Gabriele Reuter Irmgard und ihr Bruder Roman   Deutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H. Berlin Alle Rechte vorbehalten Copyright 1930 by Deutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H., Berlin I Michael Glenn, der Erbauer einer der ersten kühnen Bergbahnen in den Anden, hatte den besten Arzt in Buenos Aires wegen einer verdächtigen Geschwulst am Rückenwirbel konsultiert. Nach der Untersuchung und einem darauf folgenden ernsten Gespräch beschloß er, mit Frau Luise und den zwei Kindern nach Europa zurückzukehren, um die dortigen Autoritäten zu hören. Sein Werk in Argentinien war abgeschlossen, doch es harrten neue Pläne und Entwürfe – Rufe aus der Schweiz, aus den Vereinigten Staaten. Er hatte keine Zeit zu langem Krankenlager, vielleicht konnte das Messer ihm schneller helfen, obgleich dieser halb indianische, halb spanische Doktor es verneinte. Was mochte er von Diagnose verstehen! Auch die europäischen Autoritäten verneinten – Operation ausgeschlossen. – Ruhe – Ruhe – nochmals Ruhe – gute Pflege – vorzügliche Nahrung – keine Berufsaufregungen und viel Sonne. Also Italien ... Man hielt damals, in den siebziger Jahren, noch »den Süden« für das beste Heilmittel gegen tuberkulöse Leiden. Tuberkulös? Schlimmste Form? Unsinn! Er – ein Kerl wie ein Wiking –, dessen Vorfahren oben an Frieslands Küsten ihre Schiffe durch Sturm und Nebel gesteuert hatten. Eine Infektion aus jenen tuberkelverseuchten Bergtälern? Es mochte sein. In einem Körper wie dem seinen würde sie überwunden werden. Michael Glenn hatte die ganze Wahrheit verlangt. Nun man sie ihm nicht vorenthielt, dachte er in seinem Herzen: die Kerls verstehen doch alle nichts. Zugleich fühlte er in der von leisen Fieberschauern unterbrochen, ihn wie ein schleimiges ekles Tier überkriechenden Mattigkeit, daß eine Pause in der Arbeit gemacht werden mußte. Und wenn ein oder zwei Jahre darüber hingehen sollten – die glänzenden Anträge auf andere fielen –, es gab noch genug Bahnen in der Welt zu bauen, und er war jung – nicht fünfunddreißig –, er konnte warten. Es gab jetzt nur ein Ziel für ihn. Und – zum Donnerwetter – was galt der Wille, mit dem er Hunderte von Angestellten und Arbeitern zur höchsten Leistung aufgestachelt hatte – gelang es ihm mit demselben Willen nicht, diese vereiternde Stelle an seinem Rückgrat auszuheilen, der sonderbaren Lähmung, welche Schenkel und Beine beschlich, Herr zu werden? Die Stunden wilder Verzweiflung, in denen seine herrische, gewalttätige Natur gegen das Schicksal antobte, machte er mit sich allein durch. Jedenfalls erfuhr auch Frau Luise nichts davon. Mit der kühlen Sachlichkeit, die sich in einer seltenen Weise mit seinem leidenschaftlichen Temperament verband, sprach er mit der Frau die Pläne für die nächste Zukunft durch. Nur keine Art von Heilanstalt. Er kannte von einem früheren Aufenthalt am südlichen Meeresufer eine Villa, die ihm damals ausnehmend gefiel, weil sie, mit den edlen Formen ihrer Bogenfenster sich auf einem braunen Felsen in verblaßtem Rosa aufbauend, harmonisch mit der Landschaft verschmolz, wie aus ihr emporgewachsen. Er hatte sich schon während seiner Hochzeitsreise nach ihrem Preis erkundigt – sie wurde für eine Anzahl von Waisenkindern durch einen Rechtsanwalt und Vormund verwaltet. Er hegte eine – vielleicht lächerliche – fixe Idee, er werde nur dort, in der Salzluft des Meeres, gesund werden. Frau Luise hatte in den sechs Jahren ihrer Ehe mit Michael Glenn gelernt, dem Herrischen und Heftigen in seinen Wünschen selten zu widersprechen. Sie war ein fügsames Weib, dabei nicht ohne Energie. Als Michael hörte, die Villa Marina stehe für einen verhältnismäßig bescheidenen Preis zu seiner Verfügung, erschien beiden Gatten dieser günstige Zufall wie eine glückbringende Verheißung. Die abgeschiedene Lage des Hauses hatte die meisten Kauflustigen abgeschreckt, erklärte der Rechtsanwalt offen. Michael Glenn zog gerade die einsame Lage an. Weinpflanzungen – ein Olivenhain und edle Kastanienbäume den Berg hinauf, ein Orangengarten, der in Terrassenform zum Meer abfiel, gehörten zu der Besitzung. Ein fürstliches, in köstlichen Eisenornamenten geschmiedetes Tor bildete den Eingang. Doch, die Wahrheit zu gestehen, Haus und Garten waren arg vernachlässigt. Es mußte an beiden viel aufgebaut und verändert werden. Das war Zerstreuung, zog von quälenden Gedanken ab. Die Arbeiter von der Säulenhalle aus, wo ein Liegestuhl stand, zu dirigieren und anzutreiben, war eine Leistung, die vorläufig Michael Glenns gesunkenen Kräften angemessen schien. In den kühlen, gewölbten Gemächern wurden Öfen und Kamine eingebaut, um für den Winter eine behagliche Wohnbarkeit zu schaffen. Die Wände, von denen Kalk und Stuck herabfielen, wurden teils frisch geweißt, teils in einer heiteren, etwas phantastischen Weise, dem Stil der Villa angemessen, ausgemalt. Nur an die vom Salz des Meerwindes angenagten Fresken der offenen Säulenhalle durfte keine moderne Hand rühren. Auf Wolken schwebten dort Göttinnen mit barock flatternden Gewändern und kühn verrenkten Gliedern, dickbackige Putten schienen Rosen auf die sterblichen Menschen zu streuen, die sich unter ihnen bewegten. Und zu diesem fröhlichen Gewimmel an der Decke standen in wunderlichem Gegensatz steife Gestalten an den Wänden: Die »Gerechtigkeit« mit Waage und Richtmaß, die »Fruchtbarkeit« mit einem Traubenkranz auf dem hocherhobenen Haupte und einem Kinde an dem vollen Busen. Auch eine »Tugend« war dabei, doch da sie gerade die Mitte einnahm, hatten Regen und Wind am meisten an ihr gewüstet, und man sah nur noch einige bräunliche Umrisse ihrer streng faltigen Gewänder. Auf seinen kräftigen Stock mit dem Gummipfropfen gestützt, stieg Glenn in den Weinpflanzungen umher, zeigte, welche Stöcke entfernt, wohin die neuen edlen Sorten, die er hatte kommen lassen, gesetzt werden sollten. Auch in dem Orangengarten war viel Überaltertes zu entfernen, waren junge Bäume anzupflanzen. Um die Säulen der Halle sollten Kletterrosen und Glyzinen ranken, wünschte Frau Luise. Alles umher sollte duften und blühen. Sie sah ihren Mann sich leichter bewegen als in den letzten Wochen; seine Niedergeschlagenheit, die mit einer nicht zu bekämpfenden Gereiztheit abwechselte, war einer freudigeren Energieentfaltung gewichen. Sie glaubte wieder an eine mögliche, vielleicht bald in Aussicht stehende Besserung, am Ende doch Genesung. Und inzwischen fühlte sie eine Befriedigung, deren sie sich fast schämte, Michael einmal – endlich einmal für sich allein zu besitzen, ihn in einer harmlosen, ungefährlichen Tätigkeit zu sehen, an der sie teilnehmen konnte, ja in der er des öfteren ihren Rat einholte. Die übermäßigen Anforderungen seines Berufes hatten ihn die letzten Jahre völlig von ihr entfernt gehalten. Sie wohnte mit den Kindern in Buenos Aires, wo er nur zu flüchtigen Besuchen eintraf. Luise war stolz auf Michaels Ruhm, auf die beinahe ehrfürchtige Achtung, die er in der Öffentlichkeit genoß. Sie hatte sich in der großen gesellschaftlichen Stellung, die sie mit ihm teilte, gesonnt. Doch der Seele ihrer Liebe hatte er wenig geben können. Ihrem bescheidenen Wesen sagte im Grunde das idyllische und eingeschränkte Dasein, in welches sie nun eintrat, mehr zu. Die sorgsame Pflege des Kranken, die Beschaffung der ausgewähltesten Nahrung, die in dieser Einsamkeit nicht immer leicht aufzutreiben war, gab ihr volles Genüge. Michael gehörte nun wieder ihr, war auf ihre Gesellschaft angewiesen und schien sich dabei zu erholen. Entronnen dem gehetzten, vielfach zerrissenen Berufsleben des großen Baumeisters, der sein Heim nur als eiliges Absteigequartier benutzen durfte, blühte sie auf, gewann mehr Fröhlichkeit, als sie seit Jahren gekannt. Glenn beobachtete diese Veränderung mit Verwunderung und einem Lächeln über die eigenartige Enge weiblichen Gefühlshorizontes – einem Lächeln, das nicht der Rührung und nicht einer schmerzlichen Resignation entbehrte. Das Geschwisterpärchen Erich und Irmgard nahm das neue Heim, seine Gärten, Terrassen und das weite blaue Meer mit vogelhaften Jubelausbrüchen in Besitz. Was sich in ihrem Dasein begeben hatte, ehe sie die Villa Marina bezogen, verlor sich für ihr Gedächtnis schnell in den dichten Nebelschleiern des Vergessens. Nie aber entschwand ihrem Gedächtnis der Tag, als sie zum erstenmal unter der goldenen Früchtepracht der üppig behangenen Bäume hinunterspringen durften zu der breiten, von Marmorgeländer umhegten Terrasse mit ihren weißen Bänken. Hand in Hand stiegen sie die grauen Steinstufen hinab, die zum schmalen Sandstrande führten, blickten scheu nach einem dunklen Felsentor, das sich zu ihrer Linken als Eingang einer feuchten Grotte öffnete, und vertrauensvoller hinaus auf das sonnenglitzernde bewegte Meer. Die Eltern, sich über die Balustrade neigend, sahen die Kinder, winzige weiße Gestältchen vor der gewaltig hingebreiteten Kraft der unendlichen Flut, die aus tiefem Blau dem Ufer entgegen sich zu hellerem Grün wandelte und weiße Schaumzungen den kleinen Füßchen zärtlich entgegenrollte. Glenn lächelte: »Zwei Menschen vor ihrem Schicksal«, sprach er leise in Träumen, und die Mutter fragte: »Wie meinst du?« Er schüttelte den Kopf. Nichts meinte er, nur eine vorüberschwebende Vorstellung ... »Sieh, wie sie spielen!« Hand in Hand liefen die Kinder vorwärts, der glitzernden Welle entgegen – sie schien vor ihnen zu fliehen – kecker wurden sie, weiter wagten sie sich auf dem feuchten Sande – da kam die Übermütige wieder gebraust, faßte mit weißem Schaumgekräusel nach den kleinen Füßen, und erschrocken aufjauchzend, sprangen Bruder und Schwester zurück in das sichere Trockne. Sie wiederholten das Spiel zwischen leisem Grauen und aufjubelnder Rettung, wiederholten es viele, viele Male. Sie wurden vertraut mit der ewig die Farbe wechselnden Riesin, begannen sie zu lieben auf die inbrünstig verschwiegene Weise, wie Kinder dunkel fühlen – sie begannen auch ihre Furcht vor dem Meer zu lieben, wenn es im Sturm aufbrüllte wie ein gewaltiges beutegieriges Tier. Gesellte sich den Winterstürmen der Regen, der in grauen Fluten aus grauen Wolken niederstürzte, so trat das Wohngemach in sein Recht, das hochgewölbt einen blauen Himmel mit goldenen Sternen vortäuschte. Im Marmorkamin knackten und knisterten Pinienäpfel, welche die Kinder für solche Tage gesammelt hatten. Auf dem weißen Kamin stand eine altertümliche Bronzeuhr, neben der eine goldene Dame ein Ährenbüschel im Arme trug, sie stand dort inmitten von sonderbaren Geräten, uralten Lampen, Leuchtern und Kannen aus Kupfer und Messing, die in der Dämmerung der herabgelassenen Jalousien einen geheimnisvollen Schimmer ausstrahlten. Über dem allen hing schräg von der Wand ein Riesenspiegel in verbranntem Goldrahmen; gingen sie weit genug zurück oder stiegen auf einen Stuhl, konnten sie ihre Gesichter in dem Glase sehen, ein wenig verzogen und als tauchten sie aus trübem grünlichen Wasser auf. Über dem Mosaikfußboden lagen Matten und Teppiche, geflochten von Indianerfrauen aus den Andentälern. Aber was die Kinder am meisten anzog, waren doch die venezianischen Möbel, ganz außerordentliche Stücke, die der Vater bei einem Antiquitätenhändler in Neapel aufgestöbert hatte, und von denen er sagte, sie gehörten eher in ein Museum als in einen Salon. Schwerlich jedoch würden sie in einem Museum so mannigfaltige Freude gespendet haben wie hier in der Villa Marina. Sie bestanden aus einem Schreibschrank, in dem Mama ihre Wirtschaftsbücher und die Briefe ihrer Verwandten aus Deutschland verwahrte, aus verschiedenen Truhen, einem schweren Tisch und ein paar breiten komischen Stühlen, auf denen man eigentlich nicht sitzen konnte. Sie waren aus einem glänzenden braunen Holz gefertigt, mit Schnitzereien reich verziert, ihre Flächen waren bedeckt mit Intarsien aus hellgelbem Holz und Elfenbein, das durch seine schwarze Zeichnungen etwas höchst Lebendiges bekam. Die Einlagen stellten Bilder, Jagd- und Liebesszenen dar. Für den Kenner stammten sie aus verschiedenen Zeiten. Der Schreibschrank und die Stühle reichten bis zum fünfzehnten Jahrhundert zurück, zeigten in den Gestalten die herben Formen der frühen Renaissance. Die übrigen Stücke mochten im Auftrage der Besitzer den ersten nachgearbeitet worden sein in der Zeit, da das Barock zum Rokoko überging. Damen, die Schäferinnen spielten, lagerten, die üppigen Busen entblößt, in erotischer Haltung unter Rosenbüschen – während sie auf anderen Szenen zu Pferde saßen, den Falken auf der zierlichen Faust und Hunde neben sich. Die jungen Prinzen stießen auch nicht mehr mit langen Speeren auf wilde Eber, sondern näherten sich in zierlicher Haltung werbend den Schönen. Diese Figuren zu betrachten, immer Neues aus dem reichgegliederten Inhalt zu entdecken, hier ein Kaninchen neben einem Baumstamm, dort ein Vögelchen in den Rosen, oder ein schelmisches Engelköpfchen hinter einer zart angedeuteten Wolke hervorlugend, war der Geschwister nie endende Lust. Später, als sie etwas älter wurden, phantasierten sie lange Geschichten über diese Damen und Herren, meist war es Irmgard, die flüsternd erzählte, und Erich konnte in Zorn und Tränen ausbrechen, wenn die Abenteuer zu traurig wurden. Doch die Kinder liebten ebensosehr das weiß getünchte Zimmerchen mit dem bunten Steinfußboden, wo ihre harten weißen Bettchen standen. Vorsichtig hoben sie abends, wenn die Mama sie nach dem Abendgebet allein ließ, die weiß schimmernden Tüllumhänge, schlüpften darunter hervor und krochen zueinander. Denn immer noch hatten sie sich viel wichtige Geheimnisse zuzuflüstern. Oder sie lauschten auch atemlos auf das ruhige ferne Rauschen der See und wollten gern den Augenblick erfassen, in dem der Schlaf nahte. Aber immer überraschte er sie. Und kam die Mama am nächsten Morgen wieder, fand sie sie noch beieinander, Erichs dickes braunes Ärmchen über Irmgards Brust gelegt und die schweißbetauten rosigen Gesichter friedevoll lächelnd. Der Orangengarten – seliger Aufenthalt im Blau der Frühlingstage, im Sonnenglast des Sommers. Die goldenen Früchte labten die heißen Münder zu jeder Tageszeit. Oleander- und Lorbeergestrüpp bot wundervolle Verstecke. Über die glühenden zerbröckelnden Steinstufen schlüpften kleine Eidechsen, die beschlichen und belauscht wurden. Zuweilen auch kam eine Schlange, dann liefen die Kinder ängstlich davon, bis Erich männlich genug wurde, das böse Tier mit einem Stock zu erschlagen und das Schwesterchen aus gräßlicher Gefahr zu retten. In der dämmrigen, wasserdurchspülten Felsengrotte lag angekettet das bunte Boot, in dem Lino, der Sohn des alten Gärtners, sie hinausfuhr, durch die mächtig schaukelnden Wellen, in denen das kleine Fahrzeug auf und nieder tauchte, bis Irmgard ihre Arme aufschluchzend um das Brüderchen schlang und den braunen Lino grausam schalt, weil er zu ihrer Furcht aus blanken Zähnen lachte. Lino lehrte sie das Schwimmen, wenn er sie an dem kleinen Sandstrand bei ihren roten Badekittelchen packte und sie einen nach dem andern wie die jungen Hundchen ins Wasser tauchte, während er mit seinen nackten braunen Beinen gelassen durch die Flut watete. Mit unendlicher Geduld, unter Lobes- und Bewunderungsschreien zeigte er ihnen alle Künste: wie sie die Wellen nehmen sollten, das friedliche Ruhen auf dem Rücken im lauen, durchsonnten Kristall und das waghalsige Tauchen zum flachen Grund, um Tang und Muscheln zu finden. Lino und sein Vater, der alte, zottige, einem dunklen, weiß behangenen Satyr gleichende Girolamo, der die Rebstöcke und das Gemüse zu pflegen hatte und sich aus beiden einen angenehmen Seitenverdienst zu schaffen wußte, liebten die hellen, feinen, freundlichen Kinder mit einer leidenschaftlichen Schwärmerei, in die der Italiener Kindern gegenüber so gern verfällt, am heftigsten, wenn sie blond sind und ihn aus blauen Augen anschauen. Girolamo und Lino wurden den Geschwistern Helfer und Berater in allen kindlichen Nöten. Erstaunlich geschickt im Leimen und Wiederherstellen von zerbrochenem Spielgerät waren sie beide. Feigen, Trauben und Mandeln, alle Erstlinge des Gartens und des Weinberges mußten Irmgard und Erich kosten, lange ehe die Früchte auf den Tisch der Herrschaft kamen. Lino fuhr nächtlich mit den Fischern auf die See und trug Körbe heim, angefüllt mit dem bunten Meeresgetier, das die Netze aus der feuchten Tiefe ans Tageslicht gehoben hatten. Am Besten schmeckte das fremdartige Zeug, wenn Lino aus dürrem Lorbeer- und Olivengezweig ein Feuer entzündete und in einem rauchgeschwärzten Kupferkessel eine seltsame, etwas unheimliche Suppe bereitete. Stark duftete sie nach Meer und Tang, nach Knoblauch und allerlei Gewürzen und Kräutern, die er dazuwarf. Rechts und links neben ihm kauerten die Kleinen und schauten neugierig der Vollendung dieses Meisterwerkes zu. Lino, der nur eine kurze Leinenhose trug und dessen sonnengebräunte Haut glänzte, als habe er sie mit Fett eingerieben, dessen dickes krauses schwarzes Haar in die Lüfte starrte wie der Hauptschmuck eines Negers, vollführte vor den Kindern eine Art von wildem Heldengesang. In frühester Jugend habe er gelernt, die wahre, einzige Minestra kunstgemäß zu kochen, das habe er von einem alten Fischer gelernt, der schon an die hundert Jahre alt gewesen sei und das Geheimnis noch gekannt habe. Die Nacht auf dem Meer sei voller Gefahr. Haifische seien gesichtet worden – ja, Haifische, das war das schrecklichste. Ein Sturm habe sich erhoben, und niemand habe geglaubt, das Boot würde wiederkehren. Irmgard und Erich, die schnell die Sprache mit allen Abweichungen des Dialekts, den das Volk spricht, aufgefangen und behalten hatten, lauschten andächtig solchen Prahlereien. Voller Staunen starrten sie den Buben weit offnen Auges an, und kleine Ausrufe des Schreckens, der Bewunderung begleiteten seine Erzählung. Lino hätte sich keine gläubigeren Zuhörer wünschen können. Berauscht von den sich selbst angedichteten Abenteuern, holte er zuletzt seine Gitarre und begleitete sich zu einem uralten Fischerliedchen, in das die Kinder selig einstimmten. Es war schaudervoll, wenn in solchen hehren Augenblicken die Köchin vom Hause her nach Lino rief, weil er einen Gang für sie tun oder für den Herrn Briefe zur Post bringen sollte. Indem die Geschwister älter wurden, gestaltete sich ihre Spielwerk reicher und mannigfaltiger. Piraten waren sie und schaukelten in dem angeketteten Kahn unter den hohen Felsenbogen auf unbekannten Meeren; köstliche Beute zu erobern, schossen und stachen sie mit viel Geschrei auf unsichtbare Feinde. Oder fliehende Könige stellten sie dar, die unermeßliche Schätze in Gestalt von Muscheln und toten Seeigeln unter den Oleanderbüschen vergruben. Dazu dachten sie sich seltsame Tänze und Zeremonien aus. – Die Rollen wechselten schnell. Nachdem ihnen der Papa an einem guten Abend Gesänge aus der Odyssee vorgelesen hatte, verwandelte sich Irmgard in die königliche Wäscherin Nausikaa, die stolz dem Dulder Odysseus entgegentritt, wenn er aus dem Lorbeergebüsch auftaucht. Oder sie webte und trennte, eine geduldige Penelope, während der hohe Gatte mit Pfeil und Bogen den gierigen Freiern zu Leibe ging. Da diese in Gestalt von Holzklötzen aufgestellt waren, so gelang ihm ihr Sturz durch einen einzigen Fußtritt. Die heroische Landschaft, die Bruder und Schwester umgab, die hohen Felsen, die sich jäh ins Meer hinabstürzten, seltsam zerklüftet, zu phantastischen Grotten und Bögen sich wölbend, das schimmernde Purpurmeer, in dessen Ferne selige Inseln schwammen, die man nie erreichte, wurde mit unendlichen Wunschträumen bevölkert – das schlanke rosenrote Schlößchen auf der Felsenkuppe, in dem alles Glück zu wohnen schien und doch nur ein armer Kranker, Prometheus gleich an den Felsen seines Leidens geschmiedet, gegen übermächtige Gewalten rang – die Segelboote mit den braunen Männern, die nächtlich auszogen auf Fang und Beute – alles ließ den Kindern die alten heroischen Gesänge wie etwas ganz Nahes, Wahrscheinliches, vor kurzem erst Vollendetes erscheinen. Sie konnten nicht genug von ihnen hören und erfreuten den geschlagenen Mann durch ihre gespannte Aufmerksamkeit. Von Allvater Zeus erzählte er ihnen und wie seinem Haupte Athene, die Göttin der Weisheit mit Schild und Speer entsprang – von Hera, der eifersüchtigen Göttermutter, und von Aphrodite, der Schaumgeborenen, und dem königlichen Hirten Paris, der ihr den Preis der Schönheit, den goldenen Apfel, reichte. Die Mutter meinte, dies seien Geschichten, die die Kinder nicht verstehen könnten und die sich nicht für ihr Alter ziemten. Glenn wurde zornig, wenn sie ihn störte. Sagen, von den Völkern im Kindesalter gebildet, werden einzig von Kindern recht verstanden, rief er und fuhr fort mit seinen Erzählungen. Das war eine kurze gute Zeit, in der die zwei Welten, die sterbende und die werdende, sich einander näherten. Irmgard und Erich gab sie einen Schatz, aus dem ihre Phantasie sich tausend goldene Abenteuer schmiedete. Michael Glenn hielt nicht viel von der üblichen Schulbildung. Am liebsten hätte er seine beiden Kinder allein unterrichtet. Doch seine durch Krankheit und Schmerzen zerrütteten Nerven hielten nicht stand. Die Geschwister gingen zu einem alten gelehrten Pfarrer in der nächsten Ortschaft, der sie Schreiben, Rechnen und die Geschichte des Landes Italien lehrte. Später kam zweimal in der Woche eine deutsche Lehrerin aus Neapel, um sie in der heimatlichen Sprache zu fördern. Michael Glenn war sich klar, daß dies alles ungenügende Versuche seien, nur geeignet, gründliche Konfusion in den jungen Gehirnen anzurichten. Doch dem Ausweg, den die Mutter vorschlug, einen Lehrer oder eine Erzieherin für die Kinder ins Haus zu nehmen, widerstrebte der Egoismus des Kranken. Es schien ihm unleidlich, ein fremdes, jedenfalls unsympathisches Wesen, gleichviel ob männlich oder weiblich, in den engen Kreis seiner jetzigen Existenz aufnehmen zu sollen. Ihm graute wie vor neuen Schmerzen vor dem Mitleid dieses Fremden. Frau Luise, die sich tief in sein Wesen hineingelebt hatte, seine verschlungenen Gänge ahnend spürte, gab ihm, wenn auch zögernd und gegen ihre Überzeugung, recht. »Sind die Kinder begabt – und ich glaube, sie sind es«, sagte ihr Mann tröstend zu ihr, »so werden sie das Versäumte bald nachholen, sind sie unbegabt, nützt ihnen die regelrechteste Schule gar nichts. Lange wird es ja nicht mehr sein, und du kehrst mit ihnen nach Deutschland zurück.« »O Michael! Es geht dir doch besser ...« Er hob die Hand, das traurige Lächeln, das sie kannte, kam auf das lange hagere Gesicht, und sie schwieg erschrocken. Die hoffnungsvolle Periode, in der das Leiden zu einem Stillstand gekommen zu sein schien, war längst vorüber. Glenn fühlte, daß er von der schmalen Zunge Leben, auf der er die letzten Jahre zwischen den Meeren der Ewigkeit sich langsam vorwärts bewegte, schon das Ende dämmern sah. In manchen Stunden kam beruhigend und stillend die große Entsagung über ihn. Und wieder bäumte sich seine starke Natur unbändig auf gegen das langsame Sterben. Gern war er anfangs, auf seinen schweren Stock gestützt, durch die Gänge der Orangenbäume hinab zur untersten Terrasse gestiegen. Er brach eine der gelben Früchte, hielt sie träumend in der Hand, während er auf der Marmorbank ruhte und mit den dunkel bewimperten graublauen Augen in die veilchenfarbene Ferne schaute. So konnte er stundenlang sitzen, und die einst geistreich blitzenden Sterne nahmen den stumpfen Blick seiner alten Vorfahren an, die vor ihren kleinen strohgedeckten Hütten gesessen hatten, wenn die Kräfte nicht mehr reichten, um hinauszufahren in Sturm und wildes Wetter. Sehnsüchtig hatten sie über das graue Nordmeer geschaut. Dem Enkel dämmerten alle Farben seligster Schönheitswonnen der Schöpfung entgegen – er war gleichgültig gegen sie geworden, ja, sie erzeugten ein Gefühl von Widerwillen in ihm. In solchen Stunden wagten Bruder und Schwester sich nicht in die Nähe des Vaters. Einmal hörten sie ein lautes, aufröhrendes Stöhnen wie von einem schußgetroffenen Tier. Sie starrten sich an – in ihren kindlichen Blicken war Entsetzen. Irmgard lief als erste hinzu – sah, wie der Papa vergebens versuchte, sich von der Marmorbank aufzurichten – wie er fahl vor Zorn den Stock erhob, der ihn nicht tragen wollte, und ihn mit einem Hieb an dem Marmor in zwei Stücke schlug. Hilflos fiel er in sich zusammen. »Ruft Girolamo – Lino«, schrie er den Kindern heiser zu. Die Männer mußten ihn hinauftragen. Von dem Abend an sah man ihn niemals mehr auf der weißen Marmorterrasse. In der Säulenhalle mit den verblaßten Bildern der auf Wolken schwebenden Göttinnen und der rosenstreuenden Putten stand Michael Glenns Leidenslager. Hier umgaben ihn Bücher und Broschüren; Reißbretter mit begonnenen und nie vollendeten Entwürfen rätselhafter Pläne lehnten au den Wänden. Metallisch funkelnde Meßinstrumente standen umher, ganz feine kleine in samtenen Behältern bedeckten die unbenutzten Zeichentische, neben Photographien, die Durchschnitte von Bergen und Brücken zeigten. Zwischen ihnen ein riesengroßer Globus. Dieses alles war den Kindern seltsam lockend, doch zugleich sehr unheimlich. Es brauchte nicht der strengen Befehle der Mama, um sie aus der Säulenhalle fernzuhalten. In seinem dicken, zottigen, schwarzen Pelz vergraben, brachte Glenn hier die Sommernächte zu. Das Atmen wurde ihm leichter, wenn der Seewind ihn lind umfächelte. Auch diese Gewohnheit erschien den Kindern von einer schauerlichen Bedeutung. »Glaubst du nicht, daß Papa verzaubert ist?« fragte Erich seine Schwester in heimlichem Geflüster. »Vielleicht hat er einen Gott erzürnt, und der kommt des Nachts und redet mit ihm, und darum stöhnt er so sehr ...« Irmgard hatte die Zähne in ihr rotes Lippchen gebissen und sah nachdenklich drein, mit einem Ernst, den ihr schönes schmales Gesicht oft zeigen konnte, so daß sie dann über ihre Jahre hinaus reif zu sein schien. »Daß auch kein Doktor ein Mittel für diese Krankheit weiß«, flüsterte sie traurig. »Vielleicht sollen wir eins finden, gewiß soll er durch uns gesund werden – Irmgard, was meinst du?« Irmgard seufzte. »Nein, Irmel, sieh nicht so traurig aus, wir wollen suchen, ob wir nicht die Blume oder ein Kraut finden – ober einen Stein – etwas Giftiges muß es sein, an dem man stirbt ober gesund wird.« Und wie sich den Kindern alles zum Spiel wandelte, so auch das Bangen um des Vaters Krankheit. Viel Vorbereitungen machte das Mädchen zu diesem Spiel. Erich mußte sich lange – zu lange für seine Ungeduld – in einem entfernten Teil des Gartens verborgen halten, bis ihn endlich die süß lockende Stimme feierlich rief. Durch den grünlichen Dämmer des Wasserdunstes in der Felsengrotte glühte ein Kreis kleiner Lichtfunken auf dem weißen Sande, in seiner Mitte stand eine zarte kindliche Gestalt, verhüllt in ein weißes Schleierchen, das helle Haar gelöst auf die Schultern fallend, einen Kranz aus den vollen rosenroten Oleanderblüten auf dem Köpfchen, einen Blütenzweig leise schwenkend in der kleinen Hand. Hinter ihr schimmerten die über den Boden rinnenden Wasser der nahenden Flut. Unwirklich, traumhaft schien das Bild im Wasserdunst sich aufzulösen, ein zierlich feines Gebilde unter dem hohen Felsengewölbe, von dem es leise rieselnd tropfte. Erich tat das Atmen weh, und zugleich erfüllte ihn ein feierliches Glück, und nichts, was sich in diesem Augenblick ereignete, hätte ihm wunderbar geschienen. »Tritt näher«, sagte die feine helle Stimme des Kindes. »O – Irmgard – wie schön bist du«, flüsterte Erich. »Du bist wirklich eine Göttin.« Das Gebilde winkte abwehrend mit dem Blütenzweig und sprach die Beschwörung ernst, eindringlich, hingegeben an das Spiel, das ihr Wahrheit war. Der Knabe kniete nieder, empfing von ihr ein kleines Kräutlein, das stark duftete. Zart küßte sie ihn auf die Stirn. Ihm war es nicht mehr, als sei dies die vertraute Schwester – Erwartung auf etwas Unerhörtes erfüllte ihn mit süßestem Bangen. Seine verträumten Augen unter den langen gebogenen Wimpern schlug er verehrend auf. »Meinst du, er wird gesund werden?« flüsterte er in zitternder Hoffnung. »Wer kann es wissen«, gab sie zur Antwort, und ihre Stimme klang wie ein Glöckchen. »Wenn wir glauben, wird ein Wunder geschehen.« Das Wunder geschah nicht, obwohl Erich heimlich die Blättchen des unbekannten Krautes in des Vaters Wein fallen ließ und zu seiner herbsten Enttäuschung sehen mußte, wie der Vater sie ärgerlich entfernte und schalt, wer ihm sein Getränk verunreinigt habe. Nach wenigen Tagen vergaß der Junge die Erscheinung in der Felsengrotte, und die Göttin wurde wieder Irmel, die Schwester. Das Spiel um das Vaters Genesung wiederholten sie nicht. »Mama«, fragte Erich einige Zeit danach Frau Luise, »ist Irmgard eigentlich schön?« »Wie kommst du auf diese sonderbare Frage?« antwortete die Mutter. »Sie ist nicht schön und nicht häßlich. Sie ist ein gutes Kind.« »Ich finde sie schön«, beharrte der Knabe und machte ein eigensinniges Gesicht. »Ich glaube, wäre sie nicht so schön, würde ich sie nicht so liebhaben.« »Ach, du bist ein dummer Junge«, beendete die Mutter in gleichgültigem Ton das Gespräch. II Liebten die Kinder ihre Eltern? Die Mutter? Sie sorgte um sie, verbot zuweilen Dinge, welche die Geschwister gern getan hätten. Ihr inneres und äußeres Leben war nur für den Kranken. Und den Vater? Sie würden kaum eine Antwort gewußt haben. In ihrem Herzen war keine Spur von kindlichem Vertrauen zu dem Manne, der Tag für Tag oft mit geschlossenen Augen, oft mit schauerlich verzerrten Zügen auf dem Ruhebett in der Säulenhalle lag und in Wintermonaten, wenn es regnete und das schwarzgraue Meer hoch und wild seine Wogen gegen die Felsen donnerte, fröstelnd in seinen Pelz gewickelt im Rollstuhl dicht neben den Kamin gerückt wurde, für dessen prasselndes Feuer die Geschwister eifrig Pinienzapfen und dürres Lorbeer- und Myrtenholz sammelten, damit es gut und würzig rieche. Niemals hatten die Kinder einen herzlichen Kuß von ihrem Vater empfangen, er fürchtete ihnen den Keim der furchtbaren Krankheit zu übertragen. War er freundlich gestimmt, konnte er ihnen mit seiner hageren, leicht zitternden Hand über das Haar streichen. Aber es gab Zeiten, in denen er reizbar und ohne sichtbaren Grund heftig wurde. Michael Glenn war bekannt gewesen wegen der zornigen Ausbrüche eines unbändigen Temperamentes. Man hatte sie unter Mitarbeitern und Untergebenen gefürchtet wie Vulkanexplosionen, doch hatte niemand den Mann deshalb weniger verehrt und hochgeachtet. Jetzt lauschten Erich und Irmgard bebend vor Schrecken, wenn sie des Vaters atemlose Stimme zu einem heiseren, stoßweisen Gebrüll sich steigern hörten, wenn Porzellangeschirr oder Bücher krachend zu Boden flogen und die Mama mit schneeweißem Gesicht und verstörtem Blick an ihnen vorüber durch die Zimmer lief. Sie war die einzige, die den Mann zu begütigen verstand, bis er sich, wie ein Kind um Verzeihung bittend, über ihre sanften Hände neigte. Die Mama sprach nicht anders zu den Kindern als von dem guten Papa – dem lieben Papa ... aber wie konnte er gut und lieb sein, wenn er sie, die doch nur einzig für ihn lebte, so häßlich anschrie? Erich und Irmel sprachen nie über ihre Eltern, die gleichsam, durch die Glaswand der Krankheit von ihnen geschieden, ihr eigenes unbegreifliches Dasein vollbrachten. In Erich befestigte sich der Gedanke, daß ein böser Zauber den Vater gebannt hielt, und er träumte noch zuweilen, ob er ihn nicht daraus befreien könne. Das Wunder hatte versagt – wie sollte er nun den Weg finden? Er sprach nicht mehr mit der Schwester über diese dunkle Sache, es mußte ein Geheimnis bleiben – aller Zauber und alles Erlösen war von Geheimnissen umringt. Irmgard grübelte, warum sie den Papa und die Mama nicht heißer lieben könne. Der Dunst der Krankheit, von dem Leidenden ausgehend, der schwere Geruch der Arzneien, die immer um ihn schwebten, wirkte in einer schauerlichen Weise abstoßend. Sie versuchte, mit dem starken Drang nach Selbsterziehung, der in dem zarten Geschöpf lebte, die Abneigung zu überwinden. Sie begann sich häufiger in des Vaters Nähe aufzuhalten, versuchte ihm kleine Dienste zu erweisen – bis er gequält von der ihn nie verlassenden Furcht, die Kinder könnten den Keim der Krankheit durch ihn empfangen, ihre schüchternen Versuche mürrisch abwies. Im Anfang seines Aufenthaltes in der Villa Marina hatten häufig Freunde und Mitarbeiter aus den Zeiten seines Wirkens den kranken Mann aufgesucht. Er empfing sie mit sichtbarer Freude. Frau Luise bewirtete sie mit Sorgfalt und festlichem Glanze, der denn auch den Kindern einen hohen Eindruck machte. »Euer Vater ist doch noch eine Autorität«, sagte Frau Luise mit frohem Stolz. Erich und Irmgard fühlten sich ein wenig wie kleine Prinzen, die in einer unbegreiflichen Verbannung von der Welt ihre Tage zubringen mußten – bis einmal alles sich verändern würde. Diese Anschauung war in Erich sehr lebhaft und konnte hin und wieder als jugendlich eitler Hochmut ans Tageslicht treten. Einmal geschah es, daß eine Gruppe von Herren, wohl ein halbes Dutzend, in schwarzen Röcken und schwarzen hohen Hüten, die Brust mit Orden geschmückt und Ledermappen unter den Armen, sich um den Rollstuhl Michael Glenns versammelten. Es sollte dort eine Konferenz stattfinden, erklärte Frau Luise den Geschwistern. Es handle sich um einen neuen großartigen Bahnbau, diesmal in Europa, zu dem der Papa sein Gutachten geben solle. Wenige Tage nachdem die Herren abgefahren waren rief Glenn seinen Sohn, der sich vor der Halle beschäftigte, und befahl, ihm eines der leichteren Reißbretter mit Papier zu bespannen, ihm die Reißfeder, Zirkel, Lineale zu reichen und ihn durch eine Drehvorrichtung, die sich an seinem Ruhebett befand, in eine höhere Lage zu bringen. Darauf wurde Erich fortgeschickt. Die Neugier trieb ihn, sich in der Nähe aufzuhalten und den Vater zu beobachten. Glenn versuchte zu zeichnen, seine graublauen Augen unter den dunklen starken Brauen in dem verfallenen Gesicht öffneten sich weit und starrten mit einem geisterhaften Blick in leere Ferne. Wieder versuchte die zitternde Hand nach einer langen Weile die innere Schau in die äußere Form mathematischer Berechnungen zu bannen. Schweiß troff dem Kranken von der Stirn, die Hände begannen im Krampf zu fliegen – ein röchelndes Aufstöhnen, das Brett stürzt zu Boden. Erich kam zu Hilfe gelaufen und sah, wie Tränen über das erschöpfte, verzerrte Gesicht rannen und nicht hinweggewischt wurden. Der Junge blieb stehen – der Vater bemerkte ihn nicht. So leise er konnte, schlich er sich davon. Am Abend, als er auf Irmgards Bettrand saß, in der Stunde, in der die Geschwister flüsternd ihre Geheimnisse tauschten, berichtete Erich der Schwester von dem, was er gesehen. »Denke nur – die Tränen liefen ihm herunter, und er hat sie nicht fortgewischt ...« Erich drückte den Kopf an Irmgards Schulter, und sie fühlte, wie er selbst weinte. »Irmel, es war so furchtbar – ich werde es nie vergessen ...« »Sprich niemals davon«, flüsterte Irmgard und legte mütterlich den Arm um des Bruders Hals. »Es ist so heilig.« Erich machte eine stumme Bewegung, die der Schwester zeigen sollte, daß er verstand. * Die Geschwister saßen, umgeben von Nacht, auf der Marmorbank der unteren Terrasse, beobachteten aufmerksam und schweigend die Helle am Horizont. Hoch und dunkel wölbte sich der Himmel über der finsteren See. Doch aus der Helle blitzte ein Strahl – ein Sternlein stieg, scheinbar aus der murmelnd sich bewegenden Feuchte, empor, wurde größer, formte sich zur orangeroten Scheibe, die ohne Glanz in den Dünsten hing und sehr langsam von innen heraus zu strahlen begann. Sie stieg, wurde kleiner, körperhafter und verbreitete Licht um sich her. Der Himmel, an dem die Sterne schwanden, wurde blauer, durchsichtiger, auf dem bebenden, leise rauschenden, gleichsam in der Tiefe erregten Meer zitterte ein goldener Steg, von der Ferne kommend bis zum Ufer, aus Milliarden Lichtfunken gebildet, die ineinanderrannen, sich teilten, wieder zusammenfügten, in ständiger Bewegung blieben und kaum noch eine Beziehung zu dem großen runden Gestirn zu haben schienen, das in undenkbarer Höhe ruhevoll über die Erde schaute. Weit draußen erschien das Meer gleich einer Decke aus schwarzem Samt, mit der das Himmelsgewölbe zu einem schweren Dunkel zusammenschmolz. Erich seufzte, unterbrach so die feierliche Stille, in der die Kinder den Aufgang des Vollmondes erwarteten, losgelöst aus ihrem kleinen Leben, hingegeben einem Unbegreiflichen, das sie mit Entzücken und Schauern banger Andacht erfüllt. »Ob man nicht auf der goldenen Straße gerade hinein in den Himmel gehen könnte«, flüsterte Irmgard. »Ich denke, dort, wo sie aufhört, ist das Tor – wenn man nur leicht genug auftreten würde.« Sie könnte es – sie könnte es gewiß, dachte Erich und blickte lächelnd nieder auf die nackten braunen Mädchenfüße seiner Schwester, an denen sich die Zehen leise bewegten. Sie waren wie zierliche kleine Tierchen – er fürchtete sich vor ihnen und sagte, laut lachend: »Du würdest schön ersaufen, wenn du's versuchen wolltest!« »Dann sinke ich unter zu den Meernixen, die würden mich in des Meerkönigs Schloß tragen. Dort würde ich wieder lebendig. – Aber ich glaube, sie haben die schönen Prinzen lieber. Weißt du, in den Märchen sind es immer die Knaben, die sie locken ... Mich würden sie vielleicht mit meinen gelben Zöpfen an einen roten Korallenast hängen ...« »Nein, du sollst nicht an einem Korallenast hängen«, rief Erich empört. »Sie sind wohl eifersüchtig auf dein blondes Haar, sie haben ja nur grünes und schleimiges – ach, gräßlich. Ich würde sie an ihren grünen Tanghaaren zusammenbinden, und dann müßte ein Haifisch kommen und nach ihnen schnappen, bis sie dich wieder losmachten. Und dann müßten sie uns dienen, und wir wohnten im Meerkönigsschloß und ritten auf Delphinen durch die Wellen.« »Ja, ja«, rief Irmgard, »das wäre schön, und in den Mondnächten würden wir vor Mamas Fenster traurige, wundervolle Lieder singen, sie müßte weinen und wäre doch so innerlich froh.« »Und dann legten wir Perlen und Korallen und kostbare Muscheln auf die Stufen nieder«, phantasierte der praktische Bruder, »die holte sie sich jeden Morgen und verkaufte sie – davon könnte sie gut leben, meinst du nicht, Irmgard?« Die Schwester nickte. »Ich weiß nicht, wie das ist«, begann sie bedächtig, »Mama sagt, unser ganzes Geld ginge zu Ende.« »Die Villa Marina ist sehr wertvoll«, meinte Erich altklug. »Wir könnten sie verkaufen ...« »Ach nein«, bat Irmgard, »das wäre zu traurig, ich könnte nicht in einem anderen Hause leben.« »Mit den Nixen, das ist ja Unsinn«, begann Erich zu überlegen. »Aber ich könnte Taucher werden. Dann fände ich auch Perlen und Korallen und Bernstein. Taucher verdienen sehr viel Geld, hat mir Lino gesagt.« »Nein, nein«, rief Irmgard angstvoll, »das ist schauerlich ...« »Ach – ich möchte etwas Gefährliches, Schauerliches werden – wenn du nicht Taucher willst, dann vielleicht Schmuggler oder Räuber in den Bergen?« »Mama sagt, du sollst ein großer Baumeister werden wie Papa ... Warum willst du nicht?« Erich sah die Schwester groß an mit seinen schwermütigen blauen Augen zwischen den schwarzen Wimpern in dem zarten kleinen Gesicht, das vom Mondlicht weiß und rätselhaft erhellt wurde. »Ich will schon – aber ich kann nicht«, sagte der Knabe leise. »Ich kann ja nicht lernen – ihr wollt es nicht glauben, aber es ist doch so – wenn der Pfarrer mir etwas erklärt, geht es mir alles im Kopf rundum. Ich weiß nicht, was es ist – ich bin wohl dumm.« »Nein – dumm bist du nicht, Erich«, widersprach Irmgard energisch. »Du gerätst nur immer ins Träumen.« »Ja – ich will nicht, aber es kommt so – es ist so schön –, es ist so, als ob ich ganz sachte ins Meer sänke – immer tiefer und tiefer –, ich sage dir, Irmgard – es ist zauberhaft –, vielleicht sind es doch die Nixen ...« »Du mußt dich wehren ...« Erich lächelte. Ein müdes, wehmütiges Lächeln, das ihn plötzlich dem Vater ähnlich werden ließ. Er antwortete der Schwester nicht mehr. Eine Weile saßen sie still beieinander, und die Träume, gestaltenlose Träume, wie feine Nebel, zogen über sie hin. »Wir müssen ins Haus gehen«, sagte Irmgard. Sie stiegen den steilen Weg durch den Orangenhain empor zur Villa. Die verborgenen Blüten unter dem in den Mondstrahlen aufglänzenden Laub dufteten schwül und süß. – – – * Dunkler schattend sank die hoffnungslose Resignation über Michael Glenn und Luise. An den schlank aufwachsenden Kindern konnte der Kranke das Vergehen der Zeit beobachten. Zwei Jahre hatten die Ärzte, hatte er selbst sich gesetzt als Ziel für seine Genesung – für seine Geduld. Solche bestimmten Abschnitte schienen ihm in ferner Vergangenheit zu liegen – ein törichtes Versteckspielen vor dem Unabänderlichen. Sein eiserner Wille, die Kraft seiner Konstitution hatten nur dazu gedient, ein nutzloses Leben der Qual über alle medizinischen Voraussetzungen hinweg zu verlängern. Das Leiden breitete sich aus, langsam, doch mit stetiger Sicherheit – stand still –, Besserungen traten scheinbar ein, bis es sich erwies, daß es nur zu neuem Angriff ausholte, sich in einem anderen Organ einnistete. Die Lähmung der Beine war unabänderlich. Die Lungen waren längst ergriffen – die Nächte nur durch schwere Morphiumgaben zu ertragen. Aus eigenem Willen ein Ende zu machen – dazu reichte die Energie nicht mehr aus. Glenn gestand es sich in lichteren Stunden mit müder Selbstverachtung und empfand es als eine Erleichterung, daß das fortwährende leise Fieber, die vielen Betäubungsmittel ihn mehr und mehr in einen Zustand geistigen Halbschlummers erhielten. Er konnte wohl mit seiner Frau das Notwendige reden, konnte den Kindern freundlich zulächeln, meistens doch dämmerte er, auf seinem Lager ausgestreckt, schweigend so hin, fühlte sich ferne von allem, in einer grauenvollen Einsamkeit. Seit jener letzten Konferenz konnte er den Anblick der Gefährten seiner tätigen Zeit nicht mehr ertragen. Auch die Anfrage der deutschen Verwandten, einer Schwester von Luise und deren Mann, ob ihr Besuch erwünscht sei, mußte mit Nein beantwortet werden. Einzig der Arzt, ein italienischer Sonderling und Philosoph, kam zweimal in der Woche aus Neapel, in leidlichen Stunden liebte es Glenn, mit ihm zu plaudern. Hin und wieder brachte er eine ärztliche Autorität mit hinaus in die rosenrote Meervilla, die ihm bestätigte, was er selbst wußte. Als der Justizrat Lodger, der Schwager Luisens, einmal wieder und etwas gereizt meldete, er werde mit seiner Frau eine Ferienreise nach Venedig unternehmen, und es sei wahrhaftig an der Zeit, daß er sich einmal mit Luise über verschiedene wichtige Fragen unterhalte – man dürfe Kranken auch nicht allzuviel nachgeben, flocht er ein –, entschloß sich Michael Glenn plötzlich, seine Frau zu einem Stelldichein mit den Verwandten nach Venedig fahren zu lassen. Erich solle sie begleiten. Es sei notwendig, daß der Onkel Interesse für den Jungen fasse und sich dann nach einer geeigneten Erziehungsanstalt für ihn umsehe. Nach diesem kurzen Energieaufschwung sank der Kranke in seine gewöhnliche Apathie zurück. Luise reiste mit dem Jungen. Irmgard blieb zur Unterhaltung des Papas zurück. Seine persönliche Bedienung hatte schon seit längerer Zeit ein stämmiger Krankenpfleger übernommen. In dem Mädchen war eine immerwährende Unruhe des Gewissens; ihre liebessehnsüchtige Natur begehrte, sich hinzuschenken und Opfer zu bringen. Michael Glenn lernte in diesen wenigen Tagen das zarte schöne Herz seines Kindes kennen. Die Frische dieser Jugend belebte ihn, er unterhielt sich zuweilen ganz munter mit Irmgard, lockte sie, ihm Gedanken, Träume, Ansichten mitzuteilen, lauschte lächelnd und interessiert. Nachdem die Reisenden heimgekehrt waren, tat die Mama ein paar Äußerungen, es sei gut, daß der Vater nun wieder seine richtige Pflege bekomme. Irmgard hatte einen aufmerksamen, nicht eben freundlichen Blick bemerkt, mit dem die Mutter sie streifte, als sie die Vertraulichkeit bemerkte, die zwischen Vater und Tochter herrschte und Michael freundlich beteuerte, es sei ihm lange nicht so gut gegangen als unter Irmgards Fürsorge. Das Mädchen durchzuckte der Gedanke: ob die Mama eifersüchtig sein könne? In der Tat schöpfte Luise aus der Vorstellung, daß sie die einzige sei, die das wertvolle Leben erhalten könne, die Kraft zu der schweren Aufgabe. Irmgard spürte etwas von diesem Seelenzustand der Mutter, zog sich ehrfürchtig und schüchtern zurück. Glenn machte keinen Versuch, sie in seiner Nähe zu halten. Im Grunde war ihm ja alles gleichgültig, außer seinen Schmerzanfällen. Erich erzählte mit bubenhafter Komik von vielen Ereignissen der Reise und schilderte den Onkel: »Er hat einen Bauch und eine Glatze, trägt eine goldene Brille und lächelt unausstehlich, wenn man etwas sagt, so, als wüßte er alles besser als andere Menschen. Er fragte mich lauter dumme Sachen: wie weit ich im Rechnen sei, schrieb mathematische Formeln auf – von denen ich keine Ahnung hatte. Da machte er Mama Vorwürfe, bis sie anfing zu weinen.« Ein unangenehmer Herr, fand Erich und war froh, daß die Verwandten so weit fort wohnten. Die Tante sei ja ganz freundlich gewesen, aber sie habe ein komisches kleines Hütchen getragen, das immer schief auf dem Kopf gesessen, und jeden Satz fing sie mit den Worten an: »Mein Mann sagt«. Erich äußerte die Ansicht, es sei gut gewesen, daß Irmgard sie nicht begleitet hätte, sie wären sonst sicher beide vor Lachen erstickt. Aber Irmgard hätte Venedig gern gesehen – die Gondeln – die Paläste im Wasser und die schönen Bilder. Ja, von den Bildern fiel Erich etwas ein: die meisten waren langweilig. In einem Zimmer aber habe er das Bild gesehen, dessen Photographie in Irmgards Schlafzimmer hing – groß und bunt – und wirklich schön. Das kleine Mädchen, das in seinem blauen Kleidchen die große Treppe hinaufsteigt, und alle Menschen wundern sich, weil ein so heller Schein um sie her ist ... »Das kleine Mädchen sah dir ähnlich«, erklärte er zuletzt, »die blonden Zöpfe und so das Feierliche, was auch manchmal um dich ist.« »O Erich – das ist doch die Heilige Maria, die später die Mutter vom Herrn Jesus wurde.« »Darum kannst du ihr doch ähnlich sehen.« III Erich lernte von Lino mit Ruder und Segel umgehen und wie ein Boot zu steuern sei. Er wurde der phantastischen Spiele mit der Schwester müde. Er fuhr mit den Fischern abends hinaus und kehrte erst am Morgen mit ihnen heim, durchnäßt und glückselig. Glenn begünstigte diese Ausflüge seines Sohnes. »Es wird Zeit, daß er aus all dem weichlichen Getue herauskommt«, meinte er. In dem kleinen Hafen des Fischerdorfes, wo die bunten Boote dicht nebeneinander lagen, grüne, blaue, weiß und rot gestreifte, mit den gelben und braunen Segeln, deren jedes sein Abzeichen aufgemalt trug, einen Stern, einen Mond, eine Sonne oder einen Fisch, sahen die braunen Buben mit Eifer dem Künstler des kleinen Gemeinwesens zu, wenn er die Boote und die Leinwand der Segel so lustig färbte und bemalte. Erich stritt mit den Kameraden, welchem Boot der Vorrang gebühre, und vereinte sich mit ihnen in dem Haß und Kampf gegen ein fremdes Fahrzeug, das da wagen wollte, in den heiligen Ring der Fischergemeinschaft einzudringen und ihr den Fang wegzukapern. Er half mit ihnen den Männern, die Beute aus den Netzen zu heben: Seezungen und Katzenhaie, Langusten und die phantastischen Tintenfische mit den greulichen nackten Schleimarmen, Rochen, große und kleine Krabben, Muscheln und was das Meer sonst noch an seltsamen Gestalten und Gewächsen bot. Das war hundertmal spannender, als Linos Heldentaten beim Kochen der Fischsuppe anzuhören. Die Fischer rühmten des fremden Knaben Gewandtheit und Mut, sie hatten ihn gern, und auch seine Altersgenossen verloren das anfängliche Mißtrauen. Er übte sich mit ihnen im Kopfsprung von der Klippe hinab ins Meer, im Tauchen nach einem Geldstück, das man in der klaren Flut auf dem Grunde schimmern sah – im vielfachen Purzelbaumschlagen und anderen Kraftstückchen. Seine Sehnen wurden fest und stählern. Seine Augen verloren den durchsichtigen Ausdruck, und sein roter voller Mund bekam etwas trotzig Verschlossenes. »Erich gefällt mir nicht«, klagte die Mutter ihrem Kranken. »Er ist verändert – böse und widerspenstig, stampft mit den Füßen, schreit und braucht grausige Worte. Verbiete ihm den Verkehr mit den Fischerjungen. Früher hast du ihn nicht gelitten ...