Moritz Heimann Die Tobias-Vase Novelle 1 An einem Frühjahrsabend stand der Pfarrer eines kleinen märkischen Dorfes am Zaun seines Hofes und sah einem Bretterwagen nach, der eben vom Sand auf die gepflasterte Straße klomm und sich auf dieser klappernd entfernte. Der Pfarrer stand noch, als das Fuhrwerk verschwunden war, dann wandte er sich nach dem Hofe. Er begegnete seiner Frau, und in der Art von Leuten, die einen Ärger nicht anders als in der Form des Vorwurfs zu äußern wissen, sagte er zu ihr: »Ich bin sicher, daß sich Seiffert wieder betrinken wird – heute wie jeden Sonnabend; wir hätten ihm einen so kostbaren Transport nicht anvertrauen dürfen. Warum bin ich nur nicht bei meinem ersten Gedanken geblieben, ein eigenes Fuhrwerk zu nehmen, das die Vase abholt!« Die Frau, die weder des Kutschers Nüchternheit verfechten, noch sich dem Gedanken, ein eigenes Fuhrwerk anzunehmen, im geringsten widersetzt hatte, schwieg bei den wenig freundlichen Worten; aber ihre grauen Augen nahmen einen Ausdruck von Hilflosigkeit an, sie kehrte sich ab und ging ins Haus. Der Pfarrer sah ihr beschämt nach. Er wußte wohl, daß ein Wort genügt hätte, das liebevolle Gleichgewicht zwischen ihnen herzustellen; aber er wußte auch, daß das Wort schon im Herzen sich gleich wieder unfreundlich verwandeln würde, sobald er es auf die Lippen würde zwingen wollen. Zu gern versteckte er sich; er wußte es und konnte doch nur schwer dagegen kämpfen. In Unbehagen schritt er den Hof auf und ab. Drüben verließ eben der Schullehrer sein Haus, grüßte und trat zur Kirche ein; und nach wenigen Minuten schollen die Feierabendklänge in breiten, schweren Wellen aus den Schallöchern des Glockenstuhls heraus. Die Augen des Pfarrers senkten sich, und nach seiner Gewohnheit nahm er eine andächtige Haltung an, bis das Läuten von den dreimal drei Schlägen an die große Glocke geendigt wurde.   Es dauerte kaum so lange, wie das Ohr des Pfarrers den schon verklungenen Ton noch zu empfinden glaubte, als sich dem Hause ein etwa vierzehnjähriger Knabe näherte. Er ging in eigentümlicher Weise wackelig und stützte sich fest auf einen derben Krückstock. Als er auf den Hof getreten war, klinkte er erst mit der Hand, die den Stock hielt, die Tür sorgfältig ein, dann fuhr er herum und sagte: »Feierabend, Herr Pastor!« und hielt ihm die linke, von Hobelspänen kraus umquollene Faust hin. Er roch erst einmal noch selber an den Spänen, dann drückte er sie dem Pfarrer in die Tasche: »Das habe ich Ihnen mitgebracht.« Der Pfarrer ließ es sich gefallen, bedankte sich, meinte aber spöttisch: »Du hast es schön eilig, Tischlermeister; hast wohl nur gerade darauf gewartet, daß es Abend läutet!« Der Bursche ließ seinen starken Körper auf den zu schwachen Beinen hin und her schwanken, und indem sich sein volles, rosiges Gesicht in einem Lachen breit zog, erzählte er: »Ich habe schon über eine Stunde kein Handwerkszeug mehr angerührt. Der Meister hat mir den Hobel weggenommen. Und weil er wütend war, habe ich mich auf die Hobelbank gesetzt und ihm zugesehen. Meister Haube schimpft immer wie nicht klug, wenn ich ihm die Bretter verderbe. Dabei bezahl' ich sie ja.« Der Pfarrer machte ein ernstlich tadelndes Gesicht und sagte: »Wenn du etwas nicht recht machst, so wird es dadurch nicht gut, daß du den Schaden bezahlst. So klug solltest du, bald ein großer Mensch, wohl schon von selber sein. Was gäbe das wohl für eine Ordnung, wenn man all den Unfug anrichtete, den man nachher bezahlen kann. Fensterscheiben sind auch nicht teuer, aber der würde dich wohl schön ansehen, dem du sie einwürfest.« Kaum hatte er das gesagt, so riß der Junge blitzschnell eine Schleuder aus der Tasche, ließ den Stock fallen, und ehe der Pfarrer hatte zugreifen können, war ein Steinchen nach dem Giebelfenster unter dem Dach gezielt und geworfen. Das Geschoß flog zu hoch, fiel klappernd auf die Ziegel und kollerte den moosigen Abhang des Daches herab. Der Junge sah dem Pfarrer erwartungsvoll in die Augen; und dieser, der schon den Arm des Missetäters am Gelenk ergriffen hatte, nahm mit demselben spöttischen Lächeln, mit dem er dem Knaben schon einmal begegnet war, die Schleuder aus der noch aufgesetzten Faust und sagte: »Nun also, du kannst ja nicht treffen. Du bist immer zu stolz, Gaston; du zielst immer zu hoch. Jetzt nimm mal deinen Stock auf.« Der Knabe tat es, und der Pfarrer fuhr fort: »Nun wüßt' ich doch gern, woher du die Schleuder hast. Du hast sie gekauft? Von wem?« Der Knabe zog beleidigt eine Grimasse. »Gekauft? Das wär' wohl ein Kunststück! Gemacht hab' ich sie mir, ganz allein. Die Holzgabel habe ich von einem Kirschbaum in der Allee geschnitten; – sehen Sie: dann wird ein Endchen Strippe an jedes Horn gebunden, und an jede Strippe ein Endchen Gummischlauch, und dann wird wieder mit zwei Bindfaden das lederne Tellerchen angebunden, das den Stein aufnimmt. Und wissen Sie auch, Herr Pastor, wo ich das Leder her habe? Sehen Sie: doppelt ist es genommen. Das habe ich von Ihrem großen Lederlappen abgeschnitten, mit dem Sie sich das Rasierzeug putzen, – Sie haben es nicht einmal gemerkt.« Das mußte der Pfarrer zugeben, und er tat es mit anerkennender Miene. Dann aber sagte er, indem er unauffällig die Hand mit der Schleuder hinterm Rücken versteckte: »Du könntest mir wohl jetzt einen Gefallen tun, Gaston. Geh doch einmal zum Meister Haube zurück, und bitte ihn, mir Handwerkszeug zu leihen, womit ich eine hölzerne Kiste öffnen kann.« »Handwerkszeug?« fragte Gaston, »dazu braucht man nicht groß Handwerkszeug. Hammer und Stemmeisen genügen.« »Schön«, sagte der Pfarrer, »so bring mir Hammer und Stemmeisen.« Gaston ging, und der Pfarrer steckte die Schleuder in seine Tasche zu den Hobelspänen. Der Knabe war der Sohn jüdischer Eltern, die bei dem Brande eines Theaters umgekommen waren. Er war von einer geistigen und körperlichen Verfassung, daß es sich nicht empfohlen hatte, ihn in eine öffentliche Schule zu tun. Da er reich war, konnte eine vorteilhafte Gelegenheit, ihn aufs Land zu geben, abgewartet werden; und diese fand sich, als der Pfarrer, selbst kinderlos und mit der Neigung zum Erziehen begabt, durch Freunde mit dem Vormund des Knaben bekannt gemacht wurde. Nach kurzen Verhandlungen war der Junge als Pflegling ins Pfarrhaus gekommen. Er wurde vom Pfarrer und vom Lehrer privatim unterrichtet, und mit leidlichem Erfolg. Nur weil allmählich zu fürchten stand, daß in der zunehmenden Fettheit und Trägkeit seines Körpers sein Geist ganz ermatten könnte, ließ der Pfarrer den Jungen bei Handwerkern arbeiten, die alle ihn willkommen hießen, der vieles verdarb, aber den Schaden reichlich ersetzte. Lange hielt er es nirgends aus; seiner Neigung, es sich auf dem Schusterschemel bequem zu machen, widersetzte sich der Pfarrer und brachte ihn endlich beim Tischlermeister einigermaßen zur Ruhe. Während Gaston zu der Werkstatt zurückging, durchmaß der Pfarrer wieder den Hof mit hastenden, ungleichen Schritten. Es war schon dunkel geworden, und die kalte, gelbliche Ferne, die eben noch ausgesehen hatte, als würde sie ohne Sang und Zauber sich unmittelbar in die Nacht verlieren, wurde entzündet. Hin und her gehend sah der Pfarrer abwechselnd die immer wildere Glut des Abends von den spärlich belaubten Kronen der Bäume im Garten schwarz gegittert, und, sich umwendend, den toten Himmel im Osten, leise verklärt von dem rötlichen Schein, der sich anschickte, an der Himmelswölbung emporzuschweben, der Sonne nach. Die Luft war kühl, und der Pfarrer rieb sich beim Gehen die mager und starr gewordenen Finger. Er hoffte und wartete darauf, daß seine Frau aus dem Hausflur treten und ihn zum Essen rufen würde. Aber mochte sie Gaston haben fortgehen sehn, oder hatte sie sich verspätet, – sie kam nicht, und der Pfarrer gab sich an bedrückende abendliche Empfindungen hin, die ihn oft heimsuchten, und immer dann, wenn dem Untätigen ein Tag zu schnell oder zu langsam, eigenwillig, vor den ins Leere zugreifenden Händen vorbeiglitt. Fast mit Erstaunen sah er Gaston zurückkehren; und erst als er hinter dem Knaben den Tischlermeister Haube selbst daherschlurren sah, fand er sich zurück und ging vor das Tor. Der Meister kam heran und grüßte mit Würde, indem er seine saubere Hand, an der die Nägel rötlich glänzten, gegen die Mütze hob. Mit der Linken reichte er dem Pfarrer Hammer und Stemmeisen hin. Der Pfarrer bedankte sich; und da der alte Mann so ein Wesen hatte, vor dem einem leicht das Gefühl kam, daß man sich wegen irgend etwas entschuldigen müsse, erzählte er ihm, was es mit der Kiste, die er erwartete, für eine Bewandtnis habe. Sein Freund Thornow aus Neuenrode – den ja der Meister kenne und erst in der letzten Woche bei sich in der Werkstatt gesehen habe – habe ihm nämlich das Freundschaftsstück erwiesen, ihm eine Vase zu arbeiten, mit schönen bunten Farben und Figuren. Heute abend komme das Prachtwerk an; Seiffert, der mit der Milch zum Bahnhof sei, bringe es mit, und hoffentlich bringe er es heil und ganz mit. »Ich will gegen Ihren Freund gar nichts sagen, Herr Pastor«, meinte der zweifelsüchtige Meister, »er mag ja wohl in seiner Art ein tüchtiger Mann sein und seine Sache verstehen, so mit Töpfen und Schüsseln und ähnlichem Kram. Aber was er mir vergangenen Dienstag von der Tischlerei erzählt hat, das war nichts, Herr Pastor.