Friedrich Lienhard Das Landhaus bei Eisenach Ein Burschenschaftsroman aus dem 19. Jahrhundert 1928 Das Landhaus bei Eisenach Erstes Kapitel. Wir Sterbenden ... Es lustwandelte durch den sommerlichen Bergwald bei Eisenach eine Gesellschaft in zerstreuten Gruppen. Die farbenschönen Kleider jener Zeit vor 100 Jahren schimmerten mit den bewegten Lichtflecken des Waldbodens um die Wette. Durch die Anmut des reinen Sommertages gaukelten bunte Falter. Der sausende Ostwind stand hoch oben in den Fichten und Laubbäumen; und unten klang das helle Lachen der Damen. Das gab eine so froh zusammenklingende Bewegung, als ob der Wald Stimme hätte und eine allgemeine Fröhlichkeit ausstrahlte. Der junge Student Ulrich und die vierzehnjährige Ilse plünderten einen einsamen Waldkirschbaum. Der stattliche Kandidat Gangolf ging mit Mutter und Tochter voraus, behielt aber neckend das üppige Dienstmädchen im Auge, das den schweren Eßkorb schleppte; und in beträchtlicher Entfernung schlossen den Zug der kränkliche Hausherr und der etwas hinkende, lange Bibliothekar aus Gießen, der heute zufällig hier hereingeschneit war und mit seinem blonden, langmähnigen Kopf ziemlich fremdartig um sich schaute. Drüben sah man die Gebäude der Wartburg im heitren Mittagslicht, wie sie sich damals in den Jahren nach Leipzig und Waterloo darstellten, gleichsam als Kulturstätte noch unentdeckt für die deutsche Menschheit und nicht viel mehr als ein altes Bauwerk mit schön erhalten gebliebenem Pallas und einem Aussichtsturm an der hinteren Seite. Man befand sich auf dem Waldwege nach Mosbach zu und strebte nach der Hohen Sonne. Die beiden Nachzügler blieben oftmals stehen und schauten aus ihren ernsten Gesprächen hinaus in das herrliche Bergland, ohne jedoch Einzelheiten deutlich wahrzunehmen. Wald, überall Wald und frische Windbewegung! »Ich habe heute meinen guten Tag«, sagte der alte Herr Schattenmann aufgeräumt zu seinem bedeutend jüngeren Begleiter, »und kann mich ein wenig weiter wagen. Aber sonst, was soll ich viel klagen? Ich bin nur noch altes Eisen! Verstehen Sie? Nichts mehr wert! Und auch wenn ich noch was in der Welt taugte – meinen Sie etwa, daß ich mit dieser lachenden Menschheit irgend etwas anzufangen wüßte? Nichts! Ich unterscheide mich schroff vom ganzen Menschengeschlecht der Gegenwart. Diese alle –« er machte eine Handbewegung, als umfaßte er damit auch den vorderen Teil der Gesellschaft – »wissen nichts von der Tragik der Menschheit, die uns allen eingeboren ist. In dieser Grunderkenntnis bin ich zum Verzweifeln einsam ... Das heißt: zum Verzweifeln? Nein. Mein Erdengeschäft ist aus. Ich habe mich an diesen Zustand gewöhnt und erwarte nichts mehr von meinen Mitmenschen. Meine Erdenprüfung habe ich durchgemacht und kann nun bald in die Ewigkeit abfahren ... Sehen Sie, Napoleon ist geschlagen, wir haben wieder friedliche Verhältnisse in unserem unordentlich gewordenen Europa – und nun? Was geschieht nun? Die übelste Reaktion setzt ein! Nur wieder hinein in den üblichen dumpfen Druck und in die abgelebte Staatsauffassung! Auf daß es dir wohl gehe und du lange lebest auf Erden! Das genügt diesen erbärmlichen Tröpfen. Wer fragt nach dem tieferen Sinn der Welt? Man gehorcht ja dem Staat und frohnt geduldig. Das ist die übliche stumpfsinnige Alltagslehre. Verflucht bequeme Bande!« »Und wie ist Ihre gegensätzliche Weltanschauung?« fragte Petersen, der Bibliothekar, bescheiden, indem er sein Auge immerzu über die weit vorausgehende Gruppe schweifen ließ. Er war sehr einsilbig und hatte Mühe, seine Düsternis zu verbergen; aber seine Stimmung paßte zu der Weltanschauung, die neben ihm der alte Herr mitten im fröhlichen Sommertag entwickelte. »Meine Weltanschauung will ich Ihnen kurz und deutlich sagen, mein lieber Freund,« fuhr der Alte mit Entschiedenheit fort. »Wir sind alle miteinander zum Tode verurteilt. Das ist Tatsache, die kein Sterblicher leugnen kann. Wollen Sie das etwa abstreiten? Ich sage noch einmal: wir sind zum Tode verurteilt, sobald wir überhaupt auf die Welt kommen, alle, ohne jede Ausnahme. Also müssen wir unser Leben auf diese Grundtatsache einstellen. Der Mensch beginnt erst zu reifen, und damit überhaupt ernsthaft zu leben, sobald ihm diese erschütternde Erkenntnis aufgegangen ist. Punktum!« Er schwieg und schaute seinen Begleiter herausfordernd an. Auch dieser blieb stehen und streckte, um nur etwas zu sagen, die Hand nach dem vorausgehenden lachenden Teil der Gesellschaft aus mit den Worten: »Und die Jugend?« »Die Jugend?« ward ihm Antwort. »Das ist der unreife Teil der Menschheit, die überhaupt nichts weiß vom Sinn und Wesen der Welt. Sie kann bloß tändeln und sich mausig machen. Ihre Haupteigenschaft ist das Protzen mit ihrer animalischen Gesundheit, – bis das Schicksal sie beim Nacken nimmt und gehörig duckt. Verstehen Sie wohl? Sehen Sie zum Beispiel diesen Kandidaten Gangolf an: Er strotzt ja von tierischer Gesundheit und ärgert mich schon durch sein bloßes Dasein, obwohl er ein Freund meines Sohnes ist. Na, abwarten, Junge, abwarten! ... Ich selbst habe einen leichten Schlaganfall gehabt und bin, wie Sie sehen, in meinem Gehen und Schaffen etwas gehemmt. Aber meine Weltanschauung hatte ich schon früher und bin jetzt nur etwas ernsthafter an den Tod gemahnt worden. Ich horche schon ins Weltall hinaus, wann ich durch den Tod aus den Banden des Fleisches befreit werde; und im übrigen gehört es zu meinen wenigen Freuden, die mir noch in diesem Leben geblieben sind, wenn ich einen Mann finde, der mir mit Geduld zuhört, wie Sie es jetzt tun, junger Freund.« Es ist doch seltsam, dachte Petersen, er hat Frau und Kinder und seufzt über Einsamkeit? »Die Menschen sind ja alle einander furchtbar fremd; und mein Hauptgefühl, seitdem ich zur Erkenntnis gekommen bin, ist immer Einsamkeit.« »Was ist denn alsdann nach Ihrer Meinung der Sinn der Welt?« fragte Petersen, der schon durch sein Hinken – es war die Nachwirkung einer Wunde von Ligny – den langsamen Schritt des Alten willig teilte. »Der Sinn der Welt? Der wird nicht lehrhaft erörtert, sondern nur durch Erlebnis gewonnen. Wir haben hinieden eine Aufgabe zu erfüllen, haben uns wirkend zu vollenden und auch an anderen fördernd zu formen. Was noch fehlt, das vollenden die himmlischen Mächte, die uns unsichtbar helfen. Einerseits also Heldentum, andererseits Christentum. Dort Vollendungsdrang, hier helfende Gnade von oben. Beide müssen sich ergänzen. Denn Veredlung genügt nicht: Erlösung ist die ergänzende Gnade. Da haben Sie mit wenigen Worten alles, was Sie zum Leben brauchen, wenn Sie ein ernsthafter Mensch sind.« In diesem Augenblick sah Petersen durch das ferne Gesträuch hindurch, wie sich der Kandidat Gangolf in seinem blühenden Übermut sachte dem etwas zurückgebliebenen Hausmädchen genähert hatte und hinter einem Busch die Lachende küßte, um dann schnell wieder zu Mutter und Tochter zu enteilen. Das durchfuhr ihn wie ein Schlag und erfüllte ihn mit einer blitzhellen Erkenntnis über das Wesen dieses jungen Mannes, dem er schon längst mißtraute. »Ich zähle trotz alledem auf die teutsche Jugend,« fuhr Schattenmann unentwegt fort, auf seinen derben Stock gestützt. »Ich hoffe und warte, daß uns ihr bester Teil eine tiefere Weltanschauung bringt als die jetzt übliche seichte Glückseligkeitslehre. Ich freue mich, daß die Jugend Führer hat wie Ernst Moritz Arndt und daß der Geist eines Kant und Fichte noch nachwirkt. Brav so, ihr Jungen! Aber das genügt nicht. Es muß ein religiöser Aufschwung dazu kommen, Frömmigkeit von innen heraus. Da auf der Wartburg, sehen Sie einmal durch die Wipfel zurück, da haben Junker Jörg und Sankt Elisabeth, die soziale Wohltäterin des Mittelalters, gewirkt. Großartige Symbolik! Etwas davon muß wieder in die deutsche Welt, sonst vernüchtern wir ganz erbärmlich.« Sie blieben einen Augenblick stehen und schauten nach den Gebäuden der Wartburghöhe zurück. »Wir Sterbenden grüßen die Burg!« sprach der alte Herr ernst. »Es ist mir zwar vergönnt gewesen, als alter Mann die Schlachten von Leipzig und Waterloo und die Niederlage des Korsen zu erleben, aber Waffengewalt allein erneuert noch kein Volk von innen heraus. Da müssen über kurz oder lang neue Kräfte einsetzen. Wir warten darauf. Wir warten auf den edleren Teil des teutschen Volkes, ob jung oder alt, denn auch ich zähle mich dem Herzen nach zur Jugend ... Doch kommen Sie! Die Gesellschaft scheint auf uns zu warten.« »Wenn Sie gütigst gestatten,« versetzte der Bibliothekar, »so werde ich hier abbiegen und meine Schritte nach Süden lenken. Mein heutiges Ziel ist die Coburg, wo ich beruflich zu tun habe.« Ein feiner, strenger Zug hatte sich über sein langes, etwas bärtiges Gesicht verbreitet, als sie nun die Gesellschaft erreicht hatten. Alle Bitten des Hausherrn nützten nichts. Er verabschiedete sich gemessen von allen, besonders streng und stumm von der schlanken Tochter, und wanderte zum ernsthaften Verdruß des alten Herrn, der nun einen unterhaltsamen Begleiter verlor, dem Süden zu. Zweites Kapitel. Ein ungezogener Brief. Noch ahnte man damals nicht die sinnbildliche Bedeutung der Wartburg als einer deutschen Kulturstätte ersten Ranges. Es war eine verfallende Burg unter anderen Burgen, freilich prachtvoll über der Stadt Eisenach gelegen, dem Auge freien Ausblick gewährend über die malerischen Feldhügel im Norden, über die weiten Waldberge auf den anderen Seiten. Daß aber auf der Wartburg und in Weimar Deutschlands Herz schlug, daß dort auf der vielhundertjährigen festen Burg Luther das Neue Testament verdeutscht, Elisabeth ihre Wohltaten gespendet, Wolfram den heiligen Gral gesucht, Walther von der Vogelweide gemütsdeutschen Sang geprägt hatte – dies hatte man vor hundert Jahren schier vergessen oder doch nur nebenbei vermerkt, nicht aber als deutsche Grundkräfte in sich aufgenommen. Bis durch eine mehr ahnend erfühlte als klar erkannte Tat der jugendlichen Burschenschaft die Aufmerksamkeit ganz Europas auf diese bedeutsame Stätte gelenkt wurde. Und dann kam, wenige Jahrzehnte später, Karl Alexanders Neuaufbau jener Geistesfeste ... Wir erzählen hier von einem schlichten Landhause bei Eisenach. Es steht nicht mehr in Wirklichkeit, lebt nur noch im Phantasieland. In der Gegend etwa des heutigen Bahnhofs erhob es seine schmale Vorderseite, eingerahmt von einer mehr als mannshohen festen Taxushecke, die den Garten nebst Anlagen abschloß. Nur je zwei Fenster oben und unten schauten nach Eisenach; vom ersten Stock sah man über die Häuser hinüber nach der damals noch nicht vom hohen Turm überragten Burg mit der Breitseite des Sängersaales. Oft stand der kränkelnde Besitzer des Hauses am Fenster seines Arbeitszimmers und sah die flammenden Gewitter über die Feste ziehen. Und manchmal in schwülen Nächten irrten suchende Lichter um die Burg. »Es ist mir,« sprach dann der alternde Mann gedankenvoll zu sich selber, »als ob da oben große Dinge des Geistes geschehen wären oder noch geschehen sollten. Aber ich bin ein zerbrechlicher Geistbehälter; meine Jugendfeuer sind verglüht. Nur Verärgerung zuckt noch selten auf, verfliegt aber bald wieder. Und die heutige teutsche Jugend? Wenn ich wenigstens so viel Kraft hätte, an sie zu glauben! Du bist aber ein Schatten, armer Schattenmann!« Er hieß Schattenmann und lebte mit seiner Familie als Professor im Ruhestand, das geistige Leben beobachtend, aber nicht mehr in die Ereignisse der Welt eingreifend. Mutter und erwachsene Tochter saßen einige Monate nach jenem sommerlichen Waldgang nähend und stickend im unteren Zimmer des Landhauses. Beide Frauen wirkten in der Tracht jenes Zeitalters – lange Röcke, freier Hals, hochgebaute Haartracht – anmutig und vornehm. Geneigt über ihre Arbeit, übten sie durch ihr bloßes Dasein in schöner, geduldiger Weiblichkeit einen wundervollen Reiz aus. »Horch! Was geht denn da oben vor?« sagte plötzlich die Mutter und legte lauschend die Hand auf den Schoß. Die Burschenschaft auf der Wartburg am 18. October 1817 »Ich hör' es auch schon eine Weile,« sagte die dunkeläugige Tochter und hielt gleichfalls inne. »Seitdem Vater den Brief erhalten hat, ist irgend eine Unruhe in ihn gefahren.« »Was für ein Brief war das?« »Nun – von dem – von dem Kandidaten, dem Gangolf.« »Von Ulrichs Freund? Was kann ihn denn – das heißt – ich kann mir fast die Sache denken – ich meine, da muß ich wohl mal zu ihm hinaufgehen.« Dorothea, die Tochter, griff wieder zu ihrer Stickerei, während die Mutter das Nähzeug umständlich beiseite legte. »Ich habe die Empfindung,« sagte die Tochter, »als wäre Unheil in unser stilles Haus eingezogen, mindestens umdroht uns ein anderer Geist, seit dieser – dieser Herr Gangolf hier unser Gast war.« Dorothea hatte die Gewohnheit, manchmal mitten im Satze wie besinnlich innezuhalten, dann aber um so rascher und fester den Schluß zu bilden. Sie war von Natur schnell und sogar heftig; doch das Erbteil der besonnenen Mutter wirkte in ihr als Gegenkraft, ohne daß sie freilich immer den Ausgleich fand. Sie saß steil und gerade, mit ihrem grundvornehmen Gesicht, mit entschieden zusammengepreßtem Mündchen vor ihrer Stickerei, ohne aufzublicken. Ihr Mund hatte die Eigentümlichkeit, beim Lachen oder Lächeln – was freilich nicht oft geschah – die beiden Oberzähne sichtbar zu machen, was wie ein weißer Schimmer über ihr Gesicht ging und äußerst reizvoll wirkte. Dann aber schloß sich das Antlitz wieder und bekundete den bei ihr üblichen gesammelten Ernst. »Wie kommst du plötzlich zu dieser Einstellung, Dorchen? Ich habe etwas anderes von dir in Erinnerung. Erst warst du von Gangolf ganz bezaubert, dann kam lange Monate dein nachdenkliches Schweigen – und jetzt eine geradezu feindliche Stellungnahme. Was ist eigentlich geschehen? Offen gestanden, Dora, ich habe dich beobachtet – und einmal geradezu befürchtet, du würdest – nun, du würdest dich Hals über Kopf mit Gangolf – – –« Sie brach plötzlich ab, ohne das Wort verloben auszusprechen. Denn das Dienstmädchen Babette, ein untersetztes kräftiges Landkind, war eingetreten und horchte jäh auf, als der Name Gangolf fiel. Die scharfäugige Mutter bemerkte sogar, daß sie dabei zusammenzuckte und von einer zur anderen schaute, begierig, mehr zu erfahren. Sie stellte das Kaffeegeschirr ab und deckte den runden Tisch. Babette war nicht gerade die Klügste und hatte in letzter Zeit die ehedem blühende Gesichtsfarbe verloren. Gangolf? Er war am Semester-Ende mehrere Wochen zu Besuch gewesen, ein überaus lustiger Student und ein gar hübscher Mann, wie Babette, das Bauernmädchen, immer wieder gesprächig festgestellt hatte. Zugleich trat Ulrich, der Student, Dorotheas Bruder, mit einigen Äpfeln aus dem Garten ein. Er hatte die hochgereckte, offene Art der Schwester, deutsch in Wesen und Tracht, durch und durch Turner von Turnvater Jahns Art. In den Gesichtszügen und sogar in der Bildung der Zähne trug er das mütterliche Erbteil, was ihm gelegentlich den Kneipnamen »Hasenmäulchen« oder »Spitzmaus« einbrachte; dies verbat er sich aber, und es blieb beim geläufigen »Uli!« »Ich habe die ersten Apfel gepflückt,« sprach er. »Wer will mit essen? Da, Babette, hast du auch einen.« Und er legte das Obst auf den Tisch. »Ulrich, es ist mit deinem Vater irgend etwas nicht in Ordnung,« sprach die Mutter, »ich höre ihn immerzu mit harten Schritten auf- und abgehen und dabei manchmal stampfen und laut reden. Wir sollten hinaufgehen und nach ihm sehen.« »Wohlauf denn!« sagte Ulrich, zupfte sein bescheidenes Schnurrbärtchen und strich über das langwallende braune Haar. »Dringen wir hinauf in das Reich des Eremiten und tragen wir gesunden Sauerstoff in seine dumpfe Löwenhöhle. Wie sagt unser mannhafter Jahn? Ist ein Überwinden von Lebensüberdruß und Unmut nicht auch ein Sieg? Auf, Mutter!« »Ja, ich komme sogleich,« sagte die Mutter rasch, ihre Sachen vollends zusammenraffend, von ihres Sohnes frischem und festem Ernst angesteckt. Und so gingen die beiden in das obere Stockwerk hinauf. Oben bot sich den Eintretenden ein seltsamer Anblick. Der Tag war ein wenig neblig oder wolkenbedeckt; der hagere Professor hatte sich in seinen Schlafrock gehüllt und ein dickes Tuch um den Hals geschlungen. In dieser unkriegerischen Gewandung stand er mitten im Zimmer und machte mit einem großen Lineal Fechtausfälle gegen einen unsichtbaren Gegner. »Da, Lump! Nimm das, Schurke! Glaube ja nicht, daß du mit einem Krüppel zu tun hast!« Doch plötzlich warf er das Lineal in die Ecke. »Es geht nicht mehr! Ich bin doch ein Krüppel!« Er hinkte an seinen Lehnstuhl und warf sich seufzend hinein. »Das Fechten sitzt noch – aber ich kann nicht mehr so lange stehen. Unmöglich!« Und sich plötzlich nach den Seinen umwendend, rief er unwillig und verdrießlich: »Was wollt ihr hier?! Hab' ich euch gerufen, um diesem unwürdigen Schauspiel zuzusehen? Zu solcher Beschämung brauch' ich keine Zuschauer!« »Stoßdegen, Vater! Glänzend!« rief der Sohn scherzend. »Du beherrschest den Stoßkomment!« Die Mutter blieb in der Türe stehen und rief bekümmert: »Aber, lieber Karl, bei deinem Gesundheitszustand! Du erschreckst uns ja!« »Ich habe euch schon oft gesagt,« rief der Alte heiser, den Schweiß wischend, »wozu das Fechten erfunden ist: um den Teufel geduckt zu halten, den Schuft, den gemeinen Tiermenschen in uns allen, wenn er heraus will! Denn wir alle haben Gewürm in uns. Und in diesem Schurken dahier, der mir den Brief geschrieben, reckt das Gesindel die Fratzen heraus. Da muß man drauf hauen!« Und er reichte der Gattin den Brief. Dann fuhr er fort, in seinem angegrauten Kinnbart krauend: »Die Sache selbst ist mir eigentlich zu dumm. Aber der Kerl, der dahinter steht! Daß dieser Frechling Gast in meinem Hause war! ... Ich hab' neulich viel an Luther denken müssen. Wunderlich genug! Luther war ein Gottesmann; er hatte dennoch den Teufel in sich, sonst hätte er ihn nicht außer sich gesehen. Aber er hielt ihn geduckt, da liegt's! Der Teufel war ihm, bei seinem Temperament, nur Anreger, Düngerboden, unterirdische Kraftquelle; er aber, mit der Stärke seines Geistes, verwandte den Satan zum Guten, so daß ihm der Höllenfürst mit seinen Kräften dienen mußte. Ich kann's nicht. Was bei mir immer oben raus will, ist ungemeisterte Hitzigkeit, keine Kraft. Das ist der Unterschied. Ich kann nicht stille sein, nicht gelassen sein, sonst könnten mich solche armselige Niederträchtigkeiten überhaupt nicht aufregen. Stille sein? Lern's, wer's kann! Wieder einmal eine Niederlage! Meine Nerven meistern mich, nicht ich die Nerven!« Die Mutter hatte den Brief gelesen, reichte ihn nun mit der ihr eigenen, fast nüchternen Ruhe dem Sohn und sprach: »Die ganze Sache läuft also auf einen ungezogenen Brief hinaus. Denn dieser Brief ist ungezogen, um nicht zu sagen frech.« Der Mann im Sessel fuhr in seinen halben Selbstgesprächen fort und sprach: »Ja, frech! Weiß wohl, daß ich ein alter Knochen bin, keinen Schuß Pulver wert. Außerdem bin ich rheumatisch! Dieser Mensch, der mit seiner unverschämten Gesundheit protzt, dieser aufgeschwemmte Renommist – wie heißt er denn gleich? – dem ich taktvoll, ja verschwiegen ausgeholfen habe, so daß ich's selbst meiner Frau erst nachträglich sagte – dieser Vollblüter kneift! Und hatte mir sein Ehrenwort gegeben, daß er die Sache sofort nach der Heimkehr ordnen werde! Du hast ihm neulich geschrieben, Caroline, hast ihn mit vollem Recht an die Schuld gemahnt. Und nun? Was sagst du dazu, Ulrich? Nun fragt er in dem Brief da, ob meine Frau mit meinem Wissen und Willen geschrieben habe! Denunziert also gleichsam eine teutsche Frau bei ihrem Ehemann! Erwartet sogar, daß ich meine Frau maßregeln werde! Erwartet, daß ich auf die Geldforderung verzichten werde! Behauptet, ein großer Teil der Summe sei zu Verbindungszwecken benutzt worden – – –« »Versoffen und verbuhlt hat er sie, der Lump!« rief Ulrich zornrot und warf den Brief auf den Tisch. »Verhöhnt meine Weltanschauung!« krächzte der Professor. »Schreibt, er hätte nicht gedacht, daß ein sogenannter Idealist überhaupt noch an solche lumpige Kröten denke – lumpige Kleinigkeit von fünfzig Talern! Versteht also unter einem Idealisten Schillerscher Prägung einen leichtsinnigen Haushalter! Verwechselt Idealismus mit Illusionismus oder Ideologie!« Er schwieg keuchend. An diesem Punkte war er am tiefsten getroffen. Denn er schlug sich mit nicht allzu vielen Mitteln wirtschaftlich tapfer durch und bezwang das Leben nur durch meisterhafte Sparsamkeit. Daß er sich, in seinem angeborenen großherzigen Edelmut, dennoch aufgerafft hatte, dem Freunde seines Sohnes mit einer für ihn nicht unbeträchtlichen Summe auszuhelfen, und daß ihm nun solcher Undank zuteil wurde, das kränkte den alten Herrn aufs bitterste. »Ich habe diesem Arthur Gangolf nie recht getraut,« gestand Ulrich, »war aber immer wieder bezwungen durch seine unbestreitbar guten Sitten. Nun aber werde ich aufpassen. Vielleicht gibt dieser Vorfall einen passenden Anlaß, die Verbindung von ihm und seinem Einfluß zu säubern. Ich muß mir's überlegen.« Er hatte viel von der Besonnenheit der Mutter und pflegte nicht überstürzt zu handeln. Nachdenklich ging er wieder nach unten, während sich Gatte und Gattin weiter miteinander unterhielten. Dorothea war nur einen Augenblick ins obere Gemach nachgekommen, hatte den Brief gelesen und sich still wieder entfernt. Sie saß nun wieder an ihrer Stickerei, während das Dienstmädchen, den Kaffeetisch deckend, das offenbare Bedürfnis bekundete, sich mit dem Fräulein zu unterhalten. »Was is denn mit dem Herrn Professor los, Fräulein Dora?« fragte sie. »Verstimmung,« erwiderte Dorothea kurz – und fügte plötzlich hinzu: »Du hast ja auch den Herrn Gangolf bei uns kennengelernt?« Mit einem halben Blicke streifte sie Babette, die errötete und sofort lebhaft erwiderte: »O ja, der Student! O, das ist ein so lustiger Herr! Und ein großer, hübscher Herr!« »Er war ja zu dir wohl immer freundlich?« »Ach ja, er ist so gemein mit den Leuten! Wie die Burschen auf dem Dorf! Er ist ja aus unserer Gegend und – denken Sie doch, Fräulein! – er hat mich immer Landsmännin genannt! Landsmännin hat er gesagt!« Sie kicherte unendlich und wurde ungewöhnlich lebhaft. »Na, und so – wissen Sie, wie auf unserem Dorf!« »Na, Babette, wie sind sie denn auf eurem Dorf?« »Na so, ein bißchen dreist! Und immer hinter die Mädchens her! Ach, wenn man so am Sonntagabend vor's Dorf ging – wissen Sie, so nach dem Wald hinaus – – na, und so!« »Sie sagen immer ›und so‹, Babette, statt mir ordentlich zu erzählen, wie denn das war?« »Ach, Fräulein, da haben Sie ja keine Ahnung davon! Sie sitzen viel zu fromm da hier in der Stube. Die Eltern – wissen Sie, Fräulein, zu Hause darf man ja nichts davon sagen, aber die haben's auch nicht anders gemacht, wie sie jung waren.« »Meinen Sie wirklich?« »I natürlich! Ach, das war ja zu lustig. Wissen Sie, da waren am Wald so hohe Kornfelder, und da auf einmal liefen die Mädchen alle auseinander und lachten und kreischten, und die Burschen hinterher, und jeder nach einer anderen Richtung – aber wissen Sie, was so jedem Mädel der Schatz war – wissen Sie, mit dem sie's hielt – der fand sein Mädel schon – ach, war das lustig! Und drüber war's Nacht geworden – wenn ich so an die lustigen Sonntagabende denke – nu ja – und gerade so war der Herr Gangolf auch.« Dora sah das einfältige Mädchen jäh von der Seite an – und ein peinlich unangenehmer Verdacht stieg mit weiblicher Hellsichtigkeit in ihr empor. Grade so?! Also derart, daß ein Mädchen darüber die Farbe verliert?! »Du hattest im Sommer noch so blühend rote Wangen, Babette,« sprach sie langsam. »Wohin sind die geschwunden?« »Nu ja, Fräulein, 's ist vom Magen,« erwiderte Babette verlegen und ging nach der Türe, aus der gerade der merklich verstimmte Ulrich hereinkam. »Babette,« sprach er, »Vater und Mutter trinken oben. Bring ihnen den Tee hinauf! Papa ist etwas angegriffen, die Mutter leistet ihm Gesellschaft.« Als Babette gegangen war, vernahm Dorothea zunächst einen abgerissenen Bericht über die Vorgänge in Vaters Zimmer. Dann begann sie zögernd ihrerseits das Gespräch. Sie saß in ihrer gewohnten aufrechten Haltung am Kaffeetisch und spielte unruhig mit einer Brotkrume. Ihr Gesicht war ausdrucksvoll und nicht leicht zu vergessen; über dem schmalen festen Mund saß eine große, kühn gebogene Nase, von dunklen Brauen flankiert; die schwarzen Augen blitzten bei rascher Rede, senkten sich aber wieder, wenn sie in besinnliches Zögern kam. »Babette war eben dabei, mir Bekenntnisse einer schönen Seele zu eröffnen – na, ich sage dir! Mehr animalische Bekenntnisse einer sogenannten Unschuld vom Lande. Kurz, ich danke! Da kann euer Vater Jahn lange predigen von der Würde der teutschen Jungfrau. Weißt du, Ulrich, manchmal beneid' ich fast ein so naives Geschöpf. Das überläßt sich sinnenfroh seinen Trieben, denkt gar nicht über die Folgen nach oder übernimmt halt auch die Schande als eine Buße für übermütige und ausgelassene Stunden. Aber wir? Jedermann in der Welt spricht von den Lützowern und anderen Kriegsfreiwilligen. Die konnten sich entlasten und ihren angestauten Tatendrang wild und schön in Handlung umsetzen. Wir Mädchen und Frauen aber – da sitzen wir und sind zur Untätigkeit verdammt. Wenn wir wenigstens mitarbeitend teilnehmen könnten am Wirken eines bedeutenden Mannes, etwa in Form einer vornehmen Freundschaft, wie die Schlegels in Jena oder Frau von Stein oder solche Frauen in Weimar! So hab' ich mir einst mein Leben gedacht.« Plötzlich abbrechend, schwieg sie einen Augenblick und fuhr dann mit jähem Ruck fort: »Du, sag' einmal frei und teutsch heraus: was ist das eigentlich für ein Mensch, dieser Gangolf?« »Ein unbeseelter Sinnenmensch!« sagte Ulrich heftig. »Jetzt ist's mir klar, ganz klar. Und er hält diesen ungemeisterten Geschlechts- und Sauftrieb für Kraft. Das ist sein Lebensirrtum, an dem er über kurz oder lang zerschellen wird. Er ist zwar älter als ich; aber ich durchschaue ihn jetzt, nachdem er einige Semester mich übermäßig beeinflußt, wenn nicht beherrscht hat. Ich bin nun beizeiten aufgewacht. Er ist das Gegenteil von dem, was ein wackerer teutscher Bursche sein soll. Zwar hat er nur den letzten Teil des Krieges mitgemacht, aber er tut, als ob er bei Gravelotte beinahe den Bonaparte gefangen hätte. Ein Renommistl« »Und du hast einen solchen bedenklichen Burschen in dein Elternhaus eingeladen?« »Dumm genug! Überdumm! Insofern bin ich allerdings an diesen Widerwärtigkeiten schuld, die nun unseren Vater ärgern.« »Wenn's nur das wäre!« »Aber gesteh's offen, Dorothea: warst nicht auch du anfangs von ihm begeistert? Mutter und ich glaubten sogar, du würdest dich mit ihm verloben.« »Mit der Reitpeitsche, jawohl!« Dorothea blitzte heftig auf. »Ich bin durch diesen unverschämten Brief und noch mehr durch Babetten plötzlich hellsichtig geworden und hätte nun nicht übel Lust, deinen Gangolf öffentlich durchzupeitschen. Bei mir ist's ihm nicht geglückt, aber Babette fiel auf ihn rein, fürcht' ich. Schau dir das dumme Ding einmal genau an! Ein hübscher Mann, sagt sie immer, natürlich, und ist stolz darauf, daß sich der hübsche Zuchtbulle um sie bemüht hat. Es ist zum Zähneknirschen, Ulrich! Daß ich auf unser derbes Dienstmädchen gleichsam eifersüchtig werden muß, weil – nun – weil ich mich unversehens in den Regionen niedersten Trieblebens mit ihr begegne! O, ich kenne jetzt seine Methoden der Verführung! Er versuchte mir weißzumachen, Liebe sei ein Kampf zwischen Mann und Weib. Das liebende Weib wolle erobert werden, wolle unterliegen. Er beginnt also mit Scherz, setzt den Kampf mit wüsten Griffen fort – und das Ganze läuft auf einen Bauernspaß hinaus, wie mir Babette soeben ausgeplaudert hat. Das hat er mal nach dem Mittagessen, als er einige Glas Wein im Kopfe hatte, im Gartenhäuschen auch bei mir versucht. Was, du Hund, ein bißchen Pfarrers Tochter von Taubenheim spielen, wie in Bürgers wüster Ballade? Ha, ich bin ihm übel an die Gurgel gefahren.« »So also steht's mit dir, Dora?« fragte Ulrich tief erstaunt. »Du hast also den Katechismus dieses Verführers aus eigener Anschauung kennengelernt?« »Allerdings. Und leide darunter. Leide unsäglich, Ulrich. Nichts beschämender für ein Mädchen, als wenn es eine gewisse – meinetwegen Neigung einem unwerten Manne zuwirft und dann solche Enttäuschung erleben muß. Eine Jungfrau will nicht nur des Mannes Liebe, sondern noch mehr des Mannes Achtung. Aber der? Ich hasse ihn unendlich. Brunst, wo ich Inbrunst erwartete! Geilheit, statt zarter Verehrung. Kann ein Mädchen schamloser beleidigt werden? O, ich mache mir keine Mätzchen mehr vor. Mit eben dieser Brunst schlich er dann in Babettens Kammer – o, es ist fürchterlich!« Dorothea bog das stolze Gesicht mit der hohen Haarfrisur plötzlich herab, barg es in beiden schlanken Händen und weinte grimmig. »Armes Kind, steht es so mit dir? Ich werde dem Kerl die Fratze zu Mus zerhacken!« rief Ulrich. »Und dann? Was ist damit gebessert?« fuhr Dorothea rasch wieder empor. »Trenne dich für immer von ihm, wirf ihn aus der Landsmannschaft hinaus! Das ist ein Raubtier. Der lehrt seine Umgebung die verderblichen Angriffskünste des Raubtiers. Oder soll ich ihn öffentlich aus eurem Kreise hinauspeitschen?