Scholem Alejchem Aus dem nahen Osten Erzählungen Übertragen von Stephanie Goldenring 1922 Benjamin Harz Verlag, Berlin-Wien Der Deutsche. Wie ich euch bereits gesagt habe, stamme ich aus Draschna, versteht ihr, aus Draschna. Draschna ist ein Städtchen im Gouvernement Podolien, ein ganz kleines Städtchen. Heute ist Draschna – man kann sagen – schon eine ansehnliche Stadt mit Eisenbahn und Bahnhofsgebäude ... Als Draschna Eisenbahnstation wurde, hat uns die ganze Welt beneidet. Eisenbahn – Kleinigkeit! ... Man glaubte, es würde eine Goldgrube werden, man würde das Gold mit vollen Händen schöpfen, man würde einfach glücklich werden! Juden kamen aus den Dörfern in die Stadt gefahren, die Hausbesitzer begannen ihre Häuser umzubauen, neue Läden einzurichten, die Fleischsteuer wurde erhöht, und man dachte bereits daran, einen neuen Schächter zu nehmen, ein neues Bethaus zu bauen und ein Stück Feld zu kaufen, um einen neuen Friedhof anzulegen, – es herrschte Jubel und Freude! Es war ja auch Grund genug, sich zu freuen! Man bekam die Eisenbahn, eine Bahnhofsstation und ein Bahnhofsgebäude. Im Anfang lehnten sich die Kutscher auf und waren mit dieser Neuerung sehr unzufrieden. Aber wer fragt nach ihnen? Das Geleise wurde gelegt, Waggons wurden herbeigeschafft, ein Bahnhofsgebäude errichtet, eine Signalglocke angebracht und ein großes Schild mit der Aufschrift »Draschna« ... Nun mach einer was! Als die Eisenbahn in Gang gebracht wurde, sagte meine Frau zu mir: »Was gedenkst du zu tun, Jojnele?« »Was soll ich tun?« erwiderte ich, »dasselbe, was die anderen Juden tun. Alle Juden von Draschna drehen sich bei der Bahn, so werde auch ich mich dort herumdrehen.« Hierauf, nahm ich meinen Stock, ging nach dem Bahnhof und wurde mit Gottes Hilfe Spediteur. Was ist ein Spediteur? ... Spediteur sein heißt folgendes: Einer handelt mit Getreide und muß es in Waggons laden und fortschicken. Hierfür gibt es einen Spediteur. Da aber fast sämtliche Draschner Juden Spediteure geworden sind, so ist das sehr schlimm. Man quält und windet sich, man kauft von irgendeinem Besitzer einen Sack Getreide und verkauft ihn sofort wieder von Hand zu Hand, dabei verdient man oder setzt auch Geld zu; manchmal vermittelt man auch einen Verkauf und verdient eine kleine Provision, wenn's glückt. Man fängt dies und jenes an ... aber es geht schlecht, es gibt nichts zu tun! Nun, was wollt ihr, früher gab es ja auch nichts zu tun! Nur als es keine Bahn gab, meint ihr, war man darüber nicht so ungehalten. Was nützt uns also die Eisenbahnstation mit dem Bahnhofsgebäude, der Glocke und dem ganzen Tumult! Da geschah folgendes: Ich stand eines Tages auf dem Bahnhof, sorgenvoll, als gerade der Personenzug abgehen sollte. Die dritte Glocke war bereits ertönt, die Lokomotive hatte wiederholt gepfiffen, aus dem Schornstein stieg eine dicke Rauchwolke ... Ich warf einen Blick auf den Perron und bemerkte einen vornehmen Herrn, groß gewachsen, schlank, mit schwarzweißkarierten Beinkleidern, einen steifen Hut auf dem Kopf und mit großem Reisegepäck. Er stand mit vorgestrecktem Hals und sah sich wie ein Sünder nach allen Seiten um. ›Dieser Herr kann dich gebrauchen,‹ dachte ich mir und hatte das Gefühl, als ob mich jemand am Rockzipfel fasse. ›Jojne‹, sagte ich mir, ›sprich ihn an und frage ihn, ob er etwas braucht.‹ Kaum hatte ich mich von meinem Platz gerührt, als er mir bereits entgegenkam, den Hut zog und mich auf deutsch, mit langgedehnter Betonung anredete: »Guten Morjen, mein Herr!« »Ein gutes Jahr wünsche ich Euch,« erwiderte ich halb deutsch, halb jiddisch und den Rest mit den Händen. Ich fragte ihn, von wo er käme. Darauf entgegnete er mir, ob ich ihm nicht ein passendes Quartier, ein Hotel, empfehlen könne. »Gewiß,« erwiderte ich. »Warum soll ich es Ihnen nicht empfehlen können?« und bedauerte im stillen, daß ich nicht selbst ein Hotel hatte und daß ich ihn nicht in mein Hotel führen konnte. Solch ein feiner deutscher Herr! Bei dem war etwas zu verdienen! Aber im selben Augenblick ging es mir durch den Kopf: ›Dummkopf! Steht dir denn an der Stirn geschrieben, daß du kein Hotel hast?! Stell dir vor, daß du ein Hotel hättest.‹ Und ich sagte zu dem Fremden halb deutsch, halb jiddisch und den Rest mit den Händen: »Wenn Sie wullen, mein Harr, lassen Sie nehmen einen Fuhrmann, da werd ich Sie führen nach dem besten Hotel, einem Hotel ersten Ranges.« Als der Deutsche das hörte, war er sehr erfreut und zeigte mit der Hand auf den Mund: »Gibt es dort auch zu essen? Kann man dort speisen?« »Die besten Speisen,« erwiderte ich, »Sie werden mit Gottes Hilfe Vergnügen haben, Herr Deutscher, denn meine › plonis ‹, das heißt, meine Frau, ist eine ausgezeichnete Wirtin ... Sie ist berühmt wegen ihres Kochens und ihres Backens ... Ihre Fische könnte der ›Melech‹ essen, will sagen der König Ahasverus.« »Jawohl,« erwiderte der Deutsche freudig mit leuchtenden Augen und einem Gesicht, das wie die Sonne strahlte. ›Ein schlauer Mann, dieser Deutsche,‹ dachte ich mir und bestellte ohne lange Umstände einen Wagen, in dem ich ihn direkt in mein Haus brachte. Als ich zu Hause angelangt war, teilte ich meiner Frau mit, daß Gott mir einen ganz besonderen Gast, einen Deutschen, zugeschickt habe. Aber was versteht eine Frau davon? Sie fing auch wirklich an zu schimpfen, weil wir zur ungelegenen Zeit kamen, als die Stube gerade aufgeräumt wurde. »Was für einen Gast so plötzlich mitten drin?« rief sie. »Sei still, Frau, sprich nicht jiddisch, denn der Herr versteht alles,« flüsterte ich ihr zu. Aber sie hörte nicht auf mich, fuhr fort, die Stube auszukehren, daß uns der Staub ins Gesicht flog, und knurrte ... Sie knurrte, und ich stand mit meinem deutschen Gast vor der Tür und konnte nicht hin und nicht her. Mit der größten Anstrengung gelang es mir endlich, ihr klarzumachen, daß es kein Gast für umsonst war, sondern für Geld, daß man sogar schön an ihm verdienen konnte. Aber nachdem ich auf sie gut eingeredet hatte, entgegnete sie: »Wo soll ich ihn hinlegen? In die Erde? ...« »Sei doch still, törichtes Weib!« erwiderte ich, »ich sage dir doch, du sollst nicht reden, der Herr versteht alles!« Jetzt erst verstand sie, was ich meinte. Wir stellten ihm unsere Schlafstube zur Verfügung. Meine Frau wärmte sofort den Samovar und begann, das Abendessen zu kochen. Als der Deutsche die Schlafstube sah, rümpfte er die Nase, als wollte er sagen: – Es könnte schöner sein! – Aber was versteht solch ein Deutscher davon?! Als der Samovar auf den Tisch kam und der Tee aufgebrüht wurde, nahm er ein Fläschchen feinen Rum aus seiner Handtasche, trank ein Gläschen, schenkte mir auch eins ein, und sah nach diesem Trunk alles mit anderen Augen an; er packte seine Koffer aus und machte es sich bequem, als wäre er bei sich zu Hause. Wir wurden bald gute Freunde. Nach dem Tee begann ich mit ihm ein Gespräch, was ihn hierherführe, womit er handele, ob er vielleicht etwas kaufen oder verkaufen wolle. Aber es stellte sich heraus, daß er nichts benötigte. Er bemerkte mir flüchtig, daß er Maschinen zu befördern habe. ›Unsinn!‹ dachte ich mir. Er aber blickte während des Gespräches fortwährend nach dem Herd und fragte jeden Augenblick, ob das Essen nicht bald fertig sei. »Sie machen sich wohl sehr viel aus dem ›Achilah‹, dem Essen, Herr Deutscher?!« sagte ich zu ihm. Er antwortete etwas ganz Verkehrtes ... Ein Deutscher versteht eben nicht, was man zu ihm spricht! Wir redeten hin und her, bis endlich der Tisch gedeckt war und das Abendessen vorgesetzt wurde: Eine frische Suppe mit Mandeln, zum Erquicken, ein ganzes Huhn mit feinem Gries, Karotten, Petersilie und einer Menge allerlei Zutaten ... Wenn meine Frau will, kann sie nämlich sehr gut kochen ... »Gesegnete Mahlzeit,« sagte ich, aber er antwortete mit keiner Silbe und stürzte sich auf das Huhn, wie nach einem Fasttag. »Guten Appetit,« sagte ich wieder, er aber schlürfte seine Suppe mit Wohlgefallen. Hätte er wenigstens eine Silbe gesagt, ein Wort des Dankes! Aber wo! ›Ein Grobian!‹ dachte ich, ›ein verfressener Kerl!‹ Schließlich hatte er fertiggegessen, steckte eine lange Pfeife an und saß lächelnd da. Ich sah, wie sich der Deutsche nach allen Seiten umblickte und wahrscheinlich nach einem Platz suchte, wo er den Kopf niederlegen würde, denn die Augen fielen ihm zu. Er wollte wahrscheinlich wissen, wo sein Nachtlager sich befand. Ich machte meiner Frau ein Zeichen: »Wo macht man ihm ein Bett? Wo wird er schlafen?« »Wo soll er schlafen?« erwiderte sie, »in meinem Bett!« Ohne lange Umstände begann sie das Bett zurechtzumachen und die Kissen durchzuschütteln, wie es sich gehört Meine Frau versteht alles, wenn sie will ... Aber ich, merkte, daß mein Deutscher nicht sehr entzückt war, wahrscheinlich gefiel es ihm nicht, daß die Federn herumflogen, denn seine Nase begann zu zucken, und er fing an, furchtbar zu nießen. »Gesundheit!« rief ich ihm zu. Glaubt ihr etwa, daß er mir antwortete? Kein Gedanke. ›Ein Grobian,‹ dachte ich mir, ›ein wilder Mensch!‹ Meine Frau machte ihm das Bett zurecht, mit vielen Kissen, bis zur Decke hoch, ein König hätte darin liegen können! ... Meine Frau kann alles, wenn sie will ... Dann verabschiedeten wir uns von ihm, wünschten »Gutenacht« und gingen schlafen. Während wir uns zur Ruhe begaben, hörte ich, wie mein Deutscher fest eingeschlafen war, mit einer merkwürdigen Stimme schnarchte, wie eine Lokomotive atmete und pfiff und röchelte wie ein Ochs beim Schlachten. Doch plötzlich erwachte er, krächzte und räusperte sich, pustete und spuckte, kratzte sich und brummte, dann drehte er sich auf die andere Seite, schnarchte, atmete laut, pfiff und röchelte und erwachte wieder krächzend, stöhnend, blasend, kratzte sich, spuckte um sich und brummte. Das wiederholte sich mehrere Male, bis er schließlich aus dem Bett sprang. Ich hörte, wie die Betten zur Erde flogen, wie er ein Kissen nach dem anderen aus dem Bett warf, mit furchtbarer Wut und lautem Fluchen: »Zum Teufel! Sakrament! Donnerrwetterrrrrr!« Ich eilte zur Tür, guckte durch eine Ritze und sah, wie der Deutsche im Adamkostüm im Zimmer stand, die Kissen und die Federbetten aus dem Bett schleuderte und spuckte und in seiner Sprache fluchte, daß Gott einen davor behüten möge! »Was ist geschehen, Herr Deutscher?« rief ich und öffnete die Tür. Wie vom Teufel besessen, stürzte er mit geballten Fäusten auf mich zu und wollte mich umbringen. Er faßte mich bei der Hand, führte mich ans Fenster und zeigte mir, wie sein ganzer Körper zerbissen war; dann jagte er mich hinaus und schlug die Tür zu. »Ein verrückter Deutscher!« sagte ich zu meiner Frau, »er muß sehr verwöhnt sein! Es schien ihm, daß er gebissen wurde und macht ein Spektakel, als ob die Welt unterginge!« »Wie ist so etwas möglich? Das wundert mich!« erwiderte meine Frau. »Zu Ostern wurden die Betten doch erst gereinigt und die Bettstelle mit Petroleum ausgepinselt.« Am nächsten Morgen glaubte ich, daß mein Deutscher wütend über alle Berge laufen würde. Aber kein Gedanke! Er rief wieder sein »Guten Morjen«, lächelte wieder, paffte wieder seine Pfeife und ließ sich wieder Essen kochen. Zum Tee bestellte er sich weiche Eier ... Was glaubt ihr, wieviel Eier? ... Extra zehn Stück ... Dazu trank er seinen Schnaps und bot mir auch einen an. Ein feines Leben! Am Abend wiederholte sich dasselbe Spiel. Zuerst fauchte und schnarchte er, atmete und blies und röchelte, dann krächzte und stöhnte er, spuckte, kratzte sich und brummte; endlich erwachte er, warf die Kissen aus dem Bett, spie voll Ekel um sich und fluchte in seiner Sprache: Zum Teufel, Sakrament, Donnerrrwetterrr! Des Morgens stand er auf, bot uns wieder sein »Guten-Morjen«, paffte seine Pfeife, lächelte wieder, aß mit Appetit, trank einen Schnaps dazu, bot mir ebenfalls ein Glas an, – und so ging es mehrere Tage hintereinander, bis der Tag kam, an dem die Maschinen glücklich unseren Ort passiert hatten und er abreisen sollte. Als die Stunde seiner Abreise nahte, und der Deutsche seine Sachen zu packen begann, sagte er mir, ich möchte ihm die Rechnung geben. »Was ist da viel zu rechnen, Herr Deutscher,« erwiderte ich. Die Rechnung ist sehr einfach. Sie schulden mir rund fünfundzwanzig Rubel.« Er glotzte mich an, als wollte er sagen: ›Was? ... Ich verstehe nicht!‹ Da sagte ich zu ihm auf deutsch: »Sie werden die Güte haben und bezahlen einen Fünfundzwanziger! 25 ›Kerblech‹, das heißt fünfundzwanzig Rubel.« Dabei zeigte ich ihm mit den Fingern: zehn, noch einmal zehn und dann fünf ... Glaubt ihr etwa, daß er überrascht war? Gott behüte! Er paffte seine Pfeife ungestört, lächelte und sagte, er möchte nur wissen, wofür er fünfundzwanzig Rubel zu bezahlen habe. Hierbei nahm er einen Bleistift zur Hand und bat mich, für jedes eine besondere Aufstellung zu machen. ›Du bist sicher ein schlauer Kopf‹ dachte ich, ›aber Verstand habe ich mehr als du! In deinem ganzen Kopf steckt nicht so viel, wie bei mir in meinem kleinen Finger!‹ »Schreiben Sie, bitte, Herr Deutscher,« sagte ich zu ihm: »Logis: sechs Tage zu anderthalb Rubel macht neun Rubel; sechsmal zwei Samovare macht zwölf Samovare zu einem halben polnischen Gulden – – macht 90 Kopeken; sechsmal ungefähr zehn Eier des Morgens und ungefähr zehn Eier des Abends sind 120 Eier, also zwei Schock, zu einem Rubel das Schock, – macht zwei Rubel; sechs Suppen, sechs Hühner zu fünf polnischen Gulden (75 Kopeken) ausschließlich der Graupe, der Mandeln, der Petersilie, diesem und jenem und allerlei anderen Zutaten macht rund sechs Rubel; sechs Abende – sechs Lampen macht 60 Kopeken; Schnaps haben Sie von Ihrem eigenen getrunken – macht zwei Rubel, zusammen vier Rubel; Bier wurde überhaupt nicht getrunken – macht 70 Kopeken. Also alles zusammen für Getränke ungefähr fünf Rubel. Um die Summe rund zu machen, schreiben wir fünf Rubel fünfzig Kopeken. Nun, Herr Deutscher, macht das zusammen nicht fünfundzwanzig Rubel?« sagte ich zu ihm ganz ernst. Glaubt ihr, er hat mir mit einer Silbe geantwortet? Gott behüte! Er paffte seine Pfeife weiter, lächelte, nahm fünfundzwanzig Rubel und warf sie mir hin, als ob es drei Rubel wären, verabschiedete sich sehr herzlich und ging zur Bahn ... »Was sagst du zu solch einem Deutschen, Frau?« »Möge Gott uns jede Woche einen solchen Deutschen zuschicken, das wäre gar nicht übel!« Der Deutsche reiste ab. Nach drei Tagen kam der Briefträger und brachte mir einen Brief, für den er vierzehn Kopeken Porto verlangte. »Warum muß ich vierzehn Kopeken zahlen?« fragte ich. »Der Absender vergaß, eine Marke aufzukleben,« antwortete der Briefträger. Ich zahlte die 14 Kopeken und öffnete den Brief. Er war deutsch geschrieben. Ich konnte kein Wort entziffern. Ich trug den Brief von einem zum anderen. Aber kein Mensch konnte deutsch lesen. Ein wahres Unglück! Nachdem ich das ganze Städtchen abgerannt hatte, fand ich mit größter Mühe endlich einen Apothekerprovisor, der Deutsch lesen konnte. Er las mir den Brief vor und erklärte nur, daß der Brief von einem Deutschen kam, der mir für das vortreffliche und ruhige Logis und für die liebenswürdige Gastfreundschaft, die er bei uns gefunden und die er niemals vergessen würde, herzlich danke. ›Meinetwegen,‹ dachte ich mir, ›sehr schön! Wenn du zufrieden bist, freut es mich!‹ Zu Hause erzählte ich es meiner Frau und sagte: »Was meinst du zu diesem Deutschen? Unberufen, ein furchtbarer Narr!« »Gott soll uns jede Woche einen solchen Deutschen schicken!« erwiderte meine Frau, »das wäre nicht übel!« Wieder verging eine Woche. Als ich eines Tages vom Bahnhof nach Hause kam, übergab mir meine Frau einen Brief, für den der Briefträger 28 Kopeken verlangt hatte. »Wieso 28 Kopeken?« fragte ich erstaunt. »Der Briefträger wollte den Brief nicht anders herausgeben,« erwiderte sie. Ich öffnete den Brief. Wieder deutsch. Ich lief zu meinem Provisor und bat ihn, er möchte mir den Brief vorlesen. Er las ihn. Wieder schrieb derselbe Deutsche, er wäre auf der Reise nach seiner Heimat, hätte soeben die Grenze passiert und danke mir für das vortreffliche und ruhige Logis und für die liebenswürdige Gastfreundschaft, die er bei uns gefunden, und die er niemals vergessen würde. ›Ich wünsche, er hätte meine Sorgen,‹ dachte ich mir. Als ich nach Hause kam, fragte mich meine Frau, was das für ein Brief wäre. »Wieder von dem Deutschen,« erwiderte ich, »er kann die Gefälligkeit nicht vergessen, die wir ihm erwiesen haben! Der verrückte Deutsche!« »Wenn Gott uns jede Woche solche verrückte Deutsche zuschicken wollte, wäre es nicht übel!« entgegnete meine Frau. Wieder vergingen zwei Wochen, da bekam ich einen Brief von riesigem Format, für den ich 56 Kopeken bezahlen sollte. Diesmal wollte ich nicht zahlen. »Wie Sie meinen,« sagte der Briefträger und nahm den Brief zurück. Aber es tat mir wiederum leid, denn ich hätte gern gewußt, woher der Brief kam ... Vielleicht war es doch etwas Wichtiges. Ich bezahlte also 56 Kopeken, öffnete den Brief, warf einen Blick hinein: Wieder deutsch! Selbstverständlich ging ich wieder zum Provisor und bat ihn, zu entschuldigen, daß ich ihm fortwährend den Kopf verdrehte. »Was soll ich machen, da ich doch leider nicht deutsch lesen kann!« Der Provisor nahm den Brief und las mir eine ganze Litanei vor, wie derselbe Deutsche zu Hause angekommen war, bei seiner Frau und den Kindern weilte und ihnen erzählte, wie er zu uns nach Draschna gekommen sei, wie er mir auf dem Bahnhof begegnet sei, wie ich ihn zu mir nach Hause genommen und ihm ein prachtvolles, ruhiges Logis besorgt habe. Er danke uns also für die liebenswürdige Gastfreundschaft, die er sein Leben lang nicht vergessen würde. ›Hol ihn der Kuckuck!‹ dachte ich und wünschte ihm Hals- und Beinbruch. Meiner Frau erzählte ich nichts mehr von diesem Brief, als wenn nichts geschehen wäre. Wieder vergingen drei Wochen. Da bekam ich von der Post eine Anweisung auf 1 Rubel und 12 Kopeken. »Was ist das für 1 Rubel und 12?« fragte mich meine Frau. »Ich habe keine Ahnung,« erwiderte ich. Ich lief zur Post und erkundigte mich, woher ich 1 Rubel und 12 Kopeken zu bekommen habe. Da wurde mir gesagt, ich hätte den Rubel und 12 Kopeken nicht zu bekommen, sondern daß ich 1 Rubel und 12 Kopeken zu bezahlen hätte. »Wofür?« fragte ich. »Für einen Brief,« sagte der Beamte. »Was für ein Brief? Von dem Deutschen etwa?« Ich bekam keine Antwort. Was war zu tun? Ich bezahlte 1 Rubel und 12 Kopeken und bekam einen Brief, so dick wie ein Paket. Ich öffnete den dicken Brief. Wieder von ihm, von dem Deutschen! Ich ging zum Provisor. »Nehmen Sie es mir nicht übel, mein Herr!« sagte ich zu ihm, »mir ist wieder ein Unglück passiert, – ein deutscher Brief!« Der Provisor, ebenfalls ein harmloser Narr, legte seine Arbeit beiseite und las mir wieder eine ganze Litanei vor, alles von demselben Deutschen. Sein Name soll ausgemerzt werden! Was schrieb er? ... Er schrieb, da er heute Feiertag – also Jontow – hätte und viele Gäste und Verwandte bei ihm versammelt wären, erzählte er ihnen die ganze Geschichte von A bis Z, wie er auf dem Bahnhof einsam und verlassen dagestanden hatte, ohne die Sprache zu verstehen, wie er mir begegnet war, wie ich ihn nach Hause nahm und ihm ein prachtvolles, ruhiges Logis besorgte, wie wir ihn herzlich empfingen, das beste Zimmer einräumten, ihm zu essen und zu trinken gaben, wie freundlich und wie anständig wir ihn behandelten ... Er könne also nicht umhin, uns noch einmal zu danken für die ihm erwiesene liebenswürdige Gastfreundschaft, die er niemals vergessen werde. ›Ein zäher Trotzkopf – dieser Deutsche!‹ dachte ich, ›mehr Briefe nehme ich nicht an, und sollten sie Gold enthalten!‹ Ein Monat verging, zwei Monate – es kamen keine Briefe mehr. Schluß! Ich hatte den Deutschen fast schon ganz vergessen, als ich plötzlich von der Bahn eine Anweisung auf ein Wertpaket von 25 Rubel bekam. ›Was kann das für ein Paket sein?‹ dachte ich und zerbrach mir den Kopf, und meine Frau saß da und grübelte, daß ihr fast der Kopf platzte. Aber es fiel uns nichts Vernünftiges ein. Plötzlich kam ich auf den Gedanken, daß mein Freund aus Amerika mir ein Geschenk machte, – eine Schiffskarte oder eine Fahrkarte oder ein Lotterielos. Nicht faul, lief ich zur Bahn, um das Paket abzuholen. Da wurde mir gesagt, ich müsse 2 Rubel und 24 Kopeken zahlen, dann würde man mir das Paket ausliefern. Es half nichts, ich mußte mir 2 Rubel und 24 Kopeken verschaffen und bei der Bahn bezahlen, um in Besitz des Pakets zu gelangen. Das Paket wurde mir ausgeliefert, ein hübsches, gutverpacktes Kistchen ... Ich eilte nach Hause, begann die Kiste auszupacken und was sah ich? ... Ein Porträt fiel aus der Kiste heraus! Wir warfen einen Blick auf das Bild ... Verdammter Kerl! ... Er war's, der Deutsche, der Schlemihl mit dem langen Hals, dem steifen Hut, und der Pfeife im Mund! Dem Porträt war ein kurzer Brief beigelegt, wie immer deutsch ... Selbstverständlich wieder dieselbe Geschichte! Er dankte für das Logis und die liebenswürdige Gastfreundschaft, die er niemals vergessen würde. Was solch ein verbissener Deutscher fertigbringt! In die Hölle soll er kommen! Wenn wenigstens die Hälfte davon in Erfüllung ginge, was wir ihm beide gewünscht haben! Das gebe Gott! Mehrere Monate vergingen. Aus! Kein Wort mehr von dem Deutschen. Gott sei Dank, wir waren von diesem Verhängnis befreit! Er soll die Erd beißen! ... Ich habe ordentlich aufgeatmet! ... Aber glaubt ihr, es war wirklich ein Ende? ... Wartet nur! Noch lange nicht! Vorgestern in der Nacht kam ein Telegramm, ich möchte um Gotteswillen nach Odessa reisen und dort so schnell wie möglich den Kaufmann Gorgelstein aufsuchen. Er wohnt im Hotel Viktoria und braucht mich zu einem dringenden Geschäft ... Odessa? Gorgelstein? Hotel Viktoria? Geschäft? ... Was hat das alles zu bedeuten? ... Meine Frau begann natürlich zu drängen, ich müsse reisen, denn es war vielleicht wirklich eine dringende Angelegenheit. Vielleicht handelte es sich um ein Vermittlungsgeschäft, um Getreideverkauf ... Aber eine Reise nach Odessa – Kleinigkeit! Die Kosten, die mit einer solchen Reise verbunden waren! Es hilft nichts! Es handelte sich um ein Geschäft! Ich setzte mich kurz entschlossen in die Bahn und reiste nach Odessa. In Odessa angelangt, erkundigte ich mich nach dem Hotel Viktoria. »Wohnt hier nicht ein Herr Gorgelstein?« fragte ich den Portier. »Ja,« erwiderte er, »aber er ist augenblicklich nicht im Hotel.« Ich solle mich um zehn Uhr abends noch einmal herbemühen. Ich kam um zehn Uhr abends, Gorgelstein war wieder nicht da, ich sollte um zehn Uhr morgens wiederkommen, da würde ich ihn ganz bestimmt antreffen. Ich kam um zehn Uhr morgens, fragte nach Herrn Gorgelstein, er war wieder nicht da, hatte aber hinterlassen, daß, wenn der Jude aus Draschna hier gewesen sein sollte, er um drei Uhr nachmittags oder um zehn Uhr abends wiederkommen möchte. Ich kam um drei Uhr mittags, um zehn Uhr abends, – Gorgelstein war nicht da. Was soll ich euch lange erzählen? Ich habe mich in Odessa sechs Tage und sechs Nächte herumgetrieben, habe nicht gegessen und nicht geschlafen und nur auf der Lauer gestanden, um Gorgelstein abzufassen – bis ich ihn endlich traf. – Dieser Gorgelstein machte auf mich einen sehr guten Eindruck. Er schien ein sehr anständiger Mensch zu sein, mit einem schönen schwarzen Bart, er empfing mich sehr freundlich und bat mich, Platz zu nehmen. »Sind Sie der Jude aus Draschna?« sagte er zu mir halb deutsch, halb jiddisch. »Der bin ich,« erwiderte ich, »was ist denn?« »Bei Ihnen wohnte doch im vorigen Winter ein gewisser Deutscher?« fragte er mich. »Ja, das stimmt,« sagte ich. »Was ist denn?« »Gar nichts,« erwiderte er. »Dieser Deutsche ist mein Sozius ... Ich erhielt von ihm einen Brief aus London, in dem er mir schrieb, daß Sie mich in Odessa besuchen würden. Ich soll Sie von ihm grüßen und Ihnen für das vortreffliche Logis und die liebenswürdige Gastfreundschaft und die gute Behandlung, die er niemals vergessen würde, herzlich danken.« Ein Unglück! Ich will nach den Feiertagen, mit Gottes Hilfe, wenn ich noch am Leben bin, aus Draschna fortziehen, nach irgendeiner anderen Stadt, so weit die Augen mich tragen! Das Schlimmste will ich ertragen, wenn ich nur diesen Schlemihl, diesen Deutschen, dessen Name ausgemerzt werden möge, endlich wieder loswerde! Das Messerchen!   »Du sollst nicht stehlen!«   Hört, ich will euch eine Geschichte von einem Messerchen erzählen, eine wahre Geschichte, die ich selbst erlebt habe. Auf nichts in der Welt hatte ich solche Lust, wie auf ein Messerchen, ein eigenes Messerchen. Nichts in der Welt begehrte ich so heiß zu besitzen, wie ein Messerchen. Das Messerchen sollte in meiner Tasche liegen, – wenn ich Lust hätte, würde ich es herausnehmen und damit schneiden, was ich wollte, – damit es alle meine Kameraden wüßten! Als ich eben zu dem Elementarlehrer Fossel in die Schule gekommen war, besaß ich bereits ein Messerchen, das heißt, etwas Ähnliches wie ein Messerchen. Ich hatte es mir allein hergestellt, indem ich einen Gänsekiel aus einem Federwisch herausriß, ihn an einem Ende abschnitt, an dem anderen spitzte und mir einbildete, das sei ein Messerchen, mit dem man schneiden könne. »Was ist denn das für eine Feder, zum Kuckuck! Wozu schleppst du solche Federn mit dir herum?« fragte mich mein Vater, ein kranker Mann mit einem gelben, welken Gesicht und ewigem Husten. »Eine neue Spielerei mit Gänsefedern! Kche, Kche!« krächzte er. »Was stört es dich, daß das Kind spielt?« entgegnete ihm meine Mutter, eine kleingewachsene Frau mit einem seidenen Tuch auf dem Kopf. »Nur, um dich aufzuregen!« Später, als ich rechnen und die Fünf Bücher Moses lernte, besaß ich bereits ein fast richtiges Messerchen, ebenfalls ein selbstangefertigtes. Ich nahm ein Stückchen Stahl aus der Krinoline meiner Mutter und setzte es kunstvoll in ein Stückchen Holz ein. Den Stahl schärfte ich an einem Topf und zerschnitt mir dabei alle Finger. »Sieh nur, sieh nur, wie er blutet,« schrie der Vater und umkrallte dabei mit solcher Wut meine Finger, daß man die Knochen knacken hörte. »Ein feiner Bursche! Kche, Kche!« – »Ach, der Schlag trifft mich!« rief die Mutter, nahm mir das Messerchen fort und warf es in den Ofen, ohne auf mein Weinen zu achten. Jetzt hat die Sache ein Ende! O weh mir! Aber bald darauf bekam ich ein anderes Messerchen, ein ganz richtiges Messerchen, mit einem runden, hölzernen Griff, wie ein Faß, und einer breiten Klinge, die aufgeklappt und zugeklappt werden konnte. Wollt ihr wissen, wie ich zu diesem Messerchen gekommen bin? Ich sparte mir die Kopeken zusammen, die ich für das Mittagessen mitbekam, und kaufte es einem Kameraden ab: drei und eine halbe Kopeke bezahlte ich ihm bar und drei blieb ich ihm schuldig. Ach, wie teuer war es mir, wie lieb! Wenn ich aus der Schule hungrig, müde, schläfrig und verprügelt nach Hause kam, (– ich fing gerade an, bei »Mottl dem Todesengel«, den Talmud zu studieren: »Ein Ochse stieß eine Kuh« – und weil ein Ochse eine Kuh stieß, mußte ich Ohrfeigen bekommen –) – wenn ich also verprügelt aus der Schule kam, war das erste, was ich tat, daß ich das Messerchen unter dem schwarzen Schrank hervorholte. Es lag dort den ganzen Tag, weil ich es nicht in die Schule bringen durfte; zu Hause durfte erst recht niemand wissen, daß ich ein Messerchen besaß. – Ich schnitt zuerst ein Blatt Papier, dann einen Strohhalm, schließlich mein Stück Brot in ganz kleine Teile, spießte sie mit der Spitze der Klinge auf und steckte sie in den Mund. Vor dem Schlafengehen reinigte ich das Messerchen, putzte und scheuerte es, nahm mir den Schleifstein vor, den ich auf unserem Boden gefunden habe, spuckte darauf und begann bedächtig – das Messerchen zu schleifen ... Der Vater, ein Käppchen auf dem Kopf, saß über einem Buch, studierte und hustete. Hustete und studierte. Die Mutter war in der Küche mit dem »Barches« – Striezel – beschäftigt. Ich ließ mich nicht stören, das Messerchen zu schleifen. Plötzlich erwachte der Vater wie aus einem tiefen Schlummer. »Was quietscht da? Wer arbeitet dort? Was machst du denn da, verdammter Bengel!« Er kam auf mich zu, beugte sich über meinen Schleifstein, faßte mich beim Ohr und fing an zu husten. »Aha! Ein Messerchen, hast du! So! So!« sagte der Vater und nahm mir das Messerchen zusammen mit dem Schleifstein fort. »Solch ein Lümmel! Ist zu faul, sich ein Buch vorzunehmen! Kche, kche, kche ...« Ich fing an, laut zu weinen. Da versetzte mir der Vater ein paar Ohrfeigen und die Mutter kam mit aufgekrempelten Aermeln und lautem Geschrei aus der Küche gerannt. »Halt! Halt! Was ist denn geschehen? Warum schlägst du ihn? Um Gottes willen! Was willst du von dem Kind? Weh mir!« »Mit dem Messerchen spielt er!« schrie der Vater und fing an zu husten. »Ein kleines Kind! ... Solch ein Bengel! Kche, kche, kche ... Kann er sich nicht ein Buch vornehmen ... Ein Junge von acht Jahren ... Ich werde dir geben ... mit dem Messerchen zu spielen, du Faulenzer! ... So mittendrin mit dem Messerchen spielen! Kche ... kche ... kche ...« Oh weh! Was will er von meinem Messerchen! Was hat es gesündigt! Warum ist er so wütend?! Solange ich zurückdenken kann, war mein Vater fast immer krank, immer blaß und gelb und ewig auf die ganze Welt böse und erzürnt. Wegen der geringsten Kleinigkeit geriet er in Wut und hätte mich umbringen mögen. Ein Glück, daß die Mutter mich beschützte und mich seinen Händen entriß. Mein Messerchen verschwand, es verschwand so gründlich, daß ich es acht Tage lang ununterbrochen suchte und nicht wiederfand. Ich beweinte bitter das liebe, bucklige Messerchen. Und wie schwer wurde mir in der Schule ums Herz, als ich daran dachte, daß ich mit verschwollenem Gesicht und roten, schmerzenden Ohren, die ich unserem Lehrer »Mottl, dem Todesengel«, verdankte, nach Hause kommen würde, weil ein Ochse eine Kuh gestoßen hatte. Bei wem würde ich Zuflucht suchen? ... Verlassen war ich ohne mein buckliges Messerchen! Elend, wie ein Waisenkind! Niemand, kein Mensch sah die Tränen, die ich heimlich in meinem Bett vergoß, wenn ich abends aus der Schule kam und schlafen ging. Ich weinte mich still aus, wischte meine Augen trocken und schlief ein. Am nächsten Morgen ging's wieder in die Schule, wieder kam die Geschichte von dem Ochsen, der die Kuh stieß, heran, wieder wurde man von »Mottl, dem Todesengel« geschlagen, wieder ertönte das Husten des Vaters und das Fluchen der Mutter. Kein freier Augenblick, kein fröhliches Gesicht, kein Lächeln, ... nicht ein einziges lachendes Gesicht, nicht ein einziges! – Elend und verlassen in der ganzen Welt! * Seit jener Zeit verstrich ein Jahr oder anderthalb ... Ich hatte das bucklige Messerchen fast schon ganz vergessen. Es schien aber, als wäre es mir vom Himmel beschieden, während meiner ganzen Kinderjahre unter Messerchen zu leiden. Denn zu meinem Unglück tauchte ein neues Messerchen auf, ein nagelneues Messerchen, ein kostbares Ding, bei Gott, ein prachtvolles Messerchen mit zwei Klingen, teuren Stahlklingen, scharf wie ein Schlachtmesser, mit einem Messinggehäuse und einem weißen Knochenköpfchen, das mit roten Messingstiftchen befestigt war – ich sag euch, ein kostbares Stück, echt Solingen. Wie kam ich wohl zu solch einem teuren Messerchen, das so wenig in meine elende Hütte paßte? Das ist ja die Geschichte, – eine traurige, aber schöne Geschichte! Hört, bitte, mit Verstand zu! Ihr könnt euch vorstellen, welchen Eindruck der glattrasierte jüdisch-deutsche Herr auf mich machte, unser Aftermieter, der Lieferant Herz Herzenherz ... Er sprach jiddisch, aber er ging mit unbedecktem Kopf, ohne Bart und Seitenlocken und trug – mit Verlaub zu sagen – den Rock bis über die Hälfte abgeschnitten. Ich frage euch, war es möglich, daß ich nicht in Lachen ausbrach, wenn der »jüdische Goj« oder der »gojische Jude« mit mir nur jiddisch sprach, ein merkwürdiges Jiddisch, mit lauter A-Vokalen. »Nun, lieber Junge, was für einen Wochenabschnitt nehmt ihr jetzt durch?« fragte er mich eines Tages. »Hi, hi, hi!« begann ich zu lachen und hielt die Hand vor das Gesicht. »Sag doch, mein Junge, was nehmt ihr jetzt durch?« »Hi, hi, hi,! ... den Wochenabschnitt ›Balak‹«, platzte ich lachend los und rannte fort. Das trug sich im Anfang zu, als ich ihn noch wenig kannte. Aber später, als ich mit dem Deutschen, Herrn Herz Herzenherz, schon gut bekannt war, – er wohnte bereits länger als ein Jahr bei uns – gewann ich ihn so lieb, daß es mich nicht mehr störte, wenn er nicht betete und wenn er aß, ohne sich die Hände zu waschen. Anfangs konnte ich überhaupt nicht begreifen, daß er leben durfte, daß Gott ihn in der Welt duldete, wieso er beim Essen nicht erstickte, wieso ihm das Haar aus dem unbedeckten Kopf nicht ausfiel. Von meinem Lehrer, »Mottl, dem Räuber«, hörte ich aus eigenem Mund, daß jener Jüdisch-Deutsche zur Strafe für seine früheren Sünden zum zweitenmal zur Welt gekommen war, das heißt, der Jude war zur Seelenwanderung verdammt und in einen Deutschen verwandelt worden, um später vielleicht in einen Wolf, eine Kuh, ein Pferd oder gar in eine Ente verwandelt zu werden ... jawohl, in eine Ente ... ›Ha, ha, ha! Eine schöne Geschichte!‹ dachte ich und empfand in Wirklichkeit Mitleid mit dem Deutschen. Nur eins konnte ich nicht begreifen: Warum mein Vater, der ein wirklich frommer Mann war, ihm den Ehrenplatz abgetreten hatte und weshalb alle Juden, die zu uns kamen, ihm die größten Ehren erwiesen. »Friede mit Euch, Herr Herz Herzenherz! Willkommen, Herr Herz Herzenherz! Nehmen Sie Platz, Herr Herz Herzenherz!« hieß es da. Ich fragte einmal meinen Vater danach, aber er stieß mich fort und antwortete: »Scher dich fort, das ist nicht deine Sache! Was kriechst du hier herum, verdammter Bengel! Kannst nicht lieber ein Buch zur Hand nehmen? Kche, kche, kche ...« Immer wieder ein Buch! Gott, mein Gott! Ich wollte doch auch wissen, was im Hause vorging. Ich ging also in die große Stube, verkroch mich in einen Winkel und lauschte, was gesprochen wurde; ich hörte, wie Herr Herz Herzenherz laut auflachte, ich sah, wie er dicke, dunkle Zigarren rauchte, die ihm vortrefflich schmeckten. Plötzlich kam mein Vater auf mich zu und gab mir eine Ohrfeige. »Bist du schon, wieder hier, du Müßiggänger! Was soll aus dir werden, du gottloser Bengel! O weh, was soll aus dir werden! Kche, kche, kche!« Herr Herz Herzenherz nahm sich meiner an: »Lassen Sie ihn doch!« Aber es half nichts. Mein Vater jagte mich fort. Ich nahm ein Buch in die Hand, aber ich konnte beim besten Willen nicht hineinsehen. Was tun? Ich ging aus einem Zimmer ins andere, bis ich in das schönste Zimmer kam, in dem Herr Herz Herzenherz wohnte. Ach, wie schön, wie hell war es hier! Die Lampen brannten, die Spiegel glänzten! Auf dem Tisch stand ein großes silbernes Tintenfaß mit einem schönen Federhalter, daneben waren allerlei Nippes aufgestellt und dazwischen – lag ein Messerchen. Ach, welch ein herrliches Messerchen! ... Wenn ich solch ein Messerchen haben könnte! Wie glücklich wäre ich! Was hätte ich nicht alles damit geschnitten! Ich will einmal versuchen, ob es scharf ist! Ach, haarscharf! Ist das ein Messerchen! ... Ich hielt es in der Hand, sah es von allen Seiten an und versuchte, es für einen Augenblick in meine Tasche gleiten zu lassen. Meine Hand zitterte. Mein Herz pochte so stark, daß ich die Schläge genau hören konnte: tick, tick, tick ... Ich hörte Schritte, knarrende Schritte ... Sicher war es Herr Herz Herzenherz ... Oh, weh, was tue ich! ›Das Messerchen kann in meiner Tasche bleiben ... ich werde es nachher wieder hinlegen,‹ dachte ich. Jetzt muß ich fort! Fort von hier! Fliehen! Rennen! * Beim Abendbrot konnte ich keinen Bissen essen. Die Mutter betastete meinen Kopf, der Vater betrachtete mich mit bösen Augen und schickte mich schlafen ... Schlafen? ... Ich konnte kein Auge schließen ... Ich war ja wie tot ... Was sollte ich mit dem Messer anfangen? ... Wie konnte ich es wieder an seinen Platz legen? * »Komm einmal her, mein Juvel!« sagte zu mir am nächsten Morgen mein Vater. »Hast du vielleicht irgendwo das Messerchen gesehen?« Im ersten Augenblick erschrak ich furchtbar. Ich glaubte, daß alle Leute von der Sache bereits wußten. Beinahe hätte ich mich verraten: ›Das Messerchen? Hier ist es!‹ wollte ich schon sagen. Aber meine Kehle war förmlich zusammengepreßt, und ich antwortete zitternd: »Was für ein Messerchen? ... Wo?« »Was für ein Messerchen? ... Wo?« machte mir mein Vater nach. »Was für ein Messerchen? ... Wo? ... Das goldene Messerchen ... Das Messerchen unseres Gastes ... Du Lümmel! Du Auswurf! ... Kche, kche, kche ...« »Was willst du von dem Kind haben!« mischte sich die Mutter herein. »Das Kind hat keine Ahnung, und er verdreht ihm den Kopf mit dem Messerchen!« »Was heißt, er weiß nicht von dem Messerchen!« erwiderte der Vater wütend. »Den ganzen Morgen hat er gehört, wie man von dem Messerchen redet, von nichts anderem als dem Messerchen ... Man hat die ganze Stube nach dem Messerchen abgesucht, und er fragt: ... Was für ein Messerchen? Wo? ... Geh jetzt, wasch dich, du Taugenichts! Du gottloser Bengel! ... Kche, kche, kche ...« »Ich danke dir, lieber Gott, daß man mich nicht untersucht hat ...« Aber was soll weiter sein? ... Das Messerchen muß irgendwo gut versteckt werden ... Aber wo ... Ich weiß ... Auf der Bodenkammer ... Ich zog es rasch aus der Tasche und ließ es in den Stiefelschaft gleiten ... Ich aß mein Frühstück, aber ich hatte keine Ahnung, was ich aß ... Der Bissen blieb mir in der Kehle stecken. »Warum ißt du so hastig, verdammter Bengel!« fragte mich der Vater. »Ich muß in die Schule,« antwortete ich und fühlte, wie mein Gesicht feuerrot wurde. »Plötzlich fleißig geworden! Seht mal den eifrigen Schüler an!« brummte der Vater und sah mich böse an. Endlich hatte ich das Frühstück heruntergewürgt und das Gebet gesagt. »Nun, warum gehst du denn nicht in die Schule, du Gelehrter?« fragte der Vater wieder. »Warum treibst du ihn denn so? Laß das Kind doch einen Augenblick ausruhen,« bemerkte die Mutter. Aber ich war bereits auf dem Boden ... Ganz hinten unter den Balken lag nun das weiße Messerchen ... es lag da, und schwieg. Was kletterst du auf den Boden, du Lümmel, du ausgewachsener Bengel, du Holzknecht! Kche, kche, kche!« »Ich suche hier etwas,« erwiderte ich und wäre beinahe vor Schreck vom Boden heruntergefallen. »Etwas? ... Was heißt etwas? ... Was ist das für ein etwas?« »Ei–n ... B–b–buch ... ein aaal–tes Ttttal–mudsbuch ...« stammelte ich. »Was? ... Ein Talmudsbuch auf dem Boden? Du Spitzbube! Kriech nur herunter, dann sollst du was erleben! ... Du Pferdeknecht, du Hundefänger, du Nichtswürdiger! Kche ... kche ... kche ...« Ich machte mir nichts mehr aus dem Zorn des Vaters, ich zitterte nur vor Angst, man könnte das Messerchen finden. Wer weiß, vielleicht würde man gerade heute die Wäsche aufhängen oder die Löcher verschmieren ... ›Ich muß es wieder fortnehmen und einen besseren Versteck suchen!‹ dachte ich. Ich ging zitternd herunter; jeder Blick meines Vaters schien zu sagen, daß er bereits alles wußte, und ich erwartete im nächsten Augenblick die Frage nach dem Messerchen ... Ich habe ein Versteck, einen wundervollen Platz! ... Wo? ... In der Erde ... An der Mauer wollte ich es eingraben und die Stelle als Erkennungszeichen mit Stroh bedecken. Als ich aus der Schule kam, ging ich auf den Hof und zog vorsichtig das Messerchen heraus. Aber als ich es kaum angesehen hatte, hörte ich den Vater schon schreien: »Wo bist denn? Warum gehst du nicht beten, du Kutscherjunge, du Wasserträger! Kche ... kche ... kche ...« So sehr mein Vater mich aber plagen und mich quälen mochte, so sehr der Lehrer mich schlug und prügelte, – das alles war nichts in Anbetracht der Freude, die ich empfand, als ich aus der Schule kam und meinen teuren, meinen einzigen Freund, mein liebes Messerchen, wiedersah. Aber das Vergnügen war leider mit Wehmut gemischt, durch traurige Gedanken verbittert, durch Schreck und bange Angst gestört. * Es war Sommer. Die Sonne ging unter, die Luft wurde kühler, das Gras duftete, die Frösche quakten, und am Himmel zogen einzelne Wolken ohne Regen am Mond vorüber, als wollten sie ihn verschlingen. Der weiße Silbermond verschwand jeden Augenblick und tauchte wieder auf. Es schien, als ob er dahinschwebte, obwohl er ruhig an einem Platz stand. Der Vater ließ sich auf dem Grase nieder, in einem leichten Überrock, halb nackt, einen weißen Betschal auf dem Körper. Eine Hand hielt er auf dem Busen, mit der anderen scharrte er in der Erde, dabei guckte er nach dem ausgesternten Himmel und hustete. Sein Gesicht sah im Mondesglanz wie tot aus. Er saß gerade auf der Stelle, wo das Messerchen eingegraben war, ohne das Geringste zu ahnen. Ach, wenn er es wüßte, was würde er wohl sagen! ... Was würde mir dann blühen! ... ›Ach!‹ dachte ich im stillen, ›du hast mein buckliges Messerchen fortgeworfen, jetzt habe ich ein besseres, ein schöneres ... du sitzt darauf und weißt es gar nicht ... Ach, Vater, Vater! ...‹ »Was glotzt du mich mit deinen Augen an wie ein Kater!« fuhr mich der Vater an. »Was sitzt du mit gekreuzten Händen da, wie ein feiner Mann! Kannst dir gar keine Arbeit finden? Und mit dem Abendgebet bist du schon fertig? Lausbub einer! Möchtest du nicht etwas tun? ...« Daß er mich Lausbub nannte, war ein Zeichen, daß sein Zorn nicht sehr groß war, im Gegenteil, es war ein Beweis, daß er in guter Stimmung war. Ist es ein Wunder?! Kann man an einem so herrlichen Sommerabend überhaupt böse sein, da es jeden hinauszieht in die warme, frische Luft, die herrliche weiche Luft?! Alle Menschen waren draußen: der Vater, die Mutter und die kleineren Kinder, die im Sand spielten und Steinchen suchten. Herr Herz Herzenherz drehte sich im Hof herum, ohne Kopfbedeckung, eine Zigarre rauchend, ein deutsches Liedchen singend; er sah mich an und lachte, wahrscheinlich weil der Vater mich fortwährend antrieb. Ich aber lachte über alle. Sehr bald würden die anderen schlafen gehen, dann wollte ich heimlich auf den Hof laufen – ich schlief auf dem Flur, auf dem Fußboden, weil es in der Stube unerträglich heiß war – und nach Herzenslust mit meinem Messerchen spielen. Endlich schlief alles. Ringsumher herrschte Stille. Ich erhob mich leise, und schlich mich auf allen vieren, wie eine Katze, heimlich in den Hof. Die Nacht war still, die Luft erquickend frisch. Ich kroch vorsichtig zu jener Stelle hin, in der das Messerchen vergraben lag, grub es behutsam und bedächtig aus und besah es bei Mondesschein. Es blitzte und glitzerte wie feinstes Gold und Diamanten ... Ich hob die Augen empor und sah, wie der Mond gerade auf mich und mein Messerchen herabschaute. Warum guckte er mich so an? ... Ich drehte mich um – er sah mir nach; ich versteckte das Messerchen unter meinem Hemd – er sah mir nach; er wußte bestimmt, was das für ein Messerchen war und woher ich es genommen hatte. Ich habe es gestohlen. Zum erstenmal, seitdem ich das Messerchen besaß, kam mir das schreckliche Wort in den Sinn: »gestohlen«. Ich war also ein Dieb, ein gewöhnlicher Dieb. In der Bibel steht es in den Zehn Geboten mit großen Buchstaben geschrieben: »Du sollst nicht stehlen!« Und ich habe gestohlen. Was harrte meiner dafür in der Hölle? O weh, man wird mir die Hand, die gestohlen hat, abhacken! Man wird mich mit eisernen Ruten peitschen! Man wird mich am heißen Rost braten! Ewig, ewig werde ich brennen ... Ich muß das Messerchen abgeben ... ich muß es an seine Stelle zurücklegen ... Man darf ein gestohlenes Messerchen nicht behalten ... Morgen lege ich das Messerchen auf seinen Platz zurück ... So dachte ich und versteckte das Messerchen in meinem Busenhemd und fühlte, wie es mich brannte ... Oder sollte ich es lieber bis morgen in der Erde vergraben? ... Der Mond schaute auf mich herab. Warum guckte er so? ... Der Mond hat alles gesehen ... Er ist Zeuge ... Ich schlich mich vorsichtig ins Haus zurück, zu meinem Lager, und legte mich schlafen. Aber ich konnte nicht einschlafen. Ich drehte mich von einer Seite auf die andere und fand keinen Schlaf ... Erst als es hell wurde, schlief ich ein. Ich träumte vom Mond, von eisernen Ruten und von dem Messerchen. Am Morgen, als ich erwachte, betete ich mit großer Inbrunst, verschlang hastig, auf einem Fuß stehend, das Frühstück und eilte in die Schule. »Warum eilst du denn so zur Schule?« fuhr mich der Vater an. »Was treibt dich denn so? Wirst nichts versäumen, wenn du später kommst! Sag lieber dein Gebet ordentlich, ohne die Worte auszulassen! Wirst noch Zeit genug zum Toben haben, du Bösewicht, du Ketzer, du treifner Jude! Kche, kche, kche ...« * »Warum so spät? Sieh dich einmal um!« hielt mich mein Lehrer an und zeigte mit dem Finger auf seinen Freund Beril, den Sohn des Rotkopfs. Er stand mit herabgelassenem Kopf im Winkel. »Siehst du, du Taugenichts,« sagte der Lehrer zu mir, »merk dir, von heute an heißt er nicht mehr ›Rotkopfs Beril‹, wie er bis jetzt genannt wurde, sondern er bekommt von jetzt ab einen viel schöneren Namen: ›Beril, der Dieb‹. Kinder schreit: Beril der Dieb! Beril der Dieb!« Der Lehrer sprach diese Worte in einem leiernden Ton, die Schüler fielen im Chor ein: »Beril der Dieb! Beril der Dieb!« Ich war wie erstarrt, ein Schauer durchrieselte meinen Körper ... Ich wußte nicht, was es bedeuten sollte. »Warum schweigst du, du Lausbub?« wandte sich der Lehrer an mich und versetzte mir im selben Augenblick unverhofft eine Ohrfeige. »Warum schweigst du, du Ketzer! Hörst du nicht, daß alle singen! Sing mit: Beril der Dieb! Beril der Dieb!« Meine Hände und Füße zitterten, meine Zähne klapperten, und ich sang mit: »Beril der Dieb!« »Lauter, du Lümmel!« schrie mich der Lehrer an, »stärker! kräftiger!« Ich und der Chor sangen mit allen möglichen Stimmen: »Beril der Dieb! Beril der Dieb!« »Sch–sch–sch–sch–sch–aaa a! Still!« schrie der Lehrer plötzlich und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ruhe! Jetzt treten wir an das ›Urteil‹ heran!« sagte er langgedehnt. »Nun, Beril, Dieb, komm mal her, mein Kind! Schneller! Vorwärts! Sag einmal, Junge, wie nennt man dich?« fragte er langgedehnt. »Beril.« »Wie noch?« fuhr er, jede Silbe dehnend, fort. »Beril ... Beril ... der Dieb ...« »So, mein liebes Kind, so bist du ein braver Junge. Und nun, Beril, sollst gesund sein und starke Glieder haben, leg, bitte deine Kleider ab ... so ... rasch, rasch ... ich bitte dich, mach schnell ... so ... Berilchen, mein Liebling ...« Beril stand nackt, wie neugeboren, da ... so weiß, als ob er keinen Blutstropfen im Körper hätte; er rührte kein Glied, seine Augen waren gesenkt, er war wie tot. Der Lehrer rief, immer in leierndem Ton, einen der älteren Schüler. »Nun, Herrschel der Große, komm einmal schnell aus deiner Bank her zu mir!! So! Und nun erzähle den ganzen Vorgang von Anfang bis zu Ende, wie Beril zu einem Dieb geworden ist. Hört aufmerksam zu, Kinder!« Herrschel der Große begann zu erzählen, wie des Rotkopfs Beril sich an der Sammelbüchse Rabbi Meier Baal Nes vergriffen hatte, in die seine Mutter vor Sabbatbeginn, bevor die Lichter angezündet wurden, eine Kopeke oder manchmal zwei hineinzuwerfen pflegte; wie er sich an die Büchse herangemacht hatte, an der ein Schlößchen befestigt war, wie er mit einem in Teer getauchten Strohhalm die Kopekenstücke einzeln herausgezogen hatte; wie seine Mutter, die »heisere Golde«, der etwas aufgefallen war, die Büchse öffnete und einen in Teer getauchten Strohhalm darin fand; wie die »heisere Golde« ihn bei dem Lehrer angezeigt hatte, wie Beril sofort nach der ersten Prügeltracht des Lehrers gestanden hatte, daß er ein ganzes Jahr lang die Kopeken aus der Sammelbüchse herausgeschleppt hatte; wie er sich jeden Sonntag zwei Pfefferkuchen und eine Johannisbrotstange gekauft hatte ... und so weiter, und so weiter ... »Nun, haltet Gericht über ihn, Kinder! Ihr wißt schon! Ihr tut es ja nicht zum erstenmal! Jeder von euch soll sein Urteil sprechen über einen, der die Kopeken aus der Büchse gestohlen hat. Herschel der Kleine! Sag du zuerst, was kommt einem zu, der die Kopeken aus der Sammelbüchse gestohlen hat?« Der Lehrer neigte den Kopf zur Seite, schloß die Augen und hielt das rechte Ohr zu Herschel dem Kleinen hin. »Ein Dieb, der Kopeken aus einer Sammelbüchse stiehlt, verdient, daß er bis aufs Blut geprügelt werde,« antwortete Herschel der Kleine mit lauter Stimme. »Mojschele, was kommt einem Dieb zu, der Kopeken aus einer Sammelbüchse stiehlt?« »Ein Dieb?« antwortete Mojschele mit weinerlicher Stimme, »ein Dieb, der Kopeken aus der Sammelbüchse stiehlt, verdient, daß er von zwei Jungen am Kopf, von zwei an den Füßen festgehalten und von zwei mit salzbestreuten Ruten gepeitscht werde.« »Topel Tuteritu! Was für eine Strafe verdient ein Dieb, der die Kopeken aus der Sammelbüchse fortschleppt?« Kopel Kukeriku, ein Junge, der »k« und »g« nicht aussprechen konnte, wischte sich die Nase und sprach das Urteil mit quietschender Stimme: »Ein Dieb, der die Topeten aus der Bütse herausschleppt, verdient, daß alle Junden danz nahe auf ihn zudehen und ihm dreimal ins Desicht saden: ›Danner, Danner, Danner!‹« Die Schüler brachen in lautes Gelächter aus. Der Lehrer faßte sich mit seinem dicken Finger bei der Kehle, wie ein Kantor beim Singen, und rief mich mit einer Stimme, als ob er einen Jüngling vor die Thora aufriefe. »Steh auf, Jüngling Scholem Reb Nuchems, und lies den letzten Thoraabschnitt,« zitierte er feierlich ... »Sprich dein Urteil, lieber Junge, wie straft man einen Dieb, der Kopeken aus der Sammelbüchse fortschleppt?« Ich wollte antworten, aber meine Zunge versagte. Ich zitterte wie im Fieber, die Kehle war mir zusammengepreßt; kalter Schweiß bedeckte mich von oben bis unten; in meinen Ohren sauste es. Ich sah weder den Lehrer, noch den nackten Berel, den Dieb, noch die Schüler. Ich sah nur lauter Messerchen vor mir, unendlich viele Messerchen, weiße, geöffnete Messerchen mit einer Menge Klingen. Von oben sah der Mond lächelnd herab und blickte mich wie ein Mensch an. In meinem Kopf drehte sich alles, das Schulzimmer mit dem Tisch, den Büchern, den Kameraden, dem Mond, der an der Tür zu hängen schien, und mit sämtlichen Messerchen. Ich fühlte, wie meine Beine einknickten. Noch eine Minute, und ich wäre umgefallen. Aber ich hielt mich mit aller Kraft und bezwang mich, um nicht zu fallen ... Gegen Abend kam ich nach Hause und fühlte, wie mein Gesicht brannte, meine Wangen glühten und wie es in meinen Ohren sauste. Ich hörte, daß man zu mir sprach, aber ich wußte nicht, was man sagte. Der Vater redete und schimpfte, drohte mir mit Ohrfeigen, die Mutter trat warm für mich ein und breitete ihre Schürze aus, wie eine Henne ihre Flügel, um ihre Küchlein zu beschützen, wenn man ihnen etwas antun wollte. Ich hörte nichts, ich wollte nichts hören, ich wünschte nur, daß es schon Nacht wäre, damit ich mit dem Messerchen ein Ende machen könnte. Was sollte ich tun? Geständig sein und das Messerchen herausgeben? – Dann würde ich bestraft werden wie Beril ... Sollte ich es irgendwohin werfen? – Dann könnte ich dabei abgefaßt werden ... Ich wollte es einfach fortwerfen, damit ich es loswäre! Aber wohin konnte man es werfen, daß es nicht gefunden werde? ... Auf das Dach? ... Man würde es fallen hören ... In den Garten? ... Dort würde man es sicher finden! Ach, ich weiß, ich habe eine Idee: Ich werfe es ins Wasser! Ein guter Einfall, wahrhaftig! Ins Wasser! In den Brunnen, der bei uns auf dem Hof steht! ... Dieser Gedanke gefiel mir so gut, daß ich nicht erst lange überlegen mochte. Ich ergriff das Messerchen und rannte zum Brunnen ... Es schien mir, als ob ich nicht das Messerchen in der Hand hielt, sondern etwas Widerwärtiges, eine Ratte, die ich so schnell wie möglich los werden wollte. Aber es tat mir doch leid ... ein so teures Messerchen ... Einen Augenblick stand ich in Gedanken versunken, und es schien mir, als ob ich etwas Lebendiges in der Hand hielte ... Das Herz preßte sich mir zusammen ... Oh, weh! Es wurde mir so schwer zu Mut! Was war das für eine Qual! Aber ich ermannte mich und ließ es plötzlich aus den Fingern gleiten: Plumps! Das Wasser plätscherte, dann hörte man nichts mehr. Das Messerchen war nicht mehr da! Ich stand noch einen Augenblick am Brunnen und horchte ... Nichts war zu hören! Gott sei dank, ich war es los ... obwohl das Herz mir weh tat ... Solch ein Messerchen, o weh, solch ein Messerchen! Ich ging zu meinem Nachtlager zurück und fühlte, wie der Mond mir nachguckte. Es schien mir, daß er alles wußte, was ich getan hatte. Wie aus der Ferne hörte ich eine Stimme: Du bist trotz allem ein Dieb ... Faßt ihn! Prügelt ihn! Er ist ein Dieb! Ein Dieb! ... Ich schlich mich in die Stube, legte mich schlafen und träumte, daß ich lief, schwebte, in der Luft flog, das Messerchen in der Hand, und daß der Mond mir nachguckte und rief: »Faßt ihn! Prügelt ihn! Er ist ein Dieb ... ein Dieeeeb!« Ein langer, langer Schlaf ... Ein schwerer, schwerer Traum. Helles Feuer brannte in mir, in meinem Kopf rauschte es; alles, was ich sah, war rot wie Blut. Glühende Feuerruten peitschten meinen Leib, ich wälzte mich in Blut. Rings um mich her drängten sich Schlangen und Nattern, mit geöffneten Rachen, als wollten sie mich verschlingen. Gleich darauf hörte ich Schauferblasen: Tu! tu–tu! tu! tu–tu! Jemand stand über mir und schrie mit lauter Stimme: Prügelt ihn im Takt! Prügelt! Prügelt ihn! Er ist ein Dieb! Ich selbst schrie: Oh, weh! Nehmt den Mond fort! Gebt ihm das Messerchen wieder! Was wollt ihr von Beril! Er ist unschuldig! Ich bin der Dieb! Ich!« Was weiter kam, wußte ich nicht mehr. – ... ... * Ich öffnete ein Auge, dann das andere. Wo bin ich? ... In einem Bett, wie es scheint ... Was mache ich hier? Wer sitzt an meinem Bett, auf einem Stuhl? »Ach, du bist es! Mutter! Mutter!« Sie hörte mich nicht. »Mutter! Mutter! Mut–ter!!! ...« Was soll das heißen? Mir schien, als ob ich laut schrie. Stille ... Ich horchte ... Sie weinte. Ganz leise. Auch den Vater sah ich mit dem gelben, kränklichen Gesicht. Er saß über einem Buch, leise murmelnd, seufzend und krächzend. Es scheint, daß ich gestorben bin. Gestorben? ... Da fühlte ich plötzlich, daß es um mich her hell wurde, ich fühlte eine Leichtigkeit im Kopf und in den Gliedern; in meinen Ohren begann es zu klingen, zuerst in einem, dann in dem andern, schließlich nieste ich. »Gesundheit! Langes Leben ... Ein gutes Zeichen! Gott sei Dank! Gelobt sei Gott!« »Wirklich geniest? Gelobt sei der Herr!« »Unser Herrgott ist groß! Der Junge wird mit Gottes Hilfe gesund werden!« »Gesegnet und gepriesen sei Gott!« »Laßt die Schächterin Minze schnell herkommen! Sie verscheucht den bösen Blick.« »Den Doktor hätte man rufen müssen! Den Doktor!« »Den Doktor? Wozu? Unsinn! ›Er‹ ist der beste Arzt! Gott ist der einzige Arzt! Gelobt und gepriesen sei er!« »Verteilt euch ein bißchen, meine Herrschaften! Es ist hier furchtbar heiß! Um Gottes willen, verteilt euch!« »Nun, habe ich euch nicht gesagt, daß man ihn mit Wachs begießen soll?! Wer hatte recht?« »Gelobt sei Gott! Gelobt sei der Ewige! Oh, mein Gott, gelobt und gepriesen seist du!« Man drängte sich um mich, besah mich, jeder faßte meinen Kopf an, sagte einen Spruch, flüsterte zu mir, leckte mir die Stirn, bespie und beobachtete mich. Man goß mir heiße Bouillon in den Mund und stopfte mir Eingemachtes zwischen die Zähne. Alle gingen geschäftig hin und her und hüteten mich wie einen Augapfel. Man pflegte mich mit Bouillon und jungen Hühnchen wie ein kleines Kind und ließ mich nicht allein. Meine Mutter wich nicht von meinem Bett und hörte nicht auf, mir immer wieder zu erzählen, wie man mich bewußtlos auf der Erde gefunden hatte, wie ich vierzehn Tage lang in hohem Fieber lag und schrie und quakte und fortwährend vom Prügeln und dem Messerchen phantasierte. Man glaubte, ich sei schon – Gott behüte – tot ... Da begann ich plötzlich zu niesen, nieste siebenmal hintereinander und erwachte vom Tod zum Leben. »Siehst du, was für einen Gott wir haben, gelobt und gepriesen sei sein Name,« schloß sie, mit Tränen in den Augen. »Du kannst sehen, wenn man Gott wirklich anruft, dann erhört er unsere sündigen Bitten und unsere schuldigen Tränen ... Viele Tränen haben wir vergossen, der Vater und ich, bis Gott sich unser erbarmte. Es hätte nicht viel gefehlt, und wir hätten ein Kind, Gott behüte, verloren ... Soll mir, statt deiner, ein Unglück zustoßen! Und wodurch ist das alles passiert? ... Durch jenen Jungen, einen Dieb, einen gewissen Beril, den der Lehrer in der Schule bis aufs Blut verprügelt hat! ... Als du aus der Schule kamst, warst du schon wie tot ... Ich wollte, ich hätte alles auf mich nehmen können ... Solch ein Räuber! Solch ein Mörder! Gott soll ihm heimzahlen! Du lieber Gott! ... Nein, mein Kind, wenn Gott dir das Leben schenkt und du wieder gesund herumläufst, geben wir dich zu einem andern Lehrer, nicht zu diesem Henker, solchem Mörder, wie dieser ›Todesengel‹! Ausgemerzt soll sein Name werden!« Diese letzte Nachricht erfreute mich unendlich. Ich umarmte die Mutter und küßte sie. »Teure, liebe Mutter!« Der Vater näherte sich mir vorsichtig, legte seine bleiche, kalte Hand auf meine Stirn und sagte zu mir weich, ohne den geringsten Zorn: »Du hast uns aber einen Schreck eingejagt, Junge! Kche, kche, kche!« Auch der Deutsch-Jude oder der Jüdisch-Deutsche, Herr Herz Herzenherz, beugte sich, eine Zigarre im Mund, mit seinem glattrasierten Gesicht über mein Bett, streichelte mich und sagte auf deutsch: »Schön, daß du wieder gesund bist!« * Einige Wochen später, nachdem ich aufgestanden war, rief mich der Vater zu sich. »Nun, mein Sohn, jetzt geh in die Schule, denk nicht mehr an das Messerchen und ähnlichen Unsinn ... Es ist jetzt Zeit, daß du ein Mensch wirst. In drei Jahren wirst du mit Gottes Hilfe eingesegnet ... bis hundertzwanzig Jahre sollst du leben ... kche, kche, kche! ...« Mit diesen süßen Worten schickte mich der Vater zu einem anderen Lehrer in die Schule, zu Reb Chaim Kater. Zum erstenmal im Leben hörte ich von meinem Vater so gute, weiche Worte. Ich vergaß in demselben Augenblick seine früheren Schikanen, sein Fluchen und die Ohrfeigen, als wäre es niemals gewesen. Wenn ich mich nicht geschämt hätte, würde ich ihn geküßt haben ... Chi, chi, chi! Aber einen Vater küßt man doch nicht! Die Mutter gab mir in die Schule einen ganzen Apfel und zwei polnische Groschen mit; auch der Deutsche schenkte mit einige Kopeken, kniff mich in die Wange und sagte zu mir in seiner Sprache: »Braver Junge! Sehr schön!« Ich nahm den Talmud in die Hand, küßte die Mesuse Mesuse = eine Pergamentrolle, auf der ein Absatz aus der hl. Schrift geschrieben steht. mit warmer Inbrunst an der Tür und ging wie neugeboren zur Schule ... reinen und erleichterten Herzens, mit klarem, freiem Kopf, mit neuen Gedanken, mit frischem, ehrlichem und frohem Mut. Die Sonne blickte herab und grüßte mich mit ihren warmen Strahlen, ein leichter Wind schlich sich hinter meine Seitenlocken, die Vögel zwitscherten: zwit, zwit, zwit, ... Ich fühlte mich in die Luft emporgehoben, ich hätte rennen, springen, tanzen mögen! ... Ach, wie schön ist es zu leben und ehrlich zu sein, kein Dieb, kein Betrüger zu sein! Ich drückte den Talmud fest an mein Herz und lief mit jauchzender Lust zur Schule und schwor bei dem Talmud, daß ich niemals ein fremde Sache anrühren, niemals stehlen und niemals lügen, immer ein offener und ehrlicher Mensch sein werde. Eine Begegnung. Max Berland war viel auf Reisen. Zu wiederholten Malen reiste er im Jahre von Lodz nach Moskau und von Moskau nach Lodz. Er war mit sämtlichen Verkäufern an den Büfetts bekannt, stand mit sämtlichen Schaffnern auf vertraulichem Fuß. Auch nach den entferntesten russischen Gouvernements kam er, wo den Juden nur ein Aufenthalt von vierundzwanzig Stunden erlaubt war, plagte sich in den Polizeirevieren herum und mußte so manche Demütigung, so manchen Ärger über sich ergehen lassen. Alles wegen des Judentums! Nicht weil es ein Judentum gab, sondern weil er unglücklicherweise ein Jude war, obendrein von echt jüdischem Aussehen, nach dem Ebenbild Gottes, ja, nach dem Ebenbild Gottes geschaffen: mit echt jüdischen, schwarzen, glänzenden Augen, echt jüdischem, schwarzem, gekräuseltem Haar, mit echt jüdischer, röchelnder Aussprache und dazu eine Nase, oh, eine Nase! ... Wie zum Trotz hatte unser Held einen Beruf, bei dem er seine Nase aller Welt zeigen mußte, bei dem er reden, immer wieder reden, sich überall sehen und hören lassen mußte, – denn der Bedauernswerte war – Reisender. Zwar hatte er alles mögliche getan: Seinen Bart geopfert, die Schnurrbartsenden nach oben gedreht, er putzte sich wie ein junges Mädchen, trug lange Nägel und die sonderbarsten Krawatten, die man kaum ein zweites Mal in der Welt finden konnte. Er hatte sich auch an die Speisen gewöhnt, die man ihm auf den Bahnhöfen vorsetzte, und ließ seinen Ärger nur an dem Schweinebraten aus, über den er nicht schlecht geflucht hatte, als er ihn zum erstenmal aß. Aber trotz aller Bemühungen gelang es Max Berland nicht, seine Abstammung vor den Juden wie vor den Andersgläubigen zu verleugnen. Man erkannte ihn, wie einen bösen Schilling, genau so wie den vermaledeiten Kain: Auf Schritt und Tritt ließ man ihn fühlen, wer er ist und was er ist. Kurz, er war tatsächlich zu bedauern. * War Max Berland vor seiner Reise nach Kischinew ein bedauernswerter Mann, so gab es nach dieser Reise überhaupt keinen unglücklicheren Menschen als ihn. Nur der vermag zu begreifen, welche Höllenqual es ist, im Innern des Herzens einen tiefen Schmerz zu tragen und sich seiner zu schämen, wer diese Pein selbst durchgemacht hat. Max schämte sich der Stadt Kischinew, als würde sie ihm gehören. Wie zum Trotz wurde er gerade kurz nach den Ereignissen in Kischinew nach Beßarabien, in jene Gegend, geschickt. Er fühlte, daß er neuen Qualen ausgesetzt sein würde. Er wußte genau, daß er dort die umständlichen ausführlichen Erzählungen, das Jammern und Seufzen seiner Glaubensgenossen und die spöttischen Bemerkungen der Fremden würde anhören müssen; je mehr er sich jener Gegend näherte, um so mehr hätte er vor sich selbst fliehen mögen. Als der Zug hielt, wollte er noch eine Weile in seinem Abteil sitzen bleiben, doch besann er sich eines Besseren, stieg gleich mit den anderen Reisenden aus, betrat den Bahnsteig, ging zum Büfett so zwanglos, als wäre er in der besten Laune, trank ein Schnäpschen, aß dazu einen Imbiß von all den guten Sachen, die den Juden eigentlich verboten waren, steckte eine Zigarre an und ging auf den Tisch mit Zeitungen und Büchern zu ... Sein Blick fiel auf »Die Standarte«, ein feines antisemitisches Blatt, das von einem Herrn Kruschewan, einem feinen Antisemiten, herausgegeben wurde ... Das Blatt blieb gewöhnlich unberührt liegen, weil kein Mensch nach ihm verlangte. Die Juden nahmen es nicht in die Hand, weil es zu abscheulich war, die Nichtjuden hatten sich an ihm schon satt gelesen. So ruhte es friedlich und gemahnte die Menge nur daran, daß es einen Herrn Kruschewan gab, der nicht schlief und nicht ruhte und immer nach neuen Mitteln suchte, die Welt vor, der Krankheit, genannt »das Judentum«, zu beschützen und zu bewahren. Max Berland war also der einzige Mensch, der eine Nummer der »Standarte« verlangte. Zu welchem Zweck? Warum tat er das? Womöglich aus demselben Grunde, aus dem er sich vorhin am Büfett Krebse geben ließ? Oder wollte er vielleicht wirklich lesen, was jener Erzhund über die Juden schrieb? ... Man sagt, allgemein, daß die antisemitischen Blätter hauptsächlich von den Juden gelesen werden. Das wissen die Herausgeber jener Blätter ganz genau, sie finden, daß die Juden nichts taugen, ihr Geld aber tauglich ist. * Max Berland kaufte also eine Nummer der »Standarte«, nahm sie in sein Abteil mit, streckte sich auf der Bank aus und bedeckte sich mit der Zeitung, als wäre sie ein Plaid. Plötzlich kam ihm der Gedanke: Was würde wohl ein Jude denken, wenn er jetzt einstiege und einen Menschen mit der »Standarte« zugedeckt sehen würde? Keinesfalls würde er jenen Menschen für einen Juden halten ... Das ist eine Idee! Bei Gott, ein vortreffliches Mittel, sich den Juden vom Hals zu schaffen und für die Nacht, wie ein großer Herr, auf der Bank liegenzubleiben! ... So dachte unser Herr. Damit auch niemand erkenne, wer auf der Bank lag, zog er die Zeitung über das Gesicht und verdeckte Nase, Augen, Haar, kurz, das ganze Ebenbild Gottes. Dann stellte er sich vor, wie in der Nacht ein Jude mit zahllosen Gepäckstücken einstieg, einen Platz suchte und plötzlich auf der Bank einen Menschen bemerkte, der mit der »Standarte« bedeckt war ... ›Ein vornehmer Christ und ein schlimmer Judenfeind, vielleicht gar Kruschewan in eigenster Person ...‹ würde der arme Jude glauben. Er würde mit seinem Gepäck schnell wieder kehrtmachen und dreimal ausspeien; er aber, Max, würde allein, wie ein Graf, auf der Bank liegenbleiben. Ha, ha, ha! Ihr wißt doch, ein Mensch, der gut gegessen und getrunken, eine gute Zigarre geraucht hat und am späten Abend wie ein Graf auf der Bank ausgestreckt liegt, sinkt allmählich in einen leichten Schlummer und zuletzt in einen festen Schlaf. Pst! Still! Max Berland, unser Held, der Reisende, der von Lodz nach Moskau und von Moskau nach Lodz reist, liegt ganz allein auf der Bank ausgestreckt, mit der »Standarte« zugedeckt und schläft sanft. Wir wollen ihn nicht stören. Max Berland ist zwar ein schlauer Jude, aber diesmal kam es anders, als er es sich vorgestellt hatte. In das Abteil stieg zwar keuchend ein Reisender, ein dicker, derber Mann, mit Koffern beladen, der sich wirklich Max näherte, ihn wirklich betrachtete und die »Standarte« bemerkte, mit der er sich zugedeckt hatte, – aber er spie nicht dreimal aus und verließ auch nicht das Abteil. Er sah sich diesen sonderbaren Menschen, den Antisemiten mit der semitischen Nase genau an. Das Blatt war nämlich, während Max schlief, heruntergerutscht, und die Schande, das heißt, die Nase, ragte unter der Zeitung in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit hervor. Der neue Reisende blieb eine Weile mit lächelndem Antlitz stehen, legte seine Koffer auf die Bank gegenüber, ging noch einmal auf den Bahnsteig und betrat nach einer Weile das Abteil, eine Nummer der »Standarte« in der Hand. Hierauf öffnete er einen Koffer, nahm ein Kissen, Morgenschuhe und ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser heraus, machte es sich bequem, streckte sich auf der Bank aus, steckte sich eine Zigarre an und las die »Standarte« so lange, bis ihm zuerst das eine, dann das andere Auge zufiel und er in einen leichten Schlummer versank. Sehr bald begann er zu schnarchen und zu röcheln, wie es oft geschieht, wenn man nachts in der Eisenbahn fährt, im Wagen hin und her geschüttelt wird und die Räder rasseln: Tiderderachtach, Tiderderachtach, Tiderderachtach, tach! ... Wir lassen jetzt die beiden »Standartenträger« schlafen und machen den Leser mit dem zweiten Reisenden bekannt. Er ist General ... Nicht ein General vom Militär und auch kein Generalgouverneur, sondern Generalinspektor, das heißt Agent einer Gesellschaft. Er heißt Niemtschyk ... Sein Vorname ist Chaim, aber er schreibt sich Albert und wird Peti genannt ... Es mag merkwürdig erscheinen, aber es verhält sich tatsächlich so. Sic transit gloria mundi ... So wird aus einer Ente ein Puthahn. Daß er Peti genannt wird und Generalinspektor ist, ändert aber nichts an der Tatsache, daß er Jude ist, so gut wie alle anderen, daß er die Juden gern hat und für den jüdischen Sabbat mit jüdischen Fischen, jüdischen Frauen und echt jüdischen Anekdoten schwärmt. Peti Niemtschyk ist wegen seiner jüdischen Anekdoten berühmt. Seine jedesmalige Versicherung, daß er die betreffende Anekdote selbst erlebt habe, darf man nicht wörtlich nehmen, wenn er es auch mit dem heiligen Eid beschwert: Er vergißt nämlich, daß er sie jedesmal an einem anderen Ort erlebt hat. Peti Niemtschyk nimmt es mit der Wahrheit nicht immer genau, er liebt es zuweilen, ein wenig aufzuschneiden, er ist, wie es bei uns, mit Verlaub zu sagen, heißt: ein Lügner. Ihr dürft es nicht übelnehmen, wenn wir uns ein wenig derb ausdrücken, eigentlich brauchte man nur zu sagen, daß er Agent ist; denn was ein Agent ist, – das wißt ihr selbst. Wenden wir uns jetzt von dem Antisemiten Nr. 2, dem Generalinspektor Peti Niemtschyk, ab und kehren wir zu dem Antisemiten Nr. 1, dem Reisenden Max Berland, zurück. * Max Berland hatte eine böse Nacht. Jedenfalls waren die am Bahnhofsbüfett verzehrten Speisen daran schuld, denn die sonderbarsten, verworrensten Träume zogen durch sein Hirn. Es schien ihm beispielsweise, er sei nicht Max Berland, sondern Herr Kruschewan, der Herausgeber der »Standarte«, und er fahre nicht in der Eisenbahn, sondern er reise auf einem Schwein und höre aus der Ferne ein Jammern und Winseln: Ki–schi–new. Ein leiser Wind säuselte ihm in den Ohren, er vernahm das Rascheln der Blätter; er wollte die Augen öffnen, doch er konnte es nicht, er griff nach seiner Nase, doch die Nase war fort, spurlos verschwunden; an Stelle der Nase berührte er die »Standarte«. Er hatte keine Ahnung, wo er war. Er wollte sich bewegen, aber er konnte nicht, er wollte schreien, aber er konnte nicht. Er wußte wohl, daß er träumte, doch er vermochte sich nicht zu ermannen und den Schlaf zu überwinden. Hilflos lag er da, in furchtbaren Qualen, ein schweres Alpdrücken auf der Brust. Er fühlte, wie seine Kräfte schwanden. Endlich gab er sich einen Ruck und stieß einen leisen Seufzer aus, den kein anderer hörte als er allein. Dann öffnete er halb ein Auge, mit dem er einen Lichtstrahl und eine menschliche Gestalt wahrnahm, die ebenso wie er auf der Bank ausgestreckt lag und mit der »Standarte« zugedeckt war ... Erschrocken fuhr unser Max zusammen. Es war ihm, als ob er sich selbst auf jener Bank sah, aber es war ihm rätselhaft, wieso er dort liegen konnte, und wie ein Mensch sich ohne Spiegel sehen konnte ... Er fühlte, wie sein Haar sich sträubte, wie ein kalter Schauer ihn von Kopf zu Fuß überlief. Allmählich sammelte er seine Gedanken und machte sich klar, daß jener Mann, der auf der Bank gegenüber ausgestreckt lag, nicht er, Max, sondern ein anderer war. Doch er konnte es sich immer noch nicht erklären, auf welche Weise der Reisende in sein Abteil gelangt war und wieso er sich gerade mit der »Standarte« zugedeckt hatte. Was sollte das bedeuten? Er bewegte sich, so daß das Zeitungsblatt knisterte; im selben Augenblick vernahm er, daß der Reisende auf der gegenüberliegenden Bank sich ebenfalls bewegte und daß dessen Zeitung ebenfalls knisterte. Er betrachtete ihn stillschweigend und bemerkte, daß der Mitreisende ihn lächelnd beobachtete. So lagen unsere beiden Antisemiten sich gegenüber und glotzten sich stillschweigend an. Obgleich sie beide von Neugierde verzehrt wurden, zu erfahren, wer sie waren, legten sie sich Zwang auf und schwiegen. Plötzlich kam aber Peti auf einen klugen Gedanken: er begann die Melodie eines bekannten jüdischen Liedes leise zu pfeifen: »Im Ofen brennt das Feuer ...« Leise pfeifend stimmte Max ein: »Im Stübchen ist's so warm.« Nun richteten sich unsere beiden »Standarten«träger auf und tauschten einen Händedruck. »Schalom alechem – Friede mit euch!« »Alechem Schalom!« Mit der Etappe. 1. Kapitel. Haman Iwanowitsch Plissetzki So hieß der neue Polizeileutnant, der nach Teplik kam. Sein richtiger Name war Agamemnon Afonegonowitsch, aber die Tepliker Juden, die jedem gern einen Beinamen gaben, nannten ihn anders, und zwar aus zwei Gründen: erstens war Haman Iwanowitsch kürzer und leichter auszusprechen – wie mußte man den Mund voll nehmen, um Agamemnon Afonegonowitsch zu sagen –, zweitens hat es, seitdem die Stadt Teplik existiert, noch niemals einen Polizeileutnant gegeben von der Art Hamans Iwanowitsch Plissetzkis. Teplik hat Polizeileutnants aller Art gehabt, gute und schlechte, bestechliche und unbestechliche. Das heißt, solche, die gar nichts nehmen, gibt es überhaupt nicht; ein kleines Geschenk zum Feiertag oder zu Neujahr oder eine Aufmerksamkeit zum Geburtstag rechnete nicht mit. Wer wollte darauf verzichten? ... Wir sind alle einmal geboren worden, und der Geburtstag ist von jeher ein Feiertag, – eine Sitte, die, wie wir aus der Thora wissen, schon zu Pharaos Zeiten in Ägypten bekannt war. Pharao gab an seinem Geburtstag eine große Mahlzeit für alle seine Knechte, – der Truchseß wurde aus dem Gefängnis befreit, der Bäcker an einem Baum aufgehängt – gemäß dem Traum, den Joseph dem König drei Tage zuvor gedeutet hatte ... Als der »Pristaw« – so lautete sein Rang in der amtlich russischen Sprache – nach Teplik kam, begann er zu allererst das Städtchen zu reinigen. Was heißt reinigen? ... Zunächst rottete er die Tepliker Pferdediebe, die in der ganzen Welt bekannt waren, in einem oder zwei Monaten aus. Nicht ein einziger für den Notfall blieb zurück. Sobald er gegen jemand auch nur den geringsten Verdacht gefaßt hatte, ließ er ihn ohne lange Umstände festnehmen und schickte ihn sofort per Etappe nach dem Gefängnis. Dort sollte mit ihm abgerechnet werden. Sodann nahm er die Straßen und die Juden vor. Er verlangte, daß die Straßen rein gehalten werden, der Kehricht aus den Häusern nicht auf den Damm, den Leuten ins Gesicht hinuntergeschüttet werde, schmutziges Wasser nicht vor den Türen ausgegossen werde, und daß überhaupt auf Ordnung gehalten werde. Von den Juden verlangte er, daß sie am Sonntag bis Mittag die Geschäfte schließen, daß die Lehrer ohne besondere Erlaubnis nicht unterrichten und daß der Draht, den die frommen Juden um die Stadt gezogen hatten, entfernt werde ... Es würde ohne diesen Telegraphendraht auch gehen, meinte er ... Auch wenn sich die Juden in der Synagoge herumschlugen und wegen eines Ehrenamts ereiferten und sich mit Ohrfeigen traktierten, mischte er sich hinein. Solch ein Halunke war er! Daß die Geschäfte geschlossen wurden – ging ohne weiteres durch. Kam es einmal vor, daß einer nicht ganz pünktlich bis zwölf Uhr den Laden geschlossen hielt, so übersah er es ... Was blieb ihm auch anderes übrig? ... Er tat, was er konnte, aber den Wächter für jüdische Geschäfte zu spielen und aufzupassen, ob einer die Ladentür halb offen stehen ließ ... das war unmöglich! Wegen des Drahts hatte er in der ersten Zeit Verdruß. Am Freitag abend wurde der Draht trotz des Verbotes gezogen, am Sonnabend morgen ließ er ihn abreißen. Aber am nächsten Sonnabend tauchte ein neuer Draht auf, und so ging es mehrere Wochen hintereinander. Obgleich er den Wächtern befahl, aufzupassen, wer den Draht aufzog, gelang es nicht, den Spitzbuben abzufassen. Da entschloß er sich, persönlich Wache zu stehen; er pflanzte sich in einer versteckten Ecke auf und stand die ganze Nacht grübelnd und singend da. Erst gegen Morgen faßte er den Sohn des Synagogendieners, Pejse, ab, als er gerade damit beschäftigt war, den Draht zu befestigen. Er packte ihn bei dem linken Ohr, führte ihn zum Polizeirevier und ließ ihn für einen ganzen Tag einsperren. Seit jenem Tage blieb Teplik bis auf den heutigen Tag ohne Draht. Die Einwohner machten sich nichts mehr daraus, auch ohne diese Vorrichtung ihre Taschentücher und Uhren am Sonnabend bei sich zu tragen, während ihnen das früher nur gestattet war, wenn ein Draht durch die Stadt gezogen wurde. Schlimmer war der Kampf, den er mit den Lehrern durchführen mußte. Die Lehrer machten ihm das Leben unglaublich schwer. Kaum hatte er einen Lehrer mit zwanzig Schülern in einer Straße abgefaßt und die Schule geschlossen, so fand er denselben Lehrer mit denselben Schülern am nächsten Tag in einer anderen Straße. Er schloß die Schule wieder und nahm ein Protokoll auf; aber kaum hatte er Zeit, sich weiter umzuschauen, als der Lehrer sich auf einem Boden oder in einer Frauenschule verkrochen hatte und von dort den Gesang seiner Schüler laut erschallen ließ. Ein wahres Unglück mit den jüdischen Kindern! Sie waren nicht von dem Lehrer loszureißen! »Hol dich der Kuckuck! Hast du dich mit deinen Schülern auf dem Boden verkrochen, so pauke mit ihnen meinetwegen, bis ihnen die Köpfe platzen, aber mach wenigstens nicht solchen Lärm, daß ich es höre,« sagte Plissetzki zu dem Lehrer und schwor, daß, wenn er ihn noch einmal erwischen sollte, er ihn innerhalb vierundzwanzig Stunden aus Teplik ausweisen würde. Der Lehrer hörte aufmerksam zu, verließ seine bisherige Zuflucht und stieg von oben in irgendeinen Keller hinunter. Dort unterrichtete er weiter, aber er ließ die Schüler auch singen, denn Unterricht ohne Gesang war ungefähr dasselbe wie eine kalte Kugelspeise, die die vornehmen Leute in der Großstadt am Wochentag aßen. Haman Iwanowitsch schlug sich so lange mit dem Lehrer herum, bis er schließlich wütend ausspie und den Kampf aufgab. 