« Der Pfarrer ließ sich zum Eifer hinreißen, obgleich er den alten Besserwisser kannte: »Meister Haube«, sagte er, »graue Haare und Erfahrung in Ehren. Sie haben aber einen Sohn, bedenken Sie das, und die Zeit bleibt nicht stehn. Ich glaube, daß Sie noch manchen Vorteil haben könnten, wenn Sie auf Thornow hörten, der kann mehr als Brot essen. Sie wissen doch, es hat dem Schmied in Neuenrode nichts geschadet, daß er ihn in sein Feuer hat blasen lassen.« »Wie war es denn mit dem Schmied?« fragte Haube feindselig. »Er sollte Türbeschläge machen, für die Remisen auf dem Jagdschloß. Da hat ihn der Thornow überredet und hat ihm eine Zeichnung gemacht, ganz was Einfaches, was der Schmied mit Hammer und Zange fertig bringen konnte, aber es war so was dran. Der Jagdherr hat ein Auge dafür gehabt, und heute macht der Schmied in Neuenrode, ich weiß nicht, wohl über fünfzig Meter Zaun.« »Herr Pastor«, sagte der Tischlermeister unwillig, »dawider habe ich gar nichts zu sagen. Ihr Freund, der mag Ihnen ja wohl einen Topf machen – Junge, was lachst du?« Gaston, der eifrig zugehört hatte, schüttelte sich vor Lachen. »Ih, scher dich weg«, sagte der Meister, »– der mag Ihnen ja wohl einen Topf machen, Herr Pastor. Den stellen Sie sich in die gute Stube, kochen wird Ihre Frau nicht drin, und der Jagdherr in Neuenrode hat ja auch nichts anderes zu tun –! Aber ich laß mir nicht dreinreden, Herr Pastor. Hören Sie, Herr Pastor, ich habe als Geselle in einer Furnierschneidemühle gearbeitet, und ich habe Furniere geschnitten, so dünn wie ein Zeitungsblatt. Ihr Freund kann mir nichts sagen. Guten Abend, Herr Pastor.« Damit grüßte er und scharrte auf seinen Lederpantoffeln, immer den Kopf in die Höhe zuckend, davon. Gaston, der sich nicht hatte verscheuchen lassen, meinte: »Übermorgen werd ich mal zusehen, ob ich das Brett, das er mir gibt, auch so dünn hobeln kann wie ein Zeitungsblatt.« »Komm nur jetzt hinein«, sagte der Pfarrer. Er empfand die Nutzlosigkeit, ja Sinnlosigkeit solcher Gespräche. In seinem empfindlichen Gewissen entschuldigte er die Stumpfheit der Antworten, denn die Fragen waren auch nur so obenhin ausgegangen, ohne wahren Ernst und damit die Zeit zerstreut würde. Noch einmal blieb er auf dem Hofe stehn, und sah nach Abend, von wo es düsterer durch das Gezweig der Bäume glühte. Die scheue Röte, die vom Osten her gekommen war, hatte, ehe sie sich in den Flammenabgrund stürzte, noch auf einigen festgeballten Wolken eine Stätte gefunden. Der Pfarrer schaute aufmerksam hin. Der Knabe prüfte abwechselnd die Augen seines Lehrers und die Wolken am Himmel. Dann schob er seinen Arm durch den des sinnenden Mannes und sagte: »Die Wolken sehen alle aus wie die Insel Island.« »Junge, was weißt du von der Insel Island?« »Sie ist auf der Karte ganz oben links, und es gibt auf ihr den Hekla und den Krabla.« Er lachte und wiederholte: »Den Hekla und den Krabla, Herr Pastor.« So gingen sie ins Haus, und als sie auf der obersten Treppenstufe waren, stand die Pfarrerin in der Flurtür. Anstatt mit Worten zum Essen zu bitten, reichte sie ihre Hand hin und zog den Pfarrer an sich heran. In dem dunkeln Flur sprach sie scherzend zu Gaston, an der Brust ihres Mannes vorbei. Das Zimmer, worin sie aßen, war von der Holztäfelung an Wänden und Decke und von der fast ins Schwärzliche übergehenden Farbe der schönen eichenen Erbmöbel sehr dunkel. Die Lampe auf dem Tisch führte einen Kampf gegen das Düster der Ecken, der den Raum bewegte und ihn immer aus der Ruhe störte, in die er immer versinken wollte. Der Tisch war weiß gedeckt und reichlich mit Gerät und Essen bestellt. Sie saßen, der Pfarrer und Gaston einander gegenüber, die Frau an der Schmalseite des Tisches. Eine Magd kam und brachte auf einem Tablett Teekessel, Tassen, Kännchen, alles aus chinesischem Porzellan, auf einer gelblichen Decke zierlich geordnet. Mit ihr hatte sich ein kleiner Hund ins Zimmer gedrängt, der lebhaft seine schwarzgrauen, langen, dichten Haare schüttelte und kläffend an Gastons Beine sprang. Von diesem unwillig abgewiesen, kroch er auf seine Herrin zu, mit Schmeicheln und Heucheln, weil er ein schlechtes Gewissen hatte. Sie schalt ihn nicht, sondern neigte sich, ergriff ihn im Nacken und hob ihn mit ihrer schönen, kräftigen Hand in ihren Schoß. Schließlich ließ sie ihn wieder zur Erde springen, und er nahm an der Mahlzeit und an der Geselligkeit auf seine Weise teil. Im Gemüt des Pfarrers zerstreute sich das trübe Gewölk, das zu gern und zu oft über ihm schattete. Die Spannung, mit der er immer noch dem Geschenk seines Freundes entgegensah, schnellte ins Angenehme um. Er erzählte, nicht zum erstenmal, von dem Besuch in der Werkstatt des Freundes, bei welchem die Abrede getroffen wurde, daß der Künstler über seine sonstige Übung hinausgehen und ein Gefäß mit Figurenschmuck schaffen sollte. Es war wohl zu merken, daß er sich etwas darauf zugute tat, eine so entscheidende Anregung gegeben zu haben; und doch war aus jedem seiner Worte die Liebe und die Bewunderung zu hören, die ihn in ein ungewöhnlich zartes und heftiges Verhältnis zu Thornow setzten. Gern hätte er mit seiner Frau wieder einmal alle Umstände des Freundes durchgesprochen; aber Gaston war zugegen, für dessen Ohren es nicht von Vorteil war, Meinungen über erwachsene Leute zu hören. So zog er, als das Abendessen beendigt und das Geschirr abgetragen war, vor, mit dem Knaben zu scherzen, ihm von der Vase zu erzählen: wie sie schön sei und mit Figuren geschmückt, auf die Gaston sich nur freuen solle, denn es laufe dabei auch für ihn auf eine Überraschung hinaus. Der Knabe verhielt sich, seiner Art nach, wenig neugierig, und seine Augen blinkten fast spöttisch, wenn er merkte, daß der Pfarrer am liebsten das ganze Geheimnis verraten hätte. Dieser fing bereits an, sich über die Trägheit des Burschen zu ärgern; und so wäre vielleicht wieder Unbehagen und Gereiztheit aufgekommen, wenn nicht endlich draußen ein Peitschenknall das zurückgekehrte Fuhrwerk angekündigt hätte. Da sprang der Pfarrer auf, und der Hund lärmte mit ihm zum Hause hinaus. Der Kutscher war betrunken, doch mit Maßen, gab seine Langsamkeit für Umsicht aus, polterte mit den leeren Fässern, wehrte dem Hund, – aber der Pfarrer tummelte ihn so, daß er alles Reden ließ und Hand anlegte, wie es sich gehörte. Sie brachten die Kiste in das Bibliothekzimmer, dort stand schon die Pfarrerin mit einer Lampe und Gaston mit dem Handwerkszeug. Seiffert entfernte sich in krampfhaft würdevoller Haltung, wiederholt grüßend, nachdem er sein Trinkgeld eingesackt hatte. Der Hund hörte zu toben auf, und es wurde still. Der Pfarrer zog einen Stuhl vor die Kiste, nahm aus Gastons Hand Hammer und Stemmeisen, setzte sich und prüfte die Kiste. Sie war an den Rändern mit Weidenruten beschlagen, die zuerst abgesprengt werden mußten. Der Pfarrer schob das Stemmeisen unter, – da blickte er noch einmal auf, sah seine Frau, die mit der Lampe dastand, sah den Knaben und den Hund. Seine Augen begannen, mit einem erstaunten, fast beklommenen Ausdruck sich im Zimmer umzuschauen, er stand auf, legte still das Handwerkszeug auf die Kiste und schob es mit der flachen Hand noch ein wenig von sich. »Ich glaube«, sagte er, »es hat Zeit bis morgen. Ich weiß gar nicht, was ich mit dem ganzen Tag und Abend heut' angefangen habe. Morgen ist Sonntag, und ich habe noch an meine Predigten zu denken.« Die Pfarrerin stellte die Lampe aus der Hand; ihr Mann trat auf sie zu: »Ich will noch arbeiten und werde auch oben schlafen. Gute Nacht, Liebste.« Sie gaben sich die Hände, und die Frau sagte: »Schlafe recht gut. Die Lampe ist oben und alles in Ordnung.« »Ich danke dir schön«, und er nickte und grüßte sie mit den Augen, »schlaf gut. – Du kannst auch bald zu Bett gehn, Gaston; gute Nacht.« Er ging hinaus und stieg im Dunkeln die Treppe zu seinem Dachzimmer hinan. 2 Am nächsten Morgen ließ der Pfarrer sein Interesse an der Vase und alles, was damit zusammenhing, hinter dem zurückstehen, was seines Amtes war. Das Haus war hell vom klaren Morgenlicht, darin bewegte sich Tier und Mensch zwecklos, mußevoll, der Pfarrer sah es nicht. Schon lange, ehe der Wagen vorgefahren war, der den Pfarrer in das zweite Dorf seiner Parochie bringen sollte, wußte Gaston, daß er heut' zu Hause bleiben müsse. Es war ein kühler Tag, eines kühlen, zurückhaltenden Frühjahrs. Noch waren, obgleich es nicht weit von Pfingsten war, die Birken nicht zu ihrem reinen, grünen Laub entfaltet; wo sie dicht gedrängt das Vorholz zu fernen Kiefernwäldern bildeten, breiteten sie zartgoldene Schleier über den schwärzlichen, winterlichen Grund. Noch war das jubelnde Zusammendrängen nicht zu spüren, worin im Frühjahr alles Wachsende zu einem Strom des Lebens sich einigt, – sondern Baum und Strauch und Saat standen noch in ihrer ängstlichen, dürftigen Vereinzelung da. Über Nacht hatte es kräftig geweht, und die magere Feldmark war auf der Wanderung gewesen, der Wind hatte den Sand zu lauter kleinen, dünenartigen Wellen zur Ruhe gelegt – frostig sahen die unbebauten Felder aus. Aber die Luft, angenehm von der Sonne gewärmt, schmeichelte dem Gesicht des Fahrenden, und da es windstill war und er keine Sandkörner zwischen die Zähne und in die Augen bekam, so fand er sich zu Spiel und Traum mit sich