Pierre Louys Im Venusberg und andere Novellen   1904 Aus dem Französischen übersetzt von Franz Weil   Bibliothek berühmter Autoren Band 11 Umschlag von Hermann Liebich 1.-5. Tausend Wien und Leipzig   Wiener Verlag Sämtliche Rechte vorbehalten. K. u. k. Hofbuchdrucker Fr. Winiker \& Schickardt, Brünn. Im Venusberg Im Monate August 1891 kam ich, nachdem ich in Bayreuth Tannhäuser, Tristan und Isolde, die Meistersinger und zum neuntenmale den Parsifal gehört hatte, nach Marienthal bei der alten Stadt Eisenach, wo ich vierzehn Tage verblieb. Das Zimmer, das ich bewohnte, hatte die Aussicht auf die hohe Wartburg hinaus und nach Osten auf den Zeselberg, den die Priester und Dichter ehemals den Venusberg nannten. Selbst der Stern Wolfram von Eschenbachs fehlte dem leichten Himmel dieser wagnerianischen Landschaft nicht. Ich war damals der Sünde so ergeben, daß ich, nachdem ich mich einmal an das südliche Fenster gelehnt hatte, es ein zweitesmal –selbst im Traume nicht mehr wagte. Ja, im Gegenteil, der Venusberg hatte für mich eine wunderbare Anziehungskraft. (Er steht allein unter allen anderen Bergen, die mit düstern Tannen bewaldet und mit feuchten Wiesen bewachsen sind, und ist nackt und rund wie eine Frauenbrust. Die Abendröte gab ihm manchmal ein fleischfarbenes Ansehen. An gewissen Stunden des Abends schien er zu atmen und zu leben. Man hätte glauben können, daß Thüringen wie eine Göttin in einem seltsamen grünen Kleide schlief und einen Teil ihres geheimnisvollen Leibes entblößte. Mehrere lange Abende hindurch beobachte ich diese merkwürdige Verwandlung des Venushügels. Ich beobachtete von weitem; ich näherte mich nicht, denn ich fürchtete die Illusion zu stören, die ich gewiß an dem Tage verlieren mußte, wo mein Fuß den Boden des Berges wirklich betrat. Trotzdem brach ich eines Morgens dahin auf. In drei Stunden hatte ich mein Ziel erreicht. Der Hörselberg hatte ein ganz anderes Aussehen. Von nahe gesehen, war er rotbraun, fahl, ohne Erde, ohne Grün, ohne Wasser, wie von einem inneren Feuer verbrannt, als ob der legendäre Fluch von seinem Fuße jedwedes Grün, das andere Berge belebte, fernhielte. Der Fußsteig, den ich betrat, war mit Riesel und trockenem Moos bedeckt und führte, manchmal kaum zu erkennen, durch steinige Salden, manchmal deutlich sichtbar über klippige rostfarbene Felsen. Er führte bis an den Gipfel, wo sich ein kleines graues Häuschen erhob, das dem heftigen Sturm seine festen Mauern entgegenstellte. Ich trat ein und erfuhr, daß man hier zu Mittag essen könne. Es war das nicht die einzige Freiheit, die man sich in dieser einsamen Herberge nehmen durfte. Die zwei Töchter des abwesenden Wirtes waren von entgegenkommendem Wesen, und ihre Gefälligkeit einem jungen Reisenden gegenüber hatte keine Grenzen. Gegen Mittag beabsichtigte ich wieder herunterzusteigen. »Vergessen Sie nicht, die Grotte zu besichtigen,« sagte Julchen. »Welche Grotte?« »Die Venushöhle.« »Es gibt also eine Venusgrotte?« »Gewiß. Folgen Sie jenem Fußsteig links. Sie können in fünf Minuten dort sein. Sie werden beim Eingang wahrscheinlich einen Mann sehen, der auf einem Steine sitzt. Beachten Sie nicht, was er Ihnen sagt. Es ist ein Wahnsinniger ... Leben ... Sie wohl.« Die Grotte war tatsächlich da und der Mann ebenfalls. Klein, von elliptischer Form, mit einem Dornenkranze gekrönt, schien die Grotte das richtige Symbol des Berges und eine zweite Bekräftigung seiner Legende zu sein, gleichwie das fleischfarbene Ansehen des Venusberges von weitem. Ich wurde wider Willen davon ergriffen. Das Innere war, wohin ich auch meine Augen wandte, eng, schmal und nieder. Wasserpfützen und Kotlachen bedeckten größtenteils den Boden; es war schwer, hineinzukommen, ohne in diesem Sumpf zu waten und ohne die Wände zu streifen. Ich versuchte dennoch einige Schritte hineinzugehen. »Wohin gehen Sie?« sagte der Mann. Und er hielt mich zurück. »Ich will versuchen bis zum Ende der Grotte zu gelangen.« »Zum Ende der Grotte? Sie hat aber kein Ende, Herr. Hier ist die Öffnung der Erde.« »Gut,« sagte ich geduldig. »Ich werde nicht weit gehen. Ich werde gleich wieder zurückkehren.« »Sie glauben also, daß man hier nach Belieben ein- und ausgehen kann? Glauben Sie, daß diese Grotte vom Reisebureau Cook gemietet ist oder daß sie ein Sammelplatz für Naturforscher ist? Denken Sie hier unterirdische Seen, blinde Fische, staunenswerte Stalaktiten und natürliche Kuppeln aus Kristallen zu entdecken? Sie wollen die Speleologie der Venushöhle ergründen? Nun, das ist erstaunlich! Sind Sie auch so ein Narr, wie alle anderen? Begreifen denn auch Sie nicht? Wissen Sie denn nicht? Halten Sie den Venusberg vielleicht auch für eine Fabel?« »Herr,« sagte ich, seiner Narrheit schmeichelnd, »ich glaube an das Dasein der Venus und der Nymphen, ich bin sogar mit Vergnügen bereit, für den Preis ihrer Gunst die Hölle zu erdulden.« Der Mann griff sich an die Stirne und fuhr mit steigender Erregung zu sprechen fort: »Hörselberg! Besser Höllenberg! Sie kommen bis zu dir, ohne zu wissen, wer du bist, du, der die Reinen erwartet, der die Keuschen straft, der du in Ewigkeit die argen Knicker des Fleisches vernichten wirst. Sie werden ihr widerspenstiges Dasein nach dem großen göttlichen Gesetze richten müssen, und sie werden deinen Höllenbrand erst an jenem Tage fühlen, wo die Macht des Schwertes der Engel der Seelen sie in diesen Abgrund stürzen wird! Sie haben Ohren und hören nicht! Sie haben Augen und sehen nicht. Sie sind verrückt! Verrückt! Verrückt!« Er wandte sich mir zu und rief: »Wie können Sie glauben, daß der Venusberg ein Grund zur Verdammnis sein kann –wo es doch die Hölle selbst ist! Nun, ja, so ist es! Und ist es möglich, daß man das nicht ahnte? Haben die Dämonen und Satyre nicht das gleiche Aussehen, Hörner, Bocksbeine und haarigen Schwanz? Und hat man noch immer nicht begriffen, daß die Flammen, die uns bedrohen, Milliarden nackter Frauen sind, die da tanzen ...« Er stieß heftig den Boden. »Hier! ... Unter unseren Füßen!« Die Narrheit dieses Menschen begann mir zweifelhaft zu erscheinen. Er fuhr fort: »Seitdem Menschen denken, seitdem Menschen schreiben, wiederholen sie, stöhnen sie, daß es keine größere Qual gibt, als zu lieben. Warum begreifen Sie nicht, daß in der Welt der ewigen Qualen, diese Tortur die einzige sein wird, die ihnen auferlegt wird? An jenem Tage, wo wir nichts sein werden, als faulende Kadaver und unkenntliche Seelen, werden wir beginnen daran zu kranken (wenn ich sage wir, meine ich die Sünder), an der unendlichen Krankheit: Lüsternheit. Täglich, stündlich werden wir uns nach Frauen sehnen, die eine schöner als die andere, und im Augenblicke, wo wir sie zu besitzen wähnen, werden sie in Rauch aufgehen –so wie auf Erden. Das sind die Höllenqualen, die uns erwarten.« Seine Augen hefteten sich auf einen Stein am Boden, er hob den Kopf und fuhr mit sehr erregter Stimme fort: »Ich habe übel gelebt, Herr, hören Sie: Ich bin von protestantischen Eltern her, vom Berge der Wartburg, demselben, wo Luther vor mehr denn dreihundert Jahren seine falsche Lehre verkündete. Meine Jugend war fromm, mein Leben streng geregelt. Dennoch konnte ich von meinem vierzehnten Jahre an nicht eine Frau ansehen, ohne von wahnsinnigen Begierden ergriffen zu werden. Es waren furchtbare Kämpfe, die ich morgens in Schweiß gebadet mit zitterndem Kinnbacken durchmachte. Aber ich dachte rein zu bleiben, wenn ich ohne Liebe lebte, und um rein zu sterben, hätte ich mich mit eigener Hand getötet, bevor ich die Sünde begangen hätte. Wer niemals diese nächtlichen Kämpfe zwischen einer eingebildeten Pflicht und dem gewaltigen Willen des Leibes mitgemacht hat, der kann diesen Schmerz nicht ermessen! So kämpfte ich um einen Schatten, und heute weiß ich es, ich kämpfte gegen Gott! ... Später habe ich mich verheiratet. Meine Frau und ich hatten einander geschworen, nur unsere Seelen zu vereinen, um denselben eine höhere Weihe zu geben. Auf diese Weise habe ich mich nach und nach durch meinen eigenen Fehler selbst verdammt, in dem ich täglich das Gesetz des Lebens verleugnete. Ich bin keusch und unberührt. Ach! Fluch dem Keuschen. Die Liebe, die sie während ihres kurzen Daseins zurückgestoßen haben, wird sie gerechterweise in unendlichen Qualen im Jenseits verfolgen!