Reinhard Johannes Sorge Guntwar Die Schule eines Propheten Handlung in fünf Aufzügen, einem Vorspiel und einem Nachspiel   Verlag der Jos.Kösel'schen Buchhandlung Kempten-München 1914   Der Mutter zugeeignet Jena, Winter 1912   Personen Guntwar Peter Mirjam, Peters Frau Elisabeth, Guntwars Frau Peters Schutzengel   Stumm: Ein Packträger Zwei Arbeiter   Personen des Vorspiels: Geist Satanas Chor der vier Engel Engelchöre Die Stimme Stimme eines Engels   Personen des ersten Zwischenspiels: Greis-Meister Der erste Künstler Der zweite Künstler Der dritte Künstler Der vierte Künstler Der Schüler Fremde-Wanderer Geist-Führer Chor der Kinder   Stumm: Kunstbeschäftigte Familie Knabe-Modell Knabe (zeichnend) Jüngling   Personen des zweiten Zwischenspiels: Chor der Straße (Mann und Weib) : Ein brennendes Weib Ein kreischendes Weib   Chor des Götzen (buntes Volk) :   Zwei Männer Andere Zwei Dritte Zwei Vierte Zwei Fünfte Zwei Fetter Mensch aus dem Chor der Straße Ein schiefer, schieläugiger Zwerg Chor der Jünger Verhüllte Gestalt einer Frau Drei graubärtige Alte: Erster Alter Zweiter Alter Dritter Alter   Chor der Gosse:   Erster Philosoph Zweiter Philosoph aus dem Chor der Gosse Die Gestalt um Turm (Peter) Der Verkünder Chor der Dienenden   Personen des dritten Zwischenspiels: Der Irre-Prediger Stumm: Gestalten der Kranken   Personen des Nachspiels: Seele (Peter) Zwei Engelpaare Engelchöre     Wäre ich doch nicht ein Mann, welcher Geist hat, und spräche ich vielmehr Lüge: »Ich träufle dir zu Wein und zu Berauschung.« Ja, der wäre es, auf welchen träufeln ließe dieses Volk!            Micha II, 11.   Hebet eure Augen auf und schauet an die Fluren, wie sie schon weiß sind für die Ernte!                 Ev. St. Joh. IV, 35.       Fremde Wächter, – Fremde Wächter wurden wie die Träumenden. Das Schwert entglitt ihren Händen; – wer weiß es? Ihren Händen entkam das Schwert, sie fielen wie im Schlafe...   Vorspiel Zwischen Himmel und Erde. Dunkelheit. Im düsterroten Licht des Hintergrundes die runde Erde; der Geist des Bösen, über ihr kauernd. Geist (geflügelt) : Sausende Flügel eilig umgeschwungen, Und Fraß auf Fraß zu mitternächtiger Stunde, Zu Tappen und zu Naschen gleich bequem. (Indem er mit den Klauen ringsum die Erde begreift) : Es fühlt sich schön, es fühlt sich völlige Hingebung Mir, geistig mir; das Menschenpack ist mein Geschlecht, Das Gottes Erde jetzt weithin bevölkernde. Von Golde pralle Beutel schütteln sich, Finger Millionen haschen nach dem Strom Von rotem Golde, Herzen werden mein. Hoffart und Sinnenlust geht gleich in Schwang, Des Goldes klar verstohlene Ausgeburt, Und plumper Anhauch trübt die Sinne der Geister. Von mir, von mir wollüstig ausgeboren, Verdrehen sie den angestammten Sinn: Zu herrschen wird der Knabe früh schon willig, Die Kleinsten, die sich hoffärtig gebärden! Demut, Verleugnung, Opfermut und Liebe, Das schöne Paar der vier wird gänzlich brennend In Herrschertum und scheel-neidsüchtigem Blick. Und mit der Freude schwindet hin der Eifer Des tiefren Lebens, wie es Jener wollte, Den meine Lippe jetzt haßkräftig nennt. Genug! Zerronnen sie sich selbst, sich selbst abhanden, In meine Arme tief betört gesunken, Lösen sich auf in Schwarm von Einzel-Teilen: Der Mensch wird ihnen ein Atom-Geschwür Von willenloser Handlung, gänzlich nichtig. Am eignen Fleisch lebendige Verwesung, Schaffen sie mir unausgesetzt in Flucht der rinnenden Stunden der Nacht die höchst willkommene Nahrung. Ich koste, schmecke, werfe geistig aus Dem niedren, hintren Mund Zur Hölle hin, was ich geschmeckt, gekostet. Sie finden's wieder, sie begrüßen sich Dort neu in Teilen, kamen erst sie selbst.   Die großen Städte sind der üppige Boden, Der wuchernde, der mir zur Nahrung geschäftig. Dort Hirn um Hirn, maßlos in Zahlen steigend, Hohn und grotesk vor Gott, Bietet sich dar dem spitz und lüsternen Schnabel Mein, der in Phosphor sich, in Trübung senkt, Dem Schnabel mein, der, geistig, nur den Geist will, – Der blaue Fäulnis, wie sie wuchernde Gedanken, Die schillernde, erzeugen, Den schwarz und roten Brand im Hirn von Lästersucht Gott wider und von bös entbrannter Liebe, Fäulnis und roten Brand begierig hinnimmt, Aussaugend allzumal, was teuflisch Blasen wirft Und Faules wirkt im Menschenhirn. Ein Pilzgericht, von mir wollüstig erkannt, Verkehrtheit, die genäschig meinem Schmacke schmeichelt; Nur immer zu, nur zu, eh noch die Nacht verrinnt! So Fraß auf Fraß... Ein Lichtstrahl dringt von oben!? (Es geschieht?) Ich kenne das: einschläfernd, höchlichst widerwärtig; Doch Schlummer überkommt mich, kann nichts tun. Ist es der satte Nachhall überstandenen Mahles? Ist es gewollt von droben? Ei! Eh ei! Mein Schlaf ist Wollust, kann sie nicht bescheiden So unachtsam; ich folge willig ihr. (Er schläft ein.) Stimme im Strahl : Wer aus der Liebe ist, der kommt zu mir! (Stille.) O ihr Kinder! Kinder mein! Wo auch immer ihr euch müht In Verderben, Not und Pein, Liebend bricht der Strahl herein, Liebend der, der für euch glüht, Wendet sich, euch zu erlösen –! (Das Licht verbreitet sich. Der Himmel füllt sich mit Engelscharen.) Die Engel alle: Wer aus der Liebe ist, der kommt zu ihm! (Stille. Sie schweben.) Obere Engel (die tieferen ermahnend) : Legt Hand an! Seid geschäftig! Euer stetes Rühren, Segnen, Benedeien Löse das Entzweien, Hindre das Verführen! Und zu vielem Blick und Wort Hin der Liebe, dem Vergeben, Hin dem Heiland, hin dem Leben Richtet auf! (Es schweben vier Engel herbei, die ein verhülltes Gut tragen.) Chor der vier Engel: Schweigend laßt hier eine Gasse Heiligem Mysterium, Neigend jeden Schauer fasse, Geht es eng unter euch um; – Denn wir tragen diese Seele, Welche zur Geburt ersehn, Tiefer Schuld und bittrer Fehle Tragen wir sie hüllend zu. Wißt ihr auch warum? Gott weiß wohl darum. Spart nicht euren Segen! Daß in unserer seligen Mitten Rein geläutert, Gottes näher, Blinder, inniger, zarter, näher Wieder sie kommt eingeschritten. Hohe Engelsstimme (herabtönend von oben) : Im Endlichen durchdringend, Zeitliches hindurch bezwingend, Laßt diese Seele erst zu mir! Daß ich ihr ein Feuer hauche, Einen weißen Brand als Pfand Gottes stets beglückender Nähe. Daß sie selber herzlich glühe, Glühend angefachter werde, Herz und Lippe überwallend, Dankbar tief innig betört Zu der ein und einigen Predigt. Laßt sie her! Chor der Heerscharen (der Himmel ist hoch voll Licht) : Doch wir wollen allerorten Hilfreich wecken, predigen, lehren Und in manche stille Stunde Werfen manches stille Korn, Daß es Frucht vielfältig trage. Stürmend bringt himmlische Saat! (Wechsel des Lichtes. Licht nur um die Erde, die jetzt wagrecht ruht; vier Engel an ihren vier Ecken, Satanas zur Seite, eingeschlafen.) Die vier Engel : Ist das große Werk getan, Die vollendete Geburt: Zwischen Knospen, zwischen Drängen Ein Gewirke ewiglich; – Stehen wir noch hier bewachend, Gottes liebentbrannte Helfer Bei der heilsam neuen Tat. Satanas (erwacht) : Überrumpelung! Das Paar dieser Vier Dicht hingetreten zu widrigem Geschäfte, Mir schlafend hin! Daß ich mich räche, sorg ich! Diener und Geister mein, herbei! herbei! Nun kommt gefahren scharenweis in Haufen Und packt die Erde mit verstohlenem Griff! Mit Feuer, Toben, Poltern, Donnern, Schnaufen! (Unterirdisches Erdgetöse. Rotglühendes Licht dringt von unten herein.) Ja rüttelt, schüttelt, zerrt und schaukelt frisch, Laßt Dampf aufsteigen, zischend und zerstörend; Auch zögre du mit deiner Ankunft nicht, Bösester Mensch! Die umgetriebenen Flüge, Die ewig qualvollen in gleicher Bahn, Drehe hierher, mit schmerzlichem Vergiften Brutwarmem mir! die Luft ringsum verpestend! (Gepolter, Getöse.) Frisch, Volk, frisch! Stärker gerüttelt! Klötze löst und Felsen rollt, Erde um und um geschüttelt, Dampfend, siedend fortgetollt! (Dampf steigt auf, Feuer zuckt.) Können wir ihnen nichts haben, Wütend unser Widerstand! (Er erhebt sich und schlägt die großen Flügel.) Fliegt, enteilet, steckt in Brand Alles auf herzböser Fahrt! (Donner. Die Hinterwand klafft. Satanas verschwindet durch sie. Das Feuer erlischt mählich, das Poltern läßt nach. Die vier Engel an den Ecken der Erde strecken ihre Schwerter in Ruhe zueinander. Sogleich erhellt sich auch der obere Himmel. Engelscharen, pyramidisch in drei Kreisen abwärts ziehend, verkünden): Unterer Kreis (der größte) : Halb-Chor: Was ihr nicht begreift, Kehrt es nur empor; Was ihr nicht begreift, Kehrt zur Ahnung euch, Wenn es uns gefällt, Wenn es uns gelingt, Euch in stiller Nacht, Mitleidsvoll zu rühren. Zweiter Halb-Chor: Darum aufgeschaut! Was ihr nicht begreift, Ist im Heils-Wort euch Rührend dargeboten. Rührt es euch nur recht, Seid ihr gut, seid schlecht, Geht ihr durch die Pforten. Gesamt-Chor: Wenn ihr Kinder seid Dessen, der euch schuf, Gut von Anbeginn Menschlichem Beruf: Läutrung brennt euch klar, Läutrung brennt euch weiß; Bis ihr endlich kommt Vor Sein Angesicht, Des, der alles weiß. Mittlerer Kreis: Herztiefe Läutrung, heilsamster Pfad, Seht, wir begleiten sie, mittlerer Kreis. Krummes wird wieder gerad, Schwarzes wird weiß... Unterer Kreis: Wer begriff das Böse je, Kinder, unter euch? Ach, wenn er das Böse säh, Schreckliches Bereich, Wenn er wüßte, was es ist, Wenn er wüßte, was es will, Nimmer froh Käm er so Wieder heim ins Reich, Würde wieder still. Oberer Kreis (der kleinste) : Seht, wir Kinder selig klar, Wir erlösten oben, Bieten selbst der heiligen Schar Fingerzeig von droben. Denn ach! ganz unwissend tief Gänzlich Gott-erblindet, Alles, was unschuldig schlief, Gänzlich Gott-gekehret, Hat er uns belehret, Daß uns Torheit tiefer griff, Unser Kindtum göttlich sei. Alle: Stimmt nun alle ihr Den Lobgesang an! Scharen hier neigen sich, Schließen sich an; Füllten wir unser All, Taten wir, was Er tat, Trägt uns der Wolke Schall, Ewiger Freude Hall Seligen Pfad! (Kuß und Jubel.) Der erste Aufzug Schaubild (vom Zuschauer aus): Ein geräumiges Zimmer mit glatten, schlichten Möbeln nach Art und Tüchtigkeit eines Landzimmermannes. Tisch und Stühle in der Mitte, ein einfacher Liegestuhl rechts vorn. Zwei Dritteile der Wand im Hintergrund sind zu einem anstoßenden, schmalen Gemach durchbrochen, das eine Stufe erhöht ist und als Abschluß zwei große, bogige Fenster bietet. Ein länglicher Tisch mit je einem Sessel an seinen beiden Enden vor diesen Fenstern; ein großer, grobleinener Vorhang schließt und öffnet zwischen den Wänden den Blick zu diesem Teil des Zimmers. Der Kamin über Eck zwischen Scheidewand und Seitenwand rechts. In dieser Seitenwand dem Ofen nah eine Tür. Vorne in der linken Seitenwand gleichfalls eine Tür. An derselben Wand ein hohes, massives Büfett und Anrichte. Ein Ruhebett steht verquer zwischen linker Seiten- und Scheidewand. Manch kleine Oelbilder passend hier und dort, meist schlichte, strenge Porträts eines Künstlers aus der Mitte des vorigen Jahrhundert. Einfacher Teppich (grau) unter dem Tisch, ein breiter Rand bleibt freie Diele. Mitten an der Wand rechts noch eine einfach breite Bank. Das Gemach des Hintergrundes hat seine besondere Tür, seitlich links zu denken. Der Rest von einem Feuer glimmt und leckt im Kamin. Durch die Fenster Gebirgszüge in Winterlandschaft. Es ist früh am Nachmittag. Peter im Liegestuhl, mit einer Zeitung; Frau Mirjam links am Tisch, beschäftigt, Bilder, anscheinend Photographieen, durchzusehen und miteinander zu vergleichen. Peter. Frau Mirjam. Peter (nach einer Stille) : Heute um vier Uhr wird eine totale Sonnenfinsternis sein. Frau Mirjam: So? – Werden wir sie denn sehen–? Peter: Ich glaube, ja. Es steht wenigstens in der Zeitung. (Er steht auf und greift zum Hut.) Frau Mirjam (legt die Bilder beiseite) : Wohin willst du, – Peter –? Peter: Ich will noch hinüber zu unserem Alten, – es ist, – ich habe noch ein paar Striche nachzutragen an ihm auf dem Bild. Frau Mirjam: Willst du nicht lieber etwas schlafen, schon wieder arbeiten, Peter? – Du schläfst jetzt die Nächte so schlecht – Peter: Nein, nein, laß nur, es dauert auch nur ein paar Augenblicke; – (dehnt sich müde) was soll ich schlafen, – laß – Frau Mirjam: Du schläfst jetzt so wenig – Peter (achselzuckend) : Es geht nicht. – (Elisabeth tritt zur Tür rechts herein; Peter nickt ihr zu, bedeckt sich mit seinem Hut und geht nach rechts ab.) Frau Mirjam. Elisabeth. Frau Mirjam (steht auf und geht auf Elisabeth zu) : Ein neues Kleid – Ah, Elisabeth, – das ist recht, – hast du dich für ihn geschmückt! (Sie hat sie umgefaßt.) Elisabeth: Vielleicht sieht er es gar nicht. Frau Mirjam: Ach nein, das wäre zu grausam ... Das ist ja ein grausamer Gedanke – (Frau Mirjam zieht Elisabeth neben sich auf die Bank rechts. Frau Mirjam sitzt zunächst.) Frau Mirjam: Und wie du strahlst! Das kleidet dich viel schöner als das neue Kleid, und solche Freudenkleidung übersieht er auch nicht... Nein – (mit ihrer Hand auf der Elisabeths) – Ihr seid nun lange getrennt gewesen... Elisabeth: Beinah zwei Monat. Frau Mirjam: Ja, soviel ist es her. Fünf Wochen blieb er erst in der Hauptstadt – und dann am Meer – Elisabeth: Das kam so unerwartet – Frau Mirjam: Uns allen, Elisabeth. Und es ist doch so begreiflich. Er hatte genug von der Stadt; wie das Getreibe dort verwirrt und mitnimmt und zuschließt und nichts Rechtes aufkommen läßt, das kann ich ihm so nachfühlen, ich weiß es von mir. (Sie hat die Hand vor den Augen.) Elisabeth: Er fühlte sich ans Meer gerufen. Frau Mirjam: Ja, das hängt tief zusammen. Dieser Ruf, Elisabeth, ist wohl etwas tief Ernstes und Großes. Denn wie er am Meer war, – das lese ich aus seinem Brief, dem einzigen, den er mir in dieser Zeit geschickt hat – Elisabeth (fällt ihr ein) : Mir gab er nur ganz kurze Nachrichten, aber es stand viel darin. Frau Mirjam: Ja – ja – es ist da etwas vorgegangen. Ich weiß ja, – dieser Ruf zum Meer, – der Befehl – – Es war eben mehr als eine gewöhnliche Sehnsucht. – Elisabeth: Was, meinst du denn, war es? Frau Mirjam: Ach, da muß man stille sein. Still abwarten, Elisabeth. Wir müssen abwarten, was er bringt. Licht wird es sein, – die Sonne ist nicht von ihm gegangen. Sonne – und mehr noch. Er ist in starken Händen. Elisabeth: Was schrieb er dir darüber? Frau Mirjam: Das meiste las ich zwischen den Zeilen. Denn, weißt du, alles, was er bisher predigte und in sich sah vom Leben und mit sich trug, – das war mir nur wie die Vorbereitung auf etwas Großes, sehr Großes, das einmal kommen sollte. Jetzt ahn ich es im Begriff zu kommen. Ich sehe es. Elisabeth: Was ist das? Frau Mirjam: Ich weiß es nicht. Ich warte und ahne still für mich. Und bitte. Er ist in guten Händen. Elisabeth: Er hatte es schwer, als er fortging. Er nimmt doch alles so groß. Guntwar. Frau Mirjam (die Hand vor Augen) : Das sagst du sehr wahr. Wie ein Stern ist er sich und begegnet Sternen und grüßt die Sterne. Gegen böse Sterne kämpft er an, denn sein Stern ist licht. Er spricht aus Sternen-Wissen. Ich weiß es: das ist viel, das ist nah. Wie er seinen Weg erforscht, und sein Weg geht um die Sonne. Sehr nah, Elisabeth. Elisabeth: Und jetzt? Frau Mirjam (wie oben) : Ich denke mir, es kommt die Antwort. Hörst du? Das war alles Frage, was er tat, Frage, hinaus ins Alleben. Verstehst du? Jetzt kommt die Antwort. Die Frage war stark, und so wahr, ganz sonnegewiss; – da kommt die Antwort. Da läßt sie nicht warten. Da kommt sie gütig. Elisabeth: Ja. Frau Mirjam: Er trug ein Licht. Nie hat er an dem Strahle des Lichts gezweifelt. Er siegte mit aus jeder Nacht. Da kommt die Antwort. Elisabeth: Ja, Mutter. (Die Frauen sitzen sinnend. Peter von rechts herein.)   Peter. Elisabeth. Frau Mirjam. Peter (kommt nach vorn) : Ich störe nicht, – nein –? (Er legt seinen Hut ab) macht sich dann beiseite zu schaffen. Frau Mirjam: Ist es gut gegangen? Hat er denn still gehalten, der Alte? Das fällt ihm nie leicht. Peter: Ich habe gar nicht gezeichnet, – er schlief, ich wollte ihn da nicht wecken; – mit der alten Mutter von ihm hab ich mich unterhalten. Frau Mirjam: Hat er geschlafen! Ach, da wird er ganz entsetzt sein, wenn er das nachher erfährt. Das wird er sich tief zu Herzen nehmen. Peter (am Ofen, legt jetzt neue Scheite auf) : Na, Mirjam, er hat sich seinen Schlaf verdient. (Elisabeth hat lächelnd und bescheiden zugehört?) (Eine Stille.) Frau Mirjam: Wird es nun nicht Zeit sein, Elisabeth? Ich glaube, es ist so weit. Nicht? Daß du ihn nur nicht versäumst! Elisabeth (steht auf) : Ist es Zeit? Peter (sieht nach der Uhr) : Ja, der Zug ist gleich da. Du mußt dich beeilen. Elisabeth: Also dann geh ich. (Reicht Peter die Hand, der schüttelt sie stumm?) Adieu! Es wird ja nicht lange dauern. Frau Mirjam: Bring ihn uns gut! (Elisabeth nickt ihr zu und geht nach links ab.)   Peter. Frau Mirjam. Peter: Sie muß sich wirklich beeilen. (Er setzt sich rechts am Tisch.) Frau Mirjam (nach einer Stille) : Peter, – es ist jetzt wohl gerade Gelegenheit, daß wir einmal uns klar werden, – nicht wahr –? Peter: Worüber willst du reden? Ach, das laß doch, Mirjam! Laß das lieber sein, ich möchte dir sonst deine Ruhe aufstören und alle Freude verderben. Das laß lieber! Frau Mirjam: Du störst mich nicht, Peter. Ich hoffe, dich zu beruhigen. Sag, was quält dich hierin, daß du Nacht um Nacht wach liegst? Peter: Dann will ich es dir sagen. (Eine Stille. Peter sieht unbeweglich vor sich. Langsam beginnend) : In unserer Ehe, Mirjam, die Jahre lang, war der Fall noch nie. Und bang ich nicht mit Recht? Vorgestern war noch alles in schönster Ordnung, da kommt ein Telegramm und meldet seine Ankunft, und noch eines meldet die Ankunft seiner Frau. In acht Stunden muß alles getan sein, und in acht Stunden ist diese Frau da, die ich nicht kenne, nie gesehen habe, um Guntwars willen muß ich sie dulden und ihr freund sein. Jetzt kommt er selbst – so plötzlich ungemeldet, denn solch eine Meldung ist ungemeldet, und reißt uns aus unserem Leben ganz heraus. (Frau Mirjam will einwehren, Peter macht ein Zeichen und fährt fort) : Ich weiß, daß du ihn liebst, und stets in solchen Fällen hattest du freie Hand, Mirjam, solange wir zusammen gehen. Wie's auch nur recht und billig ist. Aber jetzt kommt dieses, so hereingebrochen förmlich ist noch niemand. Das beunruhigt. Ganz abgesehen von mir, worauf kommt er denn? Sein Brief nennt's einen Befehl, eine Stimme, der er folgen müßte. Was ist das nun? Das ist mir nicht gut, Mirjam. Da sehe ich drin das Zeichen eines großen, selbstsüchtigen Willens, der nur immer sich kennt und sich und sonst niemanden. Was willst du mir auch anderes sagen? Befehl und Stimme, das ist die eigene Herrschsucht, in zweite Person aufgeblasen. Nicht wahr. Was willst du da weiter sagen? Frau Mirjam: Hör ruhig zu, Peter. Es ist nicht so, wie du meinst. Verhärte dir das Herz nicht gegen Guntwar! Denn früher hast du ihn ja auch geliebt. Und wie! Und sehr, Peter. Hör mich an! Guntwar ist jung, da vollziehen sich die Wandlungen noch nicht langsam wie bei uns Alten, sondern kurz und heftig. Peter: Was für Wandlungen? Davon schreibt er nichts. Frau Mirjam: Doch schreibt er davon, man muß es nur zu lesen wissen. Sieh mal, er ist an einer großen Wandlung, an einem ganz entscheidenden Punkt in seinem Leben angekommen, das weiß ich. Das Entscheidende bricht bei ihm rasch, kurz und heftig herein; das wird schon gut sein, und da dürfen wir nicht rügen. Peter: Davon weiß ich nichts. Ich weiß nur, was ich sehe. Bis jetzt war Guntwar viel unklar und immerfort mit sich selbst im Gedränge und heute so und morgen so. Mehr sehe ich da jetzt auch nicht. Unklarheit und an uns allen herumnörgelnde Herrschsucht. Es ist so, Mirjam. Frau Mirjam: Es ist nicht so, Peter. Du siehst ganz falsch. Guntwar war unklar, mußte es sein, ja, er war unklar. Aber von vornherein wußte ich: das ist eine Unklarheit, die wird einmal im Ganzen erlöst. Da waren soviel Keime, versteht du, so unzählig viele, die warteten; da sagte ich mir: die Klarheit, die Befruchtung, die kommt hier im Ganzen, auf einmal. Oder so, Peter: Wie die Frucht innen drängt, bis alle Schale plötzlich platzt und abfällt, und nichts mehr ist da, was Schale war, so auch jetzt. Das ist der Punkt, – ich weiß es, ich sehe es; und wir müssen über alles duldsam sein. Peter: Und was Neues soll diese Frucht bringen? Frau Mirjam: Ich weiß es nicht. Wir müssen abwarten. Und uns zunächst beiseite stellen. Wir werden sehen. Peter: Was du da sagst, Mirjam, es ist für sich so schön, aber alles, aber auch alles nur Vermutung. Nichts davon steht in dem Brief. Frau Mirjam (mit hoher Bedeutung) : Du siehst nicht zu, Peter. Du siehst nicht zu. Du siehst nur mit (Zeichen) – den Augen, nun sieh einmal von innen her, – du weißt, – mit dem inneren Licht. Da wirst du sehen, was du sonst nicht siehst. Du weißt! Peter: Ich sehe, was ich sehe. Mirjam, du gehst entschieden hierin zu weit. Du deutest das an von der göttlichen Schau, das paßt doch hier nicht her – für einen Menschen. – Du – Frau Mirjam: Gerade! Gerade, Peter! Peter: Laß mich mal! – Du machst dich mit Willen blind, aus deiner schönen, guten Güte, Mirjam; hüte dich nur hier! Sieh, ich sag's dir so ernst! (Frau Mirjam blickt bei seinem Ton erstaunt und erschreckt zu ihm.) Peter: Ich sag's dir so ernst! Das ist hier nichts Rechtes. Da ist Täuschung mit bei. Ich weiß es doch, ich sehe unbefangen. Du nicht, du Gute. Sieh, und dann habe ich diese Ahnung, die alte, die stets zutrifft; aber so stark wie dieses Mal, so stark hab ich sie noch nie gespürt. Achte die auch, Mirjam! Frau Mirjam: Die Ahnung hast du? Peter: Und wie! Ein schreckliches Gefühl! Schon lange geht es. Es läßt mich nicht schlafen. Wie soll das werden! Beherrscht er uns jetzt schon so, wie soll das werden! Wollen wir uns so eigensüchtig beherrschen lassen, wie soll das werden! Frau Mirjam: Peter! Peter: Ich habe die Vorempfindung. Wie niemals vorher. Ich sage dir, tu die Augen auf! Ich bitte dich heiß und flehend, Mirjam! Du kennst mich doch, du hörst mich doch. Ich bitte, siehst du. (Frau Mirjam sieht scheu zu ihm.) Peter: Laß dich doch warnen, Mirjam! Sei nur etwas vorsichtig, dann kann noch alles werden. Nur etwas vorsichtig, etwas die Augen auf! Nur nicht blind hinein, Mirjam, so blind, wie du dich jetzt machst. Solche Blindheit stürzt uns alle ins Verderben – Frau Mirjam (stockend) : Peter, du siehst nicht recht. Peter (stark) : Ich fühle es wanken, Mirjam! Es wankt an Grund und Boden. Was wir mühsam gebaut haben, wankt unter uns. Niemals wankte es bisher. Nein, – es kamen schwere Zeiten, aber doch niemals. Kommt der Sturz, wir werden alle mitgerissen. Mitbegraben. Es liegt an dir. (Frau Mirjam schweigt wie gelähmt. Große Stille. Das Geräusch einer Türe im unteren Stockwerk. Stille.) Peter (leise, eindringlich) : Sie kommen jetzt, Mirjam, du hörtest es wohl nicht – (Frau Mirjam fährt aus ihren Gedanken auf wie eine Nachtwandlerin und sieht ihn an.) Sie kommen, fasse dich! Aber behalte ja, was ich dir sagte! (Guntwar mit Elisabeth von links vorn.)   