Jonas Lie Der Dreimaster »Zukunft« Erzählung aus dem nördlichen Norwegen Einleitung. In Nordland und Finnmarken führt zwar nicht wie auf den Faröern ein Geschlecht den Namen »Meertreibholz,« welcher das bezeichnet, was von der See »angetrieben« ist, allein der Begriff gehört doch vollkommen der nordischen Landschaftspoesie an: – Namen wie »Treibholzwik«, »Schiffsholzwick« u.a. geben einen hinreichenden Beweis dafür. Und, wenn man will, ist er ein Gemeingut des ganzen Nordens, in dessen historischem Leben er manch einen tiefen Schicksalszug bildet, wie die dunklen Sagen von König Skjold, der in einer Kornschwinge nach Dänemark fuhr, von Kraaka, der nach Spangereid kam, und von Leif, der unterwegs die Säulen seines Hochsitzes nach Island treiben ließ, ja selbst heutzutage noch wirksam ist, indem das Meer durch seine Tausende von Schiffen Norwegen aus allen Landen das Treibholz des Zeitgeistes zuführt. Als Leif die Säulen seines Hochsitzers über Bord warf, war es sicher nicht ausschließlich eine religiöse Handlung. Mit der bedächtigen Umsicht des ersten Besitzergreifers wollte er den Weg des ihm zur Feuerung und zu seinen hölzernen Geräten unentbehrlichen Treibholzes beobachten, um darüber ins Klare zu kommen, wo er auf der isländischen Küste mit Rücksicht hierauf seinen Wohnsitz am richtigsten aufschlagen müßte, und diese Stelle wurde Reykjavig (»Treibholzwik«). Wie der warme Golfstrom Wracktrümmer und Treibholz nach Norden mit fortführt, so haben auch die Strömungen in den menschlichen Verhältnissen während der letzten Jahrhunderte die Küsten des Nordlands und Finmarkens mit den verschiedensten wrackähnlichen Existenzen aus dem Leben im Süden überschwemmt. Diese Gegenden bildeten eine Zeit lang die Verbannungsstätte des dänisch-norwegischen Staates, sein Sibirien für allerlei Verbrecher. Damals war der Versuch, die Bevölkerung auf diese Weise zu vermehren, eine ganz gute Staatsökonomie. Jungen Leuten aus dem Süden, die sich der schweren Soldatenpflicht entziehen wollten, haben diese Gegenden noch bis zum heutigen Tage als Freistätte gedient. Ein einfältiger Kandidat der Theologie konnte bei der Prüfung kein schlimmeres Prädikat erhalten, als daß er für tauglich zur Verwaltung eines kleinen Pfarramtes in den nördlichen Provinzen erklärt wurde. Wenn ein Gentleman aus einem oder dem andern Grunde unten im Süden unmöglich geworden war, versetzte ihn die Macht der Verhältnisse gern nach Norden, zum Beispiel als Hauslehrer bei einem dortigen Amtsrichter, Pfarrer oder Kaufmann. – Und gewiß hat mancher begabte Mann den Rest eines gebrochenen Lebens auf einer entlegenen, einsamen Stätte in den nördlichen Provinzen unbemerkt hingebracht. Mehrere derselben waren seltsame originale Gestalten und namentlich der Flasche sehr zugeneigt. Meistenteils war ihre frühere Geschichte unbekannt oder doch nur der Gegenstand von Vermutungen. Infolge dieser ganzen Anschwemmung von Menschen, von schlechten Geistlichen, durchgebrannten Kassenbeamten, die sich wegen verschiedener Defekte nicht verantworten konnten, von Ehrenmännern, die eine Unterschrift gefälscht hatten und sich vor dem Zuchthause verbargen, von fremden Abenteurern, darunter französische Emigranten aus der Hugenottenzeit; von schiffbrüchigen, gestrandeten Seeleuten vieler Nationen, darunter bisweilen auch Frauenzimmer, – giebt es jetzt unter dem nordischen Volke viele fremde Gesichtstypen und Namen, die oft einen wunderbar fremden Klang haben. Sie heirateten oft in Bauernfamilien hinein, und ihre Kinder versanken bald vollständig in die Vergessenheit des niederen Volkslebens. Auf einer entlegenen Schär in Helgeland wohnen noch immer ein paar arme Leute mit dem Wappen der alt-adeligen Familie Benkestok, – sie sind die letzten des Geschlechtes; und in mehreren Familien giebt es noch Traditionen einer abenteuerlichen Abstammung. Wer dort oben reist, kann deshalb höchst romantisch klingende Erzählungen noch aus diesem Jahrhunderte vernehmen. Viele dieser verschwundenen Namen tauchten seitdem wieder auf, – einzelne sogar als größere Handelshäuser in Nordland und Finnmarken. Diese vielen fremdklingenden Firmen schreiben sich jedoch wesentlich von der Einwanderung, infolge der natürlichen Entwickelung der Handelsverhältnisse, namentlich aus der Zeit des bergischen und dänischen Handels in Finmarken her. In der Zeit, als die Bergenser das Handelsmonopol für Finmarken besaßen, so wie später in den Jahren nach 1750, als dieser Handel, infolge des Mißbrauches jener, als dänisches Hoheitsrecht betrieben wurde, war namentlich Köllefjord am Nordkyn ein blühender Ort. Als Stapelplatz für die finmarkischen Produkte, welche von bergensischen und später von dänischen Schiffen abgeholt wurden, als Hafenplatz der russischen Lodjen, welche die Küste entlang Tauschhandel trieben, und als Nothafen der fremden Schiffe auf ihren Fahrten durch das weiße Meer nach Archangel, – herrschte darin beständig viel Leben und Bewegung. Köllefjord stand damals als Handelsplatz ohne Vergleich über Bardö und dem entstehenden Vadsö. Obgleich unaufhörlich sinkend, behielt der Ort doch auch in der darauf folgenden Periode noch Bedeutung, als die Regierung, in Erkenntnis ihres eigenen Unvermögens, die finmarkischen Handelsplätze kopenhagenschen Privatgesellschaften überließ, die sie, ähnlich wie bei dem isländischen und grönländischen Handel, als »Faktoreien« beibehielten. Jetzt ist Köllefjord nur ein Fischerdorf mit einer rotangestrichenen Kirche, – der ältesten in Finmarken. Die Ruinen abgebrochener Gebäude längs dem schwerzugänglichen Strand erzählen die Geschichte des Ortes. Aber in jenen Tagen herrschte an den fernsten Enden des dänisch-norwegischen Staates noch nicht viel Gesetzlichkeit; Übergriffe und Gewalttätigkeiten aller Art fanden ungestraft statt. Noch im Jahre 1790 ließ der Bevollmächtigte eines Faktors einen Finnen zur Strafe an den Beinen aufhängen, bis er unter Krämpfen starb. In der Kriegszeit von 1801-1809 und sogar noch später bis ungefähr 1814, als alle Aufsicht aufgehört hatte, machten sich nach dem Berichte alter Leute auch die Russen vieler Rohheit und mancher Übergriffe gegen die wehrlose Bevölkerung schuldig. Die Unsicherheit des Zustandes wurde noch durch die Verbrecher, welche die Festung Vardöhus nach ausgestandener Strafzeit verließen und sich jetzt ihr Brot auf eigene Hand suchen sollten, so wie durch die von der Regierung nach Finmarken Verwiesenen, vermehrt. Damals traf die Post jährlich nur einmal ein, und sonst empfing man nur gelegentlich Nachrichten aus der Außenwelt mit den Schiffen, die in den Hafen von Köllefjord oder Vardöhus, wo der Amtmann residierte, einliefen. Die Festung Vardöhus war eine der Hauptstrafanstalten des dänisch-norwegischen Staates, deshalb lag dort damals wie jetzt eine militärische Besatzung. Erstes Kapitel. Das Wrack. Nach einem der entsetzlichen Novemberstürme des Jahres 1807, das seitdem in der Jugenderinnerung manches alten Seemannes als ein Unglücksjahr tief eingegraben stand, trieb an einem schneereichen Wintertage der Dreimaster »Die Zukunft« als mastenloses Wrack an der finmarkischen Küste entlang. Die Schanzbekleidung war zertrümmert, und der Dreimaster lag jetzt halb voll Wasser nach der einen Seite hinübergeneigt. Das Schiff gehörte einer der kopenhagenschen Gesellschaften, die in dem Varangerfjord noch immer Faktoreien besaß, und war nach Köllefjord bestimmt. Ausgefahren aus Drontheim war es von einem vom Meere her blasenden Sturme überfallen worden, der die Mannschaft zwang in die hohe See hinaus zu stechen, und mehrere Tage lang brauste das Meer so ungestüm um den Dreimaster, daß die Sturzwellen bis zu dem Mastkorbe emporschlugen. Unten in der Deining lag das Schiff mit vier grünen Wellenmauern um sich und einem Stückchen grauen Himmels als Dach über sich, bis der Wellenrücken es wieder so weit emporhob, daß die Mannschaft ihre trostlose Lage überschauen konnte. Der Kapitän war in einer Nacht von einer Segelstange getroffen worden; er lag bewußtlos und rang mit dem Tode; das Fahrzeug aber, das führerlos und ohne Steuer mit krachenden Planken umhergeschleudert wurde, war an mehreren Stellen leck geworden. Als sich das Wetter am vierten Tage ein wenig besänftigt hatte, und man das Land in Sicht zu haben glaubte, hatte die Mannschaft, die wohl einsah, daß sie nicht länger imstande wäre, das Schiff mit den Pumpen über Wasser zu halten, den Entschluß gefaßt, das Leben in dem großen Boot zu retten und womöglich irgendwo die Küste zu erreichen. Der kranke Schiffer war bereits in dasselbe hinabgebracht, seine Frau und das kleine Kind befand sich noch an Bord, – sie hatte ihre Furcht vor dem gefährlichen Hinabsteigen noch nicht überwinden können, – als eine drohende Sturzwelle die im Boote Befindlichen abzustoßen zwang. Kurz darauf ging das Boot vor ihren Augen unter. Den nächsten Tag, nachdem das große Boot verunglückt war, trieb das Wrack, wie bereits angegeben, in dem halbgrauen Schneetreiben an der öden, nördlichen Felsenküste weiter. – Nach dem Sturm war die vorher hohle See jetzt still und ruhig geworden, doch mit langen Schwingungen. Auf der Kajütentreppe unter dem Verdeck saß eine totenbleiche, hellblonde Frau mit einem Kinde auf dem Schoße, das sie in einer halb bewußtlosen Betäubung instinktmäßig wiegte und dann und wann mit einem nervösen Zucken an ihre Brust drückte. Sie war jung und mußte, ehe sich der nahende Tod auf ihrem Gesicht ausgeprägt hatte, schön gewesen sein; jedenfalls deuteten die großen, tiefen Augen darauf hin, die sie mit einem Rest von Lebenskraft matt fragend zu einem jungen Manne emporschlug, welcher sich gerade an ihr vorüber, mit einem braunroten Taschenbuche in der Hand, die Treppe hinaufdrängte. Es enthielt das Geld, mit dem die Einkäufe in Köllefjord bestritten werden sollten, und gehörte ihrem Manne und der Rhederei. Kurz vorher hatte ihr geträumt, ein häßlicher älterer Mann in groben Kleidern stände oben auf dem völlig zugeschneiten Verdeck und blickte mit einer Miene auf sie herab, als ob er etwas überlegte, während er eine Axt, die neben ihm lag, mitunter in die Höhe hob und sie unentschlossen wieder fortlegte. Er bemerkte, daß sie schon mit dem Tode rang. Inzwischen beschäftigte sich eine dritte Person, die von ihrer Arbeit völlig in Anspruch genommen war, weiter vorn auf dem Verdeck. Es war ein Mann über das mittlere Lebensalter hinaus, ein Seefinne (Lappe) von der entlegenen kleinen Insel Lövö, deren einziger Bewohner er war. Er hatte ein Segel, einen Bootshaken, einen kupfernen Kessel und einige andere Sachen, die er auf dem Verdeck gefunden, in einen Haufen zusammengelegt und trat gerade in dem Augenblick, als der junge Mann dem ältren die Geldtasche einhändigte, hinter der Kajüte hervor. Ein Schimmer von Habsucht flog über das Gesicht des Finnen; aber gleich darauf änderte sich die Miene und nahm einen Ausdruck von Entsetzen an: er hatte die junge Frau bemerkt, die mit dem Kinde auf der Kajütentreppe saß. Während sich die beiden anderen in den Schiffsraum, der halb voll Wasser war, hinabbegaben und den Boden des Schiffs durchzuschlagen begannen, benahm sich der Seefinne oben auf dem Verdeck äußerst seltsam. Er kehrte stets wieder um, so oft er von hinten auf den Kajüteneingang zuging, kam aber gleichwohl immer wieder dorthin. Eine Weile beschäftigte er sich mit seinem aufgeschichteten Haufen, doch war derselbe bald in das Boot hinabgeschafft. Als er bemerkte, daß die Axtschläge rasch zunahmen, wurde sein Gang ungewisser und die Wendungen immer kürzer, fast trippelnd. Mit einigen Unterbrechungen ging es so eine ganze Stunde lang fort, vielleicht auch anderthalb; als die Axthiebe jedoch allmählich nachließen, erschien das schon ältliche Gesicht des Finnen kreideweiß und schweißbedeckt: – hatte er in dieser Zeit doch wahrlich noch härter als die Beiden unten im Schiffsraume gearbeitet. Mit raschem Entschluß ging er jetzt nach hinten auf die Kajütentreppe zu. Dort saß die junge Frau halb eingeschneit mit gebrochenen Augen, aber das Kind war noch am Leben. Nach wie vor hatte die Mutter es unter dem Mantel auf dem Schoße und hielt es fort und fort mit ihren gefalteten, jetzt starren Händen umfaßt. Behutsam zog Isaak es mit seinen großen, wettergebräunten Händen in die Höhe und stand nun mit seinem Funde einen Augenblick augenscheinlich verlegen da; mit ratloser Miene blickte er sich um. Da aber offenbar hier von keinem andern Hilfe zu erwarten war, setzte er sich – mit seiner Bürde beständig zwischen den Händen – vorsichtig nieder auf das Verdeck. Hier zog er sich mit einiger Mühe einen seiner schweren Wasserstiefel aus, steckte das Kind hinein und trug es nun halb humpelnd, sich an den Anfassern haltend über das tief geneigte Verdeck nach der Stelle hin, wo das Boot lag. Dort stieg er, mit seiner Bürde beständig in den Händen, vorsichtig hinab, legte den Wasserstiefel hinter die Ruderbank, deckte ihn mit seiner Friesjacke zu und blieb dort, die Ankunft der anderen erwartend, sitzen. Erst nachdem das Boot abgestoßen war, entdeckten diese, was Isaak zuletzt von dem Fahrzeuge geborgen hatte, und das Gesicht des Älteren wurde nichts weniger als freundlich. Aber Isaak saß stämmig und breitschultrig auf der Ruderbank da, und die Sache war nun einmal geschehen. Die beiden Anderen im Boote waren Korporal Stuwitz und sein Sohn. Von ersterem können wir nur mitteilen, daß er einst zur Besatzung der Festung Vardöhus gehört hatte, aber wegen Gewalttätigkeiten, Unredlichkeit und Trunksucht verabschiedet worden war. Man erinnerte sich von ihm noch einiger Geschichten, die er, wenn er betrunken, zum Besten gab, und die wahrhaft haarsträubender Art waren. Sie stammten aus jener Zeit, in der er als Feldwebel – aus welcher Stellung er freilich degradiert worden war – den Krieg in Deutschland mitmachte. Nach seiner Verabschiedung hatte er davon gelebt, daß er den Russen, die an der Küste Tauschhandel trieben, als Dolmetscher diente, und hatte dabei selbst Kleinhandel getrieben. Auf einer Reise mit dem Seefinnen, vorüber am Busesund, wo gerade ein russisches Schiff lag, hatten sie das Wrack draußen in der See entdeckt. Auf dem Rückwege war der Seefinne sehr gedankenvoll. Er war Witwer und hatte nach dem Tode seiner Frau die zahlreiche Familie seines auf der See verunglückten Bruders zu sich genommen, der er treulich beistand. Während es sonst schon schwer fiel, das tägliche Brot herbeizuschaffen, war es freilich sonderbar genug, noch ein Kind mitzubringen. Er sah deshalb bei seiner Schwägerin, die alles sehr schwer aufzunehmen pflegte, nicht eben das freundlichste Gesicht voraus. Dann war aber die nicht zu unterschätzende Wrackgeschichte, die ihm, wenn er einigen Anteil an dem Gelde erhielt, ein für allemal eine Entschädigung für die Auferziehung geben konnte. Allein da trat er doch mit dem Geschehenen in eine nähere Berührung, als ihm angenehm war, und so brachte er die Angelegenheit lieber gar nicht zur Sprache. Sich herrenlos »herumtreibenden« Gutes zu bemächtigen, war dagegen etwas, worüber sich damals niemand ein Bedenken machte. Allerdings handelte es sich nicht um solch ein im Meere »umtreibendes« Gut wie Netze, Ruder und dergleichen, sondern die mitgenommenen Sachen stammten von einem Wrack, und, wie der Korporal sagte, das Gericht urteile darüber sehr streng, zumal das Fahrzeug versenkt worden. Es hieß also vorsichtig sein, damit das Ganze nicht bekannt würde und mit der Festung auf Vardö endete. Dem Korporal war die Rettung des Kindes offenbar nicht angenehm, und er sprach oft und viel davon, daß Isaak auf der Hut sein und das Kind verborgen halten sollte. Wenn aber dennoch etwas über das Fahrzeug – das jetzt hoffentlich wohl verwahrt auf dem Grunde des Meeres ruhe – durch seine Schuld verlauten sollte, so würde er sich doch samt seinem Sohne immer davon loslügen können, da niemand sie im Boote gesehen hätte, und sie auch nicht, wie er, gestohlene Sachen vom Wrack besäßen, die es beweisen könnten. Denn, sagte er weiter, das lederne Buch, worin sich nichts vorgefunden, hätte er in das Meer geworfen – und im schlimmsten Falle, setzte er drohend hinzu, »was die Anbohrung beträfe, so wären sie drei.« – – Wachsam saß Isaak in der finstern Nacht da; – unwillkürlich mußte er sich vorstellen, daß die beiden Anderen im Boote wohl imstande wären, sich von allem, was gegen sie zeugen könnte, zu befreien. Sie ließen sich nach Wassilieffs Kauffahrteischiff rudern, welches im Busesund ankerte, und schieden dann von ihm; aber das Letzte, was der Korporal bedeutungsvoll sagte, war: »Hüte dich vor Vardöhus, Isaak!« Was für eine unbeschreibliche Erleichterung, sie los zu werden! War es doch als ob eine schwere Sündenlast aus dem Boote gekommen wäre. Als er etwas später im Finstern von der Ruderbank aus behutsam mit der Hand den Wasserstiefel hinter sich betastete und darauf ängstlich unter der Jacke fühlte, ob das Kind noch atmete, hatte er die Empfindung, eine gute That vollbracht zu haben. Als er so einsam dasaß, dachte er an seine Frau, die jetzt unter dem hölzernen Kreuze auf dem Friedhofe ruhte. Kirstine hatte sich immer Kinder gewünscht – hier wurde ihm nun eines auf seine alten Tage beschert. Als er nach Hause kam, ging es, wie er vorausgesehn hatte. Obgleich die Schwägerin nichts unterließ, um das Kind zu pflegen, war es ihr doch offenbar kein willkommener Gast, und anfänglich sprach sie mehr, als Isaak lieb war, von einer Reise zum Vogt, um ihm Anzeige zu machen, damit es jedenfalls auf Kosten der Armenverwaltung erzogen würde. In dem Shawl, darin das Kind, das ungefähr zwei Jahre alt sein mochte, eingehüllt war, fanden sie eine Brustnadel, und die Wäsche war mit Buchstaben gezeichnet, aus denen sie den Namen »Marina« zusammenbuchstabierten. Als die Witwe hörte, daß die Brustnadel von Gold wäre und einen Wert von ungefähr zehn Thalern hätte, redete sie nicht mehr mit solcher Bestimmtheit von einer Reise zum Vogt; mußten sie dann doch auch zugleich das Stück Segeltuch angeben, das zu einem neuen Bootsegel zerschnitten auf dem Boden lag, und sie mußte sogar den schönen Kaffeekessel für den sie eine besondre Vorliebe gefaßt hatte, ausliefern. Sechs Wochen später hörten sie zu ihrem Entsetzen, daß sich der Schultheiß und der Vogt nach dem Wrack genau erkundigt hätten. Zu Isaaks großer Angst verlautete zugleich, daß der Korporal Stuwitz so wie der Kapitän und die Mannschaft des russischen Kauffahrteischiffes in das Verhör genommen werden sollten. Jetzt erst bekannte er der Schwägerin ausführlich, was vorgefallen war, so daß sie einsah, hier wäre nur eines möglich, das Kind in aller Stille bei sich zu behalten. Isaak schloß daraus, daß das Wrack, trotz des eingeschlagenen Bodens nicht gesunken wäre, sondern in östlicher Richtung nach dem finmarkischen Meere getrieben und dort von dem Russen Wassilieff und Stuwitz, der an Bord seines Schiffs gegangen war, zum zweitenmale heimgesucht sein müßte. Der Dreimaster »Die Zukunft«, der in jener Zeit im Hafen Köllefjord mit Waren aus Kopenhagen erwartet wurde, war, wie man gut bemerkt hatte, draußen auf der See als Wrack umhergetrieben worden, auch wollte man Wassilieffs Kutter neben ihm an der Nordküste gesehen haben. Als die Beamten nach dem Schiffe kamen, fanden sie es vollständig ausgeplündert und zertrümmert, so daß ihnen nichts weiter zu thun übrig blieb als ein Protokoll darüber aufzunehmen und eine erfrorene, junge Frau zu beerdigen, die nach den aus Dänemark eingelaufenen Berichten die Frau des Schiffskapitäns war. Ein Gerücht unter den vielen, die über diese Sache umliefen, wollte wissen, Stuwitzens großes Boot wäre mit der Mannschaft des russischen Schiffes eine halbe Woche lang zwischen dem Wrack und dem festen Lande hin- und hergefahren, und der Bergfinne Jakob Nutto hätte für achtzig blanke Speziesthaler aus der Zeit Karls IX. es übernommen, die Waren auf dem Lande bis zu einer für die Teilung gelegeneren Zeit aufzubewahren. Um seine Unschuld klärlich darzuthun, war der Russe gleich darauf mit seiner Lodje, die, wie Gott und jedermann – die hohe Obrigkeit selbstverständlich gleichfalls – sehen konnte, mit eingetauschten Fischen und Mehl aus Archangel völlig beladen war, in den Hafen von Köllefjord eingelaufen. Bei der gerichtlichen Untersuchung waren die wenigen norwegischen Zeugen, auf die man etwa rechnen konnte, in eigentümlicher Weise verschwunden. Die russische Mannschaft, die mit beteiligt war, leugnete alles und der alte Jakob Nutto der noch ein Heide war, legte mit all den Seinen ganz gemütlich einen falschen Eid darauf ab, daß er zu der fraglichen Zeit mit Stuwitz weit im Osten, im Hopseidsfjord, Felle und Renntiere eingekauft hätte. Wie gewöhnlich, wenn sich der Finne von der Wirkung der Taufe oder einer anderen christlichen Handlung reinwaschen will, fand hinterher im Zelte die Sarakataufe statt. Insofern beruhten die Worte des Bergfinnen in der That auf Wahrheit, als sich Stuwitzens Sohn wirklich in der Nähe von Hopseid aufgehalten und von Mathis, dem Bruder des Finnen, Felle für seinen Vater gekauft hatte; aber es war freilich eine Woche später und ein ganz anderes Geschäft gewesen. Ein Kwäne (Finländer) aus den Schären, der rücksichtslos ausgesagt hatte, er könnte wohl noch anderes bezeugen, war auf dem Wege nach dem Amtsgerichte erschlagen gefunden. Über das, was er zu berichten hatte, wurde vieles erzählt. Er sollte in der Nähe des russischen Kauffahrteischiffes, das hinter einem Felsriff versteckt gelegen, gefischt und unter anderen gesehen haben, daß der Russe dem Bergfinnen blanke Speziesthaler aufgezählt, so wie daß sich Stuwitzens Sohn an Bord befunden habe. Man war nicht imstande, das Wrack aufzubringen, da ein Sturm aus Nordosten es wieder nach Süden trieb, und es mußte nach der allgemeinen Überzeugung mitten im Meere untergegangen sein. Ein Dreimaster geht nicht unter ohne Folgen in weiten Kreisen. Eine derselben war, daß der junge Kammerrat Tobias Storm in Kopenhagen, der zugleich Zollbeamter war, Bankerott machte und einen Kassendefekt hatte. Als Mitbesitzer der Faktorei Köllefjord hatte er bei dem Fahrzeuge, das sein Bruder führte, zu viel Geld auf das Spiel gesetzt, deshalb reiste er im folgenden Jahre in einer Art öffentlicher Mission nach Finmarken, um bei der Untersuchung womöglich so viel zu retten, daß er den schlimmsten Folgen des Kassendefekts vorbeugen konnte. Dies gelang ihm freilich nicht. Aber als der Defekt mit Hilfe der Freunde und unter Verzichtleistung auf ein Legat, von dem er die Zinsen bezog, bezahlt wurde, erhielt er auf Grund der besonderen Umstände seinen Abschied in Gnaden mit dem Rechte, »auch künftig Uniform zu tragen.« – Seitdem lebte er als Buchhalter bei Brögelmann in Köllefjord, der sich seiner aus alter Freundschaft annahm. Gerade in diesen Jahren gewann Brögelmanns Handelshaus in Köllefjord einen so großen Aufschwung im Varangerfjord. Die kopenhagener Gesellschaften boten damals ihre Faktoreien im Norden zum Verkauf aus, und er stand heimlich mit mehreren derselben in Unterhandlung. Die Geldreduktion in den Jahren 1813 und 1816 machte viele arm, aber Brögelmann wurde dadurch steinreich. Er hatte zwei der besten Faktoreien auf Kredit gekauft, und nun konnten gesetzlich alle Schulden, durch das ganze Reich, rechtsgültig mit nur zwei Schilling auf jeden Speciesthaler abgetragen werden. Brögelmann beeilte sich die günstige Zeit zur Auszahlung zu benutzen, und in den nächstfolgenden Jahren machte er glänzende Geschäfte, bis sein Alter und andere Umstände es zuwege brachten, daß er sich allmählich von den Geschäften zurückzog. Sein ihm in den letzten Jahren ganz besonders nahestehender Geschäftsführer war der junge Stuwitz, mit dessen Person wir den Leser oben flüchtig bekannt gemacht haben. Der Vater war einige Jahre nach jener Wrackgeschichte, trotz seiner verschiedenen Vermögensoperationen, in bedrängten Verhältnissen gestorben, und der Sohn kam nun als Ladendiener zu Brögelmann. Hier bewies er ein so großes kaufmännisches Talent und eine solche Brauchbarkeit, daß dieser ihm bald für diejenigen Zeiten im Jahre, wo er sich selbst auf andren bedeutenden Handelsplätzen befand, die Leitung der Geschäfte nördlich von Köllefjord überließ. Durch ein Geschäft, dem gegenüber der Prinzipal nur allzusehr ein Auge zugedrückt, hatte sich Stuwitz in diesen Gegenden noch vor dem dreißigsten Jahre, den Zunamen »die Finnenplage« erworben. Das Jahr darauf, nachdem Stuwitz in Brögelmanns Lohn und Brot gekommen war, ereignete sich jedoch der merkwürdige Umstand, daß man in Bergen einem Teile der Geldscheine, die mit dem gesunkenen Dreimaster verschwunden waren, – ihre Nummern waren seiner Zeit in den Zeitungen wiederholt bekannt gemacht worden – auf die Spur kam. Die Untersuchung ergab, daß die Scheine mit einer der jährlichen Zahlungen Brögelmanns für Waren nach Bergen gekommen waren. Dies machte damals viel Aufsehen und Gerede. Als der Vogt eine Untersuchung in Betreff der Sache anstellte, belehrte ihn jedoch der junge Stuwitz, daß ja von allen Seiten Geldscheine in die Ladenkasse zusammenflössen, so daß darin weder ein Beweis noch eine Spur, die auf irgend jemand deute, gefunden werden könne; – er versprach jedoch, in der Zukunft ein wachsames Auge darauf zu haben. Als das später auch auf der Insel Lövö ruchbar wurde, verstand Isaak sehr wohl, daß Stuwitz einen Teil des aus dem Wrack gefundenen Geldes auszugeben versucht hätte, und mit einer gewissen Schadenfreude dachte er daran, daß derselbe jetzt gezwungen sein dürfte, den Rest zu verbrennen, ohne einen Nutzen davon zu haben. Wer sich aber nicht damit zufrieden gab, war der arme Kammerrat Storm. Einen Augenblick hatte er die Sache mit gewohnter Energie angegriffen und war deshalb Stuwitz ziemlich ernstlich zu Leibe gegangen; allein seine Stellung verbot ihm jetzt die Sache weiter zu betreiben. Er war Witwer; – mit dem Fahrzeuge hatte er seinen einzigen nahen Verwandten, seinen jüngeren Bruder, welcher der Schiffskapitän gewesen war, und dessen Frau verloren, in der Heimat aber seinen guten Namen und zugleich sein ganzes Vermögen eingebüßt. Nun schien er, stumpf und müde, sich in seine eigene Schale einschließen zu wollen. Wenn er nicht bei seiner Arbeit saß, sah man ihn mit seiner Pfeife gemütlich auf- und abspazieren. Sein einziger Vertrauter schien der Hofhund zu sein, der gern zu ihm kam und den großen, schwarzen Kopf auf seine Knie legte, während er selbst auf der Treppe saß und den Rauch in die Luft blies. Vermutlich lag in dem Rauch eine stumme Sprache, die der Hund verstand, denn er blickte ihm die ganze Zeit lang ins Gesicht. Sobald er Stuwitz kommen sah, ging er meistens fort. Er konnte diesen Menschen nicht ausstehn, mochte es aber auch nicht deutlich zu erkennen geben. Nachmittags stieg er oft, mit den Händen auf dem Rücken, zu einer steilen Felsenspitze, der sogenannten Kanzel hinauf, von der man eine weite Aussicht über das Meer hatte. Dort stand er dann eine Zeitlang und blickte schwermütig über den weiten Friedhof, auf dem der Dreimaster und sein Glück begraben lag. Eines Tages, – es war schon im ersten Jahre seines Aufenthalts in jenem Hause, – hatte er daselbst einen Mann getroffen, der noch trauriger und schwermütiger war als er selbst. Es war ein großer, breitschultriger junger Fischer Namens Lars oder »der große Lars,« wie er auch genannt wurde, der augenscheinlich im Begriff stand, seinem Leben ein Ende zu machen. Er bewog ihn, seinen Vorsatz aufzugeben und ihm zu folgen. Die Rede und das Wesen des Mannes waren etwas verworren, da er aber, mit Ausnahme einzelner kurzer Momente, ein ganz brauchbarer Arbeiter war, gelang es Storm, seinen Freund Brögelmann zu überreden, denselben in seinen Dienst zu nehmen. Zweites Kapitel. Die Flucht. Brögelmann hatte eine kleine und nur dürftig eingerichtete Wohnung; er war immer zu beschäftigt gewesen, um an den Bau eines neuen Hauses zu denken. Auch gefiel es ihm in dem alten, in welchem ihm das Glück immer treu geblieben war, am besten. Gleichwohl führte er, was man im Nordland ein gutes, gastfreies Haus nennen würde, auch kamen infolge seiner Handelsverbindungen allerlei Leute dorthin. Persönlich war Brögelmann, namentlich in seinen alten Tagen, als er sich weniger mit den Geschäften befaßte, ein gutmütiger, freundlicher Mann. Seine einzige Tochter, Regine, war mehrere Jahre unten in Bergen gewesen. Bei ihrer Rückkehr übernahm sie in allem, was die innere Wirtschaft betraf, das Kommando als etwas Selbstverständliches, wahrte aber zugleich die Form derart, daß alle Anordnungen nach wie vor von der alten, schwachen Mutter auszugehen schienen. Regine sah in ihrer Weise ganz hübsch aus, obgleich ihr Gesicht etwas Gebieterisches und Scharfes hatte, – mit den schwarzen Locken erinnerte es an ein Ahnenbild; – sie erschien selbst werkeltags, mitten in dem regen Leben der Häuslichkeit immer geputzt. Unstreitig lag in ihrer Natur etwas Bedeutendes, weshalb sich auch alle vor ihr beugten; aber dieses Bedeutende hatte nichts Angenehmes, und das war wohl mit ein Grund, weshalb sie, obgleich schon etwas über dreißig, noch immer unverheiratet war. Ein jeder, von dem ihr gegenüber überhaupt die Rede sein konnte, fühlte, daß Hymens – hier allerdings goldene – Kette nicht ein bloßes Bild war, sondern daß es sich darum handelte, sich unter ein wirkliches Joch – ihren Willen – zu beugen. Andere begriffen sehr bald, daß sie für sie weder vermögend noch vornehm genug wären. In der That sollte sie in Bergen, wo sie in gewisser Weise Aufsehen erregt hatte, und zwar nicht bloß als die Tochter des reichen Brögelmann, geltend gemacht haben, daß ihr Großvater von Brögelmann geheißen hätte, daß sie also eigentlich von Adel wäre; das weitere wie dieser Großvater, nach Norden gekommen, erzählte sie freilich nicht. Übrigens waren alle darin einig, daß sie, trotz all ihrer Eitelkeit, doch eine ungewöhnliche Kernnatur wäre; nur zu stark die Freundin ihrer Freunde und die Feindin ihrer Feinde. Ihre eigentliche Liebeskrisis hatte Regine jedoch schon auf einer frühen Stufe ihres Lebens ausgekämpft, als sie erst siebzehn Jahre zählte. Sie war damals noch nicht vollkommen erwachsen, und mit der mageren Figur, den scharfen Zügen und den spitzen braunen Augen sah sie nichts weniger als hübsch aus. Ein schöner schwarzhaariger dänischer Steuermann, der mit seinem Schiffe jährlich einige Wochen im Hafen von Köllefjord lag, hatte ihr Herz erobert und auch wohl ein wenig mit ihr geliebäugelt. Aber als es zur Entscheidung kam, hatte er doch nicht sein ganzes Leben lang »als Untersteuermann fahren« wollen. Als Regine dahinter kam, daß er sich mit diesen Worten über sie lustig gemacht hatte, verfiel sie in eine ernste Krankheit und war dann viele Jahre lang, bis sie nach Bergen reiste, sehr verschlossen gewesen. Dort verlegte sie sich, wie angegeben, auf den Ehrgeiz, spannte aber infolge ihrer Natur hierin wie in allem übrigen den Bogen zu straff. Damals hielt sich im Hause der Sohn des Vogts und Amtsrichters Heggelund auf. Er war Student, hatte auch sein erstes Examen gemacht, schien es aber schon seit Jahren auf der Bahn der Gelehrsamkeit nicht weiter bringen zu wollen, weshalb ihn der Vater zu seinem Freunde Brögelmann geschickt hatte, damit er den Handel erlerne. Hiermit ging es jedoch nicht besser, da dem Studenten die nötige Ausdauer und Lust fehlte, und er es vorzog sich mehr an der Seevögeljagd und dem Segeln zu belustigen. Es war ein hochaufgeschossener, schlanker, blonder Mann mit einer großen krummen Nase, die seinem Gesichte einen gewissen vornehmen Ausdruck verlieh, und er wurde im Hause mit ganz besonderer Rücksichtnahme, fast wie ein Gast, behandelt. Viele prophezeiten denn auch, die Sache würde damit enden, daß aus ihm und Brögelmanns Tochter ein Paar werden würde. Man hatte nämlich zu bemerken geglaubt, daß Regine es dahin bringen wollte, und dann mußte es ja natürlich so kommen. Auf einem solchen Handelsplatze gab es zu jener Zeit oft eine oder die andere arme Person, welche das Publikum drinnen und draußen als eine Art Hofnarr unterhalten mußte; welche man verleitete, allerlei verkehrte Dinge vorzubringen und alberne Antworten zu geben, indem man ihnen allerhand rohe Possen spielte. Für solche Personen waren besonders die Trinkgelage in der Weihnachtszeit eine wahre Prüfung. Nachdem sie den ganzen Abend ein Gegenstand der Belustigung gewesen, wurden sie schließlich vollkommen betrunken gemacht und erwachten nicht selten in den wunderlichsten Anzügen. Dem armen »Groß-Lars«, der, wie berichtet, in Brögelmanns Dienst gekommen war, fiel nach und nach diese traurige Rolle zu. Sein seltsames Wesen und seine zunehmende Abkehr von der Außenwelt forderte den Witz heraus sich an ihm zu erproben. Die Versuche waren anfangs um so interessanter, als man sich nicht ganz sicher fühlte, wie weit man es mit dem starken Manne treiben dürfe. Es zeigte sich jedoch, daß ihn die Aussicht auf ein Glas Branntwein zu immer Weiterem zu bewegen vermochte. Zu Weihnachten ging er schon mit bloßer Brust, einen Papierhut auf dem Kopfe und einen hölzernen Säbel in der Hand. Besonders großen Jubel erregte er, wenn er mit seinem plumpen, bleichen Gesicht und dem in sich gekehrten, toten Blicke am Tischende stand und über dem Glase, ehe er es austrank, Gesichter schnitt; oder wenn er dasselbe that, während er auf der großen Thrantonne saß, die er zum Beweise seiner Stärke in das Gastzimmer gebracht hatte, und nachher wieder auf die Schulter warf und nach dem Speicher am Meere zurücktrug. Noch ein ganzes Jahr lang setzte es unendliches Gelächter, als Groß-Lars und Peter »Platz« an einem windstillen Sommertage gar mit dem Boot im Meere kenterten. Der langbeinige Anders Hind bei dem Kirchspielsvogt, der von seiner Figur den Beinamen Giraffe hatte, war nämlich eines Tages, als jene beiden auf den Fischfang hinausfahren wollten, auf den Einfall geraten, sie in dem Speicher mit Branntwein zu traktieren, und hatte sie zu einer Wette verleitet, wer von ihnen am meisten vertragen könnte. Glas um Glas tranken sie, eine entsetzliche Menge, und stolperten schließlich nach dem Boote, verloren aber bald die Lust zu rudern. Ein leichter Landwind und die Strömung trieben die beiden, die auf dem Boden lagen und in der Sonnenhitze schliefen, immer weiter in die offene See hinaus. Endlich – am Nachmittage – erwachte der Peter, sah sich um, gewahrte aber nach allen Seiten hin nichts als das blaue Meer. Er weckte seinen Kameraden, der in der Schlaftrunkenheit nicht weniger verwirrt als der andere den unglücklichen Entschluß faßte, auf den Mastbaum zu klettern, um sich nach Land umzuschauen. Das kleine Fischerboot vermochte das Gewicht des schweren Lars auf der Mastspitze nicht zu tragen; es schlug um, und beide wurden gezwungen, ein kaltes Bad zu nehmen, das sie auch so gut brauchten. Nun ritten sie in dem klaren stillen Wetter mehrere Stunden lang auf dem Kiel des umgeschlagenen Bootes, bis ein anderes Boot vorüberkam und Hilfe brachte. Dieses Seeabenteuer des großen Lars war es, das seitdem überall besprochen und belacht wurde. Als die Tochter des Hauses von Bergen zurückgekehrt war, und alles gleichsam eine feinere Lebensart annahm, trat die Rolle des armen Groß-Lars mehr in den Hintergrund; selbst in der Weihnachtszeit durfte er nicht mehr in die Familienzimmer kommen und die Possen wurden jetzt meist unten in der Gesindestube getrieben. – Auch Jon Zachariasen kam, als er zwanzig Jahr alt war, hier in den Dienst. In den sieben Jahren, die er nun schon dort war, ging es mit ihm weder vorwärts noch rückwärts; und er kümmerte sich auch nicht sonderlich darum, bevor nicht die schlanke Marina unten von der Insel Lövö hier ebenfalls in den Dienst trat. Sie zählte damals achtzehn Jahre und Jon siebenundzwanzig; aber ihr liebliches, feines Wesen und ihr gutherziges Lächeln nahm noch Mehrere im Hause ein, nicht bloß ihn. Jon war eine starke, männliche Erscheinung mit grauen bestimmten Augen, auf die man sich verlassen konnte, und einem schönen, aber ernsten Antlitz. Er verstand den Dienst auf dem Boote vortrefflich, war im Rudern wie im Segeln gleich tüchtig und überall, wo er einmal gefahren war, sofort bekannt, so daß er immer als Bootsführer mitgenommen wurde. Obgleich nicht sehr gesprächig, errang ihm doch sein stilles Wesen Marinas Freundschaft in hohem Grade. Wegen ihres bescheidenen Benehmens und ihrer äußeren Erscheinung – und auch wohl infolge des stillen Einflusses des jungen Stuwitz – hatte sie Aussicht bekommen, zur Stubenmagd aufzurücken, wenn sie das zweite Jahr in der Küche ausgedient hätte. Jeden Morgen und Abend fand sie die Wasserkübel in dem Flure vor der Küche bis obenhin gefüllt und alles Holz in die Küche hineingetragen; sie hatte Jon auch schon zu verstehn gegeben, daß sie ihm dankbar wäre; aber zu einem festen Verhältnisse zwischen ihnen kam es doch erst in der Weihnachtszeit des zweiten Jahres. Am heiligen Abend und am ersten Weihnachtsfeiertage aßen, nach alter nordländischer Sitte, die Herrschaft und das Gesinde in demselben Zimmer, und gleichzeitig fand am heiligen Abend ein wunderlicher Aufzug statt. Sechs bis acht Männer kamen in Pelzen, wie unmittelbar von der See hinein, und trugen zwischen sich eine Heilbutte in die Küche, eine Butte, die ungeachtet ihrer Größe doch im Verhältnis zu der ungeheueren Anstrengung, die sie den Trägern zu bereiten schien, immer noch viel zu klein war; denn alle Augenblicke legten sie den Fisch hin und ruhten gleichsam aus. Heilbutte und Kalbsbraten bildeten in allen besseren Häusern des Nordlands die stehenden Gerichte am heiligen Abend, und nach alter Sitte war es die Pflicht der Knechte, erstere herbeizuschaffen, während das Kalb Sache der Köchin blieb. Da es jedoch nicht sicher war, daß eine große Butte gerade am heiligen Abend anbeißen werde, mußte diese Sache ebenso wie das fette Kalb schon lange vorher im geheimem vorbereitet werden. Zwischen den Knechten und Mägden wurde nun in der Zeit vor Weihnachten ein stiller, aber außerordentlich leidenschaftlicher Kampf geführt, um sich das gegenseitig unmöglich zu machen. Glückte es das Kalb der Köchin fortzustehlen, so mußte erstere den heiligen Abend, zu Schimpf und Schande, über das Dach des Kuhstalls steigen; blieb aber die Heilbutte aus, so mußte der Knecht auf der Dachfirste des Bootsschuppens reiten. Und hierauf wurde ein so großer Wert gelegt, daß die Magd am letzten Weihnachtsfest, als das Kalb fortkam, ihre und des Kuhstalls Ehre in dem Grade verletzt fühlte, daß sie nur durch den Einfluß der Hausfrau vermocht werden konnte, länger im Dienst zu bleiben; wobei sie denn auch der Schmach, auf das Dach ihres eigenen Kuhstalls gesetzt zu werden, entging. Auch vor diesem heiligen Abend fand ein unendlich heißer Kampf statt; aber Marina hatte einen listigen Ausweg gefunden, der die Mägde fast übermütig machte. Sie hatte das Kalb in eine Kiste gelegt und diese in dem kleinen Boote versteckt, welches unter dem Dache des Schuppens hing. Wo nun auch die Knechte Nachsuchung hielten, so konnten sie doch nicht auf den Einfall kommen, auf ihrem eigenen Grund und Boden zu suchen. Das Unglück wollte, daß Jon um die Mittagszeit des heiligen Abends den Schuppenschlüssel vermißte, welchen die Köchin, um sich ganz sicher zu fühlen, gegen Marinas Rat, zu sich gesteckt hatte. Jon erriet bald, daß der Schlüssel, welcher immer in der Thür steckte, absichtlich fortgenommen war, und in der Dämmerung sah Marina, wie er die Thür mit einem Brecheisen heraushob. Jetzt war guter Rat teuer. Als Jon in dem finstren Schuppen verschwunden war, schlich sich die schnell entschlossene Marina unbemerkt hinter ihm hinein, um die Weihnachtskiste womöglich zu ergreifen und hinauszuretten, ehe Jon, welcher augenscheinlich nach ihr suchte, sie entdeckte. Jon tastete und suchte überall umher. Hier, wo er täglich arbeitete, wußte er so genau Bescheid, wie in seiner eigenen Lade. Einmal kam es ihm vor, als ob er jemand, der schnell zurückwich, berührte, und kurz darauf fiel ein Stück Holz um. In der Ecke zwischen dem großen Boote und der Wand fühlte seine ausgestreckte Hand eine warme Wange, und nun war Marina samt der Kiste, mit der sie herauszuschleichen gehofft hatte, gefangen. Anfänglich hielt er die Hand, die den Kistendeckel ergriffen hatte, fest umspannt, als er aber Marina erkannt hatte, sanfter und immer sanfter. Er fühlte ihren warmen Atem auf seinem Gesichte, und sein Herz pochte ungestümer in seiner Brust, so daß er kein Wort hervorzubringen vermochte. Außerdem war die Hand so unsäglich gut und schön, daß er sie nicht loszulassen versuchte, und auch sie machte keinen Versuch, sich zu befreien. Endlich sagte er leise und abgebrochen: »Da du es bist, Marina, kannst du mit der Kiste machen, was du willst – ich werde kein Wort sagen.« Leise flüsternd »Dank Jon, ich weiß, daß ich mich auf dich verlassen kann,« – wollte sie sich an ihm vorüberschmiegen; aber der Raum zwischen dem Boot und der Wand war doch zu eng. Da umarmte er sie und sagte: »Ja, bis zum Tode, Marina!