Herman Bang Wechselnde Themen Reportagen – Eine Auswahl – 1884 – Anhang [Herman Bang. Vekslende Themaer I–IV. Udgivet af Sten Rasmussen. Det Danske Sprog- og Litteraturselskab. C.A. Reitzels Forlag, København 2006. ISBN 978-87-7876-465-2.] © 2009. Aus dem Dänischen übersetzt von Dieter Faßnacht 17.2.1884 Josephine Gallmeyer Josephine Gallmeyer wurde 1838 in Leipzig als Tochter der Schauspielerin Katharina Thomaselli und des Tenors Michael Greiner außerehelich geboren. Nach der Heirat ihrer Mutter mit dem Schauspieler Christian Gallmeyer nahm sie dessen Namen an. Ihre Jugend verbrachte sie in Brünn, wo sie 1853 als Soubrette (ursprünglich die Rolle der listigen und verschmitzten Kammerzofe, dann die muntere oder jugendlich komische Mädchenrolle) debütierte. Weitere ungarische Städte folgten. 1862 wurde sie vom »Theater an der Wien« in Wien engagiert. Seit 1865 war das Carl-Theater ihre Wirkungsstätte. Dort wurde sie zur beliebtesten Wiener Volksschauspielerin und Sängerin. Ihre Hauptauftritte fanden in Volks- und Dialektstücken statt. Hinzu kamen zahlreiche Soubrettenpartien in den klassischen Wiener Operetten. Ihr Erfolg beruhte auf ihrer attraktiven Bühnenerscheinung, ihrem glänzenden darstellerischen Talent und ihrer herrlichen Sopranstimme. Sie unternahm triumphale Tourneen durch Deutschland, Österreich und Nordamerika. 1874 leitete sie das Strampfer-Theater; dies war jedoch ein Mißerfolg. 1884 trat sie zum letzten Mal als Rosa in »Der Verschwender« im Grazer Landestheater auf. Neben ihrem Theaterspiel schrieb sie Novellen, Bühnenstücke und Erzählungen. Josephine Gallmeyer starb völlig verarmt 1884 in Wien.   Warum über diese Fremde schreiben? Wir kannten sie nicht und die, die sie vergötterten, als sie noch jung war, um sie dann im Stich zu lassen, als sie die ersten Falten bekam, haben sie bereits vergessen. Es ist ja schon acht Tage her, daß sie starb. Der Buchhändlerlehrling gestaltet das Schaufenster alle acht Tage neu, er hat sie bereits weggefegt. Ein neues Gesicht kam in den Rahmen mit dem schwarzen Kreuz – dem Gemeinschaftsgrab der Berühmten. Hier ist das Stück zu Ende. Das Publikum hat seine Blumen hinein geworfen, so daß alles zum Besten steht. Warum sich langweilen und warum kommentieren? Wir haben ja alles erhalten – sowohl die Tragödie als auch das Satyrspiel. Man führt die Chronik auf den frischen Gräbern aus. Und irgendeinmal muß »Halt!« gesagt werden. Wir wollen mit diesem Namen nicht mehr belästigt werden. Man hat das Recht, so zu reden. Es ist unbarmherzig, den Leser damit aufzuhalten, das Leben einer Fremden so spät darzustellen, daß der Leichnam schon lange erkaltet ist. Aber trotzdem werde ich dies tun. Man darf so kurz vor Fastnacht Unfug treiben. Und dieses Leben war just ein Fastnachtsstreich. Sie war ein Pierrot in Trauerkleidung, eine Possenreißerin mit der Seele eines Hamlet, Die Seele eines Hamlet: zögernder Charakter. eine Offenbacherin mit Liedtexten, schwarzer Munterkeit; das Leben einer Frau, bei der alle Launen sich auf dem Fastnachtsball zeigten und mit dem Lebensüberdruß tanzten. Dieses Thema paßt. Alles auf den Kopf zu stellen. Mit jeglicher Vernunft um die Wette zu laufen. Purzelbäume mit dem Gesicht eines Leichenbitters zu schlagen. Weiter zu lachen, weil man nie aufhören wollte zu weinen. Paßt all dies nicht zur Fastnachtszeit, wenn die Trauer sich rot schminkt und die Lebensfreude im Gewand einer Nonne daher schreitet? Das Theaterleben – das ist genau unsere ganze Zeit, im Hohlspiegel gesehen. Dort erhitzen sich alle Leidenschaften, die Begierden heißen, unter der Hitze der Gaslampen. Die Nacht folgt ohne Dämmerung auf den Tag – nur die Lampe wird angezündet und wieder gelöscht. Dort ist das Eingebildete genauso wahr wie das Wirkliche, dort ist das Glück so ungestüm wie das Herzklopfen der Liebe, so kurz wie ein Applaus. Das Verlassensein ist so finster, wie »Der Saal«, wenn er geschlossen ist. Warum ist das kein Leben? Ein voller Saal. Ströme von Tränen, wenn die Heldin stirbt: in der Phantasie alle Todesqualen erleidend, das Kleid hoch gerissen, sie bekommt keine Luft mehr, die Hände mit einem letzten Tasten in das Kissen des Sofas gesteckt. Dann die letzten Worte, die allerletzten Seufzer, und in einem Nu, während die Schauspielerin die Augen schließt, fühlt sie nur ein Schweben, als ob es wirklich der Tod wäre. Der Vorhang fällt und dahinter ein Beifallssturm, so daß der Vorhang sich wie ein Segel im Wind bläht. Und der, der die Augen wie in einer Ohnmacht geschlossen hatte, fühlt, wie das Blut in Siegesjubel zu seinem Herzen strömt, und wenn sie sich wieder und wieder verneigt und der Vorhang gefallen ist, sagt sie eine kecke Belanglosigkeit zu einem Mitspieler, und sie geht, ihrer selbst nicht ganz mächtig, fast wie angetrunken, mit dem Lärm des Beifalls in ihrem Ohr in ihr Zimmer. Dort erwarten sie kühle »Tücher« auf die heißen Wangen, die dummen Sprüche der Ankleidefrauen, die Ermüdung, die den ganzen Körper befällt, während die Seele gleichsam mit einem plötzlichen Mißbehagen als letztem Gedanken einschläft. Endlich ist das Umkleiden vorüber. Sie kommt heraus. Die Bühne ist dunkel, eine verwirrte und ungemütliche Sammlung von Stricken und Wandschirmen. Eine einzelne Notleuchte anstelle von Lichtern und Gasleuchten … Man friert und zieht bei dieser Veränderung den Mantel fester um sich. Wie schnell sich das doch ändert, und wie fieberhaft! Ist es so merkwürdig, daß diese Menschen anderen nicht gleichen? Daß ihr Leben zur Laune wird, daß Grellheit ihr Gesetz ist? Daß alles hier geschehen kann? Hier dauert alles eine Minute. Deswegen kann man sich für seinen Feind aufopfern, seine Gemahlin, die man liebt, hassen, seinen Freund verleumden. Hier wird das Leben auf die launenhafte Karte gesetzt. Julia Feyghinn Julia Feyghin: französische Schauspielerin. erschießt sich, während ihr Liebhaber ein Bad nimmt, und Miss Nilsson stirbt an Aufregung, weil man sie einer Rolle beraubt. Josephine Gallmeyer war Kind dieser Strömungen. Ihr fiebriges Leben umfaßte all diese Gegensätze. Diese ewigen Übergänge von Licht zu Dunkel, die dieses Dasein bestimmen, hatten bei ihr die großen Sprünge in allem, was das Leben des Schauspielers ausmacht, verursacht. Sie hatte alles genossen, und es gab nichts, das sie nicht durchlitten hätte. Sie sang Couplets Couplet: die Bezeichnung für gewisse, in Possen und Vaudevilles vorkommende komische Lieder, deren Strophen nach einer Melodie gesungen werden und in einem witzigen Refrain endigen. von Strauß, während sie auf den Gedanken kam, sich auf dem Armenfriedhof in einem Gemeinschaftsgrab begraben zu lassen. Vielleicht stak unglaublich viel Werbung hinter all diesem. Werbung bläht gleichsam einen großen Teil des modernen Lebens auf. Sie verlangt Grellheit, sie gibt sich mit Widersprüchen ab. Aber der tiefste Grund für eine Lebensführung wie die der Josephine Gallmeyer ist doch das Fieberhafte, die ewige Ruhelosigkeit, die Gier nach Neuem, nach Gefühlsausbrüchen. Ruhe ist Tod. Außerdem wird man nie zufrieden gestellt. Man glaubt nicht, daß ein Schrei den eigenen Schmerz ausdrückt, ein Ruf den eigenen Jubel. Der Dichter glaubt nicht, daß dieses Sonett seine ganze Liebe in sich trägt, der Schauspieler kann den Laut der Wörter nicht im Erbeben seines Hasses finden. Dann schreiben die Schauspieler. Die Dichter träumen davon, die Bühne zu betreten. Die Bildhauer werfen den Meißel hin und mischen Farben auf der Palette. Sophia Rous-seil, Rousseil: Marie Suzanne Rosalie Rousseil, geb. 1840, war eine französische Schauspielerin, die 1887 ins Kloster eintrat. Sie war unter anderem am »Théâtre français« tätig. In den 1870ern trat sie in einigen Vorstellungen mit Sarah Bernhardt auf. die tragische Schauspielerin, die alle bewundern, die das Schicksal jedoch verflucht hat, niemals zu siegen, ohne von der Frucht ihres Sieges verjagt zu werden; die schon einmal in ihrer Verzweiflung Zyankali in ihr Glas gemischt hatte, als sie von einem jungen Priester, der sie bekehrte, gerettet wurde, so daß sie kurz vor dem Eintritt in ein Kloster stand; die so arm ist, daß sie nicht einmal den Ort, den sie ihr Heim nennt, besitzt, und deren Hauptvergnügen der Sport ist, in Wasser aufgelöste Perlen In Wasser aufgelöste Perlen: Vermutlich ist hier das Schlafmittel Chloralhydrat gemeint. Chloralhydrat, das sich vorzüglich in Wasser auflösen läßt, war ab 1869 von O. Liebreich als Schlafmittel in der Medizin eingeführt worden. Es war bis 1903, als die Barbiturate hinzukamen, das einzig bekannte Schlafmittel, das auch Herman Bang viel nutzte. zu trinken – diese Rous-seil schreibt in brennenden Versen Dramen und fährt Frankreichs Landgaststätten ab, um ihre schwermütigen Gedichte vorzulesen. Diese Gedichte glühen vor ekstatischem Feuer, und rastlos, gequält und arm bis zur Nacktheit, deklamiert und liest Rousseil diese Verse vor; sie zwingt die Zuhörer auf doppelte Weise, indem sie ihrem Gedanken ihre eigene Stimme verleiht. Josephine Gallmeyer handelte wie sie. Sie schrieb Novellen – ohne Humor, sie verfaßte sentimentale Geschichten, in denen die Gefühle überströmen. Eine ihrer letzten Novellen trug den Namen: »Es ist vorbei«. In Graz hielt sich Frau Gallmeyer mit ihren letzten Plänen auf. Sie hatte sich dorthin zurückgezogen, vielleicht weil es sie schmerzte, in Wien zu bleiben, das sie im Stich gelassen hatte, vielleicht auch, weil sie verarmt war. Dort hat sie gewiß auch das Testament verfaßt, das so bitteren Inhalts war, daß ihre Freunde es nicht so veröffentlichen wollten, wie es ihr Wunsch war. Gallmeyer war alt geworden. Denn derjenige, der sich den Kronen der Operette weiht, muß wissen, es handelt sich um eine Krone aus Rosen, die schnell verwelken. Vielleicht hatten deswegen bereits viele vergessen, was sie einmal gewesen war. Die jungen Leute in Wien kannten sie wohl kaum. Aber nunmehr bei ihrem Tod hat der eine oder andere versucht, sich ins Gedächtnis zu rufen, was sie in ihrer Jugend war, und das Bild, die Erinnerung hat das bewahrt und ist lebendig genug, ihre Macht zu verstehen. »Eine geschmeidige, mittelgroße Gestalt springt wie eine Katze auf die Bühne; in dem ovalen, etwas mageren Gesicht funkelten ein Paar Augen, die für sich alleine die ganze Komödie beleben konnten. Sie schüttelte ihr Haupt, so daß die krause Lockenfülle um die Stirn schlug, und keck zwitscherte sie zum Publikum hinaus. Sie warf ihre Blicke wie Blitze geradeaus ins Parkett, hinauf zu den Rängen und die Logen entlang. Dann begann sie, mit geradezu verblüffender Natürlichkeit zu sprechen. Sie sprach immer mit einem guten Freund – ihrem Charme. Dann entwarf sie drastisch einen komischen Typ des Volkslebens, mit so großem Detailreichtum gespielt, so naturgetreu, daß die Wiener sie einen ›weiblichen Nestroy‹ Nestroy: Johann Nestroy (1801-1862) war ein österreichischer Schauspieler und Schriftsteller, der Unterhaltungsstücke am Stück schrieb und französische Stücke bearbeitete, die er mit zünftigen Kalauern und Melodien ausstattete. Diese volkstümlichen Schauspiele waren beliebter Bestandteil des Repertoires der Kopenhagener Privattheater. nannten. Wenn sie in einer ihrer Glanzrollen die ganze Skala der Gefühle von Trauer zu Freude durchlief, wenn sie sich bald zum Lachen, bald zum Weinen zwang, wenn sie einen Strom von Spott über die Häupter unserer öffentlichen Persönlichkeiten goß, wenn sie wie eine unglaubliche Schnellzeichnerin alle unsere Stärken in wunderlicher Nachzeichnung nachahmte, wenn sie nach tausend Kunststücken zuletzt einen Kankan Kankan: Ursprünglich aus Algerien stammender Schautanz, der dann in Frankreich in Nachtlokalen und Varietees mit oft sittlich anstößigen Gesten und Gebärden getanzt wurde. zu tanzen begann, war es, als ob sie sich in wilder Zügellosigkeit selbst betäuben wollte. Sie tat es immer wieder, wie eine betrunkene Mänade wirbelte sie umher, als ob der Weltuntergang nahe wäre und sie zum letzten Mal den Becher aller Sinnlichkeit bis zum letzten Tropfen leerte – dann jubelte und tobte das Publikum, von Gallmeyers Wildheit angesteckt. Allen war zumute, als ob ein Phänomen, eine Furie aufgescheuchten Gefühlssturmes, plötzlich vor ihren Augen losgelassen worden wäre. Wir waren aufgewühlt, und doch hielt sie uns fest. Eins ist sicher: Es war kein erhebender Anblick, eine durch Gallmeyers Macht willenlos gebundene Menge zu sehen …« Viel von Gallmeyers Wesen ist sicher darin wiedergegeben. Vor allem versteht man den Rausch seiner eigenen Leichtfertigkeit, die ihr Kennzeichen gewesen ist. Diese Frau hatte ein so überschießendes Temperament, daß keine Gefühlsbewegung genügte, sie zufrieden zu stellen. Witz, Einfälle, Skandale schossen in ihrem Leben wie Pilze aus dem Boden, Genialität und Wildheit paarten sich in ihrer Kunst. Kein Skandal war ihr zu groß, kein Spektakel war ihr lärmend genug. Es war ein Wirrwarr von Launen, Brüchen, Dummheiten; alle acht Tage wurde Gallmeyer ausgepfiffen, weil es ihren Wienern zu bunt wurde, und allzeit schlagfertig begegnete sie dem Mißfallen mit einem »Witz«. Zwischen ihr und dem Publikum herrschte immer reine Konversation. – Und hinter all diesem lauerten Unzufriedenheit und Müdigkeit. Sie machte eine Dummheit nach der anderen, um sich selbst zu betäuben. Eines Tages war sie am Ende. Dann sagte man in Wien: »Die Gallmeyer ist melancholisch geworden, weil sie keine Dummheiten mehr begehen konnte.