geführt, ganz wie er es gewollt hatte. Über den Feldern gaukelten, schwarz flimmernd im Flug, die Kiebitze, und als das Fuhrwerk an Wiesen entlangfuhr, die an dem schmalen Band eines kleinen Flusses aufgereiht waren, lärmte aus tausend Vogelkehlen der Tumult des neuen Jahres. Der Pfarrer predigte, besuchte Kranke und Greise, – mit Verklärtheit und freudig tat er alles. Wenn er in diesem Zustand war, empfanden die Pfarrkinder sein Wesen noch fremder als sonst, noch unpersönlicher. Er wiederum fühlte wohl, daß das Wort, das er ausschickte, nicht Ruhe und Herberge fand bei den Herzen, zu denen es kam; von dem einen grob, gleichgültig vom andern wurde es zurückgeworfen. Und nicht immer hatte der Pfarrer die Kraft, das verirrte wieder bei sich aufzunehmen; sondern er konnte mit Bitterkeit zusehen, wie es unterwegs verkam und verdarb. Ja, er sah »das Wort«. Und heute schwebte das geflügelte, helle Ding frei und fröhlich in der Luft, als sei es um seiner selbst willen da und nicht, um Botschaften vom Geist zu den Herzen zu tragen. Er war kein Narr und war kein Kind. Die bloße Tatsächlichkeit eines noch kostbareren, noch edleren Geschenks, als die Vase es sein konnte, hätte nicht vermocht, ihm wichtiger als für die Laune einer Stunde und eines Tages zu werden. Aber eine eigentümliche Anlage seines Charakters, eine fast krankhafte Dankbarkeit, regte bei Ereignissen, wie dieses war, sein Innerstes auf. In dichterischem Spiel fügte und ordnete er die Elemente: er sah das Gefäß und überdachte das eigensinnige Arbeiten des Freundes in Kunst und Handwerk: er probierte Entwürfe zu den Darstellungen auf der Vase, – die hatte er selber aufgegeben, es sollten Szenen aus der Tobiasnovelle sein, seinem Lieblingsstück aus den Apokryphen; sie war ihm wie ein lieblicher Vorspuk zu dem Haushalt und der Laufbahn des Heilands selbst, in idyllischer Verkleinerung fast ähnlich reich an Bildern; er wob aus ihren Fäden ein unsichtbares Netz, mit dem er nach der Seele des ihm anvertrauten Knaben haschen wollte, – und wieder trat die unerschütterte Gestalt des Freundes beherrschend in des Spiel; dann dachte er, wie seine Frau die Vase behüten, säubern, schmücken würde, und da wurde die Frau vor seinen träumenden Augen groß wie ein Riesenfräulein, das Mann und Kind und Haus und Gerät mutwillig mütterlich in seiner Schürze trägt. Als er nach Hause kam, tat er keine Frage nach der Vase, und nur einmal, während des Essens, sprach er die Erwartung aus, daß Thornow kommen würde. Nach dem Essen stand er lächelnd auf, auch seine Frau stand auf und lächelte, und Gaston stemmte sich auf seinen Stock, der Hund war nicht im Zimmer. Dann gingen die drei in das Bibliothekzimmer, und dort stand auf der Platte eines großen Bücherschranks, in Tischhöhe, endlich die Vase. Der Pfarrer stieß einen freudigen Ruf aus, so prächtig strahlte die Vase, und so herrisch stand sie da. Auch dieses Zimmer hatte einen düsteren, zumindest ernsten Charakter; die Täfelung, mit der die Wände belegt waren, war dunkel und ersichtlich alt; der Pfarrer, ein wohlhabender Mann, hatte sie auf einer Reise in der Schweiz als echt, aus dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts stammend, gekauft. Die hohen Schränke verstärkten den Eindruck, der sonst wohl fast bedrückend sein mochte: jetzt aber stand die Vase da und sandte die lustigen, kräftigen Feuer ihrer Farben verschwenderisch nach allen Seiten. Der Pfarrer trat nicht näher, lange blieb er betrachtend auf demselben Fleck. Gaston unterbrach die Stille, der die Freude des Pfarrers vornehmlich respektiert hatte, weil er eine große Freude über diese Freude in den Augen der Frau bemerkte. Schließlich konnte er sich jedoch nicht länger halten und fragte: »Herr Pastor, wo ist denn nun meine Überraschung an dem Topf?« Der Pfarrer wachte auf, ging näher und untersuchte nun, wie der Freund die Geschichte des Tobias dargestellt habe. Aber da fand er etwas ihm Neues, auf den ersten Blick Unvertrautes, so daß er sich nicht gleich zurechtfinden konnte. Die Erscheinung des Fisches war das Thema, das er mit dem Freund verabredet hatte. Thornow also, der ein Rationalist sein mochte, hatte Mitleid mit dem guten, zu langer Wanderung verpflichteten Jungen gehabt, und hatte den Tobias, als er ihm gar zu müde schien, genommen und auf einen derbzierlichen, niedrigen Kinderwagen gesetzt. Und wie es wohl Darstellungen gibt, auf welchen die Kirche, in Gestalt eines Papstes auf einem Wagen sitzend, von den symbolischen Begleitern der Evangelisten gezogen wird, von dem Engel und dem Löwen, dem Ochsen und dem Adler, so hatte auch Thornow seinen Tobiaswagen bespannt. Er hatte dem Hündchen und der Ziege Geschirre angelegt und der Schwalbe einen Faden als Zügel in den Schnabel gehängt; und da diesen Dreien nicht recht zu trauen war, so hatte der breit und schwer beflügelte Engel Raphael einen derberen Strick genommen, an dem er das Gefährt hinter sich herzog. So waren sie, zwar nur widerwillig einig, doch verträglich gewandert, bis sie an einen See kamen. Als sie dem Ufer seitlich hatten folgen wollen, waren die Wellen des Sees empört worden, aus denen sich drohend ein mächtiger Fisch erhob. Da stockten die Räder, der zottige Hund stutzte und hemmte, auf die Vorderfüße gestemmt, seinen Lauf; die Ziege sprang in die Quere und glotzte mit den immer verwunderten Augen noch verwunderter darein; die Schwalbe, die eben nach einer niedrig fliegenden Mücke geschnappt hatte – denn ein Gewitter kam über den See – schoß segelnd in die Höhe; und Tobias hob, aus dem Dämmern der Müdigkeit auffahrend, in Märchengrauen das zarte Gesicht. Der Engel aber hatte sich umgedreht und umfaßte mit seinen treuherzigen, listigen Augen das ganze Gesinde. Dieses war der Augenblick des Bildes, dessen lebhafte Hartfeuerfarben einen glühenden Sommer ausstrahlten. Schilf umflüsterte das Ufer des Sees, und die Räder des Wagens standen in Gräsern und Blumen. Von links nach rechts war der Zug gerichtet. Alle Formen, Vließ und Horn der Ziege, Gras und Blume, Hundezottel und Schwalbenflügel, das Wams des Knaben und der Mantel des Engels, ja sogar die Hexenmeistermützen auf beiden Köpfen, hatten etwas Zierliches, Auseinanderspritzendes, was dem Bilde einen lustigen, exotischen Anschein gab. Dem Pfarrer gefiel das alles, aber es befremdete ihn auch, und er fühlte, daß er seine Lust zu der seinem Pflegling zugedachten Exegese hieran vorläufig nicht würde üben können. Darum, als ihn Gaston wieder mahnte, besann er sich kurz und fand eine Erklärung. Er nahm aus einem Fach des Schrankes eine Mappe heraus, suchte darin und brachte eine Photographie zum Vorschein. »Du weißt«, begann er, »daß ich gerne diese Blätter ansehe, und eines der liebsten ist mir das, was ich hier in der Hand habe. Das aber ist mir auf eine Weise, die du noch nicht verstehst, überflüssig geworden, und ich schenke es dir.« »Schön«, warf die Pfarrerin ein, »und ich werde es dir rahmen lassen, und du magst es dir in deinem Zimmer aufhängen.« »Oh, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen«, sagte Gaston und gab beiden die Hand. Er war verlegen und sah ohne seine spöttische Art auf das Blatt, das er ungeschickt hielt. Der Pfarrer setzte sich und lud den Jungen an seine Seite, die Frau nahm einen Platz am Fenster ein und sah herüber. Es war etwas Wohltuendes in der an Gaston auffälligen Bescheidenheit, und der Pfarrer gab einem alten Wunsche nach, an des Knaben Gemüt zu rühren, ob es einem minder irdischen Klange würde widertönen können. Er begann: »Was du auf diesem Blatt siehst, weißt du doch?« Der Knabe, der sich auf Bildern leicht zurechtfand, sagte: »Ja! Hier sind drei Engel und ein Junge.« »Nun, und was hat der Junge in der Hand?« »Einen Hecht!« Das paßte dem Pfarrer nicht ganz, und er wiederholte: »Einen Hecht, ja, einen Fisch!« Und da verließ ihn schon die sokratische Methode, und statt zu fragen, erklärte er: »Das ist nämlich Tobias mit dem Fisch, und eigentlich müßten dich die drei Engel sehr wundern, denn in der Geschichte kommt nur einer vor. Du kennst doch die Geschichte?« Da aber hatte die Befangenheit des Jungen ein Ende, der Schalk flunkerte in seinen Augen, als er die Frage in einer Weise beantwortete, wie wenn er einem guten Spaße zustimmte. Der Pfarrer merkte es gerade nicht, aber es wirkte doch auf ihn, so daß er in Hast geriet. »Du weißt«, hub er an, »wie sie an den Fluß Tigris kommen und der müde Knabe seine Füße waschen will, da fährt der große Fisch wider ihn, als ob er ihn wollte verschlingen. Und als Tobias erschrickt und mit lauter Stimme schreit: Herr, er will mich fressen, – sagt der Engel zu ihm: habe keine Angst, greife fest zu, zieh ihn dir heraus. Sein Herz, seine Galle und seine Leber enthalten dir eine köstliche Arznei. Ja, mein Lieber, du lachst, ich sehe es wohl, das ist noch schlimmer als erschrecken. Du weißt eben noch nicht, was du hörst. Ich habe dir oft gesagt: wenn du dich zusammennimmst und deine guten Gaben nicht im Stiche läßt, so sollst du Dinge zu lernen bekommen, die dich mit dem Schönsten auf der ganzen Welt bekannt machen. Griechisch sollst du lernen, und wir wollen mal gleich einen Anfang machen. Hier ist ein Fisch. Merke dir: Fisch heißt auf griechisch Ichthys. Sprich es nach!