Joseph Christian von Zedlitz Zwei Nächte zu Valladolid Trauerspiel in fünf Aufzügen. Zum erstenmale aufgeführt zu Wien, auf dem k. k. Hoftheater nächst der Burg, am 14. Januar 1823. Personen. Der Corregidor. Don Garcia. Don Nuñez. sein Bruder. Don Fugaçe. Achmet, ein maurischer Sklave. Donna Estela, Don Garcia's Gemahlin. Lisarda, ihre Dienerin. Gefolge. Erster Aufzug. Gartenhaus mit einem Eingang, zu welchem Stufen führen, über demselben ist ein Balkon befindlich. Der hintere Raum ist mit einem Gitter geschlossen, durch welches ein Thor ins Freie führt. Erste Scene. Don Fugaçe , in einen Mantel gehüllt, erscheint im Hintergrunde und geht, unstät umherspähend, über die Bühne. Nach einer kurzen Pause treten von derselben Seite Estela und Lisarda , beide tief verschleiert, auf. Lisarda. Donna, seht doch nur zurück! Estela. Schweig' und öffne! Lisarda. Seht Ihr nicht, Wie ein Mann, in einen Mantel Tief verhüllt, auf jedem Schritte Euch begleitet wie ein Schatte? Seht nur hin! So Gang als Haltung Scheinen edel. – Ganz gewiß Ist's ein Ritter hohen Standes. Estela. Oeffne, sag' ich! (Lisarda öffnet das Gitterthor, beide treten ein.) Lisarda. Oft entschlossen, Euch zu nahn, Euch anzureden, Schien er mir; doch immer wieder Scheu, entwich er in die Ferne. Estela. Unerträglich ist dein Plaudern! Lisarda. Nun, beim Himmel wollt' ich schwören Wohl die einz'ge aller Frauen Seyd Ihr, die, ohn' umzuschauen, Wie ein schüchtern Reh entflieht, Wenn sie einen Schatten sieht, Der ihr folgt, und wissen kann, Jener Schatten sey – ein Mann! Estela. Wenig kümmern mich die Blicke, Die nach mir die Neugier sendet, Und von allem Mißgeschicke Das mich treffen könnte, bliebe Mir das ärgste, hätte Liebe Wieder sich zu mir gewendet. Lisarda. Macht das so viel Beschwerden, Anzusehn, gesehn zu werden? – Augen sind ja nicht den Pfeilen, Die vergiftet, zu vergleichen, Tödten nicht, was sie erreichen; Leichte Wunden, die sie schlagen, Können sie bald wieder heilen. Frauenart ist's, wie sie sagen, Nur ein leicht, unschuldig Spiel; Und was alle Andre wagen, Schadet Euch wohl auch nicht viel. (Donna Estela steht nachdenkend, ohne auf Lisarda zu achten, die nach einer kurzen Pause fortfährt.) Weil Ihr schon in jungen Jahren Manche Unbill habt erfahren, Wollt Ihr nun das Leben hassen; Aber bringt Euch das Gewinn? Warum wollt Ihr das nicht lassen, Was vergangen ist und hin, Und das Gegenwärt'ge fassen? – Der Euch werth, ward Euch entrissen, Und gedoppelt ist die Wand, Die Euch trennt. Er auf der Flucht, Sieht das Land, das er nicht sucht, Während der ersehnte Strand Fern ihm schon im Nebel schwand. Estela. Schweige! Lisarda. Red' ich Wahrheit nicht? Keine Frau ist zu vergleichen Euch, in ganz Valladolid, Und die Schönste seyd Ihr weit, Der die Andern alle weichen. Dennoch freut sich Jede mehr Ihrer Tage und der Jugend, Die ja doch nicht wiederkehrt, Während Ihr die Blüthenzeit Eures Lebens still verschmachtet. Estela. Sprichst du noch? Lisarda. Schon gut, ich schweige, Weil Ihr's eben wollt. – Doch seht, Wer dort in der Ferne steht. Estela. Dich nicht kümmert's. Lisarda. Ja, wahrhaftig! 's ist derselbe Ritter wieder. Estela. Fort in's Haus! Lisarda. So wartet doch! Estela. Nimmermehr! (Sie gehen ins Haus.) Zweite Scene. Don Fugaçe (bleich und verstört, in den Mantel gehüllt, nähert sich). Sie war's! – O Herz, sey muthig! Es quillt ein Glanz mit lilienweißem Blicken Aus dunkler Nacht. Es winken Die Hoffnungssterne, silbern, wo erst blutig Ein Schreckensmond gehangen; Sie, die mir hold nun wieder aufgegangen In süßer Klarheit, geben Erneuten Schein dem fast verglommnen Leben. Die Liebe treibt zum Wagen! Ich gehe froh, inmitten Von Graun und Tod, hin mit beherzten Schlitten, Und nicht will ich verzagen, Seh' ich den Markstein auch von meinen Lebenstagen! Macht ja den Todeswunden Die Hoffnung nahen Glückes oft gesunden! Zwar auf Vulkanes Schlunde Steh' ich, und unter mir im ausgehöhlten Grunde, Unweit von meinen Füßen, Kocht Gluth, und Feuerfluthen, Sie rauschen wild, in rothen Flammengüssen! Dennoch will's mich gemuthen, Als ob aus hellen Rosen Mich Duft und Westluft spielend nun umkosen, Mit mildem Frühlingswehen, Weil ich Estela wandeln konnte sehen! – Horch! welch Geräusch? – Dem Untergang entwinden, Wenn hier mich Späher finden, Kein Gott vermag's! – Nicht weilen Darf ich hier mehr – ich muß von hinnen eilen! (Er entfernte sich) Dritte Scene. Don Garcia reisefertig. Don Nuñez und Donna Estela treten aus dem Hause. Garcia. Nicht kann ich's hindern! Noch in heut'ger Nacht Muß ich gen Burgos, wo die Herrin weilt! So lautet der Befehl, den eben mir Ein Offizier des Königs überbracht. Gemessen ist der Auftrag mir ertheilt; Mich treibt die Pflicht, ich darf nicht länger säumen. Estela. O, hättet Ihr die Reise schon vollbracht! Sie macht mir bang, und bis Ihr wieder hier, Naht Angst mir selbst in körperlosen Träumen. Wenn Euch ein Unglück träfe! Garcia. Ohne Sorgen Seyd mir deßhalb! Bleibt Ihr in Eurem Haus So wohl als ich auf meiner Fahrt geborgen, So fehlt uns nichts. Nuñez. Wie lange bleibt Ihr aus? Garcia (nach einer Pause) . Nicht längre Zeit, als ich bedarf, den Weg Von hier nach Burgos und zurück zu messen. Ein flücht'ger Renner ist mein maurisch Roß, Doch denk' ich auch des Sporns nicht zu vergessen. Nuñez. Der König jagt? Garcia. Ganz nah' hier im Revier. Er bleibt die Nacht in des Infanten Schloß, An dem der Weg mich dicht vorüber führt; Dort meld' ich mich, die Briefe zu empfangen. Estela. So thut, mein Gatte, was der Pflicht gebührt; Nicht halt' ich Euch, obgleich ich schwer Euch misse. Garcia. Lebt herzlich wohl, und Gott mit Euch, mein Leben! (Faßt ihre Hand und spricht heimlich.) Donna Estela, schließt die Pforten zu, Und hier vor Eurer Augen Sonnenlicht Senkt diese Wolke. (Deutet auf ihren Schleier.) Wahret meine Ruh', Sie bleibt und meine Ehr' Euch übergeben! Estela. Kränkt mich, o Herr, durch solche Warnung nicht! Denn was ich selbst mir schuldig bin und Euch, Weiß ich, Don Garcia. – Zieht unbekümmert! Bei allen Engeln! Nahte mir Gewalt, Ich fühlte Kraft und Muth, sie abzuwenden, Bin ich auch nur ein Weib. Von diesen Händen Weit eher findet Ihr dieß Haus zertrümmert, Als daß ihr's seht der Schande Aufenthalt. Garcia. Mein theures Weib! (Umarmt sie.) Estela. Gehabt Euch wohl, kehrt bald! Nuñez. Auf Wiedersehn, mein Bruder! Garcia. Gott mit Euch! (Geht ab.) Vierte Scene Donna Estela. Don Nuñez. Nuñez. Der Sohn des Glücks! Ihm folget Euer Blick Mit stiller Sehnsucht, rief ihn gern zurück Und möcht' ihn fest in Eure Nähe binden. Estela. Gewiß, Don Nuñez. Nuñez. Solch ein freundlich Loos Hat mir das harte Schicksal nicht gewährt! Ich, wo ich weile, stets bin ich allein; Mich sucht kein Aug' und wünscht mich aufzufinden. Estela. Doch könntet Ihr Euch gleichen Antheils freun! Euch eine würd'ge Gattin auszuwählen, Wird hier nicht schwer. Rühmt ja an schönen Frauen Man doch Valladolid vor allen reich! Nuñez. Nennt Eine mir, und sagt, sie gleiche Euch! Estela. Was uns am fernsten steht, reizt die Begier Am meisten oft, und was als Wunsch entzückt, Wird als Besitz nicht selten uns zur Last, Nuñez. O Donna, frevelt nicht an Euch und mir! Estela. Glaubt mir, ich rede wahr! Was wir entbehren, Scheint uns von hohem unschätzbarem Werth! Besäßen wir's, wir würden's nicht begehren, Nuñez. Von Andern mag das gelten, nicht von Euch! Der Blick, der einmal sich zu Euch erhob, Er wird sich nicht zu andern Reizen lehren! Wer sähe wohl die reine Bergesquelle Aus Felsenadern, silberrieselnd, blinken, So demantklar – und möchte doch die Welle Des trägen, schilfumrauschten Stromes trinken? Estela. Ihr seyd sehr artig, Herr, zu artig fast. Nuñez. So sprach ich einst zu Euch, so sprech' ich noch, Obgleich die Zeit mir Recht und Hoffnung nahm. Geändert sind die Dinge um mich her, Doch gleich geblieben ist sich dieses Herz. Ihr könnt das künstlich eingewirkte Bild, Das Eins ist mit dem Stoff, auf dem es glänzt, Nicht von des Teppichs seidnem Grunde scheiden, Ihr müßtet denn am farbigen Gewebe Die dichtverschlungnen Fäden erst zerschneiden; So trag' ich Euch im Herzen, weil ich lebe. Estela. Don Nuñez! Nuñez. Den Zauberring zu meiden – Estela. Geendet sey, beliebt es Euch, der Scherz! Für solchen acht' ich dieß Gespräche Nuñez. Gebannt, Wie, auf gefei'tem Boden, dünk ich mich, Wo kein Entrinnen ist, und Zauberbande Die Tritte fesseln! Ja, mir fehlt zur Flucht Kraft und Entschluß, so wie zum Widerstande; Das Auge hält den Fuß gefangen. Estela. Denkt, Ihr seyd in Eures Bruders Hause! Mehr Gewinn an Ehre brächt' es Euch, zu schweigen, Wo mir zu hören nicht geziemt. Nuñez. O, mahnt, Ich bitt' Euch herzlich, mahnt daran mich nicht! Nicht jetzt, niemals – hört Ihr? Gedanken gibt's, Von so gefährlicher Beschaffenheit, Daß sie im dunkelsten Gemach der Seele Gefesselt liegen sollten immerdar! Einmal der Haft entsprungen, einmal frei, Entstürzen sie, wie gierige Hyänen, Den lang verhaltnen Grimm in Blut zu kühlen. Estela. Seyd Ihr von Sinnen? Nuñez. Ha, beim Licht des Himmels! Sind wir nicht Brüder, nicht zu gleichem Erbe Berechtigt? Nun, warum, bestochnes Schicksal, Denn diesem Alles geben, jenem nichts? Dem blühend Licht, und jenem graue Nacht? Wo ist die Zunge der Gerechtigkeit An jener ew'gen Woge, daß hinauf Des Einen leere Schale schnellt, indeß