« Und Wien wandte sich ab. Nicht, weil sie älter geworden war, nicht weil sie weniger bedeutend gewesen wäre, aus keinem bestimmten Grund: Sie wurde bewundert – wie Rousseil. Aber sie fand wie jene auch keinen Direktor. Da wird das ganze Leben zu einer Reihe wahnsinniger Kämpfe, eine Jagd nach dem ewig Fliehenden. Man glaubt, man hätte es, und man merkt, wie einem der Zipfel aus der Hand gleitet. So war es mit Gallmeyer. Sie kam nach Berlin. Sie siegte. Die Zeitungen überhäuften sie mit Lob; das Publikum jubelte; man spannte die Pferde von ihrem Wagen ab; sie fuhr nach Pest; ein lärmender Sieg. Aber nach der zehnten Vorstellung bleibt das Haus leer, und die Künstlerin reist – den Arm voller Lorbeerkränze ihres kalten Sieges – ab. Gallmeyer zog von Stadt zu Stadt. Beifall und Kränze überall, bleibende Stätte nirgendwo. Dauernd wurde sie nach Wien zurückgetrieben. Sie trat auf, wurde mit Jubel empfangen, und am nächsten Abend war das Haus leer. Sie war dieselbe geblieben, genauso behaftet mit allen alten Grillen, allen Primadonna-Ideen, allen Launen. – »War sie nicht Gallmeyer?« »Sicher.« Aber das Publikum war nicht mehr ihr Publikum, und so fand sie bald keinen Direktor mehr. Sie wurde ihr eigener Herr. Sie wurde selbst Direktorin, 1874 war sie einige Monate lang Direktorin des Wiener Strampfer-Theaters; dies war jedoch ein Mißerfolg. verschwendete ihr Geld, war arm wie eine Kirchenmaus und mußte neue Tourneen unternehmen. Jetzt wurde ihr Leben ein Kampf ums tägliche Brot. Die Armut meldete sich. Und Gallmeyer, die sich verlassen und einsam sah, fühlte in sich doch noch dasselbe Genie. Welcher Kampf. Zehn Pläne jährlich und zehnmal Schiffbruch. Ein ewiges Handgemenge mit dem Schicksal. Rastlos bahnte sie sich ihren Weg, beging niemals denselben Steig. Dann beschloß sie, in Amerika Gold zu sammeln. Sie kehrte noch ärmer zurück, als sie abgereist war, und war gebrochen. Als sie nach der Heimkehr in Wien auftrat, war es eine Imitation von Sarah Bernhardt. Sarah Bernhardt: eigentlich Rosine Bernard (1844-1923). Weltberühmte französische Schauspielerin, die in vielen Ländern weltweit gastierte. Sie debütierte 1862 im Théâtre français in Paris, gelangte zu Ehre und Ruhm 1872-1880 an der französischen Nationalszene. Sie spielte klassische und moderne Hauptrollen. Ab 1880 Gastspiele in der ganzen Welt. Im August 1880 trat sie in Kopenhagen auf, wo sie bis hinein ins Königshaus Begeisterung auslöste. 1883 und 1902 trat sie erneut in Kopenhagen auf, hatte aber den Zenit ihrer Schauspielkunst bereits überschritten. Sie hatte ihr Genie niemals mächtiger gezeigt. Wie »Sarah« selbst ihre Lebensverzweiflung in der Gestalt des Pierrot nachahmt, schnitt Gallmeyers Kummer in einer Frou-Frou-Parodie Frou-frou: Vaudeville-Komödie (1868) von L. Halévy. Dänische Übersetzung 1880. Bis 1884 56mal im Casino aufgeführt. Gesichter. Von nun an war es vorbei. Ihre Freunde wußten dies. Sie selbst träumte nur noch davon, die tragische Figur zu spielen! Sie hatte diese Operetten satt; sie strebte nach dem Drama. Es ist heutigentags ein eigentümliches Merkmal der Verehrer des »leichten« Genres, buchstäblich vor ihren eigenen Melodien zu flüchten. Lecocq Lecocq: Charles Lecocq (1832-1918), französischer Komponist, der als Nachfolger Offenbachs gilt. Wichtigste Operetten seines Schaffens sind: Fleur de thé (1868) , La fille de Madame Angot (1872), Giroflé-Giroflà (1878) und Le petit duc (1878). haßt seine Operetten. Offenbach hatte nur einen Ehrgeiz: eine ernste Oper zu verfassen. Als er nach deren Vollendung starb, sagte Lecocq: »Er hat wenigstens mit einem Werk für seine Verirrungen gebüßt.« Gallmeyer wollte ernste Rollen spielen. Die Herzogin in »Wo man sich langweilt« »Wo man sich langweilt«. Schauspiel von E. Pailleron, 1882 im Königlichen Theater aufgeführt. (Le monde où l'on s'ennuit (1880). sollte nur ein Übergang sein; sie träumte von dem tragischen Purpur. Ich bin überzeugt, daß sie sich mehr als einmal auf die Lippen biß, wenn das Publikum über ihre tragischen Imitationen lachte. Sie hegte die heimliche Hoffnung, es zum Weinen bringen zu können. Wie ihre Rivalin Geistinger Geistinger: Marie G. Geistinger (1833-1903), deutsche Sängerin, als »Königin der Operette« in ganz Europa bekannt. suchte sie die letzten Provinznester auf, um »dramatische Rollen« zu spielen, und sie bestieg weit weg in den entferntesten Orten Ungarns den Kothurn. Kothurn: hoher, dicksohliger Schuh, der in der griechischen Tragödie von den Schauspielern getragen wurde. »Auf dem Kothurn sein« bedeutet »auf dem hohen Roß sitzen«, »sich herablassen«. Während der ganzen Zeit war ihr Sinn voller Bitterkeit. Sie empfand kalten, bitteren Haß der Menge gegenüber, eine tiefe Verachtung ihrer selbst. »Ich weiß nicht, warum die Menschen leben«, schreibt sie einem Freund, »denn ich kann überhaupt nicht glauben, daß sie es lustig finden, diese Einleitung verwesen zu lassen.« Als dann der Tod kam, wollte sie nicht sterben. Die Krankheit hatte schon lange an ihr gezehrt. Sie betäubte ihre Schmerzen mit einem Heer von Launen. Sie heiratete einen Mann, der fünfundzwanzig Jahre jünger war als sie. Drei Monate später hatte sie ihn schon wieder verlassen … Aber die Krankheit schritt fort. Im Fieber beschäftigten sich ihre Gedanken immer noch mit dem Theater. Sterbend, mit gebrochener Stimme sang sie ihre alten Couplets, im Bett sitzend. »Hörst du, hörst du«, sagte sie zu ihrer Freundin, »wie sie klatschen – hör nur!« … »Wie eine Bettlerin will ich begraben werden«, heißt es im Testament, das sie am 1.Januar 1880 in Graz verfaßte. »Kein Grabstein soll mein Grab bedecken …« »Traurig«, schreibt ein Blatt, »sieht es im Hause, wo Gallmeyer starb, aus. Letzte Woche hatte sie alles für ein Gastspiel in Hannover vorbereitet. Gepackte Koffer stehen in den Zimmern, alles ist in Auflösung begriffen. Alte Lorbeerkränze mit Schleifen liegen überall: »Der Gefeierten« – »Der Unvergeßlichen« – Sie ist tot. Die Farce hat ein Ende. Die bedeutendsten deutschen Kritiker meinten, daß Gallmeyer eines der größten Genies unserer Zeit war. Damit muß sie wohl zufrieden sein. Und wir preisen sie glücklich, daß sie endlich sterben durfte. 16.3.1884 Sitzengeblieben Sie hatten dort schon viele Jahre lang gewohnt. Die Witwe hatte »glückliche Tage« als Kind in einem großen Stadt- und Kontorhaus erlebt. Aber dann mußte sie als zwanzigjähriges junges Mädchen einen jungen Angestellten vom Büro ihres Vaters, des Kammerherrn, Kammerherr: In der Rangordnung des königlich dänischen Hofes, die übrigens - mehrfach abgewandelt und vereinfacht - bis heute gilt, steht der Rang des Kammerherren in der 2. Klasse auf Platz 5. Im selben Rang stehen zum Beispiel die Richter des Obersten Gerichtshofes, der Generalstaatsanwalt, Generalmajore, Konteradmiral und die Bischöfe der dänischen Volkskirche. heiraten, und nach dieser Heirat wollte ihre Familie nichts mehr von ihr wissen. Das Ehepaar lebte in engen Verhältnissen drei, vier Jahre lang, dann starb er, und von allem, was sie sich vom Leben erhofft hatte, blieben der jungen Witwe nur die zwei kleinen Mädchen übrig. Einige Zeit kämpfte sie sich in Kopenhagen durch, wie eben solche Existenzen kämpfen – bald mit einer Pension für Studenten, bald mit einem Mittagstisch für einen geschlossenen Kreis von Herren. Bis eines Tages ein ferner Verwandter ihrer Familie eine Freiwohnung im Thorsgaard zu vergeben hatte und sich an sie erinnerte. Ein kleines Erbe kam hinzu, vierteljährlich bekam sie ein wenig Geld von einer Stiftung; so zogen sie auf den Thorsgaard. Wie doch die vielen Jahre vergangen sind! Ein Jahr glich dem anderen. Wenn die Märzensonne zu scheinen begann, liefen Anna und Elise jeden Tag in den kleinen Garten hinab, um das erste Schneeglöckchen zu finden, das sie in einen Brief an Lehrers Holger und Pfarrers Mariane steckten. Dazu wurden auf feinem Papier Verse geschrieben, und die Briefe wurden mit dem Briefträger abgeschickt. So konnte unmöglich erraten werden, wo man sie aufgegeben hatte. Dann, wenn das Frühjahr kam, brachte jeder Tag Neues. Krokusse steckten ihre blauen Köpfe hervor, dann die Veilchen, und die wilden Johannisbeeren erblühten mit kräfigem Duft. Anna und Elise waren eifrig damit beschäftigt, mit den Kindern des Küsters in ihrem kleinen Stückchen Garten umzugraben. Dann kam der Sonntag der Konfirmation. Aus den Feldwegen trafen die Konfirmandinnen in ihren schwarzen Kleidern barhäuptig mit ihrer Mutter an der Seite ein, und alle übrigen Verwandten folgten. Anna und Elise sahen dies vom Fenster aus: Thorsgaard lag hoch oben, und man hatte einen weiten Überblick. Die Kirche lag direkt unten am Hügel zwischen Pfarrhaus und Schule. »Schau die Fahne«, sagte Elise. Sie flaggen für die Konfirmanden. Die Zeit verging. Es wurde Sommer, und die Sommerferien kamen; die Jungen kehrten ins Pfarrhaus zurück. Dies war der Auftakt zum Vergnügen. Sie machten Fahrten auf dem Boden des Heuwagens und spielten »Fang mich« im Hof und »Der Witwer« auf der Wiese beim Fluß. Es konnten gut zehn, vierzehn Jungen bei Pfarrers sein. Oft war die Witwe nachts noch auf und wusch die weißen Kleider, damit sie bis zum Morgen wieder getrocknet wären und am nächsten Tag angezogen werden könnten. Denn jede hatte nur eines. Und fein sollten sie sein. Sie waren in den Ferien ja die Primadonnen. Pfarrers Mariane schimpfte dauernd mit den Jungen. Aber Anna und Elise waren ruhig veranlagt. Sie wählten sich »Kavaliere«, verschenkten Schleifchen und erhielten romantische Liebesbriefe. So gingen die Sommerferien dahin, und es wurde Herbst. Für die Witwe war dies die traurige Zeit. Der Sturm fegte um die Mauern von Thorsgaard, so daß die ganze Familie sich in einem kleinen Raum hinter der Küche verstecken mußte – die anderen Zimmer konnten nur warm werden, wenn man viel Freiholz, das der Wohnung zustand, opfern würde. Aber dann ging es auf Weihnachten zu, jeder hatte mit seinen Geschenken zu tun, und jeder bekam sein Zimmer, um die Geschenke vor den anderen zu verstecken. Weihnachten kam und ging, der Winter war oft so hart, daß der Schnee auf den Feldern ¼ Ellen Elle: 1 dänische Elle ist 0,6277 m, eine ¼ Elle also 0,157 m. hoch lag; im Hof des Thorsgaards türmte er sich zu hohen Schneewehen. Die Witwe und ihre Töchter konnten nicht durch die Türe hinauskommen. Sie konnten gerade noch zu Fräulein Hansen hinüberkommen, die in dem anderen Flügel Unterricht abhielt, und ihr einziges Vergnügen bestand darin, über die Kinder zu lachen, die kaum durch die Verwehungen springen und zu Fräulein Hansen kommen konnten. Die Witwe öffnete ihre Türe einen kleinen Spalt, um den Schnee etwas von der Stufe zu fegen. Fräulein empfing die Schulkinder bei sich. »Was für ein Wetter!« »Man würde nicht einmal einen Hund hinausjagen.« »Wann wird das denn zu Ende sein? Guten Morgen.« Die Türen wurden wieder geschlossen, und die Witwe sprach an diesem Tag mit keinem Fremden. Endlich gewann die Sonne wieder Kraft, und das Frühjahr kam. Die Osterbriefe mit Schneeglöckchen Osterbrief mit Schneeglöckchen: »Gækkebreve«. Alter dänischer Brauch. Kunstvoll ausgeschnittener Papierbogen, der im zeitigen Frühjahr zusammen mit einem Schneeglöckchen versandt wird. Auf dem Bogen stehen mehrere Verse, die nur mit Punkten unterschrieben sind, deren Anzahl den Buchstaben des zu erratenden Absenders entspricht. Kann der Empfänger nicht herausfinden, wer der Absender ist, muß der Angeschriebene dem Absender ein Ostergeschenk geben. waren das erste Zeichen. So verging Jahr um Jahr. Anna wurde konfirmiert, Elise wurde auch konfirmiert, schöne Mädchen, frisch und mit klaren Augen. Sie ließen sich im Nußbaumgang nicht mehr küssen, und sie schrieben keine Briefe mehr, die sie unter einem Stein in der Hecke versteckten, daß ihr Kavalier es fände. Sie waren vernünftige und hübsche Mädchen. Die Leute bemitleideten sie oft. Wie einsam es doch sei! Sie fanden das gar nicht. Ging die Zeit nicht schnell vorüber? Vielleicht war es noch etwas leer, wenn die Ferien vorbei waren und die langen Abende begannen, wo man in den Herbsttagen in kühlen Zimmern um die Lampe saß. Aber dann erfrischte man sich an den Erinnerungen. Davon gab es viele. Der Ausflug, wo sie auf der »Koppel« getanzt hatten, und Elise an »seiner« Seite gesessen hatte; und der Ausflug zum »Schildwäldchen«, wo Anna sich mit dem Studenten Sass verirrt hatte – – Sie neckten einander, und sie bekamen rote Köpfe; sie schwiegen und blickten in die Lampe und Elisa begann, einen Tanz zu summen … Dann sprach die Mutter davon, wie es wäre, wenn sie einmal verheiratet wären. Sie würde zu Anna ziehen. »Elise wird einmal eine schlechte Hausfrau – viel zu unruhig – und außerdem kann ich einen Arzthaushalt nicht leiden – da hat man nie seine Ruhe.« Dieses Jahr war es ein Medizinstudent. »Aber natürlich statte ich jedes Jahr meinen ›Besuch‹ ab.« Und sie bauten stundenlang unschuldige Luftschlösser, wie es wäre, wenn sie einmal verheiratet wären … Die Weihnachtszeit brachte Arbeit mit sich, die Finger regten sich fleißig unter der Lampe. Als sie darüber sprachen, wie man Weihnachten feiern sollte, geschah es, daß eine der Töchter sagte: »So möchte ich es nicht haben, wenn ich einmal verheiratet bin …« oder: »Nein, das soll anders sein, wenn ich verheiratet bin.