Moritz Hartmann Der Krieg um den Wald Erstes Kapitel. Die ersten Regierungsjahre der unvergeßlich genannten Kaiserin Maria Theresia waren für Böhmen eine Zeit der Drangsale und der schwersten Prüfungen. Abwechselnd in Besitz genommen und gebrandschatzt von Preußen, Bauern und Frankreich, und immer wieder erobert von den Kaiserlichen, wußte das Land am Ende nicht mehr, wem es eigentlich angehörte, wo es Recht suchen und von welcher der genannten Mächte es Ersatz für den erlittenen Schaden fordern und erwarten sollte. Dazu kam die völlige Recht- und Gesetzlosigkeit, die infolge der ewig schwankenden Zustände eintraten. Die Gutsherren, welche zugleich die Gerichtsherren waren, hatten für die verschiedenen Mächte Partei genommen und flüchteten sich, sobald die feindliche sich näherte, ihre Untertanen der fremden wie der heimischen Willkür überlassend. Der Bauer war es wieder, der unter diesen Umständen am meisten zu leiden hatte und in solcher tollgewordenen Zeit endlich gegen sich selbst zu wüten anfing. Der Krieg, die Neigung zu Händeln, die böse Lust am Hassen und an der Zwietracht hatte sich der Geister bemächtigt und sobald im Tal, im Gebirge ein Landstrich vom Feinde geräumt war, suchten die Bewohner unwillkürlich und bewußtlos nach Händeln unter sich, die größeres Unglück über das Land brachten, als alle äußeren Feinde. Der Schauplatz einer der merkwürdigsten Kriegsgeschichten dieser Art waren die Dörfer, die sich zerstreut, nordöstlich von der k. k. Bergstadt Przibram , vom Dubnaberge aus über den Homolawald hinunter bis ins Tal der Litawka, und östlich längs der Prager Straße hinziehen. An dem eben genannten Flüßchen, das während des Sommers unscheinbar und nur mit Mühe durchs Gestein sickert, im Frühling aber und mit anbrechendem Winter gewaltig aufbraust und Felder und Wiesen verheert, liegt das zerrissene, arme Dorf Duschnik. Ein kleines Schlößchen mit einer unbedeutenden Turmuhr und ein mit Mauern umgebener Kohlgarten, der sich Schloßgarten nennt, bilden seinen ganzen Schmuck. Sonst Strohdächer, teilweise noch mit Rasen bedeckt, aus denen wilde Pflanzen auswuchern, einzelne Bäume, zerbrochene Holzhecken, tiefe Lehmgruben mitten zwischen den Häusern, ein heiliger Johann von Nepomuk in der Mitte, einzelne rot angestrichene Fensterläden an den wohlhabendsten Häusern – in der Ferne das dumpfe Klopfen der Eisenhämmer und der ewig aufsteigende Rauch der Silberschmelzhütte – das ist das ganze Dorf, das ist Duschnik, dessen Geschichte zur Zeit des österreichischen Sezessionskrieges wir hier erzählen wollen. Eines Abends, es war im Frühling des Jahres 1744, saß, wie gewöhnlich, der größte Teil der männlichen Bevölkerung des Dorfes Duschnik in der Stube des alten Matthei Stroß versammelt, den man schlechtweg, in Erinnerung an seine ehemaligen Amtsverrichtungen als Dorfrichter, nur den »alten Richter« nannte, und horchte den weisen und erfahrenen Worten dieses Greises. Der alte Richter genoß von jeher in dem Dorfe und der ganzen Umgegend des größten Ansehens, das er nicht allein seinem Richteramte verdankte, welches er nunmehr, sei es wegen seines vorgerückten Alters niedergelegt oder in den stürmischen Zeiten verloren hatte, sondern es war noch in ganz andern Umständen begründet. Allgemein raunte man sich in die Ohren und glaubte, obwohl man es nie öffentlich zu behaupten wagte, der alte Richter, der so viel Geheimes wußte, von uralten Dingen so klar erzählte, als ob sie gestern oder heute geschehen wären, der so weise sprach und alles, was er sprach, mit Bibelsprüchen zu belegen verstand – allgemein glaubte man, der alte Richter sei ein Hussit, habe eine böhmische Bibel, in der er allsonntäglich lese, wobei er sich selbst die heiligen Sakramente in Brot und Wein erteile, und habe neben der Bibel und anderen geheimnisvollen Büchern tief unter der Diele seiner Stube einen Kelch, ein Schwert und andere Zeichen der Hussiten vergraben. Obwohl gut katholisch, achtete das Volk das Geheimnisvolle, das den Alten umgab, und hatte instinktmäßig eine heilige Scheu vor seiner eigenen Vergangenheit, die trotz aller Pfaffenerziehung im Gedächtnis des Volkes überhaupt und vor den Augen der Duschniker Bauern leibhaftig in der Gestalt des alten Richters fortlebte. – Sie glaubten, daß in dem Stamme, in welchem ein vor Jahrhunderten blühender Glaube fortwuchs, alles Wissen der langen Zeit, die zwischen damals und heute lag, vereinigt war. Doch wagte man nur selten oder nie davon zu sprechen oder darauf anzuspielen. Nur wenn der alte Richter etwas sagte, was den Bauern besonders weise erschien und was sie einem höheren Wissen zuschrieben, sahen sie einander einverständig an und gaben andeutungsvolle Zeichen. Immer aber glaubten und gehorchten sie seinen Worten. Auch heute. Die Bauern sprachen über die Zeitläufte und ließen sich vom alten Richter erzählen, was er in der Stadt beim Amte über die neuesten Schlachten, über Krieg und Frieden, über die Kaiserin, ihre Generale und Minister gehört hatte. Martin Kinnich, ein kleines, mageres Männlein, mit funkelnden Augen und struppigem Haar, dem man bei seiner starken Beweglichkeit das vorgerückte Alter nicht ansah, klatschte mit der Hand auf den roten Tisch und meinte, während er den Hut von einem Ohre auf das andere warf: Es wird noch lange nicht besser! Was haben wir von der Kaiserin zu erwarten? Als sie vor kurzem in Prag war, schickte sie sechsundvierzig schwangere Weiber, die um die Freigebung und das Leben ihrer gefangenen Männer baten, mit harter Antwort von sich. Ist das ein weibliches Herz? – Sechsundvierzig schwangere Weiber! sechsundvierzig ungeborne Kindlein! um Steine zu bewegen! Und was haben die sechsundvierzig Männer getan? Kein Mensch weiß es. Man beschuldigt sie des Einverständnis mit Bayern, weil sie die Brandschatzung eintrieben, ohne welche alles mit Feuer und Schwert wäre vernichtet worden. Bei Gott, brave Männer sind's und recht haben sie getan. Und Bayern! das ist auch so eine Geschichte. Nach alten Briefen und Urkunden soll Bayern ebenso großes Recht auf Böhmen haben und größeres als Maria Theresia, unsere allergnädigste Kaiserin. Es wird nicht besser, sage ich, es wird nicht besser! Der einzelne macht die Dinge nicht gut und macht die Dinge nicht schlecht, sagte darauf der alte Richter Matthei Stroß, – am Volke liegt's. Wie das Volk ist, so werden die Dinge; am Geiste, der im Volke lebt, liegt es. Wäre das Volk so, daß es sich erhoben hätte, als eine Anzahl unschuldiger Männer in die Gefängnisse geführt wurden, dann hätte die Kaiserin keine solche Antwort zu geben gebraucht, ja wäre es gar nicht dahin gekommen. Der Geist, der im Volke steckt, steht ewig hinter den Fürsten und raunt ihnen zu: so und so tuet, das wird es ertragen, euer Volk – das wird es nicht ertragen. – Sie ist die Tochter ihres Vaters und der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, fügte ein dritter hinzu, und Martin Kinnich rief etwas ärgerlich darein: Wenn der einzelne die Dinge nicht gut und nicht schlecht macht, warum sollen wir uns nicht helfen? Warum sollen wir warten, bis der Richter nach Jahr und Tag uns unser gutes Recht auf den Wald zuspricht? Warum gehen wir nicht hin und schlagen die Diebe, die Obtschover, tot, die ihn ausreuten, daß er eher wie ein Kirchhof als wie ein Wald aussehen wird, wenn es endlich dem Richter belieben wird, sein Urteil zu sprechen? Kinnich hatte einen Gegenstand zur Sprache gebracht, der augenscheinlich die Gemüter aller Anwesenden schnell ergriff und, wie an ihrer Augen Blitzen, an den vorgebogenen Leibern, die horchen wollten, was der alte Richter antworten werde, zu sehen war, sie sehr lebhaft bewegte. Es war auch eine Lebensfrage. Das Dorf Duschnik war arm, so arm wie nur wenige Dörfer der ganzen Umgegend. Die Überschwemmungen der Litawka spotteten des Fleißes seiner Bewohner. Ringsum war alles ausgeschwemmtes Gestein, verwaschenes Erdreich, zerrissener sandbedeckter Wiesengrund. Was an Feld und Wiese höher hinauf an den Hügeln lag und vor der alljährlich wiederkehrenden Kalamität gesichert war, hatte sich seit Jahrhunderten die Gutsherrschaft zugeeignet. Dem Dorfe selbst blieb nichts übrig als der Wald, der, die »Homola« genannt, sich den Bergrücken entlang erstreckte und das Taldorf Duschnik von dem Bergdorf Obtschov trennte. Der Wald, der allein die Duschniker ernährte, indem sie jährlich eine Anzahl Stämme fällten, die sie nach Prag verkauften und deren Ertrag sie gleichmäßig unter sich verteilten, der Wald war von ihnen gehütet und geliebt wie ihr Augapfel, wie ihr Kind – denn er war ihr Nährer, ihr einziges Besitztum – daher auch ihr Trost und ihr Stolz. Die Obtschover, obwohl glücklicher als ihre Talnachbarn, da sie, reich an Feld- und Wiesengrund, Früchte und Herden in vollem Maße besaßen, gönnten gleichwohl den Duschnikern nicht den vollen Genuß des Waldes, und da er sich in der Tat eine Stunde über ihre Gemarkung hinauszog, erhoben sie unter Anführung ihres Dorfrichters, Mika, nur der Bauernadvokat genannt, Ansprüche, welche beide Dörfer in einen langen Prozeß verwickelten. Sein Fortgang wurde durch die Flucht der Gutsherren und aller Beamten beim Herannahen der Bayern und Franzosen unterbrochen, und da auch der Magistrat der Stadt Przibram das Schiedsrichteramt von sich wies, benützten die Obtschover, vielleicht ahnend, daß ihnen das Recht auf den Wald werde abgesprochen werden, die gesetzlose Zeit, um ihn soviel als möglich auszubeuten und das Holz um einen Spottpreis an alle Welt zu verkaufen. Ihr Richter, Mika, der in der ganzen Umgegend für einen feinen Kopf galt, mit dem sich kein Advokat messen dürfe, der mehrere alte Gesetzbücher besaß, woraus er den Bauern, bei denen sich dann und wann das Gewissen regte, ihr Recht auf den Wald vordemonstrierte, suchte die Absatzquellen auf und leitete den Holzhandel, wobei ihm größere Einkünfte als den anderen Bauern abfielen, was ihn auch bewog, mit seinen Rechtsbefohlenen auf dem eingeschlagenen Wege zu beharren und den Wald in der Zeit, die ihm die Verwirrung des Krieges noch ließ, soviel als möglich auszubeuten. – Es hatte sich infolge dieses Streites ein Geist des Hasses und der Erbitterung zwischen den Bewohnern der beiden Dörfer ausgebildet, der schon oft zu Tätlichkeiten geführt, nächstens aber in blutige Händel auszuarten drohte. Daher die Bewegung unter den Bauern, als Kinnich das Gespräch auf diesen Gegenstand brachte, und ihre Aufmerksamkeit auf die Worte des alten Richters, der ihm also antwortete: Es steht wohl geschrieben: Glied um Glied und Aug' um Aug' und Zahn um Zahn. Es ist aber nicht gesagt; wenn dein Nachbar Gewaltsames begeht, so tu wieder Gewaltsames, und wenn er dich bestiehlt, so stiehl wieder. Das Auge, das er euch verwundet, wird er euch heilen müssen nach dem Spruche des Richters, der der Arzt des Verfolgten ist, und mit den Arzneien, wie er ihm befiehlt. Unser Recht ist verbürgt in alten Urkunden und keinem Menschen ist es gegeben, dasselbe zu beugen. So müssen wir glauben, solange es der Richter nicht gebeugt hat. Er muß zum reichen Manne sagen: gib dem Armen sein Schaf wieder. Der Krieg wird bald beendigt sein, die Richter werden sich wieder um das Recht der kleinen Leute kümmern müssen – bis dahin müssen wir dulden. Die Bauern schienen wenig zufrieden mit dieser friedlichen Rede des alten Richters, murmelten vor sich hin und mehrere wollten ihm antworten, als ein junger Bauer, ohne Hut, mit zerzaustem Haar, blutigem Gesicht und zerrissenen Kleidern, in die Stube stürzte. So haben mich die Obtschover zugerichtet, rief er aus, indem er sich vor die Bauern hinstellte und eine laute Lache aufschlug – es geschieht euch aber recht. Während ihr hier sitzet und plaudert, fahren sie Wagen auf Wagen nach Prag, und wenn sich einer von euch untersteht zu mucksen, werden sie ihn so zurichten, wie sie mich zugerichtet haben. Die Bauern sprangen auf, ballten die Fäuste, warfen die Hüte auf den Boden, fluchten und polterten. »Was ist's, was ist geschehen? Erzähl, Pepik, erzähle!« Nun, was soll's sein? – sagte der Bauernjunge Pepik Picard, indem er sich das Blut vom Gesicht wischte, ich komme von Oborschicht, wohin ich das letzte Huhn und die letzten Eier meiner Großmutter brachte, um sie im Kloster der ehrwürdigen Brüder Jesuiten, weil sie meiner Alten die Rose aus dem Gesicht gebetet haben, zu opfern, gehe ganz lustig mit dem Segen des Paters Guardian davon, singe und bin guter Dinge, biege ums Holz hinter Obtschov – wer kommt mir entgegen? Der alte Lump, der Bauernadvokat, der Mika aus Obtschov, mit einer Schreibtafel in der Hand und rechnet und rechnet, und hinter ihm ein langer, langer Zug von Pferden – und was zogen die Pferde? prächtige Tannen, liebliche Fichten, goldne Birken. Kreuztausend Bataillon, rief ich, du Dieb, du Schelmenvater, führst uns wieder unser schönstes Gehölz fort! – und wie ich's sage, treibe ich ihm die Mütze über die Ohren, schlage ihm die Schreibtafel aus der Hand und laufe was ich laufen kann – querfeldein. Aber prost die Mahlzeit – die Bursche haben's gesehen, lassen die Pferde stehen und den jungen Mika an der Spitze laufen mir nach und richten mich so zu, wir ihr mich da seht. Die Diebe, die Räuber! riefen die Bauern untereinander – sie sollen büßen – wir wollen's ihnen zeigen! Halt, es ist noch nicht aus! rief ihnen Pepik nach, da sie zornig und fluchend hinauseilen wollten, 's ist noch nicht aus. Auf dem Heimwege habe ich vom Obtschover Juden erfahren, daß der Mika mit einem kaiserlichen Lieferanten einen Kontrakt abgeschlossen hat und ihm so viel Holz liefert, als er nur braucht, um zweihundert Elbboote für die Armee zu bauen und Brennholz für die Militärbackhäuser. 's ist ein schön Geschäft – in vier Wochen wird unser Wald so durchsichtig sein, wie des armen Mannes Korn. Das soll er nicht, beim heiligen Johann von Nepomuk, beim heiligen Wenzel und tausend andern Heiligen! schrie Kinnich, das soll er nicht, die Obtschover sind Räuber, wir müssen uns unserer Haut wehren, und wer auf Raub ausgeht, der geht auch auf Mord aus, sagt ein altes Sprichwort – und wer mich morden will, den schlag' ich tot und damit Punktum, und morgen gehen wir in den Wald und wenn wir da einen Obtschover Blutstropfen finden, so soll er fließen – das schwör' ich beim Teufel! Ja, wir gehen morgen in den Wald und schlagen tot, was uns unter die Hände kommt! riefen die Bauern alle und liefen fluchend hinaus; kaum daß sie dem alten Richter noch gute Nacht sagten und er Zeit genug hatte ihnen nachzurufen: Vergeßt mich nicht, ich gehe mit euch in den Wald! Plötzlich war es stille geworden in der Stube. »Es geht schlimm!« murmelte der alte Richter, der zurückgeblieben war, indem er mit dem großen hölzernen Kamm, der nach alter Art in seinen langen grauen Locken steckte, sich die Haare zurückstrich, ein altes dickes Buch aus einem Verstecke in der Holzwand hervorzog und hinausging. Während er draußen die Treppe hinaufstieg, um in die Schlafstube unter dem Dache zu gelangen, fing es in der Stube, tief im dunkeln Winkel hinter dem Ofen leise zu schluchzen an und das Schluchzen wurde immer stärker, bis es sich in ein langes, inniges Weinen verwandelte. Liduschka, die Schwiegertochter des alten Richters, die junge Strohwitwe, wie man sie im Dorfe nannte, weil ihr die Kaiserlichen ihren Mann kurze Zeit nach der Hochzeit als Soldaten weggeführt hatten, Liduschka hatte hinter dem Ofen alles gesehen und gehört, was in der Stube vorging. Sie weinte, weil sie eine Obtschoverin war, und es tat ihr weh, so von ihren Landsleuten sprechen zu hören, wie man sie Diebe, Schelme, Räuber nannte. Besonders weh aber tat es ihr, daß man von ihrem Vater, dem Bauernadvokaten, wie von dem Herbergsvater der Diebe sprach, er, der zu Hause in ihrem Dorfe so hoch geachtet war als Wunder der Weisheit und Gelehrsamkeit unter den Bauern. – Wie sie so weinend aus ihrem Verstecke hervorkam und durch die Stube ging, schluchzend, gebeugten Hauptes und sich ans Fenster setzte, wo sie vom Monde beschienen, ihre langen blonden Haarflechten unter tiefem Seufzen auflöste und die aufgelösten Haare wie einen Kranz um die Stirne wand, war sie schön und traurig anzusehen. Nicht allein die schlimmen Worte, die über ihren Vater und ihre Landsleute gefallen waren, waren es, die sie so betrübt machten – traurige Ahnungen stiegen in ihr auf. Es war ihr, als ob die Männer, die heute so erzürnt von dannen stürzten, sich nicht sobald zur Ruhe begeben würden – als ob der heutige Abend der Anfang einer bösen Zeit sein sollte. – Diese Ahnungen ließen sie nicht schlafen, selbst als sie längst schon vor dem hellen Mondschein ihren schönen schlanken Leib im Bette barg. Sie bildete sich ein, daß alles besser werden müßte, wenn nur ihr Mann daheim wäre, der gute sanfte Nikolai, und zum Frieden sprechen könnte, anstatt daß er sich eben im fernen Schlesien oder Sachsenlande als wilder Soldat herumtreiben mußte. Böse Träume ließen sie nicht schlafen, bis sie endlich in einem Augenblicke zwischen Wachen und Schlafen einen Ausweg aus ihrem Kummer fand und dazu lächelte wie zu einem guten Gedanken. Mit dem ersten Morgenstrahle wollte sie hinunter zum Alten vom Hammer und sich seinen Rat erbitten und ihn, den Propheten, über die nächste Zukunft befragen. Zweites Kapitel. Einige hundert Schritte hinter dem Dorfe Duschnik, wenn man dem Laufe der Litivka folgt, auf dem schmalen Striche zwischen dem Bache und dem steil ansteigenden Felsen, durch Ulmen, Erlen und Weidenbäume verdeckt, liegen mehrere Eisenhütten, eng aneinander gedrängt. Obwohl die hölzernen Wände und Dächer auf steinernen Grundmauern ruhen, zittern sie doch ununterbrochen von dem Schlage der mächtigen Hämmer vom Grunde bis zum Giebel und die Wetterfahnen drehen sich bebend, auch wenn nicht das leiseste Lüftchen zieht. Haben die Hütten in ihrem dunkeln, einsamen Versteck, von dumpfem Geklopfe durchhallt, von Kohlenstaub bedeckt, an sich schon etwas Unheimliches, so bekommen sie erst noch ein schauerliches Ansehen, wenn im Frühling und im Sommer, sobald die Sonnenstrahlen wärmend niederfallen, die unzähligen Schlangen aus ihren Löchern im Felsen hervorkriechen, sich die Wände hinanwinden und von den Dächern züngelnd herabhängen gleich roten, grünen, silbernen Bändern, die der Wind bewegt. Die Eisenarbeiter lächeln über die gewohnte Gesellschaft, die sie nicht fürchten, und wundern sich auch nicht, wenn sich dann und wann ein vorwitziges Schlänglein ganz nahe dem Hammer neben der glühenden Eisenstange hinstreckt oder sich im Herde mitten im Funkenregen wärmt. Aber der Wanderer erschrickt vor den Hütten wie vor der Wohnung eines Zauberers. Aber es wohnt hier auch ein Zauberer. Hart am Felsen in der verstecktesten und ärmlichsten unter den versteckten und ärmlichen Hütten wohnt der alte Buresch, der Wunderdoktor, der Prophet, der ausgerenkte Arme und Beine einrichtet, allerlei Salben bereitet, das Gras wachsen hört, die Stimmen der Tiere versteht, geheimnisvolle Übel bespricht, Träume deutet, neugeborenen Kindern nach den Sternen ihr Schicksal bestimmt und jedem auf Begehren die Zukunft deutet – der alte Buresch, der Alte vom Hammer. Seine geheimen Wissenschaften hat er sich, wie man's erklärt, aus dem Lande der Türken und Heiden geholt, wo er lange Zeit vor vielen Jahren unter Prinz Eugen, dem edlen Ritter, als Soldat gedient hat. Später war er Altgeselle im Hammer; jetzt, in seinem hohen Alter aß er nur noch das Gnadenbrot in der einsamen Hütte. Er hauste dort ganz allein, da sein Sohn Peter Buresch sich als Wilddieb in den fernen Wäldern umhertrieb, ja sogar unter die Zigeuner gegangen sein soll. In seiner Einsamkeit beschäftigte ihn die Zubereitung der Wundersalben und seine Schlangen. Die Schlangen waren seine liebste Gesellschaft und danach hatte er auch seine Stube eingerichtet. Überall in den Wänden nahe am Boden waren Löcher angebracht, daß sie ohne Hindernis ein- und ausschlüpfen und sich die Würmer holen konnten, die er ihnen jeden Morgen hinlegte. – Da sah es denn auch so schreckhaft in seiner Stube aus, daß nur wenige Menschen es wagten, sie zu betreten, und darum saß er auch den ganzen Tag vor der Schwelle seiner Hütte und sonnte sich und sah zu, ob jemand komme, seinen Rat zu holen. Zum Zeitvertreibe hatte er neben einem Rosenkranze eine Schlange in der Hand, mit der er spielte, die er steif zu machen verstand, die er tanzen lehrte, um den Hals band wie einen Strick oder auch, wenn er genug gespielt hatte, in den Busen steckte, wo sie sich warm und behaglich fühlte. Die Leute aus dem Dorfe, die ihn näher kannten, behaupteten, er denke, während er da so spiele, den ganzen Tag an seinen Sohn Peter Buresch, den Wilddieb, den er leidenschaftlich liebte und aus dem er gerne einen großen, mächtigen Herrn machen möchte. So saß er wieder da wie immer auf der Schwelle der Hütte, und spielte mit dem Rosenkranze und der Schlange wie immer und lächelte, etwas grinsend, vor sich hin, wie immer. Es war früh am Morgen. Da sah er Liduschka, die junge Schnur des alten Richters, über den Steg auf sich zukommen. Der Alte freute sich augenscheinlich bei diesem Anblick, verbarg die Schlange unter dem Hemde, um das junge Weib nicht zu erschrecken und gab sich Mühe, ein freundliches Gesicht zu machen. – »Brächtest du mir etwas, murmelte er, womit ich deinem alten Friedensprediger einen rechten Tort antun könnte, solltest du mir willkommen sein.« Er meinte den alten Richter, den er haßte, weil er mit ihm seinen Einfluß im Dorfe teilen mußte und weil er wohl fühlte, daß er selbst, gefürchtet und gescheut, nur in der höchsten Not aufgesucht wurde, der alte Richter aber in hohem Ansehen stand wie ein Priester oder Vater. Liduschka, als sie des Alten vom Hammer ansichtig wurde, schlug furchtsam die Augen nieder und um ihre Angst zu verhüllen, begann sie den Inhalt ihres Körbchens, Brot, Eier und etwas Mehl, zu ordnen, und wäre am liebsten zurückgekehrt, da ihr plötzlich ihr Gang als sündhaft und der Alte so unheimlich erschien. Aber er rief ihr schon von ferne zu: Willkommen Liduschka! Dich drückt ein geheimes Weh – komm, daß ich dir helfe. Das junge Weib konnte nicht mehr zurück und sagte, indem sie sich näherte: Gewiß, ein großes Weh, und Ihr sollt mir davon helfen mit Eurem klugen Rat, und wenn Ihr mir noch sagen wollt, wie es in der Zukunft wird mit den Duschnikern und den Obtschovern und mit meinem Vater und mit meinen Brüdern, so habe ich Euch dafür alles mitgebracht, was ich im Haushalt entbehren und was ich Euch in dieser Jahreszeit bringen kann. Der Alte warf nur einen kurzen Blick auf das Körbchen, aber einen langen und prüfenden auf das unausgeschlafene kummervolle Gesicht der armen Liduschka, aus deren Worten er schon ihr Anliegen erraten hatte. Er lächelte und sagte mit blinzelndem Auge, als ob er sie seiner Allwissenheit versichern wollte: Gelt, du plagst dich der Obtschover Händel wegen, du fürchtest, es wird blutige Köpfe geben, daß dein Vater schlecht davonkommen wird – und dazu hast du so böse Träume und du bist allein und verlassen, du armer kleiner Vogel? Erzähle, erzähle! Jesus Maria, ja so ist es! Ihr habt es schon alles erraten – sagte Liduschka, indem sie über die Sehergabe des Alten ein Frösteln überlief. Und sie erzählte ihm lange und ausführlich von den bösen Träumen, die sie plagten, von den schlechten Namen, mit denen man ihren Vater im Dorfe benenne, von allem, was gestern beim alten Richter vorgegangen war und wie das ganze Dorf in Aufregung sei und daß man heute in den Wald ziehen wolle. Der Alte hörte ihr aufmerksam zu und unterbrach sie nicht in ihrer langen und ausführlichen Erzählung. Nur daß er manchmal mit einem »Hm, Hm« in Nachdenken versank, sich lächelnd die Hände rieb und: »es wird gehen, es wird gehen« zwischen den Zähnen murmelte. Liduschka, die es bemerkte, wurde ängstlich zumute und sie fragte mit zitternder Stimme: Vater Buresch, ich glaube, Ihr freut Euch über das alles? Aber anstatt aller Antwort sprang der Alte von der Schwelle auf und eilte in die Stube, aus welcher er nach wenig Augenblicken, wie zu einer Reise gerüstet, wieder herauskam. Ein alter, brauner Ungarmantel hing um seine Schulter, schief auf dem Kopfe saß der breitkrempige, durch allerlei Risse gezackte Hut, ein gewaltiger Rosenkranz mit braunen großen Kugeln hing ihm um den Nacken vorn auf die Brust herunter, und in der linken Hand hielt er einen Stock, der so hoch war wie er selbst und oben ein großes, eisernes Doppelkreuz trug. Die Augen des Alten blitzten, er schien plötzlich um einen Kopf höher geworden zu sein, seine Muskeln spannten sich und nach dem Dorfe gewendet, rief er mit einer Stimme, die den Lärm der Hämmer weit übertönte: Ja, es wird blutige Köpfe und Wunden und Tod geben! Das Maß ist voll, bald wird es überlaufen! Bald soll es auf eueren Feldern aussehen, o Duschnik, und du, o Obtschov, wie auf der Walstatt nach einer Türkenschlacht! Und ich will euch einen Führer geben, von dem in hundert Jahren noch die Steine erzählen sollen und die verbrannten Häuser! – Dann sprang er mit der Kraft eines Jünglings über den Bach, eilte über die Wiesen hin und verschwand im Dunkel des Waldes. Liduschka, die bleich und an allen Gliedern bebend dastand und noch immer die Worte des Alten hörte, die ihr Herzblut gerinnen machten, faßte sich endlich und rief entsetzt: Jesus Maria, er holt seinen Sohn, Peter Buresch, den Wilddieb. Dann setzte sie sich hin und weinte bitterlich. Indessen herrschte im Dorfe die höchste Aufregung. Unter dem großen Kastanienbaume, der die Statue des heiligen Johann von Nepomuk beschattete, versammelten sich die Männer – fluchend, schreiend, Weiber und Kinder zurückstoßend, die sich neugierig umherstellten und der Verwirrung zusahen. Hirten hatten die Nachricht gebracht, daß die Obtschover wieder am Kreuz beim heiligen Antonius von Padua Holz fällten. Man wollte den gestern gefaßten Beschluß in Ausführung bringen. Der alte Richter erschien in der Tracht, in welcher er sonst zu Amte zu gehen pflegte – langer grüner Tuchrock, der mit weißem Schafpelze ausgelegt und vorn mit langen seidenen Schnüren zusammengehalten wurde, Schuhe mit weißen Schnallen, hohe schwarze Strümpfe – auf dem dicht von weißen Locken umwallten Haupte die grüne, pelzumsäumte Samtmütze, in der Hand das hohe, fast bis ans Kinn reichende spanische Rohr mit gelbem Beschlage. Er stellte sich an die Spitze der Bauern und schritt dem Walde zu. Aber als sie an die Brücke kamen, die über die Litawka führt, da stand schon Kinnich an der Spitze einer großen Schar von Bauern, die sämtlich mit Waffen aller Art, Heugabeln, alten Spießen, Säbeln und Feuergewehren ausgerüstet waren. Der alte Richter blieb erschrocken stehen. Was soll dieser Aufzug? rief er unwillig aus. Es steht geschrieben, du sollst hingehen und den Fehlenden dreimal ermahnen, daß er vom Unrecht abstehe, und ihr wollt Blut vergießen? Das ist nicht gut getan, Bruder Kinnich. Kinnich, der sich so angesprochen sah, schob trotzig die Mütze tief in die Stirne, drückte seine alte Feuerwaffe noch fester an die Schulter und ging ohne Antwort vorwärts. Der Friedensprediger! murrte er vor sich hin; wenn es nach seinem Kopfe ginge, müßten wir warten, bis uns am Jüngsten Tag unser Recht wird. Aber der alte Richter, Matthei Stroß, sah die Gefährten Kinnichs, die stehen geblieben waren, lange und durchdringend an, und unwillkürlich gingen sie hin, lehnten ihre Waffen an das Geländer der Brücke und schlossen sich friedlich dem unbewaffneten Zuge an. Als das Kinnich sah, warf er auch seinerseits die Waffe, aber fluchend und schimpfend, ins Gras und lief zornig voraus. Nun, wenn ihr wollt, rief er, so ziehen wir hin, wie ein Leichenzug – wir werden den Obtschovern gewaltigen Respekt einflößen! Wenn sie uns totschlagen, haben sie recht! So gingen sie vorwärts, den Berg hinan durch die schattigen Hallen der Fichten und Kiefern. Sie brauchten nicht weit zu gehen, um die hallende Axt fallen und die fallenden Bäume krachen zu hören. Sie ballten die Fäuste und schritten lippenbeißend weiter. Doch kam kein lauter Zorn in ihnen auf – im Gegenteile beschlich ahnungsvolle Trauer ihre Herzen und es war ihnen, als stünden sie am Anfange trauriger Ereignisse, ja als ob ihnen eine höchst schmerzvolle Begebenheit sehr nahe wäre. Als ob sie ihn um die Ursache ihrer Beklemmung fragen wollten, sahen sie von Zeit zu Zeit zum alten Richter auf. Dieser aber ging schweigend, gedankenvoll, gebeugten Hauptes seinen Weg. – Als sie sich dem Kreuzwege beim Bilde des heiligen Antonius von Padua näherten, verstummten plötzlich die Schläge der Äxte. Die Obtschover sahen auf und ließen überrascht die Hacken fallen, harrend der Dinge, die da kommen sollten. Über ihrem Haupte, auf dem Baume, an dessen Wurzel sie eben die Axt und die Säge gelegt hatten, krächzte ein Rabe, der trotz allen Lärmens die Zweige nicht verlassen wollte. Stille war's – die Vögel des Waldes, die unter dem Hauen und Sägen verstummt waren, fingen nach und nach, aber schüchtern, zu singen an – in der Tiefe begann ein Kuckuck seinen Ruf, schwieg aber sogleich wieder. Wie kühl es auch im Walde war, wischten sich doch Obtschover und Duschniker den Schweiß von der Stirne. Ein schweres Alpdrücken lag auf dem ganzen Walde. Auf dem feuchten Moose zitterten goldene Sonnenstreifen und Ringe – ein leiser Windzug durchseufzte den Wald und die Wipfel neigten sich, »als ob ein Unsichtbarer drüber ginge«. Der tolle Honsik, der unter den Obtschovern war, und von der Beklemmung, die sich aller bemächtigte, am wenigsten verspürend, den Duschnikern grinsend entgegenlächelte, unterbrach die Stille zuerst. Er schlug eine helle, widerliche Lache auf und hieb aufs neue auf den Baum los. Da fühlten sich seine Gefährten, die um ihn herum standen, plötzlich vom Alpdrücken erlöst und lachten laut mit dem tollen Honsik und griffen nach den Äxten und Sägen, um so zu tun, wie er tat. Den Duschnikern, die ergrimmt vorstürzen wollten, winkte der alte Richter mit der Hand, zurückzubleiben, und ging allein vor bis an den Baum, an dem die Obtschover eben beschäftigt waren. Er sprach also zu den Obtschovern: Wie ihr jetzt den Baum mit Axt und Säge fället, so fället und stürzet ihr jegliches Recht, das Vertrauen des einen Menschen zum andern, die Liebe zum Frieden. Wenn ihr nicht geduldig seid, bis der Richter sein Urteil gesprochen hat, so höret auf den Richterspruch eures Gewissens, der euch sagt: Ihr esset das Brot aus fremdem Korbe, ihr erntet auf fremdem Felde. Euch hat der Herr, gnädiger als gegen uns, Felder und Wiesen und Herden gegeben, warum wollt ihr uns dessen berauben, was uns jedes Recht zusprechen müßte, auch ohne Urkunden, Briefe und Siegel, da es jedes Menschen Recht ist, zu arbeiten und sich zu nähren? Wo aber sollen wir arbeiten und uns nähren, wenn nicht in diesem Walde, der unser Erntefeld ist und unsere Werkstatt? Der alte Mika, der Bauernadvokat und Obtschover Richter, bohrte mit seinem Haselnußstock ein Loch ins Moos, indem er antwortete: Solange nach Gesetz und Recht nicht ein Spruch gefällt ist, ist der Wald gesetzlos und hat keinen Herrn. Er ist frei und gehört jedermann, wie der Fluß, die Quelle, die Luft. Soll hier das Holz verfaulen wie im Zdikauer Walde? – Wenn ihr arm seid, so kommt und bittet um Almosen bei uns, die wir reich sind; – solange ihr nicht kommt und saget: gute liebe Nachbarn, gebt uns etwas von eurem Überfluß um Gottes willen – solange haben wir uns um eure Armut nicht zu kümmern. Jeder kehre vor seiner eigenen Tür und frage nicht, was geht beim Nachbar vor? Wenn ihr so töricht seid und wartet, bis der Richter gesprochen hat, so sind wir so klug, indessen zu arbeiten und in der rechtlosen Zeit aus der Überschwemmung zu retten, was zu retten ist. Macht der Krieg die einen arm, macht er die andern reich – und wer früher kommt, malt früher. Also, rief der alte Richter empört aus, also gehst du, während es blitzt und gewittert, aufs menschenleere Feld und stiehlst Garben? Haltet ein, rufe ich euch zu, ihr tuet unrecht, ihr sündiget vor Gott! Der alte Richter rief es mit so gewaltiger Stimme, mit so gebietendem Tone, daß die Obtschover zum zweiten Male die Äxte fallen ließen und aufmerksam den Zwiegesprächen der beiden Alten zuhorchten. Nur der tolle Honsik ließ sich nicht stören. Unfähig, die Worte des einen wie des andern zu verstehen, kümmerte er sich auch nicht um das, was um ihn vorging. Er wußte nur, daß er einen Baum zu fällen hatte und wohin er fallen sollte, und unverständliche Töne ausstoßend, die wohl das Feiern der anderen mißbilligen sollten, hieb er mit der Kraft eines Wahnsinnigen auf den Baum los, immer grinsend und lächelnd, wie man es bei ihm gewohnt war. Man beachtete ihn auf beiden Seiten nicht – denn man kannte ihn von seinen Streifzügen her, die er oft im hohen Sommer unternahm, wenn es in seinem Gehirn zu kochen begann und er unruhig, wilde Töne ausstoßend, von Dorf zu Dorf irrte, mit struppigem Bart, offener, behaarter Brust und zerzaustem Kopfe. Man kannte seine Tücken, doch fürchtete man ihn nicht – er war ja blödsinnig – und wenn man ihn des Abends wo vor einem Dorfe hinter einer Hecke liegen sah, nahm man ihn gastlich ins Haus, um ihn am andern Morgen wieder weiter streifen zu lassen. Die Obtschover bedienten sich beim Holzmachen gerne seiner ungeheuren Kraft, die er auch mit Freude und Fleiß bewies. So auch jetzt. Während durch die Unterhandlung der Alten die Duschniker immer aufgeregter, die Obtschover immer niedergeschlagener und schüchterner wurden, so daß diese letzteren, überwunden von den innigen Worten des alten Richters, ihre Blicke zur Erde senkten und nicht aufzuschauen wagten, im stillen ihren Richter beschuldigend, daß er sie zum Raube verleitete – sah der tolle Honsik nur von Zeit zu Zeit auf, ob der Wipfel sich schon neige, und hörte mit Freude das knackende Reißen der letzten Fasern. Laßt uns, sagte der alte Richter mit eindringlicher, vor Rührung zitternder Stimme, als er die Bewegung der Obtschover sah – laßt uns ein Schiedsgericht niedersetzen aus den besten Männern der benachbarten Dörfer und die sollen entscheiden zwischen uns. Die Obtschover sahen fragend den alten Mika an. Er stand schweigend da und schüttelte den Kopf; er wußte wohl, daß er auf den Vorschlag nicht eingehen konnte, er hatte ja einen Vertrag in Prag abgeschlossen, der ihn um Haus und Hof brachte, wenn er ihn nicht einhielt – und es war ja ein Vertrag für die Armee der Kaiserin. Es konnte ihm aus den Händeln mit den Duschnikern nichts Übles entstehen, er konnte sie im Notfalle mit seinem Patriotismus entschädigen. Trotzdem aber er den Kopf schüttelte, machten doch die Obtschover einen Schritt vorwärts, um dem alten Manne, der fragend, harrend, mit gerührten Blicken vor ihnen stand, die Hände entgegen zu strecken – da krachte es plötzlich in den obersten Zweigen – ein wilder Freudenruf des tollen Honsik – ein schwerer Fall – der Baum stürzte und unter seiner Wucht erschlagen lag der alte Richter. Ein Schrei des Entsetzens erscholl auf beiden Seiten. Alles stürzte auf den Baum los, um den Getroffenen hervorzuziehen. Weh euch, rief Kinnich, ihr habt uns unseren Vater erschlagen! Wütend faßten einige von den Duschnikern nach ihren Feinden – diese griffen zu den Äxten, die sie in der Luft schwangen. Ruhe, Friede! seufzte noch der alte Richter Matthei Stroß, und verschied. Der Baum hatte ihn schwer am Kopfe verletzt – eine tiefe Wunde blutete und die Gehirnschale war eingedrückt. Sein letztes Wort wirkte auf seine Freunde – schweigend brachen sie Zweige von demselben Baum, der ihn erschlagen hatte, und flochten eine Bahre daraus. Auch die Obtschover nahten sich, schlugen mit ihren Äxten Zweige ab und legten sie schüchtern hin; sie wurden aber verschmäht beiseite geworfen. Stumm legten die Duschniker die Leiche auf die Bahre, nahmen sie auf ihre Schultern und zogen ab, dem Dorfe zu. Als sie am Ausgange des Waldes ankamen, läutete eben die schöne Glocke von Duschnik zum Mittagsgebete – sie stellten die Bahre hin, knieten ringsherum und beteten. Die Obtschover sahen ihnen betäubt nach – der tolle Honsik grinste lächelnd wie immer. Der Bauernadvokat aber sagte leise zu seinem Sohne: So wird nichts aus dem Schiedsgerichte, meinen Kontrakt kann ich einhalten – der tolle Honsik ist nicht zurechnungsfähig. Es ist gut so. Schwül lag die Mittagshitze auf dem Walde. Drittes Kapitel. Bei allen Völkern, die noch auf niedriger Kulturstufe und ihrer ursprünglichen Kraft nahe stehen, kehrt mit wilden Zuständen die Lust an der Selbsthilfe und mit ihr die Neigung zur Blutrache zurück, die auch nichts anderes ist als verspätete und nachgeholte Selbsthilfe. So war es auch bei den Duschnikern nach dem Tode des alten Richters. Es war dem Bauer Kinnich nicht schwer, sie zu überzeugen, daß ihr Vater und Ratgeber von den Obtschovern absichtlich getötet worden. Er wollte bemerkt haben, daß der Bauernadvokat während der Unterredung dem tollen Honsik Zeichen und Winke gegeben, wie und wo er den Baum fällen solle, und als gewiß behauptete er, daß jener mit schadenfrohem Lächeln dem Zuge nachgesehen, als sie sich mit der Leiche entfernten. Kinnich führte die Bauern in die Stube, wo die Leiche ausgestellt war, gehüllt in glänzendes leinenes Gewand, umgeben von brennenden Wachskerzen und Sträußen von Rosmarin, Salbei und allerlei Blumen. Vor ihr ließ er sie die Hand aufheben und schwören, nach ihrer Pflicht ihr Eigentum zu schützen gegen die Räuber und an ihnen Rache zu nehmen für den Tod des heiligen Mannes. Liduschka, die an der Leiche saß, die Hände gefaltet und leise Gebete lispelnd, horchte scheinbar teilnahmlos dem schrecklichen Schwure, der ihre Landsleute bedrohte. Erst als die Leiche hinabgesenkt und der Gegenstand ihrer größeren Schmerzen aus ihren Augen verschwunden war, erinnerte sie sich deutlich des Schwures, der noch in ihren Ohren nachklang, und sie schlich sich noch vom Kirchhofe fort, durch den Wald nach Obtschov, um ihren Vater und die Brüder zu warnen und sie flehentlich zu bitten, alles zu tun, was Unheil abwenden könnte. Die Brüder lächelten zwar über ihre Besorgnis, doch wollten sie sie in Obtschov zurückhalten und sie bewegen, nicht mehr nach Duschnik zurückzugehen, wo sie doch nichts zu suchen hätte. Liduschka schüttelte den Kopf. Das Taldorf war jetzt ihre Heimat und es schien ihr schon nicht recht, daß sie so heimlich sich nach Obtschov geschlichen. In Duschnik lag das Haus und das Besitztum ihres abwesenden Mannes, die sie als treue Hausfrau zu schützen hatte. Und sie kehrte unbeirrt durch die Vorstellungen der Brüder und des Vaters in das nun so einsame Haus zurück. Da schaffte und arbeitete sie ohne Unterlaß, ohne tagelang hindurch die Schwelle zu überschreiten, denn sie fürchtete sich vor jeder Nachricht, die ihr da draußen zukommen konnte. Der Bauer Kinnich entfaltete seit dem Tode des alten Richters eine außerordentliche Tätigkeit. Jetzt war er eigentlich die einflußreichste Person im Dorfe und war sich dessen wohl bewußt. Flink, leicht beweglich, scheinbar schnell entschlossen, Meister in großen Worten, verstand er es, große Bewegungen in den Gemütern hervorzubringen und den Moment zu benutzen. Krieg, rief er, indem er durchs Dorf rannte, Krieg müssen wir führen auf Leben und Tod mit den Räubern, wenn wir nicht in kurzem vor Hunger sterben wollen! Er ließ die Trommel aus dem Schlosse holen, welche sonst die Bauern zum Frondienst berief, hängte sie seinem Knechte um und befahl ihm trommelnd das Dorf zu durchziehen. Die Bauern, gewohnt diesem Schalle zu gehorchen, kamen aus den Häusern hervor, und ehe eine Stunde verflossen war, sah der große Kastanienbaum eine große Versammlung unter seinen Zweigen. Der Jude, Kinnichs Freund, ging mit der großen Branntweinflasche durch die Menge und präsentierte heute von seinem Besten, mit einstimmend in die Schimpfworte gegen die Obtschover und in die Lobeserhebungen des hingeschiedenen alten Richters. Erst als der Lärm aufs höchste gestiegen war, trat Kinnich auf den Altar vor dem heiligen Nepomuk und stellte der Versammlung vor, wie es not tue, einig zu sein gegen den gemeinschaftlichen Feind, sein Eigentum für Weib und Kind zu bewahren; wie es sich für Männer gezieme, in so rechtloser Zeit durch eigene Kraft das Recht aufrecht zu erhalten; wie der Verschiedene, Gemordete auf die Versammlung vom Himmel herabblicke und Rache fordere, und wie sie an seiner Leiche selbst geschworen hätten, ihn zu rächen. – Die Weiber weinten, die Männer gaben Zeichen der Übereinstimmung und schrien: Krieg, Krieg, Krieg! Während des Lärmens entfernte sich Kinnich aus der Versammlung. Seinem Nachbarsohne winkte er, ihm zu folgen, und bog mit ihm um die Häuser, dann redete er ihn an: Siehst du, Pepik Picard, in dem Kriege, den wir jetzt gegen die Obtschover führen müssen, braucht man gute, entschlossene, tapfere Anführer – du wärst so ein Kerl, und wenn ich was zu sagen hätte, müßtest du einer der ersten Offiziere werden. Zuerst aber muß ein Oberanführer gewählt werden. Das wollte ich den Leuten nicht sagen, sie glauben sonst, ich wollte es werden – was mir nicht einfällt, – obwohl ich selbst glaube, ich gestehe es, daß ich meinen Platz ausfüllen würde. Aber davon wollte ich nicht sprechen – ich wollte dich nur bitten, daß du jetzt zum Hausen zurückgehst und sie erinnerst, daß sie einen Anführer wählen. Du könntest so nach deinem Gutdünken einige Namen nennen – du bist ja ein gescheiter Kerl! Pepik Picard fand das alles sehr gut, und mit der Versicherung, er wolle seine Sache schon gut machen, kehrte er zur Rotte zurück. – Nach einer halben Stunde wurde Kinnich in allen Häusern gesucht – man fand ihn endlich auf seinem eigenen Hofe, wo er mit Häckerlingmachen beschäftigt war, als man ihm seine Wahl zum Führer der Duschniker ankündigte. In wenigen Stunden hatte das Dorf ein ganz verändertes Aussehen. Überall wimmelte es von Bewaffneten – auf den Steinen klirrte es von alten Säbeln, Äxten, Gabeln. Vor den Häusern saßen die Männer und versuchten es, verrostete Flintenschlösser wieder brauchbar zu machen. Dort saß einer und dengelte sein altes Schwert wie eine Sense auf dem Stein, hier stand ein anderer in der Schmiede und sah zu, wie ihm der Meister Schmied seine Sense gerade bog und einem andern die Eisenspitze an eine lange Stange befestigte, – und ununterbrochen scholl die Trommel an den Häusern wider. Kinnich selbst war überall; obwohl etwas verwirrt und aufgeregt und, wie es schien, ängstlich mitten in dem Lärm, ordnete er doch die Züge, gab Anweisungen usw. Er hatte sich eigentümlich herausgeputzt. In den hohen Wasserstiefeln, die über die Knie reichten und Falten bildeten, staken die stramm anliegenden gelben Lederhosen – die kurze blaue, mit roten Schnüren verbrämte Jacke, an welcher eng aneinandergedrängte gelbe Messingknöpfe glänzten, bedeckte nur halb den vielfarbigen Ledergurt, an welchem ein gewaltiger krummer Säbel mit messingenem Korbe hing. An dem breiten schwarzen Filzhute war die vordere Krempe aufgebogen und daran eine hohe grüne Hahnenfeder befestigt, die im Winde schwankte und Farben spielte und hinter welcher ein kleines Bild der Mutter Gottes vom heiligen Berge zu Przibram verborgen war. So schritt er dem Zuge voraus, als derselbe sich lärmend, schreiend gegen Abend dem Walde zu bewegte. Umgeben hatte er sich mit einer ganzen Schar von Offizieren, die er schnell ernannte und die er hin und her schickte, um das süße Gefühl des Befehlens zu kosten. Im Walde angekommen, teilte Kinnich seinen Haufen in mehrere Rotten, gab ihnen Führer und schickte sie an verschiedene Punkte des Waldes, an Kreuzwege, Halden, auf Hügel und Wiesen. Er selbst lagerte sich mit einem großen Teile der Bauern am Eingange des Waldes. Den Führern der einzelnen Rotten verbot er irgend etwas zu unternehmen, oder gar angreifend zu Werke zu gehen. Sie sollten bloß den Wald bewachen und die Obtschover, wenn sie kämen, zurücktreiben. Die Obtschover aber kamen nicht. Der alte Mika war kein Mann des Krieges und dachte an die Zeit, da wieder das Regieren anfinge und die Führer der Dörfer zur Rechenschaft gezogen werden konnten. Auch kannte er den Führer seiner Feinde, Meister Kinnich, zu gut, und wußte, daß er seine Schar durch Tatlosigkeit nur ermüden werde. Er gebot den Obtschovern, sich in ihrem Dorfe ruhig zu halten, um nicht teilhaftig zu werden an dem bewaffneten Aufstande, den sich die Duschniker zuschulden kommen ließen, und sich nicht um ihr gutes Recht selbst zu bringen. Die Obtschover gehorchten. Nur einzelne kampflustige schlichen mit ihren Büchsen hinaus und feuerten aus dem Gebüsch mit leichtem Schrot auf die einzelnen Rotten. Die armen Duschniker, die nicht so gut bewaffnet waren wie die reichen Obtschover, zogen sich in die Tiefe des Waldes zurück und mußten von ferne hören, wie die jungen Obtschover, wie zum Hohne, bald hier, bald dort einen Baum niederstreckten. So ging es manche Tage und Nächte. Die Weiber, Mädchen und Kinder kamen aus dem Tale herauf, zündeten große Feuer an, kochten und rösteten im Freien; der blinde Herein, der Musiker des Dorfs, blies den Dudelsack – man tanzte auf dem Rasen, man setzte der Flasche zu, die der Jude umhertrug, und vergaß, warum man ausgezogen war. – Kinnich wurde nachdenklich und unruhig und ließ die Sache gehen wie sie ging. Aber die aus dem Walde zurückkamen, fliehend vor den guten Büchsen der Obtschover waren unzufrieden, besonders wenn sie sahen, wie man im » Lager « so lustig lebte, während sie im Walde stundenlang auf Posten stehen und sich dann von einigen dummen Büchsen jagen lassen mußten. Zu diesen gesellten sich noch die Verständigeren im Lager. »Wozu,« sagten sie, »haben wir die Sache angefangen, wenn wir nicht einen entscheidenden Streich ausführen sollen? Den Wald ewig bewachen können wir nicht und etwas muß geschehen, was die Obtschover züchtigt und sie für ewige Zeiten von ihren Räubereien zurückschreckt. Wenn unser Hauptmann nicht den Mut hat, etwas anzufangen, soll er es sagen und uns nicht an der Nase herumführen. Besser gar keinen Führer als einen mutlosen. Könnten wir tun was wir wollten, würden wir in hellen Haufen auf die Obtschover losstürzen, ein paar totschlagen, einige Häuser anzünden und die Sache wäre gut. Aber Kinnich hat keinen Mut und kann kein Blut sehen – das hat man sich schon lange erzählt, und das scheint sehr und gewaltig wahr zu sein.