Balduin Möllhausen Der Piratenlieutenant – Teil 2 Der Roman wurde erstmals als Zeitschriftenvorabdruck ab Oktober 1869 im 7. Jahrgang der Deutschen Roman-Zeitung, Verlag Otto Janke, Berlin, veröffentlicht. Der hier vorliegende Teil enthält den unveränderten Text der Bände 3 und 4 des in 4 Bände eingeteilten Vorabdrucks. Dritter Band. Fünfundzwanzigstes Capitel. Auf den Spuren der Rebellen. Der nordamerikanische Bürgerkrieg, nachdem er beinahe vier Jahre hindurch seine blutige Geißel geschwungen hatte, neigte sich seinem Ende zu. Städte waren zerstört, Gehöfte niedergebrannt worden; in Districten, einst reich belebt und bevölkert, herrschte unheimliche Oede und Einsamkeit. Wo einst der Rauch in einladender Weise den Schornsteinen ländlicher Besitzungen entwirbelte, da ragten halb verkohlte Sparren über geschwärztes und mit Einsturz drohendes Mauerwerk empor, zeugend von den unbarmherzigen Kämpfen, die, gleichviel, ob im Großen oder im Kleinen, mit derselben Erbitterung geführt, keine Schonung des Lebens und Eigenthums mehr kannten. Als seien durch das letzte Todesröcheln der Hingeopferten, durch die Racheschwüre der Ueberlebenden und die wilden Flüche der mordenden und sengenden Banden derartige Brandstätten auf alle Ewigkeit verrufen und verfeit gewesen, blickte der einzelne Wanderer, welchen sein Weg an solchen Stätten vorüberführte, mit unüberwindlicher Scheu auf dieselben hin, oder er umging sie in weitem Bogen. Er fürchtete, auf grausige Scenen zu stoßen, und wie um sich gegen hinterlistige Angriffe zu schützen, prüfte er unwillkürlich die Sicherheit seiner Waffen. – In der Nähe der bewaldeten südlichen Abhänge des Aleghany-Gebirges, wo zahlreiche Quellen dem südlich fließenden Savannah reiche Nahrung zutragen, lag auf dem Ufer eines dieser Bäche, jedoch in einiger Entfernung von der Hauptstraße, eine derartige, menschlicher Zerstörungswuth zum Opfer gefallene Häuslichkeit. Das Gehöft, von welchem nur noch die Trümmer sichtbar, bildete den Mittelpunkt einer umfangreichen Waldblöße. Letztere war zur Hälfte, wie die vernachlässigten Felder und theilweise zerstörten Einfriedungen bekundeten, mit Mühe und Fleiß der majestätischen Urwaldung entwunden worden, wogegen die andere Hälfte eine moorige Erweiterung des Baches, auf welcher Rohr- und Schilfdickichte mit feuchten Wiesenflächen und Weiden- und Oleandergestrüpp abwechselten. Hin und wieder erhoben sich auch vereinzelte Kottonwoodbäume; dieselben zeigten indessen in Wuchs und Verzweigung nur einen mäßigen Grad von Lebenskraft; selbst für sie war der mit Feuchtigkeit überreich gesättigte Untergrund zu moorig. Die Wurzeln gingen nach einer Reihe von Jahren in Fäulniß über, das durch stagnierendes Pfützenwasser vergiftete Mark verfaulte, und lange dauerte es dann nicht, bis die verkrüppelten, knorrigen Stämme nur noch als gebleichte Gerippe emporragten, dem trägen Geier und der eine offene Fernsicht liebenden Wandertaube eine willkommene Raststelle. Eingerahmt waren Moorland und Feldlichtung von einer aus der Ferne undurchdringlich erscheinenden, hohen Waldmauer. Zur Zeit der Blüthe der durch Menschenhände geschaffenen Anlagen mußte das Gehöft einen überaus lieblichen Anblick gewährt haben, welchen die von schwer einherwatenden Pferden und Rindern belebte Niederung keineswegs beeinträchtigte. Sogar die dem Walde abgewonnenen neuen Felder mit ihren eingekerbten und demnächst angebrannten, geschwärzten und theilweise verkohlten Baumresten zeugten damals nur von dem unermüdlichen Fleiße der durch die Rebellen vertriebenen, ihnen nicht günstig gesinnten Ansiedler, welche zur Urbarmachung des Bodens, neben der Axt sich auch das vernichtende Feuer dienstbar gemacht hatten. Jetzt war es anders; in trauriger Oede dehnte sich die morastige Niederung aus; wie unheimliche schwarze Gerippe ragten die mit so viel Bedacht dem Untergange geweihten Waldriesen empor; sie standen in seltsamem Einklange mit den verkohlten Sparren, welche die verschobenen Mauern des eingeäscherten Wohnhauses krönten, mit den Trümmern, welche die Lage der früheren Scheunen und Stallungen bezeichneten. Kletten- und Schierlingsstauden bedeckten den seiner Einfriedigung beraubten Garten; hin und wieder erblickte man noch Proben von Feld- und Gartenfrüchten, welche, ohne Pflege, gemeinschaftlich mit dem massenhaften Unkraut kümmerlich zur Reife gelangt waren. Man hätte sich auf der äußersten Grenze des fernen Westens wähnen mögen, wo die Pioniere beständig den Angriffen raubgieriger Indianerhorden ausgesetzt sind, oder sich zurückversetzen können in jene Zeiten, in welchen die ersten Ansiedler mit Büchse, Axt und Pflug, den noch ungelichteten Nationen der Eingeborenen ihre alten Jagdgründe streitig machten. Einen solchen Charakter trug der von stattlichen Hickorybäumen beschattete Trümmerhaufen und dessen weitere Umgebung, obgleich derselbe in einem der ältesten und mit am reichsten bevölkerten Staaten der nordamerikanischen Republik lag. – Bleich und durch eine in der Atmosphäre hängende Schicht Höhenrauchs verschleiert, blickte die sich stark gegen Westen neigende Sonne auf die eben geschilderte Landschaft nieder. Obwohl schon im December, trugen die Bäume, begünstigt durch einen milden Herbst und die südliche Lage, noch größtentheils ihr Laub; aber es war entfärbt, und in den wunderbarsten Schattirungen reihten sich lichtes Braun, Roth und Gelb an einander, wo kurz vorher nur liebliches Grün in allen Abstufungen vertreten gewesen. Ein leiser Lufthauch strömte über die Waldblöße; flüsternd erstarb er in den Wipfeln der Bäume; länger lispelte er zwischen den schlanken Rohr- und Schilfhalmen, welche, den Luftströmungen die breiten Blätter entgegenhaltend, leicht beweglich hin und her wiegten und sich mit einer gewissen Behaglichkeit an einander rieben. Klar rieselte der Bach in seinem gewundenen Bette einher; seine durchsichtigen Fluthen schienen sich zu scheuen vor einer Berührung mit den angrenzenden schmutzigen und stagnirenden Lachen und Pfützen, die auf ihrer Oberfläche ölähnlichen Absatz zeigten, welchem die schrägen Strahlen der sinkenden Sonne, an nie gesäuberte hundertjährige Fensterscheiben erinnernd, die schönsten Regenbogenfarben entlockten. Zwei große Geier hatten inmitten des Sumpfes auf einem abgestorbenen und aller seiner kleineren Zweige beraubten Baume ihr Nachtquartier aufgeschlagen. Die langen kahlen Hälse weit vorgestreckt, schienen sie sich zu weiden an der dumpfen Grabesstille, welche sie umgab. Mit einer gewissen Theilnahme, entspringend aus dem Bewußtsein ihrer großen Sicherheit, beobachteten sie die breiten Blätter der Wasserlilie, die regungslos auf der ihren luftigen Standort umschließenden Lache schwammen und deren einzelne sich, wenn ein neckischer Luftzug seinen Weg bis unter ihre Ränder fand, träge emporrichteten und niedersanken, gerade als hätten sie, die Bewegung einer aus der Tiefe auftauchenden Hand nachahmend, die beiden Geier erschrecken oder zu sich niederlocken wollen. Auch nach dem Gehöft spähten die beiden Leichenvögel gelegentlich hinüber. Mehrere Raben umschwebten dasselbe krächzend; sie suchten vergeblich, einen Wolf zu verscheuchen, der auf dem zerstampften Vorhofe des Wohnhauses gierig nach Beute umherschnupperte und sie selbst, so oft sie sich näherten, durch wildes Schnauben und Emporsträuben seiner Rückenhaare verjagte. Die Geier kümmerte nicht, was der Wolf und die Raben suchten und was sie überhaupt dorthin geführt hatte. Sie waren zu feist und wohl genährt; für sie herrschte die Zeit des Ueberflusses, denn sie brauchten sich nur, nach ungestört durchschlafener Nacht, den Wolken kreisend zu nähern, um von schwindelnder Höhe herab fernen Rauch zu entdecken, wo sie, nach langsamem und wenig angreifendem Hinübersegeln, stets eine reich besetzte Tafel vorfanden, welche ihnen ihr Freund, der Krieg, sorgfältig deckte. Und was wäre ihre Beute gewesen, hätten sie sich von einem leichten Appetit getrieben, nach dem zerstörten Gehöft hinbegeben? Höchstens einige abgenagte Knochen, Schwarten und Lederstreifen, gut genug für einen hungrigen Wolf und gemeine Krähen und Raben, aber keineswegs geeignet für den Gaumen eines während des Bürgerkrieges wählerisch gewordenen Geiers. Und wie viel Knochen, Speckschwarten und Lederrestchen hätten sie überhaupt da gefunden, wo nach den drei oder vier niedergebrannten, aber noch rauchenden Feuern zu schließen, eine Gesellschaft von höchstens fünfzig Mann eine Nacht und einen halben Tag gelagert hatte? Die Geier blickten ausdruckslos niederwärts. Die hellblauen Lider sanken verschlafen über die diamantklaren Augen, schwerfällig hoben sie sich wieder empor. Gleichgültig wendeten sich die nackten Köpfe der bleichen Sonne zu, ob sie noch nicht bald gute Nacht sagen wolle, und in allen diesen Bewegungen sprach sich ein so hoher Grad von Zufriedenheit mit den herrschenden Kriegszuständen aus, daß ein reich gewordener Armeelieferant, oder ein in Papieren und hochtönenden Namen glücklich speculirender Abenteurer in unbewachten Augenblicken kaum wohlgefälliger und zufriedener hätte darein schauen können; und Geier bleibt ja Geier, gleichviel, ob er sich offen oder im Verborgenen vom Blute und Fleische des Volkes nährt. Plötzlich wurde die Aufmerksamkeit der Leichenvögel nach dem äußersten westlichen Ende der Sumpfniederung hinübergelenkt, wo der Bach sich aus dem Hochwalde auf die Lichtung hinausdrängte. Zwei Enten waren daselbst von einer Pfütze aufgeflogen; andere Enten schlossen sich schnatternd den über sie hinziehenden an, bis sie endlich eine zahlreiche Heerde bildeten, die mit pfeifendem Flügelschlage nach der östlichen Seite der Niederung hinübereilte. Gleichgültig beobachteten die Geier die Flüchtlinge; es sah aus, als hätten sie geringschätzig die Achseln gezuckt, so sicher fühlten sie sich auf ihrem unzugänglichen, hohen Sitz. Der Wolf und die Raben achteten dagegen genauer auf die ihnen ohne Zweifel verständliche Sprache der Enten. Dieselben hatten nämlich nicht sobald ihre Ansichten über die unwillkommene Störung schnatternd unter sich ausgetauscht, als auch die Raben und Krähen nach den nahen Sparren und Bäumen hinaufflogen, wogegen der Wolf bis mitten auf den alten Fahrweg trabte und sich hier so niedersetzte, daß er weit aufwärts und abwärts zu spähen vermochte. Mehrere Minuten verrannen wieder in tiefer Stille. Der Wolf spitzte die Ohren, neigte das Haupt zur Seite und spähte schärfer. Ein kühner Rabe, welcher die Entfernung der vermeintlichen Gefahr vielleicht berechnet hatte, benutzte diesen Umstand, ließ sich geräuschlos vor den einen rauchenden Aschenhügel nieder, ergriff einen abgenagten Hammelknochen, mit welchem er, heftig verfolgt von seinen neidischen Kameraden, das Weite suchte. Einen verdrießlichen Blick warf der Wolf auf die schwarzen krächzenden Gesellen; den Knochen hätte er ihnen wohl gegönnt, allein daß sie, wie eben so viele Wahnsinnige, tobten und schrieen und ihn dadurch hinderten, den richtigen Gebrauch von seinem scharfen Gehör zu machen, war ihm sehr störend und unangenehm. Er zog daher das Sichere dem Gewagten vor, und sich schnell erhebend trabte er davon, unbekümmert um die Raben, die ihn offenbar verhöhnten, unbekümmert um das, was die Enten von ihren seichten Pfützen aufgescheucht hatte, und endlich unbekümmert um die beiden kahlköpfigen Geier, die wiederum ihre Schwingen leicht schüttelten und ordneten, daß es sich genau ausnahm, als hätten sie, im Uebermaß ihrer Verachtung, abermals mitleidig die Achseln gezuckt. Da öffnete sich in der Entfernung von etwa hundert Schritten von der Ruine das auf dem niedrigen Ufer des Baches dicht gedrängte, jedoch herbstlich gefärbte und zerknitterte Schilf mit leisem Rauschen, und in der entstandenen schmalen Oeffnung erschien zuerst der Lauf einer Büchse, welchem behutsam ein rother Turban und unter demselben ein braunes Gesicht mit scharfer Adlernase und noch schärferen Adleraugen nachfolgte. Dieses erhielt indessen durch die darauf gemalten bunten Linien und Zeichen einen so seltsam wilden Ausdruck, daß man es füglich mit dem gefleckten Kopfe eines Leoparden hätte vergleichen können. Es tauchte gerade früh genug aus dem schützenden Gestrüpp auf, daß die funkelnden Augen den flüchtigen Wolf entdeckten, wie derselbe seitwärts vom Wege in ein lichtes Gebüsch schlich. Von dem Wolf schweiften die Blicke des Kundschafters zu den Vögeln hinüber, welche die alte Brandstätte umflatterten. Aber erst als eine naseweise Krähe sich zwischen den rauchenden Aschenhügeln auf die Erde senkte gewann er die Ueberzeugung, daß keine Menschen mehr in der Nähe weilten; dann trat er zögernd aus seinem Versteck in den durch wucherndes Gestrüpp fast versperrten Landweg, wo er, die Blicke fest auf eine Anzahl frischer Pferde- und Menschenspuren gerichtet, sich langsam nach dem zerstörten Gehöft zuwandte. Die von ihm mit so viel Aufmerksamkeit geprüften Abdrücke belehrten ihn, daß ein Trupp Reiter und eine größere Anzahl von Fußgängern längere Zeit daselbst gerastet, sich aber schon vor Stunden entfernt hatten, nachdem man vielleicht vor dem Scheiden einige Balkenreste auf die Gluthügel geworfen und dadurch langsam glimmendes, leichte Rauchwolken emporsendendes Kohlenfeuer hergestellt hatte. Vorläufig zufrieden mit den Erfolgen seiner Forschungen, trat der geheimnißvolle Kundschafter, das Urbild eines vollblütigen Indianers, der sich auf dem blutigen Kriegspfade befindet, vor den nächsten Aschenhügel hin. Die Büchse hatte er vor sich auf die Erde gestellt; beide Hände ruhten auf der bis an sein Kinn reichenden Mündung. Ein Jagdhemde von rothem Deckenstoff umhüllte den schmächtigen Oberkörper; ein perlengestickter, aus Wollfäden geflochtener Gurt hielt dasselbe um seine Hüften zusammen. Nach unten beschlossen enge Gamaschen seine Bekleidung, zu welchen er, statt des üblichen Wildleders, weißen Deckenstoff gewählt hatte. Unterhalb der Kniee wurden dieselben durch Bisonschweife festgehalten, deren Büschel bis auf seine festen, elkledernen Mokassins niederhingen. Außer der Büchse führte er nur noch ein langes Messer mit breiter Klinge und ein stählernes Beil als Waffen bei sich, dessen Hammer und Heft so ausgearbeitet waren, daß es zugleich als Tabackspfeife benutzt werden konnte. Auf seiner linken Hüfte hing der gegerbte Balg des prächtig behaarten Stinkthiers, angefüllt mit Tabak und geschälter Rinde der rothen Weide, unter dem rechten Arme an einem breiten Wehrgehänge von Otterfell die mit Kugeln beschwerte Tasche und das große, gewundene, dem Haupte eines Stiers entnommene Pulverhorn. Als Schmuck hatte er mehrere Bündelchen silberner Nesteln an seine durchlöcherten Ohren befestigt, wogegen neben einer Schnur großer weißer Porzellanperlen, die zierlich aufgenähten und weißgeschabten Krallen des Gebirgsbären eine Art Halskragen bildeten. Aeußere Stammeszeichen waren nicht bemerkbar an ihm, da er sich aber argwöhnisch auf den Fährten marodirender Seccessionisten einher bewegte, ließ sich voraussetzen, daß er nicht zu den halbcivilisirten Stämmen der Delawaren, Cherokesen, Chikasaws und Shawanos zählte, welche, selbst zum Theil Sklavenbesitzer, sich nach Ausbruch des Bürgerkrieges, auf die Seite der Rebellen geschlagen hatten. Mehrere Minuten stand der Kundschafter fast regungslos da, als er einen Blick nach der Richtung hinübersandte, aus welcher er gekommen war. Dann bückte er sich, um das Feuer aufs neue anzufachen; indem er aber den Kopf dem Erdboden näherte, unterschied er genauer ein bis dahin nicht beachtetes Geräusch, welches ihn veranlaßte, sich niederzuwerfen und sein Ohr leicht auf den Rasen zu legen. Längere Zeit lauschte er aufmerksam, und als er sich endlich wieder aufrichtete, drückten seine sonst nur wenig beweglichen Züge, trotz der sie deckenden Malerei, einen hohen Grad von Ueberraschung aus. Ohne in seiner Haltung Zweifel zu verrathen, jedoch behutsam auftretend und die Büchse zum augenblicklichen Gebrauch bereit, schritt er auf das zerstörte Wohnhaus zu. Die Vorderthür fand er durch Schutt und niedergebrochenes Gebälk verrammelt; er schlich daher nach der Rückseite des Gebäudes herum, wo die durch Feuer vernichtete Hinterthür ihm freien Eintritt gestattete. Hier unterschied er deutlicher das Aechzen und gelegentliche dumpfe Aufschlagen eines Gegenstandes, welches neben ihm aus der Erde zu dringen schien. Vertraut mit den Hauseinrichtungen der Weißen, begab er sich schnell nach der nahen Küche, wo er ohne Säumen die zum Keller führende Fallthür öffnete und mit schußfertiger Waffe und nach allen Seiten blitzenden Augen in den durch kleine Fensteröffnungen matt erhellten Raum hinabstieg. An Vorräthen war in dem einst gewiß reich gefüllten Keller nichts mehr sichtbar. Vorüberziehende Kriegshaufen und Raubbanden hatten längst Alles ausgeräumt. Nur zerschlagene Fässer und Kisten lagen in wildem Durcheinander umher, zwischen diesen Trümmern aber entdeckte der Späher alsbald die gekrümmte Gestalt eines Mannes, an welchem die Seccessionisten, denen er nachspürte, offenbar ihre thierische Wuth ausgelassen hatten. Derselbe war nämlich an Händen und Füßen derartig gefesselt und obenein so an einen Balken geschlossen worden, daß er nur mit äußerster Anstrengung die Füße etwas emporheben und ein dumpfes Geräusch erzeugend, auf ein zufällig daselbst liegendes Brett niederschlagen konnte. Außerdem hatte man ihm grausamer Weise einen Knebel zwischen die Zähne geklemmt, um ihm die Möglichkeit des Hülferufens zu rauben und ihn also, selbst wenn der Zufall Menschen an der abgelegenen Brandstätte vorüberführte, einem entsetzlichen Tode Preis zu geben. Eine Weile betrachtete der Indianer den Unglücklichen mit stoischer Ruhe. Er überlegte, ob er ihn befreien, oder vorläufig noch in seiner furchtbaren Lage lassen sollte. Plötzlich bückte er sich und den Riemen, welcher das zusammengerollte Stück Zeug zwischen den Zähnen des Gefesselten hielt, zerschneidend, gab er ihm zuerst die Sprache wieder. Mit vor verhaltenem Schmerz zitternder Stimme bat dieser darauf, ihn auch der Banden zu entledigen, welche seine Glieder qualvoll zusammenschnürten. »Wie lange liegt Ihr hier?« fragte der Indianer, mit einer gewissen Neugierde. »Eine Ewigkeit,« stöhnte der Angeredete. »Eine Ewigkeit, sehr lange Zeit,« versetzte der Indianer spöttisch; »ich meine, wo die Sonne stand, als man euch so krummschnürte?« »Um die Mittagszeit war es, als sie mich knebelten,« antwortete der Gefesselte. Der Indianer nickte zustimmend. »Ich denke selbst so,« bemerkte er sodann kalt, »eine Stunde nach der Mittagssonne sind sie von hier abgezogen: Zwanzig und einige Männer zu Pferde, denke ich, und dann ein Haufen schwarzer Männer mit Ketten an den Händen; ja, ja, können schon weit sein, aber auch noch mehr, darum lieber zusehen, wo sie bleiben.« Mit diesen Worten wandte er sich, um zu gehen, als die dringenden Vorstellungen des Gefesselten ihn wieder zum Stehen brachten. »Um Gotteswillen, geht nicht von mir, ohne mich befreit zu haben!« rief derselbe mit neu erwachender Todesangst aus; »wenn Ihr nur einen Funken menschlichen Gefühls –« »Still,« unterbrach ihn der Indianer mit unerschütterlicher Ruhe, »wenn Ihr hier liegen, vier, fünf Stunden, Ihr auch noch etwas länger liegen. Ich sehen, wo verdammte Rebellenhunde geblieben. Ihr jetzt schreien könnt und um Hülfe rufen, und bald Leute eintreffen, die Euch hören und helfen. Ich Euch nicht losmachen, damit Dir nicht entlaufen und Rebellenschurken verrathen, was hier vorgehen.« »Ich schwöre –« »Nichts schwören; viel besser, Ihr noch ein Weilchen festliegen,« fiel der Indianer dem Flehenden in's Wort, »viel genug, wenn Dir rufen könnt; auch ich wiederkommen und Ihr dann gewiß frei werden; also noch 'ne Kleinigkeit Geduld; ich selbst oft Geduld lernen müssen und darum geworden ein Mann, der nicht fürchten tausend verdammte Seccessionisten.« So sprechend und die weiteren Vorstellungen des Gefesselten nicht beachtend, stieg er aus dem Keller, und gleich darauf befand er sich wieder bei den niedergebrannten Lagerfeuern. Schnell schürte er das nächste; nachdem er es mit trockenem Holz genährt, daß es hoch aufloderte, holte er vom Ufer des nahen Baches einige grüne Brombeerranken herbei, und dieselben in ein festes Knäuel zusammen windend, legte er dieses mitten auf die Gluth. Knisternd leckten die Flammen an den noch saftreichen Blättern und Ranken; zugleich sendeten sie eine schmale, milchweiße, weithin sichtbare Rauchsäule empor, welche, nachdem sie bis zu einer gewissen Höhe gelangt war, schwerfällig der schwachen Luftströmung nachfolgte. Der Kundschafter aber warf die Büchse über die Schulter und folgte unbekümmert um die gedämpften Rufe, die hin und wieder aus dem Keller zu ihm herüber drangen, den Spuren der Seccessionisten nach. Schneller, als er bisher gethan, bewegte er sich auf dem an dem Sumpfe hinlaufenden Wege einher; nirgends entdeckte er Fährten, die sich von der Hauptstraße abzweigten, und als er nach zehn Minuten die östliche Grenze der Lichtung erreichte, überführte er sich leicht, daß Alle, denen er so lange nachgespürt hatte, in den Hochwald eingetreten waren, wo ein Vertheilen der Kräfte, der sich entgegenstellenden größeren Hindernisse wegen, nicht gut denkbar sein konnte. Zehn Minuten später traf er wieder bei dem zerstörten Gehöft ein; seine Gefährten, welche er durch das Rauchsignal von der Sicherheit der Umgebung in Kenntniß gesetzt hatte, fand er bereits vor. Die Pferde, unter welchen sein eigenes, weideten an langen Leinen gepflöckt in dem früheren Garten der Farm. Sättel, Decken und sonstiges Gepäck lagen vor den Feuern umher, welche, mit den trockenen Ueberresten der niedergebrochenen Hofeinfriedigung genährt, lustig emporflackerten und den in ihrer unmittelbaren Nähe auf Stäbchen aufgespießten frischen Fleischschnitten heißen Dampf und zischenden Saft entlockten. Bei den Feuern befanden sich vier Männer: Ein dunkelbrauner Mestize von hohem, kräftigen Körperbau, der durch die Vermischung des Negerblutes mit indianischem, prachtvolle schwarze Locken erhalten hatte, die in üppiger Fülle unter einer alten Soldatenmütze hervorquollen. Dann zwei vollblütige Omaha-Indianer, welche sich in ihrem Aeußeren nur dadurch von ihrem rothgekleideten Genossen, dem Kundschafter, unterschieden, daß sowohl in ihrer Bewaffnung, wie in den zu ihrer Bekleidung gewählten Stoffen das indianische Element vorherrschend war; und endlich ein Weißer in derbem Jagdanzuge, der indessen beim Umwenden der röstenden Fleischschnitte leicht erkennbar verrieth, daß er weder Soldat noch Jäger sei, sondern sich ursprünglich einem Gewerbe zugewendet hatte, welches den beiden oben genannten so ähnlich, wie seine bestaubten jedoch wohlgepflegten weißen Hände denen seiner dunkelfarbigen Genossen. Beschäftigt, wie diese vier Männer mit der Zubereitung der Mahlzeit waren, schweiften ihre Blicke doch hin und wieder mit neugieriger Spannung nach dem alten Wohnhause hinüber, wohin ein Theil ihrer Gesellschaft durch den Hülferuf des Gefesselten gelockt worden war. »Verdammte Seccessionisten alle beim Teufel,« berichtete der Kundschafter, indem er zu seinen Gefährten hintrat; »sehe, habt den Burschen gefunden; merkwürdig schlechte Lage, in welcher er gewesen.« Er sprach noch, als von der Hofseite hinter dem zerstörten Wohnhause hervor die übrigen zu der Gesellschaft gehörenden Männer sich näherten. Zwei derselben unterstützten einen dritten, mühsam einherschwankenden, jungen Mann, während ein alter Pelzjäger und ein Omaha-Krieger, in ein ernstes Gespräch vertieft, nachfolgten. Die den Befreiten Führenden waren zwei Mulatten, welche sich in Hautfarbe, Bekleidung und Bewaffnung nur wenig von den Indianern unterschieden; dagegen machte sich neben einem gewissen männlichen Selbstbewußtsein auf ihren offenen Gesichtszügen, eine freundliche Theilnahme in ihrem Wesen geltend, welche durch den traurigen Anblick des von den Rebellen-Räubern mißhandelten, jungen Mannes wachgerufen wurde. Sie waren noch einige Schritte von den Feuern entfernt, als der alte Pelzjäger, eine hohe verwitterte Gestalt mit langem weißen Haupthaar und Bart den Kundschafter bemerkte und das Gespräch mit dem neben ihm einherschreitenden Omaha abbrechend, jenem zurief: »Halloh! Schon zurück, Brise-glace? Ich hoffe die Fährten stehen so, daß wir ungestört ein Stückchen Hammelfleisch rösten können!