Friedrich Lienhard Von Weibes Wonne und Wert Worte und Gedanken Zum Geleit »Mächtig seid ihr, ihr seid's durch der Gegenwart ruhigen Zauber: Was die Stille nicht wirkt, wirket die Rauschende nie. Kraft erwart' ich vom Mann, des Gesetzes Würde behaupt' er, Aber durch Anmut allein herrschet und herrsche das Weib. Manche zwar haben geherrscht durch des Geistes Macht und der Taten, Aber dann haben sie dich, höchste der Kronen, entbehrt. Wahre Königin ist nur des Weibes weibliche Schönheit, Wo sie sich zeige, sie herrscht, herrschet bloß, weil sie sich zeigt« – so hat Schiller Weibes Macht und Hoheit besungen Und im wirren Zeitgetriebe der Gegenwart, da Frauenart und Minne von überhitzter Phantasie und qualvoller Leidenschaft so häufig in Schmutz gehüllt werden und als abstoßendes Zerrbild uns in Kunst und Leben entgegentreten, tauschen wir gern der Stimme des Weimarer Dichters, der in seinem ganzen reichen Schaffen ein edles Preislied auf »Weibes Wonne und Wert« gesungen hat. Diesen Edelsang auf das Wahrende, Pflegende in echter Liebe und Frauengüte lassen wir in diesem Buch ertönen. In Vers und Prosa ist hier gesammelt, was an Reinem, Edlem und Schönem Lienhard über Frauentum und Liebe zu sagen weiß. Da hören wir heiligen Dank an die Mutter – in diesem Betonen des Mütterlichen, des Höchsten in Volkes und Menschen Besitz, eint er sich mit Meister Raabe, Walther Fler, Eberhard König, Artur Brausewetter, Hans Christoph Kaergel –, da klingt es bald mild und lieblich, bald stürmisch begehrend von Tönen der ersten, heißen Jugendliebe, da rauscht es auf von der Leidenschaft und den Kämpfen ungestillter Sehnsucht, da jubelt's selig über das endlich errungene, traulich-stille Heimglück im Rosenkreuz geweihten Dichterhaus, in Deutschlands Herzen erschaffen und erliebt. Da wird es uns gekündet, das wonnehehre Geheimnis von beseelender Ruhe und Frieden, wie es edle Frauen ausstrahlen. Überall fühlen wir uns aus den Niederungen sinnlichen Genießens erhoben in die Sphären der tröstenden, helfend aufrichtenden Liebe, der Muttergüte und Treue, der Würde, Anmut und Reinheit starken Frauentums. Wir schauen in die Herzenstiefen gemütreicher Frauengestalten, mahnend und aufrüttelnd hören wir den Dichter über »Weib und Würde« sprechen. Wir spüren flammenden Zorn aus seinen Worten wider alle Schändlichkeit, Unreinheit und Triebgier des Zeitgeistes in diesen Ehrfurcht gebietenden Dingen. »O heil'ger Liebe ew'ge Macht« – so wird bei Lienhard der Minne Lust und Leid besungen. Ihm gilt die Frau als Symbol alles Hohen und Reinen. Wir hoben herrliche Edelschätze aus des Dichters Schaffen, und nun mögen sie leuchten und strahlen und hellen Sonnenglanz verbreiten, der deutscher Frauen Art und mild-inniges Gemüt verklärt. Mögen wir wieder schauen lernen in das Edle und Köstliche, das uns Menschen in sinnig tiefer, stillbeglückter Frauenart geschenkt ist. Die königliche Macht reinen Frauentums, wie sie Lienhard in seinem Werk verkörpert und besingt – die ist es, die an Neudeutschlands Seele bauen helfen soll! Worte an und über die Mutter Meiner toten Mutter Hab' ich den Wunsch in deiner letzten Nacht, Als sie den Knaben an dein Bett gebracht, Den Wunsch, ein Prediger des Herrn zu sein – Hab' ich ihn treu erfüllt, lieb Mütterlein? Wohl schweif' ich amtlos durch die offne Welt, Der Stift mein Werkzeug und der Wald mein Zelt! O Mutter, dennoch sollst du fröhlich sein: Auf Berge baut' ich meine Kanzel ein! All was da unten lebt – es lebt mir nicht, Schau' ich es nicht in Gottes großem Licht. Und was ich schaute, bring' ich fest und klar Als Sänger meinem ganzen Volke dar. Die Mutter Es kam ein Weib, das im Wunder der Mutterschaft blühte, kam an den Born und bat um Weisheit. Du bedarfst nicht, stillende Mutter, daß ich dich stärke: denn deine Brust ist Born, und du selbst bist Wunder der Weisheit und der Liebe Komm an mein klares Gewässer und schau' deine Kraft der Verwandlung, schönes Weib! Mutterliebe verwandelte rotes Blut in weiße Milch: doch eingesogen vom rosigen Munde, rückwandelt sich wieder Milch in Blut. Dies Wechselspiel von Weib und Kind ist Welt genug: du hast die Wonnen der Weite heimgeholt in die Enge der Wiege, du sinnst gesättigt zurück auf den Pfad vom ersten Kuß zum ersten Kind, Du spiegelst dich im spielenden Sohn, der behaglich liegt und die weiche Brust mit winzigen Händen dankbar hält. Und dein Kind ist dein Werk und ein Wunder der Liebe, ein Werk, das die Schaffende schön macht. Schön bist du. Mutter, in deiner spielenden Kraft! Künstlerin bist du, spendende Frau! Vergleichbar bist du der glücklichen Sonne, die am quellenden Busen die Erde hegt und mit Strahlen erquickt. Und was aus rötlichem Borne der Brust in des Kindes rötliche Lippe läuft, o selige Frau, ist Sonnengeheimnis! Eine gesunde Mutter im Kranze gesunder Kinder: köstlicher Anblick! Doch Mutterschaft ist nicht immer gleichbedeutend mit Mütterlichkeit. Und das Weib braucht nicht immer durch erstere hindurchgegangen zu sein, um letztere zu entfalten. Mütterlichkeit ist dem weiblichen Edelmenschen eingeboren, auch wenn sie Jungfrau bleibt. Sie wird dafür schon von selber die rechte Betätigungsform finden.   Ihr lobt den Rausch in Wein und Weib? Mehr noch ehr' ich den Mutterleib. Wie wundersam und reinster Ehrfurcht wert: Milch berauscht nicht, aber sie nährt! Rosige Kinder sind köstlich zu schauen Am rosigen Busen. Ich liebe die Rosen und Kinder und Frauen Und liebe die Musen. Das Zauberspiel der Liebe und das Geheimnis des Werdens und Vergehens bleiben mir immer aufs neu' erstaunlich und heilig. Was tragt und duldet ihr alles um des Lebens und der Liebe willen, ihr geduldigen Frauen! Man muß euch ja verehrend auf Händen tragen und ritterlich lieb haben! Westmark O Gnadenglück, Mutter zu sein! Goldlock'ge Gottesgabe Der Welt zu spenden, wie man Früchte spendet! Aus unsrem Blut und Geist Gewand zu geben Den nackten Seelen, die herabgekommen Vom Gottesland in unser Menschenland – – Heinrich von Ofterdingen Abendgespräch mit einer Mutter Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit, Um sie kein Ort, noch wen'ger eine Zeit; Von ihnen sprechen ist Verlegenheit. Die Mütter sind es! Faust Wie schön ist die Helle, unter der wir endlich wieder einmal als gute Kameraden wandern! ... Abendspaziergänge hab' ich besonders gern. Es ist, als öffnete sich nun das Weltall, das tagsüber verhängt war. Man fühlt sich im Angesicht der Unendlichkeit, und die Worte werden unwillkürlich gedämpfter. Geht es Ihnen nicht ebenso? »Ja, besonders heimziehende Vögel mag ich so gern. Sehen Sie, wie hoch und still der Schwarm dort durchs Abendgold fliegt! Es sind nur schwarze Pünktchen ... Und immer streben sie der Sonne nach!« Wer mit ihnen fliegen könnte! »Fliegen zu können! Wie oft würden wir aus unserer Enge auffliegen, gerade wir Frauen!« Aber wieviel öfter würdet ihr wohl wieder in die traulichen Saaten hinabnisten, grade ihr Frauen? »Das mag sein. Wir könnten's wohl nicht lang aushalten vor Heimweh nach den Kindern, die uns anvertraut sind. Männer sind besser dran als wir Frauen und Mütter. Ihr seid Welteroberer.« Männer? Ich kenne genug Männer, die in Amt und Alltag verhärtet sind. Ist das nicht schlimmer? »Das wohl. Aber Männer, mein' ich oft, gehen mit weniger Gefangenschaft durch den Haushalt der Natur. Wir Frauen sind zu reichlich mit Stoffen der Erde bedacht: wir müssen ja Leib und Geist unserer Kinder nähren und wärmen. Wie reizbar und gespannt ist die Elektrizität unseres Körpers, wie zittert sie leicht! Heute jauchzen wir himmelhoch, morgen kränkeln wir wieder. Man kann oft wahrhaft niedergeschlagen sein über die Stimmungsunterschiede, die in uns sind! Wir sind viel bemitleidenswertere Gefangene unsres Körpers als ihr Männer. Ich Hab' in meiner Jugend immer ein Junge sein wollen – und nur die unsagbare Liebe zu meinen Kindern hat mich mit meinem Geschlecht ausgesöhnt. Wie hab' ich meine Kleinen lieb! Es ist ein wunderbares Fadengewebe zwischen Mutter und Kindern! Alles verbleicht, glauben Sie mir, neben der Macht des Muttergefühls. Von diesem seligsten Glück habt ihr Männer gar keine Vorstellung. Und diese Kraft ist auch in Frauen, die noch nicht oder überhaupt nicht körperlich Mütter sind, wenn sie nur Liebe haben.« Recht so! Aber nun lassen Sie mich fortfahren! Dieser Vorrat an nährenden und wärmenden Stoffen, dieser Drang zur Mütterlichkeit, den Sie vorhin als beschwerend beklagten, gibt er euch Frauen nicht die köstlichste Eigenschaft? Verklären Sie uns nicht damit die Well, wenn diese Kraft richtig entwickelt ist? Erwärmen Sie nicht jeden, der in Ihren reinen, lichten Bezirk tritt, nicht bloß Ihre Kinder? Ist diese himmlische Sonnengabe nicht etlicher Betrübnis wert? »Wahrlich, das ist sie! Alles könnt' ich hingeben, alles dulden für das Glück und Gedeihen meiner Kinder!... Aber sehen Sie. ich kann ein Gefühl von Minderwertigkeit nicht ganz los werden – verstehen Sie mich wohl: – dem Manne verdanken wir ja die Mutterschaft mit all ihren Segnungen, Wonnen und Leiden. Und das will manchmal meinem Hochmut nicht recht sein. Ich fühle mich gern als Königin, in gutem Sinne, Sie verstehen mich recht, nicht wahr – und kann doch das Gefühl nicht bezwingen, daß ja ihr Männer die Könige seid und wir nur Dienerinnen, allenfalls Verwalterinnen.« Erlauben Sie mir eine Gegenfrage: Sind die Funken Kinder des Stahls oder des davon berührten Steins? »Nun, ich denke aller beider .« Ganz recht! Echte Frauen und echte Männer – negative und positive Elektrizität! Sie gehören zusammen und wirken gleichwertig als Ganzes. So will's der Haushalt der Natur: so will's der Haushalt der Seele und des Geistes. Immer wieder üben wir Männer ja gerade durch euch Frauen und Kinder das Talent der Liebe zur ganzen Welt – und umgekehrt ihr durch uns. Durch liebend geöffnete Kerzen strömt dem Kopfe leichter Weisheit zu – und dem weisheitgeleiteten Willen Stärke. Unser Organismus ist erwärmt, er sendet nun überhaupt stärkere Strahlen aus, er zieht alles Edle mit Fangarmen wieder an sich, er scheidet aus das Unbrauchbare, er behält das Fördernde. Das geniale Sprechen mit »leerer Luft«, das Sie als Kind so sehr liebten, das geniale Empfinden der Nähe guter und großer Geister, das Streicheln der Blumen und dieser großen Stengelpstanzen, der Waldbäume – von wem haben wir die Entflammung dieser seherischen und künstlerischen Kraft, wenn nicht von euch Frauen und Kindern?! »Ihr vergeistigt das, darum wird diese Gabe wertvoll. Aber wir Frauen greifen oft kindlich und töricht nach den Dingen selber, wir wollen oft greifbar besitzen, was wir liebhaben, eben weil bei einer seelischen Freude unser Körper so lebhaft mitschwingt. Dem Evangelium sogar gilt gar leicht unsre Liebe nur dann, wenn uns der Evangelist lieb ist. Ein »Der« ist uns nun einmal faßlicher als ein «Das«. Wir können dies «Das« weder schauen noch hören noch liebhaben – es ist uns zu farblos – – ach nein, lassen Sie gut sein! Wir sind Gefangene der Eindrücke!« Nicht nur Sie: jede künstlerische Natur! Ich meinesteils habe zeit meines Lebens aus Grammatik und Regeln wenig gelernt, aber ein einzig Beispiel macht mir die Sache faßbar und lebendig. Das Höchste und Heiligste kann nur unter Beihilfe der Sinne in sichtbare Erscheinung treten. Lassen Sie uns groß genug sein, den Mißbrauch der Sinne zu fürchten und zu verachten: aber lassen Sie uns größer sein, und die wohlgebrauchten Sinne achten! »Ja, da haben Sie recht. Es lähmt uns in unsren heiligsten Kräften, wenn mir heut' überall so schändlich die Sinne mißbraucht sehen. Liebe – es gibt nichts Heiligeres! Mutterschaft – es ist für uns der Inbegriff alles Erlebens! Und wie ist das alles unrein geworden, in Kunst und Literatur und Leben! Mir schnürt sich das Herz zusammen, wenn ich denke, ich soll meine anschmiegsamen, so vertrauensvollen Mädchen, meine unschuldigen Lockenköpfchen, von denen ich mich kaum einen Tag trennen mag, hinauslassen in die unsaubere Welt. Was für verzerrte Menschen laufen da herum, was für verzerrte Sachen schreiben und malen und tun sie! Mutterschmerzen sind etwas Furchtbares, mein Leben hing zweimal nur noch an einem Fädchen – aber der Schmerz, Häßliches und Gemeines wehrlos mit ansehn zu müssen, tut unsäglich viel mehr weh. Als lachendes Kind zog man einst hinaus und war allen Menschen gut – und als verstörtes Kind steht man oft am Wege und verlangt wieder heim, den stillen Abendröten nach, wie vorhin die heimfliegende Vogelschar.« Ich kann Ihnen nur sagen: ich knirsche, wo Sie weinen, und schüttle die Fäuste. »Wehe der Welt, der Ärgernis halben! Es muß ja Ärgernis kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt!« Wer dieser Geringsten einen, diese Kinderseelen, diese Frauengemüter, diese Königinnen im Gewande der Hausfrau und Mütter ärgert, – dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist!... Sie kommen sich als »Gefangene« vor, verehrte Frau, trotz Ihres reinen häuslichen Glückes: wir alle sind Gefangene. Aber wir sprengen die Ketten, die uns Entartung und Verzerrung rund herum angelegt haben; wir führen die Königin wieder auf ihren Thron, die Priesterin wieder in den gereinigten Tempel: die Frau und Mutter wieder auf ihren Ehrenplatz. Verlassen Sie sich darauf! »Königinnen, ja, das wollen wir sein und Priesterinnen! Einst haben Priesterinnen zwischen Gott und den Menschen vermittelt, wenn uns doch das überall wieder möglich würde, im Haushalt, an den Kindern, an Freunden des Hauses! Ist es nicht ein frauenhaftes Amt? Ich spüre soviel Kraft in mir, Gutes und Schönes zu spenden! Die Welt vergolden und verklären, wie dieser Abendhimmel alle Hügel und Häuser verklärt –! So möcht' ich Menschenseelen verklären!« Ja, das ist das rechte Frauen- und Künstleramt! Nicht nur die Seherinnen in Delphi oder die Priesterinnen der Tempel waren Frauen: auch die Musen und Grazien sind Frauen; sie bringen uns Poesie, wir formen nur ihre Gaben. Wollen Sie noch betrübt sein? Euch ist Tiefstes anvertraut. Ihr kommt mir oft vor wie Pforten der Unendlichkeit. Ihr laßt aus den Tiefen der Ewigkeit das Leben überhaupt in die Welt ein. Ungeheure Lebensmöglichkeiten liegen hinter euch – ein Funke von uns, und eine dieser Möglichkeiten springt auf ein Weilchen hervor, in sichtbarer geformter Masse: ein Mensch . Mehr als das: ein Geist , unendlich und unsterblich wie wir, ein Geist, vielleicht ein Genie , durch das Milliarden von Ideen und Gesichten fluten und die Welt bereichern, ein Gedanke und Sendling, Gottes ... Gottes, der hinter und über uns allen steht, der in uns allen schaffend pulsiert, von dem auch wir beide gleichwertige Teilchen find, ob Mann oder Weib. Es ist das Wunder aller Wunder: das Leben ! »Wohin der Weg? – Kein Weg! Ins Unbetretene, Nicht zu Betretende: ein Weg ans Unerbetene. Nicht zu Erbittende! ... Gestaltung, Umgestaltung. Des ew'gen Sinnes ew'ge Unterhaltung« ... Zu den »Müttern« stieg Faust hinunter! Und damit zu alles Lebens dumpf-unendlichem Inbegriff ... Eine Mutter ist auch die Erde selbst, auf der wir gehen: die Sonne ist der Mann, der den Funken wirft. Wohl durch das ganze All hin ergänzt und belebt sich Männliches und Weibliches zu dem Wunder des Lebens – auch im Reiche des Geistes ... Wenn man solchen Fragen nachhängt, so wächst ein Gefühl immer mächtiger hervor, über alle anderen hinaus: Ehrfurcht vor dem Wunderbaren, durch das wir hienieden nur ahnend dahinwandeln. Das möcht' ich den Menschen sagen dürfen!... »Ja, Ehrfurcht! Und Dankbarkeit ! Dankbarkeit, daß um es ahnen dürfen , so viel Schönes, so viel Hohes! Ich könnt' in solchen besten Stunden immer nur dankbar sein – für alles, auch für die Schmerzen meines Lebens!« Erst recht für Schmerzen! Hat man erst einmal diese beste Kraft aller Kräfte: Dank auszuteilen sogar den Widerständen, die uns ja nur erzogen haben, so ist das Spiel gewonnen! Was von nun ab unser Innenreich trüben will, ist machtlos. Wir sind nun wie Äolsharfen: der Wind der Welt kommt herauf und wird Melodie, sobald er unsre Saiten berührt... Und nun muß ich wieder sagen: in dieser Kraft seid gerade ihr Frauen, falls eure Gemütsmacht die Widerstände überwunden hat, viel lebensreicher als wir, obwohl wir vielleicht besseres Prägungstalent besitzen: denn ihr habt viel mehr Schmerzen als wir in Wonnen und Siege verwandelt. Und sehen Sie: darum ist es uns »weniger beschwerten« Männern erst recht eine ritterliche Pflicht und ein höchster Gewinn, vor euch das Knie zu beugen und euch in Verehrung zu dienen, ihr tapfren Frauen, ihr guten Mütter: ihr Königinnen! »Dienen? Nun ja denn, ihr uns und wir euch ! Und wie gern dienen wir euch!«   Die Mütter an den Gräbern Mütter, Die ihr am Grabmal weint Und euren verschütteten Liebling ruft: Weinet nicht! All eure Liebe, all euer Heimweh, Das himmelumspannende, weltüberfliegende, Niemals erschöpfliche Heimweh – Heil euch! Es findet den Weg empor, Es wandelt sich steigend In Dank und Wohlklang. Es wächst in ein einzig entzückend Tedeum! Und alles edle Leid wird Seelendurchleuchtender Jubel Im Kinderland. im Kinderland! Lebensfrucht   Der Heimfrau Jugendlust Gespielin meiner Jugend! Weißt du, wie oft ich in Halmen lag. An jenem Hang, an der steinernen Bank? Der Knabe spähte nach dir, Ob auf der fernen Höhe, Wo die Pappelstraße zu Tal geht, Du kommen würdest mit deinem Bruder – Wie eine Lilien-Madonna kommt, Die sich vom Goldgrund löst – Über Berg und Tal, durch Sommerwald, Auf staubiger Straße und heißem Feldweg, Kommen in unser Haus, In die köstlichen Ferien ... Gespielin, den Weg, den ich ging, Mußt' ich allein gehn, Den harten Weg. Oft lag ich auf einem Hügel Und spähte hinab und hinaus Nach Meistern und Menschen – Wandrer kamen und gingen. Gute Gesellen, holde Frauen, Ein sorglicher Vater, Bruder, die treue Schwester. Dankbar war ich allen – – Doch meinen Weg ging ich allein. Ob der Wald in der Ecke von Rotbach, Wo die Allmende entlang der Schäfer zieht, Noch umdornt ist von Schlehen und Hagebutten? Ob auf dem Zügel, Wo ihr zu winken pflegtet, Noch eine letzte wilde Rose blüht? Es quellen in unserm Lande Über die Gartenmauern Verfallender Herrenhäuser Blumenbüschel genug – Ich aber würde die Rose pflücken, Die kleine wilde Rose, Und niemand anders reichen als dir, Gespielin meiner Jugend! Lebensfrucht Milde Nacht Hinter dem Turm hängt Der verglühende Mondball Wie ein Heiligenschein. Dunkel steht das Kloster, Ein Träumer der Mondnacht, Der über die Nebel der Tiefe schaut, Das Haupt umleuchtet. Hab' ich's erlebt, was mir im Sommer Das Herz erschüttert? Hab' ich's geträumt nur? ... Kein Blättchen zittert im Wasgau. Tief nur rauscht ein Wasser zu Tal. Da flüstr' ich traumhaft In die liebliche Nacht: »Waldfrau, wo bist du?« Und horch! Tönt mir die Waldfrau Antwort? Weiße Birken zittern im Nachtwind. Mondflimmer fliegen vorüber, Wie über ein bleich Gesicht Ein wunschlos Lächeln der Wehmut, Und ein Stimmchen hör' ich im Hain: »Trauter, wo bist du?« ... Lebensfrucht   Auf der Düne Hätt' ich als Gattin dich am Arme stehn! Ach, dürft' ich durch der Brandung weißes Schäumen Barfuß mit dir im Spiel des Meeres gehn, Wie dort im Waldbach unter Tannenbäumen! Wie wollten wir auf dieser Düne träumen! Und wenn vom Meer die Abendstimmen wehn Und keine Gäste mehr im Mondlicht säumen – Wir lauschten lang noch in die See hinaus, Das Glück der Mondnacht brächten wir nach Haus! Das soll nicht sein. Ich bin zu arm dazu. Mit deiner Fülle, Weib, und Liebeskraft Das Glück zu bannen, das mein Blick erschaut, Mit klarem Haupte und mit festem Schuh Glutvoll zu schaffen eine innre Welt, Und spät in unsres Wasgaus Wipfelzelt Als Edelpaar zu sterben, ich und du – – Ach du Geliebte, du vielsüße Braut. Es soll nicht sein! Ich bin zu arm dazu. Lebensfrucht Die Hausfrau Heil der Hausfrau! Heil der Heimchen und Gnomen gütiger Herrin! Das Kleine veredelnd, herrscht sie im Hause: Königin ist sie im Lande der Liebe. Sie hat in der Tiefe der Truhe immer ein Restchen Glück: das hält sie bereit für ein hungrig Herz. Gern laufen die Kinder wie Küken heran und füllen mit Freuden das gastliche Haus: ist doch die Gütige selber ein sonniges Kind. Ihr Haus ist traulich und dennoch ein Tempel: den Gast am Herde durchglüht mit der Wärme der Herrin die Würde der Priesterin. Ihr Schlüsselbund schimmert am Gürtel als schönster Schmuck: er tönt wie Glöckchens beglückender Ton im Turm, wenn schamhaft die Not sich nahet. Doch scheu im Bogen umschleichen die Falschen und Faulen den Bau der Pflicht: sie gibt nicht töricht; sie gönnt dem Tagedieb kein Gehör. Ihr herzlich Werk ist heilen, helfen und hegen, ob sie nun Schönheit spendet in Spiel und Sang oder in schlichtem Sprechen Seele verströmt: ob sie im Dampf der Küche schafft oder im Schatten der Linde das Kind auf den Schoß nimmt. Heil dem Hausherrn, dem sie am Abend den Arm um den Hals legt und das holdeste Glück gibt! Heil dem Gatten, dem sie im Tode die Lider schließt und erkaltete Lippen ein letztes Mal küßt – und nur wenig weint. Denn sie weiß es in ruhiger Treue: »Uns trennt kein Tod.«   Da ich nun die Hütte baute Dir und mir, geliebte Frau, Laß uns auch dem deutschen Volke Schaffen einen Seelenbau! Gleichwie Zelle zu der Zelle Langsam sich zum Bau gesellt, So erschufen wir aus harten Wanderjahren unsre Welt. Du, geübt am Krankenlager. Ich, erprobt auf rauhem Gang – Liebes Weib, so wird sich fügen Auch noch einst der Reichsgesang! Mein Weib, begreifst du der Ehe Sinn? Wir sind einander verschrieben, um uns zu üben – worin? Im Lieben! Mein Weib, und wer es gut bestand. Was darf er pflücken? Liebend darf er das ganze Land Beglücken.   Mein Weibkamerad, mir innig verbunden, Wir haben aus manchen blühenden Wunden, Nicht wahr, Kraft und Honig gesogen: Aber am tiefsten sind wir uns doch gewogen, Weil wir im innersten Seelenkern Den Bund geschlossen mit Gott dem Herrn. Ihm will ich, wenn wir hinüberschweben, Dich unverdorben wiedergeben. Meister der Menschheit Du bist beschlossen in meinem Herzen! Verloren ist das Schlüsselein, Du mußt immer darinnen sein!« Du Liedchen, innig wie ein Gebet! Wenn aber der Schlüssel verloren geht, Indes eins drin, das andre draußen steht? Das lag mir heute schwer im Sinn. Bin heilfroh, daß ich darinnen bin In deines Herzens trautseliger Ruh', Ein Du-und-Ich, ein Ich-und-Du! Und wärst du am andren Ende der Welt. So wär' unser Herz halt weit wie die Welt: Weil's dich und mich beisammen hält! Meister der Menschheit Über Karfreitagsaue wandeln wir zwei, Funkelndmelodische Klänge sind innig dabei, Klänge von überstandenem Weh der Welt, Als wir noch einsam gingen, noch ungesellt. Jetzt in Akkorde veredelt, erhaben und mild – Unsrer Seelen nach außen gespiegeltes Bild. Meister der Menschheit   Neckischer Spaziergang Vor einigen Jahren hielt ich vor versammelten Heimchen – so will ich einmal kurzweg die jungen Damen der Töchterheime nennen – im Erholungssaale zu Weimar einen Vortrag. Das Pult war ziemlich hoch; man mußte ordentlich klettern, um hinauf zu gelangen. Aber von oben hatte man eine reizende Aussicht: man schaute in einige vierhundert oder fünfhundert junge Mädchengesichter. Ich erzählte der holden Versammlung, wie ich einmal ins Land der Troubadours gereist bin, in die Provence, wie ich den liebenswürdigen greisen Dichter Frederic Mistral besucht, wie es mich weitergetrieben nach den Pyrenäen und zuletzt nach dem seltsamen Berg Montserrat bei Barcelona in Spanien. Nun sprach ich vom Sinnbild des heiligen Gral: »Im fernen Land, unnahbar euren Schritten, Liegt eine Burg, die Montsalvat genannt« – – Lohengrins Gesang tönte an. Ich deutete den tieferen Sinn des heiligen Zeichens und las dann den dritten Akt meines Wartburg -Dramas »Heinrich von Ofterdingen« vor, wo man sich über den Gral auseinandersetzt. »In uns selber, in jedem reinen Kerzen, muß des Grales Leuchtkraft glühen...« So sprach ich zu dieser versammelten Anmut ... Später einmal, durch die Straßen Weimars ins Freie wandernd, sann ich über die Eigentümlichkeit dieser dichterisch verklärten Stätte nach und sagte zu meiner mich begleitenden lieben Lebensgefährtin: »Sieh, es ist doch sehr sinnig, daß sich gerade in der Stadt Goethes, des immer liebenden, so viel jugendliche Weiblichkeit zu sammeln pflegt. Ist dieser geheimnisvolle, unbewußte Zug nach Weimar nicht eine allerliebste Wanderung? In Weimar wohnen ausklingende Menschen – pensionierte Beamte, Offiziere und dergleichen – unmittelbar neben werdenden Menschen: neben dieser zwitschernden Jugend. Zu welcher von beiden Gattungen gehören eigentlich wir Zwei?« »Zu beiden«, erwiderte die Immer-Junge. »Ist nicht Weisheit und Liebe in schönem Bunde dein Ideal? Weisheit ist mehr bei den Alten, Liebe auch schon bei den Jungen – und wer ein echter Mensch ist, der hat beides, so daß man es gar nicht trennen kann, das junge Herz und den reifen Kopf.