« Er brach ab und faßte mich am Arme. »Hören Sie! ... Die Sonne geht unter! Das ist die Stunde ... Alle Abende komme ich hieher, wenn die Göttin leise singt. Sie ruft mich, sie lockt mich ... Ich komme und erwarte den Tag meines Todes und meine Einfahrt in den Venusberg. Reden Sie nicht! Sie wird zu uns sprechen.« Ich weiß nicht, ob die Ruhe dieser letzten Worte, der Ausdruck dieses Menschen oder sein Händedruck mich so sehr davon überzeugten, was er sprach, ... aber ein plötzlicher Schauer durchlief meinen Körper, und ich horchte auf. Das war ein Gefühl, das ich nicht gekannt hatte. Ich wartete nicht zufällig, sondern mit sicherer Bestimmtheit auf das Eintreffen des von dem Irren vorhergesagten Ereignisses. Ich kann den Geisteszustand, in dem ich mich befand, nicht besser erklären, als durch den Vergleich mit einem Vorübergehenden, der den Blitz gesehen hat und die Entfernung des Gewitters kennt und nun zur bestimmten Minute das Eintreffen des Donners erwartet. Die Zeit, die mich von dem Wunder noch trennte, verminderte sich vorerst um ein Dritteil, sodann um die Hälfte, dann um drei Viertel, und genau in dem Augenblicke, wo sie verstrichen war, brachte ein leichter Dufthauch das Echo einer verhallenden Stimme an mein Ohr. Ein Rechtsfall ohne Gleichen Die Bibliothek des Herrn Präsidenten Barbeville war der Ort seiner Lust. Er nannte sie darum: »Mein Junggesellenheim.« Alle Morgen stieg er da hinauf, recht bequem, im Schlafrock. Er verließ sein Arbeitszimmer, in dem er nichts mehr zu tun hatte, seitdem seine Pensionierung ihn vom Gerichte entfernt hatte, und erklomm mit noch ziemlich lebhaften Schritten eine steinerne Wendeltreppe, die in das höchste Geschoß führte, dessen Türe er nie ohne ein Lächeln der Befriedigung aufschloß. Ein heller grüner Schein beleuchtete seinen Bücherschatz. Durch die kleinen Scheiben eines großen Fensters im Stile Ludwig XIV. sah man draußen junge grüne Blätter tanzen. Zwei Kastanienbäume überragten den Giebel des alten grauen Hauses. Die Sonne drang nicht durch ihr dichtes Laub, aber sie warf auf den Teppich des Gemaches einen leichten, beweglichen Schatten, der dieser Einsiedelei eine beinahe kirchliche Ruhe gab. In einem großen Lehnstuhle mit einem Lehnpult, der nach einer ihm von Seiner Durchlaucht dem Herzog von Aumale überlassenen Zeichnung konstruiert war, ließ er sich nieder, schob den Schaukelstuhl links, seine Zigarettentasche rechts neben sich hin und nahm ein Buch zur Hand, in das er sich vertiefte. Er hatte die Leidenschaft, Bücher zu lesen. Es war die einzige Leidenschaft, die die Fakultät ihm erlaubt hatte, als er noch anderer Leidenschaften fähig war, wovon er sich dann und wann durch jugendliche Versuche überzeugt hatte. Aber diese Versuche wurden nach und nach wenn auch nicht unmöglich, so doch unratsam, und um seinem Arzte zu Gefallen zu sein, öffnete er nunmehr viel öfter ein altes Buch als ein jugendliches Mieder.   Eines Morgens hatte er soeben die Lektüre eines seltsamen alten Schmöckers beendet, den er tags zuvor erworben hatte, als sein Arzt und alter Freund ihn besuchte. »Mein Lieber, Sie kommen mir sehr gelegen!« sagte der Greis mit herzlicher Betonung. »Ich möchte gerne eine Frage an Sie stellen, und Sie müssen wirklich sehr pfiffig sein, wenn Sie mir dieselbe beantworten können, denn sie betrifft einen Punkt der Rechtskunde, den ich, bevor ich dies hier las, für etwas Unmögliches gehalten hätte.« »O! Da erkläre ich mich für unmaßgeblich!« »Geduld. Es handelt von einer Heirat und wenn die Frage auch eine Rechtsfrage ist, so hat sie auch eine medizinische Seite, wie Sie gleich sehen werden. Ich habe noch nie etwas Seltsameres gehört oder gelesen. Seit zweiundfünfzig Jahren bin ich auf die Gerichtszeitung und auf die Beilage des »Dalloz« abonniert; ich selbst habe tausend Rechtsfälle angehört; ich kenne die drolligsten Juristenscherze und Anekdoten unserer Zeit, aber so etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Ich kann mich vor Staunen nicht erholen, wie Sie sehen.« Der Herr Präsident Barbeville lehnte sich in seinen Lehnstuhl zurück, grub seine Hände in die Ärmel des Schlafrockes und sprach langsam die folgende Frage, wobei er jedes Wort klar und deutlich betonte: »Wie kann eine regelrechte Heirat, die unter Zustimmung beider Teile geschlossen wurde, durch unmittelbare und unvermeidliche Notwendigkeit seitens der beiden Ehegatten und unter Mitschuld des Anderen die Verbrechen der Entführung, Entziehung der persönlichen Freiheit, der Kuppelei, des Verbrechens gegen die Sittlichkeit, wiederholte Notzucht, der Blutschande, des Ehebruches und der Bigamie zur Folge haben?« Am Anfange dieser Rede war der Arzt bestürzt; dann brach er in Lachen aus. »Beachten Sie wohl,« fuhr Herr Barbeville fort, »beachten Sie wohl, daß ich gesagt habe: durch unmittelbare und unvermeidliche Notwendigkeit. Es sind das tatsächlich nicht die Folgen eigenmächtiger Handlungen eines der beiden Gatten. Im Augenblicke der gesetzmäßigen Vollziehung dieser Ehe sind auch bereits alle die genannten Verbrechen begangen, und weder der eine, noch der andere der beiden Ehegatten kann diese Tatsachen verhindern, ausgenommen sie verzichten auf ihre Vereinigung.« Der Freund des Präsidenten blieb einige Zeit nachdenklich, dann fragte er: »Ist das eine Fabel?« »Durchaus nicht. Es ist eine Tatsache. Die Geschichte ist möglich, wahrscheinlich und wahr. Ich gehe noch weiter. Wenn es auch der einzige derartige Fall ist, den ich kenne, so ist es doch zweifellos, daß es mehrere gleiche Fälle gegeben hat, die ich nicht kenne, und daß es auch solche in der Zukunft geben wird, daran dürfen Sie keinen Augenblick zweifeln. Denn in der Tat ist die Lage des jungen Mädchens keine nur ihr allein eigentümliche, und der merkwürdige Fall hängt mit dem Verlobten durchaus nicht zusammen; jeder Mann, er sei wer immer, müßte an seiner Stelle ganz dasselbe erdulden.« »Also erklären Sie doch. Ich habe keine Ahnung.« Herr Barbeville begann wie folgt: »Sie werden beim ersten Worte alles erraten. Eine in Paris lebende Italienerin gebar eines Tages ein doppeltes Kind. Die Entbindung war eine heimliche, und die Hebamme, die sie pflegte, hütete sich wohl, den Fall zur Kenntnis der Akademie der Wissenschaften zu bringen. Das Kind (ein oder zwei kleine Mädchen, je nachdem man sie von oben oder von unten betrachtete) hatte zwei Köpfe, vier Arme, zwei Brustkörbe, einen gemeinsamen Bauch und nur zwei Füße. Es war bis zur Mitte doppelt und von da bis zu den Füßen einfach.« »Der Fall gehört, wenn ich nicht irre, durchaus nicht zu den allerseltensten. Nein, besonders bei Totgeborenen. Aber fahren Sie fort, ich höre zu.« »Aber kennt man auch solche, die gelebt haben?« »Mehrere.« »Es waren das also, wenn man sagen darf, gesund veranlagte Mißgeburten, von denen ich Ihnen erzähle. Können Sie mir Beispiele ähnlicher Fälle nennen?