« Brise-glace, der Jova, hob den rechten Arm hoch und ließ seine Hand langsam in weitem Bogen niedersinken. »Vier Stunden voraus,« antwortete er zuversichtlich, »in den Hufspuren der Pferde sind die Nägel des grauen Wolfs ausgeprägt; er folgt ihnen zum neuen Lager. Ueber das bleiche Gesicht des Pelzjägers flog ein schadenfrohes Lächeln; gleich darauf aber kehrte ein tiefer, schmerzlicher Ernst in die von zusammengezogenen Brauen beschatteten blauen Augen zurück, während die scharfe Adlernase sich, indem er die Lippen zusammenpreßte, noch mehr zu krümmen schien. »Wenn die Augen meines Freundes sich nicht täuschten, ist es gut,« versetzte er nach kurzem Sinnen, worauf er sich dem von Gliederkrämpfen befallenen Fremden zuwendete, welchen die beiden Mulatten unterdessen auf eine ausgebreitete Decke niedergelegt hatten. »Ihr seid in eine üble Lage gerathen, junger Mann,« redete er denselben an, »und mögt von Glück sagen, daß der Zufall uns hier vorüber führte. Nun, ich hoffe, Ihr habt keinen andern Schaden genommen, als den Schmerz, welchen die Stricke Euch vielleicht bereiteten.« »Erheblichen Schaden nicht,« antwortete der Fremde, mit augenscheinlicher Gewalt eine gewisse Sorglosigkeit erheuchelnd, »doch der Schmerz war allein schon hinreichend, den stärksten Mann zum Wahnsinn zu treiben.« »Nun, nun, 's ist nicht so böse, wie's sich anläßt,« tröstete der Pelzjäger in rauher Weise, »tüchtig mit Fett eingerieben und an's Feuer gehalten macht Sehnen und Glieder so geschmeidig, wie 's feinste Antilopenleder. Habe auf diese Art Menschen ausheilen sehen, welche durch fest geschnürte Lederriemen beinah in Stücke gerissen waren, dabei aber nicht die Hälfte der Jugendkraft aufzuweisen hatten, welche Ihr offenbar besitzt.« Der junge Mann lächelte und gestattete den beiden Mulatten, daß sie den Anweisungen des Pelzjägers gemäß, ihm die Arm- und Beingelenke einrieben und bähten. Er betrachtete unterdessen mit wachsender Neugierde die kriegerischen Gestalten, welche sich um ihn herum bewegten, bis seine Augen endlich denen des zweiten weißen Mannes begegneten, der seit seinem Eintreffen noch keinen Blick von ihm gewendet hatte und ihn mit unverkennbarer Spannung beobachtete. Die forschenden Blicke des Unbekannten schienen ihm lästig zu werden, denn sein jugendliches Antlitz, noch bleich in Folge der jüngsten Erlebnisse, röthete sich flüchtig und dann wendete er sich dem Pelzjäger wieder zu. »Ihr seid kein geborener Amerikaner, nach Eurer Aussprache zu schließen?« fragte er, um durch das Anknüpfen einer neuen Unterhaltung sich den Beobachtungen des Unbekannten zu entziehen. »Französisch spreche ich allerdings geläufiger,« versetzte der alte Jäger ausweichend, und der Fremdling, errathend, daß jener seine Abstammung nicht zum Gegenstand weiterer Erörterungen zu machen wünschte stellte eine andere Frage: »Wie darf ich Euch, dem ich zunächst meine Befreiung aus der schrecklichen Lage verdanke, nennen?« Auf den bleichen, wetterzerrissenen Zügen des Pelzjägers zuckte es, wie schmerzliche Erinnerungen; seine Augen schienen in der Ferne etwas zu suchen, und dann antwortete er mild und freundlich: »Meinen eigentlichen Namen habe ich vergessen; nennt mich daher so, wie ich es seit den letzten zwanzig Jahren im Westen gewohnt gewesen bin; nennt mich Sans-Bois; es ist dies der Name eines Flüßchens, an welchem ich meine Laufbahn als Trapper begann und mit meinen ältesten indianischen Freunden bekannt wurde.« »Sans-Bois,« wiederholte der junge Mann sinnend, und seine dunkelblauen Augen wanderten wieder im Kreise herum. Der Pelzjäger bemerkte es und fuhr fort: »Hier die beiden Gentlemen und früheren Sklaven sind Walebone und Willing, zwei so biedere Herzen, wie nur je unter einem blaustreifigen Hickoryhemde schlugen. Meinen Freund Brise-glace, den großen Jova-Kundschafter, habt Ihr bereits kennen gelernt; seine hervorragendsten Eigenschaften sind Zuverlässigkeit und ein mit Lebensverachtung gepaarter Muth; seine Augen sind schärfer, als die eines Luchses, und an Gewandtheit übertrifft er das graue Eichhorn. Er ist übrigens stolz auf seine Eigenschaften, und um sich zu steter Wachsamkeit und Vorsicht zu zwingen, kleidet er sich trotzig in weithin schimmerndes Roth, anstatt weniger auffallende Farben zu wählen. Dann sind hier drei Krieger vom Stamme der Omahas, die, in Freundschaft unter einander verbunden, die Namen »Soldat grand,« »Soldat agil« und »Soldat adroit« für sich beansprucht haben, 's ist seltsam, wie diese Leute es lieben, neben ihren indianischen Namen, sich auch noch französische, hochklingende Bezeichnungen beizulegen, welche sie von den Kanadiern lernen. So nennt sich der junge Riese hier, dessen Vater ein echter Afrikaner, und dessen Mutter eine Pawnee-Squaw, am liebsten Chieftain; und ein Chieftain ist er in der That, wenn man seine Schlauheit, seine Kraft und Gewandtheit und endlich auch einen gewissen Grad von Grausamkeit in Betracht zieht.« So sprechend warf der alte Jäger sich zu seinen Genossen auf den zerstampften Rasen, um sich an der gemeinschaftlichen, nur aus geröstetem Fleisch bestehenden Mahlzeit zu betheiligen. Das Essen hinderte ihn indessen nicht, seine Unterhaltung wieder aufzunehmen und in seinen Erklärungen fortzufahren. »Nun ist noch Jemand hier, mit dem ich euch bekannt machen muß,« hob er gleichmüthig an, nämlich mit dem Mr. Redsteel, oder vielmehr mit dem Herrn Rothstahl, einem deutschen Rechtsgelehrten, der schon seit vielen Jahren in den Vereinigten Staaten lebt und in den Kreisen, in welchen er verkehrt, unstreitig eine hohe Berühmtheit erlangt hat. Ihr verzeiht, Mr. Redsteel,« wendete er sich mit auffallend feinem, verbindlichen Wesen an diesen, »da ich aber unsern jungen Gast, betreffs seiner Peiniger scharf auszufragen gedenke, ist es wohl in aller Ordnung ihn vorher ein wenig mit uns bekannt zu machen. Redsteel verneigte sich leicht; seine bewegliche, merkwürdig eingedrückte Nase schob sich nebst der Oberlippe etwas seitwärts, und nachdem er einen seltsamen, ängstlich forschenden Blick in des jungen Mannes Augen gesenkt hatte, wendete er sich den vor ihm auf einigen Holzsplittern liegenden heißen Fleischschnitten wieder zu. »Es wird Euch vielleicht befremden,« fuhr Sans-Bois alsbald fort, »mich und meine Jagdgenossen, die wir eigentlich den Westen unsere Heimath nennen, mitten im Herzen der Rebellion zu finden. Es geht aber natürlich zu. Der Biberfang hat augenblicklich seinen Werth verloren, und da zum Leben etwas mehr gehört, als einige Maiskörner und eine fette Büffelrippe, so suchen wir als Kundschafter und Führer im Dienste der Nordstaaten das zu erwerben, was die Pelzjagd uns versagt. Meinen Genossen behagt übrigens das Kriegsleben, und ich selbst? Nun, hätte ich nur einen einzigen Schlag in dem großen Werke der Sklavenbefreiung geführt, nur ein einziges Mal meine Büchse im Dienste der Menschlichkeit auf einen Rebellenschurken abgefeuert, so würde ich mich schon als reich entschädigt betrachten für das, was das Leben mir anderweitig vorenthielt. Was meint Ihr dazu Chieftain?« Der Mestize grinste unheimlich. »Mancher Schlag gefallen, manche Kugel gegossen, geladen, und abgefeuert in diesen drei Jahren,« bemerkte er gleichmüthig, worauf er ein Stück Fleisch, welches er mit den Zähnen hielt, dicht vor den Lippen abschnitt. »Ja ja, Chieftain, Ihr mögt Recht haben,« bekräftigte der Trapper, und Schwermuth und Kriegsfeuer leuchteten zugleich aus seinen Augen, »doch kümmern wir uns nicht um die Zahl der Schläge und die Zahl der Kugeln; unser Gast weiß jetzt genug, um sich unsere Anwesenheit in Feindes Land zu erklären, und wenn Ihr Lust habt,« wendete er sich darauf an diesen, »dann mögt Ihr immerhin sagen, wer Ihr seid, woher Ihr kommt und welchem Unstern Ihr es verdankt, von den Unmenschen so hart angefaßt worden zu sein.« »Ich bin bereit,« versetzte der junge Mann, seinen Oberkörper emporrichtend und das dunkelblonde Haar von seiner Stirn streichend. Bevor er aber Zeit gewann fortzufahren, nahm Redsteel das Wort. »Ich muß Euch kennen,« hob er mit vor Erregung heiserer Stimme an, indem er ein Notizbuch, in welchem er flüchtig geblättert und gelesen hatte, in seine Brusttasche schob, »gesehen habe ich Euch zwar nie, allein die Beschreibung, welche mir von Euch gemacht wurde, ist so genau übereinstimmend mit Eurem Aeußeren, daß ich einen Irrthum für unmöglich halte – ja, ich kenne Euern Namen und Eure Vergangenheit und es wäre thöricht von Euch die Wahrheit nicht einräumen zu wollen. Wie Eure zerrissenen Uniformstücke beweisen, habt Ihr in den Reihen eines nordstaatlichen Regimentes gedient?« fragte er, und forschend ruhten seine durchbohrenden Blicke auf des Fremden Antlitz. »Das zu errathen, dürfte kaum Jemand schwer werden,« antwortete dieser verwirrt und er warf einen bedauernden Blick über seine abgetragene Bekleidung. »Dann seid Ihr in Gefangenschaft gerathen?« forschte Redsteel weiter. »Vor einem halben Jahre und ohne den Beistand mitleidiger Menschen wäre ich gewiß längst verhungert und vergessen.« »Es glückte Euch, zu entfliehen; doch fielt Ihr aber wieder in die Gewalt einer Bande Rebellenräuber, die es wenig freundlich mit Euch im Sinne hatte?« »Dies geschah gestern,« bemerkte der junge Mann zögernd, dann fügte er entschlossener hinzu: »ich ahne zwar nicht, was Euch dazu bewegt, mir einen so hohen Grad von Theilnahme zuzuwenden, doch muß ich gestehen, daß nicht viel Scharfsinn dazu gehört, aus der Lage, in welcher Ihr mich fandet, ziemlich richtige Schlüsse auf meine Erlebnisse zu ziehen.« Redsteel beachtete die unfreundliche Antwort nicht; durchdringender richtete er seine Blicke auf des jungen Mannes befangenes Antlitz, und fragte seine Worte seltsam betonend: »Kennt Ihr vielleicht einen der reichsten Kaufleute von St. Louis, einen gewissen Braun?« Der Fremde erschrak bei Nennung dieses Namens heftig und suchte ängstlich seine Verwirrung zu verbergen, erreichte dadurch aber nur, daß sie um so auffälliger wurde. »Ich habe in meinem Leben manchen Braun kennen gelernt,« antwortete er endlich zögernd und seine Verlegenheit wuchs unter den von allen Seiten auf ihm ruhenden, neugierigen Blicken; »doch könnte ich nicht behaupten, daß auch nur Einer derselben Ansprüche auf die Bezeichnung »reich« hätte erheben dürfen – es giebt viele Leute dieses Namens in der Welt.« Redsteel war die Gemüthsbewegung des Flüchtlings nicht entgangen. Dieselbe schien ein ganzes Heer von Zweifeln in seiner Brust wach zu rufen, denn seine Farbe wechselte mehrfach und lange dauerte es, bis er endlich zu einem festen Entschluß gelangte. »Ich will deutlicher sein,« begann er feierlich, »damit es Euch erleichtert wird, die Wahrheit einzugestehen; überdies befindet Ihr Euch unter lauter Freunden, von denen Ihr nichts zu befürchten braucht. Wohlan denn, Ihr gebt vor, den reichen Braun nicht zu kennen, dafür habt Ihr aber um so mehr von ihm gehört; oder sollte man vor dem jungen Eberhard Braun, dem Sohn des Kärrners Braun drüben in Deutschland geheim gehalten haben, daß der Bruder seines Vaters ein Millionär in Amerika ist?« Der Fremdling seufzte tief auf; einen erstaunten Blick sandte er im Kreise herum, und immer noch gegen eine geheimnißvolle Verwirrung ankämpfend, antwortete er stotternd: »Ich verstehe Euch nicht; Ihr täuscht Euch in der Person. Ich heiße ebenso wenig Eberhard, wie ich einen Kärrner oder einen Kaufmann Braun kenne.« Redsteels Gesicht verfinsterte sich flüchtig. Gleich darauf aber ergriff er des jungen Mannes Hand mit ernstem feierlichem Wesen, und sich näher zu ihm hinneigend, sprach er langsam und ausdrucksvoll: »Eberhard Braun, ist Euer Stolz denn noch nicht gebrochen? Soll der Schmerz Eurer Eltern um den einzigen Sohn, soll der Schmerz Eures Onkels um seinen einzigen Erben immer noch nicht sein Ende erreichen? Eberhard Braun, ein freundliches Geschick lenkte Eure Schritte und die meinigen, daß ich hier mit Euch zusammentreffen muß, nachdem beinahe der ganze Erdball vergeblich nach Euch abgesucht wurde. Seht mich immerhin vorwurfsvoll an; ich weiß, was ich thue und was ich spreche, und so fest bin ich überzeugt, mich nicht zu irren, daß ich Euch sogar mit Gewalt Eurem Onkel zuführen würde, wo es Euch dann freilich überlassen bliebe, Angesichts der sich vor Euch öffnenden Pforten des Glückes umzukehren.« Der junge Mann, als seien die auf ihm haftenden Blicke, ihm peinlich gewesen, neigte sein Antlitz in beide Hände. Er war offenbar tief erschüttert, denn seine Brust arbeitete heftig, während der Athem sich ihr in langen, unregelmäßigen Zügen entwand. Als er endlich, durch die ringsum herrschende erwartungsvolle Stille dazu bewegt, wieder emporschaute, schien der Tod dem jugendlichen Gesichte erbarmungslos seinen Stempel aufgedrückt zu haben. Bleich und wie von einem in seiner Phantasie lebenden furchtbaren Gespenst geängstigt, sah er um sich, und erst als seine Blicke in die lauernden Augen Redsteels trafen, kehrte seine Sprache zurück. »Ich befinde mich in Eurer Gewalt,« bemerkte er, die Augen wieder senkend, »und wenn Ihr mich um so viel besser kennt, als ich mich selbst kenne, so muß ich natürlich Euer Eberhard Braun sein, der Sohn des Kärrners – so sagtet Ihr ja wohl? – und endlich der Neffe und Erbe des reichen Braun, welchen ich leider noch nie in meinem Leben sah.« »Ihr wollt mich durch Euern Spott zurückscheuchen,« versetzte Redsteel schnell, »wollt bewirkten, daß ich irrig werde, allein Ihr bemüht Euch vergeblich. Wo eine Ueberzeugung so tief gewurzelt ist – oder vielmehr, wo eine Thatsache so klar zu Tage liegt, da ist es heilige Pflicht eines Jeden, sie nicht wieder in verwirrende und verdunkelnde Nebel zurücksinken zu lassen. Und dann, mein theuerster Eberhard Braun, haben die langen Jahre ruhlosen Strebens Euren Stolz noch nicht gebrochen? Haben sie noch nicht genügt, die Sehnsucht nach einem innigen verwandtschaftlichen Verhältniß keimen und emporblühen zu lassen? Was bietet Euch mit Eurer offenbar gediegenen Erziehung die Gesellschaft, in welcher Ihr Euch bisher bewegtet, für den Verlust der Liebe braver Eltern und für das Verschmähen der Zuneigung eines zärtlichen, großmüthigen Onkels, der Euch, den ersehnten Erben seines Reichthums, mit offenen Armen empfangen würde? Ja, mein lieber Herr Eberhard Braun, überlegt wohl, was Ihr thut – oder, wenn ich mir erlauben darf, Euch zu rathen, entscheidet nicht, bevor Ihr meine großmüthigen und edelherzigen Gönner in St. Louis gesehen und gesprochen habt, und ich weiß, was meiner schwachen Ueberredungsgabe nicht gelingt, das bewirkt ein einziger Blick aus seinen guten, treuen Augen.« Hier schwieg Redsteel, und gespannt beobachtete er den jungen Mann, der noch immer starr vor sich niedersah; auf seinem männlich schönen Antlitz spiegelten sich dagegen die heftigen Kämpfe deutlich ab, welche in seiner Brust tobten und ihm bald das Blut mit Gewalt bis in die Schläfen hinaufdrängten, bald wieder jäh zurücktrieben. Da legte sich eine Hand leicht auf seine Schulter. Erschreckt sah er auf, und wie ein mildernde Schauer durchströmte es ihn, als er in die Augen des alten Sans-Bois blickte, die mit einem unbeschreiblichen Ausdruck der Rührung und des innigsten Wohlwollens auf ihn gerichtet waren. »Junger Mann,« sagte er wehmüthig, »hütet Euch vor dem Loose alt zu werden, ohne die Hoffnung, daß die treue Hand eines Angehörigen euch einst die gebrochenen Augen schließt. Hütet Euch aber doppelt davor, durch übereilte Jugendbeschlüsse Euch für eine durch Euch selbst leichtsinnig herbeigeführte Vereinsamung verantwortlich machen zu müssen. Glaubt mir, ich würde nicht so sprechen, läge nicht eine Vergangenheit hinter mir, welche mich zu einer solchen Sprache berechtigt.« Wie ein Träumender betrachtete der Fremde den Pelzjäger und demnächst Redsteel. »Ihr sagt, derjenige, welchen ich Onkel nennen soll, sei ein wohlwollender, leicht zu versöhnender Mann, begann er mit zunehmender Entschlossenheit im Tone seiner Stimme, »und ich dürfte also auf eine milde, nachsichtige Beurtheilung rechnen? So sei es denn, ich will den Stolz vergessen, der mich bisher als ein vom Glück wenig begünstigter Abenteurer von Ort zu Ort trieb, als einen Fingerzeig des Himmels will ich das Zusammentreffen mit Euch betrachten und Eure Bekanntschaft mit – mit demjenigen, der mir so nahe steht, – und sträube ich mich daher nicht länger, Eurem Rath zu folgen, mich Eurer Leitung anzuvertrauen.« »Ich wünsche Euch Glück zu Euerm Entschluß,« versetzte Redsteel, des jungen Mannes Hand stürmisch drückend, »ich wünsche Euch Glück und begrüße Euch frohlockend als den lange vermißten Eberhard Braun, den einzigen Sohn seiner trauernden Eltern, den Neffen und Erben eines Millionärs.« »Mich lockt nicht Geld,« bemerkte Eberhard, seine Augen unwillkürlich vor den lauernden Blicken Redsteels niederschlagend; dann schwieg er, als hätte der plötzliche Wechsel seiner Lage entmuthigend auf ihn eingewirkt. »'s ist wunderbar, wie der Zufall zuweilen waltet,« brach der alte Sans-Bois das plötzlich eingetretene Schweigen, indem er Eberhard mit unverkennbarem Wohlwollen betrachtete. »Ich freue mich in Eurer Seele; ob ich Euch aber zu Euern glänzenden Aussichten Glück wünschen soll, weiß ich nicht; habe ich selbst doch kennen gelernt, daß einzelnen Menschen irdische Güter nur gegeben zu sein scheinen, um sie dadurch zu verderben und elend zu machen. Doch der Stolz, der Euch inne wohnt, und der Euch so lange fern von Euern Angehörigen hielt, wird Euch bewahren vor den Klippen und Untiefen, welche mit dem Reichthum auf Eurer Lebensbahn auftauchen werden. Möge der Wechsel Eurer Lage Euch daher zum Segen gereichen und Ihr nie Ursache finden, zu bereuen, heute mit uns oder vielmehr mit Redsteel zusammengetroffen zu sein.« Dann hielt er Eberhard die Hand hin, in welche dieser zögernd die seinige legte. – Die Sonne war untergegangen; herbstlich kalt wehte es über den Wald und die Lichtung. Flüsternd rieselten die von den Nachtfrösten getödteten Blätter von den Bäumen. Auch von den alten halb versengten Hyckoristämmen, deren weit verzweigte Kronen einst ein glücklich belebtes Farmhaus beschatteten, sank hin und wieder ein Blatt nieder und gerade mitten in die Flammen der Lagerfeuer hinein. Sie krümmten sich, von der Gluth erfaßt, wie vor Schmerz zusammen und zerfielen in Asche, noch bevor sie einen festen Ruhepunkt gefunden hatten. Die Pferde weideten abwärts; vom Glanz geblendet, stierten die verschlafenen Geier einfältig zu den Feuern hinüber. In dem zerfallenen Gemäuer zirpten Heimchen; es schien fast, als hätten sie, als gute treue Hausgeister, fröstelnd ihr Bedauern ausgesprochen, daß ihnen der milde durchheizte Küchenherd und die warmen Kaminwände fehlten. Von den äußersten Grenzen der Lichtung und aus dem Walde selbst tönte zuweilen das eigenthümliche Kläffen des Prairiewolfs herüber; diesen in jenen Regionen ungewöhnlichen Ruf erzeugten die indianischen Gefährten Sans-Bois', die, sich gegenseitig ablösend, in weiten Kreisen umherschlichen und die Sicherheit der Umgebung verkündigten. Die Sterne funkelten friedlich auf die in Nacht gehüllte Landschaft nieder; die Mitglieder der bunten Gesellschaft rückten dem Feuer näher um sich der scharf auf die Glieder fallenden Kälte zu erwehren. – Sechsundzwanzigstes Capitel. Im Lager. Eberhard Braun empfand bald die Wirkung der Wärme und der Einreibungen. Die Schmerzen und die Krampfanfälle hatten ihn fast gänzlich verlassen, so daß er glaubte, am folgenden Morgen in Gesellschaft seiner Retter auf einem Packpferde die Reise fortsetzen zu können. Aufrecht saß er da und ertheilte bereitwillig alle Aufschlüsse, um welche Sans-Bois und Redsteel ihn baten. Zwei Jahre hatte er in einem nordstaatlichen Regimente gedient, als er in Gefangenschaft gerieth, aus welcher zu entrinnen ihm erst vor kurzer Zeit mit Hülfe einiger ihrer Befreiung sehnsüchtig entgegenharrenden Farbigen gelang, die ihn zugleich, als heimliche Freunde des Nordens, vor dem Hungertode bewahrten. Am vorhergehenden Tage erst war er wieder in die Hände der Rebellen gefallen, als er sich ihnen, sie für einen Trupp flüchtiger Unionisten und Sklaven ansehend, unvorsichtig näherte. Seinen Irrthum entdeckte er erst, als es zur Fortsetzung seiner Flucht zu spät war und er in den ihn umzingelnden Reitern eine jener verrufenen Banden erkannte, welche ein Gewerbe daraus machten, Farbige einzufangen, sie zu ihren früheren Gebietern zurückzuführen oder sie auch gegen ein entsprechendes Lösegeld frei zu geben. Nebenbei scheuten sich derartige Banden aber auch nicht, wenn die Gelegenheit sich dazu bot, zu plündern, gleichviel, ob bei Unionisten oder Seccessionisten, und da, wo sie vielleicht Verrath fürchteten, sich durch kaltblütigen Mord sicher zu stellen. »Wie sieht der Schurke aus, der die Bande commandirte?« fragte Sans-Bois plötzlich, und in wie hohem Grade diese Frage die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, bewies die fast athemlose Spannung, mit welcher namentlich die beiden Mulatten zu Eberhard hinüberschauten. »Er ist ein breitschulteriger Mann mit langem, dichtem und kohlschwarzem Vollbart, eben solchem Haupthaar und Brauen, und einem Paar stechender schwarzer Augen, die wohl dazu geeignet sind, einem in seine Gewalt gefallenen Opfer die letzte Lebenshoffnung zu rauben,« antwortete Eberhard bestimmt. »Schwarzer Filzhut mit schwarzer Straußenfeder, und kurze blaue Militärjacke?« fragte Sans-Bois weiter. »Genau so gekleidet,« bekräftigte Eberhard; »unter der Jacke trägt er ein rothes Flanellhemde, dann enge Lederbeinkleider und lange Reitstiefel mit mexikanischen Sporen. Um die Hüften hat er einen breiten Ledergurt geschnallt, in welchem zwei Revolver und ein Bowiemesser stecken, außerdem führt er einen schweren Kavalleriesäbel.« »John Mullan!« riefen die beiden Mulatten, wie aus einem Munde; »John Mullan,« wiederholte auch Redsteel zuversichtlich. »Ja, kein anderer,« bekräftigte Sans-Bois, sein mehr durch Drangsale und Entbehrungen, als durch der Jahre Last ergrautes Haupt wiegend. »John Mullan der Mörder, Schänder und Menschenräuber; er ist ein giftiges Reptil, gegen welches es kein anderes Schutzmittel giebt, als ihm den Kopf zu zertreten. Doch sprecht weiter, junger Mann, wer befand sich außer seinen Raubgenossen in seiner Gesellschaft?« »Die berittene Bande hatte eine Stärke von achtzehn bis zwanzig Mann; begleitet wurde sie von etwa dreißig Farbigen, lauter kräftigen Männern und Jünglingen, die je zu zweien an einer zwischen ihnen hinlaufenden Kette festgeschlossen waren und zu Fuße gingen.« »Die Schurken!« rief der Pelzjäger mit einer an ihm sonst nicht gewöhnlichen Heftigkeit aus, »sie haben die Unglücklichen eingefangen, wie sich ihnen die Gelegenheit dazu bot: frei Gekaufte, frei Erklärte und frei Geborene, um sie an die Küste zu schleppen und sie dort an Blockadebrecher und Sklavenhändler zum halben Preise abzutreten, von welchen sie wieder nach der Havannah oder nach Brasilien geschmuggelt werden. O, es ist ein einträgliches Geschäft für diejenigen, welche es verstehen, ihre schwarze Waare ohne Anlagekapital auf dem Wege aufzulesen; es ist die letzte Zuflucht der entsittlichten und heruntergekommenen Sklavenbarone, die wenigstens noch einen Theil ihres lebenden Eigenthums zu retten wünschen. Ha, lauter arbeitsfähige Männer und Jünglinge! Sie wissen am besten, daß Greise und Weiber ihre Mühe nicht bezahlt machen würden; und dennoch müssen sich Frauen in Mullans Begleitung befunden haben, und zwar Frauen, welche, obwohl Negerblut in ihren Adern kreist, sich dennoch ihrer Verwandtschaft mit den Vornehmsten der Seccessionisten schämen würden, hätte das Geschick eine solche über sie verhängt gehabt. Besinnt Euch daher genau, junger Mann, bemerktet Ihr nicht wenigstens zwei Frauen bei Ihnen?« Eberhard sah eine Weile wie zweifelnd vor sich nieder. »Ich bemerkte deren zwei,« antwortete er endlich, wie im Traume, »eine so weiß, daß es zweifelhaft erscheint, ob auch nur ein Tropfen Negerblut in ihren Adern rollt, die andere eine Mulattin. Beide waren beritten, doch hatten sie, trotz der ihnen gezollten, fast ängstlichen Aufmerksamkeit, viel von den Rohheiten ihrer thierischen Henker zu leiden –« Eine geräuschvolle Bewegung unterbrach ihn; der eine Mulatte war aufgesprungen und hatte das Messer aus der Scheide gerissen, während der andere zähneknirschend und mit vorgebeugtem Kopfe seinen Mittheilungen lauschte. »Ist das wahr? Haben sie es gewagt?