« »Nun, nun, Dorchen,« beschwichtigte Ulrich, »beflecke dich nicht mit solchen gemeinen Händeln! Das ist nichts für Frauenhände. Überlaß es uns Männern.« »Wenn ihr Memmen seid, so müssen Jungfrauen Männer werden. Gesteht, daß ihr Angst vor ihm habt, gesteht's nur!« »Das nicht – aber er hat Einfluß – –« »Also Angst! Angst vor seinem Einfluß! Vielleicht auch vor seiner glänzenden Klinge! Seid ihr nicht Memmen?!« »Aber, Dorothea – –« Es hatte an der Haustüre geklingelt, und jetzt trat die dreizehnjährige Jüngste ein, ein großes, fröhliches Mädchen, mit ihrer ebenso schön gewachsenen blonden Freundin Ilse und erzählte sofort, ihre Freundin wäre in Jena gewesen, und ihre Basen hätten mitgestickt an einer schönen Fahne für die Studenten; und die Fahne sei rot und schwarz und noch einmal rot, und auf dem Schwarz wäre ein goldener Eichenkranz gestickt; und die Studenten hätten eine junge Eiche vom Rauhtal hereingeholt und mitten auf einen Platz gepflanzt; und die Professoren im schönen Ornat wären dabei gewesen – und so frisch-fröhlich weiter, munter unterstützt von der Freundin. »Gut, Hilde! Wirf deinen Bücherranzen ab! Setz dich da zu Ilse!« Jetzt kam auch die Mutter von des Vaters Zimmer herab und nahm seufzend bei den Kindern Platz. Drittes Kapitel. Der Bibliothekar Als Ulrich einige Tage darauf wieder in seiner Universitätsstadt war, überlegte er hin und her, wem er wohl im Falle Gangolf dieses aufregende Erlebnis anvertrauen könnte. Die Sache hatte ihn ebenso erschüttert wie seine Angehörigen. Er hatte bisher unter dem Einfluß und Banne des lebensvollen Burschen gestanden. Nun mußte er das abschütteln und selber gehen lernen, mit solcher Enttäuschung im Herzen. Wen konnte man um Rat fragen? Einen Kommilitonen? Nein, die waren selber zu unreif. Einen seiner Hochschullehrer? Nein, diese persönliche Sache gehörte nicht vor ihr Forum. Aber – der Gedanke schoß ihm plötzlich in den Kopf, und er wunderte sich, daß er ihn nicht früher gedacht – vielleicht den Stadtbibliothekar Dr. Wolf Petersen, einen alten Herrn seiner Verbindung, mit dem er sich befreundet fühlte? H. A. Riemann Gedacht, getan! Dieser Einsiedler, ein langer, ungelenker Gelehrter, hatte ja damals, gerade als Gangolf in Eisenach war, Ulrichs Familie einen kurzen Tag besucht und war sofort wieder abgereist. Er hatte eine einzige Leidenschaft: das Wandern. Diesem Drange folgte er sehr ergiebig. Und daneben liebte er seine Bücher und seine langen Pfeifen. Vielleicht aus dem Bedürfnis heraus, nicht zu sehr Stubenhocker zu werden, erging sich der Eigenbrötler oft mutterseelenallein weitum in Wald und Flur; und es kam ihm nicht darauf an, auch einmal in einer Höhle oder im Freien zu übernachten, zumal da er mit bald vierzig Jahren noch unvermählt und nicht verwöhnt war. Sein ungeselliges Wesen ließ ihn stolz und spröde scheinen. Die Kneipe seiner Landsmannschaft besuchte er fast nie; es erregte Aufsehen, wenn er abends einmal eintrat, um etwa eine neueste politische Nachricht zu verkünden, kurz zu besprechen und ebenso rasch wieder zu verduften. Für Ulrich hatte er eine besondere Vorliebe. Dr. Wolfgang Petersen saß auf seinem Zimmer vor einem seiner Lieblingsbücher, vor den Dichtungen der Äbtissin Roswitha von Gandersheim. Er beschäftigte sich besonders mit der lateinischen Dichtung des Mittelalters, war aber auch in klassischer Philologie und Geschichte beschlagen. Die Stube war über und über mit Büchergestellen umrahmt; und an dem einzig freien Wandfleck hingen Pfeifen von verschiedener Größe. Er saß rauchend vor seinem Codex; und der Besucher mußte sich erst durch eine dicke Rauchwolke hindurchfinden. Die lange Don-Quixote-Gestalt erhob sich und begrüßte den jungen Kommilitonen mit großer Herzlichkeit. »Salve, Carissime!« rief er mit seiner vollen Baßstimme. »Siehe da, ein lebendiger Mensch! Wagst du dich in meinen Rauch und ins lateinische Mittelalter, Uli?« Er schüttelte dem Freund die Hand, wobei sein kriegerischer Haarbusch mitbebte. Petersen trug beim Lesen eine Brille; er hatte einen etwas verwilderten blonden Krausbart, so daß der Hüne im ersten Augenblick fast unheimlich wirkte. Aber seine blauen Augen blickten unendlich gütig, als er sich nun durch so angenehmen Besuch überrascht sah. »Zurück aus der Heimat, liebster Ulrich? Wie geht's deinem werten Vater?« »So schlecht und recht wie immer.« »Ein unendlich gelehrter Mann! Und in so zerbrechlichem Körper gefangen! Es ist der Geist, der sich den Körper baut, sagt zwar unser Schiller, aber in diesem Falle kann man von einem Kampfverhältnis zwischen Körper und Geist sprechen. Ich erinnere mich mit Vergnügen an den Tag in eurem Hause.« »So? Nach deiner auffallend raschen Wiederabreise zu schließen, schien es dir bei uns nicht sehr zu gefallen. Es ist uns aufgefallen, daß du so ungewöhnlich schnell wieder verschwandest. Warum denn eigentlich? Vater besonders hat es lebhaft bedauert. Er erhält so wenig gelehrten Besuch und konnte sich über deinen schnellen Abschied gar nicht beruhigen.« »Nun,« sagte der Gelehrte zögernd und strich sich durch den wirren Bart, »ihr hattet ja schon Besuch – –« »Was schadete das? Wenn etwa der Raum nicht reichte – wir haben gute Nachbarn genug. Und er hätte gereicht.« »Nein, nein,« winkte Petersen ab. »Es sollte nicht sein. Genug davon!« »Warum nicht?« beharrte Ulrich. »Du verschweigst mir etwas! Es war also doch etwas, was dir bei uns mißfiel?« »Ach, das hat weiter nichts auf sich.« »Doch, es hat allerdings etwas auf sich. Und diesen Grund möcht' ich eben gern wissen.« »Man trägt seine kleinen und großen Verdrießlichkeiten gern allein, verstehst du, Uli. Euer Haus – ein echt teutsches Haus! Mir ist es im übrigen nicht gegeben, jemanden in mein Inneres sehen zu lassen, so lieb ich dich auch habe.« »Also: es liegt etwas vor liebes Langbein!« sagte Ulrich und nannte den Freund bei seinem Kneipnamen, indem er ihm mit der Hand auf das Knie schlug. »Du verbirgst mir etwas! Sind wir Freunde? Ich habe dich bisher für meinen Freund gehalten, wenn ich dich auch in deiner Einspännerklause wenig behelligte; ich hielt dich immer für einen außerordentlich wahrhaftigen Menschen.« Petersen senkte den Blick und schwieg, eifrig Dampf aus seiner holländischen Pfeife stoßend. Endlich sah er Ulrich offen an. »Wenn du mir denn so kommst, mein braver Uli – nun, so will ich nicht hinterm Busch halten. Aber, Junge, du bewahrst Stillschweigen! Nämlich – offen gestanden – der Gast, der damals bei euch im Hause war, der Kandidat Gangolf – offen gestanden – gefiel mir nicht, hat mir nie gefallen. Der Henker mag wissen, wie dieser Raufbold und Saufbold Senior der Verbindung wurde und gerade in euer Haus kam! Darum bin ich ausgerissen, Uli, einzig darum!« Er lehnte sich zurück und führte die Pfeife wieder zum Mund. »Aha!« rief Ulrich und schlug auf sein eigenes Knie. »Da haben wir's! Hinc illae lacrimae ! Und um eben dieses – Kerls willen komm' ich zu dir und will deinen Rat hören.« Er erzählte in seiner bedächtig ausholenden Art genau den Vorfall und deutete auch das Gespräch mit der Schwester über Babette an. Petersen lauschte gespannt, vergaß darüber das Rauchen und erhob sich, als Ulrich aufhörte, um mit langen Schritten schweigend im engen Zimmer auf und ab zu wandern, wobei er beträchtlich hinkte, da seine Wunde von Ligny wieder schmerzte. »Also doch!« sprach er endlich. »Also doch!« »Was sagst du dazu, Langer?« schloß Ulrich. Der Büchereiverwalter setzte sich wieder, schaute durch seine Brille scharf und lang den Freund an und ergriff dessen Hand. »Lieber Uli, ich bin in diesem Falle zu sehr Partei und würde heftig werden, maßlos heftig, wenn ich auch nur ein Wort schnaufen würde. Um dir's offen zu gestehen: deine Schwester Dorothea hat mir einen außerordentlich – wie soll ich sagen – vornehmen Eindruck gemacht. Du weißt, ich laufe den Unterröcken nicht nach; drüben wohnt meine Mutter – und damit gut. Mich hat meine Wissenschaft in den Klauen. Aber deine Schwester – eine Königin! Nun gut, als ich nun diesen Gangolf dort Hahn im Korbe und das Feld beherrschen sah, überlief es mich ingrimmig – und ich hab' sofort mein Ränzel geschnürt. Laß uns also nicht wieder auf diese Sache zurückkommen! Mich grinst da das Laster des dumpfen Zeitalters an.« Ulrich saß staunend. Hier also steckte der Grund, warum dieser stille, wunderliche Mensch so rasch aus seinem Vaterhause entflohen war! Petersen aber war in Feuer gekommen und fuhr fort: »Habt ihr denn noch immer kein Gefühl dafür, ihr jungen Burschen, worum es jetzt in Deutschland geht? Ich habe die Franzosenzeit in Berlin miterlebt; habt ihr eine Ahnung, was für schändliche Dinge diese Seelenmörder dort trieben? Da war kein junger Stiefelputzer vor ihren Lüsten sicher. Schüler lockten sie in ihre Militärställe, um schamlosen Handlungen zuzuschauen. Und wieviel Knaben lungerten überall herum und führten ihnen Dirnen zu! An diesem Lottertreiben habe ich meinen Franzosenhaß genährt. Unser Freiheitskampf war ein sittlicher Kampf. Mit meinem blutjungen Freund Dürre, einem echt teutschen Jüngling, bin ich bei den Lützowern eingetreten und habe den ganzen Feldzug mitgemacht, immer in dem Bewußtsein, ich kämpfe für eine heilige Sache. Wir müssen unser Land reinigen von der Franzosenpest. Denn das sind Räuber und Lüstlinge – und schleppten den ganzen Gestank und Unrat der französischen Revolution in unser Land. Himmel und Hölle! Nun kommt solch ein Lump und bringt die Seuche der Gemeinheit in euer Haus?! Ich bin stolz darauf, daß mich echt teutsche und große Männer wie Arndt und Stein und Lützow oder Jahn ihres Umganges würdigten – und ich soll mich mit diesem unzüchtigen, geilen Hund an eine Bierbank setzen?!« Er war in teutonischen Zorn geraten und donnerte die Worte derart heftig heraus, daß seinem Besucher die Ohren gellten. Jetzt war der Büchermann aufgezogen, jetzt war er im Schwung; sein Inneres brauste wie eine Windsbraut; und dieses Innere war eine Heldenwelt, Ulrich brauchte nur zu lauschen; die Erinnerungen an den Krieg durchwogten Petersen – und unmittelbar hinterher die Enttäuschungen der Reaktion. »Ich habe sie gekannt, die großen Männer, die jetzt keinen Einfluß mehr haben im erbärmlichen Deutschland. Schon bei Leipzig fing es an. O, ich weiß wohl, wie Gneisenau verbittert war, als unser König, der preußische König, kein Wort für ihn hatte nach all diesen Siegen und Heldentaten. Übergang über die Elbe, Möckern und all die grauenhaften Kämpfe von Dennewitz bis Leipzig – dazu mit ungeschulten Landwehrmännern und Freiwilligen – wer macht uns Deutschen das nach?! Und jetzt? Überall tuschelt und wispert der Argwohn, wir Kämpfer aus den Freiheitsschlachten wären Revolutionäre und müßten geduckt werden. Nur ja keine freiheitlichen Zugeständnisse! Nur hübsch Volk und Jugend am Schürzenbändel halten! Wohin ist der Schwung? Wohin die schöpferische Kraft? Begraben im Wiener Kongreß! Schlugen wir dazu die mörderischen Schlachten, damit der reaktionäre Metternich aus den Strudeln auftauche und mit seinen Trabanten Europa wieder versaue?!« »Jawohl, mein Lieber!« fuhr er in herausforderndem Schnauben fort, »man muß den Mut haben, der Tragik des Daseins stracks ins Gesicht zu schauen! Dein Vater hat recht! Das tun die wenigsten Sterblichen, obschon sie doch wissen, daß sie alle ohne Ausnahme zum Tode verurteilt sind – alle, von Geburt an. Eure Thüringer Landgrafen hatten den Löwen im Wappen. Ein Löwe muß immerdar in unserem Wappen sein: Mut, mein Junge, Mut. Wir sind hienieden kein Keglerklub, sondern auf einem Schlachtfeld. Wir bluten aus stillen Wunden, machen aber nicht viel Wesens davon. Solcher Kampf adelt und ist ein fördernder Spannungszustand. Verstanden, Uli? Das Leben ist eine kalte Frostnacht, an einem Lagerfeuer durchwacht, während der Feind in der Nähe lauert, der Tod. Weiß solch ein Genüßling etwas vom Sinn des Daseins? Nichts weiß er! Darum stirbt er den Strohtod, denn er fault schon bei lebendigem Leibe. – Und jetzt geh, mein Uli! Ich reise morgen früh einige Tage nach dem Kyffhäuser und will mir durch diesen Lüstling oder Scheinmenschen nicht meine Stimmung verderben lassen.« Er verabschiedete sich plötzlich mit festem Händedruck, und Uli sah sich vor die Türe gesetzt, ehe er recht zur Besinnung gekommen war. »Übrigens, Uli,« rief der Bibliothekar noch dem Abgehenden nach, »hab' ich nie eine schlechte Klinge geführt, hab' mich täglich im Fechten vervollkommnet und hoffe den stärksten Raufer abzuführen.« Und mit hocherhobenem rechten Arm führte er einige wilde Bewegungen aus, ehe er wieder in seine Stube hinkte. Gedankenvoll schritt Ulrich in den leise rieselnden Abendregen hinaus. Es war ihm, als hätte er heute zum ersten Male seinen Freund erlebt, als hätte er überhaupt jetzt erst einen Blick geworfen in dessen stürmische Innenwelt. Was für ein Feuer steckte in diesem Einsiedler! Wo waren denn bisher diese Kräfte? Hatte der rohe Gangolf bei jenem Besuch zu Eisenach, ohne es zu ahnen, auch in dieses Leben eingegriffen? Viertes Kapitel. Studenten Bei der Landsmannschaft »Burgundia« war ein Burschenschafter aus Jena zu Gast. Es war Semesteranfang; man saß im Hinterzimmer des »Goldenen Affen«. Regelrechte Kneipabende hatten noch nicht begonnen, da mehrere noch nicht anwesend waren. Ein Dutzend Burschen und Füchse lungerten vor den Humpen und rauchten. Im Nebelgewölke zeichneten sich einige Charakterköpfe in oft phantastischer Tracht in das blaue Gewölk hinein und verschwanden wieder unter vorüberwogendem Rauch. Trinkzurufe waren in vollem Schwung; es jagten sich die Vivat und Schmollis rund um den Tisch. Manchmal sprang einer der jungen Leute rasch und steil empor, rief mit ausgestrecktem Humpen ein donnerndes Pereat auf irgendeine Untugend oder auf eine unbeliebte Persönlichkeit in den fröhlichen Lärm hinein, leerte unter dem heiter zustimmenden Gebrüll der Kommilitonen sein Maß und setzte sich wieder. Das Studentenleben, damals nicht mehr so roh und wild wie noch vielfach im achtzehnten Jahrhundert, war immer noch abenteuerlich genug und immer mit Übermut geneigt, toll über die Stränge zu schlagen. Schon herrschte der ernste deutsche Rock vor. Aber zu Mumpitz und Maskeraden aller Art war man immer aufgelegt. Die Landsmannschaft »Burgundia« war der wildesten eine; besonders ihr Senior hatte den Ruf eines außerordentlichen Raufers und führte Hieb- und Stoßklinge ebenso meisterhaft, wie er seinen Humpen schwang und mit ungewöhnlicher Zugkraft leerte. Gangolf saß am oberen Ende des länglichen Tisches und hatte an diesem Abend eine Art Kürassierhelm mit mächtigem Haarbusch auf dem festen Schädel, darunter einen dunklen Samtflausch etwa nach polnischer Art, dessen Kragen weit offen stand, als wollte der vollblütige Hals das Kleid sprengen. Die anderen um ihn her trugen meist rote Mützen mit starken Schirmdeckeln, die sie oft beim Zutrinken lüfteten, um dann die Mützen wieder verwegen in den Nacken zu stülpen. Einige trugen Husarenpelzmützen oder gar den Tschako eines Landwehrbataillons. Die »Burgundia« war auf einer Exkneipe versammelt, wobei die Füchse vorherrschten, deren sich der Senior besonders annahm. »Also, Riemann aus Jena!« rief er. »Willkommen, Vandale, auf der Durchreise! Vandalia – vivat, crescat, floreat ! Sie sprangen auf, die Studenten, und stießen brausend mit an. Und Gangolf, als er sich wieder gesetzt hatte, fuhr fort: »Wenden wir unsere Aufmerksamkeit diesem animal metaphysicum aus Jena zu! Wie steht's dort? Es sollen daselbst Reformen der Studentenschaft im Gange sein, die mir ganz und gar verdächtig sind. Sittlichkeitsapostel, was? Es wird euch ergehen, wie weiland der Sulphuria oder dem Tugendbund! Diese verweigerten das Duell, die Duckmäuser – apage Satana , zum Teufel damit! Ein freier Bursch trägt keine Schlafmütze. Sauf' eins, Riemann, scheinst mir ein honoriger Bursch! Schmollis!« Heinrich Arminius Riemann saß schmal und schlank etwas zurückhaltend an seinem Platz, dem Redner gerade gegenüber. Er trug an diesem Abend einen Rock in den Farben der Vandalen: scharlachrot, mit schwarzem Samt ausgeschlagen, den Kragen mit einem Eichelkranz aus Gold gestickt. Das Gesicht mit dem Schnurrbärtchen wirkte noch jünglinghaft, die blonden Locken quollen unter der Mütze vor; aber der ernste und entschiedene Blick schaute fest und ruhig in die Runde. Als er getrunken, sagte er, wobei er das st und sp nach hannöverscher Art aussprach: »Gut steht's in Jena, Kommilitonen. In dieser Musenstadt bin ich jetzt erst wieder warm geworden, denn ich habe zuletzt noch als Offizier der Paderborner Landwehr Kriegspflicht getan. Anständige Männer in Jena! Obenan der Geschichtsprofessor Luden. Der hat sich einst nicht vor den Franzosen gefürchtet, obwohl ihre Spione bis in die Türen des Hörsaales standen. Da sind meine Freunde Horn und Schröder – war ein Lützower – und mein lieber Siewerssen aus dem Holsteinschen, auch Kaffenberger aus Mainz – stand im dritten Bataillon bei Lützow – und nicht zu vergessen Bocholm, gleichfalls Ritter des Eisernen Kreuzes, und dann Scheidler und der Sohn des Kastellans der Wartburg – übrigens fällt mir auf, daß Schattenmann aus Eisenach noch nicht unter euch sitzt – – kurz, famose Burschen! Ein gut teutscher Geist in allem! Die sind nun seit einiger Zeit daran, eine Burschenschaft zu gründen, die alles wahrhaft und wehrhaft Studentische zusammenfaßt.« »Das hat zwar meinen Beifall, aber auch meine Bedenken,« klang es aus Gangolfs Ecke. »Lieber hör' ich von Jenas Bierstaat, vom Großherzogtum Lichtenhain. Ich fürchte, ihr vernünftelt zu viel, ihr Jenaer Burschen. Gedeihen denn dort keine Zoten mehr oder kecke Redensarten, so daß man etliche von euch zu Professoren der Zotologie zu ernennen vermag?« »Nein,« versetzte Riemann zögernd, »die mag's ja auch wohl noch geben; aber man sieht sie als veraltet an. Da ist zum Exempel Graf Strachwitz aus Schlesien, der vordem in Halle war, ein echter Junker, näselt ein wenig und spricht das st und sp wie Siewerssen und ich, obwohl er gar nicht aus dem Norden ist, wirkt also geziert und manieriert. Der hat immer eine Menge unsaubere Witze zur Hand. Na, laß ihn man! Auch bei den Kurländern kannst du dergleichen finden. Doch Himmel noch mal, Gangolf, meinst du, Bruder, daß man darum solange im Feld gefochten hat und das Eiserne Kreuz in Ehren trägt?« Er selber trug das Eiserne Kreuz nicht ohne Stolz deutlich auf seinem Studentenrock. »Was wollt ihr denn nun eigentlich mit eurer Burschenschaft?« »Die Sache geht von meinen Freunden Dürre und Maßmann aus,« fuhr Riemann fort. »Die brachten den Gedanken von Halle her, wo sie aus Berlin durchreisten. Dort haben sie schon mit der Teutonia darüber geplaudert. Einigung der deutschen Studentenwelt – das ist ihr Lieblingsgedanke. Seht mal, Kommilitonen, wir haben draußen im Feld einmütig gegen Napoleon gestanden, alle Gaue miteinander – sollten wir nun nicht auch nach dem Kriege einmütig zusammenhalten, statt in Raufereien widereinander zu stehen? Freilich hören auch jetzt noch wegen lächerlicher Kleinigkeiten Duelle innerhalb der Burschenschaft nicht ganz auf, etwa zwischen Mecklenburgern und Thüringern, oder zwischen den alten Sachsen und Franken. Da hatte neulich Netto, der frühere Sachsensenior, innerhalb etlicher Monate schon das achte Duell. Oder da ist der große, starke Schröder, der nach meines Freundes Horn Abgang an die Spitze der Vandalen trat – na, der hält die Russen im Zaum – wißt ihr, die Kurländer und Liv- und Estländer. Sind übrigens feine Gesellen darunter. Aber schließlich: Sachsen und Mecklenburger und Thüringer und so weiter – sind sie nicht alle Deutsche? Da müssen wir Burschen in der Einheit vorangehen. Ernst Moritz Arndt hat es schon seherisch vorausgesagt: ›Was ist des Deutschen Vaterland?‹ – Auf, ihr Burschen und Füchse, singt mit, wer das Lied kann!« »Los! Das Lied steigt!« kommandierte Gangolf. Und sofort erdröhnte mit kräftigen Stimmen Arndts Vaterlandslied mit dem Kehrreim: »O nein, nein, nein! Sein Vaterland muß größer sein!« und: »Das ganze Deutschland soll es sein!« So hatte durch Riemanns Worte auch in der »Burgundia« ein patriotischer Funke Feuer gefangen. Und als die Sangeslust geweckt war, schloß sich fast unmittelbar hinterher, nach angeregtem Gespräch', ein anderes Arndtsches Lied kraftvoll an: »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte!« »Famos, Freunde, daß ihr diese Lieder könnt! Großartig gesungen, Füchse!« rief Riemann. »Wir haben in Jena einen Gesangverein gegründet, einen Sängerchor, der nur aus Burschen besteht. Den solltet ihr hören! So ein Ständchen in mondhellen Nächten mit Liedern von Arndt, Schenkendorf oder Körner – na, da staunen die Philister, wenn Dürre mit seinem herrlichen Tenor alles überstrahlt! Übrigens Körner – erhebt euch, Burschen und Füchse! Einen Trunk der Wehmut zu des edlen Sängers Andenken!« Und als sie getrunken hatten, fuhr er fort: »Ich habe an Körners Bestattung bei Wöbbelin teilgenommen. Freunde, die Sache, um die es sich hier handelt, geht viel tiefer und weiter, als ihr alle ahnt. Es fing an gegen die fremden Unterdrücker, dann aber galt unser Kampf der Wiederaufrichtung der teutschen Einheit, der Schaffung freier Verfassungen, der Verbannung aller Ausländerei, der Rückkehr zur alten teutschen Biederkeit und Sittenreinheit!« Gangolf hatte mit wachsendem Unmut Riemanns Schwung und Ethos auf sich wirken lassen. Er fühlte, daß ihm die Führung entglitt und von dem Gast aus Jena übernommen wurde. Und dieser Gast brachte eine neue, ihm unbequeme Note in diese zwanglose kameradschaftliche Zusammenkunft. »Sittenreinheit?« rief er jetzt herüber, »Hallo, Riemann, seit wann ist Sittlichkeit ein Burschenideal? Mir scheint, du gerätst in einen Predigtton, Theologe Riemann! Wir sind auf einer Studentenkneipe, nicht in der Kirche. Siehst du, da regt sich mein Freiheitsgeist, mein Widerspruch: ihr wollt uns da eine Kette umlegen, uns an Händ' und Füßen schnüren! Biederkeit, Frömmigkeit, Keuschheit – zum Teufel noch einmal, ihr seid von den dortigen Professoren angesteckt, von Frieß oder Oken oder Luden, und wie sie alle heißen mögen, die Philister! Da sind die frommen Turner um Jahn in eurer Nähe. Frisch, frei, fröhlich, fromm? Laßt mir das Wort ›fromm‹ fort! Sauft, Füchse!« Der Gast redete nach einigem Stutzen weiter und hatte das Ohr der Füchse, die er mit seinem entschiedenen Ernst ansteckte. Gangolf schwieg oder knurrte nur und paffte Rauchwolken hinaus, immer ungemütlicher in seiner Stimmung. Eine Frage Riemanns nach Schattenmann gab den Ausschlag. »Schattenmann? Ist noch nicht da,« bemerkte der Senior kurz. »Überhaupt: wir sind zwar euch Vandalen Freunde, aber eure Theorien und Reformen lehnen wir ab. Punktum! Pereat Diabolus !« Er stieß mit seinen nächsten Nachbarn an und begann mit ihnen, unbekümmert um Riemann, absichtlich ein zotiges Gespräch. So zersplitterte die Unterhaltung. Gangolf leerte jetzt Humpen über Humpen mit dem Vollbehagen eines durstigen Gepäckträgers, der ein schweres Tagewerk hinter sich hat, dröhnte das leere Trinkgefäß auf den Tisch und rief nach dem Kellner. »Es ist frisch angestochen, Füchse! Rin in das kühle Gesöff!« Er glühte über das ganze feiste Gesicht, das durch eine Reihe von Schmissen gezeichnet war, und sein abenteuerlicher Helm saß auf dem Ohr. »Ein rechter Bursch soll kein Duckmäuser sein. Nach wie vor sollen Nachttöpfe auf die Köpfe der Philister sausen! Der Schläger ist des freien Burschen Szepter. Meint ihr, der Keuschheitsapostel Schattenmann hat schon ein Mädel berührt und verführt? Dabei hat er das drallste Dienstmädel im Hause. Aber man muß die Handgriffe verstehen. Sie gehen alle in die Falle, alle Weiber miteinander! In diesem Naturtrieb will keine einzige von ihnen Reformen! Hahaha!« Ein Bursch, der in der Nähe saß, ging auf den zotigen Übermut ein und rief herüber: »Holla, Gangolf, und wenn aus deiner Liebesfreude ein kleiner Gangolf entspringt?« Einige wieherten laut, aber Gangolf war jetzt in seinem Element. »Kind? Wird geleugnet! Das Mädel schleicht nach Hause, aufs Dorf oder wo es herkommt, bleibt schamhaft in der Kammer, und man macht dort nicht viel Wesens davon. Im Gegenteil, so was verbessert die Rasse! Ist's nicht so um Jena herum? Jeder dritte Bub, der sich da herumtreibt und durch kleine Handreichungen nützlich macht, hat einen Burschen zum Vater. Was, ihr glaubt's nicht? Fragt mal Riemann!« Dieser saß ernst und verstimmt. »Willst du damit sagen, Senior, daß auch ich Vater von so 'nem Rudel verwilderter unehelicher Jungen bin?« Seine Stimme klang fest und scharf. »Gar nichts will ich damit sagen, als daß ein freier Bursch auf eure sittlichen Grundsätze pfeift. Jawohl, pfeift! Wie das Korn reif wird, so reift auch die Jungfrau und will befruchtet werden, wie das Land vom Regen. Ich halt's mit der Natur, aber nicht mit blassen Theorien!« »Wieso?« fragte ein blanker blutjunger Fuchs trotzig und herausfordernd. »Sind wir denn Tiere – oder sind wir geistbegabte Menschen von Zucht und Gewissen? Wozu besuchst du denn alsdann die Universität? Wozu hörst du Philosophie und Moral, wenn du nur Triebmensch bist?« »Sieh mal an, der kleine Benjamin wird dreister Philosoph und Moralist!« rief Gangolf nicht ohne scharfen Unterton. »Steig' mal rinn in die Kanne! Ex!« Der junge Fuchs trank befehlsgemäß. Er hatte verbissen vor seinem Krug gesessen, nachdem er vorher Riemann gespannt zugehört hatte. »Heil Ehre, Freiheit, Vaterland!« rief er, als er den Krug geleert hatte. »Das ist die Losung der Burschenschaft. Was hast du dagegen einzuwenden, Gangolf?« »Vaterland? Gar nichts! Freiheit? Noch weniger! Auch gegen Ehre nichts, wenn man den Burschen einen besonderen Ehrenkodex einräumt.« »Zu saufen bis zur Besinnungslosigkeit? Zu buhlen und jungfräuliche Mädchen zu schänden?« »Was ist denn auf einmal in dich gefahren, du kleiner Satan? Soll ich dir dein Gesichtchen auf dem Fechtboden zerhacken, Knirps?« »Erzähl' von der Burschenschaft, Riemann!« riefen einige, um von der peinlichen Zwiesprache abzulenken. »Sollen wir uns mit der Sache befassen?« »Das will ich euch ganz genau sagen, Füchse!« sprang Gangolf sofort ein. »Seht ihr, da sind so ein paar Lützower, die noch den napoleonischen Krieg in den Rippen haben, die nun ihre Vaterlandsideale ins bürgerliche Alltagsleben umsetzen wollen – also den Schwung von damals auf Flaschen ziehen. Versteht ihr? Dahinter steht der teutsche Moralist Jahn mit seiner Turnerschaft. Habt ihr den alten Waldteufel Jahn einmal gesehen? Na, Kinners, ich sage euch, Bart über der Brust, Kahlkopf, teutonische große Worte im Munde, spricht kein Fremdwort, turnt bei Wind und Wetter im Freien, ein wahrer Sioux-Indianer, dem alle Stuben zu eng sind. So von außen wie ein Donnerwetterskerl. Aber im Innern ein Sittsamkeitsapostel, der von Biedermännertum trieft. Eigentlich engstirnig teutsch und fromm eingestellt. Ein philisterhafter Teekessel, der mit seinen Anhängern nur Wasser schluckt –« Riemann sprang jäh empor. »Ich muß mir's ernstlich verbitten, daß du aus diesem biederen und bedeutenden Manne eine Fratze machst, Gangolf! Ich habe die Ehre, Jahn persönlich zu kennen und zu achten. Er wird in deinem Munde zum Zerrbild!« Und er setzte sich wieder und leerte seinen Humpen aus. Man schwieg verdutzt, auch Gangolf. Riemann war ein guter Fechter, das wußten alle. Nicht ohne Spannung erwartete man, daß sich die Sache zu einer Forderung zuspitzen würde. Doch Gangolf lachte gemütlich. »Einen deiner Freunde will ich natürlich nicht beleidigen. Ich sage nur, wie Jahn mir erscheint. Du kannst uns ja aus deinem besseren Wissen ein freundlicheres Bild entwerfen.« »Mindestens haben Jahn und seine Schar noch Ideale!« rief nun der junge Fuchs von vorhin. »Wo keine Ideale mehr sind, wie sie uns Schiller und Fichte gelehrt haben, da ist kein höheres Leben mehr möglich, sondern nur Tiermenschlichkeit. Dabei bleib' ich!« »Aha, der Benjamin regt sich wieder! Zu solider Lebensführung hast du entschieden Anlage, aber es ist noch Zeit genug, wenn du im Philistertum versauerst. Vorher muß man sich frei austoben. Weder als Pennäler noch als Philister kommst du dazu, jetzt ist die einzig mögliche Zeit. Trinke, Jüngling, bis du schwarz wirst! Wer nicht das Abenteuer der Liebe und den Suff bestand, der kriegt kein Feuer ins Blut. Das sind Aufpeitschungsmittel. Wagen muß man, besonders bei den Weibern. Sie wollen erobert sein. So ist's gute teutsche Sitte. In alten Zeiten hat man sie schlankweg entführt und verführt. Laßt euch nicht von ihren Redensarten Tugend und Treue und solchen Schutzmitteln irre machen! Seht den Franzosen an: ich kann ihn zwar nicht leiden, aber in Künsten der Verführung könnten wir von ihrer flotten Frechheit lernen, wir schwerfälligen Deutschen.« So belehrte der üble Geselle seine junge Schar. Es kam aber keine Stimmung auf. Er fühlte Widerstand. Und jetzt erhob sich der Gast aus Jena und warf kurz und zäh seine holländische Pfeife an die Wand, wo sie klirrend zerschellte. »Nun endlich Schluß!