« »Ritta –Christina, zwei Mädchen, die gegen 1830 in Sardinien geboren wurden. Sie waren ähnlich, wie Ihre Beschreibung sagte: doppelter Brustkorb, gemeinsames Becken. Ihre Eltern brachten sie nach Paris, um sie öffentlich zur Schau zu stellen. Aber die Behörden fanden diese Ausstellung unsittlich und untersagten dieselbe. Die arme Familie, die ohne Hilfsquellen war, mußte die Kinder in einem ungeheizten Zimmer beherbergen, wo sie an einem Lungenkatarrh starben.« »Hat man die Autopsie vorgenommen?« »Ja.« »War ihr Nervensystem ein geteiltes?« »Durchwegs, bis auf die inneren Partien, des Unterleibes, dessen Empfindungen auf die Gehirne beider gleichzeitig wirkte.« »Ganz recht! Sie werden gleich sehen, wie sehr Ihr Beispiel meine Geschichte bestätigt.« Der alte Präsident steckte eine lange Zigarette in eine schmale Meerschaumspitze, brannte sie an und fuhr mit lebhafter Stimme fort: »Die zwei kleinen Töchter der besagten Italienerin erhielten die Namen Maria und Magdalena. Sie blieben am Leben. Ihre Mutter zeigte sie niemand, aber erzog sie sehr zärtlich. Sie hatten ein regelmäßiges Wachstum, eine normale Pubertät: kurz, mit sechzehn Jahren waren es zwei sehr hübsche Mädchen, trotz der seltsamen Vereinigung ihrer Schönheiten. Wenn der Schweif der Sirenen diese nicht verhinderte, die Männer zu betören, so darf es uns auch nicht erstaunen, daß Maria und Magdalena das Herz eines Mannes gewann. Um die Wahrheit zu sagen, alle beide waren verliebt; Magdalena aber allein wurde geliebt. Ein junger Mann verliebte sich in sie; da er aber voller Aufmerksamkeiten für die andere war, glaubten die Schwestern diese gemeinsame Liebe teilen zu dürfen und erwiderten dieselbe mit dem ganzen ersten Feuer ihrer Jugend. Unglücklicherweise dauerte die Täuschung nicht lange. Der junge Mann begann sich darüber Gewissensbisse zu machen, sie länger hinauszuziehen. Ein Brief von ihm, den er eines Tages an Fräulein Magdalena sandte, weckte im Herzen nebenan tausend Schlangen, die Ihnen wohl bekannt sind, und als der junge Mann seinen Heiratsantrag machte, sagte Magdalena ja und Maria nein. Vorstellungen, Bitten, alles war vergeblich. Die Mutter unterstützte die Liebenden, um die Widerspenstige zum Nachgeben zu bewegen, aber gleichfalls ohne Erfolg.« »Das ist aber eine ganz außergewöhnlich komische Situation!« rief der Arzt lachend aus. »Eine tragische, lieber Freund! Das ist ein dramatischer Knoten, wie ich keinen stärkeren kenne. Feindliche Schwestern zu sein; Nebenbuhlerinnen einer Liebe zu sein; und mit derjenigen, die man verabscheut, zur Hälfte vereinigt zu sein; von der Natur verurteilt zu sein, alle Liebkosungen mitanzusehen, die der anderen zuteil werden; was sage ich: mitanzusehen, mitempfinden zu müssen! Und später das Kind eines zweifach verhaßten Liebhabers unter dem Herzen tragen zu müssen! Dante hat Derartiges nicht erfunden! Das übersteigt selbst die Qualen und die Torturen der chinesischen Hölle. Da nun –ich setze meine Erzählung fort –die Italienerin fest entschlossen war, ihre Tochter trotz des Widerspruches der anderen zu verheiraten, ging sie zum zuständigen Maire und erkundigte sich, ob man einverstanden sei, unter den obwaltenden Umständen die Trauung vorzunehmen. Der Maire war unentschlossen und antwortete, daß ihm diese Angelegenheit ungemein verworren und von einer noch nicht dagewesenen Verwicklung erscheine, daß er sich nicht für befugt halte, selbst zu entscheiden, daß seine tägliche Beschäftigung es ihm nicht gestatte, einen so außerordentlich schwierigen Rechtsfall juristisch zu versuchen; er bat seine Besucherin, ihm zwei Advokaten zur Schlichtung der Angelegenheit beizustellen, von denen der eine für, der andere gegen die Heirat plaidieren sollte.« Und hat dieser Prozeß stattgefunden? Ja, ein geheimer Prozeß, im Arbeitszimmer des Maire, ohne andere Zeugen als die Beisitzer und der Gerichtsschreiber. Der Advokat Magdalenas sprach als erster. Die Einleitung war ironisch, die Darlegung des Sachverhaltes spaßhaft gehalten. Er führte auch die Debatte im gleichen Tone. Er berief sich nacheinander auf § 1645 und auf § 569, beide in ganz ungerechtfertigter Anwendung auf den Fall. Dann ließ er die Späße beiseite und stellte folgendes Dilemma auf. Entweder sind Maria und Magdalena zwei Frauen, jede für sich –oder sie bilden zusammen ein Wesen. Im ersten Falle ist es selbstredend, daß die Einwilligung der Schwester nicht erforderlich ist. Im zweiten Falle, wo man von der zweiten Hälfte völlig absehen könne, sei es überhaupt nicht strittig. Diese letzte Behauptung entwickelte und unterstützte er gründlich. Niemals, sagte er, habe man weder in der Wirklichkeit noch in der Einbildung der Dichter behaupten können, daß die Mehrzahl einzelner Glieder die Personen vermehrt. Ein Kalb mit sechs Füßen ist nie mehr als ein Kalb. Die hundert Augen des Argus gehörten nicht hundert Personen an; Janus mit dem doppelten Antlitz war nur ein Gott; Cerberus sei trotz seiner drei höllischen Köpfe nur in der Einzahl zu nennen. Warum sollten Maria und Magdalena, die physisch ebenfalls untrennbar seien, zwei Personen vorstellen, nachdem die Haupteigenschaft eines Individuums auf etymologischer Basis darauf beruhe, unteilbar zu sein? »Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha!« rief der Arzt. »Diese Begründung gefällt mir vorzüglich. Übrigens,« setzte er fort, »selbst wenn wir eine Verschiedenheit der beiden geistigen Wesen annehmen, so haben wir uns hier doch keineswegs mit Psychologie, sondern mit einer Heirat zu befassen. Die Heirat hat einen gewissen Zweck, den wir alle kennen und den niemand bestreitet. Wenn also Maria und Magdalena auch mit einem doppelten Gehirn auf die Welt gekommen ist, so sind sie doch in den auf die Hochzeit bezughabenden Punkten ein einfaches Wesen. Die beiden Frauen, die man bis zum Gürtel unterscheiden kann, bilden nur eine einzige Gattin.« Das ist richtig. Der Advokat der zweiten Schwester antwortete, daß er sich nicht in die mythologischen Abschweifungen seines Vorredners ergehen werde und daß er den gesunden Menschenverstand verteidigen werde. Die alleinige Tatsache, daß Maria und Magdalena einen Prozeß gegeneinander führen, beweise zur Genüge, daß sie nicht ein Wesen sind. Maria verweigert ihre Einwilligung zur Ehe. Wenn Herr H... ihre Schwester heiratet, wird meine Klientin notwendigerweise entführt werden. Eine gewaltsame Entführung, verschärft durch den Umstand der Widerwärtigkeit der Entführten: Erstes Verbrechen. Sodann wird sie gegen ihren Willen in der Wohnung des Ehepaares zurückgehalten. Behinderung der persönlichen Freiheit, zweites Verbrechen. Hier wird unsere Minderjährige, in ihrer persönlichen Freiheit Beschränkte gezwungen, allen vertrauten Liebkosungen beiwohnen zu müssen. Verbrechen gegen die Sittlichkeit, drittes Verbrechen. Sie wird mit Gewalt und unter Mitschuld ihrer Schwester, in deren Interesse es geschieht, gezwungen, mit einem Manne das Bett zu teilen. Kupplerei, Mädchenhandel, viertes Verbrechen. Trotz ihres heftigen Widerstandes muß sie zufolge ihrer körperlichen Beschaffenheit gleichzeitig mit ihrer Schwester aufhören Jungfrau zu sein: Notzucht, fünftes Verbrechen. Da der Schuldige ihr Schwager ist: Blutschande, sechstes Verbrechen. Wenn dieser letzte Fall auch vom Gesetze nicht vorhergesehen ist, so behalte ich mir auch dieses noch als erschwerenden Umstand vor. Überdies ist der Mann, der all das begeht, verheiratet: Ehebruch, siebentes Verbrechen. Glauben Sie, das ist alles? Nein, noch lange nicht: Die Ehe der einen vollzieht auch die Ehe der anderen Zwillingsschwester, da beide, wie mein Herr Kollega mit lichtvoller Klarheit nachgewiesen hat, unteilbar sind. Sie, meine Herren vom Gericht, müssen also zugleich zwei Frauen den Namen eines und desselben Mannes geben, wodurch wohl der Ehebruch hinwegfällt, um der Bigamie Platz zu machen. Und Sie alle machen sich zu Mitschuldigen des Mannes und müssen ihm später ins Zuchthaus folgen.