« riefen sie drohend und mit einer Erregtheit, welche auf ihre Näheren Beziehungen zu den gefangenen Frauen hindeutete. »Ich sagte nicht zu viel,« versetzte Eberhard, sich befremdet dem Pelzjäger zuwendend. »Der Bruder und der Bräutigam des einen Mädchens,« erklärte dieser, auf Walebone und Willing hinweisend, und nachdem er einen Blick des Einverständnisses mit Redsteel gewechselt hatte, fuhr er fort: »Es lag ursprünglich nicht in meiner Absicht, Euch mit der Sachlage in ihrem ganzen Umfange vertraut zu machen; nach den jüngsten Aufschlüssen über Euer Verhältniß zu dem alten Braun fällt indessen jeder Grund zur Vorsicht fort, und hindert mich also nichts, frei und offen zu Euch zu sprechen. Euer ehrenwerther Onkel ist also ein reicher Mann, vielleicht weit reicher, als wir Beide ahnen. Außer seinen beständig arbeitenden Kapitalien nennt er bedeutenden Grundbesitz sein Eigenthum, und zwar nicht nur in den nördlichen Staaten, sondern auch im Süden, mitten im Herzen der Conföderation. Letzteres besteht, wie mich unser Freund Redsteel belehrte, in einer großen Plantage, auf welcher er alljährlich einige Monate zuzubringen pflegte. Ob er auf seinem Landsitz viel Freude erlebte, lasse ich dahin gestellt sein. Es wurde nämlich ruchbar, daß er nicht nur einzelnen seiner Sklaven die Freiheit schenkte, sondern auch für deren Belehrung sorgte und Bestimmungen getroffen hatte, laut deren alle ihm angehörigen Farbigen nach seinem Tode ihre Freiheit, und mit dieser sogar noch erhebliche Geldunterstützungen erhalten sollten. Hieraus erklärt es sich, daß er von seinen Nachbaren nicht mit den günstigsten Augen betrachtet wurde und beim Ausbruche des unheilvollen Krieges nur mit genauer Noth den gegen ihn angezettelten Nachstellungen entrann. Er selbst entkam, dagegen vermochte er nur Einzelnen seiner Untergebenen zur Flucht zu verhelfen, ebenso konnte er nicht hindern, daß die Aufständischen seine schöne Plantage mit Allem, was auf derselben lebte, mit Beschlag belegten. Was aus seinen Sklaven, mehreren hunderten an der Zahl, wurde, erfuhr er nie genau; die wenigen, welche ihren Peinigern entflohen und ihren Weg über eine Strecke von Hunderten von Meilen zu ihm, ihrem wohlwollenden und gütigen Gebieter, fanden, wußten nur von den entsetzlichsten Gräueln zu erzählen, die man an der farbigen Bevölkerung, der man nicht traute, verübte. »Unter den Leuten, welche Euer ehrenwerther Onkel gleich mit sich nahm, befand sich ein junges sechszehnjähriges Mädchen, in welchem eine Farbige zu erkennen, selbst dem ausgezeichnetesten Sklavenzüchter schwer geworden wäre. Diese junge Person, unstreitig dieselbe, die Ihr heute in der Begleitung der Rebellenräuber saht, hatte der alte Braun als Kind auf einem Sklavenmarkte für eine verhältnißmäßig hohe Summe erstanden – so verhielt es sich ja wohl, Mr. Redsteel?« Der Angeredete, der grübelnd vor sich in die Flammen stierte, erschrak bei der Nennung seines Namens. Als hätte er geträumt, sann er einige Sekunden nach, dann nickte er zustimmend, worauf er seine alte Stellung wieder einnahm. »Gut also,« fuhr Sans-Bois alsbald wieder fort, nicht beachtend die fieberhafte innere Erregung, welche sich auf Eberhards Zügen spiegelte, »mochte er nun für das Kind bezahlt haben, was er wollte, unzweifelhaft ist, daß er es später für sein ganzes Vermögen nicht wieder fortgegeben hätte, indem es zu einer Jungfrau heranreifte, die vielleicht unter den weißen Frauen des ganzen amerikanischen Continentes ihres Gleichen suchte. Ich kenne sie nicht persönlich, jedenfalls aber wurden die ungewöhnlichen Reize, mit welchen die Natur sie bevorzugt hatte, besonders dadurch erhöht, daß der alte Braun ihr eine Erziehung zu Theil werden ließ, wie man sie namentlich unter den trägen, gefühllosen, verschwenderischen und im allgemeinen nicht sehr gesitteten Weibern der südlichen Gewalthaber nicht zu häufig findet. »Durch Letzteres hatte er in seiner südlichen Nachbarschaft eine tiefe Abneigung gegen sich selbst hervorgerufen, welche sich zu einem fanatischen Haß gegen seinen Schützling steigerte; und wäre es ihm nicht geglückt, diesen mit sich fortzunehmen, so unterliegt es kaum einem Zweifel, daß man, um die Rachsucht der Rebellenschönen zu befriedigen, die junge Octone geschoren, gebrandmarkt und zu den allerniedrigsten Dienstleistungen, wohl gar zu entehrenden Zwecken verkauft hätte. – »Die schreckliche Kriegszeit verlebte Magnolia in stiller, friedlicher Zurückgezogenheit im Hause ihres großmüthigen Beschützers, dessen Hauswesen leitend und sich in immer höherem Grade seine Zuneigung erwerbend. »Drei und ein halbes Jahr waren dahingegangen, als ein Umstand eintrat, der das junge Mädchen auf längere Zeit von St. Louis fortrief. Ihre Abwesenheit sollte nur Wochen, höchstens zwei Monate dauern, doch fügte es ein unheilvolles Geschick, daß sie bis heute noch nicht heimgekehrt ist.« Bei diesen Worten nickte Sans-Bois den beiden aufmerksam lauschenden Mulatten freundlich ermuthigend zu, worauf er seine Erzählung sogleich wieder aufnahm. »Den ununterbrochenen Bemühungen Brauns war es nämlich gelungen, die Mutter seines Schützlings zu entdecken. Dieselbe, eben so weiß, wie ihre Tochter, lebte im südlichen Kentucky, wo sie sich durch Führung eines Kosthauses ihren Unterhalt redlich erwarb. Ihre helle Hautfarbe war vielleicht Ursache, daß man sich mehr um ihre gute Küche, als um ihre Abkunft kümmerte, sie daher bei der allgemeinen Ueberwachung und Verfolgung aller Farbigen unbehelligt blieb. Hätten indessen Braun oder Magnolia sich mit ihr, die als frühere Sklavin, weder schreiben noch lesen gelernt hatte, in schriftlichen Verkehr setzen wollen, so wäre die größte Gefahr für die arme Frau heraufbeschworen worden. Es gab also nur den einzigen Ausweg, eine persönliche Zusammenkunft herbeizuführen, und hierzu schien der günstige Zeitpunkt gekommen zu sein, als die Rebellen in Kentucky so weit zurückgedrängt wurden, daß man das erwähnte Städtchen als in nordstaatlichem Gebiet liegend betrachten durfte. »Gerührt durch die Bitten Magnolia's welche um diese Zeit das neunzehnte Jahr erreicht haben mochte, auch wohl in der Absicht, den erwachenden kindlichen Gefühlen seines Lieblings, der sich so lange elternlos wähnte, Vorschub zu leisten, ertheilte Braun seine Einwilligung zur Reise. Hieran schloß er die Aufforderung, daß Magnolia's Mutter ihr Geschäft auflösen und mit ihrer Tochter in sein Haus einziehen möge, um daselbst die Stellung einer Hausverwalterin zu übernehmen. Um Magnolia die Reise zu erleichtern, gab er ihr eine junge Mulattin zur Begleiterin, deren Bruder und Bräutigam zugleich ihren Schutz bilden sollten. »Von den freudigsten Hoffnungen beseelt, brach die kleine Gesellschaft auf, und bald erhielt der alte Braun die verbürgte Nachricht von deren glücklichem Eintreffen an Ort und Stelle. »Doch nichts ist wandelbarer, als das Kriegsglück. Die beiden Freundinnen hatten unter der treuen Führung ihrer gewissenhaften Beschützer kaum ihr Ziel erreicht, als die Rebellen in die zufällig von Militär entblößte Landschaft einbrachen und das Städtchen wieder in Besitz nahmen. »So fest Walebone und Willing darauf beharrten, – und hier sitzen sie ja als Zeugen – nicht von der Seite der ihrem Schutze anvertrauten Mädchen zu weichen, wurden sie doch gezwungen, um größerem Unglück vorzubeugen, sich von ihnen zu trennen. Sie hegten dabei die berechtigte Hoffnung, daß Magnolia und deren Begleiterin im Hause der Mutter und als deren Mägde die Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen würden, wogegen für Walebone und Willing zu befürchten stand, daß sie im Fall ihres Bleibens, wenn man sie nicht niederschoß, mit Gewalt fortgeschleppt wurden und entweder beim Bau von Befestigungen der übermäßigen Arbeit, dem Hunger und dem Elende erlagen, oder auch als verkaufte Waare nach überseeischen Colonien wanderten. »Mit genauer Noth entrannen die jungen Leute einem derartigen Schicksal, und bald darauf traf zu aller Beruhigung die glaubwürdige Nachricht ein, daß die beiden Mädchen in ungestörter Ruhe im Hause der alten Frau lebten und vor den Leuten gewöhnliche Mägdedienste verrichteten. »Bei den Erfolgen, welche die Waffen der Unionisten um diese Zeit Schlag auf Schlag über die Rebellen errangen, ließ sich voraussetzen, daß den sehnsuchtsvoll Erwarteten binnen Kurzem der Heimweg geöffnet werden würde, als ein heilloses Unglück, bevor das Städtchen zurückerobert wurde, diesen Mullan in das Haus der alten Frau führte. »Mullan, ein früherer Pflanzer und Nachbar Brauns, jedoch durch den Krieg und fanatisches Hinopfern seiner Habe und seiner Ehre für die fluchwürdigen Institutionen des Südens zu einem gemeinen Mörder und Wegelagerer herabgesunken, erkannte natürlich auf den ersten Blick diejenige wieder, die zur Zeit seines Wohlergehens ihm und seinen Gesinnungsgenossen im vollsten Sinne des Wortes ein Stein des Anstoßes gewesen. Wie die unglückliche Mutter erzählte, begrüßte er das wunderbare Zusammentreffen mit einem thierischen Wuthgebrüll, und anstatt mit seinen zügellosen Genossen rastend und brandschatzend zu verweilen, befahl er, die Pferde sogleich zu satteln und sich zum Aufbruch bereit zu halten. Das Haus wurde darauf mit Wachen umstellt, um keinen Neugierigen hineinzulassen, und als er eine halbe Stunde später mit seiner Rotte davon sprengte, da befand sich in ihrer Mitte nicht nur des alten Brauns Schützling, sondern auch unseres Walebone's Schwester; in dem ausgeplünderten Hause aber lag, gräßlich geknebelt, die um den Verlust des kaum wiedergefundenen Kindes jammernde und verzweifelnde Mutter. »Mullan hatte nur zu genau gewußt, weßhalb er sich so sehr beeilte; denn schon am folgenden Tage strömten die geschlagenen und zersprengten Rebellenschaaren durch das Städtchen, in welchem noch an demselben Abende ein nordstaatliches Regiment Quartier bezog. »Lange schwebte man in Brauns Hause in folternder Ungewißheit, bis endlich die alte Frau eintraf, und das traurige Loos schilderte, welches ihre Tochter und deren Freundin betroffen hatte. »Walebone und Willing waren um diese Zeit schon weit fort. Bei der ersten Nachricht von dem Vordringen der Unionisten hatten sie sich schleunigst dahin begeben, wo sie die beiden Mädchen noch vorzufinden hofften, allein sie kamen nur, um das Schrecklichste zu erfahren. Sie erwiesen sich indessen als tüchtige Männer, denn ohne zu zaudern folgten sie den Spuren der frechen Entführer nach, wodurch sie wieder tief in das Rebellengebiet hinein gelangten. Doch was halfen ihnen die reichen Mittel, welche Braun ihnen zur Verfügung stellte, was halfen ihnen die eigenen, im Verlaufe des Krieges gesammelten Erfahrungen, ihre Gewandtheit und Umsicht? Sie waren nur ihrer Zwei, die obenein jederzeit auf ihre eigene Sicherheit bedacht sein mußten, und es schon als ein hohes Glück betrachteten, Mullan mit seinem Raube nicht aus den Augen zu verlieren. An eine unmittelbare Rettung der Gefangenen durften sie gar nicht denken, zu scharf wurden dieselben bewacht; sie gaben die Hoffnung auf einen endlichen Erfolg trotzdem nicht auf, und mit einer Ausdauer, welche ihres Gleichen sucht, folgten sie Mullan auf allen seinen Kreuz- und Querzügen auf Schritt und Tritt durch alle Fährnisse hindurch nach. Derselbe hatte sich zuerst südlich gewendet; doch mußte Shermans kühner Zug auf Atlanta Bedenken in ihm wachgerufen haben, denn er änderte seine Richtung bald wieder, und da ihm weniger am Kämpfen gelegen war, als sich und seine Beute in Sicherheit zu bringen, so zog er sich bis in die Nähe eines südstaatlichen Gefangenendepots zurück, wo er ohne Zweifel auf eine günstige Gelegenheit lauerte, an die Küste zu schlüpfen. »Wochen, ich glaube beinah zwei Monate blieb Mullan an gedachtem Orte liegen, seinen Gefangenen wohl etwas mehr Freiheit gönnend, sie nebenbei aber scharf bewachend. Diese Zeit nun benutzte Walebone, um nach St. Louis zu eilen, während Willing unter den schrecklichsten Drangsalen sich bis zur Rückkehr seines Freundes in der Nachbarschaft des Depots verborgen hielt, ohne indessen Gelegenheit zu finden, den Gefangenen auch nur seine Nähe kund zu thun. Selbst mit den einzelnen Freunden der Union, welche vielleicht in dem Orte lebten, konnte er sich nicht in Verbindung setzen. – »Walebone erreichte unterdessen wohlbehalten St. Louis, wo Braun auf seinen Bericht sogleich alles in seinen Kräften Stehende aufbot, die Befreiung der Gefangenen zu bewirken. »Ich rastete gerade mit meinen alten Jagdgefährten in St. Louis, wo wir unsere Ausrüstung erneuerten, die bei dem schweren Kriegsdienst sehr gelitten hatte und zum Theil unbrauchbar geworden war. Wir dachten an nichts weniger, als unsere Kräfte zu einem Privatunternehmen herzugeben, als eines Tages Redsteel, der eben erst nach einer längeren Abwesenheit zurückgekehrt war, bei uns in den Räumen der Pelzcompagnie erschien und mich im Auftrage Brauns bat, mit meinen Gefährten einen Versuch zur Befreiung der beiden Mädchen zu wagen. »Obwohl an ein abenteuerliches Leben gewöhnt, ist es mir doch stets willkommen gewesen, mit meinem planlosen Umherstreifen irgend einen bestimmten Zweck zu verbinden. Da es nun zu spät war, mich an Shermans unvergleichlichem Kriegszuge zu betheiligen, mein Mitleid für die beiden Mädchen aber in demselben Maße wuchs, wie mein Haß gegen den Bandenführer Mullan sich steigerte, so entschloß ich mich kurz, und schon nach zwölf Stunden befanden wir uns Alle, wie Ihr uns hier seht, unterwegs, um, geführt von Walebone, Mullan aufzusuchen. »Trotz der zahlreichen Hindernisse, mit welchen wir in Feindesland fast stündlich kämpften, wurden wir vom Glück begünstigt. Mullan war zwar aufgebrochen, allein Willing hatte sich mit der Geduld und der Ausdauer eines Schweißhundes an seine Ferse geheftet, uns durch bestimmte Zeichen lenkend und auf der richtigen Spur haltend, so daß es uns vor acht Tagen wirklich gelang, ihn einzuholen. Ueber die von Mullan verfolgte Richtung herrscht jetzt kein Zweifel mehr: Er sucht in der Nähe des Rebellennestes Savannah die Küste zu erreichen, und mein Leben setze ich zum Pfände, daß wir ihm seinen Raub abjagen, noch bevor er lange an dem schiffbaren Theile des Savannah-Stromes hingezogen ist. »Unser Zusammentreffen mit Euch – nebenbei bemerkt, der wunderbarste Zufall, welchen ich je erlebte – betrachte ich als ein gutes Zeichen, um so mehr, als ich darauf rechne, daß Ihr Euch an unserem Unternehmen betheiligt.« »Hier ist meine Hand!« versetzte Eberhard lebhaft, und aus seinen Augen sprühte ein so schwärmerisches Feuer, daß Redsteel befremdet zu ihm aufschaute, als hätte er in seinen erregten Zügen nach dem Grunde für die plötzlich erwachte große Bereitwilligkeit suchen wollen; »ich folge Euch bis an's Ende der Welt, wenn es sein muß!« rief er noch enthusiastischer aus, »und ist es mir beschieden, auch nur das Geringste zu dem Gelingen Eures Unternehmens beizutragen, so soll mich das –« Er stockte; die verwunderten Blicke der neuen Gefährten schienen ihn zu verwirren, und wie befürchtend, zu viel gesagt zu haben, wiederholte er in Gedanken seine letzten Worte. »Ihr seid eine rachsüchtige Natur,« bemerkte Sans-Bois schwermüthig lächelnd; »doch es ist erklärlich, wenn Jemand solche Mißhandlungen erfahren hat, wie Ihr, mag er sich wohl darnach sehnen, mit einer guten Büchse in der Faust seinen Peinigern wieder zu begegnen. Die Rache ist freilich nicht edel; allein in diesem Falle darf man es gewiß entschuldigen, wenn Ihr mit ganzer Seele trachtet, das giftige Gewürm zu zertreten.« »Weiltet Ihr nicht in dem Depot, in dessen Nähe die beiden Mädchen von Mullan gewaltsam zurückgehalten wurden?« fragte Redsteel, bevor Eberhard auf Sans-Bois' Bemerkung eine Erwiderung ertheilte. »Vor vier Monaten wurde ich dorthin gebracht,« antwortete Eberhard zögernd, »ob diejenigen, welche Ihr sucht, sich zu derselben Zeit dort befanden, werdet Ihr selbst am sichersten berechnen können.« »Ja, ja, nach meiner Berechnung habt Ihr, ohne es zu ahnen, beinah sechs Wochen wenigstens in ihrer Nähe geweilt,« bekräftigte Redsteel, »jedenfalls begünstigt Euch das Glück in hohem Grade, indem Ihr Gelegenheit findet, Euch auf die vortheilhafteste Weise bei Eurem Onkel einzuführen.« Bei der Erinnerung an seinen Onkel erschrak Eberhard sichtbar, und längere Zeit dauerte es, bevor er sich hinlänglich gesammelt hatte, mit äußerer Ruhe zu antworten. »Wenn ich mit Leib und Seele mich an Euerm Unternehmen betheilige, so geschieht dies am wenigsten materieller Vortheile halber, oder gar um mir die Gunst meines mir noch unbekannten Onkels zu erwerben,« versetzte er, Redsteels forschenden Blicken unwillkürlich ausweichend; »müßte ich befürchten, einen solchen Schein auf mich zu laden, sollte nichts in der Welt mich bewegen, nach glücklicher Erreichung unserer Zwecke die Schwelle von meines Onkels Haus zu betreten.« »Habt Ihr nicht Euern freien Willen?« rief Redsteel mit erzwungenem Gleichmuthe aus, während das Zucken der beweglichen Nase seinen heimlichen Verdruß verrieth; »geht doch, wohin es Euch beliebt, und mögt Ihr nie bereuen, eines aufrichtigen Freundes Rathschläge nicht beachtet zu haben. Zu den Reichthümern Eures braven Onkels werden sich ja wohl andere Leute einstellen, die freilich weniger berechtigt sein dürften, als Ihr.« Eberhard blickte träumerisch vor sich in die Flammen; er schien Redsteels Worte nicht zu hören. Dieser dagegen mochte seine Empfindungen ahnen und ihn mit wohlüberlegter Absicht seinen Betrachtungen überlassen, denn er wendete sich Sans-Bois und dessen indianischen Freunden zu, welche Letztere eine seltsam geschmückte Tabackspfeife mit rothem steinernem Kopf angezündet hatten und von Hand zu Hand, oder vielmehr von Mund zu Mund reichten. Die beiden Mulatten saßen abseits; was sie dachten, was sie fühlten und flüsternd besprachen, verrieth sich in den bald trübe darein schauenden, bald in unheimlicher Gluth aufleuchtenden großen schwarzen Augen. »Werden wir früh aufbrechen?« fragte Redsteel den Pelzjäger, der eben die Pfeife, nachdem er einige Züge aus derselben gethan, an Brise-glace zurückgab. Der Angeredete blickte zum sternenbesäten Firmament empor und betrachtete den großen Bären eine Weile sinnend. »Es ist eine Stunde vor Mitternacht,« antwortete er mit überzeugender Entschiedenheit, »wir mögen eben so gut einige Stunden schlafen; wer weiß, welche Forderungen morgen an uns gestellt werden. Sind die Wachen verabredet?« wendete er sich an Brise-glace, der sich in den vollen Schein des mit altem Hausgebälk reich genährten Feuers hingestellt hatte und in seiner rothen Bekleidung und der malerisch um die Schultern geschlungenen rothen Decke an die grell beleuchtete Bühnengestalt des wilden Jägers erinnerte. »Alles in Ordnung,« antwortete der Jova, und während er noch sprach, verschwanden der Mestize und Soldat-grand nach verschiedenen Richtungen in der Dunkelheit. Sans-Bois zog eine gestreifte mexikanische Decke über sein Haupt und legte sich zum Schlafen nieder. Mit über die Fistel hinausgezwängter Stimme rief Brise-glace dem Mestizen einige indianische Worte nach, welche von diesem mit dem zustimmenden »Hau!« beantwortet wurden; dann warf auch er sich, die mit den vom Thau durchnäßten Mokassins bekleideten Füße der trocknenden Gluth zugekehrt, auf den zerstampften, herbstlich gedörrten Rasen; die Büchse lag im Bereiche seiner rechten Hand, die Decke hatte er über das seines Turbans entledigte, schwarz behaarte Haupt gezogen. Walebone und Willing, so wie die beiden Omahas begaben sich ebenfalls zur Ruhe, nachdem sie vorher von dem zerstörten Hause einen ausreichenden Vorrath trockenen Holzes herbeigeschleppt hatten. – – – »Euer Onkel ist mein Freund, und mehr, als das, er ist in mancher Beziehung mein Wohlthäter,« flüsterte Redsteel Eberhard zu, indem er sich dicht an dessen Seite legte und die Hälfte seiner Decke über ihn hinwarf, »ich dagegen bin sein Geschäftsführer in Angelegenheiten, mit welchen er selbst sich ungern befaßt; es ziemt sich daher wohl, daß ich mein Bett, ärmlich, wie es sein mag, mit Euch theile.« Eberhard nahm die ihm erwiesene Freundlichkeit schweigend entgegen. Erst nach einer längeren Pause und nachdem die übrigen Mitglieder der Gesellschaft in tiefen Schlaf gesunken waren, wendete er sein Gesicht, welches so lange finster und nachdenklich den Flammen zugekehrt gewesen, jenem zu. »Herr Redsteel,« hob er in deutscher Sprache an, seine Stimme vorsichtig dämpfend, »noch steht es in meiner Gewalt, mich zurückzuziehen und Ihre in das Gewand der Ueberzeugung gekleideten Muthmaßungen in das Reich der Irrthümer zurückzuweisen. Bevor ich reiflich erwogen habe, will ich indessen keine endgültige Entscheidung treffen; denn auch ich habe, arm und freundlos, wie ich erscheine, schwer wiegende Rücksicht zu nehmen. Beantworten Sie mir daher eine in meiner Lage gewiß gerechtfertigte Frage: Wie soll ich mir erklären, daß Sie in dem unglücklichen und zerlumpten Soldaten auf den ersten Blick den Eberhard Braun erkannten?« »Bezweifeln Sie etwa, daß Ihr Onkel und namentlich Ihre Eltern in Europa Alles aufgeboten haben, eine Spur von Ihnen, dem seit beinah sieben Jahren Verschollenen zu entdecken? Und was lag dabei wohl näher, als daß sie mich mit einer genauen Beschreibung Ihrer Person ausrüsteten, mich, dem bei allen Nachforschungen die Hauptarbeit zufiel?« »Zugegeben, Sie sind im Besitze eines vollständigen Signalements, so sehen Menschen doch einander oft so ähnlich, daß das Signalement des einen genau auf den andern paßt, obwohl sie nicht näher mit einander verwandt sind, als Sie zum Beispiel mit den schlafenden Indianern dort.« »Es wäre nicht das erste Mal gewesen, daß ich mich täuschte,« versetzte Redsteel mit einer gewissen Ueberlegenheit; »wer indessen ernstlich Jemand sucht, der darf keine Mühe scheuen. Wo nur immer ich einem etwa fünfundzwanzigjährigen, hoch und kräftig gewachsenen Deutschen begegnete, dessen blaue Augen, dunkelblondes Haar und ganze Gesichtsbildung annähernd mit dem Signalement übereinstimmten, da redete ich ihn jedesmal als Eberhard Braun an, freilich, um in manchen Fällen verlacht zu werden, in andern höflich meinen Irrthum zu bekennen, bis ich endlich heute aus der auf Ihrem Gesicht ausgeprägten Verwirrung ersah, daß ich dennoch an den rechten Mann gekommen sei.« »So sind Sie fest überzeugt, daß ich der verschollene Eberhard Braun bin?« »So sicher, wie ich Sie jetzt vor mir sehe, ich kann darauf schwören, meine Zeichen trügen mich nicht. Doch ich ahne, Sie kämpfen noch immer gegen Ihren Hochmuth und drohen, ihm zu unterliegen. Aber schenken Sie mir einige Minuten Gehör, und ich will Erinnerungen in Ihnen erwecken, die vielleicht nachhaltiger auf Sie einwirken, als die Vorstellungen eines Ihnen noch ziemlich fremden Mannes es vermögen.