Julius Wolff Der wilde Jäger Dir, meiner Heimat!         Dir, meiner Heimat, danke ich dies Lied. Im Harzgebirg, im Tal der wilden Bode, Im sturmgepflügten Reich des gro0en Wode Liegt meiner goldnen Jugend Stromgebiet. Bescheiden kam ich, der ich nichts entbehrte, Zu deiner wunderwüchsigen Natur, Du gabst mir Alles, weil ich nichts begehrte, Und wies'st mir lächelnd deines Lebens Spur. Du öffnetest dem Jüngling Aug' und Ohr Und führtest mich mit treuen Mutterhänden, Wenn ich auf Bergen, zwischen Felsenwänden, In Waldeseinsamkeiten mich verlor. Im hellen Sonnenglanz, im Schattendunkel, Am frühen Morgen und im Abendroth, Im Nebelwogen und im Thaugefunkel Warst du es, die mir Schätz' auf Schätze bot. Kostbarer war mir, als das edle Erz Aus deinen Gruben, was du gabst in Fülle, Es war wie Duft in zarter Knospenhülle, Ich sog ihn ein, und trunken ward mein Herz. Bald fühlte ich in mir des Segens Walten, Daß Wurzel schlug der tief versenkte Keim, Es regte sich ein Werden und Gestalten, Und des Besitzes froh, hielt ich's geheim. Was war es denn, was du mir da geschenkt Mit deiner Blumen Blühn, der Wellen Kräuseln, Der Wipfel Rauschen und der Lüfte Säuseln? War's etwas, dessen man noch heute denkt? Es war ein schüchternes, verschwiegnes Streben, Ein glücklich Ahnen und ein halb Verstehn, Ein freudig Nehmen und dann Wiedergeben, Ein unwillkürlich dichterisch Geschehn. Du zeigtest mir des Bildens Meisterschaft, Den flücht'gen Wechsel und die feste Dauer Und warfst mir in die Seele fromme Schauer Vor einer unbegreiflich hohen Kraft. Du lehrtest deine Märchen mich und Sagen, Gabst mir die Wünschelruthe in die Hand, Und wo ich ging und stand, hat sie geschlagen, Ich bin dein Schuldner, du mein Harzer Land. Um deine Berge weht ein alter Sang, Der Sturmwind selber ist sein rauher Träger, Er saust und braust von einem wilden Jäger , Gewaltig, grauenvoll wie Donnerklang. Ich hab' ein Echo davon aufgefangen, Und nie verhallt' es, seit ich von dir schied; Nimm wieder, was ich nur von dir empfangen, – Dir, meiner Heimat, widme ich dies Lied!     Berlin , den 16. September 1877. Inhalt.       I. Am Wodansmal II. Frühling III. Auf der Treseburg IV. Die Reiherbaize V. Waldesruh VI. Die Hirschjagd VII. Der nächste Schuß VIII. Der Abt von Walkenried IX. Wulfhild und Waldtraut X. Der Wildschütz XI. Die Sauhatz XII. Hackelberend's Tod XIII. Zu Grabe XIV. Die Erstürmung der Burg XV. Die wilde Jagd I. Am Wodansmal.                   Hie heb' ich an mit sagen Von einem großen Turney, Wie seit ewigen Erdentagen Der Winter kämpft mit dem Mai. Es ist ein Rennen und Stechen, Ein Packen und Streiten mit Macht, Es ist ein Biegen und Brechen In wogender Frühlingsschlacht. Ein Rauschen ist's und Wettern Wie Seegang übers Gefild, Ein Krachen ist's und Schmettern Wie Schwerthieb auf klingenden Schild. Es ist ein lautes Tönen Wie eherner Glocken Schall, Es ist ein dumpfes Dröhnen Wie grollender Widerhall. Es wirbelt und schwirrt um die Gipfel, Es pfeift um zackig Gestein, Durch knarrende, knackende Wipfel Und surret und sauset hinein. Und alle das Wehen und Weben, Das Wallen in Nebel und Rauch, Es ist wie Flattern und Schweben Vor lebendigen Odems Hauch. Das Wuchten und Wiegen in Zweigen, In Halm und Strauch und Gezäh, Es ist wie Nicken und Neigen Vor eines Gewaltigen Näh. Der kommt daher mit Brausen Durch Feld und Wald und Ried Mit Grauen und mit Grausen, Und also klingt sein Lied: Wenn ich mich erhebe Die Schwingen reckend Und weithin streckend In Wolken schwebe, Ob's nächtet, ob's taget, Still wird's umher, Nichts Lebendes waget Zu athmen mehr. Was ferne mich wittert, Lauschet und zittert In Schweigen und Schauern, Ein kurzes Dauern, – Und mit furchtbarem Stoß Brech' ich los! Ich fege die Meere Und wälze in Bogen Die schäumenden Wogen Durchs trostlos Leere. Ich erschüttre die Lasten Des sperrenden Riffs, Ich knicke die Masten Des ziehenden Schiffs, Das ich zerschlage; Wehruf und Klage Sinkender Schwimmer Rühret mich nimmer, Fluch und Gebet, Alles verweht. An schneeigen Firnen Weiß ich zu rütteln, Unwirsch schütteln Die trotzigen Stirnen Von Schroffen und Jochen Und starrender Wand Felsen gebrochen Ins blühende Land. Lawinen verschütten Der Menschlein Hütten Und was sie drin haben, Wer drunter begraben, Getilgt aus dem Licht, Mich kümmert's nicht. Wunschwind mein Name, Wille mein Wesen, Macht und Genesen, Segen und Same. Ich wirke auf Erden Die zeugende Kraft, Gebären und Werden Und nährenden Saft. Ich bringe Gedeihen, Mit Würzen und Weihen Die Wege zu bahnen Dem Träumen und Ahnen Und rufe im Lauf: Frühling, wach' auf! So singt der Sturm; es hören Die Wesen den zaub'rischen Ruf Wie geisterhaft Beschwören, Das neues Leben schuf. »Wer hat an den Heerschild geschlagen? Wer hat uns geweckt in der Nacht? Wer will den Waffengang wagen Mit des Tyrannen Macht? Ist nahe die Siegesfeier Dem unterdrückten Geschlecht? Um deine Stirn, Befreier, Ein waldesgrün Geflecht! Du brichst mit kühnem Beginnen Von außen herein dir Bahn, Wir schlagen uns durch von innen, Bis wir bei einander stahn.« So regen sich Aufruhrsgedanken, Hoffnung und Freiheitsgelüst, Daher auch das Winken und Wanken Im beweglichen Waldesgerüst. Da geht es ans Sprengen der Bande, Da bricht manch geschmiedeter Ring, Und jauchzend erhebt sich im Lande, Wer seufzend voll Ketten hing. In hohen und niederen Schichten Steigt's gährend durch Splint und Bast, Auf die Streue werfen die Fichten Des Schneedrucks beugende Last. Was Nadeln trägt am Leibe, Das rüttelt und schüttelt sie flugs, Blaugrüner Wachholder und Eibe Und der Kiefer schirmender Wuchs An gefurchten Borken in Rieseln Sickert's wie triefender Schweiß, Hängt naß an allen Zwieseln Und tropft von jeglichem Reis; Und wie unter Büschen und Lohden Der Schnee auf dem Laube zergeht, In jedem Blatte am Boden Ein blinkendes Wässerlein steht. So ist in Tagen und Stunden Geschlagen des Winters Macht, Verronnen und verschwunden All seine fürstliche Pracht. Sein glitzernder Stirnreif nicket Herab vom alternden Haupt, Eiszacken, sein Scepter geknicket, Seine silberne Rüstung geraubt, Zerbrochen sein Ingesiegel, Das er aufs Leben gelegt, Und sein kristallener Spiegel Vom Teiche hinweg gefegt, Demanten Geschmeid und Spangen Und Schleier und Spitzen dahin, Hoch oben am Felsen hangen Die Fetzen vom Hermelin. Auf springt die gefrorene Quelle, Der Bach rauscht schäumend und wild Und stürzet Welle auf Welle Vom Berg ins ebne Gefild. Die breiten Ströme rollen Randvoll durchs bangende Land Und schieben geborstene Schollen Knirschend zum Meeresstrand. Feuchtdunstig ist's und düster Im Laubwald und im Tann, Da hebt nun ein Geflüster, Ein Treiben und Wachsen an. Die Wurzeln will es dehnen, Die Erde lockern am Fuß, Es kommt ein Sinnen und Sehnen Wie bei der Vöglein Gruß. Halt ein, ihr Blätter und Blüthen! Halt ein, es stürmt aus Nord, Es kommt zurück mit Wüthen Der Winter zu Raub und Mord. Er bringt euch jungen Sprossen Den Tod und schneidiges Weh, Er prasselt mit Hagel und Schlossen Und stöbert mit knisterndem Schnee. Frost wieder in Banden strecket Der Bäche Schäumen und Sprühn, Und kaltes Schneeweiß decket Das kaum erwachende Grün. Und wieder hebt ein Ringen, Ein Kämpfen Mann an Mann, Ein Schlagen mit scharfen Klingen, Ein Toben und Tosen an. Der Frühling siegt am Tage, Der Winter in der Nacht, Hat von der Niederlage Sich wieder zu Athem gebracht, Ist wieder heran geschlichen, Liegt weit und breit im Feld, Vor ihm zurückgewichen Ist wieder der jüngere Held. Der holt nun aus zum Streiche Und schlägt mit sausender Wucht Aus dem eroberten Reiche Den Winter in die Flucht. Und vor den fliegenden Schaaren Mit Fähnlein und blitzendem Speer, Den schallenden Siegsfanfaren Und dem strahlenden, sonnigen Heer Fliehn Winter und Wintersknechte In trauriger Gestalt, Und lächelnd sitzt im Rechte Des lustigen Lenzes Gewalt – Im Harzgebirg entspringet Am Blocksberg aus dem Quell, Rauscht durch den Wald und singet Die Bode klar und hell. War Wode sonst geheißen, Muß treiben manch Mühlenrad, Holz sägen und Eisen schweißen Mit Wassersturz und Bad. Bevor von ihren Bergen Sie fröhlich herunter klimmt Und von den Nixen und Zwergen Den letzten Abschied nimmt, Muß sie sich krümmen und winden Durch ein wildgrausig Thal, Verschlungene Wege finden In Bogen ohne Zahl. Die Felsen stolzer und kühner Findet ihr nicht so bald, Und krauser ist und grüner Nirgends der deutsche Wald. Da ragt mit Zinnen und Ecken Manch Bollwerk und finsteres Thor, Und Pfeiler und Säulen recken Sich trotzig zum Lichte empor. Da beugen hinüber und bücken Sich Blöcke mit drohender Wucht, Als wollten sie überbrücken Mit ihrem Sturze die Schlucht. Da klaffen Risse und Spalten, Da stehen hoch aufgericht' Verwunschene Thiergestalten, Versteinertes Menschengesicht. Da klammert mit durstigen Fasern Strauchwerk am Felsen sich an Und kniet mit Wurzeln und Masern, Wo handbreit es haften kann. Hoch oben rüttelt und spület Windstoß und Regenguß, Tief unten kämpft und wühlet Wirbelnd und schäumend der Fluß Die Wasser stürzen und schnellen In Strudel und Gischt hinein, Brandende, brausende Wellen Waschen und höhlen den Stein. Wollet ihr horchen und lauschen In langen Thales Lauf, Es schallet das Tosen und Rauschen Bis auf die Berge hinauf. Ihr schaut von Zacken und Klippen, Gerölle, nackt und bloß, Als säht ihr durch Felsenrippen Bis in der Erde Schoß. Ein Felsstock aber vor allen Thürmt sich zu schwindelndem Rand, Es fußen nicht Adlerskrallen An lothrecht steigender Wand. Auf seinem Scheitel, dem grauen, Weit herrschend über dem Thal, Ist in den Fels gehauen Von Rosseshuf ein Mal. Kein aufgezäumter Rappe, Den je ein Sterblicher ritt, Schlug funkensprühend die Trappe Hier in den harten Granit. Von Sleipnirs Hufe rühret Die heilige Rune nur, Und Opfer wurden geschüret Uralter Götter Spur. In Abenddämm'rung schweiget Der Sturm und hemmt den Lauf, Und hinter den Bergen steiget Schweres Gewölk herauf. Am Roßtrappmale stehet Frei eine hohe Gestalt, Des Recken Langbart wehet, Sein faltiger Mantel wallt. Die Götterstirne decket Schattend ein breiter Hut, Darunter aber schrecket Einäugigen Blickes Gluth. Zu seinen Füßen liegen Zwei Wölfe, grimm und greis, Sein mächtiges Haupt umfliegen Zwei Raben in engem Kreis. Langsam in weitem Bogen Schwingt er den ragenden Speer, Hat über sich gezogen Einen Ring in der Lüfte Meer. Da fährt aus den Wolkenballen Hernieder ein rother Strahl, Und krachende Donner hallen Rollend durchs Felsenthal. Mit tausendstimmigem Munde Fällt brüllend das Echo ein, Und leuchtend in die Runde Zucket der Blitze Schein. Es rauscht durch der Zweige Gitter, Verschwunden ist die Gestalt, Das erste Frühlingsgewitter Schlägt in den ruhenden Wald. II. Frühling.               Manch finstre Nächte währt das Wehen Mit Tropfenfall und Wetterschlag, Und redlich plagt sich jeder Tag, Den Wind soweit herum zu drehen, Daß er die Wolken seitwärts schiebt Und endlich blauen Himmel giebt. Dann aus dem rein gefegten Haus Tritt auch die liebe Sonn' heraus Und streut verschwenderisch ihr Gold All den Millionen, die drum betteln, Als ob sie's lächelnd, Allen hold, An einem Tage sollt' verzetteln. Im Wald, dem eben noch so dunkeln, Hebt nun ein Flimmern an, ein Glast Und ein geheimnißvolles Funkeln Als wie in einem Feenpalast. Es treibt mit Macht und wächst und quillt, Die schlanke Buchenknospe schwillt, Braunröthlich glänzen ihre Schuppen, Das Junge möchte sich entpuppen, Aus eingeschachtelten Gelenken Sein zartbewimpert Fähnlein schwenken; Denn Andre blühen schon, bevor Ein Blättchen zeigt sein lauschend Ohr. Die Erle und die Haselnuß, Das sind die Ersten aus den Windeln, Sie strecken früh am jungen Schuß Die locker aufgeschloss'nen Spindeln. Da hängen nun zu drei und vier Die braunen und die gelben Kätzchen, Und dicht am Reis, verborgen schier, Am lauschig wohlgeschützten Plätzchen Duckt sich der Hasel Blüthenweibchen Und trägt auf seinem runden Leibchen Gleich einem hochgebundnen Zopf Blutrothen Federbusch am Schopf. In blendend Linnen, klar wie Schnee, Hüllt sich der schwarze Dorn der Schleh, Die Espe spinnt sich weiche Seide Zu langen Schwänzen, kraus gelockt, Die Ulme blüht, und auch die Weide Ihr wollig Silberschäfchen flockt. Nur Eiche ist noch kahl und wirr, Ihr knickig Sparrwerk und Geschirr Hält an dem äußersten Geäst Ihr vorigjährig Herbstlaub fest, Fahlgrau, verfärbt, verschrumpft, zerknittert, Zu zähem Leder schon verwittert. Doch wenn auch sie die Knospen spaltet Und ihr gezacktes Blatt entfaltet, Dann glänzt es in der Eichenkrone, Als ob an jedem jungen Trieb Mit grünlich goldnem Farbentone Ein Frührothschimmer haften blieb. Und wo des Waldes Boden frei Von welkem Laub und Nadelstreu, Webt sich ein Teppich Zoll bei Zoll, Natur nimmt gern den Pinsel voll, Schattirt und malt ihr Frühlingskleid Und schmückt sich wie zum Tanz die Maid. Wer in das junge Grün so schaut, In dichtes Gras und duftig Kraut Auf einsam stillem Waldespfad, Dem ist's wie ein erquickend Bad, Darein er tief die Blicke taucht Und hierhin läßt und dorthin schweifen, Als wollt' er, weil sein Herz sie braucht, Die Farbe mit den Augen greifen. Da find't er, was er nicht gesucht, Ein kleines blaues Wunder lugt Verstohlen aus dem Grün, ganz nah – Ach! erstes Veilchen, bist du da? Gegrüßt, gegrüßt, o Violett. In deinem weichen Kräuterbett! Ja, blühe, fröhlich Märzenkind, Und zürne nicht dem Dieb, dem Wind, Der schmeichelnd, kosend dich umspielt Und mit dem Duft, den er dir stiehlt, Die holden Schwestern lockt hervor, Den ganzen, bunten Blumenflor. Hornköpfchen fängt den Reigen an Mit Moschuskraut und Bärentraube, Steinsame, blauer Gundermann Und Purpurnessel dann, die taube, Maiglöckchen, Himmelsschlüsselein, Maßlieb, Windröschen blühn, die weißen, Erdrauch, Sinngrün, Gedenke mein, Goldmilz, und wie sie Alle heißen, Die Erstling' in dem vollen Kranz, Womit der Wald sich festlich gürtet, Eh' er die Spielleut' ruft zum Tanz Und seine Gäste reich bewirthet. Dazu erscheint dann flink und froh Auch kleines Volk, das darf nicht fehlen, Es kommt zu Hauf und muß sich so Zu sagen in das Leben stehlen. Es hört das Wachsen, und die Brut Erwacht der flatterhaften Kerfen, Die eingesargt bisher geruht, Nun ihre Hüllen von sich werfen. Es schlüpft aus welker Blätter Falten, Es zappelt und es schwirrt sich los, Zwängt sich hervor aus engen Spalten Und gräbt sich aus der Erde Schoß. Zu dem Gewimmel kleiner Wühler In Moos und Gras, an Baum und Blatt Zählt Alles, was am Kopfe Fühler Und mindestens sechs Beine hat, Mit Doppelflügeln, kurzen, langen Aus Netz und Schuppen, Haut und Horn, Bewehrt mit Rüssel oder Zangen, Giftdrüse, Stachel oder Dorn. Doch die unzählige Gemeinde, Die aufersteht und frißt und stirbt, Hat eine Schaar beschwingter Feinde, Die sie verfolgt, faßt und verdirbt. Das sind leichtherzige Vaganten, Stets auf der Jagd, stets auf dem Fang, Die lieben, klugen Allbekannten, Die kommen nun mit Sang und Klang. Es geht ein Schmettern durch den Wald: Frühling! so heißt's vom Zweige hüben. Und lustig kommt die Antwort bald: Frühling! Frühling! so ruft's auch drüben. Der Eine hat bei knappem Brot Sich ehrlich hungernd durchgeschlagen Durch Winters Elend, Angst und Noth Und vor der Räuber scharfem Jagen. Der Andere hausirt' und strich Wie ein Zigeuner durchs Gelände, Wo sich ein Tischchendeckedich Von Gottes Gnaden für ihn fände. Der Dritte kommt weit übers Meer Wohl nach ermüdend langem Fluge, Sieht er den Bach von Eise leer, Ist er zufrieden mit dem Zuge. Sie treffen sich von fern und nah, Und Einer frägt vergnügt den Andern: »Wie geht's? wie steht's? bist wieder da? Wie ist bekommen dir das Wandern?« Wie der erst rechts das Beinchen reckt Ganz weit nach hinten und behäglich Den Flügel lang darüber streckt Und dann auch links, spricht er: »Erträglich!« Und dreht und plustert sich und blickt Keck wie ein Sänger von der Bühne, Wetzt seinen Schnabel, wippt und nickt Und schmettert lustig Eins ins Grüne. Des Nadelwaldes rother Sohn Am Kiefernzapfen hängt kopfunter, Der Nagelschmiede Schutzpatron Kreuzschnabel ist am frühsten munter Er denkt zuerst an junge Brut, Sitzt auf des Wipfels Kronentriebe Und schnurrt sein Liedlein schlecht und gut Der Auserwählten seiner Liebe. Die Meise zirpt von Ast zu Ast, Stieglitz und Hänfling kommt und Zeisig, Zaunkönig gönnt sich nimmer Rast, Schlüpft durch der Hecke Dornenreisig. Buchfink zum Doppelschlage stimmt, Schwarzdrossel ruft, ob Alle schwiegen, Goldhähnchen zwitschert, Grünspecht klimmt Holzhackend, daß die Späne fliegen. Es zittern im Gesang und schnelln Die kleinen Kehlen auf und nieder, Aus jeder Vogelseele quelln Nun tiefempfundne Liebeslieder. Und ist geworben und gefreit, Ließ sich vom Lenz das Pärchen trauen, So geht's in edlem Wettestreit Ans kunstgerechte Nesterbauen. Es stört sie nicht, daß aus dem Horst Den Wald durchschallt des Sperbers Schrei, In Schraubenlinien überm Forst Hoch schwebt und stolz der Gabelweih. Der späht in eine Felsenbucht, Aus der es ihm verlockend duftet, Unwegsam ist die finstre Schlucht, Zu tiefen Höhlen ganz zerklüftet. Da liegen mit der Ballen Filz Uralte windgebrochne Fichten, Und Flechten wuchern, Schwamm und Pilz Am faulen Stamm in dicken Schichten. Der Brombeer rankendes Genist Zieht um die Wildniß dichte Hecken, Farrnwedel eingerollt noch ist In bräunlich rauhbehaarte Schnecken. Hier haust der Bär, verläßt sein Loch, Erhebt sich auf den Hinterbranten, Vom langen Fasten mager noch, Und wittert um die Felsenkanten. Und was im Winterschlaf lag Und an dem eignen Fette zehrte, Das kommt hervor am warmen Tag, Der vor des Lagers Thüre kehrte. Der Dachs schleicht wurzelnd aus dem Bau Und löste seines Hauses Riegel, Mißtrauisch windend durch den Thau Kommt angeschnuppert auch der Igel. Und die gescharrt im tiefen Schnee Und hungrig hofften, daß er schmelze, Sie letzen sich am jungen Klee Und färben anders ihre Pelze. Blattknospen äst das Edelwild, Der Zwanzig-Ender hat geworfen, Die Sau reibt ihres Blattes Schild An moosbewachsnen Eichenschorfen. Und wo sie wechseln, wo sie gehn, Ist's grün geworden auf den Bahnen, Im duft'gen Morgenwinde wehn Zum Frühlingseinzug alle Fahnen. Nun wölbt der Wald sein laubig Zelt Im Sonnenschein, im Glanz der Sterne, Und eine lebensvolle Welt Dehnt er sich in die blaue Ferne. Die Tage schwinden und die Wochen, Mit Sang und Klang zog ab der Mai, Wer zählt die Knospen, die erbrochen? Wer sagt, ob's Lenz, ob's Sommer sei? Den schattenkühlen Wald durchstreifet Ein Jäger in des Grafen Pflicht, An Wuchse fast zum Mann gereifet, Ein Jüngling noch von Angesicht. Das blickt frischfrei aus braunem Kragen, Der ihm um Hals und Schultern liegt Und übers Haupt hinaufgeschlagen, Sich dicht um Kinn und Wange schmiegt. Sein Kleid ein schlichtes Wamms von Leder, Armbrust und Jagdspieß sein Gestell, Sein Schmuck Hifthorn und Habichtsfeder Und an der Kappe Otterfell. So ist er waidlich ausgerüstet Zum Kampfe wie zu gutem Fang, Doch scheint es nicht, daß ihn gelüstet Nach Beute auf dem stillen Gang. Er will nicht jagen, will nicht birschen, Das wüßte man ihm wenig Dank, Er spüret nicht den edlen Hirschen Und folgt nicht seinem Schritt und Schrank. Nur auf den Wilddieb will er fahnden, Der jüngst das Schmalthier abgethan, Den schweren Frevel will er ahnden, Sei's Aug' um Auge, Zahn um Zahn. Doch sollte sich ihm Raubzeug stellen, Sei es befiedert, sei's behaart, Darauf würd' er den Bolzen schnellen, Gern hätt' er eines Luchses Bart, Gern wüßt' er, ob noch mit den Jungen Der Fuchs bewohnt den alten Bau; Er schleicht sich an, und bald gesprungen Kommt aus der Röhre Füchslein schlau. Zwei Andre folgen, und sie spielen Ganz lustig, unbekümmert hier, Dem Jäger zuckt die Hand zum Zielen, Jedoch bezwingt er die Begier. Nur Einen kann sein Pfeil zerspalten, Dann würde in der nächsten Nacht Die ganze Sippschaft Umzug halten, Und um die Zwei wär' er gebracht. Versteckt sieht er die Füchslein hüpfen, Wie eins das Andre täppisch packt, Kopfüber stürzt, zerrt, läßt entschlüpfen, In Lauf und Lunte zwickt und zwackt. Doch plötzlich in den Bau sie fahren, Er steht verwunderten Gesichts, – Fuchsnasen wittern wohl Gefahren, Du, lieber Waidmann, merkst noch nichts, Und doch bist du es, dem sie drohen, Dem Füchslein nicht im tiefen Grund, O wärst du selber doch entflohen, Waidmann, jetzt wirst du waidewund! Der Jäger spannt, läßt näher kommen, Was kommen will, regt nicht ein Glied, Und – 's ist Gesang, was er vernommen, Hell durch den Wald erklingt ein Lied. Es wächst ein Kraut im Kühlen, Wo Vollmondstrahl geruht Und wer es trägt, muß fühlen, Wie Lieb' im Herzen thut. Wüßt' ich den Platz, den rechten, Vom Kraut im grünen Wald, Wollt' ich's ins Sträußlein flechten, Einem stolzen Knaben bald. Und käm' er dann zur Linde Im Dorfe, wollt' ich sehn, Wie's mit dem Angebinde Dem Knaben würd' ergehn. Ein Blättchen, abgerissen, Trüg' ich wohl auf der Brust, Möcht' selber gerne wissen, Ob's Leid bringt oder Lust. Schwarzspecht, mit deinen Gaben Schaff' mir das Kraut heran Und zeig' mir auch den Knaben, Dem ich es schenken kann. Da bricht es ab; sie sehn sich Beide; Sie fährt zusammen, doch sie denkt: Der Waidmann thut dir nichts zu Leide, Und weiter sie die Schritte lenkt. Doch barsch vertritt er ihr die Wege: »Woher? wohin? sag' mir zur Stell, Was schaffst du hier im Forstgehege?« Da stockt ihm schon der Fragen Quell, Denn aus des Mädchens blauem Auge Lacht's Frühling! wie die Knosp' am Strauch, Wie schlecht zum Zorn auch Lächeln tauge, In seinem Antlitz sonnt es auch. Bald endet das verschämte Schweigen Die blühende Maid und spricht vertraut Aufs Körbchen deutend: »Will dir's zeigen. Ich suche nur Karwendelkraut; Großmütterlein braucht's zum Bestreichen, In ihm steckt wunderbare Kraft, Es stillt das Blut, und Schmerzen weichen, Kocht man beim Vollmond seinen Saft.« Der Jüngling hört kaum, was sie plaudert, Und auch ins Körbchen schaut er nicht, Er blickt nur, wie er steht und zaudert, In ihr holdselig Angesicht. »Wie heißt du?« fragt er, sie berichtet: »Ich heiße Waldtraut, dort hinaus. Wo sich der Wald im Thale lichtet, Steht meines Vaters kleines Haus. Er hat sein Brod vom Kohlenbrennen, Du bist noch neu hier, aber bald Lernst du den Köhler Volrat kennen, Wir sind Tag ein, Tag aus im Wald.« Sie gehn selbander unterdessen Und wissen Beide nicht, wohin, Denn Jeder hat nur, selbstvergessen, Des Andern Gegenwart im Sinn. Und immer wieder schau'n sich Beide Ins jugendstrahlende Gesicht, O wundervolle Augenweide, Du lockst wie wärmend Sonnenlicht! Wer war der Frühling nun im Walde? War es am Busch das junge Grün? Der Vögel Sang an Hag und Halde? War es der Blumen Duft und Blühn? War es von diesen Beiden Einer? Und welcher dann? er oder sie? Ach nein! von Beiden war es Keiner, Der Frühling waren er und sie. Wie Knospen brechen, Blätter sprossen, In eines milden Tages Lauf Zum Leben neu geweckt, so schlossen Sich unschuldsvoll zwei Herzen auf. Und blühend unter grünen Zweigen, Beschützt, beschirmt im Waldesraum, Ging er dahin in süßem Schweigen, Der jungen Liebe Frühlingstraum. Nun scheiden sie. »Auf Wiedersehen, Waldtraut!« spricht er, drückt ihr die Hand, »Wo wird der erste Meiler stehen?«     »Im Schlage, wo der letzte stand.«     »Waldtraut, auch bei den alten Buchen Wie heute, bei dem Fuchsbau da, Kommst du bald wieder Kräuter suchen?« Und lächelnd nickt sie: »Ludolf, ja!« Es blicket Einer nach dem Andern Sich winkend um manch liebes Mal, Er muß noch über Berge wandern. Doch ihr Weg führt hinab ins Thal. Er kommt an eine hohe Klippe, Ersteigt sie mit beschwingtem Fuß Und setzt das Hifthorn an die Lippe Und bläst ihr einen Waidmannsgruß. III. Auf der Treseburg.                                       Wo die Thalschlucht sich erweitert, Schäumend in die wilde Bode Die Luppbode sich ergießet, Stand auf eines Berges Kuppe, Dessen grünliche Gesteinsart Fast wie Katzenauge flimmert, Keck und frei die Treseburg. Hier als Lehnsherr und Gebieter Hauste Graf Hans Hackelberend Mit der schönen, stolzen Tochter, Seinen Rossen, Hunden, Falken Und gerechten Waidgesellen. Wie geschaffen war die Stätte Für den Horst und festen Wohnsitz Eines ritterlichen Waidmanns. Waldumrauscht, geschützt und einsam Und in einem Kranz von Bergen, Die rundum in weitem Abstand Ihn um vieles überragten, Hob der schöngeformte Kegel Mit der Burg sich aus dem Thale. Welches Weges auch der Wandrer Kommen mochte, immer sah er Mitten vor sich auf dem Berge Felsenstolz aus grünem Laube Schimmernd in der Mauern Hellgrau Doch die Burg mit Thurm und Palas. Und wie schaute sich von oben In das offne Thal hernieder, Das mit Wiese, Wald und Wasser Friedevoll und lächelnd dalag Und stromab mit steilern Hängen Voller Klippen sich verengte! In gewundner Schlangenlinie So den Weg, den sie gekommen, Rückwärts nehmend, daß zum Ringe Fast ihr Lauf sich schloß und einte, Floß die Bode um den Burgberg. Auf drei Seiten war die Veste Durch des Felsens jähen Absturz Ganz unnahbar, an der vierten, Wo der Aufstieg war von unten Zog ein tiefer trockner Graben, Drüber eine Zugbrück' führte, Und in dem seit manchen Jahren Ward ein starker Hirsch gehalten. Rings umfriedet von der Mauer. Die auf ihrer inn'ren Seite Zur Vertheidigung von oben Einen hölzern Umgang hatte, Letze oder Wehr geheißen, Lag der Burghof, und am Eingang Stand ein Thorthurm Zinnen tragend, Der die Pforte überwölbte. Marstall, Rüsthaus, Hundezwinger Und das Vogelhaus daneben Waren nur aus Holz gezimmert, Aber steinern die Gebäude Für die Herrschaft und die Gäste Und ein zahlreich Ingesinde. Trutzig, unbezwingbar reckte Sich empor der hohe Bergfried, Den der Graf allein bewohnte, Nur daß oben noch ein Stübchen Für den Wächter war zum Auslug. Gänge und Gemächer zierten Rings vielendige Gehörne, Und darunter hingen Waffen, Schwerter, Speere, Helm und Harnisch Mit verblichnen Wehrgehenken. Hie und da in Stein gemeißelt Oder aus gefärbtem Glase In den bleigefaßten Scheiben Prunkte des Geschlechtes Wappen. In des dicken Thorthurms Halle Saßen eines Nachmittages Gerhard Korn, der Falkenmeister, Und der Bogenspanner Bruno. Beide waren sie die Aelt'sten In des Grafen Jagdgefolge; Gerhard, schon ein rechter Graubart, Wetterfest und kurz gedrungen, Hatte Aufsicht und Befehlich Ueber Allesammt im Burgstall, War berühmt als Falkenier, Der zu Falkenwerth in Flandern Seine Lehrzeit einst bestanden. Bruno war um wenig jünger, Aber lang emporgeschossen Und geschmeidig in den Gliedern, Fester Hand und sichern Auges Und des Grafen bester Stahlschütz. Einen sonderbaren Halsschmuck Trug er auf dem Lederkoller. Aufgereiht wie Perlen waren Rothgesottner Krebse Scheeren, Stark verblaßt schon, als ein Zauber Gegen das Gewehr des Keilers. Jetzt an einem Schleifstein saß er, Und ein großer Haufen Bolzen Lag da neben ihm am Boden, Deren derbe Eisenspitzen Bruno schärfte, und dann wählte Er die besten aus von allen, Sie mit dem gekochten Safte Aus Galläpfeln und mit Grünspan Schwarz wie Ebenholz zu beizen. Gerhard hatte auf dem Tische Einen abgebälgten Wildschwan, Den ihm neulich beim Versuchen Ein frisch abgetragner Falke Aus der Luft gefangen hatte. Diesen Wildschwan auszustopfen War der Falkenier beschäftigt, Denn der königliche Vogel Mit dem Schneegefieder sollte Mit weit ausgespreizten Schwingen Ueberm Bett der jungen Gräfin Grade ihr zu Häupten schweben. Neben Gerhard hing ein Reifen Von der Balkendecke nieder, Darin saß verkappt ein Falke Mit Kurzfessel am Geschühe. Diesen Reifen hielt der Alte Stets in schaukelnder Bewegung; Wenn er sich zur Ruhe neigte, Bracht' ein neuer Anstoß wieder Ihn in Schwingung, stets begleitet Von des Falkners tiefem Zuruf: »Jo! jo!« und recht zärtlich klang es, Als ob er ein Kindlein wiegte, Um es in den Schlaf zu lullen; Nur daß bei dem Falkenschaukeln Just das Gegentheil bezweckt ward, Als beim Kinderwiegen: schlafen, Schlafen durfte nicht der Falke, Ward mit Wachen und mit Hungern Vorbereitet für den Abtrag. »Kennst das hübsche neue Lied schon Von der Stadt Pavia, Gerhard?« Frug jetzt Bruno, »wo dies Frühjahr Am Matthiastag im Hornung Sie die große Schlacht geschlagen Und der Landsknecht' lieber Vater, Herr Georg von Frundsberg selber Mitgefochten?« »Nein,« sprach Gerhard, »Sing' es mir, damit ich's lerne.« »Ich kann's auch nicht,« lachte Bruno, »Aber Wenzel kann es singen, Ist ein gar erbaulich Liedlein.« »Nun so singe mir ein andres, Das Waldkaterlied,« sprach Gerhard. Da hub an der Bogenspanner; Nicht gesungen, nicht gesprochen, Klang es seltsam doch wie beides. Es fand im Wald ein Jägersmann Einen wilden Kater sitzen, Da legt' er seinen Bogen an, Den Kerl hinweg zu flitzen. Der hob die Pfoten jämmerlich: »Ach, Jägersmann! erbarme dich Und laß mich leben!« rief er, »Dich irrt mein Bild, Ich bin kein Wild, Bin ein verwunschner Küfer. »Weil ich im Keller Wein gemischt, Verschnitten und verkandelt, Für echt verzapft und aufgetischt, Dafür bin ich verwandelt Dreihundert Jahr in einem Stück, Dann kann ich wiederum zurück Mein Schenkenamt erwerben. Bald sind sie um, Ich möchte drum Nicht gern als Kater sterben. »Viel Ehrtrünk hält ein füdrig Faß Landwein, du wirst ja schweigen! Hollunderblüthe macht dein Naß Zu Muskateller steigen! So sprach ich einst, nun weiß ich doch Die allerschönste Mischung noch, Will sie zum Dank dich lehren. Du aber halt', Jung oder alt, Waldkaters Rath in Ehren! »Im Walde grünt ein Edelkraut, Ich nenn' es nicht mit Namen, Das mußt du pflücken frisch bethaut, Eh's Blüthen trägt und Samen. Wie Quirle stehn in grader Zahl Um eck'gen Stiel die Blättlein schmal, Das mußt du streu'n und stürzen Ins Kännelein, Den kühlen Wein Dir wohl damit zu würzen. »Viel holde Kraft in Müßiggang Ist diesem Kraut verliehen, Doch nicht zu kurz und nicht zu lang Darf in dem Wein es ziehen. An einem Augenblicke hängt. Wie man im Nest den Vogel fängt, Des Wonnetranks Gelingen. Wird der verpaßt, Weh dir! du hast Ein Lied davon zu singen.« Der Jäger thut die Kräuterei Zum Wein und spricht mit Sinnen: »Sind aller guten Dinge drei, Drei Stunden laß' ich's drinnen.« Es duftet süß und duftet stark, Dem Trinker steigt's in Herz und Mark Aus seines Humpens Tiefe. Als er gezecht, Da dünkt's ihm recht, Daß er ein wenig schliefe. Doch wie er endlich nun erwacht Im weiten Wald, dem dunkeln, Sieht er in rabenschwarzer Nacht Zwei grüne Augen funkeln. Waldkater sitzt vor ihm und kraut Den Kopf ihm, bis der Morgen graut, Als wie mit Eisenklammern, Und's schallt darein, Daß sich ein Stein Erbarmen könnt', sein Jammern. Sein Messer zuckt der Waidgesell: »Waldkater, bist verloren! Ich ziehe dir dein Katzenfell Jetzt über beide Ohren! Verwunschner Küfer oder nicht, Du Hexenbrut, du Bösewicht, Der du mich arg verlocktest, Aus deinem Kraut Wird Gift gebraut, Nun friß, was du mir brocktest!« Da fängt der Kater an zu schrei'n, Sie balgen sich und raufen, Und graulich klingt ins Thal hinein Das Stöhnen und das Schnaufen. Waldkater fleht: »O, laß mich los! Ich will auch in der Erde Schoß Ein Häuflein Gold dir zeigen, Flammt Nachts empor Am Bodethor, Nimm's hin, es sei dein eigen.« Da ward der Waidmann selbst ein Schenk, Ließ sich ein Wirthshaus bauen Und auch zum ew'gen Angedenk In Stein den Kater hauen. Der Wein, den euch der Schenke tischt, Ist nicht gefärbt und nicht gemischt, Jetzt mit dem Edelkraute Weiß er Bescheid, Denkt an das Leid, Wie ihn Waldkater kraute. Jetzt trat Valentin, der Troßknecht, Gar ein hübscher, schlanker Bursche, In die Halle, warf die Thüre Krachend zu und sagte mürrisch: »Weiß den Wunsch nicht mehr zu bänd'gen, Scharrt und schlägt und tobt im Stalle, Daß ich nur mit Angst ihm nahe.« »Kann's dem Hengste nicht verdenken,« Lachte Gerhard, »geht uns auch so, Sehnen uns grad so ins Freie Wie der Rappe aus dem Stalle.« »Könnt' ihn nur ein Andrer reiten!« Sprach der Troßknecht, »ich versuch' es Aber nicht zum vierten Male, Fühle heute noch die Rippen, Wie zuletzt er aus den Bügeln In den Burghof mich geschleudert, Und doch weiß ich sonst so ziemlich Mich gerecht in allen Sätteln.« »Ja, der folget nur dem Grafen,« Meinte Gerhard, »und im Bergfried Ist noch immer böses Wetter.« »Und noch schlimmres ist im Anzug,« Sagte Bruno, »auf der Zingel Sah ich heute einen Raben Auf dem linken Beine stehen.« »Ach! du meinst den Laienbruder Aus dem Walkenrieder Kloster? Ja, was Gutes bracht' er schwerlich Mit dem pergamentnen Briefe,« Lachte Valentin. »Was Gutes!« Höhnte Bruno, »Pfaff' ist Pfaffe, Wann bringt je ein Mönch was Gutes!