« So etwa mag die Vortreffliche mit etwas anderen Worten gesagt haben; sie philosophiert sonst nicht gern, sondern lebt, liebt, sorgt als rechte Haus- und Herzensfrau. »Gesetzt, hier wohnt nun aber Einer, der nur an Liebe wächst, doch nicht an Weisheit!?« Wir waren an ein reizendes Häuschen gekommen, an ein geradezu zauberhaft umsponnenes einsames Häuschen mitten in entzückenden Gärten, die mit Obst, Stauden, Blumen, Gemüsen überfüllt waren. Es ist ein paar hundert Ellen hinter der Wohnung des Schulrats Scheidemantel, am Rande der Stadt. Zwei Feldwege treffen sich dort in diesem dreieckigen wunderlichen Baugebilde mit seinen grünen Läden, seinem märchenhaft kleinen Zaun und ein paar Blumenstöcken in den Fenstern. Es ist ein Waldhäuschen aus Grimms Märchen. Pressen nicht die drei Männlein im Walde ihre drolligen Gesichter an die Scheiben? Wohnen hier die sieben Zwerge? Steht da irgendwo Schneewittchen am Waschtrog? »Hier wohnt Franz Labsal«, erklärte ich meiner Frau. »Wer ist Labsal?« »Labsal? Du kennst Franz Labsal nicht? Nun, er ist – was ist er gleich?– er ist natürlich Musiklehrer; er spielt die Laute, macht Verse und ist immer verliebt, obwohl er nimmer jung ist. Ihm haben's Weimars Backfische angetan. Siebenmal war er verlobt – und siebenmal hat er die Verlobung seufzend wieder aufgelöst. Denn in seinem zarten, liebevollen Gemüt fürchtet er, es könnte neunundneunzig andere junge Mädchen kränken, wenn er sich gerade mit der hundertsten und nicht mit jenen verlobt. Und jemanden betrüben? Nein, das bringt er nicht fertig! Necken, scherzen – ja, das tut er seelengern. Denn er ist fast immer vergnügt. Und die Neckreime schüttelt er nur so aus dem Ärmel. Zum Beispiel neulich, als eine Schar der Heimchen hier vorüberging, schrieb er sich flink ins Notizbuch: »Zwei und sechs und acht und zehne Trippeln sie an mir vorbei, Wenn ich mich verlassen wähne, Daß ich nicht verlassen sei. Reih' an Reihe, hold vorüber, Wie ein reizendes Gedicht – Ach, mir wird mein Auge trüber: Habt mich lieb, doch neckt mich nicht!« »Was sagten denn da die Mädchen?« fragte meine Frau, die mich fest am Arm hielt, vergnügt, daß sie nicht zu den neunundneunzig gehörte. »Was sie sagten? Dieses etwa sagten sie: »Necken, Labsal? Zu beglücken Sind wir auf die Welt gesandt! Doch zum Schauen, nicht zum Drücken, Für den Blick, nicht für die Hand. Willst du denn die Elfen fangen? Und begehrt man gar das Licht? Freue dich an unsren Wangen, Aber, Freund, begehr' uns nicht!« Siehst du, das sagten sie. Und eine von ihnen, die immerhin mit der Möglichkeit einer ehelichen Verbindung rechnete, fügte altklug hinzu: »Oder willst du eine nehmen Als dein frauliches Gemahl? Gut, dann mußt du dich bequemen Nicht zur Lust nur, auch zur Qual. Denn dem spielenden Genießen Wird das Höchste nicht zu teil – Nur aus Kampf und Arbeit sprießen Seligkeit und Seelenheil.« »Ein kluges Geschöpf, dieses Heimchen«, meinte meine Frau und lächelte ob des Reimtalents unsrer Weimarer Jugend. »Nicht wahr? Ja, das mein' ich auch. Aber siehst du, Labsal ist ja nicht ganz allein: er hat bekanntlich seine herzige, zärtlich den Sohn liebende Mutter bei sich im Hause wohnen. Er wohnt nämlich oben, sie wohnt unten. Sie plättet und näht – horch, hört man in dem Hause da nicht eine Frauenstimme? –, sie hat das angenehmste Runzelgesicht von der Welt. Und unter uns: sie ist manchmal eifersüchtig, sie schmollt dann ein wenig mit dem flatternden Sonderling. Da versetzte er ihr neulich aus dem Stegreif folgenden Reim: »Mütterchen, sei nicht verdrießlich. Daß ich immerdar verliebt bin! Ist es etwa mehr ersprießlich, Wenn ich mürrisch und betrübt bin? Zöpfchen und Matrosenkragen Sind mir nun 'mal herzerquicklich. Aber will ich's fröhlich sagen. Schiltst du gleich, das sei nicht schicklich. Ihr fünfhundertsechsundsechzig Mägdlein aus den Töchterheimen! Ach, nach etwas Liebe lechz' ich – Doch begnüge mich mit Reimen. Und zum Dank willst du noch schelten, Mütterchen, und zankst mich tüchtig? Herzensmuttel. laß mich gelten! Oder – bist du eifersüchtig?!« So hat Labsal seine Mutter angedichtet, worauf sie beschämt das Plätteisen ergriff und bloß noch murmelte: »Bist halt ein Hansnarr!« »Aber ein lieber!« versetzte schlagfertig Franz der Reimer und gab dem treuen alten Gesichtchen zwei Küsse, mit den Worten: »O Mutter, nimm es ohne zu höhnen hin, daß ich verliebt in alle Schönen bin –!« »Halt ein!« lachte die Meine. »Dies Labsal-Häuschen hat ja besonderen Zauber und steckt dich an. Gewiß hat hier auch der Maler Spitzweg gewohnt.« – »In dieses alte Häuschen Weimars«, sprach ich feierlich, »hat sich die Anmut geflüchtet. Hier sitzt sie, aus der rohen Zeit des Hasses und der Sorgen verbannt, wie Aschenbrödel, wie das verzauberte Dornröschen. Geh' behutsam vorüber, sonst äugelt Franz Labsal aus dem Fenster und dichtet auch uns an. Der Geist des griechischen Dichters Anakreon sitzt bei ihm; ebenso der Geist des persischen Poeten Hafis. Sie haben schon den Dichter Wieland und den jungen Goethe umflügelt, die in diesem Häuschen ihre besten –« »Nein, nun nicht weiter!« rief meine Gute. »Sonst wird die Goethegesellschaft bei der nächsten Tagung hier eine Tafel anbringen lassen, du Übermut!« »Dichten ist ein Übermut, heißt's im Westöstlichen Divan«, bestätigte ich gern. »Bloß Übermut? Nicht noch viel mehr Ernst? Du sagtest vorhin, es könne jemand an Liebe zu- und an Weisheit abnehmen. Ist das möglich? Das wäre doch recht traurig. Und ich beneide wahrlich die sogenannte Immer-Verliebtheit deines Labsal ganz und gar nicht. Siehst du, hier hangen alle Bäume voller Früchte. Es kann doch nicht immer Frühling bleiben!« Nun ward unser scherzendes Gespräch immer ernster. »Du hast sehr, sehr recht, mein Lieb«, sprach ich zur Trefflichen. »Und wer zumal in dieser Zeit der großen deutschen Not nicht aus Neckerei oder Zärtlichkeit sofort in den edelsten Ernst überspringen kann, der taugt nicht viel. Pflichttreue über alles! Die Würde einer ernsten, ja frommen Lebensauffassung muß den Stamm bilden, aus dem die Rosen der Anmut wachsen. Wie heißt Schillers Aufsatz? Würde und Anmut! Beide gehören zusammen. Ach, und ein immerblauer Sommerhimmel, ein leidlos Leben, ein bloßes Reim- und Reigenspiel, wäre das auf die Dauer zu ertragen? Du weißt, was Goethe vom Regenbogen sagte: wenn er eine Viertelstunde am Himmel steht, schaut ihn kein Mensch mehr an. Und wenn einer nur neckt, nur tändelt, nur mit der Liebe spielt, statt wahr und tief und dauerhaft zu lieben – nein, Liebste, dann ist er wahrlich kein Labsal für seine Mitmenschen, auch wenn er etwa Labsal heißt. Wahre Liebe ist auch immer wahre Weisheit: denn mit zartestem Spürsinn weiß sie das geliebte Wesen zu betreuen, zu erfreuen, mit ihm zu leiden und zu arbeiten, nicht nur zu tändeln wie Freund Labsal.« »Heißt er denn Labsal? Wohnt er denn in jenem Häuschen?« »Sagt' ich das? Sonderbarer Einfall! Das alles kommt von dem Vortrag, den ich vor vierhundert jungen Gesichtchen gehalten habe«... Wir waren über alledem in der stillen Allee vor unsrem Hause angelangt, über dessen Pforte das Sinnbild des Rosenkreuzes beide Seelenkräfte verbindet: Würde und Anmut –Ernst und Liebe. Almanach des Weimar-Bundes 1920 Jungmädchentum Ein junges Mädchen ist ein Feingebilde, dem wir zart und ritterlich begegnen. Das Jungfräuliche ähnelt dem Blumenhaften, wir verbinden damit das Gefühl der Lichtempfänglichkeit. Wohl dem, der als Licht liebevoll beeinflussend in solche Seele einströmt! Sie entfaltet unter der Sonne der Freundschaft und Liebe doppelte Anmut. Und es ist sinnig, daß dem Dichter die Muse als weiblich Wesen erscheint, wie ja auch mit Nymphen, Nixen, Elfen der Begriff des Mädchenhaften verbunden ist: – sie sind schwebende, unbeschwerte Anmut. Meister der Menschheit Schöne Frauen. Mädchen und Kinder, wenn sie umhaucht sind von Reinheit und Unbefangenheit, sind ein feiner Kunstwerk als alle Blumen und Bilder. Denn sie haben nicht nur Farben und Umriß, nein, es leuchten in diesen reichen Gesichtchen alle Möglichkeiten. Stolz, Zartheit, Schelmerei, Verlegenheit, Güte, Mutterglück, jungfräuliche Neugier, – was für ein Durcheinander ist doch so ein ausdrucksvolles Menschengesicht! Erst die Bewegung , das nicht festzuhaltende Spiel der Muskeln im Widerleuchten der Seele, erzeugt die eigentliche Schönheit. Wege nach Weimar Wegewart... »Ein Blümchen wartet am Wege...« So eilen manche Mädchen hinaus ins Menschenland, stehen am Wege und schauen sich um und warten, ob nun wohl »der Eine« komme. Der oder jener streift sie – sie leuchten auf und lauschen – sie warten weiter – und viele, zu viele warten umsonst. Steht nicht, Mädchen! Schafft, seid gut, tapfer, tätig, da wo ihr seid! Es ist Romantändelei, daß irgendwo »nur der Eine« auf dieser bunten Welt »das Glück« bringe. Glück wächst an allen Waldecken, wenn du's kurzerhand ergreifst: mach' selber glücklich, ob ein Mütterchen am Weg oder alte Eltern oder Kinder, die der Erziehung bedürfen, oder Kranke oder auch einen Gatten – es ist von gleichem Wert, versuch's nur! Verwandle das harte Wort: »Ich muß« in das leichte Lied: « Ich will !« Thüringer Tagebuch Junge Mädchen sind wie wehende Flämmchen. Gott führ' ihnen gute Menschen über den Weg, die diese Lichtlein verstehend schonen! Thüringer Tagebuch An Jung-Helga (Bisher unveröffentlicht) 1. Was wir verloren, grub des Schicksals Hand In unser deutsches Herz mit festem Schnitt. Dort steht es nun, gemeißelt in Granit, Dort steht nun eingegraben Land um Land, Das uns geraubt ward, das wir einst besessen – Wir fühlen's tief und werden's nie vergessen. Doch wenn Jung-Helga einstens lesen kann – – Vielleicht fängt Deutschlands Morgenröte an. (Widmung zu dem Buch«: Was wir verloren haben – Entrissenes, doch nie vergessenes deutsches Land. Berlin 1920. Verlag Fr. Zillesen [H.Beenken].) 2. Was wir verloren, ist uns bitter klar: Noch spüren tief wir die erlebten Wunden. Doch unklar ist noch, was wir neu gefunden Vielleicht im Keime schon ein glücklich Jahr? Vielleicht ein Jahr, worin wir ganz gesunden? Oh, laßt uns schaffend hoffen immerdar! (Widmung für das Buch: Ein glücklich Jahr . Im Geleit deutscher Dichtung dargeboten von Karl Storck. Stuttgart 1920. Verlag von Greiner und Pfeiffer.) Weimar und Leipzig, am 7. Januar 1921. Aus dem Alltag von Liebe und Freundschaft Wie oft ist das Wunder der Liebe und der Freundschaft in Wort und Lied verherrlicht worden! Jenes Kapitel im Korintherbrief singt das Hohelied der Liebe; und von Minne sangen und singen unzählige weltliche Sänger. Sie alle empfinden, daß es nur eine Lösung des Lebensrätsels gibt: das Aufleuchten von Liebe und Güte . »In der Liebe allein geschieht es.« sagt Bogumil Goltz. «daß das Erdengeschöpf die Endlichkeit und Beschränkung seiner irdischen Natur von sich wirft, daß es die Materie vergeistigt, den Staub belebt, alle Widersprüche versöhnt, den Tod bezwingt und den Himmel auf die Erde herabholt. Ohne Liebe ist alles ein Widerspruch, ein Chaos, ein Unding. Nur Liebe löst das Lebensrätsel auf jedem Punkt.« Denn Liebe erschuf und erhält die Welt, Liebe beseelt und beseligt, erklärt und verklärt, löst und erlöst. Der Liebende gibt Flamme ab und erhält sie zurück: der Gütige strahlt Wohltaten aus und empfängt den Gegenstrahl des Dankes. Dies allein verbindet die Seelen: und zwar in Freiheit, aus innerem Drang. Wie oft geschieht es, daß ein Mensch, dessen Lebensflämmchen nur noch müde glomm, durch die Berührung mit einem stärker leuchtenden Menschen, mit einem lebenswarmen Buche oder was es sei, aufs neue entzündet wurde zu echtem Leben! Wie oft wird Dornröschen – die schlummernde Seele – wachgeküßt vom liebenden Prinzen! Es ist ein Lichtvorgang. Vom Sonnenkultus der Indogermanen bis zum ewigen Licht, das über den Altären katholischer Kirchen hängt, oder zum «brennenden Kerzen Jesu«, wie man es oft auf kirchlichen Bildern sieht, gibt es kein reineres Symbol für den schönen Berührungs- und Entzündungsvorgang wahren Lebens und wahrer Liebe. Neue Ideale Ich hab' erlebt und das Erlebte bedacht; Ich fand auf Erden nur eine beglückende Macht, Von der ich wünschte, daß sie unendlich bliebe: Die Liebe.   So blitzt das Leben durch die Welt, Das haltet im Gedächtnis: Wer Licht und Liebe in sich hält, Der hat auch mein Vermächtnis.   Es gibt nur einen Weg zur Meisterschaft: Erschütterungen durch Leid und Liebe. Aus ihnen wird Weisheit, wenn Vollendungsdrang dahinter wirkt. Weisheit ist veredelte Liebe, verklärtes Leid, geschmiedeter Schmerz. Meister der Menschheit   Worte der Güte sind Schönheit! Taten der Liebe sind Licht! Lebensfrucht   Liebe ist Lebenswärme, die man braucht wie das tägliche Brot.   Keine größere Wohltat kann zu irgendeiner Zeit des Lebens dem Erdenwanderer widerfahren als wahre Freundschaft und echte Liebe. Jugendjahre Ich weiß es aus meiner besondren Welt, daß helfende und schaffende Liebe die Sonne des Kosmos und die Sonne des Menschenherzens ist. Spielmann   Schatz – nennen sich Liebende. Ein Mensch, den wir lieb haben, wohnt »in uns«, ist uns ein innerer Schatz; und unser Herz ist der Schrein, in dem er geborgen ist, wenn sein äußerer Körper auch weit wo anders weilt, an ganz andrem Ort, ja im Jenseits. Der Raum ist machtlos geworden; der geliebte Mensch ist Er-Innerung. Innen-Besitz, mit unserem Inneren vermählt und verbunden. Räumlichkeit ist überwunden durch Innerlichkeit. Stoff ist Geist und Gemüt geworden. Welch eine Verwandlungskraft! Es gibt ein feinmagnetisches Verhältnis der Liebe, das kaum der Worte, selten des Befehls und nie des Scheltens bedarf, um Wünsche erfüllt zu sehen. Es verhält sich zum Befehlsgebiet wie das Neue Testament zum Alten. Meister der Menschheit   Heilige Liebe, allmächtige Helferin! Wege nach Weimar   Wie sich auch der Verstand der Verständigen und der Wille der Titanen anstrengen mögen: nur die Liebe hat erlösende Kraft. Westmark   Die Menschen könnten sich die Erde so schön machen – wenn sie sich nur ein klein wenig liebhaben wollten... Luther auf der Wartburg Drei Mängel Sollte man mit kurzen Worten sagen, welche chemische Substanz in der jetzigen Geistesmischung zu fehlen scheint und wodurch sich unsereins in dieser Literatur vereinzelt fühlt, so wäre es etwa dies: es fehlt geschichtliche und philosophische Durchbildung. Durchbildung im Sinne des Einblicks in das Gewebe der Zusammenhänge und im Sinne der Anwendung aus den eigenen Standort: nur durch jene Schulung wird der richtige Abstand von dem Gewirr der Tagesreize gewonnen, an denen hangen zu bleiben das Los des bloßen Eindrucksmenschen ist. Nicht minder wertvoll wäre ein drittes Ferment, das auf die moderne Kälte, Gehässigkeit oder Sinnenzerrüttung wohltuend wirken könnte: das Erlebnis wahrer Liebe. Hier tritt eine Grundkraft Goethes in Wirksamkeit: die künstlerisch geadelte Liebe zu der Mannigfaltigkeit der Erscheinungswelt. Ja, hier könnten wir sogar ein Mehr brauchen, das der Klassizismus noch nicht hatte. Liebe in Verbindung mit jenen beiden vornehmen Geisteskräften breitet Wärme und Duft über alle Dinge, mit denen man sich beschäftigt, über alle Menschen, die in unseren inneren Bereich treten. Daraus erwächst Sorgfalt, Anmut, Feinheit der Einfühlung, Gewilligkeit der unbekannten Helfer, die jede Tat begleiten und Glück und Gelingen wahren helfen. Es ist, wie schon Schopenhauer in berühmten Worten bekannt hat, das größte Reiseglück, das man hienieden ernten kann: wahre Güte, helfende Menschlichkeit, warme und vornehme Sachlichkeit. Wie anders auch sollten die vielen Wunderlichkeiten und Irrungen der Menschheit ertragen werden? Das Leben sorgt genug für Reizungen der Leidenschaft; sorgen wir für die Gegenkräfte! Wege nach Weimar An Erkaltung wird der Erdball sterben? Ja, an Wärmeverlust – an Lieblosigkeit. Wege nach Weimar Märchen Die Sonne beugt sich auf den Erdbeergrund Und hält behutsam zweier Kronen Schimmer. Zwei Edelkinder sitzen Mund an Mund Und sind versponnen in das Goldgeflimmer: Die Gänsemagd im lachend lichten Haar, Der Königssohn – ein kronenwertes Paar! Wie blüht sie auf! Dies bräutliche Gesicht. So bang und doch so selig von dem Neuen, Und dieses Augenflammen kennt ihr nicht! Es ist ein Staunen und ein innig Freuen. Das ist das Dorfkind nicht, das jeder kennt – Die Kön'gin ist's, die ihm am Kerzen brennt. Sie hat ja nie geküßt. Ihr Mündchen muß Erwachen erst und muß sich lieblich färben – Dann wagt sie selbst zurück den ersten Kuß. Und bald will sie vor wilder Liebe sterben. Sie rankt sich eng und immer enger an An den geliebten, an den fremden Mann. Und kommt sie hauptgebeugt an seiner Hand Aus ihrem Wald nach dem geputzten Hofe – So hebt der Höfling spöttelnd sein Gewand, Und abseits wispern Ritterfrau und Zofe. Und sie bleibt einsam auch im Kronenschein, Sie hat nicht Wald noch Hof, nur ihn allein. Nur ihn allein, und er hat einzig sie. Einsam auch er in aller seiner Güte! Der Reichste und die Ärmste stehen hie Abseits und groß in ihrer stillen Blüte: Sich selbst genug und auf sich selbst gestellt – Zwei Sonnenkinder, wandernd durch die Welt. Lebensfrucht Glück Mit Kinderwonne sprangen sie und ich, Dem Schwarm entfliehend und dem Pfingstgejubel. In tiefen Lattich und durch Fingerhut, Bis über die Köpfe jauchzend eingetaucht In einen See von rosenroten Blüten, Durch abgeschüttelte Blätter, wüst verstrickt In Spinngewebe, immer weiter, weiter, Und Hand in Hand und halbgebückt und sprungweis – Setzten zwei Rehe durchs bewegte Rot? – Die Hänge abwärts, bis im Weißdorngrund Auf einer Lichtung großer Friede lag. Halt inne, Lieb! ... Tiefatmend lauschen wir: Kein Laut mehr aus dem fernen Sonntagsdorf ... Ein Bienchen summt, ein Tieflands-Glöckchen läutet ... Wir sind allein! im großen Wald allein! Da fuhr ein Zittern in mein glühend Mädchen, Und dunkler flammte die erhitzte Wange, Und schneller wogte unterm Sonntagsmieder Das warme Kinderherz! ... Das Köpfchen bog sie Mit einem Male auf die Brust herab Und zupfte bebend sich Johanniskraut Und Glockenblumen ab, als hält' sie nie So seltnes Kraut gesehn, als wären wir Just dazu beide in den Wald gelaufen, Und zupfte noch, als ich ihr Köpfchen nahm. Griff in die Lüfte, zupfte Gras und Halme In ihrem rührenden Verlegensein, Und zupfte, zitternd über den ganzen Leib, Als meine Lippen längst die ihren suchten, Die warmen, weichen, nie berührten Lippen ... Ich weiß nicht, was wir sprachen, nicht ein Wort. Ich sagt' ihr nicht, wie meine ganze Seele So lange schon sich nach der ihren sehnte. Ich sagt' ihr nicht einmal: «Ich hab' dich lieb« ... Rotkehlchen sang vom Fels sein Abendlied, Das träufte süß in unser trunken Träumen. Die tiefe Sonne spann von Stamm zu Stamm Goldfäden um die Lichtung zweier Sel'gen, Und aus den Kelchen summten schweren Flugs Die letzten Bienen unserm Dorfe zu. Da gingen zwei Beglückte Hand in Hand Durch einen wunderstillen Abendwald. So rein und rot die Wange meines Mädchens, So schamhaft und so innig doch ihr Blick In meinem ruhend – und ihr rotes Mündchen Noch halb geöffnet von den vielen Küssen! »Hörst du das Abendglöckchen leise wehn Am Berghang in der kaum bewegten Luft?« – »Das ist, mein Lieb, das Abendglöckchen nicht: Den Sommerwald durchzittert sel'ge Liebe! Aus seinen Blütenkelchen, aus den Wipfeln Der weiten Wälder, aus den Sprudelquellen Jauchzt süß verhaltene Musik, wie uns Musik im Herzen lebt, als müßt' das Herz, 0 Lieb, vor Wonne brechen!« – – – Das war Glück! Lebensfrucht   Rotkäppchen Die Menschenseele taucht in die Materie ein, sammelt Erfahrung und kehrt bereichert in das Licht zurück. Rotkäppchens Wand'rung hab' ich heut' bedacht. Die Kleine kam vom himmelhohen Treppchen Und tauchte fröhlich in des Waldes Nacht, Den sie durchleuchtete mit lichtem Käppchen: Es ging von mütterlicher Segenshand Auf ihrem Haupt ein Schimmer über Land. Sie wagt sich kühnlich in das Tannental Und trägt den Korb, gefüllt mit goldnem Kuchen. Sie will, ein ausgesandter Sonnenstrahl, Mit Himmelsgruß die Hüttenfrau besuchen. Der Waldpfad glitzert, wo das Seelchen schwebt, Und jedes Kraut am Wege lacht und lebt. Der Glanz von innen, der sie froh umsprang, Erschrickt zwar vor des Waldes finstrer Feuchte; Hier werden blaue Kinderaugen bang, Und hier erlischt beinah' des Käppchens Leuchte. Kommt gar der Wolf, so taucht in Nacht und Not Das Blondhaar und des Käppchens letztes Rot. Doch sieh, schon schreitet, nicht von ungefähr, Ein Weidmann durch den Forst, ein weitgereister; Den ängstet weder Wolf noch Luchs noch Bär, Der ist sogar dem Tod ein kecker Meister. »Komm, Seelchen, komm!« An stolzen Geistes Hand Kehrt jenes Kind zurück zum Sonnenland ... Rotkäppchens Mutter, zweifelst du am Licht Und spähst und klagst den Schwalben und den Täubchen? Schau' hin, und schaust du dort das Leuchten nicht? Weidmann – und Hüttenfrau – und rotes Häubchen! Bereichert stehst du, und du lächelst fein: «Eine zog aus – doch dreie ziehen ein!« Lebensfrucht   Schneewittchens Einsamkeit Schneewittchen geht verträumt im Abendschein Auf einer Wiese, drum der Hochwald dunkelt. Mit einem Waldreh wandert dort allein Die Königsmaid, vom Himmelsglanz umfunkelt. Es kann kein Engel so umflossen sein. Wie hebt sich jedes Tännchens zartes Reis Schwarzgliedrig an des Himmels roten Gründen! Es ist so still, nur eine Wachtel weiß Vom toten Tage kurzen Spruch zu künden. Ein Wiesenquellchen rieselt lieb und leis. Im Moorgrund, auf dem schmalen Pfade, ruft Ein Zwerg dem andern, alle schwer beladen; Man hört ihr Keuchen in der linden Luft; Der Boden zittert; von entfernten Pfaden Herwandernd, wittern sie des Häuschens Duft. Das steht am Waldrand. Bläulich schwebt der Rauch Ins Abendrot, das still und golden schimmert. Das Moosdach ist, nach kluger Zwerge Brauch, Ganz dicht und tief, das Türchen schmuck gezimmert, Der Garten voller Nutzkraut, und ein Strauch Von Kletter-Rosen hält die Wand umflimmert. Sie rufen jetzt: sie haben sie erspäht. In Wehmut lächelnd wartet die Verbannte. Sie steht in ihrer schlanken Majestät Und hält ihr schmiegsam Reh am goldnen Bande; Sie grüßt das kleine Volk: »Kommt ihr so spät?« Wie geht ein Plaudern an! Sie packen aus, Sie heben an zu zeigen und zu nennen: Sie spricht gelassen lächelnd von dem Schmaus, Der drinnen harrt – die müden Kleinen rennen! Und lächelnd, seufzend geht auch sie ins Haus. Lebensfrucht   Gänseliesel Nun bin ich recht von Herzen satt Des Wanderns durch verstäubte Lande – Den Stift! ich dichte einen Reim Aufs Gänseliesel hier im Sande! Ich hab' ihr eine Stunde lang Den Hof gemacht nach Herzenslust – Umsonst! Das Gänseliesel hat Kein Herz in ihrer jungen Brust. Ihr Lebtag hat sie keinen Strumpf An ihrem braunen Fuß gesehen, Und ihre Sohlen sind so hart, Daß sie durch Dorn und Nesseln gehen. Sie hat so lederzähe Hand, Die Hexe, und so schwielenbraun, Daß sie mit kecker Faust zerreißt Den stachelvollsten Heckenzaun. Dann streicht die Schelmin wie ein Luchs Den Wald hinab und nascht die Beeren, Und weiß das höchste Elsternest Geschickt der Eier zu entleeren. Und kommt der Förster, ist sie fort, Und kommt sein Hund, so wedelt er Und reibt den Kopf an Liesels Knie, Als ob's des Waldes Göttin wär'! Dann liegt sie wieder regungslos Und träumt an ihrem dürren Hange Und starrt in ihre Gänseschar Und rührt und regt sich nicht so lange, Bis du am Wald vorüberkommst Mit einem schlichten »Guten Tag!«, Dann staunt sie groß und dumm dich an: »Was wohl der Tölpel von mir mag?