« Eberhard hob das Haupt empor und sandte einen zweifelnden Blick im Kreise herum. Die kriegerischen Gestalten des Pelzjägers, der Mulatten und Indianer schliefen; laut knackte das Holz auf dem Wachfeuer. Als feine Eiskrystalle senkte sich der Thau auf die Erde nieder; wie Wärme und Auflösung suchend, schmiegte er sich fest an dürre Halme und geknickte Gräser an; auf die Sättel, auf die Waffen, sogar auf die schwarzen verkohlten Balken lagerte er sich, alle vorragenden Gegenstände, selbst in der Dunkelheit sichtbar, weiß schmückend. Die Sterne funkelten; zwischen dem abgestorbenen Laub der Eichen und Hickorybäume lispelte es, wie Geistergruß. Als schwarze, formlose Punkte zeichneten sich auf der Leiche des Cottonwoodbaumes die beiden Geier vor dem nächtlich erleuchteten Himmel aus. Im Mauerwerk der zerfallenen Gebäude zirpten fort und fort die Heimchen; sie erzählten von besseren Zeiten und von glücklichen Menschen. Aber auch Redsteel erzählte leise, während seine lauernden Augen sich in das theilweise roth beleuchtete Antlitz Eberhards gleichsam einbohrten. Er erzählte von heißen Thränen des Kummers, welche brave Eltern um ihren Sohn weinten, und von den Anstrengungen, welche gemacht wurden, den Verlorenen unter das heimathliche Dach zurückzuführen. Auch von einem Polizeiagenten sprach er, der mit dem Flüchtlinge an Bord eines amerikanischen Segelschiffes zusammengetroffen, und von den Worten, welche dort zwischen den Beiden gewechselt wurden. Dann erzählte er wieder von dem seltsamen Verhältniß, in welchem die beiden Brüder zu einander standen, der Kärrner und der Millionär, und den Kärrner schilderte er so genau, und ebenso dessen Gattin, daß man Beide nach dieser Schilderung hätte malen können; immer wieder kam er darauf zurück, wie dieselben durch die Nachricht von dem Wiedererscheinen ihres Sohnes unter den Lebenden hoch beglückt sein würden, nachdem sie ihn volle sechs Jahre für todt und verschollen gehalten. Mit wachsender Spannung, als hätte er jedes einzelne Wort doppelt und dreifach seinem Geiste einprägen wollen, lauschte Eberhard; er lauschte so gespannt, daß er nicht bemerkte, wie die beiden Wache haltenden Indianer geräuschlos herbeischlichen, auf eine leichte Berührung von ihnen zwei andere sich erhoben und in der Dunkelheit verschwanden, während die Zurückgekehrten sich auf deren warme Stellen legten. Er lauschte so gespannt, daß ihm nicht einmal Zeit blieb, dem Kummer seiner zärtlichen Eltern eine Thräne oder auch nur ein Wort der Theilnahme zu weihen und heimlich zu bereuen, ihnen so namenlos schweren Gram bereitet zu haben. Redsteel aber erzählte weiter und weiter; scharf berechnet und wohlüberlegt waren seine Worte, die wie Gift von seinen Lippen tropften, wie Gift, sorgfältig eingekleidet in süße Hülle. Und als er geendigt und eine Art Betäubung, eine Folge der im Laufe des Tages erduldeten Qualen und der ununterbrochenen Gemüthsbewegungen, sich seines Schützlings bemächtigte, da fuhr der Morgenwind säuselnd durch die bereiften Kronen der Bäume und über die Lichtung. Die Heimchen zirpten noch immer unermüdlich; vom Waldessaum herüber erschallte das Kläffen eines Prairiewolfs. – – Siebenundzwanzigstes Capitel. Die Sklavenräuber. Es war ein seltsamer Zug, welcher sich auf dem Ufer des Savannah stromabwärts bewegte; seltsam und zugleich traurig, Schrecken erregend und zugleich das Mitleid wachrufend. Vorauf ritt Mullan, der frühere Plantagenbesitzer und jetzige Menschenräuber; ihm zur Seite hielten sich drei oder vier seiner Raubgenossen, die ihm an Roheit und Grausamkeit nicht nachstanden. Gleich hinter ihnen folgten, ebenfalls beritten, zwei Frauengestalten; dieselben hatten, wie um sich des Anblicks ihrer Umgebung zu entziehen, ihre großen Tücher schleierartig über den Kopf gezogen. Nur an den Händen, welche die Tücher über der Brust zusammenhielten, erkannte man, daß die eine Reiterin eine Weiße, die andere dagegen eine Mulattin war. Um die Gangart der Pferde kümmerten sich Beide nicht, dieselben wurden geführt von zwei berittenen Genossen Mullan's, die von Zeit zu Zeit wiederholten, daß der leiseste Fluchtversuch oder eine von außerhalb versuchte Befreiung das Signal zu ihrem Tode sei. An diese Gruppe schloß sich ein Zug von dreißig und einigen Negern an, lauter ältere und jüngere kräftige Männer, die mittelst Handschellen je zu zweien aneinander gefesselt, außerdem aber durch eine längs des ganzen Zuges laufende Kette zu einem festen Ganzen zusammengeschlossen waren. Zu beiden Seiten dieses Zuges ritten auf ausgezeichneten Pferden und alle schwer bewaffnet, zerlumpte Räubergestalten, während ein anderer Trupp dieser Wegelagerer sowohl die Karavane abschloß, als auch mehrere bepackte Pferde und Maulthiere und eine zum Schlachten bestimmte Kuh nachtrieb. Mullan und die ihm zunächst befindlichen Genossen unterhielten sich lustig und geräuschvoll. Obgleich sie nichts mehr für die Sicherheit ihres Raubes fürchteten, berechneten sie doch die Tagereisen, welche sie noch von dem Ocean trennten, wo sie ihre Beute erst als vollständig geborgen betrachten durften. Auch der kleineren Fahrzeuge gedachten sie, welche, bemannt mit dem schrecklichen Auswurf südstaatlicher oder englischer Seeleute, auf allen nur zugänglichen Punkten, ähnlich raubgierigen Haifischen, auf Gelegenheit lauerten, die Blokade zu brechen und farbige, lebendige Waare nach andern Sklavenländern zu verschiffen. Aber auch die übrigen Räuber waren guter Dinge. Aus ihren Gesprächen wie aus der Grausamkeit, mit welcher sie ihren unglücklichen Gefangenen die Peitschen um die Ohren knallten, ging hervor, daß sie dem Branntwein in unmäßiger Weise zugesprochen hatten. Die armen Gefangenen dagegen, kaum mit den nothdürftigsten Kleidungsstücken versehen und zum größten Theil barfuß, schwankten einher, als wären sie wirklich die vernunftlosen Geschöpfe gewesen, zu welchen die südstaatliche, im Laster verhärtete Bevölkerung und deren nicht minder verbrecherische Anhänger in andern Ländern sie zu stempeln suchten. Ausdruckslos umherstierend, schienen sie den Tod als ihre einzige Rettung aus einer entsetzlichen Lage und vor einer nicht minder entsetzlichen Zukunft herbeizusehnen. Nur im Flüsterton wurden hin und wieder kurze Bemerkungen gewechselt, während man sich gegenseitig, trotz der eigenen Uebermüdung, sorgfältig unterstützte und vor dem Straucheln und Fallen zu bewahren suchte. Denn wo einzelne Worte über die lebendigen Glieder der langen Kette hinausdrangen, wo ein blutender Fuß stolperte oder eine wuchtige Gestalt, ihren Nebenmann mit zu Boden reißend, niederstürzte, da sauste, von den rohsten Flüchen und widrigem Gelächter begleitet, die Peitsche auf das schwarze Fleisch nieder, daß das Blut aus den zurückgebliebenen wunden Streifen hervorquoll, und die Zähne, im Gefühl gänzlicher Verlassenheit sich knirschend und zersplitternd aufeinander rieben. Fort mußten sie ja alle, die grausam gegeißelten Jammergestalten, denn jede einzelne repräsentirte eine ansehnliche Geldsumme, die man nicht gern einbüßte; und ob sie einige Peitschennarben mehr oder weniger aufzuweisen hatten, das setzte ihren Werth nicht herab, so lange man dieselben nicht auf Rechnung ihrer Trägheit zusetzen brauchte, sondern mit ihrer Abneigung, außer Landes verkauft zu werden, entschuldigen konnte. Und gepeitscht mußte werden, gepeitscht scharf und blutig, denn näher rückten die Unionisten, die Tage des blühenden Sklavenhandels waren gezählt und Eile that Noth. Jeder Hieb aber, der wie ein Messer in das warme zuckende Fleisch einschnitt, berührte wohlthätig die racheschnaubenden Gemüther der scheußlichen Henker, die es als widersinnig, als allen göttlichen und menschlichen Gesetzen Hohn sprechend betrachteten, die elenden Geschöpfe auch nur im Scherz als die Ursache eines Krieges zu bezeichnen, aus welchem sie selbst ruinirt und verarmt hervorgehen mußten. Und wurden sie ruinirt und verarmten sie und lichtete der Tod entsetzlich ihre für ungerechtfertigte Privilegien eintretenden Streiter, so jubelten im Geheimen ihre Farbigen; dies aber wußten sie, und darum mußte gepeitscht und mißhandelt werden, so lange es noch ungestraft geschehen durfte, so lange noch kein Widerstand von den elenden Opfern zu befürchten war, der Verlust einer mit dem Beil abgehauenen Hand denjenigen unglücklichen Farbigen bedrohte, der es wagte, sich gegen seinen Gebieter aufzulehnen und sich an ihm zu vergreifen! O, wie die beiden Frauengestalten an der Spitze des Zuges die Tücher fester um ihre Häupter zogen, wenn von rückwärts das Klatschen der Peitschen und unterdrücktes Wehklagen zu ihnen herüber drang! Wie ihre Herzen sich krampfhaft zusammenschnürten – ihre Thränen waren ja längst versiegt – wenn sie die gräßlichen Verwünschungen auf der einen Seite vernahmen, während auf der andern die Betheuerungen der ihnen gezollten Bewunderung, in die entwürdigendsten Formen gekleidet, laut wurden! Wie ein Abgrund, schrecklich, unergründlich, lag die Zukunft vor ihnen; ihre letzten Hoffnungen waren erbleicht; sie begriffen, daß ein unerbittliches Geschick über sie entschieden hatte, denn nur noch wenige Tage und unter ihnen gähnte die bodenlose Tiefe des Meeres, auf welchem sie einem unbestimmten, unbekannten, für ihre Freunde unerforschlichem Ziele entgegengetragen wurden. Und dabei lebten noch Menschen, welche sie so innig liebten und von denen sie sich wieder geliebt wußten, treu und zärtlich, und von welchen sie nunmehr auf ewig fortgerissen werden sollten! Gab es denn gar keine Gerechtigkeit unter dem Himmel, gar keine Vergeltung? Mußten sie denn durchaus wie Thiere zur Schlachtbank geführt werden, ohne daß sich auch nur eine einzige Stimme zu ihren Gunsten, eine einzige Hand zu ihrer Rettung erhob? Die Stimmen, welche sich noch für sie erhoben, waren höchstens solche, die um ihren Besitz feilschten, und die Hände nur solche, die prüfend über ihre sammetweiche Haut hinfuhren, während lüsterne Blicke sich in ihre Augen senkten und die entscheidenden Goldrollen ihren Besitzer wechselten. »Lieber den Tod, tausendfachen Tod,« flüsterte Magnolia, ihre Gedanken gleichsam abschließend, indem sie, rathlos um sich spähend, das ihr Antlitz verhüllende Tuch etwas zurückschob. Ringsum, auf dem Walde, auf dem Strome und den lieblichen Lichtungen ruhte heller Sonnenschein. In wunderbarer Klarheit wölbte sich der Himmel über der Landschaft. Zwei Stunden war es noch Tag, aber noch immer hüpften die regsamen Vögel und Eichhörnchen in den theils entlaubten, theils herbstlich gelb gefärbten Baumwipfeln umher, und zwar mit einem Ausdruck von Zufriedenheit und Glückseligkeit, als ob die sich endlos ausdehnenden und vielfach blutgetränkten Wälder und Fluren die Heimath eines nie gestörten Friedens gewesen wären. Weiter sank das verhüllende Tuch von dem marmorbleichen, vor Schmerz fast erstarrten Mädchenantlitz zurück: wellenförmig wogendes, schwarzes Haar quoll üppig über die fast durchsichtigen, blaugeaderten Schläfen; trostlos wanderten die Blicke aus den prachtvollen dunklen Augen zu der verzweifelnden, zusammengekrümmten Gefährtin hinüber. Die Lippen, einer sich eben erschließenden Rosenknospe vergleichbar, öffneten sich und traten von den perlenähnlich hervorschimmernden Zähnen zurück. »Die letzte Hoffnung schwindet, geliebte Bella,« sprach Magnolia leise, und wie eine Mahnung an einen nahe bevorstehenden, gräßlichen Tod, verglasten sich gleichsam die Blicke der sanften Gazellenaugen. »Die entsetzliche Zukunft; sie kann nur durch das überboten werden, was wir erlebten.« Ein heftiger Schauder durchlief ihre von Gram gebeugte zarte Gestalt. »Wir nähern uns der Küste,« begann sie nach einer längeren Pause wieder, die Hände vor sich auf dem Sattel ringend, »und erst auf dem Schiff bleibt uns keine andere Wahl, als das Grab in den Fluthen.« Bella, die nußbraune Mulattin, schob ebenfalls die Hülle von ihrem Haupte zurück, und ihr von seltenen Reizen umflossenes Antlitz der weißen Leidensgefährtin zuwendend, erwiderte sie kaum vernehmbar, jedoch mit eigenthümlich finsterer Entschlossenheit: »Wir müssen hinunter in's nasse Grab, allein nicht eher gehe ich von dannen, als bis derjenige gerächt ist, dem mein Leben höher steht, als mir selber,« und indem sie dies sagte, schweiften ihre Blicke mit einem solch sprechenden Ausdruck glühenden Hasses zu Mullan hinüber, wie nur eine Löwin um sich zu schauen vermag, der man ihr Theuerstes, ihre Jungen raubte. Zufällig wendete Mullan seinen Kopf rückwärts, so daß seine Blicke den ihrigen begegneten. Ein wildes Hohnlachen war die Antwort auf den offen zur Schau getragenen, unversöhnlichen Haß der Mulattin; dann strich er, wie sich selbst liebkosend, mit der Hand über seinen glänzend schwarzen Bart, welcher ihm bis tief auf die Brust hinab reichte. »Sieh da, meine Tigerin!« rief er spöttisch aus, »findest Du es wirklich für angemessen, Dich einmal aus freien Stücken zu entschleiern? Verdammt! Wirst noch viel geschmeidiger und zutraulicher werden mit der Zeit, wenn die Brücke erst hinter Dir abgebrochen ist! Bei allen Teufeln der Hölle! Wie Du in meine Hände gelangt bist, kommst Du nicht wieder heraus, und zahlte mir der zärtlichste aller entnervten spanischen oder portugiesischen Granden baare zehntausend Goldadler für Dich! Verdammt! Mädchen, mit Deinem Tigerblick gefällst Du mir fast besser, als Deine weiße, taubenäugige Gefährtin. Nichts für ungut, mein holde Magnolia, Blüthe und Zierde eines großherrlichen Serails!« fügte er lachend hinzu, indem er, zum Spott militärisch grüßend, den Zeigefinger der rechten Hand flüchtig an den Rand seines Hutes legte. Magnolia bebte und verhüllte ihr Antlitz, Bella hingegen warf auf das schallende Gelächter von Mullans Genossen ihr Tuch trotzig zurück und schaute mit geringschätzigem Achselzucken in eine andere Richtung. Da fuhr hinter ihr die zähe Peitsche von Rhinoceroshaut auf einen schwarzen Rücken nieder und zu dem dabei ausgestoßenen Fluche gesellte sich ein durchdringender Schmerzensschrei. Schaudernd zog nunmehr auch Bella das Tuch wieder über ihr mit natürlich gekräuseltem, schwarzem Haar üppig bedecktes Haupt. Mullan und seine Genossen bemerkten diese Bewegung; sie erriethen die Veranlassung und sich im Sattel halb umkehrend, rief Ersterer höhnisch aus: »Ihr da hinten« Gebt den spröden Mädchen ein neues Concert, damit sie sich an diese Art von Musik gewöhnen! Legt die Peitsche auf das Ebenholz, als ob jeder Hieb eine Plantage einbrächte oder einem Unionistenhunde das Leben kostete!« Unter gellendem Hohnlachen sausten die Peitschen auf die bejammernswerthen Wesen nieder; Flüche und Wehgeheul mischten sich untereinander, schwarze und braune Arme, beschwert mit klirrenden Ketten, hoben sich gen Himmel, hier um die Barmherzigkeit Gottes anzuflehen, dort um mit der geöffneten Hand den für die empfindlicheren Körpertheile bestimmten Hieb aufzufangen. Mullan beobachtete mit teuflischer Schadenfreude, wie Magnolia und Bella schauderten und von den Sätteln zu fallen drohten. »Das ist's! Gebt's den Hunden aus dem Pfeffer!« commandirte er mit Stentorstimme, »macht ihm Beine, dem trägen Ungeziefer! Gebt's ihnen auf den Weg, damit sie den Unterschied zwischen einer conföderirten Peitsche und einem spanischen Fächer kennen lernen!« Dann warf er sein Pferd plötzlich herum, und den schweren Schleppsäbel aus der Scheide reißend, sprengte er nach der Mitte des Zuges zurück, wo es einem herkulischen Schwarzen geglückt war, die Peitsche des auf ihn Einhauenden zu ergreifen, die er in seiner Angst nicht mehr wollte fahren lassen. »Verfluchter Meuterer!« rief Mullan aus, und zugleich schwang er den Säbel mit vollster Kraft scharf auf das Haupt des unglücklichen Negers nieder, so daß dieser, von Blut überströmt und geblendet, in die Kniee zusammenbrach, »und sollte ich gezwungen sein, jedem Einzelnen von Euch den Felsenschädel wie 'ne Eierschale zu zertrümmern, so dulde ich keinen Widerspruch!« Dem Säbelhieb reihten sich einige Hiebe mit der Peitsche an, und der Schwarze, der auf der Erde lag und sich mit den Armen stützte, richtete sich wieder empor, um an der Seite seines ihn unterstützenden Kettengenossen seinen Weg taumelnd weiter zu verfolgen. Nur der dichten Wolle, welche sich auf seinem Scheitel hoch aufthürmte, verdankte er, daß die scharfe Klinge ihm nicht den Schädel bis in's Gehirn hinein spaltete; dagegen hatte die Gewalt des Schlages ihn betäubt, so daß er fühllos gegen die darauf folgenden Mißhandlungen geworden war und wie eine lebendige Leiche neben seinen Gefährten einherschwankte. – Mullan ritt wieder an der Spitze des Zuges, als er plötzlich durch zwei aus einem Nebenwege vor ihn hintretende Männer aufgehalten wurde, die, obwohl zu Fuß, nach ihren Aeußerungen zu schließen, mit zu seiner Bande gehörten. »Hailoh, Ben Murchison und Hollborn!« rief Mullan verwundert aus, sobald er ihrer ansichtig wurde, »welcher Höllenwind führt Euch gerade hierher?« »Keine reine Luft vor uns,« nahm Murchison alsbald das Wort, »rechne, daß wir wohl daran thun, in der Nähe zu übernachten, dagegen morgen in aller Frühe über 'n sechs, sieben Meilen fortspringen bevor andere Leute gehörig ausgeschlafen haben.« Mullan blickte zähneknirschend auf den traurigen Zug, der ebenfalls stehen geblieben war und in welchem ein großer Theil der gefesselten und abgetriebenen Neger sich nur noch mit Mühe aufrecht erhielt. »Goddam!« fluchte er vor sich hin, »sind sonst noch recht munter, die Burschen; hätten mit Hülfe von etwas Rhinoceroshaut ganz bequem noch einige Meilen zurückgelegt – und wer weiß, was uns morgen bevorsteht,« dann wendete er sich mit aufflammender Wuth an die beiden Kundschafter: »Wenn Ihr rathet, hier zu übernachten, müßt Ihr auch einen Grund dafür haben? Wer könnte wohl Lust verspüren seinen Kragen dadurch aufs Spiel zu setzen, daß er es wagte, uns aufzuhalten?« »Seid 'n unübertrefflicher Kapitain,« hohnlachte Hollborn, indem er geringschätzig die Achseln zuckte, »'s sollte doch Niemand besser wissen, als Ihr selber, daß heut zu Tage das Recht des Stärksten am meisten gilt.« »Sprecht deutlich, Mann! Rief Mullan zornbebend aus, dann zog er die Spitzen seines langen Bartes in den Mund, um wüthend auf denselben zu kauen. »Bei Gott! Deutlich sprechen?« hieß es brutal zurück, »könnt ja 'n drei Meilen weiter marschiren, und wenn Ihr dann nicht wünscht, unserm Rath blindlings Folge geleistet zu haben, will ich mich von dem ersten besten Unionistenschurken wie 'nen Hammel abschlachten lassen.« »'s giebt noch mehr Leute in unserm Geschäft,« fiel Murchison erläuternd ein, »Leute, denen verdammt viel mehr Mittel zu Gebote stehen, als uns, und die daher ganz anders vorarbeiten konnten. Liegt doch gerade vor uns auf dem Wege ein Trupp von mindestens achtzig Mann, von welchen jeder Einzelne eben so viel werth ist, als Einer von uns, und Ebenholz führen sie mit sich, wohl an die vierhundert Stück, und Burschen darunter, wie sie auf der reichsten Plantage nie schöner und kräftiger den Saft aus einem Stück Zuckerrohr saugten! Bei der ewigen Verdammniß, Kap'tain, wenn sie uns vorbeilassen, ohne die hübsche Magnolia als Tribut gefordert und auch genommen zu haben, vielleicht auch noch die Andere und 'n zwei oder drei gesunde Burschen obenein, dann sind sie doppelt so einfältig, wie Ihr sie zu halten scheint.« »Nicht den feinsten Wollfaden von dem dicksten Schädel des elenden Niggers trete ich an sie ab!« rief Mullan wüthend aus, und er schlug an seinen Säbel, daß er laut klirrte, »und vorbei müssen wir, oder die Schurken haben alle Fahrzeuge mit Beschlag belegt, bevor wir die erste Welle des Meeres zu sehen bekommen.« »'s ist leicht gesagt,« wendete Murchison unter dem beifälligen Gemurmel der übrigen Menschenräuber ein, »aber nicht so leicht ausgeführt. Wollt Ihr Euch den Schädel einschlagen lassen, so hindert Euch Niemand; wir dagegen bleiben hier, und daß Euch nicht ein Pfund farbiges Fleisch nachfolgt, dafür wollen wir Sorge tragen.« »Aber bei allen Teufeln, wenn Ihr so klug seid, warum bezeichnet Ihr nicht gleich einen Weg, auf welchem wir, ohne Bekanntschaft mit ihnen zu schließen, vor ihnen die Küste erreichen?« schnaubte Mullan, der das Gerechtfertigte der Einwendungen begreifen mochte. »Schon Alles geschehen,« versetzte der Kundschafter in seiner gewohnten, brutal gleichgültigen Weise, »der Lagerplatz ist ausgesucht, und eine uns in die Quere gelaufene Kuh haben wir bereits dorthin getrieben und niedergeschossen. Brauchen nur das schwarze Pack abzufüttern und in die Federn zu jagen, damit 's morgen früh recht frisch und leichtfüßig ist. Um fünf Uhr brechen wir wieder auf, und bevor bei denen dort unten das Kaffeewasser kocht, haben wir auf einem Umwege bedeutenden Vorsprung gewonnen und mit dem Teufel müßte es zugehen, wollten sie uns einholen.« Mullan sann eine Weile nach und ließ seine Blicke kalt über die Jammergestalten der unglücklichen Neger hingleiten. Dieselben hatten sich näher herangedrängt und die ganze Berathung verstanden, sich jedoch völlig gleichgültig gegen dieselbe gezeigt. Sie kümmerte es nicht mehr, in wessen Hände sie fielen; in eine schlimmere Lage, als diejenige, in welcher sie sich befanden, konnten sie nicht mehr gerathen. Nur als der Plan zur Sprache kam, ihnen Speise und Ruhe zu gönnen, wurde in einzelnen der dunklen Physiognomien der Ausdruck einer gewissen Befriedigung bemerkbar. »Mag es denn sein,« versetzte Mullan endlich, sich das Ansehen eines unumschränkten Befehlshabers gebend, obwohl er wußte, daß ihm kein anderer Ausweg blieb, als sich dem Willen der Mehrzahl seiner Genossen zu unterwerfen, »übrigens ist Euer Plan verdammt schlau ausgedacht, und besser ist besser, wenn auch einige Meilen weiter nicht geschadet hätten.« »Besser ist besser,« wiederholte Murchison, auf den Seitenweg weisend, der sich im Walde verlor, »und hier haben wir die alte, halb vergessene Landstraße vor uns, auf welcher wir im weiten Bogen um unsere Concurrenten herum gelangen.« »Vorwärts denn!« commandirte Mullan jetzt, indem er sein Pferd antrieb und in den Waldweg einbog, »achtet auf die Burschen, daß sie nicht zwischen dem Gestrüpp verschwinden!« rief er rückwärts, »'s stehen jedesmal durchschnittlich sechshundert Dollars auf dem Spiele!« Dann überließ er es seinen Raubgenossen, den Zug auf dem schmaleren und beschwerlicheren Wege zu ordnen und zu überwachen, was von diesen mit großer Gewandtheit und Sicherheit ausgeführt wurde. Die Nachricht, daß andere Sklavenräuber ihnen im unglücklichen Falle beim Befrachten eines Blokadebrechers gefährliche Concurrenz machten, hatte die eben noch herrschende heitere Stimmung plötzlich herabgedrückt. Die rohen Scherzworte, Verhandlungen und Zänkereien, welche oft einen bedrohlichen Charakter annahmen, waren verstummt. Selbst das Klatschen der Peitschen und das darauf folgende Klagegeheul wurden seltener, seit man die Laune verloren hatte, wenn sich hier oder dort ein recht glattes Stück farbiges Fleisch durch die zerfetzten Jacken und Hemden hindurch zeigte, ähnlich, wie man beim Spazierengehen Distelbüsche köpft, einen ausgesucht zierlichen, sogar künstlichen Hieb anzubringen. Die lang gereckte Reihe elender Sklaven und ihrer Henker glich daher mehr einem Leichenzuge, der sich auf dem wenig betretenen und mit gelbem Laubdicht bedeckten Waldwege in dumpfem Schweigen einherbewegte, einem Leichenzug, in welchem alle edleren Gefühle zu Grabe getragen werden sollten. Traurig, gebrochenen Herzens schwankten die armen Gestalten mit den dunklen Physiognomien, mit den wunden Rücken und den blutenden Füßen einher. Die Ketten klirrten, Thränen verschleierten die Blicke, und grausamer noch zerfleischt, als die geneigten Rücken, zuckten und krampften die Herzen sich zusammen, die den letzten Glauben an die Gerechtigkeit der Vorsehung verloren hatten. Hoch oben dagegen, über dem herbstlich gefärbten Walde in der klaren, Kälte versprechenden Atomsphäre lagerte heller, abendlich rother Sonnenschein, daß man hätte meinen mögen, die Natur hätte sich eigens dazu gerüstet, ein heiteres Volksfest oder gar eine lustige Hochzeit auf jede ihr nur mögliche Art zu begünstigen. Eine lustige Hochzeit, zu welcher sie ihre besten Tänzer stellte; denn indem der Trauerzug sich auf dem kaum zu unterscheidenden Wege dahinwand, begleiteten ihn auf beiden Seiten neugierige Nußhäher, die vor Wonne und Lust krächzten, als wären sie von dem zauberischen Abendsonnenschein berauscht gewesen. Auch die Spechte machten sich bemerkbar, kleine bunte und große schwarze, und an den Baumstämmen hinauf- und hinunterhüpfend, lugten sie bald auf der einen Seite, bald auf der andern um die Ecke, wie um die langsam einherschleichenden traurigen Menschen aufzufordern, ihre Sorgen abzuschütteln und »Verstecken und Suchen« mit ihnen zu spielen. »Hier, hier!« krächzte ein Specht an diesem Baume und verschwunden war er. »Hier, hier!