« Wenn Weihnachten vorbei war, dachte man schon wieder an den Sommer. Man nähte und nähte. Es war ja auch nicht wenig Arbeit: zuerst das Alte auseinandertrennen und es dann zu Neuem umnähen. Aber mit ein wenig Einfallsreichtum und vielem Aneinandernähen ging es. Bis zur Festzeit kamen die Studenten ins Pfarrhaus. Spiele auf der Wiese, Ausflüge und verborgene Händedrücke und leise geflüsterte Wörter jenseits des Wintergartens, während die anderen drinnen mit den Tellern voll Roter Grütze klapperten. Dann waren die Ferien vorbei, und der Kreislauf begann von neuem. Aus den Studenten wurden Kandidaten. Anna und Elise näherten sich dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Sie aber nahmen die Zeit nicht wahr, spürten nicht die Jahre, die dahin flogen. Die Luft auf dem Lande war frisch, und ihre Wangen gleich gerundet. Sie sagten ab und zu, wenn sie Fräulein Hansen im Garten zu Gange sahen: »Wie alt Fräulein Hansen doch geworden ist! Sie hat schon fast einen Buckel …« »Oh, sie ist eine richtig alte Jungfer.« Für sie stand die Zeit jedoch still, es gab keinerlei Veränderung, alles glitt unmerklich dahin. An einem Ferientag im Sommer verlobte sich Mariane. Am Vormittag erschien sie mit Kandidat Sass und stellte sich als seine Zukünftige vor. Anna und Elise umarmten und küßten sie. Zum ersten Mal sah die Witwe scheu auf ihre Töchter. Aber es wurde jetzt noch etwas einsamer um sie. Pfarrers Mariane war meistens bei der Familie ihres Verlobten in Kopenhagen. Bisher war sie ihr nächster Umgang gewesen. Aber auch daran gewöhnte man sich, und mit der Zeit merkte man das weniger. Man mußte sich ständig mit der Kleidung beschäftigen. Die Finger wurden vielleicht etwas fiebriger, vor dem Spiegel wurde mehr anprobiert … Anna begann wirklich, alt zu werden. War es Herzeleid? Die Witwe wußte es nicht … Aber nach und nach hieß es in ihren Gesprächen immer nur: »Ja, wenn nun Elise einmal heiratet …« Anna gewöhnte sich daran, dies zu hören. Langsam wurde es Brauch, daß Elise alles Neue, was angeschafft werden konnte, bekam, während Anna mit dem Alten zufrieden sein mußte. Sie sah wirklich sehr zusammengeschustert aus … Zur Hochzeit Marianes waren jedoch beide in Weiß. Neue Kleider aus diesem Anlaß. Am Abend war Tanz im Pfarrhaus, um 12 Uhr fuhr das Brautpaar weg, die Bauern begleiteten sie mit Fackeln bis zur Gemeindegrenze. Anna und Elise gingen den Hügel hinauf zum Thorsgaard. Elise sang einen der Walzer. Anna hielt am Zaun an und schaute den Weg hinab: der Zug war hinter der Kurve verschwunden; aber in der Nacht sah man noch den hellen Widerschein der Fackeln. »Nein, ich will keinen Kaschmir Kaschmir: Weiches Gewebe aus tibetanischer Ziegenwolle. zu meiner Hochzeit«, sagt Elise plötzlich. »Was meinst du?« Sie drehte sich um und sah, daß die Schwester stehen geblieben war. »Nein – sieh, wie es leuchtet«, sagte sie und ging zu Anna … »Nein, du, denn die Schleppe aus Kaschmir fällt nicht gut.« Anna antwortete nicht. Als Elise aufsah, sah sie, daß die Schwester weinte. Jäh legte sie den Arm um ihren Kopf. –»Ach, Anna … ich verstehe …« und sie küßte sie. Anna riß sich vorsichtig los und sagte leise: »Wenn Mariane ihn liebt …« Und sie gingen beide still nach Hause. Anna begann davon zu reden, »auszuziehen«. Das würde alles erleichtern. Alles wurde doch teurer, und ihre Einkünfte stiegen nicht. Aber die anderen wollten nichts davon hören. »Und wie sollte dies gehen, wenn Elise heiratet? Soll ich dann vielleicht alleine herumsitzen?« »Soll Mutter hier alleine sitzen, wenn ich einmal Hochzeit habe?« Und Anna schwieg und blieb. Es wurde immer einsamer. Im Pfarrhaus war kein Leben mehr, und nur drinnen auf »Lykkensgave« war es noch lebendig. Eine neue Familie war hergezogen – die junge Frau hatte umgehend die »Witwe« besucht und ihr große Freundlichkeit gezollt. Dorthin kam Elise oft. Ein junger Verwalter war auf dem Hof, ein blonder, rotbärtiger Mann mit einem Paar ehrlichen Augen. Er besuchte jeden zweiten Abend die Witwe. Zu der Zeit lief die Rechnung für die Bewirtung hoch auf, denn ein bißchen hübsch sollte das Abendessen doch sein. Anna und die Witwe waren in der Küche zugange. Elise und der junge Mann waren allein. Sie sang ein bißchen, er redete, freute sich über die helle Stube und die Gemütlichkeit. Wenn er abends gegangen war, saßen Anna und Elise noch lange im Wohnzimmer. Sie plauderten munter miteinander, aber sein Name wurde nie genannt. Nur die Mutter redete immer von großen Pachthöfen und vielen Gästezimmern. Dann zog der Verwalter fort. Er war zwei Jahre lang dagewesen, und ihn drängte es, etwas Neues zu sehen. Aber er war sehr traurig, den Thorsgaard verlassen zu müssen. »Ich habe mich hier wie ein Sohn gefühlt«, sagte er am letzten Tag und war tief gerührt. »Wie werde ich doch alle unsere Abende vermissen …« Dann und wann schrieb er ihnen. Mit der Zeit schlief dies jedoch ein. Es kam auch ein neuer Pfarrer in die Gemeinde. Am ersten Weihnachtsfeiertag sollte Ball sein. Die kleinen Mädchen hatten es Fräulein Hansen, bei der sie das ABC lernten, erzählt. Und Fräulein Hansen hatte es weiter erzählt. Es gab jetzt auf Weihnachten hin zusätzliche Arbeit: Elise brauchte ein Kleid. Sie kauften Tarlatan Tarlatan: Sehr leichter glatter Baumwollstoff, meist einfarbig, locker gewoben. Tarlatan wurde für Ballkleider und Festkleider verwendet. Günstig im Preis, aber nicht waschbar. für einen neuen Überrock, und sie säumten jede Verzierung mit Bändern aus blauem Lasting. Lasting: Schwarze oder dunkelfarbene Kammgarngewebe; wurde für Damenkleidung, aber auch für Möbel, Schuhe und Westen benutzt. Das Kleid wurde hübsch. Elise probierte es vor dem Spiegel an, blau hatte ihr schon immer gut gestanden. Es war wirklich schon lange her, daß sie auf einem Ball war. Dann kam die Pfarrersfrau zu Besuch. Sie redete über alles Mögliche. Die drei saßen wortkarg da und warteten auf die Einladung. Endlich sagte die Pfarrfrau: »Und dann – wirklich – sehen wir Sie am zweiten Weihnachtsfeiertag. Es soll auch ein wenig getanzt werden …« Elise bedankte sich mit hochroten Wangen. »Ja, du lieber Gott, Sie kommen wohl alle … es macht Ihnen sicher Spaß, dies mitzuerleben – ich habe es gerade Fräulein Hansen gesagt …« Die drei wurden bleich. Niemand vermochte was zu sagen … »Ja, Fräulein Elise«, sagte die Pfarrfrau und erhob sich, »wir können uns vielleicht auch noch einen Tanz gönnen – trotz etlicher junger Leute im Tarlatan …« Die Witwe und Anna gingen mit hinaus. Als sie wieder zurückkamen, war Elise verschwunden. Keine von ihnen redete. Sie setzten sich still hin. Elise lag auf dem Bett im Schlafzimmer, ihren Kopf in die Tarlatanhemden gesteckt, und weinte. 30.3.1884 Gedanken über das Feuilleton Das Feuilleton bildet die denkwürdigen Ereignisse der letzten 24 Stunden ab. Es müßte sich von selbst schreiben. Hat denn nicht jeder Tag seinen Einfall, den Schatten eines Ereignisses? Jede Stunde wirbelt ihre Wolke aus dem Staub der Gerüchte auf, jeder Tag hat seine Torheit. Was fällt dann leichter als zu berichten? Unsere Forderungen sind bescheiden, der Beruf des Feuilletonisten ist nicht sehr schwer. Schau dir die Regenbogenfarben der Laternae magicae Laternae magicae (lat.): Plural zu Laterna magica. Das deutsche Wort lautet »Zau-berlampe«. Es handelt sich um einen optischen Projektionsapparat (Vorläufer des Diapro-jektors), mit dessen Hilfe ein stark vergrößertes Bild auf einen Schirm geworfen wurde. an. Ihr Glanz auf der Leinwand verwirrt uns. Sehen wir uns dies genauer an, sind es nur grobe, schreiende Farben, auf eine Glasplatte gekleckst. Aber durch die Zauberlaterne beginnen sie zu glühen. Das können wir von Farben verlangen. Und der Augenblick selbst ist die Zauberlaterne. Wir wünschen, daß der Feuilletonist unparteiisch sein soll? Ja, so unparteiisch wie das Jetzt. Was verlangen wir von seinem Urteil? Wenn es scharfsinnig ist, klatschen wir Beifall. Was wünschen wir uns von seinem Stil? Daß er so einfach sprechen soll, daß wir glauben, wir könnten so reden wie er. Welche Themen geben wir ihm? Dieselben wie uns. Deckt er unsere Schwächen auf, errät er unsere Sorgen, bringt er uns zum Weinen. Der leichteste Weg, einem Menschen zu gefallen, besteht jedoch darin, mit ihm über sich selbst zu reden. Der Feuilletonist spricht ja zum Jetzt über das Jetzt. Tag und Nacht bitten deshalb nur um zwei Dinge: die Erlaubnis zu erhalten, ihn zu vergöttern oder ihn zu vergessen. Der Feuilletonist ist der Ehegatte des Augenblicks. Die Flitterwochen waren so glücklich. Sie waren richtig erfrischend. Man hat jedoch nicht bedacht, was es bedeutet, sich mit der ewigen Jugend zu verehelichen, deren schweifende Unruhe ihn außerdem vor der Zeit altern läßt. Dann sitzt er schnell auf den Bänken und wärmt sie, während sie tanzt … Der, der Feuilletons schreiben muß, muß mit dem Publikum unter demselben Dach wohnen. Er muß zur Miete im Haus des Publikums wohnen. Welch unruhiges Wohnen! Es ist das Magasin du Printemps, Magasin du Printemps: Bekanntes Pariser Modegeschäft. wo alle schachern; es ist die große Bank des Jetzt, der Kassierer sitzt an der Kasse und wechselt das fließende Kapital aller Stimmungen … Oder – einmal alle Bilder auf die Seite – um die Sache mit einem Wort zu erklären: Das Publikum stellt nur eine einzige Forderung: Leb mit mir. Und – diese eine Forderung kann niemand erfüllen, weil das Publikum ewig jung ist, aber der einzelne alt wird. Das Publikum ist immer dasselbe. Es entwickelt sich nicht. Es liebt dieselben Dinge, will dieselben Schmeicheleien hören; es sind dieselben Themen, die Jahr für Jahr sein Lächeln hervorrufen oder ihm Tränen entlocken. Der Einzelne jedoch wird langsam geformt und gebildet, er lebt sein Schicksal, mit dem er sich beschäftigt, um es zu beweinen oder sich zu erinnern; und er will das Publikum am Rockschoß zupfen, um ihm in einer Ecke seinen Kummer anzuvertrauen. Aber das Publikum will von sich selbst hören und kümmert sich kein bißchen um »seinen« Kummer. Seines eigenen Kummers wird es nicht müde. Dort sind die alten Themen immer neu. Ich aber kann nicht über dasselbe Thema schreiben – wo die Themen alt sind, müssen die Federn neu sein. * Ringsum gibt es genügend Stoff für tausend Feuilletons – das weiß ich; und daß ich diesen Stoff nicht mehr finden kann, beweist mir, daß ich nicht mehr jung genug bin. Ich habe mich in den letzten Jahren selbst allzu oft gefragt, woher in den ersten Jahren doch die Themen gekommen sind, als ich mich noch nicht bücken mußte, um sie zu finden, daß ich mir nicht selbst sagen mußte, es sei hier an der Zeit, anderen Platz zu gewähren. Für die Jüngeren, oder auf jeden Fall die Ungeübten haben all die hundert Dinge Interesse – für mich ist jetzt nur die eine oder andere Sache von wirklicher Bedeutung. Dann spricht man nur noch von »der einen oder anderen Sache«, und man ermüdet. Außerdem gebe ich zu, daß mir während all dieser Zeit, in der mir die Leser ihre Güte geschenkt haben, eine der größten Eigenschaften eines Feuilletonisten in diesem Land und dieser Stadt, die zu lachen wünschen, fehlte: ich habe keinen Humor. Den leichten Scherz, den treffenden gesunden Menschenverstand, der die beste Waffe meiner Kollegen gewesen ist, habe ich nie besessen. Ich sehe ein, und ich verstehe, daß man im Beruf des Feuilletonisten ohne Humor noch schneller altert. Zeichen dafür, daß man alt wird, ist, daß man sich am liebsten erinnert . Ich habe im letzten Jahr oft Erinnerungen aufgesucht, mehr als daß ich über den »Augenblick« geschrieben habe. Deswegen höre ich jetzt auf und überlasse meinen Platz anderen. Ich tue dies um so lieber, weil ich jetzt der ewigen Angriffe müde bin. Vielleicht kann ich jetzt behaupten, daß nur wenige einen so bittereren Kampf bestanden haben wie ich, während ich hier geschrieben habe. Die Stellung eines Feuilletonisten ist immer exponiert. Jede Woche verändert sich seine Frucht in den Augen des Publikums. Ein guter Artikel, und er ist großartig; ein schlechter, und er wird als unmöglich bezeichnet. Wenn er neben seiner feuilletonistischen Arbeit eine andere hat, in der man alles einsetzt und das Ansehen dieser Arbeit Tag für Tag durch das ständige Auf und Ab des Ansehens des Feuilletonisten leidet – können Zeiten kommen, in denen man allzu müde wird. Solche Augenblicke gab es oft. Meine Widersacher haben sie nicht weniger bitter gemacht. Es ist mein Schicksal, viele und verschiedene zu haben. Man hat mit allen Waffen gekämpft, nur mit demselben Eifer. Der eine hat mir Gefühl abgesprochen, der andere Verstand; meine ersten Bücher und Artikel nannte man schlecht, alles spätere wurden noch schlechter genannt als dies. Am meisten wünschte man, mich lächerlich zu machen: die Karikatur wurde öfter benutzt als die Kritik. Ich sage dies nicht, um mich zu beklagen; ich sage es nur, um zu entschuldigen, warum ich so schnell müde geworden bin. Ich wäre dies schon längst gewesen, hätte ich nicht gewußt, daß ich doch nicht so alleine dastand, wie der Widerstand, auf den ich traf, glauben ließ. Es gab Menschen, die der Meinung waren, daß, wenn ich über das Elend schrieb, es deswegen geschah, weil mein Sinn voll Mitleids war; und