Die andre, reich beschwert, am Boden lastet? Theilt so Gerechtigkeit? Estela. Ich staune, Nuñez! – Mich dünkt, vermuthen würde wohl es nicht Der edle Garcia, daß, der seine Ehre Zu schirmen, traun! vor Gott verbunden wäre, Wenn nicht durch Freundes-, doch durch Blutespflicht, Sie selbst verletzen wolle! – Geht, o geht! Wie steht Ihr tief, tief unter Ihm. Beim Himmel! Die Eure würd' er mit dem eignen Blut Vertheid'gen, drohte ihr Gefahr! – Wohl gut Hab' ich gethan, Ihm meine Hand zu reichen, Um die ihr Beide warbet; denn, fürwahr, Den Edleren hab' ich erwählt! – Geht, Nuñez, Und wenn Ihr könnt, – bemüht Euch, ihm zu gleichen. Nuñez. Ja scheltet mich! Bei Gott, Ihr zürnt mit Recht! Und doch verdien' ich Mitleid mehr als Zorn. Ein glühend Fieber macht die Pulse fliegen, Brennt im Gehirn wie Wahnwitz! – O, Estela! Noch kann ich die Erinn'rung nicht besiegen, Noch wechselt dort und hier , und vor und jetzt , Des süßen Wahns kann ich mich nicht entwöhnen: Ihr solltet einst die Tage mir verschönen! Estela. Nun denn, so lernt es, weil Ihr müßt! Nuñez. Verzeiht, Ich habe ja mit seinen goldnen Zweigen Dieß schöne Glück mich nah' berühren sehn. – Estela. Erlassen ist Euch der Entschuld'gung Mühe; Was Andre dulden können, duldet auch! – Und nun verlaßt mich, Nuñez. geht! – Ich sehe Euch wieder, wenn mein Gatte heimgekehrt. Nuñez. Bleibt selbst mir Eures Anblicks Trost verwehrt? Estela. Ich bitt' Euch, Herr – Nuñez. O, sprecht! Estela. So bleibt! – Ich gehe. (Sie geht ins Haus.) Fünfte Scene. Don Nuñez (allein). Schießt nicht so scharfe Pfeile von den Bogen Der schönen Augen ab, Donna Estela! Es macht der stolze Siegesübermuth Euch trunken. Glaubt Ihr, weil der Worte Kraft, Die list'ge Schmeichelbitte, Ueberredung, Bußfert'ge Thränen, und wie immer sonst Das Kampfgeräthe heißen mag der Liebe, Am harten Panzer Eurer Brust zerbrach, Es wäre ausgeleeret schon, erschöpft Das Arsenal des Krieges? – Wahret Euch! Ihr könntet irrig seyn; – denn eine Waffe, Die Ihr wohl nicht vermuthet, halt' ich noch Verborgen unterm Mantel: – Die Gewalt! – Verhaßte Qual des Zwanges, der Verstellung, Hinweg mit dir! der ist ein arger Thor, Der die Gelegenheit nicht muthig faßt Mit starkem Arm; denn schnell auf leichten Socken Schwebt fliehend bald die gaukelnde hinweg, Und lächelt keinen an zum zweitenmal! Wohl keine Ahnung gibt's des Künftigen, Du wärest, Garcia, nach Burgos nicht geritten! Es hätte selbst, weissagend, dich dein Roß Gewarnet vor dem Unstern dieses Tages, Und vorwärts hätte, weg von deinem Thor, Kein Stachel es getrieben und kein Sporn. (Geht ab.) Sechste Scene. Don Fugaçe (tritt auf). Endlich ist die Straße leer! O Geschick, das mich zu quälen Nie ermüdet, laß nur einmal Einmal nur, nur meines Himmels Nachtumwobne Wolkenhülle Einen Strahl der Sonne leuchten! Laß der Augen Licht erblinden, Doch zuvor laß mich Sie sehen; Laß gedoppelt Tod mich finden, Doch zuvor noch einen Pulsschlag Leben mir die Brust durchbeben! – Kaum vermag ich ja, dem müden, Todesmatten Körper noch Zu gebieten! – Hin zur Erde Möcht' ich sinken und die Kniee Brechen kraftlos! – Kann Lisarda Ich nicht bald allein gewahren, Fürcht' ich, daß, eh' die Gefahren, Die mich drohend rings umschweben, Mir vermögen Tod zu geben, Die Erschöpfung hier zur Stelle, Dicht an der Geliebten Schwelle Ende das verhaßte Leben! Siebente Scene. Fugaçe. Lisarda erscheint auf dem Balkone Immer hier noch in der Nähe, Immer tief noch eingehüllt! – Wer wohl mag der Fremde seyn? Fugaçe. Sieh! ein Weib auf dem Balkone, – Ja, sie ist's! – Es ist Lisarda! Ihr geb' ich mich zu erkennen! – Lisarda! Lisarda. Welche Stimme? Gott! wer seyd Ihr? – Fugaçe. Nicht den Namen Darf ich nennen! denn die Steine, Die ihn hören, selber könnten Ihn verrathen. Lisarda. Herr des Himmels! Ja, Ihr seyd – Fugaçe. Ein Unsel'ger, Der dich bei dem Heil der Seele Anfleht, schnell herab zu kommen. Lisarda. Ist es möglich? Fugaçe. O, nicht zaudre! Dein Verweilen bringt den Tod! Lisarda. Wohl, ich komme. (Geht vom Balkone.) Fugaçe (allein). Weh! mir schwindelt, – ich vergehe! – Glimme noch, du sterbend Licht! – Brich nicht, Herz, – nur jetzt noch nicht! – Lisarda (tritt aus dem Hause) Don Fugaçe? Ihr hier zu Valladolid? Seyd Ihr rasend, Euch zu wagen Mitten in des Löwen Höhle? Wißt Ihr nicht, der König weile Hier mit seinem ganzen Hofhalt? Todesbann schweb' über Euch Und es sey auf Euer Haupt Hoher Preis zum Lohn gesetzet? Fugaçe. Alles weiß ich! – dem Verderben Bin ich ausersehn zur Beute, Nimmer kann ich ihm entgehn; Aber soll ich morgen sterben, Sehen will ich Sie noch heute! Lisarda. Hell'ger Himmel! wenn man Euch, Ritter, hier gefangen nähme? Fugaçe. Tod schwebt allwärts über mir, Nur die Wahl ist mir gelassen, Dort zu sterben oder hier. Nun, so will ich hier erblassen Zu den Füßen der Geliebten. Lisarda. Ach! und wie verändert, Herr, Find' ich jeden Eurer Züge; Kaum zu kennen! – Bleich die Wange, Matt die Augen, und die Stimme Kann sich kaum der Brust entringen. Fugaçe. Ja, so scheint es! Mich umrauschen Nahe schon des Todes Schwingen, Geizen muß ich mit der Zeit. – Wie an jenem Unglückstage, Ihres Vaters Haupt zu retten, Sich Estela zum Altare Ließ – ein kranzgeschmücktes Opfer, – Duldend führen, weißt du – Lisarda. Leider! Fugaçe. Weißt, wie ich, den die Verzweiflung Schon zum Wahnsinn schier entflammt, Noch gereizt durch des Infanten Und Don Nuñez gift'ge Worte, Und Don Pedro's, meinen Degen Zog; wie, Unglück zu verhüten Dem Infanten, sich Don Pedro Setzt' zur Wehr, und tief ins Leben Ihm mein unglücksel'ger Stahl Eindringt – Lisarda. Alles weiß ich, Alles! Fugaçe. Ich entfloh aus dem Getümmel Schnell, verfolgt zwar; doch entkam ich In die Berge von Biskaja, Wo ich flüchtig irrt' umher, Wie ein scheu gehetztes Wild. Lange mied ich jede Wohnung, Mied, besorgt, das Licht des Tages, In den Wäldern tief verborgen, Und nur Nachts wagt' ich, die offne Straße eilend fort zu ziehn. – Endlich mußt' ich, siech und krank, Einer Hütte Obdach suchen; Gastlich nahm ein Hirt mich auf. Aber immer mehr und mehr Fühlt ich meine Kräfte schwinden, Und des nahen Todes Keim Tiefer stets die Wurzel schlagen. Lisarda. Armer Ritter! Fugaçe. Doch je näher Hin ich wankte zu dem Grabe, Immer heft'ger fühlt' und heißer Ich von Sehnsucht mich durchglüht; Einmal noch in diesem Leben Sie zu sehn, die lichtumstrahlte Quelle meiner Qual und Lust! Und empor vom Krankenlager Rafft ich mich, und ohne Scheuen, Ob Gefahren mich bedräuen, Ob, eh' ich hierher gelange, Früher nicht mich Tod umfange, Eil' ich her! – Nun weißt du Alles! Aus des Grabes düstrem Schlunde Flattert mit azurnem Glänzen Hell das wehende Panier Treuer Liebe; und ein Sehnen Spannt im Sterben noch die Flügel, Und hebt von dem Todtenhügel Sich noch auf zum letzten Fluge. Lisarda. O, hört auf! genug, genug! Fugaçe. Deine Augen glühn in Thränen; Und gerührt hat mein Geschick Dir das Herz. – O, so beschwöre Ich dich bei den Heil'gen allen, Bei dem höchsten Gott dort oben, Den ich hoffe bald zu schauen: Eine Bitte nur erhöre! – O, laß mich Estela sprechen! Lisarda. Was verlangt Ihr? – Fugaçe. Nur Minuten! Lisarda. 's ist unmöglich! Fugaçe. Sey barmherzig! Sieh, ich fühle ja kaum Leben In den Adern; nur ein Zucken Noch des Herzens, das in Kurzem Still steht, nur ein Ringen noch Meiner Pulse, die in Kurzem Nicht mehr schlagen. Lisarda. Theurer Ritter! Fugaçe. Laß mich nicht in Qualen enden! Will ich doch nur Abschied nehmen, Eh' ich scheide! Ach, mich treibt Ja nicht frevelnde Begier Zu den Füßen der Geliebten! Heilig ist, wie Gottes Tempel, Ihre Nähe mir; nur sehen, Nur ein einzigmal sie sehen Will ich noch. Lisarda. Was soll ich thun? Fugaçe. Thue, was dein Innres spricht, Das, wozu dein Herz dich treibt; Glaube mir, 's ist Sünde nicht. Lisarda. Gott verzeih' mir's! – Nun, so höret! Eben fügt es glücklich sich. Von dem Haus entfernet ist Heute unser Herr, und kehret Erst zurück nach ein'ger Frist, Bald ist's Nacht, dann lass ich Euch Ein, wenn Alles ruht. Fugaçe. O, Dank, Tausend Dank, du treue Seele! Lisarda. Selbst die Donna soll es früher Nicht erfahren. Ihre Strenge Dürfte wehren, was ihr Herz – Ach, ich weiß es – gern gewährte. Fugaçe. O, wie lohn' ich deine Dienste? Lisarda. Ist es recht, was ich beginne, Oder unrecht; nun, die Engel Mögen's wissen! – Doch, ich seh' Euch In Gefahr, unglücklich, krank, Und so mag mir's Gott verzeihen, Wenn ich, weil ich es vermag, Mich mit Mitleid zu Euch wende, Und Euch Trost und Hülfe spende. Fugaçe. Lohn' dir's Gott! Lisarda. Bleibt in der Nähe Hier verborgen, bis ich kehre; Sorgt, daß Niemand Euch erspähe! (Sie geht in das Haus.) Fugaçe (allein). Die Sonne senkt die goldnen Feuerstrahlen Allmählig nieder in den Schooß der Nacht! Doch, eh' sie sinkt, flammt sie in ganzer Pracht Noch einmal auf: ein purpurn Rosenmeer Schwimmt ausgegossen über Berg und Thalen, Und in der Schönheit Fülle, hoch und hehr, Zeucht sie hinweg, auf diamantnem Wagen Zum liebentglühten Ocean getragen. – So glänzt auch mir das Leben, nun ich scheide, Noch einmal hell im blitzenden Geschmeide; Und höhnend will es seine Herrlichkeiten Auf meines Sarges schwarze Decke breiten! (Der Vorhang fällt.) Ende des ersten Aufzugs. Zweiter Aufzug. Platz in der Nähe von Don Garcia's Hause, Erste Scene. Don Nuñez und Achmet. Nuñez. Dieß, Freund