« »Weißt nichts Neues von dem Aufstand, Den die Bauern vor'gen Herbst Zu Mühlhausen angestiftet?« Fragte Gerhard. »Ja, in Kempten Ist es wieder losgegangen,« Sagte Valentin, »der Fürstabt Hat zu Kreuze kriechen müssen Und hat schmählich nachgegeben.«     »Nun, den Pfaffen kann's nicht schaden, Daß die Bauern sie bekriegen, Wenn sie uns nur hier verschonen. Still! – wer bläst den Hift am Thore?«     »Wenzel ist es aus der Letze, Und ich kenne schon die Weise, Gilt als Gruß dem ersten Storche, Den er kommen sieht im Frühjahr, Bringt ihm einen Ehrentrunk ein, Das ist Wächterrecht von Alters.« »Hm!« macht' Gerhard, »zu Agnete Geht er, läßt den Trunk sich schwenken Und bleibt dann am Kruge hängen, Schickt sich gar nicht für den Wächter! Sonderbar! spricht man vom Trinken, Wird man auch gleich selber durstig; Velten, geh zu meiner Alten, Sag', sie soll mir auch Eins spenden Und so voll den Becher gießen, Daß ein Mücklein, so am Rande Ganz zu oberst säß', vom Biere Trocknen Fußes trinken könnte, – Wäre bloß des Storches wegen.« Valentin, den Trunk zu holen, Ging zur Thür und stieß auf Ludolf, Der mit frohem Gruße eintrat. »Nichts verspüret?« frug ihn Gerhard;     »Doch! sie stecken all' im Bau noch.«     »Wer?« – »Die Füchse.« – »Ach! das weiß ich,« Brummte Gerhard. »nicht die Füchse Mein' ich jetzt, den Wilddieb mein' ich, Könnt' ihn euch mit Namen nennen, Und ich werf' ihn zu den Todten. Wenn wir auf der Birsch ihn fangen, Soll er's mit dem Leben büßen, Schwur der Graf, und der, – ihr kennt ihn!« »Woher weißt du's? und wer ist es?« Frug gespannt der junge Jäger.     »Hör', bei meines Vaters Lebzeit Hieß es wohl: geheime Rede Soll der Luft nur und dem Erdreich Offen sein; doch euch sei's wißlich. Köhler Volrat ist's, kein Andrer.« »Nun, wenn's der ist«, meinte Bruno, »Laßt euch nur die Lust vergehen! Der kann sich gefroren machen Und hat auch den Farrensamen, Der ihn unsichtbar wie Luft macht, Wenn er ihn sich in die Schuh streut; Auch ein Ruthengänger ist er, Weiß, wo mancher Schatz sich wettert. Hat's von Aulke, seiner Mutter, Die als Zaubersche ja heimlich Hier zu Lande im Geruch steht.« »Meinetwegen!« brummte Gerhard, »Hat er seine Schlich' und Ränke, Hab' ich meine; wirst ja sehen, Wer den Andern überbietet Mit des stärksten Segens Wirkung.« Weder Falkenier noch Bogner, Die von ihrer Arbeit selten Bei der Unterhaltung aufsahn, Merkten, welchen tiefen Eindruck Das Gespräch auf Ludolf machte, Daß er stieren Blickes dastand Und an seines Hornes Fessel In Gedanken dreht' und drehte. »Wißt ihr denn,« frug Bruno wieder, »Was die Walkenrieder Mönche Uns für einen Streich gespielt? Ist ihr Kloster doch das reichste An Kapellen, Häusern, Höfen; In der ganzen güldnen Aue Steht kein Dorf, in dem sie nicht Hebung und Gefälle hätten. Erzbergwerke, Ackerfluren Liefern ihnen Frucht und Segen, Und die beste Einkunftsquelle Ist der silbernen Maria Wunderthätig Gnadenbild Mit den beiden Dornen Christi. Auf der Fahrt nach Rom hin können Stets in ihrem Eigenthume Doch die Mönche übernachten, Und wo Wein wächst, allda haben Sie auch ihren eignen Keller. Haben nun, ihr wißt, vom Kaiser Die Gerechtigkeit im Forste, Binnen ihrem Glockenschalle Federwildpret sich zu jagen. Und was thun sie? eine Glocke Lassen sie so groß sich gießen, Wie's noch keine gab, und hängen Sie zu oberst in dem Thurme Mit dem Schallloch nach dem Forst hin, Daß recht weit hinein es läute. Wenn der Wind steht nach dem Walde, Hört man's wohl auf eine Stunde Und darf nichts dagegen sagen, Trifft man binnen Glockenschalle Einen auf dem Dohnenstiege Oder auf dem Vogelherde. Doch mich ärgert's, daß die Schufte Sich mit unsern Schnepfen mästen Und den Auerhahn begleichen.« »Gönn' es ihnen!« lachte Gerhard, »Haben wir doch unser Späßchen Auch mit ihnen, weißt ja, Bruno, Als wir einst das Nest des Marders Mit den ausgewachs'nen Jungen Fanden und sie dicht beim Kloster Niedersetzten mit dem Segen: So, ihr Kindlein, mehrt euch, nährt euch! Hier im Kloster giebt es Täubchen, Hühner auch und frische Eier, Linker Hand, da geht die Stiege Zu den Nestern, könnt nicht fehlen! Wie die Thierlein sich vermehret, Weißt du selber, und wir schonen Alles Raubzeug ja beim Kloster Binnen ihrem Glockenschalle. Ist die Glocke größer worden, Müssen wir noch weiter schonen Fuchs und Marder, Weih und Habicht.« – Valentin kam endlich wieder Mit dem mächtig hohen Kruge Braunen Bieres, dem zur Färbung Rothe Benediktenwurzel Und auch etwas wilder Salbey Zugesetzt war, daß es kräftig Und ein wenig bitter schmecke. Gerhard blickt' hinein und sagte: »Na, die Mücke möcht' ich sehen, Die vom Rande hier will trinken! Velten, zeig' mal deinen Schnauzbart, Ob er feucht ist, durstig Mücklein!« Der sprach: »Frau Agnete meinte, Aus dem Trinkgeschirre könnten Biedermänner wohlgeboren Auch selb Vieren sich genügen.« »Auch selb Vieren? so?« sprach Gerhard, Trank und ließ den Krug dann umgehn. Nun kam auch der Rüdenjunge Tile noch hinzu, war freilich Längst kein Junge mehr, der Name War ihm aber doch geblieben. »Seh' mir Einer!« lachte Gerhard, »Hat bei Ehr und Eid der Junge Eine feine Hundenase, Daß er's gleich von weiten wittert, Wenn bei uns ein Krug hier umgeht. Na, so sauf, du Hundejunge!« Tile trank. »Was hast du da Für ein Wickelkind im Busen?« Fragte Valentin und langte Mit der Hand nach Tile's Wammse, Der nun selber aus den Falten Einen gelben Dachshund vorzog. »Ist ein Kranker,« sagte Tile, »Will nicht fressen, klagt und winselt. Weiß nicht, was dem Glöckner fehlet; Neulich schon, als ich den Hunden Frischung brachte, blieb er liegen. Gab ihm Beifuß schon und Ibisch, Attichkraut, Alant und Fenchel, Rosmarin und Krauseminte, Doch es will nicht anders werden. Und es ist vom ganzen Wurfe Grad der beste, hab's probiret. Hat geworfen eine Hündin, Mach' ich ihr ein frisches Lager Fern vom alten in dem Stalle Und geb' Acht dann, welches Junge Sie zuerst im Maul dahin schleppt, Dieses ist dann stets das beste.« »Komm mal her mit deinem Teckel!« Sagte Gerhard und beschaut' ihn; »Hast du auch ein Büschlein Kreuzdorn Ob der Thür des Hundezwingers Angenagelt gegen Hexen?« »Ja,« sprach Tile, »drin und draußen.«     »Trägst du auch das Herz der Wölfin Immer bei dir gegen Tollwuth?« »Ja!« sprach Tile, und der Falkner Fuhr nun fort gedämpften Tones: »Nimm das grüne Reis der Weide, Dreh' es links herum zum Kranz, Häng's dem Hunde um im Leide, Streif's ihm rückwärts übern Schwanz, Dörrt das Reis, so ist der Hund Auch von Schnauz bis Schwanz gesund.« Und dann wieder lauter sprach er: »Laß es nur den Herrn nicht merken, Ihm ist allweg schlimm zu Muthe, Selbst das Fräulein, das er liebt, Wie nichts Andres auf der Welt, Edles Waidwerk ausgenommen, Hat doch einen schweren Stand jetzt. Meiner Alten aber warf er Ein Krystallglas vor die Füße, Weil der Wein zu stark verdünnt ihm Und zu wenig auch gewürzt war; Und doch sollte er den Würzwein Billig meiden, bis die Wunde An der Schulter gut vernarbt ist, Die der Bär ihm dort geschlagen. Wäre Wille nicht gewesen Bei dem Kampfe mit dem Unthier, Wär' der Graf um eine Gurgel Aermer, denn die andern Rüden Hatten Furcht und schweißten auch schon; Wille nur hat ihn gerettet, Und nun dauert's schon vier Wochen, Daß er an dem Schmiß kuriret Mit Latwergen und Gekräutig Und nicht jagen kann, das macht ihn Gar so wüthig und verdrießlich.« »Nun, ich denke, daß es balde Wieder losgeht,« meinte Bruno, »Müßte sonst nicht Bolzen schärfen.« Tile wollte mit dem Dachshund Aus der Thür, da rief ihm Gerhard Mahnend nach: »Du hast die Wache Bei den Vögeln diese Nacht, Tile, daß du mir den Hagard Richtig schaukelst und nicht einnickst! Wenn du schläfst, schläft auch der Falke, Und ihr Beiden sollt nicht schlafen!« Tile ging und nickte lächelnd, Denn er wußte, daß Gesellschaft Ihm den Schlaf vertreiben würde, Die ihm lieber war, als Falken. Auf der Bank im Dämmerwinkel Saß gedankenvoll der Jäger. »Sag', was ist das mit dir, Ludolf?« Fragte Bruno, »hat dir Einer Einen Waidmann heut gesetzt? Bist ja schweigsam wie sonst niemals.« »An den Wilddieb muß ich denken,« Sagte Ludolf, doch er dachte Mehr noch an des Wilddiebs Tochter, Die von ihres Vaters Frevel Sicherlich nichts wußt' und ahnte. Oben im Gemach des Bergfried Weilte Graf Hans Hackelberend Sitzend halb, halb ausgestreckt Auf dem Ruhbett, das belegt war Mit gefleckten Damhirschhäuten, Und die dunkle Haut des Bären – Leider nicht des letzt bekämpften – Lag als Teppich ihm zu Füßen. Darauf ruhte, mit dem Kopfe Zwischen beiden Vordertatzen, Wille, jene mächt'ge Dogge, Die dem Herrn beim Bärenkampfe So getreulich beigestanden. Für den Grafen leicht erreichbar Lehnte seine schöne Armbrust, Reich mit Silber und Perlmutter Ausgelegt an Schaft und Kolben, In der Ecke, die er öfter Auch zur Hand nahm, um durch Zielen Den geschwächten Arm zu üben. Bleich von Antlitz war der Ritter, Aber hoch und stark von Körper, Seines Haars und Bartes Schwärze Ließ noch blässer ihn erscheinen. Eine kühne Adlernase Trat hervor mit breiten Flügeln, Und an ihrer Wurzel wuchsen Beide Brauen dicht zusammen. Seine Stirne war gefurcht, Tief in ihren Höhlen lagen Dunkle Augen, deren Blick, Scharf wie Pfeilschuß, schon Befehl war, Dem man gerne oder ungern, Doch unweigerlich gehorchte. Auf erhöhtem Sitz am Fenster Saß Wulfhilde, seine Tochter, Herrlich wie am Junimorgen Eine aufgeblühte Rose. Um ihr Antlitz wogten Locken Wie aus gleißend Gold gesponnen, Und des Körpers edle Formen Hoben sich in Jugendfülle Aus eng schließendem Gewande. Vor sich auf dem Tischchen hatte Sie den Rahmen, wob und stickte Einen Zaum in bunten Farben Für den stolzen Apfelschimmel, Der ihr Leibroß war beim Jagen. An dem andern Fenster aber Stand mit kräftig gradem Wuchse Junker Albrecht von Loseinen, Dem des Bartes junges Hellblond Weich sich um die Lippen legte. Hackelberend war sein Pathe, Und der Junker war seit Kurzem Auf der Treseburg beim Oheim, Um des edlen Waidwerks Künste Und von Gerhard Vogelabtrag Und die Baize zu erlernen. In der Hand hielt er ein Schreiben Und sah fragend auf den Grafen. »Lies noch mal die Stelle, Albrecht!« Sagte dieser; Albrecht that es: »Anerwogen, daß es löblich Nicht und christlich, wenn zween Nachbarn Feindlich sich beim Reich verklagen, Hoffen wir, daß Ihr freundwillig Unserm Vorschlag Euch bequemet Und von jetzt die hohe Jagd auch Binnen Glockenschall uns lasset.« »Nichts da!« rief der Graf, »was Nachbar! Wasser laß' ich ihm und Weide, Vogel in der Luft und Fische Zur gerechten Fastenspeise, Meinetwegen Hasen stricken Kann er auch und Krebse fangen, Doch Gejaid und Hundelege Hört als Lehn im Reichsbannforste Zu der Burg seit zweier Männer Unverbrüchlichem Gedächtniß Ohne männiglich Verhind'rung Oder Ansprach. Holz zum Pfluge Und Geschirre kann er nehmen Und den Windschlag, doch kein Bauholz, Und er soll nicht roden, wüsten, Haideschinden, kohlenbrennen In dem Forst bei höchster Wette! Treff' ich einen Mann des Klosters Hinterm Hochwild, so wird Gnade Nutzer ihm, dann Recht, erscheinen. Will beim Reiche mich verklagen? Mag er! ist ja selber Reichsstand In dem obersächs'schen Kreise, Denkt wohl, Abt gilt mehr als Ritter? Sitzt wie eine Schleiereule Einsam in den Klostermauern, Hab' ihn niemals noch gesehen. Doch den Schluß, den Schluß noch, Albrecht, Der erbaulichen Epistel!« – »Item, als des Herrn unwürd'ger Knecht und heil'ger Kirche Diener Wollen wir Euch noch vermahnen, Daß Ihr Euer sündhaft Treiben, Aergernuß und bös Exempel, So mit Jagen Ihr und Hetzen An den heil'gen Feiertagen Frommer Christenheit im Lande Oft bereitet, abbestellet Und Eu'r Seelenheil bedenkend Euch zur Buße bei uns meldet, Sonsten schwere Kirchenstrafen Ueber Euch verhängen müßten.« »Dummer, aufgeblas'ner Pfaffe!« Rief der Graf und sprang vom Sitze; Wille hob den Kopf und knurrte; »Recht so, trauter Hund! wir werden Uns um einen Pfaffen scheren! Mag er seine rothe Nase Ins schweinsledern eingebundne Evangelienbuch doch stecken Und in Ruh den Waidmann lassen! Käme mir daher gefahren Der leibhaft'ge Gottseibeiuns, Mir das Jagen zu verbieten, Würf' ich ihn mit Schwanz und Hörnern Von der Burg, und so 'n verfluchter Pfaffenknecht will sich erdreisten In die Quere mir zu kommen? Fromme Christenheit und Kirche Können mir gestohlen werden! Und mein Seelenheil? pah! Unsinn! Keine taube Nuß drum geb' ich Um die Seligkeit im Jenseits. Waidmannslust ist mein Begehren Und mein Seelenheil und Glaube, Meine Rüden hör' ich lieber, Als verdammtes Glockenläuten, Jägerschrei, Hallo und Hifte Lieber, als ihr Sanktusplärren; Wär' das Kruzifix 'ne Armbrust, Riß' ich's ihnen vom Altare Und schöß' in das Tabernakel!« – Weder Albrecht noch Wulfhilde Wagten etwas zu erwidern, Denn im Zorn war Hackelberend Taub für Bitten oder Zuspruch. Funkelnd rollten ihm die Augen In dem geisterbleichen Antlitz, Und sein Athem keuchte hörbar; Wie der Löwe in dem Käfig, Wenn ihn hungert, schritt er bebend Im Gemache auf und nieder. »Hab' es satt, dies Salbenschmieren Und Besprechen, das nichts nutzet! Vier unendlich lange Wochen Mußte ich die Lust bezähmen, Länger laß' ich mich nicht halten In den Mauern, jagen will ich! Wart'! – Frohnleichnam ist es nächstens, Donnerstag, da will ich hetzen Nah beim Walkenrieder Kloster Binnen ihrem Glockenschalle, Daß sie's hören in dem Kreuzgang, Wie Hans Hackelbernd sich meldet! Geh' und rufe mir den Gerhard!« Albrecht wechselte mit Wulfhild Einen Blick und ging hinunter. Sie erhob sich, ging zum Vater, Der schon ruhiger geworden, Doch noch immer auf und ab schritt, Und den Arm in seinen legend Sprach sie herzlich: »Lieber Vater, Wollt Ihr es nicht noch verschieben? Seht noch bleich aus, Eure Kräfte Sind geschwächt vom Stubensitzen.« »Noch fünf Tag sind's bis Frohnleichnam,« Sprach der Graf, »ich will sie nützen, Daß die Kraft mir schneller kehre.« »Uebet Euch am kleinen Waidwerk Mit der Armbrust, nehmt den Schuhu, Setzt Euch in die Krähenhütte.« »Kann ich thun,« sprach Hackelberend, »Doch Frohnleichnam wird geritten Auf den Hirsch, so wahr ich lebe. Keinen Widerspruch mehr duld' ich!« »Wohl!« sprach sie, »so reit' ich mit Euch.« Hackelberend sah der Tochter Ernsthaft, drohend in die Augen, Doch dann sagt' er beinah freundlich: »Prüfe vorher deinen Rothwang, Ob er sicher und gelenkig, Fest am Zügel steht, gut wendet, Reit' ihn erst einmal zur Baize, Und laß Albrecht dich begleiten.« – War's der letzte Abendschimmer, Der durch die gemalten Scheiben In den tiefen Fensterlauben Auf der Jungfrau goldig Haar fiel Und die Wangen lieblich streifte, Daß sie bis zur Stirn erglühten? Albrecht kam zurück mit Gerhard. »Alter, vorwärts! wollen reiten!« Rief der Graf ihm froh entgegen, »Unser Freund, der Walkenrieder, Will es uns verbieten, denke! Also nun erst recht! Frohnleichnam Haltet euch bereit zur Hetze!« »Herr! es ist der heil'ge Blutstag!« Mahnte lau der Falkenmeister Mit nicht eben sichrem Tone. Er allein als Aelt'ster wagte Dann und wann ein Wort zu reden, Wo kein Andrer sich's getraute, Doch man sah an seiner Augen Hellem Leuchten bei der Botschaft, Wie jetzt Frömmigkeit und Jagdlust In der alten Waidmannsseele An einander scharf geriethen. »Ach was Blutstag! fängst du auch an? Bist ein Waidmann oder Mönch du? Komm mir nicht mit solchen Possen!« Schnob der Ritter, »du und Ludolf, Ihr geht nächstens auf die Suche, Einen Hirsch mir zu bestät'gen Dort hinaus, den stärksten Kronhirsch; Meine Tochter und der Junker Wollen baizen mit den Vögeln, Valentin mag sie begleiten, Und ich selber geh' mit Bruno In die Krähenhütte, sorge, Daß der Schuhu in der Frühe Morgen nicht zu voll sich kröpfe. Grüße auch den Wunsch und sag' ihm, Daß wir wieder jagen wollen, Wird sich freuen, wie ihr Alle.« »Herr!« sprach Gerhard, »wollt Ihr wirklich Wieder schon den Wunsch besteigen? Er wird schwierig sein, im Stalle Kann ihn Valentin kaum bänd'gen.« »Schweig'! sonst stoße ich ins Hifthorn, Schwinge jetzt im Augenblicke Mich dem Wunsche in den Sattel. Und wir sausen durch die Nacht hin!« Donnerte der Graf und stampfte Wüthend mit dem Fuß den Boden. »Mir soll's recht sein!« brummte Gerhard, »Fräulein, welchen Vogel wollt Ihr?« »Meinen Blaufuß,« sprach Wulfhilde, »Der ist treu, dem Vetter Albrecht Kann ich alle Kunst und Lehre Grad mit ihm am besten zeigen. Doch erst in zwei Tagen, Gerhard, Will ich baizen, weil ich – weil ich –, Weil der Zaum nicht früher fertig.« Gerhard schritt aus dem Gemache, Und als er die Thür im Rücken, Fand er hinter dieser Thüre Seine biedre Ehehälfte, Frau Agnete, die verlegen Sich etwas zu schaffen machte, Wo sie nichts zu schaffen hatte. »Du hier, Alte?« raunte Gerhard, »Hast gehorcht? pfui! das gilt Strafe! Aber warte, kannst dich lösen: Schicke noch ein Krüglein Braunes Mir herunter, dann vergeß' ich's.« »Wirst doch nicht Frohnleichnam birschen?« Polterte Agnete. – »Stille! Schick' mir einen Krug herunter!« »Ist mir das ein ruchlos Leben,« Murrt' Agnete, »schon der dritte!« Aber Gerhard war die Stufen Schon hinab und hört' es nicht mehr, Doch er rief zurück noch einmal: »Einen großen! hörst Du, Alte?« Als er in den Thurm zurückkam, Fand er seine Waidgesellen In der allerbesten Stimmung. Durch zwei lange Kienholzfackeln War die Halle voll erleuchtet, Ludolf, Valentin und Bruno Saßen auf der Bank, und Tile Lehnte neben dem Kamine; Auf dem Eichentische aber, Mit den krummen Beinen baumelnd, Saß des lust'gen Burgwarts Wenzel Kleine bucklichte Gestalt, Der den überreich bemess'nen Storchtrunk hier zum Besten gab. Die Gesellschaft war so fröhlich, Weil das Jagen wieder anfing, Daß sie ihrer Herzensfreude Lust in einem Liede machten, Und als Gerhard eintrat, tönte Ihm die Runde voll entgegen, Während Bruno ihm den Krug hob. Gerhard that dem Bogenspanner Tief Bescheid und half dann singen. Wohlauf! wohlauf! ihr Waidgeselln, Ob Ritter oder Knecht, So mit zu Holz aufs Jagen wölln Nach jägerlichem Recht Mit Speer und Stahl Zu Berg und Thal, Vor Burgen und Hallen Die Hörner erschallen, Hift! hift! halloho. Tjuho! dorido! Wo zeucht, wo fleucht der edle Hirsch? Hinfür. mein Hund, hinfür! Greif' wanks und schwanks auf rechter Birsch, Forna, Geleitsmann, spür'! Er renkt und schrenkt Gradaus und schwenkt, Da sah ich ihn wenden Mit Stangen und Enden, Hift! hift! halloho! Tjuho! dorido! Zu Holz! zu Holz! in Bruch und Fließ Da liegt manch hauend Schwein, Dem stoß' ich meinen Federspieß Wohl ins Gebrech hinein Wetz', Eber, wetz'! Hu, Sau! hetz! hetz! Dich sollen ermüden Wohllautende Rüden, Hift! hift! halloho! Tjuho! dorido! Nun her, nun hin zum Schenkenhaus! Da hat's der Waidmann gut, Schlägt ihm kein Reis ein Auge aus, Wann's nit ein Kandel thut. Schwenk' aus den Krug Auf einen Zug! Kannst tanzen und springen Und küssen und singen, Hift! hift! halloho! Tjuho! dorido! »Nun, das laß' ich mir gefallen, Wenzel, daß Du lust'gen Brüdern Auch was abgiebst!« lobte Gerhard, »Wohl bekomm' dir's! bin im Rückstand, Schaff' auch mehr noch.« Wieder trank er, Und dann theilt' er kurz und bündig Die Befehle aus vom Grafen, Die sie Alle baß erfreuten. Da zur Thür herein kam Christel, Eine junge, schmucke Burgmagd, Mit dem allergrößten Kruge. »Eins dem Storchen, Eins fürs Horchen!« Lachte Gerhard, »danke, Christel!« Diese stellte ihren Humpen Auf den Tisch und wollt' enteilen. »Trink' uns doch erst zu ein Schlückchen, Schmeckt uns dann ja um so besser!« Scherzte Valentin; da sprach sie: »Waidmanns Heil denn, euch zum Wohle!« Kicherte und lacht' und lachte, Konnte kaum vor Lachen trinken. Valentin umfing das Mädchen, Doch entwand sie sich dem Kühnen Und entschlüpfte ungeküßt. Da ward ausgelacht der Troßknecht, Und der Bogenspanner sagte: »Velten, Velten! wenn schön Elsbeth Das mit angesehen hätte! Doch die Jungfer sitzt beim Fräulein Oben in der Kemenate, Und das weißt du, kommst verwegen Hier dem Tile ins Gehege.« »Bist doch wohl nicht eifersüchtig? Nichts für ungut!« sprach der Troßknecht Und hielt Tile seine Hand hin, Welche dieser lachend drückte. Wenzel aber sang zur Laute: Ein lustig Vierblatt war einmal Von Frohen, Wohlgemuthen, Sie zogen über Berg und Thal Und wanderten und ruhten. Der Eine, der hieß Dürstemund Und Lachemund sein Schätzchen, Der Andere hieß Singemund Und Küssemund sein Kätzchen. Wenn Singemund ein Liedel sang, Saß Küssemund daneben; Wenn Dürstemund das Krügel schwang. Ließ Lachemund ihn leben; Wenn Küssemund das Mäulchen blies, Thät Singemund schon winken; Wenn Lachemund die Perlen wies, Konnt' Dürstemund nicht trinken. Und manchesmal von ungefähr Gab's wunderbare Irrung, Aus Rand und Band, die Kreuz und Quer Kam Alles in Verwirrung, Daß Singemund und Lachemund Sich nicht zu scheiden wußten Und Dürstemund und Küssemund Die Flammen löschen mußten. Es kam auch vor, daß Singemund Ein Dürsten wohl verspürte, Und daß gar lieblich Dürstemund Ein Singen auch vollführte, Und dann geschah's, daß ihm zu lieb Lachmund ans Küssen dachte Und Küssemund nichts übrig blieb, Als daß sie saß und lachte. »Das gemahnt mich an ein Stücklein, Als ich noch ein junger Kerl war,« Sagte Bruno; »die Geschichte, Wie ich einmal recht zum Küssen Bin gekommen, will ich jetzo Euch zum Wiederspiel erzählen. Also eines schönen Tages Gehe ich mit Speer und Schießzeug Tief im Forst zur Bärengrube, Nachzusehn, ob einer drin steckt. Oben am Mailaubenkopfe Dicht an einem Buchenstamme Sitzt ein Hase und macht Männlein. Na, ich schieße und wahrhaftig! Nagle ihm den einen Löffel Mit dem Bolzen an die Buche. Du bist fest gemacht, mein Bursche! Läufst mir ja nicht fort, so denk' ich, Laß' ihn sitzen und geh' weiter. Nicht mehr fern von meiner Grube Hör' ich bald ein merklich Brummen, Bald ein Wimmern und ein Weinen, Und was hast du und was kannst du Lauf' ich hin; mein Bär schleicht brummend Immer um die offne Grube, Aeugt hinunter, möchte springen, Geht dann wieder um und brummet. Ich nun vor, den Speer zu Handen Und das Messer in den Zähnen; Er kommt auf den Hinterbranten Auf mich los und brummt so schrecklich, Das mir's Herz im Leibe wankte. Na, was half's? ich oder du! Stoß' ihn nieder, bums! da liegt er. Wie ich in die Grube gucke, Sitzt gefangen drin ein Mädchen. Ich besinne mich nicht lange, Spring' hinein, sie zu erlösen. War 'ne hübsche, dralle Dirne, Mochte wohl so zwanzig Jahr sein, Die am ganzen Leibe zitternd Eine Todesangst hier ausstand. Meine liebe Noth erst hatt' ich, Bis ich sie beruh'gen konnte; Doch dann ward sie guter Dinge Und mir dankbar für die Rettung. Na, ich nahm sie in die Arme, Habe mich an ihren Lippen Satt geküßt, – ich sag' dir, Velten, War ein hübsches Ding, das Mädchen! Ließ sich willig mein Gekose Auch aus Dankbarkeit gefallen. Aber dann kein leichtes Stück war's, Aus dem Loche sie zu bringen. Sieben Fuß tief war die Grube, Und ich hatte brav zu heben An dem Kinde, bis ich endlich Sie auf meinen Schultern hatte Und sie übern Rand hinausklomm. Aber nun saß ich allein drin, Konnte selber mir nicht helfen; Doch sie hielt mir meinen Spieß hin, Und ich kletterte und rutschte, Und sie zog und zog mich wirklich Auch heraus; nun hatte ich doch Ihr zu danken, mußte wieder Schon aus Dankbarkeit sie küssen. Sie ging ab. Ich hieb dem Bären Seine Tatzen ab und kehrte Nun zurück zu meinem Hasen. Der saß auch noch angenagelt An der Buche, doch zween Stößer Stritten sich um ihn, der zappelnd An dem Löffel und dem Bolzen, Aber doch vergeblich zerrte. Na, ich schoß die beiden Vögel Durch und durch mit einem Pfeile, Nahm sie mit, nahm meinen Hasen, Nahm die Tatzen von dem Bären Und die Küsse von dem Mädchen Mit nach Hause und trank lustig Einen Schoppen übern Durst mir.« – Beifall und ein herzlich Lachen War des tapfern Bogenspanners Dank und Lohn für die Geschichte. Dann sprach Einer aus dem Kreise: »Wenzel, trink' uns zu und singe Uns ein Lied noch!« und der Wächter Ließ nicht warten, trank und sang. Jetzt, Gutgeselln, merkt fleißig auf, Ein' Lehr will ich euch geben, Ob ihr allein sitzt, ob zu Haus, Wein macht ein fröhlich Leben, Alt oder jung, nur fein genung, Bergunter durch die Kehle, Krug oder Glas, 's wird alles naß, Duck' unter, liebe Seele! Und aber, wenn du trinken willt, Solltu dich nit drum grämen, Was von dem Wein das Kännlein gilt, Du darfst dich sein nit schämen. Den Beutel auf! Geld macht den Kauf, Ihr sollt mir nichts verkreiden, Fort, Füchslein, spring'! kliklimperling! Das mag der Wirth wohl leiden. Bei weißem Wein ein rother Mund In dunkelgrünen Lauben Ist auch nit so gar ungesund, Dürft ihr aufs Wort mir glauben. Ein Mägdelein, gewitzt und fein, Zum Liebchen auserkoren, Kein Muttersohn hat darum schon Das Himmelreich verloren. Wer weiß, wo gute Herberg sind, Der geh' voran und führe Und schneid' mir, daß ich's wieder find', Ein Spänlein aus der Thüre. Ist's Mädel futsch, zur Bank hin rutsch', Wo Viertelskannen blinken, Nur festgesetzt! der Allerletzt Will saufen und nit trinken.   ——— Spielmann, noch nüchtern heut? schnell komm' herein! Setz' dich zu oberst am Tische, Naß ist er freilich, sieh! Kringel vom Wein, Nimm nur den Aermel und wische. Heilo! stoß' an! und klingt's nicht, so klappt's Nicknack am steinernen Kruge, Ueber den Rand hinaus schwippt es und schwappt's, Leckt wie das Faß aus der Fuge. Herr meines Lebens! er setzt nicht mal ab, Halte, du Schlucker, halt' inne! Weh meine Batzen, kommt, der ist in Trab Mit dem Mühlengerinne! Mann, um den Durst beneid' ich dich doch, Wär' mit dem halben zufrieden, Meiner ist hin, ach, hätt' ich ihn noch! Alles ist Stückwerk hienieden. Schmeckt dir? das glaub' ich! ja, der ist auch firn, Und bei diesem hier bleibe, Dadernach kracht dir von Weisheit das Hirn, Lacht ja das Herz dir im Leibe. Fiedelst und singst mir ein Liedel zum Dank, Trichterst hinunter das Tönnchen, Lieber doch ist mir ein lustiger Schwank, Als das Gratias von Mönchen.   ——— Das Schlimmste, was ich vom Leben weiß, Ist, daß es einmal muß enden, Sonst wollt' ich als tausendjähriger Greis Mein Krüglein noch drehen und wenden Und krähte der nüchterne Morgenhahn, Mich sollt' er vom Schemel nicht bringen, Ich wollt' auf den wackligen Schenktisch schla'n Und trommeln und pauken und singen:       Gling glang gloria!       Potori est victoria! Bring' Einer es dem Andern rum, Daß es von Eim zum Andern kumm! Und käm' mir Magister und Doctor ins Haus, Ich wollte vor Keinem mich ducken, Ich streckte dem Teufel die Zunge heraus Und ließ' ihn durchs Schlüsselloch gucken. Doch ein Brüderchen links und ein Brüderchen rechts, Das ließ' ich mir gerne gefallen, Da sollt' in der Hitze des Bechergefechts Mein Stimmlein gar lieblich erschallen:       Gling glang gloria!       Potori est victoria! Bring' Einer es dem Andern rum, Daß es von Eim zum Andern kumm! Noch seh' ich das Ende der Dinge nicht ein Und das Wenn und Warum hier im Leben, Noch bin ich so jung wie der älteste Wein, Will Alles noch nehmen und geben. Ist die hübscheste Maid doch, der treuste Kumpan Und der stattlichste Humpen mein eigen, Und was ich so recht mit dem Herzen gethan, Das kann ich nun mal nicht verschweigen.       Gling glang gloria!       Potori est victoria! Bring' Einer es dem Andern rum, Daß es von Eim zum Andern kumm! Beim vorletzten Glas und beim letztletzten Kuß Da will ich vielleicht mich besinnen Und denken: meinswegen! was sein muß, das muß! Die köstlichsten Tropfen verrinnen. Dem Trinker der Sieg und dem Sänger der Ruhm! Dafür in der Hölle zu braten, Das nenn' ich, ihr Nipper, ein Märtyrerthum, Stoßt an! auf die künftigen Thaten!       Gling glang gloria!       Potori est victoria! Bring' Einer es dem Andern rum, Daß es von Eim zum Andern kumm! Also scherzten, tranken, sangen Frohbeherzte Waidgesellen In der Burg, bis daß zur Ruhe Sie die späte Stunde mahnte. Draußen aber wob die Mondnacht Ihren stillen Waldeszauber, Berg und Thal und Felsen ruhten Hier im Schatten, dort im Lichte. Tiefes Schweigen war, nur manchmal Schrie von fern der kleine Waldkauz, Und der Bode Wellen rauschten Leis dahin wie Silber blinkend. IV. Die Reiherbaize.                         Da reiten sie, – ein herrlich Bild! Die Sonne kann kein Paar bescheinen, Das schöner wäre, als Wulfhild Und Junker Albrecht von Loseinen. Ihr langes dunkles Jagdkleid fließt Beim Ritt um ihre schlanken Glieder, Bis hoch am Hals hinauf umschließt Den Wuchs das faltenlose Mieder, Und oben ist es rings umkränzt Von weißer, wohlgestärkter Krause. Die schöne Hirschzahnkette glänzt, Ein altes Erbstück in dem Hause. Gepufft an beiden Schultern fliegt Die offne, pelzverbrämte Schaube, In rothem Seidennetze liegt Das Goldhaar unter sammtner Haube. Und er im grünen Reitkollet, Waidmesser breit links an der Hüften, Auf blonden Locken das Barett, Den Reiherbusch keck in den Lüften. Voll Saft und Kraft, du junges Blut, Fühlst dich so frei im Sattel schweben, So flügelleicht ist dir zu Muth, Möcht'st in die Wolken dich erheben Und athmest froh aus tiefster Brust, Sitzst wie gewachsen in den Bügeln, Sehnst nichts und sorgest nichts und mußt Mehr als dein Roß dich selber zügeln. Doch, Jungfrau, du? dein Antlitz glüht Wie Morgenroth im klaren Bronnen, Dir klopft das Herz, dein Auge sprüht, Aufjubeln möchtest du in Wonnen. Du bist voll Seligkeit und Lust Durch Albrechts ritterlich Geleite, Denn all dein Glück, dir kaum bewußt, Es reitet dicht an deiner Seite. Es ist, wie wenn den Zwei'n die Welt Läg' als ihr Königreich zu Füßen, Und Sonn' und Mond am Himmelszelt Aufgingen nur, um sie zu grüßen. Und wie so stolz die Rosse gehn, Umsprungen von den beiden Bracken, Hoch tragen sie den Schweif, es wehn Die Mähnen vom gebognen Nacken. Verkappt noch wird der edle Falk Von Valentin zu Pferd getragen, – »Die Zwei da vor mir,« denkt der Schalk, »Die könnten's mit einander wagen!« Da lacht Wulfhildens rother Mund: »Jetzt, Vetter Albrecht, wird sich zeigen, Was du gelernt, dort aus dem Grund Wird bald ein Federwild uns steigen, Noch einen schlanken Trab, dann blitzt Entgegen uns der stille Weiher, Hochbeinig Volk im Röhricht sitzt, Im seichten Wasser fischt der Reiher.« Hei! wie sie im Galopp sich wiegt! Doch er läßt seinen Schweißfuchs traben, »Hochauf, Rothwang!« ruft sie und fliegt Mit flottem Satze übern Graben. »Nun Schritt! – Den Falken auf die Faust, Albrecht! und achte auf die Hunde, Hinfür, Gesell, hinfür! was haust Im Busch? such', trauter Hund, die Runde!« Noch flüstert sie: »Wirf nicht zu früh, Laß zu Gesicht das Wild erst kommen.« Die Fessel hat schon vom Geschüh Albrecht dem Falken abgenommen. »Hoho! Albrecht, die Hunde stehn, Halt' fest ihn, doch die Haube löse, Da kommt der Reiher, wirf! laß gehn! Huida! mein Falk, stoß' ins Gekröse!« Der saust wie ein geschnellter Pfeil Dem Reiher nach, der langsam steiget, Und Valentin ruft: »Waidmanns Heil! Es ist ein Alter, Blaufuß schweiget.« Der Reiher speit Gekröpftes aus, Sich zu erleichtern in dem Fluge, Der Falk steigt über ihn hinaus Und plänkelt um ihn wie zum Truge. Schon hat er zweimal ihn geneckt, Gethan, als ob er auf ihn stieße, Den langen, spitzen Schnabel streckt Der Feind ihm hin, daß er sich spieße. Nun schwenkt der Falk im Augenblick, Weicht aus den scharfen Schnabelhieben Und packt den Reiher im Genick, Die Flügel klatschen, Federn stieben. Frohlockend gellt des Falken Schrei Und jämmerlich des Reihers Klagen, Der Falke giebt ihn nicht mehr frei, Läßt sich von ihm hernieder tragen. Sie wirbeln langsam durch die Luft, »Jetzt, Albrecht, Sporen in die Weichen!« Ruft fröhlich Wulfhild, »hin zur Schluft, Daß wir ihn lebend noch erreichen!« Sie jagen über Stock und Stein, Wild um die Wette geht die Hatze Rings um den Teich zum Wald hinein, Er ist der Erste auf dem Platze. Dem Falken bindet er die Hand Und untersucht des Reihers Wunden, Sie schaut auf ihn nur unverwandt, Als ob sie hier erst ihn gefunden. Dann spricht sie: »Diesen Messingring Mit deinem Namen und dem meinen, Zum Zeichen, daß man ihn schon fing, Leg' ihm um seiner Ständer einen.« Er nimmt ihn lächelnd, hat ihn bald Dem wunden Reiher aufgezwungen, Der, nun befreit, schon über'm Wald Sich mühsam flatternd hochgeschwungen. Und Albrecht schaut ihm nach und spricht: »Ja, vogelfrei bist du gewesen, Jetzt trägst du Fesseln, armer Wicht, Und kannst auf deinem Ringe lesen, Wer, Flieger, dich in Banden schlug: Ein Falk, ein Fräulein und ein Jäger, Und von den Drei'n sind oft genug Zwei selbst gefangne Kettenträger.« Da bückt Wulfhilde sich zur Stell, – Sie sah wohl ihren Handschuh liegen, Und von dem Bücken ist so schnell Das Blut ihr ins Gesicht gestiegen. Der Junker hebt sie auf das Roß, Um heimzukehren von dem Ritte, Und schweigend neben dem Genoß Lenkt sie's gedankenvoll im Schritte. Doch Valentin brummt in den Bart: »Hm! ganz verstummt die helle Lache? Das ist doch sonst nicht ihre Art! Blaufuß, was denkst du von der Sache?