« Gaston sprach es nach, aber der Pfarrer wußte nicht, wie fortfahren und veränderte also gänzlich den Ton: »Ichthys, in diesem Wort sind die Anfangsbuchstaben eines Satzes enthalten, welcher lautet: Jesus Christus Theou Yios Soter; das heißt auf deutsch: Jesus Christus, Gottes Sohn, Heiland. Und darum war den ersten Christen, die noch dem Geheimnisse des Herrn nahe waren, der Fisch ein bedeutungsvolles Zeichen. – Mein lieber Gaston, wenn ich mit dem Tobias an den Fluß Tigris käme und der große Fisch ihn erschreckte, so würde ich auch sagen, wie der heilende Engel Raphael: habe keine Angst, du mußt ihn fest anfassen; sein Herz und Galle enthält dir wunderbare Heilkraft.« Dem Jungen wurde bei diesen Worten doch eigen zumute, sie hatten geklungen, als würden sie gar nicht zu ihm gesprochen, als wehten sie hoch über ihn und kalt hinweg. Denn der Pfarrer, der eine ähnliche Rede oft im Geiste gehegt und vorbereitet hatte, spürte, während er sprach, um wie viel gröber seine Absicht in der Wirklichkeit erschien und daß sie wie eine ordinäre Proselytenmacherei allen Zauber verlor; und die Scham darüber hob den Klang seiner Worte ins Ungewisse. Er stand auf, reichte dem Jungen den Stock und sagte: »Weißt du was? Geh mal nun auf dein Zimmer und such' dir eine Stelle, wo du das Bild hinhängen willst. Miß auch, wie groß der Rahmen sein soll. Und da eine kahle Stube durch ein Bild noch kahler wird, so sieh nur gleich zu, wo du ein paar andere Bilder hinhängen magst; die sollst du haben, sobald du sie forderst.« Gaston ging. Der Pfarrer blieb mit seiner Frau in bewegter Unterhaltung, die sich um den Freund und seine Arbeit drehte. Und hierbei bedachte der Pfarrer nicht, daß seine Frau den ganzen Vormittag im Hause gewesen war, und daß sie das, worüber er sie belehren wollte, schon wissen mochte. 3 Am späten Nachmittage kam Thornow. Er begrüßte die Freunde und wußte ihrem Lob und Dank aufs beste zu begegnen und ein natürliches Ende zu machen, indem er ihnen nicht erst wehrte. Er verkehrte fast brüderlich mit dem Pastor, brüderlich auch in einem gewissen nachlässigen gegenseitigen Vorbeihören; dabei aber hatte gegen die Pfarrerin sein Betragen nichts von der Vertraulichkeit, die leicht mit der Frau eines so nahen Freundes hätte eintreten können. Die Magd brachte Kaffee und kräftig duftenden Kuchen, und die drei setzten sich zu einer rechten Sonntagnachmittagsfriedseligkeit zusammen. Thornow, im Gegensatz zum Pastor, mischte seinen Kaffee stark mit Milch, und gleichfalls im Gegensatz zu ihm aß er große Stücke von dem frischen Gebäck. Hierbei sahen ihm der Pfarrer und seine Frau, wie gewöhnlich, wenn er aß, verstohlen und mit gemeinsamer Freude zu; denn er hatte eine fast zierliche Art, den Kuchen in kleinen Stückchen abzubröckeln, schnell in den Mund zu schieben und behende zu kauen, alles mit solcher Sauberkeit, daß kaum ein Krümchen über seinen wie das Vlies eines Lammes in festen, kleinen Löckchen krausen Bart zur Erde fiel. Sein Mund war klein und ernst, seine Augen lächelten, die ganze Gestalt war gedrungen und trug den starken, blonden Kopf auf kurzem Hals. Es war natürlich, daß ihm aufs neue Lobsprüche über seine Arbeit auf den Kopf fielen; er duckte sich und ließ sie vorübergehen, mit so großem Gleichmut, daß der Pfarrer veranlaßt wurde, zu bemerken, er habe den Freund doch schon oft über seine Kunst reden hören, noch nie aber mit so ruhigem Gewissen wie heute: »Man merkt dir an, was du dir innerlich sagst: ich habe meine Schuldigkeit getan, indem ich das Ding machte, und brauche kein übriges zu tun, indem ich es beurteile, – das ist seine Sache. Ist er zufrieden, so ist es gut für ihn; ist er es nicht, so mag er versuchen, sich zu helfen; ich bin fertig, – ich habe einen Auftrag gehabt und habe ihn ausgeführt.« Als er das Wort »Auftrag« mit einiger Betonung aussprach, fingen beide Freunde zu lachen an; die Pfarrerin sah verwundert auf sie und fragte nach dem Grunde der Heiterkeit. Anfänglich versuchte man sie hinzuhalten, als sie aber auf ihrem Willen bestand und erklärte, derartige Hieroglyphen in ihrem Verkehr nur ungern zu dulden, sagte der Pfarrer behaglich: »Nun gut, so sollst du eingeweiht werden. Was das für ein wunderliches Kind Gottes ist, dieser Töpfermeister Thornow, habe ich dir ja genugsam erklärt, und du weißt es auch aus eigener Erfahrung. Wenn ich an die Schulzeit denke, Thornow, – ich sehe dich noch in deinem schönen geräumigen Zimmer, das damals schon mehr ein Atelier als eine Gymnasiastenbude war! Er knetete und griffelte in allen freien Stunden; er hatte eine Sucht, sich in allen möglichen Übungen zu versuchen; er schnitzte Holz, backte Ton, er machte in seinem biederen eisernen Kanonenofen den ersten Gießversuch, indem er aus Flaschenkapseln über verlorener Form einen Aschenbehälter goß. So habe ich ihn auch auf dem Gute seines Vaters hantieren sehen: in der Schirrkammer, in der Schmiede, beim Pflügen, überall war er bereit, wo es anzufassen galt, und sein Vater scherzte, er würde einen guten Knecht, aber einen schlechten Inspektor abgeben. Nie werde ich es verstehen, daß ein solcher, geborener Künstler nicht den Schulsack hinwirft, sobald er kann; und wie früh warst du doch ein freier Mensch, Thornow. Obwohl ich glaube, daß dein Vater dir nichts in den Weg gelegt hätte, – nach seinem Tode und bei deinem bequemen Vormund hielt dich überhaupt nichts mehr. Und doch bleibst du bis zum Punktum Streusand auf dem Gymnasium und gehst dann gar auf die Universität! Warum? Zu welchem Ziel? Und was hast du davon gehabt?« Thornow antwortete trocken: »Erkläre deiner Frau nun aber endlich, was es mit dem ›Auftrag‹ für eine Bewandtnis hat.« Der Pfarrer fuhr lebhaft und mit einiger freundschaftlicher Bosheit fort: »Denn schließlich ging er doch auf die Akademie, und verließ sie wieder, und jetzt sitzt er in Neuenrode und macht Töpfe und lehrt ein halbes Dutzend märkische Büdnerjungen gleichfalls Töpfe machen. Dabei steht heute noch wie je sein Sinn nach großen Bildern, die möglichst festlich die Erscheinung des Geistes im Leben darstellen. Und wenn man ihn fragt, warum er solche Bilder nicht male, so sagt er nicht etwa, daß er zu spät auf die Akademie gekommen sei, und den Geist der Kunst wohl in seinem Geist, ihr Handwerk aber nicht in seinem Gelenk habe, sondern macht sich, in der Art von Dilettanten, die ihr Unvermögen mit Hilfe von allerlei Psychologie zu einem besonderen Verdienst stempeln, eine schöne private Erklärung zurecht. Er sagt nämlich, er würde auf der Stelle die schönsten Bilder malen, wenn man ihm den Auftrag dazu gebe; ohne Auftrag könne er nicht malen.« Es war nun doch in diesen Worten, ohne daß der Pastor es wußte, eine Schärfe, zu der, da die besprochenen Verhältnisse ja nicht neu waren, kein Grund vorlag. Seine Frau fühlte sich peinlich beunruhigt, so bekannt ihres Mannes Weise ihr war; Thornow aber sagte, ganz zur Pfarrerin gewendet: »Das wahrhaft Lustige hierbei ist, daß Severin jedesmal, wenn ich mich so ausspreche, glaubt, ich beabsichtige, einen Witz zu machen. Während ich es doch ernst und simpel meine. Ich meine es so: man gebe mir einen Auftrag zu einem großen Bild, und ich werde ein großes Bild malen.« Die Pfarrerin wägte und prüfte diese Worte, ob sie nicht doch einen Schalk verbärgen. Als aber ihr Mann darüber lachte, durchs Zimmer ging und allerlei Rufe über die Verdrehtheit des Freundes ausstieß, fühlte sie sich angeregt, einen wahren Sinn bei Thornow zu vermuten. Und sie fragte: »Warum aber malen Sie nicht ein Bild, wie Sie glauben es zu können, und überlassen der Zeit, ob jemand kommt und es kauft und Ihnen durch die Wahl Ihres Bildes etwas wie einen nachträglichen Ersatz für den Auftrag gibt.« »Das wäre kein Ersatz«, sagte Thornow, »das wäre Indemnität.« »Was ist das?« »Das ist, wenn ein Minister eigenmächtig hunderttausend Taler ausgibt, und nachher kommt der Reichstag und verzeiht es, und tut so, als ob er den Minister beauftragt habe, hunderttausend Taler auszugeben.« »Ganz verdreht«, meinte der Pastor. »Es stimmt nicht«, sagte die Frau, »und Sie sollen mich nicht verwirren. Wenn man die Gabe hat, ein Stück Zeit, Leben festzuhalten, es aus der Vergänglichkeit zu reißen, ohne es dem Tode zu überliefern, – das muß, denke ich mir, eine schöne Sache sein.« »Das ist es sicherlich«, sagte Thornow. »Warum also malen Sie nicht?« »Was soll ich malen?« Draußen irgendwo mußte sich ein Fenster gedreht haben, denn ein Streifen hellstes Sonnenlicht fiel jäh ins Zimmer. »Alles«, sagte die Pfarrerin. »Ja, alles«, erwiderte Thornow, und seine Augen waren strahlender dabei als die der schönen, ihm gegenübersitzenden Frau. »Daß man indessen nicht alles abmalen könne hintereinander, sieht ein jeder ein. Stückwerk aber anzufangen, davor hat die Menschenseele Angst. Und noch etwas: Ein Mann, der um diese Dinge besser Bescheid wußte als irgendein anderer, hat gesagt, daß am Ende der Künstler nichts zu geben habe und nichts gebe als seine Individualität. Jetzt denken Sie sich, daß ich mich in meinem Zimmer einschließe und mich damit beschäftige und mich dafür bezahlen lasse, daß ich meine Individualität darstelle. Individualität als Beruf, – ein netter Beruf. Nein«, sagte er, und sein vorhin doch wohl zweideutiger Ton wurde entschieden. »Ich will es weder auf die Individualität noch auf die Natur absehen, wenn ich Kunst mache. Und darum: bitte um einen Auftrag.