Achmet, ist das Haus, Halte hier dich in der Nähe Mit den Treuen, die dir folgen. Achmet. Deines Winkes nur gewärtig, Harren, wohlbewaffnet, schon Hinter jenes Kirchhofs Mauern Acht beherzte Mohrensklaven, Die ich unter den Gefangnen, Die hier in Valladolid Weilen, sorgsam ausgewählt. Nuñez. Mir vertrauen mögen sie! – Ist die Donna aus den Mauern Dieser Stadt, wo meine Diener Schon mit Rossen unsrer warten, Eil' ich schnell, mein Wort zu lösen: Die Gefangnen kauf' ich frei; Sende sie mit Gold beladen In die Heimath, Achmet. Zähl' auf sie! Nuñez. Auch ist nicht Gefahr dabei. Jene Dame schläft hier einsam In dem nahen Gartensaale; Von der heißen Gluth des Tages Aufzuathmen, hat sie sich In die kühle Marmorhalle Hergeflüchtet; abgesondert Durch des Gartens weiten Raum Sind die Diener. Dieser Schlüssel Oeffnet jenes Eisengitter, Dieser hier des Saales Pforte. Achmet. Eine Stunde oder zwei Laß uns noch das Werk verschieben, Daß in sorgenlosen Schlummer Alles erst gesunken sey. Nuñez. Recht, mein Freund! – Auf, gehn wir Beide, Alles einmal noch zu ordnen. – Hörst du durch das tiefe Schweigen Der verhüllten Nacht den Ton Einer hellen Pfeife gellen, Traue dann: mein ist das Zeichen. Aus dem stillverborgnen Orte, Wo du weilest mit den Deinen, Brich dann ungesäumt hervor! Dort das Eisengitter öffnen Schnell wir, und des Saales Pforte; Dringen, wie ein Ungewitter Oft aus klarem Himmel plötzlich Niederdonnernd, in das Haus; Bleicher Schrecken wird und Graus Ihnen Kraft und Stimme lähmen. – Achmet. Also sey es, hoher Herr! Nuñez. Bringen sammt der Dienerin Sie dann hin zu jenem Wäldchen, Wo die Rosse wartend stehn! Die dann mit der schönen Beute Stürmend, wie der Windsbraut Wehn, Schnellen Hufs von dannen jagen. Achmet. Herr! verlaß dich auf mein Wort! Noch bevor sie selber wissen,. Ob sie wachen oder träumen, Sind sie schon in deiner Macht, Dann magst du sie ohne Säumen Weiter führen noch zu Nacht; Denn so bald der Tag erwacht, Wirb man wohl die Donna missen, Nuñez. So gescheh' es. Achmet. Nun denn – fort! (Geht ab) Nuñez (allein). Träumt nur von Geistern, die den Schlummer stören, Von Luftgebilden, die ums Lager rauschen, Mit Eulenflügeln, von Alraunenchören; Bald wird der Traum in Wirklichkeit sich kehren! Das Antlitz wird von Wahn die Wahrheit tauschen, Und Nachtgesichter kommen, Euch zu wecken, Die jenen gleichen, die den Schlaf erschrecken! (Ab.) Zweite Scene. Lisarda, dann Fugaçe Lisarda. Alles ruhig? – Ja, so scheint es. Nichts gewahr' ich in der Nähe. (Späht umher.) Finster sieht die Nacht herab! – Nun, so wag' ich's! – Niemand, hoff' ich, Wird es hören, wenn behutsam Ich ihm nun das Zeichen gebe. (Sie gibt ein Zeichen.) Don Fugaçe (nähert sich). Du, Lisarda? Lisarda. Seyd Ihr's, Ritter? Fugaçe. Ja, ich bin's! O, öffne, eile! Lisarda. Wißt Ihr, ob die Straße leer? Fugaçe. Zween Männer sich besprechen Sah ich in der Ferne kürzlich; Eben gingen sie von dannen. Lisarda. Lieber Herr, wie fühlt Ihr Euch? Fugaçe. Schwächer jeden Augenblick! Nur die Hoffnung, die so nah' mir Zeiget ein ersehntes Glück, Hält mich aufrecht. Lisarda. Kommt mit mir! Macht Estela's Anblick nicht Euch genesen Eurer Noth – Fugaçe. Macht er süßer doch den Tod! (Lisarda führt Fugaçe in das Haus.) Dritte Scene. Gartensaal. Ein Alkoven, zu dem mehrere Stufen führen; ein großer, von oben herabhängender Vorhang bedeckt ihn. Im Saale, zwischen dem Alkoven und dem Eingang, steht ein Ruhebett. Estela (steht in dem vorderen Gemache am Fenster). Wie bist du mir willkommen, holde Nacht, Und wie verhaßt, du unruhvolles Licht! O, warum tauscht ihr eure Namen nicht, Warum wird Tag nicht Nacht, Nacht Tag genannt! Tag meiner Seele – die der Nacht verwandt! – Wenn deine Schatten traulich mich umfangen, Du stilles Dunkel, kommt das Licht herauf In meinem Innern, und mit hellem Prangen Ist dem Gemüth die Sonne aufgegangen! Dann ist ein schönes Morgenroth entglüht, Das mild und schimmernd in den Abgrund sieht Der öden Brust, wo bodenlose Tiefen. Dann wachen Blumen der Erinnrung auf, Ach! und Gedanken, die verborgen schliefen, Vorlängst, im Schooße der Vergangenheit, Sie gaukeln neu empor, so wie – befreit Von ihrer Hülle – goldne Falter fliegen; Doch wenn der laute Tag die Welt beleuchtet, Dann wird es Nacht in mir, angstvolle Nacht! – Vierte Scene. Estela. Lisarda. Don Fugaçe. Estela. Wer naht? – Ein Mann! Wer seyd Ihr? – O um Gott! Ihr seyd Fugaçe! Fugaçe. (zu Estela's Füßen). Ja, ich bin's, Estela! Erkennt Ihr mich? Estela. Was wollt Ihr hier, Verwegner? Hier, in Valladolid? – O, fort, entflieht! Fugaçe. Ich fliehen? Nimmermehr! Estela. Wie könnt Ihr wagen, Im Umkreis dieser Mauern zu verweilen? Fugaçe. Nichts fürcht' ich mehr! – Euch einmal noch zu sehen, Trieb mich das Herz. Auf dieses kurze Glück Stellt' ich mein Hoffen, und es ist erreicht. Estela. Auf die Gefahr uns Beide zu verderben! Soll ich vergehn um Euch in banger Angst? Soll ich erleben, daß aus diesem Hause Von meinen Füßen weg man Euch zum Tode – ? Fugaçe Willkommen heiß' ich ihn nach dieser Stunde. Estela. Nicht mehr erkenn' ich Euer edles Herz! Bedenket Ihr so wenig, was sich ziemt? Tragt keine Scheu, in dieses Haus zu dringen, Zu solcher Stunde? Fugaçe. Estela – Gott! Estela. Seit wann Gilt Euch das Leben höher als die Ehre? O, flieht! entfernt Euch schnell! Tilgt so die Schmach, Daß eines ehrenwerthen Mannes Weib Ihr nächtlich überfallt. Fugaçe. Träum' ich? – O Himmel! Estela. Wenn meine Ruh' Euch lieb ist, Don Fugaçe, Wenn Ihr mich achtet, achtet nur, nicht liebt: So geht, ich fleh' Euch, geht im Augenblick! Fugaçe. Ist das Estela's Stimme, die ich höre? Estela, die mir spricht? Lisarda. Seyd doch barmherzig, Donna! Regt sich kein Mitleid denn in Eurer Brust? O, blickt ihn an! Seht dieses Bild des Elends, Seht dieses bleiche, eingesunkne Antlitz, Aus dem das Leben schon geschwunden ist. Fugaçe. O, schweige! nicht der Felsenharten sprich Von Mitleid, von Erbarmen! Sprich zu denen, Die mich verfolgen, zu dem Todfeind sprich, Der nach dem Blut aus meinen Adern dürstet; Er wird dich hören, und sein Auge wird Mit Thränen sich erfüllen; – nicht zu ihr! Estela. Was that ich Euch, daß Ihr mein Herz zerfleischt? Steht auf! – Was darf, was kann Don Garcia's Gemahlin thun für Euch? o, redet selbst! Fugaçe. Den letzten Abschied nehmen von Fugaçe. – Mich haben Gram und Leiden aufgezehrt; Ob ich am Ende stehe meiner Tage, Ob fort zu leben mir ein hartes Loos Bestimmt hat, weiß ich nicht; doch Eines weiß ich: Ob lebend oder todt – ich bin verloren, Und tragen will ich, muß ich mein Geschick! Doch eine Blume noch wollt' ich mir pflücken Und auf den Sarg sie legen meiner Freuden, Die heißen Lippen einmal noch, im Scheiden, Wollt' auf die Hand ich der Geliebten drücken, Durch dieses letzte, seligste Entzücken Wollt' ich mich weihn zum jetz'gen, künft'gen Leiden. Mir selbst das Haupt wollt' ich zum Opfer schmücken, Auch diesen Trost muß mir das Schicksal neiden! Estela. O Gott, du siehst mich, siehst in dieses Herz! War's nicht genug, noch nicht – warum noch das? Fugaçe. Ich schmacht' dahin in doppelter Verbannung, Vertrieben aus der Heimath und von Euch! – O, wär' dieß Haupt gefallen dem Gesetze, Hätt' ich Don Pedro's Blut gesühnt mit meinem, Wir wäre besser und vorüber Alles! – Gestorben wär' ich, doch nicht ohne Trost; Im süßen Wahne wär' ich hingeschieden, Daß warme Thränen meinem Schicksal fließen! Dann wäre mir des Lebens letzte Stunde Des Lebens schönste, seligste gewesen, Der Tod nicht Tod, nicht dunkel sein Gewand; Des Leidens wär' ich dieser Welt genesen Auf immer, und der letzte Liebesblick, Den mir das Daseyn scheidend zugewandt, Er hätte, wie der Abendsonne Gold, Mit Rosenlichtern auf mein Grab geleuchtet! Nun duld' ich mehr als Tod, als Schmerz des Sterbens. Ihr schweigt, Estela? – Nun – auch ich muß schweigen. Lisarda. Um Gottes willen, Herr! Ihr schwindelt – wankt! Fugaçe. Laß mich! Mein Licht erlischt! Lisarda (ihn unterstützend) . Erschöpft Hat Euch die heft'ge Rede. Estela. O Fugaçe! Erholt Euch! blickt mich an! – Wenn Ihr mich liebt, Gebietet Eurer Kraft! – Estela ist's, 's ist die Geliebte, die den Theuern ruft! O Himmel, welcher Aufruhr ist in mir! Los springen alle Bande! – Hin zu ihm Zieht mich's mit unbezähmbarer Gewalt! – Auf meine Kniee drängt es mich zu sinken! Fugaçe (sich erholend). Ruft Ihr die flieh'nde Seele mir zurück? Estela. Ihr sollt nicht sterben ohne Liebestrost. Ja, meiner Zunge Bande sind gelöst, Nun mag der Schmerz sein Schlangenhaupt erheben! Hin wogen mag der lang gehemmte Strom! Auch mir ist wohl, daß nun ein Augenblick Nach hartem Schweigen mir gekommen ist, Um auszuschrein die Qualen dieser Brust, Die lang zurückgedrängten, die verhaltnen! Wie Regen fällt auf durst'ges Land, so trinkt Mein Herz die eignen Thränen und schwillt auf, Da es sich kühlen kann im Strom der Klagen. Fugaçe. Ich bin dir werth? Du hast mich nicht vergessen? Estela. Wohlan, mein Freund, kann Trost es Euch gewähren, Ein Herz zu finden, das wie Eures blutet, Kann's Euch erfreuen, Armer, wenn Ihr wißt, Daß durch den Schatten der verschwiegnen Nacht Estela mit Euch klaget, mit Euch weint, Mit Euch verzweifelt – nun so mag es Euch Mein Mund bekennen und mein Herz! Fugaçe. Estela! Estella. Ich liebe Euch, nur Euch! Kein andres Bild Heg' ich im stillen Grunde meines