« rief er und schaute Gangolf scharf an. »Du erinnerst mich, Senior der Burgundia, an einen Holländer namens Roos, den wir in Jena hatten. Er hatte einen schönen, starken Körper, aber in dem Körper hauste eine verfaulte Seele. Er ist inzwischen wegen Schulden aus Jena verduftet. Ich könnte dir sehr leicht einen dummen Jungen an den Kopf werfen, denn du redest dumm und unreif, und könnte mich morgen mit dir auf dem Fechtboden treffen, denn ich bin mit der Klinge noch keinem aus dem Wege gegangen, und feig hat mich auch noch niemand genannt.« Er trank seinen Pokal aus und setzte ihn donnernd auf den Tisch. »Vivat Vandalia! Aber erstens bist du betrunken, weißt also nicht mehr, was du sagst, und zweitens bin ich als Gast in eurem Kreise und glaubte, bei euch die Gesinnung der Jenaer Vandalen zu finden, worin ich mich aber bei dir, Gangolf, allerdings gründlich geirrt habe. Derselbe Ernst Moritz Arndt, den ich auf Rügen besucht habe, hat auch das Lied gedichtet: ›Wer ist ein Mann? Wer beten kann‹ – beten, Gangolf, nicht buhlen! Und in demselben Liede heißt es weiter: ›Wer ist ein Mann? Wer sterben kann‹ – sterben, ihr Burschen und Füchse, dazu waren wir jeden Tag draußen im Felde bereit. Wir können beten und können sterben; denn wir sind auf die Ewigkeit eingestellt. Arndt ist ein Frommer, kein Frömmling. Habt Dank für eure Gastfreundschaft! Und somit Gott befohlen!« Und ehe der sprachlos staunende Senior den Mund schließen konnte, war Riemanns scharlachroter Rock aus dem Rauch verschwunden. »Wa–wa–? Ist er schon weg?« lallte Gangolf. »Was hat er da zusammengeschwatzt? Bin ich wirklich besoffen, Füchse? Diesen Abend hat das Muttersöhnchen dort verpfuscht, der Benjamin, der keusche Josef! Und warum hat diesem Jenenser keiner von euch geantwortet, heimgezahlt, herausgegeben, Ohrfeigen angeboten? Was seid ihr denn für feige Kerle?« »Wir haben darauf gewartet, daß du das besorgst,« erwiderte ein Bursch sehr trocken. Und die anderen murmelten und lachten. »Ich werde die Sache vor den Seniorenkonvent bringen. So etwas muß scharf geahndet werden. Oder soll ich ihn Selber fordern? Auf, Füchse, lauft ihm nach! Haltet ihn fest, er soll mir mit der Klinge Rede stehen!« Die Füchse ließen sich die Aufforderung des Betrunkenen nicht zweimal Sagen. Sie erhoben sich einmütig und entwichen ins Freie, froh, dieser Führung entronnen zu sein. Und Gangolf konnte nur noch eben seinen Busenfreund Kunz von Tischendorff, einen älteren Burschen, festhalten. »Du bist der einzig Vernünftige, Kunz! Bleib'! Bleib' da bei mir, leiste mir Gesellschaft, bis ich die nötige Bettschwere im Leibe habe! Glaubst du wirklich, daß der Affe da aus Jena, der Reformator, recht hat? Habe ich zu viel getrunken?« Fünftes Kapitel. Beichte. Als die Schar der Füchse die kurze Treppe hinunterrannte, machten sich neben ulkigen Bemerkungen bereits unwillige Ausrufe Luft. Und als sie dann im spärlichen Lichtkreis der Gasthofslaterne beisammen standen, wurde der allgemeine Unwille stürmisch laut. »Das hab' ich nun ein Semester mitgemacht – jetzt mach' ich's ein zweites Semester nicht mehr mit. Der Mann aus Jena – ja, den lass' ich mir gefallen!« »Aber nicht diesen Zuchtbullen! Ich protestiere!« »Jetzt habt ihr den Unterschied erkannt zwischen einem ehrlichen teutschen Burschen und einem Saufaus und Renommisten!« »Wohin ist Riemann? Er muß den Senior fordern! Bedenkt aber, daß Gangolf weit und breit der beste Fechter ist!« »Riemann? Den haben Ekel und Dunkelheit eingeschluckt oder weggeblasen! Die Polizeistunde ist vorüber! Wollen wir ihn im »Roten Ochsen« aufsuchen?« »Er marschiert schon morgen früh weiter. Wird von unserer Verbindung einen netten Eindruck mitnehmen. Ich geh' zu Bett.« »Ist er vielleicht bei Schattenmann? Mit dem ist er ja befreundet.« »Ist Uli überhaupt schon in der Stadt?« Als der Name Schattenmann erklang, tauchte ein Schatten jenseits des Lichtscheines auf, und es rief einer herüber: »Hier Schattenmann! Vivat Burgundia!« Es war der einsame Ulrich, der in der nächtlichen Stadt umhergelaufen war, um nach dem Gespräch mit Petersen in seiner bedächtigen Art den Fall Gangolf gründlich zu durchdenken. Unter dem lauten Hallo der Füchse trat er nun heran und begrüßte die Kommilitonen, die ihn sofort umstürmten und mit Neuigkeiten überschütteten. Der Regen hatte aufgehört; es herrschte in der schlafenden Universitätsstadt eine graue Stille. »Uli, haben dich bitter vermißt! Riemann war da – Riemann aus Jena, du kennst ihn! Hat sich beinahe mit Gangolf geschlagen! Großartig, wie die aneinander gerieten! Famoser Bursch, der Riemann!« »Riemann? Schade, daß ich den verfehlte! Und Gangolf? Ist er noch oben?« »Freilich! Sitzt noch mit dem feisten Kunz zusammen, hat sich gleich noch zwei Maß geben lassen, obschon Polizeistunde längst vorüber ist. Gänzlich besoffen, Uli!« »Der kommt mir gerade recht. Ich geh' noch 'nauf.« »Wir nicht. Wir haben genug!« »Genug! Genug!« Und nach vielem Hin und Her zogen die Füchse und Jungburschen davon. Ulrich aber, gefüllt von seinen grimmen Nachtgedanken, ging nach oben. Als Schattenmann das Kneipzimmer betrat und die wüste Stätte übersah, hatte er den unwillkürlichen Eindruck: ein Schlachtfeld! Eine einzige trübe Wachskerze brannte vor den beiden Zechern und hüllte das Zimmer in Dämmerlicht. Die Deckenbeleuchtung war vom ungeduldigen Kellner gelöscht worden. Stühle standen unordentlich umher oder lagen am Boden. Der dicke Rauch lastete schwer über dem unerfreulichen Raum. Und der eine Trinker hatte den Kopf mit dem gänzlich verrückten Helm auf die Arme gelegt und schien zu schlafen, während der dicke Kunz zurückgelehnt im Stuhl daneben saß und krampfhaft zu rauchen versuchte, obwohl ihm die Pfeife fortwährend zu entfallen drohte. »Guten Abend! Ihr seid allein?« begann Schattenmann. Fast gleichzeitig tauchte hinter ihm der Kellner auf, wischte die Hände nervös an seinem Aufwartschurz und rief den Zechern zu: »Draußen stehen die Häscher, Herr Gangolf!« »Was wollen die infamen Philister?« fuhr der Senior der Burgundia auf. »Kann mich ein Nachtwächter daran hindern, mein Bier in Ruhe auszutrinken? Sie sollen hereinkommen, damit ich ihnen alle Knochen im Leib einzeln zerschlage – alle Knochen – alle sechsundzwanzig Knochen – Kunz, wieviel Knochen hat der Mensch?« Und wieder sank er auf seine Arme in schlafende Stellung. »Winke den Leuten ab, Jakob! Abwinken!« rief der schlaftrunkene Kunz und machte abwehrende Bewegungen. »Kneipe ex, Füchse fort, Licht dunkel! Was wollen die Tröpfe? Hier ist eine stille Nachfeier! Apage!« Der Kellner ging achselzuckend fort. Schattenmann trat näher. »Seid ihr das letzte Häuflein auf diesem Schlachtfeld?« »Ich geh auch heim,« sprach Kunz von Tischendorf, »habe schwer gezecht heut' Abend – aber mich hat noch keiner unter den Tisch getrunken, keiner. Gut' Nacht!« Und nach einigen unverständlich gemurmelten Worten war auch er aus dem Zimmer gewankt. Gangolf machte einige unbestimmte Handbewegungen, die nach einem Winken oder Grüßen aussahen. »Solide Nachtmützen! Philister! Legen sich um Mitternacht schon in die Falle! Salve, Uli! Sieh da Uli! Wo kommst du denn auf einmal her? Da setz' dich her! Auf den Stuhl da gesetzt! Glaube ja nicht, daß ich betrunken bin – ja nicht dummes Zeug glauben! Bin unheimlich hell – unheimlich! Ich weiß zum Exempel ganz genau, daß du eine schöne Schwester hast namens Dorothea! Was, Alterchen, und jetzt? Bin ich nüchtern oder nicht?« »Kann sein, Arthur. Aber ich würde dir doch raten, dich ganz still in deine Falle zu legen.« »Wozu denn? Muß denn der Mensch überhaupt nach Hause? Kann ich nicht da – irgendwo – da auf dem Schanktisch oder in einer Ecke schlafen? Schlachtfeld – sagtest du nicht Schlachtfeld? Stimmt! Parole: Jena! Der Kerl aus Jena – der Riemann – der hat alles versaut, Uli, hat mich aus dem Feld geschlagen!« »Ich bedaure, daß ich meinen Freund Riemann verfehlt habe.«– – »Nenn' ihn nicht deinen Freund! Wie kommst du denn überhaupt auf einmal daher geschneit, du Schattenmännchen? Von der schönen Schwester, was? Du, die hat das entzückendste Frätzchen in ganz Deutschland – diese spitzen weißen Oberzähnchen – Uli, sie macht mich geradezu verrückt – verrückt!« Er lagerte jetzt zurückgelehnt im Stuhl und griff mit der Rechten verzückt in die Luft. »Uli, es ist aus mit mir! Nicht mehr ein Fünkchen Respekt haben diese ungeratenen Füchse vor mir. Sie sind alle zu Riemann abgefallen. Dieser Tugendapostel mit dem Eisernen Kreuz! Besonders der eine da – der Benjamin – ein Frechdachs, so jung er ist – weißt du, der Mensch mit dem Jungferngesicht! Hat mir unverschämte Beleidigungen an den Kopf geworfen. Oh, ich bin unheimlich hell, Uli. Sie sind alle von mir abgefallen, alle!« Ulrich hatte die Ellbogen auf den Tisch gestemmt, plötzlich fest entschlossen, die Stunde auszunützen. Aus den wirren Reden der Füchse hatte er soviel entnommen, daß hier der ältere und reifere Riemann vorgearbeitet hatte. »Ich habe in den letzten Wochen viel über dich nachgedacht, Arthur Gangolf. Und weißt du, zu welchem Ergebnis ich dabei gekommen bin? Ich sehe von Persönlichem ab; daß du mir eine ungeheure Enttäuschung wurdest, ist eine Sache für sich. Doch davon abgesehen: es ist mir klar geworden, daß die Räder der Geschichte über dich hinweggehen. Begreifst du das? Du verstehst die Zeit nicht, du spürst nichts vom neuen Geist, weil du ganz im Dunst deiner niederen Sinnlichkeit steckst. Diese Erkenntnis war für mich erschütternd.« Gangolf sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Willst du da – willst du die Moralpredigt dieses Riemann fortsetzen?« »Es handelt sich dabei nicht um Moral oder theologische Redensarten,« sagte Ulrich ruhig und fest, »es handelt sich um dein verpfuschtes Leben, Arthur. Ich komme von zu Hause und weiß, was du dort angerichtet hast. Bei meiner Schwester ist's dir vorbei gelungen – da hast du dich über Babette hergemacht: Jetzt kommt's an den Tag!« »Ba–bette? Die – ist ein ganz üppiges Frauenzimmer!« Er schnalzte mit der Zunge und knipste mit den Fingern der rechten Hand. In Ulrich stieg die Zornröte empor. »Jedenfalls will ich dir das noch sagen, denn zu weiterem reicht es wohl nicht heute Abend bei deiner Besoffenheit. Als meine Schwester Dorothea hinter deine Schweinereien kam, wurde sie so wild – merk' dir nun genau, was ich dir sage – so wild, daß sie beschloß, nächstens hierher zu reisen und dich auf offenem Markt mit der Reitpeitsche durchzuprügeln!« »Donnerwetter!« Das fuhr dem Betrunkenen derart in die Knochen, daß er jählings fast nüchtern wurde. »Jawohl. Arthur, so steht's mit dir! Ich ahnte deinen Zustand schon lange. Du suchst dich mit deinen wüsten Zoten zu betäuben, aber deine anscheinende Lebenslust ist nicht echt, es gelingt dir nicht. Nun spürst du die neue Luft um dich her und versuchst dagegen anzukämpfen. Schwächlicher Versuch! Bei uns zu Hause in Eisenach ist dein Ruf vernichtet. Besonders seitdem du so unverschämt warst, durch deinen letzten Brief an meinen Vater, der meine Mutter bei ihm denunzierte – so 'ne Niederträchtigkeit! – meinen braven alten Papa so zu erregen, daß er dich am liebsten vor die Pistole fordern würde!... Aber was soll ich mich hier mit den Biermassen in deinem Bauch länger unterhalten? Ich gehe nach Hause und suche dich ein andermal auf, wenn du bei deinen fünf Sinnen bist.« Er wollte aufstehen, aber der plötzlich aufgestörte Gangolf hielt ihn krampfhaft fest. »Bleib, Uli! Wir gehen zusammen. Mich – was hast du da gesagt? – mit der Reitpeitsche will sie mich traktieren – Dorothea?« Er stand torkelnd auf und rührte das fast noch volle Glas nicht mehr an. »Nimm mich mit nach Hause, Uli! Ich – ich bin nämlich ganz nüchtern – nur – mir ist auf einmal so hundeelend« – – Er hängte sich mit Mühe den Mantel um und ging am Arme Ulrichs davon. Der Regen hatte gänzlich aufgehört; aber es war für den guten Ulrich Schattenmann ein sehr bescheidenes Vergnügen, mit dem massigen Trunkenbold Arm in Arm durch die graue Nacht zu stapfen. Er war nicht von der heftigen Gemütsart der Schwester, die mehr dem Vater glich; außerdem hatte er den zähen Gedanken gefaßt und immer wieder festgehalten, jetzt einmal mit Gangolf abzurechnen, da dessen Stimmung so empfänglich war. Der starke Begleiter hing ihm schwer am Arm. Uli fügte sich der Sachlage und begann, als sie durch die kümmerlich beleuchtete Stadt wankten: »Hör' einmal, Arthur, ich habe, wie gesagt, viel über dich nachgedacht. Du bist nicht, was du scheinst. Du scheinst forsch – und du bist feige.« »Wa – was willst du damit sagen?« »Feig vor deinem Gewissen! Das will ich vor allen Dingen sagen.« Gangolf gelangte mit Ulrichs Hilfe bis zu einer Bank auf dem Marktplatz, wo er sich schwer hinsinken ließ, aber des Freundes Arm krampfhaft festhielt. »Du meinst also – ich hätte kein Gewissen, was? Auf Ehre, Uli, mit deiner Schwester – das war nichts. Ich hab' ihr nichts getan. Da kommt keiner an sie 'ran. Wildes Weib! Im Gartenhaus' mal – na, sie hat mich ganz toll in die Ecke geworfen – und huppdi, raus aus der Tür! Aber Babette – na ja, da bin ich zu Babette gegangen.«– – »Und hast das einfältige, aber grundgute Kind unglücklich gemacht! Sie ist nun zu ihrer braven Mutter auf das Dorf heimgekehrt, weint nächtelang und sieht einsam ihrem Kind entgegen, während du in der Welt herumsäufst! Und wie vielen Dutzenden und Hunderten hast du's schon so gemacht!« »Ja, ja – aber – weißt du, Uli, ich bin von einer geradezu heidnischen Sinnlichkeit.«– – »Verleumde nicht die Heiden! Nenne deinen elenden Zustand lieber ganz gemeine Lüsternheit! Denn auch die Heiden hatten in ihrer Lebensgemeinschaft Würde. Hast du deinen Tacitus gelesen? Wäre so ein Germane wie du bei ihnen herumgelaufen, sie hätten den Wüstling entmannt oder totgeschlagen als einen ganz gemeinen Schädling und Schweinehund. Ich erwarte von dir, daß du morgen deinen Austritt oder Rücktritt erklärst. Und solltest du dich ja noch einmal in unserem Hause zu Eisenach blicken lassen, so würde dich nicht mein Vater – denn er ist zu schwach dazu – wohl aber meine Schwester eigenhändig mit Maulschellen hinauswerfen!« Dies war in Gangolfs Zustand die allerfühlbarste Beleidigung, die man ihm antun konnte. Das einzige weibliche Wesen, das er wirklich achtete, wollte ihn mit Peitsche und mit Maulschellen behandeln, verachtete ihn unsäglich. Er heulte fast auf, und ihn überkam jener erbärmliche körperliche Zustand, den die Studenten »das heulende Elend« zu nennen pflegen. »Dorothea mich ohrfeigen – mich auspeitschen! – Hat aber Recht, hat tausendmal Recht! Ich bin ein Hundsfott!« »Das bist du,« versetzte Uli unerschütterlich. »Ich sagte dir schon: du hast kein Gewissen, bist also weniger als ein Heide. Hat nicht auch ein Bauernmädchen eine Seele? Ist sie nur Körper für deine Wollust? Hast du überhaupt ein Gefühl dafür, daß es größeres gibt, als deine persönlichen Gelüste – etwa das Vaterland? Entzückt und erschüttert dich nicht, Mensch, der große Name Vaterland? Du hast nur in den letzten Teil des Krieges hineingerochen, um in allen Quartieren deiner Wollust zu fröhnen. Pfui! In mir kämpfen Ekel und Zorn. Laß jetzt meinen Arm los und schlafe deinen Rausch aus, damit ich dich morgen früh bei nüchternen Sinnen einen Schuft nenne, wie es schon meine Schwester tut.« Immer wieder die Schwester! Ulrich spielte diesen Trumpf gut aus. Der Trunkene heulte jedesmal auf. »Bleib', Uli, bleib' du noch ein ganz klein wenig bei mir sitzen. Weißt du – es ist wahr – ich bin – was wollt' ich denn sagen – ich bin so voll Lüsten, daß ich nicht mehr drüber wegkomme – geht nicht – unheilbar. Zwang, Uli, ich muß! Keine Schürze ist vor mir sicher. In jeder Scheune, in jedem Stallwinkel – die gemeinste Magd – gerade die gemeinsten, üppigsten Weiber – oh, oh, oh! – – Weißt du – Weiber sich gewaltsam zu Diensten zwingen – und immer wieder andere – Mozarts Don Juan – unersättlich – – da hilft nur eins: mich totschießen! Und dann? Noch im Jenseits? Meinst du, daß dann meine Phantasie rein ist? Das weiß ich eben nicht, sonst hätt' ich mich längst totgeschossen. Denn – denn sie verachten mich alle, alle, besonders Dorothea!« Er stöhnte laut und lag auf der Lehne der Bank. Dabei hielt er Ulrichs Arm immer noch fest. Eigentlich aber hielt Ulrich ihn fest, denn er gedachte ihn so rasch nicht aus dem Schraubstock zu entlassen. »Wenn du zu einer wirklichen Reue fähig wärest« – »Ach was, Reue! Eine Viertelstunde darauf pack' ich eine andere! Mit Zoten und Saufereien fängt's an, und die säuisch verdorbene Phantasie reizt mich zu säuischen Taten – und aus den Taten folgen nachwirkend neue Zoten – oh, du übst dein Ohr und Gedächtnis für unreines Denken genau ebenso, wie du dich praktisch in der Verführung von Mädchen übst! Oh, ich kenne das, ich kenne das!« »Wenn du ein mittelalterlicher Katholik wärst, würde ich dir eine Romfahrt zum Papst raten« – »Um als derselbe zurückzukommen? Keine Alpenbäche waschen mir die Seele rein!« »Nun, so entschließe dich selber zu reinen Taten und besseren Werken und wasche drin dein züchtiges Leben wieder sauber! Zeuge Kinder, du Vater von Babettens Kind, und erziehe sie zu tüchtigen Menschen! Verwandle deine Wollust in schöpferische Werke und übernimm auch die Pflichten, die dazu gehören! Wirf dein Luderleben, das du mit dem Schein der Burschenfreiheit umkleidet hast, auf den Schutthaufen, denn es ist Schutt und nichts weiter! Was du für Kraft hältst, ist Verfall. Religion ist die Entschlußkraft zu höherem Ernst. Bist du überhaupt zur Inbrunst fähig – oder nur zur niederen Brunst? Was du jetzt von mir hörst, ist nicht nur meine eigene Meinung, es ist vielmehr der Widerhall der Gespräche, die ich zu Hause mit Eltern und Schwester geführt habe. Dich rettet nur eins: wenn du dich zu segnender und helfender Liebe aufraffen kannst!« Und einmal warm geworden, schilderte Ulrich wortreich den Idealismus seines Vaterhauses. Sein Vater sei durchaus Idealist; Schiller sei sein Ideal. »Wie oft pflegt er zu sagen: königliche Menschen müssen wir werden! Nichts aber ist königlicher in uns unsterblichen Menschen als der Drang nach Vollendung. Der Verlagsbuchhändler Göschen, den Vater in seinen guten Tagen kannte, war ein Freund Schillers; der hat einmal meinem Vater erzählt, wie Schiller oft ihn und den Oberkonsistorialrat Körner, den Vater von Theodor, und andere mit hinreißender Beredsamkeit, ja mit Tränen in den Augen ermuntert habe, Menschen zu werden, die sich unauslöschlich in die Ehrentafel der Menschheit einzeichnen. Wenn mein Vater, der leider vergrämte, einmal so recht in Schwung kommt, dann wird er großartig. Meine Schwester stimmt in hellen Flammen bei. Und du, Arthur, was hast denn du getan, um dich in die Ehrentafel der Menschheit rühmlich einzuzeichnen?« Als der Name der Schwester auch hier wieder auftauchte, richtete sich Gangolf halb auf und kam in eine Art von stumpfem Nachdenken, während Ulrich weitersprach; dann entschied er plötzlich: »Du – ich werde morgen nach Hause reisen. Du hast Recht. Ich werde nach Hause reisen. Studium ex! Sie soll mich nicht auf dem Marktplatz auspeitschen – – oh – Engel, Engel! Ja, ich bin ein Hund!« Er sank wieder auf die Bank zurück, und das heulende Elend suchte ihn noch einmal zu packen. Aber es war schnell vorüber; er stand auf und gab Ulrich die Hand. »Freund Uli, wenn du plötzlich hörst, daß ich in Amerika gelandet sei – denk' gut an mich, Uli! Und sag' deiner Schwester Dorothea – sag' ihr – ich war nicht schlecht, aber die Teufel hatten mich in den Klauen und hatten mehr Macht über mich als die Engel. Du hast recht: schaffen, schaffen! Gottes Werk tun – und an Weiber gar nicht mehr denken! Sag' deiner Schwester – – ach Gott!« Er stöhnte laut ans, drückte aber dem Freund fest beide Hände – und seine Gestalt verschwand gespensterhaft in der traurig stillen Nacht. Ulrich schaute seinem großen Schattenriß verwundert nach; denn es war in seinen Schritten keine Spur mehr von Trunkenheit. Sechstes Kapitel. Kyffhäuser. Die Erkenntnis schwerer Sünde kann einen Menschen aufrütteln, wenn sie ihm bewußt wird, so daß ihn gleichsam ein Fieber erfaßt, das zur Genesung führen kann. Es ist für den Betroffenen wie ein Peitschenhieb, der ihn aus dumpfem Trott emporscheucht, so daß er pferdegleich die Landstraße dahinrast und in einen außergewöhnlichen Schwung kommt. Ein solcher Peitschenschlag oder ein solches Fieber war für Gangolf der Abend mit Ulrich. Sobald dann der aufgepeitschte Mensch, der durch Sünde gezeichnet ist, den Mut nicht verliert und in den Bildern seines aufgewirbelten Gehirns dem Glauben an das Edlere Treue gelobt, so kann er gerettet und dem tüchtigen Leben wiedergewonnen werden. Am Goldseil des Mutes zum Edlen klettert er wieder aus dem Abgrund, in den er gefallen ist. Die Wirbel des Fiebers treiben zur Genesung. Ulrich hatte den Fortgang des nächtlichen Gespräches ganz anders erwartet. Er hatte als selbstverständlich angenommen, daß ihn der Kandidat Gangolf am anderen Vormittag besuchen, mit vielen faulen Witzen über seine Katerstimmung klagen und unter Spott und Gelächter die gestrige Unterhaltung obenhin streifen würde, um ihn dann zum Frühschoppen einzuladen. Bei näherem Überlegen mußte sich ja der Leichtfuß Gangolf sagen, daß die Drohung mit der Reitpeitsche wohl noch gute Weile haben werde, daß sie zu Dorotheas vornehmer, obwohl zornfähiger Art und Gestalt gar nicht passe, daß sie sich niemals zu Roheiten hinreißen ließe. Aber die Nacht mit ihren Vergrößerungen und geradezu dämonischen Zerrbildern hatte ihn übermäßig erschüttert. Der Tag verging. Auf den Straßen der kleinen Stadt kamen und gingen Studenten, das Kleinleben des Alltags entfaltete sich wie immer – und Gangolf blieb unsichtbar. Und abermals einen Tag darauf mußte Ulrich feststellen, daß sein studentischer Freund aus der Stadt verschwunden sei. So war es in der Tat. Gangolf hatte fast fluchtartig in einem eigentümlichen Anfall die Stadt verlassen. Es war nicht etwa körperliche Furcht, daß die stolze Dorothea persönlich auftauchen und ihn züchtigen könnte; es war überhaupt keine Furcht. Das Grundgefühl des starken und vollblütigen Menschen war eine jähe Verachtung seiner selbst. »Ich will nicht mehr,« sagte er immer wieder vor sich hin, während er seine paar Sachen packte, »ich will nicht mehr.« Es war eine Art Entschlossenheit, ein Mut auf Leben und Tod, eine fast wilde Genialität. »Schluß damit! Es muß irgendwo neue Länder geben, neue Möglichkeit! Von vorn anfangen! Fort an einen neuen Strand! Schiffe hinter mir verbrennen! Nichts von Rückkehr ins Alte!« So knirschte er vor sich hin. Die notwendigsten Sachen wurden in ein Ränzel gestopft, wie es damals marschierende Studenten oder reisende Handwerksburschen trugen; ein Mantel, ein fester Knotenstock vervollständigten die Ausrüstung. Ihm schwebte nur ganz allgemein vor, daß er in Hamburg einen nahen Verwandten hatte. Und gestiefelt schritt er in der Frühe des zweiten Tages durchs Tor, um sich nach Norden zu wenden. Das war so rasch getan, wie gedacht. Mit einem schroffen Rucke brach er mit seinem ganzen bisherigen Leben. Im Hintergrunde hinter all diesen Entschlüssen stand aber allbeherrschend Dorothea mit zornstrengem Gesicht, die erhobene Reitpeitsche in der Hand; und neben ihr sah weinend die gutmütige Babette. In Wahrheit freilich hatte sich dieser Entschluß langsam aus der Tiefe emporgearbeitet und hatte in der gestrigen Nacht jählings die Knospe gesprengt. »Fort in die weite Welt! Fort aus dumpfen Verhältnissen. Schluß mit dem Genuß!« So sprach er vor sich hin. Die letzte Wendung prägte sich ihm derart ein, daß sie ihm zur mechanischen Marschmelodie wurde, die er wie einen Kehrreim immerzu wiederholte, während sein Gehirn summte: »Schluß mit dem Genuß! Schluß mit dem Genuß!« Diese antreibende Grundstimmung hielt den ganzen Tag vor. Er marschierte unter anfangs bedecktem Himmel nordwärts, übernachtete bei irgendeinem Bauern in einer Scheune, wenn er gerade keinen Gasthof traf, und setzte am nächsten Tage seinen Weg fort. Als er in waldiges Bergland kam, brach die Sonne durch. Den Wanderer, den es in dunklem Drange vorwärts trieb, umleuchteten herbstliche Wälder und merkwürdige Bergformen. Er hatte wenig Blick für die Umwelt. Da oder dort rastete er an einem Weidenbächlein und verzehrte sein Brot. Die letzten Nachwehen des Rausches verflogen; aber das innere Fieber blieb. Er erfuhr von Vorübergehenden, daß er in der Gegend des Kyffhäuser sei. Wohnte hier nicht in den Tiefen einer Gebirgshöhle der alte deutsche Hohenstaufenkaiser Barbaras? Und mit dem Rotbart die mittelalterliche Kaiserherrlichkeit? Dem Wanderer fielen Ulrichs Worte ein: erhebt dich nicht der große Name Vaterland? Gewiß, dieser Name mit all der Weihe, die ihm innewohnt, war ihm nicht unbekannt. Hatte er sich nicht in den letzten Napoleon-Schlachten eine Wunde geholt, die ihn monatelang ans Lazarett fesselte? Ja, ihm war der große Name Vaterland nicht fremd. Flogen hier nicht um den Berg die Raben, die dem Kaiser krächzend melden sollten, wann es Zeit sei, wieder aus den deutschen Tiefen aufzutauchen? Himmel, wenn der Barbarossa wieder mit Roß und Reisigen, in schimmerndem Panzer und purpurrotem Mantel emporstiege, um Deutschland aufs neue zu einigen! Denn hier war die ganze Gegend geladen mit großen Erinnerungen. Hier, oder weiter westwärts, hatten sich da nicht irgendwo die germanischen Heerhaufen gesammelt, um die Römer zu schlagen? Hatten sich hier nicht die Sachsen unter Widukind gegen den Franken Karl geballt? Gangolfs geographische Kenntnisse waren zu unbestimmt, um Einzelnes festzuhalten. Ihn durchwogte nur ein großer Eindruck. Es waren die Nachwehen der Gedanken, die Ulrich in jener Nacht ihm eingehämmert hatte, als Germania Dorothea stolz und streng daneben stand. Einheit aller Stände und Stämme Deutschlands! Das war es, wovon schon Arndt und andere Seher gesungen hatten. War dieser große Gedanke nicht des Schweißes der Edlen wert? Gangolfs unaufhaltsam arbeitendes Nervensystem wurde jählings von der Gewalt dieser Barbarossa-Vorstellung ergriffen. Hier irgendwo steckte das Geheimnis der Burschenschaftsbewegung. Riemann! Es war ein magisches Vorhaben, was diese Burschen planten: sie wollten den Hohenstaufenkaiser aus den Gewölben des Kyffhäusers wieder auf die Erde zaubern. Sie waren Schatzgräber, sie waren Goldsucher. In den Tiefen steckt das deutsche Gold. Erwache, Barbarossa! Wir beschwören dich, Staufenkaiser! Komm heraus und stelle des Reiches Herrlichkeit wieder her! Es durchschauerte den Studenten, als ihn diese Gesichte durchrannen. Hier war ein Gelände der Magie. Die Wunschgedanken von vielen Tausenden guter deutscher Männer schwebten um dieses verwunschene Gebiet. Der Einsame, der aus dem studentischen Treiben der lauten Universität in diese Waldstille geraten war, fühlte sich von Gesichten umwogt und vom Fieber einer höheren Schau beflügelt. Und als sich am Rande des Waldweges, in den er abgeirrt war, eine Höhle öffnete, sah sich sein Geist in der Barbarossa-Höhle. Schon nahte die Dämmerung. Es war die Zeit der Geister und ihrer Beschwörung. Er trat in die Höhle ein und blieb ermattet stehen. Auch am Hörselberg gab es, wie man munkelte, eine seltsame Höhle. Dort reitet manchmal in Sturmnächten das wilde Heer hinaus, den weißbärtigen Mahner Eckart an der Spitze, der vor der Buhlerin Frau Venus oder Frau Holde warnt. Nicht buhlen oder faulen da drin im Zauberberg! Hinaus, ihr Ritter, in den Sturm, in die Jagd, in die Schlacht! Das war Männerwerk. Gleich wird auch hier in der Einsamkeit ein Eckart oder ein Barbarossa auftauchen und den Buhler und Zecher zur Rede stellen. Er war einige Schritte in die Höhle hineingegangen und starrte in die Finsternis... »Wo bist du, Barbarossa?« rief er plötzlich laut und dröhnend in die Nacht der Höhle. Es hallte gewaltig; sie war vielleicht noch recht tief. Mehrfacher Widerhall scholl zurück. Und da – waren es Gangolfs zerrüttete Nerven? War es Wirklichkeit? Eine mächtige Baßstimme scholl aus dem Inneren: »Was willst du da?« Gangolf prallte zurück und begann zu zittern. Was war das? Wer rief da? Er stemmte sich fest auf den Stock und starrte mit aufgerissenem Mund in das Dunkel. Was antworten? Konnte er denn irgend etwas antworten? Wollte er überhaupt etwas hier? Er war ja ein völlig leerer, belangloser Lebemensch l Wie kam er denn dazu in seinem stümperhaft erbärmlichen Nichts, fast ausgepeitscht von der edlen Dorothea, Geister zu berufen – und gar den mächtigen Geist des Kaisers Barbarossa? »Was willst du da?