« Ich saß heut' eine Stunde lang An unsres Liesels Sonnen-Raine, Mit Wanderstock und Wandersack Auf einem heißgebrannten Steine, Und predigte von dem und dem Und fragte hier und scherzte dort: Was war's, das sie zur Antwort gab? Auf alles nicht ein einzig Wort. Ei, Hexenkind, so gib mir doch Zum Abschied wenigstens die Hände, Daß ich mit einem Achtungsdruck Die sonderbare Zwiesprach' ende! Jedoch auch das nicht: langsam gähnt Und reckt mein Liesel Arm und Bein – Und wandert mit der Gänseschar Gemächlich in den Wald hinein. Lebensfrucht Selig in Lust und Leid läßt die Liebe nur sein Treue – – schwerwiegend Wort! Schwerer wiegend als das holde Wort Liebe ... Treue ist eine feine Sammlungskraft, eine zähe Behaltungskraft – eine Form der schönsten Tugend: der Dankbarkeit. Treue zum Ideal, Treue zum Licht in uns und in andren; Dankbarkeit gegenüber allem, was uns Anlaß gab zur inneren Verarbeitung. Dann erst erhält Liebe höheren Wert, wenn Treue zwei Menschen adelt. Erst dann verlieren sich zwei Menschen, wenn sie nicht mehr dem einst gemeinsamen Ideal Treue halten. Treue zum Ideal – das einigt. Nicht der sinnenhafte Besitz. Thüringer Tagebuch »Ich bin dein« – drei Worte nur! Ein Du und ein Ich bin, Und beide Eins! Die tiefste Natur Birgt keinen tieferen Sinn, Kein tiefer Glück, weltaus weltein, Als die Drei-Einheit: Ich bin dein. Meister der Menschheit Zu den schmerzlichsten und unbegreiflichsten Dingen dieser Erde gehört das Auseinanderwachsen ehedem befreundeter Herzen. Menschen haben sich in günstiger Stunde kennen gelernt und ihr Inneres durch diese Berührung zum Aufleuchten gebracht. Die Umwelt wurde durch den erwärmenden Glanz dieser Freundschaft verklärt. Man ging mit dankerfülltem Herzen abends zu Bett und stand mit Spannung und Neugier morgens wieder auf. Jeder gemeinsame Tag wurde ein festliches Erlebnis. Dann kamen Mißverständnisse, erst einzeln, kaum beachtet, dann häufiger und gefährlicher. Und mit den Mißverständnissen Unbehagen, eine unbestimmte Nervosität, eine Ahnung, daß sich diese Feiertage der Freundschaft erschöpft haben. Eines Tages steht der eine auf seinem neuen Weg allein und winkt den andren auf den andren Feldwegen Abschiedsgrüße zu, vielleicht mit Dank und Wehmut, vielleicht ernüchtert. Und fortan wandern sie wieder getrennt. Manchmal glüht noch die Erinnerung an eine frohe Stunde oder an einen gemeinsam erlebten und durch Freundschaft geweihten Schmerz vorübergehend auf, wie etwa ein fernes Bergschloß in bengalischem Lichte aufblitzt. Aber der Glanz ist nicht natürlich und nicht von Dauer. Er erlischt. Nacht und Wolken rollen wieder darüber. Das Unvergängliche jener Tage haben wir in uns, nicht hinter uns. Weiter! Unsere irdischen Beziehungen haben sich überlebt. Wir sind auseinandergewachsen ... Der Einsiedler und sein Volk Zwei Worte bergen tiefstes Glück: Werk und liebendes Weib. In beiden glüht schöpferische Liebe. Gesenkte Wimpern ... Eine Jungfrau, die mit gesenkten Wimpern in sich hineinlächelnd an einen geliebten Menschen denkt; eine Frau, die treue Gedanken still und stetig in ihre Stickerei hineinarbeitet; eine Mutter, die auf ihr trinkendes Kind hinabschaut: – es ist die gleiche Innerlichkeit. Bei allen Dreien ergreift uns diese Kraft gesammelter Liebe , die sich in ein Gedenken, in eine Stickerei, in ein Kind hinauswirkt. Gesenkte Wimpern eines liebend reinen weiblichen Menschen ... Wieviel Holdes hinter diesen halbgeschlossenen Fensterläden! Meister der Menschheit Was kettet die Gatten aneinander? Gemeinsames Erleben; seelisches Verständnis. Aber der Körper? Ach Gott, auch der lieblichste Körper, der je diesem Planeten entwuchs, wird durch Gewöhnung langweilig; Formenschönheit birgt kein Dauerglück. Nichts bleibt von allen Formen der Erde, als die Innenwelt der Pflicht, die Welt des Gedankens, die Lichtwelt des »Reiches Gottes«. Diesem Urgrunde aller Dinge, dieser ewigen Heimat entgegen zu pilgern, ist das einzige Glück hienieden. Alles Vergängliche läßt den phantasievollen Menschen, der sofort die letzten Folgen und das Ende aller Folgen in blitzschnellem Gedankenfluge durcheilt, nicht zur Ruhe kommen. Nur die wäre das Weib meiner Seele, die mit mir lebte und liebte in dieser Lichtwelt, so daß wir beide Hand in Hand emporwanderten, dasselbe Ziel vor den leuchtenden Augen, von Zeit zu Zeit den Kopf an die warme Brust des anderen schmiegend, von Zeit zu Zeit rastend auf einer sonntagsstillen Lichtung, Mund an Mund, überflutet von dem duftigen Haar meiner lebendigen Waldfrau ... Wasgaufahrten Die Gemütsmacht der Frau – die vergessene Königin unserer Zeit Auch unsere Frauenwelt hat heute nicht die nötige Strahlenkraft einer reich entwickelten Elektrizität des Innenlebens, auch sie durchbrechen und bezwingen nicht die Ätherschwingungen unseres vernüchternden Zeitgeistes! Auch die Frauen leiden unter Zersetzung und Vernüchterung, ja, treten teilweise gerade hinein in Wettbewerb mit den hastenden Männern und vernichten so selber ihre beste Eigenart und Eigenkraft: die Kräfte mild-innigen Gemütes! Im »Türmer« , III. Jahrgang   Nicht verachten, sondern lieben! Dies laßt eure Losung sein draußen in einer Welt, die unter Haß und Ängsten leidet! Und wo man eure Hilfe nicht will – unbitter vorübergehen! Oberlin   Wir müssen wieder, in durchaus edler Natürlichkeit und ohne Sektiererei, stille Kreise von Gralsuchern formen, in denen die heilige Flamme genährt und schonend durch den Sturm der Zeit getragen wird. Das ist gar keine behagliche Arbeit; das verlangt vielmehr gesammelte Kraft. Und es verlangt stete Selbsterziehung. Aber es ist zugleich sehr beglückend, an einem heilig gehüteten Seelenfeuer Herz und Hände wärmen zu dürfen. Und es ist eine Ehre: denn es ist priesterliche Tätigkeit. Besonders eignet sich dieses Wirken für das weibliche Gemüt. Waren es nicht immer Priesterinnen, die in den Tempeln des Altertums das heilige Feuer hüten durften? In ihren feinsten Herzenstiefen müßte sich jedes Mädchen, jede Frau dieses Kreises als Priesterin der Edelmenschlichkeit empfinden. Am Pfingstfeuer reiner Liebe hat sie ihre Seelenflamme entzündet. Wenn sie beglücken, wenn sie wärmen und leuchten darf, sich selber ausstrahlend, wandelt sie als lebendige Priesterin durch die kalte Welt der Gegenwart. Von selber sammeln sich dann in ihrem Lichtbezirke suchende Seelen. Und sie finden miteinander von selber die Formen, wie sie sich zu einer kleinen Lebensgemeinschaft gestalten wollen. Neuland   Das Christentum ist weder natur- noch frauenfeindlich. Unter den ersten Jüngern waren Frauen; im Idyll von Bethanien, am Kreuz, am Ostermorgen waren mitfühlende Frauen in das Drama verflochten. In der Apostelgeschichte desgleichen. Das berühmte dreizehnte Kapitel des ersten Korintherbriefes handelt allerdings nicht von der modernen freien Liebe, sondern von einer heroischen, unsentimentalen und unlüsternen Liebe zur Menschheit. So gingen die Christen als eine Gruppe der Gesunden und Stolzen durch die Fäulnis der Mittelmeerkultur. Neue Ideale   Mutter, ich will doppelt so gut zu allen Menschen sein als bisher, will unaussprechlich gut sein! Wir Frauen haben gar edel Handwerk in so wüsten Zeitläuften. Nicht auch noch hassen oder übelnehmen, sondern beten, stark und innig, für alle, so wir liebhaben! Worte der Elisabeth aus dem Schauspiel »Luther auf der Wartburg« Nicht zu Gesellschaft! Brief an eine Dame Meine gnädigste Frau, meine gütigste Fee! Klingt's nicht, als ob's eine Bitte sei? Soll aber nur – ich bin so frei – Auf Ihre Einladung zum Tee Ein ganz bescheidenes Körbchen sein. Ein Körbchen – aber kaum zu sehn! Von spielenden Blättern und blühenden Schlehn Tu' ich so viel Gerank hinein Und hülle manierlich, Zärtlich und zierlich Gar noch den Henkel in Blumen und Kraut – Daß gar kein Mensch das Körbchen schaut! ... Nämlich: ich habe Sie herzlich gern, Sie und den gütigen Eheherrn, Die strahlenden Lockenköpfchen auch, Herzlich gern – doch der sinnige Brauch, Daß sich unsterbliche Seelen setzen Mund vor Mund und den Magen letzen Und sich mit Anmut, Mann und Frau, Unterhalten mit viel Gekau Und viel Geschluck von Tee und Wein – – – Freundin: Nein! Sie schreiben zwar, ich sei »so allein«, Ich müßt' »ein bißchen gesellig« sein – »Allein«? Wer sagt das? Ich »allein«?! Schon summt es dahinten und wispert heran, Umhaucht, umflügelt den Schreibersmann – Schatten und Schemen, die sich entfalten Aus wogendem Rauch zu klaren Gestalten, Seltsam gewandet, reich und arm Und groß und klein – Köstlicher, warmlebendiger Schwarm! Das staut und beeilt sich, Drängt sich und keilt sich, Schauen erstaunt in Ihr Briefchen hinein Und lösen sich wieder und werden nicht matt Zu fragen, wer das geschrieben hat, Wer – so – was – schreibt: ich sei allein!? Verriet' ich es Gottfried, Johannes und Till Und andern Gesellen – so würd' es bei mir Ein banges Weilchen freilich still: Die Schar wär' plötzlich nimmer hier! Aber wo anders! O gnädige Frau, Verriegeln Sie Pforten und Pförtchen genau: Ein Dutzend Geister, eingebannt Vordem wie surrende Flügler und Bienen In meine Stube – kommt nun zu Ihnen! Schwirren und huschen mit Spuk und Gekrach Ins allerfriedlichste Rosengemach Und hauchen in Ihre Träume hinein: »Er allein – allein – allein?!« Eine Wolfsschluchtmusik, eine Zornmelodie, Die Ampel erlischt – da erwachen Sie, Und noch ins Wachen graust hinein Der Geisterkanon: »Er allein?!« Drum bitt' ich dringend, herzgütige Fee, Nicht zu Gesellschaft und nicht zu Tee! Doch darf ich morgen in Park und Au Spazierengehn mit der Freundin und Frau Und ihren scherzenden Dichter umherzenden, Leuchtenden, springenden, Dreitönig singenden, Blauäugig lieblichen Kinderlein – So will ich in Demut dankbar sein. Lebensfrucht Die vergessene Königin Da setzte sie sich an sein Bett und sagte: »Ich bin dir nachgefolgt sieben Jahre, bin bei Sonne und Mond und bei den vier Winden gewesen und habe nach dir gefragt und habe dir geholfen gegen den Lindwurm. Willst du mich denn ganz vergessen?« Der Königssohn aber schlief ... Grimms Märchen   Wäre Weimar ohne seine Frauen denkbar? Wo wäre dichterische Großtat geschehen ohne die erregende Einwirkung der Frau? Und wie vergessen ist heute die Königsmacht edlen Frauentums! Nicht nur Dichter, Künstler, Erzieher und dergleichen – nein, jede Mutter und Hausfrau in ihrem kleinen Bezirk, jeder tätige Mann in seinem größeren Umkreis, wenn seine innere Flamme hell ist, muß ein erobernder Feldherr sein, ausgesandt vom ewigen Licht, ein Stückchen oder ein Stück Finsternis heimzuerobern der Helligkeit des reinen Geistes. Darf ich an ein dichterisch Goethewort erinnern? »Licht, wie es mit der Finsternis Farbe wirkt, ist ein schönes Symbol der Seele, welche mit der Materie den Körper bildend belebt. So wie der Purpurglanz der Abendwolke schwindet und das Grau des Stoffes zurückbleibt, so ist das Sterben des Menschen. Es ist ein Entweichen, ein Erblassen des Seelenlichts, das aus dem Stoffe weicht« (Gespräch mit Riemer, 1808). Es gibt zwei verschiedene Arten für dichterische Naturen, zur Weiblichkeit ein Verhältnis zu finden – und nicht nur für dichterische Naturen, für den wachsenden, lebenstiefen Mann überhaupt. Die erste Art ist das diesseitige Zugreifen, Begehren, Besitzen. Sie ist im Haushalt der Natur eine unvergleichliche Kraft; sie weckt in ihrem Gefolge eine Fülle von anderen Kräften, ein Gewoge von Sturm und Stille, von Mutterliebe und Vatersorge, von Austausch vielfältigster Lebensbetätigung. Wieviel fröhliche und traurige Lieder haben die Minne besungen! Aber auf einer gewissen Lebensstufe, wo der bejahende Wille zum gewöhnlichen Leben abnimmt, wo der vordem naiv in die Welt ziehende und hie und da zugreifende Jüngling stutzt, Enttäuschungen erlebt und endlich zum Nachdenken kommt wie ein Junge, dem öfters auf die begehrlichen Finger geklopft worden – beginnt nach etlicher Tiefstimmung ganz sachte eine feinere Form von Liebe zu reifen. Die Art, wie jetzt der Dichter überhaupt in die Umwelt schaut, ist eine neue vergeistigte, verinnerlichte Widerspiegelung. Goethe hat das in »Iphigenie« und »Tasso« zart und klar geprägt, unter der führenden Hand der Frau von Stein. Sie war es, die ihn aus dem ersten Lebensalter, das ich oben kennzeichnete, hinüberführte in eine höhere Vollendung. »Seit ich in deiner Liebe ein Ruhen und Bleiben habe, ist mir die Welt so klar, so lieb.« – »Durch dich habe ich einen Maßstab für alle Frauen, ja für alle Menschen, durch deine Liebe einen Maßstab für alles Schicksal. Nicht daß sie mir die übrige Welt verdunkelt, sie macht mir vielmehr die übrige Welt klar; ich sehe recht deutlich, wie die Menschen sind, was sie sinnen, wünschen, treiben und genießen.« – »Ja, liebe Lotte, es wird mir erst deutlich, wie du meine eigne Hälfte bist und bleibst. Ich bin kein einzelnes selbständiges Wesen, alle meine Schwächen habe ich an dich angelehnt, meine weichen Seiten durch dich beschützt, meine Lücken durch dich ausgefüllt.« Wie Dante durch Beatricens verklärenden Geist, so wurde Goethe durch diese verklärt aufgefaßte Frauengestalt in eine reifere Sphäre des Menschtums hinübergeleitet. Im Keime lag das natürlich in ihm: es bedurfte bloß des elektrischen Sonnenstrahls von ihr, und sein belebtes Inneres begann zu sprießen. Ein formenfröhlicher Künstler und empfänglicher Dichter blieb er nach wie vor, aber das geistige und das vergeistigende Auge in ihm war nun feinsichtiger geworden, und nicht nur sein Auge: seine ganze Natur, sein Stil, seine Lebensführung. So mild und weit betrachte man die Wirkung des Weiblichen auf höhere Dichternaturen. Wie kleinlich hat man da oft über Goethe gesprochen! Man spricht von leichtfertigen »Liebesaffären«, von zerstörtem Lebensglück und dergleichen. Mit Recht wies kürzlich eine Frau diese Verkleinerer zurecht: »Versucht man, den Meister gegen solche Verdächtigungen in Schutz zu nehmen, so werden einem die Namen all der holden Wesen aufgezählt, deren Lebensglück er zerstört hat. Wenn man auch noch so wenig aus der Literaturstunde behalten hat: die elfenzarte Friederike, die neckische Lili, die liebliche, hausmütterliche Lotte vergißt man nicht. Wir glauben sie so gut zu kennen, diese liebenswürdigen Wesen. Und der sie uns so zart und anmutig schildert, der soll ein kalter Egoist gewesen sein? Ich meine, wir kennen sie nicht ganz: nur ihre verklärten Abbilder. Alle störenden Züge, alles Kleinliche, Unedle hat er weggelassen, der Große. Wir aber begeistern uns für die feinen Pastellbildchen, die er uns gezeichnet hat, der Meister; und zum Dank nehmen wir für das Bild Partei gegen den Schöpfer.« Verklärte Abbilder – darin liegt's. Er wollte nicht ihren bürgerlichen Namen, nicht ihr Vermögen, nicht ihre körperliche Erscheinung festhalten: ihm war von überragendem Wert die seelische Wirkung, das Abbild. Das bewahrte er nach dem Ungestüm des ersten Zugreifen-Wollens in liebendem, leidendem Herzen und gab es dann, von allen Schlacken geläutert, wunderbar vergoldet der Welt wieder. Kann ein Dichter in feinerer Weise seinen Dank aussprechen?   Man muß einen reichen Sommer über immer wieder Einschau halten in die viele ungekünstelte Herzlichkeit und das viele seelenstarke Sorgentragen im deutschen Hause, um ganz zu empfinden, welches Bohèmientum und welche Boudoirluft über Europa hin als moderne Errungenschaft Bücher und Bühnen besetzt hält. Wie wir dem Reichskörper eine Reichsseele zu schaffen haben, so wird es zu unseren edelsten Arbeiten gehören, die Achtung vor dem wahrhaft Weiblichen und den Wert des wahrhaft Weiblichen als gut-altes Erbteil ehrfurchtsvoll und tapfer wieder auf den Thron zu stellen. Wir sind in den Tagen einer etwas aufgeregten Frauenbewegung. Es werden sich in der Tat manche Berufe mutigen Frauen noch erschließen lassen, – ob alle, die man heute verlangt, ist mir fraglich. Ich fürchte, selbst bei bester Eingewöhnung wird die Frau oder Jungfrau in manchem herben Beruf ihr Feinstes verlieren, ihr warmes Ich, ihre weibliche Sonderart. In Bureau- und Massenarbeit gedeiht die Kraft der Verinnerlichung nicht. Und gerade das fehlt unserem Zeitgeist. Magensorgen sind ein traurig Ding, aber Herzenssorgen und Seelenverkümmerung sind schlimmer. Und wieviel leichter ließen sich soziale Nöte tragen, überwinden und verklären dazu, wenn jene stärkste Kraft des alten Königs Midas: die Kraft des Vergoldens, reicher unter uns verbreitet wäre! Und wer soll sie verbreiten, wenn nicht die Verkörperung des Liebesgedankens, die gemütsstarke Frau? Die Frau – und der Dichter, der Erzieher der Erwachsenen. Das Wort, der Sänger solle mit dem König gehen, da sie beide auf der Menschheit Höhen stehen, bedarf einer zarten Ergänzung. Gewiß sei der Poet ein Held und König; aber der wahre Held sei auch gütig. Wahre Größe ist gütig, wahre Ritterlichkeit ist gütig. Wenn ich stark bin, darf ich aus meinem Überfluß spenden und verschenken. Und das Köstliche beim Austeilen von Liebe und Güte ist es ja, daß der Geber davon nur immer reicher wird. Der Dichter muß nicht minder mit edlem Frauentum und anregendem Mädchen- und Kindersinn Hand in Hand gehen. Edles Frauentum, das über Triebe und Beschwernisse derart zu siegen wußte, daß die Seele nur immer reicher und stärker aus Kämpfen sich ein Lichtgewand wob, ist eine Volkskraft, ist ein volkswirtschaftlicher Gewinn für den ganzen Umkreis. Es kommt aus ihrem warmen Hauch und aus ihren zarten Händen ein magnetischer Strom von Wohltun und Beruhigung. Das Evangelium nennt die Liebe das Höchste; wir dürfen das nicht so eng fassen, als wäre nur eine farblose Liebe zu »Gott« oder »Kirche« gemeint. Bist du im Gesamtzustande liebevollen und hoheitvollen Verklärens deiner kleineren oder größeren Welt, so spiegelt sich das in allem wieder, im Schmücken und Ordnen deines Heims, wie in deinem Schaffen für Staat, Volk und Zeitgeist. So sehr auch entartete Liebe sich verhäßlichen, ja verteufeln kann, so wahrhaft über alle Vernunft hinaus kann Liebe steigen. Aber andererseits – und das ist eine Art Trost – steht selbst entartete Liebe, sofern sie Leidenschaft ist, dem Himmelreich hohen Menschentums immer noch näher als dürre und erstorbene Alltäglichkeit. Wahre Leidenschaft verbrennt sich rasch; der treibende Wille dahinter aber, wenn er nicht ganz von Dämonen zerrüttet ist, kann sich ebenso stürmisch auf edle Dinge werfen, wie wir das an manchem Augustinus erlebt haben, der erst nach unrein wilder Jugend seine Kräfte sammelte auf den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht. Christus hat nicht umsonst das tiefe und weite Wort gesprochen: »Ihr ist viel vergeben, denn sie hat viel geliebt.« Wo Liebe ist, da ist Wachstum möglich; wo gar keine Liebe und gar kein Wille mehr treibt und glimmt – da freilich ist der Tod. Liebt unsere Zeit mächtig genug? Kaum. Sie ist lüstern, sie ist erotisch, sie krankt an Entartungen; auch ist sie gelegentlich sentimental, zweifelnd, spöttelnd. Aber zur echten Lyrik und zur echten Tragik gehören echte Liebe und echte Leidenschaft. Mag die Liebe sündigen, sie wird ihre Wildheit büßen – aber sie sei gesegnet, wenn sie mit Kämpfen des Willens und des Gewissens verbunden bleibt, wenn sie stolz bleibt, wenn sie noch weinen und beten kann! Wenn jemals, so bedürfen wir heute der Mithilfe echten Frauentums. Es müßte wie ein Abendrot Herzensgüte ausgeschüttet werden in die graue Luft eines freudlosen Zeitgeistes; es müßte wie ein Abendglöckchen reines Herzenslachen diese schwere Luft wieder in Schwingungen versetzen. Dann wäre auch für die schwerste Frage, für die wirtschaftliche Frage, eine bessere Gesamtstimmung geschaffen: wir würden uns freundlicher und bereitwilliger zu verstehen suchen. Als in den Tagen der Königin Luise Deutschland in Not war, da gab manch eine Frau »Gold für Eisen«. Deutschlands Kultur ist in Not wie damals: heute gilt es, das Gold der Gemütskraft hinauszugeben für das Eisen der Zeit, das sich unter euren Händen wieder in Gold verwandeln wird.   Nietzsche und Schopenhauer haben herb und ätzend über Frauen gesprochen. Beide waren Bewunderer Goethes. Sie sind hierin diesem Frauenkenner und Frauenschilderer mit seinem seherischen Tiefblick nicht nachgefolgt. Es ist mit der Stellung zu den Frauen ähnlich wie mit der Stellung zu Pflanzen und zur Natur überhaupt. Jene beiden Denker fanden auch zur Natur kein unmittelbares Verhältnis; ihre Sinne waren zu sehr, wie einmal F.A. Lange allgemein sagt, »Abstraktionsapparate«. Dem mehr denkenden als schauenden Schiller erging es, obwohl in ganz anderem Sinne, ähnlich. Er hat uns in seinen Dichtungen zu geistige und einseitige Frauen geschildert, während der naturnahe, sinnenschärfere Shakespeare hierin Meister war. Aber Schillers tieflauteres ethisches Gemüt sprach allezeit hoch und würdig von der Frau, so etwa wie Goethe im gereiften »Tasso«, wo im zweiten Aufzug die bekannte schöne Umschreibung des »Erlaubt ist, was sich ziemt« unserer herzlichen Zustimmung sicher ist. »Willst du genau erfahren, was sich ziemt, So frage nur bei edlen Frauen an, Denn ihnen ist am meisten dran gelegen, Daß alles wohl sich zieme, was geschieht. Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht. Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie, Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts. Und wirst du die Geschlechter beide fragen, Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.« Die Stellung zur Frau ist ein Gradmesser der Ungetrübtheit unseres Seelenspiegels. Ist seine Fläche oder Wölbung blank und glatt, so fällt auch das Weltbild samt Sternen und Bergen, Blumen und Frauen mit so zarten Konturen hinein, wie eine Landschaft in einen ruhigen Teich. Magst du üble Erfahrungen mit mancher garstigen, kränklich-verstimmten oder unedlen Frau gemacht haben – die Gesamtheit deines Urteils darf das nicht beeinflussen. Wir wollen noch eins nicht vergessen: der Körper der Frau ist im Entwicklungsplan der Erde stärker in Anspruch genommen als der leichter schreitende Mann. Viel Frauenlaune gilt es hieraus zu verstehen. Wenn sich mancher Jüngling sachlich und nüchtern klarlegte, daß das Weib, also auch seine Mutter, unter Lebensgefahr und zahllosen Schmerzen und Sorgen die Erhaltung des Menschengeschlechts im Gange hält, er würde ernster und minder lüstern über Frauen sprechen oder an ihnen handeln.   Und wenn mich nun eine Frau fragen würde: Gewiß, wir wollen ja mitarbeiten, aber wo ist unser Feld? – so stehe ich nicht an, weitherzig zu antworten: Wo immer ihr es euch schafft. Solange nur euer Gemüt und eure Weiblichkeit nicht nur »nicht Not leiden« – denn das wäre schon ein Stillestehn und also Rückgang –, sondern sich recht betätigen als Ergänzung des männlichen Kampfes, da gilt das tapfere Wort: »Alles ist euer!« Jede hat irgendwie einen Kreis, den sie ausbauen kann – sie fange mit sich selber an! Sie sei selber in wirrer Zeit eine harmonische Erscheinung für die drei oder vier Menschen ihres Umkreises! Hier ist freilich der Mann besser dran: er hat mehr Einsiedlerkraft. Die Frau bedarf des Austausches, des Empfangens und Gebens meist mehr als der Mann. Dafür hat sie um so mehr Kräfte der Geduld, wenn sie zuletzt entsagen muß. Freilich sind auch hier große Wertunterschiede zwischen den einzelnen Frauen. Wie manche Weiblichkeit muß auf kümmerlichem Erdreich vorzeitig verblühen – wie eine Pflanze um uns her, in deren Gesetze wir erbarmungslos nach unübersehbarem Weltplan eingebaut sind. Sie alle, diese verkümmerten Pflanzen, möchte man trösten, in alle Fernen hin und nach tausend Seiten zugleich, wenn man dessen die Macht hätte. Aber dies Frauenleid ist nur eine der Formen, unter denen das vielfältige Leid der Erde auftritt; unsere Leiden sind wieder anderer Art. Es geht ein Ruf durch diese Zeit, noch von wenigen gehört und von ganz wenigen klar gedeutet. Ein Ruf, der aus tiefen Wäldern kommt, wie eine Bitte um Erlösung. Horchet auf, zieht aus in den Dornröschen- und Schneewittchenwald und sucht die vergessene Königin wieder: die Gemütsmacht der Frau, die Seele der Menschheit! Wenn wir wieder gesegnet sind von ihren königlichen Kräften, so wird sich das wie ein Wetterumschwung auf alles und alle durchdringend verbreiten, bis in den kleinsten Haushalt hinein. Wie nach langem, drückendem Regen die Morgenluft eines wiederum einziehenden Sommertages so beherrschend wirkt, daß uns seine Reinheit schon in aller Frühe beim Aufstehen wonnig durchströmt. Thüringer Tagebuch   Es war im Sommer 1750, als Klopstock einer Einladung seines Verehrers Bodmer an den Züricher See folgte. Die Reise begann mit einer Fahrt nach Magdeburg; der treue Gleim holte den Dichter in einem vierspännigen Wagen ab und entführte ihn zunächst in einen Magdeburger Freundeskreis. Dort drängten sich einflußreiche Männer und besonders auch Frauen um den jungen Dichter; er las aus dem »Messias« vor; er wurde nach den damals noch geltenden freieren und herzlichen Sitten mit Küssen belohnt und sah manche dankbare Träne in den Augen seiner ergriffenen Zuhörerinnen. Vor Rührung vermochte er selber die berühmte Ode an seine geliebte Fanny nicht vorzulesen; Gleim las sie endlich, und der junge Liebende verbarg sich derweil hinter den Reifröcken und Sonnenschirmen. Man fragte, wer »Fanny« sei, man wollte Genaueres über die Beglückte wissen, die aus einem einfachen Fräulein Schmidt zu einer unsterblichen Literaturgestalt geworden war. Der kleine Klopstock strömte über von dem Lobe der stattlichen Geliebten, die gegen ihren dichtenden Vetter bekanntlich kühl blieb. Und so voll war nachher des Jünglings Herz, daß er keinen Schlaf fand: er ging im mondscheinhellen Garten noch lange umher und dachte betend an Fanny. Betend hat er dort in Bachmanns Garten an Fanny gedacht. Er selbst erzählt uns dies alles in einem Brief an Fanny vom 10. Juli 1750. Man nannte jenen an der Elbe gelegenen Garten »die glückliche Insel«; und in der Tat auf einer glücklichen Insel bewegte sich das Denken und Dichten dieses ersten weitwirkenden, weitverehrten Sängers, den Deutschland nach langer Literaturkälte wieder lieben konnte. Sein Dichten war Gebet, Andacht, Verehrung – auch Schwärmerei und Überschwang –, auf alle Fälle aber stürmisch mitfortreißende Gemütswucht. Welche Gemütspoesie steckt da oft zwischen vielem Veralteten, z.B. im Zuruf an seine Freundin: »Wo bist du, Freundin?« Dich sucht, Beste, mein einsames, Mein fühlend Herz, in dunkler Zukunft, Durch Labyrinthe der Nacht hin sucht's dich! Beachten wir den metrischen Schwung dieser antiken Strophe: »Durch Labyrinthe der Nacht hin sucht's dich!