seinen Vornamen so unsagbar schön. Und erst seine blonden Locken, die sonst in der Familie nicht vorkamen!« »Und jetzt –? Darf man am Ende, als erster, diese Reise nach Heidelberg richtig deuten und gratulieren?« »Man darf nicht. Ich bin gegen alle Verwandtenehen. Die Kinder haben zu große Chancen, Idioten zu werden. Mein Vater hat einmal gesagt – vor Jahren, als er noch glaubte, daß ich so was nicht höre – »die beste Mischung ist ein pommerscher Junker und eine Frankfurter Jüdin«. Ich habe nicht die Ambition, als rasseveredelnde Landbaronin in Pommern die dicksten Kartoffeln zu bauen. Genau so wenig aber hab' ich vor, meinen Vetter zu heiraten, weil er Theodorich heißt und nur seidene Strümpfe trägt.« »Ich bin sehr begierig, wen Sie einmal in der Schar der Freier zum Glücklichen machen.« »Das werden Sie in etwa – zwei Jahren wissen.« »Also – wissen Sie es heute schon.« »Genau und bestimmt.« »O lala, Sie sind heimlich verlobt?« »Von mir aus – ja.« »Was heißt das: von mir aus? Ist Ihr Herr Vater dagegen?« »Nein. Meinem Vater ist in seinem augenblicklichen Seelenzustand – jeder recht, den ich bringe. Er hat so viel Butter auf dem Kopf, daß er sich hüten wird, den Tyrannen der alten Schule zu spielen, wie ihn Erwin Schuster im Rollenfach führt. Aber wenn ich sage: von mir aus verlobt, so mein' ich damit, der andere, mein Zukünftiger, weiß noch nichts davon.« »Das ist aber – sonderbar.« »Sonderbar? Finden Sie? Ich möcht' Ihnen etwas sagen.« Sie legte den Kopf etwas zurück in das Polster. Ihr Gesicht bekam einen ernsten, ein bißchen hochmütigen Zug. Ihre dunklen Augen gingen an mir vorbei weit in die Landschaft. »Ich glaube an Ahnungen. Die meinen – selten aber stark – gehen immer in Erfüllung. Und ich glaube an den Willen. Man kann etwas so stark wünschen und begehren – nicht mit kindischem Trotz, sondern mit dem Einsatz der ganzen Persönlichkeit und aller Gedanken, die dem Leben überhaupt Ziel und Richtung geben – so stark wollen, daß es eintreffen muß .« »Dann könnte man sich auch das große Los erzwingen.« »Der Einwurf, lieber Doktor, ist Ihrer nicht ganz würdig. Das große Los ist ein Stück Papier. Auf so was kann kein Menschwille suggestiv einwirken. Und der Waisenknabe, der die Lose zieht, ist in jenem glücklichen Alter, das noch reine Anschauung ist und unbeeinflußbar von dem Willen, der reife Menschen lenkt, ablenkt, knechtet, zwingt.« »Auf diese Weise müßte sich das Glück – das wahre Glück, nicht das Glück der großen Lose ...« »Große Lose sind überhaupt kein Glück in meinem Sinne, sie sind nur eine Chance für Idioten.« Sie hatte mich heftig unterbrochen. Jetzt warf sie mit ruhiger Hand die Apfelsinenschalen und das Staniol der Schokolade aus dem Fenster. »Ich meine, es müßte sich nach Ihrer Theorie das wahre Glück überhaupt erzwingen lassen.« »Von dem starken Charakter – ja. Bis zu einem gewissen Grade glaub' ich das. Ich bin überzeugt, daß die großen Sieger der Schlachten, die kühnen Entdecker und Erfinder nur stärker gewollt haben als die anderen. Glaube, daß alles sogenannte Unglück – oder doch das meiste; vom Bierwagen, der einen Schwerhörigen überfährt, oder vom Kurzsichtigen, der eine Treppe herunterfällt, red' ich natürlich nicht – daß alles sogenannte Unglück auf Willensschwäche des Leidtragenden zurückzuführen ist. Ich weiß nicht, ob Sie davon Kenntnis haben, daß ich die letzten Monate – Gott, man muß sich beschäftigen, nicht wahr – viel im Mutterschutz gearbeitet habe. Das ist jetzt eine neue Bewegung, die hauptsächlich unehelichen Müttern zugute kommen soll. Die den dummen Makel von ihnen nehmen, ihren gebrochenen Mut aufrichten, ihrer Bedürftigkeit helfen soll.« »Das find' ich tapfer von Ihnen.« »Tapfer? Ach, Sie meinen, weil so viele alte Damen in Frankfurt die Nase darüber rümpfen? Weil sie behaupten, wir fördern den Leichtsinn, wir prämiieren die Unsittlichkeit und erleichtern die sogenannte Sünde. Alte Damen haben meinem Leben nie die Richtschnur gezogen. Und ich bin überzeugt, wenn die Mädels der heute jungen Generation einmal weiße Scheitel haben, wird die Welt anders denken. Aber ich will nicht ins Soziale entgleisen und nicht als Pythia gastieren. Ich wollte nur sagen, ich habe in dieser Tätigkeit für die verlassenen Mütter und die, die es – so hart das klingt – werden wollen, so viel Unglück gesehen. Herzzerbrechendes, niederdrückendes Unglück. Und in den meisten Fällen, wenn ich in meinem bescheidenen Hilfsdienst die Listen führte: »Geschieden oder verlassen? Ehe beabsichtigt? Ist der Vater des Kindes Vorgesetzter der Hilfesuchenden? Ist er verheiratet?« – Hab' ich mir gesagt: Anlage und Erziehung haben hier den Willen verkümmern lassen. Den Willen, sich und sein Recht durchzusetzen. Den Willen zur Menschenwürde, zum Glück.« Mir war sonderbar zumute. Ich hatte mir auf dem Bahnhof in Frankfurt einen Unterhaltungsroman gekauft und dachte, in den zwei Stunden bis Heidelberg so ganz friedlich, vielleicht von einem Nickerchen wohltuend unterbrochen, die nicht aufregende Geschichte zu lesen, wie der Hans nach allerlei Wirrsal seine Grete heimführt, oder wie der Heinrich die Marie entführt und schließlich doch noch den Segen und die Mitgift bekommt. Und jetzt saß mir eine junge Dame gegenüber aus Kreisen, in denen man sonst mit Herren über Botticelli redet oder über die Jungfraubahn oder über den Hausball bei Neumanns und die Silberne Hochzeit von Altmüllers, und sprach mit einer Ruhe und Sachkenntnis von unehelichen Müttern, von den Recherchen nach Vätern, die keinen Wert auf diese Würde legen, und von Frauen, die einen kurzen Rausch mit der Sklaverei eines Lebens büßen. Und neben uns glitten die schönen waldigen Ausläufer des Odenwaldes vorbei, und die Namen sauberer kleiner Stationen riefen flüchtige Erinnerungen an Maifeste und Tanzstundenausflüge wach, an allerlei gesittete Vergnügungen braver Bürgerkinder, die von dem harten Kampf der mit Not und Leidenschaft Ringenden nichts wissen. Und während Ruth Baddach mir mit einer reifen Sachlichkeit, manchmal entschieden mit novellistischem Blick für das wesentliche Detail, Fälle aus ihrer Helferinnenpraxis erzählte und Frauenschicksale ohne falsche Sentimentalität, mit einer, ich möchte sagen, kühlen Wissenschaftlichkeit entrollte, glitt unser Zug aus dem Hessischen ins Badische hinüber. Es kam uns beiden überraschend früh, als der Schaffner, die Tür des Abteils aufreißend, rief: »Heidelberg!« Wir verabschiedeten uns herzlich voneinander. Eine gewisse Hochachtung, die mich sonst in der Unterhaltung mit diesem rassigen, verwöhnten Mädchen nicht niedergedrückt hatte, gab mir wärmere Worte. Sie schien das angenehm zu empfinden und sagte im Aussteigen: »Ben und andere werden Ihnen Schloß und Königstuhl und alle die Kneipeckchen der Umgebung zeigen. Reservieren Sie mir einen Spaziergang über den Philosophenweg. Der Weg – übrigens einer der herrlichsten Spaziergänge in Baden, vielleicht in der Welt – ist würdig unserer Unterhaltung von heute, nicht? Abgemacht – übermorgen um zehn Uhr – vormittags natürlich, was dachten Sie? Kommen Sie bei uns vorbei, das heißt am Haus Onkel Salomons – den Onkel teil' ich mit Heinrich Heine. Ja? Und – keinen »Besuch«! Pfeifen Sie einfach. Was wollen Sie pfeifen? Aus dem »Don Juan«? Das läge Ben besser. Oder »Winterstürme«? Nein, warten Sie –« In ihren Augen funkelte eine kleine Malice. Ich folgte ihrem Blick und sah einen etwas geschniegelten, aber hübschen blonden jungen Herrn, groß und elegant, grüßend den Bahnsteig entlang auf sie zukommen. Hinter ihm schritt ein sauber rasierter Diener in diskreter Livree. Theodorich und der Gustav, dacht' ich. »Pfeifen Sie die Arie: »Recha, als Gott dich einst – zur Tochter mir gegeben ...« »Ist das nicht –« »Jawohl, die Arie des Eleasar aus der »Jüdin«. Da ärgern sich welche im Salomonischen Tempel!« Ein Lachen, ein Händedruck. Gefolgt von Rosa Riemenschnut, deren Schäferhütchen auf brandrotem Haar über viel aufgerafftem Handgepäck wippte, ging die elegante junge Frankfurterin dem Sohne Salomon Baddachs entgegen. Mich holte niemand ab. Mir war es richtiger erschienen, Ben zu überraschen. Fünfundzwanzigstes Kapitel Die Überraschung gelang mir. Als ich in der kleinen abgeschlossenen Wohnung im dritten Stock der Anlage Nr. 24 schellte, öffnete in blau und weiß gestreifter Leinenjoppe Hugo Hagedorn, der mich nach Bildern sofort erkannte. Ich bat ihn, die Äußerungen seiner ehrlichen Freude, die sehr sympathisch explodieren wollte, zu meistern. Das versprach er mit großer Zuvorkommenheit und teilte mir nun im Flüsterton mit, daß der Herr Bruder allerdings zu Hause sei – aber ... Er werde sich gewiß auch freuen – aber ... Auch Herr von Gollwitz sei anwesend, aber ... Der Herr Studiosus führe sich gerade Nahrung zu ... aber –« Ich wurde nicht recht klug aus dem überstürzten Gewispere, und die gewählte Ausdrucksweise befremdete mich. Ich trat auf die Tür des Wohnzimmers zu, das ich nach Bens in Briefen mehrfach gezeichnetem Situationsplan der »Feste der Triumvirn«, wie die drei Freunde ihre gemeinsame Wohnung benannten, im Schlaf hätte finden können. Ich klopfte. »Herein!« Mir kam vor, das war dreistimmig. Als ich in der Türe stand, bot sich mir ein sehr seltsamer Anblick. Es sah auf den ersten Blick so aus, als ob zwei Menschen, ein junger Mann und eine junge Dame, emsig um einen Schneemann bemüht seien. Von meinem Eintritt nahmen die beiden keine Notiz. Der Schneemann auch nicht. Man hatte wohl Hugo erwartet. So hatte ich Zeit, noch von der Schwelle die verwunderliche Gruppe zu betrachten. Der Jüngling war Willibald von Gollwitz, breiter und männlicher geworden. Das Mädel – als echter Frankfurter dacht' ich beim ersten Blick an das jedem Mainstädter für solchen Fall geläufige einzige Wörtchen »goldig«. Eine sonnige Jugend lag über diesem etwas völligen, aber in der Bewegung so leichten und anmutigen Kind. Sonne lachte in ihren blauen Augen, Sonne lag in einem güldenen Schimmerchen über ihrem dunkelblonden Haar. Aber was machte die Kleine? Sie hielt in der Hand eine Tasse, aus der es leicht ausdampfte. Von des Schneemanns Munde aber, den ich nicht sehen konnte, da das Phantom mir den Rücken zukehrte, ging schief nach links ein Glasröhrchen in diese Tasse. Aufmerksam betrachtete das Mädchen das Gefäß, und auch Willibald von Gollwitz interessierte sich sehr für den Vorgang. Es roch nach Blumen, Jodoform und Bouillon. Fütterten sie den Schneemann? Und jetzt enthüllte sich mir durch einen Biedermeierspiegel im Eck, der auch das Bild der Vorderseite zurückwarf, das Rätsel dieses weißen Schneemanns. Es war Ben, der in einem weiten, blütenreinen Frisiermantel, den Kopf zu einem weißen Ballen verwickelt, so daß nur Augen und Mund frei blieben, in einem niedrigen Sessel sah und dazwischen, glucksend vor Vergnügen, mittels des Röhrchens aus der dampfenden Tasse warme Fleischbrühe schlürfte. Jetzt war mir des Dieners gewählte Redeweise verständlich: »Er führt sich Nahrung zu«. Denn mit dem vulgären Ausdruck »essen« oder »trinken« konnte man diese ungewöhnliche Tätigkeit nicht gut bezeichnen. »Guten Morgen, die Herrschaften!« Das hatte ich gesagt. Worauf die Gruppe sich rasch und energisch in der Weise löste, daß Ben, der einen Blick in den Biedermeierspiegel geworfen hatte, den Frisiermantel schüttelte und aufsprang, Willibald von Gollwitz den Sessel, der stürzen wollte, gerade noch auffing, und die junge Dame, die feuerrot wurde, die zum Glück schon fast leere Tasse mit einem kurzen Aufschrei zu Boden fallen ließ. Ich hob die Tasse auf und wiederholte, von meinem Entree nicht unbefriedigt: »Guten Morgen!« Das Glasröhrchen schwingend, kam Ben auf mich zu. Sein Gesicht war sicher eitel Freude, aber man sah nur die blanken Augen. Der Mund aber kämpfte, die Worte bildend, gegen viel Leinen und Watte, die darunter vorquellen wollten. »Adi, das ist fein! Du kommst wie gerufen! ... Also ins Kolleg gehen kann ich doch ein paar Tage nicht – jetzt kann ich dir Heidelberg zeigen!« »Ben – lieber Ben! Was ist denn los? Wie siehst du denn aus?« »Ich markiere mein eigenes zukünftiges Standbild. Charakteristische Züge, nicht wahr? Na, die modernen Bildhauer sind auch genügsam. Mir hat vorgestern auf der Hirschgasse – die mußt du auch sehen, aber du wirst enttäuscht sein ... aber zunächst das Schloß ... und dann ... fein, daß so herrliches Wetter ist!« »Aber ich weiß noch immer nicht ...« »Die Temporalis hat mir vorgestern einer durchgeschlagen – und auf der Nase sitzt, glaub' ich, auch ein ziemlich übler Kratzer. Wogegen das Ohr schon wieder fest angenäht ist.« Das Mädel hatte in seiner Besorgnis um Ben Schrecken und Scheu ganz vergessen. »Er soll sich noch ruhig halten,« sagte sie mit einer angenehmen Stimme, so rührend besorgt, daß mir ganz warm wurde, und ich ihr unwillkürlich zulächelte. »Ach, was denn! Ihr möchtet mich am liebsten ganz in Watte packen! Ich hab' kein Fieber, dafür aber Appetit. Das Schädelweh von gestern ist weg. Und das bißchen Blutverlust – ich hab' genug von dem roten Zeugs behalten. Hier übrigens, mein Freund Gollwitz – aber du kennst ihn ja. Er heißt »Pompejus« in unserem Triumvirat. Pompejus, als der Eroberer ferner Länder – in Zukunft. Fips Tomasius, unser Cäsar, ist leider wieder über den Rubico – das heißt zum Repetitor. Und hier – meine kleine Freundin – meine liebe kleine Freundin Ev'.« Meine liebe kleine Freundin – er betonte jedes Wort. Legte in jedes, wie etwas ganz Selbstverständliches, eine Fülle von Zärtlichkeit und Dank. Und sah mich dabei mit den großen, immer noch jungenhaft frohen Augen an, als wollt' er sagen: Glauben! Vertrauen! und nichts Philiströses dagegen denken oder sagen! Ev' war wieder sehr rot geworden. Jetzt streckte sie mir die Hand hin. Ihr Blick hob sich, wie mit einer stillen Bitte zu meinen Augen. Ihre weiche Stimme zitterte ganz leis, aber sie lächelte dabei, daß man in ihrem nicht kleinen, aber frischen Mund die wundervollen Zähne sah: »Ben hat mir so viel von seinem Bruder erzählt, daß ich mich auch ein bißchen freuen darf – mit ihm.« Es war eine Frauenhand, die ich hielt. Nicht ganz so schlank, spitzfingrig und zur Schönheit erzogen, wie die Frauenhand, die ich vorhin am Bahnhof zum Abschied gehalten; aber bei aller Weichheit der Haut eine feste, zuverlässige kleine Hand. Und ein Blick über dieses junge Mädel hin entwaffnete viele Bedenken. Das war eine ehrliche Jugend, war ein Mensch aus einem Stück. Und wie einen Nebel teilend, trat für Sekunden, blitzartig, vom Licht einer südlichen Mondnacht umgossen, eine andere weibliche Gestalt neben sie hin. Eine üppige, nicht große Blondine, schrecklich blond und sicher noch nicht lange. Sie trug ein schickes Kostüm von Rohseide und agierte sehr lebhaft mit einem Sonnenschirm, den ein Korallenknopf von Kartoffelgröße zierte. Auf ihrem Florentiner Hut blühte ein ganzer Garten. Die Cugina. »So – nun habt ihr euch lange genug betrachtet,« lachte Ben; und sein Lachen scheuchte die Cugina. »Er soll eigentlich heute noch nicht viel sprechen,« sagte Willibald von Gollwitz, »aber er redet immerzu. Der Kaumuskel scheint ein bißchen angeschlagen.« Mir ging es durch den Kopf, daß ich das wieder wunderschön gemacht hatte. Ich war hierhergefahren, um mich mit Ben auszusprechen, an einem Tage, da er nicht sprechen sollte. Darauf, daß ich allein redete, würde er keinen Wert legen. Und auf die Weise kam die Sache auch nicht ins klare. Ja, kam sie denn überhaupt ins klare? Ich fing einen bittenden Blick der hübschen Augen auf, die es wohl auch Ben zuerst angetan hatten; und dann schaute ich, am Fenster stehend, hinauf in den herrlich grünen Laubwald des Berges, der dicht hinterm Hause anstieg, und den würzigen Duft von Holz, Laub und Erde ausströmte ... »Na, dann bleib' ich eben doch ein paar Tage.« Mir selber war's lieb, daß mich die Lage der Dinge zu diesem Entschluß drängte. »Ich muß dann nur nachher telegraphieren.« »Wenn's Ihnen recht ist,« Willibald von Gollwitz beschwichtigte Ben, der reden wollte, »so essen Sie mit Ihrem Schwager Cäsar, genannt Fips, und mir bei Schermers zu Mittag. Ev' betreut unseren Todeskandidaten so lange und verhütet, daß die alten Wunden, besonders des Herzens, aufbrechen. Und dann –« »Nach Tisch muß Ben schlafen.« Ev' versuchte energisch zu sein. Aber alles, was sie sagte, klang wie eine Bitte; wie eine jener Bitten, durch die hübsche Frauen so viel, viel mächtiger sind, als männliche Tyrannen durch ihre groben Befehle. »Heut brauch' ich nicht mehr zu schlafen.« » Doch , Ben, der Arzt hat's verordnet. Zwei Stunden Ruhe nach Tisch.« »Nach Tisch – ist gut.« Ben schwang sein Röhrchen. »Das nennt diese blonde Teufelin einen »Tisch«. Wenn wir der Betrügerin noch weiter zuhören, wird's eine Mahlzeit, ein Diner! Und nach so was braucht der Mensch doch keinen Verdauungsschlaf! Die drei elenden Tropfen Hühnerbrühe verdauen sich allein.« Nun aber mischte ich mich ein. Ich versicherte, daß ich noch heute mittag wieder abreisen würde, wenn ich hier die geringste Störung der ärztlichen Verordnungen oder der verschiedenen Studien verursachte. Und so wurde denn das folgende Programm vereinbart und – nach der Gewohnheit der Freunde – durch eine zeremonielle Handlung, die sie den »Rütlischwur« nannten, für zu Recht bestehend und bindend erklärt. Wir traten feierlich um den runden Tisch, auf den zwei gekreuzte Schläger gelegt wurden und verknüpften über diese Waffen unsere rechten Hände. Willibald von Gollwitz sprach das Programm vor, und nach jeder Nummer mußten wir im Chor bekräftigen: »So sei es!« Die Studenten taten das so feierlich, als ob sie ein Gelübde fürs Leben ablegten. Auch Ev' war ganz bei der Sache und schien diese merkwürdige Zeremonie schon häufig mitgeübt zu haben. »Wer das Programm in einer Nummer bricht, zahlt eine Runde Schnäpse,« erklärte mir Ben. »Wer es gemeiner Weise in mehr als einem Punkte bricht, stiftet die entsprechende Anzahl Flaschen deutschen Sekts. In einer trinkbaren Marke, die der durch Nichteinhaltung des Programms Geschädigte bestimmt, und die der Meineidige selbst nicht mitzechen darf. Außerdem« – fügte er hinzu, ohne daß sein Schneemannskopf verriet, daß er lachte – »außerdem ist es eine schöne Sitte, daß jeder, der diese erhebende Zeremonie zum ersten Male mitmachen darf, zum Zeichen, daß er auf Anstand und gute Sitte hält, eine Pulle Sekt freiwillig ausspuckt.« Das versprach ich gern zu tun. Die harmlose Fröhlichkeit dieser Jugend brachte mir liebe Erinnerungen an Freiburg wieder nahe. Ich fand's sehr behaglich und schämte mich im selben Moment ein bißchen; denn ich war ja hierher gekommen, nach dem Rechten zu sehen. Dieses aber war das Programm, das anerkannt und beschworen war. Zunächst sollte mir Ben die Wohnung zeigen, dann sollte ich mit Willibald von Gollwitz den Fips Tomasius beim Repetitor abholen, woran sich das Mittagessen schloß. Nach Tisch hatte Fips und Willibald Kolleg; da sollte mich, während Ben den ärztlich verordneten Schlaf absolvierte, Ev' auf einem Spaziergang begleiten. Am späten Nachmittag wollten wir dann gemeinsam eine kleine Wagentour machen, deren Ziel und Länge vom Wetter und von Bens Befinden abhängen sollte. Die Wohnung, die mir Ben zeigte und erklärte, als ob es sich um das schönste der bayerischen Königsschlösser handelte, war urgemütlich und mit Liebe und Humor von den Dreien ausgestattet. Korbmöbel und sogenannte »Triumphstühle«, verstellbare Liegestühle mit sehr viel bunten Kissen, bildeten im wesentlichen das Ameublement. Über den Tischen lagen hübsche mit Blumen gestickte Deckchen. Liebevolle weibliche Handarbeit. Blumen standen auch in Vasen und in den Fenstern. »Alle Blumen hier heißen Ev',« erklärte Ben. »Und die Ordnung und Sauberkeit heißen auch Ev'. Verstehst du, ich meine, Hugo Hagedorn ist ja auch kein Schwein. Aber er fegt nur so das Gröbste. Und auf sein Holzbein – übrigens das neue ist doch famos; man merkt's kaum, gelt? – aber immerhin man muß darauf Rücksicht nehmen. Und hier die hübschesten Bilder – heißen auch Ev'. Es geht eben in unserem bescheidenen Winkelchen wie in der ganzen Welt. Eine Lichtquelle speist alles. Ex oriente – Ev'!« »Wie oft hast du den Witz schon gemacht, Ben?« »Ich pflege ihn täglich einmal zu machen,« sagte Ben treuherzig. »Wenn ich ihn öfter mache, muß ich einen Groschen in die Armenbüchse an der Heiliggeistkirche werfen. Hier, das ist unsere Bibliothek. Viel Reclam, wie du siehst. Aber die Sonderdrucke auf handgeschöpft Bütten sind uns zu teuer. Und manches, wie hier Knigges »Umgang mit Menschen« oder dort die »Briefe der Madame de Sevignée« liest man ja doch nur einmal. Und auch dann nicht immer zu Ende.« »Vasco de Gama ... Nordenskiölds »Vega«-Fahrt ... Stanley: »Wie ich Livingstone fand«. Viel Reisebeschreibungen habt ihr?« »Dieses wilde Steckenpferd reitet der edle Pompejus. Du weißt, Willibalds werte Ahnen waren – darauf ist er sehr stolz – erst Wegelagerer, dann Landsknechte und Bandenführer, später Forschungsreisende und Kommandanten von Rebellenarmeen – er persönlich hat sich noch nicht recht entschieden, auf welchen der ruhmreichen Berufe er zurückgreift. Es scheint nur sicher, daß er weder im Bett, noch in Europa, noch eines natürlichen Todes sterben will. Solches Ende hält er für schlechte Spießerangewohnheit ... Und hier – was glaubst du, was das ist –?« Ben hatte im Korridor, der mit hübschen japanischen Buntdrucken ausgestattet war, eine kleine Tür aufgestoßen und mich in einen unscheinbaren, unmißverständlich möblierten Raum geleitet. »Aber, Ben –! Daß eine Toilette bei der Wohnung ist, weiß ich doch allein!« »Eine Toilette? Da sieht man wieder deine großstädtisch schmutzige Phantasie! Das ist die »Dunkelkammer«. Hier exponiert Fips, genannt Julius Cäsar, seine verblüffenden Amateurbilder – oder vielmehr, er überzeugt sich, daß die meisten davon – von einem Dutzend allemal sieben bis elf – zu lang oder zu kurz belichtet sind; oder daß er zu früh oder zu spät geknipst hat, wodurch erfahrungsgemäß hübsche Mädchen in der Bewegung – und das sind meist seine Objekte – nicht mehr oder noch nicht auf das Bild kommen. So – und hier ist Hugo Hagedorns Arbeits-, Studier- und Schlafkabinett, alles in einem, was schon Diogenes, der Zyniker – geboren in Sinope, gestorben dreihundertdreiundzwanzig vor Christus in Korinth – du siehst, ich studiere Philosophie – für das Praktischste und Menschenwürdigste erklärt hat.« Ehe wir wieder ins Wohnzimmer zurücktraten, blieb Ben einen Augenblick an der Türe stehen, lauschte drinnen auf ein helles Mädchenlachen, kniff mich in den Arm und fragte: » Ist sie nicht lieb ?« »Doch, Ben.« Ich sagte das ohne Zögern und mit Überzeugung. Ich konnte nicht anders. »Na, dann darfst du 'rein. Ich dachte nämlich schon – Weißt du, Adi, vorhin, als du so plötzlich dastandst, fiel mir – hm, fiel mir eben Venedig ein.« »Mir auch.« Wir standen im Korridor, der nicht sehr hell war. Bens Gesicht konnte ich nicht sehen, denn es lag in Wickeln. Er konnte aber auch meines nicht sehen, denn ich stand vor einem japanischen Blatt und betrachtete mir eingehend zwei farbenreiche Kolibris auf einem blühenden Ast. Aber vielleicht konnten wir uns beide unsere Gesichter jetzt ganz gut denken, denn wir kannten und liebten uns. »Du, Adi – Heidelberg ist nicht Venedig.« »Und,« sagte ich, ohne mich umzuwenden, »Willibald von Gollwitz und Fips Tomasius sind keine Erbprinzen.« »Und – was die Hauptsache ist – Ev' spielt nicht Geige in Cafés.« Er nahm stürmisch meinen Arm. »Und nun komm!« »Eins noch rasch, Ben!« Ich ließ die Kolibris auf sich beruhen und sah ihn forschend an. »Du willst sie doch nicht – ausbilden lassen?« Die Frage war sehr dumm; aber ich hatte auch eigentlich sagen wollen: heiraten. Aber weiß der Teufel wieso, das Wort war mir nicht über die Zunge gegangen. Ben legte noch fester den Arm in den meinen und näherte mir seinen verwickelten Kopf. Ein intensiver Jodoformgeruch umwitterte die weiße Kugel von Watte und Binden. Es war, als ob ein riesiges Fleischknäuel zu mir rede. Aber die Augen lächelten daraus. »Ich will – noch ein bißchen glücklich sein.« Sechsundzwanzigstes Kapitel Wir traten wieder ins Wohnzimmer. Willibald, der Welteroberer der Zukunft, saß auf einem Stuhl, Ev' gegenüber, und hielt ihr mit steif gespreizten Händen die schwarze Wolle, die sie auf einen Knäuel wickelte. »Wir sind gleich fertig.« Willibald bewegte ruckweise den Kopf: »Ben, sei so gut – ich hab' die Arme nicht frei – schlag mir doch mal die Mücke tot – links auf meiner Stirn sitzt sie, ich spür' sie.« Ben klappste vergnügt die Mücke. »Gestochen hat sie schon. Aber du bist gerächt. Das Biest starb wie der große Julius – am Standbild des Pompejus.« »So,« Ev' verwahrte das letzte Endchen der Wolle. »Jetzt müssen die Herren sich aber sputen. Fips ist sehr pünktlich – wenn es gilt aufzuhören.« Wir verabschiedeten uns und gingen. Ich sah noch gerade, wie Ev' den bequemsten Sessel für Ben hausmütterlich heranschob und die Kissen mit flinken Händen zurechtklopfte. In der Tür begegnete uns Hugo Hagedorn, wichtig und geräuschlos, mit einem sehr appetitlichen Schüsselchen Rührei und gehackten Schinken. »Er hat brav gestanden auf der Mensur, der gute Ben,« rühmte Willibald mit herzlicher Anerkennung, als wir in die Plöck einbogen. »Aber natürlich so ein baumlanger Saxoborusse im vierten Semester, der zwölfmal in der Woche auf den Fechtboden läuft – kann etwas mehr.« »Wer war es denn? Und was war der Grund zur Kontrahage?« »Ach, blöd! Die Saxoborussen kamen vom S.-C. -Frühschoppen. Der zweite Chargierte, ein Freiherr von Buchecker ...« » Wie heißt der?« Willibald von Gollwitz wiederholte den Namen. Mir fiel sofort mein Gespräch mit Ruth ein, in dem plötzlich dieser Freiherr von Buchecker aufgetaucht war. Das also war die geheimnisvolle Geschichte, auf die sie anspielte, und die ihr der patente Vetter Theodorich berichtet hatte! »Ja, also dieser lange Pommer hatte – übrigens ganz gegen seine Gewohnheit, er verträgt unglaublich viel – einen gehörigen sitzen. Vor der Kunsthandlung von Edmund von König wartete Ev' auf Ben, der drinnen nach einem Zinnkrug fragte. Zinnkrüge sind seine Schwäche. Aber kaufen kann er nicht, nur fragen – Sie wissen, Ben-Crassus, der Triumvir, hat den Rütlischwur geleistet, nicht mehr zu verbrauchen als wir. Gerade als er – ohne Zinnkrug – herauskam, näherte sich, nicht mehr ganz zielsicher, der Saxoborusse der Kleinen und sagte, ein bißchen lallend, aber mit vollendeter Höflichkeit, den Stürmer vor den Bauch reißend und die Hacken zusammenklappend: »Meine verehrte Gnädige – ich habe Ihnen schon immer – immer mal sagen wollen – sagen wollen – daß Sie sehr reizend sind. Sehr. Hab' ich sagen wollen. Was hiermit – was hiermit erledigt ist.« Verbeugt sich, dreht sich um und geht.« »Und daraufhin –?« »Na natürlich. Ben hatte es doch gehört – und mußte ihn fordern. Beinah' wären krumme Säbel 'rausgekommen – na, dann wäre Ben jetzt Hackfleisch. Die Kleine war auch sehr erschrocken. Denn sie provoziert wirklich nicht.« »Nein, nein. Und weil ein Angekneipter seiner Freundin, ganz respektvoll, gesagt hat, daß er sie »sehr niedlich« findet, hat Ben jetzt sieben Nadeln in der Temporalis, drei Nadeln über der Nase und vier Nadeln im Ohr?« »Tja, aber ich glaube, er ist ganz zufrieden. Es ist ihm jedenfalls lieber, als daß der Saxoborusse die Nadeln hat – und die blonde Ev' dazu . Aber da kommt Fips, der Cäsar.« Fips, der sich gerade beim Repetitor überzeugt hatte, daß er vom Kirchenrecht keine Ahnung hatte, war sichtlich erfreut, daß durch den Besuch seine trüben Examensgedanken eine andere Richtung erhielten. Und so war denn unser Mittagsmahl an einem kleinen Tisch im Hinterzimmerchen der engen, aber behaglichen Schermersschen Frühstücksstube recht gemütlich. Und da Vater Schermers persönlich für uns sorgte, und die drei ihren Rheinwein ausknobelnden Bruchsaler Dragoner vorn am Tisch uns nicht weiter genierten, so war die Stimmung bald vorzüglich; und ich genoß diese Stunde, die einen Nachmittag ohne Akten, ohne Telephongeklingel, ohne Mandantennöte eröffnen sollte. Kurz vor drei Uhr brachen die beiden auf. Fips, mein Schwager, zum Wechselrechtkolleg, von dem er behauptete, auf leeren Magen mache es ihm übel und auf vollen Magen wirke es verdauungsstörend, so daß er sich überhaupt keine geeignete Zeit für dieses Kolleg vorstellen konnte. Gollwitz aber ging ins geographische Seminar des Professors Röder, der mit Hilfe von anderthalb Dutzend Studenten die vier anderen Weltteile als Kolonien Europas nach einem höchst eigensinnigen und wenig aussichtsreichen Programm aufteilte. Ev' kam mir schon am Wredeplatz entgegen. Sie hatte mich über den Platz wandern sehen. Der helle Hut mit den rosaangehauchten Möwenflügelchen saß frei und leicht auf ihrem beweglichen Köpfchen. Ihr Gang hatte etwas Müheloses, Federndes. Im Halsausschnitt trug sie ein goldenes Herz mit einer kleinen Perle darin. Hinter der Perle, dacht' ich, sitzt sicher ein Bild von Ben. »Er schläft,« sagte sie vergnügt. »Eine Minute vorher hatte er mir schmollend versichert, es sei eine Ruppigkeit von mir, daß ich ihm gar keine Antworten gäbe, er schliefe ja doch nicht ein. Aber ich hab' mich beherrscht – das kann ich, wenn's sein muß – und weiter geschwiegen und ihm immer nur ganz ruhig und gleichmäßig die Hände auf den Knien gestreichelt. Plötzlich hat er die Augen zugehabt und hat doch geschlafen.« Nun gingen wir nebeneinander her wie zwei alte Bekannte, wie zwei gute Kameraden. Ich hatte mir das anders gedacht. Die venezianischen Erinnerungen hatten mich in meinen Erwartungen mißtrauisch, in meinen Vorsätzen energisch, ja grausam gemacht. Ich hatte mir vorgenommen, Ben scharf ins Gewissen zu reden und das kleine Mädel, um das sich's handeln mußte, unsanft und sehr von oben herab zu behandeln. Und jetzt sagte eine Stimme neben mir, deren gütig streichelndem Ton wohl kein Männerherz standhielt: »Ich bin so froh, daß Sie so vor sich hin lächeln, Herr Doktor. Da können Sie nichts Böses denken. Ich meine: nichts mir Feindliches. Ich habe so oft gedacht, was ich tue – Gott, wenn man's hier selber erlebt, ist's wirklich nicht so schlimm. Aber wenn's geschrieben und erzählt wird, da mag sich's bös anhören. Und neulich, wissen Sie, ist eine Dame hier gewesen, die wollte Ben besuchen. Eine alte Dame. Mein Onkel Hugo hat ihr alle Zimmer öffnen müssen, denn sie hat gesagt, sie ist eine gute Freundin der Familie. Und sie hat überall hineingeschaut – mein Gott, aufgeräumt war's ja und gewiß nicht unordentlich. Aber die vielen Bilder von mir, die herumstehen – Sie müssen nicht denken, daß ich eitel bin – ich find' wirklich nichts an mir. Aber dem Ben gefällt bald meine Nase, und er sagt: sie ist griechisch. Und dann gefallen ihm wieder die Augen, und er sagt, die Pallas Athene – denken Sie! ich Dummerchen und die Pallas Athene! – hat solche Eulenaugen gehabt. Und dann wieder entdeckt er, daß ich Haare habe wie eine Lady ... wie heißt sie bloß – es soll ein berühmtes Bild im Louvre sein. Und immer muß dann der Fips mit seinem Apparat kommen. Der nimmt immer gleich ein Dutzend Platten – weil sich's dann besser entwickelt, sagt er – aber ich glaub' eher, weil die Hälfte davon doch immer nichts wird ... Ja, und die Bilder hat die alte Dame doch sicher gesehen und vielleicht auch sonst das viele Gestickte und so allerlei ...« »Wie zum Beispiel Hutnadeln mit Rosenquarzknöpfen.« »O je!« Der Seufzer war tief und ehrlich. »Ob ich's nicht geahnt und dem Ben gesagt hab'! Und –« Sie sah mich von der Seite an, ein bißchen ängstlich, aber doch auch schon hoffend. »Wegen der Hutnadel sind Sie gekommen?« »Na, so ganz allein deswegen nicht. Ich wollte Heidelberg einmal kennenlernen – denn, so wunderbar das klingt, ich bin so nahe dabei zu Hause, hab' in Freiburg studiert, bin wie oft vorbeigefahren – und nun zum erstenmal hier. Aber allerdings, ich will ehrlich sein, Sie , liebes Fräulein, hab' ich auch kennen lernen wollen.« »Ein Bruder vom Ben sagt »Fräulein« zu mir? Wissen Sie, das kommt mir jetzt zu unecht vor. Möchten Sie nit auch Ev' zu mir sagen?« Das kam so treuherzig heraus, und je länger sie sprach, je freier und wärmer die Stimme wurde, desto badischer wurde der Dialekt. Teufel noch mal – Sitte hin, Moral her – das war ein lieber kleiner Kerl! Wenn ich jetzt die Frau Morgenthau hier gehabt hätte, ich hätte ihr einiges Unfreundliche gesagt. Wie konnte sie dieses nette Mädel ... Das heißt, sie hatte ja gar nicht ... Ich hatte ... Oder ich hatte auch noch nicht ... ich hatte nur vor ... aber das hatt' ich nun auch nicht mehr vor ... sondern ich wollte oder vielmehr ich mußte – denn es war meine Pflicht ... Ach, du lieber Gott, was wollt' ich und mußt' ich eigentlich, weil's meine »Pflicht« war?! Wir stiegen die breite Fahrstraße zum Schloß hinan. Sie zeigte mir die »Schwaben«-Kneipe und die Häuser einzelner Professoren. Zwei einfach gekleidete Spießbürger grüßten. Sie nickte freundlich. »Freunde vom Vater,« sagte sie erklärend. Und als ob ich das erwarte und verlangen könne, sprach sie vom Vater. Instinktiv mochte sie fühlen, daß ich mir bei seiner Erwähnung versuchte, ein Bild von ihm zu machen; daß ich nicht ganz begriff, wie ein Mann, der doch einiges wissen mußte, seiner Tochter die Zügel so locker und frei ließ. Und alles, was sie mir erzählend, als ob ich sie gefragt hätte, vom Vater berichtete, war eine Verteidigung und ein Dank und eine große Liebe. Er war der gute Vater, so gut. Als der Spitz neulich von einem Handkarren über die Pfote gefahren war, hatte der Vater vier Nächte in Kleidern, krumm liegend auf dem alten Sofa, geschlafen, war alle zwei Stunden aufgestanden und hatte dem armen Tier die kalten Umschläge erneuert. Daß sie ihn ablöse, hatte er nicht erlaubt. Sie solle rote Backen haben, solange sie jung sei, und solle die Zeit ihrer roten Backen genießen. Es sei ja wahr, der Vater liebe den badischen Wein ein wenig; aber man mußte wissen, wie das gekommen. Er habe mal eine gar böse Bitterkeit hinunterzuschlucken gehabt. Vor vielen Jahren, vor so vielen, daß sie sich's gar nicht entsinne, weil sie damals überhaupt noch nicht dagewesen sei, hab' er eine Passion für die Jagd gehabt. Aber die Jagd koste Geld und mit dem Geld sei's knapp gewesen. Und so sei er denn Sonntags als – na, ganz recht sei's ja freilich nicht gewesen, aber wer tut nie was anderes, als was recht ist? – sei er mit der Flinte den Neckar hinaufgefahren und habe ein bißchen geknallt. Geschädigt hab' er kaum jemand; denn er habe nie gut gesehen und nie ganz sicher geschossen. Aber das wichtige Herumlaufen mit der Büchse und das Losknallen in die Natur hab' ihm halt, wenn er sechs Tage über seinen Körben gesessen, gar so eine große Freude gemacht. Ja, und da sei oben am Neckar, da, wo der Fluß die scharfe Biegung macht, ein alter Kirchhof gelegen, kaum mehr benutzt. Nur ein paar ganz alte, übriggebliebene Leute hätten da zwischen den sinkenden Kreuzen und Steinen noch das Recht auf einen Platz gehabt. Aber die wilden Kaninchen hätten sich gern in dem Buschwerk und hinter den dicken Hecken herumgetummelt. Und eines Sonntagsvormittags, es sei neblicht gewesen und schon recht herbstlich, da sei halt der Vater wieder mal durch den alten Gottesacker gepirscht. Auf einmal hab' er was gehört und was zwischen den Hecken gesehen und hab' geglaubt: ein Karnickel. Und da hab' er halt hingehalten und geschossen. Aber den Schreck! Da sei ein Mensch, ganz schwarz, mit einer weißen Halskrause wild in die Luft gesprungen und habe mörderlich geschrien und furchtbar geschimpft. Es war der Vikar vom Herrn Pfarrer, der vor seiner ersten Sonntagspredigt sich zwischen den Grabsteinen erging. Der Vater habe dem geistlichen Herrn Schrotkörner in die linke Wade geschossen. Das hab' dann eine üble Sache gegeben und einen ärgerlichen Prozeß; und der Vater – man dürf' ihn nie mehr an die Zeit erinnern, und auf einen Kirchhof ging er auch nicht mehr – der Vater hab' ein paar Tag absitzen müssen. Das Gewehr hätten sie ihm weggenommen und dem Vikar mußte er die Kurkosten für Arzt und Pflaster mit dreiundsiebzig Mark achtzig Pfennigen zahlen. Die Familie Schopfloch aber hatte noch zwanzig Mark verlangt und bekommen, weil ein paar Schrotkörner ihr den alten Kranz aus Glasperlen zerschlagen hatten, der auf dem verwitterten Namen und unleserlichen Spruch des alten Peter Schopfloch gelegen hatte, von dem kein Mensch mehr wußte, wie er eigentlich mit den lebenden Schopflochs verwandt gewesen war. Und einen neuen Kranz sollen die Schopflochs gar nicht von dem Geld gekauft haben, sondern ein paar schwarze Minorkahennen, die aber dann gar kein Ei gelegt haben; und drei Wochen später hab' sie ein Marder totgebissen. Denn schließlich, eine Gerechtigkeit gab's doch; wenn auch nicht grad immer in den Anwaltsstuben und in den Gerichten. Damals hab' der Vater sich die goldgelben badischen Landweine angewöhnt. Eine Weile sei's wohl schlimm gewesen, denn er brauchte wohl seine sechs, acht Viertelchen, bis er die üble Kaninchenjagd auf dem Friedhof vergessen hatte. Jetzt trinke er nur noch mäßig. Selten in der Kümmelspalterei und manchmal im »Silbernen Hirschen« sein Schöppchen mit dem Onkel Hugo. Und sie sei froh, daß die beiden sich so gut verstünden und allerlei miteinander reden könnten. Und was ihr besonders lieb sei: daß sie genau wisse, der Onkel Hugo spreche nur Gutes von Ben. Übrigens, ob man eigentlich von Ben etwas anderes sprechen könne als nur Gutes? Sie glaube das nicht. Und ich gewiß auch nicht. Aber das eine solle ich ja nicht glauben, daß der Ben etwa ihretwegen Zeit vertrödele und nicht ganz fleißig sei. Da müßt' ich die anderen Studenten sehen. Da gäb's welche, die wüßten kaum, wo der Hörsaal sich befindet, in dem sie sechsstündige Kollegien belegt hätten; und am Semesterschluß hätten sie noch die Frechheit, zum Abtestieren zu den Professoren hinzugehen und zu sagen: sie seien fast immer dagewesen, und sie hätten hinter der Säule gesessen. Aber Ben habe in seinem Eifer sogar bei Professoren belegt, die – ja, wie solle sie das sagen, die ein bißchen komisch seien und gar nicht recht ernst genommen würden. Oh, solche gäb's auch. Die zeigten ihre Vorlesungen an und hielten sie nachher gar nicht ab. Das sei auch den meisten Studenten bekannt; und da man die Herren und ihre Themen, über die sie reden wollten, gar nicht zum Examen brauche, so ginge schon kein Mensch hin. Aber der gutmütige und so eifrige Ben sei sogar beim Professor von Töndersen in der Wohnung gewesen, der jedes Semester ein Kolleg über die Philosophie der Naturvölker anzeige und schon seit fünfzehn Jahren nie mehr lese. Und der Herr Professor von Töndersen, gar nicht gewöhnt, daß ihn jemand besuche, habe Ben, im warmen Bad sitzend, in der Wanne empfangen; und Ben habe des Professors Kleider erst vom Stuhl neben der Wanne nehmen müssen, um sich bescheiden dazu zu setzen. Und dem Professor Kalkborn, der über das »Eheproblem in der Kulturgeschichte« eine zweistündige Vorlesung anzeige, habe, während er mit Ben sprach, ein zahmer Kanarienvogel oben auf dem Kopf gesessen und ihm in den langen weißen Haaren herumgepickt. Dazwischen sei sich dann der Professor mit einem Tuch manchmal über den Kopf gefahren und habe gemeint – nein, das sei eigentlich nicht schön; aber warum solle sie's nicht sagen, der Professor hätte es ja auch gesagt – der Professor habe gemeint: bei Körnerfressern sei das nicht weiter schlimm. Und es beruhige ihn seelisch, daß der Vogel oben auf seinem Kopf sitze. Die kleine Ev' hatte eine einfache, aber eine ungemein anmutige Art, zu erzählen. Immer mehr die Scheu verlierend, sprach sie in ihrem lieben, ein wenig breiten badischen Tonfall immer freier zu mir. Sprach, wie zu einem längst Bekannten, der nur zufällig gerade über diese Stadt und ihre Menschen nicht eben viel weiß. Und wie sie diese Stadt liebte! Wenn sie »Heidelberg« nannte, schillerte das Wort ordentlich von Stolz und Freude. An jeder Wegbiegung unterbrach sie ihre munteren Erzählungen, um mir, wie ein für mich eigens aufgebautes Geschenk, den Blick auf die Stadt durch Villen und blühende Bäume zu zeigen. Und welch ein Führer war sie auf dem Schloß! Wie sah sie alles, Baum, Weg und Architektur, mit den Augen der Liebe, und erklärte doch gleichzeitig mit der Gewissenhaftigkeit eines braven alten Kastellans. Es war erquicklich anzuhören, wie über diese roten Lippen die toten Jahreszahlen sprangen, und wie in dem warmen süddeutschen Tonfall die Namen der alten Kurfürsten, Burgfrauen und Ritter ein eigenes kräftiges Leben bekamen. Als sie mich auf die Schönheit der Proportionen am Ruprechtsbau aufmerksam machte, fügte sie einfach hinzu: »Das hat mir aber der Ben erst gezeigt.« Und als sie mit mir, glücklich wie ein Kind, das schenken kann, auf die herrliche Terrasse hinaustrat, unter der Heidelberg sich breitet, wie ein liebes, deutsches Märchen, ein Stück Vergangenheit und ein beglückendes Gegenwartsbild zugleich, stand sie still und sagte: »Hier ist der Goethe gegangen mit der Marianne von Willemer.« Ein wohliges Gefühl beschlich mich, als ich den jedem Frankfurter doppelt heiligen Namen von dem hübschen, jungen Munde kommen hörte. Nie war mir der stolze Name so feierlich, so lieb erklungen wie jetzt, da die kleine Badenserin ihn im Stolz auf ihre Heimat, die einst das Wunder im Genie gewirkt, und in Ehrfurcht vor dem toten Dichter, sprach: der Goethe. Der herzliche Wunsch, unter den herrlich blühenden Kastanien eine Weile in dieser Stimmung zu bleiben, ließ mich den Ahnungslosen spielen. Ich fragte: »Ach, wirklich? Der Goethe ist hier gewesen – mit wem , sagten Sie?« Und ohne zu argwöhnen, daß ich mir längst Bekanntes hier am Orte, wo das vor bald hundert Jahren zwei sonnige Herbsttage lebte, aus schlichter Erzählung wie ein köstlich Neues schlürfen wollte, machte sie sich eifrig ans Berichten. »Mit der Marianne von Willemer, der Frau von einem Geheimrat von der Gerbermühle bei Frankfurt, war er hier. Die hat er sehr lieb gehabt. Er hat ja wohl viele lieb gehabt und viele ihn. Aber das hier war anders. Der Mann von ihr war dabei und die Tochter von dem Mann aus erster Ehe. Und ich glaube, er hat sie nie geküßt – aber wer weiß das schließlich, nicht wahr, wenn zwei sich lieben?« »Gewiß, wer weiß das!« »Aber nein« – sie brachte das rasch und eifrig vor, als täte ihr das Gesagte leid – »es würde gar nicht ins Ganze passen, wenn sie sich geküßt hätten. Er hat so wunderschöne Lieder auf diese Frau gemacht – und so ist es, das sagt der Ben, wie der Brautkranz der Ariadne, den der – der – ich glaub' ein griechischer Gott in die Sterne geworfen hat. Dort funkelt er jetzt noch durch die Nächte – wie die schönen, kleinen Lieder Goethes auf die Frau Marianne, die er hier zum letztenmal gesehen hat. Das weiß ich alles von Ben.« Ich hatte meinen Bruder selten so lieb wie in diesem Augenblick. Ich hörte aus den treuherzigen Worten der Erzählerin, wie er eine junge Seele, die sich seiner Belehrung in lauschender Liebe öffnete, gefüllt hatte mit Sehnsucht nach Schönheit. Wie er seine vom Vater eingepflanzte ehrfürchtige Liebe zu dem großen Frankfurter und seinem reichen Leben, wie einen köstlichen Besitz, hier unter blühenden Bäumen, vielleicht in Mondnächten, wie sie jenem Septembertraum Goethes geleuchtet, geteilt hatte mit der Geliebten. Wie alles, was hier sein Herz schwellen und beben ließ, keinen reicheren, keinen reineren Ausdruck fand, als in der wehmütig vom herbstlichen Abschied überhauchten Poesie, die ein in Größe Alternder hier aus einer späten Leidenschaft geschöpft. »Goethe muß doch schon bei Jahren gewesen sein damals,« sagte ich, fast ängstlich, daß sie das Thema schon verlassen könnte, und begierig, immer noch mehr zu hören mit dem Ton dieser lieben Stimme, hier, wo die Natur geweihter Erinnerung in Himmel, Wald, Strom und Berg den wundervollen ewigen Nahmen schuf. »Alt –? Ja, ich meine, zwischen Sechzig und Siebzig schon. Aber ich denke manchmal, wenn man liebt, gibt's gar kein Alter. Alter ist doch auch nur ein Fehler, wie andere. Und wenn man jemand gern hat, so recht von Herzen, weil das Herz sagt: es ist der Rechte für dich oder – ja: oder das wär ' der Rechte, wenn's sein dürfte ... dann liebt man die Fehler mit. Und vielleicht ist's deshalb gewesen – ich weiß nicht, aber der Ben hat gemeint, vielleicht hab' ich gar nicht so unrecht – vielleicht ist's deshalb gewesen, daß der Goethe seine Heidelberger Liebe dann verkleidet hat in lauter Heimlichkeit. Aber das wissen Sie doch –?« »Nein, nein,« ich drängte sie immer weiter und hing an ihren hübschen, jungen Augen. »Er hat sich – ja, wie soll ich sagen – aus dem Osten das fremde Mäntelchen geborgt – das Kleid für seine Verse. Und für die ihren . Denn sie hat auch gedichtet. Sonst mag ich das gar nicht bei Frauen. Mir kommt's dann immer vor, sie haben Tinte an den Fingern. Nur die Droste-Hülshoff – kennen Sie die? – der Ben hat sie mir geschenkt, die kann ich gut leiden. Aber die Frau von Willemer hat gar kein Wesens von ihrem Dichten gemacht. Sie war richtig glücklich; und das richtige Glück braucht's nicht, daß die andern davon wissen. Sie war auch sicher arg stolz, aber gewiß nicht eitel. Sie hat nie jemand gesagt, daß ein paar von den Liedern gar nicht von Goethe sind, sondern von ihr. Aber das kennen Sie doch – Ach, um deine feuchten Schwingen, West, wie sehr ich dich beneide ...« Ganz leise hatte sie's in der Mendelssohnschen Komposition begonnen. Eine ungeschulte, aber reine und von scheuem Gefühl durchbebte Stimme trug die wohlbekannten schönen Worte, die damals die Heimgekehrte in Erinnerung und Sehnsucht dem großen Freunde zugesungen. »Aber da kommen Leute –« Ev' brach ab und wurde rot, als ob sie jetzt erst inne würde, daß sie laut gesungen hatte. Ich hätte die »Leute« kaltlächelnd vergiften können in diesem Augenblick. Es waren, alle in gleiche blaue Jacketts gekleidet und mit denselben breitrandigen Matrosenhüten auf ungleichen Köpfen, acht junge Damen. Pensionärinnen eines der vielen Pensionate da unten. Wohlerzogene Töchter guter Familien, man sah's. Zu Paaren trippelten sie vorbei, das Auge zu Boden gerichtet oder an uns vorbei weit hinaus in die Landschaft. Nur eine kleine Sommersprossige blinzelte mich durch eine Brille aus kurzsichtigen Äuglein an. Eine begleitende Lehrerin mit einer harten Männerstimme ließ sich im Vorübergehen vernehmen: »Das Brückenhaus ist im Jahre 1541 erbaut – Sie wissen aus unserem letzten Unterricht, das ist das Jahr, in dem Calvin seine reformatorische Tätigkeit in Genf begann. Ein Jahr später wurde das Inquisitionstribunal zu Rom eingesetzt.« Blitzartig kam mir der Gedanke. Auch diese vertrocknete plattbusige Person belehrt hier, wie Ben belehrt hat. Aber wie anders ist Lehre und Lehre! Hier ein paar Namen und Jahreszahlen, willkürlich verbunden und in gleichgültige Gehirne gehämmert – dort ein sehnsuchtsvoll nachempfundenes Erlebnis in zwei aufblühenden Herzen. »Sie sind gewiß musikalisch, Fräulein Ev'?« »Ein bissel. Die Mutter soll hübsch gesungen haben. Der Vater erzählt's oft. Aber mein Gesang ist nicht weit her – nur gern sing' ich. Arg gern. Im Freien, nit in Stuben. Der Ben hat mir eine Laute geschenkt.« »Ich hab' eine hängen sehen. So, die gehört Ihnen?« »Ja –« sie lachte vergnügt, »das ist ein komisches Geschenk – ich krieg' sie, und er gibt sie nicht her aus der Wohnung.« »Nanu, warum denn?« »Ich weiß nicht recht, wie das ist – ich bin zu dumm dazu – aber das Instrument muß auf meine Stimme eingestimmt sein. Wenn ich vergnügt bin und lach', klingt nämlich die Laute allemal mit, und – wenn dann alles still ist, hört man den Ton von meinem Lachen noch eine ganze Weile aus den Saiten wie ein Echo. Immer leiser. Das macht sie nur bei mir. Wenn die andern lachen – kein Ton.« »Vielleicht haben auch Instrumente eine Seele. Und wenn sie eine haben, dann kann ich die Laute, die gerade mit Ihnen lacht, sehr, sehr gut begreifen.« »Wie meinen Sie jetzt das?« Sie sah mich treuherzig fragend an. »Das war nämlich ein Kompliment, Fräulein Ev'.« »O je, das müssen Sie mit mir nicht machen! Oder wenn Sie's machen – dann ganz dick auftragen, daß ich's auch begreif'. So vielleicht: »Ev', was hast du für einen wunderschönen Hut auf!« Oder: »Ev', was hast du doch für winzig kleine Füße!« Die kleinen Füße hab' ich nämlich wirklich. Das ist das einzige, worauf ich stolz sein könnte.« Und stehenbleibend, den Rock ein ganz klein wenig hochnehmend, streckte sie ihr rechtes Füßchen im hellen Lederhalbschuh vor. »Also, wahrhaftig – fabelhaft klein.« »Gelt?« Sie zeigte vergnügt lachend ihre schönen Zähne. »Wie eine Chinesin, wie eine ganz vornehme, sagt der Fips immer zum Ulk. Dafür ist aber auch alles andere groß. Die Ohren und der Mund – der Vater sagt, wie ich geboren wurde, hätt' ich ausgeschaut wie ein gesottener Nußknacker.« »Wenn das einmal gestimmt hat, dann hat sich's aber sehr zu seinem Vorteil verändert.« »Jetzt hab' ich's aber gemerkt! Also – das war wieder ein Kompliment, gelt? Das ist lieb von Ihnen, daß Sie sich mit mir so eine Müh' geben. Sie sind überhaupt lieb.« Sie streckte mir ohne jede Koketterie ihre Hand hin. Ein kleiner, aber geschmackvoller Ring saß daran, in einem Kreis von Perlchen ein winziges Kreuz von Rubinchen. Während ich ihre Hand einen Augenblick festhielt, betrachtete ich den Ring. »Hübsch! Vom Ben?« »Was ich Nettes hab', ist alles vom Ben.« Das kam froh, ehrlich und stolz heraus. Und als ob sie fürchtete, mißverstanden zu werden, fügte sie rasch hinzu: »Aber haben Sie keine Angst, ich erlaub' nicht, daß er viel Geld für mich ausgibt.« »Ich habe keine Angst, Ev'.« Mir kam zum Bewußtsein, daß ich mir zum erstenmal das »Fräulein« schenkte. Auch sie hatte das wohl gemerkt. Eine ganz feine Röte stieg ihr in die Schläfen, und eine Weile war sie still. Dann lehnte sie sich über das Eisengeländer und sprach langsam, wie sich selber Rechenschaft gebend, hinunter in die geraden, sauberen Sträßchen der Stadt, ohne mich anzusehen. »Ich würde gar nichts von ihm nehmen, aber ich will doch ein bißchen nett aussehen. Für ihn. Was ich mich aus den andern schon mach'! Nur den Ring und das Herz hier« – sie griff an den Hals – »das hab' ich mir gern schenken lassen. Denn ich wollt' ein Bild von ihm tragen – auch wenn er einmal nicht mehr hier ist. Nicht mehr hier und bei mir. Und einen Ring von ihm mit einem kleinen Kreuz drin darf ich nehmen, weil ich –« jetzt sah sie mich an, ernst, ein wenig traurig, aber mit guten blauen Augen – »weil ich den andern , den ohne Stein, nie von ihm nehme.« Mir schlich ein wehes Gefühl durch die Herzgrube, aber ich schwieg. Sie sah wieder hinunter auf den Marktplatz. Mir war's, als ob ihr Blick an der dunkelroten Mauer der Heiliggeistkirche das kleine Lädchen suche mit den Weidenkörben und Korbgestellen, das dem gewaltigen Bau anklebte wie ein armes, kleines Schwalbennest. Ihre Stimme hatte ein wenig an Glanz und Kraft verloren, als sie jetzt fortfuhr: »Wenn Sie, Herr Doktor, nur des halb gekommen sind – nein, nein, ich bin gar nicht bös. Sie haben eine Mutter zu Haus, die will höher hinaus mit ihren Söhnen. Sie hat doch recht, die alte Frau. Und 's wär' ja auch schad' um den Ben. Aber sehen Sie, wenn Sie heimkommen und sprechen mit ihr – dann, dann sagen Sie ihr nichts Böses von mir, ja? Sagen Sie ihr, das ist alles nicht, was wir geglaubt und gefürchtet haben. Das Mädel weiß, daß das nicht dauert. Weiß es ganz gut. Und will gar nicht, daß es nie aufhören soll. Denn so schön, wie's war – wie's noch ist – könnt's ja gar nicht dauern. Und das Mädel ist dem Ben viel zu gut, um nicht zu wissen, was einen Sommer in Heidelberg lieb ist und das Herz froh und leicht macht, das ist nicht mehr dasselbe in einem Winter in Frankfurt. Selbst der Goethe, wie er seine kleine Sesenheimer Friederike in Straßburg wiedergesehen hat, in der großen Stadt ... Der Ben hat mir's erzählt. Und er hat vielleicht gar nicht gewußt, was er mir damit erzählt hat. Aber das wollt' ich auch gar nicht sagen. Bloß das können Sie noch Ihrer Frau Mutter sagen: das Mädel hat einen Vater, einen alten Mann, der es braucht und von dem's nicht weggeht. Und den Vater ließ es auch nie und von niemand über die Achsel ansehen. Denn alles, was schön ist, verdankt's ihm. Das Leben. Und alles, was es glücklich macht, hat er ihr gegönnt. Sogar – den Sommer mit dem Ben. Leicht ist ihm das nicht gefallen. Ganz gewiß nicht. Und leichter wird's mir nicht fallen, wenn's einmal zu End ist – im September vielleicht, wo der Goethe die Marianne hier zum letztenmal gesehen hat – aber das ist dumm, gelt, und überheblich. Vielleicht auch erst im Oktober – oder nach seinem Examen. Aber eben einmal doch und – wie bald! Aber bis dahin – bis dahin – das wär' lieb, arg lieb, wenn Sie das Ihrer Frau Mutter sagen wollten, sagen könnten – bis dahin hätt' er vielleicht doch in schlechtere Händ' kommen können, der Ben. Ihr Ben und – heut noch – meiner.« Da nahm ich ihre beiden Hände und sah ihr in die blauen Augen, in denen es feucht schimmerte, und sagte mit einer Überzeugung, die ein Anwalt, der viel plädieren muß, selten aufbringt: »Das sag' ich meiner Mutter. Verlassen Sie sich drauf! Und ich sag' ihr mehr. Ich sag' ihr, wenn ich zehn Jahre jünger wäre und in Heidelberg studierte, und dieses Mädel lief' mir über den Weg – ich selber – ich –« »Sind Sie jetzt sehr bös« – durch kleine Tränchen blitzte munter der Schalk – »sind Sie jetzt sehr bös, Herr Adolf, wenn ich Ihnen sag': der Ben ist mir lieber?