Herman Bang Wechselnde Themen Reportagen– Eine Auswahl – 1882 [Herman Bang. Vekslende Themaer I–IV. Udgivet af Sten Rasmussen. Det Danske Sprog- og Litteraturselskab. C.A. Reitzels Forlag, København 2006. ISBN 978-87-7876-465-2.] © 2009. Aus dem Dänischen übersetzt von Dieter Faßnacht 22.1.1882 Thora Eine Pfarrhofgeschichte von Herman Bang Die Zeit war im Pfarrhof immer still dahingeglitten. Der Winter kam und wirbelte in dem kleinen Garten die Schneewehen zusammen, so daß man nicht zur Friedhofsmauer und dem Tor kommen konnte, und die Krähen schrieen auf den roten Turmzinnen vor Hunger; der Winter ging dahin und glitt ins Frühjahr über, mit den Veilchen unter der Haupttreppe und sprießendem Grün auf den runden Rasenflächen und lärmenden Starenpaaren in allen Vogelkästen an der Scheune. Und dann erblühten der Weißdorn und der Flieder, der über den Zaun beim Spargelbeet hing, und der Goldregen vor dem Teehäuschen und alle Kirschbäume drüben im Obstgarten. Dann war es für die Rosen an der Zeit, und sie dufteten mit den Reseden um die Wette, so daß man weder drinnen noch draußen atmen konnte, und drüben vom Friedhof stiegen Buchsbaumduft und der Duft blühenden Goldlacks und schwarzen Holunders auf. Stachelbeeren und rote Johannisbeeren reiften, und in den Erdbeerplantagen längs der Gartenwege wurden die großen Früchte rot. Dann war der Sommer vorbei, und die Dahlien mitten im Rasen kämpften gegen Wind und Wetter, die Astern erfroren, während die gelben Blätter der Bäume unruhig wurden und längs der Mauern in Sturm, Regen und Nebel zu tanzen begannen. Dann versammelten sich die Vögel auf den Kirchtürmen und zogen in großen Scharen fort, so war es wieder die Zeit der Krähen und der Schneewehen, die sich längs der Friedhofsmauer vor die kleine Pforte legten. Der Dorfteich fror zu, und der Schnee legte sich über die weiten Felder und längs der hohen Hecken, wo die Vögel sich ob der Teuerung berieten. Das Jahr war um. Und das neue glich dem alten und das alte dem neuen. So war auch hier im Pfarrhof für Thora die Zeit hingegangen. Einsam war es geworden, seit die Mutter gestorben war und sie mit dem Vater allein blieb, der schwächlich war und immer im Studierzimmer hinter dem Eßzimmer saß, wo er in alten Büchern aus der Stiftsbibliothek kramte und nur zu den Mahlzeiten erschien, oft mürrisch und wegen seines schlimmen Kopfwehs mit nassen Tüchern auf der Stirn. Aber Thora fühlte die Einsamkeit nicht so sehr. Sie hatte immer eine eigene Fähigkeit gehabt, sich zu beschäftigen, im Haus war sie fleißig. Und dann liebte sie die Natur um sich herum mit einer praktischen Liebe; sie verstand es, aus allem Nutzen zu ziehen und sich über alles zu freuen, was es gab. Im Winter, wenn der Nachtfrost kam, ging ihr erster Gang zum Dorfweiher, um zu sehen, ob das Eis dick genug und tragfähig war; wenn es so weit war, lief sie den halben Wintertag Schlittschuh. Die Kälte verlieh ihren Wangen Farbe und ihren Augen Glanz. War der Winter jedoch vorbei, schaute sie jeden Tag unter der Gartentreppe nach dem ersten Veilchen, und im Mai freute sie sich dann über jeden Spargel, der seinen weißen Kopf aus dem großen Beet unter dem Flieder steckte. Der erste Tag, an dem die Gartentür offen bleiben konnte, war für Thora ein Fest. Die erste Rose, die sie an ihr Kleid stecken konnte, war ihr ein Ereignis. Jeden Tag sah sie nach, wie es ihren Lieblingsblumen ging und ob die Kirschen röter geworden waren. Immer gab es etwas nachzusehen und sich darüber zu freuen. Selbst über den Herbst, wenn die Doppelfenster im Wintergarten eingesetzt wurden und die dicken Vorhänge den grauen Tag fast zur Nacht werden ließen, kam sie hinweg. Sie ließ das Obst pflücken und verwahrte es. Sie verteilte Äpfel und schickte welche weg. Dann kam die Zeit des Schlachtens mit ihrem ganzen Umtrieb und Weihnachten mit seinem Trubel. Außerdem hatte sie immer noch ihre Hecken. Eigentlich war es eine flache, unschöne Gegend; große, weite Felder mit unendlichem Horizont; weit zum Wald und keine Hügel. Aber dort auf den langweiligen Feldern erstreckten sich die Hecken mit ihren Büschen wie lange Erdwälle weithin. Sie liebte die Hecken. Diese Liebe hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Die Frau des Pfarrers war dort so lange, wie sie hier in der Gegend lebte, spazieren gegangen; und oft erschraken die Bauern, wenn sie an Winterabenden im Mondschein den langen wandernden Schatten erblickten, der über die weiten Felder strich. Als Thora etwas älter wurde, ging sie mit, und diese Stunden an den Hecken wurden für Mutter und Tochter die schönste Zeit des Tages. Bei mildem Wetter, wenn sie ruhig nebeneinander gehen konnten, erzählte die Mutter Geschichten. Es waren stolze Märchen von den goldenen Wolken im Westen, die mächtige Schlösser erbauten; von dem schwimmenden Meer des Himmels; von den Sternen der Milchstraße, die in den wunderschönen Gürteln der Feen zu funkelnden Steinen wurden; von Riesen, die mit den grauen Wolkenmassen wie mit Bällen kämpfen. Aber das Märchen ging selten glücklich aus. Drinnen im mächtigen Schloß saß die Prinzessin gefangen und wartete, aber der Königssohn, der mit Fackeln und Tausenden Lichtern über dem dunkelblauen See kommen sollte, um die Tore zu öffnen und die Prinzessin ins Boot zu heben, – er ließ die Prinzessin warten. »Warum kommt er nicht?« fragte dann Thora. »Er hält Hochzeit mit einer anderen, Kind.« »Warum?« »Weil – ja, ich weiß es nicht. Jetzt ist die Geschichte ja vorbei.« »Ja, Mutter, denn sie stirbt vor Gram, die Prinzessin Abendwolke, kannst du glauben.« »Vielleicht.« Die Frau des Pfarrers war zart und schmächtig. Man könnte annehmen, sie sei aus einem anderen Land gekommen, so dunkel und anders war sie, und so schlecht vertrug sie das Klima. Sie war kränklich, und bald konnte sie Thora nicht mehr zu den Hecken folgen. Aber dann mußte Thora, wenn sie heimkam, ihr von den Wolken, dem Abendrot und den wechselnden Schatten der Bäume erzählen, und drinnen in der Wohnstube erzählten sie das Märchen von der Prinzessin erneut. Auch nachdem die Mutter gestorben war, ging Thora weiter den Hecken entlang der Felder, sowohl sommers wie winters, im Sonnenschein als auch bei allem möglichen Wetter. Gerade das war es, was die ewige Veränderung ergab. Es war immer etwas Neues. Etwas Neues bei Sturm, wenn sie sich mit einem Tuch um den Kopf dem Sturm entgegen stemmte, einem Tuch, weil der Wind einen Hut weggerissen hätte. Dann trieben die Wolken in hoher Fahrt über den Himmel und glichen Riesen, die dahinflogen, und Bergen, die zusammenstürzten. Und Thora sah, wie alle verheerenden Züge der Berserker Berserker: (d.h. in Bärengestalt auftretend), in der nordischen Mythologie halbmythische Gestalten in Norwegen und auf Island, Leute, die die Kraft von zwölf Männern hatten, wenn die Raserei über sie kam. Daher Bezeichnung für ungeschlachte, wütende Menschen. und Asgaardsgeister Asgaardsreien: (auch Oskoreien), eine Schar von Geistern, die nach weit verbreitetem südnorwegischem Volksglauben nachts lärmend durch die Luft über die Gegend jagen, besonders Donnerstag nachts und am Weihnachtsabend, wo sie das Fest zerstören und Menschen mit sich reißen. Eine Verbildlichung der heftigen Winterstürme, die oft durch die engen Schluchten Telemarkens rasen. über den Himmel stürmten. Sie ging zur Hecke, wenn der Schnee in dichten Flocken schwer auf die Erde fiel, und sie glich einem Schneemann, wenn sie zum Pfarrer, der sie ausschimpfte, heimkam; sie ging hin, wenn der Regen ihr Gesicht peitschte, so daß es auf ihrer zarten Haut brannte.   Aber sie spürte es nicht, denn sie hielt mit ihren Träumen Zwiesprache, die sie den langen Tag hindurch bis zu diesen Stunden aufsparte, wo sie alleine auf den verlassenen Feldern war. Der Vater und sie sprachen ja nicht viel miteinander, und andere Gesellschaft suchte sie nicht. Hier waren ihre Träume. Lange waren es die Erzählungen der Mutter, die wiederkamen. Die Geschichte von der Prinzessin draußen im Westen, in dem goldenen Schloß, dessen Zinnen im Schein der untergehenden Sonne leuchteten. Aber Thora veränderte das Märchen. Sie meinte, der Schluß sei zu traurig. Sie könnte sie genauso gut glücklich machen. So hielten sie Hochzeit in dem schönen Schloß, alle Scheiben glänzten, und Tanz fand im Rittersaal statt; wenn die Lichter in der Burg erloschen waren und Thora nach Hause ging, fuhr der schöne Sohn des Königs mit seiner jungen Braut im blumengeschmückten Boot durch das Himmelsmeer im Glück des Morgenrots. Aber zu anderen Zeiten wieder meinte sie auch, dieses Glück sei nur langweilig. Es müsse großartiger sein. Dann ließ sie den Königssohn im Kampf gegen die wilder Berserker fallen. Sieg verschaffte sie ihrem Bräutigam, der aber teuer erkauft war, denn es war sein Leichnam, den sie über den dunkelblauen Himmel brachten, in das erleuchtete Schloß, wo sie ihn in ihrem Brautkleid erwartete. So änderte sich das Märchen. Aber im Lauf der Jahre entglitt ihr das Märchen. Ihre Träume hatten keine solchen Bilder mehr. Sie wurden nur zum Meer, in dem sie zitternd ertrank. Und wenn sie die Tränen ihre Wangen herabfließen spürte, wußte sie nicht, warum sie geweint hatte, und manchmal, wenn sie zu singen begann, fragte sie sich selbst, woher der Gesang wohl käme, denn sie glaubte, die Melodie nicht einmal zu kennen. Sie träumte nichts Bestimmtes mehr. Aber manchmal konnte die Schwere des Sommerabends mit ihrem Duft süßen Klees, der über die Felder wogte, und mit ihrer Luft, die von dem Staub der weißen Landwege gesättigt war, plötzlich auf sie hereinstürzen, so daß sie eigentümlich müde und unruhig-schwer wurde. Dann setzte sie sich an die Hecke, und Stunde um Stunde saß sie dann dort, ihre großen Augen gen Himmel gerichtet, und sie führte träumerisch das Gespräch mit den gleitenden Wolken und mit den Blumen des Feldes und den sich wiegenden Weiden der Hecken. Sie gaben ihr Antworten, und tausend Dinge hatten sie zu flüstern und tausend Dinge anzuvertrauen. Wenn sie aber aus ihrem Traum erwachte, wußte Thora nicht mehr, was sie erzählt hatten. Sie sah nur, daß die Sonne längst untergegangen und Tau gefallen war. Die brennenden Wolken waren erloschen. Dann ging sie still nach Hause. Oft aber hatte sie Lust, den Vater über das eine oder andere zu befragen. Doch die Frage entglitt ihr und blieb weg, sie wußte ja nicht einmal, was sie wissen wollte. Aber sie fühlte sich unruhig, und ihre Brust war voll. Sie begann, viele Gedichte zu lesen. Aber alle ihre Stimmungen trieben nur wie gekenterte Boote in dem Meer, das von ihren Sehnsüchten erfüllt war. Als Thora achtzehn Jahre alt geworden war, geschah es hin und wieder, daß ihren Lieblingsblumen Wasser fehlte, und daß sie den langen Sommernachmittag mit den Händen im Schoß unter dem Jasmin bei der Mauer verbrachte. War sie dort lange genug gesessen, fuhr sie auf und drängte nach Luft. Es wurde in dem kleinen Garten an der Friedhofsmauer allzu drückend. Sie ging dann oft unruhig in den Gängen umher; hatte sie an einem Tag ihre Pflichten vergessen, warf sie sich heftig und mit Vorwürfen auf ihre Arbeit – um am übernächsten Tag wieder unruhig, beklommen mit untätigen Händen unter den duftenden Jasminen zu verweilen. Und Thora war ja fast immer alleine. Es gab nicht viele Familien in der Gegend, und der Vater war zu schwächlich, um sich mit jemandem abzugeben … Es war an einem Abend im Juni. Der Tag war heiß gewesen, nun hatten Dunst und Nebel die große Ebene in einen schwimmenden See, dessen Wellen sich hoben und senkten, verwandelt. Über dem Dunst hing der Himmel verschleiert. Es war, als atmete die Nacht feucht über der Erde. Aber aus dem tausendfachen Schleier des Dunstmeeres erhoben sich die Weiden der Hecke wie Gespenster im Zwielicht. Thora hatte sich unter einige Büsche gesetzt. Den Kopf in der Hand saß sie da, still hinausstarrend, öffnete aber immer wieder ihre Lippen und sog die Feuchtigkeit der Luft ein, oder sie legte ein abgerissenes Blatt auf den Mund und ließ es mit seiner kalten Fläche sachte über ihn gleiten. Es war spät geworden, als sie sich erhob um zu gehen. Sie beeilte sich deswegen, aber als sie an eine Biegung der Hecke kam und einen Busch zur Seite drückte, um vorbei zu kommen, fuhr sie durch ein »Guten Abend« zusammen, und unter dem Busch erhob sich ein junger Mann. »Wer ist da?«, fragte sie atemlos. Der Fremde lächelte. »Das Fräulein ist erschrocken«, sagte er. »es ist auch ziemlich dunkel geworden.« Thora atmete tief durch, begann selbst zu lachen und sagte: »Ja, es ist sehr dunkel geworden.« Sie wollte mit einem Gruß vorbeigehen, aber der junge Mann versperrte ihr den Weg und sagte: »Das Fräulein sollte meinen Namen erfahren. Theodor Ström, mit Verlaub. Und Sie sollten heute abend nicht mehr erschreckt werden. Ich will lieber zum Pfarrhof mit Ihnen gehen.« Thora antwortete nicht. Er aber begleitete sie nach Hause. Er erzählte auch, daß er auf seiner Wanderschaft hierher gekommen sei und in der guten Stube des Gemeindevogts Unterkunft gefunden habe; er sprach von der Schönheit der Gegend und der Sommernacht, die sich über die schwimmenden Felder gelegt habe. Er habe nicht geglaubt, daß diese Gegend so schön sei. Thora gab keine Antwort. Sie lauschte dem Klang seiner Stimme, manchmal legte sie die Hände flüchtig vor ihre Augen und blieb stehen. Das sei noch der Schrecken, sagte sie sich. Dann kamen sie nach Hause, und sie trennten sich. Am nächsten Tag erfuhr Thora, daß der Fremde Kandidat Kandidat: Bezeichnung einer Person mit abgeschlossener Hochschulausbildung. sei und beim Gemeindevogt wohne. An diesem Abend aber ging sie nicht zur Hecke. Das war seit langer Zeit das erste Mal. Der Pfarrer begegnete ihr im Garten. Sie saß auf der Bank am Wege. »Du bist nicht bei den Hecken«, sagte er. »Nein, ich habe viel zu tun«, sagte sie. Sie aber blieb dort unter dem Flieder sitzen, noch lange, als es schon dunkel geworden war. Der Weg lag direkt vor der Steinmauer. Ein einziger Dorfbewohner kam vorbei, erblickte den Schatten unter dem Flieder, zog die Mütze mit einem: »Guten Abend!«. Thora antwortete mit einem Kopfnicken. Nach und nach wurde es ganz still. Aus dem Dorf hörte man das Schlagen von Türen. Drüben beim Gasthof rollte der letzte Wagen aus dem Stall. Aus dem Kirchturm flog kreisend eine Eule über den Weg, durch ihre lautlose Flucht Schrecken einflößend. Oben, hinter dem Garten, schloß der Vater die Fenster und setzte die Läden davor. Thora saß immer noch unter dem Flieder. Aber plötzlich fuhr sie hoch, und während sie sich hinter dem Strauch versteckte, schaute sie zum Weg hin. Theodor Ström kam vorbei. Er hatte seinen Hut abgenommen und war baren Hauptes. Aber außerhalb des Gartens blieb er stehen, blickte lange zwischen den dunklen Bäumen hindurch und ging dann weiter. Thora hatte sich an den Busch gelehnt. Sie wünschte sich, er hätte sie gesehen, und sie hätte sich nicht versteckt. Aber da war Ström schon lange weg; sie meinte, er sei so schnell vorbeigegangen. Der Vater war ungehalten, weil sie so spät nach Hause gekommen war, aber trotzdem öffnete er das Fenster seines Zimmers und lag, bis es Morgen wurde, auf der offenen Fensterbank. Von da an ging sie viele Abende mit Ström zu den Hecken. An den ersten Tagen hatte sie kaum gesprochen. Er aber hatte geredet, und alles, was er sagte, schien ihr selbst gedacht, sie hatte es nur nicht in Worte fassen können; sie glaubte, er erriete ihre Gedanken und verstünde alles, was sie selbst nicht richtig zu verstehen vermochte. Sie wußte, dies war es, was sie geträumt hatte. Er hatte den Schlüssel zu diesem Land der Träume, und sie glaubte, alle Zweifel würden nun gelöst, und alle Sehnsüchte kämen zur Ruhe. Es käme Sonne und Licht über alles Sehnen. Sie wünschte nichts. Sie fand darin ihre Ruhe. In der Stille der Sommernacht seinen eigenen Gedanken im Mund eines anderen lauschend. Er nahm ihren Arm. An ihn geschmiegt legte sie hin und wieder ihren Kopf auf seine Schulter und strich langsam mit ihrem weichen Haar gegen seine Wange. Sie drängte danach, ihm so nahe zu sein. Schmiegte sie sich aber an ihn, konnte plötzlich ein Zittern durch sie gehen. Dann strich er über ihre Haare. »Es wird kühl«, sagte er, »und ich ermüde Sie.« Aber sie antwortete nicht, denn ihre Augen waren voller Tränen, und ihre Antwort wäre nur Weinen gewesen. Einige Wochen vergingen. Ström blieb beim Gemeindevogt. Er hatte seinen Besuch im Pfarrhof gemacht. Der Pfarrer empfing ihn freundlich, aber überließ ihn sonst sich selbst. Er wußte nicht, was man mit einem jungen Mann anfangen sollte, von dem das Gerücht ging, er sei ein Millionär und der doch in der Wohnstube des Gemeindevogtes wohnen blieb. Der Amtsarzt erkannte bald, daß er aus lauter Langeweile melancholisch war, und daß seine Krankheit – denn er war sehr blaß und fast völlig erschöpft – die bei seinem Geschlecht übliche Blutarmut war. Und damit waren die Alten mit Ström fertig und ließen ihm bei den Hecken freien Lauf. Hier blieb er also. In dieser Gegend mit ihrem weiten Horizont und so fern der Stadt war es so friedlich. Und er brauchte diesen Frieden; denn er war einem Schiffbruch entkommen, und sein Herz war bitter: Eine, die er geliebt hatte, hatte eine klaffende Wunde in sein ganzes Leben geschlagen. Deshalb war er innerlich zerrissen und gepeinigt auf Reisen gegangen, hatte ätzende Säfte und milde Öle abwechselnd auf die schmerzende Wunde gegossen – bei diesem Herumziehen war er nun hierher gekommen. Zum ersten Mal glaubte er, das brennende Feuer in seiner Seele sei gekühlt worden – als fiele er nach dem Fieber in einen tiefen Schlummer. Alles wirkte zusammen. Die Ruhe der Umgebung, die stillen Abende, an denen Thora in seinen Arm eingehakt ging, die Gespräche mit ihr – alles. Sie hörte ihm zu, den Arm fest in dem seinigen, den Blick zu ihm aufgerichtet, sog auf, was er erzählte, und er hüllte die Trauer seines Herzens weich in Umschreibungen und in beschwichtigende Worte, aber er redete seinen Sinn in Ruhe. Es war an einem Abend im August. Die Luft war schwer, gesättigt vom Duft des reifenden Korns, der Himmel verdunkelte sich mit Wolken. Weit draußen auf der Wiese brüllte das Vieh lang, stoßweise, unruhig und dumpf. Einzelne Windstöße fegten wie Seufzer heran, schüttelten das Getreide auf dem Feld, rüttelten an den Weiden der Hecken, so daß die Blätter jäh zusammenstießen. Thora saß wartend am Gartentor. Sie hatte den Hut abgenommen: Die Hitze setzte ihr zu, aber bei jedem Windstoß schauderte sie und zog den dünnen Schal fester um sich. Ström war erregt, als er kam. Er sprach kein Wort, ergriff nur ihren Arm, wie er zu tun pflegte, und ging zur Hecke hinauf. Aber sie bemerkte durch das Halbdunkel, daß er sehr bleich war. »Fehlt Ihnen etwas?« fragte sie. »Wie immer.« Er beschleunigte seine Schritte. »Ich bin immer ein kranker Mann gewesen, seit Sie mich gekannt haben.« Etwas in seinem Ton machte ihr Angst. Thora blieb stehen: »Ein kranker Mann?«, sagte sie. »Ach, was nützt es, darüber zu reden! Kommen Sie, lassen Sie uns schneller gehen, uns beeilen.« »Aber – Ström« … Er hatte sich von ihrem Arm fast losgerissen, nun drückte er ihn heftig: »Vergeben Sie mir, Fräulein Thora, Sie sind ja immer so gut zu mir gewesen – und –«, seine Stimme bebte stark, als kämpfte er gegen das Weinen, » Ihnen schulde ich doch, daß ich zu vergessen begann.