« Diese Gemütswärme ist für die ganze Epoche bezeichnend. Noch der greise Goethe wird von der Liebe zu Ulrike von Levetzow so ergriffen, daß er krank wird und jene wehmutvolle »Trilogie der Leidenschaft« (1823) schreibt, in der eine schöne Strophe abermals dem weit vorausgegangenen jungen Klopstock die Hand reicht: In unsres Busens Reine wogt ein Streben, Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben, Enträtselnd sich den ewig Ungenannten: Wir heißen's fromm sein. Solcher sel'gen Höhe Fühl' ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe. Betend denkt dort der Jüngling an Fanny; fromm wird hier der Greis vor Ulrike. Gemütserhöhung dort und hier! Nicht anders hält es Schiller in seinen Briefen und Dichtungen, sobald sich – wie dort bei den Schwestern Lengefeld, wie schon den Damen Wolzogen gegenüber – seines Wesens die Liebe bemächtigt. Aus unreinem Chaos strebt er empor in das »Ehret die Frauen! Sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben!« In all seinem Schaffen bemerken wir den Zug, soweit es sich eben mit der dramatischen Charakteristik vereinigen läßt, edel von der Frau und würdig vom Manne sprechen. Nicht um das Weltbild zu fälschen, gestalten jene Dichter in solcher Form, sondern weil sich ihnen vermöge ihrer Geistesstruktur gerade so und nicht anders das Weltbild und die Weiblichkeit darstellen. Was du auch gibst, stets gibst du dich ganz, du bist ewig nur eines: Auch dein zartester Laut ist dein harmonisches Selbst. Es ist eine Fortsetzung der Tonart, in der ein Walther von der Vogelweide vom Frauentum gesprochen hat. »Süß und geblümet sind die reinen Frauen!« Und welcher Realist will denn sagen, daß etwa »die Frauen« nicht so seien. Etwas Adliges in der Frau wirkt so auf den adligen Mann; an dieses Etwas knüpft der Sänger an, sobald sie in seinen liebenden Bereich tritt. Und so ist für diesen Blick Demoiselle Brion nicht irgendein vergänglich Pfarrerstöchterlein, sondern eine unsterbliche Seele, geformt in einen anmutigen Menschenleib, einem anderen Unsterblichen begegnend auf der kurzen Fahrt über diesen Planeten. In ihm leuchtet Poesie auf bei dieser Begegnung; er dankt ihr, indem er ihre Gestalt verklärt und in die immergrünen Haine der Dichtung einführt. So wirkte Beatrice auf Dante; so Laura auf Petrarka; so Heloise auf Abälard. Aus jener geheimnisvollen Leuchtkraft in uns trifft ein Strahl auf die vorüberwandelnde Gestalt – und plötzlich, vermöge dieser neuen Beleuchtung und Sehweise, befinden wir uns in Poesieland und sind der Materie entrückt. Wichtige Begegnungen dieser Art, nicht nur zwischen Mann und Weib, sind wie ein elektrisches Aufblitzen; der Berührte schaut für einen Augenblick Unendlichkeit in diesem Blitzlicht und wird entzückt und geblendet. Der Dichter aber hält vermöge einer besonderen Magie das Erschaute fest. Besonders Goethe ist von weiblicher Anregung lebenslang begleitet worden. Noch Fausts Unsterbliches wird von »liebenden Flammen« emporgetragen. Das so erfaßte Weibliche zieht nicht in den Schlamm hinab, sondern ins Licht »hinan«. Selbstverständlich fehlt es bei diesen phantasievoll-sinnenfrischen Naturen nicht an »Miseleien«, Liebschaften und Leidenschaften, an Wirbeln der Sinnlichkeit, an Tändelei und Leichtsinn; aber es stand über diesem notwendigen Chaos holder und gefährlicher Erdkräfte dennoch die übersinnliche Kraft und gab letzten Endes den Ausschlag. Denn diese Männer waren keine Feministen und Sexualisten; und so schlug ihr kräftiger Geist Feuer aus dem weiblichen Gestein; das so geweckte Weibliche wirkte wieder auf den Mann zurück; und beide Polaritäten trieben sich in der Entwicklung höher hinan. »Der Mann sei mannlich, so wird die Frau fraulich sein«, hat der alte Jahn gerufen. Wie also Goethe dankbar und ritterlich bekennt: »Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan«, könnte eine echte Frau ebenso dankbar antworten: »Das Ewig-Männliche zieht uns hinan.« Denn im wohltätigen Wechselspiel der Kräfte besteht eben das Geheimnis. Neue Ideale Leben - Brief an eine Frau Die Wolken wollen den Mond verdunkeln: er rächt sich, indem er sie versilbert. Hebbel Meine verehrte gnädige Frau! Es wird mir ein künstlerischer Genuß sein, eine schwere Frage allmenschlicher Art fast kinderleicht zu gestalten, indem ich mich nach den rechten herzlichen Worten dafür umsehe. Ich will so klar und warm Worte über Sie ausschütten, als ständen die Akazien da draußen bereits in Blüten, als schüttelte der Wind die weißen Zierate in Fülle auf Sie nieder. Sie sollen gar nicht merken, wie diese einfache Plauderei Sie und mich an den letzten Lebensquell führen wird. Ich habe mir einen lichten Sonntag dazu ausgesucht. Heut ist auf allen Hügeln und in allen Tälern unseres lenzlichen Deutschlands Feiertag. Aber ganz besonders auf den Hügeln. Denn die Hügelungen dieser Erde recken sich wie Jubel oder Seufzer, wie Gebet und Sehnsucht von dieser fliegenden Scholle empor; sie sind wie erhobene Arme, die empor und hinausgreifen ins vollere Licht. Auf den lichtnäheren Hügeln bauten die Menschen, als noch Poesie und Religion in ihnen wirksam war, ihre Sonnentempel und Gotteskirchen. Aus den Glockentürmen dieser Kirchen rauchen heute noch, wie ein Duft aus Blumenstengeln, Wohlklang und metallene Akkorde hinaus und hinan ins große Weltall und hinab in die Wohnstätten der kleinen Menschen. An Sonntagen ist die Lufthülle der Erde stiller als sonst oder doch melodischer als sonst. Die Werktagsgeräusche sind verstummt, und statt ihrer schwingt die Luft in den Schallwellen vieler Glocken und Gesänge. Ich habe mir diesen mild-melodischen Sonntag ausgesucht, verehrte Freundin, um in diesem sehr auf das Gefühl gestellten Briefe mit Ihnen zu plaudern.   Kürzlich las ich eine gehaltvolle Schrift, die Sie freilich, verehrte Frau, nicht zur Hand nehmen werden, da sie zu viel Beschäftigung mit den behandelten Gegenständen voraussetzt. Ein Naturforscher macht darin seinen Sorgen Luft (Raoul Francé: Der Wert der Wissenschaft; Dresden, Verlag von Reißner), und zwar Sorgen so tiefer Art, daß sie an den Lebensnerv gehen. Dieser Mann gehörte zu jenen zahllosen Schwärmern der Gegenwart, die auf dem Wege der exakten Wissenschaft das Lebensrätsel schlechthin lösen möchten. Endlich aber war er der Tretmühle müde. Er klagt bitter über die »tiefen und häßlichen Spuren dieser Eilfertigkeit«, über die »unglaubliche Leichtfertigkeit, mit der man heute an die Enträtselung des Daseienden geht«, über den »enormen Wust wirklich unnützen Wissens«, über die »neue Religion, die aus der Naturwissenschaft geschöpft ist, nämlich den Materialismus, der, durch etwas Spinozismus vertieft, Monismus genannt wird« – er bringt seine Klagen geistvoll und in bedeutender Sprache vor. Und mit einem starren und energischen Hinweis auf Goethe schließt er sein Idealbild eines Gelehrten ab. An Goethe verehrt er »das ins Große gesteigerte und auf die Wissenschaft angewendete Künstlertum «. Meine verehrte Freundin, was mag diesen Forscher derart irre gemacht haben an dem heutigen Betrieb seiner nützlichen und angenehmen Wissenschaft? Verdanken wir nicht der Spezialforschung des verflossenen Jahrhunderts ganz erstaunlich viele Errungenschaften? Angefangen von der entdeckten und eingefangenen Kraft des Dampfes bis zu den neuesten Entdeckungen auf dem Gebiete der Elektrizität, von den Bazillen bis zu den Röntgenstrahlen, von der Tiefseeforschung bis zu den Polarfahrten, von der Vervollkommnung der kleinen Apparate und Werkzeuge im Haushalte bis zu den furchtbarsten modernen Festungs- und Marinegeschützen: – hat da die moderne Wissenschaft nicht Triumph über Triumph gefeiert? Haben wir nicht auf dem Gebiete der Rassenkunde, der Seelen- und Nervenvorgänge, der vergleichenden Sprachforschung, der Bibelkritik, der Vererbung und Zuchtwahl und Anpassung usw. merkwürdige Einzelheiten herausgefunden? Wollen wir nun an alledem einfach irre werden und verzweifelt ins »Künstlertum« flüchten? Ist diese Wissenschaftsflucht nicht eine Art Weltflucht, vergleichbar der Tagesflucht der allen Mönche, die aus dem unerträglichen Staatsgefüge des römischen Epigonenreiches in die ägyptische Wüste flohen und nur mit den Sternen der Nacht und dem Heiland am schlichten Holzkreuz und dem Gott in ihrer vereinfachten Seele Zwiesprach hielten? Der Philosoph Nietzsche hat an diesem Zwiespalt zwischen künstlerischer und wissenschaftlicher Weltbetrachtung schwer gelitten; er ist vielleicht hieran zugrunde gegangen. Denn sehen Sie, liebe Frau, den richtigen Wissenschaftler, der mit seinem Gelehrtentum bis ins einzelste hinein blutigen Ernst macht, verfolgt seine zergliedernde Art des Schauens und Schlüsseziehens wie ein Gespenst. Auf diesem Wege liegt Verknöcherung oder Wahnsinn. Und dieser wissenschaftliche Wahnsinn hat nun in der Tat in unsere Literatur und unser Geistesleben Einzug gehalten, und wir müssen daraus flüchten in eine andere Schauensart hinein. »Aber wieso denn?« fragen Sie im ersten Augenblick erstaunt. »Zwar haben Sie schon immer den Wert eines hohen Menschentums als Grundlage von aller Kunst und Kultur in Ihren Aufsätzen und Werken hervorgehoben; aber, lieber Freund, es gibt doch gewiß auch unter den Gelehrten viele sehr nette Leute, ich kenne reizende Menschen, die im übrigen in einem ganz einseitigen Berufe aufgehen. Und eine Art Literat – sind ja Sie selber?!« Ganz recht! Es kommt auf den äußeren Beruf als solchen nicht viel an. Man kann als Bauer wie als General, als Theologe wie als Gelehrter ein wertvoller Mensch, ein Edelmensch sein. Hier handelt es sich aber um die Gesamtstimmung einer Zeit, um die Windrichtung einer ganzen Epoche; und der Wind unseres Zeitgeistes weht vom einheitlichen Menschentum und vom durchgöttlichten Menschentum hinweg in die verwirrende Fülle nüchtern erfaßter Erscheinungen hinein. Ich werde Ihnen sofort in Worte fassen, daß ich dem gegenüber beherrschendes » Lebensgefühl « und edel entfaltetes » Menschentum « verlange, und was ich darunter verstehe. Nicht das Hirn, sondern das Herz denkt den größten Gedanken, wie sich Jean Paul im »Hesperus« einmal ausdrückt. Unser Herz aber oder unsere Seele oder der Kern unserer Persönlichkeit ist ein Funke aus dem Lebenslichtmeer Gottes. Wenn das Herz durch die Ausstrahlungen verwandter Herzensmenschen und großer Persönlichkeiten zitternd erweckt ist und aufblüht, wie eine Pflanze unter Sonnenkuß, ganz instinktiv, durch Lebensberührung und erst in zweiter Linie durch Studium: so ist diese neue, das ganze Wesen durchdringende Liebe von nun ab Richtschnur unseres Handelns. Dies ist kein Widerspruch zu jenem Nachdenken und Studium, das wir inzwischen vom Gehirn aus betrieben haben; nein, dies ist vielmehr die ganz unerläßliche und notwendige Ergänzung , ohne die jene Wissenshaufen tote Masse sind. Vom Herzen eines Persönlichkeitsmenschen aus strahlt die Flamme, die unsere Umwelt erleuchtet und erwärmt, die zugleich unsere Erkenntnisse und Pflichten ordnet und sichtet. Und wenn das an sich so wohltätige, zu unserem Aufblühen ins Werk gesetzte, zu unserer Lebens-Entfaltung bestimmte Staatsgefüge und gesellschaftliche Gefüge in Mechanismus und Maschinentum erstarrt, sodaß sich der Persönlichkeits-Mensch nicht mehr entfalten kann: so ist dies die schwerste Gefahr nationalen und individuellen Lebens. Mit aller Macht müssen dann die Wenigen, denen Gott die Gnade und Kraft gab, in freier Entfaltung Lebenskräfte auszuströmen über ihre Mitgefangenen, in erster Linie die Dichter und Künstler und schöpferischen Geister, ihre Stimme erheben und den Ton des Lebens , den erquickend warmen, heimatlichen, elektrisch ansteckenden Ton durchgöttlichten Menschentums werbend hinausklingen lassen in die unmelodischen Geräusche der Staats- und Gesellschafts-Maschine. Lebensgefühl nenne ich diese hohe Gabe des Genies, des Befreiers. Dies Gefühl aber ist wie eine Art Fluidum, wie eine Art Magnetismus, wie eine stark entwickelte, leuchtende Lustkraft, die in und um einen hohen Menschen wirksam ist. Kein Dogma und kein Moralgesetz, diese notdürftigen und notwendigen Formeln, bringen solches Lebensfluidum einem Menschen bei. Vom Herzen und seinen Erlebnissen, besonders seinen Leiden und Entäuschungen, aber auch aus seiner Sehnsucht entwickelt sich diese – Substanz, möcht' ich beinahe sinnlich sagen. Es ist eine Innigkeit, eine stille und feste Kraft, die alles vergoldet, was sie anfaßt, die aber freilich ihren durch Bildung veredelten Instinkt dafür sorgen läßt, daß er eben nicht alles ohne weiteres anfaßt. Dies neue Lebensgefühl hat mit der naiven Lebensfreude, die für einen gebildeten und bewußten Kulturmenschen nicht mehr möglich ist, nur manche Erscheinungsform gemeinsam. Doch über ihrer hellsten Heiterkeit liegt etwas Gedämpftes, über ihrem tiefsten Schmerz etwas Vornehmes: in beiden Fällen ist sie dort vor Übermut, hier vor Verzweiflung bewahrt. Sie hat den Unwert des Erdenlebens voll erlebt, aber sie hat in neuem Erwachen auch den vollen Wert dieser fliegenden Scholle, auf der wir Menschen wachsen, in sich aufgenommen. Denn – und jetzt kommt die Hauptsache –: solchen Menschen ist der Sinn aufgegangen für die Unendlichkeit und die Göttlichkeit aller Schöpfung und ganz besonders der Menschenseele. Ihr tiefstes Wesen ruht in jener Fülle des schöpferischen Lichtes, das man seit Jahrhunderten Gott nennt. Alle Erfindungen und modernen Erkundungen in höchsten Ehren! aber von dort aus allein kommen wir dem »Eins ist not« nicht näher. Einfangen und formulieren in Systemen läßt sich diese Welt nie; nur erleben läßt sich ihr Geheimnis, nur vorleben und nachleben läßt sich dies letzte und tiefste Rätsel. Die großen Menschen aller Zeiten und Völker haben uns immer nur, in wechselnden Worten, dies Eine gekündet: das Wesen des Lebens , indem sie es uns ausstrahlten . Alle ihre Taten waren Ausstrahlungen, alle ihre Worte waren überfließende Tropfen voll Leuchtkraft aus dem übervollen Eimer ihres Wesens. So befreiten sie uns Grübler aus den Banden wissenschaftlicher, theologischer, ethischer oder ästhetischer Dogmen und machten uns zu wahren Gotteskindern. Und sie selber und ihr Wesen sind nicht einzufangen in ein erschöpfendes Dogma – so wenig wie die reiche Natur selber, so wenig wie das reichere Göttliche, die beide uns umleuchten und in uns weben und leben. Sehen Sie, liebe Frau, das ist es, was so ganz wunderbar herrlich aus einem lebensvollen Genie mitten in die Vernünftelei der Mittelmäßigkeit hineinsprüht! Leben ist es! Es ist eine unendlichfarbige Sonnenkraft, die im Taudiamanten ebenso funkelt wie in einer genialen Menschenseele. Und genial ist nicht nur Goethe oder Bismarck: diese Genialität steht dem Wesen nach, wenn wir Mut und Glück haben, uns allen offen , diese Genialität ist in Kindern und im Volke und in reichen Frauenherzen instinktiv lebendig. In den Fischern von Galiläa blühte sie auf, als Christus mit seinem Herzensmagnetismus sie berührte, während die Pharisäer bildungsverknöchert staunten und nicht begriffen. Dies Lebensgefühl ist Gottesgefühl, ist »ewiges Leben«, aufsprießend aus der Scholle und hineinragend ins Gotteslicht, aus der irdischen in die himmlische Heimat, »Heimatkunst« hier und dort. Es ist gewissermaßen, als ob wir Menschen elektrische Verbindungssäulen wären zwischen Himmelskraft und Planetenkraft: von oben und von unten her strömt Kraft in uns ein, stößt zusammen und erzeugt das, was wir mit Freuden nennen: eine reiche und starke Persönlichkeit . Bloßes Erdentum wäre plumper Naturalismus, bloßes Himmelstum blaß hinsiechende Ideologie: beides vereint, knisternd und funkelnd ineinander überspringend, oft einander nutzvoll bekämpfend, wobei die himmlische Kraft aber den Sieg behält: das ist volles und echtes Menschentum voll Kraft und Süße, voll Befreiungskraft für glückliche Zuschauer und alle Lebensbedürftigen dieser Gesellschaftswelt. Meine verehrte Freundin! Ihr herzensguter und seelenvoller Gatte ist seines Zeichens kluger Elektrotechniker: grüßen Sie den lieben Freund und seine wunderbare Wissenschaft dazu, von der ich noch viel Überraschungen erwarte. Kein Jota unserer vielen Entdeckungen soll aufgegeben werden, das laßt uns festhalten! Aber es gibt in uns selber , in unserem Gemüts- und Seelenleben Elektrizitäten und Dampfkräfte und Lichtwirkungen so wundersamer Art und so himmlischer Substanz, daß sie in der Tat, wie jener oben genannte Wissenschafter fordert, nur im »Laboratorium« des dichterischen, des künstlerischen und des religiösen Menschen in Wort und Werk einzufangen sind. Es gibt geheimnisvolle, sittliche Mächte und Instinkte von unwiderstehlicher Funkenkraft, es gibt unwägbare religiöse und nationale Mächte, Mächte von elementarer Lebenskraft, die heute brach liegen, die nicht in zeitgemäßen Formen entfaltet sind, Mächte der Beseelung unseres Reichskörpers und modernen Menschheitskörpers. Diese Gemütsmächte und Lebensinstinkte möcht' ich endlich wieder frei sehen, einen Bismarck der Reichsseele möcht' ich erleben, unser unausrottbar tiefes deutsches »metaphysisches Bedürfnis« möcht' ich kraftvoll in neuen Formen an der Arbeit sehen – so stark belebend, daß kein Jota unserer äußeren Errungenschaften bekrittelt und verworfen, sondern nur nach Möglichkeit umgesetzt würde in liebeverklärtes und freudeatmendes Leben ! Sie in Ihrem Umkreise, liebe deutsche Hausfrau, besitzen und betätigen diese vergoldende Kraft des Königs Midas. Grüßen Sie mir Ihre drei herzigen Elfchen! Sie alle betätigen dort mitten durch alle Wechselstimmungen des Alltags das Leitmotiv »Gut sein und glücklich machen!«, das ich meinem Lebenslied und Frühlingslied von den Schildbürgern zugrunde gelegt habe. Und jene buchwaldumwehte Luft und Liebe Ihres gesunden deutschen Hauses möcht' ich ins Große und ins ganze Reich übertragen sehen. Sie war im großen Goethe mächtig, den wir jetzt einstimmig als die bedeutendste Künstler-Persönlichkeit und Menschen-Persönlichkeit des letzten Jahrhunderts verehren. Und strahlen Sie nun in Ihrem Umkreise diese Kraft der Liebe und wahren Herzensbildung aus, so sind Sie eine Dichterin der Tat , so schaffen Sie mit an den zartesten Fäden deutscher Kultur, so küß' ich Ihnen lächelnd als einer bedeutsamen Mitarbeiterin die gütige und fleißige Hand. Denn das deutsche Haus ist ja der gegebene feste und innerste Kreis, in dem sich wertvolle Menschen entfalten können; und wenn wir vieler solcher blühenden Beete haben, wie es Ihr Haus ist, so steht es gut um unseren Garten Deutschland. Noch einmal, liebe Freundin: wir haben so bitter lange mit Seziermesser und Mikroskop die Welt betrachtet und – mörderisch zerstückelt, daß ich nun alle Mächte des Gemütes , alle Kräfte des deutschen Herzens wieder anflehen und aufrufen möchte, unser Lebensgefühl zu vertiefen und einheitlich mit der Kraft durchgöttlichter und edelmenschlicher Persönlichkeit die Welt beseelen zu helfen. Alle Mächte des Gemütes, als da sind: das deutsche Herz, das deutsche Haus, die edeldeutsche Frau, das reine Mädchen- und Kindestum, der empfindungsstolze und empfindungsstarke Mann, der begeisterungsfähige Jüngling – sie alle sollen wieder zu Worte kommen und aufbauen helfen an der noch unstarken Seele unseres Reiches! Sie sehen, meine verehrte Freundin, von Ihren holdstimmigen und sonnigen Kleinen bis hinauf zu Goethe und anderen Heroen der Weltgeschichte ist kein Riß, kein Zwiespalt. Derselbe Funke lebt in Ihren Lockenköpfchen, wie er in jenem großen Kinderfreund zur Flamme ward. Und Sie wissen, was der Heiland der Welt, der wie ein Meteor aus den Sphären auf diesen Stern kam, von den Kindern und ihrem tiefen erzieherischen Wert für uns alle gesagt hat. Dies ist es ja eben immer wieder, dieser »hohe Stil des Lebens« (Jean Paul), was der oben genannte Lebenssucher und Naturforscher will. »Mehr persönliche Seele!« ruft Ruskin, und man kann hinzufügen: mehr Menschentum, weniger Papiertum! Und wenn ich für mein Teil die Gnadengabe hätte, in dichterischen Werken das auszuleben, was ich hier unvollkommen in den Aufsatzton einspanne, so müßte mein Schaffen in Tragik und Humor, in Vers und Prosa ein einziges und einheitliches Lied des Lebens sein, von der kleinen Scholle meiner irdischen Heimat bis hinauf in die ewige Heimat. Sehen Sie, liebe Hausfrau: was der unstet suchende Knabe und Jüngling spät versteht und erst bitter erlernen muß, habe auch ich erst als Mann langsam erleben gelernt: Goethes zuerst fast spießbürgerlich anmutendes Wort von der weisen Beschränkung. Er schrieb zum Beispiel an Eckermann (1823, 14. August): «Möge ich Sie in stiller Tätigkeit antreffen, aus der denn doch zuletzt am sichersten und reinsten Weltumsicht hervorgeht.« Dies Wort wird sofort in der ganzen Weite und Schönheit, in der es gemeint ist, durch folgende Fassung an anderer Stelle in rechte Beleuchtung gesetzt: »Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.« Wie ist das tief und einfach! Wie schauen wir plötzlich, fast erschrocken, aus unserem Unendlichkeitsflug, wo wir Gott suchten, auf die nahe übersehene Sekunde und hören beschämt und erstaunt die Worte jenes lächelnd-schlichten und doch so hoheitsvollen Lebenskünders, daß das Reich Gottes in uns ist und das Gute so nahe liegt! Für den Menschen, der diese zweierlei Optik, diesen ausruhenden Naheblick und diesen fliegenden Fernblick hat, ist Humor und Tragik kein Widerspruch; und ein Idyll kann er so bedeutsam gestalten wie eine Tragödie. Es ist ja kein Tod im Weltall, liebe gnädige Frau, und nichts ist groß, nichts ist klein! Ich spekuliere wahrlich nicht gern über Unsterblichkeit und Jenseits, eben weil ich tief durchdrungen bin von einem unerschöpflichen Lebensgefühl, das man auch »Glauben« (pistis) nennen könnte. Und diesen Glauben umschrieb Luther als eine »lebendige verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade«. Und mir ist, da ich von diesem Kirchenmann und deutschen Mann rede, als müßte ich meine Überzeugung bei dieser Gelegenheit aussprechen, daß zwischen hohem Menschentum und reinem Christentum kein Unterschied bestehe. Wenn wir uns doch einigen könnten, wir konfessionell zerspaltenen Deutschen, auf dem Boden eines hinreißenden und doch erdenfesten, lebenstiefen Idealismus, über alle notwendigen Dogmen hinüber! Ich selbst verdanke den Evangelien unermeßlich viel; jedoch über Dogmen und dergleichen sprech ich mich auch hier und zu Ihnen so wenig aus wie über Unsterblichkeit und andere spekulative Dinge. Wertvoll wird das alles erst dann, wenn es sich in Lebenskraft umsetzt, wenn es die Strahlen, die von unserem Herzen belebend und beseelend ausgehen, stärkt. Diese Lebensstrahlen ewiger Art sind das Wichtige. Sie weben um uns ein Kleid, das sich von innen heraus immer mehr verklärt, dessen Verfertiger wir selber sind samt der in uns wirkenden Individualität und Gotteskraft. Wollt' ich in Spielereien diesen Brief von der Unendlichkeit des Lebens enden lassen, liebe Freundin, ich würde Ihnen ausmalen, wie ich mir die unermeßlichen, anscheinend leeren Räume des blauen Weltalls voll unsichtbaren Lebens denke, so bunt und reich wie die Tierwelt im Wassertropfen, die wir ja vor Erfindung des Mikroskops auch nicht schauen konnten. Aber das sind Spielereien. Wir bedürfen ihrer nicht, die wir lebensbewußt und schaffend wandeln im goldenen Lichte unseres kleinen Planeten. Im Türmer, III. Jahrgang Weib und Würde Abschmeicheln möcht' ich euch gern Dem Haß und dem niederen Triebe: Kommt, wir verwandeln den Erdenstern In den Stern der Liebe! Meister der Menschheit Es ist ja der Irrtum so vieler Aufgestörten, daß sie das Weib als solches suchen. Nein, nein, das Weib kann lebenswarmer Kamerad, köstliche Wandergenossin sein auf unsrer gemeinsamen Fahrt ins Land der Liebe und Schönheit. So hat die Liebe Sinn und Tiefe als Entflammerin; und so erhält Liebesglück große Horizonte. Daß es dazwischen Tändeln, Verliebtheit, Laune, Leidenschaft und dergleichen Wechselspiel zwischen den Geschlechtern noch genug gibt, das ist ja selbstverständlich und zeugt von der unerschöpflichen Vielgestaltigkeit des Lebens. Jugendjahre Leidenschaft ist Dämonie; Liebe ist Gottheit. Thüringer Tagebuch Es kennzeichnet einen Menschen und ein Zeitalter, wie sie sich zum Weibe stellen. Der materiell veranlagte Mensch wird von Sinnlichkeit und bürgerlichen Vorteilen bestimmt; adlige Naturen dringen hindurch zu liebender Verehrung und allen Feinheiten der Gemütsbewegung, wie sie eben zwischen männlicher und weiblicher Elektrizität möglich sind. Im verwickelt reizvollen und vielfachen Verhältnis der beiden Geschlechter reichen die Worte Moral oder Unmoral nicht aus; denn auch der Nüchterling kann moralisch sein. Hier gibt es für phantasievolle und lebendige Naturen viele Abstufungen, von den Stürmen einer Romeo-Leidenschaft bis zu den Beruhigungen einer kameradschaftlichen oder verehrenden Freundschaft. Aber es ist keine Frage, daß zwischen Klopstocks Meta, Goethes Iphigenie oder Leonore von Este einerseits – und anderseits einer modernen «Salome« und manchen verwandten modernen Literaturgestalten Abgründe klaffen. Hier psychologisch-physiologische Zergliederung mit einem Einschlag erotischer Entartung; dort Gemütsadel, der selbst in römischen Elegien und einer Philine gegenüber nicht versagt. Ideale Brunst Im Reiche der Finsternis dampfen Vulkane der Dämonen: schwarze Scharen von Söhnen der Brunst brechen empor – und Seuchen der Wollust beschatten die Welt. Hütet euch vor den Horden, die Göttliches zerren in Kot und Gosse! Göttlich nenn' ich das Fünkchen der Liebe, das von Mann zu Weib zuckt; aber die Brut der Gosse verzerrt es in Brunst. Im Schlamm der Erde schleicht das Gewürm, in Gassen der Finsternis zappelt Geziefer genug: – doch es bleibe, wo es ist, und werde deutlich benannt und gebrandmarkt: Gewürm und Geziefer! Wehe dem Schuft, der hündische Unscham schamlos heraufholt in menschlich Wort und Werk! So lange Feuer durch meine Faust rollt, solang' meine Rechte Runen gräbt – nenn' ich heilig die Liebe, doch hündisch die Brunst. Meister der Menschheit! Sinnlichkeit und Liebe Ein Liebender weiß, welche gänzlich untheoretischen Entzückungen ihm die Gestalt der Liebenden einflößt. Alles an ihr ist magisch; er schaut es nicht genau, er schaut es in Verzauberung. Die harmlosesten Blumen oder Nippsachen sehen anders aus, sobald sie in den Bereich der Geliebten gelangen, von ihr berührt, geordnet, geliebt werden. Nicht das Schauen ist auch hier das Bezaubernde, vielmehr stellt sich zwischen Liebendem und seiner Geliebten gleichsam ein magnetisches Verhältnis her, wobei dann Blick, Kuß, Wort, Händedruck alle Sinne in einen andren Zustand versetzen. Dichten heißt sehen? Ja, aber der Liebende wird hinzufügen: »Dichten heißt liebend sehen.