Octave Mirbeau Der Herr Pfarrer und andere Geschichten Aus dem Französischen übersetzt von Franz Weil   Bibliothek berühmter Autoren Band 20   Umschlag von Leo Kober 1. - 5. Tausend   Wiener Verlag Wien und Leipzig 1904 Sämtliche Rechte vorbehalten. K. u. k. Hofbuchdrucker Fr. Winiker \& Schickardt, Brünn. Der Herr Pfarrer Breno ist ein kleines Dörfchen auf der Heide des Departements Morbihan. Rings um das Dorf, dessen niedere, schmutzige Häuschen mit Stroh gedeckt sind, erstreckt sich die düstere Heide, voller roter Flecken ihrer honigduftenden Blüten. Einige dürre Schafe, einige Schatten abgezehrter Pferde, einige gerippeähnliche Kühe mit bärtigen Schnauzen, wie die der Ziegen, und blutiger, vom Ungeziefer angefressener Haut, weiden die stachligen Schößlinge des Ginsters ab. Da und dort heben vereinzelte Föhren ihr krummes Geäst dem grauen Himmel entgegen. Sie sind alle in der Richtung nach Nordost gebeugt; dann und wann ist zwischen den unvermeidlichen Ginsterstauden ein viereckiger Fleck frischeren Grünes, von weißem Mauerwerk umgeben, sichtbar; es sind Felder, mit spärlichem Weizen und kargem Hafer bebaut, trostlose Äcker, dem rauhen, unfruchtbaren Boden von einem armseligen Bauernvolke mühselig entrissen. Links, mit den Wolken im Gesichtskreise beinahe verschwommen, leuchtet ein schmaler Streifen Meer in dem matten düsteren Glanze eines Leichenlakens. Die Einwohner dieses verfluchten Landes können kaum als menschliche Wesen gelten. Unter den übelriechenden Lumpen, mit ihren erdfahlen, von Hunger und Fieber abgezehrten Gesichtern und gekrümmten Rückgrat haben sie das Aussehen kranker Tiere. Sie leben von geronnener Milch und faulem Wasser, und manchmal, zu Zeiten guten Fischfanges, auch von dürren Fischen, die sie an langen Ruten an der Sonne faulen lassen. In der Nacht ruhen sie gemeinsam mit ihrem Vieh auf der Jauche und dem frischen Miste der Ställe. Und dennoch hat der Herr Pfarrer, der dieses Volk als unbeschränkter Herrscher regiert, es ohne fremde Hilfe zuwege gebracht, indem er die Leute seit zehn Jahren rücksichtslos auspreßte, eine neue Kirche zu bauen, die fünfzigtausend Franks gekostet, einen Glockenturm aus rosarotem Granit und obendarauf ein goldenes Kreuz hat, das heiter und sorglos mitten aus diesem Sumpfe menschlichen Elends emporragt. Ein kupferrotes, mit bläulichen Blatternarben geziertes Gesicht, zwischen einem zausigen Knäuel wergfarbener Haare; ein zahnloser, wüster, verzerrter Mund, in dessen Winkel von früh bis spät ein von Tabakjauche triefendes kleines Pfeifchen steckt, das ohne Unterlaß ausgeht und wieder angebrannt wird; ein hagerer, buckliger, windschiefer Körper, dessen Krümmungen, Beulen und Schrunden durch die fettige, aus alten Lappen zusammengeflickte Soutane noch mehr hervortreten; so sieht der Herr Pfarrer aus. Des Tags zieht er von Türe zu Türe, von Feld zu Feld, bettelt bei einem und fordert beim andern, nimmt Eier, Butter, Milch, dürres Reisigholz, drückt die Mädchen herum, prügelt die Kleinen, bedroht alle Welt mit der Hölle, flucht wie ein Kutscher und ist bei alledem mehr geachtet und geschätzt als das Bild des heiligen Tugen, der von der Wutkrankheit heilt, oder des heiligen Iwo, der die Toten wiedererweckt, hierzulande sagt man von ihm: »Er ist ein Apostel!« * Eines Sonntags bestieg der Herr Pfarrer zur Stunde der Predigt die Kanzel und schwenkte die Kirchenfahne. Diese war ein altes, verschlissenes, entfärbtes Banner mit abgetrennten Fransen, ein von langen Rissen zerfetzter seidener Lumpen; die ehemals rotgefärbte Fahnenstange hatte sich krumm geworfen; der goldenen Taube an der Spitze fehlten die Flügel und die Beine. Vorerst bekreuzte sich der Pfarrer, dann erhob er das jämmerliche Banner vor der Menge der Gläubigen und rief: »Seht euch das an! Diese schöne rote Seide ist jetzt schmieriger als die Kitteln der Mutter Tobias! Schweine seid ihr, alle seid ihr Schweine, aber glaubt ihr deshalb das Recht zu haben, das heilige Eigentum, das Eigentum Gottes und der heiligen Jungfrau, in einem solchen Zustande zu lassen? Wie, oder glaubt ihr vielleicht, daß ich Derartiges am Fronleichnamstage der Prozession vorantragen werde? Das ist ja schon zu schlecht, um meine Kochtöpfe damit zu scheuern! Tagediebe, Nichtstuer, Ketzer, Pharisäer, die ihr seid, die sich lieber mästen und besaufen, ihr verstockte Sünder! Ihr wollt euch nicht darum bekümmern, ob der liebe Herrgott, die heilige Jungfrau und alle Heiligen des Himmels halbnackt und zerfetzt herumgehen! Aber wartet, ich will euch was erzählen, denn das muß ein Ende haben, mit euren Schuftereien und Verbrechen. Ich habe heute Nacht den lieben Herrgott gesehen, er war voller Zorn und hat mir gesagt: »Ich will ein neues Banner haben, hörst du, verdammter Hund! Ein schönes, reichvergoldetes Banner, ein Banner für mindestens vierzig Franks. Johann Marie wird dazu zehn Sous hergeben, Peter Kernouz wird zwanzig Sous geben, die Mutter Tobias, die eine alte Knickerin und schuftige Diebin ist, muß zwei Franks hergeben! Dantu, der vorige Woche ein Kalb verkauft hat, wird drei Franks geben! Und alle anderen müssen drei Sous, ein Pfund Butter, ein Dutzend Eier und einen Topf Schmalz bringen.« – So, jetzt wißt ihr, was mir der liebe Gott gesagt hat.« Einen Augenblick hielt er ein. Die Gläubigen waren ganz bestürzt; keiner wagte die Augen auf den Herrn Pfarrer zu erheben, der fortsetzte: »Merkt auf, was mir der liebe Gott noch anvertraut hat! Er hat mir anvertraut, – es find seine eigenen Worte, die ich euch wiederhole – er hat mir Folgendes anvertraut: »Und wenn sie sich weigern herzugeben, was ich verlange, dann wird es mit ihrer Sache schief gehen; in tolle Hunde, in tote Kälber, in Meerkatzen, in Fledermäuse werde ich sie verwandeln und sie alle in die Hölle schicken! ...« Ein Hohngelächter von der anderen Seite der Kirche unterbrach ihn. Bei der Tür stand der alte Grenzwächter, schaukelte sich hin und her, strich sich kosend den weißen Knebelbart glatt und lachte ungläubig und spöttisch. Rasend, Schaum vor dem Munde, schrie der Herr Pfarrer ihn an: »Was lachst du da, knebelbärtiger Ketzer, Zollquittung des Teufels! Glaubst du, Gott kenne dich nicht? Glaubst du, er wisse nicht von deinen Schurkenstreichen? Er hat mir auch von dir gesprochen: »Ja, diese knebelbärtige Kanaille geht in die Stadt, das geraubte Strandgut verkaufen, und dieses Teufelsgeld teilt er mit den Schmugglern! Warte! Warte! Wenn der Knebelbart nicht vier Franks gibt, wird er zuerst ins Gefängnis und später in die Hölle wandern! ...« Was, da lachst du nicht mehr, Abtrünniger!« Und zu den Gläubigen gewendet, schloß er: »Ihr habt den Willen Gottes vernommen. Nach der Messe werdet ihr ins Pfarrhaus kommen und eure Gaben bringen. Und weh dem, der fehlen wird!