« Sie reiten unter Bäumen fort, Die leise ihre Wipfel regen, Da ruft Wulfhild: »Sieh, Waldtraut dort!« Und sprengt dem Mädchen rasch entgegen Und hält und spricht voll Fröhlichkeit: »Grüß', Waldtraut, dich! wie ist's ergangen?« »Dank, gnädig Fräulein!« lacht die Maid, »Gut geht es, seit die Knospen sprangen.«     »Sie ist ein goldig Sonntagskind, Albrecht! und hat viel Gunst und Gabe, Streicht durch den Wald frei wie der Wind, Die beste Freundin, die ich habe. In unser grünes Laubversteck, Lieb Waldtraut, komme ich nun wieder, Da rufen wir den Wasserneck Und singen unsre kleinen Lieder Und lauschen, was Waldvöglein spricht, Und was sich all die Blumen denken, Du weißt das Alles; willst du nicht Dein kleines Sträußchen da mir schenken?«     »'s ist Hornkraut nur, blüht früh und spät, Nehmt es nur, Fräulein! doch sie sagen, Wer Hornkraut trägt, der wird verschmäht.«     »Nun also darfst es du nicht tragen!« – Sie reiten; Albrecht lächelt: »Traun! Du kannst es mit dem Schimmel wagen.« Doch Wulfhild faltet ernst die Brau'n: »Du sahst den Vater noch nicht jagen!« Waldtraut blickt vom Gebüsch heraus Und sieht fernhin die Beiden traben: »Gab ich dem Fräulein einen Strauß, Soll auch der Jäger einen haben!« Denkt sie in ihrem Sinn und bückt Zur nächsten Blume schnell sich nieder Und schlendert weiter, pflückt und pflückt Und summt und singt sich frohe Lieder. Neunerlei Blumen winde zum Kranz, Knüpfe den Anfang ans Ende, Sinn und Bedeutung im blühenden Glanz Wirket zur Sonnenwende. Aber zum kleinen, zierlichen Strauß Brauchst du nicht lange zu wählen, Nimm, was du findest, und scheide nicht aus, Laß nur den Liebsten sie zählen. Rispen und Aehren, du zitterig Gras, Ihr sollt sie all' überragen, Ehrenpreis, vom Thaue noch naß, Wirst dich mit Nelke vertragen. Primel und Heide und Weidenröslein, Rührmichnichtan und Gamander, Erdbeer', du rothe, mitten hinein, Seht doch! ihr paßt zu einander. Spinnlein, bleib' sitzen, du bringest ja Glück! Aber du, Raupe, entweiche! Hinter des Labkrauts Sterne zurück, Röthliche Blätter der Eiche! Unten ums Wintergrün, dunkel und kraus, Will ich das Bändchen nun legen, Blumen vom Walde, wildwüchsiger Strauß, Duftet dem Liebsten entgegen! Wie zierlich formte ihre Hand Den blüthenreichen Strauß im Gange! Ihn zu befest'gen am Gewand, Dient ihr ein Schlehendorn als Spange. Den schmalen Waldpfad im Geheg Schlägt sie nun ein beim Weitergehen Und sieht von ungefähr am Weg Ein blühend Kraut bescheiden stehen. »O Wegwart!« spricht sie, »armes Kind! Will immer noch kein Tag ihn bringen, Auf den du hoffst in Sonn' und Wind?« Und wieder fängt sie an zu singen. Es wartet ein bleiches Jungfräulein Den Tag und die dunkle Nacht allein Auf ihren Herzliebsten am Wege,     Wegewart! Wegewart! Sie spricht: Und wenn ich hier Wurzeln schlag Und warten soll bis zum jüngsten Tag, Ich warte auf ihn am Wege,     Wegewart! Wegewart! Vergessen hat sie der wilde Knab', Und wo sie gewartet, da fand sie ihr Grab, Ein Blümlein sprießet am Wege,     Wegewart! Wegewart! Der Sommer kommt und der Sommer geht, Der Herbstwind über die Heide weht, Das Blümlein wartet am Wege,     Wegewart! Wegewart! Durch Schatten und durch Sonnenschein – Hier kann sie sich ja nicht verlaufen – Schweift sie nun wieder quer waldein, Betrachtet sich den Ameishaufen, Lugt, ob das Vogelnest schon leer, Und untersucht die Haselnüsse, Als ob sie Alles rings umher Behüten und bewachen müsse. Der Zaunpfahl trug ein Hütlein weiß, Die Sonn' hat's ihm genommen, Nach Lichtmeß traut kein Fuchs dem Eis, Der Frühling ist gekommen. Voll Blüthen steht der Dornenstrauch, Laut summt es in der Linde, Und Rosenduft und Aehrenrauch Ziehn mit dem Abendwinde. Wird schon im Feld das Korn gemäht, Darfst du nach Früchten greifen, Doch was nur selbst, mein Herz, gesät, Das laß du ruhig reifen. Es ist und bleibt doch immerdar Ein Kommen und ein Wandern Von einem Jahr zum andern Jahr, Von einem Tag zum andern.   ——— Glockenblumen, was läutet ihr? Wer ist im Walde gestorben? Oder wißt ihr, daß heimlich hier Liebe um Liebe geworben? Wißt ihr's, wohin auf dem einsamen Gang Schritt und Gedanken mir streben? Glocken, ich höre nicht euren Klang, Seh' euch nur schwingen und schweben. Lauschenden Blättern dann läutet es aus, Klinget wie Harfen und Psalmen, Meldet's im Grünen von Haus zu Haus Bäumen und Büschen und Halmen. Liebe macht selig wie nichts in der Welt, Lachen könnt' ich und weinen, Glücklichste ich unter'm Himmelszelt, Blumen, – ich liebe Einen! Wie Waldvöglein auf seinem Strich Schwärmt sie dahin mit ihren Weisen, Da hört sie's rascheln neben sich, Und schau! da sitzt ein Fuchs im Eisen. »Ei, Rother!« wie sie ihn erblickt, Ruft sie, »du aller Ränke Meister, Du Schlaufuchs, bist so arg verstrickt?« Und tritt herzu und wird schon dreister. Der Fuchs steckt mit dem einen Lauf Fest eingeklemmt in seiner Falle, Fletscht das Gebiß zu ihr hinauf Und ist so recht voll Gift und Galle. Sie spricht: »Bist auch des Waldes Kind, Will aus Verlegenheit dich reißen, Weil wir so gute Nachbarn sind, Komm, Füchslein, – aber mußt nicht beißen!« Der Fuchs begreift nun, was sie will, Als könnt' er's ihr vom Auge lesen, Und duckt sich nieder, hält ganz still, – Er wär' ja sonst kein Fuchs gewesen. Nun drückt sie auf des Eisens Schloß, Da öffnen Feder sich und Bügel, Und husch! ist Reinecke de Voß Hinaus und trabt schon um den Hügel. Sie lacht laut auf und ist so froh, Als hörte Gottes Lohn! sie sagen, Und stellt das Eisen wieder so, Als wär's noch gar nicht zugeschlagen, Und spricht: »Der Fuchs ist voller List, Waidmann weiß ihm was abzuluchsen, Das Allerschlau'ste aber ist, Waidmann und Fuchs zu überfuchsen.« V. Waldesruh.                                           Gerhard war am frühen Morgen Zur Bestätigung des Hirsches Für die nächste Jagd mit Ludolf Wohlgemuth zu Holz gegangen, Und im Forste hatten Beide Sich getrennt, um einzeln Jeder Zu verspüren und dann später Sich am Silgenstieg zu treffen. Als die Sonne hoch gestiegen, Langte bei dem Stelldichein Gerhard an und ließ gemächlich In dem duft'gen Waldesschatten, Wo ein Bächlein kühlend rauschte, Auf bemoostem Stein sich nieder. »Jugend hat mehr Glück, als Alter, So beim Birschen wie beim Minnen,« Brummt' er, »hab' nichts Rechts gefunden Was wird's sein? ein Vierzehn-Ender, Der so dicht geschränkt beim Kirchgang; War kein Schritt von einem Kronhirsch, Wie der Graf durchaus ihn fordert.« Aus der alten, blankgetragnen Waidmannstasche langt' er jetzo Sich sein Frühstück, und bedächtig Es von rechts und links betrachtend Schnitt er tapfer ein und spießte Stück für Stück sich auf das Messer. Wie's ihm schmeckte! stillvergnügt Blickt' er vor sich hin und machte Mit der Hand und mit dem Kopfe Sinnbegleitende Geberden Zu dem innern Selbstgespräche, Das mit manchem leisen Ausruf Hm! und Ho! verlautbar wurde. Um die kleinen, hellen Augen, Die gutmüthig und doch schalkhaft, Klug und wachsam um sich schauten, Spielten jene list'gen Falten, So man Krähenfüße nennet. Was von seinem Angesichte Vor dem grauen Knasterbarte Sichtbar, war braunroth von Farbe, Sonderlich die breite Nase. Muskelkräftig war der Körper, Und hier unter'm Büffelwammse, Das viel glatter war vom Alter, Als die borkenrauhen Hände, Schlug ein ehrlich treues Herz, Weich und mitleidsvoll, doch furchtlos. Plötzlich, einen wackern Bissen Auf der Messerspitze, horcht' er: »Du? du wärst mir auch ein Braten, Rauhschwanz!« lacht' er auf zur Buche, Wo es knackte und ein Eichhorn Sprang und auf ihn nieder äugte. »Siehst wohl, daß ich hier zu thun hab', Bist drum sicher vor der Armbrust!« In den Schatten seines Schwanzes Setzte sich das Eichhorn oben, Daß der weiße Bauch herabschien, Und dann kletterte und rutschte Wie gejagt es durchs Geäste. Jetzt vernahm im Buchenlaube, Das den Boden unverweslich Fast bedeckte, Gerhard endlich Ludolfs raschelnd laute Schritte Und sah auch schon zwischen hohen, Weißlich grauen Buchensäulen Ihn daher gewandelt kommen, Rief ihn an mit Jägerschrei: »Hoho! lieber Waidmann, sag' mir an, Was wittert dich heut auf der Vorsuch an?« Ludolf rief zurück mit Freuden: »Hoho! lieber Waidmann, das will ich dir sagen, Ein jagbar Hirsch und ein hauend Schwein, Was kann mir hoho! Besseres gesein!« Wieder frug nun Gerhard weiter: »Waidmann, lieber Waidmann hübsch und fein, Was geht hochwacht vor dem edlen Hirsch gen Holze ein?« Und von Ludolf kam die Antwort: »Der helle Morgenstern, der Schatten und der Athem sein Gehn hochwacht vor dem edlen Hirsch gen Holze ein!« Und dann setzt' er sich zu Gerhard, Dem er zu berichten hatte Von des Wildes frischer Fährte, Und als was er's angesprochen. Sprach von Wiedergang und Wechsel, Schritt und Schrank und Zwang und Thauschlag Und vom Schloßtritt auch im Raumbett, Dann vom Wenden und vom Blenden Und vom hohen Himmelszeichen, Wie der Hirsch mit seiner Krone Schon die Blätter und die Zweige Abgeknickt und umgewendet, Und der zweiundsiebzig Zeichen Dies und jenes noch erwähnt' er, Dran ein hirschgerechter Jäger Kennt die Spur des edlen Hirsches. Kurz, nach den genauen Maßen Schien's ein Zweiundzwanzig-Ender, Den der Jüngere verspüret, Und der Alte war zufrieden. Doch nach kurzem Schweigen fing er Wieder an mit altem Waidspruch: »Lieber Waidmann jung, thu mir kund, Was macht den edlen Hirschen wund Und den Jäger gesund?« Ludolf stutzte, doch schnell sprach er: »Der Jäger und sein Leithund Machen den edlen Hirschen wund, Und eine schöne Jungfrau macht den Jäger gesund.« Mit verschmitztem Augenzwinkern Fragte Gerhard lachend weiter: »Lieber Waidmann, sag' mir an, Was ist weißer, dann der Schnee? Was ist grüner, dann der Klee? Was ist schwärzer, dann der Rab? Und klüger, dann der Jägerknab?« Aber Ludolf blieb nichts schuldig: »Der Tag ist weißer, dann der Schnee, Die Saat ist grüner, dann der Klee, Die Nacht ist schwärzer, dann der Rab, Schöne Mädchen klüger, dann der Jägerknab.« Damit stand er auf und wollte Wieder in den Forst sich wenden. »Wo hinaus noch?« fragte Gerhard. »Nach dem Eisen will ich sehen, Ob sich nicht ein Fuchs gefangen,« Sagte Ludolf. »Ja,« sprach Gerhard, »Sonderlich die jungen Füchse Lassen leichtlich sich bethören, Doch die alten Füchse wittern's, Wenn's im Wald nicht recht geheuer, Aber warnen ist vergeblich; Nun so geh mit Waidmanns Heil, Daß, so Gott walt', dir Gutes werde zu Theil!« Ludolf sprach zum Gegengruße: »Lieber Waidmann, gleichfalls Heil, Daß Gott dir und mir gebe alle gute Weil!« Gerhard rief dem schon Entfernten Lustig nach: »Laß dir im Walde Auch kein altes Weib begegnen, Denn das bringt dem Jäger Unglück!« »Werd' mich hüten!« lachte Ludolf. – »O, ein Hirsch von zwanzig Enden Und 'ne Maid von siebzehn Jahren Machen Jägerherzen klopfen,« Sprach so vor sich hin der Alte, »Bin ja auch mal jung gewesen.« Ludolf lenkte seine Schritte Durch den stillen Wald, doch schneller, Als sein Schatten, den die Sonne Vor ihn warf an lichten Stellen, Eilten vor ihm her beim Birschgang Die Gedanken, die nicht immer Auf des Fuchses Fährte blieben. Ueberallhin lauscht' und späht' er, Summte sich auch wohl ein Liedlein. Ein Jäger ging zu birschen Durch Gras und grünen Klee, Nicht Bär, nicht Luchs und Hirschen, Ach! nur ein braunes Reh. Das hatte blaue Aeugelein, Und wild war's allerdings Und hatt' ein rothes Mündelein, Und auf zwei Füßen ging's. Das Lächeln seines Grußes, Dem Jäger lag's im Sinn, Die Fährte seines Fußes Stand ihm im Herzen drin. Wo schleichest du, mein Rehlein schlank? Wo steckst du im Verhau? Du knicktest ja in Schritt und Schrank Kein Gräschen um im Thau. So wank' ich denn und schweife, Wohin mein Herz mich führt, Ob nicht auf Such' und Streife Die Liebe dich verspürt. Dann werfe ich wie ein Geflecht Um dich die Arme rund Und geb' den Fang nach Jägerrecht Dir auf den Rosenmund. Balde kam er auf die Schleppe, Wo den Fuchs er waidlich kirrte, Fand das aufgestellte Eisen Und betrachtet' es mit Unmuth. »Was ist das?« begann er staunend, »Angenommen ist der Anbiß, Hier zwei Tröpflein Schweiß, auch Wolle, Rothes Fuchshaar – das, beim Kukuk! Geht nicht zu mit rechten Dingen. Wer hat mir den Fang gelöset Und so ungeschickt das Eisen Wieder aufgestellt? nein wahrlich! Das that nimmermehr ein Waidmann.« Wie er noch darüber nachsinnt, Ist es ihm, als hört' er's kichern Ganz in seiner Nähe, und da Hinter'm dicksten Buchenstamme Lugt hervor vergnügt und neckisch Ein lichtbrauner Mädchenkopf. »Waldtraut! Schelm, du bist's gewesen!« Ruft er, und mit flinken Sätzen Ist er bei ihr, aber Waldtraut Springt behende wie das Eichhorn Um den Buchenstamm und lacht, Daß es weithin klingt im Walde. Und dann wirft sie grüne Blätter Ihm entgegen: »Nimm das Kräutlein,« Ruft sie, »ist für dich gewachsen, Schabab heißt es, Schabab! Schabab.« Und schabt Rübchen mit dem Finger. Gerne möchte er sie fangen, Schleicht und lauert um die Buche, Doch vorsichtig um die Ecke Lauscht bald rechts, bald links sie schelmisch Und ist immer auf dem Sprunge, Lacht und spottet: »Schabab! Schabab!« Lange so im Kreise jagen Sich die Beiden um die Buche, Daß die Wangen ihnen glühen. Endlich hascht er sie und küßt sie Auf den athemlosen Mund; Sie umschlingt mit beiden Armen Seinen Nacken und giebt herzlich Ihm zurück den frischen Waldkuß. »Jetzt den Fuchs her! sonst gefangen Mußt du mit!« droht er mit Lachen.     »Fuchs her? Füchslein läßt dich grüßen, Sieh mal da, um jenen Hügel, Nein, da nicht! um diesen war es, Daß das Füchslein lustig trabte, Als ich es gelöst vom Eisen; Lauf' ihm nach, am Ende fängst ihn.«     »Was? Du ließest ihn entwischen? Hast ihn mir verprellt für immer? Mädchen! sage, was zur Strafe Fang' ich mit dir an, du Irrwisch?«     »Denkst, ich werde meine Freunde Gegen euch im Stiche lassen? Was im Walde lebt und athmet, Ob es Haare trägt, ob Federn, Blätter, Blüthen oder Fühler, Allen bin ich eine Schwester, Und sie wissen's; wenn mir Einer Wollt' im Walde Böses anthun, Käm' ein Heer gleich von Beschützern Mir zu Hülfe, darum half ich Auch dem Füchslein aus der Klemme.« »Diesmal sei dir's noch verziehen,« Spricht er, »werd' das Eisen künftig Besser zu verstecken wissen.« Die Geliebte sanft umschlingend Schritt er fröhlich mit ihr plaudernd Durch den Wald. Die Sonnenstrahlen Brachen durch die hohen Wipfel, Wie auf einem Wappenschilde Sich ein schräger, goldner Balken Von dem dunklen Grunde abhebt, Und darinnen schwebt' und flirrt' es Von Millionen Sonnenstäubchen. Und buntschillernde Insekten, Deren Panzerkleid und Flügel Schier in allen Farben spielten, Schwirrten summend auf und nieder, Regungslos auf einem Punkt jetzt In der Luft wie festgenagelt, Und jetzt pfeilschnell seitwärts fahrend, Wenn ein Andres ihnen nah kam. Um die grauen Buchenstämme Streiften wandelbare Lichter, Und die saftgefüllten Blätter Leuchteten so klar durchschienen, Daß darin die vielverzweigten Feinsten Aederchen erkennbar. In des Moses dichtem Hochwald, An der Halme schlanken Masten Und durch das Geäst der Flechten Kletterten gehörnte Käfer, Stahlblau oder bräunlich glänzend. Wie von Luft und Sonne trunken Taumelten die Schmetterlinge Ueber offnen Blumenkelchen, Ruhten darauf aus, noch einmal Schläfrig ihre Schwingen regend Und dann hoch zusammenschließend, Ihrem Duftrausch hingegeben. Wo auf unbewachsne Stellen Niederfiel ein heller Schimmer, Blitzt' und funkelt' es wie Streusand; An den Steinen aber blinkten Stücklein Quarz und Glimmerblättchen Wie Krystall und blankes Silber. Eidechs sonnte sich daneben, Und mit langen, dünnen Beinen Stieg herüber eine Spinne. Tiefe Stille war im Walde, Heitre, sel'ge Mittagruhe, Und ein goldig Flimmern wogte Durch das Grün hin, wonnevoll Wie verklärten Traumes Lächeln, Und aus mattem Lufthauch schwebten Leis' daher verirrte Töne Wie aus grenzenloser Ferne, Wundersam und nicht zu deuten. Nirgend war ein Wild zu sehen, Auch die tausend Vöglein saßen Schlummernd oben in den Zweigen. Ueber jedes Auge senkte Süß und gerne sich die Wimper, Nur nicht über die, aus denen Liebe eins ins andre strahlte. Unter eine hohe Eiche In den kühlen Schatten setzte Ludolf sich mit Waldtraut nieder. Ludolf lehnte mit dem Rücken An dem Stamme, Waldtraut aber Streckte in das weiche Moos sich, Und ihr Haupt in Ludolfs Arme Und auf seinen Schoß ihm legend Blickte sie mit blauen Augen Zu ihm auf zutraulich, zärtlich, Wie ein Kind schaut aus der Wiege, Nestelte von ihrem Mieder Auch das Sträußchen los und steckt' es An das Wamms dem jungen Waidmann. Und er blickte zu ihr nieder Tief und tiefer in die Augen, Auf die schwellend rothen Lippen, Die ihm hold entgegen blühten Wie die duftigsten der Blumen. Ach! es waren Zauberblumen, Und er wagte viele Male Wohl den Kuß auf Mund und Wangen Seiner kleinen Waldprinzessin. Doch kein Donnerschlag ertönte, Nicht verwandelt ward die Süße In ein grauslich Ungeheuer, Blieb in Lieblichkeit und Anmuth Nach wie vor sein herzig Mädchen. Da von fern rief's: Kukuk! Kukuk! »Horch!« sprach Waldtraut, »laß uns zählen.« Aber grade über ihnen Rief es lockend: Kwickwickwick! Und nicht lange währt's, da klang es In der Eichenkrone leise: Kwawawa! – und Kwickwickwick! Lautete dieselbe Antwort Rasch und kichernd, und der Vogel Schrie wie toll jetzt: Kukukuk! Und sein Weibchen lachte wieder. So ging hin und her die Zwiesprach, Und ein Flattern, Flügelschlagen, Kukukrufen, Lachen, Girren, Leise bald, bald laut und heftig, Daß wie oben die zwei Vögel Kosend lachten, die zwei Menschen Unten auch mit lachen mußten. Nun von dannen flog der Kukuk, Und sein graues Weibchen folgte. »Weißt du auch, was das bedeutet?« fragte Waldtraut. »Nein!« sprach Ludolf. »Nun dann sag' ich dir's auch nimmer,« Neckte jene, und vergeblich Drang er in sie, zu verrathen, Was der Kukuksgruß bedeute. »Lange ruft er nicht,« sprach Waldtraut, »Und es ist des ganzen Jahres Schönste Zeit doch, wenn der Gauch gugt, Aber hat er sich an Kirschen Dreimal satt gefressen, schweigt er.« Da flog ihr ein siebenpunktig Schwarz und roth Marienwürmchen Auf die Hand, und schelmisch frug sie: »Weißt du denn, was das bedeutet? Brauthandschuhe auf die Hände, Drauf sich niederläßt das Thierlein! Aber ich mag keine anziehn, Wüßt' es gar nicht anzufangen, Auf die Finger sie zu zwängen, Selten hab' ich's nur gesehen, Daß sich Menschen damit quälen; So das Fräulein, wenn sie reitet, Und ich denke mir, sie thut es Des gestickten Zaumes wegen.« Um die Hand kroch ihr der Käfer, Und sie wandte sie; da glitt er Jählings in die hohle Fläche Und blieb auf dem Rücken liegen; Aber schleunig half ihm Waldtraut Wieder auf die Beine. »Laß doch!« Sagte Ludolf, »laß ihn zappeln. Ob er sich allein kann umdrehn.« »Wie?« sprach Waldtraut, »zappeln lassen? Einen armen Käfer umdrehn, Wenn er also hülflos daliegt, Heißt ja sieben Sünden sühnen!« »Sieben Sünden!« lachte Ludolf, »Sag' mir, welche Sünde, Liebchen, Hättest du auf dem Gewissen?« »Meine neu'ste ist,« sprach Waldtraut, »Daß ich hier die Zeit verplaudre, Sieh doch nur mal auf zur Sonne, Mittag ist's, ich muß von dannen, Denn Großmütterchen kommt heute Aus dem Thal herauf zum Meiler.« Sie erhoben sich und gingen Hand in Hand durchs Waldesschweigen. Als sie über Busch und Bäumen Schon den Rauch des Meilers sahen Und sich eben trennen wollten, Stand, wie aus dem Grund gestiegen, Köhler Volrat vor dem Paare. Finster war sein rußig Antlitz, Groß und mächtig die Gestalt Mit dem Knochenbau der Glieder, Daß im Walde beim Begegnen Man sich vor ihm fürchten konnte. Waldtraut fuhr in Schreck zusammen Und ließ schnell die Hand des Jünglings. Aber drohend schalt der Köhler: »Was schaffst du bei meiner Tochter? Treff' ich euch noch mal zusammen, Sollt ihr's wahrlich Beide fühlen!« »Meister Volrat, Euer Kind ist Fast in meinem Schutz so sicher Wie in Gottes Hut,« sprach Ludolf. »Weiß mein Kind noch selbst zu schützen,« Brauste Volrat, »und ich rath' euch Jägervolk, mir fern zu bleiben!« »Laßt mich, Volrat,« sagte Ludolf, »Rath mit gutem Rath Euch lohnen. Warnen möcht' ich Euch vorm Grafen; Er ist auf der Spur dem Wildrer, Der in seinem Forste birschet, Und hat ihm den Tod geschworen.« Volrat zuckte nur ein wenig, Und dann lacht' er wild und höhnisch: »Spare deine Weisheit, Milchbart! Selber mag dein Graf sich hüten Und ein ziemlich Einsehn thun, Eh' der Bauer mit dem Ritter Seine aufgehobnen Späne Rechtlich oder fechtlich schlichtet; Läßt der Bundschuh erst sein Fähnlein Offen hier im Harze flattern, Möcht's zu spät sein.« Und dem Jäger Seinen breiten Rücken kehrend Herrscht' er Waldtraut zu: »Nun vorwärts!« Zitternd stand das holde Mädchen, Helle Thränen in den Augen; Einen stummen Blick voll Wehmuth Und voll Liebe, den der Jäger Wohl verstand und ihr zurückgab, Schenkte sie ihm noch; dann ging sie. Schweren Herzens, doch mit nichten Ganz verzagend, wandte Ludolf Seine Schritte nach der Richtung, Wo die Burg lag, und es kreuzten Sich ihm mancherlei Gedanken. Wie er dieses rauhen Mannes Neigung und Vertrau'n gewinne, Wie er ihn vor schwerem Loose, Das ihm drohte, wohl bewahre, Und wie er trotz des Verbotes Waldtraut noch zu sehn bekomme. Dieses Alles, bangend, hoffend. Pläne schmiedend und verwerfend, Wog er in bedrängter Seele Seines Weges kaum noch achtend. Plötzlich sah er eine Alte Langsam sich entgegen hinken. »Ach, ja so! da kommt's, das Unglück,« Sprach er, »davor Gerhard warnte. Aber wider alle Regel Ist es ja, daß erst das Unheil Und nachher das alte Weib kommt; Sonst begegnet es dem Waidmann Meist in umgekehrter Folge.« Als die Beiden sich genähert, Blieb die Alte wartend stehen. Von der schweren Last der Jahre Tief gebeugt, die auf ihr ruhten, Pflanzte sie den Krückstock mitten Vor sich hin, mit beiden Händen, Die stark zitterten, sich stützend, Und den Kopf im Nackenwirbel Ganz zur Seite drehend, schaute Sie von unten schräg nach oben. Aus dem welken, gelben Antlitz, Uebersät mit tausend Falten, Blickten eulenhaft zwei große, Leuchtend klare, graue Augen. Ludolf wollt' in seinem Mißmuth Ohne Gruß an ihr vorüber; Doch sie rief ihn an und sagte: »Grüß' dich Gott, mein schöner, schmucker Junger Jägersmann im Grünen!« »Grüß' Euch wieder!« brummte Ludolf.     »Habt Ihr es denn gar so eilig? Laßt doch Eu'r Gesicht mal sehen, Liegt da zwischen Euren Brauen Ein gar vielverheißend Fältlein, Sagt doch: unter welchem Sterne Hat die Mutter Euch geboren, Lieber, schmucker Waidgeselle?«     »Weiß nicht, und Euch kümmert's auch nicht!«     »Nicht so bös gleich, Herzensjunge! Kennt mich wohl nicht? bin ja Aulke, Kennt Ihr nicht die alte Aulke? Ja, nun zeigt mal Euer Händchen, – Nein, die rechte, – ei! ei! sieh mal! Sieh mal, fast dieselben Linien Wie mein Enkelkind, die Waldtraut! Nun, was zuckt Ihr? thaten weh Euch Meine harten Knochenfinger?« Ludolf schüttelte verlegen, Lächelnd wie ein schämig Mädchen; Doch nun lauschte er der Alten, Als ob Weisheit und Erkenntniß Aller Zukunft ihr zu eigen. Diese sprach, bedächtig forschend In die Hand des Jägers schauend: »Lebenslinie um den Daumen Weit auslaufend und doch kräftig, Auch die Sonn'- und Ehrenlinie Fest und deutlich auf dem Tische, Martinshöhle wohl geschlossen, Doch Saturnsberg Unheil drohend, Aber hier der Venusgürtel Tief und sicher. Ja, das glaub' ich! – Junger Waidmann, wollt Ihr wissen, Was ich seh' von Eurem Schicksal?« Ludolf nickte voll Erwartung.     »Wohl! ein langes Leben blüht Euch, Werdet Euren Namen mehren, Habt 'ne glückliche und gute, Eine feste Hand in Allem, Was Ihr angreift, und das schönste Loos wird Liebe Euch bescheeren. Doch hier sagt mir noch ein Zeichen, Daß mit meiner eignen Sippe Ihr Euch noch berühren werdet, Aber Blut wird dabei fließen Und Ihr selber in Gefahr sein. Wenn Ihr die besteht, so werdet Ihr in schlimme Händel kommen, Brand und Rauch und Totschlag seh' ich, Nicht durch Euch verübt, jedoch auch Ohne Euch nicht möglich, Jäger! 's ist genug; denn Alles wissen Macht nicht glücklich, wißt genug schon.« »Sagt mir Alles, Mutter Volrat!« Flehte Ludolf, »will's Euch lohnen, Wie ich weiß und kann im Leben.«     »Nichts da, Goldsohn! sehn uns wieder, Sollt nicht lohnen mir und danken, Sehn uns wieder! sehn uns wieder!« Damit hinkte sie von dannen. Tief erregt ging Ludolf weiter, Sann und sann und sah nur Waldtraut Von Gefahren rings umgeben; Sie zu retten und zu schützen Schwur er sich in treuem Herzen Doch so oft er rückwärts blickte, Sah er auch die Alte stehen Und mit schief gebücktem Kopfe Nach ihm umschau'n immer nickend, Winkend, sprechend auch und murmelnd, Was er nicht mehr hören konnte. VI. Die Hirschjagd.                             Frau Sonne, Frau Sonne, Am Himmel herauf! Allleben und Wonne Erwecke dein Lauf! Daß Jeder sich rühre, Soviel er vermag, Erleuchte und führe Und segne den Tag! Ihr Schläfer, erwachet! Der Nebel verraucht, Der Ost ist entfachet, In Gluthen getaucht. Schon glänzen die Gipfel, Weit schimmert das Thal, Es röthet die Wipfel Der blitzende Strahl. Trennt euch, die verborgen In Minne vereint, Daß euch nicht der Morgen Ins Kämmerlein scheint. Und blinzelt und senket Die Wimper und lacht, Schweigt stille und denket Der seligen Nacht. Wohlauf nun, Gesellen, Zum Jagen hinaus! Es duftet im Hellen Wie blumiger Strauß. Ein Trunk aus dem Kühlen, Dann fröhlich zu Holz! Das Leben zu fühlen, Ist Waidmannes Stolz! So grüßet aus des Bergfrieds Nischen Des Thürmers Lied den neuen Tag, Und in den frohen Weckruf mischen Sich Staargeschwätz und Lerchenschlag. Das Frühroth drückt sein Rosensiegel Aufs graue, moosige Gestein, Und in der Fenster hellem Spiegel Goldfunkelnd glänzt der Wiederschein. Im Burgstall fahren die Genossen Nun hurtig in das Jagdgewand, Sehn nach den Rüden, nach den Rossen Und nehmen ihre Wehr zur Hand. Die Mägde tummeln sich, die raschen, Und Frau Agnete packt zurecht Den Imbiß in die Satteltaschen Und Krüge auch in Rohrgeflecht. Wulfhild erhebt sich von dem Pfühle, Längst schon entflohn des Schlummers Haft, Und stählet in des Bades Kühle Des schönen Körpers Jugendkraft. Gequält von Ungeduld, ersehnte Der Graf den Aufbruch, weil die Nacht Halb schlaflos ihm zu lang sich dehnte Und halb in böser Träume Macht: Vergeblich einen niedern Hügel Strebt' er hinan in losem Sand; Dann riß ihm im Galopp der Zügel An schwindeltiefen Abgrunds Rand. Ein Bär verfolgt' ihn, angeschossen, Er stieß ins Horn, das gab nicht Laut, Jach fuhr er auf und sah verdrossen, Daß immer noch der Tag nicht graut. Dann ließ er bei dem Hirsche nieder, Den Fang zu geben, sich aufs Knie, Und aufgeschreckt erwacht' er wieder Von seinem eignen Halali! Er reißt das Fenster auf und bietet Dem frischen Morgenhauch die Brust: »Du jagst schon, Wind! wie festgenietet Bin ich mit meiner heißen Lust!« Er horcht; – auf seinem Botengange Rauscht unten leise nur der Fluß; Er drückt die Armbrust an die Wange, Doch Dämmerung versagt den Schuß. »Will es denn heute niemals tagen? Verdammter Schneckenschritt der Zeit! Licht will ich haben, jagen, jagen, So lang ein Hirsch im Walde schreit.« Um keines Augenblickes Spanne Fliegt schneller durch den Raum das Licht, Doch endlich sieht die höchste Tanne Der Sonne strahlend Angesicht. Da tönt vom Thurm des Wächters Rufen; Bald hört der Graf nach dem Gesang Im Hof Gestampf von Rosseshufen Und lockend eines Hornes Klang. Er steigt hinab; aus Aller Munde Schallt ihm ein Waidmanns Heil! er nickt, Schaut, jagdgerüstet, in die Runde, Und wie die Tochter er erblickt, Küßt er sie auf die Stirn und schreitet Zum Hengst, der Ungeduld verbüßt, Die Erde scharrt, die Nüstern weitet Und wiehernd seinen Herrn begrüßt. Das ist ein Thier ganz ohne Gleichen! An Stirne, Brust und Hüften breit, An Gliedern hoch und lang an Weichen, Ein mächtig Roß zu Jagd und Streit. Die Adern schwellen fast zum Springen, Voll Muth und Trotz die Augen drohn, Als trüg' er unsichtbare Schwingen, Des freien Sturms leibhaft'ger Sohn. Kaum sitzt der Graf, so steigt der Rappe, Springt um und rast in tollem Lauf, Wulfhild und Albrecht, Magd und Knappe Schau'n sorgend zu dem Grafen auf. Doch der, gelassen, ohne Regung, Gleicht einem Bild von starrem Erz, Ihm bleibt in wildester Bewegung Ein unerschütterliches Herz. Wunsch kämpft gewaltig, schnaubend, wühlend, Knirscht in den Zügel, schaumumweht, Bis er, die Hand des Meisters fühlend, Gebändigt unter'm Reiter steht. Nun geht's zu Holz, und sein Geleite Führt frohen Muths der Ritter an, Der Junker an Wulfhildens Seite, Die Andern reiten Mann bei Mann. Nur Ludolf fehlt; den Hirsch zu spüren Zog er voraus mit allem Heil, Doch Valentin und Bruno führen Für ihn und Tile, der am Seil Die flinke Meute hält gekoppelt, Zwei leere Gäule noch am Zaum; Wie Tile auch den Schritt verdoppelt, Er folgt den Ungestümen kaum. Wohlauf zur Jagd! nur dieses Eine Fühlt freudeathmend jede Brust, Thau blitzt im Morgensonnenscheine Und aus den Augen Waidmannslust. Im Forste folgen sie den Zeichen, Die als der Richtung Schritt und Schnur Ludolf mit Brüchen junger Eichen Zurückließ auf des Weges Spur. Sie reiten lange, und es klinget Bald Waidgeschrei und Hiftruf bald, Doch immer noch zu ihnen dringet Nicht Ludolfs Antwort aus dem Wald. Doch endlich wie ein fern Geläute Vernehmen sie des Jägers Horn: Hourvari! tönt's, laut wird die Meute, Kein Roß braucht seines Reiters Sporn, Sie sprengen jauchzend um die Wette Mit ho! tjoho! wohlauf! wohlauf! Durch Dick und Dünn, sind bald zur Stätte, Und Tile folgt im schnellsten Lauf. »Du lockst uns weit durch Forst und Gründe,« Ruft Hackelberend, »wie mir däucht.« »Ach, Herr.« entgegnen Ludolf, »stünde Der Hirsch nur hier! er ist verscheucht; Es zogen durch den Wald die Bauern Mit Kirchenfahnen und Gesang Zum Feste in den Klostermauern, Und die verdarben uns den Fang. Schuld sind allein die Walkenrieder, Daß uns der Hirsch ins Weite fuhr, Vor Nachmittag kommt er nicht wieder, Doch weiß ich Wechsel schon und Spur.« »O Pfaffen, die der Teufel siebte, Die überall im Wege sind, Ich tränk's euch ein, im Herrn Geliebte, Treff' ich euch mal im rechten Wind!« So droht der Graf, spricht dann mit Winken: »So sattelt ab, wir haben Zeit, Kramt aus den Imbiß, gebt zu trinken Und macht das Lager hier bereit!« Kommt auch die Zög'rung ungelegen, Beginnt doch in der Mittagsgluth Schon Durst und Hunger sich zu regen, Und auch im Kühlen jagt sich gut. Man läßt die Gäule ruhig grasen, Fühlt sich im Walde stets zu Haus Und streckt sich auf dem grünen Rasen Im Schatten einer Ulme aus. Gleich einer Laube hält umschlossen Gebüsch der kleinen Lichtung Raum, Da stehen Hasel hochgeschossen, Hartriegel, Weißdorn, Spindelbaum. Hier lagern nun, mit Becherstürzen Und mit dem Imbiß bald vertraut, Die Jäger, sich die Zeit zu kürzen, Und Scherz und Frohsinn werden laut. Da naht, wie sie in Ruh sich laben, Ein fahrender Schüler ihrem Kreis, »Nun seht doch,« ruft der Graf, »da haben Wir Einen ja von dem Geschmeiß! Woher, du mit zerrißnen Sohlen, Auf irrender Kometenbahn? Wem hast du dein Gesicht gestohlen? Und welchem Heil'gen unterthan?« So frägt der Ritter den Vaganten; Der sieht sich seine Leute an, Denkt: Wetter! der hat scharfe Kanten! Verlaß mich nicht, Sankt Florian! Und spricht: »Ich bin stets unter Segel, Mein Kloster ist die weite Welt, Kurzweil heißt meine Ordensregel, Gesang mein Gut, der Wald mein Zelt.« »Ei!« lacht der Graf, »ein gut Begegnen! Derweil wir tafeln, unterdeß Magst du uns unsre Jagd gesegnen, Auf, lies uns eine Jägermeß! Doch merke! kurz sind Jägermessen, Ein Waidmann ist nicht lang zerknirscht, Hat seine Sünden bald vergessen, Lebt frank und frei, trinkt, lacht und birscht.« Der Fahrende, schon nicht mehr schüchtern, Spricht: »Fiat!« nun mit keckem Ton, »Allein verzeiht, ich bin noch nüchtern, Erst einen Trunk, dann den Sermon!