« So hat das Weibliche von Walthers Hildegunde bis zum Milchmädchen des Schotten Burns erregend und erweckend gewirkt. »Es war mir nie in den Sinn gekommen, ein Dichter zu werden, bis zu dem Augenblick, wo ich mich verliebte, und dann wurden der Reim und das Lied die unmittelbare Sprache meines Herzens« (Burns). Ebensolche Beziehungen stellen sich dem liebenden, begeisterungsfähigen, warmherzigen Menschen zur ganzen Natur her; er nennt sie Geliebte, Freundin, Schwester, Mutter; er ergeht sich in Wanderungen und erzählt gern von landschaftlichen Schönheiten. Es hat dies weder mit Traumbildern noch mit Schicksalserschütterungen etwas zu tun; beide schlummern inzwischen, Mächte der Tiefen, nächtliche Welten; er gibt sich einfach der Freude an den äußeren Klängen und Farben hin, den Kostümen eines Faschingstrubels, der Betrachtung des neuen Kleides, das die Weiblichkeit Urteil erbittend vorführt, dem Einband eines Buches, einem Bilderbuch, einer Steinsammlung usw. Es ist Reiz der Sinnendinge, Freude an den Formen der Schöpfung. Seelisch ist der Zustand eine Art Neugier. Hier sind wir dem Maler am nächsten. Aber während der Maler nun seinerseits vordringt zu den Massen, Beleuchtungen, Verkürzungen und dies alles in Fläche bringt, steigt der Dichter in die Tiefe und bringt seelische Zugabe, sei es Humor, sei es sinnige Idee. Auch hier noch folgt der Malerpoet (Böcklin, Thoma) und unterstellt sein Bild – im Unterschied von Max Liebermanns Impressionismus – einer ernsten oder heitren Idee . Aber die Ausdrucksmittel der Malerei sind: Zusammenfassung in eine Fläche , mit einem Blick überschaubar; hier, beim Dichter, Einfassung in Worte , die sich nacheinander vermitteln, gleichsam eine Marschreihe bilden und durch das Ohr eindringen, im Innern dann den Gesamteindruck herstellend. Durch Gesicht, Gehör und Gefühl dringt Schönheit in unser Inneres ein. Der Hunger nach Schönheit ist für jede tiefere Natur gleichbedeutend mit dem Bedürfnis nach Liebe, Freundschaft, Wärme. Schönheit ohne Idee und Seele ist nach wenig Minuten langweilig. Darum trat in Zeiten, wo der Gehalt der schönen Formen ermattete, das unschöne Charakteristische auf den Plan und siegte. Siegte, nicht weil es »unschön« war, sondern weil es bedeutend, suggestiv, fesselnd durch seinen Gehalt wirkte. Hier liegt für alle naturalistischen, den Idealismus ablösenden Sturmfluten die Erklärung. Ich denke zu gut von der Menschheit, um ihr Freude am Häßlichen als solchem zuzutrauen. Ueberhaupt ist wohl immer in Sünden und Irrungen irgendein Moment der Romantik, mittels dessen die Leidenschaft in den entkräfteten Menschen eindrang. Wie oft spielen sinnenhafte Nebenreize in die abstraktesten Betrachtungen bestimmend herein, ohne daß es dem Urteilenden oder Handelnden zum Bewußtsein kommt! Wie oft werfen Liebe oder Haß jedes gesunde Urteil über den Haufen! So muß den Faktoren der Sinnenwelt und der Sinne in uns selber eine Bewegungsfreiheit zugestanden werden, ob wir wollen oder nicht, ob zum Heil oder Unheil. Selbst die bestgeschulte ordnende Kraft kann da nicht immer das einzige Wort sprechen. Und soll sie es denn? Es ist gut, daß sie nicht das einzige Wort spricht: dies Wort wäre blutlos. Menschen, die sich – bei allem Gleichmaß ihrer Kräfte – nicht bis zu einem gewissen Grade innig freuen oder ehrlich erzürnen können, verlieren die Natürlichkeit und taugen nichts. Durch alle diese Wellen und Wellchen kann darum doch das Schiff seinen sehr sicheren und festen Kurs innehalten. Wege nach Weimar Weib und Würde Ich legte neulich den Roman eines jungen Schriftstellers aus der Sand. Lange kämpfte etwas in mir, kämpfte mit einem Unbehagen. Was war dies Etwas? Das Herz? Der Geschmack? Oder ganz einfach das Gefühl für Reinlichkeit? Die Erzählung hatte mich weder besonders gefesselt noch zu besonderer Stellungnahme genötigt. Aber diese Behandlung der Geschlechtsfrage! Es ist nicht der einzige Fall dieser Art: es wimmelt um uns von jungen und jüngsten Schriftstellern, denen das Gefühl für geschlechtliche Zucht und Würde mangelt. Es kommt in diesen Menschen des Trieblebens auch gar nicht mehr zu Kämpfen zwischen Trieb und Geist, zwischen Sinnlichkeit und Seelenwürde. Jedes Weibchen, das ihnen über den Weg läuft, wird unter dem Gesichtspunkt der geschlechtlichen Möglichkeiten betrachtet. Die Phantasie dieser Burschen ist verseucht durch und durch, so verseucht, daß sie den Mann, der nicht so wie sie denkt und tut, als sinnlich armselig oder gar krankhaft zu verhöhnen geneigt sind, wie es auch der obige Libertinist in seinem Roman tut. Eine schweigende Ohrfeige wäre die passende Antwort. Die Hand ballt sich zur Faust, wenn uns mitten in dieser eisenhaltigen Luft der Gegenwart solche Brunst über den Weg läuft. Die Großstadt ist nicht zwar die Ursache, aber eine Förderung dieser Zustände. Die jungen Literaten von heute treiben sich früh, von der Familie losgerissen, als Freibeuter im steinernen Urwald der großen Stadt herum und gehen auf Jagd und Abenteuer aus. Die Gassen- und Kneipen-Erfahrungen, die sie da sammeln, übertragen sie auf das weibliche Geschlecht überhaupt. Und so wandert denn ihre aufgewühlte Phantasie durch die Salons und Boudoirs der Menschheit. Die Frage aller Fragen ist für sie die Geschlechtsfrage: welche Frauen »zu haben« und welche nicht zu haben sind! Liebe? Ein Wort, das in solchem Munde Verzerrung wird. Vom Wesen der Liebe, die vor allen Dingen leidenschaftliche Ritterlichkeit und zarteste Fürsorge ist, hat dieses seelenlose Gesindel keine Ahnung. Wie sang einst Herr Walther von der Vogelweide? »Durchsüßet und geblümet sind die reinen Frauen.« Und Schiller: »Ehret die Frauen: sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben.« Heute liest man, etwa in einer Besprechung von Wedekinds »Erdgeist«: »Lulu ist das Weib: hinauf strebt der Mann, hinab zieht ihn das Weib« ... So wird verallgemeinernd das Weib verleumdet. Und diese Auffassung steht im Zeitalter Strindbergs nicht vereinzelt; sie hat sich beinahe grundsätzlich des jüngeren Geschlechtes bemächtigt. Sieht man sich aber diesen sogenannten »Kampf zwischen Mann und Weib« genauer an, was entdeckt man? Diese angeblichen »Männer« sind Schwächlinge. Sie selbst und ihr hündischer Trieb ziehen das Weib herab. Sie selbst! Ihre Augen sind unrein und machen unrein, was sie anblinzeln. Ehedem war es das lebensprühende Vorrecht der Jugend, einem schläfrigen Zeitalter Ideale wachzurufen und in schwärmender Begeisterung für alles Große eher zu viel als zu wenig zu tun. Wir lesen vom Göttinger Hainbund, von Schillers und seiner Freunde Räuberstimmung, von Jung-Goethes Schwärmereien und Wanderungen, von den Sturmliedern der Freiheitskrieger, von der Begeisterung des Wartburgfestes. Hier aber und heute stehen wir einem Bankerott der Gefühle gegenüber. Der Seelenschwung ist verdunstet, die nüchterne Sinnlichkeit – nein, die Brunst ist geblieben. Sie zergliedern alles: sogar den Geschlechtstrieb! Sah ehedem der Jüngling im Mädchen ein Wunder, ein Geheimnis, eine Göttin: so wird er jetzt dazu erzogen, in ihr eine Dirne zu sehen. Mit solcher Literatur wird ein Feinstes in uns vernichtet: die Ehrfurcht vor uns selbst . Daß in jedem Weib »die Dirne steckt«, ist eines jener modernen Verleumdungsworte, das den Lüsternen entschuldigen soll. Freilich nistet in uns allen Dämonisches, freilich auch ein Feigling, wie sogar Blücher bekannt hat: doch es kommt darauf an, diese Kräfte nicht über uns herrschen zu lassen. Im Menschen sind sämtliche Möglichkeiten; aber auch die Möglichkeit und der natürliche Trieb zum Kampf. Dieser Kampf besteht darin, das Göttliche zu entwickeln, das Niedere zu ducken. Und wenn ein Dichter, dieser Nachkomme des Sonnengottes Apollo, das Problem Weib und Mann anpackt, so soll er bei Gestaltung selbst der sinnlichsten Leidenschaft Menschenwürde spüren lassen. Zur Beschäftigung mit einem künstlerischen Gegenstände gehört viel Liebe, viel Sorgfalt: wie kann sich ein gesund und edelempfindender Dichterin Zustände niedrigen Geschlechtslebens einfühlen und diese Dinge, die selbst die Natur bedeckt, anschaulich ausmalen? Der größte Künstler kommt nicht um die Tatsache herum, daß uns ein Schamgefühl eingeboren ist. Das Schamgefühl – da ist der Punkt, wo sich Adel und Gemeinheit scheiden! Schönrederei ist vom Übel, wenn sie weichlich und süßlich den Tatsachen aus dem Wege geht. Aber es handelt sich nicht darum, von den Frauen und den wundersamen Wechselwirkungen zwischen Mann und Weib süßlich zu reden, sondern mit jener Würde , die diesem reizvollen Lebensgeheimnis geziemt. So stehe ich denn meinerseits genau auf dem gegenteiligen Standpunkt als jene Brünstlinge, die sich für sinnenkräftig halten. »Der Mann sei mannlich, so wird die Frau fraulich sein«, hat's einmal der kräftige Jahn geformt. Der Hausvater, der Energie aussprüht, wird die Seinen in Form des Gehorsams und der Achtung mit edler Energie anstecken. Und der Mann, der ritterlich von der Frau denkt, wird jedes nicht unedle Weib zu seinem ritterlichen Standpunkt emporheben – nötigenfalls: emporzwingen. Dasselbe gilt umgekehrt von der edlen Frau und ihrer Einwirkungskraft auf den Mann. Sage mir, wie du über die Frau denkst, und ich sage dir, wer du bist! Die liebende Frau hat den natürlichen Drang, sich dem geliebten Manne mit Leib und Seele hinzugeben; es ist dies ein edelster Drang des Schenkens. Der Drang dieser Art würde zur Vernichtung führen, wenn nicht seelische Gegenkräfte gleichzeitig wirkten. Nicht die Moral an sich – ach, was ist das für ärmliches Zeug –. wohl aber die Gemütskräfte der Begeisterung für ein gemeinsames Lebensideal veredeln die Liebenden. Die Geliebte sorgt mit ihrem Liebenden: sie hat sein Wohl, sein Glück, sein Werden im Auge: und er seinerseits fühlt sich, wenn oft auch unbewußt. für diese vollkommen vertrauensvoll in seinem Arme ruhende geliebte Menschenseele verantwortlich. Der Geschlechtsdrang verteilt sich gleichsam auf alle Poren, auf alle Organe: er löst sich ln innigsten Gesprächen, oft in Tränen der Rührung und in Küssen der zartesten Dankbarkeit auf, weil das Weib mit allen Fasern spürt: »Da ist einer, der dich leidenschaftlich liebt, aber auch leidenschaftlich ehrt!« Das ist für das Weib in seiner Hilflosigkeit ein so erhabenes Geschenk, daß seine vertrauende Liebe ins Unendliche wächst. Es ist dann gar nicht mehr die Frage, ob Hingabe oder Nicht-Hingabe; denn alles überleuchtet zuletzt die ehrende Liebe und die liebende Ehrfurcht zweier auf Tod und Leben verbundener Kameraden... Meister der Menschheit Dank an eine Frau Wie find' ich nur den Dank, der zart genug Für deine Wohltat, sonnigste der Frauen? Hast du geahnt, wie schwer der Wandrer trug? Du tratest zu mir aus der Nacht, der blauen. Wie eine Fee zu dem Verirrten schwebt: Ganz meinem Wunsch entrückt, aus reinster Güte Mir Freundschaft bringend auf den Felsenpfad Vom Jüngling zum entsagungsstarken Mann. Sie flattert noch, der letzten Wünsche Schar, Du aber scheuchst sie fort mit Frauen-Anmut, Und dein Geplauder, halb ein Kinderlachen Und halb der Hausfrau sorgliches Beraten, Umbaut mich rings mit blumigem Gehege. Wie find' ich nur den Dank, der zart genug? Ich mag dir kaum die Hände dankbar küssen: Denn deiner Seele ungebrochne Kraft Trifft schon so wirksam den gereiften Pilger, Daß er dich sehnend spürt in fernster Ferne, Daß deines Körpers liebe Hülle nur Ihm Schatten dünkt: denn deines Herzens Glanz Durchleuchtet dich – und der ist engelschön! Lebensfrucht Edelfrauen Königin Luise Königin hatte veilchenblaue Augen und eine rosige Gesichtsfarbe. Ihre Geburt fiel in den März (10. März 1776); und noch in demselben Frühlingsmond war ihr Tauftag. Es ging ein Veilchenduft durch die alte Garnisonkirche von Hannover, wo damals ihr Vater, der Herzog Karl von Mecklenburg, im Dienste seines Schwagers Georg III. von England das Kurfürstentum verwaltete. Die Taufpaten trugen Veilchensträuße, das Taufbecken war bekränzt mit Veilchen, und in einem Veilchenschmuck ruhte das Kind. Aber die Königin liebte auch die Rose, die Blume der Liebe. Der Vergleich mit einer Rose stieg oft in Geburtstags- und Preisgedichten auf. Noch Max von Schenkendorf sang zu ihrem Tode: »Rose, schöne Königsrose, hat auch dich der Sturm getroffen?« Und während der Fremdherrschaft erschien Iffland auf der Berliner Hofbühne zum Geburtstag der Königin (1808) mit einer frischen Rose an der Brust, und ihm folgten in ebensolchem Schmuck die übrigen Mitglieder. Es ging ein Jubelsturm durch das Haus, das die Anspielung verstand, was vom französischen Gouverneur als eine feindliche Kundgebung aufgefaßt wurde und dem Schauspieler etliche Tage Hausarrest eintrug. Veilchen und Rose! Ein frommes, inniges Blau und eine leuchtende Lebenslust! Eine reine Seele und ein heiter-lebhaftes Naturell, das lieben, tanzen, singen, aber auch herzbrechend weinen, zürnen, hassen und verachten konnte: so steht sie vor uns, die Königin der Preußen. die Königin aller Deutschen. Ihre äußere Gestalt war nicht von einer regelmäßigen, durchaus klassischen Schönheit. Ihr Hals z. B. neigte zu einer leichten Anschwellung, so daß sie oft mit dem bekannten Schleier unter dem Kinn zu Festlichkeiten erschien. Manche fanden ihre Füße und Hände zu groß. Aber ihr Wuchs war herrlich, ihr Gang von einer schwebenden Anmut, ihre Stimme von einem warmen Herzenston: sonnenhafte Blau-Augen strahlten aus einem Gesicht von rosig schöner Farbe, ihr mattblondes Haar war von reichster Fülle, und in ihrem Blick und Benehmen lag bei aller Heiterkeit eine innige Ruhe, Sanftheit und Güte. Dies alles, und eben noch dazu das unbestimmbare Geheimnis wahrer Schönheit, das machte sie zugleich lieblich und majestätisch. Es ging ein Zauber von ihr aus, eine Magie. Von Menschen dieser Art geben daher Bilder nur einen unzulänglichen Begriff: denn ihr Eigenstes entfaltet sich eben in der lebenswarmen, atmenden Bewegung, im Gespräch, in der Handlung, wenn die Strahlungen von innen die Lüge durchleuchten. Aehnliches sagt man von Friedrich dem Großen, den gleichfalls kein Bild einwandfrei wiedergibt.   Welch eine Seele hatte sich hier verkörpert! Prinzessin Luise, früh der Mutter beraubt, wurde in Süddeutschland aufgezogen: am Darmstädter Hof bei der Großmutter. So nahm ihr Deutsch etwas von der pfälzischen Mundart an, was zu der Herzlichkeit ihres Naturells wunderschön stimmte. Man erzog sie und ihre Geschwister einfach, sparsam und vor allen Dingen natürlich; ihr Wesen wurde nicht in Etikettenzwang eingeschnürt oder entstellt. Zwar kam keine bedeutende, keine ebenmäßig durchgeführte Bildung hierbei heraus: aber ihre Herzens-Genialität blieb ungebrochen. Und so blieb Luise ein »Fräulein Husch« bis in die Verlobung und in die Ehe hinein. «Morgen wollen wir tanzen, trinken, singen, spielen und recht lustig sein, et je serai die tolle Luise, votre chère petite promise «, schreibt sie an ihren Verlobten, den Kronprinzen. Französisch war damals die Hofsprache; die junge Braut übersprang die Satzung und stellte ein lustiges Gemisch von Französisch und Deutsch her. » Bientôt herzeliebes Weibchen Louise«, lautet einmal die Unterschrift in einem dieser Briefe. Es ist Geist vom Geiste der Frau Aja, der Mutter Goethes, mit der sie sich bei einem Besuche in Frankfurt vortrefflich verstand. Aber auch ernste Töne tauchen auf. »Sicher wird mir Gott Kraft geben, mich führen und nicht verlassen. Meine heißen Gebete werden ihn rühren und meine frommen und tugendhaften Grundsätze mich vor dem Bösen bewahren. Seien Sie überzeugt, daß ich Sie liebe und verehre, daß ich alles in der Welt tun werde, Ihnen zu gefallen und Sie glücklich zu machen, seien Sie mein Beistand und mein Freund und mein Rat. Sie werden keine Undankbare an mir finden.« Es wuchs zwischen diesen beiden Menschen – dem trockenen, gewissenhaften, im Umgang schwerflüssigen Kronprinzen und der genial-beweglichen Luise – ein wunderbar inniges Verhältnis. Er brauchte sie zur Ergänzung, wie sie ihm manche ergänzende Einwirkung verdankte. Aber anregender war Luise: sie hatte mehr schöpferische Herzensenergie. Ihre ungeschulte, durch Leiden emporreifende Naturkraft war den meisten Männern, Fürsten, Königen um sie her überlegen, auch dem schwärmerischen, charakterlich nicht ausgeglichenen Alexander von Rußland, der durch eine mehr gefühlsmäßige als besonnen vertiefte Freundschaft dem Königspaar nahestand. Daß die Königin sich in Politik einmischen mußte, lag eben an der geringen Schöpferkraft der Männer ihrer Umgebung. Ihr Gebiet war das Herz. Man muß bedenken, daß diese königliche Frau schon mit vierunddreißig Jahren gestorben ist, frühe schon in Drangsalen gereift, für ihr Vaterland besorgt bis in den letzten Augenblick. Der König neigte oft zu gänzlicher Entmutigung und Erschlaffung: Luise schwebte als seine beste Freundin um ihn her und widmete ihm den größten Teil ihres Tagewerks. »Opfer und Aufopferung ist mein Leben«, schrieb sie an ihren Vater, »Ich kann und darf in dieser Krisis den König nicht verlassen, er ist sehr unglücklich und bedarf einer treuen Seele, auf die er sich verlassen kann.« Sie zog mit ihm gen Jena; sie wäre dort in den Kriegswirren Thüringens fast gefangen worden: Friedrich Wilhelm III. hatte sich so an ihre Gegenwart gewöhnt, daß er sie kaum von der Seite lassen mochte. Beides waren reine und liebevolle Naturen. Und als sie starb, lag der Gatte vor ihrem Bett und rief schluchzend: »Du bist ja mein einziger Freund, zu dem ich Zutrauen habe!« Ihrem Gatten und ihren Kindern gehörte sie: aber sie empfand ihre Familie als einen Teil der Nation: und so erweiterte sich ihre Liebesfähigkeit und dehnte sich über die ganze Nation aus. Es war kein Zwiespalt zwischen der Fürstin, der Mutter und der Gattin. Leicht drängt sich bei der Betrachtung dieser Fürstin der Gedanke an eine andere Fürstin auf: an Frau Elisabeth von der Wartburg. Auch diese Heilige auf dem Thron hatte in ihrer Jugend ein überaus heiteres, liebend alle Welt umarmendes und dann wieder in tiefer Frommheit sich sammelndes Natur-Temperament. Sie war frühreif, was Genialität der Empfindung anbelangt: sie war von reinem, jungfräulichem Empfinden auch als Mutter: sie hat schwerste Drangsale und Prüfungen erlitten und bestanden: sie hatte einen guten, treuen, fürsorglichen Gatten und Behüter wie Luise. Früh vollendet war auch sie: nur vierundzwanzig Jahre hat sie gelebt. Aber welche Anregungen gingen von ihrer Lebens- und Liebesenergie aus! Wir Deutschen sollten zwei so seelengeniale Frauen wie Elisabeth von der Wartburg und Luise von Preußen immerdar hochhalten. Es ist Priesterliches um diese Frauen: in ihrem reinen Priestertum ist zugleich Poesie und Seherkraft. Wir brauchen Iphigenie nicht in Hellas zu suchen. Das sind hier Frauen jener unvergänglichen Art, von denen Tacitus sagt, daß ihnen, nach der Empfindung der Germanen, etwas Göttliches innewohne.   Das klassische Zeitalter hat edle Frauen gezeitigt: und unsere großen Dichter haben sie edel gestaltet. Von Klopstocks Meta bis Goethes Marianne von Willemer oder mancher tapfern Braut und Frau der Freiheitskriege lernten wir in Dichtungen, Briefen und Denkwürdigkeiten solche prachtvolle Frauencharaktere kennen, verehren und lieben. Königin Luise ist eine Blüte jener Art von Frauen, die vom Gemüt aus ihre Genialität ausstrahlen und in der Nation das Schöpferische wecken und entflammen helfen. Es ist gar nicht abzumessen – weil es ein zu seiner Faktor ist – wie weil Luisens anmutvolles Dasein, Leiden und früher Tod mitgewirkt haben mag an der seelischen und sittlichen Zornwucht der Befreiungsschlachten. Sie hat besonders Schiller geliebt und in Weimar (1799) seinen Wallenstein gesehen, wobei sie den Dichter persönlich begrüßte. »Die Königin ist sehr graziös und von dem verbindlichsten Betragen«, schrieb Schiller an Freund Gottfried Körner nach Dresden (9. August 1799). Auch in Berlin (13. Mai 1804) hat ihn die Königin empfangen, umgeben von ihren beiden ältesten Söhnen. Es ist reizvoll, zu bedenken, daß also hier in Gegenwart der königlichen Mutter Luise der künftige erste deutsche Kaiser Prinz Wilhelm, dem Dichter des »Tell« und markantesten Vertreter des schöpferisch-deutschen Idealismus gegenüberstand. Wir spürten im Wesen dieses Edelmanns auf dem Throne etwas nachwirken von dem Geiste, den einst Schiller verkündet und den Königin Luise in Leben umgesetzt hat. Der Dichter und die Königin, beide sind früh gestorben. Aber die jungen Freiwilligen von 1813 hatten Schillers Werke im Tornister. Und Theodor Körner, Schillers Patenkind, der Sohn jenes hilfreichen Dresdener Freundes, feierte in seinen Schlachtliedern immer wieder die Königin. So spricht er vor Rauchs Büste: »Du schläfst so sanft! Die stillen Züge hauchen Noch deines Lebens schöne Träume wieder. So schlummre fort, bis deines Volkes Brüder, Wenn Flammenzeichen von den Bergen rauchen, Mit Gott versöhnt die rost'gen Schwerter brauchen, Das Leben opfernd für die höchsten Güter. Kommt dann der Tag der Freiheit und der Rache, Dann ruft dein Volk, dann, deutsche Frau, erwache, Ein guter Engel für die gute Sache!« So gehört Luise unmittelbar zu jenen Geistern, die an den Gemüts- und Geisteskräften jenes Zeitalters veredelnd gewirkt haben. Man nannte dies damals «Humanität«; auf deutsch heißt das: Edelmenschentum. Es äußerte sich bei Schiller und Goethe in poetischer Gestaltungs-Energie: bei Kant oder Friedrich dem Großen in Energien der Vernunft und des sittlichen Willens; bei Mozart und Beethoven in musikalischen Rhythmen. Diesen Meistern kongenial war die Gemütskraft der Königin Luise. Solche Gestalten sind Brennpunkte, in denen sich seelische Sonnenstrahlen sammeln: Sonnen-Energie, nach einem schönen modernen Wort des Physikers Ostwald. Sie sind tatsächliche Sonnenkinder; ihr Schutzgott ist Apollo, der Sonnengott, oder der strahlende Baldr, der scheinbar zwar dem düsteren Loki erliegt, in Wahrheit aber siegreich wiederkehren wird. Am Tag von Tilsit (6. Juli 1807) traten Baldr und Loki sich gegenüber: Engel und Dämon, Luise und Napoleon. Der Geist Europas war in diese zwei Gestalten polarisiert. Hier der geniale Hasser und Vernichter, der Erbe der brutalen Revolution, eiskalt, ganz Verstand, Berechnung, Willen, Egoismus großen Stils; dort die anmutigste aller Mütter, voll von Liebe für ihr Volk, durchdrungen von dem edlen Trieb zu beglücken, Wunden zu heilen, Tränen zu trocknen. Der Dämon hatte die äußere Macht in Händen und blieb der Stärkere, obwohl die schöne Königin Eindruck machte. Aber der bittere Tag, der zunächst auf eine Demütigung hinauslief, war dennoch nicht umsonst. Das Bild der leidenden und so oft beleidigten Königin hat manches junge Kriegerherz entflammt. Hier trat eine geheime Energie in Kraft, mit der jener Realpolitiker Napoleon zu wenig rechnete: »die deutsche Ideologie«, vor der ihm oft unbestimmt graute, mächtiger als seine Bulletins, mächtiger als seine mathematische Feldherrn-Genialität. Der Königin Geist wirkte mit an den Siegen von 1813. Sie gehört zu Schiller und Goethe, aber auch zu Blücher und Gneisenau. »Ach, hätte das doch die Königin Luise erlebt!