« Thora starrte ihn an. Sie wollte sprechen, fragen, aber eine unbestimmte Angst schnürte ihre Kehle zu. Dann seufzte sie tief, und es wurde still. Das Vieh auf der Weide brüllte lang und unruhig. »Warum sind Sie traurig?«, fragte sie. »Ach«, es war als er sprach, als spräche er zu sich selbst. »Sie wissen ja noch nicht, um was es geht – aber ich liebte sie, liebte sie. Jeder Gedanke galt ihr, jede Handlung zielte auf sie. Sehen Sie, Thora, das ist das Wesen der Liebe, es durchdringt unser Leben wie die feinsten Nerven unseren Körper. Es wird zu allen unseren Nerven. Wenn es leidet, ist es dieses Wesen der Liebe, das leidet, wenn wir genießen, ist es aus seiner Kraft. Es ist unser Odem, unsere Nahrung, der Inhalt unserer Gebete und Bitten, es ist der Anfang und das Ende. Niemand hat je sein Glück benannt, die Worte töten dessen Leben, aber niemand hat wirklich gelebt, der es nicht gekannt hat …« Er sprach hastig, nervös, und die kräftige, eigentümliche Betonung, die er auf einzelne Wörter wie fiebrige Hammerschläge fallen ließ, färbten seine Worte mit einem eigenen Fieber. Thora hörte nicht zu; ihr Kopf schien plötzlich zu einem leeren Raum geworden zu sein, wo sie ihren eigenen Gedanken nachjagte. »Ich hatte sie geliebt, denn sie war sehr jung. Ich hatte sie sozusagen aufgezogen. Es gab eine Zeit, in der wir alles miteinander teilten, wir waren eins. Unsere Gedanken waren im selben Takt, wir errieten, wir verstanden alles voneinander. Sehen Sie, Thora, dieses Verstehen und Verstandenwerden, dieses darin Verweilen, daß man erraten wird, daß man verstanden wird, selbst in den heimlichsten Gedanken, daß ein anderer unsere Seele betritt und sie wie sein eigenes Zuhause erkennt – das ist es … dann aber legt sich Rauhreif auf die Saiten. Man geht miteinander, wie wir beide, so nahe, aber sie hört die Worte nicht länger, und man kann gepeinigt sein und leiden, und man kann gegen die Mauer von Spinnweben, die uns voneinander trennt, anstürmen – aber die Mauer ist da … man weiß es, aber man spricht weiter, man verzweifelt, und man kämpft wieder gegen das Unüberwindbare – das, was man verloren hat, was man liebte …« Thora hatte seinen Arm losgelassen. Nichts war in ihrem Gesicht lebendig außer den Augen, die starrten. Sie waren groß, erloschen, als wollten sie aus ihren Höhlen treten. »Wann man es sieht? Eines Tages wird man nicht verstanden – man kehrt es unter den Teppich. Es geschieht wieder … man klammert sich in Todesangst an das Mißverständnis – man beschäftigt sich nur noch damit, man klaubt es zusammen; man spricht darüber, man tröselt es auf. Und es besteht nicht der geringste Zweifel, und nur Gelächter über unsere Angst und dann erkennt man – es ist vorbei.«   Er schwieg. Die Windstöße kamen schwerer von den Feldern. »Lassen Sie uns nach Hause gehen«, sagte er. Sie drehte sich um. Sie gingen weiter nebeneinander, schnell. Plötzlich leuchtete ein Blitz auf. Thora fuhr mit einem gedämpften Schrei zusammen: All ihr Leiden entlud sich in diesem Schrei. »Fräulein Thora« – er sah zu ihr hin, »wie bleich sind Sie doch! Haben Sie Angst vor dem Gewitter? Und ich gehe hier und erzähle Ihnen alles.« Sein Ton war mild, er legte den Schal dichter um sie. »Und jetzt werden Sie vielleicht auch noch naß … Aber ich war vom gestrigen Abend noch so aufgeregt. Heute hat sie sich mit einem anderen verheiratet.« Thoras Gesicht blieb unbewegt, und sie antwortete nicht. Sie ging nur weiter. Es blitzte wieder. »Geben Sie mir Ihren Arm«, sagte Ström. Thora schüttelte den Kopf. »Wir gehen so schneller«, sagte sie. »Und wir sind gleich zu Hause.« Es wurde nicht mehr gesprochen. Als sie zum Eingang des Pfarrhofs kamen, fiel der Regen in großen Tropfen. »Beeilen Sie sich nach Hause«, sagte Thora, »es gibt ein Unwetter.« Sie sagte ruhig »Gute Nacht!« und eilte durch die Einfahrt. Als sie aber durch den Hof ging, riß sie den Hut von ihrem Kopf, so daß der schwere Regen ihr Haar und ihre Stirn näßte. Und mit einer plötzlichen Gebärde erhob sie einen Augenblick lang die Arme und rang in stillem Jammer ihre Hände. Dann fielen ihre Arme schlaff herunter, und Thora ging schnell ins Haus. Das Gewitter kam mit der Nacht, am Morgen klarte es wieder auf. Als aber morgens Gärtner Hans in den Garten kam, um zu rechen, saß Fräulein Thora an ihrem Fenster auf demselben Fleck, wo sie gesessen war, als er abends die Läden vor die Tür setzte. Als er grüßte, sah sie mit ihren großen, schlaflosen Augen träge auf ihn. Da bekam Hans Angst vor dem Fräulein und ließ Rechen Rechen sein. – Am Vormittag reiste Ström ab. 12.2.1882 Chopin in der Darstellung Liszts und anderer Zeitgenossen Es war zu der Zeit, als Sophie Popper-Menter Sophie Popper-Menter (1846-1918): Im Januar 1882 (und später 1885 und 1892) besuchte die weltberühmte deutsche Pianistin Sophie Popper-Menter Skandinavien. Sie war Schülerin und Freundin des Komponisten Franz Liszt. Herman Bang ging mit ihr im Frühjahr 1885 auf Tourné, wo sie seine Lesungen begleitete. Im Sommer 1885 verbrachte er als Gast auf ihrem Schloß Itter in Tirol (Kreis Kitzbühel/Österreich) eine glückliche Zeit. Dies schildert Bang in dem Kapitel »Ferie« (Zehn Jahre – Erinnerungen und Geschehnisse. 1891. Siehe Gutenberg DE »Zehn Jahre«. in Kopenhagen weilte, daß mir Liszts Buch über Chopin Liszts Buch über Chopin: Franz Liszt gab 1851 (zusammen mit Moritz Karasowsky und Friedrich Niecks) ein Buch über Chopin heraus. Liszts Beitrag ist bei weitem am wichtigsten und umfassendsten. wieder in die Hände fiel. Denn beide waren sie in diesen Tagen Heroen, sowohl derjenige, der erzählte, als auch derjenige, von dem erzählt wurde. Die eigentümliche Anziehungskraft, die Chopin beständig ausübte, führte mich von diesem Lesestoff weiter – ein gutes Stück weiter – in die reiche Literatur, die – bald hierhin, bald dorthin zerstreut – über das Leben eines Mannes verfaßt wurde, der zweifellos auch mir als ein so eigentümlicher Ausdruck für vieles in unserer Zeit und unserer Entwicklung vorkam. So zeichnete sich während dieses Lesens in meinen Gedanken ein halb herbeiphantasiertes Bild des Komponisten ab; und für diejenigen, die nicht viel über dieses Leben gewußt haben oder die es halbwegs vergessen haben, könnte vielleicht das umrissene Bild wie eine leichte Illustration zu all den schönen Tönen sein, die in ihren Ohren beim Nennen des Namens Chopin erklingen. Aber man wird nur einzelne Züge finden, die den Mann als Schöpfer jener wehmütig-feinen klangvollen Musik zu erklären scheinen. Deren Töne erklingen als milde Begleitung zum Leben selbst, dessen Frucht sie war. Derjenige, der in einer Abhandlung, die so kurz wie diese, allzu reich mit Zahlen und Namen um sich wirft, wird sehr leicht einem Maler gleichen, der eine Leinwand aufstellt und ein Stativ errichtet – aber vergißt, auf die aufgestellte Leinwand ein Bild zu malen. Chopin kränkelte schon immer. Er hatte schon als Kind gelitten, und die Fürsorge seiner Eltern hatte sein zartes Leben in Watte gepackt, sie hatten ihn gehegt und gepflegt, ihn vor jedem Windhauch bewahrt. Im Gegenzug wurden sie innig geliebt, mit einer Zuneigung, die ihnen Trauer ersparen wollte und die das Kind dazu zwang, schweigend zu leiden. Denn niemand derer, die es liebten, sollten mit ihm leiden. Aber das Leiden, welches – in seiner immer so eigentümlichen Unbegreifbarkeit – das Kind beständig niederdrückte, wird doppelt so schwer, wenn es ein Leiden ohne Vertrauen und ohne milderndes Weinen ist. Dieses stumme Leiden schafft die altklugen Kinder mit ihrem merkwürdigen Blick, in dem immer eine Träne gefroren schien, und ihrer bitteren Erfahrung, deren einzeln empfangener Schmerz das ganze Leben seiner Illusionen beraubt. Derjenige, der als Kind so geschwiegen hat, wird fast immer zu den Einsamen im Leben gehören. Er gewöhnt sich daran, nicht über sich selbst zu reden, sein wahres Leben nur in sich selbst zu leben und als ein anderer zu erscheinen als er wirklich ist. Chopin hatte das gelernt. Er zeigt immer der Welt dasselbe glückliche Gesicht, das er seinen Eltern gezeigt hatte, und das sie zufrieden gestellt und beruhigt hatte. Er zeigte der Welt dies und sah, daß sie damit zufrieden war. Daß sie nichts anderes als die Oberfläche der Dinge zu sehen wünschte, nichts anderes als die Charaktere. Daß sie sicherlich, wenn man sie damit geplagt hätte, wahr zu sein und die Wunden zu demaskieren, die im Leben bluteten, sich peinlich von einer »schlechten Sentimentalität« berührt gefühlt hätten. Deshalb schwieg er. Und er wurde zu diesem Chopin, über den die Salons sprachen, dessen Witz man bewunderte, dessen Ironie man jedoch manchmal fürchtete. Liszt zeichnet ein Bild Liszt zeichnet ein Bild von ihm: Franz Liszt: Gesammelte Schriften, 2. erw. Aufl., Band 1 (1895), S. 122 ff. von ihm. In seinen Gesprächen schien er sich nur dafür zu interessieren, was die anderen beschäftigte; er hütete sich davor, sie von ihren eigenen Eindrücken wegzuführen und sie mit seinen eigenen zu belasten … Was er sich selbst vielleicht gewünscht hätte, was er sich vielleicht selbst erträumte, was er hätte begehren können – danach hat niemand jemals gefragt, und niemand hat sich die Muße genommen, danach zu fragen. Dazu war er zu interessant, konnte allzu gut selber fragen. Seine Gespräche verweilten selten bei tiefen Themen … sie überging er grundsätzlich, und er trug immer Sorge dafür, das Gespräch von seiner Person fern zu halten. Seine Persönlichkeit rief keine Neugier hervor, er war liebenswürdig, wie er war, immer ruhig und ausgeglichen. Sein Blick war eher geistvoll als verträumt; sein feines Lächeln wurde selten bitter. Seine Laune war immer gleich. So sah die Welt Chopin. Und so wollte er gesehen werden. Manchesmal jedoch wurde er von einer gewissen wilden und unbeherrschten Ungeduld ergriffen. Er konnte sich über diese Leute entrüsten, die nur die Scheidemünzen seines Wesens verlangten, und die glaubten, dies wären alle seine Schätze. Er konnte sich plötzlich danach sehnen, daß ein einziger Mensch einen Blick hinter diese Wand würfe, diese Wand, errichtet aus Blasiertheit, freundschaftlicher Kälte und schlichter Verachtung. So rächte er sich mit beißendem Spott. Legouvé Legouvé, Ernest (1807-1903): französischer Dramatiker. behauptet, Chopins Lächeln gleiche manchmal dem feindseligen Lächeln einer Frau, und seine Worte könnten so verwunden wie sonst nur die einer Frau. Die Masse jedoch hat dieses Lächeln kaum bemerkt. Sie hält gerne Masken für Gesichter. Dieses altkluge Kind, das seinen Kummer alleine trägt, zeigte früh seine musikalische Begabung. Es bekam Lehrer, genoß eine ausgezeichnete Erziehung. Eine Erziehung mitten in dieser vornehmen Gesellschaft Polens, deren Ruf an Geist und Schönheit, Reichtum und verfeinerten Sitten gleich groß war. Dort verlebte Chopin seine ersten Jahre, und die Eindrücke jener Zeit prägten ihn für das ganze Leben mit jener aristokratischen Überlegenheit und echten Feinfühligkeit, die ihn in allem auszeichnete. Einer seiner Freunde hat ihn uns geschildert, wie er in diesen Jahren war. »Er blieb zart an Geist und Körper. Aber gerade diese Zartheit ließ ihn eine Schönheit bewahren, die weder Alter noch Geschlecht kannte … Sein Antlitz war schön wie das einer trauernden Frau, sein Körper war der eines hübschen Knaben … Und genauso war auch seine Wesensart eigentümlich gebrochen. Seine Gedanken waren rein, und doch beherbergte seine Seele die überspanntesten Sehnsüchte … er war auf Frauenart seinen Gefühlen ergeben, und doch gab er sich nicht hin … Niemand kannte ihn, obwohl ihn viele mochten. Aber um in dieser verschlossenen Seele zu lesen, hätte man eines Mikroskops bedurft. Sein edles Antlitz, seine eigentümliche Schwäche gewann ihm die Frauen; sein geistvolles Wesen machte ihn für die gebildeten Männer interessant. Was die Allgemeinheit betraf, schätzte sie seine überaus große Höflichkeit, und alle waren um so empfänglicher, weil sie nicht merkten, daß die Höflichkeit als Pflicht ausgeübt wurde und überhaupt nicht auf irgendwelcher Sympathie beruhte.« Ungefähr in jenem Alter erhielt er Zutritt zu den meisten Fürstenhäusern Warschaus. Man scharte sich um sein Piano. Und wenn er zum Tanz aufspielte, schien es ihm, daß die Augen dieser schönen Frauen noch mehr leuchteten, daß die Damen sich tiefer in die Arme ihrer Herren legten und daß sie stärker im wechselnden Takt des Tanzes erbebten. Und wenn er mit dem Spiel aufhörte, da wurde ihm selbst warm von dem Dank der Augen, die den seinigen entgegen funkelten, und von den Liebkosungen der Gräfinnen an Cherubin. Die Liebkosungen der Gräfinnen an Cherubin: In Mozarts Oper »Die Hochzeit des Figaro« (1786, dänisch 1821) ist die Gräfin Gegenstand der Anbetung Cherubinos. Niemand vermochte die Frauen mit seinem Spiel so zu erfreuen wie er. Denn er hatte erraten, welcher Sturm an Leidenschaft, welches Meer an Begierde in diesen Gemütern wogte. Er wußte, wie die Leidenschaften in diesen Herzen fielen und stiegen, obwohl ihr Blick immer ruhig und die Haltung voll Adels war. All dies hatte Cherubin erraten. Was er aber spielte, war vielleicht doch sein eigenes Leben. Denn seine Augen, die so viel Schönheit erblickten, begannen wohl, Botschaft zu seinem Herzen zu bringen. Aber die Begierde, die bei dieser Botschaft geboren wurde, war die eines Pagen: Sein Sehnen wird zu schwachem Seufzen, seine Liebe nur zur zärtlichen Furcht. Er kennt den Abstand zwischen ihm und ihr, und er versucht nicht, ihn zu mindern: Er bleibt auf seinem Schemel knien, wo sein Lohn eine Liebkosung ist, ein Lächeln an das Kind schenkend, um zur gleichen Zeit den Mann von sich fernzuhalten – und ihn doch wach zu halten. Diese Tage als Page in den Fürstenhäusern Warschaus waren vielleicht in besonderer Weise für Chopins Leben entscheidend. Die Pagenuniform ist für den jungen Mann immer eine Zwangsjacke; deswegen werden zu wenige Pagen Ritter, sehr wenige nur zu Männern. Und für Chopin war der Pagendienst doch schicksalsschwerer als für die meisten. Dieser Dienst, der Sehnsucht erweckt, der Furcht einjagt, und die Begierde, die sterben muß, ohne befriedigt zu werden, verleiht immer Mißtrauen; man sieht sich ohne Macht, und man beginnt allzu oft, über seine Schwachheit nachzudenken. Bei Chopin schärfte all dies, was natürlich war, das Gefühl seiner schwächlichen Kränklichkeit, und es gab reichlich Nahrung für Gedanken über die angeborene Kraftlosigkeit, Gedanken, die immer an ihm nagten, wie sehr er auch versuchte, sie zu verdecken. Zugleich schenkte ihm das große Leben in Warschaus vornehmer Welt all die »Form«, die ihm dann in so verschiedener Weise half. Hier lernte er all den edlen Anstand, den Edelmut seines Wesens, der bewirkte, daß man ihn immer »wie einen Prinzen behandelte«, hier erwarb er die rücksichtsvolle Gastfreundlichkeit, die seinen Salon zum begehrtesten in Paris machte. Hier endlich lernte er die große Kunst, sein Leben inkognito zu führen, eine Kunst, die man nur in dieser hohen Gesellschaft lernen kann, deren Gesetz der gute Geschmack ist, wo man das Gefühl mit Etikette verhüllt, und die »Form« zugleich eine Wehr und ein Rückhalt ist. Die Glieder dieser Gesellschaft müssen oft furchtbar leiden; bei diesen Leiden wird ihnen die Form öfter zum helfenden Freund als zum verhaßten Feind. Die Eindrücke dieser Jahre bewirkten sicher stark, seine Sympathien zu formen. Chopin war Legitimist. Legitimist: Anhänger der politischen Richtung, die glaubt, daß die Gewalt des Fürsten auf dem Erbrecht beruht und nicht auf der Volkssouveränität. Im engeren Sinne in Frankreich: Anhänger des Hauses Bourbon. Er begriff die Demokratie nicht, allein der Lärm mußte ihn schon erschrecken. Er liebte Ruhe und Beherrschung, Spektakel stieß ihn ab. Hätte er sich mit den Ideen versöhnt, hätte er sich niemals mit der Form, unter der sie dargestellt wurden, versöhnen können. Er konnte mit einer gewissen Neugier auf unsere modernen Volkstribunen starren, aber es handelte sich um eine Neugier, mit der ein römischer Patrizier einen Barbaren anstarren würde. Im übrigen mischte er sich nie in politische Diskussionen ein – in Diskussionen überhaupt nie. Von dem Augenblick an, wo ein Gespräch zur Diskussion wurde, mischte er sich nicht mehr ein. Dazu waren ihm entweder die Dinge oder die Personen zu gleichgültig. Chopin war sehr religiös und sehr vaterlandsliebend. Aber weder seine Religiosität noch seine Vaterlandsliebe hatten Worte. Wurde in seiner Anwesenheit die Religion angegriffen, schwieg er. Manchmal aber konnte er bei einem mehr als gewöhnlichen Angriff zusammenfahren und hochrot werden – es schien, als zwinge er sich zu schweigen, als ob es einiges kostete, die gewöhnliche Ruhe zu bewahren. Diese Ruhe wurde nur unterbrochen, wenn die Rede auf seine Kunst kam. Dann begann er zu sprechen, aber was er sagte, waren meist kurze Bemerkungen, vornehm und selbstbewußt geäußert. Er wurde in solchen Gesprächen nie unhöflich, aber seine Urteile wurden mit einer kalten und etwas bestimmten Überlegenheit gefällt, die jeden Widerspruch ausschloß. Dann konnten selbst seine besten Freunde gelegentlich fühlen, daß seine Höflichkeit oft nur Herablassung war und seine Freundlichkeit oft nur gleichgültige Lauheit. Ein etwas kühler Aristokrat, dies war das oberflächliche Bild von Chopin. Sein Tagesablauf verging mit Übungen, Unterrichtsstunden und wieder Übungen. Wie alle Begabten, die es weit gebracht haben, wußte er, daß die Tage aus kostbaren Augenblicken bestehen, und er geizte mit diesen Momenten. Den Menschen, die sich seine Freunde nannten, konnte er viel geben; aber er schenkte ihnen ungern seine Zeit, von bestimmten Abenden abgesehen, an denen Leute wie Heine, Heine, Heinrich (1797-1856): verbrachte einen Großteil seines Lebens als Flüchtling in Paris. Meyerbeer, Adolphe Nourrit, Delacroix und G. Sand sich in seinem Haus in der Chaussée d'Antin versammelten. Als derjenige, der darin geboren ist und der daran gewöhnt ist, liebte Chopin Luxus – ohne Übertreibung und alles »zuviel« scheuend. Nur ein leichter, für sich sprechender Hauch von Weichlichkeit, von Leidenschaften, die das Unmännliche streifen, und die man nur bei Frauen zu finden glaubte, besaß diesen Luxus. Chopin liebte Blumen, besonders die stark duftenden. Sonnenwenden Sonnenwende: Zierpflanze mit weißen oder blauen Blüten, die sich in vielen Abarten findet. Botanisch: Heliotropium, Gattung der Caryophylláceae. waren seine Lieblingsblumen. Er liebte Parfums mit Gewürzduft, und sein Zimmer, in dem es bei vorgezogenen Vorhängen am Tage und zugedeckten Lampen am Abend immer schummrig war, glich in seinem duftenden Halbdunkel einem Damenzimmer. Dieses Weibliche im Äußeren, im Rahmen seines Lebens, ist Ausdruck eines Weiblichen in seinem Sinn. Seine Exklusivität ist richtig weiblich, diese anhängliche Verläßlichkeit, mit der er seiner Lieben gedachte, mit der er sich an sie klammerte. Er überschüttete sie mit Geschenken. Jeder Brief, den er nach Polen sandte, führte das Eine oder Andere mit sich, von dem er glaubte, ihnen zu Hause eine Freude bereiten zu können und das er in dem großen Paris, das ja so reich an Nippes ist, aufgestöbert hatte. Er legte dann Wert darauf, daß man diese Geschenke aufhob; er hoffte, damit allzeit sichtbar und unter seinen Verwandten