« Ich war ihr nicht bös. Aber so wahr ich ein sterblicher Mensch bin und doch stolz auf meine sogenannten Grundsätze, in diesem Augenblick hätt' ich auf der Heidelberger Schloßterrasse am liebsten den Kopf dieses herzigen Mädels zwischen meine beiden Hände genommen und hätte sie fest und lang auf den roten Mund geküßt. Und hätte mir, weiß Gott, kein Gewissen draus gemacht, nicht als Ehemann und nicht als Rechtsanwalt und zweiter Vorsitzender des Anwaltvereins und schon gar nicht als Weltbürger. Denn ich hätte geglaubt, gefühlt, gewußt, daß ich nur einer süßen deutschen Jugend huldige; daß ich nur in einen Kuß legen möchte, was ich nicht so recht in Worten sagen und wünschen kann: daß der liebe Gott unserem deutschen Land auch in Zukunft so viel reine und liebe und geradeaus blühende Jugend schenken möge, wie diese! Und da kam die vertrocknete, plattbusige Lehrerin mit ihren Pensionärinnen zurück und sagte, als sie vorüberging, mit ihrer harten Männerstimme: »Die Schloßkapelle ist um 1346 erbaut. Das war die Zeit, in der das mittelalterliche Rittertum zerfiel und das Schießpulver erfunden wurde ...« Siebenundzwanzigstes Kapitel Zwei Nummern vom Konzert im Schloßrestaurant hatten wir noch bei einer Tasse Kaffee gehört, da kam mein Schwager Fips durch die mit Studenten, Bürgern und Fremden reich besetzten Tische, um uns zu sagen, der Kühlmann stünde draußen und hielte seine Sonnenpferde kaum mehr im Zaum. Kühlmann erwies sich, als wir heraustraten vors Parktor, als der Lenker der Droschke Nr. 1, der mir von dem im Wagen wartenden Ben und Willibald als ihr bewährter Leibkutscher vorgestellt wurde. Ein treuherziger, etwas zerknitterter Mann, der mit seinem einen zugekniffenen Auge mich an Hans Huckebein erinnerte. Jetzt bekam Ev' ihren Platz rechts von mir im Fond, Ben und Willibald saßen uns gegenüber. Fips hatte den Bock erklettert, verschränkte parodistisch die Arme und stieß kerzengerade die Nase in die Luft wie ein mitfahrender herrschaftlicher Diener. »Aber, Herr Doktor!« lachte Kühlmann und trieb seine Pferde an, die zwar keine Sonnenrösser waren, aber recht wackere, gut gehaltene Bergsteiger. »Wer ist der Doktor?« fragte ich. »Der Doktor – das ist jeder von uns,« sagte Ben ernst. »Der wackere Kühlmann lebt immer in der Zukunft, verstehst du. Deshalb kann man ihm auch vom Fünfzehnten an die Fahrten schuldig bleiben.« »Verzeih, lieber Willibald,« sagte ich und zog schmerzvoll meinen linken Stiefel zurück, »aber das ist mein Fuß.« »Gewiß,« nickte Willibald scheinheilig, »ich wußte das. Aber ich dachte, das sei jetzt die große Mode. Ben-Crassus, der in Modedingen Tonangebende macht's doch auch bei seinem Gegenüber?« Ev' wurde rot und lachte. Die Wagenstimmung war sehr vergnügt, und ich dachte so bei mir: wenn jetzt die gute Frau Margarete Morgenthau wieder mit ihren Koffern vorbeiführe, sie würde einen gar seltsamen Begriff von der Erfüllung meiner Mission bekommen. Geschichten und Witze wurden erzählt, dazwischen Belehrungen über Weg und Gegend eingestreut. Oben aus halber Berghöhe, wo der Wald so kühl und herrlich die breite Straße schattete und dann und wann mit lieber List an Biegungen einen überraschenden Blick ins Tal freigab, wurde der Vorschlag gemacht, zu singen. Erst sangen wir gemeinsam: und kein Gesangverein, der vor dem hohen Richterkollegium sein Preislied anstimmt, kann's ernster nehmen mit seiner Kunst, als wir an jenem sonnigen Frühsommernachmittag hoch überm Neckar. Dann kamen die Solokantusse. Ben wurde dispensiert wegen seines hindernden Maulkorbes. »Du hast's nicht nötig, schön zu singen, Crassus,« neckte Willibald, »du riechst dafür schön. Nach Jodoform. Das kann ich, als dein Nachbar, am besten beurteilen.« Fips sang einige selbstverfaßte Verse zu Ehren der Jurisprudenz nach der Melodie der Lorelei. Willibald gab mit einem kräftigen Bariton, der Unterricht verdient hätte, ein Rodensteiner Lied zum besten. Ich sang mein Leiblied: »Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,« von dem mir unter frohem Gelächter drei Verse geschenkt wurden. Kühlmann, der Leibkutscher, entledigte sich auf allgemeines Drängen eines Gesanges, der das Schicksal eines Hirtenmädchens und eines Schäfers etwas unklar behandelte. Auch über die Melodie war der Sänger nicht mit sich einig. Zuletzt kam Ev'. Sie setzte den Hut ab und bog das Köpfchen zurück, daß ihr die Sonne zwischen den Zweigen durch helle Lichter ins Antlitz streuen konnte. Mit einer zarten Stimme, die selbst im Jubel des gewählten Liedes nicht ganz ohne leise Wehmut war, sang sie sich's vom jungen Herzen: »Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus ...« Zwei Stunden wohl und mehr fuhren wir so durch den herrlichen Laubwald und beruhigten unser Gewissen mit der schlau ausgegebenen Parole: der ehrenvoll blessierte Ben brauche durchaus Höhenluft, und körperliche Anstrengungen seien ihm noch verboten. Ich erzählte Geschichten aus Bens Jugend und fand viel Anklang, denn er war ja ein origineller Bub gewesen. Als ich vermeldete, wie der vierjährige Ben einmal im Anblick eines Droschkenhalteplatzes auf dem Frankfurter Roßmarkt zur Mutter gesagt hatte: »Mama, meinst du nicht, daß ich Bauchelchesweh betomm', wenn ich so viel zu Fuß deh'?« war die Gesellschaft einig, daß sich sein Charakter durchaus in der Richtung dieses frühen Ausspruchs entwickelt habe. Andere Kindergeschichten folgten. Schließlich sollte auch Kühlmann, der Leibkutscher, aus seiner Kinderstube erzählen. Aber er wehrte lachend ab: »Ei, meine Pferd' sind meine Kinder.« »Na,« sagte Ben, »dann dirigieren Sie mal Ihre beiden vierbeinigen Töchter jetzt nach der Molkenkur!« Auf der Plattform der Molkenkur, die den herrlichen Blick hinunter auf Schloß, Stadt und Fluß gewährt, waren schon viele Tische besetzt. Aber wir hatten Glück. Ein paar ältere Damen hatten gerade, erhitzt vom Wege, Platz genommen an einem der vordersten Tische, dicht am Geländer, da entdeckte die eine mit einem entsetzten Aufschrei, daß sie ihren Pompadour beim Aufstieg vom Arm verloren. Nun begaben sich die Drei eiligst auf die ziemlich aussichtslose Suche in aufgeregter Besprechung über die fluchwürdige Tücke solcher Pompadours und die bedauerliche Unachtsamkeit ihrer Trägerinnen. So saßen wir an einem der vordersten Tische und genossen den vollen Rundblick. »Was wird getrunken? Kaffee – Bier – Essig – Schokolade?« »Warum nicht gleich Aqua clara et frigida ?« grollte Fips. »Das überlassen wir lieber Ben,« entschied Willibald. Aber Ben zückte listig sein Glasröhrchen, das der Vorsorgliche mitgebracht hatte. »Ich werde diesen Kristallschlauch nicht durch Wasser entweihen! Ich schlage vor: wir brauen ein Böwlchen. Ev', du weißt hoffentlich nicht, was das ist?« Ev' lachte. Das Lachen ließ vermuten, daß sie das Getränk kannte. Diese Vermutung wurde bestätigt durch die zweckmäßige Art, in der sie, als der Kellner den Mosel, das Selters, den Zucker und die Erdbeeren brachte, dem gewissenhaft mischenden Fips anmutig zur Hand ging. Plötzlich sah ich Bens Augen, starr und erstaunt, auf einen Tisch in geringer Entfernung gerichtet: »Ja, Adi, ist das dort nicht –?« Ich folgte der Richtung seines Blickes. Am Nebentisch saßen ein paar blutjunge Westfalenfüchse mit frischen Schmissen und tranken sich mit peinlicher Beachtung des Komments Ganze und Halbe übers Kreuz zu. Dann kam ein Tisch mit katholischen Geistlichen, die sich, emsig disputierend, an warmer Milch labten. Die hatten wohl kaum Bens Aufmerksamkeit in so hohem Maße erregt. Aber dort, am dritten Tisch, auf dem blanke Eisbecher und allerlei Kuchen standen, saß eine Gesellschaft, die von dem sonstigen Publikum durch eine gewisse fremde und betonte Eleganz abstach. Ein alter Herr in einem schwarzglänzenden Assyrerbart, den Panama in der Stirn, präsidierte. Neben ihm thronte die Gattin, deren vornehme Aufmachung sich noch nicht ganz von der Jugend trennen konnte, die einmal reizvoll gewesen sein mochte. Ein starkknochiger Hüne, flaumbärtig, den Saxoborussenstürmer nach hinten geschoben und einen leichten Verband auf der Stirn, sprach mit betontem Respekt in sie hinein, ohne daß die Professorin Zeichen besonderen Interesses gab. Von dem zweiten Jüngling, wohl dem Sohn des Ehepaars, sah ich zuerst nur das schmale goldene Armband am Handgelenk – und schon glaubt' ich ihn zu kennen. Meine Vermutung wurde zur Gewißheit, als ich ihm gegenüber in sehr schickem hellblauem Sommerkleid, auf dem dunklen Haar ein Florentinerhütchen mit Reiherstutz, Ruth Baddach erkannte. Sie hatte mich auch gesehen und nickte lächelnd herüber. Dabei hob sie eine Schildpattlorgnette an langem Stiel zu den Augen und musterte unseren Tisch. Als sie Bens Wickelkopf gefunden hatte, wiegte sie den Kopf leicht, wie bedauernd, hin und her. Aber das Lächeln verschwand nicht aus ihren Zügen. Wie auf Verabredung standen wir auf und steuerten hinüber, Ben und ich. Gerade hört' ich noch, wie Fips hinter mir sagte: »Eine Spinne muß mir immer in den Wein fallen. Da sitzt doch wahrhaftig der schöne Salomon, mein Handelsrecht!« Ev' legte den Bowlenlöffel hin und sah uns nach, als wir hinübergingen. Die Herrschaften, denen uns Ruth als liebe Frankfurter Freunde vorstellte, empfingen uns mit zurückhaltender Freundlichkeit. Der Professor wahrte die Distanz zwischen Lehrer und Studenten auch hoch über dem Auditorium. Die Gattin schien sich bei ihren eigenen Fragen genau so zu langweilen, wie bei unseren Antworten. Der Saxoborusse schüttelte Ben, die Mütze an den Leib gezogen, die Hand: »Wir kennen uns – sehr erfreut.« Und zu mir gewendet: »Freiherr von Buchecker.« Aber ich hatte nicht viel Zeit über das Wunderliche der Situation und des studentischen Lebens nachzudenken, daß hier grimmige Duellgegner von vorgestern erlesene Höflichkeiten tauschten. Der galante junge Mann mit dem Armband erschöpfte sich in kühlen Zeremonien, Stuhlrücken, Verbeugungen, häufigem Lüften des Hutes und anderen Unternehmungen, deren Zweck ich nicht recht einsah. Ruth aber hielt durch ihre muntere Sicherheit das Gespräch zusammen. Bens Mensur und Befinden wurde nur gestreift, denn man wußte, der Professor war kein Freund von diesen ritterlichen Bräuchen. Auch genierte Herr von Bucheckers Gegenwart. Dagegen wurde die Schönheit der Aussicht hervorgehoben, besonders von der Frau Professorin in etwas wesenlosen Sätzen, die auch im Baedeker hinter zwei Sternchen hätten stehen können. Immerhin schien diese Anerkennung der Naturschönheit gerade von dieser Seite erfreulich, da die Dame der Gegend sprechend den Rücken drehte. Uns zu setzen lehnten wir dankend ab, da wir in Gesellschaft seien. »Die Herren Tomasius und von Gollwitz, so weit ich sehe,« sagte Ruth. Und wieder hob sich der Schildpattstiel mit dem Silbermonogramm. Ich hatte, ohne es beschwören zu können, den Eindruck, daß der durch die Gläser verschärfte Blick, der an mir vorbei nach unserem Tische hinüberging, nicht gerade Fips oder Willibald verweilend musterte. »Ja,« sagte Ben etwas verlegen, »meine Freunde und eine Verwandte – von Willibald.« »Ich dachte mir's,« nickte Ruth kühl, »sie sieht ihm auch ein wenig ähnlich.« Ben spürte die Bosheit. Willibald war nichts weniger als schön; und sein langes knochiges Gesicht hatte etwas von einem Pferd. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und Ev' war von der Natur durchaus nicht vorgesehen und in Wahrheit nicht größer, als etwa die Ähnlichkeit der Hille Bobbe mit der Tizianschen Lavinia. Der Professor erkundigte sich noch mit unbewegtem Gesicht nach dem Fortschreiten von Bens philosophischen Studien und freute sich zu hören, daß er hier den Doktor zu bauen gedenke. Dabei sah er nach der Uhr, als ob das mit dem Examen große Eile habe. Theodorich hatte sich unterdessen mir gegenüber lobend über das Fruchteis, besonders über die Mischung Himbeer-Vanille, ausgesprochen und empfahl mir für denselben Genuß auch eine Konditorei in Mannheim. Da ich nicht nach Mannheim zu fahren gedachte und Fruchteis überhaupt nie esse, so ließ mein Dank vielleicht eine gewisse Herzlichkeit vermissen. »Ich hab' dir noch zu danken für deinen letzten ausführlichen Brief, lieber Ben.« Ruth Baddach sagte das etwas lauter, als es mir just nötig schien. Vielleicht erweckte der Verband den Verdacht, daß Ben schwerhörig sei. Das trauliche »Du«, das die beiden aus ihrer Kinderfreundschaft beibehalten, schien den Professor und seine Gattin etwas zu befremden. Sie tauschten einen jener Blicke, durch die sich Eheleute, ohne zu ahnen, daß andere das verstehen, im geheimen mitzuteilen wünschen, daß sie sich doch sehr wundern müssen. »Ich hab' dir nicht mehr geantwortet, weil ich ja wußte, daß ich dich bald hier sehe.« »Famos.« Ben sagte das nicht mit der frischen Überzeugung, die er sonst seinem Lieblingswort verlieh. Vielleicht dämpfte Watte und Leinwand den Ton ein wenig. »Bleibst du lang hier?« »Wenn mich die Tante nicht hinauswirft.« Hier lächelte die Frau Professor das gefrorene Lächeln, das jeden Kraftausdruck anderer nachsichtig begleitete. Sie selber führte keine Kraftausdrücke. Der Professor aß, versonnen, sein Zitroneneis. Theodorich tauschte mit zwei durch die Tische lustwandelnden Rhenanen Verbeugungen, die einem Kaiser der Mandschudynastie beim Neujahrsempfang genügt haben müßten. Ruth reihte in ihrer leichten, ein bißchen mokanten Art noch allerlei kurze Mitteilungen aus der Frankfurter Lokalchronik aneinander. Verlobungen, Kindstaufen, Todesfälle, Gastspiele am Schauspielhaus, Veränderungen an der Oper. Dann, mit einem Blick nach unserem Tisch, an dem Fips lauter, als vielleicht nötig, mit leeren Gläsern klapperte, streckte sie Ben den gelben dänischen Handschuh hin. »Auf bald!« Und zu mir gewendet: »Den Philosophenweg nicht vergessen! Und den Pfiff aus Ihrer Lieblingsoper.« Seit wann ist die »Jüdin« meine Lieblingsoper, dacht' ich, indem ich mich zum Abschied vor dem Ehepaar verbeugte. Als wir an unseren Tisch zurückkehrten, erklärte Willibald von Gollwitz gerade vermittelst einiger Zündhölzer, Zahnstocher und von der Bowle ferngehaltener unreifer Erdbeeren auf einem Teller den Aufstand Arabi Paschas gegen die Europäer vor zwölf Jahren, den Vorstoß der Engländer auf Kairo und das Gefecht bei Tel-el-Kebir, bei dem ein Onkel Willibalds, der schon beim Bombardement von Alexandria verwundet worden war, wahrscheinlich gefallen, jedenfalls aber verschollen war. Kam's nun daher, daß Willibald viele Verwandte hatte, die irgendwo bei irgendwas verschollen waren, und daß Ev' diese und ähnliche Geschichten, mit und ohne Situationsplan auf Obsttellern, schon öfter genossen; oder interessierte sie gerade hier oben aus der Molkenkur Arabi Pascha weniger, als anderes – jedenfalls sie sah zerstreut über den Gefechtsteller hin. Auch schien sie mir etwas blasser, als vorhin. So daß ich Bens besorgte Frage, ob ihr nicht wohl sei, verstehen konnte. Nein, ihr war durchaus wohl. Aber sie meinte, wir sollten nicht so lange hier sitzenbleiben. Denn es werde kühl und auch wohl für Ben zu anstrengend. Auch werde der Wagen immer teurer, je länger er warten müsse; und der Kühlmann habe, wie sie wisse, heut abend noch eine Fuhre vom Schloßhotel nach dem Bahnhof. Der Gründe waren viele; aber Fips widerlegte einen jeden mit schöner Beredsamkeit, während Willibald von Gollwitz mich unter Benützung der eben noch ägyptischen Zündhölzer und Zahnstocher über die große Reise Witzmanns ins Gebiet der Kongonebenflüsse und den Kassai abwärts bis zu seiner Mündung gründlichst unterhielt. Wir waren mitten auf dem Kassai an sehr gefährlichen Stromschnellen mit einem für mich unaussprechbaren Namen, den Willibald aber, wie alles weitentfernte, mit spielerischer Sicherheit bewältigte, als die Gesellschaft des Professors Baddach aufbrach und grüßend an uns vorüberkam. Jetzt hielten es Fips und Willibald für richtig, auch ihrerseits Ruth kurz zu begrüßen. So standen die drei einen Augenblick ganz in der Nähe unseres Tisches. »Was wollte sie bloß damit –?« Willibald richtete diese Frage an Fips, während sie sich wieder setzten. »Sie sagt, sie freut sich, daß ich so hübsche Verwandte habe?« Fips lachte, mit den Augen zwinkernd. Dann tippte er über den Tisch mit seinem Finger leicht auf Bens Hand und mit einer seitlichen Bewegung nach Ben hin äußerte er in pastoralem Ton: »Ev', meine geliebte Tochter, was hat dir der weise Fips Tomasius schon immer gesagt? Ehe der Hahn zum drittenmal krähte, wird er dich dreimal verleugnet haben!« »Fips, du bist ein Kamel,« maulte Ben ärgerlich und warf ihm einen Kork an den Kopf. »Das ist eine tätliche Beleidigung, die rotes Blut fordert,« meinte Ben düster. »Und deshalb komme ich dir meinen schäbigen Rest sine-sine auf dein ganz Spezielles!« Ich merkte, daß Ev' diese Art der Unterhaltung nicht angenehm war. Ich wollte ablenken. »Mir scheint,« sagte ich, »dort von Mannheim her kommt ein Wetter.« »Oh! Fips schien das leicht zu nehmen. »Sonntags kommen von Mannheim her noch viel unangenehmere Sachen. Nämlich die Bewohner, in Scharen.« »Wir wollen gehen.« Ev' sah nach der Wetterwolke. Zum erstenmal fand ich in ihrem Gesichtchen eine weiche Wehmut, die ganz zu dem Unterton in ihrer Stimme paßte. Wir brachen auf. Im Wagen bei der Rückfahrt disputierten Fips und Willibald über den Nutzen und Wert der kombinierten Rundreisebillette. Wir anderen schwiegen und genossen die Fahrt und die Landschaft. Auch an dem schönen Lied »Zwischen Frankreich und dem Böhmer Wald – da wachsen unsre Reben« beteiligte sich nur Fips und, aus dessen in die Form von Rippenstößen gekleidete Ermunterung, der Kutscher Kühlmann. Ev' und ich spürten wohl den heraufziehenden Abend, der so viele Deutsche still und nachdenklich macht. Das Mädchen hatte wieder den Hut abgesetzt, und die Strahlen der zum Untergang sich neigenden Sonne fielen zwischen den Stämmen in ihr reiches blondes Haar. Ein goldener Glanz legte sich über ihre Stirne, und es schien, als ob sich das ernst gewordene Köpfchen senkte unter dieser Last, die ihr der Sommerabend wie einen Heiligenschein aufs Haupt legte. ... Als ich zu später Stunde im altertümlichen »Ritter« in meinem Bett lag, angenehm berührt von dem Gedanken, daß, wenn Ben recht hatte, schon Luther hier gewohnt und gut geschlafen, zog ich die Briefe hervor, die mir Ben gegeben. Elsbeth hatte mich beschworen, daß ich sie unbedingt lese, ehe ich sie persönlich zerreiße. Ich sollte das tun, damit ich mich überzeuge und das jederzeit beschwören könne, daß sie gänzlich harmlos und beträchtlich blöd gewesen seien. Ich rückte das Licht dichter heran zur Lektüre. Als ich die Briefe aus dem Umschlag nahm, fielen mir zunächst ein paar zerknitterte Blumenblätter ins Bett. Das vermoderte Papier zeigte ein »J« als Monogramm. Elsbeth Tomasius – wo kam das »J« her? Aber jetzt sah ich, die Schrift war auch gar nicht Elsbeths Hand, die ich ganz gut kannte. Es waren überhaupt nicht Elsbeths Briefe. Es waren die ziemlich bewegten Briefe einer Frankfurter Dame, die ich auch kannte, und von der ich gar keine Ahnung hatte, daß sie einmal zu Ben ... und daß Ben einmal zu ihr ... Schlimm war ja wohl auch diese Korrespondenz nicht gewesen. Und lag weit zurück. Aber immerhin, daß Ben noch gewelkte Herzenslenze da liegen hatte, die ich nicht kannte ... Ich stand nochmals auf und kehrte vorsichtig mit der Hand die getrockneten Blumenblätter aus dem Bett, in dem – vielleicht – schon Doktor Martin Luther geschlafen hatte. Achtundzwanzigstes Kapitel Aus den zwei Tagen, die ich zugeben wollte, waren acht geworden. Die Frühsommerherrlichkeit des Neckartals, die Gesellschaft der fröhlichen Jugend, das Bewußtsein, zum erstenmal hier zu sein und wohl lange nicht mehr herzukommen, ließen mich meinem Kompagnon telegraphieren und schreiben, er möge mich vertreten die paar Tage, die ich mir eventuell gern von der Sommerreise abziehen ließe. Und Käthe selbst schickte mir eine liebe Depesche: »Bleib und erfrisch Dich ein bißchen! Ich hüt' schon das Haus gut.« In solchen Depeschen, die streichelten und verstanden, war sie groß. Die ernste Aussprache mit Ben schob ich von Tag zu Tag hinaus. Und von Tag zu Tag schien sie mir lächerlicher. Denn was sich hier begab, war nichts Verdammenswertes, wenn es auch nicht nach der Norm und Sitte war, und barg keine Gefahren, wenn auch schon das Ende weh tun mußte. Und die Zukunft Bens sah ich in einem neuen Lichte, seit ich den Philosophenweg gegangen war. Mit Ruth. Ich hatte pünktlich, wie verabredet, am etwas reich vergoldeten Tor des Salomonischen Tempels geklingelt. Auf die gepfiffene Arie verzichtete ich doch lieber. Ich war in der Melodie nicht ganz sicher und dann – ich sah des Professors gepflegten Assyrerkopf im Erker seines Studierzimmers über Bücher gebeugt; und hielt es doch für ein Unrecht, ihn mit dem Schrei Eleasars um Recha aufzustören. »Pünktlich sind Sie,« sagte Ruth, die, schon zum Spaziergang bereit, ganz in Weiß, ein paar Rosen am Gürtel, durch den Garten kam, »aber meineidig sind Sie auch. Wo blieb die große Arie? Aber wenn ein Mensch von zwei Tugenden wenigstens eine hat, soll man ihm verzeihen. Also kommen Sie!« Wir stiegen langsam, die weiche Luft des Morgens genießend, durch Villen und Gärten zur halben Berghöhe hinan, aus der der berühmte Spaziergang entlang führt. Ruth kannte jedes Landhaus hier und die Geschichten seiner Erbauer, Besitzer und Erben. Kleine Romane verrieten ihr diese reich umblühten Häuschen; und sie erzählte, hier von einem Namensschild angeregt, dort von einer Rosenlaube oder einer Chopinschen Mazurka, die durch ein offenes Fenster klang. Erzählte von allerlei Schrullen gelehrter Sonderlinge, die hier in Wissenschaft lebten, von allerlei Sehnsüchten gelangweilter Frauen, die hier die kleinstädtische Einsamkeit unter Rosen, Putten und springenden Wassern schwer ertrugen, von allerlei Hoffnungen frühreifer Kinder, die hier, wunderlichen Ehen entsprossen, all die kleinen badischen Götter Scheffel, Hebel und die gemütlichen Geschichten der Hermine Villinger längst zum Schutt geworfen hatten und mit faltigen Stirnen Ibsen lasen und über Nietzsche disputierten. Und dazwischen strafte mal aus einer grünverhangenen Gartentiefe ein lauter Jubel heller Kinderstimmen ihr Bild dieser Kolonie ein bißchen Lügen und triumphierte über die Sarkasmen und Sophismen der fertigen jungen Weltdame in naiver Fröhlichkeit einer Generation, die noch Fangball spielt auf den Rasenflächen und »Räuber und Nonne« durch die Büsche und Bosketts. Wie anders, dacht' ich, war der Gang auf jener anderen Seite des Neckars, die jetzt, sauber aufgebaut, mit Stadt und Weg und Schloß da drüben herübergrüßte. Der Gang mit dem Kind aus dem Volke, das im Banne seines ersten, vielleicht seines einzigen süßen Erlebnisses alles mit den Augen seiner jungen Liebe suchte, streichelte, umfing. Und während ich höflich lächelte über die hübschen, ein bißchen listigen Bonmots, die Ruth über Menschen und Zustände dieser Stadt streute, die sie doch im Grunde auf ihre Art liebte, sah ich das Köpfchen der blonden Ev' vor mir; glaubte ich mit ihrer süßen, ein wenig wehmütigen Stimme zu hören: Goethe und Marianne. Die letzten Villen lagen hinter uns. Der dunkle Laubwald hauchte uns mit reinem Atem an. Die Wiese fiel zur Rechten, wie ein Teppich, neben unserem Weg dem Neckar zu. »Wissen Sie, daß ich Ben gerächt habe?« Ruth sagte das ganz plötzlich, während sie mit den Augen einem gleitenden Nachen auf dem Neckar folgte. »Ben – gerächt? War das denn nötig? Und an wem?« Sie lachte kurz auf. Der Freiherr von Buchecker, Saxoborussiae – man munkelt, er habe neulich den staatswissenschaftlichen Doktor sehr ins Unreine gemacht – hat mir gestern, hier an dieser historischen Stelle – ich erkenne sie daran, daß noch die tote Maus da am Meilenstein liegt – hat mir gestern, was der deutsche Bürger so nennt, einen ehrenvollen Antrag gemacht.« »Der Gegner Bens von der Hirschgasse –?« »Derselbe. Ich bilde mir nicht ein, daß er neulich auf der Molkenkur zu seinem lieben Herzen gesprochen hat: » Die oder keine andere!« Aber vielleicht kennt er die volksbeglückende, rassebessernde Philosophie meines Vaters – Sie erinnern sich: pommerscher Junker – Frankfurter Jüdin ... und hat die Anschauung zu der seinen gemacht. Wahrscheinlicher ist freilich, daß er aus der nicht ärmlichen Lebensführung Onkel Salomons auf meine Familie angenehme Schlüsse zieht. Auch gehört hat, daß ich die einzige Tochter bin. Bis jetzt. Bei der Jungbrunnenkur meines Vaters kann man ja nicht wissen ... Und hat sich gedacht, besser als ein immerhin zweifelhaftes zweites Examen wäre schließlich eine Hochzeitsreise nach den Kanarischen Inseln.« »Sie denken schlecht von den Menschen,« lachte ich. »Nennen Sie das schlecht von den Menschen denken, wenn ich von einem davon annehme, daß er mich zur Baronin machen will?« »Ganz ehrlich – reizt Sie das gar nicht?« »Die siebenzackige Krone mit der Aussicht auf Courschleppe und Hofknicks? Ich will Ihnen – ganz ehrlich – was sagen: wenn schon, denn schon! Wenn ich mein Leben eingestellt hätte auf – nun sagen wir, auf das Faustsche: »wer immer strebend sich bemüht« – dann wäre mir, wie ich bin und wie ich's habe, ein kleiner pommerscher Junker denn doch ein bißchen zu wenig . Wenn ich schon mal ein Krönchen vergolden sollte, so würde ich mir sagen: »Vom Vater hab' ich die Statur, das Rechnen und Addieren,« und würde die Zacken sorgfältig nachzählen.« »Das hätte nun freilich mit Liebe nichts zu tun.« » Hätte nichts zu tun. Modus irrealis heißt das, glaub' ich – ein bißchen Latein hab' ich auch einmal getrieben. Aus Trotz und Ärger, als Ben in seinen Primanerbriefen immer hochmütig lateinische Zitate einstreute. Aber Sie brauchen nicht so finster zu blicken. Ich zähle die Zacken nicht nach. Und werde – so weit sich das Gefühl mit dem etwas verschrienen und viel mißbrauchten Wort benennen und rubrizieren läßt – aus Liebe heiraten.« Ich blieb stehen und griff mir nach der Stirn. »Mir fällt etwas ein – Erinnern Sie sich unseres Spaziergangs damals die Zeile hinauf nach dem Gericht?« »So gut, wie man sich an Spaziergänge erinnert, die eigentlich gar keine sind, sondern einen ganz bestimmten Zweck verfolgen.« »Allerdings. Sie waren damals so freundlich und – ja, richtig, und damals sagten Sie mir, in zwei Jahren würden Sie vielleicht ...« »Die zwei Jahre sind heute um. Ich weiß. Und ich erinnere mich jenes gegebenen Versprechens –« »Nun, versprochen haben Sie mir's eigentlich nicht gerade.« »Ihnen nicht. Mir. Ist's Ihnen recht, wenn wir uns hier ein wenig auf die Bank setzen? Hier haben wir den Blick über die liebliche Engelswiese – nette Namen hat hier alles, nicht? – und können, wenn wir romantisch werden wollen, auf das Schloß drüben sehen.« Unter einer breit schattenden uralten Buche stand die Bank. Hinter uns rauschte, kühl und feierlich, der Laubwald. Zu unseren Füßen blitzte silbrig der Strom. Hellrot grüßte im Sonnenschein von drüben aus Baum und Buschwerk der achteckige Turm, die Fassade des Otto-Heinrich-Baus. Unter dem dunkelroten Bogen der alten Brücke ruderten im Gleichtakt Studenten in zwei Booten hin. Das Wasser blitzte auf unter den Rudern. Irgendwo unten in einem Garten sang eine helle Kinderstimme. »Ich möchte mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, liebes Fräulein Ruth.« »Glauben Sie, daß ich jemand sich drängen lasse ? Nein, ich habe schon als Kind nur gesagt, was ich wollte. Und nur dem gesagt, dem ich's sagen wollte. Das ist so geblieben, und ich hab' mich leidlich wohl dabei befunden. Und jetzt will ich zu Ihnen sprechen. Von mir – und Ben.« »– und Ben?« Ich fand den Zusammenhang nicht. Ruth zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirms ein Monogramm in den Sand und betrachtete aufmerksam diese gewissenhafte Arbeit. Kein Zug in ihrem Gesicht, das hübsch, kühl und vornehm war, wie immer, änderte sich, als sie jetzt ganz langsam sagte: »Ja, von Ben. Ich heirate Ben.« Ich griff nach dem Holz der Bank, dann ins Fleisch meines Oberschenkels, um zu erproben, ob ich wach war. »Sie – heiraten –?« »Ben.« Sie nickte leicht und lächelte jetzt ein wenig, als ob wir vom Ankauf eines Schirmes oder eines Schäferhundes sprachen. »Ja, haben Sie denn mit Ben –?« »Mich ausgesprochen? Nein. Noch so wenig wie damals, als ich Sie am Tempel der blinden Gerechtigkeit absetzte. Aber ich werde das tun. Bald. Vielleicht unmittelbar nach Abschluß seines kleinen Heidelberger Romans. Oder es war wohl mehr ein Idyll?« »Ein Idyll? Ja, was meinen Sie denn ...« Ich hatte Herzklopfen. Je ruhiger sie blieb, desto erregter wurde ich innerlich. »Sie müssen mir meine Offenheit – beinahe hätt' ich renommiert: meine edle Offenheit, aber sie ist nicht »edel«, sondern nur, wie das meiste was ich tue, vernünftig – müssen mir meine Offenheit nicht mit gut gespielten holden Ahnungslosigkeiten vergelten. Die glaub' ich Ihnen doch nicht. So wenig, wie ich die hübsche Verwandte des häßlichen Willibald von Gollwitz – der könnt' lachen! – geglaubt hätte, auch wenn ich nicht schon lange im Bilde gewesen wäre.« »Der berühmte Vetter Theodorich war wohl so gütig?« »Vielleicht. Übrigens hat Ben eine Art in seinen Briefen durch das, was er nicht schreibt, nur durch die Tönung seiner Stimmungen jemand, der ihn versteht, auf dem laufenden zu halten, die völlig genügt. Und ich versteh' ihn. Ich kenne sein leicht entzündbares, zu Sentimentalitäten neigendes Herz. Kenne seine Pläne, die nie Entschlüsse werden; seine Entschlüsse, die selten die Jahreszeit überdauern, von der sie bestimmt sind. Er ist kein Junker, der braucht und will. Er ist kein sieghafter Bezwinger alter Vorurteile, der für eine Herzensnarrheit Kopf und Kragen einsetzt. Er ist ein prächtiger Kerl, an dessen Lebensbäumchen, das froh in allen Winden steht, die köstlichen Ranken und Schößlinge nur behutsam angebunden werden müssen. Fest, an eine starke Stange –« »Und die Stange –« »Es ist kein schöner Vergleich – aber die Stange bin ich. Bin auch die Hand, die binden wird, ohne daß es weh tut; ohne daß mehr geknickt wird, als eben nötig. Und sehen Sie, daß er all die Zeit – selbst von Venedig kam ein Brief, damals, nach jenem peinlichen Morgen, da die Gondel mit dem Erbprinzen ... na, Sie wissen ..., daß er all die Zeit die Korrespondenz mit einer zähen Ausdauer geführt hat; daß er, ohne viel zu sagen und grob zu verraten, mich doch zu seiner Vertrauten machte, wohl zu seiner einzigen in diesen unausgesprochenen Dingen, das beweist doch mancherlei. Er hat instinktiv gefühlt, daß ich besitze, was ihm fehlt – Ruhe, Zielsicherheit, Willensstolz. Und ich – in all den Jahren hab' ich ihn ein wenig geführt. Ein Buch, so beiläufig genannt – er hat's sofort gelesen. Vor einem Menschen leise, nur so hingeblasen, gewarnt – sein Mißtrauen ist erwacht. Und wo ich fürchtete, doch nicht auszureichen, weil die Wucht und die Neuheit des Erlebnisses zu stark sein konnte, die Entfernung zu weit, die Post zu langsam, da hab' ich – ein mal nur, Sie erinnern sich – rasch und entschlossen, einen andern auf Reisen geschickt. Sie .« Ein wunderliches Gefühl stieg in mir auf. Gemischt war's aus einer scheuen Bewunderung vor so viel kühler Klugheit, die einen Herzenswunsch bändigt, bis er zur Erfüllung reif scheint, und einem leisen Grauen vor einer Jugend, die sich so in der Gewalt hat. Jetzt wischte Ruth plötzlich mit ein paar festen Schirmstrichen das Monogramm im Sande aus und reckte sich tiefatmend. »So sind Sie,« fragte ich zögernd, »vielleicht auch hierher nach Heidelberg gekommen –?« Sie senkte in energischer Bejahung den Kopf. »Aus demselben Grunde, wie Sie. Um – man würde es spießig ausdrücken: um nach dem Rechten zu sehen. Nach dem Rechten, zu dem ich noch kein Recht habe. Auch der Erfolg unserer Reise ist derselbe. Sie haben sich überzeugt, daß keine ernste Gefahr im Anzuge ist; daß Sie daheim die Familie beruhigen können. Dasselbe weiß ich – aber erst seit ich da bin, ist diese Gefahr vorbei. Ich habe ihm nie die Sinne verwirrt – er kann mich heute und vielleicht immer – im einzelnen Fall »ruhig kommen, ruhig wandern« sehen. Aber als Ganzes und im ganzen braucht er mich. Braucht er jemand, wie mich. Und das empfindet er erst wieder deutlich, seit er weiß, daß ich hier bin. Seit er nicht ausgeht und nicht aus dem Fenster sieht ohne den Nebengedanken, daß ich vor ihm auftauchen kann. Und mit mir das , was schließlich siegen wird und muß über das Naturkind und über Heidelberg; über das Volkslied, wenn Sie so wollen, und über das kleine Abenteuer, das Mondschein brauchte, Rosen und Ruinen.« »Und was wäre das, was er Ihrer Ansicht nach braucht?« »Das fertige Weib, die Stärkere neben sich, die Weltstadt, das große, breite, uneingeengte Leben.« Ein Widerspruch gegen so viel Sicherheit stieg in mir auf. Ein Widerspruch, der sich ritterlich aufreckte zum Schutze vor einem reinen, schwachen, gütigen Geschöpf, dessen still flehende Augen ich plötzlich unter dem Hut mit den rosafarbenen Möwenflügelchen ganz deutlich zu sehen glaubte. »Irren Sie sich auch nicht?« »Nein.« Unerschütterte Überzeugung sprach das. »Nun – ich glaube, wenn nicht das liebe Mädel selbst so vernünftig wäre ...« »Ich war gut unterrichtet und wußte das. Ich konnte mich in diesem Falle nicht auf Ben, wohl aber auf die Geschlechtsgenossin verlassen. Es wäre nur eine Möglichkeit gewesen – eine Gefahr –« »Welche meinen Sie?« »Wir reden hier nur eines zum andern – und haben keine Hörer dieses Gespräches? Ich meine – auch keine nachträglichen Hörer?« »Nein.« »Gut. Wenn der Vater , ihr Vater, der Korbmacher an der Heiliggeistkirche, gestorben wäre – dann ... Sie hätte eine Pflicht verloren und einen Halt. Die Melancholie der Stunde hätte vielleicht über allen guten Vorsatz gesiegt – Ben kann wundervoll trösten und ist ein Enthusiast des Mitleids ... Der Vater kränkelte, war überarbeitet. Die Konkurrenz der Fabriken schädigt sein Geschäftchen, und er wird alt und schwerfälliger. Da hab' ich den Ausweg gefunden. Ein Blumengeschäft in Mannheim hat auf Jahre hinaus eine bestimmte Art von Zierkörben, leicht herzustellen, bei ihm bestellt. Wöchentlich ein halbes Dutzend. Das ist keine schwierige Arbeit für ihn, und das Geschäft zahlt die angeblich besonders wertvolle Handarbeit dieser nur für diese eine Firma hergestellten Fasson mit einem sehr anständigen Preis. Man könnte schon sagen, überzahlt sie.« »Und es ist wirklich die Firma, die zahlt, das Geschäft?« »Ich habe durch Theodorich – dem ich dafür das Nötige zur Bezahlung seiner nicht schüchternen Schulden vorgestreckt habe, von denen Onkel Salomon nichts wissen darf – einen Strohmann in die Firma eintreten lassen. So dreißig bis vierzig Dutzend von den Körben können Sie auf irgendeinem Speicher in Mannheim finden.« »Eine wunderliche Art der Wohltätigkeit.« »Es gibt dümmere Arten, das weiß ich. Dafür bin ich zu oft in Frankfurter Komitees für Basare und ähnliche Unternehmungen gewesen. Ben muß Spielraum haben. In Freiheit ersiegt er vielleicht ein hübsches Ziel; mit einer Kette am Bein bleibt er, als einer der ersten, liegen.« »Sie fassen die Liebe als eine Art Vorsehung auf?« »Die richtige, die weibliche wenigstens, ist vielleicht überhaupt nichts anderes. Aber reden wir deutsch und deutlich. Ben hat große Pläne. Doktor der Philosophie? Ganz gut. Aber wie heißt's in dem Kinderlied: »Der Besen, der Besen – was macht man damit?« Was macht man mit dem philosophischen Doktor? Habilitieren will er sich nicht. Dazu sitzt die Liebe zur gründlichen Forschung und der Glaube an ihre Resultate nicht fest genug in ihm. Aber die Kunst! Von der ausübenden hat er seit jenem Kampf mit dem Sofakissen in Erwin Schusters Arbeitszimmer abgesehen. Jetzt spuken zwei Projekte in seinem Hirn – Kunstzeitschrift und Theaterdirektor.« »O weh!« Unwillkürlich war mir das so herausgefahren. Ruth lächelte. »Neun Zehntel aller Menschen, die Ben kennen, werden hier »O weh« sagen. Warum? Ben hat durch die Erbschaft der Tanten für dieses Leben sein Auskommen, ob er nun was dazu verdient oder nicht. Er könnte sogar noch Schmetterlinge sammeln oder Marken, ja sogar in bescheidenem Umfang Autographen und Münzen, ohne daß seine Wohnung dürftiger, sein Tisch bescheidener zu werden brauchte. Aber – er will nicht faulenzen. Schön. Er will sich betätigen. Sehr schön sogar. Aber die Art der Betätigung soll beileibe nicht die sein, die jeder kleine Spießer kennt und liebt: hier soundso viel Stunden Arbeit – hier soundso viel hundert oder tausend Mark Gehalt oder Honorar. O, nein. Er hat Ideen . Und sehen Sie – jetzt wird's teuer . Fürs Leben und Behagen, auch noch fürs Sammeln – wenn nicht gerade Edelsteine oder Renaissancebilder – reichten die toten Tanten aus. Die »Ideen« verlangen ganz andere Kapitalien. Und da muß es, soll der gute Ben die Flügelfreiheit behalten, egal sein, ob die Kapitalien sich stärker erweisen oder die Ideen. Will sagen: ob die Ideen die Kapitalien auffressen, oder die Kapitalien die Ideen wirklich für sich arbeiten lassen. Als Tochter meines Vaters – selbst wenn er die unechte Nichte des Niagaraläufers üppig im Testament bedenkt – hab' ich wirklich genug, um Ben entweder mit einer ganz auf Kunst gestellten Kunstzeitschrift, die niemand abonniert, oder auch mit einem Theater für die geistige Elite, die nicht da ist, verkrachen zu lassen. Auch mit beidem. Und lieber Doktor, wir zwei sind aus einer Stadt, die zwar den Johann Wolfgang Goethe geboren hat, aber auch den Amschel Rothschild. Wir wissen, daß junge Leute immer noch die Gretchen und Klärchen schwärmerisch lieben, aber später den Frauen sehr dankbar sind, die sie vor der großen Pleite bewahrt haben. Vor der Pleite des Vermögens und der Ideen.« Vor dieser Sicherheit des Tons und der Rede wurde ich verwirrt. Mir erschien das alles so unwahrscheinlich, so unwirklich. Da drüben das Schloß im junggrünen Wald, das Tal voll Sonnenschein, am Himmel zerflatternde weiße Wölkchen – und hier unten ein junges Weib, das mir auseinandersetzte wie eine Reiseroute: ich heirate deinen Bruder, der noch gar nichts davon weiß; dann kann er mit seinen Ideen Pleite machen. »Und nun –« Ruth lächelte und stand auf, »nun, nachdem Sie mir kräftig stumme Opposition gemacht haben und dabei um die erstaunliche Entdeckung reicher geworden sind, daß es gar keine Gründe gibt, mich auszulachen – nun kommen Sie mit hinunter! Ich zeige Ihnen da unten in jener hohlen Gasse, wo nicht der Weg nach Küßnacht, sondern auf den braven Neckar zugeht, das berühmte Wirtshaus zur Hirschgasse. Lasse Sie durch ein Parterrefenster in den Saal gucken, in dem der ritterliche Ben vor ein paar Tagen sein Blut verspritzt hat. Und – sehen Sie, so was gibt 's – ich habe keinen Pulsschlag mehr , wenn ich daran denke, daß dies ... für eine andere geschah.« Neunundzwanzigstes Kapitel Als ich drei Tage später mit meinem Köfferchen vom »Ritter« her an die Bahn fuhr, standen Ben und Ev' bereits da und warteten. Ben war in hohen Stiefeln und Reitrock. »Nanu – Reitgelegenheit hast du auch hier?« »Ich reite mit Ruth Baddach ein bißchen nach Neckargemünd. Es sind die Pferde ihres Onkels.« Er sagte das hastig, als ob er die Erklärung rasch hinter sich haben wollte. »Ich denke, du hast nachher Kolleg?« Ben hatte den Fuß auf meinen Koffer gestellt und schnürte an dem linken Sporn herum. Ev' antwortete für ihn: »Er hat erst zweimal gefehlt. Das macht nicht viel. Der Morgen ist so schön; und er reitet doch so gern. Es ist ihm auch so gesund, und er kommt sonst ganz aus der Übung.« Es war mir, als ob sie sich selber all die Gründe zum Trost sagte, aber sie lächelte dabei lieb wie immer. »Sie sollten mit reiten, Ev',« sagte ich mit etwas gezwungenem Scherz. Sie tat, als ob ich's ernst meinte. »Grad' heute könnt' ich's gar nicht – wenn ich könnte. Dienstags, Mittwochs und Freitags helf' ich dem Vater. Der hat einen großen Auftrag. Schon seit Monaten. Für eine erste Mannheimer Blumenfirma. Die bezieht ihre handgearbeiteten Körbe nur von ihm. Das ist eine sehr hübsche Fasson, die er erfunden hat, die großen Anklang findet beim Mannheimer Publikum. Hier in Heidelberg haben die Leute nicht so viel Geschmack; hier hat er noch keine drei davon verkauft. Ich muß dann immer durch die geflochtenen Ränder und um die Henkel die bunten Bänder knüpfen. Das kann er selbst nicht mehr so.« Eine leise Wehmut beschlich mich. Wie glücklich war das Kind, einmal die bescheidene Kunstfertigkeit des Vaters rühmen zu dürfen; wie stolz war sie darauf, ein wenig Anteil zu haben an seiner Arbeit, seinem Verdienst. Ich aber hörte die kühle Stimme einer anderen vom Philosophenweg her: »So dreißig bis vierzig Dutzend von den Körben können Sie auf irgendeinem Speicher in Mannheim finden.« Wenn sie gewußt, wenn sie geahnt hätte, die kleine, blonde Ev'! Ich nahm Bens Arm und ging eingehakt mit ihm auf und ab, während Ev' mir noch ein paar Morgenzeitungen zur Reiselektüre holen wollte. Ich versuchte noch einmal einige Klarheit über seine Zukunftspläne zu gewinnen. Aber er hielt nicht stand. »Ich mache meinen Doktor, Adi – nachher sehen wir halt weiter. Mein Leben ist ja kein Kurierzug. Ich verhungere ja auch nicht –« »Gewiß nicht. Aber ich habe manchmal Angst, Ben, daß gerade deine Unabhängigkeit dich früher oder später in Abhängigkeiten bringen könnte, die ...« Ich gebe zu, ich war nicht sehr klar in meinen Befürchtungen und konnte es nicht sein. Und er hatte eine leichte Art, alles, was ihm nicht angenehm war, spielerisch ins Lustige, Phantastische zu wenden. »Beruhige dein brüderliches Herz, Adi – und zu Hause das mütterliche. Ich werde mich weder auf das Perpetuum mobile stürzen noch auf die ebenso aussichtsreiche Quadratur des Kreises. Ich werde keine fliegende Lokomotive zu erfinden suchen, werde keine wissenschaftliche Expedition mit Willibald von Gollwitz an der Spitze ausrüsten, um an den Quellen des Ho-ang-ho Forellen zu fangen; werde für Fipsens berühmte Sekundanertragödie – er hat einen bluttriefenden »Attila« geschrieben – kein Festspielhaus in der Lüneburger Heide erbauen. Werde auch keine Teresinas für die Skala ausbilden lassen; nicht einmal Ev', die übrigens wirklich eine süße Stimme hat, findest du nicht?« »Eine allerliebste Naturstimme. Überhaupt, Ben, das Mädel ist ein Prachtkerl – zerbrich sie nicht!« »Aber, Adi, wo denkst du hin ... Aber siehst du« – es war etwas merkwürdig Nachdenkliches, Referierendes in seinem Ton – »siehst du, das freut mich, freut mich wirklich, daß sie auf alle so wirkt. Man denkt sonst in ruhigen Momenten manchmal: »Jedem Narr'n gefällt seine Kapp' –« Aber die Ev' ... denk dir, sogar Ruth, die doch so kritisch ist, findet sie allerliebst.« »Ruth –? Ja, hast du denn mit der ...?« »Gestern, als wir den Ritt verabredeten – wir trafen uns zufällig, als ich zum Kolleg ging – da sprach sie auch von »Willibalds hübscher Vase«. Du, sie weiß ja ganz gut – ist ja viel zu schlau! Und da sagte sie: »Als Kopfleiste für ein flottes Lebenskapitelchen »Heidelberg« könnte ein Zeichner kein passenderes Köpfchen finden.« Darauf ich: Das werd' ich Willibald sagen, er malt ja selbst ein bißchen.« »Hat sie darauf noch etwas –« »Ja. Sie hat zugestimmt. »Sag ihm das. Aber er soll das Köpfchen nur für das eine Kapitel verwenden. Für andere wär's ein gefährlicher Stilfehler. Und in der Wiederholung wirkt's langweilig.« In diesem Augenblick brachte Ev' die Zeitungen, und Ben, der seinen freisinnigen Tag hatte – er wechselte die Parteien oft – schimpfte auf den Reichstag und empfahl uns eine ausgezeichnete Rede Eugen Richters zur Lektüre. Im letzten Augenblick, ehe der Zug abfuhr, erschienen atemlos Fips und Willibald. Der eine trug einen gewaltigen Strauß, lauter langstielige Lilien und Gräser in ulkiger Absichtlichkeit zu einem schwer transportablen Riesenbukett gebunden. Eine lange feuerrote Schleife war daran, auf der zu lesen war: »Die Triumvirn, dem Bruder des edlen Crassus, tiefbewegt zum Abschied.« Fips aber legte mir mit wichtiger Miene, grad' als ich, vom Schaffner gedrängt, in das volle Coupé einsteigen wollte, eine umfangreiche Tüte, die sich kühl und hart anfühlte, in den anderen Arm. »Vorsicht,« mahnte er. Und auch Ben und Willibald riefen ängstlich: »Vorsicht!« »Ja, wieso denn –? Was ist denn darin?« »Achtgeben, nur nicht drücken! ... Du fährst doch zwei Stunden, da könnte dich der Hunger überfallen. Könnte dich schwächen, umbringen. Wir hatten keine Zeit mehr, was zu backen. Da haben wir dir für unterwegs rasch dreißig rohe Eier eingepackt.« »Ihr seid doch ...!« Neben dem schon langsam fahrenden Zug schritten sie her, Ben sporenklingend voran, Willibald und Fips lachend, eingehakt. Und nach lieber alter Heidelberger Sitte sangen sie, während ich, zwischen Riesenstrauß und Eiertüte, wohl etwas ängstlich, aus dem Fenster sah, die Hüte zum Gruße weit vom Kopf schwingend, unbekümmert um das Leben auf dem Bahnsteig und die anderen Passagiere: »Alt Heidelberg – du Feine – du Stadt an Ehren reich.« Ev' war an einem gelben Postkarren stehen geblieben. Mit der linken Hand, an der der Ring mit dem kleinen Rubinkreuz sah, hielt sie ihren breiten Hut mit den rosafarbenen Möwenflügelchen darauf, fest gegen den Wind. Mit der anderen Hand winkte sie den Abschied. Wie ein kleiner zuckender Vogel lag ihre Hand in der Luft. Ihre Wangen waren gerötet. In ihren Augen schimmerte es etwas feucht. Der Wind legte ihrem schönen jungen Körper ganz fest das Sommerkleid an. Eine Haarsträhne hatte sich gelöst und funkelte golden über die Stirne. So ist sie mir lang, lang in Erinnerung geblieben. Winkend, den Hut haltend, mit roten Wangen und feuchten blauen Äuglein, die herrlichen jungen Formen vom Sommerwind zärtlich betont. Ist mir in Erinnerung geblieben als ein Stückchen Menschheitsfrühlings, junger Liebe, badischen Landes. Ich habe Jahre, Jahre lang nie an Heidelberg gedacht, habe nicht das Schloß, nicht Scheffel, nicht den Neckar nennen hören, ohne so ihr liebes Bild zu sehen. Bis sie mir viel, viel später wieder, ganz anders, im Süden entgegenkam. Dreißigstes Kapitel Ich saß in seiner Junggesellenwohnung am Kettenhofweg und wartete auf Ben. Peter Pütz, der Diener, vorbildlich rasiert und gescheitelt, wortkarg, ernst und sehr korrekt, sagte, der Herr Doktor seien nur für eine halbe Stunde in dringlicher Angelegenheit ausgegangen und ließe bitten, zu warten. Peter Pütz hatte etwas erschreckend Feierliches, das den Angeredeten ehrte und doch jeden Widerspruch ausschloß. Hugo Hagedorn mit dem Holzbein war mir ja persönlich lieber gewesen. Aber Hugo Hagedorn hatte damals von Heidelberg nicht mitkommen wollen. Er meinte, sein Holzbein würde sich nie an das Frankfurter Pflaster gewöhnen; und so hatte er, weinend wie ein Schloßhund, Abschied von Ben genommen. Und vielleicht war das gut so; denn er wäre eine lebendige Erinnerung gewesen an die hübsche blonde Ev', die eines späten Sommertags mit einer Wurst die Treppen gestiegen kam und später so oft mit Blumen, mit viel, viel Blumen. Und doch hatte Peter Pütz eine gewisse Verwandtschaft mit Hugo Hagedorn, seinem Vorgänger. Keine Verwandtschaft des Bluts. Aber auch er hatte einen Defekt. Keinen körperlichen; obschon manchmal, wenn er gar zu feierlich wurde, der Verdacht nahelag, er hätte zwei Holzbeine. In seiner Vergangenheit war etwas nicht in Ordnung. Und das gerade hatte Ben bewogen, ihn zu engagieren. Pfarrer Köhne, der Schwiegersohn des Pfarrers Knospe, der nun auch schon draußen auf dem Friedhof seinen gemeißelten Spruch aus dem Korintherbrief auf dem weißen Marmorkreuz hatte, war so freundlich gewesen, ihn zu empfehlen. Pfarrer Köhne war Gefängnisgeistlicher in Dingelheim und hatte als solcher sich auch um die Seele des Peter Pütz bemüht. Dieser war leider, als Friseurlehrling, bei einem harten Meister durch viele Kopfnüsse und wenig Nahrung auf die schiefe Bahn gedrängt worden. Seine Vorliebe für geschmackvolle und kostbare Schlipsnadeln war ihm dann beim Bedienen der Kunden in den westlichen Villen verhängnisvoll geworden, und ein erster peinlicher Aufenthalt in Dingelheim hatte ihn dem Pfarrer Köhne nahe gebracht. Aus Dingelheim entlassen, war Peter Pütz Photograph geworden, hatte dann aber leider seinen bescheidenen Verdienst wiederum nicht mit seinen Lebensansprüchen in Einklang zu bringen vermocht. Und als eines Tages sich eine schon etwas angejahrte, aber vermögliche Dame zum Zweck der illustrativen Unterstützung einer Heiratsofferte bei ihm photographieren ließ, hatte er sie gebeten, Schirm, Handschuhe und Handtäschchen abzulegen und, »bitte, recht freundlich,« in den Apparat zu schauen. Damit die ausgezeichnete Kopfhaltung, die ihn bei der Nachprüfung bezauberte, nicht verloren gehe, hatte er der verzückt Lächelnden einen eisernen Halter fest in den Nacken geschoben und auch ihren Rücken entsprechend gestützt. Dann war er zur Präparation der Platte in die Dunkelkammer verschwunden, hatte aber dabei in künstlerischer Zerstreutheit, die ihm später das Gericht leider nicht glaubte, die hinter der recht freundlich Lächelnden auf dem Stuhl liegende Geldtasche mitgenommen. Das Resultat seiner künstlerischen Tätigkeit in der Dunkelkammer war dann für die heiratslustige Dame unerfreulich gewesen. Es hatten ihr später in der Geldtasche einundachtzig Mark gefehlt, von denen sie sich ungern trennte. Und da auch das bestellte Bildnis durchaus nicht den Hoffnungen entsprach, weil Peter Pütz, von anderen Gedanken in Anspruch genommen, dieselbe Platte zweimal benützt hatte, so daß die Bestellerin zwei Köpfe auf dem Bild hatte, deren einer wegretuschiert werden mußte, so ergaben sich gerichtliche Weiterungen, die schließlich Peter Pütz bedauerlicherweise wieder nach Dingelheim geführt hatten. Hier aber hatte sich unter dem milden Einfluß des gütigen Pastors Köhne die schöne seelische Wandlung vollzogen. Peter Pütz hatte, gestützt vom Zuspruch des mildgesinnten Geistlichen, eine Reihe von ganz vortrefflichen Vorsätzen gefaßt und diese auch umständlich zu Papier gebracht. Pastor Köhne hatte gerührt dieses nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Bekenntniswerk seines Pfleglings daheim seiner lieben Frau vorgelesen, und Frau Emma Köhne, geborene Knospe, hatte, was in der Knospeschen Familie gern geübt wurde, reichlich Tränen vergossen bei der Lektüre dieses menschlichen Dokuments. Durch die Pastorin hatte Ben, der, heimgekehrt von seiner Reise, einen Kondolenzbesuch bei Köhnes machte, von der schönen Wandlung dieser verirrten Seele erfahren. In einem seiner so raschen wie gütigen Entschlüsse hatte er Peter Pütz, bei seiner gerade erfolgenden Rückkehr in die freie menschliche Gesellschaft, den Posten als Diener bei sich angeboten; wobei ein wenig auch die Erwägung mitsprach, daß Peter Pütz, als gelernter Friseur, rasieren konnte und, als gelernter Photograph, bei der Entwicklung der Hunderte von Aufnahmen, die Ben auf seiner Reise gemacht, vortreffliche Dienste leisten konnte. Hocherfreut hatte sich Peter Pütz auf Rat des Pfarrers Köhne das Buch des Prinzen Reuß »Der herrschaftliche Diener« angeschafft und war nun sichtlich bemüht, nach den ausgezeichneten Winken und Angaben dieses hochgeborenen Autors sein berufliches und privates Leben zu regeln und einzurichten. Wobei allerdings dadurch eine gewisse Komplikation entstehen mußte, daß der Prinz Reuß bei seinem verdienstvollen Werkchen den herrschaftlichen Diener in einem hochherrschaftlichen, an Räumen und Personal reichen Hause im Auge hatte, während sich in den drei nicht großen Zimmern Bens, selbst wenn man die kleine Küche, die puppige Besenkammer und das winzige Dienerzimmer hinzurechnete, keine rechten räumlichen Möglichkeiten für eine volle Entwicklung all der Zeremonien, Regeln und Bräuche ergaben, deren pünktliche Ausübung der Prinz Reuß für seine Dienststunden dem perfekten herrschaftlichen Diener angelegentlich empfahl. Mich, der ich durch unser Hausmädchen, das vom Lande war, auf Korridoren sang und mit Vorliebe vor mir durch die Türen ging, mit korrektester Bedienung nicht gerade verwöhnt war, verwirrten die mit Ehrerbietung gesättigten und durch Bücklinge betonten Beweise einer kultivierten Dienstfertigkeit, wie sie Peter Pütz nach den Regeln des Prinzen Reuß zu üben wußte. Ich war froh, als er sich jetzt wieder, nach einer letzten Verbeugung in halbgeöffneter Tür, zurückgezogen hatte und mich allein ließ. Behaglich war's hier, das mußte man Ben lassen! Das Schlafzimmer ganz im Biedermeierstil mit Kirschbaummöbeln, die er sich selbst bei Althändlern in Mainz und Wiesbaden, oft mit Lebensgefahr die staubigen, dunklen Gewölbe durchkriechend, zusammengekauft hatte. Die beiden Wohnzimmer angefüllt mit Erinnerungen an die fröhliche Studentenzeit und an die große Reise. Vieles von dem Mitgebrachten hatte freilich seinen rechten Platz noch nicht gefunden. Schwere türkische Reiterpistolen, grellbunte bulgarische Stickereien, schlanke Araberdolche, zarte Fayencekacheln, seidene Brussatücher und allerlei zerbrochene und erdbeschmutzte Dinge von Ton und Stein, die von Ausgrabungen stammten oder doch diesen Anschein erwecken wollten, lagen und standen auf kleinen Tischen umher. Ein paar Teppiche aus Smyrna, Tongefäße aus dem Scamandertal und eine kleine Sammlung alter Koranausgaben war noch unterwegs. Das wußt' ich aus seinen Briefen. Famose Episteln hatte er geschrieben von unterwegs. »Sendschreiben« nannte er sie großartig. Sammelbriefe waren's an alle Verwandte zugleich, mit persönlichen Postskripten für die einzelnen. »Erwartet nicht,« hatte er in seinem ersten Brief geschrieben, »daß dabei neue wilde Völkerschaften entdeckt, fabelhafte Tierspuren in den Basalten oder Schieferschichten gefunden werden. Hofft nicht, daß ich Eure Phantasie füllen werde mit unerhörten Abenteuern, die weder im Walter Scott noch im Rinaldo stehen – das wird nicht einmal die phantasiebegabte Tante Tüßchen erwarten. Ich bin auch nicht der selige Herodot aus Halikarnaß, der seinem Publikum lauter unbekannte Gegenden beschreiben und den lieben Mythenklatsch auftischen durfte, mit dem heute unsere seufzenden Sextaner noch reichlich gefüttert werden. Ich bin auch froh, daß ich's nicht bin. Denn der alte Herodot ist zwar ein berühmter, aber ein toter und stiller Mann. Ich aber sehe die lebende, lachende Welt noch gern mit meinen lebenden lachenden Augen ...