2. Kapitel. Der Tepliker Millionär Schalom Beer Tepliker aus Teplik. Da Teplik hauptsächlich von Juden bewohnt war, hatte der Tepliker Polizeileutnant ausschließlich mit Juden zu tun. Er kannte sehr bald sämtliche Einwohner von Teplik beim Namen, war in alle ihre Geheimnisse eingeweiht, sprach mit ihnen halb jiddisch und wurde zugänglich und weich wie Wachs – mit einem Wort: zwischen ihm und den Juden hatte sich ein vertrauliches Verhältnis herausgebildet. Als die reichen, feinen Leute, die Wichtigtuer, die überall gern regierten, merkten, daß der Beamte zugänglich wurde, begannen sie ihn zunächst mit einem Stückchen Fisch, einem Glas Schnaps und einem Stück Mazze zu bestechen, dann versuchten sie es mit Schmeicheleien und steckten ihm vorsichtig etwas in die Hand zu. Das bekam ihnen aber so schlecht, daß sie ihre Kindeskinder warnen wollten, einem Polizeileutnant niemals früher etwas zu geben, ehe man nicht genau wußte, wer und was er war. »Du glaubst, mich mit Geld bestechen zu können, Joßke,« sagte er zu einem Juden auf russisch, »du bist also ein Betrüger! Ins Gefängnis mit dir!« Die Worte: »Ins Gefängnis mit dir!« hatte er immer auf der Zunge. Das bedeutete, daß er die Leute einsperren oder mit der Etappe nach der Gouvernementstadt schickte. Hatte er diese Worte einmal gesagt, so half nichts mehr: kein König von Ost oder West hätte etwas ausrichten können. Ein merkwürdiger Patron war er! Weiß der Teufel! Traf er einen armen Mann, der nicht zu leben hatte, so gab er ihm aus seiner eigenen Tasche einen Rubel oder auch zwei und sagte zu ihm, halb jiddisch, halb russisch: »Da, nimm eine kleine Anleihe für deine Ausgaben!« So viel Mitleid er mit den armen Leuten empfand, so sehr haßte er die reichen. Und gar erst die reichen Leute in Teplik, oder gar den Tepliker Millionär Schalom Beer Tepliker aus Teplik! Den konnte er überhaupt nicht ausstehen! Er suchte schon immer nach einer Gelegenheit, ihn abzufassen; aber es war nicht so leicht, ihm beizukommen. Endlich half ihm Gott, ihn zu erwischen! Die Sache spielte sich folgendermaßen ab: Scholem Beer Tepliker aus Teplik war nicht nur reich, sondern trotzig, stolz und von einer eisernen Energie. Wenn er sich etwas vornahm, wenn er etwas durchführen wollte, so wäre es leichter gewesen, ganz Teplik an eine andere Stelle zu versetzen, als ihn von seinem Entschluß abzubringen. Als Haman Iwanowitsch den Befehl erlassen hatte, daß der Kehricht nicht hinausgeworfen und das schmutzige Wasser nicht vor die Türen gegossen werden dürfe, fragte Scholem Beer Tepliker aus Teplik: »Wen kümmert das? Es ist mein Kehricht und, mein Schmutzwasser, ich kann also damit tun, was ich will!« »Reb Schalom Beer,« versuchte man ihm zu erklären, »wenn Haman Iwanowitsch es sieht, kann es schlimm werden.« »Was kann er mir ...« erwiderte Schalom Beer, der nicht gern viel redete. »Reb Schalom Beer, er wird Euch zu Protokoll nehmen!« »Soll er ... siebenundsiebzigmal ...« »Reb Scholem Beer, man kann, Gott behüte, vor Eurem Haus ausgleiten und sich den Fuß brechen!« »Soll man sich das Genick brechen!« antwortete Scholem Beer und befahl so viel Kehricht und Schmutzwasser auszuschütten, wie es nur gab. Plissetzki kam mit einem Schutzmann zu ihm und nahm Protokoll auf. Da begann Scholem Beer mit ihm ein ausführliches Gespräch, wie es sich ein reicher Mann gestatten konnte. Aber Plissetzki gebot ihm, zu schweigen, und sagte: »Jüdische Aufdringlichkeit! Schweig, Judenfratze!« und andere schöne Redensarten mehr. Das ärgerte unseren Millionär; er nannte den »Pristaw« – »Haman«, sagte ihm vor Zeugen, er wäre ein wahrer Haman, der Haman aus der Bibel. Das wurde zu Protokoll genommen, und Reb Scholem Beer Tepliker aus Teplik wurde laut gesetzlicher Bestimmung zu zwei Wochen Arrest verurteilt. Keine Macht der Welt konnte daran etwas ändern! Natürlich war ganz Teplik durch dieses Ereignis in Aufregung versetzt. Was heißt! Der Millionär zu zwei Wochen Arrest verurteilt! Die ganze Stadt ging mit, um zu sehen, wie Reb Scholem Beer zur Wache abgeführt wurde. Kein Kind blieb, wie man zu sagen pflegt, in der Wiege zurück. Als Reb Scholem Beer über den Markt geführt wurde, ließ er den Kopf sinken, und seine Frau, Staßje Peril, die Millionärin, blieb vor Schande zu Hause. Die Einwohner von Teplik betrachteten schweigend den Vorüberziehenden, aber im Innern freuten sie sich. Erstens sollte sich ein Jude nicht so groß tun, und zweitens war Scholem Beer Tepliker aus Teplik in der Stadt nicht besonders beliebt, weil er – es soll ihm nicht nachgesagt werden – ein großer Geizhals war. Auch seine Frau, Staßje Peril, gönnte einem armen Juden nicht ein Stückchen Brot, obwohl sie, wie in Teplik behauptet wurde, bis über den Hals im Geld steckten und keine Kinder hatten. »Wenn ich ihr Geld hätte,« dachte jeder Tepliker, und er gab gleich nach, »wenn ich nur die Hälfte, ja nur ein Drittel von ihrem Vermögen besäße, so hätte die Stadt von mir viel, viel mehr!« Das wäre wohl möglich gewesen! Da aber in Teplik niemand Geld hatte, außer Reb Scholem Beer Tepliker und seiner Frau, Staßje Peril, so hatte die Stadt keinen Gewinn. Niemand hatte von dem Geld Freude, weder die Stadt, noch Schalom Beer, der Millionär, noch seine Frau, die Millionärin ... Oder vielleicht hatten diese beiden am Ende doch ihren Genuß! Es fragt sich nur, was man unter Freude versteht: Überall den ersten Platz einzunehmen – in der Synagoge, in einer Versammlung oder bei einem Fest; von den Leuten ehrerbietig gegrüßt zu werden; daß alles schwieg, wenn Ihr redetet, wenn jedes Wort, das aus Eurem Munde kam, als eine Weisheit aufgenommen wurde. War es kein Vergnügen, wenn man einmal im Jahr, am letzten Tage des Laubhüttenfestes, sich bei dem Millionär Scholem Beer Tepliker aus Teplik versammelte und dort bewirtet, sozusagen bewirtet wurde! Der Hausherr saß wie ein König auf seinem Thron, an der Spitze der Tafel und bot den Gästen Schnaps an, während Staßje Peril in die Gläser guckte. Man sang und tanzte auch ein wenig. Noch andere Freuden gab es, die aber nur jemand verstehen konnte, der aus Teplik war. War es nicht ein Vergnügen zu wissen, daß man in der Stadt der Einzige war, der etwas zu sagen hatte?! In Teplik war dieser einzige – Scholem Beer Tepliker! 3. Kapitel. Ein lustiger Habenichts. Wenn es in Teplik keine Anzeiger gegeben hatte, die aufeinander aufpaßten, damit keine Verbrechen und Missetaten geschehen, so würde es der Sündenstadt Sodom geglichen haben. Aber die Leute paßten aufeinander eifrig auf, und sobald sie merkten, daß einem anderen Unrecht geschah, oder wenn sie sahen oder hörten oder auch nur den Verdacht hatten, daß jemand etwas Unrechtes getan hatte, so teilten sie der Polizei sofort in kurzen Worten mit, was passiert war. Wenn die Polizei es nicht glauben wolle, solle sie sich da und da hinbemühen, da würde sie das und das vorfinden. Sollte es sich herausstellen, daß nichts dahinter war, dann konnte einem nichts passieren, weil man nicht den eigenen Namen zu unterzeichnen brauchte, man unterschrieb vielmehr: ›Ein aufrichtiger Mensch‹, oder ›Ein guter Freund‹, oder ›Ein Freund des Gesetzes‹; oder man brauchte überhaupt nichts darunterzuschreiben, die Hauptsache war, wenn man angab, wohin die Polizei sich begeben und wonach sie forschen sollte. Plissetzki konnte sich unberufen rühmen, daß er keine Spione brauchte, weil die Tepliker Bürger selbst vorzügliche Spione waren. Nach dem oben Gesagten werdet ihr nicht erstaunt sein zu hören, daß eines schönen Morgens der rote Beril mit dem lahmen Bein überrascht wurde, gerade als er auf der Erde saß, die Rockschöße im Gürtel hochgeschürzt, und Rosinenwein aus einer großen Flasche in kleine füllte, um sie für das Segengebet am Sabbat zu verkaufen. Er biß die Propfen mit großem Eifer weich und propfte die Flaschen zu, indem er mit fester Hand daraufschlug. Der Schweiß rannte ihm dabei von der Stirn. Plissetzki öffnete vorsichtig die Tür und beobachtete den roten Beril bei seiner fleißigen Arbeit; er stand eine Weile auf der Schwelle und verständigte sich mit den Schutzleuten durch Blicke. Als Beril die Augen erhob und Haman Iwanowitsch an der Tür stehen sah, richtete er sich von der Erde auf, humpelte mit seinem lahmen Bein auf ihn zu und sah ihm in die Augen, als ob er sagen wollte: ›Du wirst mir wahrscheinlich eine Geldstrafe auferlegen ... Nun, straf mich ... Was kannst du mir abnehmen? Meine Armut?‹ Wie kommt es, daß unser Beril sich so wichtig tat? ... Weil er nichts zu fürchten brauchte? ... Er braute wirklich Rosinenwein, den er in Flaschen füllte und seinen Bekannten zum Sabbatabend lieferte. Davon lebte er. Aber es war ein Wein mit Ach und Weh und ein Leben mit Ach und Weh. Der Wein war kein Wein, und das Leben war kein Leben. Nur damit die Leute etwas hatten, den Segensspruch zu sagen, dafür war der Wein gut genug und immer noch besser als einfacher Schnaps. Und Beril hatte immerhin eine Beschäftigung, die ihm etwas einbrachte, wenn auch nicht viel mehr als das Salz zum Brot. Besser als nichts! Oh, weh, wie viele Juden gab es in Teplik, die nichts taten und nichts verdienten, nichts verdienten und nichts hatten, wirklich gar nichts. Jene unwürdigen Juden, die nicht arbeiteten und nichts verdienten, beneideten den roten Beril, der wie ein Magnat lebte, jeden Sabbat Fisch und Fleisch hatte, die Kinder zur Schule schickte und anständig kleidete, eine Ziege hielt und – das alles von den bißchen Rosinen, die er zu Wein zermanschte. Da schrieben sie einen Brief an Plissetzki der mit folgenden Worten begann: »Da wir stets für die Regierung Interesse haben, und da es zum Nachteil der Regierung ist, wenn jemand ohne Konzession Geschäfte macht, und da der rote Beril mit dem lahmen Bein seit so vielen Jahren ohne Konzession mit Wein handelt und derselbe rote Beril den Wein selbst anfertigt und die Fabrikation von Beril stammt und so weiter ...« Mit dem Selbstbewußtsein eines armen Mannes ist nicht zu spaßen. Je ärmer einer ist, um so selbstbewußter ist er auch, schlimmer als der reichste Mann. Ich hörte selbst, wie ein armer Mann sich mit einem anderen auseinandersetzte. »Wie kannst du dich mit mir vergleichen, du räudiger Kerl? Du besitzt noch ein paar ganze Schuhe und ein Stück Mantel ... ich habe nicht einen Schimmer davon.« Er sagte dies mit solchem Stolz, daß ein Rotschild tief gedemütigt wäre, wenn er dabeigestanden und es gehört hätte. Haman Iwanowitsch betrachtete inzwischen die »Appartements« Berils des Roten, die aus drei Zimmern bestanden, das heißt aus zwei Alkoven und einer Küche. Sämtliche drei Räume waren mit Betten vollgestellt, und die Betten mit Kindern besetzt. Die Kinder waren halb angezogen, halb nackt, nämlich vom Hals bis zum Nabel waren sie angezogen, vom Nabel abwärts waren sie nackt, selbstverständlich auch barfuß ... Für dieses halbnackte, barfüßige Gesindel war der »Pristaw« eine willkommene Person, eine ganz neue Erscheinung. Sie waren nicht faul, sprangen aus den Betten, schlichen sich langsam zu dem feinen Herrn, sahen ihm ins Gesicht, betrachteten die goldenen Knöpfe und befaßten die Franse seines Säbels. Plissetzki führte unterdessen ein Gespräch mit dem roten Beril, das wir hier wörtlich wiedergeben: Plissetzki: Wie man mir über dich berichtete, sollst du schönes Geld verdienen? Beril: Unberufen, gebe Gott, daß es nicht schlimmer werde. Für besser gibt's keine Grenze. Plissetzki: Warum gehen deine Kinder nackt und barfuß? Beril: Damit sie besser wachsen. Plissetzki: Und was machst du mit dem Geld? Beril: Ich tue, was der Talmud uns lehrt. Plissetzki: Der Talmud? Was lehrt euch der Talmud? Beril: Der Talmud lehrt uns, das Geld in drei Teile zu teilen: ein Drittel – in die Erde, ein Drittel bar halten, ein Drittel ins Geschäft stecken. Plissetzki: Ich sehe, du bist ein lustiger Kauz. Beril: Was habe ich für Sorgen? Was fehlt mir und was habe ich? Sag mir lieber, hochverehrter Herr, was haben dir die Juden über mich berichtet, und was droht mir nach deinem heutigen Besuch? Plissetzki: Wenn du alles wissen willst, wirst du schnell alt werden. Zeig mir einmal alle deine Schränke, ich muß eine Untersuchung bei dir vornehmen. Vielleicht finde ich bei dir außer Wein noch andere Sachen? Beril: Ach, mit dem größten Vergnügen! Wenn du etwa Wertpapiere, Gold oder Silber finden solltest, so soll die Hälfte mir, die Hälfte dir gehören. Plissetzki: Du hast Humor, ist es Galgenhumor? Beril: Mag sein. Niemand weiß, wem der morgige Tag gehört. Im Talmud heißt es: Tue Buße einen Tag vor deinem Tode. Da aber kein Mensch weiß, wann der Todesengel ihn bei der Kehle packt, so ... An dieser Stelle unterbrach ihn der Polizeileutnant; er rief die Schutzleute herein und befahl, den Juden einzusperren. Als Beril das hörte, erstarrten seine Glieder; im ganzen Hause erhob sich ein Jammern, als ob man einen Toten heraustragen würde. In Teplik wurde die Sache selbstverständlich sehr bald bekannt, man erzählte sie sich an allen Enden, und die Leute liefen aus allen Straßen herbei, um zu sehen, wie man noch einen Juden ohne Grund ins Gefängnis abführte, das heißt, man hatte den Grund bereits erfahren. Wie wäre es auch in Teplik möglich gewesen, etwas nicht zu erfahren, besonders als man bemerkte, daß Haman Iwanowitsch eine Flasche Wein unter dem Arm trug. Man hätte nur gern gewußt, wozu er verurteilt werden würde, zu einer Geldstrafe oder zu Gefängnis? Hierüber zerbrachen sich die Tepliker Juden die Köpfe und empfanden mit dem armen Beril viel mehr Mitleid als mit dem reichen Scholem Beer. Aber sie konnten ihm nicht anders helfen, als nur mit ihm seufzen. 4. Kapitel. Noch ein Verbrecher. Haman Iwanowitsch machte sich an diesem Tage noch auf eine andere Art an die Tepliker Juden heran, und es gelang ihm, einen Juden zu erwischen, der eigentlich nichts verschuldet hatte. Die Sache trug sich folgendermaßen zu: In Teplik gab es einen jungen Mann, Henich, der einen älteren Bruder namens David Leib hatte. Dieser David Leib wollte von der Musterungskommission einen Schein für seinen Bruder erlangen, der nach Davids Aussage und laut den Papieren, die er einreichte, noch nicht achtzehn Jahre alt war. Aber es genügte nicht, daß ein Jude Papiere vorlegte; zur Feststellung des Alters mußte die betreffende Person selbst in Augenschein genommen werden. Plissetzki erhielt also eines Tages ein Dokument, das er Henich zustellen sollte; da er jeden Auftrag sofort auszuführen pflegte, schickte er einen Schutzmann hin, der den Jüngling direkt aus dem Bett heranschleppte. Henich war von blasser Gesichtsfarbe, schielte mit einem Auge, hatte auf dem anderen den blauen Star und wackelte mit dem Kopf. Vor Schreck, daß man ihn so unerwartet aus dem Hause geschleppt hatte, ohne daß er wußte wofür, gebärdete er sich so wild, daß er auf den Polizeileutnant den schlechtesten Eindruck machte. Es entspann sich ein kurzes, aber heftiges Gespräch: »Bist du Henich, der Nascher?« fragte ihn Plissetzki, indem er den Jüngling von oben bis unten anschaute. »Der bin ich, Henich, der Nascher,« antwortete ihm Henich hastig. Im selben Augenblick fiel ihm ein, daß man ihn wahrscheinlich wegen seines Bruders David Leib gerufen hatte, und er beantwortete die Frage, noch bevor sie an ihn gerichtet wurde: »Ich bin noch nicht achtzehn Jahre alt, so wahr ich ein Jude bin!« »So? Die Sonnabende und Feiertage nicht mitgerechnet,« erwiderte Plissetzki und blickte dem Jüngling in die Augen, wobei er den Star bemerkte. Bei diesem Blick wurde Henich ganz finster vor Augen, ein kalter Schauer durchrieselte seinen Körper, sein Herz preßte sich ihm zusammen, und traurige Gedanken durchzuckten sein Hirn. »Aus mit dem Schein! Verfallen – David Leib!« dachte Henich. Er hätte dem armen Bruder so gern den Gefallen erwiesen – sich statt seiner zu stellen, – er ermannte sich also und begann plötzlich in einem Kauderwelsch zu reden. »Ich schwöre Euch, daß ich nicht älter bin als siebzehn Jahre, vielleicht einen Monat darunter oder darüber. Ich soll so glücklich nach Hause kommen! Ich sehe älter aus? Ja? Das ist aber nicht wahr. Achtet nicht drauf! Wir sind solche Rasse! Vom fünfzehnten Jahr zeigt sich bei uns schon Bartwuchs!« Plissetzki schaute Henich an, schüttelte den Kopf und lächelte, als wollte er sagen: »Zu dem Star auf dem Auge und der totenbleichen Larve paßt das Bärtchen wahrhaftig gut!« Dann sagte er zu dem Diener, er solle Henich, während er die Papiere durchsah, hinunterführen. Henich verlor plötzlich allen Mut. Sein Gesicht wurde noch fahler, er begrub seinen armen Bruder auf ewig. »Ach, unglückseliger David Leib, es ist aus mit dir!« * »Menschenkind, Vogelfratze, watschelnde Ente! Wie kommst du denn hierher! Was hast du denn angestellt? Wer hat dich angezeigt?« rief der rote Beril dem Ankömmling, dem Jüngling Henich, zu. Der reiche Scholem Beer Tepliker aus Teplik betrachtete ihn unterdessen vom Kopf bis zu den Füßen, als wäre er ein Dieb, den man soeben erfaßt hätte. Henich starrte seinerseits den Tepliker Millionär nicht weniger erstaunt an. Als er diesen Wichtigtuer, den reichsten Mann von Teplik, hier sah, begann er zu stammeln und wußte selbst nicht, was er redete. Der rote Beril, der bekanntlich ein lustiger Kauz war und gern witzelte, auch wenn er keinen Heller für den Sabbat in der Tasche hatte, tat vor dem Jüngling, als wäre er ein begüterter Mann und spottete über den tölpelhaften Henich, – wie es seine Art war, wenn er armen Leuten begegnete, die noch größere Pechvögel waren als er. Um dem reichen Mann Freude zu erweisen, stellte er sich auf dessen Seite. Unterdessen hörte Henich nicht auf zu stammeln: »O weh mir! Was ist mir da passiert ... Ich weiß nicht für was ... Mein Bruder David Leib ... Wenn sie etwa dahinterkommen, daß ich älter bin als achtzehn, dann ist er, Gott behüte, verloren ...« »Was schnalzt du da mit den Lippen, Narr?« unterbrach ihn der rote Beril. »Sprich deutlich, Tölpel!« »Ich sage, was aus meinem Bruder David Leib wird,« erwiderte Henich. Im selben Augenblick richtete er sich plötzlich auf und fragte den roten Beril: »Sagt, wie sehe ich in Euren Augen aus?« »Wie du aussiehst? Du siehst aus wie eine rote Kuh,« antwortete Beril, über seinen eigenen Witz lachend, und sah zu dem reichen Schalom Beer hinüber, ob er mitlachte. Aber dieser lachte nicht, sondern war in den Anblick des Tölpels Henich versunken und wunderte sich, wozu ein solches verkrüppeltes und entstelltes Geschöpf auf der Welt lebte. »Nein,« sagte Henich, indem er mit dem schielenden Auge den reichen Juden anstarrte und mit dem Starauge Beril ansah, »das meine ich nicht, ich meine, wie viele Jahre Ihr mir gebt?« »Was gebe ich dir?« »Jahre, meine ich, mein Herr!« »Ach, du willst wissen, für wie alt ich dich halte! Ich schätze dich nicht älter als zweiundzwanzig, vielleicht etwas darüber.« Henich stieß vor Zorn einen lauten Schrei aus, stürzte auf den roten Beril, als ob dieser ihn zur Schlachtbank führen wollte, und kreischte. »Verrückter Kerl, was fällt dir ein! Was redest du! Wart nur! David Leib ist erst vor kurzem zwanzig Jahre geworden ... das ist richtig, zweiundeinhalb Jahr ist er älter als ich, im ganzen zwei und ein halbes Jahr ... Also, wie kann die Rechnung stimmen? Wie alt muß ich dann sein? ... Nur, um zu reden!« Henich sah dabei so hilflos und traurig aus, auf seinem Gesicht malte sich solche erbarmenerregende Trostlosigkeit, daß selbst der Reiche für ihn Interesse gewann und sich an ihn mit der Frage wandte: »Ihr seid zwei Brüder, wie es scheint?« »Zwei Brüder und eine alte Mutter und ein Mädchen von dreizehn Jahren, die in Stellung ist; ein jüngerer Bruder ist im Geschäft angestellt, dann sind noch zwei kleine Mädchen und ein kleiner Junge, der noch zur Schule geht ... Für alle muß David sorgen ... Wenn er, Gott behüte, genommen werden sollte, dann können wir alle in die Häuser betteln gehen ...« Henich erzählte, wie die ganze Geschichte mit der Musterungskommission gekommen war. Wahrscheinlich hatte jemand angezeigt, daß David über achtzehn Jahre alt war und sich noch nicht zur Musterung gestellt hatte, obgleich er bei der Thora schwören kann, daß er, Henich, noch nicht achtzehn Jahre alt ist ... Nur wie zum Trotz wuchs ihm schon der Bart, und alle Leute sagen, daß er wie zwanzig oder noch älter aussieht. Wenn es danach ginge, müßte David doch auch einen Bart haben. Indessen hat er keine Spur von Bart. Was werden sie aber anfangen, wenn David, Gott behüte, wegkommt? Henich wandte sich mit seinem Starauge zur Seite, hüstelte, schnäuzte sich und wischte sich die Augen. »Bedauernswert!« entschlüpfte es dem Reichen unwillkürlich. »Ein Trottel!« bestätigte der rote Beril dem Reichen mit einem leisen Lächeln, das zugleich Spott und Mitleid ausdrückte. »Dieser Henich,« fuhr er fort, »wie Ihr ihn hier seht, ist ein Trottel, und sein Bruder – ich kenne ihn – ist geradezu ein Garnichts! Er taugt zu einem Soldaten gerade so gut, wie ich ...« Und zum Beweis, daß er, der rote Beril, wirklich nicht zum Soldaten taugte, rückte er sein lahmes Bein vor. 5. Kapitel. Die Etappe setzt sich in Bewegung. Bis zu dem Tage, an dem sich unsere Geschichte ereignete, ja bis zum letzten Augenblick, glaubte der Tepliker Millionär, Schalom Beer Tepliker aus Teplik, nicht, daß man ihn per Etappe nach Geißen schicken würde. Während der ganzen Zeit bemühte er sich, machte schriftliche Eingaben und nutzte alle seine Beziehungen aus, aber Plissetzki setzte seinerseits alles mögliche in Bewegung, damit unser Tepliker Millionär den Spaziergang von Teplik nach Geißen mitmache, und zwar auf Schusters Rappen. »Du wirst schon gehen, – mit deinen eigenen Füßen,« sagte zu ihm Haman Iwanowitsch nach seiner Art halb russisch, halb jiddisch. Wie zum Trotz war es ein heller, warmer Sommertag. Wie ein Bräutigam vor der Trauung kam die runde, feurige Sonnenkugel fröhlich wie ein Held hervor, um die große Himmelreise anzutreten, alle mit ihrem Glanz zu bestrahlen und ihre Wärme auf alle herabzusenden. Niemand sollte der Hitze ergehen, während die Sonne brannte und die Erde wie ein Kalkofen erhitzte. Die Geschäftsinhaber verließen ihre Läden, die Handwerker ihre Werkstätten, die Lehrer ihre Schulen, – alles rannte, zu schauen, wie der reichste Mann der Stadt mit der Etappe fortgeführt wurde. Während die Tepliker Juden den Millionär betrachteten, wie er mit herabgelassener Nase dastand, flüsterten sie einander zu, daß man daraus eine Lehre ziehen müsse. Aber in ihrem Inneren frohlockten sie und empfanden eine tiefe Befriedigung. Mitleid hatten sie nur mit dem roten Beril und dem Jüngling Henich. Für den Reichen wurden geflochtene Strietzel, gebraten Enten und alle möglichen anderen Vorräte für den Weg herbeigeschleppt; für den roten Beril brachten seine Frau und Kinder Brot, Fische, Kartoffeln und ein Bund jungen Knoblauch. Nur Henich bekam nichts für den Weg mit. Da schauten fremde Leute einander an, spendeten aus Mitleid ein paar Groschen und kauften ihm ein Brot und etwas Fische und Zwiebeln. Alle diese Speisen wurden dem Etappenführer übergeben, der sie fröhlich entgegennahm und versprach, daß alles unversehrt und unberührt bleiben werde. Nun erschien Haman Iwanowitsch auf seinem Balkon und befahl dem Etappenführer, loszumarschieren. Der Zug setzte sich in Bewegung, und hinter ihm her ganz Teplik. Die Etappe bestand aus Lawrij Sotski, einem zottigen Geschöpf mit einem zottigen Pelz und einer hohen zottigen Mütze; in der Hand hielt er einen großen, astreichen Knüppel, der an einem Ende mit einem dicken Holzknopf, am anderen mit einem spießartigen Eisenstück versehen war. Die gebratenen Enten und die gesalzenen Fische nahm er unter einen Arm, das Brot, die Strietzel und die übrigen Sachen unter den anderen. Die Dienstpapiere versteckte er unter seinem Brusthemd. Der Zug marschierte im schnellen Tempo los, viel schneller, als man glauben könnte, weil nämlich unsere Arrestanten große Eile hatten, der Stadt den Rücken zu kehren. Sie baten Lawrij Sotski, er möge doch die Gassenjungen forttreiben, die sich nicht scheuten, den Zug bis jenseits der Mühle zu begleiten. Lawrij erhob seinen langen Stock mit der eisernen Spitze, und im Nu zerstieben die Gassenjungen und die Zuschauer wie eine aufgescheuchte Vogelschar. Als die Etappe nun allein auf freiem Felde zurückblieb, lies sie nicht mehr mit solchem Eifer, sie verlangsamte den Schritt und begann sehr bald mit dem Führer zu verhandeln, ob sie sich nicht ein wenig auf das grüne Gras niedersetzen und Atem schöpfen dürfe. Der Führer Lawrij Sotski war kein schlechter Mensch. Er gewährte die Bitte sofort, um so mehr, als er auch selbst ausruhen, sehr gern einen Imbiß nehmen und von den gebratenen Enten kosten wollte, deren Geruch ihm während des ganzen Weges die Nase gekitzelt hatte. Von den jüdischen Stricheln hatte er bereits im Gehen kleine Stückchen abgebröckelt und gefunden, daß sie sehr gut schmeckten. Auch von den Fischen hatte er gekostet, die mit Knoblauch ausgezeichnet mundeten. Da die Arrestanten vorangingen und der Führer ihnen folgte, konnten sie nicht sehen, daß er kaute, nur wenn sie sich umdrehten, bemerkten sie es und flüsterten es sich einander auf jiddisch zu. »Der Bauer läßt es sich gut schmecken,« sagte der Reiche und betrachtete Lawrij, wie er gerade ein Stück vom Strietzel abbrach und in den Mund steckte. »Sag wenigstens ›unberufen‹,« ulkte der rote Beril, wie gewöhnlich; »ich kann bei allen Heiligen schwören, daß wenn ich ihn ansehe, ich selbst Appetit bekomme. Was meinst du, Henich, hast du noch nicht Herzweh?« Der Jüngling Henich schluckte den Schleim, wie ein Ochs beim Wiederkauen, und stammelte: »Behaupten kann ich nicht gerade, daß ich hungrig bin, ... aber trotzdem möchte ich gern etwas zu mir nehmen, wenn ich nur etwas hätte.« »Ich habe ja alles, es ist alles da,« sagte der Reiche und blickte zu dem Führer hinüber. »Wenn es keinen Schnaps gibt, so heißt das bei mir nicht, daß ›alles da ist‹,« entgegnete der rote Beril und wiederholte es auf russisch langgedehnt, damit der Bauer verstünde, was er meinte. »Nicht wahr, Lawrij, ohne Schnaps ist genau so wie ohne Zähne!« rief er dem Führer zu. »Ganz recht,« erwiderte der Führer vollkommen ernst. Man redete so lange hin und her, bis man beschloß, daß einer der Arrestanten, und zwar Henich, der Jüngling, der der jüngste war, nach der nahegelegenen Stadt Gronow, die höchstens ein paar Werst entfernt war, hinüberspringen und eine Flasche Schnaps holen solle. Die beiden anderen Arrestanten, Scholem Beer aus Teplik und der rote Beril, garantierten für ihn, daß er nicht ausreißen würde. Man setzte sich also mitten im Feld auf einer Anhöhe unter einem Baum auf den Rasen; die beiden Arrestanten begannen ein Gespräch, während der Führer den Blick auf den Weg nach Gronow gerichtet hielt. 6. Kapitel. Er erinnert ihn an alte Sünden. Wenn ich ein Maler oder wenigstens ein Photograph wäre, würde ich die Gruppe mit den drei Individuen abbilden, die so schön mitten im Feld, auf der Anhöhe, unter einem Birnbaum ruhten, einem Birnbaum mit kleinen grünen Blättchen und steinharten Birnen, die man nicht zerbeißen kann und von denen man nicht weiß, wozu Gott sie geschaffen hat. Zwischen Lawrij Sotski mit der hohen, zottigen Mütze und dem roten Beril mit dem lahmen Fuß und dem zuckenden, mit Warzen bedeckten Gesicht, die wie Johannisbeeren ausschauten, saß unser Tepliker Millionär Scholem Beer Tepliker aus Teplik mit den kleinen Äuglein und dem spärlichen Bart, in seinem neuen schwarzen Tuchkaftan, mit dem seidenen Feiertagskäppchen auf dem Kopf, wie ein vornehmer Hochzeitsgast und wie eine würdige Person unter einfachen Leuten, die die Ehre genossen, in seiner Gesellschaft zu verweilen. Ein solcher Mensch pflegt sich herablassend zu verhalten, als wäre er unter seinesgleichen, – aber er ist dennoch anders wie die anderen. Was er will, darüber wird gesprochen, was er sagt, wird angehört, und wenn ein anderer spricht, darf er ihn unterbrechen. »Was sagt Ihr zu der Hitze?« fragte er den roten Beril seufzend und umherschauend, indem er die Ärmel bis über den Ellbogen hochschob und sich mit seinem seidenen Käppchen über das Gesicht fuhr. »Ja, es ist nicht kalt,« antwortete der rote Beril und blickte nach dort, wohin der Millionär schaute. »Wenn wenigstens kein Regen käme!« fuhr der Millionär fort und sah zum Himmel empor. »Ja, das würde für die seidenen Kleider gerade passen!« bestätigte Beril und blickte nach dort, wohin der Millionär schaute. »Er ist kein schlechter Mensch, unser Hüter,« fuhr der Millionär fort und blickte einem langen, leeren Wagen nach, der von einem Paar Ochsen gezogen wurde, und auf dem ein kleiner Junge saß und die Peitsche drehte. »Unser Hüter?« fragte Beril und blickte nach dort, wohin der Millionär schaute. »Ich möchte für ihn gern drei jüdische Leute opfern, von jener Sorte, die einen armen Mann anzeigen, weil er Rosinenwein anfertigt, den er seinen Bekannten zum Segensspruch liefert, um auf solche Weise Weib und Kinder zu ernähren.« »Wie meint Ihr?« unterbrach ihn der Millionär inmitten seiner Rede und starrte auf den Weg, der nach Gronow führte. »Wie meint Ihr? ... Kann er sich nicht verirren? Ich meine, ob der Jüngling ... wie heißt er doch? ... nicht durchbrennen könnte?« »Ach, dieser Trottel,« entgegnete Beril und blickte auf den Weg, der nach Gronow führte. »Hat er denn ein Verbrechen begangen? Hat er etwas Schlimmes verübt, daß er durchbrennen sollte? Er ist genau so ein Verbrecher wie ich.« »Was kann Euch eigentlich für diese Sache passieren?« fragte der Millionär plötzlich und schaute Beril mit einem Auge von obenherab an, während er das andere schloß und in der Zeit zwischen der Frage und der Antwort einen Grashalm kaute. »Für welche Sache? ... Für den Rosinenwein? Weder Prügelstrafe noch Arreststrafe, das ist sicher ... Aber kann ich übrigens wissen, welche Strafe sie mir auferlegen werden? Mögen sie mich strafen wie sie wollen! Was können sie nur antun? Was können sie mir abnehmen? ... Die Armut? ... Höchstens können sie mich einsperren ... nun, so werde ich eben ein paar Tage sitzen ... Aber wie ist es mit Euch? Ihr seid doch unberufen ein angesehener reicher Mann? Wahrhaftig, ich muß Euch die Wahrheit sagen, Reb Scholem Beer, nehmt es mir nicht übel, ich an Eurer Stelle würde wegen einer solchen Dummheit, wegen des Abwaschwassers, mich nicht einsperren lassen. Erstens würde ich mich mit der Polizei nicht in Streit einlassen, zweitens würde man mich, wenn ich Eures Standes wäre, wegen einer solchen Lappalie nicht mit der Etappe fortführen. Teplik würde es nicht zulassen, daß der reichste Mann der Stadt wie ein gewöhnlicher Mensch, genau wie die armen Leute, abgeführt werde.« Zu einer anderen Zeit würde eine solche Rede dem roten Beril schlecht bekommen sein; der Tepliker Millionär würde ihm als Antwort auf solche Worte sicher mit dem Kopf die Tür gewiesen haben. Doch jetzt, auf dem Etappenweg nach Geißen, mußte Scholem Beer alles über sich ergehen lassen. Jetzt durfte ihm jeder sagen, was er wollte. Der rote Beril rächte sich an ihm, so gut er konnte, aber nur mit ruhigen Worten, er zankte absichtlich nicht mit ihm, nur rückte er mit seinem lahmen Fuß so nahe an den Reichen heran, daß dieser ein wenig zurücktreten mußte. Beril fing also an: »Wißt Ihr, Reb Scholem Beer, seit wann wir uns schon kennen? Wir kennen uns seit Jahr und Tag! Ich erinnere mich, als Ihr noch solch ein Stöpsel wart.« – Beril zeigte dabei mit der Hand dicht über die Erde. – »Ihr müßt in meinem Alter sein, vielleicht ein oder zwei Jahre älter ... Ihr müßt Euch meiner erinnern, denn mein Großvater und Euer Vater waren – erschreckt nicht – sie waren nicht verwandt, d h. im zweiten und dritten Grad waren sie doch verwandt, von mütterlicher Seite; aber sie waren nahe Nachbarn in der alten Synagoge, wo sie ihre Plätze gegenüber hatten, – Euer Vater an der Ostseite, wo die vornehmen Leute saßen, und mein Vater in der Mittelreihe. Wenn man sich zur Wand aufstellte, um die achtzehn Abschnitte des Gebets zu verrichten, sahen wir Euch stets von hinten. Ich erinnere mich noch genau des glänzenden Atlasrückens Eures Vaters und seiner breiten Schultern mit der breiten Silberborte des Betmantels. Mein Großvater, Reb Naftale Weiler, – Ihr müßt Euch seiner erinnern –, pflegte seinen gelben Betmantel über den Kopf zu nehmen und mich zu kneifen, damit ich in das Gebetbuch schaue, – während ich gerade solche Lust zum Beten hatte wie Ihr. Ich sah ganz gut, da ich doch hinter Euch stand, daß, während die achtzehn Abschnitte still verrichtet wurden, Ihr nur auf Eure Stiefel starrtet, die laut knarrten. Wie meint Ihr, habe ich Euch wegen Eurer Stiefel beneidet! Denn ich hatte immer alte geflickte Stiefel, weil ich wegen meines kranken Fußes niemals einen richtigen Schuh anziehen konnte. Ich hatte überhaupt viel Verdruß wegen meines Fußes: Außerdem, daß es mir schwer fiel, zu gehen, pflegten die anderen Jungen mich auszulachen, mir ›Lahmfuß‹ nachzurufen und mir nachzumachen, wie ich ging. Zu denen, die mich am meisten verspotteten, gehörtet Ihr, Reb Scholem Beer – es soll Euch nicht zu Schande gereichen – und noch mehrere andere reiche Jungen, lauter verwöhnte Muttersöhnchen ...« »Ich?« fuhr der Reiche auf und erinnerte sich, daß es stimmte; sie pflegten ihm wirklich immer nachzumachen, wie er auf einem Fuß humpelte. »Das Nachmachen allein wäre nicht so schlimm gewesen? Ihr wolltet mich aber nicht in Eure Gesellschaft aufnehmen, Ihr jagtet mich mit Stöcken, tratet mich, wie unabsichtlich, auf den kranken Fuß, mit dem Absatz auf die Zehen, damit ich vor Schmerz schrie ... Wenn ich aber schrie, lachtet Ihr und hieltet Euch die Seiten.« »Das denkt Ihr Euch schön aus,« bemerkte der Reiche und errötete vor Scham, daß er so mit dem Krüppel verfahren war. Er erinnerte sich dabei, was für ein glückliches Leben er als Kind hatte, wie er alles machen durfte, was er wollte. »Ich werde Euch einen Beweis geben ... Ich erzählte es meinem Großvater, und der Großvater erzählte es Eurem Vater, aber Euer Vater wollte es nicht glauben und erwiderte meinem Großvater schimpfend, daß sein Sohn ein stilles Kind wäre und sich mit Proletarierkindern nicht einließe. Hört Ihr? Proletarierkinder! Seit jener Zeit ward ich mir bewußt, was ich war! Ein Proletarierkind! Ich fragte meinen Großvater, was das bedeutete, und er erklärte mir, was man unter einem Proletarierkind und unter einem herrschaftlichen Kind versteht. Aber ich verstand nicht, warum ein Kind reicher Leute ein Kind armer Leute auf den Fuß treten durfte und das arme Kind dazu schweigen mußte ... Ich fragte also wieder den Großvater, und dieser antwortete mir: ›Weil ein reicher Mann kein armer Mann, und ein armer Mann kein reicher Mann ist, d. h. ein Reicher ist ein Reicher und ein Armer ist ein Armer.‹ Ich verstand den Großvater immer noch nicht und sah ihn an, ob ich vielleicht in seinen Augen den Sinn der Worte lesen würde, doch ich sah in seinen Augen nichts, ich bemerkte nur einen traurigen Ausdruck in seinem Gesicht und Falten auf seiner Stirn, sonst nichts ... Ich muß Euch gestehen, das ist zwar lange her, aber seit jener Zeit haßte ich alle reichen Leute und alle reichen Kinder, und am meisten haßte ich Euch ...« »Mich?« fragte der Reiche und packte sich mit der Hand an seine Brust. »Euch, ja, Euch ... Ihr wart ja damals noch ein kleiner Bursche – Ihr dürft es mir nicht übelnehmen – eine Schnecke; wir waren damals beide kleine Kerle. Nachdem wir herangewachsen waren, eingesegnet wurden und ins Jünglingsalter kamen, habt Ihr Euch von mir ganz abgewandt und getan, als ob Ihr mich überhaupt nie gekannt hättet; Ihr hattet Angst, mich anzusehen, damit ich Euch nicht grüßte und ›Gut Schabbes!‹ zuriefe und damit Ihr mich, Gott behüte, nicht wiederzugrüßen und mir nicht ›Gutes Jahr!‹ zu antworten brauchtet. Das wolltet Ihr wahrscheinlich vermeiden.« Der Tepliker Millionär Reb Scholem Beer aus Teplik rückte von seinem Platz fort und machte eine Bewegung mit der Hand, als ob er sagen wollte: ›So wie Ihr es erzählt, hat es sich nicht zugetragen!‹ Aber bei sich erinnerte er sich, daß alles genau stimmte. Sein Vater pflegte ihm stets zu sagen, daß er etwas anderes war als die übrigen Jungen ... »Nehmt es mir nicht übel, Reb Scholem Beer, Dummheiten vergißt man nicht ... Zu meiner ersten Hochzeit – Ihr habt Euch früher verheiratet als ich – schickte ich Euch eine Hochzeitseinladung, aber Ihr habt mir nicht einmal geantwortet.« »Wahrhaftig, ich erinnere mich nicht ...« »Wie könnt Ihr Euch auch erinnern? Auch das werdet Ihr nicht mehr wissen, daß, als ich zum erstenmal – es sei nicht daran gedacht – Witwer wurde, ich meinen Vater Josef zu Euch schickte – der Großvater war damals schon tot; – er sollte Euch sagen, daß ich mit zwei kleinen Kindern ganz hilflos, wie auf dem Wasser, zurückgeblieben sei ... Da antwortetet Ihr ihm, daß Ihr ein junger Mensch seid, der sich nicht in fremde Angelegenheiten mischt.« »So habe ich geantwortet? Überlegt nur, ob Euer Vater Josef Euch, mit Verlaub zu sagen, keine Lüge erzählt hat ...« »Es mag sein, daß Ihr recht habt ... Das weiß ich aber, daß Ihr mir damals, weder das erste noch das zweite Mal, geholfen habt, als ich – es sei nicht daran gedacht – abgebrannt und wie ein neugeborenes Kind zurückgeblieben war. Später begegneten wir uns einmal in Geißen im Gasthaus – erinnert Ihr Euch? – Es war während des Jahrmarkts, Ihr kamt hin, wenn ich nicht irre, um ein paar Pferde oder auch ein paar Stück Vieh zu kaufen, vielleicht auch, um Korn zu verkaufen.« Der Reiche rieb sich die Stirn, als wollte er sich erinnern, aber, er tat, als ob sein Gedächtnis versagte; es war ihm ein Rätsel, daß er all die Dinge vergessen hatte, während der andere sich so genau jeder Kleinigkeit erinnerte. Es war ihm gar nicht recht, daß der rote Beril, mit dem es ihm in Teplik nicht gepaßt hätte, auch nur zwei Worte zu wechseln, sich jetzt anmaßte, ihm seine alten Fehler vorzuhalten und ihn an alte Sünden zu erinnern. Das alles paßte ihm durchaus nicht, und er hätte gern angefangen, von etwas anderem zu reden. Doch im selben Augenblick kam Henich keuchend und atemlos mit einer Flasche Schnaps aus Gronow an; er war so sehr gerannt, aus lauter Angst, daß ihm jemand nachkommen und den Schnaps aus der Hand reißen könnte. Alle drei Verbrecher setzten sich nun zur Mahlzeit nieder. Sie nahmen zuerst einen Schluck Schnaps, von dem sie auch dem Führer ein paar Gläschen anboten; dieser ließ sich nicht lange bitten, aber nach dem ersten Glas schnitt er eine Grimasse, wischte sich seinen dichten Schnurrbart und stieß einen Fluch auf Gronow aus, wo es solchen starken Schnaps gab. »Ein starker Branntwein, zum Teufel noch einmal!« rief Lawrij und machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte er ein Gelübde ablegen, daß er nie mehr einen Tropfen in den Mund nehmen würde. Als man aber die Fische verzehrt hatte und die Ente vornahm und ihm dabei wieder ein Gläschen Schnaps anbot, setzte man es, wenn auch mit etwas Mühe, durch, daß er das Glas bis auf den Boden leerte, und man goß ihm darauf noch ein zweites ein. Nachdem die Gesellschaft den Hunger gestillt hatte, legte sie sich ein wenig in den Schatten des Birnbaums, aber nicht, um zu schlummern, Gott behüte, sondern, um in den blauen Himmel zu schauen und zu sehen, wie kleine Wolken heranzogen, sich teilten und wie Rauch zerrannen, gleich einer Rabenschar, die in Form von zwei sich kreuzenden Linien in den Lüften segelte, unaufhaltsam zu schweben schien und doch an einer Stelle stand. Das Antlitz nach oben gekehrt, in den Himmel schauend – das war wohl nach einem guten Essen die rechte Gelegenheit, um einzuschlafen. Der erste, der es bewies, war der Führer, der sehr bald ein furchtbares Schnarchen ertönen ließ, das sich wie Pferdegewieher anhörte; gleich darauf drang ein gleicher Laut aus Henichs Nase, die auch nicht schlecht arbeitete, obgleich er jeden Augenblick aus dem Schlaf fuhr und stammelte: »Bin müde, sehr müde, bin vier gute Werst gelaufen ... Hatte immer Angst, daß, Gott behüte, jemand nachkommen und mich packen könnte ... ich meine ... der ›Pristaw‹ ...« Nur der Millionär Scholem Beer Tepliker aus Teplik schlief nicht. Es interessierte ihn außerordentlich, zu erfahren, was der rote Beril damals auf dem Markt zu Geißen von ihm wollte. Der rote Beril erfüllte seinen Wunsch und erzählte ihm die Geschichte, die wir wörtlich nachstehend wiedergeben. 7. Kapitel. Eine Dummheit vergißt man nicht. »Nehmt es mir nicht übel, eine Dummheit vergißt man nicht,« so begann Beril in seiner gewohnten, lebhaften Weise zu erzählen. »Ich pflegte damals den Jahrmarkt in Geißen nicht zu besuchen; meine Ochsen grasten damals noch auf der Weide, und meine Schiffe schwammen noch weit draußen auf dem Meer ... Ihr möchtet nun wissen, was ich in Geißen auf dem Markt suchte? ... Nun, ich kam, einen Bräutigam für meine Tochter, ich meine die älteste aus erster Ehe, zu besehen. Ich tat es nach reifer Überlegung, versteht Ihr. Sie war das erste Kind, eine Waise, zwar noch sehr jung, aber die Stiefmutter hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß ich sie verheiraten muß. Man muß sich zwar fragen: Was hatte sie davon, wenn ich das junge Kind verheiratete? Wer wird ihr helfen, kochen und backen und die kleinen Kinder warten? Wen wird sie von nun an schelten und an den Zöpfen zerren?! Aber rede einer mit einer Frau! Kurz und gut, es blieb dabei – verheiraten. Aber es ist leicht gesagt: verheiraten! Doch wie? Mit den fünf Fingern? In unserm Stand muß man doch wenigstens ein paar Kleider mitgeben! Es sagt sich so leicht, ein Mädchen ausstatten, aber zu einer Ausstattung gehören doch ein paar Kleidchen, ein paar Schuhe, Strümpfe, mindestens ein halbes Dutzend Hemden und selbstverständlich Bettzeug, wenigstens ein paar Kissen, ein Federbett und auch eine Steppdecke. Und wie gibt man nicht mindestens einen Hundertmarkschein als Mitgift mit? Aber in meinem Besitz waren nicht einmal hundert Kopeken ... Wie zum Trotz plagte mich Mojsche Aron, der Heiratsvermittler, – verflucht sei er! – mit Briefen. Ein Brief kam nach dem andern. Er schrieb mir, daß es in Geißen ein Kleinod, einen seltenen Menschen gebe, wie man sich nur einmal bei Gott und ein anderes Mal bei dem Tischler Zankel finden kann. Der Jüngling war zwar von niederem Stand, aber selten geschickt im Lernen, Schreiben und Geigenspiel. Alle Welt war von ihm entzückt. Ich schrieb Mojsche Aron, daß ich erstens noch nicht entschlossen sei, meine Tochter zu verloben, zweitens müsse ich zuerst wissen, was für eine Mitgift der Jüngling verlange; vielleicht kam diese Heirat für meine Tochter gar nicht in Betracht? Drittens sollte der Tischler Zankel zuerst kommen, die Braut anschauen. Darauf erhielt ich von ihm, das heißt von Mojsche Aron, eine Antwort, in der er folgendes schrieb: Daß ich noch nicht entschlossen sei, meine Tochter zu verheiraten, ist Unsinn, weil es in der Natur der Sache ist, daß ein Mädchen kein Junge ist! ... Was sagt Ihr zu diesem Einfall? ... Was meine Anfrage betreffs der Mitgift anlangt, so sei es von mir eine große Torheit, darüber zu verhandeln, – meinte er. Handelte es sich denn um einen Ochsen, daß man feilschen sollte? So schrieb er mir. Endlich, bezüglich der Brautschau, war diese überhaupt überflüssig, denn es sei so gut, als ob er die Braut schon gesehen hätte. Jemand aus Geißen hatte mich nämlich einmal besucht und bei dieser Gelegenheit meine Tochter gesehen, die er gar nicht genug loben kann. Kurz und gut, Brief hin, Brief her, ich machte mich auf und ging zu Fuß nach Geißen. Als ich dort ankam und den jungen Mann sah, war ich auf den ersten Blick entzückt! Was soll ich Euch sagen? Seitdem ich lebe und auf meinen Füßen stehe, habe ich von einem solchen Kleinod noch nicht gehört und es noch nicht mit Augen gesehen! Ich sage Euch, ein Gesicht – wie ein Prinz! Ein Kopf – wie ein Minister! Ein Mund – wie eine Perle! Eine Hand – wie Gold! Er kann lesen und schreiben, spricht wunderschön und lernt fleißig, – kurz, ein vortrefflicher Bursche, zu allem zu gebrauchen! Und Geige kann er spielen – alle Musikanten mit ihren Instrumenten können sich verstecken! Ich weiß gar nicht, wie so ein Wesen zur Welt kommt! Genug, ich war fest entschlossen und habe mir in den Kopf gesetzt, ihn zum Schwiegersohn zu nehmen, und sollte ich die Welt auf den Kopf stellen! Aber wie kann man nehmen, wenn sich etwas nicht nehmen läßt! Mir fehlte das Nötigste, und wenn man mich totschlagen wollte! Wenn ich wenigstens einen Hunderter hätte, wenigstens für den Anfang! Ihr versteht doch, was ich meine! Der junge Mann fragte zwar nicht danach, ob ich meiner Tochter etwas mitgab oder nicht, aber der Tischler – verflucht sei sein Name! – hat sich in den Kopf gesetzt, daß, wenn selbst eine Königstochter käme, er seinen Sohn ohne Mitgift nicht zur Trauung gehen läßt, und sollte es auch deswegen zum Skandal kommen! ›Reb Mojsche Aron,‹ sagte ich, ›warum schweigt Ihr‹? ›Warum soll ich schreien?‹ erwiderte er, ›seht zu. Euch Rat zu schaffen, denn die Sache steht schlecht. Mit dem Tischler‹, fuhr er fort, ›werdet Ihr nichts erreichen, er ist ein eigensinniger Mensch. Ich wollte ihm schon gestern eins mit dem Hobel über den Kopf schlagen!‹ Hört Ihr, was sich abgespielt hat?! Der Bräutigam ging vor meinen Augen hin und her, ich. glaubte, daß mein Herz mir vor Leid springen würde, ich verging vor Schmerz, ich fühlte, daß ich es nicht aushalten, daß ich sterben würde ... Da blickte ich zum Gasthaus hinüber, – und wen sehe ich? – Reb Scholem Beer Tepliker! ›Gott selbst hat Euch hergesandt!‹ – dachte ich mir. Nicht faul mit dem Mund, eilte ich zu Euch hinüber und bot Euch einen herzlichen Gruß zum Willkommen, genau so, als ob ich es jetzt täte. Was beabsichtigte ich damit? Ich meinte, daß Ihr mich höchstwahrscheinlich fragen würdet, was' ich eigentlich in Geißen mache, und ich darauf erwidern würde: ›Eine Heiratsangelegenheit!‹ Ihr würdet weiter fragen: ›Was für eine Heiratsangelegenheit?‹, und ich würde sagen: ›Mit dem Tischler Zankel‹. Dann würdet Ahr mich fragen, was ich als Mitgift mitgebe, Und ich würde Euch antworten: ›Das ist eben der Haken, daß der Tischler einen Hunderter bar verlangt, und ich nicht einmal eine Spur von einem Hunderter habe.‹ Ich hoffte, es würde alles gut werden – versteht Ihr? Da es sich aber ganz anders abwickelte, und Ihr mich nicht einmal danach fragtet, wozu ich nach Geißen kam, war ich nicht faul und erzählte Euch selber, daß ich nicht zum Markt gekommen war, sondern in einer Heiratsangelegenheit. Ich dachte mir, nun müßtet Ihr mich fragen: ›In was für einer Heiratsangelegenheit?‹, darauf würde ich antworten: ›Mit Zankel, dem Tischler Zankel!‹ Ihr würdet weiter fragen, was ich als Mitgift gebe, und ich würde sagen: ›Das ist ja eben die Sache! ...‹ Aber wo! Kein Gedanke! Ihr habt überhaupt nach nichts gefragt. Da überlegte ich mir die Sache noch einmal und erzählte Euch selbst, wen die Heiratsangelegenheit betraf. Ich lobte den jungen Mann in den Himmel, wie er es in Wahrheit auch verdiente, – kurz, ich redete, – aber Ihr schwiegt immer noch! Ich sah, daß meine Worte Euch sehr wenig angingen, wie pflegt man doch zu sagen: in ein Ohr hinein, zum andern hinaus! Da dachte ich mir: Was soll ich hier lange Politik treiben, am besten sage ich Euch alles und ziehe, wie man zu sagen pflegt, den Zahn mit der Wurzel heraus! Aber was erfolgte? Ihr habt mir meine Bitte abgeschlagen, mich, wie einen Toten, mit kaltem Wasser begossen!« »Ich habe Euch mit kaltem Wasser begossen? Was habe ich Euch denn gesagt?« »Wollt Ihr, daß ich Euch einen Beweis gebe? Eine Dummheit vergißt man nicht. Ihr habt sogar gefragt, ob ich denn Euer Verwandter sei, daß Ihr einen Hunderter an mich fortwerfen solltet?« »Wahrscheinlich habt Ihr mir nicht gesagt, zu welchem Zweck Ihr das Geld brauchtet.« »Und noch wie habe ich es gesagt! Ich will Euch gleich einen Beweis geben: Ihr habt mir damals nämlich erwidert: ›Und wenn Ihr den Einfall haben solltet, Euch mit Rotschild zu verschwägern?! ...‹ Und als ich Euch sagte, daß der Bräutigam Geige spielte, fragtet Ihr mich: – eine Dummheit vergißt man nicht – ›Warum gerade Geige? Warum nicht Trompete?‹ Ich kochte vor Wut, ich wollte aus der Haut fahren, und Ihr habt gespottet und faule Witze gemacht! Wahrscheinlich wart Ihr in guter Laune ...« Der Tepliker Millionär Scholem Beer Tepliker aus Teplik hatte sich die Geschichte angehört, der Schweiß rann ihm vom Gesicht, aber er schwieg. So ausführlich erinnerte er sich der Sache nicht mehr, aber daß es sich um einen Hunderter gehandelt hatte, das wußte er bestimmt ... Er schämte sich jetzt vor sich selbst, daß er damals einem armen Juden einen Hunderter abgeschlagen hatte, obgleich es für ihn eine Kleinigkeit gewesen wäre, ihm zu helfen, weil er genug Geld hatte, während es für den Juden von größter Bedeutung war, das Geld zu bekommen. Die Sache als solche interessierte ihn augenblicklich so sehr, daß er den roten Beril fragte: »Nun, und was ist damals aus der Hochzeit geworden?« »Gar nichts.« »Was heißt: Gar nichts?« »Der Tischler wollte nichts davon wissen, und wenn er auch dadurch das Schlimmste heraufbeschwören sollte.« »Und Eure Tochter, das junge Mädchen?« »Meine Tochter?! O weh mir! Sie liegt schon lange in der Erde! Ach selbst habe sie begraben, habe mein Kind ins Grab gebracht ... Das heißt ... Was konnte ich dafür? Ich konnte das Geld nicht schaffen! Ich wartete ein Jahr, ein zweites, – einen jüdischen Minister gibt es nicht ... und die Stiefmutter ... Kurz, ich habe sie mit einem Buchbinder verheiratet, einem frommen, aber sehr armen Mann, der kränklich war, an der Schwindsucht litt. Er quälte sich mehrere Jahre, dann starb er und hinterließ als Erbschaft drei Waisenkinder. Sie hat sich von ihm angesteckt und starb ein Jahr später. Nun, versteht Ihr die Geschichte? ... Und jetzt, nicht genug, daß ich unberufen Kinder aus beiden Ehen habe, muß ich noch für drei verwaiste Enkelkinder sorgen. Dafür sollt Ihr aber die Kinder sehen – unberufen! Ich weiß nicht, ob der reichste Mann so wohlgeratene Kinder hat, und wenn man in der ganzen Welt herum suchen wollte! ›Großvater, wohin führt man dich?‹ fragten die armen Kinder, als man mich verhaften ließ. ›Nach Geißen,‹ sagte ich, ›ich reise auf einen Tag dorthin. Ich bringe euch von dort Schokolade mit ...‹ Glaubt Ihr, daß sie nicht verstanden haben, daß ich eine Lüge sagte? Ihr hättet sehen sollen, wie sich alle drei um mich herumstellten, wie die Schäfchen, – aber geweint haben sie nicht! Nur ihre Äuglein füllten sich mit Tränen. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was das für Kinder sind! Haman Iwanowitsch nahm aus seiner eigenen Tasche einen Gulden heraus und schenkte ihn den Kindern, damit sie sich Süßigkeiten kaufen.« 8. Kapitel. Handelt von dem Jüngling Henich und seinen Hausgenossen. Der rote Beril brach das Gespräch zur richtigen Zeit ab, erhob sich von seinem Sitz, reckte sein krankes Bein ein wenig, trat zu Henich heran und versetzte ihm einen Nasenstüber. »Hör nur, Schlemihl, hast du dich ausgeschlafen?« Henich mit dem Starauge fuhr, bei dem Nasenstüber aus dem Schlaf, wischte sich die Augen und bemerkte, daß der Reiche auf ihn schaute. Da sprang er von der Erde auf und begann nach seiner Art zu stammeln: »Eingeschlafen war ich gar nicht, ich dachte nur, ich dachte immer daran, so wahr ich ein Jude bin, daß mein Bruder David Leib älter ist als achtzehn ... Und was soll mit den Kindern geschehen?« »Was der zusammenredet! Brennen soll er in der Hölle!« sagte der rote Beril zu dem Reichen, »ein wahrer Schlemihl! Könnt Ihr Euch vorstellen, daß ich im Vergleich mit ihm ein reicher Mann bin? Er hat es mir zu verdanken, daß sein Bruder David Leib jetzt eine gute Stelle hat und unberufen ein Gesindel von acht fressenden Mäulern ernähren kann.« »Neun, müßt Ihr sagen!« verbesserte ihn Henich in seinem Kauderwelsch. »Zwei Brüder und eine alte Mutter, ein dreizehnjähriges Mädchen in Stellung, noch ein Brüderchen, ein kleines in einem Geschäft, und noch Mädchen ... zwei kleine ... und ein Junge in der Schule, und dann, wo bleibe ich?« »Du bist in der Erde!« erwiderte Beril, »warst immer ein Pferd und bleibst ein dummes Tier. Wie Ihr Ihn hier seht,« wandte sich Beril an den Reichen, »den Tölpel, hat er einen Bruder, David Leib, der im Vergleich zu ihm ein Minister ist, das heißt, sehr klug ist er auch nicht, er ist ein Durchschnittsmensch, also kein großer Geist und kein Narr. Eine Eigenschaft hat er, er ist ehrlich, das heißt, sie sind alle ehrlich und stehlen den Leuten auf dem Markt die Semmeln nicht aus den Körben. Eines Tages kam David Leib zu mir und erzählte mir eine lange Geschichte: In Geißen wurde eine Konditorei eingerichtet, und zwar gehörte sie Reb Salomon Radomysler. Reb Salomon Radomysler ist ein Anhänger des Sadagurer Rabbi, ebenso wie ich, und sein Vater Beni Tellerleker, Gott habe ihn selig, gehörte auch zu den Anhängern des Sadagurer Rabbi. Aus diesem Anlaß wollte David Leib, daß ich Reb Salomon Radomysler aufsuche und bei ihm erwirke, daß er David Leib in seiner Konditorei anstelle. ›Was für eine Stelle kannst du eigentlich bekleiden?‹ fragte ich ihn, und er erwiderte: ›Gleichviel, welche Stelle, wenn es nur eine Stelle ist.‹ ›Stehen sollst du, bis du verschimmelst,‹ versetzte ich und fragte: ›Was verstehst du eigentlich?‹ ›Was ich verstehe?‹ sagte er, – ›Alles: Ich kann rechnen, Bücher führen, schreiben, was nur zu schreiben ist! ...‹ ›Wie?‹ rief ich, ›wo hast du denn das alles gelernt?‹ ›Von selbst,‹ erwiderte er und zog einen Bogen Papier heraus, den er mir gab, damit ich Reb Salomon seine Handschrift zeige. Kurz und gut, er hat mir so lange zugesetzt, bis ich ihn zum Kuckuck verwünschte und mich auf den Weg zu Reb Salomon Radomysler nach Geißen aufmachte, und zwar ... wie sagte doch Haman Iwanowitsch? ... auf Schusters Rappen. Als ich bei Reb Salomon in Geißen ankam, wurde ich gar nicht vorgelassen. ›Warum! nicht?‹ fragte ich. Wenn ich nicht in einer wichtigen Sache käme, dann hatte Reb Salomon keine Zeit, erwiderte man nur, es müßte schon eine geschäftliche Angelegenheit sein und dann sollte ich mich ins Kontor bemühen. Ich überlegte mir die Sache. Pfui! Die ganze Angelegenheit paßte mir nicht ... Was sind das für Redensarten: keine Zeit? Geschäftliche Angelegenheiten ... Kontor ... Zwischen uns, den Anhängern des Sadagurer, gibt's nicht solche Faxen! – ›Geht,‹ sagte ich zu dem Angestellten, ›und sagt Reb Salomon, daß ich, der rote Beril aus Teplik, in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu ihm gekommen bin, nicht gerade geschäftlich, – aber ich möchte ihn sofort sprechen, denn ich habe keine Zeit!‹ Da sagte man mir: ›Reb Salomon betet, er hat eben mit dem Vorgebet begonnen.‹ ›So, dann ist das etwas anderes!‹ erwiderte ich. ›Vorgebete verrichte ich auch, beim Vorgebet ist es erlaubt, von anderen Dingen zu sprechen und sogar Geschäfte abzumachen.‹ Aber er war ein reicher Mann, vor dem Mann Respekt haben muß. Wenn ich ein reicher Mann wäre, hätte die ganze Welt vor mir Respekt ... Kurz und gut, ich setzte mich also hin und wartete. Ich wartete eine Stunde, zwei, drei Stunden, noch dazu draußen vor der Tür. Es nahm kein Ende. Ich sah Menschen hineingehen und herauskommen, hin- und hergehen ... Aus der Küche brachte man Samovare und allerlei gute Sachen ... Da dachte ich mir: Die Sache taugt nicht! ... Man soll mich so bei der Nase herumfuhren – das paßt mir ganz und gar nicht. – Ich überlegte nicht lange, – sollte ich auf die Ehre warten, gerufen zu werden? – öffnete die Tür, trat ins Zimmer und begrüßte Reb Salomon: ›Friede mit Euch, Reb Salomon! ‹ ›Friede mit Euch,‹ erwiderte Reb Salomon. ›Woher seid Ihr?‹ ›Aus Teplik,‹ antwortete ich. ›Erkennt Ihr mich nicht? Ich heiße Beril. Wir waren früher beide in Sadagura.‹ ›Es kann sein,‹ sagte er, ›aber ich kannte Euch damals nicht und kenne Euch jetzt auch nicht. Mein Augenlicht ist nämlich schwach, – ich will es Euch nicht wünschen ... Ich war bei Dr. Mandelstamm, der mir eine blaue Brille verschrieb und mir verordnete, nicht zu lesen und zu schreiben und den Sonnenschein zu vermeiden ...‹ ›Ach,‹ dachte ich mir, ›Reb Salomon, Ihr macht mir etwas vor‹, und ich sagte zu ihm: ›Hört mich an, Reb Salomon, es handelt sich um folgendes: Ihr kanntet doch Beni?‹ ›Was für einen Beni?‹ fragte er mich. ›Beni Tellerleker aus Teplik,‹ sagte ich. ›Nein,‹ sagte er, ›ich höre diesen Namen zum erstenmal.‹ ›Was taugen die faulen Ausreden, Reb Salomon?‹ sagte ich. ›Ihr kanntet ihn sehr gut, wir haben zusammen bei Sadagura Wein getrunken und bei dem Rabbiner auf dem Tisch herumgetanzt und uns sogar auch geküßt. Beni ist bereits im Jenseits, Friede seiner Asche, er ist vor kurzem gestorben ... Euch wünsche ich ein langes Leben ...‹ Als Reb Salomon das Wort ›gestorben‹ gehört hatte, war er mit einem Male wie verwandelt. Die reichen Leute müssen wohl große Angst vor dem Tode haben! ... Er sagte also zu mir: ›Was wollt Ihr eigentlich von mir?‹ ›Was ich will? Ich will nur den Wunsch eines Toten erfüllen. Der genannte Beni Tellerleker Ehre seinem Andenken, rief mich und einige andere Juden wenige Stunden vor seinem Tode zu sich und erzählte uns folgendes: Er sei mehrere Male bei Euch in Geißen gewesen und wollte mit Euch etwas besprechen, aber er wurde nicht vorgelassen. Da er ein bescheidener und schüchterner Mensch und nicht zudringlich war, so machte er kehrt und ging wieder nach Hause. Jetzt, da er eine Wanderschaft antrete, von der man nicht zurückkehrt, nehme er von jedem besonders Abschied und bitte, zuerst dem Wunderrabbi und dann Euch einen Gruß auszurichten und Euch zu bestellen, daß er auf Euch baut, daß Ihr seine Witwe und seine Waisen nicht verlassen und für sie sorgen werdet.‹ ›Was kann ich für sie tun?‹ fragte er mit einer Bewegung, als wollte er in die Tasche greifen. Da dachte ich mir: Ein Almosen will er geben? Almosen gibt man nur bei einem Begräbnis! Pfui! Ich sagte ihm rund heraus, er solle dem ältesten Sohn, David Leib, in seinem Geschäft eine Stellung verschaffen. Wenn ein reicher Mann das Wort ›Stellung‹ hört, erschrickt er zu Tode. ›Woher soll bei mir eine Stellung frei sein? Wo soll ich sie hernehmen? Bei mir ist alles besetzt,‹ sagte er. ›Das könnt Ihr einem anderen erzählen, nicht mir,‹ erwiderte ich, ›zu mir dürft Ihr nicht so reden ... Ihr müßt Benis Sohn ohne Widerspruch aufnehmen. ... Er kann rechnen, Bücher führen und schreiben, was man braucht ... Und nun laßt mir einen Schluck Schnaps und einen Imbiß geben, weil ich heute noch nichts im Munde hatte.‹ Kurz, was soll ich Euch lange erzählen, die Sadagurer sind untereinander sehr vertraulich, – er versprach mir, David anzustellen. Ich begab mich wieder nach Hause und schickte David Leib zu ihm. Er kam nicht gleich an, sondern mußte noch lange Zeit warten, weil Reb Salomon, – wie er ihm sagte – über die Anstellung mit seinem Sohn Jossel sprechen mußte, der zurzeit abwesend war. Als Reb Jossel kam, war Reb Salomon fort. Aber schließlich wurde er, David, angestellt, und jetzt ist er dort unentbehrlich.« »Kassierer ist er,« bemerkte Henich und erklärte in seiner Sprache, was das bedeute: Er habe mit Geld zu tun, das heißt er nimmt Geld ein und gibt Geld heraus.« »Ich danke dir, daß du uns erklärt hast, was ›Kassierer‹ bedeutet, sonst hätten wir es nicht gewußt,« sagte zu ihm der rote Beril und näherte sich dabei dem Etappenführer, den er bei der Jacke zog und weckte. »He, Lawrij, in die Erde mit dir! Wir wollen langsam weitergehen!« Lawrij folgte ihm, erhob sich langsam von der Erde, hielt die Hand vor die Augen und blickte zum Himmel, wie hoch die Sonne wohl stehe; dann nahm er seinen Stock, zählte die drei Arrestanten und begann, weiterzumarschieren. 9. Kapitel. Der reiche Mann tut Buße. Die Sonne neigte sich tief über den Berg, um in wenigen Minuten zu verschwinden, die Hitze ließ nach, und die Etappe näherte sich Gronow, der ersten Station der Wanderschaft. Bevor die drei Arrestanten die Stadt betraten, stellten sie sich außerhalb der Stadt vor eine Windmühle, das Gesicht nach Norden gekehrt, und verrichteten ihr Gebet. Lawrij stand, auf seinen Stock mit der eisernen spitze gestützt, die Mütze in den Nacken geschoben, und sah zu, wie die Juden wackelten und sich in die Brust schlugen. Am andächtigsten betete der Reiche. Scholem Beer Tepliker aus Teplik hatte schon lange nicht so eifrig sein Gebet verrichtet, wie jetzt; er schlug sich wirklich in die Brust: »Ich habe gesündigt, ich habe Verbrechen geübt! Ich habe geraubt!« kam es aus dem Innersten seines Herzens. Er bereute, daß er an den Menschen Sünde begangen hatte, daß er armen Juden helfen konnte und es nicht getan hatte, daß er sie vielleicht glücklich machen konnte und es unterlassen hatte. Warum? Er wußte es selbst nicht! Er begann sich mit dem Habenichts, dem roten Beril, zu vergleichen und schämte sich vor sich selbst. Obgleich der arme Teufel kaum so viel hätte, um einen Tag davon zu leben, war er nicht zu faul, für einen anderen einen, weiten Weg zu Fuß zu machen, sich vor einem reichen Mann zu erniedrigen, sich demütigen zu lassen, um einem armen Juden eine Gefälligkeit zu erweisen. Und er selbst? – Scholem Beer Tepliker aus Teplik wollte von fremdem Leid nichts sehen und nichts hören, er war immer kalt wie Eis geblieben. Nun tat es ihm leid, daß er es so weit hat kommen lassen, am meisten aber verdroß ihn die Heiratssache während des Jahrmarkts in Geißen ... Er fühlte, daß er, Scholem Beer, ein großer Schuldner dem roten Beril gegenüber war. Vielleicht hatte er gar an dem Tode seiner Tochter einen Anteil? Denn wenn er damals Berils Bitte erfüllt hätte, wenn er ihm wenigstens sein Mitgefühl, ein wenig Liebe gezeigt hätte, während ihm das Messer an der Kehle lag, dann hätte seine Tochter vielleicht jetzt noch gelebt und wäre glücklich gewesen ... Scholem Beer fühlte, daß, obwohl er das Verbrechen nicht verschuldet hatte, er jetzt gern ein Opfer bringen würde, um den Makel aus jener Zeit zu verwischen und das Versäumte gutzumachen ... Er würde sich dadurch Erleichterung verschaffen. Nur wußte er nicht, wie er es anfangen sollte. Er vertiefte sich in sein Gebet: Sein ganzes Leben erstand vor seinen Augen, wie ein Grab. Zum erstenmal im Leben grübelte er über diese Dinge, zum erstenmal betrachtete er sich wie in einem Spiegel, er sah sich bis ins Innerste und konnte nicht begreifen, wieso er bis jetzt mit solcher Blindheit geschlagen war, wieso er sich für einen ehrlichen Juden und anständigen Menschen halten konnte, wieso er glauben konnte, daß es genügte, wenn er jeden Tag betete und von Zeit zu Zeit einen Sechser als Almosen fortgab ... Und der Tepliker Millionär, Scholem Beer Tepliker aus Teplik, begann sich zu erinnern, in welcher Weise er »Almosen spendete«, wie er mit jedem Groschen, dem man ihm gewaltsam entreißen mußte, geizte. Er erinnerte sich, wie er einmal eine Thorarolle für die Synagoge spendete, weil er kinderlos war. Er wollte hiermit sein Seelenheil erkaufen, weil ja niemand für ihn das »Seelengebet« nach dem Tode verrichten würde. Er schrieb das obligate Schlußwort in der Thora, wie es sich für den Spender ziemte, gab ein anständiges Festessen, zechte die ganze Nacht, und als am nächsten Tag der Schreiber der Thorarolle, Reb Samson, zu ihm kam und ihn um eine Anleihe bat, wies er ihn wie einen Toten ab ... Noch viele ähnliche schöne Dinge fielen ihm jetzt ein; heiße Flammen loderten in ihm auf vor Scham, die er für sich selbst und andere, ähnliche reiche Juden empfand, die auf ihr Geld so versessen waren und sich von ihm nicht trennen konnten. Scholem Beer fühlte, daß seine Seele bis jetzt geschlummert, daß sein Herz bis zu diesem Tage wie unter einer Eispresse gelegen hatte. Kein Tropfen Wärme, keine Spur von Mitleid. Wenn er jetzt etwas für Beril tun könnte, etwas, das seinen großen Fehler wieder gutmachen, seine Sünde verringern und seine Schuld vernichten könnte! ... Aber er wußte nicht, wie er es anfangen sollte. Er schaute tief in sein Herz und in seine Seele hinein und begriff nicht, welchen Wert sein Leben hatte, was er bis jetzt geschaffen hatte ... Er hatte sechsundfünfzig Jahre, also mehr als dreiviertel seines Lebens hinter sich, hatte um das Dasein gekämpft, Groschen auf Groschen gehäuft, anderen nichts gegeben und sich selbst auch nichts gegönnt. Wem würde er sein Vermögen hinterlassen? Kinder hatte er nicht, die Verwandten haßten ihn und würden ihn m einem Löffel Wasser ertränken, wenn sie könnten. Scholem Beer hielt Überschau über sein Leben und dachte darüber nach, warum er wohl so viele Feinde hätte; warum die Welt so wenig von ihm hielt? Lang vergessene Gedanken, die im tiefsten Innern seiner Seele verborgen lagen, stiegen auf und machten sein Herz beklommen; er gelobte sich, wenigstens im Alter ein besserer Mensch zu werden, seine Seele weitete sich, sein Herz regte sich, seine Augen begannen zu leuchten und sahen, was sie bisher niemals geschaut hatten; er fühlte, was er bisher nie empfunden hatte, – er fühlte sich wie neugeboren, so frisch und lebendig wie noch nie in seinem Leben. Nachdem unsere Arrestanten ihr Gebet verrichtet hatten, setzten sie den Etappenweg fort. Beril hüpfte auf einem Fuß und spottete über Henich, während der Reiche, in Gedanken versunken, immer schneller ging. In seinem Kopf schwirrten allerlei Gedanken, sein Herz floß von Gefühlen über! Etwas klärte sich, löste sich, gestaltete sich in ihm. »Was lauft Ihr so?« fragte ihn der rote Beril. »Ihr rennt ja so, daß ich mit meinem lahmen Fuß nicht nachkommen kann.« »Fällt es Euch schwer, zu gehen, Reb Beril?« entgegnete ihm der Reiche so weich, wie Beril es von ihm noch nie gehört hatte. »Stützt Euch auf mich, nehmt meine Hand, wenn Gott gibt, daß wir in Frieden nach Hause kommen, dann sollt Ihr bei mir vorsprechen, und du auch, Henich, ich brauche Euch nötig, ich muß Euch etwas Wichtiges sagen.« Beril konnte sich nicht vorstellen, was für eine wichtige Sache Scholem ihnen zu sagen hatte und warum sie erst zu ihm kommen sollten. Warum sagte er es nicht jetzt gleich? Warum war er plötzlich so weich geworden? Henich war überhaupt wie bestürzt, er sperrte den Mund weit auf und konnte nicht begreifen, wozu ihn der Reiche hatte kommen lassen. Er trat vor ihn hin und fragte: »Werdet Ihr Euch erbarmen, werdet Ihr David Leib befreien?« »Gleichviel,« erwiderte der Reiche, »wenn er nicht loskommen sollte, sorge ich für Euch; für euch alle ... Stützt Euch auf mich, Beril, es fällt Euch schwer zu gehen.« Als die Etappe in Gronow einzog, war die Sonne schon untergegangen und hatte mir einen breiten goldenen Streifen am weiten Himmel zurückgelassen. Unsere Leute wurden mit Musik empfangen, einem Chor von quakenden Fröschen und meckernden Ziegen – und Schafherden, die eine dichte Staubwolke aufwirbelten. Das war ein Glück, denn dank der Gronower Ziegenherde ließen die Gronower Juden die Etappe unbemerkt vorüberziehen, ohne zu erkennen, wer durch die Stadt geführt wurde. Sonst hätten die Gronower Juden den Etappenzug angeglotzt und ihn mit ebensolchem Aufsehen hinausbegleitet, wie es später in Michalowka, Mitschulka, Krasnopielke, Dschakowitz und in den übrigen Etappenstädten geschah, die zwischen Teplik und Geißen gelegen waren. Der jüngste König. Isaak! Ein glückliches Kind ist Isaak! Alle Leute haben ihn lieb, jeder verwöhnt ihn, gibt ihm nach, küßt und umarmt ihn. Woran liegt das? Isaak! Die eigenen Eltern verhätscheln ein einziges Kind nicht so, wie die beiden Schwestern, Sara und Riwke, ihr kleines Brüderchen verwöhnen. Isaak, Isaak und Isaak! Isaak, iß! Isaak, trink, Isaak, geh schlafen ... Isaak, hier, nimm einen Bonbon! Isaak, du bekommst zu den Feiertagen ein Paar neue Höschen! Isaak, vor Ostern wirst du ins Badehaus geschickt! Isaak, du wirst am heiligen Osterabend den feierlichen »Sedertisch« sehen – Isaak, Isaak und immer wieder Isaak! »Es ist direkt langweilig, es anzuhören! Ihr verderbt ja das prächtige Kind!« So redeten die Nachbarinnen, die mit den Schwestern im selben Hause wohnten, aber sie selbst schenkten dem kleinen Isaak jedesmal, wenn sie ihn sahen, Süßigkeiten: einen Kuchen, ein Stückchen Strudel oder Torte, oder auch ein Stückchen gebratene Leber und Eingemachtes. Das kam daher, weil alle Leute mit dem Jungen, der ein Waisenkind war, Mitleid hatten. * Es gab einmal einen Juden, Namens Raphael. Er war sein Leben lang ein armer Mann und noch dazu lungenleidend, mit einer seltsam musikalischen Brust, in der es spielte, das heißt, wenn er atmete, hörte man Töne, als ob man auf einer Violine mit einem schlecht geschmierten Bogen spielen würde. Raphael war ein ehrlicher Mann, aber, mit Verlaub zu sagen, ein Pechvogel, vielleicht, weil er zu ehrlich war, oder umgekehrt war er vielleicht deshalb so ehrlich, weil er ein Pechvogel war. Man sagte von ihm in Mazepowka, wenn er kein Pechvogel wäre, würde er jetzt viel Geld haben. Er hat es sogar bewiesen. Er hatte sein Leben lang eine Vertrauensstelle bei dem Weinhändler Reb Simchele Weiner, in dessen Keller er arbeitete; er konnte bei der Thora schwören, daß er außer seinem Gehalt nie einen fremden Heller an sich genommen hat. Simchele Weiner konnte sich auf seinen Vertrauensmann unbedingt verlassen; er hielt ihn deswegen auch in Ehren, zahlte ihm pünktlich seine sechs Rubel wöchentlich und schenkte ihm zum Feiertag zuweilen einen Zehnrubelschein und zu Ostern Wein und selbstverständlich auch Osterschnaps. Denn Simchele Weiner verstand einen Menschen zu schätzen und zu behandeln. Der Vertrauensmann Raphael erkrankte zuerst an Rheumatismus und später bekam er noch einen Lungenkatarrh dazu. In seiner Brust begann es ein wenig zu pfeifen und zu singen. – Wer war daran schuld? Gesundheit ist doch ein Gottesgeschenk, – auch der gesündeste Mensch kann plötzlich im Gehen, Gott behüte, sterben. Unsere alten Gelehrten haben schon lange darauf hingewiesen, daß ... Ihr wißt ja wohl, was unsere Gelehrten darüber gesagt haben. Kurz und gut, Raphael hat so lange gepfiffen und gesungen, bis er eines Tages – es war in der Osterzeit – sich niederlegte, vierzig Grad Hitze bekam und nicht mehr aufstand. * Raphael starb. Aber ach, was hatte er für ein Begräbnis! Simchele war schier verzweifelt. Er trug ihn selbst auf der Bahre aus dem Zimmer, hob sie mit den anderen auf die Schulter und schleppte sie bis zum Friedhof, sorgte dafür, daß man ihm eine schöne Grabstelle aussuchte, paßte auf, als man ihm das Grab grub, schüttete die erste Schaufel Erde ins Grab, und während Isaakchen mit dem Synagogendiener Oser das erste Totengebet am Grabe des Vaters verrichtete, weinte Simchele bitterlich. »Was wißt Ihr? Was wißt Ihr!« sagte er nach der Beerdigung zu jedem besonders, »ich habe einen Verlust, der gar nicht zu ersetzen ist!« Zu der Witwe sagte er folgende Worte: »Weint nicht, weint nicht, ich werde Euch und Eure Waisen nicht verlassen, Gott und ich werden an Euch denken ...« Reb Simchele hielt Wort, so gut er konnte. In den ersten Wochen zahlte er der Witwe das ganze Gehalt, das Raphael bezogen hatte; nur mußte sie jede Woche deswegen zu ihm gehen, manchmal auch mehrere Male. Das war ihr nicht sehr angenehm. Aber was wollt Ihr, ich bitte Euch! Sollte er es ihr vielleicht ins Haus schicken? Es war ja ohnehin entgegenkommend, einem Menschen nach dem Tode das Gehalt zu zahlen! »Ihr kommt zu mir, mich wegen des Geldes mahnen!« sagte er einmal zu der Witwe, »als ob es Euch von mir zukäme, als ob Ihr an meinem Geschäft beteiligt wäret ...« An diesem Tage weinte die Witwe noch mehr als damals, da der Tote auf der Erde lag. Als ihre beiden Töchter erfuhren, aus welchem Grunde die Mutter so bitterlich weinte, beschworen sie sie, nicht mehr hinzugehen. »Was werden wir nun anfangen?« »Was alle anfangen ... Wir werden in Stellung gehen, Wäsche waschen und Maschine nähen.« Mit dem Maschinennähen konnte man in Mazepowka ganz schön verdienen, wenigstens zwei polnische Gulden (60 Pfennige) täglich, wenn man sechzehn, siebzehn Stunden am Tage an der Maschine saß. Wegen Arbeit brauchte man nicht zu sorgen, man bekam so viel zu tun, wie man wollte. Wenn es keine Kleider zu nähen gab, so gab es Unterröcke, wenn nicht Unterröcke, dann Hemden, wenn nicht Hemden, dann Hosen. Das schlimme war nur, daß man eine Maschine oder gar zwei gebrauchte. Man bekam zwar Maschinen auf Abzahlung, aber wo sollte man die ersten paar Rubel hernehmen? »Geht doch zu Eurem reichen Wohltäter!« rieten die Nachbarinnen der Witwe, »sagt ihm, um was es sich handelt, Ihr würdet es ihm abzahlen.« Es ist leicht zu sagen: ›Geht zum reichen Wohltäter!‹ Aber schließlich, was tut man nicht, wenn es sich um die Existenz handelt! Die Witwe begab sich zu Simchele Weiner und traf ihn zur besten Zeit, gerade nach dem Essen, an. Wenn man jemand um eine Gefälligkeit ersucht, soll man die Zeit nach dem Essen abpassen. Nach dem Essen ist der Mensch gutmütiger als vor dem Essen. Vor dem Essen ist er wie ein Tier! »Was habt Ihr mir zu sagen?« Die Witwe erzählte ihm lang und breit von ihrer Lage – und schließlich, daß es sich um eine Maschine handle. Simchele hörte alles an, stocherte dabei in seinen Zähnen, wurde rot, schwitzte und nickte schließlich ein, – er schlief nicht fest, sondern schlummerte nur und sah sie mit einem Auge an; gleichzeitig dachte er über seine Geschäfte und auch über seinen Magen nach. – Reb Simchele war wohlbeleibt und hatte eine Figur wie ein Fäßchen; die Arzte hatten ihm verordnet, mehr Fleisch und weniger Mehlspeisen zu essen, aber er aß gerade Mehlspeisen gern, – Kugelspeise, Nudeln, gutes Brot und ähnliches; lauter Sachen, die von Mehl bereitet werden. Er wußte zwar, daß es ihm schadete, aber wenn er es sah, aß er davon, und erst, nachdem er gegessen hatte, bereute er es. »Womit beschäftigt Ihr Euch?« wandte er sich an die Witwe, die schweigend vor ihm stand, nachdem er aus seinem Schlummer erwacht war und sie mit zugekniffenen Augen anschaute. »Womit soll ich mich beschäftigen? Ihr habt doch gehört, was ich tue. Allen Feinden wünsche ich es! Wenn ich wenigstens eine Maschine anschaffen könnte, von zwei, die ich brauche, wenigstens – eine ...« »Was für eine Maschine?