zur Stelle zu sein. Und was er selbst von zu Hause erhielt, war ihm unsagbar teuer. Überbrachte Nachrichten von Zuhause oder Beweise, daß sie seiner gedachten, waren ihm ein Fest; er teilte sie mit niemandem. Aber man sah an seiner Sorge, die er selbst für die kleinsten Dinge hegte, die er von zu Hause erhielt, wie lieb ihm alles war. Selbst das Unbedeutendste war ihm von großem Wert, und er ließ niemanden jemals etwas von diesen Dingen nutzen, ja litt nicht einmal, daß man sie berührte. Dies ist ein eigentümlicher, weiblicher Zug: Er litt nicht, daß man sie berührte. Eine Art weiblicher Eifersucht zeigt sich darin. Aufopfernd wie eine Frau erwies sich Chopin insbesondere gegenüber dem, der sich ihm anschloß, und er verbarg fast mit der schamhaften Scheu einer Frau sein eigenes Le-ben. Dieses verborgene Leben, das einmal ein Wettlauf mit seiner Schwachheit war, wurde zuletzt zu einer schmerzvollen Selbstaufgabe. Denn die Mitte der Existenz, die Chopin mit sich selbst lebte, war das Gefühl krankhaften Unvermögens. Zuerst setzte dieses Gefühl seinem Künstlerleben Grenzen. Bekanntlich verzichtete Chopin schnell darauf, öffentlich aufzutreten. Man hat gesagt, dies geschehe aus Verachtung des großen Publikums, das so wenig begreift und oft die Werte so falsch setzt … Kein Künstler verachtet das Publikum oder besser, verachtet es nur so wie derjenige, der es trotzdem liebt. Denn das Publikum ist die Geliebte des Künstlers, sein Beifall eine Liebkosung, die berauscht, seine Gleichgültigkeit lähmt ihn wie der Tod. Das Publikum zu beherrschen umfaßt das Glück des ganzen Besitzens, ihm gleichgültig zu sein, alle Qualen. Und Chopin fühlte, daß er es nicht zu beherrschen vermochte. Sein Stolz – dieser andere mächtig bestimmende Faktor seines Lebens – verbot ihm, um das zu buhlen, was er mit eigener Kraft nicht erwerben konnte. Genau diese Kraft fehlte ihm. Sein Spiel, von dem ein französischer Dichter sagte, es würde von der Seele eines Mannes unter den Händen einer Frau entstehen, Händen, deren Zartheit ihre höchste Schönheit waren, aber nicht auf die großen Massen wirken konnten. Chopin wußte dies. Aber ob er jemals seine halbe Niederlage in Wien Niederlage in Wien: Chopin gab 1830 in Wien einige Konzerte, denen nur mäßiger Erfolg beschieden war. vergaß, ob die stille Hingabe, wenn er zu Hause für die Besten seines Volkes und seiner Zeit spielte, den Jubel eines vollen Saales aufwog, das Gefühl aufwog, über Tausende Häupter diese Wolke von Elektrizität zusammengejagt zu haben, diese Wolke, die allen das gleiche Fieber und dem Künstler das höchste Glück schenkt – daran darf man füglich zweifeln. Denn es gibt meiner Meinung nach keinen einzigen Künstler, welchem wenige die Menge ersetzt hätten. Und mag man nicht zu Recht halb stumm sein, wenn man zur Menge nicht sprechen kann? Chopin resignierte. Aber seine Resignation hat bittere Kämpfe mit seinem Ehrgeiz und seiner Sehnsucht ausgefochten. Seine Reise nach London Reise nach London: Chopins letzte Konzertreise führte im Frühjahr 1848 nach England. zeigt dies. Die Krankheit nagte an ihm. Der Tod hatte ihn bereits in seiner Hand. Da beschloß er, plötzlich nach England zu reisen – diese Reise, von der er schon so lange gesprochen hatte und die er nie durchgeführt hatte. Aber nun trieb ihn die Unruhe der Krankheit und des Fiebers fort von Paris; wie ich meine, auch ein letztes Aufflackern des ewigen Kampfes gegen seine Schwäche und Ohnmacht: In London angekommen spielte er zweimal bei Konzerten und häufig an Soireen, und die Begeisterung des Publikums schien ihm sowohl Mut als auch Kräfte zurückgegeben zu haben. Dies dauerte leider nur allzu kurze Zeit, und jener Oktobertag war nicht mehr fern, da ein Leben, das bereits seit Jahren seine Tage als Galgenfrist vor dem Tod empfangen hatte, seinen Abschluß finden sollte. Das Requiem Mozarts erklang über dem Sarg, in dem er in der Kleidung ruhte, die er getragen hatte, wenn er öffentlich spielte. Seinem ausdrücklichen Wunsche gemäß war er im Tod mit ihr bekleidet … So tief hatte er die Masse verachtet . Wir haben gesehen, wie das Gefühl mangelnder Kraft Chopins ausübendem Künstlerleben Grenzen setzte. Aber es wirkte weiter als bis hier: Es bestimmte ihn darüber hinaus dazu, immer in Einsamkeit zu leben. Niemand wird mit einer solchen Menschenverachtung geboren , so daß diese Verachtung zusammen mit dem Selbstbewußtsein den stärksten Trieb ausschließt, den Drang zum Zusammenleben. Wenn Chopin sein ganzes Leben hindurch nicht mehr als ein einziges dauerhaftes Band Ein einziges dauerhaftes Band: 1836 war Chopin kurze Zeit mit dem polnischen Mädchen Maria Wodzynska verlobt; aber Bang denkt eher an das achtjährige Verhältnis des Komponisten mit der Autorin George Sand. knüpfte, sonst nur die Blutsbande, die wir von Geburt an mit uns tragen, hegte und pflegte, so handelte und lebte er kaum aus Verachtung für andere, sondern – aus Zweifel an sich selbst. Hätte er sich gegeben, wie er war, wäre er nicht verstanden worden, und dies wäre nicht seine Schuld gewesen, auch nicht die der anderen: Denn seiner kränklichen Seele, die niemals etwas im Leben anpackte, die an sich selbst und ihrer eigenen Fähigkeit zweifelte, mangelte es an Vermögen . Beherrschte er seine Kunst ganz und gar? Die Schwäche setzte ihm Grenzen. In seinen ersten jugendlichen Gefühlen? Er hatte sich verwöhnen lassen wie ein Kind. Dann im großen Gefühl seines Lebens? Er wurde nie Herrscher. George Sand kam, als er krank war, um ihn zu pflegen, rettete sein Leben – und brach eines Tages mit ihm, als sie »dieses große Kind« satt hatte – sie, die zärtliche Mutter dieses altklugen Kindes, Alfred de Musset Alfred de Musset (1810-1857). Französischer Dichter, der 1833 mit George Sand eine leidenschaftliche Liebesaffäre hatte, die jedoch von Sand im Winter 1833/4 auf unschöne Weise beendet wurde. und Chopin.   Ein Beobachter, den der jüngere Dumas Der jüngere Dumas (1824-1895): französischer Dramatiker und Romancier, mit dem sich Bang eingehend beschäftigte. zitiert, erzählt von einem Zusammensein zwischen Madame Sand und Chopin. »Ich werde den Ton nie vergessen«, sagte er, »in dem Madame Sand zu Chopin sprach. Er war bald zu gebieterisch, bald zu verzärtelnd, und ich sagte mir selbst, daß sie von den beiden der Mann war.« Chopin kam ihr nicht näher als Polens Schönheiten in den Pagentagen zu Warschau. So wurde Chopin in jeder Beziehung untüchtig, und da er genauso stolz war wie er sich andererseits dem Leben unterlegen fühlte, hielt er sich von allen Verhältnissen, die ihn hätten binden können und etwas von ihm hätten fordern können, fern. Dieses Leben hätte so ganz anders verlaufen können, wenn Chopin ein einziges Mal in einer Beziehung die Zügel in der Hand gehabt hätte, wenn dieser Mensch, der so viel erreichte, nur einmal zu einem –Mann, d.h. dem Leben überlegen – geworden wäre. Denn diese Einsamkeit, zu der sein Stolz ihn nun zwang, war eine Position, die er außerhalb des Lebens wählte, damals als er sah, daß er das Leben selbst nicht zu beherrschen vermochte. Und doch hatte er so reiche Schätze zu vergeben. Er wäre würdig gewesen, eine grenzenlose Leidenschaft zu verströmen, wäre fähig gewesen, sie ohne Maß zu schenken, wenn … wenn … Sein Glück und sein Schicksal hingen an diesem »Wenn«. Nun wurde das Ende seines Lebens nur ein langer körperlicher und moralischer Todeskampf, wo seine Sehnsüchte immer weniger Hoffnung weckten, seine Verzweiflung immer bitterer wurde. Seine letzten Werke zeugen davon. »Bei diesem Kampf gegen die unterdrückte Wucht seiner Natur war ihm die Kunst nur ein Mittel, um wieder und wieder seine eigene Tragödie zu schreiben.« … »Empfindsamkeit und Halluzinationen wechseln in diesen Kompositionen.« Der Hamlettyp Hamlettyp: die Hauptfigur in Shakespears Tragödie »Hamlet« (1600-01) wurde im Laufe der Zeit Gegenstand vieler philosophischer, moralischer und charaktermäßiger Auffassungen. Zur Zeit Bangs faßte man Hamlet gerne als feinfühlige, nachdenkliche Seele auf, die unter einer unausweichlichen, unmenschlich schweren Last zu Grunde geht. Auf diese Weise, als stiller Melancholiker hatte der bedeutende Hamlet-Darsteller F.L. Høedt 1851 auf unvergeßliche Weise die Gestalt interpretiert. will immer leben, die Physiognomie gemäß den wechselnden Zeiten ändern. In diesem Leben, in dem wir behaftet sind, scheint sich mir der Umriß einer neuen und eigentümlichen Ausgabe der Hamletfigur abzuzeichnen, von Söhnen, die eine raffi- nierte Reflektion und Überreife nicht beherrschen. Unsere raffinierte Zeit schafft manchmal Begabungen, die nie anderes als raffinierte Kinder zu werden vermögen, übermütige Jünglinge, Pagen in jeder Lebenslage. Sie reflektieren altklug über ihr eigenes Unvermögen, sie sehnen sich danach, sich darüber zu erheben, aber sie bleiben weiter, was sie sind, Kinder, deren Kindheit schon längst vergangen ist. Liszt schreibt über Chopin, daß die Leiden der letzten Jahre die Züge und den Ausdruck seines Gesichts verzerrt und verwittert hätten. Aber der Tod gewährte ihm seine »Jünglingsschönheit«. Und zu Recht waren es diese verjüngten Züge, die man in Marmor meißeln ließ und auf sein Grab setzte.   Vielleicht findet man, daß das eine oder andere in dieser Skizze tatsächlich nur wenig von der Musik Chopins erklärt. Mehr verlange ich nicht – aber während ich mich mit dieser kurzen Studie beschäftigt habe, erschien es mir immer wünschenswerter, daß doch die Zeit kommen sollte, wo die psychologische Kritik auch in der hiesigen Musik ihren Einzug hielte, so daß wir auch hier Menschen suchten und träfen, die wir als Persönlichkeiten, bei denen alles seinen Grund und seinen Zusammenhang hat, zu verstehen wünschten. 2.4.1882 Kopenhagens Verbrecherwelt. I–II Kopenhagens Verbrecheralbum wurde am 1. Juli 1863 begonnen und bis jetzt fortgesetzt. Die Anordnung der Bilder ist chronologisch, kleine Tagediebe und Schwerverbrecher stehen nebeneinander. Nach vollendeter Strafverbüßung oder wenn der Verbrecher entlassen wird, wird er abgelichtet und in die Sammlung verdächtiger Personen aufgenommen. Er bekommt im Album eine Nummer, und auf die Rückseite des Bildes werden sein Name und in Kurzfassung seine Geschichte geschrieben, die man ausführlicher in den Karteien, auf welche weiter unten hingewiesen wird, ausgeführt findet. Auf diese Weise liegt mit diesen Alben und den zugehörigen Karteien eine bebilderte Auflistung der Kopenhagener Verbrecherwelt vor. Ich erhielt die Erlaubnis, dieses Album durchzublättern. Ich hatte schon lange Interesse daran gehabt. Ein gewisser oberflächlicher psychologischer Dilettantismus müßte in diesen Blättern ein reiches Feld finden, wo Hypothesen zu entwerfen wären, in gesellschaftlichen Perspektiven zu schwelgen wäre, und Rätsel zu erraten wären. Die Psychologie ist die modernste Wissenschaft und deshalb auch das Lieblingskind der Dilettanten. Aber bereits nach wenigen Stunden Arbeit war mir klar, daß die Bilder in diesem Buch, die die Lebensgeschichte der Aufsässigen illustrierten, verglichen mit der eigentlichen Geschichte, Wegweiser in weit mehr und weit größeren Fragen sein müßten als das, was ich hier und jetzt mit meinen Kenntnissen andeuten kann. Hier , wo man auf so viele große Seelen-Fragen stößt, kann es fast wie eine Gotteslästerung aussehen, wenn man sich mit einigen flüchtigen Bemerkungen begnügt, mit einigen kurzen Studien, etwas Landstreicherei in der Welt der Verbrecher. Vielleicht aber könnten diese Studien ohne Retusche und diese wenigen und dilettantischen Beobachtungen die Vorhut für den Nächsten sein, der mit wirklicher Kenntnis dieselben Bücher durchblättern will, und uns die Frucht echter Arbeit mit dem Material schenken wird – etwas wie die Ungeduld des Publikums selbst, das dauernd Veränderung und beständig etwas Neues verlangt, und damit den Feuilletonisten allzu oft daran hindert, diese Arbeit auszuführen.   Mit diesen knappen Worten als Einleitung und Entschuldigung wollen wir eine Wanderung durch Kopenhagens Verbrecherwelt beginnen. I Es wird einem schnell auffallen, daß das »Gestellte«, das so oft Fotografien verunstaltet, den größten Teil dieser Bilder in höchstem Maße prägt. Die meisten Fotografien zeigen uns einen Menschen, der weiß, daß er beobachtet wird. Wenn wir aber wissen, daß man unser Bild betrachtet, benehmen wir uns selten natürlich. Die Naivsten bekommen in ihr Gesicht eine ängstliche Anspannung wie Taube, auf deren Gesicht immer dieser Ausdruck angespannter Unruhe weilt. Die Selbstbewußteren stellen sich ins Licht, und mit der Kenntnis ihrer eigenen Züge und ihres eigenen Aussehens unterstreichen und betonen sie eine einzelne ihrer Eigenschaften allzu sehr und stellen sich ausdrucksvoll dar. So ergeht es allen Menschen, die man in jedem beliebigen Familienalbum anschauen kann: Sie haben gleichsam einen »Stock« im Rücken. Aber nirgendwo sonst ist mir dies so aufgefallen wie in der Bildkartei der Polizei. Das Künstliche, das Komödienspiel, weil man weiß, man wird beobachtet, ist hier fast anstößig ausgeprägt. Die Bilder scheinen unwahr zu sein, was teilweise mit ihrer Entstehungsgeschichte erklärt werden kann. Der Verbrecher wird ja auf Veranlassung der Polizei abgelichtet und weiß, warum er verewigt wird. Deswegen vielleicht ein Teil des gekünstelten Benehmens, das sich überall in den Bildern findet und das manchmal geradezu in Heuchelei ausartet. All diese Menschen sehen aus wie Leute, die sich unter den Augen ihrer Wächter bewegen. Aber an und für sich kann man das Gehabe von den Verbrechern nicht trennen. Sie sind immer Schauspieler. Einige spielen Tartuffe. Tartuffe: der scheinheilige Heuchler in Molières gleichnamiger Komödie (1664-1667). Zum Beispiel dieser Betrüger. Er hat Wechselfälschung begangen und wich auch vor Brandstiftung nicht zurück; es ist ein ehemaliger Schuhmacher. Das Bild dieses Mannes ist vor seiner Bestrafung aufgenommen. Er sitzt da in schwarzem Überzieher, mit übergroßer Hemdbrust in leuchtendem Weiß, den Kopf leicht schräg, sachte in eine große, schöne formvollendete weiße Hand gestützt. Über das Gesicht und die ganze Person ist etwas geistig Süßliches ausgebreitet, etwas Würdiges, Sentimentales, das sich um den Mund mit seinen fülligen Lippen zieht, in seinem Blick, der allzu weich ist, und der die ganze Stellung mit unerträglicher Unmännlichkeit prägt … Oder diese Dame, wegen Fälschung im großen Stil bestraft, wegen Kindsmords angeklagt. Sie ist knieend aufgenommen, die Arme über eine Stuhllehne gelegt, das Gesicht mit nach oben gewandtem Blick. Sie betet. Welch ein Anblick! Die Augen liegen tief in ihren Höhlen, und die verdrehten Pupillen, die allzu heftig nach innen gewandt sind, um sich in den Himmel bohren zu können, schielen seitwärts. Das Ganze ist eine Provinzposse niedersten Ranges. Und doch besteht kein Zweifel daran, daß diese Dame in diesem Augenblick zum Teil wenigstens an sich geglaubt hat. Man glaubt sich selbst nur zu leicht – wenn man seine Irrungen verklärt. Dies tun letztendlich diese Menschen auf solchen Bildern. Besonders die Frauen. Eigentümlich, wie gut sie alle aussehen. Selbst diese alte Giftmischerin. Sie sieht mit ihrer Haube, dem glatt gekämmten Haar und dem leicht geschlossenen, aber herzensguten Auge wie eine Kirchgängerin auf dem Kirchweg eines Dorfes aus; man erahnt das Gesangbuch unter ihrem alten Schal. Sie hat ihren Mann ermordet, indem sie ihm Gift in den Kaffee schüttete. Aber liebedienerische Verzagtheit, diese leicht freche Unterwürfigkeit, die man bei so vielen Armen antrifft, ist das Kennzeichen der meisten Bilder von Frauen, und die eine Fotografie ist in ihrem Ausdruck wie die Kopie einer anderen. Offensichtlich sind sich die Frauen besser als die Männer bewußt, daß das Auge des Fotografen auf sie blickt, und ihre Verstellungskunst ist größer. Sie haben alle dieselbe Maske auf, und es ist schwierig, in ihren Gesichtern zu lesen.   Im Ganzen ist es nicht einfach. Denn die Fotografierten sind, wie gesagt, Leute, die auf der Hut sind, und sie würden ungern ihr Gesicht mehr verraten lassen als unbedingt notwendig. Dennoch kann man aber viel daraus lesen, und in dem einen oder anderen Bild ist trotzdem Platz für das Unwillkürliche, das der schärfste Feind des Menschen ist, weil es dem Beobachter am meisten verrät. Dieses Unwillkürliche kann sich bald als Schimmer im Blick, bald als Schatten um den Mund zeigen. Bald auch noch anders wie im folgenden Bild: Der Mann ist ein Brandstifter. Sein Blick etwas schielend, der Mund etwas breit, alles in allem erzählt dies doch nicht viel. Aber der Abgebildete hat die Hand, die auf seinem Schenkel ruht, geballt. Diese gewaltsam und energisch geballte Hand erzählt mehr als das ganze übrige Bild und erzählt viel. Und auf solche Kleinigkeiten kann man hier überall stoßen. Wenn man nach und nach durch Übung einen Blick dafür bekommt, entdeckt man sie leichter und lernt, genauer hinter die Masken zu schauen. Es hilft bereits sehr, wenn man überhaupt weiß, daß man es mit Maskierten zu tun hat. Der, der die Bilder schnell durchblättert, kann vielleicht manche Seiten durchblättern, ohne etwas anderes als gewöhnliche Gesichter zu finden, Alltagsphysiognomien. Davon gibt es viele. Diese trivialen, blonden Erscheinungen mit leicht strähnigem Haar, ein Paar hellen, trägen Augen, eine Nase ohne Form und Pausbacken – der ganz normale Typ der einfachen Leute. Dem Gesicht nach zu urteilen, könnte genau so gut jeder beliebige Christen Pedersen in dieses Album gekommen sein, wie gerade dieser. In der Wirklichkeit verhält es sich wohl auch so: Die Gelegenheit, der Zufall hat viele dieser Verbrecher geschaffen, die zufällig begonnen haben, und die vielleicht ihre Verbrechen seither fortsetzen, weil es wirklich zur Gewohnheit geworden ist, Verbrechen zu begehen – sicher die gefährlichste Gewohnheit von allen. Was am meisten verrät, ist der Mund. Ich mußte sofort an Turgenjews Worte über Tropmann Tropmann: 1869 erzielte das französische Boulevardblatt Le Petit Journal (1863 ff.) eine hohe Auflagensteigerung mit seinen Entsetzen erweckenden, ausführlichen Reportagen über den Mörder Jean Baptiste Tropmann (1849-1870), der ein Elternpaar mit seinen sechs Kindern umgebracht hatte. Sowohl die bestialische Tat als auch der nachfolgende Prozeß schlugen in der Pariser Presse hohe Wellen. Der russische Autor Ivan Turgenjew, der von 1855 bis zu seinem Tod 1883 ausschließlich in Paris und Baden-Baden wohnte, war zusammen mit anderen bekannten Schriftstellern wie Albert Wolff und Victorien Sardou im Gefängnis Zeuge, als der Mörder am 18.1.1870 mit der Guillotine hingerichtet wurde. Noch im selben Jahr schrieb er eine Reportage mit dem Titel »Kazu Tropmanna, l'exécution de Tropmann«. Hier lehnt er mit klaren Worten öffentliche Hinrichtungen ab. denken: »Man hätte sagen können, es wäre ein hübsches Gesicht, wäre nicht dieser häßliche, tierische Mund gewesen, der nach außen und nach oben aufgeblasen war wie ein Trichter, und in dem man einige wenige schlechte Zähne erblickte, die sich wie Blätter eines Zweiges ansahen.