« »Die Urteilssprechung wurde wohl vertagt?« »O nein! Der Maire erklärte unverzüglich, er habe nie daran gedacht, seine Einwilligung zu geben, und die Ehe durfte nicht geschlossen werden.« »Gott sei Dank!« rief heiter der Arzt. Djouhera Walter H., dessen Name heute so berühmt ist, daß es überflüssig ist, seinen Namen ganz auszuschreiben, war vierundzwanzig Stunden lang mein Freund, und zwar eines Tages, da wir beinahe zusammen umgekommen wären. Beide hatten wir, ohne uns zu kennen, den Küstendampfer »die Stadt Barcelona« bestiegen, der den Dienst zwischen Tanger, Gibraltar und Oran versah. Das Meer war sehr stürmisch. Die spanischen Zeitungen, die wir in Malaga kauften, berichteten vom Untergang des schönsten Kreuzers der königlichen Flotte, der »Reina Regenta«, die mit vierhundertfünfundfünfzig Mann Besatzung, Offiziere und Matrosen, im selben Küstenstriche von einer furchtbaren Wasserhose verschlungen wurde. Ich entsinne mich noch des vernichtenden Eindruckes dieser Zeitungsartikel, der publizierten endlosen Totenliste, die die erste schwarzumränderte Seite der Blätter gänzlich füllte und vom ersten befehlshabenden Admiral bis zu den letzten Schiffsraumspülern alle Namen der Verblichenen enthielt. Wir fuhren am selben Tage während einer kurzen, trügerischen Windstille ab, die aber nur eine halbe Stunde anhielt. Kaum hatte das Schiff die dunkelgrüne Linie überschritten, die das offene Meer kennzeichnet, da begann es zu tanzen, kenterte und legte sich ganz auf die rechte Seite und zitterte in allen seinen Fugen, wie ein erschreckter Vogel während eines Gewitters. Eine gewaltige Woge flutete an das Schiff heran und überschwemmte es mit ihrem ganzen Inhalt. Eine andere wiederholte das gleiche Spiel. Und noch eine andere und hunderte andere. Die ganze Nacht hörten wir das Getöse des über die Brücke schlagenden Wassers und das Stöhnen der Schiffsplanken. Manchmal sprangen wir über einen Wellenkamm, wie ein leeres Ei auf dem Strahl eines Springbrunnens, und die aus dem Wasser gerissene Schiffsschraube drehte sich mit einem zischenden Geräusche in der Luft, wie eine Sirene in der Sturmesnacht. Augenblicke hindurch trat zwischen zwei betäubenden Minuten eine so tiefe Stille ein, daß wir bereits untergegangen zu sein vermeinten. Es waren Stunden voll unvergleichlicher Erhabenheit und tragischer Schönheit. Als ich am nächsten Morgen nach dem Sturme die Brücke betrat, sah ich einen hochgewachsenen, braunen Marokkaner in weißem Burnus, dessen Falten im Winde flatterten, sich dem Kapitän nähern. »Wann werden wir sein in Melilla?« fragte er. »In Melilla?« sagte der Kommandant. »Nicht so bald, mein Freund. In zwei Wochen etwa, bei der Rückreise.« »Was du sagst, in vierzehn Tagen? Ich muß heute sein in Melilla!« »Gut, dann mußt du in Nemours aussteigen, und von dort nach Melilla gehen. Wir konnten in Melilla nicht anlegen. Bei solchem Wetter, wie wir es gestern hatten, kann ich mein Schiff nicht versenken, um irgendwo anzuhalten.« Der Araber knirschte vor Wut mit den Zähnen. Er brummte ein Zebbi el aïnik, und seine Stimme klang voll grollenden Zornes, dann ging er über die Brücke zurück, längs der Schiffsverschanzung und ließ seine düsteren Blicke über die Küste seiner Heimat schweifen, die den Horizont im Osten abschloß.   Als ich den Speisesaal betrat, war dieser beinahe leer. Nur zwei von den fünfzig Passagieren hatten ihre Kabinen verlassen. Eine mutige Reisende, die alte Marquise von S., Mutter eines französischen Kammerabgeordneten, den Herr Jaurès schon heftig angegriffen hatte, war die eine. Herr Walter H. war der andere. Dieser sprach mich mit jenem freudigen Ausdrucke an, der solch übeln Nächten auf dem Meere zu folgen pflegt und dem Lächeln eines Wiedergenesenen gleicht. »Ich habe fünf Jahre in Marokko zugebracht und begebe mich jetzt über Marseille, Konstantinopel und Batum nach Persien. Sagen Sie mir, lieben Sie die Araber?« Diese Worte machten uns zu Freunden. Walter H. war damals neunundzwanzig Jahre alt. Sein Antlitz war durch die Sonne Afrikas gebräunt und rasiert wie in Oxford, dennoch aber in Schnitt und Ausdruck ganz französisch. Er hatte Marokko gründlich bereist und war auch ein wenig in der Sahara gewesen. Er sprach so ausgezeichnet arabisch, daß ich ihn eines Tages in einem entlegenen Viertel Orans von einem Haufen Einheimischer bedrängt fand, die ihn für einen europäisch gekleideten Moslem hielten. »Ah!« sagte er, »Sie werden die wahren Araber nie zu Gesichte bekommen, wenn nicht zwischen Fez und Marrakech unter den Djebel Aïachin. Anderenorts hat der Araber entweder als türkischer, französischer oder englischer Untertan längst den Adel seines Wesens mit seiner Unabhängigkeit zugleich eingebüßt. Die handeltreibenden Tripolitaner, die sanften Tunisier in ihren blauseidenen Gewändern, die algerischen Amtspersonen und friedliebenden Rentner, die ersten ihrer Rasse haben sich unter dem Druck der europäischen Mächte gebeugt; und rings um diese grollt das arme, furchtsame Volk, das sich zweifelsohne bei guter Gelegenheit auflehnen wird, bis jetzt aber noch bettelnd die Hände ausstreckt. In Marokko aber... Ja, dort!... dort lebt ein antikes Volk, das seit dem Bestande der Welt nicht unfrei war. Ich glaube, es ist das einzige der Erde. Dort leben noch acht Millionen freier Männer, Söhne jener großen Eroberer, die eines Tages in einem Ritte vom indischen Meere zum Flußbette der Loire sprengten, um bald darauf wieder ihr altes Lager zu beziehen. Es sind die alten Sarazenen. Sehen Sie sich diese Menschen an: Sie sind herrlich!« Indes hatte das Schiff in einer freundlichen Reede Anker geschlagen. Das Dörfchen Nemours lag langgestreckt vor unseren Blicken und hinter ihm das Mittelmeer. Nemours ist der einzige Platz marokkanischer Erde, wo das französische Banner weht, das einzige Tal, das der Marschall Bugeaud nach dem Siege von Isly zu erhalten vermochte. Wir stiegen in ein Boot, das uns ans Land setzen sollte. Der Marokkaner, der übellaunig schien, weil ich ihn auf der Brücke belauscht hatte, folgte uns und nahm auf der Bank in der Mitte Platz. Ich betrachtete ihn. Die weiße Kapuze seines Burnus hatte er zurückgeschlagen und sein schöner Kopf saß aufrecht auf dem prächtigen Nacken. Das Gesamtbild seines Antlitzes war aus allen jenen Zügen zusammengesetzt, die uns erforderlich scheinen, den Adel auszudrücken. Selbstbewußte Hoheit lag auf den Brauen und ruhte im Schatten des schwarzen Auges. Die schmalen Lippen und die feingeschnittene Nase bezeugten seine unleugbare Reinrassigkeit. Walter H. brachte ihn zum Reden. Er nannte sich El Hadj Omar ben Abd-el-Nebi, Caïd von Sidi-Mallouk. Auf der Rückreise von Tanger hatte er bereits mehrmals vom Nothafen von Melilla aus seinen Stamm wieder erreicht, erst dem Fußsteige des Riffes und dann dem Ufer des Bächleins folgend; nun aber, da er von seinem gewöhnlichen Wege verschlagen war, befürchtete er den Weg über Nemours und Lalla-Marnia zu nehmen, denn der große Stamm der Oudjda war dem seinen durchaus nicht befreundet. Zwei Pistolen bezeichnend, die an seinem Gürtel hingen, sagte ich: »Du bist bewaffnet.« Er schnitt eine verachtungsvolle Grimasse und zuckte die Achseln. »Knallerbsen,« murmelte er. In diesem Augenblicke landeten wir. Als wir alle drei ausgestiegen waren und durch das blühende Tal schritten, das sich gleich am Eingang des Dorfes erstreckte, öffnete El Hadj Omar eine Falte seines weißen Mantels und zog behutsam, beinahe andachtsvoll den kurzen Säbel hervor, den er längs seines Schenkels versteckt hatte, und hielt ihn quer vor uns hin. »Dies da ist eine Waffe!