« fragte er sie erstaunt und sah sie nunmehr mit offenen Augen an. »Ich habe Euch doch erzählt, daß meine Töchter sich mit Näharbeit beschäftigen wollen, – sie wollen Näherinnen werden, auf der Maschine nähen, – aber sie haben keine Maschine. Sie brauchen zwei Maschinen ... man bekommt sie auf Abzahlung ...« »Das ist eine gute Idee, sehr gut! Nähen, Verdienen ... das ist sehr vernünftig!« Im selben Augenblick kam ihm der Gedanke: Was kann es bedeuten, daß ich solches Magendrücken habe ... Ich habe doch gar nicht so viel gegessen! Dabei wurde eins seiner Augen kleiner, aber da die Witwe schwieg, richtete er sich auf und fuhr fort: »Sehr schön ... Nähen! Warum denn nicht?« »Ich wollte Euch bitten, Reb Simchele, Ihr habt schon so viel für uns getan, vielleicht wüßtet Ihr ein Mittel, um ...« Als Reb Simchele hörte, daß ein Anliegen in der Luft schwebte, daß es sich um eine Anleihe handelte, daß sie Geld haben wollte, wurde er lebendig. »Um was?« »Um uns das Geld zu leihen, das zur Anzahlung, beim Kauf der Maschine nötig ist.« »Was für einer Maschine?« »Der Maschine, von der ich Euch sagte ... Zwei Maschinen für meine Töchter, mindestens eine.« »Wie komme ich zu der Maschine? Was habe ich mit der Maschine zu tun?« »Die Maschinen kaufen wir selbst,« sagte die Witwe, »man bekommt sie auf Abzahlung. Aber Geld! Ich muß jetzt zum Beispiel fünfzig Rubel anzahlen, später zahle ich fünfundzwanzig, dann ...« »Ich weiß, ich weiß, Ihr braucht mir nicht zu erzählen. Ich kann verstehen, wenn Eure Töchter keine Maschinen haben! Wozu brauchen sie Maschinen?!« »Wie sollen sie denn nähen? Mit den Händen können sie nicht so viel schaffen, alle Näherinnen haben jetzt Nähmaschinen.« »Wollt Ihr aus ihnen Näherinnen machen? O weh! Wenn Euer Mann aufstehen und erfahren würde, daß Ihr aus Euren Kindern Näherinnen machen wollt, würde er zum zweitenmal sterben. Wißt Ihr, Euer Raphael war ein ehrlicher, frommer Jude. Solche Menschen, wie Raphael, gibt es nicht mehr! Wenn Raphael hören sollte – Näherinnen, er würde es nicht ertragen! Er würde – ich weiß selbst nicht was.« Simchele sprach ernst, er meinte es ehrlich, und je länger er sprach, um so lauter wurde seine Stimme: »Näherinnen? Oh! Eine schöne Arbeit für jüdische Mädchen! O weh! Wir wissen, was eine Näherin bedeutet. Und noch dazu bei Juden! Raphaels Töchter – Näherinnen! Und wo bleibe ich? Ihr wißt, daß Euer Raphael bei mir aufgewachsen ist, ich habe ihn zu einem Menschen gemacht, – Gott und ich – und wer hat ihn verheiratet, wenn nicht ich, wie? Wollt Ihr, daß ich das zulasse? Gott behüte! Bin ich etwa ein Stein! Ein Bein? Ein Stück Holz? Wie?« Die Witwe ging unverrichteter Sache davon. Sie ging und gab sich das heiligste Wort, schwor mit allen Schwüren, – sie soll sonst nicht erleben, ihre Kinder zu erziehen, – daß sie nie mehr die Schwelle des Reb Simchelesschen Hauses betreten würde, lieber würde sie dienen gehen! Aber es ist leicht zu sagen »dienen gehen«! Die Witwe Raphaels, des Vertrauensmanns bei Simchele, – eine Frau, die in Mazepowka ebenso angesehen war wie die anderen Bürgerfrauen, sollte dienen gehen, am fremden Herd stehen, am fremden Tisch sitzen? Ehe man so lebte, war es besser, gleich zu sterben! Die Witwe wünschte sich also den Tod herbei: Und dieses Mal hat Gott, der Allmächtige, der Vater aller Waisen und der Fürsorger aller Witwen, sich wirklich der armen Witwe erbarmt und ließ sie nicht lange in der Welt herumwandern. Er schickte ihr einen leichten Tod, sie bekam innerlich eine Art Geschwür, mit dem sie sich zwei und einen halben Monat quälte, bis sie starb. Es traf sich gerade, daß in Mazepowka außer kleinen Kindern niemand gestorben war, so daß man die Witwe nicht weit von ihrem Mann beerdigte. Dies Glück war ihr beschieden! Isaak sagte zugleich für den Vater und für die Mutter »Kadisch«, – das Totengebet. Seit jener Zeit wurde er bei allen Nachbarn und Nachbarinnen und überhaupt bei allen Leuten beliebt, die hörten, wie er das Totengebet in der Synagoge, auf einer Bank stehend, mit seinem piepsenden Kinderstimmchen hersagte: »Isgadel wejiskadeisch ...« Jeder, der den kleinen Jungen mit der runden Mütze, den schwarzen Äuglein, den roten Bäckchen im Bethaus auf der Bank stehen und ihn »Isgadel wejiskadeisch« singen hörte, blieb wie angewurzelt stehen, seufzte, wurde nachdenklich, gab sich trüben Gedanken hin, weil jeder von ihnen, Gott behüte, sterben konnte, jeder kleine Kinder hatte, die, Gott behüte, als Waisen zurückbleiben konnten, wovor man behütet und bewahrt werden möge! Jeder gab dem kleinen Waisenjungen eine Kopeke oder einen Apfel, ein wenig aus Mitleid, ein wenig als Opfergabe, die den Tod verscheuchte ... Isaak war in der Tat ein wohlgeratenes Kind, dessen Gesichtchen um Liebe bat; außerdem war er klug und der beste Schüler in der Schule von Mazepowka. Der Lehrer Noah konnte ihn gar nicht genug loben, man sprach von ihm in der ganzen Stadt. »Man lobt Raphaels, des Prokuristen Söhnchen, allzusehr ...« »Isaakchen? Es heißt, es wird etwas Besonderes aus ihm werden ...« »Und solch ein Kleinod treibt sich hier herum! Auf dem Mist unter armen Leuten! ...« »Es ist immer so! Leute, wie der alte Mojsche Aron ohne Hände und Füße, leben, und ein Mensch, wie Reb Simcheles Schwiegersohn, ein frischer, gesunder Mann, Vater von Kindern, jung und wohlhabend, – so einer stirbt!« »Ihr sagt, Reb Simcheles Schwiegersohn? Und die Schwiegertochter des reichen Reb Pejse – was macht die?« »Was sie macht? Man hat schon den Professor von Jehupez zu ihr gerufen.« »So? Ich möchte wenigstens die Hälfte davon haben, was das kostet, allmächtiger Gott!« »Es ist eine schlimme Welt!« »Eine Welt voll Jammer!« So redeten die Leute von Mazepowka und kritisierten das Tun des lieben Gotts aus allen Kräften: Wen Gott alt werden ließ und wen nicht! Neri Gott mit Reichtum beschenkte, wen mit Armut! Wem Gott geratene Kinder gab und wem weiß der Teufel was für welche! ... Niemand kam auf den Gedanken, nachzusinnen, wovon diese wohlgeratenen Kinder lebten, was sie aßen, wer sie kleidete, ob sie in den langen Winternächten nicht im kalten Keller froren, ob sie nicht zu Krüppeln und ganz bedauernswerten Kreaturen heranwuchsen und die unglücklichsten Geschöpfe der Welt wurden? ... Ein Glück, daß die beiden Schwestern, Sara und Riwka, sich eine Maschine angeschafft haben. Sie verdankten es ihren drei Nachbarinnen: Basja, der Barbierfrau, Pesja, der Synagogendienerfrau, und Zosja, der Althändlerin, die unter einem Dache mit ihnen wohnten. Diese Frauen legten ein paar Rubel zusammen und liehen sie den Schwestern, um die erste Rate zu bezahlen; – so waren die Mädchen in den Besitz einer Maschine gelangt. Ist das ein solches Wunder? Man ist doch ein Mensch! Was sollten zwei erwachsene Mädchen mit einem kleinen Waisenknaben anfangen? Eine Schlange hat mit den kleinen Schlangen auch Mitleid – geschweige ein Mensch! Der einzige Nachteil war dabei nur, daß die Maschine Tag und Nacht klapperte, denn Arbeit gab es, Gott sei dank, genug, und beide Schwestern hatten vollauf zu tun. Sie verrichteten die Arbeit abwechselnd; während die eine Schwester Maschine nähte, heizte die andere im Ofen und umgekehrt, während die eine das Essen bereitete, nähte die andere Maschine. So hörte die Maschine nicht auf zu klappern. Die Nachbarinnen hielten sich die Köpfe und brummten: »Ein schönes Klapperding haben wir da!« * Gott ist aber ein guter Gott. – Er schickt Heilung für die Krankheit; die Heilung war Isaak. In jedes Haus zieht manchmal Finsternis und Öde ein; es kommen schlechte Zeiten, die Geschäfte gehen schlecht, die Gemüter sind beklommen – da kommt ein kleines Geschöpfchen zur Welt! Mit einemmal ist das ganze Haus wie verwandelt. Zuerst schreit das kleine Wesen, quietscht, strampelt mit den Beinchen, läßt niemand schlafen; – dann, wenn es ein bißchen größer wird, hört es auf zu schreien, es öffnet die Augen und blickt, wie ein Sündenmensch. – »Seht nur, wie es mit den Augen schaut, solch ein Würmchen, solch ein Kleinchen ...« Das Geschöpfchen öffnet das Mündchen, steckt das Zünglein heraus und lacht! ... Die Menschen strahlen. »Seht nur, wie es mit den Äuglein guckt, solch ein – es lacht! ...« Welche Freude! Das Herz lacht und schwelgt! Das ganze Haus ist von dem Kind erfüllt. Jeder ist mit ihm beschäftigt, man vergißt die Sorgen, und die Bitternis des Lebens wird versüßt ... Man freut sich des Lebens! So war es auch mit Isaakchen. Isaak war das kleine Wesen, das alle liebten, mit dem sich alle beschäftigten. Als Ostern nahte, stattete man ihn wie ein Königskind aus. Man zog ihm ein Jäckchen und Höschen mit Hosenträgern an, bestellte ihm ein paar Schuhchen und kaufte ihm ein neues Hütchen, man versprach ihm, Nüsse zu schenken, bereitete süße Osterspeisen und überlud seinen Magen derartig, daß man ihn beinahe ins Jenseits befördert hätte. »Wer heißt euch, ihn mit weiß Gott welchem Zeug zu füttern?« schalten die Schwestern die Nachbarinnen. »Ach, Ach! Seht sie einmal an! Man hat dem Kind ein Stückchen Mehlspeise gegeben – wie sie sich darüber aufregt!« rechtfertigten sich die Nachbarinnen; die Barbierfrau Basja wandte alle Mittel an, die ihr zu Gebote standen, und machte das Kind wieder gesund. Als Ostern kam, gab man Isaak ein Hemd und drei Groschen und schickte ihn ins Bad. Nachdem er von: Bad zurückkam, zog man ihm die neuen Sachen an. Er strahlte wie die Sonne. »Ein Königskind!« sagten sie zueinander. »Verhext ihn nicht mit einem bösen Blick! Beruft ihn nicht!« Isaak nahm das Gebetbuch, ging ins Bethaus beten, sagte das Totengebet und kam nach Hause und wünschte allen mit lauter Stimme frohen Feiertag. Er fand den Tisch schön gedeckt, mit »Mazze«, einer Flasche Rosinenwein, Meerrettig, Kartoffeln, Salzwasser bestellt, – alles war reichlich vertreten, nur um eins war man verlegen: es war niemand da, der den »Seder«, die Osterzeremonie, abhalten sollte. Es gab keinen »König«. * Alle drei Nachbarinnen waren Witwen, das heißt, zwei waren Witwen, die dritte eine geschiedene Frau. Sie hatten alle keine Kinder, das heißt, die Kinder waren längst in die weite Welt gezogen und in allen Ländern zerstreut: Der eine war Handwerker, der andere – Kaufmann, der dritte war nach Amerika ausgewandert. Das Glück oder das Unglück! hatte diese drei Frauen in eine Stube zusammengetrieben; die Barbierfrau Basja war die reichste und angesehenste von ihnen. Sie wohnten unter einem Dach, kochten auf einem Herd, backten Brot von gemeinsamem Mehl, bereiteten die Striezel von gemeinsamem Teig ... Aber jede von ihnen hatte einen besonderen Tisch, denn es wäre eine Seltenheit, wenn drei Frauen sich vertragen würden ... Gibt es heutzutage, Frauen, die in Freundschaft leben, sich küssen, miteinander verkehren, gemütlich beisammensitzen und Nüsse knacken, – so könnt ihr sicher sein, daß sie nicht unter einem Dach wohnen, nicht auf einem Herd kochen, nicht von gemeinsamem Teig Brot backen und nicht gemeinsam den Striezel kneten. Von den 365 Tagen im Jahr zankten sich unsere Frauen an 300 Tagen. Ich weiß aber nicht, was ihr unter Zanken versteht ... Sie nahmen einander, Gott behüte, nichts fort, beleidigten einander, Gott behüte, nicht, verletzten einander, Gott behüte, nicht; – aber es ist einmal so – drei Charaktere können sich nicht verstehen. Die Synagogendienerfrau Pesja schob beim Backen gern alle Kohlen nach hinten und machte dann die Ofentür zu. Was war dabei? Aber die Althändlerin Zosja hatte die Gewohnheit, jeden Morgen ein Töpfchen Zichorie auf den »pripetschik« – die Ofenbank – zu stellen ... Das war ja auch kein Verbrechen! Sie wollte doch mit ihrem Töpfchen Zichorie nicht unter die fleischigen Töpfe kriechen! Aber die Synagogenfrau Pesja sagte, es wäre schade, daß man wegen des Töpfchens mit Zichorie die Striezel im Ofen opfern sollte. Dazu meinte die Althändlerin Zosja, es brauche nichts geopfert zu werden. Feinde sollen opfern! Und die Synagogenfrau Pesja sagte: »Du hast wohl viele Feinde!« Da sagte die Althändlerin Zosja: »Ich will nicht sündigen, ich habe genug von ihnen ... Sie sollen gesät werden, aber nicht gedeihen!« Da sagte die Synagogendienerfrau Pesja: »Seit wann beredet Ihr die anderen?« Da sagte die Althändlerin Zosja: »Seitdem ich mich in diesem Nest niedergelassen habe, habe ich Feinde wie Hunde!« Da versetzte die Barbierfrau Basja, die Besitzerin der Stube, die während dieses Gesprächs beiseite stand, das Tuch um den Kopf, hinter die Ohren gebunden, indem sie mit dem Nudelholz in der Hand einen Nudelteig für den Sabbat knetete: »Ich weiß nicht, wieso Ihr es in diesem Nest so schlecht habt? Wegen der großen Miete, die Ihr zahlt?« Da sagte zu ihr die Althändlerin Zosja: »Ihr habt es gut, Ihr seid unberufen reich und habt viel Geld!« Hierauf meinte die Barbierfrau Basja: »Was geht's Euch an, ob viel oder nicht viel! Von Euch habe ich nichts genommen.« Da sagte die Althändlerin Zosja: »Was hättet Ihr von mir nehmen können? Die Armut? Nehmt sie Euch!« Da sagte die Barbierfrau Basja: »Behaltet sie für Euch zu Eurem Wohl!« Da versetzte Pesja, die Synagogenfrau: »Gegen Armut ist niemand geschützt! Es gab schon reiche, vornehme Leute mit eigenen Häusern, die ganz heruntergekommen sind! Verdammte Welt!« ... Nun nahm sich Zosja, die Althändlerin, ihrer an, – Basja, die Barbierfrau, geriet in Wut und stürzte sich auf Zosja, die Althändlerin; Pesja, die Synagogenfrau, verteidigte sie, und alle drei Weiber schrien durcheinander, überschrien sich gegenseitig, die Worte stürzten wie ein Wasserfall: »Seht sie mal an, sie will den Anwalt spielen! Was meint Ihr zu der Feindschaft jener Frau!« »Wenn es Euch nicht paßt, braucht Ihr Euch mit mir nicht zu verschwägern!« »Man meint die Schere, und der Mörserstöpsel meldet sich!« ... »Auch eine reiche Frau mit 'ner Kohlenschaufel!« »Sei still, du Großmaul, sonst kann dir die Kohlenschaufel an den Kopf fliegen!« »Ich weiß nicht, wem Ihr Angst machen könnt! Da hast du's! Da habt ihr's beide!« Was glaubt ihr, hat sie ihnen versetzt? Ohrfeigen? Gott behüte! Sie steckte den Daumen zwischen den Zeige- und Mittelfinger und hielt die Hand vor die Nase. – * Nehmt's mir nicht übel, wenn ich euch erzähle, wie es unter Frauen zugeht. Ich fürchte, daß, wenn man, Gott behüte, drei moderne Frauen unter ein Dach zusammenpferchen sollte, nichts gutes herauskommen würde. Es könnte alles glatt gehen, aber vielleicht auch nicht, vielleicht noch schlimmer als bei meinen drei Nachbarinnen: Ich will keinen Menschen beleidigen – Gott behüte – ich sage es nur so hin. Und nun kehre ich zu meinen Frauen zurück: Nach dem bösen Wortwechsel und dem häßlichen Zank hegten sie gegeneinander keinen Haß – Gott behüte! Was hatten sie denn miteinander vor? Haben sie einander denn, Gott behüte, das tägliche Brot fortgenommen? Sie zankten und versöhnten sich wieder. Als die Osterzeit nahte, herrschte, wie man zu sagen pflegt, wieder Friede und Eintracht im Hause. Alle drei bereiteten gemeinsam »Mazze«, das Osterbrot, alle drei stellten »Barscht«, die Roterübensuppe, in einem gemeinschaftlichen Gefäß auf, alle drei kauften gemeinschaftlich Kartoffeln zu billigem Preis ein und setzten sich zur gemeinsamen Tafel am Sederabend – dem ersten Osterabend – bei Basja, der Barbierfrau, nieder. Alle drei hoben die Schüssel mit den Osterspeisen, wie die Zeremonie es erforderte, empor, alle drei sprachen die Worte der »Hagade« (der Schilderung vom Auszug aus Ägypten) nach, die Basja aus einem dicken Buch in einer Übertragung vorlas. – Einst, als Basjas Mann, der Barbier Israel, noch lebte, pflegte er die Osterzeremonie abzuhalten. Seit seinem Tode übte einer der Söhne der drei Nachbarinnen dieses Amt aus. Aber nachdem alle in der weiten Welt zerstreut waren, war Isaak als einziger Mann im Hause zurückgeblieben. Die Frauen meinten, daß vielleicht Isaak die Osterzeremonie abhalten könnte. Isaak war doch ein Junge, der fließend lesen konnte und die fünf Bücher Moses schon studiert hatte ... Warum sollte er heute abend nicht die Rolle des Königs übernehmen? »Isaak, möchtest du nicht König sein?« »König? Warum nicht? Wer würde auf den Thron verzichten wollen?« »Was für ein armseliger Thron, wenn Isaak der König sein soll!« So redeten die drei Frauen und die beiden Schwestern und bereiteten für den König einen Sessel, den sie mit Kissen auspolsterten. Als Isaak aus der Synagoge nach Hause gekommen war und frohe Ostern gewünscht hatte, setzte er sich in seinen neuen Sachen auf den Thron wie ein wirklicher König. * Drei Dinge sind es, die ansteckend wirken: Gähnen, Lachen und Weinen. Beim »Seder«, der Osterzeremonie, die wir am Schluß schildern wollen, – während Isaak, der Weise, der jüngste der Könige, nach dem Kapitel »Schefoch« bei dem schönen »Hallelgebet« den zweiten Becher emporhob, das übliche Gebet aufzusagen begann und den Becher an den Mund heben wollte, erhoben die Weiber ein furchtbares Geschluchze, als ob sie einen Toten beweinten. Es ließe sich schwer sagen, wer zuerst zu jammern begonnen hatte. Während Isaak den Segensspruch über dem Wein hersagte und die »Hagada« zu erzählen begann, erinnerte sich eine der Schwestern daran, wie sie vor einigen Jahren das schöne Osterfest feierten; aber damals war es noch ganz anders: Vater und Mutter lebten noch, sie bekamen zu Ostern neue Kleider und ahnten nicht, daß sie jetzt mit fremden Frauen an einem fremden Tisch sitzen würden, und Isaak die Zeremonie abhalten würde ... Eine der Schwestern begann mit den Augen zu zwinkern, ihre Unterlippe erzitterte; als die andere Schwester sie ansah, rollten große, runde Tränen über ihre Wangen. Die beiden Schwestern anschauend, erinnerte sich eine der Frauen ihres Unglücks ... Als ihr Mann, der Synagogendiener Nute, noch lebte, fehlte ihr nichts in der Welt; gut hätte sie es zwar niemals, aber es ging ihr doch besser als jetzt. Sie mußte sich jetzt vor dem älteren Synagogendiener verneigen, der früher, zu Lebzeiten ihres Mannes, jüngerer Synagogendiener war und nach dem Tode ihres Mannes seinen Posten übernommen hatte. Seine Frau Nesse ist so stolz geworden, daß man gar nicht mehr an sie herankommt ... Dies waren die Betrachtungen Pesjas, der Synagogendienerfrau, die dabei ihr Gesicht so verzerrte, daß die Händlerin Zosja kaum die Tränen unterdrücken konnte. Sie erinnerte sich an die schweren Zeiten, wie siebenundsiebzig Käuferinnen ihr die Waren aus den Händen reißen wollten, und die Kundinnen, die sie bediente, sie nicht einen Groschen verdienen ließen. Sie gedachte ihrer ältesten Tochter, die noch als Kind gestorben war ... Rusja hieß sie. Wenn sie nicht gestorben wäre, wäre sie jetzt schon ein heiratsfähiges Mädchen oder Mutter von Kindern. Auch ihres Mannes gedachte sie, wie er sein Leben lang als Krüppel dahinlebte, unfähig zu arbeiten, immer krank und leidend ... Während die Händlerin Zosja das Gebet nachsagte, das Basja vorsprach, wackelten die beiden Frauen mit den Oberkörpern und badeten sich in Tränen. Auch die Vorbeterin Basja, die Babierfrau, weinte so stark, so dicke Tränen rollten über ihre Wangen, ohne daß sie es merkte, daß sie ihre eigenen Worte, die sie las, nicht hörte. Auch sie gedachte ihres Kummers, ihrer Kinder, die in dem fernen Amerika weilten ... Sie erhielt sogar ganz gute Nachrichten, sie führten dort ein feines Leben, machten gute Geschäfte, arbeiteten viel und hatten sich schon etwas geschaffen ... Um zu beweisen, wie gut es ihnen gehe, hatten sie ihre Photographien geschickt, die man dort »pictures« nennt; sie versprachen, wenn die Geschäfte oder, wie man es dort nennt, »busineß« besser gingen, ihr auch einige Rubel oder, wie man es dort nennt, »Dollars« und eine Schiffskarte zuzuschicken ... Sie wollten sie in das große, glückliche Land hinübernehmen, wo alle Menschen anständig lebten, wo unter den Menschen Gleichheit herrschte: Wenn dort jemand mitten in der Straße vor Hunger umfiel, mischte sich keiner hinein, scherte sich niemand um ihn ... Aber sie wünscht allen Feinden so viel Schlechtes, wie es sicher ist, daß sie nicht hinkommt; denn sie hat doch auch hier Kinder, denen es nicht allzu gut ging. Was ist zu tun? Alles kommt von Gott ... Diesen Gedanken gab sich die Barbierfrau Basja hin, während sie die »Hagada« fließend herunterlas und nicht merke, daß sie weinte und die Tränen über ihr Gesicht herunterrollten, – bis der zweite Becher von den vieren herankam. Als der jüngste der Könige sich erhob, um einen Schluck Wein zu trinken, erschraken alle Frauen vor ihrem eigenen Gejammer. Die Barbierfrau Basja fuhr die anderen mit lautem Geschrei an, wischte sich mit der Schürze die Tränen und schnäuzte sich. »Was löst ihr euch denn so plötzlich in Tränen auf? Ist denn heute Versöhnungsfest oder »Tischabow«? Was heißt denn das?« Erst nach diesen Worten beruhigten sich die Frauen. Eine von ihnen überreichte dem König in einem Gefäß Wasser zum Waschen, die zweite brachte die heißen Fische vom Herd, die dritte reichte Meerrettig herum, der jüngste der Könige sagte den Segensspruch über die »Mazze«, die Frauen stimmten in das »Amen« ein, und man begann still und wortlos die Mahlzeit zu verzehren. Die rechte Hand. »Surach-Burach, die rechte Hand, ist ein stiller, bescheidener Mensch, der keiner Fliege etwas Böses tut.« So hieß es von ihm im Städtchen. »Laßt Euch nicht irreführen dadurch, daß er so still ist und kein Wässerchen trübt. Stille Wasser sind tief,« so sprach von ihm sein Chef, Kaufmann zweiter Gilde, Leibchen Schönredner. »Ein schweres Los habe ich zu tragen! Meinen ärgsten Feinden wünsche ich nicht solche Plage!« pflegte seine Frau, Kela-Bela, zu sagen, die – es mag unter uns bleiben – seinerzeit eine unglückliche Liebe mit dem Schönschreibelehrer Mottl Tintenfaß hatte, wonach sie lange Zeit ledig blieb, bis sie endlich, nach langem Kampf als zweite Frau unseren Helden Surach-Burach, den ältesten Angestellten, Vertrauten, Buchhalter, Kassierer und die »rechte Hand« des Kaufmanns zweiter Gilde, Leibchen Schönredners, ehelichte. Surach-Burach, der älteste Angestellte, Vertraute, Buchhalter, Kassierer und »rechte Hand« in einer Person, widmete alle seine Kraft und alle seine Zeit dem Chef. Wenn der Morgen kaum graute, war er bereits auf den Beinen, ordnete die Rechnungen und die Bücher, verrichtete rasch das Gebet, goß hastig ein Glas heißer, aus gebrühter Zichorie hergestellter Flüssigkeit herunter, verschlang ein Hörnchen dazu und rannte Hals über Kopf nach dem Laden, wo er bis spät in die Nacht auf Käufer wartete. Selbst das Mittagessen ließ er sich in den Laden bringen. Gegen Mittag betraten zwei Bauern und eine Jüdin den Laden. Die Bauern rissen die Köpfe in die Höhe und besahen die Ware ... Als die Jüdin bemerkte, daß der Verkäufer im Begriff war, seine Suppe zu essen, versuchte sie, geräuschlos zu entweichen. »Essen Sie nur, lassen Sie es sich gut bekommen, Surach-Burach, ich komme später wieder.« Aber Surach-Burach würde sich hüten, einen Käufer ohne weiteres fortzulassen. »Was wünschen Sie?« wandte er sich an die Jüdin, indem er sich den Mund abwischte und den ersten Bissen hinunterwürgte; im selben Augenblick näherte er sich auch den anderen Käufern. »Was möchtet Ihr wohl, Brüder?« Es stellt sich heraus, daß die Jüdin just etwas braucht, was es im Laden nicht gibt, auch niemals gegeben hat, und die Bauern bekennen offen, daß sie gar nicht die Absicht hatten, etwas zu kaufen und nur aus Neugier in den Laden gekommen seien. Zum Beweis dieser Tatsache verweilen sie noch eine geraume Weile, den Kopf im Nacken, und näherten sich ganz langsam dem Ausgang. Aber Surach-Burach sah es nicht gern, wenn Käufer den Laden wieder verließen, ohne einen Einkauf gemacht zu haben. Er rannte ihnen also nach und packte sie an den Schößen. »He, Mann, komm zurück, ich habe dir etwas zu sagen!« Aber die Bauern ließen sich auf nichts ein und gingen, der Teufel mag wissen, wohin. Die Jüdin hat sich unterdessen fortgestohlen und ... schwupp ... war sie im nächsten Laden. Der erste Versuch war also mißglückt ... Der Appetit zum Essen verging ihm. Um das Maß vollzumachen, erschien auch noch der Chef, Leibchen Schönredner, Kaufmann zweiter Gilde. Zwischen dem Chef und seiner rechten Hand entspann sich folgendes Gespräch: Der Chef: »Wer war hier?« Die rechte Hand: »Wer hier war? ... Käufer!« Der Chef: »Käufer? Was haben sie denn gekauft?« Die rechte Hand: »Gekauft? Nicht einen Deut haben sie gekauft.« Der Chef: »Was sagst du dann ›Käufer‹?« Die rechte Hand: »Wie soll ich anders sagen?« Der Chef: »Käufer nennt man Leute, die etwas kaufen.« Die rechte Hand: »Wer hindert sie, etwas zu kaufen?« Der Chef: »Das ist wahr ... Immerhin ...« Der Chef seufzte schwer und murmelte etwas in den Bart. Man konnte nur losgerissene Worte vernehmen, wie »Erlös ... Zahlung ... Jahrmarkt ... Wechsel ...« Chef und Verkäufer tauschten feindselige Blicke, ohne ein Wort zu sagen. Ersterer fühlte, daß zu Vorwürfen eigentlich kein Grund vorlag, letzterer hielt aus Anstand den Mund und würgte sein armseliges Mittag hinunter. Da erschien, mit den Schlüsseln klirrend, die böse Chefin, die dickbäuchige Feige. Dasselbe Gespräch, mit ganz geringen Abweichungen, wiederholte sich zwischen ihr und der ›rechten Hand‹. Doch sie sprach in so giftigem Ton, daß der Verkäufer fühlte, wie sich ihm die Eingeweide im Leibe umdrehten und er froh war, als im selben Augenblick ein Scheusal den Laden betrat und sich ›verschiedene Waren‹ vorzeigen ließ. Alle, der Chef, die Chefin die ›rechte Hand‹ und selbst der Käufer wußten genau, daß es verlorene Müh' war, und daß nichts dabei herauskam. »Das ist also Ihr äußerster Preis? Schön, mit Gottes Hilfe komme ich morgen wieder heran.« »Versprechen kann man viel,« brummte die ›rechte Hand‹ dem Rücken des Kunden, aber er bekam einen strengen Verweis vom Chef: »Halt den Mund, solange der Kunde im Laden ist.« Die Chefin goß Öl aufs Feuer und zischte, mit den Schlüsseln klirrend: »Was schadet es ihm, wenn kein Kunde sich bei uns mehr blicken läßt? Was kümmert es ihn, daß der Wechsel morgen fällig ist?« Die ›rechte Hand‹ schwieg. Aber er schielte mit einem Auge zur Chefin hinüber, mit einem Blick, der besagte: »Morgen ist der Wechsel fällig ... Sie kann klug reden ... Wer sollte sich wohl darum kümmern, wenn nicht ich?« Aber die Chefin keifte unbekümmert weiter, indem sie mit den Schlüsseln klirrte: »Pünktlich sind Sie nur, wenn es sich um ihr Gehalt handelt!« ›Da sollte sie nur ganz still sein!‹, dachte die ›rechte Hand‹ im stillen. ›Das nennt sich ein Gehalt! Mehr als zwanzig Jahre ist man in Stellung und kann sich nicht einmal einen anständigen Pelzmantel leisten! Ich rede nicht von einem Fuchsfell, wenn es wenigstens zum Katzenfell langen würde! ...‹ Plötzlich sprang die ›rechte Hand‹ von seinem hohen Schreibtischstuhl auf, ergriff den Meterstock, der ihm als Spazierstock diente und eilte dem Ausgang zu. »Zum Popen«, sagte er, ohne sich an jemand zu wenden, »vielleicht gibt er Geld. Er versprach, Geld zu leihen ...« »Sicher, halt nur die Tasche offen!« bemerkte der Chef. »Daß ihm der Pope nicht einfiel ... wirklich erstaunlich ...« fügte die Chefin hinzu. Aber die ›rechte Hand‹ ließ sich durch die bissige Bemerkung nicht abschrecken und nahm sie gelassen entgegen. Sie waren ja die Chefs, – er nur die ›rechte Hand‹. Bei sich wußten alle drei ganz genau, daß das ganze Geschäft auf den Schultern des Vertrauten ruhte. Einkauf und Verkauf, Bücher und Rechnungen, Wechsel und sogar Wirtschaftsangelegenheiten – alles wurde ihm überlassen, für alles mußte er sorgen. Sie wußten es alle drei und waren überzeugt, daß es nur so und nicht anders sein kann. * Wenn unser Held im Laden tagsüber von seinen Chefs viel zu leiden hatte, so standen ihm des Abends am häuslichen Herd noch hundertmal größere Unannehmlichkeiten und Ärgernisse bevor. In der Stube war dicke, rauchige Luft, die Kinder schrieen, der Samovar wollte nicht heiß werden. Um so schneller erhitzte sich dagegen die teure Gattin, in der es wie in einem Kessel kochte, die wie eine Besessene wütete und über »seine« Kinder schimpfte und fluchte. »Hungermäuler! Das ganze Haus voll Hungermäuler! Bei anderen Leuten sind die Kinder manchmal krank, eins hat die Masern, das andere bekommt Zähne, ein drittes bricht sich ein Glied ... Hier ist alles tadellos, kugelsicher ... alles klappt ...« So redete Kela-Bela, aber sie log, bei Gott, sie log ... mit Absicht ... Keine Krankheit, keine Epidemie mied ihr gastliches Haus. Sobald aber einem Kinde etwas fehlte – ob es sein oder ihr Kind war – geriet sie außer sich, lief hin und her, schloß kein Auge und gönnte dem Mann keine Ruhe. »Ein schöner Vater bist du! Gott bewahre! Nicht zu sagen! Ein liebender, aufopfernder Vater! Sein Kind brennt wie Feuer, und er macht sich nichts draus! Solltest wenigstens in die Apotheke rennen oder zum Doktor ... Ein Götze von Eis bist du ... weiter nichts!« So redete die Frau mit Surach-Burach; doch er ertrug alles, als gälten die Worte nicht ihm. Was sollte er auch erwidern? Wußte sie denn nicht, was in ihm vorging? Wußte sie etwa nicht, daß er nicht nur den Doktor, sondern den Professor, zwei, drei Professoren, ein ganzes Konsilium herbeiholen würde, um die Schmerzen des kranken Kindes zu lindern. Kela-Bela wußte es genau, aber sie fuhr fort, ihren Mann zu peinigen ... Sie rächte sich an ihm gleichsam für ihr früheres Pech und ihre Duldsamkeit ... Sie rächte sich grausam, obgleich sie ihn im Grunde des Herzens bedauerte. Aber sie zeigte ihm ihr Mitleid niemals, sondern zog es vor, ihn mit Vorwürfen zu überhäufen. Unser Dulder ertrug alles geduldig, ohne zu murren. Es ist schwer zu entscheiden, wo für ihn die eigentliche Hölle war: dort im Laden, oder hier am Familienherd ... Wer war glücklicher: Surach-Burach oder die »rechte Hand«? – Wie er im Laden sein Mittagessen hinunterwürgte, so beeilte er sich auch zu Hause, seine armselige Ration hinunterzuschlucken, dann fiel er wie ein schwerer Klotz aufs Bett und schlief schnaufend ein. Sobald der Morgen graute, war Surach-Burach auf den Beinen, verrichtete die Gebete, ordnete die Rechnungen und Bücher, goß die heiße braune Flüssigkeit hinunter, aß ein Hörnchen dazu und rannte Hals über Kopf nach dem Laden. So verging ein Jahr nach dem andern. ›Welch ein Glück, daß es einen Sonnabend in der Welt gibt, und wie gut ist es, ein Jude zu sein!‹ sagte er sich, des heiligen Sonnabends gedenkend. Nur ein Gott und ein Sonnabend – Ruhe und Schlaf. Wenn der Sonnabend kam, zog Surach-Burach seinen Feiertagsrock an, nahm den Sabbatpelz um, setzte die Sabbatmütze auf den Kopf, zog die besseren knarrenden Stiefel an und begab sich zur Synagoge. Er schlief sich aus, betete ungestört und aß sich satt. Ruhe herrschte in seinem Herzen, Friede in seinem Körper, seine, müden Glieder ruhten sich aus. Und seine Lippen flüsterten: »Gesegnet sei der Ewige, der seinem Volke Israel das unschätzbare Geschenk darbrachte – den heiligen, süßen, lieben Sabbatstag!« * Lieb und teuer war diesem Aermsten der ›Tag des heiligen Sabbats‹, aber noch teurer und lieber waren seinem Herzen die heiligen, feierlichen Festtage im Jahre. ›Kein Volk hat solche Ostern wie die Juden,‹ dachte er bei sich. Und wer hat so fröhliche, lustige, grüne Pfingsttage? Und das fröhliche Laubhüttenfest? Und gar das Fest der Freude und des Jubels? Wie jubelt und frohlockt die jüdische Seele! ... Der Jude trinkt Wein. Der Jude tanzt ... Der Jude ist betrunken ... Habt Ihr so etwas gehört? Nein, es ist wirklich gut, Jude zu sein! Man möchte sich selbst vor Neid auffressen! »Rechtgläubige Juden!« rief Surach-Burach, »das Fest der Freude und des Jubels herrscht heute im Weltall! ... Ein vorübergehender Bauer blieb erstaunt stehen und betrachtete das ungewöhnliche Schauspiel, wie die Juden tanzten und sich närrisch aufführten. »Es muß sehr schlimm sein, wenn der Jude sich betrinkt!« Surach-Burach trank am allermeisten, als müßte er nachholen, was er während des ganzen Jahres versäumt hatte. Nachdem er sich bis zur Selbstvergessenheit, bis zur Unsinnigkeit betrunken hatte, drängte es ihn, sich mit dem Chef und der Chefin auszusprechen ... Er mußte ihnen die ganze Wahrheit sagen ... Ein einziges Mal im Leben mußte er ihnen alles offen sagen ... mußte er sein Herz ausschütten. »Der Teufel hole die Seele seines Vaters!« schrie Surach-Burach. Der Fluch galt seinen Chefs ... Er wollte zu ihnen hinstürzen ... Aber seine Frau und die älteren Kinder klammerten sich fest an ihn und ließen ihn nicht fort. Surach-Burach schlug um sich, wollte sich losreißen und brüllte wie ein Besessener. »Laßt mich los! Laßt mich! Der Teufel hole die Seele seines Vaters! Ich will's ihm sagen! Alles! Ich habe mich ihm nicht verkauft! Ich bin kein Sklave! Ich bin ein Jude, so gut wie er, wie alle anderen Juden! ... Laßt mich los!« Kela-Bela verging vor Angst, daß er seinen Chefs wirklich einen Auftritt machen und womöglich die Stelle verlieren könnte. Mit äußerster Kraftanspannung führte sie mit dem Mann einen verzweifelten Kampf und band ihm schließlich die Hände mit einem Handtuch auf dem Rücken zusammen. Dann legte sie den Lärmmacher ins Bett und verschloß die Tür. Surach-Burach, der bescheidene, stille Mann, der keiner Fliege etwas zu leid tat, tobte, warf sich hin und her und brüllte mit seiner heiseren, trunkenen Stimme: »Laßt mich los, Kinder! Der Teufel hole die Seele seines Vaters! Ich habe mich ihm nicht verkauft! Ich bin kein Sklave! Ich bin ein Jude ... ein armer Jude!« Und der traurige, verwaiste Jude weinte und schluchzte ... Er weinte lange, lange, bis er endlich in einen traumlosen Schlaf verfiel. * Als der Morgen graute, war Surach-Burach wieder auf den Beinen, verrichtete schnell das Gebet, ordnete die Bücher und Rechnungen, goß ein Glas heißer, brauner Flüssigkeit herunter, aß ein Hörnchen dazu und rannte Hals über Kopf in den Laden. Der Chef schmollte, die Chefin brummte, die Frau schimpfte und fluchte zu Hause ... So vergingen Tage, so vergingen Monate, so verging das ganze Jahr. Verstörte Ostern. »Reb Israel, können Sie mir versprechen, daß Sie den Anzug für den Jungen bis Ostern fertigmachen?« schrie meine Mutter den Schneider Reb Israel aus allen Kräften an, denn der Schneider Israel war taub wie eine Wand. Israel, ein großgewachsener Jude, mit einem langen Gesicht und Watte in den Ohren, lächelte ein wenig und machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte er sagen: »Warum soll ich ihn nicht fertig machen?« »Dann nehmen Sie ihm bitte Maß, aber nur unter der Bedingung, daß der Anzug zu Ostern fertig wird.« Israel, der Schneider, sah die Mutter an, als wollte er sagen: »Eine merkwürdige Frau, es genügt doch, wenn man es einmal sagt. Im selben Augenblick zog er sein langes Papiermaß und eine große englische Schere aus seiner Tasche, dann nahm er mich vor und begann mich nach allen Seiten zu messen; die Mutter stand beiseite und kommandierte: »Länger, noch länger! ... Breiter, noch breiter! Um Gottes willen, die Höschen nicht zu schmal und die Jacke zum Auslassen, ein paar Finger breit! ... Noch ein bißchen! So! So! Daß sie um Gotteswillen vorn nicht zu kurz wird! Reichlich, noch mehr! Sparen Sie nur nicht mit dem Stoff! Ein Kind wächst doch!« Israel, der Schneider, wußte selber daß ein Kind wächst, er antwortete also nicht darauf und tat das Seinige. Nachdem er mir gründlich Maß genommen hatte, gab er mir einen Stoß, als wollte er sagen: »Du kannst gehen! Du bist frei!« Ich wollte gern, daß die Jacke einen Schlitz und eine Tasche hätte, nach heutiger Mode, aber ich wußte nicht, an wen ich mich wenden sollte. Der taube Israel wickelte das Maß um beide Finger und sprach zur Mutter in abgerissenen Worten: »Schwere Zeiten ... vor Ostern! Schmutzwetter! Die Fische ... teuer ... Kartoffel muß man mit Gold zahlen ... Eier nicht zu bekommen ... Arbeit gibt's nicht ... neue Anzüge werden nicht bestellt ... nur Flickarbeit und Flickarbeit ... Sogar Reb Jehoschua Hersch läßt sich seinen alten Mantel wenden! Jehoschua Hersch! ... Das sind Zeiten, wie? ... Die Welt geht unter! ...« Die Mutter war von seiner Rede nicht überrascht, sie ließ sich auch nicht ablenken, sondern unterbrach ihn mittendrin und fragte: »Wieviel werden sie ungefähr für die Arbeit, alles in allem, verlangen?« Der taube Israel zog eine Tabakdose aus der Tasche, verbog den Daumen der linken Hand so, daß sich zwischen Daumen und Zeigefinger eine Höhle bildete, schüttete in die Höhle ein Häufchen Tabak, hob, dann die Hand ganz langsam zur Nase und zog den Tabak so schnell ein, daß kein Stäubchen auf seinen Schnurrbart fiel. Dann machte er eine Bewegung mit der Hand und sagte: »Ach, lassen Sie nur! Wir werden uns deswegen nicht zanken! ... Verstehen Sie, Reb Jehoschua Hersch läßt seinen alten Mantel wenden ... Das schreit zum Himmel!« »Denken Sie daran, Reb Israel, um was ich Sie bitte, nicht zu schmal und nicht zu kurz und zum Auslassen! Und vom weit und bequem!« fuhr die Mutter fort. »Und einen Schlitz!« wollte ich hinzufügen. »Still, laß mich ausreden!« sagte die Mutter und stieß mich mit dem Ellenbogen an. »Also denken Sie daran,« wandte sie sich wieder an den Schneider,« nicht zu kurz und nicht zu eng und unbedingt zum Auslassen!« »Und eine Tasche!« versuchte ich von neuem dazwischenzurufen. »Willst du nicht endlich still sein!« rief die Mutter mir zu. »Habt Ihr gesehen, ein Kind soll die Gewohnheit haben, dazwischenzureden, wenn ältere Leute sprechen!« Israel nahm einen Ballen Stoff unter den Arm, berührte die »Mesuse«, die an der Tür angebrachte mit den Zehn Geboten, mit zwei Fingern und sagte, von der Schwelle her: »Muß es durchaus zu Ostern fertig sein? Angenehme Feiertage!« * »Ach, da ist ja Reb Gedalje! Wenn man vom Messias gesprochen hätte, wäre er auch gekommen! Ich wollte gerade zu Euch schicken, Ihr möchtet herankommen!« Gedalje war ein jüdischer Schuster, ein gedienter Soldat, ohne Vorderzähne, mit einem grauen, runden Bärtchen, dem man es noch anmerkte, daß es früher einmal, in der Soldatenzeit, in der Mitte ausrasiert war. »Reb Gedalje,« sagte die Mutter zu ihm, »sagt einmal, könnt Ihr mir versprechen, für den Jungen ein Paar Stiefel zu Ostern anzufertigen?« Der Schuhmacher Gedalje war ein lustiger Kauz, der die Gewohnheit hatte, beim Reden zu tänzeln. »Müßt Ihr die Schuhe unbedingt zu Ostern haben?« fragte er die Mutter. »Schöne Sache! Jeder verlangt die Sachen zu Ostern! Der Chajele, Reb Mottls Frau, habe ich auch zu Ostern zwei paar Stiefelchen versprochen, für sie und ihre Tochter, – die muß ich fertig machen! Reb Schimeles Sohn, Jossele, hat vier Paar Stiefel bei mir bestellt, die muß ich auch machen ... Und der Feigele, Reb Abrahams Frau, habe ich schon längst ein Paar Stiefel versprochen. Es hilft nichts, alles muß zur Zeit fertig werden, und wenn es Steine vom Himmel regnen sollte! Der Schneider Mojsche will zu den Schaften ein Paar neue Schuhe haben, ich kann es ihm nicht abschlagen; für Siam, den Tischler, soll ich ein Paar neue Sohlen machen, alles zu Ostern, es hilft nichts! Aßne, die Tochter der Witwe, drängt mich, daß ich ihr um Gottes willen ...« »Sagen Sie kurz,« unterbrach ihn die Mutter, »können Sie die Arbeit zu Ostern nicht liefern? Dann schicke ich zu einem andern Schuster!« »Warum soll ich sie nicht liefern können?« sagte Gedalje und tänzelte. Euch zuliebe lege ich alle andere Arbeit beiseite, Eure Stiefel werden zu Ostern fertig sein! Ihr könnt Euch darauf verlassen!« Der Schuhmacher Gedalje holte von irgendwo ein Stück blaues Papier her, kniete nieder und nahm mir Maß. »Ein bißchen länger, noch länger!« sagte die Mutter, »was spart Ihr mit dem Leder? ... So! So! ... Damit der Schuh ihn, Gott behüte, nicht drückt!« »Nicht drückt,« murmelte Gedalje. »Und gebt vom besten Leder, hört Ihr, Reb Gedalje, nur kein schlechtes Leder.« »Kein schlechtes Leder,« sagte Gedalje. »Und feste Sohlen, daß sie nicht gleich zerreißen ...« »... nicht gleich zerreißen,« murmelte Gedalje. »Daß die Absätze, Gott behüte, nicht abfallen.« »Abfallen ...« murmelte Gedalje. »Jetzt kannst du in den Cheder Cheder = Knabenschule. gehen,« sagte die Mutter zu mir. »Du hast gesehen, was für Kosten die Mutter sich für dich macht, sollst wenigstens fleißig lernen, damit du ein Mensch wirst! Was soll sonst aus dir werden? Gar nichts, ein Hundefänger! ...« Was wußte ich, was ich werden sollte ... ein Mensch ... gar nichts? ... Ein Hundefänger? ... Ich wußte eins, daß ich in diesem Augenblick sehnsüchtig wünschte, daß meine Schuhe knarrten ... Das war mein heißester Wunsch. »Was stehst du da wie eine Säule?« rief mir die Mutter zu. »Warum gehst du nicht zur Schule? Geh, hier hast du nichts mehr zu suchen!« Der Schuhmacher Gedalje machte sich auf den Weg, aber er kam noch einmal zurück und fragte: »Muß es unbedingt zu Ostern sein? ... Angenehme Feiertage!« * Auf dem Heimweg aus der Schule lief ich zu dem Schneider heran, wegen dem Schlitz und der Tasche. Der taube Israel stand vor dem großen Tisch, ohne Rock, mit lang herabhängenden Schaufäden, in seine Arbeit vertieft. Um den Hals hing ihm das Heftgarn, in seiner Weste steckten Nadeln; er zeichnete mit Kreide, schnitt mit der großen Schere, kratzte sich mit schiefgebogenem Mittelfinger hinter dem Kragen und sprach, nach seiner Gewohnheit in abgerissenen Worten zu sich selbst: »Jeder will etwas Besonderes! ... Bequem ... reichlich ... aber wo hernehmen? ... Aus der Luft! ... Man schneidet sich die Finger wund! Es langt nicht her und nicht hin! ...« Am Tisch saßen mehrere Gesellen und nähten und sangen ein Lied dazu. Die Nadeln flogen nur so. Ein blonder Bursche mit Sommersprossen im Gesicht und plattgedrückter Nase sang mit hell tönender Stimme und zog den Faden im Takt. »Oh, du gehst fort! Oh, und du gehst fort! Und mich läßt du zurück! Die anderen jungen Leute stimmten ein: »Da stech' ich mich. Da häng' ich mich. Ertränk' ich mich! Ich tu' mir etwas an!« »Was willst du, Junge?« fragte mich Israel, der Schneider. »Einen Schlitz!« erwiderte ich. »Wie?« sagte der Schneider und beugte sich mit einem Ohr zu mir herüber. »Einen Schlitz!« schrie ich ihm zu. »Einen Schlitz?« »Ja, einen Schlitz!« »Wo denn einen Schlitz?« »Unten!« »Was? Unten?« »Einen Schlitz und eine Tasche!« »Was für einen Schlitz? Was für Taschen?« mischte sich Basja ein, die Frau des Schneiders, eine kleine Frau, die am Tisch saß und drei Arbeiten zugleich verrichtete: mit dem Fuß wiegte sie das Kind in der Wiege, mit den Händen strickte sie einen Strumpf und mit dem Mund schimpfte sie. »Einen Schlitz muß er haben! Und Taschen! Wo hast du Stoff zu Taschen? Hast dir Taschen eingeredet? Dann soll die Mutter Stoff geben! Ein Einfall! Taschen!« Die ganze Sache tat mir schon leid. Wenn nur nicht die Mutter noch dazukäme! »Willst du also durchaus einen Schlitz haben?« fragte mich der Schneider Israel und nahm die Tabakdose heraus. »Gut, mein Junge.« »Und die Taschen?« fragte ich ihn mit bittender Miene. »Geh nur nach Hause, Junge, ich werde alles nach Wunsch machen.« Ich lief, so schnell mich meine Beine trugen, davon und eilte voller Freude zu dem Schuhmacher Gedalje wegen dem Knarren der Schuhe. Aber ich traf den Schuhmacher nicht an. An seinem Arbeitsschemel saß sein Geselle Karpe über eine ausgestreckte Sohle gebeugt. Karpe war ein kräftiger, breitschultriger Bursche, mit pockennarbigem Gesicht; ein Lederriemen hing ihm um den Kopf. »Was willst du, Junge,« fragte er mich auf jiddisch, so gut er es konnte, da er Russe war. »Nun, Tatele, Mammele gib ihm a Gänsele,« ulkte er ... »Sag, was wünschst du?« »Ich möchte den Meister Gedalje sprechen,« erwiderte ich ihm auf russisch. »Der Meister ist zu einer Beschneidung gegangen, Kidisch machen und Schnaps trinken,« antwortete mir Karpe wieder jiddisch und machte eine Bewegung des Trinkens, damit ich ihn genau verstünde. Ich setzte mich ihm gegenüber, auf einen Lederschemel und begann mit ihm ein ausführliches Gespräch über Leder, Stiefel, Sohlen, Flickarbeit, bis ich schließlich auf das Knarren kam. Er sprach jiddisch, ich russisch. Verstand er mich nicht, so zeigte ich es ihm mit den Händen. »Ich rede mit dir doch in deiner Sprache, schwerfälliger Kopf,« sprach ich zu ihm, »erkläre mir mit Verstand, warum die Schuhe krrr ... krrr ... machen?« »Sprich lieber jiddisch,« erwiderte Karpe, während er mit der Zunge die Sohle bedeckte und mit einem dicken, schwarzen Nagel ein Zeichen machte. »Wieso kommt es denn, daß die Stiefel knarren? Wie macht Ihr es, daß sie knarren?« »Ach so, das Knarren meinst du ... Wenn die Schuhe knarren sollen, muß man Zucker nehmen.« »Einfach Zucker? Wie ist das zu verstehen?« »Na eben Zucker! Wenn man auf Zucker tritt, knarrt es.« »Ach so,« antwortete ich, »man zerklopft wohl den Zucker, damit er knarrt. Und sonst tut man nichts hinein?« »Branntwein, ein wenig Branntwein,« sagte Karpe. »Branntwein?« fragte ich. »Wozu denn Branntwein? Daß Zucker knarrt, kann ich mir denken, aber was soll der Branntwein?« Karpe gab sich alle Mühe, mir auf jiddisch auseinanderzusetzen, wozu man Branntwein brauchte. Er behauptete, man müsse die Sohle, bevor man den Zucker auflegte, tüchtig mit Branntwein befeuchten, sonst hätte der Zucker keine Wirkung. »Ach so,« erwiderte ich auf russisch, »jetzt habe ich es begriffen. Wenn man keinen Branntwein nimmt, nützt der Zucker auch nicht, und wenn man keinen Zucker nimmt, dann knarren die Schuhe nicht.« »Wer nicht zu essen hat, kann nicht studieren,« fügte ich hinzu, zum Beweis, daß ich seine Auseinandersetzung verstanden hatte, öffnete mein Portemonnaie und gab ihm mein ganzes Vermögen, alles, was ich zu ›Chanuka‹ Feiertage und zu ›Purim‹ Feiertage geschenkt bekommen hatte. Hierauf verabschiedete ich mich sehr freundlich von ihm. Karpe reichte mir seine mit Pech beschmutzte Hand und rief mir nach: »Tatele, Mammele, gib mir a Gänsele.« Ich lief nach Hause, aß schnell etwas und rannte nach der Schule zurück, um dort vor den Kindern zu prahlen, daß ich zu Ostern einen neuen Anzug mit einem Schlitz und Taschen und knarrende, laut knarrende Schuhe bekäme. »Mutter! Ich bin frei!« rief ich, als ich wenige Tage vor Ostern mit der Nachricht nach Hause gerannt kam, daß man uns entlassen hatte. »Da soll sich die Großmutter freuen! Hoffentlich erlebst du es, mir bessere Nachrichten zu bringen,« erwiderte die Mutter, die mit den Ostervorbereitungen beschäftigt war. Sie hatte beiden Dienstmädchen Tücher um den Kopf gebunden, ihnen Bürsten und Federwische in die Hand gegeben, hatte selber auch ein Tuch um den Kopf gewickelt, – und nun putzten und rieben, wuschen und scheuerten sie alle drei und machten alles für Ostern bereit. Ich konnte mir keinen Platz finden. Wo ich mich hinsetzte, wo ich stand und ging, war ich im Wege; nirgends fühlte ich mich wohl. »Scher dich fort mit deinen schmutzigen Kleidern von dem »pessachdigen« pessachdig = zu Ostern geweiht. Schrank!« schrie meine Mutter so wütend, als ob ich Feuer und Pulver an mir hätte. »Vorsichtig, tritt nicht auf einen ›pessachdigen‹ Sack!« »Sieh nicht dorthin! Dort steht die ›pessachdige‹ Roterübensuppe!« Ich stolperte und wurde wieder fortgestoßen und fortgejagt. »Verdammt soll euer Lehrer sein! Konnte er euch nicht einen Tag länger in der Schule halten! Dann würdest du hier nicht herumschwänzeln! Habe auch so genug Arbeit! Wo anders sitzen die Kinder auf einer Stelle! Ein so großer Junge wie du, bald neun Jahre alt, sollte etwas tun! Könntest dir die vier Osterfragen vornehmen und wiederholen!« »Mutter,« sagte ich, »die kann ich schon auswendig!« »Freut mich! Es hat Geld auch genug gekostet!« Endlich nahte der Abend, an dem der Vater mit einer Kerze, einem Holzlöffel und einem Gänsekiel der religiösen Sitte gemäß die Wohnung nach Unösterlichem durchsuchte. Ich half ihm, die Brotkrumen suchen, die er selbst auf den Fensterbrettern ausgestreut hatte ... ›Noch eine Nacht und ein Tag,‹ dachte ich bei mir, ›und ich ziehe meine Feiertagssachen an, wie ein Prinz! Den neuen Rock mit Schlitz und Taschen und die knarrenden Schuhe ... Die Mutter wird doch sicher fragen, was das Knarren zu bedeuten habe, – dann werde ich tun, als ob ich von nichts wüßte ... Dann kommt der Osterabend mit den vier Fragen, dem viermaligen Weintrinken und den Osterspeisen, den Kartoffelklößen, und Knödeln, der Kugelspeise und noch vielen anderen Leckerbissen. Wenn ich daran denke, läuft mir das Wasser im Munde zusammen, denn ich habe den ganzen Tag nichts gegessen.‹ »Sag dein Abendgebet und geh schlafen«,« sagte die Mutter zu nur. »Heute, am Vorabend des Osterbeginns, wird kein Abendbrot gegessen ...« Ich ging zu Bett und träumte, daß es schon Ostern wäre ... Der Vater nahm mich in die Synagoge mit, wo wir beteten ... Meine neuen Kleider rauschten ... meine Schuhe knarrten ... »Wer geht da?« fragten einige fremde Leute ... Das ist Motel, Mojsche Chaim Abraham Hersch Rubins Sohn ... Plötzlich tauchte – ich weiß nicht woher – ein schwarzer, zottiger Hund auf und stürzte sich auf mich. Bellend faßte er mich beim Rock. Mein Vater stand daneben und hatte Angst, näherzukommen, er fuchtelte mit den Händen und schrie: »Fort! Scher dich fort!« Aber der Hund hörte nicht auf ihn und zerrte meinen Rock gerade am Schlitz und an der Tasche, riß mir den halben Rockschoß ab und wollte davonlaufen. Ich lief ihm aus Leibeskräften nach, verlor dabei einen Schuh und blieb im Sumpf mit einem Schuh und einem unbekleideten Fuß stecken. Ich fing an zu weinen und zu schreien: Zur Hilfe! Zur Hilfe! ... Da erwachte ich und erblickte unser Dienstmädchen vor meinem Bett, wie sie die Decke von mir herunterzog und mich an einem Fuß zerrte. »Seht nur, er ist nicht wach zu bekommen! Wirst du wohl aufstehen! Die Mutter sagt, du sollst sofort aufstehen! Das letzte Brot muß fortgeräumt werden!« * Der Vater warf den Holzlöffel, den Zederwisch und den Gänsekiel in den Ofen und verbrannte die letzten Brotreste, den ›Chomez‹. In der Stube herrschte österliche Stimmung. Alles war blitzsauber hergerichtet, der Tisch war gedeckt, die vier Becher lächelten mich von weitem an, ... noch ein paar Stunden, und Ostern war da! ... Nur noch wenige Stunden, und ich würde meine Feiertagskleider anziehen! ... Bevor der Schneider und der Schuhmacher meine neuen Sachen ablieferten, traf die Mutter die allerletzten Vorbereitungen. Sie wusch mir den Kopf mit heißem Wasser und einem Gelbei, kämmte mich und riß mir das Haar dabei aus, aber wenn ich mich krümmte, gab sie mir einen Stoß mit dem Ellenbogen oder eine Ohrfeige. »Wirst du nicht endlich aufhören, dich zu drehen, wie ein Wurm? Ein Kind soll nicht stillstehen können! Man tut ihm Gutes, und er ist noch nicht zufrieden!« Das Kämmen war Gott sei Dank zu Ende. Ich saß nun in Unterkleidern bei Tisch, wartete auf meine neuen Sachen und beobachtete unterdessen meinen Vater, der soeben aus dem Bad gekommen war und noch nasse Seitenlocken hatte. Er saß über einem dicken Buch, studierte dann leise, eine Talmudmelodie vor sich hinsummend, und wackelte dabei mit dem Oberkörper. Er studierte, wie man ›Moraur‹, das für den ›Seder‹ vorgeschriebene bittere Gericht zubereitete, nämlich indem man Meerrettig auf einem Reibeisen rieb ... Ich sah den Vater an, und es schien mir, daß es in der ganzen Welt keinen so frommen Juden gab wie meinen Vater, daß nirgends so streng Ostern gehalten wurde und daß kein Junge so schöne, neue Sachen bekam wie ich. Aber wie kommt es, daß die Sachen noch nicht hier sind? Was kann passiert sein? Vielleicht sind sie, Gott behüte, zu Ostern nicht fertig geworden? ... Daran mag ich gar nicht denken ... Wie sollte ich dann in die Synagoge gehen? Was würden meine Freunde sagen? Wie sollte ich mich zum Osterabendtisch setzen? Ich will nicht an die Stunde denken, in der das passieren könnte! Ich würde es nicht überleben! Während ich traurig, in bange Gedanken versunken, dasaß, öffnete sich die Tür, und der Schneider Israel trat mit den Sachen ein. Ich fuhr vor Freude auf und sprang so lebhaft in die Höhe, daß ich zusammen mit dem Stuhl umfiel und mir beinahe das Genick brach. Die Mutter kam aus der Küche, einen österlichen Schmalzlöffel in der Hand, herbeigerannt. »Was ist das für ein Lärm? Wer ist da gefallen? Bist du es? Verdammter Bengel! Ein Teufel bist du, nicht ein Kind! Hast du dir weh getan, Gott behüte? Das ist dir ganz recht! Ein anderes Mal wirst du nicht springen und rennen, sondern gehen wie ein Mensch!« Dann wandte sie sich zu Israel und sagte: »Ihr habt Wort gehalten, Reb Israel! Sonst wollte ich schon zu Euch hinschicken!« Israel lächelte ein wenig und machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte er sagen: »Das wäre schön! Ich sollte nicht Wort halten«. Die Mutter legte den Löffel beiseite und half mir, in die neuen Höschen hineinsteigen, dann band sie mir die Schaufäden um, die sie mir selbst zu Ostern genäht hatte, zog mir den ›Kaftan‹ an und freute sich, daß er weit und bequem genug war. – Ich betastete mich, aber o weh! Welch ein Schreck und Unglück! Keine Spur von einem Schlitz und einer Tasche! Alles war ringsum fest zugenäht! »Was ist dort für eine Falte!« rief plötzlich die Mutter zu dem tauben Israel und drehte mich nach allen Seiten. Der taube Israel zog seine Tabakdose heraus, die wie ein Lutschpfropfen aussah, verbog den Daumen, schüttete ein Häufchen Tabak in die Höhle zwischen Daumen und Zeigefinger und schnupfte. »Was ist das für eine Falte?« wiederholte meine Mutter und drehte mich um. »Wo ist denn eine Falte?« erwiderte Israel und drehte mich wieder um. »Das ist ja zum Auslassen eingeschlagen! Ihr habt doch gebeten, ich soll etwas einschlagen ... Habt Ihr schon vergessen?« »Das ist aber ungeschickt!« sagte die Mutter und drehte mich um. »Abscheulich sieht das aus! Eine Schande, so wahr ich lebe!« Der Schneider achtete nicht darauf, er besah den Anzug von oben bis unten, in aller Ruhe, wie ein Professor, und sagte: »Er sitzt ausgezeichnet! Es kann gar nicht besser sein! Solche Arbeit bekommen Sie nicht in Paris gemacht! Das Kaftanchen ist herrlich anzusehen, so wahr ich ein Jude bin, prachtvoll!« »Bist du auch so entzückt?« fragte mich die Mutter und führte mich zum Vater. »Was sagst du zu diesem Prachtstück?« fragte sie wieder. Der Vater drehte mich nach allen Seiten um, betrachtete den Rock und fand, daß die Höschen zu lang waren. Der Schneider nahm wieder seine Tabakdose heraus und bot dem Vater eine Prise an. »Die Hosen sind wohl ein bißchen zu lang, Reb Israel,« sagte mein Vater. »Wie? Was? Zu lang, meint Ihr. Wißt Ihr nicht, was man tut, wenn sie zu lang sind? Man krempelt sie hoch.« »Da, habt Ihr vielleicht recht,« sagte, der Vater. »Was tut man aber, wenn sie zu breit sind und aussehen wie zwei Säcke?« »Zu breit schadet nie, ebenso wie eine Braut, niemals zu schön sein kann,« sagte Israel und schnupfte wieder Tabak. »Breit? sagt Ihr, zu schmal, ist tausendmal schlimmer, als zu breit.« »Während der ganzen Zeit, hörte ich nicht auf, mich zu betasten und den Schlitz und die Tasche zu suchen. »Was suchst du dort?« sagte die Mutter, »den gestrigen Tag?« ›Alter Lügner!‹ dachte ich und sah den Schneider mit. Räuberblicken an. ›Du tauber Schlemihl! Du Teufelssohn!‹ »Trag es gesund!« sagte der taube Israel zu mir und rechnete, aus, was er zu bekommen hatte. Der Vater nahm sein Buch wieder vor und studierte weiter. Er las, wie der Hausherr eine ›Mazze‹ beiseite legte und nach der Mahlzeit als Nachtisch unter die Tischgäste verteilte. Es war der Brauch des ›Afikaumon‹ ... »Trag's gesund!« sagte zu mir die Mutter, als der Schneider gegangen war; sie bewunderte meinen Anzug: und hörte nicht auf, sich daran, zu erfreuen. »Aber nimm dich in acht! Du darfst dich nicht mit den Straßenjungen herumbalgen! Dann wirst du die Sachen lange und hoffentlich in Gesundheit tragen.« »Da ist auch Reb Gedalje!« sagte die Mutter. »Unerwartet, wie der Messias! Sind die Stiefel für den Jungen fertig?« »Und wie!« erwiderte Gedalje tänzelnd und hielt die neuen, glänzenden Stiefel in zwei Fingern, wie soeben im Fluß gefangene, frische Fische, die an einer Stange zappelten. »Merkwürdige Sache,« fuhr er fort, »daß alle Leute ihre Schuhe zu Ostern haben wollen ... Ich habe gearbeitet, bis ich nicht weiter konnte, habe keine Nacht geschlafen; aber wenn ich mein Wort gebe, dann halte ich es auch, und wenn es donnern und blitzen sollte!« Die Mutter maß mir die Stiefel an, betastete und befühlte sie an allen Stellen und fragte, ob sie mich Gott behüte nicht drückten. »Drücken sollten sie?« sagte Gedalje, »ich glaube, daß zwei Paar solcher Füße, wie die Ihres Sohnes, darin noch Platz hätten!« »Also, tritt einmal auf!« sagte die Mutter. Ich trat fest auf, drückte mit den Sohlen auf und wollte hören, ob sie knarrten. Aber wo! Was? Kein Laut war zu hören! »Was drückst du denn so?« sagte die Mutter, »du hast noch Zeit! Das Jahr ist noch lang genug! Ich garantiere dir, bis zum nächsten Osterfest sind die Stiefel hin! Und jetzt geh mit dem Vater zu Jechiel, dem Kürschner, er soll dir eine Mütze für die Feiertage aussuchen! Aber gib acht auf die Stiefel, klopf nicht zu sehr mit den Absätzen, sie sind nicht von Eisen!« Der Kürschner wohnte im Nebenhause. Wir eilten über den Hof nach seinem Laden. Jechiel war von Natur ein blondhaariger Jude, da er aber mit schwarzen Mützen handelte, war sein Haar stets mit schwarzen Flocken überschüttet. Seine beiden Nasenlöcher waren schwarz, die Finger waren wie gefärbt. »Willkommen, Herr Nachbar! Meinen Gruß!« empfing uns der Kürschner sehr freundlich. »Für wen soll die Mütze zum Feiertag sein? Für Euch oder für den Jungen?« »Für meinen Sohn,« erwiderte mein Vater stolz. »Aber zeigt mir etwas Gates, Ihr wißt schon, etwas Solides.« »Ich weiß schon,« sagte Jechiel, indem er nach den Regalen sah. »Also zeigt her,« erwiderte der Vater, indem er auf seine Hände sah. »Es soll schön, sein, solide und billig sein, versteht Ihr?« »Ich habe gerade etwas da, was für Euch paßt,« antwortete Jechiel und holte mehrere Mützen vom Regal herunter. Jede Mütze, die er in die Hand nahm, drehte sich wie verzaubert zwischen seinen Fingern. Jeden Augenblick probierte er mir eine andere Mütze an, trat einen halben Meter zurück, sah mich an, lächelte und sagte zum Vater: »Solch ein gutes Jahr möchte ich haben, wie ihm die Mütze steht! Nun, wie gefällt Euch die Mütze? Eine schöne Mütze!« »Nein, Reb Jechiel, so etwas meine ich nicht«, sagte der Vater und machte eine Bewegung mit den Fingern. »Ich möchte eine Mütze, versteht Ihr, die jüdisch aussieht, aber doch modern ist, nicht herausgeputzt, solide, versteht Ihr?« »So etwas wollen Sie!« sagte der Kürschner und holte mit einer langen Stange vom obersten Regal eine runde Mütze von kariertem Stoff, mit weichem Schirm herunter. Er reichte sie dem Vater mit einem Finger; sie drehte sich, wie eine Mühle: Dann setzte er sie mir langsam auf den Hinterkopf, ganz vorsichtig, als wäre mein Kopf von Glas, und als fürchte er, ihn zu zerbrechen. Dabei wünschte er sich wieder ein gutes Jahr und so viel Glück, wie es wahr ist, daß diese Mütze mir paßt. Er hätte von dieser Sorte nur noch eine ... So wahr ihm nichts Schlimmes zustoßen möge! ... Der Vater feilschte lange mit ihm, Jechiel schwor, daß er nur uns zuliebe die Mütze so billig fortgebe, fast unter dem Preis! So wahr er sich fromme Ostern und alles Gute wünsche! Ich sah, daß die Mütze dem Vater gefiel, denn er kam immer wieder auf mich zu, sah sie mit Wohlgefallen an und streichelte meine Seitenlocken. »Wenn sie wenigstens den Sommer über halten würde!« sagte der Vater. »Zwei Sommer,« rief Jechiel, auf den Vater zueilend, »drei Sommer hält sie ... Solch ein Jahr wünsche ich mir, wie das eine seine Mütze ist! Soll er sie immer gesund tragen!« Als ich nach Hause kam, saß mir die Mütze auf den Ohren; ich fühlte, daß sie etwas zu groß war. »Was für ein Unglück! Wenn sie mir nicht zu eng ist!« sagte die Mutter und rückte mir die Mütze bis über die Nase. »Du darfst sie aber nicht jeden Augenblick herunternehmen und aufsetzen und nicht immer mit den Händen anfassen! Trag sie gesund!« * Gegen Abend ging ich mit dem Vater in die Synagoge, um zu beten. Dort traf, ich alle meine Kameraden: Itzig, Berl, Leibl, Eisik, Zodik, Welwel, Schmaje, Kopel, Meier, Chaim-Scholem, Schachne, Schepsel und noch viele andere. Alle trugen Feiertagskleider, alle hatten neue Röcke, neue Stiefel, neue Mützen, aber keiner hatte einen so langen Rock mit so dickem Umschlag wie ich, keiner hatte solche Riesenstiefel wie ich, und bei keinem sah ich ein Mütze, die so ausgefallen war, wie meine. Von dem Schlitz, den Taschen und dem Knarren rede ich schon gar nicht, man hat mich beschwindelt, hintergangen. Die Jungen lachten mich aus, als sie mich sahen. »Das sind deine Feiertagssachen, mit denen du so geprahlt hast?! Wo ist der Schlitz gellieben? Und wo die Taschen, von denen du gesprochen hast? Wieso hört man deine Stiefel nicht knarren? ...« Mir war auch so schon schwer zu Mute, nun schütteten sie noch Salz auf meine Wunden. Jeder gab mir einen besonderen Spottnamen^. Itzig rief: »Kapotte!« Berl: »Kaftan!« Leibl: »Lumpenrock!« Eisik: »Alter Lappen!« Zodik: »Alte Jacke!« Welwel: »Weiberrock!« Schmaje: »Krinoline!« Kopel: »Seht nur ein paar Hosen trägt er, mit Flicken!« Meier: »Und eine Mütz!« Chaim-Scholem: »Eine Mütz-Mütz!« Schachne: »Nudeltopf!« Schepsel: »Mülleimer!« Ich war so aufgeregt, daß ich überhaupt nicht zuhören konnte, wie der Kantor Hirsch-Beer vorbetete. Ich sammelte meine Gedanken erst wieder, als die Leute einander: »Gut Jonteff!« – Frohe Ostern! – wünschten. Schweren Herzens, beklommen ging ich mit dem Vater nach Hause. Ich schleppte mich nur so hin. Ein Feuer brannte mir im Herzen. Ich dachte nicht an die vier Becher, die wir trinken sollten, nicht an die vier Fragen, die ich an den Vater stellen sollte, nicht an die Gebete, die wir verrichten sollten, nicht an die seinen, gepfefferten Fische mit eingebrockter Mazze, die wir essen sollten, nicht an die heißen Knödel und all die andern guten Osterspeisen – alles war mir gleichgültig, widerwärtig, verstört! * Am ›Osterabend‹ saß der Vater – der König –, in einem weißen Kittel, ein Samtkäppchen auf dem Kopf, auf dem Ehrenplatz, der mit Kissen hoch ausgebettet war. Neben ihm saß die Mutter – ›die Königin‹ – in einem Moirée-antique-KIeid, mit einem seidenen Schal und einer Perlenkette, die sie prächtig schmückte. Ihnen gegenüber saß ich – der Prinz –, von Kopf bis zu den Füßen in neuen Sachen. Zu meiner rechten Seite saß Bela, das Dienstmädchen, in einem neuen Kattunkleid, mit einer weißen, gestärkten Schürze, die wie Mazze knisterte und raschelte. Zu meiner linken Seite saß Brajne, die Köchin, mit einem gelben Tuch um den Kopf; sie verdeckte das Gesicht mit einer Hand, wackelte und wartete auf den Beginn der ›Hagade‹, der Erzählung von dem Auszug aus Ägypten, die am Osterabend verlesen wurde. »So war das armselige Brot ...« las der König mit gehobener Stimme, während die Königin strahlenden Antlitzes die Schüssel mit den symbolischen Speisen emporhob. Bela versteckte ihre roten Hände unter die weiße Schürze, die wie Papier knisterte. Als Brajne die hebräischen Worte hörte, machte sie eine fromme Miene und verzerrte ihr Gesicht zum Weinen. Alle waren in froher Feiertagsstimmung, nur der Prinz war verstimmt. Sein Herz war wie versteinert seine Augen waren umflort. Wäre es nicht am Osterabend, so wäre er in Tränen ausgebrochen; nachdem er sich ausgeweint hätte, wäre ihm leichter ums Herz geworden ... »Einstweilen sind wir Knechte ...« schloß der König mit singender Stimme, großtuerisch ... »Jetzt sind wir Knechte, im nächsten Jahr sind wir freie Menschen.« Hierauf setzte sich der König nieder und lehnte sich in den ausgebetteten Sessel. Nach ihm ließen sich alle anderen auf ihren Plätzen nieder uno warteten auf die vier Fragen, die der Prinz stellen sollte, und auf die der König antworten sollte: »Knechte sind wir jetzt ...« Der Prinz saß aber auf seinem Stuhl wie angewachsen, unfähig, sich auch nur von der Stelle zu rühren. »Nun?« sagte, der König mit einer Handbewegung, »Steh auf!« sagte die Königin, »stell an den Vater die vier Fragen!« Aber, der Prinz rührte sich nicht; ihm war, als hätte ihm jemand die Kehle mit einer Zange zugeschnürt, sein Kopf neigte sich zur Seite, seine Augen traten hervor, als wollten sie ihm aus dem Gesicht springen, zwei Tränen rollten über seine Wangen, und fielen, auf das Buch. »Was ist dir?« fragte die Königin. »Was soll das Weinen mitten in der Feier!« schrie die Königin im nächsten Augenblick, wütend vor, Aufregung. »Ist das dein Dank für die neuen Sachen, die du zu den Feiertagen bekommen hast?« Der Prinz wollte aufhören zu weinen, aber er konnte nicht. Es drückte und würgte ihn, und plötzlich öffnete sich in ihm eine sprudelnde Quelle, ein unerschöpflichen Brunnen. »Sag, was ist dir denn? Tut dir etwas weh? Warum schweigst du? Antworte doch! Oder willst du, daß der Vater dich hinlegt und zu Ehren des Osterabends verprügelt? ...« Der Prinz stand auf und stammelte: »Frage, ich will vier Väter an dich richten! ... ich ... meine ... Vater, ich will an dich vier Fra... Fra... Fra...« Dem Prinzen zitterten die Füße, er sich mit dem Kopf auf das weiße Tischtuch und weinte und schluchzte wie ein kleines Kind. Die Osterfeier war ihm verstört! Das Tagebuch eines Knaben. Ich und das Kälbchen. Ich wette, daß sich niemand über die warmen, hellen Tage, die gleich nach Ostern eingetreten sind, so gefreut hat, wie ich, Mottel, der jüngere Sohn des Kantors Pesche, und des Nachbars Kälbchen ›Mich‹, wie ich es nannte. Wir fühlten gleichzeitig die ersten Sonnenstrahlen des ersten warmen Tages nach Ostern; wir witterten zusammen den Duft des ersten grünen Grases, das soeben aus der unlängst vom Schnee befreiten Erde hervorgebrochen war. Wir schlüpften auch zusammen aus unseren engen, finsteren Löchern. Ich, Mottel, kam aus der kalten, feuchten Stube, in der es ewig nach Sauerteig, Essig, Rauch, Spülicht und Arzneien roch; das Kälbchen entkam aus einem noch schlimmeren Gestank, einem finsteren, schmutzigen Stall mit schiefen, wurmstichigen Wänden, durch die im Winter der Schnee und im Sommer der Regen eindrang. Als wir endlich in die freie Welt Gottes gelangt waren, gaben wir beide unsere große Freude kund. Ich breitete: die Arme aus, öffnete den Mund und atmete die frische, warme Luft ein; es schien mir, als zöge mich etwas in die Höhe, zu der tiefen, blauen Kappe, mit den weißen, dahineilenden Wolken und den winzigen Vögelchen, die auftauchen und wieder entschwinden. Aus meiner übervollen Brust drang unbewußt ein Lied, ein Lied ohne Worte, ohne Noten, ja, ohne Melodie; doch es klang fröhlicher als jenes, das mein Vater, der Kantor, am Feiertag in der Synagoge zu singen pflegte. Des Nachbars Kälbchen ›Mich‹ äußerte seine Freude in etwas anderer Weise. Vor allem versenkte es seine schwarze, nasse Schnauze in den Müllhaufen, scharrte zwei-, dreimal mit den Vorderfüßchen die Erde fort, hob den Schwanz in die Höhe, sprang auf allen vier Füßen hoch und stieß ein dumpfes »Mäh« aus. Dieser Laut belustigte mich so, daß ich ihn nachzuahmen versuchte. Da kam das Kälbchen auf mich zu, beschnüffelte mich, streckte den Hals vor, blickte mich mit seinen klugen, runden Augen an und machte »mmm«, »mmm«, als freue es sich darüber, daß ich seine Sprache nachahme. Es begann zu springen, ich ebenfalls. Es tanzte, – ich tanzte auch. Ich wiederholte jede Bewegung des Tierchens, jede Miene, das Kopfwackeln und das »mmm«, »mmm« ... Wer weiß, wie lange dieses Spiel angehalten hätte, wenn mich nicht plötzlich hinten etwas am Halse gepackt hätte; – es war die Faust meines älteren Bruders Elia. »Verderben sollst du! Ein siebenjähriger Bursche soll mit einem Kälbchen spielen! Sofort gehst du nach Hause, nichtsnutziger Bengel! Warte nur, der Vater wird's dir schon beibringen!« * Unsinn! Der Vater wird mir nichts beibringen, es wird mir nichts geschehen, der Vater war nämlich krank. Seit dem Laubhüttenfest betete er nicht mehr in der Synagoge vor; er hustete stundenlang. Ein schwarzer, dicker Doktor mit schwarzem Schnurrbart und lachenden Augen kam zu uns ins Haus. Ein lustiger Mann. Mich nannte er ›Knirps‹ und klatschte mich auf den Bauch. Er warnte die Mutter immer, mich mit Kartoffeln zu nähren und riet, dem Kranken nichts anderes als Bouillon und Milch, Milch und Bouillon zu geben ... Die Mutter hörte aufmerksam zu, aber wenn er fort war, verbarg sie ihr Gesicht in der Schürze, und ihre Schultern und ihr Rücken zuckten heftig. Dann wischte sie sich die Augen, rief Bruder Elia zur Seite, und sie flüsterten geschäftig zusammen. Ich verstand ihre Unterhaltung nicht, aber es schien mir, als ob sie stritten. Die Mutter wollte ihn überreden, irgendwo hinzugehen, doch er wollte nicht gehen und sagte: »Ehe ich mich an diese Leute wende, wollen wir lieber ins Grab! So wahr ich mich von dieser Stelle nicht fortrühren soll!« »Beiß dich in die Zunge, Verrückter! Was redest du denn!« entgegnete ihm die Mutter, preßte die Zähne zusammen und fuchtelte mit den Händen, als wollte sie ihn in Stücke reißen; aber im nächsten Augenblick wurde sie wieder weich und sagte: »Was soll ich denn tun, lieber Junge, der Vater tut mir leid. Man muß ihn doch irgendwie retten.« »Wir werden etwas verkaufen müssen!« sagte Elia mit einem Blick auf den Spiegelschrank. Auch die Mutter betrachtete den Schrank, wischte sich die Augen und sagte: »Was soll man denn verkaufen? Die eigene Seele? Es bleibt, nichts mehr zum Verkaufen. Diesen leeren Schrank etwa?« »Warum denn nicht?« »Spitzbube!« schrie die Mutter. »Wem bist du eigentlich nachgeraten?« Die Mutter geriet auf Neue in Wut, weinte, schrie, wischte sich die Augen und beruhigte sich wieder. Das wiederholte sich jedesmal, wenn etwas verkauft werden sollte. Denn alle Sachen, die einst in der Stube standen, sind verkauft worden, um den Vater zu retten. So war's mit den Büchern, mit der Silberborte auf dem Betschal, mit zwei vergoldeten Bechern, drei silbernen Tabletts, einem halben Dutzend silberner Löffel, mit dem Seidenkleid der Mutter und sämtlichen Möbelstücken, die sich früher im Zimmer befunden haben. Die Bücher kaufte der Bücherhändler Michael, ein Jude mit einem spärlichen Bart, an dem er unaufhörlich zupfte. Elia hatte Michael dreimal aufgesucht, bevor er uns mit seinem Besuch beehrte. Die Mutter deutete ihm mit dem Finger, er solle leise sprechen, damit der Vater es nicht höre. Michael verstand sofort, riß den Kopf in die Höhe, zum Regal, streichelte seinen Bart und sagte: »Nun, also zeigt, was Ihr habt!« Die Mutter winkte mir, daß ich auf den Tisch steige und die Bücher herunterreiche. Ich stürzte so stürmisch herbei, daß ich stolperte und fiel und mich tüchtig zerschlug. Bruder Elia fügte noch ein paar Schläge hinzu, damit ich ein anderes Mal keine Purzelbäume schieße. Dann stieg Elia allein auf den Tisch und reichte die Bücher herunter. Michael blätterte mit der einen Hand in den Büchern, mit der anderen zupfte er seinen Bart und machte dabei seine Bemerkungen. Er hatte an jedem Buch etwas auszusetzen: dieses hatte einen schlechten Einband, das zweite hatten die Mäuse zernagt, ein drittes hatten die Motten zerfressen, ein viertes taugte überhaupt nichts. Nachdem er alle Bücher und sämtliche Einbände gemustert hatte, sagte Michael: »Wenn Ihr die Gesamtausgabe von ›Mischnajos‹ hättet, – die würde ich sicher kaufen!« Die Mutter wurde blaß, aber Bruder Elia fuhr mit feuerrotem Gesicht den Buchhändler an: »Warum haben Sie nicht gleich gesagt, daß Sie nur ›Mischnajos‹ kaufen? Warum haben Sie uns die ganze Zeit an der Nase herumgeführt und uns den Kopf verdreht?« »Still!« sagte die Mutter. Aus dem Nebenzimmer ließ sich eine heisere Stimme vernehmen: »Wer ist dort?« »Niemand!« erwiderte die Mutter, schickte den Bruder zum Vater und begann mit Michael zu feilschen. Sie hat ihm die Bücher sicher billig verkauft. Als Bruder Elia hereinkam und fragte: »Wieviel?«, antwortete die Mutter: »Das geht dich nichts an.« Michael aber packte die Bücher – es waren fast lauter Gebetbücher – eilig zusammen, schob sie in seinen Sack und ging davon. * Am drolligsten ging es beim Verkauf des Glasschranks zu. Es wollte mir nicht in den Sinn, daß er fortkommen könnte. Ich glaubte immer, der Schrank wäre an die Wand angewachsen. Außerdem würde die Mutter keinen Raum mehr haben, in dem sie das Brot, den Sabbatstriezel, die Teller, die Zinnlöffel und Gabeln (zwei silberne Löffel und Gabeln, die wir hatten, waren schon verkauft) verschließen könnte. ›Wo würde sie Ostern die Mazze halten?‹ fragte ich mich, als der Tischler Nachman kam und unseren Schrank mit dem großen, roten Daumennagel seiner schmutzigen Hand maß. Der Tischler behauptete, daß der Schrank nicht durch die Tür durchginge und zeigte zum Beweis die Breite des Schrankes und der Tür. »Wie ist er denn hereingekommen?« fragte Elia. »Frag ihn doch!« erwiderte Nachman ärgerlich, »wie soll ich das wissen? Man hat ihn hereingetragen, da ist er eben hereingegangen, Schlaukopf,« erwiderte der Tischler gereizt. Ein Wort ergab das andere, man fing an zu zanken, es fehlte, nicht viel, daß man sich ohrfeigte. Wenn mein Bruder Elia zornig wurde, konnte man vor ihm Angst bekommen. Er drohte dem Gegner immer mit Ohrfeigen, aber schließlich endete es so, daß er geohrfeigt wurde. Obgleich er seinen Jahren nach ein erwachsener Mensch war und sogar schon einen Anflug von Schnurrbart hatte, war er schmächtig und klein. Alle Leute nannten ihn ›der Kleine‹. Unsere Schachne Pesche pflegte von ihm zu sagen, er sei nur um einige Köpfe größer als ein Hund sozusagen. Aber halt! Ihr kennt unsere Schachne Pesche noch nicht und ihren Mann kennt ihr auch nicht. Er ist Buchbinder, schielt mit dem linken Auge, heißt Mojsche und ist ein furchtbar böser Mensch. Wenn er mit seiner Arbeit beschäftigt ist, läßt er keinen herein. Aber zum Glück hat er nicht immer zu tun, er geht sogar meistens unbeschäftigt herum. Er teilt mit uns die Wohnung. Die eine Hälfte gehört ihm, die andere uns. Ich weiß nicht, wie die Einteilung ist, aber ich weiß, daß wir ihm die Hälfte unserer Wohnung für dreiunddreißig Rubel abgetreten und für dieses Geld eine Kuh für den Vater gekauft haben. Das hatte uns der schwarze Doktor geraten ... Diese Kuh ist die Mutter des Kälbchens, von dem ich euch erzähle. Ich habe das Kälbchen also dem Doktor zu verdanken, aber den Doktor selbst habe ich nicht gern. Die Mutter hat ihn auch nicht gern. Wieso ich das weiß? Aus einem Gespräch, das ich belauscht habe. Ich will euch das Gespräch zwischen meiner Mutter und Bruder Elia Wort für Wort wiedererzählen. Die Mutter: »Auch ein Doktor!« – Elia: »Was hast du denn gegen den Doktor? Ist er etwa ein schlechter Doktor?« Die Mutter: »Sag ich denn, er ist ein schlechter Doktor? Ich sage nur, er ist ein sonderbarer Doktor.« Elia: »Wieso denn?« Die Mutter: »Wenn sonst ein Doktor zu einem Kranken kommt, verschreibt er ihm Medizin, Pillen oder ein Pulver. Der verordnet immer nur Milch und Bouillon. Wie oft habe ich ihn gebeten, er möge eine Medizin verschreiben. Aber, er tut's nicht. Ist das ein Doktor?« Elia: »Warum läßt du ihn denn kommen?« Die Mutter: »Wen soll ich denn sonst kommen lassen?« Elia: »Gibt's nicht genug Doktoren?« Die Mutter: »Die anderen nehmen bezahlt, dieser kommt umsonst.« Elia: »Was willst du also noch mehr?« Die Mutter: »Was ich will? Den Vater will ich retten.« Elia: »Warum rettest du ihn nicht?« Die Mutter: »Womit? Mit den zehn Fingern? Oder mit den leeren Wänden?