« Ihre Wangen berührten einander, einen kurzen Augenblick, da riß sich Marina rasch los und eilte auf den Hof hinaus. Wie gewöhnlich wurde der heilige Abend mit einer Andacht begonnen, indem der alte Brögelmann seine Hornbrille aufsetzte und ein Stück aus der Bibel so wie ein Weihnachtslied vorlas; und dieser Abend schwebte Jon in seiner Erinnerung immer als die feierlichste und festlichste Stunde seines Lebens vor. Auf Vorschlag des Studenten fand dann unten in der Wohnung der Herrschaft eine besondere Weihnachtsbescherung statt, zu der alle Leute eingeladen waren. Jon erhielt eine Tabakspfeife mit Porzellankopf, darauf ein Damenporträt, nebst drei in Papier eingewickelten Silberthalern; Marina aber bekam ein großes Umschlagetuch. Zufälligerweise machte es sich, daß sie beide gleichzeitig vortraten um sich zu bedanken, und war der männliche Jon dabei ungewöhnlich linkisch und Marina unnatürlich rot. Nicht minder freudig gedachte Jon in späteren Jahren des Weihnachtsjubels und der Lustbarkeiten im Hause an den darauffolgenden Tagen. Nach des Spielmanns Erik Violine und des Peer Plate Klarinette wurde in der Gesindestube nach Herzenslust Polka und Schottisch getanzt. Unten in der Knechtsstube spielten die Knechte und Mägde allerhand Weihnachtsspiele, und da traf es sich denn oft, daß die Beiden ein Paar wurden. Nur an einem Abend war Jon finster und mißgestimmt; er hatte bemerkt, daß der Student nur um Marinas willen in die Gesindestube heruntergekommen war. Ganz gegen sein gewöhnliches freundliches Wesen wurden seine Augen immer wilder, und gewiß hätte er noch den wahnsinnigen Vorsatz, auf den er verfiel, nämlich den Studenten zur Thür hinauszuwerfen und sich damit aus dem Dienst zu bringen, ausgeführt, wenn ihn nicht Marina zum Tanze aufgefordert und dadurch beruhigt hätte, daß sie ihm zuflüsterte, man müßte sich doch klar machen, was für sie beide am besten wäre. Noch an demselben Abend empfing Jon draußen im Flure ihr Versprechen für das Leben und die Besieglung durch einen warmen Kuß. Als das Weihnachtsfest am letzten Tage ausgetanzt werden sollte, führte Jon den »Langetanz« in einer Weise auf, daß noch lange davon gesprochen wurde. In einer langen Reihe, einige der Vordersten als Weihnachtsböcke verkleidet, zogen die Leute mit dem Spielmann an der Spitze durch die Gemächer. In dem Zimmer der Herrschaft schritten sie an Brögelmann, seiner Frau und Tochter, welche mit einigen Gästen, der Sitte gemäß, die komischen Begrüßungen entgegennahmen, vorüber. Der Langetanz endete draußen auf dem Hofplatze, wo die Hintersten in der Regel durch eine schnelle Schwenkung umgeworfen wurden. In dieser Hinsicht beruht viel auf der Kraft und Geschmeidigkeit des Anführers. Diesmal wurde der Student, der sich aus Mutwillen hinten angehängt hatte, in einen Schneehaufen geschleudert. Indessen dauerte es nicht lange, daß Jon sein Glück etwas unsicher und sein Dasein als eine Hölle empfand. Nicht nur der Kaufmann Thor Stuwitz, der damals ein Mann von einigen dreißig Jahren war, sondern auch der Student begannen jetzt, jeder auf seine Weise, ihre Netze nach Marina auszuwerfen. Stuwitz nötigte ihr allerlei Geschenke auf, die sie zwar nicht abschlagen konnte, von denen sie aber ihrem erbitterten und etwas entmutigten Geliebten jedesmal getreulich Bericht erstattete. Beide fühlten, daß gierige Geier über ihrer Liebe kreisten, und daß sie mit einem Wetter kämpften, welches auch größeren Fahrzeugen als den ihrigen zu schaffen machen möchte. Das Schlimmste war, daß Stuwitz, nach ihrer Wahrnehmung, von den Ihrigen auf der Insel Lövö unterstützt wurde. Jon besaß nichts und Marina auch nichts; – für sie beide kam es darauf an, etwas zurückzulegen, und für ihn zugleich, sich in den folgenden paar Jahren weiter hinaufzuarbeiten. Aber jenen feindlichen Mächten war es nur allzu leicht, alle diese Pläne zu zerstören. Dazu bedurfte es ja nichts weiter, als daß ihnen bei der Herrschaft Böses nachgesagt wurde. Jon war in dieser Zeit sehr wortkarg und schwermütig. An einem Abend, als er wieder recht betrübt war, machte sie ihn aber so froh, daß sein breites Gesicht erstrahlte. Unter Thränen die der Ärger ihr auspreßte, schlug sie ihm bekümmert vor, sie sollten an ihrem Hochzeitstage all die Tücher und Geschenke, die sie jetzt annehmen müßte, in ein Bündel packen und mit einem Steine beschwert, draußen in den Fjord versenken. Sie hätte schon so manche bittre Thränen bei dem Reichtum geweint, fügte sie hinzu. Eines Sonntags nachmittags im Frühling, als Jon in der Thüre des Speichers an dem Strande neben dem Seil der Winde saß und in tiefes Nachsinnen versunken rauchte, kam Marina ganz blaß zu ihm herein. Sie erzählte, während die anderen am Vormittage in der Kirche gewesen – Jon selbst hatte das Kirchenboot mit gerudert – hätte ihr Stuwitz eine Liebeserklärung gemacht, die sie auf der Stelle abgewiesen. Der erste einäugige Handlungsdiener, der bei der Herrschaft so mächtig war, hatte die Gelegenheit ergriffen, ihr sein Herz zu Füßen zu legen. Nach seiner Ansicht sollten sie noch ein Jahr, heimlich verlobt, im Hause bleiben, dann sollte sie mit ihm nach Olswaag ziehn, wo er Aussicht habe, ein Geschäft mit zugehörendem Fischwehr, das dort zum Zwangsverkauf käme, billig zu erstehen. In seinem Liebeseifer war er herausgeplatzt, daß er mehr zurückgelegt hätte, als jemand wüßte; und das kommende Jahr so fügte er mit schmunzelndem Gesicht hinzu, solle ihn auch nicht ärmer machen. Das Erstaunen über die schnelle Ablehnung seines großartigen Antrages, die sich die geringe Dienstmagd erlaubte, stand auf seinem Gesichte zu lesen, das, während er sie anstarrte, den wahren Ausdruck eines wilden Tieres erhielt. Aber als sie, die Hände über ihrer Sonntagsschürze gefaltet, so bescheiden und vor Schrecken rot dastand, las er darin ein so aufrichtiges und einfältiges Nein, daß er einsah, hier wäre für diesmal nichts auszurichten. Etwas später kam er wieder in die Gesindestube hinab, wo sie allein war, und hielt ihr eine salbungsvolle und eindringliche Rede darüber, wie ehrenvoll sein Antrag für sie wäre, und wie sehr es ihren armen guten Vater freuen würde; außerdem wäre sie ihm Dank schuldig, weil er ihr zu dem Dienst und der Gunst in diesem guten Hause verholfen hätte. Da ihre ruhige Haltung und Antwort indessen denselben Eindruck wie das erste Mal auf ihn machte, war die scheinbare Freundlichkeit von seinem Gesicht mit einemmale wie fortgeblasen. Marina fühlte, wie ihr die Knie bebten, während er sie anblickte, als ob er sich nur selbst darüber wunderte, daß solch ein kleines Ding, welches er, sobald er wollte, mit seinen Stiefelabsätzen zertreten könnte, die Dreistigkeit besäße, sich gegen ihn aufzulehnen. Ganz gegen sein gewöhnliches, langsames Wesen riß er heftig die Thür auf, wandte sich aber noch einmal zurück mit einem drohenden Ausdruck, und sagte, er sähe leider ein, daß ihr der Student einen Floh ins Ohr gesetzt hätte, aber er werde wissen, diesem leichtfertigen Unwesen im Hause einen Dämpfer aufzusetzen. Ein braves Mädchen verscherze nicht eine gute Zukunft, wenn sie ihr angeboten würde; und außerdem, so sagte er langsam und bedeutungsvoll, sollte sie sich wohl bedenken, ehe sie sich ihn zum Feinde mache. Mit diesen Worten, in denen soviel lag, daß er jetzt noch warte, und daß sie sich die Sache wohl überlegen möge, schloß er hinter sich die Thür der Gesindestube. Dies waren wenig fröhliche Zeiten für Jon, und noch düstrer wurde es, als Marina einige Tage später zu Frau Brögelmann in die Stube hineingerufen und ihr der Dienst zum Herbst gekündigt wurde. Die Krisis war also jetzt eingetreten, und guter Rat teuer. Stuwitz hoffte, sie werde sich dem Zwange fügen; Jon Zachariasen aber qualmte in einsamen Stunden, in dem Speicher an der See, ganz entsetzlich aus der Pfeife mit dem Porzellankopf, worauf sich das Porträt einer feinen Dame befand, die ihm, trotz ihrer ganz andern Züge und ihrer prinzessinartigen Kleidung, Marina zu ähneln schien. Der lange Hals und das hellblonde Haar bei beiden bewirkte diese glückliche Illusion, die ihm zu so großem Trost gereichte. In solchen einsamen Stunden saß er still da, hüllte das Gesicht seiner Marina in Dampfwolken und schien auf diese Weise mit ihr zu plaudern, während er unaufhörlich nachsann. Endlich war sein Plan gefaßt. Im Holzschuppen überlegte er ihn eines Abends spät, nachdem sich alle schlafen gelegt hatten, mit der wirklichen Marina, und erschien am folgenden Tage in vollem Staat, in seiner Sonntagstracht von braunem Fries und mit dem Glanzhute in der Hand bei Herrn Brögelmann auf dem Comptoir. Er möchte »den Vater« um Abrechnung und um seine gütige Erlaubnis bitten, den Dienst sofort verlassen zu dürfen, da er jetzt etwas auf eigene Hand unternehmen wolle. Brögelmann war, wie mitgeteilt, ein freundlicher Mann. Jon Zachariasen erhielt seinen Abschied mit guten Führungszeugnis und nach erfolgter Abrechnung einundzwanzig Speziesthaler nebst einem alten, sechsrudigen Boote, das unten am Strande auf- und abschaukelte, nachdem er »den Vater« gebeten, es ihm samt dem dazugehörigen zerlumpten Segel im Schuppen, als Trinkgeld für die sieben Jahre, die er ihm gedient, zu verehren. Auch Groß-Lars erbat sich an demselben Tage seine Entlassung. Er hatte sich Jon, dem Einzigen, der ihn nicht gehänselt hatte, eng angeschlossen. Die nächsten vierzehn Tage des Frühlings wandte Jon dazu an, sein Boot auszubessern und zu teeren, und dann stach er eines Morgens in aller Frühe, ehe noch irgend jemand aufgestanden war, in die See. Er hatte einige Taue und die geringen Gerätschaften und Matrosenkleider, die er besaß, bei sich, darunter Säge und Axt nebst einem Kasten mit großen Nägeln und dem nötigen Lebensunterhalt für eine längere Zeit. Als der dunkelhaarige, kräftige Mann in der Zipfelmütze und Seemannstracht auf die helle Bucht hinauskam, welche hier und da die Morgenbrise kräuselte, brach der Tag an, und die aufgehende Sonne warf ihren Glanz auch auf ein Mädchen, das auf der Landungsbrücke stand. Sie nahmen es als eine günstige Vorbedeutung für ihr Leben. In der Zeit der Abwesenheit ihres Freundes Jon kamen ihr die Tage leer und öde vor; der Handlungsdiener lauerte ihr wie einem Vogel auf, den er bald in sein Netz zu bekommen glaubte. Die Kurmacherei des Studenten war für die Liebenden eigentlich ein großes Glück; denn durch ihn wurde die Aufmerksamkeit des schon vorher Irregeleiteten nur noch mehr von dem in seinen Augen nicht in Betracht kommenden Jon abgelenkt. Wäre dieser zu Hause gewesen, hätte Stuwitz ihn sich vielleicht zum Überbringer seiner Liebesbriefe gewählt. Fünf Monate später kam kurz vor Anbruch des Herbstes Jon und Groß-Lars mit einem frischen Winde an; das Boot bis an den Rand voll von getrockneten Fischen. Er ging in seiner Seemannstracht, schleppte einen großen frischen Dorsch, den er am Kiemen hielt, hinter sich her, trat in den Laden, wo er, wie es Sitte war, den Dorsch auf den Ladentisch warf, und bat um ein Glas Branntwein für den Fisch und darauf um eine Abrechnung für die getrockneten Fische, die er im Boote habe. In der nächsten Zeit würde er noch mehrere solche Ladungen hierher schaffen, die jetzt noch bei seiner Wohnung auf den Trockengestellen hingen. Er verlangte bares Geld, um sich ein besseres Boot zu kaufen, da dasjenige, auf dem er fahre, sich, wie er sich scherzend ausdrückte, bald nur für solche Leute eignete, die Wasser treten könnten. Ein Teil der Fische war ihm deshalb auch unterwegs naß geworden, so daß er sie billiger verkaufen mußte. Später am Abend bekam er Marina zu sprechen. Als sie ihn, halb lachend und weinend, begrüßte, erzählte sie, daß sie gesehen, wie er auf die Landungsbrücke zugefahren. Da hätte sie so vollkommen die Fassung verloren, daß sie fast alles verkehrt gemacht. Von dem Augenblicke an, wo sie mit Jon gesprochen und vernommen hatte, wie es mit ihren Aussichten stände, erhielt ihr Gesicht wieder den freudigen, fröhlichen Schein, der sie unter den Sorgen und Qualen der ganzen letzten Zeit verloren hatte. Im Laufe der nächsten vierzehn Tage kam Jon noch zweimal mit voller Ladung an. Als er alle seine Fische abgeliefert hatte, bekam er fünfzig Speciesthaler ausgezahlt, von denen er zwanzig sofort zum Ankauf eines besseren Bootes verwandte. Eines Vormittags gingen sie dann beide schön geputzt nach dem Comptoir und erzählten Brögelmann, wie sich das Ganze verhielt, daß sie Liebesleute wären und sich noch in demselben Herbst zu verheiraten gedächten, sobald das Aufgebot vorüber wäre; daß sie sich aber vor Stuwitz fürchteten, der, sobald er von der Sache Kunde erhielte, Marina bei deren Eltern Hindernisse bereiten würde. – Brögelmann saß lange in Gedanken; ohne ihnen eine weitere Antwort zu geben, entließ er sie doch mit der Versicherung, daß er Stillschweigen beobachten, und niemand etwas erfahren würde. Daraus schöpften sie denn freudige Hoffnung. Den Tag darauf sandte er Jon mit einem verschlossenen Brief zum Vogt. Es handelte sich um die Dispensation vom Aufgebot. Einige Tage später begab er sich persönlich zum Pfarrer. Und am folgenden Sonntag, – es war gerade der Tag vor dem Umzugstermin im Herbste – wurden sie zu allgemeiner Überraschung, besonders aber zu Stuwitzens Verwunderung, in der Kirche getraut, von der aus sie in südlicher Richtung in ihrem Boote nach ihrer neuen Heimat auf der Insel Skorpen fuhren. Aber von dem Augenblicke an wurde ihnen Stuwitzens unauslöschlicher Haß zu teil. Denn es kam bei ihm nicht einzig und allein die ungewöhnliche Schönheit und Anmut des Mädchens, sondern auch eine Berechnung mit ins Spiel, nämlich die Sicherung vor den Folgen einer möglichen Entdeckung von Marinas Abstammung. Jon Zachariasens Geheimnis war, daß er einmal auf einer seiner Fahrten nach den Lofoten einen ganz vortrefflichen Fischgrund südlich von der Insel Skorpen entdeckt hatte; auch war er dort auf die Überreste eines Schiffswrackes gestoßen, welches nicht weit davon dicht am Lande lag. Diese beiden Dinge hatte er in den einsamen Stunden, wenn er über die Zukunft grübelte, in seinem Kopfe zusammengefügt, und im letzten Sommer, mit Hilfe seines Freundes Groß-Lars, auf der Insel Skorpen, dicht am Fischplatze, vorläufig eine kleine Hütte zusammengenagelt, darin er mit Marina zu wohnen gedachte. Es war spät im Herbst, als die beiden, von Groß-Lars begleitet, an ihrem Hochzeitstage mit dem Bißchen, was sie besaßen, und der kleinen Aussteuer und den Geschenken, die sie erhalten hatten, nach ihrem einsamen Häuschen auf der Insel Skorpen fuhren. Mitten in dem Fjord geschah am ersten Tage etwas, das Groß-Larsens mattes Gehirn sich Jahrelang vergeblich zu begreifen bemühte. Marina überlieferte Jon ein Bündel, das sie erst öffneten, – und da erblickte Lars deutlich mehrere seidene Tücher darin – und dann, mit einem Stein beschwert, wieder zuknüpften. Beide hoben es, jeder mit einer Hand, in die Höhe und warfen es dann, vor Freude laut lachend, über den Rand des Bootes. Da Groß-Lars sich dabei offenbar sehr den Kopf zerbrach, erklärte ihm Jon mit ganz ernster Miene, es wären soeben Thor Stuwitz und ein Student aus Christiania, mit einem Stein um den Hals, zu Grunde gegangen. Das lächelnde Gesicht Marinas erkannte diesen Witz nachdrücklich an, aber Lars war so klug wie zuvor. Um seinen Grübeleien ein Ende zu machen, bat er Marina, die neben Jon auf der Ruderbank saß, ihm den Bierkrug zu reichen. Er erhob seine gewaltige Gestalt im Boote und trank auf das Wohl der Neuvermählten und auf eine glückliche Fahrt in jeder Weise. Es ging, wie man vorausgesagt hatte, Brögelmanns Tochter verlobte sich nicht lange darauf mit dem Studenten Heggelund. Der alte Brögelmann zog sich nun immer mehr von allen Geschäften mit den nördlichen Regionen zurück; einige Jahre vor seinem Tode kaufte er seinem Schwiegersohn den Handelsplatz M...sund weiter südlich. Als Leiter des Geschäfts und als den eigentlichen Kopf bei allen Unternehmungen gab er ihm seinen Vertrauten Stuwitz als Mitgift. Es war eine moralische Verpflichtung, der sich Heggelund seinem vorsichtigen Schwiegervater gegenüber unterzog. Mit diesem lebte er von nun an denn auch, sein ganzes Lebenlang, unter einer Art geheimer Vormundschaft, die ihm drückend genug war; aber es fehlte ihm, um sie abzuschütteln, sowohl an Charakter als auch – wie es sich später zeigte – an der notwendigen Einsicht in seine eigenen Geschäftsinteressen. Drittes Kapitel. Der Fischgrund »Rettung«. Jahre waren seit Brögelmanns Zeit vorübergegangen, und seine Tochter, die mit Heggelund verheiratet war, herrschte nun in ihrem großen Hause unten in M...sund. Jon Zachariasen und seine Frau waren auch ein Stück im Leben vorwärts gekommen, sie hatten sich in guten wie in bösen Tagen geduldig durchgeschlagen und hatten jetzt bereits mehrere Kinder. Jons Hütte lag draußen, nahe dem Meeresstrand, am Ende einer Felskluft, die sich nur durch den schmälsten Teil der Klippeninsel Skorpen zieht. Wäre das bröckliche Gestein gleich im Beginn einige Klafter tiefer durchbrochen, so hätte die wilde Kluft einen natürlichen Kanal zwischen dem Meere und dem schmalen Sunde, der die Insel Skorpen vom festen Lande trennt, gebildet. Der Wasserlauf darin führt den Namen »die Winkel«, weil er sich in launischen Windungen zwischen einer Menge von Holmen und Schären hindurch schlängelt, sodaß man von dem inneren Ende die Mündung des Sundes nicht erblicken kann. Auch sind die Felswände hier den ganzen Weg entlang bis weit hinauf mit freundlichen Grasplätzen und Laubholz bedeckt. Seevögel haben ihre Nester auf allen Inselchen in dem verwickelten Lauf, wo nur immer es Helles und ruhiges Wasser giebt, um mit den Jungen darin unterzutauchen. An einer solchen Stelle wird ungern ein Schuß gelöst; deshalb hatten die Eidergänse vertrauensvoll ihre Nester gebaut bis dicht unter Jon Zachariasens Treppe und an seinem Bootsschuppen und Vorhause. Mit oder ohne Grund flogen die Vögel, – die Eidergänse, die rotbeinigen Meerelstern, die Reiher, Lummen und Möwen – wohl zehnmal des Tages plötzlich auf und erfüllten die Luft mit entsetzlichem Geschrei. Die Rücksicht auf die Fischerei draußen im Meere hatte Jon gezwungen auf einen ruhigern Wohnplatz zu verzichten und sein Haus kaum einen Büchsenschuß weit von der wildschäumenden See aufzubauen. Diese Stelle für sein Nest hatte er mit demselben Instinkt, wie die Seevögel gewählt: – er wollte zwei strengen Feinden entgehen, nämlich dem Nordweststurme und dem Schneetreiben, dem steten Begleiter des Winters. Der Schnee trieb dann über die Seite der Kluft, unter welcher das Haus lag, sodaß man selbst im schlimmsten Winter im Schutze der Felswand nach der See gelangen konnte. Die Erde zu dem kleinen geneigten Ackerfleck rings um das Haus war mühsam von andern Stellen der Insel dorthin gebracht, und da das Haus mit der Rückseite sich an die Felswand lehnte, war es leicht zu erkennen, daß es teils die Reste einer alten Kajüte, teils allerlei Anbauten waren. Unter dem niedrigen Rasendache mit dem gelben Löwenzahn erschienen die kleinen grünen Fensterscheiben wie ein paar halberblindete Augen unter einem bis tief in die Stirn hinab gewachsenen Haarbüschel, und der Steig, der von dem Landungsplatze durch Felstrümmer zum Hause hinauf führte, konnte an eine Fallreffstreppe erinnern. Dicht unten am Strande stand der mit grauer Birkenrinde gedeckte Bootsschuppen, das Dach durch große Steine gegen den Sturm geschützt. Ihren Fischgrund in der Nähe der Insel hatten Jon und Marina wegen der Rolle, die er in ihrem Leben gespielt, den Namen »Rettung« gegeben, einen Namen, mit dem er jetzt auf den offiziellen Seekarten prunkt. Der Kartenzeichner, oder der Seemann, wenn er in einer Sturmnacht das Meßinstrument braucht, um sich von der gefährlichen Klippe fernzuhalten, würde sicherlich mit ungläubigem Lächeln die Erklärung hören, daß das Fahrzeug, welches – nach dem Namen zu schließen – hier einmal aus Seenot gerettet worden, ein so luftiges Ding gewesen wie das Liebesschiff eines jungen Paares. Und doch dürfte sich an die allerhand seltsamen Namen der unzähligen Schären und Holme unserer Küste manche Geschichte, manch ein ergreifendes Trauerspiel aus dem unbemerkten Leben unseres Volkes knüpfen, das man noch für weniger wahrscheinlich halten möchte. Die graue Schär, deren Name nicht abgewaschen wird, steht noch immer da als Denkstein einer längst vergessenen Begebenheit. Bis zur »Rettung«, die aus drei Fischerbänken hintereinander, von verschiedener Tiefe bestand, hatte man nur eine halbe bis dreiviertel Meile. Vom Hause aus konnten die Einwohner – und dies waren jetzt Marina und ihre drei am Leben gebliebenen Kinder, denn einen Knaben und ein Mädchen hatte der Herr zu sich genommen – bis zum Boote sehen, wenn der Vater und Groß-Lars wie gewöhnlich morgens und abends draußen fischten, im Boot saßen und die Schnüre herauszogen oder die Fische oben auf der Schär ausbreiteten, deren niedriger Rücken sonst von großen Möven und anderen reihenweis dasitzenden Seevögeln bedeckt war. Bei gutem Wetter, im Sommer, fuhr Marina mit den Kindern bisweilen zum Zeitvertreib mit. Aber in ihrer Jugend, in den ersten Jahren ihrer Verheiratung, und ehe es ihnen besser ging, hatte sie, als Jon zwei Jahre hintereinander immer ein halbes Jahr krank lag, und Stuwitz ihnen den Kredit verweigerte, den zweiten Bootsmann ersetzen müssen und in Seemannstracht draußen in jedem Wetter tüchtig geschafft. An den Sommerabenden war Marinas Lieblingsplatz in der offenen Hausthür. Wenn die Sonne mit ihren unbeschreiblichen Wundererscheinungen in das goldblinkende Meer versank, glaubte sich Jon, der mit dem Boote draußen war, schon halb im Himmel. An solchen Abenden saß sie gern mit dem Strickstrumpfe oder einer anderen Arbeit in der Hand trällernd auf der Thürschwelle, während die Kinder vor dem Treppenstein spielten. Übrigens fürchtete sie sich täglich vor den Stürmen, die aus den dunklen Gebirgsklüften auf dem Festlande hervorbrachen; vor den alles vernichtenden Sturmfluten und den heimtückischen Bänken, wo oft auch am hellsten Tage unversehens hohe Wellen sich bäumten. Und dann ängstigte sie sich wieder wegen Jons gefährlicher Reisen mit den getrockneten Fischen zum Kaufmann in Sörströmmen in der Weihnachtszeit. Dorthin war die Seefahrt schwieriger als zu Heggelund in M...sund; aber seitdem ihnen Stuwitz den Kredit verweigerte, war es ihnen unlieb, denselben aufzusuchen. Tadelte er doch auch unaufhörlich an ihren Fischen und setzte den Preis herab. In dem Boote, das Jon und Groß-Lars ruderten, saß jetzt schon immer häufiger eine dritte Person, die, so klein sie auch war, doch schon beim Auswerfen des Köders Dienste that. Er war die reine Freude im Hause, der blondlockige lebhafte Morten. Immer lustig, willig und pfeifend, machte er sich beständig etwas zu thun: – kleine Fischteiche, Vogelfallen und manche seltene Dinge, die er selbst erfand. Die Insel Skorpen mit ihrer eigentümlich gewundenen Einfahrt über der Sandbank, zwischen den Holmen, nebst dem Fischgrunde draußen in der See war seine Welt. Er erriet auf ein Haar, wo die Flunder lag, wenn er draußen war, um sie mit der Gabelstange zu stechen, war mit den Sitten und Gewohnheiten einer jeden Vogelart vertraut und kannte einzelne von ihnen, die auf der Schär ausgebrütet waren und seitdem Jahr für Jahr nach ihrem alten Neste zurückkehrten, um gegen Ende des Sommers wieder mit einem Schwarm von Jungen hinter sich seewärts fortzuziehen. Wenn die Zugvögel kamen, die nach Finmarken wollten, saßen auf den Klippen allerlei seltene Vögel, unter denen ihm die Kampfhähne am wunderlichsten vorkamen, und er sann viel über die Länder nach, aus denen sie wohl stammen könnten. Dann langte auch der Singeschwan an, der, soviel er wußte, der schönste unter allen Vögeln war. Er war elf Jahre alt, als er zum erstenmale nach Sandeid zur Kirche fuhr und die Gemeinde versammelt sah. Hier fiel ihm vielerlei auf: die Kirche hatte drei Einfahrten, durch welche eine Familie hinter der anderen langsam hineinsegelte und sich dann hintereinander in Reih und Glied hinsetzte, wie die Seevögel zu Hause auf der Schär; die schwarzen – die Mannsleute – auf der einen Seite, und die hellen, die Frauenzimmer mit Kopftüchern oder Flügelhauben, auf der andern. Er war fast darauf vorbereitet, daß auch hier gerade wie bei ihm zu Hause mit einemmale das ganze Heer schreiend auffliegen würde. Aber dann hatte er nur Auge für die stattliche Frau Heggelund, die in einem seidenen Kleide mit einer schweren Goldkette auf der Brust gerade unter der Kanzel saß und ein ganz kleines Mädchen, welches lachte und auf ihn zeigte, auf dem Schoße hatte. Als er nach Hause zurückgekehrt war, bekam er zum erstenmale in seinem Leben ernstlich Schläge. Er hatte eine Kanzel aus Steinen erbaut und seine Geschwister als Gemeinde davor gesetzt, während er das Lamm mit dem Ferkel traute und den Pfarrer nachahmte. Eine gewaltige Ohrfeige von der wuchtigen Hand seines Vaters machte der Feierlichkeit unerwartet ein Ende, und hinterher setzte es gehörige Prügel. Im Sommer konnte es öfter geschehen, daß Morten allein den Groß-Lars nach dem Fischgrund hinaus begleitete, um die Leinen aufzuziehen oder zu angeln. Der Riese saß gewöhnlich schweigend da, während sich Morten in der viel zu großen Friesjacke seines Vaters und mit der roten Mütze auf dem Kopfe über so manches wunderte, und die nordländischen Jachten zählte, die im Sommer und Herbst mit den großen breiten Segeln und der hoch am Mast aufgestauten Fischladung vorüberzogen. Schon früh hatte er, mit Marina als Lehrmeister, zu lesen angefangen. Die ersten Buchstaben, die er lernte, waren die großen, zersprungenen, erhaben aus Holz geschnitzten auf dem Wandbrett unter der Decke in der verräucherten, engen Stube. Auf einigen von ihnen saßen noch einige Spuren eines kaum noch erkennbaren gelben Anstriches. Das Ende des Brettes war abgebrochen, und die übrig gebliebenen Buchstaben hießen zusammengesetzt: »Die Zukun..« Die Zukunft, sagte Marina, stände in Gottes Hand. Dann ging es an den Katechismus, und nun lag er oft im Hinterstewen und lernte seine Lektion, die Angel an der Ruderpinne befestigt – was er in Anwesenheit seines Vaters nicht durfte. In einer Nacht in der Mitsommerzeit saßen sie so in schönem Wetter draußen. Schlag zwölf Uhr lag die Mitternachtssonne bei ihrem »Untergange« wie eine matte rote Kugel am Meeresrand, während die hohe See, soweit das Auge blicken konnte, violett gefärbt dahinrollte. Bald darauf wurde die Sonne wieder mit einem Glorienschein von weit hinausschießenden Strahlen »angezündet« und von einer Morgenröte begleitet, welche Wolkensäulen von Gold zwischen Himmel und Meer bildeten. Wie Feuer leckten die Wellen um das Boot, darin die beiden stillen Fischer mit dem spiegelhellen Abbilde unter sich saßen. In demselben Augenblicke zog Groß-Lars einen schönen großen Meerbarsch aus dem Wasser. Als er ihn über den Rand des Bootes gebracht hatte, fragte er Morten plötzlich, ob es in seinem Buche stände, daß ein derartiger roter Fisch der Leibfisch des Meermanns wäre? Morten fuhr auf und mußte bekennen, daß es nicht in dem Katechismus stände, soweit er bis jetzt darin gelesen hätte. Nun erklärte ihm Lars, daß demselben, sobald er in die Höhe käme, die Augen aus dem Kopfe sprängen, weil ihm, nachdem er angebissen, der Meerkönig den Lebensfaden durchschnitte. Hiermit war ein- für allemal das Eis gebrochen zu einer langen Reihe ähnlicher Mitteilungen, die immer einen wunderbaren Ausgang nahmen. Während sie an den Sommerabenden draußen auf dem Fischgrunde saßen und die gelbrotbraunen Dorsche oder hin und wieder einen Lang oder eine Heilbutte herauszogen, bekam Morten manches zu wissen, was er vorher nicht gehört hatte. Lars teilte ihm mit, daß jede Fischart ihren König oder Stör hätte, deren Fang gefährlich wäre. Es gäbe Lachsstöre, Kohlfischstöre, Heringskönige mit der Krone auf dem Haupte, und Dorschkönige. Letztere wären nicht so gefährlich, denn sie würden oft gefangen. Zu ihrer Ehre würde ihnen nie der Bauch, sondern der Rücken aufgeschlitzt; sie würden »rund« abgeliefert und dürften Kopf und Eingeweide behalten. Auch gäbe es ein Meeresungeheuer, das Krake hieße; es wäre so groß wie eine ganze Insel und tauchte bei stillem Wetter bisweilen empor, sodaß die Wellen um dasselbe wie um ein Felsgestade brandeten. Erfahrene Leute könnten am Boot und an der Angelschnur erkennen, ob sie über einem Krake lägen; es befänden sich dort immer viele Fische; würde es aber zu bedenklich, so müßte man schnell fortrudern. Er selbst, versicherte er treuherzig, hätte sich oben im finmarkschen Meere oft nicht weit von ihm befunden. Über letzteres dachte Morten viel nach; er meinte, man müßte den Krake fangen können, wenn man eine große eiserne Kette mit einem Schiffsanker als Angelhaken und entsprechendem Köder von einem Felsen herabließe. Damals wurde im ganzen Nordland lange gerüchtweise von einem sonderbaren Schiffe gesprochen, das sich dort zeigen sollte. Es sollte ohne Segel, nur mit Rauch und Rädern gehen, und einen Sommer hatte man es einmal bei der Insel Skorpen vorbeidampfen sehen. Kurz darauf hatte Morten ein Räderboot zustande gebracht, das er durch Treten fortbewegen konnte; allein das alte sechsrudrige Boot des Vaters, das er dazu verwandt hatte, ließ sich doch besser durch Ruder als durch diese Maschine, die nur als Sonntagsspielzeug diente, im Gang erhalten. Marina war ganz stolz darauf, aber Jon hatte weniger Gefallen daran, weil sich die Leute darüber aufhielten, und es auch zu nichts diente. Viertes Kapitel. Finkrogen. Jon Zachariasens nächste Nachbarn wohnten auf Finnäs unten in Finkrogen. Die laubbekleidete, überall unzugängliche innere Seite von Skorpen stößt hier mit ihrem engen und tiefen Sunde an die nackte, schwarze Felswand des festen Landes. Auf einer kleinen Landspitze der Insel Skorpen, Namens Finnäs, stand damals nur ein kleines, von einem Finländer bewohntes Gehöft. Der abschüssige, steinige Rasenhügel daselbst war überhaupt die einzige Stelle am Sunde, wo die Errichtung von Häusern denkbar war. Der Finländer, (dort Kwäne genannt) saß in einer kleinen Erdhütte. Einige Stangen bildeten das Bindwerk des Daches; der Rauch zog durch dasselbe und bräunte die dahinterliegende Felswand; unten am Strande aber waren einige Querhölzer zur Befestigung der Boote angebracht. Seine Frau war eine Finnin (Lappin), und wenn ihre Familie im Sommer auf ihren jährlichen Zügen nach und von Schweden die Renntiere über den Sund schwimmen ließ, um auf der Insel zu weiden, kletterten diese am Strande, dicht an der Hütte des Kwänen vorbei, die steilen Pfade empor, die auf die Hochfläche im Innern der Insel Skorpen hinaufführten. Als der natürliche Übergangspunkt war hier bei der Hütte des Kwänen ein beliebter Ruhepunkt, wo die Finnen während der wenigen Wochen, die sie auf der Insel Skorpen zubrachten, in sechs, acht Reisezelten wohnten. Seit alter Zeit trägt diese Stelle deshalb den Namen »Finkrogen«. Der Gebrauch, hier auf Finnäs zu rasten, hat sich auch erhalten, nachdem die Erdhütte verlassen und der Platz anders bebaut ist. Der Kwäne, ein kräftiger, flinker Mann mit hellblondem Haar und blauen Augen konnte bei dem Leben unter den Finnen, aus deren Mitte er sich seine Frau genommen, auf die Länge nicht gedeihen. Auf einer seiner Fahrten mit ihnen hatte er hier eine gut gelegene Stelle gefunden, um sich als Ansiedler (Bumand) niederzulassen. Im Sommer fischte er zu Hause, im Winter fuhr er auf die große Fischerei. Einige Kartoffeln, sowie Futter für ein paar Schafe und eine Kuh lieferte das Land rings um den Platz. Zur Aushilfe wurde von den Sträuchern oben auf der Felswand Laub gepflückt; für die Kuh aber schnitt seine Frau im Winter auf den Schärmen Tang. So oft die Schwiegereltern kamen, ließen sie zum Dank für den Aufenthalt auch wohl ein Renntier zum Schlachten zurück, einige Felle zu Winterjacken und Schuhen, getrocknete Renntierschinken, einige Knäuel Zwirn von Renntiersehnen und anderes, was nach ihrer Meinung im Hause willkommen sein konnte. Der Tag im Sommer, wenn Musti (der Schwarze), ihr echter lappischer Hund mit spitzen Ohren, plötzlich die Höhe hinaufrannte und unaufhörlich schnaufend von dort wieder zur Hütte und so immer hin- und herlief, oben dann einen Augenblick unter lautem Geheul still stand, – war deshalb auch ein Festtag für die Familie, ein doppelter aber für die Tochter des Finnen, welche an der Sehnsucht nach ihrem eigenen Volke im geheimen litt. Man sah dann, wie sie aus der Kluft Morkuäs auf der anderen Seite des Sundes herabzogen. Der Kwäne setzte sofort mit dem Boote zur Überfahrt hinüber, und Musti, der zurückgehalten werden mußte, um nicht hinauszuschwimmen und die Renntierherde zu früh zu erschrecken, half, närrisch vor Freude, seinem Kameraden »Sjorris« und den anderen lappländischen Hunden, die Renntiere drüben am Strande hüten. Und in dem Dankgruße »Gott gebe,« den die Frau des Kwänen nach finnischer Sitte ihren Eltern auf deren »Guten Tag« bot, lag das Heimweh eines ganzen Jahres. Zuerst wurden die großen männlichen Renntiere abgeladen, die – von dem alten Finnen selbst, seiner Frau und seiner ältesten Tochter geführt – die Zelte, das Hausgerät und die Tragkörbe trugen, in denen, in Häute gewickelt, einige Enkel und Enkelinnen lagen, die ebenso sicher und warm wie die Kinder eines großen Herrn in ihrer Wiege schliefen oder auch aßen. Der zusammengekrümmte, kleine, über hundert Jahre alte Urgroßvater, dessen triefende Augen erblindet waren, und der schon »unter sieben Königen gelebt hatte«, wurde in des Kwänen Hütte geführt, wo er den Ehrenplatz erhielt, den er dann die ganze Zeit lang selten anders verließ, als um sich an einem schönen Tage in die Sonne hinauszubegeben. Er tastete mit den Händen nach dem Gesicht der Enkelin und wollte immer etwas Neues hören. Er war, wie damals noch einzelne alte Finnen, nicht getauft, sondern wollte in dem Glauben seiner Väter sterben. Als sie in einem Jahre ohne ihn ankamen, wurde erzählt, er wäre gestorben und, seinem Willen gemäß, mit Birkenrinde zugedeckt, unter seinem umgekehrten Schlitten (Pulk) in einem Steinhaufen mitten im öden Gebirge begraben. Eine Stunde nach den Ersten kam dann die ganze übrige Renntierherde in drei Abteilungen an, von den übrigen Töchtern und Schwiegersöhnen und dem Gesinde bewacht und von einer Schar von Hunden umringt, die, in das zur Ebbezeit niedrige Wasser hinabspringend und hüpfend, bald hinter einem Renntier herschwammen, bald das Wasser von sich schüttelten, immer eifrig bestrebt, die Tiere zusammenzuhalten. In diesem Sommermonat war des Kwänen Frau wieder ein finnisches Mädchen unter dem Zelt ihrer Eltern, und Musti wieder Finnenhund; die Mutter aber machte sich ein Vergnügen daraus ihrer Tochter alles das beizubringen, was sich für eine finnische Frau schickte. Der Kwäne sah ruhig zu. Er hatte seine Frau lieb, deren sanftes Gemüt der Gegensatz seines eigenen war; er wußte, daß es in ihrer Natur läge, und daß dieselbe Luft haben müßte. Die männlichen Renntiere streiften jetzt scharenweis oben auf dem Gebirge wild umher, während sich die übrigen Tiere auf den sumpfigen Weideplätzen weiter unten ruhiger zusammenhielten. An den Berghalden – wo das üppige Farrenkraut den Renntieren an manchen Stellen bis über den Bauch reichte, – wurden sie jedoch nur an den einzelnen Tagen gesehen, wenn der Seenebel das hohe Gebirge in seine dunkle, undurchdringliche Wolkenkappe hüllte. Unten trafen dann die Renntiere mit den umherschwärmenden Möwenscharen zusammen, die sich vor dem Seenebel und dem Sturm flüchteten und mit unendlichem Geschrei das Land suchten. Endlich kam dann – immer früher als gedacht – der Tag des Abschieds, an den die Tochter, gemäß der Natur ihres Volkes, das so gern nur dem Augenblicke lebt, nie hatte denken mögen. Den Tag vorher wurden die Renntiere gesammelt und am nächsten folgten sie über den Sund dem Boote, hinter welchem das Renntier mit der Glocke schwamm, das der alte Finne an einem Stricke hielt, während die Köpfe der übrigen Herde in einem langen Streifen wie Zweige aus dem Wasser hervorragten. Und nun mußte Abschied genommen werden. Unter Thränen wurde jeder der Reihe nach umarmt, zuletzt die alten Eltern. Sie legte ihre älteste Tochter und das Kleine, welches sie einige Jahre später erhalten hatten, an ihre Brust, und aus dem finnischen Abschiedsgruß »Bleibe in Frieden« klang von seiten der Tochter fast Verzweiflung heraus. Auch sprach sie in den nächsten Tagen, bis sie wieder in die alte Ordnung gekommen war, nur wenig. Geduldig ließ der Kwäne dies alles über sich ergehen, denn er wußte aus Erfahrung, daß sie den schlimmsten Kummer bald vergaß; – und dann kam ihr fröhliches Geplauder über alles, was geschehen war und bis zum nächsten Jahre geschehen sollte. In den Tagen des Januars, wenn er sie verlassen und sie nun wieder einsam in dem finstren Winter dasitzen sollte, brach ihr Kummer oft wieder heftig aus. In einer Nacht vor der Abfahrt des Mannes auf den Fischfang schlief sie sehr unruhig. Ihr träumte, ihr verstorbener Urgroßvater stände vor ihrem Bette und sagte, sie sollte wieder zu ihrem eigenen Volke zurückkehren. Es war ihr, als ob sie ihn nach dem Bootsschuppen hinabbegleite, und da lag am Strande, von den Wellen hin- und hergeschaukelt, ein halb mit Wasser gefüllter Sarg ohne Deckel. Er sagte, mit dem Boote wollten sie über den Sund fahren. Als sie nun ängstlich zu ihrem Mann hinauseilen wollte, der, mit der kleinsten Tochter an der Hand, traurig in der Thür stand, wurde der Alte plötzlich dunkelblau im Gesicht und faßte sie so stark am Arme, daß sie mit einem lauten Schrei erwachte. Der unerschrockene Kwäne ist, wie der Finne und Nordländer, selten abergläubisch. Als daher ihr Mann den Traum hörte, sagte er, es wäre nur Alpdrücken gewesen. In ihrem schweren Herzen dachte sie jedoch anders, nämlich, sie hätte eine Warnung erhalten. An einem Wintertage im März begab sich die Frau des Kwänen mit ihrer vierzehnjährigen Tochter Lyma nach einer der Schären im Meerbusen, um Tang zu schneiden. Zu Hause blieb nur ihre zweite fünfjährige Tochter und der Hund. Als sie in besten Schneiden, schlägt die Mutter die Augen auf und sieht, daß das Boot mit der Strömung den Fjord langsam hinaustreibt. Die Fangleine mußte sich von dem schlüpfrigen Steine, um den sie geschlungen war, gelöst haben. Mit einem Büschel Tang in der einen und dem Messer in der anderen Hand stand sie lange Zeit lautlos wie eine Bildsäule da und blickte dem Boote nach. Da stieg langsam der Gedanke in ihr auf, daß dies der Tod vor ihrer eigenen Thür wäre, die so nahe lag, daß sie dem Kinde und dem Hunde zurufen konnte. Menschenhilfe gab es hier nicht. Schon kam der Vormittag des nächsten Tages. – Die halberwachsene Tochter hatte eben ihre Kleider über die Mutter gebreitet, die halb verschneit ohne Besinnung hinter einem Steine auf dem Tanghaufen lag, auf dem sie sich in der Nacht gegenseitig warm zu halten gesucht hatten. Jetzt wollte sie zur Zeit der Ebbe den Versuch wagen, über den schmalen Sund zu kommen, und im schlimmsten Falle so den Tod finden – als Marina in ihrem kleinen Boote um die Landzunge gerudert kam. Wie Tausende von Frauen in Nordland zur Fischzeit saß auch Marina mit den Kindern allein in ihrem Häuschen, während Jon und Groß-Lars bei den Lofoten waren. In diesen zwei bis drei Monaten hatte sie manche schlaflose Stunde. In der letzten Nacht hatte sie das ferne Heulen eines Hundes zu hören geglaubt, und der Gedanke sie nicht verlassen, in Finkrogen wäre etwas Schlimmes vorgefallen. Sobald es hell wurde, ging sie deshalb nach einer Anhöhe auf der anderen Seite der Insel, von der man die Häuser in Finkrogen sehen konnte. Der schwarze Hund, den sie in dem weißen Schnee unruhig zwischen der Erdhütte und dem Strande hin- und herlaufen sah, bestärkte ihre Ahnung. Augenblicklich fuhr sie in dem kleinen Boote, das sie bei der Ebbe benutzten, hinüber und kam gerade noch zur rechten Zeit. Aber die Mutter verfiel in ein heftiges Nervenfieber, in dem Marina sie täglich pflegte, und starb einige Tage nach der Rückkehr des Kwänen vom Fischfange. Als Mathis Nuttos Familie im Anfange des Sommers wieder nach der Insel Skorpen kam, traf sie Trauer statt Freude. Es wurde verabredet, daß die älteste Tochter Lyma die Großeltern begleiten sollte; einige Jahre später aber verheiratete sich der Kwäne, »um wieder eine Frau in das Haus zu bekommen,« mit einer andern von Mathis Nuttos Töchtern. Dem Monat im Sommer, in welchem Mathis Nuttos Zelte rings um die Erdhütte standen, wurde von den Kindern Jons mit nicht geringerer Sehnsucht als von den Kindern des Kwänen, deren er einige jetzt auch mit seiner zweiten Frau hatte, entgegengesehen. Besonders waren die Nachmittage des Mittwochs und Sonnabends, an denen die Tiere zum Melken hinabgetrieben wurden, wahre Jubelfeste. Schon begann die Abendsonne des warmen Sommertages rötlich über der Berghalde zu stehen, ehe sich die ersten zackigen Hörner gegen die klare Luft hoch oben in der Felskluft abzeichneten. Kurz darauf zeigten sich einige Tiere ganz vorn. Nach diesen drängte sich eine braune, unruhige Tiermasse die Berghalde hinab, mit dem eigentümlich knisternden Ton von vielen hundert Fußgelenken, in einem stets breiteren Strome zwischen den Laubbäumen hervortretend. Um sie herum jagten die Hunde, unter dem ermunternden oder zurückhaltenden Zurufe der Hüter. Nach und nach wurde der stille Abend erfüllt von dem Geschrei, Lärm und den Freudenausbrüchen von Jung und Alt, alle fieberhaft geschäftig. Der ziemlich kleine Volksstamm der Lappen mit der weichen Sprache, den viereckigen verbrämten Sommermützen, ihren bunten, auf der Brust offenen Sommerjacken von Fries, grell blau, rot, grün und gelb eingefaßt, – Farben, die sich in dem hellen Sommerlichte des Nordens ebensogut vertragen wie die grellsten Farben im Süden, – bildeten eine eigentümlich belebte Scene, die Kinder aber kamen sich dabei wie in einem Märchen vor. Endlich waren die Renntiere in die Einfriedigung, in welcher sie gemolken werden sollten, hineingebracht. Einige von ihnen legten sich jetzt ruhig hin, während andere stehen blieben und in fröhlichem Spiele die Hörner gegeneinander drückten. Der einem Lasso ähnliche nie fehlende Lederriemen wurde von den erwachsenen Mannsleuten dem kampflustigen erschrockenen Renntiere um den Kopf geworfen, und nach kurzem Kampfe wurde es fortgezogen und an dem nächsten Pfahl in der Umzäunung angebunden, um gemolken zu werden. Dort stand im Sonnenglanze die schwarzäugige, wohlgewachsene Kwänenfinnin Lyma in ihrer roten Mütze mit Goldband, von der Arbeit erhitzt, und lachte über die Anstrengungen ihres Geliebten. Es war der vierschrötige, freundlich aussehende Isaak Palto, der neunhundert Renntiere besaß, und mit dem sie anfangs Winters in Karusuando in Schweden, ihrem »Winterdorfe«, Hochzeit halten sollte. Jons Kindern brachte Lyma immer einige Geschenke mit; besonders stand sie mit Morten, dem ältesten derselben, auf gutem Fuße, der in dem Jahre, wo sie von der Schär gerettet wurde, und Marina die Mutter so treulich pflegte, schon geboren war. Erst streichelte sie die Renntiere und gab ihnen Salz, und dann melkte sie dieselben, während Morten neben ihr stand und von der fetten, wohlschmeckenden Milch, die so fein wie Sahne ist, zu trinken bekam. Nach Verlauf einiger Stunden war man fertig; und nun schaute man dieselbe malerische Scene von neuem. Schon fielen die Schatten länger zwischen dem belaubten Strauchwerk oben auf der Berghalde. Das Gebirge hinauf eilten die Tiere nach ihren gewohnten ruhigen Plätzen. Doch ertönte in der Stille des Abends weiter das Geschrei der Menschen und das Bellen der Hunde. Später versammelten sich an dem hellen Abend wohl noch eine Zeitlang draußen auf dem Rasen die Mitglieder der Familie, Groß und Klein, sowie die Knechte und Mägde, um Geschichten und Märchen zu hören. Mathis Nutto, der auf dem Blockstuhle draußen vor der Zeltthür saß, zog aus seinem blauen, dazu eingerichteten Halstuche Stahl und Feuerstein und zündete seine kurze, schwarze Pfeife an. In schnellen Zügen dampfte er blaue Rauchwolken in den Abendhimmel, während die alte Silla dasaß, vor Altersschwäche nickte und erzählte. Hin und wieder, wenn sie umzusinken oder leise vor sich her zu singen begann, mußte man sie wecken. Einer der jungen Männer, Namens Eddis, diente als Spaßvogel und sorgte beständig fürs Vergnügen. An anderen Abenden war Joiken, d. h. es wurden improvisierte kleine Lieder gesungen, meistenteils zur Verherrlichung irgend eines der Anwesenden, oft aber auch mit schelmischen Anspielungen. Man saß rings im Kreise auf dem Boden und sang. Morten hörte hier zuerst von der Silber-Sara, die mit einem silbernen Gürtel unter dem Päsk (Wams) im Gebirge umhergehe, eine Runentrommel habe und »Gan zu setzen,« d. h. zu zaubern, verstehe. Dies und noch manches andere beschäftigte seine Phantasie damals in hohem Grade, und das Leben unten in Finkrogen stand seitdem beständig in märchenhaftem Glanze vor seiner Seele. Der unternehmende Stuwitz hatte seine Augen auf Finkrogen geworfen und die äußerst vorteilhafte Lage dieses Ortes zur Gründung eines Handelsplatzes entdeckt. Er vereinigte auch in ganz ungewöhnlicher Weise die dazu notwendigen Bedingungen: – einen guten Hafen, ein Fischwehr dicht davor, und bot dadurch Gelegenheit den Handel mit den vom Fischfang zurückkehrenden Fischern mit dem ganzen Finnenhandel auf dem Festlande zu vereinigen. So bekamen die beiden Familien, welche auf der Insel Skorpen wohnten, einen gemeinsamen Feind zu bekämpfen. Stuwitz kam es darauf an, die gegenwärtigen Bewohner, die gerade die beiden geeignetsten Hafenplätze inne hatten, mit Güte oder Gewalt fortzuschaffen. In Finkrogen traf er auf hartnäckigen Widerstand. Hinter dem Kwänen standen nämlich die Finnen, die um keinen Preis ihren bisher behaupteten Renntierweg und ihre alte Sommerweide auf der Insel Skorpen verlieren wollten. Auch Jon und Marina, die ihr Gehöft und ihren Fischgrund lieb gewonnen hatten, antworteten ausweichend, daß sie zunächst da zu bleiben gedächten, so lange der Kwäne nicht von Finkrogen fortzöge; denn von dem Geld, welches er ihnen biete, könnten sie nicht lange leben, so daß sie auf einer anderen Stelle einen neuen Anfang machen müßten. Stuwitzens nächster Versuch bestand nun darin, den Grund und Boden käuflich an sich zu bringen; dies scheiterte jedoch daran, daß die Insel Eigentum des Staates war. Und nun begann von seiner Seite eine Reihe von Verfolgungen und Scherereien, wie sie ein allmächtiger Kaufmann damals nur allzuleicht gegen einen armen Bauer ins Werk setzen konnte. Er kaufte Jons Schulden für die Ausrüstung zum Fischfang auf und ließ sie gerichtlich eintreiben. Als die Gerichtsleute in das Haus kamen und alles aufschrieben, verdoppelte sich die Summe, und sie konnten sich auf eine Auktion gefaßt machen. Kurz darauf erhielten sowohl sie als auch der Kwäne in Finkrogen eine gerichtliche Vorladung wegen einiger Netze, die Stuwitzens Bootsleuten auf dem letzten Fischfange im Stamsund zerrissen waren und, wie die Anklage lautete, von den Leuten in dem Boote Jons und des ihn begleitenden Bootes, welches von dem Kwänen gerudert wurde, gekappt und mit fortgenommen sein sollten. Dies verhielt sich so, daß sie eines Tages im letzten Winter allerdings einige treibende Netze gekappt hatten, die an den Hölzchen Heggelunds Zeichen trugen; aber das war, wie so oft auf der See, durchaus notwendig gewesen, und von den Netzen hatten sie nichts an Bord genommen. Jetzt behaupteten Stuwitzens Bootsleute, sie hätten ein damals wenig gebräuchliches Seil, wie es Stuwitz benutzen ließ, in Jons großem Boote als Fangleine wiedererkannt. Zeugen, die einem nach dem Munde reden, anstatt die Wahrheit zu sagen, findet man bei solchen Gelegenheiten oft genug, – bis es Ernst wird und zum Eide kommt. Nie wäre die Sache zur Sprache gekommen und am wenigsten als Diebstahl ausgelegt, hätte Stuwitz nicht mit aller Macht danach getrachtet, den Leuten auf Skorpen zu Leibe zu gehen. – Aber Jon schwur in seinem Herzen, sollten sie auch wieder so mittellos, wie am ersten Tage, als er nach Skorpen kam, dasitzen, so würde er sich doch weder von dem Platze noch von dem Fischgrunde vertreiben lassen, und Marina stimmte ihm bei. Sie meinte getrost, hier werde ihnen doch wohl der helfen, der stärker wäre als Stuwitz. Diese Dinge waren Heggelund ebenso unbekannt wie alles andere, was in dem Geschäfte vorfiel; denn das wurde lediglich von Stuwitz geleitet. Fünftes Kapitel. Der Seefinne Isaak. Dem Seefinnen Isaak auf der Insel Lövö war seit jener Nacht, da er im Busesund von dem Korporal Stuwitz und dessen Sohne schied, nicht wieder leicht zu Mute geworden. Von Jahr zu Jahr sah er immer deutlicher ein, daß er durch Verheimlichung des Mädchens vor dem Gewissen wie vor dem Gesetz ein weit größeres Verbrechen begangen habe, als das, für welches er damals bestraft zu werden fürchtete. Damals konnte er wegen Entwendung der auf dem Wrack vorgefundenen Habseligkeiten und vielleicht, sobald die Sache herauskam, wenn auch unschuldig, wegen Teilnahme an der Anbohrung des Schiffes zur Rechenschaft gezogen werden. Was er von Stuwitz wußte, konnte er, sobald es zur Entscheidung kam, nicht beweisen, der, wie sein Vater gesagt hatte, nur alles frech zu leugnen brauchte. Was aber Stuwitz von ihm wußte, dafür lag der Beweis in Marina selbst vor. Dies hatte denn auch Stuwitz bei einigen Gelegenheiten, da sie zusammengetroffen waren, ihm anzudeuten wohl verstanden. Daß Isaak damals, als Stuwitz seiner Pflegetochter Marina in Brögelmanns Hause Heiratsanträge machte, zu dessen Gunsten auf sie einwirkte, hatte seinen Grund in dieser Furcht. Es war ihm, als müßte damit alle Angst beendet sein. Daß Stuwitz ähnliche Beweggründe haben könnte, fiel ihm nicht ein. In diesem Gedanken lebte er wie unter einer beständig über ihm schwebenden Gewitterwolke, die ihm jede Freude des Lebens verfinsterte und ihm zugleich, nach