Busens. – Was Ihr gehört, was Euch mein Mund gestand In dieser Stunde, laßt's lebendig seyn In Eurer Brust! Laßt dieses Wort der Liebe In trüber Dämmrung Eurer Seele leuchten, Wie eines Sternes mildes Glänzen oft Dem Schiffer lächelt, der die Fluth befährt Im Sturm und Ungewitter! – Doch nun geht Und seht mich niemals wieder – hört Ihr? nie! Fugaçe. O ewiges Licht! Estela. Was that ich? – All' ihr Engel! O, gebt Besinnung mir! löscht diesen Brand, Des Busens aufgeregtes Meer bezähmt! Gebt mir Besinnung! Fugaçe. Theure! Estela. Fort von mir! Mehr als ich geben durfte, gab ich nun, und ein Bekenntniß, das der Tod mir nicht Entreißen sollen, Euer Anblick hat's, Es hat es Neigung, Mitleid mir entrissen. Und nun bei allen Engeln schwör' ich Euch: Naht Ihr Euch einmal noch im Leben mir, Durchbohr' ich diese Brust mit eigner Hand! Fugaçe. Estela! Estela. Hofft nicht, weil Ihr mich einmal schwach gesehn, Ihr würdet so zum zweitenmal mich finden. Wie ich Euch liebe, ehr' ich meinen Gatten; Darum kehrt niemals wieder, Don Fugaçe; Bei meinem, Eurem Heil, ich halte Wort! (Sehr weich) Lebt wohl und geht mit Gott! – Ihr seyd sehr krank, Ich seh' es, theurer Freund! (In Thränen ausbrechend.) Geneset nicht! Glaubt mir, zu innig lieb' ich Euch, Als daß ich Euch Genesung wünschen möchte! Ein nahes Ende wünsch' ich Euren Leiden; Mög' Euch vom Leben bald der Himmel rufen Und mich mit euch! – Mich drückt des Tages Schwüle, Nicht mehr ertrag' ich's! – Auf dem sonnentbrannten, Durchglühten Sande sink' ich lechzend hin! – Nehmt mich mit Euch in Eures Grabes Kühle! – Lisarda. Still – horch! – Hört Ihr? Geräusch im Vorhof! Estela. Allmächtiger Himmel! Fugaçe. Fort, Lisarda, eile! Sieh, wer sich naht. (Lisarda geht ab.) Fugaçe. Beruhigt Euch, Estela! Wer es auch sey, mit seiner letzten Kraft Beschützt Euch dieser Arm! Estela. Weh! – meine Sinne Sie schwinden! Lisarda (hereinstürzend). Ach, um aller Heil'gen Willen! Ihr seyd verloren, edle Frau, zusammt Dem Ritter! – Euer Herr – Estela. Weh mir! Fugaçe. Don Garcia? Lisarda. Er ist zurückgekehrt – schon an der Thür! Estela. Hilf mir, barmherziger Gott! Lisarda. Kein Ausweg ist, Er kann nicht mehr entfliehn. Estela. Ja! – dort hinein – Dort in die Blende! schnell, Lisarda, fort! (Lisarda verbirgt Fugaçe hinter den Vorhang in die Blende.) Straf, o Himmel, das Verbrechen, Doch die Unschuld strafe nicht; Laß mich, wie gebrochne Pflicht, Nicht ein schwer Verhängniß büßen! – (Lisarda kehrt zurück und entfernt sich, wenn Garcia eintritt.) Fünfte Scene. Don Garcia. Donna Estela. Garcia. Ihr noch wach, Donna Estela? Estela. An das Fenster lockten mich Nacht und Stille, die ich liebe, Und die Kühle, die so labend Wehet nach des Tages Schwüle. Garcia. Kühl ist's nicht, wohl eher kalt! Ausgelöscht sind alle Sterne, Und die Luft streicht scharf von Norden. Estela. Nicht so schnell glaubt' ich, mein Gatte, Sollt' ich Euch zurückgekehrt Sehn im Hause! Sagt, was ist es, Daß Ihr unverhofft erscheint? Garcia. Meine Reise ist bis morgen Aufgeschoben: früh am Tage Will mich erst der Herr entlassen. Doch, was ist Euch, theures Weib, Daß Ihr zittert? Estela. Ich gesteh' es, Mich befiel ein jäher Schrecken, Als ich Euch so unvermuthet Kommen sah. Ein Unglück, meint' ich, Habe sich ereignet. – Garcia. Nichts, Das die Ruh' Euch stören könnte. – Weil mir Zeit nun blieb bis morgen, Trieb mich meiner Liebe Sehnen, Ein paar Stunden noch der Nacht Hier bei Euch zu weilen. Estela. Dank, Mein Gemahl! Garcia. So ritt ich her, Und noch eh' die Morgenröthe Aufglüht auf der Berge Spitzen, Bin ich wieder in dem Schloßhof Des Infanten. Estela. Ich erkenne Eure Güte! Garcia. Ja, Estela! Nicht der Worte süße Gabe Ward mir zugewandt vom Himmel; Rauh bin ich, ein schlechter Redner, Unter Waffen auferzogen Und zum Mann gereift in Schlachten; Dennoch, glaubt mir, ja, ich kenne Euern Werth – und meinen; lieb' Euch – Estela. Mein Gemahl! Garcia (mit steigender Heftigkeit) . Ja, gleich getheilet Ist mein Herz in Lieb' und Ehre; Athem sind sie meinem Daseyn. Wer sie mir zu rauben dächte, Beim Allmächt'gen! er ist todt! – Todt! und hätt' er hundert Leben, Jedes einzeln wollt' ich morden. Estela. Gott im Himmel! Ihr seyd furchtbar! (Bei Seite.) Wehe mir – ich bin verloren! Garcia. Wär's mein Vater, der mir greift An den Bart – ich müßt' ihn tödten! Estela. Herr, was ist Euch? Eure Blicke Rollen wild! – O, seyd barmherzig! Nimmer hab' ich Euch beleidigt. Garcia. Vor die Augen hingebannt Steht mir das verhaßte Bild; Weicht nicht, wankt nicht, faßt mich wild – Estela. Was es sey, glaubt meinem Eide – Garcia. Was sind Eide? eitel Luft! Schon verflucht ist, wer sie braucht, Sich damit in Schlaf zu wiegen. Estela. Faßt Euch, Herr! Bei meinem Heile, Schuldlos bin ich gegen Euch, Willenlos nur könnt' ich fehlen! Garcia. Als ich, von dem Roß gestiegen, Durch den Garten eile, seh' ich An der Pforte meines Hauses Einen Mann – Estela (für sich) . Ich bin verloren! Garcia. Als ich nah', ist er verschwunden; Doch erkannt' mein scharfes Auge, Ob auch dunkel war die Nacht, Ihn an Gang und Haltung. – Donna, Jener Mann – es war mein Bruder. Estela (bei sich) . Dank dir, Gott, ich athme wieder. Garcia. Nuñez war es; er, kein Andrer! Lang' ist mir es klar geworden, Wie er, der mit mir zugleich Einst um Eure Hand geworben, Mich beneidet um mein Glück. Wie Euch seiner Augen Blitze Heimlich treffen; wie er kalt Scheint von außen, und die Gluth Des Vulkans ihm brennt im Innern, Alles weiß ich! Schon als Knabe War er tückisch, wie die Schlange; Solches Gift wächst mit den Jahren. Estela. Euer Bruder ist's, bedenkt! Garcia. Zwiespalt ist in der Natur, Glaubt mir's, Haß und wildes Kriegen! Blutesbande – leerer Schall! Die an Einem Herzen liegen, Die dieselben Brüste saugen, Seht sie an, ob sie sich gleichen? Mag die Mutter, fromm und rein, Beiden gleiche Nahrung reichen; Milch wird sie dem Einen seyn, Gift dem Andern. Estela. Glaubt es nicht! Garcia. Sagt mir Eines – doch seyd wahr! Seht, ich lieb' Euch sehr, Estela, Unverstellt, vertrau' Euch sehr! Nicht gewohnt bin ich der Thränen, Und nicht leicht in weiche Rührung Schmelz' ich hin – und dennoch, seht, Brennt mir glühend Naß im Auge. – Nun, bei dieser herben Thräne! Etwas ist geschehn, ich weiß es. Ihr seyd unruhvoll – gesteht, Sagt mir's! Estela. Seyd barmherzig, Herr! Garcia. Sagt mir, sprach Don Nuñez Euch? Redet wahr! Estela. Ja, Herr! Garcia. Wann? – wo? Estela. In dem Vorhof, als Ihr schiedet. Garcia. Und was sprach er? Estela. Herr, erlaßt mir's. Garcia. Was! ich bitt' Euch, laßt mich's wissen. Estela. Glaubt, was immer er gesprochen, Nimmer bringt es Euch Gefahr; Deß seyd sicher. Garcia. Ich muß fort, Muß dem König Dienst verrichten, Und an meiner Thüre lauert Der Verrath! Estela. Seyd ohne Sorgen, Wohl vertheidigt ist das Haus. Todt mögt Ihr mich wieder finden, Aber unentweiht von Schmach. Garcia. Darf ich's glauben? Estela. Seyd gewiß! Garcia. Ja, mein Heil vertrau' ich Euch! – Jenes Tages denk' ich wieder, Wo Ihr Eure Hand mir reichtet. – In Gefahr war Euer Vater, Unterm Beil zu bluten: fruchtlos War am Hofe Flehn und Bitten Schon erschöpft. Ich hatte eben Kurz vorher des Königs Leben Mit dem eignen Blut gerettet, Und noch waren meine Wunden Nicht geheilt. Der König hatte Einen heil'gen Eid geschworen: Eine Bitte dem Erretter Seiner Tage zu gewähren. Da kamt eines Morgens Ihr Plötzlich in mein Haus getreten. »Rettet,« spracht Ihr, »meinen Vater!« Sankt auf Eure Kniee, faßtet Meine Hände, batet, flehtet, Und gelobtet unter Thränen Eure Hand zum Lohn des Dienstes; Ob, wie ich erst spät erfahren, Euer Herz gleich nicht mehr frei. Vor den König trat ich, mahnend Ihn an sein gegebnes Wort, Und er löst' es gnädig ein; So seyd Ihr mein Weib geworden. Estela. Meinen Vater dankt' ich Euch. Garcia. Eine solche Tochter ehret Wie den Vater, so den Gatten. Estela. O, verhüten möge Gott, Daß ich ein so edles Herz Kränken möcht' durch meine Schuld, Mein Gemahl –! Garcia. Weib meines Herzens! Ja, ich kenne deine Würde, Deiner Seele reiner Spiegel Liegt vor mir. Estela (für sich) Ach, ich vergehe! Garcia. Nicht des Augenblickes Meister, Treibt mich siedend heißes Blut Schnell zum Wahnsinn oft, zur Wuth. Doch du kannst den Sturm beschwören, Hast für Wunden lindernd Oel. Estela. O, vermöcht' ich's! Garcia, Ich bin matt Einer kurzen Stunde Schlaf Sehnt der Körper sich entgegen. Estela (heftig bebend). Mög' er Euch erquickend nahn! Garcia (hängt seinen Degen an die Wand). Ruhe hast du mir gegeben, Möge nun dein süßes Bild Wie ein Friedensengel, mild Mich im Traum und hold umschweben. (legt sich auf das Ruhebett.) Estela. (in der höchsten Bewegung hervortretend). Siehst du herab von deinem ew'gen Thron, Dringt meine Stimme bis zu dir hinauf, So rette mich, erbarmungsvolle Nacht! In meines Irrsals dicht gewobne Nacht Eil', einen Strahl des Lichtes mir zu senden! O Gott! o Gott! – Wie wird dies Grauen enden? (Der Vorhang fällt.) Ende des zweiten Aufzugs. Dritter Aufzug. Der Gartensaal wie am Ende des vorigen Aufzugs. Erste Scene. In der Halle sieht man Garcia noch auf dem Ruhebett schlafend. Im vordern Theile des Saales geht Estela in der heftigsten Unruhe umher. Estela. Noch schlummert Garcia. – Was soll ich thun? Oeffn' ich die Blende, laß Fugaç' entfliehn? Wohlan, ich wag' es; Himmel, steh' mir