Frau Mirjam. Peter. Guntwar. Elisabeth. (Frau Mirjam steht schnell auf, verwandelt sich ganz und umfängt Guntwar rasch und heftig. Sie küssen sich die Lippen.) Guntwar (von ihr sich losmachend, reicht Peter die Hand) : Guten Tag! Guten Tag! (Peter schüttelt stumm die Hand und sagt leise die Begrüßung. Er ist aufgestanden. Nun setzt er sich wieder.) Frau Mirjam (bei Guntwar) : Aber sage, bist du sehr müde? Guntwar! Die weite Reise, sie hat dich gewiß angegriffen!? Willst du etwas zu essen? Guntwar: Ich habe vorhin schon zu Mittag gegessen. Danke dir! Frau Mirjam: So, das ist gut. – (Umarmt Elisabeth.) Sieh nur Elisabeth an, wie sie strahlt! Guntwar (zu Elisabeth) : Bist du nun zufrieden, wie du mich hast? Elisabeth (lächelt zu ihm auf, leise) : Bist du sehr müde? (Guntwar schüttelt den Kopf.) Peter (von seinem Sitz aus zu Guntwar) : Du bist gestern Abend aus der Hafenstadt abgefahren. Eine gute Verbindung, nicht? Guntwar: Ja. Peter: Wann bist du von deinem Ort da oben – an der See, wann bist du da abgefahren? – Auch gestern? Guntwar: Gestern früh – Peter: So – so – ich dachte mir's. (Die hohe und zarte Gestalt der Frau Mirjam bringt den Lehnstuhl getragen und setzt ihn zu Guntwar.) Guntwar (stark abwehrend) : Laß das! Laß das doch! Ich bitte dich, das darfst du nicht tun. Frau Mirjam: Darf ich nicht – Peter: Aber setz dich doch, bitte! – Du wirst gewiß müde sein. (Guntwar setzt sich links am Tisch auf einen Stuhl, Frau Mirjam neben ihn auf einen Stuhl, Elisabeth steht schräg hinter Guntwar.) (Eine große Stille.) Peter: Hast du dich draußen schon umgesehen? Die Berge hier, – 's ist schön hier, nicht wahr? Guntwar: Eine wundervolle Natur. Peter: Ich lieb sie sehr. Sie ist mir sehr sympathisch. Grade, weil sie so abschließt, – wirklich sehr schön. – Guntwar: Das Meer hast du nicht lieber –? Peter: Ach doch, – doch, – es ist nun wieder anders. Man braucht ja das eine nicht gleich um des anderen willen hintanzusetzen. Doch liebe ich das Meer. Natürlich. Frau Mirjam (ihre Hand auf der Guntwars) : Ist es nicht wohl das Beste, Guntwar, du ruhst jetzt ein wenig? Das viele Sprechen – du bist gewiß schon durch die vielen Eindrücke ganz verwirrt. Du legst dich jetzt da auf das Sofa, und wir anderen gehen und lassen dich allein, – du ruhst und schläfst vielleicht etwas? Guntwar: Ach ja, das täte ich doch sehr gern, etwas ruhen. Wenn ihr nicht böse seid, daß ich euch im Stich lasse – Frau Mirjam: Wir lassen dich ja im Stich. Komm nur! (Sie erhebt sich.) Elisabeth (indem Guntwar aufsteht) : Ja, ruhe nur ein wenig! (Guntwar geht zum Ruhebett und legt sich nieder, wehrt dankend den Bemühungen der Frauen. Frau Mirjam umfaßt seine Füße, hebt sie, schlägt die Decke darum und bettet ihn so. Guntwar wehrt wie unter Scham und Qual. Peter sieht alles und sitzt unbeweglich.) Frau Mirjam (während Elisabeth noch am Kissen rückt) : So, nun gehen wir also und lassen dich allein. Schlaf nur recht gut! Wenn's Zeit ist, wecken wir dich schon. (Sie wendet sich mit Elisabeth, da sagt Peter) : Peter .: Ja, Mirjam, ich darf wohl hier sitzen bleiben. Ich verhalte mich ganz stille, – will gewiß nicht stören; – wirklich, es wird erlaubt sein – Guntwar: Aber gewiß bleibst du sitzen! Bleib ja hier! Frau Mirjam: Natürlich, Peter, wie du willst. Elisabeth und ich gehen nach oben. Du hilfst mir wieder ein bißchen, Elisabeth. (Elisabeth nickt. Frau Mirjam wendet sich noch und nickt Guntwar zu. Dann gehen sie beide linkshin über die Stufen durch die unsichtbare Tür.)   Peter. Guntwar. (Peter hat ein Buch ergriffen, das auf dem Tisch lag, und blättert darin. Ab und zu schneidet er eine Seite auf, mit dem Brieföffner, der auf dem Buch bereit lag.) (Eine große Stille.) Peter: Ich habe hier ein Buch – wirklich ausgezeichnet. Man findet viel darin. Es ist über die Form. Guntwar (fast wie träumend) : Über die Form? Peter: Ja. Kennst du's vielleicht? Es steht für einen Künstler Ausgezeichnetes darin. Wie doch nur die Form für ihn Geltung hat und nur die Form. Ohne die wäre es ja nicht mehr Kunst. Es ist so viel Formloses heute eingerissen, da ist das Buch ein Trost. Die Form – Guntwar: Die Form – heißt es die Form –? Peter: Über die Form. Wirklich ausgezeichnet. (Stille. – Die Bühne verdunkelt sich allmählich. Wie es wieder hell, wird, sieht man folgendes Bild) : Das erste Zwischenspiel Blick in ein weites Atelier, bunt und wirr. Rechts parallel der Seitenwand (hohe Fenster) eine Estrade, rot mit Tuch ausgeschlagen, auf der in lustiger, hübscher Abwechslung Kinder einzeln und gruppenweis Modell sind. Eine blasse Zwölfjährige, ernsthaft ihr Gesichtchen über die kleine Schwester auf ihrem Schoße geneigt; zwei dicke, kleine Bengel, die halbnackt auf dem Tuch mit Steinchen spielen; zwei Kinder lesend, eines zieht seine Puppe an, ein anderes läßt sie tanzen, zwei Jungen liegen der Länge nach auf dem Bauch und halten sich balgend in den Haaren, die verhüllenden Tücher haben sie beiseite gestampft; ein feingliedrig schmales Kind (Mädchen) an einer Säule (ganz beiseite), greift hinauf, halb gedrehter Rumpf, etwas gezwungene Stellung. Jedoch den Mittelpunkt der ganzen Gruppe bildet ein Knabe, der aufrecht steht, schön und ernsthaft, die Augen glänzend geschwärzt, und er ist pomphaft gekleidet, in römischer Art, wie ein Sieger, den Kranz in den Locken. Ihn zeichnet der Meister der Reihe, ein Alter, langhälsig und beweglich, der erhöht sitzt; rechts und links von ihm die Reihe der übrigen Künstler (vier und ein Schüler), Jüngere und Männer, alle zeichnend und hantierend, hier und da durch Zuruf die Kinder je nach Bedürfnis ermunternd oder beschwichtigend. Es waltet eine rasche Geschäftigkeit. Der Blick in das Atelier ist gleichsam in ein Sechseck, dessen eine Seite die Breite der Bühne ausmacht. Die an die rechte Seitenwand anstoßende Mauer ist durch einen Vorhang verschlossen, die sich anreihende, die also die Hinterwand hergibt, ebenso. Vor der nächsten (die nach links umbiegt) sitzen zeichnend, ganz für sich, zwei Freunde, Knabe und Jüngling. Sie machen auch einander auf ihre Zeichnungen aufmerksam, und der Ältere gibt freundlich Belehrung. In der nächsten, der linken Seitenwand, befindet sich der Eingang. Gipsmasken hängen an den Wänden, und Utensilien sind aufgebaut, aber besonders an dieser linken Seitenwand. Das Atelier ist durch einen weißleinenen Vorhang, der auf beiden Seiten von rechts nach links beweglich ist, mitten in sich zu trennen. Erster Künstler (bei der Arbeit) : Die Ferse wird mir doch besonders schwer. (Rückend.) Nach rechts, Kind! So! Nicht allzusehr! Zweiter Künstler (auf seine Arbeit) : Mir wird ganz väterlich zumute, Als sei es Blut von meinem Blute. Es formt, es wächst, es gründet sich, Es nimmt Gestalt an, rundet sich; Bald steht ein allerliebstes Paar Und bringt Glück seinem Schöpfer dar! Der Meister (in der Mitte) : Bezüglich »Schöpfer« müßt ihr merken, Um eure Seele recht zu stärken – Fürs erste müßt ihr dieses merken: Wir schaffen unsrem Schöpfer nach, Sind seiner Schöpfung immer wach. Dann – um euch völlig zu begeistern – Wißt, daß wir auch den Meister meistern! Wir sind, will ich es recht bedenken, Die Weisen, die den jungen König lenken. Was ihm im Ungestüm mißlang, Wir richten's her, er weiß uns Dank. – – – – Mein alter Husten! Doch nicht minder Sind wir auch alle seine Kinder. Der zweite Künstler : Was uns auch einschärft der Papa, Wir hören's gern, es geht uns nah. Der dritte Künstler (mit dem vierten tuschelnd) : Vernimm! wie ich es ausgespürt! Im ewigen Wechsel von Farbe und Form Such ich die feste, die dauernde Norm; Diese gefaßt und diese gespürt, Leicht wird das andre beherrscht und geführt. Wechsel und Wallen und Regung und Licht Stimmt sich von innen her leicht ohne Schaden – Der vierte Künstler (erwidert) ; Dieser Gebärde, des Winks bin ich nicht. Ach, von dem Innen, da kommt aller Schaden, Einengen, Zwängen. Innen ist nur ein verkapptes Außen. Laß mir das! Mit großem Schwung komm ich geflogen, In großer Linie beigebogen Luft, Erde, Himmel, Meer. Von Außen komm ich her, Mach mir die Welt, die ganze, Untertan; Innen das scheint profan. Such ich mein Heil! Der zweite Künstler (zum vierten) : Na, na, nur nicht so großschnäuzig...! Der Vierte (mit Bezug) : Hum! hum! Der Meister (ist von seinem Sitz herabgeklettert, jetzt bei dem Schüler, der zuhinterst sitzt) : Was macht nun unser Schüler? Schau! Ei, ei! Ganz artig, nur zu wenig frei. Mußt kräftig tun, dich gegen Zagheit wehren; Erlaub, mein Sohn, komm, laß dich lehren! (Sitzt bei ihm und verbessert dessen Zeichnung. Die Künstler arbeiten fort.)   Von links treten auf der Fremde und sein Führer. Der Führer verkappt, schwarzes loses Gewand. Anders der Fremde, im grauen Mantel mit hohem Kragenaufschlag, ähnlich der Tracht unserer Freiheitskrieger, auch Art und Gestalt wie der Kämpen jener Zeit, tragt das Haupt wie ein König. Dichtgelocktes Haar, und Schnitt des Gesichts männlich fest, voll Empfindung, voll verhaltenen Enthusiasmusses. Bewegungen oft schwerfällig, zerstückt und ohne sich auszuwissen, mindert aber nicht seinen Eindruck, fördert ihn. Der Führer (mit weitausladender Gebärde) : Ich, Rastloser, Führer dein, In neues Reich führ ich dich ein. Dies ist die Kunst, blicke dich um Und bewundernd werde stumm! Es gilt, die schöpfungsreiche Welt Nachzubilden, wie's gefällt. Klein und groß, bunt und grass; – Doch nur das Volk beschäftigt das. Den Trieb, edel angestammt, Tragen seine Großen entflammt In ihrem Hoffen, Sehnen, Bangen. Da wird Geburt, titanisch wild, Im Felsen das Prometheus-Bild, Ein übermenschlich Unterfangen! Über Auen schwimmen Sterne Nah durch rätselhafte Ferne, Über Auen grüßen Lichter, Blaß und grüßende Gesichter – (abbrechend) Und dann, um zu den Massen zu kommen, Wie die Völker sind hergekommen, Sich ablösten, befehdeten, zum Scheine versöhnten, Wie groß und klein Klein und Große höhnten, Unter den Hufen der Rosse im Schlachtgedräng stöhnten; – Mit wenig Pinselstrichen siehst du, Jahrhunderte im Bild genießt du. Aber auch die Einzelnen, Mann und Weib, zwei und zwei, Herausgehoben aus dem Strömen und Fluten, dem Allerlei; – Wie das große Schicksal das kleine bestimmt und ins Antlitz gegraben, Das kannst du haben. Ergreifend Weh, ergreifend Leid, Treues Weib, zerrissnes Kleid, So fremdes Licht auf fremdem Leid, So stumme Hand, verrätrisch Kleid – In ergreifendem Strahl, in geheimnisvollem Ringsum, Tieflüstern im Mysterium, Kann dein Blick weiden, wie du willst, Du stillst ihn stets, was du auch willst. So ist's –. So schaffen sie aus höherem Wollen, Als Baum und Strauch und Tag es will, Sichtbarlich eine höhere Welt, Die auch nicht vergeht und auch nicht zerfällt. Nicht zweifelhaft nur in Gerüchten, Das Auge kann sich in sie flüchten. Gott ist hier wirklich, Gott ist Leib In Blum und Farbe, Weib und Leib. Fremde-Wanderer: Deine Rede hat zweimal Sinn – Nach welchem denkst du hin? Sie gehen den rechten Weg, will ich hoffen: Ihre Seelen halten sie offen Und Gott ehren sie stumm Als unsichtbaren Geist, als Schöpfer des In und Um – ist es so? Geist-Führer: Laß dich zu jenem Vorhang wenden! Die Zweifel schwinden dir unter den Händen; Er birgt in sich ein kleines Mirakel, Schau an! (Er zieht den Vorhang seitlich rechts zurück. Vor einer hellbeleuchteten Landschaft eine kunstbeschäftigte Familie. Die Mutter, rechts, malt ihr Jüngstes, das in der Landschaft unter Bäumen hinspielt; das nächste Kind, ihr etwa zehnjähriges Töchterchen, sitzt links neben ihr und sieht ihr in die Arbeit. Dann ein Stück weiter nach links ihr Knabe, wieder älter, liegt lang ausgestreckt und blickt unausgesetzt vor sich in die Landschaft, die Ellenbogen aufgestützt und das Gesicht in den Händen. Neben ihm links seine Schwester, einige Jahre älter als er, sitzt halb kniend und übt unbewegliches Starren in den Himmel. Der Vater mitten hinter dieser Gruppe, still für sich mit seiner Landschaft beschäftigt.) Fremde-Wanderer (nach einer Stille der Betrachtung) : Es ist mir; – wie mir seltsam graut! Da sitzen sie, von Trau'r betaut, Mann und Weib, Kind und Mann, Schauen den Himmel, schauen die Erde an; – Was wollen sie? Geist-Führer: Laß dich belehren! Auch siehst du's selbst. Was brauch ich da viel zu erklären! Sie sind alle in Gottes Schöpfung befangen Mit großem Hangen und Bangen. Da die Mutter, will zu neuem Leben Ihr Kleines auf der Wiese dort heben. In ihrem Auge glänzt gebannt Kind und Land, Den Pinsel rührt sie soeben. Ihr nächstes Kleine schaut ihr zu. Sieh die süß kindliche Ruh, Wie staunt sie an die Herrlichkeit, Die der Mutter Hand flink bereitet –! Sie ist ganz im Wunder befangen. Fremde-Wanderer: Ja. Bei diesem Kinde bleib ich hangen, An dieser stillen Seligkeit, Den holden Blick holder geweitet: Der Mensch, wie er ursprünglich war, Staunen Gottes, doch sichere Nähe. Geist-Führer: Nun also. Sieh auch näher zu! Der Knabe dort, halb Jüngling schon, ihr Sohn, Nicht ich und nicht du, So steckt er voller Eigenart. Ein Muttersöhnchen, doch apart. Haha! Fremde-Wanderer: Du fällst aus der Rolle, deute ihn mir! Geist-Führer: Nun, Fremder; – in Vernunft und Wahrhaftigkeit, sieh ihn dir Einmal an! Wunderhold. Und ergreifend, fast tragisch! Blick und Wort tief rührend in Blau und Blum eingewühlt, Die Lippe stammelt, was er fühlt; Und was sie stammelt, nennt er schön; Und was er stammelt, weh dir, ist's nicht schön! Die Kunst treibt hier neuen Sproß, Er wird Dichtern ein Genoß. Fremde-Wanderer: Dein Hohn rührt mich nur tiefer! Könnt ich ihm helfen! So einsam verirrt, Da braucht es vieler Liebe. Geist-Führer: Bin ich einmal aus der Rolle gefallen, Schnell noch ein Sprüchlein für alle aus allen: Das kommt von der verfluchtigten Mißerziehung, Und wenn der Eltern jedes für sich sein will! Was kümmert's mich? Mir macht's Spaß. Fremde-Wanderer: Sei nun still! Schrecklicher Verdammer! Ein Unglück kommt nicht über Nacht, Will auch von uns entblößtes Haupt. Geist-Führer: Also weiter jetzt, ist es erlaubt. Du siehst hier eine – himmlische Jungfrau, Ihr Auge übt entzückte Schau. Sie hat den Blick in hohe Ferne, Sie sieht am hellen Tag die Sterne. Ihr feurig Stürzen, Rasen, Prallen Ist für die Dirn das rechte Liebeslallen; – Sie herzt das Wilde, kosmische Fanfare, Das jäh und jäh Elementare. (Geste des Übermutes?) Fremde-Wanderer: Muß ich so einsam stehen Mit dem Heile des Verständnisses! Ruf ich sie, wendet sie sich nicht, Breit ich die Arme, – unbeweglich. – Weh mir –! Geist-Führer (weiter erklärend) : Den Vater sieh an! Wie er müht, was er nicht kann, – (Wie kein Mensch recht was Rechtes kann.) Wie er sitzt –! Still für sich, schweigsam in sich gezogen, Das Haupt horchend halb gebogen: Nach Schönem herz-sehnsüchtige Fahrt! Fremde-Wanderer: Ja, der Alte tut es mir an, Der einsame Mann, Ergreifend gleichsam aufgebahrt! Ach, und er spricht für alle! Schmerzlich Bild, schmerzlich alle! Ach, und ich fühl nur das tiefste Mitgefühl, An alle ein Regen, ein Wort, ein Bittgefühl: – (Arme ausgestreckt.) Sei's nicht vergeblich! Mög's stille Frucht tragen! Doch was ich fürchte, muß ich auch sagen: Wie diese Gotte mißgehandelt, Ans Starre allen Sinn gehängt, In sich und nur in sich gedrängt Das heilig Regsame verwandelt, – Das ist, ja! sehr schmerzlich. Kennten sie auch des Baumes Schöpfer, Der Wiesen Betauer, der Berge Töpfer, Wär ihnen eher geholfen! So fürcht ich, sitzen sie lange in Schwermutsanbeten Der Dinge, die sie als Gott anbeten; Bis einst die Stunde kommt, da werden sie vernommen, Heimlich ins Gericht genommen. In Baum und Bach, in Stern und Wies verwandelt, Dann rauschen sie, schluchzen sie fern; Mit ihrem Pfunde schlecht gehandelt, Entkernt den tiefsten, besten Kern. Sehnsucht auf Irrwege getrippelt, Verloren, verworren ins Ding-Wunschland: Da kommt der Tod und schaurig wird gehippelt, Vertauscht der Wunsch mit, was ihn band. Dann ist's zu spät, dann wird zu spät erkannt, Und Ach und Oh zu ohnmächtigem Gruße Klingt aus. Folgt Strafe auf dem Fuße! Geist-Führer (indem er den Vorhang wieder vor die Gruppe zieht) : Laß jetzt das Schwelgen im Verdammungsgenusse! Ich kenne das, mir liegt's nicht fern. Schau da die Kindlein an, ein wackeres Völkchen, Sie und ihre fleißigen Herrn! Da gibt's kein Tragisches, gibt's kein Bangen, Da spielen sie, träumen sie unbefangen Und dienen doch zu hoher Tugend: Der Menschheit zu der ewigen Jugend – Auf dem Papier nämlich. Sauber, was? Fremde-Wanderer: Auf ersten Blick gefällt mir das. Die Künstler (rhythmisch in die Hände klatschend, ihre Arbeit haben sie beiseite gelegt) : Wir sind fertig, nun geht, ihr Racker, Kommt morgen wieder, haltet euch wacker! Jetzt marsch hinaus! dort zieht euch an! Nicht zuviel Lärm! nach Hause dann! Die Kinder (an ihnen herum und hinauf hüpfend und springend) : Wir gehn. Wir gehn. Die Schokolade! Bitte! Bitte! Die Künstler (halten die Leckerbissen hoch, locken die Kleinen, lassen sie springen und zappeln) : Hier hab ich was, Was ist denn das? Ja springt nur, hüpft nur, Bettelt nur! Was ist denn das? Ein schöner Spaß! Ei, ei, schmeckt süß, ich lob mir das! Die Kinder (springend) : Bitte, bitte! Lieber Herr Maler! Die Künstler (mit Geste) : Die Mäuler auf, die Augen zu! Nun marsch nach Haus! Laßt uns in Ruh! (Die Kinder stürmen und überstürzen nach links ab, die Künstler scharen sich alle um den Greis, der vom Getümmel unbewegt nur Augen für seine Arbeit hatte. Der Führer und der Fremde jetzt zwischen den aufgereihten Skizzen, die die Künstler verlassen haben?) Fremde-Wanderer: Es kann, es kann mich nicht beglücken! Nur eng zu Enge, Stück zu Stücken! Nirgends seh ich Kindes-Wesen glücken. Ach, wer zeichnet, wer erreicht Ach! in Bild und ach! in Schein Den innigen Herrgottsschein, Der schön um Kindes-Stirne bleicht!? Unfaßbar, selig-wundersam, Von Gott das Zeichen lobesam. Wer kann den Geist vom Kinde fassen, Den Anhauch der Beseligung? Im Spiel das halbe Unterlassen? Die stets und stumme Huldigung? Ach, dies Stückwerk will mir das Herz zerreißen, Schöpfers Gedanken so zu zerreißen, Zu morden, zu verstümmeln förmlich –! Geist-Führer (auf seine Stirne tippend) : Was forderst du? Damit laß du die Menschheit in Ruh! Die können doch Gott nicht begreifen, Müssen immer ins Bild ausschweifen. 