« schrie ein anderer an jenem, indem er sich kräftig auf seinen Schweif stützte und, die lang bewehrten Zehen fest in die geborstene Rinde eingekrallt, den Oberkörper trotzig zurücklehnte und, gleichsam einen Trumpf ausspielend, mit dem scharfen Schnabel dröhnend auf das morsche Holz hämmerte. Doch die Menschen achteten nicht auf die munteren Hochzeitsbitter. Sie schlichen dahin schweigend und an ihren eigenen Seelen nagend; die Einen gefoltert von wilder Verzweiflung, die Andern, gegeißelt von den Dämonen der Habsucht und Raublust, so daß die sorglosen Häher und Spechte froh waren, gelegentlich ein auf Abenteuer ausgehendes Eichhörnchen zu treffen, dessen Stimmung mehr ihrer eigenen entsprach. Gewöhnlich ließ sich dasselbe auch willig finden, ein halbes Stündchen mit ihnen zu vertändeln und ein Spielchen mit ihnen zu machen, welches in der Regel damit endigte, daß man sich zankte, böse auseinander ging und sich noch lange nachher gegenseitig derbe ausschalt und schmähte, wie es von ungezogenen Waldkindern, die jeglicher Aufsicht entbehren, nicht anders erwartet werden kann. Unbekümmert um die lieblichen Thierscenen verfolgte der Trauerzug seine gewundene Bahn. Die Herzen in demselben waren so schwer, so lebenssatt, daß sie am liebsten zu schlagen aufgehört hätten. Ueber ihnen aber zitterten an ihren erkrankten und zum Theil abgestorbenen Stielen die entfärbten Blätter, und wie um die trauernden Gemüther an eine waltende Gerechtigkeit zu erinnern, fuhr gelegentlich ein stärkerer Lufthauch durch die Baumwipfel, und die mattesten Blätter nahm er dann mit, um den Waldboden, gleichviel ob Höhen oder Tiefen, feuchte Stellen oder dürres Erdreich, gleichmäßig damit zu bestreuen. Und auf die wolligen Häupter der kettenbelasteten Neger legte er hin und wieder ein Blatt, und ebenso auf die schlappen Filzhüte ihrer Henker; dann wieder eins auf eine blutrünstige Schulter, und ein anderes zwischen die Ohren eines Pferdes oder auf die hochgethürmte Last eines Packthieres. Auch auf die verhüllenden Tücher der beiden Mädchen streute der Lufthauch die herbstlichen Gaben, allein sie glitten von denselben ab, wie kennzeichnend, daß unter der bergenden Hülle Herzen schlugen, die unempfindlich geworden gegen Trostesgründe und an welchen ermuthigende Worte abprallten, wie der Ball eines spielenden Kindes an senkrechtem Gemäuer. – Eine Viertelstunde war verstrichen, als der Trauerzug auf eine Lichtung gelangte, welche einst eine Farm gewesen, später jedoch wieder aufgegeben und als abgelegenes Feld betrachtet und bearbeitet worden war. Jetzt schien es vollständig vergessen zu sein, offenbar, weil der unheilvolle Krieg dem Lande die Arbeitskräfte entzogen hatte. Nur ein alter Brunnen auf der Mitte der mit Unkraut überwucherten Lichtung deutete noch auf die Lage des verschwundenen Gehöftes, während einige verwilderte Baumwollstauden von der Art der späteren Benutzung des vergessenen Feldes erzählten. Schweigend lenkte Mullan auf den Brunnen zu, wo zwei an Leinen gepflöckte Pferde die von den Kundschaftern zum Lager auserkorene Stelle bezeichneten. Nicht weit von dem Brunnen lag eine erschossene Kuh, welche unstreitig aus dem nächsten angebauten Distrikt heimlich entführt und hier auf die einfachste Art geschlachtet worden war. »Ein gutes Stück Fleisch,« bemerkte Mullan im Vorbeireiten, indem er einen gleichgültigen Blick auf das von seinem Besitzer gewiß nicht zum Schlachten bestimmte Thier warf; gleich darauf stieg er vom Pferde. Seinem Beispiel folgten die andern Räuber, und es entwickelte sich schnell reges Leben auf der verödeten Lichtung. Mehrere Männer übernahmen es, die Pferde abzusatteln und zu pflöcken; andere begaben sich mit Axt und Messer an die Arbeit, die Kuh zu zerlegen; wieder andere zündeten in bestimmten Entfernungen von einander mehrere Lagerfeuer an, während die übrigen die lange Kette der Neger im Halbkreise lagern hießen, so daß sie das ihnen verabreichte rohe Fleisch auf den vor sie hingeschobenen Kohlen zu rösten vermochten. Nur von den beiden Enden der Kette wurden je zwei zusammengefesselte Farbige losgeschlossen, mit welchen sich einige Männer nach der nahen Waldung begaben, um daselbst ihre Rücken mit trockenem Holze zu beschweren und sie als Lastthiere zu benutzen. Magnolia und Bella hatten ihre abgesonderte Stelle nahe beim Brunnen angewiesen erhalten, wo sie sich in der Nachbarschaft Mullans und seiner Genossen befanden. Gefesselt waren sie nicht – die einzige Rücksicht, welche man ihnen zollte – dagegen hätten sie in eisernen Banden nicht sicherer gefangen gehalten werden können, als unter den verlangenden Blicken der sie bald heimlich, bald offen eifersüchtig bewachenden Räuber. – Nach Ablauf einer Stunde stellte sich eine gewisse Ruhe in dem Lager ein. Alle, bis auf Magnolia und Bella, hatten gegessen und getrunken; Jeder hatte sich eine Stätte hergerichtet, auf welcher er die Nacht zuzubringen gedachte. Die Neger unterhielten sich mit gedämpfter Stimme und kühlten sich gegenseitig mit dem ihnen verabreichten Wasser die wunden Rücken und die von Dornen und scharfem Gestein zerrissenen Füße, wogegen bei den verschiedenen Gruppen der Räuber die Pfeifen brannten, die Whiskyflasche kreiste und die jüngsten politischen Ereignisse in einer ihrem Charakter entsprechenden Weise erörtert wurden. Die Sonne sank eben in die westliche Waldung hinab, als Mullan, aufgebracht über das störrische Schweigen der beiden Mädchen und weil sie die Speisen unberührt stehen ließen, die kurze Strecke, welche ihn von denselben trennte, auf den Knieen zurücklegte und sich nachlässig zwischen sie warf. Mit einem wüsten Griff riß er die Tücher von ihren Häuptern; aber als hätte das Entsetzen, welches sich nach dieser rohen Handlung in den Zügen der verzweifelnden Mädchen so ergreifend ausprägte, sein verhärtetes Gewissen geweckt, hob er mit einer gewissen vertraulichen Höflichkeit an: »Ihr seid rechte Kinder; besäßet Ihr nur eine Probe von Menschenverstand, so würdet Ihr begreifen, daß Eure Lage nicht schlimmer ist, als Ihr von Rechtswegen erwarten dürft. Haben dumme Träume über Gleichberechtigung der farbigen Menschen mit den Weißen Eure Köpfe verrückt, so ist das nicht meine Schuld; ebensowenig kann es mir zur Last gelegt werden, daß in Euren Adern afrikanisches Blut fließt. Bei Gott, meine schöne Magnolia, und schimmerte Deine Atlashaut so weiß, wie frisch gefallener Schnee, und zeigten die zierlichen Nägel Deiner schönen Hände auch nicht den leichtesten Negerschatten mehr, so wärest und bliebest Du doch immer eine Farbige, also ein Stück verkäuflicher Waare. Daß Ihr Beide früher frei gewesen seid, kommt heute nicht mehr in Betracht; Ihr seid eben Kriegsbeute, und wie ich ein erbeutetes Pferd verkaufe, so kann und werde ich über Euch in ähnlicher Weise verfügen – ich hoffe, Ihr seht das ein und sucht nicht, wer weiß was für ungereimte, lächerliche Grundsätze geltend zu machen.« Er harrte auf eine Entgegnung; als die beiden Mädchen aber fortgesetzt ein dumpfes Schweigen beobachteten, von den zechenden Genossen dagegen spöttisches Lachen zu ihm herüberdrang, fuhr er entrüstet und in einer ihm geläufigeren, höhnischen Weise fort: »Ihr schweigt? Gut, ich kann euch nicht zum Sprechen zwingen, allein das schwöre ich, so wahr ich Mullan heiße, bevor noch fünf oder sechs Tage vergangen sind, werdet Ihr dem grimmigen, verhaßten und gefürchteten Mullan schmeicheln, ihn liebkosen und auf Euren Knieen anflehen, Euch zu behalten, anstatt Euch über's Meer fortzuschicken und dafür einen recht schönen Preis in die Tasche zu stecken. Verdammt! Ihr seid eben so gut, wie baares Geld, doch wozu hilft mir das Geld, wenn mein Herz krank ist nach Eurem Besitz, krank nach Dir, Du weiße Magnolienblüthe, und krank nach Dir, Du schönste aller braunen Weiber, die jemals unter den Hammer eines Auctionators kamen.« Bei den letzten Worten, welche Mullan offenbar unter dem Einflusse unmäßig genossener, berauschender Getränke sprach, versuchte er es, Bella an sich zu ziehen. Kaum aber hatte er mit seiner ausgestreckten Hand deren Hals berührt, als das Mädchen, wie von elektrischem Feuer durchströmt, mit der Gewandtheit einer Pantherkatze das Messer aus seinem Gurt riß und einen heftigen Stoß nach ihm führte. Hätte Bella nicht auf der Erde gesessen, würde Mullans Laufbahn hier wahrscheinlich ihr Ende erreicht haben; so aber, da sie in ihrer freien Bewegung gehemmt war und Mullan, ohne aufzuspringen, blitzschnell auswich, traf das Messer nur den Aermel seiner Jacke, welchen es vom Handgelenk bis zum Ellenbogen aufschlitzte. Todtenstille war nach dieser raschen Handlung eingetreten. Mullans Genossen blickten neugierig zu ihrem Führer hinüber, welchen sie, bei der Widersetzlichkeit einer Farbigen, in eine gefährliche Raserei ausbrechen zu sehen erwarteten. Von diesem wendete sich ihre Aufmerksamkeit den beiden Mädchen zu, die mit einer gleichsam geisterhaften Ruhe dasaßen, bereit, mit Freuden den Tod zu begrüßen, wenn er auf Bella's Angriff von dem wüthenden Rebellen schmerzlos und schnell herbeigeführt werden sollte. Mullan mochte dergleichen ahnen, denn seine thierische Wuth gelangte nur in einem drohenden Hohnlachen zum Ausbruch. »Goddam, meine schöne Tigerin!« rief er schäumend aus, und wie um sich zu beruhigen, strich er mit der Hand über seinen glänzend schwarzen Bart, »es wäre mir ein Leichtes, Dich mittelst eines Lassos zu entwaffnen und sammt Deiner hoffärtigen Genossin an den nächsten Baum aufhängen zu lassen, allein ich will nicht übereilt handeln. Zu was sollten mir Eure schönen Körper helfen, wenn sie todt und starr wären? Ha, zur Freude und zur Lust sollt Ihr mir dienen und schließlich dennoch eine hübsche runde Summe eintragen, und darum allein werden Eure Rücken nicht so gezeichnet, wie Ihr es verdient! Aber ich warne Euch, treibt mich nicht zum Aeußersten. Das Messer magst du behalten, mit Güte würdest Du es ohnehin nicht herausgeben; ebenso bleibt Ihr, trotz Eurer Böswilligkeit, ungefesselt; sollte Euch indessen die Lust anwandeln, zu entfliehen, so versucht es nur. Bei der ersten Bewegung, welche Ihr macht, gebe ich meine Ansprüche an Euch undankbaren Geschöpfe auf, und mögen sich Diejenigen in Euch theilen, die Euch wieder einfangen!« Ein schallendes Gelächter aus dem Kreise seiner Untergebenen lohnte Mullan für die geschickte und unblutige Wendung, welche er dem drohenden Ereigniß gegeben hatte; die beiden Mädchen aber sanken in sich zusammen, als habe die letzte Spur von Lebenskraft sie verlassen. »Bella, Du wirst mich nicht der Schande, der Schmach anheimfallen lassen,« flüsterte Magnolia, die Augen starr auf die sich verzweiflungsvoll ineinander ringenden Hände geheftet. »Nun und nimmermehr,« antwortete Bella finster und entschlossen, und die Flügel ihrer sanft gebogenen Nase zitterten, während die breite Klinge des Messers unter dem unbewußten Drucke der schmalen braunen Hand dicht neben ihr bis an den Griff in den Rasen eindrang, als sei das kalte Erdreich des verbrecherischen Sklavenräubers Brust gewesen. Das Blut ihrer afrikanischen Voreltern war in Wallung gerathen; es kochte unter der eine sengende Gluth ausströmenden Empörung ihres sittlichen Gefühls. Da tönte aus dem Walde das jauchzende Kläffen eines Prairiewolfs herüber, welches alsbald in entgegengesetzter Richtung langgedehnt und klagend beantwortet wurde. »Der Satan führt die Prairiewölfe noch bis an den Atlantic,« bemerkte Mullan, forschend nach einer Gelegenheit, in einer oberflächlichen Unterhaltung seinen feindlichen Zusammenstoß mit der Mulattin zu vergessen. »Die Bestien wittern die Schlachtfelder,« entgegnete nachlässig ein auf dem Rücken liegender Räuber, »'s sollte mich nicht wundern, wenn Schakals und Hyänen über's Meer kämen, um eine gute Mahlzeit hier zu halten.« Damit waren die Prairiewölfe, deren Erscheinen in den östlichen Waldungen einen kundigen Jäger mindestens befremdet hätte, beseitigt und die allgemeine Aufmerksamkeit wendete sich wieder andern Dingen zu. Die Mulattin dagegen, wie durch das jauchzende Geheul von ihrem Kummer vorübergehend befreit und von Heimweh nach dem sichern Westen erfüllt, neigte das Haupt tief auf die Brust. Das Gefühl des Hasses und der Rache schien plötzlich in ihr erstorben zu sein, denn die um den Griff des Messers geschlossene kleine Faust erschlaffte, zwei große Thränen rollten über ihre braunen Wangen. »Willing, Walebone,« flüsterten ihre Lippen leise, selbst für Magnolia waren die Worte kaum hörbar; die Blicke Beider schweiften besorgnißvoll über die zechende Bande der Sklavenräuber, die ihnen so furchtbar erschien, als ob sie mit gewöhnlichen menschlichen Mitteln gar nicht zu überwältigen wäre. »Sie werden unterliegen,« lispelte Magnolia, und ein Schauder erschütterte ihr schlanke Gestalt. »Still und traure,« ermahnte Bella ängstlich; worauf sie die von Mullan zur Seite geworfenen Tücher nahm und eines davon Magnolia darreichte. »Seid ja verdammt lebhaft geworden, Kinder!« rief fast gleichzeitig Mullan herüber, der diese Bewegung bemerkt hatte. »Stellt in Gedanken wohl gar Vergleiche zwischen uns an?« Ein teuflisches Gelächter folgte der rohen Anrede; bevor es aber noch verhallte, hatten die beiden Mädchen die Tücher über sich geworfen, und sich eng aneinander schmiegend, suchten sie klopfenden Herzens sich gegenseitig zu trösten und zu ermutigen. Der Plan, am folgenden Morgen früh aufzubrechen, vielleicht auch die Wirkung des Whisky, veranlaßte die Räuber, bald die nächtliche Ruhe zu suchen. Um zwei Feuer lagerten sie im Kreise und nach kurzer Zeit waren sie in einen festen Schlaf gesunken. Fünf Mitglieder der Bande blieben munter, um die erste Wache zu übernehmen. Zwei derselben setzten sich in die Nähe der beiden Enden der Kette der Neger nieder. Ein dritter kauerte sich einige Schritte von Magnolia und Bella ins hohe Gras, sodaß die beiden Mädchen sich zwischen ihm und dem für sie in Brand gehaltenen wärmenden Feuer befanden. Die letzten beiden dagegen wanderten ab und zu, hielten sich indessen vorzugsweise bei den Pferden auf, die in weiterem Umkreise an langen Leinen gepflöckt weideten. Achtundzwanzigstes Capitel. Der Ueberfall. Tiefe Stille herrschte im Lager der Sklavenräuber. Die Feuer knisterten, und zu diesem einschläfernden Geräusch gesellte sich das rauhe Schnarchen der schlafenden Rebellen und das schmerzliche Stöhnen des einen oder des andern Negers, der vergeblich in einem wohlthätigen Schlummer Vergessenheit für seine hoffnungslose Lage suchte. Da erschallte wieder das Jauchzen der Prairiewölfe, welche, allmälig kühner geworden, das Lager in engeren Kreisen umschlichen und nach leicht zu erlangender Beute spähten. Doch die Ohren gewöhnten sich sehr bald an das im Grunde harmlose Geräusch, und das wiederholte Kläffen rief zuletzt keine größere Unruhe hervor, als das Knacken der angekohlten zerspringenden Holzstücke oder der weiße Rauch, welcher über den verschiedenen Feuern in die nächtliche Atmosphäre emporstieg und sich dort zu einer der sanften Luftströmung träge folgenden Wolke vereinigte. Da raschelte es nur wenige Schritte hinter dem die beiden Mädchen bewachenden Rebellen im hohen Grase. Dieser sprang empor und spähte scharf um sich. Plötzlich glaubte er eine Bewegung in dem schwarzen Gestrüpp zu entdecken, und bedächtig hob er den Revolver empor. Er mochte indessen erwägen, daß ein marodirender Wolf kein hinreichender Grund sei, das Lager aufzustören, denn er schob die Pistole wieder in seinen Gurt, worauf er einen glimmenden Feuerbrand herbeiholte und dahin schleuderte, wo er die Bewegung bemerkt zu haben glaubte. »Hol' der Teufel die hungrigen Bestien!« rief er dem kreiselnden und Funken sprühenden Holzscheit nach. Ein leises Huschen folgte, ein im Entstehen kurz abgebrochenes Kläffen erschallte, und dann war es wieder still. Einige Köpfe hatten sich verschlafen emporgerichtet, um ebenso schnell zurückzusinken, nachdem man sich von der Ursache der Störung überzeugte; die Schildwachen legten neues Holz auf die niedergebrannten Gluthhaufen, um durch die emporlodernden Flammen die Wölfe zurückzuscheuchen, und kaum beachtete man ferner noch das Jauchzen und die gelegentlichen Bewegungen derselben. Plötzlich drang das heftige Stampfen in's Lager herüber, mit welchem einzelne, offenbar geängstigte Pferde an ihren Leinen zerrten und sich loszureißen trachteten. »Halloh! Geht hinüber und feuert einen Schuß auf die Bestien, oder der Teufel holt die Pferde!« rief Mullan den bei den Negern aufgestellten Schildwachen zu, und den Kopf verschlafen senkend, schnarchte er weiter. Die beiden Schildwachen erhoben sich und warfen einen prüfenden Blick auf die im Schatten einiger Stauden und Büsche fast verschwindende Reihe der Sklaven. Von keinem wärmenden Strahl ihrer Kochfeuer getroffen lagen die Unglücklichen zusammengefesselt da; jeder Einzelne hätte, um zu entfliehen, alle seine Gefährten nachschleppen müssen. Unbesorgt eilten die beiden Schildwachen daher nach der Richtung hinüber, aus welcher sie noch immer das Stampfen der erschreckten Pferde vernahmen und die Stimmen der Genossen, welche die geängstigten Thiere zu beruhigen suchten. Außer dem bei Magnolia und Bella wachenden Räuber, der eben damit beschäftigt war, eine Pfeife anzuzünden, rührte sich jetzt nichts mehr in der Nähe der Feuer. Alles lag still und friedlich da; ein gewisses Sicherheitsgefühl, entsprungen aus dem Bewußtsein, durch weite Entfernungen von den siegreich vorrückenden nördlichen Streitkräften getrennt zu sein, hielt Jeden umfangen. Keiner ahnte, daß sich unter der nur wenig auffälligen Bewegung ihr schon seit vielen Tagen auf eine günstige Gelegenheit harrendes Verderben vorbereiten könne. Nur mühsam gelang es den vereinigten Kräften der vier Männer, die aufgeregten Pferde zu beruhigen. Während sie zu dem einen sprachen, zerrten drei andere, von scharfen, pfeilartig ausgearbeiteten und von geübten Händen abgeschossenen Stäbchen in die Weichen getroffen, an den Leinen, als hätten sie sich die Halswirbel ausrenken wollen. Sie waren noch, unter wilden Flüchen auf die hinterlistigen Wölfe, mit ihrer nutzlosen Arbeit beschäftigt, da kroch aus dem nahen Gestrüpp, ähnlich einer riesenhaften Schlange oder einem seine Beute umschleichenden Panther, ein schwarzer Schatten auf die lebendige Kette der Neger zu. Gleich darauf streifte ein wolliges Haupt behutsam das Gesicht des nächsten Sklaven, der, an der Berührung einen Farbigen erkennend, anstatt zu erschrecken, den vermeintlichen Leidensgefährten fragte, wie es ihm gelungen sei, seine Lage zu verändern. »Still, wenn euch mein und Euer Leben lieb ist,« antwortete Walebone, seine Lippen dicht an des Sklaven Ohr legend, »theile Allen sogleich mit, sie sollten befreit werden, aber vorsichtig und schnell, keine Minute ist zu verlieren.« Der Neger, fast athemlos vor Erstaunen, kehrte das Haupt nach rechts und flüsterte seinem Kameraden zu, daß Hülfe nahe sei und man nicht durch eine unabsichtliche Bewegung den Weg zur Flucht abschneiden möge; dann flüsterte er dieselben Worte nach links, wo sie ebenfalls unhörbar weiter getragen wurden, während er selbst wieder dem unverhofften Retter sein Ohr lieh. »Kennst Du das?« fragte Walebone den armen, vor Erwartung bebenden Burschen leise, indem er ihm ein kleines, seltsam geformtes Eisen in die ungefesselte Hand schob. »Ein Schlüssel zu den Schellen,« hauchte der Neger. »Versuche, ob er schließt.« Der Neger schob das Eisen mit dem seltsam eingekerbten Bart in die Oeffnung des Armringes, welche durch die beiden in einander greifenden Hälften hindurchreichte, und gleich darauf ertönte das leise Klirren der nachgebenden Feder, durch welche die beweglichen Hälften zusammengehalten wurden. »Ich bin frei,« hauchten die bebenden Lippen des Negers; denn da die lange Kette blos durch den großen Mittelring der zwei und zwei Sklaven vereinigenden kurzen Ketten lief, so brauchte nur immer ein Armring geöffnet zu werden, um jedesmal einen Gefangenen auf freien Fuß zu setzen. »Schließt ein Schlüssel alle, oder sind die Schellen aus verschiedenen Fabriken?« fragte Walebone weiter. »Ein Schlüssel für alle gut,« hieß es zurück. »So gieb weiter, schnell und warne vor Unvorsichtigkeit. Keiner darf sich rühren, bevor das Zeichen zum Angriff gegeben ist, oder die beiden Frauen sind verloren; dann aber schlagt Alles nieder.« Nach diesen Worten kroch Walebone wieder behutsam zurück. Durch die Reihe der gefangenen Neger aber lief es, wie ein electrisches Feuer; der eben noch abgestumpfte Geist, der nichts mehr dachte, nichts mehr hoffte, begann sich von neuem zu beleben, und mit ihm erwachten der alte Scharfsinn und die List, die man längst in den gräßlich mißhandelten Leuten für erstorben gehalten hatte. Leise wanderte der Schlüssel von Hand zu Hand; wie die Maus das Netz des gefangenen Hirsches zernagte, so öffnete hier das unscheinbare Instrument die eisernen Maschen des aus lebenden menschlichen Gliedern bestehenden Gewebes. Hin und wider klirrte wohl eine Kette oder schlugen ein paar Schellen leicht an einander, aber ebenso schnell ertönte ein schmerzliches Wimmern oder ein wie im Schlafe ausgestoßener dumpfer Ruf, um das gefährliche Geräusch zu umhüllen und weniger auffällig zu machen. Und so ging der Schlüssel weiter über die schwarzen Leiber fort ganz nach dem einen Ende hin und wieder zurück nach dem andern, und keine Hand verließ er, welcher er den Dienst versagt, keine Fessel, die er nicht geöffnet hätte. Kein Wort wurde dabei gewechselt, kein Glied veränderte seine Lage; aber unheimlich entwanden sich die lang gedehnten Athemzüge den gepreßten Lungen; selbst die erzwungene Regungslosigkeit trug einen eigenthümlich drohenden Charakter. Da huschte es wieder auf der anderen Seite des Lagers hinter der einsamen Schildwache, die zum Schutze gegen die Kälte eine gestreifte mexikanische Decke um die Schultern geworfen hatte. Der Posten legte die Hand an die in seinem Gürtel steckende Schußwaffe und spähte, ohne seinen Sitz zu verlassen, rückwärts. Nur wenig Ellen von ihm bewegte sich ein weißer, unförmlicher Gegenstand durch das Gestrüpp. Einen Fluch zwischen den Zähnen murmelnd, erhob er sich und einige lange Schritte brachten ihn schnell dahin, wo der weiße Gegenstand noch immer sichtbar. Mit vorgehaltener Pistole und scharf spähend neigte er sich nach vorne. Da vernahm er wieder eine leichte Bewegung hinter sich; hastig kehrte er sich um, doch was zwischen ihn und die gefangenen Mädchen getreten war, erkannte er nicht mehr, denn er fiel mit einem tiefen Seufzer der Länge nach in's Gras, wo er regungslos liegen blieb. Einzelne Räuber waren durch den schweren Fall aus dem Schlafe gestört worden und richteten sich halb empor, doch sanken sie wieder zurück, sobald sie die in die mexikanische Decke gehüllte Schildwache aus dem Dunkel auftauchen und bei den Mädchen Platz nehmen sahen. Hätten sie aufmerksamer hinüber gespäht, dann wäre ihnen vielleicht aufgefallen, daß der Genosse, der kaum zwanzig Schritte weit von ihnen saß, den Glanz des Feuers mied und mit einer gewissen Aengstlichkeit die Decke über sein Gesicht bis an den Rand des schlappen Filzhutes hinaufzog. Vielleicht hätten sie auch bemerkt, daß derselbe, indem er mit dem linken Arm die Decke aufbauschte, mit der rechten Faust eine geröthete schmale und sehr spitze Messerklinge an seinen Mokassins abwischte, bevor er sie in die Scheide schob. Sie hätten ihn auch wohl angeredet und wären aufgestanden, um sich von der Ursache seines geheimnißvollen Schweigens zu überzeugen, und hätten gewiß ihren Sinnen nicht getraut, wenn sie unter der gestreiften Decke und dem Filzhut einen in Roth gekleideten indianischen Krieger entdeckten. Die eigentliche Schildwache dagegen, welche Brise-glace ablöste, hatte sich abseits zu einem Schlafe hingestreckt, von welchem es kein Erwachen mehr gab, und neben ihr kauerte Willing, der nur auf das Signal harrte, seinem unglaublich listigen und gewandten indianischen Gefährten dessen Büchse darzureichen und vereinigt mit ihm handelnd aufzutreten. Die Pferde, immer wieder auf's neue geängstigt, tobten unterdessen in einer Weise, daß die bei ihnen beschäftigten Männer sich endlich entschlossen, sie näher an das Lager heranzubringen. Laut und eifrig sprachen sie zu einander; ihre Stimmen drangen gleichsam beruhigend zu den sorglos schlafenden Gefährten herüber, welche ihnen lieber, als sich selbst die unbequeme Arbeit gönnten. Magnolia und Bella aber lauschten unter ihren Tüchern und Decken bangen Herzens auf die in der Ferne gewechselten Worte; Furcht und Hoffnung erfüllten sie, jedes neue Geräusch machte ihre Pulse stocken. Selbst die Bewegung ihres Wächters, sein Sturz und seine Rückkehr zu ihnen brachten sie in Beziehung zu den Plänen ihrer Freunde, obwohl sie nicht ahnten, wie ihre Befreiung bewirkt werden würde. Da fühlten sie an der ihnen als Lagerstätte dienenden Decke ein leises Zupfen; sie deuteten es als eine ernste Mahnung zur Vorsicht, und behutsam zogen sie die Tücher weit genug von ihren Häuptern zurück, um den sie bewachenden Mann, welchen sie für bestochen hielten, beobachten zu können. Kaum aber hatten sie einen Blick auf denselben geworfen, als Schreck und Erstaunen ihnen fast die Besinnung raubten, denn anstatt in das Gesicht eines bärtigen Weißen zu schauen, sahen sie die funkelnden Augen eines wild bemalten indianischen Kriegers auf sich gerichtet, der, theils beschattet durch die Decke, theils beleuchtet von den auf dem Gluthhaufen tanzenden Flämmchen, ihnen vertraulich zunickte. Leicht begriffen sie, daß der geheimnißvolle Unbekannte bei dem Befreiungswerke betheiligt sei, und ermuthigt fühlten sie sich, als derselbe, Vorsicht und Schweigen gebietend, die Hand auf seinen Mund legte und demnächst mit dem Daumen rückwärts über seine Schulter wies. Da kläffte wieder der Prairiewolf auf derselben Stelle, auf welcher Willing sich niedergekauert hatte. Es galt den um das Lager zerstreuten Freunden als Signal, daß alle Vorbereitungen beendigt seien. Mullan fuhr auf das Jauchzen des Wolfs wild empor. »Schießt auf die verdammten Bestien, oder sie verzehren unseren ganzen Fleischvorrath vor Euern Augen!