« Der Herr Pfarrer rollte das Banner wieder ein, legte es hinter die Kanzel und wischte sich den Schweiß von der Stirne, der in Strömen herunterrann. »So, und jetzt,« sagte er nach einer Pause, »noch etwas anderes ... Der Präfekt ist gestorben. Das war ein jämmerlicher Herr, der mit den andern republikanischen Schweinehunden die heiligen Brüder vertrieben hat. Wenn aber einer von euch dennoch für ihn bitten will, mag er's tun! Es ist keine Sünde. Ich werde noch ein Vaterunser und ein Ave für unseren heiligen König beten, der wiederkehren wird!« Und drohend kehrte sich der Herr Pfarrer gegen den Grenzwächter, der nun nicht mehr lachte; und während er mit der Faust auf die Holztäfelung der Kanzel mächtig aufschlug, rief er aus: »Und er wird wiederkehren, trotz aller Knebelbärte!« Worauf er niederkniete, mit gnädiger Gebärde das Zeichen des Kreuzes machte und unverständlich murmelte: » In nomine patris et filii et spiritus sancti, Amen .« Draußen entrollte die Heide die Armut ihres ewig unfruchtbaren Bodens, und die dürren Schafe, die Schatten der abgezehrten Pferde, die gerippegleichen Kühe mit bärtigen Schnauzen, wie die der Ziegen, und mit blutiger, vom Ungeziefer angefressener Haut weideten unter dem tieftraurigen Himmel die stachligen Schößlinge der dornigen Stauden ab. Der billige Tod Eines Abends kehrte der alte Cormeau später heim als gewöhnlich. Mißlaunig und in Gedanken versunken, schleppte er sich wortlos an das Feuer. Er beachtete sein Weib nicht, das auf einem ganz niederen Schemel saß und, die Ellbogen an die Kniee gestemmt, langsam Rüben für ihre Küche schnitt. Der Schatten des Abends häufte sich in dem Deckengebälke, überflutete alle Winkel und senkte sich nach und nach über die ganze Stube. Auf der heißen Achse summte ein Kochtopf. Neben dem Herd saßen zwei regungslose nachdenkliche Katzen mit halbgeschlossenen Lidern. Draußen war strenger Frost. Auf dem Hügel gegenüber dem Hause lag ein roter Nebel und mählig deckte der kalte Mantel der Nacht die Ebene, in der hie und da der Reif, glänzenden Perlen gleich, aufblitzte. Dann und wann hörte man das Klappern von Holzpantoffeln auf dem hartgefrorenen Boden. »Cormeau!« rief das Weib mit zitternder Stimme ... »he, Cormeau!« Aber Cormeau rührte sich nicht. Er hatte die Arme über die dürren Beine gekreuzt, den Nacken über die Kniee gebeugt und schien ganz entfernten Gedanken nachzuhängen. »Hörst du?« schrie neuerdings das Weib, deren Stimme im wachsenden Dunkel noch schriller wurde ... »He, hörst du? Die Rüben sind gefroren.« Und als Cormeau diese Mitteilung unbeachtet ließ, streckte sie ihren kantigen, kahlen Eulenkopf auf dem ausgetrockneten Hals vor, und fügte mit bitterer Betonung bei: »Sie sind gefroren, sag' ich dir! Freilich! ... Ich hab's gewußt. Du hast heuer keine Einschlaggrube machen wollen, hast es dir in den Kopf gesetzt ...« Aber Cormeau antwortete nicht. Starr wie von Stein saß er auf seinem Stuhle. »Was ist dir denn? ... Cormeau! ... Hörst du nicht?« Erschrocken über sein Schweigen kreischt sie nun auf: »Die Rüben sind gefroren, sag' ich dir, dummer Kerl! ... Aber was hast du denn?« In diesem Augenblicke pochte man draußen an der Türe, und gleich darauf wurde in der offenen Türe der Schattenriß eines Bettlers sichtbar, dessen elende, hagere, flehende Gestalt sich scharf von dem blassen Abendhimmel abhob. Und während Cormeau und sein Weib gleichzeitig voll Mißtrauen ihre an nächtliche Raubvögel gemahnenden Köpfe vorstreckten, hörte man eine zitternde Stimme: »Bitte ... bitte ...« Der Blick des Bauern unter den stark gerunzelten Brauen wurde sehr hart: »Geh weiter, Faulpelz,« sagte er ... »Für Taugenichtse haben wir nichts.« Die klagende Stimme hub wieder an: »Bitte, guter Herr! ... Es ist so schrecklich kalt! Heute Nacht kann man so leicht am Wege erfrieren ...« »Was kümmert's mich ... schau, daß du weiter kommst!« »Wenn Sie mir nur ein Lager geben wollen, ... einen Winkel in Ihrem Stall ... nur für einige Stunden.« »In meinem Stall!« Cormeau brach in ein höhnisches Lachen aus. »Geh, geh, was glaubst du denn, mein Bürschchen? Bei meinen Kühen? ... Was dir nicht einfällt ... geh weiter!« »Bitte, Bitte ... ich habe seit gestern nichts gegessen!« »Mach dich fort!« »Mein Kamerad ist gestern nachts im Straßengraben erfroren ... Muß ich denn des gleichen Todes sterben?« »Mach, daß du fortkommst!« »Bitte, Barmherzigkeit!« Die Stimme war schwach und weinerlich. Cormeau brüllte! »Sieh, daß du fortkommst, sag' ich dir. Wenn du kein Taugenichts wärst, dann hättest du genug, dich satt zu essen, und wüßtest auch, wo du schlafen kannst. So ist es ganz recht für dich. Glaubst du, ich arbeite, um Taugenichtse zu füttern und Spitzbuben zu beherbergen! Vorwärts ... Fort mit dir ... Mach mich nicht wild ... Mich friert schon im Rücken bei der offenen Türe.« Achselzuckend nahm der Bettler seinen leeren Sack über die Schulter und sagte einfach: »Das ist nicht recht! Das ist nicht wohlgetan ... lebt wohl!« Dann zog er die Türe zu und ging langsam seines Weges, während er fast kaum vernehmbare Worte murmelte. »Das ist doch zu dumm!« murmelte Cormeau und sagte zu seiner Frau in befehlendem Tone: »Schieb den Riegel vor die Tür. Sie sollen klopfen, so lange sie wollen.« Die Frau gehorchte. »Ist das ein Elend,« sagte sie leise, während sie die Türe mit einer starken, in die Mauer eingelassenen Eisenbarre verschloß. »Ist es nicht besser, wenn solches Geschmeiß krepiert? Wenn man alle Nichtstuer ausfüttern sollte, die vorbeikommen, na, dann danke ich schön. In unserem Stall schlafen zu wollen!... daß die Kühe dann allerlei häßliche Krankheiten bekommen.« Da es indes Nacht geworden war, zündete sie eine Kerze an, setzte sich wieder auf den Schemel und fuhr in ihrer Arbeit fort. Cormeau hatte sich in seinem Stuhle aufgerichtet und betrachtete mit stierem Blick, wie das Feuer langsam die Kohle verzehrte. Nach einigen Minuten begann die Frau: »Cormeau!... He!... Mann!... Ich sag' dir, die Rüben sind gefroren... Bist gar taub?... Warum sagst du denn nichts, wenn ich zu dir spreche?« Beim spärlichen, flackernden Lichte der Kerze betrachtete sie den verschrumpften Bauern, der unbeweglich beim Feuer saß, und sie wiederholte: »Warum redest du nicht? Du hast irgend was, was dich quält. Du bist nicht wie sonst.« Endlich antwortete Cormeau: »Nichts hab' ich.« »O ja, du hast was! Du hast was! Du bist krank ... Mir scheint, du bist ganz rot ... Mir scheint, du bist beinahe violett.« »Nichts fehlt mir,« versicherte der Bauer nochmals mit sichtlicher Anstrengung. »Aber doch ... Du bist ja ganz blau.« »Ich bin ganz blau?« »Ja, ganz blau bist du!« »Na, ja, ich weiß nicht, was mit mir ist. Freilich fühl' ich mich nicht recht wohl. Es saust mir in den Ohren ... und jetzt saust es oben im Kopf. Als ich vorhin auf Remys Feld war, glaubte ich umzufallen. Aber das macht nichts ... Ich werde ein wenig gehen, es wird mir gleich besser sein.