« So stand's im ersten Sendschreiben zu lesen; und danach hat er gründlich gehandelt. Nach frohen Tagen in Wien, wo ihn der Prater mehr fesselte, als der Stephansdom – »wenn ich noch lange hier bleib', komponier' ich Walzer,« schrieb er – war er nach Belgrad gefahren. Köstliche Schilderungen von den Sehenswürdigkeiten dort hatte er gemacht, die mehr oder minder in Bäumen bestanden, an denen vor soundso viel Jahren ein Pascha die Janitscharen aufknüpfen ließ, oder in anderen Bäumen, an denen nun wieder die Janitscharen ihrerseits die Paschas geknüpft hatten. Dann ging's weiter auf dem Balkan nach Sofia. Von dort schrieb er, mit der besonderen Bitte, es Tante Tüßchen laut vorzulesen, die ihn vor seiner Abreise bereits im Balkan ermordet und beraubt gesehen hatte: »Man kann unter unserem Himmelsstrich – so um das gesittete Frankfurt herum – nicht von den Pampas reden, ohne an grell bemalte Indianer und pferdestehlende Gauchos zu denken. Man kann nicht von der Wüste reden, ohne Beduinen im weißen Burnus auf edlen Araberrossen hinter den kahlen Felsen lauern zu sehen, wie sie unser Frankfurter Schreyer so oft gemalt hat. Man kann nicht von Venedig schwärmen, ohne an die schwarzen Gondeln mit dem hochragenden gezackten »Ferro« am Schnabel zu denken. (Adi denkt bestimmt daran!) Und endlich: man kann bei uns nicht den »Balkan« nennen, ohne ängstigende Bilder von Räubern und Meuchelmördern heraufzubeschwören. Von bärtigen, zerlumpten Söhnen der rauhen Felsklüfte, von unerschrockenen Kerlen ohne Skrupel und Gewissen, die auf eigene Rechnung ihre dunklen »Geschäfte« betreiben oder zu hochgestellten Arbeitgebern das zuversichtliche Wort sprechen, das einst schon ihr Seelenverwandter Angelo dem Kammerherrn Marinelli ins wohlgeneigte Ohr geraunt: »Was sich ein anderer zu tun getraut, wird für mich auch keine Hexerei sein. Und billiger bin ich als jeder andere.« Mag sein, daß ein Harmloser, der hinter Berkowitza des Abends die waldigen Höhen zu Fuß hinansteigt, zum Gintzipaß im herrlichen stillen Rotbuchenwald, für den Blick in die wilden Schluchten der Ribna plötzlich einem von keinem Balkanstaat ernannten Steuerbeamten einen reichlichen unfreiwilligen Tribut zahlen muß. Mag sein, daß heute noch ein einsamer Wanderer, der hoch auf dem Schipkapaß großen Erinnerungen an General Gurkos berühmten Übergang nachträumen will, sich plötzlich gezwungen sieht, einigen ungerufenen Fremdenführern, als Zeichen der Erkenntlichkeit für ihre famosen »Erklärungen«, seinen goldenen Chronometer auszuhändigen. Aber wer bei Nacht in einem sanft gleitenden Luxuszug seine Fahrt antritt durch den Balkan von Belgrad nach Sofia, durch das Mischawatal über den engen Dragomanpaß, den vor acht Jahren die Bulgaren in blutigem Ringen an die Serben verloren, der wird beim Erwachen aus ungestörtem Schlummer befriedigt in den jungen Morgen blinzeln, lächelnd über die schlimmen Märchen vom Balkan und seinen wilden Männern. Die Romantik, die in der Praxis recht peinlich werden kann, wird eben immer mehr zurückgedrängt. Zurückgedrängt aus den Ebenen, in denen die großen Städte emporblühen. Zurückgedrängt aus den Bergen des alten Hämos, wie einst der Balkan hieß, da noch die Mygdonen und die thrazischen Agrianen, deren Speerwurf so berühmt war, an den rosenreichen Hängen dieser Berge ihre fetten Herden weideten. Aber Ihr braucht Euch daheim keine Sorge zu machen – ich bin nicht ausgestiegen, unvorsichtigerweise mit zu weiden. Ich bin durchgefahren nach Sofia ...« Und auf Sofia folgte Konstantinopel. Wohl wohnte er dort – er hätte nicht der Ben sein müssen – oben in Pera im vornehmsten Europäer-Hotel, aber er kostete auch die ganze Romantik der Märchenstadt in ihren türkischsten Winkeln aus, freundete sich mit den tanzenden Derwischen an, trank, um bunte Tücher handelnd, Kaffee in den Basaren, verlor ein paar Goldstücke in armenischen Spielhöllen. Ja, er verschaffte sich sogar eine Audienz beim Generalsekretär des Sultans und erzählte dem unheimlich höflichen Herrn in seinem ausgezeichneten Französisch, daß er diese Studienreise »zur Anbahnung eines besseren Verständnisses zwischen Orient und Okzident« unternommen habe. Wobei es ihm gelang, die durch einen kleinen jüdischen Dolmetscher übermittelte Gegenfrage, in welcher Richtung er diese völkerbeglückende Tätigkeit auszuüben denke, dreimal zu überhören oder doch nur durch spontane Kundgebungen der Bewunderung für die landschaftlichen Schönheiten des Bosporus und der Süßen Wasser von Europa etwas unklar zu beantworten. Jedenfalls hatte der gute Ben, sei es durch sein liebenswürdiges Wesen allein und durch die Überlegenheit, die die Beherrschung fremder Sprachen verleiht, sei es durch die mystischen Hinweise auf seine künftige versöhnliche Wirksamkeit, den mißtrauischen Orientalen, der unbeweglich, in einen langen schwarzen Rock geknöpft, aus dem schmalen schwarzen Schlitz seiner listigen Augen ihn unverwandt prüfte, so für sich eingenommen, daß ihm dieser beim Abschied durch den Dolmetscher sagen ließ, er werde nicht verfehlen, Seiner Majestät dem Sultan von der Anwesenheit des Herrn Benjamin Mewes in Konstantinopel Kenntnis zu geben. »Was sich Seine Majestät der Sultan bei dieser Mitteilung gedacht hat,« schrieb Ben, »weiß ich nicht. Odalisken hat er mir nicht geschickt. Irgendwelche Festbeleuchtungen des Goldenen Horns oder Maskenbälle im alten Serail wurden zu meinen Ehren nicht angesetzt. Doch fand ich allerdings im Hotel, zwei Tage später, einen von einem Kawassen des Jildis überbrachten Erlaubnisschein, mir die für Fremde sonst schwer zugänglichen Schatzkammern des Sultans aufschließen und zeigen zu lassen. Der Gang durch dieses berühmte Schatzhaus, das auf der östlichen Landspitze von Stambul, an der Stelle der versunkenen Akropolis des vorchristlichen Byzanz liegt, wird dadurch ein wenig unbequem, daß ein kleines Heer von schweigsamen Wächtern in dem hochgeknöpften schwarzen Bratenrock, der in der Türkei zu allem Feierlichen gehört, den alten Hausmeister begleitet, der mit zwei riesigen Schlüsseln die eisernen Türen aufschließt. ( NB . Jetzt kann ich mir endlich eine Vorstellung machen von unseres edlen Schwagers Kurt aufreibender Tätigkeit als Oberschloßhauptmann!) Diese schweigsamen, schwarzen Wächter, im Lemurenschritt gleitend, weichen einem nicht von der Seite. Einer sieht mir unverwandt auf die linke Hand, einer auf die rechte Hand, einer ins linke Auge, einer ins rechte Auge. Ja sogar auf die Beine sehen mir zwei. Es muß vorgekommen sein, daß sich hier öfter Zehenkünstler eingefunden haben zum Stehlen. Kinder, das lohnt schon! Was hier in drei mäßig großen Sälen und den dazu gehörenden Galerien an Kostbarkeiten aufgespeichert ist, das wirkt auf das verblüffte Auge des Mitteleuropäers wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Oder doch: es könnte so wirken. Aber leider ist wenig Ordnung und gar kein System in diesen Sammlungen, von denen das kleinste Zimmer sicherlich viele Millionen Wert repräsentiert. Was wäre aus dieser einzigen Sammlung zu machen, wenn man ihr breite schöne Säle mit Licht und Luft gäbe! Wie würden diese Tausende von Rubinen, Smaragden, Diamanten funkeln im Licht! Anstatt dessen liegen billige Bernsteinwaren und verstaubte Korallen, die ein Kenner in Neapel für einen Napoleon viel schöner kauft, bei unbezahlbaren viereckigen Brillanten, bei dunklen Topasen von fabelhafter Größe in Prunkgeschirren aus blauem Lapislazuli, in riesigen flachen Onyxschalen. Bei goldenen Vasen von wundervoller Arbeit rostet eine alte Spieldose oder langweilt sich eine wertlose Wasserpfeife aus Böhmen. Wenn hier einem Künstler einmal erlaubt wäre, Ordnung zu bringen in das Chaos! Wenn er die furchtbaren Holzgerüste entfernen dürfte, die auf den Galerien, steif wie die Modellgestelle bei einem Pariser Schneider, die Prachtgewänder der Sultane aus kostbarstem Brokat tragen! Wenn er die entsetzlichen Turbane, die ohne Vermittlung von Kopf und Hals auf den eckigen Schultern sitzen und an ihren verstaubten Aigretten die edelsten Steine Europas in nie gesehener Größe zeigen, durch andere ersetzen dürfte, und all diesen mit Smaragden und Diamanten überladenen Schwertern und Dolchen einen anderen Platz geben, als in den schmutzigen Gürteln dieser verstaubten Puppen! Wer hier nicht, genauer zusehend, staunend erkennt, daß der Griff dieses Dolchs von einem einzigen Smaragden gebildet wird, und daß jener persische Thron beim Eingang unter den Tausenden von echten Perlen, die über seinem Sitz – mehr die Kostbarkeit, als die Bequemlichkeit erhöhend – hingestreut sind, keine einzige aufweist, die kleiner ist, als eine wohlgebaute Erbse – der verläßt die reichste Schatzkammer des Kontinents mit dem Eindruck, nur die verwirrend reichhaltige Garderobe eines deutschen Stadttheaters gesehen zu haben ...« Als dieser Brief beim sonntäglichen Familienessen bei der Mutter vorgelesen wurde, war Tante Tüßchen der Ansicht, daß Ben unbedingt den Versuch machen müßte, dieser in die Schatzkammern des Großsultans Ordnung bringende mitteleuropäische Künstler zu sein. Sie war überzeugt, daß der Sultan, der ja zu ihrer Genugtuung von Bens Ankunft in Konstantinopel »unterrichtet« war, solchen Vorschlag nur mit Freuden begrüßen könnte. Sie wußte aus Büchern, die sie gelesen, daß man unter Harun al Raschid, der allerdings in Bagdad lebte, aber auch sonst unter weisen Kalifen fabelhafte Karriere machen konnte, wenn man einen guten Vorschlag mit der im Orient seltenen Redlichkeit der Ausführung verband. Es wäre doch herrlich, meinte sie, wenn Ben dadurch in jungen Jahren schon eine hoher Würdenträger würde und vielleicht als Ben-Pascha mit dem Prädikat Exzellenz oder so zurückkomme. Sie ließ sich auch nicht davon abhalten, Ben in diesem ermunternden Sinn zu schreiben. Aber Ben hat diesen interessanten Brief der Tante, der über Pera, Brussa, Smyrna, Ephesus, Athen, Triest, Lugano hinter ihm herreiste, erst mit vielen türkischen und deutschen Aufschriften versehen im Kettenhofweg in Frankfurt bekommen. Wer weiß, welche Wendung sonst seine dem Sultan gerühmten Studien und sein persönliches Geschick genommen hätten. ... Auf Ben, der lange ausblieb, wartend, ordnete ich seine mitgebrachten Briefe, die er, an Stelle eines Tagebuchs, geschrieben und sich nun zur Zusammenstellung seiner Reiseerlebnisse und Registrierung seiner photographischen Aufnahmen zurückerbeten hatte. Ich hatte ihn neulich bei seiner Rückkehr nur flüchtig auf dem Bahnhof gesehen, und war nun begierig, wie er sich sein neues Leben, dessen Aufgaben und Ziele wohl dachte. Das Jahr nach seinem in holdem Leichtsinn gut bestandenen Doktorexamen hatte er mit der Suche nach einem geeigneten Wirkungskreis in Deutschland ausgefüllt. Erst hatte er ein paar Wochen die Dresdener Galerie studiert, wobei ihm eine hübsche Amerikanerin half, deren Vater in St. Louis Bier braute. Dann hatte er einen Monat mit großer Begeisterung Alt-Weimar auf Goethes Spuren durchwandert und hatte sich hier von einer Malerin den Plan suggerieren lassen, alte deutsche Städtebilder als Prachtwerk herauszugeben. Zu diesem Zweck hatte er wochenlang in Lüneburg, Hildesheim und Goslar Wohnung genommen. In Hildesheim waren ihm leider alle seine Lüneburger Bilder und Notizen gestohlen worden; und in Goslar hatte er Ärger mit den Behörden gehabt, der ihn so sehr verstimmte, daß er die geplante Reise zum »Meistertrunk« nach Rothenburg aufgab und mit viel Stichen und Aquarellen, einem in Lüneburg vertauschten Koffer und einem in Goslar zugelaufenen älteren Foxterrier nach Frankfurt heimkam, um eine Studienfahrt in den Orient zu rüsten. Bei all diesen Plänen und Unternehmungen litt er immer, etwas beschämt, unter dem Gedanken, daß er eigentlich ein ganzes Jahr nichts Rechtes, wenigstens nichts recht Sichtbares und Nachweisliches gearbeitet hatte. In der Familie war doch sonst jeder in seiner Weise tätig; ich als recht beschäftigter Anwalt, Schwager Kurt als nicht immer auf Rosen gebetteter Oberschloßhauptmann eines immer älter und schrulliger werdenden kleinen Fürsten, und sogar der sich den Siebzigern nähernde Onkel Amman wirkte noch als Vorsitzender einer Reihe mehr oder minder überflüssiger, aber immerhin Sitzungen abhaltender und Akten füllender Vereine. An einigen Anspielungen auf junge Leute, denen's zu gut geht und die gar nicht wissen, wie sich andere plagen mußten, von gewissen Seiten fehlte es auch nicht. Nur Tante Tüßchen, die mit zunehmendem Alter einer immer vergnügteren Lebensauffassung huldigte, äußerte mehrfach ihre freudige Genugtuung, daß mal einer in der Familie kein Arbeitstier in der Tretmühle zu sein brauche und immer zur Verfügung stehe, wenn sie bei schönem Wetter in den Taunus fahren oder an einem regnerischen Abend in die oft gesehene »Afrikanerin« gehen wollte. Gerade solch zweifelhaftes Lob aber ließ Ben die Vorbereitungen für seine Orientreise beschleunigen. In seiner optimistischen Art maß er dieser Expedition entscheidende Bedeutung für seine künftige Lebensarbeit zu; ohne allerdings zunächst zu ahnen, welche neuen und merkwürdigen Aufgaben ihm die Bekanntschaft mit dem Balkan, dem Bosporus und den Träumerstätten Kleinasiens vermitteln könnten. Einunddreißigstes Kapitel Peter Pütz riß plötzlich die Tür am Korridor auf und ließ mit einer respektvollen Verbeugung, die im Buche des Prinzen Reuß wohl nur für Mitglieder regierender Häuser vorgesehen war, den vom raschen Gang leicht erhitzten Ben an sich vorbei. Hierzu hatte sich Peter Pütz weiße Baumwollhandschuhe angezogen und war, nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, außerordentlich zufrieden mit sich und seiner nach hohen Anweisungen geregelten Pflichterfüllung. Bens Ausdruck war weniger glücklich. Als wir allein waren, kam er mit einer Herzlichkeit auf mich zu, in der, so schien's mir, etwas wie versteckte Angst lag. »Laß dich anschauen, Ben! Ganz braun bist du geworden –« »Mein Gott, ja – Sonne hat mir genug auf den Schädel gebrannt. Man meint manchmal, es wär' da im Osten eine ganz andere Sonne – sie kann lästig werden, angriffslustig, feindlich.« »Aber unter dieser östlichen Sonne bist du auch, darf man das sagen: männlicher geworden, Ben! Die kleinen Bartleisten an den Backen hast du wohl dem Theodor Körner abgeguckt? Ober läßt du sie zu Ehren deiner Biedermeiermöbel stehen?« Ben überhörte das alles. Er schien nicht sehr auf Humor gestimmt und von Angelegenheiten reden zu wollen, die ihn ganz erfüllten. »Zunächst sei nicht bös, Adi, daß ich dich warten ließ. Aber ich muß eben die Stunden wahrnehmen. Ich habe mich hier gleich in Arbeiten gestürzt, um ...« »In Arbeiten? In was für Arbeiten?« »Nachher davon. Also du weißt, Adi, meine Reise hat in Konstantinopel, in dem ich nach meiner Rückkehr aus Kleinasien nochmals zwei Wochen war, nicht geendigt. Auch nicht in Athen, das mir in recht übler Erinnerung ist. Auf der Fahrt nach Eleusis am ersten Tag hab' ich mir den Leib erkältet ... Erlaß mir das zu schildern, was es heißt, sich im modernen Hellas den Leib erkälten! Die geharzten Weine und das Olivenöl, mit dem statt der Butter gekocht wird, tun das übrige. Die Weltflucht, zu der einen das Leiden zwingt, macht den frömmsten Humanisten zum Tempelschänder. Man flüchtet in geborstene Heiligtümer und genießt Blicke auf den Golf von Salamis aus höchst unerwünschten Situationen. Eine Diät ist unmöglich. Im Hotel wurde ich in meinem hilflosen Zustand elend geneppt. Auf der Akropolis lief ich dem alten Leobschützer aus Offenbach in die Arme, der mit einer üppigen Korfiotin griechische Studien trieb. Ich bin zu Schiff von Piräus nach Triest geflüchtet, von Triest nach Venedig. Die ersten Menschen, die ich auf dem Markusplatz treffe, sind der Erbprinz und Herr von Birkhuhn. Diesmal Wienerinnen im Gefolge! Die Hoheit war sehr gnädig und hat sich für meine Reise interessiert. Ich habe gesagt, der Sultan läßt grüßen, und bin am selben Abend mit dem Nachtzug nach den oberitalienischen Seen gereist. In Lugano hab' ich Ruhe gefunden und bin gesund geworden. Die himmlische Schönheit dieses Sees wirkt nach der verwirrenden Märchenbuntheit von Stambul und Galata, nach der anspruchsvollen Romantik der Dogenstadt, nach der Fahrt die kahle, zerklüftete Küste von Epirus entlang, wie die lieblichste Ruhe. Nirgends anders hab' ich die beliebten Bilder der Poeten so als wahr empfunden: der Wind streichelt – die Sonne küßt ... Nach der grellen Janitscharenmusik ein sanftes Mandolinenlied. Der Schmutz des Orients weicht der Sauberkeit der Schweiz. Die langweiligen Ölbäume, die ewig staubigen, fehlen; Pinien und Zypressen sind seltener – aber Oleander, Taxus, wilder Lorbeer und Rosen, Rosen, Rosen! Kreuz und quer hab' ich den See durchfahren. Herrliche Fußwanderungen hab' ich gemacht. Eines Tages bin ich von Lugano über Magliaso durch wundervollen Wald nach Badigliora hinaufgeschlendert. In einem sanft ansteigenden Naturpark hab' ich auf einer Bank gesessen, ganz allein, und über See und Berge hingeträumt. Da auf einmal – es war wie ein Blitz, der die Seele erleuchtet und in Flammen setzt zugleich – hab' ich's gefühlt und gewußt: du mußt Ev' kommen lassen! Hierher, an den See dort mußt du sie kommen lassen! Du bist in ihrer Schuld. Du dankst ihr den schönsten, reichsten Sommer deines Lebens. Du mußt ihr diesen Blick schenken, dies Erlebnis, diesen See und die Berge und – und dich selbst.« »Ist sie gekommen?« »Nein. Ich schrieb noch am Abend einen Eilbrief. Schrieb alles hinein, was ich empfand. Bekannte ganz ehrlich, wie's mir nach unserer Trennung – die sie gewollt hat, denn ich wäre bereit gewesen ...« »Ich weiß. Also was schriebst du?« »Schrieb, wie's mir nach unserer Trennung erst schwer, so schwer, dann allmählich leichter gefallen, sie zu entbehren, ihr Lachen, ihre Anteilnahme, ihr Fragen, ihren Kuß. Damals – du weißt das nicht – damals ist mir Ruths Freundschaft viel gewesen. Ruth ist überhaupt ein fabelhaft verständiger Mensch. Dafür macht ihr Vater jetzt die Dummheiten. Sie hätte ein Mann werden sollen, mit ihr zu reisen, müßte wahrhaftig eine Freude sein.« »Hast du das Ev' auch geschrieben?« »Aber nein. Der Brief war überhaupt nicht lang. Und doch der erste seit vielen, vielen Monaten. Anderthalb Jahre hatten wir nichts voneinander gehört. Nichts. Das war so ausgemacht. »Jetzt gehst du fort,« hatte sie zuletzt zu mir gesagt, »ich dank' dir, daß du da warst. Ich hab' dir gehört. Mit Leib und Seele – und so gern. Jetzt gehör' ich meinem alten Vater. Er hat mir die Treue gehalten – jetzt halt' ich sie ihm. Schreib mir nicht – ich würde nicht antworten. Ich weiß, daß du noch oft an mich denkst – ich denk' noch oft an dich. Und wir wollen uns jung in Erinnerung behalten, da wir nicht zusammen alt werden können. Das ist auch was Schönes. Leb wohl, Ben!« Er sprach das ganz langsam, jedes Wort betonend, wägend, nachkostend, als ob er einen alten Brief lese. Ich wußte, daß jedes Wort so gesprochen worden war; keines mehr, keines weniger. »Verstehst du das – ich hatte so oft an sie gedacht, dankbar, verliebt, lächelnd, traurig. Und dann war ihr Köpfchen, das eben noch zum Greifen nah war, verblaßt vor anderer Sonne oder verschwunden hinter Wolkenwänden. Jetzt – hier – in dem sonnenwarmen Naturpark eines Tessiner Dörfchens, das noch kein Hotel hat und keinen Fremdenstrom, auf einer Waldbank mit dem Blick auf den Monte Rosa fällt mich plötzlich die Sehnsucht an. Mit einer Wolfsgier packt sie mich, schüttelt mich und würgt mich. Und am Abend sitz' ich im Hotel und schreibe. Nach achtzehn Monaten zum erstenmal. Schreibe, was ich ehemals täglich geschrieben, stündlich gedacht, allnächtlich geträumt: »Ev'! liebe, liebe Ev'!« »Und ist sie gekommen?« In diesem Moment trat Peter Pütz ein, der jetzt im Frack war, und brachte in türkischen Täßchen auf silbernem Brett den Mokka und Zigaretten. Das Buch des Prinzen Reuß schien umständliche Bräuche für diesen dem Laien einfach erscheinenden Fall der Bedienung vorzuschreiben, denn es dauerte lange, bis Peter Pütz, lautlos, wie er gekommen, wieder verschwunden war. Ich schlürfte rasch ein Schälchen aus und hatte zu meiner Verwunderung den Mund dick voll breiigen Kaffeesatz. Ben mochte mein unerfreutes Gesicht gesehen haben. »Das muß so sein,« sagte er, »das ist türkisch.« Ich dachte mir, daß es türkisch sein möge, daß ich aber den Kaffee ohne den Brei der Tiefe vorziehe. Ben ließ in nervösem Spiel den Hahn einer alten Reiterpistole knacken. Er betrachtete sinnend das verrostete Schloß, während er langsam sagte: »Sie ist nicht gekommen. Sie schrieb mir –. Und jetzt, Adi, jetzt brauch' ich dich als Bruder, als Menschen, als Juristen ...« »Als Juristen –?« »Ja, du wirst das später verstehen. Sie schrieb mir: Ich kann nicht kommen, Ben, wenn ich auch möchte. Ich kann nicht von dem Vater fort. Er ist sehr alt geworden. Und ich kann nicht – von dem Kind fort. Es ist noch so klein.« »Was für ein Kind?« »Ihres. Meines. Unseres. Ich hab' nichts davon gewußt – nichts. Das ist doch selbstverständlich ... ich hätte doch sonst ... Acht Monate nach meinem Abschied von ihr ist es geboren. Ein Junge – er heißt Joseph. Ist blond und sieht mir ähnlich.« Und plötzlich ausbrechend, wie überwältigt von Erinnerungen, Gefühlen, Freuden, Besorgnissen, warf sich Ben an meine Brust, stürmisch, wie er seit Knabentagen nicht getan, und wiederholte in heißem Flüstern immer wieder: »Ich hab' einen Jungen – er heißt Joseph! Ist blond – und sieht mir ähnlich!« Es klopfte. Es war Peter Pütz, der, korrekt an der Tür stehend, mit leichter Verbeugung fragte, ob er Licht machen solle. Mir schien, daß Ben jetzt gewünscht hätte, die alte türkische Pistole sei nicht alt und verrostet, sondern neu, gut imstand und geladen, damit er sofort den Peter Pütz niederschießen könne. Aber dann war er wieder im Banne der Korrektheit des musterhaften Schülers des Prinzen Reuß und sagte bloß: »Machen Sie Licht!« Als Peter Pütz mit priesterlichen Bewegungen die Lampen angeknipst und das Zimmer wieder verlassen hatte, erfuhr ich von Ben die Geschichte der ersten und einzigen Begegnung mit seinem Sohn, der Joseph hieß, Sepp genannt wurde, blond war und ihm ähnlich sah. Drei Stunden nach Empfang des Briefes von Ev' saß Ben im Zug und fuhr dem Gotthardt zu. Nirgends hielt er sich auf. Von Basel aus hatte er Ev' ein Telegramm geschickt und erbat Nachricht in Viktoriahotel in Heidelberg, wann und wo er sie und das Kind, möglichst sofort nach seiner Ankunft, sehen könnte. Im Hotel fand er am Abend spät ein Briefchen, das nur die Worte enthielt: »Ich bin mit dem kleinen Sepp morgen früh um neun Uhr am Scheffeldenkmal auf der Schloßterrasse.« »Auf diese Weise,« sagte Ben, »erfuhr ich, daß mein Sohn, der Joseph hieß – nach wem wohl – »Sepp« gerufen wurde. Ich fand die Abkürzung nicht schön; fand sie bäurisch und hart im Klang. Aber in der Nacht – von Schlaf war kaum die Rede – hab' ich immer wieder vor mich hin gesagt: »Sepp – lieber Sepp – lieber, kleiner Sepp!« Eine wahnsinnige Zärtlichkeit in mir war erwacht für etwas Lebendiges, von dessen Existenz ich achtundvierzig Stunden vorher noch keine Ahnung gehabt. Für ein Menschlein, das zwölf Monate schon atmete, lachte, die Äuglein aufriß, ohne daß ich wußte: es ist da, es ist Blut deines Bluts, Atem deines Atems, Auge deines Auges. Ich malte mir aus, wie er aussehen könnte. Ein goldblondes Schöpfchen hatte er vielleicht – und Speckgrübchen in den Fingern – und Goldkäferschuhchen an den Füßchen, die noch so bewegliche Zehen hatten. Ob er auch manchmal die große Zehe in den Mund nahm, der Sepp? und ein Pfännchen machte und weinen wollte, wenn man sagte: »Ada gehn?« Alle Kinder, die ich klein gekannt, suchte ich mir vorzustellen, um ein Bild zu bekommen, wie etwa mein Junge aussehen könnte ... Aber Elsbeth, die ich mich gut als Kind erinnerte, hatte schon ein blondes Zöpfchen, da ich, als Älterer, mit ihr spielte. Und das Davidchen erinnerte ich mich am besten in den ersten Höschen, an denen es immer die Knöpfchen zu schließen vergaß. Aber der einjährige Sepp trug doch noch keine Höschen ... Und gegen Morgen kamen mir die ernsten Erwägungen: was wird nun? Die Freude in mir, ein Kind zu haben, so unsinnig sie sein mochte, da sie mich ohne jede Vorbereitung überfiel, war größer und stärker, als jedes andere Gefühl. Wenn mich jemand gefragt hätte: ob ich den Sepp, den ich nicht kannte, anerkennen wollte, ich hätte gesagt: »Sie Narr! Wie können Sie so dumm fragen! Meinen Jungen werd' ich verleugnen! ...« So lag ich wach und warf mich herum. Ev's liebes rotbäckiges Gesichtchen, das ich im Wald von Badigliora zum Greifen nah vor mir gesehen, verblaßte neben dem Kinderköpfchen, auf das so viel Licht der Hoffnung, der Freude fiel, und dessen Züge ich doch vergebens zu erforschen suchte. Nebenan schnarchte eine alte Dame schrecklich. Ich hätte sie am liebsten geweckt und ihr zugerufen: »Wie können Sie schlafen, alte Dame?! Ich hab' einen Jungen, der Sepp heißt und blond ist und mir ähnlich sieht!« Es ward schon allmählich hell und hinter dem Berghang waren die Vögel munter, da fiel mir ein: Joseph Viktor von Scheffel! Joseph!! Daher! Sie hat ihn »Joseph« genannt – der Scheffel war Pate! An seinem Standbild, das ich mit enthüllt hatte und in nächtlichem Kellerfest gefeiert, haben wir die letzten Tage nach dem Examen, wie oft, gesessen. Und zu seinem Standbild hat sie mich bestellt, daß ich unterm Bilde des Heidelberger Paten zum erstenmal den kleinen Joseph sehe. Meinen Sepp, der blond ist und mir ähnlich sieht ... Und so bin ich früh am Morgen, es war schon hell und die Amseln sangen – doch noch einmal eingeschlafen. Ganz fest, traumlos. Und hätte richtig – ähnlich dem alten Bunsen, der an seinem Hochzeitstag einen wissenschaftlichen Ausflug in die Berge gemacht hatte – beinah das Stelldichein mit meinem Jungen und seiner Mutter verschlafen. Ohne Frühstück bin ich in eine Droschke gesprungen. Nach dem Schloß! Da fiel mir ein, ich muß doch dem Jungen was mitbringen. Kutscher – über die Hauptstraße! An einem Spielwarengeschäft halten! Das ältliche Fräulein im Spielwarengeschäft, das so früh noch keinen Kunden gewohnt sein mochte, war recht schwerfällig. Einen Fußball bot sie mir an für das Kind und einen Indianerbogen mit Pfeilen. Zwölf Monate, nicht zwölf Jahre, Fräulein! Schwerhörig war sie auch. Schließlich einigten wir uns auf einen Wollaffen und ein geographisches Lotto. Ich schämte mich schon in der Droschke. Ich beschloß, den Lottokasten im Wagen zu vergessen. Aber der Wollaffe war großartig! Er hatte eine rote Mütze auf und rote Höschen mit Goldborte an, und man konnte ihn an seinem Ringelschwanz aufhängen. Am Schloßportal entlohnte ich den Kutscher. Der wird sich öfter solche Trinkgelder gewünscht haben. Es war ein wundervoller Herbstmorgen. Golden und blutrot hing das Laub um den gesprengten Turm. Es war, als ob er blute aus seinen Mauerwunden. Der Efeu kletterte in dunkelgrünen Schlangen dazwischen. Der Wind ging noch spätsommerlich warm durch die Wipfel. Hell lag die Sonne auf dem Pflaster des Schloßhofs, als ich vorbeikam. Die Terrasse schwamm im Silberdunst der Frühe. Die feuchten Dächer der Stadt blendeten silbrig herauf. Ganz fein und fern hörte man Lärm und Stimmen der Straßen. Auf einer der Bänke am Scheffeldenkmal saßen zwei junge Engländer, rauchten aus kurzen Pfeifen und sahen gelassen nach den schweren Wanderstiefeln des Ekkeharddichters, der, den Kopf in der Sonne, all die Schönheit des Heidelberger Morgens zu baden schien. Und jetzt dort – dort – – unter der Buche, an derselben Stelle, an der Willibald von Gollwitz den Entschluß gefaßt hatte, statt eines abermaligen Examenversuchs sich einer Expedition im schwarzen Erdteil anzuschließen – – Mein geographisches Lotto fiel mir ein – das jetzt in der Droschke wieder nach Heidelberg hinunterfuhr – So blöd ist der Mensch – – Dort stand ein Kinderwägelchen, ein Korbwägelchen! Mein erster Gedanke – so blöd ist der Mensch – das hat der alte Ackerle selbst geflochten! Selbst – der alte Mann mit seinen zittrigen Fingern. Und du, Ben, Vater, Schändlicher, hast nicht gewußt, geahnt ... Ein kleines Menschlein umkrebst das Wägelchen, faßt mit den kleinen Händen nach Flechtwerk und Speichen, kräht laut vor Lust mit geschlossenen Äugelchen in die Sonne und tappst wieder in die Luft mit den Schuhchen – Richtig, Goldkäferschuhchen! Der kleine Joseph – der Sepp – mein Sohn!! Und hinter ihm, sorglich schützend die Arme ausbreitend, bereit, das Kerlchen zu stützen, aufzufangen, wenn er strauchelt, die blonde Ev'. Unverändert, vielleicht ein bißchen völliger, ein bißchen schwerer, mütterlicher – aber das Köpfchen noch so frei aus dem schlanken Hals. Und auf dem Köpfchen – also erinnerst du dich, die rosafarbenen Möwenflügelchen? Von einem Hut wanderten sie auf den andern – so sparsam war die kleine Ev'. Und die Flügelchen gehörten zu ihrem Hut, zu ihrem Köpfchen, zu ihr, wie dem Merkur seine am runden hellenischen Reisehut. Mein Herz flog zum Zerspringen. Hämmerte, als ob ich den ganzen, weiten Weg vom Tessiner See über die Alpen hierher zu Fuß gelaufen wäre. Und dann plötzlich – plötzlich hatte ich etwas Weiches, Warmes in den Armen. Ein Körperchen, das strampelte, und sich's doch gefallen ließ, daß ich's an mich riß. Ein Menschlein, das große, blaue, erstaunte Augen machte und doch nicht losheulte, als ob es instinktiv fühlte, der Mann da gehört zu dir – der Mann da hätte längst kommen und dich in seine Arme nehmen müssen! Und dann hab' ich zwei kleine Lippen berührt, feuchte, weiche, kleine Lippen, wie Blumenblätter so nachgiebig – und der Kinderatem so rein, wie eine Blume ... Ich weiß nicht mehr, was wir zunächst gesprochen – weiß nicht, wer gefragt, wer geantwortet hat. Weiß nicht, ob ich Ev' einmal, ob ich sie zehnmal geküßt oder gar nicht. Ich hatte – muß ich mich schämen? Nein, ich muß nicht – ich hatte die Augen voll Tränen und meine Hände zitterten. Aber ich saß auf der Bank und hatte den kleinen Sepp auf dem Schoß; und der Affe streckte seine langen Wollarme in die Luft, als ob er auch irgend etwas auf den Schoß nehmen wollte ... Und auf einmal hört' ich Ev's liebe Stimme. Hörte mit einmal jedes Wort, als stünd' es, lange nachklingend, in der klaren Luft. Und die weiche, gute Stimme riß mir die alten Bilder aus der Herzenstiefe ans Licht. Ich sah das Mädel an den Vasen stehen, oben im Wohnzimmer in der Anlage, sah sie die Feldblumen aus den Sträußen mit den geschickten, rosigen Fingern umordnen und tränken und – genau im Tonfall, wie sie damals oft gefragt hatte: »Gelt, sie sind halt arg hübsch, die Maßliebchen und Kornblumen zwischen den Gräsern?« – hört' ich jetzt: »Gelt, 's ist ein arg lieb Büble, der Sepp?« Die Engländer hatten gleichgültig ihre Pfeifen ausgeklopft und waren gegangen. Passanten mögen hier und da vorübergekommen sein. Zweier dicker Damen in Zugstiefeln und Lodenmänteln erinnere ich mich sogar noch, weil der Sepp ihnen grundlos zujauchzte und unbedingt der einen schlecht gewickelten Schirm haben wollte. Sonst sah und hörte ich nichts. Nichts als das Kind. Wir spielten mit dem Affen, wir drei. Wir buken Sandkuchen. Ich hatte nasse Finger und die Halbschuhe voll Sand. Wir sammelten gelbe Blätter in meinen Hut und ließen sie, wie einen Goldregen, fliegen ... Wie lange? Ich weiß nicht. Die Zeit stand still. Nur das eine weiß ich jetzt: viel zu kurz, viel, viel zu kurz! Denn, Adi, kein Blick nach dem Bosporus mit all seinem Glanz, seinen Segeln, seiner Mythenherrlichkeit und dem Farbenreichtum seiner Ufer, keine Ausschau durch die geborstenen Säulen des Parthenon auf den veilchenblauen Salaminischen Golf, nicht die heiligen Reste der Tempel von Ephesus, nicht Miramare im Schmuck seiner verträumten Gärten – nichts, nichts hat mir die Seele erschüttert, gewärmt, mit Jubel und Wehmut zugleich erfüllt, wie der Anblick dieses blonden Bübchens. Dieses ahnungslosen Kindes, das zu meinen Füßen einen Wollaffen mit nassem Sand fütterte.« Zweiunddreißigstes Kapitel Ben schwieg. Die Erinnerung übermannte ihn. Er schluckte schwer und mühsam. Dann nach einer Weile wandte er mir das erhitzte Gesicht zu und treuherzig mit einem fast verschämten Jungenlächeln sagte er: »Gelt, du verstehst mich?« Mir war sehr seltsam zumute. Die Lebendigkeit seiner Erzählung, die mich alles miterleben ließ, hatte mich gepackt. Ich freute mich für ihn, und er tat mir leid zugleich. Und hinter all dem Mitgefühl und Miterleben lauerte die nüchterne, die praktische Frage: was nun? Als ich vorsichtig nach seinen Plänen und Entschlüssen fragte und mich darauf gefaßt machte, Abenteuerliches zu hören, schüttelte Ben traurig den Kopf und sagte nur mit einer rührenden Einfachheit: »Da ist nichts zu planen und nichts zu entschließen. Ev' hat mir, lieb und freundlich, aber mit einer alle Diskussion ausschließenden Bestimmtheit drei Dinge erklärt. Sie heiratet mich nicht – denn das hab' ich ihr natürlich angeboten. Sie behält das Kind. Und sie nimmt keinerlei Unterstützung von mir. Wenigstens nicht, solange das Geschäft des alten Korbmachers noch so gut geht.« »Hm. Geht das kleine Korbgeschäft denn so gut?« »Glänzend. Also, du mußt wissen, da ist eine Gärtnerei oder Blumenhandlung –« »In Mannheim – ich weiß.« »Sie hat dir's wohl erzählt damals? Ja, aber die Geschäftsverbindung hat sich noch beträchtlich ausgedehnt. Denk dir – das traf sich wirklich sehr gut – kurz nachdem der Sepp geboren war – er hat übrigens achteinhalb Pfund gewogen – fabelhaft, was? Wieviel hast du gewogen?« »Ich weiß nicht.« »Frau Morgenthau erzählt, ich hätte sieben und dreiviertel Pfund gewogen. Das ist schon was. Aber der Sepp noch über ein halbes Pfund mehr! Überhaupt das Kerlchen strotzt von Gesundheit ... Ja, also kurz nach der Geburt kam ein Herr von der Firma persönlich nach Heidelberg und erhöhte die wöchentliche Bestellung um die Hälfte – du weißt, geflochtene Blumenkörbe mit Bandschleifen in einer wunderlichen Fasson, die der brave alte Ackerle erfunden hat. Mein Gott, ehrlich gesagt und unter uns, ich finde gar nicht so besonderes dran – aber die Mannheimer müssen ja rein versessen auf diese Körbe sein. Ich denke mir, in jeder besseren Mannheimer Haushaltung steht schon mindestens einer von den Körben. Fabelhaft anständige Leute diese Mannheimer übrigens. Die Firma hat freiwillig – der alte Ackerle ist viel zu bescheiden, zu fordern – den Preis pro Korb um zwanzig Prozent erhöht. Ich habe mit Ruth davon gesprochen –« »Warum gerade mit Ruth?« »Wie sonderbar du fragst – weil sie doch eigentlich meine beste und älteste Freundin ist. Man kann wirklich alles mit ihr besprechen – alles. Und Ruth sagt auch: in Frankfurt hat sie nie so was gehört, wie das mit der Mannheimer Firma, die von selbst ... Ja, und noch eins , denk dir, der Mannheimer Herr hat – das könnte ja indiskret scheinen, aber er hat's fabelhaft taktvoll gemacht – hat also irgendwie erfahren, daß Ev' ... oder vielmehr, daß der Sepp ... nun eben, daß da ein Kindchen angekommen ist, zu dem – ist das nicht schändlich, daß ich's sagen muß, ich! – zu dem der Vater fehlt. Da hat er sofort einen größeren Vorschuß angeboten. Der natürlich glatt abgelehnt wurde. Denn die Leutchen leben in ganz geordneten Verhältnissen. Fast tut mir's leid – denn wenn sie mich brauchten, wenn ich helfen müßte, könnte, dürfte ...« »Und du hast ihr also die Ehe angeboten?« »Natürlich. Aber da hat sie mir etwas Seltsames gesagt oder vielmehr, sie hat mich erinnert an etwas, das ich – ganz harmlos, wie man so spricht – einmal erzählt habe ...« Ich glaube, der Ben hat's so wörtlich gar nicht gesagt, nur scheu angedeutet. Aber ich habe plötzlich – wie mir oft mit großer Deutlichkeit Bilder der Vergangenheit vor Augen stehen – die blonde Ev' neben mir auf dem Schloßaltan gesehen, wie ihr Blick tief da unten an der dunkelroten Mauer der Heiliggeistkirche hinstreifend das kleine Lädchen mit den Weidenkörben und Korbgestellen suchte, das dem gewaltigen uralten Bau anklebte, wie ein warmes kleines Schwalbennest. Und ich habe ihre weiche Stimme wieder gehört, die zu mir oder zu sich selbst oder nur in den Sommermorgen hinunter sprach: »Das Mädel weiß, daß das nicht dauert. Weiß es ganz gut. Und will gar nicht, daß es nie aufhören soll. Denn so schön, wie's war – wie's noch ist – könnt's ja gar nicht dauern. Und das Mädel ist dem Ben viel zu gut, um nicht zu wissen, was einem Sommer in Heidelberg lieb ist und das Herz froh und leicht macht, das ist nicht mehr dasselbe in einem Winter in Frankfurt. Selbst der Goethe, wie er seine kleine Sesenheimer Friedrike in Straßburg wiedergesehen hat, in der großen Stadt ... Der Ben hat mir's erzählt ...« Sie hat Wort gehalten, die kleine Ev'. Sie ist sich treu geblieben, so weh's getan haben mag. Ist ein Mensch aus einem Stück geblieben, wie ich sie damals sah, empfand und ein ganz klein wenig selber liebte. Ich sah zu Ben hinüber. Er hatte, absichtslos, von einem der vielen Tischchen, die mit noch ungeordneten Erinnerungen herumstanden, ein paar Photographien aufgenommen. Jetzt unterbrach er sich plötzlich und reichte mir, ein Lächeln um die Mundwinkel, ein Blatt herüber. Eine sehr schicke junge Dame, überschlank, die beiden schmalen Hände, mit unzähligen Ringen geschmückt, kokett auf die Brust gelegt, lächelte mit einem vorgeneigten Köpfchen den Beschauer listig an. Zwischen den Vorderzähnen des amerikanisch geschnittenen Mundes saß eine glimmende Zigarette. »Wer ist denn das?« »Das ist Miß Schulz. Bürgerin von St. Louis, wo ihr Vater, der als Zapfjunge in München davonlief, einer der größten und reichsten Bierbrauer geworden ist.« »Ach, das ist die junge Dame, mit der du im Frühjahr die Dresdener Galerie studiert hast?« »Ja, sie kopiert ein bißchen. Nicht sehr talentvoll. Aber sie ist bildhübsch.« »Das seh' ich. Hast du das Bild gemacht?« »Ja. Mit meiner Krügerkamera. Ruth hat mir's vergrößert. Jetzt zur Überraschung, als ich aus Heidelberg zurückkam.« »Als du ... aus Heidelberg kamst ... fandst du die Miß Schulz – als Präsent von Ruth?« »Ja. Sie war eigentlich die erste, die mich hier begrüßt hat. Das tut wohl, wenn man so ein wenig zerrissen und zerbeult heimkommt. Das vergrößerte Bild meiner Dresdener Freundin stand auf meinem Tisch. Mit Blumen. Und ein paar sehr ulkigen Zeilen, die begannen: »Mein lieber Ben-Pascha! Auf dem Wege vom östlichen Serail zum Frankfurter Westen ...« Und wieder hatte ich eine erinnernde Vision. Ich sah Ruth neben mir sitzen auf der Bank im Buchenschatten des Philosophenwegs hoch überm Neckar. Ihr Sonnenschirm zeichnete ein verschlungenes Monogramm in den Sand, und sie sagte mit ihrer kühlen, stets gleichmäßigen Stimme: »Ich bin auch die Hand, die binden wird, ohne daß es weh tut; ohne daß mehr zerknickt wird, als eben nötig ... Ich habe ihm nie die Sinne verwirrt – er kann mich heute und vielleicht immer – im einzelnen Fall »ruhig kommen, ruhig wandern« sehen. Aber als Ganzes und im ganzen braucht er mich. Braucht er jemand wie mich. Und das empfindet er erst wieder deutlich, seit er weiß, daß ich hier bin. Seit er nicht ausgeht und nicht aus dem Fenster sieht ohne den Nebengedanken, daß ich vor ihm auftauchen kann. Und mit mir das , was schließlich siegen wird und muß über das Naturkind und über Heidelberg; über das Volkslied, wenn Sie so wollen, und über das kleine Abenteuer, das Mondschein brauchte, Rosen und Ruinen.« Nun war er wieder da. Konnte vielleicht nicht ausgehen, nicht aus dem Fenster sehen ohne den Nebengedanken, daß sie vor ihm auftauche. »Du hast Ruth wohl schon gesehen, seit du hier bist?« »Ich bin gestern lang bei ihr gewesen. Es war mein erster Besuch. Also ich habe das Gefühl, es versteht mich niemand so – oder doch so zu nehmen, wie sie. Verzeih, Adi – aber du bist glücklich verheiratet ... Während sie ...« »Sie ist – unglücklich unverheiratet?« Ben merkte die Spitze nicht, die ich, ohne zu wollen, geschliffen. Er nickte zustimmend. »Sie leidet wohl unter dem Vater, der seine späten Dummheiten macht. Hast du gehört, jetzt richtet er der Gigi Blondin einen Rennstall ein. Sie will partout in die Gesellschaft. Und was nicht durch die Salons geht, muß durch den Stall gehen. Es sind doch hier schon mehr Leute auf dem Weg in die Gesellschaft gekommen. Aber wie die Ruth das alles nimmt! Kühl ironisch und immer über der Situation.« »Hast du deine Angelegenheiten mit ihr – ich meine, deine Heidelberger, nicht die Dresdener ...« »Ach, die Dresdener Angelegenheit ist doch gar keine ... Das war so ein Abenteuerchen, wie man's mal hat, in Dresden im Grünen Gewölbe oder in Capri in der Blauen Grotte – gleichviel. Aber das andere – das war ein Erleben, ein Sichverankern mit Erinnerungen – und dann der Sepp! ... Ruth meint, ob ich nicht juristische Rechte – an das Kind ... Und du als Jurist, meint Ruth –« »Das meint Ruth?« Ich stand dicht vor ihm, legte meine beiden Hände sanft auf seine Schultern und sah ihm tief in die Augen: »Und du , Ben?« Eine leise Verlegenheit zuckte um seinen Mund. Hinter den Körnerleistchen rötete sich die Haut. »Du hast recht, Adi, ich will ein anständiger Kerl bleiben – soweit das bei meinem Talent zu Entgleisungen möglich ist. Und will dem tapferen Mädel nichts nehmen, auch wenn ich's könnte, was ihr gehört.« » So ist's recht, Ben! Ich wußt's ja.« »Wenn ich nur geben könnte – etwas geben, mehr geben, alles geben, was sie braucht.« »Mir scheint, sie braucht jetzt – Ruhe des Herzens. Und du auch.« »Ja, die brauch' ich. Und ich hab' auch schon den Weg dazu gefunden. Die Arbeit.« Ich kannte dieses Aufleuchten in Bens Augen. Da flammte ein neues Projekt. »Ob ich's allein schaffe, weiß ich nicht. Aber es will mir jemand helfen.« »Ruth?« »Ja.« In diesem Augenblick trat Peter Pütz ein. Auf einem Silberteller, den er in mehreren Tempi von sich stieß, lagen zwei Visitenkarten: »Ruth Baddach« – »Anna Hayeck, geborene Zimmermann.« Dreiunddreißigstes Kapitel Der Besuch der beiden Damen bei Ben hatte schon mit jener Arbeit eng zusammengehangen, in die er sich, zu vergessen, stürzen wollte. Im Stürzen war Ben groß. Er betrieb, was er einmal ins Auge gefaßt, mit einem geradezu fanatischen Eifer, freilich nicht alles mit derselben Ausdauer. Da er zunächst in Frankfurt bleiben wollte und hier weder die Gründung eines Theaters noch einer Kunstzeitschrift ernstlich in Frage kam, so hatte er sich in die Idee verliebt, eine »Literarische Gesellschaft« zu gründen, die in der Mainstadt noch fehlte. Keinen Journalistenverein – den gab es, obschon er freilich durch die gereizte Stellung der verschiedenen Redaktionen zueinander mehr auf dem Papier stand, Jahresbeiträge erhob und vom Ableben alter Mitglieder geziemende Mitteilung machte, als durch glanzvolle gesellige Veranstaltungen in die Erscheinung trat. Ben dachte an einen gesellschaftlichen Mittelpunkt für die Schaffenden, deren es doch auch hier, das wußte er, ein Häuflein gab, das sich vielleicht sehen und sammeln lassen konnte, wenn auch seine Namen nicht täglich in den großen Blättern genannt wurden. Die genaueren Zwecke und Ziele der Literarischen Gesellschaft wollte er später dieser selbst zu bestimmen überlassen. »Zu gegenseitiger Anregung und Befruchtung, zur Entfachung gemeinsamen Interesses an allen Fragen der schönen Literatur und zur ernstlichen Förderung tieferer Kenntnisse der orientalischen, insbesondere der türkischen Poesie.« So hieß es in seinem üppig gedruckten Prospekt. Mir schienen da recht verschiedenartige Dinge verquickt. Die Pflege der orientalischen, insbesondere der türkischen Poesie dünkte mich eine nachträgliche Rechtfertigung seines kecken Besuchs im Jildis-Kiosk. Aber ich freute mich seines heißen Eifers und war recht angenehm enttäuscht, als er mir eine für den Anfang ganz hübsche Liste der »Gründer«, die zugesagt hatten, strahlend vorlegte. Eigentlich sollten nur »Schaffende« aufgenommen werden. Das lieh sich aber so streng nicht durchführen, so daß ich auch meinen bescheidenen Namen unter den »Gründern« lesen durfte. Obenan stand Ruth Baddach. Sie schrieb zwar nicht selbst, aber sie war entschlossen, zu »fördern«. Eventuell auch junge Talente, mit pekuniären Opfern. Solche Selbstlose brauchte man vielleicht nötiger als die Schaffenden. Es folgte mein Schwager Fips Tomasius, der als Referendar sich von den blutigen Attiladramen seiner Sekundanerzeit zu populären juristischen Feuilletons für bescheidene Tagesblätter durchgerungen hatte. Dann Willibald von Gollwitz, der gerade von einer verunglückten Expedition auf dem Amazonenstrom, ohne Geld, aber mit Malaria, heimgekehrt war und über seine Reise im »Rheinischen Kurier« berichtet hatte. Auch Tommy Schupp war, wie ich las, aufgenommen. Er hatte in Göttingen den juristischen Doktor gebaut und wurde jetzt zuweilen in der Weinhandlung seines Vaters, angeblich arbeitend, gesehen. Er hatte zwar nur eine dünne Broschüre über »stachelhaarige Foxterriers« mit Bildern aus dem Zwinger seines Vaters erscheinen lassen – immerhin es war, wenn auch fachwissenschaftliche, Literatur. Die ältere Generation wurde vertreten durch Otto Honneff, der seinen Freund, den Baron, kürzlich begraben hatte und jetzt, recht grau geworden, seine Frühschoppen im »Prinzen von Arkadien« oft bis gegen Abend ausdehnte, und durch Erwin Schuster, der durch eine etwas unklare Abhandlung über »Hamlet, als Sohn, und Lear, als Vater«, die, mit einem echten Bilde des Verfassers vorn und einem angezweifelten Bilde von Shakespeare hinten, im Selbstverlag erschienen war, den Befähigungsnachweis als Schaffender erbracht hatte. Auch Konrad Körber, ein nie rasierter, stürmischer Lyriker, der reimlose Oden von großem Temperament und beträchtlicher Unanständigkeit schrieb, ohne zunächst einen wagemutigen Verleger zu finden, und Max Güldenring, ein unscheinbarer Beamter der Effektenbank, den sein auf den Geldmarkt einflußloser Verkehr an der Börse zum Epigrammatischen herangebildet, waren, von Ben aufgefordert, in dithyrambisch die neue Gründung begrüßenden Briefen der »Literarischen Gesellschaft« beigetreten. Als einzige Weiblichkeit neben Ruth nahm noch Frau Anna Hayeck, geborene Zimmermann, an den konstituierenden Versammlungen im Café Milani teil. Eine baumlange, brave ältere Dame, die auf Äußerlichkeiten nicht eben viel hielt und deshalb, und weil sie sehr laut sprach, selber aber durch Watte in den Ohren am Zuhören behindert wurde, als Begleiterin auf Spazierwegen nicht eben angenehm war. Sie schrieb Aufsätze zur Erleuchtung des Goetheproblems. Diese Erleuchtung verfolgte, wenn man näher hinsah, im wesentlichen den einzigen Zweck, nachzuweisen, daß die Familie Zimmermann, der Frau Hayeck entstammte, blutsverwandt war mit der Anna Margarete Lindheimer, der dritten Tochter des Kammergerichtsprokurators Kornelius Lindheimer, die der Johann Wolfgang Textor, Goethes Großvater und später Stadtschultheiß von Frankfurt, im Jahre 1727 geheiratet hatte. Womit es einwandfrei erwiesen war, daß die nach Frau Hayecks Aussage außerordentlich angesehene Familie Zimmermann mit Goethe blutsverwandt war; und woraus es sich erklärte, daß die Frau Anna Hayeck, geborene Zimmermann, der Katharina Elisabeth Textor, der späteren Frau Rat, wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sah. Diese Ähnlichkeit mit Frau Aja, die sie durch altertümliche Tracht zu betonen suchte, bestand zwar nur in ihrer Einbildung, machte sie aber sehr glücklich. Sie zeigte sich, wenn's anging, Profil, weil dann die Ähnlichkeit am größten war, und ließ sich mehrfach in einer Haube photographieren, die angeblich aus dem Nachlasse der Frau Rat stammte und von dieser der Bettina von Arnim geschenkt worden war. Ihr Kummer war, daß ihr einziger Sohn, den der eigensinnige Vater nicht Johann Wolfgang, sondern Karl Anton getauft hatte, ein bißchen idiotisch und, wie alle Halbidioten, ein boshafter Trottel war; was er zwar selber als einziger nicht merkte, aber was ihm doch bei den verschiedenen Versuchen, einen Beruf zu ergreifen, recht hinderlich wurde. Die von Ben begründete »Literarische Gesellschaft« hatte sich ein Zimmerchen im Bürgerverein reservieren lassen für ihre erste gesellige Zusammenkunft. Ben selber hatte den ersten Vortrag übernommen. Über Monla Abd-el Latifî, einen nach seiner Angabe sehr bedeutenden türkischen Dichter des sechzehnten Jahrhunderts aus Kastumal in Anatolien, und seine Werke, insonderheit das berühmte »Lob des Sultans Suleiman, Sohn Selims, Sohn Bajasids, Beherrscher der Ismaeliten, Schatten Gottes auf Erden«. Er war aber leider, da ihm Peter Pütz, Ordnung machend, sein Material verräumt hatte, mit Monla Abd-el Latifî und dem Schatten Gottes nicht fertig geworden. Hatte sich vielmehr am Vormittag händeringend auf meinem Bureau eingefunden und mich beschworen, doch für ihn den Vortrag zu übernehmen. Dieser ehrenvolle Ruf paßte mir sehr wenig, und ich sagte das Ben unverhohlen. Ich war in dieser »Literarischen Gesellschaft« eigentlich doch ein Außenseiter, nur geduldet, nur durch die Verwandtschaft mit dem Gründer zugezogen. Daß ich da als Redner, gar noch als erster der gewiß glänzenden Serie auftreten sollte, wollte mir gar nicht einleuchten. Und gerade heute! Ich hatte – und ich zeigte Ben nicht ohne Stolz den eingeschriebenen Brief – eine vertrauliche Anfrage der Südwestdeutschen Bank in Berlin bekommen, ob ich eventuell bereit sei, als Syndikus bei ihr einzutreten. Das Gehalt und der gebotene Vertrag waren verlockend, Berlin war keine Kleinigkeit – kurz, meine Gedanken lagen durchaus in der Richtung der Strecke Fulda–Bebra–Halle und waren weniger auf den Ruhm gerichtet, rednerische Lorbeeren in einer Literarischen Gesellschaft zu pflücken. Aber Ben war der Ansicht, daß mir das Berliner Syndikat – er gratuliere übrigens, das sei famos! – nicht weglaufe. Er stellte mir vor, daß, wenn ich nicht einspringe, der ganze Abend ins Wasser falle. Gleich der erste! Er, Ben, sei aber dann bis auf die Knochen blamiert. Honneff, den er gebeten, habe gesagt, er sei kein Redner und er brauche vier Wochen Zeit, sich vorzubereiten. Erwin Schuster habe sich bereit erklärt, die Forumszene aus dem Cäsar und die Bürgersche »Leonore« zu deklamieren. Aber man könne eine neue Literarische Gesellschaft doch nicht mit den ältesten Deklamationen eröffnen. Der Lyriker Konrad Körber stehe gar nicht im Adreßbuch und sei nur durch seinen Freund Güldenring zu erreichen, der aber heute den ganzen Vormittag auf der Börse zu tun habe. Kurz, es bleibe keine andere Lösung als die, daß ich, der ich doch das öffentliche Reden gewohnt sei, mich erbarme. Er habe nun schon eine Goethebüste aufs Podium stellen lassen und einige Palmen und Blattpflanzen um den Katheder, die Gründer seien geladen, der Wirt benachrichtigt, der Kellner bestellt. Das könne doch nicht alles umsonst sein. Ben tat mir schließlich leid in seinen Gründernöten. Die Palmen und Blattpflanzen, die ich vom Gericht nicht gewöhnt war, schüchterten mich zwar wieder etwas ein. Aber schließlich, als ich seine hilflos flehenden Augen sah, sagte ich seufzend zu. Da ich aber über den türkischen Dichter Monla Abd-el Latifî aus einleuchtenden Gründen nicht sprechen konnte, so erklärte ich mich bereit, über ein Thema, das mich bisher stärker interessiert hatte als Suleiman, Sohn Selims, Sohn Vajasids, Beherrscher der Ismaeliten, mir rasch ein bißchen was zu überlegen. Und so sprach ich zu meinem eigenen Erstaunen an diesem Abend nach einigen enthusiastischen Eröffnungsworten Bens, der als Einziger im Frack war, in der ersten offiziellen Sitzung der Literarischen Gesellschaft. Sprach als erster Redner im Kreise dieser Schaffenden über »Verbrechen und Literatur«. Dicht vor mir, nur durch die Palmen und Blattpflanzen getrennt, deren Arrangement allerdings einer Aufbahrung nicht unähnlich war, saßen Ruth Baddach und Ben. Ruth nahm die mir bekannte langgestielte Lorgnette nicht vom Auge und schien, was mich ein wenig zerstreute, mehr physiognomische Studien zu machen, als meinen Darlegungen Gehör zu schenken. Mein Bruder Ben strahlte. Er lächelte mir, so oft ich ihn ansah, dankbar und ermunternd zu. Dann wieder überzeugte er sich durch einen Rundblick, wie ich auf die übrigen Festteilnehmer wirke. Hin und wieder gab er dem Kellner, der abscheulich knarrende Stiefel trug und den Husten hatte, energische Zeichen mit der Hand, seiner Stiefel und seiner