« Es sind fast immer der Mund, die Lippen und die Augen, in denen sich diese Gesichter unterscheiden und ihnen den Ausdruck von Frechheit oder Sinnlichkeit, die ihr Schicksalszeichen sind, geben. Der Blick scheint mir weniger zu erzählen – vielleicht deswegen, weil etwas von seiner Eigentümlichkeit bei dem obligaten Starren in den Photoapparat verloren geht. Auch sind die Bilder nicht immer die besten, und die Linien des Mundes sind mit einer mittelmäßigen Platte leichter einzufangen als der Blick und die Augen. II Das erste, was man in der Verbrecherkartei sucht, sind wohl immer die Mörder. Sie prickeln. Man will zuerst diejenigen , diese Menschen, die Blut an ihren Händen haben, sehen. Etwas in uns treibt uns, auf diese Bilder zu starren, und fesselt uns, wenn wir sie erst in unserer Hand halten. Auch ist es vielleicht schwierig zu sagen, ob es Bewunderung oder Furcht oder von beiden etwas ist. Tatsache ist, daß wir immer dazu neigen, das als Mut anzusehen, was in Wirklichkeit oft nur – Feigheit war. Es finden sich wohl zwei Dutzend Mörder in der Sammlung. Das heißt, dann wären auch Totschläger mitgerechnet und einige, die bei einem Mord mit dabei waren. Direkte Mörder in juristischer Bedeutung gibt es, glaube ich, gerade acht oder neun. Man stellt sie sich meist als schielend vor – soweit ich weiß –, wie die Mörder im Melodram, Melodram: eigentlich ein dramatischer Text, dessen Worte von Musik begleitet das Dramatische betonen sollen. Hier: ein sentimentales Schauspiel, oft mit heftigen Gefühlsausbrüchen und nervenzerreißender Handlung. die einen starren Blick haben, einen schwarzen Bart und eine spanische Kappe. Spanische Kappe: mittelalterliches Folterinstrument, in Form einer Tonne, durch die der Delinquent seinen Kopf stecken mußte, um sie zum Gespött der Stadt durch die Straßen zu tragen (auch dänischer Mantel und englische Jungfrau genannt). Aber die guten Geister des Melodrams, die mit Dolchen im Gewande kommen, sind nur Phantasie. Auf jeden Fall sehen diese Gesichter anders aus. Wenn ich mir in diesem Augenblick meine Erinnerung an die zwanzig Mördergesichter, die ich in der Sammlung gesehen habe, zurückrufe, dünkt es mir, als begegnete ich in allen: der wehmütigen Schwermut, die vage und unbestimmt in ihrem Blick schwimmt. Alle diese Menschen haben die Augen eines Träumers. Der Blick kann erloschen sein wie bei Toftes Tofte: zum Tode verurteilter und hingerichteter Mörder. jugendlichem Antlitz, dessen Wehmut sich um den fast weiblichen, schmerzlich geschlossenen Mund sammelt; er kann fanatisch glühend sein wie bei Nummer 184 – er hat seine Geliebte getötet –, dessen Züge streng, knochig, geprägt von abmagernder Askese sind, in allem ein Gesicht, dem man hundertfach in den pietistischen Gegenden unseres Landes begegnet; es kann taubenhaft unschuldig wie bei dieser sechzehnjährigen Frau sein, deren kindliches Gesicht verängstigt ist, und die im nächsten Augenblick die Lippen zu einem leisen, hoffnungslos klagenden Schrei zu öffnen scheint. Aber ihr Blick ist immer träumerisch. Diese vage Träumerei, die wie ein Tropfen das Auge des hoch Empfindsamen netzt. Dieser Blick gehört zu der Empfindsamkeit, die dürstet, während sie befriedigt wird, die müde zusammengesunken ist, aber aufgepeitscht wird, obwohl sie müde ist. Und diesem Blick entspricht der Mund. Diese Lippen sind bereit, den vagen Durst des Blickes zu löschen. Ich habe bereits von Toftes Mund gesprochen. Er gleicht am ehesten dem einer Frau oder eines Kindes, aber die nach unten gekehrte Unterlippe bricht ihre Traurigkeit mit einem Zeugnis von einer starken Begierde, einer hitzigen Lust nach Befriedigung. Die grausamsten Männer der Geschichte, die blutrünstigsten, hatten oft solche liebeskranken Kindermünder. Diese Frau hier wurde wegen wiederholter Abtreibung bestraft. Der Mund ist groß, die Unterlippe etwas herabhängend, die Mundwinkel schwellend. Die Augen träumen schwermütig mit diesem besonderen Blick, der weit weg in die Ferne zu schweifen schien. Als ob dieser Blick bereute, was diese schwülstigen Lippen allzu oft begehrt hatten. Wir treffen immer auf dasselbe. Dieser Mann hat seine Frau mit Gift umgebracht. Seine Augen sind groß, glasartig schwimmend, von dem reinen Glas bedeckt, das man bei Geisteskranken antrifft. Die Lippen sind schmal wie zwei Messerschneiden, die aufeinander gelegt sind. Diese Lippen brächten – wenn sie küßten – Schmerz wie ein schneller Biß. Sinnlichkeit ist der vorherrschende Ausdruck des Mörders. Sie kann brutal, nur tierisch sein, mit harten, einfachen Zügen. Einige Bilder mit unregelmäßigen Flecken im Gesicht, aufgedunsen wie bei Trunkenbolden. Meist ist die Sinnlichkeit in ihrem Gesichtsausdruck weit mehr die heiße und kränkliche Begierde des ungesunden Idealisten. Das erweist sich in dem merkwürdigen Umstand, daß der Mörder so oft seine Untat mit einem Minimum an Vorteilen begeht. Denn unbewußt mordet er um des Mordens willen. Diese kränkliche, gefährlich träumerische Sinnlichkeit will Blut. »Die Lust zu morden«, sagt Zola an einer Stelle, »ist die höchste Form der Sinnlichkeit, und nur das erklärt mir alle die Morde, von denen ich Tag für Tag in meinen Zeitungen lese.« Diese Gesichter der Mörder mit ihrem schwermütigen Blick haben ihre eigene Art, einen zu verfolgen. Eigentlich machen sie keine Angst, sie melden sich nur die ganze Zeit und melden sich wieder wie eine angstvolle Frage. Auf jeden Fall halten sie für denjenigen, der viele Geisteskranke erlebt hat, nicht inne. Denn er wird immer aus einer gewissen ängstlichen Gleichgültigkeit aufgescheucht werden, die ihn an der Verantwortlichkeit des Mörders zweifeln läßt. Was mich betrifft, räume ich gerne ein, daß ein Mann wie Tropmann eher in eine Irrenanstalt gehört als ein Opfer der Guillotine zu werden. Aber die Gesetze sind immer für die Masse gemacht, nie für die Ausnahmen, und die Gesetze müssen sich Respekt verschaffen. Wir gehen das Album noch einmal durch. Dieser Mörder trägt das Gesicht eines Verbrechers. Wie das eines Raubtieres, spitz, adlergleich, grausam. Er sitzt wie auf der Lauer, zum Sprung bereit. Er hat wegen Geldes einen Mann getötet. Wenden wir aber das Blatt, sehen wir auf der ersten Seite wieder das Gesicht Toftes. Dieses stumpfe, trübselige Gesicht. Im Gefängnis schenkte er seine ganze Liebe einem Kanarienvogel. Er vergaß die ganze Welt, nur um sich dem kleinen Tier zu widmen, und als er nach Horsens Horsens: Stadt in Jütland, am Horsensfjord, zur Zeit Bangs lebhafte Textilindustrie, bedeutender Handel und (1901) 22 243 Einw. 1903 liefen 1 506 Schiffe mit einer Ladung von 73 821 Tonnen ein und aus. Horsens war wegen seines großen Zuchthauses, das heute noch als Gefängnis existiert, bekannt. In Horsens verbrachte Herman Bang 1861-1871 seine Kindheit, als sein Vater dort Gemeindepfarrer war. mußte, wünschte er sich als letztes, den Vogel mitnehmen zu dürfen. Er folgte ihm auf das Schafott. Man stößt in der Geschichte dieser Mörder auf so viele Merkwürdigkeiten, so viele eigentümliche Gedanken – und auf so wenig, allzu wenig gesunden Verstand. Deswegen fragt man sich selbst so oft, ob dieser oder jener voll zurechnungsfähig sei. Und diese Frage ist ernst, wenn sie auf das Brett des Schafotts geschrieben wird. Und weil diese Frage so ungemein wichtig ist, wollen wir aus alten Zeitungen die Geschichte einiger Mörder, auf die wir hier im Album treffen, zur Sprache bringen. 18.6.1882 Kopenhagens Verbrecherwelt III Ein Muttermörder Es ist schon lange her, daß ich die Reihe von Studien der Kopenhagener Verbrecherwelt begonnen habe; aufgrund des Wohlwollens der Polizeibehörden war mir gestattet worden, Kopenhagens Verbrecheralbum durchzusehen, und mehr als einmal hatte ich mir in der verflossenen Zeit vorgenommen, diese Aufgabe weiterzuführen. Aber die Angst hat mich genau so oft zurückgehalten und meine Lust, die Wanderungen in diesem moralischen Hospital wieder aufzunehmen, besiegt. Denn dort scheint es so viel Anziehungskraft für eine Zeit zu geben, deren Vorliebe in allen Schilderungen unwidersprochen den Krankheiten zukommt, und die ein so reiches Feld für das Wirken psychologischer Sonden und Seziermesser bietet. Ich hatte Angst, in diesen Studien, die die Physiognomie der Verbrecher mit ihrer Geschichte verbinden sollten, entweder allzu wenig zu sagen oder allzu viele Schlüsse zu ziehen. Denn beides kann man sich gut vorstellen. Im ersten Fall brächte man – wenn man einen großen Teil von Zufällen aufzählte und dazu eine Reihe von Geschichten erzählte – nur ein langweiliges Muster ohne Interesse für die Masse der Leser hervor, und im letzteren Fall verfiele man allzu leicht in eine schädliche Phantasterei. Aufgrund dieser Schwierigkeiten habe ich es Tag für Tag aufgeschoben, zu diesem Thema zurückzukehren. Wenn ich dies heute jedoch wieder in Angriff nehme, geschieht dies aufgrund der Umstände, die mich sozusagen in die Arme einer der interessantesten und in vieler Hinsicht lehrreichsten Mordgeschehnisse, die die jüngste Zeit aufzuweisen hat, geführt haben; sie haben mich mit Einsichten in Bezug auf Geschehen und Charakter versehen, wie man sie nur selten erhalten kann, und die ich eilends nutzen möchte, solange der Eindruck bei mir selbst noch frisch und frei von persönlichen Zusätzen ist, womit Überlegungen und Lust zur Systematik und Überinterpretation des Ereignisses so oft ähnliche Berichte überwuchern. Man kann sich vielleicht daran erinnern, daß ich in meinem ersten Artikel über die Verbrecherwelt behauptete, daß auf jeden Fall etliche der Mörder, mit deren Geschichte ich mich vertraut machen konnte, einer eigentümlichen Art von Sensualismus zu unterliegen schienen, und das vielleicht öfter als man glauben würde; genau so war es mit der Leidenschaft für Blut, das diese Menschen zu Mördern macht. Dies ist wirklich die beste Erklärung, die man in Bezug auf die vielfältigen Morde geben kann, Morde, deren Rücksichtslosigkeit und offensichtliche Sinnlosigkeit genau so ins Auge fiel wie ihre Grausamkeit. Wenn man diese Morde als Zeichen eines kranken Sensualismus ansieht, befindet man sich außerdem mit den Physiognomien der Mörder in Übereinstimmung. Unbestimmt und träumerisch – fast würde ich das Wort »ästhetisch« wagen – beherrscht die Sinnlichkeit fast immer den Blick und den Ausdruck des Mundes, es ist aber seltener, daß die Physiognomie von der Gewalttätigkeit, die den Mörder im Roman und auf der Bühne leicht erkennen läßt, geprägt wird. Dort hat man die Verbrecher zu Masken gemacht. Aber neben diesen »charakteristischen« Gesichtern fielen mir schon am ersten Tag bei den schwersten Verbrechern Züge auf, die überhaupt nichts aussagten; die man in diesem Album überspringen könnte und als unbedeutende Taschendiebe ansehen könnte, wie man auch, träfe man sie auf der Straße, seinen Blick nicht erhöbe, um sie zu betrachten. Oft aber waren gerade diese die gefährlichsten Bewohner dieser Galerie. Häufig sind es die Verbrecher mit den gleichgültigen Gesichtern, die die aufrührendsten Untaten begangen haben, gleichgültige, alltägliche Gesichtszüge, die nicht das Mindeste erzählen, und deren einziger Eindruck vielleicht eine gewisse Trägheit ist, die gerade solche blutigen Dramen, wie die, deren Helden sie geworden sind, von ihrem Leben auszuschließen scheint. Sieht man sich die Geschichte dieser Individuen an, wird man weder vor dem Verbrechen die geringste Spur starker Leidenschaften finden noch nach der Untat heftige Reue; überhaupt keine starken Sinnesbewegungen. Das Verbrechen – und gerade in diesem Fall das entsetzliche und unerhörte – scheint meist aus einer Laune heraus begangen worden zu sein, von einem plötzlichen Einfall gesteuert; was mit der Missetat erreicht wurde, hätte auf viele andere Weisen, die nicht den Tod für den einen wie den anderen zur Folge gehabt hätten, erreicht werden können, und wo man meist vor allem von der Sinnlosigkeit, ein so schweres Verbrechen zu begehen, um so wenig damit zu erreichen, überrascht wird. Gerade dies jedoch bestärkt uns in unserer Überzeugung, daß das Verbrechen nur deswegen begangen sein kann, weil derjenige, der es ausführte, nicht die geringste Ahnung davon hatte, wie tief er sich verstrickte. Es hat es nicht gewußt, er befand sich vollständig außerhalb unserer moralischen Vorstellungen. Seine Moral ist nicht die unsrige. Und was das Merkwürdigste ist: Wir, die die Stärkeren sind, könnten ihn ohne weiteres töten; aber wir könnten ihm nur selten unsere Moral einimpfen. Er wird sterben, ohne sie zu verstehen. So muß die Erklärung für viele Verbrechen sein, und wollten wir den merkwürdigen Mord erklären, von dem wir jetzt berichten werden, müssen wir sicherlich hier die Erklärung suchen. Auf jeden Fall wird man sicher nur schwer ein besseres Motto für diese Geschichte finden als den Satz von Émile Zola: »Man geht vollständig irre, wenn man meint, die Moral sei überall dieselbe.« * An einem Wintermorgen kurz vor Weihnachten traf sich Hans Hansen Hans Hansen (1848-1869): Der Mord ereignete sich auf Fünen im Dezember 1868, und Hans Hansen wurde nach einem Urteil des Obersten Gerichtshofes auf der Odenser Richtstätte vor der Stadt am 6.8.1869 hingerichtet. zusammen mit dem Bürgermeister, Bürgermeister: dän. Sognefoged. um den Landrat Landrat: dän. Herredsfoged. davon zu unterrichten, daß seine Mutter am Abend vorher erschossen worden sei. Im übrigen überließ Hans Hansen dem Bürgermeister das Wort, und als der Landrat zum ersten Mal das Wort an ihn richtete, schrak er zusammen, und er trat scheu einen Schritt hinter den Bürgermeister. Dann aber begann er, flüssig zu sprechen und erzählte alles Mögliche. Er war ein etwa zwanzig Jahre alter Bauernbursche, blond, mit hellen Augen, ganz wie die meisten Leute. Abgesehen davon, daß er einmal zusammengeschreckt war und hinter seinen Begleiter getreten war, gab es nichts Verdächtiges. Der Landrat fuhr mit, um den Ort und die Leiche zu untersuchen. Das Verbrechen hatte sich ungefähr gegen 9 Uhr ereignet, zu dem Zeitpunkt hatte die Familie des Bürgermeisters auf jeden Fall den Schuß gehört. Der Sohn der Ermordeten war gerade gegangen, nachdem er sich beim Bürgermeister einige Stunden lang aufgehalten hatte und die Zeit mit Kartenspielen totgeschlagen hatte. Er hatte es ziemlich eilig gehabt, genau um 9 Uhr nach Hause zu kommen, aber sonst war er wie immer munter und zu einem Scherz aufgelegt gewesen. Dann ging er, der Bürgermeister hörte den Schuß, und kurz darauf kommt Hans zurück und berichtet, man habe seine Mutter umgebracht und sie liege auf dem Boden in der Stube, »in ihrem Blut schwimmend«. Der Bürgermeister und seine Knechte kamen nun mit nach Hause, sahen die Frau tot in der Stube liegen und hoben sie auf das Bett. Der Sohn wagte nicht hineinzugehen, sondern wartete draußen. Als sie wieder beim Bürgermeister zurückwaren, war er fast der Ruhigste von allen, sprach sogar von gleichgültigen Dingen und bat bloß darum, in der Nacht hier bleiben zu dürfen: Er wollte ungern heim. Man richtete ihm eine Schlafbank unmittelbar vor der Tür zur Mägdestube, als aber die anderen sich zur Ruhe begeben hatten, hielt er es alleine nicht mehr aus, ging hinein und bat die Mägde, in der Kammer auf einem Stuhl sitzen zu dürfen. Dort verbrachte er dann die Nacht. Während des Besuchs des Landsrats führte Hans in herum. Der Beamte hatte sofort bemerkt, daß man am Türschloß mit einem Taschenmesser zu Gange gewesen war und Hans dauernd zu dieser Tür drängte, während dies dem Landrat nicht zu eilen schien. Endlich kamen sie auch dort hin. »Hier hat jemand einzudringen versucht«, sagte er. »Ja«, antwortete der Landrat, »es ist nur dumm, daß er es nicht getan hat – dann hätte er deine Mutter nicht erschießen müssen.« – Auch jetzt vermochte es der Sohn nicht, den Leichnam zu berühren. Er hatte sogar ungemein viel Angst davor, so daß der Landrat es bemerkte. Der Mord mußte jedem merkwürdig vorkommen. Die Frau war beliebt, hatte keine Feinde; der Mord brachte niemandem einen Vorteil. Als der Landrat aufbrach, sagte er zum Bürgermeister: »Könnte es nicht der Sohn gewesen sein, der sie getötet hat?« Aber der Bürgermeister wies den geringsten Gedanken daran zurück. Das Verhältnis zwischen ihnen war ausgezeichnet gewesen, Hans war das einzige Kind und wurde von seiner Mutter in höchstem Grad verwöhnt, so daß er es ganz so hatte, wie er wollte. Der einzige Streitpunkt zwischen beiden war, daß er nach Amerika auswandern wollte, sie aber nicht auf ihn verzichten wollte, wo sie doch bald »von hier wegmüsse.« Der Beamte fragte dann nur Hans Hansen, ob er ein Taschenmesser besitze. Nein, er habe keines gehabt – habe niemals eines gehabt. Man habe doch ein großes Messer oben hinter dem Schrank gefunden. »Hinter einem Schrank?« – »Ja, und es sah so aus, als habe es jemand hinter dem Schrank verstecken wollen.« … Nein, das habe er nicht tun wollen.   Also gehörte das Messer ihm. Nach der Beerdigung wurde der Nachlaß der Verstorbenen verkauft. Nach dem Mord waren nur wenige Tage vergangen. Hans Hansen war die ganze Zeit über ruhig, nur mit großer Angst vor dem Leichnam – und immer noch großer Angst vor der Dunkelheit. Nachts traute er sich nicht, alleine zu sein. Sonst aber war er ruhig geblieben und etwas »langsam« wie gewöhnlich. Jetzt nach der Beerdigung wurde er ganz ausgelassen, bei der Versteigerung hielt er die Kleider der Mutter hoch, machte Witze über »das alte Weib« und war der Munterste unter den Munteren. Die Ausgelassenheit auf dem Land bei solchen Gelegenheiten ist nämlich groß. Am Abend ließ der Landrat ihn verhaften. Er wurde des Mordes an seiner Mutter beschuldigt. Es gab keine andere Möglichkeit. »Sehen Sie«, sagte mir einmal ein Jurist, »oft läßt sich keine Erklärung finden. Dann nehmen wir die einzig mögliche.« Dies war so ein Fall. Man verglich bei Hans Hansen alle Umstände, die sein Verbrechen bewiesen: den Zeitpunkt des Mords, die Aufbruchsspuren an der Tür, seine übergroße Angst, kurz alles, wovon nichts bewiesen war, das aber zusammen betrachtet den Tod bedeuten konnte. Er leugnete. Er blieb beim Leugnen. Dann griff der Untersuchungsrichter zum letzten Mittel. Es nutzte seinen Aberglauben aus. Während eines abendlichen Gesprächs mit ihm sagte er: »Höre nun, Hans Hansen«, sagte er, »wir müssen den Leichnam deiner Mutter noch einmal anschauen – wir werden sie morgen exhumieren.« Er, bleich, zitternd: … »Nein – nein – das ertrage ich nicht.« Und von Schreck übermannt gestand er. Er hatte nach Amerika wollen, »Die Alte« wollte es ihm nicht erlauben. So gab es ewig Streit, er wollte reisen, und sie hieß ihn bleiben. Langsam stieg in ihm der Gedanke auf, sich ihrer zu entledigen. Sie war alt genug, und reisen wollte er. Sie hatte ja doch keine Freude mehr am Leben. Am Morgen vor dem Mord hatte sie ihn gezwungen, in der Stadt eine Besorgung zu erledigen, und während er dies tat, beschloß er, sie am nächsten Abend um 9 Uhr zu erschießen. Er bereitete alles vor und hatte es dann bei Bürgermeisters so eilig aufzubrechen, weil die Alte um 9 Uhr zu Bett ging und dies die beste Zeit war, sie zu erschießen. Als dies getan war, ging er zurück zu Bürgermeisters und fragte, ob sie einen Schuß gehört hätten … Und all dies, nachdem der erste Schock überwunden war, erzählte er ganz ruhig, berichtend, als ob man irgendeine Geschichte erzählte, die geschehen war, und die einen nur oberflächlich berührte. Und nachdem er all dies erzählt hatte, fügte er hinzu: »Ich hatte mir doch selber so fest versprochen, kein Geständnis abzulegen.