« Glenn blickte aus Fieberträumen groß auf seine Frau. »Damals war Erich ein Kind«, sagte er müde. »Jetzt ist er ein Bub und will ein Mann werden. Diese italischen Fischerbengel werden nicht schlimmer sein als die Knaben in seinen bürgerlichen Instituten – ach, Luise – in unberührter Reinheit wird man nie ein Mensch.« Schwer sanken die Lider über die eingesunkenen Augen. Er spricht aus Morphiumschlaf, dachte die Frau, von Angst ergriffen. Wie soll ich den wilden Jungen bändigen, wenn ich – allein bin? * Den großen Schal von Mama um sich gewickelt, kauerte Irmgard wie ein weiches weißes Kaninchen auf der Marmorbank der unteren Terrasse und erwartete den Bruder, der mit Lino auf einer Segelfahrt begriffen war. Scharfe Böen jagten über die See, hoch aufbäumten sich in durchsichtigem Grau die Wellen. Weiter hinaus, wo es von einem gläsernen Dunkelblau schien, war das leidenschaftlich durchwühlte Wasser mit aufspringenden weißen Schaumköpfen bedeckt. Der Wind riß an des Mädchens Tuch, schüttelte die Tamarisken, daß sie sich bis zur Erde neigten, fuhr durch das Gezweig der Orangenbäume, ihr hartes Laub knatterte und rauschte – schwer klatschten Früchte zu Boden. An dem grünlich-kalten Himmel stand ein grelles gelbes Abendlicht. Irmgard schien es plötzlich von einer gefährlichen Bedeutung. Sie sah noch immer nichts von dem Boot. Seit dem mißglückten Ruderversuch nahm man sie nicht mehr mit hinaus. Die Mama hatte es verboten. Sehr zart war ihr Körper, alle Gelenke zum Zerbrechen fein, die Bewegungen von einer müden Grazie. Oft fror sie, war schläfrig, nicht mehr geneigt, wie früher den lieben Tag lang zu laufen, zu springen, zu lachen und zu spielen. Nein – eine Heldin, die mit den Männern hinauszog in Krieg und Sieg, die im Sturm sich wacker hielt, würde sie niemals werden. Sie saß lieber still; wenn sie nicht las, blickte sie träumend ins Weite, inneren Gesichten hingegeben, die farbig und leuchtend lebendig sich in ihrer Phantasie abwechselten. Dann färbten sich ihre schmalen Wangen rosig, ihren weichen Mund umspielte ein süßes Glücklächeln, die blauen Augen zwischen den dichten gebogenen Wimpern, ihres Bruders Augen, bekamen tiefen Leuchtglanz. Erlebte sie nicht alles, was sie ersehnte, was sie nicht haben durfte, in solchen Traumstunden, schöner, gefahrvoller, gewaltiger, als es ihr die Wirklichkeit bescheren konnte? Wozu diese dumme Wirklichkeit? – Sie stand doch mit Erich auf dem Segelboot, das nun ferne auftauchte, sein Segel von der Abendsonne mit Goldglanz bemalt – tief in die Wellen den Kiel tauchend, wieder emporgeschleudert – mein Gott – jetzt sah sie, wie Lino und sein Gefährte an den Segeln arbeiteten, wie das Schiff sich zur Seite neigte, daß die Reling beinahe das Wasser berührte und die Wellen darüberspritzten – und wie eine kleine Gestalt sich unter ihrem Guß schüttelte – das war Erich ... Am Mast mußte er sich festhalten, um nicht hinausgespült zu werden. Sie stieß einen Angstschrei aus – wohin waren die Träume geflohen? Das Mädchen preßte die Fäustchen zusammen, als könne sie zwischen ihnen das auf und nieder schaukelnde Schiff festhalten. Jetzt legte sich eine scharfe Brise in die Segel, in schräger Linie sauste das Schiff dem Land entgegen. Irmgard riß ihren Schal von den Schultern und schwenkte ihn wie eine Willkommensfahne den Heimkehrenden entgegen, wobei es ihr zugleich zum Bewußtsein kam, daß sie in ihrer eifrigen Arbeit wohl schwerlich darauf achten konnten. Nun wurde mit einemmal das Segel hochgezogen und um den Mast gewickelt. Mit starken Ruderschlägen führte Lino das Boot dem Sandstrand entgegen, während der zweite Bursche das Steuer regierte. Es gab harte Arbeit. Eine große Welle hob das Fahrzeug auf den Strand, eine zweite schleuderte es zurück in die Flut, aber schon waren Erich und der Steuermann mit einem geschickten Sprung heraus und tappten barbeinig durch den Schaum. Der junge Mensch faßte nach der Ankerleine, die ihm Lino, im schwankenden Boot aufrecht und sicher stehend, entgegenwarf. So zogen sie es vollends hinauf, befestigten es mit Linos Hilfe an den Pflöcken, die zu diesem Zweck dort angebracht waren. »Erich – Erich!« jubelte Irmgard hinunter. Der Junge sprang die überspülten Steinstufen empor, stand mit dem hellen, windverwehten Haar, mit den in Lebenslust blitzenden Augen und den von der Anstrengung glühenden Backen vor der Schwester, schlang ihr beide feste Arme um das zarte Hälschen. »O Irmel – es war himmlisch – himmlisch!« Und er küßte sie in Lebenswonne auf den Mund, mit seinen frischen roten Lippen, die ihr einen Geschmack nach Meer und Salz hinterließen. »Du – du hast Mut!« rief sie, entzückt, ihn nur wiederzuhaben. »Die Fahrt war doch gefährlich! Sieh nur die großen Wellen!« »Ach, das ist doch nichts!« prahlte er lachend. »Grad nur ein guter Segelwind ... Irmel – was hast du denn – du hast geweint?« – »Ich dachte« – sie schluchzte kurz auf –, »wenn du ertrunken wärest – hier, vor meinen Augen.« »Du dumme Gans!« schrie er bubenhaft lustig und nahm sie wieder in seine nackten braunen Arme. Übermutig fing er an, sie zu küssen, halb ein Spiel, halb in gerührter Zärtlichkeit – küßte sie auf den Mund und die weichen Wangen, küßte das Näschen und die letzten Tränenspuren aus den Augen, und immer heftiger wurde das süße Spiel, bis Irmgard, heiß und rot, ihn lachend von sich drängte. »Du, sei nicht so wild.« Da ließ er sie, sprang in großen Sätzen die Treppe des Gartens hinauf, laut singend: »Die Irmel ist 'ne dumme Gans – dumme Gans – dumme Gans – «, bis die Stimme im Innern des Hauses verhallte. Erich stand in seinem Zimmer – denn er besaß seit kurzem ein eigenes Zimmer, ein rundes, oben im Turm mit der rosenroten Zinnenkrone, vom Meerwind umtost, so daß man zuweilen kaum das Bogenfenster öffnen konnte – aber dann sah man auch weit, weit hinaus in die blaue Unendlichkeit –, an hellen Tagen konnte man den Kegel des Vesuvs erkennen und die Rauchsäule, die sich, einer dunklen Pinie gleich, über ihm wiegte. Erich riß das Fenster auf und schmetterte noch einmal seinen Spottvers hinaus. Er war maßlos glücklich in diesem Augenblick, er meinte zu zerspringen vor lauter innerer Lust und Daseinswonne ... Noch spürte er auf seinen Lippen den zarten Duft von Irmgards feiner weicher Haut, noch fühlte er in seinem Herzen den Nachhall des aufjubelnden Triumphes, als er in ihren süßen Augen die Tränen sah, die sie um ihn geweint – und es brauste durch sein ganzes Wesen der Sturm der See, die atemlose Spannung, wenn das Schiff sich tief in die Wellen neigte und die Schiffer sich mit rauher Stimme heftige unverständliche Rufe zuschrien, ein Ahnen von Gefahr ihn berauschend umspielte – ihn, den jungen Herrn des Schiffes, den König der See! Stolz blickte er um sich – betrachtete mit Genugtuung den etwas barbarischen Schmuck des weiß getünchten runden Gemaches: all diese getrockneten Fische, eine Schlangenhaut, die bunten Muscheln und Algen, an den Wänden ein langes Ruder, ein braunes Netz und von der Decke hängend die geschnitzten Boote, die er im Verein mit den Fischerjungen verfertigt, bemalt und kunstgerecht aufgetakelt hatte – Irmgard mußte ihm die Segel nähen. – Sie war doch ein gutes Mädchen, dachte er, eingetaucht mit seinem Gefühl in ihre Lieblichkeit ... Warum – warum nur war sie ihm zuweilen so fremd? Und er so allein? Von Reue gepeinigt – denn – was hatte er nicht alles von den Fischerjungen gehört, und daß er es nicht aus seinen Gedanken brachte, schien ihm ein Verbrechen. Ein Sehnen, das dumpf wie eine große Dunkelheit, die nicht zum Licht wollte, wühlte und stach in ihm. Ach – Mädchen ... Was wissen sie denn – und dünken sich doch so viel klüger, dachte er verächtlich und seufzte zugleich. Betäubt von Luft und Licht, warf er sich, naß, schmutzig, wie er war, auf das weiße Bett, verschränkte die Arme unter dem Kopf, verfiel in das gedanken- und gestaltenlose Brüten, das ihn jetzt so oft überkam und ihn am Ende immer hinabzog in grundlose trübe Laune. Nein – nein – er wollte nicht mehr stundenlang mit den Fischerjungen zusammenhocken und ihre dummen schmutzigen Geschichten und Witze anhören – Dinge, die ihn ekelten – und doch so gierig an sich zogen. Warum hatten sie nur diese schreckliche Gewalt? Wie an dem Abend, als die Kerle ihm den süßen Schnaps aufnötigten in der großen Bodega am Hafen und er nicht anders konnte, als immer noch ein Gläschen hinunterzugießen, obwohl er doch wußte, daß ihm mit jedem Schluck übler und übler zumut wurde und die Bande nur über ihn höhnte und brüllend lachte, bis er in eine sinnlose Wut geriet und eine Chiantiflasche nahm, sie einem der Ärgsten an den Kopf warf, daß ihm der rote Wein übers Gesicht lief! Welch ein Glück, daß in dem Augenblick Lino eintrat, der ihn suchte, und ein Mordsgeschimpfe anhob. Aber Erich wußte nicht mehr, was weiter geschehen war, Lino mußte ihn wohl in sein Boot getragen und heimgerudert haben – und zu Bett gebracht. Nur gut, ein eigenes Zimmer zu besitzen. So erfuhren die Mama und Irmgard nichts von dem, was vorgefallen war. Sie hielten ihn mit seinen rasenden Kopfschmerzen am nächsten Tage für sehr krank und pflegten ihn mit Liebe und Sorgfalt, die ihn beschämten. Irmelein – dachte er mit unendlicher Zärtlichkeit –, ach, Irmelein – ich kann dich ja doch nicht heiraten – du bist ja doch meine Schwester. Schon im halben Schlummer, fühlte er, wie ihm die Wimpern naß wurden von aufsteigenden Tränen. Erich hatte es nicht gern, wenn Irmgard sein Zimmer betrat – es war das unberührbare Reich seiner Männlichkeit. Aber er wollte ihr doch den schönen Seeigel zeigen, an dem noch fast alle Stacheln hingen wie braune bewegliche Zigarren. Alles – alles sollte sie sehen, was er sich liebevoll aufgebaut hatte – – – Der Junge versank in sein schimmerndes Paradies wirrer Träume, die ihn leise in die Bewußtlosigkeit des tiefen Schlafes führten. * Girolamo und Lino ruderten nach der Ortschaft, die sich steil als ein graues Häusergedränge zwischen Felsen und Olivenwälder schmiegte. Die Mama hatte sie beauftragt, besondere Lebensmittel für den Vater zu besorgen, Rezepte in der Apotheke machen zu lassen, die sie sonst niemand von den Leuten überließ. In Glenns Zustand war seit einiger Zeit eine entschiedene Verschlechterung eingetreten, und er ließ seine Frau ungern auch nur für eine Stunde von sich. Irmgard hatte sich erboten, alles genau so auszuführen, wie sie es von der Mutter wußte, und war stolz auf deren Vertrauen. Sie holte dann den Bruder bei dem alten Pfarrer ab. Mit Paketen und Obstkörben beladen, gönnten sich die Geschwister, vor einer kleinen Trattoria auf der Straße sitzend, ehe sie heimfahren mußten, noch einen Sirup mit Selterwasser. Es war ein heißer Sommertag, Erich lief der Schweiß in großen Tropfen über das braune Gesicht, das helle Haar klebte ihm feucht an den Schläfen. Irmgard war blaß und erschöpft. Vom Meer herauf, wo die schmale Straße mündete, wehte zuweilen ein kühler Wind, der gleich wieder einschlief und den seltsamen italienischen Gerüchen Platz machte, die hinter den braunen Leinengardinen hervordrangen, Düfte nach Fett, Knoblauch, faulem Obst, Fischen und dem Rauch von kleinen Holzkohlenfeuern. Man hörte laute, heftig debattierende Männerstimmen aus dem Innern des Kneipchens. Dann gingen einige Gäste fort, es wurde still. Der Cammeriere, in einer schmutzigen weißen Leinenjacke, kam und zog die Markise auf. Die Geschwister saßen schweigend und müde, tranken hin und wieder in kleinen wollüstigen Schlucken das eisgekühlte rote, süße Bibite. Ihnen gegenüber lag zwischen zwei hohen Häusern ein niedrigeres, man sah nur zwei Fenster, mit verstaubten Jalousien verschlossen. Vor dem Hause mußte ein kleiner Hof liegen, den eine vom Salz der See zerfressene, wie mit einem grauen häßlichen Aussatz gefleckte Mauer von der Straße schied. Über die Mauer ragte der Wipfel einer nicht hohen, aber breiten üppigen Palme. Ein graues verrostetes, sehr schmales Pförtchen seitwärts in der Mauer war fest geschlossen. Irmgards Blick hing an dem Pförtchen, das nicht einmal ein Schloß zeigte, so fest war es in die häßlich gesteckte, zerfressene Mauer eingefügt. Wenn der Wind vom Meere aufstieg, bewegten sich die breiten verstaubten Wedel der Palme ganz leise. Es war die Stunde nach Untergang der Sonne, in der eine lichtlose und doch noch klare blaue Dämmerung allen Dingen eine seltsame Unwirklichkeit gab. »Erich«, begann Irmgard leise, »findest du nicht auch – das Haus und die Mauer und die Palme haben etwas – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll – es wird mir bange ...« »Unheimlich«, bestätigte Erich. »Ich dachte eben, wenn die Tür aufgeht, müßte etwas Böses herauskommen. Oh – da – siehst du, sie geht auf ...« Das graue Pförtchen öffnete sich nur in einem schmalen Spalt. Eine alte Frau, in ein schwarzes Tuch gehüllt, glitt geräuschlos heraus, schloß das Pförtchen sofort wieder und eilte dicht an der aussätzigen Mauer die steile Straße hinunter, so schnell, daß sie gleich in der Dämmerung verschwand. Und das seltsame Haus hinter der Mauer und der Palme lag wieder, als sei es unbewohnt, traurig und geheimnisvoll zwischen seinen hohen Nachbarn, durch deren Läden freundlicher Lichtschein spielte. »Wenn wir einmal die Villa Marina verkaufen müssen«, sagte Irmgard träumerisch, »möchte ich in dem Hause wohnen ...« »Ach, Irmgard, nein – es ist so traurig.« »Ja – es ist schrecklich traurig – darum eben.« »Glaubst du, daß Papa bald sterben wird?« flüsterte Erich. Irmgard nickte nur mit dem hellen Kopf. »Er ist oft gar nicht mehr wie von dieser Erde«, sagte sie dann leise. »Er sieht über einen fort ins Leere, in etwas Fernes, was wir nicht sehen ...« »Ich fürchte mich, wenn er so durch mich hindurchsieht, als stünde ich gar nicht da«, flüsterte Erich. »Ich glaube – ich glaube, er sieht dann den Tod.« »Irmel – das ist furchtbar!« »Ja – es ist furchtbar ... Sieh, dort oben ist Licht hinter der Jalousie – ob dort wohl jemand weint?« Erich faßte mit seiner heißen Jungenhand den Arm der Schwester. »Hör auf, Irmgard. Du sollst nicht so reden. Mir ist so grausig zumut.« Irmgard senkte die Wimpern und seufzte. »Wir wollen zurück zum Boot. Es wird schon dunkel.« » Pagare !« rief die helle Knabenstimme in den Schenkraum hinein. Der schmutzige Cammeriere kam, und Irmgard nahm wichtig ihr Täschchen, um die kleine Rechnung zu begleichen, während Erich sich mit Tasche und Paketen belud. Schon dachte keins von den Geschwistern mehr an die sonderbare Stimmung, die sie wenige Minuten zuvor befallen hatte. Da fuhren sie in heftigem Schrecken zusammen und standen entsetzt. Ein Schrei – ein gellender Schrei drang von unten her, vom kleinen Hafen, den Engpaß der Straße herauf. Ein lautes Durcheinanderrufen und Jammern vieler Stimmen folgte. Und sofort, binnen weniger als zwei Sekunden, war der Steinweg zwischen den Häusern angefüllt von laufenden, gestikulierenden Menschen: Männern, Weibern, Kindern, die in Angst und Neugier zum Strand hinunterstürzten. Irmgard und Erich wurden in die wilde Jagd hineingezogen, drängten heftig durch die Menge, sprangen in großen Sätzen die steile Straße, die bröckelnden Treppen hinab. Das Rauschen der Brandung übertäubend, tönte das Geschrei, das Rufen und Klagen der Bevölkerung der kleinen Ortschaft, die sich dunkel gegen das dunkle Meer um einen Kahn zusammenscharte, aus dem die Fischer eine Last emporhoben und vorsichtig ans Land trugen. Und wieder der gellende Schrei. Eine Frau warf die Arme gen Himmel, daß ihr schwarzes Tuch wie dunkle Flügel sie umwehte, brach in die Knie bei dem Toten, den die Männer auf der Mole vor ihre Füße niederlegten. »Adriano – Adriano–« hörten die Kinder rufen. »Oh – la Poveretta – er war ihr Einziger ...« Adriano ... Erich faßte den Arm der Schwester, ließ wieder los, stieß mit Gewalt in den Menschenknäuel, stand vor dem braunen Knaben, einem der Spielgefährten der letzten Wochen, der, von dem spärlichen Licht hin und her flackernder Laternen getroffen, vor ihm auf dem Steinpflaster lag. Das Wasser, welches aus seinen schwarzen Haaren, aus seinen spärlichen Kleidern rann, bildete um ihn eine Lache, tränkte das Tuch der Mutter, die den Kopf, den regungslosen, hob und in ihrem Schoß bettete. – Eine Mater dolorosa , daß sie so, mit den zitternden Händen vergeblich das Wasser aus den Locken streichend. Ihre Hände wurden rot von Blut, eine Wunde am Hinterkopf war die Ursache seines Todes. – Wie war es geschehen? Er war aus dem Boot gestürzt, unvorsichtig – waghalsig, und die Wellen der Brandung hatten ihn gegen den Felsen geschleudert, ehe man ihm zu Hilfe kommen konnte. Ehrfürchtig, die Kappen von den Häuptern genommen, standen die Männer um die Leiche. Ein Priester mit dem Allerheiligsten nahte, das Glöckchen des kleinen Mesnerknaben bimmelte, die Frauen und Kinder fielen auf die Knie, auch die nassen, halbnackten, wild ausschauenden Männer neigten das Knie – eine feierliche Stille entstand – der Priester beugte sich über den Knaben, legte die Hand auf seine entblößte Brust, faßte den Puls – hob sich mit Seufzen. Hier war nichts mehr zu tun. Die Weihen der Kirche für den Sterbenden kamen zu spät. Der hohe alte Mann in der schwarzen Soutane stand feierlich zwischen den Knienden, Schluchzenden – legte die Hände zusammen, sprach murmelnd ein Gebet, murmelnd, sich bekreuzend, beteten Frauen und Kinder – es ging wie ein leises Windesrauschen durch die Menge. Eine Bahre wurde herbeigetragen, man wollte den schlanken jungen Toten emporheben, doch die Mutter weigerte sich zu verstehen, schüttelte unaufhörlich den Kopf, bis der Priester ihr gütig zuredete. Geduldig wartete die Menge, in der die wilden Entsetzensausbrüche zu feierlichem Flüstern und stillem Weinen verebbten. Endlich war es geschehen. Vier Männer hoben die Stangen der Bahre, der Priester schlug das Kreuz über den jungen Adriano, seine Mutter, von den Nachbarinnen unterstützt, wankte taumelnd in eintönigem Stöhnen neben dem Toten. Männer, Kinder, Frauen formten sich wie von selbst zu einem Trauerzuge, der langsam die Treppen der engen Straße emporstieg. Die Geschwister standen allein auf der Mole, sahen bestürzt mit nassen Augen dem unheimlichen Zuge nach. »Ob er in dem traurigen Hause wohnte? – Ob man ihn dorthin trägt?« hauchte das Mädchen in die Nachtluft. »Frage nicht – frage nur nicht«, flüsterte Erich. »Ich will es nicht wissen.« »Dort kommt Lino.« Er bat die Kinder, in das Boot zu steigen – es sei dunkel, und die Padrona werde sich ängstigen. Mit einer Art von feierlicher Vorsicht half er ihnen. Der alte Girolamo griff nach den Rudern. Während Lino das Boot steuerte, berichtete er dem Vater die Einzelheiten, die er über den Unglücksfall erkundet hatte. Adriano war keiner von den Fischerjungen, er war etwas Besseres, wohnte mit der Mutter oben in der Stadt. Sein Vater hatte ein großes Schiff geführt – war mit ihm in einem Sturm untergegangen. Seitdem waren sie verarmt. Der Junge wußte nichts anderes als das Meer ... »Ja, ja«, sagte Girolamo in dem Ton eines düsteren Propheten, »das Meer – das weiß, wen es holen will – auf manche Familien hat es seinen Willen gerichtet. Gott helfe den armen Seelen.« Die Geschwister saßen in der Mitte des Bootes, auf dem kleinen Bänkchen, eng umschlungen, als seien sie nur zwei Hälften eines Menschen. Sie hörten die beiden Männer miteinander reden wie Stimmen aus angstvollen Träumen. Schrecken und Trauer hüllten sie ein, hoffnungslos quälend, wie sie die erste Jugend überfällt, in der Blut und Seele sich für das Leben bereiten, dessen Furchtbarkeit sie ahnend empfindet – eine Furchtbarkeit, der nicht zu entrinnen ist. Unbegreifliche Schmerzen stehen wartend, ein dunkler Wille strebt zu ihnen hin, während das glückbegierige Herz vor ihnen zurückschaudert. Ihre Kindheit, überschattet von dem Schicksal eines langsam unter entsetzlichen Schmerzen Sterbenden, war dennoch sorglos und fröhlich gewesen. Nun zerriß der Vorhang – in dem Anblick des ertrunkenen Knaben erlebten sie den Tod. Zwei Tage nach dieser Bootfahrt über die nächtliche See endete Michael Glenns schwerer Kampf mit den geheimnisvollen Lebewesen, die seinen starken Körper verwüsteten. Er losch aus, wie der letzte Funke einer Kerze verglimmt, wenn der Brennstoff bis zum Rest verzehrt ist. IV Die Villa Marina war einem Engländer verkauft worden, den die phantastische Grotte bezaubert hatte. Die venezianischen Möbel mit ihren Jagd- und Liebesszenen standen nun fremdartig im kleinen Wohnzimmer eines grauen Miethauses in der grauen einförmigen Straße der deutschen Mittelstadt. Irmgard und Erich hatten um diese geliebten Altertümer einen harten Kampf mit dem Justizrat führen müssen. Sie waren unter dem Beistand der Mutter Sieger geblieben, doch es war etwas wie Haß gegen den praktischen Onkel und in ihm eine spöttische Antipathie gegen diese aufsässige junge Brut und die Schwäche ihrer Mutter zurückgeblieben. Frau Luises verödetes Herz hatte nach dem Tode ihres Gatten nur noch einen Wunsch: in das Land zurückzukehren, wo die Menschen ihre Sprache redeten, in der Nähe der Schwester zu weilen, mit der sie Kindheitserinnerungen tauschen konnte, für die Michael niemals genügende Teilnahme bewiesen hatte. Doch diese Erinnerungen waren bald erschöpft, und man wußte sich nicht mehr viel zu sagen. Die Frau Justizrat lebte mit ihren zwei Töchtern in den Interessen ihrer kleinstädtischen Geselligkeit und ihres Haushaltes. Die verwitwete Schwester erschien ihr fremdartig, und daher mißbilligte sie sie. Frau Luise bediente sich oft italienischer Worte, und ihre Art, sich und Irmgard zu kleiden, fiel bei aller Einfachheit doch immer wieder aus dem Rahmen des Herkömmlichen irgendwie heraus. Irmgard spürte das leise, verborgene Mißbehagen der Verwandten eher als die Mutter und lernte früh, sich zu verschließen. Über Frohnstedt lag schwer ein trüber, grauer Himmel. Es gab wenig Schnee, unendlicher Regen rieselte eintönig vor den Fenstern und erfüllte die Welt mit einer feuchten, durchdringenden Kälte. Ging Irmgard mit der Mutter vor die Stadt die lange Chaussee hinunter, dehnten sich unendliche abgeerntete Felder zu beiden Seiten, mißfarbene Rübenblätter faulten am Wege und Scharen von Krähen hockten auf der braunen Ackerkrume, erhoben sich bisweilen flügelschlagend in die nasse Luft und stießen ein wildes Krächzen aus. Die leeren Äste der alten Pappeln knarrten im rauhen Winde, der sie schüttelte. Warum ging man hier? Es war doch so maßlos traurig. Zuweilen würgten die Mutter und ihre Tochter an ihren Tränen, und keine wollte es doch die andere sehen lassen. Der Arzt hatte für das zarte Mädchen ein Wandern in frischer Luft verordnet. Mit einem letzten Rest von Energie drang die Mutter darauf, daß das Gebot ausgeführt werde. Es war, als ob bei der noch nicht alten Frau die Lebenskraft in der langen Pflege des geliebten Kranken völlig aufgebraucht worden sei. Kleiner schien sie geworden, dürr und ergraut. Schwer war es für Irmgard, sie durch ein Gespräch zu unterhalten. Wie ein Häuflein Asche kam ihr die Mutter vor, und wenn sie sich auch mit einer müden, schmerzlichen Zärtlichkeit an die Tochter klammerte, diese fand keinen Weg aus ihrem jungen Herzen in das ausgebrannte der in ihren Kummer versenkten Frau. Ihr Gefährte war fern, und zuweilen überkam sie die Sehnsucht nach dem Bruder in einer heißen Welle, die über sie hinschlug wie ein Schwaden heißen Dampfes, der sie zu ersticken drohte. Aber sie wußte nie, war es das Verlangen nach seinem hellen Gelächter, seinem kindlichen Geplauder, nach dem Geflüster all ihrer kleinen Geheimnisse – oder war es das verzweifelte Sehnen nach Sonne, nach Farbe, nach leuchtender Weite der See und den kühnen Formen der Landschaft, in der sie aufgewachsen war? Aus selig träumender Kindheit war das Mädchen jäh und allzu früh in das Reich der Erwachsenen herausgerissen und fand sich noch nicht darin zurecht. War es nicht erfüllt von Krankheit und Trauer oder von wunderlich törichter Wichtigkeit und kleinen Bosheiten? Pilgerte sie an jedem Sonntagnachmittag durch die leeren grauen Straßen zu den Verwandten hinaus – der Justizrat Lodger bewohnte eine stattliche Villa in dem neuen Stadtviertel–, so saßen sie um den runden Sofatisch, stickten und häkelten bunte Gegenstände, die Irmgard häßlich und überflüssig erschienen. Der Onkel las die Zeitung, oder er hielt der Schwägerin kleine ermahnende Reden über Sparsamkeit. Das Kapital, welches noch vorhanden sei, müsse für die Zukunft seiner Mündel sorgsam aufbewahrt werden. – Zuweilen nahm Kusine Cläre, ein hübscher, fröhlicher Backfisch, Irmgard mit in ihr Schlafzimmer, erzählte ihr dort mit eifriger leiser Stimme von kleinen Liebeserlebnissen, von Schülerküssen und Stelldichein im Stadtwald. Irmgard sah sie mit großen Augen verständnislos an und fühlte nur einen leichten Ekel. Sie war zufrieden, daß der Vormund nicht darauf bestand, sie die oberen Klassen der Töchterschule durchmachen zu lassen. Ihr graute vor all diesem Geplapper und Gekicher der vielen Mädchen. Sie saß lieber allein und las wahllos die Bücher aus des Vaters Bibliothek, dachte oder träumte darüber. Erich war zu einem Pfarrer aufs Land zur Vorbereitung für die Aufnahme in eine gerühmte Erziehungsanstalt gegeben worden. Der geistliche Herr schrieb stets erfreut über des Knaben Dienstwilligkeit und seine mannigfachen Fähigkeiten. In Wahrheit benutzte er seine beiden Pensionäre zum Ziegenhüten, zu Gartenarbeiten und zu Gängen in die Nachbardörfer und auf fernliegende Bauernhöfe, um die Deputate in Lebensmitteln, die ihm zustanden, einsammeln zu lassen. Erich gefiel es nicht übel bei den freundlichen Pfarrersleuten, die keinerlei geistige Anstrengung von ihm verlangten. Als er heimkam, erklärte er Mutter und Schwester, er habe genug gelernt und wolle nun zur See gehen. Das Hocken in einem engen Schulzimmer würde er niemals ertragen. Wenn man ihm nicht den Willen täte, würde er sicher sterben aus Sehnsucht nach dem Meer. Die Mutter lächelte und schüttelte den Kopf. Irmgard verstand ihn gut und wußte doch, man dürfte seinem Willen nicht nachgeben. Der Onkel Justizrat hielt den Jungen mit drohenden Blicken und strengen Aussprüchen über Pflicht und Verantwortung gegenüber seinem toten Vater, dem er keine Schande machen dürfe, in einer Art von widerwilligem Respekt. Erich mußte zugeben, er sei vielleicht noch zu jung, um auf einem Schiff aufgenommen zu werden, und ließ sich herab, mit Irmgard Geschichtszahlen und lateinische Verben zu üben. Es gelang ihm, im Examen einige gute Antworten zu geben, die seine Aufnahme in das berühmte Internat ermöglichten. Zu seinem Unglück. Denn es standen keinerlei feste Kenntnisse hinter diesen Zufallstreffern. Schon nach Beendigung des ersten Schuljahres sandte man Erich endgültig heim. Sein Zeugnis wurde von einem Schreiben des Direktors begleitet, in dem dieser ausführte: Erich Glenns Vorkenntnisse entsprächen durchaus nicht den Anforderungen der Schule; der hohe humanistisch-klassische Geist, der hier gepflegt werde, mache keinerlei Eindruck auf den Knaben. Man beschuldige ihn sogar, sich über die als hehre Vorbilder an den Wänden der Schulräume angebrachten Porträts hervorragender Männer der Philosophie und sonstiger Wissenschaften, die der Anstalt ihre Ausbildung dankten, spöttisch-respektlos geäußert zu haben. Daß er ihnen den eigenen Vater als gleichbedeutend gegenübergestellt habe, möge mit der Blindheit kindlicher Liebe entschuldigt sein. An sich nicht unbegabt, an Lebenserfahrungen – auch solchen unerwünschter Art – seinen Altersgenossen weit voraus, zeige sich Erich leider nicht im mindesten geneigt, durch Eifer und Fleiß die Lücken seines Wissens zu ergänzen. Beschönigend fügte der Direktor an dieser Stelle hinzu: Erich teile das Schicksal vieler Knaben von Auslandsdeutschen, die, in allzu großer Freiheit aufgewachsen, sich dem strengen deutschen Schulregiment nicht einzufügen vermöchten. Nehme er sich in Zukunft mehr zusammen, überwinde er seine Trägheit und Träumerei, könne er am Ende eher den Anforderungen einer Mittelschule genügen. Das wurde ein böser Tag. Der Justizrat, in seiner Eigenschaft als Vormund der Glennschen Unmündigen, war von Frau Luise benachrichtigt worden, wie die Dinge standen. Er saß neben ihr am Fenster, las mit strengem Gesicht den verhängnisvollen Brief, ließ sich darauf von dem Neffen das Zeugnis bringen und studierte dessen lange Zahlenreihen, die sich meist zwischen den Nummern vier und fünf bewegten. Erich hatte sich zu seiner Schwester an das zweite Fenster zurückgezogen und stand dort düster-trotzig, der unvermeidlichen Strafpredigt entgegenharrend. Er haßte in diesen Augenblicken nichts auf der Welt so leidenschaftlich wie den Onkel, gegen den er von der ersten Bekanntschaft in Venedig an eine dumpfe Abneigung, einen kaum gerechtfertigten Groll empfand. Durch die blitzende Brille richtete der Justizrat einen kalten Blick auf Erich, während sich seine Oberlippe zu dem fatalen ironischen Lächeln auseinander zog, das die beiden goldenen Eckzähne sehen ließ – diesem Lächeln, mit dem er vor Gericht seine Gegner vernichtete. »So – so – da hast du ja deiner Mutter und Schwester eine rechte Ferienfreude gemacht«, begann er mit einer, wie es Erich schien, teuflisch höhnischen Freundlichkeit »Unerwünschte Lebenserfahrungen« – also lasterhaft bist du auch – schau, schau! Und extra wird hier konstatiert, daß dir keineswegs die Begabung – nur Wille und Fleiß fehlen ... Eine Mittelschule – für den Sohn des berühmten Michael Glenn eine Mittelschule ... reizendes Resultat dieser Erziehung in Freiheit.« Der Justizrat stieß einige meckernde Kichertöne aus und erhob sich, indem sein Gesicht ernst, ja drohend wurde; langsam und gewichtig reckte er sich auf, denn seine Knie waren bereits etwas steif. »Komm einmal her, mein Sohn«, sagte er ruhig und beinahe freundlich. Erich zögerte eine Sekunde. Er war blutrot geworden. Dann ging er, lang und zart aufgeschossen, mit seinen elastischen Schritten durch den breiten Lichtbalken, den die Nachmittagssonne schräg in das Zimmer sandte, und in dem sein helles, leicht gelocktes Haar wie Gold aufglänzte. Er trat vor den großen dicken Mann und hob das edel geschnittene, noch so weiche Kindergesicht mutig zu ihm auf. Er war ohne Arg, er dachte, der Onkel werde jetzt neue Gelübde von ihm fordern, vielleicht Abbitte an die Mutter – er war bereit, dies alles zu leisten und einmal wieder neu zu beginnen, denn es war wirklich eine schauderhafte Sache, und die Mama tat ihm schrecklich leid. Der Onkel hob die große, mit dem Siegelring geschmückte Hand, in der er das Zeugnisheft zusammengerollt hielt, beugte sich vor, faßte mit der Linken Erichs Schulter, und klatschend sauste die Rolle ihm rechts und links auf die Backen, auf die Ohren nieder, zerpeitschte sein Gesicht, so daß ihm die Tränen des Schmerzes und der Scham aus den Augen stürzten. Vor Entsetzen stand er ohne Gegenwehr, ließ die Schläge auf sich niederprasseln. Aber Irmgard war mit zwei Sprüngen neben der eiskalt strafenden Gerechtigkeit, hängte sich mit aller Kraft an den erhobenen Arm, riß, zerrte und schrie unter Tränen: »Laß ihn los – laß ihn los, du Ungeheuer, du schlägst ihn ja blind und taub –!« Und als der Justizrat, seinerseits von dem unvermuteten Angriff verblüfft, den Griff an Erichs Schulter lockerte, riß sie ihm die Hand vollends fort und schrie: »Lauf, Erich, lauf – schließ dich ein, damit er dich nicht findet.« Erich zögerte nicht, ihrem Rat zu folgen. Erst als die Tür hinter ihm zuschlug, sanken des Mädchens Arme kraftlos herab. Der Justizrat fuhr sich mit dem Finger zwischen Kragen und Hals und murmelte etwas von Schlaganfall. Er sah seine Nichte, dieses sanfte, stille Wesen, erstaunt an. »Du niederträchtige, wilde Kröte«, schrie er, nun wirklich vom Zorn übermannt. »Wer hätte von dieser kleinen Hexe so etwas erwartet.« Während er seine Manschetten hervorzog und in Ordnung brachte, wandte er sich der Schwägerin zu. Frau Luise hatte während der peinlichen Exekution das Gesicht mit dem Tuch verhüllt. Nun hob sie das kleine, zuckende, schon von Runzeln durchzogene Sorgengesicht zu dem Schwager aus und fragte hilflos: »Was soll denn nun werden?« »Wir wollen die Flinte nicht gleich ins Korn werfen«, erklärte ihr Herr Lodger ernst und würdig. »Ich werde wohl noch mit zwei widerspenstigen Bälgern fertig werden – habe ich doch auch meinen eignen Jungen durch zielbewußte Strenge gebändigt. Du tust mir leid, Luise – wirklich leid –, obwohl du keineswegs ohne Schuld bist. Kinder müssen unter strenger Zucht aufwachsen. Nun – ich will sehen, wie ich dir am besten helfen kann. – Ich werde die Sache durchdenken und dir dann Bescheid geben.« Nach dieser, mit volltönender Stimme gehaltenen Rede reichte der Onkel und Vormund der Glennschen Unmündigen Frau Luise die Hand zum Abschied. Irmgard hatte das Zimmer verlassen. Der Justizrat entbot einige Tage später Frau Glenn in sein Büro. Er teilte ihr dort seine Entschlüsse mit. Erich sei für die höhere Bildung und Karriere wohl nicht geeignet. Es komme nun eine Realschule und die Vorbereitung für einen technischen Beruf in Frage. Der Justizrat ließ durchblicken, daß er unter einem solchen nur ein Herabsteigen auf der sozialen Stufenleiter, gewissermaßen eine Art von Strafversetzung erblicken könne. Auch für den Eintritt in die Realschule müsse der Junge ja noch vorbereitet werden. Es befinde sich in der Stadt eine Presse, in der Knaben aus den Volksschulen zum Übertritt in die Realschule gedrillt würden, die könne Erich für das nächste halbe Jahr besuchen. Damit der Junge dort nicht wieder Schiffbruch leide, habe er sich mit Einwilligung seiner guten Frau entschlossen, Erich zu sich ins Haus zu nehmen, um mit männlicher Energie auf ihn einzuwirken, ihn zum Arbeiten zu erziehen. Der Junge wisse ja nun, daß er nicht mit sich spaßen lasse. Es sei ein großes Opfer für ihn, das könne sich die Schwägerin ja denken. Doch halte er es für seine Pflicht als Vormund, sein Äußerstes zu versuchen, und so werde er denn auch die Hälfte der Kosten für die Presse auf sich nehmen. Der Justizrat sprach ehrlich. Er war ein gewissenhafter Pflichtenmensch – daß auch seine Eitelkeit schwer gelitten haben würde, wenn sein Mündel, wie er sich ausdrückte, vor die Hunde gegangen wäre, trat ihm weniger deutlich in das Bewußtsein. Er lächelte abwehrend zu Frau Luises weinender Dankbarkeit, die ihn dennoch erfreute. Erich gebärdete sich wie ein junges Tier, das zum Metzger geschleift werden soll. Er schrie, schluchzte, stampfte mit den Füßen, seine Augen hatten den Blick eines Irren. »Ganz wie sein Vater, wenn der Jähzorn ihn packte«, rief die Mutter, fast ebenso fassungslos schluchzend wie der Sohn. Am Ende ließ sie sich von beiden Kindern bewegen, den Vormund noch einmal zu bitten, Erich den Weg zur See frei zu geben. Der Justizrat lachte laut über die tolle Idee. Der Junge habe Gehorsam zu lernen – in drei Tagen werde er bei ihm antreten. Übrigens könne die Mama ihm mitteilen, daß, um einen etwaigen Fluchtplan zu verhindern, bei der Polizei in Hamburg sein Signalement abgegeben werde. Erich empfing diesen Bescheid in einer plötzlichen befremdenden Ruhe. Seine Lider waren gesenkt, sein üppiger roter Mund fest verschlossen. Er wendete sich ab, vergebens versuchte die Mutter, eine Antwort zu erhalten. In den zwei Tagen, die folgten, hielt er sich fern vom Haus, lief draußen im Herbststurm über die Rübenfelder, strolchte durch den Stadtwald, stellte sich auch zu den Mahlzeiten nicht ein, erschien nur auf Augenblicke und ließ sich von der Köchin ein Stück Brot geben, worauf er eilig wieder davonrannte. Irmgard wollte ihn halten, doch er stieß sie rücksichtslos zur Seite. Sie war viel zu erschöpft, sich dem verzweifelten Jungen gegenüber zu behaupten. Was hier geschah, bedeutete Verderben für eine empfindliche, seltsam zusammengefügte Natur, in der neben den schönsten Anlagen soviel Unvermögen und Trotz lagen. Das Herz erzitterte ihr, dachte sie an die widerlichen Szenen, die zwischen dem unerbittlichen Manne und dem jähzornigen Knaben stattfinden würden. Wie sie die Schläge, die auf Erichs Gesicht niedersausten, gefühlt hatte, als seien sie ihr selbst geschehen, schluchzte sie innerlich unter den Erniedrigungen, die ihm bevorstanden. Abenteuerliche Pläne bewegten sich in ihrer Phantasie. Ob man Erich zur Flucht verhelfen sollte? Viele Jungen waren strengen Erziehern davongelaufen und aus eigener Kraft tüchtige Männer geworden. Aber Erich? Der Verwöhnte –! Der zarte, schmale Junge mit dem seidenblonden Gelock über der Stirn und den verschleierten Augen? War er einem Abenteuerleben gewachsen? Auch würde ihn der Onkel als Justizbeamter schnell auffinden lassen. Nein – alles würde auf diese Weise nur verschlimmert werden. Leidenschaftlicher, inbrünstiger als die zermürbte Mutter hatte das Mädchen in hundert Träumen die Hoffnung genährt, Erich werde sich am Ende doch als Sohn und Erbe des Vaters bewähren, die Arbeit, die jenem aus den kraftlosen Händen gefallen, glorreich weiterführen. Verknöchert erschienen ihr des Justizrats Ansichten über die Technik! Sah er denn nicht, daß sie die Herrschaft der Welt antrat? Indessen, auch zu einem technischen Beruf mußte man lernen, und das eben wollte Erich nicht. Oder war dieser Widerwille auch nur Trotz gegen den Befehl? Sie konnte es sich nicht vorstellen, daß Erich, ihre zweite Hälfte, die Bücher nicht lieben lernen sollte, in denen sie selbst ihr eigentliches bestes Leben fand. Dies eine konnte sie nicht glauben. * Erich war spät am Abend heimgekommen und hatte sich in seine Schlafkammer geschlichen. Die Mutter, aufgeregt scheltend, wollte zu ihm. Irmgard hielt sie zurück. Wann hatte die Mutter ihre Kinder je verstanden – was wußte sie von ihnen? Irmgard hatte geglaubt, ihren Bruder und Gefährten zu kennen wie sich selbst – und heute – wußte sie denn, was in ihm vorging – durchschaute sie auch nur einen der Gedanken, die seine Seele bewegt hatten, während er sich in Sturm und wüstem Wetter todmüde lief? Sie hörte ihn rufen und ging zu ihm. Er lag im Bett, die Decke bis zum Halse hinaufgezogen. Auf dem Nachttisch brannte in einem Handleuchter eine dünne Kerze. Als Irmgard sich auf den Rand des Bettes setzte, blickte der Junge sie aus weit geöffneten Augen mit einem Ausdruck hoffnungsloser Verzweiflung an, und sie schluchzte: »Erich – Erich – nicht so – –«. Sie faßte sein Gesicht zwischen beide Hände, küßte es mit zuckenden Lippen, zitternd hielten sie sich umfaßt, bis Erich, ruhiger geworden, zurücksank und die Augen schloß. Sie begann mit ihrer süßen Mädchenstimme zärtlich kosend ihn zu trösten: sie bleibe ja in seiner Nähe – alles könne gut werden, wenn er nur ein wenig Geduld haben wolle ... Und fühlte dabei, wie ihre Mahnungen unnütz waren und etwas Lehrhaftes bekamen, ohne ihren Willen. Erich warf sich nervös unter der Decke. Als sie streichelnd die braune Knabenhand fassen wollte, riß er sich ungestüm los. »Irmgard – nie bin ich geschlagen worden«, keuchte er. »Der Pastor hat es nie gewagt – in der Anstalt gab es andere Strafen. Nie, nie vergesse ich ihm das. In Mamas und deiner Gegenwart, solch ein Vieh! Ich kann nicht mit ihm an einem Tisch essen. Fühlst du das nicht?« Irmgard nickte leise. Und mußte hören, daß Cläre und ihre Freundinnen Erich begegnet seien, gelacht und geflüstert hätten sie, und Cläre sei ihm nachgelaufen, habe ihn höhnisch willkommen geheißen als Hausgenossen – nun würde er ja den Vater in all seiner Herrscherglorie kennenlernen. »Sie wird sich irren«, schloß er den heiß hervorgestoßenen Bericht. »Sie wird sich sehr irren.« »Was willst du tun, Erich? Um Gottes willen – was willst du tun?« Er lachte kurz. »Sei ruhig – ich schlage ihn nicht tot – und Gift habe ich nicht. Ich habe auch keine Lust, jahrelang im Gefängnis zu sitzen.« »Geh nur und schlaf«, sagte er jäh mit veränderter rauher Stimme. »Du weißt ja keine Hilfe für mich.« Nein – sie wußte keine und schlich mit nassen Augen davon, hörte ihn noch flüstern: »Allein – ganz allein«, und fiel weinend in ihr Bett. »Ihr seid törichte exaltierte Kinder«, sagte Frau Luise müde aus ihren Kissen, »der Onkel meint es doch gut.« Irmgard lauschte gequält in die Dunkelheit. Nach einer Weile der Stille hörte sie ein Poltern und Bewegen nebenan. Sie sprang auf, warf den Schlafrock über, stürzte hinaus, griff nach der Tür, fand von innen einen Stuhl oder Tisch davorgeschoben. Ein Lichtschein glitt durch den Spalt am Boden. Sie klopfte heftig. »Erich – was tust du?« »Geh doch und schlafe endlich«, hörte sie eine sehr müde Stimme. »Was störst du mich immer? Weckt mich morgen nicht – hörst du?« Sie schlich zurück. Er hatte den Schlaf nötig, das arme Kerlchen. Ach – er war ja doch nur ein Kind – würde sich zuletzt schon fügen, und – vielleicht war es auch wirklich zu seinem Besten. So dachte sie zur eigenen Beruhigung. Der Schlaf überfiel sie mit unwiderstehlicher Gewalt. Plötzlich fuhr sie auf, ihr Herz klopfte rasend. Graues Morgenlicht sickerte durch den Vorhang. Sie hörte ein tiefes, röchelndes Stöhnen und war aus dem Bett, lief im Nachthemd hinüber – es gab keinen Schlüssel zum Türschloß, ein Möbel war gegen die Tür geschoben. Sie warf sich mit aller Gewalt gegen das Holz und stürmte beinahe fallend in die Kammer. Die Kerze auf dem Nachttisch war fast heruntergebrannt. Neben ihr auf dem Bettrand saß Erich, der Kopf hing ihm auf die Brust – eine Waschschüssel hatte er vor sich auf den Stuhl gestellt und hielt die Hände hinein. Irmgard riß den Mund auf, wollte schreien – die Stimme war tot. Das Waschbecken war mit rotem Blut angefüllt. Erich hob den Kopf, sah sie mit irrem Blicke an. »Laß mich in Ruhe«, murrte er und wehrte sich gegen die schwesterlichen Hände, die nach seinen blutenden Pulsen griffen. Der rote, warme Lebenssaft lief ihr zwischen den Fingern hindurch. Laut hallten jetzt ihre Hilfeschreie durchs Haus. Frau Luise kam gestürzt. Die Magd rannte herbei. Mit ihrer Hilfe umwickelte man Erichs Arm mit Binden und Tüchern, die sich schnell braunrot färbten. Man legte den Jungen, der sich nicht wehrte und in beginnender Schwäche alles mit sich geschehen ließ, flach auf das Bett. Während die Magd zum nächsten Arzt rannte, hielten Mutter und Schwester ihm die Arme in die Höhe. Keines sprach ein Wort. Auf dem Boden neben dem Bett lag das frisch geschliffene Taschenmesser. Erich atmete unregelmäßig aus offnem Munde, zuweilen zuckte seine Kehle wie bei Kindern, wenn sie sich müde geweint haben. Die Augen hielt er geschlossen, man konnte beim Licht der Lampe, welche die Magd gebracht hatte, nicht unterscheiden, ob er bei Bewußtsein war. Sein Gesicht schimmerte schneeweiß. Der Arzt kam. Die Wunden wurden sachgemäß behandelt, die Blutung war gestillt, eine Injektion half dem ermatteten Herzen zu neuer Tätigkeit. Erich öffnete die Augen, blickte gleichgültig die um ihn bemühten Menschen an und schloß sie wieder. Ein Ausdruck von Ekel ging über seine Züge. Der alte Sanitätsrat saß neben dem Bett und beobachtete den Jungen. Er hatte tröstend bemerkt, die Schlagader sei nicht verletzt, trotz der ziemlich tiefen Wunden, die sich der junge Herr beigebracht – die Hände würden ihm wohl gezittert haben. Er murmelte etwas von dummen Schulgeschichten und trug dem Dienstmädchen auf, einen starken Kaffee zu bereiten, denn er sah, daß Frau Glenn sich nicht mehr aufrecht halten konnte. Irmgard ging mit dem Mädchen hinaus. In der Küche lehnte sie den Kopf gegen ein Bord und wimmerte leise. Als das Mädchen ihr von dem heißen Getränk aufnötigen wollte, wehrte sie ihm schweigend mit der Hand. Nach der Verordnung des Arztes sprach weder Mutter noch Schwester mit Erich von dem Vorgefallenen, doch ließen sie ihn in den nächsten Tagen nicht allein. Die Mutter hatte ihr Bett in seine Kammer tragen lassen, er wurde gepflegt, wie man ihn in irgendeiner andern Krankheit umsorgt haben würde. Er ließ es sich schweigend und beschämt gefallen. Als er sich etwas gekräftigt hatte, brachte ihm Irmgard die Prospekte der Seemannsschule, bei der ihn die Mutter angemeldet hatte. Frau Glenn begleitete ihren Sohn nach Hamburg. Sie wollte ihm noch viele gute Lehren geben, doch als er sie zum Abschied küßte, fühlte sie, wie fern er ihr schon war, ganz hingegeben dem neuen selbstgewählten Leben. Von der Enttäuschung, die alle schüchternen Hoffnungspflänzchen aus der Mutter Seele riß, spürte er nichts. Da stammelte sie nur befangen: »Sei brav und denk an uns.