« scholl es abermals aus der Höhle. Die Stimme war donnernd und drohend. Der Hall brach sich mehrmals, ehe er wieder entschlief. Und Gangolf, erschüttert von der Gewalt dieser Stimme, machte in rasender Angst kehrt und sprang in die sinkende Nacht hinaus – verjagt auch hier, aus dem kaiserlichen Revier ebenso als unnütz verworfen wie aus den Kneipen und Hörsälen der Universitätsstadt. Kein Zweifel: dies war die Kyffhäuser-Höhle, wo Barbarossa hauste! Er hatte irgendwo in der Nähe Burgtrümmer gesehen. Hier war der Zauber der Sage nachwirkend. Hier war Spuk am Werke. Fort von hier! Wage dich nicht in so heilige Bezirke, du Schuft! Fort in irgendein Dorf oder Forsthaus oder wo sonst lebendige Menschen sind! Nur hinweg aus diesem Zauberland! Du bist nicht reif, einem Barbarossa Rede zu stehen. Fort in die weite Welt! Mache dich dieser großen Gestalten erst würdig! In jenen Tagen trafen im Landhaus bei Eisenach zwei sonderbare Sendungen ein. Die erste war ein Gruß an den Vater. Sie enthielt einen kleinen Tannenzweig mit einigen Zeilen des Bibliothekars. »Hier einen Tannengruß vom Kyffhäuser! Wir warten alle auf des Reiches Einigkeit und Herrlichkeit. Auf einem stillen Ausflug in dieses sagendurchwirkte Gelände habe ich diesen großen Gedanken nachgesonnen und dabei auch an Sie gedacht, verehrter Mann, der gleichfalls ein Wartender ist. Wolfgang Petersen.« Die zweite Sendung brachte fünfzig Taler und die merkwürdigen Worte: »Vor der Fahrt ins bessere Leben hochachtungsvollen Abschiedsgruß! Mit tiefem Bedauern ob der Verspätung hier meine unverzeihliche Schuld zurück. Arthur Gangolf.« Das gab in dem eintönigen Tageslaufe des Landhauses ein ganz gewaltiges Aufsehen. Woher denn plötzlich diese Summe? Was war da vorgefallen oder vorangegangen? Was heißt das: »Vor der Fahrt ins bessere Leben«? Meint er das Jenseits – und war dies eine Todesanzeige? Eltern und Tochter ergingen sich in Vermutungen. Das klang ja, als ob ein Selbstmörder vor der Ausführung seines düsteren Entschlusses einen letzten Gruß sende! Nach vielem Hin- und Herreden rief Dorothea in ihrer impulsiven Art: »Vater, ich hab' einen Einfall! Weißt du was? Wir geben dieses Geld, das wir schon für verloren hielten, an Babette! Ich bring' es ihr morgen selber in ihr Dorf. Es kommt von Gangolf. Sie braucht es für ihr Kind. Findest du den Gedanken nicht reizend, Mutter?« »Reizend. Dorchen! Tu' das!« An demselben Abend noch, in die beginnende mondhelle Nacht weiterwandernd, kam Gangolf an ein Bauernhaus. Er spähte durch die Ritzen der Fensterläden und erkannte ein alltägliches, doch für ihn seltsam bedeutungsvolles Bild. Eine junge Bäuerin saß auf der Ofenbank und nährte ihr Kind an der Brust. Der Vater stand daneben und spielte mit dem Kleinen, der lächelnd bald zum Vater aufsah, bald wieder mit übereifriger Hast den weißen Busen der Mutter suchte, die mit dem Ausdruck unendlichen Glückes auf ihr Kunstwerk niedersah. Das war in aller Einfachheit ein unsagbar liebliches Bild, dem nicht der leiseste Beigeschmack der Lüsternheit beigemengt war. Hier herrschte nur das natürliche Vollbehagen erfüllter Mutterpflicht, die zugleich Mutterglück war. Gangolf stand stumm am Fenster, aus dem der Lichtstrahl dieses freundliche Bild heraussandte. Es war wie ein Gruß aus dem Lande der Liebe. Heiligt nicht die ganze Christenheit in der Weihnachtsgeschichte das Glück der Mutter und die Unschuld des Kindes? Hier war das Werk dieser einfachen Leute, das Werk, das aus dem schöpferischen Liebesdrang entstanden war. Ihr Kind war ihr Werk, ihres Kindes Nahrung und Pflege, und das darum hergebaute und sorgsam in Stand gehaltene Nest: Haus und Hof, Küche und Keller. Die Sinnlichkeit war nur eine Begleiterscheinung des Werkes, aber nicht der Zweck. Im Gesicht der Frau war nichts davon, sondern nur eine rührende Züchtigkeit, eine liebevolle in sich versunkene Hingabe an das Kind, an diese gemeinsame Schöpfung der Eltern. Der wandernde Student entfernte sich auf den Zehen von seinem Lauscherposten und schritt weiter, bis er spät ein Dorfwirtshaus fand. Der Vorfall, der so belanglos schien, wurde ihm unendlich bedeutsam, Hier war das Reich reiner Menschlichkeit, das Reich des verklärten Schaffens. Diese abendlich ausruhenden Menschen hatten ein gemeinsames Glück, weil sie ein gemeinsames Werk hatten. Vaterschaft! Mutterglück! ... Die Bäuerin, die hier ihren weiblichen Beruf erfüllte, hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit Babette. Oder glich sie durch ihr dunkleres Haar der freilich anders gearteten, schlanken Dorothea? Der Himmel hatte sich vollends entwölkt; und viele Sterne wurden sichtbar. Siebentes Kapitel. Jahn. Darf ich denn meinen Ohren trauen? Friedrich Ludwig Jahn? Der große, herrliche Jahn kehrt in meinem Hause ein?!« Da stand er tatsächlich in der Stubentüre, von Dorothea eingeführt, von der Wartburg herunterkommend, der breitschultrige, vollbärtige Mann mit der bedeutenden kahlen Stirn. Und es zog so viel frische Luft mit ihm ein, daß es das Stübchen und des sonst kränkelnden, jetzt aber aufjubelnden Hausherrn Brust fast zu sprengen drohte. »Vater Jahn, laßt Euch die Hände schütteln, soweit meine fast gelähmte Rechte noch zu drücken vermag! Welche Ehre ist meinem Hause widerfahren! Dies ist meines Lebens allerschönster Tag!« Professor Schattenmann war außer sich vor Freude. Jahn selber beugte sich etwas zu ihm nieder und sprach unter der Überraschung, sich so freudig begrüßt zu sehen, mit etwas gekünstelter Fistelstimme die höflichsten Redensarten, so daß seine Vollnatur noch nicht herausbrach. Er sei auf der Durchreise, er wolle nur von einem früheren Schüler Schattenmanns einen dankbaren Gruß ausrichten, hatte aber auch schon ohnedies von dem braven deutschen Mann vernommen – und dergleichen mehr, bis man sich beiderseits etwas beruhigt hatte. Und auf einmal, als sie Platz genommen, waren sie auch schon mitten im Gespräch, während die Wartburg im flimmernden Abendlicht heruntersah. Und da entfaltete sich rasch Jahns eigentliche groß angelegte Natur. »Junge Freunde haben mir einen großartigen Plan entwickelt« sprach er. »Er ist noch nicht fest umrissen, er kann die Knospe noch nicht sprengen, kann noch nicht durch den Götzendienst des Auslandes hindurch. Die teutschen Burschen – das kommt vom altfränkischen Wort Bursen, das sind die auf Kosten des Königs Lernenden, die aus der Burse bezahlt werden. Die Burschen, als der reine und volle Ausbruch des Freiseins, müssen sich in ihrer Jugendblüte zusammentun, und nach dem einen großen Ziele streben, das allen teutschen Männern gemeinsam ist: in brüderlichem Sinn ein Ganzes zu bilden, so wie die Vollausgereiften einen Staat bilden sollten. Da müssen all die kleinlichen und sündhaften Zwecke der Kränzchen, Orden, Landsmannschaften und wie die verzettelten Gemächte alle heißen, verschwinden und dem großen Gedanken der Freiheit, Einheit und Selbständigkeit des Vaterlandes weichen. Die Burschenschaft ist ein Anfang dazu. Sie sammle aus allen Gauen und Gruppen die besten Kräfte – wohlverstanden, die besten Kräfte! Jungmänner von großen Maßen, künftige Meister, geborene Führer! Die rufe sie zusammen zu einer großen Burschentagungl Und die werde an weithin sichtbarer Stelle maßgebend für das ganze teutsche Vaterland: Ein Burschen-Bundesstaat! Und was die Jugend mannhaft vortut, das machen wir Männer nach! Da gibt's keine Unterschiede mehr zwischen Nord und Süd, zwischen Katholik und Protestant – ein Volk von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt!« »Groß ist das. wahrhaft groß! Und was soll dies Staatsgebilde werden? Und wen wollen wir an die Spitze setzen? Einen Monarchen? Und welchen?« Schattenmann war Feuer und Flamme. Der schöpferische Vorschlag des Besuchers hatte ihn angesteckt. »Frage zweiten Ranges!« rief der bärtige Jahn und stülpte sein schwarzes Käppchen auf den kahlen Kopf. »Große Dinge können erst in erhöhten Stunden geboren werden, nicht im Alltag, lieber teutscher Bruder! Die Schlachten gegen Napoleon – das waren erhöhte Stunden. Man soll diese großen Stimmungen nicht ungenützt lassen, sondern schmieden, schmieden. Festlichkeit muß bleiben in Deutschland, die über alles Gemeine hinwegträgt. Aus diesem schöpferischen, gärenden, gebärenden Deutschland wird ganz von selbst die rechte Verfassung gefunden werden – obschon ich meinesteils für den Monarchen bin, nicht für einen Freistaat.« »Recht so! Schöpferisch! Nicht in den abgelebten Schlendrian zurückfallen! Soll denn der Wiener Kongreß oder der russische Zar dieses Neue schaffen? Nicht das freie teutsche Volk aus sich heraus?« »Da steckt es,« schmetterte der Mann im Bart. »Dieser Metternich verpufft seine Kraft, um wieder in die alte Dumpfheit des Absolutismus einzulenken. Trägt er nicht ganze Eimer voll Wasser zusammen, um das heilige Feuer der Deutschen damit zu löschen? Vaterlandsliebe heißt auf einmal Schwärmerei! Uns alte Burschen, wackerer Bruder, nennt man Schwärmer und teutonische Narren! Pfui der Schande! Und da katzbuckeln sie wieder, die Hofschranzen, nicht vor Manneswert, sondern vor Orden und Uniformen, als ob kein Weltkrieg über Europa gegangen wäre« – »Ja, herrlicher Jahn, und alles über den Haufen gefegt hätte! Oh, wenn ich die Kraft hätte wie den Willen – ich würde wahrlich mithelfen, die Staubperücken auszulüftenl« Der alte kranke Mann fuchtelte nervös. »Einen Luther brauchen wir,« fuhr Jahn fort. »Man soll an seinem Reformationstag zusammenkommen und seinen Segen herabrufen, und sie sollen sein Lutherlied singen: ›Ein feste Burg ist unser Gott‹!« »Und wann und wo soll das sein? Ich kann die hohe Stunde kaum erwarten!« »Wo? Da oben auf der Wartburg, wackerer Freund, wo einst Junker Jörg das teutsche Neue Testament wie einen Wildbach froher Geistesfreiheit ausgegossen hat in das teutsche Volk! Da soll es sein! Allda soll man das alt-junge, ewig-junge Lied singen: ›Und wenn die Welt voll Teufel wär‹! Und soll den Gott der Freiheitsschlachten um Kraft und Segen bitten, daß ganz Deutschland zu Freiheit und Einheit erstarke!« »Herrlich, herrlich! Gott ist mit uns, Bruder Jahn! Seitdem du in diese Stube getreten bist, ist Gott in dieser Stube. Ich bin wieder gesund, ich bin kerngesund. Weißt du, wann das geschehen muß, diese Zusammenkunft der Burschen aus ganz Deutschland? Am Jahrestag des Sieges von Leipzig! Das ist nächst der Reformation unser größter Gedenktag. Der Gedanke ist über alle Maßen groß. Der Jugend-Burschentag als Vorbild und Anregung für die Einigung aller Deutschen! O mein Freund Jahn – laß mich weinen!« – – Er umarmte den Vollmann Jahn und drückte sein verhärmtes, abgemagertes Gesicht an dessen wallenden Wodansbart. »Geh' hin, Jahn, und verbreite dieses Evangelium in der ganzen teutschen Welt! Den Gedanken hat dir Gott gegeben!« »Nicht mir, Bruder!« rief der Mann im Bart. »Er lebt schon unter etlichen Burschen. Da muß er geboren werden, in der sprießenden, in der schäumenden und überschäumenden schöpferischen Jugend, denn das ist teutsche Zukunft. Und der Herr dieses Hauses soll am Fenster stehen, wenn er nicht mit hinaufhumpeln kann, und soll die Choräle hören und die Schallwellen der Bläser und soll zusehen, wie die beste teutsche Jugend auf den heiligen Berg wandert. Das walte Gott, in dessen Schutz wir stehen!« So klang und sprang das Gespräch hin und her. Dieser Besuch, der nur als kurzes Grüß-Gott gedacht war, wurde ein Festtag und goß dem vergilbten Alten, der so lange schon wartete, neuen Schwung ins Blut. Es waren zwei Stunden verflossen, ehe sich der Mann im breiten Vollbart von dem schmalbrüstigen Greis trennte. »Du hast noch das heilige Feuer in deinem schwächlichen Gebein, Bruder Schattenmann! Sei glücklich in diesem göttlichen Besitz!« Schattenmann sank am frühen Abend körperlich ganz erschöpft auf seine Lagerstätte, war aber seelisch so voll Glück, daß er die Gespräche der Seinen und des Alltags kaum noch hören mochte. Er hatte zwei Stunden im Himmel gelebt. Während dieses Gespräches, das Jahn mit dem Vater führte, saß Dorothea unten im Zimmer mit Klein-Ilse, der Freundin ihrer jungen Schwester Hilde. Diese selber lag krank, in der Pflege der Mutter, dem Besuch der Blondine unzugänglich. Es ist ein gar artiger Anblick, wenn ein sehr junges, hellblondes, kaum vierzehnjähriges Mädchen bei der älteren Freundin sitzt und ihr mit vielen verlegenen und geheimnisvoll andeutenden Umschreibungen mitteilt, daß sie liebt – nun, was man so in diesem Alter Liebe nennt. Es war ein schwärmerisch unbestimmtes Gefühl, das mit dem Wachstum zusammenhängt und Dorothea eigentlich ein wenig langweilte, denn sie hätte viel lieber oben zugehört, wo Männer miteinander Gespräche tauschten. »Weißt du, Tante Dorchen,« plauderte Ilse mit Dorothea, die am Schreibtisch saß und eben ihr Tagebuch beendet hatte, um nun einen langen Brief an ihren Bruder Ulrich zu beginnen, »Hilde wollte eigentlich für den Studenten Gangolf schwärmen, aber ich, nein, das sag' ich dir nicht. Meinst du, daß man sich mit vierzehn Jahren schon verloben darf?« »Nein, Ilschen, das meine ich nicht. Es scheint mir etwas zu früh.« »Zu dumm! Wie lange soll man denn eigentlich warten?« Ilse war ein munteres und anmutiges Mädchen, ihrer blonden Schönheit nur wenig bewußt und nicht zur Eitelkeit geneigt. Sie sah Dorothea aus blauen Augen treuherzig an, auf der Fußbank sitzend, und hatte die Arme auf ihren Schoß gelegt. »Wie lange? Vielleicht lebenslang, Kind,« sagte Dora seufzend, indem sie über des Blondchens Haare strich; »das Warten ist unser Frauenlos. Das Verloben ist das Vorrecht der Männer. Wir müssen warten, bis einer kommt, der sich mit uns verloben will.« »Aber warum denn? Warum können wir nicht ebenso flink zugreifen wie die Männer?« »Weil wir nun einmal das Unglück haben, als Mädchen geboren zu sein.« »Aber – aber – Tante Dorchen – da mach' ich nicht mit! Und wenn nun einer kommt, den ich aber nicht will? Da werd' ich immer glattweg nein sagen, immerlos glattweg nein!« »Diese Freiheit hast du allerdings als Ausgleich und kannst dein Dickköpfchen aufsetzen.« »Aber wenn einer kommt wie etwa – weißt du, etwa dein Bruder Uli – da« – Sie versteckte ihr Köpfchen in Dorotheas Kleid. Ilse war aus Jena und wurde in Eisenach bei nahen Verwandten erzogen. »Sag' einmal, Tante Dora, wenn man von einem Mann einen Kuh bekommt – ist man dann verlobt?« »Bei deinem Alter? Nein, das denn doch wohl noch nicht. Übrigens, Ilschen, bin ich erstaunt über deine Fragen. Bist du so auf Verlobung und Küsse aus? In deinem Alter soll man spielen und toben und sein artig in der Schule lernen und sich noch nicht über solche Dinge den Kopf zerbrechen. Wer hat dir denn einen Kuß gegeben?« Sie erwartete, von dem einen inneren Gedankengang gequält, daß auch hier die Antwort lauten würde – nun wie bei Babette; und sie atmete ordentlich auf, als Ilse andeutete, daß sie beim Pfänderspiel einen Kuß bekommen hatte von Ulrich. »Du mußt's aber niemandem sagen, Tante Dora. Er hat mich sogar zweimal geküßt. Ich hab's nur der Mutter gesagt« – »Na, und was sagte denn die?« »Ach, die sagt immer, es seien Dummheiten. Das sagt sie immer, aber ich hab's in mein Tagebuch geschrieben. Das hab' ich in einem verschließbaren Fach.« »Nun ja,« sagte Dora gelassen, »das verstecke du nur gut.« »Aber Hilde laß' ich's lesen, und manchmal schreib' ich auch einen schönen Vers hinein, weißt du, von dem Dichter Matthisson oder von Goethe – na, oder andere.« »Kennst du das schöne Lied, das Ernst Moritz Arndt gedichtet hat, von dem feurigen Ritt um die Welt? Siehst du, das hab' ich mir selber abgeschrieben; hör' mal zu: Und die Sonne machte den weiten Ritt Um die Welt; Und die Sternlein sprachen: Wir reisen mit Um die Welt. Und die Sonne sie schalt sie: »Ihr bleibt zu Haus, Denn ich brenn' euch die goldenen Äuglein aus Bei dem feurigen Ritt um die Welt!«... Dorothea las dem jungen Mädchen ausdrucksvoll das ganze Arndtsche Lied. Ilse klatschte nach der letzten Strophe begeistert in die Hände. »Oh, ist das schön! Bei dem feurigen Ritt um die Welt! Das werde ich mir gleich abschreiben, ganz abschreiben. Reich mir mal ein Blatt Papier her, Tante Dorchen! Darf ich?« Und voll Feuer für das schöne Gedicht vergaß sie Kuß- und Verlobungsgedanken, saß am Fenstersims und schrieb eifrig die Verse aus Dorotheas Album auf ein Blatt. Der Abend verbreitete seinen milden Schein im Stübchen. Dora setzte ihre Arbeit am Schreibtisch fort und beantwortete ihres Bruders Brief: »Mein lieber Bruder! Dein Brief über die dortigen Vorgänge hat mich geradezu in ein Fieber versetzt, und ich habe alle Mühe, hier im Alltag Haltung zu wahren und im Geplauder mit der kleinen Ilse – während Vater Jahn oben bei Papa ist! Denk Dir: Turnvater Jahn! – so zu tun, als wenn alles in Ordnung wäre. Aber meine innere Welt ist in Unordnung, ist in ärgster Not. Es ist Dir also gelungen, jenen unwürdigen Vertreter Eurer Studentenschaft abzustoßen, und zwar so, daß ich immer mit der Peitsche drohend dahinter stand?! Er ist verschwunden? Und wohin denn? Und jener Bibliothekar Petersen – ich erinnere mich seiner kaum noch, zu meiner Schande gestehe ich es, daß er etwas verwildert auf mich gewirkt hat, fast unwirsch, gar nicht besonders liebenswürdig – wie verhängnisvoll ist es doch, daß man einem tüchtigen Menschen, der doch auch Dein Freund ist, wehe tut, ohne es zu wissen! Oh, lieber Bruder, ich bin durch diese Ereignisse ganz entzwei in meinem Gemütsleben. Aber mir, da oben in Vaters Stube, geht es in großen Gesprächen über die teutschen Dinge her – und ich sitze da unten und schwatze kindisch mit einem Kinde! Hilde liegt nämlich krank und wird von Mutter gepflegt. O Frauenlos! Ach, verurteile nie ein Mädchen, wenn es auf Irrwege gerät! Es geschieht nur aus Leere und Langeweile, aus Mangel an Aufgaben; es möchte etwas erleben, am liebsten natürlich Schönes und Gutes – ach, und nimmt dann so oft mit Minderwertigem vorlieb! Siehst Du, Uli, das ist der Wert und die Bedeutung großer Männer: sie stecken die Welt um sich her in Brand, sie geben uns Aufgaben, sie heben die Umwelt ins Ungemeine. An ihrem Feuer erwärmen wir uns Herz und Hände. Liebster Bruder, mein Sehnen ging immer nach dem großen Menschen. Und wenn ich nun keinen großen Mann liebhaben darf, so möchte ich wenigstens einen Gefährten liebhaben, mit dem ich gemeinsam große Menschen aus ihren Büchern oder Kunstwerken verehren darf, einen Mann, der mir dabei hilft, daß mein Leben nicht so furchtbar unausgefüllt und öde bleibt. Ich habe eben der kleinen Ilse Arndts Lied vom feurigen Ritt um die Welt zum Abschreiben gegeben, damit sie eine stille Beschäftigung hat. Ach, Uli, der feurige Ritt um die Welt! Wer uns Gesellen der Nacht dabei mitnehmen könnte als führende Sonne – – –« Hier wurde Dorothea durch die befriedigt aufatmende Ilse unterbrochen, die ihr Gedicht abgeschrieben hatte. Die Kleine grübelte nicht viel oder nicht lang, sie lebte dem Augenblick, blühte und war einer unbewußt wachsenden Pflanze nicht unähnlich. »Habe ich das gut gemacht, Tante Dorchen?« rief sie und hielt mit spitzen Fingern das noch feuchte Blatt in die Höhe. »Sag einmal, Tante Dorchen, auch der Dichter Goethe in Weimar hat schöne Gedichte geschrieben, nicht wahr? Der ist doch auch ein berühmter Mann, und er ist manchmal in Jena, ich habe ihn gesehen, wie er mit dem alten Herrn von Knebel spazieren ging, und sie sehen aus wie vornehme Herren – – –-« »Und machen doch den feurigen Ritt um die Welt mit!« sagte Dora nachdenklich, »sitzen beide in der Enge und fliegen doch ins Ewige! Siehst du, Ilschen, der Dichter Goethe wird sich auch lange genug die Flügel wund gestoßen haben, bis er in seinem Käfig Weimar stillhalten lernte und hübsch gehorsam auf dem Stübchen saß.« Ilse guckte Dora mit großen Augen an. Sie sah dabei so süß erstaunt aus, daß ihr das ältere Mädchen einen Kuß gab. »Bist mein süßes Ilsebillchen und machst hoffentlich dieses Schicksal nicht durch, sondern erhältst beizeiten die rechte Lebensaufgabe! Nun geh, mein kleiner Liebling!« »Tante Dorchen, komm' doch du bitte mal mit nach Jena!« bat Ilse. »Weißt du, wenn ich wieder nach Hause reise! Wir fahren dann Schiffchen auf der Saale, wir gehen auf die Kernberge, und da sind dann die fröhlichen Studenten, und die singen manchmal bei Frommanns, wo meine Mutter auch dabei ist –« »Topp, Ilse, ich fahre mal mit!« Dora sprang jäh auf und küßte das Kind zum Abschied. »Schreibe nun das Gedicht recht hübsch in dein Tagebuch! Auf Wiedersehen. Kleinchen!« Und nach mancherlei Grüßen an die kranke Hilde, die sie wegen Ansteckungsgefahr nicht besuchen durfte, enteilte Ilse. Dora war allein. Oben verabschiedete sich bald hernach auch Turnvater Jahn vom Hausherrn, der ihn bis an die Treppe begleitete, wobei sich die Hausfrau hinzugesellte; und nachdem auch diese Stimmen verklungen waren, zog die gewöhnliche Stille in das Landhaus wieder ein. Dora war allein. Die Stille lastete auf ihrem aufgeregten Gemüt. Oh, dieses quälend belanglose Geschwätz eines Kindes! Sie ertappte sich dabei, daß sie nicht einmal Lust hatte, den Vater aufzusuchen und zu erkunden, was er mit Vater Jahn besprochen hatte. Sie machte eine Stimmung durch, die sie als Lebensgrauen empfand: als Grauen vor dem leeren, nichtigen Leben. Warum schwatzt das Kind so nichtig? Weil die Kleine noch keine Lebensaufgabe hat. Daran liegt ja alles. Auch sie, Dora, hatte keine Lebensaufgabe! ... Die Mutter trat ein und erzählte noch lebhaft von Jahn und seiner hinreißenden Wirkung auf den Vater. Plötzlich, auf Doras Zustand aufmerksam geworden, hielt sie ein und sprach: »Nun, was hast du denn wieder, Dora? Wieder einmal Vaters Dickköpfchen? Willst mal wieder mit dem Kopf durch die Wand hinaus, weil du so herumrasest? Was ist los?« »Lebensgrauen,« stieß Dora heraus. Die Mutter besah das längliche gebräunte Gesicht der Tochter, deren festgeschlossene Lippen, die stattliche brünette Haarkrone, setzte sich dann in ihrer gewohnten Besinnlichkeit an den Nähtisch und sagte: »Meinst du etwa, Dorothea, ich kenne diese Stimmung nicht? Leere ist viel schlimmer als Unglück. Denn das letztere beschäftigt uns wenigstens und zwingt uns zur Gegenwehr. Siehst du, ich habe mir meine Lebensaufgabe auch ein wenig anders gedacht, als ich noch ein junges Mädchen war. Jetzt bin ich Krankenpflegerin. Aber auf meinem Nachttisch liegen meine Lieblingsbücher, die mich mit dem Ewigen verbinden, so daß ich nicht ganz und gar verdumme: neben der Bibel etwa Thomas A. Kempis' Nachfolge Christi oder Jung-Stillings Bücher. Papa hat ja seinen Schiller, Klopstock, Gellert und andere schöngeistige Männer. Nun, jeder sucht durch seine besondere Pforte Gott und sein Reich. Du wirst auch die deine suchen müssen, Dorchen.« Plötzlich warf sich Dora vor Mutters Schoß auf den Fußboden und fing heftig zu weinen an. Und dann, von Mutter besorgt ausgefragt, zeigte sie Ulis Brief und gestand, daß sie an Gangolfs Verzweifeln und Flucht mitschuldig sei, und was an wirren und heftigen Reden mehr waren. Die Mutter, die hier ein großes Leid ahnte, redete erschrocken und taktvoll auf die Tochter ein, ohne freilich viel zu erreichen. Und als Vaters Klingel rief, gab sie ihr rasch einen zärtlichen Kuß auf die hohe Stirne und eilte nach oben. Dora Schattenmann schrieb den Brief an den Bruder zu Ende: »Weißt Du denn gar nicht, Uli, wo er sein könnte? Er hat ja zwar abscheulich gehandelt, aber man sollte sich doch wenigstens vergewissern, ob er keine Not oder Schulden hinterlassen hat. Frag einmal herum, was ihn denn eigentlich fortgetrieben hat! Oh, Du ahnst nicht, wie ich diesen Menschen hasse! Alles Edle so mit Füßen zu treten! Es ist wahrlich gut, daß er fort ist. Und dann der andere, dieser Dr. Petersen – man geht in der Welt wahrlich wie in einem Labyrinth umher! Denke darüber nach, wie wir das gutmachen, Uli! Vater Jahn ist soeben wieder abgereist, der ging wie ein Feuerstreif durch unser Haus. Mutter ist wieder oben beim Vater, ich werde nun auch hinaufgehen. Übrigens habe ich vor, mit Ilse nach Jena zu reisen. Verzeih diese wirre Plauderei!« Und indem sie grimmig den Brief versiegelte, war kein Schmerz mehr in ihrem stolzen Gesicht. »Ich will diese Dinge unter die Füße treten. Stolz sein! Nicht gemein!« Achtes Kapitel. Jena. Ein stattlicher älterer Herr im dunkelblauen Mantel stand im Paradies zu Jena unter den Fenstern des Majors von Knebel, der dort wohnte, und klatschte kräftig in die Hände. Eine Zipfelmütze erschien oben und nickte herunter. Bald darauf schritten die beiden befreundeten Männer am Ufer der Saale entlang und wandten sich nach der Gegend des Dorfes Lichtenhain. »Ich habe vorhin einen artigen Anblick gehabt,« sagte der Dunkelblaue. »Es stand dort am Strande des Flusses eine edelgebaute und vornehm anmutende jüngere Dame. Sie schaute nach den Bergen und streckte einen Augenblick die Arme aus. Was mag sie dabei gedacht haben? Ich mußte mir unwillkürlich meine Iphigenie vorstellen: ›Und an dem Ufer stehe ich lange Tage, das Land der Griechen mit der Seele suchend.‹ Sie ist dann weitergeschritten, meinen Augen entschwunden. Ein holder Anblick! Schade!« »Ja, schade, daß wir ihre Bekanntschaft nicht gemacht und vielleicht ein artiges Abenteuer erlebt haben,« erwiderte der andere. »Ich saß gerade über meinem Dichter Properz und hätte eine kleine Auffrischung ganz gern hingenommen.« »Auch ich schließlich, der ich in meinem alten, lieben Gasthof ›Tanne‹ Wolken und Winde beobachte und dabei dem Frischlebendigen fast etwas abzusterben drohe. Man muß sich doch immer wieder am grünen Baum des Lebens aus der grauen Theorie zurechtfinden ... Doch wie ist mir denn? Geht nicht da vor uns die schöne Unbekannte?« Und in der Tat: nicht weit von ihnen, am Saalestrand, von den beiden älteren Herren bequem zu erreichen, schritt langsam und einsam in weißem Gewände, einer Priesterin nicht unähnlich, die besinnliche Naturfreundin Dorothea. Sie hatte die Augen zu Boden gesenkt und trug am rechten Arm den schön bebänderten Frauenhut. »Frischauf, wir reden sie an!« rief Knebel, »obschon ich sonst gern eine gewisse Distanz oder optische Entfernung innezuhalten pflege. Vielleicht wird sich dabei eine gewöhnliche Spießbürgerin entpuppen, vielleicht aber auch eine höhere Seele, die irgendein Geheimnis hat, das wir aus ihr herausklopfen, wie ein Buntspecht Nahrung aus einem mürben Ast!« Die Wandelnde war nicht wenig überrascht, als plötzlich zwei gut gekleidete Herren der besten Gesellschaftsschicht höflich den Hut vor ihr zogen und ein Gespräch begannen. »Verzeihen Sie unsere Kühnheit! Wir unterhielten uns soeben darüber, meine Verehrte, worüber Sie nachdenken. Sie erinnerten uns an Goethes Iphigenie, wie sie am Ufer des Meeres steht und über die Wasser hinüber nach dem fernen Griechenland trauert. Haben wir mit unserer Vermutung ungefähr recht gehabt – oder befinden wir uns auf einer falschen Fährte?« Dorothea war zunächst überrascht; aber da sie sich mit ihrer ganzen Seelenverfassung in etwas gehobener und romantischer Stimmung befand, wich sie der unvermuteten Anrede nicht aus. Sie schaute mit ihren großen klaren Braunaugen die beiden freundlichen Wanderer verwundert an, lächelte ein wenig – was ihr wie immer ganz reizend stand – und schwieg betroffen. Dann sagte sie mit ihrer vollen dunklen Stimme: »Ich habe Goethes Iphigenie allerdings oft gelesen, mich vielleicht auch manchmal mit ihr verglichen und fühle ihr nach. Sie suchte die Heimat ihrer Seele – und ich beschäftigte mich eben mit dem Gedanken, wo denn wohl des Menschen wahre Heimat sei.« »Sieh mal an!« sagte der Herr, der unter Knebels Fenster in die Hände geklatscht hatte. »Das läßt sich hören. Ich sollte fast meinen, wir sind da mit unserer neugierigen Frage mitten in das Zentrum eines bedeutenden Gedankenganges eingetreten. Oder ist es nicht gerade für ein Frauengemüt die wichtigste Lebensfrage? Aber wenige Frauenzimmer dringen so tief, nehmen vielmehr mit der bequemen Oberfläche vorlieb, etwa mit dem täglichen Haushalt, in den sie hineingeboren sind, oder mit Mann und Kindern, in die sie gleichsam hineingeheiratet haben. Das heißt – verzeihen Sie – ich weiß nicht, ob ich die Ehre habe, eine verheiratete Dame vor mir zu sehen?« Er zog höflich mit kurzer Verbeugung den Hut. »Ich bin nicht verheiratet,« sprach Dora kurz. »Um so bequemer dürfen wir Sie vielleicht einladen, sich mit unserer einfachen Gesellschaft und Unterhaltung zu begnügen,« war die Antwort. »Wir sind nämlich eben im Begriff, in der gleichen Richtung zu lustwandeln.« »Wobei wir uns freilich,« warf der andere ein, »nicht über tiefere Probleme zu unterhalten gedachten, sondern beim Geplauder über leichte Gegenstände lieber in ein anmutiges Antlitz schauen. Ich nämlich, um Ihnen das offen zu bekennen, war gerade mit lateinischen Dichtern beschäftigt, als mich mein Freund anrief –« »Ach, Sie übersetzen auch aus dem Lateinischen?« erwiderte Dorothea. »Dasselbe ist nämlich meines Vaters Lieblingsbeschäftigung. Er ist in Eisenach Professor im Ruhestand. Aber er sagt manchmal, wir Jüngeren gehören mit unseren Jahn und Arndt und Lützow einem anderen Geschlecht an; dabei liebt er aber den Turnvater Jahn sehr, der erst neulich bei uns war.« »Dann darf ich also die Tochter eines Kollegen begrüßen?« sagte der lange Knebel und griff an den Hut. »Was hat aber dieses ferne Latein mit Ihren persönlichen nahen Gedanken zu tun? Ich frage nicht aus unbescheidener Neugier, sondern suche nur die Verbindung von dem zu jenem. Oder dachten Sie über eine Stelle in Ovids Metamorphosen nach?« »Keineswegs,« lachte Dorothea. »Ich wandle mit beiden Beinen auf teutschem Boden und dachte eben, daß doch die Frau eigentlich nur zum Dienen berufen ist –« »Nur?