Stanislaw Przybyszewski Homo Sapiens (Romantrilogie) Über Bord Unterwegs Im Malstrom I Über Bord Dem Bildhauer Gustav Vigeland gewidmet         Vorbemerkung des Verfassers. Ich war durch verschiedene Umstände veranlaßt, das, was organisch zusammengehört, in einzelne Stücke zu zerreißen und die drei Teile des »Homo sapiens« einzeln herauszugeben. So kam es, daß der erste Teil zuletzt erscheint, aber es ist selbstverständlich, daß Menschen, die nicht die ehrliche Absicht haben, mich von vornherein mißzuverstehen, die Romanserie »Homo sapiens« jetzt im Zusammenhange noch einmal lesen und nicht einzelne Teile, sondern das Ganze beurteilen werden. I. Falk sprang wütend auf. Was war es denn? Er wollte nicht in der Arbeit gestört werden, jetzt grade, wo er sich endlich entschlossen hatte, wieder zu arbeiten. Gott sei Dank! Kein Freund. Nur ein Postbote. Er wollte die Karte wegwerfen. Es hat Zeit. Da plötzlich: Mikita! Es wurde ihm ganz heiß. Mikita, mein teurer Mikita. Er überflog die Karte: »Sei morgen Nachmittags zu Hause. Ich bin von Paris zurück.« So viel hat er wohl schon lange nicht geschrieben, seit er sich vor vielen Jahren den berühmten Aufsatz geleistet hatte. Falk lachte herzlich auf. Dieser wunderbare Aufsatz! Daß er damals nicht ausgewiesen wurde ... Neujahrseindrücke, abgefaßt in Form einer Neujahrsgratulation in den überschwenglichsten Phrasen; jeder Satz zwei Seiten lang. Und dann. Nein, war das herrlich. Der alte Fränkel ... Wie er schimpfte! Nun, die Geschichte war brenzlich ... Falk dachte nach, wie er Mikita überredet hatte, eine Apologie zu schreiben, in der ein wunderbarer Kalauer als Grunddominante durchging: Was einem Schiller erlaubt ist, sollte einem Schüler nicht erlaubt sein? Und dann, am nächsten Tage. Sie schrieben die Apologie die ganze Nacht hindurch, legten sich am frühen Morgen schlafen und schickten zum Fränkel ein Entschuldigungsschreiben. Falk konnte es noch nicht verstehen, wie so etwas durchgehen konnte. Diese famose Entschuldigung: Es sei selbstverständlich, daß man in die Schule nicht kommen könne, wenn man die ganze Nacht hindurch an der Apologie gearbeitet habe. Zwanzig Seiten lang ... Nun mußte er aber arbeiten. Er setzte sich wieder hin, aber die Arbeitsstimmung war vorbei. Er suchte sich zu zwingen, fischte ordentlich nach den Gedanken, kaute an dem Federhalter, schrieb auch ein paar Zeilen, die vollkommen banal waren: nein, es ging nicht. Ein andres Mal hätte er sicherlich eine jener bekannten Grabesstimmungen bekommen, die er im Alkohol ersäufen mußte. Diesmal war er froh. Er lehnte sich in den Stuhl zurück. Deutlich sah er die furchtbare Mansarde, in der sie beide das letzte Jahr im Gymnasium gewohnt hatten. In der einen Wand drei Fenster, die nie geöffnet werden durften, weil sonst die Gefahr vorlag, daß die Scheiben rausfliegen könnten. Alle Wände mit Schimmelpilzen über und über bedeckt. Und kalt, daß sich Gott erbarme. Wie sie einmal am frühen Morgen erwachten und sich erstaunt in dem Zimmer umsahen: – Merkwürdig frische Luft hier, sagte Mikita. – Ja, merkwürdig. Und es war ein Staunen ohne Grenzen über dies seltsame Phänomen. Ja, nachher wurde es klar. Es war eine Kälte, daß die Vögel erstarrt aus der Luft fielen. Falk stand auf. Ja, das waren doch seine schönsten Erinnerungen. Und der lange Kerl, der ihnen immer alle Bücher ausführte, wie hieß er doch nur? Er konnte sich lange nicht auf den Namen besinnen. Ja endlich: Longinus. Sonderbarer Mensch. Falk dachte nach, wie Mikita sich heimlich zu der stets verschlossenen Bude des Longinus Zugang verschafft und ihm ein Buch weggenommen hatte, das er ihm nicht leihen wollte. Plötzlich an einem Sonntag – ja, es war wohl wieder frische Luft im Zimmer ... Er wachte auf. Seltsame Szenerie: Mikita im Hemde, den Türschlüssel in der Hand, Longinus aufs Höchste empört, zitternd vor Wut. – Mach die Tür auf! zischte Longinus mit theatralischem Pathos. – Leg das Buch wieder hin, dann werd ich Dir aufmachen. Longinus in Heldenpose mit großen Kothurnenschritten hin und her, hin und her. – Mach die Tür auf! brüllte er heiser. – Leg das Buch zurück. Longinus schäumte. Plötzlich kam er an Falk heran. – Du bist ein feiner, gebildeter Mann. Du kannst doch nicht leiden, daß ich in meinem Rechte nach irgend welcher Richtung hin beeinträchtigt werde. Ja, Longinus pflegte immer in sehr gewählter und wohlgesetzter Rede zu sprechen. – Ja, bedaure, Mikita hat den Schlüssel. Nun schritt Longinus feierlich an Mikitas Bett heran: – Ich spreche Dir jede Art Bildung ab. Das war das größte Schimpfwort, das er je ausgesprochen hatte. – Mach die Tür auf. Ich bin vergewaltigt und überlasse Dir das Buch. Gott! wie sie gelacht haben. Und es war Sonntag. Sie sollten eigentlich in der Kirche sein. Die Kirche hatten sie immer geschwänzt. Sie waren doch gar zu überzeugungstreue Atheisten. Aber gefährlich war es. Der fanatische Religionslehrer spionierte in der Kirche herum ... Ha, ha, ha. Falk dachte, wie er einmal in der Kirche seiner »Flamme« gegenübersaß – ja, er saß auf dem Katafalke, wollte recht graziös und interessant erscheinen und verharrte die ganze endlose Messe hindurch in einer recht unbequemen Stellung, in der er einmal Byron auf dem Grabe Shelleys abgebildet gesehen hatte. Gab das einen Skandal! Nun wollte er sich wieder zur Arbeit aufraffen, aber er konnte die Gedanken nicht sammeln. Das flog und schwirrte alles in seinem Gehirne herum um diese herrliche Zeit. Er kaute gedankenlos an dem Federhalter und wiederholte: War das eine herrliche Zeit! Wie sie plötzlich Ibsen entdeckt hatten, wie ihnen »Brand« den Kopf verdrehte. Alles geben oder Nichts! Ja, nun wurde das ihre Parole. Und sie suchten die Spelunken der Armen auf und scharten die Proletarierkinder um sich herum. Wieder sah sich Falk in der Mansarde. Fünf Uhr Morgens. Ein Gepolter von Holzschuhen auf den Treppen, als ob man eine Kanone nach oben schleppte. Dann wurde die Türe aufgemacht und nun im Gänsemarsch: ein Junge, ein Mädchen – zwei Jungen – zwei Mädchen, die ganze Stube voll. Alles am Ofen um den großen Eichentisch herum. – Mikita, steh auf! Ich bin wahnsinnig müde. Mikita fluchte. Er könne nicht aufstehen. Er habe die ganze Nacht an dem lateinischen Aufsatz gearbeitet. Mit einem Ruck waren sie beide auf, ganz wütend und haßerfüllt gegen einander. Das Zähneklappern in dieser Kälte! Und nun: er am Ofen, prustend und fluchend, weil das Holz kein Feuer fangen wollte, Mikita an dem großen Milchkessel, den er mit Spiritus erwärmte. Allmählich wurden sie weicher gestimmt. Die Kinder wie junge Raubtiere über die Milch und das Brot her – Mikita, von der Seite, strahlend, glücklich. Und dann: Kinder hinaus! Jetzt sahen sie sich regelmäßig freundlich an. Falk wurde es ganz warm ums Herz. Er hatte das längst vergessen. Es stak, weiß Gott, ein großer, schöner Inhalt da drin. Dann, gewöhnlich Scham, weil sie sich auf Sentimentalität – nein, Ästhetik nannten sie es – ertappen ließen, und schließlich Zank. – Nibelungenlied ist doch eigentlich ein leeres, dummes Gewäsch. Mikita kannte Falks schwache Seiten sehr gut. Das wollte er selbstverständlich nicht zugeben. Er disputierte mit unglaublichem Eifer und schnitt das Brot zum Frühstück. Mikita war schlau. Er verwickelte Falk immer in einen Disput und ließ sich das Brot schneiden, weil Falk im Eifer niemals merkte, wie beschwerlich es war. Und plötzlich: Herrgott, zwei Minuten über voll. Die Bücher zusammengerafft und in eiligstem Galopp in die Schule. Er voran, Mikita hinterdrein, humpelnd. – Ob er das Überbein jetzt kuriert hatte? Nun merkte Falk gewöhnlich, daß er hungrig war, Mikita hatte das ganze Brot aufgegessen – der herrliche Kerl. Dann ... Falk stockte. »Brand« aufs Erotische übertragen. Alles oder Nichts ... Er stockte wieder. Er hatte eigentlich Janinas ganze Zukunft zerstört. – Hm, warum sie nur von ihm nicht lassen konnte? Und wie er sie gequält hatte mit den Brandschen Forderungen und der Brandschen Härte. Ja, er mußte wohl eine Art Hypnose auf sie ausgeübt haben. Wie war es sonst möglich, daß sie von zu Hause weglief und ihm nachreiste? Unangenehm. Er hatte sie ja niemals geliebt. Er wollte ja nur zusehen, wie sich bei einem Mädchen die Liebe entwickelt. Ja, er wollte eine Biogenese der Liebe schreiben. Kein übler Gedanke für einen achtzehnjährigen Jungen. Nun, er hatte damals Büchner und das »triste cochon« Bourget gelesen. Er mußte sie doch mal besuchen. Nein lieber nicht. Wenn sie ihn nur vergessen könnte. Falk stand auf und ging gedankenvoll auf und ab. Es ist doch schändlich, sie immer von Neuem zu verführen und dann hinterdrein sich auf einen überlegenen Standpunkt zu stellen und klar zu machen, daß Liebe überwunden werden muß, daß sie ein rudimentäres Gefühl sei, eine Art pathologischen Ausschlags in dem Geistesleben des modernen Menschen. Ja, darin war er unvergleichlich. Wenn sie nur ein bißchen froher werden möchte. Er hörte sie, wie sie ihm auf seine höhnenden Erklärungen antwortete: – Ich würde Dir nur das eine wünschen, daß Du Dich einmal verliebst ... Wie naiv sie war. Nein – nein ... Liebe?! – Hm ...Was war das eigentlich? Der alte Herr in Königsberg, der hat es durchschaut. Liebe ist doch wohl sicher eine krankhafte Äußerung ... Ja, er mußte es wissen. Er zündete sich eine Zigarette an und legte sich lang hin aufs Sofa. Was Mikita jetzt wohl malte? Es war doch eine unglaubliche Kraft in dem Menschen. Sich so mühsam durchzuringen und nicht einen Strich vom Wege abzulenken. Jetzt hätte er schon reich werden können, wenn er es wie die Andren machen wollte. Diese schreckliche Zeit auf der Universität. – Hast Du zehn Pfennig, Mikita? Mikita hatte nichts, er hatte den ganzen Morgen alle Sachen durcheinandergeworfen in rastlosem Suchen nach dem 10 Pfennigstück, das sich doch irgendwo verkrochen haben mußte. – So werden wir hungern. – Allerdings. Mikita ließ sich in seiner Arbeit nicht stören. Du – übrigens ist das Geld jetzt sehr billig. Der russische Staat hat seine Schulden konvertiert. – Ja, ja – ich weiß schon. – Na also! Mikita malte weiter. Und sie hungerten. Gräßlich! Falk schüttelte sich. Halb verrückt war er geworden. – Sonderbar, daß er es nicht ganz wurde. Wie er einmal ganz kraftlos auf der Straße stehen blieb und beinahe überfahren wurde. Schließlich hatten sie nur eine Hose. Mikita mußte in Unterhosen malen, wenn Falk ins Kolleg ging. Nun lachte Falk laut auf. Er erinnerte sich, wie die Mutter den Gutsinspektor mit dem Gelde zu ihm schickte. Sie hatte den Wald verkauft. Dann gingen sie alle drei in eine Kneipe und verblieben da vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein. Der Inspektor kroch auf allen Vieren die Treppe hinauf. Mikita zog ihn beständig an einem Bein herunter, bis der Inspektor ihm in seiner Entrüstung einen starken Schlag mit dem Absatz grade auf die Nasenwurzel versetzte. O Gott! Wie der Inspektor sich übergeben wollte und den Kopf durch die Scheibe hindurchsteckte, weil er das Fenster nicht aufmachen konnte ... Und nun dachte Falk wieder an seine Hungerperiode und an die Mutter, die doch immer geholfen hatte. Ihn überkam eine weiche Zärtlichkeit. Ja, ja, die Mutter, die Mutter ... Na, Mikita wird schön gehungert haben in Paris. Die armen Bahnbrecher! Er lachte höhnisch. Aber nein! Zum Trotz! Nicht eine Linie nachgeben, lieber verhungern. Er dachte nach. Was war es eigentlich? Was hielt ihn aufrecht trotz all der Beschimpfungen, all der Mißerfolge? Er legte sich wieder hin. Die große, die herrliche Kunst, die eine neue Welt aufsucht, eine Welt, die hinter der Erscheinung, hinter dem Bewußt-Gedachten, hinter jeder Äußerungsform liegt – eine Welt, so unfaßbar fein, daß die Zusammenhänge sich verwischen und ineinanderfließen – eine Welt in einem Blick, einer Geste ... Herrlich! Und die neuen Symbole ... Ja, ja – das neue Wort, die neue Farbe, der neue Stimmungston ... – Alles dagewesen ... – Nein, nein, verehrter Herr, nicht Alles. Nicht der Schmerz, der über dem Schmerze steht, nicht die Freude, die zum Schmerze wird, nicht der ganze neue Vorstellungsinhalt, in dem alle Sinne ineinandermünden ... ja, ja ... all die tausend Empfindungswerte, die zwei, drei, höchstens zehn brave Zeitgenossen nachzuempfinden verstehen ... Das alles nicht dagewesen, sonst würde es auch schon die Menge verstehen, die hundert Jahre nötig hat, um einen Gedankenbrocken durchzukauen. Nun, es war doch am Ende sehr gut, daß man nicht von jedem Preßbuben verstanden wurde, sonst müßte man sich vor sich selbst schämen ... Er schaute der Rauchwelle nach, die sich in einem feinen Streifen von der Zigarette loslöste und sich in seltsamer Windung nach oben hinaufwand. So sah er einmal einen Bach gemalt auf einem chinesischen Bilde. Plötzlich kam ihm vor, als höre er Mikitas Stimme. Ja, er erinnerte sich, nie wieder hatte er diese unsagbar mystische Stimmung erlebt. Er war damals krank, konnte nicht die Augen aufmachen, das ganze Gesicht war aufgeschwollen. Mikita pflegte ihn; oh, er verstand mit ihm umzugehen! Tag und Nacht wachte er bei ihm. Und wenn Falk nicht einschlafen konnte, dann las er ihm vor. Ja, er las die Florentinischen Nächte von Heine. Und Falk hörte ein monotones, weiches Singen – ja, Singen ... halb wie ein Gebet, das immer mehr verebbte, wie die letzten Wellen am Seestrand, wenn sich die See glättet – immer mehr, immer weicher ... Er schlief ein. II. – Mikita, mein teurer Bruder! – Ja, ich bin es. Beide Freunde umarmten sich herzlich. Falk war sehr aufgeregt. Er lief hin und her, kramte alle möglichen Sachen heraus und fragte unaufhörlich: – Sag – sag, was willst Du haben? Bier? Schnaps ... Da, wart mal – richtig! Ich habe hier einen herrlichen Tokayer – von der Mutter bekommen – weißt Du, noch von Vaters Zeiten her. Er hat sich auf diese Dinge verstanden. – So laß doch endlich. Setz Dich doch hin. Laß Dich sehen. Endlich beruhigte sich Falk. Sie sahen sich glücklich in die Augen und stießen mit den Gläsern an. – Großartig! Aber Mensch, siehst Du schlecht aus. Du hast wohl viel geschrieben ... Potz Tausend! Dein letztes Buch – weißt Du, ich kam in eine solche Aufregung ... nein, war das merkwürdig! Ich kaufe mir das Buch, fange an auf der Straße zu lesen, bleibe stehen, das Buch packt mich derart, daß ich es auf der Straße auslesen muß und halb verrückt werde. Du bist doch ein ganzer Kerl! Falk strahlte. – Das macht mir große, große Freude. Du hast ja doch immer diese furchtbaren Ansprüche an mich gestellt. Also gefiel es Dir wirklich? – Na! Mikita machte mit der Hand einen weiten Kreis in der Luft. Falk lachte. – Da hast Du Dir eine neue Bewegung angewöhnt. – Nun, weißt Du, sprechen kann man doch wirklich nicht mehr. Alle diese unerhört feinen Dinge, die lassen sich nur mit Gesten ausdrücken. – Ja, Du hast Recht. – Das ist nämlich die große Linie, verstehst Du, der große Zug, der heiße Unterstrom, das verstehen wenige. So bin ich in Paris zu Einem von den Großen gegangen, weißt Du, dem Oberhaupt der Naturalisten, oder wie sie da heißen ... Er verdient! Na ja, der Pöbel fängt jetzt an, das cinquième élément, das Napoleon in Polen entdeckte – la boue und ein paar Kartoffelstengel darauf zu kaufen. Früher waren es die Pfefferkuchenpuppen des Hoftapeziermeisters Seiner Apostolischen Majestät – Raffael hieß er, nicht wahr? Nun, jetzt sind es die Kartoffelmaler ... Also ich frage das Oberhaupt, wozu man eigentlich das male, was in der Natur tausendmal besser sei und schließlich doch keine Bedeutung habe. – Ach was! Bedeutung! Nämlich die Natur, verstehen Sie ... Ja, ich verstand. – Die Natur ist Bedeutung. Aber doch nicht die Kartoffel? Nun kam der Kartoffelmaler in eine große Begeisterung. – Ja, grade die Kartoffel, das ist Natur, alles übrige Quatsch! Phantasie? Phantasie? Wissen Sie, Phantasie – lächerlich, Notbehelf! Beide Freunde lachten herzlich. Mikita dachte nach. – Na aber jetzt sollen sie sehen. Herrgott, mein Kopf birst vor lauter Gedanken. Hätt ich tausend Hände, tausend Linien würde ich Dir vorfuchteln, dann würdest Du mich verstehen. Weißt Du, das Sprechen verlernt man nämlich. Ich war bei einem Bildhauer – na weißt Du, Du wirst Skizzen von ihm bei mir sehen ... Ich lag auf dem Bauch vor diesem Menschen. Ich sagte ihm: das ist herrlich! Was? Ich beschrieb ihm die Sache. Ach so, Sie meinen dies! Und nun beschrieb er in der Luft eine unerhört großartige Linie. Der hat es verstanden ... Aber Herrgott, ich rede, daß sich mir der Mund verdreht – wie geht es Dir? Nicht besonders, was? – Nein, nicht besonders. Er habe viel Qual in der letzten Zeit ausgestanden. Diese tausend feinen Empfindungen, wofür es noch keine Laute gebe, diese tausend Stimmungen, die so momentan in Einem aufsteigen und die man nicht festhalten könne. Mikita unterbrach ihn heftig. – Ja, eben, grade dies. Siehst Du, der Bildhauer, der Prachtkerl – weißt Du, was er gesagt hat? Prachtvoll hat er es gesagt: Sehen Sie, hier sind die fünf Finger, die kann man sehen und betasten – und nun spreizte er die Finger auseinander – aber hier, hier, das zwischen den Fingern, das kann man nicht sehen, kann man nicht betasten, und doch ist das die Hauptsache. – Ja, ja, das ist die Hauptsache, aber lassen wir die Kunst. – Du bist wohl ein wenig blasiert? – Das nicht, aber zu Zeiten werde es doch ein wenig langweilig. Alles Leben nicht unmittelbar genießen zu können, sondern nur immer darauf hin zu leben, wie werde man es gestalten, wie werde man das verwerten können – und wozu eigentlich? Ihm werde schon ganz übel, wenn er daran denke, daß er kaum – fähig sei, Schmerz oder Freude nur als solche zu empfinden ... – Du mußt einmal lieben. – Mikita, Du? Das sagst Du? – Ja, ja. Lieben. Das ist etwas, was nicht ideell wird, das läßt sich nicht mittelbar empfinden. Gibt es Glück, so könnte man in den Himmel springen, ohne zu bedenken, daß man sich dabei die Beine verrenken kann; gibt es Schmerz, so frißt es an Einem so reell, na weißt Du, das kann man nicht wegschreiben, das kann man nicht unter Gesichtspunkte ordnen ... Mikita lächelte. – Ich bin nämlich verlobt. – Du?! Verlobt?! – Ja, und ich bin unerhört glücklich. Falk konnte aus dem Erstaunen nicht herauskommen. – Nun, das Wohl Deiner Verlobten! Sie tranken die Flasche leer. – Du, Mikita, wir bleiben doch den ganzen Tag zusammen. – Freilich, selbstverständlich. – Weißt Du, ich habe ein wunderbares Restaurant entdeckt ... – Nein, Bruder, wir gehen zu meinem Fräulein. – Ist sie denn hier? – Ja, sie ist hier. In vier Wochen sollen wir uns heiraten. Zuerst nur noch eine Ausstellung in München, damit ich die nötigen Gelder habe, eine würdige Hochzeit zu feiern, ja, ein Fest, wie es noch kein Maleratelier gesehen hat. Falk sträubte sich. – Er habe sich so gefreut, heute, grade heute mit ihm allein zu sein. Erinnere er sich nicht mehr an die herrlichen heures de confidence mit den endlosen Disputen ... Aber Mikita bestand hartnäckig auf seinem Vorschlag. Isa sei maßlos auf ihn neugierig. Er habe heilig versprochen, ihr das Wundertier von Falk in natura vorzuführen. – Nein, es ginge nicht mehr, sie mußten zu ihr gehen. Falk mußte sich fügen. Unterwegs sprach Mikita beständig von seinem großen Glück und gestikulierte lebhaft. – Ja, ja, das ist merkwürdig, wie ein solches Gefühl Einen aufwühlen kann. Das Unterste kommt zu Oberst, es ist als ob sich ungeahnte Tiefen aufschließen. Zehn Welten kommen hinein. Und dann, was sich so alles an Fremdem, Unbekanntem regt ... Empfindungen, so unfaßbar, daß sie kaum ein Tausendstel Sekunde im Gehirne aufblitzen. Und doch steht man den ganzen Tag unter dem Einfluß dieses Dinges. Und wie die Natur Einem erscheint! Weißt Du, in der ersten Zeit, als sie sich sträubte – ich lag wie ein Hund vor ihrer Tür, mitten im Winter, in der fabelhaftesten Kälte hab ich die ganze Nacht vor ihrem Zimmer geschlafen – und ich zwang sie. Aber gelitten hab ich! Hast Du einen schreienden Himmel gesehen? Nein! Also weißt Du, ich habe ihn schreien gesehen. Es war, als öffne sich der Himmel zu tausend Mundhöhlen und schrie nun Farbe in die Welt hinaus. Der ganze Himmel eine unendliche Reihe von Streifen; dunkelrot, so ins Schwarze hinüber. Geronnenes Blut ... nein! eine Kotlache, in der sich die Abendröte spiegelt, und dann ein schmutziges Gelb! Häßlich, ekelhaft, aber großartig ... Gott ja, Mensch! Dann das Glück! Ich reckte mich und reckte – hinauf, daß ich an der Sonne meine Zigarette anzünden konnte! Falk lachte auf. Mikita, der ihm kaum an die Schultern reichte! Der wunderbare Kerl ... – Nicht wahr? Komische Vorstellung. Ich an die Sonne reichen! Weißt Du, als ich in Paris war, sahen sich die Franzosen nach mir um. Ich hatte nämlich einen Freund, und neben ihm sah ich wie ein Riese aus. Sie lachten beide. Mikita drückte ihm warm die Hand. – Weißt Du, Erik, ich weiß eigentlich nicht, wen ich mehr liebe ... Siehst Du, Liebe zum Weibe, das ist doch etwas Andres, man verlangt etwas, und schließlich, nicht wahr? Man liebt doch auf etwas hin ... Und nun siehst Du die Freundschaft –ja, Du Erik das ist das Unfaßbare, das Feine, das zwischen den Fingern ... Und nun, wenn man so drei Monate ununterbrochen mit einem Weibe zusammen ist ... Falk unterbrach ihn. – Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich mich manchmal nach Dir gesehnt habe. Hier unter diesem Schreibergesindel gibt es auch nicht einen Menschen ... – Kann mirs denken. Nun, jetzt wollen wir die Zeit ausnutzen. – Ja, wir wollen immer zusammen sein. Sie kamen an. – Du Erik, sie ist furchtbar gespannt auf Dich. Mach Dich nur interessant, sonst blamierst Du mich. Sehr interessant, das verstehst Du gut, Du Teufelskerl! Sie traten ein. Falk überkam ein Gefühl, als hätte er eine große, glatte Spiegelfläche um sich. Dann wurde es ihm, als müßte er sich an etwas erinnern, was er schon längst einmal gesehen oder gehört hatte. – Erik Falk, stellte Mikita vor. Sie sah ihn an, wurde sehr verlegen, und streckte ihm dann herzlich die Hand entgegen: – Sie sind es. Falk wurde lebendig. – Ja, ich bin es. Ich sehe doch nicht so merkwürdig aus. Sie mußten wohl nach Mikitas Beschreibung ein seltsames Tier erwartet haben? Sie lächelte. Falk bemerkte Etwas, wie einen rätselhaften Schleier, durch den dies seltsame Lächeln durchschimmerte. – Ich war ganz eifersüchtig auf Sie geworden. Mikita hat die ganze Zeit nur über Sie gesprochen. Er ist ja wohl auch nur Ihretwegen nach Berlin gekommen. Sonderbar! Derselbe Schleier in den Augen. Ein Schimmer wie von einem intensiven Lichte, das sich erst durch schwere Nebel Bahn brechen mußte. Was war es? Sie setzten sich hin. Falk sah sie an. Sie ihn auch. Beide lächelten verlegen. – Mikita hat erzählt, daß Sie immer Cognac haben müssen. Ich habe eine ganze Flasche gekauft, aber er hat sie schon zur Hälfte ausgetrunken ... Wie viel darf ich Ihnen eingießen? – Gott, genug! – Ja, ich weiß nicht ... Sie sind doch aus Rußland her, es soll dort Sitte sein, Cognac aus Litergläsern zu trinken. – Sie glaubt nämlich, erklärte Mikita, daß in Rußland Bären ins Haus kommen, um die Überreste aus den Töpfen zu schlecken. Sie lachten alle. Das Gespräch ging hin und her. Mikita sprach fortwährend und fuchtelte dabei mit den Händen. – Siehst Du, Erik, wir lieben uns nämlich bis zur Verrücktheit ... Falk bemerkte bei ihr ein verlegenes Lächeln, als glitte ganz leise ein Schamgefühl über ihr Gesicht. – Du darfst Herrn Falk damit nicht langweilen. Ein feiner Streifen Unmut huschte über Mikitas Gesicht. Sie streichelte diskret seine Hand; Mikitas Gesicht hellte sich auf. Sie weiß mit ihm Bescheid, dachte Falk. Das Zimmer war in einer sonderbaren, zinnoberroten Beleuchtung. Etwas von einem dicken Rot, wie wenn man feine Rotlagen übereinander schichtete und das Licht sich in ihnen brechen ließe. War es dies Licht? Nein, es lag um die Mundwinkel, nein! Feine Streifen um die Augen ... Wieder verschwand es und legte sich in eine zarte Vertiefung in der Kaumuskulatur ... nein, es war unfaßbar. – Du bist so still, Erik, was fehlt Dir? – Gott, sind Sie schön! Falk sprach das absichtlich mit einer solchen Nuance von Unwillkürlichkeit, daß selbst Mikita getäuscht wurde. – Siehst Du, Isa, der Mann ist offen, nicht wahr? Seltsamer Mensch! Dies Gesicht ... Isa mußte ihn immer wieder ansehen. – Was hast Du eigentlich den ganzen Winter gemacht? Falk raffte sich auf. – Mit Iltis gebummelt. – Wer ist Iltis? – Das ist ein Spitzname für einen großen Mann, erklärte Mikita. Isa lachte. Das war ein sonderbarer Spitzname. – Sehen Sie, Fräulein, Iltis ist mir persönlich ein sehr sympathischer Mensch, ein guter Mensch und hält es mit den Jungen. Manchmal werden sie ihm zu toll, dann schleicht er sich still davon ... – Was ist er denn? – Er ist Bildhauer. Das ist aber bei ihm furchtbar Nebensache. Na ja, er interessiert uns nur als Mensch. Und als Mensch wird er von der fixen Idee beherrscht, daß Jemand sich auf seine persönliche Suggestion hin erschießen müsse. Hypnose ist nämlich sein Reitpferd. So kam es, daß wir eine ganze Nacht durchgetrunken hatten. Das verehrte Publikum, das uns für die Priester der Kunst hält ... – Priester der Kunst! Großartig ... Musentempel und Klio ... Ha, ha, ha. Mikita freute sich ungemein. – Ja: das Publikum kann sich nicht denken, wie oft das bei den Priestern der Kunst vorkommt. Nach einer solchen Nacht bekommen also die Priester Verlangen nach frischer Luft. Die kleinen Priester fielen unterwegs ab. Nur der große Hierophant ... – Hierophant! Iltis ein Hierophant! Mikita schüttelte sich. – Also der Hierophant und ich gehen zusammen. Plötzlich bleibt Iltis stehen. Ein Mann steht an der Mauer und »starrt in die Höhe«, wie es bei Schubert heißt. – Mann! sagt Iltis mit einer unglaublichen Vibration in der Stimme. Aber der Mann rührt sich nicht. Iltis sprüht förmlich Funken mit seinen Augen. – Paß auf! Der Mann ist hypnotisiert, flüstert er mir geheimnisvoll zu. – Mann! Seine Stimme wird drohend und bekommt den Ton einer heiseren Trompete, mit der Jerichos Mauern erschüttert wurden ... Hier hast Du sechs Mark, kauf Dir einen Revolver und schieß Dich tot. Der Mann streckt die Hand aus. – Eine vollkommene Hypnose, raunt mir Iltis zu. Er legt mit einer unglaublich großartigen Handbewegung sechs Mark in die offene Hand des Mannes. Im selben Nu macht der Mann einen Luftsprung: – Nu brauch ick mir nich totschießen. Hurrah, das Leben! – Feiger Schurke! brüllt ihm Iltis nach. Mikita und Fräulein Isa lachten herzlich auf. Falk horchte. Es war da ein Schmelz in dem Lachen – ein ... woran erinnerte ihn das nur? – Sehen Sie: wär ich ein Kultusminister, würd ich den feigen Schurken als einen wohlbestallten Professor der Psychologie anstellen lassen. – Verstehen alle Russen so schön zu höhnen? Sie sah ihn mit großen, herzlichen Augen an. – Nein, Fräulein, ich bin kein Russe. Ich bin nur an der russischen Grenze geboren. Aber durch die enge Berührung mit den Slaven, die katholische Erziehung und dergleichen schöne Dinge bekommt man vielleicht Etwas in seinen Charakter, das die Deutschen sonst nicht haben. Dann – ja, wissen Sie, man bekommt dort so interessante Eindrücke ... Falk fing an, mit einer Wärme von seinem Geburtsort zu sprechen, die seltsam von dem leise höhnenden Zug abstach, den er in seiner Stimme hatte. – Prachtvolle Menschen! Auf ein Hundert können kaum zweie lesen, weil sie Polen sind und in der Schule gezwungen werden, dem süßen Wohllaut einer fremden Sprache zu lauschen. Ja, man wolle durchaus die polnischen Kinder zu ehrsamen deutschen Bürgern erziehen, und Alles, was ehrsam sei, müsse sich bekanntlich der deutschen Sprache bedienen. Man prügle den Kindern mit einer echt preußischen Energie die wonnesame deutsche Sprache bei und die Fortschritte seien auch ganz eklatant. – Die Kinder grüßen ja sogar schon mit einem Gruß, der eigentlich »Gelobt sei Jesus Christus« lauten sollte. Aber die gelenkige polnische Zunge weigert sich, solche barbarische Laut-Verbindung wie »Gelobt« auszusprechen, und so wurde der Gruß zu einem »Galopp Jesus Christus, Galopp!« umgewandelt. Warum der liebe Jesus Christus galoppieren soll, können die Kinder freilich nicht begreifen, aber bei einem deutschen Christus ist alles möglich. Der polnische ist ja doch ganz anders, und der polnische Gott versteht ja auch nur polnisch, wie ja auch bekanntlich das Paradies in Polen zu suchen ist. Es war etwas in seiner Sprache, das sie so seltsam fesselte. Er konnte etwas ganz Triviales sagen, und doch sagte er es mit einer Nuance, einer Betonung ... Mikita sprach zu laut. – Weißt du, Erik, wie wir noch im Gymnasium waren ... der eine Lehrer hatte eine kolossale Ähnlichkeit mit Iltis ... Falk horchte halb zu. Während Mikita sprach, sah er sie von Zeit zu Zeit an. Jedesmal begegneten sich ihre Blicke und Beide lächelten. Dies Gefühl hatte er noch nie empfunden. Es war, als ob sich Etwas in ihm anspannte, sammelte, – er fühlte eine Wärme und eine Energie ... das strömte und goß sich in sein Hirn. Er hatte sich doch wirklich interessant machen wollen. Ja wirklich. Es war Etwas in ihm, das eine verzweifelte Ähnlichkeit mit Absichten hatte, ja, Absichten, das Weib zu fesseln – sie zu unterhalten ... Wer war dies Weib? Wieder sah er hin, sie schien Mikita nicht anzuhören; um die Augen dies seltsame Glühen. Wie alle die Linien ineinanderflossen hinter dem Schleier. Er fühlte fast die Lust, etwas von ihrem Gesichte und ihren Augen abzulösen. Mikita bekam plötzlich mitten in seiner Erzählung einen Ruck. Er sah flüchtig auf sie hin. Ihre Augen waren auf Falk gerichtet. Neugierde?... Ja?... Vielleicht nicht ... Falk merkte Mikitas Unruhe und lachte plötzlich auf: – Ja, es war merkwürdig. Dieser alte Fränkel – ja, wirklich ein Doppelgänger von Iltis. Weißt Du noch, Mikita, – damals an dem Sonntag. Wir schliefen; ich träumte von dem Chemiker, dem Grieser, der mir damals als ein Geistesriese vorkam. Er hat uns Beide düpiert. Plötzlich wach ich auf. Jemand klopft an die Türe: Machen Sie auf! Ich, in meinem verschlafenen Zustand, denke an Grieser. Aber es ist doch nicht Griesers Stimme. – Wer sind Sie? – Fränkel. Ich überhöre Alles und denke nur an Grieser. – Aber Sie sind doch nicht Grieser? – Ich bin Fränkel. Machen Sie auf. – Gott, machen Sie doch keinen Ulk. Sie sind nicht Grieser. Ich höre nämlich, daß es nicht Griesers Stimme ist, mache trotzdem auf, bin aber so verschlafen, daß ich mich nicht zurechtfinden kann. – Sie sind doch nicht Grieser? Plötzlich werd ich wach und taumle erschrocken zurück. Es war wirklich Fränkel. O Gott! Und auf dem Tische lag Strauß' »Leben Jesu« ... Mikita war nervös, aber alle die Erinnerungen erwärmten ihn wieder. Es wurde ziemlich spät. Falk fühlte, daß er nun gehen müsse, aber es war ihm unmöglich, ja physisch unmöglich, sich von ihr zu trennen. – Du Mikita, wollen wir nicht in das Restaurant »zur grünen Nachtigall« gehen. Das wird Fräulein Isa interessieren. Mikita schwankte, aber Isa schlug sofort ein. – Ja, ja; ich möchte es sehr gern. Sie zogen sich an. Falk ging voraus. Isa sollte die Lampe auslöschen. Isa und Mikita blieben einen Augenblick zurück. – Ist er nicht wunderbar? – O, herrlich! Aber – lieben könnt ich ihn nicht. Sie küßte ihn heftig. Unten setzten sich alle Drei in eine Droschke. Es war eine helle Märznacht. Sie fuhren durch den Tiergarten, sprachen kein Wort. In der Droschke war es sehr eng. Falk saß Isa gegenüber. Dies Gefühl hatte er nie empfunden. Es war ihm, als ströme ihm unaufhörlich eine Hitze in die Augen, ja, es war als sauge sein Körper ihre ... ihre Wärme in sich ein ... Als strahle sie ein saugendes Verlangen aus, das Etwas in ihm auflöste – zerschmelzen machte. Sein Atem wurde heiß und kurz. Was war es? Er hatte wohl zu viel getrunken. Aber nein! Plötzlich begegneten sich ihre Hände. Falk vergaß, daß Mikita da war. Er verlor auf einen Augenblick die Selbstbeherrschung. Er zog ihre Hand an seine Lippen und küßte sie mit einer Inbrunst, einer solchen Inbrunst ... Sie ließ es geschehen. III. In der »grünen Nachtigall« machte Isas Erscheinen großes Aufsehen. Falk erblickte den alten Iltis, wie er die Augen zukniff und wie sein Gesicht unangenehm grinste. Selbstverständlich fing nun seine ausschweifende sexuelle Phantasie zu arbeiten an. Darin war er unübertrefflich. Iltis lief auch gleich an Mikita heran. Gott, sie waren immer so gute Freunde gewesen. Falk grüßte mit einem nachlässigen Kopfnicken und setzte sich mit Isa etwas abseits. Er sah wieder um ihre Augen den heißen, verschleierten Glanz. Ihm schien, als müsse er zusammensinken. War es schwer, sich in der Macht zu haben! Aber er beherrschte sich. Interessant, daß er zuerst aufhusten mußte, er fühlte sich so sonderbar heiser. – Ich werde Sie ein wenig mit der Gesellschaft bekannt machen. Er hustete wieder kurz auf. – Sehen Sie, der Herr da, der dicke mit den dünnen Beinen, die Sie leider nicht sehen können – und sie sind in der Tat sehenswert – ja der da, der Sie so mit dem unheimlichen, grübelnden Blick anstarrt, als wittre er in Ihnen unheimliche soziale Rätsel – er ist ein Anarchist. Er macht übrigens Verse, wunderbare Verse: Wir sind die Infanterie ... nein – richtig: die roten Husaren der Menschheit. Rote Husaren! Herrliche preußische Phantasie! Der hat den Drill im Leibe ... Falk lachte heiser auf. – Ja, er ist Anarchist und Individualist. Ja, sie sind Alle, Alle, so dick und breit sie da sitzen, Individualisten mit jenem eigentümlichen, dicken, deutschen Bieregoismus. Es klirrte etwas auf dem Boden. Alle sahen hin. Falk lachte. – Sehen Sie, das ist ein interessanter, junger Mann. Er ist Neokatholiker und glaubt an ein Willenszentrum in der Welt, von dem wir nur Willensemanationen sind. Bei ihm speichert sich die Energie in den Fingerspitzen, er muß sie auslösen, um weitere Energieakkumulationen zu verhindern. Er behilft sich damit, daß er Gläser hinwirft. Der junge, blonde, lockige Mann sah sich triumphierend um. Sein Tun hatte kein sonderliches Aufsehen erregt, und so rief er nach einem neuen Glase. Iltis besänftigte ihn. – Aber Kind ... – Und der, – ja, der links ... hat er nicht ein Gesicht, wie ein verfaulter Apfel? Mikita kam heran. – Wir müssen an ihren Tisch kommen, sonst glauben sie, daß wir uns absondern. Nun wurden Alle Isa vorgestellt. Falk saß neben Isa. Ihm zur Rechten saß ein Mann, den Falks Freunde den Säugling nannten. Der Säugling war überströmend freundlich. Falk wurde er plötzlich widerlich. Er wußte, daß der Mann ihn haßte. – Haben Sie das Gedichtbuch gelesen? Der Säugling nannte einen Namen, der gerade aufkam und sehr en vogue war. – Ja, darin geblättert. Falk fühlte instinktiv, daß Isa ihm zuhörte. – Er verspürte ein heftiges, inneres Beben. – Finden Sie es nicht entzückend? – Durchaus nicht. Nein, er finde das Buch ganz dumm. Falk versuchte das dumme Zittern zu neutralisieren. – Ganz, ganz dumm. Wozu schreibe man diese inhaltleeren Gedichtchen? Um den Frühling zu besingen? Der habe wahrhaftig mehr als genug von der ewigen Singerei. Man schäme sich ja schon, das Wort Frühling bloß auszusprechen ... Mikita sah Falk erstaunt an. Er war nicht gewöhnt, Falk in diesen Kreisen so sprechen zu hören. – Diese ganze Stimmungsmalerei sei so flach, so nichtssagend ... Diese Stimmungen habe jeder Bauernjunge, jede Bauerndirne, wenn in ihr der träge Stoffwechsel des Winters einem schnelleren Verbrennungsprozesse weiche ... Wären es noch Stimmungen, die auch nur ein Quentchen von dem Furchtbaren, Rätselhaften, an dem der Mensch übervoll sei, offenbarten; wären es Stimmungen, die doch wenigstens, so belanglos sie auch sonst sein mögen, etwas von dem nackten Seelenleben, ja – etwas von der unbekannten Seele geben ... Aber alle diese Dinge, die eine höher stehende Gattung Mensch überhaupt nicht mehr erlebe, weil – weil sich das Gefühl dagegen sträube, sich in dieser Frühlingssängerei zu bewegen ... Falk stotterte und wurde verwirrt. Es kam ihm vor, als stünde er auf einer Rednertribüne, tausend Zuhörer um ihn herum. Dann wurde er immer dumm und sprach nur banales Zeug. Der Säugling wollte ihn unterbrechen. Aber Falk mußte ausreden. – Sehen Sie, alle diese Gefühle können Wert haben für Jünglinge und Backfische, weil sie sozusagen das Substrat der Zuchtwahlsempfindungen sind ... – Aber lieber Falk – der Säugling benutzte eine momentane Pause, in der Falk seine Gedanken zu konzentrieren suchte – Sie verkennen völlig das Wesen der Kunst. Kunst kommt von können ... Er sprach den Satz bedeutungsvoll aus. – Das Können allein entscheidet über den Wert eines Kunstwerkes. Die Gedichte sind rhythmisch vollendet, sie haben Fluß und Gesang ... – Und sind ein leeres Strohdreschen, unterbrach ihn Falk. – Dein Wohl! Iltis trank Falk freundlich zu. Mit Falk konnte es nicht richtig sein. So eifrig und so zittrig hatte er ihn noch nie gesehen. Falk erholte sich ein wenig. – Nein, lieber Herr. Nicht die Form, nicht der Rhythmus entscheidet über die Kunst. Das hatte einstmals Bedeutung, als der Mensch sich erst künstlerische Formen schaffen mußte, ja – mußte, aus einem inneren Trieb, der durch tausend Ursachen bedingt war. Damals hatte der Rhythmus als solcher Bedeutung, denn in ihm drückte sich das rhythmische Zusammenwirken der Muskeln aus ... in der Zeit, als der Rhythmus geboren wurde, war er eine Offenbarung, eine große Tat ... Heute hat er nur eine atavistische Bedeutung – heute ist er eine leere, abgestorbene Formel. Wissen Sie, zu diesen Gedichten war überhaupt nichts mehr nötig als ein vererbtes Formgefühl ... Ich leugne nicht die Bedeutung des Rhythmus für den ganzen künstlerischen Effekt, aber es muß doch in einem Gedicht etwas drin sein ... Wieder trank Iltis Falk zu. Es fing an, ihn zu langweilen. – Nein, nein! Nicht der abgedroschene Inhalt von Frühling und Liebe und Weib ... Nein, ich will nicht diese lächerlichen Eiapopeiasänger ... Falk sprach heftig und eindringlich. Isa hörte nicht auf das, was er sprach. Sie sah nur den Mann mit dem feinen schmalen Gesicht und der glühenden Leidenschaft in den tiefen Augen. – Was ich will? Was Ich will? Leben will ich haben, das Leben mit seinen furchtbaren Untiefen, mit seinen schauerlichen Abgründen ... Die Kunst ist für mich der tiefste Instinkt des Lebens, der heilige Weg zur Zukunft des Lebens, zur Ewigkeit des Lebens, und deswegen will ich große zeugende Gedanken haben, die eine neue Zuchtwahl vorbereiten, einer neuen Welt, einer neuen Weltanschauung zur Geburt verhelfen ... Die Kunst soll mir nicht im Rhythmus, im Fluß, im Gesang bestehen, sie soll mir der Wille werden, der neue Welten, neue Menschen aus dem Nichts ruft ... Nein, nein, lieber Herr, wir haben eine große, ideenzeugende Kunst nötig, sonst hat sie überhaupt keine Bedeutung ... Falk kam plötzlich zur Besinnung. Herrgott, was sprach er denn nur? Wollte er ein Programm in die Welt ausschreien. Er ertappte sich, daß er zusah, welchen Eindruck er auf Isa mit seinen Reden machte. Das war doch zu knabenhaft! – Diese Art Kunst, die Sie loben, kann wohl Bedeutung haben für die Tiere ... Sie wissen, daß die Vögel zum Beispiel mit dem Rhythmus, dem Fluß des Trillers und dergleichen mehr die Weibchen anlocken, das können unsere Dichter nicht – nein, sicher nicht. Selbst auf die Backfische macht das keinen Eindruck mehr. Iltis lächelte listig und zwinkerte mit den Augen. Falk trank ihm zu. Er war mit sich unzufrieden, aber er fühlte ihre Augen, und er sah sie an, so tief, so ... bis in das Herz hinein ... Das war sicher lyrisch gedacht, aber wieder stieg ihm die Hitze in sein Hirn. Der Säugling wurde nervös. – Ich bin wirklich neugierig, was Sie als Kunst gelten lassen? – Haben Sie Rops gesehen? Ja? Sehen Sie, das ist Kunst. Kann man überhaupt mehr vom Leben sagen? – Selbstverständlich. – Ja – nach oberflächlicher Schätzung selbstverständlich ... Selbstverständlich für den, dem Alles selbstverständlich ist. – Ja, selbstverständlich für Strauß und Vogt und Büchner, und ... und ... Aber das Furchtbare, das Grausige, der große Geschlechtskampf und der ewige Geschlechtshaß ... ist das selbstverständlich? Ist das nicht ein unheimliches Mysterium? Ist das nicht etwa das, was ewig zeugt, Leben schafft und Leben zerstört. Ist das nicht etwa das, was unsere Handlungsmotive bildet, mögen sie noch so harmlos dem bewußten Gehirn erscheinen ... Falk stockte, dann sprach er immer heftiger. – Sehen Sie, was uns nötig ist, das ist das Gehirn, für das nichts selbstverständlich ist, das Gehirn, das Scheu und Angst und Ehrfurcht vor dem Selbstverständlichsten hat; das ist das Gehirn, in dem der Verknotungspunkt frei wurde – ja, der heilige Verknotungspunkt aller Sinne, in dem Linie zum Ton wird, ein großes Erlebnis zu einer Geste, und tausend Menschen ineinanderwogen, in dem es eine ununterbrochene Skala gibt vom Tone bis zum Worte und zur Farbe ohne die jetzt bestehenden Grenzen ... Wieder besann sich Falk auf sich und er lächelte still ... – Nein, nein! Bleibt mir weg mit eurer lächerlichen Bewußtseinslogik und euren atavistischen Zuchtwahlsmittelchen ... Isa mußte ihn beständig ansehen. Sein dichtes Haar war ihm in die Stirne gefallen und seine Augen waren weit und tief ... Das hätte sie nie vermutet, daß er so schön, – so dämonisch schön werden konnte ... – Der Herr Falk scheint bei den Theosophen in die Lehre gegangen zu sein. Der Anarchist sprach gedehnt und bedeutungsvoll mit einem plötzlichen Augenaufschlag. Falk lächelte. – Nein, verehrter Herr, durchaus nicht. Aber sehen Sie nur zu: Sie sind doch ein großer und jedenfalls, so weit die deutsche Zunge reicht, unerhört bedeutungsvoller Dichter ... Ein Mensch lachte plötzlich laut auf, sicher mit einer boshaften Absicht. Der Anarchist sah ihn wütend an, wurde rot im Gesichte und schrie Falk zu: – Ich verbitte mir jegliches Anulken. Falk wurde ungemein ernst. – Sehen Sie, das war sehr würdig gesprochen. Aber leider verfehlt. Es war mein höflichster Ernst. Ich habe nicht damit gemeint, daß ich Sie dafür ansehe, aber sicher doch die Andren. Der Anarchist kochte, er sah Isas Augen, die ihn mit unverkennbarem Spott ansahen. – Mein Herr, Sie gehen zu weit! – Nein, durchaus nicht. Sie vermuten bei mir beleidigende Absichten, die ich nicht habe. Im Übrigen haben Sie auch für mich etwas geschaffen, ein Bild von einer solchen ... ich möchte das Antithesengröße nennen ... Ja, ich meine die roten Husaren der Menschheit. – Wieder lachte derselbe Herr, aber diesmal so deutlich, daß es Falk peinlich wurde. – Aber kommen wir zum Resultat. Wenn Sie dichten, nicht wahr, ist das nicht ein seltsamer, mystischer und meinetwegen auch theosophischer Moment, weil für Sie alles Seltsame Theosophie zu sein scheint. Sie haben doch wohl von Fakiren gehört, die sich künstlich in eine somnambule Ekstase versetzen, in der sie Monate lang lebendig begraben liegen können. Ich habe selbst in Marseille einen Fakir gesehen, der sich im Zustande dieser Ekstase Wunden beibrachte, ohne eine Spur von Blutung. Sehen Sie nun, wenn Sie dichten, ist es derselbe Zustand somnambuler Ekstase, der allerdings nicht künstlich hervorgerufen werden kann. In einem Momente fließt Ihr ganzes Leben auf einen Punkt zusammen. Sie sehen nichts, Sie hören nichts, Sie arbeiten unbewußt, Sie brauchen nicht zu überlegen, es kommt im Schlafe ... Und nun sagen Sie, ist das nicht mystisch? Können Sie das mit Logik erklären? Können Sie Einem klar machen, warum Sie der bedeutungsvolle Dichter sind und er nicht?... Alle schwiegen betroffen. Falk hatte es doch zu weit getrieben. Der Anarchist erhob sich und ging. Iltis hatte nichts davon begriffen. Nein, nein, sein Gehirn war zu groß für diese metaphysischen Spielereien. Aber er verstand, daß Falk den Anderen abgekanzelt hatte, und trank ihm wohlwollend zu ... – Reichen Sie mir die Hand. Der junge Mann, der vorhin die Gläser auf die Erde zu werfen geruhte, stand auf, pathetisch gespreizt und streckte die Hand weit vor. Falk reichte ihm lächelnd die Hand. Isa schwieg. Sie fühlte sich so glücklich. Dies Glücksgefühl hatte sie schon lange, lange nicht gehabt. Falk war ein herrlicher Mensch. Ja, er war ihr schönstes Erlebnis. Sie wurde plötzlich unruhig. – Du bist so schweigsam? Mikita kam an sie heran. – Ich bin glücklich. Sie drückte ihm leise die Hand. – Bist Du nicht müde? – Nein, gar nicht! – Aber wir wollen gehen, nicht wahr? Etwas hielt sie mit aller Macht zurück. Sie möchte um jeden Preis noch bleiben. Aber sie las in seinen Augen eine stumme Bitte. – Ja, wir wollen gehen. Es klang fremd, beinahe abweisend. Sie erhob sich. – Wollt Ihr wirklich gehen? So bleibt doch noch ein Weilchen hier. Falk hätte sie mit Gewalt zurückhalten mögen. Aber Mikita konnte unmöglich länger bleiben; er müsse Isa nach Hause begleiten. Als sie weggehen wollten, sprang Iltis auf. – Also Du, Mikita, vergiß nicht ... – Ja richtig! Mikita hatte es ganz vergessen, daß er mit Isa zu einer Abendgesellschaft bei Iltis eingeladen war. – Ja, er werde sicher kommen. Ob Isa auch mit wolle, das wisse er nicht ... Isa wollte herzlich gerne mitkommen. – Und Du, Falk? Du kommst doch selbstverständlich? Iltis klopfte Falk wohlwollend auf die Schultern. – Gewiß. Isa drehte sich plötzlich nach Falk um und reichte ihm noch einmal die Hand. – Sie kommen doch recht bald zu mir? Falk kam es vor, als risse der Schleier um ihre Augen auseinander; eine Glut quoll hervor und ringelte sich heiß um die Lider. – Ihr Zimmer ist ja meine Heimat. Mikita wurde unruhig; er schüttelte besonders kräftig Falks Hand, und sie gingen. – Die haben Eile! Iltis zwinkerte lüstern mit den Augen. Falk wurde plötzlich sehr gereizt. Er hatte Mühe, ein Wort zurückzuhalten, das Iltis sicher nicht geschmeichelt hätte. Er setzte sich aber wieder hin und sah sich um. Es wurde Alles so öde um ihn, und er fühlte sich so einsam ... Er war auch sehr unzufrieden mit sich selbst. Er kam sich ein wenig lächerlich und knabenhaft vor. Er wollte doch wirklich krampfhaft einen Eindruck auf Isa machen. Zweifellos ... Und alles, was er gesagt hatte, kam ihm so dumm vor ... So viele große und gespreizte Worte ... Er hätte das Alles doch sicher viel feiner sagen können ... Aber er zitterte ja ordentlich, als er sprach. Er wurde im Ernste wütend. Dieser dumme Säugling, wie scheußlich er an dem Glase lutschte ... Widerlich! Eigentlich wurde ihm plötzlich alles widerlich in der berühmten »Nachtigall« – Alles. Nein! Wozu sollte er noch länger sitzen? Er mußte frische Luft haben. Er fühlte einen Drang zu gehen und zu gehen, endlos, alle Straßen entlang ... Sich etwas klar machen. Es war da drin Etwas, das aufgelöst werden mußte, Etwas ... ja etwas Neues, Fremdes ... Er zahlte und ging. IV. Als Falk auf die Straße kam, wurde er sehr unruhig. Er fing an schnell zu gehen. Vielleicht geht es nach einer physischen Ermattung vorüber. Und es war, als peitsche ihn etwas immer schneller vorwärts, daß er fast zu laufen begann. Es wurde aber noch schlimmer. Er fühlte deutlich, wie sich eine Welle von Unruhe tiefer und tiefer in seinen Körper hineinringelte; er fühlte Etwas, das schneller und schneller in ihm kreiste und in jede Pore, jeden Nerv sich mit wachsender Wut drängte. Was war das? Er stutzte plötzlich. Kam es wieder? Gefahr?! Er blieb stehen. Es mußte doch wohl ein tierischer Urinstinkt in ihm sein, die uralte Warnstimme einer fremden Seele. Er bekam einen heftigen Ruck. Fliehen, ja – fliehen, schrie es in ihm. Und er sah sich plötzlich als vierzehnjährigen Jungen hoch oben im vierten Stock. Zwei Fenster auf den Hof hinaus. Unten ein ewiges Klopfen der Böttchergesellen. Er mußte ein großes Pensum auswendig lernen, sonst erwartete ihn eine strenge Strafe. Und er saß und lernte, lernte, daß ihm die heißen Tränen wie Erbsen die Backen herunterrollten. Aber sein Gehirn war dumpf. Kaum hatte er einen Vers auswendig gelernt, vergaß er den andern. Und draußen, ja draußen vor den Festungsmauern spielten seine Kameraden, und Jahns war selbstverständlich dabei, Jahns, den er so liebte. Und der Tag ging zu Ende. Er stürzte sich auf die Knie, eine namenlose Angst hatte ihn befallen, er flehte den heiligen Geist um die Gnade der Erleuchtung an. Aber nichts, nichts konnte er behalten. Ihm schwindelte vor Angst. Er mußte. Er mußte. Und er schlug mit den Fäusten auf seinen Kopf; er wiederholte jedes Wort hundertmal; aber es half nichts. Und er wußte keinen Ausweg. Da plötzlich, ganz urplötzlich: nun wußte ers. Er mußte fliehen, weit, weit weg zu der Mutter ... Er lief in die Nacht hinaus, lief, keuchte, fiel. Jedes Geräusch kroch lähmend durch seine Glieder, jedes Aufleuchten entzündete ein Meer von Licht in seinen Augen, dann raffte er sich auf und lief wieder, ununterbrochen, bis er dann atemlos im Walde zusammenbrach. Und jetzt hörte er sie wieder, die starke gebieterische Stimme: Flieh! Flieh! Er sann nach und lächelte. Das Tier ist aufgewacht. Als ob ein bewußter Mensch keine andren Abwehrmittel hätte, als das feige Fliehen? Warum sollte er denn so urplötzlich fliehen? Da kroch ein Verlangen in ihm hoch, wie eine Dampfwolke breitete es sich über sein Gehirn und erstickte alle seine Grübelei. Er fühlte ihre Hand auf seinen Lippen. Er fühlte ihre körperliche Wärme sich in sein Blut hineinsaugen, er fühlte den Ton ihrer Stimme seine Nerven entlangrieseln ... Er reckte sich jäh empor. Nein! schrie er laut. Dieser wunderbare Mikita! Wie er sie lieben mußte ... Er sah Mikita, wie er bebend, lauernd sie beide ununterbrochen beobachtete. War er ihrer Liebe nicht sicher? Da plötzlich: Sie?! Konnte sie eigentlich Mikita lieben? Nein, lächerlich! Ich meine nur, ob ein so organisiertes Wesen ... nein, nein ... nur, ob dies Weib Mikitas Bewegungen angenehm empfinden könnte ... Hm, Mikita war doch ein wenig komisch heute mit der hastenden Sprache und den zappligen ... Nein! Nein! Falk schämte sich. Selbstverständlich muß man Mikita lieben. Ja, außer Frage ... sie liebte ihn, sie mußte ihn lieben. Vielleicht nur seine Kunst? Wirklich? Oder kam es ihm nur so vor? Aber sah er nicht deutlich so etwas von leisem Unmut über ihr Gesicht gleiten, als Mikita über sein Liebesglück sprach? Und wollte sie es nicht wieder gut machen, als sie ihm dann so unmotiviert die Hand streichelte? Mit einem Ruck wurde er wütend. Hatte er sich jetzt nicht darauf ertappt, daß ihm Mikitas Liebe unangenehm wurde? Fühlte er nicht deutlich den Wunsch, daß seine Bedenken zur Wahrheit würden? Nein, das war abscheulich, das war häßlich ... Häßlich? Von wem war es häßlich? Ha, ha, ha; als ob er Etwas dagegen tun könnte, daß dumme tierische Instinkte in ihm wach wurden. Er trat in eine Baumallee. Er war ganz verwundert. So herrliche Bäume hatte er noch nie gesehen. Er betrachtete sie aufmerksam. Er sah die mächtigen Äste wie knorrige Speichen um den Stamm herumsitzen, seltsam verzweigt, zu Netzen geformt ... Und er sah das Ästegeäder sich gegen den Himmel abzeichnen, ein riesiges Venengeflecht, das den Himmel umspannte, die heilige Gebärmutter des Lichtes und des Samen-Segens. Wie schön das war! Und der Märzwind so lau ... Er mußte sie vergessen. Ja, er mußte es. Und wieder überschrie all sein Denken und Grübeln dies uralte: Flieh! Flieh! ... Nein, er brauchte nicht zu fliehen. Wovor? Aber die Unruhe stieg in ihm höher und höher. Er stemmte sich gegen die wachsende Qual, die sein Herz stocken machte. Wer war dies Weib? Was war ihm? Er hatte doch niemals etwas Ähnliches empfunden? Nein! Niemals! Er prüfte sich und prüfte, aber nein! Niemals ... War es Liebe? Er fühlte Angst. Wie kam es, daß in einer Stunde ein Weib zu ihm in Beziehung trat, in sein Gehirn übertrat als eine Art Fremdkörper, um den sich nun sein Denken, sein ganzes Fühlen sammelte, in den sich sein Blut goß ... Nein! Er sollte, er durfte nicht mehr daran denken. Du sollst nicht deines Nächsten Weib begehren! Nein! Das wollte er sicherlich nicht. Sie war ja Mikitas ganzes Glück. Gott, wie der Mensch strahlte, als er von seiner Liebe sprach ... Es war doch herrlich, daß Mikita dies große Glück finden sollte! Wie das seine künstlerische Potenz steigern würde, für und durch dies Weib schaffen zu können. Aber wieder fühlte er ihre schmale, heiße Hand an seinen Lippen. Sie wehrte es ihm nicht. Er sah ihr verschleiertes Lächeln und das aufquellende Glühen und Leuchten um ihre Augen ... Und er fühlte mit unendlichem Behagen eine zitternde Wärme in seinem Innern; seine Augen brannten. Es wurde ihm so heiß und so beklommen. Einen Menschen möchte er jetzt um sich haben, zu dem er sehr, sehr zärtlich sein könnte. Janina! Wie ein Blitz schoß ihm der Gedanke durch sein Gehirn. Sie war doch so gut zu ihm. Sie liebte ihn so. Es ist doch, weiß Gott, herrlich, so geliebt zu werden. Er hatte sie doch auch sehr gerne. Mehr als er sich eigentlich eingestehen wollte. Er sah sie deutlich. Ja, vor Jahren, als noch »Brand« in seinem Kopfe herumspukte. Er hatte sie geküßt und sie wurde so glücklich. Er ging weg, beobachtete sie aber heimlich. Er sah sie heiß und begehrlich suchen. Dann sah er, wie sie ein kleines Mädchen von dem Nachbarn in ihre Arme nahm und heiß an sich drückte. Ihre Liebe kam ihm plötzlich so schön, so geheimnisvoll schön vor. Sie gab ihm Alles, sie dachte Nichts, sie hatte keine Rücksichten, sie war ganz, ganz sein ... Merkwürdig, daß er ganz in ihrer Nähe war. Was hatte ihn hierher geführt? Ja, nur noch eine Straße ... Der Nachtwächter machte ihm das Tor auf. Er flog die Treppen hinauf und klopfte leise an ihre Tür. – Erik, Du?! Sie zitterte heftig und stammelte vor Freude. – Leise ... ja, ich ... ich hatte Sehnsucht nach Dir ... er tastete sich in ihr Zimmer hinein. Sie hängte sich leidenschaftlich an seinen Hals. Wie lieb ihm jetzt diese Leidenschaft war. – Ja, ich hatte Sehnsucht nach Dir. Und er küßte sie und streichelte und sprach zu ihr, daß sie wirr wurde vor Glück. – Dies Glück, dies Glück ... stammelte sie unaufhörlich. Er preßte sie enger und enger an sich und horchte in sich hinein und schrie in sein Gewissen: Mikita! Mikita! Ja, jetzt vergessen – Alles vergessen um Mikitas Willen ... – Ja, Janina, ich bin bei Dir; ich bleibe Dir ... V. Er durfte sie nicht mehr sehen. Das wurde ihm nun klar. Nein! Nicht mehr. Angst, schmerzhafte Angst kam in ihm auf. Wie wird das werden? Wie wird er dies zwingende Verlangen ersticken können? In einer Stunde hatte das Weib diese tiefen Wurzeln in ihn geschlagen. Ihr Faserwerk umstrickte seine Seele. Enger und enger zogen sich die Maschen dieses Wurzelnetzes zusammen. Er fühlte sich deutlich in zwei Menschen zerfallen, und während der Eine kühl und klar den Willen zu beeinflussen suchte, warf ihm der Andre plötzlich Gedanken in sein Gehirn, die den bewußten Menschen zerstörten und bohrte sich tiefer in ihn hinein mit einer Sehnsucht und einem Verlangen, daß er rastlos hin- und hergeworfen wurde und keine Ruhe finden konnte. Was war denn geschehen? Ohé les psychologues! Erklärt mir doch mit euren ganzen psychophysischen Grundgesetzen, was in meiner Seele vor sich gegangen ist? Bitte, erklärt mir das! Er setzte sich plötzlich auf. Was fehlte nur Mikita? Ahnte er, fühlte er es kommen? Aber es war ja nichts geschehen ... Warum war er nur heute so einsilbig? Er muß sie unerhört lieben. Es zuckte Leiden um seinen Mund. Ja, Mikita fühlt auf Distanzen; ja, Mikita sieht das Gras wachsen ... Der Ton, mit dem er ihn bat, Isa heute zu Iltis zu begleiten. Er habe so viel zu tun, und Isa habe so große Lust darauf. Warum führe er sie nicht selbst? Ja, er werde vielleicht später nachkommen ... Aber konnte er denn nicht seine Geschäfte bis morgen vertagen? Falk stand auf. Nein! Er wird sie nicht begleiten. Er darf sie nicht mehr sehen. Jetzt könnte er sie noch vielleicht vergessen. Sie könnte jetzt noch ein herrliches Erlebnis werden, ja, ein Erlebnis, das er literarisch verwerten könnte. Literarisch! Falk lachte höhnend. Er wird zu Hause bleiben und literarisch tätig sein. He, he ... Er fühlte Ekel. Dies dumme blödsinnige Schreiben! Warum ist er nicht genug Aristokrat, um sein persönlichstes, sein feinstes und verschämtestes Empfinden nicht zu prostituieren? Warum wirft er das Alles vor die Menge? Die Herren, die auf den Menschheitshöhen wandeln, mitsamt den Ferschten. Ja, den Ferschten, wie sie in den »Fliegenden Blättern« zu finden sind, halb Pudel, halb Affe, mit aufgekrempelten Hosen ... Ekelhaft! Nein! Jetzt wird er sich entschließen. Ja! Nun ist es bestimmt. Er wird zu Hause bleiben. Der feste Entschluß tat ihm wohl. Er setzte sich vor den Schreibtisch und fing an zu lesen. Er las eine Seite und verstand Nichts. Dann sah er auf. Er mußte unwillkürlich an einen Knecht in einem Gogelschen Roman denken, dem das rein mechanische Lesen Vergnügen macht, ohne daß er auch nur ein Wort versteht. Er raffte sich auf und las weiter. Was war nur in ihren Bewegungen? Das war keine Bewegung mehr, das war Sprache, das war der vollendeteste Ausdruck seines eignen höchsten Kunstideals – und die Hand, die Hand ... Er fuhr zusammen. Daß er das nur vergessen konnte! Er mußte doch an Mikita schreiben, daß er verhindert sei, Isa zu begleiten. Er setzte sich hin und schrieb eine Rohrpostkarte. Wie schön es nun wäre, Jemand mit der Karte schicken zu können! Jetzt mußte er selbst auf die Post laufen! Er trat auf die Straße. Es stieß ihn, zu ihr zu gehen, sie nur noch einmal zu sehen, sich an ihrer Nähe zu reiben –ja, nur noch einmal sie atmen zu können. Aber das durfte er nicht. Er werde sich doch noch bezwingen können?! Ja, bezwingen! Grade so bezwingen, wie einer seiner Freunde, dessen größtes Verlangen es war, einmal Rom zu sehen. Und er fuhr nach Rom, aber eine Meile vor Rom hatte er sich gesagt, daß der Mensch sich müsse bezwingen können, und kehrte um. Als er in die Heimat zurückkehrte, wurde er verrückt. Ja, das kommt Alles von der lächerlichen Idee, daß man sich bezwingen könne, und grade das in sich, was das Stärkste ist, weil es von Ewigkeit her da ist. Und er dachte an Heines Worte – wie war es doch? Könnt ich mich bezwingen, wärs schön; könnt ich es nicht, wärs noch schöner. Ja so ungefähr. Aber der zynische Hintergedanke war ihm peinlich. Er hatte das Gefühl, als hätte er Isa beschmutzt. Warum denn? In welcher Beziehung sollte Isa zu diesem Hintergedanken stehen. Und er ging und grübelte über die geheimen Assoziationen, die sich irgendwo im Verborgenen vollziehen und dann plötzlich ohne jeden Zusammenhang ins Gehirn treten. Ja, scheinbar zusammenhanglos. Das tückische Unbekannte weiß ganz genau, was es zusammenkoppelt. Es machte ihm Freude, an diesem sonderbaren Rebus herumzurätseln. Selbstverständlich tat er es nur, um keinen anderen Gedanken auftauchen zu lassen – Schön war doch die Enge des Bewußtseins ... Aber der Gedanke an Mikita brach doch hervor. Er wollte nicht an ihn denken. Es war, als bekäme er jedesmal einen Herzkrampf. Das Blut staute sich auf Augenblicke zu Herzen. Das tat unsagbar weh. Warum sollte Mikita Rechte auf einen Menschen haben, ausschließliche Rechte, so eine Art Monopol? Er schämte sich plötzlich, empfand aber deutlich ein heißes Gefühl von – – ja wirklich, es war ein deutliches Haß- nein – Unmutsgefühl ... Mikitas wegen durfte er nicht gehen! Mikitas wegen?! Er lachte höhnisch. Erik Falk hält sich für den Unüberwindlichen! Mit einer gewissen prästabilierten Harmonie müsse er jeden Mann zum Hahnrei machen, jede Verlobte eines Andren müsse sich mit zwingender Gewalt in ihn verlieben. Das war doch unendlich lächerlich! Wenn er sich noch sagen würde: Du, geh nicht hin, du wirst dich nur verlieben, wo du auf keine Gegenliebe hoffen darfst, da sie doch ... Er stockte. Er hatte ein so lächerlich sicheres Gefühl, daß sie ihm näher stand als Mikita, er fühlte so deutlich –ja, Mikita schien es ja auch zu fühlen, daß Isa ... Nein, nein! Aber das Eine, das könne er doch mit gutem Gewissen tun: ihr wenigstens räumlich nahe zu sein, nur über die Straße weg – in dem Restaurant, dort werde er sich hinsetzen und sich ganz mechanisch betrinken, um sich einfach unfähig zu machen, zu Isa zu gehen. Ja, das müsse, das werde er tun. Vor dem Hause, in dem Isa wohnte, blieb er stehen. Nun war es zu spät geworden! Nun konnte er nicht mehr rechtzeitig Mikita benachrichtigen. Was wollte er tun? Herrgott, er müsse am Ende doch hinaufgehen. Sein Herz klopfte heftig, als er die Treppen hinaufging. Er klingelte. Nun erschrak er heftig. Es war ihm, als müsse das Klingeln das ganze Haus in Aufruhr bringen. Flieh! Flieh! schrie es in ihm. Die Tür wurde aufgemacht. Isa stand im Korridor. Er sah in ihren Augen eine heiße Freude aufleuchten und sich über das ganze Gesicht gießen. Sie drückte ihm herzlich die Hand, sehr herzlich. Wollte sie damit etwas sagen? – Sie wissen schon, daß Mikita erst später nachkommen kann? – Ja, er war heute bei mir. – Da müssen Sie mich hinbegleiten. Es ist Ihnen doch nicht unangenehm? – Für Sie tu ich Alles! Es kam so patzig heraus. Sie wurden Beide verlegen. Ja, er mußte wachen, daß er sich nicht wieder vergesse. Wie kam es nur so plötzlich, ohne daß er es hindern konnte? Sie setzten sich hin, sahen sich in die Augen und lächelten. Er fühlte, daß sie auch unruhig war. Er zwang sich und wurde sehr aufgeräumt. – Nun, wie hat es Ihnen gestern gefallen? – Es war ein sehr interessanter Abend. – Iltis ist ein merkwürdiger Mensch, nicht wahr? Sie lächelte. – Nein, nein; ich meine es im vollen Ernste. Ich nehme den Mann absolut ernst ... Isa sah ihn zweifelnd an. – Ja, Iltis sei direkt ein dilettantisches Genie. Er wisse Alles, er habe Alles untersucht, Alles gelesen. Sein Gehirn arbeite absolut folgerichtig, nur komme es zu so sonderbaren Schlüssen, die immer seine ganze Arbeit zerstörten. So habe er sich neulich mit dem Problem abgequält, auf welcher Stufe der Entwicklung er die Kinder plazieren solle. Das gab natürlich viel Kopfzerbrechen. Zuerst: ein Vergleich mit den Weibern. Alle Kinder seien Larven von Weibern, oder vielmehr, das Weib sei ein in der Entwicklung zurückgebliebenes Kind. Kinder und Weiber haben runde Formen und zarte Knochen. Kinder und Weiber verstehen nicht logisch zu denken, und seien nicht im Stande, ihr Gemüt mit dem Gehirn zu bemeistern. Nun kamen aber Schwierigkeiten in den weiteren Vergleich. Die Kinder sind rein und unschuldig, die Weiber sind boshaft, verlogen, kokett, die reinen Dienerinnen des Teufels. Der Vergleich stimmte also nur formell. Falk wurde immer lebhafter. – Aber eines Tages – es war wieder einmal ein früher Morgen, und in solchen Fällen mußte ich gewöhnlich Iltis nach Hause begleiten. Plötzlich bleibt Iltis an einer Brücke stehen und verliert sich ganz und gar in den Anblick der Schwäne, die in einem großen Schwarm unter der Brücke auftauchen. Iltis gerät in eine fabelhafte Aufregung. – Erik, siehst Du? – Ja, ich sehe. – Was siehst Du? – Schwäne. – Nicht wahr?? – Ja ... Iltis dreht sich nervös um. In dem Augenblick kam die Semmelfrau von Jericho ... Falk lachte nervös auf. – Wunderbar, diese Semmelfrau von Jericho! Sie kennen den prachtvollen Lilienkron nicht? – Nein. Isa sah Falk erstaunt an. Also der Lilienkron hat ein Gedicht geschrieben: die Kreuzigung, – nein: »Rabbi Jeschua«. In dem Zuge ... – Aber was war mit Iltis? – Ja, gleich, gleich ... Also in dem Zuge, der sich nun auf Golgatha zubewegt, gehen die Advokaten, die Leutnants, die Taschendiebe, selbstverständlich auch die Psychologen und die Vertreter des Experimentalromans, und schließlich auch die Semmelfrau von Jericho. – Aber es gab doch damals keine Semmelfrauen, bemerkte ihm einer seiner Freunde. Lilienkron wurde sehr aufgeregt. Die Semmelfrau sei ja das Herrlichste an dem Gedichte! Er habe ja das ganze Gedicht nur der Semmelfrau wegen geschrieben! Sie lachte. Ja, sie lachte wie ein Kamerad. Es war wirklich etwas von kameradschaftlicher Biederkeit in ihrem Lachen. Er möchte sie immer so sehen, dann würden sie Freunde werden, nichts weiter. – Als nun die Semmelfrau von Jericho vorbeigeht, packt Iltis eine Handvoll Semmeln aus dem Korb und wirft sie auf das Wasser. Nun wird er glücklich. – Siehst Du? – Ja, ich sehe. – Was siehst Du? – Schwäne. – Lächerlich. Das seh ich auch. Aber das Andre, das ich mit meiner Intuition erfasse, siehst Du nicht: Schwäne und Kinder stehen auf derselben Stufe. Kinder essen keine Krusten und Schwäne auch nicht. Isa lachte etwas gezwungen. Falk wurde sehr nervös. Das war doch lächerlich! Wie konnte er glauben, daß er sie mit diesen kindischen Geschichten unterhalten könnte. Das war doch zu abgeschmackt. – War es denn sein Ernst? Nun platzte er heraus. – Nein, an der ganzen Geschichte sei auch nicht ein Jota Wahrheit. Er habe die Geschichte sehr schlecht erfunden, aber als er zu erzählen anfing, glaubte er, daß etwas Besseres herauskäme ... Ja, das sei unendlich dumm und lächerlich ... Sie dürfe es ihm nicht übel nehmen, wenn er es gradheraus sage, aber er habe die Geschichte nur deswegen erzählt, damit sie sich in seiner Gesellschaft unterhalte ... Er habe einen Drang, daß sie sich nicht mit ihm langweile, er möchte sehr unterhaltend sein, und daher komme es, daß er ungeschickt erzähle und noch dazu idiotische Geschichten. Isa wurde sehr verlegen. – Sie nehme es ihm doch nicht übel? – Nein. Es dunkelte; eine peinliche Pause trat ein. In Falks Gehirn fing es an sich zu verwirren. Tausend Gefühle und Gedanken durchkreuzten sich und lähmten einander. – War Mikita heute bei Ihnen? – Er fragte nur um zu fragen, war aber erstaunt, warum er danach fragte. – Ja, er war hier. – Er war so sonderbar heute, was fehlte ihm? – Er ist wohl ein wenig nervös. Die Ausstellung macht ihm viele Kopfschmerzen. – Er scheint noch immer der Alte zu sein. Wir liebten uns maßlos, aber manchmal wurde es ein bißchen schwer. In einer Stunde konnte er hundert verschiedene Stimmungen haben. Isa suchte nach einem neuen Gesprächstoff. Falk merkte es an einer nervösen Handbewegung. – Und ich werde Ihr Brautführer sein? – Ja freilich. Sie sah ihn fest an. Wozu nur so fest? Um seinen Mund flog ein unbestimmtes Lächeln. Isa wurde sehr unangenehm berührt. Was hatte dies Lächeln zu bedeuten? – Ja, in drei Wochen werden Sie das Glück haben, mein Brautführer zu sein. – Ich freue mich ungemein. Falk lächelte verbindlich. Wieder entstand eine Pause. Sie stand auf. – Ich muß Ihnen eine Sache zeigen, die Sie interessieren wird. Falk sah die japanische Vase aufmerksam an. – Ganz wunderbar! Merkwürdige Künstler, die Japaner! Sie sehen die Dinge wie in einer Momentphotographie. Nicht wahr? Sie müssen doch Dinge wahrnehmen, die uns nicht ins Bewußtsein treten. So in einer tausendstel Sekunde, verstehen Sie? – Wie meinen Sie das? – Ja, ich meine, daß sie fähig sind, einen Eindruck festzuhalten, der für unser Bewußtsein zu kurz dauert, oder, wie die Fachpsychologen sich so elegant ausdrücken: die physiologische Zeit ist zu kurz, damit ein solcher Eindruck ins Bewußtsein tritt ... Er hielt die Vase in den Händen und sah Isa fest an. – Manchmal gelingt es mir auch, freilich nur selten. Aber heute zum Beispiel, als ich Sie im Korridor sah. Da glitt ein Ausdruck von Freude über Ihr Gesicht und verschwand im Nu. – So? Haben Sie das gesehen? fragte sie spöttisch. – Ja; es war wie ein momentanes Aufblitzen von Magnesiumlicht, aber ich sah es doch. Nicht wahr? Sie freuten sich, als ich kam, und ich wurde so unendlich glücklich, als ich das sah. Es klang so ehrlich, so herzlich, was er da sprach. Sie fühlte, daß sie rot wurde. – Nun müssen wir wohl gehen, sagte sie. – Nein, warten wir noch ein wenig; es ist noch zu früh ... Und dann, wissen Sie, ich bin vielleicht ein wenig zu offen, aber ich muß Ihnen sagen, daß ich mich hier so unendlich wohl fühle. Ich habe nie, nein – nirgends noch hab ich ein ähnliches Gefühl gehabt. Die Dämmerung konnte doch die Menschen merkwürdig nahe aneinander bringen. – Es ist Alles so sonderbar. Es ist sonderbar, daß Mikita mein Freund ist, daß Sie seine Verlobte sind; sonderbar ist das Gefühl, als wär ich schon tausend Jahre mit Ihnen bekannt ... Isa stand auf und zündete die Lampe an. Licht schafft Distanz. Ja, sie wollte die Distanz herstellen. – Schade, daß Mikita erst spät nachkommen kann. – Ja, das ist sehr schade. – Er war gereizt. Nun mußte er wieder an Mikita denken. Lächerlich, daß Mikita ein ausschließliches Monopol auf einen Menschen haben sollte. Nun, dagegen war nichts zu machen. Er sah auf die Uhr. – Jetzt ist es Zeit. Jetzt müssen wir gehen. VI. Wie war ihm nur plötzlich diese Idee gekommen? Ein Weib mußte er haben mitten auf dem Bilde, lockend, verführerisch – und von allen Seiten, ja, von oben, von unten, strecken sich tausend Hände nach ihr. Tausend Hände schreien, huh, schreien nach ihr! Magere, nervöse Künstlerhände; dicke, fleischige Börsenjobberhände mit großen Ringen, tausend andre Hände – eine Orgie von verlangenden, begehrlichen Händen ... Und sie mit lockenden, geheimnisvollen Blicken ... Mikita fieberte. Ja sofort mußte er es malen. Schneller, schneller, sonst fliegt es weg, und dann kommen die wundersamen Gedanken ... Falk ist kein Lump! verstehst du, Mikita? Falk ist kein Lump! Er schrie es deutlich in sich hinein. Aber plötzlich sah er sie Beide staunend und bewundernd sich anschauen; er sah, wie sich ihre Blicke ineinander wühlten und wie sie dann verlegen lächelten. Und heute bei Iltis: es wird sicher Tanz geben. Daran hatte er früher nicht gedacht. Tanz ... Tanz. Isa liebt den Tanz. Isa ist die geborene Tänzerin. Sie hat nur diese eine Leidenschaft. Er sah sie einmal, wie sie tanzte. Alles brach in ihm. Dieser wüste, bacchantische Aufschwung ... Das sollte man malen – das! lieber Herr Naturalist. Das, wie sich einem die Seele öffnet und das verfluchte Fremde herauskriecht. Dies Scheußliche – der Othello und so was Ähnliches ... Ekelhafte Natur! Warum konnte es ihm niemals selbstverständlich werden, daß sie ihn liebte, lieben mußte; ja – ihn – ihn! Er taugte doch etwas, wenn auch nur als Künstler. Verdammte Zustände! Da malt son Liebermann drei dumme Schafe auf einem Kartoffelfelde, oder er malt Kartoffeln auf einem Felde, oder er malt ein Feld und Weiber sammeln Kartoffeln, und er kriegt Geld und die goldne Medaille. Und ich habe die ganze Menschheit gemalt und noch ein Stück darüber: das Unmenschliche – und habe nichts davon. Nichts?! Dummer Mikita! Hast du nicht gesehen, wie sich der süße Pöbel in Hamburg und in Paris und natürlich in Berlin vor Lachen wälzte? Na! Das soll nichts sein? Und der Ulk in den »Fliegenden Blättern«, hab ich nicht etwa dazu die Anregung gegeben? Ich sollte Steuern zahlen?! Herr Gott, kein Brot zu fressen, und Steuern zahlen! Schöne Zustände! Mich wollen sie pfänden wegen rückstehender Verpflichtungen, die ich an den Staat haben soll? Was ist Staat? Wer ist Staat? Was habe ich damit zu tun? – Sind das Ihre Gemälde? – Freilich sind es meine! Das ist ein Wert von vierzigtausend Mark. Warum lachen Sie? – Was soll ich nicht lachen? Wer kauft Ihnen die Dinger ab? Nicht einen Pfennig kriegen sie »davor«. – Leider gibt es nichts zu pfänden bei Ihnen. Na also, teure Isa, bin ich etwa nicht der große Künstler? Er fing an zu malen und grinste. Aber es bohrte in ihm und bohrte. Merkwürdig! Was ist eigentlich an Falk? Ich bin doch nicht auch vom Tische gefallen, wie der kleine Eyolf. Mein Rückenmark ist doch ganz. Mein Gehirn hat doch auch Ideen ... – Haben Sie den Aufsatz geschrieben, Mikita? – Freilich hab ich ihn geschrieben, Herr Professor. – Hat Ihnen Niemand dabei geholfen? – Wer sollte mir helfen? – Aber ich sehe deutlich fremde Beeinflussung, die sich in aktiver Agressive auf Ihren Aufsatz äußert. – Gut gesprochen, Herr Professor, aber den Aufsatz hab ich selbst geschrieben. – Mikita, seien Sie nicht verstockt, geben Sie doch zu, daß Falk seidne Flicken auf Ihre Filzpantoffeln gesetzt hat. Wo ist Falk? Aber Falk war bei solchen Gelegenheiten nie in der Schule. Er meldete sich krank und schrieb Gedichte zu Hause. Plötzlich wurde Mikita wütend. Das ist doch schändlich, so von Falk zu denken. Malen Sie mir, Herr Liebermann, diese zweite schändliche Seele, wie sie so Einem ein Stück Kot ins Gehirn hineinschmeißt! Malen Sie mir das und ich schenke Ihnen alle meine Gemälde, frei ins Haus! Und Isa tanzt jetzt – mit Falk. Der versteht es. Er fühlte Haß. Falk, teurer Falk, wo ist das Weib, das dir widerstehen kann? Isa tanzt, Isa ist Tänzerin. – Hast du jemals an Etwas geglaubt? Weißt du, was Glaube ist? Selbstverständlich wußte sie es nicht. – Weißt du, wer du bist, Isa? Nein, sie wußte nichts. – Du bist dir selbst fremd, Isa? Sie nickte. Und er, dem ein Glaube von tausend Jahren im Leibe stak! Ja, ja, daher hatte er den lächerlichen Wunsch, ein Weib ganz zu besitzen, den Glauben an eine Liebe, die Jahrhunderte überdauert. Er raffte sich auf. Nein! Er wird nicht zum Iltis gehen: nein! Nun wird er zusehen, ob er sich nicht bezwingen kann ... Ja: hinkommen und dort stehn und zusehn, wie sie in seinen Armen liegt, so eng ... Mikita riß sich seinen Arbeitskittel auf. Es wurde ihm schändlich heiß. Da stehn und zusehn! Othello, den Dolch im Gewande. Und Iltis zwinkert mit den Augen und sagt zum Säugling: »Dem geht Isas Tanz an die Nieren«. Eine schmerzhafte Unruhe zerrte an seinem Gehirn. Nein, nicht wieder! Das mußte er bemeistern können. Hatte er Grund, an Isa zu zweifeln? Nein! Nein! Also, was wollte er? Seine Unruhe wuchs. Der Schmerz war nicht auszuhalten. Ja, er wird gehen. Er muß doch Isa zeigen, daß er jetzt überlegen ist, daß er das Zweifeln aufgegeben hat. Ja, lustig sein und tanzen! Das kannst du nämlich nicht, lieber Mikita! Du hoppst ja wie ein Pudel in einer Jahrmarktsbude. Und klein bist du auch, kleiner als Isa. Prächtiges Paar! Prächtiges Paar die Beiden! Mikita mußte sich setzen. Es war ihm, als hätte man ihm mit der Sense alle Sehnen durchschnitten. Donnerwetter, tut das weh! – Mikita, kommen sie auf einen Augenblick. – Was wünschen sie, Herr Professor? – Sehen sie, Mikita, es ist doch eigentlich unverschämt von ihnen, ein solch dummes Zeug wie die Apologie zu schreiben. Und hätten sie wenigstens das Zeug allein geschrieben, aber das hat ja Falk getan. Wie kam es nur, daß er den alten Kerl nicht geohrfeigt hatte? Plötzlich stand er auf. Bin ich denn verrückt geworden? Was will ich von Falk, was will ich von Isa? Er bekam Angst. Das war ja schon mehr krankhaft. Das wiederholte sich, das war nicht das erste Mal. Wie er von Isa nach der Bretagne fuhr, um Studien zu machen ... ja Studien, wie man anfängt Gemütsblödigkeiten zu bekommen. Komischer Mikita. Plötzlich war er in den Zug gestürzt, so in einem Anfall von Tollwut, und raste nach Paris, daß er halbverrückt bei Isa ankam. – Bist du schon hier? Sie fand ihn entsetzlich komisch. Daß er sich damals nicht in die Erde verkrochen hatte vor Scham! Siehst du, Mikita – er fing an laut mit sich selbst zu sprechen – du bist ein Esel, ein gründlicher Esel. Liebe muß man nehmen! Nicht zweifeln, nicht mit den Fingern betasten und ewig herumgehen wie die Katz um den heißen Brei, nein! Nehmen, an sich reißen, stolz, selbstverständlich ... Ja, dann gehts! Unterjochen! Nicht als Geschenk, nicht als Almosen! Nein, mein lieber Mikita, mit Betteln gehts nicht! Na, sie tanzen jetzt ... Er fing an zu singen, den einzigen Gassenhauer, den er behalten hatte: Venant des noces belles, Au jardin des amours Que les beaux jours sont courts! Herrlich! Und die Zeichnung dazu von Steinlen im Gil Blas. Ein komischer Clown, den das Mädchen so derb abfertigt. Herrlich! Herrlich! Venant des noces belles, J'étais bien fatigué. Je vis deux colombelles, Une pastoure, ô gué! Und es war doch kein Zweifel! Nein, lieber Mikita, wie schön wärs eigentlich, wenn du nicht zu zweifeln brauchtest. Nicht wahr, Mikitchen? Gestern in der Droschke ... Er stand auf und ging mit hastigen Schritten auf und ab. Sonst fragte sie mich doch: Was fehlt dir, Mikita? Sonst streichelte sie mir die Hand. Sonst lehnte sie stumm ihren Kopf an meine Schulter. Gestern nichts! Kein Wort! – Gute Nacht, Mikita! – Good-bye, Fräulein Isa, Good-bye! Nun brüllte er in sein Atelier hinein mit kräftiger und selbstverständlich falscher Intonation: Venant des noces belles, Au jardin, des amours ... VII. – Nein, nein, mein Kind, laß es Dir gesagt sein, daß alle Gelehrten Dummköpfe sind. Iltis saß unter einer Gruppe von jungen Leuten und predigte ihnen seine Weltweisheit. Merkwürdig, daß er seine fünfundvierzig Jahre noch nicht vorgebracht hatte. Falk konnte ihm die zynische Bemerkung von gestern nicht vergessen. Er hatte schon den ganzen Abend Acht gegeben, um eine Gelegenheit zu erhaschen, Iltis ein wenig bloßzustellen. – Alle! Ich kenne wenigstens keinen vernünftigen. Seht nur: das ist bezeichnend für die Herren Professoren. Ich war einmal mit einem Privatdozenten der Geologie zusammen. Er wollte Vermessungen machen. Die Meßnadel wollte aber gar nicht in Ruhe kommen. Aha! sagt der kluge Privatdozent; ich habe einen Magneten in der Tasche. – Gut, wirf ihn weg, sagte ich. Der Magnet flog weit weg. Aber die Meßnadel war noch immer unruhig. – Du hast wohl ein Taschenmesser bei Dir? Ja, richtig, der kluge Mann hatte ein Taschenmesser. Weit flog das Taschenmesser weg. Aber die Meßnadel war wie verhext. Du stehst wohl auf einer Eisenerzschicht, erlaubte ich mir schüchtern zu bemerken. Kannst Du die Schicht nicht wegschmeißen? Nein, das konnte der kluge Mann nicht. Ja, so werden Vermessungen gemacht und natürlich auf die Resultate hin weiß Gott welche Theorien aufgebaut. – Aber ist das auch sicher, daß das Eisenerz die Ursache war? fragte Falk. Iltis sah ihn erstaunt an. – Natürlich! – Nun weißt Du, mit den Ursachen ist das eine heikle Geschichte. Man kann doch kaum jemals eine Ursache angeben, ohne daß sie nicht falsch wäre. Kannst Du mir, um auf dein beliebtes Thema zu kommen, Ursachen für die Inferiorität der Weiber angeben? – Du brauchst ja nur ein physiologisches Lehrbuch aufzuschlagen. – Die Atmung? Nun, diese Beweise sind doch einfach lächerlich. Kinder beiderlei Geschlechtes atmen bis zum zehnten Lebensjahre mit dem Bauche, und ebenfalls alle Weiber, die kein Korsett kennen, wie die Chinesinnen und Yuma-Weiber. Der kostale Atmungstypus ist künstlich erzeugt, wie man es bei den Weibern der Chikesaw-Indianer verfolgen kann ... – Das sind die Angaben von Gelehrten, lieber Falk, die besagen grade das Gegenteil. – Oh nein, diese Angaben sind von unbefangenen Menschen gemacht, aber auch der zweite Beweis, daß das Weib auf einer niedrigen Entwicklungsstufe stehe, weil es dem Kinde in Form und Proportionen ähnelt, ist ganz hinfällig. Er spricht im Gegenteil für das Höherstehen des Weibes. Der kindliche Typus zeigt besonders die wesentlichen Merkmale der menschlichen Spezies, wogegen der Typus des Mannes, morphologisch genommen, ein Hineinwachsen in die Senilität bedeutet. – Das ist Metaphysik, lieber Erik. Du bist überhaupt viel zu viel Metaphysiker. – Möglich. Aber Tatsache ist es, daß Du nur durch eine Verwirrung morphologischer Begriffe von höherer und niedrer Entwicklung zu Deinen Schlüssen gelangt bist. Iltis sah ihn verständnislos an. – Das versteh ich nicht. – Das ist auch nicht nötig. Falk suchte Isa mit den Augen. Wozu spreche man überhaupt. Wenn er hergekommen sei, so doch nicht, um sich über Morphologie zu unterhalten. Er wolle tanzen ... – Und wir wollen Frieden schließen, nicht wahr? Falk trank Iltis freundlich zu. Jemand fing an, einen Walzer zu spielen. Falk ging an Isa heran. Sie stand im Hintergrunde des großen Ateliers. Sie lächelte ihm zu. Nein! das konnte man nicht analysieren, dies saugende Lächeln, als hätte das Halbdunkel, in dem sie stand, geheimnisvoll gelächelt. – Tanzen Sie, Fräulein? Es flog wie ein Lichtstreifen über ihr Gesicht. – Wollen wir tanzen? fragte Falk und erbebte. Das Blut schoß ihm mit jähem Ruck zum Kopfe, als er ihren schlanken Körper an sich drückte. Er kam wie in einen Wirbel, der ihn niederriß. Er fühlte, wie sie zusammenwuchsen, wie sie ein Stück von ihm wurde, und er um sich selbst, mit sich selbst in einen unendlichen Rausch hineinwirbelte. Er sah sie nicht, denn sie war in ihm. Und er zog in sich den Rhythmus und die Linie und den Fluß ihrer Bewegungen und fühlte Alles als ein Hin- und Herwogen in seiner Seele, anschwellend und verebbend, leiser und stärker ... Und dann plötzlich: ja ein Gefühl von etwas unendlich glattem, Kühlendem, einer weichen Spiegelfläche. Er fühlte sie. Sie lehnte ihre Backe an die seine. Ein Jubel stieg in ihm auf und er preßte sie heftig an sich. Sie war sein! Er vergaß Alles um sich. Die Gesichter der Umstehenden verschwammen in einen fleischroten Streifen, der um ihn wie ein Sonnenring kreiste. Er fühlte nur sich und das Weib, das sein war. Er hörte nicht die Musik, die Musik war in ihm, die ganze Welt tönte und jubelte in ihm und kreischte auf in heißem Verlangen, und er trug sie durch alle Welt, und er war groß und stolz, weil er sie so tragen konnte. Wer war Isa, wer war Mikita? Nur er, er allein war da und sie ein Stück von ihm, das er in den Händen trug. Beide fielen erschöpft auf ein Sofa. Es war laut um sie herum. Erregte, zusammenhanglose Stimmen drangen in sein Ohr, die er nicht verstand, und noch immer sah er den fleischroten Sonnenring um sich kreisen. Er erholte sich. Der rote Nebel schwand, er sah lange, schmale Schwaden von Zigarrenrauch. Sie lag halb auf dem Sofa, atmete heftig, ihre Augen waren geschlossen. Er nahm leise ihre Hand. Sie saßen allein, kein Mensch konnte sie beobachten. Sie erwiderte seinen Druck. Und sie hielten sich fester und fester an den Händen. Sie war ihm so nah – noch näher – noch näher; ihre Köpfe berührten sich fast. Sie sträubte sich nicht; er fühlte sie, wie sie sich hingab, er fühlte sie, wie sie sich in sein Herz legte, in das warme Blutbett seines Herzens. Sie löste sich plötzlich los. – Herr Falk, sie erlauben, daß ich Ihnen den ersten, deutschen Kunstmäzen – Schermer grinste boshaft – den Mäzen deutscher Rasse von echtem Schrot und Korn vorstelle ... Herr Buchenzweig. Herr Buchenzweig verneigte sich sehr tief. – Herr Schermer führt mich einigermaßen mit zu viel Aplomb in Ihre werte Gesellschaft hinein, aber ich darf sagen, daß ich ein großes Interesse an der Kunst habe. Herr Buchenzweig setzte sich hin und machte Pause. Er sah merkwürdig aus. Bartlos, das Gesicht etwas aufgedunsen, und hatte brauenlose Augen. – Sehen Sie, Herr Falk, Ihr Buch hat mich im höchsten Maße interessiert und entzückt. – Das freut mich. Ja, wissen Sie warum? – Herr Buchenzweig interessiert sich ungemein für die Kunst – Schermer gab sich Mühe, seine Betrunkenheit zu verdecken. – So, so ... Herr Buchenzweig sprach melancholisch und blähte die Unterlippe auf. – Wissen Sie, warum? Nach vielen Enttäuschungen bin ich dazu gekommen, in der Kunst Trost zu suchen ... Der Säugling kam heran. – Na, Herr Falk, haben Sie wieder ein neues Genie entdeckt? ... – Nun, Sie scheinen sich noch nicht entdeckt zu haben, oder sind Sie schon entdeckt? Isa wurde unruhig. Sie horchte zerstreut zu. Wie kam es nur so plötzlich über sie? Wie konnte sie nur das tun? Falk sich so ganz hingeben ... Es war doch lächerlich, einem fremden Menschen, den sie gestern erst kennen gelernt hatte, zu erlauben, ihr so nahe zu kommen. Sie fühlte Scham und Unruhe, weil sie fühlte, daß der Mann ihr näher stand, als sie sich eingestehen wollte. – Wissen Sie, Herr Buchenzweig, höhnte Schermer, sind Sie wirklich der Mensch, der sich für die Kunst interessiert – ja, Sie sprechen ja ewig von deutscher Kunst und sonstigen Kisten – so tun Sie doch etwas für die deutsche Kunst! Ja tun Sie was, pumpen Sie einem armen, deutschen Künstler, wie mir zum Beispiel, zweihundert Mark. Ja, tun Sie das ... Herr Buchenzweig blähte die Unterlippe und steckte die Zeigefinger in die Hosentaschen. Er schien alles überhört zu haben und schielte nach Isa hinüber. Wie unangenehm war ihr der Mensch. Aber warum kommt Mikita nicht; es ist doch schon spät. – Haben Sie überhaupt zweihundert Mark? Schermer lachte mit offenem Hohn. Auf wie viele Markstücke beläuft sich Ihr Millionenvermögen ... Daß der Mensch nicht beleidigt wurde. Isa wurde die Gesellschaft plötzlich widerwärtig. Warum komme er denn nicht. Was wolle er denn wieder von ihr? Sie fühlte sich müde. Diese beständige Eifersucht ... Aber er hatte nur sie allein, er hatte Niemanden außer ihr. Selbstverständlich wird er nicht kommen. Nun sitzt er auf seinem Atelier und quält sich und rast und läuft herum ... Sie horchte auf. Falk sprach mit einer so gereizten Betonung. – Lassen Sie mich doch mit diesem ewigen Literaturklatsch! Wir haben doch etwas Besseres zu tun, als darüber zu streiten, wem der erste Rang in der deutschen Literatur gebührt, Hauptmann oder Sudermann. – Na, na; der Säugling war sehr indigniert. Es ist doch ein kolossaler Unterschied zwischen den Beiden ... – Aber es fällt mir gar nicht ein, daran zu zweifeln. Ich bin selbst ein Verehrer von Hauptmann. Ich schätze namentlich seine lyrische Produktion. Haben Sie den Prolog von ihm gelesen, den er zur Eröffnung des Deutschen Theaters geschrieben hat? Nein? Das ist die kostbarste Perle unserer zeitgenössischen Lyrik. Hören Sie nur: Und so wie es uns, den Alten, Doch gelang, in diesem Hause, Wollen wir die Fahne halten Ob der Straße Marktgebrause ... – Das Köstlichste haben Sie vergessen, höhnte nun Schermer; wie heißt es doch nur? Das mit den neunundneunzig Zwiebelstücken und dem Schimmer von der Wunderflamme und das Dings da ... na, egal – ne Perle ist es doch ... Der Säugling warf Schermer einen verächtlichen Blick zu und sprach dann mit bedeutungsvoller Betonung: – Ich weiß nicht, Herr Falk, ob das Ihr Ernst oder Hohn ist, aber bedenken Sie, was dazu gehört, die »Weber« zu schreiben ... Schermer unterbrach ihn heftig. – Das macht keinen Eindruck mehr. An Revolten und Totschlagen sind wir – vom Lokal-Anzeiger her gewöhnt. Der Säugling fand, daß es unangenehm sei, sich in der Gesellschaft eines betrunkenen Menschen zu befinden, worauf er eine Menge nicht grade schmeichelhafter Sachen zu hören bekam. Die Gruppe löste sich auf. Nur Isa und Falk blieben sitzen. Er fühlte sie plötzlich so fremd, so weit weg. Er war sehr gereizt. Selbstverständlich sitzt sie wie auf Nadeln und wartet auf Mikita. Er empfand einen heftigen Schmerz. – Nein, Herr Falk, Mikita wird heute nicht mehr kommen, sagte sie plötzlich. – Bleiben Sie doch noch hier. Er kann jeden Augenblick kommen. – Nein, nein! Er kommt nicht. Ich muß jetzt nach Hause. Ich bin so müde. Die Gesellschaft langweilt mich. Ich will nicht länger hier bleiben. – Darf ich Sie begleiten? – Wie Sie wollen ... Falk biß sich in die Lippen. Er sah ihre unruhige Aufregung. – Vielleicht wünschen Sie nicht, daß ich Sie begleite? – Nein, nein ... doch, ja – aber ich muß jetzt nach Hause ... VIII. Sie traten vor die Tür. – Soll ich eine Droschke holen? – Nein, nein; gehen wir! Das war doch sehr rücksichtslos von Mikita. Er versprach ihr doch ganz sicher, daß er kommen würde. Warum war er nicht gekommen? Worauf war er denn wieder eifersüchtig? Nein, es war doch zu langweilig. Sie litt darunter. Sie fühlte sich wie gebunden. Sie wagte ja kaum mit einem Menschen zu sprechen. Fortwährend fühlte sie seine lauernden Augen auf sich ruhen. Und die Geschichte in Frankfurt! Nein, er ging doch zu weit, er quälte sie zu viel. Konnte er denn nicht die Freude verstehen, plötzlich in einer fremden Stadt einen Landsmann zu finden? Aber er ging ins Nebenzimmer und schrieb Briefe, um seine Wut zu verbergen. Sie gingen durch den Tiergarten. Die laue Märzluft beruhigte sie allmählich. Jetzt wird er ihr selbstverständlich übel nehmen, daß sie ihn nicht Stunden lang bei Iltis erwartet hatte. – Können Sie begreifen, Herr Falk, warum Mikita nicht gekommen ist? – Oh, er wird wohl wieder seine Launen haben ... Im nächsten Augenblick schämte sich Falk ... – Er quält sich wohl mit seiner Arbeit, dann mag er Niemanden sehen und am wenigsten in eine Gesellschaft gehen. Sie schwiegen. Es war so unheimlich still. Ein leises Angstgefühl schlich sich in ihre Seele. Wie gut, daß er um sie war! – Darf ich Ihnen meinen Arm geben? Sie war ihm fast dankbar. Nun gingen sie langsamer. Sie dachte an den Abend, sie dachte an den Tanz, aber sie fühlte keine Scham mehr, keine Unruhe, nein im Gegenteil, eine weiche, angenehme Empfindung von Wärme. – Warum sind Sie so still? Ihre Stimme klang weich, beinahe zärtlich. – Ich wollte nicht aufdringlich sein. Ich dachte, daß es Ihnen unangenehm wäre. – Nein, nein, Sie irren sich. Die Gesellschaft hat mich nur so nervös gemacht, deswegen wurde ich so unruhig; ich bin so froh, daß wir weggegangen sind. Sie hatte ungewohnt herzlich und warm gesprochen. – Ja, sehen Sie, Fräulein Isa; Falk lächelte still; ich hätte eigentlich Grund genug, tief über mich nachzudenken ... Er fühlte, daß sie gespannt aufhorchte. – Sehen Sie – dies Merkwürdige – dies Sonderbare ... Sie dürfen mich nicht mißverstehen – ich spreche mit Ihnen darüber, wie über ein Rätsel, ja, ein Geheimnis, als wäre ein Toter wiedergekommen ... Falk hustete kurz auf. Seine Stimme zitterte ein wenig. – Als ich noch in der Schule war, gefiel mir eine Idee von Plato ungemein. Er hält nämlich das Leben hier auf Erden nur für ein Abbild eines Lebens, das wir schon früher einmal als Ideen durchlebt haben. Unser ganzes Schauen ist nur eine Erinnerung, eine Anamnese dessen, was wir schon früher, bevor wir geboren wurden, geschaut haben. Sehen Sie – damals war mir die Idee lieb wegen ihres poetischen Gehaltes, und jetzt denk ich beständig an sie, weil sie sich an mir selbst realisiert hat. Ich erzähle Ihnen diese Tatsache – rein objektiv, wie ich gestern über die Unverletzlichkeit der Fakire erzählte. Mißverstehen Sie mich nicht ... Ich bin Ihnen eigentlich ein wildfremder Mensch ... – Nein, Sie sind mir nicht fremd ... – Bin ich das nicht? Wirklich nicht? Sie wissen nicht, wie mich das freut. Ihnen, Ihnen allein möcht ich nicht fremd sein. Sehen Sie, kein Mensch weiß, wie ich bin; sie hassen mich Alle, weil sie nicht wissen, wo ich zu fassen bin; sie sind so unsicher mir gegenüber ... nur Ihnen möcht ich meine ganze Seele öffnen ... Er stockte. Ob er nicht zu weit gegangen war? Sie erwiderte nichts, sie ließ ihn sprechen. – Ja, aber was ich sagen wollte ... ja, gestern, gestern ... seltsam, daß es erst gestern war ... Als ich Sie gestern sah, kannte ich Sie schon längst. Ich muß Sie irgendwo gesehen haben. Ich habe Sie selbstverständlich niemals gesehen, aber Sie waren mir so bekannt ... Heute kenn ich Sie schon hundert Jahre, deswegen sag ich Ihnen Alles; ich muß Ihnen Alles sagen ... Ja, und dann ... ich kann mich sonst sehr beherrschen, aber gestern in der Droschke – da übermannte es mich; ich mußte Ihnen die Hand küssen, und ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mir Ihre Hand nicht entzogen haben ... Ich verstehe es nicht ... ich sehe sonst alle Menschen draußen, ja irgendwo weit draußen; mein Inneres ist jungfräulich, kein Mensch ist mir nahe gekommen, aber Sie fühl ich in mir, jede Ihrer Bewegungen fühl ich an meinen Muskeln niederfließen – und dann seh ich die Anderen wie einen Feuerring um mich tanzen ... Isa war wie gebannt. Sie durfte das nicht hören. Sie fühlte Mikitas Augen auf sich ruhen. Aber diese heiße, leidenschaftliche Sprache ... so hatte noch kein Mensch zu ihr gesprochen ... Falk überkam ein Taumel. Es war ihm gleichgültig, was er jetzt sprach. Er suchte sich auch nicht mehr zu beherrschen. Er mußte zu Ende reden. Es war ihm, als wäre Etwas aufgebrochen in seiner Seele, und nun stürzte die Glut unaufhaltsam heraus. – Ich verlange Nichts von Ihnen, ich weiß, daß ich es nicht verlangen darf. Sie lieben Mikita ... – Ja, sagte sie hart. – Ja, ja, ja, ich weiß es; ich weiß auch, daß Alles, was ich Ihnen sage, dumm ist, ganz dumm, lächerlich; aber ich muß es sagen. Das ist das größte Ereignis in meinem Leben. Ich liebte nie; ich wußte nicht, was Liebe ist, ich fand sie lächerlich; ein krankhaftes Gefühl, das die Menschheit überwinden müsse. Und nun mit einem Ruck war es geboren ... In einem Moment: als ich Sie sah in dem roten Licht, als Sie mit dieser rätselhaften, verschleierten Stimme zu mir sagten: Sie sind es ... Und Ihre Stimme war mir so bekannt. Ich wußte, daß Sie so, gerade so sprechen mußten, ich erwartete es. Ich wußte auch, daß das Weib, das ich lieben könnte, nur so, nur so wie Sie aussehen müsse ... Es hat sich Alles in meiner Seele ausgelöst, Alles, was mir bis jetzt unbekannt war, das Tiefste – Intimste ... – Nein, Herr Falk, sprechen Sie nicht weiter; ich bitte Sie, tun Sie es nicht. Das schmerzt mich, das tut mir so weh, daß Sie durch mich leiden sollen. Ich kann Ihnen ja Nichts, Nichts geben ... – Ich weiß es, Fräulein Isa, ich weiß es nur zu gut. Ich verlange nichts. Ich will Ihnen nur das sagen ... – Sie wissen doch, Herr Falk, daß ich Mikita liebe ... – Und wenn Sie tausend Mikitas liebten, müßt ich Ihnen das sagen. Es ist ein Zwang, ein Muß ... Plötzlich schwieg er. Was wollte er nur? Er lachte auf. – Warum lachen Sie? – Nein, nein, Fräulein Isa, ich bin zur Besinnung gekommen. Er wurde ernst und traurig. Er nahm ihre Hand und küßte sie innig. Er fühlte nur das heiße Fieber dieser langen, schmalen Hand. – Nehmen Sies mir nicht übel. Ich habe mich vergessen. Aber Sie müssen mich verstehen. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht geliebt. Und jetzt strömt dies Neue, Unbekannte mit solcher Wucht auf mich ein, daß es mich völlig übermannt. Vergessen Sie es nur, was ich Ihnen sagte. Er lächelte traurig. – Ich werde nie mehr so zu Ihnen sprechen. Ich werde Sie immer lieben, weil ich es muß, weil Sie meine Seele sind, weil Sie das Tiefste und Heiligste in mir sind, weil Sie das in mir sind, wodurch Ich grade Ich bin und kein Andrer. Er küßte ihr wieder die Hand. – Wir bleiben Freunde – nicht wahr? Und Sie werden das schöne Bewußtsein haben, daß Sie mein herrlichstes, mein mächtigstes Erlebnis sind, mein ... Seine Stimme brach; er küßte ihr nur die Hand. Sie schwieg und preßte heftig seine Hand. Falk beruhigte sich. – Sie nehmen mirs nicht übel? – Nein. – Sie bleiben mir Freundin? – Ja. Nun schwiegen sie den Rest des Weges. Isas Wohnung gegenüber war ein Restaurant, das noch offen stand. – Wir sind jetzt Kameraden, Fräulein Isa; darf ich Sie bitten, mit mir ein Glas Wein zu trinken. Wir wollen die Kameradschaft besiegeln. Isa zögerte. – Sie werden mir dadurch ein großes Glück bereiten. Ich mochte mit Ihnen so unendlich gerne so en bon camarade sprechen. Sie gingen hinein. Falk bestellte Burgunder. Sie waren allein. Das Zimmer war durch eine Portiere abgegrenzt. – Ich danke Ihnen, Fräulein Isa, ich habe nie einen Menschen gehabt ... Isa hatte Mikita auf der Zunge, aber sie schwieg. Es war peinlich, seinen Namen auszusprechen. Es wurde Wein gebracht. – Sie rauchen? – Ja. Isa saß zurückgelehnt auf dem Sofa, rauchte die Zigarette und blies Ringe in die Luft. – Das Wohl unserer Kameradschaft. Er sah sie mit so herzlicher Innigkeit an. – Ich bin so glücklich, Fräulein Isa, Sie sind so gut zu mir, und dann – nicht wahr? – wir haben nichts voneinander zu verlangen; wir sind so frei ... Er sah wieder dies heiße Glühen um ihre Augen ... Nein! Er wollte es nicht sehen. Er trank sein Glas hastig aus, füllte es wieder und starrte auf die rote Weinfläche. Er dachte an den Meniskus; er mußte wohl konvex sein ... – Ja, ja, die Seele ist ein seltsames Rätsel ... Schweigen. – Kennen sie Nietzsche? Er sah auf. – Ja. – Und diese eine Stelle aus Zarathustra: Die Nacht ist tiefer, als der Tag gedacht ... Sie nickte. – Hm; nicht wahr? Er lächelte ihr zu. Die Seele ist auch tiefer, als sie sich in dem blödsinnigen Bewußtsein widerspiegelt. Sie sahen sich an. Ihre Augen vergruben sich ineinander. Wieder sah Falk ins Glas. – Ich bin nämlich Psychologe von Fach. Verstehen Sie: von Fach. Das heißt; ich habe Schallgeschwindigkeiten gemessen, die Zeit bestimmt, in der eine Sinneswahrnehmung ins Bewußtsein tritt, aber von der Liebe habe ich nichts erfahren ... Da plötzlich ... Na ja ... Ihr Wohl! Er trank. – Nein, nein, aus allen diesen Messungen ist nichts rausgekommen. Heute in der Nacht hab ich weit mehr von meiner Seele erfahren als in den vier, fünf Jahren, die ich an die sogenannte Psychologie vergeudet habe ... Ich hatte einen Traum ... Er sah auf. Aber langweilen Sie sich nicht? – Nein, nein. Sie lachten sich zu. – Ja, ich habe heute geträumt, daß ich mit Ihnen eine Reise auf dem Meere machte. Es war finster, ein schwerer, dicker Nebel lag auf dem Schiffe, ein Nebel, den man bis in den Innenraum hineinfühlte, schwer wie Blei, beengend, angstschwül ... Ich saß mit Ihnen im Salon und sprach – nein, ich sprach nicht. Es war Etwas in meiner Seele, das sprach – lautlos, und die Stimme war auch körperlos, aber Sie verstanden mich. Und dann standen wir auf. Wir wußten es, ganz genau wußten wir, daß es kommen werde – das Furchtbare ... Und es kam. Ein furchtbarer Krach, wie wenn eine Sonne heruntergestürzt wäre, ein höllisches Angstgebrüll, wie wenn plötzlich Gletschermassen auf die Erde niederrasten: ein Dampfer hatte sich in den unsern hineingebohrt. Nur wir Beide hatten keine Angst. Wir fühlten uns nur, wir verstanden uns und hielten uns fest an den Händen. Da plötzlich waren Sie mir verschwunden. Ich sah mich mit einem Mal auf einem Rettungsboot, die See warf es bis in den Himmel hinein und dann wirbelte es plötzlich in einen endlosen Abgrund herab. Mir war Alles gleichgültig, was mit mir geschah. Nur eine entsetzliche, wahnsinnige Angst, was mit Ihnen geschehen sei, zersprengte mir den Schädel. Da auf einmal: Ich sah, wie der mächtige Dampfer mit einer unerhörten Schnelligkeit untersank, ich sah nur noch einen ungeheuren Mast aufragen, und da, da ganz oben sah ich Sie angeklammert ... Und im selben Augenblick stürzte ich in das Meer, ich erfaßte Sie, Sie lassen sich kraftlos von mir tragen und Sie werden so unendlich schwer. – Ich konnte mich nicht mehr festhalten, noch ein Moment und ich mußte mit Ihnen zusammen ins Meer sinken. Da plötzlich ballte sich der Nebel und die Wolken zu einer Riesengestalt. Über den ganzen Himmel weg, grausam, kalt, gleichgültig ... Falk lächelte mit einem seltsam verlegenen Lächeln. Es war das Meer und der Himmel, das war Ich und Sie, es war Alles: das Schicksal, Fräulein Isa. Sie bekam Angst. Er sah sie so unheimlich an. Plötzlich schlug er um. – Seltsamer Traum, nicht wahr? lächelte er. Sie bemühte sich gleichgültig zu erscheinen, und antwortete nicht. Er sah sie eine Weile mit großen Augen an, die fiebrig glühten. Dann sah er wieder in sein Glas. – Das war die erste Offenbarung des Schicksals in meinem Leben. Seine Stimme klang monoton, gleichmäßig, mit einer Nuance von selbstverständlicher Nachlässigkeit. Sie reizte sie, sie hatte etwas unsagbar Hypnotisierendes. Sie mußte ihn hören. – Ich wußte auch nicht, was Schicksal ist. Aber jetzt weiß ich es. Sehen Sie, Fräulein Isa, ich gehe herum, ahnungslos; ich hielt mein Gehirn so fest in meinen Händen; es gab kein Gefühl, das ich nicht hätte unterjochen können; ja ... und nun plötzlich kommen Sie dazwischen, Sie, das seltsame Urbild meiner Seele, Sie die Idee, die ich schon früher in einem andern Dasein angeschaut habe, Sie, die Sie eigentlich das ganze Geheimnis meiner Kunst sind ... Kennen Sie meine Produktion? – Ich liebe sie über Alles. – Haben Sie sich selbst darin gefunden? – Ja. – Nun sehen Sie, ich war so fest und so hart, und nun kommen Sie mir in den Weg, und mein ganzes Leben wird in dieses eine Erlebnis eingeschlossen. Sie bekommen diese Macht über mich, daß ich an nichts Andres denken kann, Sie werden der Inhalt meines Gehirnes ... – Nein, Falk, sprechen Sie nicht davon. Ich werde so müde von dem Gedanken, daß Sie sich durch mich unglücklich fühlen sollen ... – Nein, Fräulein Isa, Sie irren sich. Ich bin glücklich, Sie haben mich zum neuen Menschen gemacht, Sie haben mir einen unerhörten Reichtum gegeben – ich verlange ja Nichts von Ihnen, ich weiß, daß Sie Mikita lieben ... Isa fühlte wieder die Unruhe in sich hochwallen. Sie hatte Mikita ganz vergessen. Nein! Sie durfte nicht länger hier sitzen. Sie durfte nichts mehr hören. Sie erhob sich. – Nun muß ich gehen. – Bleiben Sie, bleiben Sie noch einen Augenblick. Es war etwas, das sie niederzwang, aber sie mußte an Mikita denken. Die Angst und die Unruhe wuchs. Sie raffte sich auf. Nein, nein, jetzt muß ich gehen; ich kann nicht länger sitzen, ich muß jetzt, ich muß – ich bin so müde ... Falk unterdrückte mühsam ein nervöses Lachen. IX. Vor der Haustür blieben sie stehen. Falk machte auf. Es war so schwer, das Schlüsselloch zu finden. Endlich! Sie trat in den Hausflur. Er folgte ihr. Sie blieben wieder stehen. Was wollte er nur? – Gute Nacht, Falk. Er hielt ihre Hand fest und seine Stimme bebte. – Mir ist, als müßten wir einen herzlicheren Abschied voneinander nehmen. Die Tür war halboffen. Das Laternenlicht fiel in breitem Streifen auf ihr Gesicht. Sie sah ihn so sonderbar, so sonderbar erstaunt an. Er fühlte Scham. – Gute Nacht ... Er hörte den Schlüssel von Innen klirren. Er horchte. Sie ging leicht und schnell die Treppe hinauf. Nun ging er ein Stückchen. Plötzlich schrie er unwillkürlich aus vollen Leibeskräften. Was war denn das? Wollte er seine Kraft in menschlichen Unwillkürlichkeiten auslösen? Herrlich! Ein herrlicher Esel war er. Unangenehm! Wie täppisch dies mit dem herzlicheren Abschied! Nein, wie komisch, wie unendlich komisch mußte sie ihn finden. Er, der große, höhnende Verächter, plötzlich verliebt, wie ein kleiner Schulbube. Gott, war das unangenehm, und noch diese Erinnerung dazu, die ihm plötzlich so peinlich wurde. Er war damals volle 13 Jahre alt, als er die erste erotische Anwandlung bekam. Hatte er sich großartig gefunden! Diese tiefen, geistreichen Gespräche, die er mit dem Mädchen über Schiller und Lenau führte. Und die gelben Glacés, die er sich anschaffte ... Da, eines Abends hatte ihn der Ordinarius auf einem Tête-à-tête ertappt. Und am nächsten Tage ... wunderbar! Es klingelte. Es war Zehn-Uhr-Pause. Alles drängte hinaus. – Falk, Du bleibst hier. Ja, nun kam es. – Komm her! Er ging ans Katheder. – Hol den Stuhl herunter! Er holte ihn. – Leg Dich! Er legte sich. Und nun sauste das starke Rohr durch die Luft, schwirrte und pfiff, immer schneller, immer schmerzhafter ... Tat das weh! Was lachen Sie, lieber Herr! Das ist eine große Tragödie. Ich habe selten so seelisch gelitten, wie damals ... Es ist vollendet dumm von Ihnen, daß Sie lachen. Verstehen Sies nicht, daß dies das Leben ist? Das Lächerliche neben dem Tragischen, das Gold im Kote, das unnennbar Heilige im Trivialen –ja, sehen Sie, das verstehen Sie nicht. Hegel, der alte preußische Philosoph Hegel, er war ein klügerer Mann. Kennen Sie überhaupt Hegel? Ja, sehen Sie, seine ganze Philosophie ist ja nur die Frage, warum die Natur zu ihren herrlichsten Zwecken so unästhetische Mittel braucht, so z. B. das Geschlechtsorgan, das zum Zeugen und zur Absonderung von Stoffwechselprodukten dient. Selbstverständlich ist es unendlich komisch, lächerlich komisch, ekelhaft komisch, aber so ist immer das Heiligste. Falk geriet in Wut. Also machen wir uns das klar: Die Liebe, ach ja, die Liebe: Zuerst ein seltsam verwirrtes Gesicht, dann glühende Faunsaugen, ferner Zittern in den Händen, wie wenn man meilenweite Depeschen telegraphierte ... Dann: Senkungen und Hebungen in der Stimme wie beim Skandieren Horazischer Oden, bald heiser, bald piepsend ... Dann eine Menge unwillkürlicher Bewegungen: Zugreifen und Zurücktaumeln, nicht ganz sicher auf den Beinen stehen, keuchen und prusten ... ist das nicht lächerlich? Ist das nicht im höchsten Maße lächerlich? Und mir gegenüber sitzt Fräulein Isa mit ihrem liebenswürdigen, wissenden Lächeln, mit ihrem seltsamen Blick, und ermuntert mich dazu. Nun, auf das Mimen versteh ich mich ausgezeichnet. Hab ich etwa heute nicht gut gemimt? Na eben, weil ich eben ein sogenannter »differenzierter« Mensch bin, so verfließt alles in mir ineinander, Absicht und Echtes, Bewußtes und Unbewußtes, Lüge und Wahrheit, tausend Himmel und tausend Erden wogen ineinander über, aber trotzdem bin ich lächerlich. Dagegen läßt sich eben nichts tun, absolut nichts. Es ist ein »ehernes« Gesetz, eins von den ehernsten, daß der Mann, ehe er seinen komischen Zweck erreicht, erst tausendmal lächerlich von dem Weibe seiner Liebe befunden werden muß ... Er stockte plötzlich. Er hatte also Schamgefühl ... Ja, ja, Alles wie bei kleinen Schulbuben. Sie fühlen sich ja auch blamiert, wenn sie vor ihrer Flamme vom Pferde runterfallen. Aber das Weib war ihm ja fremd, ganz, ganz fremd. Er wußte nichts von ihr. Nicht eine Linie konnte er in das Geheimnis dieses verschleierten Lächelns, dieses wissenden, liebenswürdigen Wesens eindringen. Und in ein fremdes Weib, von dem er nichts wußte, hatte er sich verliebt. Jäh. Mit einem Ruck. In einer Sekunde. Heda! Tausend Experimentalpsychologen her! Ihr, die Ihr Alles wißt, ihr Seelenanatomen, ihr purs et secs Analytiker, kommt her, macht mir das klar ... Also die Tatsache: Ich habe mich in einer Sekunde in ein Weib verliebt, zum ersten Male verliebt. – Weil mein sinnlicher Trieb erwacht sein sollte? Sie irren sich; der war schon längst wach. Weil ich mir etwas gesagt haben wollte? Ich habe mir nichts gesagt. Mein Gehirn hat damit nichts zu tun gehabt. Ich hatte keine Zeit zu reflektieren. Übrigens schämen Sie sich. Sie, die Sie eine Physiologie der Liebe, eine so famose Physiologie, geschrieben haben, sollten wissen, daß das Geschlecht nicht reflektiert. Es ist ein dummes, taubes Tier. Borniert, flegelhaft und komisch. Übrigens ist es mir ganz, ganz gleichgültig. Wenn man im Juni 26 Jahre alt werden soll, dann fragt man nicht mehr nach den Ursachen, das Warum schmerzt nicht mehr. Man nimmt Alles als eine gegebene Tatsache. Ja, das tut man. Er sah sich um. Er war inzwischen auf einem öffentlichen Platze angelangt, den er nicht kannte. Sehr schön. Er setzte sich auf eine Bank, sein Kopf war ein wenig schwer, wahrscheinlich hatte er zu viel getrunken, aber er hatte keine Ruhe. Es arbeitete Etwas in ihm schon den ganzen Abend. Ein unsagbar peinlicher Gedanke, den er immer von Neuem zurückdrängte, der sich aber immer energischer emporarbeitete und nun mit aller Kraft herausbrach. Mikita! Falk stand unruhig auf, ging ein wenig herum und setzte sich wieder. Siehst Du, Mikita, nimm es mir nicht übel ich kann absolut nichts dafür. Wozu hast Du mich zu ihr geschleppt? Ich wollte Wein mit Dir trinken und mit Dir sprechen. Ich wollte nicht zu ihr gehen. Zu seinen Bräuten darf man seine Freunde nicht schleppen. Das ist der wichtigste Paragraph in dem Liebeskodex. Durchaus nicht, und mögen die Bräute noch so herrlich sein, wie Deine Isa. Nun, Mikita, sei doch nicht so verflucht traurig. Das tut mir ganz tierisch weh. Ich habe Dich nämlich unendlich lieb. Falk überkam eine große Zärtlichkeit. Ich kann wirklich nichts dafür. Stell Dir doch nur vor. Ich trete ins Zimmer. Ein wunderbares Rot. Und dieses Rot fließt um ein Weib in heißer Wellenbrandung, um ein Weib, das mir so bekannt war, ja mehr wie Dir selbst, obwohl ich sie nie gesehen hatte. War es das Rot? Du bist doch zum Kuckuck ein Maler. Du mußt doch wissen, wie ein solches Rot auf Deine Seele wirkt. Nun kommt der ehrbare Auch-Psychologe Herr Du Bois-Reymond und sagt: Rot besteht aus Wellen, die fünfhundert Billionen Schwingungen in der Sekunde machen. Die Schwingungen bringen in den Nerven Schwingungen hervor, und so schwinge ich. Verstehst Du nun, warum ich mich verliebt habe? Weil ich schwinge! Na also! Falk stand auf und ging aufs Geratewohl vor sich hin. Auf den Straßen war es öde. Nur hin und wieder hörte er eine leise, piepende Frauenstimme: – Na, Liebchen, kommst Du mit? Nein, das wollte er durchaus nicht. Was sollte er bei einem Frauenzimmer? Er war kein Berliner Romanschriftsteller und brauchte nicht die diskreten Unterrocksstimmungen, um Romane zu schreiben. Nein, er haßte alle Weiber, alle, und am meisten sie, sie, die sich so hinterlistig in ihn eingeschlichen und ihn nun in diese verfluchte Unruhe peitschte. Nein, Mikita, das darfst Du mir nicht übel nehmen. Nein, nein ... Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich leide. Es sitzt mir etwas Würgendes in der Kehle; den ganzen Tag schon ... Nichts hab ich gegessen, nur getrunken und getrunken ... Weißt Du, was ich geträumt habe? Von einem hohen Berge bin ich herabgestürzt. Ich saß auf einem Gletscher, der sich mit rasender Schnelligkeit vorwärtsschob; konnte ich dagegen etwas machen? Konnte ich mich wehren? Der Gletscher trug mich, der Gletscher war breit, er raste und raste unaufhaltsam ... Kann ich die Molekel meiner Nerven in eine andere Lage bringen? Kann ich den Strom in meinem Gehirn ausschalten? Heh? Kann ich das? Kannst Dus? Der Gletscher trägt mich – ich stürze und stürze, bis er mich ins Meer ausspeien wird. Das ist das eherne Gesetz! Falk schrie es fast. Na ja; ich bin ein wenig betrunken, und da ist die Kontrolle schwer. Nein, Mikita, nein; Du bist mir so unendlich teuer. Ich habe nichts, nichts dabei gemacht. Plötzlich wurde er wütend. Hast Du sie nicht gereizt, lieber Falk, hast Du nicht mit tausend Kniffen ihre Neugierde gestachelt? Herrlich, dies urplötzliche Schuldbewußtsein! Ja, ich nehme mein schuldbeladenes Gewissen und schüttle seinen Inhalt vor den Allmächtigen hin, der mich nicht wie jene Vierfüßler geschaffen hat, die keinen Verstand haben, sondern als zweibeiniges Individuum, mit Geist und Vernunft begabt, auf daß es zwischen Gut und Böse unterscheide und vermöge der quinta essentia, nämlich der Willenskraft, die Handlungen berechne und sie leite. Ja, lieber Mikita; mea maxima culpa! Ich habe gesündigt gegen Dich! Unterwegs sah er ein Nacht-Café offen. Oh, er war so furchtbar müde. Er trat ein und setzte sich auf ein Sofa abseits in eine Ecke. Um sich herum hörte er Geschrei und Gekreisch, Fluchen und Feilschen. Er sah hin, ob nicht ein Berliner Romanschriftsteller seine Notizen machte. Nämlich ein Kollege von der nämlichen Fakultät. Ekelhaft! Wie viel kostet fünf Minuten Fleisch pro Pfund? Er lehnte sich zurück und starrte in die große, weiße Lampe des elektrischen Lichtes. Es flimmerte ihm in den Augen. Um die weißen runden Lichtlampen sah er deutlich heiße Nebel zittern. Und schneller und schneller sah er den Dunst um die Lampen kreisen, heftiger und heißer. Und er fühlte sie in seinen Armen, ihre Backe an die seine gelehnt, er fühlte ihre Bewegungen auf seinen Nerven auf- und niedergleiten, und er sah die Welt als einen roten Sonnenring um sich herumtanzen. Das war das große Problem. Er setzte sich zurecht. Das Problem seiner Liebe. Isa war aus ihm geboren, oder er aus ihr. Sie war das vollendetste Korrelat zu ihm. Ihre Bewegungen waren so seinem Geiste angepaßt, daß sie ihn in die höchste Ekstase versetzten, der Klang ihrer Stimme löste etwas in seiner Seele aus, etwas davon, worin das Geheimnis seiner Seele ruhte. Dummes Gehirn, woher weißt Du das so sicher? Er lachte höhnisch. Aber plötzlich stutzte er. Er sah sich und sie in einem merkwürdigen Bilde. Sie saßen sich ganz gleichgültig gegenüber. Sie sahen sich kalt in die Augen, ja sie waren sich ganz gleichgültig. Ja, er war Dämonomane, er sah sie und sich ganz durchsichtig, und er sah, wie sich etwas in ihm und etwas in ihr hochreckte, wie die beiden unterirdischen Ichs sich näher kamen und sich so fragend und so begehrend anschauten. Nein doch! Sie saßen ja am Tisch und waren sich gleichgültig und sprachen über dumme, nichtssagende Sachen. Aber das Andre in ihm und das Andre in ihr waren sich so unendlich nahe, sie umfaßten sich, sie gossen sich ineinander. Das Andre, lieber Mikita, das, das ich nicht kenne, weil es plötzlich ganz unmotiviert da ist, hat sie schon geliebt, bevor ich es merkte. Siehst Du, Mikita, mein dummes Gehirn kann ja nur höchstens kontrollieren, daß etwas vor sich gehe, nur höchstens eine vollendete Tatsache konstatieren. Ja, teurer Mikita, das ist eine vollendete Tatsache: Ich liebe sie! Daß ich mich interessant machte? Daß ich sie lockte und auf meine Tiefen aufmerksam machte? – Aber Herrgott, Mikita, sei doch vernünftig! Das große Agens hat die Räder so eingestellt, daß sie notwendig in dieser und keiner andern Richtung ablaufen müssen. Daß Du das nicht verstehst! – Weshalb Mikita nicht gekommen ist? Oh, gnädiges Fräulein, kennen Sie ihn schlecht! Mikita hat Instinkte mit meilenlangen Händen, die das Unfaßbare fassen: Mikita sieht, wie sich ein Ton in Farbe verwandelt. Er hat Akkorde gemalt, die Sie beim Hören verrückt machen würden, aber das brutale Auge verträgt selbstverständlich Alles. Mikita sieht das Gras wachsen, und den Himmel schreien. Das Alles sieht Mikita – Mikita ist ein Genie! Was bin ich? Was hab ich gemacht? Blödsinn, Falk! Bist Du wirklich betrunken? Nein doch: Ich bin Psychologe und augenblicklich damit beschäftigt, Mikitas Seele ganz reinlich zu präparieren. Hoh, Mikita läßt sichs nicht merken, er läßt die Lauge sich in seine tiefsten Schachte niederschlagen, bis Alles zersetzt und zerfressen ist, dann kommt der Bruch. Was ist dabei? Herrgott ein Mann über Bord! Er ist nicht der Erste. Das Kreischen und Lachen um Falk herum wurde lauter und unerträglicher. Er erhob sich wütend und brüllte förmlich: – Still! Dann setzte er sich hin. Die verfluchten Mücken, die ihn immer stören mußten. Nun wurde er sehr unruhig. Er mußte Mikita sehen. Er mußte durchaus sehen, was er jetzt mache. Ja, er werde zu ihm gehen: Wer ist da? Ich arbeite jetzt. – Ich bin es, Erik Falk. – Er macht auf. Sieht mich von der Seite an, hat selbstverständlich furchtbar wilde Augen. Was willst Du? – Was ich will? Tja, ich will Dir klar machen, daß Ich nicht liebe, sondern das Andre. Ich will Dir klar machen, wie das kam. Ich saß mit ihr an einem Tisch – ganz kalt und gleichgültig, aber während ich sprach, hat das Andre auf eigne Faust gehandelt, an ihr gezerrt und sie gelockt, bis sie nachgab. Nein! Nicht Sie; sie höhnt mich und findet mich komisch, weil mein Andres einen herzlicheren Abschied wünschte. Siehst Du, sie ist mir fremd, absolut fremd. Aber die Andern in uns Beiden, die kennen sich so gut, sie lieben sich so unendlich, so mächtig, so unlöslich. Du allmächtiger Schöpfer, ich danke Dir, daß Du mich zum zweibeinigen Wesen geschaffen hast, mit Vernunft und Geist begabt, auf daß ich Gut und Böse unterscheide, auf daß ich nicht Isa begehre, wenn Mikita das Glück gehabt hat, sie zuerst zu treffen. Und da – da sitzt der junge Lümmel neben den hundert Kilo Fleisch, er hat keine Vernunft, er kann auch nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Siehst Du, dummer Lümmel, was bist Du gegen mich? Du vernunft- und willenloses Sujet. Falk lachte aus vollem Halse. Nun mußte er aber wegen ungebührenden Verhaltens – der Ausdruck gefiel ihm ganz ausnehmend – das Café verlassen. Das kam ihm gerade recht. In dieser verpesteten, schweiß- und fleischriechenden Spelunke konnte es ein Mensch von der Species Homo sapiens, meine Herren, nicht aushalten. Draußen fing es an hell zu werden. Über den schwarzen Dächern sah er das tiefe Blau in einer unsagbaren, stillen, heiligen Majestät. Die Majestät des Himmels über Berlin ... er lachte höhnisch – so ist nun einmal die Natur ... X. – Warum bist Du gestern nicht zu Iltis gekommen? – Isa war ein wenig unsicher. – Was sollt ich da? Ich setzte voraus, daß Du Dich auch ohne mich amüsieren kannst. – Das ist häßlich von Dir; Du weißt doch, wie ich glücklich bin, wenn ich mit Dir zusammen in Gesellschaft gehe. – Bist Dus? Mikita sah mißtrauisch zu ihr herüber. – Was meinst Du denn? Sie wurde mißmutig. Aber plötzlich sah sie sein übernächtigtes, bleiches Gesicht zucken. Sie kannte das. – Nein, das ist sehr häßlich von dir. Sie nahm seine Hand und streichelte sie. Mikita entzog ihr leise die Hand. Er ging auf und ab. – Aber was ist Dir denn? – Mir? Nichts, nein, gar nichts. Sie sah ihn an. Eine fiebrige Unruhe zuckte immer heftiger in seinem Gesichte. Es kochte Etwas in ihm, das jeden Augenblick ausbrechen konnte. – Willst Du nicht zu mir kommen? Er trat an sie heran. – Was willst Du? – Setz Dich neben mich, hier, ganz nah. Er setzte sich hin. Sie nahm seine Hand. – Was ist Dir, Mikita? Was? – Nichts! – Hab ich Dir weh getan? – Nein! – Siehst Du, Mikita, Du bist nicht aufrichtig zu mir. Du willst es mir nicht sagen, aber ich kenne Dich so gut: Du bist eifersüchtig auf Falk ... Mikita wollte sie eifrig unterbrechen. – Nein, nein; ich kenne Dich zu gut. Du bist eifersüchtig, und das ist furchtbar dumm von Dir. Falk ist nur interessant, er ist mir vielleicht der interessanteste Mensch neben Dir, aber ich könnte ihn niemals lieben, nein, niemals. Siehst Du, als Du gestern nicht kamst, wußt ich sehr gut, daß Du zu Hause sitzt und Dich mit Eifersucht quälst. Ich habe mich den ganzen Abend ununterbrochen gefragt, welchen Grund Du eigentlich hast? Hab ich Dir einen Anlaß zur Eifersucht gegeben? Mikita fühlte sich beschämt. – Du darfst nicht eifersüchtig sein. Das quält mich. Ich werde so müde davon. Schließlich werde ich ja gar nicht wagen können, auch nur ein Wort mit einem Menschen zu wechseln, aus Angst, daß Du mirs übel nimmst. Du darfst es nicht. Ich kann es einfach auf die Dauer nicht aushalten. Du hast keinen Grund dazu. Du zerstörst nur unsre Liebe. Mikita wurde ganz weich und küßte ihr die Hand. – Du demütigst mich mit Deinem ewigen Mißtrauen. Du mußt doch bedenken, daß ich auch ein Mensch bin. Man darf mich nicht so unausgesetzt quälen. Du warst so stolz auf meine Selbständigkeit, und jetzt suchst Du sie zu zerstören und mich zu einer Sklavin zu machen. Schließlich wirst Du mich noch einsperren wollen ... Mikita war ganz verzweifelt. – Isa, nein, nein! Ich bin nicht eifersüchtig. Aber Du weißt nicht, welche Bedeutung Du für mich hast. Ich kann ohne Dich nicht leben. Ich wurzle so ganz – ganz in Dir ... Du bist ... Er machte eine weite komische Handbewegung. – Du verstehst es nicht, Du hast nicht das rasende Temperament – dies ... dies ... na, weißt Du, Du kannst es nicht nachempfinden, wie es brennt und quält, wie es einem in die Augen fährt und blind macht für die ganze Welt ... Sie streichelte ihm unaufhörlich die Hand. – Nein, Du weißt es nicht, was Du für mich bist. Ich bin nicht eifersüchtig. Ich habe nur die rasende Angst, Dich zu verlieren. Ich kann nicht begreifen, daß Du mich lieben kannst – ich ... Weißt Du, weißt Du – er richtete sich auf. Sieh doch nur den kleinen komischen Mikita an, Du bist ja höher als ich ... – Laß doch, laß; ich liebe Dich; Du bist der große Künstler, der größte unter Allen ... – Ja, siehst Du, Du liebst nur den Künstler in mir, den Menschen kennst Du nicht. Ich bin Dir als Mensch nichts, gar nichts ... – Aber der Mensch und der Künstler ist ja eins in Dir! Was wärest Du ohne Deine Kunst? – Ja, ja; Du hast Recht. Nein, Isa, ich bin verrückt. Nimm es mir nicht übel, nein, um Gotteswillen nicht. Ich werde jetzt vernünftig sein. Aber ich kann nichts dafür. Du mußt es verstehen. Ich – ich lebe in Dir ... wenn ich Dich verliere, dann ... dann – habe ich nichts – nichts ... Tränen liefen über seine Backen. Sie umarmte ihn. – Mein teurer, dummer Mikita. Ich liebe Dich ja ... – Nicht wahr? Du liebst mich ja? Nicht wahr? Du ... Du ... Er fuhr mit zitternden Händen über ihr Gesicht, er preßte sie an sich. – Du wirst mich nie verlassen? – Nein, nein. – Du liebst mich? – Ja. – Sag, sag es mir noch einmal, tausendmal ... Du mein Einziges ... Du – Du kannst nicht begreifen, wie ich mich quälte, ja gestern; ich glaubte, mein Verstand geht mir durch. Ich wollte hinlaufen und konnte nicht ... Ich konnte nicht sitzen, nicht stehen ... Du, Isa, Du wirst mich nie verlassen? Nein, nein! Dann geh ich zu Grunde ... Dann – dann, weißt Du ... Der kleine schmächtige Körper des Malers zuckte immer heftiger. – Siehst Du, ich werde malen – Du weißt nicht, was ich kann ... ich werde Dir zeigen, was ich kann. Ich werde Dich malen, nur Dich, nur immer Dich ... Ich werde die ganze Welt zwingen, sich vor Dir zu verbeugen ... Alles, Alles kann ich malen – Gedanken, Akkorde, Worte ... und Dich, ja Dich ... Du sollst so stolz auf mich sein, so stolz ... Er kniete vor ihr, seine Worte überstürzten sich, er stammelte und umfing ihre Knie. Du mein – Du ... Sie wurde unruhig. Es war ihr peinlich. Wenn er sich nur beruhigen möchte. – Ja, ja ... Du bist mein großer Mikita. Ich bin ganz Dein, ganz ... aber Du darfst nicht mehr so häßlich sein ... – Nein, nein; ich weiß, daß Du mich liebst. Ich weiß, daß Du mein bist ... Verzeih mir meine Lächerlichkeit ... ich werde nie mehr wieder ... Du hast es vergessen? – Ja, ja ... Er drückte sie so fest an sich, daß sie kaum atmen konnte. Eine dunkle Unruhe wuchs und wuchs in ihr. Sie fühlte es kommen, und ein Angstschauer durchzuckte sie. Am liebsten möchte sie jetzt weglaufen ... Sie löste sich los. Aber er schien nichts zu merken. Die wilde, so lange aufgestaute Leidenschaft löste sich nun und brach jäh hervor. – Ich bin so glücklich, so unendlich glücklich mit Dir. Du hast mir Alles gegeben, Alles ... Er stammelte und die heiße Gier kam über ihn. – Ich bin Nichts, Nichts ohne Dich. Das habe ich gestern gefühlt, ich gehe auseinander ohne Dich ... Er preßte sie immer heftiger an sich. – Du ... Du ... Er keuchte heiß. Sie fühlte seinen heißen Atem ihren Nacken brennen. Ihr Inneres schrumpfte wie ein leerer Schwamm zusammen. Die Angst wuchs in ihr hoch, lähmte sie, verwirrte sie ... O Gott, was sollte sie tun? Sie sah Falk vor ihren Augen. Es bäumte sich Etwas hoch auf in ihr und widerstrebte in wilder, verzweifelter Empörung. – Sei mein! – Er bettelte ... Zeig, daß Du mich liebst ... Sie sah Mikitas Augen, die Augen eines Irren, die nichts sehen. O Gott, Gott ... Noch einmal raffte sie sich auf. Sie wollte ihn wegstoßen und weglaufen, ihn nie mehr sehen ... nie mehr dies Ekle über sich ergehen lassen ... aber im nächsten Momente sank sie zusammen. Eine kranke Traurigkeit kam über sie. Sie konnte nicht widerstreben ... sie mußte ... – Ich liebe Dich ... ich bin krank nach Dir ... er stammelte wie ein Kind. Und ein Ekel stieg in ihr auf. Ein ranziges Gefühl von Ekel, sie schauderte – aber sie durfte sich nicht wehren, sie fühlte keine Kraft mehr. Nur Falks Stimme hörte sie, sie sah seine Augen ... nein, sie hatte keine Kraft mehr ... Sie drückte die Augen zu und ließ es geschehen ... – Du hast mich so glücklich gemacht ... Das Glück verzerrte Mikitas nervöses, mageres Gesicht zu einer Grimasse. Aber sie fühlte Ekel, ein würgendes Gefühl von Ekel, der ihr in jeden Nerv drang mit wachsender Empörung, mit einem Haß, den sie bis jetzt nicht kannte. Aber um ihren Mund spielte mechanisch ein liebenswürdiges Lächeln. Und wieder ließ sie ihre Hand über die seine gleiten. Sie kämpfte mit sich. Es wurde ihr ganz schwarz vor den Augen vor Scham und Empörung. Sie hatte Mühe, ein Wort zurückzuhalten, das sie ihm ins Gesicht schleudern möchte, weil er sie so brutal vergewaltigt hatte. Und der Gedanke an Falk bohrte in ihr und bohrte. Ein wütender Schmerz riß ihr den Kopf auseinander ... – O Isa, ich bin so glücklich, so unerhört glücklich, heute ... Sie bezwang sich und lächelte. Aber der Ekel füllte sie unablässig ... Alles wurde ihr zum Ekel, seine Worte, seine Hand ... Aber Mikita dachte nur an sein Glück. Das Weib war sein, ganz sein. Sein Kopf wurde heiß vor Freude und Kraft. Sie wollte nicht mehr denken, aber sie konnte den Gedanken an Falk nicht zurückhalten. Der Gedanke schmerzte sie, biß sie, goß ihr Haß und Scham in das Herz. Sie atmete schwer auf. Wenn er nur nicht käme. O Gott, wenn er nur nicht käme ... – Kommt Falk heute zu Dir? Mikita sah sie befremdet an. – Wer? Falk? Sie raffte sich auf. – Ich möchte so gerne, daß er Deine Bilder sieht. Er hat sie doch noch nicht gesehen: Er ist ja der Einzige, der sie verstehen kann. Mikita atmete erleichtert auf. – Weißt Du, Isa; ich werde ihm jetzt schreiben, daß er gleich kommen soll. Sie schrak auf. – Nein, nein, nicht heute. – Warum denn nicht? – Ich will mit Dir allein sein heute. Er küßte ihr innig die Hand und sah sie dankbar an. Es lag etwas von hündischer Unterwürfigkeit da drin. Sie dachte an den großen Hund in ihrer Heimat, der sie so liebte und den sie nie los werden konnte. Es war inzwischen dunkel geworden. Was hatte er für ein Recht, sie so brutal zu vergewaltigen ... so ... nein ... nicht denken, nicht denken ... Doch, ja – sie fühlte sich beschmutzt, er hatte sie beschmutzt ... Sie fühlte plötzlich seine Hand um ihr Handgelenk. Sie schrak zurück. Seine Berührung war ihr widerwärtig. – Mach Licht! Mikita stand auf und zündete die Lampe an. Dann heftete er starr seine Augen auf sie. Sie hatte nicht mehr die Kraft, sich zu bezwingen. Es stürzte nun Alles auf sie ein: Falk, Mikita, der Ekel ... dieser furchtbare Ekel ... Es war plötzlich Angst in ihm, eine Angst, die auf einen Augenblick sein Gehirn lähmte. Sie sah, wie sein Gesicht zuckte, wie seine Augen sich maßlos erweiterten. – Du, was ist Dir? fragte er heiser. – Nichts, nichts! Sie versuchte zu lächeln, aber es mißlang. – Wie ... wie ... was ist Dir? Er fing an zu verstehen. In diesem Augenblick läutete es heftig. Er zuckte auf, konnte nicht verstehen, was das für ein Geräusch war. – Du, es klingelt. Mach nicht auf, mach nicht auf, bat sie ängstlich. Aber er lief hinaus. Sie stöhnte auf. Nun kam er, sie wußte es. Er war es. Nun ... o Gott, es war ja Alles gleichgültig. – Oh, das ist ja herrlich, das ist ja einfach großartig, wir wollten soeben an Dich schreiben. Mikita konnte sich kaum zusammenhalten. Nun, Isa, endlich ist Falk hier. Er versuchte krampfhaft sich zu bemeistern. Ich freue mich; kannst mir glauben, daß ich mich freue. Na weißt Du, Erik ... na, das ist schön ... Werden gemütlichen Abend haben ... Was willst Du? Wein, Schnaps, Bier ... Heh? Alles kannst Du haben ... Meine Bilder willst Du sehen?... Herrgott – die dummen Bilder – Was ist daran zu sehen? Geh ins Leben – ja, – geh nur auf die Straße, das sind Bilder! ... Wozu denn diese dumme Kleckserei ... O Gott, wozu das Alles? ... Hast Du nicht gestern gesagt, daß man damit kein Weibchen locken kann?... Ja, ja, geh auf die Straße, nein! geh ins Nachtcafé, da sind Bilder! prachtvoll, weißt Du ... so ein Bild, wie ich gestern gesehen habe, das kann Dir kein Mensch malen ... Weißt Du, was ich gesehen habe?... War im Restaurant, ja, ein Restaurant, kein Café übrigens ... und, ja, da saß ich. Mir gegenüber ein Herr mit zwei Damen. Er machte der einen Dame den Hof und stellte telegraphische Übungen an, mit den Füßen, unter dem Tisch. Er aß Würstchen, verstehst Du, Jauersche Würstchen, glaub ich ... Da plötzlich: es war ein Moment ... Mikita lachte heiser, daß er kaum verständlich war. Ein Moment! Selten sieht man so was. Also hör mal: das eine Mädel ... Mikita unterbrach sich beständig mit nervösem, unangenehmem Lachen ... packt den Teller mit den Würstchen und schmeißt ihn dem Galan ins Gesicht ... Das war ein Anblick, hundert meiner Bilder wert ... Die Sauce troff herab ... weißt Du, die schokoladenbraune Jauche, mit der man hier in Berlin alle Speisen zu begießen pflegt ... Die Würste flogen nur so herum ... Sah der Kerl aus!... Mikita wollte sich ausschütten vor Lachen ... das war ein Bild! Falk konnte nicht verstehen, was mit Mikita los war. Er sah Isa an, aber sie lag auf der Chaiselongue und sah nach der Decke. Wahrscheinlich wieder heftige Eifersuchtsszene. – Weißt Du, was der Kerl machte? Mikita drehte nervös an den Knöpfen von Falks Rock. Nichts! Gar nichts! Er wischte sich ruhig die Sauce vom Gesicht ... Ja, das tat er ... Aber die Dame, mit der er die telegraphischen Übungen angestellt hatte, lachte sich halb tot ... Mit ihren erotischen Gefühlen war es vorbei ... Weißt Du, warum? – Weißt Dus? Mikita schrie kurz auf. Weil er komisch wurde, komisch! Und wenn man einem Weibe komisch wird, dann ists vorbei ... Falk wurde unangenehm zu Mut. Er dachte an seinen gestrigen Abschied. – Verstehst Du, was das ist, einem Weibe komisch zu werden?... Aber, aber ... Mikita stotterte ... man wird es nicht für Alle ... Es gibt welche, für die man es nicht wird, Weiber, die lieben, die lieben!... Er beruhigte sich ... Siehst Du, diese Weiber vergessen sich und Alles um sich; sie sehen nicht, daß man komisch ist, – sie denken nicht, sie beobachten nicht ... Er fuhr wieder auf ... Heh, Isa? Hab ich nicht Recht? Du bist doch ein Weib! Isa versuchte die Situation zu retten; es war doch unerhört peinlich. Er war ja ganz verrückt ... Sie lachte. – Ja, Du hast wohl Recht ... die Geschichte mit den Würstchen ist ja sehr amüsant. Was wurde nun weiter? Mikita sah sie durchdringend an. – Ja, weiter – richtig. Also der komische Mann war ganz ruhig, trotzdem alle Menschen vor Lachen sich auf die Tische legten ... Sein schöner hoher Kragen war zum Waschlappen geworden und sein steifes Oberhemd hätte man um ein Streichholz wickeln können ... Die Missetäterin, weißt Du – das Weib, für das man nie komisch werden kann war ganz blaß, und ich merkte, daß sie zitterte. Sie sah ganz so aus wie ein Hund. So hat Goya die Menschen gesehen –ja, der herrliche Goya, der einzige Psychologe auf der Welt. Er sah nur das Tier im Menschen, und Tiere sind sie Alle: Hunde und Esel ... Aber das Mädel hatte Temperament, sie hatte Geschlechtselan, sie liebte ihn, ja, sie liebte ihn ... Was? Das interessiert Dich nicht? Das nicht? Interessiert Dich nicht ein Eifersuchtsgefühl, das zum Verbrecher macht? Die Eine wirft Jauersche Würstchen auf den Kopf, die Andere wird zur Vitrioleuse. Aber das ist dasselbe Gefühl! Das ist stark, das ist mächtig, das ist Leben und Liebe! Heh? ... Bei Einer äußert sich das so, bei der Andern eben anders ... Meine Mutter hatte ein Dienstmädchen, das Tag und Nacht Romane las ... Glaubst Du nicht, daß an dem Mädel eine kolossale Bertha von Suttner verloren gegangen ist? Nicht wahr? nicht wahr? Falk wurde unruhig, was fehlte ihm? Siehst Du, Kerl, wozu braucht man da Bilder zu sehen? ... Ja, richtig, die Pointe ... Der Kerl ging mit den Damen ruhig und würdevoll aus dem Restaurant. Aber plötzlich auf der Straße ... na, das solltest Du gesehen haben ... das gibt Sensationen ... mit einem Ruck flog das Mädel von der wuchtigen Ohrfeige gleich in den Rinnstein ... Aber sie erhob sich und ging an ihn heran und bettelte um Verzeihung ... Er stieß sie weg, aber sie rannte hinter ihm her und heulte und bettelte. Mikita kam in immer größere Aufregung. – Weißt Du, was ich gemacht habe? Ich ging an ihn heran, ich zog meinen Hut bis an die Erde und sagte ihm: Erlauben Sie, gnädiger Herr, daß ich Ihnen meine höchste Bewunderung ausspreche. Ja, weißt Du – Mikita war in einem höchst beunruhigenden Maße aufgeregt ... – Aber was fehlt Dir um Gotteswillen, Du bist ja krank ... was hast Du denn? Mikita unterbrach Falk heftig. – Ich? krank? ... Bist Du verrückt? Na aber, siehst Du, das hatte der Mann doch gut gemacht! Nicht wahr? Unterjochen muß man das Weib, mit der Faust, mit der Peitsche ... Erzwingen, erzwingen muß man sich Liebe ... Er stotterte und wurde plötzlich still. Es trat eine peinliche Stille ein. Falk wurde unruhig. Er ließ seine Augen abwechselnd von Mikita zu Isa schweifen. Aber im Grunde mußte er sich eingestehen, daß die Szene ihn freute. Schändlich! Isa setzte sich plötzlich auf und sagte langsam: – Du hättest an dieser Stelle sehr gut Nietzsche zitieren können: »Vergiß die Peitsche nicht, wenn Du zum Weibe gehst!« Sonst klingt das, was Du da sagtest, beinahe wie ein Plagiat. Es lag etwas ungemein Wegwerfendes in ihrer Stimme. Falk sah sie erstaunt an. War es ein Bruch? – mit Mikita? ... Dieser Haß ... Mikita wachte auf und lachte plötzlich. – Donnerwetter, das hat Nietzsche gut gesagt, ganz verteufelt gut ... Aber was ist Euch denn? ... Ihr wurdet ja ordentlich feierlich ... Ich bin ja auch ganz verrückt. Er wurde sehr freundlich. – Nimm mir nur nicht übel, daß ich so aufgeregt bin, aber ich glaube wirklich, daß ich ein Delirium habe – die ganze Nacht hab ich mit dem Kerl gekneipt ... Das bekommt mir nicht gut ... Mein Onkel starb an dem schönsten Deliriumexemplar, das überhaupt in einem menschlichen Gehirne aufwachsen kann. Sein Delirium war üppig wie eine Palme, wie eine große Palme, unter der man nicht ungestraft wandeln kann, wie unsere Geistesheroen zu singen pflegen. Er ging herum und machte sich mit den Bildern zu schaffen. Herrgott, was sind Bilder? Ein Mensch, der genug an sich und an der ganzen Welt hat, sollte eben daran genug haben und nicht klecksen ... Also Bilder willst Du sehen ... na ja, da mußt Du eben morgen kommen, wenn Licht da ist ... Ja, Licht muß ich haben, Millionen Quadratmeilen Licht in jedem Auge, um das zu sehen, was kein Mensch sieht. Ja, kein Mensch ... was ich nicht gesehen habe ... was ich noch sehen muß, ja muß!... So hatte Falk Mikita noch nie gesehen. Das war nicht normal ... – Aber was ist Dir? Wozu spielst Du diese Komödie mit mir? – Was mir ist? Was mir ist? Glücklich bin ich! Glücklich wie noch nie! – Aber dann brauchst Du doch nicht zu schreien! – Ja, zum Donnerwetter, ich muß schreien, denn manchmal bekommst Du einen lustigen Zug um den Mund, als ob Du mir nicht glaubtest ... Was, Isa? Sind wir nicht glücklich?! Aber Isa hatte jetzt genug. Jetzt prostituiert er noch das ganze Verhältnis ... Nein, es war zu viel ... Sie erhob sich, zog sich an, und ohne ein Wort zu sagen, ging sie aus dem Atelier. Mikita sah ihr verständnislos nach. Er war wie zerschmettert. Dann wandte er sich zu Falk um. – Geh Du auch! Geh geh! Ich bin zu aufgeregt, ich muß allein bleiben ... Geh, geh! schrie er ihm zu. Falk zuckte mit den Achseln und ging. Unten holte er Isa ein. Als Mikita allein war, verriegelte er die Tür, blieb mitten im Atelier stehen und rannte plötzlich mit seinem Kopf gegen die Wand. Der Schmerz ernüchterte ihn. Ich werde also wirklich wahnsinnig. Er taumelte auf das Sofa. Der Kopf schmerzte ihn. Plötzlich wurde es ihm schwarz vor den Augen, ein Schwindelgefühl erfaßte ihn. Das war gräßlich! Er hatte das wehrlose Weib vergewaltigt, sie gegen ihren Willen genommen. Sie gab sich, weil sie sich geben mußte, aus Pflicht, aus ... aus ... Und er schrie mit allen Kräften: – Schwein Du! Seine Unruhe wuchs über ihn hinaus. Er fühlte jede Fiber in sich zittern, eine wachsende Wut staute sich in seinem Innern; er hatte das Gefühl, daß er auseinandergehe, daß Alles in ihm ausgerenkt sei, und eine furchtbare Angst hatte ihn befallen. Es steht schlimm mit Dir, es steht schlimm mit Dir, wiederholte er unablässig. Er packte seine Brust mit beiden Händen. Ein wehrloses Weib vergewaltigt, eins, das nur Ekel vor ihm empfand! Warum gab sie sich hin? Weil er sie darum bat? Weil – weil ... Herrgott! Sie gab sich aus Liebenswürdigkeit hin. Und ein Gedanke schoß ihm durch sein Hirn: Jetzt gibt sie sich Falk hin, weil er sie darum bitten wird, weil sie ihn befriedigt sehen will, weil – weil ... Er wieherte vor Lachen, wälzte sich auf der Chaiselongue und brach dann plötzlich in ein konvulsives Weinen aus. Er hörte sich weinen. Und wieder wuchs ihm die Unruhe brandend in sein Gehirn, er raffte sich auf, er mußte sie zurückholen, damit Falk sie ihm nicht nehme. Mechanisch faßte er die Mütze, er riß die Tür auf, stürzte die Treppen hinunter, rannte die Straßen entlang, bis an ihr Haus, und dann hinein: jagend, zitternd ... – Ist Fräulein Isa zu Hause? – Nein! Er blieb vor dem Hause stehen. Alles stürzte in ihm zusammen. Er wollte gehen, aber die Füße wollten ihn nicht tragen. Er würde sicher nicht einen Schritt tun können. Was nun, was nun? wiederholte er mechanisch. Er blieb stehen, konnte sich auf Nichts besinnen. Dann las er über die Straße weg: Restaurant-Café ... Aha! Café ... Ja, bis in das Café hinein – dann sitzen, nicht wahr?... Sitzen im Sofa, Café trinken ... Zeitungen lesen ... XI. Isa und Falk saßen in demselben Weinrestaurant wie am vorigen Abend. Nur daß sie jetzt ganz allein waren, in einer Chambre séparée. Niemals hatte sie das Alleinsein mit einem Menschen so genossen. Falk hatte Champagner bringen lassen, zahlte die Flaschen und berechnete, ob es zum Bezahlen reiche, was er bei sich hatte. Ja, es reichte – noch für viel mehr. Sonderbar, daß er daran denken mußte. Sie lag halbausgestreckt auf dem Sofa und blies Ringe von Zigarettenrauch in die Luft. Sie hatte Mikita ganz vergessen. Wenn sie hin und wieder an ihn dachte, so sah sie ihn als eine zappelnde, polternde Masse, eine Art Kobold vor sich. Ja, wie boshaft er werden konnte! Diese versteckten Anspielungen in der Wurstgeschichte. Falk beobachtete sie. Manchmal wunderte er sich, daß sich ihr Gesicht mit Purpurröte übergoß, und daß sie heftig erschauerte. Und jedesmal sah er dann, wie sie sich hastig aufsetzte und ein Glas heruntertrank. Wie er sie liebte! Wie er diesen schlanken Körper in den seinen hineinpressen und den blonden feinen Kopf streicheln und an seiner Brust bergen möchte. Warum tut ers nicht? Warum? Er fühlte, er wußte, daß sie ihn liebte; warum also nicht? Mitleid mit Mikita? Leide er nicht ebenso wie er, und vielleicht viel mehr noch ... Er dachte an die peinliche Szene bei Mikita. Wie sonderbar, daß er dabei Freude empfand. Was war denn für ein Teufel in ihm, der sich daran freute? Er dachte, wie er einmal den Bräutigam eines bekannten Mädchens total betrunken gemacht und eine diabolische Freude empfunden hatte, als das Mädchen sich über die unanständige Trunkenheit ihres Geliebten zu Schanden ärgerte, ja ihn sogar zu hassen begann. Was konnte das nur sein? Um seine Mundwinkel spielte ein nervöses, schmerzliches Lächeln. Sie sah ihn an. Wie schön er war! So könnte sie ihn stundenlang ansehen, ja sehen, wie seine Augen groß, so funkelnd, so im Fieberglanz sie anstarrten ... und wenn er hin und wieder auf und abging: diese geschmeidigen Bewegungen einer Pantherkatze. Und wieder fühlte sie die Schamröte ins Gesicht schießen und einen dunklen Haß in sich aufsteigen ... Das war roh von Mikita, – brutal! Sie trank hastig. Sie sprachen nicht mehr. Er hatte schon so viel gesprochen; er wollte jetzt in sich sinken und das um sich, das in sich trinken, genießen, es in jede Pore einsaugen ... Und sie hörte seine Stimme mit dem leisen heiseren Klang ... Es war etwas Zwingendes in der Stimme, das ihren Willen einschläferte und sie hypnotisierte. Sie dachte, wie sie einmal in der Oper »Tristan und Isolde« hörte. Das war ganz dasselbe Gefühl. Sie sah sich in der Loge, sie hatte vergessen, wo sie war ... oh, es war herrlich, dieser halbwache Zustand ... sie hörte die Musik, wie sie sich in sie ergoß mit einer Sehnsucht, mit ... ah ... Sie sank in das Sofa zurück und schloß die Augen. Es war so gut hier mit ihm ... Falk erhob sich, ging ein paar Mal auf und ab, dann setzte er sich neben sie. Er nahm ihre Hand. Er sah ihr in die Augen. Es war wie eine heiße Phosphoreszenz ringsum. Er sah einen Glanz in ihren zittern, einen heißen, lockenden Glanz ... ja, so sah sie ihn zum ersten Male an. Sie lächelten sich an. – Jetzt werd ich wieder sprechen. – Aber vergessen Sie nicht. – Was denn? – Die Bedingung ... – Ich habe die Bedingung vergessen. – Sie dürfen es nicht. – Nein, nein! Er küßte ihr die Hand. Wie sie ihn lockte, wie sie ihn mit diesen Augen an sich zog. Wußte sie das? – Woher sind Sie, Isa? – Ist es nicht wichtiger, wohin ich gehe? Sie lächelte. – Ja, ja ... Sie beschämen mich, denn Sie haben Recht... Und Ihre Hand ist so schön, so schön; ich habe nie eine so wunderbare Hand gesehen ... Sie sah ihn an. Plötzlich übermannte es ihn. Er sank neben sie hin und küßte leidenschaftlich ihre Hand. Er vergrub seine Lippen in diese Hand. Dann entzog sie ihm leise ihre feine, schmale, lange Hand. – Tun Sie es nicht, Falk! Das tut so weh, so weh ... Sie sprach leise, zögernd, mit verschleierter Stimme. Falk setzte sich wieder. Er rieb sich die Stirn, trank, bebte vor Erregung und schwieg. Lange Pause. Dann fing er an; ruhig, still, mit traurigem Lächeln. – Es sind zwei, drei Tage vergangen, seitdem ich Sie kenne ... Ja, ich kann es nicht begreifen, es ist auch Nichts zu begreifen, es ist eine Tatsache ... Seien Sie gut, lassen Sie mich Alles sagen, das beruhigt mich ... ich muß darüber sprechen ... Das können Sie wohl nicht verstehen, aber ich liebe zum ersten Male in meinem Leben. Er trank hastig. – Ja, das wissen Sie nicht, aber es ist etwas Furchtbares, zum ersten Mal in meinem Alter zu lieben. Das zerwühlt die ganze Seele, das gibt eine Wirrnis im Gehirn ... Sie wurden mein Schicksal, sie wurden mein Verhängnis ... Er wurde erregt. – Ich weiß, ja, ich weiß, daß ich so zu Ihnen nicht sprechen dürfte, ja ... er würgte Mikita herunter – ich weiß auch nicht, weswegen ich so zu Ihnen rede. Es ist ein furchtbares Mysterium ... ich bin heute ein Andrer, wie ich vor drei Tagen war – ich verstehe nicht, was in mir vorgegangen ist ... nun ja ... ich kann ja so sprechen: ich will ja Nichts von Ihnen, ich habe Sie in mir ... ich trug Sie mein ganzes Leben lang als eine große, schmerzhafte Sehnsucht, und so ... Ja, ich habe Ihnen schon hundert Mal dasselbe gesagt, aber – es brach plötzlich in ihm hervor – ich quäle mich so unerhört, ich gehe auseinander, ich bin so wahnsinnig unruhig ... Nein, nein – ich bin nicht verrückt, ich weiß es, ich weiß gut, was ich tue und sage, ich weiß auch, daß ich die Kraft habe, mich loszureißen ... Ja, ich werde gehen und Sie in mir haben, und diese ewige Sehnsucht mit mir schleppen und meine Seele zerbröckeln lassen ... Wieder sank er vor sie hin. Vor seinen Augen wurde es schwarz. Er fühlte zwei Herzen, die sich aneinanderrieben. Nur lieb mich, sag, sag, daß Du mich liebst ... Er umschlang sie und fühlte, wie ihr Körper nachgab, er preßte sie an sich ... – Mein, mein ... Sie löste sich los. Sie wußte nicht, warum sie sich wehrte; sie empfand nur plötzlich einen wilden Haß gegen Mikita, der sie beschmutzt hatte. Falk sah sie an. Ihre Augen waren groß und mit Tränen gefüllt. Sie sah weg und umfaßte krampfhaft die Sofalehne. Er bezwang sich. – Ja, Sie haben Recht! Er sprach müde und ein wenig kalt ... Ja, das war nicht schön von mir. Verzeihen Sie es. Sie sind zu müde, um lieben zu können. Sie sah ihn lange mit einem stillen, traurigen Vorwurf an. – Und dann ... es ist doch eigentlich so schön, so nebeneinander zu sitzen, ohne irgend Etwas zu fordern ... Ja, wir wollen Kameraden sein ... nicht wahr? Falk wurde lustig. Aber er fühlte sich elend und krank. Er konnte seinen Schmerz nicht gut maskieren. Wozu auch? Ja, wozu? Er wurde wütend und empfand einen harten, verbissenen Trotz. Er hatte beinahe Lust, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Das tat er sonst nie. Wieder stand er auf, ging um den Tisch herum und setzte sich neben Isa auf die andre Seite. – Nein, es wäre doch zu lächerlich, wenn ich mit Ihnen Komödie spielen wollte. Das will ich nicht tun. Ich muß es Ihnen doch sagen. Ja, ich muß ... Sie könnten mein höchstes Glück werden, ja Sie ... nein Du! Du! Laß mich Dich so nennen. Ich habe ja Nichts auf der Welt. Es ist für mich schon ein unnennbares Glück, Dich mit dem Worte Du als mein zu empfinden, es ist für mich ein Glück, dies Du aus meinem Herzen herauszuschreien, dies eine Du ... Du ... Ihn schwindelte. Er sah Nichts mehr. Und er vergrub sein Gesicht in ihren Schoß. Und sie nahm seinen Kopf in ihre Hände, und er fühlte, wie sie ihn küßte ... scheu, dann heftig, in kurzen Abständen hintereinander. Und er bebte und wühlte sich in sie hinein ... Dann plötzlich hörte er sie reden mit erstickter Stimme, jagend, abgerissen ... – Ich folgte ihm, ich glaubte, daß ich ihn lieben könnte, weil er mich so liebt ... Wüßtest Du, wie ich müde bin ... Dich, Dich liebe ich schon lange – lange ... Seit er angefangen hat, von Dir zu sprechen ... Ich bestimmte ihn, hierherzukommen ... Als ich Dich sah, das erste Mal – ich zitterte, als sollte ich umsinken ... Aber ich darf nicht, ich darf nicht ... Ich will nicht von Einem zum Andren gehen ... Laß mich, laß – Aber er hörte nichts mehr, er preßte sie an sich, er wühlte sich mit seinen Lippen in die ihren, er umfaßte ihren Kopf und preßte und preßte ihn mit irrer Leidenschaft in sein Gesicht. Endlich riß sie sich los und schluchzte laut auf. – Laß mich. Quäl mich nicht. Ich – ich kann nicht! Er stand auf und eine unendliche Traurigkeit kam in seine Seele. Dann faßte er ihre beiden Hände, sie sahen sich stumm an und hielten sich lange, lange fest. – So gehen wir auseinander? – Ja ... – Und werden uns nicht mehr sehen? Sie schwieg. Tränen liefen stumm über ihre Backen. Nicht mehr! Falk zitterte heftig. Jetzt sollte er sein Todesurteil hören. – Nein ... XII. Als Falk wieder allein auf der Straße war, blieb er stehen. Er stand lange, bis er es plötzlich merkte. Ja, zum ersten Male empfand er diese furchtbare, würgende Traurigkeit. Er war wie gelähmt. Nie mehr! Es kam ihm nicht deutlich zum Bewußtsein. Er wiederholte es: Nie mehr. Aber er konnte es sich durchaus nicht vorstellen. An der Ecke blieb er wieder stehen. Nach Hause? Was sollte er zu Hause? Er sah gegenüber elektrisches Licht in Café-Fenstern. Mechanisch ging er hinein. Als er sich nach einem Platz umsah, schrak er heftig zurück. Er entdeckte Mikita in einer Ecke. Er sah schrecklich aus. War es Blut? – Ja, Blut ... Falk ging an ihn heran. – Herr Gott, was hast Du gemacht? Auf seiner Wange war geronnenes Blut und die Haare waren mit Blut verklebt. Mikita sah ihn mit gläsernen Augen an. Vor ihm stand eine große Karaffe Absinth. – Ah, Du bist es? Willkommen, willkommen, bin hocherfreut. – Was hast Du mit Dir gemacht? Es war ekelhaft. – Na, lieber Falk, was macht die Liebe?... Wie geht es mit der Liebe?... Das mit der Hauptsache ... leicht, nicht wahr? Isa ist eine Tänzerin, eine pietätlose Tänzerin ... Ha, ha, ha ... Mikita lachte mit widerlichem Zynismus. Falk empfand Ekel, aber bezwang sich. – Was hast Du denn gemacht! wiederholte er, Mikita anstarrend. – Was ich gemacht habe? He, he, he ... Den Kopf hab ich mir ein Bißchen zerschlagen. Bißchen Blut ... Herrgott! Das zieht die Aufmerksamkeit der Menschen an und ich kann meine Studien machen. Er zeigte auf die Marmorplatte des Tisches, die ganz und gar mit Bleistiftzeichnungen bedeckt war. – Nein, nein, das tut nichts ... Na, sag mal aber, Falk, wie weit bist Du denn eigentlich? Falk sah ihn verächtlich an. Aber plötzlich entdeckte er dies Gläserne, Seltsame, das er nie vorher gesehen hatte, und ihn packte Angst. – Du bist ein dummer Esel, schrie er ihn an. Mikita sank nach der künstlichen Aufregung wieder in sich hinein, sein Gesicht bekam einen stupiden Ausdruck, er nickte mechanisch mit dem Kopfe. – Weiß ... weiß ... Falks Angst wurde noch größer. Er setzte sich neben ihn. – Du Mikita, Du bist ein Idiot – was willst Du von Isa, was willst Du von mir? Sag es nur ganz offen. Mikita sah ihn plötzlich wütend an. – Willst Du mir etwa was vorlügen? Warst Du heute nicht den ganzen Abend mit ihr zusammen? Falk fuhr auf. – Deinetwegen bin ich mit ihr zusammen gewesen ... Jagst zuerst die Menschen zur Türe hinaus, und dann willst Du, daß sie ruhig nach Hause gehen. Du hast sie den ganzen Abend gequält und mit dummen nichtswürdigen Anspielungen gestichelt, und dann willst Du, daß sie ruhig auf ihr Zimmer geht und sich schlafen legt ... Die moralische Entrüstung war nicht übel, Falk schämte sich. Diese elende Feigheit und Betrügerei! – Wo warst du denn mit ihr, wo? – Wo ich war?... Ich mußte sie beruhigen, weil ihr süßer Bräutigam Gemütsblödigkeiten bekommt, und solche Auseinandersetzungen kann man wohl nicht auf der Straße halten. Mikita sah ihn mißtrauisch an. – Geh doch, dummer Mensch, hier nebenan und frag und forsche nach beim Wirt, dann wirst Du erfahren, wo ich mit ihr war– Übrigens bedank ich mich hundertmal, ich will nicht mehr den Vermittler in Euren Zänkereien spielen. Ich will nicht mehr Deiner Braut die herrlichen Gemüts- und Geisteseigenschaften Ihres künftigen Gemahls breit und weit entwickeln und sie entschuldigen ... Mikita sah ihn weit an. – Hast Du das getan? – Sonst würd ich es nicht erzählen. Das ist gemein! das ist gemein! wiederholte sich Falk in seinem Innern ... Warum denn eigentlich? Weil ich ihn damit beruhige? Das sollte gemein sein?... He, he., mögen sie glücklich werden, ich werde sie ja nicht mehr sehen. Vor Mikitas Augen flimmerte es. Er griff nach Falks Hand und preßte sie so fest, daß Falk hätte vor Schmerz laut aufschreien mögen. – Du ... Du, Falk ... stammelte Mikita ... ich ... ich danke – seine Stimme brach. Nie noch hatte Falk dies peinliche Gefühl gehabt, er hätte sich ohrfeigen mögen, aber ... er machte ihn ja glücklich. Gleichzeitig fühlte er einen dumpfen Haß. Er empfand Mikita als etwas Untergeordnetes .... Herrgott! Wie kann man mit dieser blutigen Backe herumlaufen! – Wisch Dir doch das Blut weg! Mikita wurde verlegen. Er schämte sich und sah Falk hilflos an. Dann ging er in den Toilettenraum und wusch sich. Falk schüttelte sich. Ekelhaft; jetzt fühlte er sich unwillkürlich als ein Wohltäter des armen, belogenen Mikita ... Ja, eine Art Mäzen, der dem betrogenen Zwerg das Glück wiedergab – ekelhaft! Aber – ja! Warum sollte er sein Glück Mikitas wegen preisgeben? Warum? Weil da so ein Stück posthumer Vergangenheit, ein Stück dummen Gewissens in ihm stecke, atavistische Begriffsüberbleibsel von Haben, Besitzen, von Früher und Später ... Er hätte ebensogut vor Mikita sein können, und Mikita könnte dann ebensogut das tun, was er tun wollte, was er nicht mehr tun will ... na ja, jetzt ist Alles vorbei ... jetzt, – jetzt ... Mikita kam zurück. – Nun siehst du wieder menschlich aus. Falk empfand das Bedürfnis, zu Mikita gut zu sein, – ja, wie früher, wie ein Bruder ... Er versuchte es. Aber Mikita fühlte eine Scham, die sein Gehirn überflutete, er konnte kaum Falk ansehen, – es wurde ihm heiß und kalt, und Ekel erfaßte ihn mit sich selbst. – Du Falk, wir wollen gehen. Sie gingen stillschweigend neben einander. In Mikita kochte es, dann floß es über. – Du verstehst es nicht, Erik; Du kannst es nicht begreifen ... Weißt Du etwas von ihr? Sag es, sag – weißt Du? Nichts, nichts ... drei, vier Monate bin ich mit ihr zusammen, und ich weiß nichts. Ich stürzte mich hinein – nein, nicht ich; ich wurde durch einen Wirbel aufgesogen, und nun stürz ich und stürze, weiß ich wohin? – Du – Du, Erik. – Er faßte krampfhaft seinen Arm ... Du weißt es nicht, wie es frißt ... Diese Unsicherheit – dies ... Verstehst Du ... Es packt mich manchmal auf der Straße, mitten im Gehen – ein Stich ins Herz, ein Krampf ... ich komme von Sinnen; ich – ich ... O wüßte er, wie ich mich quäle, dachte Falk ... Mir das zu sagen!... Ha, ha, ha. Plötzlich kam ihm die Situation lächerlich vor. War es nicht unendlich komisch, daß sie Beide wie drehkranke Schafe um das eine Weib ... Er unterdrückte den Haß, der immer hoch wollte gegen den Menschen, mit dem er dieselbe Leidenschaft und denselben Schmerz teilte. – Du kennst Deine Braut nicht ... Deine Braut! Wie unsagbar das schmerzte. Aber er sollte sie ja nicht mehr sehen. Es wurde ihm plötzlich klar, jetzt endlich hatte er es begriffen. Nicht mehr ... Es überlief ihn kalt. – Ja, ja ... ich kenne sie nicht, ich weiß nichts von ihr ... Mikitas Stimme zitterte – aber eben, eben ... Falk hörte ein unterdrücktes Glucksen. Aber er empfand kein Mitleid. Er wurde hart. – Du, Mikita, ich fühle, daß Du eifersüchtig auf mich bist – Du hast keinen Grund dazu. Ja, ja, ich weiß, daß Du mit dem Verstande dagegen kämpfst, aber das – das, was von Unten kommt, läßt sich nicht überzeugen ... Also verstehst Du, Deine Braut soll mich nicht mehr sehen ... Nein, nein, erlaub mal, das ist kein Opfer. Ich habe Deine Braut sehr lieb, aber Du irrst Dich, wenn Du glaubst, daß es ein tieferes Gefühl sei – ganz dasselbe ist es bei Deiner Braut ... Falk weidete sich förmlich an dem Worte Braut. Das tat doch wenigstens weh. – Nein, nein, ich kenne Dich; ich kenne Deine Freundschaft zu mir – aber das wird das Beste sein, daß wir uns vorläufig nicht mehr sehen ... Na, leb wohl ... Mikita war ganz sprachlos. – Ja, ja, leb wohl – Mikita wollte Etwas sagen, aber Falk sprang in eine Droschke hinein. – Wohin soll ich Sie fahren? Falk nannte mechanisch, ohne es zu wissen, die Straße, in der Janina wohnte. Er besann sich plötzlich. Was? Wie? Wohin hat er gesagt? Wie kam es ihm so plötzlich ins Gehirn? Er hatte doch keinen bewußten Gedanken an Janina – den ganzen Tag nicht. Nein, nicht ein einziges Mal hatte er an sie gedacht. Was wollte er von ihr? Aber er verweilte nicht länger dabei. Es war ja gleichgültig, wohin er nun fahre. Und gleichgültig war es ja auch, ob er es wußte oder nicht ... Das Andre, das tausendmal wichtiger war, wußte er auch nicht. Warum hatte er sich in das Weib verliebt? Warum? Warum leide er so unerhört? Eines Weibes wegen! Ha, ha, ha ... da gehen die stolzen, harten Männer umher und verachten das Weib. Falk schüttelte sich vor Lachen. Sie verachten das Weib, oh, die klugen, harten Männer! – Sie leiden auch nicht unter dem Weibe. Sie sind so stolz und so hart! Ja, selbst der alte komische Iltis verachtet das Weib ... Falk lachte nervös, ohne zu wissen warum ... Ich habe nie unter einem Weibe gelitten! Falk sah Iltis vor sich. Weil Dein Organismus roh ist, lieber Iltis; Dein Geschlecht ist noch unabhängig vom Gehirne, Du bist wie die Hydromeduse, die plötzlich einen Fangarm mit Geschlechtsorganen abwerfen kann und ihn nach einem Weibchen suchen läßt, ohne sich weiter um ihn zu kümmern. Gott! Bist Du glücklich, lieber Iltis! Aber ich beneide Dich nicht um Dein Glück. Ich habe niemals das Vieh beneidet, daß es Gras fressen kann, und mag ich noch so lange hungern. Ich leide an mir, lieber Iltis, ich leide an einem Versuch meines Gehirns, seine Tiefe zu offenbaren, die Nabelschnur bloßzulegen, mit der ich mit dem All zusammenhänge, mit der ganzen Natur ... Ich leide, weil ich nicht Natur werden, weil ich das, wovon ich eine Hälfte bin, das Weib, nicht in mich aufsaugen kann, weil ich ... weil ... Es ist ja am Ende gleichgültig, was ich kann, und was nicht, es sind ja nur Alles Lügen meines überbildeten Gehirns – nur die Tatsache, die Tatsache ... ich leide, wie ich noch nie gelitten habe ... Er streckte sich in dem Wagen ganz lang aus. Nun solle er sie nie mehr wiedersehen ... Warum? Weil Mikita der Erste war, ja vielleicht auch der Ältere und dem Alter gebührt ja der Vorrang – und dann, ja, weil Mikita leiden würde ... Falk lachte höhnisch. Ja, er müsse sich opfern, weil ein Andrer leiden würde. Und damit ein Andrer nicht leiden solle, müsse er es tun. Hat sich nicht Rabbi Jeschua am Kreuze annageln lassen, damit den Andern der Himmel geöffnet werde? Und Er, ja Er, Herr Erik Falk, nehme die Leiden eines Andern auf sich, Er sei der Wohltäter, der große Erlöser. Nun ist Mikita ganz überschüttet mit meinen Wohltaten, er konnte sich ja kaum auf den Füßen halten ob der schweren Last ... Ekelhaft! Falk spie aus, was er sonst nie zu tun pflegte. Ja, er wolle wegfahren, um Mikita nicht unglücklich zu machen. Nur deswegen! Natürlich fahr ich weg, weil sie mich darum bittet, aber warum soll ich nicht vor einem Andren als ein Erlöser gelten? Warum nicht? Ich könnte ja Mikita sagen, daß ich wegfahre, weil mir eine Gefahr drohe, aber das würde sich nicht so schön machen – vielleicht doch? Na ja, gleichgültig ... Oder ich hätte sagen können: Mikita, du bist ein Esel und zu Zeiten nicht allzu ästhetischer Herr. Natürlich ist Ästhetik etwas unglaublich Lächerliches, aber so viel Zivilisation muß man im Leibe haben, um sich vor Schmerz nicht den Kopf zu zerschlagen ... O, Allmächtiger, wie dank ich dir, daß du mich nicht so geschaffen hast, wie jenen Zöllner da ... Ja, man kann in unbewachten Augenblicken fabelhaft brutal denken. Aber was ich doch sagen wollte ... siehst du, Mikita, man muß so was ein Bißchen maskieren ... Herrgott, ich habe ja nichts dagegen, daß du leidest; warum nicht? Das tu ich auch, aber du müßtest dich dabei anders anstellen ... Also siehst du: du merkst, daß deine Braut dich mit dem Freunde verrät. Sogleich wirst du ungemein freundlich, mit einer gewissen, wegwerfenden, nachlässigen Kälte. Du stellst dich ganz gleichgültig an. Nur an deinem Gesichte sieht man hin und wieder ein zuckendes Leiden. Nicht oft übrigens, nur da, wo es wirklich angebracht ist. Das ist Sache des instinktiven Taktgefühls. Kurz: gleichgültig, kalt, wegwerfend. Weißt du, was ich dann tun würde? Schämen würd ich mich in Grund und Boden hinein, ich würde mich als armer Sünder empfinden, lächerlich würd ich mir vorkommen. Möglich, daß dann alle diese negativen Gefühle mich abkühlen, ernüchtern würden ... Aber so; – Ja, so bin ich dein Wohltäter, vor dem du dich schämst, ja schämst, weil du so lächerlich deine Eifersucht zur Schau trägst, weil deine Backe mit Blut besudelt ist ... Ja, dein Wohltäter bin ich, vor dem du Worte des Dankes stammelst ... Ja, dein Wohltäter bin ich. Warum? Weil du unter mir stehst, weil du ein Sklavengehirn bist, und weil ich, ja ich – ein gemeiner, geriebener Lump bin. Warum bin ich ein Lump? Weil ich sie liebe und sie mich liebt. Deswegen bin ich ein Lump! He, he, Mikitchen, deine Logik ist doch verflucht dumm, ganz hervorragend dumm. Merke er denn nicht, daß Isa ihn nicht mehr liebe? Was zum Teufel? Sei er denn blind? Was wolle er denn von einem Weibe, das mit ihrer ganzen Seele einem Andren gehöre? Der Wagen bog von einer Asphaltstraße auf einen Pflasterweg. Das war Falk im höchsten Grade unangenehm. Nun, es konnte ja nicht mehr lange dauern. Aber warum, warum will sie Mikita heiraten? Warum? Und da schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf, der ihn wie einen Gummiball emporschnellte. War sie seine – – seine Maitresse?! Etwas wühlte mit feinen, schmerzhaften Stichen in seiner Brust, er duckte sich vor Schmerz ... – Schneller, Kutscher, schneller zum Teufel! – Was geht mich das an?! schrie er. Was geht mich, mich – mich das an?! Er fiel ganz zusammen. Ich werde sie nicht mehr sehen. Es ist auch besser, viel besser. Das bißchen Leiden wird schon vergehen, dann werd ichs schon vergessen ... Wo war er denn? Aha! Der Wagen fuhr langsamer dicht an den Häusern entlang, dann blieb er stehen. Falk stieg aus dem Wagen. Nun mußte er auf den Nachtwächter warten. Was wollte er eigentlich bei Janina? Nun wurde ihm ganz deutlich, was kommen werde, wenn er hinaufgehe ... Selbstverständlich wird sie weinen, weil er so traurig und so müde ist ... und dann – nein! Das könne er nicht, nein ... Er sah Isa mit dem schlanken, feinen Körper und fühlte ihre Küsse und ihre schmale Hand. Nein! Es geht nicht ... Na, dann nach Hause! Ja nach Hause ... Er werde die Lampe anzünden ... Er betastete nervös seine Tasche ... Gott sei Dank, daß er Streichhölzer bei sich hatte ... Dann werde er ins Bett gehen ... nein! nein!... Vielleicht auf dem Sofa einschlafen –ja, ein wenig Morphin –ja, aber morgen diese Kopfschmerzen ... er werde sie nicht mehr sehen. Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von seiner Mutter. Es war ein sehr langer Brief. Sie erzählte ihm umständlich mit allen Details, daß sie das Gut verkaufen mußte, weil sie es nach dem Tode des Vaters nicht mehr gut bewirtschaften könne, daß sie der Inspektor unanständig betrogen habe und daß sie nach der Stadt gezogen sei. Dann war da in dem Briefe eine lange Erzählung über einen Herrn Kauer, der ihr so behilflich war und dem sie zum großen Danke sich verpflichtet fühle, dann eine ebenso lange Lobrede über Herrn Kauers junge Tochter, die ein Engel an Güte und Liebreiz sei ... Der Name Marit klang so sonderbar für Falk, er hatte den Namen nur in Norwegen gehört ... Und schließlich, die Hauptsache – Falk atmete auf. Die Mutter erzählte weit und breit, warum es die Hauptsache sei: er müsse durchaus zu ihr kommen, um ihr die Geldaffären zu ordnen helfen. Er müsse dabei sein, weil es die Kuratoren des Vermögens so wünschen ... Nun, da trifft es sich gut. Dann werd ich fahren. Er schrieb einen Brief an seine Mutter, daß er sofort abreisen wolle, und trug ihn sofort in den Postkasten. XIII. Falk mußte noch eine halbe Stunde warten. Die dumme Uhr ging immer zu früh. Sein Kopf war schwer, das Morphin stak lähmend in seinen Gliedern. Dann hatte er noch Fieber obendrein, sein Herz flog, hin und wieder mußte er sich vornüberbeugen, weil er heftige Stiche in der Brust empfand. Er sah sich um. Am Büffet saßen zwei Eisenbahnbeamte und spielten Karten mit dem Kellner. Er wollte Bier haben, aber er durfte wohl den Kellner nicht stören. Dann sah er nach der großen Glastür und las ein paar Mal: Wartesaal. Ja, er mußte warten. Wieder sah er nach dem Büffet hin. Merkwürdig, daß er früher den vierten Mann nicht gesehen hatte. Der Mann hatte einen schwarzen Schnurrbart und ein aufgedunsenes Gesicht. Er sah eine Weile dem Spiel zu, dann pflanzte er sich vor dem Spiegel auf und betrachtete sich wohlgefällig. Ja, gewiß; du bist sehr schön – sehr schön ... Ob er wohl auch eine Geliebte habe? Gewiß ... er mußte ja in den Geschmack der Weiber fallen. Wenn Mikita ... na ja ... Schade, schade, daß er den Kellner doch stören mußte ... Er klopfte. – Verzeihen Sie, Herr Kellner, aber ich habe Durst! Der Kellner nahm das als einen Verweis hin und entschuldigte sich vielmals. Nein, nein, er habe es nicht so gemeint, Falk behandelte den Kellner mit der ausgesuchtesten Höflichkeit. Nun mußte er gehen. Und es war so gut da – in dem Wartezimmer. Als er ins Coupé einstieg, empfand er ein ungewöhnliches Glücksgefühl. Das Coupé war leer. Welches Glück! Er könnte jetzt mit keinem Menschen zusammensitzen. Das würde ihn unerhört stören. Er würde nicht einen Gedanken denken können. Er sah auf die Uhr. Noch fünf Minuten. Er drückte seinen Kopf gegen das Coupéfenster. Draußen fesselte ihn das Licht der Gaslaterne. Das Licht sah aus wie ein spitzes Dreieck mit der Basis nach oben: sie war sehr ausgeschweift, so daß die Kanten wie züngelnde Pfeile hin und herflogen. So, grade so mußten die feurigen Zungen aussehen, die auf die Köpfe der Apostel herniederfielen. Er wachte auf. Daß er dies Alles sah. Daraus würde ein Holz mindestens ein Drama gemacht haben. Schade, daß er kein Notizbuch hatte! Schade, schade! Er müßte eigentlich auch mit dem Notizbuch arbeiten, um die Seele zu entdecken. Der Zug setzte sich in Bewegung. Was? Wie? Er sollte wegfahren von ihr? von ihr? Nein, unmöglich! Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn und ein entsetzliches Angstgefühl stieg in ihm hoch. Von ihr!? Etwas zwang ihn, die Tür aufzumachen und hinauszulaufen zu ihr – vor ihr hinfallen, ihre Knie umklammern und ihr sagen, daß er ohne sie nicht leben könne, daß sie ihm gehören müsse, – daß – daß ... Es würgte ihn. Er griff sich nach dem Kopfe und stöhnte laut auf. Er hörte den Zug rasen unaufhaltsam, unaufhörlich, nichts, nichts würde ihn aufhalten können. Ja, doch! Von der andern Seite müßte ein andrer Zug kommen, und beide müßten zusammenprallen und die Maschinen sich ineinanderkeilen und die Wagen sich bis zum Himmel auftürmen ... Wie die Luft schlecht war in diesem abscheulichen Käfig – ganz wie in dem Café. Er riß das Fenster auf. Im Nu füllte sich das Coupé mit unangenehmer nasser Kälte. Er beruhigte sich wieder und schloß das Fenster zu. Das Eine wurde ihm klar: er konnte nicht weg, er durfte es nicht: sein Gehirn müßte auseinanderfallen – ja, wie hatte er doch zu Isa gesagt? Seine Seele müßte zerbröckeln ... ja, zerbröckeln in lauter kleine Stücke, ganz so wie der Grabbesche Gott – – Ich in Stücke zerbröckelt und jedes Stück ein Gott, ein Erlöser, ein neuer Rabbi Jeschua, der sich für Andre opfert ... Ich will mich nicht opfern, ich will glücklich werden, schrie er. Plötzlich besann er sich. Was ist ihm eigentlich? Warum diese ganze, unbewußte Raserei? Sollte er Recht haben? War Liebe nur eine Krankheit, ein Fieber, um faulende Stoffe auszuscheiden – ein Genesungsprozeß – ein Blödsinn – ein – ein – Herrgott! wie der Zug raste. Er streckte sich lang aus. Das Coupé fing an unausstehlich zu schütteln. Ja, es sank Etwas unter ihm, er ging wie auf einem Leinentuch. Er war kühn. Er wollte den Dorfjungen zeigen, daß er, der Sohn des Gutsherrn, kühner war, als sie alle zusammen. Sie waren feig. Jetzt sollte ers Ihnen zeigen. Und er ging auf dem seit einem Tage zugefrorenen See, ging, das Eis krachte zu allen Seiten, er ging auf dem Eis, wie auf einem Morastboden und dann plötzlich ... Falk raffte sich auf und legte sich wieder. Und wieder fühlte er das Sinken und Sinken, daß er unwillkürlich die Hände streckte, um sich festzuhalten. Nein! Er konnte nicht weg von ihr. Sie mußte ... Er wird sie zwingen ... Er wird sie zwingen ... Sie liebt ihn, sie ist nur feige, wie alle Weiber ... Sie verlangt nach ihm, er wußte es genau. O Gott, Gott, wenn der Zug nur stehen bliebe. Und er ging auf und ab in dem abscheulichen Käfig, seine Pulse flogen, und eine entsetzliche Unruhe nestelte auflösend an seinem bewußten Denken. Fortwährend ertappte er sich auf Gedanken und auf Gefühlen, die, weiß der Teufel woher, hinaufkrochen und ihn quälten. Was wollte Mikita von ihr? Sie war doch sein, ganz sein ... Wollte Mikita ihre Seele vergewaltigen? Plötzlich merkte er, daß der Zug verlangsamte; eine freudige Erregung lief ihm schauernd über den Rücken: Endlich! Endlich! Da sah er, wie sie an einer Station vorüberflogen, ohne anzuhalten, und er merkte, daß der Zug nach und nach wie früher zu rasen anfing. Nun hätte er laut aufweinen können! Was würde das nützen? Er mußte warten, geduldig sein ... Er verfiel in eine stumpfe Resignation. Er war doch kein Kind, er mußte warten, er mußte sich beherrschen lernen. Er setzte sich ans Fenster und versuchte Etwas zu sehen. Aber die Nacht war so schwarz – die Nacht war so tief, oh so tief, tiefer als der Tag gedacht ... Und die Abgründe in ihm waren so tief ... Er schloß die Augen zu. Da sah er plötzlich eine Lichtung in dem Walde seines Vaters. Zwei Elche sah er, die mit einander kämpften. Er sah die Tiere, wie sie mit den riesigen Geweihen auf sich losschlugen, wie sie zurückliefen, um mit einem furchtbaren Ansatz auf sich loszuspringen. Dann sah er, wie sich ihr Geweih ineinander verflocht, wie sie mit wilden Rucken sich losreißen wollten und sich in die Runde führten ... Plötzlich: ein Ruck, daß er das Krachen des Geweihs zu hören glaubte: ein Elch hat sich losgelöst und schlug dem andern das große Geweih in die Weichen. Er spießte ihn auf. Er wühlte das Geweih immer tiefer hinein, bohrte und bohrte, daß das Blut schäumend hervorspritzte, und er riß das Fleisch auseinander und zerwühlte mit gieriger Wut die Eingeweide. Furchtbar! Furchtbar! schrie Falk auf. Daneben stand das Weibchen, um das sie kämpften, und graste. Sie kümmerte sich nicht um den wilden Kampf der brünstigen Männchen. Falk bemühte sich, sein Gehirn zu zerstreuen, aber in seinen Augen sah er feurige Ringe, die sich zu glühenden Riesenkreisen dehnten, immer weiter, – immer weiter, – kaum konnte er ihre Ausdehnung überschauen, und in der Mitte sah er den Sieger blutend, zitternd, aber stolz und gewaltig. Auf seinem Geweih schüttelte er die Eingeweide seines Rivalen. Dann sah er aber, wie der sieghafte Elch sich zu drehen anfing und immer schneller sich um sich selbst herumkreiste, immer schneller ... ein feuriger Wirbel hatte ihn erfaßt und riß ihn mit sich – wie einen gestürzten Planeten sah Falk ihn fallen – wohin? – wohin? Der Wirbel – der Wirbel ... ja Gott, wo hat er das gehört, das mit dem Wirbel, der aufsaugt, der aufsaugt, der hinabzieht ... Und wieder wurde ihm schwarz vor den Augen. Er sah Mikita vor sich. Er stürzte auf ihn los. Er packte ihn und schleppte ihn durch den Korridor und dann stürzten sie krachend hinab. Das Geländer war gebrochen. Und sie, ein Knäuel, mit furchtbarer Wucht auf die Steinfliesen eines schwarzen Abgrunds hinab ... Falk sah sich verständnislos um. Er hörte deutlich, daß Jemand in das Coupé eingetreten war. Er erkannte plötzlich den Schaffner. Ein Jubelgefühl erfüllte ihn ganz. – Wo? – wo ist die nächste Station? – In zwei Minuten sind wir da. Er kam völlig zur Besinnung. Eine geschäftige Unruhe befiel ihn. Er sah auf die Uhr. Nur drei Stunden war er gefahren, also ist er in drei Stunden zurück – und dann zu Isa – zu Isa ... Der Zug blieb stehen. Falk stieg aus. – Wann fährt der Zug zurück? – Morgen um 10 Uhr. Falks Knie wankten. Er fiel ganz zusammen. Sterns Hotel. Hotel de l'Europe, Hotel du Nord! hörte er um sich schreien. Er gab irgend Jemand seinen Koffer und ließ sich fahren. Als er am andern Tage spät am Mittag erwachte, sah er sich in einem Hotelzimmer. Hm; für ein Hotelzimmer sehr komfortabel. Seine Glieder schmerzten ihn, aber er hatte deutlich ein Gefühl, daß er eine Krankheit überwunden hatte. Ja, weil er so nervös war und seine Nervosität war seine Gesundheit. Die verehrten Herren Ärzte werden noch dahinterkommen ... Dann stieg er aus dem Bette und läutete. Als der Kellner kam, fragte er, wo er eigentlich sei, wünschte Kaffee ... sonderbar: er war also wirklich nicht verrückt geworden. Er fühlte eine weite, feierliche Ruhe in sich. Hier werd ich also bleiben. Nun, es ist ja ganz gut hier. Er ließ sich Briefpapier bringen und schrieb einen Brief an die Mutter, in dem er ihr erklärte, warum er nicht kommen könne, wie sie die Sache mit den Kuratoren einrichten solle und daß er wahrscheinlich den ganzen Sommer im Auslande verbringen wolle ... Er las noch einmal den Brief seiner Mutter, ob sie noch irgend welche Auskunft wünschte. Unwillkürlich fiel sein Blick auf den Namen Marit. Ja, und so lasse er zum Schluß den Engel an Güte und Liebreiz herzlichst grüßen. Als er den Brief beendigt hatte, trank er Kaffee und legte sich wieder schlafen. Er schlief sofort ein. XIV. In dem Restaurant zur »Grünen Nachtigall« ging es laut zu. Iltis saß breit und würdig, wie es sich für einen großen Mann ziemt, und setzte Mikita auseinander, warum das Weib tief unter dem Manne stehe. Er kehrte mit großer Ostentation einem jungen Literaten, der neben ihm saß, den Rücken zu. Es war Tags zuvor zwischen Beiden zu einem unliebsamen Auftritt gekommen, weil der junge Mann sich die Bemerkung erlaubte, daß Iltissens Frauenhaß wohl auf ganz andern als nur theoretischen Gründen beruhe. Jedesmal nämlich, wenn eine Dame in ihrer Gesellschaft auftauchte, ging es bei Iltis los. – Siehst Du, sprach Iltis, Du bist jung und Falk auch. Das könnt Ihr nicht begreifen; aber wart mal, wenn Ihr erst zehn Jahre mit einem Weibe in der Ehe zusammengeludert habt – er sprach das letzte Wort leise und zischend, aus Rücksicht auf Isa – dann werdet Ihrs sehen. Da kommt mir der liebe gute Falk mit seinen Yuma-Weibern, Chikesawa-Indianerinnen und dergleichen wissenschaftlichem Blödsinn; aber Tatsache bleibt, daß das Weib ein niedrigeres Geschöpf ist. Der Säugling wollte Etwas einwenden, aber Iltis unterbrach ihn heftig. – Nein, nein!... Tatsache bleibt Tatsache! Er blähte sich ordentlich auf ... Übrigens darf man mit den Beweisen nicht kleinlich sein. Mikita hörte nicht zu. Ein Gram fraß an ihm, eine Scham, die mit würgender Wut ihm das Blut ins Gehirn peitschte. Wozu denn noch weiter?... Es ist Alles vorbei ... Er dachte an ihre Härte – ihre ... ihre ... Ja, war das nicht direkt Haß? Wie er sie anflehte und vor ihr kroch und sie um Verzeihung bat! Aber sie, hm ... ja, dies eisige Lächeln ... Sagte sie nicht damit: wozu bettelst du, wozu setzt du mich in Verlegenheit, was hab ich noch mit dir zu tun ... Er seufzte schwer auf. – Na, Dir scheints nicht leicht zu sein ... Iltis zwinkerte mit den Augen. – Aber erlauben Sie, die Sache kann doch unmöglich stimmen; der Säugling grübelte, wie er seine Gegenbeweise am Besten vorbringen solle. Iltis wurde sehr indigniert. – Man darf nicht kleinlich sein. Nur nicht kleinlich sein, sonst kommen wir auf die dumme Wissenschaft. Soll ich Ihnen mal meine Erfahrungen mit den Wissenschaftlern erzählen? Wozu bleibt Falk eigentlich weg, grübelte Mikita; das war doch gar nicht nötig ... Ha, ha, ha, um mir Gelegenheit zu geben, Isa wieder zu erobern ... Prosit, teurer Erik; ist nicht nötig, ist nicht nötig. Aber warum quäl ich sie denn? Was will ich noch von ihr?... Liebe? Kann man das erzwingen? Lächerlich! Lächerlich! Wie konnte man auch überhaupt ihn lieben, ja, einen Mann lieben, der nur lächerlich war? Er sah hinüber zu Isa, die wie gewöhnlich etwas abseits saß. Aber Isa sah ihn nicht an. Sie schien sehr aufgeregt zu sein. Auf ihren Backen brannten rote Flecken, und sie ließ ihre Augen erregt und unstet umherschweifen ... Die Tür öffnete sich, der blonde Neokatholiker trat ein. Isa sah hastig nach der Tür, sie konnte sich augenscheinlich in diesem Moment nicht beherrschen, sie zuckte auf. Sie lächelte dem blonden Jüngling zu, aber sie konnte den Ausdruck einer großen Enttäuschung nicht verbergen. Ja, Enttäuschung! Zum Henker, er war doch nicht blind ... so sehen doch nur Menschen aus, die sich enttäuscht fühlen. Und dieser nervöse, bebende Zug der Erwartung – Erwartung! Wen erwartet sie? Wen? Dummer Mikita, weißt du nicht, wen sie erwartet?! Weißt du nicht, warum sie nicht eine halbe Stunde mit dir allein sein will; weißt du nicht, warum sie dich schon seit drei Tagen beständig hierherschleppt! Er lachte verbissen. Falk erwartet sie, heh, heh – Falk! Er wiederholte den Namen, es machte ihm doch sicher eine große Freude; Falk war doch sein Freund, mehr noch! ein Bruder; er hatte ihm doch sicher ein großes Opfer gebracht, ja, ganz sicher ... Der Bräutigam, der an Gemütsblödigkeiten leidet, soll seine Braut kriegen, sein Schäfchen ins Trockne bringen ... – Hi! Halloh! Huh! schrie er brüllend Iltis zu – Dein Wohl! Alle sehen sich verwundert um; das war doch ganz ungewöhnlich von Mikita. Mikita faßte sich. – Zum Teufel mit eurem Philosophieren ... Weib – Mann ... das ist Alles Blödsinn; Alles ist Blödsinn ... Lustig wollen wir sein! Lustig! Isa sah müde Mikita an. Warum schreie er denn so? Was fehlte ihm nur wieder? Auf wen war er denn jetzt eifersüchtig? Wie der Mann ihr fremd war. Wie konnte sie ihn nur jemals geliebt haben? Nein, sie konnte es nicht mehr aushalten; jetzt müsse sie ein Ende machen. Heute noch! Wenn er sie nach Hause begleitet –ja, heute noch! Wie werde sie es ihm nur sagen? Ihr Herz bebte. Wie werde sie es ihm sagen? Ganz ruhig und selbstverständlich. Sei er denn blind, könne er ihr nicht in dieser peinlichen Situation helfen? Er wisse doch nun, daß sie Falk liebe. Verstehe er es noch nicht? Sie hatte ihm ja so deutlich gezeigt, daß er ihr gleichgültig sei. Aufdringlicher Mensch! Sie hatte Angst, das zu denken, sie wagte es nicht; aber jetzt plötzlich hatte sie es doch gedacht ... Sie wunderte sich, daß sie nichts dabei empfand ... Aufdringlicher Mensch! Ja, sie fühlte Freude, daß sie es denken konnte, ohne daß es ihr peinlich wurde. Wieder knarrte die Tür. Jetzt ist er es sicher, sie wußte es ganz genau: sie zitterte. Aber es war ein Unbekannter. Das war doch zu gräßlich, so zu warten und warten, unter all diesen unangenehmen Menschen. Sie fühlte Mikitas Augen starr auf sich gerichtet, aber sie vermied es ihn anzusehen. Gott, wie gleichgültig er ihr war! Was machte denn Falk diese furchtbaren fünf Tage lang? Sollte sie zu ihm hinaufgehen? Aber sie wußte ja nicht, wo er wohnte. Mikita danach fragen? Nein, das ging nicht. Sie sank in sich zusammen. Wie könnte sie ihn nur sehen? Warum bat sie ihn, um Himmelswillen, daß er sie nie mehr sehen solle?... O Gott, sie hatte ja nicht gewußt, wie sehr sie ihn liebte, wie gleichgültig ihr Mikita war, wie ihr die ganze, ganze Welt nur Schmerz bereitete. Sie war so sinnlos verzweifelt. Warum schrie er denn nur wieder so? Sie sah unwillkürlich auf die leeren Flaschen, die vor Mikita standen. – Weißt Du denn, was Liebe ist? – Mikita war außer sich geraten. Weißt Du, was Geschlechtsschmerz ist? Heh? Weißt Dus? Hast Du überhaupt jemals ein Weib geliebt? Iltis machte eine verächtliche Handbewegung. – Das ... das ... Mikita stotterte – das Weib hat den Mann gezeugt, daran hat sie genug! Das Weib zeugt und der Mann liebt. Das Weib liebt nie, niemals; sie hat am Zeugen genug ... Was? Das Weib liebt auch? Was? – Aber das Weib begehe ja Selbstmord aus Liebe, warf der Säugling ein, man könne ja jeden Tag darüber im Lokal-Anzeiger lesen. – Was? Selbstmord? Fragen Sie ihn, fragen Sie ihn nur; er weiß es besser – Mikita zeigte auf Iltis, der ihm aufmunternd zulächelte – die Weiber begehen Selbstmord, wenn sie schwanger sind und von ihren Liebhabern im Stich gelassen werden! Mikita schlug heftig mit der Faust auf den Tisch. Isa sah ihn mit grenzenloser Verachtung an. Er war wieder betrunken. Wie konnte sie nur jemals diesen Menschen geliebt haben? Es trat eine peinliche Stille ein. Isas Anwesenheit drückte Alle. Es war das ein wenig rücksichtslos von Mikita in ihrer Gegenwart. Mikita schwieg plötzlich. Er sah: ja: das erste Mal sah er ihn – diesen Blick! Er sah ihn deutlich vor sich. Er ließ den Kopf sinken. Ganz deutlich! Der Blick bohrte sich tiefer und tiefer in ihn hinein. Er sah nun das Auge in sich, es sah ihn an ... Wie sah es ihn an? Wenn er es malen würde?... Nun, drei Schritte zurück ... Nein! in die Ecke des Ateliers hinein – in die andere ... Und nun durch den Spiegel ... Ja, er konnte sich nicht helfen ... Es war Verachtung! Große, kalte Verachtung! Für Isa wurde es nun unausstehlich. Sie empfand eine fiebernde Unruhe; sie fühlte, wie das Herz schnell und schwer gegen das Korsett schlug. Sie müsse um jeden Preis Falk sehen, er muß doch endlich kommen. Jeden Tag ist er doch hier; warum kommt er denn gerade in diesen Tagen nicht? Das Gespräch kam wieder in Gang. – Ach, laßt mich nur mit der Literatur in Ruhe; dies ewige Geplapper über Poeten und Verleger und Verlegerpreise macht Einen wirklich ganz nervös – Iltis gähnte affektiert – Was wollt ihr vom Falk? Er ist ein guter Kerl. Isa horchte auf. Sie sah Mikita, wie er sich plötzlich aufrichtete. – Was? Was? Falk? – Na ja, dozierte der Säugling, Falk hat Talent, das will ich ja zugeben; aber es ist noch im Werden, es muß ausreifen, es muß ausgären; man weiß noch nicht, wie er sich entwickeln wird. Er sucht, er tastet noch ... – Was? Falk tastet?... Mikita lachte mit gespielter Herzlichkeit. Sie sind kostbar ... Wissen Sie, Falk ist der Einzige, der was kann. Falk hat das Neue gefunden. Ja, Falk kann das, was Ihr Alle können möchtet – Falk – Falk ... In diesem Momente trat Herr Buchenzweig an Isa heran. Er setzte voraus, daß alle diese Gespräche eine Dame langweilen müßten, und so wollte er sie unterhalten. Sie sah auf das glatte, feiste, schöne Friseurgesicht. Was wollte nur der Mensch? Ja, Herr Buchenzweig hatte die große Ehre gehabt, das gnädige Fräulein auf der Soirée in Gegenwart des Herrn Falk gesehen zu haben. Herr Falk sei ein ungemein interessanter Mann, eigentlich derjenige, der ihn am meisten interessierte ... Er sei auch nur hergekommen, um ihm zu begegnen ... – Du, Isa, rief Mikita über den Tisch hinweg – weißt Du, daß Falk von Berlin weggereist ist? Er heftete starr seine Augen auf sie. Isa fuhr zusammen. Sie empfand einen heftigen Schmerz in ihrem Gesichte, ein Schnürgefühl in der Brust ... sie sah mit weiten Augen das wilde, boshafte, stark gerötete Gesicht von Mikita, dann wandte sie sich ganz mechanisch an Buchenzweig. Sie wollte ein Glas Wein trinken; es war leer. Buchenzweig lief dienstfertig nach dem Kellner. Alles floß in ihren Augen zusammen. Sie sah nichts. Sie hörte plötzlich Jemanden sprechen; es war Buchenzweig. Aber sie verstand nicht gut, was er wollte. Sie sah ihn nur, lächelte mechanisch – der Wein wurde gebracht. Sie trank. – Herrn Halbe kenne ich sehr genau. Ein ungemein liebenswürdiger Mensch, eine große Kraft in unserer Zeit, der es so sehr an großen Talenten mangelt. Isa sah ihn an. Der Mensch wurde ihr plötzlich widerwärtig. Sie wußte nicht warum. – Verzeihen Sie, Herr Buchenzweig, Ihre Gesellschaft ist mir sehr angenehm, aber ich muß nun nach Hause. Sie ging an Mikita heran. – Ich muß jetzt nach Hause gehen. – So, so? – wirklich? Langweilst Du Dich hier? Sie hörte nicht auf ihn und kleidete sich an. Wieder sah sie das widerwärtige Friseurgesicht des Herrn Buchenzweig. An wen erinnerte er sie nur? Ja, richtig, an den Friseur, bei dem sie sich ihr Haar shampoonieren ließ. Als sie sich in die Droschke setzten, wobei Iltis sehr galant Isa behilflich war, schrie ihm Mikita zu: – Wartet nur, bis ich zurückkomme! Wir sollen eine lustige Nacht haben. Isa zuckte mit den Achseln. Beide sprachen kein Wort. Sie war gelähmt, sie konnte nicht denken. Sie war so müde. Hin und wieder empfand sie eine trostlose Verzweiflung, die dann wieder in diese schlaffe Müdigkeit umkippte. – Du, Isa, morgen wird meine Ausstellung in München eröffnet. – So, so ... Der Wagen blieb stehen. – Gute Nacht! Mikita zuckte es in allen Gliedern. – Gute Nacht. – Jetzt fahren Sie mich aber schnell zurück, brüllte er den Kutscher an. Der Kutscher schlug auf den Gaul los, die Droschke flog nur so über die Asphaltstraße. Inzwischen krümmte und wand sich Mikita in einem heftigen Anfall von Weinkrampf. Als er in die »grüne Nachtigall« zurückkam, war er ruhig und gefaßt. Er wurde mit einem kräftigen Gejohle begrüßt. Ja, Isa hat uns Alle gedrückt, dachte er. – Du, er setzte sich neben Iltis – wenn ich heute stark betrunken werde, so setze mich morgen früh in den Zug, der nach München geht. Sieben Uhr dreißig, merke es Dir ... – Weiß schon, weiß schon; habe hundert Mal die Strecke befahren. XV. Falk saß auf seinem Hotelzimmer und brütete vor sich hin. Wozu war er eigentlich hergekommen? Er hätte sich ja ebenso gut in Berlin quälen können. Nun sind es wohl sechs Tage? Er sann nach. Ja, er war schon sechs Tage hier. Aber jetzt konnte er es nicht mehr aushalten. Nein, unmöglich. Ja, er mußte ohne jegliches Selbstmitleid, einfach als eine nackte Tatsache konstatieren, daß er unmöglich länger diese Qual ertragen konnte. Er würde sicherlich zu Grunde gehen. Jeden Tag barst in ihm Etwas, das noch gestern heil war, jeden Tag wuchs der Ekel vor dem Leben – und dieser Schmerz ... An einem Weibe zu Grunde gehen? Er, der Künstler, Er ... Ha, ha, ha ... Als ob es nicht besser wäre, an einem Weibe zu Grunde gehen, als an einem idiotischen Schlaganfall, oder an Typhus, oder an Diphtherie ... Oh du dummer Iltis! Wie flach du bist! Dann geh ich wenigstens an mir selbst zu Grunde; dann geh ich an dem zu Grunde, was mich grade in meiner intimsten Seelenstruktur ausmacht. Und sie, ja sie: das bin Ich, Ich, den du nie gesehen hast, den ich erst jetzt in mir erkannte. Er konnte nicht zu Ende denken ... Magst du an deinem Säufer- oder Verfolgungswahnsinn zu Grunde gehen, wenn du das als eines Mannes würdiger ansiehst – ich gehe an Mir zu Grunde ... Aber wozu denn zum Teufel zu Grunde gehen? Ich will glücklich sein – ich will leben ... Er verlor plötzlich den Gedankenfaden. Sein Gehirn war doch gar zu zerfahren in der letzten Zeit. Er saß und saß und merkte, daß er ganz stumpf war. Er zwang sich, zu denken. Hm; er hatte doch niemals Etwas getan, wobei er sich nicht kontrolliert hätte. Ja, die ersten zwei Tage hatte er sich noch in seiner Macht. Er wirkte ja auf sie mit bewußten Mitteln ... Herrgott! Die lächerliche Geschichte mit den Schwänen! Wie dumm erfunden, wie ungeschickt ... patzig, ja, patzig ... Und dann kam der Strudel, der Wirbel ... Das Gehirn fing an, sich um sich selbst zu drehen, und kreiste schneller und schneller in den abgründigen Trichter des Geschlechtes hinab ... Der Tanz – der Tanz ... Er sah plötzlich in einer Ecke ein Spinngewebe. Er sah es lange und aufmerksam an, aber seine Augen fielen zu. Ja, er war müde, furchtbar müde, er fühlte Reißen in seinen Gliedern ... Ja, drei – nein vier Stunden war er gelaufen, um durch die Müdigkeit den Schmerz zu ertöten, um schlafen zu können ohne dies abscheuliche Gift, dies Morphin ... Nun mußte er noch einen blanken Gegenstand ins Auge fassen. Er sah eine Zeit lang starr die messingene Türklinke an. Er fühlte nur noch, daß ihm Tränen über die Backen liefen ... Es war ein herrlicher Herbsttag. Ganz klarer, heller Mittag. Er sah auf den hohen Wandelturm der Erlöserkirche in Kopenhagen. Mikita stand neben ihm und schwenkte sein Tuch. Farvel! Farvel! hörte er rufen, aber er sah keine Menschen. Plötzlich entdeckte er einen verweinten Jüngling neben sich. Er sollte wohl nach Stettin in ein Engros-Geschäft ... Wie viele Seemeilen wohl dieser Dampfer in einer Stunde machte? Du! – Mikita zeigte ihm ganz erregt einen englischen Kohlendampfer. Zwei Schiffsjungen boxten sich, als wären sie wahnsinnig geworden. Er sah sie wie zwei Hähne aufeinander losspringen. In einem Nu wurden sie zu einem Knäuel, der sich auf dem Boden wälzte, sich dann löste und wieder um sich selbst rollte. Dann sah er sie, wie sie aufschnellten und mit neuer Wut begannen. Er sah die Fäuste hin- und herfliegen, dann stürzten sie die Kojentreppe hinunter, kamen wieder zum Vorschein, und wieder sah er den Knäuel auf dem Verdecke rollen ... Falk wachte auf, machte die Augen auf und schloß sie wieder. – Du, Erik, sieh nur diese wunderbare Nacht im Wasser und dies Glänzen – dies Leuchten ... Herrgott, wenn man das malen könnte! – Du lieber Kerl! Und sie saßen und tranken. Die Nacht war so schwarz. Sie saßen dicht nebeneinander. Und plötzlich überfiel sie eine Raserei. Sie packten einander. Er hob Mikita in die Höhe und wollte ihn über Bord werfen. Aber Mikita war geschmeidig. Er glitt ihm unter den Armen weg und faßte ihn an den Beinen. Verzweifelt hieb Falk mit den Fäusten auf Mikitas Kopf, aber Mikita achtete nicht darauf, er trug ihn, ja, er wollte ihn ins Meer werfen, jetzt waren sie dicht an der Barriere, jetzt ... jetzt ... Nun bekam er etwas Hartes unter seine Füße. Er stürzte sich mit seinem ganzen Leib über Mikita, so daß der einknickte, mit einem Griff packte er ihn an den Hüften und nun mit einem furchtbaren Ansatz: in weitem Bogen flog Mikita über Bord. Falk wachte auf. Er stand mitten im Zimmer mit geballten Fäusten. Er kam zu sich. Einen wilden Haß fühlte er in sich, eine wüste Kampfbegier. Über Bord! Über Bord! Er schlug die Zähne zusammen. Ihn fror. Er lief hin und her. Wer wollte ihm sein Glück rauben, um wessen Willen sollte er zu Grunde gehen?! Allmählich beruhigte er sich. Es wurde ihm nun ganz klar: Einer mußte über Bord, er oder Mikita. Sie liebte Mikita nicht mehr! Was wollte Mikita von ihr? Wer war denn Mikita? Er war mit ihm zusammen auf der Schule gewesen, hatte mit ihm zusammen gehungert – und ja, was denn? Was mehr? Er setzte sich und ließ den Kopf schlaff herunterhängen. Diese kranke, wahnsinnige Sehnsucht nach ihr hatte er noch nie empfunden ... Über Bord! Er oder ich. Der Strudel packt uns Beide, den Einen ins Glück ... nur Einen ins Glück ... Und das bin ich! Er reckte sich hoch. Den Elch sah er vor sich, den zitternden, mit Blut bespritzten Sieger. Und eine unerhörte Unruhe erfaßte ihn. Er riß die Kleider auf und knöpfte sie wieder zu. Er suchte nach Geld, durchwühlte alle Taschen, fand es nicht, raste, lief herum, der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er mußte zu ihr nun. Er mußte. Jetzt konnte er es nicht mehr ertragen. Und er stürzte über das Bett, warf Alles übereinander, und fand endlich das Portemonnaie unter dem Kissen. Wenn es nur nicht zu spät ist, wenn es nur nicht zu spät ist ... Er sah auf die Uhr. Sie stand. Er läutete heftig. Der Kellner kam eilig heraufgelaufen. – Wann geht der Zug nach Berlin? – Ungefähr in einer Stunde. – Schnell, schnell die Rechnung. Beeilen Sie sich, um Gotteswillen ... Als Falk in Berlin ankam, war es schon spät am Abend. Es wurde ihm plötzlich klar: er mußte zu Mikita hinauf. Ja, er mußte ihm ganz offen sagen, daß er sich keiner Täuschung hingeben solle, daß Isa ihn nicht mehr liebe, und wenn sie es ihm nicht gesagt habe, so wollte sie ihm nur wahrscheinlich so lange wie möglich die Qual ersparen, sie habe Mitleid mit ihm ... Ja ganz offen mußte er es ihm sagen. Es war doch grenzenlos peinlich. Nun? Warum denn? Mikita war ihm ja ein ganz fremder Mensch. Aber je näher er an Mikitas Wohnung kam, um so schwerer wurde es ihm. Nein! Er konnte Mikita das nicht sagen. Er suchte sich klar zu machen, was Mikita früher für ihn war, wie er ihn geliebt hatte ... Er konnte kaum atmen. Vor Mikitas Wohnung blieb er unschlüssig stehen. Ja, er mußte, er mußte ... oder ... o Gott! Ja, dann mußte er zurückfahren. Und er erlebte innerlich die entsetzliche Qual der sechs Tage. Entsetzlich! Entsetzlich! murmelte er. Er ging hinauf. – Ist Herr Mikita zu Hause? – Nein! Er ist nach München gefahren. Falk blieb auf der Treppe stehen. Er konnte das Glück nicht begreifen. Dies Glück! Er wiederholte es noch einmal, aber er konnte nicht froh werden. Und nun zu Isa – zu Isa! Er dachte nur an sie. Er versuchte sich vorzustellen, wie sie ihn empfangen werde, er dachte an tausend Kleinigkeiten, die er bei ihr bemerkt hatte, er dachte angestrengt, krampfhaft, um sich zu übertäuben, ja Etwas in sich, das reden wollte, sich wehrte und sträubte gegen dies große Glück. Da plötzlich: Er durfte nicht zu Isa gehen! Er mußte warten, bis Mikita zurückkam. Er mußte ihm Alles sagen, daß Mikita ihm nicht Feigheit vorwerfe, daß er nicht sage, er habe hinter seinem Rücken ihm die Braut verführt. Ja! Er mußte warten. Aber das war für ihn unmöglich – physisch unmöglich. Jetzt war Alles in ihm auf das Äußerste gespannt; noch ein Tausendstel Millimeter mehr und es mußte zusammenbrechen. Weswegen war er zurückgekommen? So lange er die Qual ertragen konnte, war er ferngeblieben und kämpfte tapfer und war brav, aber dann ... Er raffte sich jäh zusammen. Nein, jetzt genug von Argumenten! Er tue das, was er tun müsse, und mögen zehn, tausend Gefühle sich dagegen sträuben ... Gott ja, er verkenne gar nicht, daß jedes dieser Gefühle ein gewisses Quantum Muß repräsentiert, aber schließlich siege doch immer das letzte, das mächtige, unabwendbare Muß! Und er dachte es bis in das feinste Detail hinein, aber er wurde nicht froher. Ganz im Hintergrunde empfand er eine dumpfe Angst, eine verlegene schamvolle Pein, und dann fühlte er, wie Alles in ein Gefühl zusammenfloß, ein grenzenlos trauriges Gefühl, nicht selbst zu sein, nicht sich selbst zu gehören. Er ging an einer Uhr vorbei. Er schrak heftig auf. In einer Viertelstunde wird die Tür geschlossen sein, dann kann ich sie nicht mehr sehen. Nicht heute mehr ... Er stöhnte auf. Jetzt mußt du dich entschließen. Du mußt. Du mußt. Er fühlte eine schmerzhafte Spannung in jeder Fiber, in jedem Muskel. Er ging schneller und schneller. Nein, nein! Nicht mehr denken, nicht mehr; jetzt muß ich zu ihr ... Mag kommen, was will ... Er dachte noch, suchte noch zu kämpfen, aber er wußte, daß er es doch tun werde. Und dann: mit einem Ruck warf er alle Gedanken aus seinem Gehirn und stieg schnell die Treppe hinauf. Aber als er läuten wollte, befiel ihn wieder dies lähmende Angstgefühl. Er setzte mehrmals den Finger an den Knopf der elektrischen Glocke, aber er wagte ihn nicht zu drücken. Dann lehnte er sich an die Wand, weil er plötzlich sich so schwer fühlte. Nun stieg er ein paar Stufen hinunter, er zählte sie; dann hörte er unten das Klirren von Schlüsseln, und mit einem Male besann er sich auf sein Muß, auf das letzte Muß, das doch immer siegen müsse. Er ging wieder hinauf und läutete. Ein Dienstmädchen machte auf. – Ist Fräulein Isa ... – Fräulein Isa ist nicht zu sprechen; sie hat verboten, Jemanden vorzulassen ... – Aber sagen Sie ihr, daß ich sie sprechen muß  ... Er schrie es fast, wußte aber nicht weswegen. In diesem Momente öffnete sich eine Tür: Isa stand im Korridor. Falk ging auf sie zu; ohne ein Wort zu sprechen traten sie in das Zimmer. Sie faßten sich an den Händen und zitterten Beide. Dann warf sie ihre Arme um seinen Hals und weinte laut auf. XVII. Im Original fehlt die Zahl XVI in der Kapitelzählung. Mikita ging die ganze Zeit in München wie im Traume. Er tat Alles, was ihm seine Freunde rieten, er ging überall hin, wo man sagte, daß er hingehen müsse, aber er fühlte, daß es schlecht, sehr schlecht um ihn stehe. Nun mußte er abfahren. Er wäre so gerne in München geblieben, aber er hatte nichts mehr zu tun. Und er mußte etwas zu tun haben. Gleichgültig was. Er ging langsam zum Bahnhof. Ja, er mußte nach Berlin zurück. Eigentlich hätte er sich von seinen Freunden verabschieden sollen, aber das war so peinlich. Sie würden mit ihm auf den Bahnhof gehen wollen, dann würden sie Witze machen und ihm Freundlichkeiten erweisen ... nein! er mußte allein bleiben. Merkwürdig, wie seine Gedanken sich in die Breite zogen! Früher jagte das Alles sich übereinander, so daß er Mühe hatte, zu wissen, was er eigentlich wollte, und jetzt Alles so hübsch breit und behaglich und übersichtlich. Seine Stimme war auch leise geworden. Nur dies sonderbare Zittern, das ihn so stundenlang befallen konnte, dies seltsame Verschwinden des Bewußtseins – oh! das war fürchterlich. Er fühlte Angst, daß es wiederkommen würde. Plötzlich blieb er vor einem Waffenladen stehen. Er erinnerte sich an die tausend Reisegeschichten, die er in Zeitungen gelesen hatte. Die Möglichkeit war ja nicht ausgeschlossen, daß ihm auch so etwas passieren könnte. Ja, er könnte auch überfallen werden. Herrgott! Warum sollte ihm das nicht zustoßen, was tausend Andern zugestoßen war? Er lachte still in sich hinein. Ja! Sonderbar, dies mit dem Denken. Nicht ein einziges Wort hatte er übersprungen. Er sah die mannigfaltigen Waffen in dem Schaufenster. Furchtbar erfinderisch sind doch die Menschen! To be or not to be ... schoß es ihm plötzlich durchs Gehirn. To be or not to be ... Nun fehlte ihm noch ein passender Mantel und ein Schädel ... Potz Tausend! Das müßte er vorm Spiegel einstudieren! Der kleine Mikita ... wunderbar. Er würde ja ungefähr aussehen wie der kleine Opernsänger Sylva in der Robe des Riesenrecken Siegfried. Er ging in den Laden hinein. Das Erste, was ihm auffiel, war ein großer Abreißkalender. 1. April – las er die riesigen Buchstaben. Prima Aprilis ... da gibt es heute viele Überraschungen. Er verlangte nach einem Revolver, war aber so müde, daß er sich hinsetzen mußte. War es denn durchaus nötig, daß er heute noch nach Berlin zurückfahren müsse? könnte er nicht warten, bis er sich ein wenig erholt habe? Da belebte er sich wieder. Die Entfernung ist ja für die Liebe von der allergrößten Bedeutung. Falk ist auch weg. Sie hat sich die ganze Zeit gelangweilt. Sie mußte ja immer Jemanden um sich haben. Wenn er jetzt zurückkäme ... Warum sollte ihm das nicht passieren, was tausend Andern passiert ist? Hatte er nicht in hundert Romanen gelesen, daß die Entfernung eine erlöschende Liebe wieder entflamme! Herrgott! Die Schriftsteller sind doch wirklich nicht von Pappe ... Wie schön und wie ausführlich sie das schon beschrieben haben! Er bezahlte den Revolver und ging. Eine Hoffnung löste die andre ab. Sein Gang wurde hastig. Er reckte sich. Es kam ihm vor, als träten plötzlich neue Muskeln in Tätigkeit. Und so kam eine Unruhe über ihn, eine Spannung daß er glaubte, unmöglich diese lange Reise aushalten zu können. Es fing an in seinem Gehirn zu fiebern. Er dachte an Isa; er dachte daran, wie sie glücklich waren, wie sie ihn liebte und bewunderte. Er war ja der mächtige Künstler, den sie in ihm verehrte. Aber es war nicht nur der Künstler. Nein, nein! Sie liebte es ja, sich an ihn anzuschmiegen, und ihn zu streicheln ... Sie – sie – o Gott, wie er sie liebte! Wie er gar nicht selbst war, wie jeder Faden seines Organismus mit dem ihren zusammengeknotet war, – so unlöslich ... Aber selbstverständlich mußte sie müde werden, er hatte sie doch unaufhörlich gequält mit seiner Eifersucht, seiner ... seiner ... Ja, nun, nun ... sie war so gut. Sie hatte ihm Alles vergessen. Da – Ja, da wird sie stehen und ihm die Hände hinstrecken und sich dann an seine Brust werfen: Gott sei Dank, daß Du hier bist! Ich habe mich so grenzenlos nach Dir gesehnt. Ja, das wird sie tun! schrie er auf. Er wußte es ganz sicher. Aber ... ja! Hat sie ihm nicht auf seine Briefe nur ein einziges Mal ein Billet geschickt, daß sie sich wohl fühle ... Er schlug sich auf den Kopf. O, du dummer Mikita! Was weißt du vom Weibe? Was weißt du von seiner Listigkeit ... Ja, selbstverständlich! Wie konnte er sich nur deswegen so quälen? Das ist ja ganz klar ... und es ist ganz Recht, daß sie mich so bestraft ... Und er überzeugte sich mit deutlichen und eindringenden Argumenten, daß er die ganze Sache total mißverstanden hatte, daß es nur weibliche Schlauheit, weibliche Klugheit ... nein, nein, wie sagte doch Falk ... angeborene Zuchtwahlsklugheit ... Ja, Falk hatte für Alles passende Worte ... Aber je näher er an Berlin kam, um so stärker wuchs seine Unruhe. Die alte Qual stieg wieder in ihm hoch, und die letzten zwei Stunden war er nur noch eine willenlose Beute der wüstesten Schmerzensraserei. Wie ein Tier wurde er gequält! Das ist doch unerhört, was sich so ein Mensch quälen muß – unerhört! Und er lief in dem Coupé hin und her, sprang und zuckte, und dann plötzlich befiel ihn dies furchtbare Zittern am ganzen Körper, daß er glaubte, er müsse nun wahnsinnig werden vor Schmerz und Angst. Isa empfing ihn mit kaltem, verlegenem Lächeln. Sie war mit Packen beschäftigt. Mit einem Ruck empfand Mikita eine klare, eisige Klarheit. Er konnte ebenso gut gleich gehen, aber er war so erschöpft, daß er sich hinsetzen mußte. Isa wandte sich weg. – Du! schrie er sie plötzlich heiser an, ohne sie anzusehen. Er kam nicht weiter. Auf dem Tisch sah er ein paar grüne, seidne Strümpfe. Irgend eine verborgene, geschlechtliche Assoziation löste sich in ihm aus, er packte die Strümpfe und zerriß sie in Stücke. Isa sah ihn verächtlich an. Jetzt endlich hatte sie den Mut gefunden. – Was willst Du von mir? Ich liebe Dich ja nicht. Sie versuchte nur, ob sie ihm das sagen könne. – Ich liebe Dich nicht. Du bist mir vollkommen fremd ... Sie wollte noch Etwas von Falk hinzufügen, aber das konnte sie nicht. Sie sah dies Hündische, Unterwürfige in ihm. Er wurde ihr widerwärtig. Sie sagte noch Etwas, dann hörte er nichts mehr. Er ging auf die Straße. Einmal hatte er doch irgendwo gelesen, daß man in solchen Augenblicken nichts verstehe, aber er hatte Alles verstanden, so klar, so deutlich. Eigentlich brauchte sie es ihm gar nicht zu sagen. Warum die Straße nur so leer war?... Aha! es war ja Sonntag und da gingen alle Menschen hinaus ins Freie ... Sonntag ... prima Aprilis – Nachmittags – er sah auf die Uhr – sechs Uhr Nachmittags ... To be or not to be – Ja, wenn ich vor dem Spiegel stehe mit Hamletsmantel und dem Schädel in der Hand, dann muß ich der Zeittatsache in dem Schlußmonolog Erwähnung tun. Er hätte sich das doch niemals denken können, daß man vor seinem Ende so klar, so ruhig und so vernünftig denken könne ... Ja – Garborg hat Recht. Wenn man erst weiß, daß man unabwendbar sterben muß, dann ist man ganz ruhig. Ja, ja ... die Schriftsteller sind immer diejenigen, welche ... Er ging sehr langsam, aber jetzt blieb er stehen. Dieser dumme Bengel irritierte ihn schon lange. Ja, schon eine geraume Zeit mußte er ihn beobachten. Er ging wohl zu einem Mädchen, wollte kleine Füße haben und hatte sich zu enge Stiefel gekauft. Und jetzt mußte er jeden Augenblick stehen bleiben, und um seine Hühneraugen zu maskieren, tat er, als ob er die Schaufenster ansah. Da – da ... nun blieb er wieder stehen! Eine plötzliche Wut erfaßte Mikita gegen diesen dummen Bengel. Er trat mit strenger Miene an ihn heran. – Sie, junger Herr, Sie haben wohl mächtige Hühneraugen? Der junge Herr sah ihn verblüfft an, dann wurde er zornig, ganz tiefrot vor Zorn. Mikita bekam Angst. – Das ist eine gemeine Unverschämtheit! schrie der junge Mann. Mikita kroch ängstlich in sich zusammen. – Verzeihung ... Sie wissen ... Wachsmutringe in der Uhr ... Er entfernte sich schnell. Gott, wie die Menschen ungemütlich werden – sie schreien mich an, plagen mich, quälen mich bis aufs Blut –ja ... seigner à blanc ... Ja, er fühlte, daß ihm Tränen über die Backen rollten. Na, Mikita! Es ist dir zwar viel Schlimmes widerfahren, aber deswegen brauchst du nicht zu heulen ... Zum Teufel! Beruhige dich doch! Er wurde wütend. Dummer Mensch mit deinen sentimentalen Komödien! Warum greinst du? Vermutest du etwa was vom schönen Geschlecht in der Nähe, das dir gleich so rührselig wird? Heh? Das schöne Geschlecht ... na ob!... Er ging in sein Atelier hinauf, und schloß die Tür zu. Er sah ein Bild an. Diese scheußliche Verzeichnung! Daß er das nicht bemerkt hatte! Das mußte er gleich verbessern!... Er faßte einen Pinsel, aber seine Hand flog willenlos umher. Er wurde rasend, packte in sinnloser Wut das Gemälde und riß es in Stücke. Dann warf er sich auf das Sofa. Aber von Neuem flog er auf, als wäre er von tausend Teufeln besessen. – Isa! schrie er auf – Isa! Er fing an zu lachen. Ein Lachkrampf, daß er erstickte. Er wälzte sich auf dem Boden. Er schlug mit dem Kopf gegen die Dielen, er faßte einen Stuhl, zerschlug ihn in Stücke, eine Vernichtungsraserei wütete in ihm. Als er zu sich kam, war es Nacht. Er war erschöpft. Sein Gehirn war irr. Nur das Eine, das Letzte: Ja, Gott, was war es denn, was sollte er doch nur tun. Plötzlich fühlte er etwas Schweres in der Tasche. Aha! Ja, richtig! Richtig ... Er ging suchend im Zimmer umher und wiederholte fortwährend: Ja, richtig, richtig ... Das war es! Der Revolver in der Tasche hat ihm wohl die Haut am Bein abgeschürft. Es brannte so. Sich hinsetzen! Nicht wahr? Das war wohl das Richtigste. Wie die Ruhe weh tat! Er nahm den Revolver, es dauerte lange, bis er ihn geladen hatte. Seine Hände wollten nicht mehr seinem Willen gehorchen. Er wurde sehr böse. Natürlich sich zuerst hinsetzen. Das war das Wichtigste. Er setzte sich hin. Ins Herz? Freilich! Das war ne gute Idee. Man schießt gewöhnlich einen Millimeter höher und wird dann kuriert! He, he ... Plötzlich verfiel er in ein willenloses Brüten, er vergaß Alles. Mit einem Mal hörte er ein Singen auf dem Hof. Eine jähe Unruhe ergriff ihn. Er umklammerte fest den Revolver. Schnell! Schnell! Es peitschte ihn Etwas in eine furchtbare Unruhe. Nach einer Sekunde würde er es nicht machen können. Und mit jähem Ruck steckte er die Waffe tief in den Mund hinein und drückte los ... XVIII. Falk und Isa saßen am selben Abend im Coupé! Sie fuhren nach Paris. – Liebst Du mich? fragte sie und sah ihn glücklich an. Falk antwortete nicht. Er drückte ihr die Hand und sah ihr mit unendlicher Innigkeit in die Augen. – Du mein ... Du! Sie saßen lange, eng aneinander gepreßt. Sie wurde müde. Er machte ihr ein Lager aus Plaids zurecht, wickelte sie ein und sah sie immer an mit derselben heißen, zärtlichen Innigkeit. – Du mein ... mein ... – Küß mich! Sie schloß die Augen. Er küßte sie flüchtig, als scheute er sich, sie zu berühren. – Jetzt schlaf, schlaf ... – Ja. Er setzte sich ihr gegenüber. Nun war sie sein Weib. Nun war er glücklich. An Mikita dachte er fast nicht. Sonderbar, wie wenig er sich um ihn kümmerte. Aber wenn ... o Gott, man geht zu Grunde, weil man keine Lebensfähigkeit hat, weil es an eigentlichen Lebensbedingungen mangelt, also, weil man zu Grunde gehen muß; daran ist doch kein Mensch schuld. Wäre er zu Grunde gegangen? Nein! Seine Qual war etwas ganz Anderes. Das waren die Fieberparoxysmen, die den großen Willen erzeugten. Ja: er verstand es plötzlich. Wie solle er das nur sagen? Der neue Wille – der Wille, der aus den Instinkten geboren wird – der Wille ... Hm, wie sollte er das nur sagen? Der Wille der Instinkte, der durch keine bewußten Schranken, durch keine atavistischen Gefühle gehemmt wird ... der Wille, bei dem Instinkt und Gehirn eins geworden ist. Er mußte noch leiden, weil er ein Übergangsmensch war, er fieberte noch, weil er das Gehirn überwinden mußte. Aber er wird nicht leiden, wenn er das Stück posthumer Vergangenheit, die atavistischen Überbleibsel in sich überwunden hat. Plötzlich lachte er leise in sich hinein. Gott, Gott, dieses dumme, idiotische Raisonnieren. Dies blödsinnige Schwatzen von neuem Willen und dergleichen Dinge. Am Ende wird er sich noch für einen Übermenschen halten, weil er, – nun weil sein Geschlecht so rücksichtslos war, und weil sie ihm aus Liebe folgte. Am Ende wollte er sich doch wohl nur ein Bißchen betäuben ... Blödsinn! Er sah sie an. Sie war sein, sie war sein, weil sie sein sein mußte ... Und sie fahren ins Glück hinein ... Er trat ans Fenster. Er sah Bäume und Felder und Stationsgebäude vorüberfliegen. Das Alles wird dein sein, wenn nur dieser neue Wille da ist, der Wille der Instinkte, die durch das Gehirn geheiligt werden. Er dachte an Napoleon. Nein! Das war nicht das. Das war der Wille eines fanatischen Epileptikers – eines ... Sonderbar, daß er unwillkürlich nach Beispielen ähnlicher Rücksichtslosigkeit immer von Neuem suchte ... Das waren nur wohl die Überreste von seinen Qualen, die er durchgemacht hatte. Jetzt hat er das Glück und er wird es genießen. Und er reckte sich hoch in dem Gefühle seines großen Glückes, das er sich durch seinen Willen errungen hatte. Alles Übrige lag hinter ihm als ein Erlebnis, ein starkes, mit Blut gefülltes Erlebnis, ein Vorwurf, ein Stoff zu einem großen, erschütternden Seelendrama. Sie schien zu schlafen. Das war das Weib, das er nicht kannte. Er brauchte es aber nicht zu kennen. Wozu denn? Er hatte sie jetzt, er hatte sie einem Anderen abgerungen. Er war der Elch ... nein! das war zu tierisch. Die Vorstellung von den Eingeweiden, die zerrissen am Geweihe hingen, war ihm peinlich. Mit aller Macht wehrte er sich gegen eine Riesenmasse von peinlichen, unangenehmen Gefühlen ... He, he ... als hätte Jemand in ein Wespennest gestochen. Aber er beruhigte sich wieder. Das Alles mußte so geschehen. Sonderbar, daß er immer wieder in die alten Vorstellungen vom freien Willen verfiel, von einem Willen, der handeln kann ... Und jetzt – jetzt ... Wo trieb es ihn nun hinein? Ins Glück! In ein endloses Glück voll von neuen, ungekannten Freuden und Genüssen ... Oh; wie stolz, wie glücklich, wie mächtig er sich fühlte. Und der Zug raste und raste ... An den Fenstern flogen Häuser, Dörfer und Städte vorbei und ganz tief am Himmel glühte in trübem, violettem Licht ein Stern ... II Unterwegs Meinem Freunde Julius Meier-Graefe gewidmet I. Fräulein Marit Kauer saß und freute sich. Also doch; endlich. Sie hatte schon völlig die Hoffnung aufgegeben, ihn jemals wiederzusehen. Mindestens zehnmal hatte er seiner Mutter geschrieben, daß er kommen würde: morgen, übermorgen. Dann hatte er wieder so unerhört viel zu tun gehabt, daß er erst im nächsten Monat kommen wollte. Dann verging noch ein Monat und noch einer. Aber endlich: jetzt wirklich. Heute war der kleine Bruder aus der Schule gekommen und erzählte unter tausend dummen Dingen, daß Herr Falk, ja, ganz bestimmt Herr Erik Falk, da sei. Ja, ganz sicher: er sei da. Er lasse die Eltern grüßen und werde sich erlauben, sie am Nachmittag zu besuchen. Fräulein Marit hatte die Sprache für ein paar Sekunden verloren; nein, sie konnte es noch gar nicht glauben. Gott, wie sie gelitten hatte! Sie war fast von Sinnen gekommen während der gräßlichen Zeit, als er nicht kommen konnte oder nicht wollte. Ihre ganze jungfräuliche Würde hatte sie ja geopfert; sie hatte sich so weit erniedrigt, Briefe an ihn zu schreiben, heiße Bitten an ihn zu richten. Freilich hatte sie es nur im Auftrag seiner Mutter getan, aber war er denn so dumm, daß er diese Sehnsucht, die in jedem Worte zitterte, nicht verstand? Wollte er nicht verstehen? Sollte es wahr sein? Nein, um Gotteswillen, nein. Es war Lüge, schamlose Lüge. Diese furchtbaren, garstigen Geschichten: er sollte einen Sohn haben, er hätte sich im Stillen verheiratet, eine Zivilehe mit einer Französin geschlossen. Nein! Er war ja so ehrlich, so souverän. Er hätte ihr sicherlich etwas davon geschrieben; so betrügen konnte er sie nicht. Hatte er ihr nicht von Liebe gesprochen? Hatte er ihr nicht versichert, daß sie allein, nur sie allein ihm das große Glück geben könnte? Nein, es war Lüge; er war ja so unendlich edel und so fein ... Ihr Herz begann sehr stark zu schlagen. Sie atmete tief auf. Die Augen fingen an zu tränen. Ein wildes Jubelgefühl stieg in ihr auf: noch eine Viertelstunde vielleicht, dann würde sie ihn sehen, in seine rätselhaften Augen sehen und auf seine wunderlichen Reden hören. Wie sie ihn liebte, wie unsäglich sie ihn liebte ... Gott hatte sie erhört. Drei Messen hatte sie gekauft, daß er ihn ihr wieder zuführen möchte. Wie ein armes Tier hatte sie zu den Füßen des Gekreuzigten gelegen und hatte gefleht und geweint und gebetet. Wollte sie der himmlische Vater denn nicht erhören? Hatte sie ihn beleidigt? Und sie fastete doch jeden Freitag und jeden Sonnabend, um Buße zu tun für die Sünden, die sie nicht kannte. Aber selbst der Gerechte sündiget ja siebenmal am Tage. Und vielleicht: war nicht ihre Liebe eine Sünde? Aber nein: jetzt war Falk ja da! Gott hatte sie erhört ... Sie stand auf. Es war so drückend unter der Veranda. Der ganze Garten war so schwül. Sie trat auf die Landstraße, die in das benachbarte Städtchen führte. Von dort mußte Falk kommen. Plötzlich ging ein Ruck durch ihren Körper; sie fühlte, wie sich ihr das Blut zu Herzen staute. Sie zitterte. Ja, sie sah ihn deutlich. Er war es ganz gewiß. Sie klammerte sich an den Zaun. Es stieß sie, ihm entgegenzulaufen, sich ihm an die Brust zu werfen. Nein, nein, nicht! Nur ihm zeigen, wie sie sich unendlich freue. Ja, sie wollte ihre Freude nicht verhehlen; er sollte sehen, wie sie sich freue. Nein: das auch nicht! Das konnte sie nicht, das durfte sie nicht. Sie kehrte um, wieder auf die Veranda zurück. Nein, es ging nicht; hier konnte sie ihn auch nicht begrüßen. Sie fühlte Feuer in ihren Schläfen, sie fühlte den heißen Glanz ihrer Augen. Nicht ein Wort könnte sie jetzt sprechen; nicht einmal die Fassung würde sie bewahren können. Sie lief in ihr Zimmer hinauf, warf sich auf das Bett und vergrub schluchzend ihr Gesicht in die Kissen ... Falk wurde sehr herzlich vom Herrn Kauer begrüßt. – Daß er noch existiere! Es sei doch schön von ihm, daß er sich wieder auf die Heimat besonnen hätte. Man habe ihn so lange vergebens erwartet. Falk machte sich sehr liebenswürdig. – Doch, doch! Er habe sehr viel an die Heimat gedacht; aber diese Unmenge Arbeit! Noch in den letzten Tagen habe er 30 Bogen Korrektur von seinem neuesten Roman durcharbeiten müssen, und das sei das Entsetzlichste, was es gebe. Nun sei er maßlos froh, und fühle sich so breit auf dem Lande, und fühle Liebe um sich; es sei gewiß etwas sehr schönes um die Heimat. – Es war mir auch wirklich sehr nötig. Ich bin sehr nervös und ganz dumm geworden, aber bei der Mutter wird es bald, sehr bald gut werden. Die Mutter ist überhaupt neben der Buchdruckerkunst die wunderbarste Erfindung. Herr Kauer war ganz glücklich, ihn wiederzusehen; er hatte ordentlich Sehnsucht gehabt, ihn zu sprechen. Auf der Provinz sei die Welt mit Brettern vernagelt; man wisse gar nicht, was in der Welt vorgehe. Jetzt müsse er alles wissen, Falk solle ihm alles erzählen. Es wurde Wein aufgetragen. – Herr Falk müsse viel trinken; dort in Paris könne er wahrscheinlich einen solchen Wein gar nicht bekommen. Übrigens sei es ganz wunderbar, mit einem so intelligenten Zechgenossen zu trinken. Man verlor sich alsbald in ein tiefes Gespräch über Spargelzucht. – Herr Kauer müsse es entschieden mit der neuen Methode versuchen, nämlich für jede Spargelwurzel ungefähr einen Meter Erde zu lassen, dann rings herum umzugraben ... Die Tür öffnete sich und Marit trat ein. Sie war blaß, sah frisch gewaschen und sehr verlegen aus. Falk sprang auf und reichte ihr beide Hände. – Nein, ist das wunderbar, daß ich sie sehe. Herrgott wie lange ist das schon her! – Wir hatten Sie nicht mehr erwartet... sie drehte sich plötzlich um und fing an etwas auf dem Fensterbrett zu suchen. Falk sprach weiter von den Spargeln, war aber unruhig. Kauer war sehr bei der Sache und beteuerte fortwährend seine Freude. Er habe nicht viel Glück gehabt, es sei eine Mißernte gewesen. Seine Frau kränkle seit einem Jahre, nun sei sie im Bade, wo sie den ganzen Sommer zubringen solle. Jetzt müsse er sich in der Wirtschaft mit Marit behelfen, so gut es gehe. Ja, und Falk müsse ihm nicht übel nehmen, wenn er jetzt auf ein Stündchen verschwinde, er müsse noch einige Anordnungen treffen. Falk blieb mit Marit allein. Sie sah durch das Fenster hinaus; er tat einen kräftigen Zug aus dem Glase. Dann erhob er sich. Sie zitterte und wurde abwechselnd rot und blaß. – Nun, Fräulein, wie ist es Ihnen ergangen? Falk lächelte freundlich. – Sehr gut; sehr gut ... Sie schlug die Augen zu Boden, dann sah sie ihn fremd an. – Es ist doch merkwürdig, daß Sie noch gekommen sind; was hat Sie eigentlich dazu bewogen? – Ja, Herrgott, wissen Sie, wenn man viel gebummelt hat und sehr nervös geworden ist, ja, dann bekommt man so ein eigentümliches Schwächegefühl; man wird so weich, und dann muß man zu der Mutter, ganz wie ein Kind zu der Mutter. Es wurde still. Falk ging sinnend umher. – Ja, ich liebe meine Mutter. Aber ich konnte nicht kommen. Es waren sehr wichtige Dinge, die mich zurückhielten; sehr eigentümliche Verhältnisse. Er richtete fest seine Augen auf sie, als ob er sie sondieren wollte. Sie wurde plötzlich steif und abweisend. – Ja, richtig, ich habe viel davon erzählen gehört; nämlich von den sonderbaren, eigentümlichen Verhältnissen. Sie sprach mit ironischer Betonung. Falk sah sie verwundert an; er schien übrigens darauf gefaßt zu sein. – Gott, na ja: man erzählte sich sehr viele dumme Dinge, das sei selbstverständlich. Es sei ihm furchtbar gleichgültig, was man von ihm sage. Wieder wurde es still. Falk schenkte sich ein neues Glas ein und leerte es. Sie sah ihn hart an. Sein Gesicht war blaß und eingefallen, und in den Augen hatte er einen fiebrigen, eigentümlichen Glanz. Er muß viel gelitten haben! Ihr Mitleid regte sich. – O, Sie müssen es mir verzeihen. Nein, das wollte ich nicht: Ihnen gleich die unangenehmen Geschichten entgegenbringen, die über Sie verbreitet werden. Auch habe ich kein Recht dazu. Selbstverständlich muß mir das ja gleichgültig sein. – Ja, ja ... Falk schien müde zu sein. – Es sei doch eigentümlich ... Hm, er sei zwei Tage gefahren, die ganze Nacht habe er kein Auge zugemacht, aber er habe keine Ruhe gehabt: er mußte zu ihr gehen, mußte sie sehen ... Der Frühlingstag war zu Ende. Es fing an zu dämmern. Sie standen beide am Fenster. Sie sahen auf den Fluß und jenseits die bewaldeten Höhen hinan. Von dem Flusse stiegen Nebel auf und breiteten sich über die Anhöhen und krochen in den Wald hinein, und es sah aus, als wäre der Fluß aus den Ufern getreten und wollte nun mit seiner Flut die ganze Welt überströmen. Nach und nach verschwanden die Anhöhen und der Wald, und die weite, glänzende Nebelfläche floß mit dem Himmelshorizont zusammen. Von Herrn Kauer kam die Nachricht, daß das Stündchen noch ein Stündchen dauern würde und daß Falk um jeden Preis so lange bleiben müsse. Sie blieben allein. Falk trank unaufhörlich. Nur hin und wieder sprach er irgend ein gleichgültiges Wort. – Sie dürfe ihm nicht übel nehmen, daß er so viel trinke; es sei für ihn jetzt wirklich notwendig. Er sei sehr heruntergekommen; ein Delirium indessen sei noch nicht zu befürchten. Übrigens sei das alles furchtbar gleichgültig. Oh, sie dürfe nicht glauben, daß er sentimental geworden sei; nein. Aber man könne doch ganz objektiv konstatieren, ganz einfach, als eine feststehende Tatsache konstatieren, daß man nicht glücklich sei. Sie solle es nicht auf ihn beziehen; oder – vielleicht doch. Aber all das sei so dumm und so gleichgültig; sie brauche kein Gewicht darauf zu legen. Marit trat plötzlich an ihn heran. – Wissen Sie, Herr Falk, spielen wir keine Komödie! Nein, ganz offen wollen wir sprechen. Als Sie hier vor einem Jahre waren, ja erinnern Sie sich noch: damals, als wir uns kennen lernten? Damals haben Sie mir gesagt, daß Sie mich lieben. Sie haben es mir auch geschrieben. Ich habe alle Ihre Briefe; sie sind mein großer Schatz. Nun, Sie wissen, wie ich zu Ihnen bin; ja. Sie wissen es ganz genau. Sie müssen gut sein. Ich habe Ihnen vertraut. Ich habe mich dem Gefühl der Liebe zu Ihnen ganz hingegeben. Ich wollte diese Liebe anfangs unterdrücken. Ich wußte, daß sie ziellos sei. Sie haben mir so oft gesagt, daß Sie selbst nur um der Liebe willen lieben. Sie haben mir ganz offen gesagt, daß Sie mir nichts versprechen können, daß unsere Liebe keine Zukunft habe. Ich wollte auch keine Versprechungen. Ich habe nichts von Ihnen erwartet. Ich liebte Sie, weil ich sie lieben mußte – Marit verwirrte sich immer mehr. Sie wollte ihm so viel sagen, aber nun preßte sich alles zusammen, staute sich und drängte sich vorwärts, ungeregelt, zusammenhanglos. – Ja, Herr Gott, nein! Nicht das wollte ich Ihnen sagen. Ich will nur, daß Sie offen zu mir sprechen, daß Sie mir die ganze Wahrheit sagen. Ich habe mich so unaussprechlich gequält, ich habe so viel gelitten ... Falk sah sie verwundert an. Was sie denn eigentlich wissen wolle? – O Sie wissen doch schon; es wird jetzt so viel in der ganzen Gegend von Ihnen gesprochen, und alle diese Reden müssen einen Grund haben. Ja: sagen Sie mir: ist das alles wahr? das – das mit der Französin – und – nein – das ist doch unmöglich ... – Was denn? – Ich meine ... das Kind. – Kind? Hm ... Falk ging mit großen Schritten auf und ab. Es trat ein quälendes Schweigen ein. Vom Hof her hörte man die Stimme eines Knechtes. Plötzlich blieb Falk vor ihr stehen. – Nun, ich will Ihnen die ganze brutale Wahrheit sagen; alles, alles will ich Ihnen sagen; ganz offen. Ja, ich werde ganz offen sein, selbst auf die Gefahr hin, daß Sie mich nicht hören wollen und mir die Tür weisen. Freilich habe ich ein Kind; das Kind lebte schon, bevor ich Sie kennen lernte. Ja, das Kind ist eine herrliche Sache; es hat mich gerettet, dieses Kind. Es war wie ein festes Rückenmark, das mich wieder synthetisiert hat. Ich ging ganz auseinander, ich verlumpte schon. Ich war schlimmer wie der Schlimmste. Nein, Sie müssen mich ruhig anhören. Ich war ein Mann, ein Männchen, und als solches hatte ich das Recht Kinder zu zeugen ... Nun, wenn Sie Ihre dumme Prüderie nicht ablegen können, müssen Sie keine Geständnisse provozieren. Marit hatte Tränen in den Augen. – Verzeihen Sie, mein Fräulein, aber ich bin sehr nervös. Die Tränen flossen ihr herab. – Gute, teure Marit! Sei gut, Marit! Höre mich an, wie nur eine kluge Schwester anhören kann. Wenn Du auch nicht die Hälfte verstehst, höre mich an ... Herrgott, wolle sie denn weiter Blindekuh spielen und im Finstern tappen? Das könne er nicht dulden, dazu sei sie ihm zu fein und intelligent. Freilich hab ich einen Sohn, und liebe ihn. Seine Mutter, nein, die liebe ich nicht. Ich war, als sie mir damals in den Weg lief, in vollständiger Zerrüttung; sie war gut zu mir, wir lebten zusammen, und so haben wir einen Sohn gezeugt. – Mein Gott, mein Gott, wie ist das möglich? – Ja, es ist vieles möglich. Falk sprach mit müder Stimme und trank wieder. Er ging ein paar mal auf und ab, dann nahm er ihre Hand ... – Marit! jetzt werde ich es Dir ganz offen sagen. Marit: Du darfst mich nicht lieben. Ich war ein Elender. Ja, ich habe Deine Liebe verlangt, ich bat und flehte Dich um Deine Liebe, aber damals glaubte ich, daß ich Dich glücklich machen könnte. Ich glaubte daran, ich wollte Dich zu meiner Frau machen, und Du hättest meinen Sohn geliebt. Aber das Weib hängte sich wie eine Klette an mich an. Hundertmal versuchte ich sie abzuschütteln, aber ich konnte nicht, und werds wohl auch nicht können. Falk schien sehr erregt zu sein; Marit wollte ihn unterbrechen. – Nein, nein, sie solle ihn ausreden lassen. Ja, er habe dran geglaubt, daß er sie glücklich machen werde. Deshalb, nur deshalb habe er ihre Liebe großgenährt; sie dürfe nicht glauben, daß er ein Schurke sei. Aber jetzt, jetzt sei alles vorbei. Jetzt dürfe er diese Liebe nicht mehr verlangen; nein, es sei unmöglich. Nicht eine Unze Glück könne er ihr geben; das sei völlig ausgeschlossen. Nur das Eine: eine Freundin, eine Schwester solle sie ihm werden. Marit saß wie ohnmächtig. Falk kniete vor sie hin und griff nach ihren Händen. – Du, sei gut, sei meine Freundin. Geliebte kannst Du mir nicht sein. Nein, auch Freundin nicht – nein; ich gehe, ich gehe jetzt. Antworte mir; Du darfst mich nicht mehr sehen, nicht mehr. Also Du: leb wohl, ich gehe. Falk erhob sich taumelnd. Aber in dem Augenblick sprang Marit wie verzweifelt auf. – Nein, bleiben Sie! bleiben Sie! Tun Sie, was Sie wollen; aber ich muß Sie sehen; ich werde sonst krank. O Gott, Gott, ist das furchtbar! Falk fiel plötzlich über sie her. – Nein, um Himmelswillen, nein! Sie stieß ihn weg und lief aus dem Zimmer. Falk setzte sich an den Tisch, trank die Flasche leer und starrte vor sich hin. Die Dunkelheit tat ihm wohl. Auf einmal fuhr er auf. – Das ist doch merkwürdig, wie man vor einer Lampe erschrecken kann. Ich bin doch sehr nervös. Marit lächelte müde; sie stellte die Lampe auf den Tisch. – Papa muß sofort kommen; Sie bleiben doch zum Abendbrot? – Ja, das will ich tun. Ich bin ein guter Mensch. Ich bin ein Gentleman. Ich darf Sie nicht Papas Vermutungen exponieren. II. Am andern Tage kam Falk wieder nach Elbsfeld. Er war freundlich, tat, als ob er sehr froh wäre, konnte jedoch nur ungenügend eine nervöse Gereiztheit verhehlen. – Nicht wahr? Es ist doch nichts vorgefallen? Sie haben alles vergessen, ganz gewiß vergessen. Ich erinnere mich an gar nichts. Marit schlug die Augen zu Boden. – Ja, es gehe ihm zu Zeiten so, daß er auf ganze Stunden das Bewußtsein, nein nur das Erinnerungsvermögen verliere, ohne eigentlich betrunken zu sein. Freilich habe er gestern viel getrunken; aber er habe doch nicht den Anschein der Betrunkenheit erweckt? Oder doch? – Nun, dann habe er sich nur so angestellt, um alles ungestraft sagen zu können. Das tue er nämlich oft. Falk sprach übertrieben viel und schnell; er war sehr lustig. Marit sah ihn erstaunt an. – Was ihm denn eigentlich so frohes passiert sei? – O, er habe sehr gute Nachrichten aus dem Ausland bekommen; sein Buch sei ins französische übersetzt und ungemein günstig aufgenommen worden. Und er freue sich aufrichtig darüber. Er bewundere durchaus nicht die Franzosen, aber Paris sei doch die einzige Kulturstätte in Europa und das oberste Tribunal in Sachen des Geschmackes ... Ja, und dann, das können die sich nicht denken, wie das unglaublich komisch war; das muß ich Ihnen erzählen. Marit sah ihn wieder an; ihr Erstaunen wuchs. Was war ihm nur eigentlich? – Wissen Sie, daß Papa mich gestern mit seiner Equipage hat nach Hause fahren lassen? Selbstverständlich wissen Sies. Wir fahren also, und fahren sehr schnell. Auf einmal bleiben die Pferde stehen, sie schlagen aus, bäumen und wiehern wie die Hengste im Märchen, die plötzlich menschliche Stimmen bekommen. Der Kutscher schlägt auf sie los, aber es wird nur noch schlimmer. Nun steigt er vom Bock, ich krieche aus der Kutsche, wir fassen die Pferde am Zaum und versuchen sie vorwärts zu bringen. Es geht nicht; die Pferde werden wild, und der Kutscher konstatiert zum Überfluß, daß sie nicht gehen wollen. Was ist denn um Himmelswillen geschehen? Es war so dunkel, daß man hätte Ohrfeigen austeilen können, ohne gesehen zu werden. Na, ich fasse Mut, tappe mit Händen und Füßen vorsichtig auf dem Wege herum, und – glauben Sie mir, ich habe genug persönlichen Mut, die merkwürdigsten Skandale anzustellen, aber diesmal blieb mir einfach das Herz stehen. Ich stolperte nämlich über einen Sarg und fiel mit den Knien auf einen Kadaver. Marit fuhr zusammen. – Nein, das ist nicht möglich. – Ja, wahrhaftig. In meiner Angst schrei ich nach dem Kutscher, im selben Nu natürlich schäm ich mich meiner menschlichen Unwillkürlichkeit, da bekomme ich aufs Neue einen furchtbaren Ruck: ich höre deutlich ein qualvolles Stöhnen. Ich erinnere mich nicht, jemals einen so tierisch unreflektierten jähen Schreck empfunden zu haben. Aber mein Gott, Sie werden ja ganz blaß. Nein, beruhigen Sie sich; das ist ja das unglaublich Komische an der ganzen Geschichte, daß es kein Kadaver war, sondern ein wirklicher lebendiger Mensch, der betrunken aus der Stadt mit einem Sarge kam. Da er betrunken war und sehr schläfrig, hatte er den Sarg vom Wagen herunter geschleppt, das Pferd laufen lassen und sich in den Sarg hineingelegt, um seinen Rausch in Schönheit auszuschlafen. Marit lachte herzlich. – Das war wirklich komisch. – Gott, wie mich das freut, daß ich Sie zum Lachen gebracht habe. Nein; Sie müssen lachen, den ganzen Tag müssen Sie lachen; ja, wir werden beide ganz wie Kinder sein, und ich werde gut bleiben, wie jetzt. Oder bin ich etwa nicht gut? Ja doch. Schön; so gut bleib ich den ganzen Tag, niemals werd ich mehr so garstig sein wie gestern. Falk lachte ihr zu, dann wurde er ernst; er sah sie tief an. Gott, wie dies Menschenkind herrlich war! – Marit, mein Liebling, ich möchte mich wie ein Teppich unter Ihre Füße legen, ich möchte mich ... Nein, nein; ich werde nicht mehr über diese Dinge reden. Falks Augen wurden feucht. Marit blickte mit unaussprechlicher Liebe in sein Gesicht. – Er solle sich nicht quälen. Nein, das könne sie nicht sehen. Sie werde ganz krank davon. Wolle er, daß sie leide? – Nein, nein, Marit; ich bin ja wieder lustig. Beide schwiegen. – Ob er nicht ein wenig spazieren gehen möchte, am See entlang? – Ja, das wolle er sehr gern.   Es war ein herrlicher Frühlingstag. Vor ein paar Tagen war es plötzlich grün geworden. Die Bäume trieben Blätterkeime, die Saat wuchs zusehends, und die Anhöhen am anderen Seeufer bäumten sich empor in der saftigen Pracht ihres jungen Rasens. Sie gingen und ihre Füße versanken im weichen, feuchten Sand. Falk schwieg; von Zeit zu Zeit sammelte er Steine am Ufer und warf sie flach über den Seespiegel hin. Sein Gesicht wurde ernster und ernster, wie das eines Menschen, der einen tiefen Gram beherbergt. Er ging und sah vor sich hin, dann sammelte er wieder platte Steinchen und warf sie auf das Wasser. Marit sah ihn immer trauriger an. – Nein, er solle sie nicht so quälen. Warum spreche er denn nicht? Sie könne diese furchtbaren Pausen nicht aushalten. – Ja, ja, ja ... Falk schien aufzuwachen. Ja; gleich, sofort! Nun, er werde ihr wunderbare Dinge erzählen ... Er lachte übertrieben lustig. – Also von Paris, nicht wahr? Dort habe er große Menschen getroffen. Ob sie denn überhaupt wisse, was ein großer Mensch sei? Doch? Nun, dann brauche sie wohl keine Erklärungen. Lustig sind die großen Menschen, Fräulein Marit, das können Sie mir glauben; ich habe sehr viele von ihnen getroffen. Namentlich der Eine, o! der war ungemein merkwürdig. Er haßte die Weiber, weil er sie so maßlos liebte. Er war, verzeihen Sie mir den Ausdruck, aber er ist so bezeichnend, er war wie ein toller Hengst. Nein, nein, sie solle solche Worte nicht mehr von ihm hören. Nein, nicht diese Geschichten. Er wisse ja: sie sei eine gute, brave Katholikin, und der Ausdruck stamme wahrhaftig nicht von den heiligen Vätern ab. – Der große Mann also – warten Sie doch ein wenig, ich werde nichts schlimmes sagen; diese Dinge gehören nur zur Psychologie dieses Mannes. Er war nämlich merkwürdig paradoxal. Er wollte alles anders tun, als sonstige Menschen. So sagte er sich: wozu soll ich mit dem Teleskop auf den Mond schauen, das kann ich ja ebenso gut mit dem Mikroskop tun. Nein, haben Sie aber ein wunderbares Kleid an; o, ich liebe es sehr; ja, erinnern Sie sich, ich liebte es schon im vorigen Frühling. Nun, also der große Mann nimmt ein Mikroskop, träufelt darauf einen Tropfen Quecksilber und schaut auf den Mond. Ja, nun das Merkwürdige: Der Mond erscheint ihm selbstverständlich in sonderbarer, verschwommener Gestalt. Aber Herr Gott, sagt sich der große Mann plötzlich: der Fleck da, ist das nicht Europa? und dort, dieses viereckige Ding, das ist ja das leibhaftige Australien. Gott, wie Sie wunderbar lachen! Wissen Sie, Sie bekommen dabei eine so wunderbare, zarte Vertiefung um die Augen ... Nein, Sie haben recht: ich will zu Ende erzählen. Der große Mann zieht also mit der ihm eigentümlichen Genialität aus seinem Befunde folgende Konsequenz: Der Mond hat keine Krater ... Sie wissen doch, daß der Mond Vulkane haben soll? Nun, der große Mann sagt, es sind keine Krater, keine Vulkane: der Mond ist einfach mit einer glatten Kiesschicht überdeckt und unsere Erde spiegelt sich in ihm wieder. Marit lachte wie ein Kind. – Nein, wie lustig Sie nur über die großen Menschen sprechen; haben Sie denn gar keinen Respekt vor großen Menschen? – Das habe er wahrhaftig nicht. Er habe sie alle gesehen, im Frack und im intimsten Negligée, sie seien immer so unendlich lächerlich. Sie nehmen sich so furchtbar ernst und feierlich und stolzieren in der steifen Grandezza einer gotischen Architektur einher. Ich muß dann immer an die lächerlichen Affenmenschen denken, die der Gott des Herrn Professors Nietzsche sich geschaffen hat, um an ihrem Ernste seinen Spaß zu haben. Falk sann nach ... Einmal nur habe er doch einen großen Menschen gesehen: einen, vor dem er sich beuge. – O, das müssen Sie mir absolut erzählen; das ist doch ungemein merkwürdig, daß Ihnen, Herrn Erik Falk, ein Mensch imponiert hat. – Ja, ja, das ist wirklich merkwürdig. Ich habe tatsächlich keinen Größenwahnsinn – noch nicht; aber ich habe noch keinen Menschen getroffen, der sich mit mir messen könnte. Aber der Mann war groß. Ich habe ihn in Kristiania getroffen. Der Mann sah klein aus; er hatte eine ungeheuer stille, befangene, linkische Manier und Augen, große, sonderbare Augen. Sie hatten nicht das obligatorisch Forschende, Spionierende von den Augen sonstiger großer Menschen. Es stak in ihnen etwas von den gebrochenen Flügeln eines Vogels, eines großen königlichen Vogels. Er hatte eine Geige, und wir gingen zusammen zu einem Bekannten. Dort tranken wir Pjolter, sehr viel Pjolter, wie wir, ja, wir guten Europäer überhaupt zu trinken pflegen. Und dann fing er zu spielen an, ganz im Dunkeln; er hatte die große Verschämtheit des überfeinen Empfindens. Niemals habe ich eine so nackte Musik gehört. Es war, als ob ich ein zitterndes Taubenherz vor mir hätte, das warm, aus der Brust herausgeschnitten ist. Es war da in der Musik etwas von einem unerhörten Jammer, der die Lungen zerrt und die Kehle würgt. Marit, süße, gute Marit: und da stiegst Du vor mir auf; aus diesem Jammer der Töne: Du, Du warst dies Taubenherz, dieser eine vibrierende Ton, der nach Glück schrie und in Qual erstarb ... Nein, erlauben Sie, Sie müssen mich jetzt ausreden lassen, ich muß davon sprechen ... – Nein, das wolle sie um keinen Preis; sie könne solche Szenen wie gestern nicht ertragen. Er solle vernünftig sein, er sei so nervös. Falk schwieg, Marit würgte ihre Tränen herunter. So gingen sie eine Weile schweigend. – Sie haben mich gestern um Freundschaft gebeten, also habe ich als Freundin gewisse Rechte. – Ja, das haben Sie, selbstverständlich. – Ob er denn wirklich verheiratet sei? – Nein, das bin ich nicht. Ich habe nur ein Kind, das ich über alle Maßen liebe; und zu ihm will ich nun zurück und will mit ihm leben, irgendwo in Ober-Italien – ja, das ist wirklich mein Plan. Ich liebe das Kind so unendlich; ich wüßte nichts, was ich so liebte. Marit wurde nervös und schwieg. – Das Kind nämlich sei wirklich ganz wunderbar ... Und nun fing Falk an von dem Kinde zu reden mit einer ganz ungewohnten Wärme und Innigkeit, und dabei richtete er seine Augen scharf auf Marit. Marit litt sichtlich. – Übrigens, das wisse sie wohl nicht: er sei in Paris sehr krank gewesen, er habe sich an Nikotin vergiftet, ja, an Nikotin. Er wäre wahrscheinlich zu Grunde gegangen, wenn er nicht eine ganz ausgezeichnete Pflege gehabt hätte. – Wer hat Sie denn gepflegt? – Ja, das ist eine sehr merkwürdige Dame. Sie ist sehr intelligent und spielt ganz wunderbar Klavier. Oh ja, sie hat den Verstand von einem Manne. – Ist das die Mutter von dem Kinde? – O nein, mit der Mutter habe ich nichts zu schaffen. Marit sah erstaunt zu ihm auf. – Aber Sie haben doch gestern gesagt, daß sie die Dame nicht los werden können? Sie sagten, sie habe sich wie eine Klette an Sie gehängt. Falk wurde verwirrt. – Hab ich das wirklich gesagt? – Ja, das haben Sie gesagt; sie sagten sogar, daß wir nur deshalb nicht glücklich werden können. Falk dachte nach. – Dann muß ich wirklich betrunken gewesen sein. Nein, ich verstehe nicht ... Er stellte sich, als sei er maßlos über sich verwundert. Marit mußte ihm haarklein das Gespräch von gestern wiederholen. – Ja, ja; ich war wirklich betrunken. Nein, Sie dürfen nichts, durchaus nichts darauf geben, was ich in solchem Zustand sage; dann pflege ich nämlich zu komponieren. Marit sah ihn mißtrauisch an. – Sie müssen mir glauben; ich pflege nämlich, wenn ich betrunken bin, die merkwürdigsten Geschichten zu erzählen. Nein: die Mutter ist verschwunden. Ich glaube, sie ist jetzt Modell, oder so was ähnliches, und wohnt mit einem Bildhauer zusammen. Marit wurde sehr froh; sie lächelte. – Also war die ganze Geschichte von gestern eine Komödie? – Ja, ja, beeilte sich Falk zu antworten, aber das war eine Komödie, die ich im besten Glauben aufgeführt habe; ich habe nämlich an alles geglaubt, was ich sagte. Marit konnte es noch nicht verstehen, aber sie schwieg. Falk wurde unruhig. – Nein, nein, mit der Mutter habe ich schon lange nichts mehr zu schaffen. Die Dame, die mich gepflegt hat, ist eine ganz andere; sie heißt Fräulein ... Perier. Zwei Wochen hat sie an meinem Bette gesessen, meine furchtbaren Launen mit der Geduld eines Engels ertragen und mir die wunderbarsten Geschichten vorgespielt; Tag und Nacht saß sie bei mir. – Wohnte sie denn bei Ihnen? Falk machte ein erstauntes Gesicht. – Ja, was ist denn dabei? In Europa – er unterstrich das Wort – existiert eine große Freiheit im Verkehr zwischen Frauen und Männern. Da gibt es nicht die blödsinnigen Vorurteile wie hier. Hier kann eine Dame mit einem Menschen offiziell vor aller Welt verlobt sein, und hinter dem Paar müssen doch die Mutter und zwei Tanten herlaufen. Nein, in Europa gibt es keine religiösen noch konventionellen Vorschriften in Sachen der Liebe. Da ist sich ein jeder selbst Vorschrift und Gesetz. Ja, ja, dort ist es so frei, so frei. Herrgott, wie eng, wie unausstehlich eng ist es hier. Hier gibt es Gesetze und Schranken und Polizeimaßregeln; die Menschen sind so eingezwängt – in tausend idiotische: das darfst du und das darfst du nicht! Falk dachte nach. Warum haben Sie sich denn gestern so heftig losgerissen? Darf man eine Schwester oder eine Freundin nicht küssen, was ist denn dabei? – Nein, das könne sie nicht. Sie würde sich selbst verachten müssen. Sie würde ihm nicht mehr frei ins Gesicht sehen können. Und würde er auch nur eine Spur von Achtung vor ihr haben? Falk lachte ganz laut mit offenem Hohn. – Achtung? Achtung?! Nein, wo habe er nur das Wort verloren, was sei das eigentlich? Nein, er kenne überhaupt nicht das Wort noch einen solchen Begriff. Er kenne nur freie Weiber, die sich selbst Gesetz sind, und dann kenne er Weiber, die Sklavinnen sind und ihre Instinkte in idiotische Formeln pressen. Und unter diesen Sklavinnen unterscheide er Weiber mit starken Instinkten, die Macht und Schönheit und Herrlichkeit genug haben, um mit stolzer sieghafter Majestät die blödsinnigen Stricke zu zerreißen, und wiederum Weiber mit schwachen Instinkten – mit einem Worte: das Nutzvieh, das verkauft werden könne wie jede andere Ware, das gehorsam sei wie jedes andere Hausvieh. – Also müsse er das Weib, das ihm ein Kind geboren und nachher zu einem Andern gelaufen sei, sehr hochschätzen? – Das nicht, denn er kenne keine Wertschätzung. Sie sei nur dahin gegangen, wohin sie ihre Instinkte zogen, und das sei gewiß sehr schön. – Nein, das ist häßlich, abscheulich! – Hm, wie Sie wollen. Marit wurde sehr gereizt. – Und das Fräulein – wie heißt sie doch? – Perier. – Ja, dann müßte er doch Fräulein Perier als das höchste Ideal betrachten; warum liebe er sie dann nicht? – Freilich, in der Tat sei Fräulein Perier das intelligenteste Weib, das er getroffen – Marit zuckte auf. – Daß er sie nicht liebe, komme nur daher, weil das Geschlecht, mit dem man nämlich liebe, völlig unabhängig vom Gehirne sei. Bei der Liebe pflege das Gehirn nicht um Rat befragt zu werden. – Das sind also die Weiber, die Ihnen gefallen! Marit weinte fast. Dies Fräulein Perier sei eine schlechte Person! Ja, das wisse sie ganz genau. – Ja, ja, ja; so urteilt man vom Standpunkt der Formel und des Katholizismus. Beide schwiegen. Falk war steif und trocken und gab deutlich zu verstehen, daß jedes Reden umsonst sei. Marit litt. Sie fühlte nur die eine Frage: warum er ihr denn gestern alle diese Geschichten erzählt habe, von dem Weibe, das an ihm wie eine Klette hänge. – Die Mutter ist also von dem Kinde weggelaufen? Falk, seien Sie offen! Ich habe mich die ganze Nacht damit gequält; ich bitte Sie sehr darum. – Warum müsse sie denn das durchaus wissen? – Ja, ich muß, ich muß. Falk sah erstaunt zu ihr auf. – Ja, ich habe Ihnen doch gesagt. Übrigens, wie könnte mich ein anderes Weib pflegen, wenn sie bei mir wäre. Marit beruhigte sich. Er hatte also kein Weib um sich. Sie war ihm fast dankbar. Von Zeit zu Zeit sah sie ihn an; sie hatte etwas in ihrem Blick, etwas von einem Kinde, das abbitten möchte, aber zu stolz dazu ist. Falk sah hartnäckig zu Boden. So kamen sie an die Gartentür. – Ob er nicht zum Abendessen bleiben wollte? Papa werde sich sehr freuen. Papa habe sie gebeten, ihn zurückzuhalten. Er habe so vieles mit ihm zu besprechen. Aber Falk konnte unmöglich bleiben; er war sehr höflich, aber eisig kalt. Dann ging er, nachdem er sich sehr korrekt verbeugt hatte. Marit sah ihm lange nach: Jetzt müsse er sich doch nach ihr umdrehen. Falk ging und sah sich nicht um. Mein Gott, mein Gott, seufzte Marit qualvoll auf; was habe ich ihm denn eigentlich getan? Sie ging in ihr Zimmer hinauf und zündete das Öllämpchen vor dem Bilde Marias an; dann kniete sie nieder und warf sich auf den Boden vor dem mildlächelnden Antlitz der wundertätigen Jungfrau. III. Erik Falk ging nicht in die Stadt. Er bog von der Landstraße ab und ging an dem See entlang. Drüben dämmerte der Wald in ein tiefes Dunkel hinein, und der See lag so klar und weich, ganz erfüllt von den ruhigen Reflexen der Abendröte. Falk blieb stehen. Wie konnte er nur so schnell vergessen, was er gestern gesprochen; die ganze Geschichte wurde nun zu einer lächerlichen Komödie; ja, zu einer dummen, knabenhaften, ungeschickten Komödie. Aber Marit, hm, vertraute ihm ja blind; nein, sie hatte nichts gemerkt, sie glaubte an alles, was er sagte: Nein, sie würde selbstverständlich eine willkürliche Absicht nicht im geringsten vermuten. Falk beruhigte sich wieder. Er legte sich am Ufer hin und schaute gedankenlos auf den See. In seinem Gehirn gärte eine dunkle Masse von Gedanken; nur hin und wieder zuckten einzelne Assoziationen, Bilder, abgerissene Schlagworte in ihm auf. Und wieder fing er an zu gehen, langsam, angestrengt; er wollte sich auf etwas besinnen, er mußte sich aufraffen, an etwas zu denken, ja, sich etwas ganz klar zu machen. Es dunkelte. Von den benachbarten Dörfern schimmerten schon winzige Lichterchen herüber. Ab und zu hörte er ein Wagengeklapper auf der Landstraße, dann horchte er auf das Gezirpe der Heupferdchen und auf das Gequak der Frösche in den Teichen. Ja, was wollte er denn eigentlich? Er war doch kein gewerbsmäßiger Verführer. Er hatte niemals nach dem lächerlichen Ruhm getrachtet, ein Weib zu verführen, nur um sie zu besitzen. Nein, das war es nicht. Seine Gedanken wollten sich nicht weiter bewegen; er setzte sich hin auf den Rasen und schaute hinüber nach dem schwarzen Waldsaum. Etwas dämmerte in seiner Seele, und allmählich stieg ein Bild in ihm auf, das Bild einer Frau, mit ihrer Grazie, dieser verfeinerten Grazie aussterbender Adelsgeschlechter; ihm war, als strecke sie ihm ihre schmale, lange Hand entgegen und sehe ihn so lieb, so gut mit ihren Augen an. Ja, das war seine Frau. Fräulein Perier. Falk lächelte, war aber gleich wieder ernst. Er liebte sie. Sie hatte die große Mannesintelligenz, die alles verstand, die sogar ihn verstanden hatte. Sie hatte die große, feine Schönheit, nach der er so lange, so lange gesucht. So stand sie. Falk vergegenwärtigte sich ihre Bewegung: damals, das erste Mal: das Zimmer im mattroten Halbdunkel – Gott, wie schön sie war! Er hatte damals gleich verstanden, daß er sie lieben mußte, und er liebte sie. Ja, ganz gewiß. Jetzt sehnte er sich nach ihr. Jetzt möchte er in dem großen Lehnstuhl an seinem Schreibtisch sitzen und sie auf seinen Knien halten und ihre Arme seinen Hals umschlingen fühlen. Wie kam es nur, daß er Marit niemals vergessen konnte? In dem tollsten Liebesglück sah er plötzlich das Gesicht seiner Frau in ein fremdes übergehen, in ein kleines, schmales Kindergesicht; er sah es sich allmählich verwandeln, bis er es plötzlich erkannte. Das war Marit. Und dann konnte er unaufhörlich dies Gesichtchen anstarren, und fühlte, wie seine Hände schlaff wurden, wie seine Gedanken sich in die Vergangenheit zurückfanden, in die Zeit, die er mit Marit verbracht, als er grade jetzt vor einem Jahr in die Heimat gekommen war und sie dort zum ersten Male getroffen hatte. Und wieder fühlte er deutlich die Erschlaffung in seinen Gliedern, und wieder fühlte er die seltsame Sehnsucht nach dieser Liebe, die doch nur Schmerzen geben konnte, diese unerhörte Qual, ein Weib zu begehren und es nicht besitzen zu können. Wie glücklich war er mit seiner Frau, bevor er Marit gesehen hatte. Und nun stand sie zwischen ihnen und machte ihn traurig und wütend, weil er sie immer überwinden mußte, immer von neuem in sich töten, wollte er zu seiner Frau gelangen. Warum war er nur wieder hergekommen? Was wollte er von Marit? Warum belog er sie, warum quälte er sie, wozu spielte er die ganze Komödie? Ja, wenn er das begreifen könnte! Er wollte doch etwas. Er mußte doch einen Zweck haben. Irgendwo hinter allem Bewußtsein, hinter aller Logik mußte der verborgene Zweck doch liegen, der für seinen Willen im Unbewußten ausgesteckt war. War es das Geschlecht, das im Verborgenen auf ein neues Opfer lauerte? Nein, das war unmöglich. Nein! es wäre eine unerhörte Schurkerei, ein Kind zu zerstören, diese reine Taubenseele zu beschmutzen. Nein, das würde er niemals. Ja: doppelt, tausendfach unmöglich. In zwei Wochen kehrte er ja zu seiner Frau zurück; er würde sonst ja in die scheußlichsten Konflikte mit seinem Gewissen kommen. Ja, das ekelhafte Gewissen. Da drüben in Paris zu sitzen und fortwährend zu denken: jetzt liegt sie ausgestreckt am Boden und windet sich und fleht Gott um Gnade an. Nein, nicht eine Minute würde er Ruhe haben. Nein, das wäre zu schrecklich: das ganze Leben mit diesem einen Bilde, mit diesem einen