« Den Justizrat und die übrigen Verwandten bekam Erich vor seiner Abreise nicht mehr zu sehen. Die vormundschaftliche Genehmigung, die zur Aufnahme erforderlich war, sandte der Onkel schriftlich ein. Er fühlte sich im Grunde erleichtert, der Verantwortung für dieses störrische, wilde Blut ledig zu sein. V Vier Jahre lang mußte der Seemann auf Segelschiffen fahren, ehe er das Steuermannsexamen machen durfte. Die Schiffsjungenzeit, die schwere, war vorüber. Der junge Leichtmatrose Erich Glenn saß oben im Korb an der höchsten Spitze des schlank ragenden Mastes und hielt Umschau. Die Brigg »Cimbria« lag fast still in der ölglatten blauen Unendlichkeit von Himmel und See, und die Sonne stürzte immer neue Ströme von goldener Glut in das dunkel blitzende Gewässer nieder, als müsse es aufkochen unter ihren rasenden Strahlen. Alle Farben sog das Licht in sich auf, die Weite ringsumher war nur ein unbestimmt erzitterndes Flimmern. Der Junge oben, hoch oben in der kochenden Luft, fühlte dieses Erzittern durch das Holz des Mastbaumes bis zu ihm dringen, es ließ die tote Stille nur noch grausiger erscheinen. Das Segelleinen hing schlapp, die Mannschaft war unter Deck beim Essen, bis auf zwei Kerle, die sich in eine schmale Schattenlinie gedrückt hatten und schliefen. Der Junge zog seine blaue Mütze tief über die schweißnasse Stirn und stierte durch das Glas. Dort hinten – ganz weit entfernt, am Rand des Horizonts, wo Wasser und Himmel ins eins verschwammen, dort gefiel ihm etwas nicht – es war, als ob dort die Farbe des Wassers plötzlich wechselte, schwarz wurde dort der letzte Streifen, und es schien, als steige das Wasser in den Himmel hinauf. Seltsam – dergleichen hatte er nie gesehen. Er erhob sich, beugte sich über den Rand des Korbes tief hinab und schrie den schlafenden Matrosen zu, den Kapitän zu benachrichtigen – und in demselben Augenblick jagte ein tosender Windstoß durch die tote Stille – das Schiff stürzte jäh zur Seite – ein Schrei und ein durch die Luft sausender Körper und wieder die vorige erwartende Stille. Und ein Mensch rang in der blauen Tiefe um sein Leben, tauchte auf, starrte verstört, entsetzt nach der Brigg, die von neuen Windstößen vorwärts getrieben wurde, starrte auf die an Deck hin und her laufende Mannschaft, die in heftigem Schaffen mit Tauwerk und Segeln beschäftigt war. Die Brigg flog, von den Fittichen des nahenden Sturmes zum Leben geweckt, mit unheimlich wilder Eile dem Osten zu – hatte keiner – keiner der Männer seinen Sturz gesehen, seinen rasenden Schrei gehört? Nein – schon ahnte der Junge: das Geklatsch der schlappen Segel um die Masten, das Klappern und Klirren, das den unerwarteten Windstoß begleitete, hatte die menschliche Stimme übertönt. Er hob sich aus dem Wasser, so hoch er vermochte, er brüllte, was seine junge Kehle hergab, in die Weite. Jetzt, jetzt schien es, als wendete die »Cimbria«, als arbeiteten die Matrosen, das Schiff zu stoppen – ein Boot für ihn herabzulassen ... Atemlos hielt Erich inne mit seinen gewaltigen Stößen, lag einige Minuten auf der Seite, das furchtbar schlagende Herz zu beruhigen. Und ein Gedanke durchfuhr ihn wie der Stich eines scharfen Instrumentes: Hatten sie nicht gestern noch Haie gesichtet –? Er griff mechanisch nach dem Messer, das ihm im Gürtel steckte – dachte zugleich mit ingrimmiger Wut, wie unnütz die kleine Waffe gegen das scheußliche Untier sei; doch er behielt es trotzdem angriffsbereit in der Linken – schaute zurück, nein, er konnte die grauen Schatten unter der Oberfläche nicht erspähen. Vielleicht hatte das aufkommende Wetter sie in die Tiefe gescheucht. Und wieder: was er an Kraft des Tons besaß, schmetterte er hinaus – niemand schien ihn zu hören. Nur aus der Tiefe – dieser blau glitzernden gräßlichen Tiefe – stieg es wie dumpfes Dröhnen und wilderes Rauschen, und breiter begannen die Wogen sich zu heben. Er hatte seine Mütze herausgefischt – o Glück, unerhörtes Glück, neben ihm war sie emporgekommen, sicherte nun das Hirn vor dem unvermeidlichen tödlichen Stich der gräßlichen Strahlen. Und Erich legte sich auf das Wasser. Mit den gewaltigen Armen, der Muskelkraft der Beine, die jahrelange Arbeit gestählt hatte, hob und senkte sich der Körper schwimmend auf und nieder durch die kristallenen Wasserberge – und wieder hob sich der Körper, an dem das nasse Hemd klatschte, in die heiße Luft hoch hinaus –, brüllte sein Hilfegeschrei – griffen die Arme kunstgerecht aus, der Brigg nach, die mit prall gefüllten Segeln prachtvoll dahinflog, während die Wellenberge um den Schwimmer immer höher und gewaltiger anstiegen, von weißem Schaume überstürzt. Er nahm sie, einen nach dem andern. Die »Cimbria« war verschwunden. Beten? Beten? Einen Gott anschreien in höchster Not, zu dem er nie gebettelt – den er nicht glaubte –, von dem er nie etwas hatte wissen wollen, wenn es ihm noch so erbärmlich ging. Du hast's gewollt – nun trag's, war seine Losung für immer gewesen. Nein – nicht feige winseln zuletzt. Nein – nicht beten. Ihm wurde schwach. In seinen Ohren brauste und dröhnte es, in den Schläfen ein irrsinniges Gehämmer. Er schluckte von dem bitter-salzigen Wasser. Sich sinken lassen? Schluß machen? Er warf sich auf den Rücken – Irmgard – Mutter – nie wieder ... Irmgard – Süßes – Liebes. – Szenen wüster Lust – Bilder von Mädchen, die er in den Häfen gesehen, die ihm gefallen, die er genossen, glitten schattenhaft durch das verwirrte Hirn. Irmgard, Schwesterlein – hilf doch! Diese rasende Gedankenjagd – war das das Ende? Er sah sich –: die Hände von Wunden zerfetzt, ein heimwehkrankes, hungerndes Kind, lag der Schiffsjunge im kargen Schattenstreif unter der Tropensonne, bis einer kam, ihn mit dem Fuß in die Weiche stieß, ihn hinaufjagte in die schwankende Takelage. Ein ungeheures Mitleid mit sich selbst überkam Erich Glenn. Was war denn sein Leben gewesen? Ein grausiges Mißverständnis. Und er sah Irmelis süße blaue Augen ihn eindringlich anschauen. »Mein Eri – wird es dir nicht zu schwer?« »Wen die See einmal hat, den läßt sie nicht wieder. Für das Land bin ich doch verloren ...« Und jäh richtete sich Erich hoch aus dem Wasser. »Nein«, schrie er wild. »Du sollst nicht – du sollst nicht. Ich will – ich will.« Und tief zog er die Luft in den mächtigen Brustkasten, brach mit seinen Armen durch die Wellen – schwamm ohne Hoffnung –, einzig von einem eisernen Manneswillen getrieben. – Wieder waren die Windstöße der unheimlich drohenden Stille gewichen – das Schwimmen wurde leichter – dort – dort – seine fernsichtigen Seeaugen sahen etwas über den Wellen – das war die Brigg. Und jetzt ... ja ... jetzt galt's das letzte – sie setzte ein Boot aus – er sah die Leute arbeiten –, noch einmal hob er sich und schrie; mit dem Fernrohr stand einer vorn im tanzenden Boot – Fred – Fred Olarsen, der gute Junge – jetzt entdeckte er ihn – das Boot kam näher, warf eine Leine aus – es war Zeit – war die allerhöchste Zeit. Er konnte sie noch packen, sich in das Hanfseil verkrampfen, dann wußte er nichts mehr von sich. Bis er in seiner Koje lag und der Koch mit einem dampfenden Glase Grog vor ihm stand und der Erste Steuermann ihm den Kopf hob und lachend sagte: »Na – da hätten wir's ja endlich geschafft.« Ein paar Stunden geschlafen wie ein Toter und dann ins Ölzeug und hinauf an Deck, das die Sturzseen überspülten, wo die Mannschaft in wilden Regengüssen an den Segeln arbeitete, während die »Cimbria« wie ein betrunkener Kerl hin und her durch die eisengrauen Wasserberge taumelte. Der Taifun hatte sie doch noch erreicht. Vierundzwanzig Stunden Kampf auf Leben und Tod – der alte Kasten hielt stand – man hatte es nicht gedacht –, dann gab es wieder für eine Weile Ruhe. * In dieser Zeit dachte Irmgard des Bruders nicht viel. Sie hatte sich damit abgefunden, daß der Verkehr mit ihm in einem ewig wechselnden Auftauchen und Abschiednehmen bestand. Was wußte sie von ihm und seinem eigentlichen Leben? Seine kargen Berichte gaben kein Bild von unbekannten Abenteuern – seine Leiden und Freuden waren von ihr nicht mehr nachzuempfinden. Chaotische Kräfte ahnte sie losgerungen am Werk – Kräfte, die ihre verfeinerte Natur nicht mehr verstand, vor denen ihr graute. Ein absonderlicher Reiz wurde es für Irmgard, diesen fremden, diesen mächtigen braunen Kerl auftauchen zu sehen, der sie in die blau tätowierten Arme nahm und küßte, um nach kurzer Zeit wieder zu verschwinden, als habe ihn die tiefe, unergründliche Meeresflut selbst aufgenommen. Die erste Liebe kam zu Irmgard, eine schattenhafte, unsinnliche Liebe, die mit Geisterhand ihr Herz umgriff – wehe tat und selige Sehnsucht weckte. Bei einer Abendgesellschaft im Hause des Justizrats sah sie ihn – einen adligen Gutsbesitzer, der den größten Teil des Jahres auf Reisen lebte, ein schlanker Weltmann von durchgebildetem Kunstverständnis, ein Sammler erlesener alter Dinge. Ein merkwürdiger Fund solcher Kostbarkeit war ihm in dem Kreise der bürgerlichen Familie das schmale hellblonde Mädchen mit den bezaubernden, etwas preziösen Bewegungen und den Händen, die statt von Blut von einer verhaltenen Seelenkraft durchströmt zu sein schienen. Er vergaß, daß er mit dem Justizrat über eine verwickelte Erbschaftsangelegenheit hatte reden wollen, sah nur die weiße Blüte, von einem fernen Gestirn herabgeweht. Und die weiße Blüte öffnete ihren Kelch – begann zu glühen – oh – da brannte auch Leidenschaft ... Von Bildern redeten sie, die sich kürzlich in die Stadt verirrt hatten, und war es nicht ein Wunder, wie das Mädchen sie begriff – sie schön und farbig mit einem bebenden Entzücken ihm darzustellen verstand. Von ihrer Kindheit und der Villa Marina, der Felsengrotte und dem Meer redete sie halblaut wie von Liebesgeheimnissen. In seinem verstehenden Lächeln, in dem Aufblitzen seiner Augen fühlte Irmgard eine Welt, in die sie gehöre, in der sie wachsen, sich entfalten dürfe. Erst Jahre später hörte Irmgard, daß jener vornehme Klient bei dem Justizrat nach ihren Vermögensverhältnissen gefragt habe und die Antwort erhalten, sie seien nur dürftig, und es existiere da auch ein bedenklicher Bruder. Und niemals erfuhr sie, daß der Kenner und Sammler schöner Dinge, wenn in seiner Gegenwart die Rede auf Frauen kam, langsam und zögernd zu sagen pflegte: »Ich habe einmal ein Mädchen gesehen – das war ein vollendetes Kunstwerk. Nicht für den Alltag.« Doch fester und fester schloß der Alltag sein graues Spinnweb um Irmgard. Sie hatte eine Weile Unterricht bei einer ältlichen Malerin genommen, die widrige Umstände nach Frohnstedt verschlagen hatten. Schnell begriff sie, daß diese arme Person fern war von jeglichem Ahnen um das geheime Leben der Farbe und aller Mächte, die darin himmlisch spielen und musizieren. Irmgard versuchte allein zu arbeiten. Doch Mühen, Tränen, der in sein Ziel verbissene Wille, der sie immer wieder zwang, nach der Natur zu zeichnen, zu skizzieren – alles war verschwendet. Nichts von dem, was sie ersehnte, wurde erreicht – obwohl sie es doch flüchtig, gleich einer Vision, die schnell wieder verschwindet, mit Seelenaugen erschaut hatte ... VI Erich überbrachte Irmgard die Einladung von Fred Olarsen, mit dem Bruder nach Hamburg zu kommen und auf seinem blanken Schoner, der »Barbara«, Quartier zu nehmen. – »Du weißt doch – Fred – der damals auf der »Cimbria« zuerst entdeckte, daß ich über Bord gegangen war – na, von den andern Leuten behauptete ja auch jeder, er wäre es gewesen, dem ich die Rettung zu danken hätte. Fred renommiert gern ein bißchen. Aber sonst ein netter Kerl – haben uns immer wieder getroffen –, sind sozusagen Freunde. Der Glücksmensch hat einen Onkel beerbt und sich ein eigenes Schiff gekauft und ganz neu auftakeln lassen – fein, sage ich dir! So was gibt's unter Segelschiffen kaum noch mal! Wirst staunen, Schwesterchen! Führen darf er's vorläufig noch nicht – aber einen netten jungen Kapitän hat er, dazu wir zwei Steuerleute – Das wird 'ne Sache! Die ganze Ostküste von Afrika geht's hinunter, ums Kap der Guten Hoffnung, und im Westen wieder herauf! Eine Gegend, die ich noch gar nicht kenne! – Also – Mutterchen – du gibst Irmel Urlaub, gelt? Ist von mir schon fest angeheuert!« So viel hintereinander hatte Erich, der Schweigsame, noch selten geredet. Und so froh, so unbeschwert hatte er auch seit Jahren nicht dreingeschaut. Das verdammte Examen lag hinter ihm – nur durch einen Zufall glücklich bestanden, behauptete er. Das Schwerste war überwunden. Als Zweiter Steuermann gehörte er zu den Schiffsoffizieren. Hatte sich auf seiner ersten Reise auch schon tüchtig erproben müssen, oben an Englands Küste, wo sich die alte Kracke, die morsche Brigg, festgefahren hatte. Doch davon erfuhren Mutter und Schwester nicht viel. Noch immer band ihm eine feine Scham die Zunge. Wer wußte auch, ob die Frauen ihm ungewöhnliche Taten geglaubt hätten. Aber er trat selbstbewußter auf, seit er den alten Wackelkasten durch seine kühnen Manöver von der Sandbank frei bekommen hatte, auf die ihn der Alte in seiner Besoffenheit im Nebel festgefahren hatte. Er hatte ihn in seiner Koje einschließen müssen, um einen Anfall von Delirium potatoris auszutoben. Den Ersten Steuermann hatten sie unterwegs am Fieber verloren. Erichs Schritt war kühner, elastischer geworden, seitdem ihm die dröhnenden Beifallrufe der alten und jungen Seeleute in dem kleinen englischen Hafen noch im Ohr nachklangen und das Händeklatschen und Jubeln der weiblichen Badegäste, die sich wie zu einem erregenden Schauspiel am Strande versammelt hatten. Irmgard mußte den Jungen, der nun ein Mann geworden, immer aufs neue verwundert anschauen. Wie schön sein starkes braunes, ernstes Gesicht geworden war, seit es nicht mehr den Ausdruck dumpfer Schwermut, diese schattende Gleichgültigkeit trug. Sie hängte sich gern in seinen Arm, wenn sie durch die Straßen gingen. »In seinen seeblauen Augen schlafen alle Gluten des Äquators«, hatte Cläre Lodger einmal gesagt, und viele Mädchen Frohnstedts hätten gern diese schlafenden Gluten geweckt. Die Mischung von Abenteurer und Gentleman in Erich wirkte gleich einem Rauschmittel. Wie weit er seine Macht ausnutzte, erfuhren freilich die Mutter und Irmgard niemals. »Heiraten würde mich doch keine von ihnen«, sagte Erich mit dem ironischen Zucken um die Mundwinkel, das plötzlich eine Ähnlichkeit mit Irmgard blitzartig über die sonst so verschieden gestalteten Züge fahren ließ. – – – »Schwesterchen, wir beide gehören zueinander, was? Wenn ich auch erst ein Schiff führen werde – es braucht nicht einmal mein Eigentum zu sein –, dann bleibst du bei mir und fährst mit mir um die ganze Welt!« »Hei – ja! Eri! Versprich mir!« Irmgard glühte auf, der Bruder faßte sie um die Taille und wirbelte sie im Zimmer umher, vor den Liebes- und Jagdszenen der venezianischen Möbel und zwischen den bunten erotischen Andenken, die Erich von seinen Fahrten mit heimgebracht hatte. Und die Mama lachte, wie sie seit Jahren nicht mehr gelacht hatte. * Irmgard – Irmgard – Oft hatte Erich den heiligen Namen vor sich hin gesprochen, wenn er nachts an Deck auf einem Haufen Taue lag, das Anschlagen des Glases erwartend, das ihn zur Arbeit rufen würde, und träumend empor schaute zur Milchstraße, die gleich einem flimmernden Funkenstrom über die samtschwarze Weite des Himmels sich ergoß. Tief und feierlich rauschten die großen Wogen – oder auch die große, gewaltige Stille lag über dem Wasser, das die Sterne widerspiegelte. Irmgard – Irmgard – Die Augen des jungen Burschen wurden feucht in Erinnerung und Entbehren. Das Heimweh war wie eine Wunde in seiner Brust. Er hatte allzu jung die Liebe in ihren rohesten Formen kennengelernt. Und in sentimental-romantischen Gefühlen suchte er ein Gegengewicht zu der Gewalt seiner sinnlichen Begierden. Ein Matrose, mit dem er die Koje teilte, küßte jeden Abend, ehe er sich schlafen legte, eine Medaille mit dem Bilde der Madonna, das er an einer Schnur auf der bloßen Brust trug, bekreuzigte sich und murmelte seine Gebete, ehe er einschlief. Erich konnte nicht über ihn lachen wie die andern Kerle – er beneidete ihn um seinen katholischen Glauben an die reinigende Macht der Heiligen Jungfrau. – Erinnerung kam ihm an die frohe Andacht, die ihn einst beim Anblick des kleinen lichtumglänzten Jungfräuleins erfüllt hatte, von der es ihm schien, daß sie Irmgard, seiner Schwester, gliche. Wohl nur in seiner Phantasie – oder vielleicht in dem frommen gesammelten Ausdruck des lieben hellen Gesichtes. Denn in der kleinen Maria hatte der Maler bereits die Gottesmutter geschaut: Mit einer Würde, in der ihr kommendes Geschick sich ausprägte, hob sie ihr blaues Kleid, schritt sie in königlicher Unschuld die Stufen der Tempeltreppe empor, umringt vom staunenden Volke, empfangen vom Fürsten der Priester. Irmgard erschien ihm als ein Wesen für sich allein – ein Mädchen wie aus Glas, ähnlich den Kelchen mit den dünnen Stengeln, durchsichtig, leise angerötet, von denen der Vater einige besessen hatte. Wie in weiße Schleier eines ihm unbegreiflichen Geheimnisses eingehüllt, ging sie leicht und vorsichtig mit ihren schmalen Füßen über die Erde, der sie kaum anzugehören schien. Zuweilen wurde Erich von jäher Angst erfaßt, er könne sie nicht mehr finden, wenn er heimkehre, als sei sie einem frühen Tode bestimmt. Das war die Irmgard seiner Träume. Kam er dann zurück in die graue Straße, in das nüchterne graue Haus von Frohnstedt, sah er Irmgard mit alltäglichen häuslichen Verrichtungen beschäftigt, mit ihren scheuen, ablehnenden Bewegungen, schmolz die Glorie, die seine Träume um ihren goldenen Scheitel gelegt hatten. Er fand sie zimperlich und prüde. Dieses Erröten, das über ihr blasses Gesicht lief, sobald er, vielleicht angeregt durch ein Glas Wein, zu erzählen begann und sie auch nur ahnte, es würde derbe ausgehen. – Sie ahnte es – der Teufel mochte wissen woher –, wenn ihm ein wüstes Bild, ein anstößiger Vergleich in der Phantasie aufstieg. Man mußte sich mit ihr entsetzlich in acht nehmen – weit mehr als mit den andern Mädchen aus den feinen Familien. Das gefiel ihm einerseits, aber es langweilte ihn auch ein wenig. Wie er sich an die Seefahrten mit ihrer schweren Arbeit, ihren harten Entbehrungen gewöhnte, wurde es ihm selbstverständlich, die zwei Teile seines Lebens völlig auseinanderzuhalten: die kurzen Wochen seiner Ferienzeiten bei Mutter und Schwester und den phantastischen Bildern auf den venezianischen Möbeln. Die langen Monate, in unaufhörlicher Lebensgefahr, in gemeinsamer gleichförmiger Arbeit unter schmutzigen, fluchenden, zotenreißenden Männern, im Brüllen der Wasserwogen, unter stürzenden Regengüssen, in ewig nassen Kleidern – oder in der Öde windstiller Zeiten, in denen die See wie ein glitzerndes Seidentuch sich vor den schmerzenden Augen breitete – und man unter dem Brand der Tropensonne schweißübergossen Stunden und Tage schläfrig verdöste. Nun lockte es ihn mit unbändiger Freude, die Schwester herauszuheben aus der grauen Stille, in der sie leben mußte, die Arme. Wer vermochte so seine Kostbarkeit zu schätzen in diesem albernen Frohnstedt mit seinen kichernden Gänsen und stolzierenden Leutnants und Referendaren? Einmal Irmgard für sich haben, ohne die leise Eifersucht der Mutter hemmend zu spüren – für sich ganz allein ... Ein Glück – ein Glück – aber auch eine stolze Verantwortung! Irmgard war es, als stieße er Mauern ein, die immer höher um sie wuchsen. In dem jähen Wechsel, den ihr Wesen schon als Kind zeigen konnte, verfiel sie schon während der Bahnfahrt in eine übermütige Heiterkeit, spielte vor den übrigen Reisenden mit Erich ein junges Ehepaar auf der Hochzeitsfahrt, konnte sich nicht genug tun in komischen, sentimentalen Zärtlichkeiten, sie glossierte die Rede des Predigers, die Toaste der Gäste, die Gerichte des Mahles. – Wo nahm sie plötzlich so viel lustige Einfälle her? Erich schüttelte sich vor innerlichem Vergnügen. Wahrhaftig, man hielt sie für ein ganz törichtes junges Paar! * Die Ruder des Fährmannes gaben einen gedämpften klatschenden Ton im Wasser, das schwarz und blank zwischen den hohen Schiffswänden stand. Leise bewegten sich diese Wände und mit ihnen die hohen Masten, deren Spitzen sich in der Nacht verloren. Erichs tiefe Stimme rief einen Befehl zu einem schlanken Fahrzeug hinauf. Über die Reling blinkte das Laternenlicht des Schiffswächters, der eine schmale Leiter zu ihm herabließ. Erich zahlte dem alten Bootsmann die Groschen für die Überfahrt vom Kai, reichte ihre kleinen Gepäckstücke dem Wächter hinauf und half der Schwester, auszusteigen und bei dem unsicheren Licht die Leiter zu erklimmen. Der Wächter blickte aus kleinen, rot umränderten Augen verwundert auf Irmgard. »Ja – dat 's nu mien Schwesting«, erklärte Erich mit einem kindlichen Stolz, und der Alte versuchte einen ungeschickten Bückling, indem er schläfrig murrte: »Je, dat's nu so!« Erich faßte die Schwester unter den Arm, führte sie über Deck, auf dem das Licht der Laterne zusammengerollte Segel, Messingbeschläge, das Steuerhäuschen flüchtig beleuchtete und wieder in Nacht versinken ließ. Irmgard schaute hinauf in das Gewirr der hängenden Taue und der Rahen, über dem die Sterne glänzten. Ein herber Geruch nach Teer, Tang und Fisch umfing sie wie eine undeutliche Erinnerung an ein vergangenes Leben. Die Überfahrt auf den Wasserstraßen zwischen den dunklen, gespenstisch drohenden Schiffen, die Stille, die, durch das verträumte Glucksen der Flut begleitet, nicht gestört wurde, gab ihr das Gefühl einer unheimlichen Schicksalsfahrt. Ihr übermütiger Frohsinn wich einer bangen Schüchternheit vor dieser fremden Welt, die ihr Fuß nun betrat. Erich kam in seine Heimat, war gleich, sobald er den schwankenden Schiffsboden betrat, zufrieden und sicher, beglückt, Irmgard in seine Welt einführen zu dürfen. Die »Barbara« war ja so elegant, besaß sogar einen Salon – hellgrün gemalt – man denke! Erich entzündete die Hängelampe über dem Tisch mit roter Plüschdecke, dahinter stand ein Sofa, ebenfalls von rotem Plüsch mit grünen Ranken und unwahrscheinlichen gelben Blumen. An den von neuer Farbe glänzenden Wänden des Stübchens hing außer einem Barometer und einem Kalender ein Bild vom alten Kaiser Wilhelm. Es gab auch einen Schaukelstuhl, zwei Korbsessel, einen kleinen gelben Schreibtisch mit einer Garnitur aus irgendeinem silberglänzenden Metall, zu der außer den Schreibutensilien zwei kleine Büsten von Schiller und Goethe gehörten. »Siehst du – wir haben hier auch Bildung«, sagte der junge Steuermann, indem er den Olympier zärtlich in die große Arbeitshand nahm. * Die Geschwister saßen auf dem roten Plüschsofa mit den grünen Ranken, tranken ein Gläschen Likör, den Erich aus einem Wandschrank holte, und schwatzten über ihre Zukunftspläne. Irmgard hatte ein Gefühl, als seien sie und der Bruder mutterseelenallein auf der Welt, und sie hätte sich nicht gewundert, wäre die »Barbara« auf eine stille, rätselhafte Weise in Bewegung geraten und sachte von den Wellen geschaukelt, hinausgefahren, den Hafen hinter sich lassend – hinaus in unendliche Weiten, wo zauberhafte Abenteuer ihrer warteten. Erich führte Irmgard in eine kleine weiße Kabine mit dem in die Wand eingebauten Bett, erklärte ihr, dies sei Fred Olarsens Koje – aber der habe das Bett noch nie benutzt. Hinter der winzigen Türe hause er selbst, so daß sie sich in der ungewohnten Umgebung nicht zu fürchten brauche. »Nun schlafe gut, Schwesterlein, ach – ich bin ja so froh!« Seine Stimme war weich und dunkel. Er nahm sie in seine Arme, in diese gewaltigen Seemannsarme, preßte sie an seine Brust mit einer Leidenschaft, als solle ihre zarte, feine Gestalt völlig zerdrückt werden, küßte sie auf den Mund, bis ihr der Atem verging. »Du – du –«, flüsterte das Mädchen, »du Wilder – Lieber – hast du mich lieb?« Er nickte nur, Tränen in den Augen. VII Am nächsten Morgen ging eine ungewöhnliche und lebhafte Bewegung auf den Segelschiffen rundum, ein Flüstern, Köpfezusammenstecken, ein vergnügtes Staunen der Mannschaften über dieses feine Mädchen, das in einem hellen Frühlingskleide an Deck der »Barbara« auf und ab spazierte, neugierige Blicke nach allen Seiten richtend. Es waren nicht viel Leute auf den gleichsam schlafenden Schiffen, doch was dort beschäftigt war, nahm Operngläser hervor, und Irmgard fühlte jede ihrer Bewegungen von alten und jungen Augen beobachtet. Ein graubärtiger Kapitän holte gemächlich ein Fernrohr, stellte es auf, richtete es, setzte sich davor, um in aller Bequemlichkeit den Ankömmling aufs Korn zu nehmen. Ein riesenhafter Seebär mit einem ungeheuren feuerroten Gesicht aber erklärte seinen Kameraden: »Kinnings, ick segg euch, dat's nich so eine – dat's 'ne richtige Dam'!« Und dann kam Fred Olarsen, Irmgard zu begrüßen. Ein hübscher Junge, ein paar Jahre älter als Erich, schmalschultrig und beweglich, seine braunen Augen flitzten unruhig nach allen Seiten, konnten aber auch sehr samtig blicken. Die drei jungen Leute machten sich auf, über die Alster zu fahren, um im altberühmten Restaurant Fährhaus zu speisen. Ein frischer Wind wehte, die Maisonne funkelte fröhlich über der Welt und über dem graugrünen, von Booten, von kleinen und großen Vergnügungsdampfern belebten Wasser. Olarsen hatte Irmgard galant eine Düte mit Brotbrocken zum Füttern der Möwen überreicht. Sie stand inmitten der gierigen Vögel, umringt von einer schwirrenden weißgrauen Wolke aus Flügeln und hackenden Köpfen. Grelle Schreie umtönten das Mädchen, eine wilde Melodie des Meeres, die zu Hamburg der Stadt gehörte als ein kühner Ruf ihrer Macht. Irmgards große blaue Augen unter den dunklen Brauen leuchteten, das feine blasse Gesicht war von Rosenröte überschimmert, während sie sich lachend und ängstlich der unbändigen Tiere, die ihr auf Schultern und Kopf saßen, zu erwehren suchte. »Du, deine Schwester ist eine verdammt hübsche Deern – weißt du das wohl«, sagte Fred leise zu Erich, »wie sich die kleine Gestalt so wiegt und biegt zwischen den frechen Tieren ...« »Denkst du, ich habe keine Augen?« antwortete Erich. »Na – Schwestern sieht man doch im allgemeinen nicht an.« »Im allgemeinen mag das stimmen«, brummte Erich, »nur im besondern ist es eben etwas anderes.« Von dem kleinen Dampfer läutete die Glocke zur Abfahrt. Fred reichte Irmgard beflissen die Hand, sie über den Steg zu führen. Im Lokal bestellte er eine Kanne Maibowle, man aß und trank gut, Fred erzählte lustige Geschichten von der See und schwarzen, weißen und gelben Menschen. Er verstand es, die Pointen herauszubringen. Irmgard, durch das ungewohnte Getränk befeuert, lachte viel. Ihr Herz war unbekümmert glücklich, mit allen Sinnen genoß sie den schönen Blick von der Terrasse auf das weite Wasserbecken, das von bunten Kähnen und munteren Menschen wimmelte, die im Frühlingsgrün prangenden Ufer, das gebratene Täubchen und den hellen duftenden Wein, genoß auch die unverhohlene Bewunderung des jungen Mannes und sein Streben, ihr zu gefallen. Wieder mußte Erich staunen über das Aufblühen dieses Mädchens durch ein wenig Freude. Wie gestern im Bahnabteil. Doch da hatte es ihm – ihm allein gegolten. »Wissen Sie wohl, daß Ihr Bruder ein Teufelskerl ist?« fragte Fred. »Man sollte es ihm nicht ansehen, so still wie er dasitzt! Ganz Hamburg, oder wenigstens was mit der See zusammenhängt, hat über diese Affäre da an der englischen Küste geredet – es ist doch vors Seegericht gekommen, und der Kapitän hat sein Patent verloren. Wie der Erich da manövriert hat, um das Schiff von der Sandbank loszubringen, das soll ein seemännisches Meisterstück erster Klasse gewesen sein.« »Ach Unsinn«, lachte Erich gutmütig, »erzähl doch keine Geschichten – die aufkommende Flut tat das Beste. Eigentlich war's der alte Kasten gar nicht wert. Aber auf meiner ersten Reise als Steuermann soll mir das doch nicht passieren, daß mein Schiff auf einer elenden Sandbank sitzenbleibt. Wenn ich mir was in den Kopf setze, führe ich's auch durch, das weißt du ja, Fred. Das wacklige Ding und die ziemlich wertlose Ladung waren ja unsinnig hoch versichert – na, wir alle, auch die Leute witterten eine schmutzige Geschichte zwischen dem Kapitän und dem Reeder. Womöglich wäre ich in den Verdacht gekommen, die Hand mit im Spiel gehabt zu haben!« »Jedenfalls bin ich stolz darauf, dich auf meinem Schiff zu haben«, erklärte Fred. »Ich sage Ihnen, gnädiges Fräulein, die Anerbieten sind nur so gehagelt auf Ihren Bruder!« Am Nebentisch hatten sich rauchend, schwatzend, kichernd ein paar Damen niedergelassen, elegant, reichlich bunt gekleidet. Sie steckten die hübschen geschminkten Gesichter zusammen, tuschelten, warfen übermütig blitzende Blicke herüber. »Irmgard, bitte, sieh nicht nach ihnen«, flüsterte Erich, er war dunkelrot geworden. »Unverschämtheit von den Weibern, sich hier so bemerkbar zu machen.« »Kennst du sie denn?« fragte die Schwester unschuldig und bemerkte zugleich ein fatales Lächeln um Freds Mund. Es war ihr, als höbe eins der Mädchen heimlich ihr Glas und tränke ihm zu. Ah so, dachte sie, das sind also die Frauen von der anderen Hälfte des Manneslebens. Und trotz Erichs Bitte suchte sie verstohlen die unheimlichen Wesen mit den bemalten Gesichtern zu beobachten. Das Vergnügen war irgendwie gestört. Erich versank immer tiefer in sein dunkles Brüten und mahnte, nachdem die Speisen abgetragen waren, unfreundlich zum Aufbruch. Während er mit dem Kellner die Rechnung beglich, half Olarsen Irmgard in den Mantel. Sie fühlte seine Finger leise streichelnd um ihren Nacken gleiten, wandte den Kopf und sah ihn erstaunt an. Er hatte die Augen gesenkt und schwieg. Vielleicht hatte sie sich getäuscht, dachte sie betroffen. * Irmgard sah in Begleitung der beiden jungen Männer den großen Hafen und das ungeheure Getriebe seines überseeischen Handels, das Gedränge seiner großen und kleinen Schiffe, seiner fremdartigen Matrosen- und Arbeiterbevölkerung. Sie fuhren die Elbe hinunter, vorüber an den Villen mit ihren gepflegten, im Schmuck der Frühlingsblumen prangenden Gärten der reichen Kaufleute, nach Cuxhafen und schauten über die graue nordische See. Sie besuchten einen der gewaltigen neuen Riesendampfer; durch goldfunkelnde Säle und Luxuskabinen stiegen sie hinab bis zu dem übel duftenden Zwischendeck, wo die Auswanderer befördert wurden und die Menschen nur noch als Masse galten. Und tiefer, immer tiefer ging es in die schwarzen, öltriefenden Maschinenräume. Jetzt lagen die Ungeheuer, deren Gluten das Riesengebäude durch die Wogen trieben, in finsterer Stille. Ein Heizer putzte ihre Messing- und Stahlstangen. Er sah auf, als die Fremden vorübergingen – rote, entzündete Augen, blinzelnd ohne Brauen und Wimpern, ein graues, zerwüstet-stumpfes, kaum noch menschliches Antlitz. Irmgard durchfuhr der Gedanke, sie müsse diesem schrecklichen Wesen die Hand reichen, dann fürchtete sie sich vor seinem erstaunten, vielleicht haßerfüllten Blick. Er würde sie wohl kaum verstanden haben. – Sie besuchten auch Fred Olarsens Mutter in ihrem netten Landhaus zu Blankenese, und Fred führte Irmgard stolz durch alle Räume, die in Sauberkeit blinkten. Die Mutter war teils verlegen, teils übereifrig in ihren Beteuerungen, wie sehr sie Irmgards Besuch zu schätzen wisse. Ganz Dame war sie wohl nicht, dachte die hochmütige Irmgard, mit Freds feiner Herkunft, die er so gern betonte, mochte es nicht allzuweit her sein. Sie gingen auch durch die uralten Straßen Hamburgs, in denen nur schmale Wegstreifen für die Fußgänger an den braunen Fachwerkhäusern entlang liefen, während ihre Giebel sich wie schwere Hauben über das dunkle Wasser der Grachten neigten. Warum Irmgard gerade von dieser, dem Untergang geweihten Gegend so begeistert war, verstanden die beiden jungen Leute nicht, und vergebens suchte sie ihnen den Zauber ihrer braungoldnen Farbentöne, den malerischen Reiz der hohen Giebel, der durchschatteten Höfe zu erklären. »Meine Schwester sieht immer mehr als andere Menschen«, bemerkte Erich, es war ihm unangenehm, daß Fred Irmgard für exaltiert und absonderlich halten könne. »Das gnädige Fräulein sind wohl eine Kunstfreundin«, bemerkte Fred tiefsinnig, und Irmgard fand ihn mit einemmal unerträglich banal. »Der Bursche ist ja gar nicht abzuschütteln«, sagte Erich verdrossen, als die Geschwister am späten Abend allein zur »Barbara« zurückfuhren. »Ich hatte mir deinen Aufenthalt hier schöner vorgestellt. Was habe ich denn von dir? Der Mensch geht dir ja nicht von der Seite. Er ist toll verliebt.« »Was schadet das?« fragte Irmgard ein wenig kokett. »Ein Sumpfhuhn ist er. Kein Mann für dich, Irmgard.« »Ich glaubte, er sei dein Freund – habe dir das Leben gerettet?« »Ach – diese ewige Dankbarkeit – wenn er nur nicht immer darauf hinweisen wollte. Das wird unerträglich. Ja«, – Erich machte eine Bewegung mit den breiten Schultern – »was man so Freund nennt ... Ich mochte ihn gern – jetzt – neben dir kommt er mir plötzlich minderwertig vor. Und du fällst auch auf seine ältesten Ladenhüter von Geschichten herein. Wüßtest du, wie ich die alle schon hundertmal gehört habe! Damit ködert er die Weiber. Wie ein kalkuttischer Hahn spreizt er sich vor dir. Ich kann es schon nicht mehr mit ansehen!« »Ach geh, Brüderlein – du bist eifersüchtig!« »Ich will nicht, daß du heiratest, du sollst mit mir, auf meinem Schiff um die Welt fahren«, beharrte er eigensinnig. »Kein Mann ist mir gut genug für dich, Irmel!« Er blickte sie unter der Hängelampe in dem kleinen grünen Salon so liebevoll an, daß Irmgard ihm gerührt die Arme um den Hals legte. »Du bleibst doch mein Bester«, flüsterte sie ihm schelmisch zärtlich ins Ohr. »Weißt du, deine Nase gefällt mir besser als die von Olarsen, die fängt so tief unter den Augen an, springt dann plötzlich so frech in die Welt hinein. Eine Feiglingsnase ist es. Niemals würde ich ihm vertrauen können.« Irmgard saß mit ihrem Bruder in dem kleinen Kapitänskneipchen, in dem getrocknete Fischungeheuer an den Wänden und verstaubte Schiffsmodelle altertümlichen Aussehens von der verräucherten Decke hingen. Der Aufwärter war gekleidet wie ein Steward. Hierher verirrte sich selten ein weibliches Wesen, Erich konnte sicher sein vor Begegnungen mit so übermütigen Mädchen, die er nur allzu gut kannte, wie damals im Restaurant an der Alster. Er nahm die Verantwortung für die Schwester, die die Mama ihm eingeprägt hatte, schwer aufs Herz – wie er alle Dinge schwer nahm, außer wenn er in den tollen Lebensrausch geriet, in dem hin und wieder seine unbändige Kraft sich wild austoben konnte. Dann folgte tagelang eine dumpfe Niedergeschlagenheit, in der er an sich und am Leben verzweifelte. Davon wußte Irmgard nichts – und sollte auch nie davon erfahren, Gott bewahre! Eine kleine Kostbarkeit war sie, in einen geschnitzten vergoldeten Schrein zu stellen. »Gefällt es dir?« fragte er zärtlich. »Schmeckt es dir auch? Ich denke, das Steak und der Wein sind gut!« Irmgard trank zur Erwiderung von dem schweren alten Rotwein und fand alles herrlich. Sie waren beide so froh, daß sie Fred beschwindelt hatten mit einer ausgedachten Einladung und nun allein waren. »Der hält sich schadlos, das glaube du nur«, beteuerte Erich. »Drei Mädels an einem Tag – unter dem tut er's nicht.« »Meinetwegen vier!« »Ach – auch du hast ihm Augen gemacht! So lebhaft sah ich dich nie in Frohnstedt.« »Wenn ich doch zwei Verehrer habe?« scherzte das Mädchen. »Ja, jetzt siehst du mich mit deinem süßen Lächeln an – bisher hast du dich wenig genug um mich gekümmert!« Sie lächelte noch immer mit diesem Blinken der blauen Sterne, diesem Zug um die weichen roten Lippen, der das feine, ernste Gesicht reizvoll erhellte. »Laß deine Eifersucht, mein alter Junge. Sag mir lieber, wer die prachtvollen alten Charakterköpfe dort in der Ecke um den runden Tisch sind.« »Lauter alte, ausgediente Kapitäne, die so ihre vierzig bis fünfzig Jahre die Meere befahren haben, vom Nordkap bis zum Kap Horn, die alle Küsten kennen wie ihre Tasche und von den Ländern dahinter soviel wissen wie ein alter Wal. Manche unter ihnen sind berühmt wegen ihrer tollen Fahrten. Supen tun sie alle gern.« Die Gesichter der Männer mit ihren grauen Schifferbärten, die eingegerbt und rotbraun gedörrt waren von allen Winden und Sonnenbränden, trugen einen Ausdruck friedlichen Gleichmuts, als könne nichts auf der Welt sie mehr in Erstaunen versetzen. Manchmal traf ein Blick aus kleinen, pfiffig hellen Augen das Mädchen, doch ohne unziemliche Neugier. Breitbeinig und schwer trat einer nach dem andern in die Dämmerung des traulichen Raumes, schritt leise schaukelnd, würdig und still zu dem runden Stammtisch unter der Hängelampe, wo man sie nur mit kurzem Kopfnicken grüßte. Erst während sie ihren Skat kloppten, große Gläser mit Grog oder Rotspon in die Kehlen gossen, wurden sie lebendiger. Dröhnendes Gelächter scholl auf, plattdeutsche Flüche erklangen, während die Fäuste auf die Tischplatte schlugen, daß die Gläser klirrten. Andere saßen allein oder zu zweien an den übrigen Tischen des wenig gefüllten Raumes – schweigsam in bedächtigen Schlucken tranken sie ihren Wein, rauchten ihre Holzpfeife, deren Rauch das Lokal mit blauem Dunst füllte. Da war einer, von dem konnte Irmgard ihre Blicke nicht abwenden. Seine Augen saßen wasserblau, ein wenig hervorquellend, in dem dunkelgelben Gesicht, so gläsern erstorben wie die Augen eines toten Fisches starrten sie vor sich hin. Allmählich schien die Beobachtung des Mädchens ihn zu beunruhigen, er wendete seinen sehnigen gelben Geierhals ihr zu, ließ die toten Augen gleichgültig über sie gleiten, versank in sein altes Brüten. Irmgard durchschauderte es wie vor dem Anblick eines Gespenstes. »So werde ich hier auch einmal sitzen bei einem Glas guten Weins und meine Pip rauchen«, sagte Erich mit seinem melancholischen Lächeln, es schien ihm kein schlechtes Ende. Der Schwester schossen die Tränen in die Augen, glitzerten zwischen den langen dunklen Wimpern. »Nicht so – nicht so –« murmelte sie undeutlich. Der Bruder versank in Schweigen. Hatte sie ihn gekränkt? Was war Erichs Dasein? Unerhörter Verzicht auf die bescheidenste Lebensbehaglichkeit, auf jeden geistigen Genuß – körperliche Arbeit bis zur tödlichen Ermattung zwischen dumpfen Menschen, ewiger Kampf mit den grausigen Gewalten der nassen Tiefe – erstarrende Kälte, qualvoller Durst in brennenden Gluten. Und doch lieber alles dies auf sich nehmen, lieber leiden und ringen mit unendlichen Gefahren als das Gefühl der Freiheit, der eigenen Persönlichkeit und ihrer Wahl aufgeben! Das Mädchen begann das Männliche in seinem Wert zu begreifen. Gleich einer Offenbarung verstand sie nun den schicksalsvollen Zwang, mit dem es einige unter den vielen treibt, sich monatelang in Eis und Schnee zu begraben, die blauen Fluten zu durchjagen, in Durstwüsten zu verschmachten, wilden Menschen und Raubtieren der Urwälder zu trotzen. Warum –? Wissen sie es selbst, daß sie ausgesandt sind, neue Stücke des Erdballs zu erobern, die uralte Herrschaft des Menschen über die Meere aufrechtzuhalten? Mit verdunkelten Augen blickte sie ehrfürchtig auf den Bruder. Der saß noch immer schweigend, seine gute Stimmung war geschwunden. »Erzähl etwas«, drängte ihn Irmgard. Er schüttelte den Kopf. »Ihr könnt das alles so wenig verstehen. Es sind auch nicht Geschichten für das kleine weiße Mädchen.« »Dein ganzes Leben will ich kennenlernen.« »Oh –« er sah lachend über sie hin, und sie bemerkte jäh etwas Wildes, Zweideutiges durch seine starken Züge zucken. Der Alte mit den Fischaugen war aufgestanden, ging langsam an ihrem Tisch vorüber. Erich erhob sich, grüßte respektvoll, der alte Schiffer griff an die Mütze und ging hinaus. »Du kennst ihn«, fragte Irmgard bestürzt. »Unheimlich steht er aus.« »Ach nein – er ist nur leberkrank«, sagte Erich. »Ja, unter ihm habe ich als junges Kerlchen eine Fahrt nach Südamerika gemacht. Davon kann ich dir doch eine Geschichte erzählen.« »Spannend?« »Spannend ist sie weiter nicht. Aber sie hat mir doch Eindruck gemacht. Ich glaube, ich werde sie nicht vergessen.« »Damals hatte der Alte einen sonderbaren Menschen an Bord genommen. Er wurde zu allerlei Diensten verwendet, war aber kein Seemann, das sahen wir alle schnell. In die Rahen wurde er jedenfalls nicht hinaufgeschickt. Seine Papiere waren in Ordnung, hatten ein paar Neugierige ausbaldowert. Na – was will das besagen«– Erich machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand –, »selbstverständlich gefälscht. Eigentlich ein Wagnis von dem Alten. So unheimlich der damals schon aussah, mit seiner kranken Leber, so gutmütig war er. Manche sagten auch, er sei mit dem Manne irgendwie verwandt. Man macht ja von so was nicht viel Wesens an Bord. Was ging uns so ein Mitläufer an? Dienstwillig war er auch – sozusagen: demütig. Sonderbar ... ein langer Mensch, hager, aber mit Muskeln und Sehnen wie von Stahl und vorgeschobenen kantigen Kinnbacken. Im Profil konnte er bei aller Demut mächtig grausam aussehen. Seine Augen lagen tief im Kopf, welche Farbe sie hatten, erinnere ich mich nicht mehr – die Brauen sprangen weit über, und wenn er darunter hervor einen anschaute – du, der hatte einen Blick, daß man ihn bis in die Eingeweide spürte. Dazu eine tiefe Stimme – die hörte ich verdammt gern. Ich weiß nicht, wie's kam, daß er mich ins Herz schloß – ich hatte mir einmal den Fuß aufgerissen, da verband er mich so sanft wie eine barmherzige Schwester, und kunstgerecht, ich mußte nur staunen. So kam es, daß wir manchmal miteinander redeten; er kannte viele fremde Länder und Städte – und wir sehen ja immer nur die Hafenkneipen – das hab' ich mir als Junge auch anders vorgestellt. Ja also: der Mann war seinem Beruf nach Löwenbändiger. Was man Dompteur nennt. Er hatte mit seinen vier Löwen die ganze Welt bereist – vier große männliche Löwen–, komisch: er liebte sie wie Kinder – sprach auch von ihnen ganz zärtlich. Ich habe da viel gehört über die Dressur von Löwen. Ja – einmal fragte ich denn, wo die Löwen steckten, und warum er seinen Beruf gewechselt habe. Du – das Gesicht – wie sich das veränderte – es wurde wie Asche, verstehst du – es sank zusammen, als wäre es von innen her verbrannt, war nur noch wie die Fratze von einem Totenkopf ...« Erich hörte auf zu reden, versank in Erinnerungen. Dann entzündete er seine kurze Pfeife mit einer langsamen Bedächtigkeit, als wolle er sich dabei zusammenreißen. »Was soll ich sagen – sie waren tot – die vier männlichen Löwen – er hatte sie selbst erschossen – alle vier.« »Mein Gott«, flüsterte Irmgard – »die Löwen, die er liebte wie seine Kinder ...?« »Ja – der Kerl verstand zu lieben – das muß schon etwas Tolles gewesen sein. Neben den Löwen hatte er noch eine junge Frau. Er sagte, sie sei sehr schön gewesen. Bei seinem Beruf mußte er sie natürlich viel allein lassen. Sie saß da oben, irgendwo in einer Stadt an der baltischen Küste – vielleicht auch sonstwo, ich habe es vergessen – ist ja gleich. Nun – er besuchte sie, sooft es eben ging, und brachte ihr Geschenke, es fehlte ihr an nichts, er verdiente ja viel Geld mit seinen Löwen. Sonderbar – er vertraute eisenfest auf ihre Treue, war ja überhaupt manchmal wie ein kleines Kind. Und einmal, als er früher heimkam, traf er sie mit einem andern Kerl – in demselben Bett, in dem sie mit ihm gelegen. Was soll ich sagen – den Kerl hat er erdrosselt, die Frau hat er aus dem Bett gerissen, sie mußte sich anziehen, mit ihm gehen in den leeren Zirkus, wo die Löwen in ihrem eisernen Käsig standen. Sie war wie erstarrt – hat sich kaum gewehrt. Die Tür zu dem Käfig hat er aufgeschlossen – die Frau hineingestoßen zu den vier Löwen. Die sind von dem Lärm und dem Geschrei der Frau aufgewacht und rasend geworden. Er hat mit seinem Revolver blindlings in den Käfig gefeuert – bis alles still war. Die Leute, die herbeistürzten, glaubten anfangs an einen Unglücksfall. Auf ihn achtete niemand. Während die Polizei den Tatbestand aufnahm, war er entkommen. Der Alte dachte wohl, ihn da unten bei Feuerland irgendwo auszuschiffen, wo ihm wohl niemand nachgefragt hätte. Aber da kam der furchtbare Sturm, von dem ich dir ja schon öfter erzählt habe. Wir waren alle Mann an Deck, halb erfroren, triefend vor Nässe, keiner glaubte, das Schiff würde durchhalten. Eiskalte Sturzseen rasten fortwährend über Deck. Wir hielten uns fest, wo wir gerade standen, von Arbeit war keine Rede mehr. Die Wellen waren ungeheuerlich und machten ein furchtbares Getöse, es dröhnte von unten aus dem Wasser wie ein gewaltiges Donnern. Ich sah den Mann neben mir stehen. ›Die Biester brüllen ja wie blutdürstige Löwen‹, sag' ich so unbedacht – er packt meinen Arm und schüttelt mich, als wollt' er mich über Bord werfen. ›Hörst du's auch?‹ schreit er mir ins Ohr. ›Das sind die Löwen, die mich holen – meine Löwen!‹ – ›Halt dich doch fest!‹ will ich ihm zubrüllen – da hat ihn die Sturzwelle schon mit fortgenommen.« Erichs Pfeife verglimmte in seiner Faust. Er griff sein Glas, trank es in einem Zuge leer, schenkte ein und goß auch das zweite hinunter. Irmgard saß erbleicht neben ihm. Er blickte in das verstörte Gesicht. »Siehst du – das sind doch keine Geschichten für kleine Schwestern, gelt? Wir wollen heim.« Er zahlte. Draußen rauschte ein linder, dichter Mairegen wie eine wehende graue Gardine zur Erde. Es duftete nach Feuchte und Wachstum. Erich öffnete Irmgards Schirm und nahm ihren Arm, sie dicht an sich drückend. Niemals würde Irmgard nach diesem Hamburger Aufenthalt je wieder ruhig und sorglos an den lieben Jungen denken dürfen – nie wieder würden ihr die Tage, die Wochen, in denen sie ohne Nachricht bleiben mußte, in Frieden verstreichen. Und was sagten ihr auch die bunten Karten, die dann kamen? Gut verstand sie nun, warum Erich so wenig von sich selbst und seinem Leben berichtete. Ihre Gedanken verwirrten sich mählich, der Schlaf überfiel sie drückend wie eine allzu schwere Decke, die sich auf ihr Gehirn legte, unter der sie doch wach blieb. Und sie sank tiefer, tiefer in einen finsteren Abgrund, verlor das Bewußtsein. Aber plötzlich schrak sie in namenlosem Entsetzen empor, setzte sich aufrecht, von kaltem Schweiß bedeckt. Was hatte sie geträumt? Sie wußte es nicht mehr, konnte sich nicht erinnern. Nur das Grauen blieb. * Das kleine Stübchen, welches Erich den grünen Salon nannte, war von Pfeifenrauch durchwölkt, als Irmgard eintrat, ein wenig bleich, mit bläulichen Schatten um die Augen von den Schrecken der Nachtträume. Auch auf des Bruders Stirne lag Schwermut. Sie setzte sich auf sein Knie, ihre Lippen berührten mit leichten, sanften Küssen seine Wangen und die finstere Stirn. »Morgen beginnen wir Ladung einzunehmen, und die Leute treten an, dann mußt du gehen, Irmelein«, sagte er traurig. Sie schauten sich in die Augen – lange –, in diese Augen, die sich so gleich waren in ihrer dunklen Bläue unter den schweren Lidern, umschattet von den langen, gebogenen Wimpern. »Wir gehören doch zusammen, auch wenn wir getrennt sind«, sagte Irmgard leise. So innig nahe war sie dem Bruder nie gewesen wie in diesen Tagen. Sie färbte ihn sich nicht um, machte sich kaum Illusionen – das schöne, einfache, mutige, naturnahe Geschöpf aus Gottes Hand – so liebte sie ihn wie sonst keinen Menschen auf der Welt. Er sah sie nicht mehr an – schaute versonnen zu Boden. »Ich möchte wissen«, begann er schwer, »warum das alles so sein muß, wie es ist ... daß man das Feine, Reine, Süße so liebhaben kann – und das Rohe und Wüste nicht entbehren will und eben auch liebt. – Ich glaube, Fred macht sich nie solche Gedanken. Ich bin deiner gar nicht wert, Irmgard – wenn du nur wüßtest ...« Sie hob die schmale Hand. »Ich will nichts wissen. Behaltet nur eure Männergeheimnisse für euch. Es gibt wohl viele Arten von Liebe, und Gott hat sie alle geschaffen.« Erich schüttelte den Kopf. »Du kleines weißes Mädchen – du kannst wohl gut trösten.« »Mir kommt alle Liebe vor wie ein großer, gewaltiger Baum – so etwas wie die Weltenesche – die ihre Wurzeln ganz tief und weit, weit durch den Erdenball schlingt. Und oben breitet sie hundert Äste aus und Zweige mit Blättern, Blüten und Früchten. Die haben viel verschiedene Formen und Farben und trinken ihre Kraft doch aus demselben Stamm und denselben Wurzeln – und alle heißen: Liebe. Der Baum, der sie sämtlich trägt, ist Gottes Eigentum.« Erich sah andachtsvoll lauschend auf den feinen, rosigen Mädchenmund. »Das ist schön«, sagte er versonnen. »Daran will ich mich immer erinnern. Glaubst du an Gott?« »Oh – gewiß. Nur – er ist so viel gewaltiger, tiefer, erhabener, als die meisten Menschen begreifen wollen. Sie denken leicht, er ist ihnen ähnlich.« »Und mein Freund mit den Löwen? Er war kein schlechter Mensch und hat doch so gräßlich gemordet.« Irmgard seufzte aus der Tiefe ihres Herzens. »Was wissen wir? Vielleicht hat er doch nicht genug geliebt.« »Wirst du mir auch treu sein, während ich fort bin, Irmel? Keinen widerlichen Kerl heiraten?« »Es will mich ja keiner, dummer Bub«, lachte das Mädchen hell auf, faßte den Bruder an beiden Ohren und schüttelte ihn herzhaft. »Sorge du nur, daß du mir nicht abhanden kommst!« »Nein, Irmgard – verliebt bin ich oft, das gestehe ich ehrlich. Und manchmal ganz wüst. Aber ein Leben – so ein rechtes schönes, ideales Zusammenleben –, das möchte ich doch nur mit dir!