« »War das die Angst vor dem Leichnam?« »Bei Gott – ja– ich hatte Angst davor, sie zu sehen.« Dann sagt der Beamte, ihm sei der Gedanke gekommen, als der Sarg in der Kirche stand, ihn die Nacht bei der Leiche verbringen zu lassen. »Es war für den Herrn Landrat gut, daß Sie es nicht taten.« – »Was hättest Du denn getan, Hans Hansen?« »Entweder hätte ich mich erhängt oder ich wäre verrückt geworden, Herr Landrat.« Neun bis zehn Wochen später erging das Urteil des Gerichts. Gericht: dän. Underret. Er zeigte in der Zwischenzeit keine Spur von Reue, und alles, was er über den Mord sagte, war: Sie sei alt gewesen; Aladdins Antwort an Noureddin. Aladdins Antwort an Noureddin: In Oehlenschlägers Tragischem Gedicht Aladdin, eller Den forunderlige Lampe (1805), 1. Akt, sagt der naive Aladdin zum Zauberer Noureddin über seinen gerade verstorbenen Vater: »Der große Allah weiß/ob ich nur war sein Sohn. Er war sehr alt/als er meine Mutter nahm, und sie war jung/und hübsch, wenn man dem glauben kann, was das Gerücht sagt.« Er begründet seine Gefühllosigkeit über den Tod des Vaters mit dessen Alter. Und Hans wollte gerne nach Amerika. Seine Moral war, daß ihre Zeit vorbei war und sie wegmußte – und nichts mehr. Er glaubte nicht, daß er sterben müsse. Es gebe keine Todesstrafe mehr, meinte er. Dies war die ganze Zeit seine Überzeugung gewesen. Der Bürgermeister erinnerte sich jetzt daran, daß sie unten bei ihm am Mordabend laut aus der Zeitung vorgelesen hatten, daß ein Mörder aus Odense Odense: drittgrößte dänische Stadt, Hauptstadt von Fünen, Geburtsstadt Hans Christian Andersens. 187 000 Einwohner (2007). Zur Zeit Bangs 40 000 Einwohner. zum Tode verurteilt worden war. »Ach«, sagte Hans Hansen, »sie begnadigen ihn sicher, die Todesstrafe ist ja abgeschafft.« Keine halbe Stunde später erschoß er seine Mutter. Nach dem Urteilsspruch des Gerichtes hatte er die Erlaubnis erhalten, Besuch zu empfangen. Ihm ging es ausgezeichnet, und er hörte andächtig dem Pfarrer zu, der an seine Reue glaubte. Dann erging im Juni des Urteil des Obersten Gerichtshofes; Oberster Gerichtshof: dän. Højesteret in Kopenhagen. es verging aber noch einige Zeit, bevor es ihm verkündet wurde. Vielleicht begann er daran zu zweifeln, daß er begnadigt würde und ins Zuchthaus käme, was er sich wünschte, weil er dann mit einem Kameraden aus der Untersuchungshaft zusammen gewesen wäre. Sie hätten es so schön haben können. Er verstand nicht, daß man ihn nicht umgehend begnadigte, und er sagte zu einem anderen Mörder, mit dem zusammen er im Gefängnis war und der Hoffnung auf Begnadigung hegte: » Ich kann nicht verstehen, daß sie Dich begnadigen, wo Du doch einen jungen, voll im Leben stehenden Mann getötet hast; und ich habe nur ein altes Weib erschlagen.« Als die Begnadigung immer noch nicht erfolgte, leugnete er eines schönen Tages den Mord. Er wollte um jeden Preis sein Leben retten. Am 24. Juli wurde ihm das Urteil verkündet, und am 6. August wurde er hingerichtet. Der Landrat sagte ihm, es bestehe keine Hoffnung auf eine Begnadigung, aber er glaubte ihm wohl nicht. Es war seine Überzeugung, daß man die Todesstrafe nicht vollzog. Die letzte Nacht verbrachte er zusammen mit einigen Schutzmännern. Anfangs war er ziemlich schweigsam, ging hin und her und sagte nur wenig. Nachdem er so eine Weile hin- und hergegangen war, setzte er sich hin, nahm das Gesangbuch und schlug es kurz darauf wieder zu. Als belegte Brote hereingereicht wurden, aß er begierig, trank einige Schnäpse und sprach nun lebhaft über alles Mögliche. Die einzige Unruhe, die man an ihm bemerkte, war sein Auf- und Abgehen. Später in der Nacht gab man ihm Portwein und sagte, es sei ärgerlich, daß er keinen Rinderbraten bekomme. Zuletzt zog er sich um und zog die Kleidung an, die er bei der Exekution tragen sollte, ein Hemd ohne Bund. Und währenddessen zeigte er keine Spur von Unruhe oder Beklemmung. Um 5 Uhr kam der Pfarrer, und man fuhr los. Im Wagen sagte er kein Wort, zeigte aber keine Unruhe. Während ihm auf dem Schafott das Urteil verlesen wurde, stand er ruhig da und starrte dem Beamten ins Gesicht, ohne die Spur einer Erregung. Nach der letzten Ansprache des Pfarrers bestritt er wiederum, das Verbrechen begangen zu haben. Er sei, sagte mir ein Augenzeuge, wie gewöhnlich ganz ruhig gewesen, sei die ganze Zeit mit einem Ausdruck leisen Erstaunens im Gesicht dagestanden und habe unzweifelhaft das Ganze für eine Komödie gehalten. Und als der Pfarrer ihn nun im letzten Augenblick fragte, ob er nicht doch gestehen wolle, antwortete er laut – mit einem leichten Kopfruck – : »Nein.« Als ihn der Scharfrichter im gleichen Augenblick packte, erbleichte er und wie vom Blitz getroffen, schwankte er und versuchte, sich umzudrehen. Man hatte den Eindruck, es geschähe ihm völlig Unerwartetes. Wenige Augenblicke später hatte er den Tod erlitten, an den er bis zum letzten Augenblick nicht geglaubt hatte; einen Tod, den der Richter, soviel ich weiß, noch im letzten Augenblick hatte verhindern wollen: Seiner Meinung nach war dieser vollständig gesunde Mensch abnorm. Er hatte in der langen Zeit, in der er ihn täglich gesehen hatte, mit ihm gesprochen und seinen Geisteszustand untersucht und bei ihm nicht die Spur einer Moral gefunden, die den Mord an der Mutter zur Untat werden läßt; er stufte ihn deswegen als unzurechenbar ein. Er stand außerhalb unserer Vorstellungen. Und trotzdem vollzog man das Urteil. Man muß wohl einräumen, daß bei Aufrechterhaltung der Todesstrafe sie hier durchgeführt werden mußte. Die Gesellschaft weigerte sich, diese Ausnahme zuzugestehen. * Wir haben hier einen Menschen gesehen, von dem es bis zu dem Tag, an dem er seine Mutter ermordete, nichts Besonderes zu berichten gab. Er lebte in der Gesellschaft wie Tausende, lebte offensichtlich nach deren Gesetzen und hielt dieselben Gesetze für richtig wie alle anderen auch. Eines schönen Tages aber tötet er aus einer Laune heraus seine Mutter, die ihn verwöhnt hat, deren Stolz er ist, und die er offenbar bis zu diesem Tag geliebt hat. Und plötzlich zeigt es sich, daß dieser Mensch vollständig außerhalb unserer einfachsten Gefühle stehen muß. Er stößt kaltblütig seine Mutter aus dieser Welt, weil er Platz haben will, um sich zu entfalten. Es gibt ja keinen Menschen, der nicht das Gefühl für seine Mutter als einen der Grundpfeiler unseres Gefühlslebens betrachtete. Für diesen Bauernburschen gab es dieses allgemeinmenschliche Gefühl jedoch nicht. Bei Hans Hansen konnte man kein anderes Überbleibsel seines Gewissens als den Aberglauben finden: Der Aberglaube war das einzige, das bei ihm sowohl Einsicht als auch Reue verdrängte … Sollte der eine oder andere fragen, wie so etwas möglich sei – man könnte ihm schwerlich anderes antworten als daß dies möglich sein kann , seitdem es geschehen ist. Fragte er aber weiter, könnten wir ihm keine Antwort mehr geben. Aber jedem muß es merkwürdig vorkommen, wenn sich plötzlich zeigt, daß »das Allermenschlichste« an einem Menschen so spurlos vorübergehen kann. Vielleicht ist es unsere Schuld, und vielleicht sind wir es, der die großen Worte mißbraucht, ohne recht zu wissen, wie viel oder wie wenig sie bedeuten. Eines scheint auf jeden Fall klar: »Man irrt sich gewaltig, wenn man glaubt, die Moral sei überall dieselbe.« 6.8.1882 Ein merkwürdiger Mord Was ich in Kürze zu erzählen habe, ist wieder die Geschichte eines anständigen Menschen, der zum Verbrecher wurde. Diese redlichen Leute, über die niemand ein böses Wort zu sagen weiß und die eines schönen Tages doch die größten Verbrechen begehen können, scheinen mir von großem Interesse zu sein, und es dünkt mich lehrreich, ihre Geschichte zu erforschen. Sollte der eine oder andere an diese Berichte bestimmte Betrachtungen verschiedener großer Probleme knüpfen, kann man ihm diese Erlaubnis gewähren, da nur die Geschichte selbst es sein kann, die seine ernsthaften Überlegungen veranlaßt. Vom Erzähler werden sie kommentarlos wiedergegeben, und er ist deshalb ohne Verantwortung bezüglich all dessen, was sein Bericht anrichten kann. Es besteht umso größere Veranlassung, Lars Rasmussens Geschichte anzuführen, als sie in mancher Hinsicht in krassem Gegensatz zu der Hans Hansens steht, über den wir kürzlich geschrieben haben, und mit dem er den Schauplatz und Landesteil gemeinsam hat. Während es bei dem einen die absolute Verworfenheit ist, die uns berührt, ist es bei dem anderen eine eigentümliche Schüchternheit und Mangel an Selbständigkeit, die ihn zum Mörder macht; aber bei beiden finden wir denselben Mangel, das Ausmaß des Verbrechens, das sie begingen, zu begreifen. Lars Rasmussen war damals 26 oder 27 Jahre alt – ein großer, hübscher Kerl, das einzige Kind seiner Eltern. Die Eltern hatten ihn sehr verwöhnt, als Kind war er vollständig von ihnen abhängig. Er war nie von zu Hause weggewesen, und war er einmal aus ihren Augen, erzählte er immer, wo er gewesen war. Durch diese Erziehung bekam er einen schwachen, weichen Charakter, unselbständig und schüchtern. Er hing an seinem Zuhause, liebte es, am Kachelofen zu sitzen, und seine einzige Freude war, mit Kindern zu spielen. Im Krieg von 1864 Krieg von 1864: Nach dem zweiten Schleswigschen Krieg verliert Dänemark Schleswig, Holstein und Lauenburg an Preußen und Österreich. hätte er einrücken sollen, aber seine Eltern mochten ihn nicht entbehren, sich nicht vorstellen, ihr einziges Kind einer solch großen Gefahr auszusetzen: sie stellten sich vor ihn, und Lars blieb zuhause. Er fühlte selbst keinen Drang einzurücken und sah wie seine Eltern eher die Gefahr als die Pflicht. Etwas träge und gutmütig war er, von allen wohlgelitten, von seiner Umgebung verwöhnt. Er frönte nur einer Leidenschaft: der Jagd. Die Eltern, die ihm gerne, wo sie konnten, eine Freude machen wollten, hatten ihm erlaubt, das Jagdrecht auf einigen angrenzenden Flurstücken zu pachten, und dort auf den Feldern verbrachte er ganze Tage mit der Büchse in der Hand. Er war ein leidenschaftlicher Jäger, als ob dieser Sport etwas von der persönlichen Heftigkeit, die seine Erziehung vielleicht unterdrückt hatte, abbaute. So verlief in Grundzügen auch der Tag, als er den Schützen auf Langesö tötete. Er war auf der Jagd gewesen, hatte aber nichts erjagt. Verärgert über diesen nutzlosen Tag überquerte er die Flurgrenze zu den Langesö-Ländereien, in der Hoffnung hier wenigstens einen Hasen zu erjagen. Unglücklicherweise traf er jedoch auf den dortigen Jäger und begann zu laufen, so schnell er konnte. Sie liefen ein gutes Stück, er dicht vom Jäger verfolgt, der den Vorsprung, den Lars hatte, jedoch nicht einholen konnte. Schließlich aber vermochte Lars nicht weiter zu laufen, und der Jäger erreichte ihn. Lars Rasmussen nennt sofort seinen Namen, räumt sein Versehen ein und bietet an, eine Buße zu bezahlen. Der Jäger kann aber nicht ohne weiteres darauf eingehen und will vor allem sicher sein, daß der Bursche wirklich derjenige ist, der zu sein er behauptet. Er will vielleicht die angebotene Buße annehmen, aber er will zuerst mit Lars zu dessen Eltern. Genau dies hatte Lars befürchtet; dies könnte er in aller Ewigkeit nicht ertragen. Erführen seine Eltern etwas, bekäme er Ärger und würde gescholten. Das will er auf keinen Fall, und er gäbe gerne das Doppelte, wenn der Jäger es nur unterließe, mit ihm nach Hause zu gehen. Der Jäger will aber mit Lars nach Hause gehen … Wenn er ihm aber noch mehr Geld gäbe? Er hat zwar keine solch hohe Summe bei sich, aber er wird sie besorgen, schnell besorgen, morgen … wenn er bloß nicht mit nach Hause käme … Der Jäger jedoch blieb eigensinnig, vielleicht über den großen, gesunden Kerl irritiert, der wegen eines bißchen Ärgers so zittert und vor Angst bebt. Er will jedoch unter allen Umständen mit den Eltern reden. So waren sie, während sie miteinander redeten, zu einer dichten Fichtenanpflanzung gelangt, wo sie auf einem ziemlich schmalen Pfad nebeneinander gingen. Lars bat und bettelte weiter, das Gewehr in der rechten Hand, stützend auf den linken Arm gelegt, und dort , direkt vor dem geladenen Lauf, ging der Jäger – ohne daß er alles hören wollte, worum Lars so inständig bettelte … Da hob Lars den Gewehrlauf ganz leicht an und feuerte: Der Jäger war tot, Lars hatte ihn erschossen … »Dann hob ich den Lauf so, ganz wenig«, sagte Lars zum Richter, »dann war er tot … denn ich konnte mir nicht vorstellen, daß meine Eltern erführen, daß ich Wilderer auf dem Feld von Langesö war.« … »Aber sofort danach – was war dann?« »Ja – es war ja geschehen.« … »Hattest du da keine Angst?« »Doch, ich hatte schreckliche Angst.« … Dann versteckte Lars die Leiche im Dickicht der Plantage und ging nach Hause. Zuhause schien es ihnen, daß er etwas merkwürdig war, als er kam, aber sie dachten, es sei die Müdigkeit und die Verdrossenheit über den schlechten Tag. Er könnte ja wirklich erschöpft sein, so wie er stundenlang auf den Feldern herum gesucht hatte. Im übrigen schwand seine Mißstimmung schnell, und nachdem er gegessen hatte, war er wieder ganz der Alte. Abends spielte er, wie es seine Gewohnheit war, mit einigen Kindern aus der Nachbarschaft, und nachts schlief Lars Rasmussen ruhig. Es dauerte einige Tage, bis man den Leichnam des vermißten Jägers fand, denn die Plantage war dicht, und die Leiche war gut versteckt. Es vergingen wieder einige Tage, bis man dem Mörder auf die Spur kam. Der Richter dachte wohl, es war ein Wilderer. Man hatte ihn und einen anderen Mann über die Felder laufen sehen, als ob ein Flüchtender verfolgt würde. Dieser Fliehende hatte einen kleinen Hund dabei. Dies wußte man, dann verlor sich die Spur. Der Richter forschte aber nach, wer von den Jägern der Gegend solche kleinen Hunde hatte, und eines Tages erscheint er bei dem Nachbarn von Lars Rasmussen, einem Gutsbesitzer, und fragt ihn, ob es nicht denkbar sei, daß Lars der Mörder sei; denn er habe genau einen solch kleinen Hund und habe eben an dem Tag, wo der Jäger verschwunden war, gejagt. Es hätte nicht viel gefehlt und der Gutsbesitzer hätte den Richter für einen Verbrecher gehalten, weil er den unschuldigsten Menschen der Welt für einen Mörder hielt. »Lars Rasmussen ist so unschuldig«, sagte dieser Mann, der ihn von Kindesbeinen an kannte, »daß ich gerne anbiete, die Strafe auf mich zu nehmen, die ihn treffen könnte.« Der Richter ging trotzdem hinüber zu Lars Rasmussen. Sie aßen gerade Kohl, als er eintrat, Lars gesund und zufrieden. Als er aber den Richter in der Tür sah, fiel ihm der Löffel aus der Hand, und er sank wie betäubt zurück. Das genügte dem Richter; er hatte den Mörder vor sich. Drei Tage später gestand Lars. Er habe das Gewehr so getragen … in der rechten Hand, auf dem linken Arm abgestützt, und der Jäger ging direkt vor dem Lauf … Dann war der Jäger tot. Er hatte diesen Menschen bis zu diesem Tag nicht gekannt, hatte nie mit ihm gesprochen, kaum ihn gesehen. Aber er wollte den Eltern unbedingt erzählen, daß Lars beim Wildern ertappt worden sei, und Lars wußte, daß er zuhause Ärger bekäme. Er wollte sich dem Zank entziehen und wurde zum – Mörder. Es gab keinen, absolut keinen anderen Grund für den Mord als die unterdrückte Angst dieses großen hübschen Kerls vor der Schelte zu Hause. Lars hatte gelernt, ein gehorsamer Sohn zu sein – er wußte, daß er auf den Feldern von Langesö nicht jagen durfte. Dies hatten ihm die Eltern verboten, so daß er Angst davor hatte, sie erführen die Übertretung ihres Verbotes. Diese Eltern hatten vergessen, ihm zu sagen, daß er noch weniger als Hasen den Jäger erschießen durfte … Nach seinem Geständnis benahm er sich beispielhaft. Während er und ein anderer Mörder –Hans Hansen Hans Hansen: siehe »Kopenhagens Verbrecherwelt III. Ein Muttermörder«. – im Untersuchungsgefängnis saßen und im übrigen einen gutmütigen Landstreicher zur Unterhaltung bekommen hatten, schmiedete man Pläne zur Flucht. Lars wollte aber nicht daran teilnehmen, er hatte versprochen, sich in der Haft anständig zu benehmen, und er wollte sein Versprechen halten. Im Gefängnis blieb er derselbe. Immer arbeitswillig, gutmütig und ruhig. Bald konnte er sich fast frei bewegen, grub in den Gärten, zündete die Lichter auf den Gängen an, half überall, wo man jemanden brauchen konnte, auf den Verlaß war. Und über Lars Rasmussen war in Wirklichkeit nur das eine zu sagen, daß er einmal einen Mann aus Furcht vor Schelte erschossen hatte … Man hat ihn jetzt begnadigt und ihn der Welt zurückgegeben. Man hat endlich gemeint, diese eine, merkwürdige Verirrung in einem sonst so friedlichen Leben vergeben zu können … Aber Lars hat in diesen vergangenen dreizehn Jahren schlohweißes Haar bekommen, obwohl er erst um die vierzig Jahre alt war. Er sieht wie ein alter Mann aus, und niemand erkennt ihn wieder … * Lars Rasmussens Geschichte ist merkwürdig, aber sie ist wahr. Als ich sie hörte, mußte ich an die Äußerung eines alten Richters denken, der einmal gesagt hatte: »Sehen Sie, bester Freund«, sagte dieser Mann, der weit über ein Menschenalter Recht gesprochen hatte, »wir müssen oft aufgeben, nach der Gerechtigkeit zu richten und uns darauf beschränken, Urteile gemäß den Gesetzen zu fällen, was nicht immer dasselbe ist. Denn um ganz gerecht zu sein, müßten die Gesetze jedem einzelnen angepaßt werden.« Und nachdem der alte Mann etwas nachgedacht hatte, sagte er: »Für mich bleibt immer der starke Zweifel, ob ich freie Menschen verurteile oder oft unfreie bestrafe, Wesen, von Erbanlagen geschaffen, durch Erziehung geformt und durch ihre Erdverbundenheit geprägt. Wir, die wir unser Leben mit Richten verbringen, lernen zuviel, um das Herz des Menschen und seine Unfreiheit zu erkennen, damit wir immer gut schlafen können. Dieser Richter würde vielleicht sagen, daß Lars Rasmussen zum Mörder wurde, weil die Erziehung seine Begriffe verdorben hatte, und daß ihn der schnelle Lauf eine ganze Stunde lang benebelt hatte. Die Umstände, würde er behaupten, verursachen alles. Was mich betrifft, weiß ich nicht, was ich diesem Mann antworten könnte. 1.10.1882 »Das Lehrlingsheim« Auf Veranlassung des Malermeisters Vilhelm Schiønning wurde 1874 die »Vereinigung zur Ausbildung von Lehrlingen in Handwerk und Industrie für das gesamte Land« (»Foreningen til Lærlinges Uddannelse i Haandværk og Industri for hele Landet«) gestiftet. Der Verein hatte als Ziel, junge Menschen zu unterstützen, indem er ihnen Arbeit vermittelte und zwei Lehrlingsheime in Kopenhagen betrieb; diese gewährten einer gewissen Anzahl von Lehrlingen Unterkunft und Verpflegung. Das eine Lehrlingsheim, von dem Herman Bang hier berichtet, wurde 1882 in Nørre Søgade 11 eingeweiht. Im Jahre 1877 hatte der Verein die Erlaubnis erhalten, eine Warenlotterie zu betreiben (»Basar«).   »Sehen Sie, sie verdienen ja nicht viel … und geraten sie in schlechte Hände, verstehen Sie … dann bleibt nicht viel übrig für Unterkunft und Verpflegung. Wir haben diejenigen gehabt, die sich im Sommer draußen auf dem Glacis Glacis: sehr wahrscheinlich die Gegend um die alte Helmers Bastion, die ab 1886 in eine Grünfläche, den Aborrepark, umgewandelt wurde. Sie lag direkt gegenüber dem alten Klampenborgbahnhof (der etwa zwischen St. Jørgenssø und Gyldenløvesgade lag; er hat nichts mit der heutigen S-Bahnstation Klampenborg zu tun.), ca. 200 m nördlich des 2. Hauptbahnhofs, der sich ungefähr beim heutigen Palads-Teatret/Axeltorv befand. Das Gelände war also sehr zentral gelegen. aufhielten, das man, wie Sie wissen, das Vagabundenfeld nennt, und dort sollen sie ja nichts Gutes lernen … Wenn man so um die sechzehn, achtzehn Jahre alt ist, und im Winter ein Loch in Christianshavn Christianshavn: Kopenhagener Stadtteil, östlich des Hafens auf Amager gelegen; von Christian IV. ab 1618 erbaut, 1674 nach Kopenhagen eingemeindet. Vor Frelser Kirke (Heilandskirche) 1682-1696 erbaut. Heute ein Stadtteil mit vielen Cafés und Restaurants. mietet … Sie sind doch dort draußen gewesen und kennen es?