« Dem Meister Kinnich, der sich immer vom Haufen etwas entfernt hielt und allein auf einer alten Schabracke ausgestreckt lag, wurde das Gemurmel der Unzufriedenheit von seinen Freunden hinterbracht, von Pepik Picard, dem langen Wlach, vom alten Tomesch und andern. Mut, Mut! rief er aus, Unsinn, barer Unsinn, Dummheit, Bauerndummheit! Was heißt das, Mut? ich soll hingehen und mich hinstellen und mir eine Kugel durch den Leib jagen lassen? Wozu hat mir dann der Mut genützt? Wenn ich hinfalle und tot bin, werde ich es sehr bedauern, daß ich Mut gehabt habe. Was soll mir eine Eigenschaft, die mir nur schaden kann? Ich richte gern was aus, worüber ich mich noch morgen freuen kann – wenn ich aber heute von so einem Obtschover Bengel erschossen werde, was habe ich morgen davon? Sollen wir uns aber verspotten lassen? – sagte der lange Wlach, sollen wir uns unser Recht rauben lassen? Recht wird nicht durch Unrecht erworben. Glaubt ihr denn, daß es erlaubt ist, so einen rechten, ordentlichen Krieg zu führen? Bin ich ein König oder ein Kaiser? – Wir dürfen allein unsern Wald hüten, wie wir die Schafe hüten, und die Obtschover müssen wir ermüden. Ermüden? rief der alte Tomesch – da schlag das Donnerwetter drein! – ermüden, dieweil wir uns Tag und Nacht im Walde herumtreiben und sie bequem zu Hause im Bette liegen und uns auslachen! Ich sage dir, Kinnich, da wir die Sache angefangen haben, müssen wir sie ausführen und kost' es Rad und Galgen, und wenn du nicht noch heute etwas unternimmst, so bist du am längsten unser Führer gewesen. Gut, gut, wir wollen noch heute etwas unternehmen, sagte Kinnich verdrießlich und tat einen langen Zug aus der Flasche, die er in der Jagdtasche trug – aber ihr habt mich dazu gezwungen – merkt euch, daß ihr mich dazu gezwungen habt – ihr seid alle Zeugen – kommt her alle und höret, daß ich dazu gezwungen werde, gegen die Obtschover ungesetzliche Gewalt zu gebrauchen – du besonders, alter Tomesch, du besonders zwingst mich. Ich nehme es auf mich – lächelte Tomesch und wandte sich ab. Jetzt verlaßt mich, daß ich meinen Plan mache, befahl Kinnich und alle zogen sich zurück und beobachteten nur von ferne, wie er sich die Stirne rieb und Zug auf Zug aus der Flasche tat. Es war spät am Abend. Die Sonne färbte kaum noch die goldene Spitze des mittleren Turmes am heiligen Berge – die Glocke von Pitschin, die nur beim lieblichsten Wetter zu hören ist, schickte über den Wald herüber bebende Töne, welche die feierliche Stille mehr hoben als unterbrachen. Die Bauern lagen ruhig umher, nachdem sie Weiber und Kinder nach Hause geschickt hatten, und warteten, bis der Hauptmann mit seinem Plane zu Ende gekommen sein würde. Da scholl Hundegebell das Tal herauf durch die Bäume. Einige Minuten darauf sprang ein gewaltiger Jagdhund heran, beschnüffelte die Bauern und eilte wieder ins Tal zurück. Jesus Maria, das ist der Jagdhund des Peter Buresch! – der Peter Buresch kommt! – riefen mit einem Male an zwanzig Stimmen, teils freudig, teils erschrocken. Kinnich hob bei diesem Rufe den Kopf etwas vom Lager, stierte dem Hunde erschrocken nach und sank wieder in seine vorige Stellung zurück. Peter Buresch ließ nicht lange auf sich warten. An der Seite seines Vaters und eines kleinen Jungen, der sein Jagdgewehr trug, stieg er den Berg herauf. Es war ein großer, breitschulteriger, knochiger Mann, mit dunkelbraunem Gesicht und grünen stechenden Augen, die wie die Augen eines Luchses leuchteten, von schmalen Augenbrauen kaum beschattet. Die weißglänzenden Zähne seines breiten Mundes waren von keinem Barte bedeckt, denn erst unter dem Kinn begann nach der Sitte der altböhmischen Jäger der Bart, der über die Brust hinunterhing und das weiße Kreuz, das da hing, halb verhüllte. Er trug einen grünen, kurzärmligen Wollsamtrock, schwarze, bloß bis ans Knie reichende Lederhosen, grüne Strümpfe und gewaltige mit Nägeln beschlagene Schuhe – auf dem Kopfe eine Art zugespitzten Tirolerhut, mit Gemsbart, Hahnenfeder und einer aus Wolfs- und Bärenhaaren verfertigten Kokarde geziert, von Tieren, die er selbst erlegt. Denn Peter Buresch hatte die ganze Monarchie durchzogen, um Jagden aller Art zu kosten – er hatte in Salzburg Gemsen, in Krain Bären, in Ungarn Wölfe erlegt. Seine ganze Erscheinung sprach von Mut, List und Verschlagenheit und flößte Furcht und Respekt zugleich ein. Schwache Gemüter konnten sich ihm ganz hingeben, um ihm willenlos bald ganz und gar anzugehören. Darum wußte man auch viel von seiner Gewalt über Weiber zu erzählen und von seinem Einfluß auf alle Wilddiebe, die er zu einem Orden vereinigt haben sollte. Offenbar gehörte die ganze Schar verwilderter Gestalten, welche ihn jetzt, die Büchse auf dem Rücken, neben seinem Vater und dem kleinen Jungen begleiteten, mit zu diesem Orden. Der ganze Aufzug hatte etwas besonders Ungewöhnliches, ja Geheimnisvolles. – Erst der gewaltige Peter Buresch, dann sein Vater, der Zauberer und Wahrsager, wie wir ihn oben beschrieben haben, mit dem ungeheuren Rosenkranz und den Kreuzstock in der Hand – der kleine, zartgeformte Knabe an Peter Bureschs Seite, sein Waffenträger, der sich neben seinem Herrn ausnahm wie ein sanftes Blümlein neben einer Eiche, obwohl seine breit und schief geschlitzten Augen wild und feurig glänzten, selbst wenn er zärtlich zu seinem Herrn und Meister hinansah, und obwohl sein Antlitz so dunkel gefärbt war, als ob er nicht in diesen Landen heimisch wäre. Dazu die Schar von Wilddieben mit ihren Waffen, die bei aller Wildheit doch schweigend und untertänig Peter Buresch begleiteten und dastanden, als ob sie immer seines Befehls, seines Winkes gewärtig wären. – In der Tat machte das alles einen so erstarrenden Eindruck auf die Bauern, daß sie wie gebannt auf ihrem Lager liegen blieben, bald sich untereinander, bald Peter Buresch mit seiner Schar anstierten und erst aus ihrer Verwunderung, ja Betäubung erwachten, als Peter Buresch selbst zu sprechen anfing. Da liegen sie, die gewaltigen Helden, und starren den Mond an wie herrenlose Hunde! – rief er breitlachend aus, indem er die Hände in die Taschen steckte, den Oberleib zurückwarf und mit Hohn auf die lagernde Schar hinabsah – da liegen sie und wissen nicht, daß die edle Jugend Obtschovs heute nacht kommt, um sie mit Vogeldunst in ihr Dorf zurückzutreiben! Der edle Feldherr, der dort betrunken liegt, scheint Mangel an Spionen zu haben. – Was wollt ihr? was habt ihr? Erzählt, und wenn ich euch helfen kann, tue ich's mit Vergnügen. Ihr habt nicht recht, uns so zu verspotten, sagte der lange Wlach. Einen Krieg zu führen, einen so eigentlichen Krieg, das fällt uns nicht ein, das war nur so im ersten Augenblicke unser Gedanke. Den Wald, unser Eigentum, wollen wir nur beschützen. Haben euch die Obtschover das Wild herausgeschossen? fragte Peter. Nein, das haben sie nicht getan, geht uns auch nichts an, das Wild gehört unserer gnädigen Herrschaft und würden wir uns darum nicht herumschlagen. Dummes Volk! murmelte Peter Buresch zwischen den Zähnen und lächelte, und einige aus den Bauern lächelten mit ihm, und laut fragte er: Habt ihr Pulver? – habt ihr Schießgewehre? – Wollen Krieg führen ohne Pulver und Schießgewehre! Ihr sollt beides haben. Schwarzer Tomesch! rief er nach rückwärts, und aus der Schar seiner Begleiter trat einer hervor: Was willst du, mein Junge? Peter Buresch führte ihn beiseite, faßte ihn am Knopfe seines Rockes und sprach zum schwarzen Tomesch, der aufmerksam zuhörte, langsam und ausdrucksvoll: Du hast dich hier schon lange herumgetrieben und kennst die Gegend. Nimm sofort einige von den Brüdern mit dir und begib dich auf den Silberberg, in die kleine Hütte am St. Annenschacht. Dort wohnt der Steiger, der den Pulvervorrat des Bergwerks bewachet, den man braucht, um die Felsen zu sprengen: Dem guten Manne sagst du nur die Losung: »Der Schweiß des Hirsches ist ein edler Saft«, und er wird dich in den Keller führen und du wirst so viel Pulver mit dir nehmen, als ihr tragen könnt. Ihre Majestät die Kaiserin ist schon seit Jahren so gnädig, uns von dorther unsern Pulverbedarf zu liefern. Geht! Wohl, mein Junge, sagte der schwarze Tomesch, winkte einigen seiner Gefährten und entschwand bald den Augen der neugierig nachblickenden Bauern. Peter Buresch kehrte zu ihnen zurück und indem er die Hand gegen den Haufen ausstreckte, rief er mit gewaltiger Stimme, daß sie tief im Walde vielfach widerhallte: Es lebe St. Hubertus' Hund und die wilde Jagd! ich ruf' es ohne Geheimnis! Auf diesen Ruf, den die Bauern nicht verstanden und der ihnen wie ein Zauberspruch vorkam, sprangen mit eins in ihrer eigenen Mitte an zwanzig der flinksten Bauernburschen auf, lachten, eilten auf Peter zu und riefen: Es lebe die wilde Jagd und das Gesicht im Nacken! Was willst du Meister von deinen Jungen? Ich löse euch vom Gelübde des Schweigens, sagte Peter Buresch mit Feierlichkeit – ihr habt den hohen Bund nicht mehr zu verheimlichen, die Gesetze des Waldes wollen wir stürzen – geht hin und holet eure Waffen, die unter den Schwellen vergraben sind. Die Burschen, die als Raubschützen enthüllt plötzlich vor den Blicken der Bauern dastanden, stießen ein wildes Jubelgeschrei aus und eilten singend und jauchzend dem Dorfe zu. Braver Junge, guter Junge! murmelte der alte Buresch vor sich hin und sah voll Triumph rundherum und wurde ergrimmt, da er die Bauern mehr erschreckt und erstaunt sah und nicht voll Bewunderung seines Sohnes, des Hauptmannes und Großmeisters aller Raubschützen. Die Bauern wagten kaum zu atmen, immer neue Wunder, neue Enthüllungen erwartend – und sie täuschten sich nicht. Peter Buresch rief den kleinen braunen Knaben, seinen Begleiter und Waffenträger, herbei. Werde, wer du bist! rief er. Ja, mein Chan, sagte der Knabe, verneigte sich, warf die Flinte ins Moos und eilte ins Gebüsch. Peter Buresch setzte sich auf einen Stein, stützte das Kinn in die Hand und sah schweigend und sinnend vor sich hin. Sein Vater stieß seinen Kreuzstock in den Boden und streckte sich neben ihn. Die Bauern murmelten untereinander und sahen Vater und Sohn fast furchtsam an. Die angezündeten Feuer verloschen nach und nach – in den Kohlen knisterte es nur noch – von Zeit zu Zeit kam ein Luftzug und Flämmchen flogen auf, um wieder schnell zu verlöschen. Der Mond kam hell und klar über den Wald herauf und warf über das Land ein weißes zitterndes Licht. Der Schatten der Bäume kroch wie lebendig am Boden hin – kaum daß sich ein Lüftchen regte – es war bald Mitternacht. Da klang ein wunderbares Tönen aus dem Gebüsche heraus, in welchem der Knabe verschwunden war. Aller Augen wandten sich dahin und siehe da, aus dem Dunkel heraus auf den mondbeschienenen weißen Plan schwebte, wie von den wunderbaren Tönen getragen, eine sonderbare, doch holde liebliche Gestalt. Eine Zigeunerin! riefen die Bauern überrascht, als sie in der Erscheinung den Waffenträger Peter Bureschs erkannten. Die Zigeunerin aber schwebte, immer den Triangel schlagend, wie ein Schmetterling dahin durch die Reihen der Lagernden hinaus auf den freien, moosbedeckten, von Bäumen umgebenen Platz, über welchem eben der Mond stand. Wie von seinen Strahlen angezogen, schien sie die Erde kaum zu berühren, als sie den schwarzen, mit rotem Tuche umwundenen Kopf rückwärts warf, die Augen schloß und wie im Traume den Tönen ihres Triangels gehorchte. Ihr braunes Angesicht, vom Monde gebleicht, glich dem Angesichte einer Toten – nur ihr Leib lebte und bewegte sich, ihre Züge waren still, ruhig, schlafend. Das dünne, graue Gewand, das nur lose durch einen silbernen Gürtel zusammengehalten war, schlug harmonisch mit ihren weichen Gliedern weiche Wellen, bald sanft sich anschmiegend an Brust und Hüften, bald wild dahinfliegend. Die runden Arme schwangen sich nackt in der Luft und schlugen bald leise, bald laut den Triangel, und wie die Töne zitterten, bebte die ganze Gestalt mit, und wie sie laut und stürmisch klangen, hob sich, fliegend fast, ihr ganzer Leib wild und bacchantisch mit in die Höhe, als wollte er den Tönen nach, die in den Wipfeln der Bäume seufzend verklangen. Vorwärts und rückwärts trug sie der Klang – bald sank sie kraftlos und gebrochen zusammen und saß geknickt da wie eine Blume, bald sprang sie wieder gewaltig auf, streckte sich hoch und majestätisch empor, groß, geisterhaft, als wollte sie in den obersten Lüften verschwimmen, und eilte mit geisterhaften Schritten dahin, als ginge sie auf den Kronen der Blumen, die neugierig aus dem Moose hervortauchten. Stolz stieß sie die Erde mit der Spitze des Fußes zurück und schlug den Triangel mit Macht, als ob sie ihn zerbrechen wollte. Mit einem Male warf sie ihn weit von sich, das schöne Haupt sank bleich auf die hochatmende Brust nieder und aus tiefster Seele erklang in fremden Lauten ein wunderbarer Sang. Wie sie den Kopf so fest an ihren Busen drückte, von den herabwallenden Locken und dem roten Schal bedeckt, schien sie ihn nur in sich hinein zu hängen und sich selbst zu behorchen. Sie sang, als ob sie nur sich allein sänge, von einem Geheimnis, das niemand hören sollte, und das klang so unendlich schmerzlich, so melancholisch lieblich und stimmte so sicher zu ihrem Tanze, daß es aussah, als ob ihr ganzer Leib klinge. Dann mit einem Male stieß sie einen Schrei aus und wie ein Wirbel drehte sie sich um ihre Fußspitzen, tanzte wie von bösen Geistern gejagt. als ob sie einen Zauberkreis zöge in großen Kreisen, die immer kleiner wurden – schlug die Augen auf, die wild leuchteten, und die melancholischen Töne verwandelten sich in laut klagende, jammernde, herzzerreißende, bis sie mit einem lauten Seufzer, gebrochen, zu Füßen Peter Bureschs niedersank. Arme Lunetta, das hast du gut gemacht, sagte Peter Buresch und streichelte ihr die blassen Wangen. Sie tanzt wie meine Schlangen, sagte der Alte vom Hammer. Die Bauern sahen sich verwundert an, als hätten sie einen Zauber gesehen und raunten sich in die Ohren: Er ist doch unter die Zigeuner gegangen. Peter Buresch aber sagte zu Lunetta: Du wirst noch diese Nacht nach Obtschov wandern. Ja, mein hoher Chan! Du wirst deinen Hokuspokus machen, wirst sie aufmuntern zu Händeln und ihnen Sieg versprechen. Ja, mein hoher Chan! Du wirst horchen, was sie sagen, was sie vorhaben, wieviel Büchsen sie haben. Ja, mein hoher Chan! Wenn sie erfahren, daß du mir dienst und mein Spion bist, werden sie dich stäuben! Ja, mein hoher Chan! Vielleicht auch hängen! Ja, mein hoher Chan! schrie Lunetta und klammerte sich an die Knie Peter Bureschs. Wenn sie dich ans Amt liefern nach Przibram und sie dich einsperren, und ausfragen über mich, über das, was ich treibe und tue, wer meine Leute sind – was wirst du tun? Ich werde schweigen, mein hoher Chan – schrie Lunetta und drückte ihre Stirne an die Knie ihres Herrn. Auch wenn du sterben mußt. Auch wenn ich sterben muß, mein hoher Chan – rief sie, sprang auf, klammerte sich an seine Schultern, küßte ihn und eilte leicht wie ein Reh von dannen, in den Wald, nach Obtschov zu. Viertes Kapitel. Guter Junge, braver Junge, kluger Junge! Spione sind ein notwendiges Ding. Prinz Eugen hatte immer viele Spione, und Lunetta wird ein trefflicher Spion. Kluger Junge, mein Peter; wird ein großer General! – so murmelte der Alte vom Hammer, nachdem Lunetta im Walde verschwunden war, während sein Sohn die Schar musterte, die indessen aus dem Dorfe mit prächtigen Büchsen bewaffnet zurückgekommen war. Mit besonderem Vergnügen nahm er dem oder jenem seine Waffe aus der Hand, wog sie lächelnd in der Luft, ließ sie im Mondschein glänzen, legte an und zielte, indem er kurz die Geschichte jeder einzelnen erzählte: Die stammt aus den kaiserlichen Waldungen von Zbirow und gehörte weiland einem Herrn Oberamtmann; die nannte seine fürstliche Durchlaucht Colloredo Mansfeld von Dobrzisch ihren gnädigen Herrn, meine Lunetta fand sie im Grase liegend, während Durchlaucht im Gebüsche eine Untertanin beglückten; die heißt die Stille, denn sie macht keinen Lärm, wenn sie einen Förster niederstreckt und ist ein Erbstück meines alten Meisters, des deutschen Kurt, der in Prag gehängt worden und jetzt noch in den Pirglitzer Wäldern umgeht; das ist die Tausendgliedrige, man kann sie in tausend Stücke zerlegen und sie ruhig in der Hosentasche tragen, während man mit dem Förster ein Glas Bier trinkt; ein herrliches Kunstwerk, in Wien bestellt von einem unschuldigen Fuhrmann aus Krummau und gebraucht, die Wälder des Herzogs in aller Unschuld zu entvölkern. So wußte Peter Buresch fast von jeder der aus der Verborgenheit auferstandenen Büchsen eine kurze Geschichte zu erzählen, und es ging aus seinen Worten hervor, daß die Bewaffnung der geheimen Raubschützen auf Duschnik ganz oder größtenteils von ihm ausgegangen war. Die Jungens hörten ihm mit besonderem Vergnügen zu und lachten zu jeder Geschichte und freuten sich, Waffen zu besitzen, die schon eine solche Vergangenheit für sich hatten. Überhaupt waren sie seit dem Augenblicke, da Peter Buresch sie vom Geheimnisse erlöst und sie sich in ihrer wahren Gestalt zeigen konnten, ganz andere Bursche geworden. Sie blickten keck um sich, sangen und sprangen, schlossen mit den unheimlichen Begleitern ihres Chefs schnelle Freundschaft und schienen die andern Bauern, in deren Reihen sie noch vor einer Stunde ebenso stille und untätig gelegen, wie diese selbst, mit gleicher Nichtachtung wie die andern Raubschützen zu betrachten. Nachdem die Musterung vollendet war, befahl Peter Buresch der ganzen Schar, ihm tiefer in den Wald zu folgen. Da erhob sich Kinnich von seinem Lager. Alles was vor seinen Augen geschehen war, hatte ihn etwas nüchterner gemacht – doch taumelte er noch, als er mit gravitätischen, befehlshaberischen Schritten Peter Buresch, der seine Macht an sich riß, entgegenging. Halt! rief er mit ergrimmter Stimme, ihr habt hier niemandem zu gehorchen als mir, der ich von euch allen gewählt bin – halt und höret auf meine Befehle! Ein lautes Hohngelächter antwortete ihm und mit diesem Hohngelächter war Martin Kinnich seines Führeramtes in der Tat entsetzt, ebenso wie Peter Buresch von diesem Augenblick an der wirkliche Führer war, denn nicht nur folgten ihm die Ordensbrüder, auch die andern Bauern erhoben sich mit ihren Waffen und folgten ihm nach und gehorchten ihm, teils aus Neugierde, um zu sehen, was dieser Verwegene beginnen werde, teils aus Verachtung gegen Kinnich, der doch ersetzt sein mußte. Dieser blieb allein zurück und ballte die Faust und biß das Gras vor Wut, als sie über die Wiese hingingen und lautlos sich im Dunkel des Föhrenwaldes jenseits der Wiese verloren. Erst ungefähr vierhundert Schritte vor dem Dorfe Dubna wurde Halt gemacht. Vor diesem Dorfe machte ein großer, von Felsenblöcken bedeckter Rasenplatz einen tiefen Einschnitt in den Wald, der sich in einem Halbkreis herumzieht, links in weiter Ferne verläuft, rechts von einem Felskamme durchschnitten wird, welcher der Dubnaberg heißt und zu jener Zeit von Schluchten durchrissen war und hohe Felsspitzen gen Himmel streckte. Jetzt sind die Schluchten durch die herabgestürzten Felsspitzen ausgefüllt und darüber blüht ein junger hellgrüner Wald. Peter Buresch ließ sein ganzes Gefolge am Ausgange des Waldes halten und ging nur mit wenigen voraus. Von seinem Felsblock aus blickte er mit seinen scharfen Augen dem Dorf Dubna entgegen, von wo aus heute die Obtschover Jugend kommen sollte. Er bemerkte nichts. – Doch ließ ihn das späte Licht, das noch im Wirtshause leuchtete, auf Vorbereitungen schließen und er setzte sich auf den Felsblock hin, seine Begleiter neben ihm, sitzend, stehend, alle mit angestrengtem Blicke das Licht im Wirtshause beobachtend. Tiefe Stille. Der Mond leuchtete so lieblich, ein warmer Lufthauch durchzog die Bäume – die Gemüter der Bauern, die ausgezogen waren, um einen neuen Kampf zu beginnen, wurden von der Friedlichkeit angesteckt und die meisten dachten an Haus und Hof und Feld, oder betrachteten die weißen Wölklein am Himmel und ihre sonderbaren Gestaltungen – die wenigsten dachten an Tod und Totschlag. Nicht am wenigsten friedlich gesinnt war Peter Buresch selbst, wenigstens war es die eine Hälfte seiner Seele. Er haßte die Beamten und Herrschaften, die Bauern waren ihm gleichgültig, aber den Winkel der Erde, in welchem sein Duschnik lag, liebte er und mit ihm alles, was darin wohnte. Daß die Obtschover Bauern Holz stahlen, daran lag ihm so wenig, als daran, daß der Fuchs Hühner stiehlt – im Gegenteil liebte er den Fuchs. Was soll dabei herauskommen? fragte er sich. Die arme Obtschover Jugend kommt heute, sich einen Spaß zu machen – höchstens sollte man sie dafür prügeln, aber totschießen? Entweder man fängt die Geschichte gar nicht an, oder sie muß groß und gewaltig werden, hundert, tausend Dörfer müssen aufstehen und die Grafen totschlagen und ihre Knechte, und die Schlösser anzünden – oder man läßt die Geschichte sein. Eine wilde Sau zu schießen macht mehr Freude als hundert solcher Bauern. Vielleicht aber ist's ein Anfang. So denkend und erwägend, bald große Pläne aus der kleinen Geschichte spinnend, bald wieder unzufrieden mit ihrer Unbedeutendheit, entschlossen sie aufzugeben, lag Peter Buresch auf dem Felsen da wie ein Jagdhund, streckte sich, legte das Knie auf die übereinander gefaltenen Hände und spähte in die Nacht hinaus, hinauf auf die mondbeglänzten Felsen. Da drang von dorther ein sonderbarer Ton durch die Luft: Gebell, Gekläff, hell und durchdringend, wenn auch durch die Ferne etwas gedämpft. Füchse! sagte Peter Buresch vor sich hin und blickte mit freudigem Gesichte hinaus zu den Felsen, ungefähr wie man einem besonders lieben Freunde entgegensieht. Füchse! lispelte der Ungarmichel, der kurze Hannes, der einäugige Slawik und die andern Freunde Peter Bureschs, die sich beim ersten Tone gleich dem Steine genähert hatten, auf dem er lag. Da kommt einer! sagte Peter und deutete auf den Felsen. Wirklich stand einer hoch oben auf dem Felsenkamme und sah sich klug nach allen Seiten um, schnupperte in der Luft umher und gab ein Zeichen durch lautes Kläffen. Darauf kam sogleich ein zweiter Fuchs heraus und ein dritter und vierter und fünfter. Das ist die Frau Gemahlin – wisperte der kurze Hannes. Und das die jungen gnädigen Herren – fügte der einäugige Slawik hinzu. Herrliche Kerle! Was ist ein Bär, ein Wolf, was ist ein Sechzehnender gegen so einen Fuchs, diesen prächtigen Schurken? Hast sie auch so lieb, Einäugiger? fragte Peter Buresch mit Wohlgefallen – ich sage euch, das Herz wuppert mir im Leibe, wenn ich so 'n Kerl seh'! Aber das Gespräch der Wilddiebe verstummte plötzlich und ihre Freude ging in Erstaunen über. Die Zahl der Füchse vermehrte sich fort und fort. Der ersten Familie folgte eine zweite, dritte, vierte – ein langer, langer Zug von Füchsen, der aus den Schluchten hervorkam und auf der Scheibe des Kamms dahinzog, schweigend, behutsam sich umsehend, auf jedes Zeichen horchend, das der erste oder der letzte des Zuges durch einen einfachen Anschlag gab. – Es war ein wunderbarer Anblick, der vielleicht höchst komisch gewesen wäre, wenn ihm der Mondschein, die Feierlichkeit und die Stille des Aufzuges nicht etwas Schattenhaftes gegeben hätte. Wie sich die Gestalten der Füchse, die in langer Reihe einer nach dem andern auf dem Felsenkamm dahinzogen, so scharf an dem hellen Himmel im Hintergrunde abschnitten, daß, freilich farblos, aber doch genau die spitze Schnauze, die feinen Ohren, die flinken Füße, der lange, gravitätische Schleppenschweif – fast könnte man sagen bis auf ein Härchen zu unterscheiden waren, da glich der ganze Zug in der Tat einer Geistererscheinung, einem Spuk von Tiergeistern. Auch machte es auf die lauschenden Bauern und Wilddiebe den Eindruck eines Wunders, eines Spukes, denn sie lagen schweigend da, wie gebannt, ohne Laut und ohne Regung. Erst als der letzte Fuchs des Zuges, nachdem er sich noch einmal nach den Schluchten umgesehen, jenseits des Kammes verschwunden war, rief Peter Buresch erschrocken aus: Was ist das? das ist ein Wunder, ein Zauber! Das ist mir noch nie geschehen! Das ist weder ein Wunder noch ein Zauber, antwortete ruhig einer der Bauern, die sich indessen genähert hatten, um das Schauspiel besser betrachten zu können. Das ist eine ganz natürliche Geschichte. Die Obtschover Diebe haben das ganze Gehölz in den Schluchten ausgereutet, so daß die Löcher alle und die Fuchsbaue offen daliegen; so fühlen sich die Bestien nicht mehr sicher und wandern aus. Auch mag sie der Lärm, den wir seit einiger Zeit im Walde verführen, gestört haben – gut für unsere Hühner und Gänse. Nicht so zufrieden, wie der Bauer, war Peter Buresch mit der Auswanderung der Füchse. – Was, rief er mit dem Tone des Jammers und Klagens, was, der Fuchs, das teure Tier, mein liebster Freund, der Advokat des Waldes, der herrliche Räuber, der verschmitzte Wilddieb – er wandert aus aus meiner Heimat? Was sind mir nun die Wälder und Schluchten meiner Heimat ohne Füchse? Warum bin ich nach langen Wanderungen immer wieder hieher zurückgekehrt, wenn nicht ihretwegen? Was ist mir nun dieses elende Dorf mit seinen erbärmlichen Hütten? was sind mir diese Kiefern, was diese Felsen ohne Füchse? Und Peter Buresch wälzte sich in Wut und Jammer auf dem Steine, grub mit den Händen im Moose und biß ächzend vor Ingrimm in die Wurzel, die ihn bedeckte. Dann sprang er mit einem Male auf und ballte die Fäuste gen Obtschov hin. Wie er dastand auf dem Felsen, zitternd vor Wut, mit ausgestrecktem Arm, glich er einem heidnischen Priester aus der alten Slawenzeit, der, auf dem Opferstein stehend, den Fluch aussprechen will über ein ganzes Land. – Beim heiligen Hubert und seinem Hund, rief er mit gellender Stimme, beim Hirsch der heiligen Emerenzia, beim Reh der heiligen Genoveva, bei den Geistern aller meiner Verfolger, die ich im Dunkel des Waldes darniederstreckte, bei den Seelen all des edeln Wildes, das ich erlegte und die unsterblich sind, wie Menschenseelen, schwöre ich es: ich will mich rächen, daß man von meiner Rache sprechen soll, solang' ein Baum auf diesem Grunde wurzelt, ich will den Obtschovern die Seele aus dem Leibe jagen, wie Dachse aus dem Bau, und sie heimatlos machen wie die armen Füchse, die heulend in die Fremde ziehen! Das Licht in Dubna ist verschwunden, die Obtschover kommen, lispelte der Ungarmichel. Schnell ans Werk! rief Peter und sprang vom Steine. Er riß sein Pulverhorn von der Seite und verteilte den Inhalt schnell an die bewaffneten Bauern. Dann teilte er sie eilig in mehrere Rotten und gab ihnen die einzelnen Wilddiebe, die mit ihm gekommen waren, zu Führern. Dann führte er sie vorwärts und versteckte sie auf beiden Seiten des grünen Platzes hinter den Felsstücken – ebenso verteilte er sie vorn am Eingange des Waldes, so daß sie alle zusammen ein Hufeisen bildeten, das gegen Dubna zu offen war. Ihr lasset sie ruhig in den Halbkreis hereinrücken, befahl er, bis sie an den Stein kommen. auf dem ich liegen werde. Ich schieße zuerst. Darauf nehmet ihr sie in die Seite und von rückwärts und schießet los. Die Kerle sollen vergessen, woher sie gekommen und wie sie sich wieder losmachen sollen. Die kommen mir zu rechter Zeit! Nach wenigen Minuten war alles fertig und tiefe Stille lag ringsumher ausgebreitet. Peter Buresch lag wie eine Katze ausgestreckt auf dem Stein und starrte den Obtschovern entgegen. Seine Augen leuchteten wie die Augen der Katze durch die Nacht – seine Flinte lag neben ihm im Moose. Die Obtschover kamen wirklich heran. Schon von ferne hörte man sie lachen, plaudern, scherzen, singen. Man konnte es ihnen ansehen, daß sie das Ding nicht ernst nahmen. Als sie in den Halbkreis traten, konnten die Duschniker deutlich ihre Worte vernehmen. Die Lumpe sollen sich ärgern, sagte der eine, wie wir auf ihren dummen Ernst mit Spaß antworten. Ich habe statt meiner Büchse eine kleine Feuerspritze mitgenommen. Und ich, fügte ein anderer hinzu, habe meine Vogelbüchse mit Sand geladen, ich hoffe, sie soll auf gehöriger Entfernung wenig Schaden anrichten. Man kann nicht wissen, sagte ein dritter, ich habe meinen alten Stutzen ganz gehörig geladen, als ging's auf eine Hasenjagd. Schade um die Schroten, lachte sein Nachbar. Ich habe ganz einfach unsere Ofengabel mitgenommen, lachte ein fünfter, um den Generalissimns Kinnich zu spießen. Mir wär's am liebsten, rief ein sechster. wenn ich des langen Wlach seine Zipfelmütze als Beute heimtragen könnte. Ich, sagte der jüngste Sohn Mikas, Zdenko, denke daran, unser armes Schwesterlein Liduschka zu stehlen und heimzutragen. Das arme Kind hat gewiß viel zu leiden. Du hast recht, antwortete sein Bruder, der neben ihm dem Zuge vorausging – wir lassen sie alle zusammen ihre Dummheiten machen und schleichen uns durchs Dorf zu Liduschka, spannen den alten Gaul vor den Karren und fahren mit ihr rückwärts an dem Teiche vorbei nach Hause. Was soll sie das ewige Schimpfen auf den Vater anhören? Sie ist so gut und es tut ihr gewiß weh. Kaum hatte er das Wort gesprochen, da blitzte die Büchse Peter Bureschs, Mika schrie auf, faßte sich mit der Hand am Herzen und stürzte vorwärts aufs Gesicht, streckte sich und verendete lautlos wie ein Hirsch, der mitten ins Herz getroffen ist. Im selben Augenblicke fielen die Schüsse auf allen Seiten – die Felsstücke waren lebendig geworden, die Ladstöcke sausten, die Hähne knackten und aus den Verstecken kamen die schauerlichen, wildschreienden Gestalten der Wegelagerer hervor. Die Überfallenen stoben in jähem Schreck auseinander und fielen über die Leichen derer, die eben scherzend und lachend neben ihnen einhergegangen waren. Das Geschrei des Schreckens und Entsetzens mischte sich mit dem Geheul der Verwundeten und dem Rufen und Hohnlachen der Feinde. Die Obtschover wollten fliehen, aber von allen Seiten trat ihnen der Feind entgegen – kein Ausweg, keine Rettung. Sie liefen wie wahnsinnig umher, gleich dem Wilde, das sich von Fallen, Netzen und Treibern umstellt sieht. So liefen sie lange im Kreise herum, bis sie mit der Wut des Hilflosen sich mit ihren Leibern auf ihre Feinde warfen, um sie mit den Händen zu zerfleischen, und es entspann sich eine Schlacht, deren Greuel die Tradition aufbewahrt hat, indem sie einzelne Taten erzählt, die da geschehen. Die Duschniker, die sich plötzlich von der Verzweiflung ihrer schwach oder gar nicht bewaffneten Feinde überfallen sahen, hatten nicht Zeit, ihre Büchsen zum zweiten Male zu laden. Sie sprangen also auf die Felsstücke, von wo herab sie sich mit den Flintenkolben gegen die anstürmenden Obtschover verteidigten. Jakob Christian, ein Obtschover, kroch ein Felsstück hinan, das am stärksten besetzt war, und umfaßte, vor Wut brüllend, mit krampfigen Armen die Beine der Obenstehenden und zerrte und zerrte, um sie herabzureißen. Die Duschniker schlugen mit ihren Kolben auf Jakob Christians Schultern und Kopf, daß das Blut in Strömen vom Felsen herabfloß – aber er schien es nicht zu fühlen, immer enger und enger zogen sich seine Arme wie eine Schlinge zusammen, die Obenstehenden begannen zu wanken, noch ein Ruck und sie alle stürzten mit furchtbarem Geschrei die Felsenstufen hinab und bedeckten, aus hundert Wunden blutend, ihren Feind, der im Sturze eine laute Lache aufschlug, ohne ihre Beine fahren zu lassen. Nach einigen Minuten hatte sich überall der Kampf vom Rasen auf die Felsstücke gezogen – überall stürzten die Kämpfenden, bald einzeln, bald in Paaren, die sich krampfhaft umschlungen hielten, von der Höhe in den Grund. Der Ungarmichel stand noch auf seinem Stein und lud und schoß und schoß und lud mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit. Da sprang der junge Severin aus Obtschov, den man den schönen Severin nannte, wie eine Katze den Stein hinauf und schlug ihm die Flinte mit einem Schlag aus dem Arme, daß sie klirrend den Stein hinunterrollte. Wütend wandte sich der Ungarmichel nach ihm, faßte ihn in der Mitte des Leibes und drückte ihn wie eine Schlange zusammen, so daß er ächzend den Kopf nach rückwärts fallen ließ und die Arme weit in die Lüfte streckte. Dann aber hob ihn der Ungarmichel mit riesiger Kraft in die Höhe und warf ihn in die klaffende Ritze des Felsens, auf dem er stand, dann sprang er mit beiden Füßen auf seinen Leib, drückte ihn immer tiefer in den engen Spalt – noch ein Ächzen, und der schöne Severin war erstickt. Peter Buresch stand ruhig auf seinem Stein und sah zu. Sein Posten war nicht erstürmt worden, denn wie viele sich ihm auch nähern wollten, er zog Pistole auf Pistole, ein ganzes Arsenal aus seinem Gürtel, aus allen Taschen, aus allen Teilen seiner Kleidung. Dadurch, daß sich der Kampf auf die Felsen gezogen hatte, waren die Wege dazwischen frei geworden und die Obtschover benützten das und eilten von dannen, ihre Leichen und Verwundeten zurücklassend. Der junge Christel war ihnen vorausgeeilt und läutete die Glocke, die in Dubna auf einer Holzgabel mitten im Dorfe stand. Die Dubnaer hatten sich in Masse gesammelt und vereinigten sich mit den Obtschovern, die fluchend, schäumend vor Wut, blutbedeckt, bleich zurück kamen. In großen Haufen eilten sie auf den Kampfplatz zurück. Die Duschniker waren verschwunden. Tiefe Stille, nur vom Röcheln der Sterbenden unterbrochen, lag auf dem furchtbaren Platze. Fünftes Kapitel. Am Tage nach jener blutigen Nacht lag eine dumpfe Schwüle auf den Gemütern der Duschniker. Sie fühlten, daß sie nicht mehr zurück konnten. Und wenn sie sich auch mit Widerwillen sagten, daß Peter Buresch sie überrascht und fast willenlos, in der Betäubung, in solche blutige Tat hineingezogen, so gestanden sie sich doch zugleich, daß, da die Sache einmal so angefangen, er der einzige war, der sie mit Kraft durchführen konnte. Sie fügten sich also willig allen seinen Befehlen und Anordnungen und folgten dem Beispiele seiner jungen Ordensbrüder, die längst gewohnt waren seinen Winken blindlings zu gehorchen. So war Peter Buresch der unumschränkte Beherrscher des Dorfes geworden. Ruhig saß er da in der Mitte des Dorfes und sah nach dem Walde, ob nicht sein Spion, Lunetta, komme, die er jeden Augenblick erwartete. Aber anstatt Lunetta trat aus dem Dunkel des Waldes ein alter, eigentümlich aufgeputzter Mann, den die Duschniker sogleich als den Kantor von Obtschov erkannten. Er war feiertäglich geputzt, trug einen langen, schwarzen Rock mit kurzem, steifem Kragen und langer, gelber Reihe von Metallknöpfen, die gewöhnliche grüne, pelzverbrämte Samtmütze, und gelbe Lederhosen, die in hohen, faltigen Stiefeln staken. Aber im Knopfloche steckte ein großer Rosmarinzweig, der die Mütze hoch überragte und mit weißem Atlasbande am Rocke befestigt war, und in der Hand hielt er eine Zitrone. So trat er vor Peter Buresch hin. Ich komme, sagte er mit zitternder Stimme, ich komme, Liduschka, die Tochter Mikas, unseres Richters, die an den jungen Stroß verheiratet ist, zum Begräbnis ihres ältesten Bruders, Hinek Mika, einzuladen. Der Leichenbitter fügte kein Wort hinzu – schweigend stand er vor Peter Buresch, dessen Antwort er erwartete. Den Duschnikern war's, als läge in seinen kurzen Worten ein großer Vorwurf und sie sahen verlegen zur Erde nieder. Peter Buresch gab kalt mit der Hand ein Zeichen und der Leichenbitter ging auf das Haus Liduschkas zu. Die Türe war geschlossen, denn Liduschka hatte seit dem Tode des alten Richters Angst, unter die Menge zu gehen. Sie fürchtete, daß ihre Ahnungen in Erfüllung gehen würden, und versteckte sich in ihrem Hause, wie ein Huhn, wenn der Geier über dem Dorfe kreist. Sie hechelte Flachs, saß am Spinnrocken, sang fromme Lieder und ließ so Tag um Tag vergehen, ohne die Riegel von der Türe zu schieben, und wußte von allem, was draußen vorging, nichts. Da pochte es. Wer pocht? rief Liduschka. Ich bin es, der Kantor aus