Gedanken, mit dieser ewigen Unruhe des quälenden Gewissens. Er stand auf und ging langsam weiter. Es war inzwischen dunkel geworden und über den Wiesen stiegen leuchtende Nebel, wie mächtige Rauchwolken, dampfend und wogend empor. Falk blieb stehen, sah in dieses Meer, das alles überflutete, und sann nach über etwas, worauf er sich nicht besinnen konnte; er fühlte sich in seinem Kopfe wie gelähmt. Über die eine Frage, was er denn eigentlich wolle, konnte er gar nicht hinüberkommen. Marit sah er plötzlich vor sich. Ja, sie sah herrlich aus, wie sie da auf dem Steine saß mit dem wunderbaren roten Widerschein von der Krempe ihres großen Sommerhutes. So schlank, so fein ... In seiner Seele begann ein heißes Beben: er hörte das leise Stammeln des Geschlechtes. Nein: das Gewissen! mein Gott – Falk mußte lächeln: Der große Übermensch, der starke, mächtige, ohne Gewissen! Nein, der Herr Professor hatte die Kultur vergessen, die tausend Jahrhunderte, die sich abgemüht es zu erzeugen. Mit dem Verstande freilich ließ sich alles wegbeweisen; mit dem Verstande sollte man ja auch, logisch genommen, alles überwinden können, selbst ein Gewissen. Aber man konnte es dennoch nicht. Was nützte ihm all sein Verstand; hinter jeder Logik lauerte doch immer wieder das furchtbar Unlogische, das doch endlich siegte. Und wieder dachte Falk an Marit und seine Liebe zu ihr. Ja, ihn interessierte das am Ende nur: dieser sein Fall. Dieser Fall von Doppelliebe war wirklich äußerst interessant. Das war ihm klar: er liebte beide. Ja, ganz zweifellos. Er schrieb doch die wütendsten Liebesbriefe an seine Frau und belog sie nicht, und zwei Stunden später sagte er Marit, daß er sie liebe, und belog, weiß Gott, auch sie nicht. Jetzt fing Falk zu lachen an. Aber hinter dem Lachen fühlte er einen beißenden Schmerz, eine merkwürdig giftige Wut. Freilich hatte er das Recht, Marit zu lieben; warum nicht, wer hatte es ihm verboten? Wer hatte ihm, ihm etwas zu verbieten? Sollten Moralgesetze, die von rohen Menschen, von dummen, unpsychologischen Gesichtspunkten aus gemacht waren, bindender sein als die Macht seines Empfindens? Warum sollte er sie nicht verführen, wenn er sie begehrte? Warum sollte er sie nicht besitzen, wenn er sie liebte und sie ihn? Ja, sie liebte ihn doch. Was also verbot ihm seinen Willen? Moral? Heiliger Himmel, was ist Moral? Er kannte keine Moral, außer der seines Empfindens; und in diesem seinem Empfinden war kein einziges Gesetz enthalten, das den Willen anderer Menschen hätte bestimmen wollen. Er fuhr auf. Von einem nahen Hofe her bellte ein Hund, und bellte immer lauter, immer heftiger. Dumme idiotische Bestie! Falk bog in einen Wiesenpfad, der an dem Kirchhof vorüberführte. Auf dem Kirchhof rauschten die Blätter der Silberpappeln mit ihrem unheimlichen Ernste. Aus dem Dunkel hoben sich die weißen marmornen Grabplatten wie Gespenster ab. Es war so furchtbar ernst, dies unheimliche Rascheln der Bäume. Es war da ein Ton, der ihn an das Klappern von Totengerippen erinnerte. Ihm wurde sehr unangenehm zu Mute. Lächerlich, daß diese idiotischen Fabeln, die das Volk um das Leben der Toten spinnt, auf sein Gehirn noch wirken konnten. Ja – nun, er war so nervös. Seine Gedanken verwirrten sich immer mehr. Nein, er war zu müde. Er konnte keinen einzigen Gedanken logisch zu Ende führen; wozu auch? Ja, wozu denn diese blödsinnige Logik? Das, was in seiner Seele tätig war, das hinter allem Bewußtsein lag und das er nicht kannte, das hatte ja doch eine eigene Logik, die so grundverschieden war von dieser dummen Bewußtseinslogik und sie über den Haufen warf. Vor ihm tauchten jetzt die weißen Mauern des Klosters auf; er blieb stehen und starrte sie an. Es war da drin doch eine sonderbare Poesie; er dachte an die grausigen Geschichten, die man ihm als Kind über die Zisterzienser, denen das Kloster vor Zeiten gehörte, so oft erzählt hatte. Ja, vorm Jahr kam sie auch aus einem Kloster; da war sie erzogen worden. Erzogen! Ha, ha, ha ... Falk wurde wütend. Die Klosterweiber haben sie zerstört! ja: Zerstört! Jetzt geht sie herum in den eisernen Wickelbanden! Jetzt hat sich ihre Seele in die Nabelschnur des Katholizismus verwickelt und erwürgt sich drin, das arme, mißgeborene Kind. Warum hat sie nicht den Willen: sieh hier, ich liebe Dich! nimm mich! Ja, ja, ja; wieder die blödsinnige Logik des Verstandes. Und doch: er werde stärker sein als alle ihre Religion. Er werde schon dies giftige Kraut der Christenmoral aus ihrer Phantasie ausjäten. Er werde sie zwingen; sie müsse ihm gehorchen. Er werde sie frei machen, ja frei; und sich auch. War er nicht ein Sklave? Ja, ein dummer Sklave seines Weibes, seines Gewissens, dummer alter Vorurteile, die jetzt wie Regenwürmer im Frühling aus ihren Löchern krochen und ihn peinigten ... O, sie werde schon sehen, wer mächtiger sei: Er oder der gekreuzigte Rabbi! Falk fühlte eine ungeheure Energie in seinem Gehirn anschwellen. Er beschleunigte seine Schritte. Schließlich lief er fast. In Schweiß gebadet kam er nach Hause. Seine Mutter erwartete ihn noch. – Aber gute, liebe, teure Mutter, warum bist du denn noch auf? – Ja, sie habe immer solche Angst, wenn er die Lampe auslösche. Es passiere so viel Unglück damit. Sie wolle es lieber allein tun. – Aber du kannst doch unmöglich eigens jeden Abend nach Paris kommen, um mir die Lampen auszublasen. – Nein, das wolle sie auch nicht. Schließlich habe er auch recht; aber die Mutter ... – Ja, ja ... die Mutter; das ist schön, eine Mutter zu haben. Falk küßte ihr beide Hände. – Übrigens, Mama, hast du etwas Cognac? – Ja, den habe sie schon. Aber wozu wolle er so viel trinken. Es sei doch schrecklich, sich daran zu gewöhnen. Ob er sich denn nicht an die Schäferfrau erinnere, die Delirium bekam. Falk lachte. – Nein, er wolle sich nicht gewöhnen; er habe nur etwas Fieber und möchte die Temperatur ein wenig herabsetzen. Die Mutter holte Cognac. Falk dachte inzwischen nach. Plötzlich erhob er sich; ein Entschluß zuckte durch sein Gehirn. – Ja, Mama; ich will dir etwas erzählen. Ich hab es dir so lange verheimlicht, aber schließlich fing es an mich zu quälen. Du mußt mir nur versprechen, mich ruhig anzuhören und nicht zu weinen. Falk trank ein Glas Cognac. Seine Mutter sah ihn ängstlich verwundert an. – Ja, das verspreche sie ihm. – Also, Mama; ich bin verheiratet. Die alte Frau saß einen Moment ganz starr; in ihren großen, klugen Augen blitzte ein Schreck auf. – Du, Erik, solchen Unsinn darfst du mit mir nicht treiben. – Das sei aber so sicher, wie er hier sitze. Er habe sich verheiratet, weil er das Mädchen, nein, es sei eine Dame aus vornehmer Familie – geliebt habe, und so seien sie aufs Standesamt gegangen und hätten einen Ehekontrakt gemacht. – Ohne Kirche?! – Ja freilich; wozu brauchten sie Kirche? Seine Ansichten kenne ja Mama, er habe sie niemals verborgen; übrigens sei seine Frau Lutheranerin. – Lutheranerin! Die alte Frau schlug die Hände zusammen und in ihre Augen traten große Tränen. Aber Falk nahm die Hände der alten Frau und küßte sie und sprach von seinem Glück und von der Schönheit und der Güte seiner Frau. Er sprach schnell, abgerissen; schließlich wußte er selbst nicht, was er sprach, aber die alte Frau wurde allmählich beruhigt. – Warum er ihr das nicht schon früher gesagt? – Wozu denn? Die Ehe habe für ihn keine religiöse Bedeutung; sie habe nur die Bedeutung eines geschäftlichen Vertrages, um die ökonomische Stellung der Frau zu sichern, und dann, ja, um die Polizei zufriedenzustellen. – Ob er denn mit seiner – das Wort wollte der Mutter nicht über die Lippen – seiner sogenannten Frau zusammenwohne? – Sogenannten?! Falk wurde sehr gereizt ... Freilich. Die Mutter müsse sich gewöhnen, staatliche Institutionen ebenso wie die kirchlichen zu respektieren. Übrigens bitte er sie innig darum, niemandem, absolut niemandem etwas davon zu erzählen; das möge er durchaus nicht. Er wolle keine Einmischung in seine Privat-Angelegenheiten; das würde er der Mama sehr übel nehmen. – Ja, das verspreche sie ihm bestimmt; schon in ihrem eigenen Interesse werde sie es nicht. Was würden die Menschen dazu sagen! Sie würde sich nicht auf der Straße blicken lassen dürfen ... eine Lutheranerin! – Ja, ja die Menschen! Nun aber muß sich Mama ins Bett legen; ich werde mit der Lampe so vorsichtig sein wie ein Hypochonder. Gute Nacht, Mama. – Gute Nacht, mein Kind. Jetzt fing Falk von neuem an zu überlegen. Er setzte sich. Sein Gehirn arbeitete mit ungewöhnlicher Lebendigkeit. Was trieb ihn eigentlich mit dieser furchtbaren Macht zu Marit? War es nur geschlechtliches Verlangen? Aber dann gab es tausend schönere Weiber. Er selbst hatte ja viel schönere Weiber gesehen; viele, die weit stärker seine sexuelle Sphäre hätten erregen müssen, als dies reine geschlechtstaube Kind. Ja, geschlechtstaub; das war der richtige Ausdruck. War es denn wirklich Liebe? eine Liebe, wie er sie zu seiner Frau empfand? wie er sie durch seine Frau erst kennen gelernt? Das war doch unmöglich. Falk erhob sich und ging im Zimmer auf und ab. Das mußte er sich doch endlich mal klar machen. Er bemühte sich, ganz, ganz reinlich zu denken. Mein Gott; er hatte schon so oft denselben Gedankengang durchdacht. Immer von neuem, immer mit neuen Argumenten, mit neuen psychologischen Subtilitäten. Ja, also! Erstens ... Er lachte herzlich auf. Er mußte an einen Schulkameraden denken, der immer, wonach man ihn auch fragen mochte, mit Erstens anfing, aber niemals über das Erstens hinauskommen konnte. Nein, Blödsinn! Ja, ja, damals, das erste Mal, als er Marit sah. Wie merkwürdig war doch diese Halluzination von Rosenduft und etwas ungeheuer Mystischem. Mit einer rasenden Schnelligkeit wickelte sich damals eine Erinnerung in seinem Gehirne ab, an die er früher niemals gedacht hatte. Er sah ein Zimmer, einen Sarg in der Mitte, Kerzen, große, gelbe Kerzen rings um den Sarg, und das ganze Zimmer ganz voll weißer Rosen, die einen betäubenden Geruch ausströmten. Dann sah er, wie sich ein Totenzug nach der Kirche bewegte, an einem schönen Sommer-Abend. Alle Leute trugen Kerzen, die unruhig hin und herflackerten ... Ja, das sah er: die Kerze seines Nachbarn wurde vom Winde ausgelöscht. Nun wurde der Sarg auf einem großen, schwarzen Katafalke aufgebahrt, acht Priester in weißen Gewändern, schwarzen Ornaten und schwarzen Dalmatiken standen herum, und überall hin verfolgte ihn der starke, mystische Rosenduft. Er hörte damals Marit sprechen, sie ging und kam, aber die Halluzination wurde er nicht los. Schließlich entdeckte er es: Weiße Rosen hatte Marit in ihrem Haar. Falk grübelte nach. Seine Gedanken kreisten um dieses eine Erlebnis herum. Waren es die weißen Rosen? War es die Erinnerung, die durch die Rosen hervorgerufen wurde? Weshalb hatte Marit gleich von Anfang an diesen starken Eindruck auf ihn gemacht? Wie war das geschlechtliche Empfinden mit dieser Erinnerung verflochten? Was hatte eins mit dem andern zu tun? Das Zweite begriff er schon viel besser. Da war von Anfang an ein geschlechtlicher Eindruck vorhanden, irgendwo in der Tiefe des schlummernden Unterbewußtseins, und wurde nun durch Marits Erscheinung aufgerüttelt. Ja, ja, ganz zufällig; oder auch nicht ... Nicht zufällig? Also waren zwischen dem ersten bewußten Eindruck und dem zweiten schon tausend verbindende Zwischeneindrücke, die ihm nicht bewußt geworden? Hm, hm; Aber das ist ja gleichgültig, es handelt sich doch nur um Bewußtes. Ihre Hände waren sich begegnet: er hatte den Eindruck von etwas Nacktem, das Gefühl eines ganz nackten Mädchenkörpers, der sich an seine Brust anpreßte: ein Gefühl, das über seinen ganzen Körper mit leisem, prickelndem Behagen strömte. Er konnte ganz genau konstatieren, woher es kam: Er war kaum zwölf Jahre alt und badete mit einem Mädchen zusammen. Das taten nämlich alle Kinder hier in seiner Heimat. Das verehrte Publikum, dem er das vielleicht einmal erzählen sollte, durfte durchaus nicht glauben, daß darin was unanständiges läge. Nein, durchaus nicht; man braucht doch nicht gleich immer überall Unanständigkeiten wittern. Falk wurde ganz wütend. Wie sagt doch Hamlet? Den Aussätzigen juckt es ... Wer ist nun der Aussätzige? Ich oder das Publikum? Selbstverständlich ihr – quos ego: Nun lachte er herzlich: Warum war er eigentlich so wütend geworden? Na ja ... Das Mädchen fiel also in das Loch. Unwillkürlich dachte er an die vielen Löcher und Wirbel in dem heimatlichen See. Seine Gedanken wurden immer flattriger. Er merkte es plötzlich und bemühte sich, sie auf einen Punkt zu sammeln. Er griff nach dem Mädchen und trug es eng angepreßt aus dem Wasser heraus. Wieder fühlte er das heiße Beben in sich: damals war sein Geschlecht geboren. Falk dachte mit seltsamer Zärtlichkeit an das Mädchen, das in ihm den Mann gezeugt hatte. Merkwürdig! Ja, ja. Aber wie kam es nur, daß er bei Marit –ja, wirklich, bei Marit – zum ersten Mal nach vielen, vielen Jahren diese Empfindung bekam? Warum nicht bei anderen Frauen? Warum nicht bei seiner eigenen? Das begriff er nicht; da war wohl auch nichts zu begreifen. Ja, richtig, das war sehr interessant: Sie sprachen viel mit einander, sie kam grade aus dem Kloster und sprach viel über Religion und Askese. Ja, von Askese und von den Instrumenten zum flagellieren, die auf dem Markt gekauft werden können. Mit welcher Andacht hatte er auf ihre Stimme gehorcht und mußte dabei immerfort an einen wunderbar weichen, unerklärlichen Orgelton in der heimatlichen Kirche denken. Der Ton wurde erzeugt, wenn der Organist zwei Register zog; er hatte sie oft gezogen, er liebte sie. Wie hießen sie doch nur? Falk konnte sich nicht besinnen, so viel er auch nachdachte. Es wurde ihm sehr weich ums Herz. Er hörte deutlich diesen einen kombinierten Ton, der ihm schließlich ganz zu etwas Fließendem wurde. Ja: zu einer seidig fließenden Masse. Er hatte deutlich die Empfindung von seidenweichen Haaren, in denen er mit beiden Händen wühlte. Er sah Marit vor sich. Nein, nein! Er mußte zu Ende denken. Das war der Fall, der wichtige interessante Fall. Also aus drei dummen Eindrücken, die er auch von tausend anderen Weibern hätte empfangen können, war seine Liebe geboren?! Das konnte er nicht verstehen. Unmöglich. Der Grund mußte doch wohl tiefer liegen. Marit mußte doch etwas an sich haben, das in das Innerste in ihm gegriffen hatte, in ein Etwas, worin das ganze Rätsel und Geheimnis seiner Natur lag. Plötzlich wußte er es. Ganz gewiß. Das war seine Heimat ... Ja ganz sicher. Marit hatte etwas von seiner Heimat; etwas Weites in der Stirnform. Ja, es war in diesen Formen etwas von dem herben Flachland, das er so unendlich liebte. Diese lächerliche Heimat, die ein Idiot mit ein paar Strichen zeichnen könnte! Warum goß sich grade in diese Formen sein feinstes, reinstes Empfinden? Warum liebte er sie so, diese Stirne mit den blonden, reichen Haaren, die so einfach, so uneuropäisch einfach gescheitelt lagen? Was ging in ihm vor? Wars denn wirklich Liebe? Nein, Unsinn! Er liebte nur eine Frau: seine Frau, sein herrliches, sein wunderbares Weib, das ein Stück von ihm geworden: Seele von seiner Seele, Geist von seinem Geist. War es also nur das Geschlecht? Ja, mein Gott, dann hätte das idiotische Geschlecht sich doch auf tausend andre Weiber richten können; es gab von dieser Ware ja hunderttausendfach allein in Paris. Hm ... Aber er war ein differenzierter Mensch. Er war die feinste Crême der europäischen Gesellschaft. Ja, er, Herr Erik Falk, die blonde Bestie. Sein Geschlecht war zart und spröde; er war zu sehr mit seinem Gehirn verwachsen, es brauchte Seele, und aus der Seele mußte es geboren werden. Ja, und? Ja, das heißt, daß ich Marit begehre, daß ich sie haben will, daß ich sie haben muß: denn so ist Mein Wille. Falk fieberte; er fühlte eine wahnsinnige Sehnsucht nach Marit. Jetzt lag sie da in ihrem Bette: Die Hände über der Decke keusch gefaltet, vielleicht das Messingkreuz, das er so oft bei ihr gesehen hatte, in den Händen. Eine Heilige zu besitzen! – Das wäre eine merkwürdige Sache. Freilich werde er es tun; er müsse es tun. Diese unerhörte Sehnsucht fresse an ihm wie ein Geschwür; sie zerstöre ihm seine Ruhe, mache ihn so nervös und so zerrissen, daß er nicht einmal arbeiten könne. Das müsse er tun, und er habe ein volles Recht dazu. Also bitte meine Herren: nicht wahr? Recht oder Unrecht existieren nicht. Es sind nur leere Begriffe, die das Verhalten von Müller und Schulze zu einander regulieren. Nun, das Weitere kann man sich bei Nietzsche oder Stirner nachlesen. Aber wenn wir von Recht sprechen wollen, und das müssen wir übrigens, um das dumme Gewissen zu beruhigen, das alte Erbstück, das so schlecht zu der modernen Einrichtung passen will, so spreche ich: Ich bin jedenfalls ein Mensch, der weit höhere und größere Bedeutung im Leben hat, als ein Kind. Das spreche ich für die, die an Bedeutung und den Ernst des Lebens glauben. Ich bin ein Mensch, der weit raffinierter, weit mächtiger das Leben genießen kann als ein Mädchen, das später doch nur Kinder zeugen und Geflügel züchten wird. Das spreche ich, meine Herrn, für die Philosophen. Ich bin ein Mensch, der durch das Mädchen direkt zerrüttet wird – das für die Ärzte – und infolge dessen sich in einer Art Notwehr befindet – dies für die Juristen. Folglich habe ich Recht! Dann kommt Herr X. und wird sagen: Sie sind ein unmoralischer Mensch. Ich werde ihm darauf antworten, ganz liebenswürdig, mit der einnehmendsten Miene: Wieso Herr X.? – Weil Sie ein Mädchen verführt haben. – Nur das? Nichts weiter? Nun dann hören Sie: Ich habe sie nicht verführt, sondern sie hat sich mir gegeben. Kennen Sie die Stelle im Napoleonischen Kodex, wo über die natürlichen Kinder gesprochen wird? Die kennen Sie nicht? Dann sind Sie ein ungebildeter Mensch, und Napoleon war mindestens so groß wie Moses. Dann aber hören Sie weiter: der heiligste Zweck der Natur ist Leben zu zeugen, und dazu ist geschlechtlicher Umgang nötig. Also: ich wollte diesen Zweck erfüllen, und demnach habe ich im Sinne der Natur durchaus, ja, höchst moralisch gehandelt. Nun kommt Herr Y. Aber – mais heißt das auf französisch, werde ich ihn anbrüllen – gehen Sie doch zum Teufel, verstehen Sie? Ich bin Ich und damit Basta! Falk wurde gereizter und gereizter. Eine wilde Wut staute sich in seinem Gehirne und verwirrte seine Gedanken. Draußen fing das Morgengrauen an; die Welt floß in dem blauen Morgenrotwunder und die Vögel begannen zu zwitschern. Falk trank Cognac, rauchte eine Zigarette an und wurde ruhiger. Marit, das gute, liebe Kind! Und die Augen, die ihn abwechselnd erschreckt, ängstlich und wieder mit dieser innigen Liebe und Bitte ansahen ... Marit! Nein, ist das ein schöner Name. Ja, in Kristiania hatte er Mädchen gesehen, die Marit hießen. Ja, ja, er erinnerte sich, sie hatte ihm davon erzählt: der Vater war in Norwegen gewesen und hatte den Namen für das eben geborene Mädchen mitgebracht. Süße, herrliche Marit! Er fühlte ihre Hand auf seiner Stirne; er hörte ihre Stimme ihn so heiß, so leidenschaftlich lieben: Mein Erik, mein Erik ... Er fühlte sie auf seinem Schoße sitzen, die Arme um seinen Hals geschlungen, ihre knabenhafte Brust an seine Schultern gepreßt. Falk trank und wurde immer sentimentaler. Plötzlich stand er auf, schon wieder gereizt. Ich kenne diese verlogene Bestie von Gehirn; jetzt plötzlich wolle es sein Begehren mit dem Mäntelchen einer sentimentalen Schwärmerei behängen. Das wolle Er durchaus nicht, dafür bedanke er sich. Mille graces, monsieur Cerveau, für Deine Dienste; ich habe sie nicht nötig. Was ich tue, tue ich mit absolutem Bewußtsein. Ich liebe nur einzig allein meine Frau, und wenn ich Marit besitzen will, so betrüge ich meine Frau nicht; im Gegenteil, ich gebe mich ihr wieder, ganz wieder. Der Himmel warf Brände von Licht in das Zimmer herein; das Licht der Lampe schrumpfte allmählich zusammen. Falk sah in den Spiegel. Sein schmales Gesicht hatte in dieser Zwitterbeleuchtung etwas Unheimliches. Seine Augen brannten wie in Fieberglut. Er setzte sich auf das Sofa; er war sehr müde. Lächerlich, wie ihm das dumme Mädchen jetzt plötzlich gleichgültig wurde. Das war wirklich merkwürdig. Nicht die geringste Spur von Verlangen mehr. Ja, ja: morgen wird es schon wieder kommen. Aber es ist doch Wahnsinn, sich länger in dieser Atmosphäre aufzuhalten, sich fortwährend an ihrer Nähe zu reiben. Nein! Falk riß sich auf. Er werde gleich heute oder morgen zu seiner Frau fahren, nach Paris zurück. Er sah sich schon im Bahncoupé. Köln! Herrgott, noch einen Tag Reise! Er fühlte eine heiße Unruhe; es daure ja eine Ewigkeit. Am liebsten möchte er aussteigen und laufen, laufen, so schnell er nur könne, laufen ununterbrochen ... Drei Stunden vor Paris – zwei Stunden – er hielt die Uhr in seiner Hand und verfolgte den Zeiger von Minute zu Minute. Noch eine halbe Stunde; der Atem wurde schwer und heiß, das Herz schlug wie ein Hammer in seiner Brust. Jetzt fährt der Zug langsam in die Bahnhofshalle ein. Seine Augen überfliegen die Menge. Da – da: in dem gelben Mantel – er hat sie erkannt – da steht sie forschend, suchend, erregt. Und jetzt: sie reichen sich die Hände, flüchtig, als hätten sie Furcht vor einem stärkeren Druck. Nun nimmt er ihren Arm und zittert vor Freude, und sie preßt sich an ihn an in stummer Seligkeit. Falk wachte auf. Das müsse er tun; augenblicklich müsse er an sie telegraphieren, daß er sofort komme. Plötzlich befiel ihn eine nervöse Angst; es kam ihm vor, als ob er überhaupt nicht mehr die Kraft zu einer solchen Reise hätte. Er setzte sich hin und ließ die Arme hängen. Nein, er würde ganz gewiß die Kraft nicht haben. Paris kam ihm vor irgendwo in China, zwei Jahre von ihm entfernt; immer weiter rückte es von ihm weg. Merkwürdig, daß er sich auf das Gesicht seiner Frau nicht besinnen konnte – auf das Gesicht ... ja, Herrgott: Fräulein ... Fräulein ... wie hab ich sie doch nur genannt? Er fing an mit den Fingern hin und her zu tappen. Er lief herum; aber er konnte sich nicht besinnen. Eine neue Angst befiel ihn, wie wenn er aufs Schafott gehen müsse. Er hatte doch den Namen schon irgendwo früher gehört, gelesen, oder so etwas; ja, irgendwo im Figaro, in den Verhandlungen der französischen Kammer. Na, endlich! Er atmete tief auf. Fräulein Perier, Perier ... Perier. Er fühlte beinahe Freude; ihm wurde sehr leicht. Dann wurde er wieder unruhig, sehr unzufrieden mit sich. Nein, diese idiotische Komödie! Wenn man lügt, so sollte man sich wenigstens nicht auf Lügen ertappen lassen. Nun hatte er sich verraten: Marit mußte ihn für einen Lügner halten. Vielleicht nicht? Nein, unmöglich. Marit würde sich eher den Kopf abhauen lassen, eh sie ihn für einen Lügner hielt. Unmöglich. Sie glaubt, daß ich betrunken war; daran ist sie von ihrem Papa gewöhnt. Im Zimmer wurde es ganz hell. Nun müsse er sich legen. Er war sehr müde. Und wie sein Kopf brannte! Die Finger ganz heiß. Etwas Kühlendes! Ja, jetzt ihre Hände auf seiner Stirn! Wessen Hände? Er lachte höhnisch über sich selbst. Marits Hände, selbstverständlich Marits Hände hätte er jetzt auf seiner Stirn fühlen mögen. Marits ... Hände ... Draußen hörte er das laute Gezwitscher der Vögel; er riß das Fenster auf. Eine kühle Luftwelle schlug in das Zimmer; das tat ihm wohl. Er sah den dünnen Nebel von den Wiesen schwinden; die Wiese lag ganz grün – nein, violettgrün. Falk freute sich über den Ausdruck. Und oben, ganz oben weiche, lichte, sonnengetränkte Wolken von Nebel. Unten in den Gärten, die an die Wiese stießen, sah er Baum an Baum in weißer Blütenpracht, ein großes, wallendes Meer von Weiß, und auf der Wiese ganze Oasen von gelben Ranunkelblüten. IV. Falk sprang auf. Er war angekleidet auf dem Sofa eingeschlafen. Das durch die Baumschatten des Gartens gedämpfte Tageslicht fraß an dem übernächtigten Gesicht und verlieh ihm den Ausdruck einer großen ruhigen Traurigkeit. Seine Mutter stand vor ihm und wollte ihm ein Kissen unter den Kopf schieben. – Gott, was für einen furchtbaren Traum ich gehabt habe! – Aber, liebes Kind, du ruinierst dich ja vollständig, wenn du ganze Nächte über aufbleibst. – Nein, im Gegenteil, Mama, ich habe sehr gut geschlafen. Ich war nur so müde, daß ich gleich da, wo ich saß, einschlief. Das können nämlich gewisse Naturen ganz vorzüglich. Ich habe von einem Briefträger gehört, der im Gehen schlief und dabei 90 Jahre alt geworden ist. Übrigens, Mama; ich werde in diesen Tagen reisen; es ist für mich von großer Wichtigkeit, daß ich so schnell wie möglich nach Paris komme. Das konnte die Mutter nicht begreifen. Warum er denn überhaupt gekommen sei? Diese lange Reise, um ein paar Tage zu bleiben?! Seine Frau werde doch ein paar Wochen ohne ihn leben können. Könne er denn seiner alten Mutter nicht die Freude gönnen und noch wenigstens zwei Wochen bleiben? Ja, das möchte er sehr gern; Mama wisse doch genau, wie sehr er sie liebe, aber er könne unmöglich länger bleiben, er ... In diesem Augenblick klopfte es an die Tür. Marit trat verwirrt herein. Sie begrüßte die Mutter, indem sie ihr den Arm küßte. Falk reichte ihr mit zeremonieller Verbeugung die Hand. Marit wurde noch verwirrter. – Frau Falk dürfe es ihr nicht übel nehmen, daß sie so früh störe, aber sie sei zur Frühmesse mit Papa gekommen, und Papa habe noch etwas in der Stadt zu besorgen. Frau Falk entschuldigte sich zehnmal, daß noch nicht aufgeräumt sei, aber Erik, der Faulpelz, habe bis jetzt geschlafen. – Denken Sie sich, fuhr Frau Falk fort, er ist hier im Speisezimmer eingeschlafen, anstatt sich ordentlich ins Bett zu legen. Übrigens ist das sehr gut, daß Sie gekommen sind, Marit; Sie müssen mir helfen, Erik zurückzuhalten. Er will durchaus wegfahren. Marit sah erschrocken auf. – Wie? Sie wollen schon fahren? – Ja, das müsse er ganz entschieden. Er müsse anfangen, ein wenig zu arbeiten; er könne hier nichts tun. Marit saß wie erstarrt, und sah mit weiten, ängstlichen Augen auf Falk. – Übrigens habe es gar keinen Zweck, daß er so müßig dasitze; das Leben sei hier so eng, so unausstehlich eng ... Ja, Mama, teure Mama, du darfst mir das nicht übel nehmen, aber ich bin an das Weite, Große, Freie der Großstadt gewöhnt. Ich kann nicht ertragen, daß die Menschen hier sich nach mir umsehen und mich anglotzen. Und dann diese Enge, diese Enge. Marit saß nachdenklich da; es schien, als ob sie nichts hörte. – Ja, ja, sie müsse nun gehen; Herr Falk werde doch jedenfalls zur Abschiedsvisite kommen. Aber sie durfte nicht gehen: Frau Falk deckte den Tisch und brachte den Kaffee. Falk und Marit saßen sich gegenüber. Frau Falk ließ ihre klugen grauen Augen von dem Sohn zu dem Mädchen schweifen. Falk grübelte. Plötzlich richtete er seine Augen auf Marit und betrachtete sie aufmerksam. – Es ist doch sonderbar, was Sie für eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einem Mädchen haben, das ich in Kristiania getroffen habe. Falk sprach ganz trocken, im berichtenden Reporterton. – Sie war furchtbar lieb, und um die Stirn hatte sie eine Flut von rotblonden Haaren, das sah wie die nordische Frühlingssonne aus. Übrigens sehen Sie ziemlich angegriffen aus, Fräulein Marit. Es ist sonderbar, daß ihr gar nicht froh werden könnt; das macht wohl eure Religion, die Fröhlichkeit für eine Sünde hält? Falk betonte höhnisch das »eure«. – Nein, nein: Mama brauche gar nicht so empört zu sein, er meine es nur so en passant. Wieder entstand ein Stillschweigen. Frau Falk sprach von ihrem verstorbenen Manne, wobei ihr die Tränen in die Augen traten. Marit erhob sich. – Sie müsse jetzt gehen. Sie könne auf Papa nicht warten; bei ihm dauerten fünf Minuten immer eine Ewigkeit, und sie habe jetzt, wo Mama im Bade sei, sehr viel zu tun. Falk erhob sich gleichfalls. – Ob er sie begleiten dürfe. Ein Spaziergang würde ihm sehr gut tun, und es sei gleichgültig, ob er die Richtung nach Johannisthal oder mit Marit nach Elbsfelde einschlage. – Ja, wenn es ihm Vergnügen mache ... Lange gingen sie stillschweigend nebeneinander. Falk hatte den Hut in die Augen gedrückt, hielt nachlässig die Hände in den Taschen und schien tief über etwas nachzudenken. Und wieder sah Marit ein Mal über das andre zu ihm auf, aber er schien es durchaus nicht sehen zu wollen. – Ist es wirklich wahr, daß Sie fahren wollen? – Falk sah sie an, als hätte er sie nicht verstanden, mit kaltem, müdem Blick. – Ach so! Fahren? Freilich, ja, ganz gewiß. Was soll ich denn hier machen? Sie dürfen nicht glauben, daß es ein Vergnügen sei, sich in Ihrer Nähe zu quälen; davon hab ich jetzt genug. Ja, ich will fahren; vielleicht heute schon. Übrigens ist nur alles egal; und wahrscheinlich werde ich tun, was mir grade einfallen wird. Über Marits Wangen liefen zwei große Tränen. – Das dürfe er nicht tun. Alles sei Lüge, was er ihr von Liebe spreche. Das könne ein Mensch, der liebt, nicht tun. – Aber um Himmelswillen, sagen Sie mir, was Sie von mir wollen? Ja sagen Sie nur: Sie wissen doch sehr gut, daß Sie mir das größte Glück geben könnten, wenn ich Sie nur küssen dürfte; das erlauben Sie nicht. Ich will mit Ihnen von etwas sprechen, das in mir wühlt; das darf ich auch nicht. Also was – was? Marit weinte. – Sie haben ja gesagt, daß ich Sie nicht lieben darf, daß Sie mir nichts geben können! Sagten Sie nicht, daß Sie unmöglich von mir Liebe nehmen könnten? – Gott, ich habe Ihnen ja erklärt, warum ich das sagte. Übrigens, wenn auch Hindernisse vorhanden wären, verstehen Sie nicht das unendliche Glück des Augenblickes? Marit sah ihn erstaunt an. – Was wollen Sie – was wollen Sie von mir? Sprechen Sie ganz offen. – Was ich will? Was ich will? Tja! Weiß ich? – Ja, Sie wollen mich verderben! Sie wollen mich ins Unglück stürzen, um dann wegzufahren – nicht wahr? – Verderben? – Unglück? – Engländer wollen das Glück ... Lächerlich, ekelhaft, dieses satte Glück von Müller und Schulze! Können Sie nicht begreifen, daß das höchste Glück in einer Sekunde liegt? daß es ekelhaft ist, in ewigem Glück herumzuplantschen? – Was ich von Ihnen will? Zwei, drei Stunden Glück, und dann weg, weit weg! Das Glück ist schamhaft; man entehrt es, macht es unanständig, wenn man es lange genießt. – Gott, quälen Sie mich nicht so furchtbar. Ich kann es nicht aushalten. Wollen Sie denn, daß ich zu Grunde gehe! – Nein, das will ich nicht. Sprechen wir nicht mehr davon. Es ist ja Wahnsinn, daß ich immer um den einen Gedanken herumgehen muß; das will ich nicht mehr. Ich will nichts mehr sagen. Ich will gut zu Ihnen sein, ganz gut. Sie müssen nur nicht weinen. Nein, das dürfen Sie nicht. Falk war ganz verzweifelt; ein tiefes Mitleid würgte ihn. – Ja, ja, weinen Sie nicht; ich werde gut sein und vernünftig und sehr lustig. Soll ich Ihnen etwas sehr schönes erzählen? – Ja, das solle er; sie höre ihn so gerne. Eine Weile verging. – Nun; ich hatte heute einen merkwürdigen Traum. Wissen Sie, als mein Papa noch lebte, hatten wir ein kleines Gut, dicht an der russischen Grenze; gleich hinter unsrer Scheune stand der russische Grenzbeamte. So geschah es, daß ein Knecht Getreide gestohlen hatte. Mein Vater war ein wilder, strenger Mann. Er hat mich maßlos geprügelt. Besser wurde ich wahrhaftig nicht davon; im Gegenteil, ich haßte ihn so redlich, wie nur eine Kinderseele hassen kann. Nun hatte aber mein Vater den Diebstahl und den Dieb entdeckt. Alle Knechte wurden aus dem Dorfe zusammengerufen und der Schuldige vor den Vater gestellt. – Hast du gestohlen? – Ja, antwortete trotzig der Knecht. – Willst du ins Gefängnis kommen, oder dreißig Peitschenhiebe empfangen? Ohne einen Laut legte sich der Knecht auf die Erde und die Exekution begann. – Schlag gut zu, sonst wirst du selbst geprügelt, schrie mein Vater dem Kutscher zu. Und der Kutscher schlug mit der starken, ochsenledernen Peitsche, so viel er Kraft hatte. – Nun schlag du! rief er einem idiotischen Viehknecht zu, dessen breites Gesicht sich zu einem behaglichen Grinsen verzerrte. Ein Hieb so wuchtig, so furchtbar wuchtig ... aber mein Gott, seien Sie doch nicht so furchtbar empört, mein Fräulein; bis jetzt ist alles in Ordnung ... Also ein furchtbarer Hieb sauste auf den Körper des Unglücklichen. Er sprang auf, fletschte mit den Zähnen und legte sich wieder. Die umstehenden Knechte lachten laut auf, in heller Freude: Das hat der Viehknecht gut gemacht! Ja, er hat Kräfte wie ein Goliath! Noch ein Hieb, noch zwei, drei, vier, fünf ... Ich schrie, ich raste in meinem Versteck. Ich kratzte den Boden mit den Fingern. Ich stopfte mir die Ohren mit Erde voll, um nichts zu hören. Ja, ja, als Kind ist man so blödsinnig mitleidig. Die Exekution war zu Ende. Der Knecht erhob sich und fiel wieder um; er konnte nicht gehen. Um ihn herum brach das Menschenvieh in helles Gelächter aus. Aber der Knecht hatte unerhörte Willenskraft; er erhob sich doch und schleppte sich zum Hofe hinaus. Mein Vater war zufrieden und setzte sich zum Frühstück. Ich erinnere mich, er aß viel und gut. Ich hätte wie eine Wildkatze auf ihn springen, ihn zerreißen mögen. Aber begreiflicherweise ließ ich das. In der Nacht brannte unser Hof an allen vier Ecken. Ich sprang aus dem Bett und freute mich darüber, wie ich mich in meinem Leben nicht gefreut habe. Nun war mein Vater bestraft! Die Türen der Ställe wurden aufgerissen, das Vieh wurde herausgebracht ... In diesem Augenblicke trat meine Mutter ins Zimmer und der Traum war zu Ende. Marit war ganz erschüttert. – Hat sich denn das in Wirklichkeit so zugetragen, oder war alles nur Traum? – Nun, das ist ja gleichgültig. Das Interessante ist nur die Arbeit des schlafenden Individualbewußtseins. In dem Augenblick, als die Mutter die Tür aufmachte, hat das nicht schlafende Bewußtsein die ganze Erinnerung mit einer unerhörten Schnelligkeit abgewickelt. Daran ist übrigens nichts merkwürdiges. Hippolit Taine erzählt von einem Manne, der während einer Ohnmacht, die nur zwei Sekunden dauerte, ein Leben von fünfzig Jahren durchlebte. Das konnte Marit nicht verstehen. – Das ist auch gar nicht nötig, daß Sie es verstehen. Rassurez-vous: ich verstehe es auch nicht ... Nun traten zu der ursprünglichen Erinnerung andere Eindrücke, und das alles hat sich so mit einander zu einem Traum verflochten. Marit gab sich nicht zufrieden; Falk solle ihr das näher erklären. – Nein, Fräulein Marit, Sie werden nicht klüger dadurch. Sie müssen nur zugeben, daß die Seele ein anderes Ding ist, ganz anders, als sie sich in den rohen ungebildeten Gehirnen der Kirchenväter widerspiegelte. Hören Sie nur weiter. Ja, also das z. B., daß der Körper des Knechtes in meinem Traume sich wand und aufschnellte, das kam wahrscheinlich von einem andren Eindruck her. Sie wissen doch, daß ich Naturwissenschaften studierte? Ja, damals arbeitete ich im physiologischen Laboratorium und habe eine Unmenge Frösche und Kaninchen viviseziert. Ich mußte es nämlich tun, und ich habe die Tiere immer narkotisiert. Aber einmal hab ich einen lebendigen Frosch vorgenommen, ihn mit Nägeln auf ein Brett befestigt und nun die Brust und Bauchhöhle geöffnet. Der Frosch zuckte so stark, daß er an den Nägeln bis an die Nagelköpfe heraufrutschte. Nun schnitt ich ihm das Herz heraus – Das wollen Sie nicht hören? Nun gut, sprechen wir von etwas anderm. Ob ich grausam bin? Nein, durchaus nicht. Aber es wäre blödsinnig, menschliches Schmerzbewußtsein in eine tierische Psyche zu verlegen, oder mein Empfinden mit dem Empfindungsmaßstab der rohen Knechte zu messen, die mit herzlicher Freude der unmenschlichen Exekution an einem ihrer Brüder zusahen. Jetzt schwiegen sie beide. Sie kamen an einen kleinen Hain, der einen kleinen Abhang hinab bis an den See reichte. Es war heiß und drüben im Walde zitterte und flirrte der Mittag. Alles verschwamm in der saugenden Hitze. Der See lag schlaff und still; eine drückende Ruhe war über die ganze Gegend gebreitet. – Ob sie sich nicht etwas hinsetzen möchte? Er wolle sie ganz gewiß nicht belästigen. Er werde sich in respektabler Entfernung hinsetzen. Er legte sich im Moos lang hin; sie saß drei Schritte weiter auf einem Stein und spielte nervös mit ihrem Sonnenschirm. Plötzlich setzte er sich auf. – Warum sie denn eigentlich in die Kirche gehe? Habe sie denn nicht so viel Stolz, dort nicht hinzugehen, wo all der Pöbel hinlaufe, wo es übel rieche und die Brunst nach Glück sich so offen und so schamlos in Gebeten an den allmächtigen Herrn offenbare? Marit dachte nach, wie sie einmal von dem schlechten Geruch und dem Schweiß all der Menschen ohnmächtig geworden war, wie man sie dann in die Sakristei getragen und ein ekelhafter Kerl ihr dort die Taille aufgerissen hatte, damit sie zu sich komme – ach, war das abscheulich! Aber sie schwieg. – Verstehe Sie denn nicht, daß darin etwas stark Verrohendes liege? – Nein, das verstehe sie nicht, und wolle es auch nicht verstehen. Die Religion sei ihr einziges Glück, ihre einzige Zuflucht. – Ach so ... sagte Falk gedehnt ... Sehr gut, sehr gut. Falk schien furchtbar müde zu sein. Er legte sich wieder lang ins Moos und machte die Augen zu. Auf seinem Gesichte spielten die Schatten der Sträucher in einander; es war da ein Zug seltsamen Leidens. Marit dachte nach. Er war ein furchtbarer Mensch. Die Vorstellung der schweißriechenden Kirche wurde in ihr stärker und stärker. Ein Ekel überkam sie, der wuchs und wuchs. Sie verstand es nicht. Hatte er Recht? – Ja, und dann das ewige Herleiern von Gebeten! Sie wagte es nicht weiter zu denken. Gott, Gott, was er noch aus ihr machen werde! Auf Falks Gesicht wurde der Zug des Leidens deutlicher und deutlicher. Jetzt hätte sie sich ihm ans Herz werfen mögen und mit der Hand die gräßliche Falte des Leidens glätten. Wie sie ihn glücklich sehen möchte, so glücklich, so glücklich ... In Marits Augen zitterten Tränen. – Mein Gott, Falk! ... aber weiter kam sie nicht. Falk richtete sich erstaunt auf. Sie sah beschämt zu Boden und kämpfte mit den Tränen; eine rollte nach der andern herab. Falk rückte näher an sie heran. Sie schien plötzlich aufstehen zu wollen. – Nein, Herrgott, sie brauche keine Angst vor ihm zu haben; durchaus nicht. Wenn er etwas haben wolle, müsse man es ihm freiwillig und mit Freude geben. Nein, von selbst nehme er nichts. Nein, nein, er habe nicht die geringste Absicht, sie anzurühren. Sie könne ganz ruhig sein. Er starrte auf den See und die flirrende Mittagshitze drüben im Walde. Marit suchte wieder das Gespräch anzuknüpfen. – Warum er eigentlich gestern so schlecht zu ihr gewesen sei? Schlecht? – Nein, was sie sage ... Falk gähnte. – Schlecht? Durchaus nicht; nur betrübt sei er gewesen. Er liebe sie. Er wolle, daß sie sich in seinen Geist einlebe, ein Stück von ihm werde. Aber im Gegenteil: Alles, was er verachte, was er für niedrig und dumm halte, das verehre sie. Alles, was er ihr sagen wolle, das könne sie nicht anhören. Er, der Freie, der Herr, könne selbstverständlich nicht ruhig ansehen, wenn das Weib, das er so unaussprechlich liebe, in so elend niedriger Sklaverei hinlebe. Er, der für sich selbst Gott und das oberste Gesetz sei, werde ganz krank, wenn er sehe, wie jede ihrer Handlungen durch irgend eine Formel von vornherein bedingt sei ... Ja, das verdirbt, zerstört Sie mir, sprach er erregt. Sie lösen sich dadurch völlig von meinem Gehirne los. Geben Sie Almosen, so weiß ich ohne weiteres, Sie tun es, weil es in Ihrem Gesetzbuch steht: »Seid mitleidig, auf daß Ihr ins himmlische Königreich kommt.« Gehen Sie zu einem Kranken, weiß ich wieder, daß irgend eine Formel Ihnen was Schönes dafür verspricht. Für alles werden Sie entschädigt, für alles bezahlt. Fühlen Sie nicht das Niedrige, das Gemeine dieser Handlungsweise? Alles nur um des Lohnes willen; alles um der lächerlichen, eingebildeten Freuden willen, die Sie einst im Himmelreich erwarten. Ekelhaft! Marit wurde ganz blaß. Falk geriet in Wut. – Tun Sie doch etwas, weil Sie es müssen, nicht weil Sie es sollen! Schmeißen Sie weg, was Ihnen nicht genehm ist! Seien Sie doch Sie, nur Sie, Sie, die herrliche, wunderbare Marit ... Ja, ja, ja! in alle Ewigkeit ja! Sie sagen, daß Sie mich lieben, und eine dumme Formel genügt, um Ihre herrlichsten, gewaltigsten Instinkte zu brechen. Und nachher beten Sie dann noch zehn Rosenkränze zur Jungfrau Maria, daß sie Ihre Seele aus den Krallen des Bösen gerettet hat. Das soll Liebe sein? Das? Das Liebe, die durch eine dumme Formel gebrochen werden kann. Falk lachte mit wildem Hohn. Marit saß stumm, zitternd an allen Gliedern. – Ja, so antworten Sie mir doch! Das soll Liebe sein? Antworten Sie doch, was Sie unter Liebe verstehen! Marit schwieg. – Marit, antworte mir! Ich will dich nicht quälen, nein. Ich liebe dich bis zur Verrücktheit. Ich bin krank nach dir! Ja, ich weiß, daß du mich liebst, ja. Ich weiß es; nichts weiß ich sicherer ... Falk rückte ihr ganz nahe; er umschlang sie. – Nein, um Gotteswillen! Falk, Erik, nein. Quälen Sie mich doch nicht so furchtbar! – Ah pardon! Tausendmal pardon. – Ja, ja, ich habe mich wieder vergessen. Gott ja, es ist auch gleichgültig. Es soll niemals mehr vorkommen ... Wollen wir nicht gehen? Falk gähnte affektiert. An seiner Seite ging Marit, zerrissen von Schmerz. Sie bemühte sich vergeblich, ihn zu bemeistern. – Ja, ja; es ist alles ganz gleichgültig, wiederholte sie in ihren Gedanken. – Nun auf Wiedersehen! Falk reichte ihr die Hand. Sie waren an der Gartentür angelangt. Marit zuckte auf. Er darf nicht fahren, schrie es in ihr; um Himmelswillen nicht fahren! Sie griff nach seiner Hand. – Sie fahren nicht, Falk? Nein? Sie dürfen nicht fahren! Machen sie, was Sie wollen, aber fahren Sie nicht. Ihre Lippen bebten; sie konnte sich nicht mehr beherrschen. – Fahren Sie nicht! Sie machen mich sonst unglücklich! Ihre Stimme brach. Falk sah sie kalt und hart an. – Ja, das weiß ich nicht. Das hängt von den Umständen ab. Jedenfalls werden Sie noch von mir hören, bevor ich fahre. Er sagte kurz Adieu und ging. V. Es war Nacht. Draußen raste ein starker Wind; von Zeit zu Zeit peitschte er gegen die Fenster dicke Regenschauer, die an den Scheiben winselnd niederflossen. Marit saß halbangekleidet auf ihrem Bette; sie hatte nicht Kraft genug, sich auszukleiden. Wozu auch? Sie kannte es von vielen Nächten her. Sie würde sich hinlegen, das Bett würde mit ihr im Zimmer herumtanzen, dann würde sie sich aufrichten und die Kissen zurechtrücken und in die finstere Stube hineinstarren, dann ganz aufstehen und die Stirne gegen die Fensterscheibe pressen; und so wieder von neuem, stier brütend, gedankenlos. Das ist alles gleichgültig, alles umsonst ... Sie wiederholte dies in ihren Gedanken mit immer neuem Schmerz. Vor dem Bilde der wundertätigen Maria brannte das rote Öllämpchen, das sie immer von neuem gefüllt hatte, und das gespenstische Licht erleuchtete zur Hälfte das Zimmer. Der Docht kippte um, und die Flamme fraß an dem Öl. Ein schlechter Geruch qualmte durch das Zimmer. Die schweißige Kirche mit dem üblen Geruch – unwillkürlich dachte sie an Falks Worte. Sie löschte die Flamme aus; nun war es ganz dunkel. Sie stierte gedankenlos in die öde Leere des Dunkels. Mein Gott, was wollte er nur mit ihr, was wollte er nur? Eine glühende Blutwelle schoß in ihr Gesicht. Sie ahnte es; sie verstand es nicht. Da mit einem Male fühlte sie seine suchenden Lippen. Es war ihr, wie wenn sich eine zackige Blitzschlange durch ihre Brust gebohrt hätte. Sie konnte nicht denken, sie fühlte nur den wilden, begehrlichen Schauer durch ihren Körper zucken. Sie stemmte beide Hände zwischen die Knie, beugte sich vornüber und zog die Beine an sich. So saß sie zusammengekauert auf dem Rand des Bettes und horchte mit ängstlichem Schmerz auf das Unbekannte, Furchtbare. Was war das? Das kam so oft; immer von neuem. Sie fürchtete es. Sie zitterte davor. Oh wie gerne, oh wie gerne, möchte sie ihm um den Hals fallen, heiß, wild, in stummer Leidenschaft, und ihn küssen, ja – küssen ... Aber dann kam es wieder und machte sie verrückt; die Sinne vergingen ihr, alles tanzte dann in Kreisen um sie herum. Das war die Sünde. Sünde! Sünde! Sie riß sich auf; sie flog an allen Gliedern, tastete zitternd nach den Streichhölzern, fand sie nicht; sie warf sich vor dem Bett auf die Knie. Sie suchte sich zu sammeln, zum Gebet. Aber Sie konnte kein Wort finden. – Lächerliche Formeln! hörte sie deutlich Einen hinter sich höhnen. Entsetzt drehte sie sich um. Nein, es war in ihr! Falk hatte in ihr gesprochen. – Alles tun Sie um der eingebildeten Himmelsfreuden willen. Seien Sie doch Sie selbst! – Gott, Gott! stöhnte sie laut. Plötzlich kam es ihr vor, als hätte jemand ihr verboten zu beten. Sie versuchte sich zu zwingen, sie rang nach Worten. Nein, es ging nicht. Kein Wort! Maria hatte sie verlassen. Wofür strafte sie nur Gott so grausam? Was hatte sie denn getan? Lächerliche Formeln – die Brunst nach Glück – übelriechende Kirche: seine Sätze sausten ihr im Kopfe, jagten, überstürzten sich. Eine trostlose Müdigkeit ließ sie ganz in sich zusammensinken. Und er sagte, daß sie ihn nicht liebe! Wie sagte er doch nur? Ja, die Formel sei stärker, als ihre Liebe – nein, nein! Er solle es sehen! Sie wolle ihn lieben! Sie wolle ihn umarmen! Ja, sie wolle ihn lieben. Möge Gott sie verdammen, in die tiefste Hölle stürzen, aber sie werde ihn lieben. Sie riß sich auf und ging ans Fenster. Sie versuchte zu denken. Draußen brauste der Frühlingswind und heulte in den Bäumen. Sie fühlte wieder seine Arme um ihren Nacken; sie widerstrebte nicht; sie gab sich ihm. Sie sog mit allen Poren das giftige Glück in ihren Körper, sie ließ sich nehmen, sie gab sich ihm – o, Ihm – so heiß – so warm. Nein! Nein! Endlich fand sie die Streichhölzer. Sie machte Licht; ein schwankender Streifen fiel auf das Gesicht der byzantinischen Madonna. Marit blieb gebannt stehen, willenlos ohne sich rühren zu können. Sie starrte mit wachsendem Entsetzen. In dem fiebernden Hirn des Kindes verschob sich das Antlitz der Gottesmutter zu einem höhnischen Grinsen, dann zu schmerzvollem Mitleid und nun zum furchtbaren, strafenden Ernst. Sie wollte sich niederwerfen, sie konnte nicht. Sie war wie eingewurzelt in den Boden. Angstschweiß trat ihr auf die Stirn; sie keuchte. Das Entsetzen schnürte ihr das Herz zusammen. Endlich zeigte ihr die Unbefleckte das alte, holdselige Lächeln. Unter dem Bett her kam ein rauschendes Knistern. Verstört sprang sie zur Seite; sie wagte nicht Atem zu holen. Nein, es war nur in der Tapete. Sie wollte fliehen; das ganze Haus saß voll von Gespenstern. Sie horchte zitternd, gespannt. Es war ganz still. Gott, wie unheimlich, wie gräßlich unheimlich. Sie müsse fliehen, weit, weit weg – zu Ihm – oh, zu Ihm – Nein! Beten! Nein, das konnte sie nicht. Etwas stak in ihr, das ihr die Hände auseinander bog, und wenn sie es versuchte, stieg der Schweißgeruch der Kirche wieder auf und sie hörte seinen Hohn. O, wie unglücklich sie war. Und Er hatte sie dazu gemacht – nein, nicht er; er war ja selbst so unglücklich. Was sollte sie nur anfangen? Alle, alle hatten sie verlassen. Sie warf sich auf das Bett und vergrub das Gesicht in die Kissen. Ein krampfhaftes Schluchzen warf sie hin und her. Das beruhigte sie. Er war so gut. Sie werde ihn so heiß bitten, daß er nichts von ihr verlangen möge, nur bei ihr bleibe und mit ihr spreche. – Aber er bleibt ja nicht; er geht ja fort! Sie sprang auf. – Ja, er ist schon fort ... fort ... fort! Sie lief in jagender Unruhe im Zimmer herum, sie preßte den Kopf mit beiden Händen. Ja, sie wußte es ganz genau: weg – er ist weg! Und von neuem riß sich ein langes, würgendes Schluchzen aus ihrer Kehle. Nein, nein – es ist unmöglich – er ist so gut – so gut; er geht nicht von mir. Erik – Erik, wimmerte sie; ich bin bei dir, ich will alles tun, nur geh nicht weg! Ihre Gedanken verwirrten sich; sie horchte auf ihr eigenes Schluchzen. Nicht beten – nicht beten! Ich will kein Himmelreich! ich will Ihn – Ihn! Aber die Unruhe wuchs und schäumte und kochte; sie konnte diese Qual nicht länger aushalten ... Gott, diese grinsenden Schatten an der Wand, und dies strafende Gericht der Jungfrau. Sie mußte fort. Sie zog sich fiebernd an und lief in den Park hinunter. Der kalte Wind beruhigte sie. Ihr wurde merkwürdig leicht. Sie dachte an nichts. Nein, sie konnte wirklich nicht denken. Sie ging in der Parkallee auf und ab; es wurde kälter und kälter, heftige Regenschauer durchnäßten sie bis auf die Haut. Sie ging wieder hinauf und legte sich ins Bett. Plötzlich im Einschlafen sah sie deutlich Falks Gesicht. Er starrte sie an, dann verzog sich sein Gesicht zur teuflischen Fratze; er biß sie mit seinen Vampiraugen, er fraß förmlich an ihrer Seele. Sie sah entsetzt hin. Sie wollte sich vor ihm verkriechen. Aber es war, als hätte eine ganze schwere Welt sich auf ihr Herz gelegt, sie mußte ihn unverwandt anstarren. Mit letzter Kraft raffte sie sich auf: das Gesicht schwand, nur ein höhnisches Grinsen sah sie noch in den verschwimmenden Zügen. Sie holte tief Atem und setzte sich hoch. Sie horchte. Etwas war in ihr, das sprechen wollte. Es bäumte sich; und höher und höher. Ein grausiges Geheimnis werde sie nun hören: Falks Seele. So hatte sie ihn niemals gesehen. Ihr Gehirn rang nach Klarheit. Mit unheimlicher Angst horchte sie auf ihre Zweifel. Da – : hatte er gelogen? Er? Ja! Sie hörte ihn, wie er jenen Namen zu ihr sprach am ersten Abend – Fräulein Perier. Nein, er lügt nicht ... Aber? was? was? was war es ... Sie konnte nicht mehr denken. Sie war zu müde. Sie lag und starrte in den Schatten. Draußen war es still geworden, draußen hatte sich der Wind gelegt. Auf dem holdgeneigten Antlitz der wundertätigen Jungfrau spielte der Schimmer der Kerze. Nein, sie dachte an nichts mehr. Vor ihren Augen war ein großes, helles Feld mit Blumen, und von weitem sah sie Falk ankommen, und jetzt ging sie zu ihm ... er war so gut, so gut ... VI. Am nächsten Tage war ein wunderbarer Morgen. Über der ganzen Gegend lag der tauglänzende Sonnenschein, und von den Feldern löste sich in silbrigen Schwaden der Nebel. Marit ging zur Frühmesse. Sie war sehr bleich, aber aus dem abgequälten, vergrämten Kindergesicht sprach eine überirdische Ruhe. Sie ging, in den Händen den Rosenkranz, und flehte den heiligen Geist um die Gnade der Erleuchtung an. Als sie in die Klosterkirche eintrat, hatte der Priester soeben das heilige Amt der Messe in einer Nebenkapelle begonnen. Marit kniete nieder vor dem Hochaltar und betete ein inbrünstiges Gebet. Seitwärts in einem Beichtstuhl saß ein junger Priester und betrachtete sie neugierig. Er hatte gleichfalls einen Rosenkranz in den Händen und seine Finger glitten mechanisch von einer Perle zur andern. Marit stand auf und trat an den Beichtstuhl. Die Beichte dauerte lange. Plötzlich erhob sich Marit, ging mit scheuen Schritten an eine Bank unter dem Orgelchor, setzte sich hin, verbarg ihr Gesicht in den Händen und fing zu weinen an. Der schamlose Mensch! Sie nach solchen Dingen zu fragen! Nein, sie mochte nicht daran denken. Ihr Kopf war ganz wirr. Sie hatte den Priester nicht verstanden. Es war unmöglich: ein Diener Gottes konnte nicht solche Fragen stellen. Dunkle Schamröte stieg in ihr Gesicht. Der rohe Sohn eines Knechtes! Ja, sie wußte, er war ein Bauer. Erik hatte Recht, daß er so wütend gegen die Priester war; sie stammen alle von Knechten. Aber alle Menschen sündigen. Ein Priester kann irren. Er meinte es wohl gut; er wollte gewissenhaft sein. Aber die innerste Seele Marits brannte vor Scham und Empörung. Sie weinte. Sie fühlte sich getreten wie ein Wurm. Nicht Gott, nicht Maria, nicht Priester; niemand, niemand wollte ihr helfen. Alle hatten sie verlassen! O Gott, Gott, allwissender, barmherziger Gott! Wie unglücklich, wie elend, wie krank sie war. Der Meßdiener läutete dreimal. Nein, jetzt konnte sie den Leib Christi nicht nehmen, jetzt nicht; sie wollte es nicht. Sie sah sich verstört um. Kirche? Nein, diese Kirche, dieser Geruch von Schweiß und schlechten Speisen. Falk hatte Recht: kein Mensch konnte es darin aushalten. Marit verließ die Kirche. Sie blieb unschlüssig stehen. Könnte sie wohl zu Frau Falk gehn? – Nein, unmöglich, wie würde das aussehn. Oh, sie hatte die scharfen Augen bemerkt, die Frau Falk auf sie und Erik richtete. Und Erik kommt ja heut heraus; ja ganz gewiß; er ist so gut. Jetzt würde sie ihm ruhig zuhören; ja, er hatte Recht. Die Priester sind Söhne von Knechten; sie werden es nur, um gut und leichter Brot zu haben. Hatte Falk nicht gesagt, es sei statistisch bewiesen: nur Knechte und Bauern lassen ihre Söhne Priester werden. Und plötzlich erinnerte sie sich Wort für Wort, was Erik ihr vor einem Jahre erzählt hatte. Er hatte eine Verwandte, die sieben Kinder und ihre alte Mutter ernähren mußte. Der Mann war Maurer, war von der Leiter herabgestürzt und gestorben. Es war, als Erik noch aufs Gymnasium ging. Und nun hörte Marit ganz deutlich Falks Stimme: Ich trat in eine kleine, ärmliche Stube. Ob ich die Tote sehen wolle? Nein, ich mag keine Toten sehen; das ist unangenehm. Sie solle zum Priester gehen, ihm ihre Lage erzählen, dann werde Der dem Begräbnis umsonst beiwohnen. Ja. Sie ging also zum Priester. Aber der Priester – was sagte der? Damals wollte sies nicht glauben; jetzt wußte sie, daß es Wahrheit gewesen. Nein, Erik log nicht. Hinter der Klosterkirche floß ein schmaler Streifen Wasser, ein kleiner Nebenfluß, über den eine Brücke führte. Marit blieb auf der Brücke stehen und schaute in das Wasser. Was sagte doch der Priester? Wieder hörte sie deutlich die höhnende, zynische Stimme Falks: Gibst du mir drei Taler, so werd ich die Leiche begraben; sonst kann er ja ohne Priester begraben werden, das kostet viel weniger. Marit mußte unwillkürlich an den Beichtstuhl denken. Ein Schauer von Ekel schüttelte sie. Sie ging gedankenlos weiter. Oh, wenn er jetzt käme! Er macht doch sonst Spaziergänge am frühen Morgen. Wenn sie ihn jetzt träfe ... Ihr Herz fing an heftig zu schlagen. Ja, jetzt würde sie ihn anhören, ihn alles sagen lassen, ihm noch Fragen stellen. Aber sie wartete vergebens; den ganzen Tag vergebens. Falk kam nicht. Sie war schon hundertmal durch den Garten gegangen und spähte auf die Landstraße, aber kein Mensch war zu sehen; nur hin und wieder war eine Staubwolke aufgestiegen, flog ihr näher, und dann erkannte sie ein Fuhrwerk aus dem Nachbardorfe. Morgen wird er kommen, dachte sie und kleidete sich aus. Sie hatte kein Licht angesteckt, denn sie fürchtete sich vor dem Bilde der heiligen Jungfrau; sie wollte es nicht sehen. Unschlüssig blieb sie vor dem Bette stehen. Beten? Sie fragte sich noch einmal: Beten? Die lächerliche Brunst nach Glück, die schamlose Brunst nach Glück, höhnte es in ihren Ohren. Sie stieg ins Bett mit horchender Angst. Ob sie der allwissende Gott wohl auf der Stelle strafen werde? Sie lag horchend, lauernd. Nein, nichts ... Die Uhr tickte und zerriß die tiefe Stille. Sie war sehr müde und schon im Halbschlaf. Ihr Gehirn war wie gelähmt. Nur noch einmal dämmerte die Frage in ihr auf: ob er morgen wohl kommen wird. Und wenn er weggefahren ist?! – Nein – nein. Sie war ganz sicher, sie wußte es: jetzt, wo sie sein, ganz sein war, wo sie nun mit seinem Geiste lebte, jetzt war er nicht weggefahren. Merkwürdig, wie sicher sie das wußte ... Aber auch den ganzen folgenden Tag erwartete sie Falk vergebens, den ganzen, endlosen, furchtbaren Tag. Ob sie diese unerhörte Sehnsucht wohl noch lange aushalten könnte? Unwillkürlich sah sie in den Spiegel. Ihr Gesicht sah ganz zerstört aus. Die Augen glühten von den schlaflosen Nächten und waren blau umrändert. Auf den Backen brannten hektische Flecke. Ein tiefes Mitleid mit sich selbst erfaßte sie. Wie er sie nur so unmenschlich quälen konnte; warum strafe er sie so schrecklich? Sie fühlte sich wie ein Kind, das ungerecht geschlagen wird. Sie versuchte nachzudenken, aber sie konnte die Gedanken nicht sammeln, alles ging ihr wirr im Kopfe herum. Was ging nur mit ihr vor? Deutlich hörte sie fortwährend einzelne Worte, einzelne abgerissene Sätze aus seinen Reden. Sie wurden allmählich wie zu einem großen Schlinggewächs, das sich über ihren ganzen Seelenboden ausbreitete, alles überwucherte und mit tausend Ranken immer höher, bis empor in ihren Kopf kletterte. Sie war so eingesponnen in dies wuchernde Netz der starken Schlingfäden, daß sie sich vorkam wie in ein Gitter eingeschlossen, dessen Wände immer enger wurden. Überall die gittrigen Käfigmaschen, eine neben der andern, immer pressender, von vier Seiten her. Gott, Gott, was ging in ihr vor?! Falks großer Geist: Stück für Stück ging er in sie über. Sie dachte mit seinen Worten, mit demselben Tonfall, demselben heisern halben Lachen, das in seiner Sprache war. Sie sträubte sich, sie wehrte sich mit allen Kräften; aber plötzlich übermannte sie ein grinsender Gedanke. Ihr war, als hätte er ihr alles Heilige, alles Schöne um sie her brutal entkleidet; huh, diese scheußliche Nacktheit! Gestern in der Kirche: wie kam es nur, daß sie plötzlich hinter der Glorie des Gottesdieners das brutale Gesicht entdeckte, das sie so widerlich an das Gesicht eines Knechtes erinnerte? Und jetzt, jetzt: was war es denn, um Himmelswillen? Sie wollte es nicht sehen, aber immer wieder mußte sie drauf hinstarren. Ja, wie kam es nur? Der ganze Ausdruck des Heiligen, Überirdischen verschwand auf einmal von dem Bilde der byzantinischen Madonna, und Marit starrte in das blöde Lachen einer kindisch bemalten Puppe. Nein, war das Bild lächerlich! – Christus war der feinste, edelste Mensch der Weltgeschichte – ja, Mensch, mein Fräulein; seien Sie nicht so empört, aber es ist so. Und nun hastete durch ihren Kopf eine Schar von Argumenten, Syllogismen, Gotteslästerungen. Nein, sie konnte nicht mehr daran denken. Und nun saß sie und saß in einer stumpfen Ohnmacht. Alle Welt hatte sie verlassen. Auch Er ... Als sie in das Speisezimmer hinunterkam, war es schon Abend. – Marit, ich muß zu Mama ins Bad; ihr Zustand hat sich verschlimmert. Es wird wohl nicht gefährlich sein, aber ich bin doch unruhig. Herr Kauer langte sich eine Schnitte Brot und bestrich sie bedächtig mit Butter. Mama? Mama? ja. Sie hatte alles vergessen; es war ihr alles gleichgültig. Sie fühlte über sich ein dumpfes, lauerndes Verhängnis, eine riesige Sturzwolke, die eine ganze Welt begraben wollte. – Ja, und dann hat der Herr Landrat uns für morgen Abend eingeladen. Marit zuckte freudig auf. Dort würde sie Falk sehen. Er war ja mit dem Landrat gut Freund. – Ja, Papa, ja; ich möchte sehr gerne zu Landrats. Ja, Papa, wir wollen fahren. Aber Kauer wollte schon am frühen Morgen reisen. Marit ließ nicht nach mit Bitten. Sie komme nirgends hin; sie möchte so gerne wieder einmal recht viele Menschen sehen. Kauer liebte seine Tochter; er konnte ihr nichts abschlagen. – Nun, dann kann ich mit dem Nachtzug fahren. Aber dann mußt du allein nach Hause. – Das sei doch nicht das erste Mal. Sie sei doch ein erwachsenes Mädchen. Kauer aß und dachte nach. – Warum kommt denn Falk nicht mehr? Ich habe ordentlich Sehnsucht nach dem Burschen. Ja, ein merkwürdiger Mensch. Die ganze Stadt ist in Aufregung über ihn. Er macht aber auch wirklich tolle Sachen. Gestern begegnet er seiner Mutter, wie sie ein Schwein nach Hause treibt, das sie auf dem Markt gekauft hatte; sie konnte nämlich keinen Dienstmann bekommen. Was macht mein Falk? Er nimmt das Schwein am Seil, treibt es durch die ganze Stadt, von einer Straße zur andern, die Mutter hinter ihm her – ja, und als die Leute ihn nun ganz verdutzt anglotzen, klemmt er sich ein Monokel ins Auge und treibt das Schwein mit einer Majestät und Ehrfurcht ... Marit lachte. – Ha, ha, ha – Herr Kauer konnte sich nicht beruhigen – ein Schweinetreiber mit Monokel! Wunderbar ... Und Abends, na ja: weißt du das geht doch über das Maß: er hat dem Gymnasialdirektor Ohrfeigen angeboten. – Warum denn? – Ja, ich weiß nicht; aber es ist wirklich Tatsache. Aber denk dir doch, Marit: dem Direktor! Ja, ja, er ist ein merkwürdiger Mensch. Aber das Merkwürdigste, daß man ihn trotzdem lieben muß. Schade um den Menschen, hm: er soll in diesen Tagen furchtbar trinken. Es war doch wirklich schade, wenn er sich durch trinken ruinierte. Marit horchte auf. – Trinkt er denn wirklich so viel jetzt? – Ja, man sagt. Marit dachte an seine Worte: er trinke nur, wenn er sich unglücklich fühle. Und der Vater trinkt doch manchmal auch ... – Sie fühlte eine merkwürdige Freude. Es war ihm also nicht gleichgültig ... Morgen, morgen werde sie ihn sehen ... VII. Marits ganzes Gesicht leuchtete vor Freude auf, als sie unter den Gästen des Herrn Landrats Falk erblickte. Aber Falk hatte keine Eile sie zu begrüßen. Er stand mit dem jungen Arzt und war in ein Gespräch vertieft. Und doch hatte er sie gesehen; sie hatte seinen spürenden Blick gemerkt. Erst später begrüßte er sie kalt und steif im Vorbeigehen. – Herr Gott, wo steckten sie so lange? – Herr Kauer schüttelte herzlich Falks Hand. Ich hätte so gerne vor meiner Abreise noch mit Ihnen gesprochen. – Abreise? – Ja, ich muß heut Nacht zu meiner Frau fahren und vertraue Marit ihrem Schutze an. Der junge Arzt mischte sich in das Gespräch; er wollte absolut wissen, wie weit jetzt eigentlich die Forschung auf dem Gebiete der Nervenanatomie gediehen sei. Herr Falk sei doch Spezialist darin. – Ja, damit habe er sich schon lange nicht mehr befaßt; jetzt sei er Literat und schreibe Romane. Aber einige Aufklärungen könne er ihm geben. – Direkte Kontakte gebe es nicht? Ja, mein Gott, wie pflanze sich der Nervenstrom denn fort? Nein, das ist ja eine Revolution! Marit saß in der Nähe; sie horchte gespannt hin, während sie der Frau Gerichtsrätin, die sie nach dem Wohlbefinden der Mama befragte, gleichgültig zerstreute Antworten zuwarf. Worte, fremde, gelehrte Worte – Golgi ... Ramón und Cajal ... Kölliker ... granulöse Substanz ... arborisation terminale – flogen zu ihr herüber. Nein, davon verstand sie kein Wort. Erik wußte alles. Wie klein kam ihr der kluge Arzt vor, der auch alles wissen wollte und beständig mit seinem Wissen prahlte. Wie ein Schulbube stand er da. Ein freudiger Stolz erfüllte sie mit heißem Jubel. Der Mann liebte sie! Wie schön, wie herrlich er dastand! Sie erbebte heftig ... Man setzte sich zu Tisch. Das Gespräch wurde allmählich allgemeiner; man kam auf wichtige Tagesfragen. Marit saß Falk gegenüber; sie suchte seinen Blick zu erhaschen, aber er wich immer aus. Wollte er sie denn nicht sehen? Und doch hatte sie sich niemals so nach seinem Blick gesehnt. Man sprach über die letzte Veröffentlichung der Ansiedlungskommission in der Provinz Posen. – Nun, das könne er gar nicht verstehen – Falk sprach schnell und eindringlich. Man dürfe ihm nicht vorwerfen, daß er mit den Polen kokettiere; durchaus nicht; aber er verstehe es einmal nicht. Man solle ihm nämlich den Widerspruch klar machen. Auf der einen Seite fühle sich Preußen als die mächtigste Nation Europas, nicht wahr? Ja, das werde in jeder offiziellen Rede betont, und man spreche in den offiziellen Kreisen doch sehr viel! Wie reime sich das nun damit zusammen, daß die Preußen so ungeheuer die lächerlichen drei bis vier Millionen Polen fürchten? Ja, fürchten! Man verbiete doch die polnische Sprache in den Schulen; man unterdrücke, wo man könne, das polnische Element; mache absichtlich einen großen Teil der eigenen Untertanen zu Idioten und Kretins, denn er wisse aus eigener Beobachtung, daß die Kinder polnisch vergessen und ein gräßliches Idiom annehmen, das überhaupt keine Sprache sei. Man kaufe die Güter an, parzelliere, zerstückele sie, siedle überall arme und meistens faule deutsche Kolonisten an, die niemals im Stande seien, die sprichwörtliche Kraft des polnischen Bauern zu ersetzen. Die Kolonisten kämen schließlich ganz und gar in Armut, obwohl man ihnen die denkbar größten Erleichterungen mache. Der Rassenhaß werde geweckt. Warum tue man das alles? – Ist es wirklich Furcht? – Nein, das verlange das Interesse des Reiches, die Sicherheit des Landes; die Polen seien wie Würmer, die überall hineinkröchen und das starke germanische Element zersetzen – warf der Landrat ein, der ein Mitglied der Kommission war. – Gut, schön; dann aber solle man die dumme Phrase von der Macht und Stärke des preußischen Staatsbewußtseins und dergleichen mehr aufgeben und einfach sagen: Wir sind ein schwacher Staat, wir sind kein Staat, ein Haufen Polen genügt, uns zu polonisieren und schließlich, aus dem polonisierten Preußen ein glorreiches polnisches Reich zu machen und darum sind wir genötigt, die Polen auszurotten. Falk wurde erregt. – Gut, das verstehe ich: wir sind keine Nation, wir wollen eine werden, und diesen Zweck heiligt die Geschichte. Dann müßte man sagen: Ob moralisch oder nicht, das ist uns gleichgültig, die Geschichte kennt keine Moral. Ja, so sollten wir sagen, meine Herrn, ganz frech, und dann sollten wir kaltlächelnd das Resumé ziehen: Wir sind eine in drei Kriegen zusammengetrommelte Nation, wir sind eine aus der Kriegsbeute zusammengewürfelte Nation, das heißt keine Nation. – Das Resumé sei ganz falsch, unterbrach der Herr Kreisphysikus – er schien sehr aufgebracht – ganz, ganz falsch. Die Preußen hätten nur mit einem sehr unruhigen und unzufriednen Elemente zu tun. In Polen könne es jeden Tag zu neuen Wirren kommen; ganz Deutschland, die ganze Reichseinheit könne dann in Frage kommen denn die Sozialdemokraten lauerten ja bloß auf eine günstige Gelegenheit. – Nein, was Sie sagen, Herr Kreisphysikus! Wollen Sie denn, Sie, den Polen ein Waffendepot einrichten? Oder glauben Sie etwa, daß der Reichslieferant Herr Isidor Löwe von den Polen Bestellungen annehmen wird? Na, er hat sich allerdings auch den Franzosen angeboten; aber die Polen sind nicht kreditfähig, da liegt der Hund begraben. Und ich bitte Sie: drei preußische Kanonen würden genügen, das mit Heugabeln, Sensen und Jagdgewehren bewaffnete polnische Heer in fünf Minuten von der Erde wegzublasen. Diese ganze Politik, grade diese kleinliche, heuchlerische Angstpolitik ist übrigens psychologisch ganz roh. Sehen Sie sich nur in Galizien um. Da haben die Polen ihre Schulen, ja sogar Universitäten mit polnischer Unterrichtssprache, ganz wunderbare, papstgetreue Universitäten, die nach dem Spruch geleitet werden, daß die Wissenschaft die ergebenste Magd der Kirche sei. Das ist gewiß schön, und ein schöner Anblick ist es, wenn die Professoren in ganz wunderbarer Amtstracht in die Kirche gehen. Man hat den Polen auch erlaubt, in schöner, oh, sehr schöner Nationaltracht den polnischen Landtag zu besuchen. Niemals habe ich schönere und schöner gekleidete Menschen gesehen, wie auf dem Landtag in Lemberg. Die Konsequenz, meine Herren: Die Polen sind ausgezeichnete, österreichische Untertanen. Geduldig, schmiegsam, sanft, die wahren Gotteslämmer. Haben Sie jemals von Unruhen gehört, die in Galizien durch Polen angestiftet wären? Nein, im Gegenteil: überall wos gilt, einer Reichshydra die Köpfe abzusengen, da bedient man sich mit Vorliebe der Polen, und sie sind auch immer »frisch« wie Schiller sagt »zur Hand«. – Ob Falk denn gar nichts von der Tschechenpolitik gelernt habe, fragte erregt der Landgerichtsrat, der auch ein Mitglied der Ansiedlungskommission war. – Ja, er habe sehr viel gelernt und wisse daher, daß diese Politik ganz anders sei und nichts mit der soeben besprochenen zu tun habe. Die ganze Tschechenpolitik sei nämlich eine Politik ökonomischer Interessen. Daß die Deutschen in Österreich so viel Plage mit den Tschechen haben, komme daher, daß die tschechische Industrie in einem wunderbaren Aufschwung begriffen sei. Sie suche nach einem möglichst weiten Absatzgebiet, müsse demgemäß die Deutschen überall verdrängen, denn es sei ja klar: tschechische Produzenten, tschechische Konsumenten! Auch die Deutschen gingen zu deutschen Produzenten. – Dann also, warf Herr Kauer ein, würde die Geschichte sich so darstellen, daß die Preußen tschechische Politik treiben. Die Preußen können ja neben dem patriotischen ein vorwiegend ökonomisches Interesse daran haben, daß sie die Polen unterdrücken. – Bien, gut, sehr gut! Dann aber ist die ganze – ich will nun annehmen – Interessenpolitik noch viel dümmer als die Angstpolitik. Ich bitte Sie: Die deutsche Industrie will sich in der Provinz Posen ein Absatzgebiet schaffen. Nun kommt die Ansiedlungskommission, kauft die Güter an, die Gutsbesitzer zerstreuen sich natürlich in alle Winde, und die eigentliche Kaufkraft ist gelähmt. Die Güter werden zerstückelt und mit armen Kolonisten besetzt, die überhaupt nichts konsumieren können, denn was sie nötig haben, produzieren sie selbst. Wer soll nun konsumieren? Die polnische Industrie, die keine ist, weil sie völlig zerstört wird dadurch, daß man ihr die eigentlichen Konsumenten entzogen hat, liegt brach; die deutsche Industrie hat nicht den geringsten Nutzen; was bleibt, meine Herren? Blödsinn bleibt, ein unerhörter Blödsinn. Empören Sie sich nicht, meine Herrschaften; aber ist es etwa nicht blödsinnig, mit ganzer Kraft dafür zu sorgen, daß ein großes Stück Land, eigenes Land, verarmt?! Falk wurde noch erregter. Sein Blick streifte das glühende Gesicht Marits, die jedes seiner Worte zu verschlingen schien. – Ja, die ganze Politik – Falk zerbrach nervös ein Stückchen Brot in Krümelchen und ordnete sie mechanisch zu Reihen – diese ganze preußische Politik, meine Herrschaften, ist für mich aus psychologischen und sozialpolitischen Gründen völlig unbegreiflich. Oder, nun, sie ließe sich vielleicht begreifen etwa wie ich eine dumme und daher verfehlte Börsenspekulation begreifen kann. Aber eine Polenpolitik find ich wirklich völlig unbegreiflich – völlig, meine Herrschaften –: die Vatikanische! Wieder streifte sein Auge flüchtig Marits Gesicht. Bitte, Hochwürden, keine Besorgnis! Sie werden völlig einig mit mir sein. Nein wirklich, bitte: fällt mir nicht im Traume ein, irgend ein religiöses Thema anzurühren, nicht eine einzige Frage, in der ein Papst unfehlbar ist. Ich werde lediglich von Politik zu sprechen haben, und in der Politik soll ja auch Papst Leo nicht unfehlbar sein. Nicht wahr, Nein? Also nein. Ich habe den Papst Leo gesehen, Leo den Dreizehnten, in Rom. Er ist der schönste alte Herr, den ich mir denken kann. Er hat ein unglaublich feines, aristokratisches Gesicht und sehr feine weiße Hände, er macht auch gute Gedichte. Oh ja: sie sind in echtem Ciceronianischen Latein verfaßt. Gewisse nach Ambrosianischem Küchenlatein schmeckende Wendungen sollen durchaus nicht ihren Wert beeinträchtigen; sagten mir wenigstens die Philologen. Nun hat Papst Leo die gewiß sehr schöne Eigenschaft, sich als geborenen Beschützer sämtlicher Unterdrückten zu fühlen. Die Polen stehen seinem Herzen wohl am nächsten; denn sie werden am meisten unterdrückt. Aber ich kann mir das Erstaunen der Polen denken; hören Sie nur! Als Bismarck so ein paar tausend polnische Familien aus Preußen vertrieben hatte, bekam er den höchsten päpstlichen Orden; ja, der Christusorden ist sehr schön, und auch sehr wertvoll. Nun weiter! Kaum ist die Kunde von den wahnsinnigen Morden verklungen, welche die Russen, mit Zustimmung der russischen Regierung, an den polnischen Uniten in Kroze Anm. des Verfassers. Kroze, ein Ort in Russisch-Polen, der Ende des Jahres 1893 Schauplatz der wüstesten Barbareien gewesen ist, und zwar weil die Einwohner sich sträubten ihre unierte Kirche an den Staat für den staatlich religiösen Kultus abzutreten. Nach absolut authentischen Berichten wurden acht Menschen totgepeitscht, 40 durch das Peitschen tödlich verwundet, 18 Frauen wurden vergewaltigt, darunter ein 12 jähriges Mädchen, das von 4 Kosaken schließlich zu Tode gemartert wurde. begangen hatten – übrigens Morde, die sich jeden Tag in Litauen wiederholen, – so erläßt der Papst eine Enzyklika an die Bischöfe Polens, in der er das große Wohlwollen des Zarats mit vielem Lobe preist –ja, bitte sehr, es steht ausdrücklich da, der Zar sei von dem innigsten Wohlwollen gegen die Polen erfüllt, er wolle nur ihr Bestes. Nein, Hochwürden, nehmen Sies nicht übel, aber es gefiel mir gar nicht als Sie in Ihrer letzten Predigt beweisen wollten, daß der Papst von neuem sein väterliches Herze für die Unterdrückten in unerhörtem Glanz erstrahlen ließ. Das ist oberflächliche Schätzung; die Sache hängt ganz anders zusammen. Der Papst ist durch die Franzosen bestimmt, mit denen er sehr sympathisiert; ja, Er ist durch die Franzosenpolitik veranlaßt, fortwährend mit den Russen zu kokettieren. In der ganzen Enzyklika, die ich sehr aufmerksam durchgelesen habe, finde ich kein väterliches Herze, im Gegenteil recht rohe vatikanische Interessen. Und da ich der katholischen Kirchengemeinde angehöre, so schmerzt es mich aufs tiefste, daß die Kirchenpolitik so unschön, ja – ich will mich reserviert ausdrücken – unschön, heuchlerisch ist und Deckmäntelchen von Glaube, Hoffnung, Liebe für sehr irdische Interessen braucht. Alle Anwesenden sahen sich an. Sie wußten nicht, was sie dazu sagen sollten. Das war doch unerhört kühn gesprochen in Gegenwart des Klosterpfarrers. Aller Augen richteten sich abwechselnd auf Falk und den Pfarrer. Marit hatte klopfenden Herzens zugehört; den Mund halb offen, stockenden Atems, saß sie da und erwartete die Explosion. Der Pfarrer war ganz bleich. – Wissen Sie, junger Mensch: Sie sind viel zu jung, um die wichtigsten kirchlichen Fragen mit Ihrem Verstande, der von der Häresie des Auslandes angesteckt ist, zu lösen, und noch viel weniger sind Sie berechtigt darüber zu höhnen. Falk verlor nicht einen Augenblick seine Ruhe. – Ja, Hochwürden, es ist sehr schön, was Sie da sagen. Mich geht es auch am Ende gar nichts an, was Sie oder der Papst oder die deutsche Regierung treiben; das ist mir völlig gleichgültig. Aber ich erlaube mir daran zu zweifeln, ob die Kirche wirklich die ganze Weltweisheit von der Vorsehung in Pacht genommen hat. Ich erlaube mir tatsächlich ganz hervorragend daran zu zweifeln. Sie hat sich ja neulich in der Frage des Darwinismus oder vielmehr in dem Streit um das Evolutionsprinzip ganz unsterblich blamiert. Und dann, ja: können Sie mir sagen, auf welchem Konzil die Unfehlbarkeit des Papstes in Dingen der Politik proklamiert worden ist? Ja, ja; ich weiß sehr gut, daß nach der Tradition auch diese Art Unfehlbarkeit besteht, aber ich dächte, daß die päpstliche Nepotenwirtschaft im Mittelalter nicht grade die beste Empfehlung für diese Art Unfehlbarkeit sein dürfte. Übrigens ist das ein Thema, das zu erregten Diskussionen führen könnte, und das möchte ich um jeden Preis verhüten; man versteht sich oder man versteht sich nicht, und der Gesellschaft irgendwelche Suggestionen aufzudrängen fühle ich mich nicht berufen. Es wurde still; nur der Redakteur des Kreisblattes, der im Gerüche sozialdemokratischer Ideen stand, schien sehr froh zu sein. Er wollte Falk durchaus noch weiter treiben: der Mann nahm ja kein Blatt vor den Mund; der sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war. – Ja, sagen Sie, Herr Falk, Sie sind ein Ultrarevolutionär, wie ich sehe. Sie leben nun in einem monarchischen Staate. Selbstverständlich sind Sie mit einem solchen Zustand nicht zufrieden. Was sagen Sie zu einer monarchischen Staatsverfassung? Der Redakteur freute sich schon darauf, seine Ideen vor den reaktionären Elementen bestätigt zu finden. – Hm; wissen Sie, Herr Redakteur, Sie stellen mir da eine verfängliche Frage. Ich war einmal in Helsingborg, und zwar mit einem Freunde, der ein Anarchist, zugleich aber auch ein großer Künstler ist. Wir standen auf dem Trajektschiff und sahen auf ein prächtiges, altertümliches Schloß, das schon Shakespeare im Hamlet erwähnt. Wissen Sie, was mein Freund, der Anarchist, sagte? Ja, er sagte, daß das, was er nun sagen wolle, mich gewiß sehr befremden werde, aber er müsse zugestehen, daß derartige Prachtwerke nur unter einer monarchischen Herrschaft möglich seien. Ja, ganz gewiß; sehn Sie sich doch nur die Herrschaft der Bourbonen in Frankreich an, und vergleichen Sie damit die Herrschaft der ersten Republik. Sehn Sie sich das zweite Kaiserreich und die unendlich reichen Kunsttraditionen an, die in ihm entstanden sind und die nur in dem Glanze, der Verschwendung und der Wollust eines königlichen Hofes gedeihen können. Nun haben Sie hier in Preußen einen Friedrich Wilhelm den IV., in Bayern einen Maximilian und einen Ludwig. Nehmen Sie zur Hand die Kunstgeschichte, ja die Geschichte der Artverfeinerung, der Veredelung des Menschengeschlechtes, und Sie werden selbst entscheiden können. Nein, ich will keine Demokratie; sie verflacht und verpöbelt die Menschheit, macht sie roh und lenkt sie in bornierte Interessenwirtschaft. Da kommen die Krämer zur Herrschaft, die Kleone, die Gerber und Bauern, die alles hassen, was schön ist, was hoch steht. Nein, ich will nicht die Plebejerinstinkte gegen alles Höhergeartete entfesselt wissen. Die ganze Gesellschaft schien auf einen Schlag mit Falk ausgesöhnt zu sein. Aber nun kam der Rückschlag. Er sympathisiere trotzdem mit allen revolutionären Ideen. Ja, das tue er wirklich. Selbst sei er nicht tätig; dazu interessiere ihn das Leben viel zu wenig. Er sehe nur zu und verfolge die Entwicklung, etwa wie ein Astronom in dem Okular seines Teleskopes die Bahn eines Sternes verfolge. Ja, er sympathisiere wirklich mit den Sozialdemokraten. Er habe nämlich einen Glauben, der auf folgenden Prämissen beruhe. Die postulierte ökonomische Gleichheit sei durchaus nicht mit einer Gleichheit der Intelligenzen zu verwechseln. Er sei nun überzeugt, daß in einem Zukunftsverbande der Menschen sich eine Oligarchie der Intelligenzen ausbilden werde, die nach und nach zur Herrschaft gelangen müsse. Dann werde freilich der Lauf der Dinge von Neuem seinen Anfang nehmen; aber er hoffe, daß eine solche Herrschaft ein besserer Anfang sei, als der der jetzigen Kulturepoche, die mit wilder Barbarei begonnen habe. Die herrschende Klasse sei verarmt, durch Inzucht und übergroße Verfeinerung entartet. Die Gefahr einer rohen, ekelhaften Parvenuherrschaft, der Herrschaft von Geldprotzen und unsaubern Händen, stehe bevor. Nein, tausendmal nein: das möchte er nicht erleben. Lieber stürzen! er sei mit Freuden dabei. Der Redakteur erholte sich, er schien zufrieden gestellt. – Nur noch eine Frage ... Was Falk wohl zu der jetzigen Regierung meine? – Die jetzige Regierung sei der Kaiser, und für den Kaiser habe er viel Sympathie. Ja, wirklich; er gefalle ihm außerordentlich. Er habe neulich den Hauptmann der Brandmannschaften urplötzlich zum Oberbrandmeister ernannt. Und warum? Weil er den Schloßplatz bei einer Parade so vorzüglich abgesperrt hatte. Die Ernennung sei nicht nach den bürokratischen Prinzipien ausgefallen; aber darin liege eben das Schöne, die Willkür, die große Seele. Kurz alles was so ungemein zu schätzen sei: Nein, er habe wirklich sehr viel Sympathie für den Kaiser, und er trinke auf das Wohl des deutschen Kaisers! Die Anwesenden sahen sich verdutzt an. Aber alle erhoben sich und stimmten in den Trinkspruch ein. Der sozialdemokratisch angehauchte Redakteur glaubte unter den Tisch fallen zu sollen; aber er begnügte sich mit einem nichtssagenden Grinsen. Die Tafel wurde abgebrochen. Falk fühlte instinktiv zwei brennende Augen auf sich gerichtet. Er sah nach der Seite und traf Marits Blick der bewundernd an ihm hing. Sie schlug die Augen zu Boden. Falk ging auf sie zu. Sie waren sich ganz nahe; sie wurden durch die vielen Menschen die sich aus dem Speisezimmer drängten, vorgeschoben und eng an einander gepreßt. Falk überrieselte ein warmer Strom. – Erik, Sie sind ein herrlicher ... ein großer Mensch ... Eine dunkle Flutwelle färbte ihr Gesicht. Falk sah sie heiß an. Ein Glanz von Stolz und Liebe verklärte ihre Züge. – Sie sind ja ein Teufelskerl! kam Herr Kauer an. Das nenn ich männlich sprechen! Unser Einer möchte wohl auch mal dies und jenes sagen, aber wir wagen es nicht. Verderben Sie mir nur das Mädchen nicht; so revolutionär dürfen Sie zu ihr nicht sprechen. Falk wollte etwas einwenden. – Nun, nun, begütigte Herr Kauer, ich habe zu Ihnen unbedingtes Vertrauen; Sie haben das Herz auf der Zunge. Leben Sie mir wohl. In einer Woche bin ich zurück. Sie dürfen mir nicht wegfahren, verstehen Sie? Herr Kauer ging. – Oh, wie Sie herrlich gesprochen haben ... Sie glauben gar nicht ... Marit sah Falk voll Bewunderung an. – Oh nein, Fräulein Marit, das war gar nicht herrlich gesprochen; gegen jeden dieser Sätze ließen sich tausend Einwände machen. Aber das mag wohl gut sein für die Herren, die ihre Weisheit aus dem Kreisblatt schöpfen und höchstens noch aus irgend einer konservativen Zeitung, die nur Gott und den Kaiser im Munde führt. Übrigens das vom Papste fanden Sie auch gut gesprochen? Marit beeilte sich zu antworten. – Ja gewiß; sie habe jetzt viel, sehr viel über alle diese Sachen nachgedacht, und sie müsse ihm völlig Recht geben. Ja, er habe in den meisten Dingen Recht, das habe sie nun eingesehen. Falk sah sie verwundert an. Darauf war er nicht gefaßt gewesen. Das war wirklich eine merkwürdige Metamorphose. – Warum sind Sie diese ganzen zwei Tage lang nicht gekommen? Ich habe Sie fortwährend erwartet und mich unerhört