« »Was würde es helfen«, warf neckend der Pfarrer in die Nachdenklichkeit ein, »gibt man dir schon einen, so kommt die Künstlereifersucht dazwischen, und du drückst dich um ihn herum. Oder wagst du zu behaupten, daß das hier mein Tobias sei oder überhaupt irgendein vernünftiger, schriftgelehrter Tobias?« Und so standen sie wieder vor der Vase, und der Pfarrer fragte, zum Ernst einlenkend: »Es ist wohl nicht bloß Eifersucht? Erzähl' uns!« Thornow willfuhr ihm gern, und hatte bisher den Pfarrer und seine Frau das Werk, fertig und siegreich wie eine Improvisation, hingerissen, so sahen sie jetzt sein Werden, die Einzelheiten, Zufälligkeiten, Nachträglichkeiten, die sich fester ineinanderflochten, als dem ersten genießenden Blick offenbar sein konnte. Noch mehrmals erneute sich die Betrachtung und mit ihr das Werk den Freunden; und als auch Gaston dazu kam und der Hund sich einfand, gab es manchen Spaß, zum Verdruß des Jungen, dem es nicht schmeichelte, wenn Thornow ihn mit dem Tobias verbrüderte. Der Tag verlief heiter und reich, und nach dem Abendessen blieben sie noch beim Wein zusammen, bis Thornow, nicht lange vor Mitternacht, aufbrach. Der Sommer, der lange zurückgehalten hatte, erschien schnell und flüchtig und war schon dahin, als die Klagen, daß er nicht kommen wollte, kaum noch vergessen waren. Mit stürmischem Regenwetter näherte sich die Erntezeit, und die überheißen Tage, die wie von einer wildlaunigen Hand in die bewölkten, stumpfen Wochen geworfen wurden, schienen dem Korn mehr zu schaden als zu nützen. Der Pfarrer – der aus dem Warthebruch stammte – sah auf seinen sonntäglichen Fahrten durch die Parochie der drohenden Mißernte mit Bedauern entgegen; als aber schließlich das Ergebnis der Ernte mit Zahlen annähernd geschätzt werden konnte, war er erstaunt, festzustellen, daß seine Pfarrkinder, die den ganzen Sommer über mit Kopfschütteln und mit Stirnkräuselung zum Himmel aufgesehen hatten, eher noch eine günstigere Ernte vermelden mußten als im vergangenen Jahr. Sie wirtschafteten fleißig mineralischen Dünger in ihren dürren Boden, und hatten gerade in nassen Jahren reichliches und gesundes Korn. So klar der Pfarrer sonst dachte, empfand er doch etwas wie Unbehagen, als er das Schicksal des Landmanns, das ihm, wie kein anderes, unmittelbar mit dem Leben der Erde, der Luft, des Lichtes verknüpft schien, sich so listig unter der Herrschaft der über ihn gesetzten Mächte fortstehlen sah. Doch war das keine bloße dumme Grille; er fühlte, daß, wie sie den Regen überlisteten, sie sich auch dem Gotte entzogen, der ihn schickte. Gerade daß er versucht war, ihnen übel auszulegen, was auf der ganzen Welt kein Mensch ihnen übel gedeutet hätte, bewies ihm wieder, wie fremd er gegen sie und sie gegen ihn waren, und daß er mit seinen Gemeinden wenig anders als durch das Amt verbunden war; mehr noch als früher zog er sich auf das Spiel persönlicher Geisteswünsche zurück. Hierbei spielte das Geschenk des Freundes eine über sein Erwarten große Rolle. Sie war ihm im Laufe der Monate nicht zum Symbol verflüchtigt, sie hatte ihre Realität und Gegenwart erhalten. Zwar hatte er sich mit dem Inhalt der farbigen Darstellung so vertraut gemacht, daß er, gefragt, um Deutungen nicht verlegen gewesen wäre. Er hätte Beziehungsreiches über den Menschen zu sagen gewußt, der, in seinen Traum verloren, auf die Wahl eines Augenblicks der Wahrheit gegenübergestellt wird, und hätte wohl den Hund, die Schwalbe und die Ziege auch an seinen Wagen binden können. Aber sobald er immer anfing, solcherlei Exegese zu treiben, unterbrach er sich bald. Unter den Photographien nach Gemälden, deren er viele besaß, gab es doch nicht wenige, zu denen er die Originale kannte; aber beim häufigen Durchblättern seiner Mappen hatten die Nachbildungen ihren selbständigen Wert bekommen und waren die Urbilder verblaßt. So hatte er sich gewöhnt zu glauben, daß die Kunstwerke in der Reproduktion ihr Wesentliches gar nicht verlören. Und da er sich jahrelang von der Stadt fernhielt, war diese Anschauung ihm so natürlich geworden, daß man annehmen kann, er würde auch ein Gemälde, das etwa in seinen Besitz gekommen wäre, für ersetzbar durch eine Photographie gehalten haben; – weniger schon eine Statue, gar nicht die Vase. Dieses Ding, einen Nutzen heuchelnd und doch mit gutem Gewissen unnützlich, das so fremd und zuversichtlich, so gegensätzig und passend in dem dunklen Zimmer stand, schien ihm von Tag zu Tag ein unersetzlicheres Gut. Er empfand zum erstenmal, eifersüchtig und beglückt, den Zauber eines einzigen Besitzes. Er, dem das herrschsüchtige Wort der Deutung zu leicht auf die Lippen kam, lernte das lebenvolle Stummwerden vor dem Kunstwerk. Und wenn er aus dieser neuen Ruhe den Gedanken, mühsam wie aus einem Starrkrampf, aufwachen sah, daß alle die ungezählten Werke des menschlichen Geistes, die, welche er kannte, und die, um welche er von ferne wußte, in gleicher Weise souverän seien, niemanden zu Dienste, in dem zerstörenden Werden der Natur den reinen Triumph der Existenz wahrend, so wurde ihm schwindlig vor den Augen. Dann konnte es geschehen, daß ihm fast um seine Seele angst wurde und er fürchtete, in einen schlimmeren Bilderdienst zu verfallen als je ein Ketzer. Aber er wurde nicht lahm an seiner Angst, sondern lächelte über sie, als wäre sie ein Geist, welcher noch eine Blume fremden Duftes in den Strauß verbärge, der, wechselnd im Wechsel der Monate, über den Rand des kostbaren Gefäßes üppig schwoll und niedersank. 4 So war es denn ein Augenblick gänzlichen Versagens aller seiner Gedanken, als er eines Morgens einen Brief von Thornow bekam, in welchem die Vase zurückerbeten wurde. Er hatte, es war ein sonniger Tag, den Briefträger auf dem Hofe empfangen. Nachdem er gelesen, verblieb er fassungslos eine Weile, ehe er, leidlich ruhig, zu seiner Frau hineinging. Sie saß am Fenster mit einer Näharbeit, und ließ gleich, als er eintrat und leise, als ob er zu stören fürchtete, zum Tische ging, die Hände in den Schoß fallen. Er wollte, daß sie aufmerksam würde und ihn fragte; zugleich aber versuchte es ihn, sich zusammenzunehmen, daß ja nichts ihre Aufmerksamkeit und ihre Frage herausfordere. Das merkte sie, und es war ihr nicht angenehm; doch zwang sie sich und fragte, ob ihm etwas Ärgerliches begegnet sei. Er legte den Brief auf den Tisch, und erst nach einer Pause richtete er seinen Blick auf sie, aber auf ihre Stirn, nicht auf ihre Augen, und sagte: »Ein Brief von Thornow!« »Was gibt es?« – Sie stand auf und legte Garn und Weißzeug auf den Fensterbord. Er lächelte und gab seine Erklärung mit einer erzwungen verdachtlosen Verwunderung: »Er bittet mich, – ihm die Vase zurückzugeben –« und jetzt sah er ihr in die Augen. »Warum? Was will er damit?« fragte sie, näher gehend. »Er will nichts, als sie wieder haben. Er hat, schreibt er, vor, sie anders zu verwerten; ob ich nicht selbst glaubte, daß sie in einem schönen und reichen Museum mehr an ihrem Platze stünde als bei mir.« »Das versteh' ich nicht«, sagte sie, und er: »Ich versteh' es auch nicht«, und die Worte kamen vor Gekränktheit fast mit einem Stöhnen aus seinem Mund; jetzt wie er sie nun gesagt hatte, war es ihm, als ob er alles begriffe und alles entschieden wäre. Er verließ das Zimmer, sie hörte ihn durch den Flur auf den Hof gehen; nicht lange, so kam er zurück und wandte sich in die Bibliothek. Es wäre ihm besser gewesen, wenn er nicht so schnell hätte zusehen und prüfen wollen. Die Bitterkeit in ihm, deren angebotene Lust über jedes Ereignis, das sie aufstöberte, so hinflutete, daß seine eigenen Augen nichts weiter sahen als das empörte Gefühl, und sein Sinn sich an diesem Augenblick nährte, machte ihn, als er vor der Vase stand, zum Opfer einer bösartigen Ungeduld. Er hatte so viel zu fragen und zu sagen, und das blanke Ding stand da und versagte sich allen Sinnen, außer den Augen. Aber die Augen des Pfarrers hatten ihr inneres Licht verloren, und damit war auch aus dem Licht der Sonne das Leben entwichen. Er versuchte, gegen den Dämon zu kämpfen, der ihm die Maske der Selbstgerechtigkeit vor das Gesicht zwang, und betrachtete aufmerksam die Vase. Aber siehe da, er konnte sich schon nicht mehr helfen, sie gefiel ihm nicht. Der Raum war, wie das ganze Haus, vor kaum einer Woche gründlich gesäubert worden, und die Gardinen hingen, noch nicht aufgesteckt, die ganzen Fenster verhüllend nieder. Zum erstenmal bemerkte der Pfarrer, daß die Vase die schwere Ruhe des Zimmers beleidigte, und daß, wenn sie fort wäre, er wieder ungestörter die Zwiesprache mit seiner Seele würde halten können. Als er zu seiner Frau zurückkehrte, legte sie eben hastig den Brief auf den Tisch zurück, sie war errötet, er wagte nicht von seinen schlimmen Zweifeln sogleich zu sprechen. Aber nachdem jene kalten Betrachtungen ihm einmal überzeugend vorgekommen waren, konnte er ihnen nicht mehr Einhalt tun. Die folgenden Tage verstrickten ihn immer enger in Gedanken, die das Werk des Freundes gering schätzten und herabsetzten. Und er glaubte gar, daß er nur diesen Gedanken zuliebe noch zögerte, die Vase zurückzuschicken und sich mit Thornow zu verständigen. Mit jedem Tag aber, mit jedem halben Tage, mit dem er das hinausschob, verdarb er sich gründlicher die