« Er versuchte sich zu erheben, konnte aber nicht. Es kam ihm vor, als sei sein Körper plötzlich Blei geworden. Eine seltsame Schwäche überfiel seine Muskeln, brach seine Arme, zermalmte ihm das Kreuz. Seine matten, feuchten Hände vermochten die Stuhllehne nicht mehr festzuhalten. Seine Zunge versagte den Dienst, und die Gegenstände ringsum begannen sich im Kreise zu drehen, nahmen seltsame, lebende Formen an, die wie Gespenster aussahen ... Eine kleine rote Flamme ... eine Stichflamme leuchtete plötzlich vor seinen Augen auf, tanzte herum und verschwand in einer dunklen Nacht, die aus dem Erdinnern zu kommen schien. Er seufzte schwach. Seine Kehle war trocken, sein Atem schwer: »Ich glaub', ich werd' sterben. Jawohl! Jawohl! ...« »Geh, wie kannst so was sagen,« sprach die Frau. »Ja, ja ... ich glaub', ich werd' sterben.« »Aber nein, du hast nur einen Wind im Kopf!« »Ja, ja ... ganz sicher werd' ich sterben. Ich hab' keinen Wind im Kopf ... Den Tod hab' ich im Kopfe! Leg mich auf den Boden, sonst ersticke ich ...« Sie streckte ihn auf dem Boden aus, legte unter seinen Kopf ein Kissen, und schob seine schlotternden Beine zusammen, die bereits kalt zu werden begannen. »Nun, höre wohl,« sagte Cormeau mit verlöschender Stimme. »Gib acht, daß du verstehst, was ich dir erklären will. Komm näher ... es geht schon sehr schwer ...« Sie Frau beugte sich über des Sterbenden Antlitz. »Hörst du also?« »Ja, ich höre!« »Die Sache ist die! ... Der Friedhof ist zu klein ... ich weiß, daß er zu klein ist!« »Jawohl!« »Ich weiß, daß ihn der Gemeinderat vergrößern will! Ich weiß, daß er das Feld von Remy kaufen will!« »Jawohl!« »Aber Remy weiß nichts davon. Also, gib acht, was man da tun kann. Höre zu! Du wirst Remys Feld kaufen. Es ist nichts wert ... Lauter Steine ... ein Schindanger. Mit zwanzig Pistolen hast du es gut gezahlt.« »Aber wenn es steinig ist, will ich's nicht kaufen.« »Höre ... wenn du es gekauft hast, machst du es der Gemeinde zum Geschenk.« »Ich soll das Feld der Gemeinde schenken? Du bist verrückt geworden, Cormeau! ... Du redest so, weil du krank bist.« »Sei ruhig ... Du machst es der Gemeinde zum Geschenk mit der Bedingung, daß die Gemeinde dir dafür im Friedhofe einen Platz von fünf Quadratmetern für immer überläßt. Das hat einen Wert von fünfhundert Franks. Verstehst du? Du gibst zweihundert Franks her und bekommst dafür fünfhundert! Dabei sind dreihundert Franks gewonnen. Mußt dich aber eilen. Geh gleich morgen zu Remy. Aber nicht später als morgen!« »Fünfhundert Franks! Fünfhundert Franks!« Und die Frau verlor sich in Gedanken über die genannten Summen, überschlug im Kopfe den Reingewinn dieses Unternehmens ... Sie merkte nicht, daß er zu sprechen aufgehört hatte. Sie hörte das schwache, ersterbende Röcheln nicht, das wie das Geräusch einer ablaufenden Uhr aus seiner Kehle kam; sah nicht, wie seine Finger sich krampften, wie seine Beine sich verzerrten, nicht seine Augen, deren Apfel sich unter den erweiterten starren Lidern zurückrollten, daß nur das Weiße sichtbar war. Plötzlich kam der Bäuerin ein schwerer Einwurf in den Kopf: Wie, wenn die Gemeinde das Geschenk zurückweist? ... sagte sie sich, voll Angst vor dieser Möglichkeit. Dann rief sie: »Cormeau!« Aber Cormeau antwortete nicht. Sie beugte sich über ihn, legte ihre knochigen Hände auf die Brust ihres Mannes und schüttelte ihn an den Schultern: »Cormeau ... Cormeau!« Aber Cormeau antwortete nicht. Er war tot. Zeitgemäße Pantomine In einem Provinzblatte, das mir von einem Freunde, Herrn Alphonse Allais, zugesendet wurde, finde ich die ordnungsmäßig beglaubigten Daten von der unzweifelhaften Echtheit des traurig grotesken Vorfalles, den ich hier schildern will. Die Geschichte trug sich in Bernay zu, hätte aber ebensogut in Paris als regelrechte Pantomine von Paul Margueritte über die Bühne gehen können, jenes berühmten Schriftstellers, der, bevor er noch seine beliebten Romane schrieb, diese reizende dramatische Kunstgattung pflegte, die heute leider ganz brach liegt. * An einem trocken-kalten Febertage hatte der verspätete Reisende gegen drei Uhr nachmittags in der Tiersstraße vor dem Laden des Bäckermeisters Band folgendes merkwürdiges Schauspiel beobachten können. Vom Gehsteig aus betrachtete ein Mann, sofern man sich dieses vornehmen Ausdruckes bedienen kann, um ein Exemplar dieser Sorte zu bezeichnen, durch die von den Dämpfen angelaufenen Scheiben des appetitlichen Schaufensters die guten warmen Brote und die goldgelben Wecken, die auf den Marmortischchen aufgehäuft waren und die von einem Korbflechter fein und festgefügten Weidenkörbe bis an den Rand füllten. Der verspätete Reisende, vorausgesetzt, daß er kein seichter Beobachter gewesen wäre, hätte auch zweifellos bemerkt, daß dieses Individium – mir wollen bei dieser geringschätzenden Bezeichnung bleiben – alle Merkmale der weitgehenden gesellschaftlichen Entartung und des ärgsten Elends aufwies. Eine schmutzige, an unzähligen Stellen zerfetzte Bluse, eine zerfranzte Hose, die an den Waden und Knöcheln mit einer dreifach umwickelten Spagatschnur befestigt war, eine verschlissene, jauchenfarbene Kappe und ein vom Kamm, Bürste und Wasser völlig unberührter Bart. An den Füßen staken alte, durchlöcherte, mit einer dicken Kotkruste bedeckte Filzpantoffel. Auf dem Rücken trug er einen armseligen Leinwandsack, als untrüglichen Beweis eines eingewurzelten, berufsmäßigen, aber auch erfolglosen Betteltums, denn der Sack war leer. Nach längerer Betrachtung des leckeren Gebäcks schien unser Individuum einen Entschluß gefaßt zu haben und trat mit schwankendem Schritt – sei es aus allzugroßem Hunger, sei es auch, daß er zuviel getrunken hatte – im gleichen Augenblicke in den Laden ein, als ein Gendarm aus der Querstraße bog und seinen vielsagenden Zweispitz just am selben platze, wo eben der Vagabund gestanden, an die Scheiben, drückte. Das Provinzblatt gibt keine erschöpfende Beschreibung dieses Gendarmen, aber der Leser kann diesen mangelhaften Bericht durch die überlieferten Vorstellungen und verschiedenartigen Porträtsammlungen ergänzen, die zuhanden allerwelt sind. Im Laden war zur genannten Stunde nur eine junge Verkäuferin anwesend, mit einer hohen weißen Haube auf dem blonden Haar, deren Schleifen wie zwei Flügel über den Nacken fielen; sie trug ein schwarzes anschließendes Kleid und hatte ein artiges und barmherziges Aussehen. Die Verkäuferin gab dem Individuum ein Stück Brot, und mit Segenswünschen auf den Lippen – wem werden diese wohl zugute kommen? –, trat der Vagabund, den guten Geruch der warmen Brote gierig schlürfend, in seiner unsicheren Gangart aus dem Laden. Das hatte nicht längere Zeit gedauert, als eine Betschwester aus der Provinz benötigt, um ihre Nachbarinnen zu entehren und die Familien ihrer Bekanntschaft einander zu Todfeinden zu machen. Der Gendarm aber stellte das Individuum gleich an der Schwelle und packte es mit der Hand beim Kragen, wenn diese Bezeichnung angesichts der zerlumpten Bluse nicht zu hochtrabend ist: »Wo hast du dieses Brot gestohlen?