und nach, als er schwach wurde, vor allem was da kommen sollte, bange machte. Aber Stuwitz, der Urheber all dieser Furcht und erdrückenden Last, haßte ihn von ganzem Herzen, tief und gründlich; ein Gefühl, das bei dem Unvermögen, sich zu rächen, beständig wuchs. Isaak war nunmehr alt und schwach; aber trotzdem ging er ungern zu Bett, denn dann plagten ihn Gewissensbisse. Während eines Herbstes blieb er jedoch länger als gewöhnlich liegen, und er gewann die Überzeugung, daß er nicht mehr aus dem Bette aufstehn werde. Er wurde sehr unruhig und ließ Marina auffordern, zu ihm zu kommen, da er es wohl nicht mehr lange machen werde. Es war ein weiter Weg zu ihm nach Norden hinauf, aber günstiges Wetter, und Marina machte sich, von Groß-Lars und Morten begleitet, sofort auf den Weg, während Jon zu Hause blieb. Als sie ankam, ging es mit Isaak etwas besser. Sie setzte sich an sein Bett, und beide sprachen viel miteinander; sie erfuhr nun, daß er nicht ihr rechter Vater wäre. Er könnte weder ruhig leben noch sterben, sagte er, bevor er ihre Verzeihung erhalten; auch wünschte er dem Pfarrer zu beichten, da es mit ihm vermutlich bald zu Ende ginge. Aber sie müßte ihm um seiner selbst wie um seiner Schwägerin willen, die seine Mitschuldige wäre, versprechen, die Sache keinem Menschen, nicht einmal ihrem Manne, dem er so lange ein treuer Kamerad gewesen, zu entdecken, bevor er nicht die Augen geschlossen hätte. Dabei nahm er die Brustnadel, die in dem Shawl gesteckt hatte, jetzt aus einer Lade und übergab sie ihr. Marina saß bewegt da. Als er sie um Verzeihung bat, erwiderte sie, daß es ihr gottlob leicht fiele, sie ihm zu gewähren, und von ganzem Herzen ihren Dank dazu; denn ohne ihn wäre sie ja weder vom Wracke gerettet worden, noch hätte sie ihren Jon bekommen, der ihr mehr wäre, als alle Herrlichkeit der Erde. Darauf ging sie hin und streichelte ihre Pflegemutter, die – jetzt alt und gekrümmt – mit verweinten Augen an ihrem Kamine saß. Auf dem Rückwege saß Marina im Boote in allerlei Gedanken versenkt. Bisweilen sah sie Morten lange und nachsinnend an, als ob er mit ein Gegenstand ihrer Gedanken wäre. Unter dem vielen, was ihr der alte Isaak anvertraut hatte, befand sich ein Punkt, der sie besonders beschäftigte, weil sie über ihn nicht recht ins klare kommen konnte. Weshalb hatte Stuwitz sie bei Brögelmann heiraten wollen? Hatte er irgend eine Entdeckung gefürchtet, oder einen Vorteil zu gewinnen gedacht? Marina war wohl etwas sanguinisch. Als sie nach Hause kam, war es für sie ein drückendes Gefühl, daß sie so feierlich versprochen hatte, Jon nicht vor dem Tode ihres Pflegevaters in die Sache einzuweihen. Was den alten Isaak anlangte, so wurde er, nachdem er sein Herz durch das Geständnis erleichtert hatte, so gesund, wie er sich lange nicht gefühlt hatte. Es war ihm, als ob der Herr – mochte Stuwitz jetzt beginnen, was er wollte – von seinem Hause nicht länger fern bliebe. Vor mehreren Jahren hatte der Gebirgsfinne Mathis Nutto einmal Jon bitter seine Not geklagt. Wie es damals unter den Finnen gebräuchlich war, hatte er sein Geld im Gebirge in der Nähe einer heiligen Stätte vergraben und darunter vierhundert Reichsthaler in Papier. Sie waren vom Liegen etwas verschimmelt, und er war deshalb nach Tromsö gegangen, um sie bei dem Kaufmann gegen Silber einzuwechseln. Hier vernahm er aber, – was den Finnen oft widerfährt, – daß sie längst eingezogen wären. Er hätte sie, wie er erzählte, vor vielen Jahren von Stuwitz für Felle und Renntiere erhalten. – Isaak teilte Jon damals nicht mit, was er über dieses Geld dachte. Als es nun ruchbar wurde, wie Stuwitz die Leute auf der Insel Skorpen verfolge, und daß er mit der Familie Nuttos, die daselbst Weideplätze besaß, in Feindschaft geraten wäre, fiel ihm diese Sache wieder ein und es schien ihm darin ein Weg zu liegen, Stuwitz einen Schlag beizubringen, ohne daß dieser ahnte, er käme von ihm. Mathis Nutto zog im Sommer stets nach dem Festlande, und als Isaak einmal, dem Anscheine nach zufällig, dort, wo die Finnenzelte standen, vorbeikam, erwähnte er die Sache abermals. Die Augen des Finnen funkelten, als ihm Isaak einen Ausweg, sein Geld wiederzubekommen, in Aussicht stellte, wenn er ihm nur das feste Versprechen geben und den Eid darauf leisten wollte, seinen Namen unter keinen Umständen zu nennen, oder irgendwie einzumischen. Ohne genauer auf den Zusammenhang der Sache einzugehen, vertraute Isaak ihm jetzt an, daß es Stuwitz nicht angenehm wäre, wenn dieses Geld den Behörden zu Gesichte käme. Er solle nur unmittelbar zu ihm gehen und den Umtausch desselben verlangen; lehne er es ab, so solle er sofort damit drohen, daß er zum Vogt gehen würde, denn er wisse recht gut, daß das Geld den Behörden bekannt sei. Für den Rat verlangte Isaak nichts anderes als seine Verschwiegenheit. Nachdem sie voneinander geschieden, setzte sich Mathis, wie er zu thun pflegte, auf den Blockstuhl, schob die Mütze auf dem Kopfe hin und her und lachte und nickte vor inniger Bewunderung, wie schlau doch Isaak wäre. Je mehr er darüber nachdachte, desto besser und sicherer kam ihm die Waffe vor, die er in die Hände bekommen hatte; und sie schien ihm sogar noch ein Stück weiter zu reichen, als Isaak gedacht hatte; nämlich auch um sich unten in Finkrogen Stuwitz vom Leibe zu halten. Er brauchte ja Stuwitzen nach der Einwechselung nur darüber aufzuklären, daß er noch einige Scheine zur Verwendung übrig behalten hätte, falls dieser ihm und den Seinigen wieder zu Leibe gehen sollte. Trotzdem bekam Isaak doch keine Ruhe, bevor er nicht bei dem Pfarrer Müller gewesen war und sein Herz durch ein volles Bekenntnis erleichtert hatte. Es mußte aber bei dem Pfarrer Müller geschehen, weil dieser Mann unter dem Volke ein Vertrauen wie kein anderer Geistlicher genoß. Früh und spät, in jeder Witterung und auf unbefahrenen Wegen konnte man den wackren, weißhaarigen Pfarrer treffen, wie er in seiner stillen, gesegneten Wirksamkeit draußen war. Im Winter begegnete man ihm gewöhnlich in einem selbstgebauten Schlitten nach lappländischem Muster, einem sogenannten Pulk. Was ihm Isaak unter dem Geheimnis der Beichte bekannt hatte, erregte die Aufmerksamkeit des Pfarrers in nicht geringem Grade. Er war mit der Familie Heggelund sehr befreundet und hatte dort oft auch Stuwitz getroffen, dessen Persönlichkeit ihn nie angesprochen hatte. In dem Benehmen dieses Mannes lag etwas Unheimliches und Verstecktes, das er sich nun, da er einen Einblick in seine Lebensgeschichte erhalten hatte, erklären zu können glaubte. Sechstes Kapitel. Die Gerichtssitzung. Groß-Lars. Zweimal im Jahre, wenn die Gerichts- und Einschätzungskommission bei Heggelund im M...sund tagte, herrschte daselbst im Hause großer Prunk und großer Zusammenlauf. Der Fjord wimmelte dann von Booten mit Nordländern in feuerroten Mützen, die von überall in den Sund hineinfuhren. Die Anlegestellen an der Landungsbrücke waren bald besetzt; der Strand wurde dafür nach und nach mit langen Reihen von Booten bedeckt, die ans Land gezogen waren. Überwölbt und vorn durch das Segel zeltartig geschützt, bildeten mehrere derselben provisorische Hütten, die für die Nacht Unterkommen gewährten, während am Tage vor ihnen die Kaffeekessel dampften. An den zwischen Steinen aufgebauten Herden waren die Familien und Verwandten versammelt, stets lebhaft miteinander plaudernd. Die Nordländer, meistenteils mit blankem Lederhute und in neuen dunkelblauen Friesjacken, welche an Händen und Hemden abfärbten, bildeten die Hauptmenge. Die großen Kwänen erschienen gewöhnlich in nordländischer Tracht, zum Teil auch nach lappländischem Schnitte. Auch einige Finnen befanden sich dort. Unter diesen befand sich auch eine junge, auffallend schöngewachsene Finnenfrau in ihrem schmucken Sommerfestkleide von grünem Stoff, mit gelben Borten eingefaßt und mit Goldbändern um die rote Mütze. Sie trug ein Perlenband über dem seidenen Busentuche und um den Leib einen breiten, reichgewirkten silbernen Gürtel, an dem ein Messer und ihr Nähzeug hing. An einer Schnur über der Schulter trug sie den mit Perlenbändern eingefaßten Korb, in welchem ihr Kind lag. Es war Lyma mit ihren Verwandten, die zum Termin kamen, weil der Kwäne zum Verhör vorgeladen war. Auch der reiche Russe Wassilieff war mit ein paar einfacheren Russen erschienen; als Gerichtszeuge, um über den Verlust eines seiner Kutter vernommen zu werden, und als Heggelunds Gast. In ihren langen Kaftanen mit dem hohen Turban auf dem Kopfe bewegten sie sich unter der bunten Menge, in welcher aus norwegischem, finnischem, kwänischem und russischem Munde unaufhörlich das seltsamste Kauderwelsch einer selbsterschaffenen lingua franca erklang. Zu dem Platze gehörten zwei Landungsbrücken, die eine für das Volk bestimmt, welches nach dem Laden am Ufer wollte; dort residierte der in den kaufmännischen Geschäften allmächtige Stuwitz, und die andere die Gastbrücke, von der aus der Weg nach dem Garten mit der stets offenen Gitterthür von weißangestrichenem Holze führte. Wenn der stattliche, schlanke Heggelund mit der krummen Nase in schwarzem Fracke, weißer steifer Halsbinde und mit der großen weißen Meerschaumpfeife in der Hand den Amtsrichter oder wohl auch den Amtmann, welche bei der Gelegenheit stets in goldstrahlenden Uniformen gingen, den Weg nach dem Hause hinaufführte, stand das ganze Volk nach damaliger Sitte mit entblößten Häuptern da; ebenso die beiden Male täglich, wenn die Beamten nach der Thingstube gingen, um Recht zu sprechen. Als der Amtmann unter Salutschüssen und Hissen der Flaggen von Heggelund hinaufgeführt wurde, stürzte der schwere Wassilieff mit dem weißen Bart, der von seinem Antlitz hinabwallte, so daß nur wenig von der Stirn, den Augen und der scharfen Habichtsnase zu sehen war, plötzlich wie ein gefällter Baum zur Erde. Der alte »Starower« – wie die rechtgläubigen Russen aus der ältern Kirche genannt werden – küßte nach russischer Sitte dem hohen Beamten sogar die Füße; eine Ehrenbezeigung, der sich der Amtmann möglichst zu entziehen suchte. In dieser Zeit fanden in Heggelunds Haus sozusagen den ganzen Tag lang Gelage statt. An den Festtafeln saßen die Beamten mit ihren Schreibern, die Geistlichen, die Sachwalter und die übrigen Gäste des Hauses, die zahlreich von allen Seiten herbeigeströmt waren. Nach dem Kaffee gingen die Beamten wohl noch nach dem Gerichtszimmer hinab, wo die Schöffen warteten, und der Assistent des Vogts Steuern erhob. Es wurde noch dieses und jenes vorgenommen, und dann das Gericht für diesen Tag für geschlossen erklärt; hatte man doch einen langen und arbeitsamen Vormittag gehabt. Nun kam das Abendbrot und darauf der Kartentisch mit den Toddygläsern, den vorher gestopften Pfeifen und den Fidibussen, bis sich die höheren Beamten zu passender Zeit nach ihren Gastzimmern zurückzogen und es dem Rest der Gesellschaft überließen, das Spiel fortzusetzen. Dann und wann mußte der Schulze heraus, um irgend jemand, der sich in eine Schlägerei eingelassen hatte oder Unruhe stiftete, zu verhaften und vorläufig einzusperren. Eines Abends wurde bei solchem Anlaß im Hause erzählt, Groß-Lars hätte sich wie wahnsinnig geschlagen und den Russen Wassilieff überfallen wollen. Der Wahnsinn wäre jetzt zwar vorüber, allein der Sicherheit willen hätte der Schulze dafür gesorgt, daß er von dem Thinge fortgeschafft würde. Am Morgen, wenn der geschäftsreiche Vormittag wieder beginnen sollte, saßen wohl noch einige in ununterbrochener Thätigkeit an den Kartentischen. Der Gerichtsschreiber, – eine eigentümliche, sonderbar begabte, aushaltende Menschenrasse, die jetzt immer mehr verschwindet, – ging ohne große Mühe von dem Kartentische oben im Hause nach den Gerichtszimmern hinab. Die ganze Nacht hatte er kein Auge geschlossen, führte aber dennoch, während eine Sache die andere ablöste, ohne Ruhe den ganzen arbeitsvollen Vormittag bis zum späten Nachmittag die Feder ganz aufmerksam. Das Verhör in der Sache wider Jon Zachariasen und den Kwänen war auf den letzten Gerichtstag anberaumt worden. An den beiden vorhergehenden Tagen hatte Morten, welcher seinen Vater begleitet hatte, vieles gesehen und war oft mit Lyma bei der Finnenfamilie zusammen gewesen. Er war noch so unerfahren und knabenhaft, daß die Herrlichkeiten des Kramladens sein Auge blendeten. Hinein ging er jedoch nicht, da Stuwitz nebst einigen Dienern darin unaufhörlich auf den Beinen war. Aber ein größeres Glück als ein solcher Ladendiener zu sein – wenn es nur kein Stuwitz war – vermochte er sich nicht zu denken. Als Groß-Lars verhaftet wurde, war er nicht zugegen, sah aber zu, als dieser in das Boot geführt wurde, um übergesetzt zu werden, und erhielt Erlaubnis, ihm die Tabaksdose seines Vaters als Abschiedsgruß zuzuwerfen. Am dritten Gerichtstage wurde der Kwäne und Jon Zachariasen verhört. Erst wurde Jon vorgefordert und darauf der Kwäne. Beide wurden zum Bekenntnis ermahnt, infolgedessen die Strafe gemildert werden würde. Unter den Leuten nicht weit hinter dem Vater sah man Mortens sonst so freundliches, jetzt erschrockenes Gesicht; und gerade dicht vor Jon, auf der Bank neben den Schöffen, saß Stuwitz vornübergebeugt, die Hände über das eine Knie geschlagen, und hörte aufmerksam zu. Auf die Ermahnung zu bekennen, antwortete Jon, er wäre ein ehrlicher Mann, und er wagte dabei, mit einem Seitenblick auf Stuwitz, hinzuzufügen, es wäre gut, wenn jeder, der jetzt hier säße, dasselbe mit Wahrheit von sich sagen könnte. Stuwitz verstand den Blick, dem er einen Augenblick auswich, und las darin, daß er sich vor diesem Manne zu hüten habe. Jetzt erschienen die Zeugen einer nach dem andern. Unter ihren Aussagen perlten Schweißtropfen von Jons braunem Antlitz herab. Hin und wieder warf er Stuwitz einen scharfen Blick zu, der, sei es nun absichtlich oder zufällig, nie zu ihm hin sah. Neben ihm stand der Kwäne stumm und trotzig. Keiner der Zeugen hatte selbst etwas gehört, aber jeder wollte es von anderen, die er zum Teil nannte, gehört haben. Der letzte Zeuge war ein blasser Mann, auf den Stuwitz die ganze Zeit hindurch das Auge schwer und fast drohend gerichtet hielt. Er erklärte schwankend und zum Teil undeutlich, er hätte in Jons Boot ein Seil mit dem Zeichen an einem Holzstücke erkannt. Schon stand man im Begriff dieses beschwerende Zeugnis niederzuschreiben, als Morten, der die ganze Zeit atemlos zugehört hatte, unwillkürlich rief: »Vater! Das Seil sitzt am Bootsanker, da kann man es sehen; wir bekamen es in Sörströmmen.« Darauf lief er nach dem Boote hinab, zog den Anker auf, band das Seil los und brachte es nach dem Gerichtszimmer. Als es gezeigt wurde, gestand der Zeuge, den Stuwitzens erbitterte Blicke augenscheinlich in Verwirrung setzten, so daß er dessen Willen nicht mehr zu begreifen vermochte, das Seil wäre dasselbe, welches er gemeint hätte. Aber es trug nicht die erwähnten Zeichen, noch Spuren, daß es an einem Netze gesessen hätte. Der Amtmann winkte Morten zu sich hin, strich ihm, wie auch andre sonst gern thaten, durch das gelbe Haar und lobte ihn dafür, daß er sich als ein flinker Bursche aufgeführt hätte. Zum Schluß schenkte er ihm einen blanken Silberthaler. Als Stuwitz noch mehr Zeugen angab, wurde bestimmt, daß der Prozeß zu Weihnachten vor der Abfahrt zum Fischfang auf dem Amtsgericht zu Ende geführt werden sollte. Spät am Nachmittage erhielt Stuwitz, als er allein im Laden war, einen Besuch vom alten Mathis Nutto. Aus der Brusttasche seines Wamses nahm derselbe eine alte Ledertasche voller Geldscheine, deren einen er Stuwitz bat ihm einzuwechseln. Er hielt die Tasche in beiden Händen fest und wollte sich dem Ladentische, auf welchen er den Schein gelegt hatte, nicht nähern. Stuwitz sagte, der Schein wäre zu alt und von der Bank längst eingezogen. Aber er gab diese Antwort mit einem leichenblassen Gesichte, von dem kalte Schweißtropfen herabperlten. Nun erklärte der Finne drohender und mit lauterer Stimme, Stuwitz möchte ja die Güte haben, ihm alles Geld, das er in der Tasche habe, zu wechseln, wenn alles glatt ablaufen sollte. Als Stuwitz die Ladenthür schnell zuschließen wollte, eilte der Finne sofort hinaus. Da verschwand Stuwitz hinter der Comptoirthür und kehrte mit einem Päckchen blauer und gelber Geldscheine zurück, die er langsam auf dem Ladentische aufzählte, worauf er die entsprechende Zahl aus der Tasche empfing. Aber einige weitere Geldscheine, die Stuwitz energisch zurückverlangte, behielt der Finne, indem er sie in seine Brusttasche schob und schnell hinausging. Kurz darauf hörten sie auf der Insel Skorpen, daß das Prozeßverfahren gegen den Kwänen eingestellt wäre. Daß dies Mathis Nuttos Werk war, konnten sie nicht ahnen; aber Jon erschien es als eine große Ungerechtigkeit, daß dieser allein für schuldlos erklärt wurde. In den folgenden Tagen nach den Vorfällen bei den Gerichtssitzungen war Groß-Lars in seinem ganzen Wesen fieberhaft unruhig. Er ging mit einem Ausdruck von Lebensüberdruß und wie in schweren Gedanken umher. Es ereignete sich, daß er, ohne die Leinen aufgezogen zu haben, abends vom Fischgrunde nach Hause zurückkehrte. Es war überhaupt schwer, über ihn ins klare zu kommen. Eines Tages, als Morten mit ihm draußen auf dem Fischfang war, hatten sie den in jener Gegend ziemlich seltenen Anblick eines russischen Kutters. Da bekam Groß-Lars plötzlich wieder einen Anfall von Geistesstörung. Er war entsetzlich anzusehen. Als er das Messer zog, glaubte Morten, es wäre auf sein Leben abgesehen, und er hielt die Ruderbank zur Verteidigung vor sich. Lars Absicht war jedoch nur, das Seil, an dem das Netz gehalten wurde, zu zerschneiden. Der Riese setzte sich darauf an die Ruder und fuhr in langen, kräftigen Ruderschlägen so gewaltsam vorwärts, daß sich die Ruder wie Weidenruten bogen, und der Stäven des kleinen Bootes sich fast in die See eingrub. Die blutunterlaufenen Augen blickten aus dem großen bleichen Gesicht mit dem grauen dünnen Bart, der es umgab, starr heraus. Endlich brach ihm der Schweiß in großen Perlen aus der Stirn, und kurz darauf fing er – wie erleichtert – langsamer zu rudern an. Sie waren jetzt so nahe gekommen, daß sie den blauen Anstrich des Kutters bemerken und die Leute an Bord unterscheiden konnten. Nach vorn über die Ruder gebeugt, saß der Riese eine lange Zeit still da. Endlich seufzte er tief auf und blickte nach Morten hinüber, der bleich auf der hinteren Ruderbank saß. Es lag ein wunderbar bewegter Ausdruck in dem kräftigen Gesicht. Als Morten ihn teilnehmend ansah, gab er seinem Verlangen sich auszusprechen nach, obgleich der junge Bursche wohl nur in geringem Maße sein Vertrauter sein konnte. »Es war damals«, – erzählte er – »als die Russen noch nicht wie jetzt mit ihren Lodjen überall die finmarkischen Städte aufsuchten; aber sie tauschten die ganze Küste entlang Fische gegen Roggenmehl ein. Damals war so ziemlich in jedem Winkel eine Lodje zu finden. »Hinter einer Landzunge irgendwo im Barangerfjord wohnte in jener Zeit eine finnische Witwe; sie hatte eine Tochter, die schön wie Gottes Sonne war« – hier stockte er und wiederholte leise und mit gebrochener Stimme: – »schön wie Gottes Sonne.« In einer Hütte eine Viertelmeile davon wohnte ein Bursche, der nichts als seine beiden Arme besaß; aber mit ihnen konnte er, wenn er wollte, auch gegen den Wind ganz allein ein sechsrudriges Boot vorwärts bringen. Die beiden hatten einander lieb. Da kam einmal eine russische Lodje in die Bucht, und der Besitzer – er hieß Wassilieff – sah, daß die Tochter der Witwe schön war. Als er sie aber auf keine andere Weise bekommen konnte, erbot er sich, der Mutter gegenüber, sie in Rußland zu heiraten, und bot ihr dafür sieben Maß Roggenmehl und Tuch. Eines Tages, als sie schon die Anker gelichtet hatten und zur Abfahrt bereit dalagen, wurde Mutter und Tochter zur Bewirtung unten in der Kajüte eingeladen. Kurz darauf hatte der Kutter an allen drei Mastbäumen die Segel aufgehißt und trieb vor einem schwachen Landwinde die Bucht hinaus. »Als die Mutter nun allein in das Boot, das mit Roggensäcken und Tuch beladen war, hinabgelassen wurde, ahnte der Bursche, der am Lande stand, daß etwas Schlimmes los war. Er nahm eine eiserne Stange mit in sein Boot und wußte auch, was er mit ihr anfangen wollte, wenn er an Bord der Lodje nicht sein Eigentum zurückerhielte. Er ruderte und ruderte – damals waren es noch jüngere und kräftigere Ruderschläge als heute. So ging es den ganzen Tag und auch die helle Nacht fort; er fühlte seine Arme nicht, die längst eingeschlafen waren, sondern ruderte nur unaufhörlich, während der schwere Kutter beständig vor ihm herglitt. Einmal sah er sie oben auf dem Verdeck mit weit ausgestreckten Armen, als ob sie ängstlich nach ihm riefe; aber da kam einer von hinten und schleppte sie wieder gewaltsam nach der Kajüte hinab. »Als die Sonne aufging, kam der Morgenwind und jetzt flog die Lodje schnell dahin. Da half kein Rudern mehr; – aber, wie jetzt, saß der Bursche über die Ruder gebeugt und blickte ihr nach, bis ihr letztes Segel am Meeressaume verschwunden war. Der Tochter wegen tötete er die Mutter nicht, wie er sich auf dem Rückwege vorgenommen hatte. Er konnte nicht mehr arbeiten und trug sich mit dem Gedanken, seinem Leben ein Ende zu machen; aber da rettete ihn der alte »Rat«, der wegen seines guten Herzens all sein Geld verloren hatte, und nahm ihn zu Brögelmanns mit. »Zwei Jahre später kam eine wahnsinnige Frau mit einem Kind auf dem Arm zu Fuß aus Rußland über das Gebirge gegangen. Sie irrte an vielen Orten umher. Einmal kam sie ohne das Kind zu ihrer Mutter. Da lag sie, unaufhörlich irre redend, krank darnieder, und als der Bursche mit ihr sprach, bat sie ihn mit einem seltsamen Lächeln nur noch immer zu rudern, dann werde er sie einst doch noch einholen. In derselben Nacht trat sie wieder ihre Wanderung über das Gebirge an. Und jetzt, – schloß Groß-Lars mit einem lebensmüden Seufzer, – »jetzt glaube ich, so lange ich irgend vermochte, gerudert zu haben.« Er vermochte nicht mehr. – Stets schwermütiger und in seinem Benehmen sonderbarer, nahm er eines Tages – die See ging nach einem heftigen Sturm noch immer hohl – ein altes, leckes Boot und ruderte nach dem Fischgrunde hinaus, wo er einsam dasaß und fischte. Da sah man vom Lande aus mit einemmale, wie sich draußen eine gewaltige, seegrüne Wand mit weißem Rande erhob, und gleich darauf brachen sich dröhnend große Sturzwellen den ganzen Strand entlang. Am Nachmittage trieben die Trümmer eines Bootes an das Ufer; – aber die Leiche des armen Groß-Lars wurde nie gefunden. Siebentes Kapitel. Die Brustnadel. Marina war nun schon eine Frau mittleren Alters und ihr Haar begann zu ergrauen. Aber obschon von den langen Jahren draußen auf der Schär gebräunt und nicht mehr schlank, würde sich ein Fremder doch über ihre hübschen Züge und das etwas Ungewöhnliche in ihrer Figur gewundert und gedacht haben, sie müsse in ihrer Jugend doch sehr schön gewesen sein. Jon war bejahrt und vielleicht auch durch unglücklichen Einfluß der warmen Zipfelmütze schon recht kahlköpfig geworden. Das kräftige Gesicht mit den grauen Augen war so gefurcht und wetterzerrissen wie die braunen Langschären, um welche die See spült und der Wind braust, seine breitschultrige Gestalt aber gebeugt und sein Gang so schleppend, wie das Leben eines nordländischen Küstenbewohners, der beständig im Boote sitzt, es wohl mit sich bringt. Eines Tages, als Marina mit den Kindern fort war und in dem prächtigen Sommerwetter Heu auf der Insel erntete, kramte Jon in dem großen Koffer, mit Marinas Hochzeitsputz, in dessen Ecke er auch einiges Silbergeld liegen hatte. Als er auf dem Boden nach einem Silberstücke suchte, das sich zwischen den Kleidern verschoben hatte, fand er zu seinem Erstaunen in ihrer Hochzeitshaube ein zusammengelegtes Papier und in diesem eine goldene Brustnadel. Gegen das Licht gehalten, las er die Buchstaben T. S., und es stieg der Gedanke in ihm auf, daß sie nur Thor Stuwitzens Namen bezeichnen könnten, der sich ja, ehe sie sich verheirateten, so verliebt in sie gestellt hatte. Durch die offene Thür schien die Vormittagssonne warm hinein und beleuchtete hell vom Namen Marinas die Anfangsbuchstaben auf dem rotblumigen Koffer, während Jon, allein zu Hause, in tiefen Gedanken auf dem Rande des Koffers saß, die Brustnadel vor sich in der Hand haltend. So saß er eine Stunde und noch eine Stunde da. Seine Miene wurde immer finstrer, und sein Gesicht nahm zuletzt einen steinernen Ausdruck an. Er entsann sich des harten Kampfes in der Jugend, um endlich zusammenzukommen; er gedachte, wie fest er sich auf sie, wie auf den lieben Gott, verlassen hatte, und des geheimen Festes draußen auf dem Fjord nach der Trauung, als sie die Geschenke versenkten: – und nun, nach so vielen Jahren, doch eine Lüge! Jon saß den Tag über auf dem Rande des Koffers und fühlte, wie ein Teil der Herrlichkeit seines Lebens dahinschwand; er besaß ihr Herz also doch nicht ganz und aufrichtig. Einen Augenblick hatte er im Sinne, sie geradezu zu fragen, wie sich die Sache verhielte; aber nach einigem Nachsinnen schwand ihm der Mut, und er wickelte den Schmuck zuletzt wieder in das alte Papier und legte ihn auf seinen Platz unter der Hochzeitshaube. Den ganzen Herbst über war er düster und wortkarg, und Marina wunderte sich in der Stille oft darüber, was in ihm vorginge. Mitten im Winter reiste Jon Zachariasen zu dem Kaufmann in Sörströmmen, um ihre getrockneten Fische zu verkaufen und zum Weihnachtsfeste einzukaufen. Jon war es schwer um das Herz; denn bei seinen jetzigen düstren Anschauungen hatte er wenig Aussicht, daß es ihm diesmal gelingen werde, die teuere Ausrüstung zu dem Winterfischfang im Februar zu erlangen. Seit jenem Tage, da er auf Marinas Hochzeitskoffer gesessen, vermochte er nicht mehr alles so leicht wie früher zu nehmen. – Unter den fünf Männern im Boote befand sich Morten. Jon war wie gewöhnlich »Hövedsmann«, d. h. Befehlshaber. Vor der Abfahrt hatten sie die Netze heraufgezogen und einen großen Hakenfisch gefangen, der einen Dorsch, welcher auf die Angel gebissen, vollkommen verschlungen hatte. Das, hatte Groß-Lars einmal gesagt, bedeute schlechtes Wetter, und die Wahrheit dieser Worte sollte sich bald zeigen. Aus den Klüften des Gebirges brausten am Vormittage heftige Windstöße hervor, einer immer stärker als der andere, so daß sie gezwungen wurden, die Segel fast ganz zu reffen. Was die Fahrt an diesem Tage bedenklich machte, war, daß der Sturm, der vom Lande wehte, immer mehr nach Osten ging. Wollten sie nicht weit in das Meer hinaus und in den sichern Tod getrieben werden, so mußten sie, trotz der schweren See, mit einer Seite immer unter Wasser, möglichst zu kreuzen suchen. Dicht am Lande vorwärts zu kommen, war unmöglich. Das erste nicht leichte Opfer, welches gefordert wurde, war, daß jeder die Hälfte seiner Fische über Bord werfen mußte. In der Kälte überzog der Wellenschaum das Boot mit einer immer dickeren Eisrinde, so daß es schwerer zu regieren war. Noch eine Gefahr zeigte sich, indem sie eine Zeitlang in einen dichten Frostnebel gerieten, der sie über die Richtung im Ungewissen ließ. Jon gab deshalb das Kreuzen auf und ließ das Boot mit halbem Winde vorwärts treiben, da er meinte, sie könnten auf diese Weise vielleicht die »Vogelinsel« erreichen, oder doch jedenfalls aus dem Nebel herauskommen; und letzteres gelang ihnen auch. Aber die See ging hoch, und der Oststurm war jetzt so eisig kalt, daß sich annehmen ließ, das Boot werde sich, der Eisrinde wegen, die Nacht über nicht auf dem Wasser halten können. Morten, der wahre Luchsaugen hatte, behauptete, er hätte zweimal in gerader Richtung einen fernen, weißen Schaum gesehen, und kurz darauf glaubten die anderen dasselbe zu sehen. Vielleicht war es die Vogelinsel. Aber im stillen meinte Jon, zehnmal wahrscheinlicher wäre es eine Brandung, die um ein paar Schären koche. Mit einemmale sprang der Sturm unter heftigen Schauern nach Nordwesten um, so daß sich das Meer schwer nach dem Lande zu wälzte. Zuweilen trat dichtes Schneegestöber ein; die Wellen schlugen oft in das Boot, der Schöpfer wurde beständig gebraucht, und der Mann am Vordersteven hatte nasse Arbeit. Jetzt hatten sie wenigstens erkannt, wo sie sich befanden, und der Kurs wurde nach den Tenholmen gerichtet, einer weit im Meere hinaus liegenden Schär, mit einer kleinen Handelsstelle während der Fischzeit, die Heggelund zugehörte. Vor den Untiefen, die Morten gesehen hatte, und über denen sich unaufhörlich Schaumsäulen erhoben mit Rauchwolken gleich rauchenden Schornsteinen, erblickten sie ein gekentertes Boot mit drei Männern auf dem Kiel, die um Hilfe winkten. Ihre Rufe konnten gegen den Sturm nicht gehört werden. Der Mann im Vorderteil legte ein Seil bereit und warf es, als eine schwere Welle sie dicht vorbeitrieb, zu ihnen hinüber. Leider wurde es nur von dem Hintersten der Männer ergriffen, der denn auch an Bord gezogen wurde, während die beiden anderen Gefahr liefen, in die Untiefe geschwemmt zu werden. Da drehte Jon das Steuer auf die Seite und kommandierte: »Kehrt!« zum Entsetzen seiner Begleiter, die aber mit dem Segel den Wendungen des Steuerruders folgen mußten. Es schien nicht geraten, den Vordersteven gegen die Wellen zu richten. Das Boot wendete, und die Wellen schlugen über dasselbe. Als Jon es wieder genügend über Wasser gebracht hatte, ließ er es abfallen. Seine Absicht war, obgleich er große Gefahr dabei lief, sein schweres, eisbedecktes Boot gerade über das umgestürzte zu lenken. Jon wählte den Augenblick meisterhaft. In dem Moment, da sein eigenes Boot stieg und das andere in dem Wellenthale sank, fuhr Jons »Femböring« quer über den Kiel des letztern, von dem die Verunglückten an Bord gezogen wurden, je ein Mann auf jeder Bordseite. Darauf wurde die Fahrt nach den Tenholmen fortgesetzt, wo sie irgendwo am Ufer die Nacht zuzubringen hofften. Der eine der Geretteten war fast ohne Lebenszeichen, während die beiden anderen völlig ermattet auf dem Boden des Bootes lagen. Vor der engen Einfahrt waren, wie gewöhnlich an solchen Stellen, einige kleine Schären mit Vogelwehren; aber während des Sturmes saßen die Vögel wie eine lebendige Decke auf allen Klippen. In der Finsternis suchte Jon vergebens nach der Einfahrt; überall traf er auf weiße Sturzwellen, und der Sturm, der wieder kalt von Osten kam, nahm von neuem zu. Einige Stunden lang hatte er so vor den Klippen auf Tod und Leben gekreuzt. Mit Eis überzogen und dem Versinken nahe, wie das Boot jetzt war, schien ihm eine Wahl länger nicht möglich. Sie überließen sich Gottes Gnade und fuhren geradeaus drauf zu. Das Boot fiel ab, das Segel wurde ausgespannt, und wie im Fluge ging es durch die Brandung hindurch, die man bald wie einen Wasserfall brausen und donnern hörte. Kurz darauf lief das Boot auf dem Rücken einer ungeheueren Welle auf den Strand, gegen den es mit solcher Gewalt stieß, daß der Mast unten brach. Glücklich warf Jon den Anker, wand ein Tau fest um den Stamm des Stevens und sprang, während die Welle sich wieder zurückzog, an das Land, indem er mit der einen Hand das Tau festhielt und mit der anderen Morten um den Leib gefaßt hatte. Als die gewaltige »Socht« überstanden war, waren bereits alle Männer vor dem Boote am Strande und zogen es so weit an das Land, daß sie vor der nächsten Welle so ziemlich gesichert waren. Daß sie sich nicht auf einem der Tenholme befanden, sondern nur auf einer der davor liegenden kleinen Schären, davon überzeugten sie sich bald; – hin und wieder glaubten sie von dem Handelsorte Licht schimmern zu sehen. Über das Riff brauste der Sturm so gewaltig, daß ein Mann im Winde nicht aufrecht zu stehen vermochte, und der Wellenschaum die ganze Zeit darüber forttrieb. Endlich gelang es ihnen nach vielen Anstrengungen den Femböring umzukehren, so daß er sich wie ein Haus über ihnen wölbte; vor der Öffnung hatten sie das Segel zeltartig befestigt. Sie erwärmten sich dadurch, daß sie dicht nebeneinander lagen, während der eine der Verunglückten, in dessen steifem Körper kein Lebenszeichen mehr zu bemerken war, hinausgelegt wurde. Morten redete irre, und um ihn besser zu wärmen, legte sich Jon nach außen dicht an das Segel. Am Anfange der Nacht hatte er trotz seiner Müdigkeit unruhige Gedanken und hörte besorgt, wie das Unwetter beständig zunahm. Hätten sie nicht Land erreicht, so hätten sie untergehen müssen; aber hier auf dem Riffe waren sie dem Erfrieren ausgesetzt. Mit Bitterkeit dachte er daran, wie schwer Gott es doch einem armen Mann machen könnte, und was für ein trauriger Weihnachtsabend es für Marina werden würde, selbst wenn er zurückkehrte; denn es würde im Hause knapp zugehen und der Knabe vielleicht krank werden. Als er so unruhig dalag, hob er das Segel ein wenig auf, um in die Nacht hinauszublicken; hell funkelte, bei dem kalten Oststurm, das in diesen nördlichen Gegenden dem Winterhimmel so eigentümliche flackernde Sternenlicht. Seine Augen richteten sich auf einen einzelnen, gelben Stern, der so groß und hell die anderen überstrahlte. Morten phantasierte und sprach halblaut unaufhörlich einige Verse aus einem Gesangbuche, die Marina den Kindern an einem Weihnachtsfeste gelehrt hatte, und Jon sprach sie im stillen nach. Es gewährte ihm einigen Trost, so liegend in das helle Licht zu blicken. Kurz darauf entsank das Segel seiner schlaffen Hand, und er schlief ein. An dem kleinen Handelsorte saß in jener Nacht der »alte Stuwitz«, – wie man ihn jetzt allgemein nannte, – im Laden hinter geschlossenen Läden bei einem Talglicht in einem irdenen Leuchter und machte seine privaten Geldberechnungen. In jedem Jahre pflegte er so einige Nächte aufzusitzen, wenn er vor Weihnachten nach den Tenholmen hinauskam, um den Laden für die Winterfischzeit einzurichten. Es paßte ihm nicht so gut, dies zu Hause bei Heggelund zu thun, auch wählte er immer dazu die Nacht. Auf der Debetseite seiner Jahresrechnung führte er in dieser Nacht die Summe auf, die er dem Gebirgsfinnen hatte auswechseln müssen. Er saß, den Ellbogen auf dem Tische und den großen runden Kopf auf die geballte Hand gestützt, während sich die braunrote Perücke nach dem blinden Auge hinabgeschoben hatte. Es zogen gewisse Dinge an seiner Seele vorüber, und der Ton seines hin und wieder hörbaren, kurzen Gebrumms verriet, daß es düstre und unangenehme Erinnerungen waren, die ihn jedoch mehr mit Haß als mit Reue erfüllten. Seine Gedanken schweiften viele Jahre zurück, weit hinauf nach dem finmarkischen Meere, wo sie sich eine Zeitlang wie schwarze Vögel auf ein sinkendes Wrack setzten. Stuwitz überlegte sein Verhältnis zu dem Finnen, das ihm durch dessen schroffes Auftreten zu etwas mehr als einer einfachen Geldpost geworden war; denn so lange dieser noch einiges Papiergeld im Besitz hatte, behielt er immer einen Beweis zurück, welcher, – so alt auch die sich daran knüpfende Sache war, – doch für ihn schwere und gefährliche Folgen haben konnte. Seit einer langen Reihe von Jahren hatte sich Stuwitz, indem sein Vermögen gewachsen, beständig auf der ruhigen und sorglosen Kreditseite des Lebens gefühlt. Seine Wonne war der Gedanke, daß er in der Stille auf dem Gelde säße, während sein Prinzipal Heggelund mit seinem glänzenden Hause höchstens noch einige Jahre den Beutel besitzen werde. Stuwitz war seit so vielen Jahren Kreditor gewesen, daß er längst die entgegengesetzte Lage vergessen hatte. Einem Schuldner fehlte in seinen Augen jegliches Menschenrecht. Jetzt bei dem Streit um Finkrogen, das sicherlich eines Kampfes wert war, hatte er eine Waffe gegen sich gekehrt, die, wenn das Unglück wollte, ihn noch weit tiefer als bis auf diese verachtete Stufe hinabstürzen konnte. Unsäglich wurde er von dieser Gefahr gepeinigt, die sich schließlich seinem rechnendes Kopfe als ein so ernster Posten darstellte, daß die ganze Kreditseite dadurch aufgewogen wurde. Während das Unwetter brauste, an den Fensterläden rüttelte und wild über das einstöckige Gebäude fortstürmte, saß Stuwitz, in schwere Gedanken versenkt, in dem verschlossenen Laden. Das Ungewöhnliche in dieser Nacht machte vielleicht, daß er sich mehr, als er sonst pflegte, Betrachtungen überließ. Seine Gedanken schweiften einen Augenblick in jene Zeit zurück, als er sich trotz seiner vollen fünfunddreißig Jahre mit der hübschen Marina bei Brögelmanns hatte verheiraten wollen. Noch ein Stachel aus jener Zeit! Aber den düstren Betrachtungen gegenüber, die sich um den Finnen knüpften, entschwand dieser Gedanke bald. Einen Augenblick schaute er empor, als ob er lauschte – es klang wie ferner Notruf, aber er wiederholte sich nicht, und in einer Nacht wie diese konnte auch niemand gerettet werden. Etwas später saß er in Rechnungen vertieft, die er gegen Morgen mit einer glänzenden Zahl – seinem beständig zunehmenden Geheimnis – abschloß. Wie Stuwitz stets bei dieser Beschäftigung zu thun pflegte, die im Grunde sein jährliches Weihnachtsfest war, suchte er auch diesmal vergnügt auszusehen. Er erhob sich und ging in dem kleinen Zimmer auf und ab, setzte sich aber bald wieder. Bei der Zahl zeichnete sich vor seinen Augen erst ein feines und dann immer deutlicheres Fragezeichen ab, das sich allmählich in die Zahl eingrub wie ein Wurm in eine Nuß. – Der Mann, der sich jetzt in das Bett unter dem Ladentisch legte, war nicht einmal auf seine eigene Weise glücklich. Er schlief unruhig und träumte unter den Windstößen, daß die Grundmauer des Hauses geborsten wäre, und er sich vergebens abmühte, sie aufzurichten. Am folgenden Tage kam noch im Dunkeln Jon, dem der Bart an den Kragen gefroren war, mit einem fast leblosen Manne auf dem Rücken in das dunstige Zimmer, in dem sich schon einige andere Bootsleute befanden, die sich ebenfalls in das Fischwehr geflüchtet hatten. Die übrigen folgten mehr oder weniger erstarrt, während sie eine Leiche zwischen sich trugen, die sie draußen in den Schuppen legten. Der dritte der Geretteten war Heggelunds Neffe, der vor einigen Jahren hierher gekommen war. Er war mit allerlei Waren nach dem Wehr herausgefahren, wo er während der Zeit des Fischfanges den Handel leiten sollte. Jetzt wurde er nach seinem eigenen Schlafzimmer im Hause gebracht, wo er nach einigen Gläsern Branntwein bald in starken Schweiß geriet. Die anderen zogen sich aus, hingen ihre Kleider über die Trockenstange am Feuer und fielen in ihrem Schlafraume bald in einen Totenschlaf. Während sich einige draußen in dem kalten Speicher mit dem halbertrunkenen Mann beschäftigten, saßen andere auf den Bänken rings in der kleinen Stube, wo man vor Wasserdunst kaum einander erkennen konnte, und aßen von den mitgebrachten Vorräten, oder rauchten aus ihren Pfeifen, gefüllt mit zerschnittenen Tabaksblättern. Gegen Abend, als der Mann ins Leben zurückgebracht war, begann ein munterer Bursche auf einer Ziehharmonika, die er zum Weihnachtsfeste gekauft hatte, zu spielen; allein die Müdigkeit machte doch bald ihr Recht geltend. Während die Thranlampe nur matt durch den Dampf in dem warmen Laden schimmerte, wo jetzt alle in Bettstellen, die ganzen Wände entlang, den Schlaf des Gerechten schliefen, fuhr der Sturm draußen in ungeschwächter Kraft fort. Mancher hatte auch in dieser Nacht auf dem Meere einen schweren Kampf zu bestehn. Als am nächsten Tage das Meer nach zweitägigem Sturme wieder fahrbar war, vernahm man von mancherlei Unglücksfällen. Am Morgen sah man draußen ein Boot, das auf sonderbare Weise immer im Kreise umherfuhr. Es waren zwei Männer in einem Femböring; im Zustande der höchsten Erschöpfung saßen sie da und ruderten auf derselben Seite. Der eine derselben sank um, als man das Boot erreichte. Drei andere waren tot. Die Mannschaft hatte sich während der langen Winternacht im Sturme an den Netzen festgehalten. In dem Kiel eines umgeschlagenen Bootes, das menschenleer weiter am Tage an die Küste trieb, steckten fünf Messer und ein abgebrochenes. Man hält sich an den Messern fest; und was geschehen war, läßt sich leicht erkennen. Da der eine der Geretteten ein Verwandter des Prinzipals war, bot Stuwitz dem Jon die Gewährung eines Kredits an, er äußerte auch, daß der Prozeß möglicherweise aufgegeben werden könnte. In wie drückender Not sich auch Jon befand, er hätte schwerlich je einen Vorteil aus der Hand seines Todfeindes angenommen; jetzt aber lag – offenbar absichtlich – etwas in Stuwitzens Ton, das andeuten sollte, er hätte kaum die Rettung gewagt, wenn er nicht eine wohl berechnete Spekulation darin gesehen hätte. Jon erwiderte deshalb kurz und trocken, was er gethan, wäre jedenfalls nicht um des Geldes willen geschehen, und den Namen Dieb könnte ihm Stuwitz weder beilegen noch abnehmen; – das wäre lediglich Sache des Gerichtes. Hierauf rüstete sich Jon zur Abfahrt und segelte nach Sörströmmen, wo er gegen alle Erwartung so glücklich war, alles, was er zur Winterfischerei nötig hatte, sofort auf Kredit zu erhalten. Den Grund hiervon erfuhr Jon nicht; es war ein kleiner Brief, den der junge Andreas Heggelund, welcher das Gespräch mit Stuwitz angehört hatte, mit einem seiner Leute in Jons eigenem Boote dorthin schickte. Erst am heiligen Abend kehrten sie nach Hause zurück, wo Marina des furchtbaren Unwetters wegen in großer Angst geschwebt hatte. Daß Jon in Sörströmmen Kredit bekommen hatte, erregte große Freude, ebenso, als er erzählte, wie er die beiden auf dem umgeschlagenen Boote gerettet hatte. Als sie vernahm, daß er bei Stuwitz selbst gewesen, bekreuzigte sie sich. Sie ihrerseits konnte ihm mitteilen, daß Isaak Lövö jetzt gestorben wäre. Aber als ihm Marina gegen Abend, nachdem das Weihnachtslicht angezündet war, erzählte, was der Pflegevater ihr anvertraut, und die Brustnadel aus ihrer Hochzeitshaube herausnahm, zog Jon sie plötzlich auf seinen Schoß. Zu ihrer Verwunderung sah sie, daß er nasse Augen hatte. In dem sonst so bedächtigen Jon zeigte sich eine Überschwenglichkeit, die ihr einen Augenblick lang Furcht einjagte. Was beim Vater eine so auffallende Fröhlichkeit verursacht hatte, konnte Morten nicht begreifen; aber Marina ruhte nicht eher, als bis sie alles erfahren. Jon langte darauf seine Violine hervor und spielte die einzige Polka, die er kannte, während sämtliche Kinder – Morten als das älteste zuerst – eines nach dem andern mit Marina auf einem Raume tanzte, so groß, daß sich das Paar gerade umdrehen konnte. Bald knisterte es auf dem Feuerherde, wo das Weihnachtsessen kochte, der Schmaus nahm seinen Anfang, und das Weihnachtslicht – ein einziges, das Marina selbst gegossen – wurde auf dem Tische bewundert. Es warf keinen blendenden Schein durch die kleinen, dunklen Fensterscheiben; aber die Blicke jener, welche an diesem Abend mit den Menschen das Fest zusammen feiern, sahen sicherlich den Glanz, der aus der armen, niedrigen Hütte in der Felsenkluft am Meere strahlte. Im Februar dieses Jahres hatte der Vater Morten zum erstenmale auf den großen Fischfang mitgenommen. Sie ruderten einen Femböring zur Hälfte mit einem Brudersohn des gestorbenen Isaak Lövö und machten einen leidlichen Fang. Um die Fischgründe und Seezeichen seinem Sohne fest einzuprägen, unterläßt der Fischer nie ihm die Sagen und Volkswitze zu erzählen, die sich daran knüpfen, und einmal damit bekannt gemacht, vergißt es ein nordländischer Bursche selten. In diesem Winter kamen sie bis nach Rödö und zu den »Sieben Schwestern« in Helgeland hinab. Auf dem Rückwege befanden sie sich bei den Lofoten nicht weit von dem »Vågökallen«, der, wie man sehen kann, oben in einer Felskluft, mit dem Gesichte nach Nordosten und den Beinen quer über die Segelstange, dasitzt, so daß das Licht durch sie hindurch scheint. Als sie zur Osterzeit zurückkehrten, bemerkte Jon zu Marina, Morten hätte sich flinker als ein gewöhnlicher »Såkring«, – wie ein Bursche in dem ersten Jahr, in welchem er mit auf den Fischfang genommen wird, heißt, – aufgeführt; aber es fehlten ja noch ein paar Jahre, ehe er als echter Bootsmann, nämlich ein »Måße«, gelten konnte. Die Geschichte, wie Jon Zachariasen bei jenem Sturme Andreas Heggelund dadurch gerettet hatte, daß er in seinem Boot gerade über den Kiel des umgeschlagenen Bootes gesegelt war, hatte sich im Laufe der Zeit vielfach verbreitet. Es war ein Wagestück, das selbst denjenigen, die schon vorher etwas ähnliches gehört haben wollten, Bewunderung abnötigte. Der kleine dicke Vogt Ravn mit der wichtigen Amtsmiene ging seitdem zwei ganze Jahre umher und »überlegte«, wie er sagte, ob er Jon für die Rettungsmedaille vorschlagen sollte. Als er sich endlich dazu entschloß, meinte er, die Geschichte wäre doch schon zu alt dazu. In Heggelunds Familie war die Begebenheit der Gegenstand mancher Erwägungen gewesen. Sie hatte ein gewisses Aufsehen erregt, und ihre Dankbarkeit war auch eine Art Ehrensache. Ein Geldanerbieten schlug Jon Skorpen indessen aus. Da wurde beschlossen, Andreas Heggelund sollte hinreisen und Morten eine Stelle im Kramladen anbieten mit dem Versprechen, weiter für ihn zu sorgen, wenn er sich brav und geschickt zeige. Dieses Anerbieten glaubten Marina und Jon nicht ablehnen zu dürfen. Als aber Andreas Heggelund darauf bestand, daß Morten ihn sogleich zu Heggelunds begleiten sollte, bemerkte Marina, es wäre ihr am liebsten, wenn ihm erst Zeit gelassen würde, von der Heimat Abschied zu nehmen. Die Sache war die, daß sie dem Knaben gern neue Kleider anschaffen wollte, damit er nicht, wie sie zu Jon sagte, allzu ärmlich in das feine Haus käme. Seitdem ging es nun vierzehn Tage höchst geschäftig in dem kleinen Häuschen zu. Jons