Möglichkeit, der Befangenheit ledig zu werden. Denn das Schlimme trat ein, daß nicht nur die Vase in seinen Augen ihren Glanz, ihre Schönheit, ihre Wahrheit verlor, sondern daß er mit seinen Zweifeln den Freund selbst anfiel. Wie er nicht mehr das Ganze der Vase empfand, von dem ihre Wahrheit ausging und von dem aus sie einzig zu verstehen war, sondern sie nach Forderungen prüfte, die er selbst willkürlich aufstellte, zum Beispiel des Zweckes, den ein Gerät haben soll, oder des Ernstes, mit dem Gestalten aus der religiösen Welt empfunden sein müssen, – in ähnlicher Weise versündigte er sich an dem Freund. Die Gestalt, die seiner herzlichen Empfindung die klarste und reinste gewesen war, wurde seinem mißtrauischen Verstand bedenklich und, wenn er es sich gestehen wollte, unerkennbar. Hierüber empfand er, über aller Lust an seinen Scheingründen, tiefen Schmerz. In diesen Tagen sprach er nur wenige, bittere Worte zu seiner Frau. Und sie schwieg und verhehlte ihren Tadel, so lange sie seinen Schmerz aus lebendigen Kämpfen aufwachsen sah. Sobald sie aber bemerkte, daß der Schmerz ihm zu einer Trägheit ausartete und ihm ein Ersatz der Tätigkeit zu werden anfing, hielt sie sich nicht zurück und widersprach ihm, als er sich wieder einmal gehen ließ, mit entschiedenen Worten. Er erstaunte darüber, und gereizt holte er den Brief aus der Tasche, schlug ihn auf und rief aus: »Was du sagst, damit weiß ich nichts anzufangen, das ist unbestimmtes Zeug. Dieses hier ist eine Tatsache.« Da schwoll ihr im Unmut der Busen so, daß ihr war, als hätte sie einen Gurt zersprengt, der zu lange ihren freien Atem eingeschnürt hatte. Mit Kraft und Kälte blitzten ihre Augen ihn an, und sie sagte: »Thornow ist auch eine Tatsache und eine mir länger bekannte als dieser Brief und als die Vase. Ich werde heute nachmittag zu ihm gehen und ihn fragen.« »Ja, tu das! Geh hin und frag ihn!« Und wirklich machte sie sich am Nachmittag, nachdem sie eine Viertelstunde zerstreuten Nachdenkens überwunden hatte, auf den Weg, ein graues, weiches Tuch um die Schultern, Handschuh und Strohhut in den Händen tragend. Zu beiden Seiten des Landwegs, den sie ging, schimmerten die Felder im schönsten, herbstlichen Licht. Der Tag war klar, die Luft, von weißen Sommerfäden durchzogen, hatte einen leichten milchigen Glanz, und das Vorholz der fernen Wälder leuchtete in einem goldenen Nebel. Eine rührende Stille lag über dem Felde, die der wandernden Frau noch verzauberter vorkam, wenn sie auf die Frauen sah, die weit von ihr im Kartoffelacker knieten, oder auf die Pferde, die, noch entfernter, die Eggen durch den silbrig braunen Acker zogen, und dieses ganze arbeitende Leben je nach der Entfernung in abgestufter Langsamkeit erschien und sich nur dem Auge, nicht dem Ohre kundgab. Sie ging nicht in der Weise nachdenklicher Leute, denn obwohl ihre Gedanken auf mannigfache Weise beschwert waren, konnte sie es nicht verhindern, daß ihr Sinn freudig war, und so schritt sie rüstig aus. Nur einmal wurde die Stille der Felder unterbrochen, als sie sich drei mächtigen Pappelbäumen näherte, aus deren gelben Kronen es ihr schon von weitem entgegenrauschte, es toste, es klapperte über ihr, toste, und rauschend erstarb es. Dann blieb der Weg wieder gleichförmig, bis sie in den Wald kam: erst in Bauernheide ohne Unterholz mit gefegtem Boden, dann das königliche Gebiet, in dem zwischen den hochgewipfelten Säulen sich Wacholder und Farne drängten. Wohl zwei Stunden ging sie, dann überschritt sie auf einer alten, halbverfallenen hölzernen Brücke ein kleines Flüßchen, das seine Wiesen in gewundenem Lauf durch den Wald flocht, der noch ein zweites Mal, vom Bahndamm, durchschnitten wurde. Der Wald wurde üppiger und das Unterholz so dicht und hoch, daß der Wandernden der sich krümmende Weg verborgen wurde; als sie die Krümmung erreichte, hatte sie den wie immer überraschenden Blick auf leicht sich senkende Felder und ersah ein Dorf, das war Neuenrode. Sie begegnete keinem Menschen in der Dorfstraße, auch bemerkte sie gleich, daß es bei Thornows Hof still und offenbar der Brennofen nicht beschickt war. Nur ein paar junge Burschen, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, verließen gerade das Gehöft, sich nach Schuljungenweise tummelnd und neckend. Vielleicht weil sie glaubte, daß Thornow nach beendigtem Unterricht vor seine Haustür treten würde, setzte sich die Pfarrerin auf die eine der sandsteinernen Wangen, die, vom rotglühenden wilden Wein überwölbt, zum Hausflur führende Stufen einfaßten. Die Jungen waren verschwunden, nichts bewegte sich in dem wie ausgestorbenen Dorf, nur das ungeheure Orgeln der Dreschmaschinen heulte durch die Luft, kaum daß das Ohr dazwischen den hell klappernden Dreischlag von Dreschflegeln unterschied. Die Sonne stand nicht mehr sichtbar hinter den Häusern, bald mußte Feierabend sein. Die Frau saß still da, es bewegte sich nichts an ihr als ihre Wimpern. Sie wartete, und hatte nicht lange zu warten, bis die Haustür ging und aus dem dunkeln, feuchtatmenden Flur Thornow ins Helle trat. Überrascht und, wer mag es sagen, doch nicht überrascht, hieß er den Gast willkommen, und wie um sich ihrer noch mehr zu versichern, lud er sie und zwang sie fast, während sie sich die Hände schüttelten, ins Haus. Drinnen setzten sie sich einander gegenüber an den Tisch, sie legte Hut und Tuch auf ihre Kniee. »Sind Sie müde?« fragte er. »Gar nicht«, antwortete sie, »ich habe mich draußen ausgeruht.« »Saßen Sie denn schon lange da?« fragte er verwundert. »Nein«, sagte sie, »aber es hat genügt, mich wieder frisch zu machen. Es ist so schön heut draußen, daß man in einem fort wandern möchte und würde keine Müdigkeit spüren.« »Ja«, meinte er, »an solchen Tagen ist es mir immer, als ob Besuch kommen müßte. Ich stecke dann aller Augenblicke die Nase vor das Fenster und schaue nach rechts und nach links, ob sich wer blicken läßt. Dabei bin ich gar nicht so sehr für Besuch, und ich glaube, ich meine immer nur Sie, wenn ich auf jemanden warte, und Severin. Wenn Sie heute nicht gekommen wären, hätte ich morgen bei Ihnen vorsprechen müssen.« »Wegen der Vase?« fragte sie. Er lachte. »Haben Sie sie mitgebracht?« Ein Blick in sein Gesicht genügte der Pfarrerin, sie zu überzeugen, daß, was immer hinter jenem Briefe Thornows stecken mochte, Unanständiges nicht dahinter steckte. Und also nicht aus ihrer Seele heraus, sondern gleichsam, als ob sie einen Auftrag ihres Mannes ausführte, prüfte sie ihn scharf, als sie, wie beiläufig, fragte: »Was ist es mit der Vase? Wollen Sie sie wirklich zurück haben, und weshalb?« Er fragte, ob sie es geglaubt habe. »Das mußte ich wohl«, erwiderte sie. »Sie nicht«, meinte er schmunzelnd. »Severin, ja. Ich habe geglaubt, daß er mir wütend ins Haus rennen würde, und das wäre mir lieb gewesen, weil ich einen bedeutenden Ärger auszukrakeelen hatte. Er kam aber nicht, obgleich er doch sonst in solchen persönlichen Kunstdingen schnell genug wild wird.« »Ja, das tut er«, sagte die Pfarrerin, »und ich wüßte nicht, wie Ihnen irgendwer eine größere Ehre erweisen könnte!« Thornow stutzte und erwiderte: »Wem sagen Sie das? Ich kenne ihn von meinem zwölften Jahre an, ich habe nie eine so unbedingte Leidenschaft zu den Künsten gesehen, wie bei Severin, der nicht einen geraden Strich zeichnen kann. Und das ehrt uns und schmeichelt uns; – und eben darum müssen wir ein wenig darüber lächeln dürfen und uns am Ende auch einen Scherz machen, wenn die Gelegenheit sich trifft.« »War das mit der Vase ein Scherz der Art?« fragte sie. Er wehrte schnell ab: »Nein, beileibe nicht. Ich habe, als ich den Brief schrieb, kaum an eine Wirkung auf Sie beide gedacht. Sie können mich nicht verstehen, ich muß ausführlich erzählen.« Er erhob sich und ging einmal durch das Zimmer. »Ich bin ja schon wieder in Frieden mit mir«, sagte er halb zu sich, »und Wichtigeres ist dazwischengekommen; aber wie ich nur daran denke, kommt der ganze Unmut zurück.