gequält. Ja, ich habe mich sehr gequält, das muß ich Ihnen offen sagen. – Liebes, gutes, gnädiges Fräulein, das werden Sie wohl am besten wissen. Ich wollte einfach die Ruhe Ihres Gewissens nicht stören. Ja, und dann, wissen Sie, bin ich sehr nervös und darf mich nicht allzusehr der süßen Qual hingeben, sonst könnte der Strang reißen. Falk lächelte. Inzwischen gesellte sich zu Ihnen der Redakteur. Er konnte den Trinkspruch auf den deutschen Kaiser nicht verdauen und wollte nun Falk aufs Glatteis führen. – Er möchte doch wissen, wie Herr Falk sich zu den anarchistischen Mordtaten stelle. Er sei doch ein Seelenkenner, ein Psychologe; wie wolle er die erklären? – Ja, Sie sind sehr wißbegierig, Herr Redakteur. Sie verlangen wohl nicht von mir, daß ich hier mein politisches Credo ablege; aber wir können ja die Dinge von einer Vogelperspektive aus betrachten. Ich begreife die anarchistische Propaganda der Tat, denn um diese handelt sichs ja hier, sehr gut; ich begreife sie als eine unerhörte Empörung gegen die soziale Gerechtigkeit. Ja, wir Satten, wir, die das Privileg haben, nichts zu arbeiten oder wenigstens uns eine Arbeit auszusuchen, die uns ein Genuß ist, wir nennen es Gerechtigkeit, wenn unsere Brüder in Christo um vier oder fünf Uhr Morgens aufstehen müssen, zwölf Stunden ununterbrochen tagelöhnern, uns Privilegierte bedienen. Nun, ich brauche Ihnen wohl nicht aufzuzählen, welche Dinge wir als sozial gerecht ansehen. Aber Sie müssen begreifen, daß es Menschen gibt, die sich damit nicht aussöhnen können, die sich gegen eine solche Gerechtigkeit in naiver Wut auflehnen. Nun, die Wut kann, wenn sie durch gewisse Umstände noch begünstigt wird, wie z. B. vergebliches Suchen nach Arbeit, also Arbeitslosigkeit, oder Hunger oder Krankheit, sich zu einer Höhe steigern, daß sie geradezu in Wahnsinn umkippt. Und nun nehmen Sie einen Menschen, der Tag aus, Tag ein sich solche Beispiele unerhörter sozialer Grausamkeit ansieht, nehmen Sie einen Menschen, der Zeuge ist, wie die Arbeiter bei einem Streikaufruhr wie Hunde totgeschossen, wie sie durch gewaltige Kapitalien ausgehungert und in ihrem berechtigten Widerstand lahmgelegt werden: glauben Sie nicht, daß solche Beispiele dieser unseren sozialen Gerechtigkeit genügen, um bei einem Menschen, der ein starkes Herz hat, eine Rachsucht zu erzeugen, die sich blindlings an dem ersten besten von den sozial Privilegierten sättigen will – sättigen muß?! Unser Herz ist abgestumpft, mein Herr; unser Herz ist schwach und borniert, wie unsere Interessen es sind; es hat Auge und Ohr nur für unsre eignen kleinlichen Zustände. Aber nehmen Sie einen Menschen, der stark und überschwenglich und kindlich genug ist, um sich als eine ganze Welt zu fühlen – ja nehmen sie beispielsweise jenen Henry: was hat ihn zu seinen Mordtaten getrieben? Ein Herz, ein großes Herz, dessen Macht wir abgestumpften, kleinen Egoisten nicht begreifen können! ein Herz, das mit furchtbarer Resonanz auf all den Jammer, all die Ohnmacht ringsherum antwortete! Er wurde zum Verbrecher, freilich; aber er war kein gewöhnlicher Verbrecher. Er war Verbrecher aus Empörung, ein Entrüstungsverbrecher. Das ist ein großer Unterschied. Im Effekt natürlich kommt es auf dasselbe hinaus; aber wir sind doch wohl in unserer Urteilskraft schon so weit vorgeschritten, daß wir nicht nach dem Erfolg, sondern nach Motiven Kategorien zu bilden anfangen können. Um Falk herum hatte sich eine Gruppe gebildet, die aufmerksam zuhörte. Der Redakteur hielt jetzt die Gelegenheit für günstig, Falk vor den reaktionären Elementen bloßzustellen. – Sie entschuldigen also die anarchistischen Mordtaten vollkommen ... Der Redakteur grinste schadenfroh ... Sie hätten also Henry ohne weiteres begnadigt? Falk überflog die um ihn stehenden Menschen mit den Augen und sagte sehr ruhig. – Nein, das hätte ich nicht getan. Ich gehöre selbst zu den Privilegierten, riskiere also im nächsten Augenblick bei einer Explosion in die Luft zu fliegen, befinde mich also in einer Art Notwehr, die den Tod Henrys unerläßlich macht. Gleichzeitig aber sage ich mir: von meinem Standpunkt habe ich Recht, aber Henry hatte von seinem aus Recht. Er ging durch die soziale Gerechtigkeit oder vielmehr soziale Willkür zu Grunde, die allein Macht und Recht gibt. Sie werden sich wohl aber denken können, daß die soziale Willkür sich ebenso gut auf Henrys Seite stellen könnte, und dann würde Henry als ein großer Held gepriesen werden. Nehmen Sie z. B. einen Krieg: ist er nicht ein gewaltiger Massenmord? Aber im Kriege zu morden, ist – süß und ehrenvoll, wie jener Römer singt. Na ja; das gehört nicht zur Sache. Aber ich bitte Sie, mich nicht mißzuverstehen. Wir sehen die Dinge von einer Vogelperspektive aus. Ich sage nur: ich kann eine solche Empörung verstehen. Wir haben nämlich alle die psychischen Keime in uns, aus denen sich nachher die intensivsten Formen von Mord, Raub, u. s. w. entwickeln können. Daß sie es nicht tun, ist reiner Zufall. Übrigens glaube ich, daß wir solche Empörung alle verstehen können. Wie oft hat nicht ein jeder von uns sich diesem Gefühl schon hingegeben! Falks scharfe Augen entdeckten den Direktor, der etwas abseits stand. – Sehen Sie, meine Herrn, ich ging z. B. vorgestern in meiner Empörung so weit, daß ich der so hochgeschätzten, so wohlverdienten Person des Herrn Direktors Ohrfeigen angeboten habe. Die Umstehenden sahen sich unwillkürlich mit diskretem Lächeln nach dem Direktor um. – Ja, ich bereue es aufrichtig; aber im Momente einer intensiven Gefühlsaufwallung habe ich es getan. Weswegen? – Ja, meine Herrn, wenn man über die Schriften eines Mannes empört ist, so geht man wahrhaftig nicht in die Schule und läßt seinem Grimm vor dummen Knaben in etwas unzivilisierten Ausdrücken freien Lauf. Nein, das tut ein Gentleman nicht. Vielleicht ist das hier zu Lande Sitte, aber ich bin an europäische Sitten gewöhnt. Ja richtig, Herr Redakteur: Sie haben Recht, wenn Sie mich an das Resumé erinnern. Das Resumé? Hm, ja, das Resumé. Ich begreife den Anarchismus als Propaganda der Tat, ich kann ihn mir erklären. Ich kann alle psychischen Bestandteile, aus denen sich die Idee eines politischen Mordes entwickelt, einen nach dem andern prüfen, zerlegen, verstehen, ebenso wie ich die Affektformen verstehen, zerlegen und betrachten kann, die in ihrer gesteigerten Intensität zum gewöhnlichen Wahnsinn werden, zu einer Manie, einer Melancholie u. s. w. u. s. w. Nein, mit Falk ließ sich nichts anfangen; er war glatt wie ein Aal. Der Redakteur entfernte sich beschämt. Marit stand die ganze Zeit an Eriks Seite. Sie fühlte sich ihm so nahe; so nahe. Sie war glücklich und stolz. Er wandte sich so oft an sie, sprach beinahe zu ihr. Ja, er hatte das schöne, große, herrliche Herz von dem er sprach. Er hatte das stolze Herz der Empörung und des Mutes: vor einer ganzen Welt bekennt er offen und mutig, was er denkt! Und wie schön er war in dieser Atmosphäre dicker, dummer Menschen. Wie herrlich sein geistvolles Gesicht und die feinen, diskreten Gebärden, mit denen er seine Worte begleitete. Ein mächtiges Jubelgefühl erfüllte ihre ganze Seele, das Gefühl einer grenzenlosen Hingebung. Sie zitterte, und ihr Gesicht färbte sich purpurrot. Falk verschwand auf einen Augenblick. Wollen wir nicht gehen? flüsterte er Marit ins Ohr, als er zurückkam. Marit erhob sich. Es war Sitte hier im Hause, ohne die üblichen Abschiedsformeln zu gehen. Der Landrat war nervös und liebte es, wenn die Menschen gingen und kamen, ohne ein Wort zu sagen. VIII. Als sie beide vor die Tür traten, wurde Falk ein wenig unruhig. – Er habe den Kutscher nach Hause geschickt. Die Nacht sei so herrlich; er möchte sie so gern zu Fuß nach Hause begleiten. Für sie werde es auch gut sein, wenn sie sich ein wenig von der stupiden Gesellschaft in freier Luft erhole. Falks Stimme zitterte ein wenig. Marit sprach kein Wort; eine dunkle Beklommenheit benahm ihr fast den Atem. Sie traten aufs freie Feld; beide nachdenklich, schweigend. Nun war der Augenblick gekommen, wo man in die Seele des Wesens, das man liebt, hineinschauen kann wie in die eigene. Falk fühlte ihre Seele wie eine Roulettekugel von einer Grenzwand seiner Suggestionen zur andern hin- und herrollen: – Ob sie nicht seinen Arm nehmen wolle? Der Weg sei sehr schlecht; er habe viele Löcher, man könne sich sehr leicht den Fuß verstauchen. Sie nahm stumm seinen Arm. Er preßte ihn sehr fest an seine Brust und fühlte, wie sie bebte. Falk wußte, daß er jetzt nicht sprechen könne; seine Stimme würde umkippen. Er kämpfte gegen diese Aufregung; aber seine Unruhe wuchs und wuchs. Nein, er raffte sich auf. Nein, jetzt nicht! Das erinnerte ihn an die Art der Bauern, die gleich mit beiden Händen täppisch zugreifen. Der Mond goß fahle Ströme Licht auf die Wiesen; in der Ferne sah man hoch aufgeschichtete schwarze Haufen Torf. Falk versuchte sich zu bemeistern. Er wollte das Glück, das er jetzt genießen konnte, weiter hinausschieben; er wollte es langsam genießen. Sie blieben stehen und betrachteten die Landschaft. Dann gingen sie wieder, sahen sich aber nicht an; es war, als ob sie eine Art Scham vor einander empfänden. Jetzt blieb Falk wieder stehen. – Merkwürdig: jedesmal, wenn ich die Torfhaufen sehe, muß ich immer an einen sonderbaren Mann aus meinem Heimatsdorf denken. Er war Torfstecher bei meinem Vater; selbstverständlich trank er, wie fast alle unsre Knechte, und hatte eine große fixe Idee. Falk suchte instinktiv die geschlechtliche Konzentration durch Erzählungen zu lockern und zu zerstreuen; dann würde er das Mädchen desto sicherer nachher überrumpeln können. – Sie wissen, aus dem Torfmoor steigen zu Zeiten Irrlichter auf, die sich mit fabelhafter Geschwindigkeit hin- und herbewegen. Der Mann setzte sich nun in den Kopf, daß die Irrlichter Seelen von verstorbenen Freimaurern seien; damals erschien auch die berühmte päpstliche Enzyklika, in der geschrieben steht, daß die Freimaurer vom Bösen besessen seien. Nun lief der Mann die ganze Nacht herum und schoß nach den Irrlichtern aus einer alten Pistole. Mit somnambuler Sicherheit sprang er über die breitesten Torfgräben, kroch durch den Modder und das dichteste Gestrüpp wie ein Sumpftier, versank manchmal bis zum Halse in den Morast, arbeitete sich wieder heraus und schoß unaufhörlich. Es lag darin eine furchtbare Tragik. Ich habe ihn einmal nach einer solchen Nacht gesehen. Seine Augen waren herausgequollen und mit Blut unterlaufen, der Kot saß fingerdick auf seinen Kleidern, er war ganz durchnäßt, das dicke Sumpfwasser troff von ihm herab; seine Haare waren zu Strähnen durch den Kot zusammengeklebt, aber er war glücklich. Er schwang die Pistole hin und her und sprang und schrie vor Glück. Er hatte nämlich in dieser Nacht eine Freimaurerseele mit einem Zwanzigpfennigstück geschossen; als er zusah, war von dem Irrlicht nur ein Häufchen Teer übrig. Die Pistole war seitdem sein Heiligtum. Aber einmal wurde er ins Gefängnis eingesperrt, weil er seinen Sohn nicht in die Schule schickte. Der Junge blieb zu Hause allein – die Mutter nämlich war längst weggelaufen – und hütete auf den Torfwiesen die Ziege, den einzigen Reichtum des Torfstechers. Ja; nun fiel dem Jungen ein, die Pistole zu holen, um das Kind des Nachbarn, das er auch behüten sollte, in Angst zu setzen. Er drehte die Pistole mit der Mündung nach seinem Munde zu und hielt ein brennendes Streichholz in die Nähe der Pfanne. – Paß auf, jetzt schieß ich tot! – Er hielt das Streichholz immer näher. Das Kind bekommt Angst, fängt an zu schreien, und in dem Augenblick entlädt sich die Pistole: der Junge bekommt die ganze Ladung in den Mund. Ich kam grade aus der Schule und war Zeuge der Szene, die ich in meinem Leben nicht vergessen werde. Der Junge lief in wahnsinniger Angst herum, das Blut quoll ihm aus Nase und Mund, und bei jedem Todesschrei schoß und gurgelte der Gischt in dunklem Strome hervor. Das Kind verstand nichts und lachte herzlich über die tollen Sprünge. Nur die Ziege schien es verstanden zu haben. In wilder Angst hatte sie sich von dem Pflock, an dem sie angebunden war, losgerissen; sie sprang – nein, wissen Sie, das können Sie sich wirklich nicht vorstellen – sie sprang über den langen, schmächtigen Jungen weg, und dann über einen weiten Graben, und wieder zurück ... es war furchtbar. Marit war ganz aufgeregt. – Das muß gräßlich gewesen sein! Ist der Junge gestorben? – Ja, er starb. Wieder gingen sie stillschweigend neben einander her; sie waren sich ganz, ganz nahe. – Herrgott, sahn Sie heute wunderbar aus! Sie hatten im Gesicht einen Ausdruck, wissen Sie, einen Ausdruck, den ich erst einmal bei Ihnen gesehen habe; ja, einmal vor einem Jahre. Wir waren so froh wie Kinder und so glücklich; weiß Gott, es war schön. Und dann standen wir Abends auf der Veranda. In der Ferne hörten wir die Klosterglocken zum Ave Maria läuten, und Sie standen da und sahen vor sich hin mit dem Ausdruck einer unaussprechlichen Innigkeit und Seligkeit; es war wie ein Meer von lichtem Golde um Sie her – und heute sah ich es wieder. Falk bebte. – Ich sah sie heut den ganzen Abend an, ich bewunderte Sie und war glücklich und fühlte Sie ganz nah bei mir ... bei mir. Er preßte sie noch fester an sich, seine Stimme keuchte fast. – Marit, ich liebe dich; ich ... Seine Hand umschlang die ihre. Sie fühlte, wie heiße Ströme in sie übertraten. – Ich bin nur deinetwegen hergekommen; ich lag da in Paris und sehnte mich wie verrückt nach dir; ich mußte kommen. Und jetzt weißt du; jetzt habe ich eine krankhafte Lust, dich auf meine Hände zu nehmen und an mein Herz so wild, so wild zu pressen und deine Brust an meiner atmen, dein Herz an meinem klopfen zu hören. Sieh, Marit, mein Gold, mein alles; ich werde alles, alles für dich tun; du darfst dich nicht sträuben; du gibst mir ein unnennbares Glück; du gibst mir alles dadurch; sieh, ich habe so gelitten; mein süßes Mädchen, meine Sonne, gib mir das Glück! Um sie beide herum flocht sich enger und enger die heiße, geschlechtliche Atmosphäre. Sie konnte kaum atmen. – Ich war so maßlos unglücklich die ganze Zeit, weil ich dich so endlos liebe; niemals hab ich ein Wesen vor dir so geliebt. Sie fühlte über sich zwei abgründige Augen wie zwei Sterne leuchten; in ihrem Kopf wurde es wirr, sie konnte nicht denken, verstand nur seine heißen, keuchenden Worte, die wie heiße Bluttropfen in ihre Seele niederfielen und über sich sah sie zwei abgründige Sterne, die sie lenkten und zogen und an ihr zerrten. Sie fühlte, wie er sie umschlang, wie er ihren Mund suchte, und fühlte seine heißen, fiebernden Lippen, wie sie sich in ihre Lippen saugten. Sie sträubte sich nicht mehr; ihre ganze Seele warf sich in den einen Kuß, sie umschlang ihn. Es war wie ein Jauchzen, das mit wilden Sprüngen über einem Abgrund tanzt. Sie küßte ihn. Falk hatte diese wilde Leidenschaft nicht bei ihr vermutet. Eine heiße Dankbarkeit stieg in ihm auf. – Du wirst mein sein, Marit; du wirst es ... wirst ... Ja, das mußte wohl sein ... sie fühlte es, das mußte sein ... die Augen, die furchtbaren Augen über ihr ... und die Stimme ... es klang wie ein Befehl. Nur laß mich –jetzt – laß mich – zur Besinnung – laß ... Sie gingen wieder schweigend neben einander, zitternd, mit verhaltenem Atem. – Du wirst mein sein? – Wie, wie? Was? Falk schwieg. Den Rest des Weges sprachen sie kein Wort. An der Gartentür reichten sie sich stumm die Hände. IX. Falk ging. Er blieb auf dem Wege stehen. Ob er nicht zurückkehren solle, sie auf seine Hände nehmen und auf ihr Zimmer hinauftragen? Ja: sie bitten, nur vor ihrem Bett kauern dürfen, mit ihr zusammen wilde Gebete stammeln! Er prüfte sich plötzlich, ob dies wirklich ein unüberwindliches Verlangen in ihm sei oder nur die Absicht Marit neue Suggestionen seiner großen Leidenschaft zu geben. Ja: ob er wirklich dies Verlangen habe? Oder sei es gar nur eine Autosuggestion? Er prüfte sich und prüfte, aber er konnte wirklich nicht unterscheiden. Er hatte so viele Pläne geschmiedet, wie er sie erobern könnte, so viele Worte sich selber vorgesprochen, so viele Gefühle erdichtet und erlogen, daß er nicht mehr unterscheiden konnte, was echt daran und was – hm, ja, wie sollte er es nennen – künstliches Wachstum war. Die Suggestionen, mit denen er auf sie einwirken wollte, wurden zu Realitäten, oder sie nahmen wenigstens die Formen realer Gefühle an. Die Worte, die er früher mit dem Gehirne erfunden hatte, bekamen jetzt geschlechtliche Wärme: er hatte so oft Gefühle gespielt, bis er sie tatsächlich in sich erzeugt hatte. Ihm kam es vor, als hätten sich gewisse Gehirnstellen einen neuen Blutumlauf geschaffen. Warum denn komme sein Herz in diese Zuckungen, wenn er jetzt Liebesworte wiederholte, die er früher kaltblütig ohne die geringste Spur von seelischer Erregung hundertmal gesprochen hatte? Falk verlor sich in psychologische Untersuchungen über die Form einer Liebe, die durch Autosuggestion erzeugt werde. Er dachte nach, wie er sie schildern würde. Ja, er könne an nichts anderes denken, er müsse sein Gehirn beruhigen. Also: er habe einen Auftrag von einer psychologischen Zeitschrift, ja. Zeitschrift für wissenschaftliche Psychologie. Wie werde er es nun klar machen? Nun: ein oft wiederholter, im Gehirne wiederholter Zustand hat sich mit neuen Blutbahnen verknüpft, auf diese so lange eingewirkt, daß ein regelmäßiger Blutumlauf entstanden ist, und so wurde der Gedankenzustand zu einem sinnlichen Zustande. Ja so; das würde wohl stimmen. Es wurde ein sinnlicher Effekt durch reine Gedankensuggestion erzeugt. Er hörte einen Wagen dicht an ihm vorbei rollen. An den Seiten brannten Laternen, und er sah, wie der Wagen an einer scharfen Straßenkrümmung umbog. Dann sah er nur noch die Lichter sich in schnellem Laufe weiter bewegen; er verfolgte sie, bis sie in dem Wald verschwanden. Unwillkürlich mußte er an die Irrlichter des Torfstechers denken. Dann sah er sich um. Dort lag Marits Haus. Ja, er könnte hineingehen. Vielleicht erwartete sie ihn. Vielleicht würde sie sehr glücklich sein, wenn er jetzt so plötzlich erschiene. Vielleicht geht sie im Park herum, um sich abzukühlen. Oder ist an den See gegangen, um sich auf den großen Stein zu setzen, auf dem sie Beide so oft zusammen saßen, ja; dicht an dem Graben, an der Schlucht, wo der Boden ringsherum so tief aufgerissen war. Merkwürdig diese Schlucht; ob das wohl ein altes Flußbett sein könnte? Nun ging er; blieb stehen; ging wieder. Sein Gehirn war sehr ermüdet; und doch diese eigentümliche Tendenz zu grübeln! Wieder dachte er an den psychologischen Aufsatz. Nein, das ließe sich wohl besser für eine Novelle verwerten. Also: der Mann hat diese autosuggestive Liebe. Bien, gut! Nun aber hat er nebenbei noch eine wirkliche Liebe, die er beständig fühlt, ja ganz so, wie man ein krankes Organ in seinem Körper fühlt. Er liebt also gleichzeitig, das heißt er liebt beide. Nur: die eine ist zuerst ins Individuelle getreten und trat später ins Gehirn, die andre hat den umgekehrten Weg genommen, und das Urewige in unserm Helden fingt allmählich heftig an zu reagieren. Ja, Falk fühlte deutlich, wie es reagierte; aber gleichzeitig empfand er eine große, satte Müdigkeit. Jetzt war ihm Marit wieder ganz gleichgültig; nur ein Vorschmack des Geschlechtes, und schon war er satt. Morgen werde freilich eine Reintegration eintreten; aber es war eine unleugbare Tatsache, daß er sich heute Abend, ja, heute Abend den 28. April satt fühle. Also liebte er Marit nicht, denn dieses Gefühl hatte er niemals bei seiner Frau empfunden. Nein; niemals. Ja, und die ganze Zeit nach der Umarmung vorhin: Er hatte deutlich gefühlt, wie eine Art Ha?, Scham, ja, Scham, wie nach einem Verbrechen, Scham vor sich selbst und vor ihr, zwischen ihnen hin- und herwogte. War es Glück? Nein! War es Schmerz? Ja, ganz gewiß: Schmerz und Scham! Aber die echte, die nicht suggerierte Liebe, die Liebe, die entsteht, weil sie entstehen muß, die Liebe, die kein Gehirn hat, kein Denkorgan, nur zwei Herzbeutel und eine Aorta, diese Liebe kennt keine Scham. Nein, gewiß nicht! Er dachte an sein Liebesverhältnis zu seiner Frau. Sie nahmen sich, weil sie sich nehmen mußten, und waren glücklich. – Was ist es also? Ja, was ist es? Nun, bitte, Herr Erik Falk: Sie sind Angeklagter und Ankläger zugleich. Sie sind Herr Falk und Herr X. Also, Herr X, Sie beschuldigen mich, daß ich ein Mädchen verführt und somit zerstört habe. Nun hören Sie: Sie sind ein intelligenter Mensch, und ich kann vor Ihnen mit einem Arsenal von Gründen vorfahren. Also: Hors la methode point de salut. Methodisch und systematisch, Herr X! Primo entstand in mir die Suggestion, daß ich dies Mädchen besitzen muß. Da nun eine ähnliche Suggestion niemals vorher in mir entstanden ist, so muß ich sagen: Diese Suggestion ist eine außergewöhnliche, und in Folge dessen verdient sie eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Falk untersuchte pedantisch, ob er etwas nicht exakt genug präzisiert habe. Ja, es ist also eine außerordentliche Suggestion. Wie sie entstanden ist, weiß ich nicht. Ich kann nämlich tausend Dinge nennen, die sie erzeugt haben mögen; ich nenne sie zuweilen auch, aber ich weiß, daß mein Gehirn mich belügt, daß ich sozusagen der Hahnrei meines Gehirnes bin, und so sage ich: den Ursprung dieser Suggestion kenne ich nicht. Ich vermag nur ihren Charakter zu erkennen: sie ist eine geschlechtliche Suggestion. Sie war es von Anfang an ... Falk dachte an eine Reihe von Gefühlserlebnissen, die in dieser Richtung lagen. Zuerst am dritten Tage ihrer Bekanntschaft: Sie war auf dem Bahnhof gewesen, um einen eiligen Brief in den Kasten des Zuges zu werfen. Er hatte sie in der Stadt getroffen, ja, an dem Eckhause, in dem der Uhrmacher wohnt. Sie wurde verlegen und er auch. Warum wurde er verlegen? Er hatte sich gleich erstaunt danach gefragt. Dann begleitete er sie und sprach viel; ja, worüber sprach er doch gleich? Richtig, über Religion. – Halt, da liegt ein wichtiges Argument! Herr X, bitte, können Sie mir sagen, warum ich gleich von Anfang an, ohne ein klares Bewußtsein des Endzweckes, mich drauf kapriziert habe, ihre religiösen Dogmen zu zerstören? Ja, bitte sehr, sie kennen mich doch und wissen, daß es mir absolut gleichgültig ist, ob ein Mensch glaubt oder nicht. Sie wissen auch, daß ich selten von meinen Ideen spreche, weil ich es als unfein betrachte, Suggestionen aufzudrängen. Nun sehen Sie, Herr X, bevor ich dessen bewußt war, arbeitete schon mein Geschlecht mit folgerichtiger Logik in mir und argumentierte so: So lange sie Religion hat, werde ich sie niemals besitzen, folglich ist das Religiöse in ihr der erste und wichtigste Angriffspunkt. Sie können mir wirklich glauben, Herr X, ich kann Ihnen versichern, daß ich nicht einen Augenblick dran dachte, das Mädchen zu besitzen, bevor ich nicht an jenem Tage die Stimme des Blutes zu hören bekam. Sehen Sie, es war grade am Kirchhof, dicht unter der Birke, deren Zweige über den Zaun hängen, da merkte ich plötzlich – es mag wohl etwas Persönliches in meine Rede gekommen sein – wie meine Stimme eine sonderbare Tendenz bekam, ins Flüstern, ins vertrauliche Raunen umzukippen, und dann fühlte ich ein eigentümliches Glühen um meine Augen, und die Haut unter den Augen fühlt ich sich in kleine Fältchen legen, wodurch der Ausdruck meiner Augen etwas faunhaftes bekommt. Dies letzte fühlt ich deutlich, weil ich diese Fältchen zuerst bei meinem Vater gesehen habe, als er sich in unsre Gouvernante verliebte. Ich habe sie dann ganz vergessen, bis ich sie mal plötzlich vor drei Jahren in einer Art Vision wieder deutlich vor mir sah. Seitdem denk ich immer an sie. Ja, nun wußte ich bestimmt: es ist das Geschlecht. Und nun wuchs es in mir und wuchs unaufhörlich und ließ mir keine Ruhe, und nun muß ich; ja, ich muß! warum? ich weiß es nicht. Ja, ja, ich kenne Sie, Herr X: Sie interessiert das Thema. Sie möchten Ihre Weisheit glänzen lassen, die Frage lösen und mit Gründen belegen. Bien; ist gut. Ich kann nämlich folgendermaßen argumentieren: Die Periode des Weibes ist von dem Einfluß des Mondes abhängig. Wieso? werden Sie erstaunt fragen. Hören Sie also. Das erste Lebewesen war ein Seetier; der Mond hat bekanntermaßen einen großen Einfluß auf das Wasser, und selbstverständlich wird der Einfluß, der auf das Medium einwirkt, sich auch auf das Lebewesen, das in diesem Medium lebt, erstrecken. Das Lebewesen vererbt nun diesen regelmäßig wiederkehrenden Einfluß auf seine Nachkommen als eine fertig organisierte Eigenschaft: quod erat demonstrandum. Ja, gut, sehr gut. Ich weiß, daß Sie durchaus nicht so entfernte Gründe ... »an den Haaren herbeiziehen« sagen Sie? nun gut, also an den Haaren herbeizuziehen brauchen; aber auch die nächsten Gründe haben denselben Wert. Falk drehte sich um. Ihm war, als hörte er den Redakteur hinter seinem Rücken grinsen: Dann glauben Sie wohl am Ende an die vierte Dimension? – Ja, wissen Sie, Herr Redakteur, Sie sind ein Mann der positiven Ideen und des positiven Lebensganges. Sie sind ein Rationalist und ein Materialist. Ich ehre Sie und schätze Sie sehr hoch; aber so lange Sie mir die Nicht-Existenz dreier Wesen zwischen Uns Beiden – »Uns« groß gedacht, weil wir uns gegenseitig zu schätzen wissen –ja, so lange Sie die nicht beweisen können, werd ich auch nicht aufhören, die Möglichkeit einer solchen Dimension zuzugeben. Weil Sie das nicht sehen, noch riechen, noch hören? Nun, das ist kein Beweis. Man kann nämlich hundert Sinne in latentem Zustand haben, die sich später einmal im Menschengeschlecht entwickeln werden. Wissen Sie z. B., daß man neulich einen neuen Sinn gefunden, der sich Organsinn betitelt? Nun, man wird bald noch mehr neue Sinne finden, so z. B. einen Individualsinn, der das riecht und hört, was Sie selbst nicht riechen oder hören können. Daran glauben Sie nicht? Ja, dann erklären Sie mir folgende Tatsache. Ich träume, die Tür wird aufgerissen, ein Mann tritt herein. Ich springe erschreckt vom Bett: kein Mensch im Zimmer. Erst nach etwa drei Minuten kommt wirklich mein Bekannter. Nun bedenken Sie: das Haus, das ich damals bewohnte, war 100 Meter weit vom nächsten Hause entfernt. Vor meinem Hause war eine Wiese, die alle Schritte fast unhörbar machte. Und doch hat etwas in mir die Schritte meines Bekannten auf eine Entfernung von drei Minuten gehört; also, mein Herr, eine Entfernung, auf die ein Mensch in wachem Zustand ganz unmöglich auch nur ahnend etwas hören kann. Es hört also etwas in mir, was Ich nicht höre. Nicht wahr? Ja, aber die Nichtexistenz – bitte, bitte; ich bin ganz ungeduldig. Sehen Sie, die können Sie mir nicht beweisen; aber trösten Sie sich, Sie sind trotzdem ein großer Mann, Sie können ruhig unserm Herrgott als Schaufel dienen, mit der er den Menschen Verstand in die Köpfe schaufelt. Falk wurde müde; in seinem Gehirne fing sich Alles an zu verwirren. Er wiederholte sich nur, wiederholte seine eigenen Worte und Sätze. Plötzlich sah er das Kloster vor sich. Merkwürdig, daß er den Kirchhof vorher nicht gesehen hatte. Marit! – Marit ... Herr Gott, wie kam er nur jetzt auf Marit? Er wurde nervös. Warum er sich nur so plötzlich an Marit erinnerte! Er dachte nach, blieb stehen, ging in die Runde; merkte es, ging wieder, wurde ärgerlich; wurde wieder eifriger im Denken, Schweiß trat ihm auf die Stirn, plötzlich hatte er es. Er war ganz glücklich. – Sehen Sie, Herr Redakteur, Sie Allwisser, Sie drittes Auge unsers lieben Herrgotts, sehen Sie sich doch nur diesen Fall an. Ich bitte Sie, in welcher Beziehung steht Marit zu diesem Kloster? Ja, selbstverständlich, sie war in einem Kloster erzogen; daran habe ich früher gedacht, nicht heute. Aber sagen Sie mir, wie kam wohl die Beziehung jetzt in meine Seele? Sie wissens nicht; nun, ich werd es Ihnen sagen. Sehen Sie, ich habe eine große Wut gegen die Klöster im allgemeinen, weil mir ein Kloster meine Marit verpfuscht hat. Und nun brauche ich ein Kloster nur zu sehen, und sofort denke ich an Marit. Und wenn ich hundert tausend Klöster sähe, würde ich immer und jedesmal an Marit denken. Da drin in dem erstaunlichen Wundersinn hat sich sofort eine unlösliche Verbindung gebildet. Verstehen Sie? Und dann ging ich, als ich darüber nachdachte, ganz unbewußt hier auf dem Wege in der Runde, bis ich es merkte. Wissen Sie, weshalb? Weil ich beim denken im Zimmer herumzugehen pflege, und ich denke fast immer im Zimmer. Sehen Sie, mein Herr, gehen Sie ins physiologische Laboratorium und merken Sie auf. Ich nehme hier eine Ratte, nun trage ich ihr ganze Gehirnteile ab bis an die Brücke; selbstverständlich wissen Sie wieder nicht, was Brücke im Gehirn heißt. Ja, das muß ein Mensch wissen, der Anspruch auf Bildung erhebt. Nun sehen Sie, die Ratte ist ganz dumm; sie fühlt nichts, hört nichts; sie empfindet nichts; sie ist einfach geistig tot. Nun sollen Sie ein Wunder schauen. Ich nehme eine Katze und prügle sie: die Katze miaut. Sehen Sie, sehen Sie: wie die Ratte unruhig wird, wie sie weglaufen will! Wissen Sie nun, was der erstaunliche Wundersinn, der Individualsinn, ist? Übrigens sind Sie mir der gleichgültigste Mensch von der Welt, verstehen Sie? Das heißt, sie sind ein Esel! Aber Falk konnte sprechen, was er wollte, denken, woran er wollte, um sich abzulenken und absichtlich zu zerstreuen: durch alles schimmerte ein heißer Untergrund: Marit – Marit ... Plötzlich fühlte er einen heftigen Ruck: Denkt so ein normaler Mensch? Er ging in Fieberschauern. Angst stieg in ihm auf. Ihm war, als rolle er in einen öden Abgrund und alles würde weggefegt von der Welt. Nun hörte das Denken auf, und nur das furchtbare fieberische Angstgefühl wurde immer wüster. – Alles schwarz, öde trostlos. Dann wurde wieder Licht in seinem Kopfe; das Leben, das nun kommen sollte, mit dieser Unruhe, dieser ewigen Qual und Sehnsucht, rollte sich vor seinen Blicken auf. Ja, wozu denn? wozu? Wozu das alles. Wozu quäle ich mich. Wozu all diese Anstrengung, dies ganze Hin- und Herrennen, nur um das lächerliche Gelüste des Geschlechtes zu befriedigen?! Er lachte höhnisch. Ist es nicht idiotisch? Aber wieder fühlte er die Angst, eine unerhörte, wahnsinnige Angst, wie er sie niemals vorher gefühlt, und mit starren, aufgerissenen Augen keuchte er hervor: Warum? Warum? Er sprang über den Graben mit jähem Ruck, und kam zur Besinnung. Ihm war, als würde er von Bestien gehetzt. Nun mußte er denken, ganz vernünftig und logisch denken; das würde ihn beruhigen. Aber immer griff durch all sein Denken das furchtbare »Warum?« hindurch. Er suchte sich das vorzustellen. Er sei also ein Instrument in der Hand eines Dinges, das er nicht kenne, das in ihm tätig sei, das tue, was es wolle, und sein Gehirn sei nur ein ganz gewöhnlicher Handlanger. Wenn er jetzt Marit verführe, so sei es nicht seine Schuld. Nein, durchaus nicht. Er müsse es tun; es sei seine fixe Idee. Nicht wahr, Herr Falk? Es ist da eine ganz fest Ring an Ring gereihte Kette, an die sich immer neue Ringe mit Notwendigkeit anreihen. Irgend eine psychische Spiralfeder, ein psychisches Uhrwerk wurde aufgezogen, durch tausend äußere Umstände aufgezogen, und nun müssen sich die Ringe und Räder meiner Handlung eben drehen! Gut: ich widerstrebe, ich kämpfe dagegen. Aber selbst das Widerstreben ist von vorn herein bestimmt. Und da ich unterliege, so unterliege ich eben. Ich muß. Ja: er sei Aktor und Zuschauer zugleich, sei zugleich auf der Bühne und sitze im Parkett. Nein: er sitze über sich und konstatiere mit einer Art Übergehirn, daß in seinem gewöhnlichen Gehirne etwas vorgehe. Falk überkam eine furchtbare Traurigkeit. Nein, wozu quäle er sich nur? Er könne ja nicht ankämpfen, er müsse die Hände in den Schoß legen, er müsse alles gehen lassen, wie es wolle, nein, wie es müsse. Ja, müsse, müsse ... Falk war sehr abgespannt. Wie ein Regenbogen nach einem Gewitter erschien ihm plötzlich das Gesicht eines Knaben. Ein Gefühl der Sehnsucht übermannte ihn, ein würgendes Mitleid mit sich selbst, eine Sehnsucht nach Menschen. So kam er in die Stadt. Er mußte vor dem Hause des Landrats vorbei. Aus der Tür traten grade der Redakteur und der junge Arzt. – Wohin sind Sie denn so plötzlich verschwunden? Falk wurde etwas verwirrt. – Er habe Fräulein Kauer nach Hause begleitet; der Kutscher sei nämlich sinnlos betrunken gewesen, und da wäre es nicht ratsam gewesen, ihm das junge Mädchen anzuvertrauen. – Ob er nicht bei Flaum noch einen Schlafpunsch nehmen möchte. Falk besann sich. Wieder fühlte er die lauernde Angst. Nur nicht allein sein; nein, um Gotteswillen nicht. – Ja, das will ich sehr gerne. XI. Die Kapitelzählung des Originals ist falsch; dort wird nach Kap. IX gleich mit XI fortgeführt. Das Restaurant war trotz der vorgerückten Stunde nicht geschlossen; Flaum hatte noch Gäste, und so gingen sie hinein. Der Redakteur bestellte Wein. – Ich freue mich sehr, sagte er, daß wir uns noch getroffen haben. Es war ja furchtbar interessant, wie Sie heute bei Landrats aufgetreten sind. Aber – verzeihen Sie mir – Sie urteilen doch wohl ein bißchen zu sehr in Bausch und Bogen. – Ja freilich hab ich das getan. Das tue ich oft. Das ist selbstverständlich. Jedes Ding hat wirklich sehr viel verschiedene Seiten, die – verstehen Sie – nicht nebeneinander zur behaglichen Übersicht daliegen. Nein, mein Herr, im Gegenteil. Es gibt da die verschiedensten Beleuchtungen. Ein Ding ist wie ein Hektogon; nur eine Fläche bekommt da volles Licht. Und nun sehen Sie: das ganze menschliche Urteilen beruht darauf, daß nur diese eine Fläche berücksichtigt wird und vielleicht noch drei oder vier, die am nächsten liegen. Falk trank das Glas aus. Für seinen Verstand gebe es überhaupt kein Urteilen. Er könne von keinem Dinge sicheres aussagen. Wenn er überhaupt urteile, so geschehe es lediglich, weil er sich doch irgendwie verständigen müsse mit den Menschen, und dann urteile er ebenso wie alle andern Menschen, d. h. er gehe von gewissen Prämissen aus, von denen er wisse, daß sie als »gegeben« gelten, und ziehe dann die Konsequenzen. Für ihn selbst aber gebe es keine Prämissen und daher auch nichts »Gegebenes«; er bitte also den Herrn Redakteur, seine Meinungen nicht als absolute hinzunehmen. Der Redakteur schien das nicht zu verstehen und trank aus Mangel einer Antwort Falk zu. Der junge Arzt horchte wißbegierig und trank sehr eifrig. Plötzlich bekam er Lust den Redakteur zu ärgern: Falk ulkte so ausgezeichnet. – Was meinen Sie wohl, aber in allem Ernste, von einem sozialen Zukunftsstaate? Der Redakteur zwinkerte mit den Augen; er merkte die boshafte Absicht. – Was ich dazu meine? sagte Falk. Ja, ich habe doch schon beim Landrat meine Meinung, die auf »gegebenen« Wertschätzungen beruht, entwickelt. Mich interessiert übrigens dieser ganze Staat nur in so fern, als er – freilich wieder nur, wenn die Prämissen richtig sind, Herr Doktor – ja, nur in so fern, als er auf dem Gebiete, auf dem ich tätig bin, gewisse Reformen mit sich bringen kann. Sehen Sie, dann wird z. B. der Staat auch für die Künstler die sozialen Lebensbedingungen schaffen, und dann können Sie überzeugt sein, daß viele Menschen, die jetzt à faute de mieux Künstler geworden sind, weil es heutzutage das bequemste Brot ist, dann lieber Aufsichtsbeamte in irgend einem Magazine werden oder sich sonst bei vier- bis sechsstündiger Arbeitszeit und gesellschaftlicher Gleichheit irgendwie nützlich machen. Künstler werden nur diejenigen sein, die es müssen. Der Redakteur, der nun hinter jedem Worte Falks Ulk witterte, warf gereizt ein: – Sie scheinen von den Künstlern auch nicht viel zu halten? – Nein, wirklich nicht, und zwar, weil es fast keine Künstler gibt, oder wenn es welche gibt, so verpfuschen sie sich augenblicklich, sobald sie ihre Ware auf den Markt tragen müssen. Für mich ist nur der ein Künstler, der nicht anders im Stande ist zu schaffen als unter dem unerhörten Zwange einer sozusagen vulkanischen Eruption der Seele; nur der , bei dem sich alles, was im Gehirne entsteht, schon vorher in den warmen Tiefen des Unbewußten – wollen wir es nennen – glühend vorbereitet und lange, lange gesammelt hat, der nicht ein Wort, nicht eine Silbe schreibt, die nicht wie ein zuckendes, aus der Seele herausgerissenes Organ ist, mit Blut gefüllt, zum Ganzen strömend, heiß, tief und unheimlich, wie das Leben selbst. – Nun, solche Künstler habe er doch wohl nie getroffen? – Oh, doch, doch! aber nur unter den Verachteten, den Unbekannten, den Gehaßten und Verlachten, die der Haufen für Idioten erklärt. Falk trank hastig. Ja, freilich; und einen von den Größten sah ich verkommen und zu Grunde gehn. Da war einer, mein Schulkamerad; er war der schönste Mensch, der mir begegnet ist. Er war brutal und zart, fein und hart, er war Granit und Ebenholz, und immer schön. Ja, er hatte die große, grausame Liebe und die große Verachtung. Falk sann nach. Ja, er war sehr merkwürdig. Wissen Sie, das charakterisiert ihn: wir bekamen einmal das Aufsatzthema: wie Helden nach dem Tode geehrt werden. Wissen Sie, was er schrieb? was wohl die größte Ehre für einen Helden wäre? – Nun? – Ja, er schrieb: die schönste Ehre, die er sich für einen Helden denken könne, würde sein, wenn ein Schäfer die Gebeine des betreffenden Helden zufällig ausscharrte, dann aus den hohlen Knochen eine Flöte machte und auf ihr sein Lob bliese. Ein ander Mal schrieb er über das Thema, welchen Nutzen die Kriege bringen, daß die Kriege eine große Wohltat für die Landwirte seien, daß sie nämlich mit den Leichen der gefallenen Krieger ganz ausgezeichnet den Boden düngten; Leichendünger sei viel besser als Superphosphat. Ja, erlauben Sie, das ist brutal; aber brutal wie die Natur selbst. Das ist Hohn; aber der furchtbare Hohn, mit dem die Natur mit uns spielt. Ja, mein Herr: das ist der erhabene höhnende Ernst der Natur selbst. Der Redakteur schwieg beleidigt. – Wolle Herr Falk mit ihm Ulk treiben? das sei doch wirklich nicht schön. – Nein, das wolle er gar nicht, er habe überhaupt noch nie mit einem Menschen geulkt, am wenigsten mit dem Herrn Redakteur. – Ja, dann sind es doch nur persönliche Ansichten, die auch nur für einen Menschen gelten können. Falk empfand eine merkwürdige Gereiztheit, die er nicht begreifen konnte; aber er beherrschte sich. – Ja freilich; meine Ansichten gelten nur für mich. Ich bin Ich und somit meine eigne Welt. – Nun, Herr Falk scheine merkwürdig hohe Ansichten von sich zu haben. – Ja, die habe ich, und die sollte jeder Mensch haben. Wissen Sie, da ist in Dresden ein Mensch, der sich Heinrich Pudor nennt. Man hält ihn im allgemeinen für einen Charlatan und er macht ja allerdings durch sonderbare Schrullen von sich reden. So z. B. hat er neulich von den Staatsanwälten verlangt, daß sie das Spielen Chopinscher Musik verbieten sollen, weil sie aufreizend und sinnlich sei. Aber trotz all der Schrullen steckt in ihm doch eine merkwürdige Kraft. Kürzlich hat er in München eine Ausstellung eigener Bilder veranstaltet. Die Bilder sollen lächerlich und kindisch sein; ich weiß es nicht, ich habe sie nicht gesehen. Aber zu der Ausstellung hat er einen Katalog geschrieben, in dem es heißt: Ich bin Heinrich Pudor! Ich bin Ich! ich bin weder ein Künstler, noch ein Nichtkünstler! ich habe keine andren Attribute, als nur die, daß Ich Ich bin! Sehen Sie, das ist gut gesagt. Nein, Sie irren, Herr Doktor: das ist keine übermäßig anspruchsvolle Bedeutung. Denn sobald ich Mensch bin, bin ich eben ein bedeutendes, unheimlich bedeutendes Stück Natur. Wenn ich nun sage: Hier sind meine Bilder! mögen sie noch so lächerlich sein, aber sie sind ein Stück von mir! und voraus gesetzt, daß sie wirklich aus innerstem Drang erzeugt sind: so charakterisieren sie mich besser, als alle Tugendtaten, die ich vollbracht habe und noch vollbringen werde. Hier ist ein Stück meiner Individualität; wen es interessiert, der mag zusehen. Ich bin Ich, und nichts ist in mir, dessen ich mich zu schämen brauchte. – Aber das ist absoluter Größenwahnsinn, warf der Arzt ein. – Durchaus nicht absoluter und durchaus nicht relativer! Sie als Arzt sollten doch wissen, daß die sogenannte Megalomanie mit dem Schwund der Individualität Hand in Hand geht. Erst wenn das Bewußtsein meiner Eigenheit verloren gegangen ist, halte ich mich für Napoleon, Caesar u. s. w. Aber ein noch so starkes Bewußtsein meines eignen Ichs und seiner Bedeutung hat nichts Maniakalisches. Nein, im Gegenteil: es erzieht die Menschheit, es erzeugt die großen Individuen, an denen es in unserer Zeit so furchtbar mangelt, es gibt Kraft und Macht und den heiligen Verbrechermut, der bis jetzt noch alles Gewaltige geschaffen hat. Ja, das hat er sicher, Herr Redakteur! Nur das »größenwahnsinnige« Bewußtsein hat die große Energie und Grausamkeit, den Mut zur Zerstörung, ohne den nichts neues und herrliches zu Stande kommt. Übrigens, hm, ist es gleichgültig, ob man es hat; die Hauptsache, daß man es haben muß! ja, muß ... Wieder stieg in Falk die Unruhe und die Angst hoch. – Nein, es ist doch furchtbar blödsinnig, uns die Zeit mit dummen Gesprächen zu vertreiben; dies leere Strohdreschen. Nein, zum Teufel, lustig, trinken wir! Die Lebensrätsel ... hei! Herr Wirt! noch eine Flasche! Und es wurde getrunken. Falk war sehr nervös. Seine Stimmung teilte sich den andern mit. Man trank sehr hastig. Bald hatte der Redakteur über das Maß getrunken. – Ja, er liebe Falk über alles; er werde sich glücklich schätzen, ihn zum Mitarbeiter zu haben. Falk hatte ihm bestimmt versprochen, von Paris aus regelmäßige Berichte an sein Kreisblatt zu schicken. Der Arzt kicherte. – Elbsfelder Wochenblatt: zwei Spalten Annoncen, regelmäßige Berichte aus Paris! Ha-ha-hah, wo liegt das Dorf Paris? Der Redakteur fühlte sich tödlich beleidigt. Falk horchte in sich hinein. Eine unendliche Sehnsucht nach seiner Frau löste sich in ihm. Ja! ihre körperliche Wärme, ihre Hände und Arme! Merkwürdig, wie ihn Marit ganz verlassen hatte; keine Spur von Verlangen. Er brach auf. Als er nach Hause kam, war es schon Tag. Er kühlte sich die Augen im Waschbecken und öffnete das Fenster. Dann schrieb er folgenden Brief: Mein teures, über alles geliebtes Weib! Ich bin betrunken von meiner Liebe. Ich bin krank und elend vor Sehnsucht nach dir. Nichts kümmert mich auf dieser Welt, außer dir, dir, dir! Du liebst mich; sag mir, wie du mich liebst, du Mein, mein alles! Und wenn ich bei dir bin, wie werde ich dich finden, wie wirst du zu mir sein? Bin ich dir noch immer dein großer, schöner Mann? Warum ist dein letzter Brief so traurig? Wie alles in mir nach dir stöhnt! Wie ich nach dir verlange! Sag mal! bin ich das für dich, was du für mich?! – Das Licht, das Leben, die Luft: alles, alles, worin allein ich leben kann? Denn siehst du: jetzt, jetzt weiß ich sicher: nie hab ich etwas sicherer gewußt: ich kann nicht ohne dich leben! nein, wirklich nicht. Nur lieb mich! Lieb mich über dein Können hinaus; nein, so viel du kannst. Du kannst sehr, sehr viel! Nur lieb mich, lieb mich. Eine ganze Literatur werd ich für dich schreiben, bloß damit du was zu lesen hast. Dein Clown werd ich sein, damit du was zu lachen hast. Unter deine Füße werd ich kriechen, wie ein Sklave werd ich dich bedienen, die ganze Welt werd ich vor dir auf die Knie zwingen: nur lieb mich, wie du mich geliebt hast, wie du mich vielleicht noch immer liebst. Ich werde mit absolutester Sicherheit in zwei Tagen von hier wegfahren ... Dein Mann ... Als Falk aber ausgeschlafen hatte, machte er aus den zwei Tagen fünf – worauf er den Brief zur Post trug. XII. Falk und Marit standen sich verlegen gegenüber. Er hatte sie vom Landweg aus am See entlang gehen sehen und sie eingeholt. – Ich habe doch unglaublich scharfe Augen, sagte er, ihr die Hand reichend. – Ja, das haben Sie; es war ziemlich schwer mich hier zu entdecken. Schweigen. Der Nachmittag neigte sich zum Abend; der Himmel war bewölkt, die Luft drückte. Sie setzten sich ans Ufer; Falk schaute auf den See. Merkwürdig, wie tief still das Wasser heute ist. Wissen Sie: diese Ruhe, diese schwere Ruhe, die schon jenseits aller Ruhe liegt, hab ich nur noch Einmal in meinem Leben gesehen. – Wo war denn das? – Ja, als ich in Norwegen war, an irgend einem Fjord; den Namen hab ich vergessen. O, es war unheimlich schön. Wieder trat Schweigen ein. Marit wurde unruhig. – Wie sind Sie denn gestern nach Hause gekommen? – Oh, sehr gut, sehr gut. Das Gespräch wollte nicht vorwärts. – Nein, Fräulein Marit, es ist doch zu schwül hier; im Zimmer ist es tausendmal besser. Und sie gingen nach Hause. Falk versuchte intim zu werden. – Das sei gestern der herrlichste Abend gewesen, den er jemals erlebt. Marit schwieg, sah ihn ängstlich an. Falk verstand sie. Dieser stumme Widerstand störte ihn im höchsten Grade. Er mußte heute die Geschichte zum Abschluß bringen; er fühlte das als unabwendbares Verhängnis. Aber er war schlaff; er fühlte nicht die Energie, ihren Widerstand zu brechen. Er mußte irgend ein Reizmittel haben. Ja, er kannte es; nach dem zweiten Glase fings ja immer an, in ihm zu gären und zu arbeiten, dann kam ihm die berauschende Kraft, die keine Hindernisse kennt. – Marit, haben Sie nichts zu trinken? ich habe viel Staub geschluckt. Marit brachte Wein. Falk trank hastig. Dann setzte er sich in den Armstuhl und sah sie starr an. Marit schlug die Augen zu Boden. – Aber was haben Sie, Fräulein Marit? ich kenne Sie gar nicht wieder. Haben Sie denn ein Verbrechen begangen? oder was ... Marit sah ihn kummervoll an. – Nein, Falk, Sie werden gut sein. Sie werden das nicht wieder tun. Die ganze Nacht durch hab ich mich so unerhört gequält. Sie sind ein furchtbarer Mensch. – Bin ich? fragte Falk gedehnt; nein, was Sie sagen. – Ja, Sie brauchen nicht zu spotten. Sie haben mir alles genommen. Ich kann nicht mehr beten. Fortwährend muß ich an die furchtbaren Worte denken, die Sie mir gesagt haben. Ich kann nicht mehr denken, immer höre ich Sie in mir sprechen. Sehen Sie: Sie haben mir die Religion, Sie haben mir die Scham genommen ... – Nun, dann kann ich wohl gehen ... – Nein, Erik, sein Sie gut, tun Sies nicht mehr; es quält mich so schrecklich. Tun Sie, was Sie wollen; höhnen Sie, spotten Sie; nur das nicht mehr – verlangen Sie es nicht mehr von mir. Das kleine Kindergesicht war so vergrämt; ein schwerer Kummer sprach aus ihm, daß Falk unwillkürlich tiefes Mitleid empfand. Er stand auf, küßte ihr schweigend die Hand und ging im Zimmer auf und ab. – Gut, Marit; ich werde gut sein. Nur das Eine, Einzige: nenne mich Du. Siehst du, wir stehn uns doch so nah; wir sind am Ende wie Bruder und Schwester zu einander – du wirst es tun, nicht wahr? Falk blieb vor ihr stehen. – Ja, sie wolle versuchen, ob sie es fertig bringe. – Denn siehst du, Marit: ich kann mir wirklich nicht helfen: ich liebe dich so, daß ich völlig von Sinnen bin. Siehst du, den ganzen Tag geh ich herum, nur mit dem Gedanken an dich. In den Nächten kann ich nicht schlafen. Ja, ich gehe herum, wie ein drehkrankes Schaf. Na, und dann: was soll ich tun? Ich muß selbstverständlich trinken gehen, um mich zu beruhigen. Dann sitz ich unter diesen blödsinnigen Menschen in der Kneipe und höre sie das dumme Zeug reden, bis ich körperlichen Schmerz empfinde, und dann geh ich weg, und dann von neuem dieselbe Qual, dieselbe Unruhe ... Nein, mein Täubchen, du kannst nichts dafür; ich weiß. Ich mache dir auch keine Vorwürfe; aber du zerstörst mich einfach. Ja, ich weiß. Ich weiß, du könntest mir alles geben; alles. Nur das Eine, Einzige, das die Größe der Liebe ausmacht, das überhaupt ein Unterpfand der Liebe ist: nur das nicht. Ja, siehst du, du kannst reden, was du willst, aber wir stehen hier einfach vor dem einzigen Dilemma: Ist die Liebe nicht groß, dann hat sie selbstverständlich Vorbehalte, Bedingungen, Voraussetzungen. Ist die Liebe groß, d. h. ist sie wirklich Liebe – denn das andere ist keine Liebe: eine Liebschaft, eine Neigung, was du willst, nur keine Liebe – also, ich meine: ist Liebe Liebe, dann kennt sie keine Vorbehalte, keine Skrupel, keine Scham. Sie gibt einfach alles. Sie ist vernunftlos, skrupellos. Sie ist weder erhaben, noch niedrig. Sie hat keine Verdienste noch Makel. Sie ist eben Natur; groß, gewaltig, machtvoll, wie die Natur selbst. Falk kam in Stimmung. Ja, ich liebe unendlich diese Naturen, diese kühnen, mächtigen Gewaltnaturen, die alles niederreißen, zertreten, um dahin zu gehen, wohin sie die Instinkte stoßen, denn dann sind sie wirklich Menschen; das Innerste, das große Heiligtum der Menschheit sind die starken, mächtigen Instinkte. O, ich liebe diese Adelsmenschen, die Mut genug und Würde haben, ihren Instinkten zu folgen; ich verachte unendlich die Schwachen, die Moralischen, die Sklaven, die keine Instinkte haben dürfen! Er blieb vor ihr stehen; sein Gesicht kleidete sich in ein höhnendes, schmerzliches Lächeln. – Mein gutes, teures Kind; ein Adlerweibchen wollt ich haben, mit mir in meine wilde Einsamkeit hinauf, und bekam ein Täubchen, das noch obendrein verrostete blödsinnige Moral-Fußketten an hat; eine Löwin wollt ich und bekam ein ängstliches Kaninchen, das beständig tut, als sehe es den aufgesperrten Rachen einer Riesenschlange vor sich. Nein, mein Täubchen, mein Kaninchen – Falk lachte höhnisch – hab keine Angst; ich werde dir nichts tun. Marit brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. – Marit! um Gotteswillen, weine nicht! Herrgott, weine nicht! Ich werde ganz verrückt, wenn du so weiter weinst! Ich wollte dir nicht wehtun, aber alles zittert, stöhnt in mir – nach dir, nach dir, mein süßer, heiliger Liebling. Marit schluchzte unaufhörlich. – Nein, Marit, laß! Ich werde dir so wunderbare Dinge erzählen. Ich werde dir alles geben. Ich werde nun so gut, so gut sein. Falk kniete hin; er küßte ihr das Kleid, die Arme, er nahm ihr die Hände vom Gesicht, küßte ihr die Tränen von den Fingern leidenschaftlich. – Weine nicht – weine nicht! Er umschlang sie, zog sie an sich, küßte ihr die Augen, preßte ihr Gesicht in seine Arme, streichelte und küßte ihren blonden Kopf. – Mein teures, süßes Kind – mein einziger Liebling – mein ... Sie preßte sich an ihn; ihre Lippen fanden sich in einem langen, wilden, ächzenden Kuß. Sie riß sich endlich los. Falk stand auf. – Nun ist alles gut! Lach mir ein bißchen! lach, mein Liebling, lach. Sie versuchte zu lächeln. Falk schien sehr lustig zu sein; er erzählte eine Menge Anekdoten, machte gute und schlechte Witze, plötzlich trat eine Pause ein. Eine schwüle Unruhe schwoll wie eine Luftwelle an und schien das ganze Zimmer zu erfüllen. Beide sahen sich scheu in die Augen und atmeten schwer. Es dunkelte. Ein Dienstmädchen kam und rief Marit weg. Falk stierte ihr nach. In seiner Seele empfand er plötzlich eine gierige Grausamkeit. Es war da etwas Hartes, Verbissenes; es war da ein Stein, der rollte, der wußte, daß er in einen Abgrund stürzt, aber der wußte, daß er fallen muß. Es wurde dunkler und dunkler im Zimmer; die kurze Dämmerung färbte alles ringsum mit schweren, schwimmenden Schatten. Der Himmel war bewölkt; es war unerträglich schwül. Falk stand auf und ging unruhig auf und ab. Marit blieb so lange aus! – Bitte zu Tisch! Falk schrak auf. Mitten in sein Grübeln war die Stimme gefallen, wie losgerissen vom Körper; eine Stimme, schwebend in der Luft und plötzlich lautbar. – Nein, du darfst mich nicht so erschrecken, liebe Marit ... ja, ich bin doch beinah zu nervös. Er nahm Marits Arm und preßte ihn an sich; sie küßten sich. – Sst ... Mein Bruder ist auch da. Bei Tisch erzählte Falk wieder; weder er noch Marit konnte etwas essen. Umso eifriger aß der kleine Bruder, dabei ganz in seinen Katechismus versunken. Sie ließen ihn bald allein. Sie kamen wieder in den Salon zurück. Auf dem Tisch brannte die Lampe und füllte das Zimmer mit Licht. – Ob sie nicht einen Lampenschirm habe? Er könne das brutale Licht nicht vertragen. Marit brachte den Schirm. Das Gespräch stockte fortwährend. – Du darfst mir nicht übel nehmen, Marit, wenn ich heute länger bei dir bleibe. Ich kann ja doch nicht schlafen; und dann, weißt du, wenn ich so allein bin ... hm ... Ich störe dich doch nicht? Marits Gesicht färbte sich mit hektischer Röte. Sie konnte nicht sprechen; sie nickte ihm nur zu. Sie saßen eine Weile schweigend. Das ganze Dorf schlief. Das große Haus war wie ausgestorben. Das Gesinde hatte sich schon zur Ruhe gelegt. Die Schwüle war fast unerträglich. Eine stickige Ruhe lastete auf beiden, die dumpfe Luft draußen drückte bis ins Zimmer, und das regelmäßige Ticken der Uhr verursachte beinah einen körperlichen Schmerz. – Es ist merkwürdig, wie man hier einsam ist; es ist unheimlich. Hast du nicht manchmal Angst, wenn du so ganz allein in diesem großen Hause bist? – O ja, ich empfinde es furchtbar stark. Manchmal fühle ich mich hier so einsam und so verlassen, als wär ich ganz allein auf der Welt. Dann bekomme ich eine so gräßliche Angst, daß ich mich in die Erde vergraben möchte. – Aber heute fühlst du dich nicht verlassen? – Nein! Wieder trat eine Pause ein; eine lange, schweratmige Pause. – Hör mal, Marit, hast du noch die Gedichte, die ich dir im vorigen Frühling geschrieben habe? Ich möchte sie so gerne wieder lesen. – Ja, ich habe sie auf meinem Zimmer; ich werde sie sofort herunterholen. – Nein, Marit; ich werde mit hinaufgehen. Es ist viel gemütlicher in deinem Zimmer; so wunderbar gemütlich. Hier ist es so unheimlich, und ich, siehst du, bin sehr, sehr nervös. – Ja, aber, es könnte jemand hören, daß du mit gehst; das würde mir schrecklich sein. – O, er werde ganz still, ganz leise gehen; kein Mensch solle ihn hören. Übrigens schlafe das ganze Haus. Sie sträubte sich noch. – Süßes Täubchen, du brauchst wirklich keine Angst zu haben. Ich werde dir nichts tun – nichts, gar nichts. Ich werde still neben dir sitzen und die Gedichte lesen. Es donnerte. – Ja, ganz still; und wenn das Gewitter vorbei ist, werd ich ruhig nach Hause gehen ... Sie traten in Marits Zimmer; sie fühlten sich wie festgewurzelt. Es war zwischen ihnen eine Atmosphäre, die zu leben schien. Plötzlich fühlte sich Marit von ihm umschlungen. Vor ihren Augen quirlten feurige Blasen, wieder sah sie das heiße Jauchzen über dem Abgrund tanzen, sie flocht ihre Arme um ihn und stürzte sich kopfüber in das grausige Glück. Auf einmal schrak sie hoch. – Nein, Erik! nur das nicht ... Erik, nein! Nein! Sie keuchte. Falk ließ sie los. Er bewältigte sich mühsam. Eine lange Pause. – Hör mal Marit – seine Stimme klang rauh und hart – nun müssen wir uns trennen. Siehst du, du bist feig. Du bist ein Täubchen, ein Kaninchen; und ich bin ein guter Mensch. Ich bin der gute, liebe Erik. Nun, Marit, du hast nicht den Mut, mir zu sagen: Geh, laß mir mein reines Gewissen, laß mir die blödsinnige Jungfräulichkeit. Diesen Mut hast du nicht. Nun bin ich aber ein Mann; und so geh ich; mag kommen, was will. Ja, ich gehe. Ich lasse dir deine Moral, ich lasse dir dein religiöses Gewissen, ich lasse dir deine Jungfräulichkeit, und erspare dir die sogenannte Sünde. Nun sei glücklich; sehr, sehr glücklich ... Das Gewitter wurde lauter; im Fenster sah man grüne Furchen von Blitzen. Falk wandte sich zur Tür. – Erik, Erik, wie kannst du so grausam, so tierisch grausam sein?! Der ganze mühsam unterdrückte Jammer ihrer Seele brach empor. Sie krümmte sich vor Schmerz. – Erik! Erik! wimmerte sie. Falk kriegte eine wahnsinnige Angst. Er lief zu ihr, nahm den zuckenden Mädchenkörper in die Arme. – Nein, Marit, nein; es ist ja Wahnsinn. Ich bleibe bei dir. Ich werde dich niemals verlassen. Ich kann ja nicht weg von dir. Siehst du, ich glaubte, ich könnte. Aber ich kann nicht. Ich muß bei dir sein; ich muß. Ich werde dich niemals verlassen. Nein, Marit; du mein einziges Glück. Der Donner wälzte sich immer näher. – Ich bleibe immer bei dir. Immer. Ewig. Du bist mein Weib, meine Braut, alles, alles. Eine wüste Inbrunst fing in seinem Kopf zu wirbeln an. Und er wiegte sie in seinen Armen hin und her und sprach unaufhörlich von dem großen Glück, und vergaß alles. – Ja, ich werde dich glücklich machen ... so glücklich ... so glücklich ... Eine Sturzregenwelle klatschte gegen die Fensterscheiben. Nun waren sie wirklich allein in der Welt. Der Regen, die Blitze umgitterten sie. Marit umschlang ihn. – Erik, wie gut, wie gut du bist! Ja: nicht weg! Wir bleiben immer zusammen. Wir werden so glücklich sein. – Wir bleiben immer zusammen! wiederholte Falk, wie abwesend. Plötzlich kam er zur Besinnung. Wieder fühlte er das Harte, Grausame in sich, den Stein, der in Abgründe stürzt. Er preßte sie fester und fester. Sie hörten nicht das Donnern, sie sahen nicht das Feuer des Himmels. Alles drehte sich, alles verschmolz zu einer großen, tanzenden Feuerkugel. Falk nahm sie ... Das Gewitter schien sich verziehen zu wollen. Es war drei Uhr morgens. – Nun mußt du gehen! – Ja. – Aber nicht auf der Landstraße. Du mußt am See entlang gehn und dann über den Klosterzaun klettern. Man könnte dich sonst sehen, und morgen würde die ganze Stadt davon reden. Als Falk an den See kam, zog ein neues Gewitter herauf. Er sollte sich eigentlich irgendwo unterstellen. Aber er hatte keine Energie dazu. Es war ja übrigens auch gleichgültig, ob er ein bißchen naß würde. Der Himmel bedeckte sich mit dickem Gewölk; die Wolken ballten sich zusehends zu schwarzen, hängenden Massen. Ein langer, krachender Donner folgte auf einen Blitz, der wie ein glühender Graben den ganzen Himmel auseinanderriß. Wieder ein Blitz und Donner, und dann ein Platzregen wie ein Wolkenbruch. Im Nu fühlte Falk Wasserströme über seinen Körper schießen. Es war aber kein sonderlich unangenehmes Gefühl. Plötzlich sah er eine ungeheure Feuergarbe aus dem Wolkenhaufen spritzen; er sah sie sich in sieben Blitze spalten und im selben Augenblick eine Weide lichterloh in Flammen stehen. Sie war von oben bis unten zerfetzt und fiel auseinander. – Leben und Zerstörung! Der Schreck hatte seine Logik aufgerüttelt; er mußte auch das Angstgefühl beschwichtigen, das schon wieder in ihm hoch wollte. – Ja, freilich, hm: Zerstörung muß es geben. Marit ... Ja ... zerstört ... Falk hatte plötzlich dieses deutliche, blitzhelle, visionäre Bewußtsein, daß er Marit zerstört habe. – Warum auch nicht? Ich bin Natur und zerstöre und gebe Leben. Ich schreite über tausend Leichen: weil ich muß! Und ich zeuge Leben über Leben: weil ich muß! Ich bin nicht Ich. Ich bin Du – Gott, Welt, Natur – oder was du bist, du ewiger Blödsinn, ewiger Hohn. Ich bin kein Mensch. Ich bin der Übermensch: gewissenlos, grausam, herrlich und gütig. Ich bin Natur: ich habe kein Gewissen, sie hat es nicht ... ich habe keine Barmherzigkeit, sie hat keine ... – Ja: der Übermensch bin ich. Falk schrie die Worte. Und er sah sich als die tödliche Feuergarbe, die da aus dem schwarzen Gewölk gespritzt war: in sieben Blitze hatte er sich gespalten und ein Täubchen am Wege zerfetzt. In tausend Blitze müsse er sich noch spalten und noch tausend Täubchen, tausend Kaninchen zerreißen, und so werde er ewig gehen und zeugen und töten. Weil es nötig ist. Weil ich muß. Weil meine Instinkte es wollen. Weil ich ein Nicht-Ich bin, ein Übermensch. Braucht man sich darum zu quälen? Lächerlich! Weiß der Blitz, warum er tötet? – Und hat er Verstand, kann er seine Brunst lenken? Nein! Nur konstatieren, daß er dort und dort eingeschlagen hat. Ja: konstatieren, protokollieren – wie Sie wollen, Herr X. Und ich konstatiere und protokolliere, daß ich heute ein Täubchen getötet habe ... Die Atmosphäre war so mit Elektrizität überladen, daß um ihn her ein Meer von Feuer zu schwanken schien. Und er ging, eingehüllt in den wilden Sturm; er ging und grübelte. Und mitten in diesem Zorn des Himmels ging er selbst als eine zürnende, unheimliche Macht einher, ein Satan, auf die Erde geschickt mit einer Hölle von Qualen, neue schaffende Zerstörung über sie auszusäen. Plötzlich blieb er vor der Schlucht stehen. Sie war ganz mit Wasser gefüllt. Ein Gießbach schien entsprungen zu sein und strömte reißend dem See zu. Umgehen konnte er ihn nicht; da würde er auf die verfluchte Landstraße kommen. Übrigens ist es ja gleichgültig: bißchen mehr Wasser, bißchen mehr Schüttelfrost und Fieber: nein, das tut nichts. Das tut alles nichts. Alles ist gleichgültig; ganz, ganz gleichgültig. Und er watete durch den Gießbach. Das Wasser reichte ihm bis über die Knie. Als Falk nach Hause kam und sich zu Bette legte, fiel er in ein heftiges Delirium; die ganze Nacht lag er und warf sich hin und her in den wüstesten Fieberphantasien. XIII. Falk wachte gegen Mittag auf. Er konnte seinen Kopf nicht aus den Kissen heben; er war schwer wie eine Bleikugel, und sprühende Funken tanzten vor seinen Augen. Mühsam schob er die Kissen zurecht, setzte sich schließlich hoch, und versuchte einen Gegenstand ins Auge zu fassen. Es gelang ihm. Aber eine furchtbare Zwangsidee legte sich auf seinen Organismus. Er war wie hypnotisiert: er mußte Marit etwas sagen. Was? Er wußte es nicht. Aber es war etwas; er mußte um jeden Preis hin zu ihr, er mußte ihr etwas sagen. Mit übermenschlicher Anstrengung kroch er aus dem Bett. Ja, er mußte etwas sagen. Er kontrollierte sich. Das war gewiß eine Zwangsidee. Ja. Aber trotzdem: er mußte hin zu Marit. Er stand auf, mußte sich aber wieder setzen. Die Sohlen berührten die Diele. Eine wohltuende, beinahe schmerzhafte Kälte prickelte durch seinen Körper. Oh, wie gut das war! Ein wenig Luft mußte er noch haben, ein wenig Morgenluft. Ja, wie spät war es eigentlich? – So spät, so spät; aber es wird wohl kühl sein draußen. War wirklich ein Gewitter gewesen? oder hat er es nur geträumt? Seine Kleider lagen in einer Wasserlache auf dem Boden. Eine große Angst ergriff ihn. – Nein, nein: die Mutter kann es nicht gesehen haben, sonst lägen die Sachen nicht hier. Er fühlte sich kräftiger, ging an den Kleiderschrank und tauschte den Anzug. Gott, Gott, wie der Kopf ihm schmerzte. Mühsam zog er sich an. Wie ein Dieb schlich er sich an die Tür des Zimmers, das die Mutter bewohnte. Sie war nicht da! Falk atmete auf. Es tat ihm weh. – Nur das eine sagen ... Marit sagen ... dann werd ich wieder ins Bett kriechen ... dann kann ich krank sein. Aber nur sagen. Er ging hinaus. Als Marit ihn sah, sprang sie bestürzt auf. Falk lächelte gezwungen. – Nein; es ist nichts; ich habe mich nur ein wenig in der Nacht erkältet. Ich habe ein wenig Fieber. Übrigens sollte ich zu Hause geblieben sein. Aber ich mußte durchaus her zu dir. Ich weiß nicht, warum. Gib nur schnell etwas Cognac ... Er trank hastig ein großes Glas Cognac aus. – Siehst du; ich bin aufgestanden; es ging so furchtbar schwer. Aber wenn ich auf dem Totenbette läge, hätte ich zu dir gemußt. Oh: Der Cognac hat sehr gut getan. Er setzt die Temperatur herunter. Das ist nämlich meine stehende Redensart. Ich begreife nur nicht: warum nicht liegende? Falk fing an zu faseln, aber er beherrschte sich wieder. Marit sah ihn entsetzt an. – Nein, nein, laß mich; siehst du, es ist so schrecklich unheimlich, was für ein Tier so ein Übermensch ist. Ich bin nämlich ein Übermensch. Das verstehst du doch? Da bekomme ich plötzlich wahrscheinlich im Schlafe so Eingebungen. Ich erwache: ich weiß nichts von der ganzen Geschichte; ich erinnere mich nur an das Endergebnis. Nein; ich erinnere mich nicht; denn ich weiß nicht, ob ich etwas ähnliches geträumt habe; aber ich weiß, daß ich zu dir kommen mußte. Ich bin krank; sehr krank. Aber ich mußte zu dir. Wieder verließen ihn die Kräfte. Eine Feuergarbe sah er vor seinen Augen, eine rötlich grüne Feuergarbe; sie spaltete sich in sieben Blitze und zerfetzte eine Weide. Marit starrte ihn an, in wachsender Verzweiflung. – Erik mein Gott, was ist dir? Du bist krank – du mußt nach Hause zurück – o Gott, Gott, was starrst du mich so gräßlich an? – Nein, laß nur. Am Wege steht eine Weide; sie ist in zwei Teile gespalten; als ich ging – zu dir –ja, zu dir – nicht wahr, ich bin doch bei dir? Ja richtig: als ich zu dir ging, da habe ich die Weide untersucht und in dem Stamm nach dem Donnerkeil gesucht. Das tat ich immer als Kind. Ein Blitz, tausend Blitze töteten das Täubchen. Aber, was ich dir sagen wollte. Ich muß dir nämlich etwas sagen. Gieß mir noch Cognac ein. – Erik, ums Himmelswillen, du mußt nach Hause! Ich werde sofort anspannen lassen. Ich bringe dich nach Hause. Marit lief hinaus ... – Was er doch sagen mußte ... mußte?! Täubchen und Blitze ... dann Haus, Traum ... Leben ... Zerstörung ... Ja! Zerstörung! Er – ein Sturmorkan – ein Übermensch – der über Leichen schreitet – und Leben zeugt. Ja, ja: zerstören ... Zerstören! Eine wilde, jauchzende Grausamkeit wuchs in ihm empor; eine freudige, wahnsinnige Lust zur Qual. Das mußte er sehen! ja: das, wie der Frosch sich unter seinem Skalpell wand, wie er an den vier Nägeln bis an die Nagelköpfe hinaufrutschte. Dann das Herz herausschneiden ... Wie es auf dem Tische zuckt, wie es springt! Vor Falks Augen fingen die Gegenstände an zu tanzen. Marit stand vor ihm, reisefertig, in ratloser Angst. – Komm, Erik; komm! mein Einziger, komm! Sie küßte ihn auf die Augen. – Noch ... noch einmal ... Er bettelte wie ein kleines Kind. – Komm jetzt! Komm, mein süßer, einziger Mann du. – Nein – noch – laß! ich muß dir etwas sagen. Da setz dich hin – mir gegenüber – auf den Stuhl. So, Marit, hör mal: Ich bin garnicht dein Mann, ich bin verheiratet. Ja, wirklich: verheiratet. Meine Frau ist in Paris. Ja richtig: Fräulein Perier ist meine Frau. Das ist sie wirklich. Glaubst du nicht? Nein, wart mal, mein Ehekontrakt ... Er fing an nervös in den Taschen herumzusuchen. Plötzlich kam er zur Besinnung. Er lächelte blödsinnig. Nein du, was hast du da im Kopf für schwarze Löcher? Du siehst ja wie ein Totenkopf aus. Nein, sieh mich nicht so an – sieh mich nicht an – nein, laß – laß – ich geh – ich gehe. Falk duckte sich in wachsender Angst. Ich geh, ich gehe schon ... Er winselte wie ein Tier, – Ich gehe – ja – ja ... Er lief hinaus. – Nein, steigen Sie hier ein! rief der Kutscher. Ich fahr Sie! – Einsteigen? Ja so, einsteigen ... Falk stieg in die Equipage, die da wartete. – Wo ist nur mein Hut? Nein, der Hut ist nicht da ... Falk hielt ihn in den Händen ... Ist das aber seltsam! – – Marit saß im Zimmer mit dem Hut auf dem Kopfe; sie war völlig gelähmt. Da fuhr er, ja. Wirklich? Nein. Doch; doch. Ja. Kein einziger Gedanke! Sie war also tot. Nein, sie träumte. Nein, sie träumte nicht. Und wieder sah sie deutlich, wie schon Einmal, Falks Gesicht: es biß sie mit saugenden Vampiraugen, es fraß an ihrer Seele mit grinsendem Hohn ... Lügner ... Sie wußte, sie sah es: jetzt endlich hatte er die Wahrheit gesagt. So saß sie wohl eine Stunde lang. Er war also verheiratet! – Verheiratet – wiederholte sie kalt und rauh. Sie fühlte wie ihr Inneres zu Eis gefror; alles kroch in ihr auf einen Punkt zusammen; die Wärme schwand und schwand. Alles schrumpfte auf den einen, kleinen, winzigen Punkt zusammen: Verheiratet ... Sie sah seine unheimlich glühenden Augen. Ihr Kopf verwirrte sich. Sie sprang auf. Nein, wie sie das nur hatte vergessen können! Sie entkleidete sich schnell; ihr Blick fiel in den Spiegel. Nein, mit dem Hut auf dem Kopfe konnte sie doch unmöglich in die Küche gehen; das wäre drollig. Sie lächelte stumpf vor sich hin. Sie ging in die Küche; es sollte Brot gebacken werden. Sie ordnete es an. Sie war mit fiebernder Unruhe tätig. Dann kam sie in die Stube zurück. Über dem Sofa hing ein Bild, das nur aus Buchstaben bestand; es war da in so merkwürdigen Schnörkeln und mit grellen byzantinischen Initialen das Vater-Unser gedruckt. Sie betrachtete es aufmerksam. – Wie abscheulich dieser Drache um das U ... Sie las: Und verzeih uns unsere Sünden ... – Nein, warte mal, Marit ... Sie setzte sich auf den Stuhl. – Ja, da saß Falk. Nun sagte er ... Verheiratet! klangs ihr stahlhart in den Ohren. – Ja wirklich: verheiratet mit Fräulein Perier. Sie ging ans Fenster und schaute hinaus. – Wie der Tag lang dauert. Ja! bis zum 21. Juni werden die Tage immer länger. Sie sah auf die Uhr. Es war fünf Uhr nachmittags. Nun wird der Bruder gleich vom Turnen kommen: sie mußte ihm Kaffee besorgen. Ein Wagen rollte in den Hof... – Du, Marit, Falk ist furchtbar krank ... Der Bruder erzählte hastig, sich überstürzend ... Als Hans ihn nach Hause gebracht hat, mußte er aus dem Wagen gehoben werden; er konnte keinen Menschen erkennen. Seine Mutter weinte furchtbar, und dann kam der Kreisphysikus ... – So, Falk ist krank ... Marit wollte dem Bruder erzählen, daß Falk verheiratet sei, aber sie bezwang sich. Nun wird seine Frau kommen, und wird den armen, Nikotin-vergifteten Mann pflegen, und seine Launen wie ein Engel ertragen ... ja ... Sie ging in ihr Zimmer hinauf. Man solle sie nicht stören; sie werde sich ein bißchen schlafen legen ... Falk ist furchtbar krank ... er mußte getragen werden ... seine Mutter weinte ... Marit lief unruhig hin und her ... Ich muß zu ihm gehen ... sofort ... er wird sterben. Ihr Kopf war zum Bersten; sie griff mit beiden Händen hoch. Verheiratet! Verheiratet! dröhnte es fortwährend. – Ich werde dich so glücklich machen, so glücklich, und werde dich niemals verlassen! Eine weinende Wut stieg ihr würgend in die Kehle: Gott! Gott! Wie er gelogen hatte! Und eine Scham und schäumende Empörung. Herrgott: wars denn wirklich geschehen? Ja ... o ja ... Glück. Sie fühlte, wie er leise ihren Körper wiegte; hin und her. Sie fühlte seine heißen, gierigen Lippen; auf ihrem ganzen Körper. Sie sah sich entkleidet; er umfing sie ... Und aus allen Ecken tauchten gräßliche Gespenster, wilde, lachende, verzerrte Maskengesichter, die sie angrinsten und anspien. Sie kroch in sich zusammen; sie warf sich auf das Bett, vergrub sich in die Kissen. Mit eignen Nägeln sich ein Grab aufscharren! O Schande ... Schande ... Auf den Jammer des Menschenkindes glotzte die Madonna mit blödem Lächeln ... Es dämmerte ... Jenseits des Sees verschwand die Sonne hinter den Gipfeln des Waldes und goß blutrote Lichter über die Spitzen der Bäume. Marit horchte. Sie hörte das Klappern des Storches und das Lachen der Mägde, die unten vor dem Hause Kartoffeln zum Abendbrot schälten. Dann hörte sie singen. Es war ihr Bruder. Dann schlief sie ein ... Als sie aufwachte, war es Nacht. Sie setzte sich auf den Bettrand; dachte nach. Aber die Gedanken zerstreuten sich fortwährend. Sie stierte gedankenlos in das Zimmer hinein. Sie war verdammt; von Gott verstoßen. Nun war alles gleichgültig. Alles. Sie dachte nach, was wohl nicht gleichgültig wäre? Nein, es war nichts da. – Falk ist krank; aber Falk hat sie betrogen. Er versprach ihr Glück, endloses Glück, und er war verheiratet. Jetzt kommt seine Frau und wird ihn pflegen; seine Marit ist verdammt. Wenn sie zu ihm geht, wird sie weggejagt. Und dann wird sie draußen wie ein Hund im Regen stehen, vor der Tür zusammengekauert. Nein, sie hatte kein Recht auf ihn – nichts, gar nichts auf der Welt. Nun ist alles weg. Vater weg, Mutter weg; Gott gibt es nicht. Ja, das hat Falk gesagt. Falk hat Recht. Sonst würde Gott sein Kind nicht so entsetzlich quälen können. Alles weg ... Endlich stand sie auf. Sie machte Licht; sie wollte ihr Haar ordnen. Sie trat vor den Spiegel. O Gott, wie sie aussah ... Nein, wie mager; wie mager ... o, es ist ja gleichgültig ... Das ganze Haus schlief. – Das Glück ... das endlose Glück ... Ja: er hat es mir gegeben ... Sie nahm Hut und Mantel und ging an den See. Sie setzte sich auf den Stein: »Kap der guten Hoffnung« hatte sie ihn genannt, als sie hier Tag aus, Tag ein auf Erik wartete. Im Walde gegenüber stand das kleine Fischerhäuschen. Ein Licht, ein winziges Pünktchen, kroch aus dem Fenster heraus und versank seltsam zerfetzt in den zitternden Wellen des Sees ... zerfetzt... Sie starrte auf das Licht und auf das schwarze Wasser ... Wie es zog ... wie das Wasser an ihr zog ... Alles, alles ist gleichgültig. Sie war allein; kein Mensch ihr eigen. Sie war im Wind und Wetter wie ein Hund vor die Tür gejagt ... Ja, nun kommt die Frau; sie nimmt ihn weg; und ich bleibe allein! Allmächtiger, barmherziger Gott: allein ... Nein, nein, nein! – Genug! Zu Ende! Er fährt weg. Kein Vater. Keine Mutter. Kein Gott ... Ihre Angst wuchs und wuchs. Sie nestelte fiebernd am Kleide. Plötzlich stieg ein furchtbarer Gedanke in ihr auf: Die Welt geht zu Grunde! Alles, alles wird zu Grunde gehn! Die Sündflut! Sie sprang jäh auf: Da war ein Strudel ... da ist es tief ... ein Knecht ist da im vorigen Jahr ertrunken ... mit beiden Pferden. Sie lief da hin. In ihrem Kopfe dröhnte es und brauste. Sie sah nichts; sie hörte nichts. Etwas war in ihr, das sie trieb. Sie brauchte nur zu rennen. Sie rannte. – Ja, hier! – Nein, noch die kleine Biegung da ... da! Sie schrie gell auf im Wasser ... wild ... sie rang. Leben! – Der Strudel ... Seligkeit ... XIV. Nach einer Woche kam Falk wieder zu Bewußtsein. Vor seinem Bette saß seine Frau und schlief. Er war gar nicht erstaunt. Er betrachtete sie. Sie war es. Er sank in die Kissen zurück und schloß die Augen. Nun war alles gut. Eine rötliche Feuergarbe sah er plötzlich, die sich in sieben Blitze spaltete; dann sah er eine Weide am Wege auseinanderfallen. Marit war wohl tot. Er schlief wieder ein.   Ende   Kongsvinger (Norwegen), Juni 1894. III Im Malstrom Dem Dichter Zenon Przesmycki gewidmet I. Janina sah Falk nachdenklich an. Wie er sich doch in der letzten Zeit verändert hatte. Diese Unruhe! Als erwarte er jeden Augenblick irgend ein Unglück. Dann konnte er plötzlich auf eine ganze Stunde in eine sonderbare Apathie versinken und Alles um sich herum vergessen ... Was fehlte ihm nur? Nein, er war nicht offen zu ihr. Er machte Ausflüchte. Er beruhigte sie mit leeren Redensarten ... Hin und wieder sah sie sein Gesicht nervös aufzucken, dann machte er eine heftige Handbewegung und lächelte. Dies Lächeln – dies häßliche Lächeln hatte er aus Paris mitgebracht. Falk schien aufzuwachen. Er richtete sich im Sofa auf, nahm ein paar Stücke Zucker und warf sie in ein leeres Glas. – Hast Du heißes Wasser? – Du solltest nicht so viel Grog trinken, Erik, Du wirst davon noch unruhiger. – Nein, nein, im Gegenteil. Er schien ungeduldig zu sein. Janina beeilte sich, das Wasser zu bringen. Falk bereitete sich bedächtig den Grog. Er sah sie an: Sie war so eifrig, als wollte sies wieder gut machen, daß sie ihm zu widersprechen wagte. Er wurde sehr freundlich: – Nein, im Gegenteil. Das beruhigt mich. Es sind meine ruhigsten Stunden hier bei Dir ... So zu sitzen und ein Glas nach dem andern zu trinken ... Ja, hier bei Dir ... Er schwieg plötzlich. Er schien überhaupt an etwas ganz Andres zu denken. – Du hast Dich sehr verändert, seitdem Du aus Paris kamst. – Findest Du? – So warst Du früher nicht. Du bist so unruhig geworden und so nervös. Falk sah sie an, ohne zu antworten. Er trank, sah sie wieder an und lehnte sich im Sofa zurück. – Es ist doch sonderbar, wie gut Du bist. Er sprach mit freundlichem Lächeln. Mir ist so wohl bei Dir. – Ist es wahr? – Ja, ich komme ja immer zu Dir zurück. – Ja, wenn Du müde geworden bist ... Oh, Erik, es war nicht gut, mich drei Jahre hindurch hier in dieser furchtbaren Qual zurückzulassen. Nicht ein Wort hast Du mir geschrieben. – Ich wollte, daß Du mich vergessen solltest. – Dich vergessen! Nein, das kann man nicht. Er sah sie schweigend an. Es trat eine lange Pause ein. – Sag mir nur, Jania – er wurde plötzlich sehr lebhaft – sag es nur aufrichtig: ist zwischen Dir und Czerski nichts vorgekommen? Sei ganz ehrlich, Du weißt doch, wie ich darüber denke ... – Wir waren so gut wie verlobt ... Aber warum fragst Du danach? Ich habe Dir doch schon hundertmal dasselbe erzählt. – Nun, die ganze Sache interessiert mich sehr, und ich bin so vergeßlich. Dein Bruder hat es gewünscht? – Ja, sie waren die besten Freunde. – Und Du? – Ich hatte nichts dagegen. Dich hatte ich ganz aufgegeben. Er war sehr gut zu mir. Worauf sollte ich denn warten? Ich hatte große Achtung vor ihm ... – Wenn er nicht eingesperrt wäre, würdest Du jetzt eine ehrbare Hausfrau sein ... Hm, hm ... Bin wirklich neugierig, wie Dich das kleiden würde ... Janina antwortete nicht. Sie schwiegen eine Weile. – Hast Du ihn im Gefängnis besucht? – Ja, Anfangs ein paar Mal. – Und Dein Bruder ist glücklich über die Grenze gekommen? – Das weißt Du ja. – Hm, hm ... Falk stand unruhig auf und ging ein paar Mal auf und ab. – Haben sie jemals über mich gesprochen? – Wer? – Nun Dein Bruder und Czerski. – Natürlich, sehr oft. Du hast ja an Czerski Geld geschickt. Hast Du das vergessen? – Und wußten sie etwas über unser Verhältnis? – Nein! Ich habe immer getan, als hält ich Dich nie gekannt. Ich hatte Angst vor den Beiden. Sie sind so fanatisch. – Sie wußten also gar nicht, daß Du mich früher kanntest? – Nein. Aber hast Du nie mit meinem Bruder in Paris über mich gesprochen? Er war doch öfters bei Dir. Falk rieb sich die Stirn. – Ja, er kam ab und zu; aber wir sprachen fast immer über die Agitation ... Ja doch: er hat mir einmal erzählt, daß er eine Schwester habe und daß sie sich bald verheiraten solle; übrigens fuhr ich ja bald von Paris weg ... Nun, lassen wir das ... Wieder ging er unruhig herum. – Du, Erik, hast Du Dich niemals nach mir gesehnt? Er lächelte. – O ja, manchmal. – Nur manchmal? Er lächelte wieder. – Ich kam ja wieder zurück. – Aber Du liebst mich nicht. Ihre Stimme zitterte. – Ich liebe Niemanden, aber nach Dir hab ich mich gesehnt. Er sah sie an, ihr Gesicht zuckte. Sie würde wohl jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Falk setzte sich neben sie hin. – Hör mal, Jania, ich darf nicht lieben. Ich muß hassen, wenn ich liebe. – Hast Du jemals geliebt? – Ja, einmal. Und ich haßte das Weib, das ich lieben mußte. Nein, sprechen wir nicht darüber. Er wurde ernst. Der Gedanke an seine Frau quälte ihn. – Nein, nein. Man ist nicht frei, wenn man liebt. Das Weib drängt sich zwischen Alles hinein. Man muß tausend Rücksichten nehmen, man muß sie nehmen, man muß auch dasselbe Schlafzimmer haben – nun, das ist ja nicht gerade nötig, aber – nun, ja, Du verstehst mich ... Ich muß frei sein, jedes Gefühl, das meine Freiheit beengt, hasse ich, o, ich kann es Dir nicht sagen, wie ich es hasse. Er nahm ihre Hand und streichelte sie mechanisch. – Es ist doch sonderbar, Jania, daß Du mich so liebst. – Wieso? – Ich bin ja so kalt hier – hier ... er zeigte auf seine Stirn. Janina schluckte die Tränen hinunter. – Du genügst mir so. Ich will Dich nicht anders haben. Ich verlange nichts mehr von Dir. – Das ist gut. Deswegen fühl ich mich so wohl bei Dir. Er schwieg lange, dann richtete er sich plötzlich auf. – Glaubst Du, daß ich lieben kann? – Früher vielleicht. – Aber wenn ich jetzt, jetzt, verstehst Du, Jemanden liebte, wenn ich ihn so liebte, daß dieser Mensch – dieses Weib mir zu einer Art Schicksal würde? Janina sah ihn mißtrauisch an. – Wenn ich dies Weib also so liebte, daß ich nicht einen Tag ohne sie leben könnte? Sie schrak auf. Falk sah sie lange an, besann sich plötzlich und lachte auf. – Gott, bist Du ein Kind! Wie Du mich anstarrst! Janina sah ihn mit wachsender Unruhe an. Was sagte er? Was wollte er? – Erik, sag mir offen, was Dir fehlt. Glaubst Du, ich sehe nicht, daß Du leidest und daß Du es mir verbergen willst? Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Falk wurde sehr lebhaft. Es sei sehr dumm von ihr, daß sie sich damit quäle. Er habe gar nichts auf seinem Herzen. Er sei im Gegenteil lange nicht so froh gewesen. Er kenne jetzt kaum, was Leiden heiße. Nein, nein ... Er habe nur vielleicht ein wenig Lust, andere Menschen zu quälen. Das tue er nämlich sehr gerne, er habe ein grenzenloses Bedürfnis nach Liebe, und die empfinde er dann am intensivsten, wenn er die Menschen quäle. Oh, er könne sie noch ganz anders auf die Folterbank spannen, nur um in ihrer Qual diese heiße hingebende Liebe so ganz heftig flackern zu sehen. Er könne ihr dann das unglaublichste Zeug vorreden, daß er zum Beispiel verheiratet sei, daß er bereits ein Kind habe und daß ihr Kind als Bastard zur Welt gekommen sei. Könne sie denn diese Instinkte nicht verstehen? Im Übrigen solle sie ihn nicht gar zu ernst nehmen. Er pflege nicht immer seine fünf Sinne beisammen zu haben. Aber Janina ließ sich nicht beruhigen. – Nein, nein, lieber Erik, ich verstehe sehr gut, was Du meinst, aber es ist nicht so bei Dir. Ich kann es sehr gut unterscheiden ... Sie dachte eine Weile nach. – Sag mal, macht Czerski Dich so unruhig? Falk horchte auf. – Czerski? Czerski? Hm ... Ja, ich werde wohl viele Unannehmlichkeiten haben. – Wieso? – Nein, nicht gerade Unannehmlichkeiten ... aber ... Falk brach plötzlich ab. – Er saß wohl anderthalb Jahre im Gefängnis? – Ja beinahe. – Sonderbar, daß er jetzt gerade freigelassen wurde ... Janina sah ihn fragend an. – Warum ist das sonderbar? Falk sah verwundert auf. – Hab ich gesagt, daß es sonderbar ist? Ich habe an etwas ganz Anderes gedacht. Aber, was ich sagen wollte ... er sieht wohl sehr schlecht aus ... Nun, ja, natürlich ... Hm, es tut mir leid um ihn. Er ist ein äußerst tüchtiger Kerl, nur so tollkühn ... Jetzt wurde er wohl ganz und gar ein Anarchist. Das ist selbstverständlich ... Hat er geweint? – Nein, er war sehr ruhig. Er sagte, er war darauf vorbereitet. Machte mir nur Vorwürfe, daß ich nicht mit ihm ganz ehrlich gesprochen hätte ... Dann nahm er das Kind, sah es lange an und fragte nach dem Vater. – Du hast es ihm gesagt? Ja natürlich. Warum solltest Du es nicht. He, he ... ich brauch mich doch wohl nicht zu schämen, daß ich einem braven Bürger zum Dasein verhalf ... He, he ... siehst Du, Jania, ich muß manchmal so nervös auflachen, aber es kommt daher, weil ich so übermüdet bin ... Das Leben ist nicht so leicht, wie Du es Dir in Deinem jugendlichen Übermute denkst... Na, lach doch über den schönen Witz ... Aber Janina lachte nicht. Sie sah grübelnd zu Boden. Falk wurde gereizt. Warum sei sie denn so traurig? Könne er denn wirklich nirgends hinkommen, ohne daß er traurige und betrübte Mienen präsentiert bekomme? Janina erschrak über seine Heftigkeit. Er bezwang sich und suchte einzulenken. – Der kleine Erik ist doch gesund? Ja, selbstverständlich. Aber Du bist wohl noch sehr schwach ... Hm, es ist nicht leicht, ein Kind zu gebären ... Er betrachtete ein Bild, das über dem Bette hing. – Das Bild hast Du damals mit mir gezeichnet ... Hm ... Erinnerst Du Dich noch? Es war so furchtbar heiß: Du hattest eine ganz rote Matrosenbluse an und wenn Du so über dem Zeichenbrette lagst ... He, he, he ... Damit fing es an ... Janina sah ihn ernst an. – Es wäre doch besser, wenn ich Dich niemals getroffen hätte. – So? Warum denn? – Nein, nein ... ich weiß es nicht. Ich war ja mit Dir glücklich. – Aber? – Ich habe Angst vor Dir. Ich weiß nicht, wer Du bist, ich weiß nicht, was Du machst. Ich kenne Dich jetzt schon seit zehn Jahren ... Ja, zehn Jahre sind es, seit ich Dich zuerst sah ... Ich war noch nicht vierzehn, ich war eine Zeit ja fast täglich mit Dir zusammen und ich weiß nichts, nichts von Dir. Ich glaube nicht, daß Du offen zu mir bist ... Manchmal ist es mir, als kommen Deine Worte so ganz mechanisch, ohne daß Du genau weißt, was Du sprichst ... Nein, nein, Du bist nicht glücklich. Das ist das Einzige, was ich von Dir weiß. Manchmal werd ich ganz rasend vor Schmerz. Ich möchte in Dich hineinkriechen, um zu sehen, was da in Dir vorgeht ... Du liebst mich ja gar nicht, Du sagst es auch offen, und doch muß ich Alles für Dich tun, ich weiß nicht warum. Ich bin wie ein kleines Kind zu Dir, ja willenlos wie ein zweijähriges Kind ... Was ist denn an Dir? Falk sah sie lächelnd an. – Der stärkere Wille. – Vielleicht würdest Du mich lieben, wenn mein Wille stark wäre? – Nein. – Warum? – Weil ich neben meinem Willen keinen andern dulde. Falk ging ans Fenster. Die unheimliche Stille frappierte ihn. – Ist es immer so still hier? – Ja, in der Nacht. Er sah auf den weiten asphaltierten Hof, vier Stockwerke von vier Seiten. Ein echter Gefängnishof. Gegenüber im zweiten Stock sah er ein Fenster hell. Er ging an den Tisch und goß sich frisches Wasser ins Glas. – Es ist merkwürdig, daß es Stefan gelang, über die Grenze zu kommen. Aber der arme Czerski mußte büßen. Bei Dir war wohl auch Haussuchung? – Ja, aber man ließ mich in Ruhe. – Hm, hm ... er tut mir sehr leid ... Er liebte Dich wohl sehr? Janina antwortete nicht. Falk sah sie an, trank hastig und trat wieder ans Fenster. – Nun muß ich gehen. Janina sah ihn flehend an. – Geh nicht, Erik, bleib heute bei mir, bleib ... Er wurde unruhig. – Nein, Jania, nein, bitte mich nicht darum. Verlange nichts von mir. Es ist so schön, wenn ich zu Dir kommen und wieder gehen kann, wann ich will. Janina seufzte schwer auf. – Warum seufzest Du, Jania? Sie brach plötzlich in Tränen aus. Er wurde ungeduldig, setzte sich aber wieder hin. Sie faßte sich mühsam. – Du hast Recht. Geh nur, geh ... Es war im Augenblick ... Ich wurde plötzlich so unruhig. Tu immer, was Du willst ... Ihre Stimme zitterte. Sie schwiegen lange. – Den Kleinen kann ich wohl jetzt nicht sehen? ... Ich komme übrigens morgen oder übermorgen her. Er stand auf. – Schreibt Stefan Dir oft? – Selten ... – Merkwürdig, daß er nichts von unserem Verhältnisse wußte. Ich meine das frühere Verhältnis vor drei Jahren ... – Er war ja damals in Amerika. – Richtig! Gott, wie ich vergeßlich bin ... Na, auf Wiedersehen ... Ich werde vielleicht morgen wiederkommen. II. Kaum war er unten auf der Straße, als er Czerski auf sich zukommen sah. Beide blieben stehen und sahen sich starr an. – Sie kennen mich wohl nicht? sagte Czerski endlich. – Ich denke, Sie sind Czerski. Sehr schön, sehr schön, was wollen Sie von mir? – Das werden Sie bald erfahren. – So, so ... die Nacht ist sehr schön, wir können ja zusammen spazieren gehen, obwohl ich viel lieber allein gehen möchte. Sie gingen lange neben einander, ohne ein Wort zu sagen. Falk war sehr unruhig und rang nach Fassung. – Also sagen Sie mir endlich, was Sie von mir wollen. – Was ich von Ihnen will? Ja sehen Sie, Sie wissen natürlich, daß ich mit Janina verlobt war? – Nein, das weiß ich gar nicht. Ich habe heute erfahren, daß Sie so gut wie verlobt waren, aber nicht verlobt. – Ja, meinetwegen so gut wie verlobt. Aber das gehört gar nicht zur Sache. Janina hatte das Recht, zu wählen, und sie hat gewählt. – Ja, natürlich. Das war ihre Sache. – Ja, ja, das war ihre Sache, wiederholte Czerski zerstreut und schwieg. – Aber sagen Sie nur, Herr Falk, Sie sind verheiratet? Falk zuckte auf und blieb stehen. – Was geht Sie das an? – Es geht mich eigentlich nichts an, oder ja doch, es geht mich sehr viel an. Ich will nicht davon sprechen, daß Sie mein Glück zerstört haben, nein, ich komme gar nicht in Frage, aber Sie haben das Mädchen, das ich geliebt habe, geschändet, ja geschändet, so sind nun einmal unsere sozialen Verhältnisse. Wie kommen Sie dazu, Sie als verheirateter Mensch, dies arme Mädchen zu verführen und zu schänden? Falk lachte zynisch. – Wie man dazu kommt? Herr Gott, sind Sie ein naiver Mensch! Die Frage, die Sie mir vorlegen, ist alt wie die Welt. He, he, wie man dazu kommt? Ich habe mir selbst die Frage mindestens tausendmal gestellt ... Czerski sah ihn finster an. – Sie sind ein schmutziger Mensch, ein Schurke sind Sie. Falk lachte freundlich. – Aber sind wir das nicht Alle? Sind Sie etwa kein Schurke? Übrigens sind Sie ein sonderbar unverschämter Mensch. Ich möchte Ihnen sehr gerne eine Ohrfeige geben, wenn ich nicht zu schlaff dazu wäre. Gehen Sie zum Teufel und lassen Sie mich in Ruhe. – Lassen Sie nur Ihre ritterlichen Anwandlungen bei Seite. Es könnte Ihnen sonst sehr schlimm ergehen. Aber ich habe eine moralische Verpflichtung Janina gegenüber, und so muß ich wissen, was Sie nun zu tun gedenken. Nein, es geht mich nichts an, was Sie tun wollen, Sie müssen so handeln, wie ich will. Falk blieb stehen, sah Czerski mit höchstem Erstaunen an und fing dann an laut zu lachen. – Hören Sie, Czerski, haben Sie im Gefängnis Ihren Verstand verloren? Ich würde mich gar nicht darüber wundern, ich würde es sehr begreiflich finden ... He, he, man muß doch sonderbar fixe Ideen kriegen in dieser scheußlichen Einsamkeit. Sie haben doch eine Zelle für sich gehabt? Ich muß tun, was Sie wollen! Ha, ha, ha ... – Ja, Sie müssen tun, was ich Ihnen befehle. – So, so, Sie fangen an, gemütlich zu werden. Bien! Also, was befehlen Sie? – Sie müssen Janina heiraten. – Aber Sie wissen ja, daß ich verheiratet bin. Es gibt ja ein Gesetz, das die Bigamie bestraft, wissen Sie es nicht? Haben Sie alle bürgerlichen Institutionen im Gefängnis vergessen? – Sie müssen sich von Ihrer Frau trennen und Janina heiraten. Falk blieb sprachlos stehen und geriet in Wut. – Sind Sie denn verrückt geworden? Er konnte nichts mehr herausbringen. – Nein, ich bin nicht verrückt geworden, aber so viel ich auch darüber nachgedacht habe, find ich keinen andern Ausweg. Sie müssen es tun, ich werde Sie zwingen dazu. Ihre Frau wird Ihnen keine Schwierigkeiten machen. Ich glaube nicht, daß sie mit Ihnen weiter leben will, wenn sie erfährt, daß Sie eine Maitresse haben. Falk erbebte innerlich so heftig, daß er Mühe hatte, weiter zu gehen. Seine Knie wurden schwach, er blieb stehen und starrte Czerski sprachlos an. Dann ging er langsam weiter. – Warum wollen Sie das tun? Falk hustete auf und faßte sich mühsam. – Weil es der einzige Ausweg ist. – Sie irren sich, Czerski, ich werde nicht tun, was Sie wollen. Sie können mich auch nicht zwingen dazu ... Falk sprach sehr ernst und ruhig. – Alles, was Sie durch Ihren Plan erreichen, ist, daß Sie mich und meine Frau zerstören. Ihr ganzer Plan ist darauf aufgebaut, daß meine Frau mich verlassen wird, und das ist richtig. Daran zweifle ich nicht einen Augenblick. Aber die Konsequenz, die Sie daraus ziehen, ist ganz falsch. Ich werde niemals Janina heiraten ... – Warum? – Weil Sie nicht die Satisfaktion haben sollen, daß ich unter Ihrem Drucke gehandelt habe. Tun Sie, was Sie wollen, es steht Ihnen natürlich frei, aber ich wiederhole, ja ich versichere Ihnen mit meinem Ehrenwort, daß ich Janina nie heiraten werde. Sie erreichen nichts dadurch, im Gegenteil: ich werde mich natürlich an Ihnen rächen. Die Mittel sind mir vollkommen gleichgültig. Ich halte nämlich sehr viel vom Gotteswort: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Sehen Sie, Sie gehören der sozialdemokratischen Partei an. Aber man traut Ihnen nicht, Sie gelten eigentlich als Anarchist. Und Sie wissen, daß für die Sozialdemokraten jeder Anarchist ein Polizeispitzel ist. Daß Sie im Gefängnis waren? O Gott, das hat nichts zu bedeuten. Um die logischen Konsequenzen einer solchen Lappalie kümmern sich die Sozialdemokraten nicht. Czerski sah ihn gespannt an. Falk lachte boshaft, aber innerlich kochte es in ihm vor Raserei und Unruhe. – Sie wissen, daß ich der Vorsitzende des Zentralkomitees bin. Sie wissen auch, daß man zu mir ein unbegrenztes Vertrauen hat. Aber man weiß sehr wenig von Ihnen. Sie haben sogar einen mächtigen Feind in der Partei, der Sie verleumdet und verdächtigt ... ja, es ist Kunicki, Sie wissen es ja, Sie waren so unvorsichtig, seinen Ausschluß aus der Partei wegen der Duellgeschichte zu beantragen ... Nun hören Sie ... Falk blieb stehen ... He, he ... Sie scheinen sehr gespannt zu sein. Ja, ich verstehe es. Also ich könnte ein Wort sagen, wenn man mich nach Ihnen fragt, nur ein Wort, eigentlich kein Wort. Ich brauchte nur die Brauen hochzuziehen, mit den Achseln zu zucken; den Kopf bedenklich zu schütteln ... Sie wissen, daß so etwas im Parteileben eine kolossale Bedeutung hat ... – Das wäre eine Schurkerei, schrie Czerski in höchster Wut. – Warum denn? Falk sah ihn kalt an. – Ich kenne Sie nicht. Ich habe Ihnen allerdings oft Geld zur Agitation geschickt. Aber auch darin spricht der Schein gegen Sie. Alles mißlang Ihnen. Sie wollten den Büchertransport über die russische Grenze leiten, die Bücher wurden aufgegriffen, Sie waren auch so unvorsichtig, die Arbeiter einmal zur Gewalttätigkeit zu reizen, was ja sonst nur ein agent provocateur tut ... Czerski schien sich auf Falk losstürzen zu wollen. Falk lächelte. – Lassen Sie das, lieber Czerski. Ich habe zu Ihnen ein unbedingtes Vertrauen. Ich kenne keinen Menschen, dem ich mehr vertraue. Ich will Ihnen nur klar machen, daß ich mich auf jeden Fall rächen würde. – Sie sind ein Schurke, schrie Czerski heiser. – Ja, das haben Sie schon einmal gesagt, und ich habe Ihnen darauf geantwortet, daß ich diesen Ehrentitel auch Ihnen beilege. Übrigens ereifern Sie sich nicht, sonst ziehen Sie den Kürzeren. Ich war eine Zeit so fassungslos, daß ich glaubte, ich würde in die Knie sinken, jetzt bin ich ganz ruhig und überlegen. Sie sind auch unvorsichtig mit den Worten. Sie sprachen von Befehlen und Zwingen ... Das war zu hoch gegriffen. Sie wußten ja sehr gut, daß ich nicht gezwungen werden kann ... Gehen Sie doch nicht, wir können ja sehr ruhig sprechen, für mich ist die Geschichte mindestens ebenso wichtig, wie für Sie. Ich kann Sie ja ebensogut ein Stück begleiten, he, he ... – Ich will mit Ihnen nichts zu tun haben, sagte Czerski finster, blieb aber stehen. Sie standen dicht unter einer Laterne. Falk wurde sehr ernst. – Hören Sie, Czerski, Sie sind es mir schuldig, mich jetzt anzuhören. – Ich habe Ihnen ja gesagt, was ich tun will. – Aber verstehen Sie nicht, daß es Wahnsinn ist? Sie sehen übrigens ganz krank aus. Ich habe Sie vor zwei Jahren auf dem Kongreß gesehen. Verstehen Sie nicht, daß es Wahnsinn ist? Sie erreichen nichts dadurch. Gar nichts. Sie zwingen mich zu einem Verbrechen. Ha, ha, ha ... Nein, Czerski, Sie sind ein schlechter Psychologe ... Sie sind eigentlich ein wenig befangen mir gegenüber, wir hatten zu viel mit einander zu tun ... Glauben Sie nur ja nicht, daß ich Sie bitten will. Lassen Sie sich nur ja nicht beirren in Ihren Entschlüssen. Sie sind übrigens ein dummer Mensch. Nun fing er an boshaft zu lachen und stellte sich ganz breit vor Czerski hin, der ihn mit eigentümlich abwesenden Augen anstarrte. – Sie kamen da über eine ganz plumpe Geschichte in Aufregung. Plump, unerhört plump! Glauben Sie wirklich, daß ich im Stande wäre, Sie als einen unsicheren Menschen zu denunzieren? Er wurde wieder ernst und plötzlich sehr matt. – Übrigens bin ich gar nicht das Zentralkomitee. Eure ganze Partei ist mir ebenso gleichgültig, wie Sie mit Ihren knabenhaften Vorsätzen ... Czerski schrak plötzlich hoch. – Also Sie lieben gar nicht Janina? Falk sah ihn erstaunt an. – Nein. – Hören Sie, Falk, Sie haben schurkenhaft gehandelt, ich hätte es nie von Ihnen geglaubt. Ich hatte eine grenzenlose Achtung vor Ihnen ... Sie waren der einzige Mensch neben Janinas Bruder ... Er brach ab und grübelte weiter. Falk wurde sehr erregt. – Es tut mir unendlich leid, daß ich auf diese Weise in Ihr Leben eingreifen mußte ... Czerski unterbrach ihn plötzlich. – Und Sie wollen mit dieser Lüge weiter leben? Wollen Sie weiter Ihre Frau belügen? Falk sah ihn erstaunt an. – Lieber Czerski, Sie wollen sich nun plötzlich zum Richter über mich aufschwingen. Das ist ganz lächerlich. Ich schulde keinem Menschen Rechenschaft über das, was ich tue, am wenigsten Ihnen ... Übrigens haben wir genug gesprochen. Tun Sie, was Sie wollen ... Sie sind ein braver Mensch, und vielleicht kein Schurke, freut mich ungemein, einen Nicht-Schurken gesehen zu haben ... Aber jetzt gute Nacht ... Er wurde plötzlich rasend. – Gehen Sie schlafen, Czerski! Er war ganz außer sich vor Wut. – Gehen Sie schlafen, sag ich Ihnen! Czerski sah ihn verächtlich an. Eine Schutzmannpatrouille ging vorbei und musterte sie aufmerksam. – Gehen Sie schlafen! schrie ihm Falk noch einmal zu und ging langsam die Straße entlang. Er war wie gelähmt. Die künstliche Fassung verschwand plötzlich und die Unruhe wuchs so stark, daß sein Herz sich wie in einem Krampfe zusammenschnürte und kalter Schweiß ihm auf die Stirne trat. Dann ging er schneller und schneller, bis er ganz erschöpft wurde. – Jetzt kommt es. Ja, jetzt kommt es sicher. Das Rad kam ins Rollen und es wird unablässig weiter rollen ... Ja, natürlich. Dieser Wahrheitsfanatiker wird sich nicht abhalten lassen. Falk wollte die Gefahr überdenken, aber sein Gehirn war müde, nur die Vorstellung des Verderbens, des Zerstört-Werdens beherrschte ihn mit unsagbarer Qual. Ein Weib ging hastig vorbei, und hinter ihr liefen zwei betrunkene Studenten. – Die Hunde! Nein, wie das Alles ekelhaft ist, wie ekelhaft! Nein, zum Donnerwetter! Das ist ja unerhört idiotisch, sein ganzes Leben für ein paar Sekunden tierischen Genusses einzusetzen. Das ganze Leben? Er lachte höhnisch. Nein, zum Teufel, man setzt ja nur ein paar Sekunden für ein paar neue Sekunden aufs Spiel ... Ha, ha, ha ... Ein Weib löst das andre ab ... Vive la reine ... Er blieb auf einer Brücke stehen und starrte vor sich hin. Er war wie blind geworden, aber nach und nach sah er eine ungeheure schwarze Masse wuchtig und majestätisch über den ganzen Himmel emporwachsen, und nach und nach erkannte er die gewaltigen Formen des Bahnhofs. Hin und wieder hörte er einen schrillen Pfiff der Lokomotive, die unter der Brücke rangierte. Er ging auf die andere Seite der Brücke. Vor ihm dehnte sich das weite Terrain der Bahnhofsanlage. Er sah die ungeheure Anzahl von Lichtern an den Schienen entlang, er sah die verschiedenfarbigen Signallaternen, er starrte hin, bis alle Lichter in einen großen, zitternden Regenbogen, nein, eine große tausendfarbige Lichtsonne zusammenflossen ... III. Als Falk nach Hause kam, saß Isa halbausgekleidet auf ihrem Bette und las. – Endlich bist Du gekommen! Sie kam ihm entgegen. Oh, wie ich mich nach Dir gesehnt habe. Falk küßte sie und setzte sich auf den Schaukelstuhl. – O, wie ich müde bin! – Wo warst Du denn? – Ich war mit Iltis zusammen. – Hast Du was Neues gehört? – Nein, nichts von Bedeutung. – Du bist so blaß, Erik? – Ich habe ein wenig Kopfschmerzen. Isa setzte sich neben ihn auf einen Stuhl, nahm seinen Kopf in beide Hände und küßte ihn auf die Stirn. – Du bleibst jetzt immer so lange weg, Erik. Es ist so unangenehm, den ganzen Abend allein zu sitzen. Falk sah sie an und lächelte. – Ich muß mich jetzt allmählich von Dir emanzipieren. – Warum? – Nun, wenn Du mir plötzlich weglaufen solltest ... – Oh, Du! Sie küßte ihn noch heftiger. Falk stand auf, ging nachdenklich im Zimmer auf und ab, blieb dann vor ihr stehen und betrachtete sie lächelnd. – Worüber denkst Du so nach? – Du bist doch sehr schön, Isa. – Hast Du es nicht früher gesehen? – Ja, natürlich. Aber es ist doch seltsam, daß ich Dich nach einer vierjährigen Ehe noch immer so schön finde, wie am ersten Tage. Isa sah ihn glücklich an. – Du, Isa, wir haben doch sehr glücklich zusammen gelebt. – Oh, ich war so glücklich, und ich bin so glücklich, ich habe ein so starkes, ein so frohes Bewußtsein von Glück ... Manchmal bekomme ich Angst, daß es nicht lange dauern sollte dies große Glück ... Aber das ist natürlich lächerlich, so ein Weiberaberglaube ... Ich weiß ja, daß Du mich immer lieben wirst, und dann brauch ich nichts mehr, dann kann ich mich ja nie unglücklich fühlen. Selbst wenn Du so nervös bist, wie jetzt, und ganze Tage ausbleibst, macht es nichts ... Es ist eigentlich so schön, so zu sitzen und an unsere Liebe zu denken. Sie schwieg einen Augenblick. Falk ging herum und sah sie von Zeit zu Zeit unruhig an. – Und Deine Liebe ist so schön, so schön ... Ich denke so oft daran, daß ich die Erste bin, die Du geliebt hast, ich weiß auch, daß kein anderes Weib für Dich existiert, und das macht mich so stolz, Du verstehst vielleicht nicht dies Gefühl ... – Ja, ja, ich kann es mir denken. Sie sah ihn lächelnd an. – Nicht wahr, Erik, Du hast doch nie, seitdem Du mich getroffen hast, ein Weib so angesehen, so ... – Wie? Sie lachten sich beide an. – Nun so, wie es ich glaube im Neuen Testamente steht von dem Blicke, der beredter wie Worte begehren kann ... Ha, ha, waren die Herren von dem Neuen Testament erfahren ... Aber warum frage ich Dich danach, ich weiß es ja. – Bist Du so sicher? Falk setzte eine geheimnisvolle Miene auf. – Ja, nichts ist für mich so sicher. – Hm, hm ... Du mußt doch ein unglaubliches Vertrauen zu mir haben. – Ja, das hab ich, sonst könnt ich nicht so glücklich sein. Falk sah sie aufmerksam an. – Aber was würdest Du sagen, wenn ich Dich doch betrogen hätte? Sie lachte. – Du kannst es ja nicht. – Aber wenn ich es doch getan hätte? – Nein, Du hast es nicht. – Aber setzen wir es voraus, ich hätte es unter ganz besonderen Umständen getan, unter Umständen, für die kein Mensch verantwortlich ist. Sie wurde ein wenig unruhig und sah ihn an. – Sonderbar, wie Du so etwas voraussetzen kannst. Falk lachte. – Natürlich hab ich es nicht getan. Aber wir können ja doch einen solchen Fall rein psychologisch nehmen. Ich habe heute so viel darüber nachgedacht. Es interessiert mich. – Nun ja. – Also siehst Du, Isa, ich kann Dich zuweilen hassen. Das hab ich Dir oft gesagt. Ich kann Dich so intensiv hassen, daß ich ganz von Sinnen bin. Ich hasse Dich, weil ich Dich so lieben muß, weil alle meine Gedanken sich auf Dich beziehen, weil ich nirgends hingehen kann, ohne Dich beständig vor den Augen zu haben. – Aber das ist ja eben so schön! Sie küßte ihn auf die Augen. – Nein, laß nur, Isa. Hör weiter. Ich hasse Dich zuweilen und liebe Dich gleichzeitig mit einer solchen Unruhe, daß ich davon ganz krank werden kann. Ich versuche Dich loszuwerden. Es ist kein Glück, so zu lieben ... Falk stand auf und redete sich immer heftiger hinein. – Nun siehst Du, man bekommt so eine rein physische Sehnsucht, diese Unruhe, diese Qual zu vergessen. Man sehnt sich nach einem Ruhekissen ... He, he – Ruhekissen, das ist das Richtige ... Er lächelte mit einer eigentümlich schiefen Grimasse. Nun kennt man ein Weib von früher her. Ein Weib, das in ihrer Liebe so aufgegangen ist, daß sie nur um dieser Liebe willen lebt. Man geht zu ihr, ohne sich etwas dabei zu denken, man geht ganz mechanisch, weil man sich plötzlich erinnert, daß das Weib doch noch existieren müsse. Ja: sie ist da und ist verrückt vor Glück ... Ha, ha, ha ... Du bekommst einen so sonderbaren Zug um den Mund, wenn Du so gespannt zuhörst, ganz wie kleine Mädchen in der Schule, wenn sie recht aufmerksam sind. Aber hör nur. Ja, richtig ... Iltis, weißt Du, der versteht sich darauf. Er sagte einmal, daß es einen Moment gibt, in dem jedes Weib schön wird. Und er hat Recht. Nun denk Dir: das Weib wird ganz verklärt, sie wird so neu, so seltsam schön, sie hat aufgehört, sie selbst zu sein, es erstrahlt in ihr etwas von der Ewigkeit des Naturzweckes ... Falk brach plötzlich ab und sah sie forschend an. – Na und? – Und? Hm, Du weißt ja, was im Menschen geschehen kann, ohne daß man sich dessen recht bewußt wird ... Er stand wieder auf und sprach sehr ernst: – Der Mensch ist ja so wenig über das Tier hinausgegangen. Das Bißchen Bewußtsein ist ja nur dazu da, um etwas Geschehenes zu konstatieren ... Es kann so eine kleine Empfindung sein, so ein winziges Pünktchen in der Seele. Man wußte früher nichts davon, gar nichts. Aber so wird diese Empfindung, diese winzige, losgelöste Empfindung wach. Mit einem Ruck kann sie zu einer riesigen, maniakalischen Idee auswachsen ... Es ist vielleicht die Empfindung von einem Tropfen Blut, nicht wahr? Unter irgend einem Umstand kann man die Sehnsucht bekommen, Blut zu sehen, nein, nicht mehr Blut, ein Meer von Blut, eine Pfütze von zerfleischten, auseinandergerissenen Gliedern, weiß Gott was Alles ... Er sah plötzlich Isa an und lachte auf. – Du hast wohl Angst, Isa? – Nein, nein, aber Du bist so ernst geworden, und wenn Du sprichst, so weiten sich Deine Augen, als ob Du selbst Angst hättest. – Angst? ... Ja, ich habe Angst vor diesem fremden Menschen in mir ... Aber hör nur: man sieht das Weib urplötzlich in dieser verklärten Schönheit. In diesem Augenblick taucht etwas wie Neugierde auf, eine brennende Neugierde, eine Gier, das Weib in ihrem Urgründe zu fassen. – Und? – Ja, man vergißt Alles, man gehört sich nicht mehr. Etwas arbeitet ganz spontan in der Seele, es tut Alles auf eigene Faust. Man nimmt das Weib. Ist es nicht furchtbar? fragte er plötzlich. – Ja, furchtbar. – Was würdest Du nun sagen, wenn mir so etwas passiert wäre? – Nein, Erik, sprich nicht so. Ich will nichts davon hören. Ich habe einmal darüber nachgedacht ... Falk sah sie erstaunt an. – Wann hast Du darüber gedacht? – Nein, nein, ich habe eigentlich nicht gedacht. Es flog mir nur so plötzlich durch den Kopf einmal. – Wann, wann? – Als Du bei Deiner Mutter warst und krank wurdest. Du weißt, damals hat sich gerade das Mädchen ertränkt. Aber Du bist ja so blaß und Deine Augen werden so groß. Sonderbar, wie Deine Augen groß sind. Falk sah sie unverwandt an. – Was hast Du da gedacht? – Ich bekam jetzt plötzlich einen so schmerzhaften Ruck von Angst. Falk ermannte sich und suchte zu lächeln. – Wir erzählen uns ja auch so schöne Schauergeschichten ... Aber was hast Du damals gedacht? – Ich saß neben Deinem Bett, ich war so müde und schlief ein. Als ich aufwachte, waren Deine Augen weit aufgerissen und starrten mich ganz unheimlich an. – Davon weiß ich nichts. – Nein, natürlich nicht. Ich bin auch nicht sicher, ob das Alles nicht ein Traum war. Aber da fuhr es mir mit einem Mal wie ein Blitz durch den Kopf: Gott, wenn das Mädchen Deinetwegen ins Wasser gegangen wäre! – Was meinst Du? Sie war ja im Bad ertrunken. Wie kamst Du auf die Idee ...? – Ich weiß nicht, wie ich darauf kam, ich war so nervös und so übermüdet, und da erzählte Deine Mutter, daß Du sehr viel mit ihr zusammen warst. Falk wurde unruhig. – Sonderbar, was Du für Ideen bekommst. – Ich konnte diese Gedanken nicht los werden. Ich habe so fürchterlich gelitten, weil ich wußte, daß ich dann gleich, sogleich von Dir gehen müßte. Nicht eine Sekunde würd ich dann bei Dir bleiben können. Falk blickte sie starr an: – Es wurde mir jetzt mit einem Male so unendlich klar, daß Du dann gehen würdest. Nicht wahr? Sofort ... – Ja. – Ja, ja, so etwas versteht man in einer Sekunde. Es lag da in der Art, wie Du sprachst, etwas so Unheimliches ... – Was meinst Du? – Sei nur nicht so ängstlich. Falk lächelte. Aber es kam mir so vor, als ob mein Schicksal gesprochen hätte. – Dein Schicksal? – Ja, verstehst Du, Du brauchst eigentlich nicht zu sagen, was Du meinst ... Ja, sieh nur: Du hast mir Anfangs nie gesagt, daß Du mich liebtest, wir waren uns auch noch ganz fremd, aber ich hörte es an Deiner Stimme. Du sprichst nämlich ganz anders wie alle anderen Menschen. Jetzt hab ich es wieder gehört, ich meine, ich weiß nun so sicher, was dann kommen würde. Ich weiß nicht, woher ich diese Sicherheit habe ... Aber, was sprechen wir darüber ... Was macht mein großer Sohn? – Er war sehr unruhig heute. Lief und schrie, und als ich ihn fragte, warum er so schreie, antwortete er: Ich muß, ich muß! – Sonderbar! Falk ging nachdenklich auf und ab. Das Kind ist doch ganz merkwürdig nervös. Ja, er wird sicher ein Genie werden; alle Genies haben heiße Köpfe und kalte Füße ... Ha, ha, ha. Ihm müßte wohl auch eine kleine Hirnpartie ausgeschnitten werden ... Ich glaube, jeder Mensch hat da eine Partie, die beseitigt werden müßte, ja, ja – dann würden wir Alle sicut Deus werden ... Aber sag mal, Isa: so ein Genie ist doch ein sonderbares Tier, so wie ich zum Beispiel. Sieh mich doch an: bin ich etwa nicht ein Genie? He, he, he ... Nun ist die menschliche Rasse so degeneriert, auf fünfhundert Millionen sind vierhundertneunundneunzig Cretins und Idioten. Sollte da nicht ein Genie die Verpflichtung haben, die Rasse zu verbessern? – Wodurch? – Nun natürlich dadurch, daß er möglichst viele Kinder mit möglichst vielen Weibern zeugte. – Aber Du hast ja gesagt, daß die Kinder von Genies Idioten werden. Falk lachte. – Ja, Du hast ein fabelhaftes Gedächtnis, aber interessant wäre es für unsern Janek, später einmal an lebenden Exemplaren die Eigenschaften zu studieren, die sein großartiger Herr Papa hatte. In den eventuellen hundert Kindern, die ich an den eventuellen hundert Stellen haben könnte, müßten sich ja die hundert liebenswürdigen Eigenschaften, deren ich mich erfreue, vererben. – Nun faselst Du, lieber Erik. Isa kleidete sich langsam aus und machte sich das Haar auf. – Nun gute Nacht, Isa. Ich will noch heute arbeiten. – Erik, ich habe Angst. Geh noch nicht. – Sei doch kein Kind ... Ich habe ja nur darüber gesprochen, weil ich es vielleicht schreiben werde. Denk an mich, dann wirst Du die Angst vergessen. – Komm, küsse mich. – Nein, ich will Dich nicht küssen. Du bist so verwirrend schön, und ich muß arbeiten ... Gute Nacht. IV. Falk trat in sein Arbeitszimmer, setzte sich vor den Schreibtisch hin, stützte seinen Kopf in beide Hände und stöhnte laut auf. Seine ganze Ruhe, die er so mühsam Isa gegenüber bewahrt hatte, war verschwunden und wieder fühlte er das Pochen und Bohren seiner Qual. Die Unruhe ringelte sich wie ein spitzer scharfer Trichter in sein Rückenmark hinein, ein Gefühl, als müsse er nun auseinanderfallen, wuchs schäumend in ihm empor; er sprang auf, setzte sich wieder hin, er wußte sich keinen Rat. Es war ihm, als müßte nun Alles um ihn her einstürzen, zusammenbrechen, einsinken; er fühlte eine Orgie von Zerstörungs- und Untergangsekstase um sich her. Und die schwüle Hitze der Sommernacht erdrückte ihn, breitete sich stickig in seiner Lunge, er wurde so empfindlich, daß er kaum atmen konnte. Er riß das Fenster auf und fuhr fast entsetzt zurück. Der Himmel! Der Himmel! So hatte er ihn nie gesehen. Es war, als hätte er plötzlich die astronomische Distanz wahrgenommen. Er sah die Sterne, als wären sie in eine millionenmal weitere Entfernung gerückt, größer, feuriger, wie riesige, gangränöse Brandflecken. Und der Himmel kam ihm so entsetzlich lebendig vor ... Schweiß trat ihm auf die Stirn, und die Augen fühlte er schmerzhaft hervorquellen. Da faßte er sich wieder. Und in einem Momente stürzte auf ihn sein ganzes Leben mit einer visionären Deutlichkeit. Eine Periode wickelte sich nach der andern mit rasender Schnelligkeit ab. All das Furchtbare, Entsetzliche seines Lebens: ein Untergang nach dem andern, eine Zerstörung nach der andern ... So hatte er sein Leben nur einmal gesehen, ja, damals, als er das arme Kind, diese Taubenseele von Marit zerstört hatte ... huh, Marit, das war das Scheußlichste. Diese zwecklose Zerstörung, dieser Mord ... Er kam plötzlich zum Bewußtsein und lachte boshaft. Zum Teufel! Bin ich denn senil geworden? Was geht mich ein Mord an, den die Natur begeht? Ha, ha, ha ... Daß sie die Liebenswürdigkeit hatte, sich zufällig meiner Wenigkeit als eines Mordinstrumentes zu bemächtigen, dafür sollte ich nun leiden!? Nein! nein! das geht nicht. Er kam in Hitze. Verehrtes und von mir speziell hochgeschätztes Publikum – beiläufig gesagt, hätt ich keine üble Lust, Euch Allen auf die Köpfe zu spucken, aber das darf ich nur in Parenthese – Gott wie geschmackvoll! Also unglaublich hochgeehrtes Publikum: ich lehre Euch einen neuen Kniff, einen ungemein nützlichen Kniff ... Es ist eine Entschleierung, ein Desavouement, ein neues Testament, ein neues Erlöserheil ... Am Anfang war die pfiffige, boshafte, teuflische Natur ... Man hat Euch gesagt, sie sei gewaltig, unbekümmert, kalt und stolz, sie sei weder gut noch schlecht, sie sei weder Dreck noch Gold ... Lüge, verehrtes Publikum, infame, lächerliche Lüge! Die Natur ist boshaft, raffiniert boshaft, verlogen, hinterlistig ... das ist die Natur! He, he, he ... Natürlich sperrt das verehrte Publikum seine Kauwerkzeuge auf, als ob ein vierspänniger Heuwagen einfahren sollte ... Ein geriebener Schlaumeier ist die Natur, ein boshafter, schurkischer Teufel ... Was bin ich? Weißt dus? Weiß er es? Natürlich! Die Individualisten, die klugen Leute, die sich da in die Brust werfen und schreien: Ich bin Ich! O, die wissen es ... die Individualisten! Falk lachte höhnisch auf. Ich bin nichts, ich weiß auch nichts! O! es ist furchtbar! Furchtbar ist es! Nicht wahr, Isa? Du bist die Einzige, die das Furchtbare zu würdigen versteht ... Ich sehe, daß sich meine Bewegungen zu Handlungen kombinieren, ich höre mich reden, ich fühle gewisse Vorgänge in den Geschlechtsorganen, und eine Tat ist vollbracht! Was ist geschehen? Ein Unglück ist geschehen! Hi, hi, hi, hört Ihr den Teufel grinsen? Wer hat es gemacht? Ich?! Ich?! Wer bin ich? Was bin ich? Er kam in ein Verzweiflungsfieber. Ich habe es nicht gemacht! Mein Gott, wie kann ich etwas hindern, das schon lange in mir vorbereitet war und nur auf eine Gelegenheit wartete, um hervorzubrechen und unter seiner Lava Alles zu begraben! Wußt ich etwas davon? Kann ich hindern, daß sich ein Blick in meine Seele senkt und dort Kräfte wachruft, Kräfte, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte? Und dafür, daß etwas Unbekanntes in mir ein Unglück angestiftet hat, soll ich büßen, dafür soll ich von meinem Gewissen gefoltert werden? Liebe Natur, versuch deine boshaften, tückischen Kunstgriffe an anderen Menschen; ich kenne zu gut deine Kniffe und Schliche – nein! mich zu quälen, gelingt dir nie – nie! Er schenkte sich ein großes Glas Kognak ein und leerte es auf einen Zug. Wie wundervoll Der die Sache ausgeklügelt hatte! Er wird zu meiner Isa gehen und ihr einfach sagen: Gnädige Frau, Ihr Mann ist ein Schurke, er hat mit einem fremden Weibe den Anstoß zu einer neuen genealogischen Linie, zu einer unechten Falklinie gegeben. Sie, gnädige Frau, werden sich natürlich von ihm scheiden lassen, damit Ihr Gemahl das Mädchen heiraten kann, wodurch beide Linien eine genealogische Einheit erlangen. Ha, ha, ha ... Aber, lieber Czerski, es fällt mir gar nicht ein, zwei echte Linien zu haben. Nun, dann werd ichs trotzdem Ihrer Gemahlin sagen, denn ich will Sie von der Lüge befreien, ich bin ein Tolstoj, ein Björnstjerne-Björnson, ich kämpfe für die Wahrheit ... Aber, lieber Czerski, verstehen Sie nicht, daß die beiden Herren senile Philosophen sind, verstehen Sie nicht, daß die Wahrheit zu einer blödsinnigen Lüge wird, sobald sie Menschen zerstört? Verstehen Sie nicht, daß es mir ein unendliches Glück wäre, zu Isa zu gehen und ihr Alles zu sagen, verstehen Sie nicht, daß mir diese Lüge eine unendliche Qual bereitet, aber die Wahrheit mir noch eine tausendmal größere bereiten, und außerdem noch Isa zerstören würde? Verstehen Sie nicht, daß Wahrheit in diesem Falle eine Idiotie, ein Blödsinn, eine ekelhafte Grausamkeit wäre? Das verstehen diese bornierten Gehirne natürlich nicht. Und das Unheil wird kommen. Isa? Ja, Isa wird gehen. Das ist sicher. Sie wird einfach verschwinden ... nein, sie wird mir noch die Hand zum Abschied reichen, nein – vielleicht nicht, weil ich sie durch die Andere beschmutzt habe. Ja, ganz so wird sie sagen ... Aber was dann, was dann? Er zerbrach sich den Kopf als müßte er notgedrungen den Stein der Weisen finden. Seine Knie waren schwach geworden, er fiel erschöpft auf das Sofa hin. Es war zweifellos. Das Andere in ihm hatte ihn zu Grunde gerichtet. Er fühlte sich endlos erschlafft, schwach und machtlos: Die Macht der Umstände haben den wissenden Herrn Falk vernichtet, eben weil er wissend war. Aber wenn Herr Falk zu Grunde geht, so ist es doch ganz anders, wie wenn z. B. sich die kleine Marit ins Wasser wirft, weil sie sich nicht dazu hergeben wollte, Mutter einer Falkschen Seitenlinie zu werden. Es ist roh gedacht, sehr roh, aber diese Roheit tut weh, und das ist ein Genuß ... Aber ja, geht Falk zu Grunde, so kann er es kontrollieren, den Zusammenbruch von Etappe zu Etappe verfolgen, notieren, registrieren ... He, he, he ... die Natur hatte er nun gründlich entschleiert. Das Gewissen hatte er auch gänzlich überwunden ... Wollen Sie wissen, weswegen, Sie Wahrheitsfanatiker? Sperren Sie nur Ihre Ohren gut auf, damit Sie den unsagbaren Umfang Ihrer Dummheit einigermaßen übersehen ... Hören Sie nur auf meine Gründe, auf die Gründe des Wissenden, der die Natur entschleiert hat. Die Natur zerstört. Gut, sehr gut! Um zu zerstören, bedient sie sich verschiedener Mittel und zwar erstens der sogenannten Naturgewalten. In diese Kategorie entfallen ihre Gemütsblödigkeiten in Form von Blitzen, Stürmen, Wasser- und Windhosen u. s. w., u. s. w. Zweitens hat sie sich als ein ganz hervorragend wirksames Mordmittel die Bazillen auserkoren, eine prachtvolle und unglaublich schurkische Erfindung ... Drittens, nein! kein Drittens! Ich bin kein Klassifikator, ich bin Philosoph, folglich überspringe ich eine niedliche Anzahl von den niedlichsten Mord- und Marterwerkzeugen, wogegen die krampfhafteste Erfindungssucht der Inquisition zahm und vor Gott wohlgefällig erscheinen muß, und gehe sogleich zum Menschen über ... Der Mensch! Erlauben Sie nur, daß ich tief Atem schöpfe, meine trockene Kehle mit Kognak erfrische und ein wenig Nikotin meinem Magen zuführe. Also der Mensch! Homo sapiens in der Linnéschen Systematik: ein selbsttätiger Apparat, versehen mit einer Registrierungs- und Kontrolluhr in Form des Gehirnes! Wunderbar! Jetzt, bitte, hören Sie nur gut zu. Ich setze mein Evangelium fort, mein großes Erlösungswerk. Die Natur hat sich ihrer ewigen, zwecklosen Morde geschämt. Die Natur ist verlogen und feig, sie wollte die Schuld für ihre zwecklosen Morde von sich abwälzen und hat dem Menschen ein Gehirn gegeben. Wissen Sie, was ein Gehirn ist? Ein sehr schlechter, ausrangierter, unbrauchbarer Apparat. Denken Sie sich einen schlecht funktionierenden Blutwellenschreiber. Er wird das Steigen und Fallen des Pulses natürlich aufschreiben, aber falsch, ganz falsch. Man wird nur daraus ersehen, daß ein Senken und Fallen vorhanden ist, aber nichts weiter. Sehen Sie, auf diese Weise erfährt auch das Gehirn, daß etwas in der Seele vorgeht, aber was? darüber erfährt es nichts. Kurz gesagt, wenn auch der Vergleich hinkt, und durchaus keinen Anspruch auf Exaktheit erhebt, das Gehirn wird betrogen und belogen und erfährt erst später, nachdem es Geschehenes summiert hat, daß es betrogen wurde. Aber damit ist die raffinierte Grausamkeit noch nicht zu Ende. Mit dem schlecht funktionierenden Gehirne ist noch ein niedliches Zeug von Gewissen verbunden, Jahrtausende lang daraufhin dressiert, Qual zu verursachen für die Sünden, die die Natur begeht. He, he, ein ganz unglaubliches Raffinement ... Aber auch damit ist die Sache nicht zu Ende. Durch einen eigentümlichen Kniff hat es die Natur dem Tölpel von Menschen eingebleut, daß es ein gewaltiger Vorzug sei, Gehirn und Gewissen zu haben. Denn was unterscheidet den Menschen vom Tiere? Der Mensch weiß, was er tut ... Falk horchte. Wird ihn nicht bald ein Lachkrampf überwältigen? Der Mensch hat das Gehirn bekommen, auf daß er den Gott scilicet die Natur erkenne, ihm für seine Wohltaten danke ... Nein! Ich muß aufhören. Sonst lauf ich wirklich Gefahr, Lachkrämpfe zu kriegen. Potz Tausend! Ist das ein raffinierter Schelmenstreich. Sich für das Gehirn bedanken zu lassen, und noch obendrein für das Gewissen, diesen schönen Misthaufen, auf dem die Natur ihre Schurkereien abladet. Nein, nein! Ich bedanke mich für das Gehirn, das Gewissen und dergleichen Wissensapparate. O, ich will lieber zum Bazillen hinabsteigen. Er zerstört ohne Qual und ohne Gewissensbisse. Der kluge Herr Professor, der dem Menschen den Übermenschen beibringen wollte! Nun! der müßte ja schon am zweiten Tage an seinem Überfluß von Gehirn und Gewissen zu Grunde gehen! Falk sah sich tatsächlich auf einer Bühne, das fand er durchaus nicht sonderbar, im Gegenteil: sehr angenehm. Er liebte es, bemerkt zu werden. Er hatte dann die Pose eines bedeutenden Menschen, nein, keine Pose: nur ein ganz natürliches Auftreten von einem bedeutenden Menschen, ganz so wie das Publikum einen bedeutenden Menschen zu sehen wünscht. Übrigens, verehrtes Publikum, begeh ich den Blödsinn, die Natur zu personifizieren, und das ist der erste Schritt zur Bildung eines Gottes. – Er kicherte. Des Gottes, ha, ha, ha, den das liberale, freisinnige Bürgertum abgeschafft hatte. Das freisinnige Publikum – o Gott, ich ersticke, – der deutsche Freisinn mit zwanzig Plätzen im Reichstag. Nein! Wie er sich köstlich amüsieren konnte! Er schrak plötzlich zusammen. Sonst pflegte er sich durch dergleichen Selbstgespräche zu beruhigen, zu vergessen, aber diesmal gelang es ihm nicht. Im Gegenteil: die Unruhe packte ihn von Neuem, überraschend, hinterrücks, mit neuer Heftigkeit. Aber zum Teufel, was denn? Was wird, was kann denn geschehen? Er mußte es absolut verhindern. Er durfte nicht zu Grunde gehen. Noch nicht. Nein, er mußte Czerski zurückhalten, ihm die ganze Sache ausführlich klar machen, mit Gründen belegen, mit unbesiegbaren Argumenten auseinandersetzen, daß er sich völlig im Irrtum befinde, wenn er ihn verantwortlich machen wolle. Das sei lächerlich. Wolle er die Lüge strafen, so müsse er auf irgend eine Weise der Natur beizukommen suchen und sie schädigen ... Ja, er müsse den dummen Czerski überzeugen, daß er allerdings als ein wissendes Werkzeug gehandelt habe, aber durchaus ohne jede Verantwortlichkeit sei, etwa wie ein Bazill oder so etwas Ähnliches. Ja, klar machen, überzeugen ... etwa in folgender Weise: Falk hustete auf. Er sah sich deutlich Czerski gegenüber. Sonderbar dies Halluzinatorische seiner Gedanken. Das ist natürlich der Anfang vom Ende. Diagnostisch sehr wertvoll diese ausgeprägten Halluzinationen, die durchaus nicht beunruhigen. Sehen Sie, lieber Czerski, ich bin jetzt tausendmal ruhiger wie vor ein paar Stunden ... Ja, natürlich. Wieder trank er ein volles Glas. Sind Sie ungeduldig, Czerski? Nun, wir können anfangen. Ich beeile mich nicht, weil ich gewisse intime Dinge berühren muß, an die zu denken, durchaus kein Vergnügen ist. Sie runzeln Ihre Stirn. Aber mein Gott, haben Sie denn gar kein Interesse an psychologischen Analysen? Bedaure, bedaure ... ich bin ein ganz engragierter Seelenforscher ... He, he, he ... Ich glaube, ich habe alle meine Gemeinheiten, wie Sie meine Handlungen zu benennen belieben, aus einer gewissen psychologischen Neugierde begangen, einer Neugierde, die zum Beispiel den illustren Geist des liberalen Bürgertums, Herrn Hippolyt Taine auszeichnete. Sie wissen ja, der Herr der eine Destille für Tugenden errichten wollte. Prachtvolle Idee, Tugenden in denselben Massen zu produzieren wie Vitriol. He, he, he ... So sind die liberalen Geister! ... O, o, was sie nicht Alles wissen und können! Aber, bitte, setzen Sie sich, sonst werden sich Ihre Knie lösen, wie Homer sagt. Eine Zigarette gefällig? Vielleicht ein Glas Kognak? Sie trinken nicht? Ja, natürlich, Sie sind ein Menschenfreund, und als solcher wandeln Sie auf den höchsten Menschheitshöhen, verschmähen also die leiblichen Genüsse. Ha, ha, ha ... Nun entschuldigen Sie, nehmen Sie es nur nicht übel. Ich kann nur nicht verstehen, wie ein Mensch, der Gehirn hat, ohne Alkohol auskommen kann ... Sie verletzen eine natürliche Kompensationspflicht. Wieso? Wieso? Aber das ist ja ganz klar. Der Urmensch, der gehirnlose Mensch, also ein Homo, der noch nicht sapiens ist, und in Folge dessen seine Gefühle zu regulieren nicht im Stande ist, unterliegt spontan gewissen Gefühlsausbrüchen, die man Begeisterung, Ekstase, Suggestibilität u. s. w. nennt. Es ist ein Prozeß, der gewisse Ähnlichkeit mit sogenannten pathologischen Vorgängen hat, also einer Manie zum Beispiel. Etwas ergreift mit furchtbarer Gewalt das Gehirn, macht blind für alle Gründe, unfähig einer jeden Berechnung, man wird wie ein Stier, dem eine Scheuklappe vorgebunden wurde. Aber diese ekstatische Blindheit gibt eine unerhörte Kraft, die eigentlich unsere Zivilisation geschaffen hat. Sehen Sie, diese fanatische, gradlinige Blindheit hat die Massen nach Jerusalem getrieben, sie hat die Religionskriege entfacht, sie hat Bastillen gestürmt, Konstitutionen errungen, sie hat Barrikaden errichtet und Straflosigkeit den bübischen Preßpiraten zugesichert ... Das ist die Begeisterung der Wut, die einem Samson die Kraft gab, mit einem Eselskinnbacken ein ganzes Heer von Philistern in die Flucht zu schlagen und andererseits den Herrn Ravachol auf die Idee brachte, fromme Bürgerseelen in den Abrahamsschoß zu befördern: die Bürger lieben ja den allmächtigen Herrn, sie sollten sich bei Ravachol bedanken, daß sie so urplötzlich das Gottesantlitz in Freude schauen dürfen ... Oh, oh – Sie lachen, Herr Czerski, man hat Sie nicht umsonst anarchistischer Liebhabereien verdächtigt. Diese Begeisterung also ist ein äußerst wichtiger Faktor in dem Haushalte der Natur, aber wir sind ihrer nicht mehr fähig. Der nüchterne Verstand des freisinnigen Bürgertums hat sie getötet. Aber wir, ja wir haben die Verpflichtung, Hüter dieser heiligen Begeisterung zu werden. Aber wie sie erzeugen, wenn sie nicht da ist? Natürlich durch Alkohol. Sehen Sie, Suwarow, der hat es verstanden. Seine Heerscharen bekamen vor jeder Schlacht soviel zu saufen, wie viel sie nur wollten, deswegen haben sie die Wunder von Tapferkeit verrichtet ... das preußische Kriegsministerium sollte mal diesen Umstand in Erwägung ziehen. Ich schwatze, sagen Sie? Das ist sehr dumm gesagt. Sie sind wohl auch ein so liberales Gehirn, dem die kleinen Dinge lächerlich erscheinen? Aber wir kamen ja von unserm Hauptthema ab. Also Herr Taine, nicht wahr? Er hat ganz dieselbe psychologische Neugierde wie ich ... Wissen Sie, wie er die Sache anstellt? Er ist in einer Gesellschaft. Er sieht einen Menschen, der einen Charakterkopf hat, Charakterkopf lese ich nämlich zweimal täglich im Berliner Tageblatt. Das Organ des liberalen Bürgertums sagt es von jedem Minister, vorausgesetzt, daß er einem Schaf ähnlich ist. Sonst heißt es nur, scharfgeschnittenes Profil, wie aus Marmor gehauen, zuweilen auch antik u. dgl. Herr Taine sieht das Schafsgesicht. Er wird augenblicklich zerstreut. Er wandelt herum wie ein Lunatiker, bis er plötzlich dem betreffenden Charakterkopf auf die Füße tritt. Aber man weiß, daß es Herr Taine ist, und man ist darüber sehr erfreut. Herr Taine notiert in sein Notizbuch. Erste Eigenschaft: große Sanftmut. Eigentliches Milieu: Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Das langweilt Sie, Herr Czerski? Nun ich wollte Ihnen nur nachweisen, daß meine psychologische Methode sich wesentlich von der Taineschen unterscheidet. Ich bin also ein verheirateter Mensch. Glücklich? Nein! Unglücklich? Nein! Was denn? Aber wollen Sie denn wirklich nicht ein Glas Kognak trinken? Es ist gut, wenn man nervös ist. Das dämpft die depressiven Zustände, erhöht die Lebensenergie, macht den ganzen Organismus leistungsfähiger. Sie wollen nicht? Nun, dann Ihr Wohl. Falk trank. Hm, hm ... Wie soll ich nur anfangen? Er ging auf und ab. Haben Sie schon jemals über dies furchtbare Rätsel, über den Menschen nachgedacht? Nein, natürlich nicht. Sie sind ein Anarchist, also streng genommen ein Erbe des freisinnigen Gehirns, das den Materialismus und die eudaimonistische Ethik hervorgebracht hat, ja Sie sind der Erbe einer Weltauffassung, die ... Aber kennen Sie diese eine herrliche Stelle aus den Geständnissen des heiligen Augustinus? Hören Sie nur: »Da gehen die Menschen hin und bewundern hohe Berge und weite Meeresfluten und mächtig brausende Ströme und den Ozean und den Lauf der Gestirne, vergessen sich aber selbst daneben.« Ja, sehen Sie: das bourgeoise Gehirn hat den Menschen vergessen. Er muß jetzt von Neuem entdeckt werden! Aber um ihn zu entdecken, muß man die lächerliche Überschätzung des idiotischen Makrokosmos, die staunenswerten Errungenschaften der Naturwissenschaften erst verlernen, man muß den kindlichen Sinn wiedergewinnen, der das Furchtbare und Geheimnisvolle, die Untiefe und den Abgrund zu sehen vermag, nicht nur zu sehen, aber anzustaunen, Angst und Schreck und Verzweiflung vor alledem zu empfinden ... Ha, ha, ich Idiot ... Ja, Sie haben Recht, daß Sie dies überlegene Lächeln aufsetzen. Ja, natürlich. Ihr, Ihr –ja, was seid Ihr eigentlich? Anhänger der materialistischen Weltauffassung, Ihr habt ja natürlich alle Rätsel gelöst ... Nun, nichts für ungut, ich verstehe sehr gut, daß Ihre weltumfassenden Menschheitsideale Ihnen nicht Zeit lassen, sich in eine solche Bagatelle, wie der Mensch, »liebevoll zu versenken« – der Ausdruck stammt vom Berliner Tageblatt, »Ihre durchgreifende Tatkraft« – der Ausdruck ist von derselben Quelle – erlaubt Ihnen nicht, Ihre Zeit nutzlos zu vergeuden. Ha, ha, ha ... Wollen Sie wirklich nicht trinken? Schade, sehr schade, ich kann eigentlich die Menschen nicht leiden, die nicht trinken. Aber neugierig scheinen Sie zu sein. Sie möchten wohl gerne etwas Persönliches über den geheimnisvollen Herrn Falk erfahren, der Ihnen Geld zu sozialer Agitation, Broschüren und Proklamationen zur Aufreizung einer Klasse gegen die andere geschickt hat. Ha, ha, ha ... Aufreizung! nicht wahr, so heißt es offiziell ... Aber ich will gar nicht von mir sprechen, ich will nur über objektive Fragen reden ... Ha, ha, ha ... Sehen Sie: das ist z. B. sehr interessant, wie sich ein Mensch unter dem Einflüsse einer Bagatelle verändern kann. Bagatelle, sag ich Ihnen. Lächerliche Kleinigkeit. Ich war gestern bei Iltis, ich studiere ihn nämlich. Er hat sich verheiratet. Seine Frau ist die wunderbarste Frau unter der Sonne. Ganz außerordentliche Frau. Nun, sehen Sie: sie hat wohl unmöglich früher riechen können, daß sie, in zwei Jahren meinetwegen, seine Frau werden sollte. Nicht wahr? So etwas kann man auf die Distanz von großen Zeitabschnitten nicht riechen. Ja, also damals, als sie Iltis noch nicht riechen konnte, hat sie sich verliebt. Ja, natürlich. Warum sollte sie sich nicht verlieben? Sie hat sich auch dem Manne hingegeben, den sie liebte. Das ist ja natürlich. Sie nehmen es ihr nicht übel, daß sie nicht erst die staatliche Konzession dazu erwartet hatte. Aber ich will nicht logisch urteilen, denn sonst würde ich es nur schön finden. Da nun aber das Weib immer in Bezug auf den letzten Mann existiert, und der letzte Mann solche früheren Eingriffe in seine Prioritätsrechte nicht schön zu finden pflegt, so – ja, meinetwegen sag ich, daß es von Iltis Frau nicht schön war, so voreilig zu handeln. Also: Iltis – nein, ich weiß nicht genau, ob es Iltis ist, nein, mein Kopf ist ein wenig verwirrt, es ist wohl Jemand anderes. Nennen wir ihn Certain. Das klingt sogar sehr schön. Ich bin ganz entzückt über diesen prachtvollen Einfall. Denken Sie nur: Certain! Dieser Certain also verliebt sich in das Weib, das die für züchtige Jungfrauen verbotenen Paradiesäpfel bereits gegessen hat, und heiratet sie. Natürlich hat sie ihm Alles gestanden. Aber er! Herrgott, über solche Lappalien wird er als ein moderner Mensch und das frühere Haupt der wüstesten Bohème sich doch nicht aufregen. Interessant, nicht wahr? Aber nachträglich besinnt er sich. In seiner Seele öffnet sich eine kleine winzige Lücke, die ein seltsames Gefühl von Unbehagen ausströmt. Certain setzt sich hin, oder nein! er legt sich auf sein Ruhesofa, verschränkt die Arme unter seinem Kopfe und grübelt. Es war schon Einer da, der das Weib besaß. Das ist doch sonderbar! Dieselben Schmeichelnamen, die sie ihm sagt, hat sie schon einem Andern ins Ohr geflüstert, sie lag auch schon einem Andern um den Hals, ein Anderer hatte bereits diesen Körper an sich gedrückt ... Aber zum Donnerwetter, was ist das? Certain springt ganz erschreckt auf. Es kommt ihm vor, als ob die kleine Lücke eigentlich eine kleine Wunde wäre, die sich entzündete und nun eine unerhörte Qual verursachte. Aber lächerlich! Certain ist ganz wütend, daß er sich über solche natürliche, ja, durch den geheimen Naturzweck geheiligte Selbstverständlichkeit aufregen kann ... Ja, er legt sich die Sache sonnenklar auseinander und vergißt sie. Er ist sogar sehr froh, daß er diese posthumen Forderungen seines sexuellen Organismus so energisch zurückgewiesen hat. Er reckt sich, trällert ein Schäferliedchen, ach, wie idyllisch – aber mit den bösen Mächten – na, Sie kennen doch Ihren Schiller. Certain wird von Neuem unruhig. Eine gewisse quälende Neugierde überkommt ihn. Er geht zu seiner Frau, ist unglaublich liebenswürdig, er küßt ihr die Hände, schäkert mit ihr, redet über dies und jenes, dann fragt er plötzlich, so en passant, mit der unschuldigsten, gleichgültigsten Miene in der Welt: Du, wie war eigentlich Dein erster Mann, blond oder schwarz? Das Wort »Mann« spricht er ohne zu wissen mit einer sonderbaren Betonung. Es ist Haß, Wut, Neugierde, Alles, was Sie nur haben wollen. Ja, er war schwarz, hatte aber merkwürdigerweise blaue Augen. Certain zuckt unwillkürlich, er ist so gereizt, daß er nicht weiter darüber sprechen kann. – Er ist ganz außer sich, er kann ja gar nicht verstehen, was vor sich geht ... Ha, ha, ha, armer Certain; ich will zugeben, daß er unglaublich lächerlich ist, aber so ist nun einmal der dumme Kerl beschaffen. Er will auch nicht weiter darüber nachdenken. Nein, er mag nicht. Er hat die ganze Sache ein paar Tage vergessen. Aber da plötzlich kommt es wieder, nur heftiger, schmerzhafter. Es ist fast wie Lust, sich selbst zu quälen, sich die Wunde ganz brutal aufreißen zu lassen ... Ich will die Frage offen lassen, in welchen physischen und psychischen Ursachen diese selbstquälerische Neugierde begründet sein mag, aber sie ist eben da. Er muß seine Frau ausforschen, natürlich mit dem nötigen psychologischen Taktgefühl, nur um sich nicht anmerken zu lassen, als wäre ihm etwas daran gelegen. Er fragt also, so beiläufig, nur des psychologischen Interesses wegen, nach den näheren Umständen. Er bekommt sie zu wissen, natürlich, warum denn nicht? Er hat ja so schön und so begeistert zu ihr über freie Liebesverhältnisse gesprochen. – He, he – Sie sind auch Beide sogenannte moderne Menschen, die über dergleichen lächerliche Vorurteile längst hinausgekommen sind. Ob sie ihn geliebt hatte? Sie denkt ein wenig nach. O ja, sie hat ihn geliebt, sehr geliebt. Certain zittert und sucht sich zu beherrschen. Die näheren Umstände? Mein Gott, die sind ja immer dieselben! und sie lacht. Er lacht natürlich auch. Aber sie solle ihm ja nur recht umständlich erzählen, es sei so ungemein interessant, und sie komme ihm dadurch so nah, wenn er ihr Leben in dem geringsten geheimen Winkel genau kennen lerne. Sie sträubt sich, aber gibt schließlich nach ... Der Schwarze hat sie gebeten, ihm ihre Liebe zu beweisen ... merken Sie nur auf, Herr Czerski, wie ich nun Alles umschreiben werde ... sie selbst habe es auch verstanden, daß dies – verstehen Sie dies geheimnisvolle »dies«? – der einzige Beweis der Liebe sei. Aus der Gurgel des armen Certain kommt plötzlich ein sonderbarer Pfiff, den er durch nachträgliches Husten eifrig ungeschehen macht. Er hat sie also gebeten um dies »dies« – sie sollte sich ja nur recht gut bedenken – denken Sie nur, was für ein Ausbund von weisem Edelmut dieser schwarze Herr sein mußte! – Du hast natürlich während der ganzen Zeit, in der Du über dies entscheidungsvolle »dies« nachdenken solltest, nicht ein einziges Mal daran gedacht? Certain ist nämlich ein Psychologe. – Nein, ich fühlte nur, daß es so kommen mußte, ich konnte, ich brauchte nicht darüber zu denken: es war notwendig. – Für Dich oder für ihn? Certain rast nämlich vor boshafter Wut. Er hat eine fabelhafte Lust, aufzubrüllen, daß seine Lungen bersten müßten. Warum, weiß er nicht. Sie hat nicht ganz gut verstanden, was er mit seiner zynischen Frage meinte und sieht ihn mit großen Augen an. Sie wissen: mit Augen, die eigentlich nur ein brennendes, mißtrauisches, ein klein wenig verächtliches Fragezeichen sind. Certain kommt sofort zu sich. Beinahe hätte er ihr Mißtrauen geweckt. Er wird nun sehr vorsichtig. Nun fragt er mit einer gewissen nonchalanten Bonhomie weiter und erfährt nach und nach so ziemlich alles Wissenswerte. Die dynamische Mechanik der Liebe ist ja fast immer dieselbe, es sind gewisse unverbrüchliche Momente ... He, he, he ... Aber nun fließt es in dem dummen Certain über. Er kann nicht weiter hören. Er hat eine maniakalische, unbezwingbare Lust, das Weib zur Erde zu werfen und sie mit seinen Fäusten tot zu prügeln. Tut er es? Ach wo, wo denken Sie hin, Herr Czerski. Dazu ist der Certain viel zu wissend. Ha, ha ... Ja so, ich habe Sie falsch verstanden. Sie als Menschheitsfreund fragen natürlich, warum er das tun wollte. Warum? Das weiß er nicht. Das wäre Alles unglaublich lächerlich, wenn es nicht so fatal wäre. Die kleine winzige Lücke erweitert sich mit rapider Schnelligkeit. Es ist wie ein Gewächs mit langen Fortsätzen, die in jede Pore seiner Seele hineinkriechen, sich in jede Öffnung mit wachsender Wut hineinzwängen und das furchtbare Gift in den ganzen Organismus verschleppen ... Ha, ha, ha ... Warum ich so häßlich lache? Zum Donnerwetter, Mensch! ist das nicht zum Lachen?! Aber so geht es weiter. Die Phantasie ist einmal in Bewegung gesetzt. Sie wird plötzlich so üppig wie ein Urwald, scharf und giftig wie ein Indianerpfeil, erfinderisch wie Edison, grübelnd und ausdauernd im Denken, wie Sokrates, der bekanntlich die ganze Nacht vor seinem Zelte stand, ohne zu merken, daß ein fußtiefer Schnee gefallen war. Glauben Sie nicht, daß der alte Herr ein wenig posierte? ... Nun, die Phantasietätigkeit des Certain ist ja auch sehr interessant. Er sucht sich die Beiden vorzustellen. Sie saßen im Zimmer. Er hat es vorsichtig zugeriegelt. Sie hat langsam die Haare aufgemacht, dann ihre Taille aufgeknöpft, er stand inzwischen da, heiß, zitternd und fraß an ihr mit gierigen Blicken ... Niedliche Bilder, was? Oder, passons d' une autre côté ... Er sieht sein Kind an. Es fährt ihm plötzlich durch den Kopf, durch welches Wunder es verhütet wurde, daß sie nicht früher mit dem Andern ein Kind bekommen hat. Diese Frage, und die Möglichkeit, daß sie es eigentlich hätte bekommen sollen, macht ihn ganz toll. Oder: er liest eine gleichgültige Geschichte von zwei Liebenden ... He, he, ... Warum war er nicht der Erste? Und diese Frage macht ihn ganz rasend vor Verzweiflung. Oder: er bekommt eine ihrer Jugendphotographien zu sehen. War es vorher, oder nachher? Ja, natürlich vorher. Er sieht die Photographie an, er macht eine schmerzhafte Wissenschaft daraus, er liebt sie da, liebt sie mit einer schmerzhaften Qual, er verehrt sie in einer Agonie von Wut und Verzweiflung. Warum? Warum? Warum hat sie sich nicht so, so rein, so unwissend für ihn erhalten? Aus Allem, was ich hier Ihnen anführte, werden Sie wohl den genügenden Eindruck bekommen haben von dem seelischen Zustande unseres Certain. Er verliert das Gleichgewicht. Er versucht noch, das wuchernde Unkraut herauszureißen, die Wurzeln des giftigen Übels abzuschneiden, aber es ist zu spät. Er wird die Visionen nicht mehr los. In seiner Seele kocht die Wut, der Haß benimmt ihm den Verstand, er kann sie nicht anrühren, ohne an den Andern zu denken, er kann sie nicht ansehen, ohne an ihn erinnert zu werden. Seine Seele bekommt Runzeln und graue Haare. Und doch schleppt er sich hinter seiner Frau her wie ein kranker Hund. Er kann sie nicht entbehren, er liebt sie tausendmal mehr als früher in dieser Raserei, dieser kochenden Wut und diesem Haß. Können Sie das verstehen? Falk schrie. Können Sie das verstehen? Das ist Wahnsinn! Das ist kein Schmerz, das ist ... das ist ... Er bekam plötzlich Angst vor sich selbst und ein wilder Wutanfall packte ihn gegen den Menschen, der ihn zwang, dies Alles wieder durchzuleben, die alten Rinden aufzureißen. Er ging suchend im Zimmer herum mit geballten Fäusten, er war ganz von Sinnen. Warum ich schreie? Weil ich Herzkrampf habe, Kolik habe ich, Stiche rings herum in der ganzen Brust ... Oh hätt ich Dich hier, Du verfluchter Satan mit Deiner Wahrheitsforderung, Deinen Heiratsanträgen ... Ha, ha, ha ... ich Janina heiraten! Die Kräfte verließen ihn. Er setzte sich ans Fenster. Er trocknete sich den Schweiß von der Stirne, und wurde mit einem Mal ruhig. Er verfiel in ein schweres Brüten. Nun wird er wohl verstehen, wie man dazu kommt, ein Mädchen zu verführen. Selbstverständlich wird er verstehen. Er saß und saß, wiederholte unablässig in seinen Gedanken, daß der Czerski es nun endlich verstehen müsse, und wachte wieder auf. Er war wohl eingeschlafen. Und wieder sah er auf den Himmel, auf die dunkle, kranke Schwermut des Himmels und dann fühlte er, wie die Räume sich zu weiten und mit dem Ungestüm eines wilden Gerölls zu fliehen begannen. Er horchte gespannt auf. Es war ihm, als ringelten sich die Abgründe der Ewigkeiten in noch tiefere Tiefen, als formte sich die Ruhe zu einem unendlichen Trichter, der Alles verschlang und Zeit und Ton und das Schwermutslicht der Sterne – es war ihm, als wäre er eingehüllt in dunkle, dumpfe Fernen: Alles war verschwunden, nur Eins blieb: der weite, kranke Himmel über ihm. Und diesen Himmel hatte er mit seinen Augen gezeugt, mit seinen Armen hatte er seine Wölbung über das Erdenall geworfen ... Er sprang auf. Es kam ihm vor, als hätte sich die Tür geöffnet und Jemand wäre hineingekommen. Nein! Es kam ihm nur so vor. Und wieder ging er auf und ab. Furchtbar, furchtbar, daß Einem so etwas die Seele zerstören kann. Warum? Er wurde rasend. Bin ich dazu da, um alle Rätsel zu lösen? Hab ich nicht genug in meiner Seele gewühlt? Hab ich nicht mit der größten Peinlichkeit jeden Winkel meiner Seele durchstöbert? Aber kann ich das begreifen, was unter meinem Bewußtsein liegt, was sich jenseits von dem lächerlichen Gehirnleben abspielt? Kann ich das? He? Verstehen Sie nicht, Sie dummer Mensch, daß man unter gewissen Umständen dazu kommen kann, seine Frau zu betrügen? Verstehen Sie nicht, daß es Momente gibt, in denen man ein Weib so intensiv, so unerhört hassen kann, daß man es durch den Umgang mit einem andern Weibe beschmutzen muß aus Wut, aus Schmerz, aus Raserei, aus einem kranken Rachebedürfnis? Falk schüttelte sich vor Lachen. Aus Rache, weil das arme Weib fünf Jahre früher, ja, bevor sie mich traf, mich nicht gerochen hat! Falk lief umher. Die Unruhe wuchs, daß er glaubte, sein Kopf müßte bersten. Und jetzt, gerade jetzt, wo die Qual sich legte, wo die Wunde zu vernarben begann, jetzt wird man Isa von ihm losreißen. Sie wird natürlich gehen. Er suchte sich das vorzustellen. Nein, unmöglich! Er war an sie gefesselt. Sie war für ihn Alles. Er konnte ohne sie nicht leben. Er war mit ihr verwachsen, er wurzelte in ihr ... Eins wurde ihm klar: Er mußte Czerski los werden. Aber wie, wie? Ein Gefühl von verzweifelter Ohnmacht befiel ihn. Er wurde schlaff und resigniert. Was konnte er machen? Jetzt mußte Alles über ihn hereinbrechen. Da plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf. Olga mußte die ganze Sache ordnen. Das war der einzige Ausweg. Er wurde froh. Daß er daran nicht früher gedacht hatte! Mit fieberhafter Eile schrieb er einen langen Brief, steckte Papiergeld hinein, siegelte das Kuvert zu, lehnte sich in den Stuhl zurück und starrte gedankenlos vor sich hin. Plötzlich fuhr er auf. Jetzt haßte er sie wieder. Ja, sie war daran schuld, daß er so zerrissen, so elend wurde, daß er jeden Glauben verloren hatte, daß er kein Ziel und keinen Zweck im Leben sah. Sie, sie war daran schuld, daß er in seinem Gehirne nur die eine große, kranke Idee hatte, die eine Wut, den einen rasenden Haß, daß er nicht der Erste war ... Isa, Isa, wenn das nicht geschehen wäre! ... He, he, he ... Ja, natürlich, Herr Czerski ... Natürlich? Hab ich gesagt: natürlich!? Nichts ist natürlich, Alles ist ein Rätsel, Alles ist ein Abgrund und Alles eine Qual und ein Blödsinn ... Es war doch am Ende besser, daß nun Alles zu Ende ging. Und die Qual legte sich auf sein Herz und schnürte es fest und biß sich hinein mit feinen, langen, spitzen Zähnen ... Die Nacht war so schwül und so weit und so dunkel. Er sank in sich zusammen. Die Welt geht zu Grunde! Die Welt geht zu Grunde ... V. – Sind Sie krank, Czerski? Olga war sehr beunruhigt. Czerski sah sie starr an. Es war, als hätte er jetzt erst gemerkt, daß sie da war. – Nein, ich bin nicht krank. Aber was führt Sie zu mir? – Wollen Sie eine Agitationsreise unternehmen? Czerskis Gesicht belebte sich plötzlich. – Daran denk ich seit drei Tagen. – Ich habe Geld für Sie und die Anweisung, daß Sie sofort reisen sollen. Er wurde mißmutig. – Ich will keine Anweisungen haben, ich reise, wann ich will. – Das Geld ist Ihnen aber nur unter der Bedingung zur Verfügung gestellt, daß Sie sofort reisen sollen. – Warum denn sofort? – Es ist ein großer Büchertransport an der russischen Grenze, den Sie spätestens in zwei Tagen nach Rußland schaffen müssen. Drüben wartet man schon einen Monat darauf. – Ich will keine Dienstleistungen für irgend eine Partei verrichten. Ich habe mit einer Partei nichts zu tun. Ich bin selbst eine Partei. Olga sah ihn nachdenklich an. – Sind Sie wirklich nun ganz und gar ein Anarchist geworden? – Ich bin weder ein Anarchist noch ein Sozialist, weil ich selbst eine Partei bin. – Aber Sie haben doch Anschauungen, die von der anarchistischen Partei geteilt werden. – Das geht mich nichts an, daß gewisse Anschauungen mich zufällig dieser oder jener Partei nahe bringen, aber deswegen will ich gar nicht zugeben, daß mich diese oder jene Partei als ihr Mitglied reklamiert. Er schwieg nachdenklich. – Sie wollen also nicht? – Sind an das Geld noch sonst irgend welche Bedingungen geknüpft? – Nein. Er bedachte sich. – Nun, ich kann meinetwegen den Krempel hinüberschaffen. Aber ich wiederhole, daß ich mich um keine Anweisungen kümmere, daß ich keinen Befehlen gehorchen will, daß ich außerhalb jeder Partei stehe und kein Programm anerkenne. – Es sind eigentümliche Eröffnungen, die Sie mir machen, aber ich soll Ihnen das Geld unter allen Umständen ausliefern. Czerski sah sie mißtrauisch an. – Sagen Sie, Fräulein, das Geld hat Falk geschickt? – Woher wissen Sie es? – Ich habe ihn gestern gesprochen. – Sie haben ihn gesprochen? – Ja. Er dachte lange nach. – Falk liebt seine Frau wohl sehr? – Ja. – Wie kann es nur kommen, daß er gleichzeitig eine Maitresse hat? Ich habe mir darüber die ganze Nacht den Kopf zerbrochen. Olga sah ihn ein wenig erschrocken an. Sollte sein Verstand wirklich gelitten haben? – Eine Maitresse sagen Sie? Das ist doch wohl nicht möglich. – Ja, eine Maitresse ... Meine frühere Verlobte. – Fräulein Kruk? – Ja. Er hat mit ihr einen Sohn. Sie ist gerade vom Wochenbett aufgestanden. Olga wurde sehr verwirrt. Sie sah ihn erschrocken an, merkte dann plötzlich ihre Erregung, suchte sie zu verbergen, ihre Hände zitterten und sie fühlte, wie ihr das ganze Blut zum Herzen floß. Czerski schien nichts zu bemerken. Er ging auf und ab und grübelte. – Nun, das überwindet man, sagte er endlich. Das ist ein Schmerz, ein großer Schmerz, aber man überwindet es. Anfangs, als sie ihre Besuche im Gefängnis einstellte, hab ich sehr gelitten ... Ja, sehr gelitten, wiederholte er nachdenklich ... Aber ich habe es überwunden. Es ist auch gut so. Es steht jetzt nichts mehr zwischen mir und der Idee ... Er schwieg eine Weile. – Als ich vor drei Tagen freigelassen wurde, da überkam es mich wieder. Gestern packte mich plötzlich eine Raserei gegen Falk, ich wollte ihn beleidigen und beschimpfen, aber da bekam ich mit einem Ruck die Angst, daß etwas zwischen mich und die Idee treten könnte, und ich habe es wieder überwunden. Es ist gut so, sehr gut ... Falk will mich wohl los werden ... Er sollte wirklich keine Angst vor mir haben. Beruhigen Sie ihn, wenn Sie ihn treffen ... Er richtete plötzlich seine Augen scharf auf Olga. – Glauben Sie, daß Falk das Geld geschickt hat, um mich los zu werden? – Wann haben Sie ihn gesprochen? – Gestern. – Na, dann glaub ich es gar nicht. Er wartete übrigens nur darauf, daß Sie freigelassen werden. Er schätzt Sie ungemein. – Er ist aber ein Schurke. Ja, er ist ein Schurke. – Nein, das ist er nicht. Er ist es ebenso wenig, wie Sie. Olga sprach kalt und abwehrend. Czerski sah sie eine Weile aufmerksam an, antwortete aber nichts. Er ging wieder nachdenklich auf und ab. – Die gefälschte Bulle vom Papst Pius für die Agitation auf dem Lande hat Falk geschrieben? fragte er plötzlich. – Ja. – Sehr gut gemacht. Sehr gut, aber ich glaube nicht, daß es ihm Ernst ist. Er spielt mit der Idee. Er experimentiert. Er will wohl ästhetische Sensationen haben? Olga schwieg. – Nicht wahr? Sie kennen ihn doch sehr gut... Sehen Sie, Sie antworten nicht, Sie schweigen ... He, he ... er sucht die Gefahr, ich kann mir denken, daß er mit Freuden ins Gefängnis wandern würde, nicht weil er an die Sache glaubte, sondern weil er darin eine Sühne für seine Sünden zu finden gedächte. Czerski belebte sich immer mehr. – Ich habe Briefe früher von ihm bekommen, viele Briefe. O, er ist scharf und geschickt. Er hat Haß und viel, vielleicht sehr viel Liebe, ich habe ihn verehrt, aber ich sehe jetzt, daß das Alles nur Verzweiflung ist. Er will sich retten, er sucht krampfhaft nach Rettung, aber er kann an nichts glauben ... Ja, er ist sehr geschickt, ich wollte ihn gestern beleidigen, ich zwang mich, ihn zu beleidigen, aber er ist geschickt und boshaft. Ja, boshaft ... Czerski brach plötzlich ab. – Wollen Sie Tee haben? – Gerne. Er bereitete nachdenklich den Tee. – Haben Sie Fräulein Kruk in den letzten Tagen gesprochen? – Ja. Gleich als ich aus dem Gefängnis kam, ging ich zu ihr ... Sie weiß nicht, daß er verheiratet ist. – Nicht? Olga fuhr erschrocken auf. – Nein! Er hat gelogen. Sein ganzes Leben ist nur eine Kette von Lügen ... Olga kam in eine große Unruhe. Es wurde ihr schwer, länger bei Czerski zu bleiben, sie stand auf. – Ich kann doch nicht auf den Tee warten. – Oh, bleiben Sie ein wenig. Ich war anderthalb Jahre allein. Es ist mir so lieb, einen Menschen um mich zu wissen. Er sah sie bittend an. Olga faßte sich und setzte sich wieder hin. – Sie sind sehr betrübt, Fräulein ... Ja, wir haben Alle etwas Anderes von ihm erwartet ... Hm; eigentlich ist es sehr gut, daß er das Geld schickte. Wie viel ist es denn? – Fünfhundert Mark. – Das ist viel, sehr viel. Damit kann man viel ausrichten ... Sie schwiegen eine Weile. – Ist es wahr, was Kunicki behauptet, daß Sie zusammen mit Stefan Kruk die Stadtkasse hier in der Nähe erbrochen haben? – Vollkommen wahr. – Sie approbieren also die anarchistische Praxis? – Wenn es die Idee erfordert, sind alle Mittel heilig. Das ist durchaus keine anarchistische Erfindung. Übrigens haben wir das Geld nicht gestohlen, sondern rechtmäßig an uns gebracht. Und das ist ein großer Unterschied. Wir haben im vollen Bewußtsein der Rechtmäßigkeit unserer Tat gehandelt. – Sie sagen also, daß man stehlen darf, sobald es die Idee erfordert? – Nicht stehlen, nein; das hab ich nicht gesagt. Sie kommen da auf den juridischen Begriff des Verbrechens. Aber sobald ich sage, ich tue recht, und sobald ich den Glauben und die heilige Überzeugung habe, daß ich recht tue, verstehen Sie, einen Glauben, der auch nicht den geringsten Zweifel zuläßt, dann ist der Diebstahl eben kein Diebstahl, kein Verbrechen mehr. – Sie meinen, daß das einzige Kriterium des Verbrechens das böse Gewissen sei? – Ja. – Sie werfen aber dem Staate Verbrechen vor. Glauben Sie nicht, daß der Staat Alles, was er tut, mit gutem Gewissen tut? Glauben Sie nicht, daß er sich berechtigt fühlt, den Arbeiterstand der Ausbeutung des Kapitalismus preiszugeben? Folglich ist der Staat kein Verbrecher, weil das Kriterium des bösen Gewissens fehlt. – Subjektiv ist der Staat kein Verbrecher, vorausgesetzt, daß er von der Rechtmäßigkeit seiner Handlung überzeugt ist, woran ich nicht glaube, aber er wird es objektiv, weil die Folgen seiner Handlungen verbrecherisch sind. – Aber wenn die Motive gut sind, so kann ja der Staat für den Schaden nicht verantwortlich gemacht werden. – Deswegen muß er beseitigt werden, ganz so, wie man Irrsinnige beseitigt, die, ohne es zu wissen, Verbrechen begehen. – Über das Verbrechen entscheiden nur die schädlichen Folgen? – Ja. – Aber gesetzt, daß Sie um der Idee willen eine Fabrik in die Luft sprengen und dadurch Hunderte von Familien ins Unglück stürzen, dann begehen Sie doch ein Verbrechen, weil die Folgen verbrecherisch sind. – Nein! Denn dadurch bringe ich meine Idee ihrer Verwirklichung näher und ich bringe Millionen das Glück. Als Christus seine Lehre ausbreitete, wußte er sehr gut, daß Tausende von seinen Anhängern würden geopfert werden, er hat sie also dem sicheren Verderben preisgegeben, um Millionen das Heil zu bringen. – Sie glauben an Gott? fragte Olga zerstreut. Czerski kam plötzlich in eine große Aufregung. – Ich glaube an Jesus Christus, den Gottmenschen ... Aber unterbrechen Sie mich nicht. Ich habe das Recht dazu, die Natur hat es mich gelehrt. Was entscheidet über das Angenehme eines Gefühls? Doch nicht, daß es an sich angenehm ist. Die Gewöhnung an das Opium ist Anfangs sehr schmerzhaft, wird erst in der Länge zum Genuß. Über das endgültige Wesen des Gefühls entscheidet also nur die Dauer desselben. Es ist selbstverständlich, daß die ersten Folgen einer Fabriksprengung unangenehm sind, aber ... – Sie werden also vor keinem Verbrechen zurückschrecken? – Nein, kein Verbrechen, er unterbrach sie eifrig, ich werde vor keiner Handlung zurückschrecken, die meiner Idee den Sieg garantiert. – Und wenn Ihre Idee falsch ist? – Sie ist nicht falsch, denn sie ist auf der einzigen Wahrheit aufgebaut, die wir haben: der Liebe. – Aber wenn Ihre Mittel falsch sind? – Sie können nicht falsch sein, denn ihre Motive sind die Liebe. Übrigens will ich gar nicht zu diesen Mitteln greifen, selbst dann nicht, wenn ich es für nötig halten sollte. Ich habe kein Programm, wie die Anarchisten. Ich will keine Gewalttat begehen, um nicht einer Partei, welche die Gewalttat in ihrem Programm hat, zugezählt zu werden. – Aus Eitelkeit? – Nein; aus Vorsicht, nur aus Vorsicht, daß nicht die Anarchisten, also eine Partei, das Recht zu bekommen glauben, meine Tat als die Folge ihres Programms aufzufassen. – Sie sind ehrgeizig. – Nein! Aber ich bin nur in meiner Tat. Ich habe nur ein Recht, und das ist: zu sein . Und mein Sein ist meine Tat. Ja, ich habe einen Ehrgeiz, wenn Sie es so wollen: zu sein , durch meine Tat zu sein . Ich bin nicht, sobald ich fremde Befehle ausführe. – Das sind alte Gedanken, lieber Czerski. – Ich weiß nicht, ob sie alt sind, ich habe sie im Gefängnis bekommen und so sind sie meine eigenen. Ich habe sie mit großer Mühe ausgedacht. Ich war nicht gewohnt zu denken, so lange ich in der Partei war. Jetzt hab ich mich von Allem losgelöst, um allein zu sein und meine Tat mit eigenen Gedanken zu bestimmen. – Und wenn Sie das Geld von Falk nicht bekommen hätten, hätten Sie es sich genommen? – Ja. – Und was wollen Sie jetzt tun? – Ich will die Menschen lehren, sich aufzuopfern. Olga sah ihn fragend an. – Sich aufopfern können: das ist die erste Bedingung jeder Tat. Ich werde die Begeisterung des Opfers lehren. – Aber um sich zu opfern, muß man erst an den Opferzweck glauben. – Nein! Nicht aus dem Glauben entspringt das Opfer, sondern aus der Begeisterung. Das ist es eben. Sehen Sie, alle bisherigen Parteien haben Glauben, aber keine Begeisterung. Nein, sie haben keinen Glauben, sie haben nur Dogmen. Die Sozialdemokratie ist in dem dogmatischen Glauben erstorben. Die Sozialdemokratie ist das, was jede Religionsgenossenschaft ist: sie ist gläubig ohne Begeisterung. Gibt es einen Menschen, der für seinen Gott ins Feuer ginge? Nein! Gibt es einen Sozialdemokraten, der sich wegen seiner Idee ins Verderben rückhaltlos, ohne Bedenken, stürzte? Nein! Sie Alle haben die ruhige, behäbige Gewißheit des Glaubens; ihre Dogmen sind eherne Wahrheiten, um derenwillen man, weiß Gott, sich nicht aufzuregen braucht. Ich will aber den feurigen, glühenden Glauben schaffen, einen Glauben, der kein Glauben mehr ist, weil er keinen Zweck hat, einen Glauben, der in der Begeisterung des Opfers sich aufgelöst hat. Er kam plötzlich in einen ekstatischen Zustand. Seine Augen glänzten und sein Gesicht verklärte sich eigentümlich. – Sie spekulieren also auf den Fanatismus des Hasses bei der Masse. – Fanatismus der Liebe, sagte er strahlend, Fanatismus der Liebe zu der Unendlichkeit des Menschengeschlechtes, der Liebe zu der Ewigkeit des Lebens, der Liebe zu dem Gedanken, daß ich und die Menschheit eins, untrennbar eins sind ... Er variierte den Gedanken, in den verschiedensten Ausdrücken. – Ich werde nicht sagen: Opfert Euch, damit Ihr und Eure Kinder glücklich werdet, ich werde das Glück des Opfers an sich wieder neu lehren. Die Menschheit hat eine unerschöpfliche Fähigkeit, sich zu opfern, aber das hat die fette Kirche und der fette Sozialismus zerstört. Die Menschheit hat das Glück des Opfers vergessen in dem fetten, ekelhaften Dogmenglauben. Das letzte Mal hat sie es in den großen Revolutionen gekostet, in der Kommune, – zwecklos, nur aus Liebe zum Opfer, um das unendliche Glück der zwecklosen Selbstlosigkeit noch einmal zu genießen ... Und ich werde dies Glück wieder in Erinnerung bringen durch meine Tat ... Er stutzte plötzlich und sah Olga mißtrauisch an. – Sie glauben wohl, ich bin ein irrsinniger Phantast? – Es ist schön, sehr schön, was Sie da sagten, – ich verstehe Sie, sagte sie nachdenklich. Er schwieg lange. – Ja, Sie haben Recht, daß das alte Gedanken sind, sagte er plötzlich. Sie berühren sich vielfach mit dem, was Falk auf dem Kongreß in Paris ausgesprochen hat. Ich hätte ihm damals die Hand küssen mögen ... Er wurde mit einem Mal sehr unruhig. – Aber es wurde ihm nicht zur Lebenssache. Sein Gehirn hat es ausgeklügelt. Sein Herz hat kein Feuer gefangen ... Nein, nein – wie ist es nur möglich, solche Gedanken zu haben und nicht vor Scham zu vergehen, daß man das Alles kalt und ruhig sagen kann ... Sehen Sie, das ist die Schamlosigkeit seines Gehirnes, daß es dabei nicht zu erschauern vermag. Sein Gehirn ist schamlos ... Er ist ein – ein böser Mensch. Er ist nicht rein genug für seine Ideen. Man muß Christus sein, ja, Jesus Christus, der Gott der Menschen, die heilige Quelle der Opferfreudigkeit. – Sie haben sich sehr verändert, Czerski. Ich habe Sie übrigens nicht gekannt. Kunicki hat Sie verleumdet. Ich will viel darüber denken, was Sie gesagt haben ... Olga stand auf und sah ihn scheu an. Über seinem Gesichte lag ein verklärter Glanz. Nie hatte sie etwas Ähnliches gesehen. – Schonen Sie sich, Czerski. Sie sehen sehr krank aus. – Nein, ich bin nicht krank. Ich bin glücklich. Er dachte lange nach. – Ja, ja, sagte er plötzlich, gestern noch war ich ein kleiner Mensch. Aber jetzt ist es vorbei, es ist vorüber ... VI. Falk hörte mit nervöser Unruhe Olga zu. Sie erzählte ihm trocken, beinahe geschäftsmäßig von ihrem Besuch bei Czerski. – Czerski ist ein Phantast, sagte er endlich. In seinem Kopfe wirbelt Alles durcheinander. Ich glaube, er will gar Fouriersche Phalansterien errichten ... He, he, he ... Bakunin hat ihm ganz und gar den Kopf verdreht... – Ich glaube nicht, daß er ein Utopist ist, sprach Olga trocken und kalt. – Sein Ideengang ist ein wenig konfus, aber originell, und, wie ich denke, nicht ohne Aussicht auf Erfolg. Falk sah sie von der Seite an. – So, so ... Glaubst Du das wirklich? Meinetwegen ... Mir ist es ja außerordentlich sympathisch, daß er mit dem bürgerlichen Gesetzbuche kollidiert ... Aber sag mal, was ist denn zwischen ihm und Kunicki? – Kunicki hat vor zwei Jahren in Zürich einen Russen im Duell erschossen. – Im Duell? – Ja. Sonderbar genug. Daraufhin hat Czerski ihn in einer Versammlung geohrfeigt. – Warum denn? – Czerski sagte, er ohrfeige nicht Kunicki, sondern seinen Verstoß gegen das oberste Prinzip der Partei. Falk lachte höhnisch. – Wunderbar! Und was hat Kunicki gesagt? – Was sollte er tun? Er konnte doch Czerski nicht ermorden. – Sonderbarer Fanatiker! Aber jetzt will er nichts mehr von der Partei wissen? – Nein. Falk sann lange nach. – Meine Tat ist mein Sein – nicht wahr? so hat er gesagt. Hm, hm ... Olga sah ihn forschend an. – Du, Falk, sag mal, ist es Dir wirklich ernst mit unserer Sache? – Warum fragst Du danach? – Weil ich es wissen will. Olga schien ungewöhnlich gereizt und erregt zu sein. – Weil Du es wissen willst? Nun, meinetwegen. Ich meine gar nichts mit Eurer Sache. Was hab ich mit einer Sache zu tun? Menschheit?! Wer ist Menschheit, was ist Menschheit? Ich weiß nur, wer Du bist und meine Frau, und mein Freund, und noch einer, aber Menschheit, Menschheit: das kenn ich nicht. Damit hab ich nie etwas zu tun gehabt. – Was meinst Du denn damit, daß Du fast alle Proklamationen und Flugschriften selbst geschrieben hast, daß Du Dein Geld für die Agitation gibst, daß Du ... Er unterbrach sie heftig. – Aber das tu ich doch nicht der Menschheit wegen. O, wie Du naiv bist ... Verstehst Du nicht, daß es mir ein wahnsinniges Vergnügen macht, den Menschen da unten ein bißchen die Augen aufzumachen? Ist das nicht ein unerhörtes Vergnügen, zu beobachten, wie der arme Lohnsklave plötzlich sehend wird? ... Nun, Dir brauch ich wohl nicht aufzuzählen, was Alles der arme Sklave da unten zu wissen bekommt... He, he, he ... Ist das nicht herrlich anzusehen, wie sich so ein Sklave unter dem Einfluß von so viel Licht entwickelt? Und dies göttliche Schauspiel, wie die Herrschenden vor Wut und Angst den Himmel um Rache anschreien und Umsturzgesetze machen! ... Ha, ha, ha ... Sieh mal hier – hier hab ich eine wunderbare Liste von den enormen Verlusten, welche die Gruben bei dem letzten Streik gehabt haben. Ich habe mein ganzes Vermögen, oder besser, das Vermögen meiner Frau ruiniert bei diesem Streik, aber dafür diese unerhörte Satisfaktion! Die Theodosius-Grube hatte Bankerott gemacht, die Etruria kann sich kaum mehr halten ... ich kenne ihn, den Besitzer, er ist ganz grau geworden vor Sorgen, dieser ekelhafte Arbeitskraft-Wucherer ... He, he ... Nie hab ich ein so intensives Gefühl der Befriedigung gehabt, als wie ich ihn da sitzen sah ... Ich habe ihn ruiniert, nicht, weil er mich etwas angeht oder weil ich an Euere Sache glaube, nur, lediglich nur aus persönlichem Interesse an diesem grandiosen Schauspiel ... He, he, der arme Kerl schrie nach Militär, er wollte alle Arbeiter wie Hunde niederschießen lassen, er drohte, daß er die Regierung stürzen würde, oh, das war unendlich großartig