Sonntagskleider wurden für Morten umgenäht, und jedes Stück wurde in seiner neuen Gestalt von seinen kleineren Geschwistern bewundert, deren Aufmerksamkeit sich zwischen der Mutter, die schneiderte, und dem Schuhmacher teilte, der hierher berufen war und an den neuen Schuhen arbeitete. Das Leder hatte Jon schon längst zubereitet, so hoffte man, daß die Schuhe ganz ungewöhnlich wasserdicht werden würden. Während sie nähte, überlegte Marina unaufhörlich, ob sie Morten anvertrauen sollte, wie es sich mit ihrer Geburt verhielte. Über die Ahnung, welche sie erfüllte, daß sie mit Stuwitz vielleicht eine ganze Lebensrechnung abzumachen hätte, durfte Morten in seinen neuen Verhältnissen kaum in Unwissenheit gelassen werden. Im Hintergrunde arbeitete auch unklar der Gedanke, daß der Sohn dort möglicherweise ein ganz anderes Licht in der Sache erhalten könnte, als hier von der Insel Skorpen aus zu erblicken wäre. Nach neuer Überlegung mit Jon wurde Morten in die Sache eingeweiht. Es geschah auf einer kleinen Fahrt mit der Mutter den Tag vor der Abreise, Marina gab ihm dabei mancherlei gute Lehren, wie er sich dort zu benehmen hätte, wie er sich verneigen müßte und sich nicht setzen dürfte, wenn die Frau in der Stube wäre, und andere Verhaltungsmaßregeln, die ihm von Nutzen sein konnten. Als sie ihn nach dem Boote hinabbegleitete, weinte sie sehr. Jon sagte weniger. Er nahm dem Sohne nur das ernstliche Versprechen ab, sich nie zu betrinken und immer, so schwer es ihm auch fiele, ein ehrlicher Kerl zu bleiben. Achtes Kapitel. Bei Heggelunds. Über Markus Gjö Heggelunds »bodenlosen Reichtum« liefen unter dem Volke viele Geschichten um. Auf der Bank in Drontheim sollte er ebensoviele Zehntausende von Thalern stehen haben, als er Kirchenanteile und Fischwehre besaß, und in jedem Jahre sollte sein Bodenraum, sobald der Kirchenzehnte bezahlt wurde, bis oben heran ganz voll Silbergeld liegen. In seinem großen, mit Ölfarbe weißangestrichenen Hause mit den vielen Fenstern und kleinen Scheiben und dem mit einem schönen grünen Gitter umgebenen Garten, darin die Flaggenstange nebst einer Batterie Messingkanonen stand, – wußte jeder, daß er willkommen wäre. Die Schwierigkeit bestand nur darin, von der etwas energischen Gastfreiheit wieder loszukommen. Zu Weihnachten war dieses Haus die selbstverständliche Gaststätte für alles, was in der Gegend – des Sonntags – einen anständigen Rock trug. Das ganze Fest über bis zum zwanzigsten Tage, und oft noch länger, wechselten die Festlichkeiten daselbst beständig. Man sprach zwar gewöhnlich von Markus Heggelund, meinte jedoch die Frau, die jetzt, über ein halbes Jahrhundert alt, mit vornehmen grauen Locken, anstatt der früheren schwarzen, das Gesellschaftsleben im Hause und auch zum großen Teil in der ganzen Gegend leitete. Darüber waren alle einig, daß ein angenehmeres Haus und freundlichere Menschen, als die Heggelunds nicht gedacht werden könnten. Frau Heggelund beobachtete auf ihre Weise eine strenge Hausordnung. Sie setzte eine etwas prahlerische Ehre in den großartigen Hausfleiß, mit welchem sie ihr Heer von Dienstleuten beständig zu beschäftigen wußte. So waren z. B. die Fremdenbetten gänzlich selbst verfertigt, und die Einschüttungen mit den feinsten Eiderdaunen aus Heggelands eigenen Vogelwehren gestopft. Unten im Speisesaale stand der Tisch fast den ganzen Tag gedeckt, und sowohl die innere wie die äußere Wirtschaft wurde jede von ihrer eigenen Haushälterin geleitet. Die Zimmer, damals großartig, würden den Anforderungen der Gegenwart nicht genügt haben. Sie waren ziemlich niedrig, die Decke wurde von weißgestrichenen Balken getragen, und auf den kleinen Fensterscheiben las man mehr zur Unterhaltung als zum Schmucke mehrere Namen, die mit den Ringen oder Brustnadeln der Gäste eingeritzt waren. Übrigens hieß es von Heggelund selbst, daß er, sobald das Haus von Gästen frei war, stets eine sehr schlechte Laune hatte. Fremde merkten davon jedoch nur wenig. In seiner überraschenden Wohlthätigkeit und Gastfreiheit vereinigte Markus Heggelund zwei besonders nordländische Eigenschaften, die ihn zu einem beliebten Manne machen mußten. Die Gegend fühlte sich von seinem Hause gewissermaßen gesellschaftlich repräsentiert. Auch erzählte man sich, in wie hohem Grade Heggelunds gekränkt worden waren, als das Dampfschiff »Die Konstitution« zum erstenmale nach dem Nordland hinaufkam und ohne weiteres an ihrem Handelsplatze vorüberdampfte, wo doch durch Hissen der Flaggen und Salutschüsse alles zum festlichen Empfange des Kapitäns und der Passagiere bereit war. Die Fremdenbetten standen aufgedeckt, und alles war auf einem wenigstens dreitägigen Aufenthalt eingerichtet. Von dem Tage an, wo sich die Dampfschiffslinie so unvereinbar mit aller echtnordländischen Haussitte und Gastfreiheit gezeigt hatte, war Heggelund stets der unvorgreiflichen Meinung, daß das Dampfschiff nur die Fische von den Wehren verscheuche. Zugleich behauptete er, daß er sich unterfange mit seinem besten Femböring bei günstigem Winde dem »ganzen Wundertiere« vorbeizusegeln. Dieses Bravourstück führte er schon im nächsten Sommer aus, als sich gerade eine gute Gelegenheit zeigte. Auf der innerhalb der Schären gelegenen drei Meilen langen Strecke von K..näs bis Andholm, wo er das Fahrwasser doch weit besser als der Kapitän des Dampfschiffes kannte, segelte er und sein Neffe Andreas bei frischer Brise in der That an der »Konstitution« vorüber und ließ sie weit hinter sich. Daß aber das Dampfschiff einem nordländischen Femböring unterlegen war, wurde von Hoch und Niedrig als ein patriotischer Sieg aufgefaßt und umgab Markus Gjö Heggelunds Namen mit neuer volkstümlicher Glorie. Elias Röst, der auf einem kleinen Gehöft Namens Andersvigen ganz in der Nähe wohnte und den Femböring erbaut hatte, genoß deshalb ebenfalls weit und breit große Ehre, und Heggelund schickte ihm einen silbernen Krug. Der lange lahme Elias Röst mit dem Krückstocke und der seltsamen messingnen Tabaksdose, die sowohl als Winkelmaß wie als Zollstock diente, war ein nach seinen Verhältnissen ebenfalls merkwürdiger Mann. Er war als Schiffsbauer und Zimmermann seit fast dreißig Jahren in der Gegend umhergezogen und wurde als ein Meister in seiner Kunst betrachtet. Wie mehrere in Nordland seit Peter Dassens Peter Dass , ein nordländischer Dichter des siebzehnten Jahrhunderts; am bekanntesten durch sein beschreibendes Gedicht: »Die Trompete des Nordlandes« Zeit dichtete er sowohl fromme als auch weltliche Lieder, die unten in Bergen gedruckt und von den Nordländern beim Verkauf der Fische gekauft wurden. Gegen alle, die ihm nicht angenehm waren, führte er eine scharfe und gefürchtete Zunge; allein man wußte auch, daß er es nicht so schlimm damit meinte, wenn er nur erst sein Herz erleichtert hatte. Er war im halben Kirchspiel Pate und hatte immer viel zu erzählen, so daß es für Groß und Klein eine Freude war, wenn auf einem Gehöft seine Ankunft erwartet werden konnte. Heggelunds beide kleinen Mädchen waren seine fleißigen Zuhörerinnen, während er unten im Bootsschuppen bei der Arbeit stand. Auch hatte er einzelne wunderliche Ideen, auf die sie listig Jagd machten und später zur allgemeinen Belustigung erzählten. Namentlich war er stark in der Erklärung der Bibel, die er fleißig las. Im übrigen wurde er als ein sehr verständiger Mann betrachtet, und er hing mit großer Freundschaft an der Heggelundschen Familie. Als Elias Rost im Bootsschuppen davon hörte, daß Heggelund mit dem Femböring an der »Konstitution« vorbeigesegelt wäre, saß er lange nachdenklich da und schnupfte, die Messingdose in den Händen haltend. Darauf sagte er, indem er wieder zu der Arbeit zurückkehrte: »Ich meine, die neue Zeit kriegt uns wohl unter; aber nach unseren Strömungen muß sie doch ausschauen.« Nach Brögelmanns Tode hatte der Rat Tobias Storm einige Jahre lang ein einsames Leben auf einem Bauernhofe geführt, in dem er sich für ein geringes Geld eingemietet hatte. Wenn er nicht draußen auf seinen einsamen Wanderungen nach der See hinab war, saß er gern am Tische unter dem kleinen, hohen Fenster und las, oder war schwermütig in seine eigenen Gedanken versunken. Der Umstand, daß damals die Geldscheine in Bergen entdeckt waren, flößte ihm einen weit stärkeren Verdacht gegen Stuwitz ein, als das Gericht darin erblickt hatte. Daß überhaupt hinsichtlich des Wrackes noch allerlei unaufgeklärte Dinge vorgekommen, war ein Gedanke, von dem er sich nie losreißen konnte. Diese Stimmung verlieh seinem Gesichte einen stillen, in sich gekehrten Ausdruck, der ihn seiner äußeren Umgebung abgestumpfter erscheinen ließ, als er wirklich war. In der dortigen Gegend galt er als eine wunderliche Person, aus der es schwer wäre klug zu werden. Da man ihn in Uniform gesehen hatte, und er von Norden gekommen war, so hatte sich bei den Leuten die Vorstellung gebildet, er gehöre zu den Personen unten in Kopenhagen, von denen es im Volksglauben hieß, sie wären nach Norden, nach dem Strande »Umgang«, verbannt. Zu vornehm, um wie gemeine Leute bestraft zu werden, wären sie vom Könige dazu verurteilt, täglich zu gewissen Stunden unten am Strande auf der Gerichtsstätte »Umgang«, im Norden des Varangerfjordes, auf und ab zu spazieren. Sein Drang nach Thätigkeit, vielleicht auch das Gefühl, daß er zusehen müsse, sich von der Idee, die ihn so ausschließlich beherrschte, loszureißen, brachte ihn eine Zeit lang zu dem Versuche, sich andere Interessen zu verschaffen, und legte den Grund zu seiner Lust am Lesen. Dann beschäftigte er sich auch mit einer mechanischen Erfindung, einer Maschine zum Heben kleiner untergegangener Gegenstände, die an einem Seile hinabgelassen werden sollte; aber es wollte doch auch nicht glücken. Einmal schrieb er darüber an Heggelund, was Veranlassung dazu gab, daß er wieder in dieses Haus zurückkam, da sich Frau Heggelund ihres alten Freundes annehmen wollte. Nach seinem alten Titel ging er überall als »Herr Rat«, während ihn die Mitglieder der Familie gewöhnlich »Onkel Tobias« nannten. In der Regel saß der einsame Alte oben in seinem Zimmer. Dann und wann kam eine der beiden Töchter des Hauses zu ihm hinauf und nahm ihn mit ihren kleinen Interessen in Anspruch. Er hatte sie unterrichtet und so war ein Verhältnis gegenseitiger Vertraulichkeit zwischen ihnen entstanden. Besonders war Edel sein Liebling. Alles was sie auf dem Herzen hatte, mußte sie dem Onkel Tobias oben anvertrauen, und dies dauerte fort, auch nachdem sie größer geworden. Wenn es bisweilen geschah, daß sie ihm etwas von Stuwitz mitteilte, geriet er gewöhnlich in schlechte Laune, so daß sie sich bald davor hütete. Onkel Tobias wußte viel von dem, was im Hause vorging, wovon sie nie geglaubt hätte, daß er es bemerkte; und sie wunderte sich oft darüber, wie es zuginge. Wenn sie von dem Comptoir kam und ihren Vater in schlechter Laune getroffen hatte, fragte er sie oft, wie es ihm ginge, und ob Stuwitz etwa bei ihm gewesen wäre. Sie merkte nicht, daß er es auf ihrem Gesichte las. Versehen mit einem neuen blanken Hute, einer neuen blauen Friesjacke und der Uhr des Vaters nebst der Messingkette über der Weste, stand endlich an einem Juninachmittag der siebzehnjährige Morten auf Heggelunds Landungsbrücke. Er hatte sich bei den andern im Boote für gute Begleitung bedankt und war nun verlegen, wohin er sich zuerst wenden sollte, ob durch den Garten hinauf nach dem Hauptgebäude, oder rechts zu Stuwitz in den nahegelegenen Kramladen. Das seidene Halstuch der Mutter verlieh dem sonst völlig bäuerisch gekleideten Jüngling, der unsicher dastand und sich umschaute, etwas Seemannsartiges; seiner Gestalt sah man es an, daß er stark im Wachsen begriffen, und hierauf war auch bei der Anfertigung der Kleider augenscheinlich die gebührende Rücksicht genommen. Aber das blauäugige, entschlossene Gesicht war, wenn auch in den Zügen noch immer etwas weich, doch nicht der Art, als ob es lange das Gepräge des Unfertigen und Unentschiedenen behalten sollte. Es nahm ihn nur Wunder, daß seiner Mutter, die an so vieles vorher gedacht hatte, das allererste entfallen war. Schnell, wie er es im Boote gewöhnt war, faßte er seinen Entschluß, und der Kramladen mit Stuwitz blieb ihm vorläufig eine Untiefe, von der er sich fern hielt. Aber oben an der Gartenthür blieb er wieder stehen. Er konnte sich eines eigentümlichen Herzklopfens nicht erwehren, denn er vernahm im Garten munteres Geschrei und Gelächter. Einen Augenblick lauschte er und trat dann entschlossen ein. Morten geriet in eine lustige Spielgesellschaft. Ein dunkelhaariges, etwas hoch aufgeschossenes, mageres junges Mädchen mit einer Binde um die Augen, unter der es augenscheinlich hervorzublicken suchte, lief über den Rasen schnell auf ihn zu und faßte ihn lächelnd beim Kragen seiner Jacke. Es nannte ihn Andreas und wollte ihn nicht eher loslassen, als bis er ihm die Binde abgenommen hätte. Gleich darauf sprangen einige andere hinter den Hecken hervor und hüpften unter großem Jubelgeschrei im Kreise um sie herum. Hätte Morten Zeit gehabt, so würde er vielleicht gesagt haben, daß seine Mutter auch nicht einmal an diesen Vorfall gedacht hätte; aber während er mitten im Kreise stand und das junge Mädchen ihn festhielt, war er zu sehr in Anspruch genommen. Als das Mädchen endlich die Binde nach einiger Anstrengung abbekam, fuhr es, gerade nicht angenehm überrascht, von ihm zurück. In der Miene des Mädchens lag ein auflodernder, gekränkter Stolz und es stiegen ihm fast Thränen in die Augen. Der zornige Blick, den es ihm zuwarf, während die anderen nur doppelt ausgelassen lachten, trieb ihm die Röte ins Gesicht. Er wandte sich plötzlich um, um zu gehen, als mit einemmale eine ihm bekannte Stimme in etwas weiterer Entfernung rief: »Aber das ist ja Morten, unser neuer Ladendiener!« Es war Andreas Heggelund, der eben, aus seinem Versteck hinter einer der Hecken einhergeschlendert kam. Ohne sich weiter um das Spiel zu bekümmern, zog er Morten mit sich nach dem Hause, damit er sich Heggelund und dessen Frau vorstellen könnte. Es hatte gerade ein großes Gastmahl stattgefunden. Während die älteren aus der Gesellschaft oben im Hause blieben, spielte ein Teil der Jugend unten im Garten. Edel, die jüngste Tochter des Hauses, war gerade Blindekuh, und Andreas Heggelund hatte ihr den Streich gespielt, daß sich alle versteckt hielten. Mit dem Hute in der Hand und von seinem Freunde geführt, kam Morten durch zwei Stuben, die mit Gästen gefüllt waren, welche teils plauderten, teils Karten spielten, in ein kleines Zimmer, wo Frau Heggelund neben einer anderen Frau auf dem Sofa saß. Als sie auf dieselben zugingen, drückte ihm Andreas bedeutungsvoll die Hand und flüsterte ihm zu: »Verneige dich tief, sehr tief!« Und Morten machte erst vor der einen, dann vor der anderen Dame, welche die Gattin des Amtsrichters und in vielen Stücken die Nebenbuhlerin der Frau Heggelund war, den ihm von seiner Mutter beigebrachten Kratzfuß so tief, daß ihm die Haare über die Augen hinabfielen. »Morten Skorpen, unser neuer Ladendiener,« erklärte Andreas etwas stammelnd und leise. Die Miene der Tante erinnerte ihn daran, daß Morten überhaupt nicht und jedenfalls nicht in diesem Augenblicke, alle ebenso sehr wie ihn selbst interessierte. Die Frau musterte Morten einen Augenblick, als ob sie sich über die Unterbrechung wunderte. Er in seiner schüchternen Ehrerbietigkeit bewunderte seinerseits pflichtschuldigst die schwere goldene Kette und das seidene Kleid, das er früher in der Kirche nur aus großer Entfernung gesehen hatte, jetzt aus nächster Nähe. Darauf sagte sie sanft, aber doch so, daß Andreas recht gut die Zurechtweisung fühlte: »Mein Lieber! – sollte diese Angelegenheit nicht zunächst Stuwitz und die Haushälterin angehen? Sie wird dem jungen Mann seinen Platz anweisen.« Morten versuchte von neuem einen Kratzfuß, aber diesmal nicht so tief wie das erste Mal. Da fragte Frau Heggelund mit einemmale, als ob ihr ein Gedanke einfiel: »Heißt Ihr Vater nicht Jon?« »Ja, – besten Dank!« – Morten fühlte, daß dieses »Ja« etwas wortkarg ausfiel, und fügte deshalb aufs Geratewohl seinen Dank hinzu. »So war es also Ihr Vater, der Andreas so aufopferungsvoll rettete! – Ei, dann heißen Sie ja Morten Jonsen, und Jonsen wollen wir Sie nennen. Der andere Name, den ihnen Andreas soeben gab, klang nicht gut!« Bei diesen Worten nickte sie ihm einen gnädigeren Abschiedsgruß zu. Morten verneigte sich und folgte seinem Begleiter, der über das vornehme Wesen etwas brummte und unterwegs Veranlassung fand, seinen Ärger mit einem Glase Punsch, das er von einem Tische nahm, hinunterzuspülen. Sie fanden Heggelund am Kartentische sitzen, an dem Morten auch den Probst Müller erkannte. Hier machte der Neffe weniger Umstände und sagte ein wenig ironisch: »Darf ich dem Onkel ein Individuum vorstellen, welches bis vor zwei Minuten Morten Skorpen hieß, aber jetzt in Herr Jonsen umgetauft ist?« Der Onkel saß augenblicklich allzusehr in seine Kartenberechnungen vertieft da, um recht hören zu können. Er schnappte nur etwas von der Taufe auf und sagte: »Was plapperst du da, Andreas? – Kindtaufe soll sein?« »Hat schon stattgefunden, Onkel.« »Wo?« »Soeben bei der Tante; – das Kind ist schon ziemlich herangewachsen. Es ist Morten Skorpen, den sie künftig Jonsen nennen will.« Heggelund nahm Morten freundlich bei der Hand und sagte, daß er sich seiner Eltern gut erinnerte. Bei diesen Worten lächelte er eigentümlich vor sich hin, während er die Karten gab; – er dachte wohl an das, was damals geschehen war! Inzwischen saß der Probst mit der bis auf die Stirn emporgeschobenen Brille gegenüber, halb umgewendet auf seinem Stuhle und betrachtete Morten aufmerksam. Endlich fragte er, als ob er über etwas nachdächte: »Nicht wahr, Ihre Mutter heißt Marina?« Als Morten es bejahte, brach derselbe das Gespräch ab und wandte sich wieder eifrig den Karten zu. Daß aber durch den Kopf des Probstes Müller andere Gedanken zogen, zeigte sich an seinem darauffolgenden völlig zerstreuten Spiele. Hatte ihm doch Isaak Lövö auf seinem Todesbette das Geheimnis von Marinas Abstammung anvertraut. Oft hatte er über diese Sache, die ihm Verschwiegenheit auferlegte, in seinem stillen Sinne nachgedacht, und nun regte ihn der Gedanke auf, daß er Zeuge sein sollte, wie sich ihr Sohn wieder aus dem Bauernstande emporschwingen sollte. Morten wurde ihm eine interessante Person. Später am Abend, als man sich vom Kartentisch erhob, ging er nach dem Winkel, in welchem Morten, nachdem ihn Andreas Heggelund verlassen hatte, bescheiden stehen geblieben war und sprach mit ihm über seine Heimat und sonstigen Verhältnisse. Morten hatte den Eindruck, daß er einem wohlmeinenden Freunde begegnet wäre, und verlassen, wie er sich unter all diesen Fremden fühlte, war dieses Gefühl in hohem Grade wohlthuend für ihn. Mortens Rundgang mit Andreas Heggelund hatte bei einem kleinen Manne in einer blauen Uniform mit goldenen Schnüren am Kragen halt gemacht, der für sich allein rauchend in einem Lehnstuhle saß. Es war »Onkel Tobias« oder, wie er auch noch genannt wurde, »der Rat«. Dieser schien jedoch allzusehr von eigenen Betrachtungen in Anspruch genommen um die Vorstellung sonderlich zu beachten; jedenfalls konnte Morten nichts Besonderes entdecken. Andreas Heggelund, der an sein Wesen gewöhnt war, schien jedoch vollständig befriedigt und bat Morten, bis zu seiner Zurückkunft bei ihm zu bleiben. Hier in dem Winkel, der trotz der lärmenden Gesellschaft die ganze Zeit lang einsam und unbesucht blieb, hatte Morten kaum etwas Anderes zu thun, als Onkel Tobias, der mit seiner Pfeife in der Hand nickend dasaß, zu betrachten. Es lag in dem Manne ein sonderbarer Widerspruch, aus dem Morten nicht klug werden konnte. Die Uniform war neu und prächtig und das Haar glänzte eigentümlich schwarz – von Perücken hatte Morten noch keine Vorstellung – während das Gesicht doch alt und voller Runzeln war. Trotz tiefer Achtung konnte er sich nicht des Gedankens erwehren, daß bloße Stumpfheit seinen grauen Augen diesen kalten starren Ausdruck verleihe. Aus seiner Pfeife war die ganze Zeit über nicht der geringste Rauch aufgestiegen und das gab dem stets überlegenden Morten eine gute Idee ein. Er holte Stahl, Feuerstein und Schwamm aus der Tasche und schlug so behutsam, wie er es in der hohlen Hand vermochte, Feuer an. Mit einer ehrerbietigen Verneigung legte er den brennenden Schwamm in den Pfeifenkopf, dessen Deckel er zu öffnen wagte. Der Alte begriff die gute Meinung und that einige Züge, indem er über die Pfeifenspitze einige Dankworte murmelte und einen Augenblick die Augen auf Morten heftete. Plötzlich kam Leben in sein Gesicht, und er fuhr fort, ihn anzublicken; endlich fragte er: »Wie heißt du?« »Morten von der Insel Skorpen.« »Hm, hm! Sonderbar!« Und nach noch einigen »Hm, hm!« saß er wieder wie vorher, über seine Pfeife fortnickend, da und vergaß zu rauchen. Aber Morten bemerkte, daß sich die Augen des Alten einige Male von der Seite länger auf ihn richteten, und er bekam eine Ahnung davon, daß er vielleicht doch nicht so ganz gedankenlos dasäße, was sich auch später während seines Aufenthaltes im Hause bestätigte. Denn er überzeugte sich bald, daß der Alte, wenn er wollte, sowohl sehen als auch hören konnte. Einen Augenblick darauf kam die junge Edel zu demselben mit einem Glase Punsch, das sie, wie sie sagte, für ihn bereitet hätte. Sie klopfte ihm zärtlich auf die Schulter und fragte, wie er sich befände, und ob Andreas nicht bei ihm gewesen wäre? Man konnte sehen, daß sie einander sehr zugethan waren. Bescheiden zog sich Morten auf die Seite zurück und war so glücklich nicht bemerkt zu werden. Sie reichte ihm das Glas und sagte: »Trinke jetzt, Onkel Tobias, – sonst vergissest du es, wie du weißt! – Oben auf dem Schlafzimmer will ich dir eine lustige Geschichte erzählen.« Als sie fortgegangen war, schlug Morten wieder Feuer für die Pfeife an, was dem Alten Freude zu bereiten schien; – einmal hielt er sogar von selbst die Pfeife hin, damit die Operation von neuem vorgenommen würde. Nach einer Stunde kam sie zurück, um ihn nach seinem Schlafzimmer zu begleiten. Als sie ihn unter den Arm genommen hatte, um ihn hinaufzuführen, wandte er den Kopf nach Morten hin und nickte ihm freundlich zu. Jetzt erst bemerkte sie Morten und grüßte, wurde aber gleichzeitig etwas rot. Morten zweifelte nicht daran, daß die Geschichte, die sie erzählen wollte, ihm galt, und ärgerte sich nicht wenig. Bei dem Abendbrot nahm sich Andreas Heggelund, der jetzt sehr ausgelassen und lustig geworden war, seiner wieder an und ließ ihn später auf seinem eigenen Zimmer zu Bett gehen. Er selbst kam erst sehr spät hinauf. Morten hatte ein Gefühl davon, daß an dem Tage manches wohl hätte glücklicher ablaufen können. Während er in dem weichen Bette schlief, schwebten ihm eine Menge verworrener Eindrücke vor: das schwarzhaarige Mädchen hielt ihn im Garten fest und sah ihn darauf vornehm beleidigt an. Frau Heggelund brüstete sich auf dem Sofa mit ihrer goldenen Kette und nannte ihn erst »eine Angelegenheit, die Stuwitz anging«, und dann etwas gnädiger »Jonsen«. Aber der wackere grauhaarige Probst nahm ihn zuletzt so freundlich an der Hand, daß er es im Herzen fühlte und von den Lieben in der Heimat träumte. Neuntes Kapitel. Auf der anderen Seite des Ladentisches. Als sich Morten am nächsten Tage in dem kleinen, freundlichen Erkerstübchen schon früh ankleidete, lag Andreas Heggelund an der andern Wand noch in tiefem Schlafe. In der feuerroten Morgensonne, die nach und nach über die Mastbäume auf den beiden Jachten, welche draußen an der Landungsbrücke befestigt waren, fortglitt, erhob sich vor dem Fenster dicht hinter dem Garten die bis zum Gipfel grünbekleidete Felswand. Auf dem Handelsplatze war in der Morgenfrühe noch niemand auf. Weiter auf dem hellen, durch den Wiederschein der belaubten Felswand bis auf den Grund metallgrünen Fjord ruderten einige Fischerboote mit blinkenden Rudern. In der Mitte lag eine Jacht mit schlaffen Segeln, die den Morgenwind vergebens erwartete und sich jetzt von der Mannschaft hinausbugsieren ließ. Zu Mortens Verwunderung lagen die Kleider des jungen Heggelund überall im Zimmer unordentlich umher. Die Uhr hing noch in der Weste und der eine Stiefel stand neben Mortens Bett, während der andere sich gegen die Thür lehnte, als ob er vom Fuße gewaltsam dorthin geschleudert wäre. Nachdem er alles auf einen Stuhl gepackt und die Uhr auf den kleinen Tisch neben dem Bette gelegt hatte, begab sich Morten hinab. Die Erklärung der Hausfrau, daß er eigentlich Stuwitz anginge, und noch anderes von den Eindrücken des gestrigen Tages bestimmten ihn, sich diesem vorzustellen, sobald nur der Kramladen geöffnet würde. – Er hatte überlegt, daß ihm vieles hätte erspart bleiben können, wenn er von der Landungsbrücke aus sofort den Weg verfolgt hätte, der ihm am wenigsten gefiel. Nach einigem Umherirren fand er die Hausflur und verfolgte den Weg durch den Garten. An der Stelle, wo er einen in seinen eigenen Augen so unglücklichen Eintritt gehabt hatte, nickte Morten bedeutungsvoll; er war überzeugt, das junge Fräulein hätte ihn hier einen Augenblick angesehn, als ob sie ihre Hände an dem Bauernburschen beschmutzt hätte. Darauf eilte er nach dem Kramladen hinab, wo, wie er wußte, sein Platz war. Als er dorthin kam, sah er den Speicherknecht, mit dem Stuwitz sprach, im Begriff die Ladenthür zu öffnen. Morten ging gerade auf Stuwitz zu, der in einem schmierigen Rocke dastand, die Perücke in der einen Hand und in der anderen ein blaugewürfeltes Taschentuch, mit dem er sich den Schweiß abtrocknete; denn er hatte sich an einer großen Tonne abgemüht, die sie zusammen bis auf das Pflaster vor der Thür gerollt hatten. Morten nahm den Hut ab und verbeugte sich vor dem alten Stuwitz, wie er es gelernt hatte. »Guten Tag! Was willst du?« sagte dieser barsch, während das blinde Auge mit dem weißen Fleck in der Pupille zitterte. »Ich bin Morten von der Insel Skorpen und soll hier als Ladendiener eintreten.« »Ach – so!« – sagte er in einem eigentümlich veränderten Tone. »Ich glaubte, du hieltest dich oben bei der Herrschaft auf; hier unten ist es so einfach, will ich dir sagen.« Morten fühlte, daß das sich freundlich stellende Gesicht und die sanfte Stimme nichts Gutes bedeuteten. Er konnte nur durch sein Thun zeigen, daß er nach seinem Beifall streben würde und fragte bescheiden: »Soll die Thrantonne in den Laden hinein?« »Es ist keine Thrantonne; es ist Sirup,« – lautete die kurze Antwort. Aber Morten fuhr unverzagt fort: »Soll die Sirupstonne hinein?« »Hm, – ja!« »Darf ich es thun?« »Ei nun, ja –; aber dann mußt du erst deine neue Jacke ausziehen; hier unten sind wir nicht so fein.« Morten that es, – und war so mit einem glücklichen Sprung mitten in die Tagesarbeit gekommen; denn da es Sonnabend war und viele Leute erschienen, ging es im Laden nach und nach geschäftig genug zu. Während Stuwitz, die ganze Zeit über stark in Anspruch genommen, bald nach dem Speicher am Strande oder an Bord einer der Jachten eilte, die eben Ladung erhielten, bald wieder im Comptoirzimmer war oder mit den Leuten Geschäfte abschloß, – hatten außer Morten noch zwei Handlungsdiener volle Arbeit am Ladentische; später kam auch noch Andreas Heggelund und leistete Beistand. Um all die verschiedenen Dinge, mit denen die Bauern erschienen, von Fischen und Fladenbroten, neuen Booten und Häuten an, bis auf Kleinigkeiten wie Beeren in Tienen hinab, mußte weitläufig gefeilscht werden, und die Bezahlung geschah darauf in Waren aus dem Laden. »Alten Bekannten,« d. h. einzelnen Auserwählten, von dem ersten Diener zu einem Imbiß im Nebenzimmer eingeladen, wurden einige Gläser von einer besseren Sorte als jener Mischung vorgesetzt, die man als Wein verkaufte, und deren Zubereitung stets von Stuwitz selbst ausging. Aber Morten sah bald, daß dies aus ganz anderen Rücksichten geschah, als aus den freundschaftlichen Worten und namentlich aus den Grüßen an die Familie zu Hause zu entnehmen war, und erinnerte sich mit einem eigentümlichen Gefühl, daß sein Vater von Sörströmmen mehrmals mit ähnlichen Grüßen nach Hause gekommen war. Morten hatte den Preis gewisser, vielverlangter Waren bald erfahren und erweiterte seine Kenntnis stündlich mehr. Er fühlte sich ganz stolz in seiner neuen Stellung hinter dem Ladentisch, besonders wenn er Bekannten aus dem Volke ein neues Paket zuschnürte, mit der Hand tief in die Rosinen hinein faßte oder mit der Schaufel in die Zuckerschublade hinabfuhr; – auch sorgte er für genauestes Gleichgewicht an der Wagschale. Man mutete ihm zu, den Preis zu ermäßigen, und er erklärte seinerseits mit großem Ernste, es wäre ihnen absolut unmöglich, billiger zu verkaufen. Nach einem Ausdruck, den er von dem ersten Ladendiener aufschnappte, und der ihm höchst kaufmännisch klang, wagte er sogar für einige Brustnadeln und Ringe in einem Glaskästchen, welche ihm selbst, als sie aus der Baumwolle hervorblitzten, ebenso prächtig vorkamen wie dem bewundernden Mädchen jenseits des Ladentisches, zu »garantieren«. Dagegen sagte er nichts über die hübschen blauen englischen Angeln, deren Zerbrechlichkeit er aus eigener Erfahrung draußen auf dem Fischgrunde kannte, sondern suchte ihnen schweigend nur die soliden weißen zu zeigen. Das Frühstück war ihnen hinabgesandt worden; um zwölf Uhr mußten die Ladendiener einander ablösen, um in einem Eckzimmer des Hauptgebäudes, welches von den übrigen Räumen, worin die Gäste jetzt erst beim Frühstück saßen, getrennt war, in aller Geschwindigkeit zu speisen. Aber selbst diese kurze Unterbrechung kam Morten zu lang vor, und hätte er sich nicht geschämt, so würde er gern auf das Mittagsbrot verzichtet haben, um unten stehen bleiben zu können. Darauf erhielt er den Befehl, die Jacht von der Landungsbrücke aus anzurufen, um sich mit einem Auftrage von Stuwitz für den Steuermann derselben an Bord zu begeben. Als er nun hinten im Boote mit dem Steuerruder in der Hand dastand, während der Mann ihn ruderte und nachher ehrfurchtsvoll zurück ruderte, um dem »Ladendiener« das Besteigen der Schiffstreppe zu erleichtern, empfand er womöglich noch tiefer, wie viel weiter er doch vorwärts gekommen wäre. Er nahm es mit einer eigentümlichen Miene hin, wie jemand, der viel zu thun hat und dem es an Zeit zu unnützen Geplauder fehlt, dankte aber dem Manne doch für den Dienst, wie er früher zu thun pflegte. Der Zufall wollte, daß der von seiner neuen Beschäftigung fast fieberhaft in Anspruch genommene Morten noch an demselben Tage auch einen ernsten Vorgeschmack von der Kehrseite seines neuen Lebens bekommen sollte. Ein armer Bauer, der wegen langwieriger Krankheit sehr zurückgekommen war, stellte sich Stuwitz vor und bat, ihm aus Rücksicht auf ihre langjährigen guten Handelsverhältnisse einen Centner Mehl zu kreditieren. Er war in der Woche schon einmal dagewesen und hatte vergebens gebeten. Jetzt hatte er seine Frau mitgebracht, die nicht weniger kümmerlich und elend aussah als er selbst. Sie hätten, sagte der Mann mit einer fast unhörbaren Stimme, jetzt nicht mehr eine Handvoll Mehl für ihre sieben Kinder im Hause. Stuwitz verwies sie kurz und barsch an die Armenkasse. Aber Morten wurde von dem Anblick ganz ergriffen. Er entsann sich, was seine Mutter von der traurigen Zeit erzählt hatte, als der Vater lange krank gelegen und Stuwitz ihnen gleichfalls den Kredit verweigert hatte. Schon wollte er in aller Stille die Schnur unter der Weste zerreißen, um dem Manne das einzige Geldstück zu geben, das er von Hause mitgebracht hatte, nämlich ein Achtschillingstück mit einem Loche in der Mitte, eines jener Stücke, »die Blut stillen können,« und auch sonst Glück bringen, als Andreas Heggelund, vor Erregung bleich, über den Ladentisch sprang und sie aufforderte, ihn nach dem Hauptgebäude zu begleiten. Stuwitz drehte ihm den Rücken zu, sah ihm aber unendlich höhnisch nach. Eine Stunde später kamen die beiden an dem Laden vorüber, mit verschiedenen Bündeln in den Händen, und wie es schien, über alle Erwartung gut versehen. Am Nachmittag kam Andreas Heggelund wieder nach dem Laden hinab und verlangte Pulver, da wegen der Abreise des Amtsrichters von der Batterie an der Flaggenstange salutiert werden sollte. Er that dies stets persönlich und wollte Morten jetzt mit sich haben. Dieser hatte indessen schon so viel von den Verhältnissen im Hause kennen gelernt, daß er Andreas Heggelund nicht länger durch dick und dünn folgen dürfe, so freundlich und gutherzig ihm dieser auch vorkam. Und um die Wahrheit zu sagen, verspürte er auch die größte Unlust, den Laden auch nur auf eine Minute zu verlassen. Eifrig beschäftigt blieb er darin, bis der letzte Mann abgefertigt und der Laden endlich geschlossen wurde. Endlich am späten hellen Abend war die Landungsbrücke wieder leer von Leuten und Booten, – das letzte von ihnen ruderte gerade fort –; die großen Schlüssel in den Ladenthüren wurden umgedreht und der Hausknecht brachte nur noch hier und da etwas in Ordnung. Abendbrot aß er mit den beiden andern Ladendienern und mußte mit dem jüngsten in einem Zimmer schlafen. Aber diesmal war Morten mit seinem Tagewerk ganz anders zufrieden. Er hatte seinen höchsten Wunsch in der Welt, Ladendiener zu werden, erreicht, aber sich doch nicht gedacht, daß es auch nur halb so unterhaltend wäre. Lange konnte er nicht einschlafen, weil er an den Laden dachte und sich nach dem Montag sehnte, an dem alles von neuem beginnen sollte. Am Sonntage schliefen alle im Hause wie die Siebenschläfer. Außer einigen Knechten, die mit naßgekämmten Haaren und in ihrem Sonntagsstaate, mit einer oder zwei Uhrketten über der Weste und der Sonntagspfeife im Munde erschienen, waren nur wenige auf, bevor das Kirchenboot an der Landungsbrücke zur Abfahrt in Bereitschaft gesetzt wurde; – eine Sache, mit der man sich nicht übereilte, weil der Pfarrer, wenn nötig, gern eine Zeit lang auf Heggelunds wartete. Einige Stunden vorher hatte Morten gleichwohl Edel Heggelund mit ihrer einige Jahre älteren Freundin, der Tochter des Amtsrichters, die zum Besuch zurückgeblieben war, im Garten gesehen und bemerkt, daß Andreas in Hemdsärmeln oben aus dem Dachfenster sehr angelegentlich nach ihnen blickte. Das Frühstück wurde am Sonntag wie das Mittagsbrot mit der Familie zusammen oben im Wohnhause eingenommen; da aber bei der ersten Mahlzeit jeder nach Belieben kam und ging, so geschah es diesmal, daß Morten mit seinen Schlafkameraden allein aß. Er hörte Andreas Heggelund in dem Nebenzimmer mit den jungen Damen zusammen lachen und hoffte ziemlich kleinlaut, daß sie nicht hereinkommen würden; weshalb er in fieberischer Eile sein Mahl beendete. Einige Zeit später ging die Familie Heggelund nebst den beiden Ladendienern nach dem Hausboote hinab, wo fünf Leute in ihren Kirchenkleidern an den Rudern saßen, die Jacken neben sich auf die Ruderbänke gelegt; nach ihnen stiegen noch einige vom Gesinde hinein, die auf der Landungsbrücke gewartet hatten. Als das flaggengeschmückte Boot von der Landungsbrücke abstieß, sah er, daß Edel Heggelund und ihre Freundin ihre Sonnenschirme vor sich hielten – vermutlich um Herrn Andreas, der dicht neben ihnen saß, sich etwas fern zu halten. Der alte Stuwitz erschien ebenfalls in seiner Weise sonntäglich gekleidet in einem im Hause selbst verfertigten Rocke, der beinahe bis an die Schäfte seiner schmierledernen Stiefel reichte, nebst einem gekräuselten Vorhemde, das nicht sitzen wollte und nachdem es unter der dicken Halsbinde verschwunden war, oben in spitzen Vatermördern, die schief bis zu den Ohren hinaufgingen, wieder zum Vorschein kam. In seinem altmodischen Filzhute mit niedrigem Kopfe, die Hände in den Jackentaschen, aus deren einer ein blaugewürfeltes baumwollenes Taschentuch heraushing, hatte er seinen gewöhnlichen einsamen Sonntagsspaziergang angetreten und sah halb sonntäglich und halb mürrisch aus. Von dem Ausfluge zurückgekehrt, pflegte er, wie der Ladendiener erzählte, gern allein nach den Speichern am Strande hinabzugehen, und dann war es am besten ihm nicht nahe zu kommen, denn dann war er immer mürrisch. Morten war fast ganz allein zu Hause geblieben, und konnte jetzt ungenierter in den Zimmern umhergehen und sich umsehen. Dort kam er in ein Gespräch mit der Jungfer Dyring, der alten Haushälterin, welcher er einen Gruß von seinen Eltern brachte, und wurde schließlich so befreundet mit ihr, daß sie ihm ein Extrafrühstück aus der Speisekammer vorsetzte, »da es vielleicht lange dauern könnte, ehe sie aus der Kirche kämen, und junge Leute was zu essen haben müßten.« Dies war, wovon Morten allerdings keine Ahnung hatte, sonst nicht der gewöhnliche Ton der Alten. Jungfer Dyring mit den schwarzen Hängelocken und dem von der Spitzenkappe zierlich umrahmten bleichen und strengen Antlitz war die unermüdliche Polizei des Hauses, vor der man sich allerseits fürchtete. Ihre unter den langen Augenwimpern argwöhnisch forschenden Augen wachten wie ein Raubvogel über alles, was die Ordnung im Hause wie unter den Dienern betraf; wie der Blitz war sie bei der Hand, wenn man es am wenigsten erwartete. Frau Heggelund, welcher die strenge, saubere Jungfer Dyring unentbehrlich war, und in deren Anwesenheit diese völlig in den Hintergrund zu treten verstand, wollte nie einen Fehler an ihr entdecken und gab ihr stets, ohne Untersuchung, recht. In diesem Punkte vermochte nicht einmal Stuwitz etwas, obgleich er sonst im geheimen so gut wie allmächtig war. Übrigens war die Treppe des Hauptgebäudes ihr Kap Finisterre. Der Laden und alles, was dort vorfiel, existierte für sie nicht; und ebenso unsichtbar schien ihr der unumschränkte Beherrscher Stuwitz, wenn er oben im Wohnhause war. Man wollte beobachtet haben, daß sie sich ihn immer weit vom Leibe hielt. Niemand hatte die beiden je ein einziges Wort wechseln gehört, wohl aber bemerkte man, wie Stuwitz nach seiner Weise wenig freundschaftlich brummte, sobald sie einmal in seine Nähe kam. Wegen ihrer vielen Geschäfte im Hause hatte sie nie Zeit nach der Kirche zu fahren, und bitter fügte sie gern hinzu, einmal würde man sie doch wohl hinschaffen müssen. Zum Glück wußte Morten vorläufig nichts von dem allen, sonst würde er schwerlich so offen und geradezu mit dieser gefährlichen Großmacht gesprochen haben. Jetzt war er ohne Ahnung in das Gehege der Bitterkeit geraten, an welchem sich andere sonst verletzten, und hinter dem sie sich selbst im Grunde wie ein einsamer Vogel fühlte. Mortens munteres, vertrauensvolles Wesen fiel wie ein plötzlicher Sonnenstrahl in einen alten, lange abgesperrten, feuchten und düstren Garten hinein, und seit dem Tage war sie immer außerordentlich von ihm eingenommen. Auch trug von vornherein wohl hierzu bei, daß, wie sie wußte, ihr Feind Stuwitz sich Mortens Aufnahme in das Haus widersetzt und dessen Eltern verfolgt hatte. Aber was für eine Laune sie auch hatte – und diese war stets mehr oder weniger grämlich – Morten machte sie immer ein freundliches Gesicht und hatte – was ihm später zu gute kam – für ihn beständig und zu rechter Zeit ein kluges, verteidigendes Wort. Morten begab sich auch an Bord der Jacht, mit deren Steuermann er am Tage vorher bekannt geworden war, und bei dem er unten in der Kajüte eine Weile in einem außerordentlich interessanten Gespräch über die Merkwürdigkeiten auf einer Reise nach Bergen dasaß. Der starke Tabak, der ihm gespendet wurde und den er männlich zu rauchen versuchte, bewirkte jedoch, daß er etwas bleich Abschied nahm und ans Land ging, ehe noch das spannende Thema auch nur annähernd erschöpft war. Am Nachmittag kam das Kirchenboot zurück und – wie gewöhnlich bei gutem Wetter – kamen zugleich die ganze Familie des Pfarrers und noch andere Gäste mit. An der Tafel nahm der kleine Rat Storm in seiner hübschen Uniform einen hervorragenden Platz ein, da ihn Frau Heggelund als Dekoration benutzte. Neben dem Rat saß seine Freundin Edel, immer bereit ihm alles, was er brauchte, zu reichen. Stuwitz spielte dagegen zu Mortens nicht geringer Verwunderung hier eine völlig untergeordnete Rolle. Er hatte bei Tische einen der untersten Plätze eingenommen, redete die ganze Zeit lang so gut wie kein Wort und erhob sich, verbeugte sich und ging, ehe die Mahlzeit beendet war. Und Morten sah, daß er sich so mit geringer Veränderung während des ganzen ersten Jahres seines Aufenthaltes im Hause benahm. Später führte derselbe seine eigene Wirtschaft. Bei der Tafel herrschte an diesem Tage teilweise eine etwas kühle Stimmung. Herr Andreas, der sich immer gegen den Anstand verging, mußte sich unterwegs wahrscheinlich verschiedene Male versündigt haben. Die Tochter des Amtsrichters, eine blasse, stattliche junge Dame, saß anfangs mit einigen Rosen auf den Wangen da, die offenbar nicht von der Freude herrührten, und die Hausfrau bewahrte die ganze Zeit über eine außerordentlich feierliche Kirchenmiene. Sie bemerkte, ohne daß das übrige Gespräch dazu Veranlassung gab, der Pfarrer hätte sie alle durch eine so erbauliche Predigt höchst erfreut; während derselben hätte sie an eine gewisse Person gedacht, auf welche die darin erwähnten Schwachheiten leider paßten. »Möchte Gott geben, daß er sie sich nur zu Herzen nähme,« seufzte sie mit einem Ausdruck, als ob dies doch höchst unwahrscheinlich wäre. Von dem untern Tischende ließ sich eine Art bekräftigendes Brummen vernehmen. Es ging von Stuwitz aus, der eben vom Tische aufstand und fortging. Er war allerdings nicht in der Kirche gewesen, haßte aber den jungen Herrn, dem diese Worte galten, allzu gründlich, um dem Wunsche, das seinige hinzuzufügen, widerstehen zu können. »Ja, Gott wolle es geben, liebe Tante,« – sagte Andreas, der im Hause dreist mitsprechen konnte, indem er nichts weniger als freundlich nach der Thür hinblickte, aus der Stuwitz soeben verschwunden war; – »aber das alte Thrantier ist sicherlich zu alt, um von neuem erzogen zu werden; auch will es ja nie nach der Kirche!« – Er that, als ob er in aller Unschuld glaubte, seine Tante hätte auf Stuwitz gezielt. Aber später erhielt er von der Hausfrau eine ernstliche Zurechtweisung und darauf von seinem Onkel einen Zehnthalerschein. Am Abend sprach Edel auch mit Morten einige Worte. Sie fragte, ob er sich unten im Laden gefiele und weshalb er sie nicht nach der Kirche begleitet hätte? Auf die erste Frage antwortete Morten ja, und auf die zweite, daß ihn niemand gefragt hätte, ob er mitkommen wolle. Sie blickte ihn etwas ungewiß an, als ob sie überlegte, was er mit dem letzten meinte, und fragte dann plötzlich, indem sie sich teilnehmend näherte: »Sie erwarteten wohl nicht Ihre Eltern bei der Kirche?« »Nein, – dann hätte ich um Erlaubnis gebeten.« Das junge Mädchen verließ ihn schwach lächelnd, um Onkel Tobias nach oben zu begleiten. Oben im Zimmer sagte sie gleichsam als Antwort auf das, was ihre Gedanken die Treppe hinauf beschäftigt hatte: »Der junge Ladendiener muß von sich sehr eingenommen sein.« Morten seinerseits meinte, sie hätte einen schönen Ausdruck in den Augen gehabt, als sie nach seinen Eltern fragte, aber dann wäre ihre Miene wieder fast abstoßend geworden, – sie wäre gewiß hochmütig wie die Mutter. Zehntes Kapitel. Fortsetzung. Mortens ungewöhnliche Gaben und sein einfaches Wesen erwarben ihm allmählich Vertrauen, und es kam vor, daß er nach den ersten paar Jahren auch in Dingen, die außerhalb seiner Sphäre lagen, um Rat gefragt wurde, wenn es auch von Stuwitzens Seite immer in einem ironischen Tone geschah; – denn er hatte die Hauptschwäche des jungen Mannes, seine gar große Eitelkeit, sowie sein Vertrauen auf seine Talente erkannt. Überhaupt herrschte im Hause ein sonderbares Verhältnis zu Stuwitz. Es war, als ob der plumpe Mann mit dem fast brutalen Gesichte unter den Augen Heggelunds und seiner Frau ganz klein würde, während in ebenso wunderbarer Weise unten im Laden seine Gewalt wieder zunahm. Er befand sich sichtlich unwohl, beklommen und kraftlos, als ob er das Gefühl davon hätte, daß er sich hier oben in der Familie, mit Ausnahme der Frau, nicht unter freundlichen Mächten sähe. Denn nicht nur aus Jungfer Dyring, sondern auch aus dem verschlossenen Wesen des Onkels Tobias blitzte es auf mancherlei Weise hervor. Wenn dieser mit Stuwitz redete, geschah es meistenteils auf eine gewisse überlegene, niederbeugende Weise, deren er sich sonst nicht bediente. So konnte auch Heggelund vom Sofa aus Stuwitz durch einen nachlässigen Wink mit der Pfeife zu sich rufen, und dieser stand dann fast in der Stellung des Gesindes vor ihm. Oder er klopfte Stuwitz mit einer gesuchten Vornehmheit auf die Schulter mit den Worten: »Mein lieber Stuwitz, wollten Sie mir wohl den Gefallen thun?