« Den Becher, den ihm Gerhard bringet, Leert er auf einen einz'gen Zug, Ein Stein, auf den er leicht sich schwinget, Ist seine Kanzel, hoch genug, Und seiner lauschenden Gemeine Hält er die Predigt nun, gewürzt Mit macaronischem Lateine Und aus dem Stegreif leicht geschürzt. »Salvete, fratres in Sancto Huberto! Spitzet die Ohren, credite experto! – Ihr Waidleut vor mir in der Rund, Ihr müßt mich ansehn zu dieser Stund Für einen heil' gen Apostolum, Der zu den Heiden ist ausgesandt, Um Euch den malum Diabolum, So der Jageteufel genannt, Der sich wie Kletten an Euch hängt, Wie in den Baum die schmarotzende Mistel In Eure Seele sich bohrt und drängt, Auszutreiben mit Wort und Epistel. Denkt, daß ich von der Klerisei Ein hochwürdiger Bischof sei In partibus infidelium, Der mit der Schrift hier vor Euch stünd, Daß er in Andacht Euch verkünd Ein köstlich Waldevangelium. Aber der Text und das richtige Thema Dünken mich ein gar schwierig Problema. Ist ein verzwickter casus hier, Sintemalen die Jägermessen In Psalterium und Brevier Von denen scriptoribus leider vergessen. Nirgend ein Benedicite Steht darin, wann ich zum Jagen geh, Und ob es nöthig, das Rauchfaß zu schwingen Und nach Stund und Gelegenheit Dazu Prim, Terz und Sext zu singen, Vesper, Complet und Nonenzeit; Drum muß ich ad exercitium nostrum Reden wie mir gewachsen das rostrum. Wie komm' ich Euch nun am besten nah Cum omnia mea rhetorica? Seid gewiß, das laß' ich Euch gern, Große Jäger vor dem Herrn, Doch Euch zu fragen nach Eurem Credo, O miserere! potius abscedo. Was glaubt denn der Waidmann? gar nichts glaubt er, Allem Gethier das Leben raubt er, Denket, Hirsche und Häsulein Laufen für ihn nur waldaus, waldein, Daß sie auf seine tabula Kommen wie lupus in fabula. Jäger meinen, das müßte so sein, Und es fällt ihnen nimmer ein Ihrer eignen Sünden Gewicht, Sehen den Wald vor Bäumen nicht, Fluchen und würfeln und schwingen den Speer, Trinken die größten Fässer leer, Et dum Spelmanni upblasunt trumpum, Tollunt laetissime kannem et humpum, Quartum semper excipit quintus Ad infinitum dum nihil est intus, Danzant super mensas et benkias, Turbant tabernas, cauponas et schenkias, Schmähen und ärgern ecclesiam scissam, Kommen niemals ad santam missam, Und zur Beichte gehen sie auch nicht, Kennen der heiligen Kirche Brauch nicht, Opfern nicht auf dem Altar des Herrn, Schicken ins Kloster kein Wildpret gern, Meinen, wir könnten es nicht vertragen Und verdürben uns nur den Magen An Wildschweinskopf, Schnepf und Fasan, Rehbock, Rebhuhn und Auerhahn, O schnöder Irrthum! errare humanum! Non nocet ecclesiae donum profanum. Ist aber gar kein Wunder nicht, Seid auf ganz andere Dinge erpicht. Waidleut vulgo venatores Habent amores plus quam mores, Und es ist auf dem Erdenrund Sicher vor ihnen kein Mädchenmund, Libido, favor et osculum Dünget sie Alles ein flosculum, Wie man sich etwan ein Blümlein pflückt Und damit Hut oder Wamms sich schmückt. Jäger, was Ihr auch immer jagt, Hütet Euch, daß Ihr zuviel nicht wagt Und nicht gerathet auf falsche Spur Um eine liebe Kreatur. Achtet auf Eure Wege und Stege, Kommt keinem Addern nicht ins Gehege, Jeder hat Wildbann und Gejaid Gerne für sich bei seiner Maid, Keiner trägt gerne offen und frei An seiner Stirne ein Hirschgeweih. Haltet drum Eure Zunge im Zaum, Ohren im Walde hat jeder Baum, Wie man hineinschreit, so schallt es heraus, Aber Euch dünket es summa laus, Plenissimo tractu, in vollen Zügen Einer dem Andern was vorzulügen Und die unglaublichsten Jagdgeschichten Flott in das Blaue hinein zu dichten, Schosset zehn Enten mit einem Pfeil, Bandet drei Bären mit einem Seil, An jedem Finger obendrein Hängt Euch ein schmachtendes Mägdelein. O miserere! Alles umsunst! Kommet nicht in des Himmels Gunst! – Steht Euch das klar vor den oculis, Lasset doch ab von den poculis, Sag's Euch ins Antlitz, dico in vultum, Machen im Kopfe Euch magnum tumultum. Ergo lasset das Saufen sein, Saufet in specie nicht immer allein; Sondern so Einer bei geistigem Trank Sitzt auf dem skemelo oder der Bank Et cum bibendi diabolo ficht, Sorg' er für Beistand und Gegengewicht. Dazu, als ich Euch rathen kann, Tauget vor andern ein geistlicher Mann, Der bei den größten Krügen und Kannen Jeglichen Spiritum wisse zu bannen. Naht aus dem Kloster ein frommer pater Oder etwan auch ein jüngerer frater, Ein studiosus, poëta, Scholar Oder verfahrener Schüler gar, Ladet ihn ein! Ihr dürft zu Zween Schon ein paar Kännlein weiter gehn, Denn was Ihr thut des Herrn Geweihten, Solches wird Euch für ewige Zeiten Als sacrificium angeschrieben, Sollt wie Euch selber den Nächsten lieben, Aber versteht sich, mit Unterschied! Amen! jetzt singen wir ein Lied.« Schon wollt' er an zu singen fangen, Da unterbrach der Graf ihn schnell: »Halt! mitgefangen, mitgehangen, Jetzt mußt du trinken erst, Gesell! Du hast uns scharf den Text gelesen, Doch sei's in Gnaden dir verziehn, Ein Waidmann bist du nie gewesen, Sahst nie den Hirsch vor Hunden fliehn. Nun ist dir wohl die Kehle trocken? Komm, Bruder Suchtrunk, der du bist, Lang' zu! da sind noch gute Brocken, Lösch' auch den Durst, wenn's möglich ist.« Das ließ er sich nicht zweimal sagen, Geschwind saß der Bacchant beim Wein Und trank und trank, strich sich den Magen Und hieb mit besten Kräften ein. Doch als er fertig war mit Prassen Und satt, wie's selten ihm geschah, Da konnt' er's Singen doch nicht lassen, Und augenfunkelnd saß er da, Ein glücklicher, zufriedner Zecher, In seines Herzens vollem Drang Hob er den weingefüllten Becher Und lächelte ihn an und sang: Wohl her, du wackrer Rebenknecht, Du allerliebster Wein! Putz' dir die Füß', kommst eben recht, Geh säuberlich herein. Du duftest wie ein Blumenstrauß, Dein Kleid ist eitel Gold, Und schaust so frank und fröhlich aus Wie seliger Minne Sold. Heisa! von meinem Heergewett Hol' ich das Beste her, Das ist, Herr Wein, vom Kandelbrett Mein Trinkfaß silberschwer, Ich schwenk' es her und schwenk' es hin, Schau! gülden blinkt's darin. Willkommen, Kühler, im Quartier, Du allerliebster Wein! Niemals soll zwischen mir und dir Die kleinste Feindschaft sein. Kein Truchseß war mir je so lieb Wie, edler Mundschenk, du, Mein Haus und Hof ich dir verschrieb, Und was in Schrein und Truh. Wer lebt, dem du nicht Ablaß gabst Für Sünden groß und klein, Du löst und bindest wie der Pabst Die Pfaffen und die Lai'n; Nun, heil'ge Waschung, vor dich geh Vom Wirbel bis zur Zeh. Gesegnet sei, du Herzenstrost, Du allerliebster Wein! Wir Zween ha'n manchesmal gelost, Ob mein du, ob ich dein. Du machtest, daß ich fechten wollt' Mit ihrer zwanzig Mann, Daß mit Sankt Urban ich gegrollt, Wenn Regen niederrann. Und Mancher, der nach Mitternacht Zog billig von dir aus, Sitzt Mittag wieder auf der Wacht Vor deinem hölzern Haus, Denn scheidet man getrost von dir, Heißt's doch: komm wieder schier! Behüt' dich Gott, mein Schwurgesell, Du allerliebster Wein! Und halte mir die Augen hell Und Herz und Nieren rein. Mach', daß ich auf den Füßen bleib', Was auch die Glocke schlägt, Und ziemlich geh' zu meinem Weib Und weiß, was sie mich frägt. Behüt' dich Gott vor Reif und Frost, Vor Sturm und Hagelstein, Du ganze Labung, halbe Kost, Du allerliebster Wein! Zeuch' hin, Gesell! nach dir ich späh', Drum halt' dich in der Näh'! Dann stand er auf, sich zu bedanken, Nahm Abschied mit vergnügtem Sinn, Ging seines Weges ohne Wanken Und schwand im dichten Wald dahin. – Nun ist's auch Zeit; die Jäger steigen Ein Jeder wieder auf sein Thier Und reiten All' in tiefem Schweigen Durchs grüne, schattige Revier. Bald finden sie vom edlen Hirschen Gerechte Fährte, Zwang und Tritt, Nun heißt's nicht mehr behutsam birschen, Nun sattelfest im scharfen Ritt! Schnell losgekoppelt wird die Meute Und auf der Fährte angelegt, Daß zeichnend, spürend nach der Beute Sie klingend durch das Dickicht fegt. Und hinterdrein zum Hirschen eilet Mit Herzenslust die Jägerei, Die rechts, die links, getrennt, vertheilet, Wer ihn zu sehn der Erste sei. »Hochda! hochda! da fleucht er, da fleucht er!« Ruft Bruno überlaut und froh, »Fornahin! fornahin! da zeucht er, da zeucht er, Der edle Hirsch! hallo! hallo!« Und stößt ins Horn, das weithin hallet, Und Antwort kommt von fern und nah, Von Hift und Waidgeschrei erschallet Ringsum der Forst: hochda! hochda! Nun geht es vorwärts in Gewittern Waghalsig über Stein und Strauch, Es horcht der Wald, die Lüfte zittern, Bald Sporn, bald Dorn trifft Rosses Bauch. Stolz fliegt der Hirsch, wirft in den Nacken Das zweiundzwanziger Gewicht, Die Zweige rauschen, die Aeste knacken, Wie prasselnd er den Wald durchbricht. Hier tönt ein Horn und dort ein Rufen: »Da schleicht der Hirsch! hierher! hierher!« Dazwischen dröhnt's von Rosseshufen, Laut wird die Meute mehr und mehr. Und heißt es auf der einen Seite: »Da fleucht er über Weg und Steg, Daß Gott meines schönen Buhlen pfleg'!« Klingt's lustig wieder aus der Weite: »Da lauft er über Wasser und Grund, Mich freut meines Buhlen rother Mund!« Der bläst, der schreit, der hetzt die Hunde: »Juch! hetze fürder! schenk' Schirm und Schall! Hast Recht, trauter Knecht! Gesellmann, gieb Kunde, Hetze hierher die guten Hunde all!« Waldein, waldein in tollem Jagen, Hallo! hallo! der ganze Troß, Wie grüne Wogen die Büsche schlagen Zusammen über Mann und Roß. Bald schwindet der im tiefen Schatten, Im vollen Trupp jetzt, jetzt allein, Bald sprengt der über lichte Matten, Die Stahlwehr blitzt im Sonnenschein. Und überall ein Brechen und Biegen Vor Reitern dort und Reitern hier, Die Farben schimmern, die Locken fliegen, Den Flügel führt der Falkenier, Albrecht läßt sich vom Schweißfuchs tragen, Auf ihrem Rothwang schwebt Wulfhild, Und Allen voran mit Wetten und Wagen Der Graf mit dem Rappen rasend und wild. Die Rosse triefend im Kampfe dauern, Die Rüden hetzen mit heulendem Schall, Scheu flattern die Vögel, die Wipfel schauern, Die Blumen und Gräser beugen sich all. Heiß tobt die Jagd über Klippen und Dämme, Wo ist er? wo ist er, der Hirsch? ho! ho! Sie biegen haarscharf um die hemmenden Stämme, Da kommt er! da kommt er! hallo! hallo! Die Wangen glühen, die Herzen klopfen, Hochda! hochda! hetz! hetz! giff! gaff! Die Augen blitzen, die Stirnen tropfen, Trara! trara! hift! hift! kliff! klaff! Es kreiset der Wald, es tanzen die Bäume, Huhu! dock! dock! hallo! und hoho! Sie sausen und brausen, durchfliegen die Räume, Dax! dax, lululu! dorido! dorido! Und immer der Hirsch fürüber, fürüber Mit gabliger Krone am stolzen Geweih, Bergauf und bergunter, herüber, hinüber, Und All' hinterdrein mit juchhe! und juchhei! Bald klinget es nahe, bald klinget es ferne, Die Hörner, die Hunde, das Roß und der Mann, Ob am Himmel die Sonne, ob Mond oder Sterne Sie wissen es nicht, sie jagen hindann. Kein Halt, kein Rast, kein Athemschöpfen, Im Fluge glückt's dem Reiter kaum, Sich lüftend nur das Wamms zu knöpfen, Die Gäule sind bedeckt mit Schaum. Doch als die Sonne sinkt, da endet Der Kräfte Maß bei Mann und Roß, Und mit den heisern Rüden wendet Sich heimwärts der erlahmte Troß. Von Allen nun im Wald verlassen, Folgt Albrecht mit Wulfhilde nur Auf Pferden von den besten Rassen Des Ritters unentwegter Spur. »Merkst du's nun, wie der Vater jaget?« Fragt sie bei seines Hornes Schall, »Er hetzt nun, bis es wieder taget, Der Hirsch muß oder Wunsch zu Fall.« Und Albrecht spricht im scharfen Ritte: »Find'st in der Dämm'rung dich zurecht? Hab' Acht auf deines Rothwangs Tritte Und auf der Wurzeln bös Geflecht!« »Ach, Albrecht!« ruft sie, »sieh am Himmel Den hellen Stern! der kennt mein Loos, Der weiß –«, da stürzt der Apfelschimmel Und wirft Wulfhilden in das Moos. Dann rafft er sich empor und strebet Zurück in zügellosem Lauf, Doch Albrecht springt herzu und hebet Die zitternde Wulfhilde auf. Am Fuß ein wenig nur verletzet, Lehnt sie sich lächelnd an ihn an, Er stützt sie mit dem Arm und setzet Sie sanft auf seinen Schweißfuchs dann. Wulfhilde aber will nicht leiden, Daß neben ihr der Vetter geht, »Er trägt zu schwer nicht an uns Beiden Im Schritt, komm, sitze auf!« sie fleht. Wie er sich hinter sie nun schwinget Und sicher in den Zügel greift, Sie mit den Armen ihn umschlinget, Daß sein Gesicht ihr Goldhaar streift. Sie fühlet seinen Athem, schmieget Sich innig nah an seine Brust, Ihr Busen wallt und wogt, sie lieget Beseligt so in stiller Lust. Weit ist der Weg, doch Beide schweigen Und reiten so durch Waldesnacht, Gedanken nur und Wünsche steigen Empor zur hohen Sternenwacht. Noch immer jagt mit Wunsch und Wille Der Graf tief in den Wald hinein, Um ihn und hinter ihm wird's stille, Er weiß es nicht, daß er allein. Die goldne Abendsonne blitzet Roth durchs Gebüsch, er sieht es nicht, Er fühlt nicht, wie der Dorn ihn ritzet Und Zweige schlagen sein Gesicht. Der Wald wird dunstig, und es dämmert, Erloschen ist der Sonne Gluth, Er merkt es nicht, es flammt und hämmert Heiß in den Schläfen ihm das Blut. Der Mond geht auf mit sanftem Schimmer, Scheint dunkelroth tief durch den Wald, Der Ritter sieht ihn nicht, nur immer Jagt er und jagt und hat auch bald Schon nahe vor sich, was er hetzet, Das stolze, königliche Thier, An das er Leib und Leben setzet In unersättlicher Begier. Jetzt dicht am Kloster geht's vorüber, Die Kirchenfenster, hoch und lang, Sind hell erleuchtet, und herüber Tönt durch die Stille Meßgesang. Da in der Responsorien Pause Stößt in das Horn der Graf im Nu Und bläst und schmettert der Karthause Laut gellende Fanfaren zu. Und lacht und höhnt: »Verfluchte Glatzen! Bin binnen Glockenschall nun da! Nun laßt euch in den Ohren kratzen Hans Hackelbernds Halleluja!« Dann wieder in die blut'gen Flanken Drückt er dem Hengst die Sporen ein, Und vorwärts, vorwärts ohne Wanken Dem Hirsche nach braust er waldein. Und Wille heult in Wuth und Grimme, Als brennt's im Forste lichterloh, Und furchtbar tönt des Grafen Stimme: »Wunsch! Wille! hetz! hallo! hallo!« Wie eine Windsbraut saust und dringet Die Hetzjagd durch den Wald mit Macht. Wie Felsenstürzen kracht und klinget Es donnerähnlich in der Nacht. Auf einmal doch erschrocken hemmet Der Hengst den rasend schnellen Ritt, Streckt starr die Füße vor und stemmet Sich steif zurück, thut keinen Schritt. Er klammert zitternd mit den Hufen Sich an den Grund und schnaubt und stampft, Vorwärts bringt ihn nicht Sporn, nicht Rufen, Sein Auge quillt, sein Athem dampft. Der Graf steigt ab; auf alle Viere Streckt Wille sich, ihn lockt kein Wort, Wie festgezaubert sind die Thiere An den geheimnisvollen Ort. Uralte Bäume, Waldesriesen, Und hohe Felsen stehn am Hang, Im schmalen Grunde feuchte Wiesen, Drauf niemals eine Sichel klang. Da kommt's – da kommt's in weitem Bogen Durch Mondesglanz und Nebelduft, Hat's Fleisch und Blut, dies Wall'n und Wogen? Ist's Truggebild von eitel Luft? Es lebt, bewegt sich tausendfaltig Wie Menschenleiber, Todesreihn, Dem Grab entstiegen schreckgestaltig, – Eiskalten Schauer im Gebein, Steht Hackelberend, schweißgebadet, Er ist gebannt, er kann nicht fliehn, Weil's bergeschwer sich auf ihn ladet; Grad' auf sich zu sieht er es ziehn. Er preßt sein Herz ins alte Gleise, Blickt fest entgegen dann dem Zug, »Das Wodansheer!« so haucht er leise Und hält sich an des Hengstes Bug. Vor'm Zuge wallt an langem Stabe Ein hoher, freundlich ernster Greis, Der treue Warner mit der Gabe, Daß er Gelüst der Menschen weiß. Der schüttelt langsam und bedächtig Sein Haupt und schaut den Grafen an, Hebt würdevoll und geistermächtig Die Hand und deutet himmelan. Voll unnahbarer Hoheit lenket Sein Streitroß auf des Alten Spur Nun ein Gewaltiger und schenket Nicht einen Blick dem Grafen nur. Doch wieder ihm zur Seite traben Die beiden Wölfe grimm und greis, Und wieder fliegen die zwei Raben Ihm um das Haupt in engem Kreis. Die göttliche Gemahlin reitet Mit ihm, den Wocken in der Hand, Lang von dem Roß hernieder gleitet Ihr schneeweiß schimmerndes Gewand. Es folgen hünenhafte Recken In wilden Urs und Bären Haut, Ihr Haupt Gehörn und Thierkopf decken Daraus ein bärtig Antlitz schaut. Dann Waidgesellen in Geschwadern Und reisig Volk in Eisenwehr, Doch leichenstarr, kein Blut in Adern, Sie athmen nicht, sind kalt und leer. Und in dem langen, langen Trosse, Der schon das ganze Thal erfüllt, Viel schöne Frauen hoch zu Rosse, Gewandlos die, die halb verhüllt. Sie nicken sanft und winken traurig Mit langer, weißer Todtenhand, Und auf sie nieder fahl und schaurig Der Mond sieht über Bergesrand. So schwebt der wundersame Reigen, Nicht Hufschlag tönt, nicht Schwert, nicht Schild, Sanglos, klanglos, in tiefstem Schweigen, Unheimlich wie ein wandelnd Bild. Die Nebel fließen und zergehen Vor Angesichtern, geisterbleich, Wie Lockenflattern, Mantelwehen Wallt's auf und ab im Schattenreich. Jetzt klar und deutlich die Gestalten, Traumartig wie durch Wolkenriß, Dann wie durch dünnen Schleiers Falten Nur dämmernd jetzt und ungewiß. Langsam und feierlich durchwindet Das Abenteuer Busch und Strauch, Aus Dunkel kommt, in Dunkel schwindet Das Uebersinnliche wie Hauch. Graf Hackelbernd steht wie geblendet, Als schon der Unholdszug verrann; Er steigt nicht auf; wie er sich wendet, Führt er den Wunsch zu Fuß bergan. In seiner unbeugsamen Seele Regt sich ein nie gekanntes Grau'n, Ihn schnürt und würgt was an der Kehle, Er wagt nicht rechts, nicht links zu schau'n. Er sah auf seiner Geisterweide Das wilde Heer des großen Wod, Ihm hat gewinkt das Nachtgejaide, Das deutet seinen nahen Tod. Bald soll er vor den Richter treten, Den er auf Erden stets gehöhnt, O könnt' er doch nur einmal beten! Entsündigt wär' er und versöhnt. Sieh! auf des Berges nahem Gipfel, Hell in des Mondes vollem Licht Steht unter einer Linde Wipfel Das heil'ge Kreuz hoch aufgericht, Und mit weit ausgestreckten Armen Des Heilands Bild am dürren Holz, Winkt ihm das ewige Erbarmen, Da wird zu nichte all sein Stolz. Er ganz allein mit Wunsch und Wille, Die stets getheilt. was er verbrach, Im tiefen Wald, in Nacht und Stille Ist's ihm, als ob ein Andrer sprach: »Vor diesem Hohen, schmerzzerrissen, Der frei von Sünde litt und starb, Neig' dich, mein Herz! sprich, mein Gewissen, Das in des Unheils Macht verdarb!« Zum hohen Kreuze, ohne Zeugen, Wankt er heran, das Haupt entblößt, Schon will das starre Knie er beugen, Schon ist die Seele ihm gelöst, Da – däucht ihm – hört er ferne klingen Die Klosterglocke leis' und tief, »Was?« ruft er, »ihr? ihr wollt mich zwingen Zur Buße nach des Pfaffen Brief? Nein! nein! ich will nicht vor dir knieen, Du Zerrbild am gekreuzten Scheit, Du bist, wie die da unten ziehen, Auch nur ein Spuk aus alter Zeit! Und ob Millionen zu dir beten, Ich Einziger, ich stehe hier; Versuch' es, mich in Staub zu treten, Ich nehm' ihn auf, den Kampf mit dir! Laß sehn, ob mir der Arm erlahme, Schieß' ich herab dich, Menschensohn! Das wird 'ne lust'ge Kreuzabnahme, Dem Corpus Christi-Tag zum Hohn! Ja heut, Frohnleichnam, will ich's wagen, Du sei mein Ziel, gebenedeit! Schuß auf den Bildstock, hört' ich sagen, Macht fest die Armbrust und gefeit.« Er nimmt die Waffe schnell vom Rücken Und spannt, doch an der Schulter Rand Fühlt er des Rappen Kopf sich drücken, Und Wille leckt ihm warm die Hand. »Ihr treuen Freunde wollt mich warnen, Seid ihr mit denen da im Bund? Nicht wahr? uns soll'n sie nicht umgarnen!« Er klopft den Hengst, liebkost den Hund Und steht so mitten zwischen Beiden Zum Kreuz aufschauend: »Sag' mir, bist Mit deinem Tod und deinen Leiden Du mein Erlöser, Jesu Christ? Giebt es ein Jenseits? wird gewogen Mein Herz dort in der Ewigkeit? Wird's? oder hat ein Narr gelogen Von Himmel und Glückseligkeit? O gieb ein Zeichen, winke nieder, Ob du den Reuevollen liebst, Ich frage niemals, niemals wieder, Wenn du mir hier nicht Antwort giebst!« – Jetzt deutlich an sein Ohr geschlagen, Ein Laut, den nimmer er gesucht, Tönt Glockenklang, vom Wind getragen, – »Antwort vom Mönch?! so sei verflucht, Dem Klosterschimpf und Pfaffenbräuche Gefolgschaft sind durch alle Welt! Ihr Götze bist du, Vogelscheuche, Jetzt sei von meinem Pfeil zerspellt!« Zum Köcher greift er schnell und strecket Den Bolzen auf der Armbrust Steg, Da zieht ein Reh, vom Ton erschrecket, Ihm schußgerecht grad' übern Weg. Er sieht es nicht, fest an der Wange Liegt schon die Armbrust, und der Bolz Trifft schrill und scharf beim Glockenklange Laut krachend in das zähe Holz. Der Graf fährt mit der Hand zum Herzen, Fühlt einen Stich dort brennend heiß, Ein Augenblick voll Todesschmerzen, – Die Glocke ist verstummt im Kreis. Sturm braust von des Gebirges Jochen, Wie dumpfer Donner rollt es fern, Und in zwei Stücke liegt zerbrochen An Kreuzes Fuß der Leib des Herrn. Der Graf, nun wieder fest im Bügel, Denkt nicht an Tod und Seelenheil, Er lenkt zur Burg des Hengstes Zügel, – Im leeren Kreuze steckt der Pfeil. VII. Der nächste Schuß.                         Auf der Treseburg beim Frühtrunk War des Grafen Ingesinde Morgens wiederum versammelt. Alle saßen, Jäger, Burgwart, Frau Agnete mit den Mägden Und des Fräuleins hübsche Zofe Um den Eichentisch im Thorthurm. Aber nicht wie sonst klang heute Neckisch Plaudern in der Runde; Allen durch den Sinn ging etwas, Das sie drückte und dem Keiner Doch recht Worte leihen konnte. Was zunächst lag, war die Hetzjagd, Die, soviel sie davon wußten, Gar nicht günstig abgelaufen, Und doch schien sie mehr zu kümmern Noch, was nicht sie davon wußten; Unbestimmte, trübe Ahnung Füllte ihnen die Gedanken Grübelnd, rathend. Ihrem Unmuth Gab zuerst Agnete Ausdruck, Als sie sprach: »Ist gar kein Wunder, Daß den Zweiundzwanzig-Ender Ihr nicht abgefangen gestern! Lahme und verschlagne Gäule Habt ihr nun im Stall zur Strafe, Daß ihr heil'gen Blutstag jagtet.« »Nun, den Gäulen wird's nicht schaden, Hatten lang genug gestanden,« Sagte Valentin, »nur Rothwang Hat das Knie sich aufgeschunden, Wohl an einem Wurzelstocke; Doch ich kühl's ihm, in zwei Tagen Kann das Fräulein wieder reiten.« »Und wie steht's mit ihrem Fuße, Elsbeth?« frug Agnete wieder. »Ach! der Fuß ist nicht das Schlimmste, 's sitzt wo anders noch,« sprach diese Nach dem Herzen deutend, »glaub' fast, Daß die Nacht sie nicht geschlafen, Sieht so abgehärmt und bleich aus Und hat rothgeweinte Augen.« »Drum! mir war, ich hörte seufzen, Wie ich heut an ihrer Thüre Just vorbeikam,« sprach Agnete. »Also hast gehorcht mal wieder? Alte, könnt' ich dir die Ohren Doch verstopfen!« drohte Gerhard. »Wird sich auch wohl wieder geben,« Meinte Valentin, »nur Eines Möcht' ich wissen, was dem Grafen Draußen in der Nacht begegnet, Und begegnet ist ihm etwas; Wunsch und Wille sind verschüchtert, Fressen nicht, thun dumm und störrisch, Grad' als wenn die Flederwische, Wenn sie nach dem Blocksberg reiten, Drüber hin geflogen wären.« »Als ich heute früh,« sprach Tile, »Trat ins Kämmerlein zum Grafen, Ihm die Kleider hinzulegen, Schlief er noch und sprach im Traume, ›Wode! Wode!‹ klang's, ›da ziehn sie! Midden in den Weg! vorüber!‹« »Sprach er? dann sei Gott ihm gnädig!« Rief erschrocken Meister Gerhard, »Dann ist ihm das Nachtgejaide Heute Nacht im Wald begegnet; Wer das sieht mit eignen Augen, Um den steht es schlimm da oben.« »Zieht doch sonst nur in den Zwölfen Zwischen Weihnacht und Dreikönig,« Sagte Ludolf. »Eben deshalb Steht es schlimm,« erwidert' Gerhard, »Für den Grafen, weil er's jetzt sah, Und er hat's gesehn, verlaßt euch!« »Habt die Nacht doch nicht gesponnen, Mädchen?« fragte schnell Agnete, »Wißt doch, wenn der Wode zieht In der Nacht, darf nichts rundum gehn, Keine Spindel und kein Rad In der Mühle und am Karren.« »War auch jede Thür verschlossen, Wenzel?« forschte Gerhard weiter, »Wo drei Thüren in der Richte Offen stehn, hat's freien Durchzug, Und durchs ganze Jahr im Hause Giebt es Unheil, Streit und Krankheit.« »Hätten es wohl schon verspüret,« Meinte Bruno, »denn der Wode Wirft aufs Dach dann einen Sattel Oder eine Pferdekeule, Die man eh' nicht wieder los wird, Bis man auf den Kreuzweg hingeht Und um Salz und Petersilie Zu dem faulen Braten bittet; Beides kann er nicht beschaffen.« »Malt den Teufel an die Wand nicht!« Mahnt' Agnete, »'s ist auch sonst schon Nicht geheuer mehr im Lande; Fragt nur Wenzel!« »Ja,« sprach dieser, »Gestern, als ihr draußen jagtet, War Friedriken's Schatz, der Pochknecht Von der Silberhütte, bei uns Und erzählte von den Bauern, Die in hellen Haufen näher Uns mit Mord und Brand schon kommen; Nennen sich der arme Konrad, Und der Bundschuh ist ihr Zeichen, So sie in dem Banner führen. Thomas Münzer heißt ihr Führer, Ist vom Harze hier aus Stolberg, Und sie wollen alle Zinsen, Steuern, Beden, Gülten, Zehnten Und die Frohn beseitigt wissen, Wollen Wald und Weide theilen. Und die Ritter aus den Burgen Haben Schlimmes zu befahren, Wenn sie nicht gemeine Sache Mit dem armen Konrad machen. Wenn sie erst den Sieg in Händen, Wollen sie den Kaiser Rothbart Drüben im Kyffhäuser wecken, Daß er ihnen ihre Freiheit, Handfesten, Gerechtsamkeiten Wieder einsetzt und bestätigt. Uebers ganze Reich erstreckt sich Die Verschwörung schon, im Elsaß, In der Schweig, im Breisgau, Bruchrain, Schwaben, Thüringen und Franken Hausen kühnlich die Rebeller.« »Schlimme Botschaft!« brummte Gerhard, »Seht nach Rüstzeug, Wehr und Waffen, Daß wir sie mit blut'gen Köpfen Von dem Burgwall niederwerfen, Wenn sie, uns zu schatzen, kommen.« – Ernst gemeint war Gerhards Warnung; Als beendet war das Frühmahl, Gingen sie, die Waffen mustern Und die Riemen an den Panzern, Schärften Spieß' und Hellebarden, Schnitten hartes Holz zu Pfeilen, Schmiedeten auch Eisenspitzen, Und Agnete schätzt' und zählte Den Gehalt der Vorratskammern, Auf wie lang es reichen könnte, Falls die Burg belagert würde. Wenzel nur, dem die Natur Wie zum Trost und zur Entschäd'gung Für die Mißgestalt des Zwerges Mancherlei Geschick und Gaben, Klugen Rathschlag und ein immer Sorglos heitres Herz gegeben, Stieg vergnügt hinauf zum Bergfried, Ließ dort auf der Mauerkrönung Von der lieben Morgensonne Sich den hohen Buckel wärmen Und sang vor sich hin ein Lied. Ein wohlbekanntes Brüderlein Fuhr auf und ab die Straßen, Beliebt im Land bei Groß und Klein Und lustig aus der Maßen. War ein vielkund'ger Fabelschmied Mit Lügen und mit Lehren, Und keine Jungfer, wenn er schied, Konnt' einen Kuß ihm wehren. Das Dom das Dom das Dedededelein, Das wohlbekannte Brüderlein. Sein Lied stand nicht auf Pergament, Er nannte nichts sein eigen, Nicht Hind, nicht Kind, nicht Losament, Nichts, als ein' alte Geigen. Wenn er die strich, so fielen dicht Zum Zechen ihm die Batzen, Und trank er nicht, so sang er nicht, Dann pfiff er was den Spatzen. Das Dom das Dom das Dedededelein, Das wohlbekannte Brüderlein. Drei Würfel zucket er und lacht: Zink, quater, sechs ums Häufel! Da war um Halbermitternacht Das Tagelohn zum Teufel. Ei! rief er da, das riecht ja fein Nach Finkenfahn und Rupfen, Da muß ich armes Brüderlein Wo anders unterschlupfen. Das Dom das Dom das Deededelein, Das wohlbekannte Brüderlein. Wohl unter eim Wachholderstrauch Liegt's Dedelein begraben, Uns' Herrgott wird mit ihm ja auch Ein billig Einsehn haben. Da lehnt im Gras ein Quaderstein, Von Immergrün umzogen, Darauf seht ihr zwei Maßkrüglein Und einen Fiedelbogen. Das Dom das Dom das Dedededelein, Das wohlbekannte Brüderlein. Einsam in der Kemenate Saß Wulfhild, die bleiche Wange Auf die Hand gestützt, und blickte In das Thal hinab zur Bode, Deren Wellen blinkend hüpften, Lustig nebenander zogen Oder gegenander kämpften, Sich umschlangen und vermischten Und zu einer dann vereinigt, Um die glatten Kiesel schäumten, Und wo hin und wieder flatternd Sich ein Bachstelzpärchen mühte, Schon die zweite Brut zu füttern. Halb nur sah sie das, denn trübe War ihr Blick umflort, und manchmal Schwellten Seufzer ihren Busen. Aus den Lippen, die im Schmerze Leise zuckten, rang sich's flüsternd: »Hörtest du doch auf zu schlagen, Glühend Herz! wozu noch hoffen? Ach! das Glück, die Lust und Wonne, Die so oft in süßen Träumen Sehnend du dir ausgesponnen, Ist dahin, verweht, verloren. Dachtest, ihn einst zu besitzen, Dachtest, ihm dich zu ergeben, An der Brust des Hohen, Edlen, In des heißgeliebten Mannes Starken, ritterlichen Armen Alle Seligkeit der Liebe Zu empfinden, zu genießen, – Doch er liebt dich nicht; vergebens Alle Hoffnung; alle Träume Schal und leer; er liebt dich nicht. – Gestern, als wir heimwärts ritten, Hielt ich innig ihn umschlungen, Einmal war es, niemals wieder, Niemals, niemals! o wie klopfte Heiß und voll mein Herz an seines! Doch verschlossen blieb das seine, Meine Liebe fand nicht Einlaß. Starr und kühl, ein fühllos Steinbild, War in meinen Armen Albrecht, Kühl wie Nachtthau Blick und Wort, Kalt sein Herz, er liebt mich nicht. – Albrecht! Albrecht! o wie faß' ich's? Hörst du nicht durch diese Wände Meiner Seele Ruf und Sehnen? Albrecht, kannst du mich nicht lieben?« Und ihr Angesicht verhüllend Brach sie aus in heiße Thränen. »Wie war das, was Waldtraut sagte?« Frug sie wieder sich besinnend, »Als sie mir das Sträußchen schenkte, Drum ich bat, – wer Hornkraut trägt, Wird verschmäht? So war's, so war es, Und verschmäht wird meine Liebe. Wie? verschmäht? nein wahrlich, nimmer Laß' ich mich verschmähn; kein Ritter Soll sich damit rühmen; lieber Brich in Stücken, Herz! doch ahnen, Ahnen darf er nichts; fort, Thränen! Lächelt, Augen! und du – schweige!« Einsam war auch Junker Albrecht; Doch aus seinem Antlitz strahlte Herzensseligkeit und Hoffnung. Hatte in dem Kämmerlein Auf dem Tische einen Korb stehn Mit zwei Tauben, denen lächelnd Fast mit Zärtlichkeit er zusah, Wie sie rucksend von dem Futter, Das er ihnen streute, pickten; Füllte ihnen auch das Näpfchen Frisch mit Wasser, und dann setzt' er An den Tisch sich hin und schrieb, Schrieb ein Brieflein, also lautend: »Herzlieb Röslein auf der Heiden! Die zwei Tauben, die Du sandtest, Sind sammt Deinem trauten Schreiben Sicher mir zu Handen kommen, Stehn hier vor mir munter kröpfend, Und sogleich schon soll die Eine Mit dem Brieflein, so ich schreibe, Wiederum zu Dir zurück fliehn. Schau' nur aus wie weiland Noah Aus der Archen, wann sie ankommt, Und die Liebesgöttin selber Schütze sie vor Falk und Habicht! Meinst, lieb Röslein, Dein Geselle Würd' gefangen hier gehalten Auf der Burg in goldnen Netzen, Ganz verstrickt schon und bezaubert Von der Muhme schönen Augen? Sorge nicht! in Stät' und Sälde Bin und bleibe ich Dein eigen; Und wenn in dem bunten Walde Erst die Blätter wieder fallen, Sattle ich mein Roß zur Heimfahrt, Kehre bei Euch ein und halte Bei Euch Rast manch frohe Tage, Und Dein Mündlein rosenlachend Soll mit süßem Minnesolde Mich entschäd'gen für mein Darben Und mir lohnen meine Treue. Nun gehab' Dich wohl, lieb Röslein! Gottes Engel mögen schützend Ueber Dich die Schwingen breiten!« – Dann mit einem seidnen Faden Band er das gefaltne Blättchen Einer Taube untern Fittig, Ließ sie aus dem Fenster fliegen, Und ihr lächelnd nachschau'nd rief er: »Grüß' mir's Röslein auf der Heiden!« Und der Graf? stand er noch aufrecht Unter seiner Sünden Last? Trug ihn noch die feste Erde Und beschien ihn noch die Sonne Nach dem ungeheuren Frevel? Müde von der langen Hetzjagd War er mitten in der Nacht Heimgekehrt zur Burg und hatte Auf sein Lager sich geworfen, Wo ihn tiefer, schwerer Schlummer Schnell umfing und erst am Morgen Wieder freigab. Das Erlebte Stand ihm dunkel und verworren Anfangs nur in der Erinn'rung, Doch es dämmerte allmälig In ihm auf, und bald besann er Sich auf Alles klar und deutlich. Reue? nein! die blieb ihm ferne; Was er in der Nacht gethan, Wünschte er nicht ungeschehen, Dünkt' ihm recht von einem Manne, Der nur eigner Kraft vertrauet, Der nichts hofft und auch nichts fürchtet, Weder Gnade noch Vergeltung. Vor dem hellen Licht des Tages Schwand der Schrecken auch des Spukes, Der im Thale ihm begegnet Und ihm jetzt fast traumhaft vorkam. Nur daß er den Hirsch nicht abfing, Aergerte den trotz'gen Waidmann. »Willst es heute gleich versuchen, Ob dein Bolzen nun gefeit ist Durch den Schuß aufs Kreuz im Walde, Und du triffst, worauf du zielest,« Sprach er zu sich, nahm die Armbrust, Wies den Bogenspanner Bruno, Der wie sonst ihm folgen wollte, Mürrisch ab, pfiff auch dem Hund nicht, Sondern ging allein zu Holze. Einsam strich er durch die Waldung, Sich verwundernd, daß kein Wild ihm In den Schuß kam. Einen Adler Sah er hoch nur in den Lüften, Viel zu hoch für sein Gewaffen, Doch es schien ihm von Bedeutung, Daß der königliche Räuber Grade über seinem Haupte Weite Kreise zog und Ringe. »Zeichnest über meinem Kopf wohl Einen Heil'genschein, Geselle? Etwas hoch zwar, schon im Himmel, Doch du weißt wohl auch, ich trage Gern recht hoch mein Haupt!