wenn ich eine Sache verteidigte, dies eine Überzeugung war, für die ich stritt, und daß niemand meine Worte gekauft hatte. Ich fühlte gelegentlich eine leicht bittere Befriedigung zu wissen, daß ich denen, die mich angriffen, oft den Weg zu denen der großen Masse, die die Leser dieses Blattes sind, gewiesen habe … Heute, da ich diese Arbeit beende, geschieht dies in Trauer. Denn es war die Stimmung meiner frühen Jugend, die ich diesen Blättern widmete, die so schnell vergessen sein würden. Wie der Musikalische sein Klavier fragt und, während er hundert Melodien spielt, der Musik viele versteckte Seufzer und viel stillen Jubel anvertraut, so habe auch ich diesen Seiten viele Jugendhoffnungen und viele Enttäuschungen anvertraut. Ich weiß, daß ich oft, wenn ich über andere schrieb, eigentlich über mich selbst schrieb. Es waren meine Hoffnungen, wenn ich von denen eines Fremden sprach, es war so oft meine Sorge, die ich in die eines anderen kleidete. An dieser Stelle habe ich oft über die teuersten Verluste meiner ersten Jugend und das versteckteste Glück gesprochen … Nun wird das Klavier geschlossen. Die Melodie wurde zu eintönig. Gerade dann, weil das Thema alles ist, wählt man immer – unbewußt – das Gleiche. Ich muß dorthin gehen, wo die Aufgabe weniger frei ist, um mich weniger selbst zu wiederholen. So erhebe ich mich denn und gehe mit einem Seufzer. Denn diese Saiten hallten von allem, was ich in diesen Jahren gelebt habe, wider. Und was bleibt nun übrig? Von zerbrochener Freundschaft, die Herzblut kostete, von jahrelanger Zuneigung, die vergessen ist, von grausamen Enttäuschungen, die wie Vogelkrallen unser Herz greifen; von Träumen und Illusionen, von altem Haß und alter Liebe – von all dem sind einige Zeitungsartikel übrig, die selbst ich in zwanzig Jahren nicht mehr lese. Dies ist ziemlich traurig, und doch ist es so. Nun – am nächsten Sonntag wird eine frischere Schar vorrücken. An dem alten Platz werden abwechselnd andere Federn die Themen wechseln, bei denen ich einsehe, daß ich sie nicht mehr variieren konnte. So bleibt mir nur übrig, zu danken und zu vergessen – die eine oder andere Verhöhnung, die mich hier geschmerzt hat, zu vergessen, und für jedes gute Wort, das man mir gegönnt hat, zu danken. Denen, die meine Nachfolge antreten, wird man sein ganzes Wohlwollen schenken. Denn sie sind jung, und das Publikum liebt die Jugend, weil es selbst jung ist. Hier wird man sowohl mit einem vorschnellen Urteil – denn es ist frisch – als auch mit einer Jugendlichkeit – sie ist die Eigenart der Zwanzigjährigen – Nachsicht üben. Hier wird man über die gute Laune lächeln, selbst wenn es hin und wieder ausgelassen sein wird. Und man wird vergeben, wenn man auf Unreife trifft: Es ist ja nicht zum ersten Mal, daß man Nachsicht walten lassen wird. Lieben wir nicht alle die Jugend – weil sie so jung ist? 4.10.1884 Die Feuersbrunst I Ich werde versuchen, so ruhig wie möglich zu schreiben. Erhebe ich jedoch meine Augen, sehe ich einen unaufhörlichen Feuerregen von Funken dicht vor den Fenstern fallen, und die dauernden Donnerschläge aus dem brennenden Schloß erreichen meine Ohren wie die krachenden Schüsse einer Linie von Schützen. Man schreibt mit zittriger Hand und heißem Kopf. Vieles des Geschriebenen wird sich mit anderem decken, aber das ist unausweichlich. Um ½ 7 Uhr wurde mir die Nachricht überbracht. Ein unruhiges Lärmen erscholl von der Straße, und während ich hinausstürzte, sammelten sich die Leute in den Türen, draußen vor den Häusern; es beschlich einen eine dumpfe Angst wie vor einem sich nähernden Erdbeben. Der Himmel loderte, und man sieht bereits den Widerschein wie einen purpurnen Strom, mit dunklem Rauch versetzt. An der Kirche Unserer Lieben Frau Kirche unserer Lieben Frau: Gemeint ist der Kopenhagener Dom (Domkirken). fielen die Funken wie ein Regen. Aber noch wußte niemand, wo das Feuer wütete. Man rief: »Christiansborg«. Ich hörte, während ich lief, einen langgezogenen Schrei einer Frau, als die Flammen rot über einer Seitenstraße aufloderten. Es war ein junges Mädchen, das nach vorne auf die Erde stürzte. Von Højbro Højbro: Entweder meint Bang den vor dem Schloß befindlichen Højbroplads (mit unmittelbarer Sicht auf Christiansborg) oder er meint die vom Højbroplads zur Schloßinsel hinüberführende Brücke. aus sah ich die Flammen aus dem Dach des Schlosses schlagen. Hier oben von den Fenstern aus sah man Feuerzungen den ganzen First umfangen. Ich ging hinab und drängte mich wieder durch die Menge, die in niedergeschlagenem Schweigen verharrte. Niemand sprach. Die Frauen weinten und wehklagten. Der Funkenregen war so heftig, als ob er aus einem Krater ausgeworfen würde; vom Sturm, der zunahm, getrieben, regneten die Funken wie feuriger Schnee über das Thorvaldsenmuseum, Das Thorvaldsen-Museum liegt auf der Schloßinsel, neben der Schloßkirche. über die Kirche, hier über das Haus Hier über das Haus: Bang schrieb diese Reportage im Gebäude der »Nationalzeitung« Ved Stranden 18. Dies liegt schräg gegenüber der Schloßinsel (Gammelholm). und in den Kanal. Ich kam hinein durch das Sankt-Jørgen-Tor. Die Verwirrung war unbeschreiblich. Man hörte dauernd Rufe nach Wasser, Schreie, doch die Gemäldesammlung zu retten. Es herrschte unbeschreibbare Ratlosigkeit. Die Feuerspritzen arbeiteten mit voller Kraft, sobald Wasser da war, aber es war zu wenig. Der Feuerregen stob so dicht über den Schloßhof, daß sich die Funken in den Kleidern verfingen. Das unendliche Knattern des Feuers hört sich wie Gewehrsalven an. Man rennt überall durcheinander, um die sinnlosesten Sachen zu retten. Ich stürzte in die Gemäldesammlung hinauf. An den Fenstern ist das Feuer so heftig, daß es die Haare versengt. Das Licht von außen ist das einzige Licht über der Galerie. Leute rasen heraus und hinein, man reißt die Gemälde von der Wand und wirft sie auf den Boden, um ihre Rahmen zu zerbrechen. Direkt gegenüber im Hof lodert der Säulengang wie ein attischer Tempel bei Sonnenuntergang. Wir rennen umher mit einzelnen funzligen Lampen, um die Gemälde unterscheiden zu können: Es ist unmöglich. Die Fensterläden werden aufgerissen, und wir sichten die Gemälde so gut wir können; wir reißen die Gemälde holterdiepolter herab. Mir geraten einige holländische Miniaturen in die Hände, jemand anderer reißt sie aus meiner Hand; man fährt fort, noch andere zu finden. Jerichaus Ofelia Jerichaus Ofelia (…) Panterjægeren: Der Bildhauer J.A. Jerichau (1816-1883) hatte zur Ausschmückung Christianborgs mit verschiedenen Arbeiten beigetragen, darunter »Ofelia« und der »Panterjægeren« (1845), eines seiner Hauptwerke. Beide Werke wurden gerettet. liegt im Widerschein und wirkt mitten im Flammenmeer als ob sie lebte. Man löst die Figur vom Sockel, der, umgedreht, einem Sarg gleicht. Dann wird sie fortgetragen. Das dauernde Dröhnen weist darauf hin, daß der Brand heftiger wird. Man trägt den »Panterjäger« hinunter. Ein unaufhörliches »Beeilen Sie sich – Beeilen Sie sich!« schallt durch das Halbdunkel. Es herrscht keine Panik. Nur ein umtriebiges Entsetzen. Es gelingt mir, die Treppen hinunter zu kommen. Menschen strömen unablässig nach oben. Man wirft die Gemälde hinab und geht wieder nach oben. Etliche Gemälde oben auf dem Dachboden konnten nicht gerettet werden. Eine einzelne Figur erstrahlte plötzlich mitten im Halbdunkel im Licht der Flammen. Ich ging auf der anderen Seite des Tors in die Räumlichkeiten des Reichstags hinauf. Sie waren verlassen. Ein flüchtender Feuerwehrmann rief: »Hier ist kein Wasser!« Die Gänge waren zu reißenden Fluten geworden. Ich traf niemanden. Rauch begann, die Gänge, wo es vollständig schwarz war, zu füllen. Ich drängte mich zum Folketingssaal durch und in ihn hinein. In der Decke war ein Loch, durch das die Flammen hell züngelnd schlugen. Und dauernd diese kleinen Explosionen des Feuers über der Decke, und unmittelbar über mir die kleinen unschuldigen Flammen, die über die Simse loderten. Es sah nicht danach aus, als könnte man etwas retten. Bücher und Manuskripte lagen auf den Tischen und dem Fußboden zerstreut. Man hätte fast an ein stürmisches Treffen denken können, wo die Fäuste geflogen waren. Ein Mann kam durch den Gang gerannt, um das eine oder andere zu retten. Es handelte sich um Wertpapiere, in einer Geldtruhe verschlossen; diese war jedoch so schwer, daß man sie nicht davonschleifen konnte. Zwei Mann versuchten, sie aufzubrechen. Es war unmöglich. In einem der nächsten Räume brannte eine Astrallampe Astrallampe: Petroleumlampe mit einem ringförmigen Lampenölbehälter, der nur wenig Schatten auf den Tisch warf. ruhig auf dem Wohnzimmertisch. Es sah gemütlich aus. Die Gänge waren schwarz von Rauch und Ruß. Ich hörte einige lange und flüchtige Kommandorufe – und mußte hinaus. Kurz darauf stürzte die Decke ein. Ich lief über den Schloßhof. Dort regnete es feurige Kugeln und glühende Mauerbrocken. Durch die Säulen hindurch fegte es wie Hagel. Es fand sich nur wenig Schutz zwischen den Säulen. Der Hof wurde geräumt. Er wurde rettungslos dieser Zerstörung überlassen. Ich drängte wieder zum Folketing hinauf, über den entgegengesetzten Eingang. Im ersten Zimmer bohrten sich die Flammen wie kleine spitze Kugeln durch eine weiße Tür hindurch. Als würde sie durchschossen; zuletzt glich sie einem Flaschenregal. Ich ging an der Tür vorbei in einen dunklen Gang. Ich merkte mir den Weg genau, um mich nicht zu verirren. Aber bis an mein Ende werde ich dieses unaufhörliche Knistern der Flammen über meinem Kopf hören. Und das Gepolter wie von einer dröhnenden, mächtigen Falltür, die über meinem Kopf zusammenstürzte. Ich erreichte eine Treppe. Die Flammen hatten sie von unten her ergriffen – der verkohlte Absatz hing direkt mir gegenüber, von einem stiebenden Funkenregen bedeckt. Über diesem Treppenrest, der mitten in den Flammen hing, lag eine grauenvolle Schönheit. Unten war er ein Scheiterhaufen. Ich sah das alles in einem Augenblick. Hinter mir hörte ich ein Krachen, die Saaltüre war umgefallen. Es war in einer Sekunde ein brennendes Flammenmeer – hell leuchtend, siegreich und frohlockend. Wir zwei, drei fuhren zurück, riefen zweien, die gerade kamen, zu, es bestehe Gefahr, und alles war vorbei, Ströme unnützen Wassers umflossen unsere Füße. Zwei von uns kämpften sich zu einer anderen Stelle durch. Es war eine kleine Hintertreppe, voll mit Wasser, ein leerer Wasserschlauch lag schlaff mitten im Schlamm. Diese Treppe war entsetzlich. Wir trafen Feuerwehrleute, die nach Wasser schrieen: »Wasser, Wasser, oder es ist vorbei!« Starke Mannsbilder rangen ihre Hände und fluchten. Niemand führte. »Sag doch, wir brauchen Wasser.« – »Wir können nicht mehr!« Man rannte hinunter nach Wasser. Wir kamen an einer Eisentür vorbei, die glühte. Während der Feuersbrunst sah ich dreimal solche Eisentüren, die nicht gekühlt wurden. Diese Tür beulte sich von der Macht des Feuers nach außen. Es war heißer als in einem Backofen, eine stickige, unvorstellbare Hitze. Wir drängten nach oben. Ein Feuerwehrmann hielt ganz oben Wache. Es war unmittelbar unter dem Dach, und ganz nah hörten wir ein starkes Brausen von Flammen. Die sechs, sieben Gesichter, die ich erblickte, waren weiß – trotz des roten Scheins. Mit einem Mal hieß es – zurück! – und eine brennende Luke fiel an uns vorbei. Dann wurde es ganz dunkel. Ich weiß nicht mehr, was dann geschah. Einige Stimmen schrieen: »Halt! Halt! Unter uns brennt es!« Aber die Rufe waren ziemlich undeutlich, und wir hielten nicht an. Wir stürzten im Stockdunkeln vor und fielen über die Schläuche, die unbeachtet auf der Treppe lagen. Der Rauch erfüllte den Raum mit einer stickigen, undurchdringlichen Masse. Solche Sekunden, während man das Schreien der flüchtenden Feuerwehrleute, die man nicht sehen konnte, hörte und das Wüten der Flammen auf dem Treppenabsatz, den man gerade verlassen hatte – solche Sekunden sind Ewigkeiten. Wir rutschten im Wasser aus, kamen wieder hoch; ich preßte das Taschentuch an den Mund. So gelangten wir nach unten. Da erscholl ein schreckeinjagendes Krachen. Man sagte, es sei der Rittersaal, der zusammengestürzt sei. Aus dem Gebäude kam ein langes Heulen. Ein Soldat begegnet mir. Sein Gesicht ist wie vom Feuer versengt. Er lief mechanisch umher und schlug sinnlos mit den Armen. »War das der Rittersaal?« »Ja, ich stand neben ihnen. Sie riefen, wir sollten weg – drei Mann blieben dort. Dann stürzte die Decke herab. Sie standen alle drei dort – so weit von mir weg« – und er streckt zitternd den Arm aus – » so weit. Die drei waren sofort verschüttet – fort, weg. Vom dritten sah ich den Arm und ergriff ihn … Gott, wie er schrie, wie er schrie … und dann weg … wir konnten ihn nicht packen.