« – und wandte sich ab, als ob die Antwort selbstverständlich wäre. Der alte Stuwitz verneigte sich dann seinerseits sehr ehrerbietig; aber unten im Laden konnte er danach stundenlang, die Hände tief in die Seitentaschen gesteckt, auf und abgehen und brummen oder pfeifen, während das graue Auge Blitze nach dem Hauptgebäude hinaufsandte und das blinde vor Erregung zitterte. Hin und wieder stampfte er auch wie auf etwas Unsichtbares, das er mit dem Fuße zertreten wollte. Als Morten erst im Hause bekannt geworden war, merkte er, daß zwischen Heggelund und seiner Frau über die Art, wie Stuwitz behandelt werden sollte, eine Uneinigkeit herrschen müßte; denn – gegen ihre sonstige Natur – suchte sie oft das Betragen ihres Mannes durch irgend eine Freundlichkeit wieder gut zu machen. Es war das ein wunder Punkt, in dem sie mit ihrem Manne nicht übereinstimmte. Dem alten Stuwitz fehlte es übrigens nicht auch an guten Seiten, und wenn ihm jemand nur recht unter die Augen zu treten verstand, so konnte Stuwitz ihm außerordentlich nützlich sein. Man mußte dann nur durchblicken lassen, daß man »auf der Ladenseite stände«. Indessen besaß er, sobald er wollte, ein wahres Talent, Untergebene zu peinigen, und gegen Morten war er in diesen Stücken unermüdlich. Es war eine eigentümliche, überlegte Manier, gegen die man sich schwer zu wehren vermochte, durch welche aber jeder kleine Fehler zu einem stillen Beweise dafür erweitert wurde, wie wenig zuverlässig er im Grunde wäre. Wenn Stuwitz beleidigt wurde – und bei seiner menschenfeindlichen, bitteren Natur geschah es oft aus sonst unbegreiflichen Gründen – so verbiß er es zwar für den Augenblick, aber man konnte getrost darauf rechnen, daß aufgeschoben nicht aufgehoben war. Als die Jachten in einem Herbste zum zweitenmale von Bergen zurückgekehrt waren, an welchen Fahrten Morten bisher jedesmal teilgenommen hatte, wurden von Stuwitz bei Tische die Fischpreise in diesem Jahre besprochen. Es hieß, sie wären kläglich niedrig gewesen, worauf Morten in aller Unschuld mehrere nannte, die, wie er wüßte, höhere Preise erzielt hätten, als die von der Bergener Kaufmannschaft nach Gewohnheit offiziell angegebenen, auf welche sich Stuwitz bezogen hatte. Heggelund wurde dabei sehr blaß, sagte jedoch nichts. Aber seit jener Zeit gab sich Stuwitz jedesmal Mühe, Morten bei den Fahrten nach Bergen von den dortigen Verhältnissen fern zu halten. Als Morten im nächsten Jahr die Fahrt nach Bergen mitmachen sollte, sprach er vor Heggelund den Gedanken aus, er könnte von den vierzehn Mann, die zum Aufziehen des ungeheuer großen Raasegels nötig sind, fast die Hälfte durch Aufstellung einer Winde sparen. Heggelund gefiel diese Idee außerordentlich, und es schmeichelte seiner Eitelkeit, daß er die neue Reform auf den Jachten zuerst im Nordland einführen sollte. Aber hier scheiterte er an Stuwitz, der die Sache sehr ernst nahm, namentlich im Hinblick auf Morten, und erklärte, er hätte Alter und Erfahrung genug, um die Sache besser als ein großmäuliger, aufgeblasener junger Laffe zu verstehen, dessen vielerlei Projekte nichts als eitel Wind wären. Leute wären genug nötig, meinte er, sowohl zum Bugsieren bei Windstille, zum Umpacken der Fische, wenn man bei der gefährlichen Fahrt über das Stattmeer oben auf dem Bord die falsche Seite gewählt hätte, als auch sonst bei dem Fischhandel in Bergen. »Die Neuerungssüchtigen,« sagte er, indem er auf die Tonne schlug, daß es krachte, und auf Morten blickte, sollten jedenfalls nicht in das Geschäft kommen, so lange er es leitete. Stuwitz stand unten im Laden – seinem eigentlichen Grund und Boden, – als er so redete, und dabei blieb es auch, trotzdem die Reform seitdem in Nordland eingeführt ist. Aber Heggelund hegte seit dem Tage noch bessere Gedanken über Morten und blieb fest entschlossen, ihm eine tüchtige kaufmännische Bildung zu teil werden zu lassen. – Er erblickte in ihm möglicherweise ein Paroli gegen den Menschen, welchen er am meisten auf Erden haßte, nämlich gegen – Thor Stuwitz. Früher hatte Morten des Sonntags von dem Sohne des Pfarrers, der in Christiania gewesen war und ein glänzendes Examen gemacht hatte, Unterricht erhalten; jetzt aber wollte Heggelund, daß dies zweimal wöchentlich geschähe. – »Er könnte doch keinen völlig unwissenden Bauernburschen in einem größeren Handelshause unterbringen,« sagte er, und hiermit stimmte seine Frau vollständig überein. Edel war ein sonderbares Mädchen, aus dem klug zu werden Morten schwer fiel. Er wußte nicht, ob sie ihn gern oder ob sie etwas gegen ihn hätte, nahm aber fast das letztere an. Ihr Gesicht war weder regelmäßig noch von einer mädchenhaften Schönheit, dazu waren die Züge zu charakteristisch; sie erinnerten, wenn auch ganz anders weiblich, ein wenig an die Mutter, und ihre Haarfarbe war außerdem dunkelbraun. Es bestand ein Widerspruch zwischen der noch etwas dürren, hochaufgeschossenen Gestalt, die sie größer erscheinen ließ, als sie wirklich war – und dem auffallend üppigen, dunklen Haar, das auf eine reiche und kräftige Natur deutete. Sie war des Vaters Liebling und saß von ihrer Kindheit an täglich lange auf seinem Comptoir, wo sie spielte oder nähte. Durch das, was sie aus seinem Gesicht erriet, wurde sie nach und nach seine ahnungsvolle Vertraute auch in Dingen, die ihr noch nicht ganz klar waren, weil sie ihrem kindlichen Sinne zu schwer fielen. Er konnte sie nicht entbehren. Aufgewachsen zwischen dem Drucke des starken Willens ihrer Mutter und der im geheimen oft düsteren Laune ihres Vaters, hatte sie in ihrem Wesen etwas Zurückhaltendes bekommen, das einem jungen Mädchen sonst nicht natürlich ist, und oft den Eindruck großer Kälte machte, wodurch Morten sich zurückgestoßen fühlte. Ihre ältere, blonde Schwester Rosine war dagegen freundlich und zugänglich. Dem allgemeinen Gerede nach sollte Edel, wenn sie bei ihrer älteren Freundin, Julie Schultz, zum Besuch war, ebenfalls lustig und munter sein; aber zu Hause merkte er nichts mehr davon, und was er sah, sprach ihn weniger an, weil er leider kein Verständnis dafür hatte. Mit seinem guten Gedächtnis hatte er sich aus den Gesprächen mit andren ein ganzes Lager von fremden Wörtern gesammelt, die in seinen Ohren einen ganz besonders ansprechenden Klang hatten, und diese brachte er oft in seiner Rede vor. Edel war dahinter gekommen. Nun plauderte sie öfter mit ihm und spickte dabei ihre Rede mit allen fremden Worten, deren sie sich entsinnen konnte. Eine Zeit lang nahm er es ganz arglos auf; aber als er merkte, was dahinter steckte, fühlte er sich tief gekränkt. Seit dem Tage brauchte er kein fremdes Wort mehr. Fand sich Morten auch in der ersten Zeit vielfach zurückgestoßen, so wurde er dafür doch an zwei Stellen desto fester angezogen: in seiner persönlichen Zuneigung zu Heggelund und in seiner Freundschaft zu dessen Neffen Andreas. Heggelunds Schwester hatte es als ein großes Glück betrachtet, daß sich der Onkel ihres Sohnes annahm, der die Lateinschule in Drontheim und auch einen Versuch in einem dortigen Handelshause mit wenig Glück durchgemacht hatte. Heggelund bezahlte seine Schulden und nahm ihn nach dem Nordland, um den dortigen Handel zu lernen. Hier gereichte Andreas dem ganzen Hause zu großer Freude; er haßte Stuwitz und bekam deshalb vom Onkel Taschengeld. Er konnte an einem arbeitsvollen Tage Wunder der Thätigkeit im Laden verrichten, ruhte dann aber auf seinen Lorbeeren sicherlich acht Tage lang aus, in denen er kaum einmal hinunter guckte. Er rettete Leute aus Lebensgefahr, war bei den Reisen nach Bergen flink an Bord der Jacht und so in vielem. Aber Warenpreise konnte er nicht behalten, und weitere Auskunft war bei ihm im Geschäfte nicht zu erlangen. In der letzten Zeit pflegte er oft zu erwidern, sie möchten Morten fragen; aber mitunter lag ein gewisser Mißmut im Tone. Er sah, wie dieser trotz der Mängel seiner Erziehung, und obgleich er so zu sagen die Bauerjacke noch nicht abgelegt hatte, mit sicherem Schritte so gut wie alles erobert hatte, womit er selbst, bei seinen leichten Gaben, seit mehreren Jahren nur sein Spiel getrieben hatte. Was Morten andererseits so sehr für Andreas einnahm, waren dessen praktischer Blick und sein gutes Herz. Für einen armen Menschen hätte er in Ermangelung von etwas anderem – und er hatte unaufhörlich Mangel, obgleich er vom Onkel fortwährend Geld bekam – sich gern die Kleider vom Leibe gezogen. In seinem Benehmen trat eine gewisse muntere Leichtigkeit hervor, die Morten nicht genug bewundern konnte. Es schien überhaupt, als ob es für ihn keine Schwierigkeiten gäbe. Nur wenn er etwas Größeres vorhatte, ging es ihm immer so sehr unglücklich. In geringeren, alltäglichen Sachen, die mit einer einfachen Anstrengung, einer glänzenden Eingebung, oder einem energischen Sprung erreicht werden konnten, schlug es ihm dagegen nie fehl. Außerdem war er stets sauber gekleidet, von großer und schlanker Figur, und der feine Schnurrbart stand seinem hübschen, etwas sanften Gesichte sehr gut, – lauter Eigenschaften, die in der Jugendfreundschaft fast eine ebenso große Rolle wie in der Liebe spielen. Was für ein guter Kopf er eigentlich war, wurde Morten aus den vielen Plänen klar, mit denen er sich trug, und die ihn anfangs überaus blendeten. Später, nachdem er ihren Wert besser zu beurteilen im stande war, erblickte er darin freilich einen der Hauptfehler, die Andreas für das praktische Leben weniger tauglich machten. Aber seine Freundschaft erlitt dadurch keine Störung; dieselbe nahm vielmehr mit all den Schwachheiten, welche er nach und nach in Andreas Charakter entdeckte, immer mehr zu. Andreas Heggelunds Vertrauen auf die Zukunft war unbegrenzt gewesen; nur durch Unglück war er ja aufgehalten worden. Jetzt, als er nach mehrjährigem Zusammensein mit Morten allmählich ein klareres Auge für die Bedingungen, welche zum Kaufmannsstande erforderlich sind, erhalten hatte, war sein Selbstvertrauen in diesem Stücke ernstlich erschüttert. Er befand sich in schlechter Laune und überlegte, ob er nicht zu etwas anderem als zum Handel tauglich sein sollte; es kam ja nur darauf an, das rechte Feld zu finden. Hätte er erkannt, daß ihm eigentlich die Grundbedingung zu jedem Arbeitsfelde fehlte, so hätte er sich zwar anfangs der Verzweiflung überlassen, sie aber dann vielleicht um so eher überwunden. Jetzt verfiel er nur darauf, seiner unbeständigen Natur eine andere Richtung zu geben und seinen sanguinischen Horizont durch ein anderes gefärbtes Glas zu betrachten. Eines Tages vertraute er dem Onkel an, seine Natur wäre gar nicht für den Handel geeignet; er möchte ein Abiturientenexamen machen und studieren, wozu er schon lange Lust gehabt hätte. Auf der Lateinschule in Drontheim hätte er ja schon damals viel von dem dazu Nötigen gelernt, so daß er jetzt nur noch mit dem Sohn des Pfarrers zu repetieren brauchte. In den ersten Wochen studierte Andreas außerordentlich fleißig und nahm Pensa durch, die sogar seinen Lehrer überraschten. Aber nach und nach ging es matter. Er machte eine Pause nach der andern und zuletzt sah es aus, als ob die Sache ganz einschlafen würde. Schon betrachtete man im Hause die Sache bei seiner alten Unbeständigkeit als aufgegeben, als Morten seinem Freunde zu Hilfe kam. Er erbot sich drei Abende wöchentlich nach der Ladenzeit aufzubleiben und ihm laut vorzulesen, und Andreas, der recht wohl fühlte, daß dies die Langeweile vermindern und ein Regulator des Studiums sein würde, nahm das Anerbieten an. – Es müßte so angenehm sein, sagte er, dazusitzen und zu rauchen, während der andere vorläse. So ging es einige Wochen mit gutem Erfolg; aber nun begann Andreas wieder zurückzubleiben. Er ersann mancherlei; – bald war es zu früh, um schon die anderen zu verlassen, bald benutzte er die paar Stunden oben auf dem Zimmer mit der Pfeife in der Hand zu einem Geplauder über die Aussichten als Jurist, bald erklärte er wieder rund heraus, an dem Abend hätte er keine Lust zu studieren. Eines Abends ließ Morten in aller Unschuld ein Wort fallen, das Andreas von neuem kopfüber in das Studium trieb; ärgerlich sagte er etwas hoffnungslos: »Dann werden die andern nur wieder sagen, daß Sie nicht können.« Morten sah ein, daß es verletzte Eitelkeit war, erkannte aber nicht, daß darin zugleich sein eigenes Urteil lag, das Andreas unwillkürlich aus seinen Augen las. – Andreas war Morten gegenüber, von dem er im geheimen geleitet wurde, empfindlicher, als er sich selbst gestehen wollte. Einige Tage lang hatte er einen Anfall einer sehr düstren Gemütsstimmung. Bleich und krank lag er auf seinem Bette. Endlich rückte Andreas seinem bekümmerten Freunde gegenüber mit dem Geständnis heraus, er hätte schriftlich um Julie, die Tochter des Amtsrichters, die öfter und zuletzt zu Weihnachten im Hause auf Besuch gewesen, angehalten; er hätte sie schon seit der Zeit geliebt, da er zum Onkel gekommen und sie kennen gelernt. »Und jetzt,« – sagte er tragisch, indem er sich vom Bette erhob – »ist die Geschichte aus! – Der Bevollmächtigte beim Amtsgericht hat eine Stelle, ich habe keine, und sie hat deshalb geantwortet, wie ihr Vater wollte.« Er sähe nicht ein, weshalb er jetzt noch studieren und arbeiten sollte, es wäre ja doch alles dasselbe. – Als Andreas dies sagte, war sein Gesicht trübe und finster. Morten that sein Freund außerordentlich leid; aber bei den letzten Worten spitzte er die Ohren – dahin durfte es nicht kommen. Und deshalb versetzte er ihm blindlings den alten Spornstich: »Die Tochter des Amtsrichters glaubte wohl wie die andern, daß Sie nichts werden könnten!« »So!« – versetzte Andreas langsam und tief gekränkt. Nachdem er einen Augenblick in bittre Gedanken versunken dagestanden, fügte er hinzu: »Aber sie müßte doch jedenfalls eine andere Ansicht gehabt haben.« Morten schwieg tapfer, trotzdem der Redner augenscheinlich ein billigendes Wort erwartete. Da richtete sich Andreas plötzlich auf und sagte entschlossen: »Heute Abend studieren wir, Morten.« Die bleiche Julie Schultz kam wie früher zum Besuch. Die ersten Male herrschte freilich etwas Verlegenheit auf beiden Seiten; Andreas trug eine unglückliche Feierlichkeit zur Schau, was natürlich nur von ihr verstanden wurde, und sie wurde öfters rot, aber er wußte bald über diese Langweile hinwegzukommen und Scherz und Kurzweil fand wie früher statt. Daß sie die Sache offenbar ihrer Freundin, der mehrere Jahre jüngeren Edel anvertraut hatte, kam Morten unerhört treulos vor und konnte auch Edel in seiner Gunst nicht eben steigern. Wenn alles zu allem käme, – meinte er entrüstet – so hätten diese feinen Damen im Grunde doch wenig Herz – in diesem Stücke wöge Andreas allein sie sämtlich auf; sie wären seiner gar nicht wert. Eines Tages sollte Edel zu den Nachbarn jenseits des Sundes, einem Paar wohlhabenden Schiffsleuten, die sie und ihre Schwester öfter besuchten, hinüber gerudert werden, und da kein anderer gerade da war, erbot sich Morten, sie zu rudern. Auf dem Rückwege schlug sie vor zu fischen, da zufälligerweise Angelschnüre und Haken im Boote lagen. Es geschah so und Morten zog die Ruder ein, während sie angelte. Sie saßen ziemlich schweigend da. Wiederholt war Edel der Köder vom Angelhaken abgebissen und Morten hatte stets neuen daran befestigt. Da begann sie mit einemmale eifrig zu ziehen; sie hatte einen Dorsch daran. Als er hinauf kam, und Morten ihn vom Haken losgemacht hatte, nahm sie ihn aus seiner Hand und sagte plötzlich ausgelassen munter: »Wem ist er ähnlich?« Morten konnte es nicht sagen. »Können Sie es nicht sehen – nicht erraten? – Ihm, der das Abiturientenexamen gemacht hat, dem Sohne des Pfarrers! – Es ist leibhaftig sein breiter Mund und die gelehrten Augen, die aussehen, als ob sie keine Lider hätten!« Morten mußte lachen, denn es fand wirklich einige Ähnlichkeit statt. Aber es war, als ob sich Edel sofort wieder zusammennahm, und es ungesagt gewünscht hätte. Einige Zeit darauf sagte sie, um doch etwas zu sagen: »So haben Sie ja auch manchen Tag auf demselben Meere gesessen!« »Ach ja – viele Male, aber mein Vater oder ein anderer war gewöhnlich dabei, eine Zeit lang kam auch meine Mutter mit; aber da war ich noch klein.« Es lag etwas Sympathisches in dieser Antwort Mortens und deshalb sagte sie: »Ja, Sie haben ja viel Trauriges in Ihren jungen Jahren durchgemacht.« »Nicht wir Kinder, – aber Vater und Mutter haben viel Trauriges erlebt – sie richteten es immer so ein, daß das meiste Ungemach uns nicht berührte; – aber später errieten wir vieles.« Weshalb diese Worte gerade sie so berührten, begriff sie nicht; aber sie versank offenbar in Gedanken und sah darauf auffallend schwermütig und fast niedergedrückt aus. Endlich sagte sie, als ob es zu dem, was sie dachte, mit gehörte: »Ihre Mutter ist ja eine so prächtige Frau!« Obgleich Edels Antlitz, wie gesagt, nicht eines von denen war, die Morten für die schönsten hielt, so sah er doch jetzt, daß es in einzelnen Augenblicken außerordentlich einnehmend sein konnte. Die Augen waren unter den dunklen Augenbrauen völlig schwarz geworden, während sie vorhin, als sie über den Fisch lachte, hellbraun geschimmert hatten; – und die Art, wie sie mit der Angel in den vom Salzwasser roten Händen da saß, war auch so wunderbar anmutig. Als er sie nach der Landungsbrücke ruderte, starrte sie in Gedanken nach ihm hin; und es war ihm ein etwas kränkendes Gefühl, daß er für sie nur wie eine Rudermaschine, die Morten Jonsen hieß, da saß. Die Nachricht, daß Norwegen vom König Oskar eine eigene Handelsflagge, statt der früheren gelben erhalten hatte, Es geschah 1844. lief buchstäblich wie Feuer in dürrem Grase über das ganze Land. Das Dampfschiff »Prinz Gustav« brachte die Bootschaft salutierend nach den nordländischen und finmarkischen Halteplätzen und erregte überall Sensation. Die nordländischen Jachten sollten nicht länger unter der gelben Flagge, sondern mit der eigenen Farbe des Landes am Hintersteven nach Bergen fahren; und derselbe Wechsel geschah an allen Flaggenstangen. Aus dieser Veranlassung sollte ein Fest in Heggelunds Hause stattfinden, und die Reden sollten vom Rasen aus unter der Flaggenstange gehalten werden, unter Begleitung von Salutschüssen. Nach manchen Verhandlungen hin und her zwischen den Großmächten der Gegend wurde unter anderem die Reihenfolge der Redner bestimmt. Sie war das Ergebnis übertriebener Bescheidenheit und gegenseitiger Schmeicheleien, aber alle Teile fühlten doch, daß darin genug Zündstoff zu Beleidigungen lag. Das Fest war auf Anfang Juli angesetzt, wenn die Jachten von ihrer Fahrt nach Bergen zurückgekehrt waren; und als der Tag heranrückte, war Andreas Heggelund die Thätigkeit selbst. Als er von der Tante erfuhr, daß der Bevollmächtigte, sein Nebenbuhler bei Julie Schultz, auch bei dem Feste reden sollte, geriet er in weniger gute Laune, und Morten merkte, daß etwas Besonderes vor sich ging, denn Andreas schritt am Abend eifrig im Zimmer auf und ab. Er gab zu verstehen, daß auch er an einer Rede studierte, nur wäre es wahrhaftig zum verzweifeln, daß er nicht recht wüßte, worüber es sein sollte. Bald fiele ihm das eine, bald das andere ein; wüßte er nur, worüber der Bevollmächtigte reden wollte! – »Und dann gehört Mut dazu, Morten!« Der Tag erschien; mit Gästen gefüllte Boote fuhren in dichten Reihen über den Sund; die Jachten und Boote draußen in der Bucht flaggten, und im Garten schoß Andreas mit seinen Genossen die Kanonen zum zerspringen heiß. Andreas war den ganzen Tag über blaß und unruhig gewesen. Morten war ganz feierlich zu Mute; – nie hatte er ein solches Fest erlebt. Der Garten war voller Leute, und um die Rednerbühne standen die jungen Damen mit flaggenfarbigen Bändern an den weißen Kleidern. Einige Hornisten bliesen das Königslied, und der Amtsrichter hielt die Rede auf den König. Dann kam das Lied »Norwegens Söhne« und darauf die Rede auf den Festtag, sowie auf die Männer, die für das Recht des Vaterlandes gekämpft hatten. Die schönen Worte ergriffen Morten tief; als die Kanonen donnerten, war es ihm, als ob er die Erde nicht mehr unter seinen Füßen fühlte. Nun brachte Heggelund den Toast »auf Nordlands Zukunft unter der neuen Flagge« aus, und ungeachtet die Rede nur kurz war, wurden diese letzten Worte mit endlosen Hurrarufen aufgenommen, wobei man die Gläser hoch in die Luft warf. Zum erstenmale that Morten einen Blick in das Land der Poesie, das ihm in Morten vorgemalt wurde; er spielte nicht mit ihnen, sondern nahm die Worte für Wahrheit. Luft mußte er haben – und deshalb bat er Andreas Heggelund, ihm die Bedienung der Kanonen zu überlassen. Von dem Augenblick an wurden sie so pünktlich und ruhig bedient, daß man ihren Kommandanten hätte für einen phlegmatischen Holländer halten können. Der Bevollmächtigte trat auf und hielt eine längere Rede auf die Frauen, – auf die Frauen als Mutter – hier grüßte er verbindlich Frau Heggelund – als Tochter und Braut, und gewann hierdurch besonders bei den jungen Damen großen Beifall. Dies konnte Andreas nicht ertragen und, ehe er selbst sich dessen bewußt war, befand er sich zu Frau Heggelunds nicht geringer Überraschung auf der Rednerbühne. Ängstlich beklommen stand Morten neben seinen Kanonen. In der Aufregung hatte Andreas mit einem halben Einwand gegen das Thema des vorigen Redners über die Frauen begonnen. Da er ursprünglich denselben Gedankengang gehabt hatte, mußte er mit etwas kommen, das wie eine würdige Fortsetzung aussah. Aber in einer solchen Lage war Andreas gerade an seinem Platze. Er geriet auf den glücklichen Einfall, nicht von der Frau im allgemeinen, sondern von der nordländischen Frau zu reden, – sowohl von der armen, die schwer arbeitet und den Mann mit dem Fischerboote zurückerwartet, als auch von der wohlhabenden, die den ihrigen mit der Jacht von der Fahrt nach Bergen zurück ersehnt. Er beschrieb eine gastfreie nordländische Hausmutter und malte deutlich genug seine Tante – und darauf eine blauäugige Jungfrau, blond und »rein wie Schnee« – das war natürlich Julie Schultz. Glücklich schloß er zur rechten Zeit, und diese Rede auf die Heimat erntete endlosen Beifall. Erhitzt vor Erregung stieg Andreas herab. Die Damen sammelten sich eifrig um ihn. Der Bevollmächtigte war völlig geschlagen und Julie Schultz konnte nur mit Mühe die Thränen in ihren Augen verbergen. Der nächste, der ihm darauf die Hand reichte, war Morten – er sagte nur »Dank« und ging wieder zu den Kanonen. – Andreas schien in der Rede auch seine eigene Mutter auf der Insel Skorpen gezeichnet zu haben. Unter vieler Lust und Freude wurde das Fest fortgesetzt; dann folgten noch einige Tage lang die Nachklänge des gesellschaftlichen Lebens innerhalb der Wände des Hauses. Heggelund und Frau waren nicht wenig stolz darauf, daß die vielleicht beste Rede des Tages von ihrem Neffen gehalten worden war; – selbst der Amtsrichter hatte seine Überraschung über die Begabung des jungen Mannes ausgesprochen. Andreas Heggelunds ungewohnte Energie hatte ihm allmählich Achtung bei Onkel und Tante verschafft, welche letztere großes Gewicht darauf legte, daß Student ???Sem eines Tages geäußert hatte, im Grunde wäre er ein merkwürdig guter Kopf, nur schade, daß er so viel Jahre vergeudet hätte. Sie meinten jetzt, daß Andreas ebensogut zum Studium wie zu allem andern paßte, und seine Aktien waren im Hause um hundert Prozent gestiegen. Als halb angenommener Sohn des Hauses wurde er auf die damals noch immer etwas vornehme Weise mit dem Dampfschiff nach Christiania geschickt, obgleich die Jacht gleichzeitig nach Bergen abgehen sollte. Mit Hilfe eines Einpaukers bestand Andreas sein Abiturientenexamen »genügend«. Daß er das Genie der Familie war, galt jetzt als ausgemacht. Die Entfernung trug auch das Ihrige dazu bei, den Glanz zu erhöhen. Frau Heggelund sah ihn im Geiste schon als Amtmann in Nordland, und Heggelund begann den Neffen nach und nach mit denselben Augen anzusehen. Elftes Kapitel. Die Abreise. In den Jahren, die Morten bei Heggelunds zugebracht, hatte er nicht wenig erlebt. Durch den Umgang mit Andreas und das Gesellschaftsleben im Hause, in das er nach und nach hineingezogen wurde, da ihn Heggelund gern sah, hatte er – und zwar nicht bloß äußerlich – manches von der Bildung, die dort in der Luft lag, eingesogen. Viele seiner alten Begriffe hatten eine Veränderung erhalten, und anstatt der beklommenen Unsicherheit, an der er anfangs litt, so oft er den Fuß in das Herrenhaus setzte, hatte sein Auftreten jetzt eine gewisse Anmut gewonnen, die von seinem unbefangenen, natürlichen Wesen herrührte. War er auch in allem nur immer noch der arme Mann, dem Heggelund allein vorwärts half – er ging noch nicht einmal in allen Stücken seinem jetzigen Stande angemessen gekleidet – so war trotzdem ein gewisses Selbstgefühl über ihn gekommen, das nicht verfehlte, einen guten Eindruck zu machen. Morten erhielt ein geringes festes Gehalt, von dem er beständig die Hälfte seinen Eltern sandte. Er war jetzt mit den Jachten schon oft in Bergen gewesen und hatte dabei einen Einblick in vieles erhalten, was seine Meinung, welche er schon in der Heimat heimlich über Stuwitz hegte, bestätigte; – er war jetzt vollständig davon überzeugt, daß dieser Heggelund betrog. Eine Zeitlang versuchte er auch, Heggelund die nötigen Aufschlüsse zu geben. Die eigentümlich ablehnende, wenn auch freundliche Weise, mit der Heggelund es aufnahm, lehrte Morten jedoch sich künftig in diesen Sachen passiv und still zu verhalten. Nur war und blieb es ihm ein Rätsel, weshalb der Prinzipal eigentlich nicht sehen wollte. Innerlich kochte er vor Ärger. Von diesen Fahrten nach Bergen kamen nun wiederholentlich verschiedene weniger angenehme Nachrichten über Morten mit nach Hause; sie wurden so lange ringsumher geflüstert, bis sie auch der Herrschaft zu Ohren kamen. Es wurde erzählt, wie er mit seinen Kameraden nicht bloß ein lustiges, sondern auch ein ausschweifendes Leben führte, und wie er dabei zugleich viel Geld verschwendete. Die Wahrheit war, daß Morten sich viel Liebe und Achtung erworben hatte, weshalb ihn viele zu sich einluden, und wirklich war Morten bei solchen geselligen Zusammenkünften immer einer der Lustigsten. In der ersten Zeit war er sogar einmal mit einem blauen Auge an Bord gekommen – und dieses blaue Auge wurde jetzt gegen ihm als Beweis ins Feld geführt. Morten wußte nichts von dem allen; nur bemerkte er mehrmals nach der Rückkehr in den Augen der Frau eine große Kälte. Endlich nahm Jungfer Dyring ihn vor und erzählte ihm umständlich, wie es zusammenhing. Sie war von seiner Unschuld fest überzeugt und hatte sich alle Mühe gegeben, ihn bei der Frau zu verteidigen. – Aber jetzt war sie dahinter gekommen, daß sich die Gerüchte von Stuwitzens Lieblingsschiffer herschrieben, vor dem sie ihn warnen wollte. Als sie auf die Ausschweifungen – mit diesem Worte wurde allgemein um sich geworfen – anspielte, wurde Morten etwas rot; als sie aber von dem verschwendeten Gelde redete, verließ er sie plötzlich mit einem Gesichte, über das sie erschrak – und begab sich sofort zu Herrn Heggelund auf das Comptoir. Sein Ton war bescheiden, hatte aber doch etwas Eigentümliches an sich, was keine Unterbrechung zuließ. Er zog sein kleines Taschenbuch heraus, worin er nach kaufmännischer Weise immer seine kleinen Ausgaben notierte, und zählte darauf mit seinem treuen Gedächtnis umständlich die Namen aller auf, die ihn bei den letzten Fahrten eingeladen hatten. Nur ein Schuft wäre im Hause, schloß er mit etwas erhobener Stimme, und dieser hieße Stuwitz; – in diesem Augenblicke hatte er den Schiffer vergessen –; und jetzt, nachdem er seine Meinung ausgesprochen hätte, könnte ihn Heggelund entlassen, wenn er es für gut fände. In der Rede des blassen jungen Mannes lag eine gefährliche Entschiedenheit, die Heggelund, welcher während der ganzen Rede erstaunt dagesessen, ohne ihn zu unterbrechen, Achtung abnötigte. Als er zu Ende war, versicherte ihm Heggelund in herzlicher und fast väterlicher Weise, das unbedingte Vertrauen, welches er immer zu ihm gehegt hätte, wäre durch nichts erschüttert worden. »Aber« – schloß er – »es ist an der Zeit, daß Sie von Stuwitz fortkommen, und noch in diesem Herbst sollen Sie nach Bergen.« Gewisse Zuckungen in Mortens Gesicht deuteten an, daß seine scheinbare Ruhe bei dieser freundlichen Ansprache weniger felsenfest zu bleiben begann. Sichtlich suchte er in seiner heftigen Erregung nach den passenden Worten. Heggelund that jedoch, als ob er es nicht bemerkte, sondern wiederholte nur, als Morten sich verneigend ging, es wäre an der Zeit, ihn nach Bergen zu schicken. Zum Glück war Stuwitz an diesem Tage nicht zu Hause, sonst hätte Morten sich wohl zu diesem hinab verirrt, anstatt zu Heggelund hinaufzugehen. Diese Geschichte verschaffte ihm in vieler Hinsicht wieder gutes Wetter im Hause. Frau Heggelunds Unwille über alles, was dem jungen Menschen nachgesagt wurde, war nicht gering gewesen. Sie fragte aber in den nächsten Tagen mehrmals freundlich nach seinen Eltern, und Jungfer Dyring mußte seine Ausrüstung zu der Reise nach Bergen genau untersuchen. Das Gesicht der Jungfer leuchtete wie ein sonniger Tag nach vorübergegangenem Gewitter. Auf Edel machte diese Sache einen starken Eindruck. Sie konnte sich des Kummers über seinen Fehler nicht erwehren. – Andreas hatte trotz all seiner Liebenswürdigkeit doch auch gar viele Fehler gehabt. Nun aber wurden sie in der letzten Zeit mit den Jachten aus Bergen in einer solchen Menge überbracht, daß ihr Instinkt unwillkürlich die Übertreibung erriet und Partei für ihn ergriff. Unter ihrem ruhigen Wesen war doch ein nicht geringer Teil der heftigen Gefühle ihrer Mutter für und wider die Menschen verborgen. Die Möglichkeit eines tieferen Gefühles für den von ihrem Vater in das Haus aufgenommenen Bauernburschen lag selbstverständlich ihrem Denken ganz fern. Als sie nun von ihrem Vater erfuhr, wie entschlossen Morten seine ganze Stellung auf das Spiel gesetzt hatte, begriff sie vollkommen das Männliche in dieser Handlungsweise. In der Zeit vor Mortens Abreise nach Bergen fand ein Ereignis statt, das den Gedanken bei ihm erweckte, Heggelund müßte unter einer schweren Sorge leiden. Als er eines Tages durch den Gang schritt, der an Heggelunds Comptoir vorüberführte, sah er die Thür halb angelehnt, als ob jemand hineingegangen wäre und sie zu schließen vergessen hätte. Drinnen saß Heggelund am Pulte; – aber ein so betrübtes Gesicht hatte Morten in seinem ganzen Leben nicht gesehen. Er lehnte sich mit einem verzweifelten Ausdruck gegen Edel, die neben ihm stand und ihm die Stirn strich und die Hand hielt. Morten ging vorüber, als ob es weiter nichts wäre, aber Edel blickte in demselben Augenblicke empor und fing seinen Blick auf; bei dieser Überraschung machte sich in ihrer Miene ein Zeichen des Erschreckens bemerkbar. Kurz darauf hörte er, daß die Thür geschlossen wurde. Es war Morten zu Mute, als hätte er einen Schimmer von den wirklichen Verhältnissen des Hauses gesehen. Es verbarg also diesen oder jenen Kummer; und nun begann er einen Ausdruck in Edels Gesicht zu verstehen, den er schon öfter bemerkt hatte, – denselben, der ihn bereits damals im Boote so stark beschäftigt hatte. Als sie an demselben Tage im Garten spazieren ging, sichtlich noch immer mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, während ihre Schwester Hansine neben ihr plauderte, und als er später ihr schönes düstres Haupt hinter dem Fenster über ihr Nähzeug herabgebeugt sah, war er von allem, was er wußte, tief ergriffen, obgleich er im Grunde nichts wußte. Nun wurde es ihm klar, daß er die ganze Familie, bis auf die Frau hinab, unsäglich lieb hätte. Bei dem Abendbrote verriet nicht eine einzige Miene Edels, daß etwas vorgefallen war. Nachdem sie Onkel Tobias nach oben begleitet hatte, trat sie jedoch in dem halbdunkeln Flure an ihn heran und legte den Finger einen Augenblick auf seinen Arm. Sie sah ihm ernst ins Gesicht und sagte halb leise, sie verließe sich darauf, daß er nie mitteilte, was er heute gesehen, – »es gäbe etwas, worüber ihr Vater so betrübt wäre«. »Nie! Fräulein Edel!« – erwiderte er, aber dieses »nie« wurde in einer solchen Weise ausgesprochen, daß Edel seiner sofort völlig sicher war. Obgleich mehrere Jahre jünger, sah sie ihn einen Augenblick überrascht, wie ein unbegreiflich großes Kind an, das nicht recht weiß, was es sagt. Sie begriff, daß er in voller Naivetät sein ergebenes Herz der ganzen Familie hatte zu Füßen legen wollen, erhielt aber dabei zugleich den Eindruck, daß sie selbst es in der Hand hielte. Sie sagte einige Worte und ging in die Stube hinein; in ihrem stillen Gemüt dachte sie jedoch, sie wäre vielleicht etwas dreist gewesen. Seitdem war Edel ungewöhnlich freundlich und aufmerksam gegen Morten; er ahnte nicht den wahren Grund, wollte aber lieber, daß alles beim Alten bliebe, denn er fühlte unwillkürlich, daß die Entfernung zwischen ihnen größer würde. Er konnte nicht unterlassen früh und spät an sie zu denken und wurde über seine bevorstehende Abreise traurig anstatt fröhlich. Es war der letzte Abend, ehe Morten am nächsten Morgen früh mit der Jacht nach Bergen abreisen sollte. Er hatte von der ganzen Familie Abschied genommen, die sich zu gewöhnlicher Zeit in ihre Schlafzimmer zurückzog. Er war jetzt allein im Zimmer. Es war ziemlich spät und der letzte Strahl der Mitternachtssonne fiel glanzlos und ohne Wärme auf die Wand. Er blieb neben Edels Nähtisch sitzen und saß in seine Träumereien versunken lange da – als er plötzlich die Stimme der Jungfer Dyring hinter sich vernahm. Ihr Polizeiinstinkt brach wie gewöhnlich hervor, wenn man es am wenigsten erwartete. Etwas ironisch, aber doch freundlich sagte sie: »Sie sitzen also hier, um Abschied zu nehmen, Jonsen?« Er fühlte sich auf frischer That ertappt und hatte auch wohl das Bedürfnis, sich auszusprechen. Er blickte deshalb nieder und erwiderte nur: »Ja, – Jungfer Dyring!« »Sie müssen zusehen, solche Grillen zu vergessen, Jonsen, – sie führen doch zu nichts.« »Ich kann nicht, Jungfer Dyring!« Da begann der Jungfer Dyring ihr Liebling herzlich leid zu thun; sie sah ein, daß dies nicht bloße Narrenspossen waren. Sie mußte ihn trösten und sagte: »Ja, ja; Morten Jonsen, – niemand weiß, was die Zukunft bringen kann!« »Die Zukunft –« wiederholte Morten langsam wie in Gedanken – und dann eilten dieselben heimwärts zu der Holzwand bei den Eltern, an der er zuerst hatte lesen lernen! – »Sie steht in Gottes Hand,« sprach er dann unwillkürlich seiner Mutter nach. Es fehlte nicht viel, so hätte er Thränen vergossen, während seine Freundin bei ihm stand. Aber Jungfer Dyring hatte keine Lust in dieser Nacht zu schlafen und ging erst nach oben, als die Jacht in heller Morgendämmerung einige Stunden später den Sund hinabschwebte. Zu ihrer Verwunderung sah sie auch Edel oben am Comptoirfenster stehen. »Sie hier, Fräulein Edel?« »Ja, ich konnte nicht schlafen,« erwiderte sie – und dann trennten sie sich, nachdem sie noch kurze Zeit zusammengestanden. In demselben Jahre ging das Gerücht, Heggelund hätte auf seinem Grundbesitz ein sehr großes Kapital hypothekarisch aufgenommen. Es erregte Verwunderung und großes Gerede. Einzelne wagten sogar die Solidität seines als so bedeutend verschrieenen Vermögens in Zweifel zu ziehen. Zwölftes Kapitel. In Bergen. Mühlenwad in Bergen, zu dem Morten Jonsen gekommen war, hatte einen bedeutenden Handel nach dem Nordland nebst ausgedehnten Verbindungen mit dem Auslande, wohin er seine Fischwaren verschiffte. Mancher Nordländer von Helgeland bis hinauf nach Finmarken stand mit Mühlenwads »Stube unten an der deutschen Brücke« in Schuldverhältnissen. In den beiden Fischfangszeiten ankerten die vielen Jachten, die dort Handel trieben, womöglich in dem Hafen dicht davor. Dann herrschte dort an der Brücke, wo man die Fische auf die Wage brachte, die größte Geschäftigkeit, während den ganzen Tag lang ein Gewimmel von Nordfahrern die Comptoire füllte. Man lieferte seine Waren, bezahlte etwas »auf das Alte« ab und erhielt den Rest nach gewöhnlichem Handelsgebrauch ausbezahlt. Der alte Mühlenwad wohnte selbst in der Obergasse in einem weißangestrichenen, spitzgiebligen Hause nach dem alten deutschen Stile, das zwischen seinen Nachbarn in der Hausreihe wie ein Soldat im Gliede eingeklemmt dastand. Er war auch selbst in jeder Beziehung ein Mann der alten Schule und gehörte zu den deutschen Familien, die besonders die Deutsche Kirche besuchten; dazu ein nach allen Seiten streng religiöser Mann – Geld- und Geschäftsmann vom Kopf bis zu den Füßen –, und nach seinem Bewußtsein stand der liebe Gott auch wesentlich als der oberste und genaueste Geschäftsmann der Welt da. Der Gott, der in seinem Konto eine Rolle spielte, war übrigens ebenso kleinlich und geizig wie er selbst, und hielt zornig auf sein Recht, indem er nichts vom Tisch- und Abendgebet abließ und am siebenten Tage Vormittagspredigt sowie Bibellektüre im Hause verlangte. Mit seinem breitkrempigen Hute, dem braunen Tuchrocke und dem braunen, dicken Stock mit dem goldenen Knopfe – immer gegen denselben Pfosten gelehnt – war er eine der eigentümlichen Figuren der alten Börse. Daß sein Name gut wie Gold war, das wußten alle, und ebenso, daß er gegen all die neuen Erfindungen war, die in dem jüngeren Handelsstand aufzutauchen begannen, und nicht am wenigsten gegen das Gerücht von einer neuen Börse, von deren Gründung sich der Gedanke zu regen begann. Von einer Gattin, die früh gestorben war und es nicht allzu gut gehabt hatte, über der sich aber auf dem Kirchhofe ein großes Denkmal erhob, hatte er einen Sohn Namens Wollert, dessen einzige Freiheit die Schulzeit gewesen, dessen Schrecken noch immer der Vater war, und der jetzt, nach einem kurzen Aufenthalt in Hamburg als ein vollständiger Laffe zurückgekehrt war, – in welcher Eigenschaft er der Aufmerksamkeit des Vaters stets in der sinnreichsten Weise zu entgehen wußte. Aber dann mußte er auch mitunter, wenn er zufälligerweise dabei ergriffen wurde, ein jämmerliches Standrecht über sich ergehen lassen, bei dem der braune Stock des Vaters seine Rolle spielte, und darauf auf dem Comptoir oder zu Hause in der Schlafkammer eingesperrt sitzen. Nach einer solchen Scene pflegte der alte Mühlenwad stets zu Bett zu gehen und, wie es im Hause hieß, über seinen entarteten Sohn zu trauern. In dieser freudenlosen Heimat lebte er, bewacht von seinen beiden alten, unverheirateten Tanten – Mühlenwads Schwestern – die stets mit im Kriegsrate über seine Aufführung saßen. Einige Freiheit genoß er nur im Sommer, wenn die Familie auf ihrem kleinen Landsitze in Kongshaven lebte, und er auf dem Comptoir in der Stadt bleiben sollte. Trotzdem dann gerade die geschäftige Zeit der Fischablieferung war und es folglich auf dem Comptoir genug zu thun gab, fühlte er sich in dieser Zeit doch leichter und von der heimlichen Beaufsichtigung befreiter. Seine Tanten blieben dann abwechselnd jede eine Woche in der Stadt, um die Mahlzeiten für die Nordländer zu besorgen. Dieselbe Tante präsidierte des Sonntags, wenn diesen eine Gesellschaft gegeben wurde, stets auf dem hohen gelbledernen Sessel, während der Rotwein, der gerade nicht der beste war, zur Zwetschensuppe und zum Braten serviert wurde. In dieser Zeit ließ sich doch wieder etwas Luft schöpfen. Mußte er sonst des Sonntags seinen Vater und die Tanten regelmäßig nach der Deutschen Kirche begleiten und den größten Teil der Festtage in der Stube sitzen, so wußte er des Abends, wenn sich die Alten niedergelegt hatten, das Versäumte mit seinen Kameraden nachzuholen. In einer Winternacht fand die eine der Tanten, als sie mit dem Lichte in der Hand überall nachsah, sein Zimmer leer und eine Leiter unter dem Fenster stehen. Als er spät in der Nacht nach Hause zurückkehrte und das Licht anzündete, saß der Kriegsrat schon in Nachtmützen da. Sein Entsetzen war groß; aber sein rascher Blick entdeckte bald, daß der eigentliche Exekutor, »der Alte«, nicht zugegen war, und er ergriff seine Maßregeln danach. Er sagte laut, indem er wieder hinaufstieg, als ob er sich aus dem Fenster stürzen wollte: »Jetzt könnt ihr sehn, daß ich mir das Leben nehme!« Das Ende vom Liede war, daß ihm seine erschreckten Tanten von dem Tage an ohne Wissen des Alten zu einer »passenden Freiheit« verhalfen, und ihm das hinreichende Taschengeld gaben, um sie zu genießen. Der junge Wollert hatte jedoch Geld in der Tasche gehabt, ehe ihm die Tanten dazu verhalfen. Dieses lieh er von seinem Onkel Daniel, der Rentier war und einsam in einem Hause unten im Garten wohnte. Sein Geiz gab zu vielen Stadtgeschichten Stoff und es war bekannt, daß er sich kaum das trockene Brot gönnte. Er glaubte von seinem Bruder, dem Kaufmann, einst um sein Erbteil betrogen zu sein und haßte ihn gründlich. So oft der Neffe sich gegen ihn darüber aufhielt, wie schlecht er es zu Hause hätte, stimmte er ihm immer bei und einmal, als jener sich darüber beklagte, daß er nie Geld erhielte, erbot er sich zu einigen Darlehen, bis er mündig würde und sein mütterliches Erbe beanspruchen könnte. Wollert stellte seinem Onkel jedesmal kleine Verschreibungen zu vierundzwanzig Prozent Zinsen aus und hatte demnach seine eigene Bank. Er mußte sich jedoch zugleich verpflichten aufzupassen, wer dem Rentier die Johannisbeeren im Garten stähle oder ihm die Scheiben einwürfe, denn die Straßenjungen machten ihm viel zu schaffen. Wenn dieser des Abends im blauen Rocke und mit dem baumwollenen Regenschirm in der Hand durch die Gartenthür auf die Straße hinaustrat, verfolgten sie ihn gern mit allerlei Spitznamen. Anfangs hatte Morten es bei Mühlenwads schwierig gehabt und auf mancherlei Weise merken müssen, daß Stuwitzens Arm auch bis hierher reichte. Unter seinen großen kaufmännischen Geschäften nach dem Nordland hinauf hatte Mühlenwad unter anderm auch Heggelunds ganzen Handel. Er hegte die größte Achtung vor Stuwitz, den er seit einer Reihe von Jahren als den eigentlichen Geschäftsleiter kennen gelernt hatte, und nahm infolge der Winke desselben Morten Jonsen mit Voreingenommenheit als einen bloßen Günstling Heggelunds und zugleich als eine Art Projektmacher auf. Die Empfehlung eines so großen Kunden mußte berücksichtigt werden; – aber »der Bursche selbst war natürlich keine Pfeife Tabak wert«. Und wenn sich bei Mühlenwad erst eine Idee festgesetzt hatte, so gehörte etwas dazu, sie wieder auszurotten. Morten erhielt eine Art untergeordneter Zwischenstellung, nach der er wenig getrachtet hatte; halb half er dem »Brückengesell« und halb gehörte er dem Comptoir an. Seine meiste Zeit brachte er am »Wippbaum« (Krahn) unten an der Landungsbrücke unter schwerer Arbeit zu. Aber durch seine Raschheit und die Ordnung, die in alles kam, was er unter den Händen hatte, gewann er doch nach und nach Mühlenwads widerstrebende Anerkennung. In der Zeit der Fischablieferung, in der es darauf ankam, die Fische zu sortieren, bewies er ein Verständnis von der Sache, die außerordentlich überraschte; – es war die Frucht seiner gründlichen Erfahrung in diesen Dingen. Mühlenwad, der gut den Nutzen einsah, den er daraus ziehen konnte, forderte ihn auf, sein Brückenvorsteher oder erster Gesell zu werden. Morten sprach seinen Dank für das Anerbieten aus, erwiderte aber zu Mühlenwads Verdruß: Nein, – er wünsche jetzt einmal den Weg durch das Comptoir zu gehen. Und da es nicht nach Mühlenwads Kopf ging, war Morten Jonsen wieder in Ungnade. Dieser hatte gegen Ende seines Aufenthaltes bei Heggelund von dem Sohn des Pfarrers die Anfangsgründe der deutschen Sprache gelernt, und unter Anleitung eines deutschen Ladendieners, mit dem er umging, hatte er sich von seiner Ankunft in Bergen an mit dieser Sprache in seinen Freistunden und besonders des Sonntags beschäftigt. Nach Verlauf von anderthalb Jahren war er so weit gekommen, daß er die Sprache sowohl lesen als auch schreiben konnte. – Morten wollte vorwärts. Wollert Mühlenwad, der im Grunde ein gutherziges und gutmütiges Menschenkind war und jetzt ein höchst tolles Leben führte, hatte ihm die ungebundene Freiheit in einem allzuglänzenden Lichte gezeigt. Er sprach oft mit Morten Jonsen und schien sich ihm sogar ganz besonders anzuschließen; vielleicht war es dessen Glück, daß der junge Mann ihn damals nicht fein und gebildet genug fand, um ihn bei seinen Freunden einzuführen. Des Sonntags konnte er öfters stundenlang in Mortens kleinem Zimmer unten an der Brücke sitzen und unaufhörlich schwatzen. Einmal sah er, daß dieser dasaß und deutsch schrieb, und hörte zu seiner Verwunderung, daß er diese Sprache gelernt hätte, sowie auch, daß er etwas von der Buchhalterei verstände. Der junge Herr Wollert haßte das Comptoir und alles, was dazu gehörte, so stark, wie Morten Jonsen es liebte. Es dauerte deshalb nicht lange, bis er diesem vorschlug ihm seine deutschen Korrespondenzen aufzusetzen, welche Wollert dann nur abzuschreiben und »dem Alten« vorzulegen brauchte. Morten fühlte, daß es eigentlich nicht ganz recht war, beruhigte aber sein Gewissen dadurch, daß er die angebotene Entschädigung für die Arbeit, welche den ganzen Sonntag in Anspruch nehmen würde, ablehnte. Infolge dieser Arbeiten lebte Wollert flott und lustig und erntete zugleich die große Anerkennung seines Vaters, indem er zu den Tanten äußerte, die Sachen wären wie von einem alten erfahrenen Kaufmann geschrieben und zugleich kurz und bestimmt, – »es könnte aus dem Wollert doch noch etwas werden!« An seinem Geburtstage erhielt er eine goldene Uhr und durfte die Brille, die er sonst nur heimlich aufsetzte, von nun an offen tragen, bediente sich ihrer jedoch jetzt seltener. Da trat eines Tages eine schlimme Überraschung ein. Wollert übergab seinem Vater einen ganzen Haufen Briefe zur Unterschrift. Unter ihnen lagen zwei von einer andern schönen und sicheren Hand geschriebene, welche Wollert in der Eile fortzunehmen vergessen hatte. Als der Alte auf den ersten derselben, einen langen, wohlstilisierten Brief, stieß, sah Wollert, der auf der anderen Seite des Pultes saß und wartete, weil die Papiere nachher noch kopiert und eingetragen werden sollten, daß etwas Schlimmes im Anzuge war. Der Alte saß eine lange Zeit schweigend da und starrte den Brief an, nahm ihn auf und legte ihn dann wieder mit einem Ausdruck des schmalen, scharfen Antlitzes hin, als ob ein falscher Wechsel vor ihm läge. Einen Augenblick sah er wild nach der Ecke, in welcher der dicke Stock mit der alten Mütze über dem goldenen Knopfe stand, und ein heftiges Zucken lief über seinen Körper. Aber dann las er wieder den Brief durch und nickte mit bittrem Genusse langsam bei verschiedenen Stellen, als ob er recht erkennen wollte, wie gut und klug er geschrieben war. Endlich brach er los: »Nein, – und ich konnte mir einbilden, du hättest so schreiben können! Her mit deiner verwünschten Brille, Wollert!