Obtschov. Jesus Maria, was ist geschehen? Was wollt Ihr, Kantor? Ich lasse niemand herein. Ich will nichts erfahren, nichts wissen. Der Kantor hat bei mir nichts zu tun. Doch hatte sie schon zitternd und bebend die Hand an den Riegel gelegt – aber die Kraft fehlte ihr, ihn zurückzuschieben. Eine ungeheure Angst überfiel sie, die Zähne klapperten und halb ohnmächtig lehnte sie sich an die Türe, als wollte sie das Eindringen des Boten verhindern. Arme Liduschka! seufzte der Leichenbitter. Warum arme Liduschka? rief sie und riß die Türe auf. Aber als sie den Kantor als Leichenbitter geputzt vor sich stehen sah, fiel sie mit einem lauten Schrei auf die Schwelle und verdeckte das Gesicht weinend mit beiden Händen. Der Kantor sah sie lange schweigend an, endlich sprach er: Dein ältester Bruder ist gestern von den Duschnikern getötet worden und ich komme, dich aufzufordern, ihm als treue Schwester die letzte Ehre zu erweisen und mir nach Obtschov zu folgen zu seinem Leichenbegängnisse. Liduschka weinte bitterlich – endlich fragte sie furchtsam: Ist Peter Buresch zurück? Seit gestern abend! Und in der Nacht ist mein Bruder getötet worden – o, ich bin schuld daran! schrie sie, daß man ihren Jammerruf weit im Dorfe widerhallen hörte. – Schnell fort, daß ich ihn um Vergebung bitte, meinen teuren, toten Bruder! Und sie lief in die Stube, um sich nach der Sitte des Landes für das Begräbnis zu putzen. Während ihr leise Träne auf Träne von den Wangen rollte, sang sie mit zitternder, von Schluchzen unterbrochener Stimme ein frommes Lied. So zog sie die roten Strümpfe an, die schwarzsamtenen Schuhe mit hohem rotem Absatz und grüner und weißer Stickerei, den schwarzen Samtspenzer, schlichtete das Haar über den Nacken, band die weichen goldenen Wellen mit blauem Samtbande zusammen und setzte die kleine, runde, steife Haube darauf. Dann eilte sie in den Garten, pflückte wilde Rosen, Rosmarin, Salbei und Sonnenblumen, um damit den Sarg des Bruders zu schmücken, und folgte dem Kantor, der sie vor der Türe erwartete. durchs Dorf. Als sie sich dem Schwarme näherten, in dessen Mitte Peter Buresch saß und Befehle erteilte, schlug sie die Augen nieder, faltete die Hände vorn an der Brust und nahm den Seitenweg durch das Schloß. Der Leichenbitter aber ging auf Peter Buresch zu, um ihn noch im Namen der Obtschover zu bitten, sie drei Tage in Ruhe zu lassen, bis sie ihre Toten begraben hätten. Peter Buresch lachte und sagte; der Waffenstillstand ist euch gewährt, damit ihr eure Toten begraben könnt, vorzüglich aber darum, weil wir die Zeit auch für uns brauchen. Sage Liduschka, fügte er noch hinzu, daß sie sogleich nach dem Begräbnis in unser Dorf zurückkehren muß, wenn sie überhaupt noch zurückkommen will – denn von jetzt an in drei Tagen wird die Welt hier um euch ein ganz anderes Gesicht bekommen und keine Obtschover Maus wird ein Duschniker Weizenkorn zu stehlen imstande sein! Als der Leichenbitter diese Botschaft an Liduschka bestellte, schüttelte sie nur bejahend den Kopf und lispelte: Ich werde kommen, denn ich gehöre ins Haus meines Mannes. – So gingen sie dem Walde zu. Liduschka sah mit ihrem tränenvollen Auge kaum den Weg, auf dem sie ging, und strauchelte bei jedem Schritte. Wie ruhig und ergeben sie auch schien, fürchtete doch der Kantor, daß sie jeden Augenblick in Klagen und Weinen ausbrechen und dem Schmerze unterliegen würde, der in ihr kämpfte. Um sie zu erheben und dem Schmerze in ihr einen gelinden Ausgang zu verschaffen, begann er laut ein heiliges Lied zu singen. Liduschka hauchte es anfangs nur so vor sich hin, bis sie immer lauter und lauter mit ihrem hellen Gesang einstimmte und fest nach der Melodie weiter wanderte. Zitternd und schön hallte das Lied in den mächtigen Föhren wieder. Versenkt in ihr Lied und in ihren Schmerz, bemerkte sie nicht, daß eine flüchtige, in graues Faltenkleid gehüllte Gestalt dicht an ihnen vorbeischlüpfte, einem Rehe gleich, von Gebüsch zu Gebüsch. – Es war Lunetta, die Zigeunerin. In wenigen Minuten war sie im Dorfe und lag ihrem Herrn, Peter Buresch, zu Füßen. – Bist du da, mein kleiner Spion? sagte er lächelnd und klopfte ihr liebkosend auf die heißen Wangen. Was hast du gehört und gesehen? – Was hast du getrieben, kleine Eidechse? Mein hoher Gebieter, erwiderte Lunetta hochaufatmend und betrübt – wieviel Trauriges habe ich gesehen – wie habe ich für dich gelogen und betrogen. Auf dieses Wort hob sie Peter Buresch auf und führte sie aus der Menge, die sich neugierig herumdrängte, auf die Seite. Erzähle leise! sagte er und neigte sein Ohr herab, um aufmerksam zu horchen. Wieviel Trauriges habe ich gesehen! wiederholte die Zigeunerin seufzend. Heute morgen kam der Zug zurück von Dubna nach Obtschov – viele Männer, je zu zweien eine Leiche tragend, begleitet von einer unzähligen Menge von Weibern und Kindern, die weinten und schrien und verfluchten die Duschniker und dich, mein hoher Chan. Aus den Häusern stürzten die Mütter, Schwestern und Väter, warfen sich über die Toten her und schwuren Rache den Duschnikern. Die Dubnaer schwuren mit, ebenso die Bewohner der andern benachbarten Dörfer, die auf das Gerücht von dem Kampfe herbeigeeilt waren und in Wut gerieten, als sie die Leichen der Gefallenen sahen. Ein altes Weib brachte ein Kreuz herbei und das Muttergottesbild vom heiligen Berge und sie ließ sie darauf schwören. Ein Kapuziner aus Mischek, der in Obtschov übernachtete, mußte ihnen darauf die Messe lesen und ihnen die Waffen weihen. Er sagte, er tue es gerne, denn die Duschniker seien Ketzer, alle angesteckt vom verstorbenen alten Richter, der ein verruchter Hussit war, und du, ihr Führer, seiest ein Heide, könnest die Tiere des Waldes beschwören und habest dich dem Teufel verschrieben. Nach der Messe mußte ich ihnen wahrsagen und ich prophezeite ihnen Sieg – dann mußte ich ihnen deinen Tod prophezeien, – sie hätten mich sonst geschlagen. Du hast recht getan, meine kleine Katze – sagte Peter Buresch lächelnd, als ihn Lunetta bei diesen Worten ängstlich ansah. Man muß ihnen Mut machen, damit die Geschichte was Rechtes wird. Erzähle weiter. Der alte Mika, fuhr Lunetta fort, warf sich verzweifelnd auf die Leiche seines Sohnes und verfluchte den Wald und seinen Kontrakt mit der Armee und die Kaiserin. Dann aber schickte er mehrere Wagen nach Dobrisch an den kaiserlichen Lieferanten und läßt von dorther Waffen holen, um die Dörfer zu bewaffnen. Dem Lieferanten ließ er sagen, er brauche sie gegen Rebellen, die einen Bauernkrieg beginnen wollten. Er wird die Waffen bekommen, hörte ich sagen, denn er hat's immer mit den Lieferanten und Offizieren zu tun und steht sich gut mit den Herren und Beamten als guter Untertan. Verdammt! rief Peter Buresch und stampfte den Boden – Waffen, Waffen, wo nehme ich Waffen her? Wird sich auch finden – brummte plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihm. Buresch sah sich um. Da saß unter dem Kastanienbaume sein alter Bekannter Jakob Zerzog, der Scherenschleifer, ehemaliger Schmuggler aus Bayern, und ließ, gleichgültig vor sich hinsingend, ohne aufzublicken, sein Rad sausen und drückte das Messer an den Stein, daß es pfiff und Funken sprühte. Peter Buresch, der sich erwartungsvoll und mit einem Strahl von Hoffnung nach dem Manne umsah, der die Worte mit solcher Sicherheit ausgesprochen, ließ, als er den Redner erkannte, die Hoffnung schnell wieder sinken und rief ihm, verächtlich die Achseln zuckend, zu: deine Messer vielleicht und Scheren, du bayerischer Knödel? Damit mochtest du gegen kaiserliche Flinten zu Felde ziehen?! Wird sich finden, wiederholte der Scherenschleifer mit derselben Sicherheit und Ruhe, ohne aufzublicken. Wenn du mit deiner Zigeunerin fertig bist, bitte ich um eine Stunde Audienz, mein edler Feldherr. Ich bin fertig! sagte Peter Buresch, dem die so sicher ausgesprochenen Worte des Scherenschleifers doch überzeugend schienen. Auch kannte er seinen Mann vom Böhmerwalde her, wo er ihm oft an der Spitze einer Schmugglerbande begegnete, gefürchtet von den Oberreitern oder Grenzwächtern als einer der verschmitztesten und gewalttätigsten Kontrebandierer. Wie er von seinem Schleifsteine aufstand, die Klinge hinwarf, die Hände in die Taschen steckte und mit gemessenen ruhigen Schritten auf Peter Buresch losging, konnte man ihm wohl ansehen, daß bei ihm die Scherenschleiferei irgend ein anderes und komplizierteres Geschäft verstecke. Die reiche Kleidung, bestehend aus hohen, weit über die Knie gehenden Stiefeln, aus denen zwei feingearbeitete Messergriffe von Gemshorn hervorblickten, die dunkelbraune Samtweste mit Metallknöpfen, der breite grün und rot ausgelegte Gürtel, der noch mit silbernen Kettchen geschmückt war, der silbergraue weitfaltige Rock mit grünem Kragen und Aufschlägen, der sorglich gepflegte, weit herabwallende Bart, schwarz mit grau gemischt, die lange, schwarze Sackmütze, die mit dicker Quaste auf die rechte Schulter herabfiel – nichts ließ auf die Ärmlichkeit schließen, die sonst das Los der deutschen Scherenschleifer ist, welche gewöhnlich Böhmen durchziehen. Er legte die Hand auf Peters Schulter, winkte der Zigeunerin, daß sie sich entferne, und sprach also in immer gleich ruhigem Tone: Peter Buresch, wir kennen uns und wollen nicht lange Geschichten machen. Leute unseres Gelichters verraten einander nicht. So sage mir zuerst, bist du ein guter Patriot? Hm – ja, so nach meiner Art – antwortete Peter Buresch ungeduldig. Hast du deine Kaiserin lieb? – fragte der Scherenschleifer weiter. Was Teufel kümmert mich die Kaiserin! – die Kaiserin mag – ich glaube, Kerl, du willst dir einen Spaß mit mir machen! – rief Peter Buresch zornig und wandte sich, um fortzugehen. Aber der Scherenschleifer fuhr mit gleicher Ruhe fort: Gut, du bist ein Patriot nach deiner Art, du liebst die Kaiserin nicht – und ich bin kein Scherenschleifer, sondern bin ein Spion, ein Aufreizer, Unruhstifter und Rebellionmacher in kurfürstlich-bayrischen Diensten. Ein schönes Geschäft! lachte Peter Buresch und kehrte wieder zum Redner zurück. Ja, sagte Jakob Zerzog, ohne sich stören zu lassen – so ist es. Die Händel in Klattau, in den Pirglitzer Wäldern, bei Joachimstal – alles mein Werk. – Deinem scharfen Wilddiebsauge hätte es nicht entgehen sollen, daß in mir was anders steckt als ein gemeiner Scherenschleifer. Zum Teufel! man wird aus dem Gebieter einer fünfzig Meilen langen Grenze kein gemeiner Scherenschleifer. Seine kurfürstliche Gnaden von Bayern haben auch sehr wohl eingesehen, daß es besser ist, mich zum Alliierten zu haben, als mit mir Krieg zu führen, und haben mich zu diesem Geschäfte mit glänzenden Bedingungen geworben. Es ist jetzt nichts mit dem Schmuggel, da es keine Grenzen gibt, dachte ich, hol's der Teufel! und schlug ein. – Wenn du mir nun versprechen willst, wie ich's von dir hoffe und wie ich's hoffte, als ich in den Pirglitzer Wäldern hörte, daß dich dein Vater hergeholt hat, um Händel einzurühren – ja, sage ich, wenn du mir versprichst, eine solche Geschichte einzurühren, daß sie in Prag und Wien nur acht Wochen lang glauben, es sei wieder so eine Art Bauernkrieg oder Hussitengeschichte – sollst du von mir so viel Waffen und Munition und Geld haben, als du nur willst und als deine Kerle versaufen können. Alles, alles verspreche ich dir! rief Peter Buresch in großer Aufregung – alles, Bauernkrieg, Mord und Plünderung, tausend verbrannte Schlösser – nur Waffen, gib mir nur Waffen! Und Jakob Zerzog beim Kragen fassend fuhr er eifrig und schnellredend fort: Siehst du, schon haben sich mit den Obtschovern andere verbunden – bald werden die Duschniker ihre Bundesgenossen haben – denn was die auf dem Berge tun, tun ihnen die im Tale nach und sie hassen sich auf den Tod, ganz ohne Ursache eigentlich und darum noch bitterer – vielleicht nur weil die auf dem Berge und die im Tale wohnen. Nach der legten Nacht können sie nicht mehr zurück. – Heute schicke ich noch Boten aus nach allen Dörfern diesseits der Litavka und fordere sie auf, sich uns und unserer gerechten Sache anzuschließen. Es wird alles gehen – in vier Wochen steht der ganze Brdywald in Brand – gib mir nur Waffen. – Siehst du, dort kommen sie schon von allen Seiten, die Müßiggänger und Brotlosen, um sich zu erkundigen, was es heute nacht gegeben. Jetzt sind sie nur noch Neugierige und gaffen dumm in die Welt hinein – drückt man aber so einem Tölpel eine Büchse in den Arm, wird's ein furchtbarer Kerl. Nur Waffen, Waffen! Gut! sagte der Scherenschleifer – heute nacht gehst du und einige deiner Freunde mit mir in den Wald zu den Kohlenbrennern am Treboschnaberge, dort habe ich meine Niederlage. Jetzt aber geh fort von mir, daß sie nichts merken – dort schleicht schon einer um uns herum und scheint zu horchen! Das ist der Kinnich, sagte Peter Buresch verächtlich – der ist nicht zu fürchten, der Dummkopf. Doch auf Wiedersehen heute abend zwischen hier und Lehota. Peter Buresch ging zu den Bauern zurück, rief die Raubschützen zusammen und sprach also mit lauter Stimme: Brüder. ich habe sichere Nachrichten, daß die Obtschover einen großen Krieg beginnen wollen gegen uns, um Duschnik um all sein Hab und Gut zu bringen und die guten Bauern von Duschnik zu Bettlern zu machen. Sie suchen überall Bundesgenossen und schon haben sich ihnen die Bewohner von Dubna angeschlossen, diesen werden bald die Dörfer Dubenez, Liha, Dol, Langlhota und alle Dörfer jenseits des Waldes folgen, nur um auch Anteil zu haben an der Beute und um unseren schönen Wald nach Herzenslust ausreuten zu können. Es tut not, daß wir uns wehren bis auf den letzten Mann, solange noch ein Baum im Walde steht. Unsere Brüder im Tale werden uns nicht verlassen – sie werden uns beistehen im gerechten Kampfe. Schon sehe ich hier unter euch brave Nachbarn, die bei der ersten Nachricht vom Kampfe herbeieilten, um uns zu helfen. Das ist aber nicht genug, alle Dörfer des ganzen Tales müssen sich mit uns verbinden. Darum habe ich beschlossen. Boten auszuschicken die Litavka hinauf und hinab, auch in den Hurkawald und zu den Kohlenbrennern. Lhota, Obetznitz, Bratkowitz, Passek, Drahlin werden uns freundnachbarlich unterstützen. Die ihr Freunde, Verwandte, Gevatterschaften in den Dörfern habt, geht hin und besprecht euch mit ihnen, daß sie sich wieder mit ihren Freunden, Verwandten und Gevatterschaften besprechen und sich von jetzt in drei Tagen hier in Duschnik versammeln. Für Waffen brauchen sie nicht zu sorgen. Der Herr, der mit dem Gerechten steht, wird machen, daß wir nicht waffenlos dem Feinde entgegengehn. Sagt ihnen, daß es gelte, euer Eigentum, euer Recht zu verteidigen und daß, wenn ihr besiegt werdet von den räuberischen Obtschovern, in dieser rechtlosen Zeit bald auch die Reihe an sie kommen könnte. Sagt ihnen, daß man zusammenhalten muß in so rechtloser Zeit, um sich selbst Recht zu verschaffen. So geht und machet eure Sachen gut! Auf die Bauern machten die Worte ihres Führers sichtlichen Eindruck. Was er von Recht und Eigentum, vom Herrn, der mit den Gerechten stehe, sagte, hatte ihnen besonders gefallen – sie wunderten und freuten sich über die klugen und frommen Reden, die sie von dem wilden Wilddiebe nicht erwarteten. Sie traten zusammen, besprachen sich lange und endlich sah man die angesehensten und wohlhabendsten aus ihrer Mitte hervorgehen und sich in ihre Wohnungen begeben. Bald kamen sie mit dem Hut auf dem Kopfe, mit dem Stocke in der Hand zurück und schritten grüßend den Ausgängen des Dorfes zu. Peter, der die Wilddiebe um sich versammelt hatte, sah es mit Lächeln an. Das wird gut! sagte er leise zu seinen Ordensbrüdern – den Alten werden die Alten folgen, die Jungen kommen von selbst, wo es was zu raufen gibt. Doch ist es gut, wenn einige von euch ihnen nachgehen und in den Schenken zu den Jungen sprechen. Sprecht ihnen weniger von Gott und der gerechten Sache und mehr von Beute und wilden Händeln und blutigen Köpfen. Aber vergeßt mir die Feuerarbeiter nicht – in den Schmelzhütten, Pochhämmern und Zainhämmern – was beim Feuer arbeitet, hat verbranntes Gehirn – die Kerle werden gut sein. Geht, euch habe ich nicht viel zu sagen – ihr versteht eure Sache. In der Tat hatten sich schon, während Peter noch redete, einige seiner Genossen davon gemacht und eilten die Litavka hinauf und hinab, in den Wald, nach den Dörfern und nach allen Seiten, um aufzureizen und Bundesgenossen zu werben. Viele fanden bereits aufgelockerten Boden, denn schon vom frühen Morgen an zog der alte Buresch, mit seinem Kreuzstock in der Hand und dem gewaltigen Rosenkranz um den Nacken, durchs Tal und predigte mit wilden, düstern, feurigen Worten den Kreuzzug. Aber Peter Buresch war mit seinen Verfügungen noch nicht zu Ende. Als die meisten Raubschützen sich entfernt hatten, streckte er sich ins Gras und winkte den einäugigen Slavik an seine Seite. Slavik streckte sich neben ihn hin und Peter Buresch flüsterte ihm mit gleichgültigem Gesichte, damit die Umstehenden es nicht merkten, daß von einem Geheimnisse die Rede war, folgendes ins Ohr: Gib wohl acht, blinder Zizka, auf das, was ich dir sage. – Es ist von Wichtigkeit, daß wir im Rücken unserer Feinde einen Bundesgenossen haben und der ist gefunden, wenn du dich klug benimmst. Ich? – fragte der Einäugige und sah Peter Buresch erstaunt an. – Ich? ich soll mich klug benehmen? – und wieso? Höre! Eine gute Stunde hinter Obtschov, wenn man durch Langlhota gekommen, die Prager Straße gegen das Jesuitenkloster in Oborschischt hingeht, am Ausgang eines kleinen Waldes, wo ein Gekreuzigter steht, führt ein Feldweg rechts ab, an einer langen Wiese vorbei in ein kleines, verstecktes Dorf, das Ribnik heißt, von dem großen Teiche zwischen diesem Dorfe und der fetten Pfründe von Heiligenfeld. Dieses Dorf Ribnik ist ein verfluchtes Ketzerdorf. Die Ribniker sind Hussiten und Utraquisten, oder auch Kalvinisten, oder Helviten, wie man sie heute nennt – verbissene Kerle, die die Bibel lesen, ihre Nachbarn hassen wie Pest und Ungeziefer. Sie gehen aus ihrem Neste nur heraus, um sich bei ihren Nachbarn über die Heiligen lustig zu machen und Händel anzufangen. Sie disputieren und bekommen dafür Beulen an den Kopf. Wenn manchmal nach einem Sturm ein Heiligenbild auf dem Felde umgestürzt ist, weiß man, daß es nicht der Wind getan hat, sondern die Ribniker. Die Jesuiten in Oborschischt lassen sie bestehen und schützen sie sogar, um immer Stoff zu Predigten zu haben – sonst wären sie längst ausgerottet. Zu diesen wirst du gehen. Ich? – rief der Einäugige erschrocken und schlug ein Kreuz über Brust und Stirn – ich zu den Ketzern? – ich soll disputieren? – Ja, du sollst zu den Ketzern – fuhr Peter ruhig fort – du hast in Sachsen so schöne niederträchtige Lieder auf den Papst und die Heiligen gelernt – die wirst du ihnen vorsingen und übersetzen und dich auch für einen Ketzer ausgeben und sie werden dich traktieren mit Fleisch und Bier, als wärst du ein Prediger. Du wirst sehen, wie bestialisch sie sich freuen werden und dir die Säcke füllen. Das läßt sich hören! brummte der einäugige Slavik und streckte sein Ohr hin, um besser zu hören. Dann wirst du ihnen so beiläufig erzählen, daß man nach dem Tode des alten Richters Matthei Stroß einen Kelch und ein altes Schwert unter seinen Dielen und eine Menge böhmischer Bibeln auf seinem Dachboden gefunden, und daß unser Krieg gegen die Obtschover weniger um den Wald, als ein Vermächtnis des alten Richters und ein Religionskrieg ist, denn die Duschniker wären eigentlich von ihm bekehrte Ketzer. Ist das wahr? – rief Slavik und riß das eine Auge auf so weit als möglich. Wahr oder nicht wahr – sagte Peter Buresch – das geht dich nicht an – du mußt es so erzählen und mußt ihnen weiter sagen, daß wir die Brüder Jesuiten in Oborschischt alle braten wollen, wie es der kahle Prokop getan, daß wir die Pfarrei der Kreuzherrn in Pitschin und die fette Pfründe in Heiligenfeld plündern und ihre Felder an die Armen verteilen wollen und daß wir der heiligen Mutter Gottes vom heiligen Berge den Perlmantel ausziehen und ihr ihre diamantenen Augen ausstechen wollen. Jesus Maria und Josef, steht uns bei, und heiliger Johannes von Nepomuk, hilf! – schrie der Einäugige entsetzt. Hast du was dagegen? fragte Peter Buresch lachend. Es ist eine große Sünde! – sagte der andere und zog ein langes Kreuz über den ganzen Leib – aber als guter Wilddieb und Soldat werde ich's sagen, wenn du es befiehlst. Vielleicht auch tun? – fragte Peter Buresch lachend. Auch tun – antwortete Slavik seufzend. Du sagst den Ketzern ferner – fuhr Peter Buresch fort – daß ich selber ein Ketzer sei, daß ich, wie du selbst einmal gesehen, im Walde den Brüdern predige und zu Ostern ihnen Brot und Wein gebe und aus der böhmischen Bibel vorlese. Und wenn dann die Ribniker nicht anbeißen und den Obtschovern nicht in den Rücken fallen, so bin ich nicht wert, je wieder einen Hasen zu schießen. Jetzt geh und sei binnen zwei Tagen zurück. Der einäugige Slavik übergab seine Büchse einem Ordensbruder, bekreuzte sich und ging, wie ihm Peter Buresch befohlen hatte. Der Abend fand Peter Buresch auf dem Wege zum Treboschna, jenem schwarzen, waldbewachsenen Berge, der das Litavkatal im Westen abschneidet und der von Kohlenbrennerhütten und Kohlenmeilern bedeckt ist. An seiner Seite ging der ehemalige Schmuggler, jetziger Scherenschleifer Zerzog aus Bayern, und ihnen folgten mit drei Wagen einige vertraute Wilddiebe, um die Waffen zu laden, die Zerzog versprochen hatte. Peter Buresch war sehr schweigsam. Der bayrische Aufwiegler hielt es für nötig, ihn noch einmal aufzufordern, aus der Sache was Rechtes zu machen, daß sie doch einen Klang gebe, und, wie er lächelnd hinzufügte, dem Namen Peter Buresch Ehre mache. – Dieser aber antwortete ungeduldig: Hab' ich die Sache angefangen, werde ich sie auch ordentlich durchführen – und hab' ich einmal Waffen, so kann ich nicht anders als Gebrauch und gehörigen Gebrauch davon machen. Der Scherenschleifer war mit dieser ungeduldigen Antwort zufrieden und gab seine Hoffnungen auf Peter Buresch nicht auf, selbst als dieser nach einigem Nachdenken mit fast trauriger Miene vor sich hinsagte: Es ist doch ein eigenes Ding um die Jagd. Das Schießen auf die Menschen macht einem nicht halb so viel Freude als ein Schuß auf das Wild des Waldes. – Das kommt daher, daß man so einen Hirsch, so ein Reh, so einen Fuchs, so einen Bären aus innerstem Herzensgrunde lieb hat, und weil man's ihnen nicht sagen kann und weil sie vor einem fortlaufen, jagt man ihnen eine Kugel nach. Es ist immer ein Stück vom eignen Herzen, das man mit dem Blei in die Büchse ladet, und jeder Schuß ist wie eine Liebeserklärung. Aber die Menschen? – Wer liebet die Menschen? Aufsteigende Rauchsäulen zeigten den Wanderern das Ziel ihrer Wanderung. Der Kohlenbrenner, der inmitten mehrerer rauchenden Meiler saß, deutete auf einen unangezündeten, kunstvoll geschichteten hin. Die Raubschützen warfen die Scheite auseinander und bald zeigte sich der edle Schatz, den sie verdeckt hielten. Prächtige, im Mondschein schimmernde Waffen glänzten ihnen entgegen. Sie luden sie auf die drei Wagen und fuhren gegen Duschnik zurück. Die ersten zwei schickte Peter ins Dorf, mit dem dritten machte er einen langen Umweg den Berg hinauf jenseits Duschnik, an den Hämmern und Teichen vorbei, und hielt erst vor dem Hügel, der sich dort erhebt und die länglichgrüne Ebene, welche auf dieser Stelle den Wald durchschneidet, in auffallender Weise unterbricht. Siehst du, Hynek, sagte er zu dem Wilddiebe, der den Wagen lenkte, dieser kostbare Hügel war jahrelang mein sicherstes Versteck, wenn ich von dem gnädigen Herrn verfolgt war – denn dieser Hügel ist eigentlich nichts anderes als ein altes, verfallenes, von Erde bedecktes und grasbewachsenes Schloß. Die Bauern erzählen sich zwar, daß einmal vor Hunderten von Jahren hier ein Schloß versunken ist, und nennen den Hügel auch das alte Schloß – so klug waren sie aber nie, hier nachzusuchen, wieviel an der Geschichte wahr sei. Vielleicht haben sie Angst, denn es heißt, das Schloß habe einem ketzerischen Herrn angehört und sei versunken, da er an einem Sonntage die Bauern zum Fronden gezwungen und die vorüberziehenden Pilger zum heiligen Berge verhöhnt habe. Dummes Zeug! das Schloß ist zusammengesunken, weil es alt war und damit ich hier ein gutes Waffenmagazin und Pulverlager errichten könne, das mir kein Hamster ausspionieren soll. So sprechend wälzte Peter Buresch einen gewaltigen Stein vom Fuße des Hügels. Hynek folgte ihm durch die Höhlung, die sich auftat, und merkte bald an den hallenden Schritten, daß er sich in einem weiten, hohen Gewölbe befand. Peter Buresch schlug Feuer und zündete einen Kienspan an, der an der Öffnung bereit lag, und vor Hyneks Blicken zeigte sich eine schöne, hochgewölbte Stube. Die alten gotischen Zieraten an den Wänden waren von neuen, aus Hirschgeweihen, Gemshörnern, Tierfellen aller Art und ausgestopftem Gevögel bestehenden Verzierungen bedeckt. In einer Ecke standen die Pulversäcke, welche Ihre Majestät die Kaiserin aus dem Magazin des Przibramer Bergwerkes geliefert und der schwarze Tomesch abgeholt hatte. Dort legten sie die Waffen hin und schoben den Stein wieder vor die Öffnung. Ruht, ihr schönen Büchsen, sagte Peter Buresch im Fortgehen, ruht, bis ich euch zur Auferstehung rufe – hier seid ihr sicher vergraben, und Ihrer Majestät Beamten und Spione werden euch den bayrischen Geruch nicht abriechen! Peter Buresch wußte nicht, daß Kinnich aus Obtschov kam und, um es im Dorfe nicht merken zu lassen, einen Umweg machte, und in der Nacht am alten Schlosse vorbei schlich, wo er zuerst spukende Geister zu sehen glaubte, bis er sich überzeugte, daß es Menschen waren, die von bayrischen Waffen sprachen. Er schlug sich vor den Kopf und murmelte vor sich hin: Das hat heute morgen der bayrische Scherenschleifer mit ihm gesprochen! Sechstes Kapitel. Die drei Tage des Waffenstillstandes waren verflossen. Die Obtschover hatten ihre Toten begraben, Liduschka saß wieder einsam in ihrer Stube, nährte eine Totenlampe, spann und sang fromme Lieder hinter verhüllten Fenstern und geschlossenen Türen. Obtschover und Duschniker hatten ihre Bundesgenossen zusammengezogen – auf Seite der ersten standen die Einwohner aller jenseits der Homola auf dem Berge gelegenen Dörfer, die Wohlhabenden, die vor dem Namen Peter Buresch erschraken und glaubten zusammentreten zu müssen, um ihr Eigentum gegen ihn und seine Gefährten, die Wilddiebe, zu beschützen. Zu den Duschnikern traten die Talbewohner aus nachbarlicher Freundschaft und weil sie die Armen waren, also ihre Brüder in der Armut, die Duschniker, nicht verlassen wollten. Dazu kam, daß alle Dörfer des Litavkatales gewissermaßen nur ein einziges Dorf bildeten, da sie durch die unterbrochene Reihe von Mühlen, Eisenhämmern, Hochöfen, Schaufelschmieden und Grubenwerken, die sich längs der Litavka hinzogen, verbunden waren. Die Einwohner dieser Gewerke, arme Arbeiter, die durch die Zeitläufte und die stockenden Geschäfte von der furchtbarsten Not gedrückt waren und nach dem Ausdrucke Peter Bureschs und des Sprichwortes im Lande als Feuerarbeiter am verbrannten Gehirn litten, fühlten sich zu Peter Buresch, dessen Boten ihnen Beute versprachen und der als der Sohn des Alten vom Hammer und selbst als ehemaliger Feuerarbeiter zu ihrer Zunft gehörte, besonders hingezogen. Ihnen folgten wieder die mit ihnen befreundeten und in Verkehr stehenden Nagelschmiede, die weiter oben im Hurkawalde wohnten und, weil sie meist von deutschen Einwanderern abstammten, Schwaben hießen. – So kamen die ausgesandten Boten Peter Bureschs schon nach zwei Tagen an der Spitze großer und entschlossener Haufen zurück, die mit den bayrischen Büchsen bewaffnet und mit den Duschnikern vereinigt in der Tat eine schöne Armee bildeten. – Der Alte vom Hammer, der selbst eine große Zahl herbeigeleitet hatte, freute sich beim Anblick der schönen Heersäule, die Peter Buresch gegen den Wald führte, rieb sich die Hände und raunte seinem Sohne lächelnd ins Ohr: du brauchst die Kerle nur durch einige Wochen an Blut zu gewöhnen und so tief in Verbrechen hineinzuführen, daß sie nicht mehr zurückkönnen, und du bist imstande, in kurzer Zeit Ihrer Majestät der Kaiserin oder Seiner Kurfürstlichen Gnaden von Bayern ein Häuflein zuzuführen, das sich so schauerlich berühmt machen wird wie die Panduren. Was hat der Trenk anderes getan, und ist heute ein gefürchteter Kriegsheld, vor dem das Kind im Leibe der Mutter und die Pfaffen in ihren Kellern erschrecken?! Nein, sagte Peter Buresch langsam und nachdenklich, indem er die Hand an den Bart legte und ihn streichelte – nein, mich gelüstet's nicht nach Herrendienst; auf eigene Faust will ich handeln. Arme, Hilflose, Verzweifelte will ich machen und aus diesen dann eine Armee bilden, der nichts widerstehen soll. Ich weiß, wie furchtbar der Mensch ist, wenn er nichts mehr zu verlieren hat, furchtbar, wie der Eber am furchtbarsten ist, wenn er umstellt und angestochen ist. An der Verwirrung und am Lärmen freue ich mich, wie der Wolf am Wirbelwind und an toll aufsteigenden Staubsäulen. Dann aber kommt die Rache und die Erfüllung meines Hasses gegen Pfaffen und Herren. Meiner verzweifelten Armee will ich von ferne die Schlösser und Klöster, die Keller und Kassen zeigen und du sollst sehen, wie schnell sie wachsen wird, wie bald selbst die Obtschover und ihre Freunde auf unserer Seite stehen werden. Darum muß mit ihnen zuerst angefangen werden; ihre Dörfer müssen verbrannt, ihre Herden aufgezehrt werden. Nichts will ich für mich – aber die Pfaffen und Herren müssen mir gleich werden und auch nichts haben. Seinem Vorsatze getreu, Arme und Verzweifelte zu machen, traf Peter Buresch alle Anstalten, die Obtschover in harte Bedrängnis zu bringen, um sie zu lehren, daß seine Bundesgenossenschaft seiner Feindschaft vorzuziehen sei. Nachdem er seine Beobachtungsposten im Walde ausgestellt, um sich vor einem Überfall zu sichern, befahl er dem Ungarmichel, bereit zu sein, noch diesen selben Abend Obtschov zu überfallen und den Meierhof zu besetzen. Der Meierhof war von höchster Wichtigkeit. Er lag ungefähr dreihundert Schritte vom Walde am Eingange des Dorfes, auf einer kleinen Anhöhe, um die sich die Bauernhäuser im Halbkreise herumzogen. Von Mauern umgeben bildete er eine kleine Festung und beherrschte das ganze Dorf. Die Dachluken der Scheuern und Stallungen gaben vortreffliche Schießscharten, von wo aus man mit guten Büchsen bis an die äußersten Enden des Dorfes schießen konnte. So konnten die Obtschover immerwährend in Schach gehalten und verhindert werden, im eigenen Dorfe eine Bewegung zu machen. Die siebzig Kühe des Meierhofes sollten heraus und nach Duschnik getrieben werden, wo sie Peter Buresch an die Bauern seiner Schar austeilen wollte, um sie durch diese Beute aufs neue lüstern zu machen. Die Wegnahme des Meierhofes war leicht zu bewerkstelligen, da man in Obtschov gewiß nicht darauf vorbereitet war und er vom Ausgang des Waldes aus, wenn man sich nur bis dahin unbemerkt näherte, laufend in einer Minute erreicht werden konnte, ehe sich die Obtschover sammelten, um ihn zu verteidigen. Wirklich schlich sich der Ungarmichel mit fünfundzwanzig bis dreißig auserlesenen Helden durch den Wald. Sie zogen nicht in einem Haufen, sondern verteilten sich und schlüpften einzeln von Baum zu Baum, springend, laufend, schleichend, kriechend, je nachdem es des Ortes Gelegenheit erlaubte oder gebot. Rechts und links standen die Obtschover Posten und blickten gradaus nach Duschnik zu, ohne die einzelnen von der Schar des Ungarmichels zu bemerken oder bemerken zu wollen. Dem scharfen, umsichtigen Auge des Ungarmichels fiel diese, wie ihm schien absichtliche Blindheit auf und machte ihn besorgt. Doch allein wie er war und getrennt von seinen Leuten, war es ihm nicht mehr möglich, sie zu sammeln und ihnen irgend eine Art von Befehl zu geben, der sie vor einer Hinterlist gerettet hätte. So rückte er denn selbst immer vorwärts, um die Seinen nicht zu verlassen. Am Ausgange des Waldes gab er das verabredete Zeichen mit der Pfeife und bald war seine Schar um ihn versammelt. Er bemerkte aber, daß auf dasselbe Zeichen es auch hinter seinem Rücken im Walde lebendig wurde und große Bewegung entstand. Es galt so schnell als möglich den Meierhof zu erreichen. Der Ungarmichel selbst eilte mit Sturmschritten über den Graben, der dort den Wald umgab, über die Felder und den Steinweg voraus. Die andern ihm nach. Kaum aber waren sie auf sichere Büchsenschußnähe vom Meierhofe gekommen, als sie von da aus mit einer vollen Flintensalve begrüßt wurden, der eine andere im Rücken folgte. Wir sind verraten! schrien die Duschniker entsetzt und drängten sich um den Ungarmichel. Dieser, der klar erkannte, was den andern der Schreck eingab, sah ein, daß er für den Augenblick seine Absicht auf den Meierhof aufgeben und nur eine Stellung gewinnen müsse, in der er sich so lange halten könne, bis das Feuern tief im Walde gehört würde und Peter Buresch den Bedrängten Hilfe schicke. Mir nach! – rief er schnell besonnen und eilte durch das Kreuzfeuer auf das dem Meierhof zunächst gelegene Bauernhaus los. Die Flintenkugeln umsausten ihn und seine Gefährten, doch wurden nur wenige verwundet, da die Obtschover im Dunkel der Nacht ihre veränderte Stellung nicht bemerkten und immer in derselben Richtung schossen, ja endlich zu feuern aufhören mußten, da sich ihre Freunde aus dem Hinterhalte im Walde in ihrer Hitze so sehr genähert hatten, daß die beiderseitigen Kugeln nur noch die Freunde bedrohten. Indessen hatte der Ungarmichel die Türe des Bauernhauses eingerannt und stürzte mit seinen Gefährten hinein und verrammelte schnell seine Ausgänge. Alles dieses geschah binnen weniger Minuten im Dunkel der Nacht und während die vergeblichen Schüsse der Obtschover fielen, so daß sie weder gesehen noch gehört werden konnten. Sie waren verschwunden, als hätte sie die Erde verschlungen. Die Obtschover suchten sie mit gespannten Hähnen und vorgehaltenen Büchsen rings um den Meierhof und endlich in dem Gebüsche jenseits desselben, just auf der entgegengesetzten Seite des Meierhofes, schossen einigemal ins Gesträuch und kehrten verwundert wieder auf ihren vorigen Platz zurück. Der Ungarmichel ließ indessen Löcher in das Strohdach seines Schlupfwinkels bohren und stellte seine Leute daran und an die niederen Fenster, die er noch zum Teile mit Bettstücken verstopfte, oder mit den Brettern der Bänke und Tische verdeckte. Nun erst. da die Obtschover sich näherten, um auch dort zu untersuchen. gab er Befehl zum Feuern und ununterbrochen damit fortzufahren, da es mehr ein Zeichen für die Freunde im Walde sein sollte, als Angriff oder Verteidigung. Der Mond ging hell leuchtend auf und zeigte den Duschnikern genau ihre sie umschleichenden Feinde, während sie selbst im sicheren Verstecke saßen und die Kugeln unschädlich ins Dach oder in die Wände des Hauses klatschten. Mancher arme Obtschover fiel, ohne daß die andern Rache nehmen konnten. So zogen sie sich endlich aus der Schußweite und in die andern Häuser zurück. Sie dachten wohl daran, das Haus, in welchem der Ungarmichel saß, in Brand zu stecken, ließen es aber nach langem Streiten doch sein, da es mit den andern strohbedeckten Hütten zusammenhing und beim geringsten Winde das ganze Dorf in Flammen aufgehen konnte. So verging für sie die Zeit, welche Peter Buresch mit Vorteil benutzte. Das anhaltende Feuern hatte ihn aufmerksam gemacht und ihn überzeugt, daß die Obtschover nicht, wie er es gewollt, überrascht, und der Meierhof nicht unblutig genommen worden. Schnell sammelte er die verteilten Posten und die ihn umgebende Schar, gab seine Befehle und eilte im Sturmschritte vorwärts. Einen großen Teil seiner Schar ließ er geradeaus über die Obtschover herfallen, die sich bei seinem Herannahen wieder vor dem Meierhofe und im Dorfe gesammelt hatten, um sie zu beschäftigen. Er selbst stürzte sich mit einer handfesten Schar auf das hintere Tor des Meierhofes, das in den Kuhstall führte. Bald war es erbrochen und hinter ihm und seiner Schar wieder geschlossen. Die Kühe und Stiere wurden losgebunden und durch das andere Tor in den Hof gejagt, wo ein großer Teil der Obtschover, fast die ganze Besatzung des Meierhofes, versammelt war. Durch Messerstiche und Schläge und durch den Lärm, das ungeheure Geschrei, das die Duschniker erhoben, wütend gemacht, stürzte die ganze Herde auf den Hof, rannte brüllend und stoßend umher und richtete grauenvolle Verwirrung an. Ein panischer Schrecken überfiel die Besatzung, sogleich war Mann von Mann getrennt und rannte einzeln zwischen dem Vieh umher, ohne zu wissen, was zu tun, wer Freund oder Feind. Die Duschniker hingegen brachen in geschlossener Reihe aus dem Stalle, schritten mitten durch die Verwirrung auf das Tor des Hofes los und schoben die Balken und Riegel zurück. Hierher, Ungarmichel! rief Peter Buresch mit so gewaltiger Stimme, daß sie Geschrei und Büchsenknall übertönte. Jesus Maria, der Wilddieb ist schon drin! schrien die Obtschover, und unschlüssig, ob sie sich gegen ihn oder gegen die Duschniker, die sie überfallen, oder gegen das vom Ungarmichel besetzte Haus wenden sollten, zwischen drei Feinde genommen, standen sie einen Augenblick zögernd da, bis sie mit eins und instinktmäßig sich gegen das Innere des Dorfes zu ziehen begannen, um dem Netze zu entgehen, das sie schon von drei Seiten umgab. Mitten über den schmalen Raum, den ihr Rückzug zwischen ihnen und den Duschnikern ließ, stürmte der Ungarmichel, aus dem Hause brechend, gradaus hinüber auf das Tor des Meierhofes, woher ihm Peter Buresch winkte. Das war Hilfe in der Not! lachte der Ungarmichel, indem er beide Hände auf Peters Schultern legte und ihn mit derber Herzlichkeit schüttelte. Es ist nicht Zeit zum Plaudern, antwortete Peter Buresch und fügte hinzu: Jetzt schnell das Vieh hinausgetrieben und zurück in den Wald! Eilig umstellten die Duschniker das herumirrende, brüllende Vieh und jagten es mit Kolbenstößen und Schlägen hinaus – mit ihm und von ihm gedeckt schlüpften auch die letzten Obtschover, denen es in der Verwirrung nicht gelungen war zu entkommen, aus dem Hofe. Da erscholl in den Reihen der Obtschover der Freudenruf: Die Lihaer kommen, die Doler kommen! und sie sammelten sich aufs neue, um wieder einen Angriff zu versuchen. Es war zu spät. Vorwärts! rief Peter Buresch und schon eilte der ganze Zug der Duschniker dem Walde zu, die dumpf und traurig brüllenden Tiere vor sich her jagend. In wenigen Minuten verhallte der Ruf der Treiber, das Brüllen der Tiere, die Glocken der Stiere, das Siegesjauchzen der Duschniker im Dunkel des Waldes. Der Ungarmichel, dessen Schar bis auf hundert Köpfe angewachsen war, da sich nicht alle, die mit Peter Buresch eindrangen, wieder herausretten konnten, ließ die Tore des Meierhofes verrammeln, verteilte die Posten auf die Punkte, von denen aus man die ganze Umgegend beobachten konnte, und war, als die Doler und Lihaer wirklich ankamen, in voller Sicherheit. Die Besatzung schlug eine laute Lache auf, die siegesberauschten Burschen faßten sich an den Armen und begannen im Hofe umherzutanzen, während draußen im Dorfe Flüche und Verwünschungen erschollen. Die Obtschover und ihre Bundesgenossen überzeugten sich bald. daß sie sich nicht auf zweihundert Schritte dem Meierhofe nähern konnten, ohne von wohlgezielten Schüssen empfangen zu werden, zogen sich in die Häuser zurück und der alte Mika, der Bauernadvokat, versammelte die Weisesten des Dorfes um sich, um Rat zu halten. Der Zug der Duschniker verzögerte sich etwas. Die Herde, die sie trieben, war schwer zusammenzuhalten. Wild gemacht durch den Lärm der Kämpfer und das Siegesjauchzen der Treiber, liefen sie oft auseinander und konnten im Walde nur mit Mühe wieder gesammelt werden. Einzelne Obtschover, die es wagten, die Sieger zu verfolgen, und hie und da einzelne Schüsse abfeuerten, reizten zur Verfolgung und die Schar zerstreute sich oft, trotz des grimmigsten Zornes Peters, der verbot, auf die Plänkler zu achten. Erst mit Sonnenaufgang kam der sieges- und beutereiche Zug in Duschnik an. Da begann nun ein lustiges Leben. Die Weiber und Kinder kamen aus den Häusern hervor. Es wurde erzählt, gelacht, gesungen. Die Kühe, wohlgenährt wie alle herrschaftlichen Herden (denn der Meierhof gehörte der Herrschaft), wurden geschätzt und bewundert. Peter Buresch ging an die Beuteverteilung. Die Ärmsten unter den Duschnikern und ihren Bundesgenossen wurden zuerst und am besten bedacht. Die Stiere wurden bekränzt und im Dorfe herumgeführt. Kleine Knaben schwangen sich auf ihre Rücken und sangen Lieder und ließen Peter Buresch hoch leben. Die Stiere waren Gemeindeeigentum geworden und in einem großen offenen Stalle untergebracht, wo sie den bewundernden Blicken der Jugend preisgegeben waren. Von allen Seiten brachte man duftendes Heu herbei, sie würdig zu speisen, und die Tiere schienen sich bald heimisch zu fühlen bei ihren neuen, gastlichen Wirten. Großer Jubel herrschte überall – der Ruhm Peter Bureschs scholl von allen Lippen; sein Mut, seine Besonnenheit, sein schneller Entschluß wurden von allen gerühmt. Das Grauen, das man vor dem Wilddieb, dem Heiden, dem Zigeuner hatte, war gänzlich verschwunden. Man hoffte durch ihn reich zu werden, man begann sich in die Ohren zu raunen, daß er wohl auch imstande wäre, von der Herrschaft und den Beamten zu befreien, die Steuern abzuschaffen und aus den Bauern freie Leute zu machen – und man beeilte sich, seinen Befehlen aufs pünktlichste zu gehorchen, denn jede seiner Taten führte ja dem Ziele näher, das man sich halb unbewußt zu stecken anfing. Ei was der Wald! sagte man – was liegt am Ende auch am Wald – er kann den Wurm bekommen und wir sind doch alle Bettler. Es geht jetzt um was mehr. Frei müssen wir werden von Robotten und Steuern, die Herren und Beamten sollen uns nicht mehr aussaugen bis aufs Blut – die Schätze, die in Schlössern und Klöstern aufgehäuft liegen, und die unser versilberter Schweiß, unser vergoldetes Blut sind, sollen wieder in unsere Hände kommen, denen sie von Gott und Rechts wegen angehören! – Man lächelte über die Gespensterfurcht, die man beim Namen Peter Bureschs empfunden. Was hat er getan? fragte man sich – er hat das Wild des Waldes geschossen, das frei ist und jedermann angehört und die Saaten der Bauern zerstört. Wer sagt, daß es dem gnädigen Herrn eigentümlich ist? Hat der Herr unser Gott dem Hirsche das Wappenbild unseres gnädigen Herrn auf den Hintern gedrückt? Tötet die Kugel aus der Bauernflinte nicht ebensogut wie aus der Büchse des herrschaftlichen Oberförsters? So räsonierten die Bauern. Es ist wahr, sie wären nur langsam oder vielleicht gar nicht auf solche Gedanken gekommen, wenn nicht der Alte vom Hammer im rechten Momente oft hätte ein Wörtchen fallen lassen, das ihnen zeigte, welchen Weg ihre Gedanken zu gehen hatten – und wie zaudernd und stolpernd sie noch auf diesem Wege wandelten, wie klar oder unklar ihnen noch diese ungewohnten Gefühle waren, darin waren sie mehr oder weniger entschlossen und übereinstimmend Peter Buresch zu gehorchen und ihm durch dick und dünn zu folgen. Sie horchten darum sehr aufmerksam, als der lange Tomesch, nachdem sich die erste freudige Aufregung gelegt hatte, durchs Dorf ging, von einem Trommler begleitet, alle hundert Schritte stehen blieb und von einem groben Stück Papier mit lauter Stimme folgendes ablas: »Im Namen Peter Bureschs des Raubschützen und Anführers der Duschniker und ihrer lieben Freunde und Bundesgenossen! Männer von Duschnik! Freunde und Bundesgenossen der unterdrückten und beraubten Männer von Duschnik! Es ist ein Verräter in unserer Mitte. Unser gestriger Plan auf Obtschov war verraten – die Hinterlist und die getroffenen Vorsichtsmaßregeln unserer Feinde haben es klar gezeigt. So wird euch hiermit zu kund und zu wissen getan, der Verräter in unserer Mitte ist zum Tode verurteilt. Jeglicher forsche nach dem Verräter seiner Heimat und seiner Brüder, auf daß das Urteil an ihm vollstreckt werden könne, vermittelst des Strickes am nächsten Baume. – Auf daß aber in Zukunft jeder Böswillige und Feindliche von dergleichen Schandtat abgeschreckt werde, und jede Art Verrat verhütet werde, verkündige ich als Kriegsartikel, geltend von heute, folgendes: 1. Jeder, der dem Feinde Pläne und Vorbereitungen, in welcher Absicht immer, mitteilt, wird ohne Gnade gehängt. 