« rief Gneisenau nach dem Siege bei Leipzig. Und auf dem Montmartre stellte Blücher (30. März 1814) mit Befriedigung fest: »Luise ist gerächt.« Denn man stelle sich diese Frau nicht als eine weichlich Seufzende vor; sie war vielmehr, trotz ihrer endlosen Tränen des Kummers, recht sehr der Kraft des Verabscheuens fähig. Nicht freilich im Sinne jener leidenschaftlichen Weiber auf dem Fürstenthron, wie sie die Merowingerzeit oder die Renaissance emporgetrieben hat, nicht im Sinne einer Katharina von Medici oder einer Maria Stuart. Weitab von alledem lag die germanische Art dieser lichten Herrin. Die kalte Brutalität der französischen Diplomatie und Kriegführung entpreßte ihrem Gemüt Tränen der Entrüstung: heiligen Zorn. »Und man lebt und kann die Schmach nicht rächen!« ruft sie, als sie sich von Napoleons Bulletins und dem »Telegraphen« des Berliner Juden Julius Lange beschimpft sah. »Wo sind die Feldherren hin, die sich im Siebenjährigen Krieg unsterblich machten?!... Danzig! Danzig ist dahin, seit gestern in französischen Händen! in diesen verhaßten, über alles gräßlichen Händen!« »Und man bleibt leben bei solchem horreur !« ... »Nun, es lebt doch noch ein Gott, der wird ihm schon den Lohn geben, den er verdient!« ... »Werdet Männer«, ruft sie ihren Söhnen zu nach der Niederlage von Jena und Auerstädt, »und geizet nach dem Ruhm großer Feldherren und Helden! Wenn euch dieser Ehrgeiz fehlte, so würdet ihr des Namens von Prinzen und Nachkommen des großen Friedrich unwürdig sein. Könnt ihr aber den niedergebeugten Staat nicht wieder aufrichten, so sucht den Tod, wie ihn Louis Ferdinand gesucht hat!« ... Es ließe sich eine Blütenlese von Stellen sammeln, in denen sich das Heldische in dieser Königin, die Zornkraft, ebenso temperamentvoll geäußert hat, wie ihre Empfindungsfähigkeit der Liebe. Aber Zürnen war nicht ihr Lebenselement; sie litt bitterlich darunter. Bismarck hat einmal über Luisens politische Betätigung das schöne Wort gesprochen: »Unsere Königin Luise trieb auch Politik, aber eine Politik mit reinem Herzen. Ihr Vaterland wollte sie groß, reich und mächtig machen. Kein irdisches Wesen habe ich höher geachtet. Wenn doch unsere vornehmen Damen solche Politik wieder treiben wollten! Sie sollen dem Manne nicht ins Handwerk pfuschen, aber sie sollen ihn beeinflussen, besänftigen und zum Guten führen.« Zürnen war nicht ihr Lebenselement. Immer wieder schnellte sie in ihren natürlichen Zustand empor, in fröhliches Lieben und Geliebtwerden. Ihr Wesen war Freudigkeit. Wenige Wochen vor ihrer Todeskrankheit, als sie nach Mecklenburg ins Vaterhaus reisen darf, jubelt sie auf, wie in den Tagen der Brautzeit: »Ich bin so glücklich, wenn ich daran denke, daß ich Euch beinahe acht Tage in Streich sehen werde, daß ich ordentlich Krampolini kriegen könnte. Ich verkneip' mir aber wahrhaft die Freude, weil so oft, wenn ich mich gar so ausgelassen gefreut habe, ein Querstrich gekommen ist, und solche Kreuz- und Querstriche wären vraiment affreux jetzt ... Hussasa, tralala, bald bin ich bei Euch! ... Heute ist es warm und windig, und in meinem Kopfe sieht es aus wie in einem illuminierten Guckkasten. Alle Fenster mit gelben, roten und blauen Vorhängen sind hell erleuchtet. Hussa! Teufelchen. Wir bringen keinen Arzt mit; wenn ich den Hals breche, so klebt mir ihn Hieronimi (der mecklenburgische Leibarzt) wieder ein.« Dies schreibt sie noch im Juni 1810, vier Wochen vor ihrem ungeahnt frühen Tode! Es war die ihr gemäße natürliche Lebenslust, die nach all dem Leid in solchen Augenblicken wieder heraussprang, kindlich, unbefangen und ungebrochen.   Eine wesentliche Grundkraft dieser edlen Frau war ihre Religiosität. »Ich tue nichts als singen und tanzen«, heißt es zwar in einem Brautbriefe. »Die alten Scharteken, nämlich die Wagen fahren vor, und ich, ich habe keine Lust, in die Kirche zu gehen. Gott verzeihe mir's. Adieu Altesse royale de mon coeur . Ich muß fort in die Kirche gehen, sonst schlägt mich mey alt Großmäme!« Und als sie hört, daß ihre künftige Oberhofmeisterin, die treffliche Frau von Voß, als heiter galt, meint sie: »Ich hoffe, man wird an unsrem Hofe mehr lachen als weinen.« Aber es kam anders. »Die göttliche Vorsehung leitet unverkennbar neue Weltzustände ein, und es soll eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte sich überlebt hat. Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind mit ihr nicht fortgeschritten, deshalb überflügelt sie uns.« Sie empfindet Napoleon als ein »Werkzeug in des Allmächtigen Hand«, als eine »Geißel der Völker«. Sie empfindet ihre und ihres Volkes Leiden als Prüfungen, als Absichten der Vorsehung; sie sucht ihr Leid umzuschmieden in das Gold der Weisheit. Und die tanzlustige junge Königin sitzt am Klavier und spielt Choräle; sie liest den 126. Psalm – »Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird« –; sie liest überhaupt die Bibel, sie holt aus großen Dichtern und Denkern Trost und Kraft. Und so wächst ihr innerer Wert, während sie gleichzeitig eifrig versucht, die Lücken ihrer Bildung auszufüllen. Nicht wehleidig wird sie, dazu hat sie viel zu viel Temperament; ihre tränenvolle Trauer setzt sich in Tat um, in Arbeit, in Mitsorge, in klärendes und energievolles Gebet um Einsicht und Entschlossenheit. Sie bringt (Ostern 1809) »alle weltlichen Angelegenheiten Gott zum Opfer unter tausend Tränen« ... »Ich stehe in seiner Hand; es fällt kein Haar von meinem Haupt, er weiß es. Er wird mich stärken, daß ich ohne Murren als sein Kind, als eine wahre Christin mich finde in seine Ratschlüsse« ... »Nur der Glaube hält mich aufrecht und hindert mich zu murren. Inmitten all dieses Unglücks bitte ich Gott, mein Herz nicht der Menschlichkeit zu verschließen und meinen Charakter nicht zu verhärten, denn dann allein werde ich unglücklich und verloren sein ohne Gnade und Barmherzigkeit.« Und in denselben Wochen (April 1809) schreibt sie an die Kaiserin Elisabeth von Rußland: »Die Krone hat für mich nicht jenen Reiz, den sie wohl für andere besitzt, wie ich zu behaupten wage. Verstehen Sie mich recht! Es ist nicht der große Vorzug, den ich glaube zu besitzen, und wenn es auch sehr stolz und anmaßend klingt, so verzeihen Sie einer sehr unglücklichen Königin, die zu deutlich voraus stehet, daß sie bald in die Lage versetzt sein wird, ganz allein auf ihren innern Wert beschränkt zu sein.« Das ist demütig und zugleich stolz gesprochen. Die gute Königin hatte einst die Äußerung getan, sie sei »nicht zur Königin geboren«; aber darin hatte sie unrecht. Wie auch die Fachpolitik über die Einzelheiten der damaligen politischen Ratlosigkeit und das Eingreifen der Königin urteilen mag: sie war zur Königin geboren. Sie war selbstlos, sie war groß in ihrer Liebe zum Ganzen. Sie unterzog sich willig jeder Pflicht der Repräsentation, wenn es sein mußte, und verbarg ihren schneidenden Kummer unter einem lächelnden Gesicht. »Das Herz war mir zerfleischt – ich habe getanzt! Ich habe gelächelt, ich habe den Festgebern Angenehmes gesagt, und ich wußte vor Unglück nicht wohin.« So schreibt sie von ihrem vorletzten Geburtstag (1809). Aus diesem Pflichtgefühl ist sie nach Tilsit geeilt; so hat sie sich ihren Pflichten gewidmet als Mutter, als Gattin, als Königin. Als sie starb (19. Juli 1810) ging ein großer Schmerz durch Deutschland. Blücher war »wie vom Blitz getroffen«. »Gott im Himmel,« rief er, »sie muß zu gut für uns gewesen sind!« Und Steffens, damals in Halle, schrieb: »Der Schmerz malte sich auf allen Gesichtern. Ein Gefühl schien jeden zu durchdringen, als wäre die letzte Hoffnung mit dem Leben der angebeteten hohen Frau entwichen. Der Feind, sagte man sich, habe die Schutzgöttin des Volkes getötet.« Die Schutzgöttin des deutschen Volkes: – so empfinden wir auch heute diese Edelfrau und gedenken ihrer in Dankbarkeit und Verehrung. Im »Türmer«. 12. Jahrgang Königin Luise Manchmal schwebt im schimmernden Abendgold. Das die Wasser von Potsdam weich durchglüht, Ein verklärter Geist: eine Königin. Die mit Muttersorge die neuen Menschen In der großen deutschen Familie grüßt. Ihre Gestalt ist wie ein stiller Rauch, Von dem Feuer des Himmels fein umsäumt; Und ihr zart Gewand, zurückgeweht Von der begegnenden Luft, ist Glanz im Glanz, Wie eine weiße Fahne verwallt im Duft. Havelschwäne schauen verwundert auf, Träumende Kerzen schlagen erhöht empor, Schiffe stellen die Flügel, schattenstumm – – Und aus dem sonnengekrönten Sanssouci Kommt, mit Geisteraugen, der große König. Wege nach Weimar Die heilige Elisabeth Frau Elisabeth ... In einer Frau, in einer Mutter hat bei uns Deutschen die stärkste seelisch-religiöse Erhebung des Mittelalters Gestalt genommen. Ist das nicht sinnreich für das Volk tiefster Gemütskräfte? Elisabeth war als Kind voll heiterer Anmut, voll Herzlichkeit. Niemals hat man sie bitter oder scharf gesehen. Es ist, als hätte solches Metall ihrem Blute gefehlt. Sie konnte wohl traurig sein, aber nicht auffahrend oder verletzend. Schon als kleines Mädchen war sie besessen vom Drange, armen Kindern wohlzutun und Freude zu machen. Und bereits mitten in den Kinderspielen fährt plötzlich die Erinnerung an die andere, die überirdische Welt in ihre Seele: sie springt jählings aus den Spielen auf und küßt die Wand der Kapelle, sie wirft sich vor dem Altar auf die Knie, sie sinnt geistesabwesend zwischen Friedhofgräbern der Ewigkeit nach. Für das Herrenbewußtsein der Fürstin hat diese Königstochter viel zu wenig Trotz im Organismus; sie zieht sich von Frau Sophie manchen Vorwurf zu, daß sie zu wenig auf ihre Würde bedacht sei. Mit hingebender, reinster Liebe hängt die kindliche Jungfrau an ihrem großen »Bruder«, ihrem Verlobten Ludwig. Sie war den Jahren nach Kind, als sie Braut wurde: sie ging als Kind traumhaft hinüber in den Ehestand; sie wurde Mutter – und blieb dem Wesen nach Kind, blieb ihrem Gatten die »Schwester« wie zuvor. Begehrlichkeit und Leidenschaft hatten in solcher Natur keinen Platz; Wohltun und Gutsein war ihr Wesen. In naturhafter Anhänglichkeit begleitete sie zu Pferd ihren Gatten, so oft es sich nur ermöglichen ließ, in Wind und Wetter und Schneefall. Sie tat bei längerer Abwesenheit des geliebten Mannes ihre besseren Kleider ab und legte Trauergewänder an; und wenn er heimkehrte, begrüßte sie ihn im Festgewand. Noch also nahm ihre Liebeskraft natürlichen Verlauf: sie war in verlangender Zärtlichkeit Geliebte, Gattin, Mutter. Und dieser Vorrat an Frauengemüt reichte aus, ungezählte Kranke oder Arme außerdem zu pflegen, Aussätzige in ungestümer Güte ans Herz zu drücken, an armen Kindern Patenstelle zu übernehmen, in den Hütten der Armen Besuche zu machen, im Jahre der schweren Seuche (1225) zu Eisenach ein Krankenhaus einzurichten – und sogar Äcker und Ortschaften, ja ihre seidenen Kleider zu verpfänden oder zu verkaufen, wenn ausgestreckte Hände Brot heischten. Das war ja wohl Verschwendung, und man hörte Klagen darüber: aber hatte Landgraf Hermann nicht verschwendet? Verschwendung war es, ja: nicht freilich mehr mit stolzen Helden der Sängerburg, sondern mit den so lange übersehenen Armen im Tal. So hatte sich die Zeit verdüstert und verlangte Mitleid der Höhenmenschen mit den Nöten des Tieflands. Und diese Verschwendung – das bewundere man wohl! – war die jugendliche Herzensgenialität einer Fürstin von kaum siebzehn oder achtzehn Jahren. »Diese Elisabeth«, bemerkt ein Biograph, »wird ohne Aufhören in der Erinnerung des deutschen Volkes, in der Christenheit fortleben, ein Vorbild für die christlichen Frauen jedes Standes und Alters, erhoben von den empfänglichen Herzen, geliebt von den gleichgesinnten, und denen zur Scham genannt, die, wie weit auch an Jahren voraus, noch nicht vermocht haben, sich über den Genuß hinaus zum Bewußtsein eines christlichen Berufs für die Welt aufzuschwingen.«   Nach Ludwigs Tod aber trat eine Wandlung ein, wodurch allerdings nach und nach eine Kraft ganz erstaunlich zum Erblühen kam, doch auf Kosten aller anderen Organe. Die Kirche übernahm die Führung dieser ungewöhnlichen Frau. Und diese Führung, in der Gestalt ihres Beichtvaters Konrad von Marburg, verbunden freilich mit persönlicher Anlage und einwirkenden Schicksalen, verwandelte die Landgräfin Elisabeth in die »heilige Elisabeth«. Wie durch Hypnose ist von nun ab (1227) Frau Elisabeth in wichtigsten Dingen angekettet an einen tatkräftigen und gelehrten Ketzerrichter. Konrad behandelt die seiner geistigen Führung anvertraute Edelfrau gemäß dem Geiste jener Zeit, wie man widerspenstige Schulknaben behandelt: Geißelhieb. Fasten, Backenstreich sind Hilfsmittel seiner Erziehung! Einer so königlichen Seele gegenüber! Alles in uns empört sich über solche Eingriffe in die seelischen Geheimnisse einer echt fraulichen Persönlichkeit. Wenn ein großer Geist oder ein großes Herz ein ungewöhnlich Ziel erreichen oder ein weitleuchtend Vorbild aufstellen will, so geht das zwar in der Tat nicht ohne Opfer ab – sei es auch das größte Opfer, das irdische Leben. Das Genie saugt Kräfte aus allen verfügbaren Körper-und Seelengegenden und sammelt sich in die eine Gegend, wo die Schlacht geschlagen werden muß. Der einzelne Leib mag oft erliegen: die Menschheit als Ganzes hat eine Schlacht gewonnen. Solche »Askese« wird allezeit als göttlich-groß Achtung verdienen. Die Mutter, die ihres Körpers beste Kräfte für ihr Kind abgibt und darüber selbst das Leben verliert – sie ist ein Urbild solcher Opferung. Nun, wenn das im natürlichen Verlauf der Schöpfungsdinge geschieht, wenn sich etwa Frau Elisabeth über all der Kranken- und Armenpflege, über fürstlichen, fraulichen, mütterlichen Pflichten und was sonst im Bereich ihrer so spendefreudigen Lebensbetätigung lag, langsam ihres irdischen Kräftevorrats entäußert hätte, um dafür Tausende zu erquicken; wenn sie, früh aufgerieben, zu Eisenach oder Reinhardsbrunn ihr würdig Grab gefunden hätte: – Deutschland hätte doch wohl auch dann eine »Heilige« gehabt? Wieviel wertvolle Frauen, aufgezehrt in Hilfeleistung und Pflichterfüllung, sind als ungenannte Märtyrerinnen und unbekannte Heilige über diese leidvolle Erde dahingegangen!   Nun halfen freilich, außer ihrem eingeborenen und von heilsbedürftigen Zeit gesteigerten Heiligungsdrang, äußere Schicksalsschläge mit, diese Fürstin auf ihren besonderen Weg zu drängen. Oder eigentlich nur ein einziger Schlag, aber der traf ins Herz: Ludwigs früher Tod und Elisabeths Vertreibung von der Wartburg. Hierbei fällt uns etwas recht bitter auf und weckt wehmütige Betrachtungen: Elisabeths große Einsamkeit . Sollte man denn nicht erwarten, daß eine so großzügige Wohltäterin von einer Leibgarde dankbarer Menschenseelen umgeben sei? »Kein Zeitraum«, heißt es in ihrer Biographie, »sah mehr Beweise ihrer Liebe als die Jahre 1225 und 1226, wo eine Teuerung und in ihrem Gefolge schwere Seuchen ganz Deutschland bedrängten. Unzählige nahmen damals zu der Burg ihre Zuflucht, wo sie eine freundliche Fürsorgerin wußten, und keinen wies sie von ihrer Schwelle. Von dem Sommer, den ihr Gemahl, vom Kaiser nach Cremona gerufen, in Italien zubrachte, wird berichtet, daß sie täglich 300 Arme persönlich versorgte« ... Wohlan, wo blieben nun in ihrem Elend diese »täglich dreihundert«? Keine zwei Jahre nach jener Seuche starb ihr Gatte auf dem Kreuzzug fern im Otranto; der Landesverweser Heinrich Raspe jagte die Witwe noch an demselben Abend, der die Nachricht gebracht hatte, von der Burg: und nicht ein Finger rührte sich im Schloß oder in Eisenach, die Obdachlose liebevoll festzuhalten oder aufzunehmen! In einem stallähnlichen Gelaß findet sie zuletzt Unterkunft. Unbegreifliche Härte! Einer Fürstin und Wohltäterin gegenüber! Was für ein feiges und herzloses Bürgertum, das da zu Füßen der Burg saß! Ist das nicht ein erschreckender Beweis für den Tiefstand der damaligen Herzensbildung? Ist das nicht eine Bestätigung Elisabeths und der Notwendigkeit ihres Wirkens? Oder hatte sie, vor lauter Liebkosung fernhergelaufener Bettler und oft gewiß minderwertigen faulen Volkes, vielleicht die nahe und gesunde Gegenwart zu sehr vernachlässigt? Hatte sie hier in der Nähe an Liebe und Achtung verloren, was sie bei jenen Armen gewann? Tragik des Genies! Oder noch mehr: suchte sie Armut und Entbehrung? War sie so getrieben von religiösen Armutsidealen, daß sie nur halb gestoßen ward, halb aber freiwillig ging? ... Wir wissen nicht, was Elisabeths Herz bewegte. Als sie später bei ihrem Oheim Bischof Eckbert zu Bamberg würdige Unterkunft gefunden hatte, als am Sarg ihres toten Gemahls, angesichts der heimgekehrten Ritter unter den beredten Zornworten des Schenken Rudolf von Vargila, der zerknirschte Heinrich Raspe weinend in die Kniee sank und Genugtuung versprach: – da schüttelte sie entsagend das Haupt. Sie nahm zwar ein jährliches Leibgeding an und den Witwensitz Marburg: aber auch diese Einkünfte verteilte sie sofort an dortige Arme, denen sie geradezu ein Fest gab. Sie selbst nahm das Kleid der grauen Schwestern und wohnte so ärmlich wie möglich, widmete sich ganz den Kranken und Elenden, verschärfte ihre geistlichen Disziplinen, vergeistigte sich ganz und gar. Konrad steht wieder an ihrer Seite, strenger als zuvor. Ihre Augen strahlen von visionären Verzückungen; ihr Gebet ist von magnetischer Gewalt. In der Nacht des 19. November 1231 lag sie im Sterben, mit so leuchtendem Gesicht, »daß man sie kaum ansehen konnte«, nachdem sie vorher in Verzückung eine fremdartige Melodie vor sich hingesungen hatte – Stimmen aus andrer Welt begleitend, wie sie sagte, die, für die Umstehenden unhörbar, der bald in den Himmel einziehenden Schwester entgegensangen. Stimmen aus andrer Welt ... Ja, solchen Stimmen war sie ihr Leben lang gefolgt, die edle Fürstin, die übergütige traumhaft vorübergehende Fremde. Aber die diesseitige Welt? Die ging ihren wilden und wirren Gang. Elisabeths erstgeborener Sohn Hermann verkam und verging tatlos und früh, dem Gerücht nach durch Gift hinweggeräumt. Erbfolgekriege zerrissen die Thüringer Lande. Die tapfere Sophie, die älteste ihrer drei Töchter, vermählt dem Herzog von Brabant, sicherte sich wenigstens das abgesplitterte Hessenland. Die zwei jüngsten Töchter der Heiligen nahmen den Schleier. Fast scheint es Naturgesetz, daß sich eine Kraft nur besonders stark entwickelt auf Kosten andrer Organe. Nun, dann mußten die Kräfte die über dem Heiligkeitsideal jener Zeit vernachlässigt wurden, früher oder später wieder ihr Recht erobern. Die herzensgeniale Frau Elisabeth und der herzensgeniale Mann Luther – wir achten und verstehen beide. Wir verstehen erst recht Luther aus Elisabeth . Elisabeth flog hinan und hinweg, leicht und licht, durchgeistigten und überirdischen Leibes, flog empor zum Heiligen Geist. Luther aber stand . Luther rief den Heiligen Geist herab auf diese kraftvoll zu verklärende Erde: »Komm, heiliger Geist, Herre Gott! Erfüll mit deiner Gnaden Gut Deiner Gläubigen Herz, Mut und Sinn!« ... Dein Reich komme! Thüringer Tagebuch Goethe, Schiller und die Frauen Mignon und Euphorion Die sonderbare Natur des guten Kindes, von dem jetzt die Rede ist, besteht beinah nur aus einer tiefen Sehnsucht: das Verlangen, ihr Vaterland wiederzusehen, und das Verlangen nach Ihnen, mein Freund, ist, möchte ich fast sagen, das einzige Irdische an ihr; beides greift nur in eine unendliche Ferne, beide Gegenstände liegen unerreichbar vor diesem einzigen Gemüt« ... Der Arzt sagt es zu Wilhelm. Aber mit den Allgemeinworten »tiefe Sehnsucht« erschöpft er dies Problem nicht. Denn es haftet dieser Sehnsucht nichts Schmachtendes an: sie ist sich ja auch der Sehnsucht kaum bewußt. Sie geht mit stillen, großen Augen durch die Menschen hin und versteht dies alles nicht: und doch ist sie Weib und hat Fleisch und Blut. Die halb erst Erwachte ahnt nur dumpf die ganze Beschränktheit und dennoch Leidenschaftlichkeit irdischen Handelns – sie, die gleichsam noch diesseits des Handelns und der Befleckung steht. Sie zaudert, noch eine schwebende Taube, sich in die Materie und ihre Erschütterungen niederzulassen. In jener Nacht wird ihrer halbentwickelten Natur das Furchtbare dieser Berührung mit der Materie schaudernd klar – und sie bricht zusammen. Sie stirbt; sie zieht sich von der Erde wieder zurück. Ich weiß nichts in der Weltliteratur, was den reifen Beschauer (denn Reife ist Voraussetzung) so ergreifen könnte wie diese Mignon. Da ist nichts Sentimentales; da ist Symbolik, die unser Tiefstes angeht. In dieser Symbolik, so schlicht und natürlich gestaltet, verbirgt sich das tragische Los der Menschenseele . Sie kommt aus lichten Höhen, sie strahlt mit reinen Mädchenaugen vertrauensvoll die Welt an und hält alle Dinge für schön, alle Menschen für gut – bis das Verlangen und sofort aber auch das furchtbare Erschrecken über sie kommt, bis sie immer deutlicher erkennt, auf welchen Stern sie hier geraten ist und welchen Prüfungen und Lüsten sie ausgesetzt werden muß. Da fangen dann grade für die tiefsten, verwundbarsten und doch vom Erdendrang erfüllten Wesen die »grenzenlosen Tränen« an; Mignon liegt »unter entsetzlichen Zuckungen« die ganze Nacht zu Füßen des greisen Harfners. Die höhere Seele sitzt wie Mignon abseits und weint; ihr niederer Teil liegt im Staube. Uns scheint übrigens (ich wenigstens habe immer mit einer ähnlichen Empfindung zu kämpfen): hier ist Goethe in der bewußten Objektivität etwas weit gegangen. Seine Stilistik findet keine Wendung der Ablehnung für die reichlichen Leichtfertigkeiten; das Verhalten Wilhelms Mignon gegenüber und besonders diese ganzen Liebeswirrungen rund um Mignon her muten uns etwas grausam oder doch nichtig an, während Mignon wie das reine Gewissen fremd und groß über die Erde hinweggeht. Da vermisse ich etwas an Goethes Stil, ohne daß ich eigentlich näher begründen könnte, was es etwa sein müßte. Vielleicht so: Goethe taucht alles, auch die groben Verirrungen, in dieselbe warme Farbe. Ähnlich ungefähr, wie er alle Welt, auch Kinder und Dienerschaft, in diesen Lehr- und Wanderjahren dieselbe Goethesprache reden läßt. Und da ergibt sich zwischen Diktion und Inhalt für mein Empfinden eine Dissonanz. Wie uns überhaupt die Liebesgeschichten der letzten Kapitel der Lehrjahre fast zu bunt werden. Aber – eben dadurch, eben auf diesem wirren Hintergrunde, hebt sich Mignons Stille, Mignons edel-einfacher Ton, zumal auch ihr Tod und das Leichenbegängnis, um so erhabener und ergreifender ab. »Schreitet, schreitet ins Leben zurück! Nehmet den heiligen Ernst mit hinaus! Denn der Ernst, der heilige, macht allein das Leben zur Ewigkeit«... So singt, warnend und mahnend, der Trauerchor in diese Schauspielerei. Man könnte bei Mignon noch an eine andre, nur skizzierte Frauengestalt Goethes denken: an Nausikaa. Auch ist zwischen Mignon und dem ebenso früh wieder entwichenen Euphorion im »Faust« eine äußere Ähnlichkeit. Auch Mignon zeigt früh schon »eine besondere Lust zum Klettern«. »Die höchsten Gipfel zu ersteigen, aus den Rädern der Schiffe wegzulaufen und den Seiltänzern, die sich manchmal in dem Orte sehen ließen, die wunderlichsten Kunststücke nachzumachen, war sein natürlicher Trieb. Um das alles leichter zu üben, liebte sie mit den Knaben die Kleider zu wechseln... Ihre wunderlichen Wege und Sprünge führten sie manchmal weit; sie verirrte sich... Das Kind blieb aus, man fand seinen Hut auf dem Wasser schwimmen, nicht weit von dem Orte, wo ein Gießbach sich in den See stürzt. Man vermutete, daß es bei seinem Klettern in den Felsen verunglückt sei«... Man vergleiche damit ihr männliches Gegenstück: den gleichfalls nur über die Erde hinschwebenden, hochspringenden, felsensuchenden Byroniden Euphorion, der stürzend rasch wieder die Erde verläßt. Es sind Kinder ungewöhnlicher, ja unnatürlicher Ehebündnisse; um sie her ist etwas Magisches. Aus einem späten Sinnendrang ist Mignons Mutter Sperata entstanden; der Vater schämt sich des Spätlings und verbirgt sie. Damit setzt das Unheil ein. Ihr leiblicher Bruder, obwohl Mönch, faßt leidenschaftliche Liebe zur unbekannterweise eigenen Schwester; er glaubt den Enthüllungen nicht; und Mignon wird die Frucht dieser zweifach sündigen Liebe. Mignon zerbricht dann durch eben diesen unheimlichen Drang, der Sperata ins Leben gerufen, der Sperata und Augustin zusammengezwungen – Mignon zerbricht, als sie Zeugin wird dieser Erdengewalt. Sie stirbt vor dem Eintritt in diesen Bezirk. Und damit ist der Kreislauf vollendet und jene erste Schuld gesühnt. Ihre Mutter ist ihr schon vorausgegangen: und bald wird ihr der Vater Harfenspieler in blutig-unnatürlichem Tode folgen. Wunderlich ist auch eine hierbei wiederum auftauchende Vorliebe Goethes: schon Speratas Körper läßt tagelang keine Fäulnis bemerkbar werden; sie ist hinübergesiecht wie die Ottilie der »Wahlverwandtschaften«. Auch an Speratas Grab »zeigten sich unter der Menge verschiedene Kuren, die der aufmerksame Beobachter leibst nicht erklären und auch nicht geradezu als Betrug ansprechen konnte. Die ganze Gegend war in Bewegung« ... Ebenso ist Mignons Körper, aber durch balsamische Mittel des Arztes, kunstvoll vor Verwesung geschützt, »und das Kind lag in seinen Engelkleidern, wie schlafend, in der angenehmsten Stellung. Alle traten herbei und bewunderten diesen Schein des Lebens«. Hängt dies mit seiner Abneigung vor dem Gestalten-entstellenden Unkünstler Tod zusammen? Ist es ein Bedürfnis des Dichters, ein geliebtes »Nachbild« möglichst lange festzuhalten? Wie er ja selber von seinen Balladenkindern erzählt: »Ich hatte sie«, sagt er zu Eckermann (6. März 1830), »alle schon seit vielen Jahren im Kopfe, sie beschäftigten meinen Geist als anmutige Bilder, als schöne Träume, die kamen und gingen und womit die Phantasie mich spielend beglückte. Ich entschloß mich ungern dazu, diesen mir seit lange befreundeten glänzenden Erscheinungen ein Lebewohl zu sagen, indem ich ihnen durch das ungenügende, dürftige Wort einen Körper verlieh. Als sie auf dem Papiere standen, betrachtete ich sie mit einem Gemisch von Wehmut; es war mir, als sollte ich mich auf immer von einem geliebten Freunde trennen« ... Wege nach Weimar Goethe und die Frauen »Ja, mein Freund!