« Wollert reichte sie ihm gehorsam über das Pult hin, und der Alte zerbrach sie und zertrat die Gläser unter den Füßen. »Wer hat es dir geschrieben?« Wollert begann mit der Ausflucht, es wären nur die beiden Briefe gewesen, aber ein Blick des Alten nach dem Stocke machte ihn endlich aufrichtig und er antwortete: »Jonsen!« »Jonsen! – Unser Jonsen hier? – – so – o!« Es war ein langes »So – o«, das mancherlei Gedanken ausdrückte, und auf das zuletzt die inquirierende Frage folgte: »Was hat er dafür genommen?« »Er wollte nichts annehmen.« »Dann will ich dir sagen, was er wollte,« – schrie der Alte hitzig, als ob er wieder an den Stock dächte – »er wollte, was du nicht wolltest, obgleich du der Sohn und Enkel eines rechtschaffenen Kaufmanns bist, – er wollte etwas lernen, kann ich dir sagen, und nie wirst du auch nur der kleine Finger von ihm.« Darauf öffnete er die Thür und bat einen von denen, die dort saßen, er möchte Jonsen heraufholen. Mühlenwad saß eine Weile überlegend da, und Wollert kam es in dem kleinen Comptoir entsetzlich schwül vor. Die Sache war, daß der Alte ungern offen heraussagen wollte, er wüßte, daß der Sohn unredlich gegen ihn gewesen wäre. Als Morten Jonsen kam, fragte er nur, indem er auf die beiden Briefe wies: »Sie haben diese geschrieben?« »Ja.« »Wo haben Sie es gelernt?« Als es der junge Mann in aller Kürze mitgeteilt hatte, sagte Mühlenwad, der inzwischen zu einem festen Entschluß gekommen war, in einem Tone, als ob er aus einem Buche abläse: »Sie haben von morgen an festen Platz mit vollem Gehalt auf meinem Comptoir, und wenn mein Sohn korrespondiert, hat er sich erst mit Ihnen über den Inhalt zu beraten, ehe mir die Briefe vorgelegt werden.« – Dabei nickte er ihm freundlich zu und Morten ging. Aber noch lange saß der alte Mühlenwad da und blickte ihm, nach der Thür gewendet nach; endlich sagte er fast sanft: »Ja, könntest du doch wie dieser Bursche werden, Wollert! – In dem steckt ein Eisen, das es zu etwas bringen will; – aber dergleichen,« sagte er seufzend, »ist für einen armen Vater wohl nicht zu erwarten!« Und Wollert ging, froh, daß er so billig fortgekommen war. Im nächsten Jahre korrespondierte Morten Jonsen auch in französischer Sprache und begann auf Mühlenwads Comptoir eine immer hervorragendere Stellung einzunehmen. Es war bekannt, daß jetzt alle Schriftstücke durch seine Hände gehen mußten; sonst war Mühlenwad der Postsachen wegen nie ruhig. Sein Gehalt war jetzt erhöht, und er hatte die Mittel dazu, wie andere junge Leute aus dem Handelsstande zu leben. In Mühlenwads Schule aufgezogen, fing auch das Geld an in seinen Augen Wert zu bekommen, was eigentlich nicht in seiner Natur lag. Er hörte rings um sich die Menschen nie anders als nach ihrem Vermögen schätzen, und es gab keinen seiner Kameraden, der nicht davon träumte, einmal Matador an der Börse zu werden. – Wurde doch Mühlenwads alter, breitkrempiger Hut von den jungen Augen fast wie eine Krone verehrt. So war Morten Jonsen denn auf gutem Wege ein Geschäftsmann zu werden vom Kopf bis zu den Füßen. Er trug in seinem Wesen eine gewisse Würde zur Schau, und sein Auftreten zeigte, daß er sich seiner Tüchtigkeit wohl bewußt war. Es geschah aber in so gefälliger Weise, daß es ihm gewissermaßen Achtung verlieh. Das männliche, offene Gesicht verschaffte ihm ein ganz besonderes Vertrauen. Im allgemeinen glaubte man, wie der alte Mühlenwad, daß »das Eisen es einmal zu etwas bringen würde«. In den Häusern, in die er nach und nach Eintritt erhalten hatte, war er mit mehreren jungen Damen zusammengetroffen; aber er schien für diese Seite des Lebens noch kein rechtes Verständnis zu besitzen. Man betrachtete ihn als einen für seinen Beruf allzu begeisterten Geschäftsmann, um noch für anderes Augen zu haben. Möglicherweise lag der Grund auch in etwas anderem; denn in einsamen Stunden konnte er dasitzen und ein Bild vor sich betrachten, gegen das alle in seinen Augen zurücktreten mußten; bisweilen wurde ihm selbst bange, daß er sich darin verlieren könnte. Edel Heggelund war ein ganzes Jahr in Drontheim gewesen, und man hatte ihr dort als der Tochter des reichen Heggelund und vielleicht auch um ihrer selbst willen sehr den Hof gemacht. Morten, der sich darüber auf höchst mühselige Weise nähere Nachrichten verschafft hatte, fühlte eine große Erleichterung, als er vernahm, daß sie nach dem Nordland zurückgekehrt wäre. Der Grund ihrer Heimkehr war der unerwartete Tod ihrer Mutter gewesen. Gemäß seinem Versprechen hatte er selbst bisweilen an Heggelund geschrieben und dann jedesmal eine kurze freundliche Antwort erhalten. Einmal war der Vater von Edel vertreten worden, die sehr herzlich erzählte, wie es Onkel Tobias, Andreas in Christiania und Jungfer Dyring ginge. Schließlich teilte sie ihm noch mit, was seine Eltern auf der Insel Skorpen machten. Er sah ein, daß ihr die Erlangung dieser Nachrichten viel Mühe gekostet haben mußte, da man dort weit entfernt voneinander wohnte. Und so wurde der immer von neuem gelesene Brief sein wahres Kleinod. Morten Jonsen hatte sogar einen besonderen Grund, sich seiner Bedeutung bei Mühlenwads bewußt zu sein; dieser hatte nämlich bei einer Spekulation, zu der er den Fingerzeig gegeben hatte, mehrere Tausende verdient. Eines Tages sah Mühlenwad auf dem Comptoir sehr feierlich aus. Er hatte die Nachricht erhalten, daß Heggelund in Nordland so gut wie zu Grunde gerichtet wäre. Der Handelsplatz wäre Stuwitz übertragen, mit dem es deshalb »das Comptoir« künftig allein zu thun hätte. Die Interessen desselben wären glücklicherweise durch Stuwitzens Fürsorge gesichert worden. »Nach der Lebensweise, die dieser Mann führte,« fügte er hinzu, »habe ich es immer geahnt. Er soll jetzt nicht viel mehr als das Haus, in dem er wohnt, das Mobiliar und ein kleines Grundstück am Fjord besitzen. Der Rest ist auf Antrag der Gläubiger an Ort und Stelle meistbietend verkauft worden; – es ist hart, dergleichen zu erleben.« Leichenblaß stand Morten Jonsen da und hörte zu, und während der übrigen Comptoirzeit vermochte er seine Gedanken nicht auf die Arbeit zu lenken. Es war, als ob etwas ihm völlig Undenkbares doch in Wahrheit stattgefunden hätte. Ebensogut hätte man ihm erzählen können, das Gebirge wäre zusammengestürzt, wie Heggelunds Haus, in dem er Jahre lang mit der Vorstellung gelebt hatte, sein Fundament ruhe auf Reichtum. Und dann that es ihm so unendlich leid; – er hatte dort eine Heimat gehabt und fühlte die Kränkung und den Kummer, die dem Hause zu teil geworden waren, tief mit. Daß Stuwitz die Schuld hätte und der eigentliche Urheber wäre, wurde ihm immer einleuchtender. Es war ihm klar wie der Tag, daß sich dieser die ganzen Jahre hindurch bereichert, seinen Hausherrn zu Grunde gerichtet und jetzt endlich seinem Werke die Krone aufgesetzt hätte. Wäre ihm Stuwitz in diesen Tagen begegnet, er würde sich, nur der Rache Gehör gebend, unzweifelhaft an ihm vergriffen haben. Auch auf dem Comptoir war er nicht mehr ganz derselbe; er machte die Arbeiten flüchtig und übereilt und verließ es oft vor der Zeit. Des Abends machte er lange einsame Spaziergänge auf dem Wege über Sandviken hinaus, und saß dann lange auf, ehe er sich schlafen legte. Nach der ersten Trauer war ein Gedanke in ihm erwacht, der sein Blut unruhig machte, so daß der Schlaf ihn floh. Unter den veränderten Verhältnissen war jetzt vielleicht doch die Möglichkeit, Edel Heggelund zu gewinnen. Zwischen seinem früheren und jetzigen Gedankengange war kein geringer Unterschied. Als er Heggelunds verließ, hatte er die Scheidewand namentlich in einem Mangel an Geburt und der geringen Bildung gefühlt; jetzt erblickte er sie mehr in dem Mangel an Vermögen. Das war es, weshalb jetzt nach dem eingetroffenen Ruin des Hauses eine geringe Hoffnung in seiner Seele aufzusteigen begann. Anfangs nur eine Phantasie, die seine Gedanken unwillkürlich beschäftigte und immer damit endete, daß er nach einigen großartigen Handelsspekulationen als der reiche Mann erschiene, Edel Heggelunds Hand verlangte und das gefallene Haus wieder aufrichtete. Aber nach und nach begann Wirklichkeit sich in diese Träume zu mischen; und war das Ende der Geschichte auch immer dasselbe, indem er gewissermaßen Edel Heggelund mit dem Hause identifizierte, so war es doch nicht der Fall mit den Plänen, die ihn dorthin führen sollten. Auf den einsamen Wanderungen auf dem Sandvikswege stieg vor seinem inneren Auge nach und nach eine Landzunge mit einer hübschen kleinen Bucht in der Nähe seiner Heimat auf. – Er übersiedelte dorthin, reiste in Geschäften weit umher, sah Leute massenhaft dorthin strömen und den Verkehr immer lebhafter werden und führte schließlich Edel Heggelund in das schöne Haus, das er dort erbaut hatte. Jeden Abend vergrößerte er das Bild mit einem neuen Striche. Stuwitzens alter Plan, ein Geschäft auf Finnäs einzurichten, war vor seiner Erinnerung aufgetaucht. Und als er ihn sich ausmalte und durchdachte, kam er ihm allmählich immer ausführbarer und verführerischer vor. Er fühlte die Schwierigkeiten, aber auch, – und diesmal vielleicht mit etwas jugendlichem Übermute, – seine eigenen Gaben; und hinter dem Unternehmen erblickte er Edel Heggelund. Mühlenwads Erstaunen war groß, als Morten eines Tages auf dem Comptoir seine Stelle kündigte und ohne auf seine Pläne einzugehen, erklärte, daß er im Norden ein kleines Geschäft auf seine eigene Hand anfangen wollte. Sein Diener, meinte Mühlenwad, müßte – milde gesagt – den Kopf verloren haben, und er gab sich viel Mühe, ihn davon abzubringen. Als es jedoch vergebens war, bewilligte er ihm zum Anfang einen vorsichtigen Kredit – und einige hundert Thaler besaß Morten Jonsen selbst. Nicht weniger erstaunte Heggelund, dem Morten hiervon Mitteilung zu machen sich verpflichtet erachtete, da jener ja für seine Zukunft gesorgt hatte. Aber der Ton in dem Briefe war nicht allzu glücklich. Er hatte hauptsächlich als Grund angegeben, daß er sich nach dem Nordland zurücksehnte und dabei zugleich mit einigem Selbstgefühl das Vertrauen ausgedrückt, daß es ihm sicherlich gelingen würde, dort gute Geschäfte zu machen. Am wenigsten fiel jedoch der Schluß des Briefes auf guten Boden. Nachdem er seine tiefe Dankbarkeit ausgedrückt hatte, sprach er schließlich etwas plump die Hoffnung aus, daß es ihm einmal glücken möchte, in die Lage zu kommen, die es ihm gestattete, für das viele Gute, das er bei Heggelunds empfangen, Ersatz zu leisten. Letzteres berührte, wenn auch auf verschiedene Weise, sowohl bei ihm als auch bei seiner Tochter schmerzliche Saiten. Seiner verletzten Empfindlichkeit machte Heggelund in der ärgerlichen Bemerkung Luft, er sähe nicht den geringsten Verstand darin, daß ein mittelloser Anfänger so ohne weiteres heraufkäme und sich auf der ersten besten Landzunge niederließe. Edel hatte ihre resignierten Träume in Bezug auf Morten Jonsen gehabt. Wie man sich erinnert, hatte das junge Mädchen schon, als er noch in ihrem Hause war, entdeckt, daß er Liebe zu ihr empfände; aber zum Bewußtsein ihrer eigenen Gefühle war sie erst bei seiner Abreise gelangt, – in jener Nacht, als sie oben auf dem Gange mit Jungfer Dyring zusammentraf. Seitdem war ihr dieses Gefühl klarer geworden, und sie hatte dasselbe so zu sagen in ihr inneres Leben aufgenommen. Edels Instinkt ließ sie nun ahnen, daß sie bei seinem plötzlichen und auffallenden Entschlusse selbst eine Rolle spielte – und einen Augenblick war sie bei dem Gedanken vor Freude errötet. In ihrem Innern war sie schon längst darüber im klaren, daß sie – wenn die Umstände es so mit sich gebracht hätten, imstande gewesen wäre, ihm ohne Rücksicht auf ihre verschiedenen Lebensverhältnisse die Hand zu reichen. Denn sie sah ein, daß ihn nur der Gedanke an diese abgehalten habe, einen Schritt zu ihrer Erlangung zu versuchen. Aber sie war sich endlich auch darüber klar geworden, daß im Grunde ein Mangel an Zutrauen zu ihr die Scheidewand aufgerichtet habe. Infolge der Vorfälle in ihrem Hause erschien seiner Hoffnung ihr gegenseitiges Verhältnis so verändert, daß er darauf seinen entscheidenden Entschluß gebaut hatte. Aber durch jene Vorfälle war Edel ein armes Mädchen geworden. Als sie in ihrer Kindheit beständig auf dem Comptoir saß, entstand schon früh der Gedanke in ihr, daß sich der Vater mit einer Sorge, die er verhehlen möchte, trüge; und so unklar ihr auch die nähere Beschaffenheit derselben war, überzeugte sie sich doch nach und nach, daß Stuwitz die Ursache dieses Seelenleides wäre. Mit den gelegten Rechnungen, die er Stuwitzen ohne jegliche Prüfung unterschrieb, entstand auch seine Schwermut; wenn sie aber bei ihm am Pulte stehen oder sich auf seinen Schoß setzen konnte, schien es ihn zu erleichtern. Aber sie merkte auch, daß sie vor der Mutter kein Wort davon erwähnen durfte. Von einer solchen Scene, – bei der aber diesmal sein Kummer so überwältigender Art war, daß sie erschrak, – war Morten kurz vor seiner Abreise nach Bergen unerwartet Zeuge gewesen. Was ihn damals so schmerzte, war jenes erwähnte bedeutende Darlehn, welches aufgenommen werden mußte und so großes Gerede verursachte. Stolz war nun einmal eine Heggelundische Familienschwäche. Als im Hause die Subhastation der Grundstücke stattfand und der Handelsplatz Stuwitzen zugeschlagen wurde, hatte sie aus dem Fenster auf die Volksmenge herabgeschaut, die dichtgedrängt zum Laden hingeströmt war, und gefühlt, daß ihr Haus in dieser Stunde zusammenbreche. Der Brief erfüllte ihr Gemüt mit Bitterkeit. In einem Stücke, in dem gerade eine stolze Frau tief verletzt werden kann, nämlich im Vertrauen auf den vollgültigen Adel ihrer Liebe, fühlte sie sich persönlich unterschätzt. So lange sie selbst die Überlegene war, ließ es sich gewissermaßen ertragen; – es war ja noch immer kein klares Verhältnis gewesen, und ihr Auftreten hatte es einst vielleicht selbst veranlaßt; aber jetzt, nachdem sie arm geworden – nicht um alles in der Welt! Dreizehntes Kapitel. Die Rückkehr. Auf der Rückreise hatte Morten Jonsen noch vorläufig mancherlei zu besorgen. Es waren Vorbereitungen und Wareneinkaufe nötig. Ehe er sich in der Heimat niederließ, mußte er noch mehrere Gegenden besuchen. Ein Geschäft bei Heggelund hatte er nicht, denn mit Stuwitz wünschte er nicht in Handelsverbindungen zu treten. Aber als er dort in die Nähe gekommen war, stieg der Wunsch, Edel wiederzusehen, doch heftig in ihm auf. Die Gründe, weshalb er nicht dorthin reisen solle, die ihm bisher so klar vor der Seele gestanden hatten, und deren wichtigster der war, daß es ihn mit Schmerz erfüllte, noch in derselben untergeordneten Stellung, in der er damals das Haus verlassen, wieder zu erscheinen, – traten immer mehr vor dem versuchenden Gedanken zurück, in ihre Nähe zu kommen. Während er mit sich selbst kämpfte, stieg nach und nach noch etwas anderes in seiner Seele auf, das entscheidend wurde. Er empfand ein beklemmendes Gefühl bei dem Gedanken, ihr gegenüber zu treten. Wie würde sie ihn ansehen, wie ihn grüßen? Vielleicht würde ihre Miene sagen, daß er in einem wahnwitzigen Traum gelebt hätte – kurz, er fühlte zuletzt, daß er um der Hoffnung willen, in der er lebte, dorthin müßte. Jetzt schien es ihm fast, als ob er nur hinaufreiste, um die ganze Seifenblase platzen zu sehen. Unter allerlei Vorwänden vor sich selbst, zögerte er ängstlich den ganzen Tag, sodaß er erst des Abends nach Schlafenszeit ankam. Jungfer Dyring befand sich auf ihrer gewöhnlichen späten Wanderung; sie hätte bald das Licht fallen lassen, als sie im Gange unerwartet Morten traf, der eben seine Reisekleider aufhängte. Bei einem einsamen Licht in dem großen Zimmer, von dem er sich so viele lebhafte Erinnerungen bewahrt hatte, gab sie ihm eine wehmütige Schilderung der gegenwärtigen Verhältnisse. Stuwitz in dem kleinen roten Hause unten am Strande war jetzt Herr des Geschäftes; – er hatte selbst Hypotheken darauf gehabt. Er war noch immer der Alte und lebte in seiner geizigen Weise nach wie vor weiter, mit dem Hunde und dem Knechte des Nachts auf dem Flur schlafend, denn er glaubte sich noch immer von Dieben bedroht. Neulich hatte er sogar Heggelund, ohne erst zu fragen, eines seiner Wirtschaftsgebäude, welches seiner Behauptung nach ihm gehörte, zum Warenlager fortgenommen. »Ja, es sieht übel aus,« – schloß sie, indem sie sich einem Ausbruch von Kummer überließ – »und die bedauernswerte Edel, – sie ist jetzt ein armes Mädchen! – Gottlob, daß die Schwester so gut verheiratet ist, denn sie hätte nicht die Kräfte gehabt, es zu tragen.« In ihrer neugefalteten Nachtmütze saß sie sauber und zierlich wie immer da; aber sie hatte ein tiefes Verlangen, ihr bedrücktes Herz auszuschütten und strich dabei unwillkürlich über Krausen und Falten. »Können Sie sich, Jungfer Dyring« – sagte Morten mit einer eigentümlich ernsten Betonung – »des letzten Abends erinnern, als wir zusammen in diesem Zimmer saßen – und Sie mich auf die Zukunft verwiesen?« Das Gesicht der Jungfer Dyring sah nicht aus, als ob sie große Hoffnung aus diesen Worten schöpfte. »Jetzt, Jungfer Dyring, will ich Ihnen eins anvertrauen,« – fuhr er nach einer kleinen Pause fort. – »Alles, was ich jetzt vorhabe und was mich beschäftigt, geschieht nur im Hinblick auf das Ziel, einmal Edel zu gewinnen.« Jungfer Dyring sah den jungen Mann überrascht an. Ihr etwas langsamer Gedankengang gebrauchte Zeit, um sich zu sammeln, und sie betrachtete ihn dabei mit einem wechselnden Ausdruck. Seine männliche Erscheinung konnte wohl Vertrauen einflößen. Ihre Miene sprach auch dieses Urteil aus, indem sie auf ihren eigenen Gedanken weiter eingehend sagte: »Ja, – wir müssen uns auf die Zukunft verlassen.« Ihre Ansicht gab die alte Vertraute auf ihre Weise dadurch zu erkennen, daß sie ihm das beste Gastzimmer des Hauses anwies, welches Morten nach langer Weigerung endlich annahm, weil er einsah, daß er ihr dadurch eine Freude bereite. Morten Jonsen war am folgenden Morgen früh auf und fand sich sorgsam gekleidet unten im Wohnzimmer ein, noch ehe ein Mitglied der Familie daselbst erschienen war. Er war bleich und kalter Schweiß war auf seiner Stirn, während Jungfer Dyring dann und wann eine Bemerkung fallen ließ und die Vorbereitungen zum Frühstück traf. Absichtlich hatte sie von seiner Ankunft nichts gesagt, da sie wünschte, dieselbe sollte eine Überraschung sein. Die Thür öffnete sich und Edel schritt schnell in das Zimmer hinein. Sie hatte ihn, als er grüßte, nicht sogleich gesehen, und rief, plötzlich stehen bleibend, überrascht aus: »Morten! – – Seien Sie uns bei Ihrer Rückkehr willkommen!« – fügte sie etwas gesammelter hinzu. Aber ein plötzlicher Freudenstrahl war doch in ihren Augen und er ließ sich ebensowenig wie die Röte, die noch ihr Gesicht übergoß, zurückdrängen. Unter der gegenseitigen Verwirrung fielen einige Worte, deren sich keines von ihnen später mehr erinnerte, und dann zog sich das Gespräch, bis Heggelund kam, ganz förmlich hin, unter den gewöhnlichen leichten Fragen über seine Reise, sowie über die allgemeinen Verhältnisse. Aber Jungfer Dyring bemerkte, daß keiner von ihnen während des Frühstücks etwas aß. Sie hatte so ihre eigenen Gedanken. Er fühlte sich freundlich aufgenommen, obgleich bei der Erinnerung an seinen Brief sowohl Edel als auch ihr Vater nach und nach wieder einen zurückhaltenderen Ton angenommen hatte. Zugleich fiel es ihm auf, daß sich keiner von ihnen auch nur mit einem einzigen Worte nach seinen Plänen erkundigte, während Heggelund doch freundlich voraussetzte, daß er jetzt eine Zeit lang bei ihnen bleiben werde. Heggelund war unter dem Mißgeschick, das ihn getroffen hatte, sichtlich älter und gebeugter geworden, Edel aber schien sich für seine Pflege völlig aufzuopfern. Er war kränklich und kam einige Tage nicht von dem Comptoir herab, das ihm zugleich als Schlafzimmer diente. Dann saß Edel dort oben so ziemlich den ganzen Tag und las ihm vor oder leistete ihm Gesellschaft, indem sie seine finstere trübsinnige Gemütsstimmung zu zerstreuen suchte. Unter diesem einförmigen Leben hatte Edel oft das drückende Gefühl gehabt, als ob sie ein Vogel in einem Käfig wäre. Die Sehnsucht, in die Welt hinauszukommen, regte sich oft stark in ihr; aber dann suchte sie sich doch immer damit zu trösten, daß sie noch ein Werk daheim auszurichten habe. Nachdem Worten Jonsen geschrieben, er würde nach dem Nordlande zurückkehren, wurde sie von dergleichen Gedanken nicht mehr heimgesucht; – das Leben in der Heimat hatte plötzlich wieder Fülle und Interesse für sie erhalten. Morten hatte eine sehr wehmütige Ahnung von den veränderten Verhältnissen am Orte. Es herrschte dieselbe geschäftige Regsamkeit wie früher, denn unten am Speicher und im Laden ging alles in dem alten Gange weiter; er sah Stuwitz und die Ladendiener in die Warenlager hineingehen und wieder herauskommen, und am Hafen war alles in Thätigkeit. Aber oben am Hauptgebäude war es jetzt wie ausgestorben, und nur einige Dienstmädchen, sowie dieser oder jener Bettler, waren dann und wann im Hofe zu sehen. Im Hauswesen hatten auffallende Einschränkungen stattgefunden, und die Ladendiener standen jetzt in Stuwitzens Brot. Beim Mittagsessen saßen um einen ganz kleinen Tisch Heggelund, Edel, der alte Onkel Tobias, Jungfer Dyring und er – ein großer Unterschied gegen früher. Onkel Tobias war durch Mortens Ankunft augenscheinlich angenehm berührt; aber er schien sich absichtlich aller Äußerungen über die Angelegenheiten des Hauses zu enthalten. Er wurde aufgeräumt und lachte in seiner halb versteckten Weise, als Morten nach Tische, da sie allein waren, an seinen Lehnstuhl trat und scherzend seine Pfeife ebenso anzündete, wie er es am ersten Abend nach seiner Ankunft im Hause gethan hatte. Onkel Tobias erinnerte sich dessen recht gut und verlangte eine Nachricht, was Morten vorhätte und mit welchen Plänen er sich trüge; was derselbe ihm denn auch in aller Kürze erzählte. »Flink, mein Junge, – flink, mein Junge!« – sagte Onkel Tobias, indem er ihm seine stets erloschene Pfeife hinhielt, um neues Feuer zu bekommen. Eine Weile saß er, in seine eigenen Betrachtungen versunken, still da und bemerkte dann etwas unerwartet: »Hm! – Edel ist ein schönes Mädchen, Morten Jonsen.« Dies konnte Morten nicht in Abrede stellen, allein er unterließ doch, auf die Sache näher einzugehen. Nachmittags erzählte ihm Jungfer Dyring vom Tode der Frau Heggelund im Winter vor zwei Jahren. »Ja,« – sagte sie mit einem schweren Seufzer – »sie erfuhr, was ihr das Leben nahm.« »Es war zu Neujahr, und die Hausfrau war damals wohler, als sie lange gewesen. Eines Tages stand sie in dem grünen Zimmer vor dem Comptoir und nahm Tischzeug aus dem Wäschschranke; – es sollten binnen kurzem Fremde ankommen. Stuwitz saß mit ihrem Manne drinnen bei den Rechnungen, wie sie immer zu dieser Jahreszeit zu thun pflegten. Ich ging unten hin und her und hörte, daß sehr laut gesprochen wurde; namentlich klang Heggelunds Stimme sehr erregt; aber auch Stuwitz antwortete kurz und barsch. Da hat die Ärmste klar genug gehört, wie die Sache stand; denn damals wurde auf den Handelsplatz eine Hypothek aufgenommen. »Nach Stuwitzens Aufbruch war sie eine lange Zeit bei Heggelund auf dem Comptoir, und der arme Mann hielt sich dann den ganzen Tag im Geschäftslokale eingeschlossen. »Die Frau sah seltsam blaß aus, als sie mich nachmittags zu sich beschied. Sie hatte bis dahin ganz allein auf dem Sofa im Kabinette gesessen, und ich hatte sie mehrmals darin gesehen, da ich vielerlei mit ihr zu besprechen hatte, sie aber nicht zu stören gewagt. Als ich jetzt erschien, begann sie mir ausführliche Auskunft über die Wäsche und das Tafelgedeck und alles feinere, was sie stets selbst besorgte, sowie die nötigen Befehle hinsichtlich eines kranken Dorfarmen zu erteilen, deren sie sich ja, wie Sie wissen, stets persönlich annahm.« In tiefer Rührung mußte Jungfer Dyring hier einen Augenblick ihre Erzählung unterbrechen, bis sie etwas gefaßter fortfuhr: »Darauf übergab sie mir das große Schlüsselbund, das sie immer am Gürtel trug. Sie müssen es übernehmen, Jungfer Dyring,« sagte sie, »denn ich bin krank, ich muß mich niederlegen; weiß Gott, ob ich wieder aufstehe.« »Ich wandte nichts ein, denn es lag eine so große Feierlichkeit in ihrem Wesen. Sie sah so ruhig und stolz aus, wie bei manchen Gelegenheiten; aber in ihren Augen und über ihr Gesicht lag, während sie mir diese Aufträge gab, etwas gebreitet, das mich die ganze Nacht vor Kummer nicht schlafen ließ. Ehe sie nach oben ging, um sich niederzulegen, blickte sie einen Augenblick schweigend im Zimmer umher. – Dann lag sie vier Tage da, ohne ein Wort zu sprechen. »Am letzten Morgen deutete sie auf den Schlüssel zu dem Schranke, in dem die Laken lagen, in welche sie gehüllt zu werden wünschte, und schenkte mir ihre goldene Uhr, die auf dem Nachttische lag. Dann rief sie mehrmals die Namen »Edel« und »Hansine«. Als die Hausleute hinauf sollten, um Abschied zu nehmen, flüsterte sie, indem sie wie sie zu thun pflegte eine gebieterische Bewegung mit der Hand machte, daß sie Stuwitz nicht sehen wollte. Mit ihrem weißen Haar lag sie wie eine Königin auf dem Paradebette gegen ihre Kissen gelehnt da, während die Leute und die alten Armen leise durch das Zimmer schritten. Der Probst Müller war bei ihr, und da durfte Heggelund ihre Hand faßten. Sie hatte gehört, daß er hinter dem Bettvorhange weinte. »Ich stützte sie, während sie ihren letzten Seufzer ausstieß, und« – schloß die Jungfer Dyring in tiefer Rührung – »sie hätte wohl eine Königin sein können; solch eine Ehre war es, sie zur Hausmutter zu haben, und gegen die, zu denen sie einmal Vertrauen gefaßt hatte, war ihr Herz treu wie Gold.« Morten bewegte das tief. Er dachte an all die Trauer, die über dieses früher so fröhliche Haus hereingebrochen war, und an Edel, die alles auf ihren ungewohnten Schultern hatte tragen müssen. Ihr Aussehen hatte in den verflossenen Jahren entschieden gewonnen, und zwar nicht bloß in Morten Jonsens parteiischen Augen. Das üppige, reiche Haar und die dunklen Augen verliehen ihrer vielleicht etwas bräunlichen Gesichtsfarbe eine eigene Schönheit, und die Art und Weise, wie sie ihren Kopf trug, gab ihrer Haltung eine eigentümliche Anmut. Das Unglück und ein bewegtes inneres Leben hatten ihr Gesicht beseelt und ihm ein für ein junges Mädchen ungewöhnliches Gepräge von Bedeutung und Charakter verliehen. Vielleicht lag darin – als Erbteil von der Mutter – ein etwas zu starker Wille. Morten Jonsen trat offenbar nicht als der sich seiner Überlegenheit bewußte Freier auf, wie er vor ihrer erbitterten Phantasie dagestanden hatte, und dem sie mit ihrem ganzen verletzten Stolze begegnet wäre. Daß er gerade jetzt ihre Nähe aufgesucht hatte, widersprach allem, was sie sich über ihn vorgestellt hatte, und ihre im Geheimen leidenschaftliche Natur hatte ein reumütiges Verlangen, das Unrecht, welches sie ihm in ihrem Innern zugefügt hatte, gleichsam abzubitten. Das etwas Kühle, das sich gleich nach dem Wiedersehen über Edels Wesen gebreitet hatte, ging in den folgenden Tagen nach und nach in ein offeneres, natürlicheres Verhalten über. Sie gehörte nun einmal zu den Naturen, die eine Ringmauer um sich haben und deshalb immer etwas zurückhaltend sind. Allerdings waren auch gewisse Dinge im Wege. Ungewohnt, wie sie es war, das Urteil der Welt über sich ergehen zu lassen, fühlte sich das junge Mädchen schmerzlich von dem Gedanken berührt, was er wohl im stillen über all die veränderten Verhältnisse in ihrem Hause denken möchte. Ein natürliches Benehmen oder ein richtig angebrachtes Wort von seiner Seite hätte sie davon befreit; aber dazu war Morten nicht unbefangen genug. Was sie beide am meisten anging, kam deshalb nie zur Sprache. Morten Jonsen merkte, daß sie absichtlich die Erwähnung seiner Lebenspläne unterließ, und selbst wollte er sie nicht zum Gegenstande des Gespräches machen. Und doch dauerte es nicht lange, bis diese beiden, die täglich nur eine etwas gesuchte allgemeine Unterhaltung führten, über ihre gegenseitigen Gefühle im klaren waren. Zur Frühstückszeit kamen sie täglich eine gute Zeit vor den andern in das Eßzimmer hinab, und es traf sich so, daß sich die beiden oft im Wohnzimmer zu Zeiten, wenn kein anderer zugegen war, begegneten. Natürlich geschah es von beiden Seiten ganz zufällig, und sie war stets mit Arbeiten beschäftigt; aber der Gedanke allein zu sein, hatte für beide etwas Berauschendes. Eines Nachmittags war sie ausgegangen, um nach Elias Rost, der erkrankt war, zu sehen, und Morten hatte versprochen, sie abzuholen. Sie wanderten im schönen Mondschein, der Gebirge und Sund versilberte. Aber auf dem ganzen Wege hatte niemand von ihnen ein einziges Wort gesprochen. Als sie sich auf dem Gange trennten, sagte er plötzlich: »Es dauert nun nicht mehr lange, dann muß ich hinaus und das Glück versuchen – Fräulein Edel!« Auf Heggelunds Einladung hatte sich Morten eine Woche im Hause aufgehalten und mußte jetzt seine Geschäftsreise antreten. Sonst hatte er jeden Abend lange wach gelegen und überdacht, was am Tage geschehen war; aber die letzten Nächte wachte er aus einem andern Grunde. Er fühlte sich mächtig versucht, ihr seine Liebe auszusprechen, und hatte es einmal sogar so gut wie beschlossen. Aber da erhoben sich nach und nach Gedanken, die in diesen Tagen auf unbegreifliche Weise eingeschlafen waren: – sein alter Stolz der Familie gegenüber, zu der er als armer Fischerknabe gekommen war. In stets hellerem Lichte sah er das Demütigende in einem solchen Schritte, so lange er sich nicht erst in den Augen der Welt das Recht dazu durch eine errungene Lebensstellung erkämpft hatte. Was würde Heggelund dazu sagen? Und Edel, – was würde sie selbst über einen solchen besitzlosen Freier denken, der auf teilweise nebelhafte Aussichten hinwies, an die niemand glaubte? Schließlich wurde es ihm klar: sollte jemand eine solche Stellung in der Welt einnehmen, – so müßte dessen Name jedenfalls nicht Morten Jonsen sein. Am Morgen erklärte er bestimmter, als Edel gedacht hätte, daß er noch vor Mittag abzureisen beabsichtige. Am Vormittage saßen sie allein im Wohnzimmer; das Gespräch wurde nur mit Unterbrechungen geführt und Morten berührte zum erstenmale seine Pläne. Seine Stimme klang so eigentümlich, daß Edel fast bebend da saß und nähte. Sie hatte einsilbig geantwortet. Um doch etwas zu sagen, fragte sie mit einemmale an eine seiner Äußerungen anknüpfend: »Aber weshalb verließen Sie denn Bergen?« »Weil ich, Fräulein Edel,« – versetzte er, als ob er endlich seinem Herzen Luft machen wollte – »es nicht aushalten konnte, länger entfernt zu leben von – von –« Errötend beugte das junge Mädchen sein Antlitz dicht auf das Nähzeug herab, denn es erwartete dasselbe, was ihm auf den Lippen schwebte, nämlich das kleine Wort »Ihnen«. Unwillkürlich beugte sie sich herab wie jedes Weib, sobald es den entscheidenden Schuß von Amors Bogen wahrnimmt. So nahe Morten Jonsen auch daran war, sprach er dieses Wort doch nicht aus. Er blieb seinem einmal gefaßten Entschlusse treu und endete den Satz mit der Erklärung: »– vom Nordlande.« Es entstand eine drückende Pause; Edel sprach einige gleichgültige Worte, wobei sie jedoch etwas verändert aussah. Sie hatte seine Erklärung in vollem Ernste erwartet, hatte gefühlt, daß sie erfolgen sollte – und daß er sie nur mit großer Anstrengung unterdrücke. Als Morten in dem Boote saß, das ihn aus dem Sunde fuhr, empfand er ein hohes Glück. Er hatte die Gewißheit, geliebt zu werden, und die Pläne, die er jetzt so bald wie möglich auszuführen trachtete, hatten einen Rosenschein erhalten. Nur wunderte es ihn doch, daß Edel seinen letzten Gruß von der Landungsbrücke, der ihr besonders gegolten, nicht bemerkt hatte. Aber das junge Mädchen vergoß des Abends im stillen bittere Thränen. Edel hatte das kränkende, demütigende Gefühl, daß sie ihm weiter entgegengekommen wäre, als ihr Stolz zu ertragen vermochte. Denn sie sah ein, daß es doch so wäre, wie sie zuerst gedacht hatte: – er beabsichtigte erst dann seinen Antrag zu stellen, wenn er ihr in einer Lebensstellung, die ihr und ihrem Vater annehmbar erscheinen müßte, gegenübertrete. In seiner Dürftigkeit dachte er sich also sein Verhältnis zu ihr anders – und er hatte keine höhere Meinung von ihr, als daß die Sache auf sich beruhen müßte, bis seine Spekulationen geglückt wären. »Nun gut, Morten Jonsen,« – sagte sie sich betrübt – »werde reich, werde steinreich, und du sollst eine Antwort erhalten.« Jungfer Dyring trug unwissentlich das Ihrige dazu bei, den Stachel noch tiefer hineinzudrücken. Sie hatte eingesehen, daß nicht alles war, wie es sein sollte, und bemerkte eines Tages wie zufällig, um ihren Liebling in ein gutes Licht zu stellen: »Sehen Sie, Fräulein, er ist ein Mann, auf den man sich verlassen kann; er will es zu einer sicheren Zukunft bringen!« Wie Edel dieses Wort »Zukunft« – so angewandt – haßte! Der äußere Grund, welcher Morten Jonsen zur Beschleunigung seiner Abreise bewogen hatte, bestand darin, daß er noch hoffte die Familie Nutto während ihres gewöhnlichen Sommeraufenthalts auf der Insel Skorpen treffen zu können. Als er jetzt nach sieben bis acht Jahren an einem stillen Sommerabend an der Anlegestätte der Boot ???in seiner Heimat, unweit der kleinen Hütte oben in der Felskluft, landete, hatte er das sonderbare Gefühl, daß das Haus doch weit kleiner wäre, als er sich vorgestellt hatte. Das silberhelle weite Meer, die Gebirgswand drüben auf dem festen Lande, die jetzt bläulichrot in der Abendsonne dastand, und alle die übrigen Umgebungen besaßen eine mächtige Schönheit, die er mit tiefer Bewegung wiedersah. – War es doch das Gemälde aus seiner Kindheit. Um durch seine Ankunft zu überraschen, war er mit dem Boote dicht am Ufer entlang gefahren und fragte sich, ob wohl eine kleine Schafherde, die er oben auf der Felshöhe gesehen hatte, den Seinigen gehöre. Jetzt erblickte er seine Mutter, wie sie am Sommerabend draußen in der Hausthür mit dem Strickzeuge in der Hand und dem Garnknäuel auf dem Schoße zu sitzen pflegte. Den steilen Pfad mit wenigen Sprüngen hinauf eilend, stand er plötzlich an der Thürschwelle vor ihr. – Es dauerte einen Augenblick, bis sie ihren eigenen Augen trauend ihren Sohn umarmte – und noch länger, bis sie sich von der heftigen plötzlichen Freude wieder erholt hatte. Sein Vater befand sich noch auf einer längeren Fahrt und wurde erst in acht Tagen zurückerwartet. Dagegen sah er ein liebliches, hübsches, siebzehnjähriges Mädchen, das ihn mit mancher verwunderten Frage im Blick und anfangs etwas verlegen begrüßte, seine jüngere Schwester Christine, die jetzt erwachsen und das vollkommene Abbild ihrer Mutter in ihrer Jugend, wenn auch etwas kleiner, war. Von seinem Bruder Eilert vernahm er, derselbe habe es bei einem Kaufmann im Norden gut und befände sich auf bestem Wege. Am Abend, blickte ihn seine Mutter mehrmals forschend an, aber er sah so glücklich und fröhlich aus, daß sie sich beruhigte. Während sie spät am Abend allein bei einander auf den Steinfließen saßen, erzählte er ihr, daß er seine Stelle in Bergen aufgegeben hätte, – ein Ereignis, worüber sie die Hände zusammenschlug – und entwickelte ihr darauf seinen Plan, hier auf Finnäs ein neues Geschäft zu gründen. Er gedachte je eher desto lieber damit anzufangen, so lange die Finnen noch auf der Insel wären, und sie dann nach Karasuando in Schweden zu begleiten, um die beabsichtigten Handelsverbindungen anzuknüpfen. Gleich nach Ankunft eines Bootes mit allerhand leichtverkäuflichen Waren wie Kaffee, Zucker, Tabak u. s. w., welches er erwartete, wollte er in einer Weise beginnen, die nichts Auffallendes für sie haben würde; er wollte nämlich das auf dem Lande umgekehrte Boot als Laden benutzen. Die Hauptsache wäre indessen, den Kwänen und die Familie Nuttos zur Abtretung des nötigen Bodens auf Finnäs zu gewinnen. Schweigend saß Marina da und hörte ihrem Sohne zu. Sie vermochte seine Pläne nicht zu beurteilen; aber in dem allen war ein Punkt, über den sie sich den Kopf zerbrach, nämlich, weshalb er dies alles wolle, da er in Bergen doch eine so ausgezeichnete Stelle gehabt hatte. Er las auf dem Gesicht seiner Mutter, was sie dachte, und vertraute ihr an dem stillen, halbdunklen Abend seine ganze Liebe zu Edel Heggelund an. Jetzt verstand sie mit einemmale alles und stimmte mit vollem Herzen dem Unternehmen des Sohnes bei; nur meinte sie lächelnd, er hätte drüben zu Heggelunds wohl noch eine schönere Reise antreten können. Als der Sohn ihr seine Gründe entwickelte, antwortete sie nicht. Als Mutter teilte sie seinen Stolz; aber in Edels Seele fühlte sie, daß sie doch wohl einer andern Ansicht gewesen wäre. Marina brauchte die ganze Nacht, um einige Klarheit über dies alles zu erlangen. Sie sah ein, daß hier anfangs ihre Hilfe von entscheidender Bedeutung sein könnte, um ihrem Sohne Eingang bei den Finnen zu verschaffen. Schon am nächsten Nachmittag saß sie, von neuem und altem freundlich plaudernd, unten im Zelte des Mathis Nutto bei einer Tasse Kaffee von Bohnen, »die ihr Sohn selbst mit nach Hause gebracht hätte«. Das Gespräch kam zufällig auf die Tage, in denen Lyma, die Tochter des Kwänen, und Morten so gute Freunde gewesen wären, und den Kwänen und Mathis fiel es wieder ein, wie Marina Lyma und deren Mutter – die erste Mutter des Kwänen und die Tochter des Mathis – draußen auf der Schär gerettet hatte. An einem andern Tage erwähnte sie bei einem ähnlichen Besuche zufälligerweise, ihr Sohn hätte ein Boot mit Waren mitgebracht, mit denen er zu handeln gedächte; sie bemerkte jedoch, daß es für einen Anfänger in hiesiger Gegend gar nicht so leicht wäre, so lange Stuwitz wie ein Habicht gegen alle auf der Lauer läge. Das war ein Stichwort, welches, wie sie wußte, bei ihnen, wegen ihrer alten Feindschaft mit ihm, sicherlich anschlug und zugleich auf Wahrheit beruhte, denn Stuwitz war dafür bekannt, daß er beständig gegen Konkurrenten zu Felde zog und jedes Mittel zu ihrer Vernichtung benutzte. Diesmal hatte sie ein Bündel Geschenke bei sich, die Mathis für Lyma von Morten mit nach Schweden nehmen sollte, und er selbst erhielt dabei für seine Mühe einige Pfund Tabak. Marina wurde es leicht, Menschenherzen zu gewinnen, und hier benahm sie sich überdies klug und gewandt. Als Jon Zachariasen nach Hause kam, fand er zu seiner unendlichen Überraschung, wie sein heimgekehrter Sohn in seinem improvisierten Laden unter dem umgestülpten Boote unweit der Erdhütte des Kwänen lebhaft kaufte und verkaufte. Bereits hatten sich nicht wenige Lappländer eingefunden, um Tauschhandel zu treiben, und am Strande lagen einige Boote mit Leuten, die das Gerücht von dem festen Lande hierher geführt hatte. Jon gab seinem Sohne nicht weiter zu verstehen, was er über den von ihm gethanen Schritt oder über sein Vorhaben im allgemeinen dächte. Aber Marina gegenüber sprach er seine Unzufriedenheit aus und erklärte, es stecke nicht viel darin, das Sichere für etwas wegzuwerfen, von dem noch niemand das Ende wüßte; »sein Sohn wäre aber jetzt erwachsen und gelehrter als sein einfacher Vater, – deshalb müßte er sich selber zu helfen wissen.