anzusehen. Und um dies zu sehen, sollt ich nicht den letzten Pfennig geben? Er wurde ganz heiser vor Aufregung. Olga sah ihn lange, lange an und lächelte schmerzhaft. – Wie Du Dich belügst! Denn mich willst Du doch nicht belügen? Er blieb erstaunt stehen, lachte plötzlich auf, blieb aber mit einem Male sehr ernst. – Du glaubst also an edlere Motive bei mir? Sie antwortete nicht. – Glaubst Du das? fragte er heftig. Aber sie schwieg. – Du mußt es mir sagen! Er stampfte mit dem Fuß, beherrschte sich aber augenblicklich. – Nein, ich glaube nicht, sagte sie endlich ruhig, daß Du in einer so kleinlichen, boshaften Rache Genugtuung finden solltest. Du lügst vollkommen zwecklos. Ich weiß sehr gut, daß Du das Geld zum Streik gabst, weil das Konsortium fünfundzwanzig Prozent Dividende austeilte und gleichzeitig unter den Grubenarbeitern der Hungertyphus ausgebrochen war. – Das waren sekundäre Gründe. – Nein, nein, das ist nicht wahr. Du findest seit einiger Zeit ein Vergnügen darin, Dich selbst zu verleumden und schlecht zu machen: Czerski sagte sehr gut, daß Du mit Freude ins Gefängnis gehen würdest, wenn Du nur darin eine Sühne für Deine Sünden finden könntest. – Ha, ha, ha ... Ihr seid ja ganz ungewöhnlich scharfsinnige Psychologen. Er lachte mit einem gezwungenen häßlichen Lachen. – Du glaubst also an hochherzige Motive bei mir? Ha, ha, ha ... Weißt Du, weswegen ich Czerski das Geld geschickt habe? Er stutzte plötzlich. Sie sah ihn bleich und verwirrt an. – Du lügst! – Weißt Du, weswegen? Sie wurde ungewöhnlich erregt und sprang auf. – Sag, daß Du lügst! Falk setzte sich hin und starrte sie an. – Ist es wahr? fragte sie heiser. Sie beugte sich über ihn nieder und sah ihn unverwandt mit weit aufgerissenen Augen an. – Wolltest Du ihn wirklich los werden? – Nein! schrie er plötzlich auf. – Du bist nicht feig. – Nein! Sie atmete tief auf und setzte sich wieder hin. Sie schwiegen lange. – Was willst Du nun mit Janina machen? Falk wurde sehr blaß und sah sie erschrocken an. – Hat Czerski Dir das auch erzählt? – Ja. Er ließ den Kopf sinken und starrte auf den Boden. – Ich werde das Kind adoptieren, sagte er nach langer Pause. – Es ist furchtbar, was Du für einen Dämon in Dir hast. Warum mußt Du Dich und Andere unglücklich machen? Warum? Du bist ein sehr unglücklicher Mensch, Falk. – Meinst Du es? Er warf es zerstreut hin, ging ein paar Mal auf und ab und blieb vor ihr stehen. – Hast Du auch nicht eine Sekunde geglaubt, daß Ich Czerski aus Feigheit los werden wollte? – Nein! Er faßte ihre Hand und küßte sie. – Ich danke Dir, sagte er trocken. Er fing wieder an auf- und abzugehen. Es entstand eine lange Pause. – Wann wird Czerski fahren? – Heute Nacht. Er blieb vor ihr stehen. – Ich glaube an Deine Liebe, sagte er langsam. Ich liebe Deine Liebe. Du bist das einzige Wesen, in dessen Gegenwart ich gut bin ... Sie stand verwirrt auf. – Sprich nicht davon, warum denn darüber sprechen? ... Dir stehen jetzt schlimme Dinge bevor ... Wenn Du mich nötig hast ... – Ja, ja, ich komme zu Dir, wenn das Gewitter vorüber ist. – Komm, wenn nichts Anderes für Dich bleibt. – Ja. Sie ging. Plötzlich lief Falk ihr nach. – Wo wohnt Czerski? Sie gab ihm die Adresse. – Willst Du zu ihm gehen? – Ja. VII. Als es Abend wurde, setzte sich Falk in eine Droschke und fuhr zu Czerski. Er war nicht ganz wohl. Er fühlte Fieber und hatte Angst, daß es wieder ein Fieberanfall sei, der ihn manchmal befiel und der längere Zeit andauern konnte. Diese periodischen Fieberanfälle waren wohl die Überbleibsel einer überstandenen Pleuritis oder irgend einer Krankheit ... Er dachte nach über alle Krankheiten, die er gehabt hatte. Jedenfalls wohl eine Lungenaffektion. Die verschiedensten Fiebertheorien gingen ihm durch das Gehirn, aber seine Aufmerksamkeit war ungewöhnlich zerstreut und er konnte bei keiner einzigen verbleiben. Das Schlimme war nur, daß er bei jedem solchen Anfall irgend eine Dummheit anrichtete, – doch darum handelte es sich ja jetzt nicht. Die Hauptsache, die große Hauptsache war es, daß er jetzt zu Czerski mußte, um ihm ganz offen seine Feigheit einzugestehen. Das war er sich selbst und Allen, die noch an ihn glaubten, schuldig. Die Fahrt wollte kein Ende nehmen. Seine Gedanken stoben auseinander. Er wiederholte einzelne sinnlose Sätze. Und sonderbar, je sinnloser ein Satz war, desto öfter mußte er ihn wiederholen. Er sah auf die Uhr. Es war schon acht, also hatte er Zeit, Czerski wird wohl nicht vor Mitternacht fahren. Schließlich kam er vor dem Haus an, wo Czerski wohnte. Er blieb ratlos stehen. Auf welcher Etage wohnte er denn eigentlich? – Natürlich auf der obersten. Das ist ja klar. Er ging in den Hausflur hinein: es war stockfinster. Er tappte sich vorsichtig vorwärts, und erschrak heftig: er stieß auf einen Menschen. – Verzeihung! – Tut nichts. Der Unbekannte wurde plötzlich wütend. Es sei eine unverzeihliche Nachlässigkeit vom Wirte, kein Licht anzuzünden. Er werde ihn sofort anzeigen. Falk kam die Stimme sehr unangenehm vor; er wollte ihn eigentlich fragen, ob er nicht wüßte, wo Czerski wohnte, aber er besann sich, daß er wohl einen Spitzel vor sich habe. – Können Sie mir nicht sagen, ob hier ein Herr Geißler wohnt? fragte er plötzlich. – Wie heißt der Mann? – Herr Geißler. – Nein, ich weiß nicht. Nun ging Falk die Treppen lärmend hinauf, und klingelte auf der zweiten Etage, fragte wieder sehr laut nach dem Herrn Geißler, worauf zur Antwort die Tür wütend zugeworfen wurde. Falk lächelte zufrieden. Er ging nun leise auf den Zehen die übrigen Treppen hinauf. Er war ungemein vergnügt über seinen Einfall. Der Spitzel da unten glaubte natürlich, daß er Herrn Geißler auf der zweiten Etage gefunden hatte. Wo nun, rechts oder links? Er klopfte aufs Geratewohl. – Herein. Falk machte die Tür auf und trat ein. Er sah Czerski auf dem Sofa sitzen. Sonderbar, daß Czerski gar nicht erstaunt war, er schien nicht einmal die geringste Notiz von seiner Anwesenheit zu nehmen. Er warf nur Falk einen gleichgültigen Blick zu und starrte wieder vor sich hin. Falk sagte kein Wort, setzte sich Czerski gegenüber auf einen Stuhl und fing an ihn mit großer Aufmerksamkeit zu betrachten. Czerski schien ganz stumpf zu sein. Ja, er sah furchtbar aus. Seine Augen waren glanzlos und tief eingefallen. Plötzlich fiel es Falk ein, daß er noch kein Wort gesagt habe. Er war selbst überrascht. – Guten Abend, Czerski. Czerski sah ihn an mit einer ungewöhnlichen Ruhe. Falk wurde unheimlich berührt. – Was wünschen Sie, Herr Falk? – Ich? Ich wünsche eigentlich gar nichts. Ich will auch gleich gehen, sofort ... Ich weiß auch nicht, weshalb ich hergekommen bin ... Er verwirrte sich immer mehr, aber plötzlich kam er zur Besinnung. – Ja, richtig, ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, das heißt, klar zu machen, daß ich das Geld geschickt habe, um Sie loszuwerden. Ich bereue das jetzt ... ich will nicht mehr in der Lüge leben, ich brauche sie auch nicht mehr ... Was wollt ich doch sagen? ... Ja! Sie sollen nämlich gar nicht fahren. Sie haben vollkommen Recht, daß Sie die Lüge abschaffen und bestrafen wollen. Ich werde Ihnen außerordentlich verpflichtet sein, wenn Sie jetzt zu meiner Frau gehen und ihr Alles sagen. Ich selbst kann es nicht. Ich bin es nicht im Stande. Ich kann nicht die Qual ertragen ... Sie wissen nicht, wie ich gegen die Qual empfindlich bin; schon als Kind ... Mein Vater hat einmal meinen Hund totgeschossen, und im Todeskampfe sah mich der Hund an ... seit dieser Zeit kann ich keine Qual sehen ... Es ist auch mein Prinzip, meine Finger nicht in das Rad des Schicksals einzustecken. Und es scheint nötig zu sein, daß ein Anderer es meiner Frau sagt ... Ich will nicht vorgreifen ... – Sie sind zu feig dazu. – Ja, Sie haben vollkommen Recht, ich bin feig, sehr feig, und ich will meine Feigheit mit dem Glauben an die Determination bemänteln. Ich glaube aber an keine Determination, weil ich an nichts glaube ... Es ist ganz seltsam, wie feig ich bin und – ja ... es tut mir unendlich leid, daß ich Ihnen diesen Schmerz bereitet habe ... Ich habe schon gestern gesehen, wie ungewöhnlich schlecht Sie aussehen ... Falk merkte plötzlich zu seinem Schrecken, daß sein Fieber große Fortschritte machte. Aber er faßte sich. Es war ihm, als wäre ein weiter Nebelstreifen von seinem Gehirn geschwunden. Czerski sah ihn aufmerksam an. – Sie haben Fieber, Falk. Sie sollten nach Hause gehen. Falk wurde gereizt. – Woher wissen Sie, ob ich nicht zufällig eine Komödie spiele? Das verstehe ich nämlich ganz ausgezeichnet. Können Sie sicher sein, ob ich nicht zufällig durch verwirrte Redensarten Ihre Aufmerksamkeit auf meinen seelischen Zustand im Allgemeinen richten will? also – he, he – auf indirektem Wege einen Beweis liefern will, daß ich zu Zeiten unzurechnungsfähig bin und für meine Handlung nicht so ganz und gar verantwortlich gemacht werden kann ... He, he, he ... Czerski antwortete nicht. Falk kam in Wut. – Sie scheinen nichts zu hören. Sie hören absichtlich nicht ... He, he ... Sie wollen mich beleidigen. Sie wollten mich auch gestern beleidigen, das hab ich verstanden. Sie haben sich da einen plumpen Befehl ausgedacht, um mich wütend zu machen ... Ich verstehe ganz ausgezeichnet: Sie haben noch ein wenig Achtung vor dem Falk, der so viel für die Sache getan hat ... Es war auch viel Selbstüberwindung in dem, was Sie sagten ... Nicht wahr? Sie mußten doch etwas in sich überwinden, bevor Sie mir zurufen konnten: Ich befehle Ihnen – oder: Sie sind ein Schurke. Sagen Sie mir offen, haben Sie nicht mit sich selbst kämpfen müssen, bevor Sie so etwas zu mir sagten? Czerski sah ihn mit einer eigentümlichen Ruhe an und sagte dann fast feierlich: – Ja. Falk wurde erstaunt. – Sagten Sie ja? Haben Sie das gesagt? Ich erwartete es nicht ... Aber verstehen Sie nicht, was ich sage? Ich habe Ihnen das Geld geschickt unter der Bedingung, daß Sie sofort reisen sollen. Ich wußte, daß Sie eine solche Bedingung ohne weiteres erfüllen würden, weil für Sie die Sache über jeder persönlichen Frage steht ... Ich habe auch heute früh meine Frau weggeschickt, um Sie zu verhindern, ihr Ihre Entdeckung mitzuteilen ... Czerski lächelte plötzlich. – Aber ich wollte ja gar nicht zu Ihrer Frau gehen. – Wollten Sie es nicht? Wirklich nicht? Falk grübelte. – Ich dachte, daß Sie es tun würden. Ich habe gehört, daß Sie ungemein rachsüchtig und rücksichtslos sind. Ich glaubte, Sie wollten mich zerstören. Und wie kann man mich zerstören, wenn man mich nicht von meiner Frau trennt? Er stutzte plötzlich und sah Czerski fast erschreckt an. – Sehen Sie, sagte er plötzlich, jetzt hat mein Gehirn gelogen. Es sucht Gründe für die Tatsache, daß ich bereits zerstört bin. Die Gründe liegen wo anders, ganz wo anders. Meine Frau ist bei mir und ich bin dennoch zerstört ... Wissen Sie, was ein Malstrom ist? Natürlich wissen Sie es. Ein Strudel, ein Wirbel, ein ... Das Wasser türmt sich zu einem Berge auf und wirbelt sich wieder in einen abgründigen Trichter hinein. Und wissen Sie, wie es ist, wenn man hineinkommt? Ich habe es gesehen, ja – sonderbar, auf meiner Hochzeitsreise hab ich es gesehen. Der Malstrom saugt auf und schleudert mit sich herunter, wirft wieder empor, dann wird man von Neuem hineingerissen, und wieder hinaufgeschleudert ... So ist es bei mir. Ich bin jetzt rettungslos in einem solchen Strom hineingerissen, ich kann noch tausendmal emporgeschleudert werden, aber ich komme aus dem Bereich dieses gräßlichen Wirbels nicht hinaus ... Und jedesmal, wenn ich hineinkomme, bekomme ich Fieber – He, he, es ist sonderbar ... Er trocknete sich die Stirn. – Ja, ich bin bereits zerstört. Mißverstehen Sie mich nicht. Ich spreche von Zerstörung, nicht als wäre etwas Tragisches dabei, – nein! Ich spreche von Zerstörung, wie man von einem Mauerwerke spricht, das unter dem Zahn der Zeit, wie man sich in der Zeitungssprache ausdrückt, zerbröckelt. Ich spreche von Zerstörung ganz objektiv, wie wenn ich von einem Stück Fleisch spräche, das in der Hitze verfault. Also in diesem Sinne bin ich zerstört, weil das Gehirnleben in der Hitze auch verfaulen kann ... He, he, he ... Und weil ich zerstört bin, so bitte ich Sie, mich zu erlösen. Sie glauben natürlich, daß ich Fieber habe, ich selbst dachte an ein körperliches Fieber, das ich einer früheren Pleuritis zugeschrieben habe. Aber mein Fieber ist kein physisches; ich kann doch logisch sprechen, und ein Mann, der Fieber hat, wirkliches Fieber, der kann es nicht. Nicht wahr? Also sehen Sie, Sie werden mich von den Menschen erlösen, die mich lieben. Und jeder Mensch, der mich liebt, ist mein Feind. Die Menschen, die mich lieben, quälen mich so entsetzlich. Ich muß lügen, beständig lügen, um nicht die Qual der Enttäuschung bei ihnen zu sehen. Sie lieben mich, weil sie glauben, daß ich groß bin, aber ich bin eine Laus. Kann ich ihnen das sagen? Sie glauben nicht an meine Wahrheit. Und daher kommt meine Scham und meine Verzweiflung. Hab ich Jemandem verwehrt, gut zu sein? Aber man erlaubt mir nicht, böse zu sein, und ich bin böse und feig. Kein Mensch hat mich so gequält wie Olga. Sie glaubte nicht, daß ich Sie aus Feigheit loswerden wollte, und als ich anfing, offen zu werden, da sah ich diese furchtbare Qual in ihren Augen ... Aber warum lachen Sie? schrie er wütend auf. Aber Czerski lachte nicht. – Ich lache nicht. Ich verstehe nur nicht, was Sie von mir wollen. Sie sind übertrieben offen und ich weiß nicht, was Sie damit bezwecken. – Was ich damit bezwecke? Gott, sind Sie naiv! Ich will Sie natürlich in die Irre führen, ich will mit meiner Offenheit Sie zu meinen Gunsten umstimmen. Ich bin offen, weil es ein Vergnügen ist, sich der Sünden zu bezichtigen, die man nicht hat, um nur andere und tausendmal schlimmere zu verdecken ... Ha, ha, ha – daß Sie das nicht verstehen! Czerski lächelte, aber in seinem Lächeln war ein solcher Schmerz, daß Falk unwillkürlich sein Lachen abbrach. – Das ist ja nur Geschwätz, nichts weiter, ein leeres Geschwätz. Mich werden Sie nicht in die Irre führen ... Übrigens hab ich Janina und Sie und Ihre Frau ganz vergessen – ich habe gestern eigentlich nicht das gemeint, was ich sagte; ich war nur neugierig, was Sie sagen würden, und Sie haben Recht, ich wollte Sie beleidigen ... Falk riß die Augen weit auf. – Sie sind erstaunt über mich, Sie haben sich von mir eine andere Vorstellung gemacht – nun ja: was sollen wir darüber sprechen ... Ich habe das Alles vergessen ... Ich sehe Sie an, ich höre Ihre Sprache, ich fühle Ihre Verzweiflung, ich bedaure, daß Sie so zerrissen sind, und ich muß lachen über Sie und Ihren kleinen Schmerz, ebenso wie ich jetzt über mich und meinen kleinen Schmerz lachen muß ... Nun laufen Sie herum, ruhelos, zerrissen, und warum? Weil Sie in unangenehme sexuelle Konflikte kamen. Lieber Falk, es gibt einen ganz anderen Schmerz, den Sie nicht fühlen und den nur Derjenige fühlt, der mit dem ganzen All eins wurde, dem das ganze Sein mit einer Hölle von Schmerzen durch die Adern fließt ... Er schwieg plötzlich. – Ich weiß, sagte er nach einer langen Pause, daß für Euch der Begriff Menschheit nicht existiert. Eure Seele ist zu klein, um die ganze Welt zu fassen, Euer Herz schlägt nur für Eure Weiber und Eure Kinder, Ihr seid Spezialisten in der Liebe, ja, Spezialisten – jeder von Euch hat ein kleines, enges Spezialfach: der Eine hat die Familie, der Andere das Bordell. Und worin unterscheidet Ihr Euch von einander? Worin? Doch nur darin, daß der Eine es wagt, das Gesetz, das Eure kleine Liebe und Eure kleinen Begierden ordnet und regelt, zu überschreiten, der Andere nicht. Alles ist schmutzig und klein an Euch ... Worin erschöpft sich Euer Gesetzbuch? Du sollst nicht Deines Nächsten Weib begehren und Du sollst nicht Raubmord begehen. Wozu dient Eure Religion? Um Euch nach dem Leben der gesättigten Begierden im Jenseits einen ruhigen Verdauungsplatz zu sichern ... Was ist Eure Philosophie? ... Ich habe Euren Stirner und Nietzsche gelesen. Das ist Alles Lüge, Alles kleine Lüge. Das Hohe, das Mühsame wurde wegdisputiert, damit Eure Verdauung nicht gestört werde. Das Opfer wurde lächerlich gemacht, weil es so unendlich schwer ist, sich zu opfern, weil es so viel Kampf und Verzweiflung kostet. Ihr sagt: Ich! Aber was ist Euer Ich? Ist es nicht etwa ein Gegengift gegen das böse Gewissen? Euer Ich ist ja nur dazu da, damit Ihr das kleine Gesetz, das Eure kleinen Begierden regelt, überschreiten könnt ... Sie, Sie, Falk, Sie sind trotz Ihres selbstherrlichen Individualismus ein kleiner Mensch. Worin hat sich Ihr Leben erschöpft, wenn nicht in Ausschweifung und geschlechtlicher Begierde ... Nun, ich tue Ihnen Unrecht, Sie haben viel getan, aber war es nicht, weil Sie darin eine Art Sühne fanden, sagen Sie Falk, war es nicht, um das böse Gewissen zu beruhigen? Er blieb fast drohend vor ihm stehen, setzte sich aber sofort wieder hin. – Was gehen Sie mich eigentlich an. Ich habe mit Ihnen nichts zu tun. Ich sitze hier zehn Stunden und denke darüber, daß ich mit Euch Allen nichts mehr zu tun habe. Ich habe nichts Persönliches mehr an mir. Meine Seele hat sich geweitet, unendlich geweitet ... Ihr wißt natürlich nicht, was Menschheit ist, weil Euer verlogenes Gehirn, dies schmiegsame Instrument im Dienste Eurer Verdauung, von der Menschheit einen Begriff gemacht hat, ja einen Begriff, um ihn bequem zerlegen, zerfasern und wegdisputieren zu können. Ich kenne diesen Begriff nicht, aber ich kenne die Menschheit als die Wurzel meiner Seele, ich fühle sie mit jedem Schlag meines Herzens, als das Grundgefühl, daß das Opfer, das ich Millionen aus meinem Selbst bringe, etwas Andres ist, als das Kriechen und Schwitzen und Rennen hinter einem Weibe. Aber jetzt gehen Sie Falk, ich möchte vor meiner Abreise allein sein. Denken Sie nur daran, daß Sie ein kleiner Mensch sind, und Sie sollten doch einer der größten sein. Sie, ja, Sie; Sie sollten es geworden sein. Falk fühlte sich tief erschüttert. Aber im selben Nu überkam ihn eine zynische Scham, daß er sich erschüttern ließ, es war ihm, als grinste sein Gehirn über seine Hilflosigkeit. – Essen Sie Opium? fragte er halb unbewußt. Czerski sah ihn ernst an. – Ihr Gehirn ist schamlos, sagte er langsam und fast feierlich. Schamlos! Falk duckte sich unter diesem Blick und diesen Worten. Er starrte Czerski beschämt an, er fühlte deutlich zwei Seelen sich an einander hochrecken. – Ja, mein Gehirn ist schamlos. Aber sofort gewann er seine Überlegenheit wieder. Die zynische Seele siegte. Er setzte sich zurecht, lächelte höhnisch und sagte: – Es ist ja sehr schön, was Sie da sagten. Ihre Kritik unserer Gesellschaft war sehr gut, obwohl Sie über das, was Nietzsche in seinem »Zarathustra« sagt, nicht hinausgegangen sind, ja, der Nietzsche, den Sie so verachten. Er schwieg einen Augenblick, um zu sehen wie das auf Czerski wirken würde. Aber Czerski schien gar nicht auf ihn zu hören. Er drehte ihm den Rücken und sah zum Fenster hinaus. Falk wunderte sich gar nicht darüber, er grübelte sogar nach, daß er sich nicht darüber erregte. Er wurde plötzlich traurig und ernst. Als er wieder anfing zu sprechen, so war es nur, um sich sprechen zu hören. – Sie haben Recht, mein Gehirn ist schamlos, weil es nicht begreifen kann, daß Ihr Gefühl »Menschheit« keine Ursachen hat, keine Ursachen, die nicht in irgend einem Erlebnis begründet wären. Aber so ist nun einmal mein Gehirn, es nimmt Ihren Seelenzustand unter die Lupe und analysiert ihn. Sie saßen im Gefängnis. Das Weib, das Sie liebten, hat Sie treulos vergessen. Ihre Einsamkeit, Ihre Erbitterung, Ihr Schmerz und Ihre Verzweiflung haben schließlich die selbstlose Entäußerung hervorgebracht. Ist nun etwa Ihre Menschheit nicht eine Lüge, eine große Lüge, um sich vor Verzweiflung zu retten, ist das nicht etwa eine Lüge, um den Schmerz zu brechen, der diese furchtbaren Qualen verursachte, eine Lüge Ihrer nach Ruhe und Erholung bedürftiger Physis? Sie sind nun glücklich mit Ihrer großen Lüge und ich bin unglücklich, weil meine Lüge klein ist. Aber was heißt groß? was klein? Mein Gott, mir sind die Begriffe verloren gegangen, ich urteile ja auch gewöhnlich nicht von einem logischen Standpunkt aus. Ich weiß ja sehr gut, daß die Seele sich nicht nach logischen Grundsätzen richtet ... Aber was ich doch nur sagen wollte? ... Ja, richtig ... Czerski drehte sich plötzlich um. – Wollen Sie Tee haben? – Ja, geben Sie Tee, viel Tee ... Ja! Sie verurteilen mich, Sie nannten mich einen Schurken. Nicht wahr, Sie taten es? Weswegen nannten Sie mich so? Weil bei meinen Zerstörungen das Geschlecht ein Motiv war. Ich spreche Zerstörungen, weil der Fall mit Janina nicht der erste ist. Nein ... Er trank hastig den Tee. Das Fieber fing an ihn zu beherrschen. – Das Geschlecht war das Motiv. Gut! Aber – wieder verlor er den Gedankenfaden; er dachte lange nach, dann fuhr er plötzlich triumphierend auf. – Sehen Sie sich Napoleon an. Er ist ja für alle solche Fälle ein klassisches Beispiel. Sein Gesicht strahlte. – Sie lächeln! Nein doch, ich will mich ja gar nicht mit Napoleon vergleichen. Ich wäge nur Motive gegen einander ab. Was waren seine Motive? ... He, he: die Einen sagen, er war wie das Gewitter, das die Luft reinigt. Aber es ist ein lächerlicher Vergleich. Daß das Gewitter reinigt, ist ja nur zufällig, wäre es das nicht, so müßten wir eine Vorsehung, eine prästabilierte Harmonie voraussetzen. He, he, ... das sind nur falsche Schlüsse. Geben Sie mir noch ein Glas Tee. Napoleon mußte aber doch Motive haben. Nun: Ehrgeiz par exemple . Aber was ist Ehrgeiz? Sie glauben doch nicht, daß Ehrgeiz eine Tatsache ist ... aber – interessiert Sie das? – Sprechen Sie nur, das scheint Sie zu beruhigen. – Ja, Sie haben einen prachtvollen psychologischen Blick. Es beruhigt mich tatsächlich. Also Ehrgeiz ist etwas enorm Zusammengesetztes. Ein tausendfaches Kräfteparallelogramm, wenn Sie es so wollen. Es ist kein Grundtrieb wie es der Hunger und das Geschlecht ist. Es ist etwas, was aus den Grundtrieben sich entwickelt hat. Alle diese Motive haben die gemeinsame Wurzel in den Grundtrieben. Sie sind nur Ableitungen, Entwicklungs- und Differenzierungsphänomene ... Falk lacht nervös auf. – Also sehen Sie, sehen Sie: alle Gefühlsmotive haben biologisch und psychologisch denselben Wert, weil sie aus derselben Wurzel stammen. He, he ... das sind ja spezielle Theorien, sie brauchen ja gar nicht zu stimmen. Ich wollte Ihnen nur nachweisen, daß meine Handlungsmotive denen Napoleons im Werte durchaus nicht nachstehen. In den meisten Fällen sind aber die Motive unbekannt, man weiß nicht, weswegen man dies oder jenes tut ... Nun ja ... Falk hatte große Mühe sich zu konzentrieren. Er litt förmlich an Gedankenflucht. Ja, also, die Motive, aus denen Napoleon zerstört hatte, können ja auch nur abgeleitete Geschlechtstriebe sein ... Nicht wahr? Das können wir als wahrscheinlich voraussetzen. Aber so werden Sie sagen, es ist ein großer Unterschied, eine Welt zu erobern und ein Mädchen unglücklich zu machen ... He, he, he, ... Sie machen mir also zum Vorwurf, daß ich ein zu kleiner Verbrecher bin? Denn um eine Welt zu erobern, muß man eine Welt zerstören, und ich habe nur ein paar Mädchen zerstört. Nun werden Sie natürlich sagen: Napoleon hat eine Welt glücklich gemacht. Aber in seinen Gedanken lag, weiß Gott, nicht die Absicht, eine Welt glücklich zu machen. Er tat Alles, weil er es tun mußte. In dem psychischen Tatbestande liegt gar nicht das Zweckbewußtsein. Dieses lügt erst nachträglich das Gehirn hinzu ... – Aber Sie kämpfen ja mit Windmühlen. Glauben Sie, daß Napoleon für mich ein großer Mensch ist? Das ist er nur für Euch, weil er Euch gezeigt hat, mit welcher Rücksichtslosigkeit und Brutalität man verfahren darf, wenn es gilt seine Gier zu sättigen ... Falk starrte ihn mit fiebernder Spannung an. Aber er faßte nicht, was der Andre sagte. Und plötzlich sah er Czerskis Gesicht, als hätte er es nie vorher gesehen! – Sonderbar, sonderbar, murmelte er, Czerski unausgesetzt anstarrend. Er rückte ganz nahe an Czerski heran und sprach ganz leise. – Sehen Sie, Sie werden Verbrechen begehen, nein, nein! empören Sie sich nicht. – Verstehen Sie mich recht, ich meine das, was unsere Gesellschaft Verbrechen nennt. Ich kenne es. Ich habe es jetzt plötzlich gesehen. Ich glaubte, Sie seien krank, oder Sie äßen Opium, nun weiß ich es. Woher? Plötzlich. Urplötzlich. Alle politischen Verbrecher bekommen denselben Ausdruck. Ich habe Padlewski in Paris gesehen, Sie wissen, er hat den russischen Gesandten ermordet ... Ich habe ihn drei Stunden vorher gesehen ... Falk setzte sich wieder hin. Es wurde ihm einen Augenblick ganz dunkel vor den Augen. Es ging aber sofort vorüber. Wenn Sie morden werden, so haben Sie dazu natürlich Motive. Ja, ich weiß, Sie haben die große Liebe und das große Mitleid. Und worin stecken die Wurzeln Ihres großen Mitleids? Doch nur in der Gier, den Zweck, den Sie vor Augen haben zu realisieren. Inwiefern unterscheidet sich Ihre Gier von der meinigen? Ha, ha, Sie hören ja gar nicht darauf, was ich sage, Ihr Blick ist tausend Meilen von hier entfernt ... Ha, ha, Sie brauchen ja gar nicht darauf zu hören, aber sagen Sie nur, worin sich dann Ihr Verbrechen von dem meinigen unterscheiden wird? Dadurch, daß mein Verbrechen straflos bleibt, und Sie mit dem Tode bestraft werden. Aber ich habe die Qual, und Sie haben das Glück des Opfers, ja – des Opfers, schrie Falk auf. Czerski schrak hoch. – Was sagten Sie jetzt? – Das Glück des Opfers haben Sie! Und ich habe die Qual. Falk fiel erschöpft in den Stuhl zurück. – Natürlich werden Sie sagen, ich habe das Alles von Nietzsche geholt. Aber das ist nicht wahr. Das, was Nietzsche sagt, ist so alt, wie das böse Gewissen alt ist ... Er richtete sich wieder auf, sein Zustand grenzte an Ekstase. – Sie sagten, daß Sie auf dies Alles spucken. Sagten Sie nicht so? Nun, ungefähr so. Und ich gebe Ihnen Recht! Dies mit dem Übermenschen ... Ha, ha, ha ... Nietzsche lehrt, daß es kein Gut und kein Böse gibt. Aber warum soll denn plötzlich der Übermensch besser sein, wie der letzte Mensch? Ha, ha, ha ... Warum ist der Verbrecher schöner als der Märtyrer, der aus Mitleid zu Grunde geht? Woher denn plötzlich die Wertung zwischen Schön und Häßlich? Warum? O, ich liebe die große leidende Schönheit, ich liebe die asketische Schönheit ... Ha, ha; ich liebte Janina vielleicht, weil sie so ungemein mager ist ... Was weiß ich? Alles ist Blödsinn! Ich spucke auf das Alles, ich spucke auf den Übermenschen und auf Napoleon, ich spucke auf mich und das ganze Leben ... Er sah sich verwirrt um und wurde plötzlich sehr ernst, aber dann fing er wieder an zu reden, schnell, hastig; er überstürzte sich , es war ihm, als könnte er nicht genug sagen. – Ich habe das Niemandem gesagt, was ich zu Ihnen sage. Ich bewundere Sie, ich liebe Sie. Wissen Sie, weshalb? Sie sind der Einzige, der aufgehört hatte, selbst zu sein ... Ja, Sie und Olga – ihr Beide. Ich liebe Euch Beide um Eurer Liebe willen. Und ich liebe die große Liebe. Das ist das einzige Gefühl, das ich liebe und bewundere. Hören Sie nicht, wie mein Herz schlägt, fühlen Sie nicht, wie meine Schläfen klopfen ... Aber um zu lieben, muß man Euren Glauben haben, ja, den Glauben, der keinen Zweck hat, nur Liebe, Liebe, Liebe ist!.. He, he, he ... Ich liebe, ich bewundere, ich krieche auf meinen Knien vor dieser Liebe, die der große Glaube ist. Es ist so sonderbar, daß gerade Ihr, Ihr Nivellierer, Ihr Mitleidigen die Übermenschen seid! Der Glaube, die Liebe macht Euch so gewaltig und so stark. Ich bin der Mensch auf dem Aussterbeetat. Ich bin der letzte Mensch. Sehen Sie: in dem polynesischen Archipel gibt es eine wunderbare Menschenrasse, die in dreißig, fünfzig Jahren nicht mehr existieren wird. Sie stirbt aus an der physischen Schwindsucht. Meine Rasse stirbt an der physischen Phthisis. Die Lunge des Gehirnes, der Glaube ist verfault, zerfressen ... Falk fing plötzlich an zu lachen. – Ha, ha, ha ... ich hatte einen Freund. Er war auch so ein Übermensch, wie ich. Er war nicht so stark wie ich, und so starb er an den Ausschweifungen. Als er gestorben war, ging ich in ein Café, um über den Tod nachzudenken, und mir klar zu machen, daß er wirklich gestorben sei. Ich traf dort einen dicken und fetten Mediziner, der mit uns zusammengeludert hatte. Ich sagte zu ihm: Gronski ist tot. Er dachte ein wenig nach. Dann sagte er: Das könnt ich mir denken. Warum? sagte ich. Man muß Prinzipien haben, war die Antwort. Grundsätze muß man haben. Hat man Grundsätze, so geht man nicht zu Grunde. Aber um Grundsätze zu haben, muß man glauben, glauben ... Er richtete sich plötzlich auf, und blieb lange fast besinnungslos stehen. – Es ist meine Verzweiflung, die durch mich spricht, sagte er endlich ... Sie haben Recht, Czerski – das ganze Leben, dies ekelhafte Leben des Wurmes, der im Mehl frißt, das Leben der kleinen Liebe ... Sie sind der Erste, den ich gesehen habe, der das weggeworfen hat, der das vergessen hat ... Für Sie gibt es nicht diese Gebote, um derentwillen ich leide, weil Sie zu groß sind dazu ... Falk ergriff plötzlich seine Hand und küßte sie. Czerski zuckte heftig auf und entriß ihm die Hand. Falk sah ihn lange an, ohne ein Wort zu sagen, dann setzte er sich wieder hin. Es war ihm, als wäre das Fieber von ihm plötzlich gewichen. Er wußte auch nicht recht genau, was er gesagt oder getan hatte. Czerski war ungewöhnlich blaß. – Warum kamen Sie her? Seine Stimme zitterte. Falk sah ihn ruhig an. Sie sahen sich wohl eine Minute lang in die Augen. – Ich schwöre Ihnen, sagte er endlich, daß ich aus keinen kleinen Motiven hergekommen bin. – Ist es wahr? – Ja, es ist wahr. Czerski ging unsicher ein paar Mal auf und ab. – Ich widerrufe alles Unangenehme, was ich Ihnen sagte – seine Stimme war sehr leise, er schien große Mühe zu haben, seine Erregung niederzukämpfen. Sie sind kein Schurke, Falk. Verzeihen Sie mir, daß ich Sie beleidigen wollte. Er ging ans Fenster. Es trat eine lange Pause ein. Plötzlich drehte sich Czerski um. – Ich kannte Sie nicht, sagte er hart, ich glaubte, Sie seien gewissenlos ... Ich habe an Janinas Bruder Alles geschrieben, weil ich ihm versprochen hatte, über sie zu wachen. Und ich habe jetzt an etwas Anderes zu denken. – Sie haben an Stefan Kruk geschrieben? – Ja. Falk sah ihn teilnahmslos an. – Hm, vielleicht haben Sie gut getan ... Aber jetzt leben Sie wohl Czerski. Ich freue mich, daß wir nicht als Feinde scheiden. Er ging mechanisch herunter. VIII. Im Flur erinnerte er sich plötzlich, daß er vorher einen Spitzel getroffen hatte. Er zündete ein Streichholz an, sah sich überall herum, aber er konnte Niemanden entdecken. Vielleicht hatte er sich geirrt, oder, ja – vielleicht fing sich ein Verfolgungswahnsinn zu entwickeln an ... Er fühlte kalte Schauer über den Rücken laufen. Das war wohl wieder das Fieber. Er ging und ging, ohne zu wissen, wo er eigentlich hin wollte. Er dachte nach. Nach Hause? Wozu? Um Menschen zu sehen, die ihn durch ihre Liebe quälten? Nein! Er wollte keine Liebe mehr haben. Das war ihm zuwider. Das konnte er nicht sehen. Alles kam ja nur davon, daß er geliebt wurde. Er hatte das verfluchte kleine Mitleid mit den paar Menschen, die ihn liebten. Sein Herz war eng, seine Interessen waren kleinlich und er war doch zu etwas Großem geboren. Deswegen rächte sich jetzt seine andere, seine große Seele, die einem Czerski in Entzücken die Hand küßt, natürlich nur um den kleinen Falk zu beschämen. Aber er ließ sich nicht beschämen. Worüber sollte er sich denn eigentlich schämen? Ha, ha, ha ... Da befiel ihn eine dumpfe, kranke Schwermut, er blieb stehen und sah nachdenklich zu Boden. Ein neues Leben? Nein, dazu hatte er keine Kraft mehr; es würde wohl auch nicht besser werden, wie es jetzt ist. Nein, nein; besser, daß es zu Ende ging. Isa? Isa? Zwischen ihn und sie stellte sich ihr Vorleben: der Andere, der sie trennte, war ja immer da ... Er stöhnte auf. Und wie viel Glück hätte sie ihm geben können! Nein, Unsinn! Lächerlich, daß er darin einen Grund suchte. Er ging einfach auseinander. Seine seelische Konstitution war für alle diese Erlebnisse nicht berechnet, sie war zu fein und zerbröckelte unter all dieser Brutalität. Was wollte er eigentlich noch im Leben? Seine Kunst? He, he ... Ich war ja ein Künstler ... Ich mußte schaffen, weil ich eben mußte. Und ich schuf. Aber plötzlich mitten im Schreiben überkommt mich die Idee, wozu denn? Ich sehe die Menschen vor mir, ich sehe die ganze Welt, die ich entstehen lasse und ich finde plötzlich das Alles so furchtbar lächerlich. Und ich bitte Sie, lieber Czerski, wie kann man dann schaffen?! Dazu braucht man ja auch Glauben, und vielleicht noch einen andern Glauben, den Glauben an die Nachwelt ... Er lachte laut auf. Oh, er wolle die ganze Nachwelt samt der ganzen Mitwelt dem ersten besten Knecht für sein Bißchen tierisches Glück mit Vergnügen schenken, ja die ganze Welt, das Kommende und das Vergangene und noch ein Stück dazu ... Die Menschheit? Sie glücklich zu machen? Aber dann muß man sie ja auch gleichzeitig wissend machen ... Warum dann nicht lieber den Menschen zum Tier zurückkehren lassen: der wissende Mensch kann nicht glücklich werden. Eine prachtvolle Replik! Das sollt ich Czerski geantwortet haben. Wieder blieb er stehen. Was sagte er doch? Er habe an Stefan geschrieben? Ein lähmender Schreck fuhr ihm durch die Glieder. An Stefan geschrieben ... Er hatte es Anfangs nicht verstanden, er hörte nur die Worte ... Er fühlte jetzt eine unerhörte Lust, zu Czerski zu gehen und ihn mit seinen Fäusten zu zertrümmern, ihm den Hals umzudrehen. Aber im nächsten Moment hatte er seine Wut vergessen. Nur ein Gefühl von zitternder Angst peitschte ihm das Blut in das Herz zurück. Er atmete schwer und wurde sehr schwach. Er ging weiter, aber es lastete etwas schwer auf seiner Brust, als wäre eine Welt auf ihn heruntergefallen. So konnte es weiß Gott nicht weiter gehen. Das würde ihn ganz und gar zerstören. Und er mußte leben, er mußte um Isas willen glücklich werden. Eine sonderbare Energie ergoß sich in sein Hirn. Er fing an mit großen Schritten zu gehen und dachte an ihre Herrlichkeit –ja, sonnenhafte Herrlichkeit ... Oh, hätte er Millionen Jahre gelebt, wären sie doch in die Sekunde zusammengeschrumpft, in der er ihr zum ersten Mal in die Augen sah, so wäre er über die ganze Welt gebreitet, so hätte er sich doch in diesen einen Blick verkrochen, den einen langen Blick ihrer Liebe ... He, he – das war sehr schön gedacht, sehr schön ... Er schrak auf. Das ekelhafte Bild stieg wieder in ihm auf: sie in einer fremden Umarmung ... Er kroch ängstlich zusammen. Nur das nicht, nein, nein! Er ertappte sich dabei, daß er eine Gassenmelodie zu pfeifen begann. Er mußte ruhig werden. Ja, ganz ruhig. Richtig! Eine Zigarette. Natürlich, natürlich. Er blieb stehen. Wie spät konnte es wohl jetzt sein? Nun, noch nicht halb elf. Ja, dann ... er zündete sich bedächtig die Zigarette an – dann könnt ich vielleicht zu Olga gehen ... Bißchen schwatzen über Menschheit, über Ideale ... Sie ist so gut, und ich brauche so viel Güte ... Plötzlich setzte sich in seinem Gehirn eine seltsame Idee fest. Er fühlte sich von Detektiven umgeben, vielleicht schon im nächsten Momente würde er arretiert werden ... Seine Angst wuchs schäumend, er war so benommen von ihr, daß er nicht denken konnte. Er wurde plötzlich so sicher. Die Gewißheit, daß er im nächsten Augenblick verhaftet werde, brachte ihn zur Verzweiflung. Er sah sich vorsichtig nach allen Seiten um. Es war dunkel auf der Straße, er konnte nicht gut sehen. Da plötzlich: nicht weit von ihm stand ein Mann. Falk zitterte, faßte sich aber sofort und fing zu überlegen an. Selbstverständlich war es ein Detektiv, wie sollte er ihn nur los werden? Er drehte sich um, ging an ihm vorbei und sah ihn scharf an. Der Andere schien Falk nicht zu bemerken und ging weiter. Falk lacht höhnisch. Dieser lächerliche Kniff! natürlich nur um mich in Sicherheit einzuwiegen und plötzlich im entscheidenden Momente aufzutauchen. Was sollte er nun machen? Sich in eine Droschke setzen? Aber was würde das helfen? Er trat in ein Restaurant, bestellte Bier und nahm eine Zeitung vor. Unmittelbar nach ihm trat ein Mann ein, setzte sich ihm gegenüber und beobachtete ihn, wie es Falk vorkam, mit einer sonderbaren Frechheit. Falk sah ein paar Mal von seiner Zeitung weg, aber jedesmal begegneten sich ihre Augen. Es war unausstehlich. Eine wilde Verzweiflung bemächtigte sich seiner, er warf die Zeitung weg, setzte sich breit hin und fing an, den Fremden höhnisch zu mustern. Plötzlich blieb sein Herz stehen. Der Fremde erhob sich und ging auf ihn zu. Falk sprang auf. Aber der Mensch sieht ja gar nicht aus wie ein Spitzel. Er ist ja ganz ängstlich und demütig, fuhr es ihm durch den Kopf. – Ich habe die Ehre, mit Herrn Falk zu sprechen? – Wollen Sie mich verhaften? Dann nicht hier, kommen Sie auf die Straße. Falk zitterte und stützte sich auf den Tisch. Der Fremde sah ihn erstaunt an. Ihre Augen begegneten sich in einem langen, fragenden Blick. – Ich habe Sie nicht verstanden, sagte der Fremde endlich. Falk kam zur Besinnung und rieb sich die Stirn. – Verfolgen Sie mich? – Nein! ich traf Sie zufällig, ganz zufällig, ich wohne hier in der Nähe. Ich habe Sie allerdings gesucht, ich wollte mit Ihnen sprechen. Log der Mann, wollte er ihn in eine Falle locken? – Sie haben also keinen direkten Verhaftungsbefehl? Nun, wenn Sie mit mir sprechen wollen, so kommen Sie zu mir. Falk lachte höhnisch. Für derartige Unterredungen bin ich jetzt nicht aufgelegt. Nicht wahr? Sie möchten etwas über meine Beteiligung an dem Streik erfahren? He, he, kommen Sie zu mir, dann werden wir darüber sprechen ... Falk mußte sich setzen, sein Herz schlug so heftig, sein Kopf war zum Zersprengen voll von Blut. Der Fremde sah ihn mit wachsendem Erstaunen an, Falk aber stand auf, bezahlte und ging. Auf der Straße atmete er auf. Die ganze Szene kam ihm plötzlich in seinen Gedanken ein paar Jahre entfernt vor. Es war ihm, als hätte er eine Gefahr überstanden ... He, he – das war seltsam, aber Alles im Leben ist seltsam. Was ist nicht seltsam? fragte er mit einem kranken Lächeln. Er fühlte seine Gesichtsmuskeln sich verzerren. Was ist nicht seltsam? Ha, ha, ha ... Die Angst, die der Mann vor mir hatte. Natürlich war es kein Spitzel. Durchaus kein Spitzel. Vielleicht ein Mensch, den ich irgendwo einmal in der Gesellschaft gesehen, mit dem ich sogar Duzbruderschaft getrunken habe; vielleicht hab ich ihm gesagt, daß er der prachtvollste Mensch auf Erden sei, vielleicht hab ich ihm gesagt, daß er mein einziger Freund sei, der erste Mensch, den ich in meinem Leben getroffen habe. Falk lachte lange, fast verkrampft. Wem hab ich das nicht gesagt? Ist ein einziger Mensch da, dem ich das nicht gesagt habe? Ha, ha, ha; jetzt wird der Kerl in der ganzen Stadt herumlaufen und erzählen, daß er Falk in einem ganz verwahrlosten Zustand getroffen habe, Falk sei ganz wirr gewesen und habe irre Redensarten geführt... Ha, ha, ha ... Er erinnerte sich plötzlich, daß er zu Olga gehen wollte. Er war ganz in der Nähe. IX. Olga war sehr verwundert, als Falk eintrat. – Ja, siehst Du liebe Olga, was zum Teufel hat Dich verleitet über einer Restauration zu wohnen? Man kann ja zu jeder Tages- und Nachtzeit zu Dir kommen, ohne die Hilfe eines Nachtwächters zu beanspruchen. Und unten können die Detektive ihr Lager aufschlagen. He, he – ich habe ein wenig Verfolgungswahnsinn. Plötzlich glaub ich in jedem Menschen einen Polizeiagenten zu sehen. Er lachte nervös. – Ich glaube sogar, daß ich irgend einen Menschen, der mich fragte, ob er die Ehre habe, mit Falk zu sprechen, denk nur: die große Ehre, mit Falk zu sprechen ... Er stutzte plötzlich. – Du, Olga, ich bin wohl wirklich krank. Denk nur, ich habe den Menschen gefragt, ob er mich verhaften wolle ... Olga lachte auf, sah dann aber beunruhigt Falk an. – Du bist wirklich krank. Macht Dir wieder Deine Brust zu schaffen? Falk dachte tief nach. – Ich war nämlich bei Czerski, sagte er plötzlich und sah sie an. – Was? Du bei Czerski? – Das wundert Dich? He, he, das war aber Deine Schuld. Hast Du vielleicht nicht geglaubt, daß ich das Geld schickte, um ihn loszuwerden? Und wenn Du das glaubtest, so mußte er erst recht daran glauben. Und so bin ich zu ihm gegangen, um ihn zu bitten, daß er sofort zu Isa gehe, um mich von der Lüge zu befreien ... Wir gingen übrigens als Freunde auseinander. Die ganze Zeit haben wir sehr schön über den Übermenschen philosophiert, und da habe ich herausgefunden, daß Du und er die einzigen Übermenschen seid, vielleicht gibt es noch einige Andre, ein paar Mediziner mit Grundsätzen ... – Bist Du gekommen, um mich zu verhöhnen? Sie sah ihn traurig an. Übrigens hab ich nicht eine Sekunde daran geglaubt, daß Du das Geld aus Feigheit schicken könntest, und ich danke Dir auch für die Ehre, daß Du mich für einen Übermenschen hältst. Ich brauche es nicht, ich will nur Mensch, einfach Mensch bleiben. – Wunderbare Antwort! Prachtvolle Antwort. Nein, wirklich im Ernste. Das hätt ich auch werden sollen. – Ich habe nicht gesagt »werden«, sondern »bleiben«. Er sah sie ernst an. – Ja Du – Du und Czerski. Aber ich, ich müßte erst Mensch werden, um Mensch zu bleiben. Olga sah ihn fast zornig an. – Ich finde Deine Selbstanklagen und Deine krankhafte Lust, Dich zu demütigen und zu verleumden, ganz unausstehlich. Es kommt mir beinahe vor, als wäre Dir die Liebe, die man Dir entgegenbringt, widerlich, und als wolltest Du sie auf diesem Wege zerstören. – Ja, das will ich, schrie er plötzlich rasend auf. Das will ich! Ihr hindert mich daran, das zu sein, was ich bin, ein Schurke, ein Halunke, ha, ha, ha ... nein, zum Donnerwetter kein Schurke! Lächerlich! Dir hindert mich daran, böse zu sein, ja, groß im Bösen zu sein, zu schaffen durch das Böse. Ich verachte Eure schaffende Güte, weil sie doch immer den Weg ins Böse nimmt. Ja, jetzt fühl ich erst, wie verächtlich Eure Güte und Eure Liebe ist. Und ich dummer Esel, ich laufe bei euch Allen umher und flehe Euch um Verzeihung an. Warum? Er fiel erschöpft hin und starrte Olga an. – Warum siehst Du mich so erschrocken an? Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich bei Czerski zu viel geschwätzt habe. Ich habe mich vor diesem Menschen gebeugt ... Aber es kam nur so im Fieber ... Wenn ich nur erst gesund werde: ich habe einen höllischen Plan ausgedacht ... Du sollst sehen, der ganze Plan ist bis in das feinste Detail ausgedacht und ausgearbeitet ... Ich schwöre Dir, daß ich den ganzen Bergwerkverband, he, he, es ist eine Gesellschaft von zwanzig Millionen, in spätestens zehn Monaten ruinieren werde ... Er fuhr plötzlich triumphierend auf. – Das werd ich mit Czerski zusammen machen ... Wir sind jetzt Freunde. Er ist der einzige Mensch, mit dem zusammen ich es machen kann. Er hat gräßlich gelitten. Ich untersuchte, ob er nicht weiße Haare bekommen hatte. Das bekommt man nämlich, wenn man so viel leidet. Aber weißt Du, Olga, geh herunter und hol eine Flasche Kognak. Ich bin ein wenig krank. Geh, geh, hier hast Du Geld; ich will mit Dir sehr lange sprechen. Ich will ein neues Leben beginnen. Ich werde Czerski folgen. Czerski ist ein Christus. Er ist der reinste Mensch – ja, er und Du ... Falk fiel ins Sofa hin und grübelte. Olga holte den Kognak. Er trank ein Glas voll. – Sonderbar, wie das hilft. Es ist wirklich keine Einbildung, aber auf meinen Organismus wirkt Kognak ungemein stimulierend. Ich werde wohl garnicht sterben können, denn ich überwinde jede Krankheit mit Kognak. Er schwieg und vertiefte sich in Gedanken. – Du, Olga, Du hast Dich wohl meinetwegen sehr gequält? fragte er plötzlich. Sie antwortete nicht. – Es ist schlecht von mir, daß ich Dich in meiner Nähe behalte, aber ich kann Deine Liebe nicht entbehren, es kommt mir vor, als würd ich in Deiner Gegenwart ein neuer Mensch. – Und doch suchst Du diese Liebe zu zerstören. – Nein, nein, Du irrst Dich, sagte er eifrig. Ich bekomme nur eine solche Angst, daß ich sie verlieren könnte und dann werd ich so verzweifelt – ja, wirklich verzweifelt, fügte er langsam hinzu. Sie schwiegen lange. Er erhob sich in plötzlicher Unruhe und ging auf und ab. – Sag mal, Olga, hast Du jemals das Gefühl gehabt, daß die Welt zu Grunde gehe? Ich habe nämlich jetzt plötzlich das Gefühl. Es ist nicht das erste Mal. Es kommt oft, und immer öfter, ja – seit einem Jahre vielleicht. Hm, es ist möglich, daß es nur eine lächerliche Suggestion ist von irgendwoher ... Ich habe zu viel Elend gesehen in der letzten Zeit. Das kann man nämlich wirklich durch Suggestion bekommen, mein ich. Es liegt in der Umgebung, in der Luft, man liest es ab auf irgend einem Gesicht ... Als ich noch Student war, kamen Mehrere von uns öfters zusammen ... wir waren wohl sechs Menschen ... Es waren scheußliche Ausschweifungen. Wir tranken auch sehr viel. Da plötzlich bekam ein Mensch mitten im Trinken furchtbare Krämpfe. Nun denk Dir: war da ein Kerl, ein Jurist, stark wie eine Fichte im Urwald. Aber er sieht den da sich in Krämpfen winden, er bekommt einen wahnsinnigen Schreck und fällt selbst in Krämpfe ... Ein Dritter fängt wie in Todesagonie zu schreien an, nicht wie ein Mensch, nein, es waren gräßliche, tierische Schreie, die die Nerven aus dem Leibe rissen ... Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn nicht die Leute aus dem ganzen Hause zusammengelaufen wären ... Falk trocknete sich den Schweiß von der Stirne und wurde blaß wie ein Toter. – Hör Olga. Dir muß ich das erzählen. Es quält mich, und ich habe keinen Menschen, dem ich das sagen könnte ... Ich weiß eigentlich nicht, warum ich Dir das erzählen soll ... Er sah sie schweigend an. Sie faßte seine Hand. Er schien gräßlich zu leiden. – Ja, sag es mir, vielleicht wird es Dich erleichtern. Falk sah zu Boden. – Ich habe nämlich ein Kind getötet ... – Was? Olga fuhr auf. – Ja, ein Mädchen von sechzehn Jahren ... Ich habe sie nicht direkt getötet, aber – er sah Olga starr in die Augen. Eine lange Pause. – Sag, sag Alles! Olga raffte sich auf. – Wirst mich nicht verachten? – Nein! sagte sie hart. – Eine ganze Woche hab ich an der Zerstörung dieser weißen, reinen Seele gearbeitet. – Und Du warst verheiratet? – Ja. Er schwieg und sah sie wieder starr an. Der Schweiß trat ihm wieder auf die Stirn, und seine Lippen bebten. – Es war ein Gewitter, sie war allein zu Hause, und da hat sie sich mir gegeben. Ich weiß dann nicht mehr viel. Ich weiß nur, daß ich in unsagbarer Qual nach Hause ging, daß Blitze um mich her einschlugen, ich erinnere mich an eine Weide, die plötzlich in Flammen stand und auseinanderfiel, dann ward ich krank und lag lange Zeit besinnungslos. – Dann hast Du es wohl im Fieber gemacht? – Nein! Ich bekam das Fieber nachher. – Und sie? – Sie hat sich Tags darauf ertränkt, als ich ihr sagte, daß ich verheiratet sei. Es entstand eine lange, peinliche Pause. – Ich habe nicht viel darüber nachgedacht. Ich erinnere mich, daß ich ein ganzes Jahr nach ihrem Tode sehr wenig daran gedacht habe. Aber plötzlich, als ich vor einem Jahre von Paris hierher kam, traf ich ihren Vater auf der Straße. Er fuhr wahrscheinlich mit seiner kranken Frau ins Bad. Damals waren sie nämlich auch im Bad, und da habe ich die kleine Marit verführt ... Falk bekam einen Anfall von quälender Angst, sein Atem stockte und das Fieber fing wieder in ihm zu rasen an. Er sprach schnell und leise. – Ich traf ihn plötzlich auf der Straße, da bekam ich einen Ruck, als wär ich vom Blitz getroffen. Ich blieb wie angenagelt stehen, ich hätte mich nicht rühren können, wenn auch der Himmel über mich einstürzen sollte ... Er lachte heiser auf. – Ja, natürlich, dann erst recht nicht ... Aber ich sah den alten Mann, er starrte mich an, als wollte er mich mit dem Blick töten. Ich wollte wegsehen, aber ich konnte nicht ... Ganz weiß war er geworden ... Falk atmete schwer. – Dann hört ich ihn laut schreien: Mörder! Und in dieser Sekunde hab ich verstanden, daß ich ein scheußliches Verbrechen begangen habe ... In demselben Moment trat er auf mich zu, ich sehe seine Hand sich ausstrecken, zur rechten Zeit fing ich sie auf, und stieß ihn mit der Faust so heftig zurück, daß er taumelte und fiel. – – Seit dieser Zeit ist es gekommen ... Falk sprach fast unhörbar. Olga wurde von einem unheimlichen Gefühl ergriffen. Fast unbewußt packte sie seine beiden Hände, hielt sie fest, drückte und schüttelte sie und sah ihn mit wachsender Angst an. – Warum, warum mußt Du so unglücklich sein?! Falk überkam plötzlich ein Gefühl, daß er sich diesem Weibe zu Füßen stürzen müsse, es zwang ihn etwas nieder mit aller Macht, er faßte sich mit großer Mühe. – Du, Du ... stammelte er. Aber plötzlich zog er seine Hände weg und lachte mit einem kurzen heiseren Pfiff. – Sieh mich nicht so an. Tu es nicht! Das berührt mich so unheimlich. Er wurde von einem Taumel erfaßt. Er sprach schnell und lachte beständig. – Es gibt nämlich hier in der Stadt ganz sonderbare Stellen, wo man plötzlich temporäre Wahnsinnsanfälle bekommen kann ... Ja, da, an einer solchen Stelle, ich glaube, es war im Afrikanischen Keller, saß ich mit einem Freund, den ich bis zur Verrücktheit liebe ... Ha, ha, auch ein Übermensch! Er hat hier einem Maler die Frau entführt und ist mit ihr durchgegangen. Seitdem ist er verschwunden. Ich hasse ihn, ich hasse ihn, schrie er plötzlich auf. Ich darf gar nicht mit ihm zusammen sein, er haßt mich auch, ja, jetzt ... Wir saßen damals ganz still und tranken. Aber plötzlich begegneten sich unsere Augen. Ganz zufällig. Ja, zufällig – und sie blieben an einander kleben. Ich wollte sie losreißen, aber es war unmöglich, unsere Augen waren in einander verwachsen. Und da fängt er plötzlich an zu schreien, in einem so tierischen Angstgefühl, daß mir der kalte Schweiß über den ganzen Körper rann ... Es ist etwas in der Seele, das nicht berührt werden darf, sonst geht der Mensch auseinander ... He, he, he ... Siehst Du, der Alte hat es in meiner Seele aufgerissen und seitdem blutet es unaufhörlich ... Der verfluchte Alte, daß ihn der Teufel hole ... He, he: das ist etwas, was jenseits vom Gehirne liegt – ganz, ganz jenseits ... Der größte, der heiligste Verbrecher auf der Erde, Napoleon, ja Napoleon, dieser große heilige Verbrecher bekam Krämpfe, als er den Herzog von Enghien töten ließ ... Ich habe illustre Vorbilder ... Das hab ich sehr lang und breit Czerski erklärt ... Hast Du jemals davon gehört, daß die Römer so ein heiliges Bacchusherz bei den Saturnalien herumtragen ließen? Wer es zu sehen bekam, der mußte sterben ... Ha, ha, ha ... die Alten wußten es, die wußten es sehr gut, und sie wußten viel mehr, als in Eurem kommunistischen Manifeste steht. Plötzlich sah er Olga ihn mit unaussprechlicher Angst anstarren. Er wurde augenblicklich ruhig. Dann lächelte er verlegen. – Ja, Du hast wohl ein wenig Angst vor mir? Er setzte sich hin. Hast Du vielleicht etwas zu essen? Ich habe heute noch nichts gegessen. Sie schaffte ihm Brot und Butter, er rührte es aber nicht an. Er schien ganz in einem tiefen Brüten aufzugehen. Ein namenloses Mitleid erfaßte Olga mit dem Manne, den sie so grenzenlos mit ihrer starken Seele liebte. Sein Fieber teilte sich ihr mit, ein wilder Taumel fing an in ihrer Seele zu wirbeln. Es war, als wäre etwas in ihr aufgesprungen, und die heiße Glut quölle unaufhaltsam heraus. Sie fühlte ihren ganzen Leib sich aufbäumen und in heißem Schauer aufzucken. Sie wurde von Sinnen, eine rasende Wut packte sie, ein Verlangen riß an ihr nach diesem Mann, sie fühlte, daß sie nun aufschreien müsse: Hier, nimm mich doch – nimm! Aber in demselben Nu erblickte sie Falks Augen, die mit einem seltsamen Ausdruck sie anstarrten. – Olga, ich quäle Dich, ich werde gehen. Sie zuckte heftig auf: der Mann schien jeden Gedanken in ihrer Seele zu lesen. Sie wurde so verwirrt, daß sie ihn nur sprachlos anstarrte. Aber Falk schien sie schon wieder zu vergessen. Er verfiel in sein früheres Brüten. Plötzlich lachte er mit einem seltsamen Lachen auf. – Ich habe nämlich auch einen Freund in den Tod getrieben; er war der Verlobte meiner Frau, aber sein Tod berührt mich nicht im mindesten. Er ist mir so gleichgültig, wie einer Kuh die medicäische Venus. Das kommt wohl daher, daß sein Tod notwendig war und einen Zweck hatte. Übrigens könnt ich ihn jetzt, wenn er wieder auflebte, zum zweiten Male töten ... Hm ... Olga, Du glaubst nicht, wie krankhaft spröde meine seelische Konstitution ist. Isa hatte mich lange Zeit zusammengehalten. Ich hatte nämlich ein Gefühl der Liebe zu ihr, so unerhört stark, daß meine ganze Seele davon erfüllt wurde. Aber da bekam plötzlich diese wunderbare Synthese einen Riß, einen tiefen Riß durch ganz sonderbare und ekelhafte Empfindungen ... Nun ja ... He, he ... Hast Du vielleicht nicht auch solche kleinen Würmer in Deinem Herzen? ... Ich habe irgendwo gelesen, wie ein Kerl sagt, wenn er vor dem allmächtigen Richter erscheine, dann werde der ganz erstaunt sein über den Umfang der Leiden, die sein edles Herz beherberge ... Ha, ha, ha ... Prachtvoll gesagt, prachtvoll ... Er schwieg. Olga stützte den Kopf in beide Hände und sah ihn stumm an. – Hast Du vielleicht Tee? Da sah er große Tränen in ihren Augen, er sah sie still und unaufhaltsam über ihre Backen rennen. Es sah furchtbar aus. Das Gesicht war wie erstarrt im Schmerze. Nicht ein Muskel zuckte. Es war für ihn ein Gefühl von Schreck und gräßlicher Qual. Er konnte es nicht ansehen. Er stand auf und ging auf den Zehen unhörbar zur Tür hinaus. Ein nie gekanntes Gefühl von Scham würgte ihn. Nie hatte er es früher empfunden. Nur nicht nach Hause, nur nicht nach Hause. Er wiederholte es unaufhörlich. Er lief die Straße entlang, dann um die Ecke und blieb plötzlich stehen: Ein riesiges Glasschild, in dem inwendig Gas brannte: »Zur grünen Nachtigall« las er. Er kam in einen Zustand von entzückter Seligkeit. Hier war er mit Isa an dem Tage, als er sie kennen lernte ... Nur einen Augenblick sich hinsetzen und noch einmal Alles durchleben. Die Rathausuhr fing an zu schlagen. Es war zwei Uhr. Dann hatte er ja Zeit genug, um nach Hause zu kommen. Er trat ein. X. In dem kleinen Zimmer der »Grünen Nachtigall« saß nur ein Mann. Er hielt den Kopf in beide Hände gepreßt und brütete. Falk schrak heftig auf. Herrgott, war es nicht Grodzki? Wie war er denn hergekommen? Er mußte ja doch jetzt in der Schweiz sein ... Und allein! Er wurde unruhig und sein Herz schlug heftig. Er setzte sich an den Tisch und betrachtete ihn stumm. Aber Grodzki schien nicht zu wissen, daß sich Jemand in seiner Nähe befand. – Nun, schläfst Du? Falk stieß ihn ungeduldig an. Er fühlte sich mit einem Male gereizt, ohne zu wissen, warum. Grodzki sah ihn, ohne seine Stellung zu verändern, ruhig an mit glanzlosen, starren Augen, dann fing er an, aufmerksam sein Glas zu betrachten. – Kannst Du denn nicht ein Wort sagen? schrie Falk ihm zornig zu. Grodzki sah ihn wieder an und lächelte boshaft. Falk wollte etwas sagen, aber in demselben Augenblick bemerkte er, daß Grodzki ganz unheimlich verändert war. Sein Gesicht war totenblaß, die Augen eingefallen und eigentümlich starr. – Bist Du krank? Grodzki schüttelte den Kopf. – Was fehlt Dir denn? – Hm; Du möchtest wohl wieder Deine Experimente über Decadence und Degeneration mit mir anstellen? Nun, die Zeit ist vorüber, wo ich wie ein Medium Deinem Einfluß unterlag. Falk schien Alles zu überhören. – Sonderbar, daß ich heute gerade über Dich gesprochen habe, über Deinen Wahnsinnsanfall in dem Afrikanischen Keller ... Ganz lächerlich hast Du Dich damals benommen ... Falk wurde wütend. – Sag doch jetzt endlich, warum hast Du damals so geschrien? Was? Übrigens ist es mir sehr unangenehm, Dich hier zu treffen ... Grodzki sah ihn wieder an und lächelte. – Mir auch, sagte er. Ich hätte eigentlich wissen sollen, daß man in den Nächten Dich überall antreffen kann. Er lachte boshaft auf. Hast Du Deine Ausschweifungen noch nicht eingestellt? Falk zuckte verächtlich die Achseln und bestellte Wein. Er fühlte wieder die Fieberschauer, es brannte ihm im Schlund und manchmal wurde es ihm schwarz vor den Augen. Aber es ging gleich wieder vorüber. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. – Du hast wohl Fieber? fragte Grodzki lächelnd. Falk wurde ganz hilflos. – Ja, ja; ich bin wohl ein wenig krank, ich weiß nicht eigentlich ... Das geht vorüber; aber ich bin so unruhig ... Er fühlte plötzlich das Verlangen, viel zu sprechen, er wollte auch Grodzki über Vieles fragen, aber er vergaß, worüber eigentlich. – Nein, nein, es hat nichts zu bedeuten ... Ja, richtig! Ich habe Dich so lange nicht gesehen, seit Deiner Skandalgeschichte nicht mehr ... Ich habe jetzt auch oft Fieberanfälle. Er besann sich. – Ja, Deine Skandalgeschichte ... Du bist doch mit der Frau, wie heißt sie doch nur – weggefahren ... Wie bist Du denn wieder hier? Warum bist Du hier? Wo ist sie denn? – Sie ist wohl tot, sagte Grodzki nachdenklich. – Tot? Tot? Nein, erlaub mal, ich habe Dich nicht verstanden ... Sie ist wohl tot! sagtest Du. – Ja, ich weiß nicht genau. Grodzki sprach ungewöhnlich langsam. Ich weiß wirklich nicht genau. Ich habe ihr gesagt, sie sei mir eine Last, und so ist sie gegangen. Ich habe dann kurz nachher mein Bewußtsein verloren, weil ich ein starkes Gehirnfieber bekam, und da konnt ich nicht mehr meine Visionen von der Wirklichkeit unterscheiden. Man sagte mir nichts, weil ich Niemanden gefragt habe, man hat mich auch wohl schonen wollen; übrigens bin ich gleich weggefahren ... Mehr kann ich Dir nicht sagen, fügte er nach einer Pause hinzu ... Nun, es ist mir auch gleichgültig, ich bin damit fertig geworden. Falk starrte ihn ängstlich an. – Ist das wahr? – Ich weiß ja selbst nicht, ob es wahr ist, es interessiert mich auch nicht, die Wahrheit zu erfahren. Sie schwiegen. Beide saßen wohl zehn Minuten, ohne zu sprechen. – Du Falk, glaubst Du an die Unsterblichkeit der Seele? – Ja. – Wie stellst Du Dir das vor? – Der Glaube stellt sich nichts vor. Übrigens glaub ich gar nicht daran. Ich glaube weder, daß sie sterblich, noch daß sie unsterblich ist. Ich glaube an nichts ... Aber weißt Du wirklich nichts mehr von ihr? – Von wem? – Von ihr! – Nein! ... Hm, der Glaube – der Glaube ... Ich glaube eigentlich auch an nichts, aber ich habe doch eine sonderbare Angst. – Angst? – Ja, große Angst. Man denkt niemals ernsthaft daran, das Leben ist ja so lang. Aber, wenn man sterben will, so denkt man beständig an das, was dann kommen könnte. Ich will nämlich jetzt mit dem Leben ein Ende machen, sagte er nach einer Pause mit einem sonderbaren Lächeln. – So, so; Du willst sterben. Das ist sehr vernünftig, das ist das Beste, was Du tun kannst. Falk beobachtete ihn neugierig. – Es ist eigentlich keine Angst; nein – etwas ganz Anderes. Im Momente, wo ich es tun will, verliere ich plötzlich das Bewußtsein. Ich kann nicht denken, ich kann nicht genau kontrollieren, was ich tue. Ich bekomme Fieber, und ich möchte bei vollem, kaltem Bewußtsein sterben ... Das scheint sehr schwer zu sein ... Es gibt zwar eine Methode, nämlich urplötzlich, in dem Momente, wo man sagt, daß man es nicht tun will, abzudrücken, also sich selbst zu überrumpeln ... So tun wohl die Meisten. Aber ich will mich nicht überrumpeln. Ich will mit Willen sterben. Falk sah ihn unverwandt an. Er wunderte sich eigentlich darüber, daß Grodzkis Rede auch nicht den geringsten Eindruck auf ihn machte. Ihn interessierte nur sein Gesicht. Es war das Gesicht einer Maske. Namentlich das Lächeln war sonderbar. Die Lippen verzogen sich langsam und ganz mechanisch, ohne daß auch nur ein Muskel daran Teil zu nehmen schien. Er dachte nach. Was ging mit Grodzki vor? Was wollte er nur? – Warum willst Du Dich eigentlich töten? Er fühlte sein Herz heftig und unruhig schlagen. – Warum? Warum? Mit demselben Rechte könnt ich Dich fragen, warum Du noch weiter leben willst. Das ist doch noch viel sonderbarer. Ich habe Dich jetzt erst verstanden. Ich habe sehr viel über Dich nachgedacht. Du hast ja eine große Rolle in meinem Leben gespielt ... Warum willst Du noch leben mit Deiner Verzweiflung und Deinem bösen Gewissen? Er lachte lautlos. – Alles, was Du tust, tust Du aus Deinem bösen Gewissen, und wenn Du Jemanden verdirbst, so tust Du es nur, um Mitschuldige zu haben, um auch Andere leiden zu sehen. Du hast nicht Stolz genug, um allein leiden zu können. Du leidest übrigens zu viel. Ist es nicht so? Sie sahen sich lange an. Falk fühlte plötzlich eine rätselhafte Raserei gegen diesen Menschen, die sich auch Grodzki mitzuteilen schien, denn er sah, wie seine Augen sich zu beleben anfingen und ihn mit einem wütenden Ausdruck des Hasses anstarrten. Sie bohrten sich in einander mit ihren wütenden Augen. Falk fühlte, daß sein Gesicht zu zucken anfinge; er stand unwillkürlich auf und setzte sich wieder hin. Es war ein Moment, in dem er auf den Anderen losspringen wollte, dann hatte er Lust aufzuschreien, er fühlte, daß er jetzt seine Augen nicht losreißen konnte. Da plötzlich brach der Bann ... Grodzki lachte heiser auf. – Ha, ha: Du bist jetzt unschädlich, lieber Falk. Es fehlt Dir an Kraft, Böses zu tun. Es sind nur noch Trümmer von Dir übrig geblieben ... Ich habe Dich einmal sehr geliebt, mehr als Du es Dir denken kannst. Im selben Nu wurde sein Gesicht ernst. Falk starrte unaufhörlich dies Maskengesicht an. Er hörte kaum, was Grodzki sprach. Er fraß mit den Augen an diesem Gesicht, um etwas aus ihm herauszulesen, ein Geheimnis, das da drin stecken mußte ... – Ja, ich habe Dich sehr geliebt. In meinen Augen warst Du ein Gott, aber jetzt seh ich, daß Du auch nur ein Mensch bist. Es ist mir, als wär ich jetzt plötzlich aus einem hypnotischen Schlaf erwacht ... Nur ein Mensch, sagte er nachdenklich, eine höhere Gattung vom Affen ... ein Schurke, ein kleiner Schurke bist Du. Nein, ich liebe Dich nicht mehr. Ich habe eigentlich keinen Grund dazu ... Ja, doch: ich liebe Niemanden. Ich habe auch sie nicht geliebt. Du wirst das vielleicht selbst einmal erleben. Wir können nicht lieben: das ist Alles nur Selbstlüge ... Nein, Dich hab ich ja auch immer viel mehr gehaßt, als geliebt. Ich habe mich eigentlich immer gehütet vor dem dummen Kniff der Natur, den Menschen durch Liebe ans Leben zu fesseln ... Er schwieg eine Weile. Ja, Falk, Du bist ein kleiner Mensch. Was gehst Du mich übrigens an? Er sah Falk starr in die Augen und spielte mechanisch mit dem Weinglas. – Ich habe Dir auch nichts mehr zu sagen. Es ist ein dummer Zufall, daß ich Dich getroffen habe ... Er lächelte boshaft. Vielleicht, –ja, vielleicht würd ich Achtung vor Dir bekommen, wenn Du mit Deinem erbärmlichen Leben auch ein Ende machen wolltest ... Ich will ja gar nicht den scharfsinnigen Psychologen spielen, aber es gibt Momente, wo man so deutlich, so klar in der Seele des Anderen lesen kann ... Ich sehe so deutlich Deine Verzweiflung, Deinen Lebensekel ... Aber es geht mich ja im Grunde nichts an ... – Wiederhole das nicht so oft, sonst werd ich das Gegenteil glauben, versetzte Falk boshaft. Grodzki wurde plötzlich sehr unruhig und schien selbst nicht zu wissen, was er sprach. Er vergaß, was er vor einer Weile sagte. – Nein, ich meinte nur, oder Du wirst meinen, daß man so etwas nicht wollen kann; nun: Du kannst es tun, weil Du es mußt  ... Es kommt ja auf dasselbe hinaus, ob man es will oder muß  ... Warum soll man nicht dem Gehirne die stolze Satisfaktion lassen, daß es einmal, ein einziges Mal etwas gewollt hat? Warum nicht? Man braucht sich auch gar nicht zu wundern, daß es nur ein einziges Mal Etwas gewollt hat. Es ist ungeheuer schwer, etwas zu wollen. Ich wollte es gestern tun, und ich habe mich vor Angst und Verzweiflung in den Finger gebissen, ohne daß ich es wußte. Es sträubt sich etwas furchtbar gegen den Tod. Es quält sich so wahnsinnig, es leidet so unerhört, daß die Haare zu Berge stehen. Es hilft nichts. Mein Gehirn hat einmal etwas gewollt, und es will den Tod. Er schwieg wieder. Falk sah ihn mit steigender Angst und Entsetzen an. – Nur darf man es nicht in Verzweiflung tun ... Grodzki sprach halblaut mit sich selbst. – So macht es jeder Knecht, der beim Militär schlecht behandelt wird, – nein, in Ruhe, in vollkommener Ruhe muß man es tun. Er sah wieder mit weiten, ausdruckslosen Augen Falk an. – Ich habe ein Bild gesehen. Der Mann geht in Lackschuhen und aufgekrempelten Hosen in das Reich des Todes. Der Mann geht sans peur, mit Chick. Zwei Lilien wachsen zu jeder Seite. Unten gähnt der Tod. Die ganze Sache ist für den Tod langweilig. Und die dummen Menschen machen so viel Wesens daraus ... Das Bild hat damals einen großen Eindruck auf mich gemacht... Verstehst Du den blasierten Tod? Verstehst Du, was das bedeutet: ein Tod, für den der Tod gleichgültig und langweilig ist? Er schwieg lange. – Ich habe auch keine Angst. Ich hätte absolut keine Angst, wenn ich mich ins Gehirn schießen wollte. Aber ich will mit Anstand und in Schönheit sterben, ich will nicht, daß mein Gehirn nach allen Seiten herumspritzt ... Nun siehst Du: ich habe Angst vor den paar Sekunden, da mein Gehirn noch leben wird, nachdem das Herz schon tot ist. Mein ganzes Leben werd ich in diesen paar Sekunden durchleben, noch einmal durchleben. Eine entsetzliche Lebensbrunst wird mich befallen: es wird mir Alles so schön vorkommen, was ich erlebt habe. Eine unerhörte Verzweiflung, ins Leben zurück zu kommen, wird mich packen, eine rasende Angst, daß diese paar Sekunden bald zu Ende gehen, daß ich in einer Sekunde vielleicht nicht mehr denken kann. Jeden Grashalm werd ich sehen, jedes Blatt über mir werd ich zählen, an tausend kleine Sachen werd ich denken, um das Gehirn wach zu erhalten ... Die Gedanken werden sich immer mehr verwirren. In dem letzten Sekundentausendstel werd ich noch an sie denken, – noch ein furchtbarer Ruck durch den ganzen Körper, dann fängt ein feuriger Kreis vor meinen Augen zu tanzen an, ein Kreis in einer wüsten, wirbelnden Bewegung. Ich werd ihn anstarren, wie er schwindet und zusammen schrumpft: jetzt so groß wie ein Teller, jetzt wie ein kleiner Ring ... noch ein gräßlicher Ruck der Angst, daß er nun sofort verschwinden soll – aber jetzt ist er nur ein winziger Punkt, ein lachender Punkt im Glutauge des Nichts – Grodzki lächelte irrsinnig – dann ist es vorüber. Ein entsetzliches Angstgefühl wirbelte in schmerzhaftem Schauer über Falks ganzen Körper. Aber nur einen Augenblick. Er wurde mit einem Schlag ruhig. Gleichzeitig fühlte er eine quälende Neugierde sich regen und wachsen. Er möchte sich jetzt in ihn hineinsaugen. Es war da ein Geheimnis, das er nicht kannte, das ihm vielleicht die letzten Gründe des Daseins klar machen könnte. Aber sein Gehirn war wie benebelt, jeden Augenblick wurde es ihm schwarz vor den Augen und jedesmal griff er nach dem Weinglas. Plötzlich sah er wieder mit unheimlicher Deutlichkeit Grodzkis Gesicht. Er prägte sich unwillkürlich die Züge ein. So also sieht einer aus, der in der nächsten Stunde sterben will ... Sonderbar! Nein, nicht sonderbar: das Gesicht glich vollkommen einer Totenmaske, nicht ein Muskel rührte sich in ihm; es war erstarrt. Er beugte sich weit über den Tisch und fragte geheimnisvoll. – Wirst Du es wirklich tun? – Ja ... Heute. – Heute? – Ja. Sie starrten sich eine Zeit an. Aber Grodzki schien nichts mehr zu sehen. Er war ganz geistesabwesend, nein, nicht abwesend, er dachte überhaupt nicht mehr. Plötzlich rückte Grodzki Falk ganz nahe und fragte mit geheimnisvollem Eifer. – Glaubst Du nicht, daß der heilige Johannes sich geirrt hat, als er sagte: am Anfange war das Wort? Falk sah ihn erschreckt an. Grodzki schien plötzlich verwirrt zu sein. Seine Augen waren unnatürlich geweitet, sie glichen zwei schwarzen, glühenden Kugeln. – Das ist Lüge. Das Wort ist erst eine Emanation, das Wort wurde vom Geschlecht geschaffen ... Das Geschlecht ist die immanente Substanz des Daseins ... Sieh, in mir haben sich die Wogen seiner Evolution gebrochen. Ich bin der Letzte! Du bist nur Übergang, ein kleines Glied in der Kette. Aber ich bin der Letzte. Ich stehe tausendmal höher als Du. Du bist Entwicklungsdung und ich bin Gott. – Gott? fragte Falk in wachsendem Entsetzen. – Ich werde gleich Gott. – Gott ist das Letzte des Nichts, der Schaum, den das Nichts aufgeworfen hat. Ich bin mehr, denn ich bin die letzte Woge des Seienden. Er reckte sich hoch, ein stolzer Triumph goß sich über sein Gesicht. – Gott ist das Mitleid und die Verzweiflung und die Langeweile des Nichts, aber ich bin der Wille der stolzesten Schöpfung des Seienden. Der Wille meines Gehirnes bin ich! schrie er triumphierend auf, sank aber sofort wieder in sich zusammen. Eine krankhafte Ungeduld fing plötzlich an in Falk zu rasen. Sollte es länger dauern, so würde er es nicht aushalten können. Das Fieber würde ihm das Gehirn zersprengen. Wenn der Mensch nur gehen möchte. Wenn es nur schnell zu Ende wäre. Die Sekunden wurden ihm zu Ewigkeiten. Er hatte Mühe, ruhig zu sitzen. Er konnte es nicht abwarten, eine Raserei von Ungeduld zitterte in ihm und sein Herz schlug so heftig, als wollte es die Brust zersprengen. Plötzlich erhob sich Grodzki langsam, ganz so, als wüßte er nicht, was er tue, er ging wie im Schlaf an die Tür. Hier blieb er sinnend stehen. Auf einmal wachte er auf. – Du Falk, glaubst Du wirklich, daß es Teufelslogen gibt? – Ich glaube nichts, ich weiß nichts, vielleicht in New-York, in Rom, ich weiß nicht ... er raste vor Ungeduld. Grodzki grübelte. Dann ging er langsam hinaus. Falk atmete erleichtert auf. Aber plötzlich wuchs eine furchtbare Unruhe in ihm. Es kam ihm vor, als hätte er jetzt erst eigentlich verstanden, was Grodzki tun wollte. Er wollte nachdenken, aber er konnte nicht. Nur seine Unruhe wurde mit jeder Sekunde größer. Eine tierische, unreflektierte Angst stieg in ihm auf, sein Herz blieb auf einen Moment still stehen. Er griff nach seinem Hut und legte ihn wieder weg, dann suchte er nach Geld, mit krampfhafter Hast durchwühlte er alle Taschen, fand es endlich in der Westentasche, rief nach dem Kellner, warf ihm Alles zu, was er in der Hand hatte und lief auf die Straße. Von Weitem sah er Grodzki an einer Straßenuhr stehen. Falk drückte sich ängstlich an eine Wand, daß Grodzki ihn nicht zufällig entdecke, und wieder fühlte er die rasende Ungeduld, daß es endlich einmal ein Ende nehmen möchte. Nun sah er ihn endlich gehen. Mit sonderbarer Deutlichkeit sah er jede Bewegung, er studierte diesen eigentümlichen, schleppenden Gang. Er glaubte berechnen zu können, wann sich der Fuß erheben und wann er wieder zu stehen kommen würde. Er sah das Gleichgewicht des Körpers sich mit der Genauigkeit einer Maschine in derselben Bahn verschieben. Dann wurde er zerstreut. Er bemühte sich, unhörbar zu gehen. Das machte viele Mühe und seine Zehen fingen an weh zu tun, aber er wurde dadurch ruhiger. Er konnte nur nicht verstehen, was diese quälende Neugierde und diese Ungeduld zu bedeuten hatten. Er folgte Grodzki die Straße entlang und sah ihn in einer Parkanlage verschwinden. Falk wurde so schwach, daß er sich an ein Eckhaus anlehnen mußte, um nicht zu fallen. Alles war in ihm so gespannt, daß der geringste Laut ihm weh tat. Er hörte in der Ferne eine Droschke fahren, dann hörte er ein Lachen ... er zitterte immer heftiger, seine Zähne klapperten. Jetzt muß es kommen ... Er schloß die Augen. Jetzt ... jetzt ... sein Herz schnürte sich zusammen. Er erstickte. Da fuhr es ihm durch das Gehirn, er könnte den Schuß überhören. Das Blut brauste und wogte in seinem Kopfe. Vielleicht könnte er gar nicht hören! Er horchte gespannt. Er wird sich vielleicht nicht erschießen, dachte er plötzlich und ballte in einem Paroxysmus der Wut die Fäuste. Er wollte ihn nur narren. Er wird sich gar nicht erschießen! wiederholte er in wachsender Raserei. – Er kokettierte nur mit dem Gedanken ... In diesem Augenblick hörte er den Schuß. Ein jäher Schreck fuhr ihm durch die Glieder. Er wollte aufschreien, seine Seele rang danach, zu schreien, gräßlich zu schreien, aber seine Kehle war wie zugeschnürt, er konnte nicht einen Laut hervorbringen. Plötzlich fühlte er eine wilde Freude, daß es zu Ende war, aber im Nu schlug seine Seele in einen wilden Haß um gegen diesen Menschen, der ihm diese Qual bereitet hatte. Er horchte. Es war still. Nun fraß er sich mit jedem Nerv in diese Stille hinein, er konnte nicht genug horchen, es war ihm, als gösse sich diese Ruhe in ihn hinein. Da fühlte er eine heiße, brennende Neugierde, den Mann zu sehen, in seine Augen zu sehen, den schwindenden Feuerwirbel ... Er machte vorsichtig einen Schritt vorwärts, blieb stehen, schöpfte tief nach Atem, und mit einem Ruck packte ihn eine grauenhafte Angst, es kam ihm vor, als ob er einen Mord begangen hätte, seine Knie zitterten, das Blut staute sich zum Herzen. Er fing an zu gehen, bebend, als wäre jedes Glied selbständig geworden, er ging unsicher, stolperte, wankte ... Plötzlich hörte er Schritte hinter seinem Rücken, er erinnerte sich mit einem Mal, daß er sie auch schon vorher gehört hatte, er wandte seine letzte Kraft an, fing an schneller und schneller zu gehen und schließlich sinnlos zu laufen. Seine Beine überstürzten sich. Er konnte nicht schnell genug wegkommen. Etwas riß ihn zurück. Er lief immer schneller, im Kopfe brauste und klopfte es: in nächster Sekunde würden alle Gefäße reißen ... In Schweiß gebadet, kam er in den Flur seines Hauses und stürzte auf der Treppe zusammen. Wie lange er so lag, wußte er nicht. Als er wieder zur Besinnung kam, stieg er langsam und leise die Treppe hinauf, kam geräuschlos in sein Zimmer hinein und warf sich auf das Bett. Plötzlich befand er sich wieder auf der Straße. Er war sehr erstaunt. Er wußte gar nicht, wie er aus dem Hause kam. Die Tür war doch verschlossen. Er erinnerte sich nicht, daß er sie zugeschlossen hatte, aber auf die Handbewegung beim Umdrehen des Schlüssels konnte er sich sehr gut besinnen. Er blieb nachdenklich stehen. Er hatte doch sicher die Tür zugeschlossen ... Sonderbar, sonderbar ... Und da an der Ecke ein neues Haus. Daß er es nicht früher gesehen hatte! Er las auf der Front eine Inschrift mit riesigen Buchstaben: Trauermagazin ... Er zuckte zusammen ... Er brauchte wirklich nicht das Haus anzusehen. Dazu hatte er keine Zeit, nein, wirklich, gar keine Zeit. Er wunderte sich nur, daß er so plötzlich unruhig wurde. Warum denn so plötzlich? Ein Mann ging vorüber. Er hatte einen langen Rock, an dem der unterste Knopf fehlte. Das sah er ganz deutlich ... Nun kam er über einen großen Platz, auf dem viele Wagen hin und her fuhren, aber er sah keine Menschen und hörte auch nicht das geringste Geräusch, im Gegenteil: es war eine Totenstille rings um ihn. Es wurde ihm unheimlich zu Mute. Eine namenlose Angst kroch unaufhaltsam höher und höher hinauf, von unten herauf, von den Wurzeltiefen seines Rückenmarks – Wurzeltiefen? Er wollte nachdenken, aber die Angst paralysierte sein Denken: in seinem Gehirn war ein wirbelnder, glühender Wirrwarr, um seine Augen tanzte die Welt in Purpurflocken zerrissen ... Im nächsten Moment wurde er wieder ruhig. Er ging schnell vorwärts, wohin ging er nur? wohin? Da! Ja, da war die Straße zu Ende und nun kam der Park. Er zuckte heftig. Die Angst und das Fieber schüttelten ihn, er konnte nicht weiter gehen, seine Knie wankten, und wieder flackerte die Welt vor seinen Augen in Millionen kreisender, zerstiebender Kugelfunken zerrissen. Er wußte nicht, was mit ihm geschah. Er schloß die Augen zu, aber es zwang ihn etwas hinzustieren, deutlich auf einen Punkt, auf das Entsetzliche hin: da lag Grodzki. Jetzt empfand er keine Angst mehr, nur eine grausame Neugierde. Übrigens sah er ihn nicht ganz deutlich, es war nur der Kopf da. Die Augen waren geschlossen und der Mund war offen. Er starrte lange das Maskengesicht an, aber plötzlich wurde er rasend, weil er fühlte, daß er sich nicht von der Stelle bewegen konnte. Er versuchte qualvoll, die Hand hochzuheben, es ging nicht. Nun mußte er alle Macht anwenden, um niederzusinken und auf den Händen wegzukriechen. Er konnte es nicht, er konnte auch nicht die Augen wegwenden. Eine wüste Verzweiflung fieberte in ihm. Es war ihm plötzlich, als ob die Lider der Totenmaske sich zu einem Spalt öffneten und ihm boshaft zuzwinkerten. Das war gräßlich! Aber die Augen blinzelten deutlich, und nach und nach verzerrte sich der halboffene Mund zu einer scheußlichen Grimasse. Dann fühlte er, wie die eiskalte Hand seine Haut streifte, wie ihm die Leichenkälte über den ganzen Körper glitt ... Er fuhr auf wie von einem furchtbaren Stoß emporgeschnellt. Er sah sich wirr um. Wo war er denn? Das war nur ein Traum ... Das verfluchte Fieber! Wenn es nur nicht wiederkäme. Die Angst zerrte an seinem Hirn. Er nahm mechanisch seinen Kragen ab. Der Hemdenknopf war heruntergefallen. Er suchte ihn mit einem seltsamen Eifer eine Zeitlang, er wurde immer eifriger und wütender, suchte ihn überall umher, wühlte mit einer rasenden Gier mit den Händen auf dem Boden herum, kroch unter das Bett, suchte unter dem Schreibtisch, mit wachsender Wut, in einem Paroxysmus von Verzweiflung warf er die Gegenstände umher und schließlich packte ihn eine Art Tollwut. Er weinte und knirschte mit den Zähnen und riß den Teppich vom Boden. Da lag der Knopf. Nun war er zufrieden. Glücklich war er. Nie war er so glücklich gewesen. Er legte ihn behutsam auf den Schreibtisch, sah noch einmal zu, ob er wirklich da war und setzte sich mit unendlicher Befriedigung ans Fenster. Es war ganz hell. Plötzlich kam er völlig zum Bewußtsein. Das war also wirklich ein starkes Fieber. Sollte er vielleicht Isa rufen? O nein, nein, sie würde sterben vor Unruhe. Aber Morphium sollte er im Hause haben. Das war eine unverzeihliche Nachlässigkeit, daß er sich nicht damit versehen hatte ... Nun mußte er mit aller Energie wachen, daß er nicht bewußtlos würde. Diese gräßlichen Träume ... Er stand auf und öffnete das Fenster, aber die Kräfte schwanden ihm – nur ein wenig Ruhe, ein ganz klein wenig. Er legte sich wieder aufs Bett. Es wurde still. Tausend Lichter sah er auf den weiten Moortriften aufflackern und wieder verschwinden. Die Weiden am Wege stöhnten und ächzten, wie Sarkophagtüren, die auf alten verrosteten Angeln ruhen ... Sarkophag? Nein, nein, durchaus kein Sarkophag – es hörte sich ja an wie ein ferner Eisgang, nein – wie Räderrollen auf fernen Wegen ... Er horchte. Vom nahen Dorfe hörte er einen Hund bellen, ein Andrer antwortete ihm mit langer, winselnder Klage ... Plötzlich hörte er denselben langen, winselnden Laut sich hinter seinem Rücken wiederholen. Sein Herz hörte auf zu schlagen. Noch einmal, noch stärker ... ein gräßliches, verhaltenes Schluchzen, dann wieder ein gellender Schrei ... Er drehte sich in krampfhafter Angstagonie um: es war nichts. Nichts war da, aber er fühlte es dicht hinter sich, er hörte es unaufhörlich winseln und schluchzen ... Eine wüste Raserei stieg in ihm hoch. Was willst Du? schrie er. Ich war es nicht! Ich bin nicht Schuld! Ich war es nicht! schrie er sinnlos. Marit, Marit, laß mich! Aber da war es ihm, als würde er gepeitscht, daß feurige Striemen über seinen Rücken hinabliefen. Er schrie gellend auf und fing an zu laufen. Er mußte es los werden, er mußte ... Aber der Boden war nach den langen Regengüssen erweicht, er kam nicht von der Stelle, dann versank er in einen tiefen Graben, keuchend arbeitete er sich hoch, aber im selben Nu fühlte er, daß ihn eine Faust von hinten packte, sie riß ihn in den Schlamm zurück. Er tauchte unter, es riß ihn nieder, er erstickte, der Schlamm goß sich ihm in den Mund, aber im letzten Todeskampfe riß er sich los, kroch heraus, und wieder fing er an zu laufen und wieder fühlte er es dicht hinter sich winselnd, schluchzend. Er wurde von Sinnen, seine Kräfte verließen ihn, er konnte nicht weiter, fuhr es ihm in grausiger Verzweiflung durch den Kopf. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Ein alter Mann stand mitten auf dem Markte und starrte ihn an. Er konnte den Blick nicht ertragen, er wandte sich weg, aber wohin er nur blickte, sah er hundert grausame, gierige Augen, die an seiner Seele fraßen, an seinen Nerven zerrten, Augen, die Rache spien und ihn wie ein glühender Feuerkranz umstellten. Er duckte sich, er wollte sich wegstehlen, aber überall waren diese gierigen Augen, verzweifelt sah er vor sich hin und sah den alten Mann – Marits Vater! Mörder! schrie er ihm zu und mit einem Mal erhoben sich hundert Fäuste, die auf ihn niederregnen und ihn tief in den Boden einstampfen sollten ... Mit einem wahnsinnigen Sprung flog er über die Menge hinweg, lief in sein Haus hinein, mit einem Satz sprang er die Treppe hinauf und warf die Türe ins Schloß. Er wartete, dicht an die Wand gekauert. Eine Weile verging. Es war wie eine Ewigkeit. Er hörte sein Blut so heiß an den Schläfen klopfen, daß er fürchtete, es könnte gehört werden und ihn verraten. Seine Kehle schnürte sich zu, immer enger, immer fester: im nächsten Momente würde er nicht atmen können. Nun verließen ihn die Kräfte ganz und gar. Seine Zähne klapperten und er sank in die Knie. Er kauerte, er drückte sich an die Wand, noch enger, die Wand mußte ihn sicher festhalten ... Es klopfte. Er schrak hoch. Seine Zähne klapperten hörbar. Das war Marit! Das war sicher Marit! Es klopfte noch einmal. Eine Ewigkeit verging. Da sah er, wie sich die Tür langsam zu öffnen begann. Ein wahnsinniger Schreck steifte seine Glieder, er warf sich mit seinem ganzen Körper gegen die Tür, er stemmte sich gegen sie mit der letzten Verzweiflungskraft, aber er wurde immer weiter weggeschoben, die Tür öffnete sich wie von selbst, mit gräßlichem Entsetzen sah er die Spalte größer und größer werden, und da sah er zwei furchtbare Augen, in denen ein Wahnsinnsschmerz geronnen war. Falk stieß einen kurzen, gellen Schrei aus. Vor ihm stand ein fremder Mann. War es eine neue Vision? War es Wirklichkeit? Ich bin wohl verrückt geworden! fuhr es ihm wie ein Blitz durch den Kopf. Aber zufällig erblickte er den Hemdenknopf auf dem Schreibtisch. Es war keine Vision ... Ein Besuch also. Er stieg vom Bett herab, setzte sich in den Lehnstuhl und starrte ängstlich den Fremden an, der ihn mit einer kranken Ruhe betrachtete. Sie sahen sich eine lange Zeit an, es vergingen wohl zwei Minuten. – Kamen Sie daher? brachte Falk mühsam hervor und zeigte auf die Tür. Der Fremde nickte. Falk grübelte, eine Erinnerung schoß ihm durch den Kopf. – Ich habe gestern in dem Restaurant mit Ihnen gesprochen? – Ja. Sie kennen mich nicht. Aber ich kenne Sie. Ich habe Sie öfters gesehen. Verzeihen Sie, daß ich Sie so überrumple, aber ich muß mit Ihnen sprechen ... Ich glaube, Sie haben einen schweren Traum gehabt. Ich kenne es, in der letzten Zeit ging es mir ganz ebenso ... Sie schrien auf, natürlich, wenn man so plötzlich aufwacht ... Sie sind nämlich ein sehr nervöser Mensch und so sagte ich mir, ich muß Sie anstarren, dann werden Sie gleich aufwachen. Sie wissen vielleicht, daß nervöse und kurzsichtige Menschen durch festes Anstarren aufgeweckt werden. Nun scheinen Sie nicht kurzsichtig zu sein, folglich müssen Sie sehr nervös sein. Ich habe Sie höchstens zwei Sekunden angestarrt. Ich habe es übrigens gleich gestern gemerkt, als Sie mich fragten, ob ich Sie verhaften wollte. Sie ließen mich gar nicht zu Worte kommen. Ich suchte Sie allerdings eine ganze Zeit, aber gestern war es ganz, ganz zufällig, daß ich Sie traf. – Wie sind Sie denn hineingekommen? – Die Korridortür war offen, hier klopfte ich aufs Geratewohl, und als Niemand antwortete, trat ich ein. Ich habe Sie nämlich oft gesehen. Ein Mann hat viel von Ihnen gesprochen. Ich habe Sie ein paar Mal in seiner Gesellschaft gesehen. – Aber was wollen Sie, was wollen Sie von mir, schrie Falk ihm wütend zu. Der Fremde schien von seiner Aufregung keine Notiz zu nehmen. – Ich habe sehr viel über Sie gehört. Der Mann hat übrigens meine Frau verführt, nein, verzeihen Sie, man verführt nicht Frauen, ich glaube, daß man von den Frauen verführt wird. – Was wollen Sie? schrie Falk fast besinnungslos. Wieder sah ihn der Fremde mit demselben ruhigen Blick eine Zeitlang an. – Unterbrechen Sie mich nicht, Herr Falk ... Nein, nein, man verführt nicht die Frauen. Ich habe nämlich da eine eigene Theorie ... Der Mann ist eine Laus, ein Sklave des Weibes, und der Sklave verführt nicht die Herrin. – Es gibt genug Kutscher, die mit ihren Herrinnen Kinder gezeugt haben, warf ihm Falk mit boshaftem Hohn zu. Der Fremde schien es zu überhören. – Das Weib hat den Mann geschaffen ... Das Weib war das Erste ... Das Weib hat den Mann gezwungen, seine Kräfte weit über sich hinaus zu entwickeln, sein Gehirn über sich selbst auszubilden ... Er verwirrte sich plötzlich und sah Falk mit irrem, unbeholfenem Lächeln an. – Sehen Sie, sagte er nach einer Weile und lächelte geheimnisvoll, wozu nahm wohl der Urmensch zum ersten Mal die Keule in die Hand? Doch nur im Kampfe um das Weibchen, doch nur um seinen Rivalen totzuschlagen. Nicht wahr? – Nein, es ist nicht wahr, sagte Falk barsch. – Nun, Sie werden natürlich sagen, daß er im sogenannten Kampf ums Dasein die Keule geschwungen hat ... Nein! Sie irren. Der Kampf ums Dasein kam erst, als es sich darum handelte, das Geschlecht zu befriedigen ... durch das Mittel des Geschlechtes hat die Natur dem Menschen erst klar gemacht, daß es sich lohnt, überhaupt zu leben und den Kampf ums Dasein aufzunehmen. Er wurde plötzlich sehr blaß und unruhig. – Aber ich kam nicht, um Ihnen meine Theorien zu entwickeln. Es ist etwas Anderes, etwas ganz Anderes. Er sah sich scheu um. – Ich will Ihnen etwas sagen, nur Ihnen allein, weil Sie einen so außerordentlichen Eindruck auf mich gemacht haben, gleich das erste Mal, als ich Sie sah. Der Mann, der meine Frau ... den meine Frau verführt hat, sagte mir auch so außerordentliche Dinge von Ihnen. Falk wurde sehr ungeduldig. Er verstand kaum die Hälfte von seiner Rede. Er fühlte abwechselnd Hitze und Kälte in seinem Körper. Zu Zeiten glaubte er, der Ohnmacht nahe zu sein. – Beeilen Sie sich; ich bin krank. Ich habe ein starkes Fieber. Der Fremde sah ihn mit einem seltsamen Lächeln an. – Ich kenne es, ich kenne es sehr genau. Ich habe es in der letzten Zeit sehr schlimm gehabt. Plötzlich wurde er noch blasser, er wurde ganz grün im Gesichte und rückte Falk ganz nah. – Er sagte mir, daß ich zu Ihnen kommen solle, um Sie glücklich zu machen. Heute, als Sie mir wegliefen ... Falk lief ein kalter Schauer über den Rücken. War es wirklich eine Vision? Eine rasende Angst befiel ihn, als er die Augen des Fremden unablässig auf sich gerichtet sah. – Wie? Was – was meinen Sie? – Ich will Sie glücklich machen. Er schwieg und schien tief nachzugrübeln. Falk sah ihn zerstreut an. Da trat ihm kalter Schweiß auf die Stirn, er begann zu zittern. An dem Rock des Fremden fehlte der unterste Knopf. Wo hatte er den Mann gesehen? Gestern, ja gestern ... Aber dann war es doch nur im Traum, im Fieber. Der Fremde schien nach Ausdruck zu ringen. – Kennen Sie, Herr Falk, ein Gefühl der Ruhe? Nein, Sie kennen es natürlich nicht ... Es ist eigentlich keine Ruhe ... es ist ein Gefühl von einer solch absoluten Harmonie ... Man fühlt keinen Schmerz, man fühlt auch keinen Körper mehr; man ist erlöst von allem Körperlichen. Man versinkt in etwas Unendlichem. Die Räume haben sich geweitet; die Meilen werden zu Millionen von Meilen, die erbärmlichsten Hütten werden zu Palästen ... Sie wissen nicht mehr, wo Sie sich befinden, Sie kennen keinen Weg und keine Richtung ... Seine Augen glänzten in einer verzückten Ekstase. Wieder fühlte Falk langsame, kalte Schauer über seinen Rücken laufen. – In einer Sekunde können Sie Jahrhunderte überleben, auf einem Stück Erde können Sie tausend Städte sehen – oh, und die glückliche Pracht, die Pracht! Seine Augen wurden mit einem Mal ganz starr und sein Gesicht verzerrte sich schmerzhaft. – Anfangs fühlte ich eine unmenschliche Angst ... Wenn der Boden plötzlich unter mir zu wanken begann, wenn ich mich plötzlich in fremde Städte versetzt fühlte, da kam es vor, daß ich mich mitten auf der Straße auf die Knie warf und die Vorübergehenden anflehte, sie sollten mich festhalten. Ich bat sie, mich nur an dem Saume ihrer Kleider festhalten zu dürfen ... Oh, es waren schwere Zeiten der Prüfung. – Leiden Sie an Epilepsie? fragte Falk erschüttert. – Nein, nein ... der Fremde lächelte irrsinnig. Ich bin nicht krank. Ich bin glücklich. Und ich kam, um Ihnen das Glück zu bringen, Ihnen allein, weil Sie auf mich diesen außerordentlichen Eindruck gemacht haben, und weil Sie der Freund von ihm waren ... Er rückte den Stuhl noch näher an Falk, so daß er ihm ins Ohr flüsterte. – Es ist schwer, sehr schwer, aber versuchen Sie es nur. Jagen Sie alle Gedanken weg. Alle, alle! Sie sind die mächtigste Stütze des Geistes, der nicht glauben will, des Geistes, der ewig zweifelt. Jagen Sie Alles vom Gehirne weg, daß Sie vom Zweifel rein bleiben, dann setzen Sie sich hin und sammeln sich, daß die Kräfte des ganzen Organismus auf einen Punkt zusammenströmen, daß Sie sich nur als einen Punkt fühlen, ein zitterndes Atom im Weltenraum ... Warten Sie dann lange, geduldig ... Dann kommt es plötzlich über Sie, wie ein gräßliches Chaos kommt es über Sie, einen Abgrund werden Sie sehen, furchtbare Gespenster kriechen aus allen Ecken hervor. Seine Augen rissen sich unnatürlich weit auf. – Gräßliche Stimmen werden Sie hören, die Wände werden körperlich und werden auf Sie zuschreiten, um Sie zu zerquetschen ... Qualen werden Sie erleben, wogegen die menschliche Qual eine Freude, ein Genuß ist ... Auf einmal verschwindet Alles ... Etwas führt Sie hinaus, das ganze Leben strömt vor den Augen in einer unendlichen Klarheit ... es gibt kein Rätsel mehr, kein Geheimnis – man kann in der Seele eines Anderen lesen, wie in einem offenen Buch ... – Warum kommen Sie gerade zu mir damit, warum? flüsterte Falk. Der Fremde hörte seine Frage nicht. – Es gibt dann keine Qual mehr, fuhr er fort, keinen Schmerz, keinen Haß. Ich liebe den Mann, der mir das Weib genommen hat, ich bin ihm nachgegangen mit Ihnen zusammen, ich wollte ihn retten, aber im Augenblicke des Todes darf man nicht stören ... Falk fuhr es nun wie ein Blitz durch den Kopf. Es wurde ihm Alles klar. Er erzitterte heftig und hielt sich an der Lehne fest, um nicht umzusinken. – Der Mann hat sich heute erschossen! schrie er heiser. Der Fremde lächelte seltsam. – Ja, sagte er nach einer Weile. Falk kam ganz außer sich. – Was wollen Sie von mir? stammelte er fast bewußtlos. – Sie haben seinen Tod verschuldet, Falk. Er war wie Wachs in Ihren Händen, Sie waren sein Gott, und Sie haben seine Seele zerstört. Sie haben ihn zum Verbrecher gemacht an sich und an Anderen. Hören Sie auf mich, folgen Sie mir ... – Ich habe es nicht getan! Kann ich etwas dafür, daß er an seiner Ausschweifung zu Grunde ging? Der Fremde sah ihn streng an. – Oh, wie Ihr Herz verstockt ist ... Sie wissen gut, was Sie mit ihm getan haben. Warum sind Sie so bleich, warum zittern Sie? Er liegt auf Ihrem Gewissen. – Wer, wer? – Grodzki, sagte der Fremde leise. Falk stöhnte qualvoll auf, und sein Kopf sank ihm auf die Brust. Aber plötzlich kam er ganz von Sinnen, er richtete sich auf und schrie: – Ich bereue es nicht. Ich will die ganze Welt verderben und zerstören. Ich lache über Ihre mystischen Offenbarungen. Ich brauche sie nicht. Ich brauche kein Glück. Ich spucke auf das Glück. Ich bereue, daß ich zu wenig zerstört und verdorben habe, verstehen Sie mich? Er stutzte plötzlich. Der Fremde war ganz wie verwandelt. Seine Augen drückten eine unheimliche Furcht aus. Sie liefen unstet herum. – Der Geist des Bösen! der Geist des Bösen! wiederholte er mit zitternden Lippen. Mit einem Male wurde sein Gesicht klar und seine Stimme mild. – Sie sind krank, Falk, ich will Sie nicht stören ... Ich bin Ihnen nachgegangen, ich hatte Angst um Sie, wie Sie da an der Ecke standen und zitterten und auf den Schuß warteten. Wieder wurde er unruhig. Er neigte sich weit zu Falk vor, seine Stimme zitterte heftig. – Ich ... ich ... er stammelte mühsam ... bin Ihnen gefolgt. Sie saßen lange mit ihm zusammen ... hat er nicht über mein Weib gesprochen? ... Er hat sie verlassen ... sie geht zu Grunde. – Nichts, nichts hat er mir gesagt ... gehen Sie nur! Sie töten mich ... gehen Sie doch! Falk fühlte, daß er sich nicht länger halten könnte. – Sie sind so krank, Falk, so krank ... Er ging langsam zur Türe hinaus. Falk hörte und sah nichts mehr. Ein Schwindelgefühl erfaßte ihn, die Stube fing an sich um ihn zu drehen, er sank und fiel in Ohnmacht. XI. Er wachte auf. Ja, wirklich? Er hörte deutlich eine Melodie: tiefe, mystische Baßmelodie und wie ein fernes Echo ein Ton und wieder ein Ton, vereinzelt, winselnd im Diskant. Seine ganze Seele warf sich in diese heilige Melodie und saugte sich an ihr fest und wand sich an ihr empor, kroch zusammen und weitete sich mit neuer Kraft: es tat so unendlich wohl. Es war ihm, als hätte sich alles Schwere, alles Dumpfe und Furchtbare in seiner Seele aufgelöst, langsam aufgelöst und würde nun zu dem Wesen, zu der irren, weichen Sehnsucht dieser Töne ... Nie hatte er eine so weiche, selige Sehnsucht empfunden. Es war wohl Nacht. Er wagte nicht die Augen aufzumachen, es war so unendlich gut, diese Sehnsucht zu fühlen. Es war Nacht, und er hatte eine selige, freudige Sehnsucht nach dem morgigen Tag, dem heißen, kurzen, farbenbrünstigen Herbsttage. Es regnete wohl auch draußen, aber morgen, morgen kommt die Sonne und wird den Regen aufatmen und an den Blättern weiter fressen: oh, dies herrliche kranke Purpurgelb ... War er wach, war er es wirklich? Noch immer hörte er die Melodie, immer weicher, immer trauriger, und er lag da, aufgelöst in dieser Sehnsucht, aufgelöst in diesem Schmerze, der eigentlich kein Schmerz war – nein: ein Zurückfluten, eine weichende Erinnerung, ein irres Sehnen nach fremden, weiten Ländern, nach einer großen, orgiastischen Natur, in der jede Blume zu einem Riesenbaum auswächst, jeder Berg sich in den Wolken verbirgt und jeder Fluß uferlos schäumt und rast ... Da fing sein Herz heftig zu schlagen an. Er faßte es mit beiden Händen fest ... Ja, hier, hier zwischen der fünften und sechsten Rippe fühlte er den Herzschock – er fühlte die Herzspitze zuerst gegen die flache Hand schlagen, dann gegen zwei Finger, er drückte zuletzt seinen Zeigefinger gegen die Stelle fest ... Wie das arbeitet! Ob Grodzki wohl zuerst sein Herz auf diese Weise betastet hatte? Er setzte sich im Bett zurecht und stützte seinen Kopf in beide Hände. Grodzki hat sich erschossen ... Das war, was er ganz sicher wußte. Er hat sich erschossen, weil er sterben wollte. Er starb mit Willen, er starb am Ekel, er wollte nicht mehr den jungen Tag sehen und das kranke Purpurgelb. Aber wozu denn sollte er darüber nachdenken? Sollte er diese selige Harmonie in seiner Seele wieder zerstören? Aber was sagte der fremde Mann? Falk, Falk, Sie kennen nicht diese Harmonie: das geht über alle Ruhe, über alles Heilige, über alle Seligkeit hinaus ... Aber der Mann war ja verrückt. Falk erschauerte, deutlich sah er die irren Augen des Fremden. Er wühlte krampfhaft mit den Fingern in der Decke. Die Angst packte ihn von Neuem, aber im nächsten Momente wurde er ruhig. Es war kein Zweifel, daß er nun endlich zum Bewußtsein gekommen war: Er war also im Lehnstuhl ohnmächtig geworden, als der Fremde sich von seinem Zimmer wegstahl, nun war er im Bett, also mußte er ins Bett getragen worden sein. Ja, und der Knopf? Der goldene, blinkende Knopf lag wirklich auf dem Schreibtisch ... Er war also wach und bei vollem Bewußtsein. Er fühlte eine ganz unmittelbare, tierische Freude. Dann fiel er wieder in die Kissen zurück und lag lange Zeit wie in Ohnmacht. Als er wieder zu denken begann, war er aus dem Bett gestiegen und fing sich an anzukleiden. Aber er war doch sehr schwach. Halbangekleidet legte er sich wieder aufs Bett und starrte gedankenlos auf die Decke. Lächerlich, wie schludrig die Decke bemalt war! Der Haken für die Hängelampe sollte eigentlich in der Mitte sein. Nun gut. Die Decke ist ein Parallelogramm. Nun zieh ich die Diagonalen. Er wurde ganz wütend. Lächerlich! Das war durchaus nicht der Schnittpunkt. Das ganze Zimmer war ihm widerwärtig. Er war eingesperrt in diesem engen Raum mit seiner dumpfen Qual, und draußen war die Welt so weit ... Wieder empfand er die heiße Sehnsucht, nur weit, weit weg – auf den Stillen Ozean. Ja, den Stillen Ozean! Das war die Erlösung. Das war die Erlösung zur ewigen Ruhe, zur ewigen Harmonie ohne Qual, ohne Freude, ohne Leidenschaften ... Wie zitterte damals sein junges Herz! Seine Glieder wurden so schwach von der beständigen Angst. Rings um die Kirche auf dem Rasen sah er Menschen, viele Menschen, die auf den Knien lagen und Gott um Gnade anflehten, er sah sie an, sein Herz schlug immer heftiger, seine Unruhe wuchs, die Sünde brannte auf seinem Herzen wie ein Feuermal. Nun sollte er beichten, einem fremden Menschen die schändliche Scheußlichkeit erzählen ... Und in seiner verzweifelten Seelenangst nahm er das Gebetbuch und las fünf-, sechsmal mit zitternder Inbrunst die Litanei an den heiligen Geist. Und ein Friede kehrte in sein Herz ein, ein heiliges, verklärtes Verzücken, seine Seele wurde rein und weit wie der heiße Mittag um ihn her. Nun mußte er hinein in die Kirche. Da packte ihn Angst. Hat man nicht um die Mittagszeit einen schwarzen Reiter auf einem schwarzen Hengst sich in der Kirche tummeln gesehen? ... Er schlich vorsichtig an die Sakristeitür ... Er horchte, dann öffnete er langsam die schwere Tür und taumelte im tierischen Schreck zurück: vor ihm stand der Fremde. Sie haben seine Seele zerstört! sagte er feierlich ... – Ich träume! Ich träume! schrie Falk, wachte auf und sprang aus dem Bett. Isa fuhr auf. – Ich bin es, Erik, ich bin es, kennst Du mich nicht? Falk starrte sie eine Weile an, dann atmete er tief auf. – Gott sei Dank, daß Du es bist! – Sag, sag, Erik, was fehlt Dir? Fühlst Du Dich sehr krank? Ist Dir besser? Ich hatte so entsetzliche Angst um Dich. Falk nahm sich mit aller Kraft zusammen. Zum Donnerwetter! Sollte er nicht das Bißchen Krankheit überwinden, sollte er nicht endlich einmal seine kleinen, lächerlichen Schmerzen vergessen können? fuhr es ihm durch den Kopf. – Ich bin gar nicht mehr krank, sagte er fast munter. Ich hatte nur ein wenig Fieber, das blieb von damals, – he, he, in der Heimat hab ich mir das Fieber geholt, nichts weiter. Sein Kopf wurde plötzlich ungewöhnlich klar. Du bist krank, Erik, Du bist es. Dein Körper glüht. Leg Dich, ich bitte, leg Dich. Heute Morgen lagst Du auf dem Boden. Der Arzt sagte, Du sollst ein paar Tage liegen ... Er wurde ein wenig ungeduldig. – Aber so laß mich doch ... Ich war schon seit langem nicht so klar und so leicht, wie gerade jetzt. Die Ärzte sind Idioten, was wissen sie von mir? He, he, – von mir ... Er zog sie an sich. Sein Herz wurde plötzlich überfüllt von einer überströmenden Herzlichkeit und Liebe zu ihr. – Wir werden einen wunderbaren Abend heute haben, Du bringst Wein, dann setzen wir uns hin und werden uns die ganze Nacht erzählen ... Erinnerst Du Dich, ganz wie damals in San Remo auf unserer Hochzeitsfahrt. Sie sah ihn an. – Ich habe niemals einen Menschen gesehen, der so stark wäre, wie Du. Das ist sonderbar, wie stark Du bist ... – Ich lag also auf dem Boden? – Du kannst Dir nicht denken, was das für ein Aufruhr im Hause war ... – Nun, geh nur jetzt, nachher wirst Du mir Alles erzählen ... – Aber war nicht ein fremder Mensch hier? fragte Isa. – Ein Fremder? Nein! – Dann hab ich wohl geträumt. – Sicher. Sie ging. Falk kleidete sich an. Natürlich hast Du geträumt, teure Isa, Du hast überhaupt sonderbare Träume. Er lächelte zufrieden. Er überlegte, ob er Frack und weiße Krawatte nehmen sollte. Es war doch das große Fest des Friedens, das Fest der Ruhe, der ewigen Harmonie. Er war im Zustande eines triumphierenden Entzückens. Jetzt endlich hab ich mich gefunden, Mich selbst, Mich – Gott. War er noch krank? Seine Gedanken waren erhitzt. Die innere Aufregung schäumte zitternd empor ... War es vielleicht nur ein Augenblick einer physischen Reaktion nach all dieser Qual und Angst? Was ging ihn das an? Er hatte jetzt Alles vergessen. Sein Körper reckte sich in dem Gefühl einer lange nicht gekannten Seligkeit und Energie. – Ach, Isa, bist Du schon hier? – Du machst da seltsame Turnübungen. – Ich vertreibe die Krankheit. Aber etwas zu essen ... – Ja, komm nur ins Speisezimmer. Er aß etwas, aber ohne besonderen Appetit. – Ich bin wie neugeboren, Isa, ganz wie neugeboren. So verjüngt. Ich habe viel gelitten. Nein, nein, versteh mich doch recht, ich habe kein persönliches Leides gehabt, nur der ganze Jammer da draußen lastete auf mir und machte mich so elend ... Sie sah ihn jubelnd an. – Sonderbar, sonderbar ... der Arzt sagte doch, Du werdest mindestens drei Tage liegen, und ich habe lange schon nicht diesen Ausdruck von Kraft und Energie in Deinem Gesichte gesehen. Du bist anders wie alle Menschen. – Ja, ja, das ist die neue Kraft. Trink, trink mit mir ... Ich war so wenig mit Dir zusammen ... Trink das ganze Glas aus. Sie tranken aus und Falk füllte die Gläser von Neuem. Er setzte sich neben sie hin, nahm ihre beiden Hände und küßte sie. – Wir sprachen schon lange nicht zusammen, sagte er. – Jetzt ist Alles gut, nicht wahr? fragte sie zärtlich. – Es wird gut werden. Wir reisen von hier weg ... Was denkst Du über Island? – Ist das Dein Ernst? Du machst so viele neue Pläne ... – Diesmal ist es mein Ernst, weil es eben kein Plan ist. Es fiel mir ein heute, gestern, ich weiß eigentlich nicht wann, aber ich muß von hier weg. Isa strahlte. Sie wollte es ihm nicht sagen, aber sie fand es unausstehlich in dieser langweiligen Stadt. – Denk, so ein kleines Fischerhaus am Meer. Nicht wahr? Wundervoll! Und die Herbstnächte, wenn die Wellen diese furchtbare Ewigkeitsmusik am Strande spielen. Aber Du wirst Dich nicht langweilen? – Hab ich mich jemals mit Dir gelangweilt? Ich brauche keinen Menschen, nichts, gar nichts brauch ich, wenn ich Dich nur habe. – Aber ich werde oft weg sein von Dir, sehr oft. Ich werde mit den Fischern auf ganze Nächte hinausfahren, ich werde in die Berge gehen. Und wenn wir zusammen sind, werden wir im Gras liegen und den Himmel anstarren ... Aber trink, trink doch ... Oh, Du kannst nicht mehr so trinken wie früher. – Sieh doch! Sie trank das Glas leer. – Und in dieser Zweisamkeit: Du und ich, und Du ein Stück von mir, und wir beide eine Offenbarung der immanenten Substanz in uns ... Er stand auf. Isa! wir werden den Gott suchen, den wir verloren haben. Sie war wie hypnotisiert. – Den Gott, den wir verloren, wiederholte sie halb unbewußt. – Du glaubst nicht an Gott? fragte er plötzlich. – Nein, sagte sie nachdenklich. – Du glaubst nicht, daß man ihn finden kann? – Nein, wenn man ihn nicht in sich hat. – Aber das meine ich eben: Gott finden, das heißt Gott fühlen, ihn in jeder Pore seiner Seele fühlen, die unmittelbare Gewißheit haben, daß er da ist, die wilde übernatürliche Macht besitzen, die das Gottesgefühl gibt. – Willst Du einen anderen Gott suchen, einen Gott außerhalb? Wozu willst Du diesen Gott? Ich will ihn nicht. Ich brauche ihn nicht. Ich habe die unmittelbare Gewißheit des Gottgefühles, ich fühle ihn, so lange Du da bist. Ich brauche nichts Höheres ... Und ich will ein solches Gefühl auch nicht bei Dir dulden. Ich gehe dann nicht mit. Er sah sie lange an. – Wie Du jetzt schön wurdest. Als wäre ein Licht plötzlich in Dir aufgeblüht ... Mit einem Mal verlor er das Gleichgewicht und kam in eine seltsame Begeisterung. – Ja, ja, ich meine den Gott, der Du und Ich ist. Ich meine das heilige, große Mein-Du! Weißt Du, was mein Du, mein dunkles Du ist? Das ist Jahveh, das ist Oum, das ist Tabu. Mein Du, das ist die Seele, die sich niemals im Gehirn prostituiert hat. Mein Du, das ist die Festtagsseele, die selten über mich kommt, einmal vielleicht, wie der heilige Geist nur einmal über die Apostel kam. Mein Du, das ist meine Liebe und mein Verhängnis und mein Verbrecherwille! Und meinen Gott finden, das heißt: dies Du erforschen, seine Wege kennen lernen, seine Absichten verstehen, um nicht mehr das Kleine, das Niedrige, das Ekelhafte zu tun. Isa wurde hingerissen. Sie faßten sich heftig an den Händen. – Und Du willst mich lehren, es in mir zu finden und zu erforschen? – Ja, ja ... Er sah sie an, als hätte er sie nie vorher gesehen. – Und Du wirst in mir sein? – Ja, ja ... – Ich bin Dein, Deine Sache und Dein Du ... Bin ich es? – Ja, ja ... Er fing an, zerstreut zu werden. – Wir sind arm, Isa, sagte er nach einer Weile, ich habe das ganze Vermögen verloren. – Wirf auch den Rest weg, schrie sie ihm lachend zu und warf sich ihm an die Brust. Angst stieg plötzlich in ihm auf. – Du, Du – wenn es morgen vorüber ist? Ich habe ein solches Mißtrauen zu mir. – Dann werd ich Dich mitziehen. – Aber ist es vielleicht nicht nur eine Übermüdung, eine überreizte Stimmung, die uns in diese Ekstase peitscht? Er fuhr auf. – Ich lüge, ich lüge, sagte er plötzlich heiser, ich habe zu viel gelogen ... Jetzt ... Er brach ab. Der Gedanke, ihr jetzt Alles zu sagen, Alles haarklein zu erzählen, fuhr ihm durch den Kopf und wuchs zu einer großen, maniakalischen Idee aus. – Isa! Er sah sie an, als wollte er sich in den Grund ihrer Seele hineinbohren ... Isa! wiederholte er, ich habe Dir etwas zu sagen. Sie fuhr erschreckt auf. – Kannst Du mir Alles, Alles verzeihen, was ich Böses getan habe? Das Geständnis drängte sich mit unwiderstehlicher Macht über seine Lippen. Jetzt könnte er es nicht mehr zurückhalten. Er faßte ihre Hände. – Alles? Alles?! – Ja, Alles, Alles! – Und wenn ich das Eine wirklich getan hätte? – Was? Sie wich entsetzt zurück. – Dies ... mit einem fremden Weib. Sie starrte ihn an, dann schrie sie mit einer unnatürlichen Stimme auf: – Quäl mich nicht! Falk kam augenblicklich zur Besinnung. Er fühlte Schweiß über seinen ganzen Körper rinnen. Sie sprang auf ihn zu und stammelte zitternd: – Was? – Was? Er lächelte eigentümlich mit einer überlegenen Ruhe. Im selben Nu bemerkte Isa, daß er leichenblaß wurde, und daß sein Gesicht zuckte. – Du bist krank! – Ja, ich bin krank, ich habe meine Kräfte überschätzt. Er sank im Sofa zusammen und in einem wilden Wirbelstrom fuhren die Erlebnisse der letzten Tage durch den Kopf. Er sah Grodzki: – Man muß es mit Willen tun können! XII. – Jetzt mußt Du zu Geißler gehen und mit ihm Alles ordnen, dann können wir übermorgen fahren. Falk stand nachdenklich eine Weile. – Ja, ja ... wir werden gleich fahren. Er lächelte zerstreut. – Du hast ihn doch sehr lieb, fragte er plötzlich. – Wen? – Nun, Geißler natürlich. Wenn mir ein Unglück zustoßen sollte, könntest Du ihn heiraten, nicht wahr? Er sah sie lächelnd an. – Stirb erst, dann werden wir zusehen, scherzte Isa. – Nun, dann auf Wiedersehen. – Aber komm nicht wieder so spät. Ich hab jetzt solche Angst um Dich. Denk an mich: ich werde verrückt vor Unruhe, wenn Du heute wieder lange ausbleibst. – Nein, nein, ich komme bald. Er trat auf die Straße. Es war gerade Feierabend, die Arbeiter strömten in großen Scharen aus den Fabriken. Ängstlich bog er in eine Seitengasse. Es war überhaupt sonderbar, was ihm jetzt Alles zur Angst wurde; sein Herz war in fortwährender Fiebertätigkeit. Hörte er ein Geräusch an der Tür, so zuckte er zusammen und konnte sich lange nicht beruhigen; er hörte den kleinen Janek schreien und fuhr in höchster Angst auf: er konnte sich lange nicht besinnen, daß er einen Sohn hatte, nein, nun hatte er sogar zwei: den kleinen Janek und den kleinen Erik, zwei süße, wunderbare Kinder ... Oh, dieses prachtvolle Vateridyll! Wenn es nur nicht so unendlich komisch wäre. Er ging nachdenklich die leere Straße entlang. Die Vorgänge der letzten Tage schwirrten ihm durch den Kopf und verschwammen zu einem Gefühl von einer unsäglichen Traurigkeit. Es war ihm, als müßte er ersticken: er atmete tief und schwer. Was würde es auch nützen, wenn er fliehen würde? Nicht reisen, nur fliehen, fliehen, damit seine Lügen nicht entdeckt würden? Er konnte nicht mehr mit all den ekelhaften Lügen leben, jetzt konnte er auch nicht mehr Isa ruhig in die Augen sehen: ihr Vertrauen, ihr Glauben quälte ihn, demütigte ihn, er fühlte Ekel vor sich selbst, qualvolle Scham, daß er sich am liebsten hätte anspucken mögen. Sonderbares Weib, diese Isa. Ihr Glauben hat sie hypnotisiert. Sie geht wie eine Somnambule. Sie sieht nichts, sie ahnt kaum, daß er leidet. Das Erwachen wird gräßlich sein. Es geht ja nicht weiter: ihr Glaube wird jetzt doch früher oder später gebrochen werden. – Also bin ich ein doppelter Verbrecher. Ich habe die Ehe gebrochen und ihre Bedingung, den Glauben gebrochen. Eigentlich bin ich nur ein Verbrecher an mir selbst, denn ich habe die Wurzeln meines Daseins zerschnitten. Ich kann doch nicht ohne Isa leben. Wie ich auch denke und überlege: es geht nicht. Und weil ich Ich bin, weil ich also Gott bin, denn Gott ist jeder, der Alles um sich zu seiner Sache macht – und Alles um mich ist meine Sache –, so hab ich mich gegen Gott verbrochen, also ein Sakrileg begangen. Er sprach es halblaut mit tiefem Nachdenken vor sich hin, merkte es plötzlich und stutzte. Sein Ernst konnte das nicht sein, er kannte ja kein Verbrechen. Nein, was er auch über seine Heldentaten denken mochte, der Begriff des Verbrechens ließ sich nicht herauskonstruieren. Das Verbrechen postuliert einen Gemütszustand, der eben keine Gemütlichkeit ist ... He, he, he, Gemütlichkeit! – ich wollte eigentlich sagen Herzlosigkeit. Nun, weiß der Teufel, alles Andere bin ich eher, als herzlos. Ich habe ja mehr Mitleid in mir, als unsere ganze Zeit zusammengenommen. Also bin ich kein Verbrecher. Er verlor sich in die subtilsten Untersuchungen. – Aber vielleicht ist jetzt ein Gefühlszustand in Bildung, der früher nicht existierte, und für den etwas als Verbrechen gilt, das früher durchaus kein Verbrechen war. Ein Gefühl des Vergehens gegen zivilisatorische Entwicklungen, z. B. gegen Monogamie. Sein Gehirn war aber so ermattet, daß er den Gedanken nicht weiter verfolgen konnte: es war ja auch gleichgültig; das Gehirn mit allen seinen Advokatenkniffen war ja doch ganz machtlos gegen das Gefühl. Wozu denn da weiter nachzugrübeln? Er bekam plötzlich die sichere, unmittelbare Gewißheit, daß nun Alles vergeblich sei, was er auch tue, daß das Furchtbare jetzt sicher, unabwendbar, mit eiserner Notwendigkeit über ihn hereinbrechen werde. Er erschauerte und seine Knie wurden schwach. Er sah sich um: keine Bank in der Nähe. Mühsam und verzweifelt schleppte er sich weiter. Sein Gehirn wurde nun ganz zerstreut, er vermochte es nicht mehr zu konzentrieren. Dafür sah er mit unheimlicher Deutlichkeit die geringsten Details. So sah er, daß an einem Schilde ein Buchstabe schief hing, daß an einem Gitter die Stange nach auswärts verbogen war, daß ein Vorübergehender den charakteristischen Gang eines Menschen hatte, dessen Stiefel schlecht passen. Sein Gehirn erschöpfte sich in diesen Kleinigkeiten. Plötzlich schrie er leise auf. Der Gedanke, den er schon den ganzen Tag in der untersten Tiefe arbeiten hörte, und den er so mühsam zu ersticken suchte, brach auf. Er mußte Grodzki folgen! Er hatte den Selbstmord so oft theoretisch überlegt, aber diesmal war es wie eine ungeheure Zwangssuggestion: er fühlte, daß er ihr nicht widerstehen könne. Es kam nicht von Außen, nein, es kam von dem Unbekannten heraus: ein herrischer, jeden Widerspruch erstickender Wille. Er zitterte, taumelte, blieb stehen und stützte sich an einem Haus. Er müsse es tun! Ganz so wie Grodzki es getan hat. Den Gehirnwillen daraufhin dressieren, ihn zwingen, dem Instinktwillen zu gehorchen. Auf einmal empfand er eine eigentümliche taube Ruhe. Er zwang sich, zu denken, aber er konnte nicht, er ging immer weiter gedankenlos, versunken in dieser tauben, inneren Totenstille. Er stolperte und wäre beinahe gefallen. Das rüttelte ihn auf. Nein! es war nicht schwer, was sollte er sich noch länger quälen. Er dachte nach, was nicht Qual wäre, aber er konnte nichts finden. Dann dachte er nach, was nicht Lüge wäre, aber es gab nichts, was es nicht wäre, höchstens eine Tatsache, aber was ist eine Tatsache, sagte Pilatus und wusch sich die Hände. Nein! Pilatus sagte: was ist Wahrheit? und dann erst hat er sich die Hände gewaschen. Er fing an zu faseln. Aber als er vor das Haus kam, in dem doch Geißler wohnen mußte, wurde er sehr unruhig. Er hatte das Haus ganz vergessen. Aber hier mußte er doch wohnen. Er las alle Schilder, darunter ganz besonders aufmerksam: Walter Geißler, Rechtsanwalt und Notar, aber er konnte sich nicht orientieren. Er ging in den Flur hinein, trat wieder auf die Straße, las wieder die Schilder, kam zur Besinnung und wurde halb bewußtlos vor Angst. Sollte er verrückt werden? Das war doch eine augenblickliche Sinnesverwirrung. O Gott, o Gott, nur das nicht! Er faßte sich mühsam, eine krankhafte Scheu, nur Niemandem zu zeigen, was in ihm vorgehe, begann ihn zu beherrschen. Er richtete die größte Aufmerksamkeit auf sein Gesicht, schnitt die sonderbarsten Grimassen, um den Ausdruck der gleichgültigen Alltäglichkeit herauszufinden, fühlte sich endlich befriedigt und ging hinauf. – Einen Augenblick! Geißler schrieb, als gälte es sein Leben. Endlich sprang er auf. – Ich habe nämlich wahnsinnig viel zu tun. Ich will nun meine Advokatur endgültig an den Nagel hängen, und mich ganz und gar der Literatur widmen. Das ist doch eine charmante Beschäftigung, und ich arbeite jetzt bis zur Bewußtlosigkeit ... – Aber vorher wirst Du doch meine Affären ordnen? Geißler lachte herzlich auf. – Da ist ja nichts mehr zu ordnen. Du hast auch nicht einen Schimmer von Deinen Verhältnissen. Dein ganzes Vermögen ist noch allerhöchstens dreitausend Mark. – Nun gut. Dann werd ich morgen zu Dir kommen; Du wirst mir das Geld morgen geben können, nicht wahr? – Ich werde zusehen. Falk dachte plötzlich nach. – Du brauchst mir eigentlich nur fünfhundert zu geben, den Rest wirst Du monatlich in hundert Mark-Raten an diese Adresse schicken. Er schrieb Janinas Adresse auf. – Wer ist das? fragte Geißler. – O, ein unschuldiges Opfer einer Schurkerei. – So, so ... Du willst wohl nun in die Wüste gehen und fasten? – Vielleicht. Falk lächelte. Er besann sich plötzlich auf seine Rolle und fing mit übertriebener Herzlichkeit zu lachen an. – Denk Dir nur, ich habe sehr eifrig nach Dir gefragt. – Wo denn? – In einem wildfremden Hause. Ich wollte einen Spitzel irre führen und so fragte ich auf der zweiten Etage sehr laut und mit großer Emphase nach Dir ... Aber das ist ja gar nicht interessant. – Na, erzähl doch. – Nein, nein, das ist entsetzlich langweilig. Falk begann in ein stumpfes Grübeln zurückzuversinken. Geißler sah ihn verwundert an. – Fehlt Dir was? – Eigentlich nichts, ich habe nur einen schweren Fieberanfall überstanden. – Ja, Donnerwetter! Geißler knackte plötzlich mit den Fingern – was sagst Du zu Grodzki? – Grodzki? Ein heftiger Schreck fuhr Falk durch die Glieder. – Nun ja, er hat sich doch erschossen. – Erschossen? fragte Falk mechanisch. – Das ist ja ein phänomenales Stadtgespräch. Er hat die Frau von einem Maler entführt, ist plötzlich zurückgekommen, und hat sich erschossen. – Die Frau von einem Maler? – Ja. Der arme Kerl ist verrückt geworden. Aber dieser Grodzki! man sagt, daß er sich aus Furcht erschossen hat. – Aus Furcht? Falk kam in eine unbeschreibliche Verwirrung. Aus Furcht? – Man sagt, daß er kurz vor einem Monstreprozeß stand. So eine Art von einem sensationellen Fall Wilde. Falk lachte auf. – Also deswegen erschießen sich die Menschen. Ha, ha, ha, und ich glaubte, daß ihr Wille so stark sei, um über das Leben gebieten zu können, ha, ha, ha ... – Man sagt es nur so, vielleicht ist es nur eine Klatschgeschichte ... Ich glaube nicht daran. War doch ein phänomenal begabter Mensch. Nun, Du kennst ihn doch wohl am Besten. Man erwähnt übrigens jetzt oft Deinen Namen. – Meinen? – Ja, man will Dich mit Grodzki in Verbindung bringen. Falk wurde zerstreut. – Will man das? Sonderbar ... Geißler sah Falk aufmerksam an. – Die Krankheit hat Dich doch sehr ramponiert, was? Du mußt Dich schonen ... Aber wie geht es Isa? Falk schrak auf. – Du hast sie sehr geliebt, nicht wahr? – Bis zur Gemütsblödigkeit. – Und so ging es vorüber? – Na, na; so ganz vorüber ist es nicht. – Nicht? Falk empfand eine wilde Freude. – Du scheinst Dich darüber zu freuen. – Ich ordne die Affären, sagte Falk mit einer plötzlichen, übermütigen Laune. – Was meinst Du? – Nun, wenn mir ein Unglück zustoßen sollte ... – Sprich doch keinen Irrsinn. Bist krank. Solltest zu Bett bleiben. – Ja, ja, Du hast Recht. Er stand auf. Du kommst doch bald zu uns, sagte er zerstreut. – Ja, natürlich. Als Falk in den Flur trat, erinnerte er sich plötzlich, daß er mit Geißler über die Reise sprechen sollte. Aber er wußte nun plötzlich ganz sicher, daß er nicht reisen werde. Als er auf die Straße kam, fing er an über Abschiedsvisiten zu denken ... Wenn man verreisen soll, muß man doch Abschiedsvisiten machen, dachte er tiefsinnig. Der Gedanke an die Reise bemächtigte sich wieder seines Gehirnes. Er wollte aber nicht weiter darüber nachdenken. Er fühlte plötzlich, daß er aus dieser Tatsache eine Unmenge Folgerungen ziehen müßte, also z. B. wieder zu Geißler hinaufgehen und dergleichen Dinge mehr, die unfehlbar seine ganze Kraft zerstören müßten. Er wollte jetzt frei sein von allen Gedanken. Und jetzt: zu Olga. Der letzte Gedanke erregte ihn wieder. Woher plötzlich der Entschluß? So ohne jegliche Vorbereitung, ohne jedes Nachdenken? Ein Wunder, ein großes Wunder! Folglich ist der Wille ein Phänomen? Nein, mein Du ist ein Phänomen. Dann wunderte er sich, daß sich in seine Gedanken plötzlich die Vorstellung eines chinesischen Theaters eingemischt hatte: Ein Aktor steht auf der Bühne, macht eine Fußbewegung und sagt zum Publikum: Jetzt reite ich ... He, he, he ... Sein Gehirn kam wieder in Bewegung. Grodzki tauchte wieder in ihm auf. – Das ist doch sehr riskabel, Selbstmord zu begehen! Diese ekelhafte Schnüffelei nach den Gründen ... Er kam inzwischen vor Olgas Haus. Das ewig offene Restaurant hatte etwas Irritierendes. Er erinnerte sich, daß ihn schon als Knaben die ewige Lampe in der Kirche irritierte. Lächerlich, daß sie nie ausgehen durfte. Ist etwa Olga die heilige Vestalin, die das ewige Feuer in der Kneipe zu hüten hat? Nun, nun, Falk ... Du wirst ein wenig abgeschmackt und banal ... Er trat auf die Treppe, zog seine Handschuhe an und rückte die Krawatte zurecht. Er klopfte. In Olgas Zimmer saß Kunicki in Hemdsärmeln auf dem Sofa, der Rock lag über einer Stuhllehne. Er hat den Russen im Duell erschossen, flog es wie ein Blitz durch Falks Gehirn, gleichzeitig erinnerte er sich, was man über Grodzkis Tod sagte, und in dem nächsten Sekundentausendstel schoß ihm ein Entschluß auf. – Sie sind wieder heiß, lieber Kunicki; wie gewöhnlich, wie gewöhnlich. Falk lachte mit boshafter Freundlichkeit. Kunicki sah ihn finster an. – Nun, lieber Kunicki, Sie sehen ja aus, als wollten Sie in den nächsten zwei Tagen die soziale Harmonie einführen. Falk lachte noch freundlicher und drückte Olga beide Hände. Er sah sie strahlend an. – Sieh, sieh, wie Du schön aussiehst! – Fasle nicht! Ich habe hier mit Kunicki sehr unangenehme Sachen. Er ist wütend, daß wir Czerski auf Agitation geschickt haben. – Vielleicht wollte Herr Kunicki reisen? Falk sah ihn an mit verbindlichstem Lächeln. Das ist ja ein edler Wettstreit. Kunicki warf Falk einen wütenden, feindseligen Blick zu und sagte aufgeregt: – Ihre lächerlichen Sticheleien gehen mich nichts an. Aber es handelt sich hier um die Sache. Sie wissen ebenso gut wie ich, daß Czerski ein Anarchist ist. – Kein Mensch weiß es besser wie ich. Ich habe sehr lang und breit mit ihm darüber gesprochen. – Um so schlimmer für Sie. Sie können mir nicht übel nehmen, wenn ich dem Komitee die Augen über Sie öffne. – Ich kümmere mich den Teufel um Ihr Komitee, brauste Falk auf. Er fiel ganz aus seiner Rolle. – Ich mache, was ich will. – Aber wir, wir erlauben Ihnen das nicht, schrie Kunicki wütend. Sie zerstören durch Czerski unsere ganze dreijährige Arbeit. Sie gehen nur darauf aus, unsere Arbeit zu zerstören. – Ihre Arbeit, Ihre Arbeit?! Falk lachte höhnisch. Haben Sie denn ganz vergessen, was Sie mit Ihrer Arbeit ausgerichtet haben. He, he, vor anderthalb Jahren haben Sie mir einen schönen Plan entwickelt, aus dem zur Evidenz zu ersehen war, daß Sie innerhalb zwei Monaten alle Schwierigkeiten, die einem Generalstreik der Bergwerkarbeiter im Wege ständen, beseitigen würden. Ich gab das Geld dazu, obwohl ich an Ihre Träumereien natürlich nicht glaubte ... Aber Sie interessierten mich damals. Ich brauchte einen Menschen, der mich überzeugen könnte, daß gewaltige Massensuggestionen tatsächlich noch möglich sind ... Sie sollten mir das mikroskopische Kunststück einer neuen Kreuzfahrt vorzeigen, nur mit einer veränderten Devise: l'estomac le veult ... Ha, ha, ha ... Interessant genug war es ja zu sehen, ob die Menschen sich noch hinreißen lassen ... Ich glaubte, daß Sie vielleicht dazu im Stande wären. Aber nach einer Woche kamen Sie unverrichteter Sache zurück, ich glaube sogar mit bedenklichen Körperverletzungen ... – Sie lügen, schrie Kunicki wütend auf, beherrschte sich aber sofort. Sie wollen mich lächerlich machen. Das können Sie, wenn es Ihnen Vergnügen macht. Ich verzeihe Ihnen gerne Ihre kindische und bei Ihnen doppelt komische ... he, he ... aristokratisch-ästhetisch Nietzscheanische Sehnsucht nach Macht und Größe ... Kunicki würgte sich am absichtlichen, beleidigenden Hohngelächter. – Ja, ja, bitte, bitte, wenn es Ihnen nur Vergnügen macht ... Falk sah ihn boshaft an. – Nein, lieber Kunicki, ich wollte Sie nicht beleidigen, und ich will es um so weniger, als ich sehe, wie stark die unglückliche, um nicht zu sagen komische Rolle, die Sie gespielt haben, an Ihnen würgt. – Sie irren sich, sagte Kunicki. Falk labte sich an der Mühe, die Kunicki hatte, sich zu beherrschen ... Ich verstehe Ihre Absichten nicht, aber, wenn Sie glauben, daß ein Mensch wie Sie mich beleidigen kann ... Falk lachte lange und sehr herzlich. – Ha, ha, ha, ich verstehe sehr gut, daß ich einen Menschen wie Sie nicht beleidigen kann. Das war nur ein wenig phrasenhaft ausgedrückt im Verhältnis zu der Mühe, die Sie haben, um sich nicht beleidigt zu fühlen ... Aber kommen wir auf Czerski zurück. Ja, sehen Sie, ich glaube nicht an das sozialdemokratische Heil. Ich glaube auch nicht, daß eine Partei, die Geld im Überfluß hat, eine Partei, die Kranken- und Versorgungskassen gründet, etwas ausrichten kann ... Ich glaube auch nicht, daß eine Partei, die an eine behäbige Vernunftlösung der sozialen Frage denkt, überhaupt ernsthaft in Betracht kommen kann. Ebensowenig wie der Salonanarchist Herr John Henry Mackay ... Sie predigen Alle einen friedlichen Umsturz, ein Auslösen des gebrochenen Rades durch ein neues, während der Wagen sich in Bewegung befindet. Ihr ganzer Dogmenaufbau ist ganz idiotisch, gerade weil er so logisch ist, denn er gründet sich auf der Allmacht der Vernunft. Aber bis jetzt ist Alles durch die Unvernunft entstanden, durch Blödsinn, durch zwecklosen Zufall. – Und Sie schickten Czerski, damit er den Blödsinn mache, höhnte Kunicki. – Ich hoffe von ganzer Seele, daß er etwas furchtbar Blödsinniges macht. Ich hoffe es bestimmt, und zwar in der Überzeugung, daß die paar Revolutionäre, die gehängt, erschossen oder hingerichtet wurden, tausendmal tiefer in das Bewußtsein der unzufriedenen Volksmassen eingedrungen sind, als Ihre Partei mit den theoretischen Marx-Lassalleschen Wassersüppchen jemals zu dringen vermag. Kunicki lachte höhnisch und versuchte recht spitz zu sein. – Wissen Sie, Herr Falk, nach alledem, was ich jetzt von Ihnen gehört habe, könnte man sich ganz eigentümliche Gedanken von Ihnen machen. Gerade so, wie ich Sie jetzt sprechen höre, hab ich einen Lockspitzel in Zürich reden gehört. Nun ist der Augenblick da, dachte Falk. – Glauben Sie, daß ich ein Lockspitzel bin? Kunicki lächelte noch boshafter. – Ich betone ja nur die allerdings sehr seltsame Ähnlichkeit Ihrer Rede ... In demselben Momente beugte sich Falk weit über den Tisch und schlug Kunicki mit ganzer Kraft eine Ohrfeige. Kunicki sprang auf und stürzte sich auf Falk. Aber Falk bekam seine beiden Arme zu fassen und umklammerte sie so fest, daß Kunicki trotz der wütendsten Anstrengungen sich nicht losreißen konnte. Falk wurde sehr ärgerlich. – Wir werden uns doch hier nicht prügeln. Ich stehe Ihnen, wenn Sie Satisfaktion haben wollen, ganz und gar zur Verfügung. Übrigens bin ich stärker wie Sie, Sie riskieren also sehr fatale Prügel. Er ließ ihn los und stieß ihn zurück. Kunicki sah totenblaß aus, auf seine Lippen trat Schaum. Dann zog er seinen Rock an und ging ohne ein Wort taumelnd aus dem Zimmer. Falk setzte sich hin, Olga blieb am Fenster stehen und starrte ihn an. Falk verkroch sich wieder in sein Grübeln. Dies Schweigen dauerte wohl eine halbe Stunde. Plötzlich stand er auf. – Er schickt mir doch sicher eine Forderung? Es war wie ein stiller Triumph in seinen Worten. – Du wolltest es haben. Du hast ihn provoziert. Du hast ihn dazu gezwungen. Und jetzt triumphierst Du darüber. Du findest, daß dies leichter ist, wie Selbstmord. Sie lachte nervös und streckte die Hand aus. – Du hast also keine Kraft mehr, Du willst es doch. Und Du sagtest, daß Du meine Liebe liebst, und ich glaubte, daß Du es um meiner Liebe willen nicht tun würdest. Du hast gelogen. Du liebst Niemanden. – Ich liebe Dich – sagte Falk mechanisch. – Nein, nein, Du liebst Niemanden. Deinen Schmerz liebst Du, Deine kalte, grausame Neugierde liebst Du, aber nicht mich. Sie kam in immer größere Aufregung. Ihre Lippen bebten und die Augen wurden unnatürlich weit. – Ich liebe Dich! – wiederholte Falk tonlos. – Lüg nicht, lüg nicht mehr. Du hast mich niemals geliebt. Was bin ich Dir? Hättest Du um meinetwillen leben können? Du sagtest: bleib bei mir, ich habe Deine Liebe nötig, aber hast Du einen Augenblick daran gedacht, daß ich nur um Deinetwillen lebe? Du hast genug Liebe um Dich, aber wen hab ich, was hab ich, außer Deiner kalten, grausamen Neugierde, die Dich an mich fesselte. Dachtest Du jetzt an mich? – Ich denke immer an Dich, sagte Falk sehr traurig. Sie wollte etwas sagen, aber ihre Stimme brach, ihr Gesicht erstarrte, und wieder sah Falk die Tränen über das stumme Gesicht laufen. Sie drehte sich schnell nach dem Fenster um. Aber im nächsten Momente kam sie auf ihn zu und faßte ihn mit verzweifelter Leidenschaft an den Armen. – Willst Du sterben? Er starrte sie an, als hätte er sie nicht verstanden. – Willst Du sterben? wiederholte sie in Raserei. – Ja. – Ja? schrie sie auf. – Ja. Sie ließ die Arme sinken. – Ich liebe Dich nicht. Ich liebe Dich nicht, wie ich Dich geliebt habe ... Warum gibst Du mir nicht einen Schilling, wo Du Millionen bekommst? Bist Du so arm, bist Du wirklich so arm ...? Sie trat zurück und sah ihn mit qualvoller Verzweiflung an. Aber in diesem Momente stürzte Falk auf seine Knie, faßte ihr Kleid und küßte es mit langer Inbrunst. Sie sank an ihm nieder, sie faßte seinen Kopf, sie küßte ihn auf seine Augen, auf sein Haar, auf seinen Mund. Sie konnte sich nicht sättigen an dem Kopf, den sie so unsagbar mit all der Qual, mit all der schmerzhaften Entsagung liebte. Plötzlich fuhr sie jäh auf und taumelte zurück. – Du liebst mich nicht! Ihre Stimme war müde und gebrochen. Falk antwortete nicht. Er setzte sich hin, stützte den Kopf in beide Hände und litt. So hatte er nie gelitten. Die Impotenz seiner Seele hatte ihn nun ganz gebrochen. Es gab wirklich keinen Ausweg mehr. Nun wurde seine Seele stumpf, nur hin und wieder blitzte irgend ein gleichgültiger Gedanke auf. Olga setzte sich auf ihr Bett und sah ihn unverwandt an. Er erhob plötzlich die Augen zu ihr, sie starrten sich eine Ewigkeit an, er lächelte irre und senkte die Augen nieder. Plötzlich sagte er, wie zu sich selbst: – Ich habe ihn geohrfeigt, weil er nur eine Laus ist. – Du bist krank, Falk. Jetzt erst seh ich, daß Dein Kopf krank ist. Sie sah ihn mit wachsendem Erstaunen an. – Du warst immer krank. Du bist nicht normal. – Nicht normal? fragte er. Nicht normal? Du hast wohl recht. Ich habe mich oft gefragt, ob ich doch nicht am Ende irrsinnig bin. Aber mein Irrsinn ist anders, wie bei andern Menschen ... Ja, mein Kopf ist krank. Der Ekel tötet mich ... Er saß mit tief gesenktem Kopfe und sprach sehr leise. – Der Ekel vor mir, der Ekel vor Menschen frißt an mir wie Gangrän ... Ich hätte vielleicht etwas machen können, aber die sinnlosen Ausschweifungen haben meinen Willen zerfressen. Ich ging und zerstörte und litt ... O, wie ich furchtbar gelitten habe. Aber ich mußte es tun, halb aus einem dämonischen unverständlichen Drang. Die Menschen unterlagen meinen Suggestionen ... Doch, was soll ich davon reden. Ich habe genug geschwatzt ... Am Ende ist es nur meine Eitelkeit, die so spricht ... Es freut mich eigentlich, daß ich diese Macht hatte ... Ich bereue auch nichts, vielleicht würd ich von Neuem anfangen, wenn ich von irgend woher frische Kräfte bekäme. Er stand auf. – Jetzt werd ich gehen. Du tatest mir Unrecht: ich habe Dich sehr geliebt. Er beugte sich über ihre Hand und küßte sie. Die Hand zitterte heftig. An der Tür blieb er stehen. – Wenn es schlecht geht, verstehst Du, Kunicki ist ein berühmter Schütze, ja, willst Du dann ab und zu bei Janina nachsehen? ... Sie war gut zu mir ... Es ist schändlich, daß ich so tief in ihr Leben eingreifen mußte ... Er sah sie an und lächelte sonderbar. – Willst Du das? Sie nickte mit dem Kopfe. – Nun leb wohl Olga, und – und ... Ja, wer weiß, wir sehen uns vielleicht nicht wieder. Sie starrte ihn sprachlos an und winkte dann heftig mit der Hand. – Ja, ja ... ich gehe. XIII. Am frühen Morgen wurde Falk geweckt. Ein Herr wartete im Salon in einer sehr wichtigen Angelegenheit. – Aha! sagte Falk und kleidete sich schnell an. Als er in den Salon trat, sah er einen Menschen, der sich steif und ungemein zeremoniell verbeugte. – Von Kunicki? Nicht wahr? Nun? Er horchte ungeduldig und zerstreut auf die wohlgesetzte Rede des Anderen. – Schwere Forderung? Ja, natürlich. Geben Sie nur Ihre Adresse her, ich werde Ihnen meinen Sekundanten zuschicken. Nur um Gotteswillen keine Steifheiten, keine Zeremonien. Sonst sind mir die Bedingungen ganz gleichgültig. Natürlich schießen bis zur Bewußtlosigkeit. Nur keine Zeremonien ... Der Fremde sah Falk befremdend an, verbeugte sich und ging. – Das ist ja prachtvoll, prachtvoll. Falk rieb sich vergnügt die Hände. Dann fing er an, im Salon langsam auf- und abzugehen. Plötzlich befiel ihn eine heiße Sehnsucht nach Isa. Ihr Alles sagen, sie auf seine Hände nehmen, sie an sich pressen, daß sie eins würden in dem rasenden Elan der Liebe. Aber im nächsten Moment fesselte ihn ein Bild, das über dem Piano hing. Der Himmel: eine Reihe von breiten, grellen Streifen, die nebeneinander unausgeglichen lagen. Breite, brutale Streifen; das Ganze wie ein wüster Verzweiflungsschrei ... Und ein Strand mit einer langen Strandbrücke. Zwei Menschen auf der Brücke: sie im weißen Kleide. Man sah eigentlich nur dies weiße Kleid, und dieser weiße Fleck mitten in der Verzweiflungsorgie des Himmels, sah aus wie etwas grausig Geheimnisvolles, etwas, das die Nerven vor Neugierde und irrem Grausen krank machte. Er sog sich mit seiner ganzen Seele in dies weiße Kleid hinein: Das ist sie, das Verhängnis, der weiße Blitz, die tanzende Welt im Chaos. Er sah weg und betrachtete mit gespanntester Aufmerksamkeit eine verwelkte Orchidee. Er mußte sich also nun einen Sekundanten suchen – natürlich Geißler. Er hatte ja keinen Anderen. Nicht einen einzigen Menschen hatte er mehr. Er suchte lange nach seinem Hut, ging an Isas Schlafzimmer, horchte, ging wieder leise herum ... Nun mußte er aber gehen, sonst würde er Geißler nicht mehr zu Hause antreffen. Kaum war er weggegangen, als Isa in sein Zimmer trat. Sie hatte Fieber in der Nacht und Alpdruck. Sie wollte mit ihm sprechen, sich beruhigen ... Sie war sehr erstaunt, als sie ihn nicht mehr vorfand. Sie blieb traurig stehen, setzte sich dann nieder und sah sich im Zimmer um. Das Zimmer erschien ihr plötzlich so fremd und so unbehaglich. Sie glaubte deutlich die kranke, fiebrige Atmosphäre dieses Zimmers zu fühlen ... Alles lag wirr durch einander, auf dem Schreibtisch sah sie ein großes, bunt bekritzeltes Blatt Papier. Sie hielt das Blatt in den Händen und sah wie versunken vor sich hin. Das Blatt war von unten bis oben nur mit einem Worte in den verschiedensten Schriftarten beschrieben: Ananke. Eine unbestimmte Qual schnürte ihr das Herz zusammen. Es wurde ihr so schwül. Sie fühlte eine tiefe Traurigkeit. Es war ihr, als wäre ihr ganzes Glück plötzlich vorüber. Sie verstand eigentlich nicht, woher alle diese Depression? Sie fing an, sich selbst mit allen möglichen Gedanken zu zerstreuen, aber sie konnte die irritierende Unruhe nicht los werden. Sie raffte sich auf, ging in ihr Schlafzimmer und kleidete sich langsam an. Plötzlich kam das Dienstmädchen herein. – Ein Herr wünscht Sie zu sprechen. Sie überreichte Isa eine Karte: Stefan Kruk. Isa las und las die Karte. Aber das ist ja unmöglich. War nicht Kruk aus Deutschland geflohen? Er ist ja doch zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt ... Eine wachsende Unruhe fing an in ihrem Kopfe zu jagen. Ein Wirrwarr von Gedanken fuhr ihr durchs Gehirn. Das Gefühl von etwas Ungewöhnlichem füllte sie mit jähem Schreck. Sie überhastete sich und war kaum im Stande, ihre Toilette zu beendigen. Als sie in den Salon trat, sah sie Kruk ganz ungewöhnlich blaß mit wilden, roten Augen. Isa blieb erschrocken stehen. – Was ist? Was ist? fragte sie stammelnd. – Wo ist Ihr Mann? Sie hörte seine heisere Stimme heftig beben. – Er ist weggegangen. Aber, wie kommen Sie denn hierher, wie konnten Sie sich nur dieser Gefahr aussetzen? Kruk sah sie an, als wüßte er nicht, wo er sei, als hätte er sich selbst vergessen. Isa wich erschreckt zurück. – Ihr Mann ist ein Schurke, schrie er rasend auf. Er hat meine Schwester geschändet ... Isa hörte noch ein paar Worte: Maitresse, Bastard, Verführer, dann verstand sie nichts mehr. Kruk kam zur Besinnung. Er sah, wie alles Blut von ihrem Gesichte gewichen war, wie ihre Lippen blau wurden ... Sie wankte, er fing sie auf. Sie kam schnell zu sich. – Mein Mann hat ein Kind jetzt, jetzt ... vor ein paar Wochen mit Ihrer Schwester? Ihrer ... Schwester?! Kind? Sie sah ihn abwesend an und stammelte unablässig das Wort Kind ... dann sprang sie auf ihn zu. – Das ist unmöglich! Unmöglich ... Sie faßte sich an den Kopf und ging ein paar Schritte. – Ein Kind! ... Sie fuhr plötzlich auf. – Ich muß es sehen, ich muß es sehen ... Es ist unmöglich. Nein, nein ... Sie lief herum. – Warum sagen Sie kein Wort? Sagen Sie doch, daß es unmöglich ist ... O Gott, o Gott ... So suchen Sie doch meinen Hut, schnell, meinen Hut ... Wie ist das nur möglich ... Ha, ha, ha, er fragte mich, was ich dazu sagen würde ... Grand Dieu, c'est impossible ... Wie blaß Sie sind, wie finster ... Kommen Sie nur schnell, schnell ... Sie wußte nicht mehr, was sie tat, und was sie sagte. Erst unten in der Droschke kam sie zur Besinnung. Sie sprachen kein Wort mit einander. Sie hatte das Gefühl eines schwarzen, kühlen Schattens über ihrem Gehirn, sie lachte krampfhaft auf, sank zusammen und wieder überkam sie plötzlich eine Lust zu lachen. Sie sah Kruk beinahe schelmisch an. – Ich habe Sie gleich erkannt – ich sah Sie zweimal in Paris ... O, wie Sie sich verändert haben, und wie grenzenlos blaß Sie sind ... Mais c'est terrible, c'est terrible! Sie sah mit irren Blicken zum Fenster hinaus. Plötzlich hörte sie das Rollen einer anderen Droschke hinter ihrem Rücken, das Geräusch betäubte sie, sie sah nichts mehr und hörte nichts, wiederholte nur ganz mechanisch: c'est terrible! Endlich blieb die Droschke stehen, und unmittelbar dahinter hielt eine andere Droschke an. Kruk kam plötzlich in eine unsagbare Unruhe ... In dem Augenblick, als Isa aus der Droschke ausgestiegen war, sah sie zwei Männer sich auf Kruk losstürzen. – Im Namen des Gesetzes ... Kruk zog blitzschnell den Revolver, aber in einem Nu wurde er von hinterrücks auf die Erde geworfen ... Es entstand ein Auflauf. Isa trat hastig in den Hausflur. Sie stützte sich gegen die Wand, um nicht zu fallen. Ein Schwindelgefühl raste in ihr. Sie suchte krampfhaft dagegen anzukämpfen. Dann sah sie starr das glänzende Treppengeländer hinauf, hörte ein Geschrei auf der Straße und sah ein paar Kinder vorüberlaufen. Sie sah sich verwirrt um. Was wollte sie denn hier? ... Eriks Maitresse besuchen? Ha, ha ... Großer Gott! Eriks Maitresse ... Sie raffte sich zusammen und trat auf den Hof. Sie blieb wie gebannt stehen. In einem Fenster des Hofparterre sah sie ein blasses, verzweifeltes Gesicht. Das Mädchen trug ein Kind auf dem Arm. Die beiden Frauen starrten sich an. C'est elle! sagte sich Isa halblaut. Sie sah, wie die Andere im höchsten Schreck zurückwich. Isa ging hinein. Sie klopfte. Die Tür wurde furchtsam und nur halb geöffnet. – Aber lassen Sie mich doch hinein ... sie stieß Janina fast gewaltsam zurück ... Ich will Ihnen doch nichts tun, nur das Kind ... Sie trat in Janinas Zimmer. – Aber zittern Sie doch nicht so, ich will ja wirklich Ihnen nichts tun ... Sie lachte nervös ... Mais, c'est drôle ... dieses kleine Mädchen: Eriks Maitresse, ha, ha, ha ... Setzen Sie sich doch, Sie sind blaß, Sie werden fallen ... Gott, wie mager, wie elend Sie sind. Er hat ja Ihr ganzes Blut aufgesogen ... Und das Kleine da ist Ihr Kind, Falks Kind ... Sie lachte hysterisch und sah dann Janina mit wildem Haß an, aber nur einen Moment ... – Sie wußten natürlich nicht, daß er verheiratet war ... Wie er lügt, ha, ha, ha, wie er lügt ... Mit einem Male verließen sie die Kräfte. Janina warf sich auf das Bett und schluchzte. Isa wurde sehr ernst; sie stand auf. – Hab ich Sie beleidigt? fragte sie kalt. Aber sie erwartete keine Antwort, sie ging an das Bettende, wo der Kleine lag, sah ihn aufmerksam an und blieb dann mitten im Zimmer stehen. – Aber weinen Sie doch nicht. Ich wollte Sie doch nicht beleidigen ... Wie das Kind schön ist! Und Sie haben ja keine Schuld ... Sie sind ja nur ein kleines, schwaches Mädchen. Und wieder fing sie an zu lachen. Sonderbar, daß Sie ein Kind haben ... Wie alt sind Sie denn eigentlich? Achtzehn? Neunzehn? Nun, leben Sie wohl und weinen Sie nicht. Er wird schon zurückkommen, er wird kommen, versetzte sie rasend ... Ich werd ihn zu Ihnen zurückjagen, gleich – gleich ... – Quälen Sie mich nicht! schrie plötzlich Janina auf. – Quälen? Quälen? Ha, ha, ha ... Ich werde ihn gleich herschicken ... tout de suite, tout de suite ... Auf der Straße blieb sie lange stehen. Ein paar Straßenjungen gingen an ihr vorbei, lachten sie frech an und warfen ihr unzüchtige Worte zu. Sie sah sich scheu um, und fing an zu gehen, schnell, sinnlos schnell ... – Nur nicht zurück, nur nicht zurück, nur nicht zu dem Lügner zurück, murmelte sie leise vor sich hin. – Aber mein Gott! was für ekelhafte Menschen hier wohnen! Warum belästigen Sie mich, warum stoßen Sie mich denn? Was hab ich Ihnen getan? Sie knirschte in ohnmächtiger Raserei mit den Zähnen. Plötzlich empfand sie einen heftigen Schmerz. Ein Kerl hatte sie angerannt und sie brutal zur Seite gestoßen, daß sie beinahe umgefallen wäre. Der Schmerz brachte sie zum Bewußtsein. Sie fing an langsam zu gehen, hielt sich dicht an die Mauer, sie wurde ängstlich wie ein kleines Kind, ein Weinkrampf arbeitete sich mit aller Kraft in ihr herauf, sie würgte ihn mühsam nieder, konnte aber nicht verhindern, daß die Tränen unaufhaltsam über ihre Backen rannen. Dann kam sie auf einen leeren Platz, setzte sich auf eine Bank und beruhigte sich. Und nun erst flog ihr Alles, mit visionärer Deutlichkeit durchs Gehirn und ein wilder Schmerz fing an in ihr zu rasen. Sie wurde von Sinnen. Und im Augenblick raffte sie sich auf. Geißler wird Geld geben. Nur weg, weit, weit weg von ihm, Geißler wird Geld geben, Geißler, Geißler wiederholte sie unablässig. Sie stieg in eine Droschke und gab Geißlers Adresse an. Der Schmerz raste immer toller ... Als hätte sich eine Hölle in ihr entfesselt... Ha, ha, ha ... Mais non, pas du tout; je suis au contraire tres enchantée ... très enchantée ... Diese großen Buchstaben: Isak Isaksohn ... Nein, wie komisch! Isak Isaksohn ... Ha, ha, ha ... Falk ist ein genialer Mensch. Er muß die Rasse verbessern, es ist seine Pflicht, seine Pflicht... Hier kann ich Stoffe kaufen – Friedrichstraße 183, und ja, wie hieß er doch? Isak Isaksohn und Friedrichstraße 183 ... Da fühlte sie plötzlich einen unsäglichen Ekel. Der Mensch hat sie genommen, mit denselben Händen hat er sie umarmt wie das Mädchen da – mit demselben Mund hat er sie geküßt ... Sie schüttelte sich. Eine krankhafte Raserei überkam sie, es wurde ihr unausstehlich eng, sie hätte ihre Kleider auseinanderreißen mögen. Der Ekel würgte an ihr immer heftiger. Warum hat er das Weib nicht in mein Bett geschleppt?! Ha, ha, ha ... Er hätte es doch vor meinen Augen tun sollen ... Sie konnte sich nicht mehr beherrschen. Sie krümmte sich und kroch in sich zusammen und reckte sich wieder hoch, sie fühlte einen unausstehlichen Schmerz in der Brust, im Kopfe, überall, überall ... Oh que j'ai mal, que j'ai mal ... Mon Dieu, que jai mal! Als sie in Geißlers Zimmer eintrat, wurde sie von einer plötzlichen Lustigkeit befallen. – Wie gut Du mich ansiehst! Du bist ja wie ein kleiner, verschämter Knabe ... Ha, ha, ha ... Und Du hast einen so schönen, weichen Rock an ... Nun sieh mich doch nicht an, als wär ich vom Himmel gefallen ... Ich bin doch Erik Falks gesetzlich, gesetzlich verstehst Du? auf der Mairie des fünfzehnten Arrondissements in Paris gesetzlich angetraute Gemahlin ... Sie lachte herzlich. Geißler sah sie erstaunt an. Da sie aber so herzlich lachte, so lachte er mit. – Denk nur, Walther, wir haben uns ja gar nicht begrüßt ... Sie behielt seine Hand in der ihren. – Wie Deine Hand groß ist und gut! Und so warm, so warm. – Du hast nicht Erik unten getroffen? fragte Geißler ein wenig unruhig. – Erik Falk? Meinen Mann? Sie würgte sich vor Lachen. Nein, nein! Mein Mann, ha, ha, mon mari! quelle drôle idée plus philosophique qu'originale, n'est-ce pas? Sie sah sich um und setzte sich hin. Geißler sah sie ratlos an. – Warum siehst Du mich so traurig an? Ah, – ah ... sie stand wieder auf ... Er war hier, er hat Dir Alles erzählt ... Geißler drehte sich um und machte sich mit den Papieren zu schaffen. – Hat er Dir von seinem kleinen Sohn erzählt, und von seiner kleinen Maitresse? Ha, ha, ha ... wollte er bei Dir sein Herz erleichtern? – Nun, weißt Du, Isa, das brauchst Du Dir doch nicht so zu Herzen zu nehmen. Du bist doch ein Weib, und ein Mann ist doch ganz anders organisiert ... Sie hatte sich inzwischen wieder hingesetzt, aber plötzlich verspürte sie eine große Müdigkeit, sie war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen. – Gib Wasser! Sie trank gierig ein großes Glas aus. – Ha, ha ... Ich habe meinen Mann nicht gesehen, nein, nein, je ne l'ai pas vu depuis cinq jours ... Sonderbare Vorliebe für meine Muttersprache. Ich habe sie beinahe vergessen ... Ich war in einem scheußlichen, deutschen Pensionat... Um fünf Uhr mußten wir aufstehen ... O! brr! Aber wie Du stark bist und Deine Hand so groß und so gut. Sie sah ihn plötzlich starr an. – Du brauchst gar nicht so betrübt auszusehen. Ich will kein Mitleid. Ich will Geld haben. Gib mir Geld, sagte sie hart. Er sah sie erschrocken an. – Wozu brauchst Du es? – Du bist ein netter Gentleman! Ha, ha, ha. Eine Dame fragst Du, wozu sie Geld braucht! Gib mir nur Geld, ich habe eine sehr schlimme Affäre ... – Isa, sei doch einen Augenblick ernst. Du willst doch keine Dummheiten machen? – Was denkst Du? – Also hör mal, Isa. Du weißt ja sehr gut, was Du für mich bist ... bei Euch gehen jetzt sehr schlimme Dinge vor ... Und da weißt Du, an wen Du Dich wenden sollst ... Ich meine, nun – Du wirst mich nicht mißverstehen ... Du kennst mich ... Aber ... pas de sentiments, n'est-ce pas? Wie viel brauchst Du? – Drei-, vierhundert ... – Ich werde Dir fünfhundert geben. Sie verstand ihn nicht, starrte ihn nur mit wachsendem Entzücken an. Ihre Sinne fingen sich an zu verwirren. – Wie prachtvoll Du bist! ... Und gib mir Deine große, warme Hand ... Ja, so, halt mich fest, halt mich fest ... O que j'ai mal, que j'ai mal ... Sie fiel in einen hysterischen Weinkrampf. XIV. Falk trieb sich den ganzen Tag ruhelos in der Stadt umher. Er blieb endlich in einem Café sitzen und verbrachte dort mehrere Stunden. Er war so müde, daß er keine Kraft finden konnte, aufzustehen und sich die Zeitungen zu holen. Einen Kellner darum bitten? Nein, es tat weh, nur den Mund aufzumachen. Ein bißchen Freude empfand er doch, wie schön sich Alles arrangierte ... und Kunicki ist ja ein berühmter Schütze. Morgen ist Alles zu Ende. Gut so. Er wunderte sich eigentlich, daß die ganze Sache ihm so gleichgültig war, und es handelte sich doch um das Leben ... das Leben! Er kicherte vergnügt. Das Leben! Endlich raffte er sich auf. Als er nach Hause kam, fühlte er sich so ermattet, daß er sich gleich auf das Bett legte; er war im Begriff einzuschlafen. Da richtete er sich jäh auf. Er mußte doch mit Isa sprechen. Wer weiß, ob er morgen zurückkommen werde. Er mußte sie doch auf jeden Fall, ohne ihr Mißtrauen zu wecken, über die wichtigsten Affären unterrichten. Das konnte er aber auch schriftlich tun. Und wieder legte er sich hin. Sie würde doch sonst auf schlimme Gedanken kommen können. Nein! Besser einen Brief schreiben. Plötzlich wurde er sonderbar wach. Sein Gehirn war aufgerüttelt und kam ins Arbeiten. Es wurde ihm jetzt endlich klar, daß ihm morgen sein Todesgang bevorstehe. Ein leiser Schauer durchfuhr seine Glieder. Es war etwas wie Angst ... Ganz sicher Angst und Unruhe, obwohl ja sonst die Revolverhelden keine Angst zu haben pflegen ... Der ganze Vorgang wurde in ihm mit einer so ekelhaft aufdringlichen Klarheit lebendig. Er wird ruhig dastehen müssen, vor seinen Augen wird die Pistolenmündung wie ein schwarzer Punkt flirren, dann wird er deutlich den Hahn knacken hören, ganz deutlich, ja, vielleicht sogar als ein starkes Geräusch. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Mühsam schob er Alles in sich zurück. Er gähnte. Aber sein Gähnen kam ihm selbst affektiert vor. Er mußte zu Isa gehen und mit ihr Piquet spielen, das würde ihn beruhigen. Nachher könnte er sich ja die ganze Geschichte überlegen ... Aber die Angst kroch in ihm hoch und sein Herz schlug entsetzlich. Kunicki hat ja den armen Russen sofort über den Haufen geschossen ... Und dies Alles zurücklassen: Isa und die ganze Zukunft ... Er stutzte. Woher kroch nur jetzt plötzlich die Selbstlüge von der Zukunft hervor? Das war ja eine lächerliche Lüge. Ha, ha, ha ... Wie man sich doch unbewußt belügen kann ... Sonderbar ... Natürlich wollte es in mir dann weiter so argumentieren: Alles sei ja nicht so schlimm, wie es aussehe ... Es könne ja Alles noch gut werden. Und plötzlich fuhr er wie wahnsinnig in die Höhe. Kruk kann ja doch nicht nach Deutschland zurückkommen. Er ist ja zu fünf Jahren verurteilt. Er lief wie besessen umher. Dann kann ja Isa niemals es erfahren. Die Briefe öffnete er ja immer selbst. Einen Moment von einem so unmittelbaren, tierischen Glücksgefühl hatte er nie vorher gefühlt. Er kam ganz von Sinnen vor Freude, eine entsetzliche Lebensbrunst stieg in ihm hoch. Er dachte an nichts, nur eine einzige, fixe Idee brauste und wirbelte in seinem Hirn. Nur jetzt schnell fort! Kunicki? Kunicki? Was geht mich Kunicki an, was kümmert mich die Ehre, was kümmert mich die Schande. Jetzt schnell fort, fort. Sein Gehirn klammerte sich mit der letzten Verzweiflungskraft an diesen Strohhalm. Dann fing er plötzlich an in Raserei und Wut zu lachen. Ha, ha, ha ... Nun fang ich an vor mir selbst Komödie zu spielen. Als ob mir das über den Ekel und die Lüge hinweg helfen könnte! Ha, ha, ha: es kann ja noch Alles gut werden. Er dachte plötzlich an den komischen, kleinen Juden, von dem er einmal Geld borgen wollte. Der Jude hatte natürlich kein Geld, aber Falk solle sich trösten, es werde ja noch Alles gut werden. Und da kam über ihn eine so herzliche Heiterkeit, wie er sie schon lange nicht mehr empfunden hatte. Ja, so konnte er nun zu Isa gehen, er war ja wirklich fröhlich und heiter. Als er in den Salon trat, fiel sein Blick zufällig auf das Bild und diese wahnsinnige Verzweiflungsorgie des Himmels ... Aber er war fröhlich und heiter. In der Speisestube horchte er auf. Von Isas Zimmer kam ein Schluchzen und Stöhnen ... Es durchfuhr ihn wie ein Blitz, er taumelte zurück. Sein Herz blieb stehen. Er trat an die Tür und klopfte furchtsam. Keine Antwort. Nur ein jäher heftiger Schrei. Er klopfte nun heftig und rüttelte an der Tür. Isa! Isa! schrie er verzweifelt. Ein tiefes Stöhnen war die Antwort. Er wurde in einem Nu wie besessen. Eine unerhörte Raserei bemächtigte sich seiner. Mach auf! schrie er. Wieder keine Antwort. Da packte ihn eine tierische Wut. Die Sinne schwanden ihm. Er warf sich plötzlich mit seiner ganzen Kraft gegen die Tür, brach sie auf und fiel taumelnd ins Zimmer hinein. Isa sprang vom Sofa auf, wild und verstört. – Was willst Du hier? Geh doch! Geh doch zu Deiner Maitresse, schrie sie rasend. Falk stand und zitterte so heftig, daß er sich am Tisch festhalten mußte. – Geh doch! Geh doch! schrie Isa und lief verzweifelt auf und ab, als fürchtete sie, daß er sie fassen wollte. – Isa! vermochte er endlich hervorzubringen. – Laß mich! Laß! schrie sie sinnlos und verstopfte sich die Ohren mit den Fingern. Ich will nichts hören. Geh doch! Ich kann Dich nicht sehen! Ich habe Ekel vor Dir! Falk stand da und starrte sie irrsinnig an. Er hörte nur diese heisere, schreiende Stimme, in der ein hysterisches Lachen und Weinen durcheinanderkämpfte. Es fiel ihm ein, daß er Isa nie vorher schreien gehört habe. Isa kam in Raserei. Sie stampfte mit den Füßen, schrie ein paar unartikulierte Laute, dann lief sie um den Tisch herum der Tür zu. Falk kam zur Besinnung. Er hielt sie an den Armen fest. Sie rang verzweifelt mit ihm, aber er hielt sie immer fester, biß sich förmlich mit seinen Fingern in ihre Arme. – Laß mich los! schrie sie mit einer unnatürlichen Stimme. Er ließ sie los und stellte sich vor die Tür. – Ich werde gehen, aber erst sollst Du mich hören, brauste er wütend auf. – Ich will nichts hören. Ich hasse Dich! Ich bitte Dich! Ich habe Ekel vor Dir. Du beschmutzt mich! Geh doch zu Deiner Maitresse. Plötzlich fiel sie rücklings aufs Sofa in einem wilden Weinkrampf. In sinnloser Angst sprang Falk auf sie zu. Der schlanke, schmächtige Körper zuckte und wand sich in seinen Armen, als würde er von einer fremden Macht geknetet. Aus der Kehle des gequälten Weibes kamen stoßweise Schreie und Schluchzen, die unnatürlich waren, als hätte sie ein Tier ausgestoßen. Falk trug sie auf den Balkon, faßte eine Karaffe Wasser, benetzte ihre Stirn und Schläfe, aber plötzlich erhob sie sich wieder und stieß ihn wütend zurück. Im nächsten Moment sank sie zusammen, sie warf sich auf das Sofa, atmete schwer; die Kräfte schienen sie zu verlassen, denn sie kroch immer mehr zusammen. Da warf sie sich wieder mit jähem Ruck in die Höhe und stellte sich stolz und kalt vor Falk. – Was willst Du also noch? – Nichts, nichts mehr. Er stammelte und sah sie mit irren, verglasten Augen an. – Nichts, nichts, wiederholte er leise. – Du mußt Dir klar machen, daß zwischen uns Alles aus ist, daß ich nicht eine Stunde länger mit Dir zusammen unter einem Dache verbleiben will ... Ich will nicht, schrie sie rasend ... Laß mich doch gehen. Sie warf sich auf ihn und wollte ihn von der Tür wegdrängen. Es wurde ihm ganz dunkel vor den Augen, er war nicht mehr Herr seines tierischen Wutanfalls, er packte sie und warf sie mit ganzer Kraft auf das Sofa. Sie sprang auf, wollte fliehen, ihre Haare hatten sich aufgelöst, er faßte sie an den Haaren, zerrte halb verrückt an ihnen und schleppte sie wieder zurück. – Ich werde Dich töten, ich werde Dich töten, grinste er in einer Sekunde von völliger Sinnesverwirrung. Sie sträubte sich nicht mehr, Alles brach in ihr – sie wurde einen Augenblick stille. Falk fuhr in gräßlicher Angst in die Höhe. Plötzlich hörte er sie weinen und schluchzen, müde, leise, herzzerreißend wie ein Kind. – Wie konntest Du das nur tun, wie konntest Du es nur, jammerte sie. Falk sank vor ihr hin. Er faßte ihre Hände, hielt sie krampfhaft an seinen Lippen, sie fühlte Tränen über ihre Hände fließen ... – Wie konntest Du das nur tun ... Er sprach kein Wort, sondern preßte noch krampfhafter ihre Hände an seine Lippen. – Steh auf! Steh auf! Quäl mich doch nicht ... bat sie flehend! Er stand auf. Er schien plötzlich ruhig zu sein. Nur sein Körper zuckte. – Geh nicht von mir, stammelte er plötzlich, ich ... ich habe Dich zu sehr geliebt. Da hielt er inne. Nein! Das durfte er ihr nicht sagen, aber es kam unwillkürlich über seine Lippen. – Ich habe den Verstand verloren. Der Mann stand immer vor meinen Augen. Er stand immer zwischen uns ... Sie starrte ihn erschreckt an, schien aber nichts zu begreifen. – Was? – Wer? – Wer? fragte Falk mechanisch und besann sich wieder. – Nein, nichts ... Er wich ein paar Schritte zurück ... Hab ich etwas gesagt? Nein, nein! Du sollst nur nicht gehen ... Du kannst mit mir machen, was Du willst ... Nur geh nicht! Seine Stimme versagte. – Es hilft nichts mehr. Sie sprach müde und wie abwesend. Du bist mir ein fremder Mensch. Das, was ich an Dir liebte, ist zerstört. Jetzt bist Du mir ebenso lächerlich, wie die Anderen. Lächerlich bist Du mir mit Deinen tierischen Begierden. Du bist auch nur ein Tier, eine Bestie, wie die anderen Männer. Und ich glaubte ... Aber quäl mich nicht, geh jetzt. Ich verachte Dich. Ich habe Ekel, grenzenlosen Ekel vor Euch Allen ... Laß mich gehen, bat sie, laß mich ... sie wandte sich zur Tür. Falk vertrat ihr den Weg. Er bekam wieder einen Wutanfall. – Du darfst nicht gehen. Du mußt bleiben bei mir! Du mußt! Ich befehle es Dir, ich werde Dich zertrümmern, zerschlagen, wenn Du gehst. Er ging auf sie zu. Sie wich zurück. Er wollte sie fassen. Sie riß sich los, sie lief um den Tisch herum in entsetzlicher Angst. – Bist Du wahnsinnig? schrie sie gellend. Endlich faßte er sie und preßte sie in wahnsinniger Leidenschaft an sich. Sie wehrte sich aus allen Kräften, aber er preßte ihre Arme fest; seine Leidenschaft wuchs über sein Gehirn hinaus, eine kranke Gier, eine bestialische Lust, das Weib zu besitzen, kam über ihn. – Laß mich! schrie sie fast ohnmächtig. Aber er hatte sich nicht mehr in seiner Macht. Er schleppte sie, eng an sich gepreßt ... Da gelang es ihr, eine Hand freizumachen, sie bäumte sich weit zurück und schlug ihn mit der Faust ins Gesicht. Er ließ sie los. In einem Nu fühlte er sein Inneres zu Eis gefrieren. Er sah sie nicht. Er starrte nur auf etwas, das wie ein schwarzer Abgrund vor seinen Augen gähnte. Als er zu sich kam, sah er ihr Gesicht und ihre Augen. Er sah sie aufmerksam an. Sie stand wie versteinert, nur in ihren Augen ein fressender Ekel. Sie liebt mich nicht mehr. Jetzt hatte er es verstanden. – Du liebst mich nicht mehr? Er sagte es mit einem eisigen Lächeln. Eigentlich war es ja gar nicht nötig zu fragen. – Nein! sagte sie kalt und bestimmt. Er lächelte, ohne es zu wissen, ging an die Tür, schob mit den Füßen die zerbrochenen Holzstücke zur Seite und wollte hinausgehen. Isa fuhr plötzlich auf in wildem Haß. – Und dieses Mädchen, schrie sie ihm nach ... Er blieb stehen und zuckte auf. – Dies Mädchen, sie fing an krampfhaft zu lachen ... Dies kleine Mädchen, das sich ertränkt hat ... Ha, ha, ha ... Zufällig beim Baden ... Zufällig, lautete nicht so das offizielle Bulletin? – Ah, wie du blaß bist, wie du zitterst ... Das hast Du gemacht! – Du! schrie sie plötzlich ... Ein Jahr nach unserer Hochzeit! Ha, ha, ha ... was hast Du noch für Heldentaten verrichtet, Du stolzer, monogamer Mann? Hast Du da noch ein paar Mädchen? Ha, ha, ha ... Sie ging herum, hielt sich den Kopf mit beiden Händen und sprach wirr vor sich hin. – O, diese Lügen, diese Lügen ... Nun ja – sie schrak hoch ... Es ist nun vorbei. Geh, geh. Es wird gut sein, wenn Du Dich des Mädchens ein wenig annimmst. Sie ist sehr elend, und sehr mager ... Adieu, mon mari ... Je n'ai plus rien à te dire ... Adieu ... Falk hörte nichts mehr. Er fühlte auch nichts. Nur sich irgendwo hinsetzen, ganz still für sich unaufhörlich still sitzen ... Es klingelte. Falk ging mechanisch an die Korridortür und öffnete sie. Er sah den Dienstmann gedankenlos an und wartete. – Sind Sie Herr Falk? – Ja. – Ein Brief an Sie. Er nahm den Brief, ging in sein Zimmer, legte den Brief auf den Schreibtisch, setzte sich hin und betrachtete ihn lange gedankenlos. Endlich stand er auf und öffnete ihn mechanisch. Es dauerte lange bis er sich zwang, den Inhalt zu verstehen. Er war von Geißler. Er schrieb ihm, er würde ihn Morgens um sechs Uhr abholen. Sonst Alles in schönster Ordnung. Falk setzte sich wieder hin und so saß er regungslos die ganze Nacht. Er hatte das Bewußtsein der Zeit verloren. Er war auch nicht schläfrig. Nur hin und wieder, wenn er Lust verspürte, zu rauchen, holte er sich eine Zigarette und wunderte sich, daß er gar nicht denken könne; er war chemisch gereinigt von Gedanken, chemisch gereinigt wiederholte er sinnlos. Als Geißler zur bestimmten Zeit kam, sah er ihn verwundert an. – Ist es schon Zeit? – Natürlich. Aber hast Du nicht geschlafen? – Nein, sagte Falk apathisch. Er nahm seinen alten Filzhut. – Aber Du mußt doch den Zylinder nehmen, so formlos kann es doch nicht vor sich gehen ... – So, so ... Meinetwegen kann ich den Zylinder nehmen. Geißler sah ihn unruhig an. Falk wurde wütend. – Warum siehst Du mich so mißtrauisch an? Glaubst Du, daß ich Angst habe? Aber er verfiel gleich in seine frühere Apathie. Als sie ankamen, wartete schon Kunicki mit seinem Sekundanten und noch einem dritten Herrn. – Der dritte ist wohl der Arzt, dachte Falk tiefsinnig. Alle Formalitäten waren schnell erledigt. Falk sah mit einer stumpfen Ruhe Kunicki nach seinem Kopfe zielen. Kunicki hat die Überlegenheit eines Menschen, dem die Sache eine Art Sport ist, schoß es ihm durch den Kopf. Sonderbarer Sport ... Aber wie reimt sich dies zusammen? Kunicki ist doch ein Sozialdemokrat. Das ist ja gegen alle Prinzipien. Ha, ha ... un citoyen cosmopolitique, citoyen du monde entier. Dies citoyen du monde setzte sich in seinem Gehirne fest, begleitet von einer sonderbaren Heiterkeit. In diesem Momente hörte er den Hahn knacken, sah Rauch, aber die Kugel flog an ihm vorbei. Er war nun ganz und gar von einer einzigen, fixen Idee besessen: der citoyen cosmopolitique mit den hinkenden Prinzipien sollte selbst hinken ... Falk lachte in sich hinein, er hatte Mühe, seine Heiterkeit zu beherrschen. Gleichzeitig zielte er sehr ruhig und schoß: ein förmlicher Lachkrampf würgte ihn dabei im Halse. Der Schuß traf Kunicki in die Kniescheibe. Er flog auf und fiel hin. – Donnerwetter, gebt mir eine Zigarette! schrie er wütend auf. – Wird er hinken? fragte Falk Geißler, als sie in die Stadt kamen. Die Idee hatte von seiner Seele totalen Besitz ergriffen. – Weiß nicht. – Citoyen cosmopolitique mit den hinkenden Prinzipien ... Ha, ha, ha ... Gottes Finger ... Nun wird er selbst hinken ... Geißler wurde sehr unangenehm berührt. Aber Falk fiel urplötzlich in seine Apathie zurück. – Die Satisfaktion, die man dabei kriegt, ist doch eine verflucht minimale, sagte Geißler, um das peinliche Schweigen zu unterbrechen. Falk sah ihn an. – Wir waren gute Freunde ... Er ist ein scharfer Kopf, sagte er sinnend. Er hat Rodbertus widerlegt ... Sie schwiegen wieder. – Ist Isa schon abgefahren? fragte Geißler. – Sollte sie denn fahren? – Nun, ich glaubte. Geißler erhob sich unruhig. – Du willst gehen? fragte Falk ängstlich. – Ich muß jetzt. Falk sah plötzlich zu ihm auf und lächelte gutmütig. – Du bist unruhig ... He, he, he. Geh nur, geh. Ich werde mich jetzt auch schlafen legen. XV. Falk preßte sich noch enger an die Wand. Er saß auf dem Sofa. Im Zimmer war es ganz dunkel. Angst packte ihn: er hörte Stimmen auf dem Korridor. Er horchte. – Die gnädige Frau ist mit dem Knaben heute weggefahren. Der Herr sitzt in seinem Zimmer schon den ganzen Tag. Er ist wohl krank. Er will nichts essen, und nicht antworten. Er hörte wieder klopfen. Er rührte sich nicht. Aber dann sah er, daß die Tür aufgemacht wurde, ein breiter Streifen Licht fiel ins Zimmer, dann wurde es wieder dunkel. Die Tür schloß sich zu. – Falk! hörte er Olga rufen. – Pst – Still, still! – Wo bist Du? – Hier. Sie tappte sich zu ihm vor. – Was machst Du? fragte sie erschrocken. – Es ist Jemand gestorben. – Wer? – Sie, sie ... Setz Dich nur hier ... hier ... – Was hast Du in der Hand, fragte sie. – Ein Brief von ihr. Sie ist weg. Kommt nie wieder. Also ist sie gestorben. Sie saßen sehr lange und hielten sich an den Händen. Die geheimnisvolle Stille, das Dunkel verwirrte ihren Kopf. – Bist Du irrsinnig? fragte sie ängstlich und leise. – Jetzt ist es vorüber, aber ich war es. Sie schwiegen wieder sehr lange. – Es ist gut, daß Du kamst. Ich wäre es heute geworden. Er atmete erleichtert auf. – Und was nun? Er antwortete nicht. Sie wagte nicht weiter zu fragen. Nach einer langen Zeit wollte sie ihn wieder fragen, da merkte sie, daß er schlief. Sie wagte sich nicht zu rühren, aus Angst, ihn zu erwecken. Selbst im Schlafe hielt er ihre Hand fest. So verging eine endlose Zeit. Plötzlich setzte er sich zurecht. – Ich werde vielleicht zu Czerski fahren. Kommst Du mit? – Ja. – Vive l'humanité, kicherte er leise und vergnügt.   Kongsvinger (Norwegen). Mai, Juni, Juli.