2. Jeder, der ohne Befehl oder Erlaubnis sich zum Feinde begibt oder mit einem aus der Reihe unserer Feinde mündliches oder schriftliches Wort wechselt, wird gehängt. 3. Jeder aus den Reihen unserer Feinde, der diesseits des Waldes mit oder ohne Waffen ergriffen wird, wird nach Umständen erschossen oder gehängt. 4. Nur ich, der Anführer, habe das Recht zu begnadigen. Hierauf wurde das Blatt an den großen Kastanienbaum mitten im Dorfe angeschlagen. Die Bauern standen davor und ließen es sich noch einigemal vorlesen, bis sie sich an das so oft vorkommende » Hängen « gewöhnten, vor dem sie anfangs sehr erschraken. Der lange Tomesch aber wurde mit einer Abschrift der Kriegsartikel, die ebenso wie die erste der jüdische Lehrer besorgte, ohne Waffen nach Obtschov geschickt, um sie, wie Peter Buresch es wollte, auch dem Feinde bekannt zu machen, daß er sich danach halten könne. Während in Duschnik so große Aufregung herrschte, war in Obtschov alles totenstille. Der Ungarmichel hielt vom Meierhofe aus so gute Wache, daß sich im Dorfe nichts zu regen wagte; von den Schießscharten flogen die Kugeln in die entferntesten Gäßchen, und die Bewohner konnten nur außerhalb des Dorfes durch die Gärten und Hintertüren zu einander gelangen. Durch sein Haus gedeckt, im Garten an einem langen Tische saß der alte Mika und schrieb, neben ihm der Kantor des Dorfes, der die Blätter kopierte, welche ihm der Richter vorlegte. Gegenüber saßen die Bauern, welche von Mika in den Rat gezogen waren, und sahen stumm und verwundert zu, mit welcher Leichtigkeit und Behendigkeit seine Feder übers Papier hinflog und wie zierlich er die großen Anfangsbuchstaben hinzuzeichnen und auszuschmücken verstand. Endlich war er fertig, stopfte die Tintenflasche zu, legte die Feder darauf und nahm mit Gravität die Brille ab. Das wäre nun getan, sagte er, indem er selbstgefällig auf die beschriebenen Blätter blickte – alle Dörfer der Umgegend sind in würdigen und kräftigen Ausdrücken eingeladen, uns beizustehen und die gestörte Ordnung in unserer Gegend wiederherzustellen. Aber damit ist noch nicht alles getan. Wir sind nicht dazu da, uns mit Raubgesindel und Wilddieben herumzubalgen, auch steht es guten Untertanen schlecht an, sich selbst mit bewaffneter Hand Recht zu verschaffen. Wir müssen die Hilfe unserer Regierung erbitten, und so habe ich denn beschlossen, und ihr werdet nichts dagegen einzuwenden haben, nach Prag einen ausführlichen Bericht zu liefern über den Stand der Dinge, und der hohen Landesregierung anzuzeigen, daß mit bayrischen Waffen gegen uns gekämpft wird, daß es sich ganz und gar nicht um den Wald handle, sondern daß die ganze Geschichte ein Landesverrat und vom Auslande angezettelt worden sei, um Unruhen im Lande und hinter dem Rücken der kaiserlichen Armee zu erregen. Und so bin ich gewiß, daß wir uns bald der Hilfe unserer allergnädigsten Kaiserin und ihrer besonderen Gnade zu erfreuen haben werden. Die Bauern schwiegen und nickten teilweise mit dem Kopfe. Der Bauernadvokat griff wieder zur Feder und legte einen groben Bogen Papier zurecht, auf welchem er die Eingabe aufzusetzen sich bereit machte. Da sprang sein Sohn, Zdenko, der einzige, der ihm geblieben, nachdem sein ältester im ersten Kampfe bei den Fuchshöhlen gefallen war, plötzlich von seinem Sitze unter den Bäumen auf, eilte auf den Tisch zu und rief mit fast zorniger Stimme seinem Vater entgegen: Nein, das will ich nicht! das darf man nicht! das ist schlecht. Was ist dir? – fragte der Vater erstaunt über die Aufregung des fast knabenhaften Jünglings, der sonst so schweigsam und sanft zu sein pflegte – was ist dir? – was hast du dagegen? – Zdenko, der von seinem Vater nicht das Rednertalent geerbt hatte und es nicht so verstand wie dieser, seine Gedanken in langen und ausführlichen Worten auszudrücken, antwortete nur in abgebrochenen Sätzen, die er mit heftigen Handbewegungen begleitete: Nein, rief er, so geht es nicht. Wir sind Bauern. Wir sind Bauern auf beiden Seiten, gemeine Leute, und wir müssen unsere Sache unter uns ausmachen. Und es nach Prag zu schreiben an die Beamten, was hier vorgeht, das gefällt mir nicht. Nein, bei Gott, das gefällt mir nicht, das will ich nicht. Da hat vorigen Sommer der Lehoter Michel den Obtschover Juden angezeigt, daß er in Salz handelte, und da haben alle Leute gesagt, daß das schlecht war, und es war doch ein Jud. – Denn die Beamten und Herren sind unser aller Feinde, und ich will das nicht, daß wir die Duschniker anzeigen, denn sie sind gemeine Leute wie wir, und die andern sind unsere Feinde und ihre Feinde. Es ist was Wahres daran – sagte der Kantor mit schüchterner Stimme vor sich hin – es ist nicht gut, wenn der Bauer gegen den Bauer hetzt und gar die Herrschaft. Und sie sind unser aller Feinde – das ist auch wahr, murmelten die andern Bauern. Aber das ist doch ein anderer Fall, als es mit dem Salzhandel und mit dem Juden war – sagte der Richter, sich verteidigend, da er sah, daß er allein blieb mit seiner Meinung – und das ist doch unsere rechtmäßige Herrschaft und der Bayer ist unser Feind und der Peter Buresch hält's mit dem Bayer. Bayer oder Kaiserin, rief Zdenko Mika, das ist mir gleichgültig, davon versteh' ich nichts. Ich weiß nur, daß ich mich mit den Duschnikern balgen will, solang' es geht – ruft ihr aber die Soldaten her, so schwör' ich euch, Vater, ich vergess' es, daß mir die Duschniker den Bruder erschossen haben und lauf' hinüber zu ihnen und schieß mit ihnen auf eure kaiserlichen Soldaten. Der Zdenko hat recht – murmelte ein alter Bauer. – Der Zdenko ist ein braver Junge, fügte der Kantor hinzu. – Wir haben nie viel gewonnen, wenn sich die Herren in unsere Geschichten gemischt haben – sagte ein dritter. – Und wir lassen es lieber sein – riefen die meisten mit Nachdruck, und der alte Mika, der besorgt seinen Sohn ansah, wohl wissend, daß er ausführe, was er einmal mit solcher Bestimmtheit ausgesprochen, und sich erinnernd, daß es nur noch sein letzter Sohn und Erbe sei – der alte Mika wurde weich, schob das Papier beiseite und sagte halblaut: Nun sollt ihr recht behalten! Er wollte noch manches hinzufügen, um durch eine lange Rede den üblen Eindruck seines Vorschlages zu verwischen und um den Sohn zu versöhnen, der düster blickend dastand und von Zeit zu Zeit murrend Worte der Unzufriedenheit hervorstieß – aber er wurde gleich im Anfange seiner Rede gestört. Der lange Tomesch nämlich, der im Hause stand und das ganze Gespräch belauscht hatte, trat plötzlich hervor, vielleicht in der boshaften Absicht, dem alten Mika seine Verteidigungsrede abzuschneiden. Bei seinem Anblick sprangen die Bauern auf, denn sie glaubten sich überfallen, und Zdenko Mika griff nach der Büchse, die im Grase lag. Aber der Lange tat, als ob er es nicht bemerkte, ebenso tat er, als ob er nichts gehört hätte und eben erst ins Haus getreten wäre. Er ging ruhig und kalt auf den Richter los und sprach: Einen schönen Gruß von meinem Herrn und Meister Peter Buresch. Hier schickt er Euch seine Kriegsartikel, damit Ihr Euch danach halten könnt. Will er uns schon Gesetze geben? fragte höhnisch lächelnd der Richter. Es ist nicht von Gesetzen die Rede – antwortete Tomesch – sondern bloß davon, daß er Euch eine Warnung zukommen läßt und wie er es gehalten wissen will. Das ist schön von ihm und ehrlich, und wenn Ihr dergleichen aufsetzt, wäre es nur billig, daß Ihr es auch uns zukommen lasset. Der Wilddieb will mich lehren, was recht ist! – murmelte der Bauernadvokat, indem er Peter Bureschs Artikel las. Tomesch achtete nicht auf den Hohn. Gott befohlen – rief er und ging wieder, wie er gekommen war, fort durchs Haus, hinaus auf den öden stillen Dorfplatz. Er kehrte noch beim Ungarmichel im Meierhofe ein, überzeugte sich vom Wohlbefinden seiner Waffenbrüder, die mitten im Hofe um ein großes Feuer herumlagerten und das vorgefundene Geflügel, Gänse, Hühner, Truthühner in köstliche Braten umwandelten, nahm ein gutes Mahl zu sich und kehrte mit Grüßen beladen und einigen gebratenen Hühnern in der Tasche erst spät am Abend gegen Duschnik zurück. Der Bauernadvokat aber, da er mit seinem Vorschlage, die kaiserlichen Waffen zu Hilfe zu rufen, durchgefallen war, beschloß, noch diesen Abend einen Streich auszuführen und sich der lästigen Gäste im Meierhofe zu entledigen, kost' es, was es koste. Sie mit gewaffneter Hand herauszutreiben, hatte er aufgegeben; auch würde das wieder die andern Duschniker herbeirufen und viel Blut kosten. Er beschloß also, sie aus ihrer Festung herauszulocken, und sollte es auch auf die grausamste Weise geschehen. Wo aber den Mann hernehmen, der den beabsichtigten Streich ausführen sollte und der nun doppelt gefährlich war, nachdem Peter Buresch seine Kriegsartikel mitgeteilt hatte? Das beschäftigte den alten Mika den Rest des Tages – aber er wußte sich auch hier zu helfen. Siebentes Kapitel. Der Abend nach diesem Tage, der ohne Kampf vorüberging, war wild und stürmisch. Wie oft in diesen Gegenden, blies ein heftiger Westwind aus den Schluchten des schwarzen Treboschna und trieb die Rauchsäulen, die aus den Eisenhütten und Hochöfen aufstiegen, zu dichten Wolken geballt, über das ganze Litavkatal hin. Den Wald durchsausten kalte Luftzüge, wie sie dort auch im Hochsommer nicht selten sind, und krachend fiel da und dort ein morscher Zweig von den Bäumen. Trotzdem war er stark besetzt – auf allen Punkten lagerten dort um Wachtfeuer dichte Haufen, auf allen Höhen standen Posten, die gegen Obtschov hinblickten, und um ganz Duschnik zog sich eine Kette von Schildwachen. Peter Buresch wußte, daß er einen Verräter in seinen Reihen hatte, und war vorsichtig geworden. Sein Vater, der Alte vom Hammer, ging von Posten zu Posten, um nachzusehen, ob die Befehle seines Sohnes pünktlich befolgt würden, erzählte kurze Geschichten, machte Scherze und suchte die über das schlechte Wetter Verdrießlichen aufzumuntern. Wenn sich einer oder der andere beklagte, sagte er nur: Ja, ja, es ist ein Wetter, als ob sich jemand erhenkte oder als ob jemand gehenkt werden sollte! Er spielte damit auf den Aberglauben in jenen Gegenden an, welcher besagt, daß sich bei solchem Ereignisse ein mächtiger Wind erhebe, und meinte, es sei Ursache mehr zur Wachsamkeit vorhanden, da der Wind es möglicherweise auf einen Obtschover Spion abgesehen haben konnte. Der Alte vom Hammer glaubte wachsam sein und die Pflichten des Führers übernehmen zu müssen, während sein Sohn von den Anstrengungen der letzten Tage ausruhte. Peter Buresch, nachdem er die Wachen verteilt und Befehle gegeben hatte, war verschwunden. – Lunetta war seit vier Tagen in das alte Schloß gebannt, denn Peter Buresch wollte nicht, daß sie viel an seiner Seite gesehen werde, um sich ihrer desto sicherer bedienen zu können. In der verfallenen Stube des versunkenen Schlosses lag sie, den Befehlen ihres Herrn sklavisch treu, die langen Tage und Nächte hindurch wie eine Gefangene. Jetzt hatte Peter Buresch sein Haupt auf ihre Brust gelegt und schlief den tiefen Schlaf kräftiger Waldnaturen. Lunetta wußte es, wie er zu schlafen liebte. Unbeweglich lag sie auf dem Hirschfelle da, die Hand auf sein dunkles, dickes Haar gelegt und sang mit gedämpfter Stimme eines der Zigeunerlieder, die ihr Herr und Meister so sehr liebte. Es glich dem Murmeln einer Quelle, das zu wollüstigen Träumen ladet und verschwamm traumhaft mit dem tiefen Atmen des Schlafenden, mit dem Knistern des brennenden Kienspanes an der Wand, der zitterndes Dämmerlicht und Schatten auf die alte Stube und ihre neuen Verzierungen warf, zu einer aus Tönen, Hauchen, Lichtern und Schatten gewebten Melodie. In einer Stunde wollte er von der Zigeunerin wieder geweckt sein, um die Runde zu machen. Es tat not, denn das Dorf war nicht so gut bewacht, als Peter Buresch glauben mochte. Schon eine Stunde, nachdem die Sonne hinter dem Treboschna versunken war, schwang sich eine leichte Gestalt über eine der äußersten Gartenhecken des Dorfes, hinein in den Garten, der einst dem alten Richter gehörte und an das Haus stieß, in welchem jetzt Liduschka ein einsames, durch Schloß und Riegel von aller Welt getrenntes Trauerleben führte. Die Gestalt sprang leicht wie ein Hirsch von einem Baumschatten in den andern, hinüber über die weißen Flächen, die der Mond beleuchtete – ruhte immer Augenblicke und wartete, bis der Wind die Zweige der Bäume schüttelte, und sprang unter dem Schutze des Geräusches immer weiter, immer weiter, immer den Kopf rückwärts gewendet und die Wache beobachtend, die draußen auf dem Felde auf und ab ging. Endlich stand sie an der Hintertüre des Hauses und pochte. Es war Totenstille im Hause. Das Rauschen des Windes war so gewaltig, daß das Pochen von der pochenden Gestalt selbst kaum gehört wurde. So näherte sie sich endlich dem Fensterladen, der in den Garten ging, faßte ihn mit beiden Händen und riß ihn in demselben Momente, da der Wind ein Scheunentor donnernd zuschlug, gewaltig aus beiden Angeln und warf ihn auf den Boden. Liduschka, die hinter dem Laden schlief, erwachte und rief, indem sie erschrocken die Bettdecke über die Brust hinaufzog: Wer ist draußen? Wer pocht ans Fenster? – Ich bin es, Zdenko, dein Bruder – öffne mir die Türe leise und ohne Geräusch, sonst bin ich verloren. Zdenko, mein goldenes Brüderchen – lispelte Liduschka halb erschrocken, halb erfreut – sprang mit gleichen Füßen aus dem Bette, warf ein kleines Tuch um den Hals und öffnete leise die Türe. Gottlob! sagte Zdenko, ich bin in Sicherheit. Das war ein saures Stück Arbeit, sich durch all die Wachen durchzuschleichen – lieber prügle ich mich mit zwanzig solcher Kerle. Und warum hast du dich in die Gefahr begeben? fragte Liduschka, indem sie beide Arme um seinen Hals schlang und ihn küßte. – Nur um mich zu besuchen, du teures, goldenes Brüderchen? Und ist es da draußen schon so weit gekommen, daß ein Bruder sein Schwesterchen nur in dunkler Nacht besuchen darf? Es ist jetzt nicht Zeit zu Besuchen, mein goldenes, mein seidenes Schwesterchen, sagte Zdenko, indem er ihr goldenes Haar streichelte und ihre Liebkosungen erwiderte. – Man darf sich jetzt keine Freuden machen und kein Vergnügen gönnen – die Zeit, da ich dich jeden Sonntag besuchte. um mit dir durch die Felder zu schlendern, die Zeit ist hin, und es ist viel trauriger geworden. Stille, stille, seufzte Liduschka, ich will nichts wissen von allem, was draußen vorgeht – ich habe Angst vor jeder Neuigkeit, und wenn du mir eine bringen willst, so sprich sie lieber nicht aus und gehe wieder, wie du gekommen bist. Nein, sagte Zdenko, ich komme, dich zu holen, du mußt heute fort mit mir nach Obtschov, und morgen wirst du weiterwandern von Obtschov nach Knina zur Base, denn du bist nicht geschaffen, du zarte Seele, all das Traurige mit anzusehen, das da draußen vorgeht und noch vorgehen wird. Zdenko, antwortete Liduschka mit trauriger, doch fester Stimme – du weißt, was ich euch nach dem Tode des alten Richters und was ich dir nach dem Begräbnis unseres Bruders geantwortet habe. Ich gehe nicht fort von Duschnik – hier ist das Haus meines Mannes, hier muß ich bleiben. Ich muß es bewachen und sein Eigentum pflegen und schützen als gute Hausfrau, daß er es in Ordnung finde, wenn er wieder heimkehrt. Ich bin eine Duschnikerin geworden und bin keine Obtschoverin mehr. Ich weiß nicht, wer von beiden unrecht hat, und mische mich nicht darein, ich sperre mich ein, um nichts davon reden zu hören, und nicht zu hören, wie sie auf den Vater schimpfen. So lassen sie mich auch in Ruh' und haben mich ganz vergessen in meiner Stube. Zdenko, ich gehe nicht fort von Duschnik. Zdenko stand schweigend und düster da. Er löste sich los aus der Umhalsung seiner Schwester, knirschte mit den Zähnen und sagte endlich dumpf vor sich hin: Duschnik? – von jetzt in zwei Stunden gibt es kein Duschnik mehr! Jesus Maria, was habt ihr vor? schrie Liduschka, alle Vorsicht vergessend, und warf sich, von einer schauerlichen Vorstellung überwunden, auf die Knie und faltete die Hände gegen Zdenko, als wollte sie ihn um Gnade bitten für ihre neue Heimat. Mein Wille war nicht dabei, sagte Zdenko, ohne Liduschka anzusehen – aber der Vater – Der Vater, ach, der Vater! jammerte Liduschka, und in ihrem Tone lag ein schwerer Vorwurf, dem sie nicht Worte zu geben wagte. Der Vater will es, fuhr Zdenko fort, und bald wird ganz Duschnik in Flammen stehen, um die Duschniker, die in Obtschov liegen, zurückzulocken. Liduschka wand sich schluchzend und weinend am Boden. Sie wollte helfen, sie wollte das Ungeheure verhindern und wußte nicht wie – sie dachte daran, sich und ihren Bruder zu verraten, zu schreien, Hilfe zu rufen, die Bewohner zu versammeln und sie zu warnen und hatte doch wieder nicht den Mut dazu. Wie sollte sie ihren liebsten Bruder dem Tode preisgeben, der eben mit Gefahr seines Lebens zu ihr kam, um sie zu retten? Sie wühlte verzweifelnd in ihren Haaren, betete, beschwor Zdenko, bis sie kraftlos und tief atmend, ermüdet und ruhig zu seinen Füßen lag. So komm! sagte endlich Zdenko mit weicher, bittender Stimme, nachdem er sie lange mit tränendem Auge angesehen und sie jetzt vom Boden aufzuheben suchte. Nein! schrie Liduschka und sprang plötzlich vom Boden auf und ballte die Faust gegen ihren Bruder – nein, ich gehe nicht! Mordet, stehlet, brennet! ich gehe nicht! Ich bleibe im Hause meines Mannes, ich gehe mit seiner Heimat zugrunde! Es ist gut! sagte Zdenko ruhig – glaubst du, ich werde dich allein lassen in solcher Gefahr? Ich bleibe bei dir. Aber sie werden kommen und werden mich für den Brandstifter halten, oder auch nicht – auf jeden Fall werden sie mich hängen. Ein schrilles »Ach« entfuhr der Brust der armen, geängstigten Schwester – sie war nicht fähig, ihm anders zu antworten. Krampfhaft faßte sie ihn am Arme und zerrte ihn gegen die Türe. Geh – ächzte sie nur noch – geh, rette dich! Und wenn ich auch geh' – sagte Zdenko – glaubst du, daß ich mich so leicht wieder durch die Wachen durchschleiche? Sie erwischen mich und werden mich für den Spion halten, auf den sie lauern, und werden mich hängen nach den Kriegsartikeln, die der Peter Buresch erst heute morgen verkündigt hat. Wenn du aber mit mir gehst und sie uns erwischen, werden sie glauben, daß ich nur gekommen bin, um dich zu holen, und ich komme vielleicht durch. Das arme, gefolterte Weib schwieg. Endlich raffte sie sich auf, küßte die Schwelle ihrer Stube und zog Zdenko mit sich hinaus in den Garten. Er faßte sie in seine Arme, hob sie in die Höhe, und unter dem Schutze des Baumschattens und des Windgeräusches kam er mit seiner Last bis an die Hecke des Gartens. Vorsorglich hatte er schon bei seiner Ankunft das Gebüsch auseinandergebogen und hob nun Liduschka hinüber, vorsichtig, daß nicht ihre nackten Füße oder ihr kaum verhüllter Leib von den Dornen geritzt werde, denn in der Angst war sie so mit ihrem Bruder aus dem Hause gegangen, im Hemde und leichten Röckchen, ein kleines Tuch um den Hals geworfen. Er legte sie hinüber ins Gras und drückte ihr die Hand auf den Mund zum Zeichen, daß sie stille sein solle, und kroch dann durch das Gebüsch ihr nach. Die Wache näherte sich eben, Zdenko legte sich vor seine Schwester hin, um sie in ihrem leichten weißen Gewand, das verräterisch durch die Nacht leuchtete, durch seine dunkle Gestalt zu decken. Liduschka lag atemlos da, aber Zdenko hörte und fühlte ihr Herz an seinem eigenen pochen. Die Wache kehrte wieder um. Zdenko und Liduschka erhoben sich schnell und eilten im Schatten des Gebüsches hin, auf den Hohlweg zu, der aus dem Dorfe gegen die Hämmer führte. Aber der Schatten, den das Gebüsch warf, war nur schmal – sie mußten sich zu nahe daran drängen, die dornigen Zweige blieben in ihren Kleidern hängen, und als sie sich losrissen, schlugen sie rauschend und zischend zusammen. Zdenko warf sich in dem Augenblicke ins Gebüsch, denn er fühlte, daß sie durch den Lärm verraten waren. Wirklich schrie die Wache schon ihr: »Wer da« und eilte auf das Gebüsch los. Das ist Pepik Picards Stimme – sagte Liduschka leise. Geh hin und sprich mit ihm – lispelte Zdenko. Liduschka, obwohl am ganzen Leibe zitternd, faßte sich schnell und ging der Wache entgegen, und stellte sich ihr in den Weg, um ihr die Aussicht aufs Gebüsch zu nehmen. Guten Abend, Pepik Picard! sagte sie freundlich. Bist du es, Liduschka? rief Pepik Picard überrascht. Wie gut, daß ich nicht geschossen habe, die Leute hätten dann gesagt, es sei aus Rache geschehen. Aber wer war denn noch mit dir dort an der Hecke? Die Zweige haben sich noch hinter dir bewegt. Es wird wohl mein weißes Huhn gewesen sein – antwortete Liduschka ruhig – du weißt, das treue Tier folgt mir überall nach wie ein Hund – Tag und Nacht. Die Tiere sind so dankbar – ich habe es aus den Klauen des Geiers gerettet. Wie ich einmal des Morgens das Fenster öffne, sehe ich, wie ein gewaltiger, schwarzer Vogel das arme Ding in die Luft tragen will. ich mache als ob ich losschieße – Puff – und das Ungeheuer läßt das arme Ding wieder fallen. Seit damals folgt es mir so treu überall hin, und die Nani, deine Muhme, der es eigentlich gehörte, hat mir es auch geschenkt, und ich will es gewiß auch gut pflegen und nähren, und wenn es Eier gibt, will ich sie mit der Nani teilen. Ich kenne die Geschichte, du gutes Weib – aber wie schlecht siehst du aus, und du zitterst ja, als ob du zu Tode erschrocken wärst. Du mußt die Dummheit vergessen, daß ich dir einmal Rache geschworen habe, weil du mir einen Korb gegeben hast und des alten Richters seinen Sohn geheiratet hast. Ich nehm's nicht so genau mit dem Racheschwören wie der Peter Buresch, und du mußt dich nicht vor mir fürchten. – Siehst du, das tut mir weh, daß du so vor mir erschrocken bist. – Aber gut wär's doch gewesen, wenn du mich geheiratet hättest – jetzt bist du so allein in so böser Zeit, und an mir hättest du einen Mann, der dich schützen könnte, und der es sehr gerne täte, weiß Gott. Gott wollte es so – sagte Liduschka, die ihn gerne plaudern ließ, um Zdenko indessen Zeit zu lassen, den Hohlweg zu erreichen. Gott und du – sagte Pepik Picard schmerzlich lächelnd und sah traurig auf seine Büchse hinab, die er wie einen Stock in der Hand hielt. Dann wieder Liduschka mit zärtlichen Blicken anschauend, fuhr er fort: Aber wie blaß und traurig siehst du aus; du hast auch geweint, und deine schönen goldenen Haare sind ganz zerzaust. Man sagt, daß du dir unsere Händel mit den Obtschovern so sehr zu Herzen nimmst und dich in deine Stube einsperrst, um nichts zu hören von dem, was zwischen uns vorgeht. Siehst du, das macht dich so blaß – du solltest doch manchmal zu uns herauskommen, da hätte unsereiner doch eine frohe Stunde, und die Luft täte dir gut und würde dir die blassen Wangen wieder etwas röter machen. Darum gehe ich auch jetzt ein wenig in die Felder – antwortete Liduschka lächelnd und gerührt von den zärtlichen Worten ihres ehemaligen Freiers. Und ich lasse dich ungehindert gehen, trotzdem ich den strengen Befehl habe, keine Seele passieren zu lassen. Aber, fügte Pepik Picard schüchtern hinzu – es ist so langweilig, hier Wache zu stehen – möchtest du nicht ein wenig bei mir bleiben, daß ich die Zeit verplaudern könnte? – Das würde sich wohl nicht schicken, so allein mit dir in der Nacht auf der Wache zu stehen, lächelte Liduschka. Du hast recht – also Gott befohlen! – rief Pepik Picard. Gute Nacht! – und Liduschka huschte das Gebüsch entlang und in den Hohlweg hinab, wo sie Zdenko erwartete. Schweigend schlichen sie sich fort an den Erdwänden hin bis an die Litavka – dort faßte Zdenko seine Schwester in die Arme und trug sie über den Bach. Aber jenseits der Litavka war noch ein Mühlbach zu passieren. Über den Steg, lispelte Zdenko, dürfen wir nicht – der führt zu hart am Hammer vorbei, und wir könnten dort leicht vom alten Buresch bemerkt werden. Wir müssen hier über den Bach springen und über den Hügel zu den Teichen hinab, wo wir unter dem Schutze des hohen Schilfes leichter fortkommen und das alte Schloß erreichen können. Auf dem Hügel befindet sich zwar auch eine Wache, aber es ist der Wlach, und der hat Furcht vor dem Wassermann im Teich, und steckt den Kopf zwischen die Beine und wagt es nicht aufzusehen. An dem werden wir leicht vorüberkommen und wenn er sich regt, brauchen wir ihm nur etwas Furcht zu machen. Mit diesen Worten hob Zdenko seine Schwester wieder vom Boden auf und sprang mit ihr über den Mühlbach. Dann klommen die beiden Flüchtlinge den Hügel hinauf. Wie ein totes Auge glotzte ihnen durch die Nacht der Teich entgegen, von dem es heißt, daß er einen bösen Wassermann beherberge, der oft hervorkomme und einsame Wanderer vom trockenen Lande hole und in seine Wasserhöhle hinabziehe. Es ist einer der gefürchtetsten, aber auch in der Tat schauerlichsten und einsamsten Punkte in der Gegend. Doch achteten die beiden Flüchtlinge weniger auf ihn als auf den langen Wlach, der wirklich so dasaß, wie es Zdenko beschrieb, zusammengekauert, den Kopf zwischen den Beinen, die Zipfelmütze in den Händen, welche er krampfhaft um beide Knie klammerte, während er mit klappernden Zähnen Gebete murmelte und sich am wenigsten um seine Flinte kümmerte, die neben ihm im Grase lag. Als er die Schritte Zdenkos und seiner Schwester hörte, rief er, ohne seinen Kopf zu erheben oder auf irgend eine Weise seine Stellung zu verändern: »Wer da? – wer naht?! Alle guten Geister loben ihren Herrn und Meister! Bist du einer von den bösen, so hebe dich fort, du hast keine Kraft über mich, ich habe erst zu Ostern gebeichtet und kommuniziert. Gegrüßt seist du Maria, du gnadenvolle, du gesegnete unter den Weibern! – Vater unser, der du bist im Himmel! – Heiliger Johann von Nepomuk, bitt für uns!« Die beiden Flüchtlinge lächelten einander an, indem sie am langen Wlach vorüberschlüpften – Zdenko konnte nicht umhin, sich einen Spaß zu machen, er bückte sich und nahm die Flinte der Wache mit sich fort. Aber als sie am Fuße des Hügels im Schilfe, das den Teich umgab, ankamen, sagte Liduschka, deren beständige Zeichen Zdenko nicht verstand und die erst jetzt zu reden wagte: Wenn dem langen Wlach morgen früh seine Flinte fehlt, ist der Peter Buresch imstande, ihn erschießen zu lassen. Denn er ahmt gerne das militärische Wesen nach – oder er läßt ihn wenigstens auf viele Tage einsperren. Du hättest ihm die Waffe nicht nehmen sollen, Zdenko! Es juckte mir in den Fingern, antwortete Zdenko mit unterdrücktem Lachen – und es reizte mich zu sehr, dem tapfern Manne seine Waffe zu nehmen. Und der Vater könnte die Waffe gut brauchen zu seinen Geschichten mit der Regierung. Siehst du den doppelschwänzigen Löwen, den bayrischen, in den Kolben eingebrannt? Aber du hast recht, der arme Kerl soll nicht dafür zu leiden haben, daß er uns so gefahrlos durchkommen ließ. Ich trag' ihm die Flinte zurück. Nein, um Gottes willen, du sollst nicht wieder zurück – wenn er dich doch sähe und Lärm machte! Sei ruhig, sagte Zdenko, mit dem werde ich fertig. Er machte sich los aus den Händen Liduschkas und kroch lautlos wie eine Schlange wieder den Hügel hinauf. Wlach, nachdem die schlüpfenden Schritte um ihn wieder verschollen waren, hatte Mut gewonnen und wagte es, nach und nach wieder den Kopf zu erheben, dann langsam und behutsam die Augen zu öffnen. Da kam von der Behausung des Wassermannes, vom Teiche herauf, eine dunkle Gestalt auf ihn zugeschlichen. Entsetzen faßte ihn – er wollte schreien und konnte nicht. Unwillkürlich griff er zur Seite nach seiner Waffe und fand sie nicht, und sein Haar sträubte sich vor Grauen, als eben diese Waffe, die er suchte, von den Händen der Erscheinung geschleudert, klirrend vor seinen Füßen niederfiel. Er wagte nicht sie zu berühren – sondern warf sich ächzend herum auf den Bauch und drückte sein Gesicht in die Erde und verstopfte sich die Ohren, als eine Minute darauf schreckliches Gelächter vom Teiche herauf erscholl. Das Gespräch mit Pepik Picard und die Anstrengung, die sie machte, ihre Angst und innere Bewegung vor ihm zu verbergen, zuletzt die Geschichte mit dem langen Wlach, ließen Liduschka ihre Leiden vergessen, ja hatten sie ein wenig aufgeheitert, und frisch wie ein junges Reh lief sie neben ihrem Bruder einher, und achtete nicht auf den rauhen Wind, der ihre kaum verhüllte Brust umflog, und nicht auf die spitzen Steine, an denen sie ihre kleinen, nackten Füße zerstach; ja sie begann sogar sich zu freuen auf ihr Dorf und auf das Wiedersehen mit ihrer trauernden Mutter, die sie trösten wollte. So liefen sie auch am zweiten Teiche vorbei, an der Schäferei, am kleinen Walde, bis sie an den grasbewachsenen Hügel kamen, den man das alte Schloß nannte und in dessen Innerem jetzt Peter Buresch schlief, am Busen seiner Zigeunerin. Hier laß uns ausruhen, du mußt müde sein, armes Kind! sagte Zdenko. Nichts da, wir gehen jetzt nicht weiter! Hier sind wir in Sicherheit – die Duschniker Wachen reichen nicht so weit und der Hügel verbirgt uns gut vor allen Blicken. So sprechend, setzte er Liduschka auf einen Stein, zog seine Jacke ab und zwang die Schwester, sie umzunehmen, da sie vor Kälte zitterte. Dann nahm er sein Tuch vom Halse und band es ihr um den Kopf und drückte die reichen, goldenen Wellen darein, die ihr um Hals und Nacken flatterten. Dann ging er zur Quelle, die in der Nähe rieselte, und holte Wasser in seinem Hute und wusch ihr die Füße, die von den Steinen zerstoßen aus vielen Wunden bluteten. – So, sagte er, armes Kind! Das wird bald zu bluten aufhören, dann wird der Weg besser. Wir gehen hier die Wiese entlang, und in einer halben Stunde sind wir in Obtschov. Da begann der Stein, auf dem Liduschka saß, sich zu regen. Sie sprang erschrocken auf, der Stein rollte ihr nach, und aus der Öffnung, die er im Hügel zurückließ, trat Peter Buresch mit der Zigeunerin. Erstarrt und keines Wortes mächtig, sahen sich Bruder und Schwester an – dann wieder sahen sie auf die Höhle und auf die beiden Erscheinungen, die sie geboren hatte – fragend, erstaunt, denn sie glaubten an Zauberei – entsetzt, denn sie hielten sich für verloren. Also nach Obtschov geht's? fragte höhnisch Peter Buresch, der die letzten Worte Zdenkos gehört hatte. Wir sind verloren! ächzte Liduschka. Noch nicht, rief Zdenko, und stürzte sich mit vorgestreckten Armen auf Peter Buresch, wie um ihn zu erdrosseln. Aber wie ein Blitz warf sich die Zigeunerin zwischen beide und trennte sie. Zdenko wollte über sie hinwegsetzen, aber sie klammerte sich an ihn, und Peter Buresch faßte ihn mit seiner Riesenkraft an beiden Schultern und stieß ihn rückwärts, daß er taumelte und mit der Zigeunerin zu Boden sank. Peter Buresch ergriff indessen mit der rechten Hand eine Pistole, mit der Linken zog er eine Pfeife von Gemshorn aus dem Busen, und ließ dem Walde zu einen gellenden Pfiff ertönen. Eine Minute darauf erscholl ein Schuß als Antwort. Ihr entkommt nicht mehr! sagte Peter Buresch ruhig und kalt, und wirklich eilten aus dem Walde schon die Raubschützen herbei, die jenen Pfiff kannten und sperrten den Weg nach Obtschov ab oder sammelten sich nach wenigen Minuten um ihren Führer. Dieser wandte sich lächelnd zu Liduschka, die blaß, mit hängenden Armen, aufgegeben und ergeben dastand, und sprach: Ei, ei, Liduschka – du bist also der Spion, nach dem wir so eifrig suchen? Das hätte ich diesen holden blauen Augen nicht angesehen – das hätte ich dir nicht zugetraut. Doch hätte man zuerst an dich denken sollen, du bist ja eine Obtschoverin, und es ist natürlich, daß du deine teuren Landsleute nicht willst stecken lassen. Es tut mir leid um dich, Liduschka, du bist ein so holdes und gutes Kind, und ich werde dich wie einen Spion müssen behandeln lassen. Ich habe nie spioniert! sagte Liduschka mit tonloser, doch fester Stimme. Was hättest du sonst hier zu tun – auf halbem Wege zwischen Duschnik und Obtschov in später Nacht und allein mit deinem lieben Bruder, dem du offenbar hier ein Stelldichein gegeben, um ihm deine Nachrichten mitzuteilen? Bist du nicht die Tochter des alten Mika, des Bauernadvokaten? Liduschka, welche fürchtete, durch ausführlichere Entschuldigungen und durch Erzählung wie sie hieher gekommen, ihren Bruder ins Verderben zu stürzen, wiederholte nur einfach und mit noch festerer Stimme: Peter Buresch, ich habe nie spioniert und habe den Obtschovern nie etwas verraten. Du leugnest? fragte er mit geheucheltem Zorne, obwohl er dem unschuldigen Gesichte Liduschkas schon halb und halb glaubte. Wenn sie es sagt, so ist es wahr – rief Lunetta dazwischen, ohne Liduschka Zeit zum Antworten zu lassen. – Gewiß, Liduschka lügt nicht – o gewiß nicht! – sie ist so gut – sie könnte keinen Menschen verraten. Die Zigeunerin rief es mit so bewegter Stimme, daß Peter Buresch sich überrascht nach ihr umsah und fragte: Woher weißt du das, woher kennst du sie? Alle Zigeuner kennen ihr Haus, rief Lunetta feurig und mit innig bittendem Tone zugleich – ihr Haus ist gefeit – nie wird ein Zigeuner ein Huhn von ihrem Hofe stehlen, nie wird Feuer ausbrechen in ihrer Scheune – denn sie ist gut und barmherzig und hat schon viele beherbergt von den armen flüchtigen Zikani, wenn alle andern sie erbarmungslos von der Schwelle wiesen. Und im letzten Herbste, als ich mit meiner armen Mutter von Hlubosch kam, wo sie sie blutig geschlagen eines gestohlenen Huhnes wegen, und wir nicht mehr weiter konnten und meine arme Mutter aus hundert Wunden blutete, die sie ihr schlugen und die ihr die Hunde ins Fleisch gebissen, welche uns aus dem Dorfe jagten, und als sie uns auch aus Duschnik weiterjagen wollten und dem Przibramer Gerichte übergeben – da nahm sie uns auf in ihrer Scheune und gab uns eine warme wollene Decke und nährte uns, bis die Mutter starb in ihren und in meinen Händen. Dann nahm sie noch Geld aus ihrem Topfe, daß ich es dem Pfarrer gebe und meiner Mutter ein ehrliches Begräbnis bereite. Ich habe es den Brüdern gesagt, und die haben es weiter getragen durch die Wälder und Täler und Berge, und ganz Ägypten weiß, daß Liduschka zu schützen ist vor Leid und Ungemach. Peter Buresch streichelte das Haar Lunettas und küßte sie auf die Stirne. Wie sie so feurig sprach und bat, war sie so schön. Selbst Zdenko vergaß, in welcher Lage er sich befand, und sah gerührt auf die Zigeunerin nieder, die sich seiner Schwester so warm annahm, und war erstaunt, in ihr dieselbe zu erkennen, die die Obtschover zum Kriege gegen die Duschniker aufgereizt und ihnen Sieg versprochen hatte. Liduschka selbst näherte sich der Zigeunerin und faßte dankbar ihre Hand und wollte sie bitten, ihren Bruder zu retten und ihrer selbst zu vergessen. Aber Lunetta achtete nicht auf die Umstehenden. Als sie Peter Bureschs Zaudern sah, warf sie sich zu seinen Füßen, streckte flehend die Hände empor und rief: O mein Gebieter und Herr! Du selbst liebst ja meine Brüder und bist mächtig und geliebt im Lande Ägypten. Fühlst du dich nicht auch gebunden durch ihren Schwur? – Hat dich meine Mutter nicht gelehrt, das Wild des Waldes mit deinem Auge zu bannen und den Wolf zu zwingen wie einen Hund? Hat sie dich nicht gelehrt, deinen Hund treu zu machen, daß er nicht von deinem Grabe weichen wird? Hat sie dir nicht die Kräuter gezeigt, deren Duft alles Wild aus dem Verstecke hervorlockt – und die Salben gegeben, die alle Wunden heilen? – Bei meiner armen Mutter, die sie nicht wie eine Christin aufgenommen hat, beschwöre ich dich, tue dem guten Weibe kein Leid an! Es ist mir nicht eingefallen – sagte lächelnd Peter Buresch. Wie ich mich an den ängstlichen Sprüngen des aufgejagten jungen Rehes erfreue, ihm aber nie meine Kugel nachschicke, so werde ich auch dem jungen Reh, der armen, geängstigten Liduschka, nichts zuleide tun. Mein teurer Herr! jauchzte Lunetta und sprang ihm um den Hals und küßte ihn. Führt sie fort, befahl Peter Buresch einigen Raubschützen – und bewachet sie streng in ihrem Hause und lasset keine Seele zu ihr. Ich habe es mit ihrem Bruder zu tun. Liduschka schrak bei diesem Worte zusammen. Sie näherte sich der Zigeunerin, drückte ihr dankbar die Hand und raunte ihr mit zitternder Stimme ins Ohr: Rette meinen Bruder! – Die Raubschützen nahmen sie in ihre Mitte und führten sie fort. Trotz allen Sträubens war sie mit ihren Begleitern bald in der Nacht verschwunden. Peter Buresch wandte sich zu Zdenko, der trotzig und fest dastand, und sprach: Zdenko, dein Bruder ist beim ersten Zusammenstoß mit uns gefallen – heute liefert dich ein Zufall in meine Hände, an dem Tage, da ich jedem Obtschover, der sich auf Duschniker Gebiet sehen ließe, den Tod versprochen habe – und ich habe alle Ursache, dich für einen Spion zu halten. Es scheint, daß das Schicksal der Brut des Bauernadvokaten eine Ende machen will; als gerechte Strafe dafür, daß er es stets mit den Beamten gehalten gegen die Bauern, sollt ihr alle durch Bauern zugrunde gehen. Ich werde dich einem Gerichte von zehn Männern übergeben, die dich nach meinen Kriegsartikeln verurteilen und am nächsten Baume werden hängen lassen. Das werden sie nicht! rief plötzlich eine Stimme aus der Menge der Herumstehenden fest und keck widersprechend. Das werden sie! schrie Peter Buresch, zornig über den Widerspruch, und sah sich funkelnden Auges nach dem Sprecher um. Es war der lange Tomesch, der eben aus Obtschov zurückgekehrt, beim Pfiff seines Herrn seine Schritte beeilte und ankam, als Peter Buresch seine Drohung gegen Zdenko aussprach. In der einen Hand hielt er noch einen gebratenen Gänseschenkel, den er eben in die Tasche steckte, während er sich bemühte, den Bissen, den er noch im Munde hatte, schnell zu verschlucken, um seinem zornigen Meister zu antworten. – Der Zdenko, rief er endlich, indem er vortrat und sich vor