bei! – Doch wenn mein Gatte aufwacht, wenn Geräusch Ihn weckt! Verloren bin ich dann, bin's rettungslos, Nicht meines Lebens schonen würd' er, noch Fugaçe's! – Trieb zu Thaten blinder Wuth Ja oft schon Eifersucht Gemüther an, In denen nie des Argwohns Wucherkraut Zu grauser Ernte wild empor geblüht. Ja, solche, die wie Frühlingslüfte mild, Voll Taubensanftmuth und Geduld des Lammes: Sie übten Thaten aus, so schaudervoll, Daß beim Gedanken uns das Mark gerinnt: Was würd' Er thun, der Maß nicht kennt im Zorn? Er würde rasen, und, dem Tiger gleich, Das Blut in langen, durst'gen Zügen trinken! – O Gott des Himmels! Furcht bringt mich von Sinnen! – Mir ist, als hört' ich lachen neben mir! Als wär' aus tiefster Hölle aufgetaucht Ein Geist, der Teufel, der den Menschen höhnt In seiner Angst! – Weh, meine Kniee wanken; Doch kann ich rasten nicht, noch ruhn. Es treibt, Wie matt ich bin, Entsetzen immer wieder Mich auf vom Stuhle! – Horch! was stöhnt? – O Gott! – Nein, nein! – 's ist nichts! – Ein Traum ist's meiner Angst! Währt diese Nacht denn ewig? – Endlich! – ha, Dort graut es! ja, – doch nein! – es ist der Mond, Der wankend Ungewissen Schein verbreitet Durch die verworrnen Nebel. – Wie? nein, nein! Es ist der Tag, der Morgen ist's! dort tönt's! – Die Lieder in den Wipfeln werden wach! Die blasse Röthe dort am Wolkensaume, Der lichte Streif gehört der Dämmrung! Gott! O, sey barmherzig! laß den Tag es seyn! Es muß der Tag seyn, muß, – mich zu erlösen Von dieser Höllenqual, die mich verzehrt, (Man hört in der Blende ein Geräusch. Don Garcia wird wach.) Estela. Weh mir! Was ist geschehn? – Don Garcia! Er ist erwacht! er naht. O Himmel, schütze! Zweite Scene. Estela . Don Garcia tritt in den Saal. Garcia. Schon beginnt es fern zu dämmern, Wie mir scheint! – Verzeiht, Estela; Um den Schlummer dieser Nacht Hat Euch meine Schuld gebracht. Estela. Was die Nacht dem Schlummer schuldet, Mag der Morgen ihm bezahlen. Garcia. Hohe Zeit ist's, daß ich eile, Soll mich nicht der helle Tag Uebereilen. Estela. Nicht zurück Halt ich länger Euch; Ihr müßt! Kehret heim zu guter Stunde! Garcia. Nun, Geliebte, Gott mit Euch! Ohne Furcht zieh' ich von hier, Doch ich zieh' mit schweren Sorgen. Estela. Gleichen Antheil laßt Ihr mir. Garcia. Sonderbar bin ich bewegt! Glaubt' an Ahnung ich, an Zeichen, Die im Bild Verborgnes deuten, Möcht' ich schier es Grauen nennen, Was sich mir im Busen regt. Wie ein festverschloss'ner Brief Liegt die Zukunft vor mir da, Und es zögert scheu die Hand, Seines Siegels Band zu lösen. Estela. Laßt die Zeit den Brief entfalten, Und ob gute oder böse Kunde sey in ihm enthalten, Werden wir von ihr erfahren; Laßt uns harren in Geduld! Wir bewahren uns vor Schuld, Gott mag uns vor Unheil wahren! Garcia. Darum bet' ich heiß! – Lebt wohl! (Will gehen.) Estela. (reicht ihm seinen Degen). Herr, vergeßt Ihr Euren Degen: Ohne Waffen wollt Ihr fort? Garcia (betroffen). Weh! das däucht mir nimmer gut! – Diesen einz'gen treuen Bürgen Meiner Ehr', ihr Hort und Pfand, Konnt' ich unbeachtet lassen! Als mein Vater mir ihn reichte, Schlug er erst mich ins Gesicht, Und als ich, von Scham durchglühet, Vor ihm stand, sprach er zu mir: Diesen Degen geb' ich dir, Und dich schlug des Vaters Hand, Daß du denkst auf allen Wegen, Nimmer ihn von dir zu legen; Daß, wer jemals Schmach dir thut, Dir's bezahlen mag mit Blut! Und die Lehr' aus Vaters Munde Hielt ich treu bis diese Stunde; Ohne ihn könnt' ich nicht gehen. Darum – sey es Gott geklagt! Böses ist mir jetzt geschehen. Estela. Ließt Ihr Euren Degen hier, Nun, so ließt Ihr ihn ja mir. Nehmt's als Zeichen guter Art, Eure Ehre sey bewahrt Wie durch Euch, so auch durch mich. Garcia. Einmal wach in unsrer Brust, Ist die Sorge, wie die Hyder; Haut ihr hundert Häupter ab, Wachsen schnell ihr hundert wieder. – Wär' ich schon zurückgekehrt! Estela. Darum gehet, Herr, und weilet Länger nicht! je mehr Ihr eilet, Mag es für uns Beide nützen. Und noch einmal, mein Gemahl! Was wir immer auch erfahren: Wenn nur wir vor Schuld uns wahren, Mag vor Unheil Gott uns schützen! Garcia (beklommen). Nun – auf fröhlich Wiedersehn! (Er geht ab, Estela blickt ihm durch das Fenster nach.) Dritte Scene. Estela (allein). Ihr Heil'gen, Dank! Fort zog des Wetters Grauen. Wie nah der Blitz, doch hat er nicht geschlagen! Froh aus dem Dunkel des gewitterblauen, Umflorten Himmels seh' ich's wieder tagen, Und Licht durch die zerriss'nen Wolken schauen! So kehrt in Hoffen sich mein banges Zagen! Nun darf er fort, kann nun zur Flucht sich wenden. Ja, besser wird, was schlimm begann, sich enden! (Sie geht in die Halle und zieht den Vorhang von der Blende weg. Man sieht Fugaçe auf den Stufen am Fuße des Bettes liegen, – Estela fährt mit einem Schrei des Entsetzens zurück.) Weh mir! Um Gott! – Lisarda! – Oh, Lisarda! Lisarda! schnell herbei! – O, welch Entsetzen! Hörst du mich nicht? – O Himmel! Ewige Barmherzigkeit! – Vierte Scene. Estela. Lisarda. Lisarda. Was fehlt Euch, edle Frau? Erschrocken nah' ich mich, – ich hört' Euch rufen. Estela. Todt! Todt! Lisarda. Verhüt' es Gott! Estela. Blick' her! Lisarda. Weh. weh! O heil'ge Engel! Wehe unsrer Noth! Estela. Starr – leblos – bleich! (Sie wirft sich über den Leichnam.) Lisarda. O Heiland, welch Ereigniß! (Pause eines stummen Schmerzens.) Estela. Hast du mich so erhört, furchtbare Macht, Vor der ich lag in heißem, brünst'gen Flehen: Die meiner Seele Ringen hat gesehen, Zu der ich einsam klagte in der Nacht? Hab' ich des Herzens heißen Wunsch bezwungen Und all mein Glück dir opfernd dargebracht, Hab' ich geweint, gebetet und gewacht, Und solchen Trost hab' ich von dir errungen? Für solch Entsagen konntest so du lohnen? Für solche Kämpfe gabst du solche Kronen? – – Und auch du hast mich verrathen! Grausam, Theurer, war dein Lieben, Daß du fern nicht bist geblieben, Als du fühltest Todeswehen! (Immer weicher, zuletzt in Thränen ausbrechend.) Warst du mir nicht schon entrissen, Nicht von mir getrennt, verbannt? Hatt' ich nicht mit tausend Thränen, Armer, unglücksel'ger Freund, Dich schon lang' als todt beweint? Mußte denn das Auge sehen, Was das Herz schon lang erkannt? Lisarda. O, zähmet Euern Schmerz, seyd muthig, Donna! Estela. Du armer Lebensmüder! schläfst du nun? Gehetztes Wild, das blut'ge Rüden jagten Durch Wald und Grund, bist du hierher geflüchtet lind ruhst nun hier? Ein fühlend Herz war dein, Ein einziges im Umkreis der Natur; Die einz'ge Freistatt, wo, dir gleich gestimmt, Ein Wesen lebte, dem der eigne Schmerz Den deinen ließ verstehn! Es aufzusuchen, Trieb dich dein Sehnen, Trost und Lind'rung hoffend; Und als du es erreicht, mühsam erreicht, Von Schmerz und Todesnoth, und Qual und Bangen Geleitet; als den ersten Klagelaut Die kranke, wundenvolle Brust gehaucht In die verwandte, – sinkst du hin und stirbst! O, all' Ihr Engel! ist denn Schmerz die Seele, Die diese Welt belebt, der Herzensschlag, Der durch die Pulse geht der rauhen Erde? Lisarda. O güt'ge Vorsicht! Donna, faßt Euch doch! Beweint den Todten nicht, beweint Euch selbst; Ersinnet Rath und Rettung aus für uns, Denn wir bedürfen sie, der Todte nicht. Estela. Was kümmert mich, was noch geschieht, was nicht? Das Aergste ist geschehn! – Ich biete Trotz Dem Schicksal, es verwunde, schleudre nieder Den Strahl des Blitzes, sende seine Pfeile Auf diese Brust: hier ist sie, hier – ich lache! Lisarda. O Gott, geliebte Frau! Vergeßt doch nicht, Daß Ihr die Gattin seyd Don Garcia's, Daß Eure Ehre, Eures Gatten Ehre – Estela. Du mahnst zu rechter Zeit, du redest wahr! Der hier gestorben, war mein Gatte nicht. Was kümmert mich sein Ende. Wer auch hieß Hierher ihn kommen, mit dem Tod im Herzen? Thörichte Sehnsucht, die ihn trieb, Gefahr Und Qual nicht achtend, mit dem Grabesengel Um eine schmerzliche Minute noch Zu ringen! Thor! – er war mein Gatte nicht. Lisarda. Ertrugt Ihr nicht mit muthgestählter Seele Die Trennung vom Geliebten? nun, so tragt Auch jetzt das Kleinre muthig – seinen Tod. Bringt so das letzte Opfer Eurer Ehre. Estela. Die Lieb' ist todt, des Tages helle Sonne. Lisarda. Die Ehre lebet noch. Estela. Der Mond der Nacht. Lisarda. Schon ist es Tag. Wenn Eure Diener nahn, Wenn man den Leichnam trifft in Eurer Kammer? Wie bringen wir den Todten aus dem Haus? – Wer naht? Estela. O Gott! Lisarda. Don Nuñez? – Ihr? – Zurück! (Sie sucht Nuñez, der während der letzten Reden eingetreten war, zu entfernen; Estela zieht den Vorhang zu.) Fünfte Scene. Vorige. Don Nuñez. Nuñez. Ha, welch ein Bild enthüllt sich meinen Blicken? Was ist geschehn? Sprecht, Donna, sprecht! Was ist's? Welch sonderbar befremdendes Ereigniß, Dem ich ein unwillkommner Zeuge nahe? Ein Leichnam hier in Eurer Kammer, Donna – Lisarda, die den Eingang mir verwehrt – Ihr selbst in Thränen, der Verzweiflung Schrift In Eurem Antlitz lesbar eingegraben – Klärt mir, ich bitt' Euch sehr, dieß Räthsel auf! Ihr schweigt? – Wer ist der Todte? – Laßt doch sehn! Ist's möglich! – Er – Fugaçe! Estela. Tödte mich! Wirf deinen Blitz herab, mich zu zerschmettern! Nuñez. Wenn Euch Erstaunen faßt, mich hier zu sehn, So glaubt, noch mehr erstaunet bin ich selbst. Fänd' den Geliebten lebend ich bei Euch, Es würde mich, der Eure Strenge kennt, Ein solcher Anblick seltsam wohl befremden; Doch daß ich todt ihn seh' zu Euren