« Nun will ich wieder auf den Glasschrank zurückkommen. Nachdem mein Bruder Elia sich mit dem Tischler verzankt hatte, und dieser böse nach Hause gegangen war, begann die Mutter zu weinen, ganz leise, damit der Vater es nicht höre. »Du hast kein Mitleid mit dem Vater,« sagte sie zu Bruder Elia, »du vertreibst die Käufer.« Mein Bruder Elia verzerrte das Gesicht, daß man nicht wissen konnte, ob er weinte oder lachte, und sprach: »Käufer? Solche Käufer sollen dicht gesät werden und spärlich aufsprießen!« Trotzdem ging er auf das Drängen der Mutter zum Tischler Nachman, der bald darauf mit seinen beiden Söhnen, ebenfalls Tischlern, ankam. Nachman ergriff den Schrank mit festen Händen am oberen Teil, die beiden Söhne stützten ihn zu beiden Seiten, während er kommandierte: »Koppel zur Seite!« »Mendel nach rechts!« »Koppel, nicht eilen!« »Mendel, festhalten! Aufgepaßt, blöde Burschen!« Die Mutter und Elia standen regungslos und starrten auf die nackte Wand, die mit Spinngewebe bedeckt war. Sie weinten. Was haben sie nur? Sie können nichts als weinen. Da plötzlich gab's einen Krach! Die Scheibe war zerbrochen, der Tischler und seine Söhne begannen zu schimpfen und die Schuld aufeinander abzuwälzen. Der Vater hörte das Krachen und fragte mit seiner heiseren Stimme vom Krankenbett: »Was ist dort geschehen?« »Es ist nichts, es ist nichts!« antwortete die Mutter und machte die Tür zu. Wir aber hörten, wie der Tischler mit seinen Söhnen schimpfte: »Rührt Euch doch, verfluchte Kerls! Ihr kriecht ja, als hättet ihr bleierne Füße. Die reinen Bären! Der Teufel soll euch holen! Das Genick sollt ihr brechen!« Die Mutter blieb in der leeren Stube zurück und wischte sich die Augen. Die Stube sah ohne Schrank wirklich aus wie ein Mensch, den man ganz nackt ausgezogen hatte. Eine Spinne lief über die befleckte Wand, so schnell sie konnte, um die Flucht zu ergreifen. Fort war sie! Meine Mutter und Bruder Elia standen noch immer da und weinten. Komisch! Bei der geringsten Veranlassung weinen sie! Ich sehe es nicht gern, wenn man weint. Ich laufe lieber zu meinem Kälbchen und spiele mit ihm. * »Was soll man weiter tun?« fragte eines Morgens meine Mutter den Bruder Elia, indem sie stirnrunzelnd die nackten Wände betrachtete. Wir folgten beide ihren Blicken. Elia sah mich voll Mitleid an. »Geh einen Augenblick hinaus. Ich muß mit Mama etwas besprechen.« Mit einem Satz war ich auf der Straße bei dem Kälbchen des Nachbarn. In der letzten Zeit war das Kälbchen auffallend gewachsen und schöner geworden; sein schwarzes Schnäuzchen war lieblicher anzusehen; seine klugen, runden Augen schauten so vernünftig drein und warteten, ob man ihm nicht etwas zu essen geben würde; ›Mich‹ liebte es, wenn man es mit zwei Fingern unter dem Hals kraulte. »Mottl! Gibst du dich schon wieder mit dem Kälbchen ab? Kannst du nicht einen Augenblick ohne deinen besten Freund leben?« rief Elia, aber er schalt mich nicht, sondern er nahm mich bei der Hand und führte mich zu dem Kantor Reb Hirsch-Beer. – »Bei Hirsch-Beer«, sagte Bruder Elia, »wirst du es sehr gut haben, du wirst gut zu essen bekommen ... Bei uns zu Hause ist es schlimm. Der Vater liegt krank, man muß ihn retten und alles tun, was möglich ist ...« Bei diesen Worten knöpfte Elia seinen Rock auf und zeigte auf die Weste. »Sieh her, ich hatte eine Uhr, ein Geschenk meines Schwiegervaters (Elia war verlobt), ich habe sie verkauft! Wenn mein Schwiegervater das erfährt, stellt er die ganze Welt auf den Kopf!« Ich dankte Gott, daß der Schwiegervater es bis jetzt noch nicht erfahren und die ganze Welt nicht auf den Kopf gestellt hat! Was wäre dann mit dem Kälbchen, dem armen Tier, geschehen! Der Plan gefiel mir! Ich würde in der Lehre sein und gut zu essen bekommen. In letzter Zeit aßen wir zu Hause so gut wie gar nichts. Wenn es etwas gab, wurde es dem kranken Vater vorgesetzt, um ihn zu retten. Nur das Kälbchen tut mir leid, ich werde mich nach ihm sehnen. »Wir sind angelangt,« sagte Elia, der jeden Augenblick weicher und gütiger gegen mich wurde. * Der Kantor Hirsch-Beer liebte den Gesang. Er selbst konnte nicht singen, er konnte überhaupt keinen Ton hervorbringen – wie mein Vater behauptete –, aber er verstand sich auf das Singen. Er hatte einen Sängerchor von fünfzehn Knaben, mit denen er sehr streng umging. Als Hirsch-Beer meine Stimme hörte, streichelte er mir die Wange und erklärte mir, ich hätte eine Sopranstimme. »Eine Prachtstimme,« meinte mein Bruder. Dann feilschte er lange mit Hirsch-Beer, bekam eine Anzahlung und sagte mir im Fortgehen, ich würde nun hier bleiben, riet mir, Hirsch-Beer zu gehorchen und mich nicht zu sehr zu bangen. Das sagt sich leicht: »Laß es dir nicht bange werden ...« Aber ist es möglich, sich nicht zu bangen? Draußen ist Sommer, die Sonne brennt, der Himmel ist rein wie Kristall, der Schmutz ist längst getrocknet, vor unserem Hause liegen die Klötze des Millionärs Reb Jossi ... Dieser Reb Jossi beabsichtigt nämlich, sich ein Haus zu bauen und ließ das Holz dazu vor unserem Hause niederlegen. Meine Mutter war darüber entrüstet. »Einem armen, kranken Mann«, sagte sie, »soll man auf den Kopf kriechen,« da muß man ohne Gottesfurcht sein!« Mein Bruder Elia will ihn ohrfeigen. Ausgerechnet Reb Jossi, den reichen Reb Jossi will er ohrfeigen! Vorläufig bleibt es aber bei der Drohung, und das Holz liegt unberührt vor unserem Hause. Mir ist es sehr recht, dem Kälbchen ebenfalls. Ich wünsche dem Millionär Reb Jossi ein langes, gesundes Leben! Ich kann mir aus den Klötzen eine Festung bauen. Zwischen den Klötzen wachsen Brennesseln, Disteln und Schneebeeren. Die weißen Schneebeeren pustet man auf, legt sie an die Stirn und knallt sie auf. Das Kälbchen frißt sie. Das Kälbchen frißt alles, selbst »Schaufäden«. Eines Tages saß ich in Gedanken versunken zwischen den Klötzen und blickte in die blaue Himmelskappe hinein. Plötzlich fühlte ich, wie jemand an den Schaufäden zog. Wer kann das sein? Ich strecke den Kopf vor und sehe, mein Kälbchen kaut mit Wohlgefallen an meinen Schaufäden und verschluckt sich dabei. Ein Glück, daß auf mein Geschrei mein Bruder Elia herbeikam. Er zog die Schaufäden aus dem Maul des Kälbchens heraus, mir aber versetzte er eine Tracht Prügel, an die ich noch lange denken werde. Glaubt Ihr etwa, daß mein Bruder Elia schlecht ist? Bewahre, er ist nicht schlecht, nur jähzornig! Aber befreundet war ich nur mit dem Kälbchen! Wie sollte ich mich nicht nach ihm sehnen? * Ich bin nun beinahe drei Wochen in der Lehre bei Hirsch-Beer und brauchte noch gar nicht zu singen. Ich habe eine andere Beschäftigung: ich muß das Spülwasser ausgießen, Wasser holen, Plätteisen wärmen ... Hirsch-Beer ist nämlich Damenschneider. Er trägt langes Haar, das immer voll von weißen Fäden oder Watte ist. Eine Hand hat er ... verdorren soll sie ihm! Und Finger wie Stecknadeln! Wenn er einen beim Ohr packt, dann fühlt man's! Es prickelt wie bei Frost! Seine Frau heißt Minze, sie ist pockennarbig und hat das ganze Gesicht mit Sommersprossen bedeckt. Sie ist nicht böse, sie prügelt nicht, aber sie schimpft unausgesetzt und gebraucht die allerschlimmsten Fluchworte ... Wenn man sich zum Essen niedersetzt, guckt sie einem in den Mund und zählt jeden Bissen nach. Kinder haben sie nicht, nur einen kleinen Unglückswurm, eine Dobcia. Wie alt sie ist, weiß ich nicht. Dobcia ist ein Krüppel, ein ganz merkwürdiger Krüppel. Und schwer ist sie ... schwerer als ich ... Ich schleppe mich krank an ihr. Sie kann überhaupt nicht gehen, denn sie hat ganz wunderlich verbogene Füße. Man muß sie immer tragen. Vom ersten Tage an übergab man mir Dobcia: Da, schlepp sie! ... Dobcia hat mich furchtbar gern. Sie umfaßt mich mit ihren krummen, dünnen, kalten Ärmchen und will gar nicht von meinem Arm herunter. »Kika-ki, kika-pi!« – das ist ihre Sprache. Wißt ihr, was das zu bedeuten hat? ... Wenn ihr achtzehn Köpfe hättet, würdet ihr es auch nicht erraten! ... Glaubt ihr, sie schläft in der Nacht? Kein Gedanke! Sie reißt mir die Augen auf, kriecht mir an den Hals ... »Kika-ki! Kika-pi!« ... Was meint ihr zu solcher Mißgeburt?! Ich soll sie schaukeln ... bedeutet das. Dobcia hat mich furchtbar gern: Wenn ich esse, reißt sie mir alles aus den Händen: »Kiko-pi! – Gib her!« ... Ich sehne mich nach Hause ... Das Essen ist hier auch nicht besonders ... Morgen ist Feiertag ... Pfingsten. Die Frösche quaken: quak, quak, quak ... Sie rufen mich nach Hause, zu den Holzklötzen, zu den Disteln, zu dem Kälbchen, dem lieben Kälbchen! Das gute Tierchen hat mich auch nicht vergessen. Es ist zu Besuch zu mir gekommen und schaut mich mit seinen guten Augen an und sagt: »Komm mit!« Wir gehen zum Flüßchen hinauf. Ich wickle die Höschen hoch und hopp! ... ins Wasser hinein! Ich bin schon im Fluß, ich schwimme ... das Kälbchen hinter mir her ... An jenem Ufer ist ein ganz anderes Leben: Da gibt's weder einen Kantor, noch eine Dobcia, noch einen kranken Vater ... Ich erwache – es war nur ein Traum! ... Soll ich davonlaufen? Wohin? ... Nach Hause selbstverständlich! ... Aber Hirsch-Beer ist früher erwacht als ich. Er hält die Stimmgabel, legt sie ans Ohr, prüft sie mit den Zähnen ... Dann befiehlt er mir, mich schnell anzukleiden und mit ihm in die Synagoge zu gehen. Wir sollen heute während des Gebets den »einstudierten« Gesang vortragen. In der Synagoge sehe ich den Bruder Elia. Warum ist er hier? Er betet doch sonst bei den Fleischern, wo der Vater Kantor ist. Bruder Elia flüsterte lange mit Hirsch-Beer. Hirsch-Beer machte ein verdrießliches Gesicht. Schließlich sagte er zu meinem Bruder: »Also gut! Gleich nach Tisch! »Du kommst mit mir! Du sollst den Vater wiedersehen,« sagte Elia zu mir, und wir gingen nach Hause. Elia ging mit gemessenen Schatten, ich aber sprang, rannte, flog! »Warte doch, warum eilst du so?« sagte Elia und faßte mich bei der Hand. Er wollte mir offenbar etwas sagen. »Weißt du, der Vater ist krank, sehr krank ... Gott weiß, wie das noch endet ... er muß gerettet werden, wir sind aber arm ... niemand will uns helfen ... ins Krankenhaus will ihn die Mutter auf keinen Fall geben ... lieber würde sie sterben, – sagt sie, als ihn ins Krankenhaus schicken ... Da kommt die Mama! ...« Mit ausgestreckten Händen kam sie uns entgegen. Sie umarmte mich stürmisch, ich fühlte fremde Tränen auf meiner Wange. Mein Bruder Elia ging zu dem Kranken hinein, ich blieb mit der Mutter auf der Straße. Im Nu bildete sich ein Kreis um uns: Unsere Nachbarin Pesche, ihre Tochter Mendel, ihre Schwägerin Perle und noch zwei andere Frauen. »Ihr habt einen Gast zu den Feiertagen! Wir gratulieren!« Die Mutter ließ ihre geschwollenen Augen sinken. »Ein Gast, was für ein Gast ... mein armer Junge ist gekommen, den kranken Vater zu besuchen. Er ist doch noch ein Kind ...« erwiderte die Mutter den versammelten Frauen. Dann wandte sie sich zu unserer Nachbarin Pesche und flüsterte mit ihr: »Ist das eine Stadt! Wenn wenigstens ein Mensch daran gedacht hätte, nach ihm zu sehen ... dreiundzwanzig Jahre hat er vorgebetet ... seine Gesundheit hat er geopfert ... Ich könnte ihn vielleicht retten, aber womit? ... Ich habe alles verkauft, das letzte Federbett ... den Jungen habe ich zum Kantor gegeben. Alles um seinetwillen, alles dem Kranken zuliebe ...« Pesche nickte mitleidsvoll mit dem Kopf, ich drehte mich hin und her. »Wen suchst du denn?« »Wen kann der Taugenichts suchen? Wahrscheinlich das Kälbchen,« erwiderte statt meiner die Nachbarin Pesche und wandte sich dann freundschaftlich zu mir: »Ach, lieber Junge, das Kälbchen ist nicht mehr da! Man mußte es dem Fleischer verkaufen; es ist schwer genug, ein Vieh durchzufüttern. Wo soll man es für zwei hernehmen?« Das Kälbchen ist bei ihr also auch ein ›Vieh‹? Eine sonderbare Frau, diese Pesche, überall steckt sie ihre Nase hinein; sie muß wissen, ob wir heute milchiges Mittagbrot haben. »Wozu wollt Ihr das wissen?« fragte die Mutter. »Nur so,« erwiderte Pesche und hielt ihr unter dem Tuch hervor einen Topf Milch hin. Die Mutter wehrte mit beiden Händen ab. »Erbarmt Euch, Pesche! Was tut Ihr? Sind wir denn Bettler? Kennt Ihr uns denn nicht?« »Eben weil ich euch kenne, darf ich es tun,« rechtfertigte sich Pesche. »Unsere liebe Kuh hat sich in letzter Zeit unberufen erholt, wir haben Gott sei Dank Quark und Butter. Ich borge euch etwas, so Gott will, werdet ihr es mir abgeben ...« Pesche sprach noch lange mit Mama, mich zog's zu den Holzklötzen vors Haus, zum Kälbchen ... Ich hätte weinen mögen, aber ich schämte mich ... »Wenn der Vater dich noch etwas fragen sollte,« sagte die Mutter zu mir in abgerissenen Worten, so sage nur: Gelobt sei Gott ... Hörst du? Nichts weiter, nur gelobt sei Gott! Und mein Bruder Elia fügte noch hinzu: »Beklage dich über nichts, erzähle keine Geschichten, sag nur: Gelobt sei Gott! ... Hast du verstanden?« Elia führte mich zu dem Kranken hinein. Der Tisch war mit Gläsern, Büchsen, Schropfköpfen vollgestellt, es roch nach Apotheke, – das Fenster war verschlossen. Zu Ehren von Pfingsten hatten sie das Zimmer mit Grün geschmückt, am Kopfende des Bettes hatten sie ›Davids Schild‹ aus Blumen aufgehängt, auf dem Fußboden lagen duftende Gräser umher. Bruder Elia hatte dafür gesorgt. Als der Vater mich erblickte, winkte er mich mit seinem langen, dünnen Finger herbei. Elia stieß mich sanft, ich ging ans Bett heran. Ich habe den Vater kaum erkannt. Sein Gesicht war fahl, sein weißes Haar glänzte und hing strähnenweise herunter, wie falsche Locken; die schwarzen Augen saßen tief, wie eingesetzte, fremde Augen; die Zähne sahen aus wie künstlich; der Hals war so dünn, daß der Kopf ohne Stütze zu sein schien. Ein Glück, daß er nicht aufrecht sitzen konnte ... Er bewegte die Lippen ganz seltsam, als ob er schwimmen würde: mffu! ... Der Vater legte seine heiße Hand mit den knöchernen Fingern an mein Gesicht und verzog den Mund zum Lächeln wie ein Toter. Die Mutter trat ein und nach ihr der Arzt, der lustige, schwarze Doktor mit den, langen Schnurrbart. Er begrüßte mich wie einen alten Freund, gab mir einen Nasenstüber auf den Bauch und sagte lustig zu meinem Vater: »Sie haben einen Gast zum Feiertag. Ich gratuliere.« »Ich danke,« antwortete die Mutter und blinzelte dem Arzt zu, er möchte den Kranken so schnell wie möglich untersuchen und ihm etwas verschreiben. Der schwarze Doktor öffnete geräuschvoll das Fenster und schalt den Bruder, daß er es verschlossen hielt. »Ich habe Ihnen tausendmal gesagt, daß das Fenster offen bleiben soll.« Elia zeigte auf die Mutter, – sie sei daran schuld, sie lasse das Fenster nicht öffnen, weil sie Angst hat, der Kranke könne sich erkälten. Der schwarze Doktor nahm die Uhr heraus, eine große, goldene Uhr. Elia starrte sie an, so daß der Doktor fragte: »Wollen Sie wissen, wie spät es ist? – Vier Minuten vor elf ... Wie spät ist es bei Ihnen?« »Meine Uhr steht,« erwiderte der Bruder und errötete von der Nasenspitze bis zum Nacken. Die Mutter wurde immer unruhiger, sie wünschte, daß der Doktor den Kranken untersuche und ihm eine Medizin verschreibe. Aber der Doktor hatte keine Eile. Er fragte die Mutter nach allen möglichen anderen Dingen aus: Wann der Bruder Hochzeit machte? Was Hirsch-Beer von meiner Stimme hielt? ... Er muß eine angenehme Stimme haben,« sagte der Doktor, die Stimme vererbt sich gewöhnlich.« ... Die Mutter wurde immer ungeduldiger. Endlich schob der Doktor die Bank zum Bett des Kranken und ergriff seine trockene, heiße Hand. »Nun, Kantor, wie geht's denn heute, am Feiertag?« »Gott sei Dank!« antwortete der Vater mit dem Lächeln eines Toten. »Nun, haben Sie weniger gehustet, gut geschlafen? ...« erkundigte sich der Arzt und trat näher ans Bett heran. »Nein,« erwiderte der Vater, kaum atmend, »im Gegenteil, ich habe nicht aufgehört zu husten und schlafen konnte ich auch nicht ... aber ... Gott sei Dank ... es ist Feiertag ... hoher Festtag ... Gesetzesfreude ... und einen Gast ... haben wir auch ... zum Feiertag ...« Alle Augen waren auf den ›Gast‹ gewandt, ich aber senkte die Augen zu Boden, während meine Gedanken hinausschweiften, zu den Holzklötzen, dem Stall, dem Kälbchen, das ein ›Vieh‹ geworden war, nach dem Flüßchen, das im Tale rauschte und zu der blauen Kappe, die man Himmel nennt. »Was suchst du denn?« fragte irgendeiner. »Das Kälbchen ...« »Das Kälbchen? Ach, mein Kind, das ist längst verkauft ... Dem Schlächter haben wir es verkauft, um den Vater zu retten.« Ich sah in Gedanken das unschuldige Kälbchen, leider schon geschlachtet, wie es mich mit seinen weit aufgerissenen Augen liebevoll, um Mitleid flehend, anblickte. Alles tanzte vor meinen Augen, Tränen preßten mir die Kehle zusammen. »Das arme Kind, das Herz tut ihm weh um den Vater,« sagte unsere Nachbarin Pesche zur Mutter. »Weine nicht, mein Söhnchen, Gott ist ein großer Vater. Wenn er nur will, kann der Vater noch gesund werden,« beruhigte mich die Mutter und weinte selber. Mir ist sehr wohl: Ich bin Waise. Soweit ich zurückdenken kann, wurde ich nie so beachtet wie jetzt, seit dem Tode meines Vaters. Er ist am ersten Pfingstfeiertag gestorben, – ich wurde Waise. Gleich nach den Feiertagen begannen wir – ich und mein Bruder – das Totengebet: ›Kadisch‹ – zu sagen. Izchok lehrte mich dieses Gebet. Er schlug das Gebetbuch auf, setzte sich neben mich und begann zu lesen: »Isgadal wiskadasch schme raba ...« Izchok ist ein guter Bruder, aber ein schlechter Lehrer; er wird oft zornig und schlägt mich; er möchte, daß ich die langen, unverständlichen, aramäischen Worte nach dem ersten Mal behalte. Izchok wiederholt das Gebet zwei-, dreimal und läßt mich dann allein lesen ... Ich lese, aber es will nicht recht gehen; bei den Worten: »wiz' mach purkone« mache ich halt. Mein Bruder stößt mich mit dem Ellenbogen und sagt, meine Gedanken seien scheinbar mit anderen Dingen beschäftigt, vielleicht mit dem Kälbchen? ... Wieso er das nur wissen, mag? Als wäre er mir ins Gehirn hineingekrochen! ... Izchok wiederholt fleißig das Gebet; ich stammele die Worte: »Lejlo ulelo min kol birchoso wchiroso tusch bechoso,« weiter komme ich nicht von der Stelle. Mein Bruder zieht mich am Ohr und schreit: »Ach, wenn der Vater aufstehen und sehen würde, was für einen Jungen er hat ...« »... Dann brauchte ich nicht ›Kadisch‹ zu sagen,« schließe ich und bekomme mit der linken Hand einen Schlag auf die rechte Wange. Als die Mutter das hörte, schalt sie meinen Bruder, Elia, er möge mich nicht schlagen, denn ich sei – ein Waisenknabe. »Erbarme dich! Was tust du? Wen schlägst du?« schrie meine Mutter, »du hast wohl vergessen, daß das Kind – eine Waise ist?!« Ich schlafe jetzt mit Mama in Papas Bett; das ist das einzige Möbelstück, das zurückgeblieben ist; Mama überläßt mir fast die ganze Decke. »Deck dich zu, schlaf ein, mein teurer Waisenjunge, zu essen gibt's nichts ...« Ich decke mich zu, aber ich schlafe nicht; ich wiederhole die Worte des ›Kaddisch‹. Die Schule besuche ich nicht, ich lerne nicht, bete nicht, singe nicht beim Kantor, ich bin ganz frei von allem. Mir ist wohl: Ich bin Waise. * Ich bin sehr vergnügt, ich kann den ›Kaddisch‹ schon auswendig. Im Tempel stehe ich auf der Bank und schnurre das Gehet herunter. Ich habe vom Vater eine tönende Stimme geerbt, einen echten Sopran. Knaben stehen um mich herum, Frauen weinen. Fremde schenken mir Kopeken. Der Sohn des reichen Jossele, der einäugige Henoch, ein furchtbar neidischer Junge, steckt mir die Zunge aus, wenn die Zeit zum Kaddischsagen naht; er macht alles mögliche, um mich zum Lachen zu bringen; ihm zum Trotz lache ich aber nicht. Der Tempeldiener Aron bemerkt Henochs Treiben, er packt ihn beim Ohr und führt ihn zur Tür hinaus. Das ist ihm ganz recht! Da ich des Morgens und des Abends den Tempel besuchen muß, gehe ich nicht mehr zu Hirsch-Beer und warte die kleine Dobzia nicht mehr. Ich verbringe die ganzen Tage am Fluß, angle Fische oder bade. Das Fischeangeln habe ich allein gelernt; ich kann es euch auch beibringen, wenn ihr wollt: man zieht das Hemd ab, macht einen Knoten in den Ärmel und geht langsam, das Hemd in der Hand, ins Wasser hinein, bis der Kopf nur noch heraussteckt; wenn man fühlt, daß das Hemd schwer ist, geht man rasch ans Ufer, schüttelt aus dem Ärmel das Gras und den Schlamm heraus und besieht sich den Fang. Am Tang haben sich oft Frösche verwickelt, die wirft man hinaus, denn man soll ein Tier nicht unnütz quälen! In dem dichten Tang befinden sich aber oft auch Blutegel, – Blutegel sind Geld; für ein Dutzend Blutegel kann man drei polnische Groschen – anderthalb Kopeken – bekommen. Nach Fischen braucht man nicht erst zu suchen; früher gab's welche bei uns, jetzt sind sie anderswo hingezogen; ich gehe gar nicht nach Fischen aus. Ich bin froh, wenn es Blutegel gibt, – die fängt man auch nicht immer; den ganzen Sommer habe ich keinen einzigen gefangen. Mein Bruder erfuhr irgendwie von meinem Angeln und riß mir beinahe die Ohren dafür ab. Glücklicherweise hatte unsere Nachbarin Feige es beobachtet; die eigene Mutter könnte sich ihres Kindes nicht wärmer annehmen. »Einen Waisenknaben so zu schlagen?« Mein Bruder schämte sich und ließ mein Ohr los. Alle Leute nehmen sich meiner an. Mir ist wohl: Ich bin Waise. * Unsere Nachbarin Feige hat sich in mich verliebt. Sie quält meine Mutter und hat sich wie ein Schropfkopf an sie geklammert; ich soll eine Zeitlang bei ihr wohnen. »Was schadet es Euch,« redete sie der Mutter zu, »bei mir setzen sich jeden Tag zwölf Menschen zu Tisch, also werden auch dreizehn Platz haben. Die Mutter ließ sich endlich überreden, aber Bruder Izchok entgegnete: »Wer wird bei Euch auf ihn aufpassen, daß er ›Kaddisch‹ sage?« »Ich werde selbst dafür sorgen. Sind Sie nun zufrieden? Haben Sie sonst nichts einzuwenden?« Feige ist durchaus nicht reich. Ihr Mann ist der Buchbinder Mojsche, ein tüchtiger Meister, aber das genügt noch nicht. »Man muß auch Glück haben,« pflegt Feige oft zu meiner Mutter zu sagen. Meine Mutter gibt ihr recht und fügt hinzu: »Auch im Unglück braucht man Glück.« Als Beweis führt sie mich an. Ich sei Waise, aber jeder ist bereit, mich zu sich zu nehmen; manche wären nicht abgeneigt, mich überhaupt zu adoptieren. »Aber das werden meine Feinde nicht erleben, daß ich auf mein Kind verzichte,« sagt die Mutter und weint. Sie beratet sich mit dem Bruder. »Wie meinst du? Soll ich ihn Feige für einige Zeit geben?« Bruder Izchok ist erwachsen, er wird zu Rate gezogen, Er glättet sein sauberes, bartloses Gesicht – er möchte leidenschaftlich gern einen Bart haben – und redet wie ein Erwachsener: »Warum denn nicht? Wenn er nur nicht zu sehr verwöhnt wird!« Es wird also beschlossen – ich ziehe zu unserer Nachbarin, unter der Bedingung, nicht übermütig zu sein. In ihren Augen heißt alles – Übermut. Bindet man der Katze ein Stück Papier an den Schwanz, damit sie sich im Kreise drehe, – so ist das Uebermut; klopft man mit dem Stock auf den Gartenzaun des Popen, daß alle Hunde zusammenrennen, – so ist das ebenfalls Übermut; zieht man dem Wasserfahrer Leibe den Pfropfen aus dem Wagen, daß ein halbes Faß Wasser ausläuft, – so ist auch das Übermut. »Dein Glück, daß du ein Waisenknabe bist!« ruft mir der Wasserfahrer Leibe zu, sonst würde ich dir die Hände und Füße lahm prügeln. Kannst es mir bei meinem Gewissen glauben!« Ich glaube ihm. Ich weiß, daß mich jetzt niemand anzurühren wagt, weil ich Waise bin. Mir ist wohl: – Ich bin Waise. * Unsere Nachbarin Feige – sie wird es mir verzeihen – hat gelogen; sie hat behauptet, daß zwölf Personen bei ihr zu Tisch gehen; nach meiner Berechnung bin ich der vierzehnte. Sie vergaß den blinden Greis Boruch mitzuzählen. Vielleicht rechnet er als Esser nicht mit, weil er alt ist und keine Zähne hat. Ich will nicht streiten, der Alte kann zwar nicht kauen, aber er schluckt wie eine Gans und greift nach allem. Alle greifen zu, ich geniere mich auch nicht, aber ich bekomme dafür Fußtritte unter dem Tisch. Am schlimmsten setzt mir ›Waschdich‹ zu, – der ist der reine Verbrecher. Eigentlich heißt er Herschel, aber wegen einer ewigen Flechte auf der Stirn bekam er den Spitznamen ›Wasch dich‹. – Die Königin von Mydien hatte eine ähnliche Zeichnung auf der Stirn. – Feiges Kinder haben sämtlich Spitznamen: Faß, Katze, Storch, Gib-Gibher, Schmierfink usw. Jeder Spitzname hat seine Ursache. Pinkus ist dick und rund wie ein Faß, Welwel ist schwarz wie eine Katze; Mendel hat eine Storchnase; Berel ist genäschig: – gibt man ihm ein Stück Brot mit Schmalz, verlangt er sofort mehr, man könnte ihm immer nur geben und geben; Sorach hat einen sehr häßlichen Beinamen; er kann sicher nichts dafür, eher hat die Mutter schuld, weil sie ihn, als er klein war, zu selten gekämmt hat, aber ... vielleicht hat auch sie keine Schuld ... Selbst die Katze, das stumme Geschöpf, das sicher niemandem zu nahe kommt, hat den Beinamen ›Feige-Lea die Lumpensammlerin‹ bekommen, weil sie dick und fett ist wie Feige-Lea, die Frau des Lumpensammlers ... Man hat die Knaben oft geschlagen, weil sie der Katze einen Menschennamen gegeben haben, aber es glitt an ihnen ab, wie Wasser von den Gänsen. Mir haben sie den Beinamen ›Mottele mit den Lippen‹ gegeben, – wahrscheinlich haben ihnen meine Lippen nicht gefallen. Sie sagen, ich schlürfe beim Essen mit den Lippen. Als ob es möglich wäre, beim Essen nicht zu schlürfen! ... Ich weiß nicht warum, aber mir gefällt mein Spitzname nicht; sie uzen mich und nennen mich absichtlich mit diesem Namen. Allmählich wurde ›Mottele mit den Lippen‹ abgekürzt, ich hieß nur noch ›mit den Lippen‹ und schließlich nur noch ›Lippen‹. »Lippen, wo wart Ihr?« »Lippen, wischt die Lichtchen ab!« Ich sitze und weine. Meine Tränen bemerkt Mojsche, der Buchbinder, er fragt mich, warum ich weine. Ich antworte: »Wie soll ich nicht weinen, wenn sie meinen wirklichen Namen ›Mottele‹ in ›Lippen‹ verwandelt haben?« »Wer?« »Waschdich!« Mojsche will ihn schlagen. ›Waschdich‹ rechtfertigt sich und schiebt die Schuld auf das ›Faß‹, das ›Faß‹ auf die ›Katze‹ usw. Mojsche wird aus der Sache nicht klug, streckt die Jungen alle der Reihe nach aus, zählt jedem eine tüchtige Tracht Prügel mit einem dicken Ledereinband auf und schreit: »Ich werde euch zeigen, ihr herzlosen Bengel! ... Sich über einen Waisenknaben lustig zu machen! Ich werde euch eure Streiche austreiben!« Jeder nimmt sich meiner an. Mir ist wohl: Ich bin Waise. Was soll aus mir werden? Zeigt mir, wo das Paradies ist, liebe Menschen! Ihr könnt's sicher nicht, denn jeder Mensch hat seinen Platz für das Paradies. Meine Mutter behauptet zum Beispiel, das Paradies wäre dort, wo mein verstorbener Vater Reb Pejsche sich jetzt aufhält und wo sich alle ehrenwerten Menschen befinden, die in dieser Welt genug gelitten haben; sie haben sich gequält hier auf Erden, deshalb stand ihnen das himmlische Reich offen. »Wo könnte dein Vater sein, wenn nicht im Paradies? Hat er wenig Unglück zu Lebzeiten erfahren?« sagt zu mir die Mutter und wischt sich die Augen, wie jedesmal, wenn vom Vater die Rede ist. Meine Kameraden aus dem Cheder, der Religionsschule, werden euch sagen, das Paradies sei ganz weit, auf einem kristallenen Berg, dessen Gipfel bis zum Himmel reicht; die Knaben spielen dort frei herum, brauchen nicht zu lernen, baden den ganzen Tag in Milchflüssen und essen Honigkuchen. Der Buchbinder Mojsche hat oft gesagt: »Das wahre Paradies ist Freitags in der Badeanstalt«. Wenn ihr mich fragt, so sage ich euch, ein echtes Paradies ist der Garten des Arztes Mnasche. Das ist der einzige Garten, nicht nur in unserer Straße, sondern in der ganzen Stadt. Ich bin bereit zu glauben, daß es in der ganzen Welt keinen zweiten solchen Garten gibt, niemals gegeben hat und geben wird! Das werden euch alle Leute sagen. Was soll ich zuerst schildern: den Arzt Mnasche und seine Frau, oder das Paradies selbst? Ich fange lieber mit Mnasche und der Frau Mnasche an, sie sind die Eigentümer dieses Paradieses, sie haben also das Vorrecht. * Der Arzt Mnasche trägt Winter und Sommer einen Pelzkragen und ahmt den schwarzen Doktor in allem nach. Er hat ein Auge, das etwas kleiner ist als das andere, der Mund ist ein wenig schief. Mnasche behauptet, es sei vom Wind. Ich verstehe nicht, wie der Mund vom Wind schief werden kann. Ich bin so oft im Wind und Sturm herumgelaufen, daß mein Kopf eigentlich ganz schief sitzen müßte. Ich denke, das ist Gewohnheitssache. Ich habe einen Freund Berel, der zwinkert unaufhörlich mit den Augen. Ein anderer Freund Welwel spricht, als ob er Klöße im Munde hätte. Man weiß doch: Gewohnheit ist die zweite Natur. Trotz des schiefen Mundes verdient Mnasche mehr als irgendein anderer Arzt, weil er sich nicht erst lange bitten läßt und sich nicht Gott weiß was einbildet, wie die anderen Arzte; sobald man ihn ruft, rennt er, wie besessen ... Außerdem ist er kein Freund von Rezepten und bereitet die Arzneien allein zu. Unlängst bekam ich Fieber und Seitenstiche, – ich habe wohl zu lange im kalten Wasser gesessen – die Mutter ließ sofort Dr. Mnasche rufen. Er sah mich an und sagte: »Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, es ist nichts ... er hat sich nur die Lunge ein wenig erkältet. Hieraus zog er ein hübsches blaues Fläschchen aus der Tasche, schüttelte etwas Weißes heraus und bereitete sechs Pulver. Ein Pulver sollte ich sofort nehmen. Ich wand und wehrte mich, mein Herz sagte mir, daß das Pulver bitter sei. Es stimmte auch. Habt ihr einmal versucht, junge Baumrinde zu kauen? Solchen Geschmack hatten die Pulver. Bei mir ist es Gesetz: wenn es ein Pulver ist, so muß es bitter sein! Im Fortgehen sagte Dr. Mnasche meiner Mutter, sie soll mir alle zwei Stunden ein Pulver geben. So dumm, ich sollte diese Galle trinken! Die Mutter teilte dem Bruder Elia von meiner Krankheit mit ... Ich schüttete die Arznei sofort in den Eimer und füllte die Papierchen mit Mehl ... Arme Mama! Wieviel Arbeit habe ich ihr, verschafft! Alle zwei Stunden mußte sie zur Nachbarin rennen und fragen, ob es Zeit ist, die Arznei zu geben. Nach jedem Pulver stellte die Mutter fest, daß mir besser war. Nach dem sechsten Pulver stand ich gesund auf. »Was es heißt, einen guten Doktor haben!« sagte die Mutter. Sie ließ mich nicht in den Cheder gehen, hielt mich zu Hause und gab mir Weißbrot und süßen Tee. »Dr. Mnasche ist der beste Arzt in der Stadt, Gott schenke ihm Gesundheit und lange Jahre! Er hat Pulver, die den Kranken sofort auf die Beine stellen und einen Toten kurieren!« erzählte meine Mutter den Nachbarn, während die Tränen über ihre Wangen rollten. * Die Frau des Dr. Mnasche, die bei uns nach dem Mann: ›Frau Dr. Mnaschen‹ genannt wird, ist dagegen eine Hexe! Sie hat ein freches, böses Gesicht, eine Baßstimme, wie ein Mann, geht in Männerstiefeln und schimpft beständig. Sie ist in der ganzen Gegend dafür bekannt, daß sie in ihrem ganzen Leben noch nie einem Armen ein Stück Brot gegeben hat. Dabei hat sie ein Haus voll von Vorräten. Man findet bei ihr Eingemachtes vom vorigen und vom vorletzten Jahr. Wozu braucht sie so viel Eingemachtes? ... Sie weiß es wohl selber nicht. Das ist schon ihre Natur, sie wird nicht mehr anders werden ... Ein Lahmer hinkt so lange, bis er ins Grab kommt ... Kaum, daß es Sommer wird, da fängt die Mnaschen an, Eingemachtes einzukochen. Sie heizt nicht etwa mit Kohlen oder Holz, sondern sie sammelt Reisig, Tannenzapfen, trockenes Laub und macht solchen Rauch dabei, daß man beinahe erstickt. Solltet ihr zufällig im Sommer in unsere Gegend kommen, so erschreckt nicht vor dem Rauch: Es ist keine Feuersbrunst, sondern die Frau Mnaschen kocht Früchte ein. Sie kocht immer ihre eigenen Beeren aus ihrem eigenen Garten. Nun sind wir zu dem Garten angelangt. Was findet ihr nicht alles in diesem Garten? Da gibt's Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen, Stachelbeeren, Johannis- und Himbeeren, Aprikosen und noch viel mehr. Auch Weintrauben kann man zu Neujahr bei Frau Mnasche bekommen. Zwar ist dieser Wein so sauer, daß man ›bis Krakau sehen kann‹, wenn man eine Traube in den Mund nimmt; aber auch hierfür finden sich Käufer. Für Frau Mnasche bedeutet jede Frucht Geld, – selbst die Sonnenblumenkörner. Gott behüte, wenn man sie um ein paar Körner bittet, sie läßt sich lieber einen Zahn ausreißen, als eine Sonnenblume aus dem Garten. Ich kenne in dem Garten jeden Baum sicher besser als die Worte des ›Kadisch‹; ich weiß, ob und wann ein Baum Früchte trägt, und auch wie viel, obgleich ich niemals drin war. In den Garten der Mnaschen hineinzukommen ist nicht so leicht: er ist nämlich von einem hohen Zaun umgeben, in dem Nägel stecken. Im Garten wacht stets ein Hund, – ein wahrer Wolf – der an einer langen Schnur angebunden ist. Sobald er wittert, daß jemand in den Garten will, so erhebt er ein Gebell und rennt wie besessen hin und her. Wie habe ich aber trotzdem mit diesem Paradies Bekanntschaft geschlossen? – Das sollt ihr hören. * Neben dem Haus des Dr. Mnasche steht das Haus des Fleischers Mendel. Wenn man auf dem Dach des Fleischers Mendel sitzt, kann man alles sehen, was im Garten bei Frau Mnaschen vorgeht. Das ganze Kunststück besteht darin, auf das Dach zu geraten. Mir fällt das nicht schwer. Mendels Haus steht dicht bei unserem und ist viel niedriger. Man braucht nur auf unseren Dachboden zu klettern – ich tue es ohne Leiter – und den Fuß durch das kleine Fenster zu stecken – dann ist man auf Mendels Dach. Dort kann man sich hinlegen, wie es einem paßt: mit dem Bauch nach oben oder nach unten, die Hauptsache ist, daß man liegt, weil man sonst gesehen wird. Die beste Zeit für mich ist gegen Abend, wenn ich in der Synagoge sein soll. Ich schwöre euch, dann erscheint einem der Garten wie ein wahres Paradies. Wenn der Sommer kommt und die Bäume sich im Garten mit weißen Blüten bedecken, dann darf man erwarten, daß die kleinen stachligen Büsche sehr bald voll mit Stachelbeeren sein werden. Die erste Beere ist es, die man kosten muß. Es gibt Leute, die imstande sind, zu warten, bis die Stachelbeeren groß werden. Die Dummköpfe wissen nicht, daß die grünen, harten Stachelbeeren viel besser schmecken. Zwar sind sie sauer und machen die Zähne stumpf, aber man empfindet im Mund eine angenehme Kühle von der Säure, und gegen stumpfe Zähne ist Salz das beste Mittel: Man streut Salz auf die Zähne und hält es eine halbe Stunde lang im Mund, dann geht alle Stumpfheit weg, und man kann von neuem Stachelbeeren essen. Nach den Stachelbeeren kommen die Johannisbeeren, kleine, rote Beeren mit einem schwarzen Pünktchen und gelben Körnchen; sie sitzen zu Dutzenden an jedem Zweig. Zieht man einen solchen kleinen Zweig zwischen den Lippen durch, so hat man den Mund voll duftiger, säuerlicher Johannisbeeren. Wenn sie reif werden, kauft die Mutter für einen polnischen Groschen (fünfzehn Kopeken) ein Töpfchen Johannisbeeren, die sie mir aufs Brot streicht. Bei der Frau Dr. Mnasche im Garten ziehen sich zwei Reihen niedriger Sträucher, die ganz dicht mit Johannisbeeren bewachsen sind. In der Sonne strahlt ein roter Glanz von ihnen aus. Könnte man doch ein einziges Zweiglein oder wenigstens eine einzige Johannisbeere mit zwei Fingern abzupfen, und – hinein in den Mund! Glaubt mir, ich brauche von Stachelbeeren oder Johannisbeeren nur zu sprechen, und das Wasser läuft mir schon im Munde zusammen. Dann kommt die Kirschzeit. Die Kirschen bleiben nicht lange grün, sie reifen schnell. Wenn ich bei Mendel auf dem Dach lag, beobachtete ich die Kirschen: des Morgens waren sie noch grün, in der Mittagssonne färbten sie sich rötlich, und gegen Abend warm sie bereits ganz rot. Bei Dr. Mnasche im Garten gibt es Kirschen wie Sterne am Himmel. Ich habe versucht zu zählen, wie viele an einem Ast saßen, aber ich kam nicht zu Ende. Die Kirschen sitzen fest am Zweig. Nur selten fällt eine herunter, dann ist sie überreif, blau-schwarz wie eine Pflaume. Die Pfirsiche dagegen fallen herunter, wenn sie kaum gelb sind. Ach, Pfirsiche! Für die schwärme ich am meisten. Ich habe nur ein einziges Mal eine Pfirsich gegessen, – das war im vergangenen Jahr, ich war noch nicht fünf Jahre alt, mein Vater lebte noch, und alle Sachen waren noch im Hause: der Spiegelschrank, die Bücher, das kleine Sofa und die Federbetten. Jeden Tag, wenn der Vater aus der Synagoge nach Hause kam, rief er mich und den Bruder Elia, versenkte die Hand in die Hintere Rocktasche und sagte: »Kinder, wollt ihr Pfirsiche? Ich habe euch Pfirsiche gebracht!« Bei diesen Worten hielt er uns ein paar große, runde, duftige, saftige, gelbe Pfirsiche hin. Elia, der gefräßige Bursche – sagte kaum das Gebet zu Ende und steckte die Frucht sofort in den Mund. Ich beeilte mich nicht so, ich spielte zuerst mit ihr, sah mich an ihr satt und aß sie dann mit kleinen Bissen zum Brot. Seit jener Zeit habe ich nie mehr Pfirsiche gegessen, aber ich erinnere mich noch ihres Geschmacks. Nun habe ich einen ganzen Pfirsichstrauch vor mir. Ich liege auf dem Dach, schaue und sehe, wie eine Pfirsich nach der anderen hinunterfällt; eine gelblich-rote ist aufgeplatzt, so daß der feste Kern hervorblitzt. Was mag sie mit dieser Menge Pfirsiche anfangen, die Frau Mnasche? ... Sie wird sie wahrscheinlich einmachen, in die Speisekammer stellen, im Winter in den Keller hinuntertragen, und dort werden sie stehen, bis sie verzuckern oder verschimmeln. Bald werden auch die Pflaumen reif. Bei Mnasches im Garten gibt es zwei Sorten: feste, süße, harte, schwarze Pflaumen und eine andere Sorte mit dünner Haut, glitschig, wässerig im Geschmack; sie werden eimerweise verkauft, aber sie sind nicht etwa schlecht, ich würde sie gern nehmen. Jedoch die Mnaschen gehört nicht zu den Freigebigen. Endlich kommen die Äpfel an die Reihe, Äpfel! – nicht Birnen. Birnen, selbst die besten – Bergamotten – haben, solange sie nicht reif sind, keinen Geschmack; es ist, als wenn man Holz kauen würde. Bei Äpfeln ist das ganz anders. Wie grün auch ein Apfel sein mag, wie weiß die Kernchen auch sein mögen, er hat immer einen Geschmack ... Beißt man mit den Zähnen hinein, so spürt man Säure. Ein grüner Apfel ist meiner Ansicht nach besser als zwei reife. Auf die reifen Apfel muß man immer warten, die grünen sind aber zu jeder Zeit bereit. Einen Unterschied macht nur die Größe aus, aber ein großer Apfel ist auch nicht immer schmackhaft, manchmal schmecken die kleinen Äpfel besser als die großen. In diesem Jahr ist eine vorzügliche Apfelernte. »Es wird so viele geben, daß man sie mit Wagen wird herausfahren können,« sagte die Mnaschen zu dem Apfelhändler Ruwin, als er kam, den Garten zu besichtigen. Ruwin wollte die Äpfel und Birnen schon damals abkaufen, als sie erst blühten. Er ist ein großer Apfel- und Birnenkenner. Er weiß im voraus, wieviel ein Baum einbringen kann, und irrt sich niemals, höchstens, wenn ein Sturmwind kommt oder Würmer und Raupen sich einnisten. Das kann ein Mensch nicht voraussehen. Die schickt Gott. Aber warum gibt es überhaupt Raupen und Würmer? Etwa deshalb, damit die Familie des Ruwin nichts zu essen hat? Ruwin sagt, er verlange von einem Baum nicht mehr als ein Stück Brot. Er habe, sagt er, Frau und Kinder, und die wollen alle essen. Die Mnaschen garantiert nicht nur für Brot, sondern auch für Fleisch. »Das sind keine Bäume, sondern Gold!« fügt sie hinzu. »Glaubt mir, ich bin Euch kein Feind. Auf meinen Kopf soll herabfallen, was ich Euch wünsche.« »Amen!« antwortet Ruwin mit einem Lächeln auf seinem roten, sonnenverbrannten Gesicht. »Garantieren Sie mir, daß es keinen Sturmwind, keine Würmer und keine Raupen geben wird, dann werde ich Ihnen sogar mehr bezahlen, als Sie verlangen.« »Garantiert Ihr mir, daß Ihr auf dem Nachhausewege an einer glatten Stelle nicht ausrutscht und Euch nicht den Fuß brecht,« erwidert ihm die Mnaschen mit Baßstimme. »Dem Zufall entrinnt niemand!« sagt Ruwin mit einem gutmütigen Lächeln, »fallen kann jeder, der Reiche noch eher als der Arme, denn reiche Leute haben Mittel, um sich zu kurieren.« »Die Zunge soll dem Schlauberger eintrocknen, der den Menschen wünscht, daß sie die Füße brechen,« erwidert die Mnaschen erregt »Gewiß,« gibt Ruwin zu, »die Zunge ist das richtige, mag sie nur eintrocknen, aber nicht bei armen Leuten.« Schade, daß der Garten nicht im Besitz des Obsthändlers ist; für mich wäre das sehr angenehm. Manchmal fällt vom Baum ein Apfel herunter, der nichts mehr taugt, er ist wurmstichig und runzlig wie das Gesicht eines alten Weibes; aber die Mnaschen bückt sich dennoch, hebt ihn auf und trägt ihn auf den Boden oder, in den Keller. Im vorigen Jahr ist ein ganzer Haufen Äpfel bei ihr verfault. Nein, einer solchen Hexe die Äpfel fortzuschleppen –, das würde selbst Gott erlauben ... Aber wie? Am besten wäre es, sich in der Nacht in den Garten zu schleichen, wenn alle schlafen und sich die Taschen mit Äpfel vollstopfen. Doch der Hund wird nicht still bleiben. Dabei flehen die Äpfel im Garten einen an, als wollten sie sagen: »Erbarme dich, schüttele uns ab!« Wenn ich einen Zauberspruch wüßte, daß die Äpfel zu mir kämen! Endlich habe ich ein Mittel gefunden: einen Stock, einen langen Stock mit einem Nagel am Ende. Es genügt, mit dem Nagel einen Zweig mit einem Apfel zu fassen und an sich heranzuziehen, und der Apfel ist dein. Man muß den Stock nur geschickt handhaben, damit der Apfel nicht herunterfällt. Falls er zur Erde fällt, ist es auch nicht schlimm. Der Wind kann ihn ja heruntergeweht haben. Nur darf man ihn nicht mit dem Nagel zerpicken, sonst würden die Besitzer dahinterkommen. Bei mir wird kein Apfel zur Erde fallen, das könnt ihr nur glauben; ich habe Übung in dieser Arbeit ... Vor allem darf man es nicht hastig tun – es handelt sich ja nicht darum, Kartoffeln aus dem Feuer herauszuholen. Man hat Zeit genug, also man holt sich den Apfel ganz langsam, ißt ihn gemütlich auf und – langt nach einiger Zeit den zweiten herunter. So kann unmöglich jemand dahinterkommen. Es sei denn, daß die Hexe die Äpfel auf den Bäumen zählt. In der Tat, sie muß sie am Tage gezählt haben! Als sie am nächsten Morgen bemerkte, daß einige Stück fehlten, versteckte sie sich auf dem Boden und lauerte. Anders kann ich mir nicht vorstellen, wie sie auf den Gedanken kam, daß ich bei Mendl, dem Fleischer, auf dem Dache liege und mit dem Stocke arbeite ... Hätten sie mich ohne Zeugen abgefaßt, so würde ich sie vielleicht gebeten haben, mir zu verzeihen; ich bin ja ein Waisenkind, – sie hätte sich vielleicht erbarmt. Aber nein! Sie ging zu meiner Mutter, rief unsere Nachbarin Peschs, die Frau des Fleischers, und schleppte alle drei auf unseren Boden. Ich ließ den Stock mit dem Apfel nicht fallen – nein, er fiel mir selbst aus den Händen. Ich konnte mich kaum auf den Füßen halten. Hätte ich vor dem Hund keine Angst gehabt, so wäre ich in den Garten hinuntergesprungen und hätte mich vor Schande getötet. Das schlimmste waren die Tränen der Mutter. Sie hörte nicht auf zu weinen und zu klagen: »Weh mir! Was muß ich erleben! Ich dachte, mein Waisenjunge geht am Abend in die Synagoge und sagt für den Vater, ›Kadisch‹, inzwischen liegt er auf einem fremden Dach und pflückt fremde Apfel aus einem fremden Garten ... Der Schlag soll mich treffen!« Die Hexe ermutigte sie mit ihrem Männerbaß: »Schlagen muß man einen solchen Spitzbuben! Prügeln! Bis aufs Blut peitschen, damit der Junge weiß, was es heißt, fremde Äpfel stehl...« Die Mutter läßt sie das Wort ›stehlen‹ nicht aussprechen. »Er ist doch ... ein Waisenknabe!« sagt sie zu der Doktorfrau, küßt ihr die Hände, bittet für mich um Verzeihung und verspricht, daß es nicht mehr vorkommen werde. »Es ist das letzte Mal gewesen ... Sollte es sich noch einmal wiederholen, so sollt Ihr mich begraben ...« »Nein! Mag er schwören, daß er nie mehr in den Garten hineinguckt«, verlangt die Mnaschen. Sie hat keine Spur von Mitleid mit einem Waisenkind. »Die Hände sollen mir eintrocknen, die Augen sollen mir austreten,« sage ich und gehe mit meiner Mutter nach Hause, höre ihr Weinen und weine selber. »Ich möchte nur eins wissen, was aus dir werden soll?«, sagt sie zu mir, während die Tränen über ihre Wangen rollen. Sie erzählt meinem Bruder von meinen Missetaten. Elia vernimmt den Bericht und wird bleich vor Zorn. Die Mutter bemerkt es und fürchtet, er könnte mich durchprügeln. Sie erinnert ihn daran, daß ich – ein Waisenkind bin und daß man mich nicht schlagen dürfe. »Wer rührt ihn denn an,« sagt Elia, »ich möchte nur wissen, was aus ihm werden soll.« »Was soll aus dir werden?« fragt Elia zähneknirschend und erwartet von mir eine Antwort. Wie soll ich das wissen? Weißt du es vielleicht, Leser? Mein Bruder heiratet. Ich gratuliere! Mein Bruder heiratet. Mein Gott, was sich tut! Die ganze Stadt steht Kopf. An allen Straßenecken wird von nichts anderem gesprochen als von der Hochzeit meines Bruders. Unsere Nachbarin Pesche sagt, eine solche Partie hat in der Stadt schon lange kein junger Mann gemacht. Alles aus Mitleid mit meiner verwitweten Mutter und dem unlängst verwaisten Bräutigam, ein wenig auch aus Ehrfurcht vor meinem verstorbenen Vater. Er hat einen guten Ruf hinterlassen; zu Lebzeiten hat sich selten jemand um ihn gekümmert, aber nach dem Tode haben sie den Kantor Pejse in den Himmel gehoben und seinen Namen in der ganzen Welt berühmt gemacht. Die Leute sagen, daß der Vater der Braut nicht abgeneigt sei, alle Hochzeitskosten zu tragen und sogar noch etwas zuzugeben; er soll nicht vergessen, daß er den Sohn des Reb Pejse zum Schwiegersohn nimmt. Mein Bruder hört sich diese Reden an, errötet und zupft seinen Schnurrbart. In der letzten Zeit ist ihm der Schnurrbart gewachsen, – wahrscheinlich vom Rauchen. Seit dem Tode des Vaters fing Elia an zu rauchen. An der ersten Zeit quälte er sich und hustete, aber jetzt zieht er den Rauch bereits ein und läßt ihn in Ringen durch die Nase heraus. Er macht sich wichtig! Ich bringe dieses Kunststück auch fertig, nur schade, daß ich keinen Tabak habe und infolgedessen Papier, Stroh und alles mögliche Zeug rauchen muß. Mein Bruder Elia ist dahintergekommen und hat mir eine gehörige Tracht Prügel versetzt. Warum ist es ihm erlaubt und mir nicht?! Ich habe ihm mein Wort gegeben und bei der Bibel geschworen, daß ich nicht mehr rauchen würde. Aber es ist sehr schwer, Wort zu halten. Wer raucht jetzt nicht? * Eines Tages kam Pesche furchtbar erregt zu uns. Ein Mißverständnis war vorgekommen; der Schwiegervater hatte erfahren, daß Elia seine Uhr verkauft hatte. »Die Uhr war zwar schön, von Silber! Aber der Bräutigam hatte sie ja nicht in Karten verspielt, sondern verkauft, um den kranken Vater zu retten; er hat für das Geld Arzneien gekauft ... Ist das eine Sünde?« suchte Pesche ihn zu überzeugen. Aber der Schwiegervater war ein einfacher Mann. Was gingen ihn fremde Väter an? Er ließ den Einwand nicht gelten. Pesche sagte, aus einem Schweineschwanz könne man keine Mütze machen, indem sie auf den Schwiegervater anspielte. Der Schwiegervater, der Brezelbäcker Jonas, war ein reicher Mann. Pesche sagte ihm ins Gesicht, daß, wenn sie die Hälfte seines Vermögens hätte, sie ihm den Sohn nicht zum Schwiegersohn geben würde, für ›Schweine‹ habe sie nichts übrig. Unser Jonas schwieg still. Über wen Pesche loszieht, dem bleibt nichts übrig, als zu schweigen. Der Schwiegervater war bereits so weit, Elia seine Tat zu verzeihen, wenn sie nur aufhören wollte, zu reden. Aber Pesche ließ sich nicht so leicht beruhigen; sie versuchte die Gegenpartei zu überzeugen, daß Elia eine andere Uhr bekommen müsse. »Es ist unanständig,« sagte sie, »daß ein Bräutigam ohne Uhr zum Altar geht.« »Was gehen Sie fremde Bräutigame an!« schrie Jonas. »Sie gehen mich an, weil der Bräutigam Reb Pejses Sohn ist, und Sie ein reicher Mann und ein Schwein sind,« erwiderte Pesche: Jonas geriet in helle Wut, schlug die Tür zu und schrie: »Schert euch alle zum Teufel!« »Sie zu allererst!« erwiderte Pesche, »Sie sind der Millionär. Sie kommen an die erste Stelle!« Die Mutter hatte Angst, daß die Partie infolge dieses Mißverständnisses zurückgehen könnte, aber Pesche beruhigte sie: »So schnell wird ein verwaister Sohn nicht zurückgewiesen!« Pesche setzte wirklich durch, was sie wollte. Der Schwiegervater kaufte meinem Bruder eine neue Uhr, ebenfalls von Silber, noch schöner als die erste. Er brachte sie selber zu uns. Ach, wenn ich eine solche Uhr hätte! Ich würde das Uhrwerk auseinandernehmen, um herauszubekommen, wieso eine Uhr geht ... Die Mutter freute sich sehr über das Geschenk und wünschte dem Schwiegervater, so reich zu werden, daß er dem Bräutigam eine goldene Uhr kaufen könnte. Jonas wünschte meiner Mutter, die Hochzeit des jüngeren Sohnes zu erleben. Ich wäre einverstanden; meinetwegen würde ich sofort heiraten, wenn ich nur eine Uhr bekäme! Die Mutter streichelte mich und sagte, bis dahin würde noch viel Wasser fließen; ihre Augen wurden feucht. Ich weiß nicht, was es für eine Bewandtnis mit dem Wasser hat und was für ein Grund zum Weinen ist. Als sie für den Bräutigam den Anzug brachten, den der Schwiegervater bestellt hatte, weinte die Mutter; als Pesche mit den Pfefferkuchen ankam, die sie zur Hochzeit gebacken hatte, weinte die Mutter; als sie daran dachte, daß morgen um diese Zeit die Trauung stattfinden würde, weinte sie wieder. Woher nehmen die Menschen nur die Tränen her? Ein prachtvoller Tag stieg auf. In der Luft duftete es nach Frühherbst. Die milde Sonne wärmte und küßte zärtlich wie eine Mutter, die Menschen schwitzten nicht von der Hitze und rannten nicht zur Badeanstalt. Der Himmel war rein gewaschen, wie zum Sabbat. Die ganze Welt freute sich über die Hochzeit meines Bruders Elia. Seit dem frühen Morgen ist in der Stadt Jahrmarkt. Ich habe den Jahrmarkt furchtbar gern! Die Juden rennen hin und her wie vergiftete Ratten, schwitzen, schreien und brüllen, schwören, ziehen die Bauern an den Rockzipfeln heran und machen ihr möglichstes, um ihre Ware zu verkaufen. Die Bauern dagegen haben gar keine Eile, sie schlendern langsam, den Kopf emporgerichtet, besehen und betasten die Ware, feilschen, krauen sich am Hinterkopf, fragen nochmals nach dem Preis und bieten die Hälfte. Weiber mit riesigen Kokoschniks, – den russischen turmhoch gebundenen Nationalkopftüchern – und mit weit geöffneten Hemdblusen, drängen sich und spähen nach einer Gelegenheit, dies oder jenes hinter dem Brusthemd verschwinden zu lassen. Die Juden kennen diese schlechte Gewohnheit der Käuferinnen und beobachten sie. Sobald sie sie ertappen, ziehen sie das Geraubte hinter dem Brusthemd hervor und stopfen es ihnen hinter den Kragen. Hierauf erhebt sich ein wüstes Zanken und Schreien. – Es kommt vor, daß ein Weib ein Kirchenlicht kauft, das sie in ihren ›Kokoschnik‹ einsteckt. Junge Burschen und Jungvermählte, denen die Hände jucken und die nichts zu tun haben, machen sich einen Spaß und zünden das Lichtchen an; alle Leute sehen es und lachen, nur das Bauernweib ahnt nichts; da sie aber sieht, daß alle lachen, bewirft sie die Juden mit den schlimmsten Schimpfworten. Das Gelächter wird immer lauter; – manchmal entsteht aus solcher Sache ein Zank zwischen Juden und Christen – dann gibt's eine Komödie, besser als im Theater. Noch lustiger geht es beim Pferdeverkauf zu. Wen kann man da nicht alles sehen! Juden, Zigeuner, Bauern, Herren und Pferde! O, mein lieber Gott, nicht zu zählen sind sie! Man kann von dem Lärm taub werden. Die Zigeuner fluchen, die Juden klatschen die Pferde mit den Händen, die Herren knallen mit den Peitschen, die Pferde gehen hin und her. Ich habe Pferde furchtbar gern und noch mehr die Fohlen! Nicht nur Fohlen, sondern auch junge Hunde, junge Katzen, junge Kartoffeln und junge Zwiebelchen, alles, was klein ist, liebe ich sehr, nur keine Ferkel, nein, ... Schweine mag ich nicht, selbst, wenn sie klein sind. – Die Pferde rennen, die Fohlen hinter ihnen her, und ich hinter den Fohlen! Ich kann gut rennen, meine Füße sind flink, außerdem gehe ich barfuß und habe überhaupt nicht viel an: ein Hemd, Hosen und einen Kaftan. Wenn ich eine steile Straße hinauflaufe und der Wind in meinen Kaftan bläst, dann scheint es mir, als ob ich Flügel hätte und fliegen würde! ... »Mottel! Warte, um Gottes willen!« hörte ich hinter mir rufen. Ich sah mich um, – es war Mojsche, der Buchbinder. Er eilte vom Jahrmarkt mit einem Ballen Papier nach Hause. Ich hatte Angst, er könnte es der Mutter erzählen, – dann würde Elia mich ausschelten. Ich blieb also stehen und näherte mich langsam und freundlich dem Nachbarn. Er wischte sich den Schweiß mit dem Rockzipfel und redete auf mich ein. »Schämen solltest du dich! Ein Waisenjunge bist du und treibst dich hier unter den Zigeunern herum, läufst den Pferden nach! An einem solchen Tage! Dein Bruder hat doch heute Hochzeit! Komm sofort nach Hause!« ... »Wo hast du dich herumgetrieben? Weh mir!« schrie die Mutter, als sie meine zerrissenen Hosen, mein schweißbedecktes, rotes Gesicht und meine blutigen Füße sah. Ich war Mojsche sehr dankbar, er hat keinem Menschen ein Wort verraten. Die Mutter machte mich zur Hochzeit fertig, sie wusch mich, zog mir neue Höschen an und setzte mir meine neue Mütze auf. Aber was waren das für Hosen! Wenn man sie hinstellte, standen sie von selbst; wenn man in ihnen ging, machten sie höllischen Lärm. Was war das nur für ein Stoff! »Wenn du diese Hosen zerreißt, dann weiß ich nicht mehr, was ich anfange,« sagte die Mutter. Ich muß ihr recht geben. Es ist unmöglich, diese Hose zu zerreißen. Eher zerbrechen! Meine Mütze hatte einen schwarzen, glänzenden Schirm; wenn man darauf spuckte, leuchtete er. Die Mutter sah mich an und freute sich. Tränen rollten über ihre runzligen Wangen. Sie wollte furchtbar gern, daß ich den Gästen gefalle, und sie fragte Elia: »Was meinst du, wird er uns auf der Hochzeit keine Schande machen? Er ist doch angezogen wie ein junger Graf!« Elia betrachtete mich, zupfte an seinem Schnurrbart und warf einen Blick auf die bloßen Füße des ›jungen Grafen‹. Die Mutter tat, als ob sie es nicht bemerke. Sie selbst trug ein gelbes Kleid, in dem ich sie noch nie gesehen habe; es war furchtbar breit, als ob es für Pesche, unsere Nachbarin, gemacht wäre. Auf dem Kopf hatte sie ein nagelneues seidenes Tuch, dunkelgelb, grün und rosa schillernd, – alle Kniffe waren noch zu sehen. Seine Farbe änderte sich zu verschiedenen Tageszeiten: am Tage war das Tuch rosa, gegen Abend wurde es gelb, in der Nacht schien es ganz weiß, gegen Morgen schillerte es grün. Aber es hatte einen großen Fehler: es nahm sich bei der Mutter fremd aus und kleidete sie nicht. Mit einem Frauentuch ist es ebenso, wie mit einer Männermütze: es muß zum Kopf passen; bei meinem Bruder Elia scheint die Mütze förmlich mit dem Kopf zusammengewachsen. Elia hat sich fein herausgeputzt: Er hat die Seitenlöckchen kurz geschoren, ein weißes Vorhemd, einen gestärkten Kragen mit Umlegeecken, ein weißes Halstuch mit roten und grünen Pünktchen angelegt und glänzende knarrende Stiefel mit hohen Absätzen angezogen. Er will nämlich größer erscheinen! Aber die Absätze werden ihm geradesoviel helfen wie einem Toten Heilkräuter. Seine Braut, Broche, die Tochter des Bäckers Jonas, ist genau das Gegenteil von ihm. Sie hat eine starke Figur, eine Männerstimme und ein rotes Gesicht mit Pockennarben. Man kann sich kaum vor Lachen halten, wenn man dieses Paar sieht. Aber was gehen sie mich an! Mich interessieren die Musikanten und noch mehr ihre Instrumente. Entzückt bin ich besonders von dem Kontrabaß und der Trommel. Nur schade, daß man nicht nahe herangehen darf, nicht einmal riechen lassen sie einen daran. Gleich gibt's einen Klaps über die Hand, oder sie packen einen am Ohr. Ein seltsames Volk, diese Musikanten, sie schweben in fortwährender Angst, daß man ihnen eine Saite abbeißen könnte ... Wenn meine Mutter es zugäbe, würden sie mich zu einem Musikanten machen, aber sie wird es nie zulassen, weniger aus Bosheit, sondern weil es eine Schande ist. »Die Leute in der Stadt würden mir wilde Szenen machen,« sagte die Mutter, wenn ich den Sohn des Kantors Pejse, unter die Musikanten oder Handwerker geben würde.« Wir haben schon oft darüber gesprochen. Der Buchbinder Mojsche wollte mich zu sich in die Lehre nehmen, aber seine Frau, Pesche, ließ es nicht zu. »Der verstorbene Reb Pejse«, sagte sie, »hat es nicht verdient, daß sein Sohn ein einfacher Handwerker werde.« Aber ich habe mich verplappert und ganz an die Hochzeit vergessen. Die Trauung war also vorüber. Der Tisch wurde bereitet. Mädchen und Frauen tanzten Quadrille. Ich war ihnen im Wege und wurde wie ein Ball aus einer Ecke in die andere geworfen. »Was will der hier?« sagte einer. »Ein Häufchen Unglück!« rief ein anderer. »Auch hier – Lumpengesindel!« fügte ein dritter hinzu. Endlich bemerkte es unsere Nachbarin Pesche und fing an zu schreien. Die Ärmste war schon ganz heiser. »Seid ihr verrückt geworden! Oder seid ihr vom Teufel besessen? Habt ihr den Verstand verloren? Oder seid ihr als Idioten zur Welt gekommen? Das ist doch der Bruder des Bräutigams!« Das wirkte. Ich wurde sofort an den allgemeinen Tisch gesetzt. Neben mich setzte man die kleine Schwester der Braut, Alta. Sie ist nur ein Jahr älter als ich, trägt zwei dicke Zöpfe mit eingeflochtenem Band, zu einem Kringel aufgesteckt. Ich und Alta sitzen nicht weit von dem Bräutigam und von der Braut und essen aus einem Teller. Elia beobachtete von weitem, daß ich ruhig saß, wie ein ›Mensch‹, daß ich mit der Gabel aß und mich nicht überstürzte, daß ich die Nase sauber hielt. Ich muß offen sagen, ich hatte an diesem Abendessen keine Freude; ich liebe nicht, wenn man mich beobachtet. Und obendrein diese Pesche! »Ihr sollt mir gesund bleiben!« schrie sie meiner Mutter zu, »seht mal her! Könnte das nicht ein Paar sein? Sie sitzen beisammen, wie die Täubchen!« Auf ihr heiseres Geschrei kommt Jonas, festlich gekleidet, herbei. Ein Gespräch über das neuvermählte Paar beginnt. Jonas lacht mit halbem Mund; die Oberlippe lacht, die untere weint. Das ganze Publikum beobachtet uns. Ich und Alta lassen die Augen sinken und würgen uns vor Lachen. Ich halte mir die Nase mit der Hand fest, meine Wangen blähen sich auf; noch einen Augenblick, und ich platze heraus – und die Schande ist da! Zum Glück fing die Musik an zu spielen. Alle horchten auf und ließen mich in Ruhe. Ich erhob die Augen und sah die Mutter in dem gelben geliehenen Kleid und dem fremden Tuch. Sie tat was sie immer tat: – sie weinte. Wann wird sie endlich aufhören zu weinen? Die Goldgrube. Das einzige, was meine arme Mutter erfreut und ihre Kräfte aufrecht erhält, ist, daß es meinem Bruder Elia Gott sei Dank gut geht. Das Haus seines Schwiegervaters ist eine ›Goldgrube‹, pflegte die Mutter oft zu sagen und vergoß Tränen vor Freude. Elia ist für alle Zeiten versorgt, seine Frau ist zwar nichts Besonderes, – dieser Meinung bin ich auch – aber sie führen ein gutes Leben. Jonas hatte eine Bäckerei, aber er beschäftigte sich nur mit dem Einkauf des Mehls und mit dem Verkauf von Brötchen und Brot; vor dem Passahfest stellte er Mazzes für die ganze Stadt her. Das Geschäft verstand er gut, aber gegen die Arbeiter war er schlecht; er gehörte überhaupt nicht zu den guten Menschen. Als ich eines Tages bei meinem Bruder zu Besuch war, aß ich eine Brezel. Die Brezel war ganz frisch, noch warm, sie war soeben aus dem Ofen gekommen. Zum Possen mußte der Teufel Jonas gerade in diesem Augenblick hereinführen. Ich erschrak; sein Gesicht war finster, die strengen Augen sprühten Blitze. Ich schwor, daß ich sein Haus nie mehr betreten würde, selbst wenn sie mich vergolden wollten. Ein komischer Mensch! Wegen der geringsten Kleinigkeit packt er dich beim Kragen, jagt dich aus dem Hause und versetzt dir obendrein zum Andenken noch eins ins Genick. Ich erzählte es der Mutter, sie lief zu Jonas und wollte ihn ausschimpfen, wie es sich gehört. Aber Elia ließ es nicht zu, er rechtfertigte sogar das Benehmen des Schwiegervaters. »Er kommt absichtlich,« sagte Elia, »um die Brezel aus dem Ofen herauszuziehen, ich werde ihm lieber von Zeit zu Zeit eine Kopek geben, mag er sich anderswo eine Brezel kaufen.« Die Mutter machte Elia Vorwürfe, daß er kein Erbarmen mit einem Waisenkind habe, daß er sich für mich nicht interessiere. »Man kann Waise sein und braucht nicht Brezeln aus fremden Ofen herauszuziehen«, entgegnete Elia. Die Mutter bat ihn, leiser zu sprechen. Elia erklärte aber, daß er absichtlich laut spreche, alle Leute sollten wissen, daß ich ein Spitzbube bin ... Bei dem Wort ›Spitzbube‹ erbebte meine Mutter, ihr Gesicht verfärbte sich, sie warnte Elia, daß es einen Gott in der Welt gebe, daß man mit Gott nicht scherzen dürfe. * Mit Gott ist wirklich nicht gut zu scherzen! Mit dem Brezelbäcker hat der Herrgott abgerechnet! ... Bei Jonas arbeiten in der Bäckerei zwei schwarze Juden und drei Jüdinnen, zerlumpte, abgerissene Weiber, die auch bei unerträglichster Hitze rote, warme Tücher auf den Köpfen trugen. Eines Tages ist eine Sache passiert, – nicht nur eine, sondern eine Menge Sachen: man fand im Brot Fäden, Läppchen, Würmer, Glasstückchen. Ein Russe brachte ein ganzes Knäuel schwarzer Haare in die Bäckerei. Jonas bekam Angst vor dem Russen, weil er ihm mit der Polizei drohte. Er nahm die Arbeiter vor: Wessen Haar ist das? Die Männer zeigten auf die Frauen, diese – auf die Männer. Die Frauen wiesen nach, daß sie alle rot waren. Die Männer behaupteten, daß Männer nicht so lange Haare hätten. Da begannen die Weiber zu zanken; dabei kamen allerlei Geschichten ans Tageslicht: Eine hatte ein Strumpfband im Sauerteig verloren, eine andere hatte den Teig mit einem schlimmen Finger eingerührt und das Läppchen hineinfallen lassen, eine dritte pflegte den Semmelteig zur Nacht unter den Kopf zu legen. Sie schwor zwar, das sei gelogen, es wäre nur ein einziges Mal oder höchstens zweimal passiert, als sie kein Kissen hatte. Diese Gerüchte verbreiteten sich in der Stadt. Jonas rannte zu den Leuten, nach allen Ecken und Enden, aber es half nichts. Niemand wollte mehr bei ihm kaufen. Es geschieht ihm ganz recht! Aber Jonas, der Brezelbäcker, ist ein schlauer Bursche. Er jagte die alten Gesellen fort und nahm an ihre Stelle andere an. Am Sabbat kündete er in den Synagogen an, daß er andere Arbeiter angenommen habe und die Arbeit selbst kontrollieren werde. Er wollte zehn Rubel Strafe zahlen, wenn man in Zukunft auch nur ein Haar in seinem Brot finden würde. Zuweilen brachten die Leute ein Ding nach der Bäckerei, das sie im Brot gefunden haben wollten, aber Jonas trieb sie ohne Umschweife hinaus. »Sie haben es absichtlich hineingestopft, um einen Rubel zu verdienen! Wir kennen diese Späße!« pflegte Jonas in diesen Fällen zu sagen. Er ist ein gerissener Kerl. Aber es gefiel Gott, ihn zu vernichten, und es kam ein neues Unheil. Eines schönen Tages erhoben sich alle Gesellen, packten ihre Sachen zusammen und verließen die Bäckerei. Sie wollten die Arbeit nicht eher wieder aufnehmen, sagten sie, bis Jonas sich verpflichtete, den Lohn um einen Rubel wöchentlich zu erhöhen, die Arbeiter zur Nacht nach Hause zu schicken und sie nicht mehr ins Gesicht zu schlagen. Jonas hatte nämlich die Gewohnheit zu schlagen; wenn das Geringste vorkam – sofort gab's eins in die Zähne. Jonas geriet in helle Wut. So viele Jahre war er Meister, doch war es nie vorgekommen, daß ein Geselle sich erlaubt hätte, ihm Vorschriften zu machen, wo er hinschlagen dürfe. Er dachte nicht daran, den Lohn zu erhöhen, er bekäme ein Dutzend anderer Gesellen an ihrer Stelle ... Gab es wenig Leute, die vor Hunger krepierten? ... Jonas ging auf die Suche nach Bäckergesellen; aber niemand wollte zu ihm gehen, wenn er sich nicht bereit erklärte, einen Rubel wöchentlich Zuschlagslohn zu geben, die Leute zur Nacht nach Hause gehen zu lassen und die Gesellen nicht ins Gesicht zu schlagen. Jonas erhitzte sich, schäumte, schimpfte, schlug mit der Faust auf den Tisch, – aber er erreichte nichts! Doch all dies war gar nichts im Vergleich mit dem neuen Unheil, das über ihn hereinstürzte. * Ein heißer Sommertag. Die Wassermelonen und Kürbisse waren, gerade reif geworden. Es war die beste Jahreszeit. Bald würden die langweiligen, hohen Festtage kommen. Ich kann diese Festtage, an denen der Mensch Buße tut und der Himmel weint, nicht leiden. Ich liebe Fröhlichkeit und Heiterkeit! Und was ist lustiger als der Anblick eines Jahrmarkts mit vielen Wagen voll Melonen und Kürbissen. Die gelben Kürbisse duften wie Paradiesäpfel. Und die roten Wassermelonen mit den schwarzen Samenkörnern sind so süß wie Honig. Meine Mutter zieht die Kürbisse vor: sie sind ausgiebiger. »Ein Kürbiß«, sagt meine Mutter, »ergibt ein Frühstück, ein Mittag und ein Abendbrot für volle zwei Tage; die Wassermelonen sind gut zum Naschen. Sie pumpen den Bauch nur mit Wasser voll.« Aber sie ist im Irrtum. Wäre ich ein Kaiser, so würde ich immer nur Wassermelonen mit Brot essen. In der Wassermelone sind zwar viel Kerne, doch wenn man eine gute Wassermelone ausschüttelt, dann fallen alle Kerne heraus, und man kann nach Herzenslust davon essen. Aber ich habe mich bei den Melonen verplappert und bin ganz von Jonas abgekommen. Ihm ist ein neues Unglück passiert, ganz unerwartet. Wir saßen eines Abends bei Tisch – meine Mutter und ich –, vor uns auf dem Tisch stand ein Kürbis und Brot. Plötzlich öffnete sich die Tür, und Elia trat ein, in der Hand die Bibel, die er vom Vater geerbt hatte. – Hinter ihm schleppte sich Broche her. In einer Hand hielt sie einen Pelzkragen mit lauter Schwänzchen, in der anderen ein Sieb. Elia war bleich wie der Tod, Broche rot wie ein Saraphan. »Schwiegermutter, wir sind zu Ihnen gekommen,« sagte Broche. »Mama, wir kommen zu dir,« sagte Elia, und beide begannen zu weinen. Die Mutter half ihm selbstverständlich, sich auszusprechen. »Was ist passiert?« »Jonas hat Bankerott gewacht. Die Gläubiger waren gekommen und haben das ganze Hab und Gut versiegelt: alles, was im Hause war und das Haus mit. Sie verlangten, daß Jonas sofort die Wohnung räume, kurz gesagt, sie warfen ihn auf die Straße. »Mein Gott,« sagte die Mutter händeringend, »er war doch so reich! Wo ist sein Geld geblieben?« Bruder Elia erwiderte, daß der Schwiegervater durchaus nicht so reich war, außerdem ... Broche unterbrach ihn. Ihrer Meinung nach war Jonas reich genug. Sie wäre mit der Hälfte seines Vermögens auch zufrieden. Ihre Hochzeit habe ihn so viel Geld gekostet ... Broche erzählte gern von ihrer Hochzeit. Jedesmal, wenn sie zu uns kam, fing sie an, davon zu sprechen. »So eine Hochzeit,« sagte sie, »hat es in der Stadt überhaupt nicht gegeben! Das schöne Gebäck, die Torten, die Braten, die Pfefferkuchen und die eingemachten Früchte, die es bei ihrer Hochzeit gab! ... Nun blieb ihr nichts als der Pelzkragen und das Sieb, eine Mitgift würde sie jetzt von ihrem Vater nicht bekommen! Elia mußte sogar seine Sachen opfern; die Gläubiger hatten seinen Feiertagsanzug, seine Gebetbücher, sein Federbett und Kissen, ja, sogar seine Uhr versiegelt. Die Mutter geriet in furchtbare Aufregung. Welch ein Unglück! Wer hätte das geglaubt! Alle hatten sie beneidet! Die guten Nachbarn haben sie mit den neidischen Blicken behext, oder sie selbst hatte damals bei dem ersten Streit das Unglück herbeigeführt! Wie es auch immer sei, sie hatte am schlimmsten darunter zu leiden. »Nach einer Goldgrube hat es euch gelüstet!« sagte die Mutter. »Das Gold ist geschmolzen, die Grube ist geblieben! Bleib vorläufig bei mir, lieber Sohn, vielleicht wird Gott sich unser erbarmen!« Das Getränk meines Bruders Elia. »Für einen Rubel hundert! Hundert Rubel monatlich und mehr kann jeder verdienen, der sich mit dem Inhalt meines Buches bekannt macht. Preis 1 Rubel einschließlich Zusendung. Eilt! Kauft! Erfaßt den Augenblick, sonst kommt ihr zu spät!« Diese Anzeige hatte mein Bruder in der Jüdischen Zeitung gelesen, nachdem er gezwungen war, zu uns zu ziehen und sich selbständig zu machen. Elia sandte sofort einen Rubel – den letzten, den er besaß, und erklärte der Mutter: »Mama, Gott sei Dank, wir sind gerettet! Wir haben jetzt einen sicheren Verdienst. Bis dahin!« Dabei zeigte er mit der Hand bis über den Hals. »Was ist denn?« fragte die Mutter. »Hast du eine Stelle bekommen?« »Besser als irgendeine Stelle!« sagte Elia, und seine Augen glänzten vor Freude. »Wir brauchen nur einige Tage zu warten, bis das Buch ankommt!« »Was für ein Buch?« »Ein wundervolles Buch!« sagte Elia Er fragte die Mutter, ob sie mit hundert Rubel monatlich zufrieden wäre. Die Mutter lachte und sagte, sie würde sich freuen, wenn sie hundert Rubel im Jahre hätte. »Du machst zu bescheidene Ansprüche!« sagte Elia. Von nun an lief Elia jeden Tag zur Post, um sich nach dem Buch zu erkundigen. Es waren schon mehr als acht Tage her, seitdem er das Geld abgesandt hatte, aber das Buch war noch immer nicht angekommen! Inzwischen hatten wir nichts zum Leben. »Die eigene Seele kann man nicht ausspeien!« pflegte die Mutter oft zu sagen. Eines Tages endlich kam das Buch an. Es wurde ausgepackt, und Bruder Elia begann es zu studieren. Was da nicht alles drinstand! Welche Menge Mittel, Geld zu verdienen, welche Menge Rezepte! Ein Rezept: hundert Rubel Einkommen – für Herstellung der besten Tinte, – ein anderes Rezept: – hundert Rubel monatliches Einkommen für Herstellung schwarzer Wichse; ein drittes Rezept: hundert Rubel monatlich für Herstellung eines Mittels zur Vertilgung von Mäusen, Käfern und allerlei Insekten; ein viertes Rezept: – hundert Rubel und darüber monatlichen Verdienst für Herstellung von Likör, feinstem Schnaps, Sodawasser, Limonade und ähnlichen Getränken ... Mein Bruder hielt bei dem letzten Rezept inne, das einen Verdienst von mehr als hundert Rubel monatlich versprach und bei dem man sich die Finger nicht mit Tinte oder Wichse schwarz zu machen und sich nicht mit Mäusen, Käfern und ähnlichem Gewürm abzugeben brauchte. Es galt nur noch, sich für ein Getränk zu entschließen. Liköre und gute Schnäpse erforderten ein Rothschildsches Kapital. Für Sodawasser und Limonade brauchte man eine Maschine, irgendeine Vorrichtung, also wieder Geld. Es blieb also nur eins: ›Kwas‹, ein billiges, säuerliches Getränk aus gesäuertem Schwarzbrotteig. Die Herstellung war billig, und das Getränk fand guten Absatz, besonders in solchem heißem Sommer wie in diesem Jahr. Boruch, der Kwasbrauer, war ein reicher Mann geworden. Er bereitete einen ›Flaschenkwas‹ zu, der berühmt war und aus der Flasche ›herausschoß‹. Wieso der Kwas brauste, wußte niemand. Manche behaupteten, daß Boruch Rosinen hineintat, andere meinten, es wäre Hopfen drin. Sobald der Sommer begann, hatte Boruch alle Hände voll zu tun, er brauchte nur das Geld zu zählen! Unser ›Kwas‹ ist kein Flaschenkwas, er schäumt und braust nicht. Wie mein Bruder ihn zubereitet, das weiß ich nicht. Bruder Elia schließt sich bei der Arbeit in Mutters Zimmer ein; weder ich, noch Mama, noch Broche wagen hineinzugucken. Das einzige, was wir sehen, ist, wie er Wasser hineingießt. Ich weiß aber trotzdem, aus was der ›Kwas‹ hergestellt wird; wenn ihr mir versprecht, das Geheimnis zu wahren, will ich es euch sagen. Es werden Zitronenschalen genommen, Honigsyrup und irgendein Zeug, genannt ›Kremortar‹, das saurer ist als Essig und Wasser. Wasser bildet den Hauptbestandteil; je mehr Wasser man nimmt, um so mehr ›Kwas‹ gibt es. Das Ganze wird mit einem Stäbchen gut gerührt, und das Getränk ist fertig. Es braucht nur in einen Krug gegossen zu werden, in das man noch ein Stückchen Eis hineinlegt. Ohne Eis taugt das ganze Getränk nicht. Das habe ich aus eigener Überzeugung erfahren; ich habe einmal warmen ›Kwas‹ getrunken und glaubte, es ginge mit mir zu Ende ... Als das erste Faß mit ›Kwas‹ hergestellt war, beschlossen meine Angehörigen, daß ich den ›Kwas‹ in den Straßen herumtragen soll. Wer denn sonst? Für den Bruder schickte es sich nicht. Er war doch immerhin ein verheirateter Mann. Daß die Mutter mit dem Krug in den Straßen herumginge uns ausriefe: »Kauft Kwas, Juden!« – das würden wir nicht zugeben. Die Wahl fiel also auf mich. Ich hatte nichts dagegen. Elia unterwies mich in meinem neuen Amt: in einer Hand sollte ich den Krug halten, in der anderen ein Glas und mit einem Singsang die Käufer herbeirufen: Trinkt, Juden! Kauft Kwas! Kostet! Macht Halt! Ein feines Getränk! Das Glas für eine Kopek! Kalt und süß! Kommt her und kostet! Meine Stimme klang hell wie reiner Sopran. Ich drehte die Worte ein wenig um, ging herum und sang: Juden! Kauft Kwas! Eine Kopeke das Glas! Süß und kalt! Kostet! Macht halt! Ich weiß nicht, ob mein Gesang so gut gefiel, ob das Getränk so vorzüglich schmeckte, oder der Tag besonders heiß war, – der erste Krug war in einer halben Stunde leer. Ich brachte fünfundsiebzig Kopeken nach Hause, gab das Geld der Mutter und bekam einen zweiten Krug. Elia rechnete aus, daß, wenn ich zehn bis zwölf Runden am Tage mache, wir monatlich hundert Rubel Reingewinn behalten, ohne den Sonnabend mitzurechnen. Sehr begreiflich: Das Getränk selbst kostete fast nichts, die Hauptausgabe war das Eis. Es galt daher, den ›Kwas‹ so schnell wie möglich zu verkaufen, damit das Stück Eis auch für den zweiten Krug bliebe. Eile war die Hauptsache ... Ich renne also und singe mein Liedchen ... Hinter mir ist eine ganze Bande Jungen her, die mich uzen und verhöhnen, aber ich mache mir nichts aus ihnen, ich denke nur an das eine, meinen ›Kwas‹ so schnell wie möglich loszuwerden. Ich weiß nicht, wieviel ich am ersten Tage verkauft habe, – ich weiß nur, daß Elia, Broche, die Mutter, alle um die Wette mich in den Himmel lobten. Zum Abendbrot gaben sie mir ein großes Stück Kürbis, ein Stück Wassermelone und ein paar Pflaumen, – und ›Kwas‹ durfte ich trinken, soviel ich wollte ... Die Mutter machte mir das Lager auf dem Fußboden zur Nacht zurecht und fragte mich, ob mir die Füße nicht weh taten. Elia lachte und meinte, ich wäre von jener Rasse, der man alles bieten kann und die an nichts Schaden nimmt. »Wenn Ihr wollt,« sagte ich, »gebt einen Krug ›Kwas‹ her, ich gehe mitten in der Nacht los!« Alle drei lachten über meine Unternehmungslust, nur der Mutter traten die Tränen in die Augen. Aber das ist schon zum Gesetz geworden: die Mutter muß weinen. Ich möchte wissen, ob alle Mütter so oft weinen wie meine? * Unser Geschäft ging wie geschmiert. Ein Tag war immer heißer als der andere. Eine glühende Hitze! Die Leute wußten nicht, wo sie sich vor Schwüle verkriechen sollten, die Kinder starben wie die Fliegen; ohne ein Glas ›Kwas‹ zur Erfrischung wäre den Leuten die Kehle verdorrt. Ich komme etwa zehn Mal nach Hause, um ›Kwas‹ zu holen. Elia bemerkt, daß der Vorrat zu Ende geht. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als mehrere Eimer Wasser nach Gutdünken zuzugießen. Ich muß euch aber sagen, daß ich schon früher als er auf diesen Gedanken gekommen war. Fast täglich ging ich zu unserer Nachbarin Pesche heran und bot allen von unserem selbstgefertigten ›Kwas‹ an. Ich reichte Pesche ein Gläschen, Mojsche – der doch ein so prachtvoller Mensch war! – zwei, – allen Kindern je ein Glas, damit auch sie wissen, welch ein vorzügliches Getränk wir zubereiten; der blinde Großvater mußte auch etwas bekommen, er konnte einem leid tun, der unglückliche Mensch ... Um keinen Verlust zu haben, goß ich Wasser in den Krug zu; ein Glas ›Kwas‹ ersetzte ich mit zwei Glas Wasser. Zu Hause machen es alle so. Wenn Bruder Elia ein Glas ›Kwas‹ trinkt, gießt er Wasser zu; er hat recht, auch eine Kopek zu verlieren, ist schade. Breche trinkt zwei, drei Gläser – sie trinkt das Gebräu des Bruders leidenschaftlich gern – und gießt Wasser zu; die Mutter kostet auch manchmal von dem Getränk – sie muß aber erst gebeten werden, von selbst nimmt sie niemals, – dann gießen sie Wasser zu. Bei uns geht kein Tropfen ›Kwas‹ verloren, und wir verdienen gut. Die Mutter zahlt allmählich die Schulden ab, die notwendigsten Sachen sind schon aus dem Versatzamt ausgelöst. Wir haben in der Stube wieder einen Tisch, eine Bank, Sonnabends kommt Weißbrot, Fleisch und Fisch auf den Tisch. Mir versprachen sie, Schuhe für die Feiertage anzuschaffen. Nein, wer hat es so gut wie ich?! * Wer hätte gedacht, daß unser ›Kwas‹ plötzlich im Wert so sinken würde, daß man ihn einfach auf die Straße gießen kann! Noch ein Glück, daß ich nicht mit der Polizei zu tun bekam ... Ich verweilte eines Tages mit meinem ›Kwas‹ bei der Nachbarin Pesche. Alle tranken von der Limonade, ich ebenfalls. Ich berechnete, daß mir etwa zwölf oder dreizehn Gläser fehlten und schlich mich in die Vorratskammer, wo sie Wasser in einem Faß aufzubewahren pflegten; statt aus dem Wasserfaß schöpfte ich in der Finsternis aus einer Wanne, in der Wäsche eingeweicht war, goß etwa zwanzig Gläser in den Krug und ging auf die Straße mit einem neuen Vers, den ich mir soeben ausgedacht hatte: Ein himmlischer Trank Der süße Kwas! Uns saget Dank! Auf Euer Wohl das Glas! Ein Jude hielt mich an, zahlte eine Kopek und ließ sich ein Glas einschenken. Kaum hatte er es ausgetrunken, als er sich zu winden begann: »Junge, was hast du da für ein Getränk?« Ich achtete nicht auf ihn. Zwei andere standen neben ihm und warteten, bis sie herankamen. Der eine spie die Hälfte des Glases aus, der andere den dritten Teil; sie zahlten, krächzten und entfernten sich. Noch ein anderer hob das Glas zum Mund, kostete und sagte, daß der ›Kwas‹ nach Seife roch und einen salzigen Geschmack hatte. Der nächste betrachtete das Glas, roch daran und gab es mir zurück. »Was hast du da?« »Kwas!« »Nicht ›Kwas‹, sondern Salztunke.« Ein neuer Käufer erschien. Er kostete und goß mir das ganze Glas über den Kopf. Im nächsten Augenblick entstand ein Gedränge um uns. Alle redeten, ereiferten sich, fuchtelten mit den Händen. Als der Schutzmann das Gedränge sah, kam er heran und fragte, um was es sich handelte. Man erzählte ihm den Vorgang. Er trat zu mir heran, besah den Krug und befahl, ihm ein Glas einzuschenken. Ich schenkte ein. Der Schutzmann nahm einen Schluck, spie aus und brüllte: »Wo hast du dieses Aufwaschwasser hergenommen?« »Das ist nach dem Buche gemacht,« sagte ich, »mein Bruder bereitet es, er macht es ganz allein.« »Wer ist dein Bruder?« »Elia, mein Bruder!« »Was für ein Elia?« »Beschuldige deinen Bruder nicht, dummer Junge,« riefen mir mehrere Männer auf jüdisch zu. Der Lärm wurde immer größer. Jeden Augenblick kamen neue Gesichter hinzu. Der Schutzmann hielt mich bei der Hand, um mich mit der Limonade zum Revier zu führen. »Armer Junge, er kann einem leid tun! Er ist ein Waisenkind,« vernahm ich von allen Seiten. Ich ahnte, daß die Sache schlecht enden würde. Angstvoll blickte ich die Menge an: »Habt Erbarmen, Juden!« Sie wollten dem Schutzmann etwas zustecken, aber er nahm es nicht. Ein alter Mann mit Spitzbubenaugen wandte sich plötzlich zu mir: »Du, Bursche! Reiß dich los und renn davon!« Ich gab mir einen heftigen Ruck und rannte, was Zeug hielt, direkt nach Hause. Mehr tot als lebendig stürzte ich ins Zimmer. »Wo ist der Krug?«, fragte Elia. »Im Revier!« stammelte ich und stürzte weinend zur Mutter. Die Tintenflut. »Was bin ich doch für ein komischer Kauz! Ich glaubte, sie würden mich aufhängen, weil ich schlechte Limonade verkauft habe. Kein Gedanke! Ich habe mich umsonst geängstigt. »Jente verkauft ja auch Schmalz anstatt Gänsefett! Der Fleischer Gedalje hat die Bevölkerung das ganze Jahr mit treifnem Fleisch gefüttert und es ist ihm auch nichts geschehen,« sagte Pesche meiner Mutter. Eine seltsame Frau ist meine Mutter: wegen jeder Kleinigkeit macht sie sich Sorgen. Bruder Elia ist in dieser Hinsicht ganz anders. Er hat sich über diesen Unfall keine Gedanken gemacht. Hatte er doch ein Buch, das er fast auswendig kannte, und in dem noch eine Menge Rezepte standen. Elia beschloß nun, Tinte zu fabrizieren. »Tinte«, sagte Elia, »ist ein gutes Geschäft, Tinte ist jetzt ein gangbarer Artikel. Die Leute sind klug geworden, jeder Mensch lernt schreiben. Der Schönschreibelehrer Itel sagte, er gebe ein ganzes Vermögen für Tinte aus. Beim Lehrer Itel lernen fünfundsiebzig Mädchen schreiben; Knaben gehen nicht zu ihm zum Unterricht; er schlägt sie zu viel mit dem Lineal auf die Hände; Mädchen dürfen nicht geschlagen, nicht einmal mit dem Lineal berührt werden. Ich bedaure, daß ich nicht als Mädchen geboren bin, dann brauchte ich nicht ›Kadisch‹ zu sagen ... Es ist furchtbar langweilig, jeden Tag dasselbe Gebet herunterzuleiern. Ich brauchte dann auch nicht einen halben Tag in der ›Talmud-Thora‹ zu sitzen, wo ich wenig lerne, aber um so mehr Genickstöße bekommen, und zwar nur selten vom Lehrer, häufiger von seiner Frau ... Was geht es sie an, daß ich mich um die Katze kümmere! Wenn ihr das Kätzchen sehen würdet! Ein bedauernswertes Geschöpf, ewig verhungert, es miaut ganz leise und weint wie ein Mensch; das Herz tut einem weh, wenn man das Tierchen ansieht. Was haben sie für einen Schaden von der Katze!? Wer sobald sie ins Zimmer kommt, jagen sie sie fort, so daß das arme Tier ganz verängstigt davonläuft. Nicht eine Spur Mitleid haben die Menschen! Aber ich kehre zu der Tinte meines Bruders Elia zurück. Elia meint, die Welt sei jetzt eine ganz andere. Früher kaufte man Tintennüsse, kochte sie lange, fügte Vitriol hinzu und etwas Zucker zum Glanz ... Das war eine recht umständliche Sache mit der Tinte. Jetzt ist das alles nicht mehr nötig. Man kauft in der Apotheke einfach ein Pulver, eine Flasche Glyzerin, vermischt es mit Wasser, läßt das Ganze auf dem Feuer kochen, – und die Tinte ist fertig. Elia lief in die Apotheke, kaufte einen ganzen Sack Pulver, eine Riesenflasche mit Glyzerin, dann schloß er sich in Mutters Stübchen ein und arbeitete, – wie immer ganz im geheimen. Wenn er einen Becher brauchte, rief er die Mutter herein und flüsterte ihr zu: »Mama, einen Becher ...« Das Pulver und das Glyzerin mischte er in einem großen Topf, den man zu diesem Zweck besorgt hatte und stellte ihn in den Ofen, nachdem er die Tür vorher abgeriegelt hatte. Die Mutter blickte während der ganzen Zeit auf den Ofen, da sie anscheinend fürchtete, daß er platzen könnte. Dann wurde das Faß, das früher zu Limonade gedient hatte, ins Zimmer gerollt, der Topf vorsichtig aus dem Ofen herausgeholt, die Flüssigkeit behutsam ins Faß gegossen und Wasser dazu getan. Als das Faß halb voll war, sagte Elia: »Genug!« Dann nahm er sein Buch, las und las und bat mit flüsternder Stimme, ihm einen Bogen Papier zu reichen, auf dem gewöhnlich Gesuche geschrieben wurden. Er tauchte die Feder ins Faß ein und zeichnete auf dem Papier allerlei Häkchen und Arabesken, dann zeigte er das Geschriebene der Mutter und Broche. Beide besahen das Papier und sagten: »Es schreibt!« Dann goß er noch mehr Wasser zu. Von Zeit zu Zeit rief Elia: »Genug!«, nahm die Feder, schrieb etwas auf das Papier, zeigte es der Mutter und Broche, und sie stellten gemeinschaftlich fest, daß »es schreibt«. Das dauerte so lange, bis die Tinte den Rand des Fasses erreicht hatte. Dann hob Elia beide Hände empor, sagte zum letzten Male »genug«, und wir setzten uns zu Tisch. Nach dem Essen wurde die Tinte in Flaschen gefüllt. Elia hatte sich mit einem Riesenvorrat von Flaschen jeden Formats versehen: Bier- und Weinflaschen, Limonaden- und Schnapsflaschen. Die Pfropfen kaufte er alt, um zu sparen. Elia flüsterte der Mutter zu, sie möge die Tür zuschließen; dann gingen wir an die Arbeit. Broche wusch die Flaschen und reichte sie der Mutter; Mama prüfte, ob sie rein waren und reichte sie mir hin; ich steckte den Trichter in den Hals und hielt mit einer Hand den Trichter und mit der anderen die Flasche; Elia schöpfte die Tinte mit einem Becher und füllte die Flaschen. Die Arbeit schritt schnell vorwärts und schien mir sehr erheiternd. Das einzige Übel dabei war, daß die Tinte leicht abfärbte; wir beide, Elia und ich, hatten uns die Hände, die Nase und das Gesicht schwarz gemacht. Zum ersten Male sah ich, daß die Mutter lachte; Broche lachte natürlich mit. Aber Elia liebte es nicht, daß er ausgelacht wurde, und er fuhr Broche an, warum sie denn lache. Da erscholl das Gelächter noch lauter. Broche konnte sich einfach vor Lachen nicht halten. Die Mutter bat uns, die Arbeit zu unterbrechen und die Gesichter zu waschen. Aber Elia nahm sich nicht die Zeit. »Wie kann man ans Gesicht denken, wenn die Flaschen nicht ausreichten!« Elia rief Broche, gab ihr Geld, damit sie Flaschen hole ... Sie hörte ihn an, als sie aber zu ihm aufblickte, platzte sie mit solchem Gelächter heraus, als ob sie einen Schuß knallen ließ. Elia wurde zornig und bat die Mutter, Flaschen zu holen. Nach kurzer Zeit kam die Mutter mit einem neuen Transport Flaschen zurück. Elia hatte unterdessen etwas Wasser zugegossen, und wenn der Versuch ergab, daß »es schrieb«, goß er noch mehr zu. Dann wurde mit dem Füllen fortgesetzt, so daß bald auch der neue Vorrat gefüllt war. »Vielleicht ist es jetzt genug?« fragte Broche. »Wenn du es nicht behext!« sagte die Mutter; aber Elia blickte seine Frau wütend an, zuckte die Achseln, als wollte er sagen: »Ein Kalb bist du, liebe Frau, daß Gott der Herr sich erbarmen möge!« * Tinte haben wir jetzt – ein Schwarzes Meer! An die tausend Flaschen in allem. Wer was nützt es, wenn kein Platz ist, sie aufzubewahren. Elia hat schon überall herumgefragt. Die Tinte einzeln, in Flaschen, zu verkaufen, hat keinen Sinn, sagte Elia zu unserem Nachbarn, dem Buchbinder Mojsche. Als Mojsche eines Tages zu uns herankam Und eine solche Menge Flaschen sah, wich er vor Schreck zur Tür zurück. Das entging meinem Bruder nicht. Es entspann sich zwischen ihnen folgendes Gespräch, das ich wörtlich wiedergebe: Elia: »Warum sind Sie so erschreckt?« Mojsche: »Was hast du dort in den Flaschen?« Elia: »Wein!« Mojsche: »Was für Wein? Es ist doch Tinte!« Elia: »Also warum fragen Sie?« Mojsche: »Was willst du denn mit all dieser Tinte anfangen?« Elia: »Ich werde sie trinken!« Mojsche: »Ich spaße nicht. Willst du die Tinte im Detail verkaufen?« Elia: »Bist du verrückt geworden? Ich werde sie en gros verkaufen, zu zehn, zwanzig, fünfzig Flaschen!« Mojsche: »Wem willst du denn die Tinte verkaufen?« Elia: »Wem? Dem Rabbiner!« Mein Bruder Elia besuchte die Läden. Ein Grossist, zu dem er kam, bat ihn, ein Probefläschchen zu liefern. Bei dem zweiten brachte Elia gleich eine Probeflasche mit, aber der wollte die Flasche ohne Etikett nicht in die Hand nehmen. »Auf der Flasche muß ein Etikett sein, ein Etikett mit verschiedenen Mustern.« »Ich mache keine Etiketts, ich mache nur Tinte,« sagte Elia. »Machen Sie nur weiter und lassen Sie es sich gut bekommen.« Mein Bruder eilte zu Itel, dem Schönschreibelehrer. Hier erstarrte er förmlich. Itel hatte sich bereits für den ganzen Sommer mit Tinte versehen, wie er sagte. »Wie viele Flaschen haben Sie gekauft?« fragte Elia. »Wie viele Flaschen?« erwiderte Itel, »ich habe eine Flasche gekauft, die reicht für lange Zeit, und wenn sie leer ist, kaufe ich eine neue Flasche. Ein schönes Geschäft! Was so eine Lehrerseele sich alles herausnimmt. Zuerst erzählt er, er gebe ein Vermögen für Tinte aus und nun stellt es sich heraus, daß er eine Flasche im Sommer braucht. Elia war außer sich. Was würde er mit all der Tinte anfangen? Er war entschlossen, sie en detail zu verkaufen. »Wißt ihr, was Detailverkauf bedeutet? Hört mich an!« Elia brachte einen großen Bogen Papier mit und schrieb mit großen Buchstaben darauf: Hier wird Tinte verkauft en gros und en detail billig und bequem!!! Die Worte ›en detail und billig‹ nahmen fast die Hälfte des Bogens ein. Diese Anzeige klebte er an seine Tür. Die Vorübergehenden blieben stehen und lasen. Bruder Elia blickte ins Fenster und rang die Finger, – ein deutliches Zeichen seiner Erregung. »Weißt du was?« sagte er zu mir, »geh mal auf die Straße und horche, was sie sagen.« Ich, nicht abgeneigt, gehe hinaus und horche. Eine halbe Stunde habe ich herumgelauert, dann kam ich nach Hause. »Nun?« fragte Elia leise. »Die Leute sagen, es sei hübsch geschrieben.« »Weiter nichts?« »Weiter nichts!« Elia seufzte. »Was seufzt du, Dummchen?« flüsterte ihm die Mutter zu, »gedulde dich ein wenig. Willst du die ganze Ware an einem Tage verkaufen?« »Ach, wenn ich wenigstens Handgeld gelöst hätte!« sagte Elia mit Tränen in den Augen. »Warte nur!« entgegnete die Mutter. »Mit der Zeit wirst du auch Handgeld lösen.« Die Mutter bereitete das Essen, und wir setzten uns zu Tisch. Die Flaschen nahmen so viel Platz ein, daß wir zusammenrücken mußten. Eine furchtbare Enge herrschte bei uns. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, als ein fremdes, kleines Mädchen hereinkam, an der Tür stehen blieb und mit dem Finger in der Nase polkend, die Mutter fragte: »Wird hier Tinte gemacht?« »Ja! Was wünschst du?« »Meine Schwester läßt fragen, ob Sie ihr nicht ein bißchen Tinte borgen möchten, sie muß einen Brief an den Bräutigam nach Amerika schreiben.« »Wer ist deine Schwester?« »Die Schneiderin Basja.« »Sieh mal an, wie das Mädel gewachsen ist, nicht zum Erkennen. Hast du ein Tintenfaß mit?« »Wieso sollten wir ein Tintenfaß haben? Meine Schwester fragte, ob ich nicht auch eine Feder bekommen könnte. Sie wird nur den Brief nach Amerika schreiben, dann bringe ich euch das Tintenfaß und die Feder wieder zurück.« Elia sprang vom Tisch auf. Er lief aufgeregt im Zimmer hin und her, starrte vor sich hin und biß die Nägel. Das Echo der Tintenflut. »Wozu hast du so viel Tinte gebraut? Wolltest du die ganze Welt mit Tinte versorgen? Für den Fall einer Tintennot?« fragte der Buchbinder Mojsche meinen Bruder. Mojsche machte den Eindruck eines harmlosen, unglücklichen Menschen, aber es machte ihm Vergnügen, sich an fremdem Leid zu ergötzen und Salz auf die Wunden zu streuen. Mein Bruder war um eine Antwort nicht verlegen. Er riet dem Buchbinder, sich lieber um sich selbst zu kümmern und das Sühnegebet nicht in die Passahandacht einzubinden. Mojsche wußte sehr wohl, in wessen Garten die Steine geworfen wurden. Ihm war nämlich folgendes Unglück passiert; Ein Kutscher hatte ihm ein Gebetbuch zum Einbinden gegeben, und Mojsche hatte aus Versehen die Blätter durcheinandergemischt. Der Kutscher hätte es wohl gar nicht bemerkt, aber seine Nachbarn in der Synagoge hörten, wie er Ostern mit Grabesstimme das Sühnegebet anstimmte; da erhob sich ein allgemeines Gelächter. Der Kutscher kam zu Mojsche gelaufen, um sich mit ihm nach seiner Art auseinanderzusetzen. »Was hast du mir nur angetan, du Verbrecher? Warum hast du mich vor der ganzen Welt lächerlich gemacht?! Ich reiße dir alle Eingeweide aus dem Bauch 'raus!« Das war damals ein blutiges Passahfest. Aber es ist keine Zeit zum Scherzen. Bei uns zu Hause ging es jetzt gar nicht lustig zu. Elia ging mit heruntergelassener Nase im Zimmer herum und wußte nicht, was er mit seiner Tinte anfangen sollte. »Wieder die Tinte!« sagte die Mutter. »Ich rede nicht mehr von der Tinte!« entgegnete der Bruder, »hol sie der Kuckuck! Aber die Flaschen haben viel Geld gekostet! Wenn man wenigstens die Flaschen sauber machen und verkaufen könnte!« Aber wohin sollte man die Menge Tinte gießen? Man mußte warten, bis es Nacht wurde. In der Nacht, wenn es finster war, würde es nicht auffallen. Unglücklicherweise war Mondnacht, keine Wolke zeigte sich am Himmel. Wozu soll er uns jetzt, der Mond? Er steckt die Nase überall hinein, wo es nicht nötig ist ... Trotzdem gingen wir an die Arbeit. Wir trugen eine Flasche nach der anderen hinaus und gossen die schwarze Flüssigkeit auf die Straße. Eine große Pfütze bildete sich. »Du darfst nicht alles auf eine Stelle gießen!« sagte Elia zu mir. Ich gehorchte und suchte für jede Flasche eine andere Stelle. Ich trat auf des Nachbarn Mauer und goß, ich lief an einem Zaun vorbei und goß, ich sah zwei Ziegen auf dem Rasen liegen, kauen und zum Mond gucken – und goß. »Für heute ist's genug!« sagte Elia. Wir legten uns schlafen. Im Hause war es still, die Grillen zirpten, die Katze bewegte sich hinter dem Ofen. – Solche Schlafmütze! – Den ganzen Tag wärmt sie sich nur und schläft. Im Flur ließen sich Schritte vernehmen. Ein Gespenst etwa? Die Mutter schlief noch nicht, sie schlief überhaupt sehr wenig; ich hörte immer, wie ihre Finger knackten und wie sie stöhnte und seufzte, sich mit irgend jemand unterhielt und über ihr bitteres Leben klagte. Mit wem sprach sie? Mit Gott? ... Mitten in ihrem Gespräch ertönte oft ein Stoßseufzer und die Worte: »Oh Gott, Gott!« * Ich lag noch in meinem Bett auf dem Fußboden, als ich im Traum einen heftigen Lärm vernahm. Lauter bekannte Stimmen. Ich öffnete die Augen: hellster Tag, die Sonne blickte in die Fenster und rief mich hinaus auf die Straße. Ich versuchte mich zu erinnern, was gestern vorgefallen war, – richtig: die Tinte! In wenigen Augenblicken war ich angekleidet. Die Mutter war verweint – wann weinte sie nicht? Broche war ärgerlich, – wann war sie nicht ärgerlich? Elia stand da, geradeso wie eine Kuh, die gemolken werden sollte, mit stumpfen Augen, geduckt. Was war geschehen? Oh, nicht zu wenig! Die Nachbarn waren erwacht und jammerten, als ob man sie bestohlen hätte. Bei dem einen war die Mauer mit Tinte bespritzt, bei dem zweiten war der Zaun befleckt, ein nagelneuer Zaun, – der dritte hatte weiße Ziegen, die jetzt nicht mehr zu erkennen waren! Das war aber noch nicht das Schlimmste. Das Hauptgeschrei erhob sich wegen der Unterhosen des Fleischers Mendel. Nagelneue weiße Unterhosen! Mendels Frau hatte sie über den Zaun gehängt, und nun waren sie unbrauchbar! Meine Mutter versprach, ein paar andere Unterhosen zu stricken, wenn sie sich nur beruhigen würde! Aber was war mit dem Zaun und der Mauer anzufangen? Die Mutter und Broche mußten zu den Bürsten greifen, den Zaun und die Mauer scheuern und die Flecke mit weißem Lehm verschmieren. »Euer Glück,« sagte unsere Nachbarin Pesche, »daß ihr auf friedfertige Menschen getroffen habt! Hättet ihr zufällig den Zaun beim Feldscher Mnasche mit Tinte beschmutzt, so wäre er euch auf den Kopf gekommen!« »Was denkt Ihr?« entgegnete die Mutter, »auch im Unglück muß man Glück haben.« * »Jetzt werde ich klüger sein! Wenn es Nacht wird, bringen wir die Tinte zum Flüßchen,« sagte Elia zu mir. ›Das ist schlau!‹ dachte ich. Dort wird ja aller Schmutz hineingeschüttet, die Wäsche gewaschen, dort baden Pferde, wälzen sich Schweine, dort wird das Abwaschwasser hineingegossen. Ich und das Flüßchen waren gute Freunde, und ich wartete mit Ungeduld auf die Gelegenheit, es wiederzusehen. Als die Nacht hereinbrach, füllten wir sämtliche Taschen mit Flaschen und begaben uns zum Flüßchen. Ich hatte schon lange keine so lustige Nacht erlebt. Das ganze Städtchen schlief. Heller Sternenhimmel ... Der Mond schien über dem Flüßchen. Tiefe Stille. Unser Flüßchen ist sehr klein. Nach Ostern, wenn der Schnee schmilzt, schwillt es an und überflutet die Umgegend; später wird es allmählich schmaler und seichter; gegen Ende des Sommers verschwindet es ganz und versinkt in Schlaf. Zu dieser Zeit pflege ich das Flüßchen zu überschreiten. Tief im Schlamm gluckst etwas, – die Frösche am anderen Ufer antworten: Quak! Quak! Es scheint, als ob das Flüßchen von unserer Tinte zugenommen hätte. Wir haben ja an die tausend Flaschen hineingegossen; die ganze Nacht haben wir gearbeitet, wie Ochsen; halb tot vor Erschöpfung schliefen wir ein. Da weckte uns die Mutter mit ihrem Gejammer: »Weh mir! Ein unglückliches, bitteres Leben habe ich! Was habt ihr mit dem Fluß gemacht?« Es stellte sich heraus, daß wir das Städtchen ins Elend gestürzt haben. Die Wäscherinnen konnten ihre Wäsche nicht mehr im Fluß spülen, die Kutscher konnten ihre Pferde nicht tränken, die Wasserträger sollen ganz rabiat geworden sein, sie wollen zu uns kommen und mit uns Abrechnung halten. Aber wir warteten nicht erst ab, bis sie zu uns kommen würden, wir zogen uns schnell an und rannten die Straße hinauf zu dem besten Freund meines Bruders, Teine. Mögen sie uns dort suchen! Die Straße niest. Ein neues Geschäft ist im Gange: Bruder Elia hat die ganze Woche in seinem Buch mit dem Titel »Für einen Rubel – hundert!« studiert und gelernt, wie man Mäuse, Ratten und allerlei Ungeziefer vertreibt. »Mögen sie mich nur mit meinem Pulver erst einmal hereinlassen!« murmelte er. Die Zubereitung dieses Pulvers, war ein Geheimnis, von dem nur das Buch und Elia wußten, sonst niemand. Das Buch hielt Elia in seiner Seitentasche, das Pulver – im Papier. Das Pulver war von roter Farbe, weich wie Tabak und nannte sich ›Nieswurz‹. »Was ist ›Nieswurz‹?« »Türkischer Pfeffer!« »Und was ist türkischer Pfeffer?« »Laß mich in Ruhe mit deinem: was ist?!« Elia konnte nicht leiden, wenn man ihn über sein Geheimnis ausfragte. Ich verstummte. Außer ›Nieswurz‹ gehört noch ein anderes, ebenfalls nützliches Pulver, mit dem man vorsichtig umgehen muß, zu den Bestandteilen des Vertilgungsmittels. »Es ist Gift!« wiederholte Elia hundertmal der Mütter und Broche, besonders aber mir. »Man darf es nicht anrühren, es ist Gift!« Den ersten Versuch mit unserem Pulver machten wir bei unserer Nachbarin Pesche. Sie hatte furchtbar viel Mäuse. In ihrem Hause gab es immer viele Bücher, die Mäuse haben aber bekanntlich Bücher sehr gern, übrigens weniger die Bücher als den Kleister, der sich in den Einbänden befindet und um dessentwillen sie die Bücher vernichten. Unlängst haben die Mäuse mein neues Gebetbuch vollständig zernagt. »Laßt mich für eine einzige Nacht hinein, laßt mich das Pulver ausprobieren,« flehte Elia Pesche an. Der Buchbinder zögerte, er hatte Angst, daß Elia ihm die Bücher vernichten könnte. »Wieso sollten denn die Bücher darunter leiden?« entgegnete Elia. »Weiß Gott, was du noch anrichten wirst! Es sind doch fremde Bücher.« Werde wer will mit dem Buchbinder fertig! Man ist auf seinen Vorteil bedacht, und er wehrt sich noch! Nur mit größter Mühe haben wir endlich seine Einwilligung erlangt. * Die erste Nacht ergab einen Mißerfolg, – wir haben keim einzige Maus gefangen. Elia meinte, das sei ein gutes Zeichen, – die Mäuse hätten das Pulver gewittert und wären davongelaufen. Der Buchbinder schüttelte den Kopf und lächelte mit der Unterlippe. Er glaubte nicht daran. Dennoch verbreitete sich das Gerücht, daß wir Mäuse vertreiben. Dieses Gerücht hatte Pesche in Umlauf gesetzt. Sie ging des Morgens auf den Markt und verbreitete die Neuigkeit. Pesche ist für uns eine lebendige Reklame. Früher hat sie unsere Limonade gepriesen, dann erzählte sie überall von der Tinte, aber in diesem Fall halfen ihre Anpreisungen nicht, weil kein Mensch Tinte brauchte. Mit den Mäusen verhielt es sich anders; Mäuse gab es überall! Zwar pflegte man Katzen auf die Mäuse loszulassen, aber was bedeutete eine einzige Katze gegen so viele Mäuse und gar erst gegen Ratten! Die Ratten hatten vor der Katze überhaupt keine Angst; der Schuhmacher Berel behauptete, daß die Katze sich vor der Ratte fürchtete ... Berel erzählte Wunder von Ratten. In der Stadt hieß es, daß er gern übertreibe, aber wenn seine Worte nur zur Hälfte wahr wären, so genügte das auch. Berel erzählte zum Beispiel, daß die Ratten bei ihm einmal ein Paar Stiefel aufgefressen hätten. Das war in der Nacht: zwei Riesenratten waren aus einem Loch herausgeschlüpft und begannen vor seinen Augen die Stiefel zu nagen. Er konnte sich nicht entschließen, nahe heranzugehen, denn die Ratten waren etwa so groß wie ein Kalb; er wollte sie aus der Ferne vertreiben, er pfiff, stampfte mit den Füßen, schrie, miaute, – aber sie ließen sich nicht stören; er warf mit den Leisten nach ihnen, sie blickten nur zu ihm auf und setzten ihr Werk fort. Endlich schleuderte er eine Katze nach ihnen; da stürzten sich die Ratten auf sie und erwürgten sie. »Laßt mich eine Nacht bei Euch arbeiten!« sagte Elia, »ich vertreibe Euch sämtliche Ratten!« »Bitte sehr, mit dem größten Vergnügen,« meinte der Schuhmacher Berel; »ich werde mich bei Euch bedanken, wenn Ihr es fertigbringt!« * Wir verbrachten die ganze Nacht bei Berel. Er wachte mit uns. Welche wunderbare Geschichten erzählte er uns von dem türkischen Krieg! Er war an einem Ort, der Plewna hieß, erzählte er. Dort wurde aus Kanonen geschossen. Wissen Sie, wie groß eine Kanone ist? – Stellen Sie sich vor, eine einzige Kugel ist größer als ein ganzes Haus. Und die Kanone wirft tausend solcher Kugeln in einer Minute heraus. Beim Herausfliegen entsteht ein Getöse, daß man taub davon werden kann. Einmal, fuhr Berel fort, stand er Wache, da vernahm er plötzlich einen Krach. Er wurde emporgeschleudert, bis über die Mauern! Dort platzte die Kugel in tausend Stücke. »Ein Glück,« sagte Berel, »daß ich im weiten Bogen hinunterfiel, sonst hätte ich mir den Kopf zerschlagen.« Elia horchte und schwieg, nur seine Augen lachten, ein seltsames Lachen! Berel bemerkte es nicht. Er erzählte von seinen Abenteuern, das eine immer schauriger als das andere. So blieben wir bis zum Morgen beisammen. Die Ratten ließen sich nicht blicken. »Sie sind ein Zauberer!« schrie Berel meinem Bruder zu und verbreitete in der ganzen Stadt, daß Elia einen Zauberspruch gegen Mäuse und Ratten kenne. Er schwor, daß er selbst gesehen habe, wie Elia etwas geflüstert hatte, und die Mäuse sofort aus ihren Löchern kamen, zum Fluß eilten, über den Fluß schwammen und dann weiter liefen, er weiß selbst nicht, wohin ... * »Hier werden Mäuse vertrieben?« erkundigten sich fremde Personen und baten uns, sie aufzusuchen und die Mäuse zu beschwören. Mein Bruder Elia, der ein ehrlicher Mann war, erklärte, daß er die Mäuse nicht durch einen Spruch, sondern mit einem Pulver vertilgte. Er habe wirklich ein Pulver, vor dem die Mäuse ausreißen, sobald sie es riechen. »Mach es mit Pulver oder mit dem Teufel, wie du willst, wenn du nur die Mäuse verjagst ... Was kostet es denn?« Elia feilschte nicht gern. Er sagte, für das Pulver bekäme er soundsoviel und für seine Bemühungen soundsoviel. Aber er wurde mit jedem Tage kühner und erhöhte immer den Preis. Eigentlich nicht er, sondern Broche. »Nun,« behauptete sie unausgesetzt, »wenn man Schweinefleisch ißt, dann muß es so fett sein, daß das Schmalz über die Lippen fließt. Da er Rattenfänger geworden war, muß es ihm wenigstens viel Geld einbringen.« »Und die Gerechtigkeit? Wo ist Gott?« fragte die Mutter. »Die Gerechtigkeit?! Dort ist sie, die Gerechtigkeit!« Sie zeigte dabei mit der Hand auf den Ofen. »Und Gott? Hier ist Gott!« Und sie schlug mit der Hand auf die Tasche. »Broche! Um Gotteswillen! Was hast du gesagt?« »Was willst du mit einer Kuh streiten!« sagte Elia zur Mutter, indem er im Zimmer auf und ab ging und seinen Bart streichelte. Elia hatte bereits einen ganz ansehnlichen Bart; er glättete ihn immer, und der Bart wuchs. Auch sein Hals war dicht mit Haar bewachsen, nur die Wangen waren frei geblieben. Ein anderes Mal hätte Elia für die ›Kuh‹ so büßen müssen, daß er sich nicht hätte retten können, aber jetzt schwieg Broche still, weil Elia doch Geld verdiente und sie ihn dafür respektierte. Auch mich konnte sie besser leiden, seitdem ich Elia bei der Arbeit half. Gewöhnlich nannte sie mich Landstreicher, ein Häufchen Unglück, eine verhungerte Katze, und nun heiße ich plötzlich Mottelchen. »Mottelchen, bring mir die Schuhe!« »Mottelchen, schütte den Mülleimer aus!« Was es doch heißt, Geld verdienen! Selbst die Sprache ist seitdem bei Broche verändert. * Der einzige Fehler meines Bruders war, daß er von allem immer so große Mengen haben mußte: von der Limonade – ganze Fässer voll; – von der Tinte – tausend Flaschen, von Mäusepulver – einen vollen Sack. Als der Buchbinder eines Tages bemerkte: »Was fängst du mit dieser Menge an?«, da schimpfte Elia ihn aus. Hätte er den Sack lieber irgendwo eingeschlossen! Eines Tages gingen nämlich alle fort und ließen mich mit dem Sack allein zu Hause. Was ist dabei, daß ich darauf herumritt? Warum sollte der Sack mir nicht als Pferd dienen? Konnte ich denn annehmen, daß der Sack platzen und das Pulver verschütten würde? ... Das Pulver roch sehr scharf, ich bückte mich, um es zusammenzufegen und begann zu niesen. Nach einer ganzen Tabakdose mit Riechtabak hätte ich nicht so viel niesen können. Ich lief auf die Straße und glaubte, daß es vielleicht nachlassen würde. Aber wo! Die Mutter kam und fragte, was passiert wäre. Ich konnte nur antworten: »Psi!« »Mein Gott! Mein Gott! Wo hast du dir einen solchen Schnupfen geholt?« schrie die Mutter. Ich hörte nicht auf zu niesen und zeigte mit der Hand auf die Tür. Die Mutter ging ins Zimmer, lief aber bald wieder, laut niesend, heraus. Bald darauf kam der Bruder und sah, daß wir niesten. Er fragte, was passiert wäre, ging in die Wohnung, kam wieder herausgerannt und schrie: »Wer hat den Sack ... Psi! Psi! Psi!« Ich habe den Bruder lange nicht so wütend gesehen. Er stürzte sich auf mich, aber zum Glück war er durch das Niesen gehemmt, sonst wäre es mir schlimm ergangen. Broche kam hinzu; wir niesten weiter. »Was habt Ihr denn? Wieso niest Ihr alle?« Wir waren nicht imstande, zu antworten, zeigten nur mit der Hand auf die Tür. Sie rannte hinein und erschien im nächsten Augenblick rot wie Höllenfeuer und stürzte sich auf den Bruder. »Ich habe dir doch ges... psi! psi! psi!« Unsere Nachbarin Pesche kam herausgerannt, sie sagte etwas zu uns, aber keiner konnte ihr antworten, wir zeigten nur auf die Tür. Nach einer Weile rannte Pesche aus unserer Wohnung heraus. »Was ist bei Euch pass... psi! psi! psi!« Pesche fuchtelte mit beiden Händen, da kam ihr Mann Mojsche herbei. Er sah uns an und lachte: »Wieso habt ihr denn alle die Nieswut bekommen?« »Gehen Sie ... doch einmal dort ... hin ... psi! psi!« sagte einer von uns und zeigte mit dem Finger auf die Tür. Der Buchbinder ging in unsere Stube und sprang lachend wieder heraus. »Ich weiß schon, ich hab's gerochen. Das ist das Nies... psi! psi!« Er stemmte die Hände in die Seiten und nieste mit Genuß. Nach jedem Niesen machte er einen Sprung nach hinten, stellte sich auf die Zehenspitzen, nieste und machte wieder einen Sprung nach hinten. Nach einer halben Stunde niesten alle unsere Nachbarn und Nachbarinnen, ihre Kinder, Tanten und Onkel, ihre Freunde und Bekannten, – die ganze Straße nieste von einem Ende bis zum anderen. * Mein Bruder bekam Angst. Er fürchtete, daß man ihm für diese Geschichte heimzahlen würde. Er nahm mich bei der Hand, und wir gingen, ohne mit dem Niesen aufzuhören, die Straße hinauf zu seinem Freund Peine. Gute anderthalb Stunden vergingen, bis wir wieder menschlich sprechen konnten. Da erzählte Elia Peine seine Geschichte. Peine hörte ihn an, wie der Arzt einen Kranken. Als mein Bruder zu Ende war, bat Peine ihn, ihm das Buch zu zeigen. Mein Bruder zog das Buch aus der Seitentasche heraus und gab es Peine. Peine las den Titel: »Für einen Rubel – hundert!« und der Untertitel: »Wie man fast ohne Unkosten hundert Rubel und darüber monatlich verdient!« und warf das Buch, ohne ein Wort zu sagen, ins Feuer. Elia stürzte zum Ofen. Peine hielt ihn zurück. »Warte, beeile dich nicht so!« Nach wenigen Minuten blieb von dem Buch nur ein Häufchen Asche zurück. Auf einem winzigen Papierrestchen, das zufällig unversehrt geblieben war, konnte man lesen: Nieswurz. Unser Freund Peine Ich halte es für meine Pflicht, euch mit dem besten Freund meines Bruders, Peine, bekannt zu machen. Er ist ein Original. Aber vorher einige Worte über seinen Großvater, Vater und Onkel. Habt keine Angst, ich fasse mich kurz! Ich fange mit dem Großvater an. Peines Großvater ist Reb Chaim. Er ist Glaser, Spezialist für Spiegel, und außerdem Färber. Aber seitdem er alt ist, hat er sein Handwerk aufgegeben und reibt Riechtabak zum Verkauf. »Solange der Mensch lebt, muß er arbeiten, um anderen nicht zur Last zu fallen,« pflegt er oft zu sagen. Reb Chaim ist ein groß gewachsener, hagerer Greis mit roten Augen und einer wunderlichen Nase, die unten breit, oben schmal und wie ein Horn gebogen ist. Ich nehme an, daß die Nase vom ewigen Tabakschnupfen so geworden ist. Reb Chaim ist nicht mehr jung. Er zählt hundert Jahre, aber er ist gut erhalten und vielleicht auch jetzt noch klüger als seine Söhne: der Mechaniker Hersch Leib und der Uhrmacher Schneure. Der Mechaniker Hersch Leib, Peines Vater, ist auch groß und mager, wie Reb Chaim, und hat ebensolche wunderliche Nase. Vorläufig schnupft er noch nicht Tabak, aber es ist wohl anzunehmen, daß er es tun wird. Hersch Leib hat eine hohe Stirn und wird allgemein für begabt gehalten. »Wenn man mich hätte ein Handwerk lernen lassen,« pflegte Hersch Leib oft zu sagen, »so wäre ich ein erstklassiger Meister geworden. Es gibt keine Sache, die ich nicht begriffen hätte. Ich erfasse alles im Fluge.« Hersch Leib, der Mechaniker, setzte Ofen; er hat es selbst erlernt. Er hatte einige Male beobachtet, wie der Ofensetzer Johann Öfen setzte und schüttelte sich dabei vor Lachen; denn er behauptete, daß der Ofensetzer Johann vom Ofensetzen keine Ahnung hatte. Er kam nach Hause, nahm den Ofen auseinander und begann einen neuen Ofen zu bauen. Als der Ofen rauchte, riß er ihn nieder und stellte einen anderen hin; das wiederholte sich mehrere Male, bis er ein berühmter Ofensetzer wurde. Später erfand er einen solchen Ofen, der nur dreimal wöchentlich geheizt zu werden brauchte. »Leider,« sagte Hersch Leib, »kann ich kein anderes Material bekommen. Gebt mir Kacheln, und ich werde euch Wunderöfen herstellen!« Hersch Leib liebte es manchmal, seinen Bruder Schnojre zu ärgern und sagte: »Ein Ofen ist kunstvoller zusammengesetzt als eine Uhr.« Schneure war jünger und größer als sein Bruder, aber sie hatten die gleiche Nase. Schneure war sehr begabt, er sollte Rabbiner, Schächter oder Lehrer werden. Aber er wollte nicht lernen und schwärmte nur für das Uhrmacherhandwerk. Als er noch ein Knabe war, machte es ihm Spaß, alle möglichen Schlösser zu untersuchen und zu ergründen, was für ein Geheimnis im Schlosse steckte; weshalb das Schloß sich öffnete, wenn es rechts herum gedreht wurde, und weshalb es wieder schloß, wenn es nach links gedreht wurde; weshalb eine Uhr schlug, und weshalb sie gerade dann schlug, wenn der große Zeiger auf 12 stand. Als Schneure zum erstenmal eine Kuckucksuhr sah, verlor er fast den Verstand. Der alte Reb Chaim hatte diese Uhr von einem pensionierten Oberst bekommen, der sein Kunde war. Wenn die Uhr schlagen sollte, öffnete sich ein Türchen, aus dem ein Vögelchen heraussprang und »Kuckuck« rief. Das Vöglein war wie lebendig, so daß die Katze sich manchmal irrte und nach ihm sprang. Schneure paßte die Zeit ab, als niemand zu Hause war, nahm die Uhr von der Wand, schraubte alle Schrauben auseinander, nahm das Werk heraus und forschte nach dem Geheimnis, doch der Vater kam dazu und verprügelte Schneure so, daß man für sein Leben fürchtete. Aber Schneure setzte seinen Willen durch und wurde Uhrmacher. So erzählte Schneure von seinen jungen Jahren. »Ich weiß nicht, ob Reb Schneure ein guter Uhrmacher ist, aber er ist billig und arbeitet schnell. Mein Bruder hat ihm auch seine Uhr zur Reparatur gegeben. Sie hat nämlich einen Fehler: entweder läuft sie um eine halbe Stunde vor oder sie bleibt vier Stunden zurück, oder sie steht überhaupt. Elia hätte sie vielleicht zu einem anderen Meister gebracht, aber es war ihm vor Peine unangenehm. Peine sagt, daß die Uhr an dem Fehler Schuld sei, nicht Onkel Schneure. »Wäre die Uhr gut,« behauptete Peine, »so könnte der Onkel sie reparieren; also ist die Uhr schlecht, und man darf den Onkel nicht beschuldigen.« * Unser Freund Peine ist ebenfalls ein begabter Mensch; auch seine Nase ist von gehöriger Ausdehnung. In dieser Familie haben sie alle lange Nasen. Peine hat eine Tante, Kraine, deren eine Tochter mit solcher Nase bedacht ist, daß man mit ihr in der Welt herumfahren und Geld sammeln könnte; übrigens ist nicht nur die Nase, sondern auch das ganze Gesicht eine Seltenheit, es sieht einem Vogel ähnlicher als einem Menschen; das Mädchen geniert sich, auf die Straße zu gehen. Peine sieht ihr ähnlich. Obgleich er ein Mann ist, und das Gesicht beim Mann keine Rolle spielt, so kann man sich kaum des Lachens erwehren, wenn man ihn ansieht. Peine ist groß gewachsen, mager, mit langen Ohren und einem langen Gänsehals; außerdem ist er kurzsichtig. Wenn er geht, stößt er sicher jemanden mit der Stirn an; wenn er stehen bleibt, tritt er jemandem auf den Fuß; das eine Beinkleid hat er stets aufgekrempelt, eine Socke hängt ihm stets herunter, sein Hemd ist ewig offen, das Halstuch zur Seite gerückt; er lispelt und nascht gern und lutscht immer etwas im Mund, wenn man ihm begegnet. Trotz allem ist er ein sehr begabter Mensch; es gibt keine Sache, die er nicht kennen würde. Man sagt, er wisse mehr als ein Rabbiner, und was das Briefschreiben betrifft, so kann er jeden Gebildeten in die Tasche stecken. Er hat eine schöne Handschrift und ist Meister im Reimen ... Alles schreibt er in Versen. Er hat das ganze Städtchen beschrieben, mit dem Rabbiner, dem Schächter, dem Fleischer und seiner ganzen Verwandtschaft ... Alles in Reimen. Seine Gedichte sind lange von einer Hand in die andere gewandert, die Leute lachten sich schief, als sie sie lasen. Manche lernten sie sogar auswendig. Einmal machte Peine ein Gedicht auf den Dorfältesten; es wurde in der ganzen Stadt bekannt, man sang es in allen Straßen, bis es bei dem ›Starosten‹ selbst und bei seiner Frau ruchbar wurde. Diese schickten zu Hersch Leib, weinten vor ihm bittere Tränen und baten ihn, auf den Sohn einzuwirken. Hersch Leib kam nach Hause, schloß die Tür und die Jalouisen ab, streckte Peine wie einen kleinen Jungen aus und prügelte ihn so lange, bis Peine versprach, nie mehr im Leben Gedichte zu machen. * Übrigens hat Peine jetzt keinen Sinn mehr zum Dichten. Sein Leben ist zu Ende. Er hatte den Einfall, sich zu verheiraten. Eigentlich nicht er, sondern sein Vater Hersch Leib beschloß, seinen Sohn zu verheiraten, aus ihm einen Menschen zu machen. Peine nahm Teubele, die Tochter des Müllers. Mein Bruder Elia beneidete Peine, daß er im Geschäft arbeitete. Doch Peine erwiderte lachend: »Vielleicht ist das ein Geschäft, aber nicht für mich! Ein Vergnügen, sich ewig mit Mehl abzugeben! Das ist gut für einen einfachen Menschen, einen Müller. Ich kann nicht ewig im Laden sitzen ... Durch meinen Kopf gehen allerhand Gedanken und Ideen. In unserer Familie sind doch lauter kluge Köpfe.« Peine hörte auf, nach dem Laden zu gehen. Sein Schwiegervater war sehr ärgerlich darüber, aber er mußte schweigen, denn er fürchtete, daß der Schwiegersohn ihn in einem Vers verspotten könnte; auch tat ihm seine Tochter leid. Meine Mutter sagt, daß Peines Frau, Teubele, herzensgut sei, eine Frau ohne Galle ... Wo ist denn ihre Galle geblieben? ... Teubele saß den ganzen Tag im Laden, während Peine hinter dem Laden im Zimmer Bücher las. Mein Bruder und ich besuchten ihn oft, er klagte über sein Schicksal, seufzte und stöhnte. Ihm sei so eng und schwül, sagte Peine, er müsse ersticken. Anderswo hätte sich sein Leben ganz anders gestaltet ... Peine zeigte meinem Bruder Briefe, die er von ›großen Männern‹ bekommen hatte. Die ›großen Männer‹ schrieben, es stecke in ihm etwas. Peine sagte, er fühle selbst, daß in seinem Innern etwas stecke. Ich betrachtete Peine und dachte: ›Was kann wohl in ihm stecken?‹ * Eines Tages kam Peine zu uns und rief meinen Bruder. Ich witterte ein Geheimnis und wollte wissen, um was es sich handelte. Ich folgte ihnen und hörte zu, was sie sprachen: Peine: »Warum sitzen wir hier?« Elia: »Das meine ich auch!« Peine: »Ich habe unlängst gelesen, einer sei ohne alle Mittel hinübergereist ... ein halbes Jahr schlief er auf der Straße, lebte vom Straßenreinigen ...« Elia: »Und jetzt?« Peine: »Jetzt, gebe Gott, daß es uns nicht schlimmer gehen möchte!« Elia: »Wirklich?« Peine: »Rotschild ist ein Bettler gegen ihn!« Elia: »Nun?« Peine: »Ich, will's dir offen sagen! Ich habe mit Teubele gesprochen.« Elia: »Und was sagt sie?« Peine: »Was soll sie sagen, sie ist einverstanden.« Elia: »Und der Schwiegervater?« Peine: »Wer wird ihn fragen? Wenn ich allein fortginge, wäre er besser daran? Er weiß doch, daß ich nicht bleiben kann, daß es mir im Kopf herumspukt.« Elia: »Auch ich kann nicht hier bleiben.« Peine: »Dann fahren wir zusammen!« Elia: »Leicht gesagt: fahren wir. Wo soll ich so viel Geld hernehmen?« Peine: »Schiffskarten werden umsonst gegeben.« Elia: »Wieso denn umsonst?« Peine: »Auf Abzahlung. Irgendwann werden wir das Geld zurückzahlen. Vorläufig bekommen wir die Karten umsonst.« Elia: »Und wie kommen wir zum Schiff? Wo nehmen wir das Geld für die Ausgaben, für die Reise, für die Fahrkarten her?« Peine: »Als ob so viele Fahrkarten nötig wären!« Elia: »Das ist wahr! Wie viele Fahrkarten brauchen wir?« Peine: »Ich und Teubele zwei, du und Broche zwei, im ganzen vier.« Elia: »Und für die Mutter eine.« Peine: »Also fünf.« Elia: »Und Mottel?« Peine: »Für Mottel braucht man nur eine halbe Karte. Vielleicht bringen wir ihn ohne Karte durch. Wir sagen, daß er eben erst drei Jahre geworden ist.« Elia: »Was redest du für Unsinn!« * Ich konnte mich nicht länger halten! Ich schrie vor Freude auf, so daß sich beide nach mir umsahen. »Mach, daß du fortkommst, Schlingel! Was ist das für eine häßliche Gewohnheit, fremde Gespräche zu belauschen!« Ich renne davon, springe, schieße Purzelböcke, klatsche in die Hände. Ich werde verreisen! ... Schiff ... Eisenbahn ... Fahrkarte ... halbe Karte. Wohin geht's? ... Als ob mir das nicht ganz gleich wäre? Ich mache eine Reise, – das genügt mir! Ich bin ja noch nie verreist gewesen. Ich weiß nicht einmal, was für ein Vergnügen das Reisen macht. Nur ein einziges Mal bin ich auf einer Ziege geritten, aber das bekam mir schlecht. Nicht genug, daß ich herunterfiel und mir die Nase zerschlug, wurde ich noch obendrein von meinem Bruder verprügelt. Diese Fahrt kann also nicht mitgerechnet werden. Ich gehe den ganzen Tag wie ein Verrückter herum und kann nicht essen. Nachts träume ich, daß ich fliege. »Ich habe Flügel wie eine Taube und fliege ... Peine möchte ich küssen! Wie gut und lieb er ist! Was es doch bedeutet, ein begabter Mensch zu sein!« Wir reisen nach Amerika. Wo ist dieses Amerika? – Ich weiß nicht. Ich weiß nur, daß es weit, furchtbar weit ist. Man fährt und fährt, bevor man ankommt. Wenn man endlich angelangt ist, wird man in ein Haus geführt, dort wird man nackt ausgezogen und auf die Augen untersucht. Wenn die Augen gesund sind, ist es gut, wenn nicht, wird man ohne Rücksicht zurückgeschickt. Ich habe, wie mir scheint, gesunde Augen. Früher hatte ich einmal schlimme Augen: russische Schuljungen haben mich abgepaßt, niedergeworfen und mir Tabak in die Augen gestreut. Aber jetzt habe ich klare Augen. Nur mit der Mutter ist es schlimm bestellt; aber es ist ihre eigene Schuld; sie weint immer und ewig, – seitdem der Vater gestorben ist, hat sie nicht aufgehört zu weinen. »Um Gotteswillen, habe doch wenigstens mit uns Erbarmen! Durch dich werden auch wir zu leiden haben!« flehte Elia sie an. »Was bist du für ein Dummkopf! Weine ich denn? Die Tränen fließen von selbst ...« sprach die Mutter, wischte sich die Augen und nahm die Federbetten vor. »Die Betten müssen umgeschüttet werden! Amerika ist ein Land, wo es keine Federbetten gibt; alles gibt es dort, nur keine Federbetten! Wie die Leute dort wohl schlafen mögen! Die Leute müssen es dort hart haben!« Wir haben eine Menge Kissen, sechs große und drei kleine, außerdem drei Federbetten. Die kleinen Kissen schüttete die Mutter alle zusammen. Schade! Ich spielte des Morgens gern mit den kleinen Kissen, sie dienten mir als Bälle. »Wenn wir angekommen sind, werden wir sie wieder auseinanderschütten,« sagte die Mutter. Broche half ihr, aber ungern. Sie freute sich nicht auf die Reise. Es fiel ihr schwer, sich von den Eltern zu trennen. »Wenn mir im vorigen Jahr jemand gesagt hätte, daß wir nach Amerika reisen würden!« sagte Broche seufzend. »Wenn mir im vorigen Jahre jemand gesagt hätte, daß ich Witwe sein würde!« sagte die Mutter und begann zu weinen. Elia schimpfte los. »Wieder weinst du! Du willst uns alle ins Verderben stürzen!« ... * Kaum hatte sich die Mutter beruhigt, als unsere Nachbarin Pesche erschien. Als sie uns bei der Arbeit sah, begann sie zu predigen. »Ihr reist also nach Amerika? Gott gebe, daß ihr dort gesund ankommt und glücklich lebt! Im vorigen Jahr ist meine Verwandte Riwa mit ihrem Mann hingereist. Sie schreiben, daß sie sich quälen und sich eine Existenz schaffen. Wir haben sie so oft gebeten, uns ausführlich zu schreiben, wie sie leben, wo und wovon, aber es ist nichts von ihnen zu erfahren. Immer dieselbe Leier: sie leben, quälen sich und schaffen sich eine Existenz. Amerika, schreiben sie, ist ein Land für alle. Alle quälen sich und wollen sich eine Existenz schaffen. Wie gefällt euch das? Noch gut, daß sie überhaupt schreiben! In der ersten Zeit haben sie sehr lange nichts von sich hören lassen. Wir waren schon unruhig, – auf dem Meer kann leicht etwas passieren ... Endlich bekamen wir einen Brief, daß sie Gott sei Dank in Amerika angekommen wären, sich dort quälten, sich eine Existenz schaffen wollten. Hat es sich gelohnt, solche Umstände zu machen, hier alles zu verlassen, die Federbetten umzuschütten, auf dem Meer zu fahren und weiß Gott was sonst noch, um sich dann zu quälen und eine Existenz zu schaffen? ...« »Wollt Ihr nicht endlich still sein! Es ist einem auch ohne Euch schwer zu Mut!« bat sie der Bruder, aber sie fuhr ihn an: »Seht einmal den Philosophen! Wenn man bedenkt, er reist nach Amerika, sich zu quälen und eine Existenz zu schaffen! Wie lange ist es her, seitdem ich dich auf den Händen getragen und gewartet habe? Frag nur deine Mutter, was ich durchgemacht habe, als du einmal eine Fischgräte verschluckt hast? Hätte ich dich damals nicht dreimal auf den Rücken geschlagen, so würdest du jetzt nicht nach Amerika reisen, um dich zu quälen und dir eine Existenz zu schaffen!« Wer weiß, wie lange sie ihre Predigt noch fortgesetzt hätte, wenn die Mutter nicht dazwischengekommen wäre. »Ich bitte dich, Pesche, mein Täubchen, mein goldenes Herz!« begann die Mutter und brach in Tränen aus. Elia geriet in Zorn, warf die Arbeit hin, rannte aus dem Hause und schrie, mit der Faust in die Tür schlagend: »Schert euch zum Teufel! Nichts als weinen können sie, die Weiber!«. * Unser ganzes Haus war leer, nur das Schlafzimmer war mit Bündeln und Kissen angefüllt, die sich bis zur Decke hochtürmten. Wenn niemand zu Hause war, kletterte ich hinauf und rollte hinunter, wie von einem Berg. Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt wie jetzt. Wir kochten nicht mehr zu Hause, der Bruder brachte getrocknete Fische vom Markt, die wir mit Zwiebeln und Brot aßen ... Gibt es etwas Wohlschmeckenderes als Fische mit Zwiebeln? ... Unser Freund Peine speiste bei uns. Seitdem wir beschlossen hatten, nach Amerika zu reisen, wurde Peine noch zerstreuter. Wenn er in die Stube kam, stieß er mit der Stirn immer gegen den Balken. Die Mutter wiederholte jedesmal: »Du weißt doch, wie groß du bist! Könntest dich doch ein wenig bücken!« »Er ist ja kurzsichtig, Mutter!« trat Elia für den Freund ein. Heute wollten sie endgültig beschließen, was mit unserem Hause geschehen sollte. Der Vertrag sollte unterschrieben werden. Wir haben unser Haus an den Schneider Selig verkauft. Eine richtige Schlafmütze, dieser Selig! Zuerst kam er dreimal am Tage, um das Haus zu besichtigen, beroch die Wände, betastete den Ofen, kroch auf den Boden, prüfte das Dach. Dann kam er mit seiner Frau an. Wenn ich sie ansah, fiel mir das Kälbchen des Nachbarn ein, mit dem sie viel Ähnlichkeit hatte: beide hatten weiße Schnauzen und runde Augen und obendrein denselben Namen: Mich. – Dann schleppte Selig seine Bekannten heran, meistensteils Schneider; jeder besichtigte das Haus und fand einen anderen Fehler heraus. Endlich beschlossen sie, den Mechaniker Hersch Leib, der Kenner und ein ehrenhafter Mensch war, zu bitten, das Haus zu besehen. Hersch Leib kam, besichtigte das Haus von allen Seiten, richtete sich hoch auf, kraute sich am Hinterkopf und erklärte: »Dieses Haus kann noch hundert Jahre stehen, wenn nicht mehr!« »Selbstverständlich!« entgegnete Seligs Freund, der Schneider, »man braucht nur ein neues Fundament zu legen, mehrere gute Stützen hinzustellen, neue Mauern einfügen und ein Blechdach anstückeln, dann wird das Haus bis zum jüngsten Gericht stehen.« Hätte man Hersch Leib mit den schlimmsten Schimpfworten belegt oder mit heißem Wasser begossen, so hätte ihn das nicht so geärgert wie dieser Spott! Er wollte nur wissen, sagte er, wieso der Jude, der Schneider, dieser Spitzbube, Lumpenkerl und Betrüger sich die Frechheit herausnimmt, mit ihm, dem Mechaniker Hersch Leib, in solchem Ton, in solchen Ausdrücken und in solcher Weise zu sprechen. Ich freute mich schon, ich dachte, nun würden Blitze sprühen! Aber nein! Man ließ es nicht zur Schlägerei kommen, die anderen Leute mischten sich ein, sagten: »Überall, mischen sich ungebetene ›Leute‹ hinein und versöhnten sie.« Nun begannen sie zu feilschen, und als sie sich endlich über den Preis geeinigt hatten, schickten sie nach Schnaps und tranken. Uns wünschten sie, gesund nach Amerika zu kommen, viel Geld zu verdienen und gesund wiederzukommen. »Aus Amerika kommt man nicht so schnell zurück!« sagte Elia. Man begann ein Gespräch über Amerika. Hersch Leib schwor, daß wir zweifellos zurückkehren werden. »Hätte Peine nicht die Sache mit dem Militärdienst, dann würde ich ihn auf keinen Fall nach Amerika reisen lassen. Ein abscheuliches Land, dieses Amerika!« sagte Hersch Leib. »Woher wissen Sie, daß es abscheulich ist?« fragte der Schneider Selig. »Ich stelle es mir so vor!« »Warum stellen Sie es sich so vor?« Hersch Leib wollte auseinandersetzen, weshalb Amerika ihm so verhaßt war, aber die Worte wollten sich ihm nicht fügen, er war ein wenig bezecht und stammelte nur. Alle waren in fröhlicher Stimmung und fühlten sich vortrefflich. Nur die Mutter verbarg von Zeit zu Zeit das Gesicht hinter der Schürze und wischte die Augen. Bruder Elia bemerkte es. »Du, Mörderin! Du willst deine Augen nicht schonen! Du wirst uns alle zugrunde richten.« Die Zeit des Abschiednehmens kam. Wir gingen von Haus zu Haus und nahmen Abschied. Bei allen Verwandten, Bekannten und Nachbarn kamen wir herum; – bei Jonas, dem Brezelbäcker, verbrachten wir den ganzen Tag. Jonas gab ein großes Mittagessen, lud Gäste ein und spendierte Bier. Mich setzten sie mit Alte, der jungen Tochter des Wirts, an einen besonderen Tisch. Seit der Hochzeit des Bruders wurden wir Braut und Bräutigam genannt. Aber das machte mich nicht verlegen, wir unterhielten uns sogar. Alte fragte mich, ob ich in Amerika an sie denken werde. »Natürlich!« erwiderte ich. Alte bat mich, ihr Briefe zu schreiben, und ich versprach es ihr. »Wie wirst du denn schreiben? Du kannst doch nicht schreiben?« »Ein großes Kunststück, in Amerika schreiben zu lernen!« erwiderte ich und steckte die Hände in die Tasche. Alte blickte mich lächelnd an und tat so, als ob sie mich beneidete. Alle Leute beneiden mich, daß ich nach Amerika reise, sogar Henoch, der Sohn des reichen Jossele; er möchte mich am liebsten in einem Löffel Wasser ertränken. Neulich sprach er mich an, zwinkerte mit seinem einzigen Auge und sagte: »Hör mal, du reist nach Amerika?« »Ja, ich reise nach Amerika!« »Was willst du in Amerika anfangen? Schnorren?« Ein Glück, daß Elia das nicht gehört hat. Er hätte ihm sicher für dieses ›Schnorren‹ was versetzt. Ich selbst wollte mich mit einem solchen dummen Jungen nicht einlassen. Ich zeigte ihm die Zunge und lief zu unserer Nachbarin Pesche, um mich von der lustigen Gesellschaft zu verabschieden. Acht Gevatterinnen umkreisten mich und fragten, ob ich mich auf die Reise freue. Sie beneiden mich alle. Besonders Herschel-Waschte. Dieser ließ kein Auge von mir, seufzte und sagte: »Was wirst du in der weiten Welt nicht alles zu sehen bekommen!« »Ja! Ich werde viel zu sehen bekommen! Wenn es nur schon so weit wäre!« * Vor dem Tor stand Leiser mit seinen ›Adlern‹, drei rassigen Pferden. Die Pferde konnten nicht einen Augenblick stillstehen, stampften mit den Füßen und spritzten Schaum um sich. Ich wußte nicht, was ich tun sollte: die Pferde beobachten oder die Sachen heraustragen und aufladen. Ich wählte das Mittelding, stellte mich vor die Pferde hin und sah zu, wie die Bündel und Kissen aufgeladen wurden. Es war Zeit, loszufahren. Wir hatten fünfundvierzig Werst bis zur Eisenbahnstation zu fahren. Alle waren versammelt: Peine mit seiner Frau, seinen Verwandten und den Verwandten seiner Frau und unsere Familie mit sämtlichen Verwandten und Bekannten. Alle drängten sich an uns heran und warnten uns vor Spitzbuben. »In Amerika gibt es keine Spitzbuben!« sagte Elia und betastete seine Tasche, die an einer Stelle eingenäht war, auf die die Diebe niemals geraten hätten, daß sich dort das Geld, der Erlös für das verkaufte Haus, befand. Es mußte wohl ein großer Betrag sein, denn jeder fragte, ob das Geld gut aufbewahrt war. »Sehr gut! Sehr gut! Macht euch keine Sorge!« erwiderte Elia, dem es schon langweilig war, fortwährend an das Geld zu denken. Es war höchste Zeit, Abschied zu nehmen. Wir sahen uns um, – die Mutter war nicht da. Niemand wußte, wo sie verschwunden war. Bruder Elia regte sich auf, der Kutscher Leiser mahnte zur Eile, weil man den Zug versäumen würde. Endlich kam die Mutter mit rotem Gesicht und verschwollenen Augen an. »Was ist mit dir, wo warst du?« »Auf dem Friedhof, ich habe von Pesche Abschied genommen.« »Friede sei mit ihm!« Bruder Elia drehte sich um. Plötzlich wurden alle still. Ich hatte schon lange nicht mehr an den Vater gedacht, da ich immer mit Reisevorbereitungen beschäftigt war. Jetzt zwickte mich etwas am Herzen: ›Alle reisen nach Amerika, der arme Vater bleibt allein in seinem Grabe zurück, ganz allein!‹ – Aber man ließ mich nicht lange nachdenken. Sie riefen mich und befahlen mir, auf den Packwagen zu steigen. Es war nicht leicht, auf den Wagen mit dem Berg von Kissen hinaufzugelangen. Leiser stellte mir seinen breiten Rücken hin, und ich kletterte hinauf. Nun begann man sich zu umarmen, zu küssen und zu weinen. Am allermeisten weinte die Mutter. Laut heulend warf sie sich ihrer Nachbarin Pesche um den Hals: »Ihr wart mir eine Schwester, teurer als eine Schwester!« Pesche weinte nicht, nur ihr dreifaches Kinn zitterte, und die Tränen rollten wie Erbsen über ihre fetten, glänzenden Wangen. Alle hatten miteinander Küsse ausgetauscht. Dabei geriet Peine infolge seiner Kurzsichtigkeit immerfort an eine falsche Stelle; bald küßte er einen Bart, bald eine Nasenspitze, bald stieß er mit seiner Stirn jemanden an. Wir nahmen Platz. Auf dem Hintersitz, auf den Kissen und zwischen den Kissen saßen die Mutter, Broche und Teubele. Ihnen gegenüber – mein Bruder und Peine. Ich und Leiser nahmen auf dem Bock Platz. Die Mutter wollte, daß ich zu ihren Füßen säße. Elia meinte, daß ich auf dem Bock besser sitzen würde. Sehr richtig! Auf dem Bock sah ich alle, und alle sahen mich. Leiser nahm die Peitsche. Die Menge rief uns immer noch Abschiedsworte zu, die Frauen weinten. »Bleibt gesund!« »Reist glücklich!« »Gute Reise!« »Kommt glücklich an!« »Schreibt von unterwegs!« »Vergeßt uns nicht!« »Schreibt jede Woche, jede Woche einen Brief, eine Karte!« »Grüßt dort Mojsche, Basja, Meier und Golde und Hanne-Perle und Sara-Rachel mit ihren Kinderchen!« »Vergeßt nicht, von uns zu grüßen!« »Lebt wohl! Bewahrt uns in guter Erinnerung!« schrien wir aus unserem Wagen. Leiser traktierte seine ›Adler‹ mit der Peitsche, den einen ließ er auch noch den Stock spüren, und wir setzten uns in Bewegung. Wir wurden geschüttelt und geschleudert. Ich sprang auf dem Kutscherbock in die Höhe und wäre bald vor Freude hinuntergefallen; es kitzelte mich, es juckte mir im Halse, ich hätte singen mögen: ›Wir fahren, fahren, fahren nach Amerika!‹ Wir überschreiten die Grenze. Was kann es Schöneres geben als eine Eisenbahnfahrt! Auch im Wagen ist es nicht übel, aber da wird man geschüttelt, und die Seiten tun einem nachher noch lange weh. Obgleich Leiser seine Pferde »Adler« nannte, schleppten wir uns recht lange bis zur Station. Als wir endlich das Ziel erreicht hatten, war es unmöglich, herauszugelangen. Ich hatte es noch am besten, ich saß ja auf dem Kutscherbock, zwar hart, die Knochen taten mir furchtbar weh, aber dafür sprang ich in einer Sekunde hinunter. Die anderen konnten nicht heraus, besonders die Frauen, die in den Kissen versunken waren. Man mußte erst die Bündel und einen Teil der Kissen herausnehmen, um die Passagiere einzeln herauszubefördern. Diese ganze Arbeit fiel Leiser zu. Obgleich er immer ärgerlich war und ewig schimpfte, war er doch ein ehrlicher und anständiger Kutscher. Leiser begab sich auf die Suche nach Passagieren für den Rückweg. Wir blieben allein zurück und wußten nicht, was wir anfangen sollten. Der Bahnhofswärter schalt uns, weil wir den Durchgang versperrten. Was geht es ihn an! Die Mutter bemühte sich, ihn zu beruhigen, sie sagte, daß wir nach Amerika reisten. Aber er wurde noch wütender und schickte uns nach einem Ort, den man sich geniert, zu nennen. »Man muß sich mit ihm verständigen. Ob man ihm vielleicht etwas in die Hand spuckt?« sagte mein Bruder zu Peine. Peine war unser Wegweiser, unser Haupt; er sprach gut russisch. Nur schade, daß er ein Hitzkopf war; – Elia regte sich auch leicht auf, aber nicht so maßlos – Peine flammte bei jeder geringsten Kleinigkeit auf und fing gleich an zu schimpfen. Jetzt näherte er sich dem Bahnhofswärter und begann mit ihm ein Gespräch. Ich wiederhole es wörtlich: »Hör mal, Mann! Der Teufel soll dich holen, wenn wir nicht nach Amerika reisen mit all dieser Menge von Kissen und Kisten. Wir geben dir Trinkgeld – für Schnaps –, aber schweig, Schwein!« Der Wärter schwieg nicht, es folgten Redensarten: »Judenpack!« »Hundefresser!« »Schweinsohr!« »Heidenglaube!« Wir fürchteten einen Skandal und die Polizei. Die Mutter rang verzweifelt die Hände und schrie Peine an: »Wer hat dich geheißen, mit deiner russischen Sprache herauszuspringen! Man weiß auch so, daß du sprechen kannst!« »Habt keine Angst, der Bauer wird fünfzehn Kopeken nehmen und dich beruhigen!« Sie versöhnten sich tatsächlich. Peine fuhr fort, seine russischen Worte auszuschütten; der Wärter schleppte, ohne mit dem Schimpfen aufzuhören, alle unsere Sachen in den Wartesaal, – ein großes Zimmer mit hohen Fenstern. – Nun kam eine neue Sorge: der Wärter sagte, daß man uns mit dieser Menge Bündel und Lumpen nicht in den Waggon hineinlassen würde, – Lumpen nannte er unsere Laken. Schöne Lumpen! Wir beschlossen, zu dem Bahnhofsvorsteher zu gehen. Peine ging natürlich mit dem Wächter; ich folgte ihnen. Mit dem Bahnhofsvorsteher sprach Peine ganz anders: Er fuchtelte tüchtig mit den Händen und schimpfte nicht. Seine Rede war mit Worten durchsetzt, die ich nie zuvor gehört hatte: Kolumbus, Zivilisation, Alexander von Humboldt, Mathematik, – die anderen habe ich vergessen. Der Bahnhofsvorsteher hörte aufmerksam zu, betrachtete Peine und schwieg; diese Rede hatte offenbar Eindruck auf ihn gemacht; dennoch blieb nichts anderes übrig, als sämtliche Federbetten und Kissen als Gepäck aufzugeben und eine Quittung entgegenzunehmen. Die Mutter konnte sich nicht beruhigen. Auf was sollten wir schlafen? – Sie hätte sich nicht zu beunruhigen brauchen. Es fehlte nicht nur Platz zum Schlafen, wir hatten nicht einmal Platz zum Sitzen. Im Abteil war es so eng, daß man beinahe erstickte. Reisende gab es eine Menge, Juden und Russen, mehr Juden; alles schlug sich um die Plätze. Wegen des Gepäcks konnten wir nicht rechtzeitig Plätze besetzen. Die Frauen wurden auf den Bündeln untergebracht, die Mutter an einem Ende des Abteils, Teubele und Broche am anderen. Wenn sie sich unterhielten, mußten sie durch das ganze Abteil schreien. Alle Leute lachten. Bruder Elia und Peine bekamen überhaupt keine Plätze und standen wackelnd herum; Peine stieß oft mit der Stirn an. Und ich? ... Um mich braucht ihr keine Angst zu haben! Mir ging es vortrefflich. Ich habe mich am Fenster postiert, man drängte mich zwar von allen Seiten, aber ich schaute zum Fenster hinaus und sah lauter Neues: Kleine Häuschen, Meilensteine, Bäume, Menschen, Wälder, Felder – nicht zu beschreiben –! Und der Zug raste! Die Räder klapperten; es dröhnte und sauste, polterte und zischte! ... Die Mutter hatte Angst, daß ich zum Fenster hinausspringen könnte, und rief mich jeden Augenblick: »Mottel!« Ein kleiner Herr mit einer blauen Brille machte ihr nach; die Christen kicherten, die Juden taten, als ob sie nichts hörten. Die Mutter genierte sich aber nicht und schrie wieder: »Mottel! Mottel!« Man rief zum Essen. Wir hatten eine Menge Vorräte mit: Zwiebel, Knoblauch, Gurken, harte Eier. Jeder nahm ein Ei. Mir hat es schon lange nicht mehr so gut geschmeckt. Die Feierlichkeit des Mittagessens wurde nur durch Peine ein wenig gestört. Er konnte unmöglich die spöttischen Bemerkungen über den Knoblauch, den wir zum Mittag verzehrten, ertragen. Peine richtete sich in seiner ganzen Länge auf und sagte zu dem Herrn mit der blauen Brille: »Und warum eßt Ihr Schweine?« Die Christen fühlten sich beleidigt, einer von der Gesellschaft näherte sich Peine und versetzte ihm eine Ohrfeige. Peine wollte sich das nicht gefallen lassen, aber infolge seiner Kurzsichtigkeit schlug er einen anderen wieder. Ein Tumult entstand. Der Schaffner und der Oberschaffner erschienen, und nun begannen die Klagen: Die Christen beklagten sich über die Juden, die Juden über die Christen, diesem hatte man mit dem Koffer einen Fuß zerschunden, jenem hatte man die Mütze zum Fenster hinausgeworfen; die Christen schrien, das sei nicht wahr; die Juden stellten Zeugen, sogar einen Geistlichen hatten sie gefunden. Die Christen schrien, man hätte den Popen bestochen. Dieser fühlte sich beleidigt und fing an zu predigen. Unterdessen flogen die Stationen vorüber, auf jeder Station stiegen Reisende aus, im Abteil wurde es geräumiger; unsere Frauen saßen nun, wie Damen, auf den Bänken. Elia und Peine triumphierten, sie hatten die besten Plätze erwischt. Teubele bemerkte erst jetzt, daß Peine eine angeschwollene Wange hatte, auf der Fingerspuren sichtbar waren; sie war ganz unglücklich. Peine beruhigte sie, daß es nicht schmerzte, nur ein wenig juckte, aber das würde sehr bald vorübergehen. Er sprach nicht gern von solchen Dingen, außerdem wurde im Abteil eine interessante Unterhaltung geführt. Die Juden fragten einander aus, wo er hinreiste. Viele reisten nach Amerika. Peine freute sich darüber. »Warum haben Sie es nicht schon früher gesagt?« Wir wurden schnell bekannt. Wir wußten bereits, nach welcher Stadt jeder fuhr. »Ihr fahrt nach Neuyork? Wir nach Philadelphia!« »Was ist Philadelphia?« »Philadelphia ist ebensolche Stadt wie Neuyork.« »Noch was!« bemerkte einer, – »da habt ihr einen schönen Vergleich für Neuyork gefunden! Philadelphia ist im Vergleich mit Neuyork wie Eischischek mit Wilna, wie Otwotzk mit Warschau, wie Deraschina mit Odessa, wie Koselez mit Charkow, wie Semenowskoje mit Petersburg.« »Seht mal an, wie er jagt! Ihr habt wohl die ganze Welt bereist?« »Wollt Ihr, ich werde Euch alle Städte vorrechnen, in denen ich war.« »Laßt das für später, sagt lieber, wie benimmt man sich auf der Grenze?« »Benehmt Euch so wie hier, genau wie die anderen Leute sich benehmen.« Die Juden rückten zusammen und sprachen von der Grenze und davon, wie man sich über die Grenze schleichen könnte. Ich verstand nicht, warum schleichen? Waren wir denn Diebe? Wen sollte ich wohl fragen? Die Mutter wußte es nicht, dafür war sie doch eine Frau; der Bruder liebte nicht, wenn man ihm »den Kopf verdrehte«. »Ein Junge«, pflegte er zu sagen, »darf sich nicht in das Gespräch der Erwachsenen mischen.« Alle erzählten von der Grenze. Manche sagten, die Grenze wäre besser in Nowoselze, andere behaupteten, sie wäre besser in Brody. Irgendeiner meinte, Ungeni sei auch keine schlechte Grenze. Man lachte: »Ungeni! Auch eine Grenze! Rumänien – auch ein Land! – Möge es verderben, zusammen mit seiner Grenze! Aber still! wir sind schon an der Grenze!« * Ich glaubte, daß die Grenze etwas Furchtbares sei. Es stellte sich aber heraus – alles Unsinn, Dummheiten. Dieselben Häuser, dieselben Juden, dieselben Christen, derselbe Markt mit denselben Läden und Verkaufsstellen, – alles genau wie bei uns. Breche und Teubele sind zum Markt gegangen, um Einkäufe zu machen; ich wollte mitgehen, aber die Mutter ließ es nicht zu, sie fürchtete, daß man mich stehlen könnte. Bruder Elia und Peine verhandelten geschäftig und eifrig mit lauter fremden Juden, die die Mutter Agenten nannte. Diese Agenten sollten uns helfen, die Grenze zu überschreiten. Einer von ihnen in grüner Jacke und mit einem weißen Schirm machte den Eindruck eines Diebes, er hatte richtige Spitzbubenaugen; der andere schien ein solider Mann zu sein; außerdem war noch eine Frau dabei, die sehr fromm und ehrlich zu sein schien, – ohne Gott kam kein Wort aus ihrem Munde, sie trug auch immer eine Haube. Diese Frau fragte meine Mutter, wo wir den Sabbat zu verbringen gedachten. Die Mutter hoffte, am Sonnabend schon dort, im Ausland, zu sein. Die Jüdin machte ein frommes Gesicht und sagte: »Amen, das gebe Gott!« Ich fürchte jedoch, daß diese Agenten uns beschwindeln; sie sind die wahren Räuber, sie werden uns das ganze Geld abnehmen und in den Sumpf führen. Wenn ihr die Grenze ruhig überschreiten wollt, setzt euch mit mir in Verbindung, ihr werdet mir ewig dankbar sein ... Elia und Peine kamen verärgert und zerstreut nach Hause. Elia beklagte sich über Peine, daß wir seinetwegen uns am Sonnabend hier werden herumdrücken müssen. Peine schob alle Schuld auf Elia. Das war noch das wenigste: das Schlimmste war, daß die Agenten drohten, uns anzuzeigen. Die Mutter weinte leise, Elia murrte, weil sie sich die Augen verdarb. Peine und Elia beendeten ihre Verhandlungen mit den Agenten, sie sagten, alles sei vorbei, wir würden nicht nach Amerika reisen und brauchten nicht erst die Grenze zu überschreiten. Ich war in Verzweiflung. Aber das war nur ein Manöver, das Peine sich ausgedacht hatte, um die Agenten zu täuschen. Wir begannen, mit der Jüdin zu verhandeln, einigten uns wegen des Preises und machten eine Anzahlung. Die Jüdin hieß uns, um Mitternacht bereit zu sein, – die Nächte seien jetzt finster und böten die geeignetste Zeit zum Überschreiten der Grenze. Ich brannte vor Ungeduld, zu erfahren, was wohl eine Grenze sei, Und wie man sie überschritt. Den ganzen Tag brachten wir mit dem Gepäck zu; wir mußten das Notwendigste selbst nehmen und das übrige der Jüdin übergeben; sie wollte es später nachsenden. Das schwierigste war, uns hinüberzuschaffen. Sie hieß uns, um Mitternacht zur Vorstadt hinausgehen, dort würden wir einen Hügel sehen, an dem wir vorbei mußten, dann sollten wir nach links einbiegen, bis zum zweiten Hügel gehen, von diesem Hügel rechts einbiegen und bis zum Wirtshaus gehen; das Wirtshaus sollte nur einer von uns betreten, wir würden dort zwei Bauern bei einer Flasche Schnaps sehen, zu diesen sollten wir herangehen und sagen: »Chaime« – das war der Name der Jüdin –, dann würden sich die Bauern erheben und mit uns bis zum Wald gehen; im Wald würden uns noch vier Bauern erwarten, diese würden uns auf den Weg am Berge führen, und dort wären wir schon jenseits der Grenze. »Wenn ihr im Wald gehen werdet,« schloß die Jüdin, »verhaltet euch möglichst still, räuspert euch nicht, sonst könnten sie es hören und schießen. Auf jedem Schritt steht nämlich ein Soldat mit einer Waffe und schießt.« Mir gefiel diese Geschichte mit dem Hügel und dem zweiten Hügel, mit dem Wirtshaus und dem Wald ganz vorzüglich. Die Mutter, Broche und Teubele waren etwas ängstlich. Wir lachten: Die Weiber haben sogar vor einer Katze Angst. Wir konnten die Nacht kaum erwarten. Wir beteten, aßen zu Abend und begaben uns zu Mitternacht alle sechs auf den Weg. Voran gingen wir Männer, hinter uns die Frauen. Alles war genau so, wie die Jüdin geschildert hatte. Wir bemerkten einen Hügel, bogen links ein, beim zweiten Hügel bogen wir rechts ein und erreichten das Wirtshaus. Ins Wirtshaus ging natürlich Peine. Wir anderen warteten eine halbe Stunde, eine Stunde, zwei Stunden – Peine kam nicht wieder. Wir mußten schauen, wo Peine blieb. Meinen Bruder Elia wollte die Mutter nicht fortlassen; ich bot mich an, aber die Mutter hatte Angst. Nach einer Weile erschien Peine. »Wo bist du so lange geblieben?« »Im Wirtshaus.« »Wo sind die Bauern?« »Sie schlafen.« »Warum hast du sie nicht geweckt?« »Wer sagt euch denn, daß ich sie nicht geweckt habe?« »Warum hast du ihnen nicht ›Chaime‹ gesagt?« »Wer sagt euch denn, daß ich es nicht gesagt habe?« »Die Sache geht schlecht!« »Wer sagt, daß sie gut geht? ...« * Bruder Elia schlug vor, zu zweien hineinzugehen und zu versuchen, die Bauern zu wecken. Nach einer halben Stunde kamen sie mit zwei Bauern zurück. Diese waren verschlafen, ein wenig angezecht, spien jeden Augenblick aus und schimpften laut. Der Teufel wurde hundertmal genannt. Die Frauen vergingen vor Angst, man fühlte es aus ihren Seufzern und daraus, wie die Mutter jeden Augenblick leise flüsterte: »Allmächtiger Gott!«; laut zu sprechen wagte sie nicht. Wir kamen bis zum Wald, aber die übrigen Bauern ließen sich nicht sehen; wir hielten den Atem ein. Plötzlich blieben unsere Führer stehen und fragten, wo unser Geld sei. Wir verstummten vor Angst, endlich ermannte sich die Mutter und sagte, daß wir kein Geld haben. Jene glaubten es nicht; »alle Juden« – meinten sie – »haben Geld.« »Gebt es uns lieber im Guten, sonst machen wir euch hier nieder.« Sie zogen lange Messer heraus und traten ganz nahe an uns heran. Wir standen bebend da. Die Mutter befahl Elias, seine Tasche aufzuknöpfen und das Geld abzugeben, – alles Geld, das wir für den Verkauf unseres Hauses erhalten hatten. In diesem Augenblick fiel es Broche ein, ohnmächtig zu werden. Die Mutter sah es und schrie auf, Teubele ebenfalls. »Trach, trach!« tönte es durch den Wald. Die Bauern verschwanden im Nu. Broche kam wieder zur Besinnung. Die Mutter nahm Elia bei einer Hand, mich bei der anderen und sagte: »Kinder, laßt uns rennen! Gott Israel ist mit uns!« Ich weiß nicht, woher sie die Kraft nahm, zu rennen. Wir stolperten oft über einen Baum, fielen, erhoben uns und rannten weiter. Von Zeit zu Zeit drehte sich die Mutter um und fragte leise: »Peine, läufst du? Broche, läufst du? Teubele, läufst du? Lauft, lauft, der Herr Israels ist mit uns!« Wie lange wir so liefen, weiß ich nicht. Der Wald lag schon weit hinter uns. Es begann zu dämmern, ein kühler Wind blies, aber uns war heiß. Wir sahen eine Straße vor uns, eine zweite, eine weiße Kirche, eine Menge Häuschen, Gärten, Höfe. Man sah an allem, daß es das Städtchen war, von dem die Jüdin gesprochen hatte. Wenn das stimmte, so hatten wir die Grenze überschritten und brauchten nicht mehr zu rennen. Wir begegneten einem Juden mit so langen Schläfenlocken, wie ich noch nie gesehen hatte, mit einem langschößigen Rock und mit einem Schal um den Hals; der Jude jagte eine Ziege. Wir riefen ihm einen Gruß zu. Der Jude betrachtete uns vom Kopf bis zu den Füßen. Peine begann mit ihm ein Gespräch; der Jude antwortete in einem seltsamen Dialekt, in unserer Sprache, aber mit vielen – »a«. Peine fragte, ob es weit zur Grenze sei. »Zu welcher Grenze?« entgegnete jener erstaunt. Es stellte sich heraus, daß wir die Grenze schon längst überschritten hatten. Warum sind wir denn gerannt wie Verrückte? Wir hielten uns alle die Seiten vor Lachen, die Frauen lachten so, daß sie beinahe hinfielen. Nur die Mutter lachte nicht, sie hob beide Hände zum Himmel empor. »Ich danke dir, mein Gott!« flüsterte sie und brach in Tränen aus. Wir sind schon in Brody! Wißt Ihr, wo wir uns jetzt befinden? – In Brody. Ich denke mir, daß Amerika schon nahe ist. Brody ist eine hübsche Stadt, mit ganz anderen Straßen und anderen Leuten als bei uns. Sogar die Juden sind hier anders. Sie sind gewissermaßen leichter als Juden zu erkennen, als bei uns: ihre Seitenlocken sind länger, die Röcke reichen fast bis an die Erde und sind säuberlich, ihre Mützen fallen durch eine sorgfältige Form auf; sie tragen Strümpfe und Schuhe, die Frauen haben alle Perücken, aber ... ihre Sprache! Mein Gott, was ist das für eine Sprache! Dieselben Worte, scheinbar, wie bei uns, aber mit lauter »a«, dem Deutschen eher ähnlich; außerdem sprechen sie nicht, sondern sie singen. Doch wir haben uns schnell daran gewöhnt. Zuallererst Peine. Gleich nachdem wir die Grenze überschritten hatten, fing er an, »deutsch« zu sprechen; er hatte bereits zu Hause deutsch gelernt. »In der Fremde muß man die Sprache der Bevölkerung kennen«, sagte Peine. Seine Frau, Teubele, spricht halb deutsch, halb jiddisch; Broche möchte auch gern deutsch sprechen, aber ihre Zunge bewegt sich nicht, sie ist zu schwerfällig. Die Mutter will von dem deutschen Gerede nicht einmal hören; sie habe es nicht nötig, sagt sie, sich wegen jener Deutschen die Zunge zu zerbrechen. Die Mutter ist überhaupt mit den Deutschen unzufrieden; sie glaubte, die Deutschen wären ehrliche Leute, indessen hat es sich herausgestellt, daß sie Betrüger und Schlauberger sind. Am Freitag war sie zum Markt gegangen, da hatte man sie im Gewicht betrogen, anstatt eines Pfunds hatten sie ihr Gott weiß wie viel gegeben! ... Broche unterbricht sie, fuchtelt mit den Händen und schreit: »Betrüger, sagt Ihr? Gewöhnliche Spitzbuben, lauter Spitzbuben! Man muß sich vor ihnen in acht nehmen, mehr als bei uns. Bei uns wissen wenigstens alle, wer ein Spitzbube ist.« »Bei uns, Närrchen, weiß der Spitzbube allein, daß er ein Spitzbube ist,« sagt die Mutter und erzählt von Fimka. Zu Lebzeiten des Vaters diente bei uns ein Mädchen Namens Fimka. Ein prächtiges Mädchen, nur hatte sie die Gewohnheit, zu stehlen. Wenn alle von Hause fortgehen wollten, mochte Fimka um keinen Preis allein bleiben, sie fürchtete für sich, daß sie eine Sünde begehen könnte. Die Deutschen haben sogar anderes Geld. Hier kennt man weder Kopeken, sei es 5- oder 10-Kopekenstücke, noch halbe Rubel, – alles wird für Kreuzer verkauft. Für unseren Rubel bekommt man einen Haufen Kreuzer. Die Mutter sagt, daß die Kreuzer gar kein Geld sind, sondern eine Art Knöpfe; Elia meint, daß sie wie Schnee schmelzen. Jeden Tag verkriecht er sich in einen Winkel, trennt seine Tasche auf, nimmt einen Rubel heraus und näht die Tasche wieder zu. Ein Tag nach dem anderen vergeht, aber unsere Sachen sind immer noch nicht da. Die Jüdin scheint uns gehörig hochgenommen zu haben; wir werden womöglich ohne Sachen bleiben. Die Mutter hört nicht auf, die Kissen zu beweinen: »Wie sollen wir ohne Kissen nach Amerika kommen? ...