Bronchien Herr zu werden. Den Kopf mit den weißen, gebrannten Locken weit zurückgelegt, saß Erwin Schuster in einem Fauteuil und begleitete meine Sätze mit höchst ausdrucksvoller Mimik. Ihm gegenüber blinzelte Otto Honneff, der ein ermüdendes Tagewerk hinter sich haben mochte, in sein Rotweinglas. Mein Schwager Fips machte sich eifrig Notizen, und mir kam der Gedanke, er könne, seiner Neigung zum Disputieren nachgebend, die Frechheit haben, mir in der Diskussion nachher Irrtümer nachzuweisen. Willibald von Gollwitz, der nicht gut aussah, hatte seine Uhr vor sich hingelegt und fühlte sich von Zeit zu Zeit selber den Puls. Hin und wieder nahm er aus einem Schächtelchen eine Pastille und trank, gewissenhaft schluckend, klares Wasser nach. In einer Ecke aß ein schlecht rasierter Jüngling einen Hering mit Pellkartoffeln. Er war bestimmt der Neutöner Konrad Körber. Er schwang dazu das Messer, als ob der Fisch noch am Leben sei und seiner Konsumierung wilden Widerstand entgegensetze. Dazu wackelte der schiefsitzende Zwicker diesem Mitgründer der Literarischen Gesellschaft auf der windschiefen Nase. Hin und wieder entrollte eine Pellkartoffel der Messerklinge und fiel zu Boden. Erhob der Schmausende zufällig seinen Blick, so lag eine unverkennbare Feindschaft gegen den Redner in seinen zugekniffenen Äuglein, die mich über die Zwickergläser hinweg mißbilligend durchbohrten. Still, sinnend und in sich gekehrt, saß ihm Max Güldenring gegenüber, der Epigrammatiker und Beamte der Effektenbank. Ein kümmerliches Männchen, das durch einen fliegenden dunkelroten Schlips seine Zugehörigkeit zur Kunst dokumentierte. Daß er sich mit einem Federmesserchen die Nägel säuberte, machte seinem Reinlichkeitssinn alle Ehre, zerstreute mich aber doch; und ich hätte viel drum gegeben, wenn er weniger gründlich bei dieser Reinigung zu Werke gegangen wäre. Immerhin, so ungewohnt mir dieses erlesene Publikum und seine Lebensgewohnheiten war, es schien mir ganz leidlich zu gelingen mit meinem Vortrag. Ich legte, von ein paar Notizen unterstützt, frei redend ungefähr das Folgende dar. Die schreibenden Künstler haben drei Wege, uns für das Verbrechen und den Verbrecher zu interessieren. Entweder: sie lassen die Tat vor uns geschehen, lassen uns teilnehmen an allen Einzelheiten und zeigen nun das Spiel zwischen dem Verüber, den wir kennen, und seinen Verfolgern. Oder: sie führen uns an den Schauplatz des Verbrechens, sie geben die Details, verraten aber den Täter nicht. Sie reizen unseren Scharfsinn, mit den Spürern und Häschern unter der Fülle der vorgeführten Gestalten den wahren Täter langsam zu finden. Schritt für Schritt in die Enge zu treiben, zu fassen, zu überführen, zu richten. Die erste Art der Schilderung, sagte ich, sei die billigere, früher beliebtere; eine Rinaldoliteratur, die leicht zur Verherrlichung gewisser Banditen und Brigantentypen führe, denen dann auch mit Reminiszenzen an den edlen Räuber Moor vornehme und heroische Züge aufgeprägt würden. Die zweite Art der Schilderung sei in den letzten Jahrzehnten in Mitteleuropa mehr beliebt gewesen. Als Musterbeispiel in prägnanter Kürze wies ich auf Edgar Allan Poes Novelle vom »Mord in der Rue Morgue« hin, wo unter höchst rätselvollen Umständen eine geheimnisvolle Bluttat ausgeführt wird, deren Entschleierung der Leser mit atemloser Spannung folgt, um allmählich zu dem zwingenden Schlusse zu gelangen, daß überhaupt gar kein Mensch der Täter ist, sondern – ein Tier, ein Affe. Der dritte Weg endlich, führte ich aus, sei der: ganz aus der Seele des Schuldigen heraus die Tat, ihre Verfolgung, ihre Sühne zu erzählen: uns nicht etwa nur zum Zuschauer des aufregenden Kampfes zwischen einem Verbrecher und der Gesellschaft, die ihn fassen und richten will, zu machen, sondern uns psychologisch zu erklären: so geschah das Furchtbare, so mußte es geschehen; dies waren die Gefühle vor, bei und nach der Tat; und so hat der Verfolgte empfunden bei dem furchtbaren Kampf, List gegen List, um sein Leben, bis ihm die Kraft oder die Intelligenz versagte, bis er zusammenbrach. Als berühmtestes Beispiel der Weltliteratur hierfür rühmte ich den »Raskolnikow« des Russen Dostojewski. Das Ineinanderfließen von Leidenschaft und kalter Berechnung, des wahrhaft rechtlichen Empfindens und der bloßen Komödie der Rechtschaffenheit, dem Drang zur Wahrheit und den Zwang zur Verschlagenheit zugleich sei in solchen Büchern gedeutet. Ich müsse anerkennen, daß sie vielleicht die stärkste Kulturarbeit verrichten; denn sie geben, wie das ein italienischer Strafrechtslehrer gut ausdrückte: eine Bestätigung des heutigen Mißklangs zwischen der fortschreitenden Bewegung der Psychologie und Psychiatrie und der Beschaulichkeit der Strafgesetze ... Mir kam vor, ich machte meine Sache ganz brav. Wenigstens in Anbetracht der unleugbaren Tatsache, daß ich vor acht Stunden noch keine blasse Ahnung gehabt hatte, daß und was ich sprechen werde. Ben, der mir, so oft ihn mein Blick streifte, ermunternd leise zugenickt hatte, kam, als ich geendet, auf mich zu und drückte mir dankbar die Hand. Ihm schien der Abend gerettet, die Gesellschaft würdig eingeleitet, und er fand dafür die herzlichsten Worte. Vierunddreißigstes Kapitel Ich hatte die stolze Freude, daß an diesen Vortrag, der mir bei der unzulänglichen Vorbereitung selbst etwas kühn schien, eine längere Diskussion geknüpft werden sollte. Frau Hayeck, geborene Zimmermann, gab zunächst einige interessante Kriminalfälle aus ihrer Familienchronik zum besten; das heißt nach Auszeichnungen ihres Ahnherrn, des Nikolaus Zimmermann, der darüber schon mit dem Kammergerichtsprokurator Kornelius Lindheimer eine wertvolle Korrespondenz gehabt. Die mitgeteilten Fälle hatten nun zwar eigentlich mit meinem Thema gar nichts zu tun, gaben der Rednerin aber willkommene Gelegenheit, auf ihre ruhmvolle Blutsverwandtschaft mit der Anna Margarete Lindheimer hinzuweisen, die des Frankfurter Stadtschultheißen Eheweib und damit Goethes Großmutter wurde. Sie kam dann – warum, war zunächst nicht einzusehen – auf den Schneider Friedrich Georg Goethe zu sprechen und wies dem Weimarer Geheimrat in seinen späteren Jugenderinnerungen einen Irrtum nach, indem nämlich das Vermögen der Familie Goethe aus der Arbeit des Schneiders und nicht aus der Mitgift seiner Frau stammte. Die zweite Gattin dieses Schneiders aber war eine Witwe Karoline Schelhorn, die von ihrem ersten Mann den Weidenhof auf der Zeil geerbt hatte. Frau Hayeck, geborene Zimmermann, versprach, einige alte, allerdings angezweifelte Bilder und Pläne dieses Weidenhofs in der nächsten Sitzung der Literarischen Gesellschaft mitzubringen; worauf sich nach dem eisigen Schweigen, das dieser Ankündigung folgte, niemand so recht von Herzen freuen konnte. Mit der Bemerkung, daß sich auch noch ein nicht ganz leserlicher Brief der Karoline Goethe, verwitwete Schelhorn, geborene Walther, im Besitz ihrer Familie befinde, schloß sie ihre Mitteilungen, für die ihr Ben mit etwas sauersüßer Höflichkeit den Dank der jungen Gesellschaft aussprach. Willibald von Gollwitz berichtete dann in, wie mir schien, etwas aufgeregten Sätzen über ein peruanisches Volkslied, das ihm ein betrunkener Matrose in einer Hafenkneipe von Tabalinga, an der Mündung des Amazonenstroms, mitgeteilt und das in jeder seiner grausigen Strophen ein anderes Verbrechen verherrlichte. Er erbot sich, dieses sehr merkwürdige Lied, das zweiunddreißig Verse hatte, in einer der nächsten Sitzungen vorzusingen. Heute habe er so viel Chinin schon geschluckt, daß sein Gedächtnis verwirrt und seine Stimme belegt sei. Max Güldenring, so kurzsichtig, daß er sich bei dem servierenden Kellner anstatt bei Ben zum Wort meldete, vertrat dann die Ansicht, daß der geistige Kampf gegen das Verbrechertum nicht mit dicken Büchern oder gar Komödien geführt werden könne. Das Volk verlange Pointen. Weshalb das Epigramm, der Vierzeiler, ihm als die einzig geeignete Form erscheine, in der solcher Kampf mit Erfolg geführt werden könne. Worauf Otto Honneff, der schon während meines Vortrags die zweite Flasche Bordeaux angebrochen hatte, ohne sich zu erheben, die Frage einwarf, ob sich Max Güldenring nun solche Epigramme riesengroß an den Anschlagssäulen plakatiert denke oder in neckischen Geschenkbüchlein gesammelt, verteilt in den Kaschemmen und Verbrecherkellern? Max Güldenring erwiderte gereizt, daß er die Art der Verwertung der von ihm vorgeschlagenen geistigen Waffen gerne besseren Propagandisten überlasse, aber denn doch hier bemerken müsse, daß er dem Alkoholmißbrauch in allererster Linie an dem erschreckenden Anwachsen der Kriminalität die Schuld gebe. Otto Honneff schien von dem Alkoholmißbrauch für sich persönlich nichts zu befürchten. Denn er schenkte sich ein neues Glas ein und teilte dem neben ihm sitzenden Fips Tomasius mit überflüssiger Stimmstärke mit, daß zu einer Zeit, als Herr Max Güldenring zweifellos noch nicht stubenrein gewesen sei, bereits in der »Kölnischen Zeitung« gestanden habe, er, Otto Honneff, sei ein zarter und sinniger Lyriker, dem die Zukunft gehöre. Diese an sich gewiß richtige Reminiszenz beschwor Peinliches herauf. Denn sie veranlaßte den unrasierten Lyriker Konrad Körber das Heringsskelett und die Pellkartoffelreste energisch beiseite zu schieben und sich über die Unzuständigkeit der Berufskritik zu äußern. Auf einen schüchternen Zwischenruf, daß dieses mit dem Vortragsthema, das zur Diskussion stehe, doch eigentlich nichts zu tun habe, wurde Herr Konrad Körber sehr böse. Er entgegnete zornfunkelnd, daß er erstens wisse, was er sage, und zweitens wisse, warum er's sage, und drittens der Ansicht sei, daß die Sünde eines mit kritischer Macht Ausgerüsteten ein gemeines Verbrechen wider den Heiligen Geist sei. Und er, Konrad Körber, stehe hier gewissermaßen für den Heiligen Geist. Hier erkundigte sich ein weiterer Zwischenruf nach dem Beglaubigungsschreiben. Das war ja nun nicht schön. Immerhin gehörte die ganze Reizbarkeit des Lyrikers Konrad Körber dazu, gleich so ausfallend gegen Ben zu werden, der den Zwischenruf schon deshalb ganz bestimmt nicht gemacht haben konnte, weil er sich gerade an einer Schinkensemmel entsetzlich verschluckt hatte und, ins Taschentuch hustend, im Saalwinkel stand. Aber Konrad Körber redete sich in immer größere Wut und führte mit einer merkwürdigen Verachtung aller Interpunktionen und Atempausen etwa dieses aus. Es sei ja sehr schön und erfreulich, wenn man pekuniär so gestellt sei, daß man einen Verdienst weder auf dem Markt noch auf dem Parnaß zu suchen brauche. Aus solch verdienstloser Unabhängigkeit aber das gute Recht herzuleiten, andere zu bevormunden und, ohne Selbstschaffender oder auch nur überhaupt von irgendwelcher Bedeutung zu sein, an die Spitze eines kleinen Kreises Selbstschaffender zu treten, das müsse er als eine Kühnheit bezeichnen, die, um mit Schiller zu reden, »ohne Beispiel in dieser Welt Geschichten sei«. Er, Konrad Körber, habe zwar die Gründung dieser Gesellschaft brieflich – und zwar in einer Epistel, die er zu seinen schönsten Prosaarbeiten rechnen müsse – begrüßt, habe sogar, wenn er sich recht entsinne, mit einiger Begeisterung von dem guten und gesunden Grundgedanken des Unternehmens gesprochen. Diese Begeisterung aber sei durch nichts gerechtfertigt, und er nehme sie hiermit zurück. Was Selbstschaffende, wie er, von dieser heute aus der Taufe gehobenen sogenannten »Literarischen Gesellschaft« zu erwarten hätten, das hätte sich ja gewissermaßen symbolisch schon in einer in den Frankfurter Blättern erschienenen Vornotiz gezeigt, in der bei Aufzählung der Gründer des Unternehmens gerade sein Name Körber niederträchtigerweise in Körner verdreht worden sei; offensichtlich um ihn zu verletzen und um ihn durch Erinnerung an den talentarmen sogenannten Dichter von »Leyer und Schwert« vor dem kleinen Häuflein Gebildeter, auf das es ihm schließlich allein ankomme und von dem er keinen hier sehe, lächerlich zu machen. Dann habe man als ersten Redner dieser angeblich »literarischen« Gesellschaft einen Mann hinausgestellt, der zwar ein ganz braver Anwalt sein möge, aber von der Literatur, das dürfe er doch wohl sagen, einen Dreck verstehe. Ein Vortrag, wie der gehörte, möge in einen Anwaltverein von Treuenbrietzen oder in eine Vereinigung der Zahntechniker des Oderkreises passen, aber nicht in eine literarische Gesellschaft der Goethestadt, in der doch immerhin noch einige Lyriker von Bedeutung lebten, die er hier nicht nennen wolle. Der literarische Rechtsanwalt aber habe bei unverantwortlich leichtsinniger Behandlung seines Themas nicht einmal gewußt, daß er, Konrad Körber, erst im Vorjahre in einem Romanzenzyklus »Der Lustmord im Roggenfeld« das gewagte Problem der Verherrlichung oder Erklärung des Verbrechens aus Leidenschaft in einer Weise behandelt habe, die zwar zur Konfiskation des Luxusdruckes – denn nur um einen solchen habe es sich gehandelt – aber auch zur Anerkennung durch einen angesehenen Berliner Kritiker geführt habe. Was sei nach solch kläglichem Eröffnungsabend von den folgenden Zusammenkünften zu erwarten? Es gebe doch wahrlich näherliegende Dichter, als den alten Kümmeltürken mit dem unaussprechbaren Namen, und wenn Herr Mewes durchaus den auf seiner Balkanreise versäumten Osmanjeorden noch nachträglich auf seine Heldenbrust befestigen wolle, so möge er über den Kümmeltürken und seine ebenso türkischen Kollegen auf einer Rhapsodenfahrt durch den Balkan Vorträge verüben. Hier in Frankfurt lasse man sich genügen an türkischen Zigaretten für die emanzipierten Weiber und an türkischem Honig für die vernaschten Kinder. Für die türkischen Dichter aber danke man; danke ebenso energisch und herzlich, wie für die literarischen Rechtsanwälte als Festredner und für die blutigen Dilettanten als Führer in literarischen Bewegungen und als Gründer und Vorsitzende literarischer Gesellschaften. Ich muß sagen, nach einem ersten tiefen Erstaunen, nach einer ersten kleinen, heißen Blutwelle, die zum Kopf stieg, war ich ganz ruhig. Ich war sogar so durch und durch objektiver Jurist, daß ich mit einem Bleistiftchen auf dem Zettel meiner Notizen mir mit kleinen Strichen anmerkte, wieviel aussichtsreiche Beleidigungsprozesse aus dieser Rede sich ergeben könnten. Gerade als ich, gewissenhaft hinhörend, das zweite Dutzend anbrach, griff vorn der merkwürdige Redner mit einem kurzen Aufschrei in die Luft, als wollte er einen uns anderen unsichtbaren Schmetterling fangen, wippte einmal vor und zurück und fiel, den Tisch mit dem Heringsskelett mitreißend, nach hinten um. Die Damen Ruth und Frau Hayeck, geborene Zimmermann, eilten hilfreich hinzu und bemühten sich um den Bewußtlosen. Ben rief nach Wasser. Erwin Schuster zerstörte sich durch tragischen Griff in die gebrannten Locken die Frisur und bot das mimische Bild grauenvoller Bestürzung. Der Kellner lief ratlos hin und her, und seine Stiefel vollführten ein Gekrach, um Tote aufzuwecken. Max Güldenring aber, der Epigrammatiker, der mit Konrad Körber befreundet war, soweit man das mit temperamentvollen Männern überhaupt sein kann, gab, feierlich an Honneffs Weinglas klopfend, die Erklärung ab, daß der durch seelische Erlebnisse in Abgründe gestürzte Dichter durch Absinth und Opium, Genüsse, denen er abwechselnd huldige, in seinen Nerven so heruntergebracht sei, daß er leider derartige Anfälle öfter habe. Diese Anfälle seien, wie er zugebe, schrecklich anzusehen, blieben aber gottlob ohne tiefere Einwirkung aus Gesundheit, Leben und Produktion des zukunftsreichen Poeten. Erst vor drei Tagen sei Konrad Körber im Palmengarten beim Mittagskonzert mit einem Skatkränzchen ihm unbekannter alter Damen am Nebentisch über den verfehlten Grand der einen in einen furchtbaren Disput geraten, der mit demselben Anfall geendet habe. Ben ging, ein Glas Wasser und eine Serviette in der Hand, sehr erregt umher. Ihm kam vor, er war an dieser ganzen üblen Angelegenheit schuld. Er entschuldigte sich bald bei Honneff, den auch der Zusammenbruch des Redners nicht von seinem Rotwein aufgescheucht hatte, bald bei den Damen, bald bei mir. Dann wieder half er die beiden feuchten Schwämme füllen und wieder auswinden, die der Kellner nach viel ratlosem Umherlaufen gebracht hatte und die dem Patienten nun abwechselnd auf die merkwürdig niedrige Stirn gedrückt wurden. Schließlich, als der Odendichter die Augen wieder aufschlug und, als erstes Lebenszeichen nach einem Glas Sherry verlangte, gab Ben Anweisung, den Genesenden in der gewünschten Weise zu laben, dann aber möglichst rasch eine Droschke zu holen und in Begleitung Max Güldenrings, seines Freundes, den sich Erholenden in seine Wohnung zu fahren. Als dieses geschehen war, ohne daß, was ich sehr befürchtete, der auferweckte Dichter nochmals das Wort ergriff, brachen wir andern alle ebenfalls auf. Ziemlich schweigsam und unfestlich gestimmt. Wobei es sich herausstellte, daß die Damen im Eifer ihres Samariterdienstes dem durch den Sherry gekräftigten, heimkehrenden Lyriker Konrad Körber Bens neuen seidegefütterten Paletot angezogen hatten. Für Ben blieb nur das abgeschabte, unansehnliche Sommermäntelchen des heimgekehrten Odendichters, das ihm über die Brust zu eng und überall zu kurz war, und dessen beide zerschlissene Seitentaschen weit und unschön abstanden, da in der einen eine Tüte mit getrockneten Pflaumen und in der anderen ein größeres Stück Räucherspeck sorglich verwahrt waren. Hineinschlüpfen mußte Ben in das Mäntelchen, denn es war eine recht kühle Nacht, und er trug den Frack. Aber das Bewußtsein, nun auch noch schlecht und lächerlich angezogen zu sein, brachte den armen Kerl ganz um sein Gleichgewicht. Er ging, blaß und mit gesenktem Kopf, schweigend, zwischen uns, den Hut in der Stirn und die Hände in die Taschen von Körbers Mäntelchen zu Speck und Backpflaumen vergraben. So schritten, dacht' ich, vermutlich die Opfer Robespierres zum Karren, der sie zur Guillotine fahren sollte. Fünfunddreißigstes Kapitel Am Bockenheimer Tor verabschiedeten sich Frau Anna Hayeck, geborene Zimmermann, Fips und Willibald von uns. Willibald schien schon im Stehen zu schlafen. Auch Fips war wortkarg. Frau Anna Hayeck hatte im wesentlichen allein das Wort geführt. Sie war der Ansicht, daß die Literarische Gesellschaft, deren Gründung Ben hoch anzurechnen sei, wenn er auch vielleicht nicht der Geeignete erscheine, dauernd den Vorsitz zu führen, dem Freien Deutschen Hochstift Konkurrenz machen müsse. Es wäre zu erwägen, ob nicht begüterte Mitglieder der Literarischen Gesellschaft – ein ermunternder Blick streifte Ruth Baddach und Ben – die Gerbermühle und den Wasserhof, der im »Faust« vorkomme, ankaufen und zu geweihten Goethestätten und Nationalmuseen ausbauen könnten. Sie persönlich sei bereit, testamentarisch den leider schlecht leserlichen Brief der Kornelie Schelhorn, die in ihrem Besitz befindliche Haube der Frau Rat sowie sehr wertvolle eigene Manuskripte diesem Museum zu vermachen. Was sichtlich andere altfrankfurter Familien zu ähnlichen wertvollen Schenkungen anregen werde. Auch versprach sie Ben eine alte Nummer des Journals zu schicken, aus der er ersehen könne, wie ihr Ahnherr, der Kammergerichtsprokurator Kornelius Lindheimer – in vorgerückter Stunde war er immer schon ihr »Ahnherr« – eine der heutigen nicht unähnliche peinliche Angelegenheit mit einem Rödelheimer Tierarzt gehabt habe. Nach der Art, wie Ben für dieses Versprechen dankte, war zu urteilen, daß er dieser Drucksache ohne tieferes Interesse entgegensah, und daß die Aussicht auf die späte Bekanntschaft mit dem toten Rödelheimer Tierarzt ihn nur wenig über die Grobheiten des lebenden Odendichters tröstete. Fips meinte, es sei zu erwägen, ob man Konrad Körber nicht durch Vereinsbeschluß cum infamia exkludieren sollte; während Willibald von Gollwitz, für eine Minute sich ermunternd, das Verfahren der Peruaner lobte, die in solchen Fällen wortlos einen sechsläufigen Revolver zögen und alle verfügbaren Schüsse in der Richtung des mißliebigen Redners abfeuerten. Wir gingen allein durch die Anlagen weiter, Ruth, Ben und ich. Es war kühl und neblig. Die Straße lag still. Nur vor dem Junge'schen Hause saß Pitt, der nicht rassereine, aber gelehrige Hund meines Kollegen Ohlenschlager, und heulte. Ben, der Tiere nicht leiden sehen konnte, vergaß für einen Augenblick den ganzen Ärger und tröstete den klagenden Pitt. Der Hund legte seufzend das Köpfchen schief, wedelte und schwieg. Vor dem Hause der Frau Nestle stand noch das Schimmelgespann. Sie alte Dame war wohl aus dem Theater gekommen. »Was war heute in der Oper?« fragte Ruth, bemüht, dem Gespräch und den Gedanken eine harmlose Wendung zu geben. Aber auch das mußte mißlingen. »Tannhäuser,« antwortete Ben düster, »oder »Der Sängerkrieg auf der Wartburg«.« Ich war in diesem Augenblick innerlich wütend auf das unpassende Repertoire der Oper. Hätte nicht heut abend der »Don Juan« sein können oder der »Rigoletto«? Gerade wollte ich irgend etwas Unmaßgebliches über Richard Wagner äußern, da nahm Ben das Wort. Er tat es ganz ruhig, aber mit einer bei ihm nicht häufigen glanzlosen Entschlossenheit. »Ich ziehe weg von Frankfurt. Es hält mich ja nichts.« »Die Mutter, Ben –! Sie hat sich so gefreut, daß du nun endlich ...« »Ich hab' mich auch gefreut. Aber schließlich – sie ist's ja nun gewöhnt, daß ich fort bin; und ich bin ja ein fleißiger Briefschreiber. Was sind denn auch heute Entfernungen! Man kann sich ja so leicht besuchen. Und – – nein, Frankfurt ist nichts für mich. Nicht mehr. Nach dieser Blamage ... Wie gut, daß wir nicht auch noch die Zeitungen eingeladen hatten, wie ich's erst vorhatte! Aber was nützt's? Das spricht sich herum. In irgendeinem Wochenblättchen werden wir's doch lesen.« »Schade!« – Ruth Baddach sagte das. Und sie ging langsamer, während sie sprach, als wollte sie den nicht mehr weiten Weg zu ihrer Wohnung etwas verlängern. »Ich hatte mich ehrlich gefreut, Ben, daß du endlich kamst. Und – wo willst du denn nun hingehen? Nach – Heidelberg?« Ich hörte den leise tastenden Versuch heraus. »Nein.« Wie eine Abwehr klang dieses kurze, harte Nein. Und nach einer Weile fügte Ben milder hinzu: »Heidelberg war herrlich – zum Studium. Jetzt hab' ich doch Pflichten. Wenn einer, wie ich, in jungen Jahren so gestellt ist, daß er unabhängig wirken kann, so muß er ins Große wirken, muß etwas wagen, muß – –« »Also – Berlin?« »Ja. Ich bin entschlossen. Die Möglichkeiten dort sind ungeheuer. Alles, was vorwärts will, strömt dort zusammen. Das Theater, der Buchhandel, die bildende Kunst – alles sucht das Zentrum an der Spree, den Markt, die Anregung.« Während er noch sprach – er sagte wohl etwas mehr, als dies, über Berlin, und was er davon erwartete – hatte ich das ganz deutliche, das ganz bestimmte Gefühl: jetzt geschieht gleich etwas sehr Sonderbares. Diese meine untrügliche Ahnung erwuchs nicht aus seinen Worten; denn es ist wahrhaftig Ungewöhnlicheres über Berlin gesagt worden, als daß es ein Zentrum, ein Markt und eine Anregung sei. Es lag auch nicht in dem, was wir in der »Literarischen« erlebt hatten. Es lag einfach hier in der Luft. In der Lust dieser nächtlich stillen Straße des Westens, der aus den Gärten der Herbstwind den kräftigen Geruch welkenden Laubes zutrug. Und als ich jetzt Ruths Stimme hörte, ruhig, kühl, leidenschaftslos, wie immer, wußte ich: das Sonderbare, das hier in der Luft liegt, nimmt jetzt Gestalt an, formt sich Worte, verhängnisreiche Worte in diesem jungen Frauenmund. »Ich wußte das,« sagte Ruth, und sie hob dabei den gutgeschnittenen Kopf und sah aufmerksam nach den Sternen, als ob es ihr doch endlich gelingen müsse, sie zu zählen, »wußte, daß du nach Berlin gehen würdest. Früher oder später. Nun ist es durch die Taktlosigkeit eines übergeschnappten Talentchens früher, sehr früh gekommen. Zu früh vielleicht. Ich habe angenommen, gehofft, es käme erst in einigen Wochen, Monaten – und ich könnte mich dir anschließen.« »Du – dich mir anschließen?« Bens Hände fuhren rasch aus den Taschen von Konrad Körbers kümmerlichem Mäntelchen. Dabei fiel das Stück Speck heraus. Ben bückte sich unwillkürlich und hob es auf. Das Sonderbare! dachte ich; und ich fühlte, wie mein Herz klopfte. Aber ich sah das Sonderbare durchaus nicht darin, daß der sonst so elegante Ben in einem viel zu kurzen, vertragenen Mäntelchen mit erstaunten, runden Augen aus der Straße stand und dabei ein fettiges Stück Speck in der Hand hielt. »Du – dich mir anschließen?« wiederholte Ben. Und wieder hörte ich Ruths Stimme, die alles, was sie sagte, kühl und sachlich aus einem großen Lesebuch da oben in den Sternen abzulesen schien: »Ich bin entschlossen, auch nach Berlin zu gehen. Frauen sind jetzt dort zu den meisten Vorlesungen der Universität zugelassen.« »Du willst studieren?« »Vielleicht. Meinem Vater werde ich, für diesen Fall, vorher erlauben, zu heiraten. Gigi hat endgültig mit dem meergrünen Trikot und den klugen Kakadus gebrochen und aus alten Familienpapieren nachgewiesen, daß sie aus braver bürgerlicher Familie stammt, eigentlich Georgine Schönborn heißt und – Aber braucht man einem verliebten alten Herrn »nachzuweisen«, daß man eigentlich ...« Hinter uns raschelte etwas durch die Blätter. Ich sah mich um. Es war Pitt, dem, wie es schien, niemand aufgemacht, und der sich entschlossen hatte, uns zu begleiten. »Ruth, das ist ja eine großartige Idee –« Die Nähte des Dichtermäntelchens krachten bedenklich in den Achseln. Bens stürmische Bewegungen waren für kommodere Kleidung berechnet. »Da hab' ich den besten Kameraden, den ich mir wünschen kann – Hab' ich dir's nicht gesagt, Adi, vorgestern oder wann, sagt' ich dir's doch – daß Ruth der beste Kamerad ist?« Ruth sah von den Sternen einen Augenblick forschend zu mir. »Hat er das wirklich gesagt?« Ich konnte nur bestätigend nicken, denn Ben sprach schon wieder mit großer Lebhaftigkeit. »Also wir werden alles zusammen studieren – wir beide – Berlin und die Museen – und die Kunst und das Leben – und werden uns Aufgaben suchen, große Aufgaben, die – – Aber wann ist dir bloß dieser ausgezeichnete Gedanke gekommen, Ruth?« »Ich hab' ihn deinem Bruder schon vor Jahren angedeutet. Aus einem Spaziergang, glaub' ich, über die Zeil. Deutlicher gesagt hab' ich's ihm dann auf dem Philosophenweg in Heidelberg.« »In Heidelberg?! Adi, du Scheusal, unbrüderlicher Bruder, warum hast du mir denn davon gar nichts gesagt?!« »Weil er« – Ruth enthob mich der Antwort, »weil er nicht durfte. Und weil er –« ich empfand, ohne sie anzusehen, daß sie jetzt lächelte – »weil er wohl von dem Plan damals nicht so restlos entzückt war, wie du jetzt. Auch hab' ich ihm nicht verhehlt, daß eine derartige Kameradschaft, wie ich sie mir denke und wie du sie brauchst, eine solche Kameradschaft zwischen zwei Menschen verschiedenen Geschlechts nur durchführbar ist – –« »Nun?« Wir standen alle drei still. Auch Pitt hinter uns stand und erwartete mit schiefem Kopf, ein Vorderpfötchen erhoben, die weitere Entwicklung der Dinge. Nichts regte sich auf der Straße. Auch die Häuser in den Gärten schliefen. Nur bei dem Arzte in der weinlaubumsponnenen Villa brannte, das sah ich, hinter den Vorhängen noch eine grüne Lampe. »Wir müßten uns vorher heiraten,« sagte Ruth ganz ruhig. Und wer kein Deutsch verstand und nur die Worte hörte und den Ton, hätte annehmen können, sie spreche die Vermutung aus, es werde morgen regnen, oder sie erörtere den Marktpreis vom jungen Spinat. »Wir –? uns –?! Ruth!!« Tiefstes Erstaunen ging unvermittelt in maßlosen Jubel über. Der Pitt hinter uns bellte erschreckt. »Ruth – daß ich daran nie gedacht habe – – es war gewiß, weil es das Natürlichste ist – das auf der Hand Liegende – das ganz Selbstverständliche! Oh, jetzt liegt der Weg vor mir – vor uns – weit, weit offen zur Arbeit, ein sonniger Weg bergauf zum Erfolg, ins Glück! Ruth – liebe Ruth!« Ben vergaß ganz, daß er auf der Straße stand. Vergaß, daß ich dabei war. Vergaß, daß er ein Stück Speck in der Hand hatte. Er schloß Ruth stürmisch in seine Arme, und sie überließ sich ihm wortlos, mit geschlossenen Augen. Ein klein wenig nur bebte ihr Mund, als er sie küßte. Aber schon hatte sie sich wieder. »Du machst mich fett, Ben,« sagte sie lächelnd und entzog sich ihm. »Fett? Wieso? Ach, richtig – entschuldige.« In weitem Bogen flog der Speck auf den Fahrdamm. Pitt, der rasselose, aber kluge Köter, begriff sofort, daß das kein Stein war, und bemächtigte sich des seltenen Leckerbissens. Der kräftige Hufschlag eines Trabers kam näher. In seinem offenen Einspänner, wohlig in die Decke gehüllt, eine glimmende Zigarre im Mundwinkel, fuhr der Kommerzienrat Baddach auf Gummirädern nach Hause. »Holla – das seid ihr ja!« Er hatte uns erkannt. »Fritz, anhalten!« Er war, sichtlich wonniger Eindrücke voll und mit dem angenehmen Verlauf seines Abends zufrieden, aus dem Wagen gesprungen. Das runde Hütchen, die helle Foulardkrawatte gaben ihm etwas Jugendliches. »War's schön im Vortrag, Kinder? Gut unterhalten? Belehrt und erhoben worden?« »Danke, Papa. Mehr belehrt, als erhoben. Aber wir sind zufrieden. Besonders mit dem Ende.« »Wieso? War wohl ein leckeres Souperchen mit der schönen Literatur verbunden?« »Nicht gerade das. Aber die literarische Gründung hat – sagen wir: rein-menschliche Konsequenzen gehabt. « »Nanu? Rein-menschliche –?« Der Kommerzienrat schien von einem großen Erstaunen ins andere zu fallen; denn noch während er »nanu« sagte, musterte er mit verblüfftem Blick die sonderbare Kleidung Bens, dem unter dem vertragenen hellen Mäntelchen die langen, seidengefütterten schwarzen Schwalbenschöße des modernen Fracks weit hervorsahen. »Ich habe« – Ruth hakte sich leicht im Weitergehen in den Vater ein, während sie sprach, »habe den Herren gerade mitgeteilt, daß du dich dieser Tage mit Fräulein Georgine Schönborn verloben wirst.« »Ruth – ich mich mit – –? das hast du – –?« Ein jugendlicher Jubel zitterte in der Stimme des Kommerzienrats. Er stand, nach Atem ringend, still und legte die Linke mit zwei schönen Brillantringen aufs Herz. »Das hast du – –? Also das heißt, du bist plötzlich einverstanden, daß ...« »Es scheint so, Papa. Vorher aber – ich lege Wert aus die Reihenfolge der Ereignisse – vorher aber – werde ich mich noch rasch verheiraten.« »Du? Nanu! Mit wem denn?« »Mit Ben. Wir haben uns eben verlobt.« »Du und der Ben –? Also, Kinder, das ist großartig! Ihr hättet mir gar keine größere Freude machen können. Auch keine überraschendere – Und gerade heute – an Gigis Namenstag – ich wollte sagen, an Fräulein Georginens Namenstag – sie ist katholisch, aber das macht nichts. Georgine vaut une messe ... Kinder!« In überquellender Freude drückte der Kommerzienrat erst die Tochter, dann Ben so heftig an seine Brust, daß in der Tasche die Deckblätter der Importen knackend sprangen. Dann sagte er: »Aber nehmen Sie mir's nicht übel, Ben, Junge, Schwiegersohn – einen anderen Überzieher müssen Sie sich als Bräutigam machen lassen! Sie sehen ja aus wie ein Aushilfskellner am Sonntag. Aus dem Mäntelchen sind Sie doch entschieden 'rausgewachsen.« ... In jener Nacht, die der wunderlichsten Verlobung, die ich je erlebte – wenn ich meine eigene ausnehme – gefolgt ist, hatte ich einen gar seltsamen Traum. Er ist mir erst viele Jahre später wieder eingefallen und hat mich dann über den Ursprung und das Wesen der Träume nachzudenken gelehrt. Ich sah einen kleinen blonden Jungen, den ich – das wußt' ich genau im Traum – nie zuvor gesehen hatte. Er saß, mich anlächelnd, in einem kleinen, schmalen Nachen und trieb, ohne Ruder und Steuer, auf grünem Wasser. Die hellen Ufer lagen weit. Und der kleine, schmale Nachen war vollgepackt mit wunderlich geformten breiten Körben. Ein Korb wie der andere. Und durch die geflochtenen Ränder all der Körbe waren bunte seidene Bänder durchgezogen; und große Schleifen hingen am Rande. Und inmitten all der Körbe saß der hübsche blonde Junge und spielte mit einem Wollaffen. Und auf einmal blühten Nelken, lauter herrliche Nelken aus all den Körben und überrankten und überwucherten das spielende Kind, bis ich es nicht mehr sah. Und unter der Last der vielen, vielen Blumen ging der beladene Kahn immer tiefer ins Wasser nieder; tauchte, nahm grüne Wellen über, sank und verschwand. Und auf den grünen, rasch sich beruhigenden Wassern, mitten in zittrigen, silberigen Kreisen, streckte der Wollaffe, leicht schaukelnd, seine langen Arme nach der Sonne aus. Sechsunddreißigstes Kapitel Ich bummle langsam die Linden hinunter und freue mich an dem schönen Herbstmorgen. Alles ist so freundlich, lacht in einem leichten Goldschimmer, die Läden, die Häuser, die Menschen. Der alte Fritz da oben auf seinem Postament reitet munterer wie sonst in die klare Frische hinein. Das prächtige Standbild, mir das liebste in ganz Berlin, nimmt für mein Empfinden immer an allen Stimmungen der Hauptstadt teil. Ich habe ihn schon reiten sehen, den klugen König, müd, schweigsam, düster auf regenverwaschenem Pferd, als käm' er just von jenem bösen Hügel vor Kollin, von dem aus er seine Grenadiere zum ersten Male vor den Weißröcken Dauns davonlaufen sah. Hab' ihn schon im Sattel sitzen gesehen, würdig und gemessen, als ob er noch einmal hinausritte nach Charlottenburg in die Schloßkirche, dem alten Herrgott, den er sonst nicht viel bemühte, für den Hubertusburger Frieden zu danken. Heut aber, wie er so reitet, sonnengoldumflossen, in den kalten, klaren Novembermorgen, scheint er mir, munter und siegbewußt, von der Anhöhe nach Roßbach herunterzutraben. Und ich wollt' mich gar nicht wundern, wenn jetzt von dort hinten, aus der engen Charlottenstraße, die dreiunddreißig preußischen Schwadronen in die »Linden« hineingaloppierten. Seydlitz, sein Pfeifchen munter schwenkend, seinen Tapferen voran ... Es war ja auch ein Novembertag – damals! Und mir fällt das alte Verschen ein, das in jenen fernen Novembertagen so stolz, so fröhlich, so keck von jedem Preußenmunde und gewiß am stolzesten hier unter den Linden klang: Und wenn der große Friedrich kommt Und klopft nur an die Hosen, Dann läuft die ganze Reichsarmee, Panduren und Franzosen! ... Aber aus der Charlottenstraße kommen keine Seydlitzschen Kürassiere. Ein paar alte Geheimräte mit Aktenmappen, ein paar Choristen vom Opernhaus mit glattrasierten Gesichtern und den weitausladenden Gesten der Männer, die allabendlich so viel Blut, Mord, Hochzeit und Heldentreue, im Chor singend, miterleben müssen. Ein paar niedliche Konfektionöschen mit eiligen, kleinen Trippelschrittchen die gelben Lindenblätter niedertretend. Ein paar würdige Fremde aus der Provinz, fluchtbereit um sich schauend an den gefahrvollen Übergängen und sich von Schutzmann zu Schutzmann durchfragend durch das große, böse Berlin. Und da vor mir ein paar Studenten. Recht so, die brauch' ich! Der Tag ist so frisch und so jung. Und ich war so lange in keiner Universität. Die beiden da knapp vor mir haben mich auf den rechten Weg gebracht. Sie unterhalten sich von der besten Art, Hackenquarten zu parieren. Der Jüngere hat noch keine wohlbegründete Ansicht; er lauscht lernbegierig. Der Ältere von beiden, dem sein Friseur schon durch reichliche Einfettung der Oberlippe den schattenhaften Traum eines Schnurrbartes ins Gesicht zaubert, riecht gar so seltsam nach Jodoform. Ich weiß, es gibt naserümpfende Leute, die mögen den Geruch nicht. Ich aber bewahre manchen Parfüms, auch den wunderlichen, die treue Dankbarkeit der Erinnerung. Jodoform! Ich denke an eigene Freiburger Tage. Ich denke an meinen Besuch in Heidelberg, als Ben, weiß wie ein Schneemann, im Stuhle sah und Hühnerbrühe durchs Glasröhrchen suckelte ... Und ich gehe den beiden nach, dem Jodoformduftigen und seinem lauschenden Jünger. »Wir hatten vor vier Semestern einen zweiten Chargierten,« belehrt der Erfahrene den Fuchsen gerade, »der war Kunstlinkser, verstehst du. Der hatte eine Kraft im linken Arm, na, ich sage dir, einfach phänomenal! Der schlug – so aus'm Handgelenk – mit seinen berüchtigten Spickern jede Parade durch. Aber glatt. Jede !« Ich gehe an den beiden vorbei. Durch das große Gartenportal trete ich in den Vorhof, in dessen Mitte sich Helmholtz in Marmor erhebt. Der runde, wenig fesselnde Kopf mit dem spärlichen Bärtchen läßt Unbefangene kaum auf den genialen Gelehrten schließen. Nicht den Entdecker des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft, denk' ich so bei mir, nicht den großen Nervenphysiologen möchte man in diesem weißen Biedermann suchen. Es ist ja überhaupt so schwer, sich für die geistige Größe die entsprechenden körperlichen Formen zu denken. Ich erinnere mich, daß vor vielen Jahren für die lebenden Bilder eines Wohltätigkeitsfestes in Frankfurt ein Michelangelo nötig war. Man machte den Versuch mit Herren aus der Gesellschaft, mit klugen und minder klugen, schönen und minder schönen. Es ging nicht. Die Ähnlichkeit kam nicht heraus. Keiner genügte als Michelangelo. Schließlich nahm man einen – just nur für sein Handwerk begabten Hühneraugenoperateur, der tatsächlich dem Meister, der die Kuppel der Peterskirche gewölbt und geschmückt, in Schädelform, Gesichtsausdruck, Haarwuchs und Barttracht am nächsten kam. Und der gewaltige Buonarotti, die Blüte edelsten Geistes aus dem erlauchten Hause der Grafen von Canossa, wurde am festlichen Abend durch einen Leichdornvertilger vollendet dargestellt; durch einen Stumpfsinnigen, der den ganzen Tag über, ehe er stolz – im Bilde – vor Julius II. die Pläne der Sixtinischen Kapelle ausbreitete, die harte Haut von gedrückten Zehen entfernt hatte. Edle Köpfe machen nicht immer die edlen Menschen. In das Bild der Großen legt oft erst unsere Kunst oder unsere Liebe das Bedeutsame hinein ... Und wer weiß, wie viel künftige Geistesgröße, wie viel Gelehrsamkeit, Ruhm und Unsterblichkeit jetzt eben hier am Bilde von Helmholtz vor der Berliner Universität an mir vorbeiflutet. Zukunftsruhm mit Bierpickeln im jugendlich unfertigen Gesicht. Bartlose Größe in bescheidenen Hosen, die von den groben Bänken der Hörsäle spiegelglatt gescheuert sind. Blasse Unsterblichkeit, die heute noch aussieht, als sollte sie den Kater von der gestrigen »offiziellen Kneipe« nicht überleben. Und unter der Maske dieser frischen Gesundheit, die lachend aus dem Riesenkasten der Gelehrsamkeit an mir vorbeiflutet in die vornehmste, lebenspendende Ader der Großstadt, wie viel künftiger Schmerz um nie gelöste Rätsel, wie viel bald erwachsende Sehnsucht nach all dem Unmeßbaren und all dem Unfaßbaren mag sich da bergen? Und wie ich durch das Portal in das stimmendurchwühlte Haus trete, in dem ich doch eigentlich nichts mehr zu suchen habe, schmeichelt mir ein freundlicher Gedanke. Für wen halten sie mich jetzt wohl, die Leute, die sich hier auskennen, der Pedell dort unter der blauen Mütze oder hier der hübsche Bursch', der keinen Überzieher trägt, damit das dreifarbige Band in die Weite leuchten kann? Für was und für wen? Für einen, ach, wie bemoosten Studenten oder für einen neuen Professor? Es ist gerade Pause zwischen den Kollegien. Das Vestibüle ist gefüllt und voll Leben. Ein Gewirr junger, kräftiger Stimmen umspinnt mich. Ich greife unwillkürlich mit der Linken unter meinen rechten Arm. Wo ist die Kollegienmappe? Bin ich denn wirklich schon so alt? Komm' ich nur als schüchterner Gast, als einer, der »Lokal schinden« will, hierher? Gehör' ich gar nicht mehr dazu? Aber nein: da kommen – Damen; junge Damen mit Mappen. Eilfertig trippeln sie an mir vorbei und steigen wichtig die Treppe hinauf. Richtig, die Zeit ist weitergeschritten,' die Welt, die Mode mit ihr. Zu meiner Zeit, als ich noch die schmale, lederne Mappe trug, die Bücher und die – Jodoformkompresse, gab's noch keine Damen in solchen Hallen der Gelehrsamkeit. Wir waren noch ganz unter uns Jünglingen. Und wie ich das überdenke, bekommt dieser weite, kühle dunkle Vorraum mit den beiden steifen, schmalen Treppen links und rechts ein ganz eigenartiges, neues Interesse. Ich suche in dem wimmelnden Haufen nur noch die Frauen heraus. Ich möchte spähen und erkennen, ob sie wohl anders sind, anders sich tragen und geben, als ihre Schwestern da draußen im Herbstsonnenschein, die nichts wissen von den Komödien des Plautus, von den Funktionen der Milz oder von der Zivilprozeßordnung. Die Frauenmoden, denk' ich, werden von der weiblichen Gelehrsamkeit nichts profitieren, das ist sicher. Übrigens hätte schon vor unserer Zeit eine Statistik erwiesen, daß just nicht die klügsten Frauen die Moden machen; wenn auch leider selbst kluge Frauen die Mode mitmachen. Die Ausgaben für Schneider und Hutmacherinnen und die geistigen Ausgaben, die eine Frau zu machen imstande ist, verhalten sich nur zu häufig umgekehrt proportional ... Schlichteste Einfachheit ist unter den weiblichen Hörerinnen Mode. Vielleicht haben sie in diesem Jahre noch weniger das Bedürfnis aufzufallen als in früheren. Denn der jetzige Rector magnificus ist, sagt man, kein Freund der Frauengelehrsamkeit und des Frauenstudiums. Unauffällige runde Hüte mit wenig bunten Bändern und ohne die früher beliebten toten Vögel. Die »älteren Semester« unter den Hörerinnen treten ziemlich sicher auf. Von den jüngeren steigen noch viele mit gesenktem Auge die Treppen. Die männlichen Kommilitonen sind höflich ohne Übertreibung. Sie zeichnen die Damen nicht aus und sie belästigen sie nicht mit ihren Blicken. Freilich sinnverwirrende Schönheiten nehme ich auch keine wahr. Nach Darwin hat die Natur jedem Geschöpf in seinem Erhaltungstrieb auch die Waffe zum Kampf geliehen. Nutzlos gewordene Waffen legt die Gattung im Laufe der Zeit ab. Und was soll die Schönheit in den Hallen der Gelehrsamkeit? Käme eine neue Helena, wie sie einst in den Mauern Trojas sogar das Herz der silberhaarigen Greise entzündete, und wäre die moderne Tochter der Leda von dem heißen Wunsche beseelt, Sanskrit oder philosophische Propädeutik zu studieren – ja, dann freilich bangte mir sehr um die Ruhe und den Frieden in diesen heiligen Hallen! Erst als ich Ruth daherkommen sah, fiel mir wieder ein, daß ich ja eigentlich ihretwegen allein hier in die kühlen Gänge der Berliner Universität eindrang. Als sie meiner ansichtig wurde, verabschiedete sie sich sofort von einem zerknitterten älteren Fräulein, das mit hängender Schulter eine schwere Büchermappe schleppte, als käme sie mit Rüben vom Markt. »Ich habe schon ein Kolleg über Minnesänger und eins über das antike Rom hinter mir.« Ruth streckte mir vergnügt den dänischen Handschuh hin. Sie schien nicht weiter erstaunt, mich hier zu sehen. Wie es denn überhaupt zu ihren merkwürdigsten Eigenschaften gehörte, selten erstaunt, niemals verblüfft zu sein. Woher es wohl kam, daß ihr Antlitz zu den wenigen Menschengesichtern zählte, die ich nie, auch nur für flüchtige Augenblicke, einen blöden, unbewachten Ausdruck habe annehmen sehen, der bekennt: ich bin der Situation nicht gewachsen. »Du bist anders schwer zu sprechen, liebe Ruth,« erklärte ich diese ungewöhnliche Begegnung, »so hab' ich mich bei Ben telephonisch nach deinem komplizierten Stundenplan erkundigt. Und siehe: es gelang.« »Aber wie? Teurer Schwager, du hast doch erst vorgestern bei uns Tee getrunken mit deiner lieben Frau – das soll kein Vorwurf sein, weder der Tee noch das »Vorgestern« noch die liebe Frau.« »Schön. Schön, wie alles, was du sprichst. Schön, wie der köstliche Karawanentee, den du bereitet hast. Aber du bist dann nie allein. Entweder ist Ben bei dir oder eine Freundin oder Bekannte oder ein Künstler oder ein Literat oder – – Na, der Reichskanzler wird auch bald kommen, was?« »In der Diplomatie bin ich noch nicht so weit. Aber ich gebe zu, es wird da auch bald werden.« Ihr Ton fand zwischen Ernst und Scherz eine listige Mitte« Man wußte nicht recht. »Ich bereite so langsam – soweit man das kann, ohne zunächst selbst eingerichtet zu sein – einen sogenannten »Salon« vor. Oder – doucement, doucement! n'allons pas si vite ! – ein bescheidenes Salönchen. Nicht lächeln –! Warum soll die Ruth, geborene Baddach, aus Frankfurt nicht da anfangen in Berlin, wo die Rahel, geborene Lewin, ausgehört hat?« »Na – Ben als Varnhagen von Ense? Ich weiß nicht, ob er Talent hat?« »Er wird sich gewöhnen.« »Ein kleiner Ehrgeiz steckt doch in dir – ich dacht' mir's. Aber –« »Aber – du wolltest von anderen Dingen sprechen. Und da ich dich und deine Geschäfte kenne, so weiß ich schon, es handelt sich dabei nicht um dich und nicht um mich. Immer um Ben.« »Ganz recht, Ruth. Er macht mir etwas Sorge.« »Hm. Ich glaube, das wird er machen, solange er lebt. Aber er macht das so nett, findest du nicht? Es ist in dem großen, klugen, ideenreichen Menschen ein Stück Kind. Ich könnte mir denken, daß ich eines Tags nach Hause komme – und er baut Bleisoldaten aus und schießt mit Erbsen hinein. Oder ich seh' zufällig aus dem Fenster, und – wahrhaftig, er springt unten in dem, was man in Berlin bescheiden seinen »Garten« nennt, übers Seil! ... Aber reden wir im Hause ernsthast von den ernsten Dingen, ja? Jetzt bin ich allein. Ich nehme dann keinen Besuch an. Ben ist im Bureau – wie das zusammen klingt: Ben und »Bureau«! Obschon's ein Stabreim ist, will's gar nicht recht passen, nicht? ... Sieh mal, wie entzückend hier bei Santen die Elfenbeinminiaturen!« Und schon stand sie an der Auslage des Santenschen Geschäfts und betrachtete, bewunderte, erklärte mit einem liebegetränkten Verständnis die einzelnen Kunstgegenstände. Etwas Fremdes blieb immer für mich in dieser jungen Frau, die ich schon als Kind gekannt, deren Herzenswünsche ich früher als andere gehört, deren wunderliche Verlobung ich mitgefeiert, und die nun seit sechs Monaten meines Bruders Ben Frau hieß. War es doch die andere Rasse, das freiere Milieu, aus dem sie kam? War es ein kühnerer Zuschnitt des Geistes, der Erziehung, der Lebensformen, der Bedürfnisse? Wir schlenderten die Linden hinunter. Kavaliere sahen diskret nach ihrer eleganten Erscheinung. Mißbilligende Bürgerinnen drehten sich nach ihr um. Sie bemerkte alles und beachtete nichts. Sie führte eine leichte Unterhaltung über Theater und Gemälde, über Berlin und seine Geselligkeit, in der sie, das merkte man aus allem, schon gut orientiert war und allmählich eine Rolle zu spielen hoffte. Und während sie plauderte, liebenswürdig, ruhig, meldete sich immer wieder leise die Frage in mir: Und Ben? Am Brandenburger Tor winkte sie einer leer vorbeizottelnden Droschke. »So – der Rest ist Spazierfahrt.« Sie nannte dem Kutscher die Straße und wies an, durch den Tiergarten zu fahren. »Die Berliner schwärmen für den Tiergarten. Ich werde mich hüten, zu widersprechen. Das hab' ich jetzt schon gelernt: man kann und darf mit Berlinern über alles streiten, über Bismarck und Wagner, über Napoleon und Goethe, über den Kaiser und den Kainz – bloß nicht über Berlin. Da kann man sich Feinde machen. Besonders unter den Berlinern, die selber aus Breslau sind. Und beileibe nicht an den Tiergarten rühren! Sie nennen ihn die »Lunge« der Stadt, er ist ihr Herz. Mich stören gerade die Berliner darin. Alle diese korrekten Geheimräte und sich wichtig machenden Lebejünglinge, aber auch die Damen, die's so eilig haben, als ob sie auf die Bahn müßten, gehören nicht unter so breitschattende alte Bäume. Gehören zwischen Mauern, aus den Asphalt. Sogar die Spreewälderinnen, so energisch sie hinter den Kinderwägelchen die kurzen Röcke schaukeln, kommen mir immer maskiert vor, wie für den Karneval in Mainz. Unsere Zeit ist auf Moden angewiesen. Die Volkstracht ist vorbei. Schade, aber nicht zu ändern. Oben in Schweden – auf unserer Hochzeitsreise hab' ich's oft gedacht – wenn da ein Schiff einläuft in so einen grandiosen Fjord und schlank, ernst und blond stehen die Bäuerinnen in ihren Trachten – grell, wie das Holzspielzeug ihrer Kinder, wie ihre Sonnenuntergänge und ihre Malerei – das paßt ins Bild. Hier? Man kann die Leipziger Straße, find' ich, nicht einfach ausschütten aus die Nasenflächen eines englischen Parks ohne üble Stilwidrigkeit.« In der vornehmen, stillen Straße in Charlottenburg stiegen wir aus. Peter Pütz öffnete. Er hatte an Feierlichkeit nichts verloren, kam aber jetzt den vortrefflichen Vorschriften des Prinzen Reuß mit einer lächelnden Sicherheit nach, die jeden Zweifel ausschloß, ob man vielleicht einen Paletot mit weniger Anstand abnehmen oder eine Türe mit bescheideneren Zeremonien öffnen könne. Rosa Riemenschnut, die Zipfel einer Tändelschürze mit silbernen Nadeln an den geräumigen Busen gesteckt, und ein kokettes Schlupphäubchen aus dem zu seltsam eigenartiger Frisur ausgebauten, brandroten Haar, orientierte ihre Herrin kurz über die in ihrer Abwesenheit eingelaufenen Telephonate. Eine Schneiderin; der Baron von Gollwitz – Rosa Riemenschnut baronisierte jeden Adligen – eine Dame in Angelegenheiten der Heidenmission, die Buchhandlung Unter den Linden und ein japanischer Professor. Ich wunderte mich im stillen über die Vielseitigkeit der schon angeknüpften Beziehungen und des Verkehrs und dachte lächelnd an meine kleine blonde Frau zu Hause, die noch immer in Berlin wie zu Besuch wohnte und kaum zwei, drei Damen kannte, zu denen sie ehrfurchtsvoll emporsah, da diese schon ein paar Jahre hier lebten, keine Linien der Elektrischen miteinander verwechselten und den Kühnheiten der Portierleute und Budiker gewachsen waren. »Alles nicht wichtig,« sagte Ruth, als Rosa gegangen war. »Jetzt bin ich ganz Ohr, ganz zur Verfügung des vieledlen Schwagers und seiner drückenden Familiensorgen. Denn Sorgen werden's doch sein?« »Allerdings. Das heißt – –« Es kam mir plötzlich wunderlich, ja fast komisch vor, in diesem Raum von alltäglichen, von mitteleuropäischen Angelegenheiten zu sprechen. Denn man war, eben noch durch den Berliner Tiergarten gefahren, plötzlich und unvermittelt in Ostasien. Mitten in Japan. Ben hatte diese Wohnung ausgesucht. Möbliert hatte er sie einer Kommerzienrätin Jänisch abgemietet, die mit ihrem jetzt längst verstorbenen Gatten viele Jahre in Japan gelebt und die einzige Tochter dort an einen vornehmen Japaner verheiratet hatte. Daher kam es, daß diese acht großen und hohen Zimmer aussahen, wie ein einziges japanisches Museum. Man hatte den Eindruck, es müßten eigentlich Nummern an allen Gegenständen stecken und aus dem Korridor illustrierte Kataloge verkauft werden. Auch war man vielleicht erstaunt, keine Plakate an der Wand zu finden mit der strengen Weisung, die Schirme an der Garderobe abzugeben und die ausgestellten Kunstwerke durchaus nicht zu berühren ... Ruth hatte gewünscht, sich in aller Ruhe in Berlin einrichten zu dürfen, nachdem man sich überzeugt, daß es die richtige Stadt sei, in der man sich niedergelassen, und die richtige Gegend gefunden. Ich, der ich, als Syndikus meiner Bank, schon ein paar Monate in einer hübschen, aber nicht ungewöhnlichen Wohnung des neuen Westens lebte, hatte geraten, zunächst mal in eine Familienpension zu ziehen. Aber Ben widerstrebte die Möglichkeit, immerzu mit anderen Leuten zu Tisch zu sitzen, amerikanischen Frohsinn und russische Tischgewohnheiten ertragen zu müssen und Lords und Contes kennen zu lernen, die später mit dem Tischsilber oder der Kochmamsell durchgingen. Anderes erwartete er nicht von einer Pension. Auch das Christliche Hospiz lehnte er ab. Es war ihm nicht auszureden, daß hier immer zugereiste Superintendenten von auswärts am Harmonium säßen und talentlos Choräle spielten. Ein Hotel erschien ihm, da Ruth Bewegungsfreiheit liebte und weniger als fünf Räume nicht in Erwägung zog, doch etwas kostspielig. So betrachtete er es als einen herrlichen Glücksfall – sein Leben war reich an solchen freudig begrüßten Glücksfällen, die einer Nachprüfung nicht immer standhielten – als er schon auf der Fahrt nach Berlin auf eine Annonce in der »Voß« aufmerksam gemacht wurde, in der eine Dame, die längere Zeit verreisen wollte, ihre »hochherrschaftlich und originell eingerichtete Wohnung, im einheitlichen Stil möbliert«, für sechs bis acht Monate »vornehm denkender, kunstverständiger, kinderloser Familie« anbot. Diese Reise unternahm die Kommerzienrätin Jänisch zur fünften Entbindung ihrer einzigen Tochter nach Tokio. Die bis ins kleinste geregelte Lebensweise ihres Schwiegersohns, der Kudsuke-no Jatsu-nada hieß, von der Insel Sikok stammte und, wie alle edlen Japaner, sein Geschlecht in gerader Linie auf einen der achtmalhunderttausend dämonischen Mikotos zurückführte, brachte es mit sich, daß alle zwei Jahre ein neuer Kudsuke-no Jatsu-nada, schlitzäugig und mit schwarzem Schöpfchen, geboren wurde. Wie lange diese geregelte Lebensweise fortgesetzt werden sollte, blieb unbestimmt. Vorerst war an eine Unterbrechung des guten Familienbrauches nicht zu denken. Die Kommerzienrätin Jänisch reist also jedes zweite Jahr nach Japan, um nach alter, lieber Gewohnheit auf geflochtener Binsenmatte zwischen herrlich gemalten Wandschirmen aus dünnem Porzellanschälchen köstlichen Tee trinkend die schwere Stunde ihrer Tochter zu erwarten. So kam es, daß die junge Ehe Bens und Ruths im modernen Berlin unter lauter Specksteingötzen, seidenen Wandschirmen, geflossenen Glasuren, verwegenen Tuschmalereien, grinsenden Elfenbeinaffen, bemalten Ziervasen und leuchtenden Goldlackarbeiten ihr erstes Nest fand. Ich habe in meinem ganzen Leben, wenn ich alles dieser Art zusammenrechne, was mir begegnet, solch überwältigende Fülle von Fischreihern und Kirschblüten, von Bronzefalken und silberverzierten Schwertern nicht gesehen, wie in diesem jungen Haushalt. Ben, der für alles Neue, Fremde und Wunderliche den Enthusiasmus seines allen Wallungen geneigten Temperaments mitbrachte, fand sich in diesen Bildern, papiernen Schiebewänden, Schwertstichblättern und Porzellankannen rasch und wunderbar zurecht und konnte bei seinem erstaunlichen Gedächtnis für fremde Namen und schwierige Vokabeln bald die Malereien der unaussprechbaren Schüler des Toba Sojo, die Blätter der Anhänger der Vamato-Tosa-Schule oder die Naturstudien Maruyama Okios und seines Schülers Geshum mit einer schwindelerregenden Zungengeläufigkeit erklären. Während ich so auf der einzigen Konzession an den mitteleuropäischen Stil und seine Bequemlichkeit, einem breiten Armsessel, Platz genommen, hatte sich Ruth ein wundervoll besticktes seidenes Kimono übergeworfen und setzte sich auf eine Strohmatte mir fast zu Füßen. Hinter ihr tanzten aus einem Wandschirm aus ockerfarbener Seide zwei Affen, die aus einem Malvenbusch herausfeixten, um spindeldürre Gaukler. »Liebe Ruth,« sagte ich und bemühte mich, von den Gedanken loszukommen, daß ich hier in meinem grauen Sakko wie ein Klecks im Bilde saß, »ich wollte mit dir von Bens Plänen sprechen. Mir scheint da wieder einiges durch die berühmte blaue Brille gesehen, die der gute Ben zur Betrachtung von Menschen und Dingen von Zeit zu Zeit vor seine sonst so klugen Augen nimmt.