« sagte er. Der Säbel war ungefähr so lang als zwei Drittel seines Armes. Der Griff war klein, aber fest, und ohne weiteren Schutz, als den eines kleinen kupfernen Züngleins, das die Oberklinge deckte. Die Klinge war blauschwarz mit den zarten, goldenen Spitzen der feinen Damaszenierung geschmückt und an der Schärfe der Schneide ganz blank. El Hadj Omar prüfte die Schärfe der Schneide bedächtig zwischen Daumen und Zeigefinger. Seine Hand lief bis an die scharfe Spitze und entfernte sich dann eiligst, als sei sie dem Feuer zu nahe gewesen. »Damit,« sagte er, »hat mein Bruder einen Mann und ein Weib in einem Stoß getötet. Mit einem Faustschlag. Es ist ein gutes Messer.« Einen Mann und ein Weib? Wir wollten die Geschichte hören. Der Marokkaner zögerte. Doch ließ er sich schließlich erweichen. Wir setzten uns auf den grünen Rasen, bei einer Windung des Tales, wo die Blumen den Boden überfluteten. Eine üppige Pflanzenwelt belebte die Abhänge der Berge: Terebinten, Zwergpalmen, Steinlinden und Zürgelbäume. Myrtenbüsche und baumartige Heidekräuter umsäumten die mit frischem Frühlingsgrün belaubten Brustbeerbäume, Tamarisken und Hasenohrsträucher wuchsen am Rande eines raschfließenden Wassers, an dem Oleanderbäumchen im Lufthauche erzitterten. In diesem paradiesischen Tale hörten wir nun die folgende Geschichte: El Hadj Omar hatte einen Bruder gehabt, Mahmoud ben Abd-el-Nebi, vor ihm Caïd in Sidi-Mallouk. Mahmoud war Gatte dreier Frauen und dachte seit langem nicht mehr daran, eine Vierte zu heiraten, als er einem umherwandernden jungen Mädchen begegnete und sich ganz plötzlich in dieses rasend verliebte. Sie hieß Djouhera. Djouhera ist ein Name, der »Perle« bedeutet. Sie war aus der tunesischen Steppe und trug die Kleidung ihres Dorfes: Eine einfache rote Tunika, auf der rechten Seite geöffnet, so daß zwischen den Falten des Stoffes die Brust sichtbar wurde. Sie war die Tochter eines Hirten, wenn ihre Mutter die Wahrheit sprach, denn man wußte von den beiden nichts genau, als daß sie zwei ungläubige Landstreicherinnen waren. Nichts aber auf dieser Erde, noch im Traume, war jemals schöner, als Djouhera. Mahmoud war daher auch nicht verrückt, sondern vielmehr unglückselig und verdammt, an jenem Tage, als er dieses Geschöpf auf seinem Wege fand, denn sie ging mit entblößtem Antlitz einher, und jedermann konnte ihren Mund sehen. War das nicht genug zum Unglücke eines Mannes? Um in ihren Besitz zu gelangen, entführte Mahmoud das Mädchen und heiratete es, damit es ihm ihre Liebe gebe, so es Gott gefiel. Aber Gott gefiel es nicht. Djouhera gab Mahmoud nichts, als ihren kleinen, gleichgültigen Körper. Dagegen wußte sie alles zu erreichen, selbst die Scheidung der anderen drei Frauen und die Zustimmung des Kadi. Sie wurde unumschränkte Herrin über ihren Gatten und sein Haus. Und als es nichts mehr zu unterjochen gab, da lüstete ihr nach anderen Siegen, da wollte sie auch die anderen Männer knechten. Wer waren nun ihre Liebhaber? Wer möchte sie zählen? Niemals hatte je das Weib eines Caïd so ausschweifend gelebt. Unverschleierten Antlitzes stieg sie des Abends zur Terrasse empor, mit halbgeöffnetem Kleide, und wenn ein Mann sie erblickte, lächelte sie ihm zu, statt zu entfliehen. Die jungen Leute des ganzen Stammes mußten nacheinander erfahren, daß sie stets denjenigen liebte, der gerade zugegen war. Sie zog den erstbesten, der da kam, durch eine niedere Türe in den rückwärtigen Garten unter die herabhängenden Zweige eines blühenden Mandelbaumes, und man konnte sie niemals dabei überraschen, denn sie schlürfte den Kelch der Liebe unendlich rasch, und ihr zärtlichstes Stelldichein währte nicht länger, als die Dauer eines Kusses. Eines Abends jedoch, inmitten einer jener flüchtigen Launen, wurde Djouhera liebestoll. Das kam ganz plötzlich, zu ihrer großen Überraschung. Ein gewisser Abdallah, der so arm war, als sie es früher gewesen, ein Bursche, der des Sommers auf freiem Felde, des Winters in der Moschee schlief, war derjenige, der ihre Lust zur Leidenschaft entfachte. Zu Pferde entflohen sie beide. Tagelang verfolgte Mahmoud ihre Spuren, ohne sie finden zu können, denn das junge Weib war in Männerkleidern entflohen und ritt wie ein Löwenjäger. So verzweifelt auch Mahmoud war, schien er doch fest entschlossen, ihr lieber zu verzeihen, als sie zu verlieren, ungeachtet der Schande, der er sich dadurch preisgab. Denn seine Liebe hatte, was in ihm von seinem Stolze noch geblieben war, in alle Winde geblasen. Aber er wußte noch nicht, was ihm zu sehen bevorstand. Als er am Ende seiner Verfolgung das Zimmer der Herberge betrat, wo er Djouhera finden sollte, waren die beiden von einem solchen Liebesrausche befallen, daß sie ihn nicht eintreten hörten. Mahmoud rief zweimal: »Djouhera!... Djouhera!...« und durchbohrte sodann, ohne zu wissen was er tat, mit einem einzigen Stoße den Jüngling und das junge Weib, sowie die Diele unter ihnen. Abdallah starb auf der Stelle. Djouhera stieß einen leisen, aber langgedehnten Schrei aus. Sie öffnete ihre brechenden Augen weit, wandte den Kopf und murmelte: »O Mahmoud, dich hat Gott gesandt... Ich bat Gott, mich mitten im größten Glücke sterben zu lassen! Er war es, der deine Hand bewaffnete. O Gott, wie schön waren meine letzten Augenblicke! –Du Mahmoud wirst leiden, alt, krank und gebrechlich sterben... Ich aber sterbe in der Fülle meines Glückes... Sei gesegnet, Mahmoud, sei gesegnet, Mahmoud... sei gesegnet.« Und bis zu ihrem letzten Atemzuge wiederholte sie: »Sei gesegnet, Mahmoud, sei gesegnet... gesegnet...«   El Hadj Omar zog, nachdem er seine Erzählung beendet hatte, den Säbel nochmals aus der Scheide, und nun glaubte ich rote Lichter auf seinem dunklen Glanz tanzen zu sehen. –Dann gingen wir weiter durch das blühende Tal. Vor unseren Füßen spielte ein kleiner Araberjunge mit einem schwarzen Skorpion, der sich wütend nach aufwärts krümmte. Das Geheimnis »Sie sollen mein Geheimnis kennen lernen,« sagte sie nach langem Zögern. »Da Ihnen daran gelegen scheint, es zu wissen, will ich Ihnen nun erzählen, warum ich nicht geheiratet habe. Ihre Frage ist wohlwollender, als das Schweigen der anderen, in dem ich öfters verletzende Hintergedanken lese. Man weiß tatsächlich, daß ich von sehr vermögender Familie bin, und wenn ein reiches junges Mädchen nicht heiratet, so ist gewöhnlich ihr Stolz, ihr Ehrgeiz, ihre Häßlichkeit oder ihr sittliches Betragen schuld daran. Zwischen diesen Voraussetzungen kann die Welt nach Belieben wählen, wenn sie es barmherzigerweise nicht vorzieht, alle vier zu bestätigen. Ich habe die Bewerber um meine Hand nicht ihrer selbst wegen zurückgewiesen. Das können Sie mir glauben. Es ist der Gatte, der Mann, der Liebhaber, sei er rechtsmäßig anerkannt oder nicht, dem ich voller Angst aus dem Wege ging. Mein Schrecken beginnt nun, da meine vierzig Jahre mich schützen, allmählich zu verblassen. Ahnen Sie noch nichts... Meine Geschichte ist nicht die einer unglücklichen Liebe; nein, denn ich habe nie geliebt; ich bin sehr früh alt geworden... eines Abends mit siebzehn Jahren. Hören Sie! Die Geschichte ist kurz. Übrigens... Sie werden vielleicht nicht begreifen können, wie ein so gewöhnliches, so tagtägliches Vorkommnis mein Leben um alle künftigen Freuden bringen konnte. Es betrifft einen Fall, wie Sie deren täglich in den Tagesblättern in der Rubrik »Vermischte Nachrichten« finden, und ich selbst bin an dem Geschehnis, von dem ich Ihnen erzählen werde, nicht im mindesten beteiligt gewesen. Wenn mein einsames Dasein darunter so lange Zeit erzitterte, so ist das nur eine Folge davon, daß ich den Vorfall gesehen, mit meinen eigenen Augen, kaum einen Schritt von mir entfernt –gesehen habe. Meine Erzählung wird Ihnen wahrscheinlich nicht den Eindruck machen, den der Vorfall in mir hinterlassen hat.