« Peine ersinnt immer neue Pläne: Bald will er zur Direktion gehen und es ›melden‹, bald ein Gesuch an den Chef der Grenze, einreichen, bald jene Jüdin aufsuchen und ihr den Kopf zurechtsetzen ... Aber das sind nur Redensarten, das ›Melden‹ und die ›Gesuche‹ werden nichts ändern, und zur Jüdin wird Teubele ihn nicht gehen lassen. Sie sagt, daß sie noch nicht vergessen hat, wie wir über die Grenze gekommen sind. Wir denken alle noch daran. Wir erzählen allen Bekannten und Unbekannten, wie wir über die Grenze kamen, wie man uns erschlagen wollte, daß Broche zum Glück die Gewohnheit hatte, in Ohnmacht zu fallen, und wir dadurch gerettet wurden. Die Mutter fängt gewöhnlich an zu erzählen, aber Elia läßt sie nicht zu Ende sprechen und beginnt dasselbe, nur mit etwas anderen Worten, zu schildern; Broche hält es nicht aus, unterbricht Elia und erzählt wieder von Anfang, aber nach ihrer Art; Teubele fährt dazwischen und schreit, daß Broche wegen ihrer Ohnmacht sich nicht an alles erinnert und beginnt den Bericht von unserem Abenteuer noch einmal; da erklärt Peine, daß die Frauen überhaupt alles vergessen haben, und er allein nur sinngemäß erzählen könne. Das wiederholt sich mehrere Male am Tage. Die Zuhörer nicken mit dem Kopf, schnalzen mit den Lippen und sagen, daß wir uns glücklich schätzen und Gott preisen müssen. * Wir leben im Ausland besser als zu Hause; wir tun nichts, verbringen die Zeit in irgendeinem Gasthaus oder auf den Straßen und besichtigen die Stadt. Nur Broche gefällt Brody nicht, sie findet in der Stadt lauter neue Mängel, bald sagt sie, es sei schmutzig, bald – es rieche schlimmer als bei uns. Einmal erwachte Broche in der Nacht und schrie, daß man sie überfallen habe. Wir sprangen alle aus den Betten. »Räuber?« »Was für Räuber? – Wanzen ...« Am nächsten Morgen erzählten wir dem Gasthausbesitzer davon, aber dieser wehrte mit den Händen und Füßen ab: Bei den Deutschen gebe es keine Wanzen, wir haben sie wahrscheinlich aus Rußland mitgebracht. Broche geriet in Wut; sie haßte diesen jüdischen Deutschen. Mir gefällt er sehr gut, er lächelt beim Sprechen immer und verzerrt dabei seinen Mund sehr drollig, gibt gern Ratschläge, wo und bei wem man einkaufen soll und geht sogar bei jeder Kleinigkeit mit ... Am häufigsten kaufen wir Kleider. Unser Freund Peine sagt, wir gingen schon zerlumpt, man müsse sich anständig kleiden, besonders hier im Auslande, wo man bekanntlich alles fast umsonst bekommt. Peine kaufte sich zuallererst eine neue Mütze, dann einen Rock bis zu den Knien und ein neues Halstuch. Peine in seinem deutschen Anzug anzuschauen und nicht zu lachen, ist sehr schwer! Er war auch früher kein schöner Mann. Die Nase allein genügte schon! Jetzt sieht er, wie Broche sagt, wie ein richtiger Narr aus. Elia findet, daß Peine einem armen Ungarn oder einem Leierkastenmann ähnlich sieht. Peine behauptet, daß die Ungarn und die Leierkastenmänner anständiger sind als Hungerleider. Unter diesen letzteren versteht er uns. »Es ist kein Kunststück, sich wie ein Deutscher zu kleiden,« entgegnet Elia, »aber es hat keinen Sinn, das Geld zu verschwenden, es ist besser, es für Amerika aufzusparen.« »In Amerika brauchen wir kein Geld, dort sind wir selbst – Geld,« erwidert Peine. Er redete so lange auf uns ein, bis Elia nachgab und sich ebenfalls eine neue Mütze und einen neuen Rock kaufte. Wir gehen jetzt zu dreien durch die Straßen und sprechen deutsch. Ich bin überzeugt, daß man uns für Deutsche von reinem Blut halten würde, wenn nicht unsere Damen, die uns stets folgen und keinen Schritt von uns weichen. Die Mutter hat Angst, daß wir uns unter den Deutschen verirren könnten, Broche und Teubele gehen uns nach, weil sie nichts Besseres zu tun haben; sie sind bescheiden und tun immer dasselbe wie die anderen. Wir ziehen also stets in einer großen Schar, alle Leute sehen sich nach uns um und lachen. Was ist an uns zu sehen? »Die dümmsten Leute in der Welt sind die Deutschen,« sagt Elia, »was man ihnen auch sagen mag, – sie glauben alles aufs Wort!« »Sei nur still, wenn es sich um Geld handelt, sind sie nicht so leichtgläubig. Geld geht bei ihnen über alles. Der Kreuzer ist ihnen so teuer, wie ihre Seele, für eine Krone verkaufen sie ihren eigenen Vater und für einen Gulden den Herrgott selbst,« erwidert Broche. Teubele stimmt ihr sofort zu. Die Deutschen haben bei unseren Damen kein Glück! Mir gefallen die Deutschen sehr gut; wenn wir nicht nach Amerika reisen würden, wäre ich gern hier geblieben. Wo gibt es solche Häuser wie hier? Und die Menschen! So prächtige, gute Menschen, nichts behalten sie zurück, alles verkaufen sie ... Selbst die Kühe sind hier anders als bei uns; sie haben vielleicht nicht mehr Verstand, aber sie schauen so seltsam wichtig drein. Hier ist alles anständig. Unsere Frauen sind jedoch anderer Meinung. Bei uns sei es besser, – sagen sie – hier gefällt ihnen nichts, weder die Stadt, noch das Gasthaus, noch der Gasthofbesitzer, dieser letztere am allerwenigsten. Broche behauptet, daß der Besitzer uns das Fell abziehen wird; nicht ein Krümchen Salz gibt er ohne Geld, selbst für ein Glas heißes Wasser läßt er sich bezahlen. Wenn wir hier nicht rechtzeitig abfahren, wird er uns das ganze Geld bis auf den letzten Heller abzapfen. Aber was Broche nicht alles redet! Sie behauptet zum Beispiel, daß Elia ein altes Weib ist, daß Peine ein Aufschneider und Müßiggänger ist, daß, wenn sie an Teubeles Stelle wäre, sie ihn mit eisernen Zangen festhalten würde. Teubele ist nach Aussage der Mutter ein Täubchen, ein Mensch ohne Galle, deshalb schweigt sie. Alle ziehen es vor, mit Broche nicht in Streit zu geraten, – ich ebenfalls. Mich kann Broche überhaupt nicht ausstehen, sie nennt mich immer »Schwänzchen« oder »Fratze«. Ich soll während der Reise fett geworden sein und mir ein Doppelkinn angemästet haben. Ich bin nicht sehr betrübt, aber meine Mutter fühlt sich in meinem Namen verletzt und weint. * Eine Neuigkeit. Wir haben Nachricht über unsere Sachen bekommen. Die Jüdin, die uns über die Grenze gebracht hat, wurde ins Gefängnis gesperrt. Peine ist höchst zufrieden. ›Das geschieht ihr ganz recht ...‹ Jetzt wissen wir ganz sicher, daß wir unsere Sachen nicht bekommen, wir können also weiter reisen. Elia ist verstimmt, doch die Mutter beruhigt ihn. »Was hätten wir getan. Dummchen, wenn man uns damals das Geld abgenommen und noch obendrein totgeschlagen hätte?« sagt sie. Peine ist mit ihr einverstanden. »Was immer auch geschehen mag,« meint er, »der Jude muß sich immer sagen: Es ist zum Besten«. Broche lächelt und sagt, sie habe Elia nicht umsonst ein altes Weib genannt ... Wir treffen Vorbereitungen zur Abreise und erkundigen uns, wie man am besten nach Amerika fährt. Manche raten, über Paris zu reisen, andere – über London, noch andere – über Antwerpen. Wir sind ganz verwirrt. Vor Paris hat die Mutter Angst; dort soll es zu geräuschvoll sein. Antwerpen gefällt Broche nicht, der Name sagt ihr nicht zu, sie hat ihn noch nie zuvor gehört. Unsere Wahl fiel deshalb auf London. Peine hatte in einem Geographiebuch gelesen, daß London eine mächtig große Stadt sei. »Es ist auch bekannt,« sagt Peine, »daß London wegen seiner großen Männer berühmt ist, dort hat Moses Montefiore, Buckle, Disraeli gelebt; dort lebt auch Rotschild.« »Rotschild lebt ständig in Paris!« entgegnete Elia. In unserer Gesellschaft ist es Sitte, daß, wenn einer irgend etwas sagt, der andere sofort das Gegenteil behauptet. Sie zanken sich niemals, aber sie streiten sich zuweilen. Neulich begannen sie darüber zu streiten, wie das jüdische Wort ›Morau‹ auf deutsch heißen mag. Der eine sagte, es heißt ›Chran‹, der andere meinte – ›Chrön‹; – sie stritten zwei Stunden herum, bis sie beschlossen, eine Stange Meerrettich zu kaufen und den Kaufmann zu fragen, wie das auf deutsch hieße; der Kaufmann sagte, es heißt ›Meerrettich‹. Welch ein dummes Wort! Aber was ist da lange zu streiten! Die Deutschen können nicht einmal ein so einfaches Wort, wie ›Zeiger‹ und sagen dafür ›Uhr‹. * Ich habe mich bei den Deutschen aufgehalten und dabei ganz außer acht gelassen, daß wir nach Amerika reisen. Eigentlich führt unser Weg vorläufig nicht nach Amerika, auch nicht einmal nach London, sondern nach Lemberg. In Lemberg soll es ein Komitee für Auswanderer geben; vielleicht wird das Komitee uns irgendwie behilflich sein; wir sind doch nicht besser daran als andere Auswanderer, namentlich jetzt, da wir ohne Sachen geblieben sind. Die Mutter beginnt schon, sich darauf vorzubereiten, wie sie dort wird sprechen und weinen müssen. Bruder Elia fleht sie an: »Nur nicht weinen! Denk an die Augen! Ohne Augen werden wir Amerika nicht zu sehen bekommen!« Elia begab sich zum Wirt wegen der Rechnung. Nach einigen Minuten kamen sie zusammen zurück. Elia leichenblaß. Es sei ihm von der Rechnung schwarz vor den Augen geworden, sagte er. Alles hat der Wirt angerechnet: für die Leuchter, die wir am Freitag für die Sabbatkerzen genommen haben, hat er in der Rechnung sechs Kreuzer angeschrieben, für das Zuhören des von ihm verrichteten Segensspruchs ›Hawdole‹ berechnet er vier Kreuzer. »Warum vier und nicht fünf?« »Wollt ihr fünf? – Meinetwegen ...« Dann berechnet er eine ›Besorgung‹. Das schreit zum Himmel! Er meint nämlich, für die Mühe, daß er mitgegangen ist, die Kleidungsstücke einzukaufen ... Als Broche das hörte, klatschte sie in die Hände und begann mit gellender Stimme zu schreien. »Schwiegermutter, hört Ihr? Habe ich nicht gesagt, daß diese Deutschen schlimmer sind als Waldräuber? Die russischen ›Chuligan‹ sind ja dagegen die reinen Tugendbolde! Wir sind hier nicht in Brody, wir sind in Sodom! ...« Der Vergleich mit den Chuligans verletzte den Wirt anscheinend nicht so sehr wie der Vergleich der Stadt Brody mit Sodom. Er geriet in Wut und begann zu schreien, daß wir die Pogroms verdienten, die die russischen Chuligans veranstalteten. Wäre er der Zar von Rußland, so würde er uns alle, bis auf den letzten, abschlachten lassen! Peine ist, wie ihr wißt, ein jähzorniger Mensch; er ist wohl imstande, lange zu schweigen, aber wenn er einmal aufflammt, dann genügt kein Wasser, um ihn zu beruhigen. Jetzt erhob er sich, richtete sich hoch auf, trat an den Gasthausbesitzer heran und schrie ihm ins Gesicht: »Ach, du Deutscher! Der Teufel soll deinen Großvater holen!« Für das Wort ›Deutscher‹ mußte Peine schwer büßen. Zwei schallende Ohrfeigen ertönten im Zimmer, Funken sprühten in den Augen. Aber es war famos! Die ganze Stadt lief zusammen, Tumult, Geschrei, Gelächter. Ich bin glücklich, wenn es lustig hergeht. Am selben Tage flüchteten wir aus Brody. Krakau und Lemberg. Lemberg ist mit Brody überhaupt nicht zu vergleichen. Es ist eine saubere, ausgedehnte, schöne Stadt und so riesengroß, daß man sie mit dem Auge nicht umfassen kann. Zwar gibt es auch in Lemberg Straßen, die man mitten im Sommer nur in Gummischuhen und mit zusammengekniffenen Nasenlöchern überschreiten kann; aber dafür gibt es in Lemberg einen Garten, einen ganzen Wald, in dem alle Leute, ja sogar die Ziegen, spazierengehen dürfen. Und welche Freiheit hier herrscht! Am Sonnabend wandeln die Juden in ihren großen Pelzmützen und lassen keinen Menschen an sich heran. Die Mutter sagt, Lemberg und Brody ist wie Tag und Nacht. Elia bedauert, daß Brody der Grenze näher gelegen ist, als Lemberg. Peine erklärt ihm, daß Lemberg gerade deswegen Brody vorzuziehen sei, weil es weiter von der Grenze und näher zu Amerika gelegen ist. »Auch gesagt! Wo ist Lemberg Und wo ist Amerika?« entgegnete der Bruder. »Über Städte sollst du nicht mit mir streiten, ich habe Geographie studiert.« »Wenn du Geographie studiert hast, so sage, wo sich das Komitee befindet.« »Was für ein Komitee?« »Das Komitee für Auswanderer!« »Was hat das Komitee mit Geographie zu tun?« »Wer Geographie kennt, muß alles wissen!« sagt Elia. Wir versuchten von den Leuten, denen wir begegnen, etwas von dem Komitee zu erfahren. Niemand weiß Bescheid! »Sie wissen schon, aber sie wollen es nicht sagen!« erklärt Broche. Nichts gefällt ihr. Auch an Lemberg hat sie etwas auszusetzen: Die Straßen sind zu breit. Auch ein Vorwurf! Genau, als wenn man sagen wollte, daß eine Braut zu schön sei. Teubele ist aus einem anderen Grund gegen Lemberg eingenommen. Wann wird bei uns von Krakau und Lemberg gesprochen? Wenn man etwas sehr Saures ißt, sagt man: »Man kann bis Krakau und Lemberg sehen!« – und wenn jemand tüchtig verprügelt wird, heißt es: »Er hat beinahe Krakau und Lemberg zu sehen bekommen!« Die Weiber sind anscheinend so geartet, daß ihnen selten etwas gefällt. * Endlich haben wir das Komitee gefunden, ein hohes Haus mit rotem Dach. Wir mußten lange draußen stehen; dann öffnete sich die Tür, wir stiegen die Treppe hinauf und traten in ein geräumiges Zimmer. Außer uns befanden sich darin viele anderer Auswanderer, Mehr Frauen als Männer, – die meisten aus Rußland. Viele verhungert aussehende Frauen trugen einen Säugling auf dem Arm. Die anderen, ohne Säuglinge, waren auch hungrig. Sie kommen täglich hierher. Unsere Mutter hat mit einer Menge Frauen Bekanntschaft geschlossen. Jede klagt ihr Leid. Viele haben einen Pogrom erlebt und erzählen allerhand Greuel. Alle reisen nach Amerika, und kein Mensch hat Reisegeld; manche reisen in die Heimat zurück. Hier wird einigen Leuten Arbeit verschafft, andere werden nach Krakau geschickt, wo das Hauptkomitee sein soll. »Und was ist hier?« – Die Frauen wissen es nicht. – Man läßt sie morgen wiederkommen, wenn sie kommen, heißt es: Übermorgen usw. »Wenn ich mein Unglück mit ihrem Mißgeschick vergleiche,« sagt die Mutter, »dann sehe ich, daß ich ein Glücksmensch bin.« »Wo ist aber das Komitee?« »Hier!« »Wer ist im Komitee?« Das wissen sie nicht. Ein großer Herr mit pockennarbigem Gesicht und guten, lachenden Augen, tritt ein. Es ist einer aus dem Komitee, der Doktor. Der Doktor mit den guten Augen setzt sich. Alle anderen Emigranten gehen zu ihm heran und sprechen mit ihm. Der Doktor hört sie an und sagt, daß er hier allein sei und ihnen nicht helfen könne; zum Komitee gehören zwar dreiunddreißig Leute, aber kein Mensch zeige sich, und er allein sei nicht imstande, irgend etwas zu tun. Doch die Auswanderer wollen nichts davon hören. Sie können nicht länger warten, sie haben alles verzehrt, was sie hatten. Sie bitten, man möge ihnen Fahrkarten nach Amerika geben oder sie wieder in die Heimat schicken. Der Doktor antwortet, daß er sie nur nach Krakau schicken könne, vielleicht wird ihnen das andere Komitee helfen. Die Auswanderer beklagen sich, daß sie kein Geld zum Leben haben. Der Doktor nimmt sein Portemonnaie heraus und gibt einem ein Geldstück. Der Betreffende betrachtet es von allen Seiten und entfernt sich. Andere erscheinen. »Was wünscht Ihr?« fragt der Doktor. »Wir wollen essen!« »Soeben wurde mir das Frühstück gebracht!« sagt der gute Doktor und zeigt auf den Kaffee und die Weißbrötchen. »Ich meine es im Ernst,« fügt er hinzu, »etwas anderes kann ich für Euch nicht tun!« Die Auswanderer danken. – »Wir bitten nicht für uns, sondern für unsere armen Kinderchen.« »So führt nur die Kinder her,« sagt der Doktor und blinzelt uns zu. * Die Mutter näherte sich dem Arzt und begann, von ihrem Leben zu erzählen. »Ich hatte einen Mann, er war Kantor, kränkelte und kränkelte, dann starb er und hinterließ mich als Witwe mit Waisenkindern: einem älteren Sohn und einem noch ganz kleinen Vögelchen, – das war ich, das Vögelchen! – Den älteren habe ich verheiratet, ich dachte, es wäre eine Goldgrube, doch das Gold ist ausgeflossen, und die Grube ist geblieben; der Schwiegervater hat Bankrott gemacht, und mein Sohn muß sich zu Militär stellen.« »Mutter, was faselst du!« unterbrach sie plötzlich Elia und begann dasselbe mit etwas anderen Worten zu erzählen. »Die Militärgestellung hat nichts zu sagen. Wir reisen nach Amerika, weil wir alles verloren haben. Ich reise mit meiner Mutter, meiner Frau, meinem Brüderchen, und meinem Freund und seiner Frau. Wir mußten also die Grenze überschreiten, aber wir haben keine Pässe, weil das zu kostspielig ist ...« »Laß mich jetzt reden!« unterbrach ihn Peine, stieß ihn zurück und begann selber zu erzählen. Obgleich Elia mein Bruder ist, muß ich dennoch gestehen, daß Peine bedeutend schöner spricht. Was für wundervolle Worte in seiner Rede vorkommen! Manchmal verstehe ich sie gar nicht. Hört selbst an: »Ich will Ihnen einen kurzen Überblick der ganzen Lage schildern, dann werden Sie einen Gesichtspunkt haben. Wir reisen nach Amerika, weniger wegen der Militärgestellung, als um der Selbständigkeit und der Zivilisation willen. Denn wir sind dort nicht nur am Fortschritt beteiligt, sondern wir können auch frei schalten und walten, wie Turgenew sagt. Zweitens, seitdem bei uns die jüdische Frage mit Pogroms, die Konstitution und dergleichen entstanden ist, wie Buckle in seiner Geschichte der Zivilisation sagt ...« Wie schade! Kaum waren die ›gebildeten‹ Worte gefallen, kaum war Peine richtig in Schwung gekommen, als Elia wieder vortrat und zu Peine sagte: »Du hast die Gewohnheit, nicht zur Sache zu reden!« Peine fühlte sich beleidigt, entfernte sich vom Tisch, wobei er stolperte und murmelte: »Sprichst du besser? So rede du!« Elia begann seine Erzählung. * »Wir waren also an der Grenze angekommen. Kaum angelangt, begannen wir mit den Agenten zu feilschen. Die Agenten sind, wie ihr wißt, Betrüger, sie fingen also einen wahren Wettstreit um uns an, drängten sich heran, verklatschten einander, intrigierten und zeigten einander an. Endlich fand sich eine Frau, die einen sehr anständigen Eindruck machte, eine Jüdin, mit der wir, schließlich einig wurden, und die uns über die Grenze bringen sollte. Zuerst uns, dann unsere Sachen. Sie gab uns zwei Bauern, das heißt, Führer mit ...« »Wie eilig er es hat, er erzählt schon von den Bauern!« rief Broche, stieß den Bruder fort und begann ausführlich zu erzählen, wie wir den Hügel hinunter gingen, ins Wirtshaus einkehrten, wie wir dort das Wort ›Chaime‹ sagen mußten, wie uns die Bauern in den Wald führen sollten usw. »Ein Glück, daß ich die Gewohnheit habe, in Ohnmacht zu fallen,« fuhr Broche fort, aber der Doktor unterbrach sie: »Wißt Ihr, was ich Euch sagen werde, liebe Frau, damit ich nicht in Ohnmacht falle, sagt schnell, um was es sich handelt, was Ihr wünscht!« Da trat die Mutter vor, und es entspann sich zwischen ihr und dem Doktor folgendes Gespräch: Die Mutter: »Kurz sagen? Alle Sachen wurden uns gestohlen?« Der Doktor: »Was für Sachen?« Die Mutter: »Zwei Federbetten und vier große Kissen, und noch zwei große Kissen, und drei kleine, die ich zusammengeschüttet habe ...« Der Doktor: »Das ist alles?« Die Mutter: »Und drei Laken, zwei alte, ein neues, und mehrere Kleider, und ...« Der Doktor: »Ich frage nicht danach. Ist Euch sonst nichts passiert?« Die Mutter: »Ist das Unglück noch nicht groß genug?« Der Doktor: »Habt Ihr Eure Fahrkarten und das Geld?« Die Mutter: »Gott sei Dank, unsere Schiffskarten haben wir, für die Fahrkarten wird es auch ausreichen.« Der Doktor: »Da seid Ihr ja Glückspilze! Ich beneide Euch, ohne Scherz. Ich will Euch gern mein Frühstück, das Komitee, alle meine Auswanderer überlassen, gebt mir nur eine Schiffskarte und eine Fahrkarte, und ich reiße sofort nach Amerika aus. Was kann ich hier allein, ganz allein mit so vielen armen Menschen anfangen!« ›Dieser Doktor ist ein sonderbarer Kauz!‹ beschlossen wir. Wir waren der Meinung, daß es keinen Sinn hatte, länger hier zu bleiben, wir verloren nur unsere Zeit. Es war besser, nach Krakau zu reisen. Dorthin gingen viele Auswanderer ... Waren wir denn schlechter als die anderen? Waren wir denn keine Auswanderer? ... Lebt wohl! Wir reisen nach Krakau. Wien – das ist eine Stadt! »Wien verdient, eine Stadt genannt zu werden!« sagte Elia. »Und noch dazu was für eine Stadt! Eine Residenz!« bestätigte Peine. Sogar die Frauen, denen nichts in der Welt gefiel, behaupteten, daß Wien – eine Stadt ist. Wien zu Liebe nahm die Mutter ihr seidenes Tuch um, und Broche zog sich wie zum Feiertag an. In ihrer schwarzen Perücke, mit den langen, baumelnden Ohrringen und dem roten Gesicht mit Sommersprossen sah sie aus wie eine rote Katze in einem schwarzen Schleier. Ich habe einmal eine solche Katze, gesehen. Die Kinder unserer Nachbarin Pesja haben ihre Katze ›Feige-Lea die Bettlerin‹ mit einem Käppchen ausgeputzt, das sie mit Bändern zubanden; an den Schwanz knüpften sie ihr eine Gänsefeder und ließen sie so laufen. Das Käppchen, das für die Katze zu groß war, verdeckte ihre Augen; die Katze erschrak und sprang wie toll herum und zerbrach bei allen Nachbarn das Geschirr. Die Kinder wurden dafür von Mojsche tüchtig verprügelt, besonders der älteste ›Waschdich‹. Ein drolliger Bursche ist dieser ›Waschdich‹. Soviel man ihn auch schlagen mag, es gleitet von ihm ab, wie Wasser von einer Gans. Mir ist nach ihm bange. Aber ich hoffe, daß wir uns bald wiedersehen. Wir bekamen einen Brief, daß Mojsche und Pesja mit ihrer ganzen Familie nach Amerika gereist sind. Zuerst haben sie sich über uns gewundert, daß wir eine so weite Reise unternehmen. Jetzt haben sie auch Lust bekommen. Der Brezelbäcker Jojne mit seiner Familie reist auch nach Amerika, er ist schon an der Grenze. Aber sie reisen über eine andere Grenze, wo die Sachen nicht gestohlen werden. Die Auswanderer sagen, daß es solche Grenzen gibt, wo die Agenten die Reisenden nackt ausziehen, aber getötet wird niemand. Das ist wahr, uns haben sie ja auch nicht getötet, sie haben es nur versucht. Wir fangen an, diese Geschichte zu vergessen; was ist es auch für ein Vergnügen, daran zu denken! Unsere Frauen erzählen zwar auch jetzt noch gern von unseren Erlebnissen an der Grenze, aber die Männer, Elia und Peine, lassen sie nicht reden und behaupten, daß sie es besser erzählen. Peine nimmt sich vor, in den Zeitungen darüber zu schreiben. Den Anfang hat er schon fertig, er sagt, daß es ein ausgezeichnetes Gedicht ist. (Er ist ein Meister im Reimen und schreibt alles in Versen). Über Brody, Lemberg und Krakau ist das Gedicht schon fertig. Peine hat sogar seine eigene Frau im Gedicht geschildert. Nachdem er ihre Schönheit, ihre Güte und ihre übrigen guten Eigenschaften besungen hatte, wies er auf einen groben Fehler hin: Sie wollte nicht von ihm gehen. Teubele war über den Schluß dieses Gedichts beleidigt, Broche nahm sich ihrer an, die Mutter ebenfalls. Den Frauen gefallen Peines Gedichte überhaupt nicht. Elia sagt wiederum, daß er Peine beneide; in Amerika gebe es viele Zeitungen und Zeitschriften, Peine werde mit seinen Gedichten Gold verdienen. Peine sagt, er wisse selbst, daß es für Amerika und Amerika für ihn geschaffen sei. Er könne die Zeit gar nicht erwarten, bis wir endlich das Schiff besteigen und über das Meer fahren. Vorläufig spazieren wir noch auf dem Lande, in der Stadt Wien. * Was wir in Wien machen? Nichts, – wir spazieren in den Straßen. Die Straßen, die Häuser, die Fenster – alles glänzt wie Spiegel! Und was für Sachen, Kleider, Spielzeug, Galanteriewaren dort ausgestellt sind! Fast vor jedem Fenster bleiben wir stehen und schätzen den Wert der Ausstellung. Unsere Frauen möchten wenigstens die Hälfte davon haben, was die Häuser, die Läden und die Waren der Stadt Wien wert sind. Peine lacht. »Der zehnte Teil würde für euch auch ausreichen!« »Gönnst du es ihnen nicht? Laß es die Hälfte sein!« meint Elia, an seinem Bärtchen zupfend. In letzter Zeit ist sein Bart furchtbar gewachsen. Ich hätte nicht übel Lust, ihn auf einem Blatt Papier zu zeichnen, Peine habe ich auch mit Bleistift gezeichnet, und Broche – mit Kreide auf den Tisch. Aber für das letztere habe ich büßen müssen: Broche sah sich auf dem Tisch, wie in einem Spiegel, und sagte es dem Bruder. Gott sei Dank, daß die Mutter sich meiner annahm, sonst hätte er mich totgeschlagen. Elia will nicht, daß ich ›male‹. Aber ich hatte schon von Kindheit an die Leidenschaft zu zeichnen. Zu Hause zeichnete ich mit Kohle auf der Wand und wurde dafür geschlagen; später zeichnete ich mit Kreide auf der Wand und wurde wieder geschlagen; jetzt zeichne ich mit Bleistift auf Papier und werde immer noch geschlagen ... Noch mehr werde ich für das Kneten geschlagen. Ich knete gern aus weichem Brot kleine Figuren, am liebsten Ferkelchen. Sobald Elia es bemerkt, schlägt er mich auf die Hände, daß es arg weh tut. Peine versuchte, sich meiner anzunehmen: »Was wollt ihr von dem Kind? – Mag er doch zeichnen und kneten, vielleicht ist es ihm beschieden, einst ein Künstler zu werden.« Aber Elia will nichts davon hören. »Was? Künstler, Zeichner, Maler, soll er werden? Kirchen soll er bemalen. Wände anstreichen, Dächer anmalen? Ewig mit schmutzigen Händen herumlaufen, wie ein Teerkocher? Mag er lieber Sänger beim Kantor werden, er hat doch eine gute Sopranstimme. Sobald wir nach Amerika kommen, gebe ich ihn zum Kantor.« »Warum nicht zu einem Handwerker? In Amerika arbeiten alle Menschen,« entgegnete Peine. »Was? Einen Handwerker aus ihm machen?« rief die Mutter, in deren Stimme man bereits die Tränen fühlte: »Meine Feinde werden es nicht erleben, daß ich meinen Sohn Handwerker werden lasse! ...« Peine versuchte, sich zu rechtfertigen: »Wie sonderbar Ihr seid! Im Talmud ist gesagt, daß alle unsere großen Gelehrten Arbeiter waren: Der Rabbi Isak war Schmied, der Rabbi Johanaan – Schuster, mein Vater ist ja auch Handwerker, – Mechaniker, – mein Großvater – Uhrmacher.« Peine glaubte, sich zu rechtfertigen, aber in der Tat reizte er sie nur noch mehr. Die Mutter weinte und klagte: »Hat es sich wahrhaftig für meinen Mann gelohnt, Kantor, zu sein, sich so viele Jahre zu quälen, jung aus der Welt zu scheiden, damit sein Junge Handwerker, Schneider oder Schuster werde, und noch dazu in Amerika ...« »Nun? Weinst du schon wieder? Hast du vergessen, daß man in Amerika Augen braucht?« schrie der Bruder, und die Mutter hörte sofort auf zu weinen. * Gleichviel, was man in Amerika werden soll, wenn man nur erst da wäre! Es zieht mich furchtbar dorthin! Ich habe für mich beschlossen, in Amerika drei Dinge zu erlernen: Schwimmen, Schreiben und Zigarren rauchen. Ich kann das alles auch jetzt schon, aber nicht so, wie man es in Amerika verstehen muß ... Ich wäre auch zu Hause ein geschickter Schwimmer geworden, aber ich hatte nirgends zu schwimmen; in unserem kleinen Fluß geht es einem so: Wenn man sich mit dem Bauch nach unten legt, dann stecken die Beine aus dem Wasser heraus. In Amerika, sagt man, gibt es ein Meer; wenn man dort mit Schwimmhosen losschwimmt, dann muß man aufpassen und sich festhalten, sonst wird man fortgeschwemmt ... Auch schreiben kann ich, ich habe die gedruckten Buchstaben ganz allein gelernt; ich schreibe so, daß man sie von den wirklichen nicht unterscheiden kann, aber das ist eine mühsame Arbeit! In Amerika muß man schnell schreiben! Die Emigranten sagen, daß dort alles schnell gemacht wird. Alle Leute sind in Hast und haben nie Zeit. Ich weiß schon jetzt fast alles, wie es in Amerika zugeht. Ich weiß zum Beispiel, daß man unter der Erde fährt, daß alle Leute sich quälen und sich eine Existenz schaffen. Ich kann mir vorläufig nicht vorstellen, wie man sich eine Existenz schafft. Aber ich werde es sicher rasch begreifen, ich fasse alles leicht auf. Ich brauche nur ein einziges Mal einen Menschen zu sehen und ich mache sofort alle seine Grimassen nach. Neulich zeigte ich, wie unser Freund Peine beim Gehen tänzelt, mit seinen kurzsichtigen Augen guckt und beim Reden die Worte so schnell durcheinanderwirft, als ob er heiße Suppe hinunterschlucken würde. Broche wälzte sich vor Lachen, und die Mutter lachte, bis ihr die Tränen kamen. Bruder Elia kann das nicht leiden ... Er erlaubt mir nicht, übermütig zu sein. Sonderbar ist mein Bruder Elia! Er hat mich lieb, und doch schlägt er mich, und zwar mit aller Wucht; die Mutter hält ihn zurück, indem sie sagt: »Wenn du selbst Kinder haben wirst, kannst du sie schlagen!« Aber sobald mich ein Fremder anrührt, möchte Elia ihm am liebsten die Augen auskratzen. Vor einigen Tagen ›ernannte mich ein Junge zum Gouverneur‹. Der Junge, der mich zum Gouverneur ernannte, ist ein neunjähriger Bursche, kerngesund, mit dicken Backen und ein paar groben Händen. Sie sollen ihm verdorren! Er wollte meine Bekanntschaft machen, trat zu mir heran und fragte: »Wie heißt du?« »Mottel!« »Ich heiße auch Mottel; möchtest du Gouverneur werden?« »Was heißt denn das?« »So ungebildet bist du? Möchtest du also?« »Warum denn nicht?« entgegnete ich. »So komm näher heran!« Ich trat näher hin, und er machte mich zum Gouverneur, das heißt, er befeuchtete seinen Damen und versetzte mir einen solchen Stoß unter die Rippen, in den Bauch, daß ich hinstürzte. Die Mutter sah es und erhob ein Geschrei. Elia kam herbeigerannt und verprügelte ihn, daß er sein Lebtag daran denken wird! Seit jener Zeit bin ich mit Mottel befreundet; Mottel hat mir vieles beigebracht. Wißt ihr zum Beispiel, was ›Bauchreden‹ heißt? Es jemandem beizubringen, ist unmöglich, man muß angeborenes Talent dazu haben. Man hält den Mund geschlossen und, ohne mit einem Glied zu rühren, ohne mit den Augen zu zucken, bellt man wie ein Hund, kräht wie ein Hahn oder grunzt wie ein Schwein, daß alle Leute zusammenlaufen und nach dem Tier suchen. Eines Tages brachte ich unseren Leuten einen gehörigen Schreck bei. Ich bellte wie ein Hund. Alle fingen an, unter dem Tisch, unter den Betten zu suchen, ich suchte mit und hörte nicht auf zu bellen. Es war eine reine Komödie. Wie ihr wißt, hat Broche die Gewohnheit, ihn Ohnmacht zu fallen ... Endlich kam Elia dahinter, daß es nicht mit rechten Dingen zuging, und ich habe meine Strafe abbekommen. Seitdem habe ich das ›Bauchreden‹ aufgegeben. * Wir hätten schon längst Wien verlassen, wenn es nicht die Wiener ›Alliance‹ gäbe. Was das für eine ›Alliance‹ ist, kann ich nicht sagen, ich weiß aber, daß die Auswanderer nicht aufhören, von der ›Alliance‹ zu reden. Alle ärgern sich über sie, behaupten, daß die ›Alliance‹ nichts tut, daß sie nicht einen Tropfen Mitleid mit den Menschen hat, daß sie die Juden nicht leiden kann. Jeden Tag geht Elia mit Peine zu der ›Alliance‹. Sie kommen schweißbedeckt, wie nach einem Bad, zurück. »Sie soll verbrennen,« sagt Elia. »Sie soll in Rauch aufgehen!« fügt Peine hinzu. »Laßt mich lieber gehen und mich mit der ›Alliance‹ auseinandersetzen,« sagt die Mutter. Am nächsten Tag begaben wir uns alle zu der ›Alliance‹: Die Mutter, ich, Elia, Peine, Broche und Teubele. Ich stellte mir die ›Alliance‹ als einen Mann mit langem Bart, einer hohen Mütze und roter Nase vor. Weshalb mit roter Nase? – Ich weiß es selber nicht. Nehmt zum Beispiel das Gebet ›Unsano tankef‹. Habe ich es je gesehen? Ich habe es mit dem Vater in der Synagoge am Versöhnungstage hergesagt, und dadurch kommt es mir bekannt vor. Es ist wie ein alter Mann mit strengen großen Augen, mit einer großen Brille und einer Peitsche in der Hand ... Wir begaben uns also zur ›Alliance‹. Broche verflucht sie; sie sagt, daß wenn die ›Alliance‹ solche Stiche in die rechte Seite bekäme, wie sie, Broche, in der linken Seite hat, dann würde sie um keinen Preis bis ans Ende der Stadt laufen. Wir schleppten uns kaum zur ›Alliance‹ hin. Sie wohnt in einem Hause, – Gott gebe, daß wir nicht schlimmer wohnen sollten! Einen Hof sah man kaum. Wien mag keine Höfe. Wien mag nur Riesenfenster und kolossale Türen. Diese Türen sind immer fest verschlossen. »Sie haben wahrscheinlich Angst, daß man sie fortstehlen könnte,« sagte Broche. Nun hat sie auch in Wien einen Fehler herausgefunden. Es gefällt ihr nicht, daß man klingeln muß. Mir macht das Klingeln nichts aus, wenn nur geöffnet wird. Aber die ›Alliance‹ beeilte sich nicht mit dem Öffnen. Man konnte klingeln, so lange man wollte, es kümmerte sie sehr wenig. Wir waren hier nicht die einzigen; viele Emigranten warteten, sie wollten alle ›die Alliance‹ sprechen. Die Emigranten sahen zu, wie wir klingelten. »Klingelt noch einmal, vielleicht wird endlich geöffnet, ihr habt vielleicht mehr Glück als wir,« sagten sie lachend. Sie sind anscheinend ganz froh. Immer neue Menschen, lauter Auswanderer, kommen herbei. Auf der Straße hat sich bereits eine Menschenmenge angesammelt, darunter junge und alte Leute und Kinder. Ich liebe solche Menschenhaufen. Nur die kleinen Kinder mit ihrem aufdringlichen Geschrei und die fluchenden Frauen stören. Sonst wäre es hier sehr lustig. Nun endlich! Gott sei Dank, die Tür wurde geöffnet. Alle stürzen auf einmal herbei, so daß Einer leicht zerdrückt werden konnte. Aber in der Tür erschien ein Mann ohne Mütze, mit rotem Gesicht und glattrasierter Schnauze, und stieß alle einzeln, nach der Reihe, hinaus. Eine Frau mit einem Kind auf dem Arm stieß er mit solcher Wucht, daß, wenn ich und Elia nicht in der Nähe gewesen wären, sie ihre Zähne nicht im Mund behalten hätte; auch so purzelte sie dreimal herum. Erst nach langer Zeit wurden wir in das Zimmer hineingelassen. Erst hier begann der eigentliche Wirrwarr, jeder wollte zuerst sprechen. An den Tischen saßen Männer ohne Mützen und Bärte und rauchten Zigarren. Wer von ihnen die ›Alliance‹ war, weiß ich nicht, die Mutter weiß es auch nicht. Sie trat vor die Männer hin und bat sie: »Bitte, sagt mir, wer von euch die ›Alliance‹ ist! Uns ist ein Unglück passiert, man hat uns alle Sachen gestohlen, unsere ganzen Betten sind an der Grenze geblieben, beinahe hätten sie mich und meine Kinder totgeschlagen. Hier sind sie, meine unglücklichen Waisenkinder. Mein Mann ist jung gestorben, er war Kantor ...« Weiter ließ man sie nicht sprechen. Einer aus dem Komitee zog sie bei der Hand und zeigte auf die Tür; er sprach eine Sprache, die man schwer verstehen konnte. Die Mutter wollte nicht eher gehen, bis sie etwas erreicht hatte. »Weshalb redet ihr mit mir deutsch? Redet mit mir in unserer Sprache, dann kann ich wenigstens mein Unglück vor euch ausbreiten ... Sagt mir, wer von euch die ›Alliance‹ ist!« »Schwiegermutter, hört auf mich, laßt uns von hier gehen! Der Herr Gott hat uns bis jetzt ohne ›Alliance‹ geführt, er wird uns auch in Zukunft nicht verlassen. Gott ist unser Vater ...« sagte Broche zur Mutter. Und die Mutter antwortete ihr: »Du hast recht, mein Kind, Wien ist 'ne Stadt, aber Gott – ist ein Vater ...« Die Wunder von Antwerpen. Habt ihr schon gehört, daß eine Stadt ›Antwerpen‹ heißen soll? Und doch gibt es eine solche Stadt in der weiten Welt, und wir reisen dorthin. Elias Schwiegervater reist über Antwerpen nach Amerika, und Broche drang darauf, daß auch wir dorthin gingen. Früher wollte sie von Antwerpen nicht einmal hören, der Name gefiel ihr nicht, jetzt besteht sie durchaus auf Antwerpen. Unser Freund Peine sagt, daß er gezwungen sein wird, allein zu fahren; er hat beschlossen, unbedingt über London zu reisen. In London rieche es seiner Meinung schon nach Amerika: Da seien dieselben Engländer mit rotem Haar und karierten Beinkleidern, – eine ganz andere Welt! »Reise gesund zu deinen roten Engländern mit den karierten Beinkleidern, wir reisen nach Antwerpen!« sagte ihm Broche. Peines Frau war über irgend etwas ärgerlich, sie blähte sich auf wie eine Henne. Sie hat die Gewohnheit, sich bei jeder Gelegenheit aufzublähen und hört dann auf zu sprechen. Peine wollte erfahren, worüber sie ärgerlich war. »Ich liebe die Engländer nicht,« sagte ihm Teubele. »Warum liebst du sie nicht, du hast sie doch noch nie gesehen?« »Hast du sie denn gesehen, diese Engländer?« Es ist beschlossene Sache, – wir reisen alle zusammen über Antwerpen. Meinetwegen könnten wir über Buxtehude reisen, wenn es nur nach Amerika geht! Ich und Peine sind am ungeduldigsten, nach Amerika zu kommen; wir fühlen, daß es uns in Amerika gut ergehen wird. Peine jammert fortwährend, daß wir reisen und reisen und doch nicht von der Stelle kommen. »Wer hält dich denn? Fahre doch! Renne! Fliege!« sagte Elia zu ihm. »Wie kann ich denn fahren, wenn deine Mutter vorher die Bekanntschaft mit sämtlichen Komitees machen will?« Als die Mutter das hörte, sagte sie: »Wenn du so klug bist, so sag mir doch, wie wir ohne Kissen nach Amerika reisen sollen? ...« Hierauf wußte Peine keine Antwort, er schwieg still und gab sich drein ... Peine konnte sich nicht von uns trennen, auch die Frauen hatten sich aneinander gewöhnt und mochten einander nicht entbehren. Zwar warfen sie sich manchmal sehr derbe Worte an den Kopf, zankten und schimpften immerzu, manchmal kam es so weit, daß sie sich gegenseitig die Zöpfe abreißen wollten, aber sie versöhnten sich sehr bald wieder. Wenn die Mutter nicht mit uns wäre, dann wären Broche und Teubele kaum lange miteinander ausgekommen. Broche sagt von sich selbst, daß sie wie ein Zündholz aufflammt. Wenn es über sie kommt, dann vermischt sie alle mit Schmutz, aber sie versöhnt sich ebenso schnell wieder, beruhigt sich und wird so weich wie Seide, daß man aus ihr förmlich einen Bindfaden drehen könnte. Mit mir schlägt sie sich seit dem ersten Tage nach ihrer Hochzeit herum. Broche meint, daß ich sie nicht gern habe. Sie ärgert sich besonders darüber, weil ich sie auslache. Ich brauche sie nur anzublicken, und schon scheint es ihr, daß ich lache. Neulich zeichnete ich einen Fuß, einen riesigen Fuß mit Kreide auf den Fußboden. Broche erregte sich und behauptete, daß ich ihren Fuß nur deswegen gezeichnet habe, weil er so groß war, – sie trug Gummischuhe Nummer 31 ... Und nun ging die Geschichte los! Broche beklagte sich bei dem Bruder Elia. Elia schimpfte mich aus: »Fängst du wieder die alte Sache an, Menschen zu zeichnen? Bilderchen?« Der Fuß war ein Mensch geworden, und der Mensch ein Bildchen! Man kann den Verstand verlieren! Und wie zum Trotz wuchs in mir die Leidenschaft zum Zeichnen immer mehr. Mottel der ältere, derselbe, der mich neulich zum Gouverneur ernannt und mir das ›Bauchreden‹ beigebracht hatte, schenkte mir einen bunten Bleistift. Wir sollen zusammen nach Antwerpen reisen und sind sehr gute Freunde geworden. Unsere Leute haben ihm den Namen ›Mottel der Ältere‹ gegeben, zum Unterschied von mir, ›Mottel dem Jüngeren‹. Aus Dankbarkeit für den Bleistift zeichnete ich ihn auf einen Bogen Papier in seiner ganzen Größe und schenkte ihm die Zeichnung, jedoch unter der Bedingung, daß er sie niemand zeige, sonst würde es Elia erfahren, und ich müßte es schwer büßen. Mottel brachte aber sein Portrait, wie absichtlich, Elia, hielt es ihm vor die Nase und sagte: »Seht mal her, liebe Leute!« Elia erriet sofort, daß das Portrait meine Arbeit war. »Wo ist er denn, mein Maler?« hörte ich seine Stimme. Elia suchte mich und konnte mich nicht finden. Ich hatte mich hinter dem Rücken der Mutter versteckt und wälzte mich vor Lachen. Einen besseren Verstecksort als hinter der Mutter findet man in der ganzen Welt nicht! * Endlich sind wir in Antwerpen. Wir mußten uns lange, lange im Waggon durchschütteln lassen, bevor wir ankamen. Ist das eine Stadt! Mit Wien zwar nicht zu vergleichen, – Wien ist viel größer, schöner und bevölkerter, – aber die Sauberkeit! Kein Wunder! Die Straßen werden gesprengt, die Bürgersteige gereinigt, die Häuser gewaschen. Ich habe selbst gesehen, wie die Mauern abgekratzt und mit Seife gewaschen wurden. Doch nicht überall ist es so sauber. In den Gasthäusern, in dem die Auswanderer absteigen, geht alles zu, wie es sich gehört: Es ist schmutzig, rauchig, feucht, glitschig und eng, überall herrscht ein Höllenlärm mit einem Wort, es geht dort lustig zu, und ich bin selig, wenn es wo lustig ist. Elias Schwiegervater, der Brezelbäcker Jojne mit seiner Familie, ist noch nicht angekommen, die dicke Pesche mit ihren Angehörigen ist auch noch nicht da, sie reisen noch, sie schleppen sich durch Deutschland. »Deutschland ist das reine Sodom,« sagen die Auswanderer und erzählen verschiedene Greuel von den Deutschen. Das Unglück, das uns widerfahren ist, die verlorenen Sachen und der Anschlag auf unser Leben ist nichts im Vergleich mit dem Mißgeschick, von dem uns die Emigranten hier erzählt haben. Wir lernten in Antwerpen bei irgendeiner Gelegenheit eine Jüdin kennen; sie stammt aus Meschibosch. Ihr Mann ist längst in Amerika; es ist schon ein Jahr her, seit sie mit ihren beiden Kindern zu ihm reist. Sie ist bereits überall gewesen, hat sich mit allen Komitees verzankt und ist endlich hierher gekommen. Sie wollte das Schiff besteigen, aber man ließ sie nicht hinauf, obgleich ihre Augen gesund waren; man wollte sie nicht aufs Schiff lassen, weil sie ein wenig schwachsinnig war. Sie sprach scheinbar ganz vernünftig, aber plötzlich schleuderte sie ein Wort heraus, daß alle sich vor Lachen wälzten. Wir fragten sie, wo ihr Mann sei. »In Amerika.« »Womit beschäftigt er sich dort?« »Er ist dort als Zar angestellt!« »Wie kann ein Jude Zar sein?« »In Amerika ist alles möglich!« sagte sie. Wie gefällt euch das? ... Sie hat sich in den Kopf gesetzt, daß man hier nichts essen dürfe. Auch uns riet sie, nichts Milchiges zu essen, es sei hier alles ›treife‹, nicht nach dem Ritus zubereitet. »Nun, und warum eßt ihr kein Fleisch?« »Das Fleisch ist hier nicht fleischig und nicht milchig, es ist wie eine Fastenmahlzeit,« erwiderte sie. Wir hielten uns alle den Bauch, die Mutter weinte. »Wieder? Du hast schon lange nicht mehr geweint! Willst du, daß man dich sogar aus Antwerpen wegen der Augen fortschickt?« sagte Elia. Sofort trocknete die Mutter die Tränen. Die Mutter sagte, die Frau täte ihr weniger leid als die Kinder. Aber warum sollen sie einem leid tun? Sie sind sehr lustig ... Wenn ihre Mutter anfängt, Dummheiten zu reden, dann lachen sie. Ich habe mich mit ihnen schnell befreundet, sie erzählten mir, daß man sie längst wieder in die Heimat zurückgeschickt hätte, aber, die Mutter bestand eigensinnig darauf, zu ihrem Mann, dem Zaren, zu reisen. »Hi, hi, hi!« lachten die Kinder. Jetzt wollte man ihr einreden, daß man sie mit der Eisenbahn nach Amerika schicken würde – hi, hi hi! –, man hatte es ihr fast schon eingeredet, daß es wirklich eine Eisenbahn gibt, die von hier direkt nach Amerika geht ... hi, hi, hi! ... * Was man nicht alles in Antwerpen zu sehen bekommt! Jeden Tag kommen neue Auswanderer an, fast lauter armes Volk, zum größten Teil Kranke; – die meisten leiden an Trachom. Die Trachomkranken werden nicht nach Amerika gelassen. Man kann schief, lahm, stumm sein, oder wie man sonst, will, wenn man nur nicht Trachom hat. Oft weiß man gar nicht, wie man zu dieser Krankheit kommt. Das habe ich alles in Antwerpen gehört. Ein Mädchen, namens Golde, hat es mir erzählt. Sie ist in meinem Alter, vielleicht ein Jahr älter als ich. Ich habe sie in der ›Esra‹ kennen gelernt. Die ›Esra‹ ist in Antwerpen, ebenso wie die ›Alliance‹ in Wien, speziell für uns, Auswanderer, geschaffen. Als wir nach Antwerpen kamen, gingen wir zuallererst nach der ›Esra‹. Die ›Esra‹ ist besser als die ›Alliance‹; hier werden die Leute nicht die Treppe hinuntergeworfen, man kann kommen, wann man will, und sprechen so viel wie man will. Im Büro sitzt ein junges Mädchen, Fräulein Seitschik, die alles, was gesprochen wird, in ein Buch schreibt. Sie ist sehr nett, sie fragte, wie ich heiße, und schenkte mir ein Bonbon. Dort, bei der ›Esra‹, wurde ich mit Golde bekannt. Sie stammt aus Kutno, ist im vorigen Jahr, im Herbst, kurz vor den Feiertagen, mit ihrem Vater, ihrer Mutter, mit ihren Brüdern und Schwestern hergekommen. Sie haben hier alle Feiertage sehr heiter verbracht ... Es war zwar nichts Besonderes, sie plagten und quälten sich wie die übrigen Auswanderer, aber sie hatten Schiffskarten nach Amerika und reichliche Kleidung: Jeder hatte zweimal Wäsche zum Wechseln und ganze Schuhe. Jetzt hat Golde im ganzen ein Hemd, Schuhe hat sie überhaupt nicht. Wäre nicht Fräulein Seitschik, so müßte sie barfuß gehen. Fräulein Seitschik hatte Erbarmen mit ihr und schenkte ihr ein Paar getragene Schuhe von sich. Golde zeigte sie mir, sie waren fast unversehrt, nur furchtbar groß ... Nachdem die Feiertage vorüber waren, schickten sie sich zur Reise an. Man hatte ihnen befohlen, zum Doktor zu gehen. Der Doktor untersuchte sie und fand, daß alle gesund sind und nach Amerika reisen können, nur Golde durfte nicht mit, denn sie hätte Trachom an den Augen. Zuerst verstanden sie überhaupt nicht, um was es sich handelte, erst allmählich wurde es ihnen klar, daß Golde hier bleiben müsse. Sie erhoben ein Geschrei, ein Weinen und Schluchzen, die Mutter fiel dreimal in Ohnmacht, der Vater wollte mit ihr hierbleiben, aber das erwies sich als unmöglich, weil dann die ganze Schiffskarte verfallen wäre. Golde mußte also allein zurückbleiben, bis das Trachom bei ihr verschwinden würde. Nun ist es schon ein Jahr her, seitdem sie hier ist, und sie ist noch immer nicht geheilt. Fräulein Seitschik meint, daß ihre Augen deshalb nicht besser wurden, weil Golde immerfort weinte. Golde selbst erklärt es anders. Sie sagt, alles käme durch den blauen Stein. Jedesmal, wenn sie zum Doktor kommt, beschmiert er ihr die Augen mit demselben blauen Stein, den er für die übrigen Kranken nimmt. »Wenn ich einen anderen blauen Stein kaufen könnte,« sagt Golde, »wäre ich längst gesund.« »Nun, und dein Vater und deine Mutter?« »Die sind in Amerika, sie schaffen sich dort eine Existenz. Sie schreiben mir, ich bekomme jeden Monat einen Brief von ihnen. Hier, lies, kannst du lesen?« Sie zog unter der Bluse ein ganzes Päckchen Briefe heraus und bat mich, laut zu lesen. Ich hätte es mit größtem Vergnügen getan, aber ich kann ja nicht lesen; wäre es gedruckt, dann würde ich es entziffern. Golde lachte und sagte, daß ein Junge kein Mädchen sei, ein Junge müsse alles in der Welt können. Sie hat wohl recht, ich würde sehr gern schreiben lernen. Ich beneide Mottel den Älteren, er kann sowohl lesen wie schreiben. Golde gab ihm ihre Briefe, die sie aus Amerika erhalten hatte, zum Durchlesen, und Mottel las laut und deutlich. Fast alle Briefe waren in derselben Art geschrieben und enthielten dieselben Worte: »Liebste Goldinka! Teure Goldinka! Wenn wir hier in Amerika daran denken, daß man uns unser Kind fortgenommen hat, daß du dich dort in der Fremde unter fremden Menschen herumtreibst, scheint uns das Leben gar kein Leben. Tag und Nacht weinen wir und sehnen uns nach unserem hellen Sternlein, das unseren Augen entschwunden ist usw. ...« Mottel der Ältere las, und Golde weinte und wischte sich die Tränen. Fräulein Seitschik bemerkte es und begann mit uns zu schimpfen, weil wir Golde zum Weinen gebracht haben. Zu Golde sagte sie, sie möchte sich doch lieber schonen, sie verderbe sich die Augen. »Der Doktor verdirbt mir die Augen mit seinem blauen Stein mehr, als ich mit meinem Weinen,« erwiderte Golde lächelnd, während die Tränen aus ihren Augen weiterrollten. Wir verabschiedeten uns von Golde, ich versprach ihr, morgen wieder hierherzukommen. »Gott gebe es!« antwortete Golde fromm, wie ein altes Mütterchen. Wir beide, Mottel der Altere und Mottel der Jüngere, unternahmen einen Spaziergang durch Antwerpen. * Wir waren nicht allein. Wir hatten noch einen Kameraden, Mendel, den man ungefähr auf zehn Jahre schätzen würde. Mottel nannte ihn ›Poni‹. Mendel war auch auf dem Wege nach Amerika in Antwerpen zurückgeblieben, aber nicht wegen der Augen, sondern aus einem anderen Grund. Sie haben sich während der ganzen Reise – erzählte Mendel – nur von Heringen genährt, der Durst plagte sie fortwährend. Einmal verließ er den Zug, um zu trinken, inzwischen war der Zug abgegangen, und er blieb auf der Station, ohne Fahrkarte, ohne Geld, ohne ein Hemd am Leibe. Die Sprache kannte er nicht und spielte deshalb den Stummen. Er wurde lange in der weiten Welt herumgeschleppt, bis er eines Tages eine Schar jüdischer Auswanderer erblickte, sich ihnen näherte und ihnen seine Geschichte erzählte. Die Auswanderer erbarmten sich seiner, nahmen ihn mit und brachten ihn nach Antwerpen. Hier fand er die ›Esra‹. Die ›Esra‹ schrieb ihm einen Brief nach Amerika, vielleicht würden sich seine Eltern melden; nun wartete er auf einen Brief und die Schiffskarte. Eine halbe Schiffskarte würde für ihn auch genügen, weil er ja noch klein ist. Aber, unter uns gesagt, ist er durchaus nicht mehr so jung; manche vermuten, daß er schon dreizehn Jahre geworden ist, obgleich er bis jetzt ohne »Tfillin« – Gebetkapsel – betet; er hat sie noch nicht bekommen. Mendel sagt, man soll ihm lieber Schuhe kaufen. Ein Emigrant mit strengen Augen fuhr ihn an: »Ach du, Lausbub! Nicht genug, daß man für dich sorgt, bist du obendrein unverschämt!« Der Emigrant gab sich alle erdenkliche Mühe, die Juden veranstalteten eine Sammlung und kauften für Mendel die Gebetvorrichtung ... In Antwerpen kann man alles finden; hier gibt es sogar Synagogen. Eine von ihnen nennen wir die ›türkische‹. Dort beten ebenfalls Juden, aber in einem sonderbaren Dialekt, die Worte klingen ganz anders, man kann nichts verstehen, mit einem Wort – türkisch. Mendel hat uns hingeführt. Wir drei – ich, Mottel der Ältere und Mendel, verbringen die ganzen Tage auf den Straßen. Dort, in Brody, Lemberg, Krakau und Wien, fürchtete die Mutter, mich allein gehen zu lassen, hier hat sie keine Angst. »Dort«, sagte die Mutter, »sind lauter Deutsche, hier sind wir unter uns.« Darunter versteht sie die Auswanderer; – man hört hier nämlich überall jiddisch sprechen. Die Emigranten sollen leben! Unter den Emigranten fühlen wir uns wirklich wie zu Hause. Außerdem erwarten wir unsere Landsleute. Wir werden bald wieder reich werden, der Brezelbäcker Jojne kommt mit seiner Familie. In den nächsten Tagen muß auch unsere Nachbarin Pesche mit ihren Kindern ankommen. Das wird eine Freude sein! Ich will mich bemühen, euch alles zu beschreiben. Eine Auswanderertruppe. Endlich sind sie angekommen! Pesche mit ihrer ganzen Familie ist hier. Besonders freute ich mich mit ›Waschdich‹. Ich liebe ihn besonders, weil er sich nicht vor Schlägen fürchtet, er saugt sie auf, wie ein Schwamm, und gibt keinen Laut von sich. Eines Tages hatte er ein neues Gebetbuch zerrissen. Sein Vater, der Buchbinder Mojsche, schlug ihn mit einem Brett, das zum Papierschneiden gebraucht wurde; ›Waschdich‹ lag danach zwei Tage im Bett. Ihr könnt euch vorstellen, wie er sich fühlte, wenn er sogar die Semmel zurückwies. Man glaubte, es wäre mit ›Waschdich‹ aus; die Mutter beweinte ihn bereits, der Vater ging herum, wie mit Wasser begossen. Aber am dritten Tage griff ›Waschdich‹ wieder zum Schwarzbrot und aß wie nach einem Fasttag. Seine ganze Familie ißt sehr gern, nicht umsonst nennt Pesche sie ›die hungrige Herde‹. Pesche ist übrigens eine sehr nette liebe Frau, nur etwas zu dick, mit einem dreifachen Kinn. Ich habe sie schon mehrere Male auf Papier gezeichnet; einmal sah es ›Waschdich‹, riß mir die Zeitung aus den Händen und zeigte sie zum Scherz Pesche; diese lachte, aber mein Bruder Elia erfuhr davon, und ich hätte meine ›Malerei‹ teuer bezahlen müssen, wenn Pesche sich meiner nicht angenommen hätte. »Das Kind amüsiert sich,« sagte sie, »laß ihn doch, es ist keine Ursache, sich so aufzuregen!« Ich bin Pesche sehr dankbar, ich habe sie gern, nur eins kann ich nicht vertragen: Ihre Küsse. Als sie nach Antwerpen kam und mich sah, stürzte sie sich auf mich und begann mich zu küssen, wie ihr eigenes Kind. Sie küßte sich mit allen, besonders lange küßte sie meine Mutter. Als meine Mutter Pesche erblickte, lief sie auf sie zu, als ob sie den Vater aus der anderen Welt wiedergesehen hätte. Es ging auch nicht ohne Tränen ab. Bruder Elia begann mit Pesche zu schimpfen: Durch sie, meinte er, verdarb die Mutter sich die Augen und konnte nicht zum Doktor gehen. Zum Doktor muß jeder gehen, der nach Antwerpen kommt. Das erste, wonach man sich hier gegenseitig fragt, ist: »Waren Sie beim Doktor? ... Was hat Ihnen der Doktor gesagt? ...« Sogar die ›Esra‹ schickt sofort zum Doktor, wenn man hinkommt. Als wir zum erstenmal dorthin kamen, begann die Mutter zu erzählen, daß ihr Mann viele Jahre Kantor im Bethaus der Schlächter war, daß er sich erkältet hatte und krank wurde, daß sie alles verkauft hatte, um ihn zu retten, daß der Vater gestorben war und sie als Witwe mit zwei Waisenkindern zurückgelassen hatte; den älteren Sohn hat sie Gott sei Dank verheiratet, – sie glaubte, es wäre eine Goldgrube ... Aber das Gold wäre geschmolzen, nur die Grube wäre geblieben; daß wir unser letztes Hab und Gut – das Haus – verkauft hatten, und nun nach Amerika gingen; – sie erzählte, wie wir die Grenze überschritten, wie wir bestohlen wurden und beinahe erschlagen worden wären; ... wie wir ohne Federbetten zurückgeblieben waren und nicht wußten, wie wir nach dem fernen Land ohne Kissen reisen sollten ... Die ›Esra‹ hörte zu, Fräulein Seitschik schrieb jedes Wort meiner Mutter in ein Buch nieder. Die Mutter hatte ihre Erzählung noch lange nicht beendet, als einer von der ›Esra‹ sich plötzlich an sie wandte: »Ihr reist also nach Amerika?« »Natürlich nach Amerika, und nicht nach Ägyptus«, erwiderten wir. »Wart ihr auch beim Doktor?« »Bei was für einem Doktor?« Hierauf sagte uns einer von der ›Esra‹ »Hier habt ihr die Adresse, geht vor allem zum Doktor, mag er eure Augen untersuchen.« Als Elia das Wort ›Augen‹ hörte, sah er die Mutter an und wurde leichenblaß. Warum erschrak er so? * Wir waren schon alle beim Arzt. Alle, außer der Mutter; sie wird später hingehen. Elia fürchtet, jetzt mit ihr hinzugehen, weil sie in der letzten Zeit viel geweint hat. Der Doktor untersuchte unsere Augen, schrieb etwas auf einen Zettel und steckte ihn in einen Briefumschlag, den er verschloß. Wir erschraken nicht wenig, denn wir glaubten, daß er uns eine Arznei verordnet hat. Als wir ihn fragten, was er uns verschrieben hat, zeigte der Doktor nur auf die Tür. Wir errieten, daß er uns bat, hinauszugehen. Wir kamen zur ›Esra‹ und zeigten ihr den Brief des Doktors. Fräulein Seitschik öffnete den Briefumschlag, las den Brief und sagte: »Man kann euch gratulieren. Der Doktor hat bestätigt, daß eure Augen gesund sind.« Wir freuen uns natürlich sehr. Aber was ist mit der Mutter zu tun? Sie hört nicht auf zu weinen. Wir reden auf sie ein: »Warum weinst du? Wenn der Doktor deine Augen für krank erklärt, was soll dann werden?« »Deswegen weine ich ja auch ...« erwidert die Mutter und legt ein feuchtes Läppchen auf die Augen. Das hatte ihr ein Auswanderer, Feldscher von Beruf, geraten. Dieser Feldscher war ein häßlicher Mensch mit seltsamen Zähnen, aber er versuchte, sich immer schön zu machen. Er trug eine Messinguhr mit einer dicken Silberkette und einen dünnen Goldreifen auf dem Finger. Er heißt Bieber. Er ist zusammen mit Pesches Gesellschaft in Antwerpen angekommen. Sie waren unterwegs bekannt geworden und hatten zusammen die Grenze überschritten ohne jegliche Hindernisse, auch die Kissen wurden ihnen nicht gestohlen. Aber auch sie mußten viel Schlimmes aushalten, man hat sie in Hamburg ›hineingelegt‹. Sie erzählen von Hamburg furchtbare Dinge, von denen die Haare sich auf dem Kopf sträuben. Sodom ist eine Stadt der Gerechten im Vergleich mit Hamburg. Dort werden die Auswanderer schlimmer behandelt als bei uns die Sträflinge. Wäre nicht Bieber mit ihnen gewesen, so wäre Gott weiß was mit ihnen passiert; Bieber hat sich ihrer angenommen. Bieber ist sehr frech und versteht zu schimpfen. Er erzählt, wie er die Deutschen heruntergemacht hat, daß man nur so die Ohren spitzt. »Ich habe mit ihnen russisch gesprochen!« sagt er. Bieber spricht wohl besser russisch als Peine. Peine meint, alles wäre sehr schön, wenn in Biebers Worten wenigstens ein Krümchen Wahrheit wäre. Vom ersten Augenblick an kann Peine Bieber nicht ausstehen, er hat sogar ein Gedicht auf ihn gemacht. Peine macht auf alle Leute, die ihm nicht gefallen, Gedichte. * Bieber hat es übernommen, die Augen der Mutter zu heilen. Er garantiert, daß nach seiner Behandlung kein Doktor in der ganzen Welt an den Augen etwas ausstellen würde. Bieber sagt, daß er noch von Hause her ein vorzügliches Mittel für die Augen kenne, er sei doch Feldscher, und ein Feldscher ist ein halber Doktor. Später habe er in Deutschland beobachtet, wie die Auswanderer behandelt wurden, wie die Blinden sehend gemacht wurden. »Vielleicht umgekehrt?« fragt Peine. Bieber wurde zornig – er kann sehr böse werden – und streute auf Peine einen Hagel von Schimpfworten aus. »Sie sind überklug!« sagte er. »Allzu klug für Amerika! In Amerika hat man solche Leute nicht gern! Amerika ist ein Land, wo man sagt, was man denkt, und wo man denkt, was man sagt! In Amerika gilt ein Wort mehr als ein Schwur! Amerika ist aufgebaut auf Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, auf Ehre und Gewissen, auf Menschlichkeit, auf Vertrauen und Barmherzigkeit ...« »Auf was noch?« fragte ihn Peine. Bieber wurde noch wütender. Zum Glück wurden sie unterbrochen. Irgend jemand kam, um zu melden, daß jemand uns sprechen wollte. Wir gingen hinaus; – Gäste! Gäste! Gäste! Jojne, der Brezelbäcker, ist mit seiner Familie angekommen! Eine neue Gesellschaft! Broche stürzte sich auf sie und umarmte den Vater und die Mutter, Elia küßte den Schwiegervater und die Schwiegermutter; als Peine das sah, küßte auch er sie zur Begrüßung, und seinem Beispiel folgte Bieber. »Wer ist denn das?« fragten die Unseren. »Ich bin Bieber«, erwiderte er ohne Verlegenheit. Peine fing an zu lachen ... Und die Mutter? – Die Mutter tat wie immer, sie weinte ... Bruder Elia war außer sich; er sah die Mutter an und zupfte seinen Bart, aber er schwieg. Die Verwandten waren doch angekommen, noch dazu aus der Heimatstadt; bei solchem Anlaß war es keine Sünde, ein paar Tränen zu vergießen. »Wie habt ihr die Grenze überschritten und wo hat man euch bestohlen?« war unsere erste Frage, die wir den Gästen vorlegten. Unsere Gäste hatten einen Sack voll Neuigkeiten! Aber mich interessierten sie nicht. Ich habe mich mit Broches Schwesterchen, Alte, in einen Winkel zurückgezogen ... Ihr erinnert euch vielleicht, daß Alte mir zur Hochzeit meines Bruders als Braut zugesprochen wurde. Damals war sie sieben Jahre alt, jetzt hat sie das achte bereits vollendet und das neunte begonnen, sie ist eine Altersgenossin von Golde. Ich erzählte Alte von Golde und ihren kranken Augen, von Mottel dem Älteren, von Mendel, von der ›Esra‹ und von Fräulein Seitschik, vom Doktor, der unsere Augen untersucht hat ... von Wien, von der ›Alliance‹, wo man die Juden nicht mag, von Lemberg und Krakau ... Und davon, wie wir über die Grenze gegangen und kaum unser Leben gerettet haben ... Ich ließ nichts aus; alles erzählte ich ihr. Alte hörte mit großen Augen zu. Dann begann Alte mir von den Ihrigen zu erzählen. Ihr Vater wollte schon lange nach Amerika reisen, aber die Mutter war nicht einverstanden, und noch weniger wollte es die Verwandtschaft der Mutter. Die Verwandten ihrer Mutter sagten, daß in Amerika alle Leute arbeiten müssen, ihre Mutter war aber nicht gewöhnt, zu arbeiten. Ihre Mutter besitzt einen feinen Radmantel, den der Vater noch zu jener Zeit gekauft hatte, als sie reich waren. Jetzt, seitdem die schlechten Zeiten begonnen hatten und die Gläubiger sie peinigten, hatten sie beschlossen, alles zu verkaufen und nach Amerika zu reisen. Nur den Radmantel wollte die Mutter nicht hergeben. Der Vater fragte, was sie mit dem Mantel anfangen wollte, da doch in Amerika Radmäntel nicht getragen werden. Die Mutter meinte, daß sie so viele Jahre zu Gott gebeten habe, daß er ihr zu einem Radmantel verhelfen möge; jetzt, da Gott ihr dazu verholfen hatte und sie endlich einen Radmantel besaß, sollte sie den Mantel verkaufen? – Das konnte sie unmöglich ... Tag und Nacht wurde von nichts anderem als von dem Radmantel gesprochen. Die ganze Verwandtschaft der Mutter kam zusammen, sie zankten und stritten miteinander; es kam schließlich so weit, daß der Vater sich von der Mutter wegen des Mantels scheiden lassen wollte ... Schließlich setzte die Mutter das Ihrige durch; der Mantel wurde mitgenommen. Wir schleppten uns mit ihm, bis wir zur Grenze kamen; – hier verschwand er ... So erzählte Alte. Ich hörte gleichgültig zu und wollte nur wissen, ob der Radmantel sich hier wiedergefunden hatte. Nachdem ich erfahren, daß der Mantel fort war, unternahm ich sehr vergnügt mit Alte einen Spaziergang durch Antwerpen, das ich ihr zeigte. Hätte sie sich doch über irgend etwas gewundert! ... Sie habe schon viele große Städte gesehen, sagte sie. Ich zeigte ihr die Gasthäuser, in denen die Auswanderer absteigen, machte sie mit meinen Kameraden bekannt, aber Alte achtete überhaupt nicht darauf; sie ist ein stolzes Mädchen, protzig und prahlerisch ... Dann begaben wir uns mit unseren Angehörigen zu ›Esra‹. Dort trafen wir Peschs mit ihrer kleinen Gesellschaft. Golde war auch dabei. Golde wünschte, mit Alte, näher bekannt zu werden, aber Alte zeigte keine Lust dazu. Golde nahm mich beiseite und fragte, warum dieses Mädchen so hochmütig sei und sie nicht einmal eines Gesprächs würdigen will. Ich erzählte ihr von Alte und erinnerte sie unter anderem daran, daß Alte im vorigen Jahr bei der Hochzeit eines Bruders mir als Braut zugesprochen wurde. Golde errötete, ich weiß nicht warum, wandte sich ab und begann, ihre Augen zu wischen. * Was sagt ihr zu dem Unglück, das uns widerfahren ist? Wir waren mit der Mutter bei dem Doktor, der Doktor untersuchte ihre Augen, sagte nichts, schrieb etwas auf einen Zettel und hieß uns gehen. Wir kamen zur ›Esra‹, aber wir trafen dort niemanden an, außer Fräulein Seitschik. Fräulein Seitschik begrüßte mich lachend; sie lachte immer, wenn sie mich sah, bestellte mir jedesmal einen Gruß von Golde und lachte. Fräulein Seitschik öffnete den Brief, las den Zettel und hörte auf zu lachen. Die Mutter fragte: »Was gibt's?« »Nichts Gutes, meine Liebste! Der Doktor schreibt, daß Sie nicht nach Amerika reisen dürfen!« Wie ihr wißt, hat Broche die Gewohnheit, in Ohnmacht zu fallen, sie wurde also sofort bewußtlos; Bruder Elia erblaßte, alles Blut wich aus seinem Gesicht; die Mutter erstarrte, sie weinte nicht einmal. Fräulein Seitschik stürzte nach Wasser, rief Broche wieder ins Bewußtsein, tröstete den Bruder, beruhigte die Mutter und sagte ihr, daß sie morgen wiederkommen sollte. Unterwegs machte Elia der Mutter Vorwürfe darüber, daß sie fortwährend geweint habe, er hatte es ihr ja oft genug gesagt, daß sie nicht weinen dürfe. Die Mutter wollte antworten, aber sie konnte kein Wort hervorbringen ... Sie blickte nur in die Höhe und flehte zu Gott: »Erbarme dich meiner, Herr, und meiner armen Kinder, nimm mich von dieser Welt!« Peine behauptete, daß der Lügenkerl, der Feldscher Bieber, an allem schuld sei. Den ganzen Tag und die ganze Nacht hörte man bei uns zu Hause nicht auf, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Am nächsten Morgen begaben wir uns wieder zur ›Esra‹. Hier riet man uns, die Reise über London zu versuchen, vielleicht würde man die Mutter dort mit ihren verweinten Augen nach Amerika durchlassen; wenn nicht nach Amerika, dann wenigstens nach Kanada. Wo dieses Kanada liegt, wissen wir nicht. Man sagt, es ist noch weiter als Amerika. Bruder Elia und Peine haben jetzt einen Gegenstand zum Streit gefunden. Elia fragte: »Peine, wo befindet sich Kanada? Du hast doch einstmals an der Geographie den Narren gefressen.« Peine sagte, daß Kanada in Amerika liegt, das heißt, Kanada sei dasselbe Amerika, aber wiederum doch nicht Amerika. »Wie ist das zu verstehen?« »Du siehst doch! ...« erwiderte Peine. Wir begaben uns zum Schiff, um unsere Freunde, Pesche, ihren Mann, den Buchbinder Mojsche und ihre ganze Familie zu begleiten. Mein Gott, was sich an dem Schiff tut! Männer, Frauen, Kinder, Bündel, Säcke, Kissen, – Kissen am allermeisten! Einer rennt, ein anderer schreibt, dieser weint, jener schwitzt, hier wird gegessen, dort gezankt. Plötzlich ertönte ein Gebrüll, wie das Geschrei eines Ungeheuers. Es ist das Signal auf dem Schiff, daß es Zeit ist, Abschied zu nehmen. Wildes Durcheinanderrennen, dröhnende Schritte, schallende Küsse, Schluchzen und Schreien schwängern die Luft. Man braucht kein Theater! Alle Leute küssen und umarmen sich, wir geben auch Abschiedsküsse. Die Mutter küßt Pesche. Pesche tröstet sie und bittet sie, sich keine Sorge zu machen: Gott wird geben, daß wir uns alle in kurzem in Amerika wiedersehn werden ... Die Mutter macht eine Bewegung mit der Hand und verschluckt die Tränen. In letzter Zeit weint die Mutter weniger, sie hat etwas eingenommen, um nicht zu weinen. Alle Leute sind bereits auf dem Schiff. Wir bleiben am Ufer. Wie wir sie beneiden! Wie ich ›Waschdich‹ beneide! Einst hat er mich beneidet, jetzt beneide ich ihn! ... ›Waschdich‹ steht in seiner zerrissenen Mütze auf dem Schiff, die Hände auf dem Rücken, und zeigt mir die Zunge: Er will mir zu verstehen geben, daß er fährt, und ich – nicht. Mir tut es leid, aber ich fasse Mut und zeige ihm eine lange Nase: – »Da, hast du! ...« Ich hatte Lust, ihm zu sagen: »Gebe Gott, daß ich so schnell reich werde und du krank wirst, wie schnell ich in Amerika sein werde!« Ja, macht euch keine Sorgen! – Ich werde auch sehr bald in Amerika sein! Die Auswanderer zerstreuen sich. Mit jedem Tage wird die Auswandererschar kleiner. Antwerpen wird leer. Am Sonnabend reisen eine Menge Auswanderer mit dem Schiff ab, alle nach Amerika. Auch mein Freund, Mottel der Ältere, mein Lehrer im ›Bauchreden‹ und anderen ähnlichen Wissenschaften, reist mit. Ich weiß nicht, was mein Bruder Böses bei ihm bemerkt hat, weshalb er ihn nicht ausstehen kann? Ich glaube, daß Broche dahinter steckt. Broche horcht gern, was man redet und lauscht, über wen und über was man lacht. Sie will immer wissen, weshalb wir lachen! Vielleicht machen wir Peine nach, wie er Pfefferkuchen und Bonbons aus seine Tasche zieht und ißt? Oder machen wir uns vielleicht über den Feldscher Bieber lustig, wie er vor den Auswanderern prahlt und lügt, daß einem die Ohren weh tun? Diesmal hatte Broche wirklich recht. Wir verspotteten ihre Mama, Riwa, die nicht aufhört, tagelang von ihrem Radmantel zu erzählen, den man ihr an der Grenze gestohlen hat. Ihr Mund ruht überhaupt nicht! Ihr könnt euch vorstellen, wie überdrüssig sie uns geworden ist, wenn sogar die Mutter sich nicht beherrschen konnte und ihr eines Tages sagte: »Ach, meine Liebste, wenn ich so viel von meinen Kissen und Federbetten sprechen würde, die man mir auf der Grenze gestohlen hat, wie ihr von eurem Radmantel! ...« »Auch ein Vergleich!« »Nun, sind meine Sachen dem zusammengestohlen?« »Gestohlen oder nicht gestohlen, ich habe nicht dabei gestanden!« »Ich verstehe nicht, Riwa, was Ihr für Ausdrücke habt!« »Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus!« »Bin ich Euch irgendwie an die Ehre gegangen?« »Wer sagt denn, daß Ihr mir an die Ehre gegangen seid?« »Warum ist das kein richtiger Vergleich?« »Gewiß ist das kein Vergleich! Ich spreche von meinem Radmantel und Ihr redet plötzlich von Euren Federbetten, von Kissen!« »Nun, was? Habe ich denn meine Sachen gestohlen?« »Gestohlen oder nicht gestohlen, ich habe nicht dabeigestanden.« Wieder dasselbe und wieder dasselbe. Ist das ein schlechtes Theater? ... Es ist begreiflich, daß wir beide, Mottel der Ältere und Mottel der Jüngere, an demselben Abend auf den Gedanken kamen, eine Vorstellung zu geben. »Weißt du,« sagte zu mir Mottel der Ältere, »ich werde Riwa sein und du – deine Mutter; wir wollen Theater spielen. Wir brauchen nichts anderes zu tun, als nur mit ihren Worten und mit ihren Stimmen zu sprechen. Ich werde mit männlichem Baß reden, wie Niwa, und du sprichst mit weinerlicher Stimme wie deine Mutter.« Beide Mottels verkleideten sich: Der eine setzte eine Perücke auf, der andere band ein Tuch um; dann riefen sie Gäste herbei: Mendel, das ›Ponny‹, Golde und Alte; auch andere Knaben und Mädchen aus der Auswanderertruppe kamen mit, und wir gingen an die Arbeit. Mottel der Jüngere (mit weinerlicher Stimme): Ach, meine Liebste, wenn ich so viel von meinen Kissen und Federbetten reden wollte, die man mir auf der Grenze gestohlen hat, wie Ihr von Eurem Radmantel ...« Mottel der Jüngere: Nun, habe ich denn meine Sachen gestohlen? Mottel der Ältere: Gestohlen oder nicht gestohlen, ich habe nicht dabeigestanden. Mottel der Jüngere: Ich verstehe nicht, Niwa, was für Ausdrücke Ihr gebraucht ... Mottel der Ältere: Wie man in den Wald hineinruft, schallt es heraus. Mottel der Jüngere: Bin ich Euch denn an die Ehre gegangen? Mottel der Ältere: Wer sagt denn, daß Ihr mir an die Ehre gegangen seid? Mottel der Jüngere: Warum darf man es denn nicht vergleichen? Mottel der Ältere: Weil es kein richtiger Vergleich ist! Ich spreche von dem Radmantel, und Ihr redet plötzlich von Euren Federbetten, und von Kissen! Mottel der Jüngere: Nun, habe ich, meine Sachen etwa gestohlen? Mottel der Ältere: Gestohlen oder nicht gestohlen, ich habe nicht ... * Wer hätte vermuten können, daß gerade bei dem Wort ›nicht‹ die Tür sich öffnen würde, um neuen Gästen Einlaß zu geben: Broche mit ihrer Mutter, Riwa, ihrem Vater, Jojne, dem Brezelbäcker, und seinem ›Söhnchen‹, die Mutter, mein Bruder Elia, unser Freund Peine mit seiner Frau, der Feldscher Bieber mit seinen gelben Zähnen und noch andere Juden und Jüdinnen, – ein ganzer Haufen! Als erste nahm mich Broche heran, die sich bei aller Welt beklagte, daß ich alle Leute verhöhnte. Sie wollte gern, daß alle Welt sich an mir räche. Aber alle Welt hatte durchaus nicht Lust, mit mir anzufangen. Mir genügte Bruder Elia. Elia hatte eine knochige Hand; wenn er am Abend eine Ohrfeige versetzte, so blieben die Spuren bis übermorgen früh zurück. »Die beiden Mottels müssen getrennt werden,« beschloß Broche, und mein Bruder erklärte mir ein für allemal, daß, wenn er uns noch einmal zusammen sehen sollte, von mir nur eine feuchte Stelle übrigbleiben würde! Ich möchte gern sehen, wie er von mir eine feuchte Stelle zurücklassen will!? Elia hat scheinbar vergessen, daß ich eine Mutter in der weiten Welt habe, die sich eher ihre kranken Augen ausstechen ließe, als daß sie dulden würde, mich so zu prügeln, daß nur ein feuchter Fleck bliebe. * Mit den Augen der Mutter geht es nicht gut, gar nicht gut, – man kann sogar sagen, sehr schlecht. Es heißt, daß man uns um keinen Preis auf das Schiff lassen wird. Wir müssen fort von Antwerpen. In Antwerpen sind die Ärzte Spitzbuben! Sobald sie die Augen untersuchen und auf ihnen Trachom bemerken, werden sie unzugänglich. Sie haben keine Spur von Erbarmen, keinen Tropfen Mitleid mit den Menschen. Wir müssen auf Umwegen nach Amerika reisen. Wie wir hinkommen, ist noch nicht bekannt. Es gibt viele Wege. Wir brauchten nur zu wählen. Es scheint, daß Elias Geld sich zu erschöpfen beginnt. Ich habe ein Gespräch zwischen Elia und Peine belauscht. »Unser ganzes Vermögen,« sagte Elia, »alles Geld, das wir aus dem Verkauf des Hauses gelöst haben, ist für die Doktoren und Feldscher draufgegangen, – alles wegen der Augen der Mutter! Gebe Gott, daß wir wenigstens bis London kommen!« Ich möchte natürlich lieber direkt nach Amerika reisen als über London. Unsere Nachbarin, die dicke Pesche, ist schon lange in Amerika; sie schaffen sich bereits eine Existenz, und ›Waschdich‹ schlendert wahrscheinlich wieder durch die Straßen, die Hände auf dem Rücken, und knackt Nüsse. Unsere Verwandten – der Brezelbäcker Jojne mit seinem ›Söhnchen‹, seine Frau Riwa mit der mir als Braut zugesprochenen Alte haben nicht gewartet, bis die Augen meiner Mutter heil wurden, und sind ohne uns nach Amerika gereist. O weh! o weh! Was sich damals in Antwerpen getan hat! ... Wir ließen die Mutter nicht zum Schiff gehen, aus Angst, daß sie beim Abschied weinen und den Rest ihrer Augen endgültig begraben würde. Aber was haben wir erreicht? Sie hat nur um so mehr geweint. Sie sagt, daß wir ihr die einzige Freude rauben – die Möglichkeit, zu weinen, ihr Unglück durch Tränen zu erleichtern! ... Aber wer wird auf sie hören ... * Wißt ihr, wer mit der Abreise unserer Verwandten nach Amerika sehr zufrieden ist? Ihr werdet es nicht raten: – Golde! Als sie hörte, daß unsere Verwandten abreisten, hätte sie beinahe losgetanzt. Was war der Grund? – Sie konnte Alte nicht leiden, sie mochte sie wegen ihrer Prahlerei nicht ausstehen. Golde hat nicht gern, wenn die Menschen von sich allzusehr eingenommen sind. »Deine Braut mit ihren roten Zöpfchen kann ich nicht ausstehen! Sie ist eine stolze Pute!« sagte mir einmal Golde, und ihr Gesicht flammte auf wie Feuer. »Wieso mit roten Zöpfen, da Alte doch schwarzes Haar hat?« fragte ich. Aber Golde wurde noch zorniger, sie begann zu schreien und zu weinen: »Rot! Rot! Rot!« Wenn Golde zornig ist, muß man sie in Ruhe lassen, bis ihr Zorn vergeht; sobald die Wut vorüber ist, wird sie wieder herzensgut, wie echtes Gold! Mit mir ist sie sehr befreundet, – wie mit einem Bruder. Sie erzählt mir alles: Wie sie sich im Gasthaus abmüht, die Zimmer ausfegt, das Geflügel füttert, die Kinder wiegt, – ihre Wirtin hatte lange Zeit keine Kinder, jetzt hat Gott sie mit einem Zwillingspaar gesegnet. Wie sie jeden Tag zum Doktor geht, wie der Doktor ihr die Augen mit demselben blauen Stein einschmiert, den er für die übrigen Kranken benutzt. »Ach, wenn Gott mir helfen würde, daß ich mir einen eigenen blauen Stein anschaffen könnte, dann würde ich vielleicht eines Tages meinen Vater und meine Mutter wiedersehen!« sagte Golde mit Tränen in ihren kranken Augen. Mir tut sie furchtbar leid; das Herz vergeht mir vor Schmerz. Ich kann nicht hören, wie sie von ihren Eltern spricht, ich kann ihre Tränen nicht sehen. Ich sagte ihr: »Weißt du, Goldinka? Wenn ich nach Amerika komme, fange ich sofort an, mir eine Existenz zu schaffen und schicke dir ganz bestimmt einen blauen Stein.« »Betrügst du mich auch nicht? Schwöre bei deinem Ehrenwort.« Ich schwor, daß ich sie nicht vergessen werde, und wenn Gott mir nur helfen wird, mir in Amerika eine Existenz zu schaffen, schicke ich ihr sofort den blauen Stein. * Ich weiß nun bestimmt, daß wir Sonnabend früh nach London reisen. Wir treffen Reisevorbereitungen. Die Mutter, Broche und Teubele gehen von Gasthaus zu Gasthaus, um sich von den bekannten Auswanderern zu verabschieden. Die Hauptsache ist für sie nicht der Abschied, sondern die Möglichkeit, sich auszuweinen und den Leuten von ihrem Unglück zu erzählen. Aber was stellt sich heraus? – Wir können uns glücklich nennen im Vergleich mit anderen Auswanderern. Es gibt unter den Auswanderern solche Pechvögel, die uns noch beneiden. Ihr Mißgeschick ist derart, daß es sich gar nicht erzählen läßt. Sie waren alle in der Heimat wohlhabende, wenn nicht reiche Bürgersleute; es hat bei ihnen nie an Brot und Salz gefehlt, am Tisch war immer ein Platz für einen Armen gedeckt; alle möchten so viel haben, wie viel sie einst fortgeschenkt haben; alle hatten ihre Kinder an die besten Menschen in der ganzen Umgegend verheiratet; und jetzt Waren sie alle Bettler. Sonderbare Menschen! Ich habe ihre Erzählungen längst satt! Wenn ich früher von einem Pogrom erzählen hörte, spitzte ich meine Ohren und lauschte mit aufgerissenem Mund; aber jetzt, wenn ich das Wort ›Pogrom‹ höre, – renne ich davon! Ich höre am liebsten lustige Erzählungen, doch es gibt keinen, der Lustiges erzählt. Einen einzigen frohen Menschen gab es in der Gesellschaft, den Feldscher Bieber – zwar ein furchtbarer Lügner, aber ein lustiger Kauz! – aber der ist schon in Amerika. »Er lügt jetzt dort das Blaue vom Himmel herunter!« sagt Peine von Bieber. »Dort werden sie ihn nicht lange die Leute beschwindeln lassen, sei ganz ruhig! In Amerika kann man solche Leute nicht leiden, in Amerika wird ein Lügner geringer geschätzt als ein Abtrünniger ...« beruhigt ihn mein Bruder Elia. »Wieso weißt du das?« fragt ihn Broche. Der Streit beginnt. Ich und Peine stehen auf Elias Seite, Teubele hält zu Broche. Wir Männer sagen, daß Amerika das Land der reinen Wahrheit ist. Die Frauen behaupten uns zum Trotz, daß Amerika das Reich der Lügner sei. Wir Männer: »Amerika kennt sich auf Wahrheit, Ehrlichkeit und Barmherzigkeit ...