« warf der Dunkelblaue hier bedeutend ein. »Ist das etwa nicht genug? Dienen wir nicht alle?« »Nun ja, oder besser gesagt, daß die Frau nicht schöpferisch sein kann, wie der Mann, sondern sich eine vorgeschriebene Aufgabe wählen muß, die ihres Frauentums würdig ist. Dieser Tage, wie ich schon sagte, war der Turnvater Jahn in meinem Elternhause. Da sprachen die Herren mit Feuereifer von den großen teutschen Aufgaben. Und ich dachte mir im Stillen: Wie beneidenswert sind doch die Lützower und alle diese freiwilligen Jäger, die mit hinaus in die Schlachten gezogen sind! Sie können für das Vaterland kämpfen, können sich eine große Aufgabe stellen – aber wir Frauen, wir sitzen zu Hause und warten. Wir warten immer nur tatenlos, wie Iphigenie am Meer. Ist das nicht ein beklagenswertes Schicksal?« Der Herr im dunkelblauen Rock blieb stehen und schaute die erglühende Dorothea mit herrlich funkelnden Augen an. »Sie sprechen zwar ein großes Wort aus, mein Fräulein, aber Sie sprechen es nur halb aus. Meinen Sie etwa, das sei nur Frauenlos? Was wissen Sie davon, wie wir Männer an den Prometheusketten rütteln, bis wir reif und ruhig werden? Sind Sie nicht bei einigem Nachdenken der Überzeugung, daß hiermit ein allgemeines Menschenlos berührt wird?« Dora, die gleichfalls stehen geblieben war, starrte ihn an und erkannte ihn plötzlich, über und über errötend. »Verzeihen Sie – ich glaube, Sie nach Bildern zu erkennen – habe ich nicht die Ehre, Herrn – Herrn von Goethe – Exzellenz von Goethe aus Weimar vor mir zu sehen?« »Das tut nichts zur Sache, liebes Kind,« antwortete der Angeredete. »Wir beide, mein Freund und ich, haben das Leben größtenteils hinter uns und schauen aus etlicher Ferne auf dieses wunderliche Abenteuer. Aber wichtiger ist die Beantwortung dieser Fragen für Sie, meine schöne Unbekannte. Wie kommt ein so junges Frauenzimmerchen in einen so lebensmüden Zustand? Das scheint mir naturwidrig und muß von uns beiden erfahrenen Männern – das ist nämlich mein Freund Hofrat von Knebel – mit etlichen triftigen Gründen bekämpft werden. Meinen Sie nicht? Wenn wir jung wären, gäbe es eine sehr naheliegende Lösung: Wir würden uns weidlich in Sie verlieben. Der Gegenstand wäre anziehend genug. Und Sie hätten Beschäftigung in Fülle.« Es gab für Dorothea einige Augenblicke der Verwirrung, für die beiden Herren aber ein vergnüglich lächelndes Behagen. Sie war völlig überwältigt von dem Ungewöhnlichen, in die Lebensluft solcher hohen Geister ganz zwanglos emporgehoben zu sein aus den Bezirken dumpfen Alltagslebens, sei es Babette oder Gangolf oder selbst die halbwüchsige Ilse mit ihren harmlosen Plaudereien. Sie hatte anfangs Mühe, nachdem sie nun ihre Begleiter kannte, den Unterhaltungston zu wahren und sich der Würde dieser Stunde gewachsen zu fühlen. War sie nicht in eine Hofdame verwandelt, die zum erstenmal in Höhenluft weilte nach der vielen Einsamkeit und Krankenpflege in Eisenach? Doch nach und nach fand sie mit der ihr eigenen gesunden Art wieder ihre natürliche Unbefangenheit, plauderte von ihres Vaters Krankheit, doch auch von den geistigen Gesprächen, ließ die religiöse Stimmung ihrer Mutter taktvoll mit einfließen, von der sie sich beeinflußt fühlte, und deutete nur flüchtig manche Enttäuschung an. Sie fühlte dabei, daß sich alles, was ihr bisher kleinbürgerlich erschienen war, ins Ungewöhnliche erhob und daß ihr durch die belebende Gegenwart dieser bedeutenden Begleiter die Schwingen wuchsen. So waren sie wandernd und plaudernd, wobei sie kaum der Umgebung achteten, nach dem von Studenten viel besuchten Dorf Lichtenhain gekommen. Goethe hatte allmählich das nicht gemeine Gespräch dahin zusammengefaßt: Des Menschen Erdenaufgabe sei die Gestaltung reiner Menschlichkeit; diese Aufgabe sei zwar verschieden bei Mann und Weib, doch diese wirkten bei gutem Gedeihen fördernd aufeinander und gemeinsam sei ihnen die Doppelerkenntnis der Weisheit und der Güte; doch ganz besonders schön sei die Entfaltung helfender Liebe. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Je früher ein Sterblicher aus dem zunächst noch ungestümen, eigensüchtigen, prometheischen Trieb zu dieser schönsten Entfaltung gelange, um so reiner und ruhiger. Hier wurden sie durch ein tolles Abenteuer versammelter Studenten lustig unterbrochen. Trotzdem durch die Burschenschaft ein ernsterer Ton in das studentische Treiben von Jena eingekehrt war, ließen sich die Musensöhne doch nichts von ihrem jugendlichen Übermut rauben und benutzten jede passende und unpassende Gelegenheit zu Ulk und scherzhaften Unternehmungen. Der Platz in Lichtenhain war überfüllt mit fröhlichen Burschen und glich einem Jahrmarkt. Da waren alle Trachten vertreten, vom schwarzen deutschen Rock mit weißem, offenem Kragen bis zum roten Burschengewand der Vandalen oder anderen freudigen Farben, worunter sich die ehrsamen Bürger oder Damen und Bäuerinnen lachend umhertrieben. »'s is heute was Besonderes los!« hieß es allenthalben, »die Großherzogin kommt!« – »Nu ja, nee, 's is nur die Großherzogin vom Bierstaat Lichtenhain – dort reitet sie uff'm Esel!« – In der Tat: auf je einem Esel – wer weiß, wo sie die Tiere aufgetrieben hatten! – ritten der Großherzog Thus vom Ulkstaat Lichtenhain und seine Frau Großherzogin einher, mit großmächtigen Orden bedeckt, die auf dem Bauch lagen statt auf der Brust, jener mit einer Pappdeckelkrone, diese mit Schleier und einem fast unmöglichen Hermelinmantel, begleitet von einem überaus bunten Gefolge. Ihnen voraus ritt mit einer großen Trommel, die er kraftvoll bearbeitete, der Student Loholm in mecklenburgischer Husarenuniform; sein Müllkutschergaul war harthörig und schwer von Schritt, so daß die gemächlichen Grautiere sich nicht zu übereilen brauchten. Die Großherzogin wurde dargestellt von einem noch unbärtigen, schlanken Studenten, namens Dürre (dem man unter Schleier und Schminke nicht ansah, daß er noch vor wenigen Jahren in der Lützower Uniform gestanden hatte), so daß man ihn recht gut für eine Dame halten konnte, zumal sie sich mit den züchtigsten Gebärden nach allen Seiten hin huldvoll verneigte. Den Großherzog spielte sein Freund Weißendorn aus Demmin, den man – obschon er gar nicht plump, sondern hübsch gewachsen war – im Kreise der Kommilitonen »Junker Plump von Pommerland« zu nennen pflegte. Kultusminister war der Student Hans Ferdinand Maßmann, der auch die silbernen und goldenen Bierorden aus Pappe angefertigt und verteilt hatte, genannt der »Schnurrenkinderschulmeister«, und verkündete dem verehrlichen Publico, daß der Großherzog, um die aufständischen Bauern zu beruhigen, sich mit der Tochter des »Bauern Großmaul« vermählt habe und sich nun öffentlich dem Volk zeige. Binnen kurzem werde die Entbindung erfolgen. Dazwischen wurde herzhaft Lichtenhainer Bier – dem Lehmwasser nicht unähnlich – aus Holzkrügen gezecht. Es fehlte auch nicht an Radau-Musik, wobei eine Gießkanne hauptsächlich mitwirkte; und die Spießbürger oder Philister kamen aus dem Lachen gar nicht heraus. Plötzlich, nach allerlei lustigen Ansprachen, verwandelte sich die Szene. Die Großherzogin trat in das Wirtshaus ein, und nach einigen Augenblicken erschien sie als Bäuerin wieder und verkündete – da man von dem Gerücht bereits überall vernommen hätte – sie verbitte sich die üble Nachrede einer so raschen Entbindung, vielmehr, so kreischte sie mit hellstem Tenor und sprang aus Scherz in Ernst über, sei soeben die Großherzogin von Weimar eines gesunden Kindes entbunden worden, was hiermit einer versammelten und ehrfurchtsvoll teilnehmenden Bürgerschaft mit geziemendem Ernst vermeldet werde. Hierauf ging der übermütige Student sogar in Stegreifreime über, wobei er Entbindung mit Empfindung vermählte und mit einem begeisterten, medizinisch umrahmten Hoch auf Großherzog und Großherzogin schloß. Goethe und Knebel hatten sich in die Menge gestellt, während Dorothea, so lärmender Versammlung ungewohnt, etwas abseits blieb. Besonders der Dichter wurde von dem improvisierten Bühnenspiel lebhaft angezogen und schüttelte sich vor Lachen. Die heutige Veranstaltung war einer Szene aus dem Faust nicht unähnlich; und Dürre war ein paar Stunden später nicht wenig erstaunt, als Goethes Sekretär auf der Mäderei erschien, wo der Student mit anderen Kommilitonen wohnte, und sich mit höflichen Komplimenten den Text der lustigen Reime erbat, da sich der Herr Geheime Rat gerade mit Studien über studentisches Treiben beschäftige. Aber Dürre lehnte ab: die Verse seien nur für den Augenblick verfertigt und nicht aufgeschrieben. Grundsätzlich wurde auf jenen Lichtenhainer Lustbarkeiten nur der beste Trinker zum Großherzog erkoren, wobei einmal ein Meininger Student zehn Kannen geleert haben soll. Aber dergleichen gesundheitsschädliche und nicht sehr geschmackvolle Übertreibungen wurden von den Burschenschaftern nicht mitgemacht, sondern sie zogen es vor, »ungekrönte Bauern« zu bleiben, wie man die mäßigen Trinker nannte, und hielten sich überhaupt etwas im Hintergrunde. Diesmal aber war der lustige Teufel des Humors auch in sie gefahren. »Kinder, Freunde und Brüder, wißt ihr, was wir jetzt noch tun, da wir so schön im Zuge sind?«, rief der Student »Bauer Großmaul«, »wir ziehen nach dem Marktplatz von Jena und spielen ›Die Entführung‹ von Bürger, die ich mit Loholm und anderen dramatisiert habe. Los!« Und nachdem man in lustigem Wirrwarr hin- und hergehandelt hatte, wälzte sich der ausgelassene Zug zu Fuß und Pferd und Esel in die Universitätsstadt zurück, wo man auf dem Marktplatz die dramatisierte Entführung spielte, wobei der Reichsbaron »Junker Plump von Pommerland«, mit versilbertem Pappdeckel gepanzert, auf seinem lendenlahmen Müllkutschergaul saß, während das verschleierte Fräulein Trudchen (Dürre) aus einem Zimmer im dritten Stock auf einer Feuerleiter hinunterstieg in des geliebten Ritters Arme... Diese übermütigen Geschehnisse aus Jenas Studententreiben sahen jedoch weder Dorothea Schattenmann, noch Goethe und sein Begleiter. Die beiden alten Herren hatten sich höchst vergnügt und angeregt auf den Heimweg gemacht. Aber der holden Besucherin aus Eisenach blieb noch ein besonderes Erlebnis an diesem ereignisvollen Tag vorbehalten. Gangolf war vom Harz nach Osten abgeirrt, hatte sich dann halb nach Süden gewandt, planlos am Ufer der Saale streifend, und schwankte zwischen Lebensdrang und Selbstmordgedanken. Sollte er in Jena diesen unheimlich festen und geschlossenen Studenten Riemann aufsuchen und ihm das Lebensgeheimnis ablauschen? Welches Wissen ließ jenen jungen Mann so kühn und fest dem Schicksal ins Auge schauen? In Merseburg oder Naumburg, vom Wege abgekommen, war er fast preußischen Werbern in die Hände gefallen und verspürte ein Weilchen Lust, Soldat zu werden. Aber nach einer Nacht, wo er sich sinnlos betrank, entwich er heimlich aus dem Wirtshaus. »Ich bin auf dem besten Wege, als Strolch zu verlumpen oder als Landstreicher unter die Räder zu geraten,'' sprach er zu sich selber. »Soll ich ein Ende machen? Soll ich mich in die Saale werfen?« So war er in die Nähe Jenas gekommen, vom unbewußten Drang gejagt, der ihn seinem Schicksal zutrieb. Dora befand sich auf dem Rückweg, nachdem sie sich unauffällig von dem lustigen Treiben zurückgezogen hatte, ohne sich förmlich von ihren beiden Begleitern zu verabschieden. Eine unerklärliche innere Unruhe ließ sie nicht zu reinem Vergnügen kommen. Was sollte das alles? Es erging ihr wie so oft in heiterer Gesellschaft: sie fühlte sich um so stärker in die Einsamkeit gedrängt. Etwas in ihr, mächtiger als der Verstand, übernahm die Führung. Mit Ilses jugendlicher Mutter hatte sie sich verabredet, war aber nun fast wider ihren Willen weitab nach Lichtenhain verlockt worden, obwohl diese lebensfröhliche Studentenstimmung gar nicht zu ihrem wahren Seelenzustand passen wollte. Nun fiel ihr die Verabredung mächtig auf das Gewissen. Sie eilte mit beschleunigten Schritten stadtwärts, um sich mit der Freundin zu treffen. Da erlebte sie ein geradezu unglaubliches Abenteuer, ebenso aus heiterem Himmel wie den Bierulk in Lichtenhain. Am Ufer der Saale spielte eine Anzahl Kinder. Sie vergnügten sich damit, Schiffchen in rasch fließendem Wasser schwimmen zu lassen, manchmal auch ins Wasser zu waten und mit Gejauchz das Holz wieder zu erwischen. Auf einmal – kein Mensch dachte an dieser seicht scheinenden Stelle an ein Unglück – ein schrilles, verzweifeltes Geschrei –, und ein Kind wirbelte im Wasser und rang mit den Wellen! »Helft! Sie ertrinkt! Hilfe! Hilfe!« Die Kinder kreischten, wateten nach der Verunglückten, liefen hilflos am Strande auf und ab und rannten schließlich laut schreiend davon. Da sprang ein Mann, der am Ufer dahergeschritten war, ohne Besinnen in die Flut, schwamm kräftig, packte die Kleine – und hatte sie mit einigen Stößen glücklich ans Land gebracht. Dorothea rannte mit einigen anderen aufgeregt herbei – und erkannte in dem Lebensretter augenblicklich Gangolf! Sie glaubte, fast ohnmächtig zu werden. Zum Glück hatten sich auch einige Kinder wieder gefunden, benachbart wohnende Mütter stürzten aus den Häusern herbei, es entstand ein allgemeiner Wirrwarr, wovon sich die Mutter der Verunglückten rasch mit dem Kind loslöste, um die Gerettete ins Trockene zu bringen. In der allgemeinen Erregung wurde der Retter von der lebhaft durcheinander laufenden Gruppe nicht viel beachtet, wenn man auch nicht vergaß, ihm zu danken – und nur Dorothea stand mit wogendem Busen und gemischtesten Empfindungen vor dem Mann, der sie noch vor kurzem als drohende Germania mit der Peitsche vor sich gesehen hatte und der sie nun gleichfalls, sprachlos vor Staunen, erkannte. »Sie? Wie kommen denn Sie hierher?« waren Dorotheas erste Worte. »Und Sie? Ich frage dasselbe,« antwortete der klatschnasse Student. »Vor allem, ziehen Sie sich rasch um, Sie sind ja pudelnaß!« »Das hat nicht viel auf sich, Fräulein. Darf ich Sie begleiten? Ich bin Ihnen manche Erklärung schuldig – oder vielmehr, ich habe Sie um Entschuldigung zu bitten – Sie und Ihr ehrenwertes Elternhaus – nein, es hat mit der Nässe nichts auf sich, es ist mir, als hätte ich ein Sühnebad genommen – – nur ich bin etwas ausgehungert, bin seit Wochen auf Wanderungen – – mein Fräulein, verzeihen Sie mir!« »Aber wo in der Welt treiben Sie sich denn eigentlich herum? Mein Bruder schrieb mir davon. Hier ist Ihr Hut, den der Junge da eben aufgefischt hat« – – Sie war Weib genug, diese kleinen Dinge des Alltags nicht aus dem Auge zu lassen, rang den Hut etwas aus, den ein Junge aus dem Wasser geholt hatte, und reichte ihn dem gänzlich Durchnäßten, der nun zu zittern begann. »Sie müssen jetzt rasch nach Hause laufen, sich gleich zu Bett legen und am besten heißen Tee trinken!« »Ich habe kein Zuhause!« »Gut, aber dann rasch in ein Wirtshaus, ins nächste beste Wirtshaus!« Sie ging rasch voran und zog ihn mit sich fort. »Ich habe leider – ich bin in Verlegenheit – !« »Sie haben kein Geld? Gut, ich habe welches, das ist jetzt Nebensache, vor allem machen Sie sich Bewegung, damit das Blut in Umlauf kommt! Wollen Sie nicht in einem dieser Häuser einkehren?« »Nein, ich möchte noch ein wenig bei Ihnen bleiben – wenn Sie gütigst gestatten – möchte Ihnen sagen – ich werde dann im Gehen schon wieder trocken und warm –« »Nun, ich bringe Sie nach Jena – etwa in den »Schwarzen Bären« – aber flink! Sehen Sie, da vor uns gehen noch ein paar Studenten. – Einen Augenblick, meine Herren!« Im Nu hatte die entschlossene Dorothea mit den beiden Studenten Fühlung hergestellt, erzählte kurz den Vorgang und bat um Unterkunft für den nassen Kommilitonen. »Hallo, wir kennen uns ja schon!« rief der eine. »Wissen Sie noch? Vivat Burgundia! Von wannen treibt Sie der Teufel nach Jena? Riemann heiße ich immer noch, und das ist mein Freund Rödiger.« »Kein Teufel, Herr Riemann, vielmehr ein guter Engel hat ihn hierhergeführt. Herr Gangolf hat jenem Blondköpfchen, das soeben ins Wasser gefallen ist, das Leben gerettet. Sie sehen, er ist ganz erschöpft. Tun Sie nun ein gutes Werk – nehmen Sie ihn auf Ihre Studentenbude, sorgen Sie, daß er sich umzieht oder zu Bett legt!« Die Studenten waren ohne weiteres einverstanden, setzten sich mit dem zitternden und durchfrorenen Gangolf in flotten Trab und liefen mit ihm nach Jena hinein. Neuntes Kapitel. Wichtige Beschlüsse. Beim Buchhändler Frommann Die große Tat des Wartburg-Burschenfestes reifte langsam und gleichsam unterirdisch heran. Man kann kaum noch feststellen, ob der oder jener Bursche die Hauptsache erdacht oder gemacht hätte; alle jene Führer und Mitglieder der Urburschenschaft wirkten anregend und schöpferisch mit; jeder warf sein Teilchen Gedanken in die gärende Gesamtmasse. »Und wo findet also das Fest statt?« rief der Bursche Scheidler. »Ich bin und bleibe bei der Wartburg. Der Fürst von Weimar hat allein von allen Staaten die freiheitliche Gesinnung hochgehalten, die sonst in reaktionärer Unterdrückung untergegangen ist. Wir ehren ihn und uns, wenn wir uns auf seiner Burg versammeln.« »Sehr wahr! Wo sind sonst noch in Deutschland solche Kulturtaten geschehen?« rief Maßmann. »Luthers Verdeutschung des Neuen Testamentes, Elisabeths leuchtende Heiligengestalt, Wolframs Parsival-Gedicht vom heiligen Gral, der herrliche Minnesänger Walther von der Vogelweide mit seinen großartigen deutschen Gesängen.« »Halt, Kinder! Keine Kulturgeschichte! Das ist längst verwichenes Mittelalter. Aber dort oben wohnte einmal Martin Luther als Junker Jörg, der dort vermutlich sein Kampflied ›Eine feste Burg ist unser Gott‹ gesungen hat. Was wollt ihr mehr? Ist das nicht das gegebene Trutzlied für unsere Burschen?« »Richtig! Luther sei das Stichwort! Im Oktober 1517 schlug er seine Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg.« warf der stud. jur. Wesselhöft ein. »Es sind nun 300 Jahre her. Das wäre ja wohl ein vorzüglicher Anlaß, ein Erinnerungsfest zu feiern!« »Im Oktober, ja! Aber verbinden wir dieses Fest mit einer näheren Gedenkfeier: mit dem Gedenktage der Schlacht bei Leipzig im Oktober 1813!« »Bravo! Leipzig!« rief man von allen Seiten, »am 18. Oktober also! Das wird dann ein Doppelfest: Luther und Leipzig! Beide befreiten Deutschland vom Druck des Welschtums!« »Und du, Riemann, hältst die Festrede! Keinen Widerspruch! Du bist der Gescheiteste von uns, oder wenigstens der Gediegenste! Hängst das Eiserne Kreuz an, das Siegeszeichen von Waterloo. Man soll sehen, daß wir nicht nur reden können, sondern daß wir noch unter den Nachwirkungen der großen miterlebten Schlachten stehen. Wir haben unser Blut vergossen für das Vaterland und haben auch ein Recht, an seinem Wiederaufbau mitzuwirken.« »Und alle teutschen Universitäten werden eingeladen,« schloß Maßmann. »Sofort an die Arbeit! Einige unserer Professoren, z. B. Kieser oder Fries oder Oken, werden als Ehrengäste dazu gebeten, damit sie unserem Fest die Weihe geben. Freunde und Kommilitonen, das muß wie ein Feuerfanal durch ganz Deutschland flammen!« Und so ward der Wartburgfesttag auf den 18. Oktober 1817 festgesetzt. An die Hochschulen zu Berlin, Breslau, Erlangen, Gießen und viele andere bis hinaus nach Kiel und Königsberg und hinauf nach Tübingen flogen am 1. August 1817 Einladungsschreiben der Jenaischen Burschenschaft. Gleichzeitig meldete man die Veranstaltung dem Großherzoglich-Sächsischen Staatsministerium zu Weimar an. Im Rundschreiben betonte man den dreifachen Zweck: Gedenkfeier der Reformation, des Sieges von Leipzig und die erste freudige und freundschaftliche Zusammenkunft deutscher Burschen von den meisten vaterländischen Hochschulen. Dies wurde in jener redereichen Sitzung frischen Mutes beschlossen, in Fortsetzung der Gründung der Burschenschaft im Jahre 1815. Dann zog man hinaus in den beliebten Vorort Zwätzen.– – »Was sagst du dazu, Dürre, daß gestern Goethe unter deinen Zuhörern war?« »Oh, ich weiß es wohl,« lachte dieser, »er hat mir sogar seinen Sekretär geschickt und wollte mein Ulkgedicht haben. Schade, daß ich's ausschlug: vielleicht hätte er's im Faust verwendet! Aber wißt ihr, daß nachher Hofrat Luden durch die Leutra-Gasse kam und über den Platz an der Kirche in sein Kollegium eilen wollte. Er traf ziemlich in der Nähe der Letzten unseres Zuges mit uns zusammen. Wir mußten sogar einen Augenblick anhalten, und ich benutzte die Gelegenheit, um ihm mit aller mir möglichen Anmut eine Kußhand zuzuwerfen. Kinder, das Gesicht hättet Ihr sehen sollen! Er war fast verschämt, nahm aber den Hut sehr höflich ab, betrachtete uns aufmerksam und ging seines Weges weiter. Ich war so sicher, daß er mich nicht erkannt hatte – nun, was meint ihr? – daß ich heute morgen ihm frech genug in seiner Sprechstunde wieder unter die Augen trat. Mich reizte der Teufel des Übermuts, daß ich ihm, als die Unterhaltung auf den gestrigen Tag kam, hüstelnd andeutete, es sei doch allgemein sehr aufgefallen, wie ein Familienvater mit einer jungen Dame so zärtliche Blicke und Gebärden habe wechseln können. Er lächelte und fragte ganz neugierig: ›So so, ist das aufgefallen? Wer war denn das junge Mädchen?‹ Und ich: Es war eine hiesige Bürgerstochter, will aber nicht genannt sein! Nun, Brüder, ihr müßt mir zugestehen, daß wir alle Verschönerungskünste angewandt haben, um das Gesicht unkenntlich zu machen.« »Großartig hast du das gemacht, Dürre,« riefen die Kommilitonen und tranken ihm zu. »Der Wangen Farbenpracht! Die schön gewickelten Haarlocken! Der Schleier und der hübsche Putz, mit dem du deinen athletischen Hals versteckt hast – das war einfach überwältigend!« »Ich schlage vor, wir gehen alle miteinander zur Bühne, so wie wir da sitzen« rief einer. »Nein, aber zu Frommann wird gewandert!« schlug ein anderer vor, »denn es ist Kaffeestunde.« Und sofort stimmte ein Sänger an: »Oh Isis und Osiris!« So brach man denn mit Tumult auf, um das Haus des Buchhändlers Frommann aufzusuchen, dessen Sohn der Burschenschaft angehörte und wo sich die Gewohnheit eingebürgert hatte, daß der studentische Männer-Gesangverein daselbst seine Ständchen brachte, wenn er nicht gerade in der »Rose« konzertierte. Die dort von den Burschen gesungenen Lieder waren meist Nachklänge der Freiheitskriege, etwa die von Karl Maria von Weber vertonten Körnerschen Gesänge, oder auch Dichtungen von Arndt oder was sich sonst noch für Quartette geeignet erwies. Die meisten Sänger waren Kameraden des Lützow'schen Freikorps. Sie hielten in dieser musikalischen Weise auch nach dem Kriege noch eine nachwirkende seelische Freundschaft aufrecht. Ihre Darbietungen erregten geradezu Aufsehen. Auch anspruchsvolle Leute aus Weimar, wie der Appelations-Gerichtspräsident von Ziegesar, hörten bewundernd zu und machten den Großherzog und auch Goethe auf diese Leistungen aufmerksam. Oft setzte sich der bekannte Prof. Gries, der Übersetzer des Tasso, ans Klavier und begleitete kunstverständig die Weberschen Chöre. Plötzlich schwenkte einer der Burschen seine Mütze nach einem Reiter hinüber und rief übermütig: »Vivat Bursch Kieser!« Ein vielstimmiges »Vivat« mit immerhin ehrfürchtigem Gruß und Mützeschwenken schloß sich sofort an. Es war, in kerzengerader Haltung vorüberreitend, Prof. Kieser, den die Studenten manchmal im Scherz »Bursch Kieser« nannten. Da er unverheiratet war, hatte er Zeit genug, in Jena den Turnplatz einzurichten und sich in allerlei Leibesübungen führend zu beteiligen. Man sah ihn selten ohne Sporen an den Stiefeln. Er grüßte die Studenten auch seinerseits und ritt ernsthaft weiter. »Ein Charakterkopf, der Kieser,« rief Eduard Dürre, der aus Berlin gekommen war und den Jahnschen Turnerkreisen nahe stand. »Er hat mich neulich eingeladen, mit ihm in die Vorstadt zu gehen und an seinem beliebten Scheibenschießen mit der Pistole teilzunehmen. Als ob wir jeden Augenblick auf einen neuen Krieg gefaßt sein müßten!« Das Haus des Buchhändlers Frommann war damals ein Mittelpunkt edler Geistigkeit. Der Sohn, jetzt Student in Berlin, war selber mit Leib und Seele Burschenschafter und hatte die jungen Freunde im Elternhaus eingeführt. Mutter Frommann, eine vornehm-ruhige und gütige Frau, hing mit großer Liebe an ihrem Fritz. Die Tochter Alwina, die mit ihren angenehmen, wenn auch nicht besonders schönen Zügen, hinter ihrer bekannten Pflegeschwester Minchen Herzlieb etwas zurücktrat, unterstützte bescheiden-häuslich die Mutter in der künstlerischen Geselligkeit. Die Stätte hinter dem großen Tor war geweiht durch Goethes frühere häufige Besuche, der in diesem Hause Frommanns Pflegeschwester Minchen Herzlieb in väterlich-freundschaftlicher Liebe verehrt und besucht hatte. Das schöne Mädchen lebte jetzt weitab und erlag später in der Heilanstalt einem tückischen Gemütsleiden. Die frischen Burschen, die nun auf Frommanns Hof standen und sofort ein Quartett anstimmten, dachten nicht an dergleichen Tragik zurück. Sie sangen zuerst das Schwertlied und einen Volksgesang vom alten Blücher. Und als Alwinas freundliches Gesicht mit dem Kranz von kunstvoll gesteckten Locken neben der Mutter am Fenster auftauchte, um zum Kaffee einzuladen, marschierte die Sängerschar in das blaue Zimmer hinein, wo sich Fritz Frommanns Schulfreund, der Bassist Scheidler, ein guter Musiker, bald an das Spinett setzte. Und da standen sie denn alle die Mitglieder jener prächtigen Urburschenschaft, Horn und Wesselhöft und Heinrich von Gagern und Graf Bochholz und Binzer, samt dem lustigen Methfessel aus Rudolstadt, bereit, ihre Stimmen leuchten zu lassen. Allmählich stellten sich immer mehr Zuhörer ein, die aus den benachbarten Zimmern herbeiströmten oder eben ankamen, unter ihnen Prof. Gries, auch etliche Damen, worunter die vornehme Schönheit Dorotheas sofort unter den Studenten Aufmerksamkeit erregte. Sie hatte schon gelegentlich mit Ilses Mutter in diesem Kreise verkehrt, fühlte sich aber freilich in so großer Gesellschaft etwas befangen, was ihr übrigens bei ihrer schönen Gehaltenheit gut stand. Zudem schattete noch die Erregung des gestrigen Tages über ihrem ganzen Wesen. Sie saß bei dem Theologie-Professor Stark, der ihren Vater kannte, der sich aber gleich hernach zu den Burschen stellte und ihre Gesänge mit seinem Tenor unterstützte, worauf sich Frau Bohn, eine Verwandte des Hauses, an dessen Platz setzte. Als die ersten Gesänge – »Oh Isis und Osiris« – verklungen waren, schlich auch Vater Frommann leise herbei und setzte sich, mit seinem Sammetkäppchen auf der hohen kahlen Stirn, lauschend in ein stilles Eckchen. Das Gespräch in der Nähe Dorotheas und der lebenslustigen Mutter der kleinen Ilse hatte in der Pause zwischen den Gesängen eine seltsame Wendung genommen. Man sprach mit Entsetzen davon, daß vor kurzem ein in Deutschland reisender Engländer von seinem Negerbedienten ermordet und beraubt worden war. »Welch ein Verbrecher! Der wäre im Mittelalter gerädert worden!« rief ein Professor. Nur Dora, die heute ziemlich still war, sagte nachdenklich: »Es ist allerdings abscheulich, aber der Unglückliche wollte sich vielleicht auch einmal an die Tafel des Lebens setzen –« – »Wie, Dora, du wagst, ein solches Scheusal noch zu bemitleiden?!« rief ihre Nachbarin. – »Oh nein, es schießt mir nur so durch den Kopf,« entgegnete diese, und sich zum Studenten Riemann wendend, fragte sie halblaut: »Wie geht es übrigens Ihrem Schützling?« »Der liegt mit hohem Fieber zu Bett.« »Das habe ich mir doch gleich gedacht,« erwiderte Dorothea mit Besorgnis. Und da sich Frau Bohn vorneigte und lebhafte Anteilnahme bekundete, war man sogleich in ein Gespräch über die ärztliche Behandlung des kranken Gangolf verflochten, wobei eine der Damen einen bekannten Jenaer Arzt empfahl. »Ich habe einen Teil der Nacht an seinem Bett verbracht,« sprach der Theologie-Student Riemann, »und wir haben viel und ernst miteinander gesprochen. Dieser Gangolf ist ein Mensch, der mir mehr unglücklich als liederlich zu sein scheint. Oder besser gesagt: er leidet unter seiner Liederlichkeit. Er hat mir in der Nacht einen ausführlichen Brief an seine Eltern diktiert. Da habe ich denn doch in erschreckender Weise auf den Grund seines Herzens geschaut. Er ist übrigens eines Kantors Sohn aus der Rudolstädter Gegend.« Und mit bedenklichem Kopfschütteln stellte er wieder seine Kaffeetasse auf den Marmortisch. Während Dorothea schweigend vor sich hinstarrte, ward es in der Nähe der Hausfrau und des frohgestimmten Kreises der jungen Leute überaus lebhaft. Einige Studenten neckten den Übersetzer des Ariost, der auch das Spanische ohne Unterricht gelernt hatte, ob es ihm denn mit seiner neuen Übersetzung ergehen werde wie ein paar Jahre zuvor mit dem übersetzten Calderon. »Herr Professor, es lief ja damals ein so reizendes humoristisches Gedicht von Ihnen um! Würden Sie nicht so freundlich sein, es uns mitzuteilen?« »Was, ihr Jungen, ihr kennt meine Gedichte nicht? Ich hatte nun erwartet, daß ihr meine sämtlichen Werke auswendig wißt. Das hat man eben davon, wenn man im Schatten eines Goethe dichtet. Ich will mal sehen, ob ich noch meine Reime zusammenbringe.