diesen hinstellte, ist ein braver Kerl, der es nicht verdient, so von uns behandelt zu werden. Er hält es mit dem gemeinen Volke und nicht, wie sein Vater, mit den Beamten und Herrschaften. Die Bauern, sagt er, sollen sich untereinander totschlagen, aber die hohen Herrschaften sollen es bleiben lassen, sich darein zu mischen, und das ist brav und ehrlich gesprochen und – wie soll ich sagen? – volksgemäß gesprochen. Wenn der Zdenko nicht wäre, so wäre schon jetzt ein Brief des alten Mika auf dem Wege nach Prag, um es den Herren Beamten anzuzeigen, daß wir bayrische Waffen haben, und um kaiserliche Soldaten zu holen. Also auch das weiß der alte Mika schon? – murmelte Peter Buresch nachdenklich. Ja. das weiß er sehr gut und wahrscheinlich noch vieles andere – fuhr der lange Tomesch fort und erzählte weiter von dem Gespräche, das er heute morgen im Garten des Bauernadvokaten belauscht und wie sich Zdenko dabei benommen hatte. Peter Buresch atmete tief auf nach Vollendung der Erzählung. Er rieb sich lange besorgt die Stirne, dann sagte er zu Zdenko: Du hast brav gehandelt, und wer so tut, kann wohl auch kein Spion sein – der muß in unsern Reihen stecken. Ich will ihn herausbekommen und wenn er sich dem Teufel verschrieben hätte. – Zdenko, du wirst nicht gehenkt, aber ich will dich als Gefangenen zurückhalten und als Geisel, daß dein würdiger Vater nicht zum zweiten Male auf den edlen Gedanken komme, Bauern an Soldaten zu verkaufen. Führet ihn ins Dorf und sperret ihn in den Schüttboden – ihr alle haftet mir mit euren Köpfen für ihn! Gehorsam führten sie auch den zweiten Gefangenen fort und sperrten ihn im Schüttboden mitten im Dorfe ein, und stellten Wachen vor Türe und Fenster, wie es Peter Buresch befohlen hatte. Dieser selbst ging nachdenklich in den Wald, auf die Halde, wo heute nacht das Hauptlager war, setzte sich abseits auf einen Stein und dachte nach, wie der Krieg in kurzer Zeit so auszudehnen wäre, daß, wenn die Soldaten doch kämen, er von ihnen nicht mehr unterdrückt werden und man sich mit den Truppen Ihrer Majestät selbst messen könnte. Aber er wurde bald wieder aus seinem Nachdenken herausgestört. Vom Dorfe herauf drang großer Lärm, Schreien, Schimpfen, Fluchen durch die Bäume. Bald sah man im Mondscheine einen Haufen bewaffneter Bauern, die einen Mann in ihrer Mitte führten, dem die Hände mit Stricken über den Rücken gebunden waren und der, wie er traurig den Kopf senkte, eine Mönchsglatze zeigte, die im Mondschein schimmerte. Seht da, das ist Hynek, genannt Cölestinus, ehemaliger Hofknecht, jetziger Kapuziner! rief einer der lagernden Bauern. Was er für breite Schritte macht, als stäke er noch im Habit – rief ein zweiter lachend. Aber wo hat er seine Kutte gelassen? fragte ein dritter. Er ist aus Liebe in die Kutte gekrochen, er wird aus Liebe wieder aus der Kutte gesprungen sein – antwortete ein vierter, und ein großes Gelächter empfing den armen Verhöhnten, den seine Begleiter vor Peter Buresch hinstellten. Diesen Mann, den Laienbruder Cölestin aus dem Kapuzinerkloster in Mischek, den wir noch als Großknecht im Obtschover Meierhofe kannten, berichtete einer, fanden wir, als er verdächtig um das Dorf schlich und sich um das Haus des alten Jarosch zu schaffen machte. Er wollte fliehen, als wir uns näherten, aber wir erwischten ihn noch und fanden in seinen Taschen allerlei Zeugs, womit man Brand stiftet, wie Pech und Schwefel, und Stahl und Stein. Verfluchtes Volk, rief Peter Buresch ergrimmt, indem er aufsprang und die Faust ballte – wollen sie uns mit Brandlegungen beikommen! Wie oft hätten wir schon ihr Nest anstecken können, wenn wir so niederträchtig Krieg führen wollten! Wer bist du, Elender, der du dich zu diesem erbärmlichen Geschäft hergegeben hast – hat sich ein Pfaff dazu gefunden, wozu sich gewiß kein ehrlicher Bauer hergeben wollte? Ach, ich bin gewiß ein guter Kerl, – seufzte der Gefangene, eine gewaltige robuste Gestalt, die außer der Tonsur nichts Mönchisches an sich hatte, ja sogar durch die gutmütigen und traurigen Züge seines Gesichtes und die milden und blauen Augen ein gewisses Zutrauen und Mitleiden einflößte – ich bin gewiß ein guter Kerl und kein Pfaff; die Nachbarn kennen mich ja und sollen's sagen, ob's nicht wahr ist, aber jetzt bin ich ein Mörder und Brandleger. Ja gewiß, der Hynek auf dem Meierhof war immer ein guter und sogar zärtlicher Junge – bestätigten einige der Umstehenden – aber wer weiß, was die Pfaffen aus ihm gemacht haben, fügten sie spöttisch hinzu. Aber Mörder und Brandleger? – fragten andere – wie kommst du dazu? Erzähle. Aus Liebe! seufzte der Kapuziner. Aus Liebe! lachte der Chor – aus Liebe! er war immer so zärtlich, das ist wahr. Gestehe und erzähle! befahl Peter Buresch ernst und unangesteckt von der Heiterkeit, welche der unglückliche Kapuziner bei den Bauern verbreitete. Dieser, unbekümmert um den Spott der Bauern, seufzte tief auf und sprach, während dicke Tränen über seine Wangen herabliefen: Peter Buresch, du warst so lange fort aus hiesiger Gegend und weißt nicht, was alle Nachbarn wissen, daß ich der Tochter des Schaffners auf dem Obtschover Meierhofe, was man so nennt, nachgegangen bin, denn ich habe sie sterblich geliebt. Ich war Großknecht im Hofe, war mit ihr auf dem Felde, im Stalle, bei Tische zusammen und konnte bei Gott nicht anders. Katharina war schön, das wissen alle, aber niemand weiß so gut als ich, wie schön sie war. Ich hatte mir vom Heuboden aus ein Loch gebohrt in ihre Stube, und da belauschte ich sie immer, wenn sie sich Sonntags ankleidete. Die Leute glaubten, ich wäre in der Kirche, und ich lag auf dem Heuboden, das eine Auge am Loche, und wagte nicht zu atmen. Katharina war mir auch gut und saß oft halbe Nächte bei mir auf der Bank im Hofe. Aber erst als ich ihr mein Geheimnis von dem Loche im Boden mitteilte, wurde sie zwar anfangs zornig, dann aber erst recht zutraulich und liebte mich desto zärtlicher. So waren wir lange Zeit glücklich und vergnügt. Meinen ganzen Lohn gab ich auf, ihr Korallen, schöne Kämme mit Steinen besetzt, seidene Tücher und Mieder zu kaufen. Ihr Gebetbuch war voll von heiligen Bildern, die ich ihr jeden Sonntag aus der Stadt mitbrachte – auf allen Tanzböden war ich mit der schönen, flinken Katharina zu sehen. Meine arme Mutter mußte sich mit der Hälfte dessen begnügen, was sie sonst von mir bekommen hatte. Doch dauerte das Glück nicht sehr lange. Katharinas Vater sah es gerne, wie der Lohn, der mir durch seine Hände zukam, wieder größtenteils seiner Tochter zufloß, aber als ich im letzten Herbste es wagte, Katharina gradheraus von ihm zum Weibe zu verlangen, lachte er mich aus und meinte, seine Tochter habe eine höhere Bestimmung, als das Weib eines Großknechts zu werden, und als ich ihm vorstellte, daß ich ebensogut wie er aus einem Großknecht ein Schaffner werden könnte, nahm er mich beim Arme und warf mich zum Hofe hinaus und meine kleinen Habseligkeiten nach. Es war im Herbste nach der Ernte und er konnte mich leicht entbehren. – Wir waren sehr unglücklich, Katharina und ich, obwohl sie weniger weinte. Wenn ich in der Nacht, im Verborgenen, mit ihr zusammenkam, brachte sie mir anstatt Trostes immer bösere Nachrichten von der Verstocktheit ihres Vaters. und sagte mir endlich, wir müßten die Hoffnung ganz aufgeben. Nein, nein, rief ich, ich lasse nicht von dir, lieber töte ich mich oder gehe in ein Kloster. Gehe in ein Kloster, sagte sie darauf – ich tue desgleichen, und als Mönch und Nonne haben wir noch eher Hoffnung zusammen zu kommen als so. Unser verzweifelter Plan war gemacht: ich sollte nach Mischek gehn, zu den Kapuzinern, und dienender Laienbruder werden, Katharina wollte nach Prag zu den Ursulinerinnen und desgleichen tun. Ich konnte es nicht erwarten, diese Welt zu verlassen, die nur Unglück für mich hatte, und machte mich auf den Weg zum Kloster. Katharina wollte sich in wenigen Tagen, wenn die Gelegenheit sich böte, von Hause flüchten. – Die ehrwürdigen Brüder Kapuziner in Mischek nahmen mich gerne auf, da ich ihnen versprach, das Stück Feld, das sie hinter dem Kloster besaßen, gut zu bearbeiten, schoren mir den Kopf kahl, nahmen mir, wie es die Regel befiehlt, das wenige Geld, das ich besaß, aus der Tasche, hingen mir eine alte Kutte um und schlangen mir einen Strick um den Leib, gaben mir den heiligen Namen Cölestinus und am andern Morgen nannten mich die Leute in Mischek: ehrwürdiger Bruder oder auch ehrwürdiger Vater. Stundenlang blickte ich durchs Fenster auf die Prager Straße hinab, um Katharina noch zu sehen, wenn sie vorüberzog – aber ich sah sie nicht. Sie wird wohl vorübergezogen sein, während ich das Refektorium fegte, sagte ich mir, ohne es doch aufzugeben, noch fürder vom Fenster aus die Prager Straße zu bewachen. Ich versäumte manche meiner Offizien und bekam viele Pönitenzen aufgelegt – aber ich trug sie gerne für Katharina. So verging der Winter und ich wurde ruhiger. Aber mit dem Frühling begann es wieder sich in mir zu regen – es trieb mich hinaus – eine unendliche Unruhe plagte mich, ich mußte wieder etwas von Katharina hören oder ich ging zugrunde. So bat ich den Pater Guardian, mich auf Bettelei auszuschicken, und versprach ihm aus hiesiger Gegend, wo ich viele Bekannte und Freunde habe, eine reiche Ausbeute an Eiern und Mehl zurückzubringen. Er ließ mich gehen und ich wanderte gradaus auf Obtschov zu. Das Dorf war bei meinem Eintritte totenstille. Alles war fort, denn die Obtschover begruben eben ihre Toten, nach der ersten Geschichte im Walde. Auch der Meierhof war wie ausgestorben. Nirgends eine menschliche Seele zu erspähen – nur das wohlbekannte Muhen der Kühe schallte mir freundlich entgegen. Mit weinenden Augen ging ich durch den Hof, durch den Stall, durch die Stuben – sie alle hatten mich glücklich gesehen, in ihren Räumen hatte ich mein Glück wandeln gesehen – jetzt war alles fort. Mit zitternden Knien näherte ich mich der Stube Katharinens und wagte nicht sie zu öffnen. Kraftlos lehnte ich mich an die Tür. Da drang mir von drinnen ein Lispeln und Zischeln entgegen, ein holdes Geräusch von Küssen und Umarmungen – gerade so wie damals, als ich so glücklich war; gewiß ein böser Geisterspuk, um mich zu verhöhnen oder ein gütiger Zauber, um mich in der Erinnerung noch einmal das alte Glück durchkosten zu lassen. Da öffne ich schnell die Türe und da sitzt Katharina dem neuen Großknechte so nahe – so nahe – Peter Buresch, das Haar würde sich dir sträuben, wie es sich mir sträubte, wenn du wüßtest wie nahe. Peter Buresch lächelte, die Bauern aber lachten laut auf; Hynek-Cölestinus, der im Feuer der Erzählung seine gebundenen Arme losgemacht hatte, deckte sich das Gesicht mit beiden Händen zu und achtete nicht darauf. Nach einigen Minuten, während seine Augen sprühten und sein Gesicht von Totenblässe bedeckt war, fuhr er leise und tonlos sprechend fort: Wie ich zur Türe hineinsprang und wie es kam, daß gleich darauf Katharina tot zu meinen Füßen lag – ich weiß es nicht. – Der Großknecht war entsetzt, doch wagte er es nicht Hand an mich zu legen, von wegen des Habits – er eilte ins Dorf hinaus und schrie Mord. Ich hätte leicht entkommen können, aber ich dachte nicht daran. Als der Großknecht erst sehr spät mit Leuten zurückkam, saß ich weinend da an der schönen Leiche Katharinens. – Die Obtschover hatten an dem Tage so viel Schmerz gelitten, daß der Tod Katharinens gar kein Aufsehen machte. Sie führten mich ruhig fort und sperrten mich in die Kapelle, um mich mit der nächsten Gelegenheit nach Prag zu schicken und dem Gerichte zu übergeben. Der Bauernadvokat fragte mich nach meinem Namen, den er doch sehr gut wußte, schrieb ihn mit mancherlei andern Geschichten auf und ließ mich, wie die andern Obtschover, in Ruhe, denn sie waren genug mit euch beschäftigt. – Heute mittag bringt mir der Bauernadvokat selbst das Essen in die Kapelle. Nachdem er sich sehr freundlich nach meinem Befinden erkundigt, sagt er: Armer Hynek, dein weiches, zärtliches Herz hat dich zugrunde gerichtet, denn nichts ist fürchterlicher als ein zärtliches Herz, wenn es aus Zärtlichkeit wütend wird – es hat dich zum Mörder gemacht. Das ist nun nicht zu ändern, und unsere Pflicht ist es eigentlich, dich dem Gerichte zu übergeben, daß dir dein Recht werde – aber du kannst dich doch retten – in dieser gesetzlosen, verwirrten Zeit gibt es allerlei Mittel. Retten, sagte ich, ich will nicht gerettet sein, es soll und muß mir mein Recht werden. Gut, sagte der alte Mika – aber es gibt verschiedene Arten, wie einem sein Recht wird. angenehme und unangenehme Arten. Es ist dir gewiß nicht gleichgültig, ob man dich den Beamten und Schreibern übergibt, die dich hin und her zerren und dich endlich in Prag ausführen, um dich in der Fremde, vor den gaffenden Städtern hängen zu lassen, oder ob du hier in deiner Heimat, unter deinesgleichen, den rechtmäßigen Tod erhältst und von den Händen deinesgleichen. »Freilich ist das ein großer Unterschied, und wenn ich das so haben könnte, wie Ihr da sagt von meinesgleichen, so wäre mir das allerdings lieber.« Nun siehst du, das kannst du haben – versicherte der alte Mika. »Und wieso?« Du kannst dich von den Duschnikern hängen lassen, wenn du willst. Die Duschniker haben den Meierhof besetzt und schalten und walten darin, wo du früher so froh und glücklich warst mit deiner Katharina; sie haben das Vieh weggetrieben, das du gepflegt hast, und die Leiche deiner Katharine ist noch darinnen und kann kein ehrliches Begräbnis erhalten. Wir müssen diese unangenehmen Gäste los werden. Hinausschlagen können wir sie nicht, sie sitzen zu fest darin, wir müssen sie herauslocken. Wenn sie sehen, daß Duschnik brennt, laufen sie alle fort, ihre Häuser zu löschen. Der verschmitzte Dummkopf, murmelte hier Peter Buresch; er kennt den Ungarmichel nicht, der schert sich wenig um ein brennendes Dorf und rührt sich nicht von seinem Posten, wenn die Welt brennt! Und du sollst Duschnik anzünden – fuhr der Bauernadvokat fort. Du tust eine gute Tat, indem du uns von diesen Gästen befreist, und sühnst zur Hälfte dein Verbrechen, indem du Katharina mit Lebensgefahr ein ehrliches Begräbnis verschaffst. Dir selbst ist dabei dein Schicksal in die Hand gegeben – du kannst dich retten und in die weite Welt laufen, oder wenn du dein Recht haben willst, kannst du dich von den Duschnikern fangen lassen, und ich verspreche dir, daß du von Peter Buresch keinen Pardon zu erwarten hast. Am Abend kam der alte Mika wieder, nahm mir die Kutte ab und gab mir andere Kleider. Jetzt geh, sagte er, ohne weiter zu fragen, ob ich wollte oder nicht, und schloß die Türe der Kapelle hinter mir. Ohne zu wissen wie und warum, ging ich dahin, wohin er mit der Hand gezeigt hatte. Es war mir immer, als ob Katharinens Geist vor mir her tanzte und ein ehrliches Begräbnis verlangte. So stand ich vor Duschnik, Pech und Schwefel in der Tasche des Rocks, den mir Mika angezogen hatte, und wußte noch nicht, ob ich's tun oder lassen sollte, ob ich ein Verbrechen zu begehen oder eine gute fromme Tat zu vollführen im Begriffe war. So näherte ich mich immer den Häusern und ging wieder, so wurde ich bemerkt und gefangen, und unnötigerweise gebunden – denn ich denke nicht daran, euch zu entwischen. Und nun tu mit mir, Peter Buresch, was du glaubst tun zu müssen. Die Bauern, welche anfangs dem Kapuziner lächelnd zugehört, wurden nach und nach ernster, ja mitleidig gesinnt und gespannt horchten sie, was Peter Buresch dem Armen antworten werde, der ergeben sein Schicksal erwartete. Peter Buresch aber sprach: Guter Bursche, deine Liebe und deine Geschichte haben dich halb verrückt und halb weise gemacht. Verrückt, weil du dich vom alten Mika zu einer Niederträchtigkeit mißbrauchen ließest und glaubtest etwas Gutes zu tun – weise, weil du mir nun das Leben zu verachten scheinst, mit Mut dem Tode entgegengehst, und ihn als gerechte Strafe gerne von deinesgleichen entgegennimmst, während du ihm ausweichst aus dem Munde dummer und stumpfer Dichter, die dein Leben nicht verstehen, mit dir kein Mitleid haben und das Recht aus faulen Büchern lesen. Dir soll werden, wie dir allein gut ist – wir werden dich richten. Du wirst gehenkt. Wir müssen auch den Obtschovern zeigen, daß wir keinen Spaß machen: führet ihn hin auf den Obtschover Weg und hängt ihn am Ausgange des Waldes im Angesichte des Dorfes! Die Bauern fuhren bei diesen Worten ihres Führers erschrocken zusammen. Doch wagten sie nicht zu widersprechen und wußten auch nicht, was anderes mit Hynek-Cölestinus anzufangen. Nur der alte Tomesch, der eine weiche Natur war, fragte zögernd: Wäre es nicht genug, wenn man vor den Augen der Obtschover nur so täte, als ob man ihn henkte? Er könnte auch einige Zeit hängen bleiben, ohne daß es ihm zu Schaden gereichte und – Der lange Tomesch wollte seinen sonderbaren Plan einer geheuchelten Hinrichtung noch weiter ausführen, aber die Bauern unterbrachen ihn mit ihrem Gelächter – selbst Hynek-Cölestinus lächelte mit. Nein – sagte er dann ernst und entschieden – ich habe mich nun einmal an den Gedanken gewöhnt. Was soll mir das Leben länger? Den Schreibern und Herren will ich nicht in die Hände fallen – durch die Welt irren unstet und flüchtig, wie Kain, und wie heute abend beständig die tote Katharina vor mir sehen, will ich auch nicht – also will ich sterben und durch euch. Und so sei es! sagte Peter Buresch fest und befehlend – der alte Tomesch schlich beiseite und weinte – der Verurteilte schlug ein Kreuz – die ihn gebracht, sammelten sich wieder um ihn und zogen mit ihm weiter in den Wald nach Obtschov zu. Hynek-Cölestinus betete auf dem ganzen Wege und seine Begleiter beteten mit. Nach mehr als einer Stunde kamen sie düster und schweigend auf die Halde zurück. Nachlässig hingen ihnen die Büchsen von der Schulter – die einen brummten verschiedene böhmische Weisen vor sich hin, die andern hatten ihre Hände gefaltet und murmelten Gebete – der alte Tomesch ging ihnen einige Schritte entgegen und als er ihre düsteren blassen Gesichter sah, begann er laut zu weinen. Die Ankömmlinge warfen sich ins Moos und versuchten zu schlafen. Eine Messe wäre vielleicht gut, sprach leise der lange Tomesch. Als halber Pfaff braucht er das nicht – antwortete sein Nachbar, und ein halbes Dutzend Pater Noster und Ave Marias tun's auch. – Wie der Alte vom Hammer wieder einmal recht gehabt hat! murmelte Wlach; er hat es gleich am Abend gesagt, es geht ein Wind, als ob jemand gehenkt werden sollte. Jetzt, da es geschehen ist, rührt sich kein Lüftchen mehr. Wirklich hatte sich der Wind gänzlich gelegt. Was die Flamme dann und wann leise bewegte, war schon der Morgenwind. Rings umher saßen die Weiber und Mädchen des Dorfes, welche von dem Geschrei »Feuer, Feuer« bei der Gefangennehmung Hynek-Cölestins geweckt worden und dem Zuge neugierig heraus gefolgt waren. Der weiche Tomesch, der weinend durch ihre Reihen ging, hatte sie wie die Männer mit seiner Trauer über den armen verliebten Cölestin angesteckt. Sie saßen schweigend da und stierten in die Kohlen – von Zeit zu Zeit fiel ein furchtsamer doch verdrießlicher Blick auf Peter Buresch. Der Alte vom Hammer, der die unangenehme Stimmung vertreiben wollte, setzte sich zu ihnen ans Feuer und meinte, die Flamme allein reiche nicht hin, in der durchdringenden Morgenkälte zu erwärmen; dazu müßten noch Lieder und Märchen kommen. Und ohne lange Vorbereitungen zu machen, begann er, wie es seine Erzählung eben verlangte, bald mit gebrochener Stimme singend, bald ruhig berichtend. Was er aber zum besten gab, war das Märchen vom Blanskywalde , das heute so erzählt wird:     Im Böhmerland der Blanskywald Ist wie die ältste Sage düster – Wenn hie und da ein Blättlein schallt, Das gibt ein schauerlich Geflüster. Wie Särge armer Leute liegt Ein toter Frühling auf dem andern. Das Blättlein, das im Winde fliegt, Scheint nur zu seinem Grab zu wandern. Wär' nicht der holde Vogelsang In Büschen tief und in den Gipfeln, Und nicht der träumerische Gang Der Lüfte ob den grünen Wipfeln; Wär' nicht das Aug' des frommen Rehs, Das dich begrüßt auf dunkler Halde, Du könntest dich des trübsten Wehs Entschlagen nicht in diesem Walde. Denn auch der Quell, der traulich spricht Allüberall mit frohem Munde, Hier rauscht er dumpf hervor und bricht Wie dunkles Blut aus einer Wunde. Und wären nicht die Blumen auch, Die ihn gebeugten Haupts umstehen, Wie Jungfraun, die mit nassem Aug' Auf einen Kranken niedersehen, – Dir wär' zumut im Blanskywald, Als hätten selbst die Einsamkeiten Die milde, heilsame Gewalt Längst eingebüßt für alle Zeiten. So traurig und düster und noch viel trauriger und düsterer, als es das Lied sagen kann, war es vor noch nicht langer Zeit im Blanskywalde, jener ungeheuren, waldbewachsenen Strecke, die sich viele Meilen weit hinzieht, über Berge und Täler mitten durch das schöne grüne Böhmen. Damals gab es viele Stellen, die von der mordenden Axt noch nicht gelichtet waren. Die uralten Bäume starben wie Menschen, vom Zufall in einem mitternächtlichen Wetter gebrochen, vom Blitze zersplittert, oder vom Alter unterwühlt. Sie stürzten, und tausend Blumen und wilde Kräuter wucherten aus ihren Leibern hervor, bis auch sie von den nachfallenden Blättern des Herbstes begraben wurden. Auf den Felsenkanten, die sich hier und da aus dem Dunkel des Waldes erheben, wohnten zu jener Zeit noch die Adler und riesigen Geier, und zur Winterszeit durchheulten ihn ganze Herden von Wölfen, die sich aus den Gebirgen hierher verirrten. Die Hirsche und Rehe, die dazumal noch nicht bloß in umfriedeten Wäldern wohnten, weideten auf den Wiesen, die den düsteren Wald wie glückliche Inseln in der Wildnis oft genug durchschnitten. Die schweigende Einsamkeit wurde noch nicht von so vielen Dörfern wie heutzutage gestört; nur einzelne Köhlerhütten, die nach vollbrachter Arbeit im Herbste wieder abgebrochen oder dem langsamen Verfalle preisgegeben wurden, Eisenhämmer und die Wohnungen der Jäger beherbergte der endlose Wald. In einer dieser Jägerwohnungen, die am Eingange einer Waldstrecke am Fuße eines Hügels lag und sich durch das sechzehnendige Hirschgeweih auf ihrem Dache schon von fern als solche ankündigte, wohnte damals ein alter, zerfetzter Veteran. Wie er einst auf die heidnischen Türken Jagd gemacht und die christlichen Grenzen Österreichs unter dem edlen Prinzen Eugen beschützte, so wollte er hier Bären und Wölfe bekriegen und das Revier seines Herrn und Kaisers vor dem Heidenvolke der Raubschützen bewahren. Aber es ging nicht lange so. Oft mitten in der Wildnis brach eine Wunde auf, die vor Jahren ein Damaszener Degen oder das gefeite Blei irgend eines Ungläubigen geschlagen hatte, oder überfiel ihn, schrecklicher als Bären und Wölfe, das Zipperlein, das er sich aus den dumpfen und kalten Nächten Bulgarias mit heimgebracht hatte. Jetzt lag er zu Hause in dem hohen und großgeblümten Lehnstuhle mit verbundenen Armen und Beinen und schrie und fluchte bei jeder Bewegung auf die Türken, auf die Heiden, betrachtete wehmütig seine Büchsen, die tatenlos an den Wänden hingen, oder sang, wenn er guten Mutes war, mit alter zitternder Stimme sein: Prinz Eugen, der edle Ritter, Wollt' dem Kaiser wieder kriegen Stadt und Festung Belgerad. Der alte Förster wäre verloren gewesen und Wilddiebe hätten im Revier seines Herrn und Kaisers eine tolle Wirtschaft geführt, wenn ihm nicht das Schicksal einen Helfer, oder besser eine Helferin beigegeben hätte, die ihn aller Sorgen enthob und für ihn alle Jägerpflichten erfüllte. Es war seine sechzehnjährige Tochter Nani. Sie war schön und stark und schlank und der beste Schütze auf dreißig Meilen in der Runde. Beim heiligen Johann von Nepomuk! sagen noch heute die Leute im Blanskywald, es muß ein herrlicher Anblick gewesen sein, wenn sie mit dem ersten Morgenstrahl aus dem Jägerhause trat, den braunen Spitzhut auf dem Kopfe, in den hohen Schnürstiefelchen, im kurzen grünverbrämten Rocke, die Jagdtasche an der Seite und die Büchse auf der Schulter, dem Walde zuschritt und erst spät am Abend oder gar erst beim Mondenschein in ihre Wohnung zurückkehrte. Der braun und weiß gefleckte Hund sprang lustig an ihr auf und leckte ihr die Hände; aber die Hirsche und Rehe verkrochen sich und, wie die Leute erzählen, die Vöglein in der Luft verstummten. Denn so schön auch die Nani war, so lag doch etwas auf ihrem Gesichte, was Tiere und Menschen erschreckte, denn es war etwas Ungewohntes auf einem Mädchenangesichte. Es war, als ob der düstere, ernste Schatten des Waldes mit all seinen Geheimnissen auf ihrem Gesichte für alle Zeiten stehen geblieben wäre. Sie lächelte fast ebenso selten, als der Strahl der Sonne durch den Blanskywald dringt. Wie sollte es auch anders sein? sagten die Leute; sechzehn Jahre alt, im Walde aufgewachsen, soviel Blut fließen gemacht und sei es auch nur das Blut von Tieren! Und man weiß, wie viele Zauber im Walde wohnen, die das Menschenherz elend machen, wenn ihm nicht eine Rinde darüber gewachsen, wie über den Baum! Vielleicht war Nani wirklich elend, aber sie wußte es nicht. Ihr war wohl, wenn sie in die Stille des Waldes trat, und einsam nur, wenn sie unter Menschen kam. Ihr war wohl, wo andern bange gewesen wäre, wenn der Wind wie ein unsichtbarer Geist über die Bäume ging und diese ihre Wipfel neigten, wenn die Tropfen aus den Blättern und Nadeln weinend niederfielen, wenn sie der Eule ins Nest schaute, auch wenn ein stolzer Sechzehnender oder ein unschuldiges Reh mit gebrochenem Auge zu ihr aufschaute und zu ihren Füßen verendete. Sie sprach nicht viel, fast nur mit ihrem Hunde Paris, wenn sie zusammen ein schönes Stück Wild erlegt hatten. Zu Hause ließ sie sich schweigend von ihrem Vater Schlachten und Kriegszüge und vom Prinzen Eugen vorerzählen und warf nur manchmal ein Wörtlein darein vom Walde oder vom Wilde, oder sie murmelte: Warum bin ich kein Mann? – Dann lispelte sie leise hinzu: Ich will es sein, ich bin es! Aber seit einiger Zeit war Nanis Ruhe und Waldeinsamkeit auf eine sonderbare Art gestört. So oft sie in den Wald trat, wurde sie aus dem andern Reviere herüber mit Waldhorntönen begrüßt, die ihr auf wunderbare Weise ins Herz drangen. Es waren zwar nur alte Weisen, die das Horn blies, aber sie erschienen ihr doch neu und fremd und es war ihr, als ob etwas Ungewohntes, wovon sie noch nie gehört, daraus hervorklänge. Es klang nach der Weise der kleinen Lieder: Auf der grünen Wiese Gehn Hirsch' und Reh' zur Weide, Es hütet sie ein Jägerlein Im grünen Jägerkleide. Oder: Auf der Prager Brücke Wächst ein Rosmarin, Kein Mensch begießet ihn, Er wächst doch immerfort. Ich werde dahin gehn Und werde ihn begießen, Und wenn er grün wird sprießen, Werd' ich mein Liebchen holen. Wie oft hatte sie diese Weisen selbst gesungen, aber nie hatten sie ihr Herz so wunderbar traurig ergriffen, als jetzt, da sie aus dem fremden Reviere durch die Waldnacht zu ihr herüberklangen, so lockend, so sehnsüchtig! Unwillkürlich ging sie eines Tages dem Schalle nach, bis sie an den Graben kam, der ihr Revier von dem fremden trennte. Hier hielt sie an, denn ein alter Bann lag auf der Grenze dieser Reviere und kein Jäger durfte sie in Waffen und ohne Erlaubnis des andern Jägers überschreiten. Alte Streitigkeiten, die viel Blut gekostet hatten, waren die Ursache dieses Bannes, der von beiden Seiten wie ein böser Zauber gescheut wurde. Nani warf ihre Büchse ins Moos, vergaß auf Wild und an die Wilddiebe zu denken, lehnte sich an einen Baumstamm und horchte hinüber nach den Hornklängen. Zu den Weisen, die da drüben klangen, sprach sie leise die Worte; es waren Liebesworte. Verwundert blickte Paris zu seiner Herrin auf, denn ihr Gesicht kam ihm heute ganz anders vor. – Nani wußte sehr wohl, woher die Töne kamen, hatte sie doch den schönen, blondhaarigen Jägerburschen schon oft jenseits des gebannten Grabens, die Büchse auf der Schulter, ganz nahe an sich vorüberziehen sehen. Er schwenkte stets den Hut mit bunter Feder, oder schoß in die Luft, als ob es eine Freudensalve sein sollte, oder stieß ins Horn und ließ liebliche Melodien erklingen. Oft, wenn sie über die Wiesen ging, sah sie ihn plötzlich auf einem Hügel des jenseitigen Reviers stehen, wie er sein Tuch flattern ließ. Nani lauschte lange, aber wie die Hornklänge immer näher und näher kamen, faßte sie ihre Büchse und floh eiligen Schrittes davon. Wie ein Seufzer verklang das Lied hinter ihr. Es war spät geworden und der Mond schien durch die Zweige. Nani stellte sich hinter einen Baum und wartete auf den Auerhahn. Sie war an Waldnächte gewohnt – doch war ihr noch nie so zumute gewesen, wie heute. Wie hie und da ein Käuzchen krächzte, ein Vöglein aus dem Traume sprach, die Blätter sich im nächtlichen Winde bewegten – sie glaubte sie alle zu verstehen. Es kam ihr vor, als wäre der Anstand auf den Auerhahn nur eine Ausrede, um eine Nacht ganz allein im Walde zuzubringen und wachend zu träumen. Manchmal war ihr, als hörte sie die gewissen Waldhornklänge. Da lachte der Auerhahn – Nani schoß, während sie das Waldhorn zu hören meinte, und fehlte. Das war ihr schon lange nicht geschehen und mürrisch trat sie in das Jägerhaus. Der Vater wunderte sich sehr, als er sie ohne Beute sah. Doch schwieg er darüber und sagte: Ich habe vom jungen Jäger aus dem Nachbarrevier einen Brief bekommen; er will dich zum Weibe! – Damit ich ihm die Jagdtasche flicke, während er im Walde pirscht, nicht wahr? lachte Nani und setzte hinzu: Für sich allein wollen sie die hohe Waldlust; ihr Weib soll zu Hause hocken und für sie kochen und ihre Kinder füttern! Ich bin ein Schütze wie einer, und den Wald lasse ich nicht! Nichts da von einer Heirat! Doch stand sie noch selben Abends wieder lauschend an demselben Baume. Sie merkte es nicht, daß die Waldhornklänge immer näher und näher kamen und plötzlich vor ihr verstummten. Darf ich hinüber? frug eine Männerstimme. Der Jäger stand drüben und war zum Sprunge bereit; seine Büchse hatte er ins Gras geworfen. Nani fuhr erschrocken auf, faßte die Büchse und auf den Jäger zielend rief sie mit zorniger Stimme: Zurück oder ich schieße! Schieß zu, schöne Naninka! Keinen schöneren Tod wünsche ich mir! rief er – und schon sprang er über den Graben und lag zu ihren Füßen, die er mit beiden Armen umschlang. Paris mußte wohl erkannt haben, daß das kein feindlicher Überfall eines Wilddiebes war, und verteidigte seine Herrin nicht, sondern sprang freundlich wedelnd um die beiden und leckte bald Nani, bald dem Jäger die Hände. Nani stand lange regungslos und starrte mit finsterem Auge auf den Jäger nieder, während er flehend zu ihr aufblickte. Endlich faßte sie sich, riß sich los und floh mit wilden Schritten in den Wald hinein, während der Hund sich noch lange nicht von dem schönen Jäger trennen konnte, der der Fliehenden mit tränenden Augen nachblickte. Nani war schon weit den Hügel hinabgeeilt, als sie hinter sich die Weise zu den Worten hörte: Möchte gern nicht weinen Und mein Herz nicht plagen, Aber sagt, ihr guten Leute, Wer nicht möchte klagen! Sie eilte immer tiefer in den Wald und schoß nach rechts und links, wo sich immer ein Wild oder ein Vogel zeigte, aber immer vergebens. Ihre Hand zitterte, vor ihren Augen flimmerte es in unbestimmten Umrissen und ihre weitberühmte Kunst war von ihr gewichen. Verzweifelnd eilte sie unaufhörlich weiter, keuchend der Hund Paris hinter ihr, und sie merkte nicht, daß es immer später und später wurde, und daß es schon Mitternacht war, als sie auf der Halde ankam, die man die weiße Halde nannte, wegen der vielen weißen Waldblumen, die sie im Sommer bedecken. Der Mond schien so ruhig herab und hüllte auch die dunkeln Tannen und Fichten, die die weiße Halde umstanden, in ein schimmerndes Weiß. Hier wurde es Nani wohler zumute, und matt und müde streckte sie sich ins Gras, um auszuruhen. Aber welch sonderbarer Zauber begann jetzt den Wald ringsum zu beleben! Als wäre es rosige Morgenstunde und nicht Mitternacht, kamen die Vögel von allen Seiten geflogen und ließen sich auf den Zweigen ringsum schaukelnd nieder und begannen zu sprechen und Nani verstand jedes ihrer Worte.         Der Auerhahn sprach:         Wohl uns, daß Liebe deine Hand Mit unsichtbarem Zauber band! Nicht fürcht' ich mehr die Todeswunde In meiner süßen Liebesstunde. Nun kann ich vor der Morgensonne Hinziehn zu meiner Liebeswonne, Wo mir mein Weib entgegenlacht – Heil, Liebe, dir und deiner Macht! Die Taube sprach: Und weher tat, o glaube! Das Todesblei der Taube, Das mordend ausgesandt So süße Mädchenhand! Sie ist gemacht zum Kosen, Sie pflücke rote Rosen Für ihres Liebsten Hut – O Mädchen, bleibe gut! – Die Lerche sprach: O bleibe gut, du Holde, Und laß im Morgengolde Mich zu den Wolken schwingen Und Liebeslieder singen! O Süße, wie die Schmerzen Du setzt in deinem Herzen Mußt selig mit dir tragen – O laß von deinen Plagen! – Der Falke rief: Als wilder Falke schwing' ich Mich zu dem Himmel auf, Mit wilder Stimme sing' ich Und ruf's zu den Sternen hinauf: Der Liebe Heil, der Liebe, Sie hebet mein Gefieder, Die Liebe, ach die Liebe, Sie gibt uns das Leben wieder! Und alle Vögel des Waldes fielen ein in die Worte des Falken und wiederholten im Chor: Die Liebe, ach die Liebe! Nani, die bis jetzt vom Schrecken gelähmt im Grase gelegen und dem unheimlichen Zauber zusah und zuhörte, sprang auf und lief wie von Gespenstern getrieben weit fort von der weißen Halde und immer weiter, bis der Chor der Vögel: die Liebe, ach die Liebe! hinter ihr verhallte. Erst auf der Halde, die man des hohen üppigen Grases wegen die grüne nannte, machte sie Halt. Aber da begann der Zauber wieder, nur in anderer Gestalt. Aus den Büschen und Gräsern traten Hirsch und Reh, Häselein, Kaninchen und allerlei vierfüßiges Getier des Waldes hervor und auf den Zweigen sammelten sich die Eichhörnchen. Die Hirsche und Rehe, Hasen und Kaninchen stellten sich um sie im Kreise. Sie sahen traurig aus und neigten ihre Köpfe zu Boden. Auch sie begannen zu sprechen, jedes nach seiner Art. Der Hirsch sagte: Dich rühren die Tränen meiner Augen nicht, im üppigen Glücke meiner Freiheit tötest du mich! Ach! mein Geschlecht ist dazu verdammt, gehetzt, gejagt und grausam gemordet zu werden, aber nicht von Jungfrauenhand. Sieh, andere Jungfrauen gehen durch den Wald und liebkosen uns und sammeln süße Kräuter und bringen Brot uns zu nähren. Du bringst uns den Tod! Aber anders als sonst blickt jetzt dein Auge. Du bist nicht mehr grausam, das Blei versagt dir zu töten, und das ist die Liebe! Es sprach das Reh: Du hast die Mutter getötet dem Kinde und hast das Kind heranwachsen lassen, um es auch zu töten! Du weißt nicht, wie es ist, Mutter zu sein! Du hättest es nicht getan! Denke nicht daran, wenn du einst Mutter bist, wie wir blutend flohen zur verborgensten Quelle des Waldes, um unsere Wunden zu waschen und zu sterben. Jetzt ist Barmherzigkeit eingezogen in deine Brust, denn du liebst! Der Hase und das Kaninchen sprachen: Wir lebten auf ewiger Flucht vor dir und kein Busch konnte uns schützen vor deinem tödlichen Blei. Nun bist du gut geworden, ein Mägdlein wie andere. Wir segnen die Liebe in deinem Herzen. Das Eichhörnchen sprach: Ich werde wieder lustig springen können von Ast zu Ast, von Baum zu Baum; ich werde mich freuen des Sonnenscheins und den Wald segnen, der mich geboren. Heil der Liebe in deinem Herzen, die deine harte Seele erweicht hat, daß du nicht verfolgst die fröhlichen Tiere des Waldes! Heil der Liebe in deinem Herzen! Und alle riefen im Chore nach: Heil der Liebe in deinem Herzen, Heil der Liebe! Nani war es wie im Traume, aber sie wußte nicht, ob es ein böser Traum war oder ein guter. Mit Gewalt raffte sie sich zusammen und eilte flüchtigen Schrittes wie von Gespenstern verfolgt von dannen, weiter, immer weiter, bis sie auf die Halde kam, die man die schwarze nannte, des dunkeln Grundes wegen, der von einem Waldbrande herkommen sollte, oder auch von der Asche, die die bösen Weiber in gewissen Nächten hier ausstreuten, wenn sie mit den unheimlichen Geistern im Walde Zusammenkunft hielten. Aber ärger als aller Zauber war, was Nani hier erwartete. Denn plötzlich kamen die Raubschützen aus den Gebüschen hervor, umringten lachend die Jägerin, die sie sonst fürchteten, und sangen mit höhnischem Tone ununterbrochen fort: Des Schützen Aug' sei fein und scharf Und seine Hand muß sicher sein, Und süße, weiche Liebe darf Ihm nicht ins Herz hinein! Denn Liebe machet feucht die Augen Und zitternde Hände mögen nicht taugen! So singend verfolgten sie Nani durch den Wald, indem sie sie umringten und ihren höhnischen Gesang mit lautem Gelächter und schmetternden Waldhornklängen begleiteten. Große Tränen des Zornes traten in ihre Augen und wie von Verzweiflung gejagt, sprang sie über Büsche und Hecken tief hinein in den dichtesten Wald, bis das Gelächter weit hinter ihr verscholl. Weinend und händeringend warf sie sich ins Moos und verhüllte die Augen, um, wenn etwa ein neuer Zauber beginnen sollte, ihn nicht zu sehen. Da hörte sie ein leises, heiseres Kichern neben sich. Hi, hi, hi, junges Blut, warum so verzweifelt? Ei, ei, starke Nani, stolze Jägerin, wer wird es sich vom Zauber des Waldes und von der Liebe so arg antun lassen! Still, kleine Nani! Du warst immer gut gegen mich, dieweil mich die andern fliehen und als böse Hexe ausschreien. Du hast mir erlaubt im Walde die Wurzeln auszuroden, Reisig zu sammeln und Streu für meine Ziege, und Erdbeeren zu pflücken. Komm, ich will dir helfen! Den Keim der Liebe will ich in deinem Herzen töten, daß du wieder scharf blickest wie der wilde Falke und die Büchse haltest wie der beste Schütze des Waldes. Denn die Liebe macht die Augen feucht und die Arme zitternd und bebend. Komm, kleine Nani, ich will dir helfen, daß du gefeit seiest für alle Zukunft! Die so zu ihr sprach, war die alte Barka aus dem Dorfe, ein kleines, uraltes Weiblein, das man für eine Hexe hielt. Sie nahm Nani bei der Hand und führte sie bergauf, bergab, in ein tiefes, felsumschlossenes Tal, das von dunklem Schweigen bedeckt war. Kaum daß man das Rauschen der Tannen, die auf dem Felsen ringsumher standen, in seinem Grunde hörte. Die alte Barka schlug mit ihrer Krücke an den Felsen, daß eine dicke Schicht wie morsches Gemäuer niederrollte. Aus dem weißen Gesteine, das jetzt sichtbar wurde, sprangen nahe beieinander drei helle, silberne Quellen mit lieblichem Gemurmel hervor. Sie hüpften hinab ins Tal, wo sie sich in einen schönen klaren Bach vereinigten und mit Geplätscher, leuchtend im Mondenlichte, weiterliefen. Nani war es, als hörte sie süße Kinderstimmen aus dem Bach und aus den Quellen ihren Namen rufen. »Jetzt schieße in die erste Quelle, dann in die zweite, dann in die dritte, wenn du ewig frei und jung und schön bleiben willst! Du brauchst auch nicht erst zu laden!