« duzte er ihn und begleitete die Frage mit einem gebieterischen Blick. »Ich habe es nicht gestohlen!« entgegnete das Individuum. »Also, wenn du es nicht gestohlen hast, dann hat man dir's geschenkt?« »Wahrscheinlich!« »Und wenn man es dir geschenkt hat, dann wirst du darum gebeten haben?« »Ei, wohl!« »Ich stelle demnach fest, daß du gebettelt hast!« Und das Provinzblatt, daß uns dieses Gespräch wiedergibt, fügt wörtlich hinzu: »Dieser Fall von Bettelei war um so leichter festzustellen, da der Bettler betrunken war!« Seltsame Folgerung! »Hast du noch etwas zu sagen?« brummte der Gendarm. Aber das Individuum hatte augenscheinlich alles Mitteilungswerte erschöpft und antwortete nicht. »Also vorwärts, zur Wachstube!« befahl der Gendarm. Du wirst dich dort rechtfertigen ...« Das Individuum weigerte sich zu gehen, und als der wackere Gendarm den Bettler am Arme faßte, um ihn fortzuschleppen, warf sich dieser zu Boden und leistete passiven Widerstand gegenüber den Bestrebungen des schweißtriefenden, atemlosen Gendarmen, der sich vergeblich bemühte seinen Gefangenen aufzuheben. Etliche Neugierige hatten sich indes angesammelt und betrachteten mit spöttischen Mienen den heldenfesten Kampf des Gendarmen mit diesem Häuflein schlapper, verfallener Lumpen, in das der Strolch sich verwandelt hatte, der nun auf dem Pflaster hingestreckt lag, mit dem er untrennbar verbunden schien, wie das Eisen mit dem Magnet. Ein zweiter Gendarm, den die Vorsehung gesandt hatte, war bestrebt seinem Kameraden kräftig an die Hand zu gehen. Mit vieler Mühe brachten sie es zuwege den Bettler aufzurichten, der nun von jeder Seite durch einen Vertreter der Obrigkeit gestützt, wohl oder übel gezwungen war einige Schritte zu gehen, obgleich feine Kniee jedesmal einknickten und seine Füße sich hartnäckig weigerten den Boden zu berühren. Die von Minute zu Minute anwachsende Menge lachte, johlte und ließ es sich durchaus nicht einfallen, den Gendarmen zu helfen, deren gerötete Gesichter und schweißbedeckte Gliedmaßen, Ermattung und Scham über den Mißerfolg zum Ausdrucke brachten. Vor dem Laden des Buchhändlers angelangt, spreizte der Strolch sich plötzlich gegen einen Prellstein, entriß sich mit einer heftigen Bewegung der doppelten Umschließung der Gendarmen und warf sich zum zweitenmale auf die Erde nieder, wobei er einen der Gendarmen mitriß, der vom Pflaster in den Rinnsal kollerte, die Stiefeln in der Luft. Nun war es unmöglich den Gefangenen wieder aufzurichten, der wie ein Pflasterstein in den Boden eingefügt schien. »Was ist denn das, mit dem Viechkerl!« jammerten die wackeren Gendarmen. »Hat der den Teufel im Leibe? ... Er ist wie verhext!« Vergeblich versuchten sie, ihn umzukehren, vergeblich probierten sie ihn auf dem Pflaster fortzurollen. Eine unsichtbare Kraft fesselte ihn an den Boden. Ihre Arme, ihre Hände, ihre Banden, ihre Kniegelenke ermüdeten bis zur Erschöpfung an diesem unverrückbaren Klumpen. Die Menge jauchzte mehr und mehr, und die Leute barsten schier vor Sachen. Sie nahm offenbar die Partei des Bettlers, was die beiden Gendarmen noch mehr erbitterte, die in dem Bewußtsein ihrer doppelten Ohnmacht noch die Schmach der Lächerlichkeit und den Verlust des Ansehens ihrer Uniform fühlten. Drei Soldaten, die vorüberkamen, wurden im Namen des Gesetzes aufgefordert, ihnen Beistand zu leisten, um der Obrigkeit zum Siege zu verhelfen. Nun fochten alle fünf, die zwei Gendarmen und die drei Soldaten, länger als eine Viertelstunde hindurch mit ihren zehn Armen gegen den Mann auf der Erde und es gelang ihnen endlich ihn aufzurichten. Nachdem sie nun alle Vorsichtsmaßregeln getroffen hatten und sich derart verteilten, daß jeder einen Teil des Individuums in seiner Gewalt hatte, vermochten sie ihn auf die Wachstube zu schleppen. Der Bettler war übrigens nun ganz willfährig. Er ging jetzt ruhig, obwohl etwas gehindert, durch die zehn Arme, die ihn aufrecht hielten und es ihm unmöglich machten, sich frei und ergeben zu benehmen. In dieser Weise kam der Zug bei der Wachstube an, gefolgt von der ganzen jubelnden Bevölkerung der Stadt. Man kann sich nirgends besser unterhalten, als in der Provinz. Letzte Reise Nachdem ich in einem noch leeren Coupé einen Platz gefunden und als Zeichen der Besitzergreifung Koffer und Reiseplaid darauf gelegt hatte, stieg ich wieder auf den Perron hinab, bummelte längs des ganzen Zuges hin und her und wartete auf den Augenblick der Abfahrt. Ich empfand die trostlose Traurigkeit, die quälende Angst der Abreisen. Selbst wenn ich in mir bekannte und liebe Gegenden fahre, mit der Hoffnung auf Erholung oder mit der Freude auf eine erwünschte Begegnung, fühle ich es immer im Herzen wie Frost. Nichts bringt mir den Gedanken an den Tod so nahe, wie das Abreisen. Die Koffer, die wie offene Särge daliegen, die Hast, die ich in den Augen der mir behilflichen Leute sehe, die feierliche Großartigkeit, die auf allen Dingen liegt, die zu verlassen ich im Begriffe bin, kurz all das, was mich so heftig aus mir herausrüttelt, bedrückt mich und stimmt mich unendlich traurig. Um diese düsteren Bilder zu verscheuchen, betrachtete ich auf dem Bahnhofe während des Umherschlenderns alles, was da kam und ging, all die hastende Ungeschicklichkeit, die den Bahnhöfen das Aussehen ungeheurer Narrenhäuser verleiht. Ich trachtete mich zu unterhalten beim Anblick der verschiedenartigen drolligen Figuren der Menschengattung mit englischen Reisemützen, die nicht weiß, wohin sie gehen soll und atemlos keuchend sich in Gänge und Waggons stürzt, sich hier vergräbt und verbirgt, um sich gleich darauf anderswo hinzudrängen, wie Flüchtlinge einer geschlagenen Armee, die einen sicheren Rückzug gefunden zu haben glauben. Bei Scenen dieser Art bemühe ich mich meinen Sinn für die Karikatur zu verfeinern, um nicht zu merken, daß der Kern Langeweile und schreckliche Eiseskälte birgt ... So bummelte ich umher, bis ich auf eine Gruppe von drei Personen stieß, die vor einem Waggon dritter Klasse stand. Da war zuerst eine alte Dame, ganz schwarz gekleidet. Ein dürftiges Kaschmirtuch hüllte ihren schmalen Rücken ein, welcher von Zeit zu Zeit von einem Hustenanfall geschüttelt wurde. Ein Mann und eine Frau begleiteten sie. Der Mann hatte ein gemeines Aussehen. Die Frau war dürr und ausgetrocknet, und in ihren Augen lag es wie ein weißlicher Schein von Registern und Comptoirbüchern. Ihr aschfarbenes Gesicht hatte vorspringende Kiefer und war vor der Zeit gerunzelt. »Ach, meine armen Kinder!« seufzte die alte Dame. »Mir ist sehr schlecht ... mir ist gar nicht gut! ...« »Aber ich bitte Sie!« tröstete der Mann. »Das sind ja alles Einbildungen ... Es geht Ihnen sehr gut ... es geht Ihnen viel besser.« »So ist es,« fügte die Frau hinzu. »Aber natürlich, du mußt immer lamentieren.« »Es wäre gar nicht notwendig gewesen, daß ich schon heute abreise ...