«   Fräulein N... stützte den Kopf in die Hand und begann, den Blick zu Boden gesenkt, ohne die Augen auch nur ein einzigesmal zu mir zu erheben, folgendermaßen: »Vor fünfundzwanzig Jahren bewohnte ich mit meiner Mutter ein altes Privathaus hinter der Saint Sulpicekirche. Ein einfaches Gebäude, ohne Höfe und Gänge. Alle Fenster mündeten auf die Straße, aber die Straße war still wie ein Waldweg. Eines Nachts im Hochsommer war es in meinem Zimmer zum Ersticken heiß, und ich konnte nicht schlafen. Ich getraute mich nicht das Fenster zu öffnen, denn ich fürchtete meine Mutter zu wecken. Nach einer schlaflosen Stunde erhob ich mich, schlüpfte in die Pantoffel und stieg im Hemde über die Haupttreppe hinab zum Speisesaal, der ebenerdig lag. Es ist nötig, daß ich Ihnen schildere, wie dieser Saal gelegen war. Beim Hause war früher ein Garten, der ebenfalls an die Straße grenzte. Dieses Grundstück war einem Baumeister verkauft worden, und die Stadt hatte zur Regulierung der Baulinie einen Teil davon enteignet. Ein Fenster des Saales mündete nun in einen finsteren Winkel von geheimnisvollem Dunkel, wo die Strahlen des Gaslichtes nicht hindrangen. Als ich ins Zimmer trat, bemerkte ich, daß man dieses Fenster nicht geschlossen hatte. Nur die Jalousien waren geschlossen. Matt und kraftlos vor Hitze, hielt ich mich mit den Fingerspitzen an den schmalen Brettchen der Jalousien fest und atmete erleichtert die köstliche, nächtliche Frische ein. Es war der letzte Augenblick ungetrübter Lust, den ich in meinem vergangenen Leben hatte. Ich befand mich kaum eine Minute da, als sich von der gegenüberliegenden Seite der Straße ein Paar näherte. Ein Mann führte ein junges Mädchen in diesen dunkeln, geheimnisvollen Winkel. Er war einer jener Scheinarbeiter, die drei Wochen arbeiten und sechs Monate feiern, weil ihre körperlichen Vorzüge ihnen erlauben, die ehrliche Arbeit zu verachten. Sie hatte ich sofort erkannt. Es war ein fünfzehnjähriges Mädchen, dem meine Mutter schon manches Gute erwiesen hatte und das eben aus einer Lehre getreten war, wo ich es öfters besucht hatte. Sie trug ein viel zu kurzes schwarzes Kleid, ein graues Leibchen, unter dem sie kein Mieder anhatte, dessen sie auch kaum bedurfte. Der kleine Zopf aus ihren Haaren war mit einer Haarnadel in der Mitte des blonden Kopfes festgesteckt. Ihr Begleiter faßte sie bei den Schultern und sagte rasch: »Also hier! Willst du?« Sie entgegnete ängstlich: »Bitte ... lassen Sie mich...« Am Ton ihrer Stimme erkannte man, daß sie dieselben Worte seit dem Verlassen des Gasthauses wohl an zweihundertmal wiederholt haben mochte. Der Mann begann wieder: »Also Schatzerl, du hast nun einmal Ja gesagt; das bleibt dabei. Jetzt gibt's kein Überlegen mehr. Was gesagt ist, gilt, oder nicht?... Hier ist's ganz schön, warum willst du denn nicht?« »Nein, ... hier nicht ... hier nicht...« »Wo willst du also? Du hast keinen Knopf, ich auch nicht. Ein Zimmer kann ich nicht zahlen. Wenn du lieber bis zu den Linienwällen gehen willst, dann komme. In einer Stunde sind wir dort.« Sie machte ein Zeichen der Verneinung. Der Mann wurde gereizt. »Tinerl, sieh mir ins Gesicht. Willst du mich narren? Ja oder nein? Denn wenn du nicht willst, weißt du, habe ich noch andere... Die arme Kleine begann zu schluchzen. An den Spaletläden lehnend, weinte sie so heftig, daß ich die Zuckungen dieses armen, jungen verstörten Herzens fühlen konnte. »Ja, ich habe Sie sehr gern,« sagte sie. »Aber das will ich nicht, nein, ich will es nicht. Ich weiß nicht, wie ich sagen soll, aber das ist nicht die Liebe. Ich liebe Sie, weil Sie so gütig sind, weil Sie anders reden, als die anderen Männer, und ich bin glücklich, wenn ich Sie von weitem kommen sehe. Ich liebe Sie und will Sie küssen, so viel Sie wollen, alle Tage, immer! Aber seitdem Sie das von mir verlangt haben, was ich nicht will ... nein, Sie wissen, ich will das nicht und mit Ihnen schon gar nicht ... ich glaube, das ist sehr unrecht ...« Der Mann zuckte die Achseln und begann zu fluchen. »Ah, verdammtes Weibsmensch ...« ... Und noch viele andere Dinge, die ich nicht sagen will. Dann zog er aus der Tasche ein Messer... ein großes Fleischhauermesser... ein Ding, wie ein Säbel, steckte es zwischen die Spaletläden in der Höhe meiner Brust und sagte mit heftiger, gedämpfter Stimme: »So, jetzt haben wir genug geschwatzt. Wenn du dich rührst, so stech' ich.« Das junge Mädchen wurde starr vor Schrecken. Es gab einen furchtbaren Auftritt. Die Straße war ganz öde und vereinsamt. Die unendliche Stille, die hier herrschte, war nur mit der Stille der Felder an heißen Augusttagen vergleichbar. Man hörte nicht einmal das gewöhnliche Lärmen der Stadt. Wie spät es war? Es war vielleicht zwei Uhr früh. Alles schlief ringsum, mit Ausnahme des Paares und mir, der entsetzten Zuschauerin. Ganz nahe von mir, so nahe, daß ich sie mit den Fingern hätte berühren können, widerstand das junge Mädchen mit einer Ausdauer, die ihm erstaunliche Kraft verlieh. Sie hatte sich gebückt, die Kniee zusammengepreßt. Sie atmete schwer, wie ein verwundetes Tier. Sobald er ihre Hände meisterte, preßte sie die Beine aneinander, und wenn er ihre Röcke berührte, focht sie mit den Händen ... Das währte lange Zeit hindurch, länger, als Sie vielleicht für möglich hielten, aber wie in dem griechischen Liede Charon zum Schlusse den Hirten besiegt ... so wurde endlich auch das Mädchen besiegt. Nun fuchtelte sie mit den Händen verzweifelt in der Luft herum, erfaßte aufs Geratewohl etwas, was in den Spaletläden stak ..., das arme Kind wußte längst nicht mehr, daß es ein Messer war, und mit ihrem durch den Zufall bewaffneten Arme stieß sie den Mann, der sie an Leib und Seele so mörderisch angegriffen hatte, noch einmal zurück. Fürwahr! Der menschliche Körper ist nichts als eine weiche Masse, die dem ersten Stoße erliegt. Das Messer fuhr durch die Kehle und glänzte gleich darauf auf der anderen Seite. Ein Strom von Blut ... Aus den zwei großen Schlagadern hier am Halse sprang das Blut wie ein Bergquell... Ein warmer Blutstrahl spritzte durch die Spaletläden und benetzte meinen Gürtel. Dem Manne, den die Klinge erstickte, traten die Augen weit heraus. Er riß den Mund ungeheuer weit auf, doch kam kein Laut hervor; als er aber regungslos aufs Gesicht fiel, da wich sie, die Mörderin, erschrocken zurück und stieß in der stillen Straße drei Schreie aus ... drei Schreckensrufe... O dieses Todesgeheul! Nie in meinem Leben habe ich etwas Entsetzlicheres gehört.«   »Was später geschah ... kann Sie wohl nicht mehr interessieren. Meine Mutter war erwacht, aus dem Bette gesprungen und hatte mich, als sie mein Bett leer fand, voller Angst gesucht. Sie rief laut meinen Namen durchs ganze Haus, bis sie mich endlich vor diesem Fenster stehen fand, voller Blut, das sie anfangs für das meine hielt. Doch habe ich Ihnen diese Geschichte nicht erzählt, um auf diese belanglosen Einzelheiten zurückzukommen. Was davon in meinem Gedächtnisse geblieben ist, war ausreichend. Ich war siebzehn Jahre alt. In einer halben Stunde hatte ich, die das Leben noch gar nicht kannte, alles erfahren, alle Geheimnisse der Liebe und des Todes entschleiert; ich hatte erfahren, was es ist, was die Romane Liebeslust nennen! Und wußte, was ein verliebter Mann ist! Und auch was ein toter Mann ist. Die Leute haben keine Ahnung, warum ich allein geblieben bin. Sie, teurer Freund, Sie wissen es nun.« Entführung nach dem Opernball Frau Esquollier und ihre junge Schwester Armande verließen die Oper und nahmen in ihrem Automobil Platz. »Also,« sagte Frau Esquollier, »dein Eindruck?