« Und dann kam Fred Olarsen, machte dem Gespräch ein Ende – * Irmgard erwachte am nächsten Morgen von einem Erzittern des Schiffsbodens unter ihrer Koje. Sie sprang auf, schaute aus dem kleinen Fenster, sah schwarzrußige, schmutzige Männer aus einem hochbeladenen Frachtboot Kisten und Ballen das Fallreep in die Höhe tragen und in den geöffneten Luken verschwinden. Ihr Bruder stand dabei, nicht mehr der elegante junge Herr von gestern – in einer alten, ölfleckigen Hose, einem bunten Hemd, die Ärmel in die Höhe gerollt, so daß die prachtvollen braunen Athletenarme bis über die Ellbogen sichtbar waren, eine zerbeulte blaue Mütze auf dem Blondkopf, die kurze Holzpfeife im Mundwinkel. So stand er breitbeinig zwischen den Dockarbeitern, wies hier- und dorthin mit der Hand, lief die Treppe zum Schiffsboden hinunter und wieder herauf, seine tiefe Stimme gab Befehle. Er sah froh und gut aus, voller Leben und Geschäftigkeit. Sie beeilte sich mit dem Ankleiden, um hinauszukommen, wo eine frische Morgenluft ihr entgegenschlug. Erich rieb sich vergnügt die Hände. »Nun geht's los, Schwesterchen«, rief er ihr laut entgegen. »Jetzt wird man wieder Mensch! Donnerwetter – Schiff im Hafen – das ist gar kein Schiff! Bewegung muß man unter den Sohlen spüren!« Er reckte die gewaltigen Arme. »So eine steife Brise, wenn sich die erst in die Segel legt – hei, das macht Spaß!« Das Mädchen stand bestürzt. Hatte sie den Bruder je gekannt? Wohin alle schwermütige Grübelei? Er leuchtete von Tatlust und Erwartung. Das war der Mann – den es von ihr fort drängte zu Arbeit und Gefahr in die unendliche Weite der Welt! In diesem Augenblick liebte sie ihn, wie sie ihn nie zuvor geliebt. Noch einmal saß Irmgard im Leinenstuhl, sah die Operngläser ringsum wieder auf sich gerichtet, schaute den Männern zu, während ihnen der Schweiß über die schmutzigen Gesichter troff. Phantastische Gestalten waren unter ihnen: ein Malaie mit einem fettigen Zopf, unter der Mütze hervorhängend, mit müden Schlitzaugen in dem quittengelben Gesicht, ein herkulischer Neger, der sie angrinste, daß seine Zähne zwischen den Wulstlippen weiß hervorblitzten. Die Geschwister mußten sich heute mit dem unheimlichen Eßgemenge begnügen, das der Schiffskoch ihnen vorsetzte, denn Erich konnte das Schiff nicht verlassen. Irmgard versuchte – doch es war ihr unmöglich – sie bat um eine Tasse Kaffee. »Leckerzähnchen«, neckte sie der Bruder. »Nach einem Arbeitstag auf hoher See schmeckt einem auch solch ein Fraß!« Gegen Abend erschien Olarsen mit einer Botschaft des Kapitäns für Erich. Der Alte ließe ihn bitten, sofort zu ihm zu kommen. Er habe noch mancherlei wegen der Leute mit ihm zu reden. Olarsen wollte die Auszahlung der Lastträger schon übernehmen – es sei ja auch seine Sache. Erich ging in die Koje, sich den Staub abzuseifen, kam gleich darauf munter und frisch wieder. »Unterhalte mein Schwesterchen gut«, rief er dem Freunde zu. »Ich werde mich möglichst beeilen!« »Keine Ursach'!« antwortete Fred lachend. Irmgard hatte sich zurückgezogen. Sie packte ihr Köfferchen, setzte sich dann ermüdet in den Schaukelstuhl, wo sie am Tage zuvor auf Erichs Knie gesessen. Sie hörte Getrappel von schweren Füßen über ihrem Kopf, langsam wurde es still, die Arbeiter hatten nun das Schiff verlassen. Es war spät geworden am vergangenen Abend. Irmgard war müde, geriet in ein wohliges Träumen. Sie schloß die Augen, das Bewußtsein verdämmerte. Halb schon im Schlaf, hörte sie die Türe gehen, hörte leise Schritte. Sie fühlte jemand in nächster Nähe, riß die Augen auf und sah in das erhitzte Gesicht von Fred, der sich dicht über sie beugte, sein Atem streifte ihre Wange, sie sah gerade in seinen geöffneten roten Mund, auf seine feucht glitzernden weißen Zähne. »Habe ich dich endlich allein, du betörendes Geschöpf«, flüsterte er an ihrem Ohr, beugte den Stuhl nach hinten, und ehe Irmgard noch wußte, was ihr geschah, hatte er seine feuchten, nach Tabak riechenden roten Lippen auf ihren Mund gedrückt. Sie wollte aufspringen, doch Fred griff nach ihren beiden Armen, hielt sie mit seiner überlegenen Kraft. »Wehr dich doch nicht – es geschieht dir ja nichts«, flüsterte er heiß, immer noch dicht über ihr. »Es ist schön zu küssen, ich will es dich schon lehren ... Wehre dich nicht«, keuchte er noch einmal zornig, »ich muß dich haben, süße Dirn – muß – hörst du –!« Er stammelte wirr von irrsinnigem Verlangen, das ihn gepeitscht, die ganze vergangene Nacht – bis er in die Kissen gebissen und sich eingebildet habe, es sei ihr weiches Hälschen ... Irmgards Augen waren weit gegen das brünstige Männergesicht aufgeschlagen – sie wehrte sich nicht, schrie auch nicht, nur kam in ihr versteintes, weißes Antlitz ein Ausdruck, wie ihn Fred noch nie auf Mädchenzügen gesehen hatte: Ekel – eisige Ablehnung. »Lassen Sie meine Arme los«, sagte sie, ohne die Stimme zu erheben, und trotzdem er ihr so nahe war, schien es ihm plötzlich, als klinge ein Befehl aus einer unbegreiflichen Ferne zu ihm nieder. Gehorsam öffnete er die Klammern seiner großen, starken Hände. Das Mädchen stand auf, der Wiegestuhl schlug Fred gegen die Brust. »Es war ein Mißverständnis – ich habe kein Gefühl für Sie«, sagte Irmgard ebenso leise wie vorhin, ein hartes Klingen war in der zarten Stimme. Sie ging an ihm vorüber, als sei er nicht vorhanden, in ihre kleine Kajüte, schloß die Tür, er hörte das Klirren des Riegels. Fred Olarsen, der Unwiderstehliche, stand da und biß sich die Lippen blutig. Was er soeben erlebt, war ihm noch nie geschehen – er hätte es nicht für möglich gehalten. Dies war nicht jungfräuliche Scheu, die man schnell oder langsam besiegen konnte – es war – es war etwas Unbegreifliches, das sein Verlangen, von dem er in diesen zwei Tagen unbändig gequält worden war, in einen Haß verwandelte, der so sengend brannte wie die Verliebtheit vor wenigen Minuten. Erich kam ärgerlich zurück, der Kapitän hatte ihm nichts Wesentliches mitzuteilen gehabt – er schien im Gegenteil verwundert über Erichs Besuch. Von den Leuten auf Deck hörte Erich, daß Herr Olarsen das Schiff bereits verlassen habe. Er klopfte an die Kajütentür, hinter der Irmgard sich bewegte. Sie öffnete. »Mein Köfferchen ist gepackt«, sagte sie in einer gleichgültigen Weise, die ihm sonderbar dünkte. Ihre Augenlider waren gerötet, als habe sie geweint. Erich fragte, warum Olarsen gegangen sei, er habe doch mit ihnen den Abend verbringen wollen. Sie erwiderte zerstreut, er sei nicht lange geblieben, es sei ihm eingefallen, daß er noch eine andere Verabredung habe. »Desto besser«, lachte Erich. »Er hat immer Verabredungen. Nun komm, Schwesterchen – wir essen wieder in der gemütlichen Kapitänskneipe. Zum letztenmal.« VIII Der erste Brief von Erich nach der Ausfahrt pflegte meistens aus Lissabon einzutreffen, da die Fahrten nach dem südlichen Amerika oder durch den Suezkanal nach Asien an Portugal vorüberführten. Noch eine bunte Karte von den Azoren oder von Port Said, und dann kam die lange Pause. Erich verstand keine Briefe zu schreiben. Jene Schilderungen voll Farbe und Stimmung, von denen man in Büchern las, fand der junge Seemann höchst überflüssig, ja lächerlich, eingebildet und sentimental. Wußten die beiden Lieben daheim, daß es ihm gut ging, daß die Fahrt leidlich oder stürmisch war, so hatten sie doch alles Wesentliche erfahren. Irmgard trug früher die heimliche Hoffnung im liebenden Herzen, den Bruder durch lange Briefe über ihr inneres Leben, ihre Lektüre, die Schilderung neuer Bekanntschaften zum gleichen zu bewegen und auf diese Weise die langen Zeiten der Trennung durch einen geistigen Austausch zu überbrücken. Diese Erwartung – es war wohl nur ein Wunsch – wurde mit der Zeit zu allem Unerfüllten in jene Fächer des Herzens geschoben, die im Laufe der Jugend und der fliehenden Jahre verschlossen und immer seltener geöffnet werden, weil ihr Inhalt Tränen unter die Wimpern lockt und ein schmerzendes Gefühl in der Brust zurückläßt. Irmgard hob die oft etwas zerknitterten, mit schlechter Tinte, unzulänglicher Feder geschriebenen Zettelchen pietätvoll in einem geschnitzten Kästchen auf – ebenso die bunten Karten mit den grellen rosenroten Sonnen über Palmen und blauen Buchten, trat den Säulenhallen südlicher Paläste oder mit Eisbären, die auf braunen Klippen drohten, Karten, die so flüchtig bekritzelt waren, daß man ihre halb verlöschten Schriftzüge kaum zu entziffern vermochte. Die letzte Nachricht von Port Said war eingetroffen. Dann nichts mehr. Viele Wochen nichts. Unvermerkt wurden aus den Wochen Monate. Die Mutter und die Schwester rechneten nicht nach – in einer Art von Selbsterhaltungstrieb wollten sie sich über die fliehende Zeit hinwegtäuschen, indem sie sie nicht beachteten. »Erich hätte doch wohl schon einmal wieder schreiben können«, wagte Frau Luise Glenn zu sagen. »Vielleicht haben sie lange Windstille gehabt«, so schnitt Irmgard derartig kühne Wünsche kurzweg ab. Sie wußte, daß sie die Mutter mit kräftiger Hand, zuweilen mit festem harten Griff halten mußte, damit sie nicht in die Tiefen eines tränenaufgelösten Kummers versank. Je mehr das Alter sie umfaßte, um so weicheren Gemütes wurde Frau Luise. Erich hätte längst schreiben können – schreiben müssen ... In die Hand hoffe er es der Schwester versprochen, die stumme Qual der Mutter zu achten – ihre eigne hatte sie nicht erwähnt. Die bevorstehende Hochzeit der jüngeren Justizratstochter gab wenigstens etwas ablenkendes Interesse. Frau Lodger kam häufiger als sonst mit Ausstattungssorgen zu Frau Glenn, die Frauen wurden eifrig über Leinen, Stickereien und Kochtöpfen. Die Justizrätin flüsterte Frau Glenn aufmunternd ins Ohr: eine Hochzeit sei von alters her die beste Gelegenheit zu einer neuen Verlobung, und sie werde schon dafür sorgen, daß Irmgard einen passenden liebenswürdigen Kavalier bekäme – sie fange ja wahrhaftig schon an zu verblühen, das gute Kind – es sei die höchste Zeit, daß sich eine Versorgung für sie finde. Frau Glenn machte ein hochmütiges Gesicht und meinte, sie werde Irmgard schwer entbehren können. Der aufsprießende Eifer in der Verwandtenliebe wurde schnell gelähmt durch die Ablehnung der gütigen Gesinnung. Es war ein Tag wie alle, ausgefüllt von den Dingen und Verrichtungen, welche die Stunden forderten. Die Zeitung war gekommen, und man hatte beim Frühstück die Käufe und Verkäufe, die Familienanzeigen und einiges Politische gelesen, ohne allzuviel Interesse. Irmgard half der Dienerin in der Küche, und als der Briefträger gegen Mittag die zweite Post brachte, ging die Mutter, ihm zu öffnen. Irmgard trat etwas später ins Zimmer, den Tisch zu decken. Frau Glenn saß an dem alten Sekretär mit den eingelegten Jagdszenen und den Liebespaaren aus Elfenbein. Er war geöffnet, die Platte herausgezogen, sie hatte die Ellbogen aufgestützt und den Kopf in die Hand gelegt. So saß sie dort, ganz still, und auch als Irmgard hinüberrief, das Essen sei bereit, rührte sie sich nicht. »Muttchen, schläfst du?« fragte die Tochter heiter und plötzlich ängstlich werdend. »Muttchen, was ist dir?« Sie ging zum Schreibschrank, legte den Arm um die alte Frau, sah einen Brief auf der Platte liegen. »Oh – von Erich ...?« Schon hatte sie die kurzen Worte gelesen. »Ihr werdet nun lange nichts von mir hören. Bitte forscht nicht nach mir. Behaltet mich trotzdem lieb. Euer Erich.« Irmgard sah der Mutter ins Gesicht. Es war weiß und wie durchsichtig geworden, die Lippen von einem welken Graublau. Irmgard drückte die linke Faust an den Mund, jeden Laut zu ersticken. Leise löste sie den Arm von der Schulter der Zusammengesunkenen und ging in die Schlafkammer. Sie mischte eilig die Tropfen, welche die Mutter zu nehmen pflegte, wenn ihr Herz schwach wurde, trat mit dem Glase wieder ein, hielt mit einer unendlich zärtlichen Gebärde den Kopf der Mutter in ihren Arm und gab ihr die Arznei an die Lippen. »Der böse Junge, uns so zu erschrecken!« sagte sie mit einem unnatürlichen kleinen Auflachen. »Sollst sehen, das ist so eine Laune und hat nicht viel zu bedeuten. Nicht wahr?« Luise Glenn sah Irmgard an mit den Augen eines hilfestehenden Tieres und schüttelte leise den Kopf. Sie trank gehorsam, ließ sich zum Sofa führen, niederlegen, zudecken, denn die Glieder flogen ihr in jähem Frost. Irmgard bedeutete dem Mädchen, die Speisen wieder hinauszunehmen. Sie schlich zum Schreibschrank, griff den Brief auf, starrte ihn an wie etwas Unbegreifliches – er trug weder Datum noch Ortsbezeichnung. Der Umschlag zeigte eine unbekannte Marke. Den Namen des Ortes, an dem das Schreiben aufgegeben war, vermochte sie auf dem Poststempel nicht zu entziffern. Nun saß Irmgard dort, wo die Mutter gesessen, drückte die Finger gegen die klopfenden Schläfen, griff wieder und wieder nach dem Briefblatt, wendete es um und um, als müsse sich irgendwie das Rätsel seines Inhaltes lösen lassen. Ich möchte einmal verschwinden – vielleicht zehn Jahre lang nichts von mir hören lassen – dann als reicher Mann zu euch zurückkehren! So hatte Erich mehr als einmal geäußert, sie hatten es immer als ein Scherzwort genommen und gelacht. Nur einmal hatte Irmgard in ihrem plötzlich wie aus verborgenem Innern auftauchenden harten Ernst geantwortet: »Das wirst du nicht tun, denn damit würdest du die Mutter töten.« Hatte er diesen Augenblick, in dem er sie erschrocken angeschaut, vergessen? Wollte er den Scherz zur grausamen Wahrheit werden lassen? Kalter Zorn stieg in des Mädchens Brust auf, wurde in namenlosem Bangen ertränkt. Etwas war geschehen, was sie noch nicht denken durfte – etwas grauenhaft Unentrinnbares. – Schwer und heiß waren ihr die Lider, weinen konnte sie nicht. Ihr Herz ging in harten Schlägen, die weh taten. Lange saß sie, seufzte, stand auf, trat zur Mutter, die still vor sich hin weinte, nahm ihre kalte Hand, streichelte sie sanft und lange. »Wir werden alles erfahren«, sagte sie endlich mit einer fest zusammengezwungenen Stimme. »Ich will an die Mutter von Olarsen schreiben. Gleich heut. Ich weiß die Adresse. Daß wir nicht nachforschen sollen, ist ja eine törichte Forderung. Heutzutage geht kein Mensch verloren.« So versuchte sie zu trösten und glaubte kein Wort von dem, was ihre Lippen mühsam sprachen. »Weißt du noch«, flüsterte die Mutter, »als vor einigen Wochen – wann war es nur – ich kann mich doch nicht mehr besinnen – Erichs Bild von der Wand fiel? – das Glas war zerschlagen – mir gab es einen Schock – –« »Ja, ja, der Nagel hatte sich gelöst, was bedeutet es auch schon, wenn ein Nagel lose wird ...« »Unglück«, murmelte die Mutter. »So sollst du nicht denken! Erich lebt ja!« Nach ein paar Tagen kam die Antwort auf Irmgards vorsichtige Anfrage bei Frau Olarsen. Sie las diese Worte: »Geehrtes Fräulein! Muß Ihnen leider mitteilen, daß Ihr Bruder zum Mörder an meinem armen Sohn geworden ist, indem er denselben bei einem Streit, über dessen Veranlassung ich nichts Näheres erfahren habe, mit furchtbaren Fausthieben schwer verwundet hat. Wahrscheinlich ist die Schädeldecke zertrümmert. Mein unglücklicher Sohn liegt bewußtlos in einem Missionshause an der afrikanischen Küste, wenn er nicht schon tot ist. Der Verbrecher – Ihr Bruder – ist einem deutschen Dampfer übergeben worden, damit er in der Heimat vor Gericht gestellt wird und seine verdiente Strafe empfängt. Aber das gibt mir meinen Fred nicht wieder. Barbara Olarsen.« Nachschrift: Nichts als Gutes hat mein Sohn dem Glenn erwiesen – und dies ist der Lohn.« Irmgard las das Schreiben, bis jeder Buchstabe in ihr Hirn gebrannt war, kniffte es langsam, wie man einen Fidibus dreht, entzündete eine Kerze und hielt das Papier in die Flamme, ließ es auflodern und zu schwarzem Pulver zerfallen. Niemals durfte die Mutter das grauenhafte Wort lesen und begreifen. Schon war sie ruhig geworden, glaubte an einen exzentrischen Einfall von Erich, erklärte, sie sei im Grunde froh, den Jungen nicht mehr auf See zu wissen. – Er sei gesund und kräftig – werde wie andere vor ihm in Afrika sein Glück machen – voraussichtlich habe eine gute Aussicht, ein vorteilhaftes Anerbieten ihn veranlaßt, an Land zu gehen. In solcher getrösteten Stimmung mußte die alte schwache Frau erhalten bleiben. Aber die Nächte – Irmgards Nächte, dicht neben der friedlich schlummernden Mutter ... Ohne aufzuschreien, ohne weinen zu dürfen, die endlosen Stunden der Qual hinbringen – die Zähne in ihr Tuch gebissen, jedes Stöhnen, jeden Seufzer zu ersticken. In Dämmerstunden lief sie durch den Stadtwald, kleine, buschverwachsene Wege von moderndem Herbstlaub bedeckt, auf denen sie sicher war, keinen Spaziergängern zu begegnen. Hier kam ihr bisweilen ein erlösender Tränensturz, und sie drückte ihr nasses Gesicht an einen feucht bemoosten Baumstamm wie an die Brust eines stummen Freundes, dem allein man vertrauen durfte. Sah die Mutter ihre verschwollenen Augen, versuchte sie ihr Kind zu trösten mit so armen wirren Ausflüchten gegen das Unglück, wie Kinder gegen etwas Drohendes die Hände vor die Gesichter halten. Von einem solchen Gang heimkehrend, wurde Irmgard an der Wohnungstür von der Dienerin aufgehalten. Mit wichtig-atemlosen Ton flüsterte das Mädchen ihr zu: »Gnädig Fräulein, ich fürchte, die alte Dame ist krank – sie – ach Gott – nein – sie kann gar nicht reden ... Es war so ein Herr hier – ich glaube vom Kriminalamt –« Irmgard stieß sie beiseite und stürzte ins Zimmer. Ihre Mutter saß zusammengesunken in der Sofaecke, als Irmgard auf sie zuflog, hob sie den Kopf, öffnete den Mund, lallte – lallte – versuchte, mit angstvoll verzogenen Gesichtszügen ein Wort hervorzubringen, während große Tränen einzeln über ihre Wangen tropften. Es war ein jämmerlicher Anblick, Irmgard brach zum erstenmal in einen lauten, wilden Schrei aus. Am Boden fand sie, ausgeschnitten aus einer Hamburger Zeitung, den Steckbrief, den die Behörde gegen Erich Glenn wegen Widersetzlichkeit und Körperverletzung eines Vorgesetzten erlassen hatte. Frau Glenn versuchte, auf einem Blatt Papier der Tochter aufzuschreiben, was der Beamte ihr gesagt habe, doch waren die zitternden Hände nicht imstande, deutliche Buchstaben zu formen. Nur das Wort »Brief« vermochte sie ungefähr zu entziffern. »Den Brief von Erich habe ich verbrannt, um der Polizei keinen Fingerzeig zu bieten«, sagte Irmgard. Sie stand vor der Mutter, zart und schmal, mit dem feinen Gesicht, das so weiß war wie eine weiße Blume, in dem nur die Lider rot und entzündet brannten. Ihre Arme hingen kraftlos an den Seiten nieder, und die kleinen Hände waren zu Fäusten geballt. »Das müssen wir nun tragen«, sagte sie heiser. »Erich muß es ja auch tragen.« Der Arzt, den Irmgard gerufen, sprach von einem leichten Schlaganfall. Die Mutter wurde ins Bett gebracht, Beruhigungs- und Schlafmittel taten ihre Wirkung. Nach einigen Tagen fand sich die Fähigkeit zur Sprache wieder, wenn auch die Laute sich schwerfällig und oft erst nach hartem Ringen zu Worten bildeten. Irmgard erriet auch das Angedeutete, das noch Ungeborene, was die Mutter zu formen unfähig war. Einmal hatte sie sie ernst angeschaut mit ihren großen blauen Augen, von denen die schweren Lider weit aufgeschlagen waren, und hatte dabei den Finger bedeutungsvoll auf die Lippen gelegt. Frau Glenn, obgleich verwirrten und geschwächten Geistes, verstand sie mit dem Gemüt und senkte den Kopf. Trotzdem hatte sich die Kunde in Frohnstedt verbreitet – phantastisch aufgebauscht, wie es stets in traurigen Fällen geschieht. Das Kriminalamt hatte auch bei dem Justizrat Lodger Nachforschungen gehalten. Frau Glenns leidender Zustand bot genügende Veranlassung, Besucher, von denen man unwillkommene Fragen gewärtigen konnte, abzuweisen. Die Einladung zur Hochzeit im Hause des Justizrats war selbstverständlich abgelehnt worden. An einem regnerischen Novemberabend, nach einem Tage, der verzweifelte Herzen in seiner Lichtlosigkeit, Kälte und triefender Nässe noch verzweifelter zu machen geeignet war, läutete es zaghaft an der Glocke der Wohnungstür. Irmgard öffnete und sah Cläre, die Braut, draußen stehen, in einem grauen Regenmantel, dessen Kapuze sie über den Kopf gezogen hatte. »O Clärchen«, sagte sie freundlich-trübe, »willst du uns Lebewohl sagen – das ist lieb von dir.« Sie nahm der Kusine den nassen Mantel ab und führte sie in das Wohnzimmer mit den fremdartigen Möbeln. Cläre war befangen, ging hin und her in dem Zimmer, sah beim matten Schein der Hängelampe auf die Familienphotographien, auf die Andenken an Erichs Seefahrten über dem Nähtisch von Frau Glenn. »Morgen ist ja Polterabend, wir wollen auch tanzen – Wilhelm hat so viele Freunde, schade, daß du nicht kommen kannst, Irmgard ...« Das sagte sie in einem leierigen Ton, wie aus einem Automaten kamen die Worte. Plötzlich wendete sie sich hastig. »Irmgard – ist es denn wahr – das mit Erich? Ist er – hat er– das getan?« Sie stürzte auf ihre Kusine zu, die sich bei dem ruhelosen Umhergehen des Gastes gesetzt hatte, fiel vor ihr nieder auf die Knie, erstickte ihr Schluchzen in Irmgards Röcken. Leise glitt ihr deren Hand über das duftende Haar. »Ach, Irmgard«, stieß sie hervor, den Kopf hebend, »ich hab' ihn doch so liebgehabt! Ich liebe ihn noch – vieltausendmal mehr als Wilhelm ...« »Den du übermorgen heiraten wirst«, sagte die Kusine hart. »Ja –« hauchte die verweinte Braut, »den ich heirate ... Erich – einen Seemann –, das hätte Vater doch niemals zugegeben. Ach, Irmgard – es ist alles so schwer ...« Irmgard sah über den Kopf des Mädchens hinweg, in das Unbegreifliche. »Für dich ist es ja gut, daß er nicht wiederkommt, Cläre. Denk an ihn wie an einen Toten.« Ihr Herz sagte: »Mir lebt er – wird er ewig leben.« Sehr ferne fühlte sie sich diesem weinenden Mädchen, das vielleicht von Erich Küsse und Liebkosungen empfangen hatte und in zwei Nächten einem andern Mann gehören würde. Nach einer Weile nahm Cläre den nassen Mantel und verabschiedete sich. Sie ging zur Tante hinein und küßte deren kalte, wachsgelbe Hand, wobei ihr ein wenig schauderte. Irgendwie hatte dieser Besuch sie enttäuscht. Irmgard war überraschend kühl und zurückhaltend. Sonderbar, wo man doch so viel von der innigen Zusammengehörigkeit der Geschwister sprach. Es wäre besser gewesen, sie hätte des Vaters Befehl gefolgt, sich nach den bösen Gerüchten über Erich eine Weile ganz von den Verwandten zurückzuziehen. Daß es mit Erich einmal schlecht enden würde, hatte der Vater immer vorausgesagt – nein, ein Mann zum Heiraten war er wirklich nicht ... Aber süß – so wild und stürmisch und zart zugleich –, es war wohl gut, daß er ihren Weg niemals wieder kreuzen würde. Cläre Lodger ging in ihr Schlafzimmer, wusch die Augen mit Wasser und Eau de Cologne und puderte das erhitzte Gesicht. Einer Braut verzeiht man schon Tränen. IX Luise Glenn und ihre Tochter waren immer stille Menschen gewesen. Nun saßen sie sich stundenlang gegenüber, und keiner von ihnen redete ein Wort. War Fred Olarsen tot? Irmgard erschien es unmöglich, seine Mutter zu fragen. Erich war verschollen, damit sank für sie ein schwerer dunkler Vorhang über das Geschehene. Die Polizei beunruhigte sie nicht weiter. Frau Luise äußerte sich niemals. Geduldig, wie sie den Gatten durch Jahre gepflegt, wie sie sein qualvolles Sterben mit ihm gelitten hatte, nahm sie das Schicksal ihres Sohnes auf ihr Herz. Er hatte ihr neues Leben sein sollen und wurde ihr langsamer Tod. Sie blieb hinfällig und sehr schwach. Sie schleppte die Tage mühselig hin. Menschen mochte sie nicht mehr sehen, auch nicht die Verwandtschaft, als diese sich später wieder näherten. Ihr Kopf war noch müder als ihre Glieder. Man durfte annehmen, daß in dem absterbenden Gehirn auch der Schmerz sich zu dem dumpfen Gefühl eines fernen Verlustes sänftigte. Irmgard hatte viel Arbeit mit ihrer Pflege. Gleichförmige, freudlose Arbeit. Denn konnte sie wünschen, daß die Mutter sich wieder erhole? Monate – Jahre flossen dahin. Cläre kam hin und wieder ins Elternhaus, suchte auch Irmgard auf, zeigte mit Besitzerstolz ihre kleinen Jungen und Mädchen, niedlich gekleidet, pausbäckig und rosenrot. Sie wagte nicht, nach Erich zu fragen. Einmal, als Irmgard in den Spiegel schaute, mußte sie bemerken, daß das weiche, schöne Oval ihres Gesichtes verschwunden war, die Linien vom Ohr zum Kinn scharf geworden und ihre Lippen blaß, der Mund allzu schmal zwischen den weißen Wangen. Verblüht – dachte sie. Warum auch nicht? In ihrem Innern war das Leben nicht tot. Es brannte in heimlichen Flammen. Sie hatte viel Zeit zum Grübeln, zum Denken und Träumen. Und sie fügte sich nicht wie die Mutter. Sie nicht! Mörder – Erich. Mörder ... Irmgard wiederholte das furchtbare Wort in ihrem Herzen, wie man einen glühenden Stift in eine Wunde stößt, bis der wütende Schmerz das Bewußtsein betäubt. Sie fühlte mit unumstößlicher Gewißheit: es hatte sich um sie – um ihre Person gehandelt bei dem Streit – sie war unschuldig-schuldig an dem Geschehenen. Erich – mein Erich – wir sind ja eins. – Und es war ihr, als lade sie mit dieser Erkenntnis einen Teil von dem Schweren auf die eignen Schultern – befreie so den Bruder von untragbarer Last. Zugleich stand etwas Grausames in ihr auf. Sie hatte keinerlei Mitleid mit diesem unglücklichen Olarsen, der irgendwo fern an der afrikanischen Küste starb. – Nein – sie haßte ihn mit einem wütenden Haß, der das leidenschaftlichste Gefühl war, das sie je in ihrem stillen Mädchenleben empfunden hatte. Der Haß machte sie kalt und klar, ließ sie alles Notwendige sicher überschauen. Erich war geflohen – war nach der kurzen Nachricht, die sie empfangen hatten, in Sicherheit, oder was man so nennen mochte. Seinem eignen Geschick anheimgegeben, das nicht milde mit ihm verfahren würde. Was galt körperliches Leiden, was galt Tod gegen die Qual, die seine arme Seele zerreißen mußte? Aber dieser Gedanke glitt nur schattenhaft durch Irmgards Kopf – ihm durfte nicht nachgegangen werden. Wieder und wieder tauchte das Bild auf, das Besitz von ihrer Phantasie genommen hatte, während Erich ihr von der grausigen Tat jenes Löwenbändigers erzählt hatte – sie sah die beiden Gestalten auf den Tauen sitzen, den schlanken jungen Burschen mit den noch kindlichen Zügen und den finsteren, von Leidenschaft und Verzweiflung zerrissenen Mann, unter dem gewaltigen Sternenhimmel der Tropen, umrauscht von den dunklen Wogen der Ozeane. Sie hörte die heisere Stimme leise raunen und konnte sich nicht von der Vorstellung befreien, als habe der schreckliche Mann den jungen Knaben mit dem Fluche des eignen Lebens belastet. Erichs Hände – die großen, starken Arbeitshände, die so zärtlich-scheu streicheln konnten, die sich hundertmal liebkosend um ihren Hals gelegt hatten –, rot, klebrig vom Blut eines Menschen – rotes Blut, das hervorquoll aus einer Wunde – rann, strömte – befleckte – wie sie es in der nie zu vergessenden Nacht über Erichs Kinderhände hatte tropfen sehen ... Irmgard fuhr des Nachts aus dem Schlaf, weil sie es an den eignen Händen spürte – sie sah Blut am Tage wie Purpurwogen, sie konnte keine rote Farbe erblicken, ohne daß ihr übel und schwindlig wurde. Dann kamen andere Tage, da dieser abscheuliche Zwang sie plötzlich verließ. Was geschehen war, es schien ihr wesenlos, unwahr, einem bösen Traum gleich. Olarsen und Erich fuhren auf der schlanken grünen »Barbara« ums Kap Horn – war das Meer still, so spielten sie Karten mit dem Kapitän, zuweilen redeten sie von ihr, von Irmgard, wie gute Freunde von einem Mädel reden, das sie beide lieben, und in so verschiedener Weise, wie die vielfarbige Liebe es nur zuläßt. Oder auch: Erich saß an Olarsens Krankenbett, hatte ihn um Verzeihung gebeten und sie erhalten – was galt auch eine Prügelei unter Seeleuten – das kam oft vor. Erich war zurückgeblieben, den Freund gesund zu pflegen – am Ende hatte er ihm als Sühne versprochen, ihm die Schwester zur Frau zu geben. Irmgard war bereit, sich zu opfern, den Bruder von der Schuld zu entlasten. Ach – alles war nicht so böse, als es den Anschein hatte. Ein Brief von Erich würde Erleichterung der Herzen bringen können. Sie wartete – lief jeden Morgen dem Postboten entgegen. Der Brief kam nicht. War Fred Olarsen tot? Schuld – – – Was war Schuld? Tief vergrübelte sich Irmgard Glenn in den Begriff, in das Wesen der Schuld, so fremd ihrem reinen Mädchensein. Unbegreiflich und nun so schauerlich vertraut. Mit einer Schuld, die nicht mehr gesühnt werden konnte, durch die Welt irren – – – War der Tote nicht der größere Verbrecher? – Wie jeder Gedanke ihr bildhaft wurde, sah sie Kains, des Fliehenden, Antlitz vor sich – halb tierisch noch –, das Urwesen der Schuld, mit den um Hilfe jammernden Augen der erwachenden Menschenseele – groß – erhaben – schrecklich als Schicksal allen kommenden Geschlechtern. * Wo war Erichs Ruhestätte, als er das Leben von sich geworfen, ein löchriges Kleid? Wo lag er begraben? Verscharrt von Fremden – ihr süßer kleiner Erich mit den goldhellen Locken, dem frischen Kindermund, aus dem übermütig das helle Lachen klang? Wurden die irrenden Gedanken zu quälend, tauchte Irmgard rettungsuchend in die ferne Kindheit zurück – sah die seinen schlanken Gliederchen des schönen Knaben in ihrer wilden Grazie beim Laufen, Springen, Klettern. Sie erinnerte sich der gemeinsamen Spiele – des pfauenblauen Meeres, der dämmrig-feuchten Grotte, von jähen Blitzen des heißen Sonnenlichtes durchzuckt – und wie das schimmernde Wasser bei der Flut leise hineinglitzerte ... Dann kamen lindernde Tränen. Blühten unbekannte Blumen und Gräser auf seinem namenlosen Hügel? Oder lagen weiße Knochen unten auf dem Meeresboden, tief, tief unten – bunte, seltsame Fische glitten lautlos durch das Dämmern der Gewässer über sie hin. Was war von Erich Glenn geblieben? – Einmal hatte er sie in sein Königreich führen wollen – und später war das Königreich zu einem Traumschiff geworden, auf dem er mit ihr die Weite der Welt zu umfahren gedachte. Immer doch sie – nur sie, die Schwester, an die er seine Zukunft band. Irmgard litt die Liebe, die Sehnsucht wie ein schweres Leid und seufzte seinen Namen in die Kissen, auf daß die Mutter nicht erwache. Sie begann allmählich zu wünschen, Erich möge nicht mehr auf Erden weilen. Das Unerträgliche würde erträglicher werden. Sie könne um ihn trauern, wie man um Tote weint, bis der Kummer endlich stiller und stiller wird, sich in Tränen sachte von sich selbst erlöst. Zuweilen gelang es Irmgard, für einige Tage und Nächte die Vorstellung seines Todes als eines Unwiderruflichen, einer Befreiung festzuhalten. Plötzlich glaubte sie nicht mehr daran, sah den Bruder hungernd, elend, in Lumpen am Tisch ekler Hafenkneipen sich in Schnaps betäuben. Mit jener Gier nach moralischem Untergang, die neben der Sehnsucht nach Vollkommenheit in seinem Wesen lag. In ruhigen Stunden meinte sie: konnte er nicht auf einem Schiffe fremder Nationen Dienst genommen haben, noch einmal als Matrose fahren? Wer mochte sich in wilden Ländern um Papiere und Legitimationen kümmern? Hatten nicht andere sich falsche Namen beigelegt? Tat es nicht jener Dompteur, vor dessen Andenken ihr graute wie vor einem Gespenst. Mutlos dachte sie: in solchem Falle würde voraussichtlich niemals eine Kunde von Erichs Schicksal sie erreichen. Sie fühlte es stark. Niemals wollte Erich mit den befleckten Händen und der verwirrten Seele in ihr und der Mutter Leben erscheinen. War er nicht in das Dickicht der Ungreifbarkeit niedergetaucht, und die unermeßlichen Wälder Afrikas waren rauschend über ihm zusammengeschlagen? Wohl durfte er nicht wieder nach Deutschland zurückkehren, selbst in dem Falle, daß Olarsen noch lebte. Der würde nicht ruhen, bis Erich hinter Gefängnismauern seine Strafe büßte. – Die wilde Kraft, umschlossen von den Mauern einer engen Zelle – unmöglich, es sich vorzustellen. Außerdem war ja noch der Umstand der militärischen Dienstpflicht, der sich Erich durch seine Flucht entzogen hatte, wahrscheinlich ohne auch nur eine Sekunde an sie zu denken? Irmgard fragte sich zuweilen mit aufsteigendem Groll: Hätte er ihr nicht doch auf irgendeine Weise Nachricht zukommen lassen – sie in ein anderes Land rufen können? Er wollte nicht. Der Urwald oder das Meer hoffen ihn verschlungen und gaben ihn nicht heraus. Das war es. Faulte seine Leiche unter dem grünen Filz der Sumpfpflanzen? Saßen große blaue Schmetterlinge auf dem weißen Schädel und wiegten leise die schimmernden Flügel? Wuchsen phantastische Blumen an dünnen Stielen durch die geliebten Augen, über denen die langen dunklen Wimpern gezittert hatten wie die Flügel der Schmetterlinge? Im Traum hörte Irmgard das Kreischen der Papageien, sah Affen sich an Baumzweigen schaukeln, sie mit ihrem schadenfrohen Grinsen verfolgen. Gespenstische Tiere tauchten auf, blickten sie traurig und mitleidsvoll an. Sie legte den Kopf an ihren zottigen Hals, und plötzlich war es Erichs Bart, den sie an ihrer Wange spürte. Eine maßlose Freude durchrauschte sie, alles verging, und sie stand im tiefen Dunkel allein. Sie tat die Arbeit des Tages, tat sie still und pflichtgetreu, war lieb zu der leidenden Mutter, die schweigend das gleiche litt. Ein feines Zartgefühl hinderte die Frauen, miteinander über den gemeinsamen Gram zu reden. Irmgards Seele lebte in der Weite der Welt, in fremden wilden Schicksalen abenteuerlicher Männer. Es war die Zeit, da Deutschland seine ersten Kolonien erwarb, und sie träumte davon, Erich unter den Eroberern, den Helden auftauchen zu sehen. Aber sie wußte zugleich: dies war eine törichte, unerfüllbare Hoffnung. Erichs Leben war von der Art gewesen, daß es ihm nicht Zeit, nicht Gelegenheit gegeben hatte, im Vaterlands festzuwurzeln, die Heimat seiner Ahnen als ein ihm innerlich Verwandtes zu empfinden. Unentrinnbares Schicksal der deutschen Auslandskinder. Die Mutter wurde durch die vielen Zeitungsberichte in zitternde Erregung versetzt. Irmgard, längst gewohnt, mit der Kranken in einer seltsam unwirklichen Weise zu verkehren, wie Kinder miteinander reden, denen die toten Dinge ihrer Umgebung zu lebendigen Wichtigkeiten werden, sprach nun mit der Mutter von Erichs Heimkehr im Gefolge Peters oder Emin Paschas als von einer nahen Möglichkeit, während sie solche Phantasten für sich mit strenger Geste beiseiteschob. Nur nicht hoffen – nur das nicht! Sie mußte ihre Energie behalten, solange die gute Mama lebte – und jede Hoffnung würde ihr die Kraft zerfressen. Wer konnte auch wissen, ob Erich noch in Afrika war? Ob er nicht mit Walfischfängern in den nördlichen Eismeeren trieb? Sie konnte ihn sich nicht in der Kälte, in der Nähe des Nordlichtes vorstellen – warum nur nicht? Es war ebenso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich wie alles andere. Aber die Schwester sah ihn im Geiste nur in der sengenden Sonne der Tropen, tiefbraun das Gesicht, den Hals, die behaarte Brust, von der das bunte Hemd zurückgeschlagen war. Sonderbar stand das gelbe Haar gegen das Braun, und die blauen Augen blitzten grell aus der dunklen Umgebung – grausam und kriegerisch waren sie geworden. Wie andere Mädchen erotischen Träumereien nachhängen, malte sie sich aus, daß sie in einer Palmenhütte unter den Negern mit dem Bruder wohnte – man würde sie für sein Weib halten, doch sie trug den breiten Basthut, Stiefel und Hosen wie ein Mann, den Revolver im Gürtel, das Giftsfläschchen an einer festen Schnur unter der Bluse um den Hals hängend, um bei einem Überfall der Schwarzen durch einen jähen Tod sich drohender Marter zu entziehen. Sie ritt und schoß mit dem Bruder, fuhr mit ihm auf ausgehöhlten Baumstämmen auf den verschilften Wassern, die die gewaltigen Ströme durch das von Tierschreien und dem wilden Gekreisch bunter Vögel durchstoßene Dickicht des Waldes sandten. Gefährlich lag das schwarze Gewässer im Schatten der Baumriesen. Sie stand und schlug das Ruder in den Schlamm, sie griff zur Flinte und schoß nach den großen Eidechsen, den Alligatoren, die auf heißen Steinen in der Sonne lagen – sie tat lauter Dinge, die ihrer Natur unmöglich gewesen wären. So gestand sie sich mit einem kurzen scharfen Lachen der Selbstironie. Alle diese wundervollen Phantasien brachten eine tiefe Befriedigung mit sich, in der sie zuzeiten fast glücklich wurde. Es gab andere Tage, an denen sie sich zerschlagen, todeselend fühlte. Dann – so hatte sie sich gewöhnt zu denken – ging es Erich schlecht, ein Unternehmen mißglückte ihm, er war krank oder von Schwermut bedrückt. Im Grunde glaubte sie nicht an seinen Tod, und die fortwährende geistige Vereinigung mit ihm ließ sie das eigene dürftige Dasein leichter ertragen. Irmgard war nicht abergläubisch. Ihr klarer, heller Verstand verwarf solche Notbehelfe der Schwachen im Geiste. Doch ertappte sie sich darauf, nachzurechnen, wann wohl das Bild ihres Bruders von der Wand gestürzt und in Trümmer gegangen sei – und ob das kleine unscheinbare Geschehen mit der Zeit des Unglücksfalles zusammenstimmen mochte. Es war, da sie keine genauen Daten wußte, nicht mehr sicher zu erforschen. Doch konnten weder sie noch die Mutter sich entschließen, das Bild neu rahmen und an seinen alten Platz hängen zu lassen. Es lag in seinem zerbrochenen Zustande in der Schublade, und Irmgard sah es niemals an. Überhaupt vermied sie es, alte Photographien von Erich zu betrachten, und hatte allmählich alles, was von Bildern des Knaben und des werdenden Mannes in der Wohnung stand, fortgeräumt. Die Mutter fragte nie nach ihnen. Wenn die Nachricht kommt, daß er tot ist, werde ich sie wieder hervorholen, dachte die Schwester in einem finsteren Trotz. X Ereignislose Jahre dehnten sich zu unendlicher Länge, schlichen am Ende doch dahin, eines nach dem andern. Irmgard begann wieder zu malen. Selten nach der Natur. Weil ihre Seele mit Farben und Formen ferner Dinge erfüllt war, trieb es sie, dieses Innenleben irgendwie zu fassen, nach außen zu werfen. Auf eine Weise, die ihr erreichbar war, mußte sie es Tat werden lassen. Sonderbare Blätter entstanden. Mit Ölfarben konnte sie ohne jede Anleitung nicht umgehen. Mit Wasserfarben, auch durch bunte Pastellstifte gelang es ihr, besser auszudrücken, was sie bewegte. Zuweilen nur ein Gewoge von Farben ohne Gegenstand – Wellen von Blau, die gegen ein dunkles Gelb stürzten, jubelnd schimmernde Lichter ausspritzten – oder ein weiches tiefes Grün, das sie sehr liebte, in dessen Behandlung und Umwandlung sie niemals müde wurde. Vor dem Rot fühlte sie Grauen – sie wußte wohl warum. Dagegen schwelgte sie gern in allen Tönen des zartesten Grau, und es gelang ihr, den sanften Schimmer einer milden Entsagung über ein Blatt zu hauchen, Entsagung, die doch nicht stumpf wurde, sondern in silberner Verklärung schimmerte. Dabei empfand sie ein tiefes Gefühl der Verzückung. Farben wirkten auf sie gleich Musik – schwangen in leidenschaftlichen oder hinflutenden, in leise verrinnenden, klagenden Tönen durch ihre Seele. Allmählich entstanden aus den Farbenorgien auch Formen, die Blättern und Blüten oder dem Geäder eines Baumstammes oder einer Tiergestalt glichen. Niemals wurden sie zu realistischer Natur, blieben phantastische Traumgebilde. Sah sie Irmgard wieder an, so schienen sie ihr von einem eigentümlichen Zauber, und vor einigen von ihnen erschrak das Mädchen, so inbrünstig sangen sie ihr von heißem Erleben, von bitteren Kämpfen, von rankender Sehnsucht, von Gefühlen, die weit über alles hinausgriffen, was sie in sich spürte und erkannte. Zeigte sie der Mama einige von den Blättern, schüttelte die alte Frau den Kopf, ihr Gesicht wurde bekümmert. »Das verstehe ich nicht«, sagte sie leise, »was soll es? Ich bin wohl zu dumm für dergleichen. Kind – du bist so viel allein, nimm dich in acht, daß die Träume in dir nicht überhandnehmen. Halte dich an die Wirklichkeit.« »Ach – Wirklichkeit«, seufzte Irmgard, »was ist denn Wirklichkeit! Wissen wir es?« Und sie verschloß die Blätter in ihrer Lade – die Blätter, in denen ihr Leben war. Ein toter Vogel, den sie im Stadtwald auf ihren einsamen Wegen fand, regte sie zu Versuchen an. Der Ausdruck von Ergebenheit in sein Geschick um den Schnabel, in der schlaffen Biegung des fedrigen Halses ergriff das Mädchen unsäglich, und die Malerin reizte es, die seine bläuliche Haut, die halb über den gebrochnen Äuglein hing gleich einem zarten Schleier, nachzubilden. Viele Tage war sie mit der Arbeit beschäftigt, ermüdete nicht, immer aufs neue zu versuchen, was sie in dem Tierchen sah, das Leid der Kreatur, der wehrlosen, wiederzugeben, wie sie es fühlte. Wohl ein Dutzend Blätter zeigten das kleine Vogelköpfchen, einige nur eine schmerzgekrümmte Kralle oder den gebrochenen Flügel mit dem feinen Farbenschmelz der Federn. Ein Fisch, den die Köchin zum Mittagstisch zu bereiten im Begriff stand, erinnerte Irmgard an den aus trüben Augen sie anglotzenden Kapitän in dem kleinen Schifferkneipchen, wo sie so gern mit dem Bruder gesessen. Sie suchte sich seines abgestorbenen, von Sonne und Sturm gegerbten Gesichtes zu erinnern, deutete es mit flüchtigen Strichen und Tupfen an und führte nur die Augen in Farben genau und sorgfältig aus, diese Augen in der grenzenlosen Gleichgültigkeit ihres blicklosen Starrens. Auf solche Weise näherte sie sich in ihren Arbeiten der Wirklichkeit. Sie begann auch Interesse an Tieren zu nehmen, ihr Wesen, ihre Gesichter schienen ihr das Geheimnis der Schöpfung klarer, unschuldiger auszudrücken, als Menschen vermochten. Niemals wurden ihre kleinen Bilder Porträts – es waren Träume über Rätsel, die aus den stummen Geschöpfen sich offenbarten. In solcher einsamen Arbeit verloren sich die Qualen, die Irmgard umfangen hielten. Ihr Sein streckte sich nach einem Ziel, obwohl sie es noch nicht erkannte. Sie glaubte noch immer, ihr Schicksal sei nur ein Warten – Warten – Warten – und sie wußte, daß dieses Warten ohne Worte auch die alte Frau erfüllte und deren Lebenskraft langsam aufsog. Man machte neue Bekanntschaften. Man sah Menschen, und sie wurden gute Freunde, kamen ins Haus, lachten, plauderten – Menschen, die von Erich nichts wußten, die niemals nach ihm fragten. Auch die Verwandten hatten sich gewöhnt, die leidige Angelegenheit in Schweigen zu begraben. Irmgard sah sie selten. Tante und Kusinen wußten nicht recht, was sie mit dem schweigsamen Mädchen, das augenscheinlich keinerlei Interessen hatte, beginnen sollten. Das unverheiratet gebliebene Fräulein Lodger versuchte sie für soziale Arbeit zu gewinnen. Das alternde Mädchen lief unermüdlich mit einer ledernen Aktentasche unter dem Arm, einen Klemmer auf der Nase, mit viel Wichtigkeit von einer Versammlung in die andere und arbeitete in Fürsorgeheimen und Suppenküchen. Das alles erschien Irmgard als sehr vorzüglich, und sie hegte einen scheuen Respekt für die tatkräftige Verwandte. Doch bei Versuchen in dieser Linie, zu der sie sich zwang, versagte sie kläglich – verstand in keiner Weise mit den Leuten zu reden – glaubte bei Recherchen, die sie bei armen Familien machen sollte, jedes Wort, was man ihr vorschwindelte, kehrte mit leerem Portemonnaie heim und lieferte verwirrte oder falsche Berichte. Sie mußte die Sache aufgeben und ergriff mit gesteigerter Lust Pinsel und Farben. Die Mutter seufzte, sie war die Anregerin zu der mißglückten Tätigkeit gewesen. Heimlichen Eigensinn trug ihre scheinbar so gefügige Tochter in sich, und wenn man sich dessen nicht versah, beharrte sie in einer unscheinbaren Weise auf ihrem Willen. * Ein geringfügiger Umstand sollte eingeschlummerte Schmerzen zu frischem Leben erwecken. – Irmgard bestellte eine Waschfrau – die alte war gestorben. Das Weib war gesprächig und mitteilsam, wie diese Art Frauen zu sein pflegt. Irmgard, die ihr einen Auftrag zu geben hatte, stand neben ihr, während sie ihr Mittagessen verzehrte, und hörte zerstreut auf ihr Geschwätz, in dem sie sich darüber ausließ, daß der Name Glenn ihr sonderbar und fremd vorkomme. Irmgard warf die kurze Bemerkung hin, sie seien auch wohl die einzigen in der Gegend, die ihn führten. Da meinte das Weib, sich den Mund mit der Schürze wischend, das möge doch wohl nicht stimmen, denn vor kurzem erst habe sie den Namen in ein Halstuch gestickt gefunden. E. Glenn – sie besinne sich noch deutlich, es sei zwischen den Sachen eines Matrosen gewesen, der oben bei den Hoffmanns, die das kleine Häuschen am Stadtwald besäßen, zum Besuch gewesen sei, der Sohn oder ein Vetter, das wisse sie nicht mehr genau, und das Halstuch sei mächtig schmutzig gewesen, dreimal habe sie es vornehmen müssen, ehe sie es sauber bekommen habe. Irmgard sah erschrocken auf ihre Mutter, die während des Schwatzens eingetreten war und schwer auf einen Stuhl fiel. »Es wird ein Irrtum sein, ganz sicher ein Irrtum«, stotterte sie, die Stimme gehorchte ihr nicht – die Augen der Mama hingen an ihr wie die eines kranken, flehenden Tieres. »Meinst du Kind – sollte man nicht ...?« »Ich hab' doch meine Augen«, knurrte die Frau beleidigt. »Mit blauem Garn war der ganze Name hineingestickt in Kettelstich. Ja!« »Wo wohnen diese Hoffmanns?« fragte Irmgard kurz, ihr Ton war kalt in der Bemühung, ruhig zu erscheinen. Die Frau beschrieb das Häuschen. »Sie können nicht fehlen, Fräulein, in der Wilhelmstraße, wo's nach dem Wald in die Höhe geht – das mit dem Rosenbogen über der Tür – und gleich daneben die Gärtnerei.« Irmgard dankte, half der Mama aufstehen, führte sie hinaus in ihr Schlafzimmer, wo sie in ein klägliches Weinen und Wimmern verfiel. Die Frau sah das Dienstmädchen an. »Na, was war denn das – die Herrschaften wurden ja blaß wie zwei Leichname ...« »Ach – das ist doch wegen dem Sohn – der ist doch auf See verschollen – schon an die acht Jahre – und nun – das mit dem Tuch und mit dem Namen – das ist doch zu merkwürdig, und ein E noch dazu – er hieß Erich.« Diese Mitteilung erregte die Neugier der Wäscherin nicht wenig und gab Stoff zu einem längeren Gespräch. Die Frau vermutete gleich einen Mord und beteuerte, sie wolle nichts gesagt haben, und wenn es vor Gericht käme – nein, sie könne sich weiß Gott an nichts mehr erinnern, und ob der Name in dem Tuche Glenn geheißen, das werde ihr doch jetzt auch ungewiß. Eine halbe Stunde später verließ Irmgard das Haus und schlug die Richtung nach dem Stadtwald ein. Sie kannte die Wilhelmstraße gut genug. Dort wohnten einfache Leute, Handwerker, Kleinrentner und dergleichen. Die Straße stieg ein wenig bergan bis zu einer hochgeschwungenen Eisenbrücke, die über eine Schlucht führte, durch welche die Schnellzüge brausten und ihren weißen Dampf in großen Wolken hinaufsandten. Jenseits begann der Wald, aus Tannen, Buchen, Birken und Haselgebüsch anmutig gemischt. Viel hatte Irmgard in diesem Wald gesessen und geträumt. Von den breiten Spazierwegen abgewichen, hatte sie sich in das dichteste Gebüsch vergraben – der Wald war ihr Freund geworden, in den herben Gerüchen, den Farben der wechselnden Jahreszeiten hatte sie sanfte Erquickung genossen. Oft stand sie an den Gartenzäunen der windschiefen Häuschen, die ihre Gebrechlichkeit hinter einer Gardine grüner Weinreben schamhaft bargen. In den Gärten blühte es von zahllosen Blumen, die Irmgard mit ihrer durcheinander wuchernden Buntheit entzückten. Wohl kannte sie auch den Rosenbogen, der allein in seiner Art über dem bräunlichen Gittertürchen in der Höhe des Sommers wie eine rosige Wolke paradiesisch prangte und seine zarten Düfte in die warme Luft atmete. Nun durchschritt sie ihn und drückte die Hand auf das hämmernde Herz. So zweifelnd und mutlos sie den Weg begonnen – in diesem Augenblick überschüttete sie Hoffnung und Freude. Vor der Haustür saß ein Kind und enthülste junge Schoten. Auf die Frage, ob sie hier recht zu Hoffmanns komme, erhielt Irmgard zur Antwort, die Mutter sei ausgegangen und die große Schwester auch. »War es dein Bruder, der kürzlich bei euch zum Besuch war?