« unterbrach sie die alte Dame mit einem Seufzer, den ein Hustenanfall jählings zerriß. »Ach, mein Gott! Ich fühle, daß mir etwas zustoßen wird.« »Was kann dir denn zustoßen? Bei einer so unbedeutenden Erkältung. Es ist ja doch nichts anderes!« »Nein, nein ... es wäre gar nicht notwendig gewesen, daß ich fahre ... aber ich war euch beschwerlich ... ich war eine Last für euch ...« »Aber nein ...« »Sie brauchen Aufenthalt auf dem Lande und gute Luft,« unterbrach sie der Mann. »Wenn das nicht gewesen wäre, so hätten Sie ja bei uns bleiben können.« »Ach, wenn ich nur wenigstens früher eine Bouillon getrunken hätte – ich fühle mich so schwach.« Die Frau antwortete spitzig: »Das ist nur deine eigene Schuld. Du warst nicht fertig, du hättest den Zug versäumt.« »Allerdings,« sagte der Mann. »Es war keine Zeit mehr.« Die alte Dame seufzte. Eine Träne sickerte aus den rotgeschwollenen Lidern. »Du mein Gott, du mein Gott! Ich weiß nicht, was es mit meinem Kopfe ist ... Alles dreht sich in meinem Kopfe ...« »Sie haben Grillen, Schwiegermutter,« sagte der Mann ermunternd. »Das sind nur Grillen, die Sie im Kopfe haben.« Die alte Dame seufzte wieder. »Ach, wenn ich nur eine Bouillon vor der Abreise getrunken hätte.« »Da ist aber viel dabei! Du wirst sie eben in Versailles trinken.« »Mein Gott, mein Gott! Ich ahne es. Es wird mir etwas zustoßen ... Wenn ich sterben müßte auf der Fahrt, ganz allein! ...« »Aber ... So sprich doch keine Dummheiten, Mutter! Steig ein, Adieu!« »Lebe wohl, meine Tochter!« Der Schaffner schob die alte Dame in den Waggon und legte sie in eine Ecke wie ein Paket. »Adieu, Schwiegermutter!« »Lebt wohl ... Behüt euch Gott, meine Kinder!« Als die Türe geschlossen wurde, brach sie in Tränen aus. Man läutete die Reisenden in die Coupés, ich bemächtigte mich meines Platzes und richtete mich so behaglich ein, als ich nur konnte. Diese Scene hatte mich erschüttert; sie fügte ein neues düsteres Bild zu allen jenen, welche das Abreisen ohnedies immer in mir auftauchen läßt. Ich wollte nicht mehr daran denken und nahm ein Buch aus meinem Koffer, mit der Hoffnung, mich von mir selber loslösen und den traurigen Auftritt aus dem Kopfe schlagen zu können. Aber es war mir unmöglich zu lesen ... Zwischen den Zeilen des Buches und meinen Augen tauchte immer wieder das totenbleiche Antlitz der alten Dame und das fühllose Gesicht der anderen auf. Die blassen Züge verfolgten mich ... Und dann sah ich wieder ununterbrochen die beiden fortgehen ... Ich sah ihre Mörderrücken ... In Versailles, wo wir eine Viertelstunde Aufenthalt hatten, stieg ich aus, und das Mitleid führte mich vor den Waggon der alten Dame. Sie war gerade in eine Ohnmacht verfallen; man bemühte sich um sie. Jemand gab ihr ein paar Tropfen Bouillon zu trinken, die man in aller Eile aus der Küche der Bahnhofgastwirtschaft hatte holen lassen. Sie kam wieder zu sich und sagte: »Dank, Dank! Jetzt geht es mir schon besser, jetzt geht es mir schon gut!« Und wirklich schien es mir, als ob ihre Wangen Farbe bekommen hätten, als ob das Blut in rascherem Umlaufe sei. Auch ihr Blick war weniger starr, weniger fern ... Ich stieg wieder in mein Coupé. Sie war doch wohl nicht so krank, als ich gedacht hatte. Eine Schwäche, das war alles! Jetzt wird sie einschlafen – und – du lieber Himmel – schließlich, diese Schwiegermütter! ... Es war dunkel geworden. Ich dachte nicht mehr an die alte Dame und schlief auf den Polstern während der ganzen Nacht, gewiegt von dem einschläfernden Rhythmus des in voller Schnelligkeit dahinbrausenden Zuges. Ich wachte erst in Rennes auf, wo ich ausstieg. Noch ganz schlaftrunken folgte ich dem Träger, ohne auf all das zu achten, was neben mir geschah ... Ich sah Schatten eilen, Schatten sich sammeln, wie Traumgestalten, aus fernen, dämmernden Ländern. Plötzlich blieb der Träger vor einer Gruppe stehen. Einige Personen schrien mit lebhaften Gebärden: ›Was gibt's? Was ist geschehen? Was ist geschehen?‹ »Einen Arzt! Rasch einen Arzt!« schrie ein Reisender. »Ist ein Unglück geschehen?« fragte ich den Träger. »Nein,« entgegnete der brave Mann. »Es ist nur wegen einer Frau, die im Zuge gestorben ist ... wegen einer alten Frau.« Ich eilte zu dem Waggon, vor dem ein Haufen von dreißig Neugierigen die Köpfe zusammen steckte, insgesamt von dem Wunsche beseelt, die Tote zu sehen. »Bitte, machen Sie Platz, machen Sie Platz!« Und ich sah, wie zwei Bahnbedienstete die Leiche, der eine an den Achselhöhlen, der andere an den Beinen, hielten und an mir vorübertrugen. Ich erkannte das dürftige Kaschmirtuch der alten Dame und ihr wachsbleiches Gesicht wieder. Sie war schon ganz steif und kalt. »Ist das ein plötzlicher Tod oder ein Verbrechen?« fragten neben mir zwei Reisende. »Es ist ein Verbrechen,« sagte ich. »Ein Mord ... Ein wirklicher Mord. Ich weiß es.« Und während meine Zähne vor Schauder klapperten, sprach ich mit einem Tone, der die Zuschauer dieser Scene sehr zu verblüffen schien: »Was sollte dir denn zustoßen? Bei einer so unbedeutenden Erkältung. Es ist ja doch nichts anderes! ...« Der Interviewer Der Interviewer, fünfundzwanzig Jahre alt, etwas bleiches Gesicht, blonder Schnurrbart, eleganter Überzieher mit einer weißen Nelke im Knopfloch. Mischung von Geck und Ladenschwengel. Der Interviewte, Gastwirt, dick und klein, fünfundvierzig Jahre alt. * Der Interviewer. Sind Sie Herr Chapuzot, bitte? Der Interviewte. Ja, der bin ich, Herr. Der Interviewer. Gut ... (Betrachtet ihn mit prüfenden Blicken.) Ja, ja ... das stimmt schon! ... (Macht Notizen.) Der Interviewte. Mit wem habe ich die Ehre zu... Der Interviewer. Ich bin erster Interviewer der »Volksstimme«. Der Interviewte. Erster In..., was? Der Interviewer ...terviewer der »Volksstimme«! ... Kennen Sie die »Volksstimme« nicht? (Achselzuckend.) ... Aber Sie entschuldigen, ich habe Eile ... Haben Sie die Freundlichkeit auf die Fragen zu antworten, die ich an Sie richten werde ... Erst bringen Sie mir aber ein Glas Bier! Der Interviewte. Bitte ... hier! (Bringt ein Glas Bier.) Der Interviewer (setzt sich an den Tisch und legt seinen Notizblock vor sich hin). Sie sind Gastwirt? Der Interviewte (die Gäste und Kellner als Zeugen anrufend). Ja, freilich! Der Interviewer. Ein ekelhaftes Geschäft das ... Aber, das ist Ihre Sache ... Sie leben in schlechtem Einvernehmen mit Ihrer Frau? Der Interviewte (verblüfft). Mit meiner Frau? ... Ich bin gar nicht verheiratet. Der Interviewer. So, so ... Also, Sie vertragen sich schlecht mit Ihrer Geliebten? Der Interviewte. Aber, ich habe auch keine Geliebte. Der Interviewer. Keine Frau ... Keine Geliebte ... und das wollen Sie mir weismachen, Herr? ... Das kenne ich... ich kenne das alles!... Es ist vergeblich, mir gegenüber den Gescheiten spielen zu wollen... Also, betrügt Sie Ihre Frau? ... Oder betrügen Sie Ihre Frau? ... (Lachend.) Wer wird hier betrogen? Der