's ist gut so. Fremde-Wanderer: Warum gut? Geist-Führer: Dreimal gut. Das verstehst du nicht. Auf Ehr! Ich bin kein solcher Bösewicht, Wie du wohl denkst. Ich habe auch meine menschlichen Seiten, Kann manch Sprüchlein mit zubereiten. (Sie bleiben betrachtend und beobachtend.) (Die Künstler zu Gruppen rechts und links um ihren Meister geschart, der Schönheit des Knaben hingegeben, abwechselnd hin und her) : Links: Wie ist uns bloß? Wir kommen von ihm nicht los. Rechts: Wir stehen starr, stehen stumm. Geht unter uns der Teufel um? Links: Sein Auge von schwärzlichem Glanz umzogen. Rechts: Sein Blick wie Edelstein blitzend und sprühend... Links: Brust und Hüfte von Elfenbein, lüstern gebogen. Rechts: Fuß und Schenkel Säulen von Marmorstein. Links: Das Gleißen und Schillern, Verhalten, die Glätte... Rechts: Der Knabe wie glühend! Ach, wenn ich ihn hätte! Der Alte: So ist's recht, ihr seid begeistert, Nun die Begeisterung bemeistert! Die Ohren auf, hört meinen Rat: Aus Ach und Oh zur Künstler-Tat! Die Künstler (ein jeder rasch an sein Geräte springend und es herbeischleppend; einzeln, zusammen und durcheinander) : Holla! Holla! Gleich sind wir wieder da! Hurtig hop! Nur einen Augenblick! Eins, zwei, drei, sind wir zurück. Ta-ram, uns siedet doch das Blut! An die Arbeit! Mut und Blut! (Eifrig um den Greis, den Knaben zeichnend.) Im Chor: Wir werden es wagen und nimmer verzagen, Und müßten durch Flammen, Müßten durch Flammen das Götterbild wir tragen! Fremde-Wanderer: Das Götterbild? Das Götzenbild! Wird ihm die Anbetung nicht schaden? Mir ist Angst, es möcht nicht gut auslaufen, Ich fürchte die blinde Lust am Haufen. Sie nennen's: durch Flammen das Götterbild tragen; Sie treiben die Flamme aus, möcht ich sagen. – Das ewig Lebendige, dessen sie sich Herr meinen,– Schufen sie's? Drum mögen sie's nur herrisch zu versteinen. Mensch wird zum Bild, Gott wird zum Thon. Ich fürchte –; da erblaßt er schon! Geist-Führer: Welch ein abgeschmackt Bedenken, Heimlich hämisches Versenken! Nichts davon! Hirngespinst! Grienen und Greinen! Fremde-Wanderer: Nein, nein!! Das Zeichen des All-Einen! Schweig still! Er ist barmherzig, er wird ihnen nichts schenken. – Er stürzt, er stürzt, o Jammer...! (Sturz des Knaben.) Geist-Führer: Ein Hammel, der sich nicht beherrschen kann! – Doch nun fängst du zu jammern an! Fremde-Wanderer: Erbarmungswürdig Blut, strenges Gericht! Geist-Führer: Nun also! Recht geraten! Greis: O hui! O ach! Erbarmungswerter Fall! O hui! Brrrr! Welch ein dumpfer Schall! Hcchcchchch... Die Zähne klappern! – (Umschlagend.) Ist doch nicht Zeit zum Plappern! Denn seht ihr auch die holde Leiche?! Zurück! Zurück! Ein jeder weiche! Habt Augen! Seht doch, wie er fiel! Ihr schwaches Volk! Welch ein Profil! Chor: Ach, ach, oh! Oh, ach, ach! Welch ein Sturz, welch Profil! Weh, weh, weh! Brr, brr, brr! Ohne Trost, ohne Stil! Mir wird Angst, mir schrumpft's Herz, mir wird kalt, mir wird alt, Bbbbb. Tot und stumm. Stumm und tot. Bleich und kalt. Greis (eifrigst zeichnend) : Dummes Volk, daß man euch so anfahren muß! Wo bleibt bei der Jugend der Enthusiasmus? Da wird man närrisch, hüpft und springt, Daß der Tod so etwas in den Wurf bringt! Solch Leichen-Liebreiz, eh er zum Teufel geht, Wird im Fieber genossen und ausgespäht! Solch prachtvolle Blässe, gestrecktes Verwesen, Seltsam aromatisch, kühl erlesen. Ah – bei Gott, ich fühle mich hingerissen! Packt!! greift!! fühlt!!! Ein seltner Leckerbissen! (Der Chor macht sich an die Arbeit?) Fremde-Wanderer: Welch schauderhafter Frevel! Nacht, deck ihn zu! Geist-Führer: Will dir dieses, mein Freund, nicht gefallen; (auf Knabe und Jüngling deutend) Hier sind noch zwei Kinder, wir waren noch nicht bei allen, – Die werden dir sicher gefallen, Du Tausendsassa im hohen Gefühl. Sieh sie dir an, versteh und fühl! Fremde-Wanderer: Mich ekelt's! Laß! Geist-Führer (aufwiegelnd) : Sie sind jung und blaß. Eines immer weltfremder als das andre, Und wahrlich selten, soweit ich wandre. Wirkt mein Spruch? Blickst du nun? Sieh dir an! Tu die Augen auf! Fremde-Wanderer (zögernd) : Noch einmal – Geist-Führer: Jawohl. Und dir zur Freude. Es sind Freunde und wahrlich blut verwandt. Fremde-Wanderer (beim Knaben) : Die Blätter von kindlicher Hand! Ja sie ergreifen mich, fassen mich seltsam, Ja, fassen mich schon ganz und jäh! Tret ich nur näher, betracht ich sie behutsam, – Ach, daß ich einzig solches säh! (Steht über den Knaben gebückt.) Geist-Führer: Nun also! Fremde-Wanderer: Was es gesehen, sucht es nachzuahmen, Natürlich, im bescheidnen Rahmen. Das Nachgeahmte wird geändert Neu tausendfach! Durch rege Phantasie gerändert, Verziert, verschlungen, ein Neues wird geboren, – Nichts geht verloren. Und alles voll Freude und Dank im Spiel. Das Spiel als Deutung, Das Kind als Ziel! Das Unbekümmerte als Deutung, Das Spiel als Dank, Das Kind als Ziel, – Als wunderholde Vorbedeutung! Geist-Führer: Sieh diesen an! Und werde noch lobesamer! Fremde-Wanderer: Der Jüngling, nicht in Form erstarrt, Nicht dumm betrogen, bildgenarrt. Nein, – dieses Kindes reiferer Traum. Es faßt mich, – nein, ich faß es kaum! – Geist-Führer: Du siehst des Jünglings Selbstbildnis, Er lebt beständig in – hm – heiliger Wildnis. Es ist danach. Fremde-Wanderer (staunend) : Gefaltet einfältig in Kraft, Das Antlitz hoch emporgerafft, Die Wange seltsam und geblaßt, Sein Schauen fürchterlich gefaßt –: Der ganze Mensch gereckt und steil! Traum und Kampf! Ringen um seiner Seele Heil. Geist-Führer (kauernd) : Schaum und Dampf! Fremde-Wanderer: Doch hat sich die Träumende Unbekannt gefunden, Gleich wird dann die Säumende Bittrer Not umwunden; – Doch sie müht und müht hinauf Sich zu den Gefilden Und sie zeichnet ihren Lauf Schweigsam in Gebilden. (Nach einer Stille.) Mein Freund, daß ich im Schweigen dir begegne, Deine Hand fasse und deine Lippe berühre! Du glaubst an Gott und sagst doch nichts von ihm? O brich den Bann, und steige nicht weiter einsam Verworren in Nacht, und wende die schöne Seele Dem Kniefall zu, und schöpfe aus dem Licht Lichte, unsagbare. Gestaltende Gestalten! (Er steht versunken.) Chor der Künstler (der bis dahin am Bilde des Toten gezeichnet hat, nun zusammenpackend und abmarschierend) : Wir ziehen ab Von Lust und Grab; (auf ihre Zeichenmappen deutend) Hier ist er sicher beigepackt; Betrogner Tod, dir abgezwackt! (Ab.) Greis-Meister (mit großer Mappe, dem Bilde des Knaben, folgend) : Ich hinterdrein, Der Greis allein, Aber noch tüchtig im Sein! Werde schon meine Jugend leiten Durch die Widerwärtigkeiten. – – Was ist eine weiche Leiche? Doch nicht, daß ich drum erbleiche? Daß ich noch als Greis dran nasche Und den Tod beim Laken hasche! (Ab, dem Chore nach.) Stimme (herabfallend von oben, dröhnend und barmherzig) : Unseliger! Betrogner um sein Selbst! Schacher um Tod! Weh deiner Abgewandtheit! Gefangen und verdammt! Chorus (in der Höhe) : Weh! (Überirdische Musik?) Geist-Führer: Ich mache mich davon, Ich höre Ton um Ton Widerwärtig. Hopp! Heissa! In steilem Galopp. (Er rast zurückgeworfenen Hauptes nach links ab.) (Leise Musik tönt fort.) Fremde-Wanderer (tritt vor, indem er den Leinen-Vorhang schließt) : Unter den Tönen ich allein. Mein Herz will weinen, ich weiß mich nicht aus: Rechts und links stürzt es, Über mir frohlockt's, Saite und Bogenstreich! Werd ich mich zurechte finden? Ich will mich binden – Und in der Liebe! (An der Leiche des Knaben.) Dieser hier – ernstes Vermächtnis, Gönn ich ihm liebreich Begräbnis. Hab ich Schaufel nicht, nicht Eisen, Grab ich's mit den Händen mein, – Wird sich schon als gut erweisen, Wenn auch nur vor Gott allein. (Er nimmt die Leiche vor sich, liebend auf beide Arme.) Zwischen Irrsinn, zwischen Wandlung Hilft die still liebreiche Handlung. (Musik aufjubelnd, stärker, dann verstummend. Dunkelheit. Wie es hell wird, ist einen Augenblick das Zimmer leer, Peter hat es verlassen. Nur der schlafende Guntwar auf dem Ruhebett. Nun öffnet sich die Tür rechts, und hereintreten Frau Mirjam und Elisabeth, leise, auf den Zehenspitzen. Guntwar richtet sich bei dem Geräusch in die Höhe. Während des Folgenden geht die Sonnenfinsternis vor sich, allmähliche Verringerung des Lichts; wie die Finsternis ihren tiefsten Punkt erreicht hat, sieht man draußen die Berge in einem seltsam blauen Licht, nicht unähnlich dem Lichte einer klaren Vollmondnacht. Lange, düstere Schatten fallen ins Zimmer, die Gegenstände wachsen, die Stimmen klingen ferner. Mit dem kosmischen geht das seelische Erlebnis.)   Frau Mirjam. Guntwar. Elisabeth . Frau Mirjam (tritt ganz herein) : Haben wir dich aufgeweckt – Guntwar: Kommt nur, kommt nur ruhig, ich bin schon vorher wach geworden, einen Augenblick, bevor ihr kamt. (Frau Mirjam ist an seinem Bett zu Häupten, Elisabeth tritt auch heran.) Frau Mirjam (sich niederbeugend) : Hast du gut geschlafen? Guntwar: Ich habe geschlafen, gut, und bin erquickt. Doch nun ist es Zeit. (Ganz verändert in Ton und Ausdruck) : Setze dich zu mir, Mutter, ich habe dir etwas zu sagen! Frau Mirjam (begreift sofort, holt einen Stuhl, setzt sich) : Ja – Ja – (Elisabeth geht leise beiseite, setzt sich auf die Bank rechts; hat vorher ihr Körbchen mit Handarbeit ergriffen, um sich still zu beschäftigen; läßt die Arbeit aber sehr bald wieder aus den Händen und lauscht Guntwar zu.) Guntwar: Denn es ist Zeit, daß ich es dir sage, meine Mutter, Dir anvertraue und mir Erquicken hole. Meine Mutter, so nenne ich dich das erste Mal, So ist es mir aufgetragen, dich zu nennen; Das sag ich noch – – Und im Herzen fühl ich, daß der Befehl gerecht ist. Frau Mirjam: Guntwar – ein Glück... Guntwar: Mutter – ein Traum – – Wollte, es wäre Traum, doch bricht's lebendiger, Als je Lebendiges war in mir und um, In mich herein. Ich will mich fassen, Mutter. Vernimm's von Anfang! (Stille.) Das weißt du wohl, daß ich die Sonne schwang Mit beiden Händen jubelnd mir ums Haupt – Und Licht und immer Licht, o meine Mutter! Ob ich mit Sternen redete, war Licht, Ob Welten grüßte, die beglückend fern Weit, weit beglückend fern erschimmerten, war Licht; Das Licht gab meinem Weg die Leuchte, Mutter! Du weißt auch mehr. Wenn ich in Winkel sah, wo Kinder Im Hunger tappten und die Alten blind, Da sah ich doch das Licht sich siegreich über heben. Und wo nur eine Krankheit gräßlich war, Wo nur ein Wahnsinn Zähne fletschte, Fäuste Hohl und unsinnig gegen Stirnen prallten, Zerrissen jede menschliche Empfindung: – Das Licht, das Licht und nur das Licht war Saat! Doch hör wohl zu! Dies: Sonne-Licht! Dies: Erd-Licht! Dies: Licht von Sternen seltsam überrieselnd. Von Mond und allem Himmel. Andere Welt Als die stets sichtbare, entzückter Schau Höchst sichtbar zum Entzücken, andere Kannte mein Fuß nicht, wie ich wanderte, Und wanderte geruhig Sterne lang – – Frau Mirjam (Augen geschlossen, seherisch vor sich) : Guntwar, das weiß ich alles, was du sagst. Das wußte ich – und weiß, nun kommt das Große – Mir liegt im Alb die Ahnung eines Wundervollen Beglückend auf! Guntwar: Mutter –! Mutter –! Was du da sagst –, vielleicht träumst du zu viel –! O meine Mutter! Ich weiß von Schmerzen nur und schwerer Qual, Mein Angesicht ist ganz verhärmt in Ohnmacht; Denn mächtig ist, was kommt. Frau Mirjam: Sehr mächtig, Guntwar. Sehr gut! Heb an! Guntwar: Mutter –! In die geschlossene Empfindung, und du weißt es wie geschlossen Von Welt zu Welt, da bricht herein ein Fremdes, Bricht ungeheure Ahnung, schweres Wort Wie Hieb und Wunde, bricht die Flamme des Befehls! – Nur Ahnung, Ahnung, Mutter, nichts Gewisses! Doch was es spricht, die Stimme aus dem Strudel Von Feur und Macht, Ist nicht von Sternen, Mutter, nicht von Diesseits – Verfluchte Teilung! – Ich wollte sie nicht! Ohnmächtiger Mensch! Sie kommt und kommt. Die Stimme Ergreift das Herz mir wild und weh im Fieber; So ungeheur barmherzig, daß ich aufschluchzen möcht –! Die Vaterstimme – ja – die Vaterstimme Redet Gewalt zum Trotz urväterlich –: (Stimme-Vision) : (Guntwar spricht unter ihr) : »Ich führte dich bis hierher, sieh die Liebe! Ich führte dich durch Fährnis wie im Wunder, Ich führe dich noch weiter als du meinst. – Ich bin bei dir und neige meine Hand, Und du sollst zeugen von der väterlichen; Ich führe dich wie du von Anfang warst. Ich führe dich auf dieser dunklen Erde, Ich leite dich aus Lichtem zu dem Wunder, Ich leite dich aus Wunder zu dem Sohn.« (Guntwar begräbt sein Antlitz?) Frau Mirjam (überflogen von Schauern) : Ha, Guntwar! Guntwar! Sel'ger! Auserwählter! Die Stimme spricht. O aller Traum von mir! (faßt sich) Guntwar! – Weißt du nicht aus, nicht ein, ich kann dir helfen, Die Mutterhand hilft viel auf wundem Herz Und Mund. Guntwar! Ich fasse, daß ich deine Mutter bin. Guntwar, im Geist. Und in der Seele, Guntwar. Da ist ja auch ein Zeugen und Gebären Noch wundersamer als von Leib zu Leib. Guntwar! Die Stimme spricht ursprüngliches Gefühl Mir aus. (Stille.) Was war das wohl, ich mußte dich so lieben! Du gabest Licht, das liebte ich, ich selbst War längst nicht mehr in Sonn und Welt verfangen, Hatte schon tieferen Gruß und tiefere Ahnung Von Gott. Dem ewig Unsichtbaren. Guntwar, Du auch. Jetzt siehst du's nicht. Zwischen den Sternen War deine Wundertat auch unsichtbar. Drum fand ich nichts von Klüften zwischen uns; Du wandeltest nur dunkler im Symbol Trotz allen Lichts, ich hatte hohe Schau, Soweit mein mütterlich befangen Auge schauen konnte. Symbolisch warst du Der Jünger meines Traums, ich nannte dich so, Das ewige Urbild kommt und nennt dich so. So ist es auch. Ungreifbar tief unfaßbare Verwandtschaften, davon das Herz nur ahnt In Glückeszuversicht, der Sinn nicht faßt, Davor das Auge sich in Süchten schließt, Und innen alles ohne Regung lauscht, Erfüllen sich. Ich kann nicht reden, Guntwar! Ich wollt, ich wäre ganz in Licht verwandelt, Was Geistes ist, und könnte dir nun helfen Und beistehn bei der schmerzlichen Geburt! (Hintüber wachsend.) Geburt ist jetzt. Gott sei dem Anrühren gnädig! (Die Sonnenfinsternis ist auf dem tiefsten Punkt.) Guntwar: O meine Mutter! Du segnest mich. Mögst du's zum Segen tun! Ich kann nichts wissen, Mutter. Sieh, ich wehre mich. Weil das Jenseitige Unsichtbare Hohn war Vor mir im Geist, ich lachte drüber. Nun Redet's mit Stimmen und greift so ans Herz Und redet gar vom Sohn, du weißt es, Mutter, – In allem in so wundersamer Regung, Wie ich sie träumte doch von je und je. Und aller Sterne-Sang träumte nur dies Ganz unfaßbare Glück von Licht-Empfindung, Und alles Sonne-Beten wollte dies. Frau Mirjam: Verfangen im Begreifen, Guntwar, in sichtbarlicher Welt. Durch den, Der Lehrer deiner Jugend war. Guntwar: Durch Zarathustra. War, meine Mutter, war. Frau Mirjam: Doch niemals dein war. Dein Herz, das träumte stets das Unsichtbare, Ließ ja die Mutter einst, die leibliche, Als Stern aufstehn, das war ja Auferstehung, Im Bild verfangen, ja, im Stern. O Guntwar – Guntwar: Halt inne, Mutter, du verwirrst! Halt inne! Du darfst nicht reden so. Laß mich für mich Kämpfen den schweren Kampf! Frau Mirjam: Ja, kämpfe du! Ja, bleibe du für dich! Doch ich will beten. Segnen. Bei dir sein. (Ganz aufgewachsen, hintübergereckt in einem großen Licht.) Ich will ganz mütterlich Die Hände auf dich legen, mein Sohn Guntwar. Und grüße nun mit meinem Licht herüber Zu dir, dem Sohn; Sohn, daß du völlig wirst Mit Hilfe des Allmächtigen! O Sohn, Ich grüße, grüße und ich liebe dich Und kann nichts tun als grüßen und lieben so – Dies meine Mutterschaft. Guntwar (Antlitz verborgen) : O Mutter mein! Mir ist, als war ich Stern und rollte glühend Herauf zu dir die steil und selige Bahn. Und glitte hin nun unter deinen Händen, Und du schenkst mir ein Licht, das nehm ich auf. Nachtgrößer, Riesengrößer Roll ich nun fort, und wieder zeugt die Stimme, Und bald zerschlägt sie mich und alles Sterntum. Zerschlägt mein rollendes Gestirn. Geliebtes! Mutter! Da segne gut! Ich weiß nicht, was dann wird. Frau Mirjam: Wenn alle Hüllen fallen, sausend schießen In Weltnacht, Guntwar, ja – dann wird es gut. (Elisabeth hat sich leise erhoben, tritt herzu. Oben war das Geräusch einer Tür hörbar und ein Schritt.) Elisabeth: Ich muß leise zwischen euch treten, Hab wohl verstanden, was eure Seelen flehten; Doch nun sei es genug mit Beten! Die Seele wächst, der Leib verdirbt, Die Flügel werden, der Mensch erstirbt –; Ihr dürft so lang nicht droben verweilen, (zu Guntwar) Dein Leib soll heilen, (zur Mutter) Und auch du mußt nicht gar so weit enteilen. Ich glaub, dein Gatte kommt; du hast gegen ihn Pflichten, Darfst ihm nichts vorenthalten, mußt alles entrichten. Was zwischen euch heilig werden mag, Du hast Pflichten gegen den Tag, (zu Guntwar) Und du noch viel auf der Welt zu sein. Erinnert euch jetzt! Ihr werdet verstehn, Eure Liebe wird es sehn. Meine Liebe zu euch ist so groß, Sie tut sich ganz in euren Schoß, Aber sie will für euch sein! Ich bitte euch –: geht ein! (Es wird nun heller und heller. Die beiden suchen sich zu fassen. Die Türe links vorn öffnet sich, Peter kommt herein, er trägt eine Mappe unter dem Arm und stellt sie rechts vorn an die Wand.) Frau Mirjam. Guntwar. Peter. Elisabeth. Peter: Habt ihr die Sonnenfinsternis gesehn? Schön, was? Ach und diese tiefen, blauen Schatten; ich war oben und sah mir's an. Ein wundervolles Blau. Seltsam, förmlich rätselhaft. Ach, es war wunderschön! Frau Mirjam: Ja, wir sahen sie auch schön von hier. Peter: So – (sitzt wieder auf seinem Platz am Tisch, Kurze Stille. Dann zu Guntwar) : Nun, hast du gut geschlafen? Guntwar: Danke, sehr gut. Peter: Siehst du, ist ja schön. Frau Mirjam: Es ist Zeit, daß wir den Tee zurecht machen, Elisabeth. Du hilfst mir wieder, nicht wahr? Elisabeth (nickt, faßt die Hand der Mutter, sagt leise innig) : Gern. Peter: Ach ja, Mirjam, gib bald Tee, ich glaube wohl, es ist Zeit. Frau Mirjam: In zehn Minuten, Peter. (Mit Elisabeth linkshin durch die unsichtbare Tür.) Peter (greift wieder zum Buch, das er vorher las, schlägt es auf, sagt zu Guntwar) : Und du hast gut geschlafen, ja –? (Während die Bühne sich schließt, sieht man, wie Guntwar sich vom Sofa erhebt.) (Ende des ersten Aufzugs.) Der zweite Aufzug Das gleiche Zimmer. Es ist Spätnachmittag. Peter und Guntwar am Tisch einander gegenüber, Peter rechts, Guntwar links. Elisabeth im schmalen Gemach des Hintergrundes, bei einer Arbeit, steht auch einmal auf und versieht hier und dort etwas, setzt sich wieder. – Im Kamin das Feuer. Peter: Du bist über den Bach zurückgekommen? Schön ist der Weg. Nicht? Guntwar: Sehr schön. Wenn man plötzlich aus dem Wald heraustritt und hat nun die Aussicht auf das ganze Dörfchen unter sich und die Kirche in der Mitte und die Berge ringsum. Peter: Ja, es ist schön. Die Natur hat doch noch Wirkung bei dir, trotzdem du soviel in dir auszumachen hast – wie? Guntwar: Gewiß. Solche Schönheit sehe ich noch immer. Peter: Nun ja, ich dachte nur bei mir; – ich weiß doch, daß du viel in dir zu tun hast; da war es ja schließlich begreiflich.. Guntwar: Da hast du recht. Ich genieße die Natur auch lange nicht so, als wenn ich in Ruhe wäre. Peter (mehr teilnehmend als fragend) : Es ist recht schwer für dich, wie? Ich sage das nicht nur, weil meine Frau mir davon erzählt hat, ich hab es selber gesehen gestern nacht, als wir uns trafen; du sahst nicht gut aus, sogar sehr elend. Guntwar: Ja gestern, dawar es schwer. Und doch so schön! (Kurze Stille?) Gehst du auch oft nachts noch aus? Peter: Ach nein, eigentlich sonst nicht, – nein –; es war ja auch so schöner Vollmond gestern. Guntwar: Ach so, deswegen. – Ja, der Mond war schön. (Stille.) Peter: Ich wollte dich noch fragen – über etwas, nicht wahr, wir können nun einmal darüber reden, – du bist jetzt hier und wohnst hier und bist auch sonst gekommen (Guntwar nickt) –; diese Stimmen oder Stimme, die du hörst; du weißt wohl, meine Frau hat mir davon erzählt, – ich meine, – wie hörst du sie nun? In dir? Von außen? Guntwar (nach einer Stille) : Das ist schwer zu sagen, Peter. In mir, im Geist lebendig. (Mit Geste.) Peter: Also doch innerlich; sie schlägt nicht von außen ans Ohr – Guntwar: Nein. Peter: Ich dachte mir's. – Und du persönlich stehst nun unter dieser Stimme, tust, was sie befiehlt, tust alles, was sie dir sagt, lebst eben völlig unter ihr – Guntwar: Sie befiehlt nicht nur, vor allem lehrt sie mich. Peter: Aber sie befiehlt doch auch. Und zwar nicht nur innere, auch ganz äußerliche oder äußere Dinge, zum Beispiel Abreise und derart .. Guntwar: Ja. Sie befiehlt vieles. Peter: Und dem folgst du dann unverzüglich. (Stille.) Na – ich weiß nicht, ob du mich wirst verstehen können, warum ich diese Frage so eindringlich tue, ich weiß nicht, – oder ob all diese inneren Vorgänge dich hindern, dich in meine Lage zu denken. – Nun, wie gesagt, ich weiß es nicht. Aber kannst du dir die plötzliche Wirkung deiner Ankunft vorstellen? Du mußt nun bedenken, wir leben seit Jahren still und ganz zurückgezogen, meine Frau und ich, wir müssen das tun, du weißt, daß meine Frau vor Jahren auf Leben und Tod krank lag; – da sind wir nicht gewohnt, daß Depeschen kommen; stell dir einmal vor, das muß uns doch erschrecken! Und alle Aufregung, grade die plötzliche, muß von meiner Frau ganz ferngehalten werden. – Ich weiß nicht, ob du mich hierin verstehst? – (Guntwar nickt Ja.) Peter: Dann ist's ja gut, dann kann ich ja weiter reden. Dann kannst du dir mein Erstaunen, mein Befremden muß ich sagen, über all dies Ungewohnte denken. Und all dies geschah so selbstverständlich von dir aus, so, als wäre es in der Ordnung, das befremdete mich erst recht. Ich selbst, – ich will mich nicht rühmen, aber ich kann es dir doch mitteilen, – übe die größte Rücksicht in allem und allen gegenüber, – und nun erst