« »Von Zeit zu Zeit? Er ist damit geboren. Wer ihm die Brille zerschlägt, trifft unfehlbar seinen Augapfel. Zerstört ihm das edelste Organ und die hellste Freude am Leben. Nie hat Kassandra wahrer gesprochen, als im Anblick dieses Optimisten: »Nur der Irrtum ist das Leben – und das Wissen ist der Tod.« »Ich fürchte nur, daß diese Verbindung mit Wüllich und seiner – nun sagen wir vorsichtig: seiner merkwürdigen Fabrik und dem, was mit ihr tiefer zusammenhängt –« » Darauf kommt's für Ben an. Auf die tieferen Zusammenhänge. Nicht auf die Wässerchen und Salben –« »Gewiß. Aber mir scheint – du weißt, ich war schon vorsichtig als Frankfurter Anwalt. Als Syndikus in Berlin hab' ich noch Vorsicht zugelernt – mir scheint da vieles doch recht unsicher, wenn nicht gefährlich. Die finanziellen Fundamente sind –« »Wacklig, mild ausgedrückt. Ich weiß. Was macht das? Es füllt Ben aus – es freut ihn, regt ihn an, beschäftigt ihn. Er kann sich betätigen. Und – so hart das klingt, aber es hört uns ja niemand – wir haben's ja dazu.« »Wenn ich nur das Gefühl hätte, daß er so ganz aus eigenster Initiative, aus innerster, froher Überzeugung – aber mir scheint, da sind treibende Kräfte hinter ihm, die nicht ganz uneigennützig ... Wer ist eigentlich dieser Tobias Moscheles, von dem er immer schwärmt, und wie sieht dieser vielseitige Mann aus, und – –?« »Oh,« Ruth lächelte vergnügt, »das Aussehen ist just seine starke Seite nicht.« Und den Kopf ein wenig wendend, zeigte sie mit dem Daumen über die großen gestickten Chrysanthemen auf ihrer Schulter zu dem bunten Wandschirm, den jetzt hinter ihr die Sonne leuchten ließ. »So sieht er aus!« »Mein Gott, wie dort der schlitzäugige japanische Gaukler?« »Nein, nein, wie der da – der andere.« »Wie denn – der Affe unter dem Malvenbusch?« »Ja, dem sieht er wirklich ähnlich. Ben meint's auch; hat's sogar zuerst entdeckt. Aber darin erblickt Ben, wie er nun mal ist, ein besonders glückliches Omen, daß ein Affe aus der Schule Kano Masanobus, vor vier Jahrhunderten in Japan unter einem Malvenbaum gemalt, zufällig erinnert an einen pfiffigen kleinen Journalisten, der alles macht und – gegen gute Beteiligung – sogar Ben und seinen Idealen den Weg ebnet. Mitten durch Berlin.« Siebenunddreißigstes Kapitel Ruth zog das seidene Kimono fester um ihre Schulter und, mit einer geschnitzten Elfenbeindose wohlgefällig spielend, erzählte sie von Tobias Moscheles. Als Ben nach beendeter Hochzeitsreise von Frankfurt nach Berlin vorausfuhr, den heißen Boden der Reichshauptstadt zu sondieren und eine möblierte Wohnung zu mieten, wurde in Gotha die Tür heftig aufgerissen. In sein bis dahin leergebliebenes Coupé erster Klasse stieg ein aufgeregter kleiner Herr ein. Der Schaffner, der Bens Spende von drei Importen richtig dahin verstanden hatte, daß der Reisende gern allein geblieben wäre, zeigte sich sehr unglücklich. Aber der aufgeregte Herr belehrte ihn, daß dieses Coupé, wie der Augenschein lehre, fast unbesetzt sei, während die anderen alle von Fahrgästen strotzten. Er fügte erläuternd hinzu, daß er nicht gewohnt sei, wie ein gesalzener Hering, sondern wie ein gebildeter Mensch befördert zu werden. Die höfliche Einwendung des eingeschüchterten Schaffners, daß sein Billett doch nur auf die dritte Klasse laute, beantwortete er mit der Frage, woher der Schaffner wisse, daß er nicht nachzahlen werde. Er werde nachzahlen. Dann ließ sich der aufgeregte kleine Herr ins Polster zurücksinken, schloß die Augen, nahm den mit einem faltigen Flor umwundenen, sehr hohen Zylinder von der wundgedrückten Stirn, knöpfte den etwas vertragenen dunklen Überzieher auf und beschäftigte sich nur damit, zu pusten und zu schwitzen. Er war offensichtlich nicht nur aufgeregt, sondern auch sehr gelaufen. Ben betrachtete den neuen Reisegefährten und stellte einwandfrei fest, daß er klein, häßlich und vielleicht ein Dreißiger war. Um ein knochiges, farbloses Gesicht hing ein dünner, spitz zulaufender Ziegenbart, der verrostet aussah. Die ziemlich langen Kopfhaare waren energisch nach oben gebürstet, ohne Locken zu ergeben. Die kräftige Nase schien einem goldenen Zwicker, den sie trug, erfolglos nach der linken Seite ausweichen zu wollen. Die Beinchen waren kurz und dick und steckten in merkwürdig dunkel karierten Hosen, wie geknickte Würste. Der geöffnete Paletot ließ einen schon etwas vertragenen Smoking sehen, der zwar zu den Hosen nicht paßte, aber auch durch eine lange schwarze Krawatte, in der ein Totenkopf aus Elfenbein als Nadel saß, Lügen gestraft wurde. Gerade konstatierte Ben, daß die kleinen, breiten Maulwurfshände, die das Gegenüber auf dem nicht ganz hermetisch verschlossenen Hosenbund wie zur Andacht gefaltet hatte, von keiner sonderlichen Pflege Zeugnis ablegten, da öffnete der merkwürdige kleine Mann die listigen dunklen Augen. Ganz unvermittelt kamen aus dem rostigen Ziegenbart diese rätselhaften Worte: »Ich werd' den Wirt verklagen – was täten Sie ?« Ben war sehr verblüfft. Ein kurzer, aber inhaltreicher Traum mußte dem fremden Herrn wohl vorgetäuscht haben, daß er sich bereits mitten in einer angeregten Unterhaltung mit Ben befinde. Da von deren interessantem Inhalt Ben nichts bewußt war, so beschränkte er sich darauf, verbindlich, aber etwas verlegen zu lächeln. Worauf der Ziegenbart, ohne sich von dem zurückgekehrten Bewußtsein dahin belehren zu lassen, daß er mit Ben bis jetzt noch kein Wort gewechselt, lebhaft und unterstützt von energischen Bewegungen der beiden Hände, die stets symmetrisch in der Luft dasselbe unternahmen, also fortfuhr: »Die Sache liegt doch ganz einfach. Ich habe dem Idioten von Hausknecht im Hotel gesagt: er muß mich um halb sechs Uhr wecken. Was tut er? Er weckt nicht . Was tu' ich? Ich schlaf' weiter. Was hätten Sie getan?« Ben konnte nicht umhin, auf diese dringliche direkte Befragung lächelnd zu gestehen, daß er nach seinen vielleicht tadelnswerten Lebensgewohnheiten um halb sechs Uhr, wenn ihn niemand weckte, auch weiter geschlafen hätte. »Sehen Sie,« der Ziegenbart erhob die Hände in Kopfhöhe, wie die schlecht geschminkten Chorführer, wenn sie auf Stadttheatern in dringender Angelegenheit die ewigen Götter anrufen, und nickte lebhaft. »Da könnt' ich Sie gleich als Sachverständigen brauchen. Ich verlange Schadenersatz von dem Wirt. Hab' ich nicht recht? Ich hätte ganz bequem den Frühzug nach Berlin bekommen und wäre richtig zu meiner wichtigen Sitzung in der Schützenstraße gewesen. Nun werd' ich um halb zehn Uhr wach – von selbst, um halb zehn Uhr braucht mich keiner mehr zu wecken – und hab' das Vergnügen, mich noch zwei Stunden in Gotha herumzudrücken. Kennen Sie Gotha? Nein? Seien Sie froh! Die Promenaden – ganz schön. Aber was mach' ich mit Promenaden, wenn's Bindfäden regnet? Das Schloß – vielleicht sehenswert, aber ich hab' keine Beziehungen zum regierenden Herzog. Ein Standbild Bismarcks – wo steht der nicht ? Der ist schon bald wie der furchtbare Garibaldi in Italien, der einen an jeder Straßenecke erschreckt. In der naturwissenschaftlichen Sammlung tausend ausgestopfte Säugetiere. Nu wenn schon! Wenn Sie seelisch erschüttert sind, wie ich, sehen Sie sich tausend ausgestopfte Säugetiere an?« Ben glaubte, daß er in solchem Fall auf die Säugetiere in jeder Zahl verzichte. »Sehen Sie!« Der Ziegenbart freute sich der Übereinstimmung der Empfindungen. »Schließlich hab' ich mir die Cranachs noch mal angesehen und beinah darüber auch den Zug versäumt. Unter uns, ich mach' mir nichts aus Cranach. Der Mann hieß eigentlich Müller und war aus Bamberg. Aber sich »Bamberger« zu nennen, hat er vermieden, lieber gleich Cranach. Kann ich verstehen. Aber hätten Sie sich von dem Mann malen lassen? Ich nicht.« Ben dachte, daß vielleicht ein Wunsch des Ziegenbarts, sich von Lukas Cranach malen zu lassen, auch daran gescheitert wäre, daß der Hofmaler Friedrichs des Weisen seinerseits es dankend abgelehnt hätte, die Arbeiten an den Bildnissen Luthers und Melanchthons zu unterbrechen, um diesen neuen reizvollen Auftrag auszuführen. Aber der Ziegenbart hatte seine Gedanken schon wieder von der Kunst der Reformationszeit abgewendet und war ganz bei seinen eigenen gegenwärtigen finanziellen Angelegenheiten. »Der Wirt muß einen Schadenersatz leisten. Muß. Vielleicht ist er versichert, beim Allgemeinen deutschen Versicherungsverein oder sonstwo. Um so besser für ihn. Denn den Zuschlag zu meinem Billett muß er mir auch bezahlen. Im Frühzug wär' ich doch in der dritten Klasse allein gewesen. Jetzt, wo ich den D -Zug benützen muß – zweites Frühstück in Gotha kommt auch noch dazu – ist die dritte Klasse voll, wie ein faules Ei. Der gute Mann kann doch nicht verlangen, daß ich mich bis Berlin zu Mus zerquetschen lasse. Und noch dazu, wo ich nachweislich seelisch erschüttert bin.« Hier machte der seelisch Erschütterte eine längere Pause, nahm seine beiden Hände aus der Luft und steckte sich eine sehr schwarze Zigarre an, die einen eigentümlichen schiefen Brand hatte und unschön roch. Hierbei erst fiel es Ben auf, daß sein Gegenüber mit dem linken Auge beträchtlich abirrte, während das rechte mit edlem Feuer die Umwelt betrachtete. Schielen tut er auch, dachte Ben. Aber da er von Frankfurt bis Gotha ganz allein gefahren war und alle schwebenden Angelegenheiten bereits mehrfach durchdacht hatte, so störte ihn der Mann weiter nicht und schien ihm sogar unterhaltsam. »Es ist 'ne reinliche Sache um so ein Krematorium,« nahm der Ziegenbart unvermittelt das Gespräch wieder auf. Ben überlegte, ob der finstere Rachedurst des Zuspätgeweckten etwa den unglücklichen Wirt dem Krematorium überliefern wolle. Aber dann brachte ihn der feierliche Smoking, die schwarze Krawatte und der umflorte hohe Zylinder auf andere Vermutungen. Diese bestätigten sich, denn der Fahrtgenosse fuhr fort, als ob er Bekanntes leutselig kommentiere. »Sie war meine letzte Tante. Im Leben hat sie sich ja nie um mich gekümmert. Aber im letzten Willen stand: der Tobias soll mich verbrennen und soll eine Rede halten und soll ein Lied singen. Das letzte war natürlich bloß ein Schreibfehler oder ein Konstruktionsfehler. Verkalkt war sie schließlich auch. Ich kann gar nicht singen. Und sie hat gemeint und sagen wollen: es soll ein Lied gesungen werden. Spaß, hab' ich 'ne Schererei gehabt mit dem Lied! Ein Gesangverein hat dreihundert Mark verlangt. Das wären zwanzig Prozent von der ganzen Erbschaft gewesen, die auch noch in fünf Teile geht. Sie hat sich in 'ne Stiftung eingekauft gehabt. Vor vierzig Jahren schon. Vorsichtig. Damals war sie neununddreißig. Neunundsiebzig ist sie geworden. An so wem hat die Stiftung keine reine Freude. Trotzdem hat das Kuratorium 'nen Kranz geschickt. Nobel. Hab' ich auch Schererei gehabt mit dem Kranz. Kam zu spät, Efeu und Astern, und mir mitten ins Abendessen. Nu war ich schon so erschüttert. Kriegen Sie gern Totenkränze, wenn Sie zu Abend essen?« Auch in dieser Frage ergab sich wieder die überraschende Übereinstimmung zwischen Ben und dem fremden Reisenden. Da jetzt eine Gesprächspause eintrat, verließ Ben für einige Minuten das Coupé, um sich die Hände zu waschen. Als er wiederkam, war eine große Veränderung mit dem Ziegenbart vor sich gegangen. Man sah ihm keinerlei Erschütterung mehr an. Er strahlte förmlich. Alles an ihm war freudige Erregung. Sein linkes Auge ruhte leuchtend auf Ben, während sein rechtes noch unschlüssig im Coupé herumsuchte. »Herr Doktor Mewes – das ist mir aber eine große Freude!« Der Ziegenbart streckte Ben beide Hände entgegen, was, da Ben eben die seinigen gewaschen hatte, dem so gütig Begrüßten etwas reichlich erschien. »Sie wundern sich, daß ich Ihren Namen – Aber die Visitenkarte hängt doch am Handkoffer! Immer wenn einer aus'm Coupé geht, seh' ich mal rasch nach, wer's ist. Praktisch! Irgendwo in einem Buch, das er liegen läßt, oder am Koffer oder sonstwo steht's doch immer. Man weiß doch gern, mit wem man reist, hab' ich nicht recht? ... Ja so, Sie sollen's auch wissen.« Der kleine Mann sprang vom Sitz aus, verbeugte sich anmutlos aber sehr höflich, wobei er beide Hände flach auf die Brust legte und stellte sich vor: »Moscheles – Tobias Moscheles.« Ben versicherte, daß es ihm angenehm sei, Herrn Tobias Moscheles kennen zu lernen. Und da er ihn nun kannte, drückte er sein Beileid aus an seinem harten Verlust. »Wieso Verlust? Der ist noch nicht verloren. Ich sag' Ihnen doch, ich prozessier' mit dem Mann.« Ben deutete an, daß er mit dem Verlust eigentlich die Tante gemeint habe. »Ach so, danke, danke. Da ist nun nichts zu machen. Und neunundsiebzig Jahre genügen ja. Besonders wenn man die Gicht gehabt hat wie sie. Gicht ist für junge Leute, die noch ins Bad reisen können – aber die kriegen sie nicht. Aber nun werden Sie fragen, warum ich mich so freue, daß ich Sie gerade –« Und wieder bemächtigte er sich mit beiden Händen Bens Rechter, die er gefühlvoll nach seiner Herzgegend führte. »Denken Sie, zwei mal hab' ich, kurz eh' ich mich in den Smoking gestürzt hab' für die Tante, von Ihnen gehört. In Berlin noch.« »Von mir –? Das ist doch wohl nicht möglich!« »Was heißt: nicht möglich? Leben Sie mal, wie ich, dreizehn Jahre in Berlin, dann sagen Sie auch: alles ist möglich. Impossible – ce n'est pas un mot français , hat der Napoleon gesagt. In Berlin hören Sie's auch nicht.« »Aber ich bin doch gänzlich unbekannt in Berlin und –« »Sagen Sie das nicht! Kennen Sie Herrn von Wüllich? Nu also! Kennen Sie Frau von Wüllich –? Nu also!« »Allerdings; es sind Onkel und Tante eines Schwagers von mir –« »Des Herrn Kurt von Möckwitz – wie ich im Bilde bin, was? Und der ist Ministerpräsident oder so was in Baldeneck.« »Nun nicht gerade Ministerpräsident,« wehrte Ben lächelnd ab, »bloß Oberschloßhauptmann.« »Nun – ich hab' doch gesagt »oder so was«. Ich laß mir immer Hintertürchen auf. Praktisch. Ihre Frau Schwester – Mathilde heißt sie, weiß ich auch – hat an die Herrschaften Wüllichs geschrieben: Sie kommen, wollen sich in Berlin betätigen, wollen viel Geld da verdienen – sagen Sie gar nichts, das wollen wir doch alle . Ist doch kein Mensch in Berlin, bloß um im Tiergarten Raupen zu sammeln, nicht wahr, oder auf'm Rathausturm nachzusehen, wieviel Uhr es ist ... Ja, und also die Wüllichs, die rechnen stark auf Sie.« »Auf mich ?« »Also der Mann hat doch die kosmetische Fabrik, nicht wahr. Alle die Pulchritudo-Artikelchen – Seifen, Essenzen, Nagelschmieren – und den Kram macht er doch. »Pulchritudo« ist eine blöde Fabrikmarke. Damals hat er mich noch nicht gekannt. Viel zu schwer auszusprechen für die Leute, die an das Zeug glauben sollen. – Nun hat er 'ne feine Propagandaidee, der alte Wüllich. Überhaupt ein eminenter Kopf, wenn ihm einer hilft. Die Idee hab' ich nämlich eigentlich gehabt. Natürlich aus der Hand hab' ich sie nicht gegeben. Manus manum lavat – eine Hand wäscht die andere, hab' ich nicht recht?« Ben konnte nicht umhin, zu bestätigen, daß Herr Tobias Moscheles auch hier wiederum recht hatte; wunderte sich nur im stillen, da sich beide Hände des Herrn Moscheles gerade vor seinem Gesicht befanden, warum der Herr selber den schlichten Wortsinn dieses weisen Spruchs auf Reisen offenbar so wenig befolgte. Moscheles nahm seine Hände mit einem Ruck aus der Luft und zog sie an seine Brust, eine Bewegung, die bei Dauerläufern vielfach beobachtet wird und die ihm eigentümlich war, obschon er zu Dauerläufen oder sonstiger sportlicher Betätigung nicht neigte, auch nicht gebaut war. »Ja, und dann – wer glauben Sie, daß mir noch von Ihnen gesprochen hat – nein, geschrieben?« Ben konnte dieses Rätsel unmöglich lösen, da ihm die gesellschaftlichen Kreise, in denen Herr Moscheles verkehrte, fremd waren. Er bat also Herrn Moscheles, sich selbst zu äußern. Worauf Moscheles triumphierend erklärte, daß es kein anderer, als der Epigrammatiker Max Güldenring gewesen sei. Von den Epigrammen dieses vortrefflichen Bankbeamten halte er nicht viel, die Börse als Ganzes sei witziger, als ihr einzelner Besucher. Aber der Mann habe ihm neulich mexikanische Papiere verkauft, und er, Moscheles, habe siebenhundert Mark daran verdient. »Wenn der Mann mir das schreibt, kann er sonst schreiben, was er will,« schloß Moscheles seine begeisterte Lobrede auf Max Güldenring, der ihm von Ben geschrieben hatte. »Ich glaub', ich hab' den Brief noch bei mir – warten Sie –« Moscheles suchte in seiner Tasche und reichte Ben ein vielfach gefaltetes Schreiben. Da dieses aber begann: »Mein geliebter Schnucki,« so gab es Ben mit der Vermutung zurück, daß es wohl nicht von dem Epigrammatiker herrühre. Was Moscheles nach Einsicht bestätigte. Es sei die Mitteilung einer Freundin, sagte er; was glaubhaft schien. Und den Brief des Dichters habe er nun doch wohl, da die Rückseite frei war, leider für eine Depesche benutzt. Schade. Nun, es habe eben darin gestanden, daß Herr Doktor Ben Mewes, ein junger Mann aus bester Familie, persönlich begütert und noch viel begüterter verheiratet, nach Berlin komme, um sich künstlerisch auszuleben, und daß es vielleicht für beide Herren von Vorteil sei, wenn Tobias Moscheles, dessen Ideenreichtum der Schreiber kenne und bewundere, recht bald die Bekanntschaft dieses jüngsten zukunftsreichen Berliners machen könne. »Und was tut Gott?« schloß Tobias Moscheles den wohlwollenden Bericht über Person, Meinung und Brief des Epigrammatikers. »Noch mit einem Fuß im Krematorium von Gotha, lern' ich den Doktor Mewes schon kennen, den ich in Berlin suchen soll! Glück muß der Mensch haben.« Hier bemerkte Ben höflich, daß auch er von Glück sagen könne, indem ihm auf der Fahrt nach der Reichshauptstadt gleich ein Mann begegne, der offenbar in Berliner Angelegenheiten so gründlich erfahren und eingeführt sei. Moscheles nickte ernst seine rückhaltlose Zustimmung. »Seh' ich aus, als ob ich eingebildet bin? Ich bin nicht eingebildet. Ich weiß bloß, was ich kann. Angefangen hab' ich als Journalist. Bin ich im Hauptberuf auch noch. Steh' auch so im Telephonbuch. Aber man muß auf zwei Beinen stehen. Ich mach' auch sonst noch allerlei. Jetzt in Gotha zum Beispiel, gestern – ich hab' nach der Feier im Krematorium doch nichts mehr zu tun gehabt – man will auch auf andere Gedanken kommen, wenn man seelisch erschüttert ist – da bin ich in eine von den großen Zervelatwurstfabriken gegangen und hab' mich angeboten, den Leuten einen Riesenauftrag nach Berlin zu verschaffen. Praktisch. Einfälle muß man haben. Im Haus, wo ich wohne, in Charlottenburg, richtet jetzt eine Witwe ein Delikateßgeschäft ein. Die Frau tut, was ich ihr rat'. Sie hat schon Zucker von mir und Sardellenbutter. Wachsfrüchte für den Erker hab' ich ihr auch vermittelt. Nun wird sie eine große Bestellung auf Gothaer Zervelatwürste machen. Muß ein Hauptartikel werden. Suggestion ist alles beim Publikum, Reklame ist alles. Ich hab' ihr schon was aufgesetzt. Ist 'ne nette, mollige Frau, und die paar Prozente kann man schon noch mitnehmen.« Ben dachte, wenn die ganze Berliner Literatur nebenher mit Zervelatwürsten handle und Sardellenbutter vermittle, dann müsse eine literarische Gesellschaft in Berlin ja noch etwas wunderlicher ausschauen, als die, die er beinahe in Frankfurt gegründet hätte. »Was werden Sie an der Spree machen, Herr Doktor?« Ben machte kein Hehl daraus, daß er das noch nicht wisse; und meinte, er wünsche zunächst, wenn es das in Berlin gäbe, eine gut möblierte Wohnung von fünf bis sieben Zimmern für einige Monate. Tobias Moscheles fuhr mit beiden Händen seitlich weit in die Luft, als ob er einem entgegenkommenden Eilzug in höchster Herzensangst ein warnendes Haltesignal geben wollte. Es war aber nur ein Zeichen seiner Verwunderung und Freude. »Möblierte Wohnung –? Fünf bis sieben Zimmer –? ... Lesen Sie das !« Er kramte in einer Brieftasche, die aussah wie ein Puppenkoffer, und zog eine ausgeschnittene Zeitungsanzeige heraus, die leider schon irgendwie mit den köstlichen Gothaschen Zervelatwürsten in fettige Berührung gekommen sein mußte. »Hochherrschaftlich und originell eingerichtete Wohnung im einheitlichen Stil möbliert für sechs bis acht Monate vornehm denkender, kunstverständiger, kinderloser Familie« ... las Ben mit wachsendem Erstaunen. Dann sagte er lächelnd: »Das könnte am Ende stimmen.« »Könnte stimmen? Ich sag' schon – das stimmt, wie 's Amen im Gebet. Sie denken doch vornehm. Und ich kenn' die Wohnung – ich kenn' auch die Dame, die sie vermietet – eine feine Frau, Kommerzienrätin, Witwe – hat 'nen Schwiegersohn in Japan, der so hinten herum mit 'm Mikado verwandt ist. Also das ist was für Sie, Herr Doktor. Und wissen Sie, wer der Frau die Annonce – gut, was? – aufgesetzt hat? Ich . Und wer hat sie in die »Voß« gesetzt? Ich.« Ben überlegte etwas zaghaft, ob eine derartige unerhörte Vielseitigkeit unbedingt notwendig sei für das Vorwärtskommen in Berlin. Er fürchtete, daß er dann nicht mit Tobias Moscheles und anderen Herren dieser Art, die sich etwa an dem Rennen beteiligten, werde konkurrieren können. Aber Tobias Moscheles unterbrach seine düsteren Gedanken. Eine gewinnende und beglückende Zuversicht lag in seinem Ton, als er sagte: »Wem werden Sie dankbar sein, wenn Sie ein Jahr in Berlin sind? Dem Tobias Moscheles. Ich besorge Ihnen die Wohnung. Praktisch. Und bei dem alten Wüllich – seien Sie vorsichtig, es ist ein famoser Mann, aber die Einnahmen schreibt er groß und die Ausgaben schreibt er klein. Lassen Sie mich da vermitteln. Und eh' Sie sich beteiligen, fragen Sie mich. Also eine glänzende Idee hab' ich – die können Sie mitbringen als Ihre Einlage ins Geschäft –« »Aber, Herr Moscheles,« wehrte Ben ab, »ich schmücke mich doch nicht mit fremden Federn!« » Was tun Sie nicht? ... Mein lieber Herr Doktor, wenn alle Leute in Berlin, die was sind und die sich hinstellen und Räder schlagen, wie ein Pfau, bloß mit eigenen Federn herumlaufen möchten – die ganzen Linden wären voll gerupfter Hinkel! ... Ja, und eins noch, Herr Doktor, Sie werden nicht gleich selbst Wirtschaft führen können in Berlin – oder –?« »Nein, gewiß nicht. Ich dachte –« »Sehen Sie, Sie dachten? Nun, Hotels sind gut, Restaurationen sind nicht schlecht; aber manchmal, man will auch mal zu Hause bleiben, allein oder mit'm guten Freund. Hab' ich nicht recht?« Ben bejahte etwas zaghaft. Es stieg ihm die einschüchternde Vermutung aus, daß Herr Tobias Moscheles im Begriff stehe, für solche Fälle seine unterhaltsame Gesellschaft anzubieten. Aber dem war nicht so. Tobias Moscheles klatschte sich mit beiden Händen derb auf die Schenkel und nickte wohlwollend, wie jemand, der sich bewußt ist, eine Guttat anzukündigen, deren hohen Wert er selbst richtig einschätzt: »Und wenn Sie für so'n Fall Sardellbutter brauchen – oder Gothasche Zervelatwurst – versprechen Sie, daß Sie mir telephonieren!« Als Ben dieses gerade wunschgemäß versprochen hatte, fuhren sie in Berlin ein. Achtunddreißigstes Kapitel »Ist etwa die Gründung dieser Kunst- und Modezeitschrift »Der letzte Schick« die Idee dieses vielseitigen Herrn Tobias Moscheles?« »Allerdings.« Ein Lächeln legte Ruths schöne Vorderzähne bloß, als sie erläuterte: »Er hat das vermittelt, daß Ben und der alte Wüllich die Unkosten gemeinsam tragen. Vom Reingewinn bekommt Ben fünfundvierzig Prozent, Wüllich ebensoviel und zehn Prozent, die einstweilen jährlich mit dreitausend Mark garantiert sind, bekommt Herr Moscheles. »Praktisch,« um mit ihm zu reden.« »Und ist schon von einem Reingewinn etwas zu spüren?« »Aber gestern ist doch erst die zweite Nummer herausgekommen! Die Propaganda verschlingt zunächst große Summen. Du hast doch gesehen, an allen Litfaßsäulen –?« »Ja, die elegante Dame, die im Bett bei der Lampe den »letzten Schick« liest. Keck in der Linie, schmissig in der Farbe, gute Plakatwirkung – aber muß es nun gerade im Bett sein?« »Das Bett ist wieder von Moscheles.« » Hic et ubique !« »– er hat wörtlich gesagt: »Aufsehen macht in Berlin eine Dame nur im Bett. Von was spricht ganz Berlin? Von dem neuen Schwank im Residenztheater. Warum? Wenn der Vorhang aufgeht, liegt eine Dame im Bett. Das will das Publikum. Also: an die Litfaßsäule mit der Dame!« Hat er gesagt. Das heißt, eigentlich ist sein Stil ein anderer. Er fragt sich zunächst selber immer, und dann gibt er sich die Antwort. »Wohin also mit der Dame? An die Litfaßsäule!« Hast du übrigens diesen Artikel gelesen in der ersten Nummer »Die Galanterie des achtzehnten Jahrhunderts«? Gut, nicht wahr?« »Glänzend. Wer ist dieser Vicomte de Lussignac in Paris, der ihn geschrieben hat?« »Der Vicomte de Lussignac lebt nicht in Paris, sondern in Berlin und heißt –« »Um Gottes willen – doch nicht Moscheles?« »Ahnungsvoller Engel, du! Er wird unter diesem Pseudonym – wenn du ihn mal persönlich kennen lernst, wirst du sehen, daß es nichts Pseudonymeres gibt, als diesen »Vicomte« – in jeder Nummer einen Pariser Brief schreiben.« »War er denn so lange in Paris, daß er ...?« »In Paris? Nie. Aber er hält sich – auf Kosten des Verlags – fünf französische Journale, dazu den » Rire « und die » Monde illustré «, läßt sich die Kataloge vom Louvre und Bon Marché schicken, liest die Feuilletons aus Paris, die hier erscheinen – und dann spaziert er eben, als Vicomte de Lussignac, im vierten Stock seiner Wohnung in der Spichernstraße auf und ab vom Ofen zum Schreibtisch und denkt sich das Nötige aus. Er hat sich kontraktlich vier Wochen Urlaub im Jahr ausbedungen, aber diese vier Wochen will er noch aufregender für die Leser gestalten –« »Die Wochen, in denen er gar nicht schreibt?« »Eben die. Er setzt dann, sagt er, eine Notiz in die letzte Nummer, daß der Vicomte de Lussignac wegen seines letzten Artikels von einem Freunde der Schauspielerin Madame Soundso, einem Marquis Soundso, zum Duell gefordert und im Bois de Boulogne einen Degenstich erhalten habe, der ihn wohl für drei bis vier Wochen zwinge, den rechten Arm in der Binde zu tragen und sich geistig zu schonen. Wenn nicht ernstere Komplikationen eintreten – die treten natürlich nicht ein –, so wird der famose Vicomte nach vier Wochen ... Na ja, der gute Moscheles ist eben der letzte Romantiker auf einem Berliner Redaktionssessel. Und wenn er nicht auch gelegentlich Gothaer Zervelatwurst, Sardellenbutter, alte Bilder und Opernsitze zu halben Preisen vermittelte, würde ich ihn für einen Märtyrer seiner Phantasie erklären.« »Liebe Ruth, du schilderst das alles sehr munter – immerhin, die Sache hat ihre sehr bedenkliche Seiten und ist doch eigentlich eine unglaubliche Keckheit ...« »Pariser Feuilletons zu schreiben, wenn man in Berlin in der Spichernstraße sitzt? Und als Vicomte de Lussignac zu zeichnen und von seinem Schloß in der Champagne zu faseln, wenn man Tobias Moscheles heißt und aus einer Vorstadt von Gnesen stammt? Was sagst du wohl dazu, wenn ich dir verrate, daß der Aufsatz über die Galanterien des achtzehnten Jahrhunderts – er war doch gut?« »Ausgezeichnet.« »Na also – daß dieser ausgezeichnete Aufsatz eigentlich doch nicht von Moscheles, sondern von den Gebrüdern Goncourt stammt.« »Abgeschrieben –?« »Für das deutsche Publikum geschliffen und veredelt – hat Tobias Moscheles in lächelnder Kühnheit gesagt, als ich ihm die Quelle nannte, aus der er geschöpft. Und dann hat er so argumentiert: »Der Vicomte de Lussignac existiert gar nicht. Jemand, der nicht existiert, kann niemand was nehmen. Die Gebrüder Goncourt sind tot und interessieren sich nicht mehr für ihre Aufsätze. Wenn nun zweien, die nicht mehr existieren, von einem dritten, der nie existiert hat, etwas genommen wird und dadurch für tausende Lebende etwas Erfreuliches entsteht, so hat die Zeitschrift recht , die's abdruckt. Praktisch.« Die Dame im Bett, sagt er, die der Plakatkünstler Max Böddecke – nebenbei für fünfhundert Mark – gezeichnet hat – ist auch nicht Original. Sie ist einer Zeichnung von Léandre nachempfunden.« »Das ist aber doch einer vornehmen neuen Zeitschrift unwürdig, die sich einführen will.« »Der letzte Schick,« sagt Moscheles, rechnet mit einem Publikum, dem die Goncourts so unbekannt sind wie die Sterne in der Kassiopeia, und das von der Kunst eines Léandre so viel weiß, wie vom Familienleben des Ichneumons. Die Hauptsache ist, daß »Der letzte Schick« gekauft wird; daß die kleinen Ladenmädchen und die talentlosen Schauspielerinnen und die braven kleinen Bürgerfrauen, die man früher in Paris »arme Löwinnen« genannt hätte, alle auf die Moderegeln und Vornehmheiten schwören, die da in Wort und Bild propagiert werden, damit sie in – acht Tagen anderem Trödel Platz machen.« »Ja – verzeih mal, warum müssen denn solche Vornehmheiten, die doch nur den Männern Geld kosten, propagiert werden?« »Daß man mit solcher Naivität Syndikus einer Großbank in Berlin werden kann! Die großen Firmen der Konfektion, der Bijouterie, der Luxusartikel haben Annoncen zu vergeben – nicht wahr? Die Seite, denk' ich, siebenhundert Mark. Bei Jahresauftrag entsprechender Rabatt. Diese Annoncen tragen das Unternehmen – sollen's tragen. Vorerst plätschern wir lustig in der Unterbilanz, im Risiko. Aber die Firmen müssen alle kommen, sagt Tobias Moscheles, denn sie wollen auch mal im Text genannt sein. Und deshalb ...« Die Unterhaltung, die von Ruth in einer spielerischen Überlegenheit geführt wurde, erregte mich. Ich ging im Zimmer auf und ab und ließ mich von den Gauklern, Affen, Perlhühnern und Götterfratzen, die da überall zwischen Kirschblüten und Malven von bemalten Seidenlappen oder gelackten Kästen grinsten, noch mehr verwirren. Mir kam der Gedanke, daß dieses bizarre japanische Milieu den guten Ben um die Sicherheit seines angeborenen Anstandsgefühls bringen und in Unternehmungen hineinlocken könnte, die weder künstlerisch, noch vornehm, noch überhaupt seiner würdig waren. Gerade wollte ich in diesem besorgten Sinne mich zu Ruth äußern, da brachte Rosa Riemenschnut aus einem Tablett eine Flasche Marsala mit Gläsern und zwei Tellerchen mit Keks und Konfekt. Als sie mir mit kokettem Zofenlächeln anbot, bemerkte ich mit Erstaunen, daß ihr üppiges rotes Haar reichlich gefettet und zu einer Frisur verarbeitet war, als wolle sie auf einen Hofball gehen. »Prost, Schwager!« Ruth riß mich aus meinen Betrachtungen, die ich der entschwebenden Zofe nachgesandt, »du wirst dich hoffentlich nicht in meine Rosa verlieben? Du hättest ernstliche Konkurrenz an Peter Pütz, mit dem sie natürlich schon verlobt ist.« »Ich habe nur ihre Frisur bewundert. Ich finde sie für ein besseres Stubenmädchen ein bißchen ...« »Peter Pützens eigenstes Wert. Er übt sich – heimlich, offiziell merk' ich nichts – in Damenfrisuren. Er war, du weißt's wohl, ehe er ... nun, ehe er die unfreiwillige Bekanntschaft von Pastor Knospes Schwiegersohn machte, der ihn dem Ben empfahl – war er Friseur. Nun wollen die beiden – Peter und Rosa – ich denke mir's, ich hab' für so was eine Nase – einmal heiraten und dann ein Coiffeurgeschäft aufmachen. Großen Stils natürlich. Alles, was mit Ben in Berührung kommt, hat großen Stil oder nimmt ihn an. Pascha, Mikado, Maharadscha – irgend so was ist immer in Ben und um Ben, so modern mitteleuropäisch er sich gibt und anzieht. Jeden Morgen hab' ich das Vergnügen, Rosa Riemenschnut in einer anderen Frisur zu bewundern. Gestern trug sie Löckchen wie die Madame Récamier, vorgestern über die Ohren gelegte Biedermeierzöpfe, den Tag zuvor eine Directoirefrisur mit Bandschleifen, am Sonnabend erschien sie polnisch mit Peies – stand ihr übrigens gut – und am Sonntag erfreute sie mich als heilige Cäcilie mit Nonnenscheitel, allerdings ohne Schein. Ich seh' mir's an und sage nichts. Nur vorige Woche, als sie japanisch frisiert kam, mit bunten Miniaturfächerchen im Haar, hab' ich mir doch erlaubt zu bemerken: »Liebe Rosa, Fastnacht ist erst im Februar.« Darauf haben sie mittags, beide, mit steinernen Gesichtern gekündigt. Peter und Rosa. Und abends haben sie die Kündigung und die bunten Fächerchen zurückgenommen.« »Ich weiß nicht, mir ist die Person ein bißchen unheimlich.« »Das sind alle Rothaarigen und alle guten Zofen. Eine Kammerkatze, die solide und übersichtlich ist, hat keinen Wert, denn sie ist immer dumm und unanstellig und eigentlich bloß eine verkappte Köchin, die nicht kochen kann.« Ruth verbreitete sich noch ausführlich über Zofen im allgemeinen und Rothaarige im besonderen und Rosa Riemenschnut im ganz speziellen. Aber ich hörte schlecht zu. Mir gingen Bens Unternehmungen und Pläne im Kopf herum. Es kam mir erst nachträglich zum Bewußtsein, daß ich wahrscheinlich mitten in einen Satz Ruths hineingeredet habe, als ich meine Sorgen zu einer Frage zusammenfaßte: »Was hältst du eigentlich von dem alten Wüllich?« »Ja, das ist schwer zu sagen. Herrn von Wüllichs Adel ist sicher echter, als der des Vicomtes de Lussignac. Aber das weißt du ja, denn er ist der Onkel unseres netten Schwagers Kurt, den ich sehr schätze, obschon ich glaube, er hätte es lieber gesehen, wenn ich jemand anderes geheiratet hätte, als gerade den Bruder seiner Frau. Er ist als Major abgegangen, der Herr von Wüllich; was beweist, daß es zum Oberstleutnant nicht gereicht hat. Darin liegt kein Tadel. Es gibt mehr tüchtige Oberstleutnants als geniale Geschäftsleute. Und mein Vater – er läßt dich übrigens grüßen, er lebt immer noch in aufgeregten Vorbereitungen zu seiner Hochzeit. Mit den Papieren auf der bräutlichen Seite stimmt da was nicht – mein Vater pflegt zu sagen: »Offiziere, besonders Kavallerie, sind sehr schön und dekorativ bei guten Diners und sicher sehr nützlich im Kriege. Wenn aber im Frieden nicht gegessen, sondern gearbeitet wird, dann sind tüchtige Geschäftsleute viel wichtiger.« Ob er das ist, der Major? Einmal hat er jedenfalls sein Vermögen schon verloren. Mit wessen Geldern er jetzt arbeitet, weiß ich nicht. Ben kam ihm jedenfalls sehr gelegen. Diese ganze »Kosmetische Fabrik Pulchritudo«, an deren Spitze er steht, ist, als wir kamen, im wesentlichen gestellt gewesen auf den Zirrusbalsam –« »Zirrusbalsam, was ist das?« »Aber – aber! Du liest den Annoncenteil der Weltblätter nicht mit der nötigen Sorgfalt! Dein Schade! Sonst wüßtest du, daß der Zirrusbalsam ein ausgezeichnetes, nein, das beste, nein, das einzige Mittel ist, den betrüblichen Haarschwund aufzuhalten und kahlköpfige Herren wieder zu lockenumwallten Achäern zu machen. Zwei Geheimräte – allerdings ungarische, glaub' ich – und zehn Ärzte haben das attestiert. Betrüblich ist, daß sich der Major selbst bei der Propaganda tief im Hintergrund halten muß.« »Warum denn?« »Weil er eine Glatze hat. Sein Kopf ist kahl wie ein Knie. Direkt wie ein Modell der Kahlheit. Und da anzunehmen ist, daß er selbst den unfehlbaren Zirrusbalsam mindestens zu Herstellungspreisen beziehen kann, so ist sein sonst edles Haupt keine enthusiastische Empfehlung für das wunderwirkende Fabrikat. Da soll nun auch »Der letzte Schick« helfen.« »Der Glatze des Majors?« »Nein, das weniger. Sie ist »riesengroß, hoffnungslos«, wie's in der »Glocke« heißt. Aber dem Zirrusbalsam und den anderen, sicher nicht unwirksameren Mittelchen für Körperkultur. Das ist ja überhaupt das Schlagwort jetzt: »Körperkultur« – als ob die Deutschen die letzten hundert Jahre nur Kant gelesen und Wolle getragen hätten. Vielleicht ist der Moment günstig für das Schlagwort und seinen Begriff und die Wüllichsche Fabrik. Denn es ist doch ein ewiger Reigen der Moden – auch in der Reinlichkeit und dem Schönheitssinn – der unter Beteiligung von Auge und Nase damit befaßt wird. Erst kommt einer – sagen wir, er heißt Professor Jäger – und sagt: »Kinder, ihr wascht zu viel an euch herum! Ihr müßt Wolle tragen und das wollene Unterzeug müßt ihr nicht waschen, sondern bloß an der Sonne klopfen!« Und dann kommt die Revolution. Ein anderer – sagen wir, er heißt Pfarrer Knipp – predigt, nicht minder grob: »Unsinn! Immerzu müßt ihr euch waschen! Morgens früh barfüßig über nassen Rasen laufen, dann mit Gießkannen euch abspülen und Leinen auf der bloßen Haut tragen und abends wieder abgießen!« Und wenn sich dann die ganze Welt Rheumatismus geholt hat, kommt wieder einer und schreit: »Weg mit dem vielen Wasser! ...« Und so mit Grazie in infinitum . Alle Weisheiten und alle Narrheiten der Welt tanzen einen ewigen Reigen durch die Menschheitsgeschichte. Man muß immer acht geben, wenn man mit einer Weisheit oder einer Narrheit ein Geschäft machen will, daß man in diesem Reigen die richtige Hand erwischt. Nicht gerade die Tänzerin, die schon im Abtanzen ist, sondern die geschätzte Künstlerin, der die nächste Zukunft gehört. Ich bin zu jung im Geschäft, zu jung im Berlinertum, um heute schon mit Bestimmtheit zu sagen, ob der Major richtig herumtanzt oder die falsche Hand erwischt hat.« »Danach ist Ben – der doch eine künstlerische Betätigung sucht – vollständig in ein reines Geschäftsunternehmen verwickelt?« »Rein ist das Unternehmen jedenfalls – denn die Pulchritudo-Seife spielt auch eine Rolle. Ob's aber ein Geschäft wird – nous verrons . Ben faßt jedenfalls die Zeitschrift durchaus von der idealen Seite auf. Er will Geschmack, Würde, Grazie, veredelte Umgangsform einführen. Er behauptet, daß uns Deutschen das Ausland den Mangel all dieser Dinge nicht mit Unrecht vorwirft.« »Und da läßt er den Herrn Tobias Moscheles, von dem ich doch höre, daß er ein recht unsoignierter Herr aus dem Osten ist, als Vicomte de Lussignac im Goncourtstil schreiben?« »Der gute Tobias Moscheles – dumm ist er nicht, glaub' mir – kennt sich selbst ganz genau. Er hat sicher einen Spiegel zu Hause oder geht zuweilen an einem vorbei. Er hat neulich in seiner beliebten Fragespielmanier zu mir gesagt: »Seh' ich aus wie ein Vicomte? Nein. Komm' ich Ihnen vor wie »Der letzte Schick«? Nein. Aber was wollen Sie, eines der berühmtesten Kochbücher der Welt hat ein Magenkranker geschrieben. Weiß man's, merkt man's? Nein. Nu also!« Das ist die Logik, die nicht auf Hochschulen gelehrt wird, aber in der Weltstadt.« Mein Entschluß war gefaßt. »Ich werde mit Ben reden.« »Tu das!« Ruth erhob sich und lächelte mich freundlich an. »Du machst das ja sehr schön. Schade, daß eure Arbeitszeiten immer so verschieden liegen. Er hat englische Tischzeit eingeführt, während du – –« »Ich werde ihn nächster Tage auf seinem Gang zum Bureau abfassen. Er geht doch immer denselben Weg.« »Ja. Tiergarten, Linden entlang, Friedrichstraße, Schützenstraße – Punkt neun Uhr tritt er hier aus dem Haus – Er ist Pedant, wie's nur die im großen Leichtsinnigen im kleinen sein können. Sprich mit ihm, da kannst du ja selbst sehen, ob er Boden unter den Füßen hat oder wieder im Wolkenschiff sitzt.« Ich weiß nicht, wie es kam, ich stand, während Ruth dieses und noch mehr sagte, wie gebannt vor dem japanischen Wandschirm. Unter den grellen Blüten des Malvenbuschs fletschte mich boshaft der Kapuzineraffe an. Sein rostiger Bart schien mir gewachsen seit vorhin; und er feixte sein breites Affenlachen. Die Karikatur aus der Schule Kano Mahanotus, die vor vier Jahrhunderten ein kunstfertiger Sohn Nippons einen armen Gaukler verhöhnen ließ, gewann ein bedrohliches, symbolisches Leben. Und mir kam's vor, jetzt sprach der Affe zu mir in einem singenden Tonfall, den ich nie gehört hatte und den ich doch sofort richtig erkannte: »Was willst du? Mir Opposition machen? Ausgerechnet mir? Weißt du denn, wer ich bin? Ich bin der Vicomte de Lussignac, und wenn du dich auf den Kopf stellst!« Neununddreißigstes Kapitel Din wunderschöner Oktobermorgen, sonnig und klar. Bis tief in die gradlinigen nüchternen Straßen des Westens dringt ein herber Hauch aus dem Tiergarten, dessen englische Rasenflächen die alten Bäume jetzt mit ihren, wie zum Fest gefärbten Blättern überstreuen. Von den grünen und grauen Gittern der Balkons fällt, wie eine Welle von Blut und Gold, das Rankenwerk des wilden Weins. In den kaum geöffneten kleinen Blumenläden, eingestreut in all die Nützlichkeit, in Mode und Weltstadtluxus, leuchten aus kurzem Grün die bunten Scheibenblüten der Astern; von langen, schwanken Stielen nicken die Chrysanthemen. Dienstmädchen, die weißen Häubchen im Haar, mit Körben am Arm. Offiziersburschen, die ihres Herrn Reitpferd langsam auf dem Asphalt bewegen. Ein Geheimrat, der in bedächtigem Wandeln seine perlgrauen Handschuhe anzieht für den stärkenden Morgengang durch den Park nach dem Bureau. Briefträger mit übervollen Taschen, die zum ersten Tagesgang ausmarschieren. Und dort eine schlanke Frau, selbst noch in der Frische der Jugend, ein kleines Menschlein an der Hand, einen rotbäckigen Burschen, der mit sichtlichem Stolz seinen funkelnagelneuen Seehundsranzen auf dem Rücken trägt. Tausenderlei hat er zu fragen, der kleine Kerl, und ein Lächeln, halb Stolz, halb Wehmut, liegt auf der Mutter hübschem Gesichtchen, wie sie ihm antwortet. Dort aus der Seitenstraße ein gleiches Paar. Die Mutter behäbiger – es ist wohl nicht der Erste, den sie also begleitet – der Kleine unlustiger. Er scheint so etwas zu ahnen, daß dieser strahlende Herbstmorgen das erste Glied einer langen, langen Kette sein wird, die seine Jugend fest und fester an die Pflicht, an die Arbeit schmiedet und nicht immer von dornenlosen Rosen übersponnen ist. Einen halben Schritt bleibt er stets hinter der Führerin; fast scheint's, als muß sie ihn ein bißchen ziehen. Jetzt haben sich die beiden Bübchen bemerkt; sie erkennen die gleiche Rüstung, das gleiche Ziel und lächeln sich, ein bißchen verlegen, an. Heute marschieren sie noch getrennt zur Schule, um den ersten Kampf gegen den schlimmen Feind der Menschheit zu bestehen, die Unwissenheit. Bald gewiß, noch ehe der erste Schnee fällt, werden die zwei zusammen diese Straße des Westens marschieren zum gemeinsamen Ziel. Ohne die Mütter. Goldig bestrahlt der Herbsttag ihren ersten Schulweg. Jetzt erst seh' ich's, dicht hinter dem kleinen Blonden mit dem Seehundsranzen geht Ben. Eine funkelnagelneue Ledermappe trägt er gewichtig unter dem Arm. In dem kurzen englischen Herbstpaletot mit dem runden Hütchen und der scheinbar achtlos und doch so sicher geschlungenen Foulardkrawatte unterm hohen Stehkragen, sieht er aus wie ein junger Diplomat. Nur das gutmütige Lächeln, das um den Mund liegt, haben die jungen Diplomaten selten. Denn wenn sie nicht verärgert sind, wittern sie Feinde oder Vorgesetzte, was dasselbe ist; oder sie sind auf Würde bedacht. Und nichts macht so müde und spannt die Züge so sehr, als das ewige Bedachtsein auf Würde. »So feierlich, Ben?! Ich gratuliere zur neuen Mappe.« »Tag! Danke schön, Adi. Der große Tag muß mich im vollen Rüstzeug sehen.« »Großer Tag?« »Ja. Du hast dir den richtigen Morgen ausgesucht, mir das Ehrengeleite zu geben. Heute tritt unser neuer Kontrakt in Kraft. Ich bin mit diesem Tage alleiniger Verleger und Herausgeber des »Letzten Schicks«.« »Wie denn –? Und Herr von Wüllich?« »Ich habe, in festumrissenen Grenzen, die Interessen der Fabrik – an der ich mich ja, du weißt, beteiligt habe – in der Zeitschrift zu wahren. Bin aber, von heute an, alleiniger Herr im Hause.« »So. Gratuliere. Und Herr – wie heißt er doch –, Herr Tobias Moscheles?« »Bestehende Kontrakte hab' ich natürlich einzuhalten. Aber sonst – volle Freiheit. Ein erhebendes Bewußtsein. Ja – und doch ... wie ich so da eben die Dreikäsehochs mit ihren Ranzen den ersten Schulweg machen sah, zaghaft und neugierig zugleich, ängstlich und doch erwartungsvoll, das Herzchen gepfropft mit guten Vorsätzen und das Frühstück in der Tasche, da hab' ich so bei mir gedacht: eigentlich müßt' ich meine Mappe heut auch als Ranzen auf der Schulter tragen. So eine Art »erster Schulgang« ist ja heute auch für mich.« » Bonus vir semper tiro .« »Ach, ja – ich hab' das Gefühl, in der Richtung ist kein anderer so » bonus «, wie ich. Na, jedenfalls ich hab' Mut und guten Willen und eine Handvoll Ideen.« »All das erhalte dir und bewahre dir der liebe Himmel, Ben! Mein Rat, den zu geben ich dich hier abfange, kommt ja nun wieder zu spät. Ich hätte gern, als Bruder und Jurist, mit dir vorher deinen Kontrakt und deine eventuelle Beteiligung besprochen. Du bist etwas rasch in deinen Entschlüssen. Weißt du noch, wie der Vater, wenn du wieder so 'ne kleine Dummheit ausgefressen hattest, dir das Haar aus der erhitzten Stirne strich und mit dem schönen Aufleuchten seiner guten, großen Augen entschuldigend zitierte: »Wär' er besonnen, hieß er nicht der Tell«.« »Seltsam, daß du mich heute daran erinnerst, Adi. Ich habe viel wachgelegen, heute nacht – gegen meine Gewohnheit – und an den Vater gedacht. Überhaupt an zu Hause. Eh' ich etwas Großes oder Neues unternehme, tue ich das immer. Ich denke, fromme Katholiken gehen so in die Kirche vor das Bild ihres Schutzpatrons und reden betend eine Weile mit ihm. Ich hole mir die Kraft für Arbeit und Verantwortung in der Erinnerung ans Elternhaus, an liebe tüchtige Menschen, an reine und helle Tage. Ich hab' auch eben eine Karte an die Mutter in den Kasten gesteckt und ihr einen dankbaren Gruß geschickt vom ersten Gang zur Verantwortlichkeit.« »Du nimmst's gleich ernst, das freut mich.« »Ja. Ob mir freilich lauter Freuden erblühen werden? Gleich der Auftakt ist recht merkwürdig. Der Anfang wird schon Versagen und Ablehnen sein müssen. Ruth hat etwas voreilig nach Frankfurt geschrieben, daß ich wahrscheinlich die Zeitschrift allein übernehme. Die Quittung darüber hab' ich bereits hier in der Tasche. Mein Schwiegervater widmet mir einen schmelzenden Brief. Eine derartige Zeitschrift müsse doch auch eine Rubrik »Aus der Gesellschaft« bringen, und er warne mich, diese Rubrik auf das durchaus nicht überall glühend geliebte Berlin zu beschränken. Für den Fall, daß ich, was er erwarte, bald auch Porträts aus der Frankfurter Gesellschaft bringen werde, schickt er mir das Bild seiner Braut zu Pferde. »Es eignet sich auch für eine bunte Vorderseite,« schreibt er bescheiden und fügt hinzu, daß der Gaul englisches Vollblut sei und sechstausend Mark gekostet habe.« Ich mußte unwillkürlich lächeln. »Da wärst du ja schon ein wenig versorgt.« »Ein wenig? Herr Max Güldenring hatte die Freundlichkeit, mir fünfzig Aphorismen zu schicken. Das Zeug liest sich, als ob die Börse in Neutomischel Karneval feiert. Die gute Dame Hayeck, geborene Zimmermann, bietet mir einen Aufsatz – das heißt gleich eine Serie von Aufsätzen – über die Familien Lindheimer und Textor und beider Beziehungen zu Goethe an. Gleich zu Beginn polemisiert sie heftig gegen Erich Schmidt, der ihr einen Brief nicht beantwortet hat. Und das – ja, wie soll ich sagen, das Wunderlichste – der Lyriker Conrad Körber, du erinnerst dich seiner –?« »Der Heringsvertilger, der Absinth trinkt und die Gebrüder Mewes anpöbelt, ehe er einen Anfall bekommt?« »Derselbe. Er schickt mir drei unmögliche Oden – jede davon ist ein Skandalprozeß – und schreibt mir dazu, die kleinen Meinungsverschiedenheiten unserer Frankfurter Zeit hinderten ihn nicht, das Großzügige meines Berliner Unternehmens – das er übrigens sichtlich mit einer anderen Zeitschrift verwechselt, die im Vorjahr schon eingegangen ist – voll zu würdigen, und er habe sich nach hartem Seelenkampf entschlossen, meine Pioniermühe durch fleißige Mitarbeit energisch zu fördern.« »Was machst du da?« »Hm. Ich denke, ich honoriere ihm die drei furchtbaren Oden – und drucke sie nie.« »Du lieber Gott – wenn er dann sein Versprechen hält und »fleißig« weiter mitarbeitet – –« »Das wäre natürlich schlimm. Aber ich hoffe, er wartet erst auf den Abdruck der bereits geschickten. Das Honorar braucht er, glaub' ich, sehr nötig. Es geht ihm schlecht, dem armen Kerl. Und sein Temperament und seine Umgangsformen, die du ja kennst, sind nicht gerade geeignet, ihm die Wege zu ebnen. Aber – behandle jeden nach Verdienst, sagt Hamlet, und wer ist vor Schlägen sicher? ... Übrigens, Adi – Verdienst!« Über Bens Gesicht ging ein fröhliches Leuchten. »Ich hab' dir ja noch gar nicht erzählt ... und gezeigt ... Ich hab's extra eingesteckt für dich ... Halt mir, bitte, mal die Mappe!« Ich hielt die für einen ersten Gang zur Redaktion schon erstaunlich schwere Mappe. Ben suchte in den Paletottaschen. »Hier –« er wickelte ein kleines Etui aus dem grünen Seidenpapier, »aber komm' hier mal in den Hausgang – die Passanten brauchen's nicht alle zu sehen ...« Er zog mich in den Eingang eines Hauses und wäre beinahe die steile seitliche Treppe in einen Keller hinuntergefallen, aus dem ein starker Käsegeruch empordrang. In dem Etui lag zu meiner Verwunderung ein grüner Ordensstern mit silbernen Spitzen, der in der Mitte einen verschnörkelten orientalischen Namenszug aufwies. »Was ist denn das, Ben? Ein – Orden?« »Das ist der dem Doktor Hermann Otto Wilhelm, genannt Ben Mewes, gestern von Seiner Majestät dem Großherrn der Türkei verliehene Osmanjeorden. Respekt, Herr Bruder! Die Klasse ist nicht berückend – die vierte. Aber es gibt fünf Klassen. Die fünfte kriegen, glaub' ich, Schutzleute und so.« »Wofür hast du denn – –? Ben klappte vergnügt das Etui zu. »Ich bin doch in Konstantinopel gewesen – persönlich – und habe den Sekretär des Sultans mit meinem Französisch überschüttet. Also du, der Stern sieht großartig aus auf dem Frack ... Ich hab' gestern im Frack zu Abend gegessen – mit Ruth allein. Sie mußte ein Gesellschaftskleid anziehen, und wir waren furchtbar fein, wir zwei.« »Du bist doch ein Kindskopf, Ben!« »Ich fürchte, du hast recht. Vielleicht wächst sich's im vierten Jahrzehnt aus. Auch mit den Wasserköpfen geht's langsam ... Du, ich hab's gleich dem Onkel Ammann geschrieben. Der ist der einzige in der Familie, der Sinn für so was hat. Paß mal auf, nun bekomm' ich eine sechsseitige Belehrung, wie und wann ich den Orden tragen muß, und einen Rüffel, daß ich die Klasse verschwiegen.« Im Weitergehen waren wir an einem kleinen Papiergeschäft vorbeigekommen. Ben nahm mich am Arm und nötigte mich, die paar Schritte zurückzugehen. »Ich muß da was kaufen,« sagte er. Und schon standen wir in einem peinlich sauberen Lädchen, dessen Ausstattung sehr neu und sehr einfach, und dessen Warenvorrat für die gute Gegend recht bescheiden war. Ein blondes Fräulein, anmutig, aber leicht vergrämt, fragte nach Bens Wünschen. Mir kam vor, sie errötete ein wenig. Aus der freundlichen Art der Begrüßung entnahm ich, daß Ben hier bereits Kunde war. An wen erinnerte mich nur dies hübsche Köpfchen mit den frischen Farben? Ich hatte mir Bens Besorgung dringlicher gedacht. Er suchte, etwas verlegen, wie mir schien, mit den Augen herum, und schließlich deutete er auf einen Kunstkalender mit Reproduktionen nach alten Meistern und erkundigte sich nach dem Preis. Dann zahlte er sechs Mark, ließ sich den Kunstkalender einwickeln, lobte den schönen Herbsttag, wünschte einen recht guten Geschäftsgang und verließ mit mir, höflich grüßend, den Laden. »Um Gottes willen, was willst du denn Mitte Oktober noch mit so einem teuren Abreißkalender?« »Ja, siehst du, Adi, den wär' das Mädel sonst doch nicht mehr los geworden. Und die Grossisten nehmen nichts zurück, was so lang im Laden gelegen hat.« »Das ist aber doch kein Grund –« »Meinst du? Adi – hast du nicht beobachtet ... ich meine, ist dir's nicht gleich aufgefallen, wem die Kleine ähnlich sieht?« In diesem Augenblick wußt' ich's. »Heidelberg!« sagte ich. Ben nickte. »Sie zahlt viel zu hohe Miete. Zufällig kam ich in das Lädchen neulich und war verblüfft. Sogar in den Bewegungen erinnert sie an Ev' – nur wenn sie spricht, dann enttäuscht sie. Berlinisch enttäuscht immer. In solches Mäulchen gehört Badisch ... Seitdem kauf' ich jeden Tag etwas bei ihr. Sie muß wieder Mut kriegen, das arme Ding. Weißt du, unsere Mutter sagt immer: wenn jeder Mensch jeden Tag nur einem einzigen anderen Menschen ein klein bißchen hilft, dann steht's schon gut um Welt und Land und Menschheit.« »Ben – du wirst doch nicht! Als Jungverheirateter! ... weil sie Ev' ähnlich sieht ...