« Und nach kurzem Besinnen fing der Übersetzer also an: »Jüngst war mir, recht gesegnet, Herr Calderon begegnet, Der freundlich mir vergönnte (Wofern ich's wollt' und könnte), Etwas von seinen Schätzen In Deutschland umzusetzen. Bald war ein Bändchen fertig Und schon des Drucks gewärtig. Doch wer, in unsern Tagen Wird das zu drucken wagen?« »Nun also, meine Damen und Herren, nun beachten Sie den Leidensweg! Die Verlegersuche!« »Ich ging zuerst zu Frommann, Der aber sagte: ,Komm man Mir nicht mit solchem Plunder! Das liegt wie Blei jetzunder.' Der Tasso ging zwar leidlich; Doch das beteur' ich eidlich, Ich bin mit Ariosten Noch nicht auf meine Kosten.« Die Studenten lachten schallend, am herzlichsten Frommann selber in seiner Ecke, und so hechelte dann Gries seine sämtlichen Verleger oder Nicht-Verleger durch, bis er schließlich bei Cotta landete: »Nun ist kein Mensch noch Gott da, Der helfen kann als Cotta. Nimmt der den Calderon nicht, So wird mein lieber Sohn nicht Das Tageslicht erwerben Und ungeboren sterben. Doch, was mir Trost ermittelt, Er stirbt auch unbekrittelt .« »Und was sagt ihr dazu, meine jungen Freunde? Auch dieser Verleger Goethes war zur Verlagsübernahme nicht zu bestimmen, bis sich endlich Hofrat Parthey in Berlin des hausierenden Dichters angenommen hat. Woraus die Moral erfolgt: ihr Männer und Jünglinge – anwesende Damen nicht ausgeschlossen – übersetzt weder aus dem Spanischen noch aus dem Italienischen, am allermeisten aber hütet euch, teutsch zu dichten, wofern ihr nicht zugleich einen passenden Verleger auftreibt.« Das gab denn nun unter viel Gelächter und Wechselreden ein belebtes Gespräch über Bücher und Verlagswesen überhaupt. Ehe sich die anderen Burschen zerstreuten, erhob sich Riemann unauffällig aus dem Geklirr der Tassen und dem fröhlichen Geplauder und teilte in aller Stille dem Meininger Karl, der den studentischen Verein leitete, seine Absicht mit, sich voreilig zu entfernen, da er für seinen kranken Kommilitonen zu sorgen habe. Da jede Stimme mehrfach besetzt war, brauchte man den Einzelnen nicht unbedingt. »Ich suche jetzt den Arzt auf,« sprach er zu den Damen, »gegen Abend wird sich das Fieber steigern. Übrigens, der Kranke sieht in seinen Fieberphantasien fast immer eine Mädchengestalt vor sich, die ihn mit der Peitsche bedroht, und dann wieder ein Kind, das ihm freundlich zuwinkt. Ich kenne seine Lebensbeziehungen nicht genügend. Wissen Sie vielleicht, was ihn beunruhigt oder beschäftigt?« »Es mag wohl sein;« sprach Dorothea etwas bleich und leise, »vielleicht kann ich ihm einmal meine kleine Freundin Ilse mit ein paar Blumen hinsenden. Hat er denn eine kundige Person um sich, die zur Wache und Pflege genügend Zeit hat?« »Ja, gewiß, Frau Mäder hat sich knurrend und gutmütig dazu bereit erklärt,« versetzte der Student. »Diese Ehe der Mäders-Leute ist übrigens eine Komödie für sich mitten im Trauerspiel. Das alte Ehepaar lebt neben einander her, nachdem sie einst in jungen Jahren recht hübsch gewesen sein soll und manchen Anbeter hatte. Sie sollten nur einmal sehen, meine Damen, wie die beiden zu Mittag essen: jedes an einem besonderen Tisch, sie hat drei Hunde und drei Katzen sich gegenüber sitzen, die sie bemuttert, da das Ehepaar kinderlos ist. Na, ich sage ja, es geht nichts über eine harmonische Ehe in dieser schnurrigen Welt.« Damit enteilte Riemann aus der heiteren Gesellschaft, um an Gangolfs Krankenlager zurückzukehren, während im Kreis der zurückbleibenden Burschen Körners Schwertlied erscholl: »Du Schwert an meiner Linken, Was soll dein feurig Blinken? Schaust mich so freundlich an, Hab meine Freude dran. Hurra, Hurra, Hurra!« Zehntes Kapitel. Spazierfahrt mit Goethe. Die steilen Berge um Jena standen im klaren Spätsommerlicht. Die Ebereschen hatten sich bereits mit ihren roten Früchten behängt. Es war ein ruhig-heiterer Tag. Seine Exzellenz, der Minister von Goethe, fuhr mit einem Gast aus Preußen in der bekannten Kutsche mit den beiden Schimmeln durch die Umgebung des geliebten Städtchens spazieren. Der Gast, ein preußischer Staatsrat, versuchte mehrfach ein Gespräch über die Lage der gegenwärtigen Politik anzuknüpfen; aber Goethe, den die Mineralogie der umgebenden kahlen Berge, die Wolkenbildungen und ganz besonders seine Farbenlehre weit unterhaltsamer schienen, lenkte immer wieder ab. Endlich aber ließ sich der Staatsrat nicht länger zurückhalten. »Es ist uns zu Ohren gekommen, Ew. Exzellenz, daß in der Studentenschaft, besonders hier in Jena, ein etwas allzu freiheitlicher Geist herrsche, der für die ruhige Entwicklung der Staaten eine Gefahr bildet. Wie denken Ew. Exzellenz über diese beunruhigende Erscheinung?« »Nun, Herr Staatsrat, wir beiden, die wir uns in reifen Jahren befinden, dürften darin einig sein, daß nur durch besonnene Entwicklung die Dinge eines Staatswesens vorteilhaft gelenkt werden,« sprach Goethe nachdenklich. »Aber ich muß Ihnen offen bekennen, daß mir die Fortsetzung unseres Gespräches über die Farbenlehre eine weit angenehmere Unterhaltung wäre.« »Mir auch,« erwiderte der Staatsrat, »aber Ew. Exzellenz sind vielseitig genug, um auch über die angedeutete Besorgnis mir einen wertvollen Rat erteilen zu können. Es ist mir sogar zu Ohren gekommen, daß die hiesige Burschenschaft noch in diesem Jahre auf der Wartburg eine große Zusammenkunft plant, die immerhin eine politische Aussprache, um nicht zu sagen eine Art von Verschwörung bezweckt. Wir neigen in Preußen zu der Auffassung, daß unter allen Übeln, die heute Deutschland verheeren, sogar die Lizenz der Presse nicht ausgenommen, dieser Burschen-Unfug das größte, dringendste und drohendste ist. Und hier meine ich, man müßte erwägen, ob nicht der Großherzog von Weimar-Eisenach ein Machtwort sprechen oder mindestens durch Maßnahmen dafür sorgen müßte, daß die Bewegung in ruhigen Bahnen bleibt.« »Es ist Ihnen nicht ganz unbekannt, Herr Staatsrat,« war Goethes zögernde Antwort, »daß der Fürst von Weimar samt seiner Regierung freiheitlichen Bestrebungen nicht unzugänglich ist. Ich glaube kaum, daß persönliche Bemühungen bei ihm in dieser Hinsicht erfolgreich wären. Im übrigen stimme ich mit Ihnen überein, daß die politische Erhebung des Volkes und besonders der schwärmerisch ergriffenen Jugend allerdings Grund zur Beängstigung geben könnte, sofern der Freiheitsdrang, der sich in den sogenannten Freiheitskriegen bekundet hat, nicht nur zur ruhigen Fortentwicklung, sondern zu gewaltsamen Vorgängen Anlaß geben könnte, gleichsam als ein Nachholen der französischen Revolution. Die Leute haben ein Genie wie Napoleon geschlagen, den man als den Geist der französischen Revolution ansprechen könnte, und glauben nun, auch die französische Revolution selber übertrumpfen zu können. Auch ich habe da allerlei Anzügliches zugetragen bekommen, z. B. über einen gewissen Follen, der ungescheut nach Jacobinerart den Tyrannenmord predigt und auf die ihm anhängende Jugend von sehr unheilvollem Einfluß sein soll. Gewaltsame Eingriffe in die natürliche Entwicklung sind auch mir ganz und gar verhaßt.« »Ich freue mich, Ew. Exzellenz auf meinem Standpunkt zu finden,« sprach der Staatsrat. »Das Volk ist allenfalls zum Schlagen da, wie in den großen Schlachten; aber es ist nicht zum Raten zu gebrauchen. Die höhere Einsicht der mit allerhöchstem Zutrauen beehrten Staatsdiener muß alles leiten. Da ist der Ruf nach schrankenloser Freiheit vom Übel. Hierin erblicke ich das Grundböse, da es immer Kampf gegen Recht und Ordnung anstrebt.« Beide Männer schienen zusammen zu stimmen, und doch blieb ein verdeckter, aber vollgewichtiger Unterschied in ihren Anschauungen: Der preußische Staatsrat betrachtete die Dinge von der Höhe des Beamten herab, wo man nur Gehorsam gegen höhere Befehle kennt, Goethe aber von der Höhe des Weisen, der als ruhig Besitzender die organische Entwicklung läßlich überschaut und sich des Genusses freut. Daß die großen Begebenheiten der letzten Jahre ganz neue Anforderungen notwendig hervorgerufen, daß bisher unbekannte Gefühle bürgerlicher Freiheit und Selbständigkeit zum Leben erwacht waren, das wollten beide nicht eingestehen, weil sie die Folgen derselben fürchteten. Doch der weitschauende Dichter hatte hiervon eine Ahnung. Er sprach nach einer kleinen Pause: »Sie müssen bedenken, Herr Staatsrat, daß ich zur Zeit, als ich den »Götz« schrieb, oder Schiller als Dichter der »Räuber«, auch ein anderer war als heute. Ich glaube nicht, daß es für uns ältere Burschen die Pflicht ist, dem Freiheitsdrang der Jugend in die Zügel zu fallen; es scheint mir vielmehr unsere freilich etwas unbequemere Aufgabe zu sein, die geheime Leitung solcher Brauseköpfe zu übernehmen, damit sie die Richtung zum Guten und Heilvollen innehalten. Vermutlich wird sich auch der Großherzog nach dieser Seite entscheiden. Und wenn wirklich, wie Sie soeben sagen, eine Zusammenkunft auf der Wartburg geplant ist, so wird der Fürst gewiß nicht seine Erlaubnis versagen, vorausgesetzt, daß die Studentenschaft sich von wilder Unbotmäßigkeit fernhält. – Aber lassen Sie uns lieber zu unserem Gedankenaustausch über psychologische Gesichts- und Farbenerscheinungen zurückkehren.« Während dieser Unterhaltung war die gemächliche Equipage dem Berge näher gekommen, den man die »Goethe-Ruhe« nannte. Da deutete der greise Dichter auf einen einsamen Spaziergänger, der sich von der Höhe her dem Wagen näherte. »Sehen Sie, da wandert ja ein einsamer Student! Wohlan, laßt uns den jungen Mann heranrufen und ihn auf Herz und Nieren prüfen!« Er gab dem Kutscher ein Zeichen, dieser hielt an; und der Dichter winkte den ehrerbietig grüßenden Studenten herbei, der nun im Turnergewand am Wegrande stand und die schwarz-rot-goldene Burschenschaftermütze in der Hand hielt. »Bedecken Sie sich,« sprach Goethe. »Sie kommen vom Turnplatz?« Auf des Burschen bejahende Antwort erwiderte er: »Die Turnerei halte ich wert; denn sie stärkt und erfrischt nicht nur den jugendlichen Körper, sondern ermutigt und kräftigt Seele und Geist gegen Verweichlichung. Darf ich übrigens nach Ihrem Namen fragen?« »Krummacher, Ew. Exzellenz,« antwortete der Jüngling, der den berühmten Mann sofort erkannt hatte. »Nun, dieser Name ist mir nicht unbekannt. Ist vielleicht der Verfasser der Parabeln mit Ihnen verwandt?« »Derselbe ist mein Vater, Ew. Exzellenz.« »Ei, das freut mich. Diese tiefen Dichtungen sind nach Inhalt und Form klassisch. Was studieren Sie?« »Theologie, Exzellenz.« »Ein sehr ernster Lebensberuf. Sie kennen ja wohl Herders Worte: Wie schwer ist es doch, daß ein Theologe in das Reich Gottes eingehe! – Gefällt es Ihnen denn hier in Jena?« »Natur und Wissenschaft bieten vieles; aber auch unsere Verbindung, die Burschenschaft, die von einem patriotisch-sittlichen Geist durchweht ist.« »Darüber haben wir uns soeben unterhalten. Sagen Sie mir einmal offen, junger Freund: Herrschen in Ihrer Burschenschaft nicht auch extreme Richtungen?« Der Student schaute freimütig vom Minister und Dichter zum preußischen Staatsrat. Dann sprach er fest und ruhig: »Solcher Überschwang mag bei Einzelnen vorkommen; aber ich glaube, Ew. Exzellenz versichern zu dürfen, daß sie keinen Einfluß auf die Haltung des Ganzen und durchaus keine gefährliche Tendenz aufweisen.« Der Greis wandte den bedeutenden Kopf zu seinem Begleiter und nickte dem stumm und gemessen sitzenden Staatsrat zu. Dann wandte er sich nochmals an den Studenten, wies mit einer weitausholenden Handbewegung in die Runde und sprach: »Daß Ihnen dieses herrliche Landschaftsbild gefällt, hat meinen Beifall. Schauen Sie nur dieses Panorama an, welches von unserem Hügel sich als ein harmonisches Ganzes darstellt: dort im Tal die Stadt mit der Saale, rings von Bergen umgeben, und südwärts die Burg, romantisch hervorragend. Sie tun sehr wohl daran, wenn Sie sich neben der Wissenschaft auch der Natur erfreuen. Und wenn Sie Ihrem Vater schreiben, junger Mann, so bitte ich, auch von mir hochachtungsvoll zu grüßen.« Der Bursche verneigte sich tief und sprach: »Das wird meinem Vater ein außerordentlich wertvoller Gruß sein, für den auch ich Ew. Exzellenz herzlich danke.« Goethe reichte ihm die Hand aus dem Wagen; und es war ein schöner Anblick, wie der Greis mit wohlwollendem Lächeln auf den frischen Jüngling schaute; dann sprach er abschließend: »Ich wünsche Ihren Studien einen recht schönen Erfolg,« wobei er die Schirmmütze zog. Die Schimmel setzten sich wieder in gemächlichen Trab, der Staatsrat zog höflich und kühl seinen Hut, und das Gefährt entschwand. »Nun, mein lieber Herr Staatsrat,« sprach Goethe, als sie wieder allein waren. »Haben Sie sich dieses jugendfrische Gesicht ordentlich angesehen? Halten Sie diese Jugend für gefährlich?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, schloß er: »Ich meinerseits nicht. Vielmehr freue ich mich ihrer von Herzen.« Elftes Kapitel. Gangolfs Tod. Der Arzt hatte sich aus der baufälligen Mäderei kopfschüttelnd mit den rätselhaften Worten entfernt: »Wenn's das Herz aushält ...« Da drinnen ging's nun los – die wilde Jagd des Fiebers! Ein Gewitteraufruhr, alle Dämonen zusammenpeitschend, die sich jemals des vollblütigen und wildlebendigen Burschen bemeistert hatten! Sie trieben ihn nun im Irrsinnstanz vor sich her, so daß der Unglückliche qualvoll aufstöhnte, während sein kurzer Atem stürmisch flog. Dabei quollen Worte auf, die zwischen phantastischen und platt-alltäglichen Vorstellungen sinnlos irrten. »Holla, da ist er wieder, der Tallieng! Weißt du, Riemann, das Wort klingt wie Peitschenhieb. Es ist aber ein englischer Fuchsreiter in rotem Gewand und führt mit seiner Peitsche ein ganzes Heer von Teufeln an. Hussa, hussa, Tallieng! Der heißt nur so, stammt aber nicht aus der französischen Revolution, er gehört in die Gattung der Dämonen. Seine Scharen sind wie große Heuschreckenschwärme – oder wie ein wildes Heer vom Kyffhäuser oder vom Venusberg, lauter Fratzen! Ich sage dir, scheußliche Fratzen! So etwas denkt nicht der kühnste Maler aus. Und das wird aus den unsichtbaren Höllenwelten auf die Menschheit losgelassen! ... Ich hätte nie gedacht, daß es so tief ist – so schauderhaft tief!« »Die Saale?« sprach Riemann beruhigend, der am Krankenbette saß. »Nein, das Leben, Riemann, das Leben! Aber wir müssen hindurch, Hussa, Tallieng! Hussa! Und dabei müssen wir im Schwimmen oder Waten das Kind tragen, verstehst du, das Kind! Das mußt du hinüber bringen, und wenngleich alle Teufel hier wollten widerstehen ..., das heißt, ich will dir ein Geheimnis sagen, Riemann: Das Kind führt uns , das wissen die meisten Menschen nicht! Da mögen die Talliengs toben, die Rotröcke – gegen das Kind kommen sie nicht an! Das Kind schwebt sicher über den Wassern!« Riemann legte ihm einen beruhigenden nassen Umschlag auf den Kopf. Die wilde Jagd wurde etwas stiller, aber des Kranken Atem flog. »Das Gewitter kommt – es kommt immer näher – hörst du? Immer stärker der Donner – dann schlägt's ein!« »Nun, wenn nur das Kind bei uns bleibt,« sagte Riemann begütigend und schien auf des Kranken Gedankengänge einzugehen, da er merkte, daß die Vorstellung dieses Kindes freundlich auf ihn wirkte. »Ja, das Kind, sehr wahr, oh, sehr wahr! Da ist es wieder und lächelt! Sieh, wie es lächelt!« Und er winkte selber lächelnd einem unsichtbaren Kinde zu. »Er meint vermutlich das Kind, das er neulich vom Tode gerettet hat,« sagte halblaut Frau Mäder, die mit frischem Wasser eingetreten war. Aber der Kranke sah sie nicht, sondern schaute immerzu lächelnd in ein Geisterland. »Er sieht vielleicht ein anderes Kind?« meinte der Theologe Riemann. »Das Kind ist wieder fort,« flüsterte der Kranke mit weinerlich verzogenem Gesicht, während Frau Mäder zu ihren Hunden und Katzen zurückkehrte. »Es war kein Kind da, es war nur Frau Mäder, die Wirtin,« sagte Riemann nüchtern genug. »Unsinn! Unsinn!« winkte Gangolf unwillig. »Du solltest so was nicht sagen, du Philister! Es sind jetzt ganz andere Dinge in diesen Lüften als jene Gans, die nicht fliegen kann. Dämonen, Riemann, Dämonen! Weißt du, was das ist? Das reitet auf abscheulichen Gerippen, Fratzen, und immer wieder Tallieng dazwischen, der Rotrock, Tallieng mit der Hetzpeitsche. Er ruft die wüstesten Worte und grinst abscheulich dazu! Aber da – da kommt das Kind wieder, ganz unberührbar vom Gesindel! Das hat keine Peitsche, das winkt nur und lächelt. Denn über die Erde haben die Dämonen Wacht – das Kind aber hat die Welt erlöst mit seinem Lächeln. Du, Riemann, ich weiß Bescheid, ich war von Dämonen fürchterlich geplagt, mehr als 20 Jahre. Da kann man nicht dagegen an! Wem Gott nicht hilft, der ist verloren. Verstehst du, Theologe? Darum heißt es im Gebet: Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel! Oh, das ist ein tiefes Gebet! Dieses Gebet versteht ihr Theologen noch lange nicht. Das versteht nur, wer einmal bis über die Ohren in den Sümpfen steckte. Darum hat Gott den Sünder lieb – und schickt ihm das Kind – oh, tief, sehr tief, noch tiefer als die Wasser der Saale!« Er schloß die Augen und flüsterte heftig und unverständlich. Riemann erneuerte schweigend den Umschlag. Er fühlte, daß er diesen Fieberphantasien gegenüber nur Plattheiten zu sagen hatte. »Das haben auch Schiller und Goethe nicht ganz erkannt, Riemann,« flüsterte der Kranke wieder so eindringlich, als ob er seinem treuen und geduldigen Wärter ein Geheimnis anvertraute. »Sie haben nur von fern das Treiben der Dämonen geschaut, die immer auf uns lauern und die Welt in Scharen umschwärmen. Weißt du, als ob's eine belagerte Festung wäre! Jene haben aber immer nur so ein bißchen Harmonie um sich verbreitet, als ob's damit getan wäre. Nein, nein, nein! Wir müssen hindurch – wir müssen ganz unter die Wasser hinab – wie im Jordan – dann erst kommt der heilige Geist von oben! Ich habe jetzt überraschende Erkenntnisse – genial, sag ich dir! Hussa, Tallieng, du tust mir nichts ... Horch, wie das donnert! Schwül, schwül! ... Riemann, mir war's nicht beschieden, das Leben zu meistern. 0h, Riemann, man soll's nicht als Spiel fassen, wahrlich kein Spiel, sondern eine furchtbar ernste Sache. Weißt du, Riemann, wem Gott nicht durch besondere Schutzgeister hilft – oder wen das Kind nicht an der Hand nimmt, das ganz leise lächelt, sehr sein lächelt – der ist verloren, du Rationalist! Denn hienieden sind die Dämonen mächtig. Darum heißt man ihren Fürsten den Fürsten dieser Welt. Der ist schauerlich großartig. Da kommst du mit dem bißchen Tugend nicht aus. Das habe ich in dem Augenblick erkannt, als jene Dame mir die inneren Sinne eröffnet hat, mit der Peitsche in der Hand. Aber das war nicht Tallieng. Hussa, hussa!« Er schluckte mit trockenen Lippen. Riemann flößte ihm etwas Wasser ein. Da klopfte es an die Tür, und einen Augenblick darauf stand die anmutige kleine Ilse mit einem großen Blumenstrauß im Zimmer und sagte verlegen, während man hinter ihr die alte Frau Mäder mehr ahnte als sah: »Guten Tag, und ich sollte Herrn Gangolf einen schönen Gruß sagen von Tante Dora, und sie läßt gute Besserung wünschen.« Sie sprach die wenigen Worte mit der klaren Stimme eines Schulkindes, das gut auswendig gelernt hat. Gangolf hing entzückt und überrascht an ihrem Anblick. Die Fieberphantasien von den Dämonen und vom Kinde aus dem Geisterland mischten sich mit diesem lebendigen Bilde aus der Wirklichkeit. Er sah sie mit glänzenden Augen glücklich an und murmelte herzlichen Dank, während Riemann, gleichfalls dankend, die Blumen in ein Wasserglas stellte, worauf Ilse mit artigem Knix und nicht ohne leise Ängstlichkeit wieder ihrer Wege ging, vom Zimmerherrn mit einigen Worten hinausbegleitet. »Riemann, was war das für ein liebes Ding? Ich habe sie schon einmal gesehen – Riemann, warum behütet man nicht solch zarte Dinger, warum trachtet der niederträchtige Mensch, der Hund, danach, sie zu zerpflücken? Die Kleine tut mir jetzt schon leid. Man sollte ihnen nur Freundliches erweisen, man kann nicht wissen, durch wieviel Schlammfluten des Lebens sie hindurch müssen und wieviel Vorrat von Güte sie brauchen. Ich habe an solche Sachen nie gedacht und habe grauenhaft viel gefehlt. Darum sind ja Gegenkräfte aus höheren Regionen nötig, Dichtung – Kunst – Religion. Daran sollten wir mitarbeiten. Wenn man sich aber statt dessen in den Sümpfen herumtreibt, so ist man den Teufelsscharen eingereiht und front dem Fürsten dieser Welt ... Erbärmlich! Ich will ihm nicht mehr dienen – will nicht – überhaupt – bin dankbar, daß ich fort darf, ihr Burschen, denn ich bin eurer nicht würdig! Feiert eure Feste des Geistes! Segnet die Welt mit reinen Gedanken und guten Entschlüssen! Ich will mich ganz still und demütig davonschleichen ... Riemann – ich bin sehr – sehr müde. Kannst du beten? Etwa das Vaterunser?« Riemann faltete mit ihm die Hände und sprach schlicht und selber ergriffen das heilige Gebet. Der Kranke aber, von Schwäche befallen, geriet in einen unruhigen Schlaf. Es vergingen wenige Tage zwischen Tod und Leben. Der Arzt aber sprach eines Abends: »Wir müssen auf das äußerste gefaßt sein. Benachrichtigen Sie seinen Vater, daß es zu Ende geht.« Dorothea hatte schon mehrmals nach Eisenach zurückkehren wollen. Jedoch sie blieb von Tag zu Tag, gesellschaftlich zwar auf das liebenswürdigste unterhalten, doch in Wahrheit gefesselt und tief ergriffen von Gangolfs Schicksal. Man nahm an der Erkrankung, die den Freund ihres Bruders tödlich bedrohte, lebhaften Anteil. Es hatte sich im Kreise ihrer Bekannten herumgeredet, daß er bei Errettung eines Kindes sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt hatte. In Dorotheas Vorstellungswelt schimmerte diese Tatsache wie in verklärendem Glanze; das Ereignis schien ihr symbolisch bedeutsam und hüllte den Unglücklichen in einen fast mystischen Schimmer. Sie kämpfte lange mit einem Entschluß. Täglich besuchte sie Frau Mäder und erkundigte sich nach des Kranken Befinden. Und an einem der letzten Tage beschloß sie, selber mit der Wirtin Blumen auf seine Stube zu tragen. Der Sterbende lächelte ihr totmatt entgegen. Das Fieber hätte seine zerstörende Wirkung ausgeübt. Vom übermütigen Gangolf war nichts mehr übrig als ein hageres Gerippe. »Ich danke Ihnen herzlich,« flüsterte er, als sie neben seinem Bett saß. »Sie haben mich vieles gelehrt – viel Entscheidendes. Ich habe niemandem so viel zu danken wie Ihnen. Ihr Bruder hat's Ihnen vielleicht schon gesagt – grüßen Sie den guten Uli – und sagen Sie Ihren Eltern, sie möchten mir verzeihen, wenn's möglich ist.« Er schluckte und schwieg. Sein Zustand griff Dorothea dermaßen an, daß ihr plötzlich die hellen Tränen aus den Augen schössen, ohne daß sie es merkte. Frau Mäder wischte selber in den Augen, als sie taktvoll hinausging. »Herr Gangolf,« sprach Dorothea leise, »Sie sollen wissen – wir denken nur gut von Ihnen.« »Von den Toten pflegt man gut zu sprechen – nicht wahr – es ist bald so weit – und es ist gut so – ich war nicht fähig, das Leben würdig zu leben ... ja, vielleicht, wenn jemand mit mir gegangen wäre – wie das Kind – das Kind –« Dorothea schlug, überwältigt von seinem Zustand der Hilflosigkeit, das Gesicht in die Hände und weinte fassungslos. Sie konnte ihm nicht sagen, wie gern sie ihn als guter Lebenskamerad zu allem Hohen und Edlen emporgeführt und das Reine in ihm gekräftigt hätte. Sie stammelte nur unverständliche Worte und weinte. Als sie Frau Mäder wieder eintreten hörte, küßte sie den Sterbenden auf die Stirne und hauchte ganz leise: »Leb' wohl, lieber Freund!« Dann erhob sie sich mit Fassung, drückte ihm die Hand und ging rasch hinaus. Es war ein Abschied für immer von diesem einst so wilden Burschen. Noch in der Nacht entschlief er sanft. Zwölftes Kapitel. Ilses Brief. Gangolfs Sarg war vernagelt und vernietet auf einen Bauernwagen gestellt worden, auf dem sein alter Vater mit einem dörflichen Fuhrmann angekommen war. Nur wenige Studenten gaben dem Leichnam, der nach dem südlichen Thüringen gefahren werden sollte, das Geleit, darunter aber einige der tüchtigsten Sänger, die ihm zu Ehren ein Quartett sangen. Zum Schluß sprach der Theologie-Student Karl Sand aus Erlangen ein Gebet. So trabten die kräftigen Gäule aus der Universitätsstadt hinaus. Hatten sie die Dämonen mitgenommen, von denen der Kranke in seinen letzten Lebenstagen phantasiert hatte? Oder hatten sich diese Geister der Leidenschaft auf irgendeinen der wenigen Begleiter gestürzt, die den Wagen umstanden? Dora bat Ilse, dem Bruder Ulrich einen recht langen Brief zu schreiben, da sie selber jetzt viel zu traurig sei. Und die Kleine entledigte sich beglückt dieser erwünschten Aufgabe, während Dora nach Eisenach zurückreiste. »Mein lieber Uli! Du darfst nicht erschrecken, weil ich Dir heute schreibe, denn Tante Dora ist nicht etwa krank, sondern nur so furchtbar traurig, weil nämlich Herr Gangolf gestorben ist. Sie hat ganz schrecklich geweint. So traurig habe ich sie noch nie gesehen. Sie ist doch sonst immer so tapfer. Mein lieber Uli, ich bin sehr glücklich, daß ich Dir schreiben darf. Kannst Du Dir das vorstellen, wie traurig es ist, wenn einem der liebste Freund stirbt, z. B. Du oder meine Mutter? Da würde ich auch schrecklich traurig sein und könnte mich vor Weinen gar nicht mehr fassen. Wenn ich jetzt nur daran denke, so muß ich schon weinen. Nein, ich möchte dann schon lieber selber sterben, wenn ich durch meinen Tod Dein Leben retten könnte, denn die Liebe ist stärker als der Tod. Ich bin hier in Jena geblieben, und sie ist wieder nach Eisenach heimgefahren. Mein lieber Uli, Du darfst mich nicht auslachen, aber ich habe neulich ein Gedicht gemacht, das allerdings nur aus zwei Zeilen besteht, denn ich habe nicht mehr weiter gewußt. Dieses Gedicht lautete: Denn der Mensch ist nur zu Hause, wo er sich geliebet weiß. Mein lieber Uli, es ist mir jetzt auch bewußt geworden, daß alles andere nichts ist, wenn der Mensch nicht geliebt wird. Mein lieber Uli, ich sehne mich oft so schrecklich danach, recht von Herzen geliebt zu werden. Und darum bin ich jetzt wieder gern bei der Mutter. Die Studenten waren auch so gut zu Herrn Gangolf, besonders Herr Riemann, und die Sänger haben ihm am Sarg ein Lied gesungen. Und ich durfte ihm auch einmal einen Blumenstrauß bringen, als er noch lebte. Es waren weiße Rosen. Er hat mich so freundlich angeschaut, hat aber nicht viel gesagt, und ich hatte ein wenig Angst. Und Tante Dora ist vom Dichter Goethe und von Herrn Major von Knebel auf einem Spaziergang nach Lichtenhain begleitet worden, aber ich war nicht dabei, denn Tante Dora läuft oft gern allein herum und will nicht gestört sein. Ich bin ihr wohl noch zu dumm, obschon ich am 4. September 15 Jahre alt werde. Mein lieber Uli, ich muß aber noch viel lernen; und ich will Dir noch schnell sagen, daß ich mich so schrecklich darauf freue, wenn Du wieder zu uns kommst. Ich kann es manchmal vor Heimweh fast nicht aushalten. Und nun leb wohl, mein lieber Uli! Mit den allerherzlichsten Grüßen bin ich Deine getreue Ilse.« Ulrich saß im Zwielicht am Fenster und las Ilses steile Handschrift immer wieder ganz genau. Dann steckte er den Brief, sorgfältig zusammengefaltet, in die Tasche. Also Gangolf tot! Das Gerücht hatte recht behalten, und hier nun hatte ein Kind die Mitteilung davon gemacht, ein Kind, selber ganz von Liebe erfüllt und sich unbewußt nach Liebe sehnend, in jenem jungweiblichen Zwischenzustand, der zwar noch von Mutterliebe verklärt ist, aber sich doch schon in unbestimmtem Drange nach dem geliebten Manne sehnt. Er sah im Geiste die hellblonde Ilse mit den blauen Augen vor sich und sah hinter ihr die braune, schlanke Schwester Dora, die vor Kummer nicht zu schreiben vermocht hatte. Wie ist doch das Leben ein kurzer, banger Traum, nur vom Schimmer der Liebe flüchtig aus der Ewigkeit überglänzt! Die kleine Ilse hat wahrlich recht, wenigstens die Frau ist ganz und gar auf Liebe angelegt und nur glücklich, wenn sie sich darin erfüllen kann. Der Mann freilich hat dazwischen sein Werk zu tun, das oft gar nicht mit der Liebe zusammenhängt. In unwillkürlicher Gedankenverbindung warf er die Mütze auf den Kopf, um zu seinem stillen Freund zu wandern, dem fleißigen Bibliothekar Petersen, der in diesen Tagen sein Werk über die Dichterin Roswitha und ihr Zeitalter zu vollenden gedachte. Als er auf die Straße trat, war er noch ganz erfüllt vom liebreichen Brief der kleinen Ilse und dessen ernsten Nachrichten. Er war in einer sehr milden, fast wehmütigen Stimmung und fühlte sich allen Menschen freundlich gesinnt. Da wurde er von einem Kommilitonen, der früher der schnell zerfallenen Burgundia angehört hatte, in ein Gespräch verknüpft. »Hör' einmal, Uli, man munkelt allgemein, daß du an der unglückseligen Gangolf-Affäre schuldig oder doch mitschuldig bist.« »Was soll das heißen?« »Nun, ihr wart doch zuletzt zusammen, du und der Senior« ... »Was folgt daraus?« »Daß du ihm eine moralische Pauke geschwungen hast, Moralist, der du nun einmal bist!« »Das soll wohl auf eine Rauferei hinauslaufen?