Füßen, Bei meinem Haupt! das ist so wunderbar, Daß ich's für Fabel hielte, stände nicht Die Wahrheit sichtbar, fühlbar vor mir da. Estela. Beschlossen hat das Schicksal mein Verderben, Zu meinem Untergang seyd Ihr genaht. Aus allen Sterblichen in Eure Hand, In Eure nicht, Don Nuñez, sollt' ich fallen. Nuñez. Warum in meine nicht? Weil kalte Strenge, Ja bittern Hohn ich oft von Euch erfuhr? Weil Ihr mit Eurer Unschuld Sonnenglanz Die Augen mir geblendet, mir so oft Die Kluft gezeigt, die meine Niedrigkeit Vom Adel Euerer Gesinnung schied? – Seyd unbesorgt deßhalb, Donna Estela! Ich nehme gern die Zeit, wie sie sich zeigt, Sie ändert ihr Gewand, und wir mit ihr. Estela. Glaubt, was Ihr hier gesehn, wie auch befremdend – Nuñez. O, laßt das, edle Frau! ich grüble nicht. Und weil ein solcher Augenblick gekommen, Daß Ihr, ich weiß es wohl, mir müßt vertraun, Darf ich ein offnes Wort Euch ja bekennen. – Des Schicksals Güter sind nicht gleich getheilt, Und Manches miss' ich, das es mir entzog, Um die Begünstigtern zu krönen; Doch einer Gabe rühm' ich dennoch mich, Die mir für viele andre gelten muß: Ein fester Sinn ward mir ins Herz gelegt, Beharrlichkeit, die leicht sich beugt und biegt, Doch die kein Sturm entwurzelt und verweht, – Mir ist die Zeit die strenge Parze nicht, Die mit geschäft'ger Scheere rasch den Faden Abschneidet meiner Wünsche, meines Glücks; Die mildre Schwester, die ihn weit hinaus Mit goldner Spindel spinnet, ist sie mir. Es reift Geduld mir manche süße Frucht, Und nicht voreilig brech' ich sie herab! So lange lass' am hoffnungsgrünen Zweige Ich sie die Sonne der Gelegenheit Bescheinen, bis, vom süßen Safte schwer, Sie mir von selbst herabfällt in den Schooß. Doch strenger als der goldnen Aepfel Pracht Im alten Zauberhain der Hesperiden Des Drachen Auge – halt' ich sie bewacht. Ihr seyd die goldne Frucht, und lohnend zeigt Sich mir für langes Harren nun der Preis. Estela. O, ew'ge Vorsicht! und dein Donner schweigt? Nuñez. Sie hat in meine Hand Euch jetzt gegeben, Und nicht gesonnen bin ich, Euch zu lassen! – Der Todte ist die Brücke, die mich führt Zum duft'gen Blütheneiland meiner Liebe, Zu dem umsonst ich lang' den Weg gesucht. Lisarda. Das ist zu viel, zu viel! Estela. O, Fassung, Fassung! Du nur, o Himmel, weißt – Nuñez. Was ich errathe. Entflohen war Fugaçe, verbannt? Ja wohl! Entflohn zu Euch, verbannt zu Euch! – Wozu Verstellung länger zwischen uns? Indeß den Gatten Ihr mit falschem Scheine Erborgter Tugend hintergingt, die Welt Getäuscht mit einer Maske, die Ihr trugt, Kommt das Geschick und lachet Eurer Künste, Reißt Euch die Larve vom Gesicht herab; Und die, ein unnahbarer Cherub, lang Geglänzt im Heil'genscheine, wird ein Weib, Die des Geschlechtes Reiz' und Schwächen theilt. Estela. Unwürdiger Verdacht, der mich befleckt! Nuñez. Und glaubt mir auf mein Wort, Donna Estela! Bei diesem Tausche habt Ihr nur Gewinn. Die strengen Fraun sind selten liebenswerth, Die liebenswerthen Fraun – sind selten streng; Und sagt, ward je, was liebenswerth, gehaßt? Estela. Mißbrauchet nicht unedel die Gewalt, Die über mich der Zufall Euch verschafft! So wahr ihm Ruhe werden soll im Grabe, Dem man im Sterben selbst sie nicht vergönnt: Die Schuld, der Ihr mich zeiht, sie trifft mich nicht! Es hat Estela's Blick ihn nicht gesehn, So lang des Lebens letzte Kohle glimmte. Nur, als verfolgt vom Grimme seiner Feinde, Er Raum nicht fand in Spanien, sein Haupt Im Tode friedlich hinzulegen, trieb Die letzte Tücke seines bösen Schicksals Ihn in die Nähe der verlobten Braut, Von der ein edles Opfer ihn geschieden. Beim ew'gen Heil, bei seiner Seele Frieden: Mich hat sein brechend Auge nur geschaut! Nuñez. Nehmt immer an, daß ich die Rede glaube! Wie es auch sey, sehr hart seyd Ihr bedrängt, Verloren, hätt' ich nicht zu schweigen Lust, Ja selbst, wenn Euch zu helfen ich versäume. So lang' dieß Dach ihn noch beherbergt, ist Der Todte hier nicht todt für Euch. Dem Munde Enthallen Worte, eine Stimme schreit Aus dieses Leichnams Brust, verbotner Liebe Euch streng bezüchtigend! Laut ruft sie's aus, Daß Euern Buhlen, den geächteten, Ihr in der Nähe hier geheim verbargt. – Stellt einen Zeugen für das Gegentheil; Ihr habt ihn nicht. – Laßt Thränenströme fließen, Betheuert Eure Unschuld, schwöret Eide – Man glaubt Euch nicht; denn ich erschein' als Kläger, Und dieser Zeuge, Donna – (Deutet auf den Todten,) Zeugt für mich! (Nach einer Pause Estela's Hand fassend.) Doch seyd getrost, mich dauert Eure Noth! – Den Todten schaff' ich fort, lass' in mein Haus Ihn tragen, als ob leblos auf der Straße Man ihn gefunden. Harret bis zum Abend; Denn schon ist's Tag, unmöglich wär' es jetzt, Den Leichnam unbemerkt hinweg zu bringen. Doch kommt die Nacht, die dem Geheimniß hold, Und liebend, wie Ihr wißt, mit ihrem Mantel Gar Manches deckt, was fremdem Auge gern Verborgen bliebe, dann erwartet mich. Euch zu befrein von diesem bösen Gaste, Mag meine Sorge seyn, – Ich gehe nun, Und lass' Euch Zeit zu denken, edle Frau, Ob meine Dienste Eurer Freundschaft werth. Nachts kehr' ich wieder; – bis dahin – lebt wohl! (Geht ab.) Estela. O thränenwerthe Lieb' – unsel'ge Neigung! (Der Vorhang fällt.) Ende des dritten Aufzugs. Vierter Aufzug. Gartensaal wie im vorigen Aufzuge. Erste Scene. Estela. (tritt aus der Blende und zieht den Vorhang zu). Wie er schlummert so süß! – Es schwebt ein Lächeln spielend um den Mund, Als thät' es holde Träume kund! O, Seliger, sprich! Ist's drüben, wo du wohnst, so gut, Daß jedes herbe Leiden ruht? Wird drüben die Perle zur Thräne nicht? – Hier ist es finster, trüb, gewitterschwer, Und wilde Stürme brausen her; Ich sehne mich der Ruh' und Stille zu, Bin todesmüd und matt, wie du. Ein ewiger Schmerz, Eine Wunde das Herz! Wo ist der Trank, der Balsam, wo? – Wo weilt Der Arzt, der Schmerz und Wunde heilt? – Horch! Dort – es rauscht! – Nein, nein! 's ist nichts, – Du nur hast mich belauscht, Vertraute Nacht! siehst, wie mich frevelnd Sehnen Hinzieht zu ihm, ich schwelg' in Thränen; Wie ich an's Herz des Leichnams mich geschmiegt, Und Todesschauer sich in meiner Brust In grause Wonnen wandeln und in Lust. Zweite Scene. Estela. Lisarda. Mit guter Botschaft komm' ich, fasset Muth! Bald könnt Ihr Eurer Angst entledigt seyn; Gleich ist Don Nuñez hier, Estela. Nuñez? – O Gott! Lisarda. Ihr bebt mit Recht; nichts Gutes kommt von ihm. Doch, wie verzweifelt auch die Hülfe sey, Nach der wir greifen, noch verzweifelter Ist unsre Lage. – Nur mit Mühe hielt Ich die Geschäftigkeit der Diener fern Von dieser Thür, und ohne Argwohn nicht Sind sie geblieben, daß vor ihrem Blick Man hier Geheimes zu verbergen strebe. Bald, mein' ich, kehrt Don Garcia zurück. Mit jedem Augenblick, der ungenutzt Verrinnt, entschwebt die Hoffnung des Gelingens, Entflieht die Rettungszeit, wächst die Gefahr. Estela. Nicht so, Lisarda, nichts von Heimlichkeit, Nichts mehr von schlau ersonnenem Betruge! Was auch geschehen mag, beschlossen ist's: Die Wahrheit red' ich, wenn mein Gatte kehrt. Lisarda. Wo denkt Ihr hin? Besinnt Euch doch und wagt Nicht so vermessen Euer letztes Heil! Verheimlicht, weil Ihr könnt! Setzt Alles dran, Daß das Geheimniß in der Erde ruhe, Das Euch verrathen kann. Laßt Euch beschwören, Und über Eure Lippe trete nie Ein übereilt Geständniß. Estela. Nichts von dem! Mich kennen muß mein Gatte. Was an Schuld, Was ich an Unglück trage, wiss' er ganz. Lisarda. Da sey Gott vor, daß Ihr Euch selbst verderbet! Estela. Auch nicht vermöcht' ich's, mit der ehrnen Stirne Mich vor ihn hin zu stellen; Aug' in Aug' Gesenket, schuldbewußt, den scheuen Blick In kecke Unbefangenheit zu zwingen! – Wenn ich so sitz' in meiner Todesangst, Mich kalt und immer kälter Schauer faßt, Die Sinne schwinden, unnennbares Weh Zugleich das Leben festhält und bedroht, Wenn, von Entsetzen überwältigt, dann Verzweiflung auf zum tauben Himmel schreit: »Erbarmen, o Erbarmer! rette mich!