meiner Frau gegenüber, das kannst du dir doch denken, – aber ich verlange dafür auch Rücksicht von anderen. Das kann ich doch, das ist doch nur recht und billig, nicht? Und gerade du wirst dich weiter in mich versetzen können, du pflegst ja auch gewissermaßen deine Stimmungen, nicht? Guntwar: Wie meinst du das: – pflegst? Peter: Nun ja, – ich fehle da vielleicht etwas im Ausdruck, ich bin nicht immer gleich so mit dem Wort vertraut, – du kultivierst deine Stimmungen doch auch, sozusagen. Guntwar: Aber kann man dies Stimmungen nennen? Peter: Nun, oder sagen wir Zustände, wirklich, wir brauchen uns nicht so ängstlich an das Wort zu klammern. Also du tust es auch: du gehst zum Beispiel aus der Stadt in die Einsamkeit, wenn du welche brauchst, du läßt ja auch deine Frau allein –: dieses alles fällt doch unter das, was ich so bezeichnete, nicht wahr! – da wirst du dasselbe ja auch bei andern begreifen, wenn sie nicht gleich für Besuch eingerichtet sind – wie? Guntwar: Ja. Peter: Und ich meine: räumst du dir dieses Recht ein, – anderen mußt du es auch zugestehen. Soviel Verständnis hast du doch noch für die Menschen, trotzdem du – wie du sagst – ausschließlich mit dir selbst beschäftigt bist; – nicht? (Guntwar nickt kurz Ja.) Peter: Wenn ich dich jetzt also bitte, von nun an in ähnlichen Fällen uns wenigstens brieflich vorzubereiten, damit man sich etwas danach einrichten kann, so ist das nicht zu viel, nicht wahr? Guntwar: Ich verstehe ganz und gar. Ich wußte nur nichts von alledem, sonst hätte ich es schon bedacht. Deine Frau schrieb in ihren Briefen stets so, als ob du auch herzlich Anteil nähmest, mich lieb hättest .. Peter: Aber ich bitte dich: – siehst du denn das nicht ein: das hat doch gar nichts miteinander zu tun! Ich kann doch Anteil nehmen an jemanden und ihn aber doch bitten, in solchen Fällen wie dieser hier nicht eine Depesche, sondern rechtzeitig einen Brief zu schicken; ist denn das zuviel verlangt? Oder schließt es den Anteil aus? Guntwar: Nein, nein, das tut es wirklich nicht; aber ich wußte nichts von dem allen. Peter: Was wußtest du nicht? Aber ich versteh gar nicht, was hier viel zu wissen ist?! Das muß dir doch alles das bloße Taktgefühl sagen, – und du willst doch, daß man dir Taktgefühl zutraut, – ich weiß wirklich nicht – Guntwar: Du hast ja in allem so recht! Nur wußte ich nicht, daß du so zu der Sache stündest, so zu meiner Person. Peter: Guntwar, ich bitte dich! – ich begreife dich gar nicht! – das hat doch mit deiner Person ganz und gar nichts zu tun! Guntwar: Doch hat es das. – Darf ich, bitte, offen reden –? Peter: Bitte, – bitte, ist mir nur lieb. – Guntwar: Sieh mal, du hast ja auch recht; aber nun wird dieses Telegramm nicht das einzige Mißverständnis bleiben. Ist es so, dann werden sich immer wieder Schwierigkeiten finden, immer wieder neue. Ein Verhältnis wie zwischen uns, wo ihr so viel älter seid, ich so jung, ihr habt euer Leben schon hinter euch, meines ist vor mir in der Idee, solch Verhältnis ist doch nur möglich, wenn man sich entgegenkommt in einer großen Liebe, die bindend verkittet hält, die doch immer wieder alles versteht, auch verzeiht; dann wird es schon gut. Peter: «Weißt du wirklich, du mußt damit rechnen, daß ich schon älter bin (du sagst ja ganz richtig, wir haben ein Leben hinter uns), da kann ich nicht gleich deinen Worten so folgen, die mir ja auch überlegen sein mögen. Du mußt denken, du hast einen ganz einfachen Menschen vor dir, der nicht viel versteht von allen schönen Reden, gleichsam einen Handwerker, in aller Nüchternheit; die fetten Worte sind nichts für mich. Guntwar: Liebe ist kein fettes Wort. (Stille.) Sieh, wie es bei deiner Frau ist, mein Leben, meines Lebens Idee und Richte gibt ihrem langen Leben selber Richte und Erfüllung: – da ist dann alles Liebe, da überbrückt es sich von selbst, da sind keine Schwierigkeiten; – so ähnlich, wenn auch nicht ganz so stark, aber doch so ähnlich dachte ich's bei dir. Peter: Meine Frau ist gut, so gut! Wirklich, nur wenn man das Leben mit ihr zusammen verbracht hat, kann man das recht beurteilen. Du hast so unsagbar viel an ihr; ich glaube, darüber kann man nicht reden. Sie opfert sich auf in jeder Hinsicht, wirklich, sie treibt es bis zum Übermaß, bis zur eigenen Schädigung; – aber da darf man dann, – eben weil man dies weiß, – ihr Opfer nicht zu sehr in Anspruch nehmen. Ich muß dich wirklich sehr darum bitten, – und es ist ganz selbstverständlich, daß du es tust, nach den Umständen, es ist gar nicht darüber zu reden! – Meine Frau ist noch so zart von ihrer Krankheit her, – aber sie achtet ja nicht darauf, – daß es förmlich ein Verbrechen ist, sie irgendwie zu sehr in Anspruch zu nehmen. – Und was die fetten Worte angeht, – ich weiß nicht, ob du auch solche Menschen schätzt und ehrst, die ihre Empfindungen nicht immer auf der Zunge tragen. Aber fühlen können sie's doch auch, nicht wahr!? Können auch religiös sein und nichts weniger als Heiden. Gott ist ihnen vielleicht zu hoch, als daß man so immer von ihm spricht; – es gibt ja auch stilles Gebet; – habe ich nicht recht? Guntwar: Es gibt so wundervolle Menschen, so herrlich tiefe, schweigsame. Und du als Künstler, du kannst es auch, mußt es sein; was du sagst, sagst du durchs schweigende Bild; ich aber muß reden, mein Beruf befiehlt das, mir sind die Lippen aufgetan. Freilich, da denkst du fehl: – Gott ist allen gemein, Christus jedes Menschen, keiner besitzt ihn für sich allein, er trägt sie alle. So mußt du ihn auch tragen in allen. Peter: Nun ja, – ich kann über Gott nicht so schnell reden, – ich sagte es dir ja: Gott ist eigentlich viel zu groß für Worte, – findest du nicht? Du hast vielleicht diese Empfindung nicht? Guntwar: Doch ich habe sie. Peter: Nun gut, dann wirst du mich ja verstehen. Guntwar: Ich glaube, ich beginne dich tief zu verstehen. Peter: Desto besser; wenn es auch ein wenig schnell geht; du kennst mich ja kaum. Weißt ja nichts von meinem Leben. Guntwar: Ist das so nötig? Peter: So – was du sagst! Aber das lassen wir mal. – Kennst du Thomas a Kempis? Guntwar: Noch nicht. Peter: Wirklich, den mußt du lesen. Er ist wundervoll. Wirklich ganz wundervoll, Guntwar! Lies den doch mal! Ach, so tief und still, mir wohl das liebste Buch, – so ganz schlicht. Guntwar: Hast du es hier, daß ich es lesen kann? Peter: Ich borg dir's, ja. – Da sind Gespräche Christi mit der Seele, – die mußt du lesen. – (Er ist jetzt ganz verändert in Stimme und Gesicht?) Guntwar (leise) : Du glaubst fest Christus? Peter (nach stillem Zögern) : Ich weiß nicht, was du mit dieser Frage willst, Guntwar – Ich weiß nicht, ob du mich ausfragen willst – (Frau Mirjam kommt von rechts. Sie geht zu Guntwar und Peter vor, setzt sich.)   Frau Mirjam. Peter. Guntwar. Elisabeth. Frau Mirjam (streicht Peters Hand) : Nun – habt ihr euch recht unterhalten –? Peter: Ja, Guntwar und ich. (Frau Mirjam sieht Elisabeth im Erker, sie steht auf, gebt zu ihr, holt sie nach vorn. Da steht auch schon Peter da, mit dem Hut in der Hand, zum Ausgehen bereit.) Frau Mirjam: Aber du willst jetzt gehen, Peter –? Willst du nicht bei uns bleiben? Peter: Danke, danke schön. Ja, ich will noch ein wenig spazieren. Ich hab ja schon gesprochen, mit Guntwar, was zu sprechen war. Laß mich nur! Frau Mirjam (dichter zu ihm) : Aber Peter – Peter (laut zu allen) : Nein, nein, seid nur für euch allein; wirklich, ich würde da doch nur stören. Adieu! Adieu! (Er will gehen.) (Frau Mirjam faßt ihm bei der Hand, kommt mit ihm vor, nach rechts. Guntwar und Elisabeth peinlich und verlegen gehen nach dem Gemach im Hintergrund, wo sie während des Folgenden sprechend verbleiben. Es beginnt zu dunkeln.) Frau Mirjam: Was ist dir nur, Peter? Peter: Ach, laß doch, jeder von uns hat seine Freiheit, nicht wahr; und ihr könnt euch doch allein viel mehr geben oder sein, als wenn ich dabei bin. Ich will dir da in nichts etwas rauben, Mirjam. Frau Mirjam: Aber wir warten darauf, Peter, daß du uns mit zuhörst. Peter: Nun ja, pro forma, das kennt man doch; aber warum soll die Form hier gelten, wenn sie anderswo so ganz und gar nicht in Rücksicht genommen wird, Mirjam? Das seh ich nicht ein. Und ihr habt euch auch von Anfang an immer allein besprochen, Guntwar und du, warum soll's denn jetzt anders werden? Frau Mirjam: Wie es anfing, Peter, das weißt du wohl, wie du ihn mir abtratest, wie meistens Jüngere, die sich mir leichter auftun. Aber nicht, Peter, bevor du nicht Guntwar auf deine Weise geprüft und für wert befunden hattest, ihn mir abzutreten; damit ich dir nachher all sein Eröffnen offenbarte, wie ich's mit jedem Wort bisher gehalten habe. Peter: Warum weichst du nur so aus, Mirjam, es ist ja gar kein Grund dazu vorhanden. Worauf es hier im Kern eigentlich ankommt, ist doch, daß ich nicht fähig bin, all seine Ideen und Erlebnisse zu begreifen, will sagen, sie gutzuheißen, und daß ich deshalb, das weiß und fühle ich doch wohl, Mirjam, daß ich eben zu dumm für euch bin. Frau Mirjam: Rede doch nicht so, Peter, laß doch dies grausame Spielen! Peter: Es ist kein Spiel, Mirjam, wirklich nicht, es ist mein bitterer Ernst. Ich bin zu dumm für euch und stehe außerdem moralisch nicht hoch genug für solchen Bund, solche Gemeinschaft; das ist wahr, das hat er mir erst eben gesagt. Frau Mirjam: Was hat er dir gesagt – ? Peter: Ja, ja, so war der Inhalt. Ein sehr langer Satz, ich habe natürlich nicht mehr alles behalten; aber das war der Inhalt; ach, ich irre mich nicht! Mir fehlt die rechte Liebe, die fehlt mir eben, und da ist nun einmal mit mir nichts anzufangen. Da bin ich überflüssig. So oder derartig hat mich Guntwar zurechtgewiesen. Aber das tut ja nichts. Frau Mirjam: Ach, Peter! Peter: Ja, Mirjam! Ihr habt eben beide die Liebe, habt sie alle drei, da versteht sich gleich alles von selbst: Ankunft und Schranke und Rücksicht und Fürsorge. Ich, – Mirjam, muß an den Dingen kleben bleiben, (Geste) will hoch und kann nicht; ihr aber könnt fliegen und braucht euch nicht mehr zu kümmern, ob einer da unten zurückbleibt. So hoch könnt ihr fliegen. Frau Mirjam: Peter! Peter! Hör doch nur! Hör mich doch nur an! Ach, du weißt ja nichts, von allem nichts, du bist blind, du siehst ja nichts. Ich sehe doch, Peter, und was ich sehe, ist wahrhaftig. Meine Liebe, die sieht ja, unsere Liebe, Peter, mein und deine, und was sie sieht, ist wahr. Peter, sie sieht in deine Seele und in die seine auch. Und da sieht sie, seh ich, daß eure beiden Seelen in der Liebe verwandt sind, Peter; du hast ja so große Liebe! Glaub mir doch, Peter, um unserer Liebe willen glaub es mir! Sie sind verwandt und meine der seinen und meine der deinen, alle drei sind wir verwandt. Hörst du wohl, Peter? Peter: Hör mal, Mirjam, du mußt dich wirklich nicht so aufregen, wirklich nicht! Denk doch nur an deine Krankheit! Du weißt ja, ich verstehe das alles nicht so rasch, und wenn du so heftig wirst, erst ganz und gar nicht. Eines aber begreife ich, – und du hast es ja deutlich gesagt: ich bin blind, Mirjam. Ein Blinder aber ist und bleibt blind. Da ist nichts zu wollen, und ist das Licht auch noch so hell, er sieht's eben nicht. Er muß tappen und tasten und fällt zuletzt in die Grube. – Ich bin blind und weiß auch nichts, weiß nur das eine, das ist, – darin bin ich nicht unwissend! – ich begehe hier einen Raub an Gott, einen Raub ganz öffentlich. Nicht wahr, nicht wahr, Mirjam! Dafür werde ich ja auch büßen müssen, laß mich nur, laß mich nur gehn, lange dauert es nicht mehr – (Seinen Hut auf und nach links ab.) (Frau Mirjam steht da, reglos, und ihr unbewegter Blick füllt sich mit Tränen. Frau Mirjam, Guntwar und Elisabeth begegnen sich dann in der Mitte der Bühne. Die Kinder sehen die Mutter weinen, sie tun alle die Hände zusammen, leise Worte geflüstert gehen hin und her, man vernimmt sie nicht. Nur Guntwar sagt) : Ich weiß. Frau Mirjam (dreht sich zwischen den Kindern um, umfaßt sie beide mit den Armen, hebt das Haupt wie erblindet und flüstert über ihnen) : Kinder! Kinder! Was ist das nur! Warum will er nur nicht!? Und diese Segnung, so hoch und so wahr! – Ach, Kinder, ich bleibe bei euch. (Der Vollmond gleitet hinter dem Gebirge auf, sieht ins Zimmer, steigt dann höher.) Guntwar (leise) : Ich muß dir erzählen, Mutter, denn nun kam das Licht. Nun kam das Leben. Nun kam Erleuchtung. Frau Mirjam (strahlend durch Tränen) : Kam sie nun wirklich? Endlich! Ach, ich wüßt es ja! Du mußt erzählen! (Elisabeth küßt Guntwar auf die Stirn. Sie setzen sich dann wie in der Szene des ersten Aufzugs, Guntwar diesmal halb angelehnt auf dem Ruhebett; Elisabeth geht erst zum Ofen und wirft Scheite auf ehe sie sich setzt.) Frau Mirjam (deckt die Augen mit der Hand) : Wie kam dies alles? Du mußt alles sagen. Guntwar: Wie ich das ganz Unnennbare in Worte Fassen soll, weiß ich nicht. Doch du siehst tief. Und weißt so viel, was – (anderen Tones) Hat sich nie ein Schmerz, Nie eine Qual, Verworrenheit, dumpfe Muße Dir frei gelöst durch gütigen Niedersturz Von unsichtbarer Liebe aus der Höhe Tief in die Tiefe dein? Frau Mirjam (die Hände vor das Gesicht geschlagen) : Daß alles licht ward Mit einem Mal, hell, strahlend, ganz verklärt, Wie eine Wolke sich hob, sich tönend löste – Guntwar (hebt an) : Ich ging in Nacht und war in Zweifel und Bedrängnis, Sterne und Himmel vor meinen Augen weit; – Da plötzlich fand ich mich in anderen Welten, Wo dieser Erde-Welt nur noch ein schwaches Wissen war, Und dennoch war es göttlich, war treu-väterlich. Als jetzt mit Kümmernis und Sorg hoher Verständigung Zufolge sich ein Heil von droben löste, Das sausend niederstieg zu Erde-Umfangen. Und wie ein Blitz das Dunkle jäh vor sich erhellt, Erhellte sich mir im Umfangen jenes Licht Zu Namen Christi, und miteins begriff ich nun Von Gut und Böse heilig das jenseitige Gesetz. Und fühlte nun die Freiheit Gottes und in Gott Und seines Willens Erbarmen ohne Marter ich. Ich sah, ich sah das Kreuz einfältig in Dreifaltigkeit Durch Weltenräume in unfaßbarer Bewegung sich Beugen, Miteins bezwingend, was Himmel, Stern und Erdewelt Verhüllt durch Ferne: – eines Zeichens Dienerschaft. Und diesem allen dürft ich gegenwärtig sein. Fühlte mein Heil und aller solchem heiligen Niedersturz Mitinbegriffen, der mir Kopf und Herz gerührt. Fortan steht jenes Zeichen in mir, über mir; Mir ist, als wüßt ich das weltselige Geheimnis längst, Um die andere litten, die Weltmeisterschaft. Fortan ich selber Untertan, mit Augen tief Geschlossen dem, was frecher sich ins Herze drängt, Ahn' ich in mir des Weges Mühen und den Weg Und meine Leistung und durch Gnad mein Scherflein zu Der irdischen Besingung des allmächtigen Heils. Zu Geist in Geist; o Mutter, ich muß stille sein! Frau Mirjam (Haupt unbändig im Licht) : Ich wüßt es tief im Traum, Ich ahnt es licht im Sinn, Deiner Fahrt Beginn Schloß noch Raum an Raum. Blind an Leib und Gesicht Bin ich dir beigestanden; Sah doch in deinen Banden Deutlich ein Gesicht. Wie sie sich aufwärts rang, Die namlose Seele, Bis es ihr gelang: Durch Gnad fiel alle Fehle. (Deckt sich das Gesicht mit den Händen) O Guntwar – (Augen wieder frei, still gefaßt) . Du warst in Leib und Erde befangen; aber deine Seele war Christ, rein im Sinn, und sie träumte ihren Christustraum mitten unter den Sternen und Welten. Erdebilder griff sie noch, doch sie träumte das Himmlische. Eines Tages mußte da Erde zu Erde werden. Und wie wollte sie sprechen; aber sie mußte ja stammeln, weil sie noch zu Sternen sprach. Wie wollte sie auferstehen – und mußte stammeln! Du weißt noch deiner Mutter Tod. Da ließest du ihre geliebte Seele, die dir Liebe um Liebe gegeben hatte, auffahren als ein mildes, leuchtendes Gestirn. Das war nicht irdisch, Guntwar, das war die Ahnung der Liebe, die niemals sterben kann, weil sie nicht aus Erde-Stoff ist. Dieser Ahnung hattest du nur in Erde-Stoff das Kleid gegeben. Darum war deine Qual zwischen den Worten, zwischen den Welten auch; bis endlich du ins Schweigen gingst, da fiel der Blitz Gottes in dich herab. Da erkanntest du, daß das Wahrhaft-Lebendige nicht ganzen Ausspruch hätte durchs Bild, daß das Wort nur Bild, das Bild nur Schein, daß es unwahrhaftig wäre! I. Kor. XIII, 12. Es war wahrlich der Blitz aus der Hand Gottes, denn Gott allein konnte so niederkommen! Da gingest du ins Schweigen, und meine Seele ging mit, voll lauter Hoffnung war sie und ahnte viel. Aber doch ahnte sie nicht diese heilige Heimsuchung! Höher als ich je denken konnte, Guntwar! Guntwar: Heimsuchung fand wohl statt, Das wuchernde Feld Ward gesichelt glatt, Meine Macht ward zerspellt. Licht: Lebendiges schoß auf, Zweig aus Zweig im Gefild, Meine Seele trieb mild Blut und Blätter zu Hauf. Meine Seele treibt noch Aus geweiheter Erde, Licht sind meine Wurzeln. Mein Wesen drängt zu Gott. Mutter, – Mutter, es wird ein Leben werden heilsam– Unterm Geist-Licht liegt die Welt verschlossen. Wieder wandte sich der Strahl, in unbeschreiblicher Gebärde, das Heil, wandte sich's zu. Stark steht die Erbarmung über unwissender Verworrenheit. Siegreich über feiger und kraftloser Verlogenheit. Diese Zeit! Unsere Zeit, Mutter! Sie ahnen nichts, sie schauen nichts, sie treiben hin und treiben her, und doch bereitet es an allen Ecken und Enden neu sich Altäre. Richtet her, kündet an. Es grüßen sich Menschen, seit Ewigkeiten sich Bekannte, wortlos Hand zu Hand. Schweigende Schar vor dem Herrn, ja, eine Schar, die sich bereitet. Siehe, sie sieht mein Auge! Das Halleluja möchte ich anstimmen, das Halleluja bändige ich in mir, noch ist die Schweigens-Zeit. Ich weiß wohl, wie mir ist. Zum mindesten: noch müssen wir auf Umwegen wandeln. Ich weiß wohl. Frau Mirjam: Auch ich seh es so klar. Ach, es ist so klar! So durchdringend Licht! Ich muß wie den Blick mir schützen! Ach, Guntwar! Dieser dein Weg und die Verworrenheit und diese Führung! Ja, licht, ja, einzig groß! (Nach einer Stille.) Wenn Peter es sieht, alles so weit aufgetan, so nur zum Hineinblicken, ja, jetzt kann er sehen! Und wie wird er es! Und hören! Beide werden wir hören, Guntwar, dir zuhören, was dir von Wissen und Leben und Allem zuteil wurde. Ach, es ist so viel! Guntwar: Ich bin so nichts! Nun mehr als je ein Bettler! Doch von meinem Reichtum muß ich schenken. Meine Mutter, es zieht so gewaltsam mich fort! Ach, ich bin nun wohl reich zur Spende, ich nicht aus mir, aber der Lebendige steht bei mir. Mitten unter die Menschen muß ich treten, es zu künden; ich weiß, wer mit mir ist. Aber zu Anfang: sie fassen es nicht, sie mißdeuten groß und klein. Doch wird es gut. – Es wird wahrlich gut. Ja, es wird bereitet. Sie alle werden wohl bereitet werden, ein jeder auf seine Art. Ich weiß nichts dieser Art, denn sie steht beim Vater. Ich kann nur bei mir verbleiben, tun, was geboten wird. Ich brauche nicht zu sorgen, denn Sein ist jede Sorge; aber auf mich habe ich Acht zu haben. Ich rede, Er gebietet's; stumm bin ich der Wüste gleich, Er gebietet's. Es wird wohl werden, und ich werde wohl bestehen, davon ich nichts weiß, wird für sich reden, und was ich weiß, wird bescheiden sein. Ich will fort, Wasser tragen helfen. Frau Mirjam: Das mag ja wohl sein, Guntwar, alles liegt vor dir. Doch zuerst: hier mußt du anfangen. Wo man so sehnsüchtig wartet, kannst du nicht vorübergehen. Darfst nicht! Weißt du nichts davon, Guntwar? Die Stimme ist dir stille geblieben hiervon? Wie, Guntwar? Ach, ich glaub es nicht! (Hand auf Hand Guntwars.) Ich glaub es nicht; du wirst es wissen. Aber wie ich harre, bange danach, weiß nur Er. Ich warte nun schon länger, Guntwar, als mein Leben geht. So wenigstens ist mir. Und da bin ich ruhig, da wird es ja sein müssen. Guntwar! Doch will ich auch demütig sein und mich ganz in den Willen geben. Guntwar: Ich habe hier zu bleiben, hier zu beginnen, Mutter. Solche Worte, Mutter, wie die deinen, tragen die Stimme in sich. Ich will beginnen. – Frau Mirjam (leise wie Hauch) : Ja, – Guntwar – Guntwar: Aber zuerst laß uns nüchtern werden! Mutter, gut klar! Ruhig wach! Die Rüstung anlegen, die so gut beschützt, – laß uns mit geruhigen Schritten gehen! Daß es uns nicht überwältige, fliegen voreilig und liegen dann vergehend im Trocknen. Wachen wir klar! Wachen wir gut! Wachen wir gut wachsam! Bring Licht, Elisabeth. (Man sieht Elisabeth aufstehen. Wie sie gegen die Tür rechts zugeht, schließt sich die Bühne.) (Ende des zweiten Aufzugs.) Der dritte Aufzug In dem schmalen, erhöhten Hinterraum des Wohngemachs, vor den beiden Fenstern: Die ganze Szene ist gleichsam nach vorn gerückt, so nahe an den Zuschauer, daß er nur in diesen Abschluß des ganzen Zimmers sieht. In den Fenstern graut der Morgen. Peter auf dem Sessel rechts vom Tisch, mit dem Rücken gegen das Licht, Frau Mirjam sitzt rechts schräg neben ihm auf dem Lehnstuhl, der sonst im Vordergrund des Wohnzimmers stand. Es wird allmählich heller. Peter. Frau Mirjam. Frau Mirjam: Das ist's nicht, Peter, du hast mich so mißverstanden; an allem ist Guntwar unschuldig, du verstehst mich nicht. Peter: Ach, Mirjam! Das weiß ich ja wohl, was du meinst. Kann es mir wohl denken. Nun denke aber, wie soll ich da folgen! Kennst mich doch, Mirjam! Meine leicht mißtrauische Art; – was haben wir auch für Enttäuschungen an Menschen erlebt! Und Guntwar ist ein Mensch wie jeder, und sein Ungestüm nimmt mir Luft und Atem. (Stille.) Ich geh hier nicht mit, Mirjam. Kann's doch nicht! Frau Mirjam: Ja, – Peter, – dann bleibt nur das Eine; – dann muß es sein. Peter: Was ist denn, Mirjam –? Frau Mirjam: Dann muß Guntwar jetzt abreisen. Und Elisabeth. Peter: Nimmermehr gebe ich das zu, nimmermehr, Mirjam! Ich weiß, was Guntwar für dich an Glück ausmacht, das darf dir nicht genommen werden. Nie und nimmer! Frau Mirjam: Doch, Peter, es ist besser so. Ich seh. Guntwar muß reisen. Peter: Ach, Mirjam, tu mir doch das nicht an! Ewig müßt ich mir Vorwürfe machen um deinetwillen. Nein, nur nicht! Es gilt dein Glück. Nur folgen kann ich nicht, Mirjam, kann nicht so hoch fliegen. Frau Mirjam: Peter, was leidest du! Peter: Ach, das gehört nicht hierher, Mirjam. Was ich leide, gehört nicht hierher. Ich leide, was sein muß. Aber du – du sollst nicht leiden. Ich habe meine Arbeit, mein klein winzig Teil, muß noch dran haften. Daß ich dich unters Joch spannte! Nimmermehr! Frau Mirjam: Noch morgen reist Guntwar, Peter; ach, ich seh ja! Peter: Mirjam! Mirjam, das nicht! Daß du mich nur nicht verstehst –, (leiser) Mirjam, wie soll ich auch – wie soll ich mich Guntwar gleich geben, – was verlangst du auch; – denn das gehört zum Mitfolgen: die Schranke fallen lassen, die letzte, – und du weißt, ich vertraute mich nur dir allein! Ach, Mirjam, ach liebe Mirjam, das weißt du wohl! Frau Mirjam (mit Tränen) : Peter! Guter! Nein, nicht so! Guter Peter! Ich weiß ja! Aber nun sieh, ich weiß auch, daß es besser wird, wenn Guntwar geht. Gut für uns alle. Für Guntwars Sache gut. Peter: Wie meinst du's wohl, Mirjam? Frau Mirjam: Wenn er geht, – und er wird gehen –; die Gegenwart, siehst du, bringt so viel falsche, eilige Abwehr. Nur des Augenblicks, Peter. Du kannst dir viel ruhiger klar werden, dich entscheiden, wenn Guntwars Person nicht immer um dich ist. Nicht anwesend, siehst du. Dann wirst du klar, siehst in mein Herz, dann folgst du auch nach, Peter. (Stille.) Peter: Dein Herz, Mirjam, dein – Herz – ist mir entrissen. (Große Tränen rollen aus seinen Augen.) Frau Mirjam: Peter ach! weinst du nun! Peter: Nicht um dich! Um dich nicht! Sollst glücklich sein! Versprich mir's! Frau Mirjam: Peter! Peter: Überflüssig bin ich; versprich, du willst glücklich sein. (Die Tränen rollen immer.) Frau Mirjam (aufschluchzend an seiner Brust) : Mein Geliebter, was kann ich dir nur sagen!!! Peter: Laß mich! Du weißt's!: »Ich bin glücklich, Peter!