« sagte sie lächelnd, mit ihrer ruhigen, sanften, unbeschreiblichen Hoheit: »es ist vielleicht nicht außer der Zeit, wenn ich Ihnen sage, daß alles, was uns so manches Buch, was uns die Welt an Liebe nennt und zeigt, mir immer nur als ein Märchen erschienen sei.« »Sie haben nicht geliebt?« rief Wilhelm aus. »Nie oder immer!« versetzte Natalie. Goethe, » Lehrjahre « In den Briefen, die Schiller über »Wilhelm Meister« an Goethe schrieb (1796), fallen uns die Worte auf: »Ich verstehe Sie nun ganz, wenn Sie sagten, daß es eigentlich das Schöne, das Wahre sei, was Sie, oft bis zu Tränen, rühren könne.« Wir gedenken eines späten Wortes von den »grenzenlosen Tränen«. Wir wissen, wie außerordentlich eindrucksfähig der junge wie der alte Goethe war: wie stark, tief und dauernd ihm bedeutende Eindrücke in Sinn und Seele nachleuchteten. Wenn wir hinzunehmen, daß Goethe selber bis in sein Alter ein schöner, auf die Frauen wirkender und seinen Besuchern imponierender Mann war, voll von Genialität und gesellschaftlicher Liebenswürdigkeit, voll von edler Tiefe und vielseitiger Bildung, so wundert es uns nicht, daß hier Schönes dem Schönen entgegendrängte. Der Dichter kam aus der Tändel- und Rokokozeit, aus den Gefühlserregungen der Sturm- und Drangepoche, kam aus der höfischen Atmosphäre des nicht eben sittenstrengen Jahrhunderts; er hätte, bei weniger Gehalt, in Verliebtheiten untergehen können, hätte er sich nicht in bewußter Gegenwirkung mit vielseitiger Geistesarbeit befrachtet. Das große Publikum unterschlägt diese Selbsterziehung und ist um so rascher geneigt, Goethe von der andern Seite behaglich gelten zu lassen: als einen vielverliebten Lebenskünstler. »Ja, der Goethe, der hat's verstanden!« Und anekdotische Bemerkungen, wie etwa von Sulpiz Boisserée (1815) von der Rheinreise mit Goethe: »Ein junges, frisches Mädchen bedient uns, ist nicht schön, hat aber verliebte Augen. Der Alte sieht sie immer an. Kuß« – sind so recht nach dem Geschmacke dieses Publikums. Aus dem Goetheband der »Wege nach Weimar« 1. Friederike Brion Was wüßte man viel von Goethes sogenannten »Liebesgeschichten«, wenn er nicht selber die Geliebten durch seinen poetischen Bericht geadelt und der Nachwelt in diesem veredelten Bilde übergeben hätte? » ...In diesem Augenblicke trat sie wirklich in die Tür; und da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf. Beide Töchter trugen sich noch deutsch, wie man es zu nennen pflegte, und diese fast verdrängte Nationaltracht kleidete Friederike besonders gut. Ein kurzes, weißes, rundes Röckchen mit einer Falbel, nicht länger, als daß die nettesten Füßchen bis an die Knöchel sichtbar blieben; ein knappes weißes Mieder und eine schwarze Taffetschürze – so stand sie auf der Grenze zwischen Bäuerin und Städterin. Schlank und leicht, als wenn sie nichts an sich zu tragen hätte, schritt sie, und beinahe schien für die gewaltigen blonden Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu zart. Aus heitren blauen Augen blickte sie deutlich umher, und das artige Stumpfnäschen forschte so frei in die Luft, als wenn es in der Welt keine Sorge geben könnte; der Strohhut hing ihr am Arm, und so hatte ich das Vergnügen, sie beim ersten Blick auf einmal in ihrer ganzen Anmut und Lieblichkeit zu sehen und zu erkennen.« So wird Friederike Brion in »Dichtung und Wahrheit« (II, 10) vorgestellt. Hunderte mögen sie gesehen und gern gesehen haben: nur Einer faßte dies Bild. Nur einer trug es in diese Worte, so daß es nun in unzähligen Tausenden lebt und leben wird. Wir alle sind nun durch Schönheit bereichert. Und ich denke, diesem großen geistigen Gewinn gegenüber sind alle die Streitfragen nach den Einzelheiten dieser Liebe und nach Friederikens Erdenlauf von untergeordneter Bedeutung. Was frommt es uns also, wenn mir in Erfahrung bringen könnten, wo und wie Friederike später als »Tante Brion« gelebt und auf die Mitlebenden gewirkt habe? Diese gealterte Tante Brion ist doch nicht mehr jenes eine, in die Weltliteratur eingetretene Mädchenbild von Sesenheim, das an und für sich und als solches eine typische und unsterbliche Bedeutung gewonnen hat. Es gab und gibt Tanten und Riekchen genug: nur aber eine Friederike Brion, die in jenem Augenblicke wie ein Schönheitsblitz durch eines Dichters Seele fuhr. Der Augenblick der flammenden Berührung und seine lang nachleuchtende Wirkung : sie sind auf der geistigen Ebene das Entscheidende. Es entstand in Goethe ein Bild; und dies unvergängliche Bild benennen wir mit dem Namen jenes Mädchens, das die ihr innewohnende und in ihr gestaltete Schönheit in den Dichter hineingestrahlt hat. Der Dichter strahlt es nun wieder aus in der Dichtung. 2. Frau von Stein Aus allen Sphären trug der Dichter des »Tasso« auf diesen Namen nieder, was sein Herz an Liebe enthielt »(Tasso I. 1), und adelte diese Hofdame zur Iphigenie, auf Jahrhunderte hinaus, so daß diese Liebe in solchen Formen in die Menschheit überhaupt überging. Seine Briefe sind ein einziger zärtlicher Dank für diesen durch Lotte Stein geweckten neuen reinern Zustand. Wir können im Verlauf dieser einzigartigen Briefe deutlich verfolgen, wie sich der spielend-verliebte junge Verwöhnte in den leidenschaftlich Liebenden, in den beruhigt Geliebten, in den vergeistigt zur Allgemeinheit zurückkehrenden und herb von der Sonder-Person gelösten Dichter verwandelt, der mit Charlotte, Herder und Herders Gattin in jenem Jahrzehnt eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft bildet. Das einfach-natürliche selbstverständliche Gefühl der Zusammengehörigkeit zu der liebenden und geliebten einzelnen Frau wirkt noch in die italienischen Erneuerungsjahre nach, bis dann, nach der Rückkehr aus dem verjüngenden Sonnenland in die nordische Heimat, der schmerzliche Bruch eintritt, der Goethe nach allen Seiten hin aus seiner Umgebung losriß. Es war bis zum Eintritt Schillers (1794) Goethes einsamste Epoche; sie war nur das Endergebnis eines im ersten Keim bereits nicht ganz natürlichen, nicht wurzelhaft gegründeten Verhältnisses mit einer sieben Jahre älteren, bereits verheirateten und mit Kindern umgebenen Frau. Es war ein Seelen- und Geistesbund, möglich in Poesieland, aber nicht auf die Dauer durchführbar für Menschen von Fleisch und Blut und innerhalb einer bürgerlichen Nähe und Enge. So folgte der geistigen Spannung die Entspannung: auf Frau von Stein die anspruchslos-jugendliche Christiane Vulpius, die den Dichter mehr als irgendwelche Hofdame an die freie Natürlichkeit italienischer Verhältnisse gemahnte. »Niedere Minne«, wie die mittelalterlichen Sänger derartige Sinnenverhältnisse zu nennen pflegten, war an Stelle der hohen Minne getreten. Das Körperliche war noch nicht verbraucht oder durchgeistigt genug: und mit dem Körperlichen die ganze Welt der zwanglos-behaglichen Bürgerlichkeit, die noch den nahen Besitz braucht. Ohne Frau von Stein keine Christiane Vulpius: so dürfen mir sagen. Die beiden Frauen – fein und etwas kränkelnd jene, rotwangig und zur Fülle neigend diese – bildeten körperlich und geistig geradezu Gegenpole.   Tischbeins Goethebildnis ist mir wertvoll. Goethe, vom breiten Hut überschattet, schaut in weite Ferne; er ahnt etwas von den kommenden Jahren. Hintergrund: zerfallende Kampagna-Bauwerke und im Herzen ein bald zerfallender Liebesbund. Das wirft Melancholie über das Bild ... Wäre keine Möglichkeit gewesen, daß Frau von Stein, die Gattin und Mutter, den Drang nach dem unerreichbaren Dichter niederkämpfen und ihm selber die Gattin hätte zuführen können? Das hätte freilich ungewöhnlichen Heroismus erfordert; aber er hätte drei Menschen in ein Reich hochgearteter Liebe emporgehoben. Goethe, der Kinderfreund und ruhig-heitere Apoll, der ernste Mann einer sich weise beschränkenden und doch weltverklärenden Arbeit, zwischen «Krone« Schröter als Gattin und der klugen Frau von Stein als Freundin bewegungsfrei gebunden: alle drei den Blick auf das Ganze der Natur und der Gottheit gerichtet, dem Herderschen Ehepaar auch fernerhin im Austausch nahe, von Schiller angeregt und mit Lotte befreundet, den Willen zu einer bedeutend erkannten Lebensaufgabe gleichmäßig ausgebildet: – eine solche Verfreundung wäre denkbar. Denkbar allerdings für eine sehr reife Zeit und innerlich freie Menschen. Aber das Weib als Geschlecht verlangt Ausschließlichkeit. Eine liebende Frau ist zum Heroismus der Entsagung allenfalls bereit – schwerlich aber zum Heroismus der Vorstellung, daß der Geliebte »in den Armen einer andren« ihrer vergessen könnte. Sie muß sich ihn vorstellen, auch bei aussichtsloser Trennung, wie er in stillem Schaffen oder fröhlicher Geselligkeit »nur an sie« denkt. Diese Ausschließlichkeit gibt ihr Kraft. So hatte sich Frau Charlottens Empfinden jahrelang von dieser Vorstellung genährt. Die Unnatur einer solchen einseitigen Spannung einem freien, auf der Höhe des Lebens stehenden Vollmanne gegenüber konnte nur eine begrenzte Zeit hindurch wohltätig wirken. Charlotte selber trug zwar die Spannung, Kraft ihrer Liebe; sie selber aber war Ehefrau und mußte sie tragen. Sie hatte sieben Kindern das Leben gegeben und hatte noch ihrer drei zu erziehen. Geburt und Tod, Sorgen und Freuden waren wechselvoll über sie verteilt gewesen. Über ihn nicht. Sie wollte ihm dies Gebiet verschlossen halten, getragen von einem ungesund romantischen Gefühl von »ewiger Liebe«. Doch waren dies bei so gestalteten Verhältnissen und bei Goethes ganzer Anlage wohl nicht die rechten Formen großgearteter Liebe. Und so zerbrach die Natur den Willen der einzelnen Frau, und jener schwer begreifliche Riß kam in Goethes Leben. Wohltätige Wirkung der Frau von Stein auf Goethe: Förderung der in seiner Natur liegenden ernsthaften Sammlung. Indem er nämlich durch das magnetische Band der Liebe an diese eine Frau gefesselt ward, lernte er sich überhaupt konzentrieren. Er übte sich in der Heimrufung der vordem landfahrenden erotischen Phantasie. Dies entwickelte zugleich den Sinn für Verehrung; denn auch dies Gefühl muß wachsen wie alles andere. Und es wuchs damit die Goethische Eigenschaft liebevoller Aufmerksamkeit. Dazu warf dann die Stimmung der Liebe an und für sich einen Glanz auf die betrachteten Gegenstände ab. So wirkte dieses Bündnis wohltätig auch auf die ganze italienische Reise. Er verinnerlichte mit dessen Hilfe die andrängenden Erscheinungen. Und es ist sinnreich, daß das italienische Reisetagebuch aus den Briefen an Frau von Stein entstanden ist. 3. Christiane Vulpius Auf Goethes Ehe ruhte kein nachwirkender Segen. Es ist ein trübes Schauspiel, den Niedergang seines Sohnes August, das unfruchtbare Hinsiechen seiner beiden Enkel zu betrachten. Und wenn wir auch über Goethes persönliches Verhältnis zu Christiane – über die Lebenswärme gleichsam, die sie ihm gegeben hat – nicht urteilen dürfen, so bedeutet sie doch alles in allem nicht viel mehr als eine gute Haushälterin. Christiane steht, als geistige Wirkung, trotz der »Römischen Elegien«, nicht entfernt auf gleicher Stufe mit den sonstigen Anregerinnen, die auf die Seele dieses großen Dichters eingewirkt haben. Aber man darf nicht vergessen, daß sie eben »ihren Lohn dahin hatte«: sie war satter Besitz, sie wirkte durch ihre körperliche und häusliche Nähe, sie ist nicht umstrahlt von der adelnden Wehmut des Entsagens wie die andern alle. Sie diente mit dem, was ihr die Natur gegeben hatte: mit ihrem Körper und ihrer heitern Geschäftigkeit. Edelfrauen Schiller war eine Natur, die der Beruhigung bedurfte: er hat in seiner sanften, treu und stark sich einfühlenden Lotte seines Sehnens Erfüllung gefunden. Goethe, dessen zauderliches Leben Anregung brauchte und dessen langsames Wachsen Ring an Ringe setzte und Epoche zu Epoche fügte, ist auch in seinem Liebesleben eine ganz anders gestimmte Natur. Man kann aus Schillers und Lottes Briefen einen Perlenkranz von Prosalyrik zusammenreihen. Wie tiefglücklich ist Lotte! »O, ein guter Genius führte Dich mir zu! daß Du die Freude meines Lebens sein solltest, und ich nur Dich glücklich zu machen existieren sollte, Lieber, Teurer! es ist ein süßer, süßer Gedanke! ... Es lieben gewiß wenige so stark und treu wie ich, und ich kann es so wenig fühlbar machen! Ich trug, wie ich jünger war, immer das Gefühl mit mir herum (ich weiß nicht woher), daß man mich nicht lieben könne, nicht so zum wenigsten als ich. Daher mag mir vielleicht dieser Anschein von Kälte, von Verschlossenheit geblieben sein, weil ich immer so sorgfältig jedes meiner Gefühle verbarg. Aber nun, mein lieber, teurer Freund, weißt Du es und fühlst es, nicht wahr? ... O, der Gedanke hebt meine Seele, Dir Freude geben zu können, Dir ruhige, schöne Momente schaffen zu können in meinem Herzen! ... Mögen die Menschen um uns her denken und sagen, was sie wollen, wir brauchen sie nicht.« Und Schiller: «Ich habe nie so frei und kühn die Gedankenwelt durchschwärmen können als jetzt, da meine Seele ein Eigentum hat und nicht mehr Gefahr laufen kann, sich selbst zu verlieren. Ich weiß wo ich mich immer wiederfinde.« So streben diese beiden zu einer edlen Einheit. Und in dieser Einheit verstehender Liebe wird es ruhig in ihnen: sie werden sicher, warm und groß. Lotte wächst an ihrem Dichter, den sie »wie ein höheres Wesen« in ihre Welt gestellt sieht. Noch die Witwe bekundet in zahlreichen Stellen ihrer schönen Briefe oder in dichterischen Bekenntnissen, wie sie voll ist von Schillers Geist und ihre Kinder in diesem Geiste lebensstark erzieht. Wie anders Goethe! Man kann keine vollkommene Freude an seiner Ehe empfinden, es ist kein Segen über seinen Kindern, es ist Wechsel in seinen Herzensneigungen. Mit ganzem Glanz strömen sie in ihn ein, diese wertvollen Frauengestalten; der unbedeutendsten eine wird aber seine Haushälterin; eine kongeniale Gattin ist ihm nicht beschieden. Von den Frauen, die ihn verstanden hätten – Lili, Corona Schröter, Frau von Stein usw. – trennt ihn das Schicksal auf unbegreifliche Weise. Nicht der Besitz der einzelnen Frau war ihm das Ziel. Die Frau war ihm eine elektrische Kraft, an der seine eigene Kraft sich entflammte. Wie ein Sprühregen von Funken erglühte an diesen Frauen seine Poesie. Und es ist das Merkwürdige (was unsere Goethe-Philologie noch nicht beachtet hat), daß jede Goethesche Poesie-Epoche auch durch eine führende Frau gekennzeichnet ist. Die ländliche Friederike begleitet die Straßburger Epoche des Volksliedes, der Götz und der Faustanfänge, jene frischen Shakespeareeinflüsse, die so Deutsches und Naturhaftes versprachen: Charlotte Kestner und die Werther-Epoche gehören zusammen: Lili Schönemann war die einzige, die wirklich als Goethes Gattin in Betracht kam, falls er sich in Frankfurt einer stolz-bürgerlichen Laufbahn gefügt hätte: Weimar war mehr als ein Jahrzehnt hindurch von der veredelnden Priesterin Frau von Stein gekennzeichnet, ohne die ein Tasso oder eine Iphigenie undenkbar sind. So kann man sagen, daß diese Frauen Mitarbeiterinnen an Goethes sämtlichen Werken sind. Mitarbeiterinnen? Man darf sogar sagen: Offenbarerinnen, Genien, Musen. Die Gottheit benutzte diese Edelgestalten, um zu dem Dichter in einer Symbolik zu sprechen, die seinem Verständnis entsprach. Durch Symbole und Repräsentanten schaute Goethe und schauen die Großen in die Welt: sie vermögen im besonderen Fall das Allgemeine, in der einzelnen Erscheinung bedeutsam das Gesetz zu erkennen. «Es kommt auf das Gemüt an, ob ihm ein Gegenstand etwas bedeuten soll«: einem Dante oder Goethe bedeutet eine geliebte Frau etwas völlig anderes als einem Menschen, der durch die Härte der Erscheinungen nicht hindurchzubringen vermag in ihren leuchtenden sinnbildlichen Geistgehalt. »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis« – das ist die Schlußweisheit des großen Vergeistigers von Weimar. Und so hat er es oft ausgesprochen, daß an der Liebe zum einzelnen Weibe die Liebe zur ganzen Welt erwachen kann. Man braucht nur ein Wesen recht zu lieben, sagt er, so wird man allen Menschen gut. Und durch Frau von Stein sah er, wie durch einen Kristall hindurch, die ganze Welt glänzend und schön. Hier ist der Punkt, wo uns der Gehaltswert des schöpferischen Evangeliumwortes »Liebe« ahnungsvoll aufgeht. Liebe ist wie ein Licht, das über die Welt fällt und das ganze Weltbild in Schönheit. Kraft und Güte umgestaltet. So fasse man Goethes »Liebesgeschichten« auf! Wir werden alle besser dabei fahren und eine so leicht in Trivialität entgleisende Sache plötzlich mit feineren und reineren Augen anschauen. Wege nach Weimar Würde der Frau im Drama Lienhards   St. Odilia Schutzpatronin des Elsasses Ihr Herz war eine Sonne. Ihre Augen tot und grau, Und von der klaren Stirne Der wunderschönen Frau Flossen die goldnen Haare In einer reichen Flut – O heil'ge Frau von Odilien, Mach' du mich fromm und gut! In einen Brunnen am Berge Tat sie die weiße Hand Und wusch sich die blinden Augen: Da sah sie ihr Alsa-Land In leuchtender Maienblüte Vor ihren Augen stehn – O heil'ge Frau von Odilien. Lehr' du mich also sehn! Im Kloster läuten die Glocken, Im Nebel ertrank die Welt – Doch sieh, hell flammen die Sterne Vom Sommernachts-Himmelszelt. Doch sieh, hell leuchtet Straßburg Herüber zu unsren Höhn – O heil'ge Frau von Odilien, Elsaß ist wunderschön! Lebensfrucht   Aus der Legende Odilia Adelbert (höflich, ruhig und ernst) Komm' ich dir unliebsam? Verzeih mir. Jungfrau. Odilia (freundlich und unbefangen) Von Herzen mir willkommen, Adelbert. Adelbert (verwundert) Du kennst mich? Hast du jemals mich gesehen? Odilia Mit diesen Erdenaugen nicht, doch jüngst Im Traume sah ich dich und sprach mit dir. Adelbert Im Traume Menschenseelen zu besuchen. Hast du die Gabe? Kann dein Geist sich lösen? Ich sah dich heut' von fern, als ich im Walde Auf stillem, sand'gem Weg vorüberritt. Du standest einsam, unter alten Buchen, In weißem Kleid, umspielt von Tannenlichtern, Und Fink und Amsel flatterten um dich, Das Eichhorn lauschte von dem tiefsten Aste. Und eine Turteltaube – oder irrt' ich? – Saß auf der Hand dir. von dem Munde nippend Die Speise, die du lächelnd botest. Ringsum War edler Sommerfriede, nur durchbrochen Von meines Rosses leisem Hufschlag, als ich Von meiner Stadt nach dieser Waldburg zog. Odilia (lächelnd) Elsaß ist wunderschön. Ich hab' die Heimat. Die lang mir unbekannte, herzlich lieb; Mit Waldvöglein und Blumen schloß ich Freundschaft. Und willst auch du, Graf Adelbert, mir Freund sein? Adelbert Nicht Freund nur: Bruder dir, du Anmutreiche! Odilia Mein Helfer sollst du sein, Graf Adelbert. Vernimm, was Großes mir im Traum erschien: Es soll ein Königreich wie eine Lilie Aus diesem Lande blühen – morgen schon, So sah ich es, ist dieses Reiches Anfang. Und du, der vor mir steht, Graf Adelbert, Sollst erster König sein, des Reiches Schirmherr! Adelbert (erstaunt) Seltsam, bei Gott! Gab dir dein Vater Kunde, Was er und ich verschwiegen planen? – Seltsam! Ein Reich, vielleicht ein Königreich, wer weiß, Ist unser dunkler Plan. Die Merowinger Sind morsch und alt, wir hier im Wald sind stark; Zerspalten ist das wirre Frankreich. Doch mächtig Eticho und Adelbert. Nun denn – begreife wohl – wenn nun wir beiden Uns eng verknüpfen, uns verschwistern, uns – – Jungfrau, ich bin ein Mann von graden Worten, Vernimm: mit deines Vaters Willen werb' ich Um deine Hand – Odilia, sei mein Weib! (Läßt sich auf ein Knie nieder) Gib mir dein Herz, du unbegreiflich Holde, Die wie ein Engel kam in unsre Rauheit! Ich weiß, unwürdig bin ich dein! Doch lange Trug ich ein Herz voll unerfüllter Sehnsucht Nach edler Minne durch die Welt! Ach, keine Auf diesem Erdkreis schien mir liebenswert, Sie waren kleiner als das Himmelsbild Der Liebe, das ich tief im Kerzen trug – – Nun sah ich dich, und meiner Sehnsucht Bild Zerrinnt, denn du bist schöner als mein Traum! Odilia (mild und freundlich, die Hand auf sein Haupt legend) Mein irrer Freund, was sprichst du da zu mir! Gott hob die Hand, und wie ein Sonnenwölkchen Kam ich herab, herschwebend auf die Erde, Weil eine Sendung mich hierherberief. Nicht ich, nicht diese Hände, nicht dies Antlitz, Du Mann der Sehnsucht, stillen dir die Seele: Ich bin ja nur ein Ton auf Gottes Harfe, Von fern in euer rauhes Land verweht, Heimweh zu wecken nach dem ew'gen Licht. Dein Wunsch hat sich verlaufen: bitte du, Daß wir der Well gemeinsam Sonne bringen, Dann bist du mein, und ich bin dein, denn beide Sind wir des Herrn, zu dessen Preis wir wirken.   