Interviewte. Aber, entschuldigen Sie ... Ich habe schon gesagt, daß ... Der Interviewer. Ach ja! Sie wollen gar zu pfiffig sein. Das wird Ihnen bei der Presse nicht gelingen. Ich fordere Sie auf, nicht länger mit der Presse zu scherzen ... Ich bin die Presse, Herr! Die Presse ist die erste Weltmacht ... Sie klagt an, richtet und verurteilt ... Noch ein Glas Bier! Der Interviewte. Bitte, hier! (Bringt noch ein Glas Bier.) Der Interviewer. Herr, die Presse allein ist für sich Gerechtigkeit und Weltgewissen. Sie ist alles! Antworten Sie. Warum haben Sie Ihrer Frau eine Sodawasserflasche an den Kopf geworfen? Der Interviewte. Aber, mein Gott, mein Gott! Ich sagte Ihnen doch schon ... Der Interviewer (ohne die Beteuerungen Chapuzots anzuhören). Welchen Grund hatten Sie für diese rohe Handlungsweise? ... War es eine gemeine Rache? Ein plötzlicher unüberlegter Zornesausbruch? Stehen wir vor einer Tat der Leidenschaft oder des Atavismus? Haben Sie viele Mörder in Ihrer Familie? Warum reden Sie nicht? Der Interviewte (kratzt sich verlegen den Kopf). Aber, Herrgott, ich ... Der Interviewer. Weiter ... War eine besondere Absicht in der Wahl der Sodawasserflasche? ... Warum eine Syphonflasche ... und warum nicht eine Gießhübler- oder Krondorferflasche? Nun, wenn ich Sie all das frage – hören Sie mich wohl an, Chapuzot, so geschieht das, um durch die genaue Anführung aller Einzelheiten Ihres Verbrechens, durch die präzise Untersuchung der besonderen Momente intimer, ehelicher und sozialer Natur die Hauptgründe zu finden, auf die ich die Psychologie Ihres Verbrechens aufbauen kann. Der Interviewte. Aber, Himmel, Herrgott ... Der Interviewer. Sind Sie jähzornig, sind Sie leidenschaftlich, sind Sie degeneriert, neurasthenisch, dekadent? Verstehen Sie etwas Chirurgie? Der Interviewte (mehr und mehr erschrocken). Aber, du lieber Himmel, ich bin Gastwirt ... ich bin unverheiratet ... und weiß wirklich nicht, was Sie von mir wollen! Der Interviewer (streng). Sie beharren also dabei, alles zu leugnen. Sie wollen sich offenbar über die Presse lustig machen! Schon gut! Ich werde Sie eines Bessern belehren. (Zieht die »Kleine Zeitung« aus der Tasche seines Überziehers.) Noch ein Glas Bier! Der Interviewte. Bitte, hier. (Bringt ein drittes Glas Bier.) Der Interviewer. Sehen Sie her – ich lese aus der »Kleinen Zeitung«. (Liest.) »Infolge eines Streites, dessen Ursache unbekannt blieb, hat ein gewisser Chapuzot, Gastwirt in Montrouge ...« Der Interviewte (lebhaft). Aber, Herr, ich bin ja nicht in Montrouge, ich bin ja in Montmartre! Der Interviewer. Heißen Sie Chapuzot – ja oder nein? Der Interviewte. Ja. Der Interviewer. Sind Sie Gastwirt? Der Interviewte. Ja. Der Interviewer. Also ... ob von Montrouge oder Montmartre, was hat das zu sagen? Das ist ganz ohne Belang! Der Interviewte. Aber, das bin ja nicht ich. Der Interviewer. Sie weigern sich also meine Fragen zu beantworten? Schon gut! ... Wir werden ja sehen, was Ihnen das einbringen wird, sich über die Presse zu moquieren, über die bedeutende Stimme der Presse lustig zu machen. Ich werde Sie zugrunde richten. Ich werde Sie entehren. Ich werde sagen, daß Sie ein Verhältnis mit Ihrer Tochter haben, daß diese eine Kindesmörderin ist, daß ... daß ... daß ... Der Interviewte (zu Tode erschrocken, weiß nicht mehr, was er sagen soll). Aber, in drei Teufels Namen ... das ist denn doch zu stark ... Wenn ich schon sage ... Der Interviewer. Wo ist Ihre Frau? Kann ich Ihre Frau sprechen? Der Interviewte. Aber, bitte schön! ... Nachdem ich doch keine Frau habe ... Der Interviewer. Sie haben keine Frau ... und werfen ihr Sodawasserflaschen an den Kopf? Trachten Sie doch wenigstens logisch zu bleiben, wenn Sie schon durchaus leugnen wollen ... Der Interviewte (verzweifelt). Aber ... Himmeldonnerwetter! Der Interviewer (gebieterisch). Vorwärts! ... Bringen Sie mir Ihre Frau ... ich muß sie sehen, sie fragen ... ich muß ihre Psyche studieren, ich muß die Ursache ihres Atavismus erforschen. Wie sieht sie aus, Ihre Frau? Ist sie von schöner Gestalt? Üppig? Ist sie blond? ... (Schweigen.) ... hat sie geheime Leidenschaften? Ist sie lasterhaft? Pervers? Wie oft hat sie schon abortiert? ... Es ist klar, Sie weigern sich, mir in meinen Erhebungen behilflich zu sein ... Schon gut! (Macht Notizen.) Noch eine Frage! ... Wie denken Sie über die Humbertaffaire? Welches ist Ihre persönliche Ansicht über die Korruption? Welcher Ursache schreiben Sie die zunehmende Entvölkerung Frankreichs zu? Wie denken Sie über Staat und Sozialismus? Sind Sie mit dem Vorschlag des Professors Alglave einverstanden, der Staat soll die Gastwirtschaften in eigener Regie führen? Sind Sie ein Gegner der industriellen Kartelle? Halten Sie die Staatsmonopole für schädlich? Sind Sie mit der neuesten Richtung unserer Literatur eines Sinnes? ... Schon gut! Sie haben sich in den Kopf gesetzt, jede Antwort zu verweigern. Das ist eine mutwillige Herausforderung der Presse! Sie werden das büßen, Herr, das sage ich Ihnen! ... (Steht auf.) Noch ein Glas Bier! Der Interviewte. Bitte, hier. Der Interviewer (nachdem er das Bier getrunken hat). Ich gehe nun ... Ich werde Ihre Nachbarn fragen, und die Nachbarn Ihrer Nachbarn! (Drohend.) Denn die Nachbarn unserer Nachbarn sind unsere Nachbarn, wie Sie wissen! Adieu! (Er geht zur Türe.) Der Interviewte (ruft ihn zurück). Sie, Herr ... Herr! Der Interviewer. Zu spät! ... Es ist Ihr Schade! ... Sie hätten reden sollen, als ich Sie fragte ... Der Interviewte. Das ist es nicht ... Die vier Glas Bier sind Sie mir noch schuldig. Der Interviewer (würdevoll und erhaben). Herr, die Presse ist niemand etwas schuldig! (Geht.) Vor der Galavorstellung »Ich habe Kaiser Alexander III. sehr gut gekannt. Er war ein vortrefflicher Mensch, wenn man von einem Kaiser sagen darf, daß er ein Mensch, ein einfacher Mensch sei wie Sie, wie ich, wie wir alle. Bei Gott, ich habe diese Kühnheit nicht, so wenig wie Ihr Herr Baudin, der biedere Volksmann und getreue Sozialist. Also, er war ein ausgezeichneter Kaiser, der wahre Vater seines Volkes, und es freut mich, daß Ihre Republik einer französischen Brücke seinen Namen gegeben hat. Das ist einmal eine Brücke, die recht seltsame und geheimnisvolle Dinge verbindet. Es wäre zu viel gesagt, wollte ich behaupten, daß Kaiser Alexander III. mein Freund war. Immerhin beehrte er mich mit seinem Wohlwollen, das ist die Wahrheit, und er zeigte sich bei mancherlei Gelegenheiten mir gegenüber sehr freigebig. Ich habe eine silberne Zigarettendose von ihm, mit meinen Initialen, mit seltsamen Steinen ausgelegt, wie man sie nur in den Bergwerken nahe dem Nordpol findet. Das Stück ist nicht sehr wertvoll und nicht besonders schön. Ich besitze auch eine Zündholzbüchse aus einem unbekannten Metall, das nach Erdöl riecht und es anderen unmöglich macht, Feuer zu machen. Aber die Schönheit dieser kaiserlichen Andenken beruht nicht in