« Ich gehe wieder zurück in den Innenhof. Die Flammen schlagen aus den Fenstern des ersten Stockwerks. Dieses schreckliche Knistern erhob sich zum Heulen eines ungeheuren Sturms. Das Feuer dröhnte fürchterlich wie die hochgehende Brandung des Meeres. Und mitten in diesem Hexentanz von Feuer donnerndes Getöse von Mauern, die zusammenstürzten. Im Folketingsflügel standen die nackten Mauern mit gähnenden Fensteröffnungen, gleich aufgesperrten Schlünden, die in das gelbe und lustige Feuer hineinführten. So viel Feuer. Wir gingen zur Reitbahn zurück. Die Verwirrung war unbeschreiblich. Soldaten kommen in Scharen an, aber niemand kommandiert. Man schleppt Möbel, Kissen, Bettzeug und Nippes aus dem Audienzsaal. Ich sah einen Soldaten mit einem Flaschenkorb voll leerer Flaschen rennen, einen anderen mit einem einzigen gestickten Kissen. Man schreit und schlägt Fenster von innen oder von draußen ein. Es gibt keine Leiter und kein Wasser. Auf einmal sahen wir, die wir im Hof standen, einen schwachen Lichtschein unmittelbar an einem Fenster über dem Archiv des Obersten Gerichtshofes. Genauso als hätte man eine mit einem Schirm bedeckte Lampe genau in dieses Fenster gestellt. Dieser Schein dauerte an; er war ganz schwach, aber beängstigend. Wir riefen, es brenne; daß es bei diesem Fenster Feuer gefangen habe. Niemand hörte darauf. Ich sah einen Mann, der rasend einen Vorgesetzten – einen Offizier – beschwor, nachzusehen, ob es hier nicht brenne. Man unternahm nichts. Fast zehn Minuten sah man dieses schwache Lampenlicht – bis mit einem plötzlichen Knall die Fenster barsten und die Flammen aus den Rahmen schlugen. Da begannen alle zu schreien. Hunderte von Menschen waren in diesen Räumen. In dem darüber liegenden Saal schlug man die Fenster ein und schrie nach unten. Es waren Soldaten und Zivilisten. Wir konnten nicht hören, was sie schrieen, außer: »Feuer!« … Wir sahen, wie sie sich anstrengten, um uns hinaufzurufen – unmöglich … sie schlugen mit ihren Armen und rollten lange Teppiche aus. Vergeblich. Man rief nach Leitern. Es gab keine. Die, die ankamen, reichten nicht. Ein Mann kletterte am Zwischengeschoß entlang und schlug mit einer Axt ein Fenster ein. Und dauernd riefen die Leute dort oben etwas, was wir nicht verstanden. Zuvor hatte ich keine Angst verspürt, aber nun bekam ich Todesangst um diese Menschen, die sinnlos dort oben hin- und herliefen, schrieen, was niemand hörte und wieder hineinliefen. Ein alter Gardeunteroffizier sagte: »Sie laufen wild durcheinander da oben … die Gänge, – wenn sie den Kopf verlieren … sie kennen weder Ausgang noch Eingang.« Dann kamen sie heraus, sprangen vom Zwischengeschoß hinunter, stürzten dunkle Treppen hinab. Hagar und Ismael Hagar und Ismael: Statue Jerichaus. Hagar und Ismael (1. Mose 16-17). Hagar war die ägyptische Sklavin Saras, die Abraham einen Sohn – Ismael – gebar. Auf Saras Betreiben wurde sie daraufhin in die Wüste vertrieben und kam nach islamischer Tradition mit ihrem Sohn nach Mekka, wo sie starb und begraben wurde. Motive von Hagar und Ismael sind in der dänischen Kunst mehrfach malerisch und bildhauerisch bearbeitet (Eckersberg, Freund, B. Bendixen). werden mitten im Gewimmel hinausgezerrt und stürzen in den Matsch. Ich stand wieder unter den Säulen und hörte wieder das Knistern, das mir sagte, daß das Feuer über mir war. Dann loderten die Flammen von beiden Seiten und trafen sich. Das Schloß war verloren. Der ganze Innenhof glich einem Scheiterhaufen. Die Hitze versengte unsere Wangen. Ich erblickte den König mit seinen beiden Söhnen Der König mit seinen beiden Söhnen: Gemeint ist Christian IX. mit den Prinzen Hans und Waldemar. mitten in der Menge. Sein Gesicht war entsetzt und bleich, wie bei einer steifen Maske. Er rieb sich mechanisch die Hände. Ich hörte, wie Befehl gegeben wurde, den Eingang der Kirche zu sprengen. Man rief überall nach Zeltner. Zeltner: J.Th. Zeltner, Kammerrat und Schloßverwalter von Christiansborg. Er war nirgends aufzufinden. Und überall in den Kellern brannte noch das Gas. Man konnte nicht löschen, niemand wußte, wo die Hauptleitung war. So brannte das Gas mitten im brennenden Schloß. Es herrschte Verwirrung. Ein Marinekommandeur gibt den Befehl einzureißen, niederzureißen, den Flügel zum Museum hin, die Tore, alles. Die Menge stemmt sich gegen ein Tor, das sich unter ihrem Druck mit einem Knall öffnet, und alle Kehlen stoßen einen Schrei aus. So etwas habe ich noch nie gesehen. Es sah aus, als wollten diese Menschen diese Mauern niederkratzen. Man bekam Hämmer, Äxte, Balken als Waffen; man wälzt sich gegen diese Mauern, die halten, verzweifelt halten. Wir gelangen in den Hof der Schloßkirche, wo noch alles dunkel ist. Aber dicke Rauchsäulen quellen aus den Fenstern. Und immer dieses grauenhafte Brausen in den Ohren. Wir gingen wieder in den Keller hinab. Die Bewohner retten ihr Hab und Gut im Schein des Gases. Als wir wieder hochkommen, löst der Sturm brennende Mauerbrocken, die rund um uns niederfallen. Man fährt große Artilleriewagen, die mit allen möglichen Sachen beladen sind, weg; noch ist hier die ganze Schloßseite dunkel. Das ganze Kirchendach ist von Funken wie mit einer Phosphorschicht übersät. Wir gingen durch den Eingang der Kirche hinaus, längs des Schlosses. Ein feuriger Funkenregen kam über uns. Er fegte durch die Luft wie glühende Raketenstöcke; es war so blendend hell, daß die Talglichter kleinen Funzeln glichen. Ganz Gammelholm Gammelholm: Das Gebiet zwischen der Schloßinsel und Nyhavn. erglühte im Feuerschein. Die Statue Friedrichs des VII. stand wie eine Silhouette vor dem Scheiterhaufen. Ich kann es mit keinem anderen Wort ausdrücken, als daß das Feuer um uns herum kreischte. Man warf aus allen Fenstern Bücher heraus. Die Leute oben schrieen und warfen Massen von Büchern hinaus, die von uns unten auf den Rasen geworfen wurden. Wasser floß überall. Man sprang über das Gitter der Statue König Friedrich des VII König Friedrichs Statue: Vor der Fassade des Schlosses befand sich damals eine grüne Anlage, wo man 1873 H.V. Bissens Reiterstatue von Frederik VII. aufstellte. Der Sockel war von einem niedrigen Eisengitter umgeben. und warf die Bücher auf das Podest. Mittendrin stand auf dem Platz ein einfaches Holzbett. Ich fand ein Buch, das direkt unter der brennenden Mauer lag. Es trug das Handzeichen des Königs. Der Titel hieß: Souvenirs intimes de Napoléon III. Es handelt sich vermutlich um das Buch Henry de Kock: Souvenirs et notes intimes de Napoléon III à Wilhelmshoehe (Paris 1871). Es war, als ob selbst die Luft loderte. Alles leuchtete vom Feuer. Die Flammen selbst waren eher gelb-weiß, »spielerischer« als die glühende Luft. Wir kamen in den Bibliothekshof. Überall Feuer. Thorvaldsens Zimmer war noch unberührt. Aus beiden Seiten loderten die Flammen. Von der brennenden Flügeltür fiel der Schein der Flammen direkt auf den Fries der gegenüberliegenden Tür. Man sah im Schein des Feuers jede Figur. Dann wurden die Vorhänge wie kleine Lappen von den Flammen durcheinandergewirbelt, und der Raum stand voller Feuer … Eine Gruppe Kadetten raste durch den Hof. Ihre Kleidung war angesengt. Sie hatten sich wie Helden aufgeführt … – – Während ich dies geschrieben habe, habe ich das ferne Brausen des Feuers vernommen – die Scheiben zersplitterten, als man den Eingang zur Kirche sprengte. Ich habe geschrieben, diesen Scheiterhaufen ewig vor meinen Augen, mit einem Funkenmeer über dem Haus, in dem ich schrieb. Nun stehen von der Königsburg nur noch die schweren Mauern mit den hundert Fenstern, lodernde Augen. Dies erinnert furchtbar an das Haus eines Zyklopen, von einem Riesen erbaut, der sein ungeheures Wohnzimmer mit einem schrecklichen Scheiterhaufen erleuchtet. Der Tag, der anbricht, wird eine verkohlte Ruine mit Zacken zeigen. Es war Christiansborg. 5.10.1884 Die Feuersbrunst II Nein – es war unmöglich, zur Ruhe zu kommen. Es war, als ob der Schein dieser gelben Flammen den Schlaf aus den Augen vertriebe; man fand keine Ruhe bei diesem knisternden Brausen im Ohr, das dem sturmgepeitschten Meer glich. Dieser schreckliche Lärm lodernden Feuers. Dieser Lärm von Flammen im Sturm. Dann lieber aufstehen und wieder dorthin zurück. Scheiterhaufen und Brandstätte besitzen eine Anziehungskraft, so daß wir ohne Ziel und Zweck herumstreiften. Die Straße draußen war leer, jetzt, wie in einer gewöhnlichen Nacht. Die Stille empfand man als bleiern nach all der Hast und dem Schrecken der letzten Stunden. Einige Bäcker eilten durch das Halbdunkel. Sie kamen erst jetzt, hatten wohl vorher gearbeitet. Waren die Straßen beim Schloß verlassen, hielten doch die Häuser Wache. In keinem einzigen waren die Lampen gelöscht. Die Angst schlief einen unruhigen Schlaf mit einem Auge, die Lampen in den Stuben angezündet. Jetzt aber, als ich die Häuser betrachtete, erblickte ich die eine oder andere Gestalt, die ging und hineinkam, sich anlehnte und spähte. Der Feuerregen war jedoch erloschen. Nur Rauch und Brandgeruch und Dunkelheit herrschten. Hellrote Säulen aus Dampf, mit Feuer durchwirkt wie mit Goldadern, erhoben sich über dem Palast. Längs der Vorderfront, wo das Feuer gewütet hatte, fand sich ein Schwall von Qualm, fett und weich. Dort war ein Fest zu Ende gegangen, während flackernde Lichter in tausend Leuchtern brannten. Dann wechselte der Lichtschein. Aber plötzlich konnten längs eines Gesimses in den Sälen hundert kleine Irrlichter in Reihe oder an der Decke angezündet werden, eine Decke, die herabstürzte, goß machtvoll einen Regen strahlender Sterne durch den Raum. Als der Tag anbrach, erloschen die Flammen. Der Morgen starrte auf eine graue und farblose Zerstörung. Nur wenige waren da, Leute, die ruhelos umherstreiften. Oder sie saßen, ohne Kraft, stumm, ringsum auf Kisten und Gerümpel in den Innenhöfen und starrten nur auf das tote Schloß, voller Trauer. Ja – es war schrecklich, das Morgengrauen. Es breitete sich aus, das schimmernde Licht, und es zeigte alles in seinem nackten Grauen. Nun gab es kein Hexenfest mehr: nun war Christiansborg eine Ruine. Nur hin und wieder erscholl der dumpfe Laut eines Fallens, als ob geheime Kellertüren zum letzten Mal zugeschlagen würden. Schläfrig konnte auch ein einsamer Feuerschein gegen den Tag plötzlich aufwachen und auflodern – und wieder erlöschen. Sonst aber war es grau und leer und alles vorbei. Die Feuerwehrmannschaft begann zu singen. Die Pumpen arbeiteten zischend, und das Plätschern der Schläuche fiel auf den toten Schutt. Dann wünschten wir uns den Schrecken der Nacht zurück. Während wir durch die Räume des Schlosses wanderten, wo schwere Steine herabstürzten und sich in der Asche auflösten, und schmutzige Bäche durch Haufen von Schutt und Balken flossen, zwischen hilflosen, nackten Riesenwänden sehnten wir uns nach dem Lärm der Lohen. Sie waren der Todeskampf, dies hier der Leichnam. Aber die Flammen hatten sich versteckt. Hinter jedem Stück Holz, hinter jedem Brocken Kalk brodeln sie gleich bohrenden Würmern, die alles verzehren, hervor. Dies ist der schleichende Gang des kleinen Feuers, sicher und ruhig. Es schleicht um die Königsburg. So hat es begonnen: Flämmchen sind umhergeschlichen, berieten sich hinter Brettern und in Winkeln, haben sich befragt, Nachbar um Nachbar. So endet es jetzt. – – – Dort stand eine Gruppe, zehn-zwölf, schweigend, nebeneinander, nicht zurückweichend vor diesen Mauern, lange, mit denselben Gedanken. Einige von uns waren in dieser vergangenen Nacht zusammengewesen. Sie hatten dasselbe Tosen der Lohen gehört, den Feuerhagel gespürt und dasselbe Grauen vernommen. Aber ein letztes Mal, während sie ihre Blicke auf die Steinmassen, die jetzt ohne Leben waren, hefteten, prägten sie sich unauslöschlich alles an diesem schönen und grauenvollen Streit in ihr Gedächtnis ein: den Tod der dänischen Königsburg. Und sie sahen wieder diese jubelnden Feuerzungen ihren Siegeszug durch die Burg nehmen; und sie hörten über ihren Köpfen wieder dieses hastige Knattern, das dem einer eifrigen Vorhut, die sich voll bewaffnet eilends zu Zerstörung und Jammer nähert, gleicht. Und sie sahen die Säle, wo im Halbdunkel geschäftige Hände in angstvoller Eile die Rahmen zerbrachen, wo bleiche und verwirrte Männer Statuen von ihren Sockeln rissen; sie sahen aufs neue, wie die Fensterscheiben des Rittersaales barsten, und wie die weißen Lohen wie lange Laken in der Luft flatterten. Sie sahen aufs neue diesen Scheiterhaufen, gelb in gelb, und den Himmel rot in rot flammendend; die Luft als eine einzige Phosphorwolke und die tanzenden Blätter Hunderter Bücher, die plötzlich mit dem Sturm über das Schloß gehoben wurden wie eine Schar flüchtender, ängstlicher Vögel. Feuer mitten im Feuer. Sie hörten dieselben eiligen Kommandorufe: »Zurück – zurück!« und die alles verzehrenden Rauchwolken und Treppen, die herabstürzten, und Rachen, die sich öffneten, und Säle, die begruben wurden. Und mitten im Feuer sahen diese Menschen wieder als schwarze Zwerge diejenigen, die die Dächer verteidigten, übergossen von einem Strom von Feuer. Sie erinnerten sich an jedes Zeichen von Heldenmut, jeden Augenblick des Grauens. Sie schrieben sich unter Schmerzen diese Erinnerung in ihre Seelen. – – Und dann breitete der Tag seinen Strom von Mitgefühl und Gleichgültigkeit und Neugierde über die Ruinen von Christiansborg. Anhang Schreckliches Unglück auf der Nordbahn (Aftenbladet 12. juli 1897) Zusammenstoß heute Nacht. Der Eilzug von Helsingör, 9.40 Uhr, rammt den Nahverkehrszug von Holte. Vierzig Tote. Einhundertfünfzig Verletzte. (Der Mitarbeiter des »Aftenbladet« erreicht die Unfallstelle ¾ Stunden nach dem Unglück) Das schrecklichste Unglück seit Menschengedenken, das die Bürger von Kopenhagen getroffen hat, ereignete sich heute Nacht auf der Nordbahn unmittelbar im Bahnhof Gentofte. Das Unglück trägt den Stempel einer großen Katastrophe. Es gibt etwa Vierzig Tote und hundertfünfzig Verletzte. Der Mitarbeiter des »Aftenbladet« wurde bereits vom allerersten Gerücht, das die Stadt von dem Unglück erreichte, alarmiert. Mit dem ersten Hilfszug vom Nordbahnhof kam er an. Dieser Hilfszug verließ den Nordbahnhof kurz nach 12 Uhr, eine halbe Stunde, nachdem das Unglück geschehen war. Der Mitarbeiter der Zeitung erzählt: »Ich kam zum Hauptbahnhof gerannt, wo mir ein Assistent zurief: ›Beeilen Sie sich, beeilen Sie sich, der Hilfszug hält im Nordbahnhof.