« Sie, die Weiber: – »auf Spitzbüberei, Mordanschläge! Dort gibt es die meisten Hochstapler! ...« Ein Glück, daß die Mutter sich in den Streit hineinmischt; sie sagt: »Kinderchen, was soll das Streiten über Amerika, wenn wir vorläufig noch in Antwerpen sind!« Die Mutter hat recht. Wir sind vorläufig noch in Antwerpen, aber nicht mehr lange. Schon morgen vielleicht reisen wir nach London. Alle Leute verlassen Antwerpen, alle Auswanderer, die ganze Gesellschaft! Was soll nur aus Antwerpen werden?!! Lebe wohl, Antwerpen! Von keiner Stadt fiel mir der Abschied so schwer, wie von Antwerpen. Weniger von der Stadt selbst, als von seiner Bevölkerung, weniger von der Bevölkerung, als von der Gesellschaft der Auswanderer, und weniger von dieser Gesellschaft, als von meinen Kameraden und Freundinnen. Viele von ihnen waren schon früher abgereist; Mottel der Ältere, ›Waschdich‹, Alte. Sie sind alle schon in Amerika und schaffen sich dort eine Existenz. Zurückgeblieben waren nur Mendel, das ›Ponny‹, und Golde, sonst niemand. Was wird jetzt die ›Esra‹ tun, die den Auswanderern hilft? Wem wird sie jetzt helfen ... Es fällt mir recht schwer, Antwerpen zu verlassen, ich werde mich lange nach ihm zurücksehnen. Eine prächtige Stadt! Alle Leute handeln mit Brillanten, alle Leute tragen kostbare Steine mit sich herum, alle verstehen nur das eine: Steine zu schneiden und zu schleifen. Wem man auch immer begegnet – stets ist es entweder ein Steinschneider oder ein Steinschleifer. Viele Jungen aus unserer Gesellschaft sind hiergeblieben und Steinschneider geworden. Hätten wir es nicht so eilig, nach Amerika zu kommen, so würden die Unsrigen mich auch hiergelassen haben, damit ich diese Arbeit erlerne. Meinem Bruder Elia gefällt diese Beschäftigung außerordentlich. Unser Freund Peine sagt, daß, wenn er jünger wäre, er selber das Steinschleifen noch erlernen würde. Breche, die Frau meines Bruders, lacht und meint: »Steine sind gut zum Tragen, aber nicht zum Schleifen!« Peines Frau, Teubele, ist derselben Meinung; sie hätte auch nichts dagegen, sich mit Brillanten zu schmücken. Sie gehen beide täglich durch die Stadt, schauen sich die Fensterläden an und können sich nicht satt sehen an den Brillanten und Diamanten, die es hier in Hülle und Fülle gibt. Der Kopf schwindelt ihnen sogar, vor ihren Augen flimmert es; sie sind ganz aufgeregt von dem Anblick so vieler Kostbarkeiten. Peine macht sich über sie lustig; nach seiner Meinung sind alle diese Steine nicht ein hohles Ei wert, und die Menschen, die für sie eine Leidenschaft haben, sind einfach verrückt. Wißt ihr? – Er hat sogar einen Vers darüber gemacht. Er fängt so an: »Antwerpen heißt die schöne Stadt, Die viele Edelsteine hat; Nur Geld zum Mittagessen fehlt ...« Man findet arme Leute kaum. Brillanten gibt's wie Sand am Meer Und Diamanten nach Begehr! So gibt's dort Steine ungezählt. Nur Geld zum Mittagessen fehlt ...« Wie es weiter geht, weiß ich nicht mehr. * Alle Gedichte zu behalten, die Peine gemacht hat, ist fast unmöglich; dazu gehört der Kopf eines Ministers. Elia und Peine schlagen sich fast wegen dieser Gedichte. Elia sagt, daß, wenn das Komitee ›Esra‹ erführe, daß wir über Antwerpen Gedichte machen, man uns sofort ausweisen würde. Wir setzen aber doch große Hoffnungen auf die ›Esra‹ und glauben, daß sie uns ein wenig helfen wird. Wir gehen jetzt täglich hin und fühlen uns dort wie zu Hause. Fräulein Seitschik, die alles in das große Buch einschreibt, kennt uns alle beim Namen. Mich liebt sie wie eine Mutter, und die Mutter wie eine Schwester. Broche, von Natur ein schlechtes Weib, sagt auch, daß Fräulein Seitschik ein echt jüdisches Gemüt hat. Alle Auswanderer sind in Fräulein Seitschik verliebt, und zwar deshalb, weil sie mit ihnen jiddisch und nicht deutsch spricht. Außer ihr sprechen alle Leute in Antwerpen deutsch, kein anderes Wort und wenn man sie totschlagen wollte. Peine behauptet jedoch, daß dieses Land kein deutsches Land ist und die Juden hier ungestört jiddisch sprechen könnten. Alle ausländischen Juden können die jiddische Sprache nicht leiden, sie lieben nur die deutsche Sprache. Auch das Bettlervolk spricht deutsch; sie würden lieber vor Hunger sterben wollen, – nur um deutsch zu sprechen! Nicht anders. So behauptet wenigstens Bloche. Sie hetzt uns, so schnell wie möglich nach London zu reisen. Antwerpen mit seiner Bevölkerung und den Redensarten der Leute ist ihr längst überdrüssig. »Wohin man kommt, wo man geht und steht, überall wird nur von Brillanten und Diamanten geredet. Sie haben ganze Säcke voll davon, aber wenn wenigstens ein einziger kleiner Brillantstein an uns haften bliebe! Wenn jemand einmal versuchen wollte, ein paar Edelsteine zu verlieren, so daß ich sie fände!« sagt Broche, und ihre Augen fangen an zu leuchten. Ich glaube, ich würde alle Diamanten und Edelsteine für einen Malkasten und Pinsel hergeben. Ich habe unlängst mit Bleistift ein Schiff mit Auswanderern auf einen Bogen Papier gezeichnet, – eine Menge Menschen, Kopf an Kopf – und schenkte es Golde; Golde zeigte es Fräulein Seitschik, Fräulein Seitschik fiel es ein, die Zeichnung der ›Esra‹ in Gegenwart der ganzen Auswanderergesellschaft zu zeigen. Elia war auch dabei. Ich bekam meine Prügeltracht von ihm für die »Figuren«. »Wirst du einmal aufhören, ›Figuren‹ zu malen oder nicht?« Er hatte mich lange nicht mehr so geschlagen. Ich erzählte es Golde, diese sagte es Fräulein Seitschik wieder. Fräulein Seitschik machte meinem Bruder Vorwürfe, er solle sich schämen, mich zu schlagen, das sei sehr schlecht. Das Fräulein redete lange auf ihn ein, Elia hörte sie an, kam nach Hause und fing an, mich zu prügeln. Der Bruder sagt, daß er mir die Leidenschaft, Menschen zu malen, herausprügeln wird! ... * Heute waren wir zum letzten Male bei der ›Esra‹. Was haben wir dort getan? – Ich weiß es nicht. Bruder Elia redete, Peine fuchtelte mit den Händen, Broche unterbrach sie oft und fing selber an zu sprechen, die Mutter weinte; die Leute von der ›Esra‹ sprachen deutsch. Drei Männer saßen dort, und alle drei lauschten gegenseitig ihren Worten, als ob sie feststellen wollten, wer von ihnen am besten deutsch sprach ... Was sie redeten? – Fragt lieber nicht danach! Mein Kopf ist mit ganz etwas anderem als mit ihrer Unterhaltung beschäftigt, – ich bin draußen – auf dem Schiff, auf dem Meer, in London, in Amerika ... Plötzlich stürzte Golde atemlos herein. »Du reist also auch ab?« »Ja.« »Wann?« »Morgen.« »Wohin?« »Nach London.« »Und von dort?« »Nach Amerika.« »Und ich bleibe hier mit meinen kranken Augen und werde meinen Vater und meine Mutter weiß Gott wann wiedersehen!« Golde vergießt bittere Tränen. Das Herz tut mir weh, wenn ich sie ansehe. Ich möchte sie trösten, aber die Worte fehlen mir. Ich sehe sie an und denke: »Herr, du Allmächtiger! Warum hast du kein Erbarmen mit diesem Mädchen? Womit hat sie vor Dir gesündigt? ...« Ich nehme ihre Hand und streichle sie. Ich sage: »Weine nicht, Goldinka! Du wirst sehen, ich komme nach Amerika, fange sofort an, mir eine Existenz zu schaffen und schicke dir einen blauen Stein, mit dem du dir die Augen streichen kannst. Dann schicke ich dir eine Schiffskarte, eine halbe Schiffskarte, denn du bist ja noch nicht zehn Jahre alt. Du wirst nach Amerika kommen! In ›Castle-Gratle‹ werden dich Vater und Mutter erwarten. Ich werde auch in ›Castle-Gratle‹ sein. Wenn du auf dem Schiff nach Amerika herankommst, schaue nach dem ›Castle-Gratle‹ und suche mich mit den Augen. Ich werde diesen Bleistift in der Hand halten, siehst du? Wenn du einen Jungen mit solchem Bleistift erblickst, dann wirst du wissen, daß ich es bin, Mottel. Wenn du nach Amerika kommst und Vater und Mutter umarmt hast, sollt du nicht mit ihnen fortgehen; du wirst dort nur deine Sachen ablegen, dann wollen wir beide lieber zusammen gehen, uns Amerika ansehen. Ich werde bis dahin ganz Amerika auswendig kennen. Sodann werde ich dich nach Hause begleiten, zu Vater und Mutter, und du wirst bei ihnen zu Abend essen, eine frische Suppe ...« Golde wollte nicht weiter zuhören. Sie fiel mir um den Hals und begann mich zu küssen, ich sie ebenfalls. * Immer muß diese Broche dort emporschießen, wo man sie gar nicht gesät hat. Mußte sie gerade in dem Augenblick vorbeikommen, als ich von Golde Abschied nahm? Broche sagte mir nichts, keine Silbe, sie rief nur drei Meilen langgedehnt mit ihrer männlichen Stimme: »So–o–o–o?!« Dann preßte sie eigentümlich die Lippen zusammen, rümpfte die Nase, hüstelte und ging zu meinem Bruder Elia. Was sie ihm gesagt hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur eins: Kaum hatten wir die ›Esra‹ verlassen, als der Bruder mir eine Ohrfeige gab, daß es mir in den Ohren sauste. »Wofür?« fragte ihn die Mutter. »Er weiß, wofür! ...« sagte Elia. Wir begaben uns ins Gasthaus. Dort herrschte ein furchtbarer Lärm und unmöglicher Wirrwarr. Die Reisevorbereitungen mußten getroffen werden. Ich sehe gern zu, wenn gepackt wird. Mein Bruder ist darin ein Meister. Wenn die Zeit des Packens kommt, wirft Elia seinen Kaftan ab und beginnt zu kommandieren: »Gebt die schmutzige Wäsche her! Mutter, den Teekessel! ... Die Mütze, Broche, schnell die Mütze! ... Die Gummischuhe, Peine, blinder Itzig, siehst du denn nicht, oder was, du Blinder? Da stehen ja die Gummischuhe, direkt vor deiner Nase! ... Mottel, warum stehst du da wie ein Götze, hilf doch! Er versteht nur Figuren zu zeichnen!« Ich stürze herbei, um zu helfen, schleppe und werfe alles hin, was mir in die Hand gerät. Elia wird wütend, weil ich alle Sachen durcheinanderwerfe, und will mich schlagen. Die Mutter nimmt sich meiner an. »Was willst du von dem Kind?« Broche hört nicht gern, wenn ich ›Kind‹ genannt werde, und zankt mit der Mutter. Die Mutter erinnert sie daran, daß ich ein Waisenknabe bin, und will weinen ... Elia schreit: »Weine nur, weine! Wirst dir den Rest der Augen ausweinen! ...« Wir werden sehr bald Antwerpen verlassen. Lebewohl, Antwerpen! London, warum brennst du nicht? Noch nie im Leben habe ich einen solchen Jahrmarkttrubel gesehen wie in London. Nicht in London ist ein Jahrmarkt, sondern London selbst ist ein Jahrmarkt. Es hämmert und dröhnt, lärmt und saust und pfeift! Und Menschen ... Menschen gibt's, wie mit Mohn gesät, oder wie kleine Fliegen an einem Sommerabend. Woher kommen nur die vielen Leute und warum rennen sie so? Sie müssen wohl hungrig sein, oder sie rennen zum Zug! Sonst wäre es doch nicht nötig, so zu eilen, einander mit dem Ellenbogen zu stoßen, die Menschen. umzurennen und mit den Füßen zu treten! Ich meine unseren Freund Peine. Er ist, wie ihr wißt, kurzsichtig, dazu reißt er den Kopf in die Höhe und stolpert jeden Augenblick! – Der Kopf sitzt bei ihm wohl nicht an der rechten Stelle. Das erste Mißverständnis ist auf der Eisenbahnstation passiert. Wir hatten kaum den Zug verlassen, als das Unglück geschah. Zuerst stieg Peine aus, mit aufgewickelter Hose an einem Bein, herunterfallendem Strumpf am anderen Bein, das Halstuch zur Seite gerückt, wie immer. Ich sah ihn niemals so aufgeregt: Sein Gesicht brannte wie bei Windpocken, aus seinem Mund schütteten sich ›gebildete‹ Worte: ›London, England, Disraeli, Buckle, Rotschild, die Geschichte der Zivilisation ...‹ Man konnte ihn nicht beruhigen. Es dauerte nicht zwei Minuten, und unser Freund lag auf der Erde, und die Leute schritten über ihn fort, als wäre er ein Stück Holz. Zum Glück suchte Teubele nach ihm und schrie: »Peine, wo bist du?« Elia begann seinen Freund emporzuziehen; Peine war beschmutzt und zerdrückt wie ein alter Kessel, der seinen Glanz verloren hatte. Das zweite Unglück geschah mit ihm an demselben Tage, aber in der Stadt, obendrein in der jüdischen Straße. Diese Straße wird weiß Gott warum ›Whitechapel‹ genannt. Was nicht alles in dieser Straße verkauft wird: Fische, Fleisch, Gebetbücher, Äpfel, Limonade, Kuchen und Gebäck, Töpfe, Wolle, Eier, Gläser, in Stücke geschnittene Heringe, Bibeln, Zitronen, Gummischuhe, Fußlappen, Kränze, Stoffstücke, Pfeffer, Bindfaden, – alles wie bei uns, nicht ein Haar anders! Genau so schmutzig wie bei uns, es riecht auch wie bei uns, manchmal noch schlimmer. Wir freuten uns, als wir nach Whitechapel kamen, wie bei dem Anblick von etwas Heimischem. Am allermeisten freute sich Peine. »Berditschew!« schrie er. – »Meine Freunde, wir sind nicht in Whitechapel, sondern in Berditschew!« Er mußte für dieses ›Berditschew‹ teuer bezahlen; ich glaubte, man würde Peine ins Krankenhaus bringen müssen. Seit jener Zeit verläßt ihn Teubele nicht für einen Schritt. Ich sehe mir dieses ›Whitechapel‹ an und denke mir: Gott! Wenn London so aussieht, wie wird erst Amerika aussehen? ... Aber wenn ihr mit Broche sprecht, wird sie euch sagen, daß London hätte verbrennen sollen, bevor wir hinkamen. Vom ersten Tage an empfand Broche für London ein feindseliges Gefühl. »Ist denn das eine Stadt? Das ist keine Stadt, sondern eine Hölle!« schrie Broche. Elia versuchte, London zu rechtfertigen, führte verschiedenes an, aber dadurch goß er nur noch mehr Öl aufs Feuer. Broche brüllte und überschüttete, mit den Händen fuchtelnd, London mit Schmutz und fand keine andere Strafe für London, als daß es verbrennen solle. Teubele gab Broche recht. Die Mutter sagte: »Vielleicht erbarmt sich Gott, und London wird unsere letzte Prüfung sein!« »Aber wir drei – ich, Peine und Elia – halten fest zu London. Mir gefällt in dieser Stadt besonders der anhaltende Lärm und die Londoner Hetzjagd ... Was uns aber nicht gefällt, ist, daß wir hier müßig herumgehen; wir können nämlich das Komitee absolut nicht finden, soviel wir auch fragen; – kein Mensch weiß es, oder man will uns nicht antworten, – alle Leute sind beschäftigt, alle eilen, niemand hat Zeit. Aber wir brauchen unbedingt das Komitee, wir wissen uns ohne das Komitee keinen Rat. Wir haben nämlich kein Geld zur Reise nach Amerika. Die Tasche des Bruders Elia ist leer geworden; alles Geld, das wir für den Verkauf des Hauses gelöst hatten, ist fort. Peine lacht und fragt, was Elia mit der leeren Tasche anfangen wird. Elia ärgert sich, er liebt solche Scherze nicht. Mein Bruder ist der vollkommenste Gegensatz von Peine, er hört nicht auf zu klagen. Peine nennt ihn den ›seufzenden Wirt‹. Ich liebe Peine, weil er immer lustig ist. Seitdem wir in London sind, ist er noch lustiger. Peine sagt, daß man in Brody, Krakau, Lemberg, in Wien, ja, sogar in Antwerpen deutsch sprechen mußte, aber hier lebt man auf, hier kann man jiddisch sprechen, wie bei uns zu Hause, vermischt mit russischen Worten. Unter uns gesagt, wird in London eine Sprache gesprochen, die schlimmer ist als die deutsche. Broche behauptet, daß ein Engländer schlimmer ist als drei Deutsche. Wo hat man gehört, daß eine Straße ›Whitechapel‹ heißen soll, und Geld – ›Anpenny‹, ›tupenny‹, ›tripenny‹? Es gibt noch ein Wort, das sich auf Geld bezieht: ›feif‹. Wegen dieses ›feif‹ ist uns eine lange Geschichte passiert. * Ihr wißt doch, daß wir in London damit beschäftigt sind, das Komitee in London ausfindig zu machen. Das Komitee in London zu finden, ist genau so schwer, wie eine Nähnadel in einem Wagen Heu. Aber es gibt ja einen Gott in der Welt! Wir gingen einmal in Whitechapel herum, es dämmerte schon, obwohl es noch lange nicht Abend war, aber in London dämmert es immer. Da trafen wir einen Juden in einem kurzen Rock und steifen Hut; er suchte irgend jemanden mit den Augen. »Ich könnte schwören, daß ihr Juden seid!« wandte sich der Jude an uns. »Selbstverständlich,« erwiderte Peine, »und was für Juden noch, die echtesten, die es gibt!« »Möchtet ihr mir nicht einen Gefallen erweisen? Ihr tut ein wirklich gutes Werk!« »Zum Beispiel?« fragte Peine. »Heute ist der Todestag meines seligen Vaters; ich kann nicht von Hause fort und muß zu Hause die Andacht abhalten, es fehlen mir aber noch ein paar Menschen; ist dieser junge Bursche schon dreizehn Jahre alt oder nicht?« Ich freute mich, daß ich ›junger Bursche‹ genannt und für dreizehnjährig gehalten wurde. Wir begaben uns mit ihm über eine dunkle Treppe in eine dunkle Stube, die voll von schmutzigen Kindern war und deren Luft von dem schwülen Geruch gebratener Fische geschwängert war. Bis zu zehn Menschen, die man zur Andacht brauchte, fehlten jetzt genau noch sieben. Der Jude bat uns, eine Weile zu warten, er selbst lief wieder auf die Straße, um jemanden abzufangen. Er mußte noch mehrere Male hinausrennen, bis er zehn Juden zusammengebracht hatte. Ich hatte mich unterdessen mit den Kindern bekannt gemacht und einen Blick auf den Herd geworfen. Dort brieten Fische, bei uns sagt man ›gebratene‹ Fische, hier heißt es ›gefreit‹, vielleicht deshalb, weil es ein freies Land ist und der Fisch sich freut, daß er ›gefreit‹ wird? Wie immer es auch sein möge, ich denke mir, daß die gebratenen Fische gut schmecken müssen; in jedem Falle sind sie nicht so schlecht, wie Broche behauptet. Ich würde mich hier über ein Stück gebratenen Fisch furchtbar freuen, und ich vermute sogar, daß Broche auch nicht abschlagen würde, ein Stück von den Fischen zu kosten. In den letzten Tagen gehen wir mit verhungerten Gesichtern herum; außer Hering und Rettich nehmen wir nichts in den Mund; in Whitechapel werden sehr gute Rettiche verkauft. Es würde sich also sehr gut treffen, wenn der Hausherr uns auffordern würde, bei ihm zu essen. Aber er scheint nicht einmal zu ahnen, daß wir essen möchten. Kaum hatten wir das Gebet verrichtet, und der Jude seinen ›Kadisch‹ – das Totengebet – heruntergeleiert, als er uns für die Gefälligkeit dankte und sagte, daß wir gehen könnten. Aber mein Bruder hoffte, einen Nutzen von ihm, zu ziehen, und begann mit ihm ein Gespräch über das Komitee. Von Zeit zu Zeit warf Elia einen Blick auf den Herd mit den gebratenen Fischen, wobei ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Der Jude hielt in einer Hand die Türklinke und erzählte uns mit der anderen Hand durchaus keine lustigen Neuigkeiten. »Erstens«, sagte er, »gibt es hier überhaupt keine Komitees; eigentlich gibt es mehrere, aber die Londoner Komitees werfen nicht mit dem Geld. Um von dem hiesigen Komitee etwas Geld herauszubekommen, muß man tüchtig herumrennen, Papiere und Zeugnisse vorlegen, daß man wirklich ein Auswanderer ist und nach Amerika reist. Denn es gibt Auswanderer, die nur sagen, daß sie nach Amerika reisen. Zweitens, – nachdem ihr dem Komitee schon alles vorgelegt habt, wird man euch Geld für die Rückreise nach der Heimat geben, weil die Londoner Komitees eine schlechte Meinung von Amerika haben.« Das hatten wir nicht erwartet. Elia brauste auf – ihr wißt doch, daß er jähzornig ist – und Peine ist doch erst recht ein aufgeregter Mensch; er stürzte sich also auf den Juden und begann zu schreien: »Wie ist das möglich? Welches Recht haben sie, uns zurückzuschicken! Wie schämen sie sich nicht? Noch dazu ein Land mit Zivilisation! ...« »Mit dem Hin- und Herreden werdet ihr nichts ausrichten! Hier habt ihr die Adresse des Komitees, fahrt selbst hin, ihr werdet euch überzeugen, daß es ›all right‹ ist.« * Wir verließen das Haus, aber der Geruch der gebratenen Fische verfolgte uns. Wir dachten alle daran, aber niemand sagte etwas, außer Broche. Sie begann, den Juden zu verfluchen, wünschte ihm, an den gebratenen Fischen, die eine Meile weit rochen, zu ersticken. Die Mutter nahm sich des Juden an. »Was hat dir dieser Jude getan? Er scheint ein ordentlicher Mensch zu sein. Er sitzt hier in solcher Hölle; da er Jahrzeit abhalten mußte, suchte er sich Leute zum Gebet zusammen. Aber Broche wollte nichts wissen. »Mag er sich mit seiner Jahrzeit und seinen gebratenen Fischen das Genick brechen! Er spricht fremde Leute auf der Straße an, befiehlt sie zu sich in die Wohnung ... Wenn er dem Kind wenigstens ein Stückchen gebratenen Fisch gegeben hätte, um ein reines Gewissen zu haben ...« Soeben war ich laut dem Ausdruck des Juden ›ein junger Bursche‹, jetzt verwandelte ich mich in Broches Mund in ein ›Kind‹. Eine wunderliche Sache, daß Broche sich meiner annimmt! Wir begaben uns alle sechs nach dem Komitee. Der Jude riet uns, nicht zu Fuß zu gehen, sondern lieber in die Elektrische zu steigen und zu fahren. Aber die Londoner Elektrische hatte die Gewohnheit, nicht anzuhalten. Wir konnten mit den Händen fuchteln, so viel wir wollten, – sie raste weiter. – Endlich erbarmte sich unser ein Engländer mit glattrasiertem Gesicht; – wenn ihr einen Menschen mit glattrasiertem Gesicht seht, so wißt, daß das ein Engländer ist. – Als er sah, wie wir der Elektrischen nachliefen und mit den Händen fuchtelten, zeigte der Engländer mit der Nase auf eine Kirche und erklärte uns mit Zeichen, daß wir dort warten sollten. Es dauerte kaum eine Minute, und die Elektrische hielt. Wir stiegen alle ein und setzten uns. Der Schaffner kam und forderte uns auf, Karten zu lösen. Peine fragte: »Wieviel?« Der Schaffner antwortete: »Feif.« Peine fragte noch einmal, und der Schaffner antwortete bereits mit unzufriedenem Ton: »Feif.« Peine drehte sich zu uns um und sagte: »Was ist das? Hört ihr, er sagt, ich soll pfeifen.« Da mischte sich mein Bruder in die Sache, näherte sich dem Schaffner und fragte mit den Händen, wieviel eine Fahrkarte kostete. Der Schaffner, ernstlich böse, erwiderte: »Feif!« Peine begann zu lachen, und Elia, ebenfalls böse, schrie den Schaffner an: »Pfeif allein!« Der Schaffner wurde rot vor Zorn, zog die Leine, ließ den Wagen halten und warf uns mit solcher Wut hinaus, als ob wir ihn hätten ermorden oder ihm die Geldtasche rauben wollen. Erst später erfuhren wir, daß unser Wort ›Pfeif‹ bei den Engländern ›Fünf‹ bedeutete. »Nun, soll London nicht verbrennen? ...« sagte Broche. Wir begaben uns zu Fuß nach dem Komitee. * Im Londoner Komitee geht es ebenso lustig zu wie in allen übrigen Komitees. Im Hof stehen die Auswanderer herum, und drinnen in der Stube sitzen ein paar Menschen, rauchen Zigarren und sagen zueinander: »all right.« Der Unterschied besteht nur darin, daß die deutschen Komiteeherren nach oben gedrehte Schnurrbärte tragen und deutsch sprechen und die Londoner Komiteeherren den Schnurrbart und den Bart fortrasieren und: »all right« sagen. Eine wahre Komödie mit diesen Engländern! Die Männer sind alle glattrasiert, aber die Frauen tragen Perücken. Sogar die Mädchen tragen fremdes Haar und gedrehte Locken. Sie haben alle große Zähne und sind so häßlich, daß es einem übel wird, wenn man sie nur ansieht. Aber sie lachen uns ins Gesicht, zeigen auf uns mit den Fingern und zischen dabei so, daß man sich für sie schämt. Zwei Mädchen sprachen meinen Bruder Elia auf der Straße an, er sollte in den ›barbeschop‹ gehen. Zuerst verstanden wir nicht, was sie wollten, jetzt wissen wir schon, daß es bedeutet, sich rasieren zu lassen. Seltsame Geschöpfe, Gott verzeihe es ihnen! Selbst gehen sie bis über den Hals im Schmutz herum, fressen auf der Straße gebratene Fische, die eine Meile weit riechen, aber langes Haar können sie nicht ausstehen! Im Trinken sind sie auch Meister – diese Engländer! Aber die Betrunkenen wälzen sich bei ihnen nicht auf den Straßen herum, wie bei uns, das erlaubt man ihnen nicht. »Eine sehr schöne Gegend!«, sagt Broche, »nur schade – brennen will es hier nicht!« »Was hast du davon, wenn London verbrennt?« versucht Elia sie zu fragen, aber er muß es sofort bereuen. Broche versteht zu reden, wenn sie will. Es passiert manchmal, daß sie stillschweigt, aber wenn sie einen herannimmt, so bleibt nur eine Rettung: Entweder die Ohren mit Watte zuzustopfen oder ausreißen, wohin die Augen einen lenken. Ich gebe ihre Rede wörtlich wieder: »Warum nimmst du dich dieses gebenedeiten Londons so sehr an? Was gefällt dir so gut an ihm? Der trübe Himmel, die glattrasierten Mäuler, das prachtvolle Whitechapel, die gebratenen Fische, die alten Mädchen, die gedrehten Locken, die schmutzigen Röcke, die Bettler, die Ginger – Bier-Trinker, die Schaffner, die die Menschen pfeifen heißen, die Juden, die Jahrzeit abhalten und einem nicht einen Schluck Wasser gönnen? ... Eine solche Stadt muß verbrennen!« Das warf Broche in einem Atem heraus, faltete die Hände wie zur Andacht und schloß: »London, warum verbrennst du nicht? ...« * Mein Gott! Kommen wir wirklich einmal nach Amerika?! ...   Ende . Ein Gewinnlos. »Benjaminchen wächst heran, – ein wahres Gewinnlos für mich!« so sagte Israel, der Synagogendiener der alten Synagoge, von seinem Sohn Benjamin, der schon damals den Ruf eines fleißigen Jungen hatte, als er bei Rachmil Mojsche, dem Lehrer der Vorschule, lernte. Rachmil Mojsche konnte ihn nicht genug loben. »Euer Kleiner«, sagte er eines Tages zu dem Synagogendiener Israel, »ist unberufen mein bester Schüler. Erstens ist er eifrig und fleißig, ein tüchtiger Bursche im wahren Sinn des Wortes; zweitens hat er einen guten Kopf mit leichter Auffassung und einem Gedächtnis, das selten vorkommt. Wenn sein Gedächtnis genau so gut wäre, wie die Auffassung, oder umgekehrt die Auffassung genau so gut wie das Gedächtnis, – ach! ach!« Dieses ›ach! ach!‹ sprach der Lehrer mit solchem Nachdruck, daß Israel dabei ganz breit wurde. »Gott gebe Euch Gesundheit und Wohlstand!« wünschte er dem Lehrer und half ihm, den Gebetmantel und die Zehn Gebote zusammenzulegen. – Diesen Wunsch gab er ihm als Geschenk, denn für den Unterricht zahlt er genau so wie die anderen Bürger, zwei Rubel für das Semester, außer dem Geldgeschenk zu ›Chanuka‹ und zu ›Purim‹, – obwohl Israel, der Synagogendiener, selber fast nur von ›Chanuka‹- und ›Purimgeld‹ lebte. Aber was ist dabei? Seit Beginn der Welt ist es einmal Brauch, daß einer von dem andern lebt ... Ich nehme von einem andern und gebe es einem dritten; Ihr nehmt von mir und gebt's einem anderen ... Es kommt zwar oft vor, daß die anderen von mir zweimal soviel nehmen, wie nötig ist – und jenem nichts geben – aber dafür werde ich von den anderen dreimal soviel nehmen, wenn ich kann, und den anderen auch nichts geben. Macht euch keine Sorge, wir werden die Rechnung schon ausgleichen. Die Gelehrten benennen diesen Vorgang mit verschiedenen Namen: »Naturgesetz oder Kampf ums Leben«, oder: »Wirtschaftspolitik« und ähnlich. Aber da dies nichts mit unserer Geschichte zu tun hat, so fahren wir in unserer Erzählung fort. Später, nachdem Benjaminchen den Kurs bei Rachmil Mojsche durchgemacht hatte, wollte ihn Israel, der Synagogendiener, gern zu Reb Elje Meier, dem ›Gomorrha‹-Lehrer, geben, der ihn in den Talmud einführen sollte. Aber Elje Meier konnte ihn nicht aufnehmen; erstens war seine Schule schon voll besetzt und zweitens war Israel nicht imstande, das Schulgeld zu bezahlen, das die anderen reichen Bürger zahlten. Benjaminchen tat also, was so viele andere tun: wenn man keine Mittel hat, um das Studium zu bezahlen, dann lernt man allein. Zu diesem Zweck gibt es die große Synagoge mit vielen Talmudbüchern, Gebetbüchern, den fünf Büchern Moses, Geschichts- und Gesetzbüchern, Erläuterungen und allerlei Kommentarbücher, die man nachts beim Licht der Kerzen studieren kann, die die Bürger für die Seelenandacht spendeten. – Wenn jemand lernen will, kann er auch auf einer Bodenkammer lernen. – Große Gelehrte sind auf diese Weise, beim Kerzenstumpf studierend, bei uns hervorgegangen. – Wir hätten jetzt vielleicht viel mehr solcher Gelehrter gehabt, nur daß in den letzten vierzig bis fünfzig Jahren kein Schimmer von Aufgeklärtheit ins Bethaus gedrungen ist – und zwar gerade unter die armen Jünglinge; statt talmudistische Wissenschaft zu studieren, lasen sie heimlich Mendelsohns Werke, studierten fortschrittliche Bücher, eigneten sich heimlich die russische Grammatik an und lasen Romane von Mape, der russisch schrieb. Nach solchem Studium konnten keine jüdischen Philosophen, Gelehrte und große Rabbiner heranwachsen. Diese jüdischen jungen Leute zerstreuten sich in der weiten Welt, und es wurde aus ihnen nichts Gutes, sie wurden Ärzte, Rechtsanwälte, Schauspieler, Journalisten, Schriftsteller, Lehrer und überhaupt Freidenker. Mancher wurde vielleicht auch Rabbiner, aber keine richtigen Rabbiner. Was konnten das für Rabbiner sein! Prediger waren es! Genau so, als ob man einen Hanswurst hinstellen würde! Aber da dies auch nicht zu unserer Geschichte gehört, wollen wir weitergehen. – Unser Benjamin lernte nicht allein im Bethaus, sondern mit zwei anderen Burschen, die ebenso arm waren wie er. Das war eben der Fehler, denn ein Mensch allein kann nicht so schlimm sündigen wie in Gesellschaft anderer. Ein Beweis ist schon Adam ... Solange er allem im Paradies wandelte, war es still und angenehm, aber sobald die Mutter Eva dazukam und sich zu ihm gesellte, stiftete sie ihn sofort an, von dem Baum der Erkenntnis zu kosten. Wer weiß, zu was sie ihn noch verführt hätte, wenn sie nicht vertrieben worden wären ... Dieses Beispiel mag für Benjamin herangezogen werden. Hätte Benjamin allein im Bethaus studiert, so wäre ihm wohl gewesen. Aber er lernte mit anderen Jünglingen zusammen, die ebenso mittellos, hungrig und durstig waren wie er. Bei dieser Gelegenheit sannen sie darüber nach, in welcher Weise sie in die weite Welt hinaus könnten, in die Welt, in der Wissen und Weisheit herrschte. Während sie noch hier waren, schweiften ihre Gedanken schon in der Ferne, unter den großen, gelehrten und glücklichen Menschen! Wie ein Magnet zog die Welt sie an, – wie ein kleines Kind, das die Händchen zur Mutter ausstreckte, sehnten sie sich fort. Welch ein Wunder, daß eines Tages, an einem Sabbatabend, die drei jungen Schüler Itzig, Jossel und Benjamin verschwunden waren! Sie waren fort! Man suchte sie an allen Ecken und Enden der Stadt. Da die beiden Jünglinge Itzig und Jossel arme Waisenkinder waren, um die sich kein Mensch kümmerte, so fehlten sie niemandem. Aber Benjamin! Der Synagogendiener Israel stellte die ganze Welt auf den Kopf, hörte nicht auf nachzuspüren und beruhigte sich erst nach einigen Tagen, als ein Brief von allen drei Hallunken ankam: Man solle nicht nach ihnen forschen und sich ihretwegen nicht beunruhigen, denn sie waren wohlauf und gesund; sie schrieben, daß das Studium in der Synagoge für sie keinen Zweck hatte und sie deswegen eine höhere jüdische Universität aufsuchen wollen, und nach Wilna, Wolotschin oder Dubno zögen. Sie haben absichtlich diese drei Orte genannt, damit man nicht wüßte, nach welcher Stadt sie sich begaben. Das hatten sie geschickt angestellt! – glaubten sie. Aber sie hätten nicht so heimlich zu tun brauchen, denn niemand dachte daran, ihnen nachzulaufen. Die Stadt war ganz zufrieden. Erstens war man um drei unbemittelte Jünglinge ärmer, die man hätte unterstützen müssen, weil man sie doch nicht vor Hunger sterben lassen konnte; zweitens war es ganz richtig, daß arme Kinder in die weite Welt zogen, wenn sie etwas lernen wollten. Würden es alle jüdischen Kinder so machen und könnten viele Juden hinausziehen, so brauchten sie sich um das tägliche Brot nicht so zu plagen! Wie die beiden Jünglinge, Itzig und Jossel, endeten – ist uns nicht bekannt. Aber von Benjamin erhielt Israel, der Synagogendiener, nach einem halben Jahr einen Brief weder von Wilna, noch von Wolotschin, sondern aus einer anderen Stadt, einer großen Stadt. Der Vater soll sich um ihn nicht sorgen, denn er, Benjamin, befinde sich auf dem ›richtigen Weg‹. Er wird es mit Gottes Hilfe zu etwas bringen, Gott möge ihm nur helfen, die Prüfung zu bestehen, damit er ins Gymnasium aufgenommen werde, so wird er den Doktor machen, und nach beendigtem Studium wird er eine seine Existenz in Händen haben und Vater und Mutter auf die alten Tage ernähren können. Der Vater wird nicht mehr zu arbeiten und Synagogendiener, die Mutter nicht Synagogendienerfrau sein müssen; alle drei Schwestern wird er mit Gottes Hilfe verheiraten, – sie werden alle zusammenwohnen und sich miteinander freuen. »Was das Judentum betrifft« – schrieb Benjamin –, »so braucht Ihr Euch, meine Lieben, nicht zu sorgen; man kann noch so gelehrt sein und trotzdem zu Gott halten; ich bete jeden Tag, sollt Ihr wissen, wasche die Hände, bevor ich das Brot anfasse – wenn ich nur welches habe! Denn wir essen hier alle zwei Tage einmal, wie der Herr Gott es uns beschert, – einmal ein trockenes Stückchen Brot, ein anderes Mal Brot mit Salzwasser. – Wenn auch dieses einmal fehlt, dann saugt man ein Stückchen Zucker, denn Zucker stillt den Hunger und verdirbt den Appetit; dafür studiert man um so besser! Vergeßt nicht: vier Grammatikbücher muß man durcharbeiten, und wo bleibt Geographie, Geschichte und noch allerlei anderes? Mathematik ist das wenigste, Algebra habe ich schon zu Hause in der Schule gelernt, – Ihr werdet staunen! – Die schriftlichen Arbeiten, die wir damals in unserer Schule lernten, nützen uns jetzt bei den Aufsätzen, – nur schade, daß unsere Sprache nicht so richtig ist, wie es nötig wäre; aber ich hoffe zu Gott, daß wir auch darüber hinwegkommen werden. Ihr braucht Euch nicht zu ängstigen, es wird mit Gottes Hilfe alles nach Wunsch gehen, die Hauptsache ist nur, die Hoffnung nicht zu verlieren und dem Allmächtigen zu vertrauen.« Als der Synagogendiener Israel diesen Brief erhielt, lief er sofort zu Rachmil Mojsche, dem Lehrer, dem alten, guten Freund, der ein ehrlicher, diskreter Mann war. »Seid so freundlich und lest den Brief durch, wenn Ihr ihn gelesen, werdet Ihr mir den Gefallen tun und die Antwort schreiben ... Ich könnte zwar auch allein schreiben, aber es würde nicht so gut herauskommen, sicher werdet Ihr besser schreiben als ich.« Der Lehrer Rachmil Mojsche weiß sehr gut, daß der Synagogendiener Israel schwindelt, denn er konnte die Antwort nicht selber schreiben, und wenn man ihn halb tot prügeln wollte. Aber er war ja nicht verpflichtet, ihm nachzuweisen, daß er log, – das hieße ja, einen Menschen beschämen. Das wollte er nicht. Er sattelte die Nase mit einer eigentümlichen Brille, die aus einem Stückchen Draht und zwei Bindfäden bestand; in einem Loch steckte ein Stückchen Blech, das andere war leer. Israel konnte sich nicht beherrschen und fragte ihn: »Wozu taugt Euch eine solche Brille? Könnt Ihr damit etwas sehen?« »Immer besser als ohne Brille, ich bin schon daran gewöhnt,« antwortete ihm Rachmil Mojsche. Hierauf nahm er das Briefchen, hielt es ein wenig entfernt, kniff das Auge unter dem Blechstückchen zusammen und las mit dem anderen, unter dem Loch, fließend, wie Wasser, mit lauter Stimme. Von Zeit zu Zeit schaute er zu Israel auf, als wollte er sagen: »Versteht Ihr, was es heißt, lesen können?« Israel stand unterdessen, den Kopf zur Seite geneigt, stolz, als wollte er sagen: »Versteht Ihr, was es heißt, gut schreiben? ...« »Nun, Herr Lehrer, was meint Ihr dazu?« sagte Israel zu Rachmil Mojsche, nachdem dieser die Brille abgenommen und ihm den Brief wiedergegeben hatte. »Was soll ich meinen?« erwiderte Rachmil Mojsche seufzend. »Sicher, sicher sehr schön, daß er jeden Tag betet und sich die Gebetkapseln anlegt ... Wenn es nur so bleibt und nicht schlimmer wird!« »Ich meine etwas anderes, – daß mein Benjamin heranwächst, daß ein Mensch aus ihm wird,« sagte der Synagogendiener Israel zu ihm, »aber er meinte noch etwas anderes. Er hatte die Worte: ›Gymnasium, Doktor‹ auf der Junge, nur hatte er Angst, es auszusprechen. Doch schließlich sagte er zu Rachmil Mojsche: »Ich meine, was Ihr dazu sagt, daß er studiert ... Doktor werden will ... Was sagt Ihr dazu, Ihr seid doch ein kluger Mann ...« Rachmil Mojsche wußte, daß er ein kluger Mann war, aber was konnte er ihm darauf antworten? Wenn es von ihm, Rachmil Mojsche, abhinge, hätte er ihn nicht das Gymnasium besuchen lassen ... Was nützte es Israel, einen Sohn zu haben, der das Gymnasium besuchte und Doktor werden wollte? ... Aber es fragte ihn doch, niemand um Rat. Rachmil Mojsche, der Lehrer, starrte die Wand an und stieß einen tiefen Seufzer aus. Der Synagogendiener verstand, was dieser Seufzer bedeutete, denn er war sich auch noch nicht ganz klar, auch keinesfalls mit dem Gymnasium durchaus einverstanden; aber andererseits würde sein Sohn Benjamin doch ein Doktor sein! »Und wenn er Handwerker werden würde?« sagte er zum Lehrer mit einem verstohlenen Blick ... »Ist denn Doktor sein kein Handwerk? Überhaupt, – er betet doch jeden Tag und legt sich dabei die Gebetkapsel an, wenn es nur nicht schlimmer wird!« Der Synagogendiener stand eine Weile schweigend, schließlich begann er zum Lehrer stammelnd zu sprechen: »Ich habe Euch doch gesagt, Herr Lehrer, daß ich zu Euch eine Bitte habe, Ihr solltet so freundlich sein und meinem Sohn auf seinen Brief antworten. Und noch etwas: Ihr kennt doch unser Städtchen ... Die Leute bereden gern ihre Mitmenschen ... Ich selbst bin sehr beschäftigt, habe schwer um meine Existenz zu kämpfen ... ich wollte Euch also bitten, es soll vorläufig geheim bleiben, versteht Ihr?« »Ich verstehe ... Warum sollte ich nicht verstehen?« erwiderte Rachmil Mojsche und setzte seine sonderbare Brille wieder auf die Nase; dann nahm er einen Bogen Papier, Tinte und Feder zur Hand, tauchte die Feder in die Tinte ein und wartete, bis der Synagogendiener ihm sagen würde, was er schreiben sollte.« »Schreibt ihm, bitte,« diktierte Israel, der Synagogendiener. »Mein teurer, verehrter Sohn Benjamin! Erstens schreibe ich Dir, daß wir Gott sei Dank alle gesund sind; gebe Gott, von Dir das nämliche zu hören, es möge Dir in der Ferne nichts Schlimmes zustoßen. Amen! Und zweitens schreibt ihm, daß ich und meine Frau Simme ihn freundlich grüßen lassen und bitten, er möchte uns oft Briefe schreiben über sein Befinden und seine Gesundheit; schreibt ihm, daß wir ihm alles Gute und viel Glück wünschen, er soll Glück haben dort, wo er ist. Und schreibt ihm, er soll sich keine Sorgen machen, Gott ist ein Vater, – die Hauptsache, er soll seine Gesundheit schonen und daran denken, ein guter Jude zu bleiben. Denn das ist die Hauptsache. Und schreibt ihm, daß ich ihm einen Rubel schicke ...« Hierbei wühlte Israel alle seine Taschen durch ... »Schreibt ihm, ich hätte ihm gern mehr geschickt, aber ich habe nicht mehr, denn der Verdienst ist jetzt sehr schwach, man verdient kein Geld ... Es kommen keine ›Jahrzeiten‹ – Todesgedenktage – vor, von Hochzeiten und Taufen schon gar nicht die Rede, – ich erinnere mich nicht mehr der Zeit, als bei uns eine Trauung stattgefunden hat. Seit Reb Hersch seine jüngste Tochter verheiratet hat, gab es bei uns keine Trauung mehr ... nur einige wenige, die aber nicht mitzählten. Armselige Hochzeiten! ...« »Pst! Pst! ... rennt nicht so,« sagte der Lehrer, »Ihr rast ja wie mit einer Postkutsche, ich kenne Euch ja nicht. Nun, weiter ...« »Und dann schreibt ihm, daß ich ihm nichts mehr zu schreiben habe, schreibt ihm, daß ich ihn recht freundlich grüßen lasse, und Simme, die Mutter, läßt ihn auch recht freundlich grüßen, und alle Schwestern lassen ihn grüßen, das heißt, Pessel, Zosjel und Broncja, sehr freundlich ... Und schreibt ihm, er soll den jüdischen Sinn bewahren und ein Jude bleiben, – das ist die Hauptsache. Und weiter schreibt ihm ... Wenn Ihr fertig geschrieben habt, werde ich selbst unterschreiben.« Als der Lehrer alles niedergeschrieben hatte, streifte der Synagogendiener Israel die Ärmel hoch, nahm die Feder langsam mit zwei Fingern und bereitete sich vor, eine edle Arbeit zu verrichten. Er schrieb seinen eigenen Namen ›Israel‹ und den Namen seines Vaters Naftale – er ruhe in Frieden – und seinen Familiennamen Rittelmann, nieder. Dabei drehte er die Zunge nach allen Seiten, je nach der Richtung des Buchstaben, – zum Beispiel beim ›Lamed‹, dem ›l‹, der nach rechts geschrieben wird, drehte er die Zunge nach rechts, – beim ›Nun‹, dem ›n‹, das nach links geschrieben wird, drehte er seine Zunge nach links. Es gibt Menschen, die diese Gewohnheit haben, die Zunge hin und her zu drehen, nicht nur, wenn sie selbst schreiben, sondern auch, wenn sie zusehen, wie andere schreiben. Selbstverständlich wurde das Geheimnis in dem Städtchen bekannt, daß Israels Sohn das Gymnasium besuchte und Doktor werden wollte. Aber es schadete ihm nicht in seiner Existenz, man stichelte ihn nur mit Redensarten. »Werdet Ihr einen Sohn haben, einen ›Doktor‹, ohne Kopfbedeckung wird er gehen und noch schlimmer vielleicht!« »Was für ein Gesicht werdet Ihr dazu machen, Reb Israel? Wie werdet Ihr aussehen? Wie eine Henne, die Enten brütet ... Die jungen Enten schwimmen auf dem Wasser, und die Henne steht am Ufer und gackert ...« Der Synagogendiener Israel nahm das alles still hin und dachte bei sich im Herzen: Lacht nur, lacht nur Benjamin aus! – Für mich ist er wie ein Gewinnlos! * Eines Tages, kurz vor dem Osterfest, als die Synagogendienerfrau mit ihren drei Töchtern, Pesjel, Zosjel und Broncja mit dem Reinemachen der Wohnung beschäftigt waren, öffnete sich die Tür, ein junger Mann in Studentenuniform mit blanken Knöpfen trat ein, eine eigenartige Mütze auf dem Kopf, und fiel den Frauen um den Hals und küßte Pesjel, Zosjel und Broncja nacheinander. Es war Benjamin. Simme, die Mutter, weinte vor Freude »Mein Junge, Benjamin!« Bald darauf kam Israel erregt und erschrocken dazu und schrie seine Frau an. »Scha! Scha! Seht nur, wie sie sich in Tränen auflöst! Was soll das Weinen?« Aber während er selber Benjamin betrachtete, wie groß er geworden war, konnte auch er sich kaum der Tränen enthalten. – Doch eine Mannsperson ist nicht wie ein Weib! Wenn eine Frau weinte, schnäuzte sie gleich mit der Nase; aber ein Mann, selbst wenn er dem Weinen nahe war, konnte so tun, als ob er lachte. »Wann bist du gekommen? Dreh dich mal um, daß ich dich von hinten sehe!« sagte er zum Sohn, »was hast du da für einen Rock an? Zieh dich doch aus! Warum legst du nicht ab?« Als Benjamin den Mantel abgelegt hatte und in der blauen Uniform mit einer Menge silberner Knöpf blieb, – mit roten Wangen und leuchtenden blauen Augen, bot er wirklich einen schönen Anblick, nicht nur für die Seinen, sondern für jeden einzigen. Wer ihn sah, konnte sich an ihm nicht satt schauen. Unberufen war Israels, des Synagogendieners Sohn Benjamin, zu einem schönen, stattlichen Menschen herangewachsen. Auch die Tochter der Nachbarin Feige-Lea, Mincja, ein neunzehnjähriges Mädchen mit schwarzen Augen und einem dicken schwarzen Zopf, der mit einer roten Schleife zugebunden war, die zu ihrem Gesicht gut paßte, kam unter dem Vorwand, ob sie nicht ein Töpfchen geliehen bekommen könnte, das die Nachbarin nicht brauche – obgleich sie genau wußte, daß Simme niemals auch nur den Versuch gemacht hatte, etwas Überflüssiges zu besitzen. Es war nur eine Ausrede, um Benjamin zu sehen, mit den schwarzen leuchtenden Augen einen Blick auf ihn zu werfen, dem schwarzen Zopf mit dem roten Band hin und her zu schwingen, schnell umzukehren und zu verschwinden, – um nach einer Weile noch einmal mit einer neuen Ausrede herbeizustürzen und wieder davonzurennen. Benjamins drei Schwestern, Pesjel, Zosjel, Broncja, die schon alle erwachsen waren, blickten einander an, als wollten sie sagen: »Weißt du vielleicht, was sie hier sucht?« Benjamin rief inzwischen die Mutter beiseite und gab ihr ein Geldstück, das er ihr in die Hand drückte, damit sie ein gutes Osteressen bereite. Simme hatte noch nie in ihrem Leben so viel Geld in der Hand gehabt. Den Schwestern hatte er viele, viele Geschenke mitgebracht: Bänder, Kämme, Spiegelchen und allerlei Kleinigkeiten ohne Zahl! Der Mutter ein gelbes Seidentuch mit roten und blauen Blumen. Simme, die Synagogendienerfrau, weinte vor Freude. »Was ist das? Woher hast du Geld?« fragte ihn Israel lachend. »Was heißt – woher ich Geld habe?« antwortete Benjamin stolz. »Ich verdiene jetzt schon Gott sei Dank acht Rubel monatlich, ich gebe Unterricht, das heißt, ich unterrichte Kinder und bekomme dafür bezahlt! Ich bin jetzt in Obersekunda des Gymnasiums, in drei Jahren habe ich das Gymnasium beendet und beziehe dann die Universität, um zu studieren und Doktor zu werden.« Benjamin erzählte und redete – und die anderen standen und ließen kein Auge von ihm und dachten sich: ›Das soll unser Benjamin sein? Das kleine Benjaminchen, das barfuß herumlief und im Bethaus herumgestoßen wurde ... Acht Rubel monatlich ... Gymnasium beenden ... Ein Seidentuch ... Universität ... Doktor ...‹ Gott mag wissen, ob noch jemand so fröhliche Feiertage, einen so feierlichen Osterabend hatte wie der Synagogendiener Israel. Guten Wein für die vier Becher und Osterschnaps, Fische mit Knödeln und Leckerbissen gab es in Hülle und Fülle. Und dazu ertönte die ›Hagada‹ (der Auszug der Juden aus Ägypten), die Israel und Benjamin wetteifernd hersagten; es war ein Vergnügen, das anzuhören. Als die Stelle kam: ›Reb Eleazar sprach‹, wackelten beide und sangen mit hoher Stimme; Simme, die während der ganzen Zeit Benjamin, ihr Kleinod, betrachtete, verzog plötzlich den Mund zum Weinen, – und die drei Schwestern Pesjel, Josjel und Broncia konnten sich des Lachens nicht erwehren und brachen in lautes Gelächter aus; da lachten die anderen und auch Simme mit. – Es war ein echtes Fest – wie ihr es euch kaum vorstellen könnt! Am Osterfeiertag morgen, als Benjamin die Synagoge betrat, musterten alle Leute den Studenten mit den silbernen Knöpfen wie ein wildes Tier. Jungen und Kinder umgaben ihn von allen Seiten, zeigten auf ihn mit dem Finger und lachten ihm ins Gesicht. Aber Benjamin stand regungslos mit dem Gebetbuch in der Hand und betete. Als zur Thora aufgerufen werden sollte, zeichnete Reb Munisch, der Tempelvorsteher, Israel zu Liebe seinen Sohn Benjamin mit dieser Ehre aus. Benjamin sprach den Segenspruch mit lauter, feierlicher Stimme. Da machte sich im Tempel eine Erregung bemerkbar: »Was sagt Ihr zum Jungen unseres Israels?« Bevor man den Tempel verließ, sagte Reb Hersch, der reichste Mann, zum Synagogendiener, er möchte ihm seinen Sohn vorführen. »Israel!« sagte Hersch zum Synagogendiener mit wichtiger Miene, die ein reicher Mann aufzusetzen pflegte, wenn er mit einem minderen Menschen sprach, – steckte die Hände während des Gesprächs in seinen breiten, seidenen Gürtel, schaute ihm nicht ins Gesicht und sprach mit gezwungener, heiserer Stimme, hüstelnd und sich räuspernd. »Israel! Hm, hm, kommt mal her, mit Eurem Jungen, hm, hm, laßt mich ihn auch anschauen!« »Hört Ihr, Reb Hersch will mit des Synagogendieners Israels Sohn, dem Studenten, reden!« Die Menge horchte neugierig, was der reiche Mann zu ihm sagen, und was jener ihm antworten würde. Benjamin nahte sich Reb Hersch, als wäre er seinesgleichen, nicht im geringsten schüchtern, und begrüßte ihn, wie ein erwachsener Mensch. Reb Hersch musterte Benjamin von oben bis unten und wußte nicht, wie er ihn anreden sollte. – Sollte er ihm ›Ihr‹ sagen, solchem jungen Knirps – das wäre zu viel Ehre für den Jungen des Tempeldieners, ›Du‹ sagen paßte sich auch nicht, – er war doch immerhin ein Gymnasiast mit Silberknöpfen, ein fescher Bursche! – Da verfiel Reb Hersch auf die Idee, ihn in der dritten Person anzureden. »Was macht man? Wann ist man gekommen? Wann reist man wieder ab?« Benjamin stellte den rechten Fuß vor, legte eine Hand in die Brusttasche, mit der anderen zupfte er an seiner Oberlippe und antwortete einsilbig auf die Fragen, ohne Verlegenheit. Reb Hersch gefiel das und es gefiel ihm auch wieder nicht. »Er ist kein dummer Junge, nur unverschämt, wie es scheint ...« dachte Reb Hersch und ließ sich mit Benjamin in ein langes Gespräch über die Gymnasialklassen ein: »Wie viele Klassen gab es? Warum gerade zehn Schuljahre, warum nicht neun? Welcher war der Unterschied zwischen den einzelnen Klassen?« ›Solch ein stattlicher, schöner Mann und so dumm‹, dachte Benjamin und setzte ihm den Unterschied zwischen den einzelnen Klassen auseinander. Reb Hersch paßte es nicht, daß solch ein junger Fratz ihm etwas erklären sollte, was nicht zu verstehen war, und sagte zu ihm: »Das versteht jedes Kind. Aber warum gibt es zehn Klassen, warum nicht neun?« »Wenn es neun gäbe, würdet Ihr fragen, warum gerade neun, und nicht acht?« erwiderte ihm Benjamin, und die Anwesenden lachten. Nur Reb Hersch lachte nicht, er dachte bei sich: »Oh, ein Unverschämter!« und hüstelte und räusperte sich. »Hm ... hm ... Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, ›kiddisch machen‹ ... den Segensspruch sagen.« Wer in diesem Augenblick den Tempeldiener Israel nicht sah, der beiseite stand, die beiden nicht aus dem Auge ließ und Benjamins Worte verschlang, der hat nie im Leben einen glücklichen Menschen gesehen. Er wäre aber froh gewesen, wenn Reb Hersch seinen Sohn bereits mit ihm endlich nach Hause gehen ließe. Dort erwarteten ihn bereits die Mutter und die drei Schwestern, auf dem Tisch lag wahrscheinlich die ›Mazze‹ vorbereitet, aus dem Herd kochte der wohlschmeckende ›Barschtsch‹ – die Roterübensuppe, weiße Knödel und vielleicht noch manche Leckerbissen. Nachdem Reb Hersch aufgehört hatte zu krächzen und sich mit seinen Angehörigen entfernte, um einen Imbiß zu nehmen, lud der Tempeldiener Israel seinen einzigen guten Freund, den Lehrer Rachmil Mojsche, den er in das Geheimnis eingeweiht hatte, zu sich ein und bot ihm von echtem Osterwein an. Simme stellte feines Backwerk hin, von dem man schwer sagen konnte, was es von allem Guten am meisten enthielt: Honig oder Schmalz, denn es war so fett und süß, daß es am Gaumen kleben blieb und das Schmalz über den Bart floß. Rachmil Mojsche, der die Gewohnheit hatte, immer zu schweigen und zu seufzen, begann es im Kopf zu drehen, als er kaum das erste Glas getrunken hatte, – seine Zunge löste sich, er wurde plötzlich redselig. Er prüfte Benjamin, ob er sich noch der fünf Bücher Moses und der Rasche-Kommentare erinnerte, die er früher einmal mit ihm in der Schule durchgenommen hatte. Benjamin erinnerte sich sowohl der fünf Bücher Moses wie auch der Kommentare; dem Tempeldiener Israel wäre das Herz beinahe vor Freude gesprungen. »Was sagt Ihr zu ihm?« fragte er den Lehrer, als dieser schon im Fortgehen jenseits der Tür war. »Ein Topf voll Wissenschaft!« erwiderte ihm Rachmil Mojsche, die Lippen zusammenbeißend und mit dem Kopf schüttelnd. »Aber Jude ist er geblieben, wie?« fuhr der Tempeldiener fort und blickte ihm in die Augen. »Mit Gottes Hilfe,« sagte Rachmil Mojsche. »Ist er nicht ein Gewinnlos, sagt selbst?!« Hierauf machte Rachmil Mojsche eine Bewegung mit dem Kopf, mit den Augen und mit den Händen; er machte eine Miene, aus der schwer zu verstehen war, was er sagen wollte; man konnte es so oder anders auffassen. »Es kann ein Gewinnlos sein, oder auch nicht! Was kann ein Mensch wissen!« »Frohes Fest!« sagte er und küßte noch einmal die an der Tür angeschlagenen heiligen Sprüche. »Gott gebe, daß wir heute über's Jahr gesund seien und uns zu Freudefesten besuchen! Recht bald auf der Hochzeit Eurer Tochter und später, wenn Gott will, bei Eurem Sohn! Mögen die Juden von allem Bösen erlöst werden, möge man nur Gutes und Freudiges vom Judentum zu hören bekommen! Es ist Zeit, daß der Herrgott sich erbarme und die Juden sich aufrichten können, ihre Existenz und ihr Leben erleichtern, – es möge in der ganzen Welt Gutes geschehen, daß jedem froher ums Herz werde – es möge ... es werde ... es soll ... es soll ...« Der Lehrer Rachmil Mojsche wußte selbst nicht mehr, was sein soll und was geschehen möge. Er schien bereits alle seine Wünsche ausgeschüttet zu haben, die er im Herzen trug, und hielt zögernd inne ... War es nicht seltsam, daß er fortging, ohne Abschiedsgruß? ... Ein Glück, daß er sich noch zur Zeit erinnerte! ... »Und es soll ... der Messias kommen!« »Amen!« antwortete der Tempeldiener Israel und dachte bei sich im Herzen: »Mag erst mein Benjamin seinen Doktor machen, dann soll der Messias kommen.« * So lebendig und fröhlich es im Hause des Tempeldieners Israel war, als Benjamin angekommen war, so traurig und trübe wurde es, als die Zeit heranrückte, da er in die große Stadt zurückkehren sollte. Es weinte zwar niemand, aber jedem war das Herz so schwer, wie Gott behüte bei einem Leichenbegängnis. Simme faßte auch ein paarmal nach ihrer Schürze, aber Israel, vor dem alle im Hause zitterten und großen Respekt hatten, warf ihr einen strengen Blick zu, der deutlich sagte, daß sie nicht weinen durfte. Israel wollte, daß sie ein fröhliches Gesicht zeige, und hatte schon vorher der Frau und den drei Töchtern angesagt, daß sie sich nicht unterstehen mögen, eine Träne zu vergießen. Aber als Benjamin seine Angehörigen zum Abschied küßte und die Reihe an die Mutter kam, stieß Simme einen seltsam krächzenden Laut aus der Kehle heraus und wäre an Benjamins Hals beinahe in Ohnmacht gefallen. Da schnäuzten alle drei Schwestern mit den Nasen, denn sie fühlten, daß ihre Augen sich mit Tränen füllten und ihre Kehlen sich plötzlich zusammenpreßten. Nur Israel hielt sich mannhaft, er hörte nicht auf, über das Weibergetue mit den billigen Tränen zu lachen, obwohl er selber spürte, wie tausend Katzen ihn bei der Seele umkrabbelten, und ein Augenblick kam, daß er beinahe auch geweint hätte. Aber ein Mann ist eben ein Mann; er nahm sich zusammen und machte Redensarten, obgleich die Worte sich nicht recht fügen wollten ... Er tänzelte hin und her wie ein Wahnsinniger, half Benjamin beim Anziehen, scherzte über die silbernen Knöpfe und den Schlitz am Rückenteil, Und zum Schluß, nach allem Scherzen und Tänzeln, sah er aus wie ein Mensch, der sich einen Zahn ziehen lassen soll. Noch eine Seele war traurig und kummervoll über Benjamins Abreise, obgleich jene Seele nicht zu seiner Verwandtschaft gehörte und ihm ganz fremd war. Das war Feige-Leas, der Nachbarin, Töchterlein Mincja mit den schwarzen Äuglein, dem dicken schwarzen Zopf und dem roten Band ... Was für ein Gast war diese Mincja? Was ging Benjamin sie an, daß sie so weit hinaus mitkam, ihn zu begleiten, die Hände gefaltet ans Herz preßte und seufzte? Was bedeutete es, daß die beiden sich so tief in die Augen schauten? Wann hatten sie Zeit, sich kennen zu lernen, da doch Benjamin während der ganzen Osterfeiertage bei seinen drei Schwestern eingesperrt war, die ihn nicht eine Minute freiließen? Wieder die alte Geschichte! Wer kann gutsagen für einen Jüngling und ein Mädchen, wenn sie ein paar Wochen unter einem Dach zubringen, und es sie mit magnetischer Kraft zueinanderzieht? Vielleicht haben sie sich mit wenigen Worten verständigt und mit einem Händedruck Treue gelobt? ... Wer kann es wissen? ... Vielleicht haben sie sich am Abend in einem Eckchen getroffen, wenn es dämmerte und vielleicht haben sie sich – geküßt! Weiß ich es denn? Kann ich sagen, was ich nicht mit meinen Augen gesehen habe? Ich möchte nicht eine unwahre Geschichte ausdenken; Benjamin schadete es nichts, denn er kehrte ins Gymnasium zurück und würde nicht einmal daran denken, Abschied zu nehmen ... Aber Mincja! Mincja ist ein erwachsenes Mädchen, dazu ein hübsches Mädchen, das heiraten wollte ... Ihr könnte das Gerede bei einer Heirat schaden! ... Es wäre wohl richtig gewesen, daß der Liebesroman nicht so rasch zu Ende gegangen, daß die Liebe zwischen ihnen wie ein helles Feuer gelodert hätte, daß feurige Briefe getauscht würden, daß Benjamin seinen Doktor gemacht, zurückgekehrt und Mincja zu Füßen gefallen wäre. Oder er sollte nicht erst einmal warten, bis er den Doktor gemacht hätte, sondern sofort Mincja durchs Fenster herausstehlen und mit ihr nach Paris durchgehen, – dorthin, wo alle Helden unserer natürlich ›hochinteressanten‹ jüdischen Romane entlaufen ... Aber was würden sie in Paris anfangen. Sie würden ja dort vor Hunger sterben! Meine Sorge soll das sein! Als ob ich für die Leute zu sorgen hätte und mich darum zu kümmern brauchte, ob Benjamin, des Tempeldieners Sohn, und Mincja, der Nachbarin Feige-Leas Tochter, genug zu essen haben! Wie?! Kann es sich nicht ereignen, daß Benjamin oder Mincja plötzlich eine Erbschaft von etwa zehn Millionen eines reichen Onkels antreten, der früher ein Bandit war und später ein Baron wurde, wie es in allen ›hochinteressanten‹ Romanen vorkommt? Kann es nicht auch geschehen, daß Benjamin in Paris großen Erfolg haben und Präsident werden würde? Oder daß sich in Mincja ein Prinz verlieben sollte? Was liegt daran, was für ein Prinz? Gibt es denn wenig Prinzen in der Welt, du mein Vater im Himmel! Sie würde ihm nicht verraten, daß sie mit dem Präsidenten von Frankreich – das heißt mit Benjamin – verlobt war, und er – der Prinz – würde sie mit Geschenken überschütten, – aber als die Hochzeit bevorstand, tauchte plötzlich Benjamin, wie gewöhnlich, verkleidet, mit noch zwei Banditen auf, schleppte die Braut vom Altar fort und brannte mit ihr nach London durch ... Tu ihm einer was! – Aber der Prinz war auch nicht auf den Kopf geschlagen, er jagte ihnen mit einer großen Truppe Gendarmen nach, um sie zu verhaften. Da wirft Benjamin die Maske vom Gesicht – still! Es ist der Präsident von Frankreich! Die Verfolger fallen in Ohnmacht, knien vor ihm nieder, verneigen sich tief und begleiten ihn mit großer Feierlichkeit bis nach Paris, ihn, zusammen mit Mincja. Von dort fahren sie in die Heimat zurück, überhäuft mit Gold und Diamanten. Sie treffen gerade in einer Zeit an, da Israel vor Kummer und Hunger todkrank daniederliegt; – Simme war schon lange tot. Was spielt es für eine Rolle, wenn eine alte Frau in einem Roman stirbt ... Alle drei Schwestern, Pesjel, Zosjel und Broncja, knien vor dem Bett des Vaters und vergießen Tränen ... Feige-Lea, die Witwe, ringt die Hände und beweint ihre Mincja mit heißen Tränen. »Es ist bald ein Jahr,« sagt Israel mit schwacher Stimme zu ihr, »es ist bald ein Jahr, seitdem unsere lieben Kinder verschwunden sind, und wir hören nicht auf zu weinen. Meine arme Simme ist gestorben. Ich sterbe und lasse meine drei Töchter, wie auf dem Wasser zurück.« »Was wird aus ihnen werden? O weh! Gewalt! Lieber Gott! Was schweigst du?« Plötzlich öffnete sich die Tür, und in die Stube stürzten Benjamin, der Präsident von Frankreich, und Mincja, die Prinzessin von London, angezogen wie eine Königin. »Lieber Vater!« »Liebe Mutter!« »Lieber Bruder!« »Liebe Schwester!« »Teure Tochter!« »Wo seid ihr so lange gewesen?« »In Paris und in London!« »Was habt ihr dort in den Säcken und in euren Koffern?« »Gold! Lauter Goldstücke! Das haben wir euch als Geschenk mitgebracht! – Ihr wißt doch, daß uns eine Gratulation zukommt!« »Wieso denn?« »Wir sind doch Braut und Bräutigam!« »Ach so? Dann kommt uns ja allen eine Gratulation zu!« »Viel Glück! Viel Glück! Viel Glück!« – – Das hätte ich erzählt, wenn ich einen ›echten, interessanten‹ Roman schreiben wollte, – aber ich erzähle ja nur eine einfache Geschichte von einem jungen Mann, der weder nach Paris, noch nach London gereist ist, sondern einfach nach einer Großstadt, um zu studieren. Wir brauchen also keine Wundermärchen zu erzählen, die weder Hand noch Fuß haben, sondern erzählen lieber die Geschichte so, wie sie sich zugetragen hat. * Drei Jahre sind seit jenem glücklichen Osterfest vergangen, das wir geschildert haben. Viel Wasser ist geflossen, viel Kummer hat man erlebt – der Tempeldiener Israel hier und sein Sohn Benjamin dort; viele Nächte haben sie nicht geschlafen, der Tempeldiener Israel hier und sein Sohn Benjamin dort; der Tempeldiener Israel schlief keine Nacht, weil er voller Unruhe wegen seines Sohnes Benjamin war, der so viel arbeitete; Benjamin schlief keine Nacht, weil er sich zum Examen vorbereitete. »Gott soll mir helfen, daß ich das Examen bald hinter mir habe,« schrieb Benjamin nach Hause. »Dann komme ich zu Euch, meine ›Lieben und Getreuen‹, um den ganzen Sommer bei Euch auszuruhen! ...« Der Tempeldiener Israel erwartete die frohe Botschaft über das ›Examen‹, wie man den Messias erwartet. Er stellte sich vor, daß Benjamin als fertiger Doktor, als ein berühmter Mann heimkehren würde; die ganze Stadt würde herbeirennen, um ihn zu besehen. »Das Tempeldieners Israel Doktor!« ... Man schlug ihm die Türen ein, dieser mit einer Bitte, jener mit einem anderen Wunsch; manche suchten einen Vorwand, sogar der Buchbinder Ensil, ein Schlemihl mit einem lahmen Fuß, der beim Gehen immer hochspringt, kam auch herbeigetänzelt. »Was willst, du hier, Reb Schmelke?« fragte ihn Israel. Der Einbinder Ensil, der nicht nur mit einem Fuß humpelte, sondern lispelte und ›r‹ nicht aussprechen konnte, erwiderte: »Bitt Euch, Jeb Isjael, ich bin doch ein Vejandtej von Euch.« »Was für ein Verwandter bist du?« fragte ihn Israel, obgleich er genau wußte, daß er weitläufig verwandt war. »Mein ältejej Onkel Juben und Eujej Pinjes Tante Jesa wajen Schwestej und Bjudej ...« »Vielleicht hast du mit meinem Sohn im Sand gespielt?« entgegnete Israel; aber der Buchbinder Ensil machte ein jämmerliches Gesicht, daß Israel mit ihm Mitleid hatte und ihn hereinließ. »Nun?« fragte ihn Israel, als er von Benjamin wiederkam. »Was sagst du, Schlemihl?« »Hundejtundzwanzig Jahje sollt Ihj leben!« antwortete ihm Ensil, hielt eine Faust voll Gold, humpelte auf einem Fuß, und sein Gesicht brannte und war mit Schweiß bedeckt. »Deine Verwandtschaft,« sagte Israel zu Simme stichelnd und zeigte ihr mit den Augen auf den Schlemihl, den Buchbinder Ensil. »Ein bedauernswerter, armer Mann!« rechtfertigte ihn Simme. »Was ist dabei? Gibt es denn wenig arme Leute in der Stadt? ...« erwiderte Israel, aber er meinte etwas anderes. Er fürchtete, daß die Leute seinem Sohn alles wegschleppen und ihn zu einem Habenichts machen würden. »Genug!« sagte Israel und schloß die Tür. »Genug mit dem Hinein- und Hinausgehen! Laßt ihn doch wenigstens von der Reise ausruhen! ...« Der Tempeldiener Israel war mit seinen goldenen, beflügelten Gedanken in weite Feme geschweift, wo ihm sein Posten als Tempeldiener nicht mehr paßte; es war ihm überdrüssig geworden, jeden zu bedienen, jedermanns Launen zu ertragen, die ›Jahrzeit‹ – Gedenktage – aller Menschen im Kopf zu haben, jedem besonders zu schmeicheln, all die vielen Juden zu befriedigen, von denen jeder den ›Misrach‹, den besten, vornehmsten Platz in der Synagoge, haben will. Alle wollten just ›Schischi‹, das sechste Kapitel der Bibel, vorgelesen haben, alle wollten just den Anfangssatz von ›Ato Urejso‹, dem Abschnitt über die Gesetzesfreude ... und wenn die Synagogenvorsteher sich untereinander zankten, – wer war schuld daran? – Der Tempeldiener! Wenn zwei reiche Leute sich in der Synagoge wegen des ›Esrog‹ Esrog = Paradiesapfel, ein Bestandteil des Feststraußes am Laubhüttenfest. stritten, den der eine früher zugeschickt bekam als der andere – wer wurde dann gescholten? – Der Tempeldiener! Wer arbeitet am allermeisten? Wer kommt am Sabbat und am Feiertag am spätesten nach Hause? Wer setzt sich zu Tisch, wenn schon alle schlafen? – Immer der Tempeldiener! – Es ist ihm Ach und Weh! Und was hat er davon? Kummer und Sorgen! Schmerz und Leid! »Meinen Feinden wünsch ich all den Ärger und die Unannehmlichkeiten!« Gehalt bekam er nicht, seine Einkünfte bestanden lediglich aus den Gaben; wenn er welche bekam, war es gut, bekam er keine, so schmerzte es gar sehr ... »Israel! Sei so gut und geh schnell in mein Haus!« pflegte der reiche Reb Hersch früher zu ihm zu sagen, indem er sein Bäuchel streichelte und jedesmal dabei hüstelte ... »Spring einmal zu mir hin ... hm ... hm ... und sag meiner Sara, daß ich bei mir unter dem Kissen ... hm ... hm ... die Schlüssel zurückgelassen habe ... Wenn sie sie vielleicht suchen sollte, damit sie weiß ... hm ... hm ..., wo sie sind.« Der Tempeldiener Israel pflegte vor dem reichen Mann Reb Hersch stramm zu stehen, wie ein Soldat vor dem General; bevor jener das Wort: ›Geh!‹ ausgesprochen hatte, rannte er schon. Aber jetzt eilte Reb Israel nicht so sehr und brummte unter der Nase. »Schlüssel ... Als ob ich sein Diener wäre ... Mag er doch schicken, wenn er etwas braucht ... Nur, um den Menschen zu treiben wie einen Hund ... »Was brummt Ihr da?« fragte ihn der reiche Reb Hersch, der solches Benehmen nicht gewohnt war. »Wer brummt denn? Brumme ich etwa? Ich sag ja nur: Mag er schicken, wenn er etwas braucht ... das heißt Ihr schickt mich ja ... und ich gehe! Ihr seht doch!« Israel rannte wegen der Schlüssel und fluchte auf dem Wege, Reb Hersch mitsamt allen übrigen reichen Leuten mögen sich das Genick brechen. Wenn Gott nur Sommer werden läßt, und sein Sohn kommen wird, dann braucht er sie alle nicht mehr. Gott hat geholfen und ließ Sommer werden, aber Benjamin kam nicht. Auch schrieb er nicht mehr so oft und viel wie früher, und die seltenen Briefe wurden immer kürzer und trauriger. Er teilte nur mit, daß er zu dieser und dieser Zeit das und das Examen zu bestehen hatte. »Dieses Examen«, schrieb Benjamin in seinem letzten Brief, »ist ausschlaggebend. Wenn mir ein Sechzehntel zur Durchschnittssumme fehlt, dann werde ich nicht zur Prüfung zugelassen. Wenn ich jetzt nicht zugelassen werden sollte, müßte ich wieder ein ganzes Jahr warten. Aber wer weiß, was übers Jahr sein wird! Vielleicht ist es dann noch schlimmer! Was werde ich dann tun? Was soll weiter sein? Wozu brauchte ich so viel zu arbeiten und mich abzuplagen, auswendig zu lernen und zu ochsen, tagelang zu hungern, keine Nacht zu schlafen, wie ein Hund zu frieren! Nicht ich allein stelle diese Fragen, – es gibt noch eine ganze Zahl solcher, die vom vorigen Jahr zurückgeblieben sind und nicht zugelassen werden, weil sie die Durchschnittsnummer nicht voll haben! Dazwischen kommt noch die Militärgestellung, und man fällt beim Examen durch! – Es ist schwer! Bitter und finster!« Der Tempeldiener Israel ging kopflos herum, er verstand nicht, warum Benjamins Briefe plötzlich so traurig geworden waren und bat Rachmil Mojsche, den Lehrer, daß er bei seinem Sohn Benjamin anfragen solle, was es mit der Durchschnittsnummer für eine Bewandtnis habe und was es bedeutete, daß ihm ein Sechzehntel fehlte. Maß man denn beim Examen die Schüler wie bei der Militärgestellung? Was heißt es, beim Examen durchfallen? Wer fiel? Wohin? Er möchte alles ausführlich schreiben und sich keine Sorgen machen, er soll sich auf den Ewiglichen verlassen. Er kann alles, – und die Hauptsache, er soll ein Jude bleiben, dann wird mit Gottes Hilfe alles gut werden. Auf diesen Brief und auf alle übrigen erhielt der Tempeldiener Israel keine Antwort mehr. Er war es nicht gewohnt, von Benjamin so lange ohne Nachricht zu sein und schrieb noch lange immer und immer wieder, aber schließlich hörte er auf zu schreiben, weil er sich vor dem Lehrer Rachmil Mojsche schämte. »Was kann passiert sein, daß so lange kein Brief kommt?« fragte Simme ihren Mann Israel, der sie, wie gewöhnlich, dafür schalt. »Dummes Kalb! Hat er denn nichts anderes zu tun, als Briefe zu schreiben! Wart nur, mag er erst das ›Examen‹ machen, dann wird er dir schon schreiben!« Nachdem er sie mit dieser Antwort abgetan hatte, ging sie davon, wie ein Hund, der sich seinem Herrn anschmeicheln will, mit dem Schwanz wedelt und fortgejagt wird. Israel ging mit bangem Herzen und schwerem Gemüt umher, er konnte keinen Platz finden. Was er sich in jener Zeit für Gedanken machte, soll kein Vater je erfahren! Furchtbar waren die Träume, die er in der Nacht sah! Entsetzliche Träume! Einmal träumte ihm, daß er mit Simme zu seinem Sohn zu Besuch fuhr. Er fuhr und fuhr, über Berge und Täler, durch Felder und Wälder, – endlich langte er vor einem großen Schloß an und fragte: »Wohnt hier Doktor Ritelmann?« Man antwortete ihm: »Der wohnt hier, aber man kann ihn nicht sehen!« »Warum nicht?« fragte er. »Weil er keinen vorläßt,« wurde ihm geantwortet. »Seid so gut und sagt ihm, daß sein Vater gekommen ist!« versetzte Israel. »Und die Mutter!« fügte Simme hinzu. »Seht doch nur! Überall muß sie drein reden!« fuhr Israel sie an. Während sie so sprachen, sah er von weitem einen ›General mit Epauletten‹! Er hätte schwören können, daß es Benjamin war. Israel ging auf ihn zu, Simme folgte ihm; aber so weit sie auch gingen, sie konnten ihn nicht erreichen. »Etwas schneller! Sieh nur, wie sie sich schleppt! Rühr dich doch! Rühr dich!« schrie er Simme an. Beide begannen zu rennen, aus aller Kraft rannten sie. Israel hörte nicht auf, über Simme zu schreien: »Schneller! Schneller! Schleppt sich wie eine Schnecke! Simme, verbrennen sollst du – nicht verbrennen!« »Gott ist mit mir! Was schreist du?« rief Simme und rüttelte ihm im Schlaf. Israel sprang auf, riß die Augen auf, spie dreimal aus, drehte sich auf die andere Seite um, schlief wieder ein und hatte einen neuen Traum, noch schlimmer als den ersten: Was sah er? Einen schwarzen Traualtar, schwarze Kerzen, eine schwarze Bahre ... Jemand steht da mit einer Zange und will ihm einen Zahn ausreißen ... er wehrt sich, verteidigt sich ... Da hört er plötzlich Benjamens Stimme. »Vater! ... Vater! ... Es ist zu deinem Nutzen!« * Habt ihr einmal von dem Stadtrat Lemmel gehört?« Oder hört ihr zum ersten Male Lemmels Namen? Wie kommt das? Er ist doch ein Mann, dessen Name überall bekannt ist. Er ist nicht nur wirklicher Stadtrat, der über alles Bescheid weiß und das ganze Städtchen beherrscht, sondern er hat im ganzen ›Gouvernement‹ einen Einfluß, er hat Beziehungen zu allen großen Leuten. Wenn er in die Gouvernementstadt kommt, so weiß er nicht, wohin er zuerst gehen soll, sagte er. Jeder reißt sich nach ihm ... ›Herr Lemmel! Panie Lemmel! Reb Lemmel!‹ Es tut sich was. Jedesmal, wenn er aus der Gouvernementstadt zurückkam, mußte er etwas Neues mitbringen, damit man für drei Monate zu reden hatte: Ein großer Bankrott von dreimal Hunderttausend! Ein schreckliches Feuer, bei dem fünfundsiebzig Menschen umgekommen sind! Oder eine furchtbare Schlägerei in der Stadt, daß die Haare sich sträuben ... Und, obwohl die Bankrotts ein wenig oft vorkommen, Brand und Schlägereien jede Woche stattfinden, fällt es niemand ein, ihm zu widersprechen; niemand fragt nach der Begebenheit ... Wie machen es denn die Zeitungen? Die Zeitungen dürfen es? Erinnert ihr euch der furchtbaren, die vor langer Zeit in allen Zeitungen beschrieben war? Es hatte sich in Bialystok, in Riga oder in Zytomir zugetragen, ich weiß es nicht mehr genau. Die Geschichte war folgende: Eines Tages saß eine Frau mit einem Säugling im Arm. Plötzlich fing das Kind an zu weinen; – die Frau wollte das Kind stillen und knöpfte die Taille auf, – da sprang eine Schlange auf ihren Schoß, sog sich mit dem Maul an der Brust fest und ließ sie drei Tage lang nicht los. Alle Ärzte und die größten Professoren kamen und gingen wieder fort, da sie nicht wußten, was sie tun sollten: sie fürchteten, die Schlange mit Gewalt loszureißen, denn wenn sie Gift zurückließ, dann war die Frau verloren; ließen sie sie saugen, dann würde sie ihr das ganze Blut abzapfen! Wie das endete, werden mir vielleicht unsere Leser sagen ... So schrieben die Zeitungen. Schon mehr als drei Jahre halten wir die Zeitung und lesen sie und kennen noch bis heute nicht das Ende der Geschichte. Und was macht die bedauernswerte, unglückliche Frau? Daß die Schlange noch immer an ihrer Brust sog, war wohl unwahrscheinlich, – das wäre ein wenig übertrieben; wäre die Frau aber gestorben, so hätten doch die Zeitungen darüber geschrieben. Also kommen wir schließlich dahinter, daß weder eine Frau, noch eine Brust, noch eine Schlange vorhanden ist! Was denn? Vermutlich ist alles erlogen! Kurz nachher lasen wir in der Zeitung folgende Geschichte: In einem kleinen Städtchen, – ich glaube in Bobrijsk, – wurde eine jüdische Hochzeit gefeiert. Die Musikanten spielten. Die Gäste tanzten. Die Köche und Köchinnen rannten geschäftig umher, wie gewöhnlich bei einer Hochzeit. Plötzlich sagt die Braut, daß sie sich nicht wohl fühlt und legt sich für einen Augenblick hin. Wie sie sich hingelegt hatte, schlief sie ein. Die Musikanten spielen, die Gäste tanzen, die Köche und Köchinnen rennen geschäftig umher – die Braut schläft. Die Musik ist zu Ende, der Tanz vorbei, das Festmahl verzehrt – die Braut schläft. Die Gesellschaft ist nach Hause gegangen, man löscht die Lichter aus – die Braut schläft. Man steht am nächsten Morgen auf – die Braut schläft. Man legt sich schlafen – die Braut schläft. Man steht auf – die Braut schläft. Kurz gesagt – es sind bereits drei Wochen seit der Hochzeit vergangen – und die Braut schläft noch immer! »Was mit ihr geschehen, werden wir unseren Lesern recht bald mitteilen ...« Selbstverständlich halten wir die Zeitung schon das zweite Jahr, denn wir fürchten, daß die Braut vielleicht erwachen könnte, und wir würden nicht wissen, wer uns zum Narren gehalten hat. – Verlorene Mühe! Jeden Tag, wenn die Zeitung kommt, ist das erste, wonach mich meine Frau fragt: »Was hört man von der Bobrijiker Braut?« »Es steht nichts drin, – die schläft wahrscheinlich noch,« antwortete ich meiner Frau und denke mir im Innern: »O weh! Ich fürchte, daß die ganze Geschichte nur erdacht ist, alles erlogen!« So ist es auch mit unserem Lemmel. Der Unterschied besteht nur darin, daß, wenn die Zeitungen eine Geschichte ausdenken, sie einen Zweck dabei verfolgen – und zwar wollen sie dadurch Geld verdienen; aber unser Lemmel, der Stadtverordnete, ist glatt ein Aufschneider und ein Schwätzer. Stellt euch nun vor, was für ein Feiertag es für unseren Stadtverordneten war, als plötzlich in der Gouvernementverwaltung ein Schreiben ankam, daß Benjamin, der Sohn Israel Ritelmanns, aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen werden soll, weil er zu einem anderen Glauben übergetreten ist ... Kaum hatte der Stadtverordnete Lemmel das Schreiben gelesen, da vergaß er alle Verwaltungsgeschäfte, ergriff das Schreiben, rannte auf die Straße hinaus, blieb jeden Augenblick stehen, flüsterte jedem besonders das Geheimnis ins Ohr und posaunte es in der ganzen Stadt aus. Es gibt Zeiten, die man das ›Stillschweigen‹ nennen kann. Der Himmel ist klar, kein Fleckchen trübt ihn, kein Wind regt sich, – Stille, Schweigen ringsumher. Alles schläft, die Stadt ist wie ausgestorben, – plötzlich, man weiß nicht woher, fällt eine Bombe nieder und reißt die ganze Welt ein. Alle springen auf und beginnen zu rennen. »Ach! Was! Wo? Was ist geschehen? ...« Es wird lebendig und fröhlich im Städtchen. Die Neuigkeit von Israels Sohn war die Bombe, die das ganze Städtchen aufrüttelte und alle Juden in Bewegung versetzte. Jeder besonders war durch diese Sache so aufgeregt, als ob sie sein eigenes Geschäft betroffen hätte, als ob ihn nichts anderes anginge, als das. Viele verließen ihre Geschäfte, ließen das Essen stehen und begaben sich auf den Markt, um zu hören, was es Neues gab. Um das Haus des reichen Reb Hersch waren viele Menschen versammelt, Reb Hersch selbst stand im Kaftan, ein Käppchen auf dem Kopf, auf dem Balkon, von seinen Freunden und von wildfremden Juden umgeben, die ihn kriecherisch umschmeichelten, in der Hoffnung, daß sie eines Tages vielleicht etwas Gutes von ihm erfahren würden ... Man kann nicht wissen! ... Reb Hersch hält eine lange Rede, die Schmeichler nicken bejahend mit dem Kopf: »Was denn! Haben Sie nicht recht? Sie haben sehr recht!« »Ein Tempeldiener, ein Garnichts, ein Habenichts will klüger sein als die ganze Welt!« sagt Reb Hersch, heiser hüstelnd. »Hm, hm ...« Einen Doktor wollte er gar aus seinem Jungen machen! Was wäre dabei gewesen, wenn er auch Tempeldiener geworden wäre, wie sein Vater, oder vielleicht Lehrer! Ich möchte gern hören, was der Tempeldiener jetzt dazu sagt?! Ob er von dem Ereignis noch nichts weiß ... hm, hm? Er läßt sich ja gar nicht sehen, der Schlemihl ... Wo kann er sein?