« – Und nichts mir Antwort gibt in meiner Noth: Glaubst du, daß ich's vermöchte zu ertragen? Lisarda. Ich höre kommen! Nuñez ist's! – Folgt mir, Weis't unklug seine Hülfe nicht zurück. Estela. Fern bleibe mir sein Dienst. Lisarda. Bedenkt! – Estela. Was zu bedenken war, es ist bedacht! Dritte Scene. Vorige. Nuñez. Nuñez. Geht, Lisarda, wahrt des Eingangs! (Lisarda geht ab.) Estela. Weh, ein Schauer faßt mich an! Nuñez. Spät erschein' ich, edle Frau, Doch zu so geheimnißvollem Unternehmen braucht's der Nacht. Knüpfen doch, so wie man sagt, Stets die zarten Bande fester Sich im Dunkeln, und, wie gern Blüthen ihre Kelche schließen Vor dem hellen Strahl der Sonne, Und dem Schatten nur sie öffnen, Oeffnet des Vertrauens Blüthe Sich des Nachts mit mindrer Scheue. Estela. Ihr habt Recht, so denk' auch ich; Und es hat der Nacht geheime Kraft zu besserem Erkennen, Seele mir und Sinn geöffnet. Nuñez. Laßt mich Euch ein Beispiel geben, Euch vorangehn im Vertraun; Leichter, mein' ich, folgt dann Ihr. – Laßt die Larve fallen, Donna, Wie die meine fällt vor Euch. Estela. Jede Großmuth ist Euch fremd, Oder nicht in dieser Stunde Würdet Ihr – Nuñez. Jetzt, ober nie! Dieser Augenblick entscheidet, Ob des langen Strebens Preis Mich beglücke – mir entschwinde. Estela. Frevelt nicht! im Haus des Unglücks Werden leicht die Furien wach. Nuñez. Lange lieb' ich Euch – Ihr wißt es, Denn wo wär' ein Weib geboren, Der ein Sieg verborgen bliebe Ihrer Reize – ? Estela. Herr! Nuñez. Ich warb, Ob auch abgeneigt der Ehe, Ernstlich doch um Eure Hand. Mir nicht war dieß Glück beschieden, Nennt's gekränkten Stolz, nennt's Liebe, Gluth des ungestillten Sehnens – Wie Ihr wollt – weiß ich doch selbst Keinen Namen für die Flamme, Die mich immer neu durchglüht. Estela. Herr, ich bitt' Euch! – Nuñez. Hört mich ruhig. Näher bringt dem Ziele plötzlich Mich, was weiter Euch entfernte Von dem Euren. Urtheilt selbst, Ob nach dem, was hier geschehen, Euer Weigern ferner noch Mich vermöchte zu bethören? Estela. Wie, Ihr wagt es? – Nuñez. Sonst bedeckt, Mitleidsvoll, der Tod gewöhnlich Vor der Welt geheime Schwächen; Eure hat er offenbart. Estela. Euch, nicht mich schmäht dieser Argwohn. Nuñez. Nicht gefühllos, schöne Donna, Hat sich süßem Liebeswerben Euer Herz gezeigt. Nicht jedem War't Ihr abgeneigt, nur meinem. Estela. O, entsetzlich! Nuñez. Scheltet nicht, Wenn ich, was der Zufall mir Freundlich in die Hand gegeben, Nütze. Estela. Unerhört! Ihr wolltet? – Nuñez. Mein um jeden Preis Euch nennen! Ob ich Mann sey, meinem Willen Wort zu halten, heute noch Sollt Ihr's wissen. Estela. Seyd Ihr rasend? Nuñez. Nennt Ihr den Entschloss'nen rasend, Bin ich's. Estela. Ehr- und Schamvergess'ner! Nuñez. Haben Künste, süße Worte, List und Bitten nicht vermocht, Eure Gunst mir zu gewinnen, Mag's versuchen die Gewalt. Estela. Eitles Drohen! – mich nicht schreckt es! Nuñez. Mittel hab' ich, Euch zu zwingen. Estela. So versucht sie. Nuñez. Nicht begehrt es! Estela. Des Geschickes Hand vermochte Mich zu treffen, Eure nicht. Nuñez. Wenn die Schrecken dieses Saales Ich enthülle, ist's zu spät; Wie zur Flucht, so zur Vermittlung. Estela. Diese sey wie jene fern! Flucht nicht sinn' ich. Was auch mir Böses von des Schicksals Grimme Mag geschehn – ich bleibe hier. Nuñez. Nicht vom Platz trag' ich die Leiche. Estela. Woll' es Gott verhüten, daß So verruchte Hände rührten An das Haupt des edlen Todten! Nuñez. Ihr vergeßt, daß Euer Gatte – Estela. Zittert, wenn er wiederkehrt! Wie vermöchtet Ihr, bewehrt Mit zehn Schwertern, ihm zu stehen? Blitzte Euch sein Rächerdegen In der tapfern Hand entgegen, Würd' ich bald Euch fliehen sehen. Weil er fern, seyd Ihr verwegen. Nuñez. Donna, reizt nicht meinen Grimm, Leicht möcht' sich in blut'ge Rache Kehren mein entflammt Verlangen. Estela. Mir gilt's gleich; denn ich verlache Euren Haß wie Eure Liebe. Nuñez. Anders schien's Euch diesen Morgen. Estela. Anders, Herr, scheint es mir jetzt. Tief erröth' ich, wenn ich denke, Daß ich bei dem Laster Schirm Kam zu suchen, und, die Tugend Fürchtend, seinen Beistand rief Gegen Edelmuth und Güte. – Eure Hülfe bleibe fern; Nicht bedarf ich sie! – Es kehrt Bald mein Gatte heim: dann werde Ihm aus meinem eignen Munde Von dem Vorfall dieser Nacht Reine, unverfälschte Kunde. Er sey Richter meiner Schuld! Doch, so wahr ein Auge wacht Ueber uns! – der Todte dort Soll nicht Gottes Antlitz sehen, Wenn Don Garcia nicht erfährt, Wer an seine Ehre sich Hat gewagt mit frechem Muthe! Nuñez. Erst bedroht, droht Ihr schon selbst? In der That. Ihr führt die Waffen Mit Geschick. Estela. Elender Spötter! Nuñez. Wohl verdientet Ihr, zu siegen. Estela. Schlecht verbirgt sich Euer Unmuth Unter dem erzwungnen Scherze; Ihn verrathen Eure Züge. Nuñez. Seht Ihr Grimm in meinen Zügen, Nun, so sorgt, ihn nicht zu wecken; Nährt ihn nicht! Bei meinem Haupt! Euch entseelen seine Schrecken! Estela. Feiger Prahler! der nur droht, Wo er meint, daß man ihm glaubt. Flieht, weil Euch noch Flucht erlaubt; Denn bald dürfte Euch den Weg Meines Gatten Schwert verschließen, Nuñez. Nun, wohlan! weil Ihr, so sicher Eurer Kraft, mich in die Schranken Ruft: so sey es! Ich erscheine. (Näher tretend.) Euch verlangt, mich anzuklagen. Nun, so klagt denn! Laßt uns sehen, Ob an mir es sey, zu zagen. (Er geht schnell in die mit dem Vorhang geschlossene Blende.) Estela (allein). O Gott! gib mir Besinnung! laß mich nicht Im Wahnsinn untergehn, erlöschen nicht In düst'rem Irren meines Geistes Licht! (Nuñez tritt aus der Halle.) Estela. Was habt Ihr vor? welch' eine neue Unthat Habt Ihr begonnen? Sprecht! dieß Antlitz zeigt Den schadenfrohen Hohn gelung'nen Frevels. Nuñez. Ihr war't so muthvoll erst, so voll Vertrauen Auf Eures Gatten richterlichen Ausspruch? Nun denn! so ruft mich hin vor sein Gericht: Stellt mich Euch gegenüber, klagt mich an. Doch wahrt Euch wohl, hört Ihr, daß, wenn ich spreche, Euch nicht vielleicht die Antwort dann gebreche. Estela. Arglist'ger Teufel! mich bethörst du nicht! (Nuñez öffnet das Fenster und gibt ein Zeichen mit der Pfeife.) Estela. Ihr seyd entsetzlich! Nuñez. Bin ich's? Fühlt Ihr das? Estela. Es schwinden meine Sinne! – ich erliege! Vierte Scene. Vorige. Lisarda. Lisarda. Was habt Ihr vor, Don Nuñez? was geschieht? Es dringen fremde Männer in das Haus – Sie öffnen leicht die fest verschloss'nen Pforten –? Sie nah'n! Estela. Ihr wolltet –? Nein, nein, nimmermehr! Ihr werdet nicht von hier mich mit Gewalt –! Hier stürz' ich mich hinab, und ich bin frei! (Sie eilt an das Fenster, Don Nuñez stößt sie zurück, sie sinkt ohnmächtig in Lisarda's Arme.) Fünfte Scene. Vorige. Achmet mit mehreren Maurensklaven. Achmet. (heimlich zu Don Nuñez). Nicht länger zaudre, Herr, sonst ist's zu spät. Was du vollbringen willst, vollbring' es schnell; Schon naht Don Garcia. Vorausgeeilt Sind unsre Späher, seine Ankunft meldend. Nuñez. Ha, eben recht! Er kommt erwünscht. Achmet. Wohlan, Wo ist die Dame? übergib sie uns. Nuñez. Das hat sich nun geändert. Hier herein! (Er lüftet den Vorhang der Blende.) Dort jenen Leichnam nehmt, tragt ihn hinweg, Und legt ihn auf die Schwelle dieses Hauses Hin auf die Marmorstufen, wohl verhüllt. (Achmet und seine Begleiter treten mit Nuñez in die Blende.) Lisarda. O, schließe deine Augen nicht mehr auf, Unseligste der Frauen! Scheide hin, Für dich ist Leben Last, der Tod Gewinn! (Der Vorhang fällt.) Ende des vierten Aufzugs. Fünfter Aufzug. Platz vor dem Gartenhause, wie im ersten Akt. Fugaçe's Leichnam liegt verhüllt auf den Stufen des Einganges. Es ist mondhelle Nacht. Erste Scene. Don Garcia. (in einen Mantel gehüllt, von der Reise kommend). Ihr Himmelsmächte, schirmt mich vor mir selbst! Gebt meinem Herzen Ruh', dem Geiste Licht, Und die Besonnenheit, die sieht, was ist; Indeß der Argwohn, wie ein Traum der Nacht, Der Seele Dunkel mit Gestalten füllt, Halb wahr und lebend, Luftgebilde halb, Gezeugt aus gift'gen Dünsten des Gemüths, Die, wie die Lichter auf des Sumpfes Moor, Den späten Wandrer locken in die Irren, Der Seele Rathschluß wissen zu verwirren. Nein, nein, 's ist nichts! – Und doch! – Warum, von Grau'n getrieben, jagt' ich her? Und nun ich komm' an meines Hauses Pforte, Faßt mich im tiefsten Marke kalte Angst? Nicht vorwärts wag' ich mich, und gleich dem Diebe, Der furchtsam, zagend fremder Wohnung naht, Beb' ich zurück vor meinem eignen Hause! Mich schreckt die Schwelle, die ich oft betrat, Als wäre sie gebannt durch Zauberspruch, Und böse Geister lagerten an ihr, Den Eingang wehrend dem Gebieter selbst. – Thor, der ich bin! belachenswerther Thor! Nein, nein, 's ist nichts! – Und doch! – Was sich in des Busens Grund Tief verbirgt als scheues Ahnen, Eine Stimme, Geistermund, Der sich anthut, mich zu mahnen An ein Weh, unnennbar schwer, Die Gestalt, die vor mir steht? Wie die Säule fest, nicht geht, Nicht wandelt! – Nimmermehr! Nein, das ist kein Trug, kein Wahn; Nicht des Argwohns Stimme bloß! – Nuñez! – Ha, faßt mich nicht an! Nieder, nieder, Scorpionen, Schlafet ein, gebt Ruh' – laßt los! (Er eilt gegen das Haus und erblickt den Leichnam.) Wer liegt am Eingang hier? Erhebt Euch! auf! Wie? kalt und starr! – Bei Gott! ein Leichnam ist's! Bin ich bei Sinnen? Aefft die Hölle mich? Den Todten kenn' ich! – war es nicht – ? Verflucht! Fugaçe ist's! Er, den mein Weib geliebt! Welch neu Geheimniß ruhet hier verhüllt? Jagt' ich dem Schatten meines Argwohns nach, Indeß – ? O Erd' und Himmel! Trug, Trug überall! – Mir wirbelt's im Gehirn, mein Haupt wird wüst! – Was zaudr' ich länger? Fort! hinein zu ihr! (Geht in das Haus.) Zweite Scene. Don Nuñez (tritt hervor). Er ist ins Haus! – Verderben über ihn! Verderben über ihn und über sie! Tob' immer her in deiner blinden Wuth; Dich hetz' ich, daß du rasest! – Ja, beim Teufel! Geworfen ist das Loos! – Auch ist's zu spät! Schon beichtet ihm Estela, klagt mich an. Damit sie weiß erscheine, werd' ich schwarz; Dann folgen Seufzer, Schwüre, Händeringen – Der rauhe Panzer schmilzt von Weiberthränen, Wird weich – und ich! – Nein, nein! – Was kümmert's mich! – Was auch geschieht – mein Leben ist mir feil Um eine taube Nuß! was kümmert's mich! – Wär' er an meiner Statt, er thät' das Gleiche. (Zieht sich zurück). Dritte Scene. Don Garcia, eine Fackel in der Hand, die er beim Heraustreten an eine Säule steckt. Donna Estela. Estela. Bei jenem Todten, der von diesem Leib Schuldlose Ursach' ist, das mich betroffen, Beim ew'gen Heil, aus das wir alle hoffen! Kein Wort der Wahrheit, Herr, verhehlt' ich Euch. Garcia. O, Lüge! Lüge! bodenlose Lüge! Estela. Glaubt, mein Gemahl, wie hart mich auch der Schein Verletzter Pflicht bezüchte, daß er trüge, Wie laut er spricht, er ist ein Geist der Lüge, Und