« »Ja, ich kenne es …« »Da draußen ist es schlimm, besonders für junge Menschen … nein, das ist nicht schön … Den Kachelofen können sie nicht anheizen, und wollen sie ins Bett, kann es auch geschehen, daß sie frieren. Dann halten sie sich vielleicht an Schnäpse … das ist ja in den Werkstätten schnell gelernt, verstehen Sie – und dann weiß man ja, wie es weitergeht –«. »Ja, auf jeden Fall, wenn keine Eltern da sind.« »Natürlich, dann ist es am schlimmsten. – Auf dieser Seite, das Heim hat die Nummer 11, direkt hier – aber in dem Maße wie die Stadt größer wird, sehen Sie, wollen sie alle aus den Provinzen hierher, und die Eltern erlauben dies und schicken sie dick und rotbackig hierher, um ein Handwerk zu lernen … Anfangs sind die Provinzkinder die Goldjungen in der Werkstatt – herein mit euch. Sie bekommen Essen und Kleider von zu Hause und Schillinge Schilling: Nach dem Staatsbankrott und der damit verbundenen Währungsreform im Jahre 1813 wurde der Reichsbanktaler zu 6 Reichsbankmark zu 16 Reichsbankschilling eingeführt. 1 Reichsbanktaler bestand also aus 96 Schilling. Die Kaufkraft des Reichsbanktalers entsprach zuletzt etwa 15 €; 1 Schilling wäre dann etwa 16 ¢. 1873 wurde die Silberdeckung zugunsten der Golddeckung aufgegeben und die Krone (1 Reichstaler gleich 2 Kronen) mit der Unterteilung in 100 Öre eingeführt. 1875 wurde festgelegt, daß 1 kg Gold 2 480 Kronen entsprechen. Kaufkraft einer Krone zur Zeit Bangs etwa 7-8 €. dazu … Dann bringt man sie in Keller und Kneipen, und die roten Backen sind bald weg … Es gibt mir oft einen Stich ins Herz, die Veränderung überall in den Werkstätten zu sehen. Dann bringen sie ihr Hab und Gut in die Pfandleihe, dann kommen auch Frauenzimmer ins Spiel – und dann dauert es nicht mehr lange zum Glacis … dort stürzt mancher ab …« Wir standen vor dem »Pflegeheim für Lehrlinge«. Das helle Gebäude sah in der Septembersonne, die so hell schien, doppelt so freundlich aus. »Wie hell das ist!« »Nicht wahr? Doch – Licht ist etwas Herrliches.« Mein Führer sah sich einen Augenblick lang nach der hellgrauen Fassade, deren Fenster erstrahlten, um, nach dem Bassin, wo an »großen Tagen« ein kleiner Springbrunnen plätschern soll, nach dem stattlichen Eingangsportal, von dem uns Marmorstufen ins Vestibül führen, und es waren Stolz und Rührung in seiner Stimme, als er sagte: »Nicht wahr, nicht wahr – hier können sie es gut haben!« »Das können sie. Was steht da über der Tür?« »›Auf der Erziehung der Jugend beruht des Vaterlands Zukunft.‹ Wir hielten das für passend … Jetzt aber müssen wir hinein.« Wir gehen ins Vestibül die Treppe hinauf. Emsig werden noch Geländer geputzt und Türen poliert, aber es geht schnell. »Sie können sicher verstehen, daß es den Handwerkern eine Freude war zu sehen, wie die Jungen es haben werden … So hatten sie es noch nie … Nun – die Zeit schreitet voran, Gott sei Dank … Sollen wir hier zuerst nach links gehen?« – Es ist der Speisesaal. Ein heller, hoher und freudlicher Raum mit Fenstern auf beiden Seiten, sowohl zur Straße als auch zum Hof hin, mit mehreren hellgrauen Pfeilern, die die Decke tragen. Hier können an den drei großen Tischen, die bereits mit den Hockern im Saal aufgestellt sind, hundert essen. Hinten befindet sich die technische Anlage zum Anrichten. Hier wird das Essen auf- und abgenommen und kann schnell auf den Tisch gebracht werden. Hier werden die Lehrlinge morgens, mittags und abends ihre Verpflegung erhalten. Zu Mittag zwei Gerichte, gut und kräftig, eine Vorspeise und einen Nachtisch, zu den anderen Mahlzeiten sonst belegte Brote und Bier. »Hier ist Platz für hundert – aber Sie wissen, wir können nur mit vierundfünfzig beginnen. Das Geld reicht nicht. Es ist für den Verein teuer, Kinder auf unsere Kosten aufzunehmen, und dann noch die Hälfte kostenlos … und die Lotterie … es gibt heutzutage soviele Lotterien.« »Ja, man kann nichts daran verdienen. Es kostet doch fünf Kronen wöchentlich?« »Ach, so ungefähr … Der Preis richtet sich nach der finanziellen Leistungsfähigkeit, und viele zahlen ja gar nichts. Im übrigen haben wir uns gedacht, daß hier im Speisesaal die Arbeiter vielleicht essen könnten – von zwölf bis zwei – dort an einigen Tischen … Viele sind junge Gesellen, die noch einer hilfreichen Hand bedürfen. So bekämen sie billiges Essen bei der Haushälterin.« Alles im Haus ist freundlich und geräumig – selbst hier in den Kellerräumen. Wir gehen umher und betrachten alles. Die große Küche mit ihren Porzellanfliesen und dem riesigen Herd. »Hier gibt es Essen für viele Münder«, sagt der Führer, »täglich, und man braucht einiges, um den Hunger eines Sechzehnjährigen zu stillen.« Dort in der Ecke ist eine Glasscheibe und eine Luke. Sie dient der Spende von Resten an die Armen. Einige können etwas dafür bezahlen, anderen bekommen sie umsonst. So verdirbt nichts. Es ist überall hell. Hier gibt es für die Freizeit der Lehrlinge Werkstätten zum Basteln. Schöne, große Räume, wo sie sich sonntags und an den langen Abenden beschäftigen können. Wenn sie viel zu tun haben, langweilen sie sich nicht und überlegen sich keine Dummheiten. Hier gibt es Platz und Ruhe – werktags, wenn die Heimbewohner draußen in den Werkstätten der Stadt sind – um die »freiwilligen Gesellenstücke« zu fertigen, und es ist beabsichtigt, daß auch fremde Lehrlinge hierher kommen können, um hier zu arbeiten. »Wir halten die Gesellenstücke für wichtig. Sie schärfen den Ehrgeiz – und davon sollte man etwas haben, wenn man sich nach vorne kämpfen muß.« Übrigens, im Keller gibt es Badezimmer und einen Desinfektionsraum. Jeden Samstag sollen die Heimbewohner ins Bad – eine Dusche gibt es auch – es bleibt während der Woche beim Besuch der Werkstätten und der Straßen so viel Staub haften, und der Lehrling muß ja überall hin. Deshalb ist es gut, sauber gewaschen in die neue Woche zu gehen. Der Desinfektionsraum mit den großen Öfen ist genauso notwendig. Alles wird gereinigt, wenn sich irgendwo ein Problem zeigt – was leicht geschieht, wo so viele an so mannigfaltigen Orten zusammen sind … Dort behandelt man mit Dampf und reinigt die Kleidung … Lustig sieht hier unten auch der Schuhputzraum aus, mit seinen hundert Spinden für Schuhe und Stiefel. Jeder Lehrling hat seinen Spind; morgens – und zwar früh morgens –, denn die Arbeit in unseren Werkstätten beginnt nicht spät – muß man hierher, um seine Stiefel zu putzen, bevor man sie sich anzieht; kommt man wieder heim, geht man durch den Eingang und durch die kleine Tür hier beim Putzraum – hier wechselt man die Schuhe und zieht, bevor man hochgeht, das Paar trockener Schuhe an, das in jedem Spind ist … Denn alles muß seine Ordnung haben, und die Treppen müssen sauber bleiben. Oben im zweiten Stock auf der anderen Seite des Gangs liegt der große Lesesaal. Es sollen noch Tische hineingestellt werden, und dann erwartet man, daß gute Menschen, Verleger und Buchhändler, etwas auf die Tische legen werden. Sie lesen so gerne, viele der jungen Lehrlinge, aber den Lesestoff, den man am leichtesten erhält, die Heftchen, die sie jede Woche für zehn Öre kaufen können, die Regenbogenhefte – das ist nicht immer das Beste … nun werden aber, wie gesagt, gute Leute, die die Mittel dazu haben, das eine oder andere schenken, so daß die Jungen an den Winterabenden hier unter den Lampen das eine oder andere lesen können … Gutes und Nützliches. »Rocambole« Rocambole: (span.) »Knoblauch«. Name eines Romans, der vom edlen Räuber Rocambole (fiktive Abenteurergestalt) handelt; Verfasser ist Pierre Alexis, Vicomte de Ponson du Terrail (1829-1871), seinerzeit bekannter Feuilleton-Romanschriftsteller, der mehrere Pariser Zeitungen zugleich versorgte. Er war ein sprichwörtlicher Vielschreiber; allein der Bücherkatalog wies für 1858-1859 sage und schreibe 63 Bände dieses Schriftstellers auf. »Rocambole« erschien 1863 ff. in dem Pariser Boulevardblatt Le petit Journal und fand in vielen europäischen Ländern große Verbreitung. Die ersten dänischen Übersetzungen erschienen bereits 1868-1870, ließen die Handlungen jedoch in Kopenhagen statt in Paris spielen; sie waren besonders in der Arbeiterklasse äußerst beliebt (Holger Drachmann,»Maaneskin« 1883). beflügelt die Phantasie, und es sind vernünftige Leute, die meinten, all dieses Blut und die Schrecken der Gefängnisse seien in solchen revolutionären Zeiten nicht tunlich. Und es ist wohl Tatsache, daß hier Rekruten für die Partei der Ordnung erzogen werden sollen, für die Schar, die in Respekt und Disziplin aufgeht, die zur gleichen Zeit lernt, sich selbst zu achten und andere zu achten … Hier in diesen großen hellen Räumen soll man ordentlich und in Arbeit leben. Man soll lernen, einen Beruf auszuüben, und man soll begreifen, daß Arbeit ein Segen ist … Während ich mich hier umschaue, verfolgen mich beständig andere Bilder, Bilder, die ihre eigene Fähigkeit haben, sich oft und vielmals vorzudrängen, bald hier und bald dort, eine Fähigkeit zu mahnen, zu erschrecken und einen aus seiner guten Ruhe aufzujagen … Denn es gibt in dieser Gesellschaft Elend, das man nicht vergißt, wenn man es einmal gesehen hat, und obwohl man beschuldigt wird, bald mit seiner Schilderung Geschäfte zu machen, bald sich zu wiederholen, bald nervös zu sein und seine dumme überstarke Gereiztheit zu übertreiben – muß man doch weiter daran denken. Denn in jener entsetzlichen Gegend, »dem Glacis der Landstreicher«, dort hungert man, dort hat man kein Brot, dort lebt das Elend in fruchtbarer, schrecklicher Ehe mit dem schlimmsten Laster … »Sehen Sie«, sagte der Führer, »wenn man nicht viel hat … gerät man auf Abwege; und sechzehn Jahre ist man alt, und alle Kneipen stehen offen … und so geht man zugrunde.« Dieses »Zugrundegehen« bedeutet, für die Gesellschaft verloren zu sein. Zuerst ins Elend zu geraten und dann gegen alle Groll zu hegen, die glücklicher sind; in Haß zu leben; zu hungern, während man die Satten beneidet; Kinder in die Welt zu setzen, so elend wie man selbst! Keine Heimat außer den Kneipen zu haben, keine Arbeit, die man nicht als Fron des Elends bezeichnen müßte. Die Kinder bedeuten Münder, die gesättigt werden müssen, die Frau ist ein Wesen, das man fürchtet … Aber dieses Lehrlingsheim hier soll Vorbild für andere Arbeiterheime sein, für zufriedene, arbeitssame Menschen, von denen jeder seinen Teil der Arbeit und der Mühsal auf sich nimmt. Wo man so viel gelernt hat, was oft wenig ist , und wo man gelernt hat, sich in die große Maschinerie einzuordnen … »Aber sehen Sie«, sagt der Führer, »aber pfiffig muß man sein. Die Jungen von jedem Vergnügen fernzuhalten, hat keinen Sinn. Trauerklöße gelten im Leben nicht viel. Wir haben uns vorgestellt, hier drinnen einen Chor zu gründen – Singen macht das Herz weit und stärkt die Lungen. Dann wollen wir auch schauen, daß wir einen der Kellerräume als Sportraum einrichten – man muß tun, was man kann. Ziel ist, hier eine Heimat anzubieten – draußen sollen sie sich nach hierher sehnen und es gemütlich haben, wenn sie kommen. Die Gefahren lauern draußen, aber die Jungen mit Predigten zu schützen und sie mit Ermahnungen festzuhalten – würde nicht viel nützen. Es hätte zur Folge, daß sie wegliefen.« »Damit haben Sie Recht. Eine klare Erziehung schafft einen glücklichen Sinn.« Wir kommen oben an. Direkt an der Treppe ist das Arztzimmer. Jeden Wochentag muß der Lehrling zum Arzt, das bedeutet nicht, daß er ihn untersucht; er will ihn bloß sehen, ein wenig mit ihm sprechen, wissen, daß er da ist; er hat ein wachsames Auge auf alle. »Das genügt. Bloß, daß er weiß, man paßt auf ihn auf; dann braucht er nichts zu verheimlichen.« Zu beiden Seiten haben wir die Schlafsäle. Sie sind in kleine Räume mit Bretterzwischenwänden geteilt. In jedem Raum stehen drei Betten, ein großer Schrank, dreigeteilt, mit zwei Schubladen für jeden Lehrling. Außerdem drei Stühle und ein Tisch. Der Saal ist so aufgeteilt, um es häuslicher zu gestalten. Im Alter von 14 bis 18 mögen es nicht alle, mit so vielen zusammenzusein. Hier haben sie nun kleine Gruppen in der Gemeinschaft, eine Stütze für eine engere Kameradschaft. Wie gut doch alles eingerichtet ist! Sehen Sie sich nur den Tisch mit dem festen Tintenfaß und dem kleinen Pult an! Es ist an alles gedacht: Hier kann der Lehrling sich hinsetzen und in seinem eigenen Zimmerchen schreiben, und er kann sich wie zu Hause fühlen. Die Waschgelegenheit findet sich am anderen Ende des Saales – Waschschüssel an Waschschüssel wie in der Akademie von Sorö. Sorö: Stadt auf Mittelseeland (1906: 2 335 Einwohner), heute etwa 6 800 Einwohner. Ursprünglich Zisterzienserkloster, 1162 von Absalon gegründet. In der Klosterkirche befindet sich unter anderem das Grab Ludvig Holbergs. Die Stadt ist durch Sorö Akademi berühmt. Herman Bang war von 1871-1875 Schüler in der Sorö Akademi (siehe Anmerkung 6). Im Ganzen wird man hier oft an die Akademie Sorö-Akademie: Die Akademie ist die Fortsetzung der alten Lateinschule des Zisterzienserklosters und eine der berühmtesten Internatsschulen Dänemarks. 1586 wurde die adlige Schule von Sorö errichtet und ab 1623 als königliche und adlige Ritterakademie bis 1665, die Schule jedoch bis 1737 weitergeführt. 1747-1793 wurde eine neue Akademie eingerichtet. Sie brannte 1813 ab. Die heutigen Gebäude stammen aus den Jahren 1822-1827, ein Internatsflügel aus dem Jahre 1960. Heute beherbergt das Gymnasium 170 interne und 180 externe Schüler (2001). erinnert. Dieselben geräumigen Säle, helle Gänge und hohe Räume. Hier scheint alten Sorianern, während sie umhergehen, die Kindheit wieder aufzuleben. Im zweiten Stock liegen wieder Schlafsäle – leer. Denn das Geld reichte nicht. In diesen Sälen soll nun ein Basar abgehalten werden; ihre Leere soll die Leute daran erinnern, daß hier noch für ein halbes Hundert Platz ist, die auf eine Wohltat warten, die nirgendwo besser vollbracht würde als hier. Hier hat man nämlich an alles gedacht. Der »Lehrlingsverein« hat sich mit diesem Gebäude ein schmuckes, außerordentliches Denkmal gesetzt und hat uns allen den Weg gezeigt, viele Schattenseiten des Großstadtlebens wieder wettzumachen. Was er bewirkt hat, kann nur der erste Schritt sein, aber unsere Pflicht ist es, sofort und unablässig den Verein zu befähigen, all das Gute durchzuführen, was in diesem Gebäude getan werden kann. Man muß weitergehen. Es gibt Platz für mehr Heime, den Wunsch nach mehr. »Besonders in Christianshavn«, sagte mein Führer, »niemand weiß genau, wieviel Elend es in Christianshavn gibt, und man darf es sich nicht einfach vermehren lassen, man muß es aufgreifen und die Ansteckung begrenzen.« Er hat Recht, und während wir uns dieses große Haus anschauen, wo wache Umsicht über allem waltet, denke ich nur an eines: Wie kann man wohl das Geld zusammen bekommen, um diese restlichen 50 Plätze noch zu besetzen? Denn das Haus muß bald ganz belegt sein, und dort, wo soviel Hilfe geleistet wird, muß wohl auch Hilfe für dieses Werk gefunden werden können. Und es gibt viele, die helfen können; ein großer Teil der Gesellschaft, Soldaten der Zukunft in dem großen Haushalt – hier muß es ja viele geben, die für diese Bitte ein Ohr haben; viele, die sich selbst empor gekämpft haben, die alle »das Glück mit sich« gehabt haben, das heißt: Sie waren arbeitsam und fleißig, und jetzt sind sind ehrenwert, geachtet und wohlhabend. Sollten sie hier nicht helfen? Diejenigen, die sich vielleicht an ihre harten Tage und mühsamen Jahre erinnern; die vielleicht ein Heim vermißt haben, und die so hart gekämpft haben, um das zu werden, was sie jetzt sind? Sie würden sich alle wünschen, den anderen den Weg zu ebnen, damit die Prüfungen für die Jugend weniger schwer seien. Die eine oder andere Erinnerung wird ihnen vielleicht helfen. Denn sie selbst sind nun glücklich und geachtet – aber vielleicht taucht, wenn sie zurückdenken, die Erinnerung an ein halbvergessenes Gesicht eines Kindheits- oder Jugendfreundes auf. Ein frohes und munteres Gesicht mit roten Wangen und einem frischen Lächeln … Wie artig, brav und frisch er war … Wo ist er jetzt? Er ist auf der Strecke geblieben … es erging ihm schlecht … Niemand weiß, wo er geblieben ist, aber wahrscheinlich – ist er zu Grunde gegangen … Und dann hielten sie sich nicht zurück, sondern fördern und helfen alle zusammen. Das vollendete Werk hat immer seine eigene Macht: Man sieht, hier steht etwas. Das Werk ist bereits getan; dann spendet man lieber sein Scherflein. Während das Gebäude gebaut wurde, hat mehr als ein Handwerker in seiner Freizeit, sonntags, hier ohne Bezahlung gearbeitet. Auf unsere Weise sollten wir es ihnen gleichtun: dem Arbeiter, der in seiner Freizeit die Inschrift über dem Eingang gemeißelt hat. – »Denn«, sagte er, »hier soll alles etwas Besonderes sein.« Wir steigen noch ein Stockwerk höher. Es liegt unter dem Dach. Das Dachgeschoß dient als Festsaal des Heims. Es ist zugleich schmuck, bequem und mit seiner Ausschmückung original wie ein Zelt und dessen rundes Dach. Hier werden die Vorträge gehalten. Diese Vorträge sind immer sehr gut besucht, und es kommen gleichermaßen Alt und Jung. Wir haben unseren Rundgang beendet. Wir haben alles gesehen. Ich meinerseits – und im Lauf der Jahre sieht man einiges – habe nie ein solch gelungenes, ein so gut durchdachtes und durchgeführtes Werk gesehen. Es ist zu hoffen, daß es zum Segen gereicht, und daß der Nutzen, den dieses Haus haben wird, der tiefste Dank an jene sein wird, die jahrelang ihre Kräfte für dieses Vorhaben hingegeben haben. An die Öffentlichkeit muß man sich noch einmal wenden, um ihr die Veranstaltung zu empfehlen, wo jeder durch sein Handeln seine Anteilnahme am »Heim der Lehrlinge« zeigen kann: den Basar des Heims. Unsere Künstler werden sicher die Gelegenheit ergreifen, auf ihre Weise eine so ehrliche und zahlreiche Gruppe zu unterstützen, von der so viel ausgegangen ist: Sie werden den Basar so unterhaltsam machen, daß man Spaß daran hat – während man die gute Tat tut. So tragen alle ihr Scherflein bei. Und zeigen Sie, daß unser Wille mehr als ein frommer Wunsch für dieses Werk ist – nämlich ein bescheidenes Handeln in dessen Dienst. Denn das »Lehrlingsheim« ist sicher das erste Haus, das einen Weg aufzeigt, den die Gesellschaft gehen muß, um den vielen Schattenseiten der modernen Zeit Einhalt zu gebieten. 