« rief er aus. Ein Büchsenschuß dröhnte von der Lichtung herüber, gleich darauf vernahm man den tollen Galopp mehrerer Pferde, deren Leinen von den umherschleichenden Omahas durchschnitten worden waren und die nunmehr, auf dem Gipfel ihrer Angst, das Weite suchten. Das Geräusch der fliehenden Thiere aber trieb die von den Wächtern gehaltenen förmlich in Raserei, und mit vollster Wucht ihren Kameraden nachstürzend, gelang es ihnen leicht, die Leinen den Händen der Männer zu entreißen und dadurch deren Verwirrung auf's Höchste zu steigern. »Wer hat geschossen? Haltet die Pferde! Zu Hülfe! 's geht nicht mit rechten Dingen zu!« tönte und gellte es in's Lager hinein. Mullan und seine Genossen sprangen verstört empor; wähnend, einen Besuch von Pferdedieben erhalten zu haben, griffen sie zu den Waffen, worauf sie in die Nacht hinein stürmten. Nur sechs Männer blieben zurück, diese aber, welchen der Verlust der Pferde Alles bedeutete, ahnten nicht, daß, während sie ihre ungetheilte Aufmerksamkeit der weiteren Umgebung zuwendeten, sich hinter ihnen in dem stillen Lager ihr Verderben vorbereiten könne. Wenige Minuten verrannen, diese aber entschieden über das Geschick aller Gefangenen. Walebone war nämlich wieder zu den Negern herangeschlichen, und nachdem er dem nächsten zugeraunt: »Los jetzt, mein Herzchen, und auf Wiedersehen am Flusse,« verschwand er in dem nahen Gestrüpp. Da rasselten und klirrten die Ketten, und als die Räuber sich auf das Geräusch umkehrten, sahen sie eine Schaar halbnackter, zerlumpter Gestalten, welche, Pfähle und Feuerbrände schwingend, mit furchtbarem Wuthgeheul auf sie einstürmten. »Verrath! Zu Hülfe!« schrieen sie entsetzt, und vier oder fünf Schüsse krachten unter die Andringenden. Ein Neger stürzte laut aufkreischend zu Boden, doch anstatt durch dessen Fall entmuthigt zu werden, schien sich eine Art Tollwuth der Uebrigen zu bemächtigen, denn bevor die Rebellen Zeit gewannen, zum zweiten Male von ihren Waffen Gebrauch zu machen, waren sie umzingelt, und unter den von glühendem Rachedurst geführten Fäusten sanken sie mit zerschmetterten Schädeln und Gliedern, förmlich zerfleischt und zerrissen unter die Füße der Rasenden. Zweien gelang es zu entschlüpfen. Dem einen, der, von panischem Schrecken ergriffen, nicht daran dachte, Widerstand zu leisten und sogleich davonrannte, und dem Andern, der in der wohlüberlegten Absicht, den kostbarsten Theil der Beute zu retten, nach der Stelle hinsprang, wo er die beiden Mädchen unter der Obhut seines Genossen wähnte. Dort aber sengten nur noch die losen Decken auf dem Feuer, wohin Brise-glace sie geworfen hatte, um durch Ersticken der Flammen seinen Feinden die Möglichkeit zu rauben, von ihren Schußwaffen sicheren Gebrauch zu machen. Als er bei dem Feuer eintraf, bemerkte er nur noch das Flattern der Kleider der in der Dunkelheit verschwindenden Gefangenen. »Steh, oder ich schieße!« rief er ihnen zu, in der Hoffnung, dadurch, daß er sich ihrer bemächtigte, eine Art Schild gegen die wüthenden Neger zu gewinnen. »Steht, oder Ihr seid des Todes!« rief er zum zweiten Male, als seiner ersten Aufforderung keine Folge gegeben wurde, worauf er den Fliehenden nachsetzte. Da strauchelte er über einen weichen Gegenstand; es war die Leiche seines Genossen; die erste Berührung mit derselben löste ihm das Räthsel, und wie von einer Bogensehne geschnellt, sprang er empor. Bevor er indessen das Gleichgewicht wieder erlangte, traf ihn des Jova's Kriegsbeil bis in's Gehirn hinein, ihn lautlos neben seinen todten Kameraden bettend. Unheimlich hallte jetzt Brise-glace's Kriegsruf über das Lager und die Kampfesstätte hin; unheimlich antworteten der Mestize und die Omahas auf verschiedenen Punkten der Lichtung. Es war das Signal, daß der Ueberfall vollständig gelungen sei und man nunmehr, um sich gegen Verfolgung zu schützen, schleunigst die Flucht zu ergreifen habe. In den befreiten Sklaven hatten die Jäger zwar eine namhafte Verstärkung gewonnen, da dieselben aber, selbst wenn sie Waffen besessen hätten, schwer zu lenken und zu zügeln gewesen wären, andererseits die Sicherheit der beiden Mädchen die äußerste Wachsamkeit erheischte, so kam es zunächst darauf an, einen möglichst großen Zwischenraum zwischen sich und Mullan zu legen. Der Sorglosigkeit der Sklavenräuber verdankten sie es überhaupt allein, daß bisher Alles glückte; die Verwirrung, in welche der plötzliche Ueberfall ihre Feinde stürzte, war ein zu mächtiger Bundesgenosse für sie geworden, der ihnen indessen nur so lange treu blieb, bis Mullan und die Seinigen sich überzeugt hatten, daß sie ihren listigen Angreifern – die Neger natürlich abgerechnet – mindestens eine doppelte Zahl von Streitern entgegenzustellen vermochten. Zu ihrer rasenden Wuth gesellte sich außerdem ein glühender Rachedurst und endlich das Bewußtsein: auf viele Tagereisen weit im Umkreise nur von Gesinnungsgenossen umgeben zu sein, welchen es voraussichtlich einen hohen Genuß gewährte, mit zur Vernichtung der kleinen verwegenen nordstaatlichen Guerillabande beizutragen. – Mullan hatte nicht sobald eingesehen, daß es zur Rettung der ihm abgejagten Pferde zu spät sei, als er mit brüllender Stimme seine Genossen sammelte. »Keinen Schuß abgegeben, ohne daß Ihr Eures Mannes gewiß seid!« schrie er den Herbeieilenden zu, »auseinander mit Euch, auseinander mit Euch!« fügte er gleich darauf hinzu, als er die Kugeln der Omahas um sich herum pfeifen hörte; »gebt Zwischenraum oder sie schießen euch zusammen, wie die Kaninchen!« So seine Bande im Zaume haltend, näherte er sich dem Lager, um dort inmitten der aufgestapelten Sättel und Ballen festen Fuß zu fassen. Den ganzen Umfang des Mißgeschicks, welches ihn betroffen hatte, ahnte er indessen immer noch nicht. Selbst die nach Waffen umherstöbernden und unter Willing's und Walebone's Leitung sich auf dem Landwege sammelnden Neger entgingen seinen Späheraugen, indem dieselben alle Feuer auseinander gerissen und getödtet hatten und sich daher kaum noch als dunklere Schatten von den vereinzelt wuchernden Büschen auszeichneten. »Hölle und Verdammniß!« rief er endlich wuthschnaubend aus, sobald er inne wurde, daß ihm von seiner Beute nichts geblieben war, und die Leichen seiner erschlagenen Genossen ihm die Stelle bezeichneten, auf welcher der kurze Kampf stattgefunden hatte. »Alles ist zum Teufel! Aber die Mädchen! Wo sind die Mädchen? Ihnen nach! Wer sie einfängt, mag sie als Beute behalten!« Und den Umstand benutzend, daß die Indianer ihr nutzloses Schießen eingestellt hatten, stürmte er in der Richtung davon, in welcher er Magnolia und Bella einzuholen hoffte. An ihn aber schlossen sich, ähnlich einer wüthenden Meute, geführt von einem unfehlbaren Schweißhunde, brüllend und heulend seine Genossen an, deren wilde Zügellosigkeit durch jenes Versprechen in blinde Raserei verwandelt worden war, so daß sie durch einen hundertfachen Tod gegangen wären, ohne sich um die Folgen oder die sie umringenden Gefahren zu kümmern. Unaufhaltsam eilte die finstere, verbrecherische Schaar auf dem über die Lichtung führenden Wege dahin; unaufhaltsam nach der Richtung, aus welcher das Stampfen schwerer fliehender Füße und das gelegentliche Aufjauchzen der sich ihrer Freiheit bewußten Neger herüberschallten, und schnell näherten sie sich der vor dem gestirnten Himmel abhebenden Waldmauer, in welche der Weg einbog. Doch auch die Verfolgten vernahmen die Annäherung ihrer Feinde, und ohne ihre Flucht einzustellen, traten sie seitwärts in das bergende Gestrüpp, wo ihre Gestalten mit den sie umgebenden Schatten zusammenfielen. Auf diese Weise gelangten die Sklavenräuber eine Strecke weit zwischen die zerstreut Fliehenden hinein, als Mullan plötzlich die beiden Mädchen zuerkennen glaubte, die, von zwei Männern unterstützt, gerade in den Wald eintraten. »Steht, verfluchte farbige Hexen!« brüllte er, vor unbezähmbarer Leidenschaft seiner Sinne kaum noch mächtig; »Steht, oder –« Entsetzt fuhr er zurück; von den Fliehenden war Einer stehen geblieben, ihn, oder vielmehr einen ihm zuvorgekommenen Genossen erwartend. Bis auf kaum vier Schritte ließ jener diesen herankommen, worauf er ihn durch einen Pistolenschuß niederstreckte. Das Aufblitzen des Pulvers aber hatte Mullan ein Gesicht gezeigt, welches er längst im Tode erstarrt glaubte, das Gesicht des deutschen Unionssoldaten, welchen er gefesselt in den Keller des zerstörten Hauses eingesperrt hatte. »Der Deutsche!« rief er mit einem Ausdruck, als ob der Geist eines von ihm schändlich Gemordeten vor ihm aus der Erde gestiegen wäre, und es mangelte ihm die Kraft, die in seiner Faust befindliche Waffe emporzuheben. »Ja, der Deutsche!« rief Eberhard zurück, der seinen Peiniger ebenfalls erkannt hatte, und seine Pistole auf ihn richtend, gab er schnell Feuer. Mullan wankte, fiel aber nicht, indem die Kugel ihm nur den Kopf gestreift hatte, und bevor er seine Besinnung zurückgewann, war Eberhard verschwunden. Der kurze Zeitverlust hatte die ganze Bande in gleiche Höhe mit ihrem Führer gebracht, wo sie, verleitet durch dessen Beispiel und durch die beiden Schüsse in ihrem Vordringen stockte. »Ihnen nach, ihnen nach!« brüllte Mullan plötzlich wieder auf, »hundert Dollars für den Skalp des verfluchten Deutschen!« Das letzte Wort war seinen Lippen noch nicht entflohen, und noch hatte kein Fuß sich gehoben, seiner Aufforderung nachzukommen, als seitwärts von ihm und gedeckt durch Buschwerk und Klettengestrüpp Sans-Bois´ Stimme durch die Nacht erschallte. »Gebt's ihnen, den verdammten Rebellen und laßt keinen entschlüpfen!« rief er laut aus, und jetzt erst erkannten die Räuber die Gefahr, in welche sie sich blindlings gestürzt hatten. Zu beiden Seiten von ihnen erhob sich wieder das indianische Gellen; schwarze Schatten huschten hierhin und dorthin, als ob der ganze Wald voller feindlich gesinnter eingeborener Krieger gewesen wäre, und dazwischen knallten vereinzelte Schüsse, deren Kugeln in dem gedrängt stehenden Haufen der Räuber kaum fehl gehen konnten, während diese nur auf gut Glück und ohne bestimmtes Ziel ihre Büchsen und Pistolen abzufeuern vermochten. In einer so nachtheiligen Stellung und gewissermaßen der Willkür eines unsichtbaren Feindes preisgegeben, verloren selbst die Verwegensten der Rebellen die Ueberlegung. Niemand wußte, wie stark die Feinde waren, welche ihnen gegenüberstanden, Niemand, ob der nächste Schuß nicht ihn selbst zu Boden werfen würde. Das Wuth- und Schmerzgebrüll der Getroffenen diente dazu, die Verwirrung schnell auf den höchsten Gipfel zu treiben; das Gefühl der Selbsterhaltung trat sogar bei Mullan in den Vordergrund, und die Indianer hatten ihre abgeschossenen Büchsen noch nicht wieder geladen, da stürzten die Sklavenräuber, so schnell ihr Füße sie zu tragen vermochten, zurück der vereinsamten Lagerstelle zu. Ohne Säumen schlugen Sans-Bois und seine Jäger darauf die Richtung nach dem Flusse ein, gleichsam die Nachhut der jubelnd vorausgeeilten Neger bildend, und den Schutz der beiden von den Mulatten und Eberhard begleiteten Mädchen. Willing führte Bella, deren Bruder einige Schritte vorausging und den finsteren Waldweg ausspähte. Eine kurze Strecke hinter dem Mulatten und seiner Geliebten folgte Eberhard, mit äußerster Vorsicht Magnolia unterstützend und sie mit warmer Beredsamkeit tröstend und aufrichtend. Magnolia vermochte kaum zu antworten; zu tief hatten die gräßlichen Ereignisse, deren Zeuge sie gewesen, sie erschüttert, zu erdrückend wirkte noch immer die erfahrene unwürdige Behandlung auf ihr Gemüth ein. Sie schien nach den erduldeten Leiden, nachdem ihre Seele sich in Gram und Verzweiflung fast aufgerieben hatte, die neue Wirklichkeit nicht begreifen, nicht fassen zu können. Erst als Eberhard längere Zeit zu ihr gesprochen, alle erdenklichen Gründe zu ihrer Ermuthigung aufgeboten und herbeigezogen hatte und ihre Erstarrung durch einen heißen Thränenstrom gelöst worden war, fand sie Worte, das schüchtern und leise auszudrücken, was sie empfand. »O Charles,« sprach sie innig mit tiefer, gedämpfter Stimme, und fester schmiegte sie sich an Eberhard an, als hätte sie befürchtet, wieder von ihm gerissen und in Mullans Gewalt zurückgebracht zu werden, »daß Du lebst, daß ich Dich bei mir habe, glaube ich jetzt, denn ich höre Deine Stimme und fühle den Druck Deiner Hand, aber kaum wage ich noch, Dich nach alter Weise anzureden, Du Heißgeliebter, nachdem ich eine so schmachvolle Behandlung über mich ergehen lassen mußte. O Charles, wie haben die entsetzlichen Menschen mein Leben vergiftet, indem sie mir vor Augen führten, daß eine unübersteigliche Kluft Dich von der Farbigen, von Deiner armen Magnolia trennt ...« »Sprich nicht weiter, Geliebte,« fiel Eberhard dem zitternden Mädchen tröstend in's Wort, »die Gründe, welche Du vielleicht aufzählen möchtest, sie verschwinden vor meinem festen Willen, der unerschütterlich auf einer unwandelbaren Liebe zu Dir begründet ist. Welches Gewicht haben die Vorurtheile beschränkter oder gar niedrig, unnatürlich denkender Menschen? Und namentlich jetzt, da ich die gerechtfertigste Hoffnung hegen darf, mit Dir dahin zu ziehen, wo man ein Abschätzen nach der Hautfarbe nicht kennt? Du erinnerst an Deine Abstammung, habe ich etwa jemals nach derselben geforscht? Oder hast Du bei unserem ersten Zusammentreffen den elenden gefangenen Unionisten nach Namen und Herkunft gefragt? Hast Du ihn gefragt, als Du selbst eine Gefangene, von innigem Mitleid beseelt, mit Todesverachtung ihm Speisen zutrugst und ihn vor einem entsetzlichen Hungertode bewahrtest? Hast Du mich gefragt, als ich Dir zum ersten Mal die Hand drückte, Dir in die lieben, treuen Augen schaute und eine ewige, unergründliche Liebe in denselben las? Hat Du mich endlich gefragt, welche Zukunft ich dir bieten könne, als Du unter heißen Thränen das Geständniß meiner Liebe entgegennahmst, als Du mir gestattetest, die Betheuerungen Deiner Gegenliebe von Deinen Lippen zu küssen? O Magnolia, Geliebte, nur Minuten waren uns vergönnt, denn ringsum wachten Verrath, Tod und Verderben, aber Minuten, wie sie ein ganzes Leben aufwiegen, wie sie den Sterblichen nur aus dem Jenseits herüber zuzulächeln brauchten, um den Tod als eine freundliche Gabe der Vorsehung zu begrüßen und mit Entzücken willkommen zu heißen. Bei der Erinnerung nun an jene zu flüchtigen, und dennoch so heiligen Minuten frage Dich, ob es auch nur den Schatten einer Entschuldigung dafür giebt, wenn Du auf einen Unterschied in unserer Abstammung hinweisest?« »Es ist wahr, es ist Alles wahr, an was Du mich erinnerst,« schluchzte Magnolia innig und doch nicht frei von einer rührenden Befangenheit, »ich nahm das Geständniß Deiner Liebe entgegen und betheuerte Dir die meinige, weil ich lieber gestorben wäre, als daß ich Dir die Wahrheit vorenthalten hätte. Und dennoch war es vielleicht besser für Dich, wenn ich schwieg – o, wie habe ich in Deiner Seele gelitten, wie fühlte ich mich in Deiner Seele entwürdigt, als ich von den mitleidlosen Menschen in Worten und Behandlung den verkäuflichen Thieren gleich geachtet wurde und dies unter Hinweisung auf einzelne, selbst in den Nordstaaten noch bestehende Gesetze!« »Ha, diese Elenden!« entgegnete Eberhard mit erzwungener Ruhe, »sie waren zu der Behandlung, welche sie Dir angedeihen ließen, ebenso berechtigt, wie der Raubmörder zu dem Leben seines Mitmenschen. Was Du von ihnen erfuhrst, es kann, es darf keinen Stachel in Deiner Seele zurückgelassen haben – doch antworte mir offen, meine treue Magnolia, glaubst Du etwa, ich hätte Dich vergessen, wenn Du mir damals die mich so hoch beglückenden Regungen Deines Herzens verschwiegst? Wähnst Du, ich wäre im Stande gewesen, nachdem ich der grausigen Gefangenschaft entrann, einen anderen Weg einzuschlagen, als denjenigen, welcher mich auf Deine Spuren führte? O, Magnolia, und hätten Deine lieben Augen mir kalt und jede Hoffnung erstickend entgegengestrahlt, hätten Deine Lippen, anstatt mir das beseligende Geheimniß zu verrathen, mich höhnisch zurückgewiesen, ich würde Dir dennoch nachgefolgt sein, würde dennoch alle meine körperlichen und geistigen Kräfte aufgeboten haben, Dich Deinen elenden Peinigern zu entreißen, oder bei dem Versuche Deiner Befreiung unterzugehen.« »Edler, großmüthiger, innig geliebter Charles,« entgegnete Magnolia, und bei der Erinnerung an ihre jüngsten Erlebnisse drohte heimliches Entsetzen sie wieder zu übermannen, »vergegenwärtige Dir meine Lage, meine namenlose Verzweiflung, als sie Dich gefesselt in's Lager führten, als sie Dich, den flüchtigen Unionssoldaten – o, es war grausig! Und ich mußte meine Verzweiflung, selbst die leiseste Spur von Theilnahme für Dich ängstlich verbergen, um Dir nicht noch mehr zu schaden – o, Charles, was habe ich in dieser langen Zeit erduldet? Es war Uebermenschliches, was ein unseliges Geschick von mir forderte! Wachend und träumend sah ich nichts anderes, als Dein Antlitz, Dein liebes Antlitz, kalt und starr und im Tode entstellt, bis ich endlich das zwischen Bella's Verlobten und uns verabredete Signal vernahm und die Hoffnung in mir erwachte, daß sie Dich, indem sie uns nachfolgten, gefunden haben müßten. O, Charles, und jetzt bist Du wirklich bei mir, es ist kein trügerisches Gebilde einer krankhaften Phantasie, und dennoch wollen die entsetzlichen Scenen, deren Zeuge ich gewesen, nicht aus meine Erinnerung weichen!« »Sie werden weichen, meine treue Magnolia, sie werden in demselben Grade weichen, in welchem das Bewußtsein: binnen kurzer Frist mir ganz anzugehören, sich in Deiner Seele befestigt. Die Gefahren aber, welche uns noch umringen, wir werden sie vermeiden oder ihnen siegreich begegnen, denn treue Freunde stehen uns zur Seite –« Wildes Jauchzen tönte vom Flusse herüber, wo die vorausgeeilten Neger eben eingetroffen waren und von dem dort harrenden Redsteel begrüßt und nach dem Ausgange des gefährlichen Unternehmens befragt wurden. Magnolia zitterte, als der tolle Jubel, durch die Entfernung gedämpft, zu ihren Ohren drang, und wie Schutz suchend, schmiegte sie sich fester an Eberhard an. »Aengstige Dich nicht,« bat dieser aufmunternd, »die wiedergewonnene Freiheit ist ein zu unschätzbares Gut, als daß die armen Burschen dieselbe mit ruhiger Ueberlegung hinzunehmen vermöchten; doch sie mahnen mich daran, daß wir bald dort sein werden, wo unsere vertraulichen Mittheilungen vorläufig ihr Ende erreichen.« Hier blieb Eberhard stehen, aufmerksam um sich spähend und lauschend. Sans-Bois war mit seinen Jägern zurückgeblieben. Den Waldweg und die Straße am Flusse wußte er gesichert; er beschränkte sich daher darauf, auszukundschaften, wohin die überlisteten Rebellen sich zunächst hinwenden und zu welchen Mitteln sie in der Verfolgung der ihnen entrissenen Beute greifen würden. Bella und die beiden Mulatten befanden sich so weit voraus, daß deren Stimmen nur noch als gedämpftes Murmeln zu Eberhard und seiner Geliebten herüber drangen. »Du lauschest, was ist es?« fragte Magnolia, nachdem sie sich wieder in Bewegung gesetzt hatten. »Ich überzeugte mich, ob meine Worte, außer von Dir, auch von Anderen verstanden werden könnten,« erwiderte Eberhard, tief aufseufzend, als wäre er im Begriff gewesen, eine unendlich schwere Last auf seine Seele zu laden; »ich muß nämlich ein Geständniß vor Dir ablegen, meine gute Magnolia, Dich um Verzeihung bitten, mich Dir gegenüber einer Täuschung schuldig gemacht zu haben.« Er zögerte wieder einige Sekunden, wie zweifelnd, ob er mit seinen Enthüllungen fortfahren dürfe. Da fühlte er den sanften Druck der kleinen warmen Hand; zugleich schallte das erneute Jauchzen der Neger aus geringerer Entfernung herüber und sein Entschluß war gefaßt. »Du hast mich nur als Charles kennen gelernt,« hob er an, »und Charles bin ich bis heute für Dich geblieben.« »Sage mir, unter welchem Namen Du geliebt sein willst, und den bisher geführten sollst Du nie wieder aus meinem Munde hören,« sprach Magnolia mit rührender Einfachheit. »Ich hatte meine triftigsten Gründe, als Charles zu leben und zu sterben,« versetzte Eberhard leise und mit offenbarem Widerstreben, »seit ich aber mit Jemand zusammentraf, der meinen wahren Namen kennt, ist dies hinfort unmöglich geworden.« »Wie soll ich Dich nennen?« fragte Magnolia schüchtern als Eberhard wieder stockte. Dieser dagegen, anstatt auf die Frage zu antworten, fragte zurück: »Du erzähltest mir mehrfach von einem gewissen Braun, Deinem Wohlthäter; entsinnst Du dich etwa, in dessen Hause einen Herrn, Namens Redsteel, gesehen zu haben?« »Redsteel? ja; ich glaube, er steht in Geschäftsverbindung mit meinem Wohlthäter.« »Was hältst Du von diesem Manne? Sage es mit kurzen Worten, denn sobald wir den Fluß erreicht haben, stehen wir vor ihm.« »Vor Redsteel?« »Vor ihm, der von Deinem väterlichen Freunde beauftragt und mit den reichsten Mitteln ausgerüstet wurde, Deine Befreiung zu erwirken. Der Führer unserer kleinen Gesellschaft, ein alter Pelzjäger, ist von ihm gedungen worden.« »Redsteel? Redsteel? Charles, vergieb mir, wenn ich vielleicht nicht ganz mit Dir übereinstimme – ich hege kein Vertrauen zu ihm.« »Ist er Dir je unfreundlich oder gar verletzend begegnet?« »Nein, nein, weit eher das Gegentheil, allein in seinem Blick liegt etwas, das mich zurückschreckt.« »Auch auf mich übte er keinen günstigen Eindruck aus,« erwiderte Eberhard, »abgesehen von den seltsamen Umständen, welche mein erstes Zusammentreffen mit ihm begleiteten und durch welche ich in endlose Verlegenheiten gestürzt worden bin. Hat Dein Wohlthäter jemals zu Dir über seine europäischen Verwandten gesprochen?« »Niemals; er hegte eine gewisse Scheu, diesen Gegenstand zu berühren; nur eines verschollenen Neffen, Eberhard – die Worte waren indessen nicht unmittelbar für meine Ohren bestimmt – erwähnte er mehrfach mit zugleich freundlicher und trauriger Theilnahme.« »Gut, meine theure Magnolia, dieser verschollene Eberhard ist wieder aufgetaucht, und Redsteel hat Mittel und Wege gefunden, denselben gegen seinen Willen so zu fesseln, daß er nicht mehr zurückweichen kann. Welche Gründe ihn zur Beibehaltung des falschen Namens bestimmten, er ist jetzt gezwungen, sich seinem Onkel vorzustellen – ja, er kann nicht anders, wenn er sein Lebensglück – ich meine ein Lebensglück, unabhängig von Reichthum und irdischen Glücksgütern – nicht leichtsinnig verscherzen will. Ohne das unselige Zusammentreffen mit Redsteel hätte ich Deinen edlen Gönner zwar ebenfalls aufgesucht, allein da er mich nie persönlich kennen lernte, wäre die Möglichkeit –« »Du – Du wärest – Eberhard Braun, der Neffe meines liebevollen Wohlthäters?