«   Auf dem Flur. Nacht. Die Szene ist vor schwarzer, steifleinener Wand, deren Höhe die Auftretenden etwa um zwei Kopf überragt. Nirgends ein Gegenstand auf der schmalen Bühne, außer rechts vorn zwei Leuchter, dreiarmig, stehen auf schmalem Tisch, links auch ein Leuchter, dreiarmig, steht auf einer groben Holzbank. Es geht ein Mann von rechts nach links über die Bühne, der die Koffer der Abreisenden trägt. Laterne in der Hand, bleibt in der Mitte stehen, rückt seine Last zurecht, geht ab. Peter, Guntwar, Frau Mirjam und Elisabeth kommen von rechts. Peter und Guntwar bleiben während des folgenden Gesprächs ganz rechts, Frau Mirjam und Elisabeth stehen um ein wenig weiter nach links für sich im Gespräch.   Peter. Guntwar. Frau Mirjam. Elisabeth. Peter: Es tut mir leid, daß mein Unwohlsein dich hindert, länger hier zu bleiben. Guntwar: Laß nur! Es wird schon gut sein. Ich habe auch deiner Frau von mir gesagt, was zu sagen war. Peter: So, das freut mich. Aber – wie gesagt – es tut mir leid. Guntwar: Laß nur! Peter: Ihr seid nun auch gerade nicht zu günstiger Zeit gekommen, wir sprachen darüber schon. Ja. – Guntwar: Nun leb wohl! Deiner Arbeit wünsch ich Gedeihen. Peter (fast blöde in Ton und Lächeln) : Danke, danke, danke schön. Und dir auch. Euch beiden. Kommt recht gut nach Hause! Gute Reise! Adieu! (Schüttelt auch Elisabeth die Hand) Adieu! (Rechts ab.) (Frau Mirjam, Elisabeth, Guntwar gehen nach links vor.) Frau Mirjam (bewegt, reicht die Hand) : Guntwar, lebe wohl! Guntwar: Lebe wohl, meine Mutter! (Kuß und Umarmung.) Frau Mirjam: Ja, leb wohl! Ihr geht nun; ach, es mußte sein! Guntwar: Es ist die rechte Zeit, meine Mutter, ich ahn es wohl. Frau Mirjam: Ahnst du's? Sieh, ich mein es auch. Ach, das freut mich! Guntwar (mit leiser Stimme) : Nun wird Peter sich entscheiden müssen. Frau Mirjam: Ja, nicht wahr, die große Entscheidung kommt nun für ihn. Möcht er nur folgen! Guntwar: Oder aber mich abwehren und bei sich bleiben. Abwehren den Kniefall und das heilige Offenbarsein Tag für Tag, wie es der Meister will; Apostelgesch. II, 46. und bei sich verbleiben stumm. Frau Mirjam: Und rätselhaft. Könnt ich nur einmal mit ihm beten! – Ach, Peter hat es so schwer! Guntwar: Ich weiß es, Mutter! Er muß sich tief für sich, in sich allein entscheiden. Mit Worten kannst du da nichts helfen. Nur verschlimmern. Peter muß allein sein. Frau Mirjam: Nur einen Strom von Lichtgedanken darf ich um ihn strömen! Guntwar: Freilich du! Liebe Mutter! Frau Mirjam: Und du hilfst mir dazu! Guntwar! Guntwar: Was in meiner Kraft ist, von Herzen! Frau Mirjam: Dank dir! Du mußt Peter lieben, unentwegt, hörst du? Dich's nicht anfechten lassen! Dann wirst du's schon überwinden, in deiner Liebe. Peter ist, Guntwar – Peter ist, ach so groß! Ein Held, Guntwar! Ich werde klein vor ihm. Du weißt unsere Leben nicht. Ich könnte erzählen. Aufopferung um Aufopferung, ja, alles um mich. Nichts konnte ihn noch treffen. Hatte allem schon entsagt. Diesem einen – meinem Bilde – oh, Guntwar, darauf war er nicht vorbereitet! Er sieht nicht, was ihm Himmlisches dafür gegeben wird: ich neu in neuem Schein. So mein ich es. So weißt du es. Ach, Guntwar, ich bleibe in schwerer Stellung zurück. Guntwar: Ja, aber dir wird geholfen. Ich weiß auch, was Peter Heiliges trägt. Jahre und Jahre, – die Zeit um ihn irrte ab; – er blieb unentwegt. Seinem Werk, seinem Gott, seinem Weib. Wie sie sind, seine Gestalten, sie unterm Schicksal, schweigsam demütig, sie selbst ihr Schicksal, er selber schicksalstreu sie in sich genommen. Still unter Gott. Frau Mirjam: Ja, still unter Gott. Stets war Peter Gott untertan. Nur tief verschlossen, nicht rein offen; heimlich. Doch Gott will es anders! – Und wie Peter mich hegt, liebt! Aber starke Erde-Bande blieben auch hier immer. Zäh in sich; ach, Guntwar, das soll jetzt zerrissen werden. Ohne tiefes Bluten geht es da nicht ab. Er soll mich nun neu lieben lernen. Endlich frei! Endlich ohne Fessel! Endlich in Gott! Nicht mehr alle Liebe meiner Person zugetan, so wurzelzäh, so bange um Verlust, so hilflos im Verlust; sondern Peter soll lernen Liebe zu Gott und dann erst mich lieb in Gott. Guntwar: Er liebt doch Christus. Frau Mirjam: Weißt du davon? Guntwar, wie siehst du tief! Das soll jetzt alles wach werden! O, da wird vieles schmerzhaft zerrissen! Guntwar: Ich glaube auch. Frau Mirjam: Doch will ich hoffen. – Du hilfst mir. Guntwar: Gott hilft vor allen. Frau Mirjam: Bitte ihn! Guntwar: Immer, meine Mutter! Frau Mirjam: Lebe wohl! (Umfängt ihn.) Guntwar: Ja, zu Gott auf, meine Mutter! Da steht alles beschlossen. Und wenn es bricht, wenn es untröstlich wird. Dort ist Hilfe, dort ist Wissen. Was Er tut, ist gut. Frau Mirjam: Schön, Guntwar, ach schön! Dank! Dank! Ja, Gott hat Peter in seine Hand genommen, so muß es gut werden! Guntwar: Das ist gewiß. Frau Mirjam: Wie es auch werde! – Lebe wohl, Elisabeth! (Sie umfängt Elisabeth.) Du, Guntwar –!! (Sie gehen beide ab, die Mutter schaut ihnen nach.)   Das Schlafgemach . Zwei Betten der Länge nach von vorn nach hinten nebeneinander. Die Wand über ihnen breitet Schleier herab. Vorn neben dem linken Bett Holzstuhl. Frau Mirjam rechts vorn, sitzt auf einem Stuhl, vor ihr ein Schemel, auf den sie die langen, weißen Bogen der Schrift, die sie liest, gelegt hat. Eine hohe Kerze daneben auf dem Schemel. Peter im Bett rechts. Ein Streifen Mondlicht durch das Fenster der Wand rechts spielt um die Füße von Peters Bett, zu Häupten. Peter selbst bleibt dunkel.   Peter. Frau Mirjam. Peter: Geh schlafen, Mirjam, liebe Mirjam, geh schlafen! Horch, wie der Wind geht! Schön scheint der Mond draußen. Frau Mirjam: Es wird nicht viel werden mit Schlafen, Peter. Ich will lieber noch auf sein. Guntwar hat mir Blätter zurückgelassen. Voll beschrieben. Ich will sie lieber lesen. Es wird so Schönes sein! Peter: Ach, Mirjam, das solltest du nicht, solltest es nicht! Schone dir die Augen, denk doch dran! Auch nicht so lange aufsitzen! Denk doch dran! Du bist monatelang krank gelegen, Mirjam, hast du's vergessen? Frau Mirjam: Ach, das war vor Jahren. Aber jetzt? Peter: Aber jetzt? Ja, das wirkt nach. Ich weiß, es wirkt nach. Nur nicht, Mirjam! Nur nicht unvorsichtig werden! Nein, nein! Frau Mirjam: Peter, bin ich nicht in Händen? In Vaters Händen? So sagt Guntwar. So glaube ich tiefinnerst. (Stille.) Peter (sieht sie starr an) : Ach so, Mirjam! Ach so, Mirjam, meine! In Vaters Händen, ja. Ja, du bist in Vaters Händen. Ja, nun lies nur! Frau Mirjam: Und du schlaf nun, Peter! Und gut! Peter: Ach ja, laß. Lies, lies! S'ist gut. Gute Nacht! Frau Mirjam: Gute Nacht, Peter! (Ist aufgestanden, küßt ihn.) Peter: Ja, ja in Händen – (Frau Mirjam setzt sich wieder. Liest. Eine große Stille. Nach einer Weile entschläft Frau Mirjam, Haupt auf die Brust, über den losen Blättern. Da richtet sich Peter in seinem Bett auf und sieht die Schlafende groß an. Besieht sich seine leeren Handflächen, zeigt sie nach außen, dehnt die Hände schmerzhaft weit, bricht aus) : Meine Hände! Meine Hände! Meine Hände sind leer!!! (Frau Mirjams Hände gehen hoch, und sie tut im Traum eine greifende Bewegung vor sich. Alsbald verdunkelt sich die Bühne, zeigt, wie sie heller wird, folgendes Bild) : Das zweite Zwischenspiel Man sieht in eine Straße auf einen freien Platz. Hintergrund bildet die Masse des Domes, der hoch aufragt. Zugänge rechts und links vor dem Dom, als Seitenwege einbiegend zu denken. Rechts seitlich Haus an Haus, zieht sich hin bis in den Vordergrund, wo eine Seitenstraße einmündet; das vorderste ist also ein Eckhaus. Links statt der Häuser eine rote Mauer aus Stein; Baum und Strauchwerk, das überragt, lassen dahinter einen Garten vermuten; nah dem Vordergrund bricht die Mauer plötzlich ab und geht als Gitter weiter, das schließlich nach links schräg umbiegt und so die Scene schließt. Hinter dem Gitter Busch und Baum laubenartig gehegt, Marmorstufen vor einem Marmoraltar, zwei Säulen, frei aufragend, unregelmäßig hoch, mehr wie Überreste früherer Pracht anmutend, geben die Andeutung eines Tempels. Bürgersteige rechts und links, der breite Damm teilt also die Bühne der Länge nach von vorn nach hinten, vor dem Dom erweitert er sich dann, dort auf dem freien Platz sieht man eine Anlage von Bosketts. Vor der Domwand schmaler Pfad (am hinteren Rand der Anlage). Es ist bald vor Mitternacht, die Nacht sternlos, doch in einem fahlen Licht, wie es der Mond hinter Wolken gibt. ( Chor der Straße rechts an der Kante des Bürgersteiges mit den Gesichtern zur Häuserwand in langer Reihe hockend, Männer und Weiber durcheinander, tragen lose, schmutziggraue, oft blauschillernde Gewänder, teils zerrissen, teils besudelt.) Chor der Männer (durch die Nacht) : Wir tappen auf dem Boden, Lust suchen unsre Finger, Um bleiche Glieder Ringer Kopf und unsere Hoden. Chor der Weiber (unbändig im Takt) : Wir huren so natürlich In jedem Arm die Glatze, Lustkegel ungebührlich Rollt hin, rollt her die Tatze. (Hohes Aufkreischend) Chor der Straße (Mann und Weib) : Wir blöden durch die Weltnacht, Gier und Gebrüll zum Schatze, Wir schwärzen unserm Herrgott, Herre Gott, Die holde Vaterfratze! Weib (aus der Masse des Chores sich loslösend, entsetzt gegen die Häuser rechts fliehend) : Trii-i! Helft! Ich brenne! Schier an Leib und Bein! Die alten Lumpen! Verflucht! Seht ihr's nicht? Chor der Männer und Weiber (gaffend) : Huii . . holla . . hau! hau! Die vertrackte Frau! Augen auf, seht sie an! Das brennt, als war's ein Span. Rattertam – – rrr . . Weib: Ich brenn – ich brenn – ich brenne, Bin ich 'ne weiße Kerze ? Ich bitt dich, Liebster – du da – Renne Mir 'nen kühlen Dolch durchs Herze –! (laut jammernd) Ach, alle meine Liebsten kommt! Viele Männer (schattenhaftvorspringend, doch ebenso schnell wieder zurück) : Eins zwei – eins drei – Hopp! Einerlei! Sie brennt verflucht! Sie brennt verrucht! – Hier gilt es Hände aus dem Spiel! Und abwarten! (Setzen sich wieder.) Weib : Trii – – – – – i i!!! Zu Asche – Ach!! (Hohe Flamme steigt drohend auf fällt über der Verbrannten ein, beleckt nur noch den Haufen Ueberbliebenes.) Chor (Männer und Weiber abwechselnd je zwei und zwei Strophen. Männer beginnen) : Es ist aus, – es ist allemal aus. Schade drum, – hätt ich sie doch entrissen –! Weiber : Es ist aus, – es ist allemal aus. Sie hatte von Kind an ein schlechtes Gewissen. Männer : 's wär doch geworden ein Leckerbissen! Hätt ich sie geholt, sie blieb mir apart – Weiber : Es stinkt entsetzlich. Die arme Frau! (heulend) Daß es uns nicht so geht, – solche Todesart!! Tröste mich, Liebster! (Jubel, Umarmungen; treiben ihr Wesen fort.) Eine Menge buntgekleideter Leute kommt von rechts und links hinten, sie begegnen sich in der Mitte und schließen sich zum Zug zusammen, der darauf einige Schritte vorwärts kommt. Etliche tragen Fackeln; zwei den Götzen, wie er später beschrieben wird, an langer, hölzerner Stange vorneweg. Ihrer aller Kleidung setzt sich aus mannigfaltigem Schnitt und Tuch zusammen, alles bunt, oft buntscheckig. Auch sind wohl hier und dort ihre Laster (Freßlust, Trägheit usw.) und ihre Abhängigkeit vom Golde auf ihren Kleidern in Bild oder Allegorie angedeutet oder in ihrer Ausrüstung (Kettenschmuck, Geldtasche usw.) bezeichnet. Viel dicke Leute in der Menge, Wänste und Schmerbäuche, aber auch Magere, eifrig Gierige, Schachernde: buntes Volk. Chor der Bunten : Nun kommen durch die Mitte Draufgängerische Schritte, Ein bunt und frecher Zug, Den Götzen hier! am Bug. Zwei Männer (aus der Menge vortretend, das Bildnis des Götzen weisend) : Sehen Sie sich den Erhabenen gefälligst an! Alle Land und Meere sind ihm untertan. Sie sehen uns, Menschen aus allen Berufen, Die seinen hohen Namen anrufen. Das macht, weil er die Sehnsucht stillt, Von »rotem Golde« überquillt. – Ja, Herz und Leber läßt sich von ihm stillen, Nier und Gier, darum sind wir ihm auch zu Willen. (Treten zurück.) Andere Zwei (treten vor, beginnen) : Meine Herrschaften, greifen Sie nur in Ihre Taschen; Sie werden ihn dort ebenfalls erhaschen, Teils in Lederumhüllung, teils in Börse und Maschen. Wissen Sie auch damit umzugehn? Werden uns auch ohne dies verstehn: (Sie weisen auf den Götzen.) Verhüllte Mannsgestalt, verkappte, knieend! Doch hier unten, zunächst unsichtbar, dem Bauche sich entziehend, Sich drehend, umwindend, aufwärts wachsend,– dort kommt es zum Vorschein – : (Treten zurück.) Andere Zwei (immer rechts und links vom Götzen) : Das ist nämlich sein Gedärm, das kommt dort zum Vorschein. Und nun, nach oben zu sich verjüngend, wie ein Baumstamm, ein Schaft, Gedreht aus Därmen und Fasern, steigt es steil in seiner Kraft –; Doch hier, zu oberst, da sehen Sie es sich verdickend, Und nun wie ein Schlangenmaul klafft's auseinander! Andre Zwei : Einen Schlangenrachen öffnet's, öffnet's drohend nickend, Daraus dreht sich und droht eine Faust: Der Kopf von dem Götzen. Jetzt horchen Sie mit den Ohren alle miteinander Und schauern mit den Augen, sich am Tiefsinn zu letzen – Stimme (seitlich links aus den Kulissen) : Und an der Schärfe der Wahrheit alle trägen Gewissen zu wetzen! Die zwei Ausdeuter (eilig fortfahrend) : Eine Faust, wie gesagt, bildet das Haupt von dem Götzen. Andre Zwei (ungestümer vortretend) : Und aus dieser Faust, aus ihren Schlichen und Ritzen Quillt es von rotem Gold, überquellend bis zu den Fingerspitzen. Das sind sie – die hohen Vermutungen, die unsere Sinne erhitzen; Hohe Vermutungen knüpfen sich all an unsern Götzen. Stimme (von oben) : Das Ende! Das Ende! – Ganzer Zug (rasch und jäh allesamt um einen Schritt vortretend) : An das Ende brauchen wir nicht zu denken, Kann sich jeder sonst gleich in sein Grabloch versenken, Leben gehört nun einmal zu-zu-zu-zu den Danaergeschenken. (Rechte Fäuste erhoben.) Was du hast, hast du! Das ist recht gedacht! Wir präsentieren hier – horcht den Tiefsinn: (Alle Fäuste hoch.) Willen zur Macht! (Sich langsam zurückziehend.) Wenn auch einer mal Pech hat, stürzt und verkracht, Waren's neune, nun sind's eben nur acht. Jeder sei klug und gebe für sich Acht! Das bringt mit sich der – Wille zur Macht! (Sie stehen dicht gedrängt im Hintergrund vor dem Domportal.) Schiefer, schieläugiger Zwerg (aus der Kulisse rechts mit hüpfenden Schritten, sich verbeugend, Narrenholz in der Patsche) : Das ist gar keine Ausdeutung von dem großen Philosophen, S' waren langweilige, anmaßliche Strophen, Hämisch nüchtern; aber doch angewandt. (Wieder sich verbeugend) : Hieran werde die Gefahr verkappter Philosophie erkannt: Denn wenn diese sich verkappen: – von dem großen Philosophen Gibt's den Endspruch; – das ist keine gute Brüderschaft! Aber am Ende prägte jenes Schlagwort gar – Geschwisterkraft? – Ach verzeihn Sie meine anmaßlichen Strophen! (Hüpft lustig in die Höh.) Wenn der Große sich dies in hohes Wort und Ausdeutung verkappte, War's dasselbe, was hier frank und frech am Willen sich entkappte? Einer Wurzel, eines Geists, nur der eine hatte Teufelsglut –? (hochhüpfend) Ich aber – ich – wer deutet wohl mich Tunichtgut? S'ist alles nicht wahr, was ich stotterte und sagte, Und dennoch wahr, tief wahr, was ich schlotterte und wagte; – Ich glaube, ich mache mich davon, man ist über mich in Wut. (Verbeugend ab, springend und hüpfend, wie und von wo er gekommen?) Chor des Götzen : Der Zwerg, der schiefe, jetzt bekannt, Ward »Schiefes Wort« von je benannt. Wir lassen ihn uns nicht vergällen, War Wahrheit doch an manchen Stellen. Jetzt zuckt auf dem Altar links eine Flamme empor; auf den Stufen vor dem Altar und mit dem Rücken gegen ihn gewendet sieht man den Meister sitzen, einem schwermütig Sinnenden ähnlich, den Lorbeerkranz im Haar; im Kreis um ihn knieen seine Jünger. Alle tragen loses, violettes Gewand, das des Meisters ist nur in der Farbe um einen Ton tiefer als der andern, wie auch die Jünger schlichtere Kränze tragen. Während des ganzen Spiels bleibt der Meister stumm. Chor der Jünger : Wißt ihr denn, wer wir sind? Wir träumen uns die Augen blind; Weihrauch-Wogen umschwankt, Dem Tage längst abgedankt; Unsere Lippe lallt Gesang. (Stille. Schwermütige Musik, fortan weiter begleitend.) Chor (zur Hälfte) : Wißt ihr auch, wer wir sind? Des schönen Lebens Kind. Blumen – wir herzen sie, Andere Hälfte : Küsse – verschmerzen wir, – Erste Hälfte : Arme – wir breiten sie, – Zweite Hälfte : Seufzer – geleiten wir Hin mit dem Wind. (Musik stärker.) Zwei aus dem Chor : Wißt ihr auch, wie es wird? Ruhm sei der Mannheit Hirt! Glanz und Macht, Traum und Tod In uns höchstes Gebot! Einmaliges Sein verstört; Doch wir sind nicht betört –: Sterben schön hin. (Musik bricht ab.) Verhüllte Gestalt einer Frau (klagend vor der Gitterpforte) : Traurig ist ihre Schau, Müd löst sich hin ihr Bau, Bittet für sie! Gottes Schöne in Trümmer verkehrt, Unvergängliches vergänglichst beschwert, – Chor in der Höhe: Weh –! Gestalt: Weh! klag ich dies! (Musik hebt wieder an.) Gestalt: Traum von hohem Wort Ach! zu kurzem Sinn! Drang von Hochgefühl Ach! zu Ungewinn! So befangen im irdischen Sein, Sang befangen und ewig allein! Klag ich drum! (Musik stärker.) Gestalt: Weh! Bittet für sie! Noch die Liebe, einzig sie löst sie los, Führt zurück, heimlichst, in Gottes Schoß –; (umgewandt zu den Jüngern.) Rettet euch! Rettet euch darein! Allebendiger Trieb, göttlich rein, Mystisch dankbar Geste und Sein – Die Liebe – Bittet um sie! (Musik in tiefer Kraft, flehentlich aufwärts, bricht ab. Die Gestalt verschwindet. Die Flamme auf dem Altar brennt fort.) ( Drei graubärtige Alte, sämtlich hochgewachsen, mit grauleinenem Gewand bekleidet, kommen durch die Mitte.) Im Chor: Wer kennt uns nun, Weiß, wie wir tun? Wir tun in Kraft Geistmeisterschaft Lediglich kund. Der Alte in der Mitte (der Älteste, ein wenig minder groß als Rechts und Links) : Ich, Haupt vom Bund; Mein Weg geht geistig Durch die Natur; Schwenk ich und ahn ich Jenseitige Spur, Raff ich als Bildnis Leibliches nur: Darf ich zum Ende Müh alles Ringens Kosten im Ausruhn Besseren Bildes, Ewigen Bildes Anfang und O. Alter links: Schon tiefer schmerz-entzweit Ich, wage Vergänglichkeit, Drangsal und Müh Nichts abzugewinnen; Nutzlos Beginnen Späte und früh! Ach, unbändiges Gedränge Zu des Todes holder Enge, Ach, unbändiges Gezwäng Meines Geistes im Gedräng! Stößt er kopf-vor an die Mauer Von Vernichtung, Tod und Trauer, Schmerzlich hofft er, sie zu sprengen, Frei ins Weite aus dem Engen, Frei in solche Brüderschaft, Wie hier träumte Todeskraft! Alter rechts: Weißt du denn, wer du bist, Weißt du denn, ob du bist; Was ist, wenn dir des Schmerz' Geier am Leben frißt? Weißt du denn, wo du bist, Weißt du denn, ob du wo? Du weißt nicht, ob und wie; – Stellst du dich einmal so, Wirst auch Im ewig Vagen froh. Links: Ich weiß nicht, wer ich bin, Doch weiß ich, daß und wo, Indem ich dieses weiß Werd ich nimmermehr froh! Rechts: Wirf alles von dir fort, Das Ja und auch das Nein, So glückt es dir gewiß, Die Wahrheit und den Schein, So bist des sicher! Links: Was Wahrheit, was Schein? Alles Wahrheit, nichts Schein? Alles Schein, wo die Wahrheit? Mir wird nur immer säuerlicher, Kann mich nicht missen Und Klarheit! Klarheit! (Unterdessen ist Schiefes Wort aus der Kulisse rechts gesprungen, trug ein dünnes, aufgerolltes Seil, hat es an den Fuß des Alten rechts geknüpft und während des Dialogs hurtig die drei vom Fuß bis zum Rumpf darin eingesponnen, nur der Kopf blieb frei. Schiefes Wort hüpft wieder hin, wo er gekommen.) Chor der Gelddiener : Seht das Schiefe Wort an! Hahahahahaha! Was der Kleine nicht alles kann! Selbst so alten Philosophen, Hochbejahrten, Schabernack Tut er an! Hahaha! Zwick und Zwack! Chor der Drei : Nun kommen die kleineren Brüder hier im Rinnstein gefahren, Wir aber wandeln frei, (machen mühselige Bewegungen, die Arme zu lösen) Ur-Häupter jener Scharen, Wir atmen reinere Luft, Wir blicken himmelan; Ein jeder frei für sich, So dünkt uns, – doch gebunden Freundlich durch Sympathie. – Nachdem wir offenbart, Was wir die Stunden lang Mühselig aufgespart, Ziehen wir uns zurück, – Wünschen euch nur Nacheiferung und Glück! (Langsam rückwärts weichend, nehmen ihren Platz nahe der Mauer links.) Schiefes Wort (hervorhüpfend) ; Ich bin nicht Sympathie, Ich heiße Schiefes Wort, Umband die Ärmsten fest Zu Unsinn und – zu Wort. 