« Ein Wort gab das anders, und 24 Stunden später stand Ulrich auf dem Fechtboden, dem dicken Kunz von Tischendorf gegenüber, bis zur Unkenntlichkeit durch den Fechtanzug verhüllt. Zeugen und Sekundanten nahmen kühl und sachlich ihre Stellungen ein und lugten mit gezogenem Schläger aufmerksam auf die Paukanten. Ulrich stand, weit ausladend, vorgebogen und focht sehr besonnen und vorsichtig. Der erste Gang war beendet, ohne daß er selbst getroffen war oder den Gegner verwundet hätte, woran ihm übrigens gar nicht viel lag; denn Tischendorf war ihm viel zu gleichgültig, um seine Leidenschaft zu erregen. Doch beim zweiten Gang geriet er in eine stille Wut, die aber seine gewohnte Ruhe nicht beeinträchtigte. And als der unvorsichtige Kunz bei der Deckung lässiger wurde, hatte er seinen Hieb weg, und die Sekundanten geboten Halt. Der mitgebrachte Paukarzt stillte das Blut und nahm sich des Verwundeten an. Ulrich zog sich um, grüßte und ging in Ruhe nach Hause. Auch die Beteiligten grüßten gemessen oder schüttelten sich die Hände und entfernten sich nach und nach vom Fechtboden. Ulrich nahm die Glückwünsche einige seiner Freunde recht nüchtern entgegen. Dieser blödsinnige Raufhandel hatte ihn aus den reinsten Stimmungen in die Plattheit des Alltags zurückgeworfen. Das Herz voll holder Neigung zu der niedlichen blonden Ilse, war Ulrich auf die Straße gegangen, fühlte noch ihren kindlichen Brief in der Brusttasche knistern – und eine Viertelstunde darauf kam diese alberne Herausforderung zum Duell, das nun erledigt war. Eine närrische Welt! »Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt« sagt Schiller. »Tischendorf hat dich gefordert?« sagte Petersen, »warum hast du denn mich nicht zum Zeugen genommen? Ich hätte gern wieder einmal mitgemacht. Du hättest mich auch als Stellvertreter vorschicken können. Ich wäre mit dem dicken Kunz fertig geworden.« »Du siehst, es ist auch mir gelungen, ihn abzuführen, worauf ich übrigens gar keinen Wert lege. Ich wollte in diesem Semester fleißig und geschlossen büffeln und mich nicht mehr viel um Verbindungsdinge bekümmern, nachdem ich den Geschmack an der Burgundia gänzlich verloren habe. Der Burschenschaft in Jena gehört die Zukunft. Da fuhr mir dieses Rauhbein dazwischen, wie ein Nachklang aus überwundener Zeit. Was aber die Hauptsache ist – hör nun einmal genau zu!« Und Ulrich, umständlich ausholend, erzählte dem Freunde, was er über Gangolf in Erfahrung gebracht hatte, besonders aus Doras Briefen in den letzten Lebenstagen des Unglücklichen. Und dann las er Ilses Brief dem kräftig rauchenden Übersetzer der Roswitha vor. Petersen schwieg lange und nachdenklich. Unvermittelt sprach er dann: »Sag einmal offen, Uli, hat deine Schwester diesen Gangolf geliebt? Aus dem Brief des Kindes scheint hervorzugehen, daß sie vor Kummer ganz entzwei ist.« »Geliebt?« sagte Ulrich gedehnt, »das ist wohl nicht ganz das rechte Wort. Sie haßt und verachtet ihn eher, aber wer will eine Frau ergründen! Die Art, wie er sich in unserem Hause benommen hat, reizte sie derart, daß sie ihn sogar mit der Peitsche zu behandeln drohte. Eher bin ich geneigt zu glauben, daß er in seiner Weise sie geliebt hat. Und als sie ihn dann hilflos auf dem Sterbelager sah, da zerschmolz sie vor Mitleid und wurde ganz erschüttert. Mitleid? Ja. Doch Liebe? Nein. Sie konnte ihn nicht genügend achten, und das steht bei meiner Schwester, die selber eine stolze Natur ist, obenan. Wie sie vom Mann Achtung für sich selber voraussetzt, so will sie auch ihrerseits dem Manne Achtung entgegenbringen. Oh, in diesem Punkte kenne ich meine Schwester genau. Wenn sie nicht selber schreibt, sondern die kleine Ilse vorschickt – und es handelt sich doch wahrlich hier um eine ernste Sache –, so war es nur, weil sie – nun, wie soll ich gleich sagen? – weil sie voll Scham und Verwirrung ist.« »Ich verstehe nicht recht ... worüber sollte sie sich denn schämen?« »Weil sie einen Augenblick jenen Schwätzer und Renommierburschen mit seiner derben Sinnlichkeit ernst genommen hatte oder auf ihn hereingefallen war. Das ist's. Er war ihr in unserem Hause in seiner ganzen blühenden und protzenden Lebendigkeit vor Augen getreten; und dort nun, in Jena, sah sie ihn abgemagert und verwildert. Und einige Tage später auf seinem Sterbebett offenbarte er sich in seinem ganzen seelischen Bankrott. Das hat sie furchtbar erschüttert. Ich bin gespannt auf ihren eigenen Brief, wenn sie sich einmal soweit erholt hat.« Sie schwiegen beide. Dann hub Petersen langsam an: »Ich beglückwünsche dich, Uli, daß dieses Kind jetzt schon so herzlich auf dich eingestellt ist. Das ist wahrlich ein großes Lebensglück, für das du Gott in deinem Nachtgebet danken solltest. Lächle ja nicht über den Backfischton dieses Briefes! Auch nicht in Gedanken! Ich kann mir meinesteils nichts Schöneres denken, als daß ein liebendes Weib mit einem liebenden Mann einem Edelziel zuschreitet, beide Hand in Hand, Schulter an Schulter, sich gegenseitig fördernd. Wem das beschert ist, der erhält eine göttliche Gnade, ein Geschenk von oben. Beide sind treu in der Arbeit der Enge und haben doch die Augen auf das Ewige gerichtet. Denn nach dem Ewigen muß man immer ein Fenster offen haben. Du tust recht daran, Uli, fleißig zu arbeiten, damit du bald in deine Aufgaben und in deine Stellung kommst und dieses lieblich heranwachsende Kind in dein Leben einfügen kannst. Fürchte dich nicht davor, daß man dich Philister schelte! Sei recht herzhaft Philister! Was weiß denn die Welt davon, welche Fülle von Glück zwei Menschen sich gegenseitig geben können, wenn sie liebend auf einander eingestellt sind! Glaube aber: aus dem alltäglichen Wirken, das man Philistertum nennt, beziehen wir unsere besten Kräfte. Wenn nur in unserem Häuschen, wie klein es auch sei, ein Fenster nach der ewigen Heimat offen steht. Ein von den Eltern wohlbehütetes Kind aus den Händen der Mutterliebe empfangen und in ihrer ganzen Reinheit und Unberührtheit in die Geheimnisse der Ehe und in die eigene künftige Mütterlichkeit einweihen zu dürfen, ohne die scheue Seele zu verletzen – – oh Freund, es rührt mich zu Tränen, es zwingt mich auf die Knie!« Er schwieg ergriffen. Dann schüttelte er plötzlich nach seiner Gewohnheit dem Freunde die Hand und entließ ihn. »Ich danke dir, Uli, daß du mich dieses Briefes gewürdigt hast. Er hat mich beglückt und wird neben allem, was er sonst noch anschlägt, mich noch lange beschäftigen.« So gingen sie auseinander. Dreizehntes Kapitel. Doras Bekenntnis. Einige Tage später kam Doras lang ersehnter Brief. Er unterschied sich von Ilses Schreiben, wie eben ein reifes Weib, das schon vom Leben heimgesucht wurde, sich von dem unbeschwerten Geplauder eines liebevoll schwärmenden Backfisches abhebt. Dora schrieb: »Du wirst Dich gewundert haben, liebster Uli, daß ich Dir das Kind über eine so traurige Angelegenheit berichten ließ. Verzeih mir, liebster Uli, aber ich konnte nicht. Ich brauchte etliche Tage, um das Erlebte zu verarbeiten. Denn ich sah zum ersten Male einen Menschen sterben, ich saß am Todesbette eines jungen Mannes, der sein Leben verpfuscht hatte und nun vorzeitig hinwegmußte. Er sagte dabei zu mir, ich hätte entscheidend in sein Leben eingegriffen! Ich, Deine Schwester Dora, in sein Leben eingegriffen! Als er das sagte, war ich zu Tode bestürzt, denn er war ja anscheinend der Stärkere gewesen mit seiner unbekümmerten Sinnenlust, der ich nicht genügend entgegengetreten war, ja, deren sprühende Form der Werbung mich ein Weilchen gefesselt hatte – als ob ich ein blind-verliebter, eitler Backfisch wäre! Oh. Uli, ich schäme mich jetzt. Ich hätte diesem sinnlichen Burschen ganz anders gegenübertreten müssen. Ich hätte durch meine Gegenkräfte eine weibliche Mission zu erfüllen gehabt, um ihn aus den Niederungen emporzureißen auf die Höhen, wo das Edle und Schöne wohnt. Dazu sind ja wir Frauen berufen, nicht aber dazu, uns von den stärkeren Trieben des Mannes herabzerren zu lassen. Und wie ich nun an seinem Bette saß und ihn da liegen sah in seinem Elend, da ward mir eine erschütternde Erkenntnis bewußt. Nein, geliebt habe ich diesen Mann nicht, aber ich hätte ihn hilfreich warnen und fördern sollen. Es war ein Mitmensch in Not – und ich habe es leider nicht erkannt, zu spät erkannt. Und dieser Mann läuft mir, nach mannigfachen Irrwegen, am Ufer der Saale entgegen, um vor meinen Augen ein Kind aus dem Wasser zu retten und dabei den Tod zu finden! Dieses Kind stand im Mittelpunkt seiner Fieberphantasien. Ich weiß jetzt, warum. Das Kindlich-Reine hätte ich in ihm beleben sollen. Ich habe aber diese Aufgabe nicht einmal bemerkt, geschweige denn gelöst, sondern habe mit ihm herumgealbert, als er bei uns im Hause war, und er hat dann mit Babette weiter getändelt, nur in derberer Weise als mit mir. Er hat auf seinem Todeslager immer von den Dämonen phantasiert. Ich habe nicht die Kraft gehabt, diese Dämonen aus seinem Leben zu vertreiben, ja, sie überhaupt nur zu ahnen. Ich bin an einer Lebensaufgabe vorübergegangen. Er sah mich in seinen Phantasien immer nur mit der Peitsche in der Hand – oh, welch eine Demütigung für eine Frau! Dieses Erlebnis hat mich ganz umgeworfen, daß ich Dir schon deshalb nicht schreiben konnte. Auch mit meinen Eltern oder mit den Freunden in Jena kann ich mich darüber nicht aussprechen. Wenn Du in den nächsten Ferien heimkommst, wird mir vielleicht freier zu Mute sein. Nun liegt er dahinten, auf seinem dörflichen Kirchhof – und ein paar Häuser davon hat soeben Babette ein totes Kind geboren! Deine Dora.« Hatte Ulrich Ilses Brief mit zärtlichem Wohlgefallen zweimal gelesen, so las er dieses Bekenntnis seiner stolzen Schwester wohl ein halbes Dutzend mal, um in die Seelenvorgänge einzudringen, die der Brief widerspiegelte. Jetzt erst recht hatte er das Bedürfnis, zu seinem unentbehrlichen Freund Petersen zu eilen und mit ihm dieses Trauerspiel durchzusprechen. Er hatte das Drum und Dran mit Babette bisher schamhaft nur flüchtig erwähnt; jetzt packte er auch damit aus und versetzte Petersens reine Natur in große Bestürzung. »So also hat der Unglückselige an den Frauen gehandelt! Mädchenschänder! Sein letztes Ziel war also Verführung der Unschuld. Das habe ich immer geahnt und bin dennoch jetzt entsetzt. Da begreife ich wohl, wie sich die Horden von Dämonen um ihn geschart haben. Deine Schwester tut mir furchtbar leid. Das ist ja ein erschütternder Zustand. Sei doppelt gut zu ihr, Uli, und schreibe ihr recht eindringlich, sie dürfe sich nicht mit Selbstvorwürfen peinigen. Edlen Frauen ist der Drang zur Hilfe und zur Erlösung eingeboren. Und deine Schwester ist sehr edel, sehr vornehm. Es hat sie ganz aus der Fassung gebracht, daß sie hier eine vermeintliche oder wirkliche Frauenaufgabe verkannt hat. Ach, so gehen Menschen so oft aneinander vorüber und versäumen häufig ihre Pflicht, wo ein gutes Wort so nötig wäre. Dein Vater hat recht; ich erinnere mich noch genau, wie er zu mir sagte: ›Wir Menschen sind einander furchtbar fremd.‹ Ich habe einmal in einer Stadt gewohnt, wo kurz nach einander in meiner nächsten Nähe drei Selbstmorde stattfanden. Zwar kannte ich die Leute flüchtig, hatte jedoch keine Ahnung davon, wie es in ihrem Innern aussah. Das hat mich damals außerordentlich gedemütigt. Sei recht gut zu deiner Schwester, Uli! Du mußt sie in deinen Briefen gleichsam streicheln, damit sie wieder Menschenwärme spürt ... Übrigens sag einmal – – hältst du es für schicklich, wenn ich ihr – etwa an Gangolfs Tod anknüpfend – einen Brief schreiben würde?« »Vielmehr ist das ein glänzender Einfall, Langbein! Tu das ja! Du wirst schon die rechten Worte finden. So entzwei habe ich meine Schwester noch nie gesehen!« Und Petersen schrieb noch in derselben Nacht an Dorothea Schattenmann im Landhaus bei Eisenach: »Sehr verehrtes Fräulein! Entschuldigen Sie diesen Brief eines Ihnen fast Unbekannten. Ich habe mir von Ihrem Herrn Bruder die Erlaubnis erbeten, Ihnen schreiben zu dürfen. Sie wissen, daß ich sein Freund bin. Er war heute lange bei mir, und wir haben auch den Tod unseres Kommilitonen Gangolf und dessen erschütternde Wirkung auf Ihre Innenwelt durchgesprochen. Sie werden erstaunt sein, zu hören, daß ich dabei nicht ganz unbeteiligt war. Ich habe darüber nicht gesprochen und tue es jetzt zum ersten Male: Auf seinen Irrwegen kam Gangolf auch in die Gegend des Kyffhäusers; man vermutete, daß er nach Hamburg wandern wollte. Eines Abends geriet er in eine Höhle, wo ich nächtigen wollte. Ich hörte seine Stimme: »Barbarossa, wache auf!« – oder so ähnlich. Und ich rief, einen Störenfried oder eine Neckerei vermutend, drohend und donnernd aus der Tiefe: »Was willst du hier?« Darauf entwich er jählings, hat aber nachher in einem benachbarten Wirtshaus sein Abenteuer der Wirtin erzählt, von der ich's am Tage darauf erfahren habe. So habe ich ihn also vom Kyffhäuser vertrieben und ihn abgelenkt nach jener Gegend, wo er den Tod gefunden hat. Ob dieses Abenteuer auf seine weitere Lebensfahrt Einfluß gehabt hat, weiß ich zwar nicht gewiß, aber ich habe immerhin seinen Lebenspfad gekreuzt und in sein Schicksal eingegriffen – wie einst er in das meine. Und nun kommen auch Sie dort dazu und erleben mit, wie er das Kind gerettet hat! Ich muß Ihnen gestehen, verehrtes Fräulein, daß auch mich dieses Erlebnis erschüttert hat. Er will nach Hamburg, um ein neues Leben zu beginnen, und, am Kyffhäuser abgedrängt, läuft er seinem Schicksal in die Hände. Wahrlich, die Sprache der Symbolik ist mir noch nie in solcher Weise in die Augen gesprungen! Nun aber, mein verehrtes Fräulein, möchte ich es wagen, Sie herzlich zu bitten: Überlassen Sie den Dahingeschiedenen seinen jenseitigen Führern und Meistern und denken Sie an sich selbst und Ihre Erdenaufgaben. Ich habe Ihren Bruder gebeten, Sie recht herzlich und fürsorglich mit Liebe zu umgeben, damit Sie wieder an das Leben glauben und Seelenwärme verspüren. Verzeihen Sie gütigst und nachsichtig, wenn auch ich, der ich Ihren Bruder als meinen besten Freund achte, mich hiermit dieser Bitte anschließe, obschon ich kein Recht dazu habe. Wir haben, Ihr Bruder und ich, den Fall gemeinsam durchgesprochen, ich fühle mich also mitbeteiligt. Und so haben diese Zeilen nur den Zweck, Ihnen etwas Ermunterndes zuzurufen, verehrtes Fräulein. Wenn Sie jenen Fall, wie Sie an Uli schreiben, als eine Niederlage betrachten, wohlan, so sammeln Sie nun Ihre Kräfte auf eine neue Ausfahrt und machen Sie künftig besser, was Sie schlecht gemacht zu haben glauben. Man wächst durch Niederlagen und lernt von ihnen. Ich glaube – vielleicht ist es nur ein täuschendes Gefühl – sogar in der kleinen Ilse Ihren Einfluß bemerkt zu haben. Auch werden Sie von den freundlichen Meistern der unsichtbaren Welt noch manche Aufgabe gestellt bekommen, die Sie zu lösen haben werden, indem Sie Ihre Mitmenschen in das Höhere hinanführen durch Austeilen von verstehender, helfender Liebe, worin auch ich den Sinn und die Erfüllung des Daseins erblicke. Nehmen Sie mit diesen schlichten Worten vorlieb, verehrtes Fräulein, sie entsprechen wirklich einem tiefen und stark gefühlten Bedürfnis meines Herzens. Ich sehe in Ihnen einen Mitmenschen in Not, und da treibt es mich unwillkürlich, Ihnen irgend etwas Gutes zuzurufen. Mit verehrungsvollem Gruße Wilhelm Petersen.« Als Dora in ihrem Zimmer saß und diesen Brief las, war ihr zu Mute, als ob sie die Hände falten und beten oder Gott danken sollte. »Siehe, ein Mensch! Siehe, da kommt ein Mensch zu meiner einsamen, von Nacht umhüllten Seele! Gott hat mich also doch lieb, daß er mich von einem so guten Herzen besuchen läßt!« Und sie sank händefaltend in sich zusammen, schloß die Augen und drückte den Brief innig an das Herz. Die qualvollen Empfindungen der ganzen letzten Wochen und Monate wichen einem neuen großen Glücksgefühl. Vierzehntes Kapitel. Das Wartburgfest. Als nun der große Tag gekommen war, sah man in den Gassen und Gäßchen der Wartburgstadt, paarweise und in Gruppen, Scharen der Musensöhne einherziehen und sich nach und nach auf dem Marktplatz sammeln. Sie waren, nach echter Turnerweise, zu Fuß, mit dem Ränzel auf dem Rücken, oder auch zu Wagen und zu Pferd von allen Enden Deutschlands herbeigeeilt und, soweit sie nicht im Rautenkranz wohnten, von den Bürgern gastfreundlich aufgenommen worden. Die ganze Stadt stand im Zeichen dieser jugendfrohen Begrüßung. Es waren an die 500 junge Menschen, die trotz aller Festbegeisterung in keiner Weise Ruhe, Ordnung und Anstand störten. Besonders mit dem Eisenacher Landsturm und dem an diesem Tage anwesenden preußischen Militär herrschte die erwünschteste Eintracht und gegenseitiges freundliches Benehmen, wie der Landesdirektor Philipp Wilhelm von Motz in einem Schreiben an den Großherzog rühmend hervorhob. Der Herbstmorgen ließ sich zunächst noch ein wenig nebelig und umwölkt an. Aber als sich vom Marktplatz aus der stattliche Zug mit Fahnen und Musik in Bewegung setzte, um zu zwei und zwei den vielgewundenen Weg zur Wartburg emporzumarschieren, entwölkte sich die goldene Herbstpracht der Laubwälder; und auf der Burg brach die Sonne durch, um fortan einen reinblauen Herbstsonnentag zu beglänzen. Überall in den Reihen der Burschen herrschte eine erhöhte, wenn nicht gar kirchlich-ernste Stimmung, der Reformationsfeier angemessen. Voran ging der stattliche Jenaer Scheidler, aus Gotha gebürtig, Mitbegründer der Burschenschaft; er trug das Burschenschwert, das Zeichen der Wehrhaftigkeit, feierlich von vier Burschen begleitet, und war zugleich Burgwart, der im Bann der Burg für Ordnung zu sorgen hatte. Der bärtige Graf Keller aus Stetten bei Erfurt, von vier Fahnenwächtern umgeben, hielt hoch in Händen das schwarz-rot-goldene Banner mit dem goldenen Eichenkranz, das von jungen Mädchen der akademischen und gebildeten Bürgerkreise zu Jena gestickt worden war. Der größte Teil dieser studentischen Jugend war in jenen halblangen, dunklen Röcken mit weißen Kragen, die man damals die altdeutschen hieß. So wanderten die schlanken, lockigen Jünglinge, meist Arm in Arm, unter dem Festgeläut aller Glocken in langem Zuge auf die heilige Burg empor. Auch Ulrich und Petersen schritten Arm in Arm; und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte sich in seiner Begeisterung der alte Schattenmann angeschlossen, hielt sich aber aus gesundheitlichen Gründen zurück und begnügte sich, vom Dachfenster seines Hauses aus den langen Zug mit Blicken und Segenswünschen zu begleiten. Jena, als Hochschule des Weimarischen Landes, hatte die Mehrzahl der Burschen entsandt; auch aus Berlin, Erlangen, Göttingen, Gießen usw. kamen nicht wenige. Vor allem sind etwa 30 Burschen aus Kiel zu preisen, die den weiten Weg nicht gescheut hatten. Die vielen, von allen Seiten her eingelaufenen Briefe, Schriften und Lieder waren noch am Morgen, als alle auf dem Marktplatz angetreten waren, unter sämtliche Burschen verteilt worden. Und noch eins: einige Studenten waren in den nahen Wald hinausgelaufen, brachten von dort Eichenzweige mit, verteilten sie unter die Menge – und alle schmückten sich mit deutschem Eichenlaub. Auch viele Bürger und Bürgerinnen aus Eisenach zogen im Festzug mit empor. Die großherzogliche Wache am Burgtor wehrte dem Massenandrang, so daß die Burschen langsam und geordnet durch die dunkle Torhalle in den Burghof einzogen, wo sie vom Klang und Spiel der bereits vorangeeilten Musikanten empfangen wurden. Auch der Rittersaal war mit grünen Eichengewinden schön geschmückt und viele Bänke für die Festgäste aufgestellt. Die vier in Eisenach anwesenden Professoren der Jenaer Akademie, Geheimrat Schweizer, Hofrat Oken, Hofrat Fries und Hofrat Kieser, hatten sich schon zuvor auf die Wartburg begeben und warteten nun im Saal an den ihnen angewiesenen Ehrenplätzen auf den in ernster Stimmung einziehenden Festzug. An dem schlichten Rednerpult wurden die Banner aufgestellt, und bald brauste der Festgesang »Ein' feste Burg ist unser Gott«, von Dürres Tenor mächtig geleitet, durch den vollen Saal. Dann schritt der stud. theol. Heinrich Arminius Riemann aus Ratzeburg, mit dem Eisernen Kreuz geschmückt, auf den Rednerstuhl. Zuerst bescheiden und fast schüchtern die Festversammlung begrüßend, wuchs Riemann mit seiner Rede gewaltig, pries das Wiedergeburtsfest des freien Gedankens und das Errettungsfest des Vaterlandes aus schmählichem Sklavenjoch und nannte als Zweck der Zusammenkunft, daß »wir gemeinschaftlich das Bild der Vergangenheit uns vor die Seele rufen, um aus ihr Kraft zu schöpfen für die lebendige Tat der Gegenwart; daß wir gemeinschaftlich uns beraten über unser Tun und Treiben, unsere Ansichten austauschen, das Burschenleben in seiner Reinheit uns anschaulicher zu machen suchen; und endlich, daß wir unserem Volke zeigen wollen, was es von seiner Jugend zu hoffen hat, welcher Geist sie beseelt, wie Eintracht und Brudersinn von uns geehrt werden, wie wir ringen und streben, den Geist der Zeit zu verstehen, der mit Flammenzügen in den Taten der jüngsten Vergangenheit sich uns kund tut.« Dann ging der Theologe zu Luthers Werk über und auf den Sieg von Leipzig. »Zum vierten Male, meine versammelten Brüder, werden heute die Flammenfeuer gen Himmel lodern, uns zu erinnern an das Geschehene und zu mahnen an die Zukunft. Vier lange Jahre sind seit jener Schlacht verflossen; das deutsche Volk hat schöne Hoffnungen gefaßt, sie sind alle vereitelt; alles ist anders gekommen, als wir erwartet haben; viel Großes und Herrliches, was geschehen konnte und mußte, ist unterblieben; mit manchem heiligen und edlen Gefühl ist Spott und Hohn getrieben worden. Von allen Fürsten Deutschlands hat nur einer sein gegebenes Wort eingelöst: der, in dessen freiem Lande wir dieses Fest begehen; über solchen Ausgang sind viele wackere Männer kleinmütig geworden, meinen, es sei nichts mit der viel gepriesenen Herrlichkeit des teutschen Volkes und ziehen sich zurück vom öffentlichen Leben, das uns so schön zu erblühen versprach, und suchen in stiller Beschäftigung mit der Wissenschaft Entschädigung dafür... Nun frage ich euch, die ihr hier versammelt seid in der Blüte eurer Jugend, mit all den Hochgefühlen, welche die junge frische Lebenskraft gibt, euch, die ihr dereinst des Volkes Lehrer, Vertreter und Richter sein werdet, euch, die ihr zum Teil schon mit den Waffen in der Hand, alle aber im Geist und mit dem Willen für des Vaterlandes Heil gekämpft habt, ich frage euch, ob ihr solcher Gesinnung beistimmt? Nein! Nun und nimmermehr! In den Zeiten der Not haben wir Gottes Willen erkannt und sind ihm gefolgt. An dem, was wir erkannt haben, wollen wir aber auch nun halten, so lange ein Tropfen Blutes in unseren Adern rinnt. Der Geist, der uns hier zusammenführt, der Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit soll uns leiten durch unser ganzes Leben, daß wir, alle Brüder, alle Söhne eines und desselben Vaterlandes, eine eherne Mauer bilden gegen jegliche innere und äußere Feinde des Vaterlandes, daß uns in offener Schlacht der brüllende Tod nicht schrecken soll, daß uns nicht blenden soll der Glanz des Herrscherthrones, zu reden das starke, freie Wort, wenn es Wahrheit und Recht gilt!« Und Riemann schloß mit den inbrünstigen Gebetsworten: »Ewiger, allgütiger Gott, der du dein treues Volk erweckt hast aus der Finsternis, der du es erleuchtet hast und ihm den Weg geöffnet zu deiner reinen Erkenntnis, der du dein gebeugtes und zertretenes Volk aus den Fesseln der Zwingherrschaft und Knechtschaft erhoben hast zur Freiheit: höre das Flehen deiner Kinder, die hier im Staube sich vor dir beugen; laß unser Gebet dir wohlgefällig sein! Sieh gnädig herab auf unser teutsches Vaterland, laß es gedeihen in Freiheit und Gerechtigkeit, zu deiner Ehre, zu deinem Ruhme! Laß es gedeihen in Einigkeit und Treue, daß noch späte Enkel den Tag preisen, wo du uns der Freiheit Türe geöffnet hast. Laß gesegnet sein diesen Tag, daß er stets wiederkehre zur Freude deines einigen, dankbaren und freien Volkes! Amen!« Dann folgte, von der ganzen Gemeinde gesungen, das Lied »Nun danket alle Gott«. Hofrat Fries war während desselben von einigen seiner Schüler gebeten worden, eine Ansprache an die Burschen zu richten; und als der Choral verklungen war, bestieg er mit elastischem Schritte das Rednerpult und rief feurige Worte in die Versammlung: »Ihr teutschen Burschen! Aufgefordert von euch, zu sprechen, gebe ich euch keine Rede, keine Lehre, nur ein Wort des Gefühls, ein Wort, ein treues Wort im Namen eurer freien Lehrer ausgesprochen! Sei uns gegrüßt, du helles Morgenrot eines schöneren Tages, der über unser schönes Vaterland heraufkommt! Sei uns gegrüßt, du geisteswarmer, jünglingsfrischer Lebensatem, von dem ich durchhaucht fühle mein Volk! Ihr teutschen Burschen! Laßt euch den Freundschaftsbund eurer Jugend, den Jugendbundesstaat, ein Bild werden des vaterländischen Staates, dessen Dienst ihr bald euer ganzes Leben weihen wollt. Haltet fromm bei Tapferkeit, Ehre und Gerechtigkeit, wie euch so schön gesagt wurde in schöner Rede, die ihr eben vernommen habt. Ihr teutschen Burschen! Lasset uns aus dem Freundschaftsbund eurer Jugend den Geist kommen in das Leben unseres Volkes, denn jünglingsfrisch soll uns erwachsen teutscher Gemeingeist, für Vaterland, Freiheit und Gerechtigkeit! So bleibe euch und uns der Wahlspruch: Ein Gott, ein teutsches Schwert, ein teutscher Geist für Ehre und Gerechtigkeit!« Und dann, als der Vorsänger Dürre über die Versammlung den Segen gesprochen hatte, nahm man nach kurzer Pause an den drei Reihen Tischen zum Festessen Platz. Es war eine einzigartige Tischgesellschaft versammelt, von dem heiligen Geist großzügiger Vaterlandsliebe durchglüht; und neben den gemeinsamen Liedern zuckten immer wieder kurze knappe Trinksprüche flammend empor: »Dem Manne Gottes, Doktor Martin Luther!« – »Dem edlen Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, dem Schirmherrn dieses Tages!« – »Den Siegern von Leipzig!« – »Den Freiwilligen von 1813, euch deutschen Burschen zum Vorbild!« – So verklang in herrlicher Feststimmung dieser Feiertag auf der festlich belebten, menschenvollen Wartburg. Auf eine Einladung des General-Superintendenten Nebe zog dann die Festversammlung nach vollendetem Mahl den Berg hinunter in das Gotteshaus, wobei sich der Landsturm von Eisenach anschloß. Nach diesem Festakt, der dem Tag vollends eine kirchliche Weihe gab, übte wieder das jugendliche Freiluft-Turnspiel sein Recht aus. Man zerstreute sich zu diesen Übungen der Kraft und Gesundheit auf den Marktplatz. Und erst am Abend, gleichsam als heiteres Nachspiel, beschlossen Landsturm und Studenten gemeinsam auf den Wartenberg zu ziehen (der im Volksmund auch Watenberg genannt wird) und unter Gesang und Reden – wobei der Student Roediger flammende Worte fand – die Verbrennung mißliebiger Bücher ins Werk zu setzen. Ihr Flammenschein sollte freilich weithin unangenehmes Aufsehen erregen und manches andre politische Feuer entfachen ... Fünfzehntes Kapitel. Heil den Lebendigen! Die Festtage waren verrauscht. Die Studenten hatten sich wieder in ihre Hochschulstädte zurückgezogen. Alle Teilnehmer schienen verwandelt und in ihrer Lebensstimmung erhöht; große Pläne für des Vaterlandes Zukunft reiften. In jedem Einzelnen waren gute Entschlüsse zu edler Lebensführung gefestigt worden. Nur der alte Schattenmann schien verdüstert. Seine Begeisterung war bedenklich abgeflaut. Dieser erstaunliche Umstand kam von einem anfangs ganz belanglos scheinenden Gespräch, das er mit Uli und Petersen, den beiden Hausgästen, geführt hatte. Gleichsam im Vorübergehen hatte Uli die Bemerkung hingeworfen, auf der Wartburg hätte neben ihm ein Student gesessen, der als Schüler Follens theoretisch den Tyrannenmord verteidigte. »Was sagst du da, Uli, den Tyrannenmord? Und dieses Jacobinertum hast du ohne Widerspruch mit angehört?« »Ach, Vater, das war nur so nebenbei! Zudem sah der Student so milde und fast schüchtern aus wie ein junges Mädchen. Es war einer der vier Fahnenwächter. Du kannst dir denken, wie komisch es auf mich gewirkt hat, wenn ein so junger Mann, mit einem Schwall von Locken, gesteht, daß er von all diesen Reden nichts halte, um so mehr aber von der Tat. Ein Dolchstoß in ein Tyrannenherz wirke weit bedeutender als hundert solcher Reden. Na, Vater, mir kam er wie ein recht unreifer Theoretiker vor. Du guter Junge, dachte ich, stoß du mal den Dolch ins Tyrannenherz! und lächelte im Stillen.« »Du hättest scharf und schroff widersprechen müssen, Uli! Solche ungesunde Ideen darf man nicht in einem jungen Herzen reifen lassen. Wer kann wissen, wie weit dieser Mensch ein stiller Fanatiker ist! Oh, das war ein böses Wort. Es ist eine Schmach und Schande, daß man auf teutschen Hochschulen das ruchloseste Verbrechen rechtfertigt, das es auf der Welt überhaupt gibt: den Meuchelmord! Oh pfui, Meuchelmord unter euch teutschen Jungen? Das entsetzt mich, das wirft meine ganze Freude an eurem Fest um! habt ihr denn nicht Mordfälle aus eurer Geschichte genug, ihr Deutschen, wo der Frevel des Meuchelmordes in allerübelster Erinnerung ist? Denkt ihr nicht daran, wie Held Siegfried tückisch ermordet wurde von Hagen von Tronje? Oder jener Kaiser von Parricida? Schändliches Geschwätz! Wie hieß denn der unreife Junge?