‹ Als ich den Nordbahnhof erreicht hatte, rief ein Schaffner: ›Sind Sie Arzt?‹ Und obwohl Journalisten die Erlaubnis hatten, mit dem Zug zu fahren, antwortete ich verwirrt: ›Ja‹, und sprang auf, als der Zug sich in Bewegung setzte.« Bereits während der Fahrt merkte man, daß bei dem entsetzlichen Unglück umsichtig gehandelt worden war. Es waren drei Ärzte da, telefonisch herbeigerufen, die Herren Adsersen, Rasmussen und Brønnum, der Leiter der Verkehrsabteilung Stockfleth und ein Polizeiassistent, der die Post übernehmen sollte, die der Eilzug von Helsingör, der das Unglück verursacht hatte, mitführte. Der Mitarbeiter des »Aftenbladet« unterhält sich während der Fahrt mit dem Postassistenten und den Ärzten. Aber keiner weiß mehr, als daß das Unglück bei Gentofte geschehen ist und es viele Tote gab. Als wir in Hellerup einfahren, hält der Zug, ohne daß wir wissen warum. Wir erfahren, daß man auf die Pioniere wartet, die im Dunkeln auf der Landstraße herbeigeeilt kommen. Es hörte sich an, als ob die Tritte der vielen unter Waffen Herbeieilenden uns das Unglück verkündeten. Die Ingenieure trafen ein. Sie waren in der Ryvang-Kaserne alarmiert worden und begaben sich unter dem Kommando eines Oberleutnants eilends zum Bahnhof Hellerup. Als wir Hellerup verließen, war es schon fast ½ 1 Uhr. In großer Eile ging es nun Richtung Gentofte. Es war vollständig dunkel und die rasende Fahrt unbeschreiblich ungemütlich. Wir spähten unablässig durch die Fenster, da keiner richtig wußte, wo die Unglücksstelle war. Wir bekamen es noch rechtzeitig zu wissen. Es war unmittelbar im Bahnhof von Gentofte, wo sich die Katastrophe ereignet hatte. Von unserem Zug aus sahen wir zwischen den Gleisen die Laterne einer Lokomotive. Sie leuchtete noch ruhig. Im Bahnhof war keine Lampe angezündet. Dann bemerkten wir, daß die Masten umgestürzt waren. Einen Augenblick nach unserer Ankunft wußten wir, wie schrecklich in Wahrheit das Unglück war. Journalisten sehen viel; jedoch einem Anblick wie diesem zu begegnen, ist doch glücklicherweise ein seltenes Los. Als wir aus dem Hilfszug herausgesprungen waren, hörten wir ein langgezogenes Jammern im Dunkel, und wir sahen im Finstern ein unvorstellbares Durcheinander von Zerstörung – die mächtigen Eisenbahnwagen waren ineinander geschoben, ein schauerliches Gebäude, mitten in der Nacht errichtet. Die Pioniere wurden alle in Marsch gesetzt, und vom Bahnsteig hörten wir Kommandorufe, die durch die menschlichen Schreie drangen. Wir Passagiere des Hilfszuges zerstreuten uns alle in der Dunkelheit. – Ich blieb –, sagt unser Mitarbeiter, – einen Augenblick vor dem zertrümmerten Zug stehen. Einen Augenblick, vielleicht auch einige Augenblicke dauerte es, bis ich vor diesen Trümmern den ganzen Umfang des Unglücks erfaßte. Dann kroch ich durch eines der Abteile Abteilwagen: In der Zeit vor 1900 bestanden die Eisenbahnwagen in der Regel aus nebeneinander gereihten Abteilen, die nur von außen zugänglich waren und während der Fahrt in der Regel verschlossen waren. Aufgrund der Bahnsteigsperren, wo damals die Fahrkarten kontrolliert wurden, war eine Kontrolle während der Fahrt weder notwendig noch möglich. Erst nach der Jahrhundertwende kamen die Wagen mit Abteilen, die von innen zu betreten waren, in Gebrauch. Von diesen neuen Wagen stammt auch der Ausdruck »D-Zug« (»Durchgangszug«). in den zerschmetterten Zug hinein und gelangte auf den Bahnsteig. Leichname lagen vor mir, als hätte man mit ihnen einen Tisch gedeckt, Seite an Seite. Die Gesichter – bei denen, die überhaupt noch ein Gesicht hatten – hatte man mit Tüchern bedeckt. Ihre Körper waren nicht zugedeckt. Ich erblickte ein junges Mädchen, dessen Brust aufgerissen war, buchstäblich zerfetzt. Sie lag neben einem kleinen Kind, einem kleinen Jungen von sieben bis acht Jahren, dessen Brust zermalmt ist, so daß die Enden der Rippen aus dem Blut, das noch aus der Brust sickert, herausragen. Überall ist Blut. Der ganze Bahnsteig scheint blutig. Ich zähle sechzehn Leichen. Weiter vorne, rechts – die toten Körper liegen in zwei Reihen – finde ich den Leichnam einer alten Frau. Sie ist zusammengekrümmt, als wäre sie hingekauert gewesen, und es scheint, daß sie, als sie noch lebte, verwachsen gewesen sein muß. Ein Gesicht ist nicht bedeckt. Es ist das Gesicht einer Frau, die vom Unterleib bis zum Hals buchstäblich aufgerissen ist, aufgeschlitzt wie mit einem einzigen Messerschnitt. Wie ich das Gesicht anschaue, erkenne ich es plötzlich. Es ist die Mutter von Dagmar Hansen, Dagmar Hansen (1871–1959): populäre Kopenhagener Sängerin, die besonders in Revuen glänzte. Europabekannt (1903 Berlin, Paris, St. Petersburg, Helsinki, Niederlande, Ungarn, Schweden). die hier liegt. Die anderen Leichname kenne ich nicht. Die meisten sind sowieso unkenntlich. Ständig bringt man neue herbei, und man legt sie weiterhin in Reihen. Ich sehe, daß es Gardehusaren sind, die sie bringen, und als ich einen der Husaren frage, erzählt er mir, daß sie – von Jægersborg herbeigeholt – bereits seit zwanzig Minuten an der Unfallstelle sind. Zwei Soldaten bringen einen weiteren Leichnam. Sein Kopf ist abgeschnitten, als wäre er mit einem Rasiermesser abgetrennt worden. Alle diese Toten liegen im Licht einer elektrischen Lampe. Während ich noch vor dem Leichenfeld stehe, denn so sah der Bahnsteig aus – werde ich plötzlich vom Kommando »Zwei Ärzte zu mir!« aufgeschreckt. Es ist der Bahnhofsvorsteher; seine bewundernswerte Kaltblütigkeit beim Kommandieren erstaunt mich. Ich drehe mich um und sehe, wie die Pioniere mit ihrer Arbeit begonnen haben. Sie brechen Wagentüren auf und ziehen die Verletzten heraus. Sie klettern durch die zerstörten Wagen, um mit Leichen zurückzukehren. Sie klettern in Wagen, die sich auf dem Dach anderer Wagen aufgetürmt haben, und sie bringen Körper mit sich, die unaufhörlich schreien. Ich gehe in den Wartesaal und finde auf den Polstern, Stühlen, Tischen und Böden nur Verletzte. Wenn überhaupt möglich, ist dieser Anblick noch entsetzlicher als der Anblick der Leichen. Ein großer Teil war bereits verbunden. Andere warteten jammernd. Buchstäblich das ganze Bahnhofsgebäude bis zum Telegraphenbüro war wie gesprenkelt von all diesem Blut. Dauernd bringen die Pioniere weitere Verletzte, weitere Schwerverletzte. Menschen, die einen Arm, ein Bein, eine Hand verloren haben. Ich trete wieder auf den Bahnsteig, wo die Reihen der Leichen noch dichter geworden sind. Ein Mann – wie ein Schwerverletzter am Kopf verbunden, bleicher als sein Verband – kommt plötzlich auf den Bahnsteig, rennt zum Leichenhaufen, wo seine tote Frau liegt. Und er schreit, vor der Menge der Leichen stehend: »Aufersteht von den Toten! Warum liegt ihr da? Aufersteht auf von den Toten!« Einige Männer führen ihn fort, während er weiter schreit; er wird zu den Ärzten zurückgebracht. Sie erklären, er sei wahnsinnig geworden. Ein kleiner Junge läuft am Bahnsteig hin und her und ruft nach seinen Eltern. Er läuft unentwegt hin und her und ruft ihre Namen. Niemand weiß, wo sie sind. Ob sie unter den Toten oder den Verletzten sind, ob sie gerettet sind und im Grauen nur ihr eigenes Kind vergessen haben. Denn die Geretteten – so erzählt man mir – waren nach dem Unglück von Entsetzen gepackt in die Dunkelheit geflohen und hatten sich überall hin zerstreut. Ein Bahnangestellter sagt mir, er habe niemals geglaubt, in seinem Leben solche Schreie zu hören; die Geretteten schrieen fast noch lauter als die Verletzten. Während ich auf dem Bahnsteig noch auf den Mann warte, der mir mitten in dem Durcheinander Auskünfte über den Augenblick des Zusammenstoßes versprochen hat, erblicke ich zwei Pioniere, die einen Schwerverletzten tragen: Es ist der Dichter Sophus Michaëlis. Sophus Michaëlis (1865-1932): dänischer Schriftsteller und Lyriker (Gedichtsammlung »Solblomster« (1893). Bekannte Romane »Æbelø« (1895) mit einem Volksliedmotiv in moderner symbolistischer Form sowie historische Romane z. B. »Hellener og barbar«. Sein Schauspiel »Revolutionsbryllup« (1906) gewann internationalen Ruf und wurde später verfilmt. Viele seiner Werke sind vor dem Ersten Weltkrieg ins Deutsche übersetzt worden. Die eine Seite seines Körpers scheint ganz zerquetscht zu sein, er ist ohne Bewußtsein. Nach ihm bringen zwei Soldaten seine Frau, die nur leicht verletzt ist. Niemals werde ich diesen Blick vergessen, mit dem sie versuchte, ihrem Mann zu folgen. Die Pioniere verrichten ihre Arbeit weiter, während das erste Tageslicht hervorbricht. Ihre Arbeit ist bewundernswert. Sie reißen die halb zertrümmerten Wagen ein und bringen wieder und wieder Verletzte heraus. Endlich tritt so viel Ruhe ein, daß ich Auskünfte über den Augenblick des Zusammenstoßes bekommen kann. Der Nahverkehrszug von Holte war bereits in Lyngby von Reisenden gestürmt worden. Vielen gelang es nicht mitzukommen und wurden so durch diesen Zufall gerettet. Als der Zug Gentofte erreichte, war der Bahnsteig überfüllt. Die Abteiltüren waren geöffnet, und die Leute sollten einsteigen. Der Zug bestand aus etwa zehn Wagen. Vier dieser Wagen wurden vollständig zerstört. In ihnen waren hauptsächlich Reisende aus Lyngby, wo ein Fest der Sozialdemokraten stattgefunden hatte. Der Zusammenstoß selbst geschah folgendermaßen: Auf dem Eilzug von Helsingör, der mit hoher Geschwindigkeit herannahte, sah der Lokomotivführer plötzlich ein unerwartetes Haltesignal und einen Zug auf seinem Gleis. Es gab weder eine Vorwarnung noch ein sonstiges frühes Warnsignal, bis er dieses Haltesignal sah; seine Lokomotive war noch ungefähr zweihundert Ellen Ellen: 1 dänische Elle ist 0,6277 m lang; 200 Ellen entsprechen etwa 125 m. von dem auf seinem Gleis stehenden Zug entfernt. Er leitet augenblicklich die Notbremsung ein und – die Bremse versagt. Warum, läßt sich nicht erklären. Um das Signal für die Betätigung der Handbremsen zu geben, bleibt keine Zeit. Da ist der Zusammenstoß schon geschehen. Die Lokomotive kracht in voller Fahrt mit ihrer schrecklichen Kraft auf den Schienen auf den wartenden Zug, in den wartenden Zug hinein und auf das Dach des stehenden Zuges hinauf. Dies sei, sagt der Mann, mit dem ich spreche, der schrecklichste Augenblick seines Lebens gewesen. Es dauerte nur eine einzige Minute, und wir, die auf dem Bahnsteig geblieben waren – die Menge derer, die dastanden oder flohen und schrieen, wie ich Menschen noch nie habe schreien hören – sahen, wie sich die beiden Züge ineinander bohrten, sich ineinander verwickelten, zu einem einzigen fürchterlichen Leib aus Eisen geformt, in dem die Menschen jammerten. Die Helsingör-Lokomotive hatte die beiden letzten Wagen gespalten, sie zertrümmert und zusammengedrückt – sie vor unseren Augen in weniger als einer Minute zu Brennholz zerlegt. Der Packwagen, der nach der Lokomotive lief, blieb wie durch ein Wunder auf den Schienen stehen, während der übernächste Wagen weiterfuhr, und den Wagen hinter dem Packwagen zertrümmerte, so daß er vollständig pulverisiert wurde und nicht mehr aufzufinden war, während der Wagen selbst mit ungeheurer Macht auf den Packwagen hinaufgestoßen wurde und auf dessen Dach stehen blieb. In dem mittleren Wagen, der verschwunden war – soviel hatten wir vom Bahnsteig aus sehen können – waren keine Reisenden. Wie ich es schon sagte, es dauerte ein paar Sekunden, und alles war vorbei. Man hörte nur noch Schreie und wieder Schreie. Die Schreie derer, die vom Bahnsteig flohen, und die Schreie derer, die im Zug verletzt waren. Alle flohen. Die Reisenden in den unversehrten Wagen brachen wie Wilde aus den Abteilen, während die Menschen auf dem Bahnsteig unter Schreien und Rufen zu den Ausgängen stürzten. Augenblicklich waren die Lampenmasten vom Druck der Fliehenden umgeworfen. Der erste, den ich traf, war der Lokomotivführer des Eilzugs. Er machte einen verwirrten Eindruck. Er sagte mir, er sei von der Lokomotive gesprungen – er und sein Heizer. – Ich wäre am liebsten tot, sagte er immer wieder zu mir. So viel konnte ich über den Augenblick des Zusammenstoßes in Erfahrung bringen. Es war die Lokomotive Nr. 24. Sie war vor knapp zwei Monaten für eine Summe von 16 000 Kronen 1 dänische Krone: entspricht heute (2008) etwa 7–8 €, 16 000 Kronen etwa 125 000 €. repariert worden. Der vollkommen zerstörte Wagen führte die 1. und die 2. Klasse. Der Wagen, der sich auf den Packwagen geschoben hatte und zertrümmert wurde, war Nr. 207, ebenfalls 1. und 2. Klasse. Während ich – fährt unser Mitarbeiter fort – Auskünfte über den Zusammenstoß erhalte, ist es Tag geworden, und die Pioniere arbeiteten weiter. Laufend werden weitere Verletzte geborgen, und man weiß bald nicht mehr, wohin man sie bringen soll. Die Wartesäle sind vollgestopft und völlig zu Lazaretten umgebaut. Selbst in das Zimmer des Assistenten im 1. Stock werden vier Verletzte gebracht, während die Ärzte ununterbrochen verbinden und helfen. Man muß beginnen, für die Verunglückten außerhalb des Bahnhofs Notunterkünfte zu finden. Eine Villa, schräg gegenüber dem Bahnhof, wird den Unglücklichen überlassen, und sie werden auf Bahren hinübergebracht. Großhändler Rist aus Jægersborg leitet diese Arbeit mit hervorragendem Überblick und Aufopferung. Herr Rist hatte in dieser Nacht erfahren, daß die Gardehusaren alarmiert worden waren; er zog sich umgehend an, um an die Unglücksstelle zu kommen. In die Villa werden neun Verletzte gebracht, aber es sind Dutzende, für die kein Platz da ist, und die mitten in der Nacht mit einem Zug fortgebracht werden müssen. Dieser Zug nimmt auch die ersten vier Toten mit. Dr. Gram Hansen, der Oberarzt Feilberg besucht hatte, war unter den auf dem Bahnsteig Wartenden. Beim Abschied hatte Feilberg zu ihm gesagt: »Bleiben Sie doch hier heute Nacht!