« »Ähnlich sieht – ja. Aber habe keine Angst, sie ist 's nicht. Aber ich glaube, der liebe Gott schafft und formt gewisse Ähnlichkeiten, um die Menschen an ihre Pflichten zu erinnern. Und an ihre Schuld. Und wenn Menschen, die wir – – nun die wir einmal sehr geliebt haben und nicht vergessen können, nichts von uns annehmen, dann sagt der liebe Gott: »Such! Du findest schon einen, der dich erinnert. Hilf dem !« Mich überkroch eine bange Angst. »Bist du denn innerlich noch nicht los – von Heidelberg?« »Wie soll ich, Adi? Da läuft doch jetzt zwischen den alten Bäumen im Schloßgarten ein Menschlein herum – oh, und im Oktober ist Heidelberg so schön! ... Weißt du, daß wir nur deshalb nach Schweden gefahren sind auf der Hochzeitsreise?« »Ich verstehe nicht.« »Eigentlich wollten wir doch in die Schweiz. Aber da hätten wir über ... Nun, ich hab' mich gefürchtet – vor dem Bahnhof in Heidelberg. Vor den bunten Mützen auf dem Perron, vor dem kurzen Blick auf den Berg bei der Ausfahrt, vor einem Zufall, der grad an diesen Zug hätte ... Und siehst du, so ist Ruth – nichts angedeutet hat sie davon, aber verstanden. »Ich möchte eigentlich lieber nach Schweden,« hat sie drei Tage vor der Hochzeitsreise gesagt und mich ganz ruhig angelächelt dabei. Da hab' ich ihr die Hand geküßt und bin, erleichtert wie ein Freigesprochener, auf das Reisebureau gelaufen, Billette nach Stockholm zu besorgen.« Es war mir lieb, daß das Gespräch diese Wendung nahm. Ich sprach mit Eifer Gutes und Freundliches von Ruth. Ben hörte aufmerksam und dankbar zu. Nickte auch manchmal still vor sich hin. Ich rühmte ihre Klugheit, ihre Sicherheit des Auftretens, ihren Takt und schließlich auch, wie hübsch sie neulich in dem gestickten seidenen Kimono ausgesehen, mitten in all dem fremden, japanischen Kunstkram. »Das ist wahr.« Bens Bestätigung klang etwas sachlich, als er fortfuhr. »Ich habe selten eine Frau gesehen, die sich so spielend eigentlich jeder Mode anpassen kann. Alles steht ihr. Und sie bleibt doch, wer sie ist. Sie braucht nie Angst zu haben vor einem »letzten Schick«, der oft bei den anderen erst erweist, wie unschick sie im Grunde sind. Ich fürchte nur – – fürchte nur« – in seiner Stimme zitterte etwas, als ob er eine Angst niederkämpfte – »eins wird nie zu ihr passen. Eins nicht. Ein Kind.« »Ben! Wie kannst du ...! Nach kaum zwei Monaten Ehe –« »Die gute Margarete Morgenthau hat zur Mutter gesagt: ein schönes Mädchen, ein kluges Mädchen, ein begütertes Mädchen – schade, daß sie nie ein Baby haben wird.« »Altweibergeschwätz, Ben! Das berühmte Prophetentum der Frau Morgenthau ist doch nicht unfehlbar. Das solltest du wissen. Denn du wärst ja sonst ein Mädchen geworden.« »Das ist richtig. Sie hat sich ein mal in ihrem an Voraussagen reichen Leben geirrt. Bei mir. Aber sonst nie. Und siehst du, Adi, ich selbst habe seit dem ersten Tag unserer Ehe das Gefühl – von dieser Frau kannst du alles haben. Rat, Hilfe, Verständnis. Seelengröße. Repräsentation. Sie wird dir einen Salon schaffen, eine blendende Häuslichkeit, vornehme Geselligkeit, nützliche Konnexionen – eins nie . Ein Kind, das deinen Namen und deine Züge trägt. Ein Kind, das nach dir greift, ruft, verlangt – und deinen Namen noch in Ehrfurcht ausspricht, wenn die anderen längst von dir schweigen ... Und siehst du, das ist schade. Denn so sehr ich mich bemühe, ernst zu werden, meine Gaben und meinen Besitz redlich zu nützen – meine Träume – meine Träume spielen oft mit Kindern.« »Das ist eine voreilige Verzagtheit, Ben, und – –« »Hier sind wir bei meinem Bureau. Laß das jetzt, Adi – du meinst's gut, ich weiß. Laß es jetzt – und immer ! Ich weiß gar nicht, wie ich drauf kam. Vielleicht war's der Oktobermorgen – der erste Schulgang – der Kalender – – Wir wollen's vergessen und nie mehr davon sprechen, ja?« Und umschlagend im Ton, wie das zu den Wunderlichkeiten seines Naturells gehörte, erklärte er fröhlich, indem wir die elegante teppichbelegte Treppe stiegen: »Das ist so echt berlinisch – Treppenhaus mit dickem Stuck, falschem Marmor, üppigen Karyatiden, bunten Glasfenstern. Dafür oben spärliche Nebenräume und zwei Zimmer nach dem dunklen Hof. Die anderen freilich – pompös. Nun fragst du: muß das sein? Ich glaube, ja. Man ist das der Firma schuldig, der Art des Unternehmens. Wenn eine Zeitschrift »Der letzte Schick« heißt, können ihre Bureaus nicht aussehen wie eine Postnebenstelle in Ratzeburg.« So sahen die Räume wirtlich nicht aus. Bens sicherer Geschmack hatte in seinem Privatzimmer, aber auch im Warteraum und Sitzungszimmer für gediegene Vornehmheit gesorgt. Holztäfelung, in den Farben gedämpfte Perser Teppiche. Schwere, alte Schränke, bequeme Sessel, Diplomatentische. An den Wänden Radierungen nach Böcklin und ein prachtvoller Stich: das alte Frankfurt, vom Eisernen Steg aus gesehen. Ein junger Bureaudiener in diskreter Livree nahm uns die Mäntel ab. Wobei ich bemerkte, daß Ben das grüne Bändchen des Osmanje bereits im Knopfloch trug. Ein Fräulein, das den »Letzten Schick« mit besonderem Nutzen zu lesen schien, coiffürt, manikürt, angenehm nach Veilchen duftend, brachte die Morgenpost. Das Rauschen des Rocks verriet, daß er auf Seide genäht war. Jede ihrer Bewegungen betonte die gute Familie, und daß sie's eigentlich nicht nötig hatte, hier zu arbeiten. Sie tat's aber doch, und wenn Ben sie ansprach, lächelte sie verbindlich, als mache er ihr fortgesetzt Komplimente über ihre Erscheinung, an der sie selbst sichtlich eine stolze Freude hatte. Als ich noch bewundernd mich der üppigen Behaglichkeit dieser Einrichtung freute und sie im stillen mit meinem Bureau in der Bank verglich, das in der Hauptsache mit Klappschränken möbliert und dessen Zierde ein alter Regulator aus der Familie Tomasius war, der im Tage anderthalb Stunden vorging, klopfte es sehr kräftig an die Tür. Auf Bens »Herein« erschien ein kleines, gelbes Männchen im Rahmen, das ich unlängst schon auf einem japanischen Wandschirm gesehen hatte. Das Männchen trug einen etwas angewelkten Strauß in der Hand und näherte sich Ben mit einem zwar tiefen, aber unschönen Bückling, den Peter Pütz durchaus gemißbilligt hätte. »Dem neuen Chef zu seinem Einzug!« Damit streckte das Männchen, ölig lächelnd, Ben das Bukett hin. Dann strich es sich den rostigen Ziegenbart, zwinkerte mich mit listigen Äuglein über den schief sitzenden Kneifer an, machte mir eine zweite, nicht anmutigere Verbeugung und äußerte: »Hab' ich mich schon je in Ähnlichkeiten getäuscht? Nein. Der Herr Bruder. Gestatten, mich vorzustellen – Moscheles, Tobias Moscheles. Redakteur, Generaladjutant des Herrn Doktor hier und stets ganz zu Diensten der werten Familie.« Ich dachte an die Zervelatwürste. Und da ich auch im Knopfloch des Herrn Tobias Moscheles ein buntes Bändchen entdeckte, so nahm ich an, daß der Herzog von Koburg-Gotha vielleicht auch schon um die Verdienste wisse, die sich Herr Moscheles um den Export von Gothaer Würsten erworben. Aber ich erfuhr später, daß es das Ritterkreuz des Ordens der Republik von San Marino war. Vierzigstes Kapitel Sechsmal war seitdem der alte Fritz auf seinem hohen Postament unter den Linden durch einen neuen Frühling geritten. Sechs Herbste hatten ihn mit goldenen Lindenblättern umwirbelt. Sechs Winter hatten ihm Mantel und Dreispitz mit glitzerndem Schnee beworfen. Aus all den Bübchen, die, bang und erwartungsvoll an jenem klaren Oktobermorgen zum erstenmal der Schulpforte zugetrippelt waren, sind Quintaner geworden, die schon mit Julius Cäsar im bello gallico die vokabelreiche Rheinbrücke schlagen, seufzend Gleichungen mit zwei Unbekannten lösen und sich deutsch und brav beim Uhlandschen »Herzog Ernst von Schwaben« langweilen. Ben gibt noch immer den »Letzten Schick« heraus, wandert noch täglich auf sein Bureau, kauft noch immer Abreißkalender und ähnliche Nützlichkeiten in dem kleinen Papierlädchen, sieht noch immer von seinem Arbeitssessel überm Pult im Eichenrahmen das alte Frankfurt mit Dom und Pauluskirche. Die hellgelbe Ledermappe, die er bei jenem ersten Gang trug, ist ihm längst in der Stadtbahn gestohlen; er hat sie durch eine noch geräumigere dunklere ersetzt. Das gut coiffürte und blendend manikürte Fräulein ist schon verheiratet, wieder geschieden und als Vorsteherin ins Bureau zurückgekehrt, in dem jetzt noch ein ältliches Mädchen die Registratur besorgt, und eine schwammige Blondine, solange Ben anwesend ist, phlegmatisch tippt und, sobald er gegangen, heißhungrig die Fortsetzungen der Romane in »Morgenpost«, »Voß« und »Lokal-Anzeiger« verschlingt. In einem Raum, der atemberaubend nach schwarzen Zigarren riecht und in dem immer Nußschalen zwischen Manuskripten, Büchern und Zeitschriften herumkrachen, amtiert noch immer Tobias Moscheles, wenn er nicht gerade in der gepolsterten Telephonzelle geheimnisvolle, andeutungsreiche Gespräche führt oder sich auf einem seiner nicht minder mysteriösen Geschäftsgänge befindet, für die er monatlich hundert bis hundertzwanzig Mark Droschkengelder und annähernd das Doppelte an »Repräsentationsgeldern« liquidiert. Es hat sich nämlich im Laufe der Zeit herausgestellt, daß gerade die besten Zeichner und wichtigsten Mitarbeiter der Zeitschrift eine Vorliebe dafür haben, die geschäftlichen Besprechungen nicht in den Redaktionsräumen, sondern in einem Café der Innenstadt oder des Westens abzuhalten. Wobei dann im Sinn und Auftrag des Verlages Tobias Moscheles die nicht immer geringe Zeche zu bezahlen sich moralisch verpflichtet fühlt. Moscheles ist auch die Seele der Neugründungen, die sich um den »Letzten Schick« gruppieren. Aus einer kleinen Ausstellung von Originalzeichnungen, die für die Zeitschrift gefertigt waren, und die sich meist inhaltlich um die Dame, ihre Moden und Bedürfnisse drehten, entstand in zwei Räumen unter der Redaktion eine »Permanente Kunstausstellung moderner Meister der Eleganz«, in der man, auf dicken Smyrnateppichen wandelnd, an den Wänden Porträte und Studien schöner Frauen westlicher Bankiers und östlicher Tingeltangels neben Tanzstudien und Gesellschaftsbildern bewundern konnte. Angegliedert war ferner in den Parterreräumen des Hinterhauses seit zwei Jahren eine »Schule für Körperkultur und edlen Anstand«, in deren tempelartigen Sälchen zwei ältliche, sehr wohlriechende Fräuleins, die ehemals dem Königlichen Ballett angehörten, jungen Damen die Anstandsregeln des guten Tons beibrachten und nach einer vom Vicomte de Lussignac erfundenen Lehre in besonderem Kursus den »Rhythmus der häuslichen Verrichtungen« lehrten. Darunter verstand der merkwürdige Vicomte, der nun schon das vierte »Duell« hinter sich hatte, die ins gewöhnliche Leben übertragene Grazie der Bewegungen sowohl als des Lächelns im Verkehr und der Rede bei der Begrüßung von Gästen, beim Einschenken von Tee und Schokolade, beim Arrangement von Spielen, beim Besuch von Theater und Konzerten, bei Hochzeiten, Kindtaufen und Begräbnissen. Tobias Moscheles, der angeblich die Aufsätze und Broschüren des Vicomtes de Lussignac aus dem Französischen übersetzte und mit dem bonapartistisch gesinnten Vicomte in regem Briefwechsel stand, der sich sogar in den Buchungen der Portokasse gewissenhaft belegt fand, hatte gelegentlich einer auf Verlagskosten unternommenen Pariser Reise innige Freundschaft mit dem Vicomte geschlossen. Er überwachte nun, gewissermaßen als dessen Jünger und Prophet, die interessanten Kurse, in denen Berlin der Lichtstadt Paris voraus war. Die eigenartige Zusammensetzung der Schülerinnen dieses aussichtsreichen Unternehmens brachte es mit sich, daß Tobias Moscheles, der als Förderer starker Talente Ausgezeichnetes leistete, bald mit einer in höhere Gesellschaftskreise strebenden jungen Witwe bei Dressel frühstückte, bald in abgeschlossenem Weinzimmer am Belle-Alliance-Platz mit einem stellenlosen Gelbstern nach dem Theater Hummermayonnaise aß. Da er sich auch als Lehrer an dieser privaten Hochschule betätigte, dreimal wöchentlich Vorträge über die Schönheit der Lebensführung und zweimal über die Philosophie der Grazie nach dem System des Vicomtes de Lussignac hielt, wofür er sich einen der Neuheit und Schwierigkeit der Materie entsprechenden hohen Gehalt ausgesetzt hatte, so konnte er seine noblen Passionen bestreiten, ohne höhere Schulden zu machen, als sie Ben am Ende jeden Quartals ihm seufzend zu bezahlen bereit war. Ben sah wohl den peinlichen Zwiespalt zwischen Lehre und Leben seines betriebsamen »Adjutanten«, wie sich Tobias Moscheles mit dem ihm eigenen fröhlichen Humor gern nannte. Er hatte auch den Blick für den grellen Kontrast, in dem die äußere Erscheinung und die Gewohnheiten dieses Busenfreundes des Vicomtes de Lussignac mit dem Inhalt seiner kulturtragenden Vorträge standen; aber Tobias Moscheles war zu sehr mit dem ganzen Unternehmen verwachsen, als daß Ben daran denken konnte oder wollte, sich von diesem Betriebsamen zu trennen. Kam hinzu, daß Ben selbst mit der Zeitschrift viel zu tun hatte, deren Aufsätze, soweit sie nicht reine Fragen der Mode, der Kosmetik, des Schmuckes und des Tanzes betrafen, alle durch seine glättende und bessernde Hand gingen. Auf seinen sogenannten Redaktionsstab konnte er sich wenig verlassen. Er hatte für die novellistische und lyrische Abteilung den Lyriker Otto Honneff aus Frankfurt kommen lassen, weniger veranlagt durch den felsenfesten Glauben an die Eignung dieses sich den Siebzigern nähernden Dichters just für diesen Posten, als durch einen Brief, in dem ihm der väterliche Freund seiner Jugend sorgenvoll mitteilte, daß er mit seinem Vermögen annähernd zu Ende sei und nicht wisse, von was er seine Monatsrechnung im »Prinzen von Arkadien« und im »Falstaff« in naher Zukunft bezahlen solle. Anständig, wie Ben war und selbst im Verkehr mit den vielfach eigenartig orientierten Künstlern, die von seiner Zeitschrift lebten, blieb, hatte er sich erinnert, daß er eigentlich in kindlichem Unverstand jene aussichtsreiche Verbindung des Lyrikers mit der Tante Leonie vor vielen Jahren verhindert hatte und mithin eine freilich nicht einklagbare Schuld daran trug, daß Otto Honneffs Vermögen schon in der Nähe seines siebzigsten Geburtstags und nicht erst viel später zu Ende ging. So saß denn seit drei Jahren der von der Gicht schiefgezogene Lyriker, dessen Gedichte niemand mehr las und dessen Prosa nie bedeutend gewesen war, zwischen einem halbleeren Tintenfaß und einer ebensolchen Burgunderflasche in einem überheizten Zimmerchen neben Ben, rauchte aus einer langen Pfeife, die noch aus seiner Festungszeit stammte, einen scharfen, alle Ritzen durchdringenden Knaster, las die illustrierte Konkurrenz, schrieb boshafte Bemerkungen an den Rand, suchte seine Brille, schimpfte auf die Regierung, löste Schachaufgaben und schrieb zwischendurch an seinen Erinnerungen, die aber über das Kapitel seiner Bekanntschaft mit dem Baron von Schwarzschild nie hinauskamen. Immerhin war seine von Ben anständig bezahlte Tätigkeit, die sich doch auch mal auf Korrekturlesen und Bereicherung der Rätselecke um einen Originalbeitrag erstreckte, für das Unternehmen noch ersprießlicher, als die Wirksamkeit Konrad Körbers, dem Ben auf bewegliche Briefe Anna Hayecks, Max Güldenrings und eine Befürwortung des Freundes Fips Tomasius ein Asyl gewährt hatte. Nach verschiedentlichen Entziehungskuren, die eine dauernde Heilung nicht herbeigeführt hatten, und nach einer Konfiskation eines Bändchens Oden, die der Dichter »Das Weib, nur mit Rhythmen bekleidet von Konrad Körber« genannt, hatte sich die Familie des Dichters bereit gefunden, ihm eine bescheidene Jahresrente zu zahlen unter der einzigen Bedingung, daß der Neutöner die Städte Frankfurt, Hanau, Wetzlar und Apolda niemals wieder zu längerem oder kürzerem Aufenthalt aufsuche. In den genannten Städten lebten nämlich Angehörige der Familie Körber, deren Lebensanschauungen und Gewohnheiten sich mit denen des Dichters in unvereinbaren Gegensätzen befanden. Hanau und Wetzlar zu meiden, fiel dem gemaßregelten Dichter nicht schwer; auch Apolda lag nicht auf der Route seiner Herzenswünsche; dahingegen schmerzte ihn das Aufenthaltsverbot für Frankfurt tief, da er davon geträumt hatte, im Geistesleben dieser Stadt, die ihn geboren, eine führende und beherrschende Rolle zu spielen. Schließlich aber unterschrieb er den nicht gerade ehrenvollen Vertrag und begab sich auf dem Umweg über Leipzig, wo er die erste Monatsrate seines seltsamen Stipendiums gleich am Bahnhof restlos im Kümmelblättchen an zwei polnische Kavaliere verlor, nach Berlin. Er besuchte Ben und rechnete ihm vor, daß er von dem ausgesetzten »Ehrensold« der Familie, wie er die bedingte Unterstützung etwas euphemistisch nannte, ein seiner Herkunft und seines Genies würdiges Leben nicht führen könne; daß er aber, als ein am Leben Gescheiterter, bereit sei, seine hohen Gaben um des lieben Brotes willen in die schweren Ketten des elenden Kulidienstes eines Berufes zu schlagen. Und Ben, der verblendeten armen Teufeln gegenüber nie nein sagen konnte, weil er die Sorglosigkeit der eigenen Glücksumstände stets als eine unverdiente Gunst empfand, stellte den Stipendiaten der Familie Körber als Redakteur an. Tat es, obschon Tobias Moscheles nach einer flüchtigen Bekanntschaft mit dem in Aussicht genommenen Kollegen ohne Begeisterung geäußert hatte: »Nach was riecht er? Nach Absinth. Nach was sieht er aus? Nach nischt. Was kann er? Das, wonach er aussieht. Und was soll er hier? Das weiß der liebe Gott!« Aber das hatte Ben vielleicht vom lieben Gott direkt gelernt, daß er immer noch etwas mit gescheiterten Existenzen zu machen wußte und in seiner Gutmütigkeit so tat, als ob immer noch ein Brauchbares in Schiffbrüchigen stecke. Als es sich erwiesen hatte, daß Konrad Körber als Schriftleiter nur Konfusion anrichtete, Mitarbeiter brüskierte, Manuskripte verschlampte, Briefe verlegte, Korrekturen nicht besorgte und sich mit allen Angestellten zu zanken geneigt war, verwandte ihn Ben als Annoncenakquisiteur. Als der Dichter in dieser Eigenschaft zwar neue Inserenten nicht zu werben vermochte, wohl aber einige der getreusten alten zu geharnischten Protesten beim Verlag veranlaßt hatte, sah sich Ben genötigt, ihm auch diese Betätigung seufzend wieder abzunehmen. Da es ihm nun schien, der haltlose Mann, der doch immerhin ein Talentfünkchen in der Brust trug und ein Frankfurter war, müsse, wenn man ihn loslasse, vor die Hunde gehen, und zwar gleich vor die schlimmen Berliner Hunde, so ersann Bens Findigkeit eine neue, eigenartige Aufgabe für ihn, die er ihm honorieren konnte. Konrad Körber bekam den ehrenvollen Auftrag, für den Verlag des »Letzten Schicks« die Vororte Berlins aufmerksam zu durchwandern und sich scharf danach umzuschauen, wo sich etwa eine fensterlose Hauswand oder ein geräumiger Bretterzaun für eine große Bilderreklame der Zeitschrift eignen könne. Auf diese Weise war man den unbequemen Dichter in den Geschäftsräumen los. Konrad Körber nannte sich von diesem Tage an »Propagandachef« und fuhr nun alltäglich nach selbstgewählter Route mit der Elektrischen in die Vororte und spürte nach Hausmauern und Bretterzäunen, die noch nicht beklebt waren und die für Anpreisungen der Unternehmungen des Verlags nach seiner Ansicht in Frage kamen. Jeden Sonnabend erschien er dann bei Ben, um mit etwas verglasten Augen und nicht restlos beherrschter Zunge in umständlichem Vortrag zu melden, daß er hinter der Kadettenanstalt in Lichterfelde einen noch jungfräulichen Bretterverschlag entdeckt habe, der sich für eine Reklame der »Permanenten Kunstausstellung moderner Meister der Kunst« trefflich eigne; oder daß er links vom israelitischen Friedhof in Weißensee eine Selterwasserbude angetroffen, deren Hinterwand wie gemacht erscheine, eine Anpreisung der »Schule für Körperkultur und edlen Anstand« in Wort und Bild auf das große Publikum wirken zu lassen. Für diesen meist niemals benützten wertvollen Wink erhob er dann neben seinem anständigen Wochenfixum eine kleine Provision und tanzte Sonntags, wie der Ausläufer des Verlags beobachtet haben wollte, die neuesten Rundtänze mit den Grunewalder Köchinnen in Halensee. Es ist möglich, daß sich Ben seine geistige Arbeit und Pioniertätigkeit, auch den Kreis seiner Mitarbeiter in Berlin etwas anders gedacht hatte; aber es ist sicher, daß Ruth dies alles ohne Begeisterung sah. Langsam, aber unaufhaltsam hatte sie sich innerlich von Ben immer mehr entfernt. Solange ihr Einfluß auf ihn der allein maßgebende war, sah sie in seiner Schwäche nur die Güte, die ihr, der härter Geschaffenen, wohlgefiel. Als aber die Weltklugheit und der Egoismus, das Unglück und die Taktlosigkeit der Anderen Ben und seine menschenfreundliche Hilfsbereitschaft auszunützen bestrebt waren, sah sie in der Güte nur noch die Schwäche. Und da Frau Morgenthau leider recht behalten hatte und der Ehe der von Ben sehnlichst gewünschte Nachwuchs dauernd versagt blieb, so schob sich nichts Versöhnliches, aufs neue bindend und glättend, zwischen diese beiden so verschiedenartigen Menschen, die einmal geglaubt hatten, füreinander bestimmt zu sein. Wenn es auch schwer war, mit Bens versöhnlicher Natur in harte Konflikte zu geraten, so stellten sich doch Meinungsverschiedenheiten und Mißhelligkeiten immer häufiger ein, die von Ben mit betrübtem Schweigen verschleiert und ertragen, von Ruth mit ätzender Ironie beleuchtet und erörtert wurden. Das erste schwere Sichmißverstehen lag mehr als fünf Jahre zurück und hing mit dem plötzlichen Tode des Kommerzienrats Baddach zusammen. Es wurde nie aufgeklärt, ob damals die Familienpapiere Gigis endlich doch noch gekommen waren und ihre solid bürgerliche Abkunft erwiesen hatten, oder ob der verliebte Kommerzienrat geflüsterte Geständnisse gehört und verziehen hatte; jedenfalls die Hochzeit war schließlich gerichtet worden. Der Kommerzienrat war zur letzten Anprobe seines Hochzeitsfracks beim ersten Schneider Frankfurts auf dem Roßmarkt vorgefahren. Als der Wiener Zuschneider, sehr befriedigt vom eleganten Fall der Beinkleider und dem tadellosen Taillensitz, für einen Augenblick das Probierzimmerchen verlassen hatte, ein Stückchen Kreide zu holen, fand er wiederkommend den Kommerzienrat zwischen den vier verstellbaren Spiegeln sitzend mit herabhängendem Kinn und halbgeschlossenen Augen. Und alle vier verstellbaren Spiegel kündeten sofort dem entsetzten Zuschneider: der Kommerzienrat war tot. Ein Schlaganfall hatte den Ungewarnten, in einem letzten Genuß des Anblicks seiner noch immer guten Figur in vier verstellbaren Spiegeln, rasch und schmerzlos erledigt. In seinem zweiten Hochzeitsfrack wurde er vier Tage später auf dem schönen Frankfurter Friedhof beigesetzt. Die alten Kranzverkäuferinnen in ihren Buden am Friedhofsportal sprachen noch wochenlang von der Länge des Kreppschleiers der trauernden Braut, der zur Gefaßtheit ihres Schmerzes in keinem rechten Verhältnis stand. Bei der Testamentseröffnung stellte sich heraus, daß der Kommerzienrat, seiner Gesundheit sicher, seinen letzten Willen so unglücklich gefaßt hatte, daß erst die ehelich verbundene Gattin einen wesentlichen Teil des großen Vermögens bekommen hätte, während die Braut in Trauer nun rechtlich nichts zu verlangen hatte. Ben nahm als selbstverständlich an, daß man sich nicht an das Recht klammern werde, das diese sicher nicht beabsichtigte Fassung des Schriftstücks der Tochter gab. Aber Ruth vertrat ohne jede Schwächenanwandlung den Standpunkt, daß Gigi von ihrem Vater bei Lebzeiten reich genug beschenkt worden sei, und daß nunmehr die Weisheit des Himmels gegen sie entschieden habe. Sie ließ ihr durch meinen Nachfolger im Frankfurter Anwaltsbureau ein paar tausend Mark Abfindungssumme anbieten, wenn sie nicht den Prozeßweg beschreite. Als die schlecht Beratene dennoch prozessierte und den Prozeß trotz persönlichen Erscheinens im schwarzen Kreppschleier verlor, bekam sie gar nichts. Sie verkaufte Pferde, Schmuck und Einrichtung und trat ein halbes Jahr später mit weißen Kakadus im meergrünen Trikot wieder im Wintergarten auf, genau in der Nummer, die drei Jahre zuvor das Herz des alternden Baddach bezaubert hatte. Ben aber hatte, wenn Ruth von diesem Prozeß, von Gigi und den Kakadus sprach, immer das schmerzende Gefühl, als rede eine ganz fremde Person von ganz weither herzlos von der Übertölpelung eines sonst klugen Mannes, der, so gut er sonst zu rechnen verstand, seine Jahre schlecht gezählt und seine Lebenskraft überschätzt hatte. Und er sah immer den Kommerzienrat Baddach in seinem noch knopflosen Hochzeitsfrack, in dem noch die Stecknadeln der Anprobe glänzten, zwischen vier verstellbaren Spiegeln sitzen und traurig und hilflos ins Leere lächeln. Schon in der zweiten Hälfte des Trauerjahrs füllte sich Ruths Salon mit allerlei Glanz und Ruhm und Tagesgröße. Die neue Wohnung in einer ersten Etage des vornehmsten Westens, die das junge Paar für die japanischen Museumsräume der von Tokio glücklich heimgekehrten Witwe Jänisch eingetauscht, war prunkvoll und gediegen möbliert, mit vielen schönen Truhen, Schränken, Vitrinen und Bildern aus Ruths Vaterhaus ausgestattet und schuf mit ihren sehenswerten Stücken alter Kunst des Barocks und der Renaissance den in aller Vornehmheit behaglichen Rahmen für eine Geselligkeit großen Stils. Teeabende mit Musik, die sich bald einer gewissen Berühmtheit erfreuten, führten Ruth in die Gesellschaft ein oder besser die Gesellschaft bei Ruth. Ein paar Wohltätigkeitsfeste taten das übrige. Auf einer dieser Veranstaltungen errichtete sie mit Bens schönen aus dem Orient mitgebrachten Teppichen, Geweben, Waffen und Keramiken ein vielleicht nicht sehr echtes, aber sehenswertes Beduinenzelt. Sie selbst, als Wüstenschöne in einem hellen Faltenwurf, der den ebenmäßigen dunklen Glanz ihrer Haut beträchtlich hob, kredenzte darin aus winzigen Täßchen mit lächelnder Anmut sehr kostspieligen Tee. Nicht nur die Garde, auch die Finanz und Intelligenz fühlte sich an jenem Abend in die Wüste gelockt. Es war ein offenes Geheimnis, daß sich ein östlicher Gedichtzyklus des damals in eine kurze Mode kommenden Lyrikers Rebserp mit ihr beschäftigte und das lodernde Feuer spiegelte, das in dem Herzen dieses leicht empfänglichen und leicht vergeßlichen, lebensfrohen Genießers bei ihrem Anblick ausgebrochen war: Dunkle Fatme, der Rebekkas Holde Anmut ward geschenkt. Wenn sie vor den Toren Mekkas Dürstende Kamele tränkt, Allahs lieblichste Gedanken Flattern um dein Lockenband – Und wie schmeicheln diese schlanken Finger deiner Kinderhand! Heiß entzündend zu Gesängen, Blickt dein Auge still und groß. Wie an Judas Felsenhängen Glüht die Rose Salomos! Dunkle Fatme! Mit sich nehmen Dein Gedächtnis muß der Gast, Dem du je im Lande Jemen Stutenmilch geboten hast. Bist du vor das Zelt getreten In der Wüste nächt'ge Ruh', Lacht als Stern dir des Propheten Frauenfreud'ges Auge zu. Und ich schlürf das Glück zur Neige, Wenn du, heiß in Liebesangst, Biegsam, wie Magnolienzweige, Um den Hals die Arme rankst ... Jedem, der Ruth kannte – und zu diesen gehörte gottlob Ben in erster Linie – war es klar, daß die also Angesungene immerhin eher noch Stutenmilch im Lande Jemen verabreicht, als ihre Arme in Liebesangst, biegsam wie Magnolienzweige, um des Dichters Hals gerankt hätte. Aber als der jugendliche Held des Kleisttheaters, Philippos Kallistos, ein auf Kephalonia geborener genialer, aber etwas unsauberer Grieche, der die deutsche Sprache mehr sang, als sprach und sich rezitierend in alle Frauenherzen hineintremolierte, diesen Zyklus in den Mittelpunkt seines »Intimen Vortragsabends« stellte und, in blühenden Rosenbüschen auf violett beleuchtetem Podium sitzend, die fünfzehn Gedichte zu der roten Loge hinaufsprach, in der Ruth sehr schön, sehr kühl, sehr stolz mit dem etwas verlegen lächelnden Ben, dem Maler Werner Fritzlar, dem Komponisten Alois Dondörfer und dem türkischen Gesandten saß, da hatte der Berliner Westen für einige Tage den willkommenen Gesprächsstoff, den ihm die politisch ruhige Lage breit und interessevoll zu behandeln erlaubte. Der Komponist Dondörfer aber komponierte einige der Lieder aus dem Zyklus und auf dem Widmungsblatt stand Ruths Name. Schon im dritten Jahre ihres Berliner Aufenthalts fehlte in Ruths Salon kein Stand und kaum ein Name, den ein gesellschaftlicher Ehrgeiz sich noch hätte wünschen können. Ein unverheirateter, sehr dekorativer Unterstaatssekretär, der Männern gegenüber voll unnahbarer Hoheit war, im Verkehr mit hübschen Frauen aber die galanten Bräuche alter Minnehöfe diensteifrig wieder aufblühen ließ, zog viele Diplomaten nach sich, die gern gut aßen und schöne Hände küßten. Gelehrte, die Freunde einer gepflegten Unterhaltung, und Schriftsteller, die Verehrer eines gepflegten Weinkellers und einer raffinierten Küche waren, fanden sich ein. Künstler, wie Werner Fritzlar, den der Hof mit Aufträgen überhäufte, und der demgemäß den Jungen als überlebter Byzantiner galt, wie der Komponist Dondörfer, dessen Musik so sehr der Zukunft gehörte, daß ihr die Gegenwart ratlos und ängstlich, den Anschluß zu versäumen, gegenüberstand, wie der Schauspieler Kallistos, der heute als Romeo die Backfische des Westens zu dummen Briefen begeisterte, morgen den ältesten Oberlehrern durch Rezitation des Urtextes der Odyssee Tränen in die blonden Vollbarte rollen ließ, sie alle gehörten bald zu den selten fehlenden Stützen des Salons. Der Professor Kaltenborn, der die wohlgenährten Damen der Hochfinanz malte und sich davon zuweilen durch wundervoll im Fleisch leuchtende Akte erholte, sang in Ruths Salon mit schönem Bariton seine Lieblingslieder. Der erfolgreiche Lustspieldichter Kobus, der unter den Neueren den flottesten Dialog schrieb, zeichnete schweigsam seine köstlichen Karikaturen der Gesellschaft auf die Menükarten. Und in der Angst, ihre Männer oder Seelenfreunde ganz an diesen Kreis zu verlieren, kamen auch, säuerlich lächelnd, die durch Geburt oder Schönheit oder seltener durch beides ausgezeichneten Damen der Kreise, die sonst die tödliche Langeweile gern mit dem hochmütigen Bewußtsein bezahlen, unter sich zu sein. Mit Ruth aber ging eine Veränderung vor sich, oder vielmehr es begannen Eigenschaften durchzuleuchten, die früher gebändigt und versteckt lagen. Immer mehr beherrschte ihr Tun und Lassen der Ehrgeiz, eine Rolle zu spielen und die gesellschaftliche Leiter Sprosse um Sprosse sicher und rasch zu erklimmen. Um Bens Unternehmungen kümmerte sie sich nur noch, wenn der »Letzte Schick« Bilder aus dem Kreise ihrer Trabanten brachte. Etwa im Modeteil »die Phantasiekostüme der Tänzerin Mahûde«, die eigentlich eine verarmte Adlige war, eine Freiin von Gonzenheim, und die in Ruths Salon zuerst ihre ägyptischen und indischen Tänze, mit nackten Füßen, spangenrasselnd, vorgeführt hatte; oder »Alexander Kallistos beim Rollenstudium« oder einen »Blick in Werner Fritzlars Atelier« mit sieben kaum angefangenen und schon gelangweilten Prinzessinnen auf den Staffeleien. Für den Verkehr mit Ben hatte sie sich in einen kühl bemutternden Ton hineingelebt, durch den für den Hellhörigen zuweilen eine leise Ironie durchklang. Sie ließ ihn nicht selten fühlen, daß der Glanz, der von ihrem Salon und ihrem Verkehr ausstrahlte, nicht sein Verdienst sei; und wenn er dann andeutete, daß er auch sein Glück nicht darin finde, so bemerkte sie mit einem abweisenden Lächeln, daß er allerdings durch den vertrauten Umgang mit den Dichterfürsten Otto Honneff und Konrad Körber und mit dem bonapartistischen Vicomte de Lussignac verwöhnt sei, aber immerhin auch den Kreis gelten lassen müsse, den sich die etwas höheren Ansprüche seiner Frau zu schaffen gewußt hätten. So stand Ben jeden Abend in tadellosem Frack, das grüne Bandendchen des Osmanje schamhaft im Knopfloch, zwischen Ruhm, Adel und Finanz in seinen eigenen pompösen Räumen verbindlich lächelnd, Zigarren und Kognak anbietend, herum, oder er hörte im Hintergrund einer Loge, von deren Brüstung Ruths feurige Ringe blitzten, zum dreißigsten Male, daß Vetter Turiddu von sizilianischer Bauernehre erschlagen sei; oder er sah den feisten Dondörfer, schwitzend mit den Bewegungen eines Veitstänzers seine neue Symphonie, Opus 129, dirigieren, die sich für ein der Zukunftsmusik noch nicht erschlossenes Ohr anhörte, als werde eine Hotelküche von unwirschen Spülmädchen aufgeräumt. Und wenn ich dann in solch unbewachten Momenten einen Blick in Bens Antlitz warf, dann fand ich den leichtherzigen Frohsinn von einst gelöscht darin, und es lag wie ein Schleier von müder Resignation über den immer noch jugendlichen Zügen. Ben war nicht glücklich. Der einzig restlos Glückliche in seinem Hause aber war vielleicht Peter Pütz, der hochherrschaftliche Diener. Ohne den Gedanken an das Friseurgeschäft aufzugeben, ohne in den Übungen an Rosa Riemenschnuts herrlich roter Haarfülle nachzulassen, ging der gelehrige Schüler des Prinzen Reuß auf in den schwierigen und verantwortungsreichen Obliegenheiten, die der immer stärker anwachsende, immer vornehmere Verkehr an die Geläufigkeit seiner Zunge, die Biegsamkeit seines Rückens und die Sicherheit seiner Formen stellte. Abends spät beim Zubettegehen memorierte er die Namen und Titel der neu Erschienenen des Tages, schlug in seinem antiquarisch erstandenen Gothaischen Almanach die Adligen nach und versah seine neuen persönlichen Bekanntschaften mit einem blauen Kreuzchen. Dann legte er sich zufrieden zu Bett und träumte, glücklich lächelnd, er sei der Leibkammerdiener des Beis von Tunis oder der Zeremonienmeister des Schahs von Persien. Nur einmal hatten seine Träume, die sich immer in derselben Richtung bewegten, das glückliche Lächeln von seinem ausrasierten Munde gescheucht und ihn in schwere Schweiße gejagt. Da hatte ihm, wie er Rosa Riemenschnut am anderen Morgen mit umwölkter Stirne gestand, sehr lebhaft geträumt, er sei, ohne jede Bewerbung seinerseits um diesen merkwürdigen Posten, plötzlich zum Obereunuchen des Großsultans ernannt worden. Gerade als diese peinliche Ernennung in feierlicher Weise perfekt werden sollte, hatte der barmherzige Wecker geschnarrt. Einundvierzigstes Kapitel In dem großen Ausstellungspark hinter dem Lehrter Bahnhof knospt's und treibt's. Die Weiden um den Weiher streuen einen im Lenzwind zitternden junggrünen Schleier ins Wasser. Die Enten putzen schnatternd ihre schillernden Federn und, wichtig mit dem Steiß wackelnd, rudern sie durch ihr bescheidenes Reich, auf dem so warm die lang entbehrte Sonne liegt. Den verbogenen Strohhut im Nacken, knien die Gärtner in den Beeten und graben mit emsigen Händen die Frühlingsblumen ein, die bald hier mit buntem Frohsinn die Geladenen grüßen sollen, wenn die Große Ausstellung den Spitzen der Behörden, der Gesellschaft, der Kunst und der Kritik ihre Tore öffnet zum Weihegang. In den Sälen aber waltet die Hängekommission fleißig ihres Amtes. Sie probt die Wirkung all der von der Jury zugelassenen bunten Leinwand aus. Hängt hier das imponierende Bildnis eines ordenbesäten Generals ins gute Licht des Elitesaals, dort läßt sie ein paar matte märkische Landschaften, ein braves Genrebildchen ältester Schule im Halbdunkel barmherziger Nebensälchen verschwinden. Durch die geöffneten Türen über aufgeschichtete Kisten, Teppiche, Handwerkszeug weht die weiche Frühlingsluft. Und wenn die fleißigen Hämmer ein wenig ruhen – wahrhaftig, man hört die Amseln schlagen draußen in den Büschen! Mitten in Berlin, zwischen Auswandererbahnhof und Kriminalgericht, vom Netz der Elektrischen umsponnen und von der nie rastenden Hast der Erwerbenden umtobt, die Amseln ... »Der deutsche Frühling ist doch auch schön, was, Ben?« Er nickt lächelnd, während wir, dem Hauptgebäude zustrebend, über allerlei Bretter und Eisenstücke steigen, die noch herumliegen. »Weißt du was, Adi, wir setzen uns hier noch ein wenig in die Sonne bis Ruth kommt mit dem glanzvollen Gefolge.« Und schon sitzt er und sieht wohlgefällig den schnatternden Enten zu. »Wie lange warst du eigentlich dort unten, Ben?« »Fast einen Monat. Zwei Tage München – dann langsam über den Brenner. Ich habe die Brennerroute gewählt, weil ...« Er stockt, aber ich kenne die Gründe. Weiß, daß er noch immer den Bahnhof von Heidelberg fürchtet und den Bruch des sich und der kleinen Frau dort gegebenen Versprechens, nicht mehr plötzlich in ihr Leben zu treten. »Erst war ich von Unrast gehetzt. Hatte auch zunächst Pech mit der Gesellschaft, die ich nicht suchte. Ich wollte doch allein sein. Mitten in der blühenden Kamelienpracht der Villa Melzi über Bellaggio treff' ich Tommy Schupp, der gerade der Herzogin von Melzi zweihundert Flaschen Rüdesheimer Berg und vier stachelhaarige Foxterriers angedreht hat. Foxterriers am Comer See, es paßt nicht recht. Der Tommy selbst hat sich sehr verändert. Ist seit dem Tod des Vaters nur noch Geschäftsmann, Weinhändler, Fox-Züchter. Hat mir strahlend seinen neuesten Trick erzählt, der ihm zur Einführung bei dem hohen Adel, nicht nur in Italien, auch in England dient. Er kauft ein paar Dutzend Rosenkränze, läßt dafür schön geschnitzte Ebenholzkästchen bauen und mit Samt ausschlagen. Für ein hübsches Sümmchen übernimmt's dann ein Kammerdiener des Papstes, die Kästchen mit den Rosenkränzen in einem Korridor des Vatikans auszustellen, den der Papst manchmal durchwandelt. Der Kammerdiener, der ihn führt, bittet dann alleruntertänigst den Heiligen Vater im Vorübergehen die Kästchen zu segnen, was der gütige alte Herr auch lächelnd gewährt. Dann läßt der pfiffige Tommy auf jedes der Kästchen eine Silberplatte anbringen und darauf gravieren: »Persönlich gesegnet von Seiner Heiligkeit dem Papst am soundsovielten ... im Vatikan zu Rom.« So ein Kästchen bringt er dann als köstliches Geschenk der Herzogin von Melzi mit oder einer Lady in England – er hat ja genug davon. Und die Gerührte, die glaubt, das hat sie nun ganz allein, bestellt die unsinnigsten Posten Rheinweine und kauft, wenn er Glück hat, auch noch ein paar Foxterriers. »Praktisch, hab' ich nicht recht?« würde der tüchtige Moscheles sagen. Aber solche Geschäftskniffe zu hören zwischen wildem Lorbeer und blühendem Oleander, mit dem Blick hinüber nach dem besonnten Cadenabbia und der Villa Carlotta des Meiningers, die durch Magnolien und Zedern schimmert, das ist nicht sehr mein Fall.« »Ja,« sag' ich, »so alte Freunde wiedersehen, das enttäuscht oft. Bist du ihn denn bald losgeworden?« »Ja. Sofort, nachdem er fünfzig Flaschen Johannisberger, als meine Bestellung, in sein Buch notiert. Im Hotel Plinius in Como hatte ich dann das zweifelhafte Glück, Ruths Onkel, den Professor Baddach aus Heidelberg, mit Gattin zu treffen. Er hat noch an Gönnerhaftigkeit zugenommen, seit er mich als »Neffen« duzt, und sieht immer noch nach der Uhr, wenn er mit einem spricht. Und die gute Tante langweilt sich, wenn sie die Basilika von S. Abbondio betrachtet oder von Chalet Brunate in die Lombardische Tiefebene heruntersieht, genau wie sie sich gelangweilt hat, wenn sie ihr Fruchteis auf der Molkenkur über Heidelberg aß. Erst in meinem lieben Lugano, wo mich weder Bekannte noch Verwandte drangsalierten, bin ich zur Ruhe gekommen. Und dann in Morcote. Ach, Adi, ist das schön!« »Allerdings nach den Bildern, die du geschickt hast. Aber – ich meine, war's nicht etwas vorschnell, Ben, daß du dir dort gleich die kleine Villa gekauft hast?« »Vielleicht. Aber – –« Um Bens Mund spielt seit langer Zeit einmal wieder das liebe, leichtsinnige Lächeln, das sein Gesicht jünger erscheinen läßt. Erinnerungen aus dem Frankfurter Elternhaus blühen auf. Ich höre wieder des Vaters dunkle und doch so freundliche Stimme: »Wär' er besonnen, hieß er nicht der Tell.« »Der wundervolle Friedhof hoch über den Nebenterrassen hat mir's angetan. Ich gelte für einen fröhlichen Menschen, bin's auch im Grunde. Erst Berlin hat mir ein bißchen die Flügel gelähmt. Aber ich denke so oft an den Tod, wie vielleicht die immer ernsthaften Menschen nicht. Ich hab' mal in Triest in einem Chantant eine kleine französische Sängerin mit rotgeschminkten Backenknochen ein Couplet singen hören, das hatte den Refrain: » On entre et on crie – voilà la vie! – On crie et on sort – voilà la mort !« Sie sang nicht schön, ihre schrille Stimme schien ihr selber weh zu tun; aber sie war schwindsüchtig, glaub' ich, und hat mir sehr leid getan. Ein paar angezechte Kavaliere trieben Schindluderchen mit ihr, klatschten ironischen Beifall in ihre Nummer und warfen sie mit Pfropfen. Da hab' ich sie nachher an meinen Tisch geholt. Hab' ihr eine Flasche Sekt bezahlt, die hat sie in zehn Minuten gierig ausgetrunken. Als sie zutraulicher wurde und anfing, mir Keks in den Kragen zu stecken, bin ich aufgebrochen. Aber denk' dir, als ich auf dem Schiff, von Melide kommend, vorn an der Spitze stehend, auf Morcote zufuhr und hoch über den schattigen Arkaden seiner Piazza, über verwitterten Treppen, Terrassen, Vignien im Schutz des Monte Arbostora die stillen Kreuze ragen sah, da fiel mir plötzlich das Lied der hektischen Chansonette von Triest wieder ein: » On entre et on crie – voilà la vie! – On crie et on sort – voilà la mort !« Was für eine armselige, kurze Spanne liegt doch zwischen den beiden Schreien, dacht' ich; und wie lang liegt und zerfällt man dann, unbeteiligt und schweigend, eh' das letzte elende Knochenrestchen erledigt ist. Da kam mir plötzlich die Sehnsucht, da hinaufzusteigen. Ich hab' eine herrliche stille Stunde oben verbracht zwischen verwitterten Kreuzen und wilden, grellen Blumen, ganz allein, über dem wunderblauen Schild des Sees. Als ich wieder hinuntergestiegen war die vielen, vielen Stufen und, auf den Dampfer wartend, die Via Cantonale entlang schlenderte, fiel mir eine verkäufliche Villa auf, deren Front, einfach und prunklos, hart an der Straße lag. Der Garten mußte direkt auf den See führen. Ich trat durch das offene Tor – kein Mensch zu sehen! Ging durch einen kahlen italienischen Korridor von jenem kühlen, klösterlich strengen Geruch, der so vielen Häusern da unten eigen. Kein Mensch antwortete meinem Ruf. Ich stieß eine zweite Türe auf, sie führte nach dem Garten. Das Licht brach wie flüssiges Gold herein, und die Sonnenwärme stürzte in die Kühle. Wie verzaubert hab' ich wohl minutenlang auf der Steinschwelle gestanden mit geblendeten Augen. Zwischen kleinen Zypressen hindurch über Rosen und blaue Sternblumen, die ich nie zuvor gesehen, der weite Blick über den schimmernden Wasserspiegel, der in stummer Ruhe sich breitet. Eine Trauerweide, herrlich im jungen zitternden Grün, wie ich nie eine sah, gießt ihre schlanken Zweige über einen kleinen Bootshafen und badet sie in den leise die Ufersteine streichelnden Wellen. Schmetterlinge sorglos über allen Büschen und huschende Eidechsen auf dem rissigen Gemäuer und auf den großen weißen Urnen des Altans. Drüben die entzückende Bucht von Porto Ceresio. Darüber die Wucht des Monte Pravello. Und all das ohne Laut, ohne Menschen. Und als ich, ein paar Stufen niedersteigend in den Garten, der mir sommerheiß, betäubend entgegenduftet, das Auge nach links in die Höhe wende, seh' ich über mir, mit Kreuzen und Zypressen gebreitet, vor die Madonna del Sasso, den Gottesacker, von dem ich kam, zu dessen Steinen, Inschriften und Toten ich auf andächtigem Gang mich niedergebeugt hatte ... Kennst du die Stelle in Romeo und Julia, da die feurige Veroneserin den Montecchi zum erstenmal sieht und erblassend seufzt: »Ist er vermählt – so ist das Grab zum Brautbett mir erwählt!« Ich bin ein bißchen aus verliebtem Veroneser Geschlecht in meinen Entschlüssen, das weißt du. Eine halbe Stunde später war – durch Handschlag – die verwunschene kleine Villa mein. Ein halbnackter putziger Schmierfink mit den wundervollen dunklen Augen des Tessin hatte den Padrone geholt. Der war sehr verwundert, daß ich nicht feilschte. Der pfiffige Notar in Lugano am nächsten Tag nicht minder. Was tut's – sie halten vielleicht den Tedesco für einen Narren. Aber, Adi, man handelt nicht um ein Paradies.« »Und eingerichtet hast du's auch gleich?« »Ja, da hatt' ich doch was zu tun die vier Wochen. Ich hab' mich mit einer Möbelfabrik in Lugano in Verbindung gesetzt, habe in Mailand – das ist drüben von Porto Ceresio über Varese kaum eine Stunde – allerlei köstliches altes Gerümpel zusammengekauft, auch Bilder und Plastiken – für das Gärtchen ein kleines Dantedenkmal – und jetzt ... Oh, du mußt bald einmal mitkommen, Adi! Stell dir's nicht großartig vor – aber als Asyl für einen Weltflüchtigen, der in die Sonne sehen will bei Tag und abends durch die Kreuze und Zypressen in die Sterne, kann kein herrlicheres Plätzlein Erde gedacht werden ... Aber –« er änderte plötzlich den Ton. Seine Stimme, aus der eben noch stolzer Jubel klang, bekam etwas Müdes, als er aufstand und sagte: »Aber wir sind noch in Berlin. Sind wieder in Berlin. Sind in der großen Ausstellung – geduldet zugelassen vor dem Firnistag. Kommen, um Ruths Bildnisse zu sehen und zu bewundern. Und da ist sie selbst schon – wie immer umgeben von ihren Trabanten.« Ruth kam, strahlend und froh gelaunt, auf uns zu. Sie trug ein fliederfarbenes Foulardkleid, das ihre schlanke Figur gut zur Geltung brachte, und der Florentiner Frühlingshut war mit hellen Syringen leicht umlegt. Sie wußte, daß sie ihren guten Tag hatte, und zeigte lachend ihre schönen Zähne. »Wissen Sie, Professor,« sie wandte sich an Kaltenborn, der hinter ihr seinen in die Sonne funkelnden Blondbart wohlgefällig zum Fächer strich, und sie zeigte dabei nach mir mit der Schirmspitze: »Wissen Sie, warum der dort, der Schwager und Jurist, sich seinen Syndikatspflichten heute hinterlistig entzieht und stirnrunzelnd hier erscheint? Mein vorsichtiger Gatte hat ihn als Sachverständigen herangewinkt, ob man's »wirklich wagen« soll, Ihr gefährliches Bild von mir dem großen Kunstmob vorzuführen.« Ich protestierte. Sie ließ es nicht gelten, nahm aber meinen Arm und lachte: »Wilhelm Busch, der große Menschenkenner, gibt das Rezept gegen Sachverständige –« und parodistisch zitierte sie: »Und Franz natürlich gleich bereit – gewinnt das Tier durch Freundlichkeit.« »Sie können lachen, Frau Ruth,« klagte der Komponist Dondörfer hinter uns, den die Frühlingssonne bereits wieder kräftig hatte transpirieren lassen, »Sie sind wenigstens nur als Judith gemalt, mit dem bluttriefenden Haupte des Assyrers Holofernes in der schönen Hand – aber mich, mich hat der Verleumder Werner Fritzlar als ungekämmten und ungewaschenen Waldmenschen verewigt, hat mir einen zerknitterten Konfirmationsfrack angezogen und eine zerkaute Zigarre in die Pratze geschoben – –« »Ich hab' das Genialische in Ihnen betont,« maulte Fritzlar unwirsch und stieg bedächtig über einen quer im Wege liegenden Balken, »vielleicht hätt' ich das nicht tun sollen, wenn ich auf sogenannte Ähnlichkeit Wert legte.« Ben ging als Letzter mit dem Schauspieler Philippos Kallistos, der sein spitzes Kinn tief in ein bunt gestricktes Wolltuch verborgen trug, dem ein scharfes Orchideenparfüm aufdringlich entströmte. Er kaute angestrengt ein zähes Hustenbonbon und spuckte dazwischen geräuschvoll in die Beete. Manieren hatte dieser Menschenbildner nur abends auf der Bühne, wenn es die Vornehmheit der Rolle verlangte. Für das tägliche Leben genügte ihm sein Ruhm. Der hochgekuppelte Ehrensaal, in den wir eintraten, war schon so ziemlich fertig und in Ordnung. Ein Teppich wurde noch gelegt, und ein Lorbeerkranz mit schwarzer Schleife an der halb vollendeten Plastik eines jüngst Verstorbenen befestigt. Ein paar Herren mit Notizbüchern gingen in fliegenden Mänteln, laut und wichtig, herum, Redakteure illustrierter Blätter, die rasch vor der Eröffnung übermorgen die Reproduktionsrechte der wirksamsten Gemälde für ihre Verlage erwerben wollten. Ein Kleiner riß einen gewaltigen Zylinder grüßend vor den Bauch und wiederholte mit ehrfurchtsvoll gekniffenen Augen immer wieder, daß er die Ehre habe. Moscheles. Hinter ihm auf hohen Stöckelschuhen eine reichlich gepuderte Blondine, die durch ihre betonte Grazie die Herkunft aus der »Schönheitsschule« verriet. Ruth nickte hochmütig und sagte zu Kaltenborn: »Das dort – neben der stellenlosen Pierrette in Zivil – ist der Generaladjutant meines Mannes. Danach können Sie sich die Armee vorstellen.« Ich ließ unwillkürlich meinen Arm sinken, so daß der ihre frei wurde. Sie schien es nicht zu bemerken und trat dicht an einen riesigen Schinken heran, der eine äußerst blutige Schlacht des Befreiungskampfes fürs Theater zu bearbeiten schien. Ruth nahm die Lorgnette ans Auge und las die ausführliche Erklärung unten am Rahmen: »Schade, der Mann hätte Schriftsteller werden sollen! Er schreibt bedeutend besser, als er malt.« »Ja,« nickte Kaltenborn, der den Kollegen von der Historie nicht ausstehen konnte, »er ist auch nicht so schrecklich ausführlich, wenn er schreibt.« Ruth schaute in einen Nebensaal und floh wieder zu uns zurück. »Um Gottes willen, was hängt da alles zusammen!« Ben war neben mich getreten und berührte leise meinen Oberarm. Mit einer unauffälligen Kopfbewegung wies er nach einem hohen Bilde in pompösem Goldrahmen, das zwischen einer sonnigen holländischen Landschaft mit den nie fehlenden Windmühlen und einem aristokratischen Familienbilde von gediegenster Langeweile eine schlanke Frauenfigur zeigte. In sanfter Mondscheinbeleuchtung, den roten Vorhang des Gemaches hinter sich schließend, stieg sie die breite Steintreppe eines antiken Palastes langsam hinunter. Ruth! »Ruth als Judith.« »Oder als östliche Lady Macbeth.« Dondörfer sprach es vor sich hin. Er hatte nicht so unrecht. Die schöne Witwe aus Bethulia war von Kaltenborn, wie es schien, als Nachtwandlerin aufgefaßt. Wohl schritt sie mit weit offenen Augen, aber der hart ins Leere gerichtete Blick sah nichts, er träumte. Träumte einen blutigen Traum der Rache und des Hasses, der in ihrer Linken Wirklichkeit ward. Denn ihre schlanken Finger krampften sich in die wirren Locken des vom Rumpf getrennten Holoferneshauptes, aus dem das Blut, die Stufen rötend, niederträufelte. »Der Holofernes hat'n Kopf wie 'n Divisionspfarrer.« Moscheles stand plötzlich neben mir und hatte das geäußert. Eh' ich zu dem Divisionspfarrer Stellung nehmen konnte, fuhr er, seinen alten Zylinder zärtlich mit dem Ärmel bürstend, mit leiser Stimme fort: »Aber sie ist gut. Frau Ruth Mewes – ein glänzenderes Modell hätt' er nicht haben können. Obschon – Über was ist die Judith gegangen? Über Leichen. Das macht die nicht. Aber wie der Kaltenborn das Orientalische herausgeholt hat! Tja, man malt nicht umsonst – wirklich nicht »umsonst« – seit zwanzig Jahren die weibliche Hochfinanz aus dem Tiergartenviertel – hab' ich nicht recht? Und der Körper, wie der durch das Florgewand durchschimmert ... man denkt sich ihn mehr, als man sieht. Aber ich möcht' nie häßlichere Gedanken haben!« Hinter mir sagte Fritzlar zu Dondörfer: »Wird Furore machen, das Bild! Ein bißchen süßlich – ein bißchen Spekulation auf Sensation – aber, zugegeben, gut gemalt – und dann das Orientalische, das Fremde, Ausländische. Das macht das Rennen. Ich persönlich finde, man sollte deutsch bleiben – auch in der Malerei.« Kaltenborn, für den das nicht bestimmt war, hatte es doch gehört. Sobald man sich seinen Bildern näherte, hörte er alles. »Die Vorliebe für das Ausländische, lieber Kollege,« sagte er, »mag darin eine gewisse Entschuldigung finden, daß eben ein Volk, und stehe es in der Kultur so hoch, wie es wolle, nicht alles in der Vollkommenheit selbst und allein produzieren kann. Nicht so, wie erlesener Geschmack es wünscht.« »Sehr wahr,« zustimmend nickte Dondörfer, der gern philosophierte, »schon der restlos schöne oder vollkommene Mensch selbst ist nach alter Überzeugung von einem Volke überhaupt nicht zu liefern.« Jetzt wickelte sich Philippos Kallistos aus seinem parfümierten Halstuch und gab, indem er die Hand, wie beschwörend Stille gebietend, erhob, mit seiner herzbewegenden, frauenbetörenden Stimme eine Probe seines wundervollen Gedächtnisses: »Ein altitalienischer Spruch überliefert dieses Rezept für die Zusammensetzung der schönsten Frau aus den von verschiedensten Ländern beigesteuerten Körperteilen. Flämische Hüften und deutschen Rücken. Aus Siena das schöne Profil und aus Venedig die Brust. Augen aus Florenz, goldenes Haar aus Pavia. Wimpern aus Ferrara und Bologneser Haut. Aus Verona die kleine, schöne Hand. Aus Griechenland die edle Bewegung und die Muttermale. Aus Neapel die Zähne, aus Rom den Anstand. Die zierliche Art aus Mailand, den Gang aber aus Spanien!« »Und die Füß aus Bentschen,« äußerte Moscheles neben mir, abschließend und respektlos. »Man sieht, so einfach hätte es ein Bildhauer nicht, der nach solcher Kennervorschrift arbeiten wollte.« Kallistos senkte das Kinn wieder tief ins wollene Halstuch. »Ich möcht' sehen, was bei dem Rezept für 'n schauerliches Ragout herauskäme,« brummte Moscheles, der den Mimen Kallistos nicht leiden konnte. Denn der Schauspieler hatte eine unnachahmliche Art, immer an Tobias Moscheles links oder rechts vorbeizusehen, als sei er ein Laternenpfahl. Ben stand wieder dicht bei mir. »Ich möchte nicht albern sein und nicht kleinlich – aber mir ist das Bild nicht angenehm. Auch noch im Ehrensaal.« »Nachdem es einmal gemalt ist, Ben – und hängt, wird's schwieriger und peinlicher sein, es kurz vor Eröffnung der Ausstellung noch zu entfernen, als das bißchen Gerede auszuhalten. Und vielleicht – –« »August – det is ja – die !