« so lacht' er. Tiefe Ruhe war im Walde; Nur der Vöglein muntre Stimmen Ließen sich darin vernehmen, Finkenschlag und Taubengirren, Des Pirols melodisch Flöten Und des Spechtes knarrend Hämmern. Saftig Laub hing ohne Regung Und wie schwebend an den Reisern, Dunkle Schatten, helle Lichter Spielten auf den formenreichen Blättern und den braunen Aesten. Hochbetagte Eichen streckten Ihre Arme mit dem jungen Leuchtenden Johannistriebe Weithin um sich und wie schützend Ueber ihre kleinern Brüder, Eberesche, Pfaffenhütlein, Vogelkirsche und den Ginster. Ueberall dazwischen blühten Und darunter holde Blumen. Wilde Rosen, Silberdistel, Fingerhut und Königskerze; Blaue Glockenblumen nickten, Lang geschweifte Farrenwedel Hoben sich aus Kraut und Gräsern. Alles wuchs und prangte freudig In des Lebens Kraft und Fülle Dicht beisammen; Jeder gönnte Raum dem Nachbar und Gedeihen Und wie sich am Licht die Zweige Innig durch einander schlangen, Eins ins Andre übergriffen, Also reichten sich im Boden Auch die Wurzeln treu die Hände Und verflochten sich wie Finger; Wurde Einer ausgerodet, Mußten viele Andre mit ihm, Denn sie theilten Grund und Boden, Wind und Sonne als Gefreunde. – Durch den schönen, stillen Frieden Wonneathmender Natur Schlich der Graf, der Friedelose. Quält' ihn auch nicht sein Gewissen, Weil es schwieg, weil's taub und todt war, Hatt' er doch auch keine Freude An dem Grünen und dem Blühen Und dem lust'gen Vogelsange; Ihm war die geschmückte Erde Ein Revier nur, drin zu jagen. Mordlust war es nicht, noch Habsucht, War unbändige Begierde, Leidenschaft, die ihn gepackt hielt Und ihm wie ein hitzig Fieber Tag und Nacht im Blute tobte, Daß ihm alles Wollen, Wünschen, Alles Denken sich und Träumen Immer nur aufs Jagen kehrte Und ihn rastlos hetzt' und spornte Wie von bösem Geist getrieben. Stundenlang streift durch den Forst hin Schon der Graf und späht und lauert Ungeduldig, doch vergeblich. Endlich da – da hinter'm Strauchwerk Regt sich's, – wieder jetzt, – schleicht vorwärts – Weit ist's, und er sieht das Wild nicht, – Muß ein Reh sein; doch die Armbrust Ist ja sicher jedem Schuß jetzt. Eilig zielt der Graf, drückt ab, – Da – was hört er? Schmerzensaufschrei! Das war keines Wildes Klagen, Menschenlaut war's! – durch die Dickung Eilt der Graf und – findet Waldtraut Blutend in den Strauch gesunken, Der sie rings mit seinen Zweigen Wie mit Armen hält umfangen. Schreckensbleich steht Hackelberend: »Ha! genarrt, genarrt vom Teufel! Mit dem Schusse auf den Bildstock Hat die Hölle dich betrogen!« Wenig gilt ein Menschenleben Dem Vielwagenden, doch dieses Liegt ihm nahe wie auf Erden Nur noch eines außer seinem. Zitternd trägt der starke Waidmann Die Ohnmächtige zum Bache, Um die Wunde ihr zu kühlen. O des Glückes! einen Streifschuß An der Schulter nur entdeckt er, Den er knieend ihr verbindet. Er bemüht sich ängstlich, zärtlich Um das Mädchen, tröstet, bittet, Wie sie nun die Augen aufschlägt. Ihm zur Treseburg zu folgen, Wo sie schwesterliche Pflege Von Wulfhilde finden solle, Bis sie wieder ganz geheilt sei. Waldtraut weigert sich, zum Vater Will sie, der sie bald vermissen Und in Sorgen suchen würde. Er verspricht ihr, gleich dem Köhler Botschaft in den Wald zu senden, Und mit guten Worten weiß er Ihr Vertrauen zu erschmeicheln. Seine heißen, dunklen Augen Blicken nun so mild und innig, Daß ihr alle Scheu vor'm Grafen, Den von je sie nur gefürchtet, Schwindet und bald wundersame, Unerklärliche Empfindung In ihr aufwacht, die sie mächtig Hinzieht zu dem finstern Manne, Und geneigt schon seinen Bitten, Schwankt sie kaum noch, widersteht nicht Dem geheimnißvollen Zuge, Und – wohnt auf der Burg nicht Ludolf? Also folgt sie, an des Grafen Brust gelehnt, der sanft sie leitet. Wie erstaunt man auf dem Burgstall, Als die Beiden also nahen! Niemals sah man an des Strengen Lederwamms die kleinste Blume Oder nur ein grünes Blättchen, Womit sonst wohl frohe Menschen Gern sich schmücken, und so war's doch, Dieses Bild: Der Graf mit Waldtraut! Herzlich wird sie aufgenommen Von Wulfhilde und den Andern; Alle kannten ja und liebten Dieses wunderholde Waldkind. Wulfhild nimmt sie nun in Pflege, Und Agnetens Rath und Heilkunst Ist geschäftig, ihr die Schmerzen Schnell zu lindern. Aber Ludolf Grollt dem Grafen um den Schuß, Und ihm danken möcht' er wieder, Weil er nun mit der Geliebten Unter einem Dache hauste. Hackelberend gab ihm Auftrag An den Köhler und verschloß sich Einsam in dem Thurmgemache. Gegen Abend wandte Ludolf Seinen Weg zum Köhler Volrat, Ihm von Waldtraut zu berichten. In derselben Richtung schritt er Zwischen Burg und Meilerstätte, Die er immer eingeschlagen, Wenn er die Geliebte suchte, Und an Aulke's Worte dacht' er, Die ihm aus der Hand geweissagt. War nun die Verwundung Waldtrauts Erst das Vorspiel? war's der Anfang Der Erfüllung schon von Allem, Was die Alte prophezeite? Mit des Köhlermeisters Sippe Sollt' er nahe sich berühren, Und es sollte Blut dann fließen. Nah genug schon stand er Waldtraut, Und nun war auch Blut geflossen. Doch das Schlimmste stand noch aus, Denn von Händeln sprach die Alte, Brand und Rauch und Mord und Todtschlag, Nicht von ihm begangen, aber Wieder ohne ihn nicht möglich. So voll trüber Ahnung ging er Grübelnd durch das stille Laubholz. Da sprang plötzlich aus der Dickung Auf ihn zu der Köhler Volrat, Einen langen, schweren Baumpfahl In der Hand, Zorngluh im Antlitz Und von Haar und Bart umflattert, Daß er groß und schrecklich aussah Wie der wilde Mann vom Harzwald. »Bube! hab' ich dich?« so schrie er, »Jetzt, wenn dir dein Leben lieb ist, Sag', wo hast du meine Tochter?« Ludolf wich vor dem Ergrimmten, Der ihm drohend in den Weg trat, Einen Schritt zurück und sagte: »Grade sucht' ich Euch, um willig, Eh' Ihr früget, Euch zu melden, Was geschehen ist mit Waldtraut, Aber jetzt sollt Ihr erst glimpflich Fragen, eh' ich Euch Bescheid geb'.« »Willst du mir noch trotzen, Bürschchen?« Schnob der Köhler, »wart', ich lehr' dich!« Und er hob den Baum zum Schlage. Seine blanke Wehr zog Ludolf, Die ihm Volrat aus der Hand schlug Mit dem Pfahle, dann am Kragen Packte ihn der Köhler schüttelnd: »Bube! wo ist meine Tochter?« – »Nicht um Euretwillen sag' ich's,« Sprach der Jäger sich befreiend, »Doch weil Ihr des Mädchens Vater, Die mein Liebstes auf der Welt ist, Sag' ich Euch: Ihr irrt Euch, Volrat, Wenn Ihr denkt, daß ich sie hehle. Auf der Treseburg ist Waldtraut.« »Lügner du! verdammter Schurke!« Brüllte wüthend jetzt der Köhler, »Sagtest du, den Roßtrappfelsen Wäre sie hinangeklommen, Glaubt' ich's eher, als daß Waldtraut Eure Burg betreten sollte, Wenn kein Räuber sie hineinschleppt.« »Mit dem Grafen selber kam sie, Der sie waidewund geschossen; War ein Fehlschuß, an der Schulter Streifte sie sein Pfeil,« sprach Ludolf, »Auf der Burg wird sie gepflegt nun, Kommt zurück, wenn sie genesen.« »Wieder Lügen!« schrie der Wilde, »Waidewund! von wem? vom Grafen? Der trifft besser! Wild und Weiber, Schießt nicht fehl, wohin er zielte. Heda! kommt heran, ihr Beiden!« Damit winkte er zwei Knechten, Die im Kohlhäu Holz gefällt Und vom ungewohnten Lärme Angelockt, dem Streite zusahn. Ihrem Meister schnell gehorchend, Liefen sie herbei. »Der Bube Hat die Tochter mir gestohlen,« Sagte Volrat. »und gesteht nicht, Wo er hingebracht das Mädchen. Habt ja Stricke, woll'n ihn binden Zwischen die zwei jungen Eichen, Sind noch schwank, könnt sie noch biegen, Daß sie ihn ein wenig ausziehn!« Nach ungleichem, kurzem Kampfe Wurde Ludolf überwältigt Und mit jedem Handgelenke An der jungen Bäume einen Festgebunden. »Willst gestehn nun?« Frug der Köhler nochmal finster. Ludolf schwieg; des Zornes Thränen Rannen ihm hinab die Wangen. »Nun, besinne dich bis morgen; Dann will ich dich wieder fragen, Wenn bis dahin Bär und Wölfe Dir die Antwort nicht ersparen,« Höhnte Volrat schon im Abgehn, Und die rohen Knechte grinsten Ihrem Herrn und Meister folgend. Wie gekreuzigt stand da Ludolf, Wehrlos, hülflos preisgegeben Allem Raubthier, das im Walde Nächtig schweifte; seine Kräfte Bot er auf, sich loszureißen, Doch umsonst, die Banden hielten. Er sprach still ein Vaterunser Und ergab sich in sein Schicksal. Tief schon neigte sich die Dämmrung, Und ihm zitterten die Knie, Als er's hinter sich im Laube Rauschen hört, – er kann nicht umschau'n, – Näher kommt es, schleicht und raschelt, Keuchen hört er's, winden, wittern, – Sind's die Wölfe schon? »Gesellen, Macht es kurz! hab' von den Euren Niemals Einen lang gequälet.« Also spricht er, aber vor ihn Tritt des Köhlers eigne Mutter. »Stille, stille!« raunt die Alte, »Will Euch helfen, junger Jäger! Hab's mit angesehn von ferne, Durfte nicht dazwischen treten, Hätten mich sonst mitgenommen, Und dann konnt' ich Euch nicht retten. Wartet, wartet! meine Hippe, Womit ich die Wurzeln rode, Wird auch wohl die Stricke schneiden, Wartet nur, ich find' sie, wartet!« »Mütterchen, ich will schon warten, Laufe Euch nicht fort, Ihr seht's wohl!« Mußte Ludolf, froh der Rettung, Die er nicht erhoffte, lächeln. »Hier! hier ist sie! ist auch scharf noch, Aber ach! du lieber Himmel! Haben Euch so hoch gebunden, Reiche nicht hinauf zum Knoten,« Stöhnte nun die Alte wieder. »Hebt Euch auf die Zehenspitzen, Springt mal! denkt, Ihr wolltet tanzen,« Sagte Ludolf. »Springen! tanzen! Aulke tanzen!« sprach sie lächelnd Mit dem greisen Kopfe schüttelnd, »Habe ja in meinen Zehen Keine Kraft mehr – hup! – es geht nicht! Kann in meinen alten Tagen Doch nicht auf die Bäume klettern, Kann mich nicht mehr grade recken, Geht nicht, Goldsohn! langt nicht, langt nicht!« »Mütterchen, nun wartet Ihr mal,« Sagte Ludolf, »will mal anziehn, Daß die Bäume sich mehr biegen.« »Feste! noch einmal!« rief Aulke, »Einen Finkenschritt noch tiefer! Schwuppdich! einen hab' ich durch! Zieht mal!« – Frei war Ludolfs Linke; »Ah! nun gebt mal her die Hippe! So!« – und frei war auch die Rechte. Eh' die ausgereckten Arme Ludolf wieder bog und schwenkte, Schlang er schnell sie um die Alte, Herzhaft an die Brust sie pressend. »Drückt nicht so! bin ja die Alte! Denkt wohl gar, Ihr habt die Junge In den Armen?« rief sie schmunzelnd; »Geht mit Gott! doch sagt es Keinem, Daß Euch Aulke losgeschnitten.« »Wie ich Euch mein Leben danke, Will ich es für Euch auch wagen!« Sprach der Jäger. – »Gebt's der Jungen!« Damit schwand sie in die Büsche. VIII. Der Abt von Walkenried.                 An demselben Vormittage Schritten durch den Wald zwei Mönche Aus dem Walkenrieder Kloster. Jeder hielt in seiner Rechten Einen Büschel Buchenzweige, Um sich Kühlung zuzufächeln Und die Fliegen abzuwehren; Jedem auch schwer an der Seite Hing ein Korb, kunstlos geflochten Aus der Weide schwanken Ruthen; Daraus drang ein Knistern, Kribbeln Von Gethier mit vielen Beinen. Krebse waren's, die in Nesseln Eingepackt, daß sie nicht stickten, Ihre harten Knochenpanzer Mit unzähligen Gelenken Zappelnd an einander rieben. Die zwei wackern Gottesknechte Hatten in dem Flüßchen Wieda Aufwärts watend sie gefangen Und befanden mit der Beute Auf dem Rückweg sich zum Kloster. Beide stritten, ob's geschickter, Krebse nur in kaltem Wasser Aufzusetzen, daß sie langsam Darin kochten, oder aber Ob man sie in siedend Wasser Schütten sollte, schnell sie tödtend. Jeder zählte Für und Wider An den Fingern her, und Keiner War dabei des Andern Meinung; Aber darin waren Beide Einig, daß zum Wohlgeschmacke Sei das Wichtigste die Tunke, Die nach mancherlei Rezepten Sie besprachen und beriethen, Und dann wandelten sie schweigend Eine Weile nebenander. Aber bald frug Einer wieder: »Wie hat dir der letzte Puter Denn gemundet, Jeremias?« »Hatte nicht genug gelegen, War zu frisch noch«, sprach der Bruder. »Und dann ziehe ich auch Trüffeln Den Kastanien vor zur Füllung«, Meinte mit der Zunge schnalzend Wie beim Kosten Jesaias. »Beim Fasanen allerdings wohl,« Sagte wieder Jeremias, »Doch beim Truthahn grade lieb' ich Süße, mehlige Kastanien.« Und schon wieder ging's ans Streiten Ueber Trüffeln und Kastanien. Auch die Klosterteiche wurden Schließlich in Betracht gezogen, Und es klagte Jeremias: »Habe unsre Karpfenglocke Lange nicht mehr läuten hören, Immer Schleie und Forellen Und Forellen dann und Schleie Ißt man sich ja satt und über.« »Wahrlich!« lachte Jesaias, »Wenn ein fetter Aal zuweilen Nicht mit Salbei auf den Tisch käm', Wär' es kaum noch auszuhalten.« »Oder auf dem Rost gebraten Und dazu ein ziemlich Gläschen Alten Salvewein, – was denkst du?« Sprach der Andre wieder blinzelnd. Eben auf dem besten Wege Waren sie, den Klosterkeller Von dem ersten bis zum letzten Fasse gründlich durchzuprüfen, Als dem Kruzifix sie nahten Und voll Schrecken und Bestürzung Das zerschoss'ne Bild des Heilands Dort am Boden liegen fanden. »Allbarmherz'ger! ist das möglich? Täuschen mich nicht meine Augen? Jesaias, sieh doch, sieh doch Unsers Herrn und Seligmachers Jesu Christi Leib zerbrochen!« Rief der Eine, und der Andre Stand ganz starr, ungläubig schüttelnd, Bald auf den zerstückten Christus, Bald hinauf zum Kreuze blickend. Und es sprach der Erste wieder: »Wenn das nicht der üble Teufel Selber that, so war's kein Andrer –« »Als Graf Hackelbernd,« fiel eifernd Schnell der Andre ein, »da oben Steckt er ja, der Pfeil des Grafen, Vor den Bolzen seiner Jäger Kenntlich an der schwarzen Farbe! Und kein Blitz erschlug den Frevler? Endet denn des Himmels Langmuth Mit dem Sünder nun und nimmer?« Zitternd lasen sie die Stücke Auf und trugen sie zum Kloster Sammt den Krebsen, um die Einen In der Küche und die Andern Ihrem Abte auszuliefern. Seine Gnaden den Herrn Paulus Drückten eben schwere Sorgen, Als die beiden Krebsefänger Das zerschoss'ne Bild ihm brachten, Denn es war ihm von den Bauern Wieder schlimme Nachricht worden. Kloster Reinhardsbrunn war kürzlich Erst von ihnen ausgeplündert, Abt und Mönche draus vertrieben. Bilder, Tafeln, Grabdenkmale, Glocken und Altäre hatten Sie zerschlagen und die Erbgruft Der Landgrafen von Thüringen Ganz zerstört, auch alle Schriften In der Bücherei zerrissen Und verbrannt die Klosterkirche. Auch im Walkenrieder Kloster Schwebte man in Noth und Aengsten Vor dem Bundschuh, und dem Abte Machte ganz besondern Aerger Noch die Lehre Doctor Luthers, Die sich immer fester setzte In den Städten, und das Landvolk Auch wie Pestilenz und Seuche – Also nannt' er's – schon ergriffen; Denn schon ward es widerspenstig Und verweigerte beharrlich, Seine Zehnten und Gefälle An das Kloster abzuliefern. Und nun hatt' auch Hackelberend, Der vom Abt zum Tod Gehaßte, Ruchlos, sündhaft sich vermessen, Daß er an Frohnleichnam jagte, Daß er in die Abendmette Ließ sein gellend Hifthorn schallen Und den Körper Jesu Christi Selbst vom Kreuz geschossen hatte. Abscheu und Entsetzen herrschte Da im Kloster ob der Meldung, Und der Bruder Kellermeister Wurde flugs zum Abt beschieden. Innerhalb der hohen Mauer, Die in umfangreichem Viereck Das Gehöft des Klosters einschloß, Ragten stattliche Gebäude: Das Konventshaus mit dem weiten, Luftigen Kapitelsaale, Refektorien, Wirthschaftshäuser, Vorrathsgaden, Scheunen, Ställe, Küche, Keller, Brau- und Schlachthaus; Dann der ausgedehnte Remter Und die prächtig stolze Kirche Mit den schön gemalten Fenstern Und dem reichen Schmuck im Innern; Dann der breite, kühle Kreuzgang, Dessen Bögen Säulen trugen Mit den zierlichsten Kapitalen. An der Wand war manch ein Steinbild Edler Frauen oder Ritter, Die durch Schenkung sich ums Kloster Wohl verdient gemacht, auch Platten Mit schon halb verwischter Inschrift; Namen, Jahreszahl und Schädel Mit gekreuzten Todtenbeinen Mahnten stets: Memento mori! An der Kirche über'm Kreuzgang Lag des Abtes stille Wohnung Mit den festen Schatzgewölben. War schon manches Bruders Zelle Gegen strenge Ordensregel Ganz behaglich eingerichtet, Prangten fürstlich die Gemächer Schier des Abtes; reiche Decken Schmückten Sitze, Tisch und Wände; Sessel mit geschnitzten Lehnen Und gepreßtem Lederpolster, Kostbar ausgelegte Schränke, Schwerbeladne Truhen standen Wohl geordnet, und auf ihnen Schimmerte im Silberglanze Oder auch von edler Steinart Manch ein seltenes Stück Hausrath, Manch ein Kunstwerk feinster Arbeit. Paulus, seit des Stiftes Gründung Vor vierhundert Jahren nun der Neununddreißigste der Aebte, War ein Herr von edler Haltung Und von hohem, kräft'gem Wuchse. Große, blaue Augen blickten Stolz und herrisch, doch auch heiter Unter einer freien Stirne. Dichte Locken, wenig grau erst, Drängten unter'm Sammetkäppchen Sich hervor; fest war sein Schritt, Tief und tönend seine Stimme. Im Gemache auf und nieder Ging er jetzt, und seine Rechte Hielt das große goldne Abtskreuz An der Kette fest umschlossen, Auf die Brust es pressend, als ob Er so niederdrücken wollte, Was da innen wogt' und stürmte. Da trat, mit gekreuzten Armen Tief sich neigend, der Großkellner Zu ihm ein, um manche Jahre Aelter als der Abt, doch voller Auch an seines Körpers Ründung. »Habt, hochwürd'ger Herr und Abbas, Eurem treuen Knecht geboten –« Sprach der Mönch. »Laß das, Johannes! Nicht dein Abt, dein Freund, mit dem du Manchen Scheffel Salz gegessen,« – Und manch Fäßlein drauf geleeret, Dachte sich dazu Johannes – »Braucht den klugen Rath des Bruders,« Sprach der Abt, »dort sitze nieder. Leihe mir dein Ohr, Johannes! Aber deine Zunge bind' ich; Nie darf über diese Schwelle Eines meiner Worte dringen.« Abt und Kellermeister saßen Gegenüber sich, und Paulus Hub nun an mit ernster Miene: »Von zwei jungen Rittern muß ich Dir erzählen, die einst Freundschaft Sich gelobt mit festem Treuschwur. Beide lebten sie am Hofe Eines Fürsten, beide liebten Waffenspiel und Kampf und Waidwerk, Und der Eine saß im Sattel Grad so fest und schwang sein Schwert Grad so wacker wie der Andre. Im Gefolg der Fürstin lebte Auch am Hof ein Edelfräulein, Hildegard war sie geheißen, Tugendsam, doch hold und minnig, Fröhlich und von großer Schönheit. Und zu jedem andern Liebreiz War's ihr wunderprächtig Goldhaar, Das der Menschen Blick und Staunen Auf sich zog, und das ihr glänzend, Weil's in überreicher Fülle Sich nicht barg in Netz und Haube, Lang und frei herniederwogte. Die zwei jungen Ritterherzen Flammten zu dem schönen Mädchen Beide auf in heißer Liebe, Und ein jeder von den Freunden Warb mit Blicken, Worten, Thaten Um der Jungfrau Gegenliebe. Hildegard war Beiden freundlich, Und wenn wirklich sie im Herzen Einen vorzog vor dem Andern, Ließ sie niemals doch sich merken, Wem zumeist sie zugethan war. Auch die kleinste Gunst, ein Lächeln, Das sie je dem Einen schenkte, Oder einen Dienst, den Einer Ihr so glücklich war zu leisten, Glich sie aus mit kluger Sorgfalt, Auch dem Andern Huld erweisend. Die beschworne Freundschaft Beider Hatte eine schwere Prüfung Zu bestehen bei dem Wettstreit, Doch sie hielten sich die Treue, Beide liebend, Beide leidend. Da zu einem neuen Kriegszug Rief der Kaiser Max den Herzog Auf zum Heerbann und Gefolge. Anno neunundneunzig war es, Mit den Schweizern gab es Fehde. Die zwei jungen Ritter folgten In den Schwabenkrieg dem Lehnsherrn, Und zum Jüngern sprach der Aeltre: »Von uns Beiden darf nur Einer Aus dem Felde wiederkehren; Thut's nicht Feindes Hellebarde, Nun, so mag der Speer des Freundes Selbst den Freund danieder strecken, Und der Ueberwinder trage Heim die Botschaft dann und werbe Frei um Hildegardens Liebe.« Mit dem Vorschlag war der Andre Auch zufrieden, und zum Abschied Als die letzte Gunst erbat sich Jeder von Hildgardens Goldhaar Eine Locke und erhielt sie. Ach! es war ein Haar, Johannes, Wie's auf Erden keines Weibes Stirn noch sonsten wo umlockte! – In der heißen Schlacht bei Dornach, Die dem Krieg ein Ende machte, Kam der beiden Ritter einer Fechtend in ein scharf Gedränge. Unentrinnbar von den Feinden Rings umstellt, ums Leben kämpfend, Sah er in der höchsten Noth Nahebei den Waffenbruder, Rief ihn an zu seinem Beistand, Glaubte freudig sich gerettet. Auch der Andere erkannt' ihn, Hatte Raum und freie Hand Und ein Häuflein Knechte bei sich; Doch er sprang dem hart Bedrängen Nicht zu Hülfe, ritt von dannen Und ließ seinen Freund verderben. Spät ward der im Stich Gelass'ne Schwer verwundet auf dem Schlachtfeld Von den Schweizern aufgelesen Und lag mit dem Tode ringend Lang in Basel auf dem Siechbett. In des Fiebers Rasereien, In den schlummerlosen Nächten Und in seinen bunten Träumen Stand ihm Hildegard vor Augen, Wie ein Hoffnungsstern ihn tröstend Und verheißungsvoll ihm lächelnd. Endlich heilten seine Wunden, Endlich durft' er heimwärts reiten Nur in kleinen Tagemärschen, Wie's die schwache Kraft erlaubte. Nahe schon des Fürsten Hofburg Trifft ihn, schwerer als des Schweizers Morgenstern aufs Haupt, die Kunde, Daß Hildgarde vor fünf Tagen Seines Freundes Weib geworden. Da verließ ihn Trost und Glaube, Gottvertrau'n und Menschenliebe, Und mit einem wilden Fluche Auf den Himmel und die Heil'gen Schwur er Rache dem Verräther. Doch es warf ihn ganz danieder, Wieder lag er an den Wunden Krank und elend, gottverlassen. Als, zum zweiten Mal genesen, Er vom Lager sich erhoben, War der Seele Kraft gebrochen, Selbst des Zornes Gluth verblichen, Und es überkam ihn Reue, Daß er zweifelnd Gott beleidigt. Er verkaufte Wehr und Waffen, Roß und Zaum und gab's den Armen; Seinen Namen selber tilgt' er Aus der Lebenden Gedächtniß, So daß Niemand ihn noch kannte, Und wie Saulus zu Damaskus Hatt' er seinen Tag der Umkehr, Nannte sich von Stund an Paulus, Ging ins Kloster und ward Mönch. – Mußt du's hören noch, Johannes, Wer die beiden Ritter waren? Hackelberend war der Eine, Und der Andere – war ich.« Also sprach der Abt; dann schloß er Einen Schrein auf, und ein Kleinod, Eine flache, goldne Kapsel Holt' er draus hervor und legte Ihre beiden Schalen öffnend Auf den Tisch sie vor Johannes. Eine Locke lag geringelt Drin mit wunderbarem Goldglanz. Paulus schwieg; doch als Johannes Jetzt zum Wort die Lippen regte, Bat der Abt: »O schweige, schweige! Höre nur! denn die Geschichte Ist noch lange nicht zu Ende, Und das Allerschlimmste folgt noch. Ich versuchte mit Gebeten Und mit Fasten und Kasteien Alle Weltlust zu ertödten; Ich vergrub mich unter Büchern, Las die frommen Kirchenväter Und die lebensfrohen Heiden, Las und schrieb manch lange Nächte, Ward gelehrt und wußt' es selbst nicht. Vieles fand ich; was ich suchte, Fand ich nicht – des Herzens Ruhe. Hieher ließ ich mich versetzen In das Walkenrieder Kloster, Um der immer noch Geliebten, Die auf Treseburg ich wußte, Nah zu sein, denn ach! im Mönche Lebte wieder auf der Ritter. Ich verwünschte Tag und Stunde, Da ich aus der Welt geschieden, Und wie eine schwere Kette Schleppt' ich mein verfehltes Dasein, Maßlos leidend, fast verzweifelnd. Hörte ich von Krieg und Fehde Draußen in dem Reich, so packte Eine Unruh mich und Kampflust Wie den Vogel im Gebauer Um die Zeit des Wanderfluges. Drauf und dran schon war ich manchmal Zu entfliehn, statt in die Kutte Wiederum in Helm und Harnisch Mich als Rittersmann zu bergen Und zu reiten und zu streiten Frank und frei in Wind und Wetter; Doch ich blieb und trug mein Elend. Oftmals kam mir die Versuchung Mit des Herzens heißem Gehren, Hildegard zu sehn von fern nur; Doch auch dies Gelüst bezwang ich. Nur den Grafen sah ich einmal, Zog ums Haupt schnell die Kapuze, Als er mir durch Zufall nah kam, Und blieb unerkannt und fremd ihm. Sorglich hab' ich ihn gemieden, Und bis heute weiß er noch nicht, Daß in Walkenried Abt Paulus Einst sein Freund und Waffenbruder Egon Graf von Hordorf ist, Der für todt gilt und verschollen. Doch von dem gelehrten Mönche Hier im Kloster – also hieß es – Hatte Gräfin Hackelberend Einst vernommen und verlangte, Ihm zu beichten. Also kam sie. Man berief aus meiner Zelle Mich vom Plato weg zum Beichtstuhl, Aber Niemand ließ mich ahnen, Wessen reuiges Gewissen Ich von Sünden lösen sollte, Ruhig ging ich und gelassen. Doch, Johannes, als die Stimme Mir ins Ohr drang, da erbebt' ich. Denn kein Zweifel blieb und Irrthum, Sie, sie war es, die Geliebte! Als ob ihre ganze Seele In die meine überströmte, So durchfuhr's mich heiß und süß doch, Süß und selig, und es klangen Wie ein Saitenspiel im Winde Zitternd alle meine Fiebern. Durch des Beichtstuhls kleines Gitter Sah ich in dem Dämmerlichte Ihre goldnen Locken glänzen, Mußte auf dem Sitz mich halten, Daß ich nicht betäubt hinabsank. Und was hatte sie zu beichten? Ihre Liebe! ihre Liebe Zu dem Grafen Egon Hordorf, Zu demselben, dem sie weinend Ihre Schmerzen jetzt vertraute. Aus Hildgardens Munde hört' ich Meine eigene Geschichte. Sie erzählte, wie sie mich nur, Mich geliebt, für mich gebetet, Daß ich wiederkehren möge, Daß sie mein Weib werden wollte, Ihres Lebens Lust und Wonne Nur an meiner Brust zu suchen. Als Graf Hackelbernd zurück kam Ihr den Tod des Freundes meldend, Habe sie halb aus Verzweiflung Halb in Schwärmerei des Herzens, Um den Todten noch zu ehren, Seinem besten Freund zu eigen Sich gegeben wie ein Opfer Zum Gedächtniß des Verlornen. Aber nimmer aus der Seele Sei ihr Egons Bild gewichen, Sei im Traum ihr oft erschienen, Selbst in Hackelberends Armen Habe Egons nur gedacht sie, Habe im lebend'gen Gatten Doch den todten Freund geliebt nur, Und es habe eine Ahnung Sie verfolgt und noch bis heute Nimmer, nimmer sie verlassen, Daß Graf Hordorf nicht gestorben, Daß er lebe, daß sie einmal Noch ihn wiedersehen würde, Dem allein doch ihre Liebe Hier und dort zu eigen wäre. Doch vor des Gewissens Qualen Ob der Untreu in Gedanken Wider ihren Herrn und Gatten Habe sie nicht Ruh und heischte Rath und Hülfe in der Drangsal. – Nun, Johannes, was zu tragen Eines Menschen Kraft vom Himmel Aufgelegt wird, soll er tragen; Wird's zuviel, bricht er zusammen Wie Herr Christus unter'm Kreuze, Oder es empört das Blut sich Und reißt ihn in Schuld und Schande. Ich bin auch ein sünd'ger Mensch nur, Und nun sah ich meines Lebens Glück und Stern in Staub getreten, Konnt' an dieses Weibes Busen, Das ich über alle Schranken Dumpfen Erdendaseins liebte, Selig sein, ein freier Ritter Auf dem Schlosse meiner Väter, Und nun war ich ein geknickter, Freudenloser und betrogner Mönch in enger Klosterzelle. Laß mich schweigen von dem Kampfe, Der mein Innerstes durchwühlte; Zwanzig Jahr ist's her, und jetzt noch, Wenn ich jenes Tages denke, Fühl' ich's in der Brust hier stürmen. Trotzig kühne Pläne zuckten Mir durchs Hirn wie Flammenblitze Und erloschen, aber Eines Stand mir fest wie Fels im Meere: Einmal noch mußt' ich sie sprechen. Doch nicht hier in meinem Kerker, In des Klosters trüber Stickluft, Draußen unter Gottes Himmel Wollt' ich ihr entgegen treten, Einmal nur und niemals wieder. Mühsam mit verstellter Stimme Sagt' ich ihr, zu lösen wüßt' ich Sie noch nicht aus ihrer Noth, Doch sie sollte gehn in Hoffnung Und bei Sonnenuntergange Vor dem Kruzifix im Walde Zum Gebet sich niederwerfen. Du erräthst es wohl, Johannes, Daß ich sie dort traf am Kreuze. Aufgelöst in Lust und Leid Hielten wir uns heiß umschlungen, Und dann schieden wir auf ewig. Vierzehn Tage später war sie, Hingerafft von der Erschütt'rung, Mit vor Gram gebrochnem Herzen Bleich und todt. Sie ruh' in Frieden! – Jetzt bin ich zu Ende. Dreimal Habt ihr mich zum Abt erwählet; Zweimal schlug ich's aus, doch endlich Nahm ich an die hohe Würde, Und als euer Hirt und Hüter Trage ich nun Stab und Inful, Muß des heil'gen Amtes warten Und des Klosters Macht und Ansehn Nach Gebühren aufrecht halten; Mußte auch Graf Hackelberend Oft um Großes, oft um Kleines Bitten, mahnen oder drohen, Weil es meine Pflicht mir vorschrieb, Doch ich that es niemals gerne. Jetzt den ungeheuren Frevel Hat der Unmensch gar begangen Und am hohen Feiertage Christi Leib vom Kreuz geschossen. Bannfluch steht darauf, du weißt es, Und jetzt frag' ich dich, Johannes: Darf ich, der ich selbst gesündigt, Der ich unter jenem Kreuze Mein Gelübde brach und der ich Jenes Mannes Weib getödtet, Die vor Schreck und Schmerz dahin sank, Darf ich Den, der um mein Leben Mich bestohlen und betrogen, Den ich hasse wie die Hölle, Noch verpönen vor'm Altare? Nehm' ich mit des Himmels Rache Nicht die eigene am Todfeind? – Alles weißt du jetzt, Johannes! Und nun sprich! Nun rathe du mir!« Der Großkellner saß und starrte Schweigend vor sich hin; dann nickt' er Leise mit dem Kopf, erhob sich Und dem Abt und Freund tiefinnig In die Augen schauend sprach er: »Wenn du's völlig mir anheimstellst, Zu entscheiden und zu richten, Paulus, so gieb mir Bedenkzeit. Einsam will ich mich verschließen Und will rathen, sinnen, suchen, Was du darfst, und was du mußt. Bleib' auch du allein, und wenn du Heut beim Sonnenuntergange Die Kapitelglocke hörest, Denke, daß in deinem Auftrag Ich sie läuten lasse, Paulus. Im Kapitelsaale findest Du die Brüder dann versammelt, Und als Abt kraft deines Amtes Sprich ihn aus, den schweren Bannfluch. Schweigt die Glocke, schweig' auch du Und laß den da oben richten.« Abt und Kellermeister schieden Mit treufestem Händedrucke, Und des Tages Stunden gingen Ihnen einsam hin und langsam. Doch als oben auf dem Kirchthurm Von dem goldnen Kreuz der Sonne Letzter Schimmer war gewichen, Läutete mit tiefem Klange Feierlich und ernst die Glocke. Und Abt Paulus, angethan Mit den Zeichen seiner Würde, Stieg herunter zum Kapitel, Trat entschlossen an den Lettner Und that hier vor allen Brüdern Hackelberend in den Bann, Schloß ihn aus von allen Rechten Einer kirchlichen Gemeinschaft Und den heil'gen Sakramenten Und verwünschte und verfluchte Ihn zur ewigen Verdammniß. IX. Wulfhild und Waldtraut.                                       Die schlanke Bode fließt im Thale Um manchen Berg und Felsenhang, Macht her und hin manch liebe Male Umweg und krummen Wiedergang. Doch eh' von den granitnen Riesen Den Durchlaß donnernd sie erzwingt, Im breitern Grunde Wald und Wiesen Ihr muntrer Wellentanz umspringt. Manchmal verzieht sie wohl die Lippe Und schmollt und bäumt sich launisch auf, Daß Schaum umsprudelt Stein und Klippe, Die ihr versperrn den flinken Lauf; Schnell aber ist sie wieder heiter, Strahlt silberhell und blinkt und glänzt, Versäumt sich hier, läuft rasch dort weiter Und spielt und lächelt, bunt bekränzt. Die hellen Wiesen läßt sie trinken Aus der Hand und aus dieser bald, Und bald zur Rechten, bald zur Linken Schmiegt sie sich an den dunklen Wald Und lockt ihn, daß er niedersteige, Zu baden sich in ihrem Thau, Und überhängend seine Zweige In ihrem blanken Spiegel schau! Da sehn von oben Buch' und Erle Und Wolken, Sonn' und Mond hinein, Und unten ziehn Forell' und Schmerle, Glashell liegt Sand und Kieselstein. Und zu dem Fächeln und dem Säuseln Im schattenkühlen Laube stimmt Im klaren Fluß das Wellenkräuseln, Mit Rauschen, Plätschern, Murmeln schwimmt, Was in den märchenkund'gen Quellen Aus schatzgefüllten Tiefen schied, Im Zwiegesang von Wind und Wellen Erklingt ein träum'risch Zauberlied. An lauschig stillem Plätzchen saßen Des Grafen und des Köhlers Kind In einer Uferbucht und maßen Ums Haupt sich blumiges Gewind. Wulfhilde band mit seinem Zwirne Waldtraut zum Kranz Vergißmeinnicht, Und Waldtraut flocht für Wulfhilds Stirne Frischgrüne Blätter voll und dicht. Wulfhilde wollte in dem Kranze Für sich kein blumenbunt Geflecht, Das Laubwerk nur mit dunklem Glanze Der ernsten Eiche war ihr recht. Und wie sich Blum' an Blume fügte, Zur Rundung wuchs der Blätter Schaar, Schlang Jede, prüfend, ob's genügte, Ihr Kränzlein um der Andern Haar. Wie ähnlich war und wie verschieden Der beiden holden Mädchen Art! Zwiefach gesondert und gemieden, Zu Einem wiederum gepaart. Sie glichen sich wie aus dem Meere Zwei Perlen, fast im Ebenmaß, Und wie die duft'ge Walderdbeere Der edlen Gartenananas. Wulfhildens Wuchs zwar überragte Der Freundin zartern Gliederbau, Die zu ihr aufsah, wenn sie fragte; Doch Beider Augen waren blau. Um Wulfhilds Schönheit wogte golden Der frei gelösten Locken Fall, Um Waldtrauts Schläfen, der Vielholden, Wand sich lichtbrauner Flechten Schwall. Doch ähnlich wie bei Schwestern zogen Sich alle Linien weich und rund, Der Brauen sanft geschwungne Bogen Und Rosenwangen, Purpurmund. In Wulfhilds ganzem Wesen regte Sich ihrer Herkunft stolze Kraft, Jedoch ein Zug von Schwermuth legte Ihr Lächeln selbst in milde Haft. Aus Waldtrauts Augen aber lachte Schalkheit und Herzens Lieb' und Lust, Und was sie sprach, und was sie dachte, Kam wie aus eines Kindes Brust. Die Tage, die die Wunde heilten An Waldtrauts Schulter, machten auch, Daß die zwei Mädchenseelen theilten Der innersten Gedanken Hauch. Wenn Eine, was sie wußte, sagte, Ihr Ohr die Andre willig lieh, So lehrte diese, jene fragte, Und liebend lernten Beide sie. »Mich soll es wundern,« frug zur Stunde Waldtraut, »ob du es wirklich weißt, Aus welcherlei Betracht und Grunde Vergißmeinnicht dies Blümchen heißt.« »Nun,« sprach Wulfhild, »das soll bedeuten, Daß, wem geschenkt die Blume ist, In Heimlichkeit vor andern Leuten Den lieben Geber nicht vergißt.