Adelbert (erhebt sich, innig, ihre Hand fassend) Ja. Gute, ja, zu Gottes Ehren wirken. Doch als dein Gatte ! Sieh, ich unterliege, Wenn ich allein bin – Süße, sei mein Weib! Du träumst aus deiner reichen Seele Gutes, Ich bin der Mann und zieh' mein redlich Schwert Und schaffe Geltung dem, was du geträumt! Wo ist ein Königspaar im Frankenland, Das so zu Gottes Ehre Segen schafft? Odilia Ich muß dir weh tun, trauter Adelbert. Nie darf des Mannes Lippe mich berühren: Ich muß den Unsichtbaren Gattin sein. Und steig ich nieder von der reinen Höhe, So will ich dennoch frei sein von dem Werktag: Nur Botin, die dem Tale Gutes bringt – Doch nicht als Gattin, mit dem Körper nicht Mich bannen in die Sünde! Mein Beruf Ist dieser: Höhenlicht hinabzutragen In dieses Volk der Roheit und der Laster. – Zürnst du mir, Adelbert? – Du muß nicht zürnen. Adelbert (traurig) Du nimmst mir alles. Du, ein Herz voll Güte, Und ich, der dich so treulich hegen möchte – Und tust mir lächelnd weh, unsagbar weh –- – O fremdes Mädchen, ich versteh' dich nicht. –   Gottfried von Straßburg Zweiter Aufzug. Gottfried. Maria. Gottfried (sich verneigend, einfach) Ich bin's. Maria (ernst und streng) Mit meiner Magd im Zwiegespräch? Um solche Stunde? Gottfried Ja. Das Mädchen sollte Mir Pforte sein zum Zwiegespräch mit Euch. Maria (immer kühl) Das Kind sprach mir davon. Ein kecker Wunsch! Ich weiß nicht, soll ich zürnen oder staunen. Und was sie nicht mir sagte, kündet längst, Herr Schreiber, Euer sonderlich Gebaren. Wohlan, Herr, laßt uns offen sein; es freut mich, Daß ich Euch sprechen kann und unbelauscht. Denn Klage muß ich führen. Herr Magister! Mißachtet Ihr denn ganz, daß eine Braut , Vor Zeugen einem andren längst verlobt, Daß eine Braut, geschützt durch Gottes Auge, Dem alles Bündnis dreimal heilig ist, Daß eine Braut vor Euren Wünschen steht, Unheil'ger Mann, der mich so keck verfolgt?! Und dennoch schafft Ihr meinem Bräut'gam Kummer Und weckt Verdacht bei meinen Nachbarn, bringt mich Auf jedem Fest in ärgerlich Gerede Durch unachtsame Blicke – ei, Kerr Gottfried, Unfrieden stiftet Ihr, nicht Gottesfrieden! Gottfried einfach, mit Anmut und Herzlichkeit) In Wahrheit? Tu ich das? – Ich weiß es nicht. Mit Willen trat ich niemals Euch zu nahe. Tat ich Euch weh? Vergebt mir, holde Herrin. Ich will die Augen niederschlagen, will Die Feste meiden, die auch Ihr besucht, Und seh ich Euch von weitem, will ich rasch In eine Gasse flüchten, niemals soll Euch Mein Anblick wieder weh tun! ... Eins nur, Jungfrau, Laßt mich in dieser Sommernacht Euch sagen: Laßt mich Euch herzlich danken , holde Herrin! Maria (verwundert) Danken? Wofür? Gottfried Kennt Ihr die Liebesmär Von Riwalin und Blancheflur? Maria Das wißt Ihr. Gottfried Und liebt Ihr dieses Lied? Maria Das wißt Ihr gleichfalls. Gottfried Ihr aber wißt nicht, wer der Sänger ist! Und wißt nicht, daß er Euch sein Lied verdankt! (Läßt sich auf die Knie nieder) Ja, Herrin, diese Mondnacht mußt' ich bitten, Daß sie mich schütze, daß ich danken könne Der Einzigen, die eine Welt mir gab! Staunt nicht, Maria! Laute gabt Ihr mir, So liebesinnig – Weihnachtswinterglocken, Fernher aus einem tiefverschneiten Wald, Unwiderstehlich wie des Frühlings Wasser, So leicht und lieblich wie ein Halmeraunen, Wenn eine Waldfrau durch die Lichtung geht! Wildsüße Laute, die mich längst verfolgt, Ein Schwarm gebannter Geister, bis der Sänger Das Wort gesprochen, das die Schar erlöste! (Steht auf, einfach, warm) Dafür nehmt meinen Dank! (verneigt sich) Ich, Herrin, sang Das Lied von Riwalin und Blancheflur. Maria Ihr habt das Lied von – –? Gottfried Liebt Ihr nicht das Lied? Maria Ob ich es liebe? Gottfried Und Ihr haßt den Sänger? Maria Ich haß' Euch nicht, Herr Gottfried – Ihr ein Dichter? Gottfried (zieht sie neben sich auf die Bank) Nur Dichter? Nein, ein König, edle Maid! König des Wasgaus! König der Welt, Maria! Der Sterne, aller Ewigkeiten König! Du kröntest mich – und du verargst mir, Holde. Wenn dir so innig meine Blicke danken? Maria Ich hätt' Euch – ach, ich bin ja selbst so arm. Nur voller Sehnsucht, die sich nie erfüllt. Nur glücklich, wenn ich träumen darf – wie hätt' ich. Ein töricht Mädchen, Euch beschenkt? Gottfried Dornröschen Lag tief im Heckenschloß und schlief: war das Besondrer Reichtum? Um ihr flutend Haar Glühten die roten Rosen; wunderschön, Im Rosenmeer ertrunken, schlief die Maid, Die andren sahn nur Hecken, dick und dornig: Doch als der Prinz kam, fragt' er nicht bedachtsam, Ob Tod, ob Leben. Dornen oder Rosen – Er sprang ins Blütenmeer, fand sie und küßte, Küßte das Schloß lebendig, Koch und König! Dornröschen, so hast du aus toten Hecken Lieder geweckt, und mit des Liedes Rosen Hast du gesegnet mich und alle Welt! Maria Schön fließen Euch die Worte – – aber sag! doch, Warum verschweigt Ihr Eure edle Gabe? Gottfried Willkommne Nacht war mir die Einsamkeit: Ich lebte drin mit dir und meinen Geistern. Doch früh genug muß ich hinaus! Denn sieh, Schon weiß des Kaisers erster Sohn – Maria Prinz Heinrich? Gottfried Von meinem Lied und hat's mit Lust gelesen. Jawohl, Prinz Heinrich, selber Minnesänger, Der jetzt zu Hagenau mit Kaiser Rotbart Hof hält. Maria Doch gibt es denn in Kaisers Landen Solch eine Maid wie Blancheflur, und gibt es Solch eine Liebe? Ach, das muß wohl weit sein! Wir hier in Straßburg sehnen nur und träumen ... Gottfried Wie könnt' ich singen, was ich nicht geschaut? Maria Wo ist dies Land? Gottfried (mit unbestimmter Handbewegung) Tief in der Einsamkeit. Maria Im Wasgenwald? Gottfried Viel näher und viel weiter. Darf ich den Weg dir weisen, trautes Mädchen? Darf ich dir sagen, was ich heute schrieb? Denn dieser Sang ist erst ein Leichenlied, Vorfrühling, gar gering, – doch blühen soll Ein ganzer Mai dem hell verjüngten Elsaß! Mit Tau und Perlen soll sie ganz verschütten Mein Sommerlied von Tristan und Isolde ! So heißt mein Werk! Darf ich dir davon plaudern? Maria Ich hör' Euch gerne sprechen, Gottfried ... Gottfried Sieh: Held Tristan fährt mit König Markes Braut Fern über Irlands schaumbewegte See, Heim bringt er sie zu seinem greisen Herrn. Doch tief im Herzen wühlt, so ihm wie ihr, Geheimer Minne wonnesames Weh. Wer nun bekennt, durchbrechend Zwang und Sitte, Dem anderen zuerst das süße Leid? Damals, Maria, glühten wilde Herzen Voll Minnekraft an Irlands Märchenküsten, Und sie, Isolde war es, die begann:... »Was ich weiß, das tut mir weh. Mich mühet Himmel und wilde See, Leib und Leben beschweren mich!« Da stützte sie und lehnte sich Mit ihrem Ellenbogen an ihn: Das war der Kühnheit ein Beginn. Ihre Augen, die spiegelhellen, Ihr Herz begann zu quellen, Ihr süßer Mund zu schwellen – Schwer sank ihr Haupt hernieder ... Da begann auch er hinwieder, (Legt den Arm um Maria) Die Holde zu umpfahen Und sittig ihr zu nahen, Doch nur in Gastes Weise. Er sprach süß und leise: »Ei, schöne Süße, saget mir, Was wirret Euch, was klaget Ihr?« Der Minne Federspiel Isot: »Lamêr«, sprach sie, »ist meine Not. Lamêr beschweret mir den Mut, Lamêr ist's, was mir wehe tut.« Da sie das Wort so oftmals sprach. So bedachte er allgemach Hin und her und wieder hin Der Worts Lamêr geheimen Sinn. Sacht begann er sich zu entsinnen, Lamêr das hieße Minnen, Lamêr – Bitternis, Lamêr – das Meer, Der Deutung deucht' ihm ein ganzes Heer! Doch klug verschwieg er von den drei'n Das eine erst und frug nach zwei'n: »Ich wähne,« sprach er, »schöne Isot, Meer und Bitternis sind Eure Not. Euch quälet Meer und Nebelwind, Ich wähne, daß die Euch bitter sind«. »Ach, nein, Herr, nein! Was saget ihr? Keins von diesen beschweret mir Das Herz, nicht Luft noch See: Lamêr alleine tut mir weh.« Nun, da er des Suchens zu Ende kam Und süße Minne im Wort vernahm, Sprach er gar inniglich zu ihr: »Wahrlich, Schöne, so ist auch mir! Lamêr und Ihr seid meine Not! Herzensfrau, liebe Isot, Ihr allein und Eure Minne, zieht Maria eng an sich, heißer) Ihr habt mir alle meine Sinne Ganz verkehret und benommen, Ich bin aus Weg und Pfad gekommen, So weitab, ach, verirrt so sehr, Den Heimweg find' ich nimmermehr« ... Da mich all Scheu und Fremde hin – Er küßte sie – sie küßte ihn – – (Hebt Marias Kopf, der an seiner Schulter lehnt, und küßt lang ihren Mund.) Gottfried Isolde – Maria (willenlos) Nicht – Ich darf dich ja nicht lieben – Gottfried Das Bitterkräutlein »darf nicht« kenn' ich nicht, Wächst nicht in Irlands meerumspülten Gärten. Maria Berauschend schön ist deine Welt – ach Gottfried, Du Reicher, darf ich denn in deine Welt? Gottfried Du bist ja Königin in meiner Welt! Von den Millionen Menschen du allein! Als ich zuerst dich sah, weißt du, am Wasgau? Da sprang in mir der Dichtung Quell, und dir Sang ich den ersten Vers, den Weihevers: Du Rosenblüte, du Lilienblatt, Du Königin in ferner Stadt, Maria, hoch und hehre! Du Herzelieb für alles Leid. Du süße Freud' in Bitterkeit. Dir sei geweiht All mein Gesang zu Lob und Ehre! (Sinkt zu ihren Füßen, glutvoll und leidenschaftlich) Nicht mein Gesang nur, heißgeliebte Waid – Nimm, was ich bin und hab'! O du, verzweifelt Hab' ich gesucht durch diese ganze Welt, Mit heitrem Wort des Herzens Brand verbergend, – Doch diese Welt war meiner Glut zu klein! Dir, Weib, zum erstenmal, dir, dir allein, Unmännlich dir zu Füßen, öffn' ich jetzt Die letzten Tiefen meiner scheuen Seele – Nimm mich und laß mich sterben, du Geliebte! Maria (sich zu ihm neigend und Ihn zu sich emporziehend) Ich hab' dich lieb – König Arthur Fünfter Aufzug, Zweite Szene. König. Königin. Ginevra (steht erst bang abseits, in schwerem Kampfe. Dann geht sie langsam auf daß Lager des Königs zu, läßt sich neben ihm in die Knie sinken und fängt leise an) Mein Herr und Gemahl... König (fassungslos) Du bist hier. Ginevra ... Ginevra (nach einer Pause) Mein Gemahl ... kommt keine Hilfe von den Zügeln meiner Heimat? König (wie vorhin) Der Wald von Kelidon, der mir mein Weib gab, steht schwarz und stumm. Ginevra Ich würde beten, herzlicher Arthur. Aber ich kann nicht beten. Mir bebt der Leib unter der Last meiner Sünde. Mir ist todbange, Arthur. Sage mir, o mein Gemahl, daß du mir meine Schuld vergibst. König (immer regungslos und tonlos) Einer hat nur das Recht, Sünden zu vergeben. Wenn der Abendwind um diese Zügel weint, stehen wir alle vor dem ewigen Richter. (Pause. Sie steht seufzent auf und geht durchs Zelt) Ginevra (wieder kniend, qualvoll) Mein König ... König (nach einer kleinen Pause) Sprachst du zu mir? Ginevra (stöhnend) Vergib deiner Königin! König (wie oben) Was soll ich meiner Königin vergeben? Ginevra (nach kurzem Kampfe) Die Sünde, deren mein Schleier Zeuge war im Wald von Kelidon – (springt auf, wild herauzstoßend) töte mich! – (hinhauchend) du verachtest mich – ich trage deine Verachtung nicht! – (sinkt vor seine Knien nieder) (kleine Pause) König (betrachtet wehmütig nickend die Daliegende. Dann sag er, in milder, wie weltentrückter Todesstimmung) Du verwehte Blume, gebrochen im glücklichen Hochland ... Ginevra (leidenschaftlich) Nicht dem Mitleid will ich! Um deine Achtung laß mich mit dir kämpfen! Zwei schwere Tage nun stehst du in hoffnungsloser Schlacht wider Sachsen und Angeln und Mordreds Sippe, und jeden Abend kehrst du blutig und matt auf diesen Hügel zurück, auf dem ich bebend deiner warte. Und keine Handreichung gestattest du mir, schweigend liegst du hier auf deinem einsamen Lager – und sprichst du einmal, so sprichst du nur Worte verletzender Güte zu mir, deren Untreue Britannien vernichtet! (weint) Töte mich – aber verachte mich nicht, Arthur mein Gatte! (liegt weinend an seinen Knien) König (ihren Kopf streichelnd, gütig, in wehmütig erhabener Stimmung) Ich bin hart. Vergib mir! Ich bin ohne Recht hart wider dich. Ihr Kinder des Hochlands, mich allein laßt alle Schuld willig tragen – wenn in so wirrem Geflecht die armen Worte Schuld und Unschuld ausreichen. (Erhebt sich, seine ganze Empfindung entlastend.) So trug kein König, wie ich geduldet habe! Der ehrenvollste König des Nordlands – und dulde Unehre im eigenen Hause, um des Reiches willen! Sachsentum und Römertum und Christentum und Mordreds Sippe – Feind über Feind! Ich bin in makelloser Offenheit 60 Jahre durch sie hingegangen: adeln wollt' ich diese morschen Menschen, indem ich sie als adelig achtete . Ich habe in schlaflosen Nächten erkannt: diese Lehre aus Südland, diese Wikinge aus Osten sind stärker als wir! Und ich griff zur letzten Waffe: mit Lächeln, als Gastherr, hieß ich Feinde willkommen, durch Bündnis und Freundschaft dacht' ich unsere Schwäche zu verbergen, dacht' ich unsere Ohnmacht unvermerkt in Sieg zu wandeln. Es war unnütz. Der unbekannte Gott, der über Britanniern und Mönchen und Sachsen thront, mit dem meine Seele manch' heimliche Zwiesprache hielt, ist kein Gott der Falschheit: er verwarf den Prahler Arthur. Und nur ein Edelgeschenk gönnte er dem verlorenen König: – dies Schlachtfeld. (Zu Ginevra:) Ich will dir Schlimmeres bekennen als du mir, du Weib des raschen Blutes: ich sah Mordreds Tat und duldete sie wissend ! Doch war es nicht Furcht nur vor Bürgerkrieg und Untergang, auch war meine Güte nicht Heuchelei noch Verstellung – es war noch ein anderes, das ihr alle nicht begreift. Tief hinein, mit einem neuen Blick, sah ich Schuld und Unschuld, sah ich Wirkung und ihre Ursache, sah ich die Art der Menschen und Völker – weh diesem Blick! Er tötet die Tat... (geht hin und her, bleibt stehen). Sollt' ich dir zürnen, weil dein junger Leib dem jungen Mordred erlag? Sollt' ich Mordred töten, der mir manches Gute getan? Sollt' ich mich selber anklagen, weil mein Bund mit dir Sünde war wider die Natur? – Und doch: es ist über alle Maßen schmachvoll! Mich zu verraten! (Setzt sich und verbirgt stöhnend das Gesicht in den Händen) Mich zu verraten! Ginevra (hat ihm zugehört, komm! nun und wirft sich zerknirscht hin) Töte mich, o mein Held und Gatte! (Weint.) König (wieder gütig, nimmt ihr Gesicht zwischen beide Hände) Rede ich hart? Vergib mir! Du bist schuldlos, du Kind mit den Augen des Rehes! Lauf du hin: die Hügel nach Norden sind offen, unter Blätterfall lauf du hin durch den goldenen Herbst, oder nimm deinen Wagen, nimm Lona und Enid. fahre mit wehendem Gewand wie Titania heim in deinen Bergwald! Dort bist du sicher: denn nie wird Schottland den Sachsen erliegen! Ginevra (flehend) Scheuche mich nicht hinweg, o bitte! Ich konnte ja fliehen, alle Wege waren ja offen, aber ich bin bei dir geblieben, ich will sein, wo du sein wirst! Ich will – (Feurig) , Einmal laß dir zeigen, daß Merlin dennoch recht hatte, als er in mir Britanniens berufene Königin sah! Einmal endlich laß mich deine Königin sein: auf das Schlachtfeld will ich mit dir hinab, im Getümmel der Sachsen will ich Schwert und Messer schwingen, anfeuernd deine letzten Getreuen: – so will ich wahrhaft deine Königin sein! Darf ich, Arthur, darf ich?! (ist aufgesprungen) König (etwas verwundert und halb bewegt) Ginevra – spricht aus dir Verzweiflung, oder zwingt dich dein Gewissen zu solcher Bitte? Ginevra (wieder vor ihn hinsinkend) Nur mein Herz spricht mit heißem Drang zu deinem Herzen! Mit einer seltenen Liebe, o du heiliger Held, hab' ich dich lieb wie die Götter meiner Heimat! König Sage mir offen: Blieb noch ein Funke deiner Seele bei – – Mordred? Ginevra (leidenschaftlich) Ich hasse ihn!... Alle Dinge, die ich erlebt, alle Menschen, die ich geliebt – sie sind weitab wie ein verhallter Ton. Nur einer, von meinem tiefsten Kerzen mit Tränen verehrt, steht wie ein Gott des Lichtes vor meiner Sünde: Du, mein Gemahl und Herr, du, König Arthur! König (steht und zieht sie bewegt an seine Brust empor) Ginevra. meine Gattin! Ginevra Arthur, mein Gatte! (Küssen sich innig. Unter Tränen an seinem Halse) Hab' Dank, hab' Dank! Darf ich nun mit dir hinab? König Ja, königlich zu sterben , – diesen ehrenvollsten Gang aus einem Leben, das nicht mehr zu tragen war, hat uns Gott gelassen! Hab' Dank: Königin! (Ferne Sachsenhörner.) Die Sachsen rufen.   Heinrich von Ofterdingen 1. Aufzug. Dritte Szene. Es ist fast Nacht. Fahler Schimmer um die Wartburg. Ofterdingen und Gotelinde sind gelagert. Ein Feuer glimmt in der Nähe, über dem ein kleiner Kessel hängt. Ofterdingen Noch diesen Kuß – und diesen – und noch den – Nein, her da, noch einmal! O Feuerlippen! ... Ein Urwaldrauschen bist du. Wellenstoß Ist deine Leidenschaft, du Donaunixe! ... Doch kehr' nun heim! Mein Knecht bringt dich zurück. Ihr bleibt im Dorf zu Nacht – ich muß zu Hofe! Gotelinde Ich darf ja nicht zurück, hab' ja kein Haus mehr, Hab' keinen Vater mehr, ich hab' nur dich! Ofterdingen Ich muß wohl, Lieb – Gotelinde Mußt? Freie müssen nicht! Ich bin schon Wochen bei dir: hindert's dich, Dein Lied zu harfen und ein Herr zu sein Im Tagesdorf, im Saal der Nacht – wenn nur Ein Bröckchen, ach, wenn nur die Länge eines Alleinz'gen Kusses für mich übrig bleibt? Du weißt, ich lief in meiner Qual und Liebe Dem starren Vater nächtlich aus der Halle – Weil ich dich lieb hab', dich, dich ganz allein! Ofterdingen Ich weiß es, Gotelind', Gewittersturmnacht, Walküre du, aus Schlünden der Natur, Du Flamme der Erde, Ätnas Feueratem – Mit Weh scheid' ich von dir, wildsüße Braut! Gotelinde Bin ich das alles, was jagst du mich fort? Ich will ja abseits bleiben, sieh, ich will Im Volke stehn und zusehn, wenn du singst! Ofterdingen (düster) Laß sein! Das ist und bleibt, wie ich beschlossen. (steht auf) Gotelinde Warum denn, sag' doch nur ein Wort: Warum? (Ganz ferne Nachthörner hallen noch einmal leise her) Ofterdingen Dort ist die Wartburg! Hörst du ihre Hörner? So nahe sind wir Eisenach! Soll ich. Dem Volk zur Lust, beweibt zur Stadt einziehn? Ich hab' vergessen, daß ich Ritter bin Und Herr und Sänger! ... Hier ist noch ein Duft Von Festgewändern ... die den weißen Leib Vornehmer Frauen seidensanft umrauschen ... Der Rasen ist zertreten – schwingt die Luft nicht Von Adelsworten und von spitzen Küssen? ... Und hier: – (nimmt Irmgards welkes Kränzchen vom Zweig) ein Kränzlein, das ein Kind vergaß! (Hält es hoch; deutlich! Du erstes Gastgeschenk, das mir die Wartburg Zum Willkomm beut – was wird mein letztes sein? (Wirft es weg. Mit finstrem Blick auf Gotelinde) Und ich, der Spätling – so zieh' ich heran! ... (Kreuzt die Arme düster) Zum Unheil dir und mir sah ich die Donau Und euren Bauernhof. Gesittet wollt' ich Zur Wartburg ziehn, wie Klingsor mich entlassen – Doch nun, als Räuber fahr' ich durch das Land, Der einem Edeling sein Kind verschleppt. Ein übler Anfang! Unter hohe Frauen So einzuziehn – mit dir – Gotelinde (springt zornig auf) Ich bin die Tochter Des schöffenfreien Bauern – schmähst du mich?! Mein Vater geht zum Thing, der deine nicht! Mein Hof ist reich und alt, der deine nicht! Ein Dutzend Knechte dient dem Hof – dir nicht! Wie jene Burgfrau'n bin ich freilich gar nicht, Da sagst du recht: denn ich bin mehr als sie! Ofterdingen Wildstolz – heia, so lieb' ich dich! (Umarmt sie) Gotelinde (wieder innig) Nicht zürnen! Du kennst ja meinen Vater nicht! Der schlüge Mich mit der Faust tot. käm' ich zu ihm heim! Ich hab' nur dich, ich habe jetzt nur dich! Ofterdingen Mein Weib! Gotelinde Dein Weib! – Gib mir den Tod, mein Gatte, So sterb ich lachend, denn er kommt von dir! Ofterdingen 0 Liebe! Gotelinde Nenn' es Treue! Viele hast du Geliebt, du fahrender Gesell – doch treu War eine nur, und die heißt Gotelinde! Ofterdingen (sinnend) Treue –! Schwerwuchtig Wort! Nicht viele kennen Die Heldengabe. trotzig-treu zu sein. Auch ich nicht, bislang nicht ... Jetzt, langsam erst. In dich verwachsen wie der Baum in Felsen, Ahn' ich von ferne, daß zwar heiße Minne Ein Hohes sei, das Höchste aber Treue. Gotelinde Behältst du mich? Ofterdingen Ja. Weib! Willst du so stark. So treu und kühn, so wild-walkürenschön Mitfahren durch die Welt? Gotelinde Geliebter Mann! Ofterdingen (düster) Ich hab' nicht viel, die treu sind. Hab' nur Klingsor, Und der ist ausgereist und mir voraus. Ich lebe ungestümer als die andren Und werde meteorhaft wieder hingehn. So lang bleib treu mir, ungetraut Gemahl! Und sterb' ich irgendwo im fremden Walde, So leg mein Haupt an deine weiche Brust Und laß die Trauerweide deines Haares Herfallen auf mein bleich Gesicht! Sing mir Ein leises Scheidelied – und dann begrab mich ... Ich hab' die Menschen nie geliebt. Um einen, Den Herzog, meinen Herrn von Österreich, Und um der Hohenstaufen Adlerflug – Wein' ich zwei Tränen, doch die andren – – laß sie!... Gotelinde Mein Trautgesell, erst laß uns leben, leben! Und Ehren holen auf der Wartburg! Nicht wahr? Ofterdingen (Hell und frisch) Ist wahr! (Ruft.) Knecht, die geht mit nach Eisenach! Doch daß mir keiner dieser Stallgebornen, Wenn ich zu Hofe zieh', mein Weib bedränge, Zieht sie den Kittel eines Knappen an Und ist mein treuer Knecht! Der Knecht heißt – – Gotelinde (lachend) Dankwart! So heißt zu Haus der beste Knecht! Ofterdingen (heiter) Hoi. Dankwart! Dankwart, fort mit dir, du Racker. Und zieh dich schicklich an! Was?! Läufst du da In Frauenkleidern durch den Wartburgwald?! (Scheucht die Lachende, in die Hände klatschend, nach hinten) Mach rasch, es gibt ein Wetter! Haltet Umschau In meinem Bündel! Morgen hilft ein Schneider! (Kleine Pause. Es wetterleuchtet) Hätt' ich ein Lied! Ich möcht' als Alraunmann Den Wald durchtappen und an Bäume klopfen: »He, Bäume, tut euch auf! Gebt mir ein Lied!« ... Es wetterleuchtet. Breite Schwerter schmiedet Wieland der Schmied, der aus der Höhle flog. Die Heidengöller schaun herab aus Wartburg Und werfen Feuerwürfel, wer gewinne ... Ihr alten Götter, helft mir! In mein Wort Gießt solche Schmiedekraft, daß ich das Tändeln Der Minnesänger in den Boden schmettre Wie Siegfrieds Amboß! Flammen des Himmels, her! Zweiter Aufzug. Zweite Szene. Waldlichtung unweit der Wartburg (Osten), deren stattliche Breite (Sängersaal) in die beginnende Mondnacht ragt. Ferne Musik aus dem erleuchteten Saal. An einem Steinkreuz kniet Mechthild betend. Mechthild Mit leisen Worten komm' ich – leis genug, Durch Nachtigallenlaut und Abendhauch Dir meiner Brust geheimes Weh zu klagen. Nicht tief genug ist mir das tiefste Leid. Nicht heiß genug ist mir der Menschen Minne, Nicht zart genug sogar der Schwester Ohr – Ich bin hier fremd, o, ruf mich heim zu dir! Soll ich denn heucheln, soll ihr Treiben loben Und Beifall lächeln, wenn vor wilder Not Die wogend volle Brust das Mieder sprengt Im Ungestüm nach einer großen Minne, Gewaltig wie die deine, reinste Jungfrau, Die du dem Heiligsten das Leben gabst?! Ach, nur zum Schein hat mich die strenge Sitte Gebändigt – doch mein Sündenherz stöhnt auf In irren Worten heimlichen Begehrens! O, ruf mich heim ins Land der ew'gen Liebe, Ich bin hier fremd! O Jungfrau, ruf mich heim! (Sie weint) Ofterdingen tritt ruhig aus dem Gebüsch und steht schweigend. Sie springt auf. – Kleine Pause Ofterdingen (äußerlich sehr ruhig und tiefernst, spricht leise und zart) Vergebt ... Es kam ein Weinen durch den Wald. Als hätte sich ein müdes Kind verlaufen ... Mechthild (die erschrocken war, mit stolzer Haltung, die Tapfere spielend) Ihr seht jetzt, daß Ihr irrt. Was weilt Ihr noch Ofterdingen (äußerlich sehr gemessen) Der rohe Lärm der Schenke scheuchte mich In Eure heil'ge Stille, sanfte Frau. Ich trete ein zu dem Marienbildnis, Das dort in Stein und hier lebendig steht, Und neige mich mit «Ave, seid gegrüßt!« Mechthild An dieser Stätte pfleg' ich stille Andacht. Ofterdingen Der Ort ist heilig – Mechthild Ja, der Ort ist heilig. Mein greiser Gatte starb hier, den sein Pferd Auf einer Jagd an diesen Stein geworfen. Ihr steht auf seinem Blutfleck. Hättet Ihr Die Augen, in die andre Welt zu schauen: Ihr schautet seinen Geist am Kreuze stehn. Wir sind zu dreien hier. Das, Herr, bedenkt! Ofterdingen Ich achte diesen Ort – ich achte Euch – Mechthild Und tretet ein, als wär' ich eine Magd, Zu der man scherzend an den Brunnen tritt? Ofterdingen Ich trete ein zur schönsten Edelfrau – Mechthild Wo ist der Page, der Euch angemeldet? Ofterdingen Ich könnte sagen, wenn ich tändeln wollte: Der Page war ein Blick, den ich entsandt, Als ich im Wartburgsaale vor Euch stand. Doch sag ich nur: Ich sah Euch hierher wandeln, Als ich die Burg umritt – und bin nun hier, Denn Euer Weinen tat mir innig weh. Mechthild Ich muß Euch herzlich bitten: Geht! (Mit wieder durchbrechender Güte) Habt Ihr Besondre Sorge: Redet – doch dann geht! Ofterdingen Besondre Sorge? Ja, sei's denn bekannt! Er sinnt einen Augenblick. Die ferne Festmusik schweigt, nur eine einzelne Harfe ist während des Folgenden noch vernehmbar) Ein ungewisses Suchen treibt mich her, Mir selbst befremdlich ... Tast' ich nun nach Worten, Warum ich schamhaft just zu Euch geflüchtet. So fürcht' ich, daß Ihr's als ein Werben faßt – Doch ist's kein Werben, glaubt mir, hohe Frau! Ich möchte mehr noch, mehr von Eurem Wesen Recht rasch noch lernen vor dem Sängerkrieg. Denn ein Ton fehlt mir, und der Ton seid Ihr. Mechthild Verargt mir's nicht – ich – Ofterdingen Ihr versteht mich nicht. O, recken möcht' ich mich, vom Blütenbaum Des Sternenhimmels Bilder mir zu pflücken! Seht, als mich Walther rief, da sprach er viel, Wie hier ein heil'ger Hain sei, drin die Worte In Samt und Seide gingen, Sonntagsworte. Ich kannte bisher nur den derben Werktag. Bis ich die Wartburg sah, die frohen Menschen. Die Edelfrauen – und darunter Euch. (Mechthild will gehen) Geht nicht, ich bitt' Euch! Diese Worte sollen Kein plump vertraulich Werben sein – ich schwöre! Zerreißt nicht meine sehnlichen Gedanken, Die ihre Fäden um die Wartburg spinnen ... Ich werd' mich morgen meiner vielen Gegner Sehr mühsam wehren, denn ich habe mich Mit keinem Hauch bereitet, gut zu singen: Ich bin in meinem Ton verwirrt – durch Euch! Mechthild Durch mich? (Will gehen)   Ofterdingen Ermeßt doch, Frau, daß vierzig Jahre Bettelnd vor Euren zwanzig Lenzen stehn! Ihr seid mir nur – versteht das! – ein Beweis nur, Daß Wartburg-Art mehr sei als Tändelei. Und dies verwirrt mich. Mechthild Sehr viel anders seid Ihr. Als man Euch malt – Ihr seid mir unbegreiflich – Ofterdingen Gern tauscht' ich meinen Namen. Denn bis jetzt Wuchs in mir nur die eine zähe Kraft Trotzigen Weltbegehrens. Die zerrinnt jetzt. Es will ein Neues werden. Wenn sie morgen Wildwasser von mir heischen: Seht, so rauscht Statt dessen, allen zur Verwunderung, Aus meiner Seele klarer, milder Wein, Wie aus dem Brunnen eines Königsfestes. Mechthild Und Euer Dorflied singt Ihr nicht? Was singt Ihr? Ofterdingen Ich singe, wie sich Schönheit mit höchster Tugend eint In einer, die wie Frührot aus trüben Wolken scheint, Die, wie der Mond, voranzieht der lichten Sternenschar – Euch, Königin der Wartburg, bring' ich mein Preislied morgen dar!   Mechthild Der Ton mag schön sein – Ofterdingen (sofort beleidigt) Er gefällt Euch nicht? Mechthild Wie sollt' er nicht! Nur mein ich – Ihr kommt weit her, Ihr lebt in einer rauhen, wilden Welt – Die Leute sagen's – zu bedenken wär's, Ob Ihr nicht leichter über andre siegt, Wenn Ihr aus eigner Welt den eignen Ton singt – Ofterdingen (düster) Mit kurzem Wort: Spiel deinen Dorftanz weiter! Pack' dich aus unsrem höfischen Ton! Du kannst nichts! Mechthild O Ritter! – Da Ihr sorgend zu mir kam't, So mein' ich nur und rate gern das eine: Singt, was Ihr seid! Singt Euren eignen Ton! Wie Wolfram seinen Ton singt – oder Walther – Ofterdingen (kann sich nicht mehr beherrschen) Wolfram liebt Euch! Ich sah's mit raschem Blick! Und Ihr liebt Wolfram! Und Herr Wolfram wird – Das weiß ich – morgen siegen !   Mechthild (in Angst) Frauen! Knappe! (Ab. Der ferne Harfenklang bricht ab.) Ofterdingen (allein. In großer Erregung) Verspielt! ... Frau Holles Gast, geh heim! ... Denn diese Liebt Wolfram von Eschenbach, den Tugendsinger, Den zieren Ritter, der mit welschen Wörtlein Sein Lied durchflickt! Doch mich verachtet siel (Zum Marienbild) Jungfrau aus Stein, da jene mich nicht hört, Hör' du mich an! Ich will nicht mehr mein Dorflied! Ich will nicht in der wilden Schenke sitzen! Ich will hinauf zu jenen reinen Frauen! Ich will! Ich will! Und wär's der Turm von Akkon! Ich stürme dich, du Turm von Akkon – Wartburg!