« Aber Gram Hansen hatte geantwortet: »Vielleicht warten zu Hause Patienten auf mich.« Er ging zum Zug und erreichte den Bahnsteig – um der erste zu sein, der den Unglücklichen half. Als die Kopenhagener Ärzte ankamen, hatte er bereits viele verbunden. Er berichtet mir, daß es weit über einhundertundfünfzig Verletzte sein müssen. Um den Zustand vieler macht er sich Sorgen. Sofus Michaëlis' Zustand ist – wie der anderer – bedenklich. In der Zwischenzeit hat man nach Kopenhagen telegrafiert, und die Polizei hat alle Notarztwachen und Krankenhäuser alarmiert, daß sie bereit sein müßten, die bedauernswert große Anzahl von Verunglückten aufzunehmen. Die Gardehusaren fangen damit an, die Leichen in die offenen Wagen der 3. Klasse zu laden, während die Verletzten in die Abteile gesetzt werden, wo jeder einzelne von einem Husar bewacht wird. Es ist ein fürchterlicher Jammer und ein Anblick, den man niemals vergessen kann. Der abfahrende Zug nimmt 28 Tote und, ich weiß nicht wieviele, Verletzte mit. Ich beschloß, mit diesem Zug, der um ½ 4 Uhr abfuhr, heimzufahren. Kurz vor 4 Uhr kamen wir im Nordbahnhof an. Hier waren Ärzte und Krankenwagen von allen Wachen und Krankenhäusern. Ein starkes Polizeiaufgebot war unter dem persönlichen Kommando des Polizeiinspektors auf dem Platz. Hier, wie überall, muß die Präzision, mit der alle Betreffenden handelten, hoch gelobt werden. Von Kopenhagener Ärzten waren Dr. Ehlers und Herr H.H. Sørensen herbeigeeilt. Ein herzergreifender Auftritt ereignet sich, als Gastwirt Wivel – der hier in der Stadt einer der ersten war, die von dem Unglück erfahren hatten – am Bahnhof eintraf, um seine Verwandten zu finden; er hatte gehört, daß sie mit diesem Zug gefahren und unter den Verunglückten seien. Er sucht bei allen Leichen und erkennt seine Verwandten nicht. So gut wie alle Toten sind unkenntlich. Es sind eher Leichenreste als Leichen. Schließlich sagt man ihm, die Frau seines Neffen sei unter den Toten. Sein Neffe war der Schwerverletzte, an dessen Verstand die Ärzte in Gentofte so stark zweifelten. Während sich vor dem Bahnhofsgebäude eine große Menschenmenge versammelte, wurden die Leichen in Wagen der Johannes-Stiftung weggebracht, und die Schwerverletzten unter Aufsicht der Ärzte zuerst in die Krankenwagen gebracht. Man hatte den Eindruck, als hätte in Kopenhagens näherer Umgebung eine Schlacht stattgefunden. Polizeikräfte hielten die Menge zurück. Dies wäre im übrigen nicht nötig gewesen; denn die herbeiströmenden Menschen waren völlig ziellos und starr, ohne zu verstehen, daß das Schauspiel des Schreckens hier geschah – hier geschehen konnte. Diejenigen, die selbst nur als Zuschauer diese Nacht erlebt haben, werden hoffentlich etwas Ähnliches nie wieder erleben. [ …]     Die Grundlage dieser Übersetzung ist der dänische Text in: Ulrik Lehrmann, Virkelighed – set i Herman Bangs Speil, 1. Aufl. Forlaget Ajour Århus 2001. Für die Überlassung der deutschen Rechte sei dem Forlag Ajour und Ulrik Lehrmann gedankt.     Erläuterungen: 1847 erhielt Kopenhagen und damit Dänemark seine erste Eisenbahn; sie führte vom 1. Hauptbahnhof (auf dem Gelände des heutigen Hauptbahnhofes) nach Roskilde über Valby. Die Strecke war in etwa dieselbe wie heute. Die Strecke diente betuchten Kopenhagenern als Ausflugsstrecke; man pflegte im luxuriösen Roskilder Bahnhofsrestaurant bis in den frühen Morgen zu feiern. 1863 folgte die zweite Strecke, ebenfalls eine reine Ausflugsstrecke, nach Klampenborg. 1864 war die Strecke nach Helsingør (die »Nordbahn«) fertig, die jedoch über das Landesinnere (Lyngby – Hillerød – Fredensborg – Helsingør) führte; sie darf nicht mit der späteren »Kystbane«, die erst seit 1897 direkt an der Küste entlangführt und vom Østbanegården (heute Østerport) ausgeht, verwechselt werden. Zugleich wurde der Nordbahnhof in Betrieb genommen. Er lag etwa 350 m nördlich des 2. Hauptbahnhofes. Die »Boulevardbane« (»Tunnelbanen«) wurde erst 1921 in Betrieb genommen, so daß von da an der Nordbahnhof seine Funktion verlor und abgerissen wurde. Mosaik 21.6.1881 [Die Versteigerung im Bernstorff-Palais] Herman Bang führte im Mai 1881 neben den »Wechselnden Themen« eine weitere Rubrik in der Nationaltidende ein, die er »Mosaik« nannte. Nach dem Pariser Vorbild sollten hier verschiedene Formen der Kleinjournalistik und andere kleine Abhandlungen in unregelmäßiger Folge abgedruckt werden, Stücke, die nicht in die traditionellen Genres und Rubri-ken der Zeitung fielen.   Im Palais in der Bredgade ging es heute lebhaft zu. Die Tore stehen sperrangelweit auf, die Wachen stehen nicht mehr an den Eingängen, der schwarzgekleidete Schweizer Schweizer: Schweizer Soldaten wurden damals als Söldner bei etlichen europäischen Fürstenhäusern als Leibwache angestellt, wie dies auch heute noch im Vatikan der Fall ist. hält niemanden zurück, die Türen öffnen sich zu den hohen Treppen, den Vestibülen, den Sälen –. Hier ist es zu lange still gewesen. Zu lange hat eine Zeit, die vorbei ist, hier im Schutz goldener Königskronen über hohen Portalen geschlummert, nun werden die Türen geöffnet. Und hinein wälzen sich mit dem Staub der Straße an den Schuhen Kauflustige und Neugierige. Es ist merkwürdig, alle diese bunten Scharen in all dieser halb verblichenen Pracht schnüffeln und stöbern zu sehen, dem Erbe und den Erinnerungen einer verschwundenen Zeit; zu sehen, wie sie nach dem königlichen Schmuck und fürstlichen Gaben, die sie nur nach Gewicht und Größe einschätzen, gieren; die geplünderten Säle mit ihren goldenen Lüstern, den vergoldeten Gittern, den Wappen und ausgehauenen Kronen als Tummelplatz einer habsüch-tigen Neugierde zu sehen, abgeschätzt mit gierigen Augen. Man trampelt auf den Marmorstufen, man lacht in den Sälen, man befühlt alles, man feilscht. Solche Trödler sind kluge Leute, aber Pietät ist nicht ihre Haupttugend –. Ein königliches Heim wird geplündert; Auktionen sind eigentlich wie ein nochmaliger Tod, der Tod des Heimes. Wenn die Frau des Hauses stirbt, geht die Seele des Heims dahin, aber sein Körper bleibt zurück: Seine Auflösung nennt man Auktion. Dies ist der Rahmen um ein Leben, das zerschlagen wird. Deswegen war es heute im Palais in der Bredgade am ersten Tag der Auktion so lebhaft. Draußen im Toreingang saß der Schweizer auf der Bank. Er wies ununterbrochen die Leute die Treppe hinauf, und es wäre eine Sünde gewesen zu behaupten, man hätte sich geniert. Dieses Publikum ist an dieses Schauspiel gewöhnt. Es waren alte Frauen da mit eigentümlichen großen Überwürfen, unter denen man notfalls ein paar Bettdecken verstecken konnte, mit alten Hüten mit bleichen Bändern und merkwürdigen Rosenbuketten, deren Blätter zugespitzt sind; Juden mit graumeliertem Bart und grauen Augen, scharf wie eine Lupe; schwergewichtige Trödler mit leutseligen Gesichtern und großen Taschentüchern für den Schweiß; merkwürdige, schwarzgekleidete Witwen mit etwas Lichtscheuem und Furchtsamem über ihrer mageren Gestalt; neugierige Herren mit wippenden Spazierstöcken und Witzen auf der Zunge; alte Damen aus »Papas Zeit« mit grauen Hängelocken und spitzen Nasen und aufrechter Haltung – sie weinen, wenn ein prachtvolles Stück zum Spottpreis weggeht; Kommissionäre, die lauter als alle anderen rufen und sich hart auf den Stuhl setzen, um die »alten Federn nachzuprüfen«; Diener von Herrschaften, die selbst in der Zerstörung noch sorgsam und untertänig über das getäfelte Parkett gehen; ältere würdevolle Herren, die am Hofe und in königlicher Luft sind, schreiten mit steifen Beinen einher und flüstern –. Eine Horde ist gerade von der Straße mit dem Staub der Straße und ihrem Lärm hereingekommen.     Im vordersten Raum redet man. Er sieht wie eine Polterkammer aus; hier stehen ein paar Ofenschirme, gelb mit schwarzem Namen, die Vergoldung der Umrahmungen abgeblättert, dort einige Stühle, rot bezogen, das Holz grinst aus der Lackierung hervor; Tische auf drei Beinen, alte Armleuchter, ein Sofa – alles auf dem Weg zu den Trödlerläden. Drinnen versammelt man sich zur Auktion. Es ist ein großer Saal, rot bezogen, die Seidenvorhänge hängen noch, staubig wie sie sind, und flattern; sie gleichen alten Bannern, die über Sarkophagen wehen. Man hat sich am Tisch bereits Platz verschafft, einem grün bezogenen Tisch, wo sie dicht zusammengedrängt sitzen, Gesicht an Gesicht. Hier drinnen sind die meisten Trödler. Man flüstert eifrig, man sieht zur Tür hin, wartet auf den Auktionator. Um sie herum bilden die anderen einen Kreis, ein gemischtes Durcheinander von Männern und Frauen, das die Luft im Saal schwer macht. Zwei Schutzmänner warten an der Tür, und in der Ecke drängt man sich an das goldene Gitter vor dem Kachelofen. Der Kreis um den Tisch wird ungeduldig, man beginnt wie in den Wirtshäusern oder im Zirkus zu trampeln. Durch die Fenster hört man den Lärm von Hammerschlägen und Rufen: Es sind die Arbeiter der Marmorkirche, Marmorkirche: Die alte Frederikskirke lag als Bauruine dahin; erst aufgrund einer Stiftung des Industriellen C.F. Tietgen wurden 1874-1875 die Bauarbeiten neu begonnen und auf den Fundamenten der Frederikskirke die Marmorkirche erbaut. die neue Zeit, die die Ruinen der Vergangenheit vollendet. Dann kommt der Auktionator. Er kann sich kaum an den Tischen vorbei drängen, und er hält das Kästchen fest unter dem Arm. Endlich ist er durchgekommen. Und er konnte sich noch nicht auf dem Sitz hinter dem Pult niederlassen und sich Gehör verschaffen, als es plötzlich ruhig wird. Die Gespräche versterben in einem Summen. »Nr. 60, ein goldenes Armband.« Das Armband geht von Hand zu Hand, es wird begierig danach gegriffen, beurteilt, weitergereicht. Gegenüber, auf der anderen Seite, hat man mit dem Bieten begonnen. Der Auktionator bleibt bei »40 Kronen« 1 dän. Krone hat eine Kaufkraft von etwa 7-8 €; sie ist in 100 Öre unterteilt. – »40 Kronen – 40 Kronen.« Seine Worte fallen hart wie Hammerschläge, aufreizend wie eine Fanfare. »40 Kronen!« Nach und nach wird geboten. Die Gebote kommen bald furchtsam, als wolle man sich von der genannten Zahl wegschleichen, bald wie ein Ruf, bald mit der Geschäftsruhe des Händlers, bald ängstlich und ausweichend. – Die Gegenstände könnten so leicht kleben und am Gebot hängen bleiben. Oben am äußersten Ende des Tisches haben »die Großen« Platz genommen. Mit einer Handbewegung wird gehandelt, mit einem Wimpernzucken geboten. Der Auktionator liebkost gleichsam die reichen Schmuckstücke, die man hier oben kauft, wo es leise zugeht und auf Kredit ersteigert wird. Unten muß man bar bezahlen, und Schmuckstücke, die begutachtet werden sollen, und Bargeld, das in die Kasse fließt, und Wechselgeld rutschen über den Tisch und gleiten von Hand zu Hand. »Eine Brosche – 80 Kronen – 90 Kronen.« – Und mit der Zeit liegt eine Art Spielbankstimmung über dem Saal mit seinen einförmigen Rufen, dem Klang des Goldes, dem Handeln. Die Gesichter beugen sich über den Tisch, die Hände ergreifen den Schmuck, der umhergeht, die Augen beobachten den Hammer, die Ohren wollen das Gebot einfangen. Und wird ein Prachtstück versteigert, kommen die Preise Schlag auf Schlag, nervös wie das Ticken einer Uhr. – Die Stimme des Auktionators erschallt ohne Unterbrechung. Er weckt den Lärm wie mannigfaltiges Echo in Schluchten. Draußen im Kreis sinkt das Fieber. Dort lacht man, sieht zu, erzählt man Witze – diese faulen Kopenhagener Witze, die über jedem Geschehen und jeder Begebenheit wie emsige Fliegen surren. »Ein Armband 15 Kronen – 15 Kronen – 17 sind geboten!