« »Ja wohl! so heißt es aller Enden,« Lacht Waldtraut, »doch es ist nicht wahr, Es hat ganz anderes Bewenden, Gieb Acht! ich mach' dir's offenbar: Wenn Einem schon die Wünschelruthe Auf einen Schatz im Boden schlägt, Thut's Noth, daß er an seinem Hute Die seltne blaue Blume trägt; Die öffnet ihm die dunklen Tiefen, Er sackt nun ein, so viel er kann, Die Drachen, die beim Horte schliefen, Sehn zu und hindern nicht den Mann. Er legt den Hut ab mit der Blume, ›Greif' einen Griff, streich' einen Strich!‹ Tönt's aus der Tiefe Heiligthume, Hat er genug, heißt's: ›Packe dich!‹ Er rafft nun Alles schnell zusammen, Denkt jetzt an Hut und Blume nicht Und eilt, verfolgt von rothen Flammen, Da ruft's ihm nach: ›Vergiß mein nicht!‹ Das Blümchen ist's; ließ' er's im Stiche, Fänd' er des Weges nicht zurück Und seiner Schätze Glanz verbliche, Drum an dem Blümchen hängt sein Glück. Nun läßt man dies hier dafür gelten, Weil's blau ist, nennt's Vergißmeinnicht, Die echt' ist's nicht, die blüht gar selten, Und wer sie findet, sagt es nicht.« »Giebt es denn Schätze? fragt bedächtig Wulfhild, »sind in der Tiefe Schoß Nicht böse Geister übermächtig, Feindlich gesinnt dem Menschenloos?«     »Gewiß! und wehe, wem als Meister Ein Unhold je den Sinn bethört! Doch giebt's im Wald auch gute Geister Hast nie von Moosfräulein gehört? Holzschläger, die drei Kreuze schneiden In umgestürzten Baum, daß dann Sich vor den wilden Nachtgejaiden Moosweibchen darauf flüchten kann, Beschenken sie in allen Ehren Mit grünen Zweigen, dicht belaubt, Die sich in eitel Gold verkehren, Die Buschgroßmutter heißt ihr Haupt. Und zieht der große Schimmelreiter, Der Wode und sein wüthend Heer, So geht als Menschenfreund und Leiter Der treue Eckart vor ihm her Und warnet vor dem Halsumdrehen, Vor Hexenspuk und Zauberbann Und Allem, was das Kreuz nicht sehen Und Hahnenkraht nicht hören kann. Beim Trinken geht in ihrem Kreise Als Becher um ein Pferdehuf, Hält einen Fuß im Wagengleise Der Wandrer, thut ihm nichts ihr Ruf.« »Sprich nicht so laut davon, mir grauet,« Mahnt Wulfhild, »denk' ich Jener nur, Sag', hast du jemals sie geschauet? Fandst du im Wald schon ihre Spur?«     »Ich nicht, doch vieles Wundervolle Erzählte mir Großmütterlein Von Wod und seinem Weib, Frau Holle, Oft zieht sie mit ihm, oft allein. Einst war ihr goldner Pflug zerbrochen, Da kamen klagend aus dem Tann Die guten Heimchen vorgekrochen Und holten ihr den Zimmermann. Sie heißt die Eiserne, die Wilde, Und schüttelt sie ihr Bett, o weh! Dann schneit's auf Berge und Gefilde, Drum heißt sie auch Jungfrau im Schnee. Sie lohnt und straft die Spinnerinnen Und spricht: Wie's Haar, so auch das Jahr! Doch Niemand darf zur Rauchnacht spinnen, Wer's thut, begiebt sich in Gefahr. Als mein jung Schwesterlein verschieden Und Mutter weinte Tag und Nacht, Hat sie allein zu Ruh und Frieden Großmutter endlich doch gebracht. Die sagt' ihr, eine Mutter habe Sich einst zu trösten nicht vermeint, Auf ihres lieben Kindes Grabe Die langen Nächte durch geweint. Da zieht ganz nahe ihr zur Seite Vorbei im Mondschein hell und klar Frau Holle und hat im Geleite Von Kindern eine große Schaar. Und hinten, ganz zuletzt im Zuge Ein Kindlein wankt mit müdem Schritt, Schleppt sich mit großem, schweren Kruge Und ächzt und stöhnt und kann nicht mit. Der Weinenden das Auge flimmert, – Es ist ihr Kind! das läßt den Schwarm, Wirft sich an ihre Brust und wimmert: »Ach! wie so warm ist Mutterarm!« Dann aber fleht's mit leisem Stammeln: »Nicht weinen mehr! sei froh wie einst, Ich muß ja all die Thränen sammeln In meinem Kruge, die du weinst, Sieh doch! ich kann ihn kaum noch heben, Voll ist er, daß er überfließt, Und ach! so schwer, daß er im Schweben Mein ganzes Hemdchen mir begießt!« Da nahm Urlaub von ihrem Leide Die Mutter – und die meine auch.« Wulfhild und Waldtraut schwiegen beide, Bis daß ein Vöglein sang im Strauch. Schnell über Waldtrauts Antlitz wieder Flog's wie ein goldner Sonnenstrahl, Und zwitschernd wie des Vogels Lieder Fragt sie: »Kennst ihn? kennst den nicht mal!? Mein Liebling ist's, Rothkehlchens Reigen!« »Dein Liebling!« lacht Wulfhild, »jetzt bald Sag' mir, wie viel auf allen Zweigen Hast du der Liebsten wohl im Wald? Denn deinen Liebling nennst du Jeden, Den du grad siehst, und hörst ihm zu, Möcht'st wohl mit Jedem heimlich reden, Du Schelm! mein Liebling selber du!«     »O höre doch die süße Stimme! Die hat mir's nun mal angethan, Der Waidmann mag es nicht, der Grimme, Denn es warnt Kibitz und Fasan; Es schützt das Haus vor Blitz und Wetter, Beißt sich herum mit Fink und Spatz, Da sitzt es! steh! hier durch die Blätter, Sieh doch den kleinen rothen Latz! Liegt Einer drin im Wald erschlagen, Rotkehlchen schafft ihm Grabesruh, Mit Blumen, die es bringt getragen, Deckt es des Todten Antlitz zu.«     »O Märchenweisheit ohne Ende! Dir schwatzen's wohl die Vögel vor Am Zaubertag der Sonnenwende, Und Blumen flüstern dir's ins Ohr?« »Kann sein!« lacht Waldtraut, »Kraft und Namen Weiß ich der ganzen Kräuterei, Geht Einer in den grünen Samen Zu horchen, hört er Mancherlei. Und denkst du denn, die Blumen alle Sind stumm? O jedes Blättchen spricht Mit tief geheimem Laut und Schalle, Wir Menschen hören es nur nicht, Dein Ohr ist taub nur ihrem Singen, Und damit ist uns Recht geschehn, Man könnt' ja sonst vor all dem Klingen Sein eigen Wort nicht mehr verstehn.« »Jetzt halte still dein Sonntagsköpfchen,« Spricht Wulfhild, »fertig ist dein Kranz, So! ei wie hübsch! manch braunes Zöpfchen Lugt vor, siehst aus, als ging's zum Tanz.« »Auch der!« sagt Waldtraut, »und nun bücke Ein wenig dich zu mir herab, Daß ich dir in die Locken drücke, Was ich für dich gewunden hab'.« In Waldtrauts Haar das sternenlichte, Das leichte, zarte Blumenband Stand ihrem lieblichen Gesichte Wie ein Geschenk aus Feeenhand. Doch Wulfhilds stolzes Haupt verschönte Des vollen Kranzes Eichengrün Und ließ die jungfräulich Gekrönte Wie eine holde Fürstin blühn. Mit Freuden hält und halb mit Zagen Waldtraut auf sie den Blick geprägt Und spricht gedankenvoll: »Sie sagen, Wer grüne Eichenblätter trägt, Der liebt mit steter, fester Treue, Nichts ist, was seinen Willen bricht, Ob Leid ihn drücke, Glück ihn freue, Er rühmt sich seiner Liebe nicht.« »Glück?« seufzt Wulfhild und schüttelt leise Und lächelt trübe vor sich hin, »So hoch ich meine Liebe preise, So tief auch liegt mir Leid im Sinn.«     »Du zweifelst noch in stummen Klagen? Wer bangt und seinem Glück nicht traut, Soll Espen und Wachholder tragen Und röthlich blühend Heidekraut. Das deutet frohe Augenweide, Gemischt mit bittern Schmerzen oft, Und mahnt, daß Einer sich entscheide, Und zeigt, daß Eine auf ihn hofft.«     »Ich hoffe nicht und will nicht mahnen, Mich schmerzt, was meine Augen sehn, Wer mich nicht liebt, soll auch nicht ahnen, Wie meine stillen Wünsche gehn.«     »So trag', als fordertest zum Streite Du Einen, blauen Rittersporn Und weis' ihn von dir in die Weite Mit einem spitzen Rosendorn.«     »Laß sein, lieb Kind, nichts mehr von Schmerzen! Zeig' mir ein fröhliches Gesicht Und sage mir so recht von Herzen, Wer trägt denn wohl Vergißmeinnicht?«     »Vergißmeinnicht, wem das empfohlen, Der mag sich Trostes wohl versehn, Der liebt und wird geliebt verstohlen, Doch darf er's noch nicht eingestehn.«     »Mir aber hast du's doch gestanden, Was mir nicht lang verborgen blieb, Wie sich zwei junge Herzen fanden Im Wald, – du hast den Jäger lieb; Wie werden roth nun deine Wangen, Du liebes, braunes Reh, schau' an!« Und Waldtraut lächelte befangen Und sang ein schelmisch Liedchen dann. Ich ging im Wald Durch Kraut und Gras Und dachte dies Und dachte das, Da hört' ich es kommen und gehn, – Husch! husch! Hintern Busch! Da hat mich ein Jäger gesehn. Hab' mich geduckt, Durchs Laub gespäht Und wollte fort, Da war's zu spät, Sein Hündlein kam spürend getrappt, Husch! husch! Hinter'm Busch, Da hat mich der Jäger ertappt. Er frug, warum Ich mich versteckt, Ob er mir Furcht Und Angst erweckt, Ich sagte: O daß ich nicht wüßt'! Husch! husch! Hinter'm Busch – Husch! hat mich ein Jäger geküßt. Wulfhild hat ihren Arm geschlungen Um Waldtrauts Nacken, drückt ans Herz Die Freundin, wie das Lied verklungen, Doch plötzlich schreit sie auf in Schmerz, Und Waldtraut, selber schreckergriffen, Fragt schnell: »Was ist dir? was geschah?«     »Ein garstig Thier hat mich gekniffen Mit seinen Zangen, da! sieh da!« »Hirschkäfer, o!« schilt Waldtraut zornig Und nimmt ihn von der Schulter sich, »Mit dem Geweih, gezackt und dornig, Was unterstehst du, Brauner, dich!? Er denkt, du wolltest mich beleid'gen, Brächt'st mich in deinen Armen um, Wulfhild, drum wollt' er mich vertheid'gen, – Hornschröter, sei doch nicht so dumm!« Sie hält Wulfhildens Hand umfangen Und spricht: »Man sagt ihm Böses nach, Er trüge mit den großen Zangen Uns glüh'nde Kohlen auf das Dach; Das ist nicht wahr, ich kenn' ihn besser, Wir Köhler wissen, was er thut, Unschuldig ist er, doch ein Fresser, Der in der Eichenlohe ruht. Fleuch', Großer, fleuch' auf gutem Winde Zur Eiche, die beim Fuchsfang steht, Hat einen Spalt in kranker Rinde, Draus saftig Harz hernieder geht.« Des Schröters Fühler hoch sich recken, Als spitzt' er lauschend so das Ohr, Dann hebt er seine Flügeldecken, Und brummend schwingt er sich empor. – Die von dem Kranze übrig blieben, Die Blumen nahm Waldtraut und schlang Mit frischen, jungen Eichentrieben Zu einem Sträußchen sie und sang: Blaublümlein spiegelten sich im Bach Und riefen den eilenden Wellen nach:     Vergißmeinnicht! Die lachten: Wir müssen zum Meere hin, Und aus den Augen ist aus dem Sinn.     Vergißmeinnicht! Blauäuglein hatte ein Mägdelein, Die strahlten dem Knaben ins Herz hinein:     Vergißmeinnicht! Der Knabe zog in die Welt hinaus, Da blühte und welkte manch Blumenstrauß.     Vergißmeinnicht! Und als er allein auf unendlicher See, Da grüßten ihn Sterne, da faßt' ihn ein Weh,     Vergißmeinnicht! Aus rauschenden Wogen sangen herauf Die Tropfen im Meere aus Bächleins Lauf:     Vergißmeinnicht! »Vergessen! ja, wer's kann im Leben,« Sprach Wulfhild halb zu sich, »der mag Sich seiner Sorgen wohl begeben, Doch wer vor Augen jeden Tag Ein Glück, so nah, so gern besessen Und dennoch ewig unerreicht, Ach, Kind! der lernt wohl nicht vergessen, Wenn auch die letzte Hoffnung weicht. Ich sollte schweigen und muß reden, Was mir aus vollem Herzen bricht, Es heißt, die Zeit vertröste Jeden, Mir sagt das Leid: vergiß mein nicht! Weiß auch ein Lied, – soll ich's dir singen? Von einem Herzen ohne Ruh, Dir wird es fremd und thöricht klingen, Und doch hat's Wahrheit, – höre zu!« Leer ist der Tag, er geht zu Ende, Fort, heißes, unbarmherziges Licht! Komm, süße Trösterin Nacht und sende Herauf mir mein liebes Traumgesicht. Dann seh' ich ihn wieder mit Entzücken, Den Stern meines Lebens, der mir verblich, Und ich darf an die sehnende Brust ihn drücken, Und es träumet mein Herz, er liebte mich. Seine Hand so warm, seine Lippen so wonnig, Und er spricht es zu mir, das berückende Wort, Seine Stirn so klar, sein Auge so sonnig, Durch alle Himmel trägt er mich fort. – Und das Alles nicht wahr, geträumt und gelogen! Und vom dämmernden Morgen der kühle Bescheid: Todt Liebe und Hoffnung, verschmäht und betrogen, Lebendig nur Schmerz und unendliches Leid. Nicht lieben zu dürfen, nicht hassen zu können, O grausame Qualen, wer hat euch erdacht? Und wollen die Tage das Glück mir nicht gönnen, So belüge denn du mich, sinkende Nacht! Waldtraut, als hätt' sie kaum verstanden Und ahnte doch der Freundin Schmerz, Saß schweigend, ihre Augen fanden Den Weg in Wulfhilds trauernd Herz. An Wulfhilds Wimpern aber glänzten Der kummerschweren Thränen zwei, Das stand der Eichengrünbekränzten Wie Schnee dem blüthenreichen Mai; Doch rang sie die Bewegung nieder Und reichte Waldtraut ihre Hand Und lächelte und sprach dann wieder, Zur liebsten Freundin hingewandt: »O laß mein Schmerz dich nicht bethören, Du bist ja glücklich, kennst kein Leid, Laß noch ein frohes Lied mich hören!« Und wieder sang die holde Maid. Alle Blumen möcht' ich binden Alle dir in einen Strauß Und mit Kränzen dich umwinden, Daß du lachend säh'st heraus. Alle Vögel möcht' ich fangen, Alle dir nach meinem Sinn, Wenn sie in den Zweigen sangen, Wies ich stets zu dir sie hin. Alle Schätze möcht' ich heben, Alle aus der Tiefe Schoß, Daß ich dir sie könnte geben Und du würdest reich und groß. Ach! was kann ich, und was hab' ich! Bin ich doch so arm wie du, Was ich hatte, ach! das gab ich, Und mich selbst, mich selbst dazu.   ——— Im Grase thaut's, die Blumen träumen Von ihrem bunten Honigdieb, Und oben flüstert's in den Bäumen: Schläfst du? schläfst du, mein trautes Lieb? Der Mond scheint durch den grünen Wald. Ein Aestlein wankt mit leisem Wiegen, In dunkler Blätterheimlichkeit Regt sich ein Kosen, Schweben, Schmiegen: Dir treu, dir treu in Ewigkeit! Der Mond scheint durch den grünen Wald. Nun wird es still in Luft und Zweigen, Ein wonnig Athmen hebt die Brust, Dich küßt die Nacht mit süßem Schweigen, Ruh' aus, ruh' aus von Lieb' und Lust, Der Mond scheint durch den grünen Wald. Es schlüpfte durch Gebüsch und Ranken Ein frischer, kühler Wisperhauch, Ein Schauern, Zittern dann und Schwanken Begann in jedem Baum und Strauch. Von ungefähr heran geflogen Durchs Laub ein mächtig Rauschen brach, Und als vorüber das gezogen, Folgt' ihm ein langes Flüstern nach. Es war des Abendwindes Wehen, Der über Blatt und Blüthe strich, Als ob im Wald er auf den Zehen Sich heimlich durch die Dämm'rung schlich. Die Mädchen brachen auf und trafen, Vom Birschgang kommend mit dem Stahl Und ihrer Beute froh, den Grafen Und Albrecht nah der Burg im Thal. Bruno trug mit verbrochnem Laube Des Grafen Rehbock nach dem Schloß, Und Ludolf hinter sich im Staube Schleift' einen Wolf, den Albrecht schoß. So wie das Herz Jedwedem pochte, War auch der Gruß, den Jeder bot, Und wer am liebsten schweigen mochte, Der schwieg, war reden ihm nicht noth. Waldtraut verrieth mit warmen Blicken Dem jungen Jäger ihr Gefühl, Wulfhild erwiederte mit Nicken Den Gruß des Vetters stumm und kühl. Der Graf sah sinnend, lächelnd Beiden Tief in die Augen, stand und stand, Als könnt' er von dem Bild nicht scheiden, Das er hier doppelt vor sich fand. Der Junker sprach: »Schau! liebe Muhme, Wie schön steht dir das Eichengrün! Doch warum keine einz'ge Blume Läßt du in deinem Kranze blühn?« »Wir theilten,« sprach mit leisem Beben Wulfhild, »die sommerliche Zier, Um Waldtraut lichte Blüthen schweben, Der Eiche zähes Blatt ward mir.« »Und wenn ich beide Euch vergleiche, Find' ich die Wahl nach Fug und Pflicht, So schütze denn, du starke Eiche, Das liebliche Vergißmeinnicht!« Sprach mild der Ritter, als bewegte Schon längst entschwundne Seligkeit Den hartgewöhnten Mann und regte Sich ihm ein längst bezwungnes Leid. »Du Waldtraut,« sprach er freundlich weiter, »Du bittest nie, sagst niemals: gieb! Sag's heute! bin so froh und heiter, Ich thu' dir, was ich kann, zu lieb!«     »Dank Euch, Herr Graf! so bitt' ich heute, Daß Ihr den großen Eber schlagt, Der Saat und Frucht der armen Leute Verwüstet, wie sie mir geklagt.« »Und weiter weißt du nichts zu sagen? Ei, Kind, bei meiner Waidmannsehr! Sollst bald an deinem Halse tragen Des groben Keilers scharf Gewehr,« Lacht' Hackelberend, »morgen gehen Zu Holz wir, wo er stecken mag.« »Und wir, Großmütterlein zu sehen, Und bleiben dort den ganzen Tag,« Sagt Wulfhild; mit beredtem Schweigen Dankt Waldtraut, blickt den Jäger an, Und Alle wenden sich und steigen Nun wohlgemuth zur Burg hinan. Schwül ist die Luft, nicht Mond, nicht Sterne Streu'n ihr verheißungsvolles Licht, Aus dunklen Wolken in der Ferne Unheimlich Wetterleuchten bricht. X. Der Wildschütz.                         Nun sagt doch: welchen Zauberreigen Trieb denn im Wald die Sommernacht, Daß jedes Blatt noch an den Zweigen Und jede liebe Blume lacht? Ward euch von Elfen und Kobolden So närrisch Zeug denn aufgeführt, Daß eure Aehren, Rispen, Dolden Vom Schellenklingeln baß gerührt? Habt in den Augen noch die Thränen, Vom Weinen nicht, das seh' ich ein, Argwöhnen könnte man und wähnen, Es schritt ein Schenk durch eure Reih'n Mit einem nimmerleeren Kruge, Der, Nimmersatte, euch getränkt Und auch den Kleinsten nicht im Fluge Durch vornehm Uebersehn gekränkt. O heil'ge Morgenfrühe! trunken Wird selber, wer dein Reich durchzieht Und deinen Glanz, dein Blühn und Prunken Mit eignen offnen Augen sieht. Das ist 'ne Pracht im Waldessaale, Ein Leuchten und ein Farbensprühn! Wer das nicht sah beim Morgenstrahle, Der sah noch niemals echtes Grün. Der frohe Waidmann darf es schauen, Den fragt nur, wie es um ihn steht, Wenn er beim ersten Morgengrauen Mit seinem Hund zu Holze geht. Der Köhler sieht es auch beim Schichten Des runden Meilers, den er baut, Wenn oben in den hohen Fichten Sein wilder Nebelvetter braut. Der Spielmann aber, wie kein Andrer Sieht der's, der hier um Herberg frug Beim grünen Wirth, ein müder Wandrer Den leichten Mantel um sich schlug, Dem's goldig von den Saitensträngen, Ach! aber dünn im Beutel klingt, Der Alles sieht voll Geigen hängen Und mit den Vögeln Wette singt. Grüß Gott, du sprenglicht Vögelein Im losen Federhemde! So treffen sich die Vogelfrei'n Zu Haus und in der Fremde. Schleppst auch kein Ränzel voll und schwer, Hast Täschlein nicht im Kleide, Wer singt, der sorget nimmermehr Um fette Schnabelweide. Wo mir und dir ein Tröpflein blinkt, Da giebt's auch was zu brudern, Ein' Spielmannskehle, die nicht trinkt, Ist wie im Trocknen rudern. Schau, du im bunten Kamisol, Wo sich die Zweige biegen, Ich aber kann wie du so wohl Im Traum zur Tränke fliegen. Doch soll um Eines, mit Verlaub, Nichts in der Welt uns bringen: Wir woll'n für unsern Durst im Staub Und doch von Herzen singen, Sei's auf den Bergen, sei's im Thal Und sei's im kühlen Keller, Es fängt uns Beide doch einmal Der alte Vogelsteller. Und wie es duftet allerwegen! 's ist wie ein starker Würzewein, Der Haupt und Herzen strömt entgegen Frisch, klar und kühl zur Brust hinein. Und nicht genug mit dem Entzücken An Grün und Gelb und Roth und Blau, Mit funkelnden Juwelen schmücken Muß allesammt sie noch der Thau. Im Blätterschoß, an Gräserspitzen, Im vollen Kelch, am nackten Reis, Ein Blinken überall und Blitzen, Wo sich's ein sonnig Plätzchen weiß. Hier wasserhelle Perlen zittern, Geschliffne Steine dort im Laub, Krystallgeschmeid und Silbersplittern, Goldkörner, Diamantenstaub. In wundervollen Farbenspielen Rundum, rundum ist's ausgesät, Und nach des Wandrers Augen zielen Die Strahlen all, wohin er späht. Die Spinne selbst, die aufgehangen Ihr Netz in stetem Häschertrieb, Hat ein paar Tröpflein aufgefangen In ihrem weitgeflochtnen Sieb. Hoch trabt der Fuchs mit flinken Läufen, Sein Jagdwild ist ja längstens wach, Er fühlt's naß auf den Balg sich träufen, Im Strich schleppt die Standarte nach. Der Hirsch, der von der Saat des Bauern Die Nacht geäst an Waldes Rand, Ging schon beim ersten Morgenschauern Zu Holze auf gewohnten Stand. Er streifte mit den hohen Stangen Durch Dickung schleichend das Geäst, Und wie dem Fuchs hat's thaubehangen Auch ihm die braune Haut durchnäßt. Das wird ihm kühl, er thut sich nieder Aus freiem Platz im jungen Hau, Daß ihm die Morgensonne wieder Den Rücken trockne von dem Thau. Der Graf mit seinen Waidgesellen Schon früh um Stamm' und Sträucher biegt, Das Hauptschwein wollen sie umstellen, Es nur verspüren, wo es liegt. Sie streifen einzeln, ohne Hunde, Doch so, daß noch vernehmlich sei Für Jeden aus des Nachbars Munde Im Nothfall Hift und Waidgeschrei. Da schlüpft auch durch das Kraut, das nasse, Der Köhler, der im Walde haust, Doch fern von seiner Meilergasse Birscht er, die Armbrust in der Faust. Der edle Hirsch, dem es von oben Zu warm wird schon im Tageslauf, Hat sichernd langsam sich erhoben Und sucht sein schattig Raumbett auf. Da trifft ein Pfeil ihn; wie von Winden Verfolgt, flieht er in Waldes Schoß, Doch eilig seine Kräfte schwinden, Und nieder kniet er in das Moos. Die Waffe, die den Pfeil gesendet, Verbirgt der Köhler, folgt dem Schweiß Und findet schon den Hirsch verendet Als seines guten Schusses Preis. Ein freier Ort ist's, gut verstecket, Wohin der Tod den Hirsch gejagt, Im Halbkreis von Gebüsch verdecket, Von einer Klippe überragt. Die Haut mit scharfem Messer ritzend Zerwirkt der Schütz den Hirsch in Ruh, Und oben auf der Klippe sitzend Schaut lüstern ihm das Füchslein zu. Dem funkeln bei der Augenweide Die Lichter schon, er leckt den Bart Und hofft, es werde vom Gescheide Ihm eine Mahlzeit aufgespart. Der Köhler steht und schaut mit Sinnen Das warme Herz des Hirsches an, – »Halt, Volrat! rühr' dich nicht von hinnen! Sonst schieß' ich dich danieder, Mann!« Der Graf ist's, auf gespanntem Bogen Den Pfeil, die Hand am Drücker schon; Volrat, der Alles schnell erwogen, Begegnet ruhig seinem Drohn: »Ihr seid es, Herr? habt fein gewittert! Drückt ab! wenn's denn mal seien muß, Nur sorgt, daß Euch die Hand nicht zittert, Herr Graf, sonst war's Eu'r letzter Schuß!« Der Köhler in des Platzes Mitte Umspannt des blut'gen Messers Schaft, Der Graf geht ihm mit festem Schritte Entgegen, Kraft mißt sich an Kraft. Zwei Augenblicke schweigend stehen Die Beiden, und der Graf beginnt: »Es kann vor Recht noch Gnade gehen, Ich bin nicht feindlich dir gesinnt.«     »Ich aber Euch! und Gott mag richten! Graf Hackelbernd und Gnade? nein! Laßt uns die alte Rechnung schlichten, Mann gegen Mann, wir Zwei allein!«     »Gieb mir, was mein ist, und geschieden Sei Alles zwischen mir und dir, Laß Waldtraut mir und zieh' in Frieden Und schieß' im Forste Hirsch und Thier!«     »Daß Euch ein Blitz zur Hölle stieße! Ihr habt sie, Gottesschänder? Ihr? Hört: lieber, als ich Euch sie ließe, Säh' ich sie todt vor Augen hier!« Der Gras fühlt sich in Wuth erbeben, Bläst auf dem Horn den Hagelschrei Und wirft zum Kampf auf Tod und Leben, Waidmesser von der Scheide frei, Sich auf den Köhler, daß er's senke Ihm in die Brust; der fängt ihn auf, Und Jeder hemmt am Faustgelenke Des Anderen der Waffe Lauf. In heißer, blut'ger Rachgier ringend Zerstampfen sie den ebnen Grund Und kommen vor und rückwärts dringend Dem todten Hirsche nah im Rund. Den Fuß verstrickend im Geweihe Stürzt Volrat und mit ihm der Graf, Und Jeder, wie er sich befreie, Kämpft furchtbar, eh' ein Stoß ihn traf. Da kommen durch den Wald gesprungen Schon Albrecht, Bruno, Valentin, Nun ist der Köhler schnell bezwungen Am Boden, und sie binden ihn. Auch Ludolf kommt herbei geeilet Und endlich auch der Falkenier, Graf Hackelbernd Befehl ertheilet: »Bringt auf die Burg den Wilddieb mir!« Dann winkt er Albrecht auf die Seite Und spricht zu ihm: »Du eilst voraus Und giebst den Mädchen das Geleite, Sie wollten zu der Alten Haus; Du hältst sie fern die nächsten Stunden, Bis niederwärts die Sonne geht, Der Schuft wird auf den Hirsch gebunden, Der auf der Burg im Graben steht.« »Oheim!« spricht Albrecht mit Entsetzen, »Ganz ohne Spruch vom Gaugericht Wollt Ihr den Mann zu Tode hetzen?« »Schweig!« herrscht der Graf, »ich frug dich nicht!« Und seine Zornesadern schwellen. Doch Ludolf, der die Red' erlauscht, Hat mit dem Junker einen schnellen, Verständnißvollen Blick getauscht, Und Albrecht sagt: »Zwei Wege führen Zu Aulke hin, gern würd' ich sehn, Ihr gäb't mir Ludolf mit zum Spüren.« Stumm nickt der Graf; die Beiden gehn. Sobald sie aus des Hörens Weite, Bereden sie und halten Rath, Wie dem Verstrickten in dem Streite Zu helfen sei mit rascher That. Vielleicht, daß vor dem letzten Schritte, Bevor das Aeußerste geschehn, Den Grafen rührte Wulfhilds Bitte Und Waldtrauts herzergreifend Flehn. Darauf nun bauen sie ihr Hoffen, Daß Jene wie durch Zufalls Spiel, Als ob sie Albrecht nicht getroffen, Ankämen, eh' der Würfel fiel. So soll nun Albrecht sie belehren Mit mildem Trost und klugem Wort, Daß nur ihr Bitten noch und Wehren Des armen Todgeweihten Hort. Der Weg fliegt unter ihren Füßen, Vom Jäger scheidet Albrecht bald, Er eilt dahin mit ernstem Grüßen, Und Ludolf schlägt sich in den Wald. Die Andern mit dem Wildschütz langen Nun endlich auf dem Burgstall an, Mit Mühe wird der Hirsch gefangen Im Netz, man wirft ihn nieder dann, Verschränkt ihm fesselnd alle Viere, Schleift aus dem Graben ihn mit Macht, Dann wird zu dem erboßten Thiere Der Köhler aus dem Thurm gebracht. Dem Alten selbst, der in der Dauer Des langen Dienstes viel erfuhr, Läuft übers Herz ein kalter Schauer, Und Gerhard spricht: »Herr, meinen Schwur Halt' ich, was immer Ihr beschließet, Doch frag' ich als Eu'r ältster Knecht: Wie wär' es, wenn Ihr diesmal ließet Dem Mann noch Gnade gehn vor Recht?« »Im Thurm verschmachten soll in Ketten, Wer murrt, und wär's der Aeltste hie!« Bricht los der Graf. – »Kann dich nicht retten, Bertram,« spricht Gerhard, »beug' dein Knie!« »Vor Dem? der Hirsch hier hat ein beinern Kreuzlein in seinem Herzen drin, Doch Dessen ganzes Herz ist steinern, Vorwärts!« ruft Volrat, »legt mich hin!« Bleich stehn die Waidgeselln und zaudernd, Der Graf stampft wüthend: »Wird es bald?!« – Waldtraut, wo bleibst du? flichtst du plaudernd Und lachend Kränze dir im Wald? – – Nun ist's geschehen; festgebunden Der Köhler auf dem Hirsche liegt, Der angstvoll, wie gehetzt von Hunden, Mit seiner Last bergabwärts fliegt. Im Walde lauernd unterdessen Harrt Ludolf einsam in der Schlucht, Da, wo nach menschlichem Ermessen Der Hirsch hinwenden muß die Flucht. Wenn Albrecht Wulfhild nicht gefunden, Und wenn vergeblich Waldtrauts Flehn, – So grübelt er; langsam wie Stunden Ihm die Minuten hier vergehn. Da oben war's, wo zwischen Eichen Ihn selbst der rauhe Köhler band; Doch Waldtrauts Vater ist's, ausstreichen Will er die Schmach mit eigner Hand. Er bückt sich nieder, um zu lauschen: Der Vogel, der ein Aestchen knackt, Der Blätter Fall, des Windes Rauschen Erschreckt ihn, daß ihn Zittern packt. Ihm ist so bang zu Muth geworden Wie Einem, dem' s im Sinn nicht liegt Zu retten, nein! der nur zu morden Schon die gespannte Armbrust wiegt. Er horcht und horcht und hört nur klopfen Sein eignes Herz bewegt und schnell, Und wie dort Tropfen fällt auf Tropfen, Fühllos wie Pendelschlag, im Quell. Jetzt! jetzt! herauf vom Thale klingt es, Es rauscht und donnert, schlägt und kracht, In Sturmeseile näher dringt es, – Mit deiner ganzen Seele Macht, Schütz, halte fest! wie sich auch thürmen Hoffnung und Furcht! – Da kommt's gebraust. Der Jäger fühlt's vorüber stürmen Mehr, als er's sieht, er schießt, – da saust Vorbei der Hirsch und ach! verloren Ist der nun, den er retten will, Fern tönt das Rauschen ihm zu Ohren, Doch horch! – auf einmal Alles still. »Getroffen!« jubelt er, »gerettet!« Und springt hinan und fliegt und schwebt, Da liegen Hirsch und Mann gebettet Im grünen Gras, und Volrat lebt! – Nicht viele Worte giebt's zu sagen, Wie aufrecht schon der Köhler steht, Doch Hand ruht fest in Hand geschlagen, Und Aug' in Auge übergeht. »Nimm hin,« spricht Volrat, »was ich habe, Waldtraut sei dein! nur Eins versprich – Nein! hörst du's? Rache! krächzt der Rabe, Bei Thomas Münzer findst du mich!« XI. Die Sauhatz.             Die nächsten schwülen Tage gingen Mit finstrem Antlitz durch das Land, Und schwere, dunkle Wolken hingen Oft tief herab wie Bußgewand. Gar düster ist's im Bodethale, Schwermüthig drückt der Felsen Bau, Hohl brauset durch das Bett, das schmale, Der Fluß in mürrisch trübem Grau. Es ist wie dumpfes Kettenschmieden Um Alles, was am Licht sich freut, Und auch im wallgeschützten Frieden Der Burg ist Unlust ausgestreut. Am frohen Waidwerk kein Gefallen Und keine Lust mehr am Gesang, Kein Lachen mehr in Thurm und Hallen, Nicht Falkenruf, nicht Hifthornklang; Als wäre von dem Berg gezogen Der Sonne allerletzter Strahl, Auf Nimmerwiederkehr entflogen Das letzte Vöglein aus dem Thal. So ist's; von Allen tief empfunden, Fehlt Eines jetzt, das Allen lieb, Waldtraut ist von der Burg verschwunden, Und Niemand weiß es, wo sie blieb. Sie nahm mit sich wie ihre Habe Das Himmelblau, das Sonnenlicht, Das Lächeln selbst, des Frohsinns Gabe, In jedes Einzelnen Gesicht. Zurück nur ließ sie düstre Sorgen, Jetzt Allen sichtbar mit Gewalt, Als ob bisher sie nur verborgen Des Mädchens holde Lichtgestalt. Denn immer häufiger kam Kunde Von dem erbarmungslosen Krieg, Und immer weiter in der Runde Drang blutig vor der Bauern Sieg. Vom Helfensteiner ward gesprochen, Den durch die Spieße sie gejagt Zu Weinsberg. ihm die Burg gebrochen, Sein Weib gemartert und geplagt, Von Jäcklein Rohrbachs Osterfeier, Von Berlichingens Eisenhand, Von Metzler, Hippler, Florian Geyer, Ulrich, Herzog in Schwabenland. Gehaßt wie Einer war ihr Ritter Vom Landvolk, dessen Ackersaat Wie Hagelschlag und Ungewitter Er oft beim Jagen niedertrat. Und was in Dörfern unumwunden Man sich erzählte grausenvoll, Daß Volrat auf den Hirsch gebunden, Das schürte noch den heißen Groll. Den Grafen nur schien nichts zu kümmern, Er selber blieb sich immer gleich, Lag Alles um ihn auch in Trümmern, Hier eine Hütte, dort ein Reich. Als er von seinem Bann gehöret, Lacht' er laut auf und sagte blos: »Ja, wer im Hummelneste störet, Wird angebrummt; was Wunders groß?« Doch sah er wohl die stillen Wunden, Die niederdrücken Knecht und Magd, Und hatte bald dafür gefunden Das Zauberwort: »Wohlauf zur Jagd.« Das Wort aus seinem Mund schlug Funken, Und wenn sie so sein Auge traf, Sie wären vor ihm hingesunken; Nun wieder war's ihr stolzer Graf, Der jederzeit und allerwegen, Am hellen Tag, in dunkler Nacht Sie bannen konnte und bewegen Mit einer wunderbaren Macht. Kampf und Gefahr, das lieben Alle, Wenn er sie führt, der nimmer ruht, Nun wieder in die Thorthurmhalle Zieht frischer, froher Wagemuth. Heraus denn mit den Knebelspießen! Die schon auf Sauhatz oder Birsch Manch hauend Schwein danieder stießen, Heut gilt's nicht zagen, flücht'gen Hirsch, Ein wehrhaft Thier gilt's abzufangen, Den großen Keiler, der hier tobt, Wie aufs bescheidene Verlangen Waldtrauts Graf Hackelbernd gelobt. Sie sehn dem Kampf getrost entgegen Und hoffen auf des Sieges Preis, Nur Ludolf bangt des Hirsches wegen, Den er im Forste liegen weiß. Der Falkenier merkt seine Sorgen Und spricht mit ihm ein traulich Wort: »Ich habe deinen Pfeil geborgen, Und auch die Stricke nahm ich fort; Die Wölfe haben angebissen, Wer sagt, daß es just – der sein muß, Wenn sie mal einen Hirsch zerrissen? Ludolf, das war ein wackrer Schuß!« Sie ziehen mit den stärksten Hunden, Voran den Finder an der Schnur, Zur Streifhatz, wo sie jüngst gefunden Beim Suchen die gerechte Spur. Das ist im ganzen Forstreviere Die tiefste Wildniß rings umher, Da hausen von dem Waldgethiere Nur Schuhu, Wildschwein oder Bär. Hochmächt'ge alte Eichen recken Sich wie Gebälk im Waldeshaus, Und ihre Wurzelknorren strecken Sich lang wie Lindwurmleiber aus. Die halb belaubt und halb verwittert, Vom Sturm zerzaust, vom Blitz gefaßt, Und an der andern wieder zittert Des vollen Laubes grüne Last. Behängt ist die gefurchte Rinde Mit Moos und Flechten mancher Art, Das flattert, wankt und weht im Winde Wie langgewachsner Greisenbart. Die alten faulen Stümpfe schlagen Frisch wieder aus zu neuem Flor, Und aus dem jungen Nachwuchs ragen Gesunde Stämme schlank empor. Im üpp'gen Unterholze kämpfen Gestrüpp, Dornranken, Farrenkraut, Die Riesenkronen aber dämpfen Das Licht, das durch die Wipfel schaut. Die Waidgesellen rüstig wandern, Der Graf voran der kleinen Schaar, Doch Jeder fühlt's an sich und Andern, Es ist nicht Alles mehr, wie's war. Zumal der Graf scheint den Gefährten Ganz seltsam, wie sonst niemals, heut', Er giebt nicht Acht auf Spur und Fährten Und ist verschlossen und zerstreut. Unruhig, scheu, fast ängstlich gehen Ihm hin und her die Blicke oft, Als sucht' er etwas, was zu sehen, Er weit mehr fürchtet doch, als hofft. Ihm preßt die Brust ein dunkles Ahnen, Er athmet tief, hält öfter Rast, Es macht ihm Müh', sich Weg zu bahnen, Als trüg' er eine schwere Last. In seinen Kesseln eingeschoben Liegt hier das Schwarzwild rudelweis, Sielt sich umher, kommt vorgestoben, Bricht Wurzeln, rodet Keim und Reis. Es kümmern sich die Waidgesellen Nicht viel um Bache oder Sau, Das große Hauptschwein nur zu stellen, Führt man die Rüden durch den Thau. Der Finder, den von seiner Leine Bruno gelöst, giebt Standlaut jetzt, Und losgekoppelt, wird dem Schweine Die Meute auf den Hals gehetzt. »Hetz! hetz! hu Sau! hu Sau!