« – Nani legte an, aber ihr Hund Paris sprang heulend an ihr hinauf und zerrte an ihrem Ärmel, als ob er sie verhindern wollte an dem Ungeheuren, das sie zu begehen willens war. Die Alte schlug ihn mit ihrer Krücke auf den Kopf, daß er zusammensank und sich ächzend zu den Füßen seiner Herrin krümmte. – Schieß zu! rief sie, oder dich wird der Zauber und der Hohn der Menschen und Tiere ewig verfolgen! Deine roten Wangen werden fahl und blaß werden, deine Augen werden verglühen wie Sumpflicht, dein Haar wird grau und tot wie Flachs und dein stolzer Leib wird zusammenbrechen wie ein morscher Baum. Der Schuß befreit dich von der Liebe des Jägers und von allen Qualen des Mutterseins! Der Schuß ging los, ein Schrei, wie der Todesschrei eines Kindes durchdrang die Nacht und der Quell, der eben wie Silber leuchtete und so lieblich murmelte, quoll rot wie das Blut aus einer Wunde und klang so hohl und dumpf wie das Lallen eines Sterbenden. – Noch einmal sprang der Hund Paris auf und umsprang mit Geheul seine Herrin. Aber Nani, wie bewußtlos, schoß noch zweimal. Jedesmal erscholl der Sterbeschrei und alle drei Quellen flossen jetzt rot wie Blut aus dem Felsen. Fort war das liebliche Murmeln, tonlos dumpf flossen die Quellen und der Bach dahin. – Jetzt ist dein Leib gefeit! sprach die Alte. Jeder Keim des Lebens und der Liebe ist in dir getötet, jetzt geh hin! Als Nani heimkam beim Morgengrauen, lag ihr Vater, der alte Förster, im Sterben. Weh mir! rief er ihr entgegen, wo bist du so lange geblieben in dieser bösen Nacht? Mir war's, als ob ein dreifacher Schuß durch mein Herz dränge – das hast du mir getan! Alle meine Wunden brachen auf! Als Nani der Leiche ihres Vaters zur Kirche und zum Kirchhofe folgte, da ging der junge Jäger vom andern Revier neben ihr. – Weh dir, Nani! lispelte er ihr ins Ohr, siehst du nicht, daß die Steine vor dir sich auftun wie Wunden und bluten, und daß das Gras hinter dir verdorrt? Nur ich sehe es, weil ich dich liebe. Weh dir, Nani! – Ich gehe in den Krieg gegen die Ungläubigen und will für den heiligen Glauben kämpfen, um für dich zu büßen! Als sie an die Kirche kam, schlug die schwarze Tür vor ihr von selbst zu, die heiligen Bilder zwischen den Säulen kehrten sich um mit den Gesichtern zur Wand, und als sie der Pfarrer mit geweihtem Wasser besprengte, da fielen die Tropfen an ihr ab wie Blutstropfen. Und als der neue Förster kam und sie die Wohnung verlassen mußte, bat sie ihn, daß er ihr erlaube im Walde zu wohnen. Und sie zog ihre Jägerkleider aus, legte ein hartes Gewand an und ging in den Wald zu den drei blutigen Quellen und baute sich dort eine Hütte aus Moos und altem Holze und wohnte daselbst. Alltäglich, des Morgens früh und des Abends spät, betete sie vor den Quellen und bat sie um Verzeihung, daß sie sie, die Ungeborenen, getötet hatte. Denn sie wußte sehr wohl, daß es ihre Kinder waren, die sie einst hätte gebären sollen. Und in jeder heiligen Nacht und an jedem Ostermorgen und immer, wenn ein Jahr um war nach jener bösen Nacht, hörte sie die drei Quellen weinen gleich drei Kindern. Oft auch sah sie über den drei Quellen drei Lichtlein schweben. Da pflegte sie sich hinzuwerfen aufs Gestein und zu beten und zu weinen, oder sie verzweifelte an der Gnade Gottes und gab alle Hoffnung künftiger Vergebung auf. Sie verfluchte ihres Leibes Schönheit, die nicht von ihr weichen wollte und in so üppiger Blüte stand wie vor jener Nacht im Walde, da die Tiere zu ihr sprachen und das alte Weib sie zum Bösen führte. Nur in ihrem Herzen fühlte sie sich altern und merkte, wie ihre Kräfte schwanden trotz der äußeren Blüte ihres Leibes. Aber die Kenntnis der Kräuter, Pflanzen und Blumen und der ihnen inwohnenden Kräfte, die sie in ihrem Waldleben gelernt, benutzte sie zur Bereitung heilsamer Balsame für Verwundete und wohltuender Getränke für allerlei Kranke. Diese trug sie dann in die Häuser der Hilfsbedürftigen und mit den Salben und Balsamen zog sie in den Schluchten des Gebirges umher, um zu helfen, wo irgend ein Wanderer auf den gefährlichen Wegen ihrer bedurfte. Der Name der wilden Jägerin wurde immer mehr vergessen und man nannte Nani nur noch die gute Frau im Walde oder auch die heilige Waldfrau, und wo der Hund Paris sich zeigte, da wußte man auch, daß Hilfe für die Kranken und Verwundeten nicht mehr fern war. So waren sieben volle Jahre verstrichen und die Nacht kam, die siebente seit jener unheilvollen. Die Quellen weinten trauriger als sonst und jammervoller – aber noch trauriger und jammervoller lag Nani vor ihnen und betete und schlug die Brust. Siehe, da kam ein Mann in Soldatentracht matt und müde den Berg herabgekrochen. Er blutete aus vielen Wunden und sank kraftlos vor Nanis Füßen nieder. Heilige Frau, sprach er mit geschlossenen Augen, sie rühmen deine geweihte Kunst. Sieh, ob du meine Wunden, die ich im heiligen Kampfe erhielt und die ob altem Leide in diesem Walde wieder aufbrachen, wieder schließen kannst. – Nani blickte ihm ins Antlitz und erkannte beim Lichte des Mondes das gramgebleichte Gesicht des Mannes, der sie einst geliebt hatte. Sie trug ihn mit Schmerzen hin zu den Quellen, um seine Wunden zu waschen, aber wie sie die Hand in die Wellen streckte, um das barmherzige Werk zu vollbringen, sieh, da wurden diese kristallklar wie sonst, das dumpfe, traurige Klagen hörte auf und die Quellen rieselten mit lieblichem Gemurmel dahin. Nani erkannte, daß ihre Erlösung gekommen war. Mit ausgestreckten Armen sank sie an den Geliebten hin, der verklärt lächelte, sich erhob und mit ihr in einem Kusse verschied. Achtes Kapitel. An wieviel Böses und Trauriges auch die Obtschover schon gewöhnt, wie sehr sie auch seit Besetzung des Meierhofes, der sie beherrschte, jede Stunde auf neue traurige Ereignisse gefaßt waren – so überkam sie doch ein panischer Schreck, überlief sie doch ein ungewohntes Grauen, als sie des Morgens nach dem Walde blickten und dort am äußersten Baume die Leiche Hynek-Cölestins erblickten, die im Morgenwinde sanft bewegt hin und her schaukelte. Sie erzählte ihnen, wie sehr es Peter Buresch mit seinen Kriegsartikeln und seinem Kriege Ernst, sei und gab ihnen die Überzeugung von der Unerbittlichkeit des Raubschützen. Sie konnten ihre Blicke nicht abwenden von des gehenkten Laienbruders sanftem und traurigem Gesichte. Es war nicht verzerrt und entstellt, sondern neigte sich friedvoll und wie schlummernd auf die rechte Schulter, was die Sage, welche einige Tage später sich verbreitete, nur bestätigen konnte, daß seine Begleiter und Henker ihm barmherzig erst eine Kugel durchs Herz jagten, bevor sie ihm die schimpfliche Todesart des Hängens antaten. Spät erst kamen einige Burschen zur Besinnung, schlichen sich am Meierhofe vorbei, hinaus an den Baum und befreiten ihn von seiner Last, während Männer und Weiber aus der Ferne zusahen und Peter Buresch verwünschten, daß er es gewagt, Hand zu legen an einen, der ein halber Priester gewesen. Sie riefen des Himmels Flüche auf ihn herab und alte Weiber wagten sich bis an den Eingang des Meierhofes und prophezeiten vor den Augen und Ohren des Ungarmichels das gleiche Schicksal seines Herrn und Meisters. An das kleinere Unglück Zdenkos, an seine Gefangenschaft dachten sie im Angesichte des Todes nicht, nach Art der Bauern, die nur das Fertige und Vergangene beurteilen, aber es nicht lieben, von einer Tatsache auf die andere zu schließen. Nur einer tat es und dieser eine war Zdenkos Vater. Der alte Mika hatte schon in der Nacht die Gefangennehmung seines Sohnes erfahren – er wälzte sich im Grase seines Gartens und weinte und jammerte, ohne einen Augenblick den Gedanken an die Rettung seines einzigen Erben aufzugeben. Als man ihm beim ersten Morgengrauen die Nachricht brachte, daß am Eingange des Waldes eine Leiche hänge, sprang er schreiend auf und eilte händeringend hinaus, um nachzusehen, ob es nicht sein Sohn sei, den die Duschniker hingerichtet hatten. – Wie sehr auch Zdenko und Cölestinus an Gestalt und Antlitz verschieden waren, mußte er doch mehrmals hinsehen, um sich zu beruhigen, denn sobald er die Augen abwandte, malte ihm seine Angst den eigenen Sohn dahin, wo der arme Laienbruder im Morgenwinde sich wiegte, und das schien ihm eine traurige Prophezeiung dessen, was morgen geschehen könnte, wenn er nicht alles tat, um es abzuwenden. Erst als sie die Leiche Hynek-Cölestins hereinbrachten, ging er etwas ruhiger nach Hause. Es mußte etwas geschehen – aber er wußte nicht was. Die Anzeige machen? Er hatte Zdenko versprochen, es nicht zu tun, und das Versprechen schien ihm jetzt heilig, da Zdenko für ihn ein Sterbender war. Mit schwankenden Schritten und gebeugten Hauptes ging er in der Stube auf und ab, von einem Winkel zum andern, dann von der Türe zum Fenster, dann wieder im Kreise herum – schob die lange, rote Tafel des Tisches beiseite, um sich einen neuen Weg zu machen, als ob er fürchtete, auf seine früheren Schritte zurückzukommen – dann blieb er im Winkel hinter dem Ofen stehen und lehnte müde die heiße Stirne an die kalten Ziegel – dann wieder lehnte er sich mit dem Rücken an, als ob er sich wärmen wollte, und schüttelte sich vor Frost. Mehrere Male nahm er die Feder zur Hand, glättete das Papier, begann zu schreiben und schob plötzlich das Schreibzeug wieder zurück und sprang auf und fing seine Reise durch die Stube aufs neue an. Er zog mehrere Bücher aus dem Schranke, schlug sie auf, starrte gedankenlos hinein – warf sie wieder zu und in den Winkel und lief von Angst getrieben hinaus in den Garten. Da hörte er die lustigen Stimmen der Duschniker auf dem Meierhofe – die Sonne leuchtete so hell, die Vögel sangen so frisch – er konnte es nicht ertragen und lief zurück ins Haus, die Treppe hinauf auf den Boden. Matt und müde blieb er vor einer alten, bestaubten Kiste sitzen. Die Gedanken waren ihm ausgegangen. Ohne zu wissen, was er tat, hob er den Deckel auf und sah in den leeren Raum der Kiste und bückte den Kopf immer tiefer und starrte den staubigen Boden an und ließ den Blick unverwandt in einem Winkel hangen, als ob er die Spinnen dort beobachtete, die er doch gar nicht sah. Der Bauernadvokat war mutlos und plötzlich alt und gebrochen. Eine dumpfe Stimme wiederholte immerwährend in ihm: des Kontraktes wegen, des Geldes wegen hast du's so weit gebracht – hast du beide Söhne ermordet – du bist schuld daran. Der Angstschweiß stand ihm kalt auf der Stirne, während das Blut heiß und pochend durch die alten Adern rannte. Endlich sprang er auf. Er schüttelte den Kopf, der von der gebeugten Stellung schwer geworden und in dem es düster summte und brummte, sah ins Sonnenlicht, streckte sich mit Gewalt und ging ruhigen Schrittes wieder hinab in die Stube. Offenbar hatte er sich wieder gefaßt, war er zu einem Entschlusse gekommen. Er nahm seinen langen, mit silbernen Knöpfen besetzten Rock aus dem Schrank und zog ihn an, setzte die grüne Samtkappe auf und darüber den großen, breitkrempigen Filzhut, der hinten aufgeschlagen war, nahm das lange, mit Quasten verzierte spanische Rohr in die Hand und ging hinaus durch den Garten und hinter dem Dorfe herum nach dem Walde – durch die Duschniker Vorposten durch – ernst, würdig, gravitätisch – daß sie ihn nicht aufzuhalten wagten – zu Peter Buresch. In der Tat, wie er dahinschritt durch den Wald, neu gesammelt, mit frisch zusammengeraffter Kraft nach überwundenen Stunden des dumpfsten Schmerzes, der noch in ihm nachzitterte und das bleiche Gesicht mit sanfter Röte bedeckte – lag eine gewisse Würde auf ihm, die Ehrfurcht einflößte. Nicht der verschmitzte, feine Bauernadvokat, der seine Umgebung zu benutzen wußte, war er in diesem Augenblicke; nicht den Spekulanten und Handelsmann verriet sein Gesicht – es war der Vater, der dahinging, seinen Sohn zu retten, bereit, jedes Opfer zu bringen, bereit zum schwersten: sich zu erniedrigen, zu unterhandeln mit einem Menschen, der außer dem Gesetze stand, mit einem besitzlosen Abenteurer, mit einem Wilddiebe, auf den er herabsah; ja bereit, seine Knie zu umklammern und ihn anzuflehen, das Leben seines Sohnes, den Erben seines Namens großmütig und gnädig zu verschonen – und endlich war es der Vater, der dahinging, sich den bewußten Stolz zu retten, jenen Stolz, den nur der Bauer und der Adel kennt und der den mittleren Klassen unbekannt ist, der Stolz des festen Besitzes, des Sitzens auf eigenem Grund und Boden, der auf Jahrhunderte zurückweist und hoffnungsreich und sicher Jahrhunderten entgegenblickt. Der alte Mika ging hin, seinen Majoratserben zu retten, ausgerüstet mit Aufopferungslust, mit Stolz und mit Liebe. – So war er schön und würdig anzusehen – denn aller Stolz und alles bessere und weichere Gefühl, das er jetzt in sich trug, drückte sich in jedem Schritte, in jedem Blicke, in jeder Bewegung, in der ganzen Gestalt des alten Mannes aus. Denket an Priamus, den einst stolzen, nun gebeugten und hinfälligen König, den Gemahl der »schlottrigen Königin« Hekuba, der dahingeht, den Sohn, wenn auch als Leiche, vom stolzen Peleiden zurückzufordern! Die Duschniker, durch deren Reihen er ging, grüßten den alten Mika unwillkürlich, anstatt ihn aufzuhalten. Man begreift's, daß sich die Obtschover von dem regieren lassen – sagten sie, ihm nachsehend, um sich vor sich selbst zu entschuldigen, da sie einen gewissen Respekt vor dem Feinde in sich aufsteigen fühlten. Selbst Peter Buresch stand bei seinem Herannahen vom Stein auf und ging ihm entgegen. Der alte Mika ging abseits an einen alten Steinhaufen, der von Brombeer- und Himbeerstauden bewachsen war, und setzte sich in den Schatten, und winkte Peter Buresch ein gleiches zu tun. Peter Buresch fühlte sich einen Augenblick ebenso wie jene beherrscht durch die trauernde Würde und den gedankenvollen Ernst des alten Mika, und gehorchte unwillkürlich. Mehrere Minuten saßen sie in Schweigen versunken nebeneinander; Peter niederblickend aufs Gestein und die Eidechslein beobachtend, die zu seinen Füßen hin und her schlüpften; Mika, seinen langen Stock gerade vor sich hinhaltend und das Kinn auf den Knopf gestützt, betrachtete prüfend die harten Züge seines Gegners. Doch konnte die Herrschaft, welche der Alte über den Raubschützen ausübte, nur kurze Zeit dauern. Schnell besann sich Peter Buresch und sagte sich, daß es nicht Zeit sei, vor den grauen Haaren, vor dem ernsten Gesichte seines Feindes, der offenbar mit ihm zu unterhandeln kam, allzugroßen Respekt zu haben. Er fragte sich: ist es nicht der Bauernadvokat, der vor dir sitzt? – der Freund und der Günstling der Beamten? der Schreiber und Käufer verwickelter Prozesse? – der Spitzbube, vor dem man auf jedem Pferdemarkt auf seiner Hut sein muß? der Geizhals, der in Strümpfen alte Kronentaler sammelt? Wie einen Schild gegen das Übergewicht des alten Bauernadvokaten, holte er aus dem kältesten Winkel seines Herzens das kälteste, spöttischste Lächeln hervor und schob es vor sein Gesicht, das er in einem unbewachten, schwachen Augenblicke ehrfurchtsvoll gezeigt hatte. Der alte Mika, der ihn erriet, ließ sich dadurch nicht stören und begann mit fester, gehaltener Stimme, in welcher der innere Kampf der letzten Stunden nur noch leise nachzitterte, also: Peter Buresch, du hast meinen Zdenko gefangen, als er in der unschuldigen Absicht kam, sein Schwesterlein zu holen. Ja, das tat ich! antwortete Peter kurz. Was denkst du mit Zdenko anzufangen? Was ich mit ihm und Liduschka, Eurer Tochter, anfangen werde, hängt von Euch ab, Richter Mika. Du wirst doch nicht so wahnsinnig sein, deine Kriegsartikel auf sie anwenden zu wollen? Gewiß werde ich so wahnsinnig sein. Hynek-Cölestinus, der arme Junge, den Ihr schändlich mißbraucht habt und um den es mir in meiner Seele leid tut, hat Euch gezeigt, daß ich mit meinen Kriegsartikeln Ernst mache – ich werde es um so mehr mit dem einzigen Sohne und Erben meines Feindes. Peter Buresch, fuhr der alte Mika in gleich ruhigem Tone fort, du weißt, daß ich dich in meiner Hand habe. Du weißt, daß ich weiß, daß du bayrisches Geld und bayrische Waffen bekommen hast und noch bekommst. Ich weiß es – ich weiß, daß Ihr mich in Eurer Hand habt, daß Ihr einige Kompagnien gegen mich könnt marschieren und mich hängen lassen wie einen Hund – darum ist es gut, daß ich auch Euch in meiner Hand habe und schwöre es Euch bei allem, woran Ihr glaubt, daß, sobald ich erfahre, daß Ihr den geringsten Wink nach Prag gegeben, ich meinen Wink gebe und Euer Sohn hängt am nächsten Baume. Der arme Zdenko, der schuld daran ist, daß nicht schon jetzt das hohe Landesgubernium die Anzeige in der Hand hat? – seufzte Mika und es lag ein Ton des Vorwurfs in seiner Frage. Ich weiß es, antwortete Peter, und es täte mir leid um ihn, er ist ein guter, braver Junge, aber die Sünden der Väter werden an ihren Kindern gestraft, und jeder muß sich seiner Haut wehren und bittere Rache ist süß. Der alte Mika schwieg. Ein schwerer Seufzer hob seine Brust, den er vergebens niederzuringen strebte. Er begann am ganzen Leibe zu zittern und der Stock, den er bisher, wie eine Stütze, krampfhaft umklammert hielt, entfiel seinen Händen. Er legte sein Haupt, um es zu stützen, an die Steine und glitt mit dem ganzen Körper, den er nicht mehr schien bemeistern zu können, tief hinab, so daß er gegen seinen Willen wie ein Flehender zu Füßen Peter Bureschs lag. Sein ganzer Stolz war dahin. Er breitete die zitternden Arme aus und rief: Gib mir meinen Sohn wieder und nimm mein Haus und meine Felder! Keine Axt soll mehr an euren Wald gelegt werden, das schwör' ich dir bei der heiligen Jungfrau vom heiligen Berge, und sollte ich als Bettler, verachtet und gedemütigt, von Dorf zu Dorfe ziehen, bis ich hinter irgend einer Hecke mein elendes Leben aufgebe, wie ein herrenloser Hund – nur daß der unglückselige Streit um den Wald ein Ende habe! Peter Buresch lächelte. Dein Haus, deine Felder – sprach er – kann ich nicht brauchen, ich bin der Heimatlose und will kein Eigentum, das sich an meine Ferse hänge, und um den Wald, das weißt du, handelt es sich auch nicht mehr. Auch bin ich kein Menschenverkäufer und will weder mein Leben erkaufen, noch das Leben deines Sohnes verkaufen. Er ist mir ein gutes Pfand, daß du dich nicht rührst und zum Verräter werdest an deinesgleichen bei den Beamten und Herren. Doch gibt es ein Mittel, ihn zu retten. Schließe dich uns an! Der alte Mika schüttelte traurig den Kopf. Das kann ich nicht – sagte er leise, doch entschieden, ohne sich lange zu besinnen. Schließe dich uns an – wiederholte Peter Buresch dringend – geh mit uns, alter Bauernadvokat! Sieh, ich gebe den Bauern das Vertrauen auf ihre Kraft, du, der Mann des Gesetzes, der alte Bücher liest, wirst ihnen das Vertrauen auf ihr Recht geben, das sie noch notwendiger brauchen. Was hast du zu fürchten? Mit dir gehen alle Dörfer jenseits des Waldes – so sind wir stark genug, den Anschluß der Bauern aus dem ganzen Brdywalde abzuwarten. Die geschundenen Untertanen der kaiserlichen Herrschaften im Blanskywalde werden uns mit Jubel zustürzen, und mit ihnen die Scharen von Eisenarbeitern und Kohlenbrennern der Pirglitzer und Fürstenbergischen Wälder, die ausgehungert sind, daß sie Baumrinde mahlen und Brot daraus backen. So wird es hinaufgehen bis Pleß und Joachimstal, zu den mageren Bergleuten. Wir alle haben einen Halt an Bayern, das uns den Rücken deckt – ebenso wie die Chlumetzer Bauern, aus alter Zeit unruhige Köpfe, an Preußen. Zeige ihnen nur die Schlösser mit ihren Schüttböden und die Klöster mit den verborgenen Schatzkammern und du wirst sehen, wie sie uns zustürzen zu Tausenden, unwiderstehlich und gewaltig und das alles, während die Kaiserlichen mit hundert Feinden sich zu schlagen haben. Wenn jemals eine Zeit da war, Recht und Rache zu nehmen am übermütigen Herren- und Beamtenpack oder den Blutegeln von Pfaffen, so ist es jetzt. Und haben die Bauern nicht recht? Fühlst du nicht die Notwendigkeit, alter Mika, dir auch einmal Recht und Rache zu verschaffen? Dich aller Lasten und Hudeleien abzutun? Schämst du dich nicht vor deinem Ackergaul, der sich bäumet, wenn du ihm einen Schlag zu viel gibst? Das kann ich nicht! – wiederholte Mika wie zuerst mit hängendem Kopfe, mit demselben Tone der Stimme, und mit einer Art von Stolz fügte er hinzu: Ich bin ein Mann des Gesetzes. Wenn mir ein Unrecht geschieht, setze ich mich hin und schreibe, und setze alles klar auf und mache meine Eingabe an das Amt – und wenn ich einen Bescheid bekomme, der mir nicht behagt, fange ich von vornen an, setze meine Schrift noch klarer auf, berufe mich auf die Gesetze und gehe durch die Instanzen. Es geschieht mir auch selten unrecht – denn ich stehe gut mit den Beamten und weiß mich auch an ihnen zu rächen. Ich führe auch einen Krieg – ich liege auch im ewigen Kampfe, aber immer mit dem Gesetze in der Hand, und ich gewinne mehr als die Herren und Beamten – ich arbeite nicht, ich betrüge sie, ich mache Lieferungen und bekomme zehnmal soviel von der Kaiserin zurück, als ich ihr an Steuern zahle, und die Herren und Beamten, vor denen ich mit dem Hute in der Hand stehe, sind erbärmliche Hungerleider neben dem alten Mika. – Das ist mein Krieg – sehe jeder, wie er sich helfe – jeder hat seinen Kopf – mancher nur seine Arme – doch steht jeder auf eigenen Füßen. Ein anderer Krieg – das ist wider meine Natur. – Und mit Preußen und Bayern mich einlassen, das ist gegen die Anstammung, gegen die Kaiserin, das ist wider das Recht – wir gehören den Habsburgern. Gehören? – schrie Peter Buresch, indem er aufsprang. – Angehören? – keinem Menschen gehöre ich an – erst wenn mich einer totgeschlagen, gehöre ich ihm an, früher wehre ich mich. – Und was das Recht und die Anstammung betrifft, kannst du dich beruhigen. Ich weiß, was man in Bayern weiß, von Urkundenfälschung und Diebstahl, und daß, wenn es nach der alten Geschichte von Urkunden und Erbschaften gehen sollte, wir jetzt dem Bayer angehören müßten und nicht dem Österreicher. Das sind Dinge, die wir nicht wissen können und nehmen müssen, wie man sie uns sagt, und über die wir nicht disputieren können, Peter Buresch – ich bin gekommen, dich um meinen Sohn zu bitten. Geh mit uns und du sollst ihn haben – rief Peter ungeduldig. Ich kann nicht! seufzte Mika, indem er aufstand. So sollst du auch deinen Sohn nicht haben! Hilf mir Gott! seufzte Mika – du versprichst mir aber ihn zu schonen? Solange du nicht die Anzeige nach Prag machst. Ich schwöre es dir, rief Mika. So kannst du ruhig sein, antwortete Peter – er bleibt mir nur als Unterpfand deines Schwures. Lebe wohl! sagte Mika. und ging waldeinwärts. Wie er den Rücken wandte, verwandelte sich auch der Ausdruck seines Gesichtes. Die Trauer, die Würde, der Stolz waren verschwunden – ein schlaues, boshaftes, kluges, mit sich selbst zufriedenes Lächeln bedeckte es. Ich habe dir nur geschworen, murmelte er, die Anzeige nicht nach Prag zu schicken – dummer Dieb, ich heiße nicht umsonst der Bauernadvokat! Aber seine ganze Heiterkeit gewann er erst, als er wieder in Hemdärmeln auf seiner Stube am Tische saß, die Feder in der Hand, einen großen Bogen vor sich, zu schreiben begann:   An die ehrwürdigen Väter von der heiligen Gesellschaft Jesu im Kloster zu Oborschischt. Ehrwürdige und heilige Väter! Sintemalen ich schließlich und Ergebenst gefertigter Bauer und Dorfrichter von Obtschov beides bin, ein treuer und Unterthänigster Knecht, Bauer und Unterthan Ihrer Mächtigsten Majestät der Kaiserin, als wie auch ein allergetreuester Sohn, Mündel und Knecht der Allerheiligsten Kirche und Ihrer Priester und Diener, meiner Herrn und Gebiether, als Leiter zum Seelenheil und Ewigen Leben – als welchen mich alle Beamten und Herren, so wie auch viele Attestate und Zeugnisse hinstellen und als welchen mich auch die Heiligen Väter von der Gesellschaft Jesu Nicht leugnen werden – nehme ich mir in Ersterbender Unterwerfung und Demüthiglichkeit die Erlaubniß Eure Hochwürden Eine Besondere anzeige zu machen, von einer Spetzies Facti , als welche sich seit mancher Zeit im Lande zuträgt. Eure Hochwürden Heilige Väter: Es hat sich nämlich so zu sagen ein Ereigniß aufgethan im Dorfe Duschnik und in dem ganzen Thal am Bache der Litavka, als welches Ereigniß ein wahrhaftiges Factum und Gewaltige Awanture und Felonie wenn nicht schon ist, in Baldiger Frist werden Kann und Wird. Indeme im besagten Dorfe Duschnik noch nicht besagter Peter Buresch, ein Wilddieb und Verwogener, im ganzen Böhmerwalde Verrufener Pursch, sich als Anführer nennt und nichts anderes ist, als wie ein Gottesleugner, welcher die Heilige Jungfrau vom Heiligen Berge wie alle andern heiligsten Heiligen Verachtet und auch den Weltlichen Antoritäten, Magistraten, Richtern, Beamten, Herrschaften bis auf die Höchste Kaiserin hinauf nicht den geziemenden, schuldigen, Ersterbenden Respekt beweist, Sondern vielmehre wie die Heiligen Diener der Kirche ebenfalls verachtet und despektirt als Nicht ziemlich ist und gesetzlich – ja und endlich sich sogar zur Uiberfülle mit dem Feinde Ihrer Majestät der Kaiserin verbunden, mit dem Churfürsten von Baiern Gnaden zum Zweck und Mittel einen Gewaltigen Krieg und Aufruhr sammt Rebellion im Böhmerlande zu Erregen als man seit Zizkas Zeiten nicht gesehen, ebenfalls die Klöster und heiligen Kirchen zu Zerstören, Güter unter tummes Pauernvolk zu vertheilen, wie schon alles in alten Zeiten da gewesen, von den Herrschaften zu befreien, wozu Alles benamster Peter Buresch bairisches Geld in Hülle und bairische Waffen in Fülle gewißlich erhalten hat, was ich Alles durch Eid und Zeugen und durch den Duschniker praven Pauern und Angesessenen Martin Kinnich eidlich niederlegen als auch beichten kann, nach Eur Hochwürden Wunsch, Befehl Ermessen oder begehren. Denn es ist sothanes Ereigniß mehr denn als eine gewöhnliche Pauernprügelei und hat schon viele junge Leben dahingerafft, gleich wie in einem wahrhaftigen Kriege auf Befehl Peter Bureschs durch Blei, Strick und Gefangennehmung. Nicht kann ich verschweigen, daß ganz sicherliche Nachrichten besagen wie viel benamster Peter Buresch die Helviten und Verspotter Unserer Heiligen Religion aus dem Dorfe Ribnik, in der Nähe vom Kloster Eur Hochwürden hat allenfalls und gleichmäßig Aufgefordert mit ihm zu ziehen und zu rauben, was sie wahrscheinlichst befolgen werden, ich aber nicht bestimmt weiß. Dieses Alles habe ich klar Aufgesetzt zu Euer Hochwürden der Heiligen Väter gnädigen, weisen und Heiligen Ermessen und Beachtung, was Sie damit anfangen wollen, ob Beachten oder Verwerfen nach Ihrer Weisheit und göttlicher Einsicht uns zu bewahren vor der Strafe, oder Hinzugeben als sündige menschen der Geißel welche uns und unseren Herrschaften und Glauben heraufzieht als eine schwarze Wolke, wie es sich geziemt und es Pflicht für einen Treuen Diener Ihrer Majestät und einen frommen Knecht der Kirche als welcher ich sterben werde Martin Wenzeslaus Mika Dorfrichter von Obtschov. Über diese Arbeit war es Abend und dunkel geworden. Doch trotz der Dunkelheit saß der Bauernadvokat noch lange da und betrachtete mit selbstgefälligem Lächeln den großen beschriebenen Bogen, schob ihn weit von sich, um ihn aus der Ferne zu bewundern, oder hielt ihn nahe vor die Augen, um ihn genau zu prüfen, und freute sich, wie schön sich die ausgemalten Anfangsbuchstaben und wie würdig sich die Schrift im ganzen ausnahm. Hinter dieser kleinen Eitelkeit des Schönschreibers versteckt aber lag der Stolz des Advokaten, der Stolz auf seine Klugheit. Wie vorsichtig und wie aufreizend zugleich hatte er nicht alles angedeutet, was er andeuten wollte; wie klug hob er alles hervor, was die Brüder Jesuiten aufbringen mußte, und wie klug vor allem stellte er sich selbst als loyalen Untertan und frommen Christen hin! Der klügste von allen aber war der Urgedanke, sich an die Jesuiten zu wenden. Sie werden mit einem Worte schneller eine Prager Kolonne in Bewegung setzen, als er, der arme Dorfrichter, es mit hundert Anzeigen, Eingaben und Bittschriften vermocht hätte! Ihr Einfluß begann zwar, wie man allgemein wußte, bei Hofe und Regierung etwas abzunehmen, aber mit desto größerem Eifer werden sie eine Gelegenheit ergreifen, sich der Regierung ergeben zu beweisen – sich als die Hüter der Ruhe und Ordnung hinzustellen; und mit welcher Geschicklichkeit werden sie aus der Duschniker Maus von einem Aufstande einen Elefanten von Bauernrebellion machen! So meditierte Mika, solange er noch einen Buchstaben seiner Schrift sehen konnte, dann stand er auf, um den Kantor zu holen, den er ausersehen hatte, ihn als seinen Gesandten mit der Schrift nach Oborschischt zu schicken. Der trat eben ein, aber verdrießlich aufgeregt. Da sitzest du, unser Richter, rief er grollend, und weißt nicht, was da draußen vorgeht und welche neue Gefahren sich über unserem Haupte zusammenziehen. Die Helviten, die Ribniker Ketzer, marschieren wirklich und sind die Bundesgenossen von Peter Buresch. Sie haben sich Waffen verschafft und rückten heute plötzlich vor das Oborschischter Kloster, um Gott weiß welche kirchenschänderischen Geschichten auszuführen. Zum Glück hatten die heiligen Väter Jesuiten den gerechten Geruch und besetzten das Kloster noch zur guten Zeit mit den Oborschischter Bauern und jagten die Ketzer zurück. Das ist ja gut! sagte Mika, der daran dachte, daß nun seine Schrift doppelten Glauben finden werde, und sich freute, daß die Jesuiten mit in den Handel gezogen, zu seinen unfreiwilligen Bundesgenossen gemacht seien. Ja. es wäre gut – fuhr der Kantor fort, wenn sich die Ketzer nicht zwischen dort und Obtschov gelagert hätten, um sich mit dem Ungarmichel auf dem Meierhof zu vereinigen und mit ihm vereinigt das Kloster zu stürmen, und dann mit Feuer und Schwert gegen uns und unsere Freunde zu wüten. Das ist nur darum traurig, antwortete Mika nachdenklich, weil wir nun vom Kloster abgeschnitten sind und mein Brief schwerer dahin gelangen wird. Du wirst einen großen Umweg über Liha und die Bukowaer Wälder machen müssen. Ich? – rief der Kantor erschrocken – die heilige Jungfrau bewahre mich! Wenn sie mich erwischen, hängen sie mich gewiß. Jedes Kind kennt mich in der Gegend und wenn sie mich sehen, wissen sie gleich, daß es sich um was Wichtiges handelt, und fangen mich auf, und weil ich so halb und halb auch ein Diener der heiligen katholischen Kirche bin, hängen sie mich gewiß. Nein, Richter, ich gehe nicht. Nun, wen soll ich denn schicken? – Es ist Gefahr im Verzug – der Brief muß noch heute fort. Irgend einen unschuldigen, unverfänglichen Menschen, dem man es nicht zutraut, daß er vom Bauernadvokaten an die Jesuiten geschickt wird. – Halt – sieh da! rief plötzlich wie über einen guten Gedanken erfreut der Kantor, dort sitzt dein Bote und kaut eine Rübe. Er deutete mit der Hand hinaus auf eine Hausschwelle mitten im Dorfe, wo vom Monde beschienen der tolle Honsik saß und ruhig im Bereiche der Flinten des Ungarmichels sein einfaches Abendmahl zu sich nahm. Siehst du, fuhr der Kantor fort, wie er jetzt so ruhig dasitzt, während kein anderer Mensch sich hinauswagt und es den Duschnikern im Meierhofe nicht einfällt, ihn zu stören? Ebenso ungefährdet kann der mitten durch die Ketzer gehen. Den hält kein Mensch auf, denn keinem Menschen fällt es ein, daß er was Vernünftiges zu verrichten habe. Der alte Mika lächelte schmerzlich. Sollte er seine so weise Schrift einem Wahnsinnigen anvertrauen? Seine so wichtige Unterhandlung mit dem mächtigsten Orden der Welt durch einen solchen Boten so sehr herabwürdigen? Aber er würdigte die Gründe des Kantors und fügte sich der Notwendigkeit. Der Brief war bald gefaltet und mit einem großen Siegel und dicker Aufschrift versehen und der tolle Honsik war bald instruiert. Er lächelte blödsinnig zu allem und schüttelte den Kopf, was Verständnis bedeuten sollte, und machte einen großen Freudensprung und jauchzte, als man ihm ein köstliches Frühstück im Refektorium in Aussicht stellte. Was waren dagegen alle Gefahren, vor denen man ihn warnte! – er lachte toll auf, wenn man ihm von Hängen sprach. Die Hundstage waren ja nahe und es begann zu kochen und zu gären in seinem Gehirn. Die verborgenen und versteckten Umwege, die man ihm empfahl, kannte er alle und versprach murmelnd ihnen zu folgen. Er schob den dicken Brief unter das Hemde und eilte über Hecken und Umzäunungen davon. Die Duschniker im Meierhofe, die ihn so dahinlaufen und springen sahen, sagten: der tolle Honsik beginnt schon seine Wanderungen, wir werden bald sehr heiße Tage bekommen. In derselben nächtigen Stunde läuft auf denselben nächtigen und verborgenen Wegen, oder vielmehr kreuzt sie ein anderer, holderer, schönerer Bote – wenn er etwas flinker ist als der tolle Honsik, so begegnen sie sich gewiß, was gefährlich werden könnte. Nun so werden sie sich begegnen, denn der andere, schönere, holdere Bote schwebt dahin wie ein Luftgeist – kaum daß sich die Gräser unter seinen Füßen neigen; die Gebüsche, durch die er schlüpft, säuseln nur, als ob sie ein Vogel im Fluge mit seinem schwachen Flügel gestreift hätte. Es ist. als ob der schönere Bote an den Mondstrahlen hinlaufe, angezogen von ihren magischen Kräften, während sich der andere wie ein Eber ebenfalls eilig und schnell, aber plump durch das Dickicht arbeitet. – Wer kann laufen wie Lunetta? Sie ist der Bote Peter Bureschs und läuft dahin, um den Ketzern, die unfern dem Kloster lagern, zu sagen: »Seid brav, Brüder Ribniker! Morgen muß das Kloster genommen sein, denn es ist ein fester Punkt, und wir haben dann drei feste Punkte: den Meierhof, das Kloster – und ich selbst nehme in derselben Nacht das hochgelegene Schloß von Hlubosch trotz der fürstlichen Leibwache. Wir beherrschen dann den ganzen Wald und strecken unsere Hand aus über die Schlösser von Ginetz, Horschowitz usw. und über alle Klöster des weiten Brdy- und Blanskywaldes. Beeilet euch, denn der Verrat hängt über unsern Häuptern! Was ihr im Kloster erbeutet, gehöret euch, und die Kirche, die man euch in Ribnik zu bauen verwehrt, wird sich aus katholischem Klingelbeutel gut aufführen lassen. In drei Tagen vereinigen wir uns!« Lunetta wiederholt sich die Botschaft ihres Herrn und Meisters, um ja keine Silbe zu vergessen, und so murmelnd läuft sie immer weiter. Wie sie aber bei Dol über eine Hecke setzt, will eben von der andern Seite wieder einer herüber. Im Sprunge sehen sich die beiden an und erkennen einander. Lunetta erschrickt – sie hat eben die Worte wiederholt: Verrat hängt über unsern Häuptern. Der tolle Honsik lächelt. Er weiß sehr wohl, daß Lunetta zu Peter Buresch gehört, auch daß sie sein Spion ist – wie er von seinen Streifereien überhaupt vieles weiß – er wußte es schon, als Lunetta im Dorfe war, aber er sagte nichts, weil er überhaupt nichts sagt. Er sagt auch jetzt nichts und eilt dem Befehle gemäß weiter. Nach einigen Sprüngen schlägt er eine wilde Lache auf und sieht sich nach Lunetta um, die ihrerseits auch ihm nachsieht. Der tolle Honsik kann nicht umhin – Ha. ha! lacht er noch einmal und mit triumphierender Schadenfreude hebt er mit der einen Hand hoch einen Brief empor und droht mit der andern. Dann läuft er wieder weiter. Lunetta ahnt nichts Gutes. Sie sieht ihm nach und überzeugt sich, daß er gegen das Kloster zu läuft. Schnell entschlossen ihm nach – mit wenigen Sätzen über Hecken, Gesträuch und Feldraine hat sie ihn erreicht. Wohin eilst du, toller Honsik? fragte sie gebieterisch. Klosterfrühstück! wiehert der tolle Honsik. Lunetta springt ihn an wie eine wilde Katze und faßt nach dem Briefe. Entreißt sie ihn dem tollen Boten, so wird sie zu fliehen wissen – und der Arme ist um sein Klosterfrühstück. Aber ein gewaltiger Faustschlag auf die Brust wirft sie zurück ins Gebüsch, wo sie regungslos liegen bleibt. Neuntes Kapitel. Mit welch gleichmäßiger Klugheit haben die heiligen Brüder von der Gesellschaft Jesu überall ihre Behausungen gebaut! Jedes Kloster eine kleine Festung, von geistigen und steinernen Mauern umgeben. Jedes Kloster ein regelmäßiges rechtwinkeliges Viereck, dessen drei Seiten vom Wohngebäude gebildet sind, an welches sich als vierte Seite die Kirche anschließt. Der innere festgeschlossene viereckige Raum, der so entsteht, ist in einen Garten umgewandelt, auf welchen nur die Fenster der inneren langen, dunkeln, geheimnisvollen Gänge blicken und der jedes profane Auge ausschließt. Ein solcher Raum, ein solcher Garten ist notwendig. Dann kommt der scheinbar nicht notwendige Garten, der bloß der Obstzucht wegen da zu sein vorgibt und sich fast rings um das ganze Kloster zieht. Aber seine Mauern sind hoch, fest und sicher. Die Mauern endigen auf der einen Seite vor der Pforte des Klosters, auf der andern vor der Kirchenfassade, welche stolz und herausfordernd in die weltliche Welt hinausblickt. Aber vor der Klosterpforte ist noch durch Mauern ein Hof gebildet, welcher, wenn es not tut, auch durch ein Tor geschlossen werden kann. Nur der Raum vor der Kirchenfassade, mit den stolzen, breiten, hohen Kirchentreppen, ist frei. Die Heiligen in den Nischen und auf dem Steingeländer der Treppe sind ganz gute Schildwachen. Die äußere Gartenmauer ist womöglich noch von einem Flusse oder Teiche auf einer oder zwei Seiten bespült. Das ist ein Zufall, daß das Kloster just da am Wasser und nicht anderswo gebaut ist. Auch ist es ein Zufall, wenn es mit dem Hinterteil an irgendeinem steilen Abhange steht, wie eine alte Burg, was man gewöhnlich nicht bemerkt, wenn man es da ansieht, wo es zur Ansicht herausfordert, an der vorderen Seite. Außerdem liebt es die eine Seite, die nicht vom Wasser bespült ist oder nicht auf einem steilen Abhange steht, ins leere Nichts hinaus zu sehen, wo weder Dorf- noch Stadthäuser stehen, kurz, wo man ganz unbeobachtet ist, oder gar wo sich ein Gehölz, ein Wald, ein Gebüsch anschließt. Da ist gewöhnlich eine kleine unscheinbare Pforte angebracht, von der es heißt, daß sie fast nie geöffnet wird. Durch diese Pforte können Besuche einkehren, weltliche und geistliche, können Boten abgeschickt und empfangen werden, ohne daß es eine Seele im Dorfe oder in der Stadt nur ahnet. So ist jedes Jesuitenkloster, wie wir sagten, eine kleine Festung, die zwar keine lange Belagerung aushalten, aber einen möglichen Feind doch wenigstens so lange aufhalten kann, bis man Bücher, Papiere, Schätze oder andere dem weltlichen Auge nicht gut tuende Dinge entfernt hat. So war auch das Jesuitenkloster von Oborschischt gebaut. Es hatte zwar keinen Fluß, aber auf der rechten Seite einen großen breiten Teich, um die Fische darin zu erhalten, die man doch an den vielen Fasttagen braucht – und hatte keinen Abhang, sondern einen kleinen Wald, der sich rückwärts dicht an die Gartenmauer anschloß, und eine Kirchenfassade, die glänzend, bunt, von heiligen Bildern dicht besetzt, mit vergoldeten Nimbusstrahlen und einer hohen, breiten, weißen Treppe weit hinaus glänzt ins christliche Land. Auf all den Herrlichkeiten von Heiligenbildern, Nimbussen, Säulen und Säulchen, gemalten und ungemalten kleinen achteckigen, bleieingefaßten Scheiben, aus denen die hohen runden Fenster bestanden, spielten vergoldend die Morgensonnenstrahlen, daß die Kirchenfassade aussah wie eine große, künstlich gearbeitete Goldmonstranz, die der Pfaffe vor sich herträgt am Fronleichnamstage. Drin brummte die Orgel und tönte das Glöckchen des Ministranten, denn die heiligen Väter Jesuiten ließen sich durch den ketzerischen Feind nicht stören in ihren frommen Verrichtungen. – Übrigens hatte sich der ketzerische Feind jenseits eines Gehölzes bis gegen Langlhota, ungefähr eine Stunde weit gegen Obtschov zurückgezogen, und das Kloster war von gläubigen Bauern besetzt. Die Frühmesse war zu Ende, die Gläubigen verließen die Kirche, Weiber und Kinder bekreuzten sich und gingen mit Verachtung an der Gestalt vorüber, die draußen auf der Treppe lag, denn die Gestalt war eine Zigeunerin, war Lunetta. Sie hatte ihren Auftrag bei den Ribniker Helviten bestellt und folgte dann ihrem klugen Instinkte zum Kloster, um zu sehen, ob sie nicht hier Peter Buresch und seinen Verbündeten, den Helviten, nützen könne, denn Peter Buresch hatte ihr aufgetragen, zu tun, was sie für gut halte und, wenn nötig, auch ein wenig zu spionieren. So lag sie da, ermüdet von der nächtlichen Wanderung und dem Kampfe mit dem tollen Honsik und doch wachsam und aufmerksam, sozusagen mit einem schlafenden, einem wachenden Auge, die Gelegenheit zum Handeln erwartend. Man hatte ihr den langen, hageren, bleichen und schönen Pater Quirinus bezeichnet als den Mann, der bei dem hohen Alter des Superiors des größten Ansehens im Kloster genieße und dessen Angelegenheiten leite. Wenn es ihr nur gelänge, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen! Ein Blick in die Kirche sagte ihr, daß er eben die Messe zelebrierte. Warte, bis er vielleicht herauskommt! Der letzte Gläubige war eben die Treppe hinabgegangen. Lunetta streckte sich auf eine der mittleren Stufen hin, zog den einen kleinen im roten Pantöffelchen steckenden Fuß zurück, zeigte aber den andern um so deutlicher, indem sie ihn die Stufe hinabhängen und seine schöne volle, doch zarte Form sehen ließ, was das kurze Söckchen nicht verhinderte. Dann schob sie das Tuch vom Kopfe, ließ die dicken schwarzen Locken herabhängen, legte beide Hände unter den Nacken und tat, als ob sie schliefe, unbekümmert um die Sonnenstrahlen, die ihre blassen braunen Wangen mit einem sanften Rot überzogen und auf den feinen schwarzen Brauen glänzten. So erwartete sie den schönen, hageren Pater Quirinus. Er ließ nicht lange auf sich warten. Lunetta hörte deutlich, wie die lange Kutte das Schiff der Kirche entlang schlürfte und sich näherte. Er muß in tiefe Gedanken versenkt einhergegangen sein, denn er merkte das Hindernis nicht, das ihm im Wege lag und trat gerade auf die Hand, die sich ihm entgegenstreckte, während die Schlafende sich eben umwendete – wobei ihr ganzer Leib einer ringelnden Schlange oder einer sanften Welle glich. Erschrocken sprang der Pater Quirinus zurück. Aber die Zigeunerin muß sehr schlaftrunken sein, denn sie merkt gar nichts, holt tief Atem, wobei sich ihre schöne Brust so gewaltig hebt, daß sie das dünne Samtleibchen zu sprengen droht, und schläft weiter. Überrascht sieht Quirinus auf die Erscheinung nieder. Wie schön ist sie! Er kann den Blick nicht von ihr wenden. Er sieht sich um, er ist allein. Sachte schiebt er mit dem Fuß das Ende des Tuches zurück, das das halbe Gesicht Lunettas verdeckt. – Welche liebliche, kindliche Ruhe – welche Brauen, welche Locken! – So steht er einige Minuten. Dann plötzlich wendet er sich – er will durch die Kirche und Sakristei auf seine Zelle zurück. Aber noch einmal möchte er die langen Wimpern sehen, die sich auf den blassen Wangen so schön abzeichnen. Pater Quirinus malt in seinen Mußestunden und will sich den Effekt merken. Aber während er sich abgewendet, hatte die Schlafende wieder das Tuch über das Gesicht geworfen – der Pater versucht es wieder mit dem Fuße. Es geht nicht, die Schläferin hatte sich zu fest verhüllt. Er muß sich bücken und es mit der Hand versuchen. Da erwacht die Zigeunerin. Rasch erhebt sie den Oberleib, reibt sich die Augen und blickt lächelnd zum erschrockenen Pater auf. Er hat sich schnell gefaßt und eine strenge Miene vor sein Gesicht geschoben. Lunetta läßt sich nicht stören, blickt immer schelmischer und