« »Nun, äußerlich ist er ein reizender Mensch!« »Gut, sage nichts weiter. Du bist schon gefangen, mein Schatz. Komm, küsse mich. Es ist also abgemacht.« Sie umhalsten sich zärtlich, aber Armande entgegnete: »Nein, nein, so rasch geht das nicht, Madelaine. Was nützt es, daß er mir gefällt. Ich habe ihm mißfallen. Eine Stunde hindurch hat er Verschiedenes an mir zu rügen gefunden, und ich Närrin habe auch alles getan, um es zu verdienen.« »Was soll das heißen?« »Mein Kleid ist viel zu auffallend, wie es scheint. Es ist kein Kleid für ein junges Mädchen, sondern für eine Schauspielerin.« »O, der Unverschämte!« »Ich gefiel ihm aber doch, das fühlte ich wohl. Darum machte es mir Vergnügen, ihn zu ärgern, damit er mich mit meinen Fehlern lieben lerne... Ich glaube sogar, etwas zu weit gegangen zu sein.« »Was hast du ihm denn alles gesagt?« »Ich habe ihm in einem Winkel der Bühne die zwei kleinen Italienerinnen gezeigt, von denen du mir neulich erzahlt hast, und habe ihm anvertraut ...« »Daß sie miteinander leben?« »Ja.« »Da hast du einen schönen Bock geschossen.« »Glaubst du?« seufzte das junge Mädchen. »Und was hat er darauf geantwortet?« »Er hat mich gefragt: ›Wovon?‹« Madelaine erstickte ein unbändiges Lachen mit ihren behandschuhten Händen und erwiderte, ohne die Gefühle ihrer Schwester zu schonen: »Mein Kind, dieser junge Mann ist eine Perle. Einen solchen Gatten darfst du dir nicht entgehen lassen. Er ist ein Juwel.« Und plötzlich, ohne Übergang: »Hörst du, wir fahren schon einige zwanzig Minuten. Wo sind wir denn eigentlich?« Armande wischte die angehauchte Scheibe rein und sagte: »Ich sehe nichts ... es ist ganz dunkel...« »Wie ist das möglich? In den Champs Elysées?« Sie beugte sich gleichfalls vor, ihr Blick suchte das Dunkel zu durchdringen; undeutlich bemerkte sie den grauen Boden eines Weges, an dessen Seiten seine Häuser standen. »Du ...« stammelte sie erschrocken ... »ich weiß nicht, wo wir da sind ... das ist nicht mehr Paris... Alexander ist verrückt worden... Lassen wir ihn halten...« Rasch drückte sie auf den Knopf der Klingel. Aber kaum waren die hellen Töne der Glocke in der Stille verklungen, als man vom Außensitze einen raschen Doppelgriff an dem Hebel hörte, und der Motorwagen schoß nun surrend wie ein Käfer mit seiner größten Geschwindigkeit vorwärts.   Der Stoß hatte die Schwestern im Wagen zurückgeworfen, und beide fingen nun an zu jammern. »O... mein Gott!« Madelaine beugte den Kopf vor und sah durch die vordere Glasscheibe nach dem Lenksitz. »Du lieber Gott!« sagte sie dann, »das ist ja nicht Alexander.« »Was sagst du?« »Wir sind entführt worden... Es ist nicht Alexander, der uns führt.« »Ich werde aus dem Wagen springen...« »Armande, bist du verrückt? Wir fahren mit vierzig Kilometer Geschwindigkeit ... Du würdest in den sicheren Tod springen.« Wären sie nicht miteinander gewesen, so wäre sowohl die eine als auch die andere sicher hinausgesprungen. Aber ein ähnliches Gefühl, wie wir es am Rande eines Abgrundes empfinden, wenn uns die Gefahr unseres Nächsten mehr schreckt als die eigene, hatte Madelaine und Armande ergriffen, und beide dachten gleichzeitig: ›Ich könnte wohl hinausspringen, aber sie würde sich umbringen.‹ Ihre zitternden Hände suchten sich, faßten sich und hielten sich aneinandergepreßt auf dem Leder der Wagenkissen. Die Schnelligkeit der Fahrt erreichte das Äußerste. Beim Übersetzen eines kleinen Grabens erhielten sie einen heftigen Stoß, zwei Räder des Automobils hoben sich empor und liefen leer, alles bog sich, sprang zurück und erzitterte während eines kurzen Augenblickes, dann nahm der Wagen seinen raschen Lauf wieder auf, wie ein Strom, der nach einem starken Wirbel ruhig weiterfließt. Unbeweglich, starr vor Angst, saßen die beiden Schwestern in den Kissen des Wagens und schwiegen. Madelaine, als verheiratete Frau, die das Leben und die Männer kennt, dachte bei sich: ›Wenn es nur das wäre! Wenn sie uns nur nicht umbringen!‹ Armande, die nicht unbefangen genug war, zu kennen, was ihrer wartete, konnte sich nicht an diese Hoffnung klammern und wurde beinahe wahnsinnig vor Angst. »Ach,« schrie sie plötzlich. »Ich springe lieber hinaus ... das wird noch ein besseres Ende sein.« Aber im selben Augenblicke blieb der Wagen beinahe stehen, drehte sich langsam, durchquerte einen Vorhof, fuhr durch einen großen, stillen Hof und blieb vor einer breiten Freitreppe stehen. Madelaine murmelte: »Es ist zu spät, armes Kind.« Ein etwa vierzigjähriger, kahlköpfiger, elegant gekleideter Mann öffnete den Wagenschlag und grüßte ehrerbietig. Armande stieß einen Schrei aus: »Töten Sie mich, Herr!... Töten Sie mich!« Und naiv fügte sie hinzu: »Aber, rühren Sie mich nicht an!« »Fräulein,« sagte der Mann, »ich werde Ihnen in keiner Weise nahetreten, aber wollen Sie mir freundlichst folgen, denn die Zeit drängt. Es ist ganz zwecklos zu schreien, denn das Haus ist mitten in einem Wäldchen.« Madelaine entstieg zuerst. Armande folgte ihr, war aber so schwach, daß sie eine Stufe verfehlte. Man stützte sie. Ein schwacher Mondstrahl versilberte die leichten Ballroben, die beiden fahlen Gesichter und die prächtig frisierten Haare. Sie traten ein. Das Haus war reich beleuchtet. Der Unbekannte ging seinen Opfern voraus, durchschritt ein mit Steinfliesen gedieltes Vorgemach, zwei Säle und eine kleine Kammer. Er führte sie dann durch einen langen Gang, der um das ganze Schloß zu fuhren schien und es unmöglich machte, sich später zurecht zu finden. Endlich öffnete er noch eine Tür, ließ die beiden jungen Frauen eintreten und verschloß dieselbe, ohne ihnen zu folgen, von außen. Im Zimmer, das sie betraten, stand eine alte Frau aufrecht, die ganz schwarz gekleidet war und bei ihrem Eintreten grüßte. »Gnädige Frau ... Mein Fräulein ...« Und ohne jede Einleitung sagte sie mit ihrer trockenen Stimme: »Erlauben Sie mir, Sie zu entkleiden.« »Was ... entkl...« stammelte Madelaine. Sie beendete den Satz nicht. Die alte Frau hatte schon die Schnalle des Mantels geöffnet, die Sicherheitsnadeln des Gürtels entfernt, und der Rock war zu den Füßen herabgeglitten. Mit der gleichen Geschicklichkeit ihrer schmalen Finger öffnete sie die Haken der Bluse, und diese fiel über die zarten, gepuderten Arme herab. »Sie auch, Fräulein,« sagte dieselbe trockene Stimme. Armande zitterte und wurde blaß wie die Wand. Sie warf ihrer Schwester, die sich auf ein Sofa geworfen hatte, einen verzweifelten Blick zu. Ohne sich zur Wehre zu setzen, ohne Kraft und ohne Mut überließ sie sich, einer Toten gleich, den Händen, die sie entblößten. Die alte Frau nahm die beiden Kleider über den Arm, ging rasch hinaus und verschloß die Tür von außen mit einem Schlüssel. Das junge Mädchen war stehen geblieben. Vor einem Lehnstuhl fiel Armande schluchzend in die Kniee. Die Zeit verstrich... Die Pendeluhr im Zimmer schlug vier Uhr morgens. Madelaine wälzte sich unruhig auf dem Sofa, reckte nervös ihre Arme und bearbeitete mit den Fäusten den Rücken des Möbels. »Das ist zu viel! Das ist zu viel!« schrie sie. »Es ist furchtbar, so zu warten; bis sie kommen, werde ich vor Angst tot sein. Warum quält man zwei arme, unglückliche Frauen derart? Was wollen denn diese Ungeheuer eigentlich von uns?... Warum kommen sie denn nicht!... Warum kommen sie nicht?...« In einem Anfalle von Zärtlichkeit fielen die Schwestern sich in die Arme. »Mein lieber Schatz, arme Armande, meine kleine Armande. Arme, teure Schwester! Fürchte nichts, mein Herz, ich werde dich beschützen!... Mir macht das ja nichts... Aber ich werde nicht dulden, daß sie dich berühren... ich werde dich mit meinem Leibe decken.« Im stillen Gange ertönte ein Schritt. Himmel... sie kommen!   