« fragte Irmgard. Das Kind nickte. »Ist er Matrose?« Wieder nickte die Kleine vor Verlegenheit stumm. »Der konnte wohl viel erzählen? Hatte er auch einen Freund bei sich?« Wieder nur das Kopfschütteln, und Irmgard schalt sich töricht, daß sie die Frage getan. Es war doch unmöglich, daß Erich in der Stadt gewesen und sie nicht aufgesucht haben sollte. »Wann treffe ich die Mutter daheim, ich wollte sie etwas fragen – etwas Wichtiges«, sagte Irmgard leise, doch klar. »Oben is die Tante Trude – die weiß alles.« »So rufe sie doch!« »Nee – die kann nich runter.« »Warum nicht?« »Die kann doch nich laufen.« »Dann führ' mich zu ihr! Also schnell, Kind – mach zu!« Das Kind warf die Erbsenhülsen vom Schoß auf den Boden, wobei es die fremde Dame unaufhörlich anstarrte, klinkte dann die niedere Haustür auf und lief vor Irmgard her durch einen säuerlich riechenden Flur und eine steile, ausgetretene Stiege hinan. Oben riß es eine Tür auf, schrie: »Tante, hier is wer«, stand und glotzte neugierig. Irmgard trat in ein kleines Giebelzimmer mit schrägen Wänden und einer sehr abgenutzten, verblichenen Tapete. Es enthielt nur ein schmales Bett, einen Waschtisch, ein paar Strohstühle. Die Sonnenstrahlen des Nachmittags strömten warm und golden durch das kleine, von einer sauberen Mullgardine umgebene Fenster. In der Nische, welche die schräg ansteigenden Wände bildeten, stand ein Lehnstuhl mit einem Fußbänkchen. Dort saß ein Mädchen, nicht mehr jung, mit einem schmalen, schneeweißen Gesicht. Das zu einem glatten Scheitel gestrichene Haar war zwar blond, doch ebenfalls ohne jeden Glanz, ja beinahe ohne Farbe. Die Hände, die müßig im Schoße lagen, erschienen durch das Leiden verfeinert und blutlos wie Wachsgebilde. Auf dem Fensterbrett lag eine Häkelarbeit und ein Heftchen mit einem Christuskopf, wie fromme Vereine sie zu verteilen pflegen. Die Kranke wendete ihre sanften großen Augen auf Irmgard. »Oh – Besuch – das ist aber schön«, sagte sie freundlich, bedeutete das kleine Mädchen, einen Stuhl heranzurücken und wieder an ihre Arbeit zu gehen. Sie bat um Vergebung, daß sie nicht aufstehe, um dem Gast die Höflichkeit zu erweisen, aber die Beine seien gelähmt. Des Morgens ziehe die Schwester sie an und hebe sie auf diesen Stuhl – da sitze sie den lieben langen Tag. Die Dame käme wohl wegen einer Häkeldecke. Ja – mit solchen Arbeiten beschäftige sie sich und habe einen hübschen Verdienst, seit sie die Hände wieder bewegen könne – denn auch die seien viele Jahre gelähmt gewesen. »Und wie lange ist es, daß Sie in diesen Zustand geraten sind?« fragte Irmgard erschüttert. »Ach – das ist lange her«, sagte die Kranke mit ihrer milden Stimme. »Ich war ein junges Ding und so wild, mußte immer springen und rennen – da bin ich einmal die steile Treppe hinuntergestürzt und habe mir einen bösen inneren Schaden getan – im Rücken und auch im Unterleib. Anfangs mußte ich im Bett liegen viele Jahre – ja, das war schwer. Ich war siebzehn Jahre damals und so heftig ... die Schwester hat's hart mit mir gehabt.« »Und – wie alt sind Sie nun?« fragte Irmgard leise. »Nun –? warten Sie mal, Fräulein – ja, nun bin ich sechsunddreißig.« »Achtzehn Jahre«, murmelte Irmgard. Die Kranke nickte mit dem farblosen Kopf. »Was nützt es, nachzuzählen«, sagte sie geduldig. »Es geht ja besser – die Schmerzen sind geringer. Der Arzt gibt ja Hoffnung, daß ich noch einmal hinunter kann – ins Freie. Darauf warte ich denn ...« Irmgard seufzte. »Sie können wenigstens in das Gärtchen sehen, das ist gut«, flüsterte sie mit ihrer weichsten Stimme, hob zögernd die Hand und strich linde über die abgezehrten trocknen Hände, die auf den Falten des grauen Wollkleides lagen. Ein Lächeln schimmerte aus den stillen Augen und über die dürftigen Züge. »Das ist wohl schön – das ist eine Gnade. Sehen Sie nur den Rosenbogen. Den beobachte ich vom ersten Frühling an, wenn die kleinwinzigen grünen Blättchen kommen und immer größer werden, und dann die Knospen! Ja, Gott sei Dank, ich habe gute Augen, alles kann ich von hier aus sehen – auch wenn die Knospen rot werden – und eine zuerst aufspringt, und die andern alle schnell folgen! Jetzt ist er in seiner vollen Schönheit. Ist er abgeblüht, und die gelben Blätter fallen so naß und häßlich herunter, muß ich manchmal weinen.« »Der Winter wird schwer für Sie sein«, murmelte Irmgard. »Ja – der ist lang. Da träume ich immer von dem Frühling. Am Ende kommt er doch immer wieder. Man muß nur geduldig warten können. Sehen Sie, Fräulein, so habe ich hier immer meine stille Freude. Der Rosenbogen ist ja alles, was ich von der Welt sehe.« Irmgard legte still den Arm um den schon alten abgezehrten Hals des kranken Mädchens und küßte sie leise auf die Wange. Sie lächelten sich beide zu. »Ich kenne das Warten«, sagte Irmgard vertrauensvoll und erzählte ihr von dem Bruder, und daß sie seit acht Jahren ohne Nachricht von ihm seien. Nun habe sie von dem Tuch gehört ... Aber Gertrud konnte keine Auskunft geben. Ein altes Tuch, das hatte ja nicht so viel Wichtigkeit, man redete nicht darüber. Vielleicht habe der Friedrich es geschenkt bekommen oder gefunden. Auf die Frage, ob ihr Neffe niemals von einem Freunde namens Glenn gesprochen habe, sann Gertrud eine Weile nach, schüttelte traurig den Kopf. »Es tut mir so leid – ich kann mich nicht erinnern ... aber die Schwester weiß gewiß mehr – würden Sie morgen – nein, morgen hilft sie bei einer Hochzeit – geht früh fort – wenn Sie übermorgen vorsprechen wollten?« Irmgard nannte eine Stunde, in der sie kommen würde, stieg die gefährlich-steile Treppe hinab – ohne Hoffnung. Unter dem Rosenbogen wendete sie sich zurück, schaute zu dem Mansardenfensterchen empor, hinter dessen Glas sie das bleiche Gesicht mehr ahnte als sah, und winkte mit der Hand grüßend hinauf. Sie stand unter der blühenden Pracht, rosige und schimmerweiße Blüten drängten sich in Büscheln durcheinander, hingen an dornigen Ranken zwischen den kleinen grünen Blättern. Auf dieses kurze selige Blühen wartete ein armer Mensch ein ganzes langes Jahr – mußte dann seine Sehnsucht nach Schönheit jeden Herbst aufs neue begraben ... Ich warte ... Die entsagende Geduld der Kranken war wohl bewundernswürdig. Ein Beispiel – ein großes Beispiel ... Nein! Irmgards Brust brannte in heftiger Auflehnung – Gefühle, die zusammengeballt wie ein schwerer Stein auf ihrem Herzen lagen, gerieten in Bewegung. Und in diesem Augenblick begann sie den Bruder zu hassen, der ihr die Jugend und das Leben verdorben, zerschlagen hatte. Sie biß die Zähne aufeinander, daß sie sich knirschend rieben, ihre blauen Augen wurden dunkel von Zorn. Ich will nicht – will nicht mehr warten! schrie es in ihr, Leidenschaft stürmte in ihrem Innern empor. – Mag er denn tot sein – soll er tot sein für mich – ist er es nicht längst? Überwinden muß ich ihn – einen Deckel auf sein Grab – und fort mit allem, was an ihn gemahnt – Mitleid – Sehnsucht – Geduld – fort, fort! Nur Leben – Leben! Sich ganz überströmen lassen von Wogen des Lebens, darin untertauchen – sich berauschen – sich ausbreiten zum Genuß ... Herrliches gibt es auf der reichen Welt ... Es mußte erreichbar sein mit dem Willen, der sich kämpferisch aufreckt. Sie hob ihre dünnen, feinen Arme, griff über sich in die Rosen, riß heftig Büschel um Büschel herab, fetzte sich die Hände blutig, achtete es nicht, barg das Gesicht in dem duftenden Strauß, küßte die Blumen, und Tränen der Leidenschaft drängten sich unter den Wimpern hervor. Schnell ging das Mädchen den Rückweg nach Haus. Nicht mehr warten – nicht mehr warten, rief es in ihr gleich dem Refrain eines stürmischen Liedes. Als sie die Tür ihrer Wohnung hinter sich schloß, zuckte sie die Schultern – lächelte ironisch über den heftigen Aufschwung. Es blieb ja doch alles, wie es war. Während sie ihren Hut abnahm und aufhängte, wurde sie ruhig und kühl. Mit gelassener Miene trat sie zur Mutter, ihr zu sagen, daß die Aussicht auf eine Nachricht von Erich wahrscheinlich vergebens sei. Frau Luise weinte in ihr Tuch – sie hatte wohl schon lange mit der Hoffnung abgeschlossen, den Sohn noch einmal zu sehen. Sie war sehr schwach an dem Tage. Die Tochter brachte sie zu Bett, gab ihr Wein, pflegte sie, wie sie gewöhnt war, die Hinfällige zu betreuen. Zum erstenmal betrachtete sie sie heute mit Kälte. Wird sie sterben, dachte das Mädchen, bleibt mir nur eins: selbst ein Ende zu machen – schnell – schnell. Mir das Leben zu erobern, dazu reicht die Kraft nicht mehr – ausgehöhlt, verblüht, armselig, wie ich geworden bin. Sie dachte es nicht mehr mit entsagender Wehmut, sondern mit heftiger Bitterkeit. Es war schön, den Ingrimm zu fühlen gegen das Schicksal, das sie zu zerquetschen drohte. Nach eigenem Willen wollte sie sterben –. Oder nach eigenem Willen leben – – menschliches Sein in seinen tiefsten Zuckungen erkennen! – An ihre Kunst dachte sie nicht – ihre Versuche schienen ihr eitel Dilettanterei. Niemand sah an dem gehaltenen Mädchengesicht, das deutliche Spuren des Welkens trug, den Kampf, in den ihr Wesen urplötzlich gerissen war. Die Selbstzucht einsamer Jugend lag gleich einer freundlichen Maske über ihr. Sie hat ein ruhiges Temperament und leidet nicht sehr, dachte die Mutter. Irmgard meinte dasselbe von der Mutter. – Als Irmgard am übernächsten Morgen der Frau Hoffmann in ihrem sauberen Stübchen am Tisch mit der weißen Häkeldecke gegenübersaß, hörte sie, daß der Matrose Glenn, mit dem ihr Sohn die Fahrt durch die chinesischen Gewässer gemacht habe, in seinem Alter, also etwa zwanzig Jahre alt sein mochte. Ihr Sohn habe ihn zuweilen Eduard genannt. – Irmgard nahm die Gewißheit gleichmütig entgegen. Am Nachmittag erlitt Frau Luise einen Schlaganfall, von dem sie sich nicht wieder erholte. Das wenige an Hoffnung, was der gestickte Name in einem alten Halstuch in ihr aufgerührt hatte, war eine zu heftige Erschütterung gewesen. Einige Monate noch siechte sie hin, gelähmt, in einem dumpfen geistigen Traumzustand befangen, der sie in die ersten Zeiten junger Ehe zurücktrug und zuletzt in die eigene Kinderzeit. Erich schien sie vergessen zu haben. Zuweilen fragte sich Irmgard, ob die Mutter sie noch als Tochter erkenne oder nur als eine freundliche Pflegerin. Ein letzter Händedruck gab ihr dann doch die Gewißheit, daß die Sterbende sich ihr tief vereint wußte. – Irmgard stand zum letztenmal zwischen den venezianischen Möbeln, blickte auf die weiße Reiterin mit dem Federhut, auf das sich bäumende Pferd – den kühnen Jäger mit dem Speer, die Hunde und den Eber, das unwirkliche und so eindrucksvolle Baumgeäst, die Felsen mit der kauernden Eule – auf die alte naive Kunst, an der sie sich mit Erich sooft ergötzt hatte, die ihrer beider Phantasie beflügelte, sich in fremde Welten zu versetzen und in ihnen zu leben, bis sie den Kindern zu Wirklichkeiten wurden. Mit ihren langen dünnen Fingern strich Irmgard liebkosend über das glatte Olivenholz, das einen feinen Duft besaß, und es war ihr, als nehme sie nun in dieser Stunde, da sie ihre Jugend beendet glaubte, noch einmal Abschied von dem Bruder, von all den kindlichen und süßen Erinnerungen, in denen sie bisher gelebt hatte wie unter zarten, gütigen Gespenstern. Kisten und Kasten füllten die Wohnung, Latten und Stroh lagen auf dem Boden. Während Irmgard in ihrem Gemüt noch Abschied nahm, griffen kräftige Männerfäuste schon nach dem lieben Schreibschrank, dem Tisch mit den Liebesszenen und den Stühlen, sie einzuhüllen für ein langes Ruhen auf einem Speicher. Bis Irmgard sich ein neues Heim gründen würde. Wann und wo würde dieses geschehen? XI Brandrot leuchtete der Bart des gewaltigen Mannes, brandrot die Bürste des kurz geschorenen mächtigen Hauptes, während er mit dem weiten Schritt des Löwen in seiner Werkstatt umherging, die Gardinen des Oberlichtes hin und her schiebend, um die Beleuchtung zu regeln. Sein grauer Malkittel war befleckt mit hundert Farbtönen, denn er pflegte die Pinsel während der Arbeit daran abzustreichen. Sein Gesicht mit der knolligen Nase, der großen Brille vor den Augen zeigte eine gesunde Frische. Zwischen Staffeleien, Leinwänden, leuchtenden Bildern und aufgehäuften Skizzen, zwischen verstaubten Tischen mit Öl- und Terpentinflaschen, Farbentuben bedeckt, auf alten köstlichen Teppichen stand das schmale Mädchen in ihrem schwarzen Traueranzug, alabasterweiß das Gesicht, grünliche Schatten um den bebenden Mund, unter dem Schleier des Hutes gleißte hellschimmernd ihr Haar. Sie schob Flaschen, Gläser, Fetzen Seide auf dem schweren Eichentisch beiseite, um Platz für ihre Mappe zu finden. Der Meister trat auf sie zu, sein Blick sah scharf durch die Gläser, lief vom Antlitz bis zu den Fußspitzen. »Nun – nun – nicht so ängstlich, ich fresse Sie ja nicht«, brummte er, und jähe Röte flog über das Alabasterweiß der Wangen bis unter den dunklen Hutrand. »Nehmen Sie erst einmal das schwarze Schleierzeugs da vom Kopf, das stört mich. – So – und nun zeigen Sie Ihre Skizzen.« Irmgard war seinem Befehl gefolgt. Er hatte sich einen geschnitzten Lehnstuhl näher gerückt, saß darin wie ein König, das Mädchen reichte ihm einzeln die Blätter mit den Farbenträumen, den Visionen einsamer Jugend. Jakob Urich, der Meister, von dem die Welt sprach, und den sie als einen der großen Impressionisten bewunderte, saß sehr still, prüfte, ohne eine Beifalls- oder Tadelkundgebung laut werden zu lassen, Blatt um Blatt, das er Irmgards zitternden Fingern entnahm. Er legte sie vor sich in zwei Stößen auf den Tisch – zuweilen griff er nach dem einen, entnahm ihm ein Blatt, legte es auf die andere Seite, schüttelte auch wohl den Kopf, hob die Skizze wieder auf, betrachtete sie aufs neue. Irmgard glaubte sein Schweigen nicht mehr ertragen zu können. Das Herz schlug ihr wie ein Hammer gegen die Brust, ein ziehender Schmerz ging durch ihren ganzen Körper, der ihr die Besinnung nahm. Jakob Urich sah zu ihr auf. »Setzen Sie sich doch, Kind«, bemerkte er weniger rauh als zuvor. »Es ist ja kein Grund, so zu zittern.« Sie saß nun auf einem verschlissenen grünen Samtsessel, den Kopf gesenkt, die Hände schlaff im Schoß. Wenn er sie doch nur nicht so scharf betrachten wollte, sie meinte zu verbrennen unter seinem Blick. »Ein sonderbares Geschöpf sind Sie«, sagte er nach einer Weile, »gebärdet sich wie ein Backfisch im Schulexamen – und leistet die Arbeit eines dreißigjährigen Mannes!« Irmgard hob jäh den Kopf – sah mit ihren Schwärmeraugen geradehinein in die funkelnden Brillengläser. Unter dem roten Bart glimmte ein Lächeln. »Wollen Sie damit sagen – daß – daß vielleicht doch etwas Talent ...?« Die Stimme stockte – verlor sich in einem Ton wie aufsteigendes Schluchzen. »Talent – Unsinn – Talent hat heute jede Gans –« grollte seine Männerstimme. »Das hier – das hier«, er schlug mit der Hand auf die Blätter, »das ist einfach ein Wunder – kommt aus den Tiefen einer Natur ... Haben wohl sehr einsam gelebt – was?« »Kindchen – sind Sie so sensitiv? ... Na – begreiflich – wer so das Wesentliche der Farbe rätselhaft ahnt ...« Er schüttelte wieder den gewaltigen borstigen Schädel. »Da plagen wir Kerls uns Tag und Nacht, um herauszubringen, was so ein kleines winziges Ding nur so hinsetzt, als wär's das Alltägliche. Begraben lassen können wir uns alle miteinander mit unsrer großen Kunst. Verflucht noch mal.« Er stand auf, trat zu Irmgard, legte ihr seine breite weiße Hand auf den blonden Scheitel. Sie schaute wieder zu dem Riesen auf, lächelte, wurde rot und röter. »Goldfünkchen haben Sie ja in dem Blau da drin«, sagte er lachend und beugte sich, über die Brille lugend, zu ihr nieder. – »Sie werden sich doch nicht etwa einbilden, daß Sie was können?« »Nein!« sagte sie ehrlich. »Sehen Sie – alles das haben Sie wie im Traum gemacht – was?« Irmgard nickte. »Ist Kinderkunst – unbewußter Genius. Ob Sie das jemals auf dem Wege des Bewußtseins und des Willens wieder erreichen, ist sehr die Frage. Ich habe noch keine Frau gesehen, der es gelungen wäre. Will Sie aber nicht entmutigen. Was ich dabei tun kann, damit Sie etwas von der Malerei lernen, das soll geschehen. In meine Malklasse nehme ich Sie nicht. Da gehören Sie nicht hin – lassen sich womöglich von dem frauenzimmerlichen Getue anstecken. Sie kommen vorläufig zu mir ins Atelier. Wollen dann weitersehen.« »Von den Blättern, die ich ausgesucht habe, machen wir eine Ausstellung. Brauchen Sie Geld? Wollen Sie etwas davon verkaufen? Liebermann – auch französische Impressionisten, die nur das Studium der Natur gelten lassen, werden sich für diese Phantasien stark interessieren.« »Ich möchte sie nicht verkaufen«, sagte Irmgard leuchtend. »Recht so! Aber zeigen darf ich sie doch ein paar Kollegen, Sie dummes kleines Wundertier?« Nun kamen ihr doch die Tränen. »Um Gottes willen«, schrie er und hob die Hand, »ich kann Weiber nicht heulen sehen.« Irmgard hatte sich schon gefaßt, ihr Aufschluchzen wurde zu einem kindlichen Jubellaut, sie warf in einer jähen Gebärde der Leidenschaft die Arme in die Luft und drückte dann wieder die Handflächen gegen beide Schläfen, als müsse ihr der Kopf zerspringen. – Ihren Hut zu suchen, den sie nicht sah, obschon er neben ihr lag, drehte sie sich wirr und blind um sich selbst. Jakob Urich folgte jeder Bewegung mit den scharfen grauen Augen. »Also, die Blätter lassen Sie einstweilen hier, ich gebe schon acht, daß ihnen nichts geschieht.« Sie reichte Urich die Hand, er drückte sie kräftig. Als sie schon in der Tür stand, rief er ihr nach: »Hören Sie, kleines Fräulein – könnten Sie morgen früh um zehn Uhr hier sein –? Ich möchte eine Bewegungsstudie nach Ihnen machen – brauche gerade so etwas.« »Gern –«, antwortete Irmgard atemlos. Professor Jakob Urich ging mit seinem Löwenschritt in der Werkstatt auf und nieder. An seiner Stirne perlte Schweiß. ... Sie ist ja schon am Verblühen, dachte er, hat Falten um Mund und Augen – bin ich denn verrückt? Was fällt mir bei – Brüste wie ein Schulmädchen – Arme wie Blütenstengelchen – unglaublich! Sein Lachen scholl dröhnend durch den Raum. Eine Seele hat das kleine Luder – verflucht – verflucht! Urich setzte sich in den großen Fürstenstuhl, nahm Blatt für Blatt vor die Augen, genoß mit Kennerschmunzeln die Sehnsucht in den Linien, Farben- und Formenphantasien des unwirklichen Blumengerankes. Die rührend sanfte Ergebung in der Neigung des Vogelköpfchens, die Starre des Todes in den qualligen Fischaugen und jene Blätter, auf denen nichts dargestellt war als der Kampf von Farben gegeneinander oder die in Frieden gelöste Harmonie zarter Tönungen. Und der Künstler grübelte über das Phänomen, welches sich in der Geschichte der Kunst oftmals wiederholt: daß in Einsamkeit der einzelne vorempfindet, was in der Jugend einer Generation noch unklar gärt und erst Gestalt gewinnt, wenn jener einzelne vergessen ist. Nach durchwachter Nacht kam Irmgard zur festgesetzten Stunde in Jakob Urichs Werkstatt. Sie war schnell gegangen, ihre Wangen blühten rosig, die Augen unter den schweren Lidern waren weit geöffnet und glänzten wie das Meer in der Morgensonne. Jakob Urich streckte ihr seine beiden großen weißen Hände entgegen. Er konnte auch herzlich sein, und das strahlte aus seiner alltäglichen Rauheit wie etwas unbegreiflich Kostbares. Irmgard mußte auf der Modellstufe verschiedene Stellungen einnehmen. Er saß auf einem Stuhl in einiger Entfernung, studierte sie nur, bald über die Brille hinweg, bald durch die Gläser beobachtend. »Das ist Ihnen unheimlich?« fragte er lachend. Irmgard machte eine leise Bewegung mit den Schultern, die Zustimmung wie Ablehnung ausdrücken konnte. »Ja – ich sehe es Ihnen doch an – auf Ihrem Gesicht spiegelt sich wahrhaftig jeder Gedanke. Wie das geht und kommt – da um den Mund – auf der Stirne – sehr fein – sehr fein. Sie denken sich eine ganze Menge bei Ihrem Schweigen.« »Ach – ich glaube nicht«, sagte Irmgard ungeschickt. Er stand auf, trat dicht vor sie. Ein weiches, beinahe ein gerührtes Lächeln ging über sein merkwürdiges Gesicht. Dann wandte er sich, kramte unter seinen Farben und Flaschen auf dem großen Eichentisch. »So geht die Geschichte einmal nicht«, sagte er ungeduldig in seiner rauhen Weise. »Was die Frauenzimmer sich für unnötiges Zeugs an die Kleider nähen – unglaublich. Er ging umher – fand ein dünnes seidenes Gewändchen, von einem blassen Grünblau, reichte es ihr. »Da – gehen Sie hinter den Schirm und ziehen Sie das an statt dieses schwarzen Ekels.« Das Mädchen wurde blutrot, biß sich auf die Lippen, schämte sich ihrer Scham, ihrer Verwirrung. Sprang, ihre Erregung, das Zittern ihrer Glieder zu verbergen, eilig von dem Modelltritt herab, verschwand hinter dem breiten japanischen Schirm und kam nach zwei Minuten wieder hervor – verwandelt in ein zartes Prinzeßchen. – Nun erst sah man den Schwung der Linien von Schulter und Nacken. »So – so – das ist besser«, bemerkte der Professor lakonisch, stemmte eine Pappe auf sein Knie und begann zu zeichnen. Irmgard folgte jedem Strich der Kreide in der großen weißen Hand, als seien es Offenbarungen. Nach einer Weile legte er seine Arbeit zur Seite. Sein Gesicht war heftig gerötet. »Sie sind müde, sagte er sonderbar gleichgültig. »Setzen Sie sich dort auf den Diwan und ruhen Sie sich aus.« Irmgard war erschlafft, wie in einem schweren Traum befangen, aus dem sie sich nicht herauszufinden vermochte. Der Rotbart brachte aus einem Schrank eine Majolikaschale mit kleinem Backwerk, eine Flasche und zwei schön geschliffene Gläser, er rückte ein Tischchen heran und schenkte ein. »Mögen Sie italienischen Wein?« fragte er, während er sich neben das Mädchen auf den Diwan setzte. »Oh – Wermut!« rief sie glücklich. Und dann: »Ich bin in Italien aufgewachsen – am Meer. Unten im Süden – nicht weit von Neapel, in der Villa Marina.« Sie sprachen über Italien. Nicht viel. Er bat sie, ihm zu erzählen, doch sie verwirrte sich vor dem starken, seltsamen Blick seiner grauen Augen. Eine Weile schwiegen sie beide. Darauf erhob sie sich in ihrer stillen, bestimmten Weise, fragte, ob sie sich umkleiden und gehen dürfe. Er nickte zerstreut oder in Gedanken versunken. * Schon während ihres zweiten Besuches in seinem Atelier nahm er sie an sich. Es war wie ein Flammensturz, der über sie fiel. Ein leiser Mädchenschrei verklang, und sie ergab sich seiner Kraft, sank mit geschlossenen Augen in den wilden, tierischen Duft seiner Männlichkeit wie in einen Abgrund, der für sie bereitet war, aus dem eine ferne Erinnerung sie anwehte – vertraut und schauerlich fremd. Während Urich später eine Zigarette rauchte, sah sie ihn mit großen, verwunderten Augen an. Urich hatte gefürchtet, sie würde weinen, klagen oder jenes hysterische Gelächter anstimmen, was ihm bei Frauen in den Tod zuwider war und sein Begehren auf der Stelle zu zerstören vermochte. Dieses Wundern in den herrlichen blauen Augen – dieser Ausdruck von überwältigtem, ja andachtsvollem Staunen war ihm noch niemals begegnet. Wie rein sie ist – eine Jungfrau ... Und ein Gefühl ernster Verantwortung löste die Wollust ab. – – Liebe ich ihn? fragte sich Irmgard heute und später oft. Sie wußte es nicht. Es war geschehen, daß sie ihn nun lieben mußte. – Ich wollte es doch – ja, ich wollte es. Im Grunde meiner Seele wartete ich auf ihn. Was er mir tat, wollte ich, sonst hätte er es nicht gewagt. In ihrer dürftigen Pension lebte sie weiter, fremd in der fremden großen Stadt. In Urichs Werkstatt sahen sie sich, und er war unersättlich. – Sie ging umher, dunkle Ringe um die Augen, ein süßes Lächeln um die Lippen, die rot und feucht schimmerten. Das Atelier nahm die Hälfte seines Hauses ein. Es besaß einen eignen Eingang von der Straßenseite, während man zum Hauptportal durch den Garten gelangte. Alles umher war geschmackvoll, fürstlich angelegt; Jakob Urich hatte Bedeutung auf dem Kunstmarkt, seine Bilder, vorzüglich seine Porträts, erzielten große Summen. Einmal hörte Irmgard auf der Treppe draußen Kindergeschrei und Keifen einer weiblichen Stimme. Der Professor stand unmutig vom Diwan auf, wo er mit Irmgard geplaudert hatte, und ging hinaus, kam mit einem kleinen Mädchen an der Hand zurück. Dem Kinde hingen die Tränentropfen noch auf den dicken runden Bäckchen. »Hier – sei brav und gib der Dame die Hand. Was gab es denn, daß du so brülltest?« »Sie hat mich gehauen, die alte Hexe«, schluchzte das Kind. »Hexe nennst du dein Fräulein – na, da verdienst du ja Haue!« »Ich habe nur gesagt, ich wollte nicht mit Soldaten spazierengehen.« Urich kratzte sich hinter dem Ohr und schob die mächtigen Schultern in die Höhe. Er wechselte einen schnellen Blick mit Irmgard. »Seit wann sollst du denn mit Soldaten spazierengehen?« »Immer doch«, berichtete das Kind. »Fräulein spricht kein Wort mit mir, und wenn ich etwas frage, wird sie böse.« »So – so – das ist ja eine schöne Geschichte ... Na, bleib hier und sieh dir ein Bilderbuch an.« Er warf der Kleinen ein Buch mit bunten Kupfern zu, sie legte sich an die Erde und betrachtete aufmerksam ein Bild nach dem andern. Irmgard erschrak heftig, als sie plötzlich die Erfahrung machte, daß Urich eine Familie besaß – vielleicht viele Kinder? Verwandte? Sie fühlte Weh und Fremdheit, obgleich sie wußte, daß er verheiratet war und seine Frau sich in einer Nervenheilanstalt, man durfte wohl sagen im »Irrenhause« befand. Sie hatte ihn niemals nach seinen häuslichen Verhältnissen gefragt. Scheu gingen ihre Blicke zu dem kleinen Mädchen hinüber, von dem sie nur ein zierliches Profilchen sah unter dem Schopf rotblonden Haares. »Es ist ein Elend«, brummte der Professor und stellte sich vor seine Staffelei, mit einer Art von grimmiger Verbissenheit die Arbeit wieder aufnehmend. * Professor Jakob Urich, vertraut mit den Wegen, die man einschlagen muß, um in der Gesellschaft wirksame Reklame zu machen, beschloß, in seinem Atelier eine kleine Ausstellung für einen erlesenen Kreis von Kunstfreunden und Kollegen zu veranstalten. Neue Bilder von ihm, als Lockmittel, daneben eine ausgesuchte Reihe von Aquarellen, Pastellen und Zeichnungen seiner Schülerin Irmgard Glenn. In der Presse erschienen Andeutungen, welche die Neugier aufstachelten. Irmgard las mit Schrecken ihren Namen in Ausführungen, die von Visionen, Wachträumen, Arbeiten, die im Trance entstanden seien, sprachen. »Das zieht«, meinte der Professor, als Irmgard ihm verstört und etwas entrüstet die Zeitungen vorwies. »So etwas wird kaltblütig in der Weinkneipe überlegt und ausgeführt. Sollst sehen, Kleine, wie die Damen von Berlin W dich umtanzen und alle lyrischen Dichter dich anbeten werden.« Urich rieb sich die Hände mit dem frohen Lachen, das unerwartet und jungenhaft aus seiner ernsten Männlichkeit vorbrechen konnte. Er werde ihr auch allmählich einen Plan für ihre weitere Ausbildung vorlegen, denn auf Visionen könnte man sich nicht für ein ganzes Künstlerleben verlassen – reales Können müsse sie unterstützen. »Das gnädige Fräulein werden sich natürlich sträuben –«, fuhr er in guter Laune fort. »Ich will auch nur Richtlinien geben – weiß recht gut, daß einer so sonderbaren Begabung, wie die deine ist, kaum Vorschriften zu machen sind. Möchte dich nur vor unnötigen Umwegen behüten und dich nicht in Dschungeln verlieren lassen.« »In Dschungeln?« fragte Irmgard. »Was meinst du?« »Nichts weiter; es sollte nur ein Bild für ungesunde Verstrickungen sein. Warum siehst du mich so erschrocken an?« »Weil ich oft von Dschungeln träume – von hohen Gräsern und Schlingkraut, aus dem ich nicht herausfinde. Erwache ich und es stört mich niemand, entstehen aus den geträumten Naturformen oft meine besten Skizzen.« »Ist das wahr?« fragte der Mann mit seinem scharfen Interesse. »Ich glaubte, du hättest das exotische Zeug in Gewächshäusern studiert.« Irmgard schüttelte den Kopf. »In deutschen Kleinstädten gibt es keine Gewächshäuser.« »So wäre denn Wahrheit, was ich den Reportern aufgebunden habe?« sagte der Professor nachdenklich. »Ein sonderbarer Fall! Bist du etwa Hellseherin auch in anderen Dingen?« »O Gott, nein!« rief Irmgard. »Solche Gaben sind mir unheimlich, abstoßend.« »Jedenfalls bist du magisch stark begabt«, sagte Urich ernsthaft. * Die Ausstellung machte, wie Urich vorausgesehen, Irmgard Glenn zu einem Mittelpunkt des Interesses und der heftigsten Debatten in den künstlerischen Kreisen Berlins sowie in den Häusern des Adels und der Großfinanz, wo man sich mit dem Titel von Mäzenen, Sammlern und Gönnern zu schmücken liebte. Schon die lebhafte Protektion, die ein so anerkannter Meister wie Jakob Urich diesem neuen Talent widmete, sie übte einen starken Einfluß auf das Urteil der Gesellschaft. Freilich gab es hie und da in den Unterhaltungen über den Wert oder Unwert der Skizzen – denn von fertigen Bildern konnte ja nicht die Rede sein – ein zweideutiges Lächeln. Man wußte, daß Jakob Urich ein starker Frauenvertilger war. Seitdem er nach der schweren Erkrankung seiner Gattin wieder als Junggeselle lebte, ahnte oder deutete man auf mancherlei Beziehungen, flüchtige meist, zu Frauen der Gesellschaft. Dieses aparte kleine Wesen war oder wurde voraussichtlich eine neue Geliebte. Ihr Alter schien gänzlich unbestimmbar. Dreißig Jahre bildeten unter diesen vorgeschrittenen Lebenskünstlern keinen Einschnitt mehr – doch taxierte man Irmgard kaum auf fünfundzwanzig. Der Meister hatte gesorgt, daß die kleinstädtische Kleidung zu diesem bedeutungsvollen Sonntagvormittag durch ein nach seinen Angaben stilisiertes Gewand aus weicher schwarzer Seide ersetzt wurde. Eigenhändig suchte er in seinen Truhen eine kostbare Spitze von feiner Elfenbeintönung hervor, aus der das helle Köpfchen mit dem seidenblonden Haar wie aus einem Blütenkelch emporstieg, eine Spitze, welche mit ihrer welken Kostbarkeit auch die zarten geistigen Hände malerisch verschleierte. Schmunzelnd hatte er sein Werk betrachtet, als Irmgard sich etwas vor den Gästen in seinem Atelier einfand, erhitzt und vor Scham und Glück von Rosenrot übergössen. »Du wechselst dein Alter an einem Tag zwischen fünfzehn und fünfzig Jahren«, rief er lustig. »Oh, bitte – kein pikiertes Mäulchen – das ist dein Hauptreiz, dummes Mädel!« Sehr feierlich und zeremoniös hatte er sie dann vorgestellt, und Irmgard hörte die Namen, die ihr wie ferne leuchtende Sonnen am Himmel der Kunst durch den Nebel ihres alltäglichen Lebens in Frohnstedt geglänzt hatten. Sie schaute in bedeutende Gesichter, hörte sich freundlich von den Sonnen angeredet – sah die großen Männer vor ihren ungeschickten Versuchen stehen, mit den kunstreichen Fingern auf dies und jenes deutend. Sie flüsterten eifrig untereinander, Irmgard mit gütigen oder strengen Blicken musternd. Man fragte nach den Preisen ihrer Arbeiten. Als man von Urich hörte, sie seien unverkäuflich, weckte dies Bedauern und steigerte die Wirkung. Von einigen in Samt und Pelzen rauschenden Damen erfolgten eindringliche Werbungen und Aufträge. Als später in den Salons bekannt wurde, Exzellenz von Menzel, der kleine große Menzel, habe ein Blatt, jenes minuziös ausgeführte Gewirr phantastischen Gerankes unwirklicher Blumen, erworben, wurde Irmgard Glenn mit einem Schlage aus einer pikanten Novität zu einem ernsthaften Faktor im Kunstleben. Sie bekam – neben unendlichen Einladungen zu Tees, Diners und Bällen – Aufträge auf ebensolche Farbenphantasien und – konnte sie nicht ausführen. Im Rausch jener Tage war es, als sei ihr jede Fähigkeit zum Produzieren abhanden gekommen. Schon ahnte sie, in derselben Weise wie in der traumumfangenen Einsamkeit würde sie sich niemals wieder einstellen. Weinend saß sie auf ihrem Klappstuhl in des Meisters Werkstatt vor dem Blatt, das unsichere Striche und Tupfen ohne Sinn in bunten Aquarellfarben deckten. Nun verbot er, der Kundige, der diesen schweren Übergang hatte kommen sehen, auch nur einen Auftrag anzunehmen. Demütig lernen sollte ihr nächstes Ziel sein. – Er ließ sie in einer bekannten Aktklasse den menschlichen Körper studieren, auch im Freien nach der Natur zeichnen und aquarellieren. Seine Kritik war unnachsichtlich. In solchen Augenblicken vergaß er, ein Liebender zu sein, und war es vielleicht am stärksten. XII Ein reich ausgefülltes Leben hatte für Irmgard Glenn begonnen. In der Hingabe unter die Leidenschaft des älteren Mannes und strenger Arbeit teilte und vereinte es sich zugleich. »Ich habe noch kein Weib besessen, dessen Sinnlichkeit so durchgeistigt, dessen Geistigkeit so erfüllt von sinnlichem Scharm gewesen wäre wie bei dir«, sagte ihr Urich einmal. Des Bruders Bild versank in das Wesenlose einer abgelebten Vergangenheit. Der mannigfachen Geselligkeit, die fordernd an Irmgard herantrat, durfte sie sich auf den Wunsch ihres Meisters nicht entziehen. Wollte sie ehrlich sein, mußte sie sich gestehen, daß sie begeistert war von diesen prunkvollen Festen mit den glühenden Farben der blumengeschmückten, in Silber und Kristall funkelnden Tafeln, der großen Säle, der schönen, glänzenden Frauen mit den nackten Schultern und Armen, den künstlichen, diamantengekrönten Frisuren, den wogenden Schleppen ihrer auserlesenen Toiletten. Auch wurde es ihr Freude, neben klugen Männern zu sitzen, den prickelnden Sekt zu trinken und das eifrige Streben zu bemerken, mit dem ihr die Männer zu gefallen suchten. Daß man von ihr als von der Geliebten Jakob Urichs sprach, verlieh ihr den Nimbus, den ihre Erscheinung allein kaum auszustrahlen vermocht hätte. Der Professor, fern von Eifersucht, sah es gern, wenn Irmgard gefiel. »Von einem Weibe, das geliebt wird«, philosophierte er, »geht ein erotisches Fluidum aus. Wie der Honig die Bienen, lockt es Männer an. Deine Lippen duften nach Küssen, und deine Augen erzählen von heißen Dingen, die geschehen sind – ob du es willst oder nicht ... Setze nicht dein prüdes Kleinstadtgesicht auf – ein großer Mensch muß wollen, was er lebt, und sich vor sich selbst nicht feige verstecken.« »Ich bin kein großer Mensch«, flüsterte Irmgard. »Bereust du etwa?« Er zog die buschigen Brauen drohend zusammen. »O – nein! Nie ...« Sie sprach die Wahrheit. Doch sie mußte sich durchringen wie durch einen Urwald von Empfindungen, die einander widersprachen. – In stilleren Stunden fragte sie sich bestürzt, ob es Liebe sei, was sie zu Jakob Urich fühle – ob es nicht nur der Drang nach Leben, nach Erkenntnis, nach Sich-selbst-Vollenden sei, der sie in seine Arme getrieben habe. Eine unbändige Eifersucht auf das wirre Abenteurerschicksal, in das sie den Bruder verstrickt wähnte? – Letztes Glück fand sie nicht, wenn der Flammensturz seines Begehrens über sie fiel. – Immer wieder: Angst, Entsetzen – der Rausch wollüstigen Grauens, als sinke sie in dunkle Abgründe, aus denen es kein Entrinnen gab, in denen sie verloren war – und ihren schmerzvollen Tod genoß. Sie ahnte, daß es gerade diese ewig neue Vergewaltigung ihrer keuschen und spröden Natur war, die Jakob Urich hinriß. Sie sehnte sich nach Zärtlichkeiten, nach seelischem Zusammenschluß. Urich war, wie starke Männer es meist sind, Zärtlichkeiten abgeneigt. Nach der ersten Werbezeit küßte er Irmgard nur noch in den Augenblicken ausbrechender sinnlicher Leidenschaft. Jedes Anschmachten, wie er sich ausdrückte, war ihm verhaßt. Die Frauen, gestand er, würden ihm durch Gefühlssentimentalität schnell zuwider. Das merkte sich die kluge Irmgard. Sie verkehrten im nüchternen Licht des Tages kühl wie Arbeitskameraden. In sein Wesen ihr gegenüber mischte sich ein Zug von gönnerhafter Herablassung. Ihr war es natürlich, als seine Schülerin nicht nur in der Kunst, auch in jeder Lebensweisheit mit ernster Verehrung zu ihm aufzuschauen. * Bei einem der durch malerische Pracht und barocke Einfälle berühmt geworbenen Atelierfeste Jakob Urichs bat er Irmgard, die Hausfrau zu vertreten. Sie empfing die Gäste, sorgte für deren Behagen mit der ihr selbstverständlichen anmutigen Würde, die zwischen mädchenhafter Scheu und gelassener fraulicher Ruhe mitteninne stand. Eine neue Jugend war ihr erblüht. Sie war sehr anmutig in ihrem griechischen Gewande, einem Kranz von rosa Tulpen im lichten Haar. »Tanagrafigur« nannte man sie um der schlanken Zierlichkeit und des harmonischen Ebenmaßes der Glieder willen. Die antike Schönheit der Nacken- und Schulterlinie entzückte einen anwesenden Bildhauer, und er bat, eine Statuette nach ihr modellieren zu dürfen. – Sie wurde lebendig im Laufe des tollen farbigen Abends; im Tanz brach eine heimliche Leidenschaft gleich einer Flamme aus ihr, doch nur für kurze Zeit, dann war sie erloschen, gleich einem künstlichen Feuerwerk. Sie lachte, sie trank, sie plauderte mit den Männern und den Frauen, sie lief behende von einer Gruppe zur andern und ruhte wieder unter einem Baum, der inmitten des großen Raumes stand, und dessen Blätter vergoldet waren – sie ruhte dort auf buntem Lager als die junge Königin des Festes. Gegen Morgen waren die Frauen häßlich, erhitzt, ihr Parfüm begann übel zu riechen, gleichsam ranzig, ihre Kleider hatten den Dunst des Zigarrenrauches angenommen, der das Atelier in Nebel hüllte, die Schminke rann ihnen von den Wangen – ihr Haar war zerzaust, die Schleppen zertreten und beschmutzt, sie taumelten aus einem Arm in den andern. Die Männer standen unter der Wirkung des Alkohols, die Gebärden wie die Worte wurden freier und schamloser. Vier junge Kerle trugen auf ihren Schultern eine schöne Person, die nur mit einem kurzen Panzer aus Goldstoff bekleidet war, durch den Saal, sie setzten sich in Galopp – lachend, kreischend strampelte die Dame hoch in der Luft mit nackten Armen und Beinen, ihre schwarze Haarmähne fegte wie eine Fahne durch die schwüle Luft. Jakob Urich, einen dicken Efeukranz auf dem gewaltigen Schädel, in einen roten Mantel gewickelt, ging durch die Menge – man hörte über dem Lärm sein dröhnendes Gelächter. Er küßte die Frauen auf die Lippen, Schultern und Arme, er goß Sekt, Rheinwein und Burgunder aus geräumigen Kelchen in seinen großen, von dem roten Flammenbart umwucherten Mund. Doch seine Augen bekamen nicht den fatalen gläsernen Blick der Trunkenen, er konnte unmäßig viel vertragen und blieb Herr seiner selbst. So traf er auf Irmgard, die allein gegen eine weiße Säule lehnte. »Ein wenig verstört, Kleine?« fragte er gütig. »Man ist so was nicht gewöhnt, gelt?« Wie allein sie dort stand – wie durch eine dünne Glaswand von den ringsum lustvoll Tobenden geschieden. »Komm – wir wollen tanzen.« Sie schwebte an seinem Arm zu einer schmeichlerischen Walzermelodie, kühl und zart sich wiegend, durch den Raum. »Du bist der einzige Mensch hier unter den Larven«, flüsterte er ihr zu, und sie leuchtete auf. * Im Frühling begleitete Irmgard den Professor nach Paris, später an das nordische Meer. Er besaß am holländischen Strande ein kleines Sommerhaus. Irmgard hatte nun doch einige ihrer Farbenträume verkauft. Sie bestand darauf, die Kosten der Reise für sich selbst zu tragen. Urich lachte sie aus. »Gehören wir denn nicht zusammen?« Irmgard senkte den Blick, hob ihn nicht vertrauend zu ihm, wie er es erwartet hatte. »Ich weiß nicht«, kam es zögernd. »Jedenfalls –«, und dies wurde schon mutiger gesagt, »ich möchte unabhängig bleiben.« »Wie du willst«, sagte er kühl und verletzt. Ironisch blinzelte er zu ihr hin, während er sich den Bart strich. Über reiche Mittel verfügend und sorglos ausgebend, war er in diesem Sommer durch den Ankauf einiger herrlicher Gobelins knapp mit Geld, und es war ihm im Grunde recht, wenn Reise und Sommeraufenthalt nicht Ungemessenes kosteten. Der Meister war heiter und liebenswürdig, aufgeschlossener als in Berlin, wo ihn Geschäfte, häusliche und gesellige Angelegenheiten irritierten, weil sie ihn unaufhörlich an der Versenkung in die Arbeit an neuen Werken und künstlerische Probleme hinderten. Solche Störungen konnten ihn in einen gereizten, bösen Zustand versetzen. In dem Paris, das er liebte, durfte der Meister nur seinem Behagen leben. Die leichten silbernen Lüfte über der Seine, das goldene Licht, das um den Triumphbogen und die weiße Madeleine spielte, machte ihn froh. Die Gespräche mit den Kollegen in den Ateliers der großen Maler regten ihn nach vielen Seiten an, ihre Anerkennung tat ihm wohl. Das ungebundene heitere Straßenleben entzückte ihn und Irmgard in gleicher Weise. Er wiederholte ihr in diesen Tagen oft, daß er seine Ferientage noch niemals so intensiv genossen habe wie in der Gesellschaft seiner Liebsten, die ihm zugleich verständnisvolle Freundin sei. Er schätzte Irmgards unbefangenes künstlerisches Urteil. Ihre klugen, zuweilen überaus drolligen Bemerkungen, ihre Freude an den neuen Eindrücken versetzten ihn in die beste Laune, und so wuchsen die beiden Menschen in diesen Tagen scheinbar fester zusammen als bisher in den Monaten ihrer Liebe. Doch Irmgard litt unter einer Erfahrung, die in den Pariser Aufenthalt fiel, und die sie fortan wie einen schweren, schmerzenden Stein im Herzen tragen mußte. In dem Hotel, in dem sie als Ehepaar galten, vereinte sie auch das breite französische Ehebett enger als je zuvor. Da war es geschehen, daß Urich, nach Irmgards Hand tastend und sie sich im Halbschlaf auf die Brust legend, einen Namen gemurmelt hatte – in einer zärtlich trunkenen Stimme, so innig, wie Irmgard sie niemals aus seinem Munde vernommen –, und es war nicht ihr Name. »Lydia«, klang es aus der Bewußtlosigkeit des Schlafes – aus einem lieben Traum empor –, Lydia, der Name der Frau, die fern hinter Mauern verblödete. Irmgard ging an dem Tage, der dieser Nacht folgte, völlig geistesabwesend umher. Als Jakob Urich teilnehmend fragte, was ihr fehle, ob sie sich krank fühle – augenscheinlich ahnte er nichts von dem, was geschehen war–, log sie: er möge ihr Urlaub geben, ihr Verlangen hinge an einem Winkel des Seineufers, den sie flüchtig im Vorüberfahren gesehen – den sie malen möchte. Sie mußte allein sein, um sich wiederzufinden. Ein Goethe-Wort aus Stellas Mund klang wie ein Schmerzensschrei durch ihr Herz: Und was bin dann ich? Sie wußte noch nicht, daß auch kein am Altar geweihtes Bündnis zwischen Mann und Weib vor der Erkenntnis bewahrt, daß Bilder aus vorangegangenen Zeiten in Träumen lebendig werden und Rechte beanspruchen, die ihnen im Licht des Tages nicht gegönnt werden. Irmgard trat in eine von den alten Kirchen, in denen sich der Duft des Weihrauchs mit dem der Lilien mischte, die vor den Altären der Heiligen Jungfrau welkten. Es war der Monat Mariens. Das Mädchen setzte sich in eine leere Bank, schloß die Augen, sank tief in ihr eignes Innere, das zerschnitten war von unheilbaren Wunden. In dieser Stunde gelobte sie sich, von Jakob Urich niemals ein Kind zu gebären, obwohl es der heimliche Wunsch ihrer Seele gewesen war. Muß jede Erkenntnis so hart bezahlt werden? klagte sie Gott an. Warum ist Unschuld dein schönstes Symbol, wenn doch nur Schuld zu dir führt? – Ein seltsames Gebet, aus ihres Seins tiefsten Dunkelheiten emporsteigend zu der unsichtbaren Macht, die Menschen leitet. Das Mädchen senkte demütig den Kopf auf die ineinandergeschlungenen Hände. Und wie eine Flamme auf zerstörtem Altar stieg der Wille zum Leiden in ihr auf. Trotzdem –! Sie erhob sich, sog tief den Duft des Weihrauchs und der Lilien in die schmerzende Brust, ging langsam aus der Dämmerung hinaus in das helle Licht des Maitages. Sie fuhr in das knospende Grün des Parkes von Versailles, wanderte ziellos umher, schaute lange in die blitzenden, gegen den Himmel geworfenen Strahlen der Fontänen, und die gleichmäßig steigende und fallende Bewegung des Wassers mit ihrem einförmigen Getön wirkte tröstend auf ihr zerstörtes Gemüt. In steinerner Ruhe breitete sich hinter dem Spiel der Wasser die machtvolle Front des Schlosses in seiner verlassenen Größe, vereist in langsam verwitterndem Sterben, magisch gebannt in trauernde Schönheit. Irmgard sah dies alles und sah es nicht. Später saß sie unter einer Buche im durchsonnten Schatten auf dem zarten Frühlingsgrase, das durchsternt war von weißen Anemonen. So blühten sie zu dieser Zeit auch im Stadtwald in Frohnstedt, dem stets bereiten Zufluchtsort der kummervollen Stunden ihrer Jugend. Was dort in der Vergangenheit begraben liegen sollte, war ja nicht tot. Die Augen der geduldig sterbenden Mutter schauten sie vorwurfsvoll an. Des Bruders stille Anbetung ihrer mädchenhaften Reinheit wurde lebendig. Ihre Wangen brannten in Scham. Erich würde nicht wiederkehren – niemals – niemals – sie wollte es nicht – ihr Wille mußte mächtig genug sein, es zu verhindern. Er mußte tot sein – für sie war er tot. Und doch brach in diesen Augenblicken der Verzweiflung unter dem im Frühlingswind zitternden dünnen grünen Buchenblättern die Sehnsucht nach Erich mit unzerstörbarer Gewalt aus ihrem hart vermauerten Grabe und wurde untragbare Qual. Seine sanften, mühsam und scheu gedämpften Zärtlichkeiten – seine lieben großen, bittenden blauen Augen, die sie so traurig fragend anschauen konnten – fragend nach allen Rätseln des Seins, als könne sie allein ihm die Lösung sagen. Irmgard ertrug die Ruhe nicht. Von Tränen geblendet, sprang sie auf, rannte blind und gleichgültig wohin die schmalen verwachsenen Parkwege entlang. Auf den breiten Alleen fanden sich im vorrückenden Nachmittag viele Menschen ein, Fremde und Pariser Bürgerfamilien, die von den springenden Wassern angelockt wurden. Verstaubt und sehr müde kam Irmgard aus dem weiten Parkdickicht, in dem sie jede Richtung verloren hatte, endlich wieder ins Freie. In der Nähe des Bahnhofs gab es ein kleines Restaurant, wo sie sich mit einem Glase Milch erquicken konnte. Nach ihrer Rückkehr in das Hotel sagte ihr der Portier, Monsieur le Professeur sei von einigen Herren abgeholt worden. Nun hatte sie keine Frage nach ihren verweinten Augen zu fürchten. Im Zimmer lag ein Zettel mit einem freundlichen Grußwort auf einem Veilchenstrauß. Traurig tat sie die Blumen in ein Glas mit Wasser, legte sich nieder und schlief sofort ein. Sie hörte den Professor eintreten, als schon der Morgen dämmerte, doch sie hob die schweren, bis in den Traum schmerzenden Lider nicht, und es rührte sie, wie der große, ungefüge Mann bemüht war, sich leise zu entkleiden, um ihren Schlaf nicht zu stören. Sie wollte ihr Schicksal leben. * Das kleine Haus an der holländischen Seeküste, das Jakob Urich jeden Sommer für einige Wochen bewohnte, war nicht in einem der eleganten Badeorte gelegen. Es zeichnete sich wenig von den Fischerhütten des Dorfes aus, war von ihnen nur durch die üppigere Fülle bunter Blumen in dem kleinen Gärtchen und an den winzigen Fenstern unterschieben. Innen war es mit altfriesischen Möbeln, kostbarem Delfter Porzellan, Kupfergerät und erlesenen Handwebereien traulich genug für den Geschmack eines Kulturmenschen eingerichtet. Vor allem aber – es lag abseits von der Dorfstraße, bot einen ungehinderten Blick über den Strand mit seinen Booten und Fischergerätschaften, den braunen Netzen, Segeln und Rudern und über die weite, graugrün gegen den Strand rollende Nordsee. Die Unermeßlichkeit des Horizontes mit seinen mächtigen Wolkenbildungen, die von feuchten Dünsten verschleierten Beleuchtungen, in denen die Farbenwerte so wundervoll ineinanderklangen, zogen den Freilichtmaler unwiderstehlich an, wie die salzige Luft, die schweren Stürme, die über das Land brausten, dem starken Manne die Nerven zu äußerster Energie aufpeitschten. Hier hatte Jakob Urich die Studien zu einigen seiner geschätztesten Seebilder gemacht. Hier wurde seine Seele reingefegt von dem Gewirr der Großstadteindrücke, ihrer Freuden und Leidenschaften. Hier trug er die Friesjacke, den Südwester der Fischer, fuhr mit ihnen weit hinaus in das Wellengebrause oder segelte allein im eigenen Boot, nur von einem Jungen begleitet, am liebsten, wenn das Wetter wilde Regenböen gegen die Segel peitschte. Erinnerungen wachten in Irmgard auf – doch war alles, was sie sah, härter, herber, kälter, als sie es einst erlebt hatte. Wieder klang manches zusammen – oft wußte sie nicht, erwartete sie Jakob zurück oder Erich, wenn sie, in den grauen Mantel gehüllt, mit wehendem Haar auf der Spitze der Mole stand, wo die heimkehrenden Segelboote anzulegen pflegten. Ihre alabasterne Haut rötete sich unter den wilden Liebkosungen des stürmischen Salzwindes, die blauen Augen bekamen inmitten des gebräunten Gesichtes einen stählernen Glanz. »Endlich hast du das Sanfte, Kitschige verloren, Mädel«, scherzte Urich. »Es war hohe Zeit, daß du in die Hände eines tüchtigen Mannes gerietest! Nun – was gibt's? Fleißig gewesen? Zeig deine Taten ... Weißt du, daß du zuweilen farbiger siehst als ich? Das muß dein Erbe aus dem Süden sein – aber dies hier – schauderhaft gepatzt! Verflucht armselig!