« »Ach, ich weiß kaum noch den Namen. Ich glaube: Sand. Ein mädchenhafter Jüngling, den ich so wenig mit Hagen von Tronje vergleichen könnte wie irgendeinen unserer sogenannten Tyrannen mit Held Siegfried.« »Junge, ich sage dir, wenn dieser Geist unter dem Stichwort Tyrannenmord um sich greift, so ist euer ganzes schönes Fest vom Teufel zerstört. Der hat sich dann doch in einer Ecke hereingeschlichen. Oh weh, ich sehe böse Dinge voraus. Armes Deutschland! Die Reaktion lauert ja nur darauf, daß man eure freiheitlichen Regungen in Verruf bringe. Hättest du doch mir diesen jungen Mann hierhergebracht: den hätte ich energisch geschüttelt und gerüttelt, daß ihm der Atem vergangen wäre und mit dem Atem dieser satanische Gedanke, der ihn besessen hält! Gewiß hat einst vorn in Schillers »Räubern« das Motto »In Tyrannos« gestanden, aber der Dichter hütete sich, einen lebendigen Tyrannen, wie etwa Karl Eugen von Württemberg, leibhaftig zu töten. Oh, ihr dummen Tröpfe! Das ist ja Deutschlands Größe, daß es seine Kämpfe geistig durchficht! Habt ihr nicht auf diesem Fest den Gottesmann Luther verherrlicht? Ihr Schwarmgeister, wollt ihr wie ein italienischer Bravo den Gegner aus dem Hinterhalt überfallen und erdolchen? Schändlich! Ich bin ganz außer mir!« Der alte Schattenmann, der Freund des biederen männlich-offenen Turnvaters Jahn, war in höchstem Maße aufgeregt. »Ich ahne seherisch Deutschlands schwere Zukunft. Ein einziger dummer Junge kann unsere herrliche freiheitliche Bewegung versauen – ach was, ich sage deutlich versauen. Denn es ist Teufels-Aussaat, die unserer besten teutschen Gesittung ins Gesicht schlägt. Ich dächte, nachdem ihr den Typus Gangolf mit seiner Landsmannschaft überwunden habt, ihr Burschen, wäret nun zur Reinheit genesen. Aber aus diesem Gespräch ersehe ich, daß Dämonen noch immer unter euch hausen – und wenn's nur ein einziger ist. Wenn ihr schon jetzt theoretisch Tyrannenmord verherrlicht, so werdet ihr wohl bald auch zur Tat übergehen, ihr unglückseligen Verführten!« So schalt der Alte eine gute Weile und war nicht zu beruhigen. Aber Petersen saß ganz still, von einem neuen, fast unfaßbaren, großen Glücksgefühl durchdrungen: von der zart aufgeblühten Freundschaft zu Dorothea, die ihn manchmal mit ihren tiefen Braunaugen innig anschaute. Die politische Welt mag ihren Gang weiter gehen, dachte er während der lauten Selbstgespräche des greisen Hausherrn, aber die rein menschlichen Dinge bleiben in ihrer schlichten Schönheit ewig dieselben. Und wenn jeder an seinem Teil sein Bestes tut, indem er helfende Liebe und rechtlichen Sinn um sich verbreitet, so muß doch wohl auch der andere Teil der Welt nach und nach besser werden. Und im Ausblick darauf, wie er sein persönliches Leben und seine Wissenschaft ausbauen wolle, geleitet von liebender Teilnahme edler Weiblichkeit, lächelte Petersen leise vor sich hin, was einen seltsamen Gegensatz bildete zu dem wetternden Alten. Dieser schien durch einen kurzen Seitenblick des Gegensatzes inne zu werden, denn er unterbrach sich plötzlich und sagte: »Deutschland ist nun einmal als Ganzes für Politik und Staatsgestaltung nicht reif, sondern zieht sich in jene trauliche Enge zurück, die man Kleinbürgerlichkeit oder Spießbürgertum nennen muß. Habt ihr nicht an mir ein lebendiges Beispiel? Ich räsonniere wohl in meiner stillen Stube, greife aber nicht tatkräftig ein. Wir müssen schon ein staatsmännisches Genie erwarten, das die gesunde Ordnung der Dinge und den politischen Sinn in uns Deutschen herstellt. Vielleicht ist er in diesem Augenblick schon geboren. (Siehe Anhang 6.) Aber auch eure Freiheitsbewegung ist nicht nutzlos, vielmehr ein Baustein unter Bausteinen. Wie schwer ist unsere teutsche Entwicklung! Ich werde kein Ende erleben – glaube aber dennoch an die heimlichen Baumeister, wie ich an jene dunkelrote Sonnenglut dort glaube, die jetzt über der Wartburg jene graue Wolke durchbricht und Deutschland segnet. Wenn wir diesen stillen, starken Glauben an die übergeordneten, heimlich waltenden Mächte nicht in uns hätten – was hielte uns denn überhaupt am Leben?!« Er stellte die Lebensgemeinschaft mit der Umwelt wieder her, indem er sein Glas erhob und mit den Seinen hoffend und glaubend anstieß. »Gott segne die Wartburg und alle Wirkungen, die fernerhin von dieser Geiststätte ausstrahlen! Heil den Lebendigen!« Sechzehntes Kapitel. Hagebutten. Die sommerlichen Rosen im Wartburgwald hatten sich verwandelt in die roten Früchte der herbstlichen Hagebutten. Nun stäubte rauher Wind die Blätter der zarten Birken und das braune Laub der Buchen und Eichen durch die unwirtlichen Stätten. Nur selten und nicht weit erging sich der alte Schattenmann fröstelnd durch den Wald. Feine, flinke Meisen pfiffen behend durch die Hecken; in den Spinnwebnetzen, die sich in die Tannenäste hängten, schwirrten im Sonnenlicht einzelne Mückchen in dem opalisierenden Schimmer der feinen Fäden. Die Hagebutten standen fest und rot als einzige Zierde zwischen dem vielfach gebräunten und entblätterten Hochwald. Es war erster Frost über die Welt gekommen; die Wartburg blieb vom Nebel umhüllt. Da begegnete der Hausherr in der Nähe seines Landhauses einem Bekannten der weimarischen Regierung, mit dem er sich gelegentlich in Gespräche zu verwickeln pflegte. »Diesmal nur ein Wort im Vertrauen, mein verehrtester Herr Nachbar,« sprach dieser hochwichtige Herr. »Sagen Sie mal ganz im Vertrauen – was wollt ich denn gleich sagen – es ist Ihnen ja wohl nicht ganz unbekannt, daß die Feuerbrände, die jene jungen Leute da oben auf dem Watenberge angesteckt haben, bei unserer und benachbarten Regierungen höchst unliebsames Aufsehen erregt haben. Nicht nur sind in österreichischen Blättern unschöne Bemerkungen gefallen, sondern auch einzelne, hauptsächlich preußische Beamte, z.B. der Königliche wirkliche Geheime Oberregierungsrat und Kammerherr von Kamptz und verwandte Naturen haben sich geradezu beschwerdeführend an Seine Königliche Hoheit den Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach gewandt, worüber ich zufällig ganz genau Bescheid weiß. Diese Haufen verwilderter Professoren und verführter Studenten da oben haben sich insgesamt der staatlichen Ordnung gegenüber auf der Wartburg höchst ungebührlich benommen. Wir sind darüber unterrichtet. Besonders jene Verbrennung war ein recht eigentlicher Vandalismus demagogischer Intoleranz, wodurch die öffentliche Ruhe und Ordnung höchst mißliebig gefährdet wurde. Unter diesen unreifen Solonen sind nun einige junge Herren ganz besonders verdächtig – nun, gerade herausgesagt, um zu Ihnen offen zu sprechen: die Spuren weisen auf ein Haus zurück, mein lieber Herr Nachbar, das ich Ihnen, um ganz offen zu reden, als das Ihrige bezeichnen muß.« »Was sagen Sie mir da?! Ich bin also nach Ihrer Meinung revolutionärer Umtriebe verdächtig?« »O nein, mein Verehrtester, da haben Sie mich sehr mißverstanden. Es wird vielmehr vermutet, daß unter Ihren Hausgästen einige unzufriedene Elemente bemerkbar waren, etwa z. B. ein Gast aus Gießen, ein Bibliothekar –!« »Was, mein Herr Nachbar?! Habt Ihr Herren von der Regierung auch nur die geringste Grundlage für solche vermutete Staatsverbrechen?! Oder wagt irgend jemand an meiner langbewährten staatstreuen Gesinnung zu zweifeln?!« »Nicht doch, verehrtester Herr, um Gottes willen, wie sollte ich zu solchen Vermutungen kommen! Aber man will immerhin bemerkt haben, daß –« »Also Denunziation! Fängt das jetzt so an? Zum Donnerwetter nochmal, Herr Regierungsrat, ich bin zwar sehr langmütig und ein guter Patriot, aber es gibt Grenzen, wo der Staatsbürger wild wird, wenn das Heiligste seiner Grundsätze in Antastung gerät. Ich habe allerdings neulich gelesen, daß der österreichische Beobachter ganz Deutschland warnt, seine Söhne auf die freieste Universität Jena zu schicken, weil sie daselbst zu früh denken lernen. Oho, meine Herren, Sie unterschätzen die teutschen Väter! Wir lassen uns keinen Geistesdespotismus hier im Lande Weimar-Eisenach gefallen! Brechen Sie meinetwegen in unsere Häuser ein, denunzieren Sie, unterdrücken Sie – wir werden uns bis aufs Blut wehren. Das will ich Ihnen von vornherein gesagt haben, Herr Regierungsrat!« »Gewiß, das können Sie ja tun,« erwiderte der andere merklich kühler, »wir Beamte der Regierung haben in erster Linie für staatliche Ordnung zu sorgen und die französische Pest von unserem Vaterlande fernzuhalten. ... Im übrigen wollte ich nur eine Warnung aussprechen – in aller Freundschaft natürlich, in aller Freundschaft!« Er entfernte sich raschen Schrittes durch die tauspritzenden Hagebutten. Kaum war er durch die Nebel der sinkenden Sonne entschwunden, so rief Schattenmann seine Tochter Dorothea heran. »Dora, heute abend kommt ja wohl dein Freund Petersen nach Eisenach? Hör mal, Dora, warne ihn beizeiten! Hier war soeben der Regierungsrat aus Weimar, der pfiffige Fuchs, und deutete allerlei an, dieser Späher. Er hat nämlich guten Wind, und ich kann mich auf seine Fährte verlassen. Es bereitet sich da irgend etwas vor.« Und er erzählte der aufhorchenden Tochter die näheren Umstände. Genaueres wußte zwar niemand, aber man hielt doch nach diesen diplomatischen Andeutungen alles Schwere für möglich. Die leicht erregbare Dorothea blitzte sofort auf: »Sie sollen 's mal wagen, in unser Haus einzubrechen und uns mit Haussuchungen zu belästigen!« rief sie zornig. Aber in demselben Augenblick durchfuhr sie ein anderer Gedanke: woher darf ich denn eigentlich das Recht nehmen, für diesen Gast einzuspringen? Petersen kam an demselben Sonnabend, um den Sonntag im Hause der Freunde zu verleben. Die Freundschaft zu allen Teilen, besonders zu Dorothea, war außerordentlich warm und herzlich angewachsen. Sein Gesicht strahlte ordentlich. Er brachte gute Nachricht mit. Fast hätte er in seiner Freude die kleine Ilse umarmt, die seit einigen Tagen wieder in Eisenach bei den Verwandten weilte. »Es ward mir eine gute Stelle angeboten,« begann er sofort, als er mit Dorothea allein durch den herbstlichen Garten ging. Ein norddeutscher Fürst hatte den fleißigen und stillen Mann für seine etwas vernachlässigte, sehr ansehnliche Privatbücherei als geschickten Bücherleiter ins Auge genommen; die Sache war in vollem Gang – er hoffte Petersen bald dauernd auf seinem Schlosse zu sehen. »Kein übermäßiges Gehalt, Dora, aber es ernährt eine Frau und mich,« sprach der erfreute Petersen. »Die Sache ist bis in alle Winkel hinein bereits durchgesprochen und so gut wie fertig.« »Was, mein Lieber, in demselben Augenblick, wo man dich von der Behörde verfolgen will?« sprach Dora rasch. »Von der Behörde? Wer hat denn einen Anlaß dazu?« »Es genügt, daß du bei der Verbrennung der Bücher auf dem Watenberge dabei warst. Man munkelt sogar, daß du dabei eine Ansprache gehalten hast!« »Ach, Dora, davon ist kein Wort wahr. Es mögen höchstens im Übermut ein paar lustige Worte gefallen sein. Also mit Späherei will man jetzt den Burschen zu Leibe gehen! Nun, da bin ich ja bei meinem Fürsten gut aufgehoben und hoffentlich von jedem Verdacht gereinigt. Denn dieser geistig bedeutende Mann schenkt mir sein volles Vertrauen.« »Ach ja, gewiß, mein Lieber, wenn nur keine Quertreibereien dazwischen kommen,« antwortete Dora besorgt. »Ich werde sofort meinen Vater bitten, daß er auf der Stelle ein ausführliches Schreiben über diese Verdächtigungen an die Regierung einreicht. Er hat immerhin unter den Gelehrten einen gewissen Ruf. Oder ich werde an den Minister von Goethe eine Denkschrift richten. Dieser weitsichtige Mann kann doch solche Seuchen der Verdächtigungen nicht dulden. Es ist mir ja ein entsetzlicher Gedanke, daß man auf einen bloßen Verdacht hin dein Leben verpfuschen könnte durch jahrelange Kerkerhaft! Scheußlich, lieber Freund! Ich bin imstande, so 'nem Denunzianten eine Kugel in den Kopf zu schießen, wenn er dich in deiner ernsten Gelehrtenarbeit auch nur im leisesten antastet!« Mit zärtlich ausholender Bewegung legte der lange Bibliothekar seinen Arm um die schlanke Freundin und sprach unendlich gütig: »Liebste Dora, nun sag mir doch einmal in dieser Stunde aufrichtig, wie es ja deiner geraden Natur entspricht: Bist du mit deinen Gedanken eigentlich noch bei dem Verstorbenen? Verzeih diese unpassende Frage, ich will dich wirklich nicht verletzen, aber es lastet ein wenig auf mir –« Dora sah ihn tief und innig an, schmiegte sich an seine Brust und sagte rasch und leise: »Liebster Freund, ich war eigentlich schon lange auf diese Frage gefaßt. Nun ich dir antworte, ist es mir ein heiliger Augenblick. Von ganzem Herzen sage ich dir aus aufrichtigem Herzen: nein, Liebster, mein Wesen ist nur bei dir. Liebster Freund, ich – verzeih mir – ich liebe dich leidenschaftlich, ich möchte geradezu sterben, wenn ich nicht bei dir sein darf.« Und plötzlich schlang sie beide Arme um Petersens Hals und bebte vor tiefer Erregung. Der Freund spürte, wie sie leidenschaftlichster Liebe fähig war und durchaus nicht die gehaltene Natur, die er in ihr vermutet hatte. Sie hing an seinem Hals und wollte sich von seinen Küssen gar nicht trennen. »Liebster,« flüsterte sie hastig, »wir werden unser Schicksal gemeinsam erleiden, was uns auch beschieden sei. Ich bin so überglücklich, daß ich dich lieben darf – und daß ich zu dir ein so grenzenloses Vertrauen habe.« Sie standen Mund an Mund; und den Bibliothekar überbrauste das Glück mit solcher Gewalt, daß er fast betäubt war. Ilses nahe Kinderstimme schreckte sie in die Wirklichkeit zurück. Und dann traten sie zwischen den roten Früchten der späten Herbstbüsche langsam wieder in die Welt der Menschen, beide bereit, den Kampf mit dem auferlegten Schicksal willig und liebend gemeinsam aufzunehmen. »Werdet groß, ihr Deutschen, was auch in der Welt geschehe!« sprach Schattenmann, als er die Verlobten segnete. »Der Deutsche ist wahrhaft groß, wenn er seine vielen Träume oder Pläne zusammenfaßt zur genialen Tat. Seht, Kinder, ich scheine zwar seit Jahren ein Sterbender, bin aber in den Tiefen immer lebendig, denn ich warte immer auf das Große, auf die Erfüllung, die denn doch schließlich der Sinn des Daseins ist. Und so sind wir wahrhaft in unsrer Wesensart, wenn wir im schaffenden Wartezustand sind – im tätigen Harren und Hoffen! Es gibt keinen Tod, meine Freunde, es ist alles nur Übergang!« Anhang 1. Das Landhaus, von dem in diesem Buche die Rede ist, hat in Wirklichkeit zu Eisenach gestanden, und zwar in der Nähe des Bahnhofs, in der Schillerstraße; ich sah ein Bild des Hauses in einer alten Zeitschrift; es war bezeichnet als Hauptlotteriegewinn der damaligen Schillerlotterie (1859, zum Besten der Deutschen Schillerstiftung), gestiftet vom Großherzog, der das Haus wohl angekauft hatte. Aber die hier vorkommenden Menschen und Geschehnisse machen keinen Anspruch auf geschichtliche Wirklichkeit. Erst die späteren Kapitel (z. B. Wagenfahrt mit Goethe oder das Wartburgfest selber) halten sich natürlich an die historischen Tatsachen, wobei mir z. B. Eduard Dürres jetzt vergriffene Erinnerungen, auch Kühns Buch über das Wartburgfest oder Max Hodann und Walter Koch , »Die Urburschenschaft als Jugendbewegung« (Diederichs, Jena) usw. gute Dienste geleistet haben. 2. Über Heinrich Arminius Riemann, den Wartburgredner von 1817, ist eine besondere Schrift von Friedrich Koch erst neulich (1927) erschienen (Verlag der Deutschen Burschenschaft, Frankfurt a. Main). Dieser wackere Mann ist geboren am 3. Dezember 1793 zu Ratzeburg und gestorben am 26. Januar 1872, nachdem er sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum gefeiert hatte, weithin geehrt. Zum 10. Kapitel (Seite 120): 3. Diese Wagenfahrt ist in Eckermanns Gesprächen mit Goethe mitgeteilt. Zum 14. Kapitel (Seite 157): Die Rede des stud. theol. Riemann am 18. Oktober 1817 sei wörtlich hier abgedruckt, da sie von dauernder Wichtigkeit ist: »Ein schwerer Auftrag ward mir zu Theil, als man von mir forderte, ich sollte an diesem der Erinnerung einer großen Vergangenheit geweihten Orte zum Beginn unsres gemeinsamen Burschenfestes das Wort nehmen, und vor Euch, meine versammelten Brüder, reden von dem großen Gedanken, der seine Herbeiführung nothwendig machte, reden von seiner Beziehung auf das teutsche Vaterland. – Nimmer hätte ich zu solch kühnem Unternehmen mich hinreißen lassen, hätte nicht die Hoffnung mich begeistert, vielleicht auf die eine oder andere Weise durch solche Worte ein Scherflein beizutragen zu des Vaterlandes Nutz und Frommen. Darum muß ich von Euch fordern, und ich bin gewiß, meine Bitte wird Eingang bei Euch finden, daß Ihr nicht künstlich gearbeitete Reden erwartet, sondern die Sprache meines Herzens, das erfüllt ist von dem Gedanken an Freiheit und Vaterland, die herzlichen Worte eines Eurer Brüder, der mit Euch allen nach einem und demselben Ziele strebt. Zuerst begrüß' ich im Namen der Jenaischen Burschenschaft Euch alle, Ihr freien Brüder, die Ihr hierher, zum Theil aus den entferntesten Gauen Deutschlands, gekommen seid, gemeinschaftlich mit uns das Wiedergeburtsfest des freien Gedankens und das Errettungsfest des Vaterlandes aus schmählichem Sklavenjoch zu feiern. Nehmt für die Bereitwilligkeit, mit der Ihr unserer Einladung willfahret, unsern Dank, und in diesem die Versicherung, daß wir überzeugt sind von Eurer vaterländischen Gesinnung, und von dem heiligen Willen Eures Gemüthes, für des Vaterlandes Wohl nach Euren Kräften Alles zu thun. Seid uns willkommen in diesen heiligen Mauern! – Zum Beginn nun meiner Rede ist es nöthig, daß wir uns verständigen über den Zweck unsrer Zusammenkunft, der nach meiner Ansicht dieser ist und kein andrer sein kann: daß wir gemeinschaftlich das Bild der Vergangenheit uns vor die Seele rufen, um aus ihr Kraft zu schöpfen für die lebendige That der Gegenwart; daß wir gemeinschaftlich uns berathen über unser Thun und Treiben, unsere Ansichten austauschen, das Burschenleben in seiner Reinheit uns anschaulicher zu machen suchen; und endlich, daß wir unserem Volke zeigen wollen, was es von seiner Jugend zu hoffen hat, welcher Geist sie beseelt, wie Eintracht und Brudersinn von uns geehrt werden, wie wir ringen und streben, den Geist der Zeit zu verstehen, der mit Flammenzügen in den Thaten der jüngsten Vergangenheit sich uns kund thut. Wie ich mich nun aber wende zum Werke Luthers , und seine Größe und Erhabenheit mit dem Gedanken zu umfassen suche, da fliehen mir wieder die Worte, und ich möchte verstummen vor dem allmächtigen Geist, der so deutlich sich erkennen läßt in dem, was Luther that. Schon war einem Sturz des Papstthums durch manche edle Geistesthat der Weg gebahnt, noch leuchtet aus dem dunklen Anfang des 15. Jahrhunderts in das folgende das öfter wieder angefachte Feuer hinüber, in dem Hussens Geist verklärt ward. Langsam nur durfte sich das Größte und Schönste, was der Mensch besitzen kann, die Freiheit und Reinheit des Glaubens entwickeln: es mußte durch Feuer geläutert werden. Als aber die Zeit erfüllet war, da erweckte Gott aus den dunklen Mauern eines Augustiner-Klosters einen Mann, zu verkünden eine bessere Lehre, umzustürzen die römischen Wechslertische, die Welt zu befreien von den schmählichsten aller Fesseln, den Geistesfesseln. Ausgerüstet mit großen Tugenden und Eigenschaften, trat Luther auf, voll Gottvertrauen und Gottesfurcht, ohne Menschenfurcht; erschütterte mit Riesenkraft den römischen Fels bis in seine Grundfesten, kühn aufstellend den Satz: daß es ein frei Ding sei um den Glauben, dazu man niemand könne zwingen, denn einem jeglichen liege seine eigne Gefahr daran, wie er glaube, und müsse jeder sich sehen, daß er recht glaube. Durch Abschaffung vieler großen Mißbräuche wirkte er wohlthätig für alle Völker, am meisten aber für sein teutsches Volk, dem er die heilige Schrift, dem er den Gottesdienst teutsch gab, dem er den unendlich reichen Schatz seiner Sprache aufschloß. Schon dies Verdienst hat ihn unsterblich gemacht. Tadelt ihn nicht, als habe er seines Volkes Zwietracht und Zerrissenheit herbeigeführt, das war die Schuld seiner Gegner, die göttliches und menschliches Recht anzuerkennen verschmähten. Darum soll er auch von uns gepriesen werden als der erste und größte Mann seiner Zeit, als der Mann Gottes und des Volks, des Name unverlöschlicher in seines Volkes Herzen lebt, als Erz und Stein ihn aufbewahren können. Denen aber unter uns, die als künftigen Beruf die Verkündigung des Glaubens und die Lehre des göttlichen Worts sich erkoren, soll und wird er stets ein lebendiges Vorbild bleiben, in demüthiger Anerkennung menschlicher Unvollkommenheit, in ehrfurchtsvollem Schauer von der Unendlichkeit Gottes, nach Wahrheit zu forschen, jeglicher Tugend zu huldigen. Der Gottesglaube, dessen Reinheit Luthers uns wieder gegeben, kann nur dann dem Menschen das werden, was er sein soll, wenn er fußet im vaterländischen Boden, wenn er seine Anwendung findet im Vaterlande, durch dieses im bürgerlichen Wirkungskreise und weiter im häuslichen Leben. Ohne die innigste Betrübniß können wir deshalb die Jahrbücher der teutschen Geschichte aufschlagen, denn wir sehen, wie so ganz trübe diese schöne Seite des Lebens daliegt, wie einem verderblichen Weltbürgersinn die Vaterlandsliebe weichen muß. Allem Großen und Schönen war die Bahn gebrochen, unaufhaltsam schritten unsere Weisen vor, in jeglicher Wissenschaft erreichend, was frühere Zeiten nicht zu denken vermochten, keinem anderen Volke nachstehend. Das Vaterland aber ward vergessen und mit ihm seine Tugend und Sitte. Im grimmigen Bruderkriege fanden Deutsche ihre Lust daran, Deutsche zu morden; im Krieg mit dem Auslande fochten sie als Söldlinge gegen ihre Brüder. Deutschlands Fürsten, sie sollten die Vorfechter sein für des Reiches Herrlichkeit und ewigen Ruhm, vergaßen über ihrer Länder scheinbare Vortheile das gemeinsame Wohl. Die Stämme der Deutschen standen in vielen Verhältnissen immer getrennt, ja feindlich gegen einander und festeten die Trennung. Das teutsche Volk, sonst geehrt und gefürchtet, mußte zum Gespött dienen dem Gemeinen – den Edlern zum Gegenstand des tiefsten Mitleids und der Trauer. Weil wir aber die ewigen Gesetze, den Völkern und der Vorsehung weise vorgeschrieben, nicht befolgten, Volksthümlichkeit und des Vaterlandes Einigkeit verachteten, so mußte die Strafe Gottes über uns kommen. Sie kam über uns durch den Arm des wälschen Volks, das, anfangs zur Freude der Welt, der Freiheit Fackel entzündend, bald der frühern Schwüre, nur für des eignen Herdes Sicherheit und Unabhängigkeit zu kämpfen, uneingedenk ward, und einer schändlichen Raub- und Herrschsucht Raum gab. Auch wir wurden geknechtet und seufzeten Jahre lang in schmählichen Ketten. Da allmählich ward die Sehnsucht rege nach der verloren gegangenen Freiheit, nach der Herstellung des zertretenen Vaterlandes; bald ward sie laut und alles rief nach einem Retter. Endlich loderte uns die Flamme der Freiheit empor, in dem Brande Moskaus; wir verstanden die Stimme Gottes und folgten ihr. Was das erwachte Volk zu opfern versprach, im Gefühl der erlittenen Schande, im Bewußtsein der verjüngten Kraft und im Vertrauen auf den allmächtigen Gott, deß zeugen die Blutgefilde von Lützen und Bautzen. Auf den Ebenen Schlesiens, wo des alten Feldmarschall Donnerstimme den Wälschen die Flucht gebot, auf den Feldern der Mark, wo Bülows Schaaren bewiesen, daß Deutschland noch nicht arm sei an Helden, in den Gebirgen Böhmens, wo treue Bundesgenossen redlich mitkämpften, verkündete sich die Stimme des ewigen Geistes der Gerechtigkeit; am lautesten aber und am herrlichsten als am 18. des Wein-, nun des Siegmondes 1813 die Fluren Leipzigs zum Winnfelde umgeschaffen wurden. Zum vierten Male, meine versammelten Brüder, werden die Freudenfeuer gen Himmel lodern, uns zu erinnern an das Geschehene, und zu mahnen an die Zukunft. Vier lange Jahre sind seit jener Schlacht verflossen; das teutsche Volk hatte schöne Hoffnungen gefaßt, sie sind alle vereitelt. Alles ist anders gekommen als wir erwartet haben; viel Großes und Herrliches, was geschehen konnte und wußte, ist unterblieben; mit manchem heiligen und edlen Gefühl ist Spott und Hohn getrieben worden. Von allen Fürsten Deutschlands hat nur einer sein gegebenes Wort gelöst, der, in dessen freiem Lande wir das Schlachtfest begehen. Aber solchen Ausgang sind viel wackre Männer kleinmüthig geworden, meinen, es sei eben nichts mit der vielgepriesenen Herrlichkeit des teutschen Volkes, ziehn sich zurück vom öffentlichen Leben, das uns so schön zu erblühen versprach, und suchen in stiller Beschäftigung mit der Wissenschaft Entschädigung dafür. Andre sogar ziehn vor, in fernen Welttheilen, wo neues Leben sich regt, ein neues Vaterland zu suchen. – Nun frage ich Euch, die Ihr hier versammelt seid in der Blüte Eurer Jugend, mit allen den Hochgefühlen, welche die junge frische Lebenskraft gibt, Euch, die Ihr dereinst des Volkes Lehrer, Vertreter und Richter sein werdet, auf die das Vaterland seine Hoffnung setzt, Euch, die Ihr zum Theil schon mit den Waffen in der Hand, alle aber im Geist und mit dem Willen für des Vaterlandes Ziel gekämpft habt; Euch frage ich, ob ihr solcher Gesinnung beistimmt? Nein! Nun und nimmermehr! In den Zeiten der Noth haben wir Gottes Willen erkannt, und sind ihm gefolgt. An dem, was wir erkannt haben, wollen wir aber auch nun halten, solange ein Tropfen Bluts in unsern Adern rinnt; der Geist, der uns hier zusammengeführt, der Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit, soll uns leiten durch unser ganzes Leben, daß wir, Alle Brüder, Alle Söhne eines und desselben Vaterlandes, eine eherne Mauer bilden gegen jegliche innere und äußere Feinde dieses Vaterlandes, daß uns in offner Schlacht der brüllende Tod nicht schrecken soll, den heißesten Kampf zu bestehen, wenn der Eroberer droht, daß uns nicht blenden soll der Glanz des Herrscherthrones, zu reden das starke freie Wort, wenn es Wahrheit und Recht gilt; – daß nimmer in uns erlösche das Streben nach Erkenntniß der Wahrheit, das Streben nach jeder menschlichen und vaterländischen Tugend. – Mit solchen Grundsätzen wollen wir einst zurücktreten ins bürgerliche Leben, fest und unverrückt vor Augen das Ziel als Gemeinwohl, tief und unvertilgbar im Herzen die Liebe zum einigen teutschen Vaterlande. Du Mann Gottes, du starker Held der Kirche Christi, der du mit eisernem Muthe gegen die Finsterniß ankämpfest, der du auf dieser Burg den Teufel bezwangst, nimm unser Gelübde an, wenn dein Geist noch in Gemeinschaft mit uns steht! Euch, Geister unserer erschlagenen Helden, Schill und Scharnhorst, Körner und Friesen, Braunschweig-Öls und ihr andern alle, die ihr euer Herzblut vergossen habt für des teutschen Landes Herrlichkeit und Freiheit, die ihr jetzt über uns schwebt, in ewiger Klarheit mit hellem Blick in die Zukunft schaut, euch rufen wir auf zu Zeugen unsres Gelübdes. Der Gedanke an euch soll uns Kraft geben zu jedem Kampfe, fähig machen zu jeder Aufopferung. So wie euch der Dank eures Volkes bleiben wird, und sein Segen euch gefolgt ist in euer Grab, so seien uns auch gesegnet alle die, welche für des Vaterlandes Wohl, für Recht und Freiheit erglüht sind, dafür leben und mit Wort und That wirken. Verderben und Haß der Guten allen denen, die in niedriger schmutziger Selbstsucht das Gemeinwohl vergessen, die ein knechtisches Leben einem Grab in freier Erde vorziehn, die lieber im Staube kriechen, als frei und kühn ihre Stimme erheben gegen jegliche Unbill, die, um ihre Erbärmlichkeit und Halbheit zu verbergen, unsrer heiligsten Gefühle spotten, Begeisterung und vaterländischen Sinn und Sitten für leere Hirngespinste, für überspannte Gedanken eines krankhaften Gemüthes ausschreiben! Ihrer sind noch viel; möchte bald die Zeit kommen, wo wir sie nicht mehr nennen dürfen. Ewiger allgütiger Gott, der du dein treues Volk erweckt hast aus der Finsterniß, der du es erleuchtet hast und ihm den Weg geöffnet zu deiner reinen Erkenntniß, der du dein gebeugtes und zertretenes Volk aus den Fesseln der Zwingherrschaft und Knechtschaft erhoben hast zur Freiheit, höre das Flehen deiner Kinder, die hier im Staube vor dir sich beugen; laß unser Gebet dir wohlgefällig sein! Sieh gnädig herab auf unser teutsches Vaterland, laß es gedeihen in Freiheit und Gerechtigkeit, zu deiner Ehre, zu deinem Ruhme! Laß es gedeihn in Einigkeit und Treue, daß noch späte Enkel den Tag preisen, wo du uns der Freiheit Thor geöffnet. – Laß gesegnet sein diesen Tag, daß er stets wiederkehre zur Freude deines einigen dankbaren und freien Volkes! Amen!« Zum 15. Kapitel (Seite 164): 5. Am 23. März 1819, also anderthalb Jahre später, erstach der Student Carl Ludwig Sand zu Mannheim den Staatsrat August von Kotzebue und beschwor dadurch unendliches Unheil über die Burschenschaft herab. Zum 15. Kapitel (Seite 167): 6. Es braucht kaum daran erinnert zu werden, daß am 1. April 1815 Otto von Bismarck zu Schönhausen in der Mark geboren wurde, der zwar nicht durch die Burschenschaft ging, aber doch – wie Prof. Dr. Eduard Heyck in der Festrede zur Einweihung des Burschenschaftsdenkmals am 22. Mai 1902 mit Recht hervorhob – ohne das vorbereitende Werk der Burschenschaft nicht denkbar ist.