ihrem größeren oder minderen Reichtum, nicht in ihrem größeren oder geringeren Handelswert; sie liegt allein in dem Andenken an den Spender. Habe ich nicht recht? Ich spielte damals in Rußland – es war vor sechs Jahren – eine ähnliche, wenn auch selbstredend geringere Rolle als euer ruhmreicher Friedrich Febvre unter dem Kaiserreich Napoleon III. Ich will mich mit ihm nicht vergleichen, denn es gibt nur einen Febvre auf der Welt. Sie verstehen, ich war Schauspieler. Kaiser Alexander schätzte meine Fähigkeiten hoch. Selbst in der Erregung war mein Auftreten von vornehmer Eleganz und meine Haltung eine würdige: ich war so ungefähr ein russischer Laffont, wenn Sie erlauben. Er kam oft, um mich in meinen besten Rollen zu sehen, und wenn er auch in seinem Beifall nie überschwenglich war, geruhte er, mir gelegentlich feine Anerkennung zu bekunden. Er besaß einen scharfen Geist, und ich sage es ohne jede Speichelleckerei, er erkannte in allen dramatischen Werken, die ich spielte, die wertvollen Stellen, ohne darauf aufmerksam gemacht worden zu sein. Wie oft ließ mich Seine Majestät zu sich rufen und beglückwünschte mich mit jener besonderen und kühlen Begeisterung, die sich ein unbeschränkter Herrscher gestatten darf, der in vielerlei Dingen die größte Zurückhaltung bekunden muß. In Rußland hat man, wie Sie wissen, kein südliches Blut, und die Sonne lacht dort ebensowenig in die Seelen wie auf die schneebedeckten Fichtenwälder, in denen die Wölfe hausen. Wie immer es auch sei, der Kaiser hatte mich so sehr liebgewonnen, daß es ihm nicht genügte, mir öffentlich Beifall zu zollen, sondern mich auch bei besonderen Anlässen, selbstverständlich nur in Dingen, die meine Kunst betrafen, einlud und zu Rate zog. Denn wie ich bereits gesagt habe, es gab nur einen Febvre auf der Welt. Ich wurde beauftragt, die Vorstellungen im Winterpalast zu leiten und ähnliche Aufführungen in den anderen kaiserlichen Residenzen zu arrangieren, so oft der Kaiser dort Festlichkeiten veranstaltete. Mein Einfluß stieg derart, daß Herr Raoul Gunzbourg mich mit scheelen Augen zu betrachten anfing und mich bei eurem Sarcey in der gemeinsten Weise anschwärzte, was mich auf den Gedanken brachte, eines Tages eine französisch-russische Gastspielreise nach Frankreich zu versuchen. Ich war also glücklich, reich und berühmt, hatte einflußreiche Bekanntschaften oder solche, die als einflußreich galten, was noch wertvoller ist, als wenn sie es wirklich sind, und ich flehte jeden Abend zu den Heiligen, daß mein Leben so weiter verlaufe, daß ich gern mein Streben beschränken und keine anderen Güter mehr wünschen wolle, als die, welche ich schon besaß!« Hier wurde die Stimme des Erzählers ernst, seine Augen wurden traurig, und nachdem er eine kleine Weile geschwiegen hatte, setzte er fort: »Als Waise und Junggeselle lebte ich gemeinsam mit meiner Schwester, einem lieblichen Backfisch von siebzehn Jahren, die die Freude meines Herzens, die Sonne meines Hauses war. Ich liebte sie über alles. Und wie hätte ich dieses reizende junge Geschöpf nicht lieben sollen; sie war lebhaft und lustig, geistvoll und sanft, schwärmerisch und freigebig, unausgesetzt klang helles Lachen von ihren Lippen, und ihre Seele begeisterte sich für alles, was schön und groß war. Unter dieser zarten Hülle eines lachenden jungen Mädchens fühlte man eine feurige Seele, die gerecht und frei war. Nicht selten entpuppt sich nationaler Heldenmut derart bei uns. In der erstickenden Ruhe, die auf unser Vaterland drückt, in dem ungeheuren Polizeiverdacht, der es umklammert, wählt das Genie, um seinen Weg zu verbergen, oftmals das Herz eines Kindes zu seinem Schützer, eines kleinen Mädchens, als ein unverletzbares Obdach. Meine Schwester war eine dieser Erwählten. Eine einzige Sache bekümmerte mich bei ihr: die übertriebene Freimütigkeit ihrer Worte und die maßlose Unabhängigkeit ihres Geistes, die sie vor niemand zum Schweigen bringen wollte, auch nicht vor jenen, in deren Gegenwart der Mund ganz stumm und die Seele gut verschlossen bleiben muß. Aber ich beruhigte mich und sagte mir, daß solche kleine Verirrungen in ihrem Älter wohl keine üblen Folgen nach sich ziehen, obgleich bei uns die Justiz und das Unglück kein Alter kennen. Als ich eines Tages von Moskau heimkam, wo ich einige Vorstellungen gegeben hatte, fand ich das Haus leer. Meine beiden alten Diener saßen auf einer Bank im Vorzimmer und jammerten. »Wo ist meine Schwester?« fragte ich. »O Herr!« sagte der eine von ihnen, denn der andere sprach niemals, »sie sind dagewesen ... und haben sie weggeführt, mitsamt der Amme ... Gott sei ihr gnädig!« »Du bist wohl verrückt!« schrie ich ihn an ... »Oder du bist betrunken! ... Was ist also mit dir? ... Weißt du überhaupt, was du sprichst? ... He, sage mir, wo meine Schwester ist!« Der Alte starrte mit seinem bärtigen Gesicht auf die Decke des Zimmers: »Ich habe dir schon gesagt,« murmelte er ... »Sie sind gekommen ... und haben sie fortgeführt ... der Teufel weiß, wohin!« Ich glaubte vor Schmerz ohnmächtig zu werden. Doch fand ich die Kraft, mich an einem Vorhang festzuklammern, und rasend stieß ich hervor: »Aber warum? ... Warum? ... Sie müssen doch etwas gesagt haben. Sie können sie doch nicht so fortgeführt haben, ohne Ursache? ... Haben sie nicht gesagt, warum? ...« Der Alte schüttelte den Kopf und entgegnete: »Nichts haben sie gesagt ... Sie sagen nie etwas ... Sie kommen wie die Höllenhunde ... man weiß nicht woher ...und wenn sie wieder fort sind, bleibt nichts übrig, als zu weinen ...« »Aber sie?« rief ich verzweifelt ... »Sie ... Sie wird doch etwas gesagt haben? Sag ... sie hat sich zur Wehre gesetzt? ... hat sie ihnen nicht gedroht, daß ich ... daß der Kaiser, der mein Freund ist, sie strafen werde? ... Sie muß doch etwas gesagt haben?« »Was hätte sie denn sagen sollen, die teure Seele? ... Und was hätte sie auch sagen können? Sie hat beide Hände gefaltet, wie vor dem heiligen Muttergottesbild ... Und was willst du ... Jetzt bleibt dir und uns beiden, die sie wie das Leben lieb gehabt haben, nichts übrig, als zu weinen ... so lange wir leben ... denn sie ist dahin gegangen, von wo man nimmer wiederkommt ... Gott und unser Väterchen, der Zar, seien gesegnet!« Ich begriff, daß ich von diesen treuen und ergebenen Hunden keine anderen Aufschlüsse erwarten konnte, und ich ging fort, Erkundigungen einzuziehen. Ich wurde von Amt zu Amt, von Kanzlei zu Kanzlei, von Schalter zu Schalter geschickt, und überall stieß ich an verschlossene Gesichter, an verriegelte Seelen, an versperrte Augen wie an Gefängnistüren. Man wußte nicht ... man wußte nichts ... Man konnte mir nichts sagen ... Einige rieten mir, nicht so laut zu reden oder lieber gar nichts zu sagen und zufrieden nach Hause zu gehen. In meiner Verzweiflung dachte ich daran, den Kaiser um Audienz zu bitten. Er war gut. Er liebte mich. Ich würde mich ihm zu Füßen werfen, ihn um Gnade anflehen ... Denn wer weiß? ... Er kannte sie vielleicht gar nicht, diese finstere Justiz, die in seinem Namen ausgeübt wird ... Er wußte sicher nichts davon! Einige Offiziere, mit denen ich befreundet war, brachten mich von dieser Absicht rasch ab. »Davon darf man nicht reden! ... Man darf davon nicht reden! ... Das trifft jeden. Wir alle haben Freunde und Schwestern, die dort unten sind ... Davon darf man nicht reden! ...