« Er stand am Tische, setzte sich und begann zu erzählen: »Hören Sie also! Vor acht Tagen hatte ich Besuch, – hohen Besuch, den Direktor des neuen Kunstgewerbemuseums. Das ist ein kluger, weltmännischer Mann, mit der Kunst auf du und du, gar nicht beamtenhaft. Ich glaube, daß jetzt eine ganz neue Sorte Professoren aufkommt; – aber trauen sollte ihnen unsereins doch nicht. Mir gefiel der Mann, eine kleine, lebendige, durchgeturnte Gestalt, ein Köpfchen, woran ihm der Bart zwei Spannen lang hinunterhing, und Augen, ich will nicht sagen, kluge Augen, – sondern: klügere Augen. Sie wissen, was ich meine. Nun – ich zeigte ihm, was ich hier in meinem Bereich zu zeigen habe, fertige Ware, Modelle, Zeichnungen. Ich nahm ihn auch in die Schulklasse mit, und die Arbeiten der Jungen hatten, jedenfalls im Prinzip, seinen Beifall. Ich muß es sagen, es war ein schöner Tag für mich; denn da der Mann seine Sache versteht, so konnte ich einmal meiner ganzen Leistung, wie ich sie ihm präsentierte, recht genau ins Gesicht sehen. Sein Lob machte mir Freude, und zu tadeln gibt es, hoffe ich, nichts, – dafür sorgt der Schutthaufen auf dem Hofe. Und so wäre alles sehr schön gewesen, wenn nicht nach Feierabend, als wir nun das Ganze noch einmal durchsprachen, der Teufelsfuß herausgekommen wäre. Zuerst ertappte ich ihn auf einer Sentimentalität in betreff der Jungen. Oder vielmehr, daß er mir die albernste Sentimentalität zutraute. Als ob es mir einfallen könnte, meine Sachen zu treiben, mit dem frommen Hintergedanken, dem Volke die Religion oder doch die Tugend zu erhalten. Ich kannte meine Leute, als ich ihnen meinen Plan einredete. Wenn ich den Jungen nichts zahle, schickt mir nicht einmal die lahme Graberten ihren Enkel in die Schule. Ich würde sehr froh sein, wenn sie sich auf die Sache eingelassen hätten, weil sie sich was ›Reelles‹ davon versprechen, das schiene mir durchaus anständig, ich verzichte gern auf das ideale Interesse. Das Schlimmste indessen ist, daß sie meine Sache ergriffen haben, nicht als ein Geschäft, das Geld abwirft, sondern als einen Schwindel. Sie halten das Ganze hier für einen Schwindel. Der Schmied sogar, dessen Glück den Leuten den Kopf verdreht hat, oder muß ich sagen: zurechtgesetzt hat, in seinem Innern glaubt er weder an mich noch an die Augen, die an seiner unfreiwilligen Kunst Gefallen finden. Sie meinen alle, ich lehrte sie eine neue, ungefährliche Art, die Menschen übers Ohr zu hauen. Und das danken sie mir, soweit von Dank die Rede sein kann, und tun mit. Dieses alles setzte ich dem Professor auseinander, da griff er recht geschickt die Gelegenheit an, ich merkte aber nun, daß er mit Plan, Absicht und Auftrag zu mir gekommen war, und wollte mir meine Art, hier zu arbeiten und zu wirken, verleiden, und zu was Ende? Können Sie es erraten?« Die Pfarrerin schüttelte den Kopf, ohne erst nachzudenken: »Nein, sagen Sie es nur!« »Nun, man will meine Arbeiten für das Museum kaufen und mich dazu. Ich soll Professor werden und in die Stadt ziehen.« »Sie haben es abgelehnt?« rief die Pfarrerin, und konnte eine plötzliche, törichte Spannung nicht gleich überwinden, die etwa in diesem Augenblick eingetreten wäre, wenn sie der Entscheidung Thornows nicht schon versichert gewesen wäre. »Das will ich meinen«, sagte Thornow, »und so deutlich, wie ich höflicher Mann imstande war.« Die Pfarrerin warf ihm vor, daß er nicht hätte zürnen dürfen, wo man ihm mit soviel Schätzung entgegengekommen sei. »Mit Überschätzung«, sagte Thornow nachdrücklich, »und wer mich überschätzt, der unterschätzt mich irgendwie. Die Dinge, die ich mache, sind dafür, daß man sie in die Vitrinen eines Museums stelle, zu schlecht und zu gut. Ich will, daß sie für ein angemessenes Geld gekauft werden, daß sie gebraucht, zerschrammt, wenn es sein muß: zerbrochen werden. Meine Ware – und ich auch. Nun, – ich habe dem Professor meinen reinen Wein eingeschenkt, er ist ein moderner Professor und hatte Nachsicht mit meinen Schrullen. Als er weg war, habe ich mir alles noch einmal überlegt; – Sie kennen meine Anschauungen. Einen guten Landgeistlichen an den Dom, einen tüchtigen Landarzt an ein großstädtisches Krankenhaus, einen braven Dorfschulmeister an eine städtische Unterrichtsanstalt von Riesenformat zu bringen, sowie man nur hört, daß sie was taugen, damit tut man etwas Unersprießliches. Es gibt ein Gesetz von der Nichterhaltung der Kraft; ich wollte, daß einer käme, der es uns beschriebe. Wenn eine große Stadt den Regen ihrer ganzen Landschaft auf sich zieht, so dürstet die Landschaft, und die Stadt selbst hat nicht mehr davon als die Durchspülung ihrer Kanäle und je zuweilen einige Kellerüberschwemmungen. Und so weiter! Also das alles habe ich dem Professor gesagt. Als er aber gegangen war, kam mir seine gesamte Museumswirtschaft doppelt kalt und leichenhaft vor; ich dachte an Severin und an das lebendige Leben, worin sein Herz mein bescheidenes Stück Arbeit täglich erhält, und setzte mich hin und schrieb ihm, ob wir nicht die Vase in ein Museum tun wollten: Zuerst wollte ich, daß er beim Lesen lache, dann aber plagte mich doch der Teufel, es etwas geheimnisvoll zu machen, damit er verwirrt würde und herkäme. Warum kam er nicht?« Die Pfarrerin hörte die Frage nicht, sie nickte nachdenklich: »So also hängt das zusammen. Ich habe viel herumgeraten, und das war alles recht phantastisch. So ist es viel besser, viel natürlicher. Severin wird sich freuen, er hätte sich ungern von seinem Tobias getrennt.« Thornow schwieg, dann sagte er, indem er sie anblickte: »In lieberen Händen wüßte ich die Vase überhaupt nicht als in den seinen; zumal jetzt. Er hat einen guten Anteil an ihrer Entstehung gehabt; – – und ich möchte, daß auch Sie sich nun meine Sachen ansähen und sich einiges auswählten, was Sie für die Küche gebrauchen können –« und da sie ihn fragend ansah, schloß er mit einem unfreudigen Lächeln: »zum Andenken.« Sie erschrak und wurde blaß, mit hastigen Händen nahm sie die Kleidungsstücke, die auf ihrem Schoß lagen, und legte sie auf den Tisch. »Sie werden fortgehen?« »Ja«, antwortete er; und beiden war diese Erklärung so schmerzlich, daß weder sie nach einem Grunde fragte, noch er einen sagte. Aber da doch wieder gesprochen werden mußte, bat sie ihn, ihr Genaues zu sagen; ob das Erlebnis mit dem Professor ihn aufgescheucht habe, bevor noch seine Zeit in Neuenrode ihr natürliches Ende gefunden? »Es ist das natürliche Ende«, erwiderte er, »was ich hier geschaffen habe, wird für meine Leute bestehen bleiben, ja recht eigentlich ein ernsthaftes Gesicht bekommen, wenn es vom Staat weitergeführt wird, wozu Aussicht vorhanden ist und was ich betreiben werde. Für mich selbst muß es hintanstehen, seitdem ich – es ist gut, daß Severin nicht hier ist, er würde nun gleich auflachen – ich habe nämlich jetzt meinen Auftrag.« Wieder erst nach einer Weile und ohne daß sie ihm Glück wünschte, fragte sie, welcher Art der Auftrag wäre. Er berichtete, daß ein Verwandter, ein Stiefbruder seines Vaters, im Thüringischen begütert, seiner Dorfgemeinde eine neue Kirche baue, – an dem Bau solle sich Thornow beteiligen und die Kirche ausmalen. Es sei dies nicht so wohl eine Lust des Onkels an der Kunst, als eine Gefälligkeit gegen den müßiggängerischen Neffen, »aber«, fuhr Thornow fort, »alle ungünstigen und wenig prächtigen Umstände beiseite gelassen, es ist die erste Gelegenheit zur vollen Freiheit, und ich will sie mit allen Kräften nutzen.« Als habe er den Sinn über eine persönliche Unruhe hinauszuführen nötig, sprach er weiter von seinem Plan; sie aber verharrte in ihrer Beklommenheit, deren kaltes Licht jeden Gedanken wie jedes Bild, das ihrer Phantasie aufgedrungen wurde, um Reiz und Schimmer betrog. Als er geendigt hatte, wünschte sie ihm Glück und gutes Gelingen, und indem sie die Betrachtung seiner Arbeiten und, auf seine wiederholte Bitte, die Auswahl einiger Stücke aufschob, erklärte sie, gehen zu müssen, wenn sie nicht zu spät nach Hause kommen wolle. Er schaute zur Erde, und das Einverständnis zwischen ihnen war so groß, daß er keine Einwendungen mehr machte. Sie war schon aufgestanden, nahm ihr Tuch um und schloß es am Hals mit einer Nadel. »Es ist kalt«, sagte sie, »nehmen Sie den Mantel.« Er schüttelte den Kopf: »Ich friere nicht, höchstens an den Händen.« Sie sah zu, wie er die Handschuhe anzog, sie tat das gleiche, und sie verließen das Zimmer. Als sie durch das Dorf gingen, kamen ihnen schon die Häuser übergroß und dunkel aus der Dämmerung entgegen, und das Feld, von leichtem Nebel bezogen, hatte keine Grenzen mehr am Himmel und kaum erkennbare an dem erhöhten Walde. Zwischen den Bäumen war es dann fast Nacht, durch den Wald rauschte ein Eisenbahnzug, die Wandernden fühlten sich zueinander gedrängt, als gingen sie in einer Grotte. Ihre Augen gewöhnten sich an die Finsternis, doch verbreitete der Weg sich so ungewiß in den Wald, daß sie, um Stoß und Stolpern zu vermeiden, zwischen den Fahrgeleisen gingen. So schnell verdichtete sich die Nacht, daß die kleine Lichtung, die der Fluß machte, mit ihrer geringen Helle den Wald kaum vom Himmel unterschied. Als die Schritte der beiden, bisher von dem feuchten Sand gedämpft, auf der hölzernen Brücke hallten, flog es mit heftigem Brausen und Knattern aus dem das Ufer umsäumenden Elsengebüsch empor, ein Zug Enten, und strich in silbern ersterbendem Klingen davon. Die Pfarrerin fuhr zusammen und blieb stehen. »Sie sind erschrocken, es ist so dunkel, ich will Sie führen«, sagte er, und schob seinen Arm in den ihren. Sie schloß die Augen, und da er dies nicht gewahren konnte, verstand er den Doppelsinn nicht, als sie sagte: »Ich sehe wirklich nichts mehr.