5.11.1882 Der Fremde Er war fremd, und niemand in der Stadt wußte genau, woher er gekommen war. Er mietete sofort zwei Zimmer am Weg zur Plantage, und es sah aus, als wolle er sich zur Ruhe setzen. Natürlich redete man viel über ihn. In solch kleinen Städten fehlt es den Leuten an Stoff, und jeder erhoffte sich etwas von dem Fremden für sich, jetzt, wo der Herbst mit seinen langen Regentagen und seiner grauen schweren Luft gekommen war. Der Vogt und der Amtsarzt meinten, möglicherweise könne man ein L'Hombre L'hombre: Von den Spaniern erfundenes Kartenspiel, von drei Personen mit französischen Karten ohne die 8, 9 und 10 (also mit 40 Blättern) gespielt. spielen, ohne zu dem Kontrolleur Zuflucht nehmen zu müssen, der am Spieltisch immer einschlief; die Frau des »Fabrikanten« erhoffte sich einen Komiker für die Klubkomödie, und so hatte jeder seine eigenen Vorstellungen. Selbst die junge Frau des Ingenieurs schob die kleinen Scheibengardinen an ihrem Nähzimmer etwas zurück und sah hinaus, als der Fremde vorbeiging. Sie starb fast vor Heimweh nach Kopenhagen in ihrem Nest, wo die Palmen von ihrer Hochzeit im Mai noch frisch waren; alles war neu und gepolstert, und die vergoldeten Visitenkartenschalen prangten ganz neu und ganz leer … Jetzt war es hart. Solange der Sommer dauerte und sie Vilhelm auf seinen Fahrten begleiten konnte und sie ihre Schwestern zu Besuch hatte; aber jetzt zur »Saison« waren sie abgereist, und der Zeitung entnahm sie, daß drüben alles begonnen hatte, Gesellschaften und Bälle und die ersten Vorstellungen … Wenn Vilhelm und sie abends zusammensaßen, nah beim Kachelofen – welch eine Kälte herrschte doch in dieser Wüste – legte sie die Stickerei in ihren Schoß und sagte: »Was spielen sie heute abend?« »Der Fremde.« »Dann sind sie gerade beim zweiten Akt. Erinnerst du dich, wie sie Gerard trifft …« Und die junge Frau spricht genauso klagend wie die arme Catherine de Septmonts und beginnt wieder zu sticken, mit einem tiefen Seufzer … »Bereust du es, Ragna?« Die junge Frau lächelt: »Ja, würde ich dich weniger lieben – ach, Vilhelm, hier ist es schrecklich.« Und sie küßten sich. Aber jetzt brachte er vielleicht einen Hauch des geliebten Kopenhagens, er, der Fremde. Es war nicht leicht zu erkennen, ob er jung oder alt war. Sein Gesicht war nicht alt, besonders nicht die Augen. Wenn er dann und wann auf der Straße stehen blieb und dem Fangen-Spiel der Kinder zusah und wenn ein eigentümlich mildes Lächeln um seinen Mund spielte, der sonst so fest geschlossen war – konnten seine Augen, die blau und groß waren, mit einem Mal so jung und mild leuchten. Die Kinder sahen dies, und eines Tages ging des Schneiders kleine Else fort vom »Unhold« und ergriff ihn an der Hand, ohne etwas zu sagen. Sie stand nur da und lachte und lächelte zu ihm auf, bis er sie hochhob und küßte. Das Gesicht konnte noch jung sein, und sein dichtes Haar war verwilderte Üppigkeit. Aber der Gang des Fremden war der eines alten Mannes. Er ging mit gekrümmtem Rücken und gebeugten Knien, als trüge er eine schwere Bürde oder kämpfte gegen den Sturm. So ging er. Und traf der Kontrolleur ihn auf seinen Wanderungen draußen am Dünenweg, »sah der Fremde ›so fahl und dunkel wie ein Gespenst‹ aus«, sagte er … »Dieser Dr. Faust«, Dr. Faust: Literarische Figur, die Ende des 16. Jahrhunderts zuerst in der lateinisch geschriebenen Unterhaltungsliteratur auftaucht und zwischen 1570 und 1575 von Christoph Roßhirt in seiner »Historia von D. Johann Fausten« ausgeschmückt wurde. Das Buch beschreibt vor dem Hintergrund der orthodox-lutherischen Theologie Leben und Taten des historischen Johann Faust, der zum mahnenden Beispiel gottlosen Lebens wird. Der Alchimist, Astrologe und Magier, um 1480 in Knittlingen (Württember) geboren und um 1540 in Staufen bei Freiburg i. Br. gestorben, galt mit seinen Indivualitätsstreben und seinem Erkenntnisdrang und Genußstreben als das Sinnbild des Renaissancemenschen. sagte der Vogt bei der ›Partie‹, »weiß der Himmel, wer er ist.« Denn man war inzwischen in seinen Hoffnungen enttäuscht und ungehalten. Der Fremde trat dem Klub nicht bei und kam nie ins »Hotel«, er streifte nur auf dem Weg durch die Dünen umher. Aber in solchen kleinen Städten muß man Klubmitglied sein und am Sonntag nachmittag in der Schenke einen Grog trinken. Unterhielt man sich jedoch, hörte der Fremde nichts davon, und es war auch ziemlich schwer, Themen zu finden. Er lebte allein, sprach nie mit jemandem. Die Frau, die bei ihm putzte, nannte ihn einen »schwer« netten Herrn, der genügsam war. Das meiste, was er hatte, waren Bücher, die seine Gesellschaft bildeten. Und dann gab es vielleicht Gedanken, mit denen der Fremde Gesellschaft hielt. Manchmal, wenn der Arzt zu einem späten Besuch wegmußte und an dem kleinen Haus am Plantagenweg vorbeiging, sah er durch die unverdeckten Scheiben Licht. Dann saß der Fremde oft, das Gesicht in die Hände gestützt, an der Fensterbank und starrte in den Herbstabend hinaus, der dunkel und traurig war. Und wenn der Arzt zurückkehrte, sah er ihn immer noch unbeweglich an demselben Fleck. Schließlich hört man auf, über den neuen Menschen zu reden. Man nahm ihn so, wie er war. Er war ein einziges Mal bei dem Ingenieurehepaar gewesen. Der Ingenieur hatte ihn auf seinen Fahrten getroffen. »Er läuft auf den Feldern herum, du«, sagte er zu Ragna, »gleichgültig, ob es frisch gepflügtes Land ist oder nicht – völlig rastlos, und Gott weiß, was los ist.« – Und eines Tages brachte er ihn mit nach Hause. Ragna fand ihn interessant. Sie aßen zu Mittag, und als sie vor dem Kachelofen Kaffee tranken, begann die junge Frau, den Fremden auszufragen. Aber viel erfuhr sie nicht, und als der Fremde sich erhob und sich zum Abschied verbeugte, sagte er mit einem Lächeln: »Nein, gnädige Frau, ich habe keinen Roman zu erzählen.« Die Frau wurde böse und bat ihren Mann, ihn nicht mehr nach Hause mitzubringen. Aber in den nächsten Tagen dachte sie oft daran, wie hübsch er sich verbeugt hatte. Der Herbst verging, der Winter kam. Am Meer lagen die Dünen schneebedeckt, und der Sturm heulte. Der Strandvogt sah Tag für Tag von seinen Fenstern aus, wie der Fremde aus der Stadt sich gegen den Weststurm vorkämpfte und sich die Dünen hinauf und hinab abmühte. Er ging den Strand entlang, Tag für Tag, gebückt und mit gebeugtem Rücken, als sänke er unter einer schweren Bürde in die Knie. Auch der Winter verging, und es begann, Frühling zu werden; mit dem schweren Geruch in der Luft und dem Leben, das überall sproßt. Die Bäume auf der Plantage knospten, große feuchte Knospen, bereit zum Ausspringen, und überall war Erneuerung und Empfängnis. In der Stadt blieb alles beim Gleichen. Bei dem Ingenieursehepaar erwartete man Verwandte als Paten, und die »Partie« des Vogts war für dieses Jahr zu Ende … Die kleine Else des Schneiders war an Masern gestorben. Der Fremde hatte gehört, sie sei krank, und er war gekommen, um sie zu besuchen. Von da an kam er jeden Tag, und er schnitt Bilder aus seinen großen Büchern aus und saß Stunde um Stunde bei ihr unermüdlich am Bett, und er erzählte ihr Märchen, bis zu sie aufhörte zu weinen. Aber trotzdem ging er nicht zu ihrer Beerdigung. Sonst lebte er wie üblich. Er ging nur nicht mehr zum Meer, jetzt durchstreifte er die Plantage, wo die Anemonen blühten. Er wanderte dort, das Frühjahr um sich, gebeugt und müde, als hätte er beim Heben seiner Beine Schmerzen. Er hatte vielleicht etwas mehr Falten um seinen Mund und etwas mattere Augen – sonst war alles wie früher. Dann kam eines Morgens die Frau, die in dem kleinen Haus bei der Plantage putzte, bleich und atemlos in den Polizeiposten gestürzt und begann, plötzlich loszuheulen, wobei sie vergaß, die Tür zu schließen. Der Beamte legte die Pfeife zur Seite und fragte sie, ob sie noch ganz bei Trost sei. Solch einen Aufruhr war man hier auf dem Revier nicht gewöhnt. Aber die Frau schrie weiter und sagte, er sei tot. Es war der Fremde – er war so still am Tisch gesessen –, als sie gerade gekommen war um zu putzen – und da war er tot. Der Vogt fuhr aufgrund des lauten Heulens aus seinem Büro hervor, und mit einem Mal, mitten in der Erklärung der Frau, begann er nach seiner Uniform zu schreien und stob mit dem Beamten auf den Fersen zum Amtsarzt hinab und rief: »Dr. Faust hat sich das Leben genommen!« Den beiden Beamten zitterten die Knie vor Neugier, während die Frau erklärte und erklärte, bis sie das Haus erreichten. »Ja, er sitzt noch genauso da«, sagte sie und öffnete die Tür zum Zimmer. Er saß ruhig da, als schliefe er; im Stuhl zurückgelehnt. Der Mund stand leicht offen. Im Zimmer herrschte Ordnung, auf dem Tisch neben dem Leichnam stand ein Glas. »Ja, er ist tot«, sagte der Amtsarzt, der ihn abtastete und dann das Glas erblickte. Die beiden Beamten rochen an der Flüssigkeit und begannen zu flüstern. Dann fragte der Vogt nach Schlüsseln. »Die Schlüssel, die vorhanden sind, staken …« Er hatte keine großen Verstecke gehabt. Die beiden Herren ließen den Leichnam sitzen und begannen, mit Schlüsseln und Schubladen zu hantieren. Sie taten dies ausdauernd, denn es mußte doch eine Stelle geben, wo man etwas fände. Aber sie fanden nichts. Die Möbel waren gemietet, und es gab keine Geheimnisse. In einer Brieftasche fanden sie einen Taufschein und 130 Kronen. Krone: heutige Kaufkraft 1 dkk = ca. 7–8 € (2008), 130 Kronen entspricht ca. € 1 000,–. Schließlich beendeten sie die Suche und gingen nach Hause. Der Leichnam saß immer noch auf dem Stuhl und war völlig vergessen worden. Der Fremde war tot, und der Pfarrer, der ein schreckliches lateinisches Wort auf dem Totenschein las, beschränkte sich darauf, am Grab ein Vaterunser zu beten. Seine Hochwürden konnte mit gutem Gewissen sagen: Ich kannte ihn nicht.   Es war jemand, der in der Verbannung gestorben war. Warum war er vor dem Leben geflüchtet – wer mag das wissen? Vielleicht hatte ihn ein bitterer Schmerz getroffen und er war von schlimmen Wunden geschlagen, die ihn hier verbluten ließen. Die Tage können wie Wellen erstickenden Sandes über einen Menschen kommen, und das Leben kann wie die Wüste zu einem erstarrten Meer werden … Vielleicht geschah es mit diesem Fremden so. Durch den Winter mit seinen langen Tagen war er gekommen, aber jetzt, wo der Frühling mit seiner Fruchtbarkeit und seinem Leben gekommen war, wünschte der Fremde zu sterben. 3.12.1882 Religion auf der Richtstatt In der Zeit von 1866 (Einführung des zur Zeit Bangs geltenden Strafgesetzbuches) bis 1892 wurden etwa 50 Delinquenten zum Tode verurteilt. Davon wurden 4 Todesurteile vollstreckt, nämlich an dem Muttermörder Hans Hansen (1869), dem Raubmörder Rasmus Pedersen Mørke (1881), Anders Nielsen »Sjællænder« (von dem die folgende Reportage handelt) und dem Zuchthäusler Jens Nielsen (1892). Die Hinrichtungen wurden mit dem Schwert durchgeführt. Ein Pfarrer mußte den Verurteilten, der auch das Recht auf das Abendmahl hatte, auf den Tod vorbereiten. Der Pfarrer war verpflichtet, den Verurteilten auf die Richtstätte zu begleiten und dort bei ihm zu sein. Bis einschließlich 1882 waren diese Hinrichtungen öffentlich, aber in jenem Jahr schlug die Regierung vor, die Hinrichtungen »intra muros«, also innerhalb des Gefängnisses, durchzuführen. Dieser Vorschlag wurde zwar kein Gesetz, aber die Hinrichtung von Jens Nielsen 1892, die bis zum Jahre 1945/46 in Dänemark die letzte war, wurde trotzdem im Gefängnishof von Horsens in Anwesenheit seiner Mitgefangenen durchgeführt.   Wenn verhältnismäßig lange Zeit vergangen ist, bis ich einzelne persönliche Eindrücke niederschreibe, die ich bei der Hinrichtung auf Solbjerghøj Solbjerghøj: Anhöhe bei Næsby, ca. 10 km südlich von Nakskov. gewonnen habe, geschieht dies mit wohlberatenem Bedacht. Zu jenem Zeitpunkt selbst brachte die traurige Exekution Exekution: Herman Bang geht absichtlich nicht auf die außerordentlich grausamen Umstände dieser Hinrichtung ein: Der Scharfrichter war volltrunken; er konnte sich auf dem zusammengetretenen Schnee vor dem Richtblock nicht halten. Er führte zwei Fehlschläge aus. Erst beim dritten Mal gelang ihm die Trennung des Kopfes von dem verstümmelten Körper. sicher genügend Verwirrung und Schrecken mit sich; dies weiter zu schüren, war unnötig, vielleicht gefährlich. Jetzt, wo das Publikum so langsam vergißt, ist es um so notwendiger, alle Begebenheiten, die nicht vergessen werden dürfen, in das Gedächtnis zurückzurufen und wie es, bis das Wesentlichste an diesen Verhältnissen geändert sind, wieder und wieder unausweichliche Pflicht ist, daran zu erinnern – Pflicht für all die, die an jenem Tage zur Stelle waren, als die Todesstrafe auf eine Weise vollzogen wurde, die das Rechtshandeln der Gesellschaft zu einer öffentlich vollzogenen Schlachtung machte. Insbesondere hat mich die außergewöhnliche Seite des Geschehens, die ich zu behandeln wünschte, zurückgehalten und mich zögern lassen. Ich habe erwartet und gewünscht, daß andere, Männer mit größerer Autorität, am liebsten auch Vertreter der Staatskirche Staatskirche: Die evangelisch-lutherische Kirche Dänemarks ist kirchenrechtlich gesehen keine Staatskirche, sondern seit der Verfassung von 1849 eine Volkskirche (auch in den Verfassungen von 1866, 1915 und 1953. In § 4 der Verfassung von 1953 heißt es: »Die evangelisch-lutherische Kirche ist die dänische Volkskirche und wird als solche vom Staat unterstützt.« Weiter heißt es in § 6: »Der König muß der evangelisch-lutherischen Kirche angehören.« Und in § 66: »Die Verfassung der Volkskirche wird durch Gesetz geregelt«. Pfarrer und Bischöfe sind Staatsbeamte, die bis heute auch Standesamtsfunktionen wahrnehmen. selbst, das Wort ergriffen und die Diskussion über die Rolle der Religion auf der Hinrichtungsstätte begönnen. Aber da dies immer noch nicht geschehen ist und selbst eine Sache wie diese in den Augen des Publikums, das allzu eilig vergißt, sehr schnell überholt ist, scheint es an der Zeit zu sein, nicht mehr länger zuzuwarten. Die ganze Frage nach der religiösen Seite des Geschehens wurde fast ausnahmslos in allen übermittelten Berichten gründlich vertuscht. Das scheint mir ein Glück zu sein, denn wenn überhaupt in einer Angelegenheit dann in dieser, ist es sicherlich notwendig, in allen Fragen, die auf die eine oder andere Weise die Religion berühren, ruhig, gemessen und rücksichtsvoll vorzugehen: nirgends kann ein heftiges Wort leichter verletzen und die tiefsten Überzeugungen kränken. Aber wie sehr man es auch herabspielte, wie gewissenhaft man auch jeden Satz abwog, war es fast unmöglich für den, der dem Geschehen bei Nakskov Nakskov: Hafenstadt an der Westküste Lollands; hatte um 1900 etwa 8 000 Einwohner (2008: 14 000). Damals lebte die Stadt vom Kornhandel, der Zuckerherstellung, dem Maschinenbau, Schiffbau und der Schiffahrt. beiwohnte, den einen oder anderen Ausdruck von Erbitterung und Erregung zu unterdrücken. Deshalb meine ich, daß man den Männern, die eine entgegengesetzte Lebensanschauung und Überzeugung haben, dankbar sein muß, daß sie nicht die Gelegenheit wahrnahmen, mit allem Übrigen sofort die Religion anzugreifen. Was mich betrifft, werde ich mich bei diesem Thema streng jeder Bemerkung enthalten, die solche dummen Plattheiten beinhalten könnte, von denen ich mehr als jeder andere meine, daß man sie in solch ernsten Angelegenheiten vermeiden muß. Zu Beginn will ich gleich darauf aufmerksam machen, daß Pastor Nielsen während des ganzen Geschehens einen ruhigen Ernst bewahrte, der in starkem Gegensatz zur Formlosigkeit der ganzen Veranstaltung stand. Wollte man dem Pastor etwas vorwerfen, dann lediglich, daß er zu lange sprach und daß er, nachdem er seine lange Ansprache beendet hatte, den Todeskampf noch verlängerte, indem er das »Vaterunser« betete, während Anders Nielsen vor dem Richtblock wartete. Aber ich zögere, selbst diesen Vorwurf an den Pfarrer zu richten. Denn was uns als unglaubliche Verlängerung der Todesqual vorkommen mag, bedeutet für ihn ernste Pflichterfüllung. Er muß gemäß seiner Überzeugung bis zuletzt versuchen, die Gedanken des Verbrechers dahin zu leiten, was ihm als einzige Rettung des Sünders erscheint.   Dies kann man verstehen. Aber trotzdem könnte man sicher sowohl Pastor Nielsen als auch alle seine Amtsbrüder anfragen, ob nicht die Form der Frage des Pfarrers auf der Richtstatt selbst auf die Fehleinschätzung, der der Pfarrer hier unterlag, hinweist. Pastor Nielsen hatte – und hier stoßen die Menschlichkeit und die ethischen Anschauungen des Christentums feindlich aufeinander, ohne daß es leicht wäre, zwischen ihnen zu richten, soweit der Pfarrer von redlicher Überzeugung geleitet wird – drei Wochen verlangt, um den Verurteilten auf den Tod vorzubereiten. Bei der bestehenden Gesetzeslage kann der Staat seinen eigenen Kirchenbediensteten diese Frist nicht versagen, wenn sie sie verlangen, und Pastor Nielsen bekam diese drei Wochen auch zugestanden. Aber wenn der Pfarrer ungefähr zwanzig Tage lang den Gefangenen von Angesicht zu Angesicht traf, wenn er und der Gefangene in diesen langen Tagen Stunde um Stunde sozusagen in Gesellschaft dieser großen Mächte, der Religion und des Todes, verbringen konnten, hätte man da nicht auf der Richtstätte selbst auf diese zehn Minuten verzichten können? Auf diesen Punkt allein weist die Form der Frage des Pfarrers. Denn alles, worüber Pastor Nielsen auf der Richtstätte sprach, war in den stereotyp wiederkehrenden Satz gegossen: Sag mir, ob es wahr ist, was du mir berichtet hast, daß du … und so weiter. Der Gefangene hatte also seine Sünden erkannt, hatte seinen Glauben bekannt, hatte seine Reue ausgesprochen … aber in solch einem Fall scheint doch diese letzte Bekräftigung, die mit Sicherheit von der unausweichlichen Todesangst geprägt sein muß, ziemlich überflüssig. Einmal muß der Pfarrer doch aufhören, denn er bekommt trotzdem nie mehr als ein Wort für die Reue. Eine andere Sache wäre es, wenn der Diener der Kirche an der Reue des dem Tode Geweihten zweifelte . Was aber dies betrifft, wird behauptet, er habe volles Vertrauen in die Aufrichtigkeit der Reue gesetzt, und dann kann die Wiederholung der dreiwöchigen Vorbereitung auf der Richtstätte ganz gewiß als verwerflich angesehen werden. Der Pfarrer muß des Gefangenen sicher sein, wenn die gegenwärtige Form beibehalten werden soll, d.h. Zuspruch der Vergebung der Sünden und des Ewigen Lebens, kniend vor dem Schafott; ist er sich des Gefangenen nicht sicher, wird das Ganze zum Ärgernis aller, unmöglich für ihn auszuführen. Ist er aber seiner sicher, müssen ein Händedruck, ein zugeflüstertes Trostwort genügen, und der Pfarrer darf dem, was vorgeschrieben ist, nichts hinzufügen, oder was auf jeden Fall – denn ich gebe zu, in dieser Frage nicht Bescheid zu wissen – Gewohnheitsrecht ist. Inwiefern die Vorschriften oder das Gewohnheitsrecht, daß der Pfarrer zur Stelle ist und an der Handlung teilnimmt , glücklich sind und beibehalten werden müssen, muß überdacht werden. Es erscheint mir angemessen, daß der Staat, der sich zu einer Religion bekennt, einen Verbrecher nicht in den Tod schicken kann, ohne einen Diener der Kirche zum letzten Gang mitzuschicken, um sozusagen – man kann sich nämlich vorstellen, daß der Verbrecher bis dahin der Religion unzugänglich war – die Reue in seinem letzten Augenblick anzunehmen oder ihm ein letztes Trostwort zuzuflüstern. Aber es ist andererseits unbedingt notwendig, daß die Religion des Staates in keiner Weise als Instrument eines Schauspiels eingesetzt wird, das die Religion selbst lächerlich macht. Es gibt viele Gründe, warum die religiösen Handlungen immer stattfinden müssen; in diesem besonderen Fall darf man eine Tatsache jedoch nicht übersehen. Anders Nielsen hat bei