« so rufen Die Jäger, wie's im Strauchwerk knackt, Da bricht hervor auf flinken Hufen Der Keiler und wird schnell gepackt. Er schlägt sich los, stellt sich den Hunden Und streitet, Einer gegen Zehn, Fünf schweißen schon aus tiefen Wunden, Die andern aber ihn umstehn. Der ritterliche Kämpe decket Den Rücken sich am Eichenstamm, Haut um sich, wenn ihn einer necket, Und schnauft und sträubt den Borstenkamm. Unnahbar das Gebrech umzäumend Krümmt sich ein fürchterlich Gewehr, An Wurzelstrünken wetzt er's schäumend Und pflügt den Boden rings umher. Durchs Dickicht stürmt in heißem Drange Tollkühn Graf Hackelbernd voran, Er hetzt und fällt den Spieß zum Fange, Da – was bewegt den festen Mann? Was schwebt aus blitzgespaltner Eiche? Ein Windstoß? ein gebrochner Ast? Ein Waidmann aus dem Geisterreiche? War's Wode selbst? – den Grafen faßt Erregten Bluts ein eisig Grauen: »Das ist der Tod am hellen Tag!« Den Fang vergißt er über'm Schauen, Und von des Keilers hartem Schlag Getroffen, sinkt er hin am Platze; Doch in demselben Augenblick Springt Wille zu mit mächt'gem Satze Und packt den Keiler im Genick; Bruno fängt vor dem zweiten Schlage Das Ungethüm schnell ab, das dicht Beim Grafen ohne Laut und Klage Mit schwerem Fall zusammenbricht. Die Jäger stehn bestürzt in Bangen, – Ihr Graf machtlos dahin gerafft, Er, dessen Speer nie fehl gegangen? Wer brach die unbezwungne Kraft? Er selber starrt in Schrei und Schweigen Zur Eiche hin, roth fließt sein Blut, Und man bereitet ihm aus Zweigen Ein Lager, drauf er sicher ruht! Gerhard hat dürftig ihn verbunden, Sie heben sanft empor ihn bald Und tragen so den Waidewunden Auf ihren Schultern durch den Wald. Halbwegs der Burg, nicht weit vom Meiler Kommt Aulke angehinkt und spricht: »He! Jägervolk, habt ihr den Keiler? Das Unthier hat wohl sein Gewicht? Ne, ne, was seh' ich? den Herrn Grafen? Ei! hat ihm Bertram Eins versetzt? Wie lief's denn ab, als sie sich trafen? Der Bertram hatte scharf gewetzt.« »Weib!« wendet sich entsetzt zur Alten Der Graf und läßt zu kurzer Ruh Die Waidgesellen mit ihm halten, »Weib! Hexe! von wem faselst du?«     »Von dem, der nicht den Hals gebrochen, Der auf dem Hirsch zu Thale fuhr; Er lebt, gesund auf allen Knochen, Beim Bundschuh ist er, und er schwur, Mit eigner Hand Euch zu verderben, Ich seh', er hat's schon halb vollbracht, Mit Euch ist's aus, Herr! Ihr müßt sterben, Sagt nur dem grünen Wald gut' Nacht! Ihr seid gezeichnet in der Rinde, Da zwischen Euren Brauen steht's, Ein Weilchen flackert noch im Winde Eu'r Lebenslicht, doch bald verweht's.« »Fort! fort!« schrie Hackelberend stöhnend. Sie trugen weiter ihn gemach, Doch Aulke stand und lachte höhnend Mit ihrem bösen Blick ihm nach. XII. Hackelberend's Tod.                     Tage schon lag auf dem Siechbett Hackelberend an der Wunde, Die der Eber ihm geschlagen. Heiße Fieberphantasien, Schwere, wirre Träume quälten Oft und schrecklich ihn und brachten Ihn in Zorn dann gegen Alle, Die ihm nahten und ihm gerne Seine Schmerzen lindern wollten. In dem hohen Thurmgemache Hatt' er nahe an dem Fenster Sich das Lager betten lassen, Um die Berge doch zu sehen, Vogelflug und Wolkenziehen. Meistens war er still und schaute, Tiefe Sehnsucht nur im Blicke, Traurig nach dem Wald hinüber, Der schon bunt zu werden anfing. Aber oft auch, wenn den Wind er In den Bäumen rauschen hörte, Der die Wipfel bog und Zweige, Als ob sie mit ihren Armen Ihn zu sich herüber winkten, Brach er los mit Ungestüm, Tobte, fluchte und verlangte, Daß ihm Wunsch gesattelt würde, Um zur Jagd hinaus zu stürmen. Wüthend, wenn man nicht gehorchte, Wollt' er auf vom Lager springen, Nach dem schweren Spieße greifen Und brach ächzend dann zusammen. Manchmal mit geschlossnen Augen Lag er da, und leis' geflüstert Kam ihm von den bleichen Lippen Waldtrauts Name, und dann frug er, Wo das liebe Mädchen wäre, Eben noch an seinem Bette Habe sie gestanden und ihm Ein Vergißmeinnicht gegeben, Wer ihm das denn weggenommen. Wieder dann mit großen Augen Blickt' er träumerisch auf Wulfhild, Die auf einem niedern Schemel Saß an ihres Vaters Lager, Ringelte ihr langes Goldhaar Um die Finger sich und nannte Hildegard sie; dann entschlief er, Und um seine strengen Züge Spielt' ein mildes, sanftes Lächeln. Doch nach kurzem Schlummer fuhr er Heftig auf und rief: »Wo ist er? Egon, gottverdammter Schurke! Hier, hier war er, hielt umschlungen Meine Hildegard, o Bube!« Doch am häufigsten im Traume Jagt' er fröhlich durch die Wälder, Rief bei Namen die Genossen Mit Hallo! und Jägerschreien, Hetzte immerfort die Rüden: »Wille! Wille, pack' die Pfaffen! Hetz' die Bauern! Pfaffen, Bauern! Hetz! hu hetz! reiß' Alle nieder!« Und ein ander Mal stand plötzlich Kalter Schweiß ihm auf der Stirne, Und er stöhnte, mit den Händen Sich an seine Decke klammernd. Aus der Brust, die mächtig kämpfte Wie nach Athem ringend, zwang sich's: »Wode! Wode! da! da zieht er!« – Einen Arzt wollt' er nicht haben, Was jedoch der treuen Seinen Heilkunst, Wissen und Erfahrung Im Geheimniß allen Krautwerks Und die liebevolle Pflege Von Wulfhilde und Agnete Nur vermochte, ihm zu helfen, Das geschah, der Falkenier selbst, Gerhard, ward zum Krankenwärter; Doch der Ritter selber fühlte Schritt vor Schritt den Tod schon nahen. Trostlos war Wulfhild, in Schmerzen Aufgelöst und ohne Hoffnung. Schrecklich war ihr der Gedanke, Wenn ihr Vater von dem Bannfluch Ungelöst dahin gehn sollte, Und in ihrer Angst befahl sie Albrecht, Gerhard und Agneten Seine Pflege, schwang entschlossen Sich aufs Pferd und ritt mit Bruno Nach dem Walkenrieder Kloster Zum Abt Paulus, um mit Bitten, Auf den Knien, wenn's seien mußte, Die Erlösung zu erwirken. Ja sie wollte auch dem Kloster All ihr Erbe übereignen, Wollte selbst den Schleier nehmen, Denn was hielt sie auf der Welt noch, Wenn ihr letzter Halt, ihr Vater, Todt war, todt wie ihre Liebe. Hackelberend war mit Gerhard Ganz allein; betrübt und schweigend Saß der Alte fern im Winkel Des Gemachs in dumpfem Brüten. »Alter, setz' dich an mein Bett hier,« Sprach der Graf zu ihm, »ich habe Eines noch dir zu vertrauen. – Wenn ich sterbe, hinterlaß' ich Einen Todfeind in der Welt, Falls er wirklich noch darin ist. Hab' ihn nie gesucht und mochte Auch nie wieder ihm begegnen; Aber triffst du ihn, so sag' ihm, Daß ich meiner Sünden Hälfte Ihm in sein Gewissen schöbe; Denn sie sind die Frucht und Ernte Von der Saat, die wir uns Beide Selbst in unsres Lebens Furche Mit verruchten Händen streuten. Er heißt Egon Graf von Hordorf, Führt den Eberkopf im Schilde Und am Helm zwei Büffelhörner. Er und ich, zwei Jugendfreunde, Die ein Treuschwur band, wir liebten Beide Hildegard von Warberg, Und beim Einen wie beim Andern Hat die Liebe es verschuldet, Daß der Freund den Freund verrathen. In der Schlacht bei Dornach hab' ich Schmählich ihn im Stich gelassen; Er hat sich gerächt, o! furchtbar Hat er mich ins Herz getroffen. Längst für in der Schlacht gefallen Hielt ich ihn, allein er lebte, Schlich sich her und traf die Gräfin Hier im Walde, – Gerhard! Gerhard! Wer mir's jetzt noch sagen könnte, Wie viel sie von ihrer Liebe Ihm gegeben, ob sie sein ward, Ob sie treulos mich verrathen! – Wie von Seelenangst vernichtet, Sank sie hin, verblich, verwelkte Einer Blume gleich, und sterbend Hat sie selbst es mir gestanden; Im Vergehn ihr letztes Wort war: ›Egon sprach ich, meine Liebe, Sie gehörte Egon Hordorf.‹ Stumm für immer war ihr Mund, Nie erfuhr ich's, nie erforscht' ich's, Ob sich Beide wirklich sahen, Ob er wirklich noch am Leben, Ob er wirklich ihre Liebe, Ihre Treue mir geraubt hat, Oder ob's nur ein Gesicht war, Von des nahen Todes Schatten Schon umdüstert; und so schlepp' ich Durch die langen, langen Jahre Diese Zweifel, ach! sie nagten Tag und Nacht an meinem Herzen, Nie und nirgend fand ich Ruhe Vor dem schrecklichen Gedanken Und der Ungewißheit Qualen. Rastlos trieb mich's durch den Wald hin, Ueber Berge, durch die Thäler, Ob ich's irgendwo nicht fände, Ob mir's nicht der Wind verriethe, Der wie ich den Forst durchbrauste. Und ich jagte, jagte, jagte, Als wie wenn ich in dem Herzen Jedes Thieres, das erreichbar Meinem Speer und meinem Pfeile Das Geheimniß suchen müßte. Mich verfolgen die zwei Bilder Wie Gespenster, die mich martern: Jene Unthat auf dem Schlachtfeld, Und was hier im Wald geschehen. Immer seh' ich Hordorf liegen Blutend, hilflos, seinen Blick Starr und steif auf mich geheftet; Und dann sehe ich ihn wieder Lächelnd und gesund und glücklich, Meine Hildegard in Armen –. Wenn ich hetzte, trieb und jagte, Ach! Vergessenheit nur war es, Was ich mir erjagen wollte, Und mit täglicher Gewohnheit Wurde Jagen mir und Waidwerk Erst Zerstreuung, dann Begierde, Leidenschaft und Lust und Leben. Nimmer fand ich, was ich suchte, Aber jagen, jagen muß ich Oder sterben, und gestorben Möcht' ich ewig, ewig jagen! – Die zwei Mädchen hinterlaß' ich: Wulfhild, – hoffte, daß mit Albrecht Sie sich einst vermählen würde, Glaub' es nicht mehr. Und die Waldtraut, Meine Tochter ist sie, Gerhard. Einst im Walde traf ich Hathtorp; War ein wunderlieblich Wesen Damals wie heut ihre Tochter, Und ich sah sie öfter, suchte Sie im Forste, denn ich fühlte, An der Todten Treue zweifelnd, Liebe zu dem schönen Mädchen, Und sie wurde Waldtrauts Mutter. Später nahm sie Köhler Volrat, Der sie damals schon umworben, Doch zum Weib, denn ich verließ sie, Und sie starb nach wenig Jahren. Hildgards Bild in meinem Herzen Konnte sie einmal verdrängen, Aber trotz der Nachtgedanken, Die es düster oft umschwebten, Nimmer, nimmer ganz verlöschen. Volrat sinnt auf schwere Rache, Die ich wenig fürchten würde, Könnt' ich selber ihr begegnen. O! mir ist, ich säh' ihn kommen Mit den wüsten Bauernhaufen, Hör' ihn schon ans Burgthor donnern, Einen Feuerbrand in Händen. Und ich kann euch nicht beschützen, Wulfhild! Waldtraut! auch euch Beide Muß ich lassen, sterben, sterben! – – Gerhard! bist mir treu gewesen All mein Lebtag; Eins versprich Und beschwör' es in die Hand mir: Gerhard! sargeng ist's im Grabe, Dunkel, unergründlich dunkel, Tiefen, die nicht aufzuhellen, Hat der Tod mit seinem Jenseits. Glaubst du an die Ewigkeit Und an Wiedersehen, Gerhard? Meinst du, daß wir auch da drüben Wieder jagen können, Alter? Du sollst mich begraben, Gerhard! Du und Bruno, nur ihr Beide; Aber legt mich in den Sarg nicht, Nein, in Sarg nicht! nur in Sarg nicht! Da, im Walde will ich liegen, Wo der Sturm braust, wo die Wipfel Mächtig mir zu Häupten rauschen, Wo der edle Hirsch dahinzieht Und der Wolf trabt, legt ins Grab mich, Das ihr selber mir gegraben, Ohne Sarg und laßt die Wurzeln Durch das kalte Herz mir wachsen. Deckt mich zu mit grünen Zweigen, Gebt die Armbrust und das Hifthorn Mir ins Grab, im Lederkoller Will ich schlafen, jagdgerüstet. Früh am Morgen, wenn ich todt bin, Setzt mich auf des Wunsches Rücken, Bind' mich aufrecht, führ' ihn sicher; Wie ich in die Schlacht geritten, Wie ich auf die Jagd geritten, Will ich auch zu Grabe reiten. Oben auf den Sperberklippen Da begrabt mich, aber Niemand, Niemand wisse um die Stätte, Und statt Pfaffenlitaneien Blas' ein Halali vom Felsen. Will dort schlafen bis zum Aufbruch, Bis die Jagd da drüben losgeht, Und statt jüngsten Tags posaunen Wecke mich ein fröhlich Hifthorn. – Gerhard, schwör' es in die Hand mir, So zu thun, wie ich dich heiße!« Von des Alten Wangen rollten Heiße Thränen in den Graubart, Und er kniet' am Bette nieder, Legte seine treue Rechte In des Grafen Hand: »Ich schwör's Euch!« »Gut! nun geh'! wo ist Wulfhilde?« Fragte Hackelbernd, »ich habe Mancherlei noch anzuordnen.«     »Herr, sie ist in Wald geritten.«     »Gut! so gehe, laß mich einsam.« Und dann mit gesenkten Wimpern Lag er still, als ob er schliefe. Plötzlich aber auf der Hand Fühlt' er etwas Warmes, Feuchtes; Wille war's, der sie ihm leckte. Der stand neben ihm am Bette, Hob die schwere, breite Pfote, Hielt dem Grafen sie entgegen, Der wie Freundes Hand sie faßte. Rührend war der Blick des Hundes; Traurig sah er dem Gebieter In die Augen, fragend, klagend. »Trauter Hund!« sprach Hackelberend, »Mein Gesellmann, lieber, treuer! Sprich doch! sprich! was willst du sagen? Müssen scheiden; wo ich hingeh', Kann ich dich nicht mit mir nehmen, Werden nicht, wir Drei, wie sonsten, Du und Wunsch und ich, mehr jagen Durch den Wald in Wind und Wetter, Wo du fröhlich vor uns hersprangst Und den edlen Hirsch verfolgtest. Kommt ein andrer Waidmann jetzo, Heißt der Tod, der grimme Jäger, Spürt gerecht, trifft immer, immer, Jagt und hetzt mich in das Dunkle. Fahrewohl, mein Hund! hast treulich Wie ein Freund mir beigestanden Gegen Bär und Wolf und Keiler, Darfst mich einmal noch begleiten Auf dem allerletzten Ritte, Aber langsam wird's dann gehen. Grüß' den Wunsch, den Wunsch, mein Wille!« Und er schmiegte seine Wange An den dicken Kopf des Hundes. Unterdessen war Wulfhilde Nun zu Walkenried im Kloster, Mußt' im Kreuzgang lange warten, Bis der Guardian zurückkam Von dem Abt, um ihr zu melden, Daß Herr Paulus streng verweigre, Des gebannten Grafen Tochter Zu empfangen und vom Bannfluch Ihren Vater eh' zu lösen, Als sich Hackelbernd in Demuth Selbst erniedrigt hab' zur Buße. Schmerzerfüllt vernahm Wulfhilde Diese Kunde, bat und flehte, Doch umsonst, zum zweiten Male Ging der Guardian nicht zum Abte, Dessen festen Sinn er kannte. Da vorüber schritt Johannes, Der Großkellner, durch den Kreuzgang, Sah und hörte, was hier vorging, Und die weinende Wulfhilde Mit erstauntem Blick betrachtend, Hieß er sie verziehn und wandte Selber seinen Schritt zum Abte. »Paulus!« sprach er dann zu diesem, »Draußen steht die Tochter Eines, Den du hassest, doch auch Einer, Die du liebtest; willst du wieder Auf dem Scheitel der Lebend'gen Sehn das Goldhaar einer Todten? Laß, o laß mich her sie führen! Paule, geh', mach deinen Frieden Mit dem Grafen Hackelberend, Löse ihn um der Lebend'gen Und auch um der Todten willen!« Schweigend und in schwerem Kampfe Mit sich selber schritt der Abt Im Gemache auf und nieder, Und dann winkte er Gewährung. Als Johannes mit der Jungfrau Wiederkehrte und Abt Paulus Sie erblickte, ward aufs Tiefste Er ergriffen, und er hauchte: »Hildegard! bei dem Allmächt'gen! Hildgard, wie sie leibt' und lebte!« Wenig Worte nur und Bitten, Während dem des Abtes Augen Auf des Mädchens Antlitz weilten Wie gefangen von dem Anblick, Dann befahl er, daß sechs Rosse Augenblicks gesattelt würden Und zween Brüder mit drei Knechten Ihn zur Burg geleiten sollten. Abend ward es, eh' Wulfhilde Mit dem Abt zur Treseburg kam. Schwül war's, dunkle Wolken schwebten, Und es regte sich kein Lüftchen In der Stille vor'm Gewitter. Als im matt erhellten Zimmer An des Grafen Bett der Abt trat, Bohrten forschend und durchdringend Sich zwei Blicke in einander, Und auf Hackelberends Zunge, Der beim unverhofften Anblick Eines priesterlichen Kleides Aufzubrausen im Begriff war, Starb das Wort; er sah und starrte, Als ob dämmernde Erinn'rung Furchtbar mahnend in ihm aufstieg, In das Angesicht des Abtes. Auch dem Abte schlug das Herz, Und auch er fand noch das Wort nicht. Todfeind stand dem Todfeind schweigend Gegenüber; durch das Zimmer Blitzt' es roth jetzt, und am Bergfried Rüttelte der erste Donner. »Kennst du mich, Hans Hackelberend?« Frug der Abt nun, doch es bebte Ihm die Stimme. – »Egon Hordorf!!« Schrie der Ritter, seine Augen Traten fast aus ihren Höhlen, Wie nach Worten suchend zuckten Seine Lippen, und er winkte, Daß die Andern aus dem Zimmer Sich entfernten, er allein blieb Mit dem Abte. »Also wirklich! Er! er lebt! o Hildegarde!« Flüstert' er und frug dann zitternd Vor Erregung: »Was – was willst du? Hast du nicht genug gethan mir, Mörder meines Weibes? willst du Meines Lebens letzte Stunde Mir vergällen, wo ich machtlos Dich zu tödten, sterbend liege?« – »Deines Lebens letzte Stunde!« Sprach der Abt mit bittrem Tone, »Wiegt, und wär' es auch die letzte, Eine Stunde wohl ein Leben, Eines ganzen Lebens Glück auf, Das mir dein Verrath und Treubruch Niedertrat zu Staub und Asche? Laß die Toden ruhn! nicht dazu Kam ich her, Hans Hackelberend!«     »Zu den Todten all, die Dornachs Blutgetränktes Feld bedeckten, Zählte ich dich selbst in Wahrheit; Denn als wir, zurückgeworfen, Noch einmal zum Ansturm ritten, Sah ich selbst für todt dich liegen.«     »Und warst froh, des Nebenbuhlers Los zu sein, hiebst nicht heraus mich, Als ich dich in Todesnöthen Anrief, sprengtest schnell vorüber, Als du blutend mich am Boden Liegen sahst, gabst dir nicht Mühe, Auf dem Schlachtfeld mich zu suchen, Deinem Freund der Lieb' und Ehre Letzten Dienst noch zu erweisen, Rittest heim zu ihr und sporntest Deine Seele zu dem Glauben, Daß ich wirklich todt sein möchte, Grad so eifrig wie dein Roß. Hast mich freilich überholet Mit dem Ritt und mit dem Treubruch.« Hackelberend wollte heftig Seinem Feind ein Wort erwiedern, Doch in Schwäche sank er rückwärts. Draußen donnert' es und stürmt' es, Und der Regen schlug ans Fenster. Bald ermannt doch frug der Graf: »Weshalb nun in dieser Stunde Kommst du zu mir? sprich, was willst du?« »Von dem Banne dich zu lösen Komm' ich,« sprach der Abt mit Würde.     »Bist, ich seh's, ein Pfaff geworden, Nun so scher' in Teufels Namen Hin dich zu dem andern Pfaffen, Der in Walkenried sich mästet, Wenn mein Bann dich drückt! ich frage Nichts nach eurem Fluch und Segen.«     »Paulus, Abt von Walkenried, Steht hier vor dir, Hackelberend!«     »Du? du bist der Walkenrieder, Der mir's Jagen wehren wollte, Und der binnen Glockenschalle –? O das hast du ganz vortrefflich Mit dem Himmel eingefädelt!« Und des Grafen höhnisch Lachen Gellte schaurig zu dem Donner, Der durchs Thal hin dröhnend rollte. »Hast dich wie der Wolf im Schafspelz In der Kutte hergeschlichen, Mir das Leben zu vergiften Und mein Weib zu überlisten.«     »Einmal, kurz vor ihrem Scheiden Sah ich Hildgard, niemals wieder.«     »Jetzt, jetzt sage mir und schwöre – Halt! mir grauet vor der Antwort, Und wer glaubt denn einem Pfaffen?«     »Ich kam her, um meinen Frieden, Hackelbernd, mit dir zu machen, Will der Sünden dich entled'gen, Mit dem Himmel dich versöhnen, Und du hast von Zeit nichts übrig.« »Meine Sünden?« rief der Ritter, »Die hast du auf dem Gewissen, Du hast mich hineingetrieben, Als mein Weib und ihre Liebe Du mir raubtest! und der Himmel? Ich will nichts vom Himmel wissen! Den will ich euch Pfaffen lassen, Könnt euch zanken und vertragen Um den Himmel, wie ihr Lust habt. Oder weißt du was vom Himmel, Egon Hordorf, weiser Abbas? Giebt's dort Jagd? kann ich dort jagen? Dann komm' her, mach' Hokus Pokus, Zeig', daß du ein echter Pfaff bist, Der aufs Lügen und Betrügen Sich versteht, und schwärz' und schmuggle Mich hinein durchs Hinterpförtchen, Aber wo ein gut Revier ist Für des Himmels hohen Wildstand.«     »Hörst du denn nicht Gottes Stimme, Der im Donner zu dir redet, Mit so fürchterlichen Schlägen An dein Herz klopft und dich abruft In die Ewigkeit hinüber?«     »Sag' ihm nur, es käm' ein Waidmann Hoch zu Rosse angeritten, Und er sollt' in seinem Himmel Nur den Wildbann mir verpachten Für die Ewigkeit, ich wollte Ihm für seine Herrgottstafel Mit den Engeln und Erzengeln, Mit den Heil' gen und den Pfaffen, So man euch dort oben duldet, Immer frisches Wildpret liefern. Alles Andre sonst im Himmel, Seligkeit und Seelenwonnen Könnte er für sich behalten, Sich den Trunk damit zu würzen!« Wieder zuckten rothe Blitze Durch die Nacht, des Grafen Antlitz Ward entstellt, sein Athem keuchte, Und die schwarzen Wolken brüllten. »Bete! bete! 's geht zu Ende!« Rief der Abt und griff zum Kreuze.     »Beten? ha! um was? zu wem denn? Beten will ich nicht, will jagen, Hörst du? jagen, ewig jagen! Oder doch, ich kann auch beten: Lieber Gott, ich bitt' dich höflich, Laß in deinem grünen Himmel Die drei nächsten Ewigkeiten Mich recht lustig, lustig jagen! Aber wenn du nicht willst, Alter, Schieß' ich dich von deinem Throne, Wie ich deines Herren Sohnes Lieblich Ebenbild vom Kreuze Niederschmetterte, herunter! Also rathe ich zum Frieden: Laß mich jagen, jagen! Amen! So! das wär' nun auch gebetet! Bist du nun zufrieden, Pfaffe?« »Herr, vergieb ihm!« sprach der Andre, »Denn er redet ja im Wahnsinn.«     »Hat mir gar nichts zu vergeben! Aber ich vergeb' es ihm nicht, Daß er mich im edlen Waidwerk Durch den dummen Tod hier störet; Jagen will ich, ewig jagen Und verdammt sein, aber jagen!« Zürnend wandte sich Abt Paulus: »Meine Langmuth ist zu Ende,« Rief er, »sei verflucht und jage, Jage bis zum jüngsten Tage!« »Endlich! Dank für diesen Segen!« Lachte Hackelberend fröstelnd, »Bist ja doch des Herrn Gesalbter, Deine Fürsprach wird schon helfen; Ewig jagen! ewig jagen! Hallo ho! hoho!« im Bette Sprang er halb empor, da flammte Schrecklich eines Blitzes Feuer Durchs Gemach, und Donner krachten, Daß die Burg im Grund erbebte. »Wode! ho!« schrie Hackelberend Und sank todt zurück aufs Kissen. XIII. Zu Grabe.                     Auf Damwildhäute hingestreckt, Bewehrt, bespornt, im Elenswamms, Von grünen Zweigen halb bedecket, Lag nun der Letzte seines Stamms. Er hielt umfaßt, als könnt' sie sinken, Die Armbrust mit des Lebens Schein, Waidmesser hing am Gurt zur Linken Und rechts das Horn von Elfenbein. An goldner Kette umgeschlungen, Ein Kleinod blitzt' in reichem Glanz, Und um das Haupt war ihm geschwungen Ein voller, frischer Eichenkranz. So wie ein Fürst und Jägerkönig Geschmückt der todte Waidmann war, Der Waldluft athmend jubeltönig Den Forst durchzog mit seiner Schaar. Die dunklen Augen fest geschlossen, Daraus ein brennend Feuer sprang, Wenn diese Hand den Speer geschossen Und dieses Bogens Senne klang. Schwer stritt sich auf der Stirne Krausen Der Todeshoheit stolze Macht Mit einem ahnungsvollen Grausen In unversöhnten Schweigens Nacht. Nicht feierliche Ruhe thronte Mit ihrem mild verklärten Licht, Nicht heil'ger Himmelsfriede wohnte Auf diesem Marmorangesicht. Auf den entseelten Staubgefügen Stand ungebeugten Willens Kraft, Und noch aus diesen kalten Zügen Sprach glühend heiße Leidenschaft. Und um den Mund, der Gott versuchte, Blieb eines finstern Hohnes Spur, Als ob er, schon verstummt, noch fluchte Und selbst dem Tode Rache schwur. So lag er in dem Thurmgemache, Und Wille, sein getreuer Hund, Saß bei ihm und hielt Todtenwache Und wich und wankte keine Stund. Wulfhilde ließ er zu, die schauernd Dem Herrn die Augen zugedrückt, Und auch die Waidgeselln, die trauernd Mit Eichenbrüchen ihn geschmückt. Auch wehrt' er nicht, als sie dann kamen Und schwurgetreu zum letzten Ritt Den Grafen in die Arme nahmen, Nur leise winselnd ging er mit. Der Abt war in der Kemenate Viel bei Wulfhild, mit lindem Wort Und ernstem, väterlichen Rathe Ihr beizustehn als Schutz und Hort. Er wollte selber mit ihr reiten, Wenn in sein Waldgrab erst gelegt Der Graf, und sicher sie geleiten Zum Jungfrau'nstifte, friedumhegt. Doch er verschwieg, daß fluchbeladen Ihr Vater schied und wahnberauscht, Allein auf ihren Horcherpfaden Hatt' es des Falkners Weib erlauscht, Mit welchem Segen und Gebete Der Ritter in das Jenseits fuhr, Und ruchbar ward es durch Agnete Wie auf dem Schnee des Wildes Spur. Der Eine sagt's dem Andern leise, Der glaubt' es, trug die Mär nach Haus, Und windschnell ging es um im Kreise Weit über das Gebirg hinaus. Es kam die Nacht zum letzten Ritte, Und eh' die Vöglein ausgeträumt, Hielt Valentin in Burghofs Mitte Den Hengst gesattelt und gezäumt. O Wunsch, wie oft die Erde scharrend Standst du, gehemmt den heißen Drang, Auf deines Herren Stimme harrend Und seines Schrittes Sporenklang! Und trugst ihn dann auf deinem Rücken Mit Ungestüm wie Sturmeshauch, Im Thale donnerten die Brücken, Im Walde rauschten Baum und Strauch. Heut' sitzt er auf, ein stiller Reiter, Spornt nicht dich zu Galopp und Trab, O trag' ihn fromm, trägst ihn nicht weiter, Als bis in sein geschaufelt Grab! – Von Fackeln ist der Hof erhellet, Der Thurm erglüht im Wiederschein, Es schau'n, im Kreise aufgestellt, Die Burggenossen trüb' darein. Nun bringen ihn herausgetragen Die beiden Aeltesten vom Troß, Den, der sich aufschwang hier zum Jagen, Und heben ihn empor aufs Roß. Und Valentin hält ihm den Bügel Wie sonst, da er so leicht ihn fand, Und steht am Bug und legt die Zügel Ihm in die kalte Todtenhand. Sie binden ihn drauf fest; wohl zittert Der Rappe, doch er regt sich nicht. Scheint nicht, von Fackelglanz umwittert, Belebt des Todten Angesicht? So saß er hier, ach! tausend Male Im Sattel, gab dem Wunsch den Sporn, Rief Waidmanns Heil! und ritt zu Thale, Und Keiner blies wie er das Horn. Still ist's, nicht Fuß, nicht Lippen regen Die Trauernden, sie schau'n sich um Zum Abte nach dem letzten Segen, Wulfhilde schluchzt, der Abt bleibt stumm. Da nimmt Gerhard vom Haupt die Kappe, Spricht weiter nichts, als: »Waidmanns Heil!« Leis' mit dem Kopfe nickt der Rappe, Dumpf tönt's im Kreise: »Waidmanns Heil!« Dann ziehn sie, wo der Wald sich weitet, Durchs Burgthor in die Nacht hinaus, Und so zum letzten Male reitet Der Graf aus seinem festen Haus, Die Augenlider tief gesenket Auf seines schwarzen Hengstes Zaum, Nachtwandler, der sein Leibroß lenket In Todesschlaf und Grabestraum. Bergab geleiten ihn die Jäger Mit ihrer Brände Gluth und Rauch, Rechts gehn und links die Fackelträger, Und röthlich schimmern Baum und Strauch. Dann heißt sie Gerhard Alle scheiden, Doch Bruno stützt des Todten Ritt, Gebeugten Hauptes hinter Beiden Folgt Wille nur des Hengstes Schritt. Noch ist es Nacht, vom Himmel blinket Friedlich herab der Sterne Lauf, Und Nebel fluthet, steigt und sinket Im tiefen Grunde ab und auf. Darinnen hebt sich an ein Wogen, Hier locker fließend, dort geballt, Dem Reiter kommt es nachgezogen, Es löst Gestalt sich von Gestalt, Zu einer Kette leicht geschlossen, Schwebt es gegliedert und gereiht, Speerschwinger, Krieger, Jagdgenossen, Endlos ein spukhaft Grabgeleit. Der große Schimmelreiter fehlet Mit seinem göttlichen Gemahl, Doch all die Andern ungezählet, Die auf der Hirschjagd einst im Thal Der Graf gesehn, sie folgen Alle, Und heitrer ist heut ihr Gesicht, Ein stumm Frohlocken lebt im Schwalle, Die Jäger aber sehn es nicht. Die Geister ziehn mit ins Gehege, Als wollten selbst das Grab sie schau'n, Sie wallen über Weg' und Stege, Verschwinden dann im Morgengrau'n. Hoch oben an des Berges Halde, Wo alte Eichen schattend stehn, Im Walde und doch über'm Walde, Von wo des Wandrers Blicke gehn Zu des Gebirges höchsten Gipfeln, Wie Berg an Berg sich scheinbar lehnt, Ein unabsehbar Meer von Wipfeln Sich weithin in die Ferne dehnt, Das regungslos in allen Zweigen Mit tausend Ohren horcht und lauscht Und bald mit Wiegen, Nicken, Neigen In dunkelgrünen Wellen rauscht. Wo aus der Ebne Flüsse blinken, Kornfelder wogen tief im Land, Von weit herüber Thürme winken, Hoch über einer Felsenwand, – Da ist das Grab, und eine Eiche Ragt vor den andern dort hervor, Stolz über aller Kronen Reiche Reckt ihre Krone sich empor. Sie ist sein Denkmal, das sich länger Wohl, als sein Stammbaum, hier erhebt, Und ist der kühne Waidwerkgänger Auch stumm und todt, sein Denkmal lebt Sie wird mit Wurzeln ihn umschlingen, Und wenn sie mit dem Sturme spricht, Wird's leise zitternd zu ihm dringen Wie eine Botschaft aus dem Licht. Sie wird um ihn zu grünen Hütten Die Zweige wölben tiefgesenkt, Mit ihrem Laub ihn überschütten, Wie blumenstreuend man gedenkt Des todten Freunds, und wieder blühen Und grünen, kommt der Lenz herein, Im Morgenrothe wird sie glühen Und leuchten auch im Abendschein. Die Vögel werden auf ihr singen, Durchschimmern wird des Himmels Blau, Auf ihren Blättern Regen klingen Und funkeln frischer Morgenthau. Jetzt hier mit ihrem mächt'gen Stamme Steht sie im Walde, gleichenlos Und noch umdüstert auf dem Kamme, Ein Grabeswächter riesengroß. Und Stamm bei Stamm, viel hundert Zeugen Ringsum wie Schatten dunkelgrau, Sie flüstern unter sich und beugen Die Häupter wie zur Todtenschau. – Der finstre Reiter kommt geritten, Des Rosses Huf klingt hohl und taub Am Wurzelboden, von den Schritten Der Männer rauscht das welke Laub. Der Felsen schroffe Stirne hebet Schon aus dem Zwielicht sich hervor, Doch in der offnen Tiefe webet Die Nacht noch ihren dunklen Flor. Von unten tönt ein dumpfes Brausen, Der Wind spielt mit des Todten Haar, Und Gerhard sieht's, ein fröstelnd Grausen Erfaßt den alten Waidmann gar. Ihm däucht, von Stamm, Gezweig und Knorren Glotzt in des Waldes Dämmerlicht Höhnisch verzerrt und kraus verworren Rings Angesicht bei Angesicht. Da schreit ein Hirsch fern in der Dickung, In seines langen Lebens Lauf War's stets dem Jäger Herzerquickung, Und wie aus Träumen wacht er auf. Bruno bricht Zweige ab, sie füllen Damit den Boden aus im Grab, Und dann in seinen Mantel hüllen Den Herrn sie, senken ihn hinab Mit Wehr und Waffen, decken wieder Ihn ganz mit grünen Zweigen zu Und werfen schweigend Erde nieder Drei Hände voll in Grabes Ruh. Nun schaufeln Beide und belegen Das Grab mit Moos, das sie gepflückt, Und murmeln einen kurzen Segen, Still übers Grabscheit hingebückt. Dann führt der Falkenier zum Munde Sein Hifthorn, und vom Felsen hie Schwebt, wiederhallend in der Runde, Ein langgezognes Halali. Doch wie sie zwischen Waldessäulen Nun heimwärts gehn, den Hengst am Zaum, Ertönt ein markerschütternd Heulen Vom Grabe unter'm Eichenbaum. Der Hund ist's, der zurückgeblieben Auf seines Herrn und Freundes Gruft, Um des begrabnen Waidmanns Lieben Mit seinen Klagen füllt die Luft. Nicht Lockruf und nicht Schmeichelworte Bewegen Wille, sein Geschick Zu trennen noch von seinem Horte, Er kauert mit gebrochnem Blick, Und wie er seine Kraft verwendet In seines Grafen Dienst und Brod, So ist er auf dem Grab verendet, Spurfest und treu bis in den Tod. Der Tag steigt auf, mit seinem Glanze Erfüllt er diese schöne Welt, Und über grünem Bergeskranze Spannt sich das blaue Himmelszelt. Einsam vom Felsen, hoch erhoben, Schaut in das tiefe Thal hinab In Sonnenschein, in Sturmestoben Das waldumrauschte Jägergrab. XIV. Die Erstürmung der Burg.                   Klarer, kühler Herbsttag heute. Wenn der Wind fährt in die Bäume, Ist's nicht mehr ein üppig Wühlen Und ein wonnig Untertauchen In des weichen Sommerlaubes Flüssig Wogen, Wippen, Wiegen; Rasselnd klingt es schon und prasselnd, Wenn er jetzt die Zweige schüttelt Und die hartgewordnen Blätter An einander schlägt, es knittert, Pfeift und knackt schon in den Aesten, Auch schon welke Blätter wirbeln Durch die Luft, und rothe Beeren Glänzen an halb kahlen Sträuchen. Um die Treseburg im Thale Ist's lebendig; Spieße starren, Schwerter, Hakenbüchsen, Kolben, Sensen selbst, und all das Werkzeug, Das des Landmanns Hand voll Schwielen Schwingt im friedevollen Kampfe Mit der heimatlichen Scholle, Ist zur fürchterlichen Waffe In derselben Hand geworden, Die mit der Verzweiflung Nothschrei Sich zum Himmel reckte schwörend, Jede Burg im Land zu brechen. Und da sind sie, denen längst schon Schreckenskunde weit vorausging, Und die hinter sich nur Wüstung Und verkohlte Trümmer ließen, Die zum Bund verschwornen Bauern. Trummenschlag und Pfeifen tönten Durch das Thal, und in den Dörfern Läuteten zum Sturm die Glocken. Da aus allen Hütten schlüpften Sie herbei, leibeigne Knechte, Freie Bauern, Bergmannsknappen, Hungernde, verdorbne Leute; Was zu des gemeinen Mannes Sache hielt, der ausgesogen, Bis aufs Blut gepreßt, gequält war, Das rottirte sich zusammen. Ach! es war ein bös Gesindlein, Bunt bewaffnet und bekleidet; Der in abgerißnem Kittel, Der in ritterlichem Schmucke Oder zugestutztem Meßkleid, Pickelhaube oder Gogel, Lodenwamms und Pluderhose, Eisenschurz und Krebs und Armzeug. In dem wüsten Durcheinander War viel Toben und Gelärme, Und mit Hut- und Becherschwenken Grüßten die am Fuß des Berges Jede Handvoll frischen Zuzugs, Der von Nirgendheim, Fehlhalde, Bettelrain und Hungerberge – Also hießen sie's – daher kam. »Loset, was ist für ein Wesen?« Rief man ihnen schon entgegen, »Können vor Pfaffen und Adel nit genesen!« War die Antwort, und dann schrien sie: »Hei! wir woll'n im Lande brennen Bei den Junkern, daß der Herrgott Auf dem Regenbogen blinzeln Und die Beine an sich ziehn soll!