Eure Ehre, Herr, ist makelrein. Garcia. Ein Mann bei ihr des Nachts, bei Garcia's Weibe! Der sey verflucht, der noch an Treue glaubt! Die Welt betrog mich all mein Lebenlang, Falschheit und Tücke wurde mir zum Lohn, Wenn ich ein überwallend Herz voll Huld Gezeigt dem menschlichen Gezücht! – Darob Ergrimmt' ich, und Verachtung, Haß Gab ich dafür zurück, ein volles Maß. Estela. O mein Gemahl! Garcia. So that ich klug. Da kam Die Gleißnerin: die Stimme Flötenlaut, Der Athem Duft, die rührende Gestalt Gleich Engelsbildern, und im Antlitz ihr Ein ganzer Himmel! – Und ich blöder Thor, Von Gott verlassen, schmolz dahin; und weit, Weit weg von mir die Lehren der Erfahrung Ließ ich, und gab Vertrauen ohne Maß Der einzigen! Mit Andern war ich rauh; Mild, wie die Sommerluft, war ich mit ihr! – Estela. O, mein Gemahl! verdammt nicht ungehört. Garcia. Ja, wer dich anhört, buhlende Sirene, Wer unbedachtsam deinen Schmeichelworten Hinneigt das Ohr, den süßen Wohllaut trinkt, Einschlügt das Gift der seelenvollen Töne – Estela. Vom Herzen kommen sie, laßt sie zum Herzen Euch dringen, mein Gemahl. Garcia. Fluch deinem Zaubersang! Zum Abgrund lockt dein buhlerisches Lied! Estela. O, seyd barmherzig! denkt zurück, o Herr! Könnt Ihr mich zeihen des geringsten Fehls? Garcia. Spart Eure Worte, schnöde Heuchlerin, Sie tauschen nicht zum zweitenmal mein Herz! Kein Mährchen gnügt zum Mantel Eurer Schuld. Estela. O, sende einen Zeugen, ew'ge Macht, Der, Wahrheit kündend, für die Unschuld spricht! Send' einen Boten aus, der mit dem Licht Des Rechts einhertritt in die dunkle Nacht! Vierte Scene. Vorige. Don Nuñez. Nuñez. Mein Bruder, glaubt Ihr nicht! Hört mich; sie lügt. Estela. Ha, Geist des Abgrunds, was versuchst du mich? Garcia. Seyd Ihr noch wach, Don Nuñez? Eben recht; Ihr durftet hier nicht fehlen. Nuñez. Glaubt ihr nicht! Was sie Euch auch gesagt, 's ist eitel Trug. Ihr Kläger tret' ich auf, Stirn gegen Stirn; Sie mag's versuchen, sich zu reinigen. Garcia. Sprecht, sprecht! Ich habe Gründe, wenn Ihr klagt, Euch zu vertraun. Estela. Ihr kennt – Nuñez. Spart Eure Mühe! Was Ihr enthüllen wollt, gesteh' ich selbst. Ja, Garcia, ich läugn' es nicht: mit Neid Sah ich die Hand, um die ich einst geworben, Gefügt in Eure. Garcia. Laßt das; schweigt davon! Nur um der Sache Wahrheit handelt sich's, Nicht, was Euch eben treibt, sie zu entdecken. Nuñez. Auch muß ich bekennen – und nicht weigr' ich mich Deß, wenn Ihr's fordert, Euch genug zu thun – Daß ich gewagt, in unbewachten Stunden, Der Dame zu gestehn, was ich empfunden. Auch bin der Donna ich das Zeugniß schuldig, Daß sie mit strengem Zorn mein Wort bestraft. So stand sie vor mir da in hoher Tugend, Bis ich in vor'ger Nacht es selbst erprobt, Ein leerer Schimmer habe mich getäuscht; Was mir gegolten, gelte nicht für Alle. Estela. Verleumder! Garcia. O verflucht! Nuñez. Hört, dann entscheidet! Ein Maurensklave, lang in meinem Dienst, Erzählt mir gestern Nachts, daß sich ein Mann Vermummt in Euer Haus geschlichen. Ich, Erstaunt, will es nicht glauben, widerspreche; Allein der Mann besteht auf seinem Wort, Und schwört, er rede Wahrheit. So beginn' Auch endlich ich dem Zweifel Raum zu geben, Und mich zu überzeugen, eil' ich fort; Doch wie ich Eurem Hause nahe bin, Erkannt' ich Euch, mein Bruder: unvermuthet War't Ihr zurückgekehrt. Garcia. Dieß Zeichen trifft; So war's. Nuñez. Einmal dem Schlaf entflohen, ging Ich, in Gedanken wandelnd, lang' umher Und gegen Morgen erst kehrt' ich zurück. Dem Diener sag' ich seinen Irrthum; doch Er schwört auf's Neue, daß er recht gesehn. Nicht Ihr, den er ja kennt, ein andrer Mann Sey eingelassen worden. Sein Betheuern Ruft auch in mir den Argwohn wieder wach Und noch einmal kehr' ich hierher zurück. Ich öffne Thor und Gitter, trete ein – Da trifft mein staunend Auge Euer Weib In eines Mannes Armen! Garcia. Weh! Estela. Ihr lügt! Garcia. Beim Heile meiner Seele! er spricht wahr. Nuñez. Da brach der Eifersucht empörter Sturm Die Schranken der Besinnung! Wuthentbrannt Glaub' ich mich selbst beleidigt – meine Ehre, Mein Herz verrathen – ziehe meinen Dolch – Estela. Seyd Ihr von Sinnen? Nuñez. Ziehe meinen Dolch, Und nieder in den Armen seiner Buhlin Stoß' ich den Schurken! Estela. Unverschämte Lüge! Garcia. Er redet wahr! Bei Gott, so ist's geschehn. Estela. Bei meiner Seligkeit, Don Nuñez lügt! Garcia. Ihr habt sie auch geliebt; ich sehe klar! War't Ihr auch nicht ihr Gatte, habt Ihr doch Um sie gefreit wie ich, und wolltet's werden. Der Schande Mitgenoß war't Ihr wie ich. Estela. Unsel'ger Irrthum, der Euch überfällt! Garcia. Ich sollte glauben, was nicht glaublich ist, Ein Mährchen, schnell erfunden in der Angst? Nein, nein! Hell liegt die Wahrheit vor dem Blick! Beim ew'gen Gott! gekränkter Liebe Arm Hat hier Gericht gehalten. Estela. Das ja ist Der Hölle feinster, listigster Betrug, Daß, wenn den Geist sie, sinnverwirrend, blendet, Die Lüge Wahrheit scheint, und Wahrheit Lüge! Laßt Euer edles Herz nicht Wahn bethören; Blickt jenen Leichnam an! – Betrachtet ihn! Kein Dolch hat ihn verletzt, und keine Wunde: Die Hand des Himmels gab ihm milden Tod. Nuñez. Nun, so blickt her und straft den Todten Lüge! (Er hebt den Mantel von Fugaçes Leichnam, ein Dolch steckt in seiner Brust.) Estela. Heiland der Welt! so ist er nicht gestorben. Garcia. O, all' ihr Geister, die ihr Sünde straft, Rauscht nieder um mich her! seyd mir zu Dienst, Wenn ich auf neue Martern sinnen muß, Für solche Frevel! – Ob die Augen ich Ihr blend' auf ewig, die, der Lüsternheit Voreil'ge Diener, weckten die Begier – ? Estela. Gönnt mir ein Wort –! Garcia. Die Zung' entreiß' dem Munde, Der, Liebe stammelnd, süßen Hauch geflüstert Dem Buhlen – ? Estela. Hört mich an! Laßt Euch beschwören! Garcia. Der Athen, Eures Mundes schon ist Lüge! – War dieser Mann bei Euch des Nachts verborgen, Bei Euch, als ich, drei Schritte nur entfernt Von meiner Schande, sorgenlos entschlief? Estela. Er war bei mir, mein Mund hat es bekannt. Garcia. Und warum jetzt erst, warum damals nicht? Was hieß Euch schweigen? Tod und Teufel! was? Estela. Die Angst – mein bös Geschick! Garcia. Dein bös Gewissen! Er war bei dir des Nachts, was braucht es mehr? Folg' ihm zur Hölle! Dorthin send' ich dich! (Durchsticht Estela.) Estela. Ich bin des Todes! – Gott! Garcia. Er sey Euch gnädig! Fünfte Scene. Vorige. Der Corregidor. Gefolge mit Fackeln. Lisarda. Achmet gefangen. Corregidor. Don Garcia! haltet ein! Garcia. Zu spät. Lisarda. Weh mir! Corregidor. Unseliger! Lisarda. Sie ist getödtet – stirbt! Garcia. In Euer Amt, o Herr, Hab' ich gegriffen. Ob furchtbar scheint die That, sie ist gerecht. Schmach, Herr, ist mir geschehn: ich gab den Tod, Den Tod für Schmach – mein Urtheil ist gerecht, Corregidor. Wahnwitz'ger Thor! von blinder Wuth bethört! Ein Richter Ihr? – Ein Henker war't Ihr nur! Estela. An Eurer Ehre seyd Ihr ungekränkt; Ich sterbe schuldlos. Garcia. Nein! nein, sag' ich, nein! Ihr seyd deß Zeuge, Nuñez! Corregidor. Armer Mann! Garcia Sprecht, Nuñez! redet Ihr! – Verflucht! Ihr schweigt? O ew'ger Gott! – Wenn Ihr – Weh mir! wenn's wäre! Corregidor. Zu spät zur Rettung rief Lisarda mich, Doch meines Amts zu walten nicht zu spät! (Zur Wache, auf Nuñez deutend.) Führt ihn zur Haft. Nuñez. Mich, hoher Herr? Warum? Corredigor. Hier, diesen Maurensklaven, der das Haus, Verdächtig böser Absicht, Nachts umschlich, Ergriff die Wache. Vom Gericht befragt, Bedroht mit harter Strafe, hat sein Mund Bekannt die Frevel Eures bösen Sinns. Und so, noch einmal, in des Königs Namen Verhaft' ich Euch. Nuñez. Reicht solches Zeugniß hin, Mich zu verdammen? Corregidor. Unerwiesen – nein! Doch einen zweiten Zeugen seht vor Euch: Des Hauses Dienerin. Lisarda. Was ich bekannt, Mit meinem Leben will ich es verbürgen, Deß sey der Himmel Zeuge mir! Corregidor. Verhält sich's so– Und daß sich's so verhält, wer zweifelt noch? – Seyd Ihr verbannt aus dieses Reiches Grenzen Auf ew'ge Tage; zu gelindes Loos Für so beflecktes Leben! – Geht, Alkalde, Nehmt seinen Degen und begleitet ihn. Nuñez. Ich bin in Eurer Hand; thut, wie Ihr dürft. Corregidor. Ich weiß genug! hinweg! (Nuñez wird abgeführt.) Garcia. Ich Thier! ich Thier! O rettet, helft! Lisarda. Umsonst! Sie ist dahin! Garcia. Bohrt mir ins Herz! reißt meine Adern aus! Mein Blut laßt fließen! Weh! staunt mich nicht an! Ich habe sie geliebt! beim höchsten Gott! Ich habe sie geliebt wie meine Seele! Estela. Ihr gabt mir Friede! Dank sey Euch dafür! Garcia. Die Hölle lockte mich zu böser That! Estela. Die Reue sühnt! – Garcia. Gabst du den Degen selbst mir in die Hand, Daß ich ihn färben sollt' in deinem Blut? Brich, ehrlos Schwert – du bist befleckt auf immer! Lisarda. O ew'ge Vorsicht! Estela (zu Garcia). Reicht mir Eure Hand – Und wie ich Euch verzeihe – richt' euch Gott! – (Sie sinkt sterbend neben Fugaçes Leichnam hin.) Garcia. Estela! – Herr! – sie stirbt! Lisarda. Sie ist dahin! Corregidor. Dem müdgehetzten Unglück gab der Tod Die letzte Freistatt, wo es niemand stört. Garcia. Ja, all' ihr mühsam Leid, es ist gewesen, Und ihre Schmerzen haben aufgehört; Doch meiner Schuld macht Tod mich nicht genesen! O, daß ihr nie erfahren möget, nie: Um wie viel schwerer oft zu leben sey, Als auszuscheiden aus der Welt voll Qual! (Der Vorhang fällt.) Ende des Trauerspiels.