Der Schlüssel wurde ins Schloß geschoben und machte ein so schrilles Geräusch, daß Armande einen Angstschrei ausstieß, als sei es um ihre Mädchenehre geschehen. Als sich die Tür öffnete, sah man jedoch nur die alte Frau, die auf dem Arme die beiden Kleider brachte. Die jungen Frauen hatten sich in einen Winkel des Zimmers geflüchtet. »Gnädige Frau... Fräulein... gestatten Sie mir, Sie wieder anzukleiden.« »Wie?« sagte Madelaine ... »aber ich ... aber ...« Die Siebzigjährige ließ sich durch die erstaunten Ausrufe nicht beirren, die ihr wahrscheinlich begreiflich erschienen. Mit außerordentlicher Gewandtheit schloß sie die Schnallen, Nadeln und Knöpfe ebenso geschickt, als sie dieselben früher geöffnet hatte, ordnete die Spitzen, den Ausschnitt, die Falten der Röcke und entfernte sich mit einem Gruße. An ihrer Stelle trat der Unbekannte ein. Er war im Frack, mit entblößtem Haupte und behandschuhten Händen ... Er glich eher einem Hoteldirektor als einem Weltmanne, aber der Unterschied ist hier oftmals so gering ... Sagen wir also, er hatte das Aussehen eines Konferenzvorsitzenden. »Verehrte Damen,« sagte er ruhig, »ich hatte erst die Absicht, Sie mit einer einfachen Entschuldigung nach Hause führen zu lassen, ohne Ihnen nähere Erklärungen über das Geheimnis Ihrer Entführung zu geben. Aber die weibliche Neugierde ist eine Tatsache, über die wir uns nicht hinwegtäuschen können. Wenn ich Ihnen mein Geheimnis nicht verrate, werden Sie sich bemühen, es zu erfahren, und sich und mich gleichzeitig zu Schaden bringen. Ich habe also gute Gründe, Ihnen lieber alles zu sagen, damit Sie sich darüber im reinen sind.« Er schloß einen Augenblick die Augen, öffnete sie wieder und setzte lächelnd fort: »Sie trugen diese Nacht die schönsten zwei Kleider von Paris...« »Ach,« sagte Madelaine, die mit der Hand nach der Stirn fuhr, »es war also deshalb!« »Eine meiner Kundinnen, eine junge Ausländerin, hatte die beiden Kleider Montag in der Oper gesehen. Sie wollte ganz die gleichen haben, möge es was immer kosten. Ich hätte selbstredend das Äußere der Kleider und das, was ihre besondere Eleganz ausmacht ohne Hilfe besonderer List nachmachen können, denn der rasche Blick eines tüchtigen Schneiders photographiert eine Bluse mit der Genauigkeit eines Apparates; aber die beiden Kleider sind mit eigenartigen Stickereien bedeckt, deren phantasievolle Zeichnungen selbst einem tüchtigen Ornamentisten Schwierigkeiten machen müssen. Man konnte diese nur abzeichnen, wenn man die Kleider glatt und ohne Falten auf einen Tisch auflegt. Es war daher unbedingt nötig, daß ich mir diese Kleider beschaffe. Das Einfachste war, sie von Ihrem Stubenmädchen zu bekommen, welches man dafür gut bezahlt hätte. Ich habe natürlich auch daran gedacht; aber unglücklicherweise ist dieses Mädchen strohdumm. Im Falle einer Entdeckung, einer Klage, eines Prozesses –man muß alles voraussetzen –hatte sie keine fünf Minuten vor einem Untersuchungsrichter mit der Wahrheit zurückhalten können. Wenn ich mich mit ihr eingelassen hätte, wäre ich auch mit ihr erwischt worden, was für einen Künstler meines Ranges den Ruin bedeutet. Ich zog es vor, alles aufs Spiel zu setzen und die Kleider, mit dem, was sie enthielten, entführen zu lassen. Das war wenigstens meiner würdig.« Über diese maßlose Kühnheit erstaunt, betrachteten die beiden Schwestern einander wortlos. »Ich habe also Ihren Chauffeur bestochen und durch den meinen ersetzt. Der Wechsel wurde während einer kurzen Stockung im Gedränge der Rue Auber vorgenommen. Solche Hemmungen sind beim Verlassen der Theater programmäßig. Derselbe verläßliche Diener –ich spreche von dem meinen –wird Sie auch jetzt nach Hause bringen. Zwei Damen können ganz gut um 6 Uhr morgens von einem Balle heimkehren, ohne daß jemand daran Anstoß nehmen kann. Sie sind also keinesfalls kompromittiert. Andererseits ist es Ihr eigenstes Interesse, über das Vorgefallene das strengste Stillschweigen zu bewahren, denn es ist überflüssig, Ihnen zu sagen, daß Ihre Freundinnen, wenn Sie es ihnen erzählten, die Geschichte mit einem gewissen skeptischen Lächeln weiterverbreiten würden.« Madelaine schien diese Beleidigung überhört zu haben. Sie war sehr vergnügt, diesen schrecklichen Alp los geworden zu sein und fühlte sich ganz klein vor der Sicherheit dieses Mannes. Sie beugte sich zu Armande: »Es ist eine Fügung des Himmels, daß mein Mann nicht hier ist. Ein Glück, daß er zur Jagd geladen wurde.« »Zur Jagd?« fragte der Schneider. »Ich glaube besser unterrichtet zu sein. Es war unumgänglich nötig, daß Ihr Herr Gemahl diese Nacht abwesend sei. Eine unserer bekanntesten Lebedamen hat ihr Herz für ihn entdeckt.« »Was sagen Sie da?« Und indem er sich verneigte, schloß er: »Diese Entdeckung war bei weitem das Kostspieligste an unserem Unternehmen.« Am nächsten Morgen bewahrte Frau Esquollier tatsachlich Stillschweigen über ihr Abenteuer, denn sie schlief, erschöpft vor Müdigkeit und Aufregung, bis zwei Uhr mittags. Als aber dann ihre beste Freundin, Frau Lalette, bei ihr eindrang, empfand Madelaine den unwiderstehlichen Drang, ihr einen Beweis ihrer Zärtlichkeit zu geben und enthüllte ihr das dramatische Geschehnis. Als sie ihr alles bis aufs letzte Wort erzählt hatte, bat sie ihre Freundin mit aufgehobenen Händen und ließ sie beschwören, es niemand weiterzuerzählen. Unseligerweise war die Geschichte zu schön. Die Frauen bewahren nur kleine Geheimnisse, um Vertrauen zu gewinnen und um eines Tages große Geständnisse zu erlangen, die sie dann weiter verbreiten. Aber selben Abend befand sich Frau Lalette in einer Gesellschaft von zwölf Freundinnen, die alle so verschwiegen waren wie sie selbst –und das war viel gesagt! Unter dem Siegel der Verschwiegenheit bis ans Grab erzählte sie diese phantastische Geschichte einer Entführung. Die Erzählung wurde mit großer Kunst vorgetragen. Keinen Augenblick ließ sie die Zuhörer ahnen, daß das Abenteuer mit einer Lustspiellösung enden werde. Die Wirkung des Anfangs war auch ungeheuer – die Damen schrien: »Das ist gräßlich!« Sie alle sahen sich im Geiste von einem geheimnisvollen Chauffeur im Automobil entführt. Der Eindruck war so stark, daß er bis ans Ende anhielt. Ein Chor der Entrüstung brach nach den letzten Worten des niederträchtigen Schneiders los. »Fürwahr,« sagte eine Dame –»man kann sich über nichts mehr wundern.« »Eine Entführung nach dem Opernball.« »Paris wird unwohnlich.« »Als ob wir bei den Wilden lebten!« Ein altes Fräulein unterließ nicht zu bemerken, daß der glückliche Ausgang des Abenteuers zweifelsohne einem Wunder zu verdanken sei. Hätte Armande nicht ein Gelübde getan, so wären die Ereignisse ganz anders eingetreten. Eine andere Dame versicherte, sie werde nie mehr wagen, nach Sonnenuntergang ohne männliche Begleitung auszugehen und daß sie von nun an jederzeit einen kleinen Dolch im Gürtel tragen werde, einen Dolch mit vergifteter Spitze, mit dem eingravierten Worte »Muerte«, damit das Melodram zu greifbarem Leben werde. Frau Lalette allein sagte nichts und gab, nachdem sie die Erzählung beendet hatte, keine Erklärung ab. »Und Sie, Yvonne, wie denken Sie darüber?« fragte eine zarte Stimme. Sie schnitt eine verächtliche Grimasse. »Ich?...Ich glaube... Ich denke...« »Nun?« »Ich glaube, es ist überflüssig, sich so viele Mühe zu geben, um zu erklären, warum man um sieben Uhr früh nach Hause kam.« (Ein plötzlicher Ausbruch lebhafter Heiterkeit und lustigen Frohsinnes erfaßte die zwölf Freundinnen, und mitten durch Schreien, Lachen, Gackern und Beifallstosen hörte man die zarte, klingende Stimme, die voller Wonne kicherte: »Ach, meine Teure ... sind Sie aber schlecht! ...«