« Mitten in dem hellen Haufen Flog ein Fähnlein frei im Winde, Darauf waren Christi Leiden, Papst und Kaiser abgebildet, Vor dem Kreuze kniet' ein Bauer, Und darüber war ein Bundschuh. Hauptmann dieses Bauernhaufens War der Köhler Bertram Volrat, Trug den Sturmhut auf dem Kopfe, Büffelwamms mit Panzerärmeln, Einen breiten, kurzen Degen Und hielt handlich in der Rechten Einen Federspieß. Die Augen Blickten finster, thatentschlossen, Und sein Wort fand stets Gehorsam. Treulich ihm zur Seite schwebte Wie ein guter Engel Waldtraut, Die, als sie die Burg verlassen, Seinen Spuren schnell gefolgt war Und sich nicht mehr von ihm trennte. Wenig Wochen eines Lebens Voller Gräuel und Gefahren Hatten Waldtrauts ganzes Wesen Sehr verändert, und zur Jungfrau War die holde Mädchenknospe Aufgeblüht in Sturm und Wetter. Größer schien sie, voller, reifer, Und inmitten aller Roheit, Die sie auf den Rachezügen Stets vor Augen hatte, war sie Reines Herzens doch geblieben, Selbst die kecksten der Gesellen Ehrten sie wie eine Heil'ge. Alles bot sie auf, das Schicksal Von der Burg Graf Hackelberends Abzuwenden, doch vergeblich. Allzu tief und fest gewurzelt War der wilde Haß der Bauern Auf den Ritter, und die Bitten, Selbst die heißen Thränen Waldtrauts, Sie verklangen und verhallten Wie des Vögleins banges Klagen, Wenn der Sturm braust. Sie erreichte Endlich nur, daß man das Leben All der andern Burgbewohner Und vor allen ihres Ludolfs Und Wulfhilds versprach zu schonen. Dennoch wollte sie beim Kampfe Selbst zugegen sein, um muthvoll, Wenn es galt, mit ihrem Leibe Die Bedrohten noch zu schirmen. Abend war es, Feuer brannten, Daran Kuh und Kälber schmorten Aus dem Kloster Himmelgarten, Das man neulich erst geplündert Und dann eingeäschert hatte. Bauern lagen dran und schürten, Zechten vom geraubten Weine, Würfelten um Beutestücke Oder sangen wüste Lieder. Volrat ließ die Trommel rühren, Hielt Gemeinde, und zum Ringe Trat ein Jeder, dem's beliebte, Von den Rottenmeistern aber Und den Führern fehlte keiner. Volrat sprach: »Ich sandt' ans Burgthor, Gütlich Uebergabe fordernd, Freien Abzug Jedem bietend Außer Einem, doch sie weigern's. Also morgen mit dem Frühsten Wollen wir das Nestlein stürmen.« »Hauptmann,« sprach ein Knecht, »sie sagen »Hackelberend sei gestorben.« »Nein, bei Gottes Bart! ich glaub's nicht! Wenn der Teufel ihn schon hätte, Würden sie das Thor wohl öffnen,« Rief der Köhler, »fragt nur Hartmann, Den zur Burg hinauf ich sandte, Der hat ihn in seiner Rüstung, Die uns Allen hier bekannt ist, Selber auf der Wehr gesehen. Ihr von Wendefurt und Stiege, Altenbraak und Hasselfelde, Die am meisten ihr gelitten Von der Grausamkeit des Wilden, Stürmt zuerst, ich werd' euch führen.« Sprach ein Bauer aus Allrode: »Willst du nicht vorher dem Grafen Den Artikelbrief noch senden, Ob er nicht gemeine Sache Mit uns macht und sich uns anschließt?« »Kennst ihn noch nicht besser, Schnecke?« Höhnte Volrat, »wenn's ein Hirsch wär', Ja ein Schmalthier nur, das Bess'rung Seines Daseins von ihm heischte, So bedächt' er sich am Ende, Doch ein ringer Mann gilt nichts ihm, Drum soll ihm auch nichts vergunnt sein, Als zu sterben, doch ich sag's euch: Keiner rühr' ihm an das Leben, Das ist mein nach Glimpf und Fug! So verkündet euren Rotten Und damit Wohlhin!« – Sie thaten, Wie ihr Hauptmann kurz befohlen. Auf der Burg gab's trübe Stunden. Falkenier und Bogenspanner Waren kaum von dem Begräbniß Mit dem Hengst zur Burg gekehret, Als die ersten Bauernschaaren Sich schon sammelten im Thale, Und es blieb den Burggenossen Nicht der Schatten eines Zweifels, Was bevorstand, Jeder wußte, Welchen Krieg die Bauern führten. In dem großen Thurmgemache Saßen Abt, Wulfhild und Albrecht, Als der Falkenier mit Ludolf Und dem Bogenspanner eintrat, Um der Bauern nahen Anmarsch, Den sie selbst gesehn, zu melden. Schnell fuhr Albrecht hoch vom Sitze: »Flugs die Brücke aufgezogen! Schließt das Thor, und Jeder rüste Sich zum Streite!« rief er herrisch. Da schritt auf ihn zu Abt Paulus, Und in seinen blauen Augen Blitzte jugendliches Feuer: »Junker, halt! ich bin der Aeltre, Mir gebührt, hier zu befehlen,« Sprach er mit entschiednem Tone. »Ihr, hochwürd'ger Herr?« frug Albrecht Staunend und mit leisem Spotte, »Euer Kleid und Amt in Ehren, Doch zum Kriegeshandwerk taugt's nicht.« »Meint Ihr, Junker? nun so wisset,« Rief der Abt, »ist aus dem Ritter Denn einmal ein Pfaff geworden, Kann der Pfaff zur rechten Stunde Wieder auch zum Ritter werden; Und vom Kriege, Junker Albrecht, Hab' ich mehr als Ihr gesehen, Manches Jahr saß ich im Sattel, Manche Schlacht hab' ich geschlagen, Und ich hoffe, nicht verlernt' ich's, Umzugehn mit Schwert und Lanze. O wie schlägt mein Herz vor Freuden Und Begier, noch mal zu streiten! Bin aus adligem Geschlechte, Bin des Grafen Hackelberend Jugendfreund und Waffenbruder Aus dem blut'gen Schwabenkriege, Egon heiß' ich, Graf von Hordorf.« Rasch zusammen zuckte Gerhard, Stieren Auges, offnen Mundes Blickt' er auf den Abt und sagte: »Herr, wie heißt Ihr? Graf von Hordorf? Herr, von meinem gnäd'gen Ritter Hab' ich an den Grafen Hordorf Eine Botschaft, die er sterbend Auf die Seele mir gebunden –« »Ist nicht nöthig mehr, dein Ritter Hat mir's selbst noch ausgerichtet,« Rief der Abt, »jetzt gebt den Harnisch Eures Grafen und sein Schwert mir! Wird mir grade passen, mein' ich, Hier der Helm, seht an, er sitzt ja! So in seiner eignen Rüstung Will ich gegen die Rebeller Meines Feindes Burg vertheid'gen!« Von sich warf er Kreuz und Kutte, Ließ sich schnell von Bruno wappnen. – Nein, kein Mönch, ein Ritter war es Aus den Zeiten Maximilians, Der da stand in Helm und Panzer Hoch und kräftig; Alle blickten Voll Verwundrung und Vertrauen Auf ihn hin, mit dem als Führer Däuchten ihnen Thurm und Mauern Ihrer Burg noch eins so sturmfest. Einzig Gerhard sah noch immer Auf den Abt in Grimm und Mißmuth, Ja, er schwankte eine Weile, Ob er nicht den Burggenossen Alles offenbaren sollte, Was sein Ritter ihm vertraute Von dem Grafen Egon Hordorf, Um dann ihres Herren Todfeind, Diesen Abt sammt seinen Knechten Aus dem Burgstall zu verweisen. Doch dann kam die Ueberlegung; Vier entschlossne, tapfre Streiter Waren in der harten Fehde Sehr willkommene Verstärkung, Und der Abt war waffenkundig, Kriegserfahren, schon sein Ansehn Wirkte mannhaft und gebietend Auf den Falkner; darum schwieg er Und gehorchte wie die Andern. Schleunig ward das Thor verrammelt, Rüstung, Waffen und Geschosse Auf dem Burghof und der Letze Zur Vertheid'gung ausgebreitet, Während Wenzel auf die Bauern Scharfe Wache hielt von oben. Nachmittages ward des Feindes Auffordrung zur Uebergabe Kurz und schroff zurückgewiesen, Und die Nacht durch blieb es ruhig. Aber wie das Augenfunkeln Wilder Bestien, die im Kreise Hungernd ihre unentrinnbar Sichre Beute schon umlauern, Glommen, von der Burg aus sichtbar, Rings im Thal die Lagerfeuer. Als es wieder Tag geworden, Flog ein Gruß hinauf zur Veste, Der noch nie im Thal gehört war. Donnerähnlich, daß ein Echo Von den Bergen wiederhallte, Kracht' ein Schuß, und an den Bergfried Pochte eine Eisenkugel, Daß von dem Gemäuer bröckelnd Schutt und Steine niederfielen. Durch das Thal auf schlechtem Wege Langsam nur dem Haufen folgend Waren über Nacht im Lager Zwei Feldschlangen eingetroffen, Und der Stücke Meister hatte Eins gerichtet und die Ladung Auf die Burg als Guten Morgen Sicher treffend abgefeuert. Auch der Schuß des zweiten folgte, Doch man sah nicht, wo er einschlug. Das war für die Burgbewohner Eine böse Ueberraschung. Unter all den guten Waffen War kein Feuerrohr im Rüsthaus, Denn einmal für allemale Hatte Hackelbernd verboten, Eines auf die Burg zu bringen, Weil er die Erfindung haßte. Büchsen und Karthaunen machten Nun die Bauern, die an Zahl schon Hundert gegen Einen standen, Auch an Waffen überlegen, Und wenn auch den Eingeschlossen Nicht der Muth sank zur Vertheid'gung, Gab es doch bei der Entdeckung Ernste Mienen auch im Burghof. Wulfhild sah das, und entschlossen In den Kreis der Männer tretend Sprach sie flammend in Begeist'rung: »Hört mich an! ich kämpfe mit euch Gegen diese Bauernhorden. Meine Ehre und mein Leben Will ich so wie ihr vertheid'gen, Mit euch stehen oder fallen. Schüttelt nicht das Haupt, Graf Hordorf! Glaubt es mir, vom besten Schützen Lernt' ich eine Armbrust spannen, Lernte zielen, lernte treffen, Und wenn's dann aufs Letzte ankommt, Weiß ich auch den Speer zu führen. Wulfhild heiß' ich, o verachtet Nicht die Kraft in meinem Arme! Keines Bauern Fell und Leben Ist so zäh wie das des Wolfes, Den ich einst im Kampf bezwungen. Aus der Kemenate holt' ich Meinen Spieß und meine Armbrust, Legte an den Schuppenpanzer, Leicht, stahlhart und fein von Arbeit, Meine edle Ahnfrau trug ihn, Und er wird auch mich beschützen. Sehen sollt ihr, daß ein Weib auch Streiten kann, und geht's zu sterben, Wohl! so sei's in euren Reihen, Nicht von eurer Seite weich' ich!« Wie sie dastand! hehr und herrlich, Eine stolze Schlachtenjungfrau. Leise zitterte ihr Körper, Und ihr Busen wogte heftig. Doch Abt Paulus sprach mit Nachdruck: »Jungfrau, nein! wo Männer bluten, Ist kein Platz für Eures Gleichen. Fügt Euch meinem Wort und schließt Euch Mit den andern Frau'n und Mädchen In den festen, sichern Bergfried. Dort vertraut auf den Allmächt'gen Und auf uns, die ohne Zagen Euch mit unserm Leib und Leben Schützen und beschirmen wollen.« Wulfhild faltete die Stirne Und – bezwang sich, doch auf Albrecht Blickte sie wie bittend, fragend. Der sah tief ihr in die Augen, Zögerte und sprach bewegt dann: »Wulfhild, thu' es mir zu Liebe!« Heiße, dunkle Purpurröthe Ueberzog da Wulfhilds Antlitz, Ihre Augenlider schloß sie, Und es schien, als ob sie wankte Und nach Athem rang und Fassung. »Ihm zu Liebe? Ihm zu Liebe? Wär' es dennoch, dennoch möglich? Albrecht, sprach das deine Liebe?« Also klang's in ihrem Herzen, Doch kein Wort kam von den Lippen. Einen unaussprechlich süßen Blick noch warf sie auf den Edlen, Und dann wandte sie sich langsam Zu den Frau'n, die um sie standen: »Mädchen, kommt! Er will's, sie wollen's!« Aber Elsbeth und auch Christel, In des schweren Augenblickes Ueberwallenden Gefühlen Vor dem Kampf auf Tod und Leben Alle Scheu vergessend, warfen Sich jetzt Valentin und Tile In die Arme, Abschied nehmend Wie auf Nimmerwiedersehen. Dann erst folgten sie Wulfhilde Und den Andern in den Bergfried. Paulus, wieder ganz ein Krieger, Wies nun Jedem seinen Posten, Gab Befehl und Unterweisung Und ermahnte seine Mannen Zur Besonnenheit und Vorsicht, Denn es schritten die Belagrer Schon zum Angriff und erstiegen Siegsgewiß den niedern Burgberg. Jetzt begann der Kampf, und balde Hatt' er hüben auch und drüben Sich mit Heftigkeit entsponnen. Gegen das Gebot des Köhlers Klomm den Berg hinan auch Waldtraut, Barg sich hinter einer Buche, Wo dem bittern Streit sie zuschau'n Und auch die erkennen konnte, Die im Burgstall auf der Letze Sich mit Schultern, Kopf und Armen In den Mauerluken zeigten, Um von der gespannten Armbrust Ihren Pfeil hinabzuschnellen. Ach! in Aengsten schlug das Herz ihr. Wußte sie gleich, daß den Liebsten Man zu schonen gern gewillt war, Konnte doch von den Geschossen Eins ihn ohne Absicht treffen Oder auch im Handgemenge, Wenn das Burgthor erst gesprengt war, Ihn der Todesstoß erreichen. Schon ward Schuß um Schuß gewechselt, Pfeile schwirrten, Kugeln pfiffen, Aus den Hakenbüchsen kracht' es, Und vom Thal in langen Pausen Donnerten die Eisenschlangen. Um den Graben auszufüllen Vor der Pforte, schlug man Bäume, Packte Aeste, rollte Steine Und warf Erde in die Senkung, Doch gefährlich war's und Mancher Mußt' es mit dem Leben büßen. Von vier Seiten war nur eine Zu vertheid'gen, die der Graben Mit der aufgezognen Brücke Und der feste Thorthurm schützte. An den andern drei verbot sich Durch des Felsens steile Höhe Jeder noch so kühne Angriff, Und die schmale Bergeslehne Bot den ungeduld'gen Feinden Wenig Raum nur zur Berennung. Immer zügelloser drängten Sie von unten nach und schoben So die Vordersten ins Treffen, Daß die wenigsten von ihnen Deckung fanden vor den Bolzen Der Belagerten im Burgstall Und der Kampf auf diese Weise Aus den Reihen der Belagrer Viele blut'ge Opfer heischte. Manchesmal im Lauf des Tages Schien, geschreckt durch Tod und Wunden, Fast erschöpft der Muth der Bauern, Denn sie wichen, und das Schießen Wurde schwächer, ja zuweilen Gab es einen kurzen Stillstand Im Gefecht, und die im Ringwall Faßten eine leise Hoffnung, Daß der Sturm zurückgeschlagen, Kühlten sich die heißen Stirnen, Ruhten selbst auch und erquickten Sich mit einem kräft'gen Trunke, Den die beiden Klosterbrüder Ihnen aus dem Keller brachten. Doch nicht lange währt's, dann ging es Wieder los. Der Köhler Volrat Hatte es sich zugeschworen Hoch und fest, die Burg zu stürmen, Um den Grafen Hackelberend, Seinen Todfeind, zu erreichen, Den er ohne allen Zweifel Jetzt erst recht noch lebend glaubte, Weil die Burg so unerschrocken Und so gut vertheidigt wurde. Selber schoß er nicht, doch selber Schien er wirklich unverwundbar. Seines Lebens gar nicht achtend War er überall der Erste, Stets voran, kein Bolzen traf ihn, Doch mit Ruf, Befehl und Beispiel Feuert' er die Kampfgenossen Mächtig an, nicht nachzulassen, Stachelte sie auf mit Worten, Sie an dies und das erinnernd, Was dem Einen oder Andern Hackelbernd zu Leid gethan. Und das wirkte. Die Erbittrung Stieg mit jeder neuen Wunde, Die ein Pfeilschuß aus der Veste Einem Bauern schlug; verwegen Suchten sie mit allen Kräften Jetzt den Graben an der Brücke Auszufüllen, rafften, rissen, Was beweglich, aus der Erde, Warfen es hinab und sandten Einen Hagel von Geschossen Auf die Burg in blindem Wüthen. Ruhig zielten, sicher trafen Mit dem Stahle die Bedrohten, Denn die wackern Waidgesellen Sammt dem Abt und seinen Knechten Waren lauter gute Schützen. Alle waren unversehrt noch, Tile nur, der allzu keck sich Vorgewagt, hatt' einen Streifschuß. »Hast gesehn? Potz blau!« rief Bruno, »Das war einer von des Grafen Schwarzen Pfeilen, ja die ziehen!« Ludolf hatt' auf seinem Posten Waldtraut längst erspäht, und heftig Stritten sich ihm die Gefühle. Angesichts der Heißgeliebten Mußt' er hier doch für sein eignes Und das Leben der Genossen Schonungslos und ehrlich streiten, Seines Ritters Burg vertheid'gen Und das edle Fräulein schirmen Vor den rohen Bauernfäusten. Aber härter noch und schwerer Wogte ihm der Kampf im Busen, Daß er die, auf deren Seite Waldtraut stand, erschießen sollte, Und es bebte ihm die Waffe In den Händen, wenn er zielte, Bebte, weil sein Herz so klopfte. Gerhard rief ihn an: »He! Ludolf! Hast schon wieder fehl geschossen! Geh' dort auf die andre Ecke, Wo du nicht dein Mädel sehn kannst, Und laß Velten hierher kommen.« Er gehorchte, und kaum hatte Er mit Valentin gewechselt, Als den Troßknecht auf der Stelle Eine Kugel niederstreckte. Bruno an der nächsten Luke Sah ihn fallen und rief wüthend: »O verfluchtes Höllenfeuer! Feige Memmen schießen, sicher Vor des Bolzens weit'stem Fluge, Mit dem schwarzen Teufelskraute Einen braven Kerl danieder! Ist das waidgerecht? ich würde Mich vor einem Bären schämen, Mit dem Rohr auf ihn zu halten! Möchte meinen treuen Schnepper An der Mauer hier zerschlagen, Schützenkunst und ehrlich Fechten, Mit euch beiden ist es aus jetzt!« Und in Hand und Auge legt' er Seinen Zorn und schoß und traf. Selten nur kam aus dem Thale Noch ein Schuß der Eisenschlangen, Aber eine heiße Kugel Hatt' ins Vogelhaus getroffen, Aus dem Dache schlug die Flamme, Und es stieg ein dunkler Qualm auf. Draußen jubelten die Bauern, Und der Köhler schrie herüber: »Wollt ihr endlich euch ergeben?« »Niemals!« rief der Abt herunter. Wenzel lief zum Vogelhause, Nahm den Falken ihre Fesseln, Ließ sie fliegen, und sie schwangen Alle sich empor zur Freiheit. Ausgefüllt war jetzt der Graben, Und die ersten Stöße fielen Dröhnend, schütternd gegen's Burgthor Und die aufgezogne Brücke. Ein gefällter Baum ward Sturmbock, Aexte halfen nach und Karste Hieben, schmetterten und bohrten, Daß in Splitter brach das Holzwerk. Bohlen wichen aus den Fugen, Balken stürzten, und zertrümmert Sank das halbe Burgthor krachend Nieder in des Thurmes Wölbung. Heiß noch war der Kampf im Durchgang, Der verrammelt und versperrt war, Und zwei Klosterknechte fielen. Nahe schon dem Ziele, räumten Beutegierig die Erstürmer Alles Bollwerk weg und drangen Triumphirend in den Burghof, Wo der Tapfern kleines Häuflein Todesmuthig jeden Fußbreit Ihren Siegern streitig machten. In der Gegenwehr Verzweiflung Schwirrte wuchtig mancher Hieb noch, Doch der Uebermacht erliegend Wurden Waidgeselln und Knechte Bald entwaffnet, fast kein Einz'ger Ohne blut'gen Riß am Leibe. Volrat setzt' es durch, daß Keinem Noch ein Leid geschah, wie Rache Auch um die gefallnen Brüder Die erhitzten Kämpfer spornte. Albrecht aber, der den Bauern Nimmer sich ergeben wollte, Und in dem sie an der Kleidung Einen adeligen Junker, Keiner Gnade werth, erkannten, Fiel im Kampf, zum Tod verwundet. Nur der ritterliche Abt noch Focht in Hackelberends Rüstung Furchtbar mit dem Schwert sich wehrend Wie sein Wappenthier, der Eber, Und nicht Einer konnt' ihn fällen. Aber jetzo drang der Köhler Auf den Platz, wo Jene kämpften, Und den Ritter dort erblickend Sprang er wie ein Tiger wüthend: »Hackelberend, mach' dich fertig!« Auf ihn los, zerschlug den Arm ihm Und stieß ihm die Hellebarde Tief durch ein Gelenk des Panzers In den Leib, daß Paulus hinsank Und der Helm vom Haupt ihm rollte. Da erkannte erst der Köhler Fast bestürzt, daß einen Andern Er gefällt hier, als er suchte. Doch das bracht' in neue Wuth ihn: »Wo ist Hackelberend?« schrie er Sich zum Abte niederbeugend. »In der Hölle wirst ihn finden, Geh' und such' ihn!« sprach verscheidend, Der ein Pfaff war und ein Ritter. In den Burghof, selbst kaum wissend, Wie sie war hinein gekommen, Stand an Ludolfs Seite Waldtraut Stillbeglückt, und auch der Köhler Schüttelte die Hand dem Eidam. Aus dem Bergfried aber brachten Bauern die gefangnen Mädchen, Und ein junger Riesenstarker Trug hohnlachend auf den Armen Die vor Scham und in Verwirrung Fast verzweifelnde Wulfhilde. Ihre beiden Hände hielt er Fest umklammert wie im Schraubstock, Doch er blutete am Halse. »Vater, rette sie!« rief Waldtraut. Volrat brauchte Kraft und Ansehn Und entriß dem Ungefügen Mit Gewalt die schöne Beute, Sie in Waldtrauts Obhut stellend. Elsbeth aber und die Mägde Waren aus den kecken Armen Ihrer Räuber nicht zu retten. In den Burggemächern hausten Plündernd mit Geschrei und Raufen Nun die Sieger, nahmen Waffen, Kostbarkeiten und Gewänder. Andre drangen in den Marstall Um die scheugewordnen Rosse Auch als Beute mitzuführen. Da ertönten Schreckensrufe. Aus dem Stalle war der Rapphengst Ausgebrochen und schlug um sich, Sprengte in den dichten Knäuel Auf den Hof, unbändig, rasend. Ihm entgegen trat der Köhler, Ihn zu greifen; doch der Rappe Bäumte sich empor und ragte Ueber aller Männer Häupter Wie ein wilder, schwarzer Dämon, Und mit fürchterlichem Schlage Des mit Eisen schwer beschuhten Vorderhufes traf zerschmetternd Er des Köhlers Schädel, lautlos Brach der starke Mann zusammen. Wunsch mit weitem Sprunge setzte Ueber ihn hinweg und brauste Stürmend durch die Bauernhaufen Aus dem Thor den Berg hinunter, Alles vor sich niederrennend, Was im Weg war, Niemand fing ihn. In des Burghofs stillstem Winkel Stand ein Lindenbaum, darunter Zog sich eine Bank von Rasen. Hier lag Albrecht schweigend, sterbend. Vor ihm kniete, mit den Armen Ihn umschlingend und ihr Haupt An die Brust ihm lehnend, Wulfhild. Um sie, wie zum Schutze, standen Gerhard, Bruno und Agnete. Wulfhild beugt' ihr thränend Antlitz Nah zu seinem und sprach leise, Oft von Weinen unterbrochen: »Was ich nie bei deinem Leben Dir gestanden, Albrecht, will ich Dir zum Todesabschied sagen: Dich hab' ich geliebt so innig, Wie dich mehr kein andres Wesen Hätte jemals lieben können, – Ach! du scheidest, meine Liebe Stirbt mir nicht in meinem Herzen, – Keinem andere Manne werde Jemals diese Hand ich reichen, – Noch in meiner letzten Stunde Denk' ich dein, du Heißgeliebter!« Leise winkt' er mit den Augen, Und ein schwacher Druck der Hand nur Sagte, daß er wohl verstanden. Da auf seine Lippen drückte Sie den ersten und den letzten Kuß, ein mildes Lächeln schwebte Um den Mund ihm in Verklärung Und sein letzter Seufzer wehte Wie ein Lenzhauch in die Herbstluft. Weinend lag sie an der Leiche; Gerhard sagte: »Kommet, Fräulein! Bruno wird den edlen Todten Ungekränkt zur Ruhe bringen, Aber ich mit meinem Weibe Will Euch jetzt getreulich leiten Nach dem Quedlinburger Reichsstift Zur Aebtissin Gräfin Stolberg, Die Euch wie mit Mutterarmen Wird umfangen, so vermein' ich.« Wulfhild hob sich, nahm von Waldtraut Kurzen, thränenreichen Abschied Und ging mit den beiden Alten Aus der eingerannten Pforte. Als sie auf den Berg gekommen Gegenüber, der den Burgberg Ueberragte, wandte Wulfhild Einmal noch die Blicke rückwärts. Hier, am Weg zum Wodansmale Hatte sie wie oft! gestanden. Herrlich lag, von hier gesehen, Mitten in den grünen Bergen, Wie ein Kleinod wohl behütet, Ihrer Väter Burg, jetzt aber Loderten die hellen Flammen Draus hervor, und Wulfhild hörte Noch von fern das wilde Jauchzen Und den Kriegsgesang der Bauern, Die ihr stolzes Heim zerstörten. – Weiter schritten die Beraubten, Und von des Gebirges Kamme Sahen bald das weite Land sie Und die Thürme gastlich winken Sammt dem alten Kaiserschlosse, Ihrer Wandrung Ziel. Da plötzlich Hörten sie ein leises Sausen In der Luft wie Flügelrauschen, Und sieh da! auf Wulfhilds Schulter Ließ sich sanft ihr Lieblingsfalke, Ihr getreuer Blaufuß nieder. Lächeln mußte sie in Thränen, Und den Vogel streichelnd sprach sie: »Kommst du wieder denn zu Handen, Lieber, letzter, treuer Freund mir? Nun so bleibe, komm und gehe, Wie du magst, in Freiheit fliege Und auf meiner Schulter sitze, Schwebe um mich wie Erinn'rung An die Tage meiner Jugend.« Da erhob sich Blaufuß wieder, Schwang sich über ihr in Kreisen, Flog bald nahe und bald ferne Ihr voraus und blieb bei Wulfhild. XV. Die wilde Jagd.                         Im Bodethal der Abend dunkelt, Rauh bricht des Herbstes Zeit herein Mit feuchtem Dunst, nur schüchtern funkelt Verstreuter Sterne Dämmerschein. Und einsam ist es, nicht mehr winket Gastlich vom Berg das Grafenschloß, Und kein erleuchtet Fenster blinket Von Kemenat' und Thurmgeschoß. Nicht mehr durchs tiefe Waldesschweigen Tönt friedlich eines Hornes Klang, Wie er sich sonst als Schlummerreigen Allabendlich hernieder schwang. Wo lang ein stolz Geschlecht gesessen An seinem fest gebauten Herd, Am Waidwerk seine Zeit gemessen Mit Armbrust, Habicht, Hund und Pferd, Da starren ausgebrannte Mauern Und öde Giebel, rauchgeschwärzt, An die ein Denkmal ohne Dauern, Die hier gelebt, geliebt, gescherzt. Zerstört, verwüstet und gebrochen Die Treseburg vom Felsen ragt, Ein ausgehöhlt Gerüst von Knochen, Vom Zahn des Raubthiers abgenagt. Es sprengte selbst der Steine Fugen Des Feuers zehrende Gewalt, Die Dach und Fach und Zinnen trugen, Im Thurme klafft ein breiter Spalt. Der Wind erwacht, und die schon ruhten, Die Flammen lodern neu empor, Es tritt in rothen Feuersgluthen Der Bergfried aus der Nacht hervor. Rauch hebt sich von den Trümmern wieder Aus Schutt und glimmendem Gebälk Und mischt sich wie ein schwarz Gefieder In das zerrissene Gewölk. Zuweilen blickt mit mattem Flimmer Des Mondes Sichel wohl heraus, Doch balde löscht den blassen Schimmer Ein finstrer Schatten wieder aus. Undeutliche Gestalten ziehen, Lufttraber, scheu und körperlos, Bald hier, bald dort, sie winken, fliehen, Verschwinden in des Dunkels Schoß. Und immer stärker wird das Wehen Um Bergeshaupt und Felsenwand, Und über das Gebirge gehen Sturmschritt die Wolken in das Land. Aus seinen Träumen aufgerüttelt, Daß er dem Nachtgesange lauscht, Regt sich der dunkle Wald und schüttelt Die stolzen Kronen, braust und rauscht. Es biegt im Blasen, Zausen, Schwellen Sich Zweig und Laub, tief umgelegt, Wie langgeschwungne Meereswellen, Gedrückt, zur Seite hingefegt. – Der du im Frühlingssturm die Schaaren Der Knospen brachst mit deinem Hauch, Kommst, Wodan Wunschwind, du gefahren Im blätterstreu'nden Herbststurm auch? – Herauf, hernieder wird ein Wogen, Es stiebt und rollt und knarrt und pfeift, Als käme da vom Himmelsbogen Ein Riesenfittig hergeschweift, Und furchtbar bricht mit Wuth und Schrecken Auf einmal los des Sturmes Macht, Ein Lärm, die Todten aufzuwecken, Erfüllt das Thal und tobt und kracht. Die Lüfte beben, schüttern, sausen, Sie donnern an das Felsgestein, Ins Ungeheure wächst das Brausen, Die Windsbraut heult, Alraune schrei'n. Dazwischen ruft's wie Menschenstimme, Jedoch so fürchterlicher Art, Als hätte in Vernichtungsgrimme Das Schrecklichste sich aufgespart, Es diese Nacht daher zu senden Hier zwischen Erd' und Himmelszelt, Das Dasein der Natur zu enden, Die andre, unbekannte Welt. Bald ist's ein Jauchzen übermüthig, Das gellend durch den Sturm sich bricht, Und bald ein Stöhnen schmerzenswüthig Wie Angstschrei auf dem Hochgericht, Wahnsinnig Kreischen, heisres Krächzen Und ohrzerreißender Gesang, Und dann ein Fluchen, Jammern, Aechzen, Hohnlachen, Spott und Schellenklang. Und endlich Jagdgeschrei ertönet Und Roßgewieher, Rüdenlaut, Verstimmter Hifthornschall erdröhnet, Daß staubgebornen Wesen graut. – Hoch oben von den Sperberklippen Da wettert's in das Thal herab, Da pfeift es um die Felsenrippen, Da wühlt es um ein einsam Grab. Versammelt sind des Sturms Gewalten, In Wolkenschleier eingehüllt, Da wogt's und wimmelt's von Gestalten, Und ringsum ist der Wald erfüllt. Nachtjäger sind es, die hier warten, Beweglich hin und wieder irrn, Als ob voll Ungeduld sie harrten, Und ruhlos durcheinander schwirrn. Sie beugen sich aufs Grab und lauschen, Es zu betreten wagt kein Fuß, Und schaudervoll ist, was sie tauschen, Haß und Verwünschung ist ihr Gruß. Die Eiche schlägt mit ihren Zweigen Tief um sich wie mit Schwertes Wucht Und scheuchet von des Grabes Schweigen Der Friedensbrecher wüste Zucht. Doch trotzig kehrt nach jedem Streiche Zum Kampf zurück der Schemen Drang, Und ehern dröhne es aus der Eiche Im Sturmgebraus wie Glockenklang: Laßt ruhen die Todten Nach alten Geboten. Ihr sollet nicht richten Mit rächenden Schlägen Und sollet nicht wägen Mit falschen Gewichten Das irdische Thun. Einst wird es verkündigt In strahlendem Licht Am jüngsten Gericht, Was Einer gesündigt, Hier lasset ihn ruhn Im Schatten der Nacht, Ich halte die Wacht! Die Geister horchen, flüstern, säuseln Und huschen hin und her geschwind, Und dann gleich dürrer Blätter Kräuseln Fährt's in sie wie ein Wirbelwind. Sie schwingen sich ums Grab im Kreise, Umtanzen es in wirrem Knäu'l, Und höhnisch zu der tollen Weise Ertönt ein schauerlich Geheul. Huiho! er ist unser! Wir lassen ihn nicht! Er hat sich verschworen, Er hat sich verflucht, Den Himmel verloren, Die Hölle gesucht. Begraben, begraben, Das waren wir auch, Wir wollen ihn haben In Flammen und Rauch. Wir wollen ihn hetzen Und treiben und zerrn Und wollen ihn setzen Uns selber zum Herrn. Er muß mit uns reiten Durch ewige Zeiten, Jahrtausende schwinden, Ruh' soll er nicht finden. Huiho! zu jagen, Am Fluche zu knagen, Wach' auf! steh' auf! Zu unstätem Lauf Mit grus'ligem Schalle, Verdammt sind wir Alle! Huihui! wach' auf! Huihui! steh' auf! Huiho! hip! hop! Huiho! hui! hui! Da hebt sich über alle Schranken Des Sturmes Wuth, der Berg erbebt, Die Eiche stürzt, die Felsen wanken, Ein stolzer Mantelträger schwebt, Umrauscht von seiner Raben Flügel Und mit den Wölfen hoch daher, Ein Speerschuß donnert in den Hügel, – Und Todesstille ist umher. Des Grabes Wölbung ist verschwunden, Langsam im bleichen Mondenglanz Steigt draus hervor, das Haupt umwunden Von einem welken Eichenkranz, Von Grau'n und Geisterhauch umwittert Doch von lebend'gem Odem leer Und von Beschwörungskraft durchzittert, In Waffenschmuck und Waidmannswehr Ein Rittersmann; er wallt und gleitet, Die Hand an seines Messers Knauf, Zu einem Hengst, den er beschreitet, Und schlägt die todten Augen auf. Ein eisig Lächeln spielt beim Schauen Um strengen Mund, er giebt den Sporn, Wild zuckt es um die finstern Brauen, Und gellend, schmetternd stößt er ins Horn Und fährt dahin, und nach ihm geschnoben Kommt stürmend, prasselnd in rasendem Flug, Um Wipfel geschwebt, um Felsen gestoben Aus flatternden Wolken ein mächtiger Zug Von Reitergespenstern und Todesgesellen, Von Wildrern, meineid'gem, verworfenem Troß In Panzer und Wamms und in zottigen Fellen Mit Spießen und Peitschen und Stahl und Geschoß Gerichtet, gerädert, gefoltert, geschunden, Die Glieder verrenkt, verdreht das Genick, Mit grinsenden Schädeln und klaffenden Wunden, Mit stetschenden Zähnen und flackerndem Blick. Sie preschen auf schwarzen, rauhmähnigen Kleppern Mit geifernden Hunden zu tausend daher, Sie schleudern und schießen mit Bogen und Schneppern, Doch die zischenden Pfeile treffen nicht mehr. Sie streifen und jagen und stoßen und zwängen Sich oben und unten hindurch ohne Rast In Strudel und Taumel und Treiben und Drängen, Ein blutig Gesindel in wirbelnder Hast. Es schlängelt und krümmt sich wie schuppige Drachen Und ringelt und reckt sich in endlosem Schweif, Speit Feuer und Flammen aus dampfenden Rachen, Und gräßlich Geschrei ist, Gebrüll und Gekeif, Als wären die Thore der Hölle erbrochen Von ihrer Bewohner haarsträubenden Zahl. Und wie die Lawine von schwindelnden Jochen Zermalmend sich Bahn bricht ins bangende Thal, Sprengt riesengewaltig mit lauten Fanfaren Der Eine, der grabesentstiegene Geist Voran den lüftedurchtosenden Schaaren, Von fliehendem, keuchendem Wilde umkreist. Hoch ragt er vor Allen mit Herrschergeberden, Ein Fürst des Gebirges, ein Heros der Nacht, So wie er gelebt und geritten auf Erden Und Engel und Menschen und Teufel verlacht. Ho! ewige Waidlust! er hebt sich im Bügel Und schmettert und jauchzet und schwinget den Speer Und hetzet und jaget mit hängendem Zügel, Der grausige Führer vom wütenden Heer. Es stürmet daher in der Wolken Geleise Und schwenkt um die Burg in stürzender Flucht, Umsauset die rauchenden Trümmer im Kreise Und brauset dahin in die dämmernde Schlucht. Und wie's mit unsagbaren Schrecken verschwindet, Ein rollendes Echo vom Felsen erschallt, Jetzt lauter, jetzt leiser, wie's dreht sich und windet, Bis Alles in schweigender Ferne verhallt. Nun überall Stille, es summet und singet Der Sturm noch allein mit ersterbendem Klang Von Blühen und Welken, es orgelt und klinget Gelinde wie tönender Schwanengesang. Doch horch! es erhebt sich von Neuem das Toben Schon näher und näher, das wüste Gebraus, Sie kommen zurück aus dem Thale gestoben, Der fliegende Schwarm, der entsetzliche Graus. Und wieder, umwittert von Feuergefunkel, Umkreisen die Burg sie, den wankenden Thurm, Und klagend verliert sich in Schatten und Dunkel Die wilde Jagd im verwehenden Sturm. – Die Wolken wallen in die Ferne Sanft fließend wie ein breiter Strom. Schon blinken wieder goldne Sterne Am dunkelblauen Himmelsdom. Noch rauscht und flüstert in den Zweigen Vom Ungemach der müde Wald, Dann wiegt er sich in Ruh und Schweigen Und nickt in leisen Schlummer bald. In ihrem Frieden, roh gezimmert, Steht eine Hütte fern am Rain, Und aus dem kleinen Fenster schimmert Noch eines Krüsels rother Schein. Wer wacht dort? sind es bange Sorgen In eines Schlummerlosen Brust? Blüht dort vom Abend bis zum Morgen Sturmfrei verschwiegner Liebe Lust? 's ist Aulke's Hütte; aus der Pforte Nun treten die, so Liebe band, Zwar auf den Lippen Abschiedsworte, Doch fest verschlungen Hand in Hand. Ludolf und Waldtraut sind's, zum Kruge Ins Dorf nun will er, wo er haust, Sie schauen nach der Wolken Fluge, Und ob der Sturm noch immer braust. »Die Hexen brauen böses Wetter Auf ihrem Tanzplatz unter'm Baum, Sie kochen welke Eichenblätter Und schlagen mit dem Besen Schaum,« Spricht Waldtraut; Ludolf meint: »Solch Rasen Kommt immer, wenn das Nachtvolk jagt, Ob sie wohl – Einen wachgeblasen? Weißt doch, was man vom Grafen sagt; Ob der wohl heute mit geritten Mit Troß und Tratt im wilden Heer?« »O schweige, Ludolf! laß dich bitten,« Spricht Waldtraut, »nichts vom Grafen mehr! Ihn trieb unseliges Verhängniß Fluchbringend in des Bösen Macht, Was uns ein heiliges Begängniß, Hat er verspottet und verlacht, Hat Gott gelästert und gehöhnet Und Mensch und Thier gequält aufs Blut, Nur seiner wilden Gier gefröhnet, Im Herzen heiße Höllengluth. Der große Sternenvogt da oben Mag ihm vergeben seine Schuld, Ihm wollen wir uns angeloben Und unsre Liebe seiner Huld.« »So recht, lieb Herz!« spricht er beim Scheiden, »In treuer Liebe ich und du, Was dann geschieht, geschieht uns Beiden, O Waldtraut! Waldtraut! – schlaf' in Ruh!« Sie mußt' ihn noch einmal umfangen Mit Kuß um Kuß und Liebesmacht, Und ihre rothen Lippen sangen Den alten Harzspruch in die Nacht: »Es grüne die Tanne, es wachse das Erz, Gott schenke uns Allen ein fröhliches Herz!«