« Ein Tapezierer, den Hammer in der Hand, erklärte, tiefe Verblüffung im unrasierten Gesicht, einem hemdsärmeligen Kollegen seine Entdeckung. Dazu deutete er mit dem wurstdicken Zeigefinger ungeniert bald auf Ruth, bald auf die Judith im Bilde. »Aber se hat jetzt mehr anjezogen,« lachte der als August Angesprochene und fletschte seine schwarzen Vorderzähne. »Det hätt' se vielleicht nich tun sollen –« Der Tapezierer zwinkerte listig mit den Augen. Dann erstickte er fast vor Lachen über seinen Witz. »Sie können vielleicht Ihre Gespräche in unserer Abwesenheit fortsetzen.« Ben stieg die Röte in die Stirn, aber sein Ton blieb höflich, und er dämpfte die Stimme, damit Ruth nicht aufmerksam wurde. »Dem steht ja nischt im Wege – daß Sie nach Hause jehn,« nickte der Tapezierer und grinste. Zog es aber denn doch vor, sich bald selbst zu entfernen, nicht ohne den August noch belehrt zu haben: »Det is nu der Freund von se, vastehste.« In diesem Augenblick kamen, Mann für Mann sich bückend, unter einer stehengebliebenen Leiter drei Herren aus dem Nebensälchen auf uns zu. Drei hochgewachsene, schlanke Aristokraten, gekleidet mit jener selbstverständlichen Eleganz, die nur in Generationen erworben wird und auf die der Schneider erst in zweiter Linie Einfluß hat. Und als die Herren jetzt auf Ruth zugingen und ihr die Hand küßten, der höchstgewachsene und älteste von den dreien von den beiden anderen stets mit einem leis betonten Respekt flankiert, da erkannte ich erst den einen dann den zweiten, dann den dritten. »Ben, das ist ja – der Erbprinz« »– von Baldeneck,« nickte Ben, und ein etwas müdes Lächeln schien sich über mein Erstaunen zu ergötzen. »Höchstselbst ist er's. Und sein Kammerherr, der tüchtige Herr von Birkhuhn, den du ja wohl noch vom nächtlichen Markusplatz her kennst. Und der dritte –« »Der Freiherr von Buchecker, der dir den Schläger durchs Gesicht gezogen?« »Er war so freundlich. Aber wir stehen jetzt ganz gut. Die alte Geschichte: mit wem man sich geschlagen, mit dem kann man sich vertragen. Nur wen man haßt, ohne je dreinhauen zu dürfen –« »Kennst du denn solche, Ben?« »Eigentlich – nein. Aber vielleicht find' ich noch einen. Der Baron hat mir übrigens gestern Grüße von Willibald von Gollwitz gebracht. Mit dem hat er zusammen eine beschwerliche Reise von Marokko nach Timbuktu gemacht. Eine Spekulation in Straußenfedern, glaub' ich, oder in Straußeneiern. Ich hab' für Spekulationen kein Gedächtnis. Im Grunde sind die beiden doch Abenteurer. Das werden die Herren vom alten Adel leicht, wenn sie – wie diese socii malorum – erst durch ein paar Examina gerasselt sind. Buchecker hat auch den Erbprinzen bei Ruth eingeführt während meiner Abwesenheit am Ceresio. Bisher war sie über die Reichsgrafen im Gotha leider nicht hinausgekommen. Du siehst aber, es macht ihr Spaß, daß der große Wurf gelungen.« Er hatte recht. Ruths sonst so beherrschtes Gesicht zeigte ein Lächeln der Verklärung. Bruchstücke eines Gesprächs mit ihr vor Jahren flatterten mir unbestimmt durch die Erinnerung. Wie war das doch gewesen –? Jetzt hatte uns der Erbprinz bemerkt und kam, sehr liebenswürdig, unserer Begrüßung zuvor: »Scharmant, mein lieber Herr Doktor, daß ich Ihnen auch gleich sagen kann –« er drückte dem sich verneigenden Ben herzlich die Hand, »sagen kann, wie sehr mich da neben im Saal das elegante Porträt Ihrer Frau Gemahlin, das unser lieber Fritzlar uns schenkt, ausgesöhnt hat mit dem Bilde dort.« Er deutete diskret nach der Judith. »Das ist mir denn doch ein bißchen zu – sagen wir zu antik, zu realistisch. Und zu blutig. Ich habe zwar erst seit einigen Wochen den Vorzug, die verehrte Gnädige zu kennen, aber ihre unbezwingliche Neigung, nachts Generalsköpfe abzuschlagen, scheint mir in Wirklichkeit gering. Und ich glaube, ihre sehr kleinen Füße – die sind gewiß ähnlich im Bild – stehen mehr auf dem Boden moderner Realitäten, als auf blutbefleckten Treppen orientalischer Paläste. Übrigens« – mit der vollendeten Sicherheit des Weltmanns fügte er das hinzu, denn er sah Kaltenborn sich uns nähern, dem sein unfehlbarer Instinkt sagte, daß von ihm und seiner Kunst die Rede war, »übrigens ist diese Treppe ganz ausgezeichnet gemalt! Man sieht ordentlich das Blut, das aus dem fluchwürdigen Haupte des Assyrers getropft ist, versickern in die moosigen Ritzen. Man fürchtet, die schöne Judith wird ausgleiten, kann fallen, muß fallen – wenn sie nicht die Sicherheit der Schlafwandelnden hat.« »Diese Sicherheit. Hoheit, soll aber sehr groß sein.« Ben sah dem Erbprinzen lächelnd in die Augen, als er das sagte. »Allerdings, das soll sie. Sie erinnern sich vielleicht noch der baltischen Komtesse in Venedig –?« Bens Zähne nagten die Unterlippe. Eine Erinnerung an Venedig schien ihm nicht angenehm aus diesem Munde. Aber es war wohl die Absicht des Erbprinzen, das böse Thema anzuschneiden, um ein für allemal die erfreuliche Harmlosigkeit zu betonen, mit der er die damaligen Begebnisse ansah und angesehen wissen wollte. »Sie war nicht nur eine Clairvoyante, die mir höchst befremdliche Beweise ihrer Seherkunst gegeben hat – wir korrespondieren noch zusammen, besonders sie mit mir – sie war auch eine Nachtwandlerin von Bedeutung, wenn man das sagen darf. Sie soll einmal – die Baronin Tante hat es schaudernd erzählt – diese Dame schauderte leicht, aber sie war wohl das den Sinnestäuschungen aller Art am wenigsten zugängliche Glied der etwas phantastischen Familie – soll einmal im Hotel »Zu den drei Mohren« in Augsburg in einer mondhellen Mainacht auf der Dachtraufe, ein baltisches Volkslied singend, hin und her gegangen sein.« Ich konnte dem Gespräch des Erbprinzen mit Ben nicht weiter folgen und weiß also nicht, ob es sich noch ausführlicher mit den unheimlichen Traumwundern und den kühnen Unternehmungen gestörter Nervensysteme befaßt hat; denn die beiden Herren, die mit der Hoheit gekommen waren, frischten nun, sehr erfreut, ihre Bekanntschaft mit mir wieder auf. Dabei fiel mir die große Familienähnlichkeit zwischen dem Kammerherrn von Birkhuhn und dem Freiherrn von Buchecker auf. Ich erinnerte mich, daß die Mütter der Herren Schwestern waren, und kam während des ganzen Gesprächs von dem Versuch nicht los, mir aus den scharf geschnittenen Gesichtern der beiden die Mütter zu konstruieren. Aber da unser Gespräch nicht sehr in die Tiefe ging und sich bloß um Bilder, Bühne, Zirkus und Lindenbummel drehte, so haben die Herren meine Zerstreutheit wohl kaum bemerkt. Als Baron Buchecker, von Ruth gerufen, uns allein ließ, führte mich der Kammerherr zu meinem leisen Befremden mit sanfter Gewalt vor ein Stilleben, das nach den merkwürdigen Dispositionen seines Schöpfers einen gesottenen Krebs, eine unreife Melone und ein in Schweinsleder gebundenes Buch auf einer dunkelgrünen Brokatdecke um einen alten silbernen Kirchenleuchter gruppierte. Während der Kammerherr, das Monokel einklemmend und das Auge kennerhaft mit der Hand beschattend, mit höchster Aufmerksamkeit die Qualitäten dieses Werkes abzuschätzen schien, sagte er halblaut zu mir: »Herr Doktor – wenn ich Sie nicht durch glücklichen Zufall hier getroffen hätte, wäre ich so frei gewesen, Sie telephonisch anzurufen und um eine Unterredung zu bitten.« »Mich – um eine Unterredung?« »Pscht, bitte – nicht so laut –« der Kammerherr beschattete nun das andere Auge mit der Hand und, offenbar mit den Möglichkeiten rechnend, daß jemand auf unser Gespräch aufmerksam werde, redete er bald breiter und lauter von dieser seltsamen Malerei, vor die uns der Zufall geführt, bald rascher und leiser von den Dingen, die ihm offenbar weit mehr am Herzen lagen als dieses rätselvolle Stilleben. »Das Rot des gesottenen Krebses ist, rein als Farbfleck genommen, von einer fabelhaften Leuchtkraft – – Ich hätte gern unter vier Augen mit Ihnen, aber meine Zeit ist in einer Weise beschränkt ... je weniger der hohe Herr zu tun hat, desto angespannter ist mein Dienst ... Auch der Brokat – es ist doch Brokat? – ist geradezu glänzend gemalt, nicht wahr? ... Mir scheint es notwendig, daß ich als anständiger Mensch, der man ja immerhin auch in den Wirrungen des kleinen Hofdienstes gern bleiben möchte ... Ich hatte damals in Venedig – Sie erinnern sich, als wir von S. Marcuola und dem frühen Tizian, den wir bei Nacht nicht sahen, durch die stille Stadt wanderten – hatte ich besonderes Vertrauen zu Ihnen gefaßt ...« »Sehr gütig, Herr Kammerherr, allerdings glaubten Sie zunächst, daß mein Bruder und ich von der fürstlichen Nebenlinie gewissermaßen – beauftragt ...« »Ja, in den Nebensälen,« sagte Herr von Birkhuhn sehr laut und mit einem gar nicht in unsere Unterhaltung passenden frohen Gelächter, wobei er sich vorsichtig überzeugte, wie groß die Entfernung von der Gruppe sei, in der jetzt der Erbprinz mit Ruth, Ben und den andern vor einem sehr heftigen »Seesturm im Mittelmeer« in fröhlich sorgloser Konversation stand, »in den Nebensälen hängen auch recht gute Bilder – ein bißchen reichlich vielleicht, wie immer auf solchen Ausstellungen – Nun, ich wollte sagen, nach dieser Unterredung damals war ich überzeugt, daß Sie ein Kavalier durch und durch und so ein bißchen der Mentor Ihres etwas leichteren Herrn Bruders – – ich hätte damals auch gerne, wie soll ich sagen, auf das dem jungen Herrn – dem damals jungen Herrn Peinliche, das ich kommen sah, hingewiesen, hätte gewarnt – oder doch vorbereitet ... na, Sie verstehen.« »Das wäre allerdings vielleicht – –« »Am Platze gewesen. Ja, aber schließlich – Sie müssen gerecht sein – man ist auch in diesen nicht immer säuberlichen Dingen »im Dienst« – und wir , ich und Sie, waren damals bereits am Hotel angelangt. Na, dafür möcht' ich nun jetzt , wo die Dinge vielleicht etwas brenzlicher – oder ernster liegen – – Das alte Buch ist wirklich köstlich! Zum Greifen – und man riecht ordentlich das Schweinsleder und die Sporflecken. Hoheit hat eine alte Boccaccioausgabe, übrigens unerhört illustriert, handkoloriert, voriges Jahr in Ravenna gekauft – –« Und wieder leiser und rascher: »Ich möchte – Ihre volle Diskretion vorausgesetzt nicht wahr ...« »Gewiß, wenn Sie wünschen –« »Ich muß das leider wünschen, denn – diesmal hat die Nebenlinie –, der überhaupt Intelligenz nicht abzusprechen ist, die verteilt sich oft recht schikanös auf Neben linien, die Intelligenz – ja, sie hat diesmal besser gearbeitet. Der Erbprinz – um das Schmerzliche so kurz zu sagen, wie es einzig die Zeit erlaubt – der Erbprinz ist so ziemlich ruiniert. Monte Carlo hat ihn schon bös angegriffen, Kairo hat ihm den unschönen Rest gegeben. Da war ein schottischer Lord – ein Schotte, ein Verwandter jener Damen, die ... es ist manchmal, als ob ein gewisser Sinn der Vergeltung doch ... Aber es ist ja gleichgültig, wer dem Glücksschwein den Fang gab ... Der durchlauchtigste Herr Vater lebt immer noch, betrachtet schon morgens früh um vier Uhr – er leidet an Schlaflosigkeit – kostbare Gemmen und alte Stiche durch die Lupe, füttert seine beiden stachelhaarigen Foxterriers, die er von einem Herrn Tommy Schupp, der sich auch, wenn ich nicht irre, auf Sie und Ihren Herrn Bruder berief, für ein Heidengeld gekauft hat, ja – und ist, unter uns, sanft vertrottelt. Aber er lebt, nicht wahr, er lebt ... Die Erbfolge wird mit jedem Tag fraglicher – die Nebenlinie arbeitet besonders gut in der demokratischen Presse. Es sind hohe Wechsel aufgekauft worden – und die alten Helfer versagen ... Ich fürchte,« jetzt wurde seine Stimme so leise, daß ich große Mühe hatte, ihn zu verstehen, »fürchte, ohne es zu wissen, Hoheit ist da – in einer Bedrängnis, die gewissermaßen das Herz und den Geldbeutel zu gleicher Zeit bedroht – auf einen ganz – ganz seltsamen, recht fatalen Gedanken gekommen ... Wenn die Situation nicht drängte und ich eine Aussicht sähe, in allernächster Zeit an ruhigerem Ort mit Ihnen – – Aber das ist leider ganz aussichtslos – und die Entschlüsse der Hoheit sind oft sehr überraschend, sehr plötzlich – Sie erinnern sich der frühen Gondelfahrt damals mit den Koffern und – Na ja – Ich habe Ihr Ehrenwort, daß ... Ich spreche schließlich zum Bruder, nicht wahr – und in bester Absicht – der Skandal wäre einfach furchtbar – und – ich weiß natürlich nichts Direktes – aber man beobachtet, man ist gewohnt, zu beobachten, kennt den hohen Herrn – auch seine guten Seiten natürlich – Aber das eine ist sicher – – – Einen ganz ähnlichen Leuchter hat die durchlauchtigste Fürstinmutter der Hofkirche in Baldeneck geschenkt. Wenn sie noch lebte, es würde sie gewiß interessieren, von dem Maler dieses Bildes zu erfahren, wo er – – Das eine ist sicher: Hoheit hat Fühlung genommen – ohne mich einzuweihen, also gewissermaßen auch ohne mich zu verpflichten – Fühlung mit einem verwandten mitteldeutschen Hof, dessen Entgegenkommen in der Affäre des Bruders – Sie wissen, er hat eine Operettensängerin – ohne Stimme, aber mit hübschen Beinen – zur linken Hand – – Hoheit hat, wie gesagt, durch eine hochgestellte, aber, wie Sie sehen, nicht diskrete Mittelsperson Fühlung genommen, ob – für den Fall, daß – Sie verstehen – ob eine geschiedene Frau, sehr vermögend und sehr repräsentabel, allerdings bürgerlich und – hm – nicht rein arisch, Aussicht hätte zur Gräfin oder mindestens zur Freifrau erhoben zu werden, wenn – –« In diesem Augenblick, in dem ich das höchst abscheuliche Gefühl hatte, daß alle die Schiffe, Freiheitskämpfer, holländischen Windmühlen, alten Generäle, samt Judith und Krebs und Altarleuchter sich um mich zu drehen anfingen, sah der Kammerherr den Erbprinzen mit Ruth auf uns zukommen. Mit einem Lächeln entzückender Harmlosigkeit eilte er den beiden entgegen und sagte: »Nein, was so ein Berliner Rechtsanwalt ein scharfer Kritiker ist! Sie hätten hören sollen, Hoheit, wie köstlich der verehrte Herr Doktor mir das Stilleben dort erklärt hat. Übrigens darf ich ganz gehorsamst ins Gedächtnis rufen, um halb ein Uhr erwartet uns Exzellenz zum Frühstück.« »Die Exzellenz ist ein Sonderling, geizig und ein starker Esser. Er ißt aber aus Sparsamkeitsgründen nur gut, wenn er Gäste hat.« Der Erbprinz lächelte, indem er sich, Abschied nehmend, über Ruths Hand beugte. »Die Exzellenz verlangt nicht, daß man Konversation macht. Ich darf also dieses köstliche Viertelstündchen in mir nachklingen lassen und mich auf den Tee freuen, den die Gnädige morgen so gütig sein will, mir in ihrem reizenden Heim einzuschenken.« Ich sah, wie durch einen schwimmenden Nebel, eine plaudernde Gruppe sich entfernen und hatte das Gefühl, daß ich mich – trotz allem – korrekt und höflich verbeugt und von allen verabschiedet hatte. Ben hatte etwas gewünscht. Ich hatte versprochen. Was war es doch? Auch Ruth hatte noch etwas zu mir gesagt. Und ich hatte geantwortet. Aber als ich mir jetzt ihre Worte wiederholen wollte, hörte ich, ganz deutlich und mit ihrer Stimme, dieses: » Wenn ich mein Leben eingestellt hätte auf – nun sagen wir aus das Faustsche: »Wer immer strebend sich bemüht« – dann wäre mir, wie ich bin und wie ich's habe, ein kleiner pommerscher Junker denn doch ein bißchen zu wenig . Wenn ich schon mal ein Krönchen vergolden sollte, so würde ich mir sagen: »Vom Vater hab' ich die Statur, das Rechnen und Addieren,« und würde die Zacken sorgfältig nachzählen ... Das aber hatte sie eben bestimmt nicht zu mir gesagt. Jetzt nicht. Das lag weit zurück. Das waren ihre Worte gewesen, damals an jenem hellen Morgen auf dem Philosophenweg überm Neckar. Jetzt hat sie nachgezählt, dacht' ich. »Ein Erbprinz ist 'ne Sache.« Tobias Moscheles steckte neben mir schmunzelnd sein Notizbuch ein. Zweiundvierzigstes Kapitel Wenn ich an jene Tage denke, sehe ich Berlin von bleigrauem Himmel überdacht, von scheußlichem kaltem Novemberregen durchpeitscht. Sehe, daß verklatschte Männer mißmutig die Hüte festhalten und die glänzenden Schirme balancieren gegen den böigen Wind. Sehe die fliegenden Blumenhändler, fröstelnd, in den Schutz der Häusermauern geflüchtet. Ihren riesigen Chrysanthemen hat das Wetter bös mitgespielt. Andere Blumen haben sie kaum mehr feilzubieten. Die schwarzen Beeren von Schlehdorn und Hollerbusch, die rotleuchtenden Früchte von Spargelkraut und Eberesche müssen das Blühende ersetzen. Käthe hat in ihrer stillen, genügsamen und immer frohen Art mit Schlehdorn, Hollerbusch und Eberesche alle Vasen unserer Wohnung gefüllt. Die bunt gefärbten Zweige der Platane leuchten von Schreibtisch und Truhe. In den altmodischen Öfen knistert das Feuer durchs harzige Holz. Und der Regen fegt und klatscht an die Scheiben und glänzt von allen Dächern. Herbst, deutscher Herbst. Und doch hat meine Wohnung nie so viel Besuch gesehen wie in jenen unwirtlichen Tagen. Es war, als hätte eine treibende Unruhe alle Menschen erfaßt und zwänge sie, einander auszusuchen und mit gleichgültigen Gesprächen, an denen das Herz keinen Anteil hat, zu betäuben, vergessen zu machen, was sie in Wahrheit beschäftigte, schreckte, ängstigte. Auch mein Schwager Fips Tomasius kam, die Sache eines Frankfurter Klienten persönlich im Handelsministerium zu vertreten, ein paar Tage nach Berlin, wohnte bei mir und studierte nach erledigten Konferenzen die Riesenprogramme, Riesenversprechungen, Riesenreklamen der Theater, Konzerte und Singspielhallen, um dann doch wieder jeden Abend unsere sichere Gesellschaft im behaglichen Wohnzimmer dem nassen Gang durch das Hundewetter zu zweifelhaftem Kunstgenuß vorzuziehen. Tommy Schupp machte mir einen freundschaftlichen Besuch, brachte viel herzliche Grüße aus Frankfurt von Leuten, die ich gar nicht kannte; erzählte sprudelnd selbsterlebte Schnurren aus Rom, London und Madrid, von denen ich die meisten aus anderen Städten und anderen Jahrhunderten schon vernommen hatte; zückte schließlich mitleidlos sein Preisverzeichnis und verließ mich mit einer Bestellung, die eigentlich meine Verhältnisse und meinen Durst überstieg. Das Ehepaar von Wüllich, Ottokar und Berta, besann sich auf die »zwar recht entfernte, aber höchst scharmante« Verwandtschaft und machte uns, den Jüngeren, plötzlich Besuch. Wobei ich den Major beinahe nicht wiedererkannt hätte. Er trug jetzt, offenbar als schmerzhafte Konzession an den wunderwirkenden Zirrusbalsam, eine etwas unwahrscheinliche Perücke, die ihm vorn eine braune Locke tief in die gerötete Denkerstirn legte und hinten am Halse abstand, als gedenke sie sich langsam, aber unaufhaltsam nach oben aufzurollen. Auch Frau Berta war durchaus nicht jünger und schöner geworden und just keine wandelnde Reklame zu nennen für die vielen der Verjüngung gewidmeten Salben und Tinkturen, die der schönheitfrohe Gatte in seiner Fabrik zur Freude der Menschheit herstellte. Ein Hörrohr, das die recht entfernte, aber höchst scharmante Verwandte zum Verkehr mit der Umwelt benutzte, war nicht geeignet, die wechselseitigen Mitteilungen zu erleichtern. Nachdem sich die beiden ausführlich über das böse Wetter, die nicht minder unerfreuliche Politik und den vom Abonnentenstandpunkt bedauerlichen Spielplan der Königlichen Bühnen ausgesprochen, auch die Erinnerung an Schwester Mathildens fernliegende Hochzeit, mit bewunderungswürdigem Gedächtnis die Speisefolge rekonstruierend, dankbar aufgefrischt, schilderten sie die Reize ihres selbstgebauten Landhauses am Wannsee, das wir bald zu besuchen versprechen mußten. Nur der neuangelegte Garten lag nach ihren Angaben noch im argen, da sie leider, auf Willibalds von Gollwitz Anraten, an sich verdienstvolle Versuche mit lauter afrikanischen Nutz- und Ziersträuchern gemacht hatten, die allem Kunst- und Naturdung zum Trotz nicht angingen und den ganzen hübsch gedachten Park in eine öde Wüstenei von dürrem, dornigem Gestrüpp verwandelten. Die Herrschaften waren demgemäß schlecht zu sprechen auf diesen Freund Bens, verweilten aber dann um so freundlicher und ausführlicher bei Ben selbst, seiner Persönlichkeit und seinen Qualitäten als Leiter seiner literarischen und künstlerischen Unternehmungen. Und langsam und immer klarer dämmerte mir der Zweck dieses überraschenden Besuches auf. Vorsichtig vorfühlend, suchten die Wüllichs zu erfahren, ob Ben nicht etwa, auf künstlerischen oder menschlichen Gebieten enttäuscht, wie es in letzter Zeit manchmal scheine, seine so enthusiastisch begonnene, mit den Wüllichschen Unternehmungen so eng verknüpfte Tätigkeit aufgeben wolle und am Ende beabsichtige, den vielgeschäftigen Herrn Tobias Moscheles auf seinen Direktionssessel zu setzen. Es schienen da noch geheime Vermutungen privater oder gesellschaftlicher Art mit im Spiele zu sein; denn jedesmal, wenn ich antwortete oder Käthe in voller Harmlosigkeit etwas äußerte, tauschten Berta und Ottokar von Wüllich einen langen und bedeutsamen Blick, der in Frage, Zustimmung oder Bedauern sich auf früher gepflogene Gespräche zu beziehen schien. Die Unterhaltung über dieses Thema wurde recht erschwert durch den Umstand, daß Frau Berta von Wüllich, die bestrebt war, den lebhaftesten Anteil daran zu nehmen, anstatt »Ben« immer »Denn« verstand, was die Konstruktion unserer Antworten verwirrte, und für »Moscheles« zunächst meist »Moschus« hörte; ein Parfüm, das ihr mit Recht zuwider war und das hier auch keinen Sinn gab. Auch der Dichter Honneff beehrte uns mit seinem unerwarteten Besuch in diesen Tagen. Der alte Herr war zunächst etwas abgespannt, da er erst in der falschen Etage längere Zeit mit einer Steuerrätin, die er für Käthe nahm, anstrengende Konversation gemacht hatte. Erst als er sich die Frage erlaubte, ob er nicht auch einmal den Gatten sprechen könnte, ergab sich der Irrtum; denn der Steuerrat war nicht mehr zu sprechen, da er bereits vor zehn Jahren in Osnabrück an einem Gallenleiden verstorben war. Nun war der Lyriker doch noch richtig bei uns gelandet, frischte etwas trockene Erinnerungen an das Goethehaus und etwas feuchtere an den »Prinzen von Arkadien« auf, verbreitete sich über längst verblaßte Frankfurter Theatersterne, widmete dem verstorbenen Senator Buck ein anerkennendes Wort, grub den braven Pfarrer Knospe aus, um die Länge seiner Predigten zu tadeln und die Kürze seines Lebensabends zu beklagen, und mißbilligte in gereizter Begründung die Art, in der ihm Tommy Schupp kürzlich, auf die alte Freundschaft mit dem Vater bauend, drei Dutzend Flaschen Erdener Treppchen, durchaus nicht zum Freundschaftspreis, angedreht; wofür er, Honneff, sich aber zunächst durch Nichtbezahlung rächen werde. Dann schalt er auf die reizlose Umgebung Berlins, die einem nur die Stiefel mit Sand fülle und das Herz leer lasse. Von diesem abschreckenden Beispiel norddeutscher Landschaften kam er auf das empfehlenswerte Venedig zu sprechen, dessen Stadtväter, wie er jüngst gelesen, sich ärgerlich dagegen wehrten, daß ihre Stadt nicht »vorwärts schreiten«, nicht »wachsen« dürfe mit der Zeit, nur immer ein Prunkstück bleiben solle für Fremde, für schönheitsdurstige Wanderer, ein schweigendes Paradies für Träumer, die das ewige Meer lieben und die Erinnerungen an eine große, stolze Vergangenheit. Und die weisen Stadtväter, die an Stelle des gefürchteten » Consiglio dei dieci « getreten, verlangten – und als Honneff das vermeldete, wurde er krebsrot vor Zorn – gepflasterte Chausseen statt der Kanäle, elektrische Bahnen statt der schwarzen Gondeln, Taxameter auf die Straßen und eine bequeme Brücke hinüber zum Festland, das jetzt auf der schmalen Ponte sulla Laguna nur die Eisenbahn erreicht. »Und die verbohrten Stadtväter von Venedig,« schloß Honneff seine erzürnte Einmischung in die verwirrte Kommunalpolitik der Lagunenstadt, »werden recht behalten, werden ihren Willen durchsetzen. Und den Träumern unter den zweibeinigen Säugetieren wird wieder ein geliebter Winkel der Erde verschüttet sein! Altmodische Menschen, wie Ihr Bruder Ben und ich, werden überhaupt nicht mehr wissen, wohin sie auswandern sollen, wenn ihnen dies verrückte Berlin, das ihnen heut schon am Halse steht, mal über den Kopf wächst.« Ich hakte lachend ein und meinte, so bald werde der Fluchtgedanke ja keinen der Herren überwältigen. Aber mir war's nicht sehr ums Lachen. Ben hatte in letzter Zeit mit solcher Sehnsucht von seiner kleinen Besitzung in Morcote gesprochen, die niemand kannte außer ihm, und die ihm, der sonst so gern mit anderen teilte, darum doppelt lieb schien. »Wie Egmont zu Klärchen, möcht' ich mich hinschleichen aus all dem Berliner Kram zu meinem geliebten Morcote,« hatte er gesagt. In seinem Bureau aber war er nicht mehr so pünktlich, nicht mehr so regelmäßig erschienen. Oft wenn ich zu Stunden, die er sonst immer bei der Arbeit dort verbrachte, anläutete, antwortete das Fräulein bedauernd, der Herr Doktor sei heute noch nicht erschienen ... es sei auch ungewiß, ob er ... und ob ich vielleicht wünsche, mit Herrn Moscheles ...? Ich wünschte nicht. Aber Herr Moscheles wünschte. Gerade als ich Honneff, der bei einer Tasse Tee, einem Kirsch und einer Zigarre lebendiger, frischer, sozusagen gegenwärtiger geworden war, ein bißchen über Ben ausholen wollte; gerade als der alte Herr mit einem Lächeln im Auge, das er sonst nur zur Illumination der Erinnerungen an Venedig, den Baron Schwarzschild und alte Rheinweine spendierte, von dem Bruder sprach und seine nie versiegende Güte, »viel zu sauber für diese dreckige Welt« nannte, ließ sich Tobias Moscheles melden. Was zur Folge hatte, daß Honneff seinen Kirsch hinunterstürzte, als habe er Trangeschmack im Munde. Meine Frau empfahl sich herzlich, weil sie nicht stören wolle. Sie konnte Moscheles nicht leiden. Sanft und gütig von Natur, drückte sie ihre Antipathie niemals in Worten aus, sondern war nur stets bestrebt, wortlos und freundlich, beträchtliche Entfernungen zwischen sich und den minder von ihr Geschätzten zu legen. Sie zankte sich nie mit jemand – am wenigsten mit mir – und schalt nie auf einen Menschen. Aber es gab Leute, mit denen fuhr sie nicht in der Elektrischen und saß nicht in ihrer Nähe im Theater oder Konzert. Ging lieber zu Fuß durch den Regen nach Haus. Sie wollte nicht stören. Moscheles hatte sich zu diesem Besuch mit einem Smoking geschmückt; und ich dachte, ob es wohl noch derselbe war, den er bei jener pietätvollen Feier in Gotha getragen. Er war sichtlich befremdet, den Redaktionskollegen Otto Honneff hier zu finden, den er im Bureau mit jenem zweifelhaften Respekt behandelte, als habe er eine ägyptische Pharaonenmumie vor sich und nicht einen ehemals bekannten Lyriker. Und es muß gesagt werden, daß ihm Honneff diese Verehrung mit gründlichster Abneigung vergalt. »Da ist ja auch unser hochverehrter Achtundvierziger – welche unverhoffte Freude,« sagte Moscheles nach einer mir gewidmeten, aus Devotion und Herzlichkeit ohne Anmut gemischten Begrüßung. »Hoffentlich haben Sie warme Strümpfe an, werter Kollege – keine nassen Füße? Sie müssen uns noch ein Weilchen erhalten bleiben. Wir erwarten noch das Reifste von Ihrem geschätzten Alter – Trilogie der Leidenschaft – Karlsbader Elegie – Vielleicht sollten Sie mal im Sommer oder lieber schon im Lenz zur Anregung ein bißchen nach Karlsbad gehen?« Honneff kündigte an, daß er nicht nach Karlsbad gehen werde; empfahl aber Moscheles diese Reise. Er verstärkte dabei den Ton seiner Stimme so sehr, daß in einem der deutschen Sprache Unkundigen vielleicht die irrige Ansicht hätte aufkommen können, daß in Karlsbad der Pfeffer wachse. »Doch schon etwas rauhes Organ – unser lieber Honneff,« bedauerte Moscheles herzlich. »Sie sollten sich in acht nehmen bei dem Wetter! Mit der Luftröhre fängt's allemal an.« Moscheles hätte vielleicht noch erzählt, wie's weitergeht und endet; aber da gewahrte er die Flasche mit Kirsch. »Wenn Ihr Vorrat mal zu Ende geht von dem Kirsch da, Herr Doktor – was zahlen Sie dafür? – ich kann Ihnen einen Schwarzwälder besorgen – also prima-primissima – und was werden Sie anlegen dafür? Er kostet die Hälfte von dem, was Sie denken.« Da ich über die Angelegenheit gar nichts dachte, so hätte Moscheles ein schlechtes Geschäft bei dieser Besorgung gemacht. Ich ging nicht weiter auf das verlockende Angebot ein; auch nicht, als er es auf russischen Karawanentee ausdehnte. Ich goß ihm ein Schnäpschen ins Glas und sagte höflich: »Und was verschafft mir das unverhoffte Vergnügen?« »Vergnügen –? Sehr gütig. Meinerseits – und auf Honneffs Seite, nicht wahr, werter Kollege? Aber der Herr Doktor hat ganz recht – ich hätte etwas zu sprechen ... Aber nein, Sie können ja schließlich dabei sein, lieber Honneff.« »Ich hatte gar nicht vor, aufzubrechen,« sagte der liebe Honneff und sah Moscheles sehr unlieb an. »Wissen Sie, wer heut mit mir telephoniert hat?« Moscheles zeigte sich bekümmert darüber, daß ich das kaum raten würde. »Der Major von Wüllich. Ich dacht' schon, der wird mir wieder erzählen, daß ihn die neue Perücke drückt – ich hab' sie ihm besorgt. Sie war eigentlich für den Schauspieler Bröderich im »Volksfeind«. Aber dem Bröderich hat sie die Stirn gedrückt. Bröderichs Stirn – Wichtigkeit! Und die Rolle im »Volksfeind« hatten sie ihm auf der ersten Probe schon wieder abgenommen. Nu drückt sie den Major, die Perücke – Schön, der hat Zeit, sich drücken zu lassen. Soll sich gewöhnen, hab' ich nicht recht? Dann hab' ich geglaubt, er kommt mir wieder mit seinem afrikanischen Gemüs, was egal nicht angeht. Spaß, wenn das anging, hätt' man in Europa nicht auf den Major von Wüllich in Wannsee gewartet mit dem Anpflanzen! Wenn er durchaus was Ausländisches pflanzen will, hab' ich ihm gesagt, soll er Kartoffeln pflanzen. Die kommen auch weither, aus Virginien. Und die gehen an, wenn er nur die Hälfte von dem Mist drauf schüttet, der in seinen Reklamen für den Zirrusbalsam in allen Wochenblättern gedruckt steht ...« Ich machte Herrn Moscheles darauf aufmerksam, daß mir diese interessanten Mitteilungen über den Major nicht ganz zur Sache zu gehören schienen, von der er zu reden begonnen. »Er redet doch nie von dem, was er sagen will.« Honneff paffte ingrimmig vor sich hin. Moscheles nickte vergnügt. »Mit dem Gehen will's nicht mehr recht bei unserem verehrten Honneff, aber anderen nach den Hühneraugen treten, das macht er noch ganz gut. Ich hab' mir's abgewöhnt, empfindlich zu sein. Man kommt ohne das weiter. Und ist man weit genug – na, dann kann man ja wieder empfindlich werden. Hab' ich nicht recht?« Ich bestätigte ihm das, worauf er sich, auf meine nochmalige Bitte entschloß, zur Sache zu reden. »Ihr Herr Bruder, der Doktor – macht er Ihnen Freud'? Mir nicht. Sie werden sagen, er hat anderes zu tun, als dem Moscheles Freude zu machen. Recht haben Sie. Aber sehen Sie, ich bin das Geschäft. Ich denk' fürs Geschäft. Ich fühl' fürs Geschäft. Und wenn mich was nicht freut, dann hat's Geschäft nischt zu lachen. Was ist mit ihm los? Er reitet nicht mehr. Seinen Fuchs soll er verkauft haben. Ich hätt' ihm tausend Mark mehr dafür verschafft, wenn er mir ... In der letzten Premiere – aufgelegte Pleite übrigens. So 'n Stück bau' ich auch, wenn ich mir Zeit nehm' – die Gnädige allein in der Loge. Der Kallistos hat nur zu ihr 'rauf gespielt. Kunststück, wie die aussah! Und, was soll ich Ihnen sagen, beinah' wär' die letzte Nummer zu spät erschienen. Zu spät! Warum? Der Doktor hat die Revisionen in seiner Mappe vergessen. Er und vergessen – nie passiert noch! Weiter. Der Kaltenborn – ganz Berlin spricht von der »Judith« und zerbricht sich den Kopf, wer der Holofernes ist. Mancher möcht's schon sein, wenn er vorher ... Pardon – also der Professor kommt – gestern – angesagt ist er auf zehn Uhr. Wer ist nicht da? Der Doktor. Um elf kommt er – der Professor ist seit einer halben Stunde fort. Wütend natürlich. Nicht mal adieu gesagt hat er – bloß die Funken hat er gebürstet aus seinem blonden Vollbart und die Tür zugeschmissen, daß ich gewußt hab': er ist draußen. Und was war geschehen? Vergessen hat's der Herr Doktor. Und singt er noch in seinem Bureau? Er singt nicht mehr. Sonst hat er immer gesungen, wenn er allein war – so leise bloß, daß es niemand gehört hat, außer mir, aber gesungen. Traviata, Rigoletto, Fra Diavolo – wenn er sehr vergnügt war, den Trauermarsch aus dem Siegfried. Jetzt? Kein Ton mehr. Es ist nicht stiller im Feuilleton der »Kölnischen Zeitung« von Honneff seinen Büchern, wie's im Zimmer von dem Doktor still ist jetzt. Man merkt's gar nicht, daß er da war. Höchstens daran, daß immerzu was fehlt – oder was verlegt ist. Oder es ist am Haustelephon was nicht in Ordnung, daß es in allen Zimmern klingelt wie verrückt. Und dann kommen Telegramme, die keiner von uns versteht – so gestern ein dringendes. Was stand drin? Wörtlich: »Erlaube Anfrage zu wiederholen, ob wieder dankbarst auf neues Holzbein rechnen darf. Hagedorn.« Was sollen wir um Gottes willen in einer »Anstalt für angewandte Schönheit« mit'n Holzbein? Und heute kommen aus einem muckelligen Papiergeschäft – warum kauft er nicht bei großen Firmen, bei unserem Verbrauch? – kommen, so wahr ich's Leben hab', sechs alte Wandkalender von diesem Jahr – ich bitt' Sie, im November! Wissen Sie, so 'ne verrückten Kalender – so vorne drauf: »Neunter November – Napoleon stürzt das Direktorium 1799, Eduard Prince of Wales geboren 1841, Robert Blum erschossen 1848 – und hinten drauf: Brühsuppe mit Klößchen – Weiße Bohnen mit Hammelrippchen – Apfelcharlotte – und drunter: »Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst gelebt zu haben. Gellert« ... Davon gleich sechs Stück – Wollen Sie einen?« Moscheles, dessen beschwörende Hände immer höher gingen, wußte noch mehr Fälle zu erzählen von der merkwürdigen Zerfahrenheit, Gleichgültigkeit und Unsicherheit Bens im Disponieren. Manches, wie das Telegramm mit dem Holzbein und die Kalenderbestellung, vermochte ich mir ja zu erklären. Aber alles zusammen verstärkte das beängstigende Bild, das ich selbst in letzter Zeit von Ben gewonnen, wenn ich seiner einmal durch glücklichen Zufall habhaft werden konnte. Das drohende Abscheuliche, das mir der Kammerherr neulich im Anblick des Krebses auf der Damastdecke angedeutet, hielt ich freilich für unmöglich. Und mochte selbst der ruinierte Erbprinz in einem verzweifelten Moment skrupellos so etwas erwägen. Ruth selbst – – Ich war unter einem Vorwand gleich am nächsten Tage zum Tee bei ihr erschienen, traf allerdings den Erbprinzen ohne Adjutanten, aber zusammen mit Gesandtschaftsattachés, Künstlern, Sportleuten in der üblichen, durch nichts sich von anderen Nachmittagen und anderen Tees unterscheidenden Unterhaltung über die Wichtigkeiten und Nichtigkeiten des Tages. Auch an den folgenden Nachmittagen war ich – angeblich war mein Telephon in Unordnung, und ich mußte Ben sprechen – zu den verschiedensten Stunden »mal rasch vorbeigekommen«, ohne je Ungewöhnliches zu sehen oder zu hören. Einmal war Ruth im Tattersall, sie hatte zwei neue Pferde gekauft; und ein andermal war sie zu Salbach gefahren wegen ihres Pelzes. Die beiden anderen Male war sie allein, zeigte eine höfliche Freude mich zu sehen, gab mir einen neuen Roman für Käthe mit und empfahl mir eine amüsante Komödie im Deutschen Theater. Nebenher erwähnte sie auch, daß der Erbprinz in ihrer Loge war, und zeigte mir ein Bild von ihm auf einem herrlichen Schimmelwallach, den sie ihm abgekauft hatte. Was Moscheles mir in seiner bildhaften Art mitzuteilen für nötig gefunden – nötig, weil er sich wohl zeitig versichern wollte, daß er und seine Stellung nur gewinnen konnten bei einer etwaigen Neuordnung der Verhältnisse – das stimmte mich wieder sehr nachdenklich. Der bewegliche kleine Mann gab mir beim Abschied ein schmales goldgeschnittenes Bändchen: »Gedanken des Vicomte de Lussignac über die Moden der Menschen und die Menschen der Mode. Aus dem Französischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Tobias Moscheles.« Da Tobias Moscheles, wie vielen bekannt war, ungefähr so gut Französisch sprach, wie ich Chinesisch, so war diese Sammlung seiner Pseudonym geschriebenen Aufsätze in solcher Form eine ungewöhnliche Keckheit. Das Widmungsblatt zeigte ein Faksimile der Handschrift des »Vicomte«, der sich hier, wie eine lichtvolle Anmerkung von Tobias Moscheles erläuterte, in der Absicht den Schutzpatron dieses Buches zu ehren, der ihm nicht recht geläufigen deutschen Sprache bediente. Da stand zu lesen: »Dem gute Freund von seine Freund Tobias Moscheles, dem ausgezeichnete Herr Docteur Benjamin Mewes grüßt in großen Verehrung unbekannt der Vicomte de Lussignac.« Wenn man aber nicht erfahren hätte, daß dies ein Vicomte geschrieben, hätte man geschworen, es sei die Handschrift einer Kellnerin. Als Moscheles endlich mit Honneff, der langsam und tiefsinnig meinen Kirsch ausgetrunken und dann ein bißchen im Sitzen geschlafen hatte – »er denkt, er ist auf der Redaktion,« meinte Moscheles anzüglich, als er's sah –, gegangen war, sprach ich besorgt mit meiner Frau über das Gehörte. Käthe blätterte vorsichtig mit spitzen Fingern in den »Gedanken des Vicomte de Lussignac«, als bestehe die dringende Gefahr, daß sie sich eine Hautkrankheit davon hole, und sagte in ihrer freundlich schlichten Art: »Wenn es bloß Tobias Moscheles gesagt oder bloß der Vicomte de Lussignac geschrieben hätte, wäre ich heilig überzeugt, es ist nicht wahr. Da der gute alte Honneff nicht widersprochen hat, wird's wahrscheinlicher. Und da deine Beobachtungen damit übereinstimmen, scheint's leider richtig. Ich hatte mich auf den gemütlichen Abend gefreut – es gibt Schnitzel mit Bratkartoffeln – aber mir scheint wichtiger, du gehst zu Ben. Er braucht jemand. Und er hat in dem großen Berlin an Freunden, die ihn noch nie angepumpt, noch nie ausgenützt, noch nie im Stich gelassen haben, nur seinen Bruder, nur dich. Ich werde gleich telephonisch anfragen, ob er zu Hause ist.« Er war nicht nur zu Hause, er hatte gerade mich anläuten wollen. Aus denselben Gründen. Er wünschte mich heute noch zu sprechen. Allein. Er schlug mir ein elegantes Restaurant in der Charlottenstraße vor, dessen mit weißen Wolkenvorhängen verhangene Fenster ich mir manchmal beim Heimweg, wenn ich mit Käthe im Schauspielhaus den Matkowski als »Götz« gesehen oder die Rosa Poppe als »Sappho«, mit dem leisen Argwohn betrachtet hatte: dahinten geht's gewiß sehr pikant zu und verflucht teuer. Pünktlich um acht Uhr war ich zur Stelle. Das Sälchen war nicht anders, wie die Sälchen anderer besserer Berliner Restaurants. Ein langer, dürrer Kellner, der auch ein englischer Diplomat hätte sein können, trat auf mich zu: »Herr Doktor Mewes?« Und da ich, etwas erstaunt, bejahte: »Der Herr Doktor lassen den Herrn Doktor nach hinten bitten.« So schritten wir, der Diplomat höflich den Weg zeigend, nach hinten. Zu meiner Überraschung stieß der Diplomat die kleine Türe eines Chambre particulière auf. Unter einem runden Spiegel, der die verschlungenen Namenszüge, Devisen und Herzen vieler Pärchen im Schnitt von vermutlich sehr kostbaren Brillantringen aufwies, saß vor einer Flasche Burgunder auf dem roten Ripssofa mein Bruder Ben. Er, der sonst abends immer Cutaway oder Smoking anzog, trug, was mir gleich auffiel, einen grauen Sakko und einen weichen Kragen. Auf einem Stuhl lag, unter Hut und langem Havelock, eine Ledertasche. »Willst du verreisen?« »Ja. Um elf Uhr geht mein Zug nach Luzern.« Ich war so verblüfft, daß der Kellner mir fast mit Gewalt meinen Mantel abnehmen mußte. »Wir nehmen das gewöhnliche Souper – es ist dir doch recht, Adi? Und – Ober, stellen Sie eine Roederer kalt.« »Sehr wohl. Soll serviert werden – oder erwarten der Herr Doktor Damen?« »Nein. Wir bleiben allein. Nach dem Braten nur Mokka und Zigarren. Wenn es ein Viertel nach zehn Uhr ist, lassen Sie mir eine Droschke holen.« Als der Kellner gegangen war, bestürmte ich Ben mit Fragen. Was ist los? Warum reist du? Wohin? Warum dieses merkwürdige Lokal? Ben hatte seine ganze liebenswürdige Sicherheit wieder, die ich in der letzten Zeit oft an ihm vermißt hatte. Aber über allem, was er sagte, lag etwas wie eine melancholische Ruhe, die seinem Wesen fremd war. »Ich fahre – so rasch und so direkt wie möglich – nach dem einzigen Erdenwinkelchen, das wirklich mir gehört und zu dem ich wirklich gehöre. Nach Morcote. Übermorgen seh' ich die Zypressen der Madonna del Sasso wieder und bind« die Rosen – dort gibt's jetzt noch viel, viel Rosen – ans Spalier meines Häuschens.« »Und dein Unternehmen –? Die Zeitschrift –? Und Ruth?« »Den »Letzten Schick« wird Moscheles so lange weiter erscheinen lassen, bis das Publikum die blöde Entbehrlichkeit solchen Unternehmens eingesehen hat, hinter die ich sehr langsam erst gekommen bin. Die andern Unternehmungen? Was nicht Reklame für die Wüllichsche Fabrik war – ich bin aus dieser Abhängigkeit beim besten Willen nie hinausgekommen – ist eine Pflanzstätte armseliger Halbtalente der Kleinkunst – und wert, daß es zugrunde geht ... Die paar Verblendeten, die daran geglaubt haben, wie ich – eigentlich ist's nur ein unerhört dummes Tippfräulein und eine Scheuerfrau, die Witwe Anna Klotz, denn die andern ... aber lassen wir das – ich hab' sie natürlich sichergestellt. Bei Tobias Moscheles brauchte ich das nicht, denn der hat's durch Kontrakte und Zusätze zu Kontrakten und Zusätze zu den Zusätzen – »praktisch«, wie er ist – längst selbst getan ... Und was Ruth Baddach anbetrifft –« Aber da kam der Kellner mit der Schildkrötensuppe. Mir aber lag's immer noch im Ohre: Ruth Baddach. Warum sprach er den Familiennamen seiner Frau? Und warum klang der Name nicht um eine Nuance wärmer, heller, wie vorhin Tobias Moscheles und Anna Klotz, die Scheuerfrau? Hinter dem Kellner hatte sich geräuschlos die Tür geschlossen. Von nebenan kicherte halb unterdrücktes Mädchenlachen. Eine dunkle Männerstimme bat und grollte dazwischen. Dann war alles still. »Der Raum hier wird dir nicht sympathisch sein, Adi« – Ben nahm einen durstigen Schluck Burgunder, dann sah er mich mit seinen treuherzigen Jungenaugen an. »Verzeih' das Lokal. Aber es ist auch eine Art Abschied hier für mich. Ich habe in der letzten Zeit manchmal ... Die Theater sind alle nahe, nicht wahr – man hat gute Verbindungen zum Westen. Den Wagen benutzte sie ja meistens.« Wieder vermied er's, »Ruth« oder »meine Frau« zu sagen. »Das Herz ist nicht mit vor Anker gegangen hier. Nie. Aber das Blut ist zuweilen unruhig. Man schädigt niemand, und man vergißt ein bißchen. Weniger die anderen – mehr sich selbst.« Der Fisch wurde serviert. Ben sprach vom Fang des Rheinlachses, der nachts bei Fackelbeleuchtung unterm Felsen der Lorelei am reichsten und schwersten gefischt werde. Und mit ganz ruhiger Stimme erläuterte er mir das Rezept einer Tunke, das er einem Küchenchef in Budapest verdankte. Der Kellner lächelte diskret. Er kannte diese Art Unterhaltungen in seiner Gegenwart. Als wir wieder allein waren, fuhr Ben unaufgefordert fort: »Wir haben nicht viel Zeit, Adi – und werden uns vielleicht, wenn du mich nicht bald besuchst, bald besuchst – du , das wäre sein! ...« Ein Fünkchen jener alten, unzerstörbaren Freude am Projektemachen leuchtete in seinen blauen Augen auf. Er legte eifervoll seine Hand auf meine. Seine Finger waren kalt und mir schien, sie zitterten ein wenig. »Adi, bald , ja? Versprich mir's!« »Aber um Gottes willen, Ben, ich stehe ja vor lauter Rätseln – erzähl' mir doch erst, was denn ...« »Ist da viel zu erzählen? Seid ihr nicht alle, bist du nicht klüger gewesen – immer klüger als ich? Ruth –« Jetzt sprach er den Namen. Er klang hart und fremd in seinem Mund, es war, als rede er von einer Frau, die irgendwo einmal vor tausend Jahren in Mesopotamien gelebt und seltsame Abenteuer bestanden – »Ruth – die Namen passen selten zu den Menschen. Du kennst das schöne Buch von jener Ruth, der Moabiterin, die mit Naëmi kam, Ähren aufzulesen, »dem nach, vor dem sie Gnade finde«. Und du kennst die List, die ihr Naëmi eingab? In der letzten Zeit hab' ich wenig gelesen – keine Neueren – ich hab' das Ohr nicht mehr gehabt für sie und nicht mehr die Ruhe – und nichts von meinen geliebten Alten – aber zu dem Buch Ruth hab' ich manchmal gegriffen und – nun weiß ich, ich hätte es früher tun sollen.« Bens Auge ruhte auf dem blutroten Kreis des Burgunderglases, und es war, als ob er in einer Schrift lese. Ganz ernst und fromm war sein Ton, als er die Worte jenes alten Idylls wiederholte, das Priesterlist in die Heilige Schrift eingefügt, den Stammbaum des Königshauses von Juda zu erweisen: »Ruth ging hinab zur Tenne und tat alles, wie ihr Schwieger geboten hatte. Und da Boas gegessen und getrunken hatte, ward sein Herz guter Dinge und kam und legte sich hinter einen Kornhaufen; und sie kam leise und deckte auf zu seinen Füßen und legte sich. Da es nun Mitternacht ward, erschrak der Mann und beugte sich vor, und siehe, ein Weib lag zu seinen Füßen. Und er sprach: Wer bist du? Sie antwortete: Ich bin Ruth, deine Magd. Breite deine Decke über deine Magd; denn du bist der Erbe ...« Viel anders wie Boas, der »weidliche Mann vom Geschlechts Elimelechs«, bin auch ich nicht zu Ruth gekommen und zur Ehe mit ihr. Du weißt das längst. Ich seh's erst seit Tagen. Nur – sie hat mir keinen Sohn geboren, der der Vater von Königen werden könnte. Und ich war nicht der »Erbe«, von dem die Schrift spricht. Denn mein ganz auskömmliches Vermögen ist eine Bagatelle neben ihrem Reichtum. Sie ist seit ihres Vaters Tode – seit dem Prozeß gegen die arme kleine Artistin, die jetzt wieder mit den Kakadus auftritt ... ich hab' ihr übrigens das erste Engagement besorgt.« »Du, Ben?« »Das Würmchen hat mir so leid getan. Ich habe sie besucht – sie saß so arm zwischen ihren Vögeln und so verbittert – und da hab' ich einen Vertrag mit ihr gemacht. Sie darf nie, nicht schriftlich, noch mündlich, Ruth beschimpfen und soll möglichst wenig von dem toten Kommerzienrat erzählen – ganz kann man ihr das nicht verbieten, denn es war schließlich ihre kurze Glanzzeit. Dafür zahl' ich ihr eine kleine Rente ... Es ist gut, daß wir davon reden. Das muß nun durch dich gehen, durch dein Bureau. Von der Schweiz aus ist das alles recht schwierig. Ich schreib' dir ausführlich darüber oder noch besser – du kommst. Siehst du, du mußt kommen. Nicht nur als Bruder, auch als mein Anwalt. Außerdem du hast mir ja vorhin versprochen.« »Aber nein, Ben, das hab' ich nicht. Das konnt' ich auch gar nicht. Aber erzähle weiter – von Ruth und dir.« »Der Prozeß damals hat mir zuerst die Kluft gezeigt zwischen ihr und mir. Es war, als ob ich plötzlich in einen ganz tiefen Abgrund sehe, der sich vor meinen Augen verbreitert. Und aus dem Abgrund stiegen böse Dämpfe ... Die vielfache Millionärin – denn das ist sie – rächt sich kleinlich, wirft ein armes Hascherl, an dem ihr Vater eine letzte, vielleicht närrische, greisenhafte Freude gehabt hat – weil ein Formfehler des Testaments ihr recht gibt – in das Proletariat der Artistik zurück. Da fühlt' ich zum erstenmal, hinter welchen Ähren und welchen Ehren diese Ruth hergeht. Es war, als ob ich plötzlich das Fremde in ihr sähe. Und damals hab' ich auch zum erstenmal in ihren Augen hinter der schrecklichen Schildpattlorgnette den kühlen Hohn der Überlegenheit gefühlt. Sie ist nicht nur reicher, und das ist mächtiger, sie ist auch weltklüger, als ich. Und alles, was ich trieb und strebte, hat sie als Phantasterei erkannt. Längst. Hat sie nur als Spielzeug gelten lassen. Ich wußt's, eh' sie mir's sagte. Und da fing alles andere an für mich zu verblassen. Die hübsche Wohnung – die ja demnächst mit einer großen Villa vertauscht werden sollte – die Kunst und Kleinkunst in den Räumen, die Bilder, die Vasen, die Teppiche, die Bronzen, die Gemmen – alles verlor Glanz und Ansehen. Aus dem japanischen Museum der närrischen Witwe Ida Jenisch – ich wußte nun, daß es eine Närrin gewesen – war ich nur ins feudalere, umfassendere Museum Baddach übergesiedelt, in dem mir, meinem Herzen, meiner Mitfreude kein Stück mehr gehörte. In dem ich ein Gast war, wie alle die Berühmtheiten und Betitelten, die sich einführen ließen, gut zu essen, Musik zu hören, zu flirten, zu intrigieren, warm zu sitzen zwischen schönen, gepflegten Frauen und sie mit ihren Augen zu streicheln, mit ihren halblauten Scherzen zu beleidigen. Ein Gast, wie die andern; nur einer, der früher kommen mußte, später gehen durfte. Ein Haushofmeister ihres Ehrgeizes, ein Prinzgemahl in ihrem Reiche des Esprits, der Eleganz, des Genusses und der Streberei. Warum hat mir das keiner von euch gesagt, von euch Klügeren! Honneff hat 's mal angedeutet. Da war er betrunken von einem alten Boxbeutel, den ich ihm zum Geburtstag geschenkt – und am nächsten Tag hat er sich stotternd entschuldigt und gesagt, er sei ein Trottel und verkalke; und glaube kein Wort von dem, was er da gestern gelallt. Er hat alles geglaubt. Denn er ist, alt, zerbrochen, vom Alkohol geschwächt, seinen Ruhm, wie seine Freunde überlebend, unfähig noch zu schreiben, und doch immer noch klüger, als ich. Als ich war. Aber das alles war noch erträglich – als Strafe. Denn auch Leichtsinn, auch eine falsche Lebensauffassung, ein Mangel an Schwere im Gemüt, an Verantwortungsgefühl – das weiß ich jetzt – ist strafbar. Aber nicht mit lebenslänglicher Haft – das nicht, Adi, das nicht! Aber bis zu den letzten Konsequenzen hatt' ich's doch noch nicht durchdacht. Hatte dem Ende nicht ins Auge zu sehen gewagt. Feig, aus Bequemlichkeit vielleicht. Da aber kam das Unerträgliche, kam – –« Lautlos stand ein Kellnerdiplomat im Raum, entfernte, breit schwingend, wie ein Zauberkünstler, eine silberne Stürze von der knusprig gebratenen Poularde, die schon zerlegt war, präsentierte sie mit lächelndem Stolz und bot an. »Setzen Sie nur alles hier her – auch Salat und Kompott – wir bedienen uns selbst.« »Das geschieht meist in diesen Räumen,« ein maliziöses Lächeln huschte um das ausrasierte Kinn. Dann war der Kellner wieder ernst und eifrig bei seiner Aufgabe. Setzte hin, überblickte den Tisch, goß Wein nach, verbeugte sich und verschwand. Und Ben fuhr fort, als hätte nichts ihn unterbrochen: »Dann kam er . Ein Besonderer, Erlesener –? Ich möcht' nicht ungerecht sein in der Antwort. Jedenfalls Erbprinz, der nie regieren wird – aber umwittert vom Duft der Lebenshöhe. Wenn's Ahnungen gäbe, ich hätte in Venedig spüren müssen, daß er mein Schicksal sein würde. Wir spielen die umgekehrte attische Komödie, wir zwei – das Satyrspiel ging dem Trauerspiel voraus. Erst Teresina – dann Ruth.« »Ben, du glaubst ...« »Glaube? Ich weiß. Wir haben uns ausgesprochen. Heute morgen. Sie und ich. Die Ehe hat sie enttäuscht. Ich bin nicht der, den sie geträumt; der sich in die Reihen der Herrschenden der Weltstadt emporarbeitet mit allen Mitteln der Macht, die sie kennt und – nennt. Denn sie spricht vom Gelde so ruhig, so sicher, wie vom Genie und vom Glück, von der Ellenbogenkraft und von der Religion. Ich bin nicht der, neben dem sie die Rolle spielen kann, nach der alles in ihr fiebert und drängt. Für die sie sich vorbestimmt glaubt, die nicht zu spielen eine Sünde wider sich selbst wäre. Das ist ihre Philosophie. Und sie trägt ihr Glaubensbekenntnis vor, ganz kühl, ganz logisch, ganz gelassen. Ohne ein hartes Wort, ohne eine Würdigung des Widerspruchs, von wo er auch käme ... Adi, ich habe in schönen Formen – das sagen mir und ihr alle Tage die Maler und Bildhauer und die anderen – ein System des Ehrgeizes und des gesellschaftlichen Machthungers geheiratet. Ich habe Ketten getragen, goldene Ketten – und nicht gewußt, was mich so in die Seele schneidet, was mich so müd' macht, was mir die Träume wund drückt und die kaum flüggen Hoffnungen abwürgt. Jetzt weiß ich's. Und bin auf dem Wege in die Freiheit.« »Du willst dich scheiden lassen?« »Auch dazu wird's kommen. Denn ich will ihren Weg zur Prinzessin – nein, dazu wird's leider nicht reichen, aber: zur morganatischen Gattin eines Prinzen nichts in den Weg legen. Auch nicht dem Prinzen, dem das Wasser am Hals steht. Glaub' mir, Adi, so wahr ich dich lieb habe und die alte Mutter in Frankfurt, der's nicht eingehen wird, daß ihr Jüngster einer Frau davonläuft, mit der er die Ringe getauscht – glaub' mir's, ich spreche ohne Groll von dem Erbprinzen, der zum zweiten Male die Gondel besteigt mit dem, was mein war. Spreche, wie die Ältesten des Volkes im Buch Ruth, das ich in den letzten Tagen, wie unter einem Zwang, oft gelesen: »Der Herr mache das Weib, das in dein Haus kommt, wie Rahel und Lea. die beide das Haus Israel gebauet haben; und wachse sehr in Ephrata und werde gepriesen zu Bethlehem!