« Und um meinen Schmerz zu lindern, luden sie mich ein, den Abend mit ihnen zu verbringen. Man wird sich mit Champagner betrinken, bei den Fenstern des Restaurants Kellner hinauswerfen, ... man wird sich mit Weibern unterhalten ... »Kommen Sie doch, mein Lieber, kommen Sie!« Wackere Freunde! Erst am dritten Tage konnte ich den Polizeipräsidenten sprechen. Er war ein guter Bekannter. Er hat mich im Theater oft in meiner Garderobe besucht. Er war ein liebenswürdiger Mann, dessen leutselige Manieren und dessen geistvolles Geplauder ich bewunderte. Bei den ersten Worten, die ich aussprach, unterbrach er mich. »Pst!« machte er stirnrunzelnd, »denken Sie darüber nicht weiter nach! Es gibt Dinge, über die man nicht nachdenken soll, nicht nachdenken darf!« Und plötzlich fragte er mich um vertrauliche Einzelheiten über eine französische Sängerin, die tags zuvor in der Oper bejubelt worden, und von deren Schönheit er entzückt war. Endlich, acht Tage nach diesem furchtbaren Ereignis – ich versichere Ihnen, es schien mir wie ein Jahrhundert – ein Jahrhundert voll Angst und tödlicher Qualen, gab man im Schauspielhaus eine Galavorstellung. Der Kaiser ließ mich durch einen Gardeoffizier rufen. Wie gewöhnlich, wie immer, war er ernst und traurig, von einer müden Roheit und einem eisigen Wohlwollen. Ich weiß nicht recht warum, als ich diesen Größten der Großen vor mir sah – sei es Respekt oder Furcht – sei es das Bewußtsein seiner mächtigen Allgewalt – es war mir unmöglich, ein Wort hervorzubringen, das einfache Wort »Gnade« auszusprechen, dieses Wort, das meine Brust die ganze Zeit hindurch mit Hoffnung erfüllt hatte, in meiner Kehle zitterte und auf meinen Suppen brannte Ich war vollkommen gelähmt, starr, wie tot ... »Meine Glückwünsche, Herr,« sagte er mir, »Sie haben heute Abend gespielt wie Guitry!« Und nachdem er mir seine Hand zum Kuß gereicht hatte, war ich gnädig entlassen.« Der Erzähler sah auf seine Taschenuhr und verglich die Zeit, die sie anzeigte, mit der einer Pendeluhr, die auf einem kleinen Schrank nebenan tickte! »Ich komme ans Ende,« begann er wieder. »Es ist gerade noch Zeit ... Zwei Jahre verstrichen. Ich wußte noch immer nichts; ich hatte noch nicht das Geringste über das furchtbare Geheimnis erfahren können, das mir plötzlich das Liebste auf dieser Welt entrissen hatte. So oft ich einen Beamten darüber befragte, kam nichts über dessen Lippen als dieses wahrhaft entsetzenerregende Pst!, mit dem ich gleich nach dem Geschehnis trotz meines Flehens und Bittens überall empfangen worden. Alle Einflüsse, die ich in Bewegung zu setzen versuchte, dienten nur dazu, meine Befürchtungen noch schmerzlicher und das Dunkel noch undurchdringlicher zu machen, in dem das Leben des armen vergötterten Kinbes, das ich beweinte, verschwunden war. Sie können sich vorstellen, ob ich mit meinem Herzen beim Theater, bei meinen Rollen war, ob ich das aufregende Dasein noch fühlte, für das ich sonst leidenschaftlich entflammt war. So furchtbar peinlich es auch war, dachte ich keinen Augenblick daran, meinen Beruf aufzugeben. Denn gerade durch ihn war ich in täglichem Verkehr mit den höchsten Persönlichkeiten des Reiches, die ich vielleicht eines Tages mit Erfolg für mein schreckliches Unglück zu interessieren hoffte. Und ich überließ mich im Gedanken, eine entfernte Hoffnung zu sehen, deren wirren und unsichtbaren Lichtschimmer ich zu durchblicken glaubte. Der Kaiser brachte mir immer das gleiche kühle Wohlwollen entgegen. Man sah ihm an, daß auch er an einem unbekannten Schmerz mit bewunderungswürdigem, schweigsamem Mute litt. Ach, ich fühlte brüderlich, daß er nichts wußte, nicht das Geringste wußte, und daß er die unendliche Traurigkeit seines Volkes teilte, daß der Tod an ihm nagte und seine mächtige, hoheitsvolle Heldengestalt zur Erde niederzog. Und ein ungeheueres Mitleid stieg in meinem Herzen für ihn auf ... Ach, warum wagte ich nicht, den Schrei auszustoßen, der meine Schwester vielleicht gerettet hätte? ... Warum? ... fürwahr, ich weiß es nicht. Nach einigen Tagen und Nächten voll unsagbarer Pein vermochte ich nicht länger, so zu leben, und war entschlossen, alles aufs Spiel zu setzen. Ich begab mich zum Polizeipräsidenten. »Hören Sie mich an,« erklärte ich entschieden ... »ich komme nicht zu Ihnen, um leere Worte zu dreschen ... ich verlange nicht die Begnadigung meiner Schwester, ich frage Sie nicht einmal, wo sie ist ... Ich will nur das eine wissen: ob sie lebt oder ob sie tot ist! ...« Der Polizeipräsident machte eine ärgerliche Bewegung: »Schon wieder!« rief er. »Warum denken Sie immer an das, mein Teurer? Sie sind wahrhaftig nicht klug ... und Sie machen sich ganz überflüssigen Kummer ... Sehen Sie! Das alles ist längst vorbei! ... Nehmen Sie an, sie sei tot! ...« »Das ist es eben, was ich wissen will,« sagte ich beharrlich ... »Der Zweifel tötet mich. Ist sie tot oder lebt sie noch? Sagen Sie mir nur das eine ...« »Sie sind wunderlich, mein Lieber ... Aber das weiß ich doch nicht ... Wie sollte ich davon wissen?« »Forschen Sie nach ... übrigens ist es ja mein Recht ...« »Sie wünschen es?« »Ja, ja, ja ... ich wünsche es!« rief ich ... »Nun gut! Es sei! Ich werde mich erkundigen, ich verspreche es Ihnen ...« Und während er mit seinem goldenen Federhalter spielte, fügte er nachlässig hinzu: »Nur möchte ich Sie für die Zukunft ersuchen, mein Lieber, einen etwas weniger freien Begriff von Ihren Rechten zu haben ...« Sechs Monate nach diesem Gespräch trat eines Abends, als ich mich in meinem Kabinett für die Bühne ankleidete, ein Polizist auf mich zu, der mir einen versiegelten Umschlag übergab ... Fieberhaft erregt brach ich ihn auf. Er enthielt ein Blatt ohne Datum und Unterschrift, das folgende Worte enthielt: »Ihre Schwester lebt, aber sie hat schneeweißes Haar.« Ich sah die Mauern des Kabinetts, die Lichter, die Spiegel um mich kreisen, kreisen ... Dann verschwand alles und, ich stürzte wie eine leblose Masse auf den Teppich ...« Der Erzähler erhob sich. Er war blaß und gekrümmt wie ein Kranker. Er trat durch den Saal auf den Spiegel zu, ordnete seine Halsbinde und seine Frisur. Und während von der Straße herauf das Jauchzen der Menge bis zu uns drang, die den Zar begrüßte, der sich zur Galavorstellung in die Komédie-Française begab, sagte er: »Seither sind wieder drei Jahre vorbei! ... Und gerade heute ist die arme Kleine dreiundzwanzig Jahre alt! ...« Hierauf drückte er uns die Hände und ging.