's sind redliche Kerle, Unredlich das Werk; Folgt ihnen nicht nach! Rät euch ein armer Zwerg. (Ab.) (Menschen, auf dem Rücken liegend, kommen rechts und links hastig durch die Gosse geschwommen, man sieht, wie sie die Arme in die Höhe recken.) Im Chor : Wir recken Arme Rücklings in Lage; Her mit der Wage Unserer Tage, Pfund und Lot! Chor rechts : Weg mit dem Harme! Unsere Finger, Greift! greift die Sterne! Schwer ist die Ferne, – Mühsame Dinger; – Doch wir tun's gerne. Gesamt-Chor: Im Rinnstein zu Paaren Unsere Scharen Links: Bald heiser krächzend, Bald Schrei, bald lechzend Kommen gefahren. (Es kommen immer wieder Neue geschwommen, die Ersten verschwinden vorne.) Einzelstimmen (abwechselnd mit dem Gesamtchor) : Nirgends gehemmt, Weiter geschwemmt. – Bald bittres Beizen, Bald tödlich Geizen, – Bald heimlich Lügen, Kleinlich Betrügen –: Von Ort zu Ort, Immer so fort. (Halten stille, wie sie stehen!) (Ein Sturmstoß heult langgezogen aus der Ferne her, zugleich erscheint an der Fassade des Domes auf einem Gange, der rings um den Turm läuft (halbe Höhe), eine schwarzverhüllte, der Stimme nach männliche Gestalt, die Arme flehend und ängstlich zugleich ausbreitend.) Die Gestalt um den Turm (Peter) : Ach, wer hilft mir aus! Fest, so fest das Haus! Wer –? Chor der Straße (Männer) : Welch ein Zug, welch ein Sturm! Weiber: Hu – Wie's uns anfaßt! Schauerlich! – Chor der Jünger: Bleich und schwarz Gespenst, Du Irrendes um Turm, Was willst du –? Chor der Geldmenschen (Mitte) : Was ihr sagt, ist nur Trug, Taschenspiel, dummer Spuk! (Neuer Sturmstoß, heftiger.) Gestalt um Turm (mit Armen ängstlich schlagend, hin und her, auf und ab) : Wer hilft aus!? Lebelang Brach ich nicht Mau'r und Haus. Ich Ärmster! Wer –?! Chor im Rinnstein (gesamt) : Horcht! horcht! horcht! Schauerliche Töne Ringsum. Chor der Straße (unter dem Winde sich duckend, abwechselnd Mann und Weib) : Ohhh – Es pfeift erbärmlich, Schauert und friert –! Es saust und wiehert, – Unsere Kleider sind nur ärmlich! Gesamt-Chor: Weh uns! Friert!! Chor der Jünger : Wie ein Vogel das Flügelpaar ängstlich schlägt, Auf- und abwärts Wind und Schwäche ihn trägt, So hier – der rätselhafte Mann! Schaut ihn, schaut ihn an! Chor der Straße (gesamt) : Friert –!! Chor der Mitte (hat sich jäh umgewandt, sieht nach dem Turm) : Wahrhaftig, wir sehen's auch, 's ist nicht bloß Hirngespinst, – ist's Traum aus dem Bauch? Ach was! Hin und her! Kümmer mich nicht drum! Alles längst dagewesen: albern und dumm! Stumpfer, kläglicher Spuk – Was ist's? Stelz- und Lakentrug! Quatsch! Hahaha! (Stehen doch immer betrachtend.) Philosophen (im Rinnstein) : Merkwürdig. – Horch! Schauerliche Kunde! Wer errät's!? Ältester Philosoph (aus dem Chor der drei Alten) : Nächtlich Volk! Angst und Schauer geht um! Seht nur! Die zwei Andern : Wir sehn, – O wir sehen – Chor der Straße (unter dem wilden Anhieb des Sturms sich duckend) : Friert –! Weh – (Die Mitternachtsglocke auf dem Turm tut den ersten Schlag.) Chor der Mitte (hinaufschauend) : Mitternacht! Das war der erste Glockenschlag! Halloh! Chor der Jünger (von ihren Sitzen sich erhebend, näher zum Altar tretend) : Mitternacht! Welch tief verschwiegne, Wundersame Pracht! Chor der Mitte (hat sich wieder umgewandt, blickt also nach vom in die Zuschauer) : Mitternacht! – Wir um den Erdeball Menschen – Wir im – Weltenall –: Was kommt uns an? (Sturmstoß, rasend über die Szene.) Chor der Mitte (kurz und scharf) : Hallo! Chor der Straße (entsetzt) : Hui – iiii..iii (So auch öfter während des folgenden.) Weh – Chor im Rinnstein : Sssss – sss – horcht! (So auch öfter während des folgenden.) (Die Glocke tut den zweiten Schlag.) Chor der Mitte : Hallo!! (Einzeln, später zusammen:) Es kommt! Es kommt! O hui, es kommt! Was kommt? Was kommt? O hui, es kommt! Ein Vogel kommt Mit schwarzen Schwingen, Mit großen Schwingen O weh – wie groß! Zum Kampf! Zum Kampf! Schlägt in die Brust, In meine Brust – in meine Brust – Die Krallen! Krallen! Ho, zum Kampf! Nicht weichen! Nicht!! Hände her! Steht zusammen! Holla! Holla! Land! Nicht sinken, nicht! – Hilf, Bruder Elephant! (Straßenchor und Chor der Philosophen im Rinnstein wie oben.) (Die Glocke tut den dritten Schlag.) Chor der Mitte (mit den Händen scheuchend) : Seh – schsch – – schsch – Fliege fort! «Woher kommst du wohl –? Was singst du uns von fremdem Ort –? Nimmermehr! Chor der Jünger : Wir um den Erdeball Seltsam und Menschen, Wir zwischen Ewigkeit – Chor der Mitte (dem Chor der Jünger entgegenschreiend) : Hört auf! Nimmer Unsterblichkeit! Niemals! Nein! Ich will , es soll nicht sein! Ich! Ältester Philosoph : Arme Wichte! (Chor der Straße und des Rinnsteins wie oben.) (Die Glocke tut den vierten Schlag.) Chor der Mitte : Wo ist der Alte hin? Der um den Turm? War seine Rede nicht Versteckter Sinn –? (Rings vor sich blickend, mit Rücken gegen den Turm.) Wo? – Schlagt ihn tot! (Die Glocke tut den fünften Schlag.) Chor der Straße (mit Kichern beginnend) : Kcchch – hihihi – (Chor der Mitte nimmt's dröhnend auf.) Chor der Straße : Ein Blödsinn wie nie – Chor der Mitte : Ein Blödsinn wie nie – Rinnstein (gleichfalls kichernd) : Blödsinn wie nie – Chor der Mitte, der Straße, des Rinnsteins (wogend hin und her) : Lacht! Lacht! Lacht! Lacht! Chor der Mitte : Lacht mit frechen Fratzen, Bis die Adern platzen! Alle (außer den Jüngern und den drei Alten) : Lacht!! (Die Glocke tut den sechsten Schlag.) (Schiefes Wort kommt mit einer Fackel gelaufen, stößt sie hier und dort in den Rinnstein, zwischen die Lagernden?) Chor der Philosophen (im Rinnstein) : Ai! Ai! Ai! Was soll das heißen! Ai! (Kleine Flämmchen züngeln hier und dort aus der Gosse. Schiefes Wort stürmt und hüpft schweigsam mit der Fackel, woher er gekommen?) Chor der Mitte (hin und her) : Nicht wahr? – Nicht wahr? – Der Vogel war vom – alten Gott. Gott ist tot! Gott ist tot! Chor der Straße (aufkreischend) : Herre Gott! Philosophen im Rinnstein (ebenso) : Gott! Chor der Drei (seltsam lächelnd, seltsam gehoben) : Gott –? Chor der Mitte (Fäuste erhoben) : Erschlagen! Erschlagen! Meine Faust hat ihn erschlagen! (Hin und her.) Ha ho – Ha ho! Ho ha – Ha ho! Weib (rechts aufstehend, zur Mitte gewendet, kreischend) : Was vom alten Gott?! Ha! ha! Wir trugen Ja seinen Balg in den Kot! Mitte (dröhnend) : In den Kot! – Ha! – Rinnstein : Kot! Mitte (alle zusammen, mit hochgereckter Faust) : Meine Faust hat ihn erschlagen! (Die Glocke tut den siebenten Schlag.) Chor der Mitte : Horcht! Horcht! Wieder wie ein Schwingen Vom Vogel, heulend Singen – Horcht! o horcht! Chor der schönen Jünger: Schon schlug der siebte Schlag, Die Hälfte schon vorüber, – Unaufhaltsam Rollt's hin. – Wach, nur der Flamme wach! (Bedienen die Flamme, schüren sie, neigen sich vor ihr.) (Fürchterlicher Sturm.) (Die Glocke tut den achten Schlag.) Chor der Straße: O huiii – iii – Weiber: Wind entführt Unsere Tücher und Lappen! – Männer: Nun seid ihr nackt, – Braucht nichts zu verkappen! Ha! Alle (vom Straßenchor) : O huiii – – – – ii (Sturm um Sturm.) Chor der Mitte (teilweise) : Ssss .. sss – ssss – s – Hört nicht hin! 's verkehrt den Sinn, bringt kein'n Gewinn! Andere aus der Mitte: Es sprach vom Leben: Wer hat's ausgegossen, Wer hat's gegeben? O weh! Wenige (hastig furchtsam) : Schufst du das Leben, Fragte es? Schufst du's? Hast es selber dir gegeben? Ja! ja! ja! es fragte! Überzahl (stets nur aus dem Chor der Mitte) : Dummer Schnack!! Mord und Tod, Hunger und Gei'r Sind uns Vater und Gebot. Was weiter? Heißa! (Die Glocke tut den neunten Schlag.) Philosophen (im Rinnstein) : Sss .. sss . ss Hört nicht hin! Mitte (teilweise) : Hört nicht hin! Augen zu! Ohren zu! Fester Sinn! Sei es! (Es wetterleuchtet mächtig, streifenweis über den Himmel.) Wetterleuchten gar! Schrecklich! Verkriecht euch ganz und gar! Trotz und tapfere Rettung! Sei es! Chor der Jünger: Blitze blind, Blitze sehnsüchtig hellen Im Augenblick Ferne und Himmel –: Leuchtend Wetter zieht auf. Teilt Nacht zu Helle und Finsternis, nur schrecklich überwältigt. Kommt nun die Nacht, kommt der Fall, Sturz und seliger mitten ins All –? Ohne Wunsch, ohne Weg, ohne Ich – ? – Auf! Bereite ich mich! (Bedienen nur eifriger die Flamme.) (Die Glocke schlägt den zehnten Schlag.) Gestalt auf dem Turm (ängstlich hin- und herflatternd) : Es naht! Naht es! (Unterirdisches Erdbeben, noch gedämpft.) Alle: Weh – Mitte (ängstlich wimmelnd durcheinander) : He He He Heeeh! O Jammer! We Wee! Wer hilft! Hilft! Hilfe, hilft? Philosophen (im Rinnstein, da auch die Flammen mählich höher treiben) : Helft! Hilfe! Ältester Philosoph (nicht bittend, aber halb fragend, halb gewiß) : Hilfe – Weibsbild, vorne rechts (jammernd) : Erzähl wer ein Märchen! Chor der Mitte (halb unbewußt, steht) : Märchen – (Links aus dem Rinnstein reckt ein Philosoph sein mageres Haupt heraus) : Philosoph: Es war eine Spinne, Riesengroß, die saugt uns jetzt aus; Hat sie sich satt getrunken, Kriecht sie in Teufels Haus – (Verschwindet in der Rinne.) Anderer Philosoph (hinter dem Vorigen sich erhebend) : Und speit dort ganz gemächlich Uns elend wieder aus! (Er sinkt zurück.) (Die Glocke tut den elften Schlag.) (Die Gestalt auf dem Turm verschwindet lautlos.) Chor der Mitte (durcheinander) : Anderes Märchen, rasch, rasch, schnell, schnell!!! Chor der Straße (durcheinander) : Schönes Märchen! Geiles Märchen! ha ja! Alle aus dem Straßenchor: Ha ja!! Fetter Mensch (aus der Schar der Mitte eilig in den Vordergrund springend) : Ich weiß – ich weiß ein Märchen, Da geht es tüchtig drauf! ( Verstottert sich und schnappt ängstlich Luft.) Chor der Mitte und der Straße (durcheinander) : Weiter! Weiter! Mach zu, Kerl! Schlagt ihn! (Dringen vor.) Philosophen (im Rinnstein) : Die Flamme! Weh! Wir brennen! Fetter Mensch (lüstern) : Ein allerliebstes Pärchen, – Da ging es tüchtig drauf! – Jiih – Die drei Chöre (zusammen) : Jiih – Fetter (wimmernd geil) : Ein Weib! – Ein Weib! – Gebt her! Die drei Chöre (der Mitte, der Straße, des Rinnsteins; in wild sinnlichem Aufschrei) : Ein Weib! – Ein Weib! – Ein Weib!! Die Weiber kreischen und umarmen die Männer, die Philosophen im Rinnstein haschen mit den Händen auf, die Mitte drängt und stößt, zügelloser Augenblick von Wollust vor dem Untergang. Nun tut die Glocke den zwölften Schlag. Der tolle Lärm bricht miteins zu kurzem Wimmern ab, das sich dann in Stöhnen verkehrt. Auch der Meister steht jetzt auf, und alle Jünger stehen starr. Der tiefe Ton einer Tube setzt in der Ferne an und schüttert langgezogen über die Szene. Ein allgemeiner, wilder und kurzer Aufschrei ist die Antwort. Der Ton kommt zum zweitenmal. (Aus der Rinne der Gosse rechts wächst zwischen Flamme und Rauch ein zottiges Haupt auf, das des Verkünders, sein Gesicht ist schmerzentstellt und zerrissen, bei allem dennoch Weisheit-überschattet. Wie er sich bis zu den Knieen aufgehoben hat, beginnt er zu reden): Der Verkünder: Mein Mund, o Volk, muß sagen, Was mein Auge schaut, Kommt an in unsern Tagen, Wovor mir schlotternd graut. Horch oh! es kommt geflogen, Stachel um Stachel, Heer um Heer, Uns auf das Haupt gebogen, Schlägt uns die Kappe eisern schwer. (Ein Wimmern geht durch die Reihen.) Schlachtjungfraun mit den Lanzen Und Schlangen in dem Haar Drehen uns das Herz um, Durchbohren's Paar für Paar. Von Aufgang Verderben und Todnacht, Mit Flügeln schrecklich Gerassel: Eine Schar eiserner Bremsen Senkt den Stachel, wo unsere Not lacht Weh, wider Gott!!! (Er schluchzt auf.) (Die Versammlung reglos.) Von Riesen ein wild Gesindel Trappt und rast mit schnellen Bös bereiten Hufen, Haucht Pest auf wunde Stellen. Die Wunden, Überwunden, Die Schmach-Blutenden wir, Gesunken dann gefunden Unterm Höllen-Panier. Dann lösen sich die Seelen Satanas zu Raub, – Wird der Leib zu Staub, Lebendiges muß sich quälen. Ach! weh! da muß ich schweigen, Laßt euch geduldig köpfen! Ihr! Weh! – (Fällt hin.) Es wird euch zeitig schröpfen – Ihr – Ewigkeiten eigen! (Verstummt?) (Wieder die Tube.) Nun stürzen sie alle (Chor der Straße, des Geldes, derer im Rinnstein) nieder und winden sich wie im Krampf am Boden hin und schlagen rechts und links um sich, heulen und schauern, nacheinander, Mann und Weib, der Reihe durch das Folgende: (Einzeln.) Es knickt das Bein, Knickt durch der Rumpf. Es reißt, es eitert Fuß und Stumpf. Es sticht, es zückt Durch Wirbel, durch Mark. Das Haupt verrückt, Die Zung beißt Arg. Die Wirbel drehen Sich kreischend um. Von Kopf zu Zehen Schlägt es mich stumm. Der Kiefer wiehert, Es reißt das Band. Ein Mann : Der Lumpen friert; 's ist Tand, Mensch, Tand! Der Klumpen .... eccchh Ein Weib : Die Wollust drängt sich Hei! in den Tod! Ein ander Weib : Zwängt sich drein schamlos Gevatter Tod. Gesamtchor (wirr hin und her, in Schreckens-Bewegung) : Wrrrr-Wirbel herum! Kopf herum, Augen herum! Hier und dort! Krach! ist er fort. – Hals kreischt in den Angeln, – Zungen zu Triangeln – A-aha! Wahnsinn! Pest! Tod! Inspirati (die Angehauchten) : (Wieder einzeln.) Es fährt mich an ein fauler Geist, Ein Feuer haucht an, ein Schrecken beißt. Bläst mich ein schlimmer Wind ins Tiefe, Mir ist, als ob bislang ich schliefe! In Sturm meine Wirbel gedreht, Höllscher Turm, der bebend besteht – Um die flammende Stadt Flieg ich um, werd nicht matt! Ich um knirschende Stadt! Winde ich mich im Sarge, Er faßt mich doch, der Arge! Durch die Luft – hui! Spaltet an Leib und Gruft! Ein Weib : Hui, in strammen Krallen! Ich krau dich, Satan, sollst mir gefallen – Anderes Weib (ergänzt den Spruch der ersten) : Doch laß mich auch fallen! Weib : O, ich Ärmste von allen! Weib : Noch so ein Stoß, Nackt und bloß Ringt sich Leib-Geist Zu Satan los. Alle (dumpf hingezogen im Schrei) : Satan! Satan Vater! (Abermals.) Lipp und Herz Berater! Straßenchor : Satan, mußt auch schwärzen Lippen und Herzen! Chor der Philosophen : Wir! Wir! Fordern auch unsern Teil, Treiben gern Kurzweil! Chor des Geldes : Satan Vater, – unser Recht!! Unisono : Nimmer hin, belohn recht – Dein Geschlecht! Großer Donnerschlag. Erdebeben. Schleier fällt herab und deckt sich über die drei Philosophen, die sich während der Heimsuchung stille hielten. Glühende Wolke, schwefelfarben, deckt dennoch mit Liebe Meister und Jünger des Bundes. Dann spaltet sich die Erde mit großem Schlag längs des Dammes sowohl rechts wie links, und Feuer schlägt mächtig hochauf durch den Riß; dann folgt tiefe Verfinsterung einem großen Blitz. Wie die Bühne sich wieder bis zur Sichtbarkeit erhellt, sieht man Häuser und Mauer verschwunden, Hügel sind aufgestiegen. Die drei Philosophen und der Bund der traurigen Sänger sind hinweggenommen. Vor die untere Hälfte des Domes hat sich ein Felsentor geschoben; von den bunten Anlagen keine Spur. Das Felsentor fällt in Hängen rechts und links dem Boden zu. Im Grund, der zwischen dem Erdentstiegenen freibleibt, die schlimm verkrümmten Leichen der Geldmenschen, die flamme-geschwärzten des Philosophen-Chors, die verstümmelten der Straße. Eine bange Stille. Da dringt ein Licht von links aus dem Hintergrund, weiß und blendend näher und näher, und ein Mann, gekleidet in weißes Leinen, kommt in dem Licht gezogen, hinter ihm eine Schar von Dienern, gekleidet in schlichtes, weites Arbeitsgewand, Spaten in den Händen. Guntwar , man erkennt in ihm den Führer, auf dem Felsentor, niederblickend in das Grab; die Schar der Dienenden dicht hinter ihm. Guntwar (schlägt über sich das Zeichen des Kreuzes, die Dienenden tun es ihm nach) : Die Kleider wusch ich in barmherziger Welle, Von Welt zu Welt unsagbar, ewig wogend, Mir rein. In alles Heiles heiliger Flut. – Der Schmerz des Einen, der Schmerz Christi Hat solche Flut gegossen um die Sterne, Bespült sie alle, alle verbindet sie; Wer in sie taucht, ward wahrhaft all-gemein. Guntwar! Du selbst, es wartet dein ein Amt. Vollzieh es treulich, nichts versäume, – treu! (Tritt ein wenig vor.) Sie liegen hingerichtet, ihre Stirnen Sind leer und ausgegossen und beraubt Des Glanzes, und es fehlt das Zeichen T, Das Merkmal ist der ewigen Erwählung. – Ezechiel (Hesekiel) IX. Vom Gericht noch der Schrei steigt hier über der Luft, O schaudervolle Gruft! Alle gräßlich gemengt, Verkrümmt und inander gezwängt, Umgewunden und gehenkt. Schauriges Gericht! Doch Trauer ist jetzt fehl, Mitleid gilt hier nicht; Ander Befohlenes harrt, sich zu erfüllen: (Zu den Dienern.) Was offenbar verstohlen liegt, eilt! es zu verhüllen. Hügel, tragt sie ab, Schaufelt das Grab Glatt! Diener mein! (Chor der schlicht Gekleideten geht stumm und eifrig an die Arbeit, sie tragen rechts und links mit ihren Spaten die Erde ab, indem sie die Tiefe füllend) Guntwar: Lebendige Schollen, heilsam streben sie hin, Versunkenes zu decken, neu zum Leben; Die Erde tut aus tiefem Sinn Mühlos sich von der Stelle heben. Sie will das Grab, sie will den Sarg, Neu-Wurzel will sie, verschwendrisch karg. – Schaufelt fort! (Stille. Lautlos tun sie den hüllenden Dienst.) Guntwar: Ein Bild drängt sich in mein Gesicht: Stark und licht Steht es hier, Hell und strack überm Gericht! Auf diesen Gräbern gräßlich schwer Von Sünden-Mal, – Der einzige Strahl – Steht der Heils-Strahl, Leuchtet drüber her. Chor der Dienenden (tritt zu Guntwar) : Guntwar, die Arbeit ist getan. Der Boden glatt, sieh es dir an! Guntwar: Habt Dank! (Sie gehen schweigend nach beiden Seiten ab.) Guntwar (nach einer Stille) : Lebendige Worte, kommt! O könnt ich eure Angesichter, Von überirdischer Glut Entflammte Angesichter, schauen lassen! Es kann nicht sein. Glut ist Geist Aus dem Geist, Schaut das Auge nicht. (Stille, dann niederwärts.) Grab du und Gericht! Hast wie lebendige Sprache! Und sprichst doch nicht. Aber ja! Die Verdammten reden von Heil Je und je. Und von Irrweg; die Bahn wird steil Vor uns, geht himmelwärts. – Pocht hier nicht jedes Herz Vor dem Qual- und Siechen-Mysterium ? Verkrüppelt klafft's schauerlich stumm. (Niederweisend.) Ihr Geist wandte sich um; Freiheit ursprünglich von Anbeginn Geistig ausgegossen zu Geiste hin, Freiheit ursprünglich alles Guten In satanischen Gluten Verkehrten diese. Es kam der Riese, Hauchte sie an, – Hat so an ihnen getan Als an seinen Geschöpfen. Ev. St. Joh. VIII, 44. Doch ursprünglich frei – Gewißlich! Weh! Weh faßt mich an! Geht dieses uns vorbei, Wie geht es uns vorbei? Dürfen wir noch Atem schöpfen? (Kurze Stille.) Nimmermehr Weh! Ich seh! Ich seh! Ich seh! Schriftzeichen geistlebendige Und geistig unabwendige Lese ich über hier in Lüften Deutlich! Werden Milliarden zu Grüften Hinsinken, da Millionen gesunken? Nimmermehr! Gewißlich! Des Leides ist genug getrunken. Haben wir doch gelernt An diesen allen, schwarz besternt Von Sünde! Oh welche Gründe Sind hier durchkreuzt! Doch es greifen unsere Arme im Nu Höchst Lebendigem wieder zu; Und es steht auch schon der Strahl Ewig neu über totem Mal Heilsam durchkreuzt. Es drängt, es wimmelt in ihn hinein, Gestalten, Leiber, hingegeben im Schein, Mit Armen unendlich sehnsüchtigen, Gebaren heilsam tüchtigem, Reicher an Leiden der Vorfahren viel; Eins ist das Ziel! Sind nun Leiber, zu Gott reifer, Sind nun Seelen, stammelnder zu Gott – O der licht-heilige Eifer! Neu Geschlecht drängt hin zu Gott! Singt sein hohes, Singt sein Lied Um dies Grab, Wie's sich sieht. (Guntwar steigt hinab, tritt auf die neue Erde des Grabes, kommt in den Vordergrund. Elisabeth erscheint zwischen den Felsen und sieht mit Hingebung zu Guntwar.) Guntwar: Denn nochmals zeigt dies Grab sein Gesicht: Ein neu Geschlecht, Mann und Weib Vor Gotte bang und recht. Fröhlich wenden sie die Erde mit Händen, Ernstlich wollen sie die Seele vollenden. Schau ich auch eine Nachkommenschaft An Lichtem reich, vor Gott in Kraft; Ihr Herz allsamt hält Gott in Haft. Rein innig geht es zu, Übt man voll Tugend Ritterschaft Nahe der leis und starken Kraft. Halleluja! Halleluja! Nun zieht hin, zögert nicht, die Schläfe zu umwinden, Im Sang, im Dank in euch das Heil zu finden! Kommt auch die Stunde der Wunden, Werdet ihr nur tiefer gesunden. Wie der Herr, der Tugendliche, Ach, der Ew'ge, Jugendliche, Schritte euch hat vorgetan, Zögert nicht, sie nachzutun! Ich höre Posaunen voll großer Fröhlichkeit, Ich sehe um schmerzliche Lippen verhangne Seligkeit; Ein großes Jauchzen bricht Brusterschütternd der Hülle auf, – Bricht den Leib, ringt sich hinauf! Ich muß schweigen. Werdet Männer! In Liebe stark. Werdet Güter Am Heile reich! Werdet Hüter Der Seele euch! Wache Hüter Am Grabe euch! Halleluja! (Augenblickliche Verdunkelung der Bühne; wie sie wieder hell wird, sieht man noch Frau Mirjam die Arme greifend heben; läßt sie sinken, erwacht.)   