« … Man wird müde. Man schaut noch einmal über die Menge, auf die wehenden Vorhänge, auf die Königskronen. – Unten an der Treppe steht eine alte Dame, auf einen Stock gestützt, sie kommt nicht weiter hinauf, und das Mädchen brachte sie nicht weiter als bis zum ersten Absatz. Sie erzählt, sie sei früher oft hier gewesen, als » die da nicht hereinkommen durften«. Sie weist auf eine dicke Frau und einen dünnen Schlacksigen. Dann wackelt »Papas Zeit« mit zitternden Knien weiter. Im Tor sitzt der Schweizer: Er weist immer noch den Leuten den Weg nach oben, gerade die Treppe hinauf. Hinter den Scheiben in den Gemächern der Erbprinzessin Erbprinzessin: Erbprinzessin Karoline (1793-1881), die älteste Tochter von Frederik VI., wurde 1829 mit Erbprinz Ferdinand verheiratet; nach seinem Tod (1863) lebte sie im Palais in der Bredgade 38, dem Bernstorffs-Palæ. Sie war der letzte Nachkomme der 13 oldenburgischen Könige. Die Erbprinzessin war für ihr aufrechtes und etwas militärisches Wesen bekannt, aber wegen ihrer großen Freigiebigkeit sehr beliebt; im Cholera-Jahr 1853 weigerte sie sich, Kopenhagen zu verlassen, obwohl von den 130 000 Einwohnern der Stadt fast 5 000 den Tod fanden. In ihren alten Tagen nannte sie oft »Papas Zeit« (d.h. den Absolutismus) die glücklichste Zeit ihres Lebens. sieht man einige Gesichter – merkwürdig eingeschüchtert sehen sie aus. Es sind die letzten Bediensteten des Hauses: Für sie bedeutet jedes verkaufte Stück eine Erinnerung, die dahingeht, jedes Ding, das weggetragen wird, ein Andenken. Und wenn hier die Tore wieder geschlossen werden, ist eine Zeit tot, eine Epoche vergessen. Gespenstergeschichten. I. Die drei Schläge Die Novelle beruht auf einer Kindheitserinnerung aus der Zeit in Horsens, als Herman Bangs Bruder Oluf am 23.10.1871, erst zwanzigjährig, verstarb. Er hatte nachts drei Schläge an der Fensterscheibe gehört und wußte, daß die am 8.2.1871 verstorbene Mutter ihn rief. Das Motiv ging auch in die Novelle »Men du skal mindes mig« in den »Sælsomme Fortællinger« (1907) ein. * Sie öffneten die Tür zum Zimmer des Toten, und sie spürten schauernd die abgestandene Luft wie aus einem Keller, mit dem durchdringenden Geruch von Karbol. Karbol: heutiger Name Phenol. Bestandteil des Steinkohlenteers, das 1867 erstmalig von dem britischen Chirurgen Lister als Desinfektionsmittel zum Sterilisieren von Wunden, Verbänden und Operationsinstrumenten benutzt wurde. Heute nicht mehr üblich. Ohne es zu merken, nahmen sie einander an der Hand und hoben das Laken, das vor der Türe hing. So wie es hing, konnten sie nicht richtig darunter durchkommen. Ihr Herzschlag stockte, als sie diesen ewigen Frieden sahen. Die Leiche lag mit den Armen auf der Seite, das Taschentuch auf dem Gesicht war über den Zügen zusammengefallen, die Nase stand spitz nach oben. Die beiden Geschwister traten an das Bett. Sie blieben kurz stehen, der Bruder sah die Leiche an. »Sollte man die Hände nicht falten?«, flüsterte er dann. »Doch …«. Nina berührte die bläuliche Hand der Leiche und erschrak ob ihrer Kälte. »Die Haut ist ganz weich«, sagte sie dann. Otto berührte die Hand. »Ja.« Sie spreizten die Finger auseinander und falteten die Hände auf der Brust. »Wie weich sie sind«, sagte Otto wieder. »Das bedeutet, daß Mutter jemanden bei sich haben will …« Nina ließ die Hände los: »Aber Otto …«, sie hatte dasselbe gedacht und erschrak ob dieser Worte um so mehr. Bleich sahen sie einander an. »Und die Augen stehen am dritten Tag immer noch offen.« Sie verharrten; der eine wartete darauf, daß der andere das Tuch von ihrem Gesicht nehme. »Sollen wir uns das Gesicht anschauen?« Otto fror, so daß er kaum sprechen konnte. Nina nickte, und Otto ergriff das Taschentuch an dem einen Zipfel und hob es hoch. »Schau«, sagte er, »sie stehen offen.« Er zog das Taschentuch ganz weg. »Nein, ich möchte sie nicht mehr sehen.« Nina schauderte und wandte sich ab. »Komm!« Sie ging zur Tür und wartete, aber als Otto noch am Bett blieb, drehte sie ihren Kopf: Otto stand gebeugt über dem Leichnam … »Otto, was machst Du denn? …« »Man muß sie schließen«, sagte er und legte die Daumen in die Augenhöhlen. »Sie müssen geschlossen werden …« Die Beerdigung war vorbei. Otto war am stärksten ergriffen gewesen. Dies war natürlich. Recht mäßigen Verstandes wie er war, hatte er immer im Schatten der drei Jüngeren gestanden; er fühlte oft seine Unterlegenheit und wurde von Schwermut geplagt. Mutter war der Schwermut ihres Erstgeborenen immer mit Milde begegnet und hatte ihm gut zugeredet. Jetzt fühlte er den Verlust tief, mit einem merkwürdig trägen wortkargen Schmerz. Die Stimmung des Todes lag noch über dem Haus. Die Kinder hatten noch nicht begonnen, laut zu sprechen, sie schlossen die Türen leise aus Angst, Lärm zu machen. Den Vater sahen sie nur bei den Mahlzeiten, den Kopf in nasse Tücher gehüllt. Man hörte keinen anderen Laut als das Klirren der Gabeln auf den Tellern. Manchmal wurde der Vater aus seinen Träumen gerissen. Er erblickte die Kinder, die stumm dasaßen. »Eßt«, sagte er, »eßt – man muß Widerstandskräfte haben.« Das Essen klebte an ihren Gaumen fest. Abends schlichen sich die Kinder gemeinsam in die Wohnstube um die Lampe. Die anderen lasen. Otto kam von der Fabrik nach Hause, setzte sich in eine Ecke und stützte den Kopf in seine Hände. Der Jüngste kam ins Bett. Nina arbeitete bei der Lampe, hob den Kopf und blickte zu Otto, der unbeweglich in seiner Ecke saß. Bernhard kauerte auf dem Stuhl und las. Dann erhob sich Otto und ging zum Tisch. Er saß lange da und zeichnete mit den Fingern auf der Tischplatte. Zuletzt sagte er halblaut und sah auf ein Bild direkt gegenüber an der Wand: »Heute abend ruft Mutter …« Bernhard blickte vom Buch hoch: »Sag doch nicht so etwas!« Otto hörte es nicht: »Ja«, sagte er, »es ist der dritte Abend.« Sie gingen zu Bett. Die Tür zwischen Ottos und Bernhards Zimmer stand offen. Jeder wälzte sich in seinem Bett und konnte nicht schlafen. »Schläfst Du?«, fragte Otto. »Nein – wie spät ist es?« Ein Streichholz wurde angezündet und auf die Uhr gesehen. »Elf.« Sie legten sich wieder hin und sprachen nicht mehr. Bernhard hatte sich in die Decke gehüllt und zählte die Zahlen bis hundert auf, um einzuschlafen. Die ganze Zeit aber wurde er aus dem Zählen herausgerissen und hob seinen Kopf aus der Decke, um die Augen aufzureißen und in die Dunkelheit zu schauen. Er hörte, wie sich Otto drinnen herumwarf. Aber schließlich war er gerade dabei einzudösen, als er mit einem Mal hochfuhr. Er hatte einen heftigen Schlag gehört. »Bist Du da, Otto, was ist los?« Im selben Augenblick hörte er noch einen Schlag. Seine Zähne begannen zu klappern, und er setzte sich auf. Dann noch ein Schlag. Niemals zuvor hatte er solch einen Laut gehört – es war, als ob eine flache Hand heftig gegen die Scheiben geschlagen hätte. In diesem Augenblick zündete Otto das Licht an. Er stand mit dem Licht in der Tür, totenbleich. »Hast Du das gehört? – Mutter hat gerufen.« Bernhards Haare sträubten sich vor Entsetzen. Er sprang aus dem Bett und lief zum Fenster. »Das war der Fensterhaken«, sagte er, »es muß stürmen.« Er hob den Vorhang. Die Nacht war sternenklar und ganz ruhig. Sein Blut sott. Er öffnete das Fenster und untersuchte mit gespielter Gleichgültigkeit alles. Otto hielt noch immer das Licht, unbeweglich. »Untersuchst Du die Sprossen«, sagte er, »da sind keine Fensterhaken …« Bernhard ging wieder zu Bett. Er zitterte wie im Fieber. Aus Ottos Zimmer, deuchte ihm, hörte er Schluchzen. Spät in der Nacht fiel er in Schlaf. Am Morgen wurde er von Otto geweckt, der vor seinem Bett stand. Er hatte seine Arbeitskleidung an und mußte in die Fabrik. »Bernhard«, sagte er, »Du darfst den anderen nichts von den Schlägen heute Nacht erzählen. Sie bekommen sonst nur einen Schrecken …« Das Frühjahr verging, und es wurde Sommer. Nina führte den Haushalt, und den Verlust der Mutter fühlte man nicht mehr so stark. Außerdem hatte ja jeder seine Arbeit, und so vergeht die Zeit. Nur Otto änderte sich nicht. Er plagte jedoch niemanden mit seiner Schwermut. Er stand vor den anderen auf und ging in die Fabrik. Er kam nach Hause um zu essen und bekam sein Essen für sich. Meist versuchte er nur wenig davon, schob den Teller von sich und begrub die Hände in seinem dichten, blonden Haar. So saß er da, bis er wieder gehen mußte. »Du bist nicht gesund, Otto!«, sagte Nina. »Geh zum Arzt!« »Mir geht es gut, mir fehlt nichts.« Und Otto ging zum Arzt. Sein Gang war schwer geworden, als ob er etwas nach sich schleppte. »Leidest Du an Schlaflosigkeit?«, fragte der alte Hausarzt eines Tages und betrachtete seine geschwollenen Augenlider. »Ich glaube nicht, daß es Dir gut tut herumzusitzen und jeden Abend an dem Grab Deiner Mutter herumzuhängen, wie man sagt, daß Du tust … Mach einen Spaziergang – Du brauchst das.« Von der Fabrik aus ging Otto immer zum Friedhof. Er setzte sich auf die kleine Bank am Grab und rührte sich stundenlang nicht. Manchmal begann er sogar plötzlich zu weinen, so daß sein ganzer Körper zitterte. Abends schloß er die Tür zu Bernhards Zimmer. Eine Nacht wachte Bernhard daran auf, daß bei Otto laut gesprochen wurde. »Otto!«, rief er. Otto öffnete die Tür. Bernhard bekam Angst, so bleich wie er aussah. »Mit wem sprichst Du denn?« »Ich bete«, sagte er. Er hatte fiebrige Augen und gerötete Wangen. Und in einem plötzlichen Anfall von Verzweiflung warf er sich auf Bernhards Bett. Er schlug die Arme um seinen Hals und schlug den Kopf gegen seine Brust: »Bernhard«, sagte er dann, »glaubst Du, es ist so entsetzlich … wenn man noch so jung ist … wenn man noch so jung ist …« »Was ist denn, Otto – was ist denn so entsetzlich?« »Zu sterben – ach – zu sterben!« Kurz darauf wurde er ruhiger: »Es ist nichts«, sagte er. »Ich glaube, ich bin überarbeitet … in der Fabrik – es geht vorbei.« * Es war Ende August. Nina hatte einige junge Leute zu Ottos Geburtstag eingeladen. Der Abend war drückend heiß, und die Luft im Zimmer, wo man den Ring hatte gehen Den Ring gehen lassen: Singspiel, bei dem ein an einer Schnur angebrachter Ring von einem Teilnehmer zum anderen geschoben wird. lassen, war schwer. »Mach ein paar Fenster auf!«, sagte Bernhard. »Nein – Du weißt doch …« »Oh nein – bei Nachbars haben sie doch alle Fleckfieber.« Fleckfieber: Rickettsieninfektion, die durch Läuse, Milben, Zecken oder Flöhe übertragen wird. Inkubationszeit 10–14 Tage. An der Einstichstelle kommt es zu starkem Juckreiz und einer Blauschwarz-Färbung. Bräunlich-rote Ausschläge am Oberkörper, hohes Fieber, aufgedunsenes rotes Gesicht, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Schüttelfrost und Delirium folgen. In Napoleons und Hitlers Armeen wütete das Fleckfieber auf den Rußlandfeldzügen und raffte unzählige Soldaten dahin. Noch in den Jahren 1858 und 1859 erkrankten in Wien 10 000 Menschen an Fleckfieber; mit dem Verschwinden der Kleiderläuse aufgrund hygienischer Fortschritte erlosch Ende des 19. Jahrhunderts im zivilen Bereich auch das Fleckfieber. In Deutschland ereignete sich 1885 die letzte große Fleckfieberepidemie mit 120 000 Toten. Man begann über die Krankheit zu reden. Der Mann war gerade verstorben, und die Frau lag im Sterben. Alle blickten durch die Fenster zu den Nachbarn hinüber. Dort standen alle Fenster offen, die weißen Rollos bewegten sich träge. »Wo liegt sie denn?«, fragte jemand. »Hinter den beiden letzten Fenstern …« Sie redeten alle über die Krankheit, über die scheußlichen Wunden, die Pocken glichen. »Nina«, sagte Otto, »man erstickt ja hier drinnen. Wir müssen frische Luft haben.« Er riß das Fenster gewaltsam auf und setzte sich auf die Fensterbank. »Glaubt ihr, man wird dadurch eher angesteckt?« Kühle Luft schlug durch das Fenster. Dies führte die anderen in Versuchung. Bald setzten sie sich auf alle drei Fensterbänke, schoben die Scheiben ganz zur Seite und unterhielten sich. Sie lachten und schwatzten. Otto begann zu jodeln. Eine Gestalt zeigte sich im Fenster unmittelbar gegenüber und sah heraus. Der weiße Vorhang im Krankenzimmer wurde nach oben geschoben. Ein vereinzelter Fußgänger auf der Straße blickte nach oben auf die fröhliche Gesellschaft, man warf Taschentücher von Fenster zu Fenster. Man begann mit der Mahlzeit. Die Stimmung war bestens. Als man zum Nachtisch kam, las man die Zettelchen Zettelchen: Es handelt sich um kleine Zettel mit Sprüchen, die als Schmuck auf dem Kuchen dienen. vom Baumkuchen vor. Plötzlich aber, es herrschte großer Lärm und lautes Gelächter, erhob sich Otto und schlug an sein Glas. »Das Geburtstagskind«, rief man, »das Geburtstagskind will eine Rede halten!« Otto blieb einen Augenblick stehen, schlug an sein Glas, bis es ruhig wurde. Dann sagte er: »Meine Damen und Herren – ich trinke auf den Dreizehnten. Wir sind dreizehn am Tisch.« Dreizehn am Tisch: Aberglaube, es bringe Tod und Unglück, wenn dreizehn Personen zu Tische sitzen. Stammt vielleicht vom letzten Abendmahl Jesu, nach dem der Verräter Judas sich das Leben nahm (Matthäus 27,5). Alle ließen ihre Blicke schweifen und zählten. Ja – sie waren zu dreizehnt. Die Stimmung war umgeschlagen, und die Tafel wurde aufgehoben. Zwei Tage später kam Otto unzeitig von der Fabrik. Er war krank und wurde mitten im Eßzimmer ohnmächtig. Er wurde zu Bett gebracht, und der Arzt wurde geholt. Alle im Haus waren erschrocken, die Mädchen schlichen auf Strümpfen von Tür zu Tür. Es war, als wäre schon ein Leichnam im Hause. Bernhard machte im Eßzimmer seine Hausaufgaben. Im anderen Zimmer waren die Nachtschwester und die alte Köchin mit den Breiumschlägen zugange. Man vernahm Ottos Stöhnen durch die Zimmer hindurch und die Stimme des Arztes, der seine Anweisungen laut und ungeduldig erteilte. Die Nachtschwester hatte die Breiumschläge genommen und stand an der Tür zum Eßzimmer. Das Mädchen sagte flüsternd zu ihr: »Ach, Herr Jesus – hätte ich doch nur nicht in der dritten Nacht nach dem Begräbnis die drei Schläge gegen die Fensterscheiben wie mit einer flachen Hand gehört … Ach nein, ach nein, ihn hat die selige Frau gerufen …« Otto starb sechs Wochen später.