« Da brachte der Kellner den Mokka und die Zigarren. Er machte große Augen und – ich sah das zwischen den vielen Kerzen und Monogrammen im Spiegel – das Erstaunen wich nicht aus seinem Gesicht. Denn es war gewiß das erstemal, daß in diesem Raum von Bethlehem-Ephrata gesprochen wurde. Dreiundvierzigstes Kapitel Morcote am Luganer See. An einem herrlichen Tag im November. Mein lieber Bruder Adi! Heute sollst Du endlich von dem Ungetreuen hören, der seine »hochherrschaftliche« Häuslichkeit, das stolze Berlin, das herbstliche Deutschland im Stich ließ. Und vielleicht das Beste – die Arbeit. Aber Deutschland hat andere Sorgen, Berlin hat seine erwachende Saison, Ruth arbeitet auf das neunzackige Krönchen zu – der Zufall warf mir einen Koburger Kammerherrn ins Coupé auf dem Gotthard; ich weiß Bescheid. Und Literatur und »Schönheit« und »Letzter Schick« sind gut aufgehoben bei Tobias Moscheles. Und beim Vicomte de Lussignac. Und ich bin frei! Bin frei, wie ich nur als Kind, nur im Traume war. Ich lasse meine Augen Spiegel sein von unendlicher Schönheit, fange fremde Laute einer stolzen Sprache ins Ohr, die ich heute noch nicht verstehe, die mir wie Musik klingt; und öffne mein Herz der Sonne, die hier überall, warm und hell, auf Gipfeln und Gräbern, auf Rosen und Menschenherzen liegt. Als gestern Gaëtano, mein famoser, gebräunter Motorkapitän, Matrose, Schiffsjunge und alles andere, den ich – neben dem getreuen Peter Pütz – hier brauche, das kleine Schiffchen aus den stahlblauen Wellen an Villen und Gärten vorbei pfeilschnell nach Melide laufen lieh und die Sonne so warm seinen braven breiten Rücken beschien, warf er plötzlich, übermütig, wie nur diese Naturkinder sein können, den blauen Rock ab – meine Seelivree, die ich ihm vor drei Tagen erst in Mailand gekauft – badete die zottige Brust im warmen Licht und lachte blinzelnd zu mir herüber: » Il sol è l'abito del poverino, Signore! « Recht hat er! Ach, so recht! Ich war ja auch ein poverino , als ich hier ausstieg. Dunst und tieflagernde Wolken hatten das andere Ufer verhüllt, nichts war von den Häusern von Porto Ceresio zu sehen und von den Kastanienbäumen davor; und ich dachte schon, ich ziehe, ein Verfemter, den grauen deutschen Nebel hinter mir her, wie die Schleppe meiner Schuld. Aber als ich am anderen Morgen die Fenster aufstieß, lag der See in blitzendem Sonnenschein, und im Nu spann das liebe herrliche Himmelsgestirn meiner müden, geschundenen Seele l'abito del poverino – den Mantel des Armen. Ich bin nicht arm mehr, Adi. Zum erstenmal fühl' ich's, daß ich reich bin. Nicht so, wie »zu Hause« – wo jede Delfter Schüssel, jeder Onyxaschbecher, jedes gestickte Sofakissen ausgesucht, kunstreich, wertvoll und ein Schaustück war. Ach nein, ich esse von bunten Steingutbauerntellern. An den Wänden, statt der Originale aus Florenz und der Kopien aus dem Ruysmuseum Amsterdams, ein paar biedere Seelandschaften, die ich einem deutschen armen Teufel abgekauft, der hungernd und vergnügt vor einer wackligen Staffelei in Brusimpiano saß. Im Studio – wie stolz das klingt, es steht nur ein Schreibtisch drin, ein Bücherspind mit siebzehn Büchern – Goethe und Friedrich Stoltze natürlich dabei – und Korbsessel mit bunten Kissen aus grüner Binsenmatte – im Studio nur, als einziges, geliebtes Prunkstück, eine Kopie von Raffaels heiliger Cäcilie. Weißt Du, von der aus Bologna, die der Meister für den Kardinal Pucci gemalt hat. Ich stehe oft davor und sehe die Sonne, die echte, liebe Sonne, die goldverzierte Tunika der himmlischen Musikantin streicheln, sehe die schlanken Hände der Verzückten leicht auf der Gondel ruhen und höre, andächtig, wie die Apostel, mit ihr die sechs Engel vom Wolkenrand singen. Und hinter mir durch die offene Tür, durch einen Rahmen von Kletterrosen plätschert der See an mein Ohr. Himmlische Musik der Stille, des Freiseins! Ich denke kaum an die Vergangenheit da oben im Gewimmel der kalten Stadt im Norden, die alles so schwer und so wichtig nimmt; durch die jetzt der Regen klatscht und Habgier und Ehrgeiz hasten, wie immer. Die Leipziger Straße liegt so fern, wie die Trichter der Danteschen Hölle. Und abends spielt Gaëtano vor dem Küchenfenster der dicken Köchin auf der Mandoline neapolitanische Straßenlieder, und ich vermisse die Königliche Oper nicht. Ich denke kaum an die Zukunft. Aber an Ewiges denk' ich viel, wenn ich, zwischen Lorbeer und Oliven, die breite, verwitterte Steintreppe hinaufsteige über meinem Häuschen, hinaus zum Camposanto, der mit seinen Kreuzen und Steinen, von uralten Zypressen bewacht, wie eine uneinnehmbare Burg des Ewigen über den Vignien und den Magnoliengärten thront. Ob ich arbeite? ... Nein. Noch nicht. Und was ich arbeiten werde und beginnen, weiß ich noch gar nicht. Irgend etwas. Jetzt –? Ich ruhe aus, ich suche mich selbst, suche meine alte Fröhlichkeit und meinen begrabenen Leichtsinn. Ich prüfe mich selbst, Adi, prüfe mich streng und gerecht. Ich habe kein Unrecht getan. Was kümmert mich's, wenn ich »schuldiger Teil« heiße bei der Scheidung. Weil ich »böswillig verlassen« habe. So war's; ich sagt's Dir bei unserem Abschiedsessen in dem Zimmerchen, das Dir mißfiel und das solche Gäste noch nicht oft gesehen hat. Und Du sollst, als mein Anwalt, auf alles eingehen, was Ruth Rechte gibt und sie entlastet. Sie war meine Freundin, wurde meine Frau und bleibt eine Dame. Ich hab' ihr nichts vorzuwerfen, denn sie kann nicht aus sich heraus, nicht über sich hinaus. Das Glück, das sie erhofft, gönn' ich ihr. Neidlos und von Herzen. Wir dürfen nicht alle anderen mit unseren Augen ansehen, Adi, an unseren Maßen messen, das weiß ich jetzt. Aber sie sollten uns auch nicht mit dem Zollstab nachlaufen und unsere Schollen messen und unser Zufluchtswinkelchen in der Sonne. Werden »Schriftsätze« gewechselt in diesem hoffentlich kurzen Prozeß – Kinder sind ja keine da – so sieh zu, daß ich nichts selbst zu lesen brauche. Schreib mir von Dir, von Käthe, von jeder Freude, die Ihr habt, von jedem Leid, das Euch drückt – aber laß meine Vergangenheit nun Vergangenheit sein. Auch in Deinen Briefen. Das alles war gut, wie es war – denn es hat mich schließlich hierher geführt. Und was mir hier noch fehlt – – – Ich habe erst zwei Briefe geschrieben vor diesem. Zwei in all den langen, hellen Tagen. Einen, den ersten, an die Mutter. Für die liebe, alte Frau, der noch erinnernd die Harmonien glücklichster Ehe durch die vereinsamte Seele rauschen, bin ich vielleicht ein Sünder heute. Aber Mutterliebe – ist's frivol, das zu sagen? – wäre um ihr schönstes Glück und Recht beraubt, wenn sie nicht, wie der liebe Gott, so viel zu verzeihen hätte. Und manchmal denk' ich, diese Mutterliebe ist vielleicht nur ein Stück, das beste Stück von dem, was wir, alles vermenschlichend, selbst das Nie-Erkennbare, Ewig-Gesuchte, demütig, dankbar und scheu, den lieben Gott nennen. Schreib Du ihr auch, Adi. Schreib so lieb, wie Du denkst, und so klug, wie ich's nicht kann. Schreib ihr: der Ben ist glücklich jetzt, er wird's. Das ist Musik für ihr mütterliches Herz. Dann hört die alte, weißhaarige Frau im »Ställchen« unter den würdigen Herrn im Biedermeierrahmen die Engel singen, wie meine heilige Cäcilie in der güldenen Tunika auf Raffaels wundervollem Bild. Und den anderen Brief, den ich geschrieben habe – Du wärst nicht mein Bruder, nicht der Bruder, der Du bist, der ältere, klügere Bruder, der meine Dummheiten lächelnd verstanden und das bißchen Gute in mir gepflegt und gekräftigt hat, wenn Du's nicht wüßtest, eh' ich Dir's sage. Der andere Brief war an Ev'. Wenn sie nun kommt – und Adi, freu Dich mit mir: sie kommt! – werden die anderen sagen, die Weisen, die Pfiffigen, die Weltkundigen: »Da habt ihr's! Er ist seiner Frau davongelaufen, um seine Geliebte kommen zu lassen.« Wie rasch bei der Hand sind sie doch mit ihren Formeln! Und wie logisch sind alle die Formeln – und wie falsch. Ich habe in Berlin, noch als ich abfuhr, nichts gewußt von diesem Brief, den ich am dritten Tag hier nach Heidelberg schrieb. Nicht Menschen, nicht kluge Freunde, auch nicht praktische Erwägungen – Du kennst mich – und nicht Trotz und Auflehnung haben mir die teuren Namen wieder zugerufen. Die beiden Namen: Ev' und Sepp. Himmel und See, Sonne und Rosen und Schmetterlinge haben mir sie heimlich zugeraunt. Singende Mädchen, die durch die Vignien stiegen, haben davon gesungen. Spielende Kinder, die mein Gärtchen umjauchzten, haben sie gerufen. Und die Sterne, die nachts so wundervoll zwischen den schmalen Schatten der Zypressen stehen, haben sie geleuchtet ... Hier erst in der Herrlichkeit der Natur, die dem frierenden Herzen den Mantel gibt und den Einsamen die gewaltige Stimme der Stille hören läßt, hab' ich entdeckt, wie reich ich bin. Hab' den Schatz an Liebe gefunden, der in kalter Ehe, in ehrgeizigem Ausstieg eingesargt lag, verschüttet, erfroren, in meinem verarmten Herzen. Und das Herz ist noch jung, Adi – und hier, wo es jetzt schlägt, welkt nicht alles. Wenn hier im Süden für kurze Wochen die Blumen verschwinden und die zarten Magnolien und die jungen Myrten im verborgenen liegen, bedeckt und geschützt von sorgender Gärtnerhand – des immergrünen Laubs, der nie ihres Schmuckes beraubten Bäume gibt's auch dann noch so viel, die predigen: das Leben lebt und die Sonne verläßt uns nicht! Ev' kommt, Adi! Und sie bringt den Kleinen mit! Ich werde seine Händchen in meinen halten, seine Locken streicheln, ihm den Blick öffnen dürfen für alles Schöne. Er wird mich fragen, und ich werde antworten – und heimlich lernen längst Vergessenes für ihn. Wenn ich daran denke, spielt meine heilige Cäcilie Jubelhymnen, und ein um Tausende verstärkter Engelchor singt mit den sechs Himmelskindern Raffaels auf der Wolke. Morgen fahre ich mit Gaëtano und Peter Pütz nach Lugano. Das Schiffchen wird Flaggenschmuck anlegen. Der deutsche und der Schweizer Wimpel soll flattern, und die Stadtfarben von Frankfurt und Heidelberg hab' ich mir für die »Innendekoration« zusammengestellt. Gaëtano muß den blauen Rock feierlich anbehalten, und Peter Pütz wird sich die weißen Handschuhe nicht nehmen lassen, wenn nicht der Prinz Reuß für die Einholung einer schönen Frau und ihres Jungen besondere Vorschriften macht. Also – Peter Pütz ist hier einfach ein Kapitel für sich. Er schaudert ob der kleinen Unmanierlichkeiten meiner lieben Tessiner. Die guten, lustigen Kerle sind ihm zu laut: sie spucken ihm zu viel, und das geräuschvolle Boggiaspiel findet er ruppig. Er wundert sich, daß sie nicht so fromm sind, wie er nach den vielen Kirchen und Kapellen erwartet hat. Aber Gaëtano, den er in der Zeichensprache – er spricht sie glänzend, und Taubstumme könnten von ihm lernen – befragte, hat ihm geantwortet: » Tutti liberi pensatori « ... Die Natur betrachtet er mit dem Kennerblick des ehemaligen Photographen und die Frauen mit dem Auge des künftigen Friseurs. Allerdings Rosa Riemenschnut ist erledigt. Sie hat – ich rechne ihr das hoch an – durchaus zu ihrer Herrin gehalten. Zur Strafe hat sie Peter Pütz die letzten Tage nicht mehr frisiert. Aber hier möcht' er allen Frauen erst gründlich die hübschen Köpfe waschen und dann herrliche Frisuren türmen aus den reichen tiefschwarzen Haaren. Der dicken Köchin – einem ältlichen Bauernmädel aus Gentilino aus dem Collino d'Oro – eine wohlklingende Heimat für ein etwas blatternarbiges, gutmütiges Trampeltier, was? – versucht er – nachdem sie das Angebot, sie zu frisieren, entrüstet abgelehnt – Manieren beizubringen. Aber ich fürchte, sein Abgott und Lehrer, der soundsovielte Prinz Reuß, wird nie viel Freude erleben an der dicken Julia – ausgerechnet Julia – Sorezza aus Gentilino aus dem Collino d'Oro. Eben kommt er übrigens in die Laube, in der ich schreibe, der Peter Pütz – in weißen Handschuhen, hier sogar!, die Gaëtano sehr bewundert – und meldet, daß serviert ist. Und da ich ihm sage, an wen ich schreibe, bittet er »sich untertänigst empfehlen zu dürfen«. Eine treue Seele, glaub' mir; und ich bin froh, daß ich's mit ihm gewagt habe Leb wohl, Adi, und denk manchmal an mich! Sprich mit Käthe gut von mir – ich spür' das hier. Und komm bald, recht bald! Wie werd' ich mich freuen, wenn ich hier an der Landungsbrücke stehe und Dir aufs einfahrende Schiff den Willkommengruß winke. Ich – und mein Sohn! In Liebe und Freundschaft grüßt Dich aus seiner neuen, stillen, blühenden Welt getreulichst Dein Bruder Ben. * Vier Tage später kam dieser andere Brief aus Morcote: Lieber Herr Doktor! Ben, der mir über die Schulter sieht, sagt: »Schon die Anrede ist falsch!« Das mag sein. Aber Sie hören den Ton, gelt? Und der ist ganz echt und warm. Denn wenn ich auch »Doktor« schreibe und »Sie«, ich spreche ja doch zum Bruder vom Ben. Jetzt hab' ich ihn hinausgeschickt. Er spielt draußen mit dem Sepp. Sie sollten's sehen! Selber wie ein Kind. Er ist so glücklich und weiß gar nicht, was er uns alles Liebes antun soll. Und er hat immer noch die Neigung, Unsinniges zusammenzukaufen, bloß um anderen Freude zu machen. Der Bub hat gestern abend, als ich mit ihm gebetet hab' – das ist so herrlich hier, das Beten wird so leicht und froh, die Sterne gucken ins Zimmer, und man hört den See draußen immerzu, immerzu – ja also, da hat der Bub gesagt: »Gelt, Mutter, das ist viel, viel schöner, als ein Märchen?« ... Und wissen Sie, wer's vorausgesagt hat? Mein lieber Vater. Das war ja nur ein einfacher Mann und hat nie mehr wollen sein. Und schließlich war er sehr, sehr alt. Aber als er gefühlt hat, daß es zu Ende ging, hat er gesagt: »Weißt, Ev', jetzt kann ich gehen – jetzt holt er dich bald!« Und da hab' ich ganz erstaunt gefragt: »Ei, wer denn, Vatterle?« Denn ich hab' gemeint, das Fieber hat ihn. Aber er hat ganz klare Augen gehabt, und sogar ein bißchen gelacht hat er in seinen Bart, der ihm ganz lang und eisgrau gewachsen war zuletzt. »Wer? Ach, Kind, mach' deinem alten Vater nichts vor! Es hat ja doch nur einen »er« für dich gegeben all die Jahre. Neben dem anderen, den wir alle groß schreiben, gelt, und zu dem ich jetzt bald hinaufgeh'.« Und in derselben Nacht ist er verstorben. Was hätt' er sich gefreut, wenn er sehen könnt', wie gut's der Bub jetzt hat! Er sagt noch »Onkel« zu seinem Papa. Ich will das so. Später kann's ja anders werden. Ich wohn' auch noch in der Villa Ollivella – so sechs, acht Minuten vom Ben, auch am See – und das soll so bleiben, bis – – Sie verstehen. Gesetz ist Gesetz, sag' ich, und Recht ist Recht. Ich hab' nie jemand was genommen und will's nicht tun. Damals, in Heidelberg, war er frei. Wenn er's wieder ist, und ich bin ihm noch gut genug – und er spürt's, daß der Bub sein Bub ist, so ganz sein Bub – – Ach, lieber Doktor, er sieht ihm ja so lächerlich ähnlich! Er ist jetzt bald so alt, wie der Ben, als Ihre liebe Schwester verlobt war. Wenn Sie ein Bild von damals haben, holen Sie's hervor und schauen sich's an, dann haben Sie den Sepp. Von mir hat er scheint's gar nichts, der Schlingel, als die roten Backen und die blauen Augen – aber nein, die hat ja der Ben auch. Alle verwöhnen sie mir den Buben. Der Gaëtano trägt ihn Huckepack und schnitzt ihm Schiffchen. Die Julia backt ihm Bratäpfel und steckt ihm Trauben zu, mit Beeren so dick wie Drosseleier. Und der Peter Pütz, der gar nicht wußt', was er ihm Liebes antun sollt', hat ihm gestern die Haare geschnitten. Jetzt rudert der Ben mit ihm. Gerade fahren sie unter der Trauerweide her. Das ist ein Baum, so schön und in all dem Blühen so traurig, wie ich noch keinen gesehen hab'. Überhaupt, ich hab' immer gedacht: was Schöneres, wie Heidelberg, kann's nicht geben, 's Vatterle war' bös, daß ich's sag', aber es gibt doch noch Schöneres. So blau, wie der See sein kann, und so viel Stern', daß es gibt – ich hätt's nie gedacht! So lieb und listig blinken sie nachts, als ob sie sagen wollten: Seid glücklich! Und die Menschen sind alle freundlich. Bloß – ich versteh' keinen. Wir lachen uns halt an, nicken uns zu, sind uns gut – und haben keine Ahnung, was wir zueinander sagen. Aber der Sepp, der hat schon ein paar Brocken aufgeschnappt. Ich glaub', das Sprachtalent hat er vom Vater. Gott geb's! Und der Ben hat ihm eine kleine Mandoline gekauft, da verüben sie jetzt Musik daraus im Boot – ich hör's bis hierher. Das Wasser trägt den Ton so schön. Und abends hören wir von weit überm See aus den Osterien, wie sie hier die kleinen Kneipen nennen, die Lieder. Die sind oft so schwermütig und haben eine einschmeichelnde Melodie. Aber der Ben sagt, der Text ist manchmal furchtbar dumm. Da ist's halt gut, wenn man ihn gar nicht versteht, wie ich, und nur die schöne Musik hört. Heute mittag will uns Ben die Grotte von Ostero zeigen. Da steigen die Felswände so steil auf, sagt er, daß das Boot nur gerade so durch kann; und hoch oben sieht man durch ganz schmalen Spalt den blauen Himmel. Der Bub freut sich schrecklich. Bootfahren ist sein ganzes Vergnügen – und meine Angst. Und der Ben ist so glücklich, als hätt' er alles, was er uns zeigt, selbst gemacht und hingestellt und aufgebaut. Er ist noch genau so wie damals in Heidelberg. Und wenn er lacht und ich mach' die Augen zu, glaub' ich, wir sitzen an dem runden Tisch in der Anlage oder oben auf der Molkenkur bei der Bowle. Und wenn ich dann die Augen wieder aufmach' – dann springt doch schon ein achtjähriger Bub im Matrosenanzug hinter einem Schmetterling her und ruft: »Beinah, Mutter, hätt' ich ihn gehabt!« Ach ja, lieber Herr Doktor, »beinah« – was hätten wir nicht alle »beinah« gehabt an Schmetterlingen und an Glück, gelt? Aber es ist nie zu spät, glücklich zu sein. Nur manchmal, manchmal trau' ich mich gar nicht, daran zu glauben, daß es doch noch gekommen ist. Und gleich so, so schön! Aber ich bin auch dankbar. Und gestern hab' ich vom Schönsten, was in unserem Gärtchen am See blüht – nun sag' ich schon »unser« Gärtchen; aber Sie verstehen das nicht falsch, gelt? –, hab' ich mit dem Bub ein feines Gewinde gemacht. Ich bin nicht katholisch, das wissen Sie wohl, und meiner alten Heiliggeistkirch, an der 's Vatterle sein Lädchen gehabt hat, bleib' ich treu. Aber ich hab' ihn doch oben der Madonna del Sasso um ihr verwittertes Bild gelegt, den Kranz. Die schaut von da oben, wo die Toten aus dem Städtchen liegen, hinunter in alles. Schaut auf die Villen, in das Gärtchen, auf die Rosenlaube, ins Boot. Und wenn wir Lutherischen auch die Madonna nicht so gelten lassen, wie die Katholischen – es ist doch die Mutter des Herrn auch für uns; und sie sieht mütterlich herunter von da oben auch auf meinen Jungen, der seinen Vater gefunden hat. Und auf eine Mutter, die so dankbar und glücklich ist. Jetzt ist der Brief so arg lang geworden, lieber Herr Doktor. Aber Sie sind nicht bös, denn er erzählt Ihnen ja vom Ben und vom kleinen Sepp, der nun weiß, daß er »noch einen Onkel« in Berlin hat. Er fragt schon oft, wie Sie aussehen, und warum Sie nicht auch hier sind. Und wie tät er sich freuen, wenn Sie bald, bald kämen! Und erst der Ben! Und wirklich auch ein wenig – oder nein: viel mehr, als »ein wenig« – Die Mama von Ben seinem Bub. * Nur vierundzwanzig Stunden später kam dieses dringende Telegramm aus Lugano an mich: »Ben bei Rettung von Sepp aus dem See schwere Lungenentzündung geholt. Zustand ernst. Verlangt sehr nach Ihnen. Kommen Sie, wenn irgend geht. Ev'.« Vierundvierzigstes Kapitel Als ich auf dem hochgelegenen Bahnhof von Lugano einfuhr, sah ich schon Peter Pütz, den schwarzen Hut in der Hand, eilig auf mein Abteil zukommen. Ein Lächeln lag auf seinem sauber rasierten, schon leicht von der Sonne gebräunten Gesicht, und der tadellos gezogene Scheitel glänzte. Selten hat mich das Lächeln eines Mannes glücklicher gemacht. Ich wußte: Ben lebt, und es geht besser. Das bestätigte Peter Pütz auch auf meine erste hastige Frage. »Die gnädige Frau hat mich entgegengeschickt – wegen des Gepäcks,« fügte er hinzu. Und da er, meinen Handkoffer nehmend, wohl sah, daß ich nicht ganz verstand: »Die gnädige Frau aus Heidelberg.« Wir fuhren mit der Drahtseilbahn hinunter. Am Kai der von Fremden belebten Piazza Giardino lag der Motor bereit. Ein blitzblank sauberes Schiffchen mit winziger Kajüte, darin ein Blumenstrauß auf dem Tisch, ein paar Bücher und Karten, ein Fernglas. Die deutsche Fahne am Heck. Gaëtano, in blauer Matrosenbluse, gebräunt und einen blauen Anker in die Halsgrube tätowiert, grüßte und half mir über die schwellenden venezianischen Kissen beim Sprung von der nassen Steintreppe. Gleich darauf ratterte der Motor. An den Hotels, Villen und Gärten von Paradiso vorbei, ging's leicht und hurtig am Fuß des Monte S. Salvatore hin, quer über den See auf ein freundliches Städtchen zu. »Campione,« erklärte Peter Pütz zuvorkommend, »das ist italienisch, mitten im Schweizerischen. Es gab da, sagt Herr Doktor, eine berühmte Bildhauerschule. Aber das ist lange her, vier Jahrhunderte, glaub' ich, oder mehr noch.« So lockend schön die Landschaft die Ufer in der Sonne breitete, ich war jetzt nicht begierig, den Ruhm dieser lachenden Städtchen zu hören, noch die Namen der dunklen Berge, die sie hoch überschatteten. »Er fiebert noch?« »Heute nur 39,4 – gestern 40,3. Der Doktor aus Melide erwartet heute oder morgen die Krise, der Professor aus Lugano übermorgen. Aber wenn ich mir ein Urteil erlauben darf, der Doktor scheint mir diesmal gescheiter, als der Professor. Auch die gnädige Frau hat mehr Vertrauen zu ihm.« »Und wie kam das Schreckliche?« »Der Herr Doktor müssen wissen, wir haben in unserem Hafen – einen eigenen kleinen Hafen haben wir, ja, mit einer Trauerweide darüber. Oh, ein wunderschöner, man möchte fast sagen: ein poetischer Baum. Ja, da haben wir nun ein Schiffchen zu liegen, neben dem Motor – den hat der gnädige Herr nur gemietet vorerst, aber das Bootchen hat er gekauft. Wir haben zusammen – Gaëtano und ich, und der gnädige Herr hat mitgeholfen, ja – wir haben die deutschen Farben an den Rand des Boots gestrichen. Dabei ist leider der eine Flanellanzug des gnädigen Herrn, der englische – aber das wird Herrn Doktor weniger interessieren – ich hab' ihn eben dicht bei San Lorenzo zur chemischen Reinigung getragen. Oh, Lugano ist ja nicht groß – aber sehr vornehm durch die vielen distinguierten Fremden. Man kann da alles haben, ja – sogar ein »Jeu«, ja. Wem Monte Carlo zu weit ist, der ... Aber der gnädige Herr spielt nicht, er nimmt anderen nichts ab, auch nicht einer Spielbank, und – –« »Und was war mit dem Boot?« »Gleich als die gnädige Frau mit dem Jungen kam – oh, es ist ein so lieber Junge – wenn ich mir das erlauben darf, ein ganz prächtiges Kerlchen, so zutraulich und vergnügt – und er sieht – es gibt solche Naturspiele, nicht wahr – sieht dem gnädigen Herrn wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich. Auch – wenn ich mir das erlauben darf, mit dem Herrn Doktor hat er etwas Ähnlichkeit so um die Stirn und – ja ...« »Lassen wir die Naturspiele, lieber Pütz. Was war mit dem Boot?« »Ja, der Junge hatte gleich solche Freude daran. Fast mehr noch, als an dem Garten und dem kleinen Denkmal. Schließlich Denkmäler sind ein bißchen langweilig für Kinder – der gnädige Herr hat da die Statue eines gewissen Dante – wenn ich mir das erlauben darf, es war ein Dichter, ein italienischer Dichter, den der Herr Doktor sehr schätzt. Ist aber längst tot und nicht am See geboren.« »Danke, Pütz, ich weiß. Und das Boot –« »Ja – der Kleine wollte immer rudern. In Heidelberg schon, sagte die gnädige Frau, hat er das auf dem Rhein – nein, es ist ja wohl der Neckar, ja – auf dem Neckar hat er das viel geübt. Ist auch gewandt und hat wohl Talent für Sport und so. – Aber der Neckar ist kein See, nicht wahr – und der Luganer See, wenn ich mir das erlauben darf, darauf aufmerksam zu machen, wie schön er ist – wir fahren jetzt dort auf den Brückenbogen des Seedamms – ja, das ist merkwürdig, mitten durch den See geht hier ein Damm, darauf fährt die Bahn, die von Lugano kommt, nach dem anderen Ufer nach Mailand. Daher kam auch der Dante in unser Gärtchen –« »Und der Kleine fuhr also in dem Boot – allein?« »O nein, das erlaubte die gnädige Frau durchaus nicht. Manchmal ruderte ich mit – oder Gaëtano, das ist der dort – jetzt lacht er, er hat seinen Namen gehört, ja – er hört immer zu und versteht doch gar nichts. Ist Tessiner, Schweizer, spricht aber nur italienisch. Das ist schade. Ja, und meist ruderte der gnädige Herr mit dem Kleinen. Oh, es war eine Lust zu sehen – ich habe den gnädigen Herrn, wenn ich mir das erlauben darf, nicht mehr so fröhlich gesehen, seit er aus dem Orient kam. Damals, direkt vom Sultan, der ihm dann später den schönen Orden – Herr Doktor wissen. Wir haben ihn leider vergessen, den Orden, bei der Abreise von Berlin. Es ging so rasch und – Aber nun wird ja der gnädige Herr wohl bald die Rettungsmedaille – die gibt's doch sicher auch in der Schweiz?« »Ich weiß nicht. Also mein Bruder fuhr mit dem Jungen im Boot – und der fiel heraus, oder wie –?« »Doch nicht. Der gnädige Herr war in der Rosenlaube – oh, sie ist herrlich, direkt am blauen Zimmer – ganz grün umsponnen ist die Laube, jetzt sind ja nur wenige Rosen – aber wenn man denkt: November! Gaëtano sagt, im Sommer blühen da Hunderte, Tausende. Und der gnädige Herr nahm mit der gnädigen Frau den Tee, ja – ich hatte serviert und mich zurückgezogen – aber Gaëtano, der draußen am Gitter vorbeiging – er bummelt gern, wenn ich mir das erlauben darf, so am Gitter, wenn er nichts zu tun hat . Ein netter Kerl, ja, aber mit dem Fleiß, da ist er nicht so recht ... Ja, also er strich so am Gitter hin und sah – und sagt – – Aber das ist ja so natürlich, nicht wahr, wenn ich mir das erlauben darf, wo doch der liebe Junge durch das Spiel der Natur ... Und nach der langen Zeit – Der gnädige Herr hatte die gnädige Frau in den Arm genommen – sagt Gaëtano – und so saßen sie und schauten nach dem Denkmal – Es ist wirklich schön, so auf der grünen Wand. Nur die Nase ein bißchen lang – aber der gnädige Herr meint, die habe der Dante genau so im Gesicht gehabt, als er noch lebte. In Verona, glaub' ich. Gewiß, es gibt solche Nasen – der Schwiegersohn vom Herrn Pfarrer Knospe, oh, ein wahrhaft edler Mensch, das kann ich wohl sagen – der hatte auch eine Nase, die – – aber niemand hat im ... hm, hat dort, wo ich damals war, gelacht über die Nase. Denn es kommt darauf an, wenn ich mir das erlauben darf, wer die Nase trägt ...« »Morcote!« rief Gaëtano feixend herüber, sichtlich froh, auch mal etwas sagen, etwas zeigen zu dürfen. Sein Arm wies auf das Städtchen, das in freundlichen Terrassen anstieg und sich in Rebenhängen fortzusetzen schien. Der hohe, rötlich schimmernde Turm der Madonna über den Zypressen des Friedhofs reckte sich stolz in die klare Luft. Unten an der Piazza konnte man schon die echt italienischen Bogengänge der Häuser, die sich wie ein durchlöcherter Gürtel hinzogen, deutlich erkennen. »Wir müssen erst noch um den Ausläufer des Bergs, es ist der Monte Arbostora, ja – »Monte« heißt Berg, Arbostora ist der Name – um den müssen wir herum. Dann sieht man erst die Villa. Ja, der Junge – Gott, wie so Kinder sind, wenn ich mir das erlauben darf – hatte wohl gesehen, daß der gnädige Herr und die gnädige Frau ihn nicht beachteten – und da war er hinuntergegangen, nicht wahr, und hatte das Boot losgemacht. Das Boot war noch ganz mit den Nelken geschmückt vom Tag zuvor – da war so ein kleines Fest gewesen in Morcote, und alle Leute trugen Blumen – und wir hatten die vielen schönen Nelken aus dem Garten genommen – – Der See lag ganz still, nicht wahr, es schien wirklich keinerlei Gefahr – ich denke wohl, es ist aus dem Neckar nicht anders. Der Junge wollte sicher auch nicht weit hinausrudern – nur so ein paar Ruderschläge – so immer bloß an der Kette ist niemand gern; wenn er jung ist, schon gar nicht. Aber es sind da doch Strömungen – es treibt leicht weiter, als man will – das ist ja im Leben überhaupt so. Man spielt bloß so mit dem Ruder – und schon treibt man. Und nun kam das Schreckliche – Mein Gott, wenn ich daran denke! ... Das Dampfboot kam von Brusimpiano – in voller Fahrt. Den Steuermann trifft keine Schuld – er hat richtig den Kurs gehalten. Es war auch eigentlich wohl keine Gefahr für den Nachen – aber er kam doch in die Schraubenwellen des Dampfers. Das Geschaukel hat den Kleinen wohl ängstlich gemacht – Der See ist kein Neckar, nicht wahr – er verlor ein Ruder, neigte sich, wohl zu rasch, nach der linken Bootswand, das Schiffchen legte sich zur Seite, nahm Wasser über – der Junge schrie ... ein-, zweimal – ganz gell in Todesangst – – und dann – Ja, das hab' ich nun alles oben vom Fenster gesehen – ich legte gerade die Wäsche des gnädigen Herrn in den Schrank, die aus Lugano gekommen war – da hör' ich den Jungen schreien – sehe hinaus – – lieber Gott, da kenterte gerade der Nachen – – Der gnädige Herr, der an die Gartenmauer gelaufen ist auf den Schrei – der sieht den Jungen – ich werd's nie vergessen, wie der arme kleine Kerl in seiner Todesangst die Ärmchen hob, als wollt' er sich am Himmel festhalten – – Ja, aber der Himmel, wenn ich mir das erlauben darf, der Himmel hält keinen fest, der mal die Erde unter den Füßen verliert oder die Schiffsplanken ... Und der gnädige Herr wirft den Rock hinter sich – er trug den rohseidenen Anzug, den er in Wien gekauft hat, ja – und klettert auf die Mauer – sie ist ja nur kniehoch und fällt direkt ab in das Wasser – und mit einem weiten Sprung in den See! ... Das waren ein paar ganz schreckliche Minuten – vielleicht war's auch nur eine – aber das läßt sich wirklich nicht messen, wenn das Herz stillsteht vor Schrecken – Die gnädige Frau an der Steinmauer – ich glaubte jeden Augenblick, sie stürzt sich auch in den See – und ich oben am Fenster, immer mit dem lilafarbenen Hemde des gnädigen Herrn in der Hand – von Steinhardt Unter den Linden, ja – ich hatte das gerade zusammengelegt, um es in den Schrank ... Wie gelähmt war ich – und dachte immer nur: lieber Gott, das ist doch nicht möglich – das darf doch nicht sein – das träumst du bloß, Peter Pütz ... Und gerade wie der Junge untertauchen will, ganz still schon, wie ein Sack mit Schwämmen, denk' ich mir – da faßt der gnädige Herr, oh, er schwimmt herrlich – es sah einfach schön aus, wie er so das Wasser teilte und – – ja, also, da faßt er ihn – und jetzt ist auch schon Gaëtano mit dem Motor heran ...« » Si, Signore, Gaëtano – !« Er hat aufmerksam zugehört und wohl begriffen, von was die Rede ist. Jetzt reckt er sich, stolz über seinen Anteil am Rettungswerk, und lächelt: » Si, Signore, Gaëtano. « »– ist heran und stoppt und reicht dem gnädigen Herrn die Stange über Bord. So – nicht wahr. Der greift zu – im anderen Arm hält er den Jungen. Der ist ganz blaß vor Todesangst – aber er lebt und hat die Augen auf und schluckt immer noch Wasser. Das Wasser läuft ihm aus den Haaren. Und so sind die drei – –« Ein Schauer war mir über den Rücken gekrochen. Während Peter Pütz erzählte, umständlich, abschweifend und doch so beängstigend in seinem unmittelbaren Miterleben, stieg der Traum wieder in meiner aufgepeitschten Seele empor, den ich in jener Nacht gehabt, die Bens wunderlicher Verlobung folgte. Ich hatte, schlafend, einen kleinen, blonden Jungen erblickt, in einem schmalen Nachen, der vollgepackt war mit geflochtenen Körben. Dann wuchsen Nelken aus den Körben, lauter herrliche Nelken aus all den Körben, und überrankten und überwucherten das spielende Kind, bis ich es nicht mehr sah. Und unter der Last der vielen, vielen Blumen ging der beladene Kahn immer tiefer ins Wasser nieder; tauchte, nahm grüne Wellen über, sank und verschwand ... »Aber jetzt können der Herr Doktor die Villa sehen! Dort – dort ist die Trauerweide, nicht wahr, die beugt sich über den Hafen, wie eine Frau, die weint, wenn ich mir das erlauben darf – Ja, und da liegt das Unglücksbootchen fest, ja. Und alles darunter ist voll Nelken – man merkt's gar nicht, daß wir so viele für das Boot genommen hatten. Und bemerken der Herr Doktor jetzt, dort am offenen Fenster – über dem Gartenportal mit den Steinlöwen, die hat der gnädige Herr in Lugano gekauft, ja – da, sehen Sie, steht die gnädige Frau und winkt mit einem Tuch ...« Gaëtano stellte den Motor ab. Sanft glitten wir an der rissigen Steinmauer des Gärtchens entlang. Die Trauerweide streichelte uns freundlich mit ihren feuchten, schleifenden Zweigen, als wir in den kleinen Hafen einfuhren. Gaëtano sprang auf die feuchte Treppe und zog klirrend die Kette an. Über die wippende Holzplanke stieg ich in meines Bruders kleines Paradies. ... Es war später Nachmittag und die Kanten der Berge zeigten schon die leichtgetönten Farben des Abends, als ich an der weißen Büste Dantes, die von der grünen Laubwand den edlen lorbeergeschmückten Kopf hob, vorbei auf Ev' zuschritt. Sie stand jetzt in der Tür zum Garten und hielt mit der Linken dicht an sich geschmiegt einen süßen Knaben. Der sah mich unter blonden, wuscheligen Locken mit Bens guten, großen Augen an. »Lieb, daß Sie kommen!« Sie streckte mir die Hand hin, die noch weich und rund war wie damals. »Er hat sich so nach Ihnen gebangt. Ich mußte immerzu am Fenster stehen und ausschauen, ob Sie wirklich ... Jetzt ist er so froh und liegt, trotz der Schmerzen in der Brust, lächelnd in den Kissen.« »Ev, wir haben einmal »du« gesagt ... Wir wollen doch wieder ...?« Sie nickte nur. Man sah ihr die durchwachten Nächte an. Aber ihrem Köpfchen, das nicht mehr ganz so voll und frisch war wie einst, stand das junge Leid gut. Und das immer noch herrlich reiche Haar beugte es, wie eine schwere golddurchglitzerte Krone, ein wenig nieder. Ich küßte den Jungen. Die Knabenlippen ruhten fest und ohne Scheu auf meinem bärtigen Mund. Die Bäckchen waren braun von der Sonne, und das ganze stramme Kerlchen war Leben und Beweglichkeit. Dem hatte Sturz, Angst und See nichts geschadet! Wir stiegen zu dritt die Treppe. »Das Fieber ist wieder etwas stärker. Vorhin hat er phantasiert, hat englisch gesprochen – vom Lord Byron war die Rede darin, das hab' ich verstanden. Und dann plötzlich hat er Verse zitiert, deutsche Verse – aus einem Gedicht, das ich noch von der Schule her kenne – ich glaube von Chamisso ist's –« »Die Löwenbraut?« »Ja, so hieß es. Und mit eurer Schwester schien er dann zu sprechen. Aber jetzt ist er wieder ganz klar. Freilich die Temperatur – aber das macht vielleicht der Abend, vielleicht die Erwartung –« »Aber sein Zustand ist doch –« »Wir pflegen und lieben und hoffen. Mehr kann nur der liebe Gott selber tun. Er will dich aber gleich sehen – ich hab's ihm fest versprechen müssen.« Das Schlafzimmer war hell und freundlich. Blumen standen überall in Kannen und Vasen. Nelken blühten am Bett. Durch die offenen Fenster sah man drüben die Berge, hörte den See sanft an die Mauer plätschern. Zuweilen rasselte die Bootskette. Ein Hahn krähte. Von irgendwoher flogen Stimmen über das Wasser. Schmal und fieberheiß lag Bens Kopf in den hochgetürmten Kissen. Er saß mehr, als er lag. Der Atem ging rasch und stoßend. Der Husten quälte ihn, als er sprechen wollte, und Ev' kühlte mit einem feuchten Tuch seine brennende Stirn. Der Kleine hielt wichtig mit vorgestrecktem Bäuchlein die Schüssel. Ben reichte mir die Hand, die war glühend und zitterte ein wenig. Dann legte er sie auf den Blondkopf des Buben, und eh' ich noch meine Erschütterung niedergekämpft hatte, war er seines Atems Herr geworden. Mit dem guten Lächeln, das ich tausendmal an ihm gesehen, das ihm treu geblieben war aus der sorglosen Kindheit durch Leichtsinn und Leid, sagte er ganz leise: »Ich bin krank, Adi. Krank, aber glücklich.« Ich setzte mich zu ihm ans Bett. Brachte Grüße von meiner Frau, von der Mutter, die voll Sorgen noch in Frankfurt an meinen Zug gekommen, von Mathilde, die gerade mit Kurt, der dienstlich dort zu tun hatte, in Berlin weilte, und von ein paar Freunden. Er nickte dankend zu allem und rang mit dem Atem, aber sein Lächeln blieb. »Wir gehen ein wenig in den Garten, Sepp und ich – es sollen nicht so viel Leute zugleich im Zimmer sein, hat der Doktor gewünscht. Du rufst mich, Adi, wenn er mich braucht –« Der Bub haschte nach Bens Hand und drückte ganz rasch einen klatschenden Kuß darauf: »Gelt, Onkel, du stehst bald wieder auf – morgen vielleicht, gelt?« Ben nickte, und sein Auge streichelte mit unendlicher Zärtlichkeit das Kind: »Morgen vielleicht, Sepp.« Schon hatte er die Hand der Mutter zum Gehen gefaßt, da kam der Kleine noch einmal treuherzig zurück: »Ich fahr' auch nie – nie mehr allein im Schiff.« »Das weiß ich, denn du hast mir's versprochen.« »Ein goldiger Bub,« sagt' ich, als die beiden gegangen waren. »Und wie er dir ähnlich sieht!« »Aber die Stimme hat er von der Mutter – und das gute, gute Kinderherz.« »Du bist auch gut gewesen, Ben, dein Leben lang.« »Mein Leben – ist nicht lang, Adi. Aber versucht hab' ich das Gutsein wohl. Und die Vorsätze – auch wenn sie nicht immer gelingen – scheinen mir jetzt mehr wert, als alle Philosophie, die man studiert. Denn schließlich, man ist rasch am Ende der Eitelkeiten, wenn man mal so liegt, wie ich – Weißt du noch, was das arme Brettldirnchen in Triest sang? » On entre et on crie – voilà la vie ... On crie et on sort – voilà la mort !« ... Und ich fürchte, Adi, der böse Schrei, der zweite, der letzte – kommt bald.« »Aber Ben! Seit wann bist du Pessimist –!« »Fatalist – immer gewesen. Und jetzt ein wenig Hellseher, seit ich glücklich bin.« Ich sah es, wie ihn das Reden anstrengte. Er rang mit der Luft und fuhr oft mit der Hand nach der rechten Seite: »Da sitzen scharfe Messerchen –« hauchte er, »und die Messerchen fahren tückisch nach meinem Lebensfaden. Wird er noch einmal halten –? Wird er reißen?« »Du darfst nicht so viel sprechen, Ben – sonst geh' ich.« » Nicht gehen!« Er faßte mit raschem Griff fest meine Hand, und seine Finger lagen wie glühende Reifen um mein Gelenk. »Nicht gehen! Ich hab' so viel noch gerade mit dir ... so viel ... Das Wichtigste hab' ich gestern Peter Pütz diktiert. – Jeder hat den Eckermann, den er verdient, nicht wahr? – Ich hoffe, ich hab' niemand vergessen – doch: das kleine Mädel in dem Papierlädchen, du weißt, fiel mir noch ein vorhin ... Es sind ein paar orthographische Fehler drin in dem, was der Peter Pütz – aber sonst alles richtig, genau, wie ich ihm das ... und meine Unterschrift mit Datum und allem, was das Papier rechtsgültig macht, steht darunter.« »Aber Ben, das ist ja zum Lachen ...« Ich schauderte, während ich zu lächeln versuchte, »du überlebst uns alle –« »Das möcht' ich nicht. Ihr seid viel wertvoller. Viel – Du – Ev' auch – Wie schön ist's, in ein gütiges weibliches Herz zu schauen nach – nach – so langer Zeit! Mein Leben, Adi, ist ein unnütz Leben gewesen ... sag' nichts, ein unnütz Leben.« »Wie kannst du so sprechen, Ben! Du hast so vielen geholfen, hast so viele erfreut –« »Und doch – unnütz. Adi. Nur –« Ein Hustenanfall schüttelte ihn. Ich hielt ihn im Arm, kühlte ihm die Stirn und gab ihm aus dem Glase ein Eisstückchen in den brennend heißen Mund. »Du machst das fast so sanft –« lächelte er, als sich der Anfall beruhigt hatte, »fast so sanft, wie die Ev'. Das ist das höchste Lob, das ich noch zu vergeben habe. Das ist mein türkischer Orden ...« Da merkte ich, daß doch das Fieber ihm auch die Rede verwirrte. »Soll ich vielleicht jetzt Ev' rufen –?« »Noch nicht, Adi – Ich hab' heute nacht geträumt – ich hatte ein bißchen Temperatur, du weißt ... geträumt, daß aus den bunten japanischen Schirmen – erinnerst du dich, in unserer ersten Berliner Wohnung – da kamen plötzlich alle Affen herausgesprungen – lauter langgeschwänzte Vettern von Tobias Moscheles. Die wollten über den Kleinen herfallen – über meinen Sepp. Da kamst du – ja, und du hattest so ein Samtkostüm an und Barett, wie damals, als du mit Mathilde – die war die Preziosa, gelt? – mit der Mathilde auf den Kostümball gingst beim Rat Tomasius – Und du hast sie verscheucht, die Affen ... Adi, hilf ihm – versprich mir's, hilf dem Jungen! Ich hab' ihn doch gerettet – und das war das erste und einzige Gute, was mir vielleicht da oben ... Und als die Affen sich verkrochen hatten – da hab' ich ganz deutlich die Glocken läuten hören, weißt du, die Glocken von unserem Frankfurter Dom ... Erinnerst du dich, Adi, wenn Weihnacht war und wir alle, still wie die Mäuschen, in dem kleinen Gang standen und lauschten ... Fahr morgen mal nach Lugano, Adi, und besuche – denk dir, im »Hotel Bellevue au Lac« wohnt Margarete Morgenthau. Endlich ist sie bis Lugano gekommen auf ihrer alljährlichen Herbstreise ... Sie ist steinalt und hört nicht mehr gut. Sie läßt sich meist im Wägelchen auf der Piazza Giardino in der Sonne herumfahren – aber sie humpelt auch noch ein bißchen am Stock ... Das hab' ich nicht geträumt, Adi, sie ist wirklich da – Die Träume sind nicht schön – so wirr, ich habe heute nacht in der »Stadt Athen« gesessen – mit Fips und Gollwitz – das war ganz vergnügt – aber dann bin ich mit Ruth geritten – mitten ins Auditorium von Kuno Fischer – Ich hab' ihn gleich erkannt – er stand auf dem Katheder, mit der gespaltenen Nase, spielte mit seinem Schlüsselchen, und die silbergefaßten Brillantringe funkelten, und ich hörte ihn sagen: »Im englischen Deismus fällt die Religion, nachdem sie ihre geschichtlichen Einkleidungen abgelegt, völlig zusammen mit der Moral« ... Und neben mir saß immer Ruth zu Pferde und lächelte. Mitten im Auditorium. Auf dem Apfelschimmel, den sie vom Prinzen ... Sag ihr, daß ich ihr danke, der Ruth – ich wär' nicht hier, Ev' wär' nicht bei mir – ohne ihre Härte damals, ohne daß sie mir das Furchtbare gesagt hätte: »Deine ehemalige Geliebte hab' ich all die Jahre erhalten – das sollst du wissen – und deinen unehelichen Jungen.« Unehelich – das ist ein dummes Wort, nicht? Kind ist Kind – Kind ist Liebe, ist Vertrauen – ist Glück ... Ja, und Pflicht ist's auch – das hatt' ich vergessen, Adi, ganz vergessen. Und deshalb hat die Madonna mich ins Wasser geworfen – daß ich mir's wieder holen müßte, selbst holen aus der Kälte, die mich nun elend schüttelt acht Tage schon – oder ist's nicht so lang? – selbst wieder holen aus dem See – im Kampf – die Liebe und das Vertrauen und das Glück ... Jetzt hab' ich's – jetzt halt' ich's ... Ruth muß das Geld wieder haben, das sie ausgelegt hat, ohne mein Wissen, für Heidelberg! Alles. Sorg dafür – bald. Dann kann ich das vergessen – auskratzen aus dem Gehirn ... Und siehst du, alles Schöne war erst gestern – und alles Schlimme liegt so weit, Adi, so weit – Das ist vielleicht die Genesung ... Und ich werde die heilige Cäcilie in der goldenen Tunika wieder spielen hören und die sechs Engel singen ... sie singen mit der Stimme von Ev', alle, alle – die kann nie hart sein, die Stimme, nie ungut – die hat nie »unehelich« gesagt – und nie gescholten mit mir ... Und der alte Ackerle, der jetzt Körbe da oben flicht, immerzu Körbe, Körbe – der hat alles vorausgesagt, weißt du das –? Der einfache Mann hat anders hellgesehen – besser, als die verzückte baltische Komtesse – damals in Konstantinopel – nein, nein, es war nicht der Bosporus – wo war's doch? In Venedig, ja ... Und siehst du, das hab' ich Ev' noch versprochen – Venedig! ... Den Rialto und die Lagunen bei Nacht ... In der Merceria liegt eine Kette von weißen Korallen, die will ich ihr kaufen – hol sie mir, die Kette, ja, ich bin zu müde schon – ganz weiße Korallen, nur ein rosa Hauch darüber ... Aber der Bub darf nicht rudern, er darf nicht! Gelt, du versprichst mir's, daß du's dem Gondoliere sagst – daß er's nicht darf ... Und das ist wunderlich, siehst du – hörst du ... das ist gar nicht San Marco dort im Mondschein – nein, das ist doch die Heiliggeistkirche, die Heidelberger Heiliggeistkirche! Ich kenn' sie doch und das Lädchen – mit den Körben – am Gemäuer, wie ein Schwalbennest ... und horch, hörst du den Neckar plätschern –! So plätschert nur der Neckar! Der fließt jetzt in den Main – oder ... und die Glocken von der Heiliggeistkirche läuten – oh, wie laut sie läuten, hörst du, Adi – aber nein, das sind ja die Glocken vom Dom, vom Frankfurter Dom ... Ruf Ev', ja ruf sie! – sie soll kommen, rasch! Sie soll die Glocken läuten hören vom Frankfurter Dom! ... Ich hab's ihr versprochen, damals schon – der Ev'. Und man muß halten, was man ...« Ich war ans Fenster geeilt und winkte in den Garten. Ev' kam in fliegender Hast mit dem Jungen. Ben sprach nicht mehr. Er hatte die Augen auf, weit auf, und lauschte angestrengt. Nichts war zu hören, als die plätschernden Wellen des Luganer Sees, die in sanftem Spiel die hängenden Zweige der Trauerweide an die Mauern schlugen von Bens Paradies. »Will der Onkel schlafen –?« Die Stimme des kleinen Sepp zitterte ein wenig. Etwas Unheimliches rührte sein Herzchen an. Ev' führte ihn ganz dicht ans Bett. Ein schmerzliches Begreifen und ein fester Entschluß war deutlich ihren blassen Zügen aufgeprägt. »Sepp, mein Büble – du hast ihn lieb , gelt?« »Arg, Mutter, arg!« »Es ist dein Vater , Kind, nicht dein Onkel.« Ich hab' nie eine Frauenstimme so sanft, so gütig und so ganz erfüllt von Liebe gehört, wie die ihre, als sie zu dem Knaben sprach: »Sag jetzt mal recht laut und lieb »Papa« zu ihm!« Ein leuchtendes Erstaunen flog über das offene Knabengesicht. Selig und ein bißchen verschämt beugte sich das Bübchen ganz dicht zu dem Liegenden, und die Lippen formten, wie etwas Ungewohntes, Fremdes, Wunderschönes behutsam und leise die zärtlichen Worte: »Papa – mein lieber Papa!« In Bens Augen flackerte sekundenlang ein dankbarer Glanz. Wie eine reine Heiterkeit breitete es sich über sein Antlitz. Aber er sprach nicht mehr. Kurz vor Sonnenuntergang starb er. Ev' saß auf dem Bettrand, totenblaß, gefaßt. Sein Kopf, der langsam die Röte verlor, lag fest in ihrem weichen, vollen Arm. Der Junge war, sein Händchen in des spät gefundenen Vaters Hand gegraben, im Sitzen eingeschlafen. Er atmete ganz ruhig, das blonde Köpfchen tief auf der Brust. Ein gelber Falter war vom Garten her ins Zimmer geflogen und schaukelte über das Bett zu den Nelken in der Vase. Da erhob sich Ev'. Das Gold des Abends wob ihr eine Tunika, wie jene heilige Cäcilie sie trug, deren himmlisches Spiel in des Sterbenden letztes Fieber geklungen. Sie beugte sich nieder und küßte meinem Bruder Ben leise Stirn und Mund. Dann schloß sie ihm mit der weichen, guten Hand, die er geliebt hatte, die gebrochenen Augen. Wir sprachen nicht, und wir weinten nicht laut. Es war ein Schweigen um ihn, wie im Tempel. Nur der Atem des friedlich schlafenden Kindes strich, leise hörbar, durch das stille, stille Gemach. Fünfundvierzigstes Kapitel Wir haben ihn nicht nach Deutschland überführt. Wir haben ihn oben im Kanton Tessin begraben. In den Aufzeichnungen, die er Peter Pütz diktiert, fand sich der Satz: »Ich bin als Lebender so gern gereist – als Toter mag ich nicht spazierenfahren.« So führte ihn sein letzter Wunsch nur die Windungen der Steintreppe hinauf zum stillen Zypressengarten der Madonna del Sasso. Und wenn er sich aufrichten möchte aus seinem Hügel, er könnte zu seinen Füßen sein Häuschen liegen sehen. Unten am See in den Rosen. Sonnig und friedlich war alles um ihn, solange er noch ausgestreckt lag unter der bunten Mailänder Seidendecke, Sepps Blumen aus dem Gärtchen in den gefalteten Händen. Peter Pütz, im schwarzen Frack mit Silberknöpfen, hat ihn noch rasiert und ihm zum letzten Male den Scheitel gezogen durch das wellige, starke Haar. Und als der Getreue das blasse, kalte Gesicht seines toten Herrn behutsam mit dem essiggetränkten Tuche rieb, war's zum ersten Male vorbei mit all der schönen Korrektheit; und Peter Pütz schluchzte und schluckte die ausbrechenden Tränen, wie es nirgends im Buche des Prinzen Reuß vermerkt und vorgeschrieben war. Als der Sarg schon im Hause war, fuhr ein Wagen vor. » Una Signora – una vecchia – amica del morto ... Gaëtano meldete das. Und schon kam, gestützt auf ein junges Mädchen, das die Rote-Kreuz-Brosche trug, gebeugt, asthmatisch, eine alte Frau die Treppe herauf. Ihr Stock schlug schwer auf die Stufen. Die immer noch roten Backen der alten Dame standen in merkwürdigem Gegensatz zu der schneeweißen Haarkrone über dem breiten Gesicht. Lebendig in dieser schwer bewegten Masse waren nur die dunklen, jung gebliebenen Augen. »Es soll niemand –« Ev' wollte die Tür schließen. Der Tote gehörte ihr. »Laß sie herein, Ev',« bat ich, »sie hat vielleicht doch ein Recht. Es ist Frau Margarete Morgenthau.« Margarete Morgenthau nickte mir nur zu. Ein Blick, mehr mitleidig als neugierig, streifte Ev', die gesenkten Kopfes den Weg zum Bett freigab. Die Begleiterin hielt sich scheu an der Tür, faltete die Hände und sprach mit bebenden Lippen leise ein Gebet. Schwer auf den Stock gestützt, stand Margarete Morgenthau bei dem Toten. »Ich hab' ihn zuerst gesehen –,« nickte sie; und es war, als ob sie ein Recht verkünde, hier zu stehen, und eine Überzeugung, daß es so sein müsse. »Ich – zuerst. Auf einem Teppich hat er gelegen – und das Muster des Teppichs waren lauter Blumen.« Sepp ist leise hereingekommen. Er begreift den Tod nicht, aber er fühlt seine Schauer, sieht, daß Mutter und Diener traurig sind, und daß alle Leute auf der Straße leiser reden und zu den Fenstern hinaufschauen, wenn sie am Hause vorbeigehen. Er schmiegt sich dicht an die Mutter und sieht scheu hinüber zu der weißhaarigen fremden Frau; die sich, auf ihren Stock gestützt, niederbeugt zu dem schweigenden, wachsblassen Mann, zu dem er ein einziges Mal »Papa« gesagt hat. Einmal und nie mehr. Margarete Morgenthau ist gegangen. Sie hat uns nur die Hand gedrückt und dem Buben lang in die Augen gesehen. Dann hat sie genickt und gesagt: »So sah er aus, als er das Myrtenreislein aus der Schwester Brautkranz trug.« Und dann zu Ev': »Ihnen ist ein köstliches Vermächtnis geworden – hüten Sie's!« Geweint hat sie nicht. Sie ist vielleicht zu alt dazu und hat keine Tränen mehr. Das Räderrollen verhallt auf der Straße nach Lugano. ... Am Tag der Beerdigung kommt Tobias Moscheles mit dem Frühschiff. Er ist die Nacht durch den Gotthard gefahren. Übernächtig und mit wirrem Bart, Staub auf dem Smoking und dem umflorten Zylinder, schleppt er einen Riesenkranz mit Schleife. »Telegraphisch bestellt,« sagt er stolz. »Wie hab' ich's gemacht? Ich hab' im Café Bauer in Berlin das Adreßbuch von Lugano nachgeschaut. Praktisch. Einfach an die Firma depeschiert: »Kranz für fünfzig Mark – mit Inschrift.« Aber die Leute hier können scheint's kein Deutsch. Bitte, sehen Sie – »dem vererten und geliebten Scheff« – verert ohne h! und Scheff mit einem Sch. Man meint, der Honneff hat Korrektur gelesen! Hat man nicht immer seinen Ärger, auch wenn man seelisch erschüttert ist!« Obschon Tobias Moscheles seelisch erschüttert war, fand er doch noch Zeit, eine Flasche Barletta zu trinken und Keks dazu zu essen, das Anwesen zu taxieren, nach dem Testament zu fragen und ausführlich zu erzählen, wie er sofort bei Empfang der Nachricht die Ansicht vertreten, daß »Der letzte Schick« und die »Schönheitsschule« und die Wüllichsche Fabrik mindestens einen gemeinsamen offiziellen Vertreter auf Geschäftskosten zur Beerdigung senden müßten. Die Wahl sei, seinem Vorschlag entsprechend, auf ihn gefallen. Es sei ihm eine Herzenssache, dem edlen Mann und Chef und, das dürfe er sagen, dem teuren Freunde persönlich die letzte Ehre zu erweisen. Er wollte dann gleich noch ein paar Tage zur Erholung im Tessin bleiben und einen veralteten Bronchialkatarrh pflegen. Man müsse die Feste, auch die traurigen, feiern, wie sie fallen. Und er fragte Peter Pütz, ob er vielleicht eine gute Pension in Melide wisse und wieviel man da wohl anlegen müsse für ein hübsches Zimmer und drei reichliche Mahlzeiten mit Licht und Bedienung. Ich sah zu Ben hin, der schon im Sarg lag. Er lächelte nicht. Die seelischen Erschütterungen der leidtragenden Tobiasse dieser Erde erreichten sein einst so fröhliches Herz nicht mehr. ... Der evangelische Pfarrer von Lugano, ein älterer Schweizer von herzlicher Schlichtheit, sprach oben am offenen Grab ein Gebet. »Der Mann hat mich nicht gekannt und weiß nichts von mir,« hieß es in Peter Pütz' Aufzeichnungen nach Bens Diktat, »so soll er nicht über mich reden. Aber gesegnet wär' ich gern von ihm.« Vom See her trug die klare Luft ein frohes Lied heraus, als ich die drei Schaufeln Erde warf. Junge Mädchen sangen, nicht ahnend unseren Schmerz in der Höhe, da unten in einem gleitenden Kahn. Und mir war's, als ob Bens lieber Leichtsinn, der alle Erdensorgen durchdrang und besiegte, einen Gruß schickte zu seinem letzten Fest. Und der Pfarrer neigte sich und segnete den Hügel, auf den Peter Pütz und Gaëtano rasch die Kränze und Blumen gehäuft, daß es aussah, als quelle ein reicher Strauß südlicher Schönheit siegreich aus grauen Schollen. »Und so schlafe denn in Frieden, Hermann Otto Wilhelm Mewes, geliebt, beweint und unvergessen! Ruhe über unserem See, als treu beherbergter Gast, in der fremden Erde, Bruder aller, die um dich gelagert schlummern und die du nicht gekannt; Kind Gottes, der deine früh befreite, gütige Seele empfangen möge im reinen Licht seiner ewigen Gnade! Amen.« Zum letzten Male war der Name Hermann Otto Wilhelm von einem Munde gekommen. Fremd und seltsam klang er an mein Ohr. Gewiß, so war der Bruder getauft, aber so hieß er nicht für uns, die um ihn gewesen. Es war mir, als ob ich den Toten noch einmal rufen müsse bei dem anderen, bei seinem echten Namen, unter dem wir ihn gekannt und geliebt. Und so trat ich rasch an den Hügel, grüßte den Schlafenden zu letztem Abschied und sprach laut, als ob er's doch noch hören könnte: »Hab Dank und leb wohl, mein Bruder Benjamin!« Dann gab ich der Frau, die er geliebt hatte, den Arm und nahm den blonden Jungen an der Hand, der seinen Vater gefunden und verloren hatte an einem Tag. Und langsam stiegen wir drei von dem stillen Zypressengarten der Madonna del Sasso durch die Rebenterrassen und Magnoliengärten hinab in das hell besonnte Städtchen. Hinab ins Leben. Die Worte Bens, die er mit fiebernden Lippen gesprochen, klangen mir wie reines Geläut durch die Seele: »Alles Schöne war erst gestern – und alles Schlimme liegt so weit.« Das Lied der jungen Mädchen jubelte noch immer vom See her. Aber wir sahen den Nachen nicht mehr, in dem sie saßen. Der fuhr jetzt wohl dicht am Ufer hin.