« Er kümmerte sich treulich um ihre Arbeit. War als Lehrer hart, unnachsichtig bis zur Grausamkeit. Zuweilen brach sie, die nicht leicht weinte, in Tränen aus. Dann peitschte sie sein Hohn den ganzen Tag lang, und sie verwünschte ihre Frauenzimperlichkeit. Sie lernte viel. Zuweilen dachte sie, er treibe sie tyrannisch aus der eigenen Bahn, unterschlug ihm Studien, die sie besonders liebte. Stöberte er gelegentlich in ihren Mappen und entdeckte ihre Geheimnisse, tönte sein dröhnendes Gelächter durch den niederen Raum. »Es gelingt dir doch nicht, mir zu entrinnen, kleines Schaf«, sagte er dann kopfschüttelnd, und seine Augen trafen sie über der niedergeschobenen Brille mit dem scharfen Beobachterblick. »Was du einmal geleistet hast, findest du nicht wieder. – Dies hier sind nur schwächliche Kopien von damals. Jetzt heißt es bei mir solide Malerei lernen – nachher kannst du meinetwegen fortlaufen und deine eigenen Wege suchen!« »Werde ich auch«, beharrte sie eigensinnig und hielt seinem Blick mit dem harten Blau ihrer Augen stand, ihr feiner, ausdrucksvoller Mund zuckte. »Das Letzte behält man doch für sich allein!« »Ist das so?« fragte der Riese mit einer Stimme, die plötzlich unsicher wurde. – »Ja, vielleicht hast du recht. Zuweilen bist du verdammt klug – kommst in Gebiete, die Frauen sonst verschlossen sind.« Trotz ihres Widerstandes bewunderte das Mädchen ihren Meister bedingungslos. Wie er die Valeurs gegeneinander abwog – sein himmlisches Grau neben ein schmelzendes Rosa gesetzt, das durch einen Karminfleck vor dem Süßlichen bewahrt wurde – und den vielfachen Zauber seiner wehenden oder ruhenden Wolken, seiner feucht dunstenden Lüfte, welche die Dinge so zärtlich umspielten. Seltsam – dieses Kosende, zärtlich Schmeichelnde der Farben gelang ihr, dem Mädchen, niemals, die ihren waren stets härter gegeneinander gesetzt. Es war, als habe in diesem einen Punkt die Natur sich den Scherz gemacht, die Geschlechter gegeneinander auszutauschen. Aber vielleicht, meinte Irmgard, sei es auch nur die größere Kraft, die Urich gestattete, zärtlich mit dem Pinsel zu spielen, während sie, das Mädchen, sich mühsam aufrecken mußte, dem Weichen zu entfliehen in die Herbheit. * Irmgard und Jakob saßen auf der Bank vor dem Hause. Um sie blühte es von blauem Rittersporn, gelben Studentenblumen, durchstochen vom hellen Scharlach des roten Salbei und umschlungen von allen Kupferschattierungen der Kapuzinerkresse. Sie schauten stumm in die Pracht des Sonnenunterganges, der sich nach einem heißen Tage in einer zügellosen Herrlichkeit der Farben vollzog. Links am Horizont standen finster aufgetürmte Gewitterwolken, von schwefelgelben Lichtern umrandet, die Sonne sank purpurn und sandte goldrosige Strahlenbündel in einen kristallgrünen Himmel, an dem zarte Wölklein selig-golden in einer immer stärker sie umströmenden Flut von Karmin im zartesten Rosa schwammen. Dieses Karmin, Rosa, Gold und Grün spiegelte sich in leiser, durcheinanderspielender Bewegung auf der unheimlich ruhigen seidengrauen See. Es war, als warte der ganze sinnliche Farbenzauber auf einen wilden Ausbruch ins Grenzenlose – einer jähen Verwandlung in Tintenschwärze und rasend aufsprudelnden weißen Gischt, aus den grünsten Gründen der Tiefe geboren, überflackt von blauem Blitzgezacke und begleitet von rollendem Donnerorgeln. – – Noch wartete die Landschaft und das Meer der Erlösung durch den Sturm, und der Purpurschein der versinkenden Sonne wandelte sich mählich zu fahlem düster-drohenden Brandrot, das am breiten Horizonte drohend flammte. Urich hob zuweilen die Hand – wies nach Stellen, wo eine bedeutende Lichtveränderung vor sich ging. Irmgard folgte gehorsam mit dem Blick, und das gemeinsame Genießen war süß wie eine Liebesvereinigung. »Die Natur macht schon tolle Kunststücke«, bemerkte er nach langem Schweigen. »Aber was nützt sie uns mit diesem Furioso?« »Nicht wahr?« fiel Irmgard lebhaft ein. »Dasselbe dachte ich jetzt. Hier ist man hilflos. Dies ist doch ein Drama – ein Kunstwerk in sich, das jeder Wiedergabe durch menschlichen Pinsel hohnlacht ... Höchstens das Licht, die Glut, die sich da in der kleinen Kapuzinerblüte verfängt und ihre Blätter so unglaublich durchsichtig macht, das könnte man vielleicht einfangen – ach – auch dazu müßte man ein großer Meister sein ...« Er hatte ihr lächelnd zugehört. »Als Junge wollte ich nun eben gerade die rote Sonne über dem Meer malen – habe es zahllose Male versucht – verzweifelt geheult – Ströme von Tränen, und die Leinwand ins Wasser geschleudert – so weit hinaus, wie ich treffen konnte in meiner Wut! – Später – wie oft habe ich mit meiner Frau hier auf dieser Bank gesessen, und immer wieder quälte sie mich: gerade das müsse ich malen – ihr zu Gefallen – ließ keine Ruhe – was war sie süß und drollig in ihrem völligen Unverständnis!« Das Lächeln blieb auf seinem Gesicht, während er im Traum der Vergangenheit versank, es machte die großen Züge linde und weich. »Du hast sie sehr geliebt –?« wagte Irmgard zu fragen. »Ja – ich habe sie wohl sehr geliebt ...« Und nach einer Weile: »Finden sich zwei Menschen, die zueinander gehören, in der Kraft ihrer Jugend – das gibt schon Flammen!« Er deckte die Hand über die Augen, war für sich allein und ferne von dem Mädchen an seiner Seite. Sie konnte sein Schweigen nicht mehr erfragen. Etwas Böses quälte sie, an ferne Wunde zu rühren. »Seit wann ist sie krank?« »Gefährliche Zeichen meldeten sich nach der Geburt des Kindes. Wir waren damals fünf Jahre verheiratet. Die ersten Kinder starben bei der Geburt. Das hat wohl ihr Gemüt mehr verstört, als ich ahnte. Wir Männer sind ja Grobschmiede ... Lange habe ich nichts bemerkt – nichts sehen wollen, ist wohl richtiger! Als sie schon diese unsichtbaren Stimmen hörte ... Immer waren es Kinder, die sie warnten. – Daraus ist mir dann klargeworden, was sie im stillen gequält haben mochte.« Der Mann stöhnte – alles Durchlittene stürzte sich über ihn, hüllte ihn wieder ein. »... Einmal glaubte man sie genesen«, sprach er weiter. »Sie war so rührend, als sie heimkam – schüchtern, immer gleichsam um Verzeihung bittend – wie ein kleines Mädchen, das etwas Böses getan hat. Sie war sehr schön, doch eher von einer wilden, dunklen bacchantischen Art – nun hatte ihre Schönheit etwas beinahe Durchsichtiges – nicht wie von dieser Erde ... Bald kamen die Anfälle wieder – und immer die Angst in ihren armen Augen. Es war kaum zu ertragen. Ich dachte oft, ich solle mit ihr verrückt werden. Zuletzt die Krisis. Stelle dir vor – sie nahm das Kind aus dem Bett – lief mit ihm davon – Gott weiß, vor welchen Gefahren sie es retten wollte. Ich war zu einer Konferenz abwesend – als ich heimkam, fand ich das Haus in wilder Aufregung – Stunden waren vergangen, seit sie sich fortgeschlichen hatte – und Nacht – in der fürchterlichen Stadt. Sie hatte wahrhaftig den Weg zum Wald hinaus gefunden – einen Tag und zwei Nächte haben wir gesucht –, ein großes Aufgebot von Polizeileuten und Spürhunden war aufgeboten. Spaziergänger hatten sie am Nachmittag gesehen. Und sie lief uns immer wieder davon, nachdem das Schreien des Kindes uns auf die richtige Fährte gebracht hatte. Die Hunde jagten hinter ihr her – auch sie schrie –, endlich war es möglich, ihr den Weg abzuschneiden. Sobald ich sie gefaßt hatte und im Arm hielt, verlor sie das Bewußtsein. Die Kleine konnte vor Schwäche kaum noch wimmern, von Staub und Blut beschmiert, das kleine Gesichtel, die nackten Füßchen ganz zerkratzt von den scharfen Kiefernzweigen. Carly war lange krank, und ich glaube, ganz haben ihre Nerven den Eindruck heute noch nicht überwunden. Lydia mußten wir am nächsten Tage in die Anstalt zurückbringen.« »Ich habe nie von diesen Dingen gesprochen«, sagte er leise ... »Ich will sie vergessen – es gelingt mir auch oft – für lange Zeit.« Irmgard bereute, legte ihre Hand auf die seine, die schwer auf dem Knie ruhte. Er zog bald die Hand unter der teilnehmenden Berührung fort. »Eins muß ich dir noch sagen, Irmgard. Als sie an meinem Halse hing und so jammervoll weinte und mich anflehte, sie nicht allein zu lassen, habe ich ihr versprochen, daß ihr Heim bei mir immer für sie bereit sein solle – immer, solange sie lebe. Und – wenn die Ärzte auch wenig Hoffnung auf Wiederherstellung geben – es geschehen doch wunderbare, unvorhergesehene Dinge bei diesen Geisteskranken.– – – Du versiehst mich?« Irmgard neigte den Kopf über die Hände, die sie in einer Art von feierlicher Erwartung an die Brust gedrückt hielt. »Ich verstehe«, wiederholte sie leise. In diesem Augenblick liebte sie Jakob von ganzer Seele. Mit derselben Liebe, mit der sie Erichs blutende Pulse in ihren Händen gehalten hatte. Der Mann nahm, als sei etwas Endgültiges nun abgeschlossen, seine kurze Tonpfeife, die auf der Bank neben ihm ausgegangen war, zog den Tabaksbeutel aus der Tasche und begann sie mit bedächtigen Bewegungen neu zu füllen und in Brand zu setzen. – Irmgard erhob sich behutsam und ging zum Strand hinunter. Das dräuende Gewitter war vorübergezogen. Der Himmel hatte sich in ödes kaltes Grau gehüllt, aus dem Wasser rauschte es stärker empor – die Blumen in dem kleinen Garten verloren ihre Farben in der Dämmerung. Aus den fernen Wolken züngelte ein schwaches Leuchten. Als Irmgard nach dem schweigsam verzehrten Abendessen Urich gute Nacht bot und sich anschickte, in ihre kleine Giebelstube hinaufzusteigen, legte er seine starke weiße Hand mit den feinen Fingerspitzen um ihr Kinn und hob ihr den Kopf: er hatte die scharfe Brille abgenommen, sein Gesicht bekam dann etwas Hilfloses, Knabenhaftes. »Du entbehrst nichts bei mir?« fragte er unsicher. Das Mädchen mußte seine ganze Kraft darauf verwenden, nicht zu weinen. So antwortete sie nur mit einem Lächeln, das weh und zärtlich über ihre Züge glitt. »Jede Frau wird mit einer andern Liebe von dem Mann geliebt und jede mit der Liebe, die ihrem Wesen entspricht«, sagte er warm und tröstend. »Du weißt, was du mir bist?« Nun kam doch ein Seufzer von ihren Lippen. Sie war noch nicht befreit von der Überzeugung, daß es nur eine Liebe geben könne und keine andere. »Oft denke ich in dir die Schwester gefunden zu haben, die ich niemals besaß und mir immer gewünscht habe.« »Ach – Schwester?« Sie murmelte es kummervoll. »Vielleicht bin ich nur Schwester – meinem innersten Wesen nach.« »Bis auf die Stunden, in denen du auch anderes gibst – gar nicht schwesterlich bist«, lachte er freundlich und strich ihr über die Wangen. Doch schied sie heute ohne Kuß von ihm, und er kam auch nicht, wie sonst oft, zu ihr hinauf, die schmale knarrende Treppe, auf deren Geräusch sie so gern lauschte. XIII Im Herbst trat Professor Urich mit dem Verlangen an seine Freundin heran, in seine Villa zu übersiedeln und sich seines in reichlicher Verwirrung befindlichen Haushaltes anzunehmen. Auch Carly, sein Töchterchen, brauche eine führende mütterliche Hand, sie sei verwildert und störrisch – er aber könne sich nicht entschließen, das Kind von sich zu geben. Steigere sich Unordnung und Alltagsmisere um ihn her, sei seine Arbeit ernstlich gefährdet. Irmgard allein könne ihm helfen. Sein Verlangen war halb rauher Befehl, halb inbrünstiges Überreden. Irmgard war glücklich über das ernste Vertrauen, das sich in seiner Bitte ausdrückte, und zögerte dennoch, bis sie fühlte, längere Weigerung würde völlige Trennung bedeuten. Eine letzte heimliche Scham war zu töten, eine innere Freiheit aufzugeben, die ihr plötzlich als ein Kostbarstes erschien. Die Entscheidung gab Carly. Der Professor, in dem Bestreben, die erwünschte Angelegenheit schnell zu erledigen, fragte in einer traulichen Nachmittagsstunde, während die Kleine auf Irmgards Schoß saß und mit ihr spielte, ob es sie freuen würde, wenn die Irmgard immer bei ihnen bliebe. Ein jauchzender Ausbruch von Glück, ein stürmisches Umhalsen und Küssen folgte der Frage, und Irmgard, tief bewegt von der plötzlich zutage drängenden Zuneigung des vereinsamten Kindes, drückte sie an ihr Herz und versprach, sie sehr – sehr liebzuhaben. Damit hatte sie eingewilligt. Anfangs bangte ihr vor den Schwierigkeiten ihrer Stellung. Die Fülle der Arbeit, die ihrer wartete, und die der Professor keineswegs ermessen konnte, war nicht das Schlimmste. Sie fürchtete Widersetzlichkeit des Dienstpersonals, das bis jetzt nur gearbeitet hatte, soweit es ihm gefiel und Nutzen für die eigene Tasche versprach. Sie wußte, daß sie von Urich keine Hilfe zu erwarten hatte – ihm sollte sie ja gerade die Peinlichkeiten der häuslichen Nöte fernhalten. Er schalt schon, wenn sie tagelang nicht in das kleine, dem seinen benachbarte Atelier kam, wenn sie ein begonnenes Bild eintrocknen ließ, ein Modell abbestellte, weil der Haushalt ihre Gegenwart erforderte. Eine Gönnerin und Mäzenin des Professors, die alte Gräfin Schlodern, die aus klugen Beobachteraugen Irmgards Entwicklung mit Interesse und Sympathie verfolgte, gab ihr den Rat, das gesamte Personal der Villa zu entlassen und neue Leute zu engagieren. Er bewährte sich als vortrefflich. Irmgard begann zu verstehen, daß Organisation die Kunst ist, Bediente und Beamte an den richtigen Platz zu stellen, ohne selbst überall mit Hand anzulegen. Für sich selbst beanspruchte sie so wenig Dienste wie möglich. In der ruhigen Freundlichkeit ihres Wesens spürten die Untergebenen ein menschliches Wohlwollen; Frechheit oder Aufsässigkeit traten nicht mehr ein. Zwischen der Gräfin, die viel ins Haus kam, mit Urich im Atelier zu plaudern, und Irmgard entspann sich etwas wie eine zarte Freundschaft, die von des Mädchens Seite aus Dankbarkeit und Verehrung bestand, von seiten der alten weltkundigen, weitherzigen Aristokratin mit Güte, ein wenig Herablassung und viel menschlicher Teilnahme erwidert wurde. »Der Professor braucht Sie – und Sie brauchen den Professor –, damit ist die Sache erledigt, und alles übrige geht keinen Menschen etwas an«, erklärte sie energisch, und bei dieser Ansicht blieb sie denn auch. »Takt« war der vornehmen Frau mehr als eine angenehme Eigenschaft, war ihr eine der Grundbedingungen, die den anständigen Menschen vom Proleten unterschied. Nachdem sie gesehen hatte, wie sicher Irmgard von ihrem Taktgefühl durch die heikelsten Situationen geführt wurde, stand sie ihr tapfer und treu zur Seite. Gegen Carlys Wünsche an ihre Gesellschaft blieb Irmgard schwach. Nannte das Kind sie schmeichelnd »Irmel«, woben sich ihr Vergangenheit und Gegenwart zu seltsam holder Einheit. »Was ist ein Adoptivkind?« fragte Carly einmal, und als Irmgard es ihr erklärte, rief sie schnell: »Dann mache ich dich zu meiner Adoptivmama!« Aber Irmgard ging auf den kindlichen Wunsch nicht ein, sosehr er sie entzückte. Sie lehrte Carly, das Bild der kranken Mama an ihrem Geburtstag mit Blumen zu schmücken und für sie zu beten. Carly war es, um derentwillen das Verhältnis zwischen ihr und Jakob allmählich andere Formen annahm. Beide gewöhnten sich, auch im Gespräch unter vier Augen, das »du« selten noch anzuwenden. Die Stunden hingebender Liebe zwischen ihnen mußten sorgfältig verborgen werden. Gemeinsame Studienreisen im Sommer boten einzig noch Gelegenheit, sich ohne Zwang aneinander zu freuen. Das waren lange Zeit noch Feste des Glückes. Vielleicht behielten ihre Beziehungen durch die geübte Entsagung auf Jahre hinaus die Frische und die Liebenswürdigkeit erster Frühlingszeiten. Bis sie mählich, wie in guter Ehe, sich zu warmer, ruhiger Freundschaft wandelten. Irmgard lebte sehr zurückgezogen. Zu allen größeren geselligen Vereinigungen ließ sie den Professor allein gehen. Der enge Kreis von näheren Freunden Urichs bot ihr reichlich Anregung und Erheiterung. Hier tat sich ihr sprödes Wesen auf, sie gab sich frei, lebhaft und fröhlich. Irmgards Walten schenkte dem Hause eine neue Note der Behaglichkeit. Die kleinen Symposien aus Künstlern, Gelehrten und geistig gerichteten freidenkenden Frauen wurden von Irmgard mit Liebe und geschmackvollem Verständnis vorbereitet und erlangten eine gewisse Berühmtheit. Es galt für einen Vorzug, an ihnen teilnehmen zu dürfen, ein Vorzug, der, wie man wußte, nur wenigen gewährt wurde. Alle Zeit, in der Urich und der Haushalt sie nicht in Anspruch nahmen, widmete Irmgard dem Kinde. Carly hing mit einer schwärmerischen Liebe, deren der Vater das trotzige, eigenwillige Mädchen nicht für fähig gehalten, an Irmgard. Als sie fünfzehn Jahre alt wurde und ihre Gesundheit zu etwas Sorge Veranlassung bot, befürwortete Irmgard Carlys Übersiedlung in ein schön an einer Bergkette gelegenes, vielgerühmtes Landerziehungsheim. Sie wünschte das heiter und selbständig sich entwickelnde Mädchen den Einflüssen der großstädtischen Backfische ebenso wie der Teilnahme an der Geselligkeit im Hause des Vaters noch für Jahre hinaus zu entziehen. Ihr selbst wurde der Abschied von dem Kinde, das alle mütterlichen Gefühle in ihr zum Blühen geweckt hatte, bitter schwer. Beinahe hätten Carlys Tränen sie erweicht, und schon überlegte sie, wie der Plan rückgängig gemacht werden könne. Doch sie sah, daß der Professor ihr beistimmte, und so wurde sie bewogen, fest zu bleiben. »Du bedenkst alles, woran ich als Vater denken müßte; ich weiß wahrhaftig nicht, wie mein und Carlys Leben sich gestaltet haben würde, wäre ich dir nicht begegnet, du lieber, guter Geist!« Er küßte sie innig – und je seltener solche Zärtlichkeiten von ihm zu ihr strömten, um so beglückter empfand sie Irmgard. Während in diesen Jahren ihr Menschentum sich reicher und farbiger entfaltete, machte sie keine Fortschritte in ihrer Kunst. Und als sie sehen mußte, wie der Meister enttäuscht über ihre Bilder den Kopf schüttelte, gab sie das Malen ganz auf. Ihr Organismus war niemals stark gewesen; die Anforderungen ihres jetzigen Lebens zehrten ihre Kräfte so vollständig auf, daß alle eigenen Phantasien und Träume darin untergingen. Jakob Urich philosophierte skeptisch über die Kunstausübungen der Weiber; der alte Goethe habe recht gehabt, wenn er sie nur einen Ersatz für die fehlende Liebe nannte. Sei die erfüllt, höre das Bedürfnis nach Ausübung einer Kunst bei der Frau von selbst auf. In derselben Zeit drang der Ruf des Meisters über Deutschlands Grenzen in die Welt hinaus – er schuf seine besten Werke, und sie wurden mit Gold aufgewogen. Irmgard freute sich mit einer Art von religiöser Andacht seiner Erfolge. Sie allein wußte, wie groß ihr eigener Anteil war – sie schätzte ihr Verständnis, die Anregung, die ihr Lob, ihre bescheidene sichere Kritik ihm gaben, nicht gering. In diesem glücklichen Wissen brachte sie ihm lautlos und getrost das Opfer ihres eignen Verlöschens. Und wie Jakob Urich ihre Dienste in allen Geschäften, Schreibereien und der Fernhaltung jedes Alltagsärgers für eine Selbstverständlichkeit nahm, empfing er auch ihr letztes höchstes Opfer mit der Ahnungslosigkeit eines Kindes und eines großen Schaffenden. * Während Carly in dem Institut weilte, verlosch ein Leben, das nur noch in animalischem Vegetieren bestanden hatte. Professor Urich reiste zur Beerdigung seiner Gattin. Die Leiche wurde in die Gruft überführt, welche sich in der Kapelle des österreichischen Erbgutes befand. Urich sah bei der Beerdigung auch die Verwandten der Verstorbenen wieder, mit denen er jahrelang keinen Verkehr unterhalten hatte. Er blieb acht Tage fort. Es habe ihn sonderbar bewegt, erzählte er der Freundin nach der Rückkehr, in seiner Nichte eine überraschende Ähnlichkeit der äußeren Form, der Sprache und des Temperamentes seiner Frau wiederzufinden, während Carly viel mehr nach ihm schlage – rotes Haar und rauhes Wesen. Die junge Lydia aber vereine südliche Grazie und Kultur mit einem sinnlichen Feuer, das bei ihrem schlichten Leben auf dem Lande um so erstaunlicher wirke. Das Mädchen solle die Weihnachtsferien in seinem Hause zubringen, er hoffe, daß die schwerfällige Carly etwas von der beweglicheren Kusine lernen werde. Nach der kurzen Entfernung des Professors wirbelten die Stürme, welche die Behauptung eines Weltruhms begleiteten, unvermindert durch Atelier und Haushalt. Eröffnung einer Berliner Kunstschau – Beschickung fremdländischer Ausstellungen, Kämpfe mit Kunsthändlern, intensive Arbeit, ruhelose Geselligkeit, die einen Teil des geschäftlichen Wesens bildete, nahmen den Mann völlig in Anspruch. Irmgard schien er zerstreut und mehr noch als sonst in sich verschlossen. Nur die nächsten Angehörigen hatten von dem Tode der Geisteskranken erfahren. Der Professor wünschte, daß Carly keine Trauerkleidung trage. Dem jungen Mädchen bedeutete das Hinscheiden einer Mutter, deren Existenz ihr stets nur ein mitleidsvolles Grauen erregt hatte, nur Erleichterung. Sie knüpfte Hoffnungen an diesen Todesfall, deren Bilder und Aussichten sie beglückten. Die einzige, welche von dem fernen Verlöschen der unbekannten Frau aufs tiefste erschüttert wurde, war Irmgard. Warum verheimlichte Urich den Tod seiner Gattin? Wollte er nur peinliche Fragen vermeiden? Doch wer von den vielbeschäftigten Künstlern würde mehr als flüchtige konventionelle Teilnahme bekundet haben? In den Gründen ihres Seins, wo unbeirrbar eine Stimme stärker als die des Verstandes zu uns spricht, wußte Irmgard eine andere Antwort. Nach einiger Zeit bat die alte Gräfin Schlodern Irmgard um ihren Besuch. Sie fand sich dort öfter zur Teestunde ein, so war nichts Auffälliges in der Einladung, trotzdem betrat Irmgard in einem nervösen Erzittern das mit Bildern und kostbaren Kunstgegenständen angefüllte Zimmer, in dem die Gräfin in schwarzer Seide und Spitzen mit dem schimmerweißen Haar hinter der Teemaschine saß. Das Gespräch ging eine Weile über Bücher und Schauspiele hin und her – dann sagte die Gräfin: »Kind, wir wollen die Stunde nicht unnütz verschwatzen.« Und sie bot Irmgard in kurzen klaren Worten an, ihren Einfluß bei dem Professor geltend zu machen, damit er seine Verbindung mit Irmgard, nun das Hindernis durch Gott selbst beseitigt sei, endlich legitimiere. Irmgard hatte sich so heftig auf die Unterlippe gebissen, daß dort ein heller Blutstropfen stand. Sie schwieg einige Augenblicke und bat dann höflich mit ruhiger Stimme, solchen Schritt zu unterlassen – er würde den Professor kränken. Die alte Dame wurde gereizt durch den unerwarteten Widerstand, sie hatte weinende Dankbarkeit erwartet. Um einige Grade kühler führte sie aus: sie habe Irmgard in jeder Situation als einen tapferen und taktvollen Menschen erkannt und verstehe, daß sie sich nicht aufdrängen wolle. Deshalb gerade sei ihre Hilfe angeboten worden. Der Professor müsse überzeugt werden, es handle sich bei dieser Sache nicht allein um seine eigene und Irmgards Angelegenheit, sondern hauptsächlich um Carly. Das Mädchen sei demnächst erwachsen – müsse in die Gesellschaft eingeführt und verheiratet werden. Sie müsse bei ihrer Rückkehr aus dem Institut klare und geordnete häusliche Verhältnisse vorfinden. Habe denn Irmgard nicht ebenfalls Angehörige, denen die naheliegende Lösung einer Heirat willkommen sein werde? Irmgard hatte während der lebhaften Rede der Gräfin den Kopf gesenkt, sie war sehr rot geworden und sah zu Boden. Leise schüttelte sie den Kopf auf die direkte Frage. Die alte Dame in ihren Seiden und Spitzen hob das Lorgnon über die rassige Hakennase und betrachtete ernsthaft das Mädchen, das still zusammengefaßt am Tisch ihr gegenüber saß. Sie seufzte, ließ das Lorgnon fallen und sagte einiges über den Egoismus der Männer. Ein ironisches Lächeln ging über Irmgards schönes, wieder bleich gewordenes Gesicht. »Wir ändern sie nicht – und müssen sie nehmen, wie sie sind«, antwortete sie. »Das weiß Gott – und können sie doch nicht entbehren«, schalt die Gräfin. Irmgard blickt sie mit ihren klaren Augen ernsthaft an. »Große Werke steigen wohl immer aus dämonischen Urgründen«, sagte sie leise, erhob sich darauf und küßte ehrfurchtsvoll die gepflegte ringgeschmückte Hand der alten Dame. »Ich danke Ihnen«, sagte sie einfach und verabschiedete sich. Es ist indessen nicht leicht, einer herrschgewohnten vornehmen Frau und Gönnerin einen Plan, mit dem sie Glück zu stiften hofft, auszureden. Gräfin Schlodern nahm trotz des Widerstandes, den sie bei Irmgard fand, Gelegenheit, Jakob Urich an seine Pflichten gegen die Freundin wie gegen die Tochter eindringlich zu gemahnen. Es lag nicht in der Natur des verwöhnten Meisters, auf seine Mäzene irgendwelche Rücksicht zu nehmen. Die Gräfin Schlodern wurde so schroff und rauh abgefertigt, daß sie Urichs Haus nicht wieder betrat. In böser Laune fragte Urich, ob Irmgard die Gräfin gegen ihn vorgeschickt habe. Irmgard zog die Brauen zusammen. »Du solltest mich besser kennen«, entgegnete sie herb. »Ich bin nicht deine Wirtschafterin, die auf eine Heirat dringt, sobald der Platz frei geworden ist.« Noch nie zuvor hatte der Mann diesen harten, hochfahrenden Ton aus dem weichen Munde gehört. Sie wird älter, dachte er, dann bekommen die Frauen scharfe Züge und eine scharfe Stimme. Doch nahm er zugleich ihre beiden Hände in die seinen. »Nenne es meinetwegen Aberglauben – ich fürchte jede Veränderung in unserer Beziehung. Was brauchen wir noch bürgerliche Formen, du weißt, was du mir bist. Selbst wenn die Zeit die Leidenschaft mildert oder verlöscht – als dem Menschen, dem ich alles sagen darf, der mir tief verbunden ist, wirst du mir immer unentbehrlich bleiben.« Irmgard schlug ihre schwermütigen Augen zu ihm auf und antwortete dieselben Worte, mit denen sie der Gräfin geantwortet hatte: »Ich danke dir.« »Übrigens«, fuhr er in leichterem Tone fort, »verstehst du mehr von Kunst als irgendeine Frau, die ich kenne. Du weißt, wie hoch ich das schätze. Es ist unerhört, daß du deine eigene Malerei so vernachlässigst.« Nach dieser Aussprache schien jede Verstimmung überwunden. Dennoch blieb eine Kühle, die keiner von beiden zu erklären wagte. XIV Die gelben Wachskerzen in den altertümlichen Silberleuchtern brannten auf der Tafel und an den Wänden des Speisesaals, wie es bei den Festen in Jakob Urichs Hause üblich war. Der Meister liebte ihr warmes Licht, das malerisch gedämpft über purpurnen Rosen und kostbarem Porzellan schimmerte, das sich in dem kunstreich geschliffenen Kristall der alten schönen Gläser spiegelte. Die Gesichter, die Schultern und Arme der Frauen und Mädchen aber umhüllte die zarte Beleuchtung mit einer feinen Glorie sanfter, gebrochner Tönungen. Man hatte sich bereits vom Mahl erhoben, die Gäste verteilten sich in den Nebenräumen. Musik erklang, es sollte getanzt werden. Das Fest galt der Jugend, galt Lydia und Carly. Die Nichte, die den Professor so unheimlich stark an eine Verstorbene erinnerte, von der er meinte, wenn sie lachend zur Tür eintrat, sähe er seine Frau in ihrer strahlenden Jugend, war nun schon zum zweitenmal Gast im Hause. Sie hatte das Weihnachtsfest mitgefeiert, nun sollte sie auch die Osterferien mit der Kusine verleben. Irmgard zweifelte an der Freude, die Carly über den Besuch empfinden sollte. Das Mädchen verhielt sich kühl und zurückhaltend im Verkehr mit der Verwandten. Irmgard wurden die Tage zu einer schmerzlichen Prüfung. Fräulein Lydia hatte eine überhebliche, kurze Art, mit ihr zu sprechen, ja, sie zu übersehen, durch die sie ihr die Stellung einer Angestellten, einer Untergebenen anwies. Das war Irmgard eine neue Erfahrung. Bisher war sie von allen Gästen als Herrin des Hauses geehrt worden, wer etwa den richtigen Ton nicht fand, betrat das Haus nicht wieder. Die schnippische Ungezogenheit seiner Nichte schien der Professor nicht zu bemerken. Irmgard war zu stolz, sich zu beklagen. Ihrem geliebten Kinde sollten durch kleinliche Reibereien die Ferien nicht vergällt werden. Sie war ohnehin nicht froh, obgleich ihr Vater niemals früher so viel freundliche Aufmerksamkeiten für sie gehabt hatte als während dieser Tage. In verschwenderischer Gebelust überschüttete er die beiden Mädchen mit den reizenden Nichtigkeiten, die junge Damen entzücken, auch kostbare Gaben fehlten nicht. Carly nahm sie schweigend in Empfang, Lydia, die muntere, jauchzte laut und fiel dem Onkel in überströmender Dankesseligkeit um den Hals, bot ihm die blühenden Lippen zum Kuß. Jakob Urich war in die Jahre gekommen, in denen dem Manne der Reichtum des eigenen Lebens schal wird und er einzig von den Kräften frischer Jugend Ströme der Erneuerung ausgehen fühlt. An dem kühlen Frühlingsabend brannte ein leichtes Holzfeuer im Kamin des Wohnzimmers. Hier hatte sich eine Gruppe von Herren bei Kaffee und Likören um den jungen Afrikaforscher, den Dr. Schüler, versammelt. Er war für sie der Mittelpunkt der Gesellschaft, vor dem Tanz und Flirt als etwas Alltägliches an Interesse verloren. Dr. Schöler wurde mit zahllosen Fragen bestürmt, sollte Auskunft über alles Mögliche und Unmögliche geben. Ein jeder war stolz auf die neu erworbenen oder eroberten Kolonien, hielt mit sicherm Urteil über Dinge, von denen er keine Ahnung hatte, nicht zurück. Auch der Unwissendste war damals genauer Kenner von Ost-, West- und Südwestafrika. »Ach – Kolonien«, sagte der junge Forscher etwas spöttisch, »sobald sie gegründet sind, werden sie auch schon langweilig. Was wollen Sie – überall, bei allen Nationen bekommen sie in kurzer Zeit dasselbe Gesicht. Wellblechbaracken – weiße niedere Häuser mit der üblichen Veranda – einige armselige Kaufläden mit Tropenhelmen, Maggiwürfeln und Revolvern – Schnapsbuden – und die verräucherten Bierkneipen, vor denen abends im Schweiße nicht nur des Angesichts, sondern auch des ganzen Körpers Skat gekloppt wird. Dünne Palmen – verkommene, freche, stinkige Neger, denn wo der Europäer hinkommt, degeneriert der Schwarze sofort in erschreckend schneller Weise. Du lieber Himmel, die Küstenorte sind wahrhaftig kein erfreulicher Aufenthalt. Ich habe mich immer soviel wie möglich beeilt, ihnen den Rücken zu kehren und mit meinen Leuten in unbekanntes Innenland zu dringen. Dort allein ist für unsereinen noch etwas zu holen!« Irmgard stand mit der Zigarrenkiste und dem Licht vor ihm und sah ihn ernsthaft, beinahe zu ernst für die Gelegenheit in das braune kühne Gesicht. Dr. Schöler unterbrach sich, nahm dankend eine Zigarre, zündete sie bedächtig an, sein Blick forschte in dem klugen, wachen Frauengesicht mit den verschleierten blauen Augen zwischen den langen dunklen Wimpern. »Gnädiges Fräulein«, begann er, »wo in aller Welt haben wir uns schon einmal gesehen? Ich habe Sie bei Tisch fortwährend anschauen müssen und mich gefragt: ›Wann, unter welchen Umständen bist du dieser Dame begegnet?‹ Habe doch sonst ein vorzügliches Gedächtnis ...« »Daß Sie mich sehr intensiv beobachten, habe ich freilich bemerkt«, sagte Irmgard, sie setzte Licht und Zigarrenschachtel auf den Rauchtisch und fuhr mit ihrem ruhigen Lächeln fort: »Aber daß wir uns kennen sollten, ist wohl ein Irrtum ... Sie werden ein Bild von mir in einem Journal oder in einer Ausstellung gesehen haben? Professor Urich hat mich mehr als einmal gemalt.« »... Ausstellungen?« rief der junge Afrikaforscher entsetzt, »nein, an solche Orte bringen mich keine zehn Pferde! Lieber durch die Suaheliwüste in Hunger und Durst. Ich verstehe keinen Deut von Malerei, von Kunst überhaupt! Nichts ist mir verhaßter, als Dinge bewundern zu sollen, die mir gänzlich gleichgültig sind.« »Wie kommen Sie dann hierher?« rief einer der Herren, die über die Empörung des Gastes im Hause des großen Malers in belustigtes Gelächter ausgebrochen waren. »An dieser mir selbst unbegreiflichen Tatsache bin ich unschuldig«, beteuerte der junge Mann. »Da müssen Sie schon den Professor verantwortlich machen. Der hat mir vorgestern in später Nachtstunde im Café des Westens mein Ehrenwort abgenommen, mich heute hier einzufinden und ihm morgen in seinem Atelier für ein Porträt zu sitzen. Hätte er es mir nicht mit seinem Künstlerbleistift auf die Manschette geschrieben – nie würde ich daran gedacht haben – wir waren wohl beide arg bezecht!« »Halt – Donnerwetter, gnädiges Fräulein – heißen Sie etwa Glenn?« »Ja – so heiße ich. Irmgard Glenn«, wurde ihm geantwortet, und er schlug sich vor die Stirn. »Nun weiß ich alles wieder – dachte schon, ich sei zum Kretin geworden, weil ich mich nicht erinnern konnte. So – setzen Sie sich hier zu mir, und ich will Ihnen erzählen. Eine wunderliche Begegnung, die Sie interessieren wird! Daß unsere Erde nur 'ne Nußschale ist, wissen wir ja längst. Ja – ich habe eine kleine vergilbte Photographie von Ihnen gesehen, im innersten Afrika – und hätte nicht Irmgard Glenn mit verblaßter Tinte darunter gestanden ... dächte ich doch wieder, ich irre mich ...« »Wo war das?« fragte Irmgard, ein Zittern hatte sie befallen, kaum vermochte sie den Ton zu formen. Sie beugte sich zu dem Fremden, der sie erstaunt betrachtete: das brennende Rot, in das feine geistige Gesicht emporsteigend und zu einem totenartigen Weiß verbleichend, die weit geöffneten Augen, die einen heißhungrigen, einen wilden Ausdruck des Horchens bekamen. Irmgards beide Hände hatten die Lehnen des Stuhles, auf dem sie saß, umklammert, als müsse sie, ertrinkend, an ihnen einen letzten Halt suchen. »Wo war das?« wiederholte sie flüsternd. Der Afrikaner hatte eine seiner hübsch ausgefeilten Geschichten erzählen wollen, deren Effekt er sicher war, doch gegenüber dieser atemlosen, erschütterten Frau verging ihm Lust und Ruhe dazu. Er sprach schnell und einfach. »Wir waren nach der Regenzeit, in der die Ströme voll Wasser sind, in den Kanus der Neger einen der großen Flüsse hinaufgefahren, die noch keinen geographischen Namen tragen. Am Ufer nur Eingeborenendörfer, spärliche Batatenpflanzungen, dahinter der dicht verfilzte Urwald mit seinem Affen- und Vogelgeschrei. Keinen Weißen seit Wochen erblickt. Da lichtete sich die Gegend – kultivierte Pflanzungen von Mais, Sisal, Hanf, Kaffee, Kokosbäumen – so pflanzen die Schwarzen nicht, das war uns klar. Eine Menge Neger arbeiteten in den Feldern. Mit einemmal, es war schon Abend, ein kleines Lüftchen kam auf, liegt da vor uns im Fluß ein gut geteertes, weiß gemaltes Segelboot, ein Landungssteg führt ans Ufer, aus dem Kokoswald kommt eine Reihe von Eingeborenen – jeder mit einem Palmenkorb voll Kokosnüsse auf dem Wollkopf, zum Segelboot, sie zu verladen. Und da unter einem Affenbrotbaum steht der Weiße, riesenhaft, dem das alles gehört – der ›Herr‹, verstehen Sie ...« »Erich –?« es kam nur wie ein Hauch von der Schwester Lippen. »Ja – Erich Glenn – so hieß er. Ein Verwandter von Ihnen?« Sie neigte nur bejahend den Kopf. »Wie der Mann sich freute, uns zu sehen! – Kommt selten ein Weißer in die Gegend. Wir hielten ihn anfangs für einen Engländer, der langen Gestalt nach und dem vollen grauen Haar. Aber wir fanden uns denn bald als Landleute und mußten selbstverständlich in seinem Hause Station machen. Mein Gott – gnädiges Fräulein! Ich dachte nicht, daß Ihnen das so nahegehen würde – haben wohl lange keine Nachricht gehabt?« Irmgards Kopf war an die Stuhllehne gesunken. Die Augen hatten sich geschlossen, tiefe Schatten lagen auf dem weißen Gesicht. Einer der Herren schenkte von dem Kognak ein, der auf dem Rauchtisch stand, und hielt ihr das Glas an die Lippen. Sie öffnete die Augen, setzte das Glas nieder und lächelte mühsam. »Es ist mein Bruder.« »Das ist ja eine überraschende Sensation«, rief der Hilfreiche, »solche Forscher – was die alles auffinden!« Die Herren hatten sich lebhaft erhoben, sprachen aufgeregt durcheinander. Man wollte mehr wissen von Dr. Schöler. Wie es in dem Hause ausgesehen habe – wo er das Bild getroffen ... Irmgard saß in sich versunken unter dem Lärm, dem Lachen und Fragen. Er lebt – er lebt – Erich lebt, dachte sie wirr. Etwas Fremdes, Unglaubwürdiges suchte sie zu fassen, und es gelang ihr nicht. In ihr war keine aufspringende Freude – keine zerreißende Erschütterung. Nur ein dumpfes Grauen fühlte sie – war Erich so ganz in ihr gestorben? Ihr Bild, das kleine blasse Mädchenbild, hatte Dr. Schöler über seinem Bett in der weiß gekalkten Stube des weißen Hauses auf der Anhöhe über dem Fluß hängen sehen, dort im tiefen Innern von Afrika. Aber geschrieben hatte Erich ihr niemals. Und sie fühlte einen Haß gegen ihn aufsteigen. Sie konnte nichts mehr von ihm hören vor all diesen fremden Menschen. Sie straffte sich mit starker Selbstüberwindungskraft, stand auf und ging schnell aus dem Kreise hinauf in ihr Zimmer. Dort riegelte sie ab und stand im Dunkeln. Die Nägel in die Handflächen gebohrt, lauschte sie ihrem flatternden Herzschlag, dachte nichts als: er lebt – er lebt ja doch – wie sonderbar das ist ... Viel später – es mochte lange nach Mitternacht sein, und die Tanzmusik klang noch immer zu ihr hinauf, wusch und puderte sie sich. Obgleich sie nicht geweint hatte, war ihr Gesicht mit roten Flecken bedeckt. Sie ging wie im Traum die Treppe hinab, kam mechanisch ihren Obliegenheiten als Hausfrau nach und verabschiedete sich von einigen Gästen. Dr. Schöler hatte das Haus bereits verlassen. Irmgard warf einen Blick auf das Dienstpersonal und fragte, ob man rechtzeitig Tee und Bier gereicht habe. Dann ging sie in den Tanzsaal und stand dort eine Weile im Türrahmen. Der Professor tanzte mit seiner Nichte. Ein großer, ungefüger Koloß, in dessen Arm das junge Geschöpf mit dem dunklen Lockenkopf wild umhergewirbelt wurde. Wie fessellos er tanzt, dachte Irmgard – was ist er doch für ein Feuerbrand ... Sie näherte sich ihm, als das Paar innehielt. Das junge Mädchen stand mit ihren roten, vollen Wangen hochatmend neben Ulrich. »Sieht sie nicht aus wie ein antiker Bacchus?« rief er Irmgard zu. »Professor – ich möchte Sie einen Augenblick sprechen.« »Ja? Was ist?« fragte er ungeduldig erschrocken und trat einen Schritt beiseite, weil er annahm, es habe sich etwas Unangenehmes ereignet. »Jakob«, sagte sie leise, und ihr Atem ging schnell, »denke – denke – ich habe Nachricht von meinem Bruder – Dr. Schöler hat ihn irgendwo in Afrika getroffen.« »Nein – von dem Verschollenen? – Ist die Möglichkeit! Das ist ja eine merkwürdige Sache – da freust du dich wohl mächtig?« Irmgard neigte den Kopf, nun schossen ihr die Tränen unter den Lidern hervor. So gleichgültig hatten seine Worte geklungen. Ganz fern war er ihr in diesem Augenblick. Sie sah, wie er wieder zu dem Mädchen trat, zu dieser jungen Bacchantin mit der glühenden Pfirsichhaut und den blitzenden Schwarzaugen, wie er den Arm um sie legte und sie lachend in den Wirbel des Tanzes riß. Am nächsten Morgen rief der Professor Irmgard in sein Atelier; sie wolle gewiß mehr über den verschollenen Bruder hören. Im Grunde war ihm dieser sagenhafte Bruder recht gleichgültig – Irmgard hatte ihm niemals mitgeteilt, was es mit Erichs Verschwinden auf sich gehabt habe – sie sprach in ihrer verschlossenen Weise selten genug von ihrer Familie, und Jakob Urich war kein sinniger Mann, der sich viel um die Vergangenheit seiner Freundin gekümmert hätte. Nun aber zeigte er, vielleicht in leichter Reue über die kühle Ablehnung vom vorhergehenden Abend, ein herzliches Interesse. »Donnerwetter«, lachte er gemütlich, »dieser Bruder scheint ja nach den Schilderungen von Dr. Schöler ein reicher Mann geworden –: Viehherden, Pferdezucht – Reis-, Mais-, Hanffelder – Kokosnuß- und Kaffeeplantagen und Dutzende von schwarzen Sklaven – das lasse ich mir gefallen! Und schreibt nicht einmal einen Brief an sein Schwesterlein. Scheint wenig Gemüt zu haben!« »Sie müssen ihm das nicht übelnehmen«, sagte Dr. Schöler nachdenklich. »Die Leute dort drüben verlieren allmählich die Brücke aus den Augen, die nach der Heimat zurückführt. Das Leben ist so entsagungsvoll, die Arbeit voller Kampf und Gefahren – keinen Tag sind sie sicher, ob sie morgen noch leben – ob nicht ein Fieber, ein Schlangenbiß – ein rachsüchtiger Schwarzer sie umbringt. Sie fühlen, wie unmöglich es für die Verwandten daheim ist, sich ein Bild ihrer Lage und den so fremdartigen Verhältnissen zu machen. Ist der Faden einmal abgerissen, läßt er sich nur schwer wieder knüpfen.« »Sie wollen wohl auch das Heimweh nicht wecken«, sagte Irmgard, und der Afrikaner blickte sie freundlich an. »Gewiß – auch das! Hätte ich geahnt, wie nahe dem guten Glenn das junge Mädchen auf der kleinen Photographie stehe – und daß ich so bald nach Europa zurückkehren würde, hätte ich ihn selbstverständlich gefragt, ob er eine Botschaft auszurichten habe, oder ob ich ein Geschenk mitnehmen dürfe. Aber ich wußte selbst von mir und meinen Gefährten nicht, wie unsere Wege laufen würden. – Außerdem – nun ja –, es ist drüben Beinahe ein heimliches Gesetz, diese versprengten Landsleute niemals nach ihrem vergangenen Dasein zu fragen. – Diese Einsamen sind die wahren Heroen unserer Zeit. Es gehören ungeheure Überwinderkräfte dazu, solch ein Leben zu gestalten und ein Mann zu bleiben, wie dieser Erich Glenn geworden ist.« Jakob Urich fing mit Begierde den eigentümlichen Ausdruck auf, der bei den letzten Worten über das kühne junge Antlitz Schölers ging, während er Irmgard verehrungsvoll und zugleich mitleidig anblickte. »Jedenfalls werden wir nun mal unsern Lockruf ertönen lassen, den Wildling einzufangen, nicht wahr?« meinte Professor Urich. * Irmgard besaß nun Erichs Adresse. Sie schrieb ihm zwei Briefe und zerriß sie wieder. Sie fand den Ton nicht mehr; zu lange Zeit – zu viel Gelebtes und Erduldetes lag zwischen ihnen. Was sollte sie ihm von sich sagen? Sie begriff tief und klar, daß auch er keine Nachricht von sich zu geben vermochte, obschon jenes dunkle und blutige Ereignis, das ihn fortgetrieben hatte, längst verjährt war. Sie nahm sein Bild aus ihrer Mappe, das Bild eines kecken jungen Seemanns mit aufgedrehtem Schnurrbärtchen über dem üppigen Munde, mit den ein wenig kokett blickenden schönen Augen, und betrachtet es lange und traurig. Ein Grauhaariger, Fieberverzehrter war er geworden – ein langer, hagerer Engländer mit gemessenen Bewegungen. – Sie schüttelte den Kopf, während die Tränen über ihre Wangen flossen. Und sie schob das Bild wieder an seinen verborgenen Platz. Während der nun folgenden Monate trat die äußere und innere Veränderung in Irmgards Leben ein, die immer als etwas Unausdenkbares vor ihr gedroht hatte. Sie mußte den Kampf bestehen, der ihre stärksten Herzwurzeln zu zerreißen drohte. Und der ferne Bruder wurde ihr zum unwahrscheinlich drohenden, gespenstigen Schrecken. XV Jenem Abend, an dem Jakob Urich so hingegeben glücklich mit der jungen Lydia getanzt hatte, waren Wochen unbändiger dualen für Irmgard gefolgt. Es gab keinen Tag mehr, an dem der Freund ihr nicht Dornen ins Herz stieß. Ahnungslos? Oder um sie zum endgültigen Verzicht vorzubereiten? – Männer werden sehr grausam, wenn ihre Flammen verglüht sind und die früher Geliebte ihnen im Weg zu einem neu ersehnten Ziel steht Irmgard wußte, daß Jakob Urich, der von vielen Frauen Begehrte, ihr nicht immer treu geblieben war. Das lag nicht in seiner Natur. Das schöne Modell – die eitle Salondame, die mit ihrer Eroberung zu prahlen wünschte, eine Bühnenkünstlerin, der raffinierte Laster nachgesagt wurden – manche hatten ihn schwach oder eroberungslustig gesehen. Ging Urich allein auf Studienreisen, so wußte Irmgard schon Bescheid. Besaß sie ein Recht aus seinen ungeteilten Besitz? Sie verlor selten und nur in leichtem Spott ein Wort über solche Abenteuer. Dergleichen war ihm eben notwendig zwischen seiner Arbeit wie andere Luxusgenüsse. Kam er nach kurzer oder längerer Zeit zu ihr zurück, dankte er für ihre Diskretion mit zarten, lieben Aufmerksamkeiten, mit einer beinahe demütigen Hingabe, die ihm nicht alltäglich war. Sie blieb die Gefährtin seines besten Lebens: seiner Kunst, seines Heims, seines Kindes. Irmgard verstand: diesmal ging es nicht um eine Eroberung oder Verführung. Aus entschwundener Vergangenheit spannen sich Fäden zu neuer Zukunft. Der blühende Bacchantinnenkörper, die wilde Anmut der Ringellocken, der fordernde Glanz der dunklen Kirschenaugen, der Übermut eines lebendigen Temperamentes weckte in dem alternden Manne Träume erster Jugendwonnen. Irmgard hatte stets gewußt: sie besaß nur eine Feindin in Jakobs Herzen: die ferne Frau in dem Hause der kranken Geister. Hatte eine von Jakobs jähen Untreuen die Unglückliche in Verwirrung gestürzt, zu einer Zeit, da ihre Nerven durch die Geburt des Kindes sich in einem besonders erregbaren Zustand befanden? Irmgard hatte es nie erfahren, doch die Gräfin Schlodern hatte einmal etwas Derartiges angedeutet. Rächte sich die Tote nun für ihr zerstörtes Dasein? Wurde sie lebendig im verwandten Blut und Geschlecht – holte sich vampirhaft, in geheimnisvoll magischer Macht den Mann zurück in ihre Kreise? Liebte Lydia den Onkel? Irmgard bezweifelte es. Sie flirtete, tanzte, lachte mit jedem, der ihr huldigte. Und Jakob Urich litt – litt bis zur Erschütterung seiner gewaltigen physischen Kraft. Er wurde bleich, schlaflos, hohläugig. Irmgard sah alles – sie kannte jeden Zug in dem bedeutenden Antlitz, das zuweilen mit dem Ausdruck bittenden Flehens auf sie gerichtet war. Jakob kam ihr vor wie ein krankes edles Tier im Käfig seiner Leidenschaft. Mitleid schlich sich in ihre Empfindung, in ihren Kummer. Irmgard fragte sich oft, ob Mitleid die Kraft habe, Liebe langsam zu vergiften, bis sie nur noch eine welke, sterbende Pflanze war. Ihr Stolz lehnte es ab, sich mit dem jungen Geschöpf in einen Kampf einzulassen. Ich liebe den Mann ja nicht mehr – fühlte sie, darum verlor ich die Gewalt über ihn. Und sie verachtete sich um der Mattheit ihrer Seele, ihres Leibes willen. Zuletzt blieb nur das Verlangen, den schweigend hinuntergewürgten Qualen ein Ende zu machen. Während Jakob im Sommer in Carlys Begleitung auf dem Gut der österreichischen Verwandten weilte und nur noch selten eine Nachricht, ein kurzer Kartengruß oder ein Brief mit geschäftlichen Anweisungen zu ihr kam, verließ sie still, unauffällig sein Haus. Eine Bekannte, die nach dem Süden ging, übergab ihr ein gutes Atelier mit angrenzendem Schlafraum. Irmgard schrieb dem Professor, sie sehne sich, ausschließlicher als bisher ihrer Kunst zu leben. Auch werde ihr Bruder doch wohl in absehbarer Zeit nach Deutschland zurückkehren, und da müsse Jakob verstehen, daß sie allen Unklarheiten in ihrem Dasein ein Ende zu machen wünsche. War es Feigheit, Furcht vor Szenen, daß sie die Wahrheit vorsichtig umging? Sie hoffte, Urich würde zwischen den Zeilen zu lesen verstehen. Doch kaum zurückgekehrt, suchte Jakob Irmgard auf. Es gab eine heftige Auseinandersetzung zwischen den beiden Menschen, die acht Jahre hindurch vereint gewesen waren. Nicht ohne Tränen von seiten der Frau, mit überraschenden Zornausbrüchen von dem Manne. Jakob Urich faßte ihr heimliches Verlassen seines Hauses geradezu als einen Verrat an seinem Vertrauen auf. »Ich ging, ehe du mich hassen lehrtest«, sagte sie weinend. Sie treibe ihn zu Entschlüssen, die noch wirr in ihm wogten – die vielleicht noch hätten zurückgedrängt werden können. Das eben habe sie gewollt – ihm den Kampf erleichtern. Und das Kind – Carly? Solle er vor ihr als eitreulos Schuldiger dastehen? Die Erklärung, daß sie jetzt zwischen ihm und dem Bruder habe wählen müssen –und den Bruder gewählt habe, werde sie gut verstehen. Ein scharfer Blick durch die Brillengläser traf die blasse Frau. In dem Manne zuckte Eifersucht auf. Es sei der Bruder, der zwischen ihnen stehe – viel mehr als eine Leidenschaft von ihm, die sie ins Maßlose übertreibe – die vergehen würde ... Sie hob die vom Weinen schweren Lieder. Blickte ihn groß und tief an. »Jakob – ich kenne dich doch ...