« Es fanden sich solche, die nicht faul waren, in die Synagoge zum Tempeldiener zu gehen – aber sie konnten Israel nirgends finden. * Wer gewohnt ist, ›wirklich interessante Romane‹ zu lesen, möchte gern hören, daß der Tempeldiener Israel sich den Kopf an der Wand zerschlug, oder daß er zum Teich lief, sich zu ertränken, oder daß er auf den Boden des Rathauses rannte und sich an einem Balken aufhing; Frau und Kinder sollten jammern und klagen, die Stadt sollte in Aufruhr sein, alles sollte erregt umherlaufen, es sollte donnern und blitzen! Vielleicht hätte ich es dem Leser zulieb so geschehen lassen. Aber was soll ich machen, wenn der Tempeldiener Israel von dem Ereignis noch keine Ahnung hat? Während das ›Schreiben‹ die Runde durch die ganze Stadt machte, saß Israel bei seinem einzigen guten Freund und Vertrauten, dem Lehrer Rachmil Mojsche. In derselben Zeit, da das bewußte Schreiben in der Verwaltung angekommen war, erhielt Israel von der Post ein Paket, das sein Sohn ihm geschickt hatte. Er hatte noch nie einen so langen, dicken Brief von Benjamin erhalten, – eine ganze Litanei! Er las mit großer Mühe mehrere Seiten und verstand kein einziges Wort; da ging er zu dem Lehrer Rachmil Mojsche. »Angekommen!« rief Israel bereits an der Tür mit Freude. »Ein Brief von Eurem Sohn?« »Und was für ein Brief! Drei Bogen voll!« Als der Lehrer hörte: »drei Bogen voll!«, legte er sein Werkzeug beiseite; die Schüler lebten unterdessen auf. Kleinigkeit! Sie konnten inzwischen ›Patschhände und Treffen‹ spielen! Und sich einfach vom Bibellernen ausruhen – ist auch etwas wert! Rachmil Mojsche setzte sich die Brille auf die Nase und begann den Brief mit lauter Stimme und ausdrucksvoll zu lesen. Zuerst las er glatt und fließend, aber je weiter er kam, um so häufiger hielt er zögernd inne, als ob er auf spitzen Steinen ging, denn es wurde immer schwerer verständlicher, es kamen sonderbare Worte, denen er noch nie im Leben begegnet war. Er setzte jeden Augenblick seine Brille auf der Nase zurecht, trug den Brief näher ans Fenster, zuckte mit den Achseln und kaute die Worte. »Mm ... Mm ... Eine fremdartige Sprache! ... Nation ... Emanzipation ... Werd einer klug daraus! Ich verstehe nichts, so wahr, wie ich kein schlechtes Abendbrot haben werde!« Israel saß, den Kopf auf die Hand gestützt, an der Tischecke, starrte auf Rachmil Mojsches Mund, lauschte gespannt auf jedes Wort, wollte den richtigen Sinn erfassen, aber er verstand nichts. Er wußte nicht, was es bedeuten sollte, daß Benjamin sich plötzlich rechtfertigte und schwor, daß er derselbe Mensch ist, wie er früher war, im Gegenteil noch mit größerer Liebe und Treue ... Israel verstand nicht, warum er jetzt nicht derselbe sein sollte wie früher? Was bedeutete es, daß er ihn bat, ihm zu verzeihen? Was soll er ihm verzeihen? »Es konnte nicht anders sein,« schrieb er, »er hat sich genug gequält, obgleich er wußte, welchen Schmerz er seinen Eltern antat; aber das Ringen nach Aufklärung von Kindheit an, der Drang zur Wissenschaft ist bei ihm so groß, so stark, daß es den Sieg davontrug. Da erinnerte sich Israel seines Traums, den er geträumt hätte, und sein Herz preßte sich zusammen wie bei einem Menschen, der vor einer Operation stand ... Er fuhr auf. »Was? Was? Noch einmal! Lest noch einmal! Was schreibt er? Was? ...« Rachmil Mojsche rückte seine Brille zurecht, wollte noch einmal lesen ... Da öffnete sich plötzlich die Tür, und herein kam ... Basja Inde, Rachmil Mojsches Frau, eine Frau, nicht so dick wie lang, und nicht so schön wie gelb, mit einem großen Marktkorb. Im Korb waren lauter gute Sachen: Kartoffeln und Zwiebeln, zwei schwarze Rettiche, ein Stückchen Leber, die sie sich mit Mühe von Simche Leib, dem Schlächter, ausgebeten hatte, weil Lunge und Leber immer hundert Abnehmer hatten, Gott sei Dank; die Frauen schlugen sich um diese Ware ungefähr wie im Bethaus die Männer um ›Ate Urejso‹ ... den Anfang des Gebets ... Das war nichts Neues; denn es kostete wenig und hatte keine Knochen. – Wenn man es mit Kartoffeln und Zwiebeln kocht und es gut dämpfen läßt, daß es weich wird, so ist das ein Paradiesgericht! Als Basja hereinkam und sah, daß ihr Mann mit dem Tempeldiener las, blickte sie die beiden Männer an und wollte sich überzeugen, ob es der Schlemihl bereits wußte oder nicht. Aber sie konnte von ihren Gesichtern nichts ablesen; da stellte sie den Korb hin und gab ihrem Mann ein Zeichen, indem sie sich mit der Hand von unten nach oben über das Gesicht fuhr. Rachmil Mojsche, komm einmal her!« sagte sie zu ihm. Raschmil Mojsche hatte verstanden, daß Basja Inde ihm etwas sagen wollte; er setzte die Brille ab, eilte für einen Augenblick in den Korridor; jenseits der Tür fand zwischen Mann und Frau unter vier Augen folgendes Gespräch statt: Sie: Weiß er schon? Er: Wer? Sie: Der Schlemihl! Er: Was für ein Schlemihl? Sie: Der Tempeldiener. Er: Wovon? Sie: Von dem Sohn. Er: Von was für einem Sohn? Sie: Von Benjamin. Er: Was ist denn? Sie: Die ganze Stadt ist voll davon. Er: Wovon? Sie: Von der Sache über seinen Sohn. Er: Wessen Sohn? Sie: Des Tempeldieners Sohn. Er: Was ist mit ihm? Sie: Pfui mit dir! … Gott weiß, wie lange das Gespräch sich noch hingezogen hätte, wenn der Tempeldiener selbst nicht heruntergekommen wäre und erschrocken gefragt hätte: »Wie? Was? Was erzählt Ihr da? Was habt Ihr da von Benjamin gesagt? Wie?« Basja wußte nicht, was sie tun sollte. Wie konnte man sich da ausreden? Warum soll sie die Botschaft verkünden? Lieber würde sie ihn sofort zu dem Stadtverordneten Lemmel schicken, mag er sich mit ihm den Kopf an die Wand schlagen! »Gar nichts! Ich weiß nicht!« erwiderte Basja, indem sie sich mit der Hand von unten nach oben über das Gesicht fuhr. »Ein Schreiben soll betreffs Eures Sohnes angekommen sein, erzählt man sich.« »Was für ein Schreiben?« fragte Israel leichenblaß. »In der Verwaltung ... dort ...« erwiderte Basja Hinde. »Was für eine Verwaltung?« »An den Stadtverordneten.« »Wegen was?« »Das weiß Lemmel ...« »Was weiß er?« »Von Eurem Benjamin ...« »Was ist mit Benjamin? Was denn?!« fragte Israel bereits zornig. »Weiß ich denn? Ihr fragt mich umsonst, geht gefälligst zu ihm, zu Lemmel ... Er ist jetzt auf dem Markt ... Ich meine Lemmel mit dem Schreiben.« ›Schreiben ... Lemmel ... Verwaltung ... Benjamin ... die ganze Stadt ... Was soll das bedeuten?‹ dachte Israel und er fühlte, wie seine Wangen glühten und es ihm in den Ohren sauste. Er rückte seinen Hut in die Stirn, machte einen krummen Rücken und eilte davon. * Es gibt Menschen, die den Nächsten gern beobachten, wenn er vom Unglück heimgesucht wird, ihn anglotzen, während er weint, ihm nachgucken, wenn er hinter dem Leichenzug hergeht, ihn anstarren, wenn er die Hände ringt, den Kopf an die Wand schlägt oder sonst wie verzweifelt ist. Ich mache mir nichts aus solchen Szenen. Mag man darüber denken, wie man will, – aber ich liebe keine traurigen Bilder ... Meine Muse trägt keinen schwarzen Schleier im Antlitz, meine Muse ist arm, aber fröhlich ... ›Wo ist der Tempeldiener Israel hingerannt? Wen hat er gesprochen? Was hat er erfahren? Was hat er gesagt?‹ fragt gar nicht. Ihr werdet keine Freude davon haben. Was werdet ihr dabei gewinnen, wenn ihr es erfahrt? Ach, es gibt Menschen, für die fremdes Unglück eine Neuigkeit bedeutet, des Fremden Herz eine Fiedel ist, des Fremden Nerven Saiten sind, des Fremden Weinen wie eine Melodie klingt und des Fremden Seele einem Spielzeug gleicht ... Was habt ihr schon davon, wenn ihr erfährt, daß sich Menschen fanden, die für den Tempeldiener Israel Schadenfreude empfanden, weil er Tag und Nacht mit seinem ›Gewinnlos‹ herumgegangen war? »Vergeltung!« sagte der reiche Reb Hersch heiser hüstelnd und streichelte sich dabei seinen runden Bauch. »Vergeltung! Ein Habenichts ... hm ... hm ... soll eben nicht anmaßend werden! ... Doktor gar ... hm ... hm ...« Viele empfanden Mitleid mit dem bedauernswerten Tempeldiener. Aber ich meine, ihr wißt, was ›bedauernswert‹ heißt. »Gott schütze vor jüdischem Wohlwollen, vor jüdischem ›Bedauern‹« – pflegte meine selige Großmutter Minde zu sagen, »denn von jüdischem Wohlwollen kann man einen harten Kopf bekommen und von jüdischem Bedauern ziehen sich die Zähne zusammen ...« Erst gegen Abend schleppte sich Israel kaum lebendig nach Hause, ließ sich langsam auf die Erde nieder, zog die Stiefel aus, macht einen Riß in seinen Rock, wie nach dem Tode eines Angehörigen und ließ sich eine Stunde zur Trauersitzung nieder. Ebenso taten Simme und alle drei Töchter, Pesjel, Zosjel und Broncja und weinten selbstverständlich viele Tränen, jammerten verzweifelt und schlugen die Köpfe an die Wand, – obgleich sie sich schon genug aufgeregt hatten, noch bevor Israel nach Hause gekommen war. Später, als Rachmil Mojsche, der Lehrer, kam, um ihnen sein Beileid auszusprechen, bot sich ihm folgendes Bild: Israel saß, den Kopf zwischen den Knien, Simme verdeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und weinte leise; Pesjel, Zosjel und Broncja saßen mit roten, geschwollenen Augen und blickten mit erstarrten Gesichtern, jede in eine andere Ecke. – Der Kummer und die Schande war für sie alle wohl so groß, daß sie sich gegenseitig nicht in die Augen schauen wollten ... Rachmil Mojsche trat leise, ohne Gruß, ein, wie gewöhnlich, wenn man die Hinterbliebenen besuchte, – ließ sich langsam auf dem Rand einer Bank nieder, seufzte und saß still und stumm, wie eine Wand, da. Nach einer Weile seufzte er wieder und schwieg still, – noch einen Seufzer und wieder Schweigen. Erst nach einigen Minuten schaute er sich um, ob es einen Zweck hatte, so dazusitzen und zu schweigen ... ›Man muß doch ein gutes Wort sagen.‹ Aber was soll man sagen? Also wäre wieder einer gestorben ... Wenn man zu den trauernden Hinterbliebenen kommt, dann weiß man, was für Worte man sagen soll: »Vier Ellen empfangen, vier Ellen genommen,« oder: »Ein Mensch gleicht sozusagen einer Fliege ...« oder: »Dem Tod kann keiner entgehen ...« oder: »Was ist zu tun? Glaubt mir, wir müssen alle sterben ...« Tröstend sind zwar solche Worte nicht; aber immerhin gewähren sie eine gewisse Erleichterung ... Wenn die Menschen reden, weicht die Beklommenheit vom Herzen ... Aber was kann man bei diesem Trauerfall sagen? – Sie trauern ja um einen Lebendigen. – Rachmil Mojsche drehte sich räuspernd auf der Bank um. Er wollte etwas sagen, aber er konnte kein Wort herausbringen. Er versuchte mehreremal, bis er endlich mit großer Mühe zu reden begann. Als er ins Reden kam, konnte er nicht wieder aufhören, er wußte nicht, wie er ein Ende finden sollte. »Tja ... die alte Geschichte ... es ist doch, wie man sagt, eine Fügung Gottes, denn alles ... hört Ihr ... kommt von Gott, ohne Gott geschieht kein Ding, den kleinen Finger rührt der Mensch unten nicht, wenn es ihm von oben nicht befohlen wird ... Gott ist der wahre Gebieter, – was taugt alles andere? – Oh, welch ein Gebieter! ... Ihm folgt man, und noch wie folgt man ihm! Oh, oh, oh! ... Daraus lernt man, daß es so sein muß, wie es ist! Ein Beweis ist: wenn es hätte anders sein sollen, so wäre es anders ... Warum soll es gerade so und nicht anders sein? Wenn Er will, daß es nicht so ist, – kann ihm denn jemand befehlen? – Nein, mag es lieber nicht so sein, meine ich, mag es lieber anders sein, nicht so!« Rachmil Mojsche fühlte, daß er anfing, Dinge zu sagen, die keinen Gedanken enthielten, hörte er auf zu sprechen, nahm eine Priese Tabak, neigte den Kopf zur Seite und stieß einen tiefen Seufzer aus. Er dachte bei sich, daß es Zeit war, aufzustehen und fortzugehen. Aber es ist leicht gesagt: »aufstehen«. Steh einmal auf, wenn man an die Bank wie angewachsen ist! Es gibt keinen schlimmeren Besuch in der ganzen Welt als einen Beileidsbesuch. Jedesmal, wenn ich zu jemand gehe, um ihm mein Beileid anzudrücken, kann ich mich nie erheben und fortgehen, ohne ›Lebewohl‹ zu sagen. Ich bitte Gott jedesmal, daß irgend etwas dazwischenkommen möge: entweder sollen die Trauernden einschlafen, während sie die Trauer absitzen, damit ich mich heimlich aus dem Zimmer stehlen kann; oder es soll plötzlich draußen eine Schlägerei, ein Brand, ein Zusammenlauf entstehen, damit ich unterdessen aus dem Gefängnis entweichen kann ... Rachmil Mojsche saß noch eine Weile, bis er nach der Decke sah, alle vier Wände musterte, als ob er eine Uhr suchte und schließlich sagte: »Man muß an die Heimkehr denken ... Die Schulbuben werden das ganze Schulzimmer auf den Kopf stellen.« Er ging mehreremal zur Tür und kehrte wieder zurück. Kaum hatte er einen Fuß über die Schwelle gesetzt, als er sich erinnerte, daß er etwas von Herzen sagen, sie trösten mußte, daß sie sich dem Kummer nicht hingeben sollen, denn Gott ist ein Vater, ein Allmächtiger. Er sagte ihnen noch einmal, daß sie nach dem Gesetz nicht länger als eine Stunde zu sitzen brauchten, – aber wenn sie, Gott behüte, etwas länger saßen, war es auch kein Unglück. Nach dem Abendgebet wollte er mit Gottes Hilfe noch einmal vorspringen und einen Augenblick bei ihnen bleiben und dafür sorgen, daß sie sich nicht ihrem Kummer hingeben. Denn Gott ist ein Vater! Was Er tut, kann kein Menschenverstand begreifen ... Und ihr habt doch noch Kinder? ... Gesund sollen sie bleiben! ... Bereits Erwachsene unberufen! ... Die Stunde ging vorüber, Israel und seine Familie erhob sich still und wortlos, sie zogen die Stiefel an und verteilten sich in alle Winkel ... Israel – wenn ich nicht fürchtete zu übertreiben, dann würde ich sagen, daß er an diesem Tage um zehn Jahre gealtert ist – sagte schnell sein Abendgebet herunter, schlug sich dabei in die Brust, spie bei dem Schlußabschnitt des Gebets aus, wie der Ritus es verlangte, und begab sich nach dem Bethaus, um wenigstens noch zum zweiten Abendgebet zurechtzukommen. Er war doch Tempeldiener, ein Angestellter, der auf seinem Posten sein mußte. – Das Geschäft ... ist, wie ihr wißt, ein Zwang, ein Mittel, alle Sorgen zu vertreiben, allen Kummer vergessen zu machen! »Was hört man von Ihrem Gewinnlos?« Es fanden sich Müßiggänger, die an ihn die Frage richteten: »Wie geht es denn Eurem Sohn?« »Was fällt euch ein? Wo habe ich einen Sohn?« erwiderte Israel mit einem bitteren Lächeln ... In diesem Lächeln lag so viel herber Schmerz, daß die Müßiggänger ihre Frage bereuten und sich zurückzogen. Es genügte, ihm nur ins Gesicht zu sehen, um nicht mehr mit ihm über seinen Sohn zu sprechen. * Was geschah weiter? Was ist aus Benjamin geworden? Hat er noch einen Brief geschrieben? Und was hat er geschrieben? Hat ihm der Vater geantwortet oder nicht? Und wenn er antwortete, was hat er geschrieben? – Dringt nicht in mich. Jetzt werde ich euch nichts sagen. Ich bin nur verpflichtet, euch mitzuteilen, daß es für den Tempeldiener Israel keinen Benjamin mehr gab. Benjamin war gestorben. Das ›Gewinnlos‹ – das Lotterielos – wurde amortisiert. Jeder für uns. Ihr sagt, daß die Juden überall Feinde haben, daß sie gejagt, getrieben und verfolgt werden? Ich sage euch aber, es ist gerade umgekehrt: Der Juden nimmt sich jeder an. Zum Beweis will ich euch eine Geschichte von zwei Brüdern erzählen, und wir wollen hören, wie ihr nachher darüber denkt. Es gab zwei Brüder, der eine hieß ... was liegt daran, wie er hieß? Stellt euch vor, der eine hieß Meier, der andere Schneier. Zugetragen hat es sich irgendwo in Samogytien, oder in Polen, in Wolhynien oder in Litauen, gleich am Anfang der Revolution und der großen Greueltaten, die sie mit sich brachte. Es verbreitete sich das Gerücht von einem ›Pogrom‹, einem ganz gewöhnlichen Judenpogrom, der in kurzem ausbrechen sollte ... Obgleich unsere zwei Brüder außer ihrem nackten Leben nichts zu verlieren hatten, gar nichts, denn sie besaßen weder ein eigenes Haus noch ein Geschäft, noch Vermögen, nicht einmal Weib und Kinder, – fürchteten sie dennoch, ihr Leben einzubüßen. Eines schönen Morgens standen sie früh auf und machten sich auf den Weg, in der Richtung, wohin die Augen sie führten. Der Aufbruch geschah in größter Eile. Warum eilten sie so? ... Weil sich das Gerücht von einem Pogrom verbreitete, mußte man gleich davonrennen? Die Antwort könnte lauten: Wahrscheinlich hätte sich im Städtchen bereits ein unruhiges Treiben bemerkbar gemacht, vielleicht ritten gar die Kosaken mit den ›Nagajki‹ umher ... Was hatten Kosaken in einem stillen Städtchen zu tun, in einem jüdischen Städtchen, zweitausend Meilen von der Mandschurei entfernt? ... Stellt euch aber vor, daß wirklich ein Pogrom ausgebrochen war! Unsere beiden Riesen, Meier und Schneier, flogen, wie ein Pfeil auf dem Bogen. In der großen Eile hatten sie wahrscheinlich vergessen, ein zweites Hemd, einen zweiten Anzug, ein Kissen und allerlei andere Sachen, die ein Mensch auf der Reise haben muß, für den Weg mitzunehmen, zum Beispiel auch Brot. Ich rede gar nicht erst von anderen Lebensmitteln, wie Wurst, geräucherte Zunge, eine Büchse Sardellen, nein, ich rede nur von einem einfachen Stückchen Brot, ›dem täglichen Brot‹, über das wir den Segensspruch machen, das kein Mensch entbehren kann, und wenn er bis ans Ende der Welt liefe. Naht der Augenblick, da der Magen nach Speise verlangt – ihr mögt ein Gelehrter oder ein Philosoph sein, – so werdet ihr nicht eher ruhen, bis ihr, mit Verlaub zu sagen, euch den Bauch vollgestopft habt. So hat Gott den Menschen einmal geschaffen, – dagegen läßt sich nichts tun. Ist es nicht so? Sagt selbst! Aber wo waren wir in unserer Geschichte stehengeblieben? Bei den beiden Brüdern. Also Meier und Schneier wanderten unermüdlich, keuchend, seit dem frühen Morgen; nur manchmal blieben sie stehen, schöpften Atem und setzten ihren Weg wieder fort, rasteten von Zeit zu Zeit einen Augenblick und liefen mit rasender Eile weiter, als ob sie von Räubern verfolgt würden oder den Jahrmarkt versäumen könnten. So ging es den ganzen Tag; erst, als der Abend nahte, mäßigten sie ihre Schritte und hielten endlich in ihrer Wanderung an. Da sagte der ältere zum jüngeren: »Weißt du, was ich dir sagen werde, Schneier?« »Was denn, Meier?« »Was? ... Ich fühle nicht so sehr Müdigkeit wie Herzweh. Ich habe Hunger.« »Ich auch.« Nachdem die beiden Brüder diese Worte getauscht hatten, bemerkten sie etwas in der Ferne. Was, glaubt ihr, war es? Vielleicht eine Quelle mit kaltem, kristallreinem Wasser? Oder einen soeben aus dem Backofen herausgenommenen, wohlriechenden Striezel? Oder warme, in Butter gebratene Fische? Oder etwa Suppenfleisch mit Kartoffeln und roten Rüben, mit Knoblauch zubereitet, dessen Duft m die Nase stieg? Nichts von alledem. Sie bemerkten mitten auf dem Feld zwei Kosaken, auf der Erde sitzend, richtige Kosaken mit langen Piken und kurzen Peitschen, den ›Nagajkis‹, und mit rot gehaspelten Beinkleidern. Sie saßen in halbliegender Stellung, auf die Ellenbogen gestützt, die Mütze auf einem Ohr, das glänzende Haar auf eine Seite herunterfallend. In einem Ohr trugen sie einen silbernen Ring. Ihre Gesichter waren von der Sonne rotgebrannt, ihre Zähne weiß wie Milch. Im Mund hielten sie eine Pfeife. In ihrer Nähe hielten sich ihre Pferde auf und zupften Gras; über dem Feuer, das sie angelegt hatten, hing ein kleiner, dreifüschiger, eiserner Kessel. Was mochte wohl darin kochen? Fische, Fleisch, Wurst oder Grütze? Etwas Schlechtes war es keinesfalls, das verriet der Geruch. Aber ob es wohl rituell war? ... »Weißt du, was ich dir sagen werde. Schneier?« »Was denn, Meier?« »Was? ... Was riskieren wir? Wir wollen lieber zu ihnen herangehen, als daß wir sie zu uns kommen lassen.« »Das meine ich auch.« Nach diesen Worten näherten sich die beiden Brüder den Kosaken. Hätten sie es nicht freiwillig getan, so hätte man sie dazu gezwungen. Denn kaum hatten die Kosaken die Juden bemerkt, als sie, nicht faul, sich aufrichteten, ihnen zuwinkten und ihnen in russisch-jüdischem Dialekt zuriefen: »Ei! Izchok! Chaim, kommt mal her!« Und nun entspann sich zwischen den Kosaken und den Brüdern eine Unterhaltung, die selbst ein Mensch mit achtzehn Köpfen nicht imstande wäre, wiederzugeben. Denkt euch, es machte den Kosaken Spaß, jüdisch zu sprechen, obgleich sie es gerade so gut konnten, wie die beiden Brüder russisch. Die Brüder kannten nur das eine Wort: ›Skudawo?‹ (woher) und hatten vor diesem Wort eine schauderhafte Angst. Wie zum Trotz war es das erste Wort, das sie von den Kosaken vernahmen. Sie durften den Kosaken selbstverständlich nicht verraten, daß sie vor einem Pogrom flohen, denn das könnte sie ihr Leben kosten ... Was weiß ein Kosak von einem Pogrom? ... Unsere beiden Brüder verständigten sich schnell untereinander und taten so, als ob sie kein Wort russisch verständen. Anstatt auf die Frage der Kosaken zu antworten, zeigten sie mit dem Finger auf den Kessel, in dem das wohlschmeckende Gericht kochte; dabei lief ihnen das Wasser im Mund zusammen, als ob sie sagen wollten: »Wir haben Hunger, wir möchten essen, und ihr verdreht uns den Kopf mit Fragen, die wir nicht verstehen.« Die Kosaken schienen begriffen zu haben, daß die Juden Hunger hatten, sie überließen die Frage ›Skudawo‹ für ein anderes Mal und schickten sich an, Gastfreundschaft zu üben, jedoch nach Kosakenart. Wie sah das aus? Zunächst spotteten sie über die langen jüdischen ›Kaftans‹ und über die gekräuselten Seitenlöckchen, nannten den einen Izchok und den anderen Chaim und boten ihnen Grütze mit Schweinefleisch an. Denn es war zugleich spaßig und verdienstlich, einen Juden mit Schweinefleisch zu füttern. Sie verteilten die beiden Juden untereinander: der eine übernahm Izchok, der andere Chaim; dann setzten sie sich auf die Erde, stellten den Juden eine Schüssel mit heißer, fetter Grütze hin, gaben ihnen zwei hölzerne Löffel in die Hände und kommandierten nach Kosakenart: »Jeschte, schidi! – Eßt, Juden!« – In unserer Sprache heißt das: »Kommt essen, jüdische Kinder! Laßt es euch gut schmecken!« Aber der Ton, in welchem sie die Worte »Jeschte, schidi!« gesagt hatten, mußte man folgendermaßen auffassen: »Ihr werdet essen, ob ihr wollt oder nicht!« Es darf nicht vergessen werden, daß die beiden Brüder einen Sterbenshunger hatten. Eine Weile saßen sie wie starr da, obwohl der Duft der heißen, fetten Grütze ihnen in die Nase stieg, und sie ein Gefühl empfanden, als ob man ihre Eingeweide zwicken würde. Die Kosaken errieten scheinbar, daß die Juden das schwere Problem noch nicht gelöst hatten; sie wußten, was sie zögern ließ, und kommandierten sie zum letztenmal, mit einer Stimme, die das Herz der Juden erbeben ließ. Da sagte der ältere zu dem jüngeren: »Weißt du, was ich dir sagen werde, Schneier?« »Was denn, Meier?« »Was ... Wir müssen essen, sonst riskieren wir unser Leben!« Hierauf griffen sie zu den Löffeln, schlürften die heißen Grütze und verschlangen sie wie Nudeln am Freitagabend, verbrühten sich die Lippen und die Zunge und schluckten laut wie Gänse; sie dachten nicht im geringsten daran, daß sie sich wie Gäste zu benehmen hatten und daß das Essen nicht rituell war. Die Grütze schmeckte ihnen wie ein Paradiesgericht, fürchtete ich, denn es war unnatürlich, wie hastig sie zugriffen und die Speise verschlangen; sogar die Kosaken wunderten sich darüber und führten in ihrer Sprache folgendes Gespräch: »Was sagst du zu deinem Chaim, Wanjuscha, wie eifrig er zugreift?« »Nein, Pawluscha, du irrst dich, dein Izchok ist es, der das ganze Essen verschlingt!« Die beiden Brüder taten, als ob sie nichts verständen und löffelten mit unermüdlichem Eifer weiter. »Wanjuscha, sage deinem Chaim, er soll nicht so hastig essen! Wenn ich ihn packe, holt ihn der Teufel!« »Versuch nur einmal, meinen Chaim anzurühren, dann zermalme ich deinen Izchok zu Staub!« Im selben Augenblick riß Pawluscha Wanjuschas Juden den Löffel aus der Hand und versetzte ihm einen Stoß in die Seite, daß er einen dreifachen Purzelbock schoß. Das ärgerte Wanjuscha sehr, er sprang auf und schlug Pawluschas Juden mit der Faust vor die Zähne, daß es ihm vor den Augen flimmerte. Empört haute Pawluscha Wanjuschas drei feurige Ohrfeigen. Da reckte sich Wanjuscha und rief mit wuterfülltem Antlitz: »Dafür, daß du meinen Juden schlägst, schlage ich deinen Juden.« Wanjuscha und Pawluscha verteidigten ihre Juden und schlugen und prügelten sie für das ihnen zugefügte Unrecht so unbarmherzig, daß die christliche Speise ihnen schlecht bekam. Ein Glück, daß die Juden die Hände in die Füße nahmen und davonliefen. Wie aus einem bösen Traum erwachend, rannten sie vor sich hin, ohne sich umzuschauen, von Angst getrieben, daß man sie verfolgte. Sie rannten und rannten, bis sie, endlich erschöpft, ihre Schritte mäßigten, einen Augenblick anhielten und sich niedersetzten. Nun kamen sie allmählich zur Besinnung und erinnerten sich, was sich eigentlich zugetragen hatte. Drei Kapitel: Erstens vor dem Pogrom geflohen, zweitens Schweinefleisch gefressen, drittens Prügel erwischt. Endlich begann einer von ihnen, stammelnd: »Weißt du, was ich dir sagen werde, Schneier?« »Was denn, Meier?« »Was? ... Ein Jude ist keine Kleinigkeit ... Sogar ein Kosake hat es nicht ruhig mitansehen können, daß ein Jude geschlagen werde ... Jeder Mensch nimmt sich unser an, wenn uns ein Unrecht zugefügt wird ... Alle treten für den Juden ein und verteidigen ihn.« Der Gast. »Reb Jojne, ich habe für Euch einen Gast für die Osterfeiertage, einen Gast, wie Ihr noch nie einen hattet, seitdem Ihr ein Haus führt!« »Nämlich?« »Nämlich – eine feine Frucht!« »Was heißt – eine feine Frucht?« »Ich meine einen Juden, so fein wie Seide, einen schönen, vornehmen Juden. Nur einen Fehler hat er, daß er unsere Sprache nicht versteht.« »Welche Sprache versteht er denn?« »Hebräisch.« »Ist er aus Jerusalem?« »Von wo er stammt, weiß ich nicht, aber wenn er redet, spricht er alles mit ›a‹ aus.« Dieses Gespräch führte mein Vater mit Asriel, dem Synagogendiener, wenige Tage vor Ostern. Ich war sehr neugierig, den vornehmen Gast, die ›feine Frucht‹, zu sehen, der unsere Sprache nicht verstand und alles mit ›a‹ aussprach. In der Synagoge hatte ich bereits ein seltsames Geschöpf bemerkt, mit einer verbrämten Mütze und einem türkischen, – gelb, blau und rot gestreiften Kaftan. Wir Jungen umgaben das Individuum von allen Seiten, betrachteten es neugierig und wurden von dem Synagogendiener dafür ausgescholten. »Kinder sollen so ungezogen sein und einen fremden Menschen anglotzen!« fuhr er uns an. Nach der Andacht begrüßten alle Leute den Fremden mit einem Handschlag und wünschten ihm ein frohes Fest. Der Fremde erwiderte allen mit einem freundlichen Lächeln auf den roten Wangen, die von einem grauen Bart umgeben waren: »Schalom, Schalom!« Dieser Gruß rief bei uns Jungen ein lautes Gelächter hervor, das den Synagogendiener sehr ärgerte. Er näherte sich uns und holte mit der Hand aus, um uns Ohrfeigen zu versetzen. Aber wir entschlüpften seiner Hand, schlichen uns wieder zu dem Fremden heran, um zu hören, wie er allerseits seinen Gruß bot und immer »Schalom, Schalom!« sagte, brachen wieder in lautes Lachen aus und entschlüpften immer wieder der drohenden Hand des Synagogendieners. Mit großem Stolz folgte ich dem Vater, als er mit diesem Fremden am Feiertag nach Hause ging. Ich fühlte, daß meine Kameraden mich um den Gast beneideten; sie schauten uns aus der Ferne nach, ich aber drehte mich zu ihnen um und steckte ihnen die Zunge aus. Während des ganzen Weges schwiegen wir alle drei; als wir das Zimmer betraten, rief der Vater der Mutter zu: »Gut Jonteff! Fröhliche Feiertage!« Der Gast schüttelte den Kopf, so daß seine Feiertagsmütze sich bewegte und sagte wieder: »Schalom, Schalom!« Ich erinnerte mich meiner Kameraden und versteckte mein Gesicht unter der Tischplatte, um nicht mit einem Gelächter herauszuplatzen. Ich sah immer wieder zu den Fremden auf, der mir vortrefflich gefiel; ich bewunderte sein türkisches, rot, blau und gelb gestreiftes Gewand; ich bewunderte seine frischen, roten Wangen, die von einem runden grauen Bart umgeben waren; ich bewunderte seine schönen, schwarzen Augen, die lächelnd unter den dichten, grauen Augenbrauen hervorsahen. Auch meinem Vater schien er zu gefallen. Der Vater freute sich mit ihm, und meine Mutter blickte zu ihm auf, wie zu einem göttlichen Menschen. Niemand sprach ein Wort zu ihm, der Vater bereitete ihm selbst den Ehrensitz, die Mutter war mit der Vorbereitung der Osterzeremonien beschäftigt, und Rieke, das Dienstmädchen, half ihr dabei. Erst, als es Zeit war, den Segensspruch über den Wein zu verrichten, begann der Vater mit dem Gast ein Gespräch in hebräischer Sprache; ich freute mich, daß ich fast jedes Wort verstand und gebe das Gespräch wörtlich wieder: Der Vater: Nu? (In unserer Sprache heißt das: Bitte, verrichtet Ihr das Gebet!) Der Gast: Nu, nu! (In unserer Sprache heißt das: Macht, macht!) Der Vater: Nu, o? (Warum nicht Ihr?) Der Gast: O, nu! (Und Ihr warum nicht?) Der Vater: Ih, o! (Erst Ihr!) Der Gast: O, ih! (Ihr erst!) Der Vater: Eh, o, ih! (Ich bitte Euch, fangt Ihr an!) Der Gast: Ih, o, eh! (Fangt Ihr an, ich bitte Euch!) Der Vater: Ih, eh, o, nu? (Was schadet es Euch, wenn Ihr anfangt?) Der Gast: Ih, oh, eh, nu, nu! (Wenn Ihr durchaus wollt, werde ich anfangen!) Der Gast nahm den mit Wein gefüllten Becher aus der Hand des Vaters und verrichtete den Segensspruch, – einen Segensspruch, wie wir ihn noch nie gehört haben und nie mehr hören werden. Erstens sagte er den Anfang des Segensspruchs mit lauter ›a‹: »Barschat marabanan warabanan, warabatai ...« und zweitens kam die Stimme bei ihm nicht aus dem Hals, sondern gleichsam aus dem türkischen – blau, gelb und rot gestreiften – Gewand. Ich stellte mir vor, wie meine Kameraden in lautes Lachen ausgebrochen und was für Ohrfeigen geflogen wären, wenn sie bei diesem Segensspruch zugegen gewesen wären. Aber da ich allein war, hielt ich mich zurück und richtete an den Vater die vier Fragen. Wir sagten zusammen die ›Hagada‹ – die Schilderung des Auszugs der Juden aus Ägypten – und ich war stolz darauf, daß der Fremde unser und nicht eines anderen Gast war. Der Gelehrte, der gesagt hat, daß man während des Essens nicht sprechen soll, kannte – er soll es mir verzeihen – das jüdische Leben nicht. Ich bitte euch, wann hat ein Jude mehr Zeit zum Reden, als beim Essen, und besonders am Osterabend beim Festmahl, wenn so viel erzählt werden muß? ... Rieke, das Dienstmädchen, reichte das Wasser, dann wuschen wir uns die Hände, verrichteten den Segensspruch über dem Brot und gelobten, ›Mazze‹ zu essen. Endlich teilte die Mutter die Fische aus. Der Vater strich seine Ärmel hoch und begann mit dem Gast ein langes Gespräch in hebräischer Sprache. Das erste, was der Vater ihn fragte, war das übliche, was ein Jude den andern zu fragen pflegt: »Euer Name?« Hierauf antwortete ihm der Gast mit lauter ›a‹, in einem Atem, wie man die zehn Namen der Söhne Hamans herunterleiert: »Ajak, Bacha, Galasch, Damas, Hanach, Wassam, Saan, Chafaz, Takaz.« Der Vater blieb mit dem Bissen im Mund sitzen und blickte den Fremden verwundert an, wahrscheinlich, weil er einen so langen Namen hatte. Ich hustete und sah unter den Tisch, da sagte die Mutter zu mir: »Vorsichtig beim Fischessen, du kannst dich, Gott behüte, an einer Gräte erwürgen,« und blickte den Fremden mit großem Respekt an. Sie schien von seinem Namen sehr entzückt zu sein, obgleich sie sich den langen Namen nicht zu erklären wußte. Der Vater setzte ihr alles auseinander: »Verstehst du: Ajak, Bacha – das ist der Anfang des Alphabets, wahrscheinlich ist es bei ihnen Sitte, daß die Leute sich nach dem Alphabet nennen.« »Alef, Beis! Alaf Beis,« unterbrach ihn der Fremde, seine blutroten Wangen zu einem Lächeln verzerrend, während seine schwarzen, leuchtenden Augen auf uns alle gerichtet waren und mit besonderem Behagen auf Rieke ruhten. Nachdem der Vater den Namen des Fremden kannte, war er neugierig zu erfahren, von wo er stammte und woher er kam. Ich verstand die Namen der Städte und Länder, die er nannte; der Vater erklärte der Mutter wieder jeden Namen, von dem die Mutter jedesmal entzückt war und Rieke in Bewunderung geriet. Es war in der Tat auch Grund, entzückt zu sein! Eine Kleinigkeit! Ein Fremder kam zehntausend Meilen aus einem Land dahergefahren, nach dem man über sieben Meere und Wüsten reisen mußte. Vierzig Tage und vierzig Nächte brauchte man, um die Wüste zu durchschreiten. Wenn man dem Ziel schon nahe war, mußte man einen hohen Berg besteigen, dessen schneebedeckte Spitze bis in die Wolken hineinragte und von lebensgefährlichem Sturmwind umbraust war. Wenn man aber den Berg überschritten hatte und das Land betrat, erblickte man das wahre Paradies der Erde. Allerlei Früchte: Äpfel, Birnen, Pomeranzen, Weintrauben, Datteln, Feigen, Nüsse – und Gewürze gab es dort in Hülle und Fülle! Die Häuser waren von Dattelholz gebaut und mit echtem Silber bedeckt. Das Hausgerät war von purem Gold – hierbei musterte der Fremde unsere silbernen Becher, und die silbernen Messer, Gabel und Löffel; – Diamanten, Perlen und Brillanten konnte man dort auf der Straße finden, man gab sich kaum die Mühe, sich zu bücken, um sie aufzuheben, weil sie dort keinen Wert haben ... hierbei betrachtete der Fremde die Brillantenohrringe und die weiße Perlenkette, die die Mutter trug. »Hörst du?« versetzte die Mutter und fragte: »Warum werden all die schönen Sachen nicht hierher gebracht? Es könnte hier doch gut verwertet werden. Frag ihn doch einmal, Jojne ...« Der Vater stellte die Frage an den Fremden und erhielt von ihm eine Antwort, die er der Mutter in unsere Sprache übersetzte: »Er sagt, verstehst du, wenn man hinkommt, kann man sich nehmen, so viel man will, alle Taschen voll, aber wenn man das Land verläßt, muß man alles wiedergeben. Falls etwas gefunden wird, was man nicht gutwillig abgegeben hat, so hat man die Todesstrafe auf sich geladen.« »Was heißt das?« fragte die Mutter erschrocken. »Das heißt, man wird an einen Baum gehängt oder gesteinigt.« * Je mehr man sich mit dem Fremden unterhielt, um so interessanter wurden seine Geschichten. Als wir bereits bei der Knödelspeise hielten und Wein dazu tranken, fragte ihn der Vater: »Wem gehört das alles? Gibt es bei euch einen König?« Hierauf erhielt er prompt eine Antwort, die er der Mutter mit großer Freude übersetzte: »Er sagt, alles gehört den dortigen Juden, die man ›Sefardim‹ nennt; sie haben einen König, ebenfalls einen Juden, der sehr fromm ist, eine Feiertagsmütze trägt und Josef Ben Josef heißt. Er ist Oberpriester bei den Sefardim und fährt in einer goldenen, mit sechs feurigen Pferden bespannten Karosse. Wenn er die Synagoge betritt, kommen ihm die Priester mit Gesang entgegen.« »Singt man bei Euch in der Synagoge?« fragte ihn der Vater erstaunt und erhielt sofort eine Antwort, die er der Mutter in unsere Sprache übersetzte. Sein Gesicht leuchtete dabei wie die Sonne. »Was sagst du dazu? Er erzählt, daß sie einen heiligen Tempel mit Hohenpriestern, Leviten und Orgel haben ...« »Nun, habt Ihr auch einen Altar?« fragte ihn der Vater und erhielt eine Antwort, die er der Mutter übersetzte. »Er sagt, sie haben einen Altar für Opfergaben und goldene Gefäße, – alles wie in früheren Zeiten bei uns in Jerusalem.« Bei diesen Worten seufzte der Vater tief, und als die Mutter das sah, seufzte auch sie, nur ich allein verstand nicht, warum man dabei seufzen mußte. Eigentlich sollte man doch froh darüber sein, daß es ein Land gibt, in dem ein jüdischer König regiert und in dem es einen Tempel mit Hohenpriestern, Orgel und Opferaltar gibt ... Leichte, frohe Gedanken umgaukelten mich und trugen mich hin in jenes glückliche, jüdische Land mit den Häusern von Dattelholz und mit silbernen Dächern, mit den echt goldenen Geräten, mit Perlen und Diamanten, die auf den Straßen herumlagen. Plötzlich leuchtete ein Gedanke in mir auf! Ich wußte, was ich tun würde, wenn ich dort wäre. Ich würde alles so gut verstecken, daß kein Mensch etwas finden würde. Ich würde der Mutter ein schönes Geschenk mitbringen, Brillantenohrringe und viele Perlenketten ... Hierbei betrachtete ich die Brillantohrringe der Mutter und die weißen Perlen, die ihren Hals zierten. Eine starke Lust ergriff mich, nach jenem Land zu kommen, und ich faßte den Gedanken, mit dem Fremden nach Ostern nach dort zu reisen, ganz im geheimen, daß niemand etwas davon wüßte. Ich wollte mein Geheimnis dem Fremden anvertrauen, mein Herz vor ihm ausschütten, ihm die ganze Wahrheit sagen und ihn bitten, mich wenigstens für kurze Zeit mitzunehmen; er wird meinen Wunsch sicher erfüllen, denn er ist ein guter, liebenswürdiger Mensch, der jeden und sogar Rieke, unsere Magd, liebevoll anschaute. Während ich diesen Gedanken nachhing, betrachtete ich unseren Gast, der mein Vorhaben zu erraten schien; denn er sah mich mit seinen schönen, schwarzen Augen an, als ob er mir zublinzelte und in seiner Sprache sagen wollte: »Schweig, mein kluger Junge! Laß erst Ostern vorüber sein, dann wird alles gut werden! ...« * Während der ganzen Zeit plagten mich Träume. Ich sah eine Wüste, einen heiligen Tempel mit Priestern und einen hohen Berg, den ich bestieg und auf dem Diamanten, Perlen und Brillanten wuchsen. Meine Kameraden kletterten auf die Bäume und schüttelten sie, so daß die Perlen und Diamanten in Unmenge herabfielen. Ich stand unten und las die Perlen, Diamanten und Brillanten auf und stopfte mir die Taschen mit ihnen voll ... Aber merkwürdig, – so viel ich auch stopfte, – es ging immer noch mehr hinein, und je mehr ich hineinstopfte, um so mehr ging hinein. Als ich die Hand in die Tasche steckte, zog ich von dort anstatt Perlen, Diamanten und Brillanten allerlei Früchte heraus: Äpfel, Birnen, Pomeranzen, Feigen, Datteln und Nüsse. Ich erschrak, drehte mich von einer Seite auf die andere und träumte weiter von dem Tempel, in dem ich die Priester singen und die Orgel spielen hörte. Ich wollte in den Tempel hineingehen, aber ich konnte nicht, weil Rieke mich zurückhielt und nicht hineinließ; ich bat sie, ich schrie und weinte und zitterte vor Angst ... Schließlich drehte ich mich im Schlaf um und erwachte ... Da erblickte ich den Vater und die Mutter halb angezogen vor mir, beide leichenblaß, den Vater mit herabgelassenem Kopf, die Mutter, die Hände ringend, mit Tränen in den Augen. Mein kindliches Herz fühlte, daß etwas geschehen war, und zwar nichts Gutes, durchaus nichts Gutes. Aber mein kindlicher Kopf vermochte nicht zu fassen, wie groß das Unglück war. Folgendes hatte sich ereignet: Unser Gast aus jenem fernen, glücklichen Land mit den Häusern aus Dattelholz und mit den silbernen Dächern und so weiter ... war verschwunden und mit ihm eine Menge Sachen; alle silbernen Becher, sämtliche silbernen Messer, Gabeln und Löffel, der gesamte Schmuck der Mutter und auch bares Geld, das bei uns im Kasten lag. Mit ihm war auch Rieke, unsere Magd, verschwunden ... Ich bedauerte nicht die silbernen Becher, noch die Messer, Gabeln und Löffel, die verschwunden waren, nicht den Schmuck der Mutter oder die Barschaft, auch nicht Rieke, unser Dienstmädchen, – hol' sie der Teufel! – Es tat mir nur leid um das glückliche Land mit den Perlen, Diamanten und Brillanten, die auf den Straßen herumlagen, und dem heiligen Tempel mit den Priestern, dem Opferaltar und der Orgel und um all die guten Sachen, die man mir geraubt hat. Geraubt! Geraubt! Ich wandte mich mit dem Gesicht zur Wand und weinte still und leise. Es ist eine Lüge. »Sie reisen wohl nach Kolomea?« »Woher wissen Sie das?« »Ich hörte, wie Sie mit dem Schaffner sprachen. Sind Sie ein Kolomeaer, oder reisen Sie nur nach Kolomea?« »Ich bin ein Kolomeaer ...Wieso?« »Ich frage nur so ... Ich möchte wissen, ob Kolomea eine hübsche Stadt ist?« »Was heißt eine hübsche Stadt? Es ist eine Stadt, wie alle anderen Städte in Galizien ... Ein hübsches Städtchen, ein sehr hübsches Städtchen ...« »Ich meine, ob es dort viele feine Leute gibt, ich meine reiche Leute ...« »Es gibt verschiedene, Reiche und Arme, wie gewöhnlich mehr Arme als Reiche!« »Genau so wie bei uns. Auf einem reichen Mann kommen unberufen tausend Arme ... Es gibt doch in Kolomea einen reichen Mann, einen gewissen Finkelstein.« »Ja, ein Finkelstein wohnt in Kolomea. Was ist mit ihm? Kennen Sie ihn?« »Ich kenne ihn nicht. Ich habe nur von ihm gehört. Heißt er nicht Reb Schaje?« »Ja! Er heißt Reb Schaje. Wieso?« »Ich frage mir so. Ist er wirklich so reich, wie man sagt, dieser Reb Schaje?« »Weiß ich? Ich habe sein Vermögen nicht gezählt. Wieso fragen Sie denn eigentlich? Wollen Sie es wegen eines Kredits wissen?« »Nein, nur so. Er soll eine Tochter haben.« »Drei Töchter hat er. Ist es vielleicht wegen einer Partie?« »Haben Sie vielleicht gehört, wieviel Mitgift er mitgibt?« »Es handelt sich nicht um die Mitgift, verstehen Sie, sondern um das Haus. Was führt er denn für ein Haus? Wie lebt er?« »Was soll er für ein Haus führen? Er lebt wie alle Leute. Er führt ein jüdisches Haus, ein feines, frommes, sehr feines Haus. Es heißt zwar, daß das Jüdische bei ihm in letzter Zeit ... aber das, ist eine Lüge ...« »Was ist eine Lüge?« »Alles, was man sagt, ist Lüge ... Sie müssen nämlich wissen, Kolomea ist eine Stadt voller Lügen.« »Dann ist es gerade interessant zu wissen, was für einen Ruf sein Haus genießt.« »Die Leute reden, es sei jetzt nicht mehr so wie früher. In früheren Zeiten gab es zu Ostern in seinem Hause ›Schmura‹-Mazze, streng rituell zubereitet, er selber reiste zweimal im Jahre zum Rabbi ... aber heute, heute ist es nicht mehr so ...« »Das ist alles?« »Was wollen Sie mehr? Soll er sich vielleicht den Bart und die Seitenlocken abschneiden lassen und öffentlich Schweinefleisch essen?« »Sie sagen, die Leute reden, da dachte ich, Gott weiß, was die Leute reden ... Die Hauptsache ist, ob der Mann ein Mensch ist, das heißt, ich meine, ob Reb Schaje Finkelstein ein feiner, ordentlicher Mann ist – das meine ich.« »Was heißt ein feiner Mensch? Er ist ein Mensch, wie alle Menschen. Ein feiner Mensch. Warum sollte ich es leugnen? Ein sehr feiner Mensch. Man sagt zwar bei uns, daß er etwas ... aber das ist eine Lüge.« »Was ist eine Lüge?« »Alles, was über ihn gesagt wird, ist Lüge. Kolomea ist eine Stadt, in der die Leute einander gern bereden. Ich möchte es nicht wiedersagen, das wäre Klatsch.« »Wenn Sie wissen, daß es gelogen ist, so ist es doch nicht mehr Klatsch!« »Man sagt ... er ist ... ein kleiner ... Drehkopf.« »Drehkopf? ... Jeder Jude ist ein Drehkopf ... Der Jude dreht eben. Sind Sie nicht auch ein Drehkopf?« »Ein Drehkopf und ein Drehkopf ist doch nicht dasselbe. Von ihm sagt man ... verstehen Sie mich ... aber das ist eine Lüge.« »Was sagt man denn eigentlich von ihm?« »Ich sage Ihnen doch, daß es eine Lüge ist.« »Ich möchte also die Lüge kennen, die man sagt.« »Man behauptet, er habe schon dreimal Pleite gemacht, ... aber das ist eine Lüge, mir ist nur von einem Mal etwas bekannt.« »Das ist alles? Haben Sie schon einmal einen Kaufmann gekannt, der nicht Pleite gemacht hat? Ein Kaufmann macht so lange Geschäfte, bis er in der Patsche sitzt; stirbt ein Kaufmann, ohne Pleite gegangen zu sein, so ist das ein Zeichen, daß er frühzeitig gestorben ist. Ist es nicht so?« »Alles heißt ›Pleite machen‹ ... Er soll aber einen sehr häßlichen Bankrott gemacht haben, er hat das Geld in seine Tasche schlüpfen lassen und der Welt die Zunge herausgestreckt. Verstehen Sie?« »Gar nicht dumm ... Sonst nichts?« »Was wollen Sie noch mehr? Soll er Menschen totschlagen, Verbrechen begehen? Man erzählt sich sogar von ihm keine schönen Sachen, aber das ... ist eine Lüge.« »Zum Beispiel, was denn?« »Eine Sache mit einem Gutsbesitzer, aber es ist nichts dahinter.« »Was für eine Sache ist denn das mit dem Gutsbesitzer?« »Irgendein Gutsbesitzer ... Wechsel ... weiß ich, was man sich in Kolomea alles ausdenken kann ... Es ist alles Lüge ... Ich bin überzeugt, daß es Lüge ist.« »Wenn Sie überzeugt sind, daß alles gelogen ist, so kann es ihm doch nicht schaden.« »Er soll mit einem Gutsbesitzer Geschäfte gemacht haben, bei dem er sehr angesehen war, sehr angesehen. Eines Tages starb der Gutsbesitzer; da setzte er einige Wechsel von ihm in Umlauf. Nun erhob sich in der Stadt eine allgemeine Empörung, wieso er zu den Wechseln gekommen wäre, denn man wußte, daß der Gutsbesitzer während seines ganzen Lebens kein Papier unterschrieben hatte ... Kolomea, müssen Sie wissen, ist eine Stadt, die aufpaßt.« »Nun?« »Nun. Da hatte er sein Päckel zu tragen.« »Das ist alles? Ein Päckel hat jeder Jude zu tragen. Haben Sie schon einmal einen Juden gesehen, der kein Päckel zu tragen hätte?« »Dieser hatte aber, wie man sich erzählte, drei Päckel auf seinen Schultern.« »Drei Päckel? Was soll er denn noch verbrochen haben?« »Er soll mit einer Mühle zu tun gehabt haben ... dort soll etwas vorgekommen sein ... Aber das ist ganz sicher eine Lüge.« »Die Mühle ist wohl abgebrannt, und da sagen die Leute, er hätte geholfen, das Feuer zu schüren? Die Mühle war alt, da hat er sie gut versichert, um eine neue bauen zu können?« »Wieso wissen Sie, daß die Geschichte sich so abgespielt hat?« »Ich weiß es nicht, ich denke mir nur, daß es so gewesen sein muß.« »So erzählt man es sich bei uns in Kolomea, aber ... das ist eine Lüge, ich kann es beschwören, daß es eine Lüge ist.« »Und wenn es wahr wäre, würde es mich auch nicht stören. Was hat er sich noch zuschulden kommen lassen, – sagen Sie?« »Ich sage? In der Stadt wird es erzählt. Das ist aber nur, um ihm etwas nachzusagen, eine Verleumdung ist es, reine Verleumdung!« »Eine Verleumdung? Falschmünzer etwa?« »Noch schlimmer.« »Was kann noch schlimmer sein?« »Es ist eine Schande zu erzählen, was die Leute sich in Kolomea alles ausdenken! Die Hohlköpfe, ... die Müßiggänger! Womöglich war es eine angezettelte Sache, um Geld herauszupressen! Sie wissen doch, ein kleines Städtchen – da hat der reiche Mann Feinde!« »Er hat wohl mit dem Dienstmädchen etwas vorgehabt?« »Wieso wissen Sie? Hat man es Ihnen schon erzählt?« »Erzählt hat man es mir nicht, aber ich kann es mir denken. Diese Verleumdung hat ihn wahrscheinlich ein schönes Stück Geld gekostet?« »Ich wünschte, wir beide – und ich bin Ihnen kein Feind – könnten jede Woche so viel verdienen, wie ihn diese Sache gekostet hat, obgleich er ein unschuldiges Lamm ist. Einem reichen Juden, dem es gut geht, gönnt man in einem kleinen Städtchen einfach nichts Gutes!« »Möglich! Hat er nette Kinder, gute Kinder? Drei Töchter, scheint mir, haben Sie gesagt?« »Jawohl. Zwei sind verheiratet, eine ledig. Nette Kinder, sehr gute Kinder!« »Von der ältesten wird zwar gesagt ... aber ... das ist eine Lüge ...« »Was wird denn von ihr gesagt?« »Ich sage Ihnen doch, es ist eine Lüge.« »Ich weiß, daß es eine Lüge ist. Ich will aber die Lüge kennen.« »Wenn Sie alle Lügen, die in Kolomea umgehen, anhören wollen, dann reichen drei Tage und drei Nächte nicht aus. Von der ältesten erzählt man sich, daß sie die vorschriftsmäßige Perücke abgelegt hat und ihr eigenes Haar trägt. Ich kann aber bezeugen, daß es eine Lüge ist, denn sie ist nicht so gebildet, daß sie eigenes Haar tragen sollte. Von der zweiten Tochter geht das Gerücht, daß sie noch als Mädchen ... Aber was Kolomea sich nicht alles ausdenken kann ... Das ist eine Lüge.« »Es lohnt sich wirklich anzuhören, was bei Euch in Kolomea alles ausgedacht wird!« »Ich sage Ihnen doch, daß Kolomea eine Stadt voller Lügen ist, eine Stadt voller Verleumder und langen Zungen. Sie wissen doch, wenn ein Mädchen in einer kleinen Stadt am Abend in dunklen Straßen allein spazieren geht, dann wird daraus eine große Sache gemacht: Was hat ein junges Mädchen in Kolomea am Abend allein mit dem Provisor spazierenzugehen? ...« »Das ist alles?« »Was wollen Sie noch mehr? Sollte sie am Versöhnungstag mit dem Provisor nach Tschernowitz durchgehen, wie man sich von der jüngeren erzählt? Solch einen Streich sollte sie machen?« »Was für einen Streich hat denn die jüngere gemacht?« »Es lohnt sich wirklich nicht, alle Albernheiten, die bei uns in Kolomea umgehen, wiederzuerzählen. Ich rede nicht gern alle Lügengeschichten nach.« »Sie haben schon so viele Lügen erzählt, erzählen Sie noch die eine.« »Ich erzähle nicht meine Lügen, mein Herr, sondern die Lügen anderer. Ich verstehe überhaupt nicht, wieso Sie mich nach jedem einzeln ausfragen, als wären Sie ein Staatsanwalt. Sie gehören, wie mir scheint, zu den Leuten, die von den anderen alles herausziehen, sie bis aufs Blut ausfragen und selbst Angst haben, auch nur ein Wort zu sagen ... Nehmen Sie mir nicht übel, daß ich Ihnen die Wahrheit sage, Sie sind wohl ein russischer Jude? Die russischen Juden haben eine sehr schlechte Gewohnheit: sie kriechen mit ihren schmutzigen Stiefeln dem anderen bis ins Herz hinein ... Die russischen Juden sind, wie mir scheint, Klatschmäuler ... Übrigens sind wir sehr bald in Kolomea ... Es ist Zeit, die Sachen zusammenzupacken ... Verzeihen Sie!« Ein Blatt aus dem Lied der Lieder. Busja – der verkleinerte Name von ›Esther‹ – Liba, ›Libusja-Busja‹ – ist ein Jahr oder zwei Jahre älter als ich. Wir sind beide zusammen noch nicht zwölf Jahre. Gebt euch, bitte, selbst die Mühe, zu berechnen, wie alt ich bin und wie viele Jahre Busja zählt. Doch ich denke, das ist nicht wichtig. Ich will euch lieber kurz ihre Biographie erzählen. Mein älterer Bruder Benja lebte auf dem Lande, wo er eine Mühle gepachtet hatte. Er schoß meisterhaft aus der Flinte, ritt geschickt zu Pferde und schwamm wie ein Fisch. Einmal im Sommer badete er im Fluß und ertrank. Das Sprichwort: ›Alle guten Schwimmer ertrinken‹ bewahrheitete sich an ihm. Als Erbschaft hinterließ er uns die Mühle, zwei Pferde, eine junge Witwe und ein Kind. Die Mühle verpachteten wir weiter, die Pferde verkauften wir, die Witwe verheiratete sich und reiste weit fort, aber das Kind brachte sie zu uns. Dieses Kind war Busja. * Weshalb meine Eltern Busja so sehr lieben und sie verwöhnen, ist leicht zu begreifen: Sie fanden in ihr einen Trost in ihrem großen Unglück. Aber ich? Warum bleibt mir, wenn ich aus der Schule komme und Busja nicht antreffe, das Essen im Halse stecken? Busja braucht nur zu erscheinen, und es wird hell in allen Winkeln und Ecken. Weshalb lasse ich die Augen nieder, wenn Busja mit mir spricht? Weshalb weine ich, wenn Busja mich auslacht? Und wenn Busja ... * Mit Ungeduld erwartete ich das liebe prächtige Osterfest. Dann würde ich frei sein. Ich würde mit Busja spielen, auf der Straße umherrennen, den Berg hinauf zum Flüßchen gehen. Dort würde ich ihr zeigen, wie man ›Enten‹ auf das Wasser läßt. Wenn ich ihr davon erzähle, glaubt sie mir nicht. Sie lacht. Sie sagt mir zwar nichts; sie lacht nur. Ich liebe nicht, wenn man mich auslacht. Busja glaubt nicht, daß ich auf den höchsten Berg klettern kann, wenn ich nur Lust habe. Busja glaubt nicht, daß ich reiten kann, wenn ich nur erst ein Pferd hätte. Busja glaubt nicht, daß ich schießen kann, – wenn ich nur womit zu schießen hätte. Aber nun kommt das Osterfest, das liebe Osterfest, da wir auf der Straße spielen und im Freien spazieren gehen können, ohne Aufsicht der Eltern, – da werde ich ihr solche Kunststücke zeigen, daß sie vor Staunen frohlocken wird. * Das liebe, gute Osterfest ist gekommen. Man putzte uns beide aus, zog uns ›königliche‹ Feiertagskleider an. Alles, was wir anhaben, glänzt, rauscht, knarrt. Ich sehe Busja an und gedenke des ›Liedes der Lieder‹, das ich erst kurz vor Ostern in der Schule gelernt habe. Ich rufe mir Zeile für Zeile ins Gedächtnis: »Oh meine Schöne, du meine Tiefgeliebte, schön bist du! Deine Augen sind wie Taubenaugen zwischen deinen Zöpfen. Dein Haar ist wie die Ziegenherden, die beschoren sind auf dem Berg Gilead. Deine Zähne sind wie die Schafherde mit beschnittener Wolle, die aus der Schwemme kommen. Deine Lippen sind wie eine rosinfarbne Schnur.« Sagt mir, weshalb gedenke ich des ›Liedes der Lieder‹? Weshalb sehe ich in Gedanken Busja, wenn ich das ›Lied der Lieder‹ lerne? * Ein seltener Tag vor dem Osterfest. Es ist hell und warm. »Wollen wir gehen? Ja?« fragte mich Busja. Ich bin ganz Feuer. Die Mutter gab uns eine Menge Nüsse mit. Wir stopften alle Taschen mit Nüssen voll. Die Mutter hat uns das Versprechen abgenommen, daß wir sie vor dem Abend nicht knacken werden. Mit Nüssen spielen, – das ist etwas anderes. Wir machten uns auf den Weg. Die Nüsse klapperten. Wie schön ist es auf der Straße, wie herrlich und lustig! Die Sonne am Himmel ist schon weit fort. Sie blickt jenseits der Stadt hinunter. Ringsumher weite, freie, helle Ferne. Auf dem Hügel, hinter der Synagoge, schießt stellenweise zartgrünes, frisches Gras empor. Pfeifend und zwitschernd zieht über unseren Köpfen ein langes Band kleiner Schwalben vorüber. Wieder gedenke ich des ›Liedes der Lieder‹: »Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube läßt sich hören in unserem Lande.« Es ist einem so leicht auf dem Herzen! Mir scheint, daß ich Flügel habe. Im nächsten Augenblick werde ich mich emporheben und davonfliegen. In der Stadt herrscht ein sonderbares Treiben. Es dröhnt und tönt und brodelt. Es ist der Tag vor Ostern. Seltene Tage vor dem Osterfest. Es ist hell und warm. Die ganze Welt gewinnt in meinen Augen ein anderes Aussehen. Unser Hof ist wie ein Schloß. Unser Haus – wie ein Palast. Ich bin der Prinz, Busja – die Prinzessin. Die Klötze, die vor dem Hause aufgehäuft liegen, sind die Zedern und Buchsbäume, von denen im ›Lied der Lieder‹ die Rede ist. Die Katze, die vor der Tür liegt und sich in der Sonne wärmt, ist eins der ›Feldrehe‹ aus dem ›Lied der Lieder‹. Der Berg hinter der Synagoge ist der Libanon. Die Frauen und Mädchen, die auf dem Hofe stehen, waschen, plätten und zum Osterfeste alles sauber machen, sind die Töchter Jerusalems. Alles, alles aus dem ›Lied der Lieder‹. Ich gehe, die Hände in den Taschen, und schüttele die Nüsse. Busja geht mit leisen Schritten neben mir. Es zieht mich empor. Ich möchte mich in die Höhe schwingen, fliegen, als Adler durch die Lüfte ziehen. Ich renne, Busja rennt mir nach. Ich springe über die aufgehäuften Klötze, von Klotz zu Klotz. Busja springt hinter mir her. Ich – hinauf, sie – hinauf; ich – hinunter, sie – hinunter. Wer wird eher müde? ... Ich hab's geraten! »Ist es nicht Zeit aufzuhören?« fragt mich Busja. Ich antworte ihr mit den Worten des ›Liedes der Lieder‹. »Ringsumher atmet der Tag Kühle, und der Schatten weicht.« Ha – ha – ha –! Du bist müde, und ich nicht! * Ich bin froh, ich bin glücklich, daß Busja nicht weiß, was ich weiß. Aber zugleich tut sie mir auch leid. Das Herz preßt sich mir vor Schmerz zusammen. Es scheint mir, daß die betrübt ist. Bei Busja ist es immer so: Sie ist munter und ausgelassen, aber plötzlich kriecht sie in einen Winkel und weint leise. Soviel meine Mutter sie auch tröstet, soviel mein Vater sie küssen mag, – es hilft nichts. Busja muß sich ausweinen. Wen beweint sie wohl? Den Vater, der so früh gestorben ist? Oder die Mutter, die sich verheiratet hat, fortgereist ist und sie vergaß? Ach, ihre Mutter, ihre Mutter! Wenn man in Busjas Gegenwart ihre Mutter erwähnt, wird sie wie verwandelt. Sie hat von ihrer Mutter eine schlechte Meinung. Busja sagt nichts Schlechtes über ihre Mutter, aber ich bin überzeugt, daß Busja sie nicht liebt. Ich kann nicht ertragen, daß Busja sich sehnt. Ich setze mich neben sie auf die Klötze und bemühe mich, ihre Traurigkeit zu verscheuchen. * Ich halte die Hände in den Taschen, schüttelte die Nüsse und sage zu ihr: »Rate, was ich tun kann, wenn ich will?« »Was kannst du tun?« »Wenn ich will, werden alle deine Nüsse zu mir kommen.« »Wirst du sie gewinnen?« »Nein, wir werden nicht einmal anfangen zu spielen.« »Wie denn, willst du sie mir mit Gewalt fortnehmen?« »Nein, sie werden von selbst zu mir kommen.« Sie erhebt ihre wunderschönen Augen zu mir, die schönen, blauen Augen aus dem ›Lied der Lieder‹. Ich sage zu ihr: »Du glaubst, ich scherze? Du Dummchen, ich kenne einen solchen Spruch ... Ich sage ein Wort ...« Sie macht noch größere Augen. Ich fühle mich plötzlich als ein großer Held und erkläre ihr mit Stolz: »Wir Knaben können alles machen. Ich habe einen Schulkameraden, – man nennt ihn den krummen Schajka, – der weiß alles. Es gibt keine Sache in der Welt, von der Schajka nicht wüßte. Er kennt sogar die Kabbala. Weißt du denn, was ›Kabbala‹ bedeutet? Nein, wieso soll sie es wissen? Ich freue mich sehr, daß ich ihr erklären kann, was ›Kabbala‹ bedeutet. »Die ›Kabbala‹, Dummchen, ist ein Ding, das nützlich sein kann. Mit Hilfe der Kabbala kann ich bewirken, daß ich dich sehe, und du mich nicht siehst. Mit Hilfe der Kabbala kann ich Gold aus einem Stein, Wein aus einer Mauer hervorbringen. Mit Hilfe der Kabbala kann ich veranlassen, daß wir beide in diesem Augenblick in die Höhe fliegen, bis in die Wolken, sogar noch höher als die Wolken! ...« * Mit Busja mittelst der Kabbala bis zu den Wolken emporzufliegen und über die Wolken hinaus, weit, weit über das Meer zu fliegen, – war einer meiner heißesten Wünsche! Dort, jenseits des Ozeans, beginnt das Land der Zwerge, deren Nachkommen die Helden aus der Zeit des Königs David sind. Diese Zwerge sind prächtige Menschen, sie nähren sich von Süßigkeiten und Mandelmilch, spielen den ganzen Tag auf der Laute und führen Reigentänze auf. Sie beleidigen niemanden und sind sehr gastfreundlich. Wenn unsereiner einmal dorthin kommt, geben sie ihm zu essen und zu trinken, schenken ihm die schönsten Kleider und eine Menge goldenen und silbernen Geschmeides. Zum Abschied stopfen sie ihm die Taschen mit einer Menge Brillanten und Diamanten voll. Dort wälzen sich die Brillanten auf den Straßen, wie bei uns der Schmutz. »Gibt es wirklich so viel?« fragte mich Busja, als ich ihr von den Zwergen erzählte. »Glaubst du es nicht?« »Und du glaubst es?« »Warum sollte ich es nicht glauben?« »Wo hast du davon gehört?« »Wie heißt – wo? In der Schule.« »Ach so, in der Schule? ...« Die Sonne sinkt immer tiefer und tiefer und umsäumt den Himmel mit einem rot-goldenen Band. Das Gold spiegelt sich in Busjas Augen, sie baden in Gold. * Ich möchte leidenschaftlich gern, daß Busja an Schajkas Methode und an den Kunststücken Gefallen fände, die ich mit Hilfe der Kabbala machen kann. Aber Busja lacht nur. Warum würde sie sonst alle ihre kleinen Perlenzähnchen zeigen? ... Ich fühle mich verletzt und frage sie: »Du glaubst mir vielleicht nicht?« Busja lacht. »Glaubst du, daß ich dir etwas vorrede? Daß ich mir etwas ausdenke?« Busja lacht noch lauter. Ich muß es ihr beibringen! Ich weiß schon, wie. Ich sage ihr: »Es ist schade, daß du nicht weißt, was eine Kabbala bedeutet. Wüßtest du, was das heißt, dann würdest du nicht lachen. Mit Hilfe der Kabbala kann ich, wenn ich will, deine Mutter hier heraufbeschwören. Ja! Wenn du sehr bittest, wird sie dir noch heute Nacht, auf einem Besen reitend, erscheinen.« Busja hörte sofort auf zu lachen. Eine leichte Wolke zog über ihr wunderhübsches, helles Gesichtchen. Mir war es, als wäre die Sonne plötzlich verschwunden. Ich fühlte, daß ich zu weit gegangen war. Ich hätte ihre wunde Stelle – die Mutter – nicht berühren sollen. Wie ich meine Tat bereue! Ich muß meine Schuld unbedingt wieder gutmachen, mich irgendwie entschuldigen. Ich rücke näher zu ihr heran. Sie dreht sich um. Ich will sie bei den Händen fassen. Ich will ihr mit den Worten des ›Liedes der Lieder‹ sagen: »Kehre wieder, kehre wieder, Sulamith! Wende dich nach mir um, Busja!« Plötzlich vernehme ich eine Stimme aus dem Haus: »Schimek! Schimek!« Schimek – bin ich. Die Mutter ruft mich. Es ist Zeit, mit dem Vater in die Synagoge zu gehen. * Kann es ein größeres Vergnügen geben, als am Abend vor Ostern mit dem Vater in die Synagoge zu gehen? Ich bin von Kopf bis zu Füßen nagelneu angezogen, ich kann mich vor meinen Kameraden zeigen. Und dann der Abendgottesdienst, die Feiertagsgebete am ersten Osterabend! Ach! Wieviel Freude hat der Herr Gott für die jüdischen Kinder geschafft! »Schimek! Schimek!« Die Mutter hat es eilig! Ich gehe, ich gehe sofort, ich komme schon. Ich muß Busja nur noch zwei Worte sagen. Nur zwei Worte ... Ich sage sie. Ich gestehe ihr, daß ich die Unwahrheit gesagt habe. Mit Hilfe der Kabbala einen anderen fliegen zu lassen – sei unmöglich. Selber zu fliegen – das ist etwas anderes, das kann ich, wenn ich will. Mögen die Feiertage erst vorbei sein, dann will ich es ihr zeigen. Ich werde mich, vor ihren Augen von dieser selben Stelle, an der wir sitzen, von den Klötzen in die Höhe schwingen. In einem Augenblick werde ich bis über die Wolken hinauffliegen. Von dort werde ich mich nach rechts wenden, dorthin – siehst du? ... Dort ist das Land zu Ende, dort beginnt das Eismeer. * Busja hört aufmerksam zu. Die Sonne geht unter. Die letzten Strahlen streicheln die Erde. »Was ist das? Das Eismeer?« fragt mich Busja. »Kennst du das Eismeer nicht? Das ist ein Meer, das mit Eis bedeckt ist. Das Wasser ist dort ganz dick und sehr gesalzen, wie Heringslauge. Schiffe können auf diesem Meer nicht schwimmen, Menschen, die dorthin geraten, kehren nie wieder.« Busja lauscht, die Augen weit aufgerissen. »Warum willst du denn dahin gehen?« »Gehen? Fliegen ... will ich! Ich fliege am Himmel entlang, wie ein Adler. In wenigen Augenblicken bin ich wieder auf dem Land. Dort ziehen sich in langer Reihe zwölf hohe, feuerspeiende Berge. Ich werde mich auf dem Gipfel des zwölften Berges niederlassen. Ich werde sieben Meilen zu Fuß gehen und zu einem dichten Wald kommen. Dann werde ich lange durch den Wald wandern. Aus einem Wald in den anderen. Endlich gelange ich zu einem Bach. Ich schwimme über den Bach hinüber und zähle siebenmal bis zu sieben. Hierauf erscheint ein Greis mit langem Bart und fragt mich: »Was wünschest du?« Ich werde ihm antworten: »Führe mich zur Prinzessin.« »Zu welcher Prinzessin?« fragt mich Busja. Mir scheint, sie ist erschrocken. »Zur Prinzessin, der schönen Prinzessin, die vom Altar entführt, verzaubert, hierher gebracht und in ein kristallenes Schloß eingeschlossen wurde. Sieben Jahre sind es her, seitdem sie dort sitzt ...« »Was geht sie dich an?« »Was sie mich angeht? Ich muß sie befreien.« »Du mußt sie befreien?« »Wer denn sonst?« »Du sollst nicht so weit fliegen; höre auf mich, du sollst nicht ...« * Busja faßt mich bei der Hand. Ich fühle die Kälte ihres kleinen Händchens. Ich schaue ihr in die Augen. Ich sehe, wie sich in ihnen die goldene Sonne spiegelt, die von dem Tage, von dem ersten hellen Tag vor Osteranfang Abschied nimmt. Ganz langsam stirbt dieser Tag. Wie eine Kerze erlischt die Sonne. Der Lärm, der während des Tages geherrscht hat, läßt nach. Auf der Straße sieht man fast keine Menschen mehr. In den Fenstern der Stuben flammen die Lichter der Feiertagskerzen auf. Eine seltsame, heilige Stille umgibt uns, mich und Busja, ringsumher. Wir fühlen uns mit dieser Festtagsstille eng verschmolzen. »Schimek! Schimek!« * Bereits zum dritten Male ruft mich die Mutter. Es ist Zeit, mit dem Vater in die Synagoge zu gehen. Weiß ich denn nicht selber, daß man in die Synagoge gehen muß? Ich bleibe noch einen Augenblick. Noch eine Minute, nicht länger. Busja hörte, daß ich gerufen werde, und zog ihre Hand fort. Sie gemahnt mich zur Eile: »Schimek, du wirst ja gerufen! Geh! Es ist Zeit, geh, geh!« Ich schicke mich an, zu gehen. Der Tag ist fortgeweht, die Sonne ist erloschen. Das Gold hat sich in Blut verwandelt. Ein leichter Wind weht, zart und kühl. Busja treibt mich an. Ich werfe ihr einen letzten Blick zu. Es ist eine ganz andere Busja wie vorher. Wie prächtig sie an diesem verzauberten Abend ausschaut. ›Eine verzauberte Prinzessin!‹ geht es mir durch den Kopf. Aber Busja läßt mich nicht lange nachdenken. Sie treibt mich, sie gemahnt mich zur Eile. Ich gehe und schaue mich nach meiner verzauberten Prinzessin um. Sie ist vollständig mit dem heiligen, zaubervollen Abend vor Osteranfang verschmolzen. Auch ich bleibe wie verzaubert stehen. Sie winkt mir mit der Hand: Geh! Geh! Es scheint mir, daß ich ihre Stimme höre. Sie spricht zu mir, mit den Worten aus dem ›Lied der Lieder‹. »Laufe, o du mein Geliebter, gleich einem Reh oder jungen Hirsch auf den Scheidebergen!« Noch ein paar Blätter aus dem Lied der Lieder. »Schneller, Busja, schneller!« sage ich zu Busja am Abend vor ›Schewuos‹ – dem Pfingstfest, fasse sie bei der Hand, und wir rennen schnell hinunter. »Der Tag steht nicht still, Dummchen!« Wir müssen einen Berg überschreiten, nach dem Berg noch ein Flüßchen. Über den Fluß führt eine kleine Brücke. Das Flüßchen fließt, die Frösche quaken, die Balken schwanken unter den Füßen. Aber dort, jenseits der Brücke, beginnt das wahre Paradies. »Busja, dort beginnen meine Besitzungen.« »Deine Besitzungen?« »Ja, meine saftigen Wiesen. Eine riesige Wiese zieht sich endlos dahin, ohne Grenzen, mit einem grünen Teppich bedeckt, mit gelben Fleckchen bespritzt, mit roten Blümlein überschüttet! Und einen Duft wirst du dort vernehmen, – den schönsten Balsam in der Welt. Auch einen Wald habe ich, mit zahllosen, furchtbar hohen, astreichen Bäumen. Dort gehört mir ein kleiner Berg, auf dem ich mich aufhalte. Wenn ich will, sitze ich, – wenn ich will, sage ich einen ›heiligen Namen‹ und fliege wie ein Adler bis über die Wolken hinaus, über Felder und Wälder, über Meere und Wüsten, über die ›Schwarzen Berge‹ ... Von dort lasse ich mich hinunter. »Dann gehst du sieben Meilen,« unterbricht mich Busja, »und kommst zu einem Bach? ...« »Nein, zu einem dichten Wald ... Ich muß lange durch den Wald gehen, bis ich das reizende Bächlein erblicke.« »Dann schwimmst du über das Bächlein und zählst siebenmal zu sieben ...« »Und vor mir erscheint ein alter Greis mit langem Bart ...« »Er fragt dich: ›Was wünschest du?‹« »Und ich sage ihm: ›Führe mich zur Prinzessin.‹« Busja zieht die Hand aus der meinen und rennt den Berg hinauf. Ich renne ihr nach. »Busja, warum rennst du so?« Busja antwortet nicht, Busja ist böse. Sie liebt die Prinzessin nicht. Alle Märchen liebt sie, nur nicht das von der Prinzessin ... * Ha, ha, ha! Alle glauben, daß ich und Busja Bruder und Schwester sind. Meinen Vater nennt sie Papa, meine Mutter – Mama. Wir leben miteinander wie Bruder und Schwester und lieben einander wie Bruder und Schwester. Wie Bruder und Schwester? – Warum schämt sich denn Busja vor mir? Einmal blieben wir ganz allein zu Hause. Es war zur Dämmerzeit, es war schon ganz dunkel. Der Vater war in die Synagoge gegangen, das Totengebet für den verstorbenen Bruder Benja zu sagen, die Mutter war fortgegangen, Streichhölzer zu holen. Ich verkroch mich mit Busja in einen Winkel. Ich erzählte ihr Märchen, schöne Märchen aus Tausend und einer Nacht. Sie rückte ganz nahe zu mir heran; ihre Hand ruhte in meiner Hand. »Erzähle, Schimek, erzähle.« Die Nacht sank leise herab. Über die Wand glitten langsam Schatten, sie zitterten, krochen über den Fußboden und zerrannen dort. Wir sahen einander kaum. Aber ich fühlte, daß ihr Händchen zitterte; ich hörte, wie ihr Herzchen klopfte; ich sah, wie ihre Äuglein im Dunkeln glänzten. Plötzlich riß sie ihre Hand aus der meinen. »Was ist denn, Busja?« »Das ist nicht erlaubt.« »Was ist nicht erlaubt?« »Deine Hand zu halten.« »Warum nicht? Wer hat es dir gesagt?« »Ich weiß es selbst.« »Sind wir uns denn fremd? Bist du denn nicht meine Schwester?« »Ach, wären wir Bruder und Schwester ...« sagte Busja leise. In ihren Worten hörte ich das Echo des ›Liedes der Lieder‹: »Oh, wärest du mein Bruder!« * Jetzt rennen wir den Berg hinauf. Busja voran, ich hinter ihr her. Busja ist noch immer ärgerlich. Aber Busjas Ärger dauert nicht lange. Schon ruhen wieder ihre großen, hellen, nachdenklichen Augen. Sie wirft ihr Haar nach hinten und sagt zu mir: »Schimek, ach Schimek! Schau nur! Schau doch nur den Himmel an! Du siehst gar nichts!« »Ich sehe, Dummchen, sehe ich denn nicht? Ich sehe den Himmel, ich fühle den warmen Windhauch, ich höre, wie die Vöglein zwitschern und singen und über unseren Häuptern dahinziehen. Das ist unser Himmel, unser Wind, unsere Wolken – alles unser, unser, unser! – Gib mir deine Hand, Busja!« Nein. Sie gibt sie mir nicht. Sie schämt sich. Warum schämt sie sich vor mir? Warum ist sie rot geworden? »Dort,« sagt Busja und rennt davon, »dort, jenseits des Flüßchens! ...« Und es scheint mir, als spreche sie mit den Worten der Sulamith aus dem Hohen Lied: ›Komm, mein Freund, laß uns auf das Feld hinausgehen und auf den Dörfern bleiben; daß wir früh aufstehen zu den Weinbergen, daß wir sehen, ob der Weinstock blühe und Augen gewonnen habe, ob die Granatäpfelbäume ausgeschlagen sind?‹ Wir sind an der Brücke angelangt. * Das Flüßchen strömt, die Frösche quaken, das Schilf schwankt, zittert. Auch Busja zittert. »Ach, Busja, wie bist du ... wovor fürchtest du dich? Klammere dich fest an mich, oder komm, wir wollen uns umarmen. So.« Die Brücke ist zu Ende. Wir halten uns umarmt und wandeln ganz allein in diesem Paradies. Busja hält mich fest, sehr fest. Sie schweigt, aber es scheint mir, als hörte ich die Worte aus dem ›Lied der Lieder‹: »Mein Freund ist mein, und er hält sich auch zu mir.« Die Wiese zieht sich endlos, grenzenlos hin. Und wir wandeln, einander umarmend, allein durch dieses Paradies. »Schimek,« sagt Busja zu mir, sieht mir in die Augen und rückt noch näher zu mir heran, »wann fangen wir an, Gras zu pflücken?« »Der Tag ist noch lang, Dummchen!« sage ich zu ihr. Ich weiß nicht, was ich zuerst anschauen soll: die blaue Himmelskappe oder den grünen Teppich der weiten Wiese oder den Horizont, wo die Erde sich mit dem Himmel vereint ... Oder soll ich in Busjas helles Gesichtchen blicken, in ihre wunderschönen, großen Augen, die so tief sind wie der Himmel und so nachdenklich wie die Nacht? Ihre Augen sind immer nachdenklich. Tiefe Traurigkeit ist in ihnen verborgen. Bange Schwermut lagert in ihnen. Ich kenne ihre Traurigkeit. Sie hat einen großen Schmerz in ihrer Brust, sie grollt ihrer Mutter, warum sie einen fremden Vater geheiratet hat und für immer, wie eine Fremde, von ihr fortgereist ist. Im Hause darf der Name ihrer Mutter nicht erwähnt werden, als wäre sie gar nicht ihre Mutter. Meine Mutter ist ihre Mutter, mein Vater – ihr Vater. Sie lieben sie, zittern um sie, lesen ihr alle Wünsche von den Augen ab. Nichts ist ihnen zu teuer für Busja. Busja sagte, daß sie mit mir gehen möchte, Grünes zu Pfingsten zu pflücken; – ich habe sie auf diesen Gedanken gebracht. Der Vater blickte über seine Brillengläser hinweg, glättete die langen Fäden seines Silberbartes und fragte die Mutter: »Wie denkst du darüber?« Es entspinnt sich zwischen den Eltern ein Gespräch über unseren Spaziergang zur Stadt hinaus, um Grünes zu holen. Der Vater: Was sagst du dazu? Die Mutter: Was sagst du dazu? Der Vater: Soll man sie spazierengehen lassen? Die Mutter: Warum soll man sie nicht gehen lassen? Der Vater: Sage ich denn, daß nicht? Die Mutter: Was meinst du denn? Der Vater: Ich frage nur, ob es lohnt, sie gehen zu lassen? Die Mutter: Warum sollen sie nicht gehen? Und so weiter. Ich weiß, worum es sich handelt: zwanzigmal warnt mich der Vater, dann die Mutter, daß dort eine Brücke ist und unter der Brücke – Wasser, das Flüßchen, das flinke, lustige Flüßchen ... * Ich und Busja haben längst die Brücke, das Wasser und das Flüßchen vergessen. Wir wandeln über die weite, freie Wiese, unter dem weiten, freien Himmel. Wir laufen über die grüne Wiese, fallen, wälzen uns im duftenden Gras. Wir stehen auf, rennen wieder, fallen und wälzen uns. Noch denken wir nicht daran, Grünes zu pflücken. Ich führe Busja, zeige ihr meine Besitzungen, rühme mich vor ihr mit meinen Reichtümern. »Siehst du dort jene Bäume? Siehst du jenen Sand? Siehst du jenen Hügel?« »Und all dies ist dein?« sagt Busja zu mir, und ihre Augen lachen. Mir ist es peinlich, daß sie lacht. Ich schmolle und wende mich ab. Busja errät, daß ich ärgerlich bin. Sie kommt von vorn heran, schaut mir in die Augen, faßt mich bei der Hand und sagt zu mir: »Schimek!« Der Zorn verschwindet, – alles ist vergessen. Ich fasse sie bei der Hand und führe sie zu meinem Hügel, dorthin, wo ich stets, jedes Jahr zu sitzen pflege. Wenn ich will, sitze ich still, wenn ich will, spreche ich den ›Heiligen Namen‹ und fliege als Adler bis zu den Wolken, über Felder und Wälder, über Meere und Wüsten ... * Dort auf dem Hügel sitzen wir, ich mit Busja, und erzählen Märchen: ich erzähle, sie hört zu. Ich erzähle ihr davon, was einst aus uns werden wird. Mit der Zeit, wenn ich groß bin und sie groß ist, und ich sie nehme ... Wir werden das ›Heilige Wort‹ sagen und uns sofort bis zu den Wolken aufschwingen und die ganze Welt umfliegen. Vor allem werden wir alle diejenigen Länder besuchen, wo Alexander von Mazedonien einst gelebt hat. Dann begeben wir uns nach dem Heiligen Land, dort werden wir alle balsamischen Berge, alle Weinberge aufsuchen, die Taschen mit Weintrauben, Feigen, Granaten füllen und weiterfliegen. Überall werden wir uns etwas anderes ausdenken, damit uns niemand sehe ... »Wird uns niemand sehen?« fragt Busja und faßt mich bei der Hand. »Niemand! Niemand! Wir werden alle sehen, aber uns wird niemand sehen!« »Dann habe ich eine Bitte zu dir, Schimek?« »Eine Bitte?« »Eine kleine Bitte ...« Ich weiß, was es für eine Bitte ist: sie will, daß wir dahinfliegen, wo ihre Mutter lebt, und ihrem Stiefvater gründlich die Wahrheit sagen ... »Warum denn nicht?« sage ich ihr ... »Mit dem größten Vergnügen, du kannst dich auf mich verlassen. Ich werde ihnen die Wahrheit sagen, daß sie daran denken werden ...« »Nicht ihnen, sondern ihm allein!« bittet mich Busja. Aber so leicht lasse ich mich nicht erbitten. Wenn man mich böse macht, dann – Vorsicht! Ich kann's der Mutter nicht verzeihen! Was eine Frau sich alles erlauben kann! Einen fremden Vater heiraten und das Kind verlassen, nicht einmal einen Brief schreiben! Ist so etwas erlaubt? Wo hat man eine solche Schande gehört?! ... * Ich hätte mich nicht so aufregen sollen. Ich bereue es jetzt, aber es ist vorbei. Busja hat das Gesicht mit beiden Händen verdeckt. Sie weint! Ich könnte mich in Stücke zerreißen: Warum habe ich an ihrer Wunde gerührt? Warum habe ich ihre Mutter erwähnt? Ich belege mich mit den gröbsten Schimpfworten: »Dummkopf, Ochse, Esel, Schafskopf, Bohnenstroh!« Ich rücke zu ihr heran, erfasse ihre Hand. »Busja! Busja!« Ich möchte ihr mit den Worten aus dem ›Lied der Lieder‹ sagen: ›Zeig mir dein Angesicht, laß mich deine Stimme hören ...‹ Plötzlich ... Woher sind plötzlich mein Vater und meine Mutter erschienen? * Die silberne Brille meines Vaters glitzert in der Ferne. Die langen Fäden seines Silberbartes wehen im Wind. Die Mutter wedelt uns von weitem mit dem Tuch zu. Wir beide, ich und Busja, sitzen wie erstarrt. Wozu sind sie hierher gekommen? Sie kamen, nach uns zu schauen. Ob uns nicht etwas zugestoßen sei? Wer weiß, welch ein Unglück passieren konnte! – Die Brücke, das Wasser, das Flüßchen, das Flüßchen, das Flüßchen ... Seltsame Eltern habe ich. »Wo ist euer Grünes?« »Was für Grünes?« »Das Grüne, das ihr verspracht, zum Feiertag zu pflücken? ...« Wir beide, ich und Busja, sehen einander an. Ich verstehe ihren Blick. Mir erscheint, als sage sie mit den Worten aus dem ›Lied der Lieder‹: ›Oh, wärest du mein Bruder! ... Warum bist du nicht mein Bruder!‹ ... »Nun, wir werden schon irgendwie Grünes für die Feiertage herbeischaffen!« sagt der Vater lächelnd, und die silbernen Fäden seines Bartes glänzen in den hellen Strahlen der goldenen Sonne. »Gott sei Dank, daß die Kinder gesund sind, daß ihnen gottlob nichts zugestoßen ist!« »Gott sei Dank!« antwortet die Mutter und wischt mit dem Taschentuch ihr rotes, schweißbedecktes Gesicht. Und beide sind zufrieden. Ein Lächeln umspiegelt ihre Gesichter. Wunderbare Eltern habe ich. So pflückten wir Grünes für die Pfingstfeiertage.   Ende .