« fragte Magnolia mit ersterbender Stimme, denn ein Heer von Zweifeln und Befürchtungen stürmten bei den ungeahnten Enthüllungen, ihre Gedanken verwirrend, auf sie ein. »Eberhard Braun,« bekräftigte dieser leise, »Eberhard Braun, welchem Du dasselbe bist, was Du Deinem Charles gewesen, und der auch Dir stets derselbe sein wird. Ich hätte Dir schon früher Aufschluß ertheilt, wäre ich nicht gerade durch den Umstand, daß Du in dem Hause meines Onkels lebtest, zurückgeschreckt worden – denn auch ich besitze meinen Stolz – doch wir nähern uns dem Ufer und jede Minute ist für uns von unschätzbarem Werthe. Bella ist zur Zeit durch Walebone und Willing bereits von Allem unterrichtet, so daß es uns erleichtert wird, unsere frühere Bekanntschaft vor Redsteel zu verheimlichen. Ich mißtraue ihm, denn ahnte und erriethe er das zwischen uns bestehende Uebereinkommen, so würde er wohl versuchen, unsere Angelegenheit vor meinem Onkel zu vertreten und zu führen, dabei aber vielleicht – wer vermag in seinem Innern zu lesen – einen unseren Hoffnungen gerade entgegengesetzten Erfolg erzielen. Nein, Magnolia, wir gebrauchen keinen Fürsprecher bei ihm, dem wir, nach Allem, was ich über ihn hörte, mit offenem Vertrauen nahen dürfen. Dort, wo die Sterne zwischen den Bäumen hindurchfunkeln, liegt der Fluß, und ich muß, obwohl ich fortan in Deiner Nähe weilen werde, Abschied von Dir nehmen. Höre daher meine letzten Worte: Wie ich Dir auch immer erscheinen mag, baue fest auf meine unwandelbare Liebe und Treue; ist es uns aber in nächster Zeit nicht vergönnt, mit einander zu verkehren, so wollen wir uns freudig und hoffnungsvoll gegenseitig in die Augen schauen und aus den Blicken herauslesen, was wir so gern, so unendlich gern Einer dem Andern sagten. Auf glückliche Zeiten also, und auf die Erfüllung unserer Hoffnungen,« endigte Eberhard tief erschüttert, indem er das weinende Mädchen in seine Arme schloß. »Gott segne Dich für Deine Liebe,« flüsterte Magnolia; es war das Einzige, das sie vor schmerzlicher Bewegung zu sprechen vermochte, indem ihre Lippen denen des Geliebten begegneten. Dann schritten sie Arm in Arm weiter, langsam und schweigend, bis sie Bella und die Mulatten erreichten, die kurz vor der Vereinigung des Waldweges mit der Landstraße ihrer harrten. »Alles ist geordnet und verabredet,« sagte Bella, indem sie an Magnolia's Seite trat und deren Hand ergriff. Die Mulatten und Eberhard schlossen sich ihnen an, und nach Zurücklegung einer kurzen Strecke stromaufwärts erreichten sie Redsteel, der, von den jubelnden Negern umringt, ihrer Ankunft ungeduldig entgegensah. »Ist Niemand verletzt? Haben wir keine Verluste erlitten?« fragte dieser und drückte den Eintreffenden mit unverkennbarer Besorgniß der Reihe nach die Hand. »Den Fall eines armen Negers haben wir leider zu beklagen, so viel bis jetzt ermittelt ist,« versetzte Eberhard; doch Redsteel beachtete kaum seine Worte, sondern schilderte mit seltsamer Hast die Freude, welche sein Onkel über die glückliche Heimkehr seines schmerzlich vermißten Schützlings an den Tag legen würde. »Miß Magnolia ist in der That ein Wesen, welches so treue, väterliche Anhänglichkeit verdient,« fuhr er eifrig fort, »und nun gar das hohe Glück, meinem edelherzigen Freunde nicht nur die Mädchen, sondern auch den todtgeglaubten Neffen zuzuführen – aber noch bedrohen uns tausendfache Gefahren! O, was gäbe ich nicht darum, jetzt plötzlich mit Euch nach St. Louis versetzt zu werden! Und wie geht es Euch, meine liebe Miß Bella? Dieser hier, der sich so eifrig an Eurer Befreiung betheiligte – o, es ist ein Wunder – ist – stellt Euch nur vor – ist der verlorene und wiedergefundene Neffe Eures Wohlthäters – doch wo bleiben Sans-Bois und seine Jäger?« Die Frage nach dem Pelzjäger beantwortete dieser selbst, indem er, gefolgt von Brise-glace und dem Mestizen aus dem Waldesdunkel auf die hellere Straße trat. »'s ist ihnen hart an's Leben gegangen,« bemerkte er selbstzufrieden, halb zu den beiden Mädchen, halb zu Redsteel gewendet, »aber sie gehören nicht zu den Leuten, welche sich leicht einschüchtern und abschrecken lassen. Sie sind aufgebrochen, um zu einem weiter südlich am Strome lagernden und weit zahlreicheren Trupp Sklavenräuber zu stoßen. Die Omahas sind ihnen auf den Fersen und gedenken, vor Sonnenaufgang sichere Kunde zu bringen.« »Welche Richtung werden wir einschlagen?« fragte Redsteel besorgt. »Ehrlich gestanden,« antwortete Sans-Bois mit einem Anfluge von Heiterkeit, »so lange wir uns mitten im Rebellenlande befinden, ist eine Richtung ebenso gut, als die andere, wenn wir uns nur so lange halten, bis entweder der Teufel die ganze Conföderation geholt hat, oder General Shermans Streifpatrouillen unseres Weges kommen, was Beides unmöglich lange dauern kann. Am sichersten sind wir natürlich bei den Unionstruppen aufgehoben, und da, nach allen übereinstimmenden Berichten, Sherman direct auf Savannah marschirt, bleibt uns kaum etwas Anderes übrig, als uns auf dem kürzesten Wege ebenfalls dorthin durchzuschlagen.« »Mit Allen, die hier versammelt sind?« fragte Redsteel, indem er seine Blicke über die Neger hinschweifen ließ, die sich ringsum in's Gras und auf die Landstraße hingeworfen hatten und gespannt der Entscheidung harrten, welche über sie getroffen werden würde. »Das Flachboot faßt nicht Alle,« erwiderte Sans-Bois, sich halb zu den Negern wendend, »sie würden uns auf unserem gefährlichen Wege nur hindern, und den armen Teufeln selber ist wieder am meisten damit gedient, dahin laufen zu dürfen, wohin sie wollen. Ueberlassen wir sie daher ihrem Schicksal; den Weg zu der einen oder der anderen nordstaatlichen Armee werden sie finden, einige Waffen besitzen sie schon, um sich gegen Schweißhunde zu vertheidigen, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn sie ihre Zahl, noch bevor sie die Grenze erreichen, nicht durch Heranziehen anderer flüchtiger Sklaven mindestens verzehnfachten.« Er trat mitten unter die Neger. »Hallo, meine Darkies!« Scherzhafte Abkürzung für: Dunkelfarbig rief er aus, würdet Ihr Euch wohl ohne des weißen Mannes Hülfe über die Alleghany's und durch die Wälder bis an den Ohio durchschlagen können?« Wildes Jauchzen und Zurufe des Dankes und des Entzückens der schwarzen Schaar bewiesen, wie richtig Sans-Bois sie beurtheilt hatte. »Gut,« fuhr dieser alsbald mit freundlichem Ernste fort, »so zieht denn Eures Weges, und möge ein gütiges Geschick über Euch wachen, daß Ihr nicht wieder in die Hände Eurer grimmigsten Feinde fallt. Schon gut, schon gut!« fügte er abwehrend hinzu, als die beglückten Leute, die plötzlich ihre zerrissenen Füße und wunden Rücken vergessen hatten, sich herandrängten, um jedem einzelnen ihrer Befreier ihren ungeheuchelten Dank abzustatten; »macht nur, daß Ihr fortkommt, so schnell Eure Füße Euch zu tragen vermögen; 's ist verdammt unsicher hier herum und ich bürge für nichts; also fort und Glück auf den Weg!« Die Hinweisung auf nahe Gefahren brachte schnell neues Leben in die schwarze Gesellschaft. Diejenigen, denen es nicht geglückt war, im Lager ihrer Henker eine Waffe zu erbeuten, hatten sich bereits mit schweren Holzscheiten versehen, und nachdem sie ihren Befreiern ein dreifaches Hurrah dargebracht, trabten sie davon, harmlos plaudernd, wie Kinder, welche eben der Schule den Rücken kehrten. Niemand hätte geahnt, daß sie kurz zuvor mit der Wildheit von Hyänen über ihre Peiniger hergefallen waren und mit rasendem Entzücken ihre Hände in deren rauchendes Herzblut tauchten. »Die armen Teufel, da laufen sie hin,« bemerkte der Pelzjäger zu seinen Freunden gewendet, »nun, sie werden schon durchkommen, denn ein Sklave, der einmal die Freiheit gekostet, weiß, was sie werth ist. – Wir dagegen mögen von Glück sagen, die etwas geräuschvolle Gesellschaft los geworden zu sein; denn es handelt sich für uns darum, verborgen zu bleiben und unbemerkt an dem Lager der Sklavenräuber vorbeizuschlüpfen.« »Und die Pferde?« fragte Redsteel, als Sans-Bois auf den äußersten Rand des Ufers trat und nach dem im Schatten des Gestrüpps festliegenden Flachboot spähte. »Was kümmern uns die Pferde, wenn unser aller Leben und Freiheit bedroht ist?« entgegnete der Pelzjäger sorglos, »sie werden zu seiner Zeit einen neuen Herrn finden, ebenso gut, wie wir das Gebiet der Rebellen nicht zu Fuß verlassen – dafür bürge ich – und obenein mit gutem Sattelzeug.« Er hatte eben geendigt, als plötzlich die Omahas, wie aus der Erde gewachsen, vor ihm standen und mit flüchtigen Worten die Erfolge ihres Spähens mittheilten. »Wie ich vermuthete,« erklärte Sans-Bois der übrigen Gesellschaft die gleichsam hingehauchten Worte der Indianer; »Freund Mullan hat sich südlich gewendet, um seine weiter unterhalb lagernden Concurrenten um ihren Beistand zu unserer Verfolgung zu bitten. Nun, der Lärm der abziehenden Neger bringt sie vielleicht auf eine falsche Fährte, und während sie jenen nachsetzen, treiben wir unbemerkt bei ihnen vorüber auf Savannah zu. Hinunter also mit uns Allen; den Mädchen ist ohnehin etwas Ruhe gewiß mehr, als erwünscht.« Noch sprechend, begann er den zum Flusse führenden Abhang hinabzusteigen. Ihm nach folgten, unterstützt von den beiden Mulatten, Redsteel und Eberhard, Magnolia und Bella. – Das Fahrzeug war ein Prahm, welche Art von Flachboot zum Uebersetzen von Fuhrwerken über Flüsse, oder auch zum Hinabflößen von Baumwolle, Getreide und sonstigen Gütern vielfach auf dem amerikanischen Continente benutzt wird. Derselbe hatte weiter oberhalb auf einer alten Fährstelle gelegen und war von Sans-Bois und seinen Genossen, nachdem sie den Pferden die Freiheit gegeben, mit geringer Mühe bis dahin geschafft worden, wo sie glaubten, ihn zu ihren Zwecken verwenden zu können. Von den besten Hoffnungen beseelt, wurden Magnolia und Bella in dem Fahrzeug untergebracht; die Männer schoben mit vereinigten Kräften den schwerfälligen Kasten vom Ufersande, auf welchem er sich festgesaugt hatte, und ihm einen letzten heftigen Stoß gebend, sprangen sie in denselben hinein, wo sie sogleich zu den Ruderstangen griffen. Langsam glitt der Prahm in die Strömung hinein, langsam und sich träge einige Male um sich selbst drehend. In demselben Maße aber, in welchem er sich der Mitte des Hauptkanals näherte, gewann auch sein Lauf an Stetigkeit, so daß es schließlich nur der Wirkung der auf den beiden Enden angebrachten Ruder bedurfte, um ihn vor dem Herumschwingen und der Berührung mit gefährlichen Treibholzklippen zu bewahren. Leise plätscherte das Wasser unter den Ruderstangen. Vor dem breiten Bug war es still, indem das Fahrzeug gleichen Schritt mit der Strömung hielt. Von ferne gesehen unterschied es sich mit seinen theils aufrecht stehenden, theils niedergekauerten Gestalten nur wenig von dem dunkeln Wasserspiegel; es erinnerte an eine schwimmende Insel oder ein phantastisch gebautes Geisterschiff. Unhörbar verfolgte es seine Bahn; gedämpft tönte es zuweilen nach dem Ufer hinüber, wenn die Ruderstangen, von vorsichtigen Händen geführt, den sie auf bestimmten Raum beschränkenden Pflöcken begegneten. Gedämpft und nicht über die Grenzen des umfangreichen Bootes hinausdringend, erstarb das Flüstern der sich gegenseitig ermuthigenden Mädchen zwischen den Falten der sie verhüllenden Decken. Der Pelzjäger und seine Indianer schliefen. Für sie war der Schlaf wie eine Speise, zu deren Genuß der Hinterwäldler sich an keine bestimmte Zeit bindet. Auch Redsteel hatte sich hingestreckt, was bei jenen von ihrem Willen abhängig, das bewirkte bei ihm die Erschöpfung. Eberhard dagegen saß vorne auf der niedrigen Seitenbrüstung, die Blicke starr auf die wirbelnden Fluthen gerichtet. In seinem Geiste wogten und lagen im Streit die verschiedenartigsten Empfindungen; nur eine blieb unverändert, unberührt. Seine zärtliche Hinneigung zu Magnolia, welche nur wenige Schritte von ihm zwischen den Falten des Tuches hervor mit einem wunderbaren Gefühle der Sicherheit zu ihm hinüberschaute; sie sah hinüber so lange und so innig, bis die kraftvolle Gestalt des Geliebten sich erhellte und zum Träume für sie wurde, der mit ihrem Leben gleichsam in einander verschwamm und hinter den geschlossenen Augenlidern ihre ganze Seele erfüllte. Leise trieb das unbeholfene Fahrzeug auf seiner glatten Bahn dahin. Die schwarzen Waldmauern, abwechselnd mit künstlich hergestellten Lichtungen, schienen, ähnlich einem endlosen Panorama, zu beiden Seiten vorüberzuziehen. Bald wie Hügelketten, bald wie auf der Erde rastendes Gewölk, bald wie Heerden gigantischer Ungethüme folgte es auf einander und hob es vor dem reichgestirnten Hintergrunde ab, je nachdem die Phantasie launenhaft die äußeren Formen ergänzte und abrundete. Hin und wieder sandte ein jagender Uhu aus dem Waldesdickicht sein heiseres Lachen herüber. Auf den Lichtungen, in der Nachbarschaft größerer und kleinerer Gehöfte ertönte gelegentlich das Bellen eines regen Hundes. Ach, sein ursprünglicher Herr, der ihn einst anlehrte, Haus und Hof zu bewachen, schlummerte vielleicht längst auf einem der vielen blutgetränkten Schlachtfelder, auf welchem eine aus den selbstsüchtigsten und anmaßendsten Elementen bestehende, sogenannte Regierung der Sklavenbarone, seine ihm angestammten Vorurtheile schändlich mißbrauchend und zum Fanatismus anreizend, ihn in den Tod getrieben hatte. Vom Himmel lächelten die Sterne schwermüthig auf die nächtliche Landschaft nieder; auf sumpfigem Boden in einer Einbuchtung des Stromes tanzten Irrlichter. Sie erschienen, sie erloschen in ihrer Abhängigkeit von den dem Erdreich entsteigenden Gasen und dem Luftzuge; die Sterne dagegen funkelten fort und fort, gleich hell, gleich friedlich. Neunundzwanzigstes Capitel. Die Villa des Millionärs. In einer geschmackvoll errichteten Villa in einer der Vorstädte von St. Louis, umgeben von lieblichen Gartenanlagen, wohnte der alte Mr. Braun, der Kaufmann, der Millionär, der ältere Bruder des schlichten Kärrners. Eine breite Straße führte vor dem Grundstück vorüber. Das Wohnhaus wurde indessen, wie alle Nachbarhäuser, durch einen mit äußerster Sorgfalt gepflegten Vorgarten von der Straße getrennt, und dieser wieder durch ein theils broncirtes, theils vergoldetes, gußeisernes Gitter begrenzt. Hinter der Villa erhoben sich mehrere kleinere Baulichkeiten, welche mit dem Hauptgebäude theils durch verdeckte, theils durch offene Säulengänge verbunden waren. Vor dem Hauptgebäude wie in demselben, herrschte stets eine fast melancholische Ruhe; um so lebhafter ging es dafür in den Hintergebäuden zu, wo eine Anzahl frei erklärter Sklaven des menschenfreundlichen Besitzers ihr Unterkommen gefunden hatte und aus alter Anhänglichkeit und aus Liebe zu einem verständig geregelten Leben sich weder um Politik, noch um Negerkrawalle, noch um gewonnene und verlorene Schlachten kümmerte. In der schweren Kriegszeit fehlte es der munteren farbigen Gesellschaft freilich an ausreichender Beschäftigung, allein da jeder Einzelne derselben sich mehr oder minder für die ihm gewährte sorgenfreie Lage dankbar zu zeigen wünschte, so kamen die vorhandenen Arbeitskräfte in erster Reihe dem Grundstück selbst zu Statten, welches denn auch stets so sauber erschien, als ob Rasenplätze und Wege, Ziersträucher und Blumen künstlich auf ein gelbes Kiesfeld hingemalt gewesen wären. Sogar in den zwar reich, jedoch auch wieder wohlthuend einfach ausgestatteten Zimmern des Millionärs hätte man nicht errathen, daß ein alter Junggeselle sie bewohnte, eine solche freundliche Ordnung herrschte überall bis in die verborgensten Winkel hinein. Es war in der That, als hätte eine recht eigene Hausfrau des Tages wohl zehnmal mit Staubfeger und Staubtuch ihren Rundgang durch die Villa gehalten und mit wahrer Jagdwuth nach irgend einem unglücklichen Staubfäserchen gespäht, um es alsbald, wie aus Furcht vor einer allmäligen vulkanischen Verschüttung, mit entsetzten Blicken aus geöffneten Fenstern und Thüren in's Freie hinauszuhetzen. So sauber hielten die treuen farbigen Hände die Umgebung ihres guten Herrn. Wenn aber etwas in dem Hause, vorzugsweise in dem Wohnzimmer, darauf hindeutete, daß eine wirkliche Hausfrau in den geweihten Räumen nicht waltete, so bestand dies eben nur in einigen recht großen und schönen Spinngeweben vor den Fensterscheiben und in den Ecken der Nischen. Eine Hausfrau würde dergleichen, selbst auf die Gefahr einer Scheidung hin, schwerlich geduldet haben, während die jetzigen Ordner es sich zur großen Ehre anrechneten, Alles, was ihr Herr liebte und geschont zu sehen wünschte, mit lobenswerther Pietät ebenfalls zu lieben und zu schonen. In dieser Villa verlebte Mr. Braun seine freie Zeit. Die Geschäftsstunden dagegen brachte er regelmäßig in der Stadt in seinen großen Waarenräumen zu, innerhalb deren er sich ein seinen Neigungen entsprechendes Comptoir eingerichtet hatte. Und seine Neigungen waren in mancher Beziehung recht seltsam; man hätte ihm sogar eine Doppel- oder vielmehr eine dreifache Natur zuschreiben mögen, so verschieden zeigte er sich auf den verschiedenen Stätten, welche gewissermaßen seine Heimath, sein Leben, sein Alles zusammenfaßten. In seinem Comptoir war er weiter nichts, als der strenge, nie lächelnde Geschäftsmann, der keine andere Aufgabe kennt, als seine Schätze zu vermehren. Auf seiner südlichen Plantage lebte er nur den Genüssen, welche ihm der Aufenthalt in einer, von der Natur aufs Verschwenderischste ausgestatteten Umgebung gewährte. Er ergötzte sich an dem Wachsen und Gedeihen der daselbst erzielten Erträge und stellte sich zugleich die Aufgabe, den zu der Plantage gehörigen Sklaven ihr Verhältniß so angenehm und wenig drückend zu machen, wie nur immer möglich. Befand er sich aber auf seiner Villa, dann gehörte er wieder ausschließlich seinen Freunden und Bekannten, die in ihm einen zwar ernsten, jedoch liebenswürdigen und aufmerksamen Wirth verehrten, der nicht im Entferntesten mehr an den wortkargen, fast mürrischen Kaufmann erinnerte. Ging es doch so weit, daß er vielfach durch Unglück zurückgekommene Leute, die bei ihm Rath und Hülfe suchten, in seinem Comptoir kalt, scheinbar herzlos auf ihre eigene Kraft verwies, um sie noch an demselben Tage auf seine Villa einzuladen und ihnen daselbst unaufgefordert nicht nur mit gediegenem Rath, sondern auch mit hellklingenden Dollars großmüthig zur Seite zu stehen. Seit dem Ausbruche des Bürgerkrieges und seitdem er, nach Freigebung seiner Sklaven, um nicht ein Opfer südlicher Rachsucht zu werden, heimlich von seiner Plantage entfloh, hatte er fast ausschließlich und mit nur kurzen Unterbrechungen auf seiner Villa gelebt. Nur die Comptoirstunden widmete er mit astronomischer Pünktlichkeit seinem weitverzweigten Geschäft in der Stadt, wohin ihn jedesmal ein Negerjunge in einem eleganten, von einem zierlichen Pony gezogenen Einspänner brachte und zu der bestimmten Minute auch wieder abholte. Für ihn, den Chef, begannen die Comptoirstunden mit dem ersten Schlage der elften Morgenstunde und schlossen mit dem letzten Dreiuhrschlage. Zum Aufenthalt in seiner Villa blieb ihm also noch immer der größte Theil des Tages, welchen er ebenfalls mit einer gewissen pedantischen Pünktlichkeit regelte und verlebte. – Ein tüchtiger Decembersturm hatte während der Nacht gewüthet, hatte mit den Wolken gespielt, als ob es lauter Federbälle gewesen wären, hatte sie geschüttelt und zerrissen und sie endlich verachtungsvoll als Hagel und Regen auf die feuchte Erde niedergeschleudert. Dann hatte er wieder seine Kräfte in den langen, ewig rauchenden Schornsteinen der Fabriken versucht, die letzten Blätter von den Bäumen gestreift, zum Schrecken der Hausbewohner in die Feueressen und Kamine hinabgebrüllt, weiße Asche in die Gemächer hineingeblasen, leere Tonnen umgestoßen und davon gerollt und wer weiß, was sonst noch für dumme Streiche begangen. Jetzt aber, da es Tag geworden, die Sonne über die in Steinkohlendunst schwimmende Stadt emporstieg und die zerfetzten Wolken bis auf einige kleine Nachzügler davon gestoben waren, schien es plötzlich, als wäre der gestrenge Herr, der es sich die Naht hindurch so sauer hatte werden lassen, nicht mehr derselbe gewesen. Er blies zwar noch, allein mit so unschuldiger, harmloser Miene, daß der den langen Schornsteinen entsteigende Rauch, weit entfernt davon, niederzuschlagen, sich in einem Winkel von fünfundvierzig Graden zum Himmel erhob, wo er sich vergeblich bemühte, die feige entflohenen Wolken zu ersetzen. Es war neun Uhr, und als ob die eben schräge auf die Vorderseite der Villa fallenden Sonnenstrahlen ihn gerufen hätten, trat Braun aus seinem Schlafgemach in das Wohnzimmer, von dessen Fenstern aus er die Aussicht auf den Vorgarten und die Straße genoß. Nach seiner unveränderlichen Gewohnheit hatte er sich bereits vollständig angekleidet. Alles schwarz: der feine Leibrock, die Beinkleider, die Weste wie die zierlichen Lackstiefel. Weiß dagegen waren die sorgfältig gepflegten Hände und das ernste, wohlwollende Gesicht mit den ruhigen blauen Augen und den vereinzelten Runzeln, welche von einer langen Reihe von Jahren der Arbeit und de Denkens zeugten. Weißer noch und von einer außerordentlichen Feinheit waren die an den Händen, auf der Brust und oberhalb des schmalen schwarzen Halstuches sichtbaren Theile der Wäsche; mit dieser aber wetteiferten an Weiße die noch immer ungelichteten Locken auf dem etwas geneigten Haupte und ein starker Bart, der die beiden Wangen bis zu den Mundwinkeln und hinab bis in das Halstuch hinein bedeckte. Recht stattlich sah der hoch und kräftig gebaute Greis in seinem schwarzen Anzuge aus; und dabei ruhte ein gewisses Selbstbewußtsein in seiner Haltung, welches ihm weit mehr den äußeren Charakter eines reichen Mannes verlieh, als wenn er mit den kostbarsten und geschmackvollsten Schmucksachen behangen gewesen wäre. Als einzigen Schmuck hatte er eine goldene Busennadel angelegt, deren Knopf eine kleine zusammengewundene goldene Kärrnerpeitsche, welche auf einem Pferdekummet ruhte. Seine Uhrkette bestand aus einem allerliebsten, aus feinen Riemen und Stahlringen hergestellten Zaum, wie solche bei Karrengäulen gebräuchlich, und dieser entsprechend war die silberne Uhr von alterthümlichen, äußeren Formen. Doch wie bereits angedeutet, die fast gesuchte Einfachheit in diesen kleinen Dingen beeinträchtigte nicht die Achtung gebietende Würde, welche die hohe Greisengestalt umschwebte, noch weniger die unbegrenzte Herzensgüte, welche, vereinigt mit einem schwermüthigen Zug um die etwas zusammengepreßten schmalen Lippen, dem guten Antlitz einen unbeschreiblichen, Zutrauen erweckenden Ausdruck verlieh. Schien es doch beim Hinblick auf dasselbe geradezu unmöglich, daß die hohe weiße Stirne sich streng runzeln, die Augen kalt und starr um sich schauen, die Lippen aber sich zu eintönig ertheilten Befehlen öffnen könnten. Indem Braun durch das Zimmer nach dem nächsten Fenster hinschritt, überzeugte er sich durch einen flüchtigen Blick, daß sein Frühstück, bis auf die warm zu haltenden Speisen, aufgetragen war. Dasselbe, obwohl einfach, entsprach der Landessitte und zeigte namentlich einen großen Vorrath an feinen Backwaaren. Bevor er das Fenster erreichte, klopfte es bescheiden an die Thüre. Auf sein freundliches »Herein!« trat ein achtjähriger, sauber gekleideter Negerknabe zu ihm herein, ein in Tellerform gefaltetes weißes Papier mit einem zutraulichen guten Morgen emporhaltend. Braun dankte ebenso zutraulich und warf einen prüfenden Blick auf das Papier, auf welchem elf todte Fliegen lagen. »Ben, Ben,« hob er an, indem er scherzhaft mit dem Finger drohte, »schon mehrfach sagte ich Dir, zehn Fliegen, und nun bringst Du mir deren eine zu viel. Auf jede Spinne rechne ich zwei Fliegen, was mehr ist, als sie auf gewöhnlichem Wege erwarten dürfen; und dann, Ben, man muß sich frühzeitig an Pünktlichkeit gewöhnen.« »Ich dacht's gut zu machen,« entgegnete der Knabe mit einem verschämten Lachen. »Und hier, Freund Ben,« fuhr Braun ernster fort, »hier finde ich eine Fliege ohne Beine und Flügel, die noch lebt. Bursche, ich warne Dich, quäle mir die Thiere nicht, wenn Dir nicht ebenfalls Beine und Flügel ausgerissen werden sollen. Du weißt, wie man den armen Thieren den Kopf schnell zerdrückt; laß Dich also nicht wieder ertappen.« So sprechend begab er sich in Begleitung des Knaben von Fenster zu Fenster, wo auf den verschiedenen Spinngeweben die kunstsinnigen Verfertigerinnen lauernd saßen, um mit der Wildheit von hungrigen Hyänen das ihnen dargereichte Frühmahl in Empfang zu nehmen und durch Einhülle in seidenartiges Gespinnst zu sichern. »Wie die Thiere sich freuen,« sprach Braun bei dieser Beschäftigung sinnend vor sich hin, »und dabei führt der Weg zu ihrem Wohlleben über das Verderben anderer Mitgeschöpfe, wie so vielfach im menschlichen Leben.« Die Spinnen waren gefuttert, der schwarze Diener brachte den Thee und warme Fleischspeisen, Alles mit einem höflichen Morgengruß auf den Tisch stellend und ordnend. Braun nickte dankend und wendete sich dem Knaben wieder zu. »Den Spinnen hast Du Futter gebracht, ich muß mich daher wohl in ihrem Namen dankbar beweisen?« fragte er mit seinem gewöhnlichen wohlwollenden Lächeln, indem er einige Stücke von dem Gebäck nahm und sie dem beglückten Kinde einhändigte; »so, nun gehe hin und lerne fleißig, damit Du –?