Frau Mirjam: Guntwar, dein Gesicht! O mein Traum! So wird es, so kommt es! Leibhaftig werd ich's sehn! Leibhaftig ich beisein! Und segnen! Und segnen! Gottes Glück, mein Sohn Guntwar! Gottes heiliger Beruf! (Breitet von neuem die Arme. Da beginnt Peter schlafend im Traum zu reden, Frau Mirjam horcht auf. Zugleich zeigt sich zu Häupten des Bettes auf rechter Seite, also nahe dem Herzen Peters, eine Engelserscheinung, sein Schutzengel. Der Engel spricht sanft über Peter geneigt die Antwort. Frau Mirjam steht schon nach Peters ersten Worten von ihrem Sitz auf und geht leise rechts zur Wand, hier steht sie und lauscht dem Zwiegespräch mit weit zurückgelehntem Haupt, aber geschlossenen Augen.) Peter: Um Turm ... ringsum ... um Turm ... Hinab, hinauf – weh! Sein Schutzengel : Peter! Liebster mein! Ach, hör mich nun! Komm! Dich ruft dein besser Teil, ruf ich – Peter! Peter: Wer? Wer ruft!? Ach, bist es du? Tat ich dir was zu Leid? – Nur rufe nicht! Ach, Ruh, wer gibt die? Sein Schutzengel : Du dir selbst. Peter: Wieder du. Und deine Stimme ist milde. Fort! Kenne dich! Sein Schutzengel : Ja, Milde tritt dir nah. Peter! Sieh, wie sich's breitet ... ringsum ...: Hügel und Land, ach, und Wind in der Sonne! Grün alles, grün! Mild alles, mild! Und du willst zögern? Peter: Das Land, was ich träumte ... Gottes Milde ... Gottes Licht. Gottes Wunder! Weh! Sein Schutzengel : Warum folgst du mir nicht? Peter: Mir ist, ich bin fest. Meinen Mauern zu Lieb. Ringsum fest. Haltet, – ihr! Sein Schutzengel : Gebundener, nein! Sieh, ich tret dir heran, (noch näher) Peter! Zerreiß die Fessel, die Mauer brich, ach lebelang dein Drangsal! Nun stürz dich frisch, stürze dich, Peter; ich bin es, ich rufe! Peter: Mir ist, ich könnte nicht! Willen hab ich schon. Als reicht er nicht hin. Sein Schutzengel: Tust du's, siehst du Guntwar neu. Tust du's, du Mirjam. Peter: Mirjam, ach! Ihr Herz ist mir entrissen. Ich will sie nicht neu. Die Alte – die Einzige! Sie – nur sie, und in aller Welt sonst nichts! (Frau Mirjam zuckt und stöhnt?) Sein Schutzengel: Dein Gott! Peter: Ach! Was soll ich da vor dem? Ich bin zu niedrig! Er ist zu hoch. Ihn über alles lieben – nein! Was bin ich denn? Wer vermag's? Ich nicht. Ich bin klein. Ich will demütig sein. Mich nicht brüsten, ich liebte ihn. Über alles, und wer vermag's? Sein Schutzengel: Du hast zu wählen, Peter. Peter: Ich will Mirjam wieder. Sein Schutzengel: Dein Gott? Peter: Mirjam! Mirjam! Sein Schutzengel: Dein Gott? Peter: Gott ist zu hoch, daß ich ihm Treue halten könnte. Liebe in allem. Liebe über alles. Sein Schutzengel: Du hast gewählt. Ich will dich immerfort segnen. Weh, Peter! Gott führ es gut! (Tritt zurück und verschwindet. Peter erwacht. Frau Mirjam kommt zu sich.) Peter: Mirjam! Frau Mirjam (tritt zu ihm, beugt sich über) : Ja, Peter – Peter (halb im Bett aufgerichtet) : Hör, Mirjam, ich hatte einen Traum, – einen großen, tiefen – ja. Frau Mirjam: Was träumtest du denn? Peter: Oh, er war tief! Aber es geht mir, wie es dir einmal gegangen ist (Frau Mirjam nickt.) : du hattest die Worte vergessen, den Sinn hattest du behalten. Frau Mirjam: Welches ist hier der Sinn, Peter? Peter: Der Sinn? (Stille.) Worte weiß ich keines mehr. Der Sinn – ach, Mirjam, – (lehnt sich zurück in die Kissen, schluchzt auf) daß ich bei dir bleibe in Liebe und Treue. (Herzzerreißend aufschreiend.) Ach, wie ich's mußte von Anfang an! Frau Mirjam: Peter – Peter, bedenk dich wohl – das Himmlische – Peter: Sprich nicht von Ihm! Ich weiß, was ich bin. Ein Winziges vor Ihm. Frau Mirjam: So werde groß!! Peter (sieht erstaunt zu ihr) : Mirjam, vermagst du das wohl? Ich nicht. Wer vermag's? (Stille.) Ach ja! ja! du vermagst es ja! Vermiß dich nur nicht! Frau Mirjam: In Gott mich lieben ... neu ... nicht als den einen Besitz ... lieben aus großer, himmlischer Fülle ... das könntest du nicht? Ach, Peter! Peter: Du ... ja, du? Du Gesegnete! Du kannst ja auch fliegen. Ich muß an der Erde bleiben. Vor dir in Treue. – Rede mir nicht! Ich denk, es ist Treue. Aber ihr nennt's: an der Erde. Das begreif ich nicht. Ihr habt mich ganz und gar bestürmt. Aber ich weiß dir auch von Gott zu sagen: solche Treue läßt er nicht unbelohnt. Siehst du, das ist mein Gott, meine Hoffnung! Frau Mirjam (umschlingt und küßt ihn) : Ja, Lieber! Ja, mein Treuster! Hoffe nur! Ach, es wird wohl doch gut. Wie du so hoffst. Peter: Hilf mir es gut werden! Du sollst dein Glück schon haben. Aber ich – – Wir reisen nun ab von hier, Mirjam. Nach der Stadt. Frau Mirjam: So, – Peter? Peter: Meine Arbeit ist jetzt dort. Ich will viel Arbeit. Dort gibt es große Arbeit. Du weißt. Frau Mirjam: Wie du willst. Ich will treu bei dir sein, Peter. Peter (tonlos, vor sich) : Dein Glück sollst du schon haben. – Ich muß Guntwar vergessen. Frau Mirjam: Ach, Peter, willst du denn das –? Nun wirklich? Ist dies deine Wahl? Peter: Dir soll er nicht genommen werden. Ende des dritten Aufzugs. Der vierte Aufzug Ein Eßzimmer, ziemlich schmal. In der Mitte der Hinterwand Vorhang in einem Türrahmen, als Eingang in ein anstoßendes Gemach. Fenster rechts, hoch, breit, weiße Vorhänge. Ein Büfett, hoch, doch schmal, am rechten Teil der Hinterwand. Tür vorn links. Ein Kachelofen an der Seitenwand links. Tisch in der Mitte, rund. Teppich grau, matt durchwirkt. Drei Stühle um Tisch. Links vom Vorhang der Mitte Anrichtetisch; die Wand dort decken Ölbilder, freundlich hell. Meist Meerlandschaften. Ein dunkles Ölbild, hoch in schmalem Rahmen, links neben dem Büfett. Vorhang grau, Übergardinen gleichfalls graues Tuch. Peter und Frau Mirjam beim Morgenfrühstück. Peter sitzt rechts am Tisch, hinter dem Tisch Frau Mirjam. Schale weißer Narzissen links auf dem Tisch. – Morgensonne. Die Szene ist in der Stadt.   Peter. Frau Mirjam. Peter: Was schreibt nun Guntwar? Frau Mirjam: Wir müssen es besprechen, Peter. Guntwar kommt auf eine Woche nach hier. Elisabeth wird ihn nicht begleiten, du weißt, sie wird bald Mutter. Guntwar kommt in drei Tagen. Er bittet uns, hier wohnen zu dürfen. Peter: Was hat denn Guntwar jetzt hier zu tun? Frau Mirjam: Viel zu regeln, zu entwirren; Vorbereitung für sein Auftreten hier. Peter: Ach so. Hm. – Warum will er denn nicht anderswo wohnen? Geht es nicht an? Frau Mirjam: Er schreibt, die Tage fordern von ihm sehr viel. Peter: Da möchte er die Abende nicht so in fremdem Haus .. Frau Mirjam: Möchte Liebe um sich wissen, Peter. Peter: Ich weiß. Ich will nicht untersuchen, wie weit diese Bitte, Mirjam, – wie weit dieser Wunsch mit Guntwars Lehre in Widerspruch tritt. Ist die Liebe des Vaters nicht überall um ihn? Wie? Frau Mirjam (etwas verwirrt) : Du mußt bedenken, Guntwar hatte stets Elisabeth um sich. Und sicherlich – Peter: Begründet Guntwar diese Bitte nicht in seinem Brief? Frau Mirjam: Garnicht. Er bittet demütig, aber nimmt die Erfüllung als gewiß. Und das ist das Wundervolle. Peter: Seltsam. Wirklich höchst seltsam. Guntwar weiß doch so allerlei von uns. Frau Mirjam: Das – dein Wehren, Peter, das weiß er wohl. Peter: Und kommt doch so? – – Er will mich wohl vernichten? Frau Mirjam (mit großen Augen) : Wie? – Guntwar meint wohl, sein Aufenthalt hier ginge vorüber. Er will nur Wohnung, kommt nicht her, um zu lehren. Peter: So – so – so. Freilich: so einmal allein sein in großer Stadt, aus dem warmen Nest heraus –: das ist keine leichte Sache, da heißt's etwas frösteln, entbehren. Kenne das. (Eine Stille, dann stärker?) Aber für diesmal wird es Guntwar üben müssen. Frau Mirjam: Was? Peter: Nun, das Entbehren, Mirjam. Nun, Mirjam, bedenke, es geht doch nicht. Sieh, ich kann ihn nicht kommen lassen. Ich muß ja Vergessen üben. – Frau Mirjam: Ach, Peter, sagst du dies denn im Ernst –? Peter: Mirjam! Mirjam! Aber du! (Stille.) Nicht, daß ich ihn dir rauben will; laß ihn nur kommen, laß ihn um Gottes willen nur kommen! – des Nachmittags, wenn ich nicht hier bin. Das will ich nicht, deine Flügel dir beschneiden; aber ich, siehst du, ich muß bei meiner Arbeit bleiben. (Bewegung mit den Armen.) Meine – Stumpfe zu bewegen, kann nichts frommen. Ach, Mirjam, mitten bin ich jetzt in der Arbeit, – soll bald fertig sein, – das hilft nun nichts. Frau Mirjam (ganz leise) : Peter, – Peter, – das ist doch aber Trennung – zwischen uns. Peter (wehrt mit den Armen) : Schschschsch – davon spricht man nicht, Mirjam. Willst du es wohl leise lassen! Nur nicht! (Umschlagend.) Also, Mirjam, nicht wahr, es bleibt nun dabei: des Nachmittags, – kann auch vormittags sein, – nur muß ich fort sein, – besucht dich Guntwar, lehrt und redet, fliegt ihr beide – ach, so schön! Indessen bin ich an der Erde, klebe, weißt du; – (ist unterdessen aufgestanden) und auch jetzt mache ich mich auf, ich habe um 9 Uhr Verabredung – ja – also: Adieu, Mirjam. – (Schüttelt ihr die Hand, will nach rechts abgehen.) Frau Mirjam (tritt ihm in den Weg, groß ihm in die Augen) : Peter! Horch, laß mir dies Spielen! (Tränen im Auge, der Ton ist ganz hingegeben.) Peter: Schschsch – nicht doch, Mirjam! (Sie sehen sich an, Peter beginnt zu zittern und zu wanken, in trockenem Schluchzen wirft seine Brust heraus) : Mirjam! Hast's zerstört. Alles. Ich hatt's mir doch aufgebaut. O weh, wo soll ich nun bleiben!? (Sucht sich zu fassen. Große Stille. Frau Mirjam betrachtet Peter unausgesetzt mit Angst. Dann sagt Peter, indem er an Frau Mirjam vorüber will) : 's ist noch Zeit, laß mich noch gehn! Frau Mirjam (ihm in den Weg) : Nie und nimmer darfst du jetzt von mir, Peter! Peter (gibt es auf) : Von dir – darf nicht von dir –; (Stille.) Mirjam, bist du nicht von mir gegangen? Frau Mirjam (strahlend zu ihm auf, nimmt seine schweren Hände in ihre gefalteten) : Niemals, Peter, niemals, das kann ich nun wohl sagen, es ist wie in unserer ersten Jugendstunde. Peter: Ach, Mirjam! Mirjam! Das weiß ich doch besser. Aber das ist's ja gerade: du weißt nicht, daß du hinweg bist, – und bist es doch. (Zeigend.) Da – da – da hinten, nur wie ein Pünktlein so groß bist du jetzt, mit in Guntwars Welt, mit Guntwar, aber du weißt's ja nicht. Das ist es ja eben, was mich so traurig macht, und was es so beweist: du bist von mir hinweg und glaubst, es wäre nicht, weit fern, und denkst, ich bin dir zur Seite; du hast kein liebend Auge mehr, ja, – Mirjam, – nur noch Traumauge, – Auge fürs Phantom; – so weit bist du von mir hinweg. Frau Mirjam (tief strahlend zu ihm, schüttelt das Haupt, nimmt Peters Kopf in ihre beiden Hände) : Da bin ich ja! Da bin ich ja! Ich bin doch immer stillgestanden! Es gibt kein Hinweg in dieser Liebe, Peter. Nicht in meiner, nicht in deiner. «Wie du bei mir gestanden bist, brachtest immer jedes Opfer, Peter, bis jetzt zuletzt: so war auch mein Stand dein, Peter, bis zuletzt. Wird es nun mehr und mehr in Gott. Peter (vor sich, scheint die letzten Worte kaum gehört zu haben; nimmt sein Haupt aus Mirjams Händen; langsam) : Du sagst da, Mirjam, ich habe Opfer um Opfer für dich gebracht, bis zuletzt sogar, – halt einmal, Mirjam, – halt einmal ein! – – – (Sieht starr vor sich, starre Pause. Peter sieht etwas, langsam werden seine Augen weit; ganz, ganz leise kommt es ihm über die Lippen) Halt! Halt! Ich ertappe mich, Mirjam! – O du gute Mirjam, du bist schuldlos. (Stille. Noch leiser.) Ein Dieb, Mirjam, kennst du einen Dieb, der in der Nacht sich heimlich davon schleicht? (Ungebrochen.) Sieh mich an! (Er geht an Frau Mirjam vorüber, die wie gelähmt steht. Schließt die Tür hinter sich. Gleich daraufhört man von dort ein Gepolter, als ob jemand die Treppe herunterfiele, unten werden Stimmen laut. Ein unterdrückter Schrei ging voran. Stille. Frau Mirjams Augen werden groß, sie ahnt alles, doch steht sie ganz regungslos. Da hört man schwere Schritte die Treppe heraufkommen; Frau Mirjam geht wie aus sich selbst zur Tür, öffnet sie. Peter, von zwei Männern getragen, Arbeitern, wird hereingebracht. Frau Mirjams Arm geht hoch und weist den Trägern den Eingang durch den Vorhang im Hintergrund.   Schmale Szene. Vor dunkler Hinterwand Ruhebett rechts, sonst kein Gegenstand. Graues Taglicht durch ein hohes und breites Fenster rechts in der Hinterwand.   Peter. Peter (im Fieber auf dem Lager) : Mein Gott! Mein Gott! Mein Gott! Mein Gott! Du schlägst mich ja am ganzen Leib! Ach, ich weiß nicht aus noch ein. Früher hast du mich immer behütet, sorgsam In deine Vaterhände mich genommen; Aber ich habe ja heimlich mein Weib verlassen, Wollte davon schleichen, wie ein Dieb in der Nacht. (Stöhnt schwer auf.) Oh, das wird ja nun wohl an mir heimgesucht: Den Würger, du sandtest den Würgengel, sandtest Ihn, der mich stürzte; ich stürzte, da lieg ich nun. Und deine Hände, – deine Hände suche ich vergeblich! (Greift empor.) Meine Hände, meine Hände, meine Hände sind leer, Und weder du noch mein Weib darin! – Und so werde ich ja auch sterben müssen Und ungeleitet zur Hölle fahren. Peter. Frau Mirjam. Frau Mirjam (kommt von links, tritt an das Lager) : Peter, du sprichst wieder, ich hörte dich laut rufen– (Über ihm, legt ihre Hand auf seine Stirn.) So – jetzt schläfst du, hörst mich nicht mehr. Laß deine Hände nur ruhn und greife nicht so, Meine Hände sind bei dir und halten dich wohl, Aber viel treuer schirmen dich deines Vaters Hände. – (Bückt sich in Tränen über ihn.) Peter. Frau Mirjam. Guntwar. Guntwar (kommt von links, bleibt am Eingang und streckt der Mutter die Arme entgegen) : Ich bin froh, Mutter, mein Pfad ist licht, Schäden fallen rechts und links von mir, Ich darf weitergehen und fürchte mich nicht! (Kommt langsam vor.) Vieles ist schon sorgsam vorbereitet, Schon so manches dargebreitet, Daß der Pflug es wühle und zerreißt! Lob find' ich nicht genug, (Er neigt das Haupt.) Besonnenheit erschöpft sich nicht; – Die Lippe geht mir über! Frau Mirjam (bei ihm, drückt ihm die Hände) : Leise, Guntwar, Daß sein Schlaf nicht zerreißt! – Sieh an! Guntwar (näher hinzu) : Was ist das –? Frau Mirjam: Ja, so war's: – Guntwar, es ist nicht leicht, Gott weiß! – Reif um Reif spannte er um sich, der Unglückliche! Da wurde er einsam dabei. Meine Seele sah zu, sie konnte ihm nicht helfen Und wollt' es doch; – da brach er an sich selbst. – Seine Seele zerbrach ihn ganz und gar; Ihm schwindelte, er stürzte hin. Gott sucht ihn! Leib und Berge muß Peter durchkämpfen. Ich seh's bittend mit an. Guntwar: Oh, meine Mutter, seh ich ihn so liegen: Gott ist in diesem Leid. Frau Mirjam: Das sag ich auch. Tritt näher! Guntwar! Er schläft jetzt. (Wie sie näher treten, beginnt Peter zu wimmern, sie halten erschreckt inne.) Frau Mirjam: Was ist das –? (Stille.) Guntwar (zag) : Peter, ich liebe dich wie einen Vater – Peter , (im Traumgesicht, mit Händen abwehrend, unvermerkt gegen Guntwar hin) : Was willst du noch von mir? Es ist nicht wahr, ich bin nicht hier. (Kurze Stille.) Er wächst heraus, der seltsame Mann Aus der Schar all seiner Kranken; – Ich will's nicht sehn, kehrt euch weg, Gedanken! Weg!! (Stille, erschauernd hebt er an.) Seine Stirne ist von seltsamem Glanz umwimmelt, Sein Haupt blaß und groß, – Das Antlitz einfältig bewegt, Heilsam im Blicke aufgeregt, Der ganze Mensch weißlich umhimmelt. Ahh! Ein Irrer ist es unter Siechen, Und ich will hier nicht vor ihm liegen, Nackt und bloß vor dem gott-tiefen Blick! (Aufschrei.) Ich bitte dich, weiche zurück! Fang nicht an! (Jetzt beginnt sich die Bühne zu verdunkeln.) Horch! Gänzliche Dunkelheit. Wie es wieder hell wird, sieht man die Szene des Dritten Zwischenspiels. Die Bühne ansteigend. Rechts und links, auf- und abwärts Lager der unglücklich Kranken in einem weißen Licht. Sich windend, qualvoll hin und her, in immer gleichen Gesten. Am Rand der Bühne unten in der Mitte Peter auf seinem Lager, doch Guntwar und Frau Mirjam sind nicht zugegen. Oben in der Mitte der Irre-Prediger, in weißem Kleid, mit den Gebärden eines Aufwachenden. Der Irre-Prediger (seltsam beginnend, bewegt rhythmisch gleichmäßig nach seinen Strophen einfältig Leib und Haupt, Arm und Bein, wie es die Verse selbst vermerken:) Horch, Herz mein und Seele du. Hörst du dich nicht rufen –? Ja, es gönnt mir keine Ruh, Muß hinab die Stufen. Wieder ist's in mir erwacht, Heimlich mir im Hirne; Der seit Anfang mich gemacht Rührt nun meine Stirne. Hebt mir Arm und Augen auf, Hurtig alle Glieder, Herzbereit und froh mein Lauf Geht zu Brüdern nieder. (Er tritt langsam die Stufen abwärts.) Daß ich heile sie, die krank, Daß ich sie erquicke, Von der Lippe Lobgesang Heilsam sie entzücke. Rechts und links komm ich herab, Neige mich zu allen, – Spende rechts und spende links Von dem süßen Lallen. Lag ja einst in schweren Banden, Bin doch irr gewesen; Christ ist in mir aufgestanden, Gleich bin ich genesen. (Steht, hebt beide Hände in Entzückung, lauscht.) Ich komm! ich komm! ich komme! (Wieder verändert) Hört, ich lehr es euch gewiß, Gott hat mir's bestätigt –: Ihr müßt nicht verzagen, liebe Brüder; denn Gott ist mit uns allen. Er wird uns gewiß erlösen, und über kurzem werden wir bei ihm sein. Denn jetzt haben wir noch Schmerzen zu erdulden, aber bei Gott erwartet uns ewige Freude. Laßt euch nur nicht von eueren Schmerzen betören; sie sind vergänglich, und Gott schickt sie uns, weil wir sie verdient haben durch all unsere Sünden, und weil er uns damit zu sich reizen und prüfen will. Denn wir sollen nicht verzweifeln, sondern zu ihm aufschreien, und dann antwortet er auch und gießt uns voll Licht, so süß, daß unsere armen Seelen schon jetzt immer bei ihm sein wollen und der Schmerzen nicht achten. – Horch! – (Peter schrie laut auf.) Der Irre-Prediger: Ich danke dir, du mein Erlöser; Denn du hast mich gehört; Die Nacht, sie wurde bös und böser, Du hast sie aufgestört. Du rissest diese arme Seele Solange, bis sie schrie; Nun steig ich hin, und ihre Fehle Nehm ich auf mich, o sieh! (Er tritt an Peters Lager heran.) Ich will nähertreten, Nähertreten ist meine erste Pflicht. Nach der Reihe. Nach der Reihe. Peter (auf seinem Lager sich windend, und sucht sich zu verbergen) : Was suchst du mich –? An mir ist nichts zu suchen –. O weh mir! Der Irre-Prediger: Mein Bruder, Augen aufgetan Und Lippen zum Gebet; Wo es uns quält und faßt uns an, Der Heil-Strahl drüber steht. Sieh, er steht fest, und er steht still Und ist ganz voller Licht; Denn Gott, der unser Bestes will, Verstört zwar, doch er läßt uns nicht. O mein Bruder, du mußt fleißig beten, dann: Fühlst du's jäh, dann fühlst du's heiß, Es schimmert himmelan: Das ist der Herr in seiner Bahn, Steht über dir, licht-weiß. Oh, mein Bruder, woran leidest du denn? Komm, zeig her, ich habe Lust, dir über die Stirn zu fahren. Ich ließ mir sagen, es hülfe – – Betest du wohl? (Ist niedergekniet, verbleibt auch so.) Peter: Geh fort von mir; denn hier ist nichts zu heilen. Ich bin einsam, Gott hat mich verlassen. Er gab mich der Finsternis und blieb im Licht allein. Früher hab ich oft gebetet; Doch was hilft es, wenn man der Gnade unteilhaftig Und vor seinen Augen mißfällt? Er hat mich gewählt, daß er seine Macht an mir büße; – Ja, es kam über mich, und ich weiß kaum wie, – Es riß mich hinab, und ich wurde finster. (Wann ward ich finster, wann riß es mich hinab?) Ich kann nicht Rechenschaft geben – Und wär so gern bei ihm, – Der das Licht hat – und schenkt, wem er