« So erschütternd innig war der Schmerz in ihrer Stimme, daß er plötzlich auf die Knie vor ihr fiel, ihre Hüften umklammerte, den großen roten Kopf in die Falten ihres Kleides wühlte. »Ich kann dich nicht entbehren – ich muß euch beide haben!« Ein Lächeln voller Weh verzog ihr den Mund, sie strich ihm liebkosend mit den weißen Fingern durch das brennende Haar, das immer eine heiße Lust in ihr geweckt hatte. »Später – viel später einmal können wir wohl Freunde werden«, sagte sie leise, glaubenlos, mit einer Entsagung, die weit in die Zukunft ging. »Jetzt mußt du nur frei sein – und ich auch«, fügte sie hinzu. Er war aufgestanden, ging erregt mit starken Schritten in dem großen Raum umher. »Es ist doch der Bruder, der dich von mir treibt«, knurrte er wie ein großes gereiztes, böses Tier. »Glaubst du etwa, ich hätte nie gefühlt, wie dein Herz immer an ihm hing – diesem überseeischen Wilden –, mit dem du doch nie eine geistige Gemeinschaft haben kannst ...« »Blutgemeinschaft ist stärker«, murmelte sie bestürzt. Ein sonderbarer Laut, der wie »Ha!« klang, kam aus Jakobs Kehle. Er riß die Widerstrebende an sich mit der unbändigen Manneskraft, die in den Augenblicken der Leidenschaft von ihm ausging, küßte ihren Mund, ihre Wangen, Augen und Hals mit zahllosen Küssen. »Sei noch einmal mein«, flüsterte er an ihrem Ohr. »Laß mich – laß mich«, flehte sie schluchzend, seine Küsse erwidernd und sich von ihm losringend. »Ich hasse den Kerl«, stöhnte er. »Irmgard – –« sein Auge sah von ihr fort, starrte ins Unbekannte. »Liebe Irmgard, mir bangt vor der Zukunft. Glaube mir das. Wie soll ich diesem dionysischen jungen Geschöpf Genüge tun?« »Du besitzest unerschöpfliche Jugend«, antwortete sie mit Überzeugungskraft. »Meinst du?« Der große Künstler nahm die Brille ab, erschien hilflos – tief beunruhigt. »Denkst du, daß – daß ich wagen darf, um Lydia zu werben? Sage mir die Wahrheit.« »Ich glaube, du darfst es, sie wird gewiß nicht nein sagen.« »Stelle ich mir vor, sie würde einem anderen gehören – morden müßte ich ihn.« Irmgard hob die Arme, machte eine entsetzt abwehrende Bewegung. »Du wirst sie gewinnen«, murmelte sie in Todesmüdigkeit. »Geh jetzt, Jakob.« Er sah das Versagen ihrer Kraft, nahm ihre beiden Hände, küßte sie ehrfurchtsvoll und sagte ernst: »Du bist eine große Frau, Irmgard. Ich danke dir. Ich danke dir von ganzem Herzen.« * Irmgard hatte ehrlich geglaubt, daß auch ihre Liebe zu Jakob Urich durch die Zeit und manche enttäuschende Erfahrung abgeblüht sei, wie Blumen im Herbst verblühen. Mit jener Rücksichtslosigkeit, mit der sie ihre eigenen Gefühle behandelte, sagte sie sich, es sei nur ihr Stolz, der leide, ihre weibliche Eitelkeit schmerze es, daß sie sehen mußte, wie der große Mann und Meister von dieser Jugend – die nichts geben konnte als eben Jugend – in Schauer der Qual und Wonne und eines nur mühsam gebändigten Begehrens gerissen wurde. Sie hatte an ein ernstes, ihrer Arbeit hingegebenes, im Grunde befriedigtes Dasein gedacht. Den leisen Schmerz, der zurückbleiben würde – ihn getraute sie sich mutig zu tragen. War er nicht immer in ihr gewesen, mit ihr gegangen bis in die Augenblicke höchster körperlicher Lust – seit jener fernen Nacht in Paris, als Jakob im Traum an ihrer Brust den Namen seines kranken Weibes zärtlich geflüstert hatte? Lydia ... Plötzlich hob die Leidenschaft wieder ihr Haupt – sah sie an mit verzehrenden Augen, berührte sie mit züngelnder gespaltener Zunge, griff nach ihrem Fleisch, biß hinein mit den Giftzähnen. Irmgard sah sie in visionärem Entrücktsein als etwas wirklich Seiendes, von außen sich an sie herandrängend, ein Geistgeschöpf von schauerlicher Schönheit, aus grünlichem Sumpf hob sie sich tückisch, reckte empor den Schillerleib, mit gelben Lichtern auf grauer und bläulicher Bronze – – sie sah ihren saugenden, verlangenden Blick, der mitten durch ihre Seele ging. O grausam – grausam der Mann, der sie nicht von sich lassen konnte, ohne ihr noch einmal mit seinen Küssen die Erinnerung an alle Stunden der Lust, die sie vereinte, zu wecken. – Der das Gefühl mit sich nehmen mußte in die Freiheit zur andern: das Weib, das ich besaß, wird sich winden in Sehnsucht nach mir. Und sie schluchzte und rang Nächte hindurch mit dem Trieb, den sie abgestorben gewähnt hatte. Sie sah die prachtvolle geniale Stirn unter dem brandroten Haar, spürte den starken Tierduft des Mannes, Worte kamen ihr zurück, die er gesprochen, die ihr Erleuchtungen unvergänglicher Art gegeben hatten. Und sie reckte die Arme nach Jakob Urich – hielt ihre armen heißen Lippen geöffnet nach seinen Küssen in das leere Dunkel. Sie, die immer klar über sich gewesen, wußte nicht mehr Bescheid in sich. Gegensätzlichstes wogte ineinander, Melodien trunkener Gefühle wechselten mit trauriger Kälte und grauer Dumpfheit, einem inneren Schlaf, der geistigem Tode glich. Sie sah keinen Menschen – ging nur im Finstern auf die Straße, erledigte das Alltägliche mit völliger Gleichgültigkeit. Stundenlang konnte sie auf einem Stuhle sitzen oder auf dem Diwan liegen und in die Luft starren. Warum schrieb sie nicht an Erich? – – – Wozu? fragte sie sich hoffnungslos. Er besaß die Mittel zur Reise und war nicht gekommen. Seine Schuld, seine militärische Pflicht, alles war verjährt in diesen fünfzehn Jahren – er hatte nicht an die Rückkehr gedacht. – Warum sollte sie sich demütigen und ihn rufen? Er mochte wohl ein Weib haben und Kinder, die ihn fesselten – sie begehrte nicht danach, es zu wissen. Die Auskunft des Dr. Schöler hatte hinterhältig geklungen. Mochte der Bruder weiter sein eigenes Leben führen – warum sollte sie ihn aufstören? Nur nicht an Schicksale rühren, sie mit dem Willen lenken wollen, die sich aus sich selbst folgerichtig aufgebaut hatten. Jakob Urich sprach wahr: keine Geistgemeinschaft verband sie mehr mit dem Bruder – und Blutsgemeinschaft, ach – das war wohl nur eine Illusion der Erinnerung. Was sollte ihr Erichs Gegenwart, flüsterte im Dunkel des Unbewußten eine Stimme, solange sie noch gierig um Jakob kämpfte? Nein – sie wollte ihn nicht in ihrer Nähe haben – ihm nicht in die Augen sehen. * Es war an einem Morgen des frühen Herbstes, der sich in keiner Hinsicht von vielen seiner Geschwister unterschied, als Irmgard erwachte, nach einem Schlaf, wie sie ihn so tief und erquickend lange nicht genossen hatte. Mit noch geschlossenen Augen lag sie zwischen der Bewußtlosigkeit der Nacht und dem Leben des Tages. – Schwebend in einem Zustand von unbestimmter, grenzenloser Erwartung, wagte sie nicht, Hand noch Fuß zu rühren, nicht den Kopf zu wenden, aus Furcht, das Nahende zu verscheuchen. Hingegeben einer bangen Seligkeit, die aus vergangenen Mädchenzeiten ihr vertraut war, beobachtete sie, gleichsam gespalten in zwei Wesen, wie sich in ihrem Innern das künstlerische Bild formte, wie aus wallenden Gefühlen von wunderbarer Stärke die Farben quollen. Die Harmonie des Braun und Grau und eines leichten blauen Hauchs gegen das harte giftig-schwellende Grün der verfilzten fetten Sumpfpflanzen, die das trübe Gewässer umgaben, auf dem sich der Leib der Viper lang und schmal zur Höhe reckt, mit einer sonderbar eleganten Biegung das kleine goldene Köpfchen zum Beschauer wendend: die Schlange Leidenschaft. Losgelöst aus ihr selbst, für sich seiend – ein Gebilde, dem sie, Irmgard Glenn, zum Leben verhelfen mußte, wenn sie nicht an seinem Gift sterben sollte. Aus dem Ringen mit dem Tode wurde ein Ringen um das Leben ihrer Seele. Sie lag, hingegeben in frommer Andacht dem in ihr Werdenden. Wollte nichts sonst in der weiten, reichen Welt. Gut war es, allein zu sein – nicht die starke Natur neben sich zu spüren, die, wuchtiger als die ihre, mit Frage, Anteilnahme, Kritik eingriff in den Vorgang zartester Empfängnis. O Einsamkeit, schmerzvolles Glück – herbster Genuß, Erfüllung tiefsten Bedürfnisses – überwölkt vom Weh der Sehnsucht, die da schaffend wird. – – – Vor der aufgespannten Leinwand stand Irmgard Glenn und wagte keinen Strich zu tun. Jene Naivität des ungekonnten, unbewußten Arbeitens ihrer Jugend war zerstört. Und wieder mußte sie warten. Begann Schlangen hinter den Glaswänden des Aquariums zu studieren. Junge, alte – Schlangen aus Indien und aus Afrika – aus Ägypten, und aus den deutschen Torfmooren die feine, grazile Kreuzotter. Wurde immer zaghafter, weil sie zwischen der Impression der Wirklichkeit und der Erscheinung des Phantasiebildes mitteninne stand. Ihr Herr und Meister hatte sie streng zu der Darstellung der gebrochenen hellen Licht- und Lufttöne geführt, sie hatte gelernt, mit seinen Augen die Natur zu sehen – und nur aus der Wirklichkeit die Kunst herauszuholen. Nun mußte sie den Mann in sich überwinden, zu den verborgensten Quellen ihrer eigenen erkennenden Weiblichkeit hinabtauchen. Mit dem gewonnenen Können die Wirklichkeit von sich fortschieben, die mystische Romantik ihres eigenen Gefühls im Bilde formen. Mit der Helle der Erkenntnis, die sich in ihr so eigentümlich dem inneren Schauen verband, sah sie alle Gefahr des Weges, den sie beschreiten mußte. Endete dieses Neue im Dilettantismus, war es der letzte Versuch zum lebendigen Sein. Sie war todesbereit. Diesem Kampf waren Irmgards Herbst- und Wintermonate geweiht. Zahllose Leichen ungenügender Versuche bedeckten den Boden ihres Studios, und sie trat die verfehlten Blätter mit Füßen. Tagelang nahm sie keine Nahrung als eine Frucht, ein Stück Brot oder Schokolade, was ihr zur Hand lag. Oder sie lief durch den Regen, den Nebel, den ersten Schnee in den Kiefernwald. Und wieder saß sie, ohne zu zeichnen, vor den Glasscheiben der Aquarien, hinter denen es sich in den erwärmten Gewölben, unter künstlichem Licht aus dem Sande hervorbewegte, nach der Besucherin züngelte. Und Irmgard versuchte den Blick des Tieres zu fangen, sobald es den Kopf hob – versuchte, es mit dem eignen Auge zu bannen. – Oder sie ließ alle Studien sein. Aquarellierte nach Medusen und Fischen, Linien, Farben – wie es ihr die Laune eingab. Das wurde gut – sie hatte ja viel gelernt an Jakob Urichs Seite – sie konnte sich mit diesen Sachen sehen lassen. Doch: es war nicht, was sie wollte ... Und zuletzt sank sie für länger als eine Woche ganz in sich selbst zusammen – litt nur – litt – hoffte nicht mehr, rang mit Kräften des Schmerzes, die sie zerrissen – und nun kam es – kam die Erleuchtung. – Binnen weiteren zwei Wochen hatte sie das Bild vollendet. Nannte es weder Leidenschaft – noch Schuld oder Sünde. Nannte das Bild einfach »Die Schlange«: nach dem Tier, das im Schatten des fetten Urwaldgrüns aus dem schillernden Wasser aufstieg, mit der nachlässig-eleganten Bewegung dem Beschauer seinen kleinen Kopf zuwendete, ihn anblickte. Was sie gelitten, sie allein, Irmgard Glenn, sprach aus dem Auge des Reptils. Ob ein anderer Mensch das sah, fühlte, nachspürte, war gleichgültig. Sie hatte sich erlöst. Nun wurde sie froh, tätig, in heiterer Zuversicht. Jetzt schrieb sie ohne weiteres Nachdenken dem Bruder einen sachlich-klaren Brief. Und wartete seiner Antwort, doch ohne Ungeduld. Weil Jakob Urich eine führende Macht in dem Berliner Ausstellungswesen besaß, sandte sie das Bild nach Hamburg. Sie wollte alles Persönliche an Protektion oder Feindschaft vermeiden. Der Leiter der Hamburger Kunsthalle kaufte »Die Schlange« für die staatliche Sammlung. Man wußte, wie streng das Urteil dieses Mannes, wie tief sein Wissen um das Wesentliche in der Kunst war. Sein Privatbrief sprach Irmgard aus, sie sei zurückgekehrt zu den ersten Versuchen ihrer so persönlichen Kunst – die er vor Jahren mit starkem Interesse kennengelernt habe. Nun sei die höhere Stufe erreicht: aus unbewußtem Tasten zur Meisterschaft seelischer Darstellung. Irmgard war tief beglückt. Sie stellte in der zur Zeit am meisten beachteten Kunsthandlung in Berlin ihre übrigen Bilder und Studien aus: seltsame farbige Fische, Quallen, phantastische Meergewächse. Die Kritik, günstig beeinflußt von dem Ankauf der »Schlange« durch den Hamburger Direktor, feierte ihre Leistung in Tönen der Begeisterung. Einzelne spotteten, um, wie sie hofften, Urich zu gefallen. Es war in Berliner Kunstkreisen bekanntgeworden, daß ein Bruch zwischen Urich und Irmgard stattgefunden habe, und man redete viel von einer bevorstehenden Heirat des Professors mit seiner schönen jungen Nichte. Der Kunsthändler erzählte jedem, der es hören wollte, Professor Urich habe am frühen Morgen, ehe die Säle für das Publikum geöffnet waren, wohl eine Stunde lang vor den Bildern seiner früheren Schülerin geweilt. Diese Tatsache, die man nicht zu deuten wußte und die deshalb interessant war, schuf die kleine Ausstellung zur Sensation. Das unbegreifliche, mystische Leben, die bezaubernden Farben dieser stillen Naturwesen wirkte auf manche der feinnervigen, überkultivierten Frauen wie ein Rausch. Sie drangen mit der Zähigkeit des Willens, die diesen zarten Großstadtgeschöpfen innewohnt, bis in das stille, verborgene Atelier der Malerin. Sie wollten nebenbei eine Gebrochene trösten. Eine noch immer schöne Frau von stolzer Haltung mit klaren Augen trat ihnen entgegen, sie mit freundlicher, doch kühler Sicherheit begrüßend. Auch diese Überraschung war eigenartig und steigerte die Schwärmerei, von der Irmgard sich plötzlich eingehüllt fühlte. Die Ausstellung war noch nicht geschlossen, und schon war die größere Hälfte der Studien verkauft. Der Erfolg erfüllte Irmgard mit Genugtuung, obschon es ihr schwer fiel, sich von den Arbeiten zu trennen, die aus ihren Leiden entstanden waren. Sie mietete ein benachbartes Atelier, um einige von den Schülerinnen aufzunehmen, die ihren Unterricht begehrten. Sie mußte sich eine Existenz gründen und wußte gut genug, daß die Gunst des Publikums schnell wechselt, schon morgen sich einem neuen Stern zuwenden könne. Im Hintergrunde stand bei allem, was sie dachte, tat, unternahm, die Frage: War ihr Brief zu Erich gedrungen? Würde er ihren unausgesprochenen Ruf fühlen? Würde er kommen? Anfang Juli hielt sie sein Telegramm aus Lissabon in den Händen. XVI Im Café an der Alster saß ein Herr in einem grauen Anzug von gediegenem Stoff, weit und bequem gearbeitet, wie es zu der lässigen Vornehmheit seiner hageren Figur zu gehören schien. Sein männliches Gesicht war tief gebräunt, das noch volle Haar gab in seinem hellen Aschgrau dazu einen auffallenden und merkwürdigen Farbeneffekt. Die Nase sprang bedeutend hervor, die Augen lagen tief in schattigen Höhlen, der Augapfel war gelb getönt, über dem Blau der Iris lag ein trüber Schleier, wie die Malaria ihn zurückläßt. Der kurz gehaltene graue Schnurrbart über dem großgeschnittenen Munde, die Ruhe und Sicherheit seiner Bewegungen deuteten dem flüchtigen Beobachter auf einen Engländer. Doch nähert sich der hanseatische Typ ohnehin dem angelsächsischen, und so bot denn dieser Gast zugleich das Bild eines überseeischen Kaufmanns der Wasserkante. Der Herr saß vor einer Tasse Mokka und rauchte behaglich eine schwere Zigarre, während seine Blicke gelassen interessiert das lebendige Treiben in dem Lokal beobachteten. Allmählich stahl sich ein Zug von Unsicherheit in das kräftige Gesicht und verlieh ihm einen Ausdruck von beunruhigter Kindlichkeit. Am Nebentisch saß eine Gruppe junger Leute, deren Stand und Beruf ihm durchaus nicht bestimmbar erschien. Alle besaßen sie intelligente, geistig belebte Gesichter, ihre Unterhaltung war von überraschender Bildhaftigkeit, von Witz und Humor durchfunkelt, ihr Äußeres unterschied sich nicht von dem guter Bürgerssöhne, einige zwischen ihnen waren eher dürftig gekleidet. Der Fremde beugte sich hinüber und bat den zunächst Sitzenden um die vor ihm liegende Zeitung – es war ersichtlich: er suchte eine Anknüpfung. Die jungen Leute warteten mit einer gewissen Spannung auf eine weitere Frage, denn das Aussehen und Gebaren des Mannes waren von einer Art, die es Jüngeren als Ehre erscheinen ließ, von ihm angeredet zu werden, man hatte in dem Kreise bereits einige leise Bemerkungen über seine ungewöhnliche und anziehende Erscheinung getauscht. Doch verging eine kleine Weile, in der er die geeignete Form oder die richtigen Worte zu suchen schien. Dann fragte er nur, ob die Herren ihm wohl sagen könnten, was es Neues und Interessantes in Hamburg zu sehen gäbe. Er habe nicht viel Zeit zu verlieren und wolle sich doch gern orientieren. Es scheine ihm, als ob in den letzten fünfzehn Jahren in Deutschland bedeutende Veränderungen vor sich gegangen seien. Das wurde lebhaft bejaht. »Fünfzehn Jahre – Donnerwetter – ein Viertel Lebensalter«, rief einer. »In den Tropen wohl mehr als ein halbes«, meinte der Mann mit melancholischem Lächeln. Die jungen Leute erklärten sich als Künstler und berichteten dem Überseer von diesem und jenem neu entstandenen Bauwerk, von den erweiterten Hafenanlagen, doch es fand sich, daß er dies alles schon gesehen habe. Darauf glitten sie schnell in ihre eigenste Sphäre zurück und fragten ihn treuherzig: für Kunst interessiere er sich wohl nicht? Worauf er ausweichend erwiderte: »Oh, warum denn nicht?« Freilich müsse er zugeben, daß er wenig davon verstehe. Sie fielen sich gegenseitig eifrig ins Wort, indem sie von dem neu erwachten Kunstleben der mächtig aufblühenden Handelsstadt sprachen, die durch Ankäufe des Kunsthallenleiters, einer fortgeschrittenen einsichtsvollen Persönlichkeit, mutig gefördert werde. Zur Zeit errege der Erwerb eines Bildes von einem ersten deutschen Maler lebhaften Widerspruch im Publikum. Die Künstler seien einig in der Bewunderung der Qualitäten des Bildes, einer prachtvollen nackten weiblichen Figur, die prüden Hamburger aber stießen sich an der Naturalistik der Darstellung. Man habe sogar die Polizei zu Hilfe gerufen – was natürlich den Banausen nichts nützen werde. Dazu stehe der Rang Jakob Urichs als Künstler zu hoch. Sogleich entbrannte unter der jungen Künstlerschar wieder der Kampf der Meinungen. Der Überseer hörte schweigend zu. Er verstand nicht die Hälfte von dem, was die jungen Knaben redeten, doch erheiterte ihn ihr Feuereifer, und er beschloß, sich das Bild jedenfalls anzusehen. »Es soll ja nach der Glenn gemalt sein?« fragte ein junges Bürschchen mit lüsternem kleinen Lachen. »Ein verteufelt schönes Frauenzimmer. Aber eigentlich doch stark.« »Jakob Urich malt ja seit Jahren nur seine Geliebte«, sagte ein anderer, »das ist doch weltbekannt. Sie soll verrückt eifersüchtig sein, ihm kein anderes Modell erlauben.« »Dasselbe behauptet man von Böcklins Gattin – eine alte Künstlerlegende«, warf ein Dritter ins Gespräch. »Ich kenne Irmgard Glenn nicht persönlich – aber – ich weiß nicht – ihren Bildern nach stelle ich sie mir ganz anders vor als diese üppige Dame in der Kunsthalle. Habe eben in Berlin die ›Fische‹ und die ›Meerblumen‹ von ihr gesehen bei Cassirer. Das alles ist so merkwürdig seelisch aufgefaßt ...« Der ältere Mann schüttelte den Kopf. »Ein merkwürdiges Wesen auf jeden Fall, diese Irmgard Glenn.« »Wie finden Sie die ›Schlange‹, Meister?« fragte das junge Bürschchen. »Hervorragend. Ein Gewinn für die Kunsthalle.« »Nicht wahr – das behaupte ich auch«, schrie einer der jungen Leute. »Diese grüne Dämmerung – der Schimmer über dem Wassertümpel, aus dem sich der bronzebraune Leib des Reptils emporreckt – fein – fein in der Farbe – und der Ausdruck im Auge – das Überweltliche – doll – einfach doll!« »Sie war nicht umsonst die Schülerin von Jakob Urich. Solche Frau steht über dem Gewöhnlichen, die mag sich meinetwegen hundertmal als Akt malen lassen.« »Sie übertreiben, mein Lieber, bisher waren ihre Bilder auch nicht mehr wert als die von andern Malweibern.« »Sie galt schon vor Jahren für eine Sensation, beinahe für so etwas wie ein visionäres Genie.« »Das sich nicht bewährt hat.« »Mag sein – aber diese letzten Sachen – na – seien wir ehrlich – keiner von uns könnte dergleichen auch nur entfernt leisten!« Stürmischer Widerspruch erscholl, lauter Stimmenstreit wogte heftig hin und her. Der Überseer war aufgestanden und fortgegangen. Man bemerkte sein Verschwinden erst später. Er stand an dem silbernen Wasser in der hellen Sommersonne, in seinem schweren Mantel frostschaudernd, daß ihm die Glieder klapperten. Zwischen seinen Brauen hatte sich eine dicke Falte gebildet, sein starkes Gesicht war zerrissen von anderen Falten eines gewaltsam gebändigten Zornes. Unter seiner gebräunten Haut war das Blut gewichen, sonderbar fahl und krank erschien er dadurch. Ein heftiges Zittern hielt seine Züge in krampfhafter Bewegung. So stand er und stierte ins Wasser: Scharen von Möwen, ein schreiendes weißgraues Gewölk umflatterte ihn. Plötzlich sah er Irmgard an derselben Stelle, fühlte die keusche Anmut der kleinen zarten Gestalt zwischen den Vögeln. Ein rasender Schmerz faßte ihn. Er riß den auf die Brust gesunkenen Kopf empor, die große Faust umklammerte den Knauf seines Stockes, den er hob und auf das eiserne Geländer einer Landungsbrücke niedersausen ließ mit solcher Gewalt, daß das Holz in Stücke brach. Ein vorübergehendes junges Mädchen sah sich erschrocken um, und als sie das zerstörte, zuckende Gesicht des Mannes erblickte, beschleunigte sie ihren Schritt, ja, sie begann zu laufen, um möglichst schnell aus der Nähe des Unheimlichen zu kommen. Er hielt das obere Ende des zersplitterten Stockes in der Hand und blickte gedankenlos darauf nieder. Man hätte das Herz unter der Weste schlagen sehen können, so unmäßig hämmerte es in der breiten Brust. Mühsam nach Atem ringend, ging der Mann auf eine der am Ufer stehenden Bänke zu und setzte sich schwerfällig. Lange blieb er dort mit gesenktem Kopf, den er wie in einem nicht endenden Erstaunen zuweilen mit einem leisen Schütteln bewegte. Endlich zog er einen Brief aus der Brusttasche, entfaltete ihn und begann zu lesen, langsam, als müsse jedes Wort einen geheimen Sinn verbergen. Und doch hatte er diesen Brief schon viele Male gelesen, seit das Schreiben vor mehr als einem halben Jahr bei ihm in dem niedern weißen Haus mit dem Wellblechdach im Innern von Afrika eingetroffen war. Seine Leute hatten ihn mit dem Segelboot aus der Hafenstadt vom Konsul, an den er adressiert war, zu ihm gebracht. Die Schwester teilte ihm mit, die Mutter sei gestorben; sie selbst habe seinen Aufenthalt durch Dr. Schöler erfahren und einen Detektiv beauftragt, nach dem Verbleib von Fred Olarsen zu forschen. Er sei damals von seinen Verwundungen geheilt worden und noch lange als Kapitän auf der »Barbara« gefahren, bis er am Ende in einem Sturm verunglückte. Seine Witwe lebe mit zwei Söhnen in dem Landhause der Mutter in Blankenese. Pekuniär solle es ihr nicht zum besten gehen. Da inzwischen auch die militärische Angelegenheit verjährt sei, bestehe kein Hindernis mehr gegen seine Rückkehr nach Deutschland. Sie selbst, fügte sie kurz hinzu, lebe als Malerin in Berlin, habe gute Erfolge, so daß sie sich ausreichend ernähren könne. Sonderbar fremd mutete Erich dieser Brief an. Irmgard mußte sich sehr verändert haben, um in dieser Weise zu schreiben. Kein Vorwurf – keine sentimentalen Klagen über sein Verschwinden, sein langes Schweigen, keine Zärtlichkeitsbeteuerungen. Nicht einmal eine Bitte, er möge doch nun endlich wiederkehren. Auch die Handschrift hatte sich verändert, die Buchstaben waren größer und fester, gleichsam kühner geworden. Und doch, als er die bekannten kleinen Züge in ihnen wiederfand, als er den Namen »Irmgard« las, hatte er geweint. Und es stand gleich bei ihm fest, er müsse heim – und Heimat war für ihn doch nur bei ihr, bei der Schwester. Dieses Mädchen – nicht mehr jung – nüchtern und klug, wie ein Geschäftsmann schreibend – dieses Mädchen sollte da oben in dem roten Gebäude, an dem er heute morgen vorübergeschlendert war, das man ihm als die Kunsthalle bezeichnet hatte, ohne daß er eine rechte Vorstellung mit dem Begriff verband, in einem öffentlichen Saal ihren nackten Körper dem Publikum zu lüsterner Beschauung und Kritik dargeboten haben? Unmöglich konnte das sein, der Bube mußte gelogen haben ... Warum hatte er ihn nicht auf der Stelle niedergeschlagen wie damals den andern, der ihre Ehre anzutasten wagte ... Ein leeres Lächeln verzog seinen Mund. Wer weiß – vielleicht war der im Recht gewesen damals schon ... Die Geliebte dieses Urich ... Großer Künstler – er spie aus, legte die Hand an die Stirn, drückte mit zwei Fingern die Schläfen, bis ihm dumpf und wirr im Kopfe wurde. Nun sah er alles wieder vor sich, was er fünfzehn Jahre lang zu vergessen bestrebt war. Er hörte die schmutzigen Andeutungen des Kerls, den er einmal seinen Freund genannt hatte, als wäre zwischen ihm, Erich und der Schwester wohl nicht alles so zugegangen, wie es zwischen Geschwistern sein müßte. Und als er ihm, zur Raserei durch diese boshaften Sticheleien getrieben, mit erhobener Faust Schweigen und Zurücknahme seiner Andeutungen gebot, hatte Olarsen gelacht – er hörte noch den hämischen Ton, er sah das blasse höhnische Gesicht vor sich, die spöttisch verzogenen Lippen unter dem Bärtchen, mit denen er die vermaledeiten Worte hervorstieß: Erich solle sich nicht so wild gebärden – er habe das Mädchen doch auch gehabt – damals – auf dem Schiff. Erich solle sich doch erinnern, während er zum Kapitän berufen worden sei, dort auf dem roten Plüschsofa in demselben Raum, in dem sie standen. Weiter war er nicht gekommen. Erichs Faust war auf den Verleumder niedergesaust – einmal, zweimal – dreimal, bis der Feind blutüberströmt zu Boden stürzte und die Matrosen hereinstürmten in den kleinen hellgrünen Salon, wo der furchtbare Auftritt stattfand. Wie ein Rasender hatte er um sich geschlagen. Endlich hatten sie ihn doch überwunden, ihm die Arme auf dem Rücken gebunden und ihn in seine Kabine geschleppt. Dort schloß man ihn ein. Am andern Morgen lief der Schoner einen Hafen an, wo der noch immer bewußtlose Olarsen in das Missionskrankenhaus geschafft wurde. Ihn – Erich – übergab man einem dort stationierten, auf der Rückreise befindlichen deutschen Dampfer, der ihn den heimatlichen Behörden abliefern solle. All das Geschehen, das ihm jahrelang so unwahrscheinlich und gleich einem wilden Traum dünkte, jagte plötzlich wie eine Reihe grell beleuchteter Bilder durch sein Hirn, während der Abend rosig über das graugrüne Wasser der Alster sank, die Menschen sich auf den Dampferstegen drängten, um hinauszufahren in den schönen Sommerabend, während Liebespaare, Arbeiter, elegante Frauen an der Bank vorübereilten, ohne daß er aus seiner Versunkenheit auch nur aufschaute. Er wußte noch: sein einziger Gedanke war »Flucht« gewesen – lieber ertrinken – verhungern – erschlagen oder erschossen werden – nur ihr – ihr – ihr – Irmgard nicht die Schande machen, als Verbrecher, als Totschläger in die Heimat transportiert zu werden. Wie es gelungen war? Er verwunderte sich noch heute, wenn er es bedachte. Der Matrose, der ihm sein Essen brachte, hatte ihn losgebunden, Erich bot ihm alles, was er an Geld besaß. Das hatte man ihm gelassen, wie man ihn überhaupt mit Schonung behandelte, weil man ja noch nicht wußte, ob er nicht in Notwehr gehandelt habe – solche Seemannsstreitigkeiten waren nicht so leicht zu überschauen. Der Mann ließ ihn hinaus bei der Nacht, und er schlich zum Achterdeck hinauf, verbarg sich vor der Wache im Schatten des Schornsteins. Er sah die nahe afrikanische Küste, an der sie entlang fuhren, im gelben Sande dämmern – hörte die Schiffsschrauben das Wasser zu weißem Schaum peitschen – berechnete ihre Umdrehungen, und in einem Augenblick, der ihm geeignet schien, schwang er sich über die Reling in das kohlschwarze Wasser hinab. Einen Ruf der Wache hörte er noch, ein Schuß tönte hinter ihm, dann trugen ihn seine starken Arme durch finstere Wellen, und er schwamm um sein Leben, wie er schon einmal geschwommen als junger unschuldiger Bub. Das war vollbracht – er war frei. Was folgte, schien endlos, furchtbar: Hunger und rasende Arbeit zwischen schwitzenden Negern im Hafen von Aden; unter dem berußten Gesicht hätte kaum einer den Weißen erkannt. Und die Wanderung landeinwärts mit arabischen Karawanen. Hunger – Durst – Fieber – wieder Hunger, allmähliches Heraufarbeiten bis zum Zwischenhändler in Tabak und Kokosnüssen, als weißer Sklave eines skrupellosen Betrügers – bis endlich das Glück zu ihm kam und er sein erstes Stück Land erwerben konnte – zwischen den Wilden – in gottverlassener Einsamkeit, an dem Flusse, der aus dem weiten See breit und gewaltig dem Meer entgegenströmte ... »Nun kann ich ja wieder heimfahren«, sagte er laut und erhob sich, taumelnd in jähem Schwindel. – Schwerfällig ging er zum nächsten Schiffahrtsbüro. Es war schon geschlossen. Und weiter ging Erich Glenn, planlos durch die Straßen von Hamburg, von denen er einige erkannte, von denen andere ihm fremd geworden waren. Er geriet endlich nach St. Pauli und in ein Tanzlokal. Dort saß er vor einer Flasche Wein, starrte blöde in das Gewühl der tanzenden Matrosen, der kreischenden Dirnen. – Langsam löste sich seine Wut in eine tiefe Traurigkeit. Heimlich rieb er sich aufsteigende Tränen aus den Augenwinkeln. Bei der Rückkehr in sein Hotel kam er an einer Apotheke vorüber. Er zog die Nachtglocke, forderte ein starkes Schlafmittel und nahm, in seinem Zimmer angekommen, die doppelte Portion. »Ich weiß ja noch gar nicht – ich muß doch erst sehen«, dachte er, als er von schwerer Betäubung übermannt ins Bett sank. * An der Kasse der Gemäldeausstellung stand der überseeische Herr in seinem dicken langen Überzieher und bezahlte mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen seine Eintrittskarte. »Dort – rechts, die Treppe hinauf«, sagte das Fräulein, als sie sah, daß der Herr still vor dem Tisch, hinter dem sie saß, stehenblieb und mit trüben, eingesunkenen Augen auf den Zettel in seiner Hand starrte. Erich ging langsam der Treppe entgegen. Im Begriff, sie zu ersteigen, blieb er auf der zweiten Stufe stehen, wendete sich um, und mit schweren Schritten verließ er, an dem erstaunt blickenden Fräulein vorbei, das Galeriegebäude. Vor der Tür riß er das Eintrittsbillett heftig entzwei und warf die Stücke fort. Er biß die Lippen, sah umher. – Wohin nun? Ziellos wanderte er durch die Straßen. Seine Brust war wie ausgebrannt – wund – leer. Er kam an den Hafen, nahm ein Boot, sah erstaunt auf das ungeheure Leben, das hier arbeitete – die gewaltigen Ozeanriesen – die Eisenkräne, die brausenden Motorboote, die wie Haie durch die Flut schossen, die Fülle von Seeleuten mit den Abzeichen aller Nationen, die Hunderte von kohlenstaubbedeckten Schauerleute. Wie hatte sich alles verändert, seit er hier heimatberechtigt gewesen. Das Dock für die Segelschiffe, wo damals die »Barbara« gelegen und er die süßen Maitage mit Irmgard gefeiert hatte – das konnte er nicht wiederfinden. Er fragte den Bootsmann danach. Der sagte: »Dort legen jetzt die kleinen Frachtdampfer an.« Erich ließ sich mit dem Mann in ein Gespräch ein – das Plattdeutsch war ihm ganz aus dem Gedächtnis geschwunden, oft mußte er nach einem hochdeutschen Wort suchen. Doch es zog ihn ein wenig ab von der quälenden Vorstellung, um die sein Denken kreiste, dieses Hineintauchen in die Welt seiner Jugend. Es erfüllte ihn mit Wiedersehensfreude – all die alten guten Seemannsausdrücke zu hören, die ihm im Ohr schmeichelten wie Lieder aus glücklicheren Zeiten. War er denn damals glücklich? Jetzt schien es ihm so, wenngleich es doch ein hartes, mühseliges Leben gewesen war, voll Demütigung und Gefahren. Jetzt war er ein Herr, gebot über schwarze Arbeiter und weiße Angestellte, und wenn ihm der Sinn nach Ruhe stand, nun, so arbeitete er ein paar Tage nicht, streckte sich im Liegestuhl, ließ sich von Annunziata bedienen, sie war doch ein gutes Tier und eigentlich nicht dunkler, als es sich für eine Italienerin schickte. Dort draußen war er zufrieden gewesen. – Warum, zum Teufel, war er herübergekommen? Als er der Schwester Brief in den Fingern hielt, seine Augen auf ihre Handschrift fielen, hatte ihn unbändige Sehnsucht gepackt, die er doch jahrelang nicht mehr empfunden. Er achtete nicht auf Annunziatas Tränen und lautes Jammern. Er hatte keinen anderen Gedanken, als auf dem Schiff zu sein, Deutschland – Irmgard wiederzusehen. Nun kämpfte er nur mit der einen Gier, diesem Kerl, der ihm die Schwester verführt hatte, den Schädel einzuschlagen. Selten noch überkam ihn der Jähzorn, er hielt ihn in Ketten, ein wildes Tier, dessen Gefahren er kannte. Mußte er hier nicht als ein Rächer auftreten – und war er nicht im Recht? War nicht Irmgards Ehre auch seine eigene? Da kamen sie alle wieder, die verfluchten Gedanken und Vorstellungen ... Wie sollte er sie verjagen? Er zahlte den Bootsmann aus und fragte: die kleine Wirtschaft von der Kapitänswitwe Kelling existiere wohl nicht mehr? Doch – hörte er, die Frau Kapitän Kelling habe immer noch ihren Mittagstisch. Da wurde es ihm beinahe froh zu Sinn, als wüßte er nun einen festen Punkt, wohin er seine Schritte lenken könne. Er ging an dem wohlbekannten Gebäude der Seemannsschule vorüber, fand die altmodische Straße, an der sauber polierten Tür noch das bekannte Schild: »Frau Kapitän Kelling, Mittagstisch für Seeleute.« Er stieg die drei Stufen hinunter, klinkte die Tür auf, stand in dem winzigen Flur, dessen eine Hälfte, hinter einer geblümten Kattungardine verborgen, das intime Reich der Familie Kelling gewesen war. Er trat zur Rechten in die Schenkstube, und da kam ihm auch Frau Kelling freundlich entgegen – sie war rundlich geworden, der Scheitel dünn, die Backen kupfrig, aber sie hatte noch den alten herzlichen Blick der hellblauen Augen, mit denen sie ihn erstaunt musterte ... Er sah ja wohl gar nicht mehr aus wie ein Seemann. Und plötzlich stieß sie einen kleinen Freudenschrei aus. »Ja – glaubt's denn der liebe Himmel – ja, sind Sie wirklich der Erich Glenn?« Und beide verarbeiteten, rissigen Hände streckten sich ihm entgegen. Das blanke Stübchen war voll Sonne, da stand noch der lange, weiß gescheuerte Tisch, an dem er sooft sein Mahl eingenommen, mit den Kameraden geschwatzt, abends mit der guten Mutter Kelling gerechnet und überlegt hatte, wie er mit seinem schmalen Budget am besten auskommen könne. Hier saß er nun wieder, einen Teller mit kaltem Fleisch, Butterbrot und ein Glas Bier vor sich, und schwatzte mit der Frau Kaptän. Zum erstenmal seit seiner Ankunft überkam ihn ein Heimatgefühl. Sie erzählte von ihren Kindern und deren Ergehen. Aber sie wollte zu keinem ins Haus ziehen, mochte ihre Selbständigkeit nicht aufgeben, könne sich auch kein Leben vorstellen ohne ihre blauen Jungs. Dann mußte Erich ihr von seinen Pflanzungen erzählen. Sie erkundigte sich sachverständig nach deren Erträgen und wie die Kokosnüsse behandelt und der Kautschuk gewonnen wurde. Am Ende fragte er nach Olarsen, und ob es wahr sei, daß er tot und seine Witwe in Not sei. Das bejahte Frau Kelling. Der Mann habe nichts gespart, und hinter den Mädels sei er immer gewesen, auch noch als Familienvater, obschon er abscheulich ausgesehen habe mit seiner platt geschlagenen Nase. – »Sie sind ja wohl hart aneinandergeraten damals?« fragte sie, Erich in das düstere Gesicht schauend, und fügte begütigend hinzu: »Na – das kommt vor, draußen auf See –, der Fred Olarsen war immer ein Hintertückscher.« Erich klopfte versonnen mit den Fingern auf die Tischplatte, trank dann sein Bier aus und verabschiedete sich. Er war ruhiger geworden über dem Gespräch mit der guten, tapferen alten Frau. Eines der modernen Gefährte, die man Autos nannte, führte ihn zu einer Filiale der Deutschen Bank. Dort hinterließ er einen Scheck auf die Bank von Baring Brothers in London, mit der er in Geschäftsverbindung stand. Er gab den Auftrag, die Summe, ohne seinen Namen zu nennen, an Frau Kapitän Olarsen in Blankenese, Villa Barbara, zu senden als Beitrag für die Erziehung der beiden Knaben. Erich mußte über sich selbst lächeln, weil er es als Genugtuung empfand, mit welcher Hochachtung und Zuvorkommenheit er von den Beamten der Bank behandelt wurde. Zehntausend Mark waren schließlich keine Kleinigkeit, und es blieb doch eine angenehme Sache, ein reicher Mann zu sein. Nun war auch dieser Stein von seinem Herzen genommen. Wie unnütz war dies alles gewesen – die jahrelange qualvolle Ungewißheit, ob er zum Mörder an einem alten Freunde geworden sei ... Hatte Fred Olarsen nicht vielleicht recht gehabt, sich zu rühmen, er habe Irmgard im Arm gehalten? Was wußte er denn im Grunde von der Schwester, die er zu einer Heiligen gemacht hatte – in seinen Träumen –, nur um sie nicht selbst mit sündigem Begehren zu beflecken. Erschöpft und müde kam er in sein Hotel zurück. Er begann leicht zu hüsteln, Frostschauer liefen ihm am Rückgrat hinab. Das gab einmal wieder den gewohnten Fieberabend. Der Portier rief ihn an, um ihm zu sagen, das Reisebüro habe mitgeteilt, der Herr könne noch einen guten Kabinenplatz haben auf dem Dampfer, der am übernächsten Tage nach Daressalam abgehe. Zugleich übergab er ihm ein eben eingetroffenes Telegramm. Erich öffnete es und las: »Mein geliebtes Brüderchen. Willkommen in der Heimat! Freue mich unsagbar auf dich. Irmgard.« Er fuhr zu seinem Zimmer hinauf, ohne dem Portier Bescheid zu geben, warf sich oben auf den Diwan und schloß die Augen. Einige Minuten später klopfte der Boy und fragte, ob der Herr auf das Billett reflektiere. Erich richtete sich auf, blickte den Knaben in der roten Jacke verwirrt und wie aus weiter Ferne kommend an, schwieg eine Weile und schüttelte den Kopf. »Ich brauche das Billett nicht«, sagte er mühsam. Der Boy verschwand. Erich stand auf, nahm ein Chininpulver und warf sich aufs Bett, die Wolldecke bis zum Hals über die schaudernden Glieder ziehend. Er hatte diesen Fieberzustand nicht ungern. Alles Peinvolle, das ganze Leben verlor in ihm seine Wichtigkeit, entschwebte ihm wie etwas Zerfließendes. Und ihm war zumut, als liege er wieder, ein armer kleiner Schiffsjunge, in der leise schaukelnden Hängematte der engen Kombüse und hörte vor den Ohren das Rauschen der ewigen See. Am nächsten Morgen fuhr er nach Berlin. XVII In ihrem hohen Atelier ging Irmgard Glenn hin und her, um es für des Bruders Ankunft zu schmücken. Gereinigt und poliert standen die alten Möbel aus Olivenholz mit den gelblichen Intarsien wirkungsvoll in dem schönen Raum. Irmgard rückte Bilder in bessere Beleuchtung, ordnete die bunten Seidenkissen auf dem breiten Diwan nach ihrem verwöhnten Geschmack. Ein großes altes Kupferbecken füllte sie mit rotem Riesenmohn, mit dem die blauen Ritterspornzweige sich zu jubelnder Farbenpracht einten. Aus schlanken Glaskelchen hoben sich purpurne Sommerrosen, deren Düfte wie festlicher Weihrauch die Luft durchschwebten. Bei allen Vorbereitungen wich ein ironisches Lächeln nicht von Irmgards Mundwinkeln. Würde Erich noch Sinn haben für diese Zeichen verfeinerter Kultur? Es war unwahrscheinlich. Immerhin – er sollte die Schwester kennenlernen in allen Nuancen, wie sie geworden war. Auch sie war bereit, ihn gelten zu lassen als der Mensch, der fremd und neu zu ihr zurückkehrte. Und sie schüttelte den Kopf. Nur Erwägungen des Verstandes – Irmgard wußte es wohl. Ungeahnte Mächte, aus Tiefen emporquillend, wo die Vernunft nicht mehr gebietet, konnten in einem Nu alle Vorsätze hinwegfegen. Als Irmgard Glenn Erichs Telegramm aus Lissabon in der zitternden Hand hielt, versanken Jahre vor ihr in das Nichts. Aus Lissabon waren des Bruders letzte Grüße zu ihr gekommen. Als sie den vertrauten Stempel sah, stürzten ihre Tränen. Löste sich die harte Schale der Empfindungslosigkeit, welche die letzten Monate über ihr Herz gelegt hatten? Schutzlos stand sie den Stürmen des Gefühls preisgegeben – es rauschte durch sie hin mit der Gewalt von Frühlingswinden. »Bruder – Lieber du, mein Eri ...!« In ihrem Herzen erklang ein Jauchzen – so stark, so heftig, daß sie es empfand wie durchdringenden Schmerz. Sofort begehrte sie, nach Hamburg ihm entgegenzufahren. Doch gleich fühlte sie Widerstände. Nein – nicht dort, wo Erinnerung peinvoll lebendig werden konnte – wo das Gespenst von Fred Olarsen sich zwischen ihnen erhob ... Hier, an der Stätte ihrer Arbeit, die sie allein sich geschaffen – hier wollte sie ihn zuerst umarmen. Die Bilder von Vater und Mutter sollten ihn grüßen und so viel liebe kleine Andenken der Kinderzeit, in der sie nur zwei Hälften eines Menschen waren – süße, süße, ferne Zeit –, abgestreift, wie die Schlange Leben ihre Haut abstreift, wenn die neue darunter gewachsen ist. Würde heute noch etwas Gemeinsames zu retten sein? – Sie mußte bereit sein auf einen anderen Bruder, einen braunen, harten Mann mit grauen Haaren, alt geworden vor der Zeit in unbekannten Kämpfen ... Und dieser Rauhe, Festgeformte, der Herr über viele Arbeiter – über Neger und Weiße, über Land und Vieh, vertraut allen Schrecken der Einsamkeit, dornenversponnen in der eigenen Welt – konnte er sie noch verstehen? Sie war nicht gewillt, das Erlebnis, das sie zum Menschen gebildet hatte, vor ihm zu verbergen. Und wieder stieg das Bangen in ihrem Herzen auf, das alle Freude zu verschlingen drohte. Sie wußte nicht Tag und Stunde von des Bruders bevorstehender Ankunft. Bei jedem Klingelzeichen lief sie zur Tür – starrte bis zur völligen Erschütterung enttäuscht einem gleichgültigen Besucher oder Lieferanten ins Gesicht. Und am Ende kam doch der Augenblick, in dem sie, ermattet, des Bruders nicht dachte. Drückend lag Gewitterschwüle über der staubigen Stadt. Irmgard litt, in den Schläfen bohrte Schmerz, nervöse Unruhe peinigte sie, das helle dünne Sommerkleid hing schlaff um die Glieder. Eilig lief sie die Treppe des Ateliergebäudes hinab, etwas Vergessenes beim Kaufmann zu holen. Sie sah einen großen Mann sich entgegen die Stufen hinaufsteigen, langsam und etwas schwerfällig. Er nahm den Hut ab – sein Haar war grau, seine Haut gebräunt, die blauen eingesunkenen Augen blickten unsicher zu ihr auf. »Wohnt hier ...?« Die Stimme –! Erichs dunkle weiche Stimme ... Und Irmgard warf mit einem Schrei die Arme um ihn – küßte die Wangen, die vollen roten Lippen unter dem kurzen grauen Bart, und fühlte im Sturm des Glückes kaum, daß ihr Kuß nicht erwidert wurde. Seine Arme lagen wie schwere, leblose Dinge um ihre Hüften. Das starke Männergesicht war von einem furchtbaren Ernst. Sie zog den Bruder, plötzlich schweigsam werdend, in ihre lichte Werkstatt, warf den Hut vom Kopf, damit er sie besser sehen könne, und half ihm aus dem Mantel. Leuchtend stand sie vor ihm, beide Hände auf die breiten Schultern gelegt – ihre Augen tropften, ihr Mund lachte. »Eri – mein Eri!« Er hob die Hand, strich ihr vorsichtig über die Wange, als sei sie von einem ihm fremden, heiß glühenden Metall, das gefährlich zu berühren sei. Und plötzlich fiel sein Kopf auf ihre Schulter – lag dort wie eine schwere abgestürzte Frucht, während sie ihn sanft an sich drückte und stille wurde wie er. * Die Geschwister hatten in einem Lokal zu Mittag gespeist, befangen und beinahe schüchtern sich in kurzen Gesprächsansätzen zueinander tastend. Nun bereitete Irmgard den Kaffee in der schattigen Wohnecke ihres kühlen Arbeitsraumes, wo schöne alte Seide den Diwan deckte, gute Teppiche am Boden und die blühenden Rosen in des Vaters Glaskelchen Wohnlichkeit gaben. Erich ging in dem hohen Raum umher, rauchte eine große dunkle Zigarre, betrachtete hie und da die Bilder und Skizzen an den Wänden, auf Staffeleien und am Boden lehnend – begonnene Arbeiten, die er nicht verstand, vollendete Stücke, die ihn noch fremdartiger anmuteten. Vor einem Pferdekopf blieb er interessiert stehen und bemerkte: er versuche es auch mit der Pferdezucht – aber es sei eine undankbare Sache im Innern Afrikas –¦ die meisten jungen Tiere fielen durch Parasiten und würden durch Krankheiten zugrunde gerichtet. Nur liebe er Pferde und könne nicht von dem teuren Sport lassen. Ein schöner Gaul könne ihn entzücken wie die Schönheit einer Frau. Er wies auf das Pferdemaul und zeigte einen Fehler, den Irmgard in der Form begangen habe. Sie wußte es schon und hatte deshalb die Studie nicht beendet, erklärte sie mit ihrem jungen Lachen. »Aber dies ist gut – das ist sehr gut«, rief er vor einer Studie zu der »Schlange«. »So – genau so habe ich die Biester oft im Walde liegen sehen, wenn sie den Kopf hoben und einen so unglaublich hochmütig ansahen. Auch wie der weiße nasse Dampf so über den fetten Pflanzen aufquillt – und der grüne Schatten. – Woher weißt du das alles?« »Ich war oft im afrikanischen Walde – nachts – in Träumen«, sagte Irmgard lächelnd. »Sonderbar –« Jäh wandte Erich sich zu der Schwester. »Ist es das Bild, das dich berühmt gemacht hat?« »Ja – woher weißt du?« »Ich habe in Hamburg in einem Café davon reden hören – es waren wohl Maler, die über dich sprachen ...?« Sie hob den Kopf, reckte sich auf. Vier Augen trafen sich – er weiß alles, dachte die Schwester. Armer Junge –! Mütterlich empfand sie, abgelöst von sich selbst, seinen Schmerz, seine dumpfe Verzweiflung an des Schicksals furchtbaren Rätseln. »Erich –?« »Ach – laß nur. Mir ist das alles hier so fremd. Dieses neue Deutschland – ihr seid wohl sämtlich zerfressen von Ehrgeiz, daß euch daneben nichts anderes mehr gilt.« Schwer setzte er sich auf den Diwan, nahm die kleine Tasse aus Irmgards Hand, trank zerstreut, während sie in der ihren nur mit dem Löffelchen rührte. »Kunst ist wohl nie ohne Ehrgeiz – und nie ohne Besessenheit.« »Das verstehe ich nicht. – Du hast dich sehr verändert, Irmgard.