niemandem in seiner Umgebung den Eindruck der Reue hinterlassen. Pastor Nielsen war der einzige, der an die Echtheit der starken Gefühle des Verbrechers glaubte. In dieser Hinsicht habe ich mir Auskünfte bei denen eingeholt , die die meiste Gelegenheit gehabt haben, den Verurteilten im Gefängnis zu sehen, und obwohl ich ganz und gar die Schwierigkeit sehe, diesen Punkt hervorzuheben, glaube ich, dies zu tun, sei notwendig. Was am öffentlichen Gottesdienst, der unsere Hinrichtungen begleitet, das Gefährlichste ist, wird hier verheimlicht. Viele Zuschauer bei Nakskov meinten zu wissen, daß die Reue des Anders Nielsen nur lau war, und allen diesen Zuschauern war – ganz besonders, wenn sie gläubig waren – die Handlung unbestreitbar ein Ärgernis. Der Wärter des Verurteilten und seine nächste Umgebung hatten keine Spur von Reue bei dem Verbrecher bemerkt. Er war schweigsam, geistig und geistlich verschlossen, lustig in Ausbrüchen. Aber es war ihr fester Eindruck, daß der Pfarrer auf jeden Fall nur dann auf den Verbrecher wirkte, so lange er anwesend war. Eine Reihe von Aussagen wurde mir angeführt, die diese Auffassung bekräftigen sollten. Ich fragte, ob der Pfarrer über alle diese Umstände unterrichtet worden war. Die Antwort lautete, dies wäre eine Sünde gewesen, wo doch der Pastor so an ihn glaubte. Aber heimlich wurde darüber geflüstert, und viele wußten so viel oder so wenig über die Reue des Anders Nielsen wie ich. Gewiß kann in dieser Angelegenheit niemand Richter sein, genau so wenig wie es jemandem zusteht zu richten. Anders Nielsen kann ja bereut haben. Aber selbst diesen Zweifel der anwesenden Menge muß man um jeden Preis vermeiden; den Gläubigen ist dies leicht ein Ärgernis, Andersdenkende kommen schnell dazu, darin etwas Lächerliches zu sehen. Deswegen scheint das öffentliche Schauspiel abgeschafft werden zu müssen, und der Staat, der eine Religion hat, kann ein Todesurteil nicht vollstrecken lassen, ohne daß einer seiner Diener den Verurteilten zu dem einzigen Heil, das der Staat für ihn sieht, geleitet: dem lutherischen Christentum, das die Religion des Staats ist – da schuldet der Staat andererseits sowohl sich selbst als auch seiner Kirche, sie nicht in eine falsche Lage zu bringen und sich selbst zum Gespött zu machen. Dies kann nur vermieden werden, wenn alles, was die religiöse Seite der Angelegenheit betrifft, im Gefängnis geschieht. Selbst Vorschrift oder Gewohnheitsrecht ist zu viel, selbst dies kann zum Ärgernis werden, auch vom Standpunkt des Glaubens aus betrachtet, der einem vielleicht über einzelne kleine Punkte hinweg hilft – wie z.B. gerade das Verlesen des Vaterunsers vor dem Richtblock des Menschen, der darum bittet, sein tägliches Brot an dem Tag zu bekommen, dessen Licht er nicht sehen soll – der aber sicher nicht zuläßt, die Augen vor diesem in gewissen Fällen Kompromittierendem dieses religiösen Aktes auf der Richtstatt zu verschließen. Es ist meine Überzeugung, daß sich alle in dieser Frage einigen könnten, und daß die Kirche selbst wünscht, von dieser Pflicht befreit zu werden, einer Pflicht, die so schwierig ist wie diese. Erbauung gibt die Handlung kaum jemandem; das Grauenhafte muß selbst bei den Gläubigen das Erbauliche töten. Der Ernst der Hinrichtung wird dadurch nicht betont. Der Tod ist Ernst genug, und die Anwesenheit des Pfarrers muß ausreichen, auch ohne daß er aktiv mitwirkt. Dieses Ergebnis, daß der ganze religiöse Akt abgeschlossen ist, wenn man zur Richtstätte kommt, müssen wir erreichen – dennoch wird es viele geben, die dies für zu wenig, für allzu wenig erachten. Aber auf alle übrigen Fragen, ob der Staat öffentliche Hinrichtungen öfters zulassen soll, und alles, was damit zusammenhängt, will ich nicht eingehen. Selbst an diesem einen Punkt, den ich abgehandelt habe, will ich mich zwingen, nur weniges zu fordern. Denn umfassende, weit ausholende Forderungen, die feierlich vorgetragen werden, dienen allzu oft nur dazu, alle Entscheidungen zu verzögern und auszusetzen; kleinen Forderungen dagegen entzieht man sich weniger leicht. Ich habe den sicheren Eindruck, daß bei Nakskov durch die religiöse Handlung niemand erbaut wurde; wenn man Erbauung für die Zuschauer sucht, erreicht man sein Ziel nicht. Man erreicht nur, das herauszustellen und verzerrt darzustellen, was der Staat, seit er eine Kirche hat, zu allererst beschützen müßte. Darüber wie die ganze Sache sich von einem humanen Standpunkt aus darstellt, will ich nicht reden. Er muß allen ganz klar sein. Für Andersdenkende ist der religiöse Akt eine Verzögerung des Todes, und es bleibt ihnen vollständig unbegreiflich, daß man versucht, mit religiösen Formeln einem schreckensstarren Mann zuzureden, den die Angst willensschwach und gefühlskalt gemacht hat. Ich möchte hierbei jedoch nicht verweilen. Selbst Menschen anderer Anschauung könnten verstehen – und es erscheint mir billig, dies hervorzuheben – daß die Frage der religiösen Vorbereitung und Begleitung zum Tode für die ernsten Christen aus vielen Gründen schwierig zu lösen ist. Solange der Staat seine Kirche hat, dürfte es zugleich für den Staat schwierig sein. Aber die Frage wird, falls nicht gelöst, zumindest verdrängt und nicht zum Widerspruch reizen, wenn sie aus der Öffentlichkeit verschwindet. Deswegen zweifle ich nicht daran, daß alle ihren Vorteil davon hätten, und daß, selbst wenn man von der Gefahr der öffentlichen Hinrichtung noch nicht überzeugt ist, man in jedem Fall in Zukunft die Hinrichtungen ihres wortreichen religiösen Elements berauben wird. 24.12.1882 Das Kinderheim – Eine Kindheitserinnerung Werden die Erinnerungen mit der verstrichenen Zeit wirklich klarer? Oder ist es nur unsere Liebe zu denen, die wachsen und die Konturen schärfen – immer mehr? Ich glaube es fast. Weil die dahinschwindenden Jahre uns bald des Glaubens an einen Freund, bald der Hoffnung auf eine Sache, bald ihrer Zartheit, die wir lieben, bald des Ehrgeizes oder eines Traumes berauben – bindet sich unsere Seele an alle friedliebenden Erinnerungen. Dort wo nichts verletzt, nicht unsere eigene Sünde, nicht das Unrecht der anderen, dort, wo sie gedämpft klingen, die geliebten Lieder einer Mutter. Und jedesmal, wenn wir sie rufen, kommen sie, die Erinnerungen zuhauf, und sie schlagen einen Kreis um die vielen Tage des Jahres, und jeder hat seine, und wir lieben sie alle … Wir waren oft im Kinderheim; Kinderheim: dän. Asyl. Privat initiierte Wohltätigkeitseinrichtung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Kleinkinder, deren Eltern außerhalb des Hauses arbeiteten, und Waisen zu beaufsichtigen und zu pflegen. Das erste Asyl Dänemarks wurde 1828 in Kopenhagen gegründet. Von hier aus verbreitete sich der Gedanke des Asyls in die Vororte und weiter in die Provinz; vielerorts waren sie mit einer Heimschule verknüpft. Die Heime nahmen Kinder zwischen 2 und 7 Jahren auf und wurden von einer Asylmutter geleitet. In diesem Text handelt es sich um das Asyl in Horsens, wo Bangs Vater 1863-1872 Gemeindepfarrer war. wir sahen dort die Kleinen sitzen und aufdröseln, mit ihren kleinen Fingerchen fleißig Knoten aufdröseln, die immer wieder versponnen wurden und zu roten Strümpfen gestrickt wurden. Alle diese kleinen flachsgelben Mähnen, die über ihren Schiefertafeln schlenkerten, all ihre Hände, die die klirrenden Stifte führten, alle diese Münder, die unter der niedrigen Decke durch das schwere Alphabet summten … Die Mutter des Kinderheims führte an. Sie dirigierte und fuhr mit dem großen Zeigestock streng von Buchstabe zu Buchstabe – mit Kreide waren »A« und »F« und »H« an die schwarze Tafel geschrieben … Und Augen im Hinterkopf mußte Mutter haben. Denn gleich, wenn Schreiners kleine Ane, die in ihrer Freizeit gegen die Türe rannte und so schläfrig war, das arme Ding – einnickte und nur ganz leicht nickte, rief Mutter an der Tafel: »– Ane – Ane schläft! Und Ane fuhr hoch und summte mit den Anderen … Wir waren dort, als Mutter unterrichtete. Wir durften auf die Stufe des Katheders sitzen und zuhören. Religion unterrichtete Mutter im Heim. Manchmal leierten sie nur biblische Geschichte herunter, so daß wir in Schlaf fielen, und Mutter uns mit dem Stock wecken mußte. Es war so einschläfernd. Immer dieselben Liedstrophen und immer gleich eintönig aufgesagt. Aber oft war es auch anders. Dann erzählte Mutter . Von dem kleinen Moses, der auf dem dunklen Wasser des Nils ausgesetzt wurde, 2. Mose (Exodus) 2. den Gott jedoch rettete, und von der Königstochter, die seine Mutter wurde. Von den Plagen Ägyptens, als der große Todesengel durch das Land des Pharaos ging und in einer einzigen Nacht den Tod brachte. 2. Mose (Exodus) 7-11. Von David, dem Gott die Kraft gab, den mächtigen Riesen zu töten. 1. Samuel 17. Dann zeigte sie auch Bilder. Wie Abraham seinen Sohn Isaak das Brennholz zum Scheiterhaufen schleppen ließ, 1. Mose (Genesis) 22. und von Jakob, der träumt, der Himmel wäre offen und alle Engel des Herrn stünden auf der großen Himmelsleiter. 1. Mose (Genesis) 28, 10-22. Und von dem Jesuskind erzählte sie, das in Bethlehem in einer Krippe geboren wurde, Lukas 2. arm und gering, am ärmsten von allen auf der Erde. Von Gottes Sohn, den die Engel besangen, und davon, wie die Könige kamen, um dem Kind zu huldigen Matthäus 2, 1-12. … und wie das Christuskind groß wurde, zu einer Erlösung von allen unseren Sünden, und wie er die kleinen Kinder zu sich kommen ließ und sie segnete … Und Mutter sang, und alle summten »Fröhliche Weihnacht« »Fröhliche Weihnacht«. Lied 120 im dänischen Kirchengesangbuch (Den danske salmebog, Ausgabe 2003: »Glade jul, dejlige jul« von B.S. Ingemann 1850/1852). und »Ein Kind ist uns in Bethlehem geboren« »Ein Kind ist uns in Bethlehem geboren«. Lied 104 im dänischen Kirchengesangbuch von 2003 »Et barn er født i Bethlehem, thi glæde sig Jerusalem« von N.F.S. Grundtvig 1820 und 1845. … Dann wußten die Kinder, daß Weihnachten vor der Türe stand, und alle roten Strümpfe lagen auch fertig in ihren Körben.   Die Heimdamen hatten auch viel zu tun. Sie trafen sich bei Mutter , und jedes Mal, wenn sie kommen sollten, kam die Glocke vom Mittagstisch in den Besprechungsraum, die Stühle wurden in zwei Reihen angeordnet, und Mutter hielt Reden – das konnte man durch das Schlüsselloch gut hören. Die Damen richteten alle Päckchen – eines für jeden. Pulswärmer, Bluse und ein Stück Leinen in jedes Paket. Zum Schluß mußten wir all unser altes Spielzeug holen, und wir durften alles für die armen Kinder spenden; jede der Damen gab auch etwas dazu, so daß es für jedes Kind etwas gab. Darunter waren ein Hampelmann und dann eine Puppe und ein Pferd mit einem Wagen. Es wurde mit den anderen Dingen zusammen eingepackt, und das ganze Besprechungszimmer war voll mit Paketen, und Mutter sprach unentwegt und kaufte Dinge bis zum letzten Tag. Denn ihr schien immer ein Kind benachteiligt zu sein …Und sie drängten so entsetzlich … Aber abends, wenn die Kuchen gebacken waren, kam das Beste. Dann zählten wir Pfeffernüsse in die Tüten ab. In all die Tüten aus gelbem und blauem Konzeptpapier mit einem großen Goldstern – da war einiges abzufüllen. Dreißig Pfeffernüsse in jede und fünf Lebkuchen … darauf Rosinen und ein paar Hustenbonbons … Und siehe da – dann waren die Päckchen fertig, und dann war auch schon der Abend vor Heiligabend Lille juleaften: Der Abend des 23. Dezembers wird in Dänemark als Lille juleaften bezeichnet. Da man in der Familie – ähnlich wie in Deutschland – am Heiligabend (24. Dezember) das Weihnachtsfest feiert, bedurfte es eines Vorbereitungsabends. Dabei handelt es sich um einen rein dänischen Brauch. Man schmückt den Weihnachtsbaum und trifft die letzten Vorbereitungen für den Heiligabend. Danach wird das Wohnzimmer für die Kinder abgeschlossen, bis am Heiligabend die Kerzen des Christbaums angezündet werden. Erst dann werden die Türen geöffnet. – Oft briet man schon die Enten für den Heiligabend und bereitete als Nachtisch den Milchreis zu, von dem man auch schon zu Abend aß. Dazu trank man dunkles Malzbier (»Hvidtøl«) oder Saft. Da am Heiligabend der Milchreis, in dem eine Mandel (»Risalamande«) versteckt war, fertig sein mußte, wurde der Milchreis schon am Lille juleaften zubereitet. Wer die Mandel fand, bekam ein Geschenk. Heute sind diese Gebräuche – zumindest in den größeren Städten – weitgehend ausgestorben. Es gilt oft folgendes: In vielen Familien feiert man wegen des Erwartungsdrucks der Kinder mit gutem Essen und schenkt jedem Kind schon ein einzelnes Weihnachtsgeschenk. In geschiedenen Familien werden meist zwei Weihnachtsfeste gefeiert, das eine am 23. Dezember beim Vater, das andere an Heiligabend bei der Mutter oder umgekehrt. da.   Vormittags wurden die Päckchen weggebracht. Die Dienstmädchen nehmen sie in Kleiderkörben mit, die sie kaum schleppen können, so schwer sind sie. Mutter schmückt den ganzen Tag den Weihnachtsbaum. Aber abends kommt sie zurück und holt uns, und wir kommen mit den Gesangbüchern um zu singen. Draußen auf der Straße waren die Mütter auf die Kellerhälse gestiegen, die Gesichter an den Scheiben. Sie können sehen, wie drinnen die Damen Kerzen in den Leuchtern anzünden und Zimt auf die Riesenberge von Reisbrei streuen. Und dort verharren sie während des ganzen Festes, die Gesichter flach ans Glas gedrückt. Aber die ganze Zeit klappern die kleinen Holzschuhe die steinerne Treppe hinauf, und die Kinder ziehen die großen Tücher im Gang aus und stehen und trippeln vor der Tür, die Holzschuhe in ihrer Hand … Dann endlich stehen die Schüsseln mit dem Brei in Reih und Glied auf allen Tischen, und die Tür wird aufgeschlossen. Die Kleinen essen ganz ruhig, ohne ein Wort zu reden. Manchmal verfallen sie in Gedanken, den Löffel in der Hand, und starren mit großen Augen auf die Kerzen und die versilberten Leuchter. Wenn sie mit ihrem Brei fertig sind, falten sie die Hände und warten auf das Tischgebet. Mutter spricht das Gebet. Alle Münder flüstern es nach. Nur ein einziger kleiner Nimmersatt hält sich noch an seinen Brei, wird aber von den anderen angestoßen, so daß der Kleine den Löffel losläßt – – Aber als Mutter das Gebet beendet hat, die anderen von den Bänken herabsteigen und ringsum ein Murren ertönt, beginnt das Kleine mit seinen roten Bäckchen, seinen Brei tapfer weiter zu essen und denkt nur daran, sich zu beeilen … Die Damen beginnen, drinnen die Lichter des Baumes anzuzünden, der im Wohnzimmer der Mutter steht. Sie schreien nicht, als die Tür aufgeht, drängeln auch nicht. Die Wagemutigsten stehen nur da und versperren die Türe für die anderen, die sich verstecken, geniert, die ganze Hand im Mund … Die Damen rufen die Kinder und beginnen mit den Weihnachtsliedern; sie bilden eine Kette, so daß sich alle Kinder an den Händen halten. Auf diese Art und Weise kommen sie aus den Winkeln heraus zu den vielen Lichtern. Mutter und die anderen Damen singen vor. Es ist das Weihnachtslied, das die Kinder willenlos mitsingen, so wie sie sich auch in den Kreis ziehen lassen. Denn sie schauen nur. Sie verschlucken die Lichter mit aufgesperrten Augen, ziellos, und hören die Damen einen Augenblick auf, lassen sie die Hände los, und sie stehen verloren da, in stillem Erstaunen die Finger im Mund … Aber auf einmal kann der eine oder andere anfangen zu lachen, oder er springt auf seinen Strümpfen umher und schlägt mit Geheul seine Hände zusammen. Wie sie die Päckchen vorsichtig nehmen, als ob sie sie nicht zu berühren wagten. Und jeder nimmt das seine in seinen Winkel, wo sie werkeln und werkeln, während die Kerzen herabbrennen und die Damen dort auf den Fensterbänken sitzen und sie beobachten, während sie Kaffee trinken. Wir Kinder müssen ihnen zeigen, wie man das Spielzeug benützt. Aber sie sind so vorsichtig, als hätten sie Angst, es zu zerstören, wenn sie es in die Hand nehmen. Und wir schieben die Wagen auf dem Boden herum, und die alte Eisenbahn saust ihre Steige hinauf und hinunter, so gut wie sie mit ihren dreieinhalb Rädern vermag. Nach und nach bekommen sie selbst Lust zu spielen. Sie probieren alles aus, tummeln sich mit lautem Geschrei auf dem Boden und laufen von dem einen zum anderen. Aber die Kleinen suchen ihre Ecken auf, schützen sich oder sie verstecken sich hinter den Kleidern der Damen, damit ja niemand ihre Hampelmänner anfasse. Mutter ist nicht müde. Sie spielt mit allen, sammelt sie um sich und erzählt. Und dann setzt sie sich mit einem kleinen Jungen auf dem Schoß hin; der Kleine muß Krücken tragen. Er hat nichts anderes getan als den Baum angeschaut. Das Spielzeug fällt aus seinen Händen, die bleich und ganz, ganz dünn sind, und er sitzt da, seine schwarzen Augen strahlend auf den Glanz geheftet … Dann erlöschen die Lichter langsam. Die Damen schreien auf, wenn Zweige Feuer fangen, und die Kinder beginnen damit, ihre Päckchen zu ihren Müttern hinauszubringen, die in der Tür erscheinen und hineinschauen, ihre großen Holzschuhe in der Hand.   Die Kerzen des Weihnachtsbaumes waren erloschen. Mutter sammelt in dem halbdunklen Raum die Kleinen in Gruppen. Den Jungen mit den Krücken hat sie auf ihrem Schoß. Und unter dem erloschenen, dunklen Baum beginnt sie, das Bethlehemslied zu summen. Dann öffnen sich langsam die kleinen Münder, und sie singen lauter und lauter, während sie mit den Köpfen wackeln und den Takt mit ihren Füßen begleiten. Wenn aber das Lied vorbei ist, spricht Mutter halblaut mit ihrer weichen Stimme. Und alle hören zu. »Heute wurde es geboren, das Christuskind. Heute vor vielen Jahren rissen über der Krippe in Bethlehem die Wolken auf, damit Frieden und Freude über der ganzen Welt seien …« Sie hören alle zu; und ihre Mütter drängen in den Raum, und die Damen nehmen die Kleinen auf ihren Schoß. »Und zu den Hirten auf dem Felde erscholl es von allen Engelscharen: ›Denn Euch ist heute der Heiland geboren‹. Lukas 2, 11. Deswegen leuchtet der Weihnachtsbaum, weil Freude auf Erden sein soll. Denn Gott, der in der himmlischen Seligkeit uns allen ein Vater ist, liebte uns so sehr, daß er uns seinen eigenen Sohn in der Krippe in Bethlehem schenkte. Und Jesus war arm, so arm, daß sie ihn nahmen und in Lumpen hüllten, ihn, den Königssohn des Himmels … – Er aber kam, um uns eine weihnachtliche Freude zu bereiten und alle unsere Sorgen auf sich zu nehmen und all unseren Kummer zu tragen. Aber am meisten liebte er die Kinder, liebte er euch.« Mutter beugt sich über den kleinen Behinderten auf ihrem Schoß und schweigt. Im Zimmer ist es ganz ruhig. Rund um sie sitzen die Kleinen. Aber hier und da in den Ecken ist der eine oder andere neben seinem Spielzeug müde in Schlaf gefallen … Dann bricht Mutter auf. Die Mütter kommen herein, bedanken sich und küssen ihre Hand. Die Kinder verneigen und verbeugen sich. Man wickelt sie in ihre vielen Tücher ein, und durch den Schnee der Borgergade schlurfen die vielen kleinen Holzschuhe.   Weihnachten im Kinderheim ist vorbei. Jahre sind dahingegangen – aber mit diesen Erinnerungen sind die Jahre verbunden. Sie tauchen wie der Klang der toten Weihnachtslieder auf, und während wir uns in Erinnerungen ergehen, könnte man meinen, die Welt wäre eine andere, die Luft wäre von dem Klang ferner Glocken erfüllt, und es wäre »Frieden und Freude auf der ganzen Erde«. »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.« (Lukas 2,14).