« – Als sie ihm nun anvertraute, was sie über die Ursache wußte, wurde er zwar etwas milder gestimmt, meinte aber doch, wenn das feine Fräulein Morten ihn nicht in der Stellung, die er einmal hatte, nehmen wollte, so lohnte es sich nicht, Jagd auf sie zu machen. Sein stilles Herz empörte sich gegen sie, weil sie dies alles veranlaßt hatte, und er war gegen Marina öfter etwas ärgerlich, weil er fühlte, sie dächte anders. Einmal bemerkte er, »in dem allen läge doch zu viel Hochmut, als daß man rechtes Vertrauen dazu haben könnte«. Die Preise, die Morten Nutto für Häute gegen Tauschwaren im nächsten Sommer bot, gefielen diesem in so hohem Grade, daß derselbe ihm eines Tages selbst vorschlug, ihn nach Karasuando zu begleiten, wo er Häute im Überfluß finden würde. Morten hatte in dieser Zeit gleichwohl manche Sorge, die er seinen Eltern nicht anvertrauen mochte. Seine neue Einrichtung war noch sehr unvollkommen; bald ging ihm die eine und bald die andere Warenart aus, während doch das Geschäft regelmäßig fortgeführt werden mußte, damit die Leute nicht abgeschreckt wurden und Mißtrauen faßten. Das Kauffahrteischiff, mit dem er etwas größere Vorräte aus Drontheim erwartete, legte bei der Insel Skorpen erst im letzten Augenblicke an, als er schon verzweifelt dachte, er müßte in einigen Tagen die Leute wieder fortschicken, weil der Laden leer war. Den Kwänen hatte er schon zu der Abtretung von Finnäs gegen eine jährliche Pacht und andere Vorteile ???betrogen – wenn er dazu noch die Einwilligung Mathis Nuttos und seiner Söhne erhielte. Schon nahte der Herbst und die Lappländer zogen bereits langsam das Gebirge hinauf der Grenze zu, als eines Tages zu seiner unendlichen Erleichterung sein Bruder Eilert eintraf und die Leitung des Geschäftes auf Finnäs übernahm. Schon den folgenden Tag war er reisefertig. Sein Felleisen hatte er mit verschiedenen Artikeln aus dem Laden, mit Spiegeln, Taschentüchern und ähnlichen Gegenständen gefüllt, die er, wenn alles gut ging, als Geschenke benutzen konnte, und am Nachmittage war er bereits über den Sund gesetzt und hatte die Reise auf dem festen Lande angetreten. Vierzehntes Kapitel. Die Reise durch Lappland. Silber-Sara. Nach einer mehrtägigen, anstrengenden Fußwanderung traf Morten eines Abends als Gast im Zelte Mathis Nuttos ein. Geld hatte er nur wenig bei sich, da das meiste zur Betreibung des Geschäftes verwandt werden mußte, auch hoffte er ungefähr zu Weihnachten wieder zu Hause zu sein, um dann das Nötige selbst zu ordnen. Für sein Vorhaben hoffte er in Mathis Nutto eine Stütze zu gewinnen und in Lymas Mann in Karasuando eine andere ebenso einflußreiche. Verkauften ihm die beiden Familien ihre Pelzwaren, so würden diesem Beispiele viele folgen und Finnäs ein Stapelort werden. Der Zug mit den zwölfhundert Renntieren und den vielen buntgekleideten Menschen, die zu den vier Haushaltungen der Familie Nutto gehörten, ging in Herbstnebel und feuchter Witterung erst immer das Thal entlang und dann, nach und nach, über die einsame Gebirgswüste. Draußen auf diesem unendlichen Steinmeere richtet sich der Lappe mit seinem wunderbaren Instinkte nach seinen alten von Kindesbeinen an bekannten Kennzeichen, nach dem Vorkommen des Mooses, das stets auf der Südseite der Steine wächst, und nach den Sternen. »Die Nordnadel«, »die Jungfernschar«, »die Bogen« und »das Schiff« sind seine Namen für den Nordstern, das Siebengestirn, den großen Bären und den Orion. Nebst dem Morgen- und dem Abendstern bilden diese die leuchtenden Punkte auf seiner blauen Himmelskarte. Der wellenförmige Granitberg hat auf seiner Spitze bisweilen einen oder den anderen auffallend geformten Stein, den die Lappländer nach den vielen umherliegenden Renntierhörnern zu schließen angebetet haben müssen. Ein solcher, an dem sie schweigend vorüberzogen, erhielt denn auch, von Morten ungesehn, heimlich seinen Tribut von Mathis Nutto, der, obgleich Christ, doch die Verehrung des Lappengottes nicht unterließ und die Sitte der Väter treu befolgte. Eine alte, seltsame Frau, die sich dem Zug bei der Wanderung durch das Thal angeschlossen hatte und eine sonderbare Tracht mit allerlei silbernem und messingnem Besatze trug, – um die Hüfte hatte sie einen breiten Silbergürtel – kniete in weiter Entfernung vor dem Steine nieder, dem sie sich als Frau nach altem heidnischen Glauben nicht nähern durfte und trieb ihr Gebärdenspiel schon weit offener. Sie wurde Silber-Sara genannt, wanderte fast immer umher und wurde als Wahrsagerin betrachtet, die sich auf allerlei Künste verstand; weshalb sie auch von vielen im geheimen um Rat gefragt und allgemein gefürchtet wurde. Der Zug ging weit über das Gebirge. Es galt nämlich Weideplätze zu finden, die in den letzten zehn, fünfzehn Jahren nicht abgeweidet waren. Denn so viel Zeit gebraucht das Moos, um wieder zu wachsen, und in jeder solchen Gegend rastete man gern mehrere Tage. Hin und wieder öffnete sich dann ganz unvermutet ein tiefes Thal, welches man erst, wenn man bis an dessen Rand gekommen, hatte sehen können – eine riesige Spalte in der Fläche des Hochgebirges. Unter ihren Füßen standen Zwergbirken zwischen dem Farrenkraut auf den Berghalden, mit den von der Mittagssonne zerteilten, herbstlichen Nebeln zwischen sich, während ihre hochstämmigen Schwestern in der Tiefe an dem stillen, klaren Herbsttage ihre gelbgewordenen Laubkronen in dem stillen, hellen See spiegelten, dessen Fläche sich nur kräuselte, wenn ein Fisch emporschnellte, oder ein Gebirgsvogel, von dem Lärmen und dem Rufen des herankommenden Zuges, oder von einer Lappenflinte erschreckt, dicht über ihn hinflog. In dieser späten Jahreszeit pflegt dem Lappländer seine Wanderung durch das Gebirge wegen häufigen Schneetreibens sauer und beschwerlich zu werden. Trotzdem sieht er gern, daß sich diese einstellen, damit sich der Schnee so früh wie möglich als warme Decke über die Moosfelder legen kann, bevor der Frost sie mit einer so dicken Eislage überzieht, daß die schaufelförmigen Hörner der Renntiere, mit denen sie den Schnee beiseite schieben, nicht durchzudringen, oder ihre Vorderfüße das Moos für sich und ihre Kälber nicht aufzuscharren vermögen. Diesmal schien leider ein solches Mißjahr eintreten zu sollen. Die bisher milde, wenn auch unbeständige Witterung hatte sich verändert. Nach den hellen, himmelblauen Tagen folgten kalte, stille Nächte, mit einem flimmernden Sternengewölbe und einem nur schwachen Nordlichtsaume über der endlosen Felswüste, durch welche sich der Zug jetzt Tag für Tag, in immer größerer Eile, bewegte. Wie kalt es des Nachts war, zeigte sich an den Sumpflöchern, die immer fester zufroren, und an dem dichten Reif, der über die Steine und die seinen Moosfäden seinen tausendfachen Farbenschimmer ergoß. Die Abend- und Morgenröte nimmt zu dieser Jahreszeit einen großen Teil des Tages mit ihren seltsamen, goldrändigen Wolken ein und verleiht allen Gegenständen ein eigenes, künstlerisches Kolorit. Unten in den Gebirgsthälern glänzten die Birken in der matten, tiefen Mittagssonne. Das Hindurchdrängen des Renntieres, eine zufällige Berührung beim Vorüberschreiten seines Herrn, oder bei dem Aufstiegen eines Schneehuhns nahm den weißen Zweigen den letzten Rest ihrer welken Blätter. In diesen bedenklichen Tagen schien Mathis Nutto in weniger guter Laune; es sah aus, als ob Silber-Sara augenblicklich bei ihm nicht in höchster Gunst stände. Er erzählte Morten eines Tages, seine verstorbene Frau hätte »Wetter machen« und in Nebel und Schneetreiben, wenn sich selbst der beste Gebirgslappe nicht zu helfen gewußt, den Weg zeigen können. Silber-Sara sah in dieser Zeit fast hexenartig wild aus, wenn sie in ihrer weiten Jacke mit den grauen Haarbüscheln um das gelbe eingefallene Gesicht, aus dem die Augen glühend hervortraten, gebückt auf den Stab gestützt, einherschritt. Sie hielt sich von den anderen zurück und konnte stundenlang vor sich hinsingen und murmeln. Selbstverständlich ahnte sie, was man jetzt von ihr erwartete, und daß ihr Ansehn sehr gefährdet wäre. Morten vermochte nicht klar zu erkennen, ob sie ihn eigentlich mit günstigen Augen betrachte. Am ersten Tage hatte sie freundlich geäußert, er wäre so offen und fröhlich, daß Glück auf seinem Gesichte geschrieben stände; aber jetzt zog sie sich von ihm zurück, und wie ihm einer von Mathis Nuttos Schwiegersöhnen mitteilte, hatte sie die Äußerung fallen lassen, der Fremdling würde der Reise nicht zum Heile gereichen. Er fing zu befürchten an, daß man ihm, wenn die Witterung anhielt, die Schuld an dem Eintritt des Frostes zuschreiben möchte. Eines Nachmittags hatte sie mit einemmale vor der Zeltthür des alten Mathis seltsame Gebärden gemacht; sie hatte den Runenstab in der Hand gehabt und einen baldigen Witterungswechsel vorausgesagt. Zugleich schien sie sehr aufgebracht gegen Mathis, der, wie sie behauptete, irgend einem Gebirgsgeist eine zu geringe Ehrfurcht erwiesen hätte. Am Abend wurden dann in Mathis Zelt einige Ceremonien vorgenommen, bei denen weder die Bewohner der anderen Zelte noch Morten Jonsen zugegen sein durften. Darauf wurde von sämtlichen Mitgliedern der Familie im Hauptzelte bis zum Schlafengehen Branntwein getrunken und gesungen. Der Branntwein unterließ nicht, auf die im Halbkreise um das Feuer Sitzenden seine Wirkung auszuüben; sie waren sehr lustig und Morten hatte den Eindruck, als ob ein Freudenfest gefeiert werde, über dessen eigentlichen Charakter man sich selber nicht recht klar war. Der alte Mathis saß die ganze Zeit über auf seinem gewöhnlichen Platze, von den andern etwas abgesondert, am Feuer und kaute an seinem kurzen Pfeifenrohre. Was für ein listiger Scharfsinn lag nicht in diesem echten Lappengesicht mit der breiten, niedrigen Stirn, den tiefen, braunen Augen, den vorstehenden Backenknochen und dem spitzen Kinne! Bei der Abendmahlzeit gab es außer dem Renntierfleisch und der gewöhnlichen Speise diesmal noch Extragerichte und Leckereien, die von den Schwiegertöchtern zubereitet wurden. Silber-Saras Aktien waren sichtlich wieder gestiegen, nachdem sie einen Witterungswechsel vorhergesagt. Indessen sah es am folgenden Tage, der ebenso kalt und hell wie der vorige war, nicht nach einem solchen aus. Auch war Silber-Sara in ihrem Wesen eigentümlich gereizt und unruhig, während die Gesichter der anderen offenbar von gespannter Erwartung belebt waren. Am Nachmittage schien sie jedoch wieder ruhiger und ihrer Sache sicherer. Am Abende, als einige der Leute, die nicht auf Renntierwache waren, sich um das Feuer lagerten und plauderten, lenkte Mathis das Gespräch auf den erwähnten großen Lars, den er auf der Insel Skorpen gekannt hatte. Bei dieser Gelegenheit erzählte Morten, wie dieser bei seinen Eltern gelebt hätte und daß derselbe der Genosse seiner Jugend gewesen wäre. Auf besondere Aufforderung erzählte er noch zuletzt das Nähere über seinen Tod. Seltsam war es zu sehen, wie Silber-Sara, die bis dahin im Hintergrunde im Schatten gesessen hatte, unwillkürlich, auf ihren Stab gestützt, Schritt für Schritt näher an den Redner herantrat, darauf atemlos dastand und ihm zuhörte. Noch lange, nachdem er geschlossen, stand sie so da. Morten konnte sich des eigentümlichen Eindruckes, den dies auf ihn machte, nicht erwehren. Bis tief in die Nacht hinein lag er schlaflos da. Matt leuchtend hing die Lampe mit dem Renntierfett, worin eine Binse den Docht abgab, oben in den Dachsparren über dem halberloschenen Feuer, um das Kleider und Schuhe zum trocknen hingen, während in dessen warmer Asche jetzt dieser oder jener der müden Hunde leise im Schlafe bellte. Der gewöhnliche dichte Rauch war nach der Zeltdecke emporgestiegen. Die Mitglieder der Familie lagen teils im Lichtscheine, teils im Dunkeln auf ihren verschiedenen Lagern von Renntierfellen, die über Reisigbündel als Unterlage gebreitet waren. Da kam es ihm vor, als sähe er von der Seite des Zeltes, wo Silber-Saras Platz war, einen Schatten sich aufrichten und im Kreise der Schlafenden verschwinden, bis er wieder näher an das Fußende seines eigenen Lagers herantrat. Dort kauerte die Gestalt eine Zeitlang wie ein Mensch, der sich der Länge nach mit der Stirn auf die Erde beugt, und er glaubte, einige beklommene Seufzer zu hören, worauf sich der Schatten wieder aufrichtete und in die Dunkelheit hin verschwand. Dieses geheimnisvolle Benehmen der Silber-Sara – denn kein anderer konnte es sein – in der einsamen Nachtstunde, setzte seine Phantasie lebhaft in Bewegung. Im Traume sah er ihre Gestalt in der sonderbarsten Weise. Sie wuchs riesenhaft und stand mitten im Kreise, worin die anderen lachten und jubelten, mit vielen Gebärden und aufgelöstem Haar da und »beschwor das Wetter«. Wie ein Sturmwind brauste es um ihre Gestalt, während sie mit dem Stocke drohte und ihre lappländischen Gottheiten anrief. Er erwachte infolge eines großen Lärmes und Geschreis; – der Traum schien noch immer fortgesetzt zu werden, denn er fühlte in der Finsternis, wie ihn ein kalter Wind umbrauste. In der kalten Nacht hatte sich ein Schneesturm erhoben und die eine Zeltwand fortgerissen. Mathis Nutto sah sich genötigt, die Zelte im Schutze einer Felswand aufzuschlagen, wohin sich die Tiere schon ganz von selbst durch das Schneetreiben geflüchtet hatten. Dort wurden sie von dem Unwetter zwei düstere Tage lang aufgehalten, in denen das orkanartige Unwetter ungeheuere Schneemassen bald zusammenjagte, bald wieder auseinandertrieb. Durch diese Begebenheit war Silber-Saras Ansehn wieder befestigt worden; denn da der Witterungswechsel unerwartet und unmittelbar nach ihrer Prophezeiung eingetreten war, so bezweifelte niemand, daß sie ihn bewirkt hätte. Sie nahm die vielen Beweise der ihr gezollten Anerkennung mit zurückhaltender Würde an. Daß sie gewisse, den andern unbekannte Zeichen des Witterungswechsels bemerkt habe, oder ihn vielleicht in ihrem gichtischen Körper vorausgefühlt habe, war allerdings eine prosaische Auslegung Mortens, die er jedoch weislich für sich behielt. Eine größere Verwunderung erregte es bei ihm, daß Silber-Sara seit jenem Abend, an dem er von Groß-Lars erzählt hatte, auffallend freundlich gegen ihn geworden war. Ihr Wesen hatte etwas fast demütig Hingebendes angenommen. Sie saß abends am Feuer und schmierte seine lappländischen Schuhe, eine zweckmäßige Fußbekleidung, welche auch die Norweger auf solchen Fahrten gern gebrauchen, und füllte sie mit frischem Grase. Eines Abends betrachtete er sie im stillen, als sie am Feuer mit dieser Arbeit beschäftigt war. Er bemerkte, daß sie den Schuh, ehe sie ihn wieder fortsetzte, an die Lippen drückte. Dieses unbegreifliche Benehmen der Silber-Sara beschäftigte ihn nicht wenig; auch bemerkte er, daß ihm ihre Freundschaft unter den Lappländern zu großem Nutzen gereiche. Man war jetzt über die eigentliche Hochwüste des Gebirges hinweggekommen und hatte allmählich das Hügelland jenseits der schwedischen Grenze erreicht, wo die Seen beginnen, und der Charakter der bemoosten Felsspitzen gemildert erscheint. Die schwachgefrorenen Sümpfe konnten die Tiere noch nicht tragen, und der Zug hielt sich deshalb so viel wie möglich auf dem Gebirgsrücken. Die malerischen Sommertrachten mit dem Schnitzmesser im Gürtel waren oben auf dem Gebirge in Schnee und Kälte mit der roteingefaßten Pelzjacke und der ebenso besetzten viereckigen Ledermütze, die bequem über die Ohren gezogen werden konnte, vertauscht. Der Lappe trug jetzt Schneeschuhe, – einen kurzen und einen langen, und Pelzstiefel. Es war Winter und der Schnee lag hoch, als sie endlich das Lappendorf erreichten, wo einige, zum Teil schon bewohnte Erdhütten, um welche der Schnee festgetreten war, dicht zusammenstanden. In ihren vier eigenen Hütten, von denen nur die schneebedeckten Dächer hervorragten, wurde jetzt das Feuer auf dem Herde angezündet. Die Lappländer nahmen nun wieder auf einige Monate feste Wohnsitze ein, während die Renntiere höher hinauf im Gebirge weideten, wo sie das Moos unter dem Schnee suchten. In diesen ruhigen Wintermonaten macht es sich der Gebirgslappe so angenehm als möglich. Er sorgt sehr für Reinlichkeit. – Die Füße zu waschen ist nach alter Sitte die gewöhnliche Beschäftigung der Frauen. Kindtaufen, Konfirmation und Trauungen fanden in dieser Zeit in der nur eine gute Tagesreise entfernten Kirche statt, und diese Feste brachten wieder einen besonderen Verkehr zwischen den verschiedenen Familien hervor. Groß war Lymas Überraschung, den Freund ihrer Kindheit wiederzusehen. Bei dem Lappländer liegen Herz und Lippe nicht weit voneinander, und sie hörte nicht auf, ihre Verwunderung darüber auszusprechen, daß er ein so kräftiger und schöner Mann geworden wäre. Er seinerseits fand allerdings, daß die Jahre der lieblichen Lyma etwas genommen hätten: – hatte sie doch seit jener Zeit fünf Kinder bekommen, von denen das jüngste jetzt getauft werden sollte. Aber die dunklen Augen, in denen das ganze warme Lappenherz glühte, und das kindliche, anmutige Wesen hatte sich erhalten. Das zeigte sich deutlich genug in allen ihren eifrigen Fragen nach Marina, in ihrer unzweideutigen Freude über die Geschenke und in ihrem muntren Lachen bei den Erinnerungen aus alten Tagen, die ihr nach und nach wieder einfielen. Ihr Mann, Isaak Pelto, lachte mit, die Freude seiner Frau schien sich ihm mitzuteilen, und er beruhigte sich nicht eher, als bis Morten sich bereit erklärte, aus Mathis Nuttos Hütte in seine überzusiedeln. In den folgenden Tagen weihte er sie in die Ursachen seines Erscheinens und zuletzt auch in seinen Plan hinsichtlich der Gründung eines Handelsplatzes in Finkrogen ein. Seine Zukunft hänge davon ab, daß es gelänge, und so bat er sie um ihre Hilfe, so weit es in ihren Kräften stände. Bei letzterem nahm Lymas Gesicht einen bekümmerten Ausdruck an, als ob sie es nicht über das Herz bringen könnte, ihre Meinung frei auszusprechen. Noch sehr gut erinnerte sie sich all des Haders, der aus demselben Grunde gegen Stuwitz entbrannt war und wie hartnäckig sich Mathis Nutto dabei gezeigt hatte. Nicht einmal ihr Mann wäre damals dafür gewesen; »aber man könnte ihn jetzt ja zu Rate ziehen,« fügte sie etwas schalkhaft lächelnd hinzu. Wenn alle Stränge rissen, wäre Silber-Sara, deren Morten bewiesene Gunst sie mit Verwunderung vernommen hatte, diejenige, die hier vielleicht am besten zu helfen vermöchte; es käme nur darauf an, ob man sich ihr anvertrauen dürfte. Bei dem Stuwitz geleisteten Widerstände wäre sie die Seele gewesen. Schließlich riet ihm Lyma inständig, seine Absicht zu verschweigen, bis sie das Terrain weiter rekognosziert und Zeit erhalten hätte, ihren Mann für die Sache zu gewinnen. Inzwischen kaufte er eine nicht unbedeutende Anzahl kostbarer Bären-, Zobel- und Hermelinfelle, nicht bloß von Mathis Nutto und seinen Söhnen, sowie von Isaak Pelto, sondern auch von anderen Finnen, und er fühlte, daß er bei ihnen auf dem besten Wege war, Zutrauen und Gunst zu erlangen. Wie verabredet, sollte einer von Mathis Nuttos Söhnen im Frühling das Pelzwerk nach einer Stelle in dem nordländischen Thalwege bringen, von wo er sie abholen konnte. Was er von anderen aufkaufte, gedachte er nämlich selbst mit sich zu nehmen. Sein Kummer bestand nur darin, daß schon zu viel Zeit verstrichen war. Die Weihnachtszeit rückte heran und im Laden mußten die Waren nach seiner Berechnung schon zu fehlen beginnen. Ihm blieb nur die schwere Wahl, entweder unverrichteter Sache und nach nur halb abgeschlossenem Geschäft wieder nach Hause zu reisen oder in dem Ladenverkehr Stockungen eintreten zu lassen. Mit schwerem Herzen entschied er sich für das letzte. An den gewöhnlichen Wochentagen belustigten sich die Männer damit, im Schlitten nach verschiedenen, teilweise weit entlegenen Lappendörfern zu fahren, wie es meistenteils hieß, »um nach entlaufenen Renntieren zu suchen«. Aber oft waren diese Fahrten nur ein Vorwand, um sich mit Branntwein und Kaffee bewirten zu lassen und angenehm zu plaudern. Auf solchen Ausflügen bald mit dem einen, bald mit dem andern war es Morten geglückt, Bekanntschaften anzuknüpfen und eine Menge Geschäfte abzuschließen. Doch auch hier zeigten sich nach und nach Schwierigkeiten, die ihm Silber-Sara eines Tages mitteilte, und die von einigen Aufkäufern herrührten, welche über die hohen Preise, die er zahlte, erbittert waren. Er hatte Lyma versprochen, bei ihrem Sohne, der den nächsten Sonntag getauft werden sollte, die Patenstelle zu übernehmen. Sie hatte das Kind nach ihm und seiner Mutter genannt und demselben durch eine Zusammensetzung von Morten und Marina den Namen Martin gegeben. Nach dem Gottesdienst fand dann daselbst eine Art Messe statt. Am Sonnabend fuhr mancher Zug (Raide) in ihren Schlitten (Pulk) den schneebedeckten Thalweg nach der Kirche hinab. Wahrend der Fahrt hält der Lappe den Schlitten mit seinem Körper im Gleichgewicht, indem er sich mit seiner mit einem Fausthandschuh von Renntierleder bedeckten Hand dann und wann auf die festgefrorene Schneedecke stützt. Wird das angespannte Renntier müde und ungeduldig, so wendet es sich – wie bekannt – bisweilen gegen seinen Herrn. Dann kehrt derselbe blitzschnell den Schlitten über sich, während das rasende Renntier dessen Boden mit Hörnern und Vorderfüßen bearbeitet. Sobald der Anfall vorüber, richtet der Lappe den Schlitten munter wieder in die Höhe und setzt die Fahrt fort, bis er es für angemessen hält, es mit dem Reserve-Renntiere zu vertauschen, das lose angebunden dem Schlitten folgt. Aus den Seitenthälern kamen nach und nach andere Kirchenbesucher, die sich reihenweise der übrigen Gesellschaft anschlossen. Diese zog sich dann mit ihren roten Mützen über die weiße Landschaft wie eine lange bunte Kette von lebhaften Farben hin, bald zwischen den Birken verschwindend, bald wieder auf den steilen Flußufern erscheinend. Unten auf dem Flusse, der durch keine Wasserfälle gestörten Heerstraße des Lappländers, nahm der Zug immer mehr zu. Als man spät am Nachmittage auf einer kleinen Insel in einem der zugefrorenen und mit einer Schneedecke überzogenen Seen Halt machte, war daselbst der größte Teil der auf der Kirchfahrt begriffenen Gemeinde versammelt. Nach einiger Unruhe, weil einige Schlitten bei der Auffahrt über das Ziehseil über Kreuz gefahren waren, trat auf dem Halteplatze wieder Ordnung ein. Die langen Schneeschuhe, die auf denselben Schlitten, wo sich der Proviant befand, lagen, wurden als Pfähle in den Schnee gesteckt. An diese wurden die Renntiere gebunden und ihnen weißes Moos (Jägill) hingestreut, während sie scharrend im Schnee standen, um sich mehr Futter zu suchen. Aus den Schlitten nahmen die Frauen Renntierfleisch, Renntierzungen, Käse und andere Sachen, welche sie mitbrachten, während die Männer die Branntweinflaschen aus den Brusttaschen ihrer Jacke (Päsk), wo sie der Kälte wegen aufgehoben wurden, hervorholten. Es machte einen feierlichen Eindruck, wenn diese ganze Schar an dem kalten, hellen Nachmittag auf der öden Schneeinsel nach lappländischer Sitte die Mützen vom Kopfe nahm und kniend das Tischgebet sprach. Morten fühlte sich wie in einer Kirche, größer als irgend eine, in der er bisher gewesen. Später ging es übrigens lustig genug zu; man brach erst nach mehrstündigem Aufenthalte wieder auf, als der Mond bereits aufgegangen war. Einige Renntiere hatten sich losgerissen und mußten erst eingefangen werden. Wenn der Herr den Ausreißer aufspürt, fährt der Lasso plötzlich wie ein schwarzer Schatten über den Schnee. Das Tier fühlt das Seil um die Hörner und richtet sich auf den Hinterbeinen auf, während der Lappe es zu sich hinzieht. Zuletzt schlägt der Vorderfuß des wütenden Tieres ihn auf den dicken Kragen seiner Jacke, der ihn aber, zumal wenn er von Bärenfell ist, den Schlag nur wenig fühlen läßt. Man hatte darauf gerechnet, bis zwei, drei Uhr morgens die Hütten bei der Kirche zu erreichen; allein ein dichter Nebel, der sie draußen auf einem der größeren Seen überfiel, zwang die Gesellschaft wieder zu rasten, da es sich herausstellte, daß man eine Stunde lang im Kreise umhergefahren und jetzt nach derselben Stelle zurückgekommen war. Die hölzerne Kirche liegt auf dem hohen Flußufer mit der Aussicht über das Thal, voll von Sandhügeln und Bänken, die der Fluß aufgeschwemmt hat. Auf dem Kirchhof befindet sich ein kleiner Birkenhain. Die Nordseite des Pfarrhauses, gegen welche der Wind beständig gerichtet ist, liegt im Winter in der Regel bis zur Dachspitze zugeschneit, während die Fenster und Thüren, teilweise durch Fortschaufeln des Schnees, frei gehalten werden. Bei den Hütten an der Kirche herrschte am Sonntagvormittag lautes Leben, das erst unterbrochen wurde, als der Gottesdienst begann und die Gemeinde in die Kirche strömte. Mit Ausnahme der Pfarrerfamilie, die zur Seite des Schulzen und des halb lappländisch gekleideten Küsters auf der Bank neben der Kanzel saß, bestand die ganze Gemeinde nur aus Gebirgslappen, welche die Predigt mit großer Andacht anhörten. Lymas Kind wurde mit mehreren andern Kleinen zugleich getauft, und zuletzt wurde eine Trauung vorgenommen. Die Trauung geschah nach schwedischer Sitte, indem einige junge Männer ein seidenes Tuch (Pelle) über die Braut hielten, die in ihrer schönen lappländischen Tracht mit der Krone auf dem Haupte dastand, während der Bräutigam eine weiße Schärpe kreuzweise über die Brust und um den Leib gebunden hatte. In ihrer rot eingefaßten Jacke mit dem Bärenkragen und den Glasperlen zum Schmuck auf der Brust, in der schönverbrämten, helmförmigen Mütze, von der rotseidene Bänder herabflatterten – und mit den feinen, schmalen, weißen Schuhen (Komager) an den Füßen, deren Knöchel Troddeln zierten – war die Braut, als sie auf Schneeschuhen mit dem Stabe in der Hand und mit ihrem vom Winde frischen Gesichte nach der Kirche hinabkam, eine wirkliche Schönheit. Bei den Hütten an der Kirche fielen indessen später verschiedene lärmende Auftritte vor, sowohl infolge des eifrigen Meinungsaustausches über einen »Volksprediger«, als auch vielleicht dadurch veranlaßt, daß der Branntweinhändler, trotz des Sonntags und der Gefahr, deshalb zur Strafe gezogen zu werden, heimlich Branntwein verkaufte. Bekannte begrüßten einander mit den gewöhnlichen halben Umarmungen und dem Gruße: »Burist« und reichten einander dann die Flasche. Einige Truppen standen, die eine um einen langbärtigen, russischen Kaufmann von der Ostseite des weißen Meeres, die andere um einen jungen Kaufmann aus Gamwik, der in lappländischem Pelze und norwegischer Pelzmütze reisefertig dastand und für seinen Prinzipal Handelsgeschäfte abschloß. Ein dritter, der Mortens Aufmerksamkeit mehr als die beiden andern auf sich zog, war ein langer, brutal aussehender Mann in Pelzmütze, einem fast bis auf die Fußspitzen reichenden Friesrock und sonst so ziemlich in schwedischer Volkstracht. Es war ein Kaufmann, der einige Meilen südlich wohnte und bis zu der letzten Zeit, bevor sich Fremde auf den Markt einzudrängen suchten, so ziemlich den ganzen Pelzhandel in Händen gehabt hatte. Dieser war es, den ihm Silber-Sara oben im Lappendorfe schon früher als seinen Widersacher bezeichnet hatte, und er merkte denn auch mehrfach, daß sich derselbe an diesem Tage außerordentlich eifrig mit seiner Person beschäftigte. Einigemal war der Mann, der sonst immer mit einer Branntweinflasche dastand und der Schar seiner Kunden einschenkte, an ihm vorübergekommen und hatte ihn dann jedesmal anscheinend unabsichtlich aber ziemlich heftig gestoßen, ohne ihn in der Eile um Entschuldigung zu bitten. Aus dem Kreise, der ihn umgab, hörte Motten hin und wieder, wenn er vorbeiging, Bemerkungen, die ihm durchaus nicht zusagten, da sie auf ihn anspielten, und einige derselben wurden von den Umstehenden mit lautem Gelächter aufgenommen. Auch Lyma hatte von ihrem etwas entfernten Platze aus die Lage vollständig begriffen. Eilig ging sie zu ihm hin und forderte ihn auf, ihr zu folgen, da sie alle zur Abreise bereit wären. Morten bat sie, noch eine kurze Zeit auf ihn zu warten, damit er erst noch das letzte Geschäft, welches er eingeleitet hätte, vollenden könnte. Er sah so ruhig aus, daß sie wieder unbesorgt wurde, bemerkte jedoch später mit großer Beklommenheit, wie er langsam in die feindliche Gruppe hineintrat und dort, als ob es gar nichts zu bedeuten hätte, um einige Häute zu handeln begann. Dem schwedischen Kaufmann, der wie früher mit der altmodischen blauen Branntweinflasche in der Hand dastand und schwatzte, aber jetzt weniger laut und nicht gerade von ihm, wandte er halb den Rücken zu. Als dieser den hohen Preis hörte, den Morten Jonsen bar bezahlte – es war so ziemlich sein letztes Geld – konnte er sich eines zornigen, höhnischen Ausrufes nicht erwehren. Aber in demselben Augenblicke stand Morten dicht vor ihm und mit einem Ausdruck in den Augen, daß jener unwillkürlich einige Schritte zurückwich, legte ihm Morten die Hand auf die Schulter und sagte kalt: »Du hast mich heut' zweimal heftig auf die Seite gestoßen und beidemal vergessen, um Verzeihung zu bitten; das wolltest du doch?« Der Mann sah etwas ungewiß aus, – es war eine hohe, kräftige Person; – aber gleichwohl lag etwas in Mortens Wesen, was ihn zwang, die Augen niederzuschlagen und zu erklären, daß er ihn nicht hätte beleidigen wollen. »Das konnte ich mir auch denken,« – sagte Morten gelassen, – »aber ich glaubte, es könnte nichts schaden, mich selbst danach zu erkundigen.« Er hatte erreicht, was er wollte, nämlich den Mann unter seinen eigenen Anhängern zur Rede zu stellen und er bat einen, den er kurz vorher hatte lachen sehn, ihm die Häute nach dem Schlitten zu tragen. Man machte sich sofort wieder auf den Heimweg, und auf dem Tauffeste bei Isaak Pelto rückte Morten endlich mit der Sprache über den Handelsplatz in Finkrogen heraus. Diese wichtige Angelegenheit fiel nach vielen Unterhandlungen endlich zu seiner Zufriedenheit aus, indem er sich verpflichtete, den Renntierweg, der dort seit alter Zeit bestanden hatte, zu achten. Es wurde hierüber eine Urkunde aufgesetzt mit den Unterschriften der Betreffenden. Zu dem glücklichen Ausfalle trug doch vielleicht am meisten bei, daß ihn Mathis Nutto als Stuwitzens Feind betrachtet hatte. Einige Tage nach Abschluß dieses Vertrages band ihm Lyma nach der Sitte der lappländischen Gastfreiheit unter Thränen seine Reiseschuhe an die Füße und wünschte ihm in der Zeltthür »Gottes Frieden«. Ihr Mann sollte ihn bis nach einem etwas höher im Lande gelegenen Lappendorfe begleiten, wo er seine letzten Geschäfte abzumachen und den Rest von Häuten, die er über das Gebirge mit nach Hause nehmen wollte, zu erhalten gedachte. Dort traf er wieder mit Silber-Sara zusammen, die in der Winterzeit in allen Lappendörfern umherstreifte. Bald entdeckte er, daß ihm die Stimmung hier nicht mehr so ganz günstig war. Mit Ausnahme des Mannes, dessen Gastfreiheit ihm Isaak Pelto anempfohlen hatte und der ihm auch sofort seinen ganzen Bestand von Häuten verkaufte, fand er die Leute auffallend widerwillig in ihrem Wesen. Sie waren offenbar gegen ihn aufgehetzt, und wahrscheinlich von jenem schwedischen Kaufmann. Man hatte gehört, er hätte sich von der Familie Nutto das »Recht auf den Lappenboden« erkauft und sich sogar »einen Brief darüber ausstellen lassen«, und dieses Gerücht hatte einige Erbitterung erregt. Trotz dieser schwierigen Umstände beschloß Morten doch, bis zur Beendigung seiner Geschäfte hier zu bleiben. Einmal fand er, als er einen seiner festzusammengeschnürten Ballen Häute öffnete, in dem Pelzwerke eine Menge haarlose Stellen, und nach näherer Untersuchung lagen darin kleine Stücke einer getrockneten, vermutlich ätzenden Pflanze zwischen die Häute gestreut. Auf seiner breiten Stirn schwoll eine blaue Ader auf, während er schweigend einen Ballen nach dem andern aufband und auf dem Schnee ausbreitete, um zu sehen, wie groß der Schaden wäre, und die Häute bestens zu reinigen. Verdorben waren gottlob doch nur ganz wenige Stücke des kostbaren Pelzwerkes. Er fand es jedoch nicht klug, sich weiter über die Sache zu äußern, aber sein Argwohn war gegen den Mann in dem Nachbarzelte geweckt, einen kleinen, vierschrötigen Lappen mit rohen Gesichtszügen, der täglich in das Zelt kam und nur wenig verstanden hatte, seine unfreundliche Gesinnung zu verbergen. Er hieß Josias Umek und war unter den Lappen der dortigen Gegend eine Art Aufkäufer für jenen schwedischen Kaufmann. Er gab in seinem Zelte öfter Branntwein zum Besten und sprach stets sehr aufreizend, wobei jene Gerüchte beständig benutzt wurden. Der Vorfall, der zuerst Mortens Argwohn gegen ihn erregt hatte, ereignete sich eines Tages unmittelbar nach seiner Ankunft, als sich dieser Mann erboten hatte, als Wegweiser (Vappus) mit nach den: nächsten Lappendorfe zu kommen. Während er mit einem unlenksamen Renntiere durch einen dichten Erlenwald mit größter Geschwindigkeit fuhr, schleuderte der Schlitten plötzlich auf eine offene, gefährliche Stelle. Durch seine Geistesgegenwart entging er zwar der augenscheinlichen Lebensgefahr, verwundete sich aber bedeutend. Der Zugriemen war halb durchgeschnitten gewesen und hatte, als der Schlitten ins Schleudern geriet, die Last nicht auszuhalten vermocht. Bei seiner Rückkehr forderte Silber-Sara ihn dringend auf, sich keinem andern Wegweiser anzuvertrauen als den Söhnen des Mannes, in dessen Zelte er als Gast wohne. Die Entdeckung jenes neuen Unternehmens gegen die Häute stellte Mortens Selbstbeherrschung auf eine harte Probe; aber sein Verstand sagte ihm, daß ein offenbarer Bruch nur seinen Feinden dienen könnte; es kam nur darauf an auszuhalten. Er bemerkte, daß sein Wirt oft recht nachdenkend dasaß und sich in dieser Zeit fast immer zu Hause hielt, während seine beiden Söhne in der Regel abwesend waren. Ihr Benehmen gegen ihn war ausweichend und zurückhaltend. Eines Nachmittags ging es vor den Zelten lebhafter als gewöhnlich zu. Man hatte die Tiere zusammengetrieben, um einige fremde Renntiere, nach denen gesucht wurde, auszuscheiden, – und unter Tausenden kennt jeder Gebirgslappe sein eigenes Tier heraus. Die Jacken lagen in der strengen Kälte weiß bereift über den Schnee geworfen, während die Besitzer in ihren vorn auf der Brust offenen Westen, rotwangig und erhitzt, mit den ledernen Zäumen über den Schultern unter den unruhigen Tieren umhersuchten. Als Morten Jonsen vor der Zeltthür stand und das Schauspiel betrachtete, traf der Hieb einer Lederpeitsche, an deren Ende sich sicherlich eine Bleikugel befunden haben mußte, von hinten so heftig gegen die Zeltstange dicht an seinem Kopfe, daß das Holz zerspalten wurde. Sein Auge empfand zugleich einen scharfen Luftdruck, als ob eine Gewehrkugel vorbeigeflogen wäre. Josias Umek kam eben vorbei, die Peitsche von neuem über seinem Kopfe schwingend, als ob er sich einen Wurf einüben wollte und Morten nicht bemerkt hätte; aber seinen zornigen Augen und seinem ganzen Äußern fehlte vollkommen das Gepräge der Unschuld. Mortens Unwille über diesen unvermuteten Angriff ließ ihm nicht Zeit zur Selbstbeherrschung. Mit einem Sprunge stürzte er sich auf den Thäter, der nicht Zeit behielt ihm auszuweichen. Morten empfand eine wahre Erquickung, daß er sich endlich im offenen Kampfe befände. Es dauerte eine Minute, in der sein Widersacher infolge des heftigen Falles Tausende von Sternen vor seinen Augen verworren flimmern sah, während die andern regungslos dastanden, ohne zu wissen, was sie thun sollten. Diese Minute genügte Morten, um Luft zu bekommen – sich zu besinnen. Plötzlich ließ er den Mann los und ging nach dem Zelte zurück, indem er erzählte, Josias hätte ihn zu treffen versucht, und die Spuren des Schlages auf der Zeltstange zeigte. Es entstand ein Auflauf. Alle schrien durcheinander und nahmen die Miene an, als ob sie es mit Josias halten wollten, der sich drohend und über den Überfall klagend in seine Hütte zurückzog. Er hatte die Hand seines Feindes gefühlt und trug kein Verlangen nach einem neuen Zusammenstoß. Jetzt, da der Bruch unglücklicherweise geschehen und die Feindschaft offenbar geworden war, sah Morten ein, daß sein Aufenthalt nichts weniger als sicher wäre. Die Mienen seines Wirts zeigten auch diesen jetzt ernstlich bekümmert. Was ihm hier auf dem einsamen, gesetzlosen Gebirge widerfahren konnte, davon hatte er schon Proben genug gesehen; hinter jedem Schneehaufen konnte eine Gefahr auf ihn lauern. Andererseits wieder wollte er nur in der alleräußersten Not seine mühsam erworbenen Waren im Stiche lassen. Er saß eine Weile da und überlegte. – Es konnte ebenso gefährlich sein zu flüchten wie zu bleiben, und unter allen Umständen gewann er nichts, wenn er seinen Feinden ahnen ließ, daß er Furcht empfände. Er besuchte deshalb alle Hütten und plauderte am Abend mit den Mitgliedern der Familie, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Diese schienen jedoch äußerst beklommen. Im Grunde sah Morten nicht einmal sein Leben in der nächsten Nacht für sicher an, aber er schlief scheinbar so ruhig wie gewöhnlich, – in Wahrheit lag er aber da und sann auf Auswege, bis ihn der Schlaf überwältigte. Ungefähr eine Stunde nach Ablösung der ersten Renntierwache erwachte er dadurch, daß ihm eine Hand behutsam auf die Schulter klopfte. Augenblicklich war er vollkommen wach und bereit, der Gefahr, die er ahnte, entgegenzutreten. Es war sein Wirt, ???Jens Ibmel, der ihn flüsternd bat, sich anzukleiden. Draußen ständen schon die Renntiere mit seinen Häuten auf den Schlitten bereit, so wie jemand, der ihn über das Gebirge begleiten sollte. Hier wäre er nicht mehr in Sicherheit, sagte Jens Ibmel ernst, und es wäre am besten, die Flucht zu ergreifen, ehe jemand auf den Gedanken käme, daß er sie beabsichtigte. Morten wurde von einem Argwohn ergriffen, als er die ganze Familie wach sah und doch niemand von ihnen aus Furcht vor den andern Lappen wagte, ihn zu begleiten oder an seiner Flucht teilzunehmen, während es ihnen andererseits die Gastfreiheit zur Pflicht machte, dafür zu sorgen, daß ihm nichts Böses zustieße. Er hörte jetzt, daß man namentlich einer Urkunde nachstellte – jener, die ihm Mathis Nutto ausgestellt hatte, – und durch welche diese Menschen, die am Finkrog übrigens gar kein Interesse hatten, das »Lappenrecht« verletzt glaubten. Leise sagte er seinem Wirte, der ihm einige Schlitten (Kjärris) für die Waren und den Proviant sowie für die zum Umtausch nötigen Waren überlassen hatte, ein herzliches Lebewohl. Zu seiner Verwunderung sah er, daß Silber-Sara die Person war, welche ihn führen sollte. Sie saß schon in ihrem Pulk und hatte ihren Hund neben sich. Er erfuhr später, daß gerade sie Jens Ibmel angetrieben hatte, die Flucht so schnell zur Ausführung zu bringen. Ein Peitschenschlag, dann blitzschnell in den Pulk hinein, und nun ging es vorwärts von dem einsamen Lappendorf in die kalte helle Nacht hinein, über den gefrorenen Schnee. Die große, runde Mondscheibe mitten in dem blauen Sternenfelde schien an den Berggipfeln vorüber zu eilen, während das elektrisch knisternde rote, grüne, violette und blaue Flammenmeer des Nordlichtes mit seinen in diesen Gegenden merkwürdigen Lichterscheinungen bald verschwand, bald sich wieder wie ein rötlich wogendes Meer über den Himmel ausbreitete. Die Feuerzungen schienen bisweilen fast die Schneehügel zu berühren, und die ganze weiße Mondscheinlandschaft wurde dann eine Zeitlang wunderbar schattenlos. In diesen Augenblicken, in denen es so hell wurde, daß man fast eine Nadel auf dem Schnee sehen konnte, und in der Silber-Saras Pulk und Renntier vor ihm eigentümlich einsam hervortrat, gingen die schon an sich großartigen Naturumgebungen Morten gegenüber in eine riesenhafte, geheimnisvoll drohende Stille über, von der sich sein Gemüt erleichtert fühlte, so oft die Mondschatten wieder das Übergewicht erhielten und die Umrisse sich wieder natürlich abzeichneten. Es war ihm halb zu Mute, als ob er allein mit einer Hexe in die Nacht hinausführe. Unter den mystischen Flammen des Nordlichtes stellt sich der Lappe die Seele seiner Verstorbenen vor. Er weiß, daß sich das Nordlicht bis auf die Schneeberge hinabziehen läßt, sobald er mit einem weißen Laken winkt, und daß es durch gewisse Töne zurückgescheucht werden kann, und in solchen seltsamen Nächten sieht er, wie die Unterirdischen mit ihren Renntierherden, die leuchtende Hörner haben, vor dem Nordlichte flüchten, als ob es sie mit seinen Feuerzungen verfolgte. Ununterbrochen ging der Zug durch das Gebirge, wobei Silber-Saras Hund unermüdlich bellend vorauslief und den Weg zeigte. So fuhren sie die ganze Nacht hindurch und bis zur Mittagszeit des folgenden Tages, wo sie eine kurze Zeit bei einer verlassenen Hütte rasteten, um etwas Renntierfleisch zu sich zu nehmen. Aus ihrer Miene und wenigen Worten begriff er, daß sie befürchtete, Josias Umek und seine Kameraden könnten ihnen am Morgen nachgesetzt sein. Die Reserve-Renntiere wurden angespannt, und man eilte den ganzen Nachmittag und Abend weiter, bis sie endlich spät in der Nacht bei einer anderen verlassenen Erdhütte Halt machten. Hier gönnten sie sich und den Tieren eine mehrstündige Ruhe, bis sie bei beginnendem Tage wieder aufbrachen. Erst als sie nach einer dritthalbtägigen Fahrt den Gebirgsrücken erreicht hatten, verstand sich Silber-Sara zu längeren Rasten und schien nach und nach ruhiger zu werden. Sie sagte, sie gebrauchten noch eine sechstägige Reise bis zu dem Thale, wo er selbst den Weg erkenne, und sie ihn verlassen könnte. Eines Abends wurden sie hoch oben im Gebirge von einem gewaltigen Schneesturme überfallen. Eine Zeitlang untersuchte Silber-Sara mühsam die Stellung des Mooses und andere Merkmale, um den Weg zu finden, aber endlich mußte sie alle Hoffnung aufgeben und Halt machen. Ihr Auftreten hielt indessen seinen Mut aufrecht. Ruhig stellte sie die Schlitten und Renntiere zusammen und bereitete alles, um sich und ihn einschneien zu lassen. Abwechselnd mußten sie den Schneeschuhstab drehen, um das Luftloch in dem Schnee vor ihrer warmen Kammer offen zu erhalten. Der Sturm hielt auch den folgenden Tag an. Er bemerkte, daß Silber-Sara oft in Nachsinnen versank und es schien ihm, als ob die Alte etwas auf dem Herzen hätte. Ihr Gesicht mußte trotz der vielen Runzeln und des oft bitteren Ausdruckes in der Jugend einmal schön gewesen sein. Wenn er sie so ansah, während sie im stillen nachdachte, beschäftigte ihn der Gedanke, was dieses seltsame und in seinem Wesen so gehässige Weib wohl bewogen haben könnte, sich für ihn so aufzuopfern. Silber-Sara mußte etwas von dieser Verwunderung in seinem Gesichte lesen; denn als es bald darauf zu dämmern begann, fing sie an mit ihm in gedämpftem Tone zu sprechen. Sie saß da, das Gesicht mit den Händen bedeckt, und Worten begriff bald, daß sie von Groß-Lars redete und ihm ihren Herzenskummer ausschütten wollte. Ihr von den Jahren verknöchertes Äußere geriet in Bewegung, ihr unter Kummer und Erbitterung verzweifeltes Herz machte sich in Thränen Luft, und ihre Stimme wurde zuletzt fast unhörbar. Sie war jenes Kwänenmädchen, welches Groß-Lars geliebt hatte, und das auf Wassilieffs Kutter gelockt worden war. »Es ist schon länger als zwei Jahrzehnte her,« sagte sie, »und Gott hat mich länger leben lassen, als ich wünschte. »Wassilieff hatte mich zu heiraten gelobt, hielt aber sein Versprechen nicht. Als ich darauf mit dem Kinde auf dem Rücken zu Fuß aus Rußland über das Gebirge zog, wäre ich leicht eine Beute der Bären und Wölfe geworden, so gleichgültig war mir das Leben; denn ich hielt es für unmöglich, wieder zu Lars zu kommen, und doch trieb mich meine Sehnsucht unaufhörlich fort. Willenlos schritt ich wie im Nebel dahin und entsinne mich nur soviel, daß ich mich von Multebeeren ernährte und in den Erdhütten für das Kind Milch erbat, nachdem dieselbe sich bei mir verloren hatte. Auf dem Gehöft bei Olswaag, welches damals der alte Korporal Stuwitz besaß, traf mich sein Sohn. Ich wurde bei ihm Dienstmagd und war ihm gehorsam wie ein Hund. Als mein Kind starb, sagte er, ich sollte mich darüber freuen; ich begrub es auf dem Gebirge. Oftmals habe ich es seitdem dort oben rufen hören. Als Stuwitz zu Brögelmann in Köllefjord kam, verschaffte er mir einen Dienst bei dem Gebirgslappen Jakob Nutto, welcher ein Bruder des Mathis Nutto war. Mit ihm hatte er viel Geschäfte, die nicht alle lobenswert waren; denn Jakob hatte ihm geholfen, die Waren aus einem Fahrzeug, das sie auf der See ausgeplündert hatten, bei sich zu verwahren. Es hatte auch eine Untersuchung darüber stattgefunden, und ich hätte ganz gut angeben können, wo die Waren zu finden wären. Aber Stuwitz verließ sich auf mich, denn er wußte, daß ich ihm in jeder Beziehung gehorsam war, und ich half ihm das Papiergeld, das er unter dem Fußboden in Olswaag versteckt hatte, im Norden wie im Süden gegen Silber umzuwechseln. »In einem Sommer besuchte ich meine Mutter und lag krank bei ihr. Sie erzählte mir, Stuwitz hätte Wassilieff beigestanden, mich an Bord des Kutters zu bringen. – Da kam Lars eines Tages herein und sprach mit mir; er sah sehr leidend aus; – aber ich vermochte ihm nicht zu antworten und redete irre. In der Nacht flüchtete ich mich nach Olswaag hinüber, das eine Tagesreise entfernt war. Ich merkte, daß ich armer zertretener Wurm mich doch rächen könnte, und als Stuwitz wieder einmal in Olswaag erschien, war sein Silbergeld verschwunden. Ich weiß, daß es ihm sehr schwer zu Herzen ging, aber er durfte doch keine weitere Nachfrage danach machen. Mit den Thalern kam ich eines Tages zu Jakob Nutto und sagte, ich hätte Maderakka im Gebirge gefragt. Von der Zeit an nannte man mich Silber-Sara und wurde immer mehr überzeugt, daß ich weissagen und allerlei Zauber machen könnte. Ich ließ sie in dem Glauben und glaubte es manchmal selbst, weil ich Gott und alle Menschen haßte und es mir vorkam, als ob mich böse Geister begleiteten. Seit jenen Tagen habe ich das ganze Finmarken durchstreift und stets ein fremdes Dach über meinem Haupte gehabt; – nur hütete ich mich dahin zu kommen, wo sich Lars, wie ich wußte, aufhielt. Oft sehe ich ihn im Traume, und dann fragt er mich stets, was ich mit dem Kinde angefangen habe; aber heut' Nacht fragte er mich, ob ich nicht bald wieder aus Rußland nach Hause käme.« Als Morten mit tiefem Ernst bemerkte, daß Groß-Lars gesagt hätte, er hoffte einst mit ihr an einer bessern Stätte zusammenzutreffen, versank sie wieder in Gedanken und brach plötzlich, als sie zusammengebeugt dasaß, in schmerzliches Weinen aus, ohne jedoch ein Wort zu sprechen. Am nächsten Morgen wurde wieder aufgebrochen; nur verhielt sie sich den ganzen Tag über schweigend. Eine Stelle glaubte Morten wiederzuerkennen. Sie fuhren nämlich an jenem Opfersteine vorüber, vor dem Mathis Nutto im geheimen seinen Tribut niedergelegt hatte. Dieser menschenähnliche Kopf stand jetzt mit einer dicken Schneeschicht bedeckt, welche über die Stirne hing, und ein blaugrüner Eiszapfen bildete den Bart: – die rätselvolle Sphinx der Gebirgswüste. Silber-Sara machte hier einen Augenblick Halt und saß still in ihrem Schlitten, als ob sie einen innern Kampf zu bestehen hätte, schlug aber dann plötzlich mit dem Zaume auf ihr Renntier. Bald lag die Stätte weit hinter ihnen. Noch einen Tag ging die Reise mit nur kurzer Nachtruhe weiter. Am nächsten Vormittag kamen sie zu einer Abdachung, von der aus sich eine weite Aussicht über das Thal nach Norden zu öffnete. Hier machten sie Halt. Sie streute den Renntieren Moos vor und beschrieb Morten, unter Bezeichnung deutlicher Merkmale, den Weg nach dem nächsten bewohnten Orte; denn hier sollten sie sich trennen. Morten bemühte sich vergebens, sie zur Annahme einer Entschädigung zu bewegen, es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich bei der alten Frau herzlich zu bedanken. Schon stand sie im Schlitten, als sie plötzlich wieder ausstieg, zu ihm hinging und, nachdem sie über den Stab gebeugt eine kurze Zeit überlegt hatte, ihn mit nassen Augen fragte: »Glaubst du, daß der Pfarrer in K–waag« – sie meinte den Probst Müller – »eine arme Sünderin wie mich zum Abendmahle zuläßt?