« »Damit ich mich der mir zuerkannten Freiheit würdig zeige,« antwortete der Knabe und entfernte sich. »Nicht oft genug kann man den Leuten das wiederholen,« sprach Braun in Gedanken, vor dem Tische Platz nehmend, »nur dann, wenn dieser Wahlspruch erst in ihr Fleisch und Blut übergegangen ist, werden sie im Stande sein, die gegen ihre Race gerichteten Vorurtheile, die noch zäher sind, als ihre bisherigen Sklavenketten, gänzlich zu vernichten.« Ein etwa zehnjähriges Mulattenmädchen erschien in Begleitung eines lichtbraunen sechsjährigen Knaben mit den eingelaufenen Briefen und Zeitungen. Ueber Brauns Antlitz eilte wieder das eigenthümliche wohlwollende Lächeln. »Wie die Leute meine Liebhabereien studiren und mich zu erfreuen suchen,« sprach er leise, und dann fuhr er, den Kindern die Hand entgegenstrecken, lauter fort: »Eure Eltern müssen gewaltig stolz auf Euch sein, daß sie Euch schicken, anstatt selbst zu kommen.« »Sie meinten, Herr, Ihr liebtet es, Kinder um Euch zu sehen,« antwortete das Mädchen verständig, »und wir haben auch sehr gebeten, gehen zu dürfen.« »Damit ich mich der mir zuerkannten Freiheit würdig zeige,« fügte der Knabe die auswendig gelernte Formel hinzu, bevor noch die betreffende Frage an ihn gerichtet wurde. Braun lachte herzlich und klopfte dem kleinen Burschen das mehr lockige, als wollige Haupt. »So recht, Kleiner,« sprach er dabei, »präge Dir das genau ein, und so lange Du lebst, wiederhole es jedesmal mit Deinem Morgen- und Abendgebet.« Dann wurden auch diese, mit Kuchen beschenkt, entlassen, aber so lange der alte Herr noch bei seinem Frühstück saß, erschienen immer neue kleine farbige Gestalten, die entweder über dieses oder jenes Bericht erstatteten, nach dem Kaminfeuer sahen oder sich sonst irgend etwas in der Nähe ihres gütigen Gebieters zu schaffen machten. Und Braun übersah Keinen, und für Jeden hatte er ein freundliches Wort und ein Stückchen Kuchen, bis endlich der letzte kleine wollköpfige Bursche mit dem Teller und dem letzten Kuchenrest davonsprang. Die Beendigung seines Frühmahls war für alle Hausbewohner das Zeichen, daß ihr Herr nicht weiter gestört sein wolle. Er pflegte sich um diese Zeit mit den eingelaufenen Briefen zu beschäftigen, deren etwa ein Dutzend neben einer leeren, verschließbaren Mappe auf dem Tische lagen. Die Briefe ließ Braun schnell durch seine Hände laufen, auf jeden einzelnen einen flüchtigen Blick werdend, um sich zu belehren, ob derselbe ungeöffnet in die Mappe zu legen und nach dem Comptoir mitzunehmen sei, oder in der Villa gelesen werden dürfe. Nur drei Briefe behielt er zurück, und unter diesen einen überseeischen, welchen er zuerst öffnete. Derselbe kam von Alvens, der, im Fall die erst kürzlich abgesendeten Briefe ihre Adresse nicht erreicht haben sollten – was bei dem herrschenden Bürgerkriege nicht unmöglich – höchst gewissenhaft Alles noch einmal wiederholte, was er nunmehr schon zweimal hinter einander berichtet hatte. Braun las nur die einzelnen Hauptpunkte: »Anna – Johannes, ein sehr ehrenwerther junger Mann und Reisebegleiter.« Dann wieder: »Wassernix,« den Namen des Segelschiffes, in welchem die beiden jungen Leute in der ersten Hälfte des November abgereist seien, und daß das Schiff bei Ankunft des Briefes an seinem Bestimmungsort, nach menschlicher Berechnung wohl schon in den Hafen von New-York eingelaufen sei. »Wir schreiben den achtzehnten December; also über fünf Wochen unterwegs,« sprach Braun in Gedanken, »ja, es könnte, es müßte eigentlich schon eingelaufen sein – aber nicht einmal signalisirt ist es. Mein Gott, wenn ein Unglück den Wassernix betroffen hätte und mir auch diese Freude nicht gegönnt wäre! Es haben so furchtbare Stürme in den letzten Wochen gewüthet – Thor, der ich war, mich mit so viel Zuversicht der Hoffnung hinzugeben, den Abend meines Lebens – « Traurig und ohne zu lesen blickte er auf den in seiner Hand befindlichen Brief. Er war so sehr in schmerzliche Betrachtungen versunken, daß seine Augen ihre Sehkraft verloren zu haben schienen. Allmälig begannen seine Lippen sich wieder zu regen, und er fuhr fort, gleichsam unbewußt, seine Gedanken in Worte zu kleiden. »Für das, was ein trügerisches Geschick mir einst versagte, suchte ich Ersatz in rastlosem Streben und Schaffen. Ich wurde reich, jedoch nur, um in erhöhtem Grade die Leere in meiner Brust, meine gänzliche Vereinsamung zu empfinden. Ja, einsam stehe ich da; und gelang es mir auch nicht, das Höchste zu erreichen – es war ja nicht für mich bestimmt – so hätte mir wenigstens die treue Anhänglichkeit eines Bruders bewahrt bleiben können. Ich wollte sein Bestes, er aber versteht mich nicht; ich bin für ihn nur der reiche Mann, welchem er sich entfremdet fühlt. Doch ich will nicht über ihn richten, nicht über ihn, noch über seine brave Frau; zu tief sind sie durch den Verlust ihres einzigen Kindes gebeugt worden. Der arme Eberhard, auf welchen ich meine ganze Hoffnung baute, ist hinüber; Gott mag wissen, wo und wie der Verblendete seinen Untergang fand; der Hochmuth war sein Verderben. Hätte er, wie ich es wünschte, zu dem Gewerbe seines Vaters gegriffen, es wäre anders gekommen; er würde sich haben lenken und leiten lassen zum Guten – doch er ist hinüber, verschollen, ohne daß ich seinen Eltern einen anderen Ersatz bieten könnte, als eitles Gold, was sie nur noch elender machen würde. Hinüber, hinüber, und ich stehe allein. Und nun noch die beglückende Hoffnung auf den Besitz des theuern Kindes, dieses heiligen Vermächtnisses, auch sie wird zerstört werden, in Nichts zerfallen – ich ahne es, mein Herz ist zu schwer – das Schiff hätte bereits eingelaufen sein können.« Er las den Schluß des Briefes, welcher von Lobeserhebungen über den Kärrner und Frau Kathrin gleichsam überströmte und von Irrthümern sprach, welche die Ursache früherer falscher Beurtheilungen des Schreibers gewesen. »Warum diese Widersprüche?« fragte Braun sich wieder, indem er den Brief zusammenfaltete und zu mehreren anderen, durch einen kleinen broncenen Bären beschwerten legte. »Zuerst Zweifel, dann Beweise der Verschwendungssucht der beiden alten Leute, und nun wieder das Gegentheil von Allem. Mein Mißtrauen muß dadurch wach gerufen werden. Was kann er bezwecken? Und dann wieder die Ausdrücke der Freude, daß es ihm gelungen, Anna Werth zu entdecken, und der Enthusiasmus, mit welchem er das offenbar sehr anmuthige Kind schildert. Wo weilt sie jetzt? Werde ich sie kennen lernen? Wirst Du Dich zu mir hingezogen fühlen, zu mir, der ich Dich schon, ohne Dich zu kennen, so zärtlich liebe?« Er nahm eine New-Yorker Zeitung zur Hand, in welcher er sogleich nach der Liste der eingelaufenen und abgesegelten Schiffe suchte. Bevor er dieselbe auffand, wurden seine Blicke durch das groß gedruckte: »Wassernix« angezogen. Der Schrecken, welchen er bei dieser augenscheinlichen Hindeutung auf eine Hiobspost empfand, war so überwältigend, daß er nicht weiter zu lesen wagte, sondern entsetzt die Hände mit der Zeitung auf seine Kniee legte. Erst nachdem er längere Zeit, wie betäubt, vor sich niedergestarrt hatte, hob er die Zeitung wieder empor, und die verhängnißvolle Anzeige aufsuchend, begann er zögernd, jedoch mit wachsender Schnelligkeit zu lesen: »Wieder ein echtes Rebellenstückchen! Die Vereinigte-Staaten Handelsbrigg, der Wassernix, ein bekannter Schnellsegler, von einem südstaatlichen Seeräuber gekapert! Der Wassernix verließ Bremen und Southhampton zur bestimmten Stunde als Emigrantenschiff. Als Ballast führte er einige tausend Paar Schuhe und Stiefel, so wie deutsche und englische Präcisionswaffen, jedoch nicht so viel, um dadurch seinen Charakter als Emigrantenschiff einzubüßen. In der ersten Kajüte befanden sich nur zwei deutsche Passagiere, im Zwischendeck dagegen eine Anzahl Engländer und Irländer, also hinlänglich genug, um das Fahrzeug für jeden Piraten unantastbar zu machen. Die Herren Engländer nun, deren Hauptgeschäft ist, stets im Trüben zu fischen, und die sich in diesem unheilvollen Kriege schon vielfach der schamlosesten Verräthereien an der rechtmäßigen Vereinigte-Staaten Regierung schuldig machten, scheinen auch in diesem Falle die Rolle eines Angebers übernommen und betreffs der Ladung des Wassernix nach Richmond berichtet zu haben, denn wie man uns mittheilt, wurde der Wassernix in der Nähe der Neufundlandbänke von einem armirten Propeller erwartet, angehalten und im vollsten Sinne des Wortes ausgeplündert. Das Wetter begünstigte den frechen Piraten, so daß er alles ihm brauchbar Erscheinende an Bord nehmen konnte. Nachdem zuletzt auch noch die Passagiere übergeschifft worden waren, setzte er den Wassernix in Brand. So viel erfuhren wir durch die Bemannung eines schwedischen Schooners, welcher des gerade herrschenden schwachen Westwindes wegen längere Zeit in der Nähe der beiden Schiffe kreuzte. »Sobald der Wassernix bis zum Wasserspiegel in Flammen stand, wendete der Propeller sein Bugspriet gegen Süden und dampfte mit der Geschwindigkeit eines Pfeiles davon. Er kann nur in Wilmington, Charleston oder Savannah eingelaufen sein, und es steht zu hoffen, daß er mit dem voraussichtlich baldigen Fall dieser Raubnester seinen Besitzer wechselt. Der Pirat erwies sich nämlich als ein so flinker und leicht zu steuernder Segler, daß es ihm bei einer genauen Kenntniß der Küste gewiß nicht schwer wird, die Blockadeschiffe zu täuschen und irgendwo zwischen Inseln und Deltas hindurch in eine Flußmündung zu schlüpfen. Sehr zu wünschen wäre es, daß man bessere Jagd auf solche Piraten machte und, im Falle des Ergreifens, die ganze Bemannung, vom Schiffsjungen bis zum Kapitän, an die Raaen hißte. »Nachschrift: Eben geht uns auf telegraphischem Wege die verbürgte Nachricht zu, daß es dem Propeller gelungen ist, in die Mündung des Savannah zu entkommen. Wir veröffentlichen dies, um denjenigen, die mit dem Wassernix Freunde und Bekannte erwarten, mitzutheilen, wohin sie sich zu wenden haben, um mit den Ihrigen in Verbindung zu treten.« Nachdem Braun diese Anzeige mit athemloser Spannung zu Ende gelesen hatte, seufzte er tief auf. »Vielleicht noch gerettet,« sprachen die entfärbten Lippen unbewußt. Dann schoß es ihm wie helles Feuer in das bleiche Antlitz, und die Zeitung zwischen seinen krampfhaft zuckenden Händen zerknitternd, warf er sie vor sich auf den Tisch. »Die Elenden!« rief er erbittert aus, »nicht zufrieden, mich um einen erheblichen Theil meines Besitzthums gebracht, meine armen freien Farbigen in die Gefangenschaft zurückgeschleppt und zu ihren schändlichen Zwecken verwendet zu haben, reißen sie mir auch noch diejenige vom Herzen, die mein Trost in meinem Alter werden sollte! Es ist entsetzlich! Alle, welche ich an mich zu ziehen wünsche, um ihr Glück zu begründen und mein Glück in dem ihrigen zu finden, werden von einem feindlichen Geschick heimgesucht. Es ist, als ob ein Fluch auf mir laste, ein Fluch, welchen zu bannen, alle meine Schätze nicht ausreichen?« Grübelnd sah er vor sich nieder. Sein Antlitz nahm die gewöhnliche bleiche Farbe an, und in demselben Maße stellte sich auch seine Ueberlegung wieder ein. »Arme Magnolia, arme Bella,« begann er von neuem, »wenn bei Euch Rettung möglich ist, so wird sie denjenigen gelingen, die Eure Spuren verfolgen; aber Anna? Wer anders wäre im Stande, sie aufzufinden, sie vor Unbilden zu bewahren und sie auszulösen, als ich selber? Ja, ich will hin, es soll der erste Beweis meines treuen Willens, meiner zärtlichen Liebe sein, daß ich sie in der Mitte meiner Feinde aufsuche und sie an mein zerrissenes Herz ziehe. – Meine Feinde?« fügte er gleich darauf hinzu, und wie bitterer Spott glitt es über sein ernstes Greisenantlitz, »im Süden besitze ich keine Feinde, so lange ich mir deren Freundschaft mit Geld zu erkaufen vermag; selbst die Reise dorthin hat keine Gefahren für mich, denn noch ist der Paß gültig, welchen ich –« Er hatte aus einem Schubfach seines Schreibtisches einen zusammengefalteten, großen Bogen Papier hervorgeholt und auseinander geschlagen. Derselbe war ein in aller Form abgefaßter Reisepaß, oder vielmehr Geleitschein durch die conföderirten Staaten, welcher die Unterschrift eines der hervorragendsten Häupter der Rebellion trug. Er lautete zwar auf einen anderen Namen, doch war des alten Braun Persönlichkeit in dem Signalement so genau beschrieben, daß ein Kind ihn nach demselben hätte erkennen müssen. »Fünftausend Dollars erschienen mir damals etwas viel,« nahm der alte Herr sein Selbstgespräch wieder auf, »allein heute würde mir das Doppelte kein zu hoher Preis sein. Galt es damals nur dem Versuch der Rettung einiger geraubten freien Farbigen, so erweist es sich dieses Mal hoffentlich als mehr.« Er sah nach der Uhr; es fehlten noch drei Viertelstunden an elf. Den Reisepaß legte er zu den für das Comptoir bestimmten Briefen in die Mappe, und nachdem er diese verschlossen, begann er, wie um sich körperliche Bewegung zu verschaffen, langsam auf und ab zu wandeln. Plötzlich entsann er sich der beiden noch ungelesenen Briefe, welche der Villa angehörten. Schnell trat er an den Tisch zurück, und auf seinem Antlitz wurde der Ausdruck bangen Erstaunens bemerkbar, als er in der einen Adresse Redsteels Handschrift zu erkennen glaubte. Hastig riß er das Schreiben auf, ein Blick auf die Unterschrift überzeugte ihn, daß er sich nicht getäuscht hatte, und dann las er den nur in wenigen Zeilen bestehenden und in deutscher Sprache abgefaßten Inhalt: »Geehrtester Herr Braun! Eine allerdings nicht ganz sichere Gelegenheit benutze ich, um Ihnen mitzutheilen, daß wir in so weit von dem Glück begünstigt wurden, als wir wirklich auf die Spuren Ihrer beiden Schützlinge und deren Räuber gelangten. Gesehen haben wir sie noch nicht, doch baue ich auf den Scharfsinn meiner westlichen Begleiter und die Aussagen Willings, der sich wohlbehalten uns zugesellte. Alle behaupten fest, daß Magnolia und Bella sich in Mullans Gesellschaft befinden. Wir sind ihm auf den Fersen, es handelt sich nur um eine günstige Gelegenheit zum Ueberfall. Mullan scheint bei Savannah die Küste erreichen zu wollen, wo er mit seinem Raube vielleicht aufs Meer zu entkommen denkt; bei Savannah selbst dürfte er sich wohl nicht sehr lange mehr sicher fühlen. In großer Eile; Ihr treu ergebener Redsteel.« »Also auch nach Savannah,« bemerkte Braun mit einer gewissen freudigen Ueberraschung, indem er den Brief sinnend betrachtete, »nun, das soll mir ein Fingerzeig des Himmels sein; bevor noch viele Tage vergehen, bin ich dort, und dann werde ich ja sehen, ob ich mit Geld nicht mehr ausrichte, als manche Menschen mit der Gewalt der Waffen.« Eine Peitsche knallte im Vorgarten und gleich darauf rollte der Einspänner vor das Haus. Fast in demselben Augenblick erschienen in Brauns Zimmer drei Negerknaben. Der eine derselben bemächtigte sich sogleich der Comptoirmappe, der zweite ergriff eine dickmaschige, gehäkelte wollene Decke, welche Braun bei kühlem Wetter über seine Kniee zu legen pflegte, während der dritte ihm Hut und Handschuhe darreichte. »Ich lebe wahrhaftig wie ein türkischer Pascha,« bemerkte der alte Herr freundlich zu den Knaben, deren schwarzbraune Gesichter vor Amtseifer strahlten, »seid nur ebenso aufmerksam beim Lernen, Ihr lieben Kinder, damit Niemand wagt, Euch für etwas Anderes, als frei geborene Menschen zu halten.« Von den drei niedlichen Wollköpfen gefolgt trat er auf den Flur hinaus, wo ein älterer Neger im schwarzen Leibrock und feiner Wäsche bereit stand, ihm den Mantel umzuhängen. »Prächtige Kinder,« bemerkte Braun mit gedämpfter Stimme zu dem Diener. »Nur etwas zudringlich, Herr,« antwortete dieser zugleich zutraulich und ehrerbietig. »Nicht mehr, als wohlerzogene Kinder kleidet,« versetzte Braun gütig, »thut ihnen nur keinen Zwang an; Ihr wißt, es gewährt mir Freude, wenn gerade Kinder sich furchtlos und vertraulich um mich bewegen. Uebrigens, mein lieber Stanley, packt einen kleinen Handkoffer für mich mit den nothwendigsten Gegenständen, damit ich heute Abend oder morgen im Laufe des Tages abreisen kann.« »Wie lange gedenken der Herr fortzubleiben?« »Acht, vierzehn, Tage, vielleicht noch länger. Ich will nach dem Süden, dringende Geschäfte rufen mich.« »Nach dem Süden?« fragte Stanley entsetzt. »Keine Gefahr für mich, alter Freund,« entgegnete Braun, indem er, die heimliche Besorgniß des anhänglichen Dieners vollkommen würdigend, demselben die Hand auf die Schulter legte; »es gilt der Wohlfahrt meiner von Europa eingetroffenen Pflegetochter; auch hoffe ich für Magnolia und Bella etwas thun zu können – ich habe neue Nachrichten erhalten und vermuthe, sie in Savannah wiederzusehen.« »Gott segne Euch,« sprach der Neger leise; dann folgte er seinem Herrn nach, der rüstig und mit festen Schritten die nach dem Vorgarten führenden Stufen hinabstieg und gleich darauf, jede fremde Hülfe zurückweisend, in dem offenen Wägelchen Platz nahm. Die Knaben traten noch einmal zu ihm heran und reichten ihm Mappe und Decke, welche letztere Stanley, trotz der abwehrenden Bewegungen sorgfältig um seines geliebten Herrn Füße wand, und alsbald erhielt der mit feinem schwarzen Zeug, weißer Halsbinde und weißen Handschuhen bekleidete junge Negerkutscher Befehl zum Aufbruch. Gleichzeitig veränderte sich aber auch, als wäre es bereits von der Comptoirluft angeweht worden das wohlwollende, schöne Greisenantlitz. Das freundliche Lächeln und der Zug von Schwermuth räumten einer gewissen Verschlossenheit ihre Stelle ein; die weißen Brauen zogen sich über der Nase in eine dicke Falte zusammen; die schmalen Lippen schmiegten sich fest an die Zähne an, und selbst die einzelnen Haare des weißen Bartes schienen sich zu sträuben und zuzuspitzen, als hätten sie den Leuten zeigen und beweisen wollen, daß sie einen Millionär schmückten, einen Mann, der aus eigenen Kräften ein Geldfürst geworden, einen Mann, vor dessen kalten Blicken Buchhalter und Secretaire zitterten, Laufburschen, Sackträger und Kärrner sich schier die Lunge aus der Brust liefen, sogar die Rubriken in den dicken Contobüchern zusammenzuschrumpfen und die einzelnen Zahlen respectvoll den Hut abzuziehen schienen. So waren auch der schwarze Kutscher, der braune Pony und selbst das leicht gebaute Wägelchen nicht mehr dieselben, die sie vor der Hausthüre der Villa gewesen. »Ihr seid Lumpenpack!« leuchtete es verächtlich aus dem dunkeln Antlitz des jungen Kutschers, indem er die glühenden Blicke aus den schwarzen Augen nach links und nach rechts hinübersandte, um sich zu überzeugen, ob auch alle Welt den von ihm gefahrenen Millionär bemerke. »Ihr seid Lumpenpack!« schnaubte der Pony und klapperte er mit seinen zierlichen Hufen auf den Pflastersteinen, wenn ihm schwerfällige Karrengäule und Maulthiere begegneten, »Ihr seid Lumpenpack, denn Ihr schleppt Baumwollballen, Kaffee, Zucker und schmierigen Melasse, während ich die Ehre habe, einen Millionär seinem Comptoir zuzuführen. Ihr seid Lumpenpack!« rasselten endlich die Räder des Wägelchens, und knackte mit vornehmer Bescheidenheit die nur zum Schein gebrauchte Peitsche, »Ihr seid Lumpenpack!« sprach Alles an dem saubern, eleganten Gefährte, an welchem jeder Nagel wie gediegenes Silber blitzte; nur der Millionär selber sprach es nicht. Der saß auf seinem weichen Sitz, ernst und verschlossen, wie eine Sphinx; sein Körper wurde von den Federn des leichten Fuhrwerks sanft hin und her geschwungen, sein Geist aber befand sich bereits im Comptoir auf dem einfachen dreibeinigen Schraubensessel, von welchem aus seine Befehle mit zauberhafter Geschwindigkeit in die Welt hinausgetragen wurden. – Braun hatte wohl schon die Hälfte des Weges bis zu seinem Comptoir zurückgelegt, da stand sein Diener Stanley noch immer in dem Portal der Villa, sorgfältig überwachend einen braunen Gärtnerburschen, der mit peinlicher Genauigkeit die von dem Wägelchen und dem Pony hinterlassenen Spuren in dem Kieswege vernichtete und harkte, um dieselbe Arbeit im Laufe des Tag mindestens noch dreimal zu wiederholen. Die drei braunen Knaben standen neben ihm; andere Knaben und Mädchen in verschiedenen Schattirungen hatten sich ihnen zugesellt. Sie stritten sich darum, wer die Ehre haben sollte, den heimkehrenden Herrn zu bedienen. In ihren Augen las man nichts von Lumpenpack und Millionär. Sie kannten nur erst die zu der Villa gehörige Stimmung und schauten so munter darein, als habe Brauns letzter menschenfreundlicher Blick sich noch immer in den großen, schwarzen, zutraulichen Augen abgespiegelt. Sie schauten so munter darein, wie die grünen Rasenplätze und die zwar entlaubten, aber immer noch anmuthig geordneten Ziersträucher; wie die Vögel, welche die Villa umschwirrten und nach dem ihnen ausgestreuten Futter suchten, und endlich wie die Villa selbst mit ihren weiß und freundlich verhangenen Fenstern. Da entdeckte man nirgend im Ausdruck eine Anspielung auf »Millionär und Lumpenpack;« wollte man aber durchaus und mit aller Gewalt den todten Physiognomien irgend einen Ausspruch entlehnen, dann hätte es allein der sein können, mit welchem der ernste Stanley, ohne jedes überflüssige Geräusch, die farbige kleine Gesellschaft nach dem Hinterhofe wies: »Nehmt mit Dankbarkeit entgegen, was ein gütiger Gebieter Euch gewählt, und zeigt euch würdig des Namens: freie Kinder freier Eltern.« Dreißigstes Capitel. Der Revenger. Wild peitschte der Nordweststurm den atlantischen Ocean. Ein trüber Decemberhimmel hing über der unendlichen Wasserfläche und warf seinen kalten Schatten über das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Tief auf donnerte das Meer; unheimlich toste die Brandung gegen die hohen Küstenstrecken von Georgien und Karolina. Es erklang wie das Echo des Kanonendonners und des unheilvollen Tosens, mit welchem auf dem Festlande die letzten Schlachten des sich seinem Ende zuneigenden Bürgerkrieges geschlagen wurden. Als mächtige Dünungen drängten sich die salzigen Fluthen in den Savannah hinein, die wenigen unter dem Schutze der Rebellen-Batterien ankernden Schiffe heftig schaukelnd und wiegend. In der Stadt Savannah herrschte eine schwüle Spannung. Man mußte nicht, ob General Sherman, der in gefährlichster Nähe eingetroffen war, anstatt nordwärts auf das feste Charleston zu ziehen, sich vielleicht auf Savannah werfen würde, welches ohne großen Kampf in seine Gewalt fallen mußte. Bedroht von der Landseite konnte Savannah von der Wasserseite her noch weniger auf Hülfe rechnen. Die Mittel der in sich zusammensinkenden Rebellion waren bis auf den letzten Restbestand erschöpft. Keine Schiffe standen ihr mehr zur Verfügung, ihre Küsten- und Hafenstädte zu vertheidigen; nur kleine Schnellsegler von geringem Tiefgange dienten als Blockadebrecher und Piraten, welche auf hoher See friedliche Kauffahrer anfielen und, nach Bergung der Mannschaft, durch Feuer vernichteten. In den Mündungen größerer Gewässer und zwischen den Küsteninseln fanden diese Piraten eine erträglich sichere Unterkunft, indem die schweren Panzerschiffe und Monitors der Union ihnen nicht überall hin nachzufolgen vermochten. Auf hoher See mieden sie freilich die gefährliche Nachbarschaft der Eisenkolosse, aber von verborgenem Hinterhalte aus bewachten sie dieselben Tag und Nacht, um eine Gelegenheit zu erspähen, unentdeckt aus ihren Schlupfwinkeln auszulaufen, oder anderen Blockadebrechern das Signal zum Einlaufen zu geben. Vor der Mündung des Savannah, angesichts der auf dem rechten Ufer gelegenen Stadt gleichen Namens kreuzten nur drei oder vier Unionsdampfer. Die Hauptmacht der Flotte lag vor Charleston, Wilmington und in der Chesapeak-Bai, wo bei den sich vorbereitenden gewaltigen Stößen auf die beinahe uneinnehmbaren Befestigungen der Rebellen, auf die Seemacht, als einen entscheidenden Bundesgenossen der Landarmee gezählt wurde. Die auf dem Savannah untergebrachten Rebellenschiffe waren nicht geeignet, den lauernden Unionsdampfern zu begegnen; sie lagen müßig vor Anker. Zähneknirschend und wuthschäumend beobachteten die zur Unthätigkeit verdammten Seccessionisten die den eisernen Schloten ihrer Feinde entsteigenden Rauchwolken, welche, bald wie von den schäumenden Wogen ausgestoßen, bald einen schwarzen, mit Stückpforten versehenen eisernen Wall beschattend, ihnen die jedesmalige Lage der kampfgerüsteten nördlichen Wächter bezeichneten. Unbekümmert um Wind und Wetter, unbekümmert um donnernden Wogenschwall versahen die furchtbaren Schildwachen ihr Amt. Ob