will. In Finsternis – muß ich hier vor ihm bluten. – Der Irre-Prediger: Mein armer Bruder, wie sagst du bloß, Wie rechtest du mit Gott? Ja, du bist an der Seele bloß, Doch herzlich hilft dir Gott. Meinst du denn, er vergäße je, Die vor ihm herzlich bitten, – Und wenn er sieht dein reißend Weh, Er ließe sich nicht bitten? Mein Bruder, Gott ist weiser als wir Und hat so seine Gedanken – Bruder, Gott bestellt wohl sein Feld – und sein Feld sind wir, die wir zu ihm begehren – und jätet weislich. Jäten tut weh, mein Bruder, war es anders Jäten? Drum gibt er dein verderblich Teil Heilsamem Schmerze hin, Und hast gelitten eine Weil, Läßt er dich wieder ziehn. Mein Bruder, noch eine kurze Weile, dann hat der Herr dir alle Wurzel des Übels ausgerissen. Fragst du, woher ich es weiß? Nur aus meiner Frömmigkeit; denn du hast einst zu ihm gebetet, so warst du ein Gottes-Kind, und du hast nun Schmerzen, so ist die Hand des Herrn über dir in heilsamem Jäten. Ich weiß es wohl. Denn meinst du, seiner Kinder vergäße er? (Halb singend.) Er hat begriffen die Kleinsten all – Peter: Ich bin ein Mensch! Er reißt mich an der Wurzel aus! Geh! Laß mich mir! (Der Irre-Prediger schüttelt heftig den Kopf. Peter fährt fort.) Wo habe ich Wurzel geschlagen? Da, wo's lind herwehte, Verhieß sich eine zweite Kindheit –: Es kam mein Weib. (Prediger nickt heftig.) Bis es bös zuging: Ein Fremdes kam und nahm, was ich besaß; Da blieb ich allein Und find mich selbst nicht mehr: So war ich ihr. Der Irre-Prediger: Von dem süßen Kindheitshauche, Der in Wahrheit göttlich ist, Von geheimnisreicher Lust, Die die eigne Seele ist –: Wenig bleibt von Kindheits-Tagen, Und es war doch süß – so süß! Aber es wird hingetragen, Wo Gott nicht zu Hause ist. Denn nun einen sich die Leiber, Und im Andern sucht man Heil; Und es treibt uns der Vertreiber, Und der Weg wird schwer und steil. Wenig kann man sich entraffen, Und man bleibt so gern verstrickt – (sich die Haare raufend?) Ach und Weh! Ich hab es auch gefühlt! Ja, Bruder, man liebt, wo die Liebe nicht endigen darf. Liebe ist von Gott und Gott ohne Ende, soll da die Liebe beim Weibe endigen –? Nein, sagst du, und es hört sich so klar; aber, mein Bruder, Hören ist anderes als Vollziehen. Nun bleibt die Schwester Liebe gefangen. Die meiner Seele Schwester ist; Und Gott wird also hintergangen, Als wenn er nicht vom Himmel ist. – Doch plötzlich klafft es – weh uns Armen –! In blindem Anfall, Leib von Leib, Die eigne Seele, die entrafft es; Man bleibt zurück: verstört und Weib! Wehe, da naht Gott-Vater Hui! in der Wolke! Und reckt seine Hand aus. Da fährt die Seele zurück, Die im Weibe, Ach, die Unendliche, Ihr Ende finden mußte! – Nun verhülle ich mein Haupt, Bruder; denn nun kommt Qual auf Qual. Ach, der Herrgott, nun muß er sein lieb Kind, was mein und deine Seele ist, vom Weibe reinigen, und da geht's schmerzhaft zu. Er bläst uns an mit seinem Hauch, Wir sind von Ursprung sein; Da birst der Leib, das Hirn siecht auch, Wir sind zu schlimm, zu klein! – Da schreien wir, da quälen wir, Da sterben wir, dann ist's getan, – Was Gott vernichtete, ist abgetan, Was vor seinem Hauch hinschwand wie vor dem Feuer das Blatt; – Aber die Seele ist, siehst du, die Gewinn hat –: Lebendigkeit! Lebendigkeit! Besiegt dann die Vergänglichkeit; – Denn er hat wohl an uns getan. Mein Bruder, nun will ich dir sagen, wir hätten's anders tun müssen. Ja, wir! Ist denn nicht unser lieb Weib sein Geschöpf? Ja, nun! Also von Herzen müssen wir es lieben, aber – ein groß Geheimnis kommt, mein lieber Bruder – wir hätten sollen unser herzliebes Weib als sein Geschöpf lieben. I! i! nicht, daß du ein Mönch sein müßtest! Aber das hätten wir doch tun müssen. Ja doch, es ist ein Unterschied. ( Wiegt sich hin und her?) In ihren Reizen seh ich den, der herrlich sie gebaut, Aus seiner Gnade, Lieb und Füll hat er sie mir vertraut. Bruder, ich gebe dir recht einfältige Lehren. – – Genieß' ich auch des Süßesten, Was je mein Leib genoß – – Abraham war auch beweibt, mein Bruder, aber wohl verstanden! im rechten Sinn. Das ist: was er tat, tat er dem Herrn. Ja, darauf kommt es an. Zu Preis und Ehre tat er's ihm, er wachte oder schlief; Der Herre, der vergalt es ihm und segnete ihn tief. Ja, mein Bruder, so mögen wir's auch genießen, wenn wir Lust haben. Hat er dich, Herzlieb, mein Weib, nach seinem Rat gegeben, Er gab dich wohl, das ist gewiß, Daß mir auch Kinder leben. Die lieben Kinder! Ja, unser Same muß sich des Herrn erinnern, sonst geht es ihm übel. – Bruder, was sagst du? Unser Herzenssamen auch, ja, der vor allem. Peter: Du reißt mich auf; denn ich weiß wohl deine Sprache, – Du zerwühlst mich, doch ich fühle mich schuld. Der Irre-Prediger: Geduld, Bruder, Geduld! Daß du Reue hast, das freut mich recht herzlich. Reue, mein Bruder, ist ein Besen, der heilig kehrt. Nein, lach mir nicht! Peter: Gehe von mir und sprich nicht mehr; denn ich fühle mich brennend, Mein Auge brennt, ich möchte es in Schlaf zutun. Der Irre-Prediger: Schlafe, Bruder, schlafe! Nur an eines möcht ich dich noch erinnern: Vergiß es nicht, dem Herrn zu schlafen! – Und ich will beten: (Antlitz aufgekehrt in Strahl und Fülle, in Licht und Einfalt?) Du hast ihn wohl bedacht, Ich bin nichts nütze, Mein Herz ist keiner Liebe wert. Doch heb' ich ihn zu dir, (Er hält die Hände innig bittend hoch.) Er ist wohl nütze; Mein Herz hat einen Bund mit dir gemacht, Du bist die Hoffnung, Ich bin der Beter bloß; – Segne ihn! (Verdunkelung der Bühne tritt ein. Sie wird wieder hell, und Guntwar und Frau Mirjam stehen noch wie vorhin, seitlich vor Peters Bett, den Schlafenden betrachtend.) Frau Mirjam (gedämpft) : Guntwar, du sahest, wie es über sein Antlitz ging: Schauer um Schauer, von Gott darübergefegt; Denn eines Menschen Schauer stellt sich nicht so – Guntwar (ebenso) : Mutter, ich glaube, es war von Gott das Gesicht; Wir wissen's nicht und wissen nicht, was vorgeht; Peter ist uns entwachsen in die Zucht des Vaters, Wir können hier nur beten und bittend stehn. (Peters Schlaf zerreißt; er richtet sich jäh in die Höh.) Peter (suchend) : Mirjam –? Frau Mirjam (eilt hinzu) : Peter, was willst du –? Peter: Ich habe Schmerzen, Mirjam, an Leib und Seele, Ich habe geträumt, und die Schmerzen gingen nicht von mir, – Was ich seh, wird mir schmerzlich, und was ich glaube und denke. Ich habe gefehlt, Mirjam, bin bitter bei dir geblieben – Frau Mirjam: Gott verzeiht das alles, wenn du bereust, mein Peter. (Peter erblickt jetzt den zur Seite stehenden Guntwar, laut wimmernd fährt er auf.) Peter (trostlos zu Guntwar) : Willst du und willst du nicht von mir weichen –? (Tiefe Stille.) Mirjam, bring mir Wasser, und gib mir zu trinken! (Frau Mirjam winkt Guntwar fort, der nach links abgeht; sie selbst geht einen Augenblick nach rechts, kommt dann wieder, das Wasser in der Hand. Peter hat unterdes schmerzlich vor sich gestarrt.) Frau Mirjam (reicht das Wasser) : Trinke! Peter (halber, trauriger Seitenblick auf Mirjam, rührt sich nicht) : Das Wasser, Mirjam, wasche mich ganz darin, Tauche mich unter; denn es ist Zeit für die Taufe! Aber den anderen laß nicht dabei stehn! Ich weiß alles und kann ihn doch nicht ertragen. (Sinkt zurück in die Kissen, wehrt der Hand Mirjams, die das Wasser reichen will.) Gott hat in mir aufgehen lassen ein Geäste, In seinen Zweigen habe ich mich verfangen. (Tiefes Aufschluchzen.) Ich weiß nicht von Gott und weiß nicht zu Gott hin, Ich will Ihm nah sein, und meine Stimme klingt ferner – – Ende des vierten Aufzugs. Der fünfte Aufzug Die gleiche Szene. Doch ist es Nacht. Neben dem Lager steht jetzt ein kleiner Tisch, brennende Kerze und Wasserglas auf ihm. Frau Mirjam sitzt auf dem Rand des Lagers. Peter unter Decken, schlafend. Peter. Frau Mirjam. Frau Mirjam: Guntwar ist fortgeschickt. Doch war dies meine Pflicht. Peter ist mir von Gott gegeben, der Geliebte, Daß ich um ihn bin und alles Verbogene glatt mache; Und noch viel mehr als in der Jugendzeit fühl ich ihn alternd mir ewig verbunden. Ja, ich darf meinem Heiligsten nimmer untreu werden; Habe ich's doch getan, – wie viele Male? Konnt ich doch nicht anders; denn Er wollte: ich mußte Das Gottgeschenk, in Demut, aber festiglich, ringsum bewahren. Ich durfte nicht verleugnen, was Guntwar zu mir sprach. Herr, du hast mich hingesetzt als eine Mutter zweier Geschicke; Es geht durch mein Herz, das dir auffleht, mit argen Stößen! Jetzt muß ich den Gatten opfern, jetzt den Propheten. Was ich dem einen hinzutun, muß ich dem andern hinwegnehmen. Fügst du es wohl, daß sie beide nebeneinander wohnen? Herr, ich bitte dich sehr, mach des Kummers ein Ende! Wie soll es sein, wenn du nicht ein Ende machst? Beide hast du gegeben und hast mir beide bestätigt Und hast mich doch als Mutter zwischen beide gesetzt. Du hast jede Mutter in dich beschlossen, Vater; Und wer innig liebt, der ist dir am nächsten nah. Sei nur gnädig und hebe dich über den Herzenssohn! Sei gnädig auch diesem, neige dich über den Schmerzenssohn! (Sie schweigt. Betrachtet dann den Schlafenden?) Wie eine Wolke ruht es über ihm. Armer Mann, du hast sehr schwer zu leiden! (Streicht ihm die Stirn?) Möchte Gott dir helfen und mit einem einzigen Streichen Seiner hohen Hand dir alles Finstere aufheben! Peter: Warum weckst du mich? Ich habe doch kein Begehren – Frau Mirjam: Träumtest du nicht? Mir schien es, du träumtest bös, – Da wollte ich dir den Traum von der Stirne wegstreichen. Peter: Ob ich nun träumte, ob nicht: im Traum ist man wehrlos; Ja, es überfiel mich, ich konnte nichts dazu tun, Ja, ein Traum hat meine Seele böslich geknechtet; Doch jetzt bin ich wachend und frage: wo schläft er? Frau Mirjam: Wer schläft –? Peter: Du besinnst dich, du siehst mich fragend an? Mirjam, es müßte dir aufschreckend durch die Glieder zucken, Du müßtest erschauern und fragst so: wer schläft? Der Sohn! Der Sohn! Der Sohn! Frau Mirjam: Peter, das denkst du! Ach, Peter, das ist's nicht! Bei Gott nicht, Peter; so mußt du nicht fragen! Peter, du bist unwohl, dein Auge ist unstät; Ich bitte dich, sei ruhig, und lege dich nieder! Peter: Mirjam, Mirjam, was prügelst du mich mit Klötzen, Was schlägst du mit Ruten unablässig über mich hin!? Ich sage dir: ich habe ein gutes Recht zu fragen! Ohne Umschweif und Ausweichen: wo schläft hier der Sohn? Frau Mirjam: Ich beschwöre dich! Er schläft nicht hier! Peter: Alle Beschwörung geht an mir verloren, Mirjam, das laß, meinen Willen beruhigst du nicht! Hier im Augenblick sagst du: wo schläft der Sohn? (Halb aufgerichtet.) Frau Mirjam (deckt die Hand vor Augen, hilflos, fast wimmernd) : Er schläft nicht hier. Er schläft nicht hier. Er schläft nicht hier. Hörst du mich nicht, daß ich es dir sage? Peter (kurz und hoher Schrei in Stößen) : Man sollte es nicht meinen! Nicht meinen! Nein, man sollte nicht! Doch du wirst mich wahrhaftig nicht betören! Soll ich und soll ich an deinem Jammern zerscheitern –? Ah – (Er steigt von seinem Lager und tritt in die Mitte, er ist im weißen Nachtgewand.) Bin ich nicht Mensch und habe meine Qual und Kummer? Und bis auf mein Blut bin ich gehetzt und gequält? Ein angeschossen Wild bin ich von Gott; Nun, so will ich einmal aufrichtig Mensch sein! Hab ich nicht Arme, nicht Arme, diese zwei, Und meinen Feind, ihn zu suchen, ein unbändiges Gelüst–? Wohlauf, wohlauf, wie ich bin, will ich Mensch sein! Hab ich doch herzhaft geblutet nach Menschenvermögen Und nach Menschendenken ehrlich mein Herz geknetet! Aber nun will ich meinen Feind unter meine Arme nehmen, Unter meine Arme, die ihr Teil gut gerungen! (Er faßt das Licht und geht nach rechts ab. Peter geht durch die Wohnung von rechts nach links hinter der Bühne. Man hört die Türen dröhnend schlagen. Frau Mirjam, an der Hinterwand, blickt wie irre blöde vor sich. Peter kommt zurück, von links, wirft das Licht hin, es erlischt. Der Morgen begann schon im Fenster zu dämmern.) Peter: Ein andermal. Ein andermal. Ein andermal. Ein andermal. Trefflich versteckt, meine Mirjam, über alles barmherzig! (Sieht stier zu ihr.) Doch weißt du auch warum? Frau Mirjam (wie oben, spricht wie unbewußt) : Zu Bett, Peter; willst du nicht ins Bett? Der Schlaf, Peter, der würde dir wohl gut tun. – Peter: Was soll ich im Bett? Schlafen kann ich nicht. Und mich quälen? Quälen kann ich mich ja auch außer dem Bett. (Schwankend.) Kann nicht schlafen, kann nicht schlafen, wenn er nicht schläft – (Aufwimmern. Er wendet sich dann halb und schlägt mit großer Gewalt Frau Mirjam auf die Stelle ihres Herzens. Frau Mirjam flieht entsetzt bis vorne ganz links.) Peter (nach dem Schlag, indes Frau Mirjam noch flieht) : Dort schläft er und wohnt, und er wacht und schläft dort nicht; Und wohin ich mich immer umwende, immer ist er dort, Wo ich greife und fasse und meine Arme ausdehne: (indem er immer noch auf die Stelle zeigt, wo Frau Mirjam vorhin stand) Er ist dort und immer dort und ist nicht herauszujäten. Du trägst ihn mit dir herum, drängst ihn in jede Liebkosung, Zwischen Haupt und Arme drängst du ihn mir liebkosend ein! O Mirjam! du wandelst immer mit ihm herum; – Wenn ich dich auch tötete und schonte dein nicht, Er ist da, auch da, er ist da; denn (Geste über sein Haupt) er ist . (Deckt mit beiden Händen laut auf seufzend den Hinterkopf.) Oh – (Frau Mirjam wankt und schluchzt.) Peter (stets die Hände auf dem Haupt) : Herunter, herunter, Mirjam, heruntersausen Läßt der Engel sein Schwert, so nimmt er an mir Rache! Denn ich habe ja mein Weib bitter fehl geliebt, (Er breitet die Arme.) Mit meinen Gattenarmen liebend sie zu Tode umfangen! (Wieder mit Händen sein Haupt bedeckend.) Tanzen, Mirjam, tanzen, tanzen läßt der Engel das Schwert, Bis mein Haupt klafft, und seine Sünden ausgeweidet daliegen: Also hält Gott, der Strafende, seine Gerichte; Denn Gott ist nicht so gütig, als es den Anschein hat. (Er läßt die Hände sinken und weint heiße Tränen. Dann noch einmal aufgerafft, zum letzten Kampf mit der Übermacht.) Kämpf ich mit dir, doch Brust an Brust, ja, Brust an Brust, ich bin ein Mensch, Ich bin ein Mensch und habe wie ein Mensch gesündigt, – Und meine Reuetränen ließen nicht ab. – Du bist ein Engel und bist höher denn ich; – (er bricht plötzlich in die Knie, laut weinend.) So sieh mich denn hier liegen – in meinen Reuetränen! (Große Stille.) (Frau Mirjam ist bei ihm und will ihn aufrichten helfen. Doch Peter fährt empor und stößt sie mit einer weiten und ungeheueren Armbewegung weit von sich; sie wankt bis an die Wand links hinten.) Peter: Hinweg von mir! Ich will allein sein! Es ist Zeit! Ich muß allein sein; denn ich weiß: das Sterben wartet. – O ungeheurer Verbrecher, willst du nun wirklich in Tod? (Wieder zu Mirjam.) Doch da nehm ich dich nicht mit, da sollst du mir nicht anhangen, Im Tode will ich nicht mit Fäusten an dir verbluten, nimmermehr! Der Tod will mich allein, (wendet sich zum Bett) und ich bin schon da, und er will mich. Das Grab steht offen, kriech ich nur flugs hinein; Das Leben endet, und es naht der Beschluß, Um dessentwillen meine Tage dahingegangen sind. Oh – (Er kriecht geduckt auf das Lager und streckt sich stöhnend.) Er naht. Es ist gut. Es ist gut. Ich bin allein. Ich bin allein auf den Wellen des Grausens ausgesetzt. Denn der Tod ist Grausen. Ein schrecklicher Genoß! Er rennt an, und alles Erworbene bricht und stürzt, Die Rüstung, die ich erwarb in einem fünfzigjährigen Dasein. Oh! – Jetzt, da es zu Ende geht, bin ich ganz erblindet,– Ich bin blind, ich bin blind, wer hilft meinen Augen auf? – Ich bin sehr in einem großen Jammer ohne Rechenschaft, Ganz erblindet und wartend, dann bläst sich aus der Staub, Und bin ich hin. (Er schluchzt lange und heftig.) Blind, ja ganz blind, doch ach! es tut sich in der Seele auf, Und es sägt und sägt tief in mich ein Licht hinein, Es bricht, es dringt herein, es unterwühlt mich ganz im Strahl! Oh, ich kann mich nicht wehren, von solcher Süße Ist sein Drängen und Werben und seine Hinneigung! Was ist das, was mich anfaßt, und worin ich mich liebend erkenne? Und zu wem geht diese Liebe, wer ist denn hier gegenwärtig? Ich bin Frevler, habe verbrochen, habe mein Leben lang gefrevelt, Und doch, ich weiß nicht! Doch! vor der Süße der Sehnsucht Schmilzt die Größe meiner Schuld, ungeheuer, selbst dahin. – Das weiß ich: ich habe mich doch eben einsam gemacht, So einsam, wie ich nur als Kleines war, zwischen Vater und Mutter; Und nun kommt dieses Licht und dieser Ballen Licht in so namenloser Süße, Und mir ist, als könnt ich der Menschen einzelnen jeden völlig beglücken! Freilich, Mirjam ist gestorben, und der Peter wohl auch dahin; Aber Mirjam, aber Mirjam, hab ich nicht neue Hoffnung? Große Hoffnung, größere als alle Hoffnung meiner Brautschaft?! (Herzzerreißend jubelnd empört) Das ist ja offenbar, daß du sehr gütig bist, wenn du dein Kindlein heimsuchst, Dein Schäfchen eintreibst und ihm unermeßlich Weide schenkst! Das ist ja offenbar, daß du mich jetzt an der Hand nimmst, Der du der Hirte meiner Tränen, meiner Trübsal bist, Jesus Christus ; Und führst mich durch Tod und Schuld mitten hindurch In die Herrlichkeit alles Unzerstörbaren, deines Reiches! (Der große und schwere Leib Peters richtet sich im Bett auf und beginnt alsbald, die Augen tiefliegend und zugetan, jubelnd in die Hände zu klatschen.) Mirjam, meine Mirjam, eil rasch herbei! Daß ich dir das Reich zeige, daß zu weiden mir beschieden ist! (Tastend.) Wo bist du? Bist du? Meine Hände fassen dich noch nicht – (Nun greift er die neben ihm Kniende.) Da ist dein Haupt, der Scheitel, der milde, und ganz im Licht! Fühl noch einmal meine Hände auf dir, Mirjam, Deines Peters Hände deinen Scheitel tasten. – O Mirjam, meine Hände, die fühlen wohl noch, Aber mein Geist, mein Geist wird schon eingetrieben, Gott treibt sein Schäflein schon ein in sein himmlisches Reich! Ach ja, der Hirte kommt, der unermeßlich Weide schenkt; – Ich mußte bluten, mußte bluten, ein Opfer in dieser Welt, Daß ich der Unsterblichkeit teilhaftig würde in der anderen. So gnädig war der Herr, daß er mich bluten ließ, Qual und Bluten ohne Unterlaß, Um mich ja sicher eintreiben zu können. – Und eines Tages wirst du mir begegnen, die Streu mir zu machen, Du, Mirjam, wirst dann kommen, Himmelsblumen werden dein Teil sein, – Und du wirst mich erquicken und stärken, überselig werden wir beide ziehn, Immer weiter, immer weiter, so weit, daß kein Ende reicht, – Du, ein Lämmlein, zu meinen Seiten, geziert Mit rosenroten Nelken und himmlischem Vergißmeinnicht! Guntwar wird auch kommen, der Gute, wo sollte sonst er hin –? Nirgends hat er denn droben seine Stätte. (Leise, geheimnisvoll.) Toren waren wir all in dieser Welt, Aber in jener werden wir die bedachtsame Herde. – Küsse mich, Mirjam! (Sie tut es mit himmlischer Inbrunst. Stille. – Peter sagt langsam in Frau Mirjams Armen niedergleitend.) Schlägt's dich hier auf Erden, so ist's der Hirtenstab, Der dich dem Ziele zutreibt mit sanften Schlägen; Denn was dir hart scheint, das ist Ihm sanft; Denn er ist sanft, der sanfte Herr Christus. (Frau Mirjam kniet. Stille.) Sage unserm Guntwar alle Worte meines Todes, Und sprich ihm vom Vergeben und von der himmlischen Heerschar! Und sage ihm, daß Gott mich gewürdigt, Weide zu finden als Schäfchen im Himmelreich. (Er tut einen langen Atemzug und stirbt.) Nachspiel Ein Strahl des Lichtes. In ihm fahren auf zwei Engel, die ein glühendes Geleucht hochrecken: Peters Seele . Engelpaar: Wir tragen sie, Wir heben sie, Im strömend Lichten Schwebt sie schon. Zum Herrn erblüht, Aus Nacht erglüht, In ihrem Dichten Hallt sie Ton: Gesang (Peters Seele) : Die Süße füllt mich, Mein Heiland hüllt mich, Mein Jesu kommt! Mich küssen Flammen Fließend zusammen; Gott preßt Sein Siegel, Ich bin Sein Spiegel; Mein Jesu kommt! Ein ander Engelpaar (glänzt oben auf im Strahl) : Nur näher, näher Aus tiefem Weinen, Nur inniger, jäher In deinem Scheinen; Seele, du littest, Süße, du strittest; Gott kommt zum Lohne Vom Flammenthrone, Gott steigt dir ein! (Ein ungeheures Licht kündet sich an von oben.) Engelchöre (unsichtbar) : Leise, leise Steigt Herr Jesu; Seine Weise Ist so mild. Seele, süße, Siehst du Jesu? Nieder neigt sich Dir sein Bild. Der die weite Welt erlöste Sinkt dir ein! Seele, sonnige, Der dich löste Will in wonnige Liebe tauchend Bei dir sein! Die tragenden Engel: Deine Tränen Blinken Licht, Deine Tränen Weinen nicht – Jesu wird Dir jetzt gemein, Schimmern sie Wie Edelstein. (Die weiße Brodsgestalt gleitet langsam nieder.) Alle Engel (ganz leise) : Gott wird klein Sinkt dir ein, Menschenherz Heißt Sein Schrein. Hier wird neu Die erste Liebe, Schöpfer küßt Brennender Liebe Das Geschöpf, Das Er ersann, Kindlein Sein, Das Ihm entrann. (Das Weiße geht ein in das Leuchtende Peters.) Gesang (Peters Seele) : Süß wie die Blüte Gott mich behüte In Ewigkeit! Die himmlischen Chöre: Gott entbrennt zum Bebenden, Seinem Menschenwesen: Liebe eint den Lebenden Ewigem Genesen.   Ende.   Deo gratias.