« Ihm aber war es eigen, als er sie führte. Es war ihm, als seien sie beide von höherem als ihrem natürlichen Wuchse, und als gingen sie nicht enger nebeneinander als sonst, sondern getrennter. Ihre beiden Gesichter, inmitten der neuen, gewaltsamen Empfindung einander nicht zugekehrt, waren in dieselbe Ferne gerichtet; beide kosteten sie, wie nie in ihrem Leben, den gleichen schweren Takt des Einatmens und Ausatmens. Aber nach einer Weile legte er seine Hand an die ihre, seine Hand umfaßte die ihre, und sie ließ sie ihm und erwiderte den Druck. Und wieder nach einer Weile löste er seine Hand, doch nicht den Arm, und zog vorsichtig, so daß sie es nicht merken konnte, den Handschuh ab. Dann ergriff er wieder ihre Hand, bald fühlte sie die nähere Lebenswärme, und da tat sie wie er. Und in dem Maße, in dem der Druck ihrer Hände fester und fester wurde, spannte sich ihr Gefühl so hoch, so klingend und so gefährdet, daß beide glaubten, es müsse, wenn ein Wort gesprochen würde, zusammenstürzen. Da schwiegen sie, wie stürmisch es auch aus ihren Herzen aufschwoll. Aber je weiter sie gingen, um so qualvoller wurde das Schweigen, und immer unmöglicher, es zu brechen. Beide wußten, daß sie ihr Schicksal, sich zu trennen, entschieden. Als sie aus dem Wald heraus waren, war es über dem flachen Land heller. Noch war der Nebel über den Feldern nicht ganz gefallen. Die Kleider der Wanderer waren feucht, Thornows Bart entkräuselte sich und troff. In dem Geräusch der Pappelblätter sprach er ein paar Worte zu ihr, die sie nicht vernahm, sie schritten schneller aus und schwiegen weiter. Beider Augen waren, mit dem gleichen kalten, klaren Ausdruck, weit geöffnet, doch in der Anstrengung dieses Blickes wurden die ihrigen starrer, und seine füllten sich mit Tränen. Ohne sich loszulassen, gingen sie den ganzen Weg bis an die Pforte im Zaun des Pfarrhauses. Hier gaben sie sich noch einmal die Hände und trennten sich. Als die Pfarrerin ins Haus kam, vernahm sie von der noch wachenden Magd, daß ihr Mann oben in seiner Dachstube sei und die Nacht über dort bleiben werde. 5 Am nächsten Morgen betrat sie zufällig das Frühstückszimmer in dem gleichen Augenblick mit ihrem Mann. Bevor sie sich begrüßen konnten, sprang der Hund mit lautem, freudigem Gruß auf seine Herrin zu; mit Erstaunen gewahrte der Pfarrer, mit welcher Kälte sie, fast mit Widerwillen, das Tier abwies. Auch Gaston war über ihr Verhalten verwundert, und nachdem das Frühstück beendet war, drückte er sich, den ihm sonst verfeindeten Hund leise rufend, zur Tür hinaus. Nun gab die Pfarrerin ihrem Manne Rechenschaft über ihren Auftrag an Thornow und erzählte alle Umstände, aus denen der Brief entstanden war. Davon, daß Thornow weggehen würde, sagte sie nichts, sprach aber flüchtig von dem wahrscheinlichen Kirchenbau. Sie hatte in der Nacht wenig geschlafen, doch war ihr nichts anzumerken; ihre Wangen waren nicht blasser als sonst und ihre Augen in voller Ruhe. Daß eine Erschütterung ihres Gemüts stattgefunden hatte, vor der alle übrigen Angelegenheiten klein wurden, äußerte sich nur darin, daß sie ihre Auskunft ganz ohne Triumph und auch ohne Stolz auf Thornow gab. Aber der Pfarrer wurde durch etwas an ihr, durch etwas im Zimmer, aufs äußerste betroffen. Er sah an den Wänden entlang und sah sich nach dem Hund um. Er hatte ihr, während sie sprach, starr auf die Lippen geblickt, so daß er, um es zu verstehen, noch einmal hören mußte, was sie zu berichten hatte. Dann aber füllte Freude sein Herz, eine überschwengliche Freude. Fast zur Qual wurde es ihm, daß er Thornow nicht im Bereich seiner Hände hatte, ihn nicht streicheln und necken konnte, wie er gewohnt war. Er lief in die Bibliothek zu der Vase. Wie herrlich stand sie ihm nicht wieder zur Augenweide und zum Glücke da und sandte die kräftigen, heiteren Feuer ihrer Sommerfarben nach allen Seiten! Gerührt betrachtete er das schöne Werk. Aber während er seine Freude an dem Gedanken steigern wollte, daß ihm die Vase, nun solche Schwankung und Prüfung daran erlebt war, noch teurer geworden sei, kam eine bedenkliche Überlegung in ihm zu Worte. Er war Thornow so hingegeben dankbar, wofür? Weil er etwas Arges, Kleinliches nicht getan hatte. Doch braucht es dafür Dankbarkeit? Aber der ihm das Arge, das Kleinliche zugetraut hatte, der mußte sich schämen. Severin ertrug es nicht, sich zu schämen. Er rang mit dem Gefühl und wand sich frei. Darüber aber erblaßten die Farben der Vase, erstarb und erkältete ihr Leben. Langsam sank sie in seinem Urteil zu der Stufe herab, die einmal sein Groll ihr zugewiesen hatte; es wurde wieder zum Fehler an ihr, was er vordem als solchen angesehen hatte, zum Fehler, Makel und Vorwurf. Und zum zweitenmal: wie die Vase, so Thornow. Was einmal gegen den Freund gesprochen und gefühlt war, das war da, das ließ sich nicht so einfach stumm machen. Es war ein Scherz, so sprach die neue alte Stimme in dem Pfarrer, aber man macht nicht einen solchen Scherz, wenn man dergleichen nicht, und sei es in dem flüchtigsten Gedanken, erwogen hat. Muß man einem Menschen viel verzeihen, Tun und Denken, wohl – nur ihm, dem Thornow, durfte es nichts zu verzeihen geben. Als der Pastor dieses dachte, war er stolz auf seine Fähigkeit zu einer so strengen Liebe. Aber einmal ausschweifend in seinem Dichten und Richten, glitt er in eine Niedrigkeit der Empfindung, in der kein eingebildeter Stolz ihn schützen konnte. Wer weiß, sprach es in ihm, ob er die Wahrheit gesagt hat! vielleicht hat er die Vase wirklich für den Professor haben wollen, dann ist ihm das Glück mit der Kirche dazwischengekommen, sein Ehrgeiz hat ein höheres Ziel, und nun verursacht es ihm nicht viele Kosten, großmütig zu sein. Die Pfarrerin saß noch, als ob sich etwas Entscheidendes ereignen müsse, wartend am Tisch. Sie hatte mit einem Wunsch ihn weggehen sehen in seiner Freude, sie sah ihn mit dem verdüsterten Gesicht zurückkehren. Er trat zu einer Schieblade, nahm einen Brief heraus und las darin, sie sah, daß es Thornows Brief war. Da stand sie auf und verließ den Raum. Der Pfarrer steckte den Brief in die Tasche und nahm Hut und Stock; es war ihm, als müßte er fliehen, um nicht in ein Gespinst verstrickt zu werden, dessen Fäden sich unsichtbar in seinem Hause spannen. Auf der steinernen Brücke des Dorffließes saß Gaston, ließ seine Beine über dem Wasser baumeln und sonnte sich den Rücken. Neben sich hatte er den neugewonnenen Freund, den Hund, und kraulte ihm ohne Scheu das Fell. Der Pastor vergaß in seiner Zerstreutheit, den Jungen zu tadeln, weil er aus der Werkstatt geblieben war, und achtete auch nicht darauf, daß Knabe und Hund sich ihm anschlossen. Bald zögernd, bald stürmisch ging er dahin, und ohne ein Wort zu sagen folgte ihm Gaston, ohne einen Laut der Hund. Der Pfarrer, dem es nicht um Wahrheit, sondern um sein vermeintliches Recht zu tun war, gedieh zu keinem Ergebnis und kam in ein dumpfes, rastloses Zürnen. Plötzlich wandte er sich mit einem heftigen Ruck nach seinen Begleitern um; er sah sie an, und da blitzte ihm ein verzerrtes Bild ihrer Gemeinschaft durch den Sinn, die lächerliche Ähnlichkeit mit der Wanderung Tobiä, Engel, Knabe und Hund. Die Wut rötete sein zartfarbenes Gesicht, mit harten, scheltenden Worten trieb er den Jungen zurück. Nach ein paar Schritten drehte er sich nochmals um, drohte mit der Faust, ja vergaß sich so weit, daß er, als der Knabe wieder stehenblieb, sich in der Art, wie man einen Hund scheucht, zur Erde bückte, als wenn er einen Stein aufheben wollte. Kaum aber war er nun, wie er meinte, erleichtert, weitergegangen, so kam es mit einer peinvollen Bitterkeit über ihn. Er erkannte, daß der Junge, dem er ein geistigeres, seelischeres Leben so oft hatte einreden und aufschwatzen wollen, heute zum erstenmal aus einem zarten Gefühl und guten Herzen sich ihm genähert hatte. Er hatte an einem Scheinen von Liebe die Welt gemessen und zu klein befunden; aber weder Liebe noch Gerechtigkeit hatte er bewiesen, er hatte nur um sie gewußt und hatte gewünscht. Die Welt aber gibt der Seele nur wieder, was die Seele ihr gibt, und achtet Wünsche noch nicht als Gabe. Da wehrte er sich nicht länger gegen die Scham, er rang die Hände, und es lief ihm kalt über die Haut. Er kehrte um und eilte heim. Zu Hause traf er seine Frau mit verweinten Augen. Er erschrak und fragte, was ihr begegnet sei. Sie lächelte und sagte, es sei nicht so arg. Dann führte sie ihn in die Bibliothek, und er sah, daß die Vase zerbrochen war. Sie stand übrigens fest, nur ein großes Stück der bauchigen Rundung war eingeschlagen, und die Scherben lagen, schon sorgsam gesammelt, neben dem Gefäß. Der Schrecken des Pfarrers wuchs. War ein Wunsch ihm erfüllt? Doch diesen Verdacht, der sich in ihm regen wollte, ertrug er nicht. Er fragte, wie das Unglück geschehen wäre, und erfuhr, daß Gaston mit seiner Schleuder mutwillig und boshaft die Vase zerbrochen hatte. »Wo ist er?« fragte der Pfarrer, zur Verwunderung seiner Frau ohne Jäheit. »Ich habe ihn auf sein Zimmer gewiesen«, war die Antwort. Der Pfarrer, der bleich geworden war, als er den Namen Gastons hörte, konnte sich nicht erholen. »Ich denke, Liebste«, sagte er, »wir lassen ihn aus unsern Händen. Nicht zur Strafe! Ich fürchte nur, wir haben ihm nichts zu geben. Was soll er hier? Wir werden ihm immer Unrecht tun.« Die Pfarrerin nickte sehr ernst zwei-, dreimal. Er aber fing an, mit äußerster Sorgfalt die Scherben in die Lücke zu fügen, und sah zu seiner Freude, daß alle Stücke da waren; die Bruchflächen waren nur an wenigen, nicht zum Bilde gehörigen Stellen zersplittert, und nur wo der Stein aufgeschlagen war, in das Gewölk zur rechten Seite, war die Farbe abgesprungen. Er ließ sich ein Schächtelchen mit Watte geben und legte behutsam jedes Stückchen hinein. »Wie traurig das aussieht«, sagte er, auf die Vase zeigend; »Thornow soll kommen und wird es uns heil wieder zusammenfügen.« Sie überwand das Zittern ihrer Augen und sah ihn um so fester an, wie das Erröten sie tiefer und tiefer erglühen ließ und fast des Atems beraubte. Sie schwieg, und sie beschloß, zu schweigen. Und hätte sie nicht sollen fest und freudig sein, mit ihrem Geheimnis, trotz ihrem Geheimnis? Wenn die Magnetnadel nicht zittern könnte, könnte sie auch nicht nach Norden zeigen.