« Sein Blick aus trüben Augen ging über sie hin. Die wilden Phantasien, die sein Hirn durchtobten und ihm die Schwester als eine tief Gesunkene vorgespiegelt hatten – in der Art, wie er verkommene Weiber in Hafenstädten gekannt hatte, sie zerrannen zu Nichts im Anblick dieser vornehmen Weiblichkeit, dieser kleinen zarten Dame im silbergrauen leichten Seidenkleide – das Haar nach der Mode des Jahres in großer blonder Welle um Stirn und Schläfe sich bauschend, im Nacken zu schwerem Knoten gewunden. Und dieser Nacken, diese Kehle, die ein kleiner Ausschnitt freigab, sie waren von vollendeter Form, in weicher Linie setzte die Brust sich an – schöner denn als Mädchen, weit schöner. Nur um den beweglichen Mund lag ein Etwas – nein, Welken war es nicht –, ein Ausdruck kluger, schmerzlicher Reife, der mit dem Blick der großen blauen Augen zusammenging, ernst und gütig über der Welt der Erscheinungen schwebte. Eine liebenswürdige, anziehende Frau, nach deren Bekanntschaft er getrachtet haben würde, wäre sie nicht Irmgard, die Schwester gewesen. Vorüber ... vorüber der leise schwebende Gang, das rehhaft Scheue, vor jeder unsanften Berührung Fliehende, die ein wenig unsicheren Bewegungen der krankhaft dünnen Finger – o nein – diese Frau griff mit seinen festen Händen sicher zu und führte aus, was ihr Wille forderte. – Vergangen der verträumt schwärmende Ausdruck des schmalen Mädchens, die keusche Erdenfremdheit, die er so grenzenlos geliebt, der er, wenn er es recht bedachte, sein Leben zum Opfer gebracht hatte. Irdisch war sie geworden. Und was hatte er im Grunde nun noch mit der interessanten Dame zu schaffen: mochte sie gescheit – bedeutend – genial sein – was kümmerte es ihn? Kleine junge, süße, weiße Irmel ... Wäre er doch in der Wildnis geblieben und hätte sie behalten, wie sie ihm in der Phantasie lebte, das Schwesterlein, mit dem er lange Geistergespräche führte, abends, müde im Leinenstuhl liegend, unter den Zweigen des alten Brotbaumes. Er sehnte sich plötzlich hinüber, wo die Heimat seiner Arbeit war – sehnte sich nach den rauschenden Zuckerrohrfeldern, den wehenden Wipfeln der hohen Kokospalmen, nach dem Wiehern der Mutterstuten im Kral – sehnte sich nach dem Durchblick auf den breit hinströmenden Fluß, an dem sein weißes Boot verankert lag, der stolze Segler mit dem Goldnamen »Irmgard« am Bug, auf den er so stolz war wie auf nichts sonst von allen guten Dingen, die er erreicht hatte. Vor der Tür seines niederen weißen Hauses saß die gute Nunzia, dick und faul, wie sie mit den Jahren geworden war, und gähnte in die feierliche Stille der einbrechenden Nacht unter den Sternen – die Nacht, durchtönt von den Tierstimmen, dem Aufkreischen aus der schlummernden Affenherde, dem Schrillen der großen Heuschrecken, dem Rascheln von Schlangen und Eidechsen durch das harte Steppengras – alle die Klänge der Wildnis, die er liebte, die ihm tief vertraut geworden in langen Jahren der Einsamkeit. Und während er neben der Schwester saß, sie beunruhigt beobachtend, überfiel ihn der Wunsch, so bald wie möglich dieses unheimliche Europa zu verlassen. Nur so viel Zeit, um eine Kur gegen das verdammte Fieber zu brauchen, das seine Kräfte verzehrte – dann kam die Seereise. Er sah die großen Wellen des Ozeans wieder – darauf freute er sich. Es war auch angenehm, in der ersten Kabine des Luxusdampfers zu fahren, großartig auf Deck hin und her zu wandeln, herablassend mit einem der Offiziere zu plaudern in den alten lieben Seemannsausdrücken. Und indem er so vor sich hin träumte, schien ihm das Leben wieder milder, ja, es wurde ihm linde und gut. An einem anderen Tage – denn er reiste nicht ab, wie er doch wollte, er blieb unsicher in sich selbst und gehalten von einem Unaussprechbaren, das stärker war als seine Gedanken –, ja, an diesem Tage machte er die Bemerkung: die Schwester habe es schön und behaglich – er aber habe geglaubt, sie sei in Not, und das habe ihn zur Reise getrieben. Er habe gehofft, ihr vielleicht helfen zu können. So trübe und enttäuscht klangen seine Worte, daß Irmgard freundlich tröstend aussprach: Das Wiedersehen sei doch wohl das Beste? Aber sie erhielt keine Antwort. Und er begann aufs neue aus schwerer, bedrückter Stimmung heraus: »Ich habe ja auch schuld, weil ich dich so allein ließ – aber wenn du nicht in Not warst –? Ich weiß von Mädchen, die so verlassen dastanden – von einer, die zu einem Manne kam – die der Mann in sein Haus nahm, weil sie sonst keinen Ort auf der Welt wußte, wo sie hingehen konnte.« »Der Mann warst du?« fragte Irmgard schnell. Erich neigte bejahend den grauen Kopf. Er begann zu erzählen von Annunziata, der Tochter des alten Italieners aus dem Kramladen unten in der Hafenstadt, mit dem er stetig in geschäftlichen Verbindungen gestanden hatte. Der Laden, vollgestopft von hundert verschiedenen Dingen, wie sie Eingeborene und Europäer dort brauchen, habe ihn immer an das Lädelchen erinnert neben dem Fischerhafen bei der Villa Marina, aus dem er und die Schwester sich mit Bonbons versorgten ... »O ja«, unterbrach sie ihn gerührt, »sie waren so klebrig und schmeckten nach Vanille und Haaröl – wir fanden sie köstlich!« Er lächelte und meinte, es sei wohl die Erinnerung, die bei ihm mitgespielt habe – und auch die Vertrautheit der Sprache ... So habe er das hübsche Mädel mit den feinen Fesseln und den edlen Händen liebgewonnen – die Mutter, vielleicht eine Araberin – er wisse darüber nicht Bescheid –, sei gestorben oder davongelaufen, und als der Vater nach einem Fieber von drei Tagen plötzlich hin war, habe er sie zu sich genommen. Er brauchte ja auch ein weibliches Wesen, das ihm die Wirtschaft führte. Sie habe sich anstellig und gar nicht dumm erwiesen – in irgendeiner Missionsschule habe sie Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt und schlage eifrig das Kreuz. »Ihr seid nicht verheiratet?« Erich schüttelte den Kopf. »Ich habe sie gern – aber als Schwiegertochter oder Schwägerin hätte ich sie euch doch nicht zuführen mögen.« Irmgard fühlte, daß er erleichtert war, nun er offen über sein Leben und seine häuslichen Verhältnisse mit ihr reden durfte. Sie suchte ihn durch lebhafte, teilnehmende Fragen auf dieser Bahn zu erhalten. Das Bangen, das sie vorhin überfallen, war noch nicht von ihr gewichen. Es mochte sich im vertraulichen Gespräch am ehesten Gelegenheit finden zu sagen, was doch endlich gesagt werden mußte. So redete er denn weiter in seiner gemächlichen Weise mit der weichen dunklen Stimme, die Irmgard einhüllte wie ein warmer Mantel von einem wundervollen tiefen Blau, der sie sich mit sanftem Entzücken überließ. Er schilderte ihr in einem naiven Stolz sein Haus, die Bungalows seiner Angestellten, in einiger Entfernung das große Negerdorf mit den spitzen Grashütten und der großen stattlichen Häuptlingshalle. Der Häuptling nenne sich vornehm »Sultan« und sei sein Freund – ein kluger Mann von natürlicher Vornehmheit, dessen Gunst habe ihm viel genützt in all den Jahren, nachdem das Mißtrauen, das jeder Eingeborene gegen den weißen Mann hege, endlich überwunden worden sei. – Die Europäer hätten viel gesündigt an den Schwarzen – darin seien alle Nationen gleich gewesen, und wie könne man sich wundern, wenn Betrug und Grausamkeit mit Hinterlist und Feindschaft erwidert werden. Man dürfe sich freilich nicht mit ihnen gemein machen, aber sich auch niemals eine Blöße geben – immer gerecht und ruhig bleiben, sei das einzige Mittel, sie in Respekt zu halten – das sei freilich schwer und für ihn eine harte Schule gewesen, fügte er lächelnd hinzu. »Glaubst du nicht, daß dir der Verkehr mit den Fischerjungen bei der Villa Marina geholfen hat, kindliche Gemüter zu verstehen?« fragte Irmgard. »Gerade das habe ich oft gedacht«, meinte Erich. »Und natürlich auch meine Lehrzeit als Seemann. Es ist nämlich gar nicht dieser enorme Unterschied zwischen den Rassen Schwarz und Weiß, wie der Hochmut der Europäer gerne annimmt.« Mit den Europäern habe er entschieden schlimmere Erfahrungen gemacht – mit Ausnahme einiger Forscher und Wissenschaftler sei es doch meistens Auswurf, der sich bis in seine abgelegene Gegend verirrt habe. Bei den Versuchen, diesem und jenem Landsmann zu helfen, habe er viel Geld eingebüßt und manchen Ärger gehabt. Aber die Erinnerung, wie er selbst so manchesmal nahe am Verrecken gewesen und welch ein Hundeleben er jahrelang geführt, lasse ihn doch immer wieder schwach werden. Irmgard wagte nicht, Erich in seinen Berichten zu unterbrechen und ihn zu den dunklen Ereignissen zurückzuführen, die seiner Flucht und seiner Ankunft auf afrikanischem Boden vorangegangen sein mochten. Wie hatte er sich aus dem Nichts – dem blanken Elend heraus – die Stellung eines Herrn aufzubauen vermocht? An der Ostküste hatte er in einem Hafen als Lastträger gearbeitet, zwischen Schwarzen und Gelben zwei Jahre lang nichts als Negerfutter – gekochten Mais und Bataten – zu sich genommen, seine eiserne Konstitution habe standgehalten. Dann hatte er sich mit einem Franzosen angefreundet, der die Produkte der Eingeborenen oben in den Bergen ankaufte und den Fluß hinunterschaffte: Kautschuk, Hanf und Kokos. Es gab damals noch wenig Weiße in der Gegend, nur eben an der Küste einige Niederlassungen. Aber Schiffe legten an, um die Waren der Tropen nach Europa zu bringen. Mit dem Franzosen hatte Erich lange gemeinschaftlich Handel getrieben. Doch es war ein Halunke, der ihn bei jeder Abrechnung betrog, und Erich deutete an, wie er den Verkehr mit ihm nur habe ertragen können, weil er ihn als eine gute Gelegenheit betrachtete, seinen Jähzorn nach und nach unterzukriegen. Er sei sicher gewesen, der Kerl würde ihm sein Messer zwischen die Rippen setzen, wollte er ihm den Dienst kündigen. Er wußte zuviel von seinen Handelsgelegenheiten, von den fetten Stationen oben in den Wäldern – und auch von seinen Schurkereien, die er auf den Streifzügen an den armen dummen Niggern begangen hatte. Diese Jahre waren nur eine unsagbare Quälerei gewesen. Bei einem gemeinsamen Nachtlager habe ihm der Kerl während eines Fieberanfalles und als er danach wie ein Toter schlief, das bißchen Geld, das er zusammengespart hatte, gestohlen. Da habe er sich denn bei der ersten Gelegenheit davongemacht und habe nun bei einem anderen Händler wieder von vorn anfangen müssen, in einer Gegend ein paar Meilen weiter hinunter, wohin das Jagdrevier des ersten nicht mehr reichte. Er habe ja inzwischen auch ein gewisses Renommee bekommen, die Schwarzen hatten ihn gern, machten oft tagelange Umwege mit ihren Palmenkörben auf dem Kopf, um dem Franzosen zu entgehen. So wurde der Verdienst allmählich besser, aber er hätte ebenso sein Leben verschuften können – wenn nicht das sonderbare Ereignis eingetreten wäre, das ihm mit einemmal geholfen hätte. »Und siehst du, Schwester, so ein Ereignis in irgendeiner Form: ein wunderbar günstiger Zufall oder eine Begegnung – kurz ein Etwas, das man gar nicht in den Bereich der Möglichkeiten zieht, das trifft drüben jeden Kerl einmal, der nach oben kommen soll – und trifft es ihn nicht – na, da bleibt er eben unten – und wer unten ist, der rutscht auch nach und nach immer tiefer ... Ja – der Araber sagt: Kismet – wir nennen es ja wohl Schicksal.« »Oder Gott«, sagte Irmgard leise. »Meinetwegen auch Gott – es kommt nicht auf den Namen an.« »Erzähle.« Er lag bequem auf dem breiten Diwan, Irmgard stopfte ihm die bunten Seidenkissen in den Rücken, schob ihm die Aschenschale näher und das Glas Whiskysoda, sie hatte schnell gelernt, es ihm zu mischen, wie er es liebte. Er lächelte der Schwester freundlich dankbar zu und erzählte: Ja, er habe sich verirrt, ausgerechnet: verirrt auf diesen schmalen Negerpfaden, die kreuz und quer durch den dünnen Buschwald führten. Viele Stunden habe er im großen Dorf zugebracht, um Kautschuk aufzukaufen und Träger zu werben. Dann wollte er schnell noch eine kleine Niederlassung mitnehmen, aber das sei eben mißglückt. Und nun kam der Abend, die Nacht würde ihn im Freien überraschen. Müde, hungrig und durstig torkelte er mit seinem Boy hinter sich durch dorniges Mimosengestrüpp und suchte nur noch nach einem Wassertümpel, der irgendwo in der Nähe sein mußte, wie er an den vielen Tierspuren sah, die alle nach einer Richtung liefen, und auch an dem frischeren Grün einiger Bäume, die sich über das niedere Buschwerk in der Ferne erhoben. Und da war es geschehen, daß er den schrillen Schrei hörte – den gellenden Hilfeschrei einer europäischen Frau, dem ein lautes jammerndes Heulen aus einer weiblichen Negerkehle folgte – immer abwechselnd und durcheinander – ein schauderhaftes Duett, und die Stille dazwischen war das schlimmste. Er und der Boy, sie seien um die Wette gerannt und gesprungen, dazwischen habe er seinen Revolver herausgerissen und in die Luft gefeuert, um den bedrängten Frauen anzuzeigen, daß Hilfe käme. – Nicht wilde Tiere waren es, wie er zuerst vermutet hatte. Ein Zeltlager am Wasserloch unter den Bäumen und zwei Frauen in hoffnungslosem Ringen mit drei baumlangen schwarzen Kerls. Zwei jagte er mit seinen Schüssen in jähe Flucht, der dritte hielt ein weibliches Wesen im Arm, hatte sich in ihre Schulter so fest verbissen, daß er mit wilden Hieben der Nilpferdpeitsche über seinen nackten Rücken erst von ihr gelöst werden mußte. »Weißt – ich konnte ja nicht schießen, wie das Vieh es verdient hätte – die Frau wäre möglicherweise getroffen worden. Na – er wird seiner Strafe auch ohnedies nicht entgangen sein. Binnen zwei Sekunden war er unsichtbar, wie vom Erdboden verschlungen, der Boy wollte ihm nach, doch ich hielt ihn zurück, konnte ihn möglicherweise auf dem Platz besser brauchen.« Also – es war eine englische Dame in Hosen und rohseidener Bluse, jung und bildhübsch – ein Näschen wie aus einem Weihnachtskalender. Sie habe ihm einfach dankend die Hand geschüttelt, während ihr das Blut durch den zerfetzten Ärmel an der Schulter tröpfelte und ihre schwarze Zofe heulend und jammernd die Arme gen Himmel schlug. Die Herrin befahl ihr, eine Tasche zu öffnen, der sie eine Flasche mit Silberknopf entnahm, und sie wies sie an, die Wunde zu desinfizieren, wobei sie sachlich bemerkte: »Er wollte mich kampfunfähig machen – gar nicht so dumm von dem Schwein.« Und dann, als sie verbunden war: » Now let's have a good cup of tea .« »Ja, so sind sie, diese Engländerinnen«, bemerkte Erich zwischen seinem Bericht. »Ganz merkwürdige Wesen.« »Und du hast dich sterblich in sie verliebt!« rief Irmgard begeistert. »So wäre es in einem Roman gegangen, aber es war eben kein Roman, und die Dame hatte einen Gatten, der freilich dreißig Jahre älter war als sie selbst, doch noch recht rüstig, denn er pirschte eben auf einen Leoparden und hatte dazu die sämtlichen Träger seiner Jagdexpedition mit sich genommen – nur drei zum Schutz der Frauen zurückgelassen. Gerade dem Anführer, diesem abscheulichen Armbeißer, habe er besonders vertraut, erzählte die junge Frau und meinte, ihr Mann sei so ethisch, er habe nicht mit den viehischen Gelüsten dieser Schwarzen gerechnet. Inzwischen hatte die Nubierin auf einer Spiritusmaschine Tee bereitet – tipptopp –, auch der Boy bekam Keks und Jam.« Die junge Frau habe dann recht gemütlich mit ihnen geplaudert und sich über seinen Sailor-slang totlachen wollen. Bis der Herr Gemahl wiedergekommen sei, die Träger mit dem toten Leoparden hinter sich – eine Beute, um derentwillen er beinahe seine hübsche junge Frau auf eine abscheuliche Weise verloren hätte. Aus dieser Begegnung entwickelte sich in der Folge eine Freundschaft, die, durch Neujahrsglückwunschkarten genährt, noch bis zum heutigen Tage sich erhalten habe. Das Ehepaar wohnte in Kairo und war im Besitz beträchtlicher irdischer Güter. Der Mann habe ihm, um sich dankbar für etwas zu erweisen, das ja nur eine Selbstverständlichkeit gewesen, das Kapital vorgestreckt, das genügte, ein schönes Stück Grund und Boden – so groß wie ein deutsches Herzogtum – von einem der Niggersultane zu kaufen. Er habe schon lange gerade auf diese Gegend sein Augenmerk gerichtet gehabt, weil sie kolossal fruchtbar sei und, zwischen Fluß und See gelegen, auch gute Verbindung zur Küste bot. Viel hartes Schuften und Arbeiten gab's ja dann noch – und manche Fehlschläge, bis er ein richtiger Landwirt und Kaufmann geworden sei, schloß Erich treuherzig. Aber seine Zinsen habe er doch immer pünktlich an den alten Herrn absenden können. Jetzt sei auch das Kapital längst zurückgezahlt und er Herr auf eignem Grund und Boden. Erich sprach noch viel von Erfolgen und Niederlagen in seinem Schaffen. Aus jedem seiner Worte, mehr noch an seinem Gesicht, das heiter und freudig geworden, während er berichtete, sah die Schwester, wie fest sein Herz in seinem Besitztum dort im fernen Afrika verwurzelt war. Was sollte er hier in Deutschland und bei ihr? Sie lebten in zwei gegensätzlichen Welten. Erich nahm Abschied. Er hatte sich für den Abend mit Dr. Schöler in der Ostafrikanischen Gesellschaft verabredet. Plötzlich, als er ihr die Hand gab, war wieder der traurig-vorwurfsvolle Blick in seinen Augen. Nein – dies alles war unerträglich! Offenheit mußte zwischen ihnen sein, und sollte sie zu letzter Trennung führen. Ach – Irmgard fühlte sich schwach und feige diesem geraden, einfachen Herzen gegenüber – dieser sensitiven Seele, die so unverletzt aus allen Grausamkeiten eines wilden Lebens zu ihr heimgekehrt war. XVIII Du scheinst wirklich so etwas wie eine Berühmtheit«, sagte Erich am nächsten Tage zur Schwester. »Schöler stellte mich den übrigen Herren als den Bruder von Irmgard Glenn vor.« »Freute es dich nicht?« fragte Irmgard. »Nein – es war mir sehr unangenehm. Berühmte Frauen haben für mich etwas Unnatürliches – und – na, lassen wir das Thema.« »Etwas Verdächtiges?« lächelte Irmgard mutig. »Ja«, grollte Erich. »Von einer Frau sollte überhaupt nicht gesprochen werden. Der Araber würde es als eine tödliche Beleidigung empfinden, wenn ein Mann ihn nur nach dem Befinden seiner Frau fragen würde. Das scheint mir richtig. In eurer modernen Welt hier finde ich mich nicht mehr zurecht. Ich hasse es, wenn ein Mann wie Schöler sich untersteht, mir zu sagen, er verehre dich hoch. – Am liebsten wäre ich gleich gegangen, nur kam es mir feige vor. Später merkten die Leute dann, daß ich auch jemand war. Die Unterhaltung war recht interessant. Sie fragten mich vielerlei. Im Grunde hatten sie oft ganz falsche Ansichten von Afrika.« Irmgard, die mit Pinsel und Palette vor ihrer Staffelei stand, beobachtete, wie er immer tiefer in freudloses Brüten versank. Entschlossen legte sie ihr Malgerät beiseite und trat neben den Bruder. »Was quält dich?« fragte sie ernst. »Was hast du über mich erfahren? Zwischen uns muß Klarheit sein. Glaube mir, ich habe nichts zu verbergen und trage die Verantwortung für alles, was ich tat und was geschah.« »Du willst nicht sagen, daß du schamlos genug geworden bist, die Verantwortung dafür zu tragen, daß der – der Kerl – der Hund deinen nackten Körper in Hamburg jedem Laffen zur Schau stellt?« Erich war unter seiner gebräunten Haut furchtbar erbleicht – die Augen blutunterlaufen, die Fäuste geballt, stand er keuchenden Atems vor der Schwester. »Welchen Kerl – welches Bild meinst du nur? Mein Freund Jakob Urich hat mich oft gemalt und gezeichnet. Aber das schwöre ich dir – nie hat er einen Akt von mir öffentlich ausgestellt. Warum bist du nicht in die Kunsthalle gegangen? Du hättest dich schnell überzeugt, daß das fette Modell, um das es sich handelt, keine Spur von Ähnlichkeit mit mir besitzt.« »Ich – ich konnte mich nicht überwinden, das zu sehen ...« Es lag in den scheu gemurmelten Worten so viel Zartgefühl, daß Irmgard Tränen unter die Lider drangen. »Du warst seine Geliebte«, grollte der Bruder. »Ja«, antwortete Irmgard ruhig und klar. »Ich war seine Geliebte und seine Lebensgefährtin durch viele Jahre hindurch.« »Und warum hat er es nicht der Mühe wert gefunden, dich zu heiraten?« – »Seine Frau lebte im Irrenhause. Ach, Bruder, das sind so feine und schmerzliche Dinge – es ist schwer, darüber zu reden. Und – ich bin dir ja auch eigentlich keine Rechenschaft schuldig – nicht wahr? Entweder du nimmst mich, wie ich geworden bin, nun in dein Herz auf – oder du suchst mich zu vergessen. Ich verdanke Jakob Urich Unendliches – eine neue, reiche Existenz – herrlich in allen Schmerzen, allen Entsagungen. Nie werde ich mich so weit erniedrigen, zu bereuen, daß ich seine Geliebte und seine Freundin war.« »Warum habt ihr euch getrennt – oder – besteht diese Sache noch immer?« Irmgard schüttelte müde den Kopf. »Wir fühlten beide, daß unsere Liebe abstarb. Ob ich ihn überhaupt geliebt habe? – Wahrscheinlich doch. Oder war es nur Entwicklungs- und Erkenntnisdrang, die mich zu ihm trieben? Ach, mein Bruder, was wissen wir denn von den verworrenen Dunkelheiten aus den Abgründen unserer Herzen?« Erschöpft, von einer Aufgabe, die sie mehr und mehr als hoffnungslos erkannte, setzte sich Irmgard auf einen Stuhl, sie hatte die Hände schlaff zwischen den Knien, den Kopf gesenkt, als sähe sie dort den Abgrund, von dem sie eben gesprochen. Erich Glenn ging mit schweren Schritten – er hatte noch immer etwas von dem wiegenden Seemannsgang behalten – in dem großen Atelier hin und her. Lange Zeit, in bittere Erinnerungen versunken. »Ja«, sagte er, ruhiger geworden, »ich muß das wohl verstehen lernen. – Du warst alt genug, um zu wissen, was dir not tat – ich habe ja auch kein Recht, dich zu verurteilen – ich gewiß nicht. Und du bist meine Schwester, hast wohl auch heißes Blut. – Nur – es ist so unbegreiflich – so ganz unbegreiflich – so ganz unbegreiflich ... Ich habe dich immer wie eine junge Heilige verehrt – du warst mir kaum noch ein Mensch – ganz unirdisch –, es war wohl töricht von mir. Aber das kam so, nachdem ich Olarsen die Nase zerbrochen und den Schädel eingeschlagen und beinahe zum Mörder geworden war um deinetwillen – weil er es wagte, dich zu beleidigen, deine Reinheit anzutasten.« »Das war der Grund«, flüsterte Irmgard, immer noch den Kopf tief gesenkt, ohne ein Glied zu regen – »das war es? ... O mein Gott – – –« Er stand still, hielt die Hand vor die Augen. So haben oft Menschen gestanden, wenn sie versuchten, das ewige Gesetz zu begreifen, das ihnen so grausam und so unlogisch erschien. Und dann nahm er schweigend seinen Hut und ging ohne Gruß. – Er wanderte durch die lichtfunkelnden Straßen der ruhelosen Stadt, in hartem Kampf mit seinem rebellischen Herzen, mit allem, was ihm recht und gut und ehrenhaft erschienen war – ein fernes, anbetungswürdiges Ideal in seinem wilden, harten und oft zügellosen Leben dort draußen. Und wieder geriet er in die alte vertraute Gewohnheit, was an schweren Fragen in ihm wühlte, in der Phantasie mit Irmgard durchzusprechen – mit dem Geiste der Schwester, wie er ihn fühlte, den es nicht mehr gab – und vielleicht nie gegeben hatte. Und sie, Irmgard, die Schwester, sprach mit ihm, wie sie Phantasieträume um ihn geflochten in den langen Jahren öden Wartens, sagte ihm alles, wie es gekommen, und wie diese Jahre tausendfältig erfüllt waren von ernsten Pflichten, und wie sie darin erstarkt und fest geworden – in dem Wissen um die wahren Werte des Lebens –, so daß der Begriff Schuld davor wesenlos wurde. Denn es war doch nur ein Konventionsbegriff, an dem sie sich vergangen. Und sie senkte den Kopf noch tiefer, hielt ihn mit den müden Händen. Hatte sie doch an einem Heiligtum gefrevelt? Erich kam am nächsten Tage wieder, versuchte gütig, freundlich zu sein und zerriß mit jedem Wort und Blick, jeder Bewegung, mit der stillen Trauer, in die sein ganzes Wesen gehüllt war, der Schwester Herz nur um so grausamer. Sie begann dem Bruder zuzureden, seinen Plan auszuführen, einen Arzt für Tropenkrankheiten zu konsultieren und nach seinen Weisungen ein Sanatorium aufzusuchen, eine Kur gegen sein Fieber zu beginnen. Er mußte aus den unfruchtbaren Grübeleien herausgeführt werden. Sie wollten sich für jetzt trennen, um in sich zu erfahren, ob ein späteres Zusammenkommen ihnen beiden möglich sein werde. Denn auch sie habe ihren Stolz, ihre Würde, die sie nicht auf die Dauer durch seine Verachtung oder auch nur durch sein Mitleid verletzen lassen könne. Er saß am Tisch, den Kopf in die Hand gestützt, energielos, unfähig zu jedem Entschluß. Und in dieser Stunde, da alles zwischen ihnen aus des Messers Schneide stand, da ein falsches, unbedachtes Wort zu genügen schien, die Geschwister für immer zu trennen, läutete es an der Ateliertür, ein junges rothaariges Mädchen trat ein; verweint, zitternd vor Erregung streckte sie die Arme wie um Hilfe stehend nach Irmgard aus. Diese wollte ihr mit erschrockener Gebärde abwinken: »Carly – nicht jetzt – nicht heut ...« Doch Carly Urich fiel ihr fassungslos um den Hals, sah nicht den Mann am Tische sitzen, schluchzte: »Mutter Irmgard – ich muß dich sprechen – muß – muß – Weißt du es denn?« »Ich weiß, Kind, weiß alles – komm hier herein.« Sie führte das Mädchen in ihr Schlafkämmerchen. Erich Glenn, eignen trüben Gedanken oder mehr noch einem gedankenlosen Versinken in wesenlose Träume hingegeben, hatte die Kommende nicht beachtet. Die Unterredung nebenan dauerte lange, allmählich wurde er aufmerksam. Er hörte die leidenschaftliche, von Aufweinen unterbrochene Mädchenstimme, Irmgards ruhig-mahnende Worte, verstehen konnte und wollte er das einzelne nicht. Was ging es ihn auch an? Eine Seele mehr in Not. Die Vorstellung ergriff ihn, wie wohltuend es sein müsse, wenn Irmgard nicht seine Schwester sein würde und er ihr sein Leid klagen könne wie das verstörte Kind dort nebenan. Endlich öffnete sich die Tür, die beiden traten ein, Irmgard hatte zärtlich den Arm um des Mädchens Schulter gelegt. Erich erhob sich höflich. »Mein Bruder«, sagte Irmgard flüchtig, ohne den Namen des jungen Mädchens zu nennen, das ihn aus rot geweinten Augen neugierig und feindselig betrachtete. Irmgard führte sie schnell zur Tür und küßte sie herzlich. Erich hörte, daß sie zu ihr sagte: »Habe Mut, Kind, und sei sicher, ich werde deine Sache bei deinem Vater führen. Alles wird gut werden.« »Wer war das Mädchen?« fragte Erich, dessen Teilnahme nun erweckt worden war. »Die Tochter von Jakob Urich«, sagte Irmgard mit einem gewissen Trotz in der Stimme. »Die besucht – dich?« »Ich habe sie doch erzogen, stehe zu ihr wie eine Mutter zu ihrem Kinde – und so soll es auch zwischen uns bleiben.« »Was wollte sie von dir – sie schien sehr verzweifelt.« »Ja – junger Schmerz, der zu heilen ist! So weinen zu können, muß himmlisch sein. Ihr Vater heiratet in diesen Tagen – eine junge Kusine von ihr. Er hat törichterweise nichts von dem Plan gesagt, der schon eine Weile spielt, nun kommt sie ahnungslos aus dem Institut, um vor die vollendete Tatsache gestellt zu werden. Sie hängt sehr an mir, und es scheint ihr unerträglich, eine andere an der Stelle zu sehen, die in ihrem Herzen nur mir gebührte.« Erich antwortete nicht, fragte auch nicht weiter. Nach einer Weile sagte Irmgard in sachlichem Ton: »Es wird für die neue Ehe und auch für das Kind besser sein, sie bleibt nicht im Haus des Vaters. Ich denke es bei dem Professor zu erreichen, daß er Carly erlaubt zu studieren – sie ist sehr begabt – die Universitäten werden jetzt, wenn auch mit einigen Schwierigkeiten, den Mädchen erschlossen. – Wollen wir nicht etwas ausgehen? Mich verlangt nach frischer Luft.« Erich war aufgestanden. Irmgard erschrak vor seinem Ausdruck, vor dieser in tiefe Falten gezogenen Stirn – vor der Wildheit des Blickes ... Da war er – der Erbfeind –, an dem er schon einmal gescheitert ... »Die Hochzeit wird nicht sein – jetzt bin ich hier, um meiner Schwester Ehre zu wahren – der Mann soll erfahren, was seine Pflicht ist! Wenn er es nicht selbst fühlt ... das Ding hier wird es ihn lehren –« Er faßte in seine Brusttasche, und Irmgard sah mit Entsetzen, wie er den Griff eines Revolvers hervorzog. Sie war mit einem Sprung vor der Tür, über deren Schloß sie den Arm legte. »Du wirst nicht gehen«, rief sie in einem Ton, wie eine Mutter zu einem ungebärdigen Sohn spricht. »Meine Ehre hängt nicht an eines Mannes Willen. Ich trage sie in mir selbst und weiß sie zu verteidigen, falls ich es für notwendig halte. Ich habe mich aus eigenstem Entschluß von Urich getrennt. Was geht es mich an, ob er heiratet oder nicht!« »Das ist alles leeres Gerede. Lasse mich durch, Irmgard. Ich werde mich beherrschen – aber ich muß mit diesem Mann ein ehrliches Wort reden.« Er stand dicht vor ihr, und Irmgard wußte: packte er sie mit seinen gewaltigen Kräften und schob sie beiseite, so war sie machtlos. Sie sah ihn mit trotzigen, leuchtenden blauen Augen an, und ihr Herz gab ihr die Worte und ihren Klang: »Ich habe nur einen Bruder zu verlieren. Das soll nicht noch einmal geschehen!« Und mit der leidenschaftlichsten Bewegung warf sie Erich beide Arme um den Hals, hielt ihn fest an ihrer Brust, bedeckte sein braunes, wildes Gesicht mit ihren Küssen und ihren Tränen. – * An demselben Abend noch verließ Erich Berlin. Wochenlang hörte Irmgard nichts von ihm. Dann kam ein Telegramm: er sei zur Nachkur in einen Gebirgsort geschickt und erwarte sie. Am Abend des folgenden Tages traf Irmgard ein. Erich hob sie aus dem Bahnzug, sein Umfangen, sein langer Kuß sagten ihr, daß sie den Bruder neu gewonnen habe. Dachte Irmgard in ihrem späteren Leben an jene Wochen, die sie mit dem Bruder in den Bergen verlebte, erschienen sie ihr immer unter dem Bilde einer goldgrünen kleinen Insel, bewohnt von stiller, tiefer Freude, umweht vom Hauch der Wälder, schimmernd im Tau der Wiesen, in denen Tausende von zarten Blüten jeden Morgen neu sich ihren frohen Blicken öffneten. Keine Mißklänge aus überwundenen Daseinsstufen durften sie hier erreichen. Es war, als böten die Berge ringsumher einen Schutzwall gegen feindliche Gewalten der gegensätzlichen Welten dort draußen – und sie hüteten sich wohl, den Schutzwall zu besteigen und zurückzublicken auf alles, was hinter ihnen lag. Sie waren wieder die zwei Kinder, die Hand in Hand, Brüderchen und Schwesterchen im Märchen, durch den Orangengarten liefen auf Abenteuer in der feuchten, dämmrigen Felsengrotte und am Strande des blauen, sonneglitzernden Meeres, das ihre kleinen nackten Füßchen mit seinen Wellen umspülte. Sie tändelten mit ihren Erinnerungen wie mit goldenem Spielzeug – und Irmgard mußte immer wieder staunen, wieviel von diesen zarten, gebrechlichen Dingen in dem Kopf dieses großen, schweren, braunen Tropenmannes aufgespeichert war und nur hervorgenommen zu werden brauchte, um wieder lebendig zu werden. »Und weißt du noch dies – denkst du noch an jenes?« war die Losung jeden neuen Morgen, wenn sie auf die Wiese vor ihrem Häuschen hinausschauten oder durch den Tannenwald schlenderten. Es war die Losung zu unendlichem frohen Gelächter des Mädchens und einem heiteren Lächeln auf dem schwermütigen Gesicht des Mannes – denn laut und hell wie als Knabe zu lachen, hatte Erich verlernt. Aber seine Augen waren wie blaue Schalen voller Freundlichkeit und beglänzt von einem warmen Glück, das die Schwester bis ins tiefste Herz berührte. Auch von Traurigem sprachen sie wohl; denn wie viele dunkle Schatten hatten nicht über ihrer Kindheit gelegen – aber nun hatten sie jedes Weh und jede Angst verloren. Das qualvolle Leiden des Vaters war so lange schon gestillt, und die Mutter – an der Mutter Ende rührte Irmgard nicht, das gehörte schon zu den schweren Dingen, die hinter den Bergen lagen. Aber der Fahrt mußten sie denken, über das nächtliche Meer mit seinen großen, rauschenden Wogen, als sie zuerst den Tod in ihrer Nähe gespürt, bei der Leiche des ertrunkenen Knaben, wo Erich an der Brust der Schwester in Schauern unnennbarer Bangnis geweint hatte – in jener Nacht, als ihnen der Vater starb und die Kindheit jäh zu Ende war. Denn es gibt ja keine Spanne Zeit im menschlichen Sein, die nur Licht wäre. Als nun die Villa Marina so farbig in allen Einzelheiten ihnen aus den Nebeln der Kinderjahre wieder emporstieg, begann Erich Zukunftspläne zu schmieden und Luftschlösser zu bauen, wie er es allzeit getan als kleiner Junge wie als großer, stämmiger Seefahrer. – Die Villa Marina wollte er zurückkaufen – und dort, nur dort wollte er mit der Schwester wohnen. Und er war froh, daß sie das alte Haus niemals allein besucht hatte oder mit jenem Mann. Nur an seiner Hand sollte sie es wieder betreten. Sie wollten es neu einrichten, Irmgard mit ihrem künstlerischen Geschmack sollte freie Hand haben – die venezianischen Möbel mit den Jagdbildern und den schönen Schäferinnen dürften nicht fehlen. Und alle ihre Bilder sollten in der Halle hängen – aber sie dürfe niemals wieder sich plagen um den Verdienst – er haßte es, wenn Frauen schuften mußten, um sich ihr Brot zu verdienen. Irmgards Einwand, das Arbeiten sei ihr eine Lust und ein Lebensbedürfnis, konnte er nicht begreifen und wollte es nicht gelten lassen. Sie habe dann ja auch manches im Hause zu tun, und abends wollten sie alle die Bücher lesen, von denen sie oft redete – er allein würde sich kaum hindurchfinden – doch wenn sie ihm vorlesen wolle, auf der Terrasse, unten am Meer, und er eine gute Zigarre dabei rauchen dürfe – dann würde es schon gehen. Er müsse viel nachholen – er sehe ja wohl, daß es ihm an jeder Bildung fehle, und deshalb beurteile er vielleicht auch so vieles in Europa nicht richtig. Und Irmgard neckte ihn, er werde rauchend doch wieder von Hanf- und Kokos- und den Gummipreisen träumen, während sie ihm Goethe nahezubringen wage. Und das gab er resigniert zu. Bildung erschien ihm wie ein gläserner Berg, der schwer zu erklimmen sein möchte – und sein Herz sei nicht mehr das beste für Bergbesteigungen. Das hatte Irmgard auf ihren Spaziergängen schon häufig mit Sorge bemerkt. Erichs Herz versagte nicht nur im Symbol vor gedanklichen Glasbergen. Sie schlug ein Wägelchen vor, mit dem sie die schönen Gegenden des Südens, die sie noch nicht kannten, befahren wollten, und sie stritten über die Wahl der schönen Pferde, und Erich kam dann auf die Pferdezucht und war mit einemmal mitten in seinem wirklichen Leben als Farmer und Züchter und Kaufmann und erzählte lebendig, angeregt von Versuchen, Niederlagen und Erfolgen. Dabei gewann er schnell sein Selbstbewußtsein zurück, denn hiervon verstand die Schwester wieder sowenig wie er von Büchern und Bildern. Und nun lernte ihn Irmgard erst richtig schätzen als den Mann der Tat, als Organisator und kenntnisreichen Beurteiler des fernen Landes, seiner Zukunftsaussichten, seiner Menschen und Tiere, seines Handels und der seltsam verworrenen gefährlichen Kämpfe der europäischen Nationen um die Erschließung der weiten Steppen, Wälder, Berge und Küsten, um die Herrschaft über die braunen und schwarzen Völkerschaften. Dann hörte sie ihm atemlos zu und tat Fragen, klug und interessiert, gleich einem Manne. Erich mußte oft staunen, wie man mit der Schwester reden konnte über alle widerstreitenden Dinge, die ihm Verstand und Herz bewegten, und auch von solchen, die ungestaltet wirr in seiner Phantasie nach Klärung verlangten. Das war wohl schön und etwas ganz Neues, völlig Unerwartetes in seinem Leben. Zuweilen erinnerte er sich mit einem wunderlichen Gefühl von leisem Bedauern an die stille, sanfte Irmgard seiner jungen Jahre mit dem weißen Schwärmergesichtlein – die er so inbrünstig angebetet hatte, in dumpfer Bewegung seines Blutes und seiner Sinne, ihr doch zugleich sorglich fernhaltend, was von Roheit und derber Lust von ihm genossen wurde. Nun hätte er ihr nichts mehr fernzuhalten brauchen – es war staunenswert, wie sie das ihr Fernste verstand, und doch wäre er niemals darauf verfallen, ihr eine unflätige Geschichte zu erzählen. Nein – Irmgard konnte sachlich und kühl über alle Laster der Welt reden, und ihr Gesicht blieb dabei sauber, unschuldig. Das entzückte ihn, und er begann sich zu fragen, wie es ihm gefallen haben möchte, wenn er sie als ein in Träumen und Entsagung verdorrtes altes Jüngferchen wiedergefunden hätte. Und einmal wagte er es, sie leise zu fragen: »Wie bist du so geworden, wie ich dich nun liebhabe, und wie du meine Gefährtin und Vertraute für immer werden sollst?« Die Schwester antwortete: »Wie bist du so geworden, wie ich dich heut erkenne?« Er senkte den großen ergrauten Kopf mit dem ernsten braunen Antlitz, sah eine Weile nachdenklich vor sich nieder, hob ihn dann, und seine Augen schauten in die Ferne. »Ich denke oft«, meinte er bedächtig mit seiner warmen, dunklen Stimme, »ohne das Damals – das Furchtbare – wäre alles viel einfacher gewesen, aber – ich möchte doch nichts von allem Elenden und Harten in meinem Leben missen.« »Ja«, sagte Irmgard ernst, »ich würde auch keine Schuld aus meinem Leben fortleugnen wollen. Man muß bezahlen, um ein Mensch zu werden.« »Glaubst du wahrhaftig, daß es keinen anderen Weg gibt?« fragte der Bruder betroffen. »Nein – keinen!« rief sie hell mit leuchtender Überzeugung. »Auch für dich?« »Auch für mich. Und für dich. Haben wir uns, als wir Kinder waren, nicht oft mit zwei Hälften einer Frucht verglichen, die nur gemeinsam ein Ganzes bilden? So mußten wir auch in unendlich verschiedener Weise doch ein gleiches erleben.« Erich schwieg lange. Es war an einem anderen Tage, als er auf ihr Gespräch zurückkam, und es klang wie ein Geständnis: »Was du von der Schuld gesagt hast, Irmgard, das ist – irgendwie –, ja, das ist Befreiung!« Sie drückte zärtlich seinen Arm, den er unter den ihren geschoben hatte. »Du hast mir schon einmal so eine Erhellung gegeben. Weißt du noch, damals auf der »Barbara«, als du vom Baum der Liebe sprachest, der so viel Äste und Zweige und Früchte trägt, und alle wachsen aus derselben Wurzel und nähren sich von denselben Säften. Daran habe ich oft denken müssen!« »Ich weiß nicht«, sagte Irmgard, »ob Liebe überhaupt mit dem Geschlecht zusammenhängt – sie steigt wohl von ihm aus – zuweilen – nicht immer – –« »In den Tropen gibt es einen Baum« – begann Erich langsam, grüblerisch, »es stand einer nicht weit von meinem Haus – nicht mehr wie ein Baum – wie ein Gebäude war er. Oben die Blüten und die Blätter, auch Früchte, wenn die Zeit dazu war, aber daneben kamen dicke braune Schlangen, ganze Bündel, aus den Zweigen, die wollten immer wieder nach unten ins Dunkle. Hatten sie die Erde erreicht, klammerten sie sich fest, neue Schößlinge wuchsen aus ihnen. Es war unheimlich – ich mußte oft denken: so ist doch unser Leben auch. Meinst du nicht?« Irmgard hatte mit glänzenden Augen zugehört. »Ich sehe den Baum«, sagte sie mit einem sonderbaren Ausdruck in der Stimme. »Er muß unheimlich sein – – immer wenn man glaubt, über etwas im klaren zu sein, ist man plötzlich an seinem Gegensatz angelangt. Ich weiß nur das eine: was ich Liebe nenne, ist ein Geheimnis – unerklärbar.« »Hängt es nicht doch an irgendeinem Zipfel mit dem Körperlichen zusammen?« fragte Erich mehr sich selbst als die Schwester. Aber sie antwortete, und es überraschte ihn, wie klar sie in all diesen Dingen bis zum letzten Grunde vordrang. »Ganz gewiß! Denk nur an die vielbesprochene Mutterliebe – sechs Kinder kann eine Mutter haben – sorgt für sie mit allem Pflichtgefühl – und liebt doch nur eins davon mit der Liebe, die ich meine. Wer weiß, welche Bewegung, welcher Duft, welche seelische Struktur sie gerade an ihm entzückt ... Ich hörte einmal von einem schönen, gesunden, jungen Offizier, der ein schwindsüchtiges Mädchen heiratete, die bereits so krank war, daß sie ihm nie Frau sein konnte – der sie mit der Hingebung, die man meistens weiblich nennt, pflegte, während sie sich in Eiter und Blut auflöste. Jahrelang hat er sie verzweifelt betrauert.« »Unnatürlich«, rief Erich schaudernd. »Du sagst: unnatürlich, aber nur durch das undeutbare Geheimnis erklären sich so viel unnatürliche Taten der Menschen.« Ihre Augen wurden dunkel, indem sie zu Erinnerungsgegenden schweiften, von denen der Bruder nichts wußte und auch nichts wissen sollte. »Zwei Menschen können sich sinnlich sehr viel geben«, begann sie, sprach leise, träumend – »scheinen geistig fest vereint – das Letzte – das Mysterium – fehlt zwischen ihnen, und das größte Rätsel bleibt immer, wie es fehlen konnte ...« »Man kann mit dir über solche Dinge reden wie mit einem Mann«, sagte Erich, sie beobachtend. »Ach nein – nicht wie mit einem Mann« – meinte Irmgard, und um ihre Lippen war das schmerzliche Lächeln, das dort oft so unerwartet aus Heiterkeit und Ruhe auftauchte. »Man muß nur als Frau lernen, die Dinge, die wir alle fühlen, nicht mehr umschreiben zu wollen. Wir sind auf dem Wege ...« »Durch Erfahrungen?« wagte Erich zu fragen. »Wodurch sonst? Und uns zu unseren Erfahrungen bekennend.« »Ich habe oft stundenlang mit dir geredet, wenn ich abends in meinem Leinenstuhl vor der Tür lag«, gestand Erich. »Nur hast du nie geantwortet ...« »Wer weiß?« fragte Irmgard. Erich hob die Hand. »Bitte – weiter wollen wir nicht gehen.« »Nein – du hast recht – Unergründbares wird flach, sobald man Worte dafür sucht.« »Ich meinte immer, ich wüßte etwas von der Liebe – aber ich habe in dieser Zeit erfahren, daß ich wohl doch nichts weiß – von dem wirklichen Rätsel und Geheimnis ...« »Des verwandten Blutes«, flüsterte Irmgard leise. »Laß es sein, Bruder – an manches Geheimnis soll man nicht rühren. – Wir haben uns wiedergefunden, und so sei es gut.« Als sie heimkehrten aus dem duftenden Sommerdämmern des Waldes, fanden sie ein Telegramm von Erichs Verwalter, aus der Küstenstadt gesandt. Viele böse Nachrichten in kurzen Worten. Erich wurde still und blaß, während er las, noch mal und noch mal. Er war, als er aufblickte, ein alter, sorgenvoller Mann geworden. Angstvoll hatte Irmgard gewartet, nun las auch sie. Das Telegramm rief gebieterisch den Herrn zurück. Der Fluß, durch Wolkenbrüche übermäßig geschwellt, hatte mit gewaltiger Überschwemmung das Eingeborenendorf zerstört, viele Pflanzungen verschlammt. Im Wirbelsturm war das Segelboot gekentert, Gummiernte verloren, Schiffer und Mannschaft verschwunden, ebenso der Pächter aus seinem Laden entflohen. »Schweinerei – kolossale Schweinerei«, grollte Erich, »die Kerls haben die Ernte auf eigene Rechnung verkauft – der Wirbelsturm kam ihnen höchst gelegen.« »Verfluchte Halunken«, schrie er plötzlich, mit der Eisenfaust auf den Tisch schlagend, daß Gläser und Teller, die dort auf die Geschwister warteten, emporsprangen und durcheinanderklirrten. »Das sollen sie büßen. Ins Loch mit den Viechern und die Nilpferdpeitsche auf ihren Rücken ... Ich werde sie schon fassen – und sollte ich den ganzen Golf ein Jahr lang auf und nieder fahren, um sie zu suchen ...« Er schrie immer lauter, stand plötzlich still, biß die großen weißen Zähne fest aufeinander, die Lippen zogen sich krampfhaft zurück. Er ballte beide Hände, hielt sie gegen die Hüften gedrückt im Kampf mit der Wildheit seines Zorns. Er war weiß geworden um die Nasenflügel, seine Brust ging in Stößen auf und nieder. »Ja, Schwesterchen«, sagte er nach einigen Minuten ruhig, wehmütig – »nun ist es in diesem Jahr nichts mit der Fahrt in die Kinderheimat – ich muß diese Nacht noch reisen, denke nach Paris – und will von Boulogne ein französisches Schiff nehmen.« »Selbstverständlich mußt du gehen«, sagte Irmgard leise. »Wenn ich den Zwölfuhrzug noch erreiche, dann kann ich morgen früh den Pariser Schnellzug erwischen«, überlegte er. »Komm, hilf mir packen.« Irmgard wagte nicht, an Erfrischung und Abendessen zu mahnen. Nur einmal sagte sie schüchtern: »Eri, du wirst ja viele Wochen unterwegs sein – bis dahin sind vielleicht die Räuber gefaßt – und alles ist wieder in Ordnung ...« »Und du glaubst, ich könnte inzwischen hier im Wald spazierengehen? Nein, mein Kind– da kennst du mich schlecht. Weiß ich denn, ob der Verwalter nicht auch in die Geschichte verwickelt ist? Die Saubande soll den Herrn schon spüren.« – – – Er rieb sich die Stirn, während Irmgard Wäsche und Kleider in seinen Kabinenkoffer legte. »Weißt du – was ich vorhabe? Ich werde Annunziata den Laden geben, den ich da unten an der Küste aufgemacht habe – ein schönes buntes Schild über der Tür mit ihrem Namen: Signora Annunziata Grande! Das wird sie freuen, sie wird sich stattlich da vor der Tür sitzend ausnehmen und kann nach ihres Herzensgenüge mit den Nachbarn schwatzen. Sie hat immer unter der Einsamkeit gelitten.« Er lachte auf, wie Irmgard ihn noch nie gehört. – »Hat der Verwalter sich anständig geführt, übergebe ich ihm mein Haus, er kann seine Braut aus Mecklenburg kommen lassen und heiraten. Der Doktor da in Dings meinte ohnehin, ich müsse in Europa bleiben, wenn ich gesund werden wolle. Das geht jetzt nicht. Höre, Irmel – du mußt mir eine gehörige Portion Chinin sofort nachschicken. Ich brauche es jetzt wie das liebe Brot für Angestellte und Arbeiter. Die neuen Tabakpflanzungen werden alle hin sein – nun – das muß getragen werden. Überschwemmungen gibt es fast jedes Jahr, nachher ist die Erde doppelt fruchtbar. Das wird jetzt dampfen da in der Glut – weißt du, dieser feuchte Nebel –, wie im Schwitzbad sitzt man drin – schauderhaft – – –« Weit war er schon von ihr entfernt, dachte Irmgard – schon völlig zurückgekehrt in sein eigenes wirkliches Arbeitsleben ... Und sie –? Es ging ihr flüchtig durch den Sinn, daß sie vergessen hatte, ihre Bilder nach Wien zur Internationalen Ausstellung zu senden, und daß im Herbst Schülerinnen auf sie warteten ... »O Eri, mein Bruder«, sagte sie leise und beugte sich über den Koffer, sie konnte nicht weinen, die Kehle war ihr heiß und trocken, und in der Brust war ein quälender Schmerz. Koffer und Taschen waren verschlossen, der Sohn der Wirtsleute lud sie auf seinen Handwagen, um sie voran zur Station zu fahren; Erich gab der Schwester ein Paket Scheine, die Rechnungen und ihre Rückreise nach Berlin zu begleichen. Er ziehe vor, allein zum Bahnhof zu gehen – er hasse Abschiedsszenen vor neugierigen Sommergästen. So standen sie nebeneinander vor der Tür des kleinen grün umrankten Hauses, sie wollte ihm noch über den Wiesenweg bis zur Chaussee das Geleit geben. Und sie wußten nicht mehr, was sie miteinander reden sollten. Es war alles zu schnell gekommen, sie waren noch nicht bereit für den Abschied und er doch mit seinen Gedanken schon fern. »Mein Segelboot, mein schönes schlankes Segelboot –« sagte Erich unerwartet und blieb auf der Wiese stehen –, »mein kleiner Schoner, auf den ich so stolz war – immer mußten die Schwarzen ihn mir blank halten, und wenn er den Fluß hinunterfuhr, im Sonnenschein und mit geblähten Segeln im Abendwind – da sah er aus wie Silber und Gold – und am Bug stand 'Irmgard' in großen goldenen Buchstaben.« Er seufzte tief auf, und die Schwester nahm seinen Arm, schmiegte sich dicht an ihn. »Du wirst ein neues Schiff kaufen«, sagte sie tapfer, »und es wird ebenso schön sein.« »Ja«, rief er – »eine weiße prachtvolle Jacht wollen wir haben – wenn ich im nächsten Sommer wiederkomme. Und dann segeln wir beide über das schöne blaue Mittelmeer, bis zur afrikanischen Küste – wie wir uns träumten, als wir jung waren – –!« Und er hob den linken Arm mit einer weiten, großen Bewegung in die Dämmerung, als wolle er mit einem Griff die goldene Zukunft an sich ziehen. Dort, in Tau und Duft der Sommernacht, nahm Erich Irmgard noch einmal an seine Brust, und seinen Kopf zu ihrem Ohr gesenkt, flüsterte er ihr mit seiner weichen dunklen Stimme zu: »So glücklich wie in diesen Wochen mit dir bin ich nicht gewesen, seit ich ein kleiner Junge war. So glücklich hat mich keine Frau gemacht wie du, Schwesterchen.« »Und mich nie ein Mann«, kam ihre Antwort ihm linde und süß entgegen. Sie lächelten beide – ihre Gesichter waren sich so nahe, daß ihr Lächeln einem zarten Kusse glich, den sie sich gegenseitig schenkten. * Der Bruder kehrte niemals heim zur Schwester – die weiße Jacht auf blauen Meeren verschwebte in seinen letzten Fieberträumen. Das fremde Land ließ Erich Glenn nicht wieder von sich. Ein dunkles Weib schrie über der Leiche des Herrn – nackte schwarze Männer begruben ihn unter seinen Kokosbäumen.