beginnt zu kichern, während sie ihre Kleider in Ordnung zu bringen sucht und ihr Kopftuch mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit wie einen Turban ums Haupt windet. Im schönen blassen Pater Quirinus beginnt es zu kochen. Doch bleibt er ruhig und streng. Er steckt die rechte Hand in die Brustfalte der Kutte und beißt sich die Lippen, ohne von Lunetta nur einen Blick wegzuwenden. Nach einer langen Pause erst fragt er mit fester Stimme: Wer bist du? Eine arme Zigeunerin, wie Ihr seht, ehrwürdiger Herr! Und du läufst so allein in der Welt herum, ohne Mutter und Brüder? Ganz allein, frei wie der Vogel in der Luft – ohne Mutter und Brüder. Wie wagst du es, unglückselige Heidin, dich so ehrfurchtslos hierher zu lagern vor die heilige Kirche? Eine unglückselige Heidin? – Ei, hochwürdigster Herr, ich bin eine ganz richtige gute Christin. Du bist getauft? Allerdings und von einem schönen, jungen Pater Jesuiten, der auf Befehl Ihrer Majestät der Kaiserin auf der Debrecziner Pusta in Ungarn umherzog, um unglückselige, heidnische Zigeuner zu bekehren. Bei euch unglücklichen Zikani ist selbst die Kraft der heiligen Taufe oft verloren, und auch du scheinst mir eine schlechte Christin. Prüfet mich, ehrwürdiger Herr, fraget mich aus, und wenn ich nicht das Paternoster und Ave Maria und den Katechismus auf ein Pünktchen auswendig weiß, so will ich von jetzt bis Ostern kein Huhn wieder stehlen. Der Pater Quirinus versank in einiges Nachdenken. Scharf prüfend sah er die Zigeunerin an, als ob er mit seinen Blicken ihre innersten Gedanken durchdringen wollte. Immer wollte er sprechen, immer hielt er wieder inne. Lunetta blickte immer schelmischer, kicherte wieder und verhüllte ihr Gesicht mit beiden Händen. So sprach sie halb leise vor sich hin: Ja, hochwürdiger Herr, prüfet mich – Ihr seid ein so schöner hochwürdiger Herr, daß ich alles Vertrauen zu Euch habe. Schweig! rief der Pater Quirinus – aber bald fügte er hinzu: Nun gut, so folge mir, ich will dich auf die Probe stellen. Und so eilte er, ohne Lunetta weiter anzusehen, mit großen Schritten über den Hof der Klosterpforte zu. Lunetta hüpfend und schwebend ihm nach. Pater Quirinus zog einen Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn sachte in das Schlüsselloch, sichtbar behutsam und vorsichtig. Doch hörte es der aufmerksame Pater Pförtner, der kleine, dicke, glatzköpfige Pater Procopius und eilte hinaus, selbst zu öffnen. Ein weinstrahlendes, gutmütiges, unschädliches Mondgesicht. Quirinus stampfte verdrießlich mit dem Fuße. Wen habt Ihr da? – rief der Pater Pförtner verwundert. Einen Sack voll Wenigkeiten für Eure Chronik, rief schnell gefaßt Quirinus, indem er auf die Zigeunerin zeigte. Wie gütig seid Ihr, sagte der Pater Procopius, Ihr sorget immer für mich, denn Ihr seid weise und sehet ein, wie notwendig es ist für Mit- und Nachwelt, daß jedes Kloster seine Chronik und die Chronik der Umgegend schreibe. Unser Orden war ja immer die Heimat aller Wissenschaften. Was würde aus der Geschichte ohne Klosterchronik! Unser heiliger Orden hat der Welt schon große Theologen und Philosophen gegeben, wie Mariana, und Dichter wie Baldus, oder wie der Barde Sined, der eben jetzt zu unserem Ruhme und Preise blüht – die Welt soll unserem Orden auch einen großen Chronikenschreiber verdanken! Ihr wißt es, daß ich nur aus Liebe für die Chronikschreiberei den demütigen Posten eines Pförtners angenommen habe, der ich doch Kellermeister oder Archivar sein könnte, nur weil man an der Pforte, zwischen der profanen und geistlichen Welt sitzend, alles besser erfährt, was die Menschen tun und treiben, und was einmal vortreffliche Geschichtsquellen gibt. Der Chronist wollte sich eben an Lunetta wenden, um sie auszufragen, als sie wie überrascht ausrief: War das nicht der tolle Honsik, der eben Holz in die Küche getragen hat? Also ist er glücklich angekommen mit seinem Briefe vom alten Mika? Was weißt du davon? – fragte Quirinus erstaunt. Komme ich doch eben aus Obtschov, antwortete Lunetta, wo ich beim Richter übernachtet habe. Der alte Mika ist sehr besorgt, ob sein Brief richtig angekommen, oder ob er von den Ribnikern aufgefangen worden ist. Zigeunerin, sagte er zu mir, suche soviel als möglich darüber zu erfahren und bringe mir Antwort. Du bist unverdächtig und kommst als Zigeunerin überall durch, während der tolle Honsik sich am Tage nicht zurückwagen kann. Gut, sagte Quirinus, folge mir. Ich muß mit dir darüber sprechen – fügte er laut hinzu – Bruder Procopius, ich schicke dir sie in einigen Minuten wieder herunter. Sie gingen die Treppe hinauf, am großen Kruzifix vorbei und durch einen langen Korridor. Unglücklicherweise rief eben die Glocke ins Refektorium zum Frühstück. Aus allen Zellen kamen die Mönche hervor und sahen erstaunt oder lächelnd den Bruder Quirinus und seine Begleiterin an. Bruder Quirinus machte ein verdrießliches Gesicht, das sich auch nicht veränderte, als er mit Lunetta allein war in seiner Zelle. Du mußt sogleich wieder fort, denn ich muß ins Refektorium. Aber der alte Mika? Hast du nicht gelogen in allem, was du von ihm sagtest? Gelogen? – rief Lunetta verwundert – seid Ihr nicht jetzt wie mein Beichtvater, mein schöner Beichtvater, und ich werde lügen? Das Gesicht des Mönches heiterte sich plötzlich auf. Ein tiefer Seufzer hob seine Brust, ein milder Zug, von einer gewissen Sehnsucht melancholisch angehaucht, umzog seinen Mund, während die Augen glühend auf Lunetta ruhten. Gutes Kind, murmelte er – den Brief vom alten Mika – er nahm ein Papier vom Tische und trug es zu einem Schranke, wo er es sorglich verschloß – aufmerksam folgte ihm Lunetta, und merkte sich wohl das Schiebfach, in das er den Brief legte – den Brief vom alten Mika habe ich erhalten. Sage ihm, der Bote gehe schon heute oder spätestens morgen nach Prag ab. Ich werde es wohl ausrichten, mein ehrwürdiger Vater. Aber du mußt wiederkommen und mir sagen, ob der alte Mika nichts mehr zu bestellen hat – sagte Quirinus lächelnd, indem er sich Lunetta näherte und beide Hände zitternd auf ihre dicken Locken legte. Auch muß ich dich noch katechisieren – fügte er lächelnd hinzu. Jawohl! – antwortete Lunetta mit undurchdringlicher Einfalt. Sei nicht närrisch! – murmelte Quirinus und drückte den schönen Kopf an seine Brust. – Du bist so hold, so mild, so schön – wie liebe ich die Heiden! Die Heiden? fragte Lunetta. Ja, die Heiden! rief Quirinus. Fort, und heute nacht, um Mitternacht kommst du wieder, um mir Antwort zu sagen vom alten Mika und nebenbei, was die Ribniker zu tun gedenken, wenn du etwas davon erfährst. – Auch wenn du nichts erfährst und der alte Mika dir gar nichts zu sagen hat – du wirst durch die hintere Pforte am Walde hereingelassen. Schlag zwölf wird sich die Türe auftun, und ich werde dich erwarten. So, hastig sprechend, drängte sie Quirinus zur Türe hinaus, und eilte mit schnellen Schritten hinab ins Refektorium, während Lunetta unten vom Pfaffen Procopius, dem Chronikenschreiber, aufgefangen wurde. Halt da, kleine Hexe! – rief er – du entgehst mir nicht. Nicht eher tue ich dir die Türe auf, als bis du aufs kleinste erzählt, was du in Obtschov und Duschnik gesehen hast, wieviele sie schon totgeschlagen haben, wie der Teufelsbursche, der Peter Puresch aussieht, welche Pläne er hat, welche dummen Sagen sich die Bauern von ihm erzählen usw. usw. Ihr Zigeuner seid ja die verfluchtesten Spione und wißt immer am besten, was in der Welt vorgeht. Er führte Lunetta in seine Zelle hart an der Eingangspforte, auf die er durch ein kleines Fensterlein blickte, nahm eine Feder in die Hand, und setzte sich vor ein großes Buch, das weißblättrig vor ihm auf dem Tische aufgeschlagen war, und machte sich bereit zu schreiben. Lunetta nahm sich vor, dem frommen Pater Chronisten mancherlei aufzubinden, ohne sich lange aufhalten zu lassen, und begann kurz und geläufig zu erzählen: Peter Buresch ist ein zwei Klafter hoher Mann, der so lange Arme hat, daß er einen Stein aufheben kann, ohne sich zu bücken. Man sagt, er habe am Hinterkopf unter dem Haar versteckt noch ein Auge, womit er sehen kann, was hinter ihm vorgeht. Ich weiß nicht. ob es wahr ist, aber das weiß ich, daß er nach hinten ebensogut schießt wie nach vornen, und niemals fehlt. Das kann freilich auch von den verzauberten Kugeln kommen, die er sich in der Türkei geholt haben soll. Schöne, liebliche Sagen, murmelte lächelnd Pater Procopius, während er sich bemühte, alles genau aufzuschreiben – schöne liebliche Sagen, volksbeliebte Übertreibungen, die sich in einer Chronik ganz gut ausnehmen; taugen gar nichts als Quellen für den Geschichtschreiber, sind aber sehr charakteristisch. Was weißt du weiter, liebes Kind? Peter Buresch soll sich dem Teufel verschrieben haben. Das ist gewöhnlich, ist nicht neu und versteht sich fast von selbsten, sagte der Chronist. Was weißt du von seinen Gefechten? Nichts, als daß er drein geht, als ob er kugelfest wäre. Und von seinen Plänen? fragte Procopius immer weiter schreibend. Daß er die Armen reich und alle Bauern frei machen will. Der Dummkopf! lächelte der Pater – weiter, weiter! Weiter weiß ich nichts, auch muß ich jetzt fort mit Aufträgen vom Pater Quirinus; aber wenn Ihr mir erlaubt wiederzukommen, hochwürdiger Herr, so verspreche ich Euch so viele Geschichten über die Duschniker und Obtschover mitzubringen, daß Ihr ein ganzes Buch damit vollschreiben könnt. Du bist ein gutes Kind, sagte Procopius, komme so oft du willst und kannst, ich will dich auch für deine Mühe belohnen und dir einen Rosenkranz schenken, den der heilige Vater selbst geweiht hat. Komm morgen um diese Zeit wieder. Das wird wohl nicht gehen, ehrwürdiger Vater, die ganze Gegend ist von den Ribnikern überschwemmt, und die könnten leicht bemerken, daß ich zu oft ins Kloster komme. Aber heute nacht will ich wiederkommen. Kind, Kind! wo denkst du hin, rief der ehrwürdige Pater, wie kann ich ein weibliches Wesen in der Nacht ins Kloster lassen und gar durch die Haupttür? das ist gegen alle Regel! Ihr lasset mich nicht zu Euch, Ihr lasset mich zum Pater Quirinus, dem ich Botschaft zu bringen habe – sagte Lunetta beruhigend. Zum Pater Quirinus, das ist was anderes, der ist soviel wie unser Superior und kann alles erlauben. Und in Kriegszeiten ist alles erlaubt – fügte Lunetta hinzu. Ja, ist alles erlaubt – wiederholte Pater Procopius noch immer bedenklich und öffnete Lunetta die Türe und widersprach nicht, als sie hinaushüpfend noch zurückrief: Also heute nacht, um Mitternacht, poche ich mit tausend Neuigkeiten an diese Türe! Tausend Neuigkeiten! murmelte der Pater – was sind die Zigeuner so brauchbare Leute! – Schade, daß sie haufenweise getauft werden, sie werden, fürchte ich, dadurch wie andere Leute, ungeschickt und unbrauchbar. Die arme Zigeunerin hatte an dem Tage viel zu tun und zu laufen. Zuerst lief sie auf großen Umwegen, um nicht von Oborschischt aus bemerkt zu werden, zu den Ribnikern, um ihnen zu sagen. daß sie sich für heute nacht bereit halten sollen, daß sie einzelne Leute über Oborschischt hinaus auf die Prager Straße schicken, um den Boten aufzufangen, der etwa von den Jesuiten an die Regierung geschickt werden könnte, daß sie tun, als ob sie den Plan auf Oborschischt aufgegeben und sich auf Obtschov zurückzögen, um sich mit dem Ungarmichel zu vereinigen. Dann lief sie wieder den weiten, weiten Weg nach Hlubosch, wo sie Peter Buresch schon im Schlosse der Fürsten Schönborn zu finden hoffte, sie hatte ja die halbe Nacht von dort feuern gehört. Sie täuschte sich nicht – schon von ferne sah sie die Wachen ihres Herrn und Meisters vor dem Dorfe ausgestellt, vom Turme wehte die Fahne, die sich die Duschniker gemacht hatten: auf rotem Felde grob gemalt ein mächtiger Dreschflegel und rings herum die Inschrift: »Gleiche Schläge und gleiche Frucht!« Es war ein harter Kampf, den Peter Buresch hier zu bestehen hatte. Der Fürst Schönborn, obwohl er selbst längst vor den Bauern und Franzosen geflohen war, hatte doch seine Leibgarde, das Zeichen seiner Fürstlichkeit, hier im Schlosse zurückgelassen, um es zu bewachen, denn er liebte es wie seinen Augapfel. Er hatte es auch zu einem wahren Zauberschlosse umgewandelt, nach dem Geschmacke der damaligen Zeit. Es war voll von wunderbaren Maschinen, unsichtbaren Türen, die nur der Eingeweihte zu öffnen verstand, geheimen Gängen, fliegenden Treppen, Falltüren, Wasserkünsten, Bächen, die mitten durch Saal und Schlafgemach murmelnd zogen; ein See und Bäder hoch oben im dritten Stock; mitten im Schlosse, wo man einen Saal zu finden hoffte, eine wilde Felsengegend mit Schluchten und Abgründen, Wasserfällen und Quellen. Gleich daneben, nur durch eine durchbrochene Grotte getrennt, ein paradiesischer Garten aus Asien mit Palmen, Kaktus und Lotos. Das alles von wunderbarer unerklärlicher Musik durchweht, wenn man unversehens auf eine kaum bemerkbare Feder trat oder diese und jene Blume berührte, oder sich in diese oder jene Laube setzte. Draußen im Garten von Baum zu Baum Saiten gespannt, die der Wind durchbebte, melancholische Töne hauchend. – Unter Schloß und Garten, wo man Keller suchte, geheimnisvolle Gemächer mit Altären, Vorhängen und allerlei Zieraten aus Ägypten und mit den Handwerkszeichen des Maurers, Kelle, Hammer, Zirkel, Blei und Winkelwaage, über den Türen das Dreieck, das Symbol der Gleichheit, das sich allerdings in Gestalt und Absicht sehr unterschied von dem Zeichen der Gleichheit auf der Fahne der Duschniker Bauern. Die Bauern hatten viel zu sehen und zu staunen. Dort saßen sie in dem großen gewölbten Saal im Garten und lachten und wunderten sich, wie man an dem einen Ende ganz deutlich hörte, was man am andern Ende nur leise flüsterte. Der Schloßverwalter mußte alle Wasserkünste springen lassen und sie badeten in den Seen, Bächen und Bassins unter Palmen, Lotos und Kaktus. Ebenso mußte der Schloßverwalter die unsichtbare Musik spielen lassen in allen Sälen und Türmen auf einmal – die Uhren spielten, die Mauern spielten, die Wasserfälle, Bäume, Blumen spielten, alles toll durcheinander: Kirchenmusik, Gavotte, italienische Opernarien – ungehört verhauchten dazwischen die Äolsharfen und die Saiten zwischen den Bäumen des Gartens ihre sanften, melancholischen Klagetöne. Aber man gewöhnt sich an alles. Hinter den Isistempeln unter dem Schlosse wurden endlich auch die Keller entdeckt, wo der Fürst seine Weine aus Franken aufbewahrte, und so lag man da im Felsensaale, im asiatischen Pflanzhause, im Garten beim vollen Krug und mischte noch die traurigen Lieder des Volkes von Böhmen in das Chaos von Tönen, das von allen Seiten zusammenwogte. Der Chronist Procopius aus dem Oborschischter Kloster, wenn er das alles erzählt, wird wohl mit etwas Hohn auf den freimaurerischen Fürsten Schönborn die Frage hinzufügen, ob Seine Freimaurerische Durchlaucht mit Seinen Winkelwagen und Dreiecken die Gleichheit so verstanden habe, wie sie die Bauern verstanden? Peter Buresch selbst fand Lunetta mitten im Garten sitzend, auf einem Haufen schimmernder Waffen, die in dieser Nacht der fürstlichen Leibgarde abgenommen worden. Er sprach zu den Bauern des Dorfes, die demütig und erschrocken vor ihm standen, und suchte sie zu überreden, mit ihm gemeinschaftliche Sache zu machen und sich dem Kampfe, der, wie er hoffte, bald ein allgemeiner werden sollte, anzuschließen. Die Bauern schüttelten bedenklich den Kopf und meinten, sie hätten es beim Fürsten gut genug gehabt – einzelne lächelten lüstern bei der Aussicht auf Beute, die ihnen Peter Buresch schön auszumalen verstand, und griffen auch zu den Waffen, die er ihnen anbot, und schlugen ein. Alles das, während unfern von dort in einer düsteren Baumrotunde die Toten dieser Nacht verscharrt wurden und der Lärm der Schaufeln und Spaten sonderbar genug abstach von dem Lärm, den die tolle Musik und die singenden Bauern im Schlosse verursachten. Als Peter Buresch Lunetta erblickte, ging er ihr entgegen und führte sie in eine dunkle Seitenallee, um hier ihren Bericht zu hören. Lunetta erzählte schnell und kurz, was sie bestellt, gesehen und erfahren hatte. Als sie von dem Briefe des alten Mika an die Jesuiten sprach, stieß Peter Buresch einen wilden Schrei der Überraschung aus und griff unwillkürlich nach der Pistole. Aber schnell ließ er wieder die Hand sinken. Ein epileptisches Zucken verzerrte sein ganzes Gesicht, krampfhaft drehten sich die Arme nach innen und hingen wie angenagelt fest am Leibe. Er reckte sich hoch und gewaltig wie ein Sterbender, und blieb auf den Fußspitzen stehend an einen Baum gelehnt, wie ein Toter. Lunetta fuhr bei diesem Anblick erschrocken zusammen und lag, sie wußte nicht wie, zusammengekauert und wimmernd zu seinen Füßen. Sie kannte diese Zeichen der höchsten Wut, die sich bei Peter Buresch von Zeit zu Zeit einzustellen pflegte, und wagte keine Liebkosung, keinen Laut, keine Berührung, denn, so hieß es, es war nicht gut, in solchen Augenblicken Peter Buresch zu berühren und ihn zu erinnern, daß ein menschliches Wesen in seiner Nähe weile. Nach und nach, und schneller als sonst, löste sich die Erstarrung, die Arme hingen schlaff herab, die blassen Lippen begannen zu zittern, die Augen bewegten sich wieder. Er wischte sich den kalten Schweiß von der Stirne. während ein langgedehntes Oh! wie ein schmerzlicher Seufzer seiner Brust entstieg. Schnell besann er sich wieder auf alles, was ihm Lunetta gesagt hatte. Fort! rief er, und Lunetta, als sie ihn wieder sprechen hörte, schnellte vor Freude vom Boden auf und schürzte das Röckchen, um wieder zu laufen. Fort! wiederholte Peter Buresch und suchte sich zu sammeln. – Heute noch muß das Kloster genommen sein, alle Pfaffen gehenkt – den Brief muß ich haben – der Ungarmichel zündet heute nacht Obtschov an – fort! Fort! wiederholte Lunetta und sprang wie ein Reh, das gejagt wird, durchs Gebüsch, dann, um gleich den kürzesten Weg zu nehmen, über die Gartenmauer. Arme Lunetta, wieviel hast du wieder zu laufen, ohne daß dir eine Minute Rast gegönnt ist! Aber du läufst immer, und es fällt dir nicht ein, deinen Herrn der Härte, der Grausamkeit anzuklagen. Du läufst immer, du springst, du schlüpfst wie eine Schlange, unaufgehalten von Hügeln, Bächen, Gebüschen, steinigen Wegen. Es fällt dir nicht einmal ein, die blutigen kleinen Füße in der Waldquelle zu baden, wie sehr sie dich murmelnd lockt und zur Erfrischung einladet. Du läufst immer, und wenn du fällst, wenn du vor Müdigkeit zusammensinkst, schnellst du wieder auf wie eine Schlange und wirfst dich wie eine Schlange mit vorgebogenem Leibe immer vorwärts, immer weiter. Schon ist es dunkel, als sie, trotz Obtschover und Wachen, hinter dem Meierhofe steht und dem Ungarmichel den Befehl ihres beiderseitigen Herrn und Meisters zuflüstert – und dicke Nacht liegt auf den Wäldern, als sie ins Lager der Ribniker Ketzer kommt. Dort kommandieren Hynek Jarmilo, der Ribniker Ketzer, und der gute Christ Slavik, der Einäugige, den ihnen Peter Buresch geschickt hat. Es ist Mitternacht, tiefe dunkle Mitternacht. Die Ribniker Ketzer schleichen sich sachte aus dem Walde heraus – es ist bei Todesstrafe verboten, einen Laut von sich zu geben, den der dritte Mann hören könnte. Die größte Vorsicht ist nötig, denn das Kloster ist vollgestopft von Oborschischter Bauern. Hynek Jarmilo kann nicht umhin seine Besorgnis darüber zu äußern, aber Lunetta beruhigt ihn, indem sie ihn versichert, daß die Hintertüren ohne Wachen seien und daß die Hauptpforte sich willig öffnen werde. Vor dem Teiche teilte sich die ganze Schar in zwei Haufen unter Slavik und Jarmilo. Beide wissen, was sie zu tun haben. Slavik folgt mit seinem Haufen Lunetta um den Teich herum in das Wäldchen, das sich an die hintere Klostermauer anschließt. Es ist tiefe dunkle Mitternacht – der Mond will nicht aus den Wolken heraus. Wie die kleine Pforte finden? Umsonst strengt Lunetta ihre dunkelgrünen Zigeuneraugen an, die doch sonst im Dunkeln sehen – Slavik hat nur ein Auge. Sie suchen, sie spähen – umsonst! – Die hinteren Klosterpforten sind so unscheinbar, so gut versteckt. Da steigt hinter dem Walde eine dunkle Röte auf – sie steigt immer höher und höher – sie wird immer heller und heller – sie dringt durch die dichtesten Zweige – schon scheiden sich die Bäume, schon kann man das Moos am Grunde erkennen. Ein Blitz! und Himmel und Erde liegen in zitternder Dämmerung. Ha, Ungarmichel, du leuchtest gut und zur rechten Zeit! ruft Lunetta in wilder Freude. Schon hat sie die Pforte entdeckt und springt darauf zu – der einäugige Slavik mit seinem Haufen ihr sachte nach auf dem moosigen Boden. Lunetta pochte leise dreimal an die Türe. Wer ist draußen? fragte eine gedämpfte Stimme im Garten. Ich bin es, ehrwürdiger Vater, Euer treues Beichtkind, mit Nachrichten vom Richter Mika. Der Schlüssel stak schon im Loche, er wurde nur noch gedreht – Lunetta trat indessen zurück und Slavik, mit seiner Schar hinter sich, an ihre Stelle. Die Türe tut sich leise auf – ein gewaltiger Stoß von Slavik und sie fliegt weit zurück und aus den Angeln. Slavik dringt ein mit Geschrei, ihm nach der ganze Haufe. Aber die Ribniker Ketzer drängen zu sehr; sie können es nicht erwarten, ihren Fuß auf geweihten Boden zu setzen – aus dem Gedränge in der Pforte stürzen sie, von den Hintersten gestoßen, vorwärts auf Slavik, der sich nicht halten kann und hinfällt mit dem Gesichte zur Erde. Das rettet den Pater Quirinus. Umsonst greift Slavik nach ihm. Er eilt, Verrat! Überfall! rufend ins Kloster zurück und verschwindet. Aber Slavik hat sich wieder aufgerafft und eilt mit seinen Ketzern nach. Schon steht Lunetta an der Hauptpforte, an der Pforte des Chronisten Procopius. Auf, ehrwürdiger Vater, ruft sie – aufgemacht! und schlägt mit der Faust an das kleine Fenster seiner Zelle, das auf den kleinen Gang vor der Pforte führt. Aufgemacht! wunderbare Neuigkeiten! Was soll der Lärm? – was soll das Licht? – fragt der ehrwürdige, dicke Pater Procopius, indem er sein Vollmondgesicht erhebt, das süß schlummernd auf dem Buche seiner Chronik ruhte. Alles sollt Ihr wissen, nur schnell aufgemacht! Bist du es, Teufelskind? Er wackelt hinaus und legt die Hand ans Schloß: Bist du allein? fragt er noch einmal und horcht bedenklich nach dem dumpfen Geräusch, das durch die Gänge vom hinteren Kloster herüberdringt. Ganz allein! – wie anders? – Schnell aufgemacht, ich muß zum Pater Quirinus mit wichtiger Botschaft aus Obtschov, das brennt! Aufgemacht ohne Zaudern, sonst wird Pater Quirinus böse. Pater Quirinus wird böse? – Du hast Neuigkeiten? – murmelt der ehrwürdige Pförtner schlaftrunken und schiebt schnell den Riegel fort. Jarmilo faßt die Türe. Da erschallt eine gewaltige, allen Lärm durchdringende Stimme aus der Mitte des Klosters: In foramina, fratres! – was lateinisch ist und zu deutsch bedeutet: in die Löcher, Brüder! und von den Bauern nicht verstanden wird. Auf diesen Ruf fährt Pater Procopius einen Moment erschrocken zurück, faßt sich aber sogleich wieder, macht einen Sprung in den dunkeln Gang und es ist, als hätte ihn der Erdboden verschlungen. Furchtbarer Lärm durchtobt das ganze weitläufige Gebäude, dumpf rollend durch die langen, widerhallenden Gänge. Fluchen, Schreien, Drohen, Waffengeklirr, einzelne Schüsse, eingerannte Türen. Einen Augenblick erdröhnt auch die Glocke des Klosters – verstummt aber sogleich wieder, da ein Ribniker Ketzer dem Oborschischter Gläubigen nachgeeilt ist und ihn, wie er den Glockenstrang in der Hand hält, niedersticht. Die treuen Oborschischter Bauern, die Besatzung des Klosters, sammeln sich im großen Konventsaal. Aber was sollen sie beginnen, da man auf beiden Seiten auf sie einstürmt und von der Höhe der Treppen, die in den tiefen Saal führen, scharf geladene Büchsen auf sie richtet, mit dem Rufe: Wir haben nichts gegen euch, wir sind Bauern wie ihr, wir sind Brüder. – Das ganze Kloster ist ja voll von Ketzern und sie selbst sind umringt. Sie strecken die Waffen, viele gehen waffenlos und traurig von dannen, viele bleiben auch, um die Beute und den Weinkeller zu teilen. Die Zellen der Mönche werden mit Kolbenstößen erbrochen – sie sind alle leer, obwohl die Betten noch warm sind. Lunetta eilt mit Slavik in des Pater Quirinus Zelle – auch er ist fort, sein Bett noch unberührt. Lunetta stürzt auf den Winkel los, wo der Schrank steht, in welchen Pater Quirinus Mikas Brief gelegt hat. Auch der Schrank ist fort. Alles ist überall verschwunden: Mönche, Schriften, Schätze. Der Ruf: in foramina! hat seine Wunder getan. Mag man noch so sehr suchen, Türen erbrechen, Dielen aufheben, in jeden Winkel leuchten – es ist alles umsonst. Was man sucht, ist verschwunden. Die Chronik des Pater Procopius ist fast das einzige. was man an Schriften gefunden hat. Die Bauern werden sich in den nächsten Tagen vom einäugigen Slavik daraus vorlesen lassen und erstaunen über die Geschichten und Wunder, die sich in ihrer Nähe zugetragen, ohne daß sie eine Ahnung davon hatten. Lunetta durchsucht die ganze Zelle des Pater Quirinus, in jedem Winkel sucht sie, hinter allen Möbeln – an jede verdächtige Stelle drückt sie, ob sich nicht eine verborgene Tür dort auftue – umsonst, alles umsonst. Hände, Augen, alles tut ihr wehe, der Kopf brennt ihr fieberhaft. Sie muß es aufgeben. Wild weinend wirft sie sich endlich auf das Bett des Paters und weinend schläft sie ein, matt und müde von den Anstrengungen eines Tages und zweier Nächte. Zehntes Kapitel. Die drei festen Punkte, der Meierhof, das Kloster und das Schloß von Hlubosch, welche Peter Buresch sich wünschte, waren nun in seiner Gewalt. Allerdings waren sie wichtig, denn sie beherrschten den Wald, die Straße nach Prag und das Litavkatal. – Vom Hluboscher Schlosse zog Peter Buresch nach wenigen Tagen und mit immer wachsender Macht das Litavkatal entlang und die Schlösser von Ginetz und Horschovitz mußten ihn kennen lernen. Von hier auf hoffte er bald sich über die ausgesogenen kaiserlichen Herrschaften im Zbirower Walde auszudehnen und das feste, altberühmte Schloß Tocnik zu gewinnen, das hoch auf einem einsam stehenden Berge schwer zu nehmen ist. – Überall strömten ihm neue Scharen zu, die die Lust nach Beute oder die Aussicht auf Befreiung von Herrschaften und Lasten lockte. Viele freilich schüttelten auch die Köpfe und zogen sich während Peters Anwesenheit in die Wälder zurück, denn sie meinten, die Macht der Kaiserin sei doch zu groß und so ein simpler Raubschütz könne es doch nicht durchsetzen. In Duschnik selbst, der Quelle des Krieges, war es still und ruhig. Alles, was Waffen trug, war fortgezogen. Nur Weiber, Kinder und Greise blieben zurück, mit einer kleinen Besatzung, die sie beschützen und die beiden Gefangenen, Liduschka und Zdenko, bewachen sollten. In wenigen Tagen, hieß es im Dorfe, wird Peter Buresch zurückkehren und Zdenko hängen lassen für den Verrat seines Vaters, dem er es versprochen hatte. Denn so sehr Peter den Verrat des alten Mika zu verheimlichen suchte, man hatte doch mancherlei erfahren und war wütend ergrimmt gegen den alten Mika und zitterte vor den Folgen. Liduschka erfuhr alles, was im Dorfe vorging, was man sprach und was man vermutete. Pepik Picard, der oft vor ihrem Hause Wache stand, konnte nicht schweigen, wenn sie fragte und nicht fragte. Sie hörte alles mit stiller Ergebung an und saß ruhig in ihrer Stube, die nun ihr Gefängnis geworden war, und sah den ganzen Tag unausgesetzt hinüber nach dem hohen, dickmauerigen Schüttboden, in welchem Zdenko gefangen gehalten wurde. Aber als sie erfuhr, welches Schicksal nach dem Gerücht ihren Bruder in wenigen Tagen erwartete, erwachte sie aus ihrem dumpfen Hinbrüten. Sie schrie und weinte, fluchte Peter Buresch und ihrem Vater und verfiel in wilde Raserei, in welcher sie ihren Bruder gehangen, Obtschov brennen und die ganze Welt aus allen Fugen gehen sah. Tage und Nächte gingen so hin, bis sie ermüdet in tiefen Schlaf versank, um von sanftem melancholischem Wahnsinn umhüllt wieder zu erwachen. Pepik Picard sah es mit weinenden Augen, nachdem er sie in ihrer Raserei umsonst zu trösten und zu beruhigen gesucht hatte. Wie sie so blaß dasaß, traurig und ruhig, immer vor sich hinlächelnd und unverständliche Worte murmelnd, konnte er es nicht mehr über sich gewinnen, sie länger wie eine Gefangene zu bewachen. Er übernahm die Verantwortung vor Peter Buresch und führte sie hinaus in den Sonnenschein, hoffend, daß er ihr wohltun und ihre Nacht wieder aufhellen werde. – Umsonst. – Liduschka irrte durchs Dorf wie ein armer Geist, immer wahnsinnig lächelnd, unbekümmert um alles, was um sie her vorging. Das arme, sonst so keusche und niedlich geputzte Kind beachtete es nicht, wenn der Wind ihr Halstuch davontrug, das Hemd die Schulter herabfiel und Nacken und Brust entblößte, wenn die blonden Haarflechten aufgelöst im Winde wehten und Blätter und Halme als ungesuchter Schmuck daran hängen blieben. – Wenn sie müde war vom beständigen Umherirren, wobei sie den Schüttboden sorglich vermied, setzte sie sich auf die Brücke oder auf einen Stein vor dem Dorfe, und starrte unverwandt nach der Homola, dem verhängnisvollen Walde. Wenn sie da von mitleidigen Nachbarn, die sie ins Dorf zurückführen wollten, angesprochen wurde, hatte sie immer dieselbe Antwort, immer dieselben Worte, die mit denen des andern keinen Zusammenhang hatten: »Wenn der Wald nicht wäre, wäre auch der Krieg nicht, und wäre Peter Buresch nicht, so würde Zdenko nicht gehenkt, und mein Vater wäre kein Spitzbube, und ich habe den Peter Buresch geholt.« Liduschka wußte freilich nicht, daß eigentlich vom Walde gar nicht mehr die Rede war, daß man schon auf beiden Seiten vergessen hatte, warum denn im Grunde der Krieg angefangen worden und daß der ursprüngliche Feind der Duschniker gar nicht mehr existierte. Denn die Obtschover, nachdem ihr Dorf niedergebrannt war, zogen fort mit dem Bauernadvokaten, tief in die Wälder bis an die Ufer der Moldau. Einzelne wollten zwar Rache nehmen für die Einäscherung ihrer Heimat, aber der alte Mika hielt sie fester als je auf dem Boden des Gesetzes. »Keine Rache, keine Selbsthilfe!« sagte er – »jetzt, da die Geschichte ihrem Ende zueilt, müssen wir uns noch strenger vor jeder ungesetzlichen Tat hüten;« – und die Obtschover, die nun allerdings arm und verzweifelt waren, wie es Peter Buresch wünschte, schlossen sich trotzdem nicht an, sondern horchten den Advokatenworten ihres Richters und zogen in die Wälder, wo sie sich bald wieder zerstreuten, um in alle Welt zu ziehen, als arme Abgebrannte zu betteln und den Abscheu vor Peter Bureschs Namen von Hütte zu Hütte zu tragen. Sie waren nicht die einzigen. Die Väter Jesuiten, nachdem sie am Morgen nach der Einnahme ihres Klosters, man weiß nicht auf welchem Wege, wohlbehalten in Dobrisch, einem kleinen Städtchen an der Prager Straße, das dem Fürsten Colloredo-Mansfeld gehört, angekommen waren und ihren uralten, vom Schlage gerührten Pater Superior und die wichtigsten Papiere gut untergebracht hatten, zerstreuten sich in dieser Gegend nach allen Winden und mahnten das Volk ab, den Lockungen des gottlosen, von allen Heiligen verstoßenen Peter Buresch, der mit den Ketzern gemeine Sache machte, zu folgen, indem, wie sie wohlweislich hinzufügten, schon das Gericht auf dem Wege sei, welches ihn verderben und seinen unheilvollen Plänen ein Ende machen werde. Selbst der gutmütige Pater Procopius mit dem Vollmondgesichte war dabei und schäumte vor Wut und Begeisterung – er konnte es Peter Buresch nicht vergeben, durch ihn in seiner lieben Beschäftigung, im Chronikschreiben, gestört worden zu sein. Aber Pater Quirinus war nicht unter den predigenden Mönchen. Spione, welche Peter Buresch nach Prag geschickt hatte, um zu erfahren, ob baldige Gefahr drohe, hatten ihn dort in roter Kutsche vom Gubernio zum Generalkommando, vom Generalkommando zum Gubernio fahren sehen. Aber auch ohne ihn brachten es die Mönche dahin, daß die Gegend an der Prager Straße ruhig blieb. Was nützte es nun Peter Buresch, daß er das Kloster besaß, welches die Prager Straße beherrschte? Während all dieser Händel und Geschichten grünte, blühte und duftete die Homola, der verhängnisvolle Wald, die Ursache alles Unglücks, ruhig weiter in den Strahlen der Sommersonne. Kein Baum wurde in seinem stillen Wachstume gestört, denn die Äxte rosteten in den Winkeln, und die sie einst führten trugen jetzt Waffen, um Menschen anstatt Bäume zu erlegen, oder zogen als arme Abgebrannte bettelnd durchs Land. Die Vögel bauten ungestört in seinen Zweigen, es lockte der Fink, es hackte der Specht, es lachte der Auerhahn. Das Wild zog sich wieder in seinem ruhigen Schoße zusammen: das Kaninchen baute, der Hase schlief ruhig in seinem Lager, und durch die dämmernden Gänge schritt stolz der Hirsch und tanzte lieblich das junge Reh, selbst wilde Säue, die lange nicht gesehenen, durchschnaubten mit ihrer zahlreichen Brut das blühende Dickicht. – Wenn die Sonne seine Wipfel vergoldete, sah er so schön, so heiter und lachend aus, daß ihn die Duschniker, wie einst, mit Liebe betrachteten. Aber es war des Waldes letztes Lächeln. Eines Abends spät stieg mitten aus seinem Schoße eine dicke, dunkle Rauchsäule auf, die immer dicker und dunkler wurde und wie eine gewaltige Gewitterwolke, immer schwellend, immer wachsend, über Wald und Dorf hängen blieb. Die Duschniker liefen hinaus, um zu sehen, was das zu bedeuten habe, und sammelten sich in Gruppen, meist Kinder, Weiber, Greise, an der Litavka und staunten die ungewohnte Erscheinung an, die ihnen ein Wunder deuchte. – »Gewiß die Obtschover bereiten was vor!« – Sie schickten einen aus ihrer Mitte in den Wald, um behutsam die Ursache dieser Erscheinung zu erforschen. Aber der Bote war noch lange nicht zurück und die Duschniker hatten schon mit Schrecken erkannt, was es war. Die Rauchsäule wurde immer heller und endlich sah sie mit der darüberhängenden breiten Wolke wie ein Riesenbaum aus, ein Riesenbaum mit schwarzem Laubdache und feuerrotem Stamme. Noch wagte man nicht es zu glauben, aber der rückkehrende Bote bestätigte es mit Grausen und fügte noch hinzu, daß es Liduschka war, die ihn angezündet. Lachend lief sie im Walde umher und verbreitete mit einem brennenden Zweige in der Hand die Brunst, indem sie die trockenen Gräser, Moose, Gebüsche anzündete. Der Bote setzte ihr nach, aber es war umsonst, da sie überall zwischen ihm und sich schnell eine Flammenwand schob. – Die Duschniker waren entsetzt – Wehgeschrei der Weiber und Kinder erfüllte die Luft. Was sollte man tun? – Abgraben? Der Wald war schon von Natur durch eine Schlucht auf der einen, durch Sumpfwiesen und Teiche auf der andern Seite von andern Wäldern getrennt. Auch würden die Kräfte nicht ausreichen, wenn man es auf einem kleinen Umkreise, nur um die Homola zu retten, versuchen wollte. Die Männer sind ja fast alle fort, dank dem verfluchten Peter Buresch, und das Feuer greift in dieser trockenen Zeit so furchtbar schnell um sich. Ja, es griff furchtbar schnell um sich. Schon hat sich die Rauchsäule in eine Flammensäule verwandelt, die hoch emporspringt über den ganzen Wald, wie eine ungeheure Fackel die ganze Gegend bis auf die fernsten Berge taghell beleuchtet. Man sieht durch die Baumgänge tief hinein bis in den Schoß des Waldes – Sträuche, Moose, Farrenkräuter, Quellen, Bächlein, Steine, alle blutrot gefärbt, sind genau zu erkennen – die dunkle Masse der Bäume scheidet sich – man könnte sie fast zählen. Noch sieht es so ruhig aus in den vorderen Waldreihen, doch prasselt und kracht es weiter in der Tiefe wie tausend Schüsse und brennende Zweige fliegen flammend auf, hoch in die Luft, um in einem weiten Bogen wieder herabzusinken und die Verheerung weiterzutragen. – Schon zischt die Litavka und raucht an einer Stelle, denn der Bach, der ihr aus dem Walde zuströmt, kocht und siedet. Bald wird er zu kochen und zu sieden aufhören, denn er verdampft. Jetzt durch die Baumgänge bis an die äußersten Enden des Waldes, bis an den staubigen Weg, der sich dort am Rande hinzieht, kommen, wie Millionen Schlangen, zischend, züngelnd, eine der andern den Weg verrennend, eine in der andern verschmelzend, die Flammen aus der Tiefe. Schnell laufen sie auf den von der Sommerhitze ausgetrockneten Moosen, Sträuchern und Gräsern und steigen klar und rauchlos auf, bis sie die Zweige der Fichten und Tannen ergreifen, wo sie im dunklen feuchten Qualm verschwinden, um dann wieder über der Höhe des Waldes siegreich und gewaltig in breiten Zungen durchzubrechen. Da erhebt sich mit klagendem Geschrei über die Rauchwolke eine andere schwarze, wildfliegende Wolke. Es sind die Vögel des Waldes, die in dichtgedrängten Massen fliehen. Viele sinken mit verbrannten Flügeln oder erstickt zurück in die Flammen. Und wie oben in der Luft, beginnt unten auf der Erde die Flucht der erschrockenen Waldbewohner. In rasender Eile kommen sie heran, mitten durch die Flammen, Bäume und Sträuche niederrennend: das Kaninchen mit tanzenden, der Hase mit großen ängstlichen Sprüngen, der Hirsch mit auf den Rücken zurückgelegtem Geweih, das Reh mit weit vorgestrecktem Hals und Kopf, der Marder und Iltis mitten unter ihnen. Auch der wilde Eber kommt schnaubend heran – das Moos auf seinem Rücken brennt und er wirft sich grunzend in die Wellen des Baches, um sie zu löschen. Alle eilen sie schwimmend, von Stein zu Stein springend ans jenseitige Ufer der Litavka, wo sie laut aufatmend liegen bleiben und unverwandt zurückstarren nach ihrer flammenden Wohnung. Ganz nahe von den Menschen, ja in ihrer Mitte bleiben sie gelagert. Sie fürchten sie nicht mehr; sie haben größeren Schrecken kennen gelernt. Die Hitze wird fürchterlich, nicht zu ertragen. Alles flieht ins Dorf zurück, um hinter Mauern eine Zuflucht zu suchen, oder mit Wassergefäßen in der Hand die Dächer zu bespritzen, die sich von der Hitze und den herüberfliegenden Bränden leicht entzünden können. Aber ein Schrei des Schreckens hält die Fliehenden auf – er kam von Pepik Picard. Sie blicken noch einmal zurück nach dem Walde und siehe! mitten durch die Flammen wandelt, einen brennenden Zweig in der Hand, die wahnsinnige Liduschka. Schon brennen ihre Kleider und Haare. Sie scheint aus den Flammen heraus zu wollen, aber sich plötzlich wieder zu besinnen. Sie bleibt nachdenklich stehen – dann mit einem Male wendet sie sich und eilt mit großen Schritten zurück in das Feuermeer, das hinter ihr zusammenschlägt. Liduschka! schreien die Weiber wie aus einem Munde, als ob sie sie zurückrufen wollten, da sie aber nicht kommt, brechen sie in Weinen aus und kehren weinend zum Dorfe zurück. Seht! – sagt die eine – das haben wir vom Krieg um den Wald. Um den Wald? – wo ist jetzt der Wald? – fragte eine zweite – Bettler sind wir für ewige Zeiten! Das haben wir vom Krieg, wiederholte die erste – Liduschka hat er wahnsinnig gemacht, wir sind Bettler, unsere Männer ziehen in der Ferne herum, um sich für Peter Buresch totschlagen zu lassen. Nichts vom Krieg, wir wollen nichts von dem Kriege wissen, riefen sie einstimmig wütend, – fort mit dem Kriege! Da aber keine anderen sichtbaren Zeichen des Krieges in Duschnik vorhanden sind als die wenigen bewaffneten Männer, die Peter Buresch zurückgelassen hat und der gefangene Zdenko Mika, fallen sie erst über die Männer her, die sich nur wenig verteidigen, entreißen ihnen ihre Büchsen und zerschlagen sie fluchend an den Steinen, daß Hähne und Schäfte weit davonfliegen. Dann dringen sie in den Schüttboden und öffnen die Gefängnistüre Zdenkos. Geh fort. guter Zdenko, wohin du willst, du guter Bruder unserer armen Liduschka – wir wollen nichts mehr wissen vom Kriege, du bist frei! Die Weiber regierten während des Waldbrandes in Duschnik und der Alte vom Hammer, der Vater Peter Bureschs, wagte es nicht in diesem Augenblicke die gestürzte Macht seines Sohnes wiederherzustellen oder sich der Befreiung Zdenkos zu widersetzen. Er hielt es für gut, sich stille zurückzuziehen und seinem Sohne nachzuwandern, der jetzt im Schlosse zu Horschowitz saß, und ihn von dem, was vorging, und vom Waldbrande zu unterrichten. Das tat nicht not. Der Waldbrand kündigte sich selbst im halben Lande genug laut und leuchtend an. Nach zwei Tagen, als der Wald schon in Asche und Kohle lag und nur einzelne Bäume noch ihre schwarzen Arme gen Himmel streckten, wo einst Leben, Blühen und Duften war, kamen die Duschniker, die fortgezogen waren, einzeln und in Scharen von allen Seiten zurück, um zu fragen und zu sehen. Denen Peter Buresch keinen Urlaub geben wollte, die stahlen sich heimlich und in der Nacht davon – einzelne traten mit offener Widersetzlichkeit auf und wurden von den andern unterstützt. Es handelte sich ja um das heimische Dorf und um den Wald, den geliebten, der so lange der Ernährer aller gewesen. Der eigentümliche Zug des slawischen Charakters, der an seiner Scholle hängt und immer wieder zurückkehrt zur Stelle, die er einmal lieb gewonnen, mag bei diesen Wanderungen ins Heimatdorf wohl auch tätig gewesen sein. Auch Ziska kehrte mit seinen Taboriten fast nach jeder Tat immer wieder nach Tabor zurück und alle seine großen, gewaltigen Kriegszüge sind wie Ausfälle im größeren Maßstabe aus seinem Lager zu Tabor. Zu Hause stahlen den Duschnikern die Weiber, Mütter, Schwestern ihre Waffen und versteckten oder zerbrachen sie. Dies hätte den Plänen Peter Bureschs weniger geschadet, da immer neue Waffenzufuhren aus Bayern ankamen, aber die Weiber ließen die Männer nicht wieder zurück zu Peter Buresch. Der niedergebrannte Wald machte auf diese wie auf ihre Weiber einen niederschlagenden, entmutigenden Eindruck und sie fragten sich: wozu das Elend? – wie kam es heran? – und vergaßen, was sie alles mit Peter Buresch durchzusetzen sich vorgenommen hatten. Dazu kam Martin Kinnich, der wieder auftauchte, nachdem er seit Wochen gänzlich vergessen war, mit jenen Reden von Gesetz und Recht und der Macht der Kaiserin, die er im geheimen Umgang mit Mika gelernt hatte, und kamen die Predigten der Väter Jesuiten, die in Bureschs Abwesenheit bis nach Duschnik, dem Ursitz der Händel, vorzudringen wagten. So kamen die großen Vorsätze und Peter Bureschs Kriegsartikel in Verfall. Ja, es kam noch mancherlei in Verfall. Nach dem Abzug der Duschniker, des ältesten, nun schon erfahrenen Teiles seiner Bauernarmee, die den Kern bildete, fühlte sich Peter Buresch zu schwach, um auf einem so weit vorgerückten Posten, wie Horschowitz, länger stehen zu bleiben, um so mehr, als die Bauern dieser Gegend nicht geneigt waren, sich ihm anzuschließen. Wenn seine eigenen Landsleute, sagten sie, ihn verlassen, wie sollen wir Vertrauen zu ihm haben? Auch taten die Barfüßler-Mönche von Horschowitz, frühzeitig von den Jesuiten aus Oborschischt dazu aufgefordert, das Ihrige, den Krieg als einen Krieg gegen die heilige Kirche darzustellen. Beweis genug waren die Ketzer aus Ribnik. Peter mußte sich also zum Rückzuge entschließen, um in seiner Heimat die Armee wieder zu sammeln und ihr mit Strenge einen frischen, kriegerischen Geist einzuflößen. Die Raubschützen waren ein genug starker Kern, mit dem und um den sich wieder eine Macht sammeln ließ, bedeutend genug, um die Soldatenmacht, die man aus Prag erwartete, zurückzuschlagen, vielleicht zu vernichten, denn Peter Buresch wußte schon, daß ihm, trotz aller Mühen des Pater Quirinus, keine zu furchtbare Übermacht werde entgegengestellt werden, da man die Soldaten notwendiger an der sächsisch-preußischen Grenze brauchte und den Bauerntumult in den Wäldern zu sehr verachtete. Aber schon auf seinem Rückzug fand Peter Buresch einen Feind, auf den er am wenigsten gefaßt war. Hlubosch, Schloß und Dorf, waren abgefallen, hatten sich stark und zweckmäßig befestigt und zeigten Peter Buresch, als er zurückkam, eine eiserne Stirne. Das kam so. Als Peter Buresch noch in Hlubosch stand, versammelte er oft die Bauern um sich, sprach ihnen über die Befreiung von Lasten, die sie drückten, vom Hochmut der Herrschaften, von der Gleichheit aller Menschen, die mit Feuer und Schwert hergestellt werden müsse. Ein Bauer, dunklen und sinnigen Gesichtes, stand da, meist neben ihm, und hörte aufmerksam und ernst zu, und oft, wenn Peter Buresch des Sprechens müde war, nahm er das Wort auf und fuhr fort, mit größerer und gewichtigerer Beredsamkeit, die von der Peter Bureschs auffallend abstach, über dieselben Gegenstände, über Freiheit und Gleichheit, über die Brüderlichkeit unter allen Menschen zu sprechen, über den Bund der ganzen Menschheit, über Vergangenheit und Zukunft. Seine Worte hatten etwas Geheimnisvolles und Priesterliches, was auf die Bauern mächtiger wirkte als die zornmütigen, wilden Reden Peters. Sie sprachen nicht von Feuer und Schwert, sondern von Frieden und Liebe und ließen in eine ferne Zukunft blicken, welche all die schönen Träume verwirklichen sollte, zu welchem Zwecke, wie er sagte, sich die Menschen in Brüderlichkeit zusammentun werden, ja sich teilweise schon vereinigt haben. – Es war so viel Ruhe und Überzeugung in allem, was er sagte, daß ihm die Bauern lieber und leichter glaubten als Peter Buresch. Selbst Peter Buresch hörte ihm gerne zu, und als er fortzog mit seinen Duschnikern, und die Hluboscher so gläubig und überzeugt sah, konnte er das Schloß keiner besseren Besatzung überlassen als den Hluboscher Bauern und ihnen keinen besseren Kommandanten geben, als jenen beredten Weisen. Dieser Bauer nannte sich Mikolas Bjelohlawek, welches zu deutsch Nikolaus Weißhaupt heißen würde. Aber schon zwei Tage nach dem Abzuge Peter Bureschs mit seinen Duschnikern berief Nikolaus Weißhaupt die Bauern, die unter seinem Befehle standen, zusammen und führte sie in die unterirdischen Gemächer, über deren Türen das Zeichen des Dreiecks angebracht war. Die Türen, welche die Duschniker eingerannt und erbrochen hatten, waren wieder geschlossen, wie ehemals. Nikolaus Weißhaupt zog ein Schlüsselbund hervor und öffnete eine nach der andern. Die Bauern folgten ihm schweigend und von den sonderbaren Zeichen, Gerätschaften und Malereien zur Andacht angeregt, in den großen Saal, über dessen Türe ein großes Gemälde prangte, welches einen mit Dunst und Qualm ringenden Sonnenaufgang vorstellte. Nikolaus Weißhaupt benahm sich in allem, als ob er hier zu Hause wäre. Offenbar kannte er jeden Winkel, jedes Geräte, jedes Geheimnis dieser unterirdischen Räume. Im Saale öffnete er einen Schrank, der bisher allen Blicken verborgen geblieben, und holte ein großes Buch hervor, das er mit Andacht und Ehrfurcht auf den Altar legte. Als er es aufschlug, wurden allerlei Zeichen und geheimnisvolle Charaktere sichtbar. Die Bauern horchten aufmerksam und fast furchtsam, als er mitten aus dem Buche, aus dem Texte herausgerissen, mit schwerem, gewichtigem Tone und mit Nachdruck zu lesen begann: »Eine der ersten und heiligsten Pflichten muß es sein, den Stand des Ackerbauers, des Pflegers und liebsten Kindes unserer Mutter Erde, zum Bewußtsein seiner Entwürdigung zu bringen, die Leibeigenschaft, die schreiendste Verhöhnung der Menschenrechte, abzuschaffen, die Lasten, die ihn unterdrücken, zu beseitigen, für seine geistige Bildung zu sorgen, den Aberglauben, die Menschenfurcht – die schwersten Fesseln der Menschheit, zu brechen und ihn zu einem Stand von Freien, von Glücklichen zu machen, wie er es verdient durch Arbeit und durch die Tugenden, die bei ihm schlummern. Das beteuern wir anzustreben, darauf all unser Dichten und Trachten zu wenden, Leben und Gut dafür einzusetzen, als für den ersten Grundstein einer neuen, besseren und glücklicheren Gemeinschaft.« Nikolaus Weißhaupt schloß das Buch wieder. Als er ihnen den Sinn des Gelesenen in klaren schlichten Worten auseinandersetzte, war es in ihrem Kopfe wie auf dem Bilde über der Türe, wo die Sonne durch Nebel und Qualm zu dringen sucht. Und als er ihnen von einem Bunde weiser und edler Männer sprach, der sich über die ganze Erde ausgedehnt, um überall mit vereinten Kräften zu solchen Zwecken zu wirken, und daß ihr Herr, der Fürst Schönborn, einer der Meister dieses Bundes, vielleicht in diesem Augenblicke irgendwo mit solchen weisen Männern zusammen tage über die Verwirklichung dieser Sätze, und er sie vorwurfsvoll fragte, ob sie gegen einen solchen Freund mit Feuer und Schwert auftreten wollten, und er endlich ermahnend hinzufügte, daß sie auf diese Weise die Pläne der Edlen nur vereiteln und am Ende des Weges, den sie betreten, für jetzt nur Unheil und doppelte Unterdrückung sie erwarte – da falteten sie gerührt und erschrocken die Hände wie zum Gebete. – Die ihre Waffen mitgebracht hatten, ließen sie unwillkürlich fallen. Am Ende seiner Rede fügte Nikolaus Weißhaupt hinzu, daß ihn dafür, daß er das Geheimnis seiner » Brüder « und seines » Meisters « verraten, vielleicht schwere Strafen erwarten, er müßte es aber tun, um sie abzuhalten von einer Tat des Undanks gegen ihren Herrn, der es so gut mit ihnen meinte. Ob Nikolaus Weißhaupt ganz aufrichtig war, als er die Bauern von einem Wege abhielt, den er für jetzt für unheilvoll hielt, oder ob er etwas jesuitisch verfuhr, wie es wohl die Freimaurer des vorigen Jahrhunderts pflegten, um seinem Herrn und »Meister« sein Eigentum und der » aufgehenden Sonne « eine wichtige Loge zu retten – wir wissen es nicht. Aber Hlubosch, Schloß und Dorf, war für Peter Buresch verloren und als er auf seinem Rückzuge dahin zurückkam, wies es ihm eine eiserne Stirne. Er mußte unverrichteter Dinge weiter zurück bis Duschnik, denn jetzt waren es die Bauern selbst, verbunden mit der Leibwache des Fürsten, welche Hlubosch verteidigten. So war ein fester Punkt verloren, den andern gab man freiwillig auf. Peter wollte seine ganze Macht um sich versammeln, um den Soldaten, deren Ankunft er erwartete, die Spitze bieten zu können, und rief den Ungarmichel zurück aus dem Meierhofe. Was sollte er auch länger dort, da Obtschov in Asche lag und alles geflohen war? Nur Zdenko wandelte jetzt dort zwischen den schwarzen Trümmern der Hütten, einsam, verlassen. Seinen Vater aufzusuchen fiel ihm nicht ein. Nur das Kloster ließ Peter Buresch besetzt, um die Kaiserlichen aufzuhalten, wie sehr sich auch die ketzerische Besatzung heraussehnte. Denn es gingen wunderbare Dinge im Kloster vor. Offenbarer Spuk! Oft in der Nacht schlurften lange, dunkle Gestalten an den Wachen vorbei, durch die Gänge, ohne daß man wußte, woher sie kamen, wohin sie gingen. Wenn man sich ein Herz faßte und sie verfolgte, waren sie schnell verschwunden, verschlungen von der Nacht und von der Erde. Am Morgen fand man mancherlei Veränderungen im Kloster. Schränke waren geöffnet, die man früher nicht bemerkt hatte, einzelne Papiere oder auch Geldmünzen waren durch die Gänge zerstreut, als ob sie jemand in Eile verloren hätte. Einmal sogar verschwand aus der Mitte der schlafenden Bauern, im großen Konventsaale, wo ihnen noch den Abend vorher der einäugige Slavik vorgelesen hatte, die Chronik des Pater Procopius. – Doch blieben sie auf ihrem wichtigen Posten unter dem Befehle des einäugigen Slavik und des Ketzers Hynek Jarmilo. Ersterer, wenn er sich ordentlich bekreuzt hatte, fürchtete auch allenfalls Geister nicht und der andere disputierte sie mit ungläubiger Miene weg vom Erdboden und suchte sich alles auf natürliche Weise zu erklären. Unter dem Schutze dieses vorgeschobenen Postens, der die Prager Straße beherrschte und ihn leicht von der herannahenden Gefahr unterrichten konnte, sammelte Peter Buresch seine Armee und suchte ihr den alten Geist wieder einzuflößen. Es ist wahr, er hatte den ruhigen Blick von ehemals nicht mehr, er flößte nicht mehr das Vertrauen ein wie zu Anfang, und war in diesem Gefühle mißtrauisch, verdrießlich und grausam. In Duschnik wurde er mit Murren empfangen, die Weiber schrien laut gegen ihn, denn sie fühlten sich sicher, da er nie etwas gegen ihre Widersetzlichkeit getan, nie ein Weib bestrafen ließ und ihre Drohungen zu verachten schien. Die Männer kamen beim Schall der Trommel nur langsam und zögernd, meist unbewaffnet, aus den Häusern hervor. Aber als er den Ungarmichel mit seiner entschlossenen Schar um sich hatte, ging alles besser. Mit ihrer Hilfe, da sie ihm unbedingt gehorchten, ließ er den Schrecken regieren. Die Flüchtigen ließ er auf der Flucht erschießen oder in ihren Häusern aufsuchen und aus dem Bette reißen, um sie nach den Kriegsartikeln zu behandeln. Freilich blieben da viele, die einen aus Angst, die andern, weil sie selbst an Entschlossenheit gewonnen, mitten unter den Entschlossenen und dem härtenden Feuer des Schreckens und der Strenge. Aber viele flohen weiter als bis an die Schwelle ihrer Häuser, sie flohen tief in die Wälder. Denn die Soldaten, hieß es, sind im Anzuge und mit ihnen Trenksche Panduren, die damals schon das Kind in der Wiege zittern machten. Selbst der Alte vom Hammer zitterte. Er dachte an hundert traurige Möglichkeiten und suchte den Scherenschleifer Zerzog, der von Zeit zu Zeit wieder in der Gegend auftauchte und Peter Buresch aufmunterte. Er wollte mit ihm über einen möglichen Rückzug seines Sohnes nach Bayern sprechen, aber er war nirgends zu finden. Er zog immer weiter, er machte immer größere Kreise in den Wäldern, er wurde immer ängstlicher, er malte sich traurige Möglichkeiten immer trauriger aus – eine Hintertüre zum Entkommen mußte man sich für jeden Fall besorgen. Aber der Scherenschleifer war nicht zu finden. Peter Buresch selbst zitterte nicht. Er war zwar etwas verwirrt, der Zorn über die Widersetzlichkeiten, über die Furcht vor den Kaiserlichen, über die Auflösung, die trotz allem in seinen Reihen wieder zum Vorschein kam, machten ihn kurzsichtiger als sonst. – Aber er hatte Mut, er wollte den Feind in offener Schlacht erwarten und hoffte ihn mit Hilfe seiner tapferen Schar von Raubschützen und seiner Kenntnis des Bodens zu schlagen und so das schwankende Vertrauen durch einen Sieg über die sogenannte gesetzliche und reguläre Macht wieder zu befestigen. So zog er hinaus auf die Anhöhen vor dem Dorfe, auf die Seite, wo der Feind aller Berechnung nach kommen mußte, stellte Wachen auf und befestigte einzelne Punkte. In dieser Stellung erwartete er das Zeichen aus Oborschischt. Elftes Kapitel. Aber das Zeichen aus Oborschischt kam nicht, und der Ungarmichel machte Witze über die langsamen Weiberschritte Ihrer Majestät der Kaiserin. Der Ungarmichel irrte sich. Ihre Majestät die Kaiserin Maria Theresia machte nur langsame Weiberschritte, wenn es dem preußischen Fritze entgegenging, kam aber schnell und plötzlich wie ein Ungewitter, wenn es galt, über die Untertanen herzufallen. – Der arme einäugige Slavik hat es zuerst erfahren. Er saß oben auf dem Turme des Oborschischter Klosters und strengte sein einsames Auge so gewissenhaft an, als ob er noch ein Dutzend guter Augen zu verderben gehabt hätte. Vom Turme aus konnte man die Straße viele Stunden weit überwachen, wie sie sich so weiß wie ein schäumender Bach durch die dunklen Wälder hinschlängelte, über Hügel und Ebenen bis zu dem sogenannten kleinen heiligen Berge, weit, weit vom Oborschischter Kloster. Aber wie er da oben horstete und alles, was er in Leib und Geist an Kraft besaß, sich in dem einen Auge sammelte und er nicht den Schatten eines andern Gedankens hatte, als nur zu sehen und immer zu sehen , da wurde es unter ihm im Kloster plötzlich gewaltig unruhig. Ein zerrissenes Geschrei, aus vielen Schreien der Überraschung zusammengesetzt, von verworrenem Waffenlärm, Fluchen und endlichem Hilferufen durchdrungen, wozu bald Flintenschüsse kamen in immer schnellerer Folge, drang herauf zu ihm, als ob er auf einem hohen Berge stünde und ein wildes Gewitter ihm zu Füßen sich entlüde. Es dauerte einige Zeit, bis alle seine Fähigkeiten aus dem kleinen Punkte des einen Auges, wo sie zusammengedrängt waren, sich allmählich zurückzogen, um sich wieder als Gehör, Gefühl, Verstand auf ihre gewöhnlichen Posten zu begeben. Dann aber sprang er mit wilden Sätzen wie eine Katze die Treppe hinab. Welch ein Anblick! Überall ein buntes Gemisch von Bauern, Pfaffen, Soldaten. – Plötzlich war der Feind aus dem Boden gewachsen, mitten im Kloster, in allen Ecken und Enden – aus den Dielen, aus den Mauern, ja von den Stubendecken war er wie überreife Frucht herabgefallen. In gewaltiger Überzahl stand er mitten unter den erschrockenen Bauern, von den Mönchen geführt, und metzelte die Ketzer nieder, bevor sie zu ihren Waffen greifen konnten. – Als der einäugige Slavik hinunterkam, waren Wände und Estrich vom Blute gefärbt. Zu mir! rief er mit donnernder Stimme, daß die Soldaten einen Augenblick in ihrem blutigen Geschäfte inne hielten und sich umsahen. Er benutzte es und sprang über Schultern und geschwungene Säbel hinüber in den Konventsaal. Neuer Mut beseelte bei diesem Rufe die Bestürzten; aus den Gängen und Zellen drängten sie sich mitten durch die Soldaten und bildeten einen festen Knäuel um den einäugigen Slavik. Schnell hatte er einen schwachbesetzten Ausgangspunkt des Konventsaales erspäht, und während der Knäuel um ihn Piken, Sensen und Büchsen den Soldaten von allen Seiten entgegenstreckte, daß der Haufen aussah wie ein gereiztes Stachelschwein, drückte, schob, bewegte er ihn von innen nach dem schwachbesetzten Ausgangspunkte, den er bald erreichte. Die Soldaten schlossen ebenfalls ihre Reihen und folgten mit langsamen Schritten und schickten ihnen volle Salven nach. Mancher Ketzer fiel; die übrigen schoben weiter über den langen Gang bis an die Treppe. Immer enger schlossen sie sich aneinander und rollten wie eine Kugel hinab bis an die Türe, die aus dem unteren Gange in die Kirche führte. Dorthin wollte sie Slavik bringen. An den Altar! rief er, dort sind wir sicher. Nein! rief Hynek Jarmilo aus dem Knäuel heraus mit fester, widersprechender Stimme. Nein! riefen die andern Ketzer wie aus einer Kehle und blieben fest vor der Türe stehen. Die Patres hinter den Soldaten, welche auf der Treppe standen, lachten laut auf. Schnell luden die Ketzer noch einmal und schossen über die Soldaten hinweg in die schwarze Reihe der Patres. Pater Quirinus und manche andere Patres fielen. Da lachten ihrerseits wieder die Ketzer und lachend warfen sie ihre Waffen hin und stellten sich wie aufgesteckte Ziele längs der Wand und stimmten wie auf ein gegebenes Zeichen und aus einer Kehle die böhmische Übersetzung des Liedes »Eine feste Burg« an. Die Soldaten von der Höhe der Treppen zielten gut. Es war aus mit dem einäugigen Slavik, mit Hynek Jarmilo und der ganzen Schar der Ketzer aus dem Dorfe Ribnik. Darum kommt kein Zeichen, keine Botschaft aus Oborschischt beim Ungarmichel an. Witze sind schlecht angebracht. Noch macht er welche am Abend desselben Tages im befestigten Lager auf den Höhen vor Duschnik – während die kaiserlichen Truppen nach Przibram marschieren, auf einem großen Umwege, in einem Halbkreise, geschützt von den Wäldern und dem Dunkel der Nacht. Sie haben einen guten Führer, der die Gegend genau kennt und dem daran liegt, Duschnik zu überraschen und es ohne Schwertstreich zu nehmen, um einem langen Kampfe auszuweichen, während dessen man sich an der Geisel, an seinem Sohne Zdenko, den dieser Führer noch gefangen glaubt, halten und rächen könnte. So kommt es, daß, wahrend Peter Buresch links vom Dorfe gut verschanzt den Feind erwartet, der Feind mit erstem Morgendämmern von Przibram her auf der andern Seite ins Dorf einrückt, den schmalen Weg zwischen den Gartenmauern heraus, gradaus auf den großen Platz, wo die Bäume stehen mit den Kriegsartikeln Peter Bureschs. Trommelschlag weckt die im Dorfe Zurückgebliebenen. Das ist eine andere Trommel als die, welche sie einst zur Robbot rief. Neugierig steckten sie die Köpfe zu den kleinen roteingerahmten Fenstern heraus. Welch ein prächtiger Anblick – eine mächtige Kolonne zu Fuß, gefolgt von einer oder zwei Schwadronen ernst und stolz blickender Husaren. Sonderbar aber und unheimlich sehen die Gestalten aus, welche zu Fuß oder auf kleinen Pferden reitend die ganze Kolonne regellos, wild umschwärmen – vorn, hinten, von allen Seiten. Sie tragen rote oder schwarze Kappen, oder auch breite Hüte mit zerfetzten Krempen, die schlapp und schmutzig um Gesicht und Nacken hängen. Von der Schulter herab wallt ein langer, breiter, blutroter Mantel, der die schmächtige, aber sehnige Gestalt verdeckt, zugleich mit einem Gürtel, der reich besetzt ist mit Dolchen, Pistolen von allerlei Art. Die Füße sind in rotes Tuch gehüllt, welches durch schmale, kreuz und quer gebundene Riemen festgehalten ist, so daß man ihre Schritte nicht hört, wie die Schritte der Katzen. Auf dem Rücken hängt nachlässig an einem Riemen das ungewöhnlich lange Gewehr, das mit dem Ende des Laufes fast bis an die Knöchel reicht – an der Hüfte der krumme Säbel in bunter Scheide. – Es sind das die Panduren oder Rotmäntel, welche Baron Trenk die Güte hatte dem Major Bombelles auf einige Tage zu borgen. – Die blutroten Mäntel und die vielerlei Waffen weggedacht, sehen sie gar nicht so schrecklich aus – fast könnte man sagen, sie sind schön. Das braune Gesicht mit der kühnen Adlernase, die dunkeln Haare und fein gemalten Augenbrauen, die leuchtenden Augen und das beständige Lächeln um den feinlippigen Mund machen zusammen eine schöne Figur. Aber dieses beständige Lächeln ist es eben. Sie lächeln auch, wenn sie Kinder spießen, und haben sanfte und zärtliche Ausdrücke bereit, wenn sie dem Feinde den Kopf abschneiden. Auf einen Wink ihres Führers zerstreuen sie sich und sind nicht mehr zu sehen. Alle Ausgänge des Dorfes, Schluchten und Schlupfwinkel in den Wäldern sind in kurzer Zeit von ihnen besetzt. Denn in Wäldern, Gebüschen und Schluchten fühlen sie sich bald heimisch, kennen sie bald jeden Baum und Stein – das haben sie aus ihren heimischen kroatischen Wäldern mitgebracht, wo sie das edle Räuberhandwerk trieben und all die Künste lernten, mit welchen sie jetzt den habsburgischen Thron befestigen und in Duschnik Gesetz, Ruhe und Ordnung herstellen werden. Graf Bombelles, der an der Spitze der kaiserlichen Truppen in Duschnik einreitet, hat die gemessene Weisung, die Sache so schnell als möglich abzumachen, da man keinen Mann lange entbehren kann und mit den Bauerngeschichten nicht viel Zeit verlieren will. Er soll kurz und summarisch verfahren, die Führer beseitigen, die Gegend unschädlich machen und wieder davonreiten. Er macht sich sofort ans Werk. Die zurückgebliebenen Bewohner im Dorfe haben sich versammelt, die Trommel wird gerührt, die Soldaten ziehen einen weiten Kreis um die Versammelten und ein Feldwebel verliest mit lauter Stimme folgende Schrift, die ihm Graf Bombelles, der Major, gleichgültig und gelangweilt übergeben hat: »Im Namen Ihrer k. k. Apostolischen Majestät Maria Theresia, Königin von Hungaria, Bohemia usw. Kund und zu wissen allen, denen zu wissen notwendig. Die Regierung des Königreichs Böheim im Namen der allergnädigsten Königin Maria Theresia, Königin von Böheim, läßt Verzeihung, Gnade und Vergessen allen denen angedeihen, so sich in diesem Jahre als Verführte durch Wort und Tat an den ungesetzlichen und verbrecherischen Tätlichkeiten Peter Bureschs beteiligt haben, soferne diese Verführten reuig und demütig zur gesetzlichen Ordnung zurückkehren, freiwillig die Waffen niederlegen und zur Arbeit und gesetzlichen Pflichten sich als treue Untertanen Ihrer Majestät der allergnädigsten Kaiserin bekehren. Besagter Peter Buresch, der Erregung von Aufruhr gegen Ihrer Majestät Regierung und die bestehenden Gesetze, der Verleitung Ihrer Untertanen zu verbrecherischen Handlungen, der Konspiration mit Ihrer Majestät Feinden, der Gottlosigkeit und des Unglaubens, des Mords, des Raubs und der Plünderung und anderer mehrfacher Verbrechen angeklagt, soll vor ein Standgericht gestellt und nach dem Wortlaut des Gesetzes mit ihm verfahren werden. Gegeben in k. k. Hauptstadt Prag usw.« Während der Verlesung dieses Aktenstückes ließen die einzelnen Bauern langsam ihre Waffen fallen und zogen sich so weit von ihnen zurück, als es der Kreis, den die Soldaten um sie geschlossen, erlaubte. Die Weiber drängten sich durch und in die Häuser, um die etwa noch vorhandenen Gewehre vor die Türe zu werfen. Mika, der gleich nach seiner Ankunft im Dorfe mit Hilfe einiger Soldaten in den Schüttboden gedrungen war, kam bleich und mit zerrauften Haaren heraus. Er hat das Gefängnis leer gefunden – er ist zu spät gekommen. Die Weiber erzählten ihm mit Vorwürfen, daß sie selbst seinen Sohn befreit haben, und reuig und mit zerknirschtem Herzen schlich er aus dem Dorfe fort, zurück nach dem verbrannten Obtschov, um dort seinen geretteten Sohn aufzusuchen. Indessen hatte Peter Buresch erfahren, was im Dorfe vorging. Rasch brach er auf und rückte in Ordnung und festgeschlossenen Reihen aus dem Lager dem Dorfe zu. Kaum war er den Hügel hinab, als aus dem Walde rechts und links mit unhörbaren Schritten die Kroaten hervorkamen und das Lager besetzten. Sie waren nur noch einige hundert Schritte vom Dorfe, aber nahe genug, um zu bemerken, daß jeder Eingang stark von Soldaten besetzt war. Peter wandte sich um, um noch einmal seine Schar zum Angriff zu ordnen und ihnen Mut einzusprechen Da sprang Martin Kinnich aus dem Hohlwege hervor. Ihr Männer, rief er, was wollt ihr euch totschlagen lassen von einer mächtigen Überzahl, besonders da eben der Generalpardon für euch alle verlesen wurde, mit Ausnahme freilich, fügte er höhnisch hinzu, Peter Bureschs, der die Gefälligkeit hatte, mich vom Kommando abzusetzen und so vom Galgen zu retten. Peter Buresch starrte ihn lange an, dann schlug er sich mit der Faust vor die Stirne und rief: Das war unser Verräter! Ich Dummkopf! – Schießt ihn nieder! Der Ungarmichel legte an, doch bevor er abdrückte, sagte Peter Buresch mit Verachtung: Laßt ihn laufen! und Kinnich lief in der Tat nach dem Dorfe zurück. Aber die Worte Kinnichs hatten ihren Eindruck nicht verfehlt. Ein Murren und Murmeln ging durch die Reihen Peter Bureschs. – »Es ist vergebens! – Wozu sich umsonst totschlagen lassen? – wir haben Pardon!« Peter Buresch sah sich traurig um, und wie er die schwankenden murrenden Massen sah, ließ er den Kopf hängen. Totenblässe bedeckte sein Gesicht und er schloß die Augen, wie um sich zu besinnen. An den Ungarmichel gelehnt sagte er mit bebender Stimme: Siehst du, so sind die Bauern! – Dann rief er laut: Wer die Waffen strecken will, der tue es. Er kann ungehindert von dannen ziehen. Klirrend, dröhnend stürzte Waffe auf Waffe zu Boden. Peter Buresch stieß einen wilden Schrei aus und wandte sich ab. Er schien wieder in jenen Starrkrampf verfallen zu sein, in dem wir ihn schon einmal gesehen haben. Als er wieder zu sich kam, drängte sich die kleine Schar von Raubschützen um ihn – die Bauern waren alle fort. Geht, sagt er, es ist aus – die Zeit ist noch nicht gekommen. Aber die Raubschützen blieben. Geht! rief er noch einmal mit gebieterischer Stimme – ich weiß mich zu retten, an der bayerischen Grenze finden wir uns wieder. Es ist kein Ausweg für dich! sagte der Ungarmichel – komm mit uns, so schlagen wir uns durch. Wozu noch umsonst euer Blut vergießen und für mich? Ich habe einen guten Schlupfwinkel, in dem sie mich nicht auswittern sollen. Da gingen sie und als sie sich umsahen, war jede Spur von Peter Buresch verschwunden. Zwölftes Kapitel. Dorf und Umgegend blieben vom Schreck gelähmt und ruhig. Kein Widerstand, keine Widersetzlichkeit machte sich geltend, wenn nicht etwa das protestierende Schreien und Weinen der Schwestern und Mütter, wenn man ihre jungen Söhne und Brüder zusammenfing und sie truppweise von Panduren begleitet nach Prag abschickte, um sie von dort weiter an die preußische Grenze gegen die Feinde der Kaiserin zu jagen. Sonst sah man scheinbar ruhig zu, obwohl man im geheimen die Zähne knirschte und die Faust ballte, wenn man das Vieh aus dem Stalle jagte, um es teilweise an den großen Wachtfeuern mitten im Dorfe zu braten, oder als gute Beute den Kameraden in Prag zuzutreiben, wohin es dann mit den jungen Rekruten zugleich wanderte. Denn es ward als gutes Mittel zur Sicherung der Ruhe in diesen unruhigen Gegenden für alle künftige Zeit erachtet, wenn man alle waffenfähige Mannschaft und alles noch übrige Besitztum daraus entführte. Graf Bombelles, auf dessen Anordnung all das geschehen und der seine Residenz im Schlosse aufgeschlagen hatte, war, trotzdem alles gut vonstatten ging, doch sehr verdrießlich. Die Expedition langweilte ihn gewaltig – er hätte sie – sein Befehl lautete danach – gern aufs schleunigste zu Ende gebracht, aber das war nicht möglich, solange Peter Buresch nicht mitten im Dorfe an einem Baume hing. Umsonst war das ganze Dorf, alle Häuser vom Keller bis zum Dache, war der ganze Wald, jedes Gesträuch durchwühlt und durchstöbert worden; umsonst zog sich eine ununterbrochene Kette von Husaren und Panduren in einem weiten Kreise rings durch die Wälder, über Hügel und Täler. Peter Buresch war nicht zu finden. Entkommen konnte er nicht sein, er mußte also in irgend einem Verstecke sicher geborgen liegen. Graf Bombelles ließ aufs Geratewohl einzelne aus den Bauern herausgreifen und nach guter herrschaftlicher Sitte über die Bank legen, um ihnen das Geheimnis des Versteckes mit Hilfe des Stockes zu entreißen. – Sie schrien, sie litten unsägliche Qualen, sie wurden halbtot oder als Krüppel von der Bank fortgetragen – aber das Geheimnis war nicht enthüllt. Wir wissen nicht, ob die Unglücklichen ihren Führer von vorgestern verraten hätten, wenn ihnen sein Versteck bekannt gewesen wäre – wir wissen nur, daß sie in der Tat nicht wußten, welcher Schlund der Erde ihn verschlungen hatte. – So litten, um alles treu zu berichten, was die Tradition an Namen und Tatsachen auf uns gebracht hat, der lange Wlach und der alte weiche Tomesch. Da alles vergebens war, kam Graf Bombelles auf ein kluges Mittel. – Der Vater mußte es wissen, wo der Sohn versteckt war, also soll der Vater den Sohn verraten. – Der alte Buresch, der wieder verzweifelt heimgekehrt war, nachdem er den bayerischen Scherenschleifer umsonst gesucht hatte, wurde herbeigeschleppt und auf die Marterbank gelegt. Bevor ihn die Panduren hinstrecken konnten, riß er sich noch einmal los, richtete sich hoch auf und schrie dem Grafen Bombelles, der aus dem Schloßfenster den Exekutionen zusah, mit stolzer Stimme zu: Ich bin ein alter Soldat des Prinzen Eugen, des edlen Ritters! Aber was kümmerte den Grafen Bombelles ein alter Soldat des Prinzen Eugen, des edlen Ritters? Er mußte leiden wie die andern und noch härter. Der Alte vom Hammer knirschte die Zähne zusammen – aber über den zusammengeknirschten Zähnen lächelte er und lächelte und lächelte immer – murmelte zuweilen den Namen seines geliebten Sohnes – und lächelte wieder, bis er bewußtlos von der Bank hinabrollte wie totes Holz. Der eine und einzige unter den Bauern, der Peter Bureschs Versteck kannte und es wohl auch verraten hätte, konnte von den Soldaten nicht gefaßt werden, denn er war schon gestern, bevor diese Maßregeln in Gang kamen, von ihnen gefaßt worden und residierte mit dem Grafen Bombelles unter demselben Dache. Freilich etwas schlechter, denn er schmachtete tief unten im Schlosse, in dem dunkeln feuchten Loche, wo sonst widerspenstige Bauern, die ihre Robbotpflichten nicht erfüllen wollten, zu sitzen pflegten. Der eine war Martin Kinnich. Ihm war, als dem Urheber des Bauernaufstandes, dasselbe Los zugedacht wie Peter Buresch, aber in Berücksichtigung des Fürwortes von seiten Mikas und der Väter Jesuiten für die guten Dienste, die er im Verlaufe der Begebenheiten geleistet, zu zehnjähriger Zuchthausstrafe und Schanzenarbeit begnadigt worden. Da saß er nun im Loche, die Zeit erwartend, bis ihn Graf Bombelles mit sich fortnehme nach Prag und ihn seiner Bestimmung in Ketten und Banden entgegenführte. Zeit genug hatte er, in seiner Einsamkeit darüber nachzudenken, wie er sich von dieser Bestimmung befreien könne, und er benutzte die Zeit. Peter Buresch, im unterirdischen verfallenen Gemach des alten Schlosses, das von außen wie jeder andere unschuldige Hügel aussah, erfuhr von allem nur, was ihm Lunetta zu berichten für gut fand. So wußte er nichts von den Wunden seines Vaters, und ausgestreckt auf seine Hirschhaut, beleuchtet vom Flackerlichte des Kienspans in der Ecke, aß er vom Braten und trank vom Wein, die Lunetta den Soldaten im Dorfe, während sie tanzte, sang und prophezeite, vom Wachtfeuer wegstahl. Er lachte über die dummen Bauern, die nur zu dulden haben, was sie verdienen, und fühlte sich am wohlsten, wenn gerade ein Pandurenpikett, das nach ihm suchte, gerade über seinem Haupte auf dem einladenden Hügel Rast hielt und man unten im Gemache ihre Flüche und Verwünschungen über die vergebliche Mühe hören konnte. – Ihr armen Jungen oder Helden , sagte er dann, bald hoffe ich euch aus meinen Wäldern in einem höflichen Briefe anzuzeigen, daß eure Mühe vergebens ist, und ich glaube, ihr werdet dann davon überzeugt sein! Es war nämlich abgemacht, daß noch diese Nacht Lunetta einem einquartierten Soldaten die ganze Kleidung vom Bette stehlen und Peter Buresch bringen solle. In dieser Verkleidung war es dann leicht, durch die Kette der ausgestellten und reitenden Posten in die Wälder zu entkommen. Aber in dieser Nacht sollte noch etwas anderes geschehen. Martin Kinnich hatte die Zeit zum Nachdenken gehörig benutzt. Als er das Geschrei der geprügelten Bauern hörte, kam er schnell mit seinem Nachdenken zum Ziele. Am Abend ließ er dem Grafen Bombelles sagen, er habe mit ihm in aller Untertänigkeit etwas sehr Wichtiges zu verhandeln. Es kam keine Antwort. Was sollte der Bauer mit dem Grafen Wichtiges zu verhandeln haben? Da ließ ihm Martin Kinnich sagen, er kenne den Aufenthalt Peter Bureschs, und nach wenigen Minuten stand er vor dem Grafen. Wo ist er? – wo steckt er? – sprich, schnell! – rief ihm der Graf entgegen. Verzeihung, allergnädigster Herr! – antwortete Kinnich, sich tief verneigend, das geht nicht so schnell – ich habe meine Bedingungen. Bedingungen – rief der Graf – frecher Bauer, du wagst es, von Bedingungen zu sprechen? Ich lasse dir hundert Stockstreiche aufzählen, das wird dir die Bedingungen austreiben. Hundert Stockstreiche mehr oder weniger – sagte Kinnich, indem er die Ohren zwischen die Schultern zog – man muß sich daran gewöhnen, wenn man sich auf zehn Jahre Zuchthaus vorzubereiten hat. Ich kann von meinen Bedingungen nichts nachlassen, gnädiger Herr. Einen Menschen, bei dem es sich um den Galgen handelt, zu verraten, das ist nichts Kleines und will gut verkauft sein. Und wie teuer verkauft, Schurke? – Um zehn Jahre Zuchthaus! Ho ho! Kinnich ließ sich nicht stören und fuhr mit ruhiger Frechheit fort: Ich kann nicht anders. Warum haben mir Euer Gnaden den Galgen nachgelassen? Weil ich offenbar Verdienste hatte, Verdienste um Thron und Altar, weil ich eine Konspiration mit dem Feinde Ihrer Majestät aufgedeckt habe und manches tat, was die Fortschritte der dummen, verführten Bauern aufhielt. Man hat aber noch nicht erkannt, daß ich, den man den Anstifter des Aufruhrs nennt, zu Anfang nur den Oberbefehl übernahm, um ungesetzliche Taten zu verhindern – warum hätte ich sonst so viele Tage lang in den Wäldern gefaulenzt? Aus Feigheit, du Schurke! rief der Graf. Feigheit, eine sehr lobenswerte Feigheit, die es nicht wagt, sich gegen die Gesetze Ihrer Majestät aufzulehnen, eine Feigheit, die man alleruntertänigste, rühmenswerte Untertanentreue nennen sollte – und das war es! Kinnich hielt inne, um zu sehen, welche Wirkung seine wohlgesetzten und gut ausgedachten Worte auf den Grafen hervorbrachten. Da dieser schwieg, fuhr er fort: mag man mich feig nennen – ja, ich bin es dem Gesetz und Ihrer Majestät der Kaiserin gegenüber. Ich wollte nur sagen, daß, wenn ich durch die Gnade Ihrer Majestät meiner Verdienste wegen vom Galgen zum Zuchthaus begnadigt worden bin, ich wohl eines neuen Verdienstes wegen vom Zuchthaus zur vollkommenen Verzeihung begnadigt werden könnte. Das kann nicht sein! – rief der Graf. Doch, Eure Gnaden haben Vollmacht – rief Martin Kinnich dagegen und warf sich vor die Füße des auf und ab wandelnden Grafen – und ich habe Weib und Kind! Der Graf blieb stehen und sah verächtlich auf den Knienden nieder. Was bietest du für deine Begnadigung? Peter Buresch! – rief Kinnich laut – Peter Buresch, den unruhigsten und gefährlichsten Kopf, der das Land noch tausendmal aufwiegeln kann, der die Wälder entvölkert, ein Schreck aller Förster und forstbesitzenden Herrschaften. Wann? fragte der Graf weiter. In einer Stunde! rief Martin Kinnich eifrig. Gut! – sagte der Graf nach einigem Nachdenken. Martin Kinnich küßte die Hände des Grafen. – Aber ich brauche Soldaten! sagte er endlich. Nimm dir zehn Mann mit! Zehn Mann? – sagte Kinnich besorgt – Peter ist stark wie ein Riese und listig und verschlagen – ich brauche wenigstens zwanzig Mann. Nimm so viel du willst, Memme! Martin Kinnich soll sich mit einer halben Kompagnie beeilen, an deren Spitze er, die ausgedehnte Vollmacht benützend, dahinzieht, stolz wie ein Feldhauptmann, sobald er ins Freie kommt, aber schleichend und gebückt, solange er zwischen den Häusern des Dorfes hingeht. – Er soll sich beeilen, denn eben ist Peter Buresch damit beschäftigt, seinen gewaltigen Leib in die enge Soldatenjacke zu zwängen, während Lunetta vor Ungeduld mit den Füßen zappelnd neben ihm steht und den hohen, spitz zulaufenden schwarzen Tschako mit dem gelben Adler in Händen hält. Nein! – ruft plötzlich Peter Buresch – lieber liege ich noch ein Jahr in diesem Loche, als daß ich diese bunte Knechtlivree nur eine Stunde am Leibe behalte. So sprechend reißt er die bunte Jacke wieder von den Schultern, wirft sie weit weg in einen Winkel und sich selbst auf die Hirschhaut. Lunetta hebt die Jacke wieder auf. Ach! fleht sie, du brauchst sie ja nicht einmal eine Stunde zu tragen. In den Eisenhämmern bei Hlubosch kannst du sie wieder abwerfen. Aber jetzt beeile dich. Ich bitte dich, mein teurer Herr, – es ist keine Zeit zu verlieren, und wir haben noch so viel zu tun. Muß ich dir nicht noch den Bart scheren und einen Zopf flechten? Einen Zopf? – lacht Peter Buresch und sieht sie erstaunt an – glaubst du, ich würde mir einen Zopf flechten lassen und wenn der Galgen hier zwei Schritte vor meinen Augen stände? Ha ha! – einen Zopf! Nun gut, es wird vielleicht auch ohne Zopf gehen – aber nimm die Jacke, mein teurer Meister! flehte Lunetta. Warum drängst du so auf die dumme Verpuppung? – das kann auch in zwei Stunden oder morgen oder übermorgen geschehen! Ach, es ist mir so weh zumute! – wimmerte Lunetta – es liegt mir schwer wie ein Alp auf der Brust und ist mir, als ob wir sehr zu eilen hätten. Lunetta hatte es kaum gesagt, so hörte man draußen rings um den Hügel ein Geräusch von Waffen, Schritten, Kommandoworten. Jetzt kann ich doch nicht fort – sagte Peter Buresch mit gedämpfter Stimme – sie lagern wieder ums alte Schloß. Sei stille! Lunetta war stille, sie wagte es kaum zu atmen. Ängstlich kauerte sie in dem Winkel und starrte unverwandten Blickes durch die Dämmerung nach dem Steine, der die Türe dieses verborgenen Gemaches bildete. – War es das bewegliche Licht des Kienholzes, das sie täuschte, oder bewegte sich wirklich der Stein? Zitternd aber unhörbar kroch sie auf Peter Buresch zu und umklammerte ihn mit beiden Armen, immer nach dem Steine hinstarrend. Es war nicht das täuschende Licht – der Stein bewegte sich wirklich, er fiel und hereinströmten, mit Luchsaugen suchend, gebückt mit vorgehaltenen, langen Flintenläufen, immer lächelnd, die Panduren. Ein furchtbarer Schrei, der in der Wölbung klagend und traurig widerhallte, drang aus Lunettas Brust. Mit einem Sprung war sie am leuchtenden Kienspan, warf ihn zur Erde und trat mit ihren nackten Füßen darauf, um Peter Buresch in Nacht zu bergen. Es war zu spät, die Rotmäntel haben gute Augen. Am frühen Morgen schon war das Dorf Duschnik von Soldaten wie ausgefegt – die Bewohner schliefen noch – aus weiter Ferne hörte man nur noch die Trommel. Mitten im Dorfe an dem großen Kastanienbaum hing Peter Buresch – ihm zu Füßen saßen der Alte vom Hammer und Lunetta. Sie warteten, bis die Soldaten weit genug sein würden, um dann Peter Buresch abzuschneiden. An demselben Baum klebten noch Peter Bureschs Kriegsartikel. Der alte Buresch saß da, kalt, stumm, starr vor sich hinsehend, während kalte Tränen auf seinen Wangen standen. Zum ersten Male seit langer Zeit spielte er wieder mit seinen Schlangen und bedauerte wohl, daß sie keine Giftzähne hatten. Von Zeit zu Zeit wandte er sich zu Lunetta und sprach kurze Worte. die sie nicht hörte und deren Sinn, wenn man sie zusammenhielt, ungefähr war: Lunetta, ich gehe mit euch zu den Zigeunern – meine Schlangen können schön tanzen und ich werde euch viel Geld einbringen. Lunetta, ich gehe nicht mehr fort von dir, denn du hast ihn geliebt. Lunetta hatte den Kopf tief hinabgebeugt in ihren Schoß und sang gedankenlos und mit tonloser Stimme traurige Zigeunerweisen, so leise, daß nur sie selbst sich hören konnte. In später Abenddämmerung erschien eine alte, auf Krücken gebeugte Zigeunerin mit vielfachen Pflastern im Gesicht, bei Martin Kinnich und bat um Herberge. Es ist ein halber Aberglaube – aber man wagt es nicht oft, Zigeunern ein Obdach zu versagen, und schickt sie meist in die Scheunen. Auch die alte Zigeunerin wurde in die Scheune geschickt und es war noch nicht Mitternacht, als schon Scheune und Haus in Asche lagen und die Zigeunerin verschwunden war. – Martin Kinnich war ein Bettler und zog als solcher durchs Land. Auch der Bauernadvokat war ein Bettler, denn der Kontrakt mit den Prager Holzlieferanten leerte ihm noch die Strümpfe mit Talern, die er aus dem Brande gerettet hatte. Zdenko konnte ihn nicht ernähren, denn er war mit fortgenommen worden, als man diese Gegend von aller waffenfähigen Mannschaft reinigte. Das ist die sonderbare Geschichte eines Bauernkrieges, um welchen man sich in dem allgemeinen Kriege, der damals die Welt elend machte, nicht kümmerte und von welchem so wenig Urkunden sprechen, daß ein gewissenhafter Geschichtschreiber oder Leser sie nicht zu glauben braucht.