« Als Morten dies in vollem Ernste bekräftigte, strahlte aus ihrem alten Antlitz ein so seelenfroher Ausdruck, daß er einsah, es wäre ihm unerwartet geglückt, ihr seinen Dank auf die richtige Weise abzustatten. Morten fuhr jetzt einsam in das Thal hinab. Als er im Schlitten über die zurückgelegte Fahrt nachdachte, kam sie ihm wie ein erlebtes Märchen vor. Alles, was er von Stuwitz wußte, zog sich in seinen Gedanken allmählich wie eine Gewitterwolke zusammen. Nach einigem Nachdenken sagte ihm jedoch sein praktischer Verstand, daß alle diese nur halbklaren Fäden keine entsprechenden juridischen Beweise gegen jenen abgäben. Was er über die Geburt seiner Mutter erfahren hatte, schrieb sich nur von einem einfachen, jetzt verstorbenen Manne her, ihrem Pflegevater, dem alten Seelappen Isaak Lövö; und was ihm Silber-Sara über jene Geldscheine erzählt hatte, die nur von einem Diebstahle auf dem Wracke herrühren oder damit in Verbindung stehen konnten, war, alles in allem gerechnet, doch nur eine alte, längst vergessene Geschichte, deren eigentlicher Zusammenhang sich nur in dem schuldbeladenen Gewissen des alten Stuwitz finden konnte. – Viel Bitterkeit lag für ihn in dieser Betrachtung. Aber wie stand es denn mit seinen eigenen Angelegenheiten? Wie mit dem wahrscheinlichen Stillstande seines Geschäfts? Als er mit beklommenem Herzen eines Vormittags im Winter bei dem Kwänen über den Sund setzte, mochte er sich bei denen, die ihn ruderten, danach nicht erkundigen. Es war im Februar, gerade am Anfang der Fischereien, und er wunderte sich einigermaßen, – wenn er daran auch keine Hoffnung zu knüpfen wagte – über die vielen Leute, die am Ufer standen, und die Menge Boote, die an das Land gezogen waren. Schnell eilte er von dem Boote nach dem Laden hin und erblickte dort einen größeren, angebauten Schuppen, in dem sein Bruder Eilert mit einer dichten Schar Fischer, die sich mit Mühe an den Ladentisch herandrängten, lebhaft handelte, während sein Vater einen Ballen nach dem Laden trug. Eilert nahm ihn zuerst wahr, sein Gesicht rötete sich vor Freude, aber er that, als ob nichts vorgefallen wäre und setzte mit dem Kunden, den er vor sich hatte, ruhig das Geschäft fort. In dem Blick, den er von ihm erhielt, lag, daß alles in Ordnung wäre, und der Laden schien auch reichlich versehen. Auf dem Heimwege erhielt er von seinem Vater die Erklärung dieses Rätsels. Als der Laden zur Weihnachtszeit beinahe ausverkauft war, hatten sie miteinander überlegt, was zu thun wäre. Aber Eilert hatte eines Tages einen Entschluß gefaßt, hatte alles bare Geld genommen und war auf einer nach Süden fahrenden Jacht bis Drontheim gereist. Dort hatte er den Kaufmann bezahlt und im Namen seines Bruders neue Waren bestellt. Infolge der pünktlichen Zahlung war ihm voller und reichlicher Kredit zu teil geworden, sodaß sie jetzt bis weit über die Fischzeit hinaus versehen wären. Morten sah ein, daß er in seinem Bruder bereits einen guten Vertreter hatte und war ihm im Herzen äußerst dankbar. Bei der Heimkunft erzählte er seinen Eltern den in jeder Beziehung so glücklichen Erfolg seiner Reise. Aber der Zweifel schwand doch erst aus dem Gesichte des alten John Zachariasen, als er ihm die Urkunde über das Recht auf den Boden vorzeigte. Er sah froh bewegt aus, und Marina setzte sich still zu ihm hin. Die beiden Eltern sahen jetzt eine Zukunft vor sich, auf die sie, da sie das Leben gelehrt hatte, alles im trüben Lichte zu sehen, nicht zu hoffen gewagt hatten. Fünfzehntes Kapitel. Andreas. Während Morten Jonsen, auf die vorteilhafte Lage seines Handelsplatzes gestützt, im Laufe der folgenden paar Jahre einen glücklichen Griff nach dem andern macht und, von dem Ruf und Ruhm begleitet, womit die Welt gern dem Glücklichen folgt, in der Gegend eine Größe wird, wollen wir ein wenig in der Zeit zurückgehen und über Andreas Heggelund berichten. Unten in Christiania war Andreas in jeder Weise als Heggelunds Adoptivsohn aufgetreten. Er wurde überflüssig mit Geld versehen und galt unter den Studenten als »der reiche Heggelund«. Sein gutherziges, lebhaftes Wesen, der Umstand, daß er stets bereit war, seinen Freunden Geld zu leihen und sich in seinem Betragen beständig munter und edel zeigte, sammelte bald einen Kreis von Kommilitonen um ihn. Er galt als ein heller Kopf, war im Studentenverein eine Art Löwe, besuchte fortwährend das Theater und beschäftigte sich und den Kreis, der um ihn war, mit belletristischen Interessen. Er wurde in Gesellschaften und zu Bällen eingeladen und war beständig in Anspruch genommen. Die Arbeitsbegeisterung, die sich seiner in der letzten Zeit in der Heimat bemächtigt hatte, war nach und nach wieder verschwunden; war sie doch wesentlich nur durch seinen energischen Freund Morten hervorgerufen, solange seine weiche Natur unter dem Einflusse des Beispiels und der Persönlichkeit desselben stand. Mit dem Studium ging es jedenfalls sehr langsam. Die Briefe von Andreas waren damals die Freude Heggelunds und seiner Frau, obgleich sie stets mit Geldforderungen endeten. In der Regel las Heggelund den zuletzt angekommenen guten Freunden, die ihn besuchten, vor; ja er unternahm auch wohl bisweilen – mit dem Briefe in der Tasche – eine Spazierfahrt zu dem Amtsrichter, wo er dann gelegentlich vorgelesen wurde und besonders in dessen Tochter Julie eine aufmerksame Zuhörerin fand. Aus allerlei Universitätsgeschichten hatten sie sich die Vorstellung gebildet, daß dieses Leben »studieren« hieß, und daß sich nach Verlauf gewisser Jahre das Examen daraus mit einer Art Naturnotwendigkeit ergeben müßte. Nun trat der Tod der Frau Heggelund ein, der Andreas sehr nahe ging, und trotz des scheinbar leichten Tones, in dem der Onkel stets schrieb, waren die Briefe aus der Heimat seit dieser Zeit doch nie mehr fröhlich. Hin und wieder ließen auch die lange über den Termin ausbleibenden Geldsendungen ihn ahnen, daß es dem Onkel gewiß nicht immer so leicht fiele, sie ihm zu schaffen. Letzteres setzte Andreas nun freilich nicht in allzugroße Verlegenheit, denn er verstand sich vortrefflich darauf Schulden zu machen und erfreute sich eines guten Kredits auf den Namen seines Onkels. Er hatte jedoch die genügende Einsicht, um nicht in einzelnen Stunden zu vermuten, daß es daheim nicht zum besten stehen könnte, besaß aber dabei eine allzuleichte und zerstreuungssüchtige Natur, um sich je solchen Gedanken recht lange und ernst hinzugeben, trotzdem ihn wohl einige spätere Briefe Edels dazu hätten bewegen können. Die Nachricht von der Katastrophe und den übrigen Zuständen daheim wirkten deshalb auf ihn wie eine vollständige Überraschung. Sie betäubte ihn förmlich. Er sah mit einemmale ein, daß auch seine Laufbahn andere düstere Aussichten erhalten hätte, und in seiner oberflächlichen Weise überließ er sich jetzt fast der Verzweiflung. Bald wußte er sich jedoch sanguinisch wieder auf eine Stufe lichter Hoffnungen zu erheben. Bei guten Freunden hier und da trieb er ein Anlehen auf, groß genug, um für das erste noch ein Jahr in Christiania in bescheidenen Verhältnissen leben und weiter studieren zu können. Er entwickelte dabei eine ungewöhnliche Energie und studierte augenblicklich mit großem Eifer. Seine Natur, die stets einen Sporn verlangte, hatte einen solchen in den unerwarteten neuen Umständen erhalten. Es erregte in der Studentenwelt nicht geringes Aufsehen, als es hieß, »der reiche Heggelund« habe mit unerhörter Ausdauer zu studieren angefangen. Er bestand sein Examen und reiste in demselben Sommer zu seinem Onkel, bei dem er sich für das erste aufhielt. In der Heimat war er jetzt, ob schon liebenswürdig wie früher, doch weit entschiedener und absprechender als bei seiner Abreise. Er trat gern als »Autorität« auf, merkte aber zu seinem Ärger, daß sich Edel durchaus nicht blindlings vor seinen Ansichten beugte. So freundlich ihr Benehmen war, er fand doch, daß ihr Ton bisweilen etwas spöttisch war, was wieder Veranlassung zu kleinen Reibungen gab, oder daß Andreas mitunter erzürnt schwieg. Aus seinen Äußerungen sprach der gewichtige Gedanke von den adelnden Eigenschaften der akademischen Bildung; »sie allein machte in unserm Lande einen Mann zum Gentleman«. Edel stritt nie direkt dagegen; aber trotzdem konnte er die Weise, wie sie darauf antwortete, oder, richtiger gesagt, am öftesten nicht antwortete, nie recht leiden. Er wußte nicht, ob sie ärgerlich war oder sich über ihn lustig machte. Mehrmals hatte er Morten Jonsen besucht und war von ihm mit all der alten, begeisterten Freundschaft aufgenommen worden. Aber da dieser immer von seinen Geschäften in Anspruch genommen war, unterblieb der nähere Umgang, auf welchen er gerechnet hatte. Morten Jonsen besaß nun auf Finnäs schon einen großen Speicher am Ufer und einige zu dem stets an Umfang wachsenden Geschäft nötige Nebengebäude, während ein kleines Wohnhaus, mit großen Fensterscheiben und im modernen Stil erbaut, noch nicht ein einziges halbfertiges Zimmer enthielt, darin man sich aufhalten konnte. Früh und spät auf den Beinen, hatte er für seinen Freund nur wenig Zeit übrig. Auffallend war es Andreas, daß er ihn jedesmal, wie zufällig, nach Edel ausfragte, und bald entdeckte er, daß er ihn mit diesem Thema im Zimmer festhalten konnte, solange er wollte. Dabei überschlich ihn aber doch ein unbehagliches Gefühl, und obgleich er sich darüber nicht ganz klar wurde, gefiel es ihm doch nicht, und er lenkte das Gespräch lieber auf einen anderen Gegenstand. Trotz aller seiner Liebschaften seit jener Zeit, da Julie Schultz sein Stern war, hatte doch Andreas im stillen, nach der bescheidenen Weise der Vetter, immer gehofft, er habe auf seine Cousine Prioritätsrechte. Jetzt, da er sie erwachsen und, wogegen er nicht blind war, in ihrer Weise eigentümlich schön wiedersah, war sie, wie er fest überzeugt war, der allerletzte Gegenstand seiner Neigung geworden. Bei der Entdeckung, die er hinsichtlich der Gefühle seines Freundes gemacht zu haben glaubte, mußte er nun wohl eifersüchtig werden: und jene erwähnte Betonung der Bedeutung der akademischen Bildung, samt dem Ärger, den er darüber empfand, stand damit in Verbindung. Das öftere Zusammentreffen Morten Jonsens und Edels bei Fremden schien durchaus nicht auf Zufall zu beruhen. Anfangs hatte Andreas außerordentlich eifrig berichtet, was für ein Mann Morten Jonsen zu werden verspräche, und dies mit seiner gewöhnlichen Begeisterung ausgemalt, – später wurde er allerdings äußerst still. Auf Edel hatten diese lebenden Schilderungen ihre eigentümliche Wirkung ausgeübt. Wenn sie jetzt Morten Jonsen begegnete, lag eine freundliche Kälte in ihrem Wesen. Er fühlte mit steigender Bitterkeit, daß sie ihm gegenüber eine andere geworden wäre. Als Andreas und sie einmal bei dem Probste Müller zu Besuch waren, kam auch Worten in einem Anliegen dorthin. Er hatte gerade ein glückliches Geschäft gemacht, das Aufsehen erregt hatte, und dies wurde, während er da war, von der Familie des Probstes mit froher Teilnahme erwähnt. Das Gesicht, auf das seine Augen während dessen gerichtet waren, sah indessen vollkommen gleichgültig aus, und er glaubte sogar einen gewissen höhnischen oder geringschätzenden Zug um die Lippen zu entdecken. Er wurde bleich, ohne sich jedoch etwas merken zu lassen und brach unmittelbar nachher auf. Nur war sein Abschiedsgruß sehr kalt. Er hatte sich vorgenommen, seinem alten, väterlichen Freunde, dem Probste, der ihm stets Interesse und Teilnahme bewiesen hatte, alles, was er über die Geburt seiner Mutter und jetzt vor kurzem von Silber-Sara über das Papiergeld erfahren hatte, anzuvertrauen. Er wollte ihn um seinen Rat bitten, wie er sich Stuwitz gegenüber verhalten sollte; denn das Benehmen desselben gegen ihn, als den nen aufgetauchten Konkurrenten in der Gegend, hatte ihn in der letzten Zeit vielfach gereizt und den Gedanken in ihm erweckt, das Leben dieses Mannes auf die eine oder die andere Weise vor die Öffentlichkeit zu ziehen. Der Probst hörte in seiner Arbeitsstube alles, was Morten zu berichten hatte, schweigend an. Er wußte selbst von der Beichte Isaak Lövös und der Silber-Sara noch einiges mehr, war aber durch sein Amt an Schweigen gebunden. Nichtsdestoweniger konnte er ihm mit gutem Gewissen den Rat geben, der ihm der richtigste schien. Da es ihm an allen Beweisen fehlte, würden derartige Geschichten, meinte er, von den Leuten nur als das Ergebnis des Brotneides betrachtet werden. Und wenn er sich an Stuwitz rächen wollte, so müßte er eingedenk sein, daß die Rache einem anderen zustände. »Meine alte Erfahrung« – schloß er – »hat es mir bestätigt, daß niemand so schnell reitet, daß ihn unser Herr nicht einmal einholt! Und glauben Sie mir, junger Mann, – er erreicht auch Stuwitz noch, selbst wenn unsere Augen es nicht sehen werden!« Das Resultat war, daß Morten Jonsen seine Rachepläne aufgab, obgleich er jetzt in seinem erbitterten Gemüt äußerst kampflustig war. Er ging nach Hause und machte sich allerlei Gedanken über Edels Betragen. War etwa Andreas' Rückkehr der Grund zu ihrem veränderten Betragen? Voller Eifersucht hatte er bemerkt, daß sie stets so vertraulich mit ihm umging. Oder stand das, was er bisher ausgerichtet hatte, so tief unter ihren Erwartungen? – Die Leute meinten doch, daß er Außerordentliches geleistet hätte. Jedenfalls sollte er ihr den Beweis liefern, daß er noch mehr leisten könnte. – Und er vermied es von jetzt an, mit Andreas zusammenzutreffen. Seine Mutter hatte aus vielem bemerkt, daß er sich mit schweren Gedanken herumtrug, und Jon schüttelte bisweilen den Kopf, weil es ihm vorkam, als ob der Sohn in seinem Geschäfte anfing, zu viel auf eine Karte zu setzen. Er äußerte gegen Marina, daß derselbe den Herrn versuche; aber solange es noch gut ging, ließ sich ja nichts weiter sagen. Als Morten einmal nach einem Zusammentreffen mit Edel in doppelt verbitterter Stimmung nach Hause zurückkam, gelang es der Mutter in einigen halben Worten sein Vertrauen zu erlangen. Marina konnte nicht unterlassen, an seinem Verlangen dem seinen Fräulein zu zeigen, wie weit er es bringen könnte, teilzunehmen; aber Jon Zachariasen fand, daß es ein leichtsinniges Streben wäre. In seinem Herzen standen Edels Aktien am tiefsten; denn, so meinte er, sie allein sei doch daran schuld, daß der Sohn so dreist und blindlings dem Glücke nachjagte. Aber er äußerte darüber jetzt nichts zu seiner Frau – er fürchtete sich selbst zu weissagen. Eines Abends saß Andreas lange auf. Er bewarb sich um die Hand seiner Cousine, schrieb und zerriß den Brief und schrieb ihn wieder. Schon drei solche Briefe hatte er in seinem Leben geschrieben, und dieser durfte um seiner eigenen Ehre willen keinem seiner vorigen gleichen. Sein Mut war überhaupt nicht der Art, daß er die Antwort persönlich entgegennehmen wollte, – deshalb hatte er stets schriftlich angehalten. Den nächsten Nachmittag ließ er den Brief durch einen Boten abgeben, während er selbst bis spät in die Nacht eine Kahnfahrt unternahm. In den folgenden Tagen war er grenzenlos verzweifelt. In einer kurzen Zuschrift hatte ihm Edel mit »Nein« geantwortet, aber so cousinenhaft freundlich und hoffnungsvoll, daß er trotzdem fortfuhr wie früher ihr ergebener Vetter zu sein. Eines Abends später kam er jedoch dahinter, daß seine erste Liebe zu Julie Schultz, der Tochter des Amtsrichters, doch seine eigentliche wäre. »Vetter und Cousine stehen einander zu nahe. Schändlich und mehr als schändlich«, er hatte die ganze Zeit nicht an sie gedacht. Sechzehntes Kapitel. Zinnäs. Mit großem Ärger war Stuwitz dem Glücke Mortens in Finkrogen gefolgt. – Er betrachtete es gleichsam als einen ihm selbst zugefügten Raub, und doppelt schmerzte es ihn, es im Besitz von Morten Jonsen zu sehen. Finkrogen war nicht bloß an sich eine Perle, unter der dortigen Konkurrenz litt zugleich sein eigener Handelsplatz. Er war ein mächtiger Feind und Morten hatte es mitten in seinen Erfolgen schon mannigfach zu fühlen bekommen. Als er in einem Herbste hörte, Morten Jonsen hätte sich bei einer großen Fischlieferung vollständig verspekuliert, sah er triumphierend aus. Vor seinen Ladendienern äußerte er, das hätte er sich von diesem Projektenmacher nicht anders gedacht, er wäre in die Höhe gekommen, ohne daß etwas dahinter wäre; und nicht weniger vergnügt schimpfte er, als er vernahm, Morten Jonsen hätte seine Zuflucht zu Jackmann unten in Storwaagen nehmen müssen und bei ihm ein größeres Darlehn hypothekarisch erhalten. Stuwitz stand in vieljähriger Verbindung mit diesem Manne und war einige Zeit danach – auf einer Reise – bei ihm. Der Kummer Morten Jonsens war nicht gering, als er kurz vor Ablauf der Verfallzeit von Jackmann unterrichtet wurde, daß sein Gläubiger jetzt Stuwitz wäre. Der Schuldbrief war so ausgestellt, daß die Schuld terminweise zurückgezahlt werden sollte; bei mangelnder Pünktlichkeit in einem dieser Termine sollte jedoch – nach dem gewöhnlichen Wortlaute solcher Dokumente – das ganze Kapital auf einmal der Zwangsvollstreckung unterliegen. Daß Stuwitz, der Gewohnheit zuwider, das strenge Recht benutzen würde, wußte Morten Jonsen wohl; aber er wußte auch, daß er eine Jacht mit Fischen nach Bergen unterwegs hatte, und deshalb genügende Mittel vorhanden wären, denn jetzt war sein ganzes Verlangen darauf gerichtet, die Schuld auf einmal zu tilgen. In letzterer Zeit hatte er, was seinem Vater so bekümmerte, angefangen Großes auf eine Karte zu setzen. Die Absendung jener Jacht, deren Fischladung größtenteils für seine eigene Rechnung war, und worin das meiste, was er jetzt noch besaß, steckte, – war wieder ein solches Geschäft. Denn damals versicherte man die Ladung noch nicht. Aber der Ertrag konnte allerdings den ganzen Verlust im vergangenen Jahre decken. Jon Zachariasen befand sich eben auf einer Reise für den Sohn, als ihm das Gerücht von dem Untergange der Jacht bei Alsteren im Nordfjord zu Ohren kam. Er sah die ernste Bedeutung dieser Sache ein und reiste augenblicklich an den Ort, wohin die Nachricht am vorigen Tage gekommen sein sollte, um sich klaren Bescheid zu verschaffen. Leider wurde ihm das Gerücht bestätigt, zugleich erfuhr er, daß nur ein kleiner Teil der Ladung gerettet wäre. Er war düster, als er nach Hause zurückreiste, denn er fühlte, daß die Schuld an seinem Sohne läge; – trotzdem wollte er ihm persönlich die Nachricht bringen. »Besser ist es,« meinte er, »daß sein Vater mit derselben kommt, als irgend ein Fremder.« Lange saß Jon Zachariasen an jenem Abende bei seinem Sohne, der im Zimmer bleich auf und ab schritt. Kein klagendes Wort kam aus seinem Munde, aber wohl hin und wieder ein trotziges. Zuletzt gab er ihm den Rat, sofort zu Jackmann zu reisen, der die Hypothek auf Finnäs besäße, und von ihm eine Stundung auszuwirken, »dann könnte wohl noch alles gut werden.« Als ihm der Sohn jetzt mit düsterer Miene erzählte, daß sein Gläubiger nicht länger Jackmann, sondern Stuwitz wäre, wurde es auch Jon vor den Augen schwarz, aber er bemerkte nur: »Der Herr kann auch wohl dafür Rat schaffen.« Als er wieder zu Marina zurückkam, hatten die beiden Alten zusammen ihren großen Kummer; aber auch hierbei war Jon ungewöhnlich mild. – »Jeder muß Klarheit in seine Angelegenheiten bringen,« sagte er entschuldigend, »und das Unglück Mortens ist dieses feine Fräulein gewesen!« Morten mußte den Verfalltag vorübergehen lassen und besorgte die täglichen Geschäfte auf Finnäs nur in gedrückter Gemütsstimmung. Gegen Ende des Sommers war es ihm endlich geglückt, so viel Geld aufzutreiben, daß die verfallene Terminssumme gedeckt werden konnte, und er hatte den Betrag an Stuwitz geschickt; aber dieser verlangte dessenungeachtet den ganzen Kapitalsbetrag. Er hatte bereits den ersten Schritt bei Gericht gethan, und wie ein Lauffeuer verbreitete sich jetzt das Gerücht, daß Finnäs binnen kurzem öffentlich verkauft werden sollte. Es ließ sich leicht einsehen, daß es Stuwitzens Absicht war, sich selbst den Handelsplatz zuschlagen zu lassen. Nun blieb ihm nur noch der seinem Stolze so harte Ausweg übrig, sich zu Stuwitz zu begeben, um sich womöglich durch persönliche Überredung eine Frist – wenn auch nur bis zum nächsten Frühling – zu verschaffen. So schwer und demütigend es auch war, so mußte es doch versucht werden; denn er lief sonst sogar Gefahr, nicht jedem seiner Gläubiger gerecht zu werden. Oft war er nahe daran, das Ganze aufzugeben. Es war ihm ein peinliches Gefühl, daß Heggelunds, die jetzt natürlich wie alle andern seine Lage kannten, die Beschaffenheit seines Geschäftes bei Stuwitz erraten würden. Sie waren seinem Unglück mit tiefer Teilnahme gefolgt. Andreas hatte dabei seinen Verdruß vergessen; Edel hatte sogar ziemlich schroff geantwortet, als die Ansicht ausgesprochen wurde, der Verlust Morten Jonsens sei zum Teil selbst verschuldet, und Heggelund ging umher und ärgerte sich halblaut darüber, daß »der wackere junge Mann« auf eine so lumpige Weise in die Klauen »des niederträchtigen Stuwitz« gefallen sei. Auch Onkel Tobias sah traurig aus und das Haus war sozusagen voller Sympathien für Morten Jonsen. Denen gegenüber, die der Ansicht waren, es spuke schon vor, er müßte Bankrott machen, hielten sie eifrig die Überzeugung aufrecht, das Ganze sei sicherlich nur eine vorübergehende Verlegenheit. Die etwas lange aufgeschobene Reise zu Stuwitz ging endlich doch vor sich. Er wollte sich nicht den Selbstvorwurf bereiten, daß er nicht alles Menschenmögliche versucht hätte, um sich aus seiner Lage zu retten. Aber sein Entschluß war gefaßt. Wenn Stuwitz nicht zu überreden war, – und dies war nur allzu wahrscheinlich – so wollte er, sobald es die Ordnung seiner Angelegenheiten gestattete, nach Amerika gehn. In Norwegen, wo sein bisheriges Lebensziel umgestürzt, hatte er ja die bittere Empfindung seines völligen Unterganges. Bei Heggelunds war Andreas nicht zu Hause, aber Heggelund selbst, der Morten Jonsen hatte kommen sehn, war ihm entgegengekommen und hatte ihn äußerst herzlich zu sich eingeladen. Morten, der einsah, daß dieser sich sein Vorhaben vorstellte, hielt es für das männlichste, es sofort selbst zu erzählen. »Ich will – sagte er mit etwas schwacher Stimme – zu Stuwitz gehen, um Finnäs womöglich zu retten!« Mit einem Schimmer von Kummer sah Heggelund nach Stuwitzens Haus hinüber und sagte darauf ernst, indem er ihm die Hand drückte, als ob er ihn nicht aufhalten wollte: »Ja, Jonsen, versprechen Sie mir, daß Sie zu uns hinaufkommen, möge es Ihnen bei dem Menschen gut oder unglücklich gehen, – es ist ja doch Ihre alte Heimat!« Heggelunds Worte und Wesen hatten eine tiefgefühlte Teilnahme verraten, und er gab ihm das verlangte Versprechen, obgleich er die Absicht gehabt hatte, sofort wieder in das Boot zu steigen. Als Morten Jonsen kam, saß Stuwitz in seinem Comptoir neben dem Laden und machte in einem Geschäftsbuche Notizen. Er brummte etwas, als er ihn erblickte, ließ sich aber in seiner Arbeit nicht stören und forderte ihn nicht auf, sich zu setzen; – es war auch kein anderer Platz da als auf dem Stuhl neben ihm. Morten kannte von alter Zeit her den Ausdruck dieses Gesichtes; er prophezeite nichts Gutes. Endlich geruhte Stuwitz aufzublicken und sagte barsch: »Ich begreife, daß Sie kommen, um mich zu bezahlen!« »Nein,« – erwiderte Morten, – »ich komme leider, um Sie um eine Frist zu bitten.« »Aha!« – sagte Stuwitz langgezogen und augenscheinlich erleichtert, indem er sich wieder an seine Arbeit machte. – »Sie haben ja bis zum Subhastationstage Frist!« In Stuwitzens Antwort lag etwas unsäglich Beleidigendes. Er verbarg nicht im geringsten seine Hoffnung, so bald wie möglich in den Besitz von Finnäs zu gelangen. Dessenungeachtet führte Morten mit großer Ruhe alle Billigkeitsgründe an; der verfallene Termin wäre ja bereits bezahlt, und er erklärte sich bereit, das nächste Mal zwei Raten zu entrichten, oder sogar die ganze Summe in Waren zu bezahlen. Ein verächtliches Schulterzucken und ein ärgerliches Brummen war, während er im Hauptbuche zu schreiben fortfuhr, die ganze Antwort. Morten bemerkte jetzt warm, daß sein früherer Gläubiger Jackmann, der üblichen Sitte gemäß, nicht die ganze Forderung würde geltend gemacht haben. »Nein« – versetzte Stuwitz, indem er sich plötzlich erhob und mit der flachen Hand trotzig auf das Pult schlug, um dem Gespräche ein Ende zu machen – »er heißt Jackmann und nicht Stuwitz, und ich hoffe, Sie werden den Unterschied merken!« Er sah wütend und erhitzt aus; es lag auf der Hand, daß er ihm die Thür weisen wollte. Morten erkannte, daß er gegen jede Vorstellung unzugänglich wäre, und sah seine letzte Hoffnung schwinden. Mit der erlittenen Demütigung vor Stuwitz hatte er jede Rücksicht auf seine Sache erfüllt. Er fühlte sich fast erleichtert. Denn es entbrannte in ihm die Lust, diesen Menschen, der ihm den Fuß auf den Nacken setzte, einmal ohne alle Rücksicht die Wahrheit zu sagen. Anstatt nach der geschehenen beleidigenden Abfertigung zu gehen, setzte er sich zu Stuwitzens großem Erstaunen ganz ruhig auf die Bettkante. Was nun zwischen diesen beiden vorging, kann nicht völlig wiedergegeben werden. Morten trennte so zu sagen Stuwitzens Jugendleben langsam, Glied für Glied, auf. Er vergaß nichts von dem, was er wußte, und beleuchtete darauf mit eiskalter Ironie sein Verhältnis zu Heggelund. Aus Stuwitzens Gesicht leuchtete eine unsäglich feige Angst hervor; ein furchtsamer, kriechender Ausdruck erinnerte an das eines Raubtieres, welches in einer Wolfsgrube, in die es unerwartet gefallen ist, ängstlich umherschleicht. Dieses Gesicht wurde dann auf einen Augenblick von einem Wutanfall abgelöst, bei dem er aussah, als ob er Gewalt brauchen wollte. Aber eine Miene Mortens ließ ihn sich wieder setzen. Der Spiegel, der ihm vor das Gesicht gehalten wurde, zeigte indessen nach und nach ein Bild, das Stuwitz selbst zuletzt übertrieben und ungerechtfertigt zu finden begann. Während die Pupille in dem einen matten Auge zitterte, sagte Stuwitz mit einem neckenden, wohlwollenden Lächeln: »Gottbewahre! – Ich will nur mein gesetzmäßiges Recht auf Finnäs, und das will ich auch durchsetzen. – Aber woher Ihre geehrte Mutter in die Welt geschwommen sein mag, ist wahrlich mehr, als ich Ihnen zu sagen vermag, – falls sie nicht, wie andere Leute, in dem Kirchenbuche stehen sollte!« Mortens Gesicht wurde bleich; er trat Stuwitz dicht unter die Augen, außer Stande, ein Wort hervorzubringen. Endlich schrie er: »Schurke!« und ging auf die Thür zu. Stuwitz folgte ihm und sagte beim Herausgehen höhnisch: »Sie können ja auch Ihr Recht suchen! – Beweisen Sie nur bei Gericht all den Nonsens, den Sie mir gesagt haben, mein guter Morten Jonsen! Aber Sie müssen für gute Zeugen sorgen, wissen Sie, – sonst wird man ja so leicht als Verleumder verurteilt.« Morten hörte noch ein ironisches, freundliches Lebewohl hinter sich. Als er nach einem langen, einsamen Spaziergang, wie er versprochen hatte, zu Heggelund hinauf kam, trug sein Gesicht noch die Spur der Aufregung, die sich seiner bemächtigt hatte. Er erzählte ganz kurz, daß es keinen Rat mehr für Finnäs gäbe; er hätte sich das vorher gedacht, – sagte er gefaßt – und deshalb den Beschluß gefaßt, nach Amerika auszuwandern. Was ihn so aufrichtig machte, war sein Stolz; – Edel war in der Stube. Aber es war leicht zu erraten, daß es ihm schwer zu Mute war – er verhielt sich den ganzen Abend so gut wie schweigend. Edel schenkte ihm selbst Thee ein, und als er von Amerika redete, zitterte die Tasse in ihrer Hand. Er gewahrte ihre Blässe, ihre zurückgehaltene Teilnahme und fühlte mit einem gewissen Schmerze, daß sie ihm nie so nahe wie jetzt gestanden; es lag etwas in ihrem Wesen, als ob sie fast einsähe, daß sie Schuld hätte. Wenn er so stille dasaß, stand ihm nicht Finnäs, wie die anderen glaubten, vor der Seele, sondern der Gedanke, daß sie ihm jetzt verloren gehen sollte. Heggelund und Onkel Tobias hatten sich nach ihrer Gewohnheit früh zur Ruhe begeben, und er war einen Augenblick allein in der Stube. Er saß und spielte in Gedanken mit einer Brustnadel, die er in der Hand hielt. Kurz darauf kam Edel wieder herab; sie war bleich und ernst. Als ob er auf die Gedanken, die ihre Seele bewegten, antwortete, sagte er mit einem Seufzer: »Ja, ich gehe nach Amerika – hier habe ich nichts mehr, wofür ich arbeiten könnte.« »Finnäs ist doch nicht alles im Leben,« – wandte sie etwas leise ein, ohne ihn jedoch anzusehen. »Nein, Fräulein Edel,« rief er, von seiner Bewegung übermannt; – »aber Sie sind für mich das Leben! – Für Sie habe ich gearbeitet, und an Sie habe ich gedacht!« Dabei hatte er sich erhoben und stand dicht neben ihr. »Und jetzt« – fügte er mit wehmütigem Ausdruck hinzu – »will ich Sie bitten, da ich Sie in diesem Leben vielleicht nicht mehr sehen werde, einen Gegenstand anzunehmen, der mir äußerst wert ist, die Brustnadel meiner Mutter, – ich möchte sie so gern von Ihnen getragen wissen.« Er wollte ihr die Nadel reichen; aber die Hand, die sie entgegennahm, bebte, und er sah in ihrem Gesicht und den gesenkten Augen, die thränenfeucht in die seinigen blickten, daß auch sie ihn liebte. Er vergaß alles und zog sie an sich. Schnell nahm er sich jedoch wieder zusammen und sagte langsam, indem er sie anblickte: »Aber die Zukunft?« »Die bauen wir beide zusammen,« – flüsterte Edel und legte ihre Hand treu in die seinige. Als Jungfer Dyring später zur Thür hineinsah, saßen die Glücklichen dort am Fenster in dem schwachen Mondlicht. Am Morgen war Edel früher als sonst im Zimmer bei ihrem Vater; sie hatte auffallend viel zu besorgen und zu ordnen. Da ging sie mit einemmale auf ihn zu und faßte ihn um den Hals, so daß er verwundert fragen mußte, was mit ihr los wäre, und sie offenbarte ihm alles. Er nahm es mit einer Freude auf, als ob Morten Jonsen Finnäs nicht verloren, sondern eben erst erworben hätte; und es wurde verabredet, daß ihre Verlobung bei seiner nächsten Wiederkunft veröffentlicht werden sollte. Aber Jungfer Dyring, meinte Edel, hätte alles doch schon längst geahnt. Es war gerade die Zeit im Sommer, in der sich die Lappen auf der Insel Skorpen aufhielten, und das Gerücht davon, daß Finnäs von Stuwitz subhastiert werden sollte, war auch dorthin gedrungen. Mathis Nutto war dadurch höchst beunruhigt worden; denn er sah seine Interessen abermals ernstlich gefährdet. Als Morten Jonsen nach Hause kam, standen unten auf Finnäs mehrere, die den Ausfall seiner Reise im stillen aus seinen Mienen zu lesen suchten, und unter ihnen befand sich Mathis Nutto. Aber dieser vermochte aus seinem Gesichte nichts anderes zu erkennen, als daß er glücklich gereist sei. Trotzdem erkundigte er sich am folgenden Tage bei Marina. Sie sah mutlos aus, und er erfuhr nun, wie es ausgegangen war. Der Lappe erschien mehrmals wieder, und es war Marina auffallend, daß er so wiederholentlich und so genau nach dem Zusammenhang in dieser Sache fragte. Das letzte Mal kam er, um ihren größeren Kahn auf mehrere Tage zu einer Fahrt zu leihen; aber er sprach nicht davon, wohin sie gehen sollte. Daheim im Zelte war er eine Zeitlang sehr nachsinnend gewesen, und hatte am Abend in Gedanken versunken dagesessen und mit starken Zügen geraucht. Eines Morgens, als Stuwitz seiner Gewohnheit nach hinabging, um den Kramladen zu öffnen, stand der alte Lappe draußen und wartete. Seine Ahnung sagte ihm, daß etwas Unangenehmes bevorstände, und um Zeugen zu entgehen, sandte er sofort den Ladendiener und den Knecht nach dem Speicher an der See. Er suchte seine Freude zu verhehlen, als der Lappe sagte, er wäre gekommen, um auch die übrigen alten Geldscheine einzuwechseln, und er griff schon fiebrisch in ein Geldsäckchen, welches er aus dem Comptoir hereingebracht hatte. Endlich bekam er also die Scheine, um deren willen er schon so viele Jahre gebangt hatte! Mathis zögerte indessen seine Ledertasche hervorzuziehen und rückte jetzt erst mit seinem eigentlichen Anliegen heraus. Er wollte eine schriftliche Bescheinigung haben, daß Finnäs der Schuld wegen nicht verkauft werden sollte. – Er erklärte, es wäre ein altes Abkommen zwischen ihnen, er sollte Finnäs in Frieden lassen. Stuwitz antwortete eine lange Weile nicht; er war rot im Gesicht; Raserei und Furcht arbeiteten darin. Vor seiner Angst stiegen diese Geldscheine jetzt zugleich als Waffen in der Hand Morten Jonsens auf, und er empfand, daß er sie um jeden Preis kaufen müßte. Stuwitz versuchte ihn mit verschiedenen persönlichen Angeboten lange und vergebens; Mathis war unzugänglich; und da bequemte er sich denn, wie er sagte, dazu, die verlangte Erklärung zu schreiben, die er in Form eines Briefes an Morten Jonsen ausstellte. Der Lappe gab sich jedoch noch nicht zufrieden, – er verlangte, daß erst jemand von Heggelunds sie lesen sollte, damit er sich auch auf den Inhalt verlassen könnte. Stuwitz setzte sich nun wunderbar gefügig wieder hin, um einen neuen Brief zu schreiben. Seine Hände bebten und er hielt wiederholentlich inne, als ob er noch an die Möglichkeit zu entschlüpfen dächte. Der Lappe sah währenddessen mit blinzelnden Augen zu: – er genoß den Triumph, ihn gefangen zu haben. Nach Verlauf einer Stunde kam Mathis wieder nach dem Kramladen hinab, wo Stuwitz ängstlich saß und wartete; denn er hatte Angst, daß der Lappe nicht Wort halten würde. Aber da langte dieser ehrlich die Geldscheine heraus; freilich bestand er bei dem Wechsel darauf, daß jeder Reichsthaler einen neuen Bankthaler wert sein müßte, und Stuwitz mußte sich ihm fügen. An jenem Tage saß Andreas im Wohnzimmer und unterhielt sich mit seiner Cousine. Edel war sehr munter und mit ihm in der alten Sache, auf die er wieder zurückgekommen war, daß nämlich die eigentliche Bildung im Lande nur von den Studenten ausginge, vollkommen einig. Sie hatte freilich etwas gesagt, wovon er nicht recht wußte, ob er es für »einen Spitz« nehmen sollte oder nicht – weshalb er einen Augenblick seinen schönen, schwarzen Schnurrbart gewaltig strich –; aber ihre unschuldige Miene beruhigte ihn. Wie zur Bekräftigung seiner Rede hatte sie bemerkt: »Ja, ich erinnere mich noch recht wohl, eine wie frohe Stimmung uns ergriff, als du der Gentleman Andreas wurdest;« aber schnell brachte sie es wieder durch den Zusatz in das Gleiche: »als du das Abiturientenexamen bestandest, Andreas.« In diesem Augenblicke wurde gemeldet, ein Gebirgslappe stände draußen im Gange und bäte Herrn Andreas sprechen zu dürfen. Es war der alte Mathis Nutto, den er aus früherer Zeit von Ansehen kannte. Der Lappe stand mit einem Papiere in der Hand, welches er ihn zu lesen bat; – er wollte hören, ob das Schreiben richtig wäre. Kaum hatte Andreas es gelesen, als er in seiner gewöhnlichen raschen Weise in die Wohnstube mit der Nachricht stürzte, Morten Jonsen wäre dennoch gerettet, – hier stände es schwarz auf weiß – sagte er und schickte sich eben an, weiter zu seinem Onkel hinaufzustürmen. Da sah er verwundert, daß Edel völlig bleich wurde, und sie streckte die Hand aus, um selbst das Papier zu lesen. Nachdem sie es ein paarmal durchgelesen, sah sie ihn strahlend vor Glück an und sagte wie unter einem plötzlichen Dankgefühle: »Nachdem du mir diese Nachricht gebracht hast, Andreas, so sollst du auch der erste sein, der erfährt, daß ich mit Morten Jonsen verlobt bin, – obgleich er kein Gentleman ist, Andreas!« setzte sie etwas schalkhaft hinzu. Aber ihre Augen schwammen in Thränen, und sie ging selbst hinauf und zeigte ihrem Vater das Papier. Der Lappe hatte keine Zeit, sich bewirten zu lassen, und mußte sofort wieder zu Stuwitz in den Laden hinab – er hatte nur das Papier lesen lassen wollen. Mathis fuhr sehr vergnügt heimwärts. Er landete bei Jon Zachariasens Bootsschuppen und übergab Marina den Brief, indem er ihr den Inhalt erzählt. Das wäre, sagte er, indem er wieder forteilte, der Lohn dafür, daß sie einmal seine Tochter und ihr Kind draußen auf der Schär gerettet hätte. »Aber« – rief er zuletzt zurück – »kommt dir der Brief fort, so verliert dein Sohn Finnäs.« Marina eilte denn auch mit ihm hinüber und kam atemlos an. Siebzehntes Kapitel. »Alte Geschichte«. Nach seinem Auftreten gegen Heggelund war Stuwitz ein sehr übel angesehener Mann in der Gegend. Ob er nun wirklich der öffentlichen Meinung gegenüber in eine bessere Stellung kommen wollte, oder ob er wirklich sein Gewissen durch gute Thaten zu beruhigen glaubte, oder ob beides der Fall war – kurz, er war jedenfalls in diesem Herbste nach der Gerichtsstätte gereist, um sein Testament zu errichten, nach welchem ein Teil seines Geldes nach seinem Tode als ein Legat zum Besten des Kirchspiels dienen sollte. Am Abend wurde auf der Gerichtsstätte das Interesse von einer Begebenheit in Anspruch genommen, die von »dem alten Rat« bei Heggelunds erzählt wurde. Bei dem Untergange eines Schiffes im Norden Finmarkens, in seinen jüngeren Jahren, wäre sein Bruder, der das Schiff führte, zugleich mit seiner Frau und ihrem einzigen Kinde verunglückt. Der Rat hätte wegen dieses Fahrzeuges zu seiner Zeit viele Untersuchungen angestellt, ob auch alles richtig zugegangen wäre. In einem Schmucke, welchen der Kaufmann Worten Jonsen seiner Geliebten, dem Fräulein Heggelund geschenkt hatte, wollte er nun dieselbe Brustnadel wieder erkannt haben, die er selbst einmal der Frau seines Bruders geschenkt hatte. Merkwürdigerweise sollte diese Brustnadel wirklich in den Kleidern eines Kindes, welches einmal von einem Wrack gerettet worden war, gefunden worden sein, und dieses Kind war die Mutter Morten Jonsens. Man kannte die Personen, und es erregte eine eigentümliche Stimmung, sie sich als die Mitspieler eines Romans zu denken. Ein Anwesender erinnerte an einige ähnliche Berichte über Verhältnisse vor mehreren Jahren; aber das Interesse für diese lag doch ferner, und das Gespräch wandte sich bald wieder zu allerlei Vermutungen zurück. Der Probst Müller hatte die ganze Zeit lang still dagesessen und zugehört, indem er sich das Gesicht dann und wann mit dem Taschentuche abtrocknete. Mit einemmale sagte er zu Stuwitz, der an dem Gespräche nicht teilgenommen hatte, auffallend ernst: »Ich bete stets für alle, die nicht bekennen dürfen, was sie auf dem Gewissen haben; denn so viel weiß ich: diese haben es am schlimmsten in der Welt.« Stuwitz war erdfahl im Gesichte geworden und verschwand bald darauf. Daß die Brustnadel wieder erkannt worden war, ging so zu. Wie Edel immer mit dem Onkel Tobias zu verkehren gewohnt war, hatte sie ihm auch am Sonntage die neue Brustnadel, die sie trug, gezeigt. Erst etwas später sah sie wieder nach ihm hin und wurde über sein Benehmen völlig erstaunt. Er drehte die Brustnadel in der Hand hin und her, betrachtete sie unablässig und untersuchte sie auf alle Weise. Endlich schob er eine Platte beiseite und nahm eine kleine Locke Haar heraus, die sie ihm nicht gezeigt hatte. Der alte Mann schien völlig überwältigt und saß lange in Gedanken versunken da. Es wäre, – äußerte er endlich tief bewegt, so daß er die Worte kaum hervorbringen konnte, – dieselbe Brustnadel, die er einmal der Frau seines Bruders geschenkt hätte. Die Locke wäre von dem Haar seines Bruders; er selbst hätte damals zur Erinnerung sein Namenszeichen T. St. auf die Rückseite der Platte eingraviert. Nun kam es zur Erklärung, wobei ihm Edel erzählte, was sie von der Brustnadel erfahren hatte, und dann ließ sie den alten Mann allein, was er sichtlich wünschte. Als sie später wieder zu ihm ging, bemerkte er in seiner abgebrochenen Weise: »Sonderbar! – Sonderbar! – Morten Jonsen schien mich immer an meinen Bruder zu erinnern – so offen, so hell, und namentlich die Augen – und ebenso kühn und entschieden in seinem Wesen. Es hieß immer, mein Bruder hätte zum Schiffskapitän gerade den richtigen Wuchs, der mir fehlte!« Am Abend sagte er lebhaft: »Ich möchte gern auch auf der Hochzeit erscheinen, Edel! – Wenn ich bis dahin nur wieder gesund werde. – Und jetzt mußt du das alles deinem Bräutigam schreiben, dann werde ich einige Zeilen hinzufügen – an meine Nichte. Er legte einen gewissen Nachdruck auf dieses Wort, mit dem er Marina bezeichnete. – »Sie oder ihr Kind soll einmal meinen Anteil an dem Legat erben« – sagte er einen Tag darauf. Niemand wollte den alten Mann dadurch betrüben, daß man ihm erklärte, wie wenig juridische Beweise eigentlich vorlägen. Das Gespräch über »seine Verwandten« wurde überhaupt von nun an Onkel Tobias' Lieblingsthema. – In seinen letzten Jahren wurde Stuwitz auf einer Seite lahm. Über seinen Geiz und sein menschenfeindliches Leben verlauteten aber peinliche Geschichten. Als der Probst Müller einst an sein einsames Todesbett gerufen wurde, sah er ein, daß der Herr diesen Mann längst »eingeholt« hätte. Achtzehntes Kapitel. Schluß. Daß Edel sich mit Morten gerade in den Tagen verlobt hatte, als für den Sohn alles so ungünstig wie möglich aussah, hatte ja teilweise dazu beigetragen, sie in Jons Augen zu heben; – Marina gegenüber brauchte er wenigstens nicht mehr den Ausdruck: das feine Fräulein! Aber ein unangenehmes Gefühl blieb doch zurück. Eine Hausfrau konnte jetzt freilich in Finnäs Aufnahme finden; ob es aber zum Vorteil gereichte, daß eine Tochter des vornehmen Heggelund das Hauswesen daselbst leitete, – das war ihm doch sehr zweifelhaft. In seiner Mißstimmung hätte er fast den Schluß gezogen: Habe sie schon so viel Verkehrtes angestiftet, als sie noch nicht im Hause war, was würde nun erst geschehen, wenn sie hineinkäme? – Sie werde natürlich alles, wie gewohnt, auf einem großen Fuße einrichten. Infolge dringender Einladungen waren Jon und Marina seitdem mehrmals bei Heggelunds auf Besuch gewesen. Sonntäglich geschmückt erschienen sie und wollten stets des Nachmittags wieder abreisen; – überhaupt verstanden sie mit einem wunderbaren Takte ihre Würde wahrzunehmen. Aber eine ebenso große Feinheit lag in der Art, in welcher Edel auf den Vater ihres Geliebten einzuwirken verstand – es war, als ob sie seine Gedanken erraten hätte. Morten und Edel erkannten tief, daß sie Jahre hatten verstreichen lassen und dafür büßen müssen. Waren sie jetzt über etwas einig, so war es darüber, daß sie von nun an, so weit es bei ihnen stand, ihre Zukunft zusammen bauen wollten. Anfangs würden sie freilich keinen Überfluß haben; denn die Abbezahlung der Schuld an Stuwitz hatte große Opfer verlangt; aber glücklicherweise hatte Finnäs eine so günstige Lage, daß es nun doch geschehen war. Er wünschte, sie sollte ihn schon in demselben Frühling als Gattin in sein Haus begleiten. Aber hierauf hatte Edel in Jons Gegenwart erwidert, daß sie noch »Zeit nötig hätte«. Und als Morten etwas überrascht fragte: »Wozu?« – erwiderte sie: »Denkst du denn, daß ich nur des Staats halber zu dir nach Finnäs zu kommen gedenke? – In einem solchen Haushalt giebt es mancherlei Dinge, die ich erst noch lernen muß, wenn dir mit mir gedient sein soll.« Sie schien Jon verständiger zu sprechen als Morten. Allein der Sohn setzte doch durch, daß die Hochzeit mitten im Sommer stattfände. Nach und nach hatte Edel in so hohem Grade Jon gewonnen, daß dieser jetzt sogar meinte, die Ursache zu allem Unglück auf Finnäs läge gerade darin, daß sie nicht dagewesen wäre. »Mit ihr zur Seite würde Morten nie so dummdreist darauf losgegangen sein« – äußerte er zu Marina – »und sie hätte es auch sicherlich nicht zugelassen, – sie ist ein verständiges Mädchen.« Das waren herrliche Sommertage auf Skorpen. Wunderbar blau lag das Meer in der Sonne. Die Felsen nah und fern, darunter der Gipfel des Großberges in nächster Nähe schimmerten in verschiedenem Blau, und die engen Klüfte und Thalwege bildeten wahre Wärmegruben zusammengepreßter Sonnenstrahlen, die aus jedem Fleckchen Dammerde plötzlich eine überraschende Vegetation hervorzauberten. In diesem Jahre hatte der Frühling ungewöhnlich lange auf sich warten lassen; dann aber war er in wenigen Tagen mit einer solchen Gewalt hereingebrochen, daß der in den Thälern geschmolzene Schnee von allen Seiten in die Bäche hinabströmte. Das kleine Haus Jon Zachariasens am Meere war ungewöhnlich geputzt, der Hofraum vor ihm sorgfältig gekehrt; die Fensterscheiben waren nicht mehr die alten grünen, und die Thür prangte festlich im Birkenlaub. Mit den gelben Butterblumen und dem kurzen, buschigen Gras auf dem Rasendache, in dessen einer Ecke sich eine kleine belaubte Zwergbirke, wie ein Bild des eigenen abgehärteten Lebens des Besitzers, ausbreitete, – kam es sich in dem ungewohnten Putze wohl selbst ein wenig fremd vor. Niemand war zu Hause, die Thür verschlossen; – aber durch die neuen, hellen Fensterscheiben schien die Sonne, wie durch zwei Brillengläser, in die Einsamkeit hinein, auf die alte Bretterwand, und beleuchtete den Anfang und das Ende der bedeutungsvollen Buchstaben. Jon und Marina waren mit ihren Kindern auf der Hochzeit ihres Sohnes, die vor zwei Tagen bei Heggelunds stattgefunden hatte, und wurden jetzt mit dem jungen Paare zu Hause erwartet. Zu der einfach und im Kleinen gefeierten Hochzeit waren nur wenige Gäste eingeladen worden. Aber Jungfer Dyring, die an diesem Tage großartig und strahlend erschien, als ob der Glanz des Geistes ihrer Hausmutter sie umflösse, konnte sich doch nicht ganz an diesen engherzigen Gedanken gewöhnen. Sie repräsentierte jetzt in diesem Hause, welches das Heim ihres Alters werden sollte, die weibliche Seite, und es schien ihr nicht mit dessen Würde verträglich, wenn die Tafel weniger Gerichte als bei der Verheiratung der Schwester Edels aufgewiesen hätte. Aber auch Freude hatte im vollen Sinne des Wortes dabei geherrscht. Selbst die alte Bretterschiffswand mußte eine Rolle spielen, indem Probst Müller sein Glas zu ihrer Ehre erhob: »Auf ein zersprungenes Brett« sagte er, »das einst in einem Wrack mit schleimigen Wasserpflanzen überzogen, gelegen, habe Gott an die Wand einer kleinen Hütte ein Versprechen für die Zukunft geschrieben, das wunderbar in Erfüllung gegangen. Nach einem harten Lebenskampfe säße sie, die einst als hilfloses Kind auf jenem gestrandet wäre, jetzt als glückliche Mutter da und läse dieselben auf dem Spiegel der neuen Jacht des Sohnes gemalten Buchstaben, und« – schloß er, zu Onkel Tobias gewendet – »dieser alte Mann, dessen Kummer und Sehnsucht seine verlorene Familie gewesen, ist heute nicht am wenigsten von Freude erfüllt; denn der höchste irdische Segen des Greises besteht ja darin, daß er in seiner Familie eine Zukunft hinter sich erblickt. Aber der tiefere Grund, warum dieses Brett wieder zu einem neuen Schiffe geworden, liegt doch darin, – daß der Herr am Steuer saß.« Nach seiner bäuerlichen Weise fügte Jon Zachariasen dieser Rede ein »Amen« hinzu. In dem Sunde bei der Insel Skorpen segelten an dem schönen Tage einige festlich geschmückte Femböringe, die von verschiedenen Stellen am Lande mit Schüssen empfangen wurden. In dem ersten Boote saßen die Braut und der Bräutigam mit seinen Eltern, Jon Zachariasen und Marina, sowie Onkel Tobias, und auf der Ruderbank neben ihnen Elias Rost, der darauf bestanden hatte, dem jungen Paare das Ehrengeleit zu geben. Auch Andreas Heggelund war dabei. In dem andern Boote bemerkte man unter anderen Mortens Bruder Eilert und seine hübsche Schwester Christine. Auf Finnäs stand jetzt außer den Gebäuden, die zu dem Handelsplatz gehörten, hoch oben auf den Bergen ein einstöckiges Wohnhaus mit großen hellen Fensterscheiben; es war erst auf der einen Seite eingerichtet und möbliert; – aber was nicht war, konnte werden. Hinter dem Ganzen erhob sich die Felswand mit ihrem Abhang von Laubbäumen. – Wie gewöhnlich hatten auch in diesem Jahre die Lappen bereits ihre Renntiere durch die Kluft aufs Gebirge getrieben. Der große, neuangestrichene Speicher an der See kam ihnen bei der Umschiffung der Landspitze plötzlich zu Gesicht; aber mitten in der Bucht lag Morten Jonsens Jacht »die Zukunft« und flaggte. Noch immer befindet sich die Bretterwand in der kleinen Hütte, in der die beiden Alten wohnen und keinesfalls ausziehen wollen. – Jon Zachariasen und Marina genießen darin ihr friedliches Alter. Morten Jonsen gilt jetzt als einer der thätigsten und solidesten Kaufleute im Norden, und sein sehr entwickelter Handelsplatz auf Finnäs wird vom Dampfschiffe angelaufen. Eine glückliche Familie mit mehreren Kindern wohnt daselbst, und Edel besitzt namentlich den Ruf einer tüchtigen Hausfrau. Dann und wann kommt Andreas Heggelund auf Besuch dorthin, und dann werden immer viel Umstände mit ihm gemacht. Er wird es kaum zum »Amtmann« bringen, steht sich aber als Sachwalter außerordentlich gut. Morten Jonsen hegt ihm gegenüber noch immer seine alte Schwachheit und einen nicht geringen Teil seiner Geschäfte verdankt er dessen Einflusse. Anfangs reiste Andreas jedes Jahr nach Tromsö, wo er nach wie vor in seiner alten Dandyweise auftrat. Aber er traf dort auch öfter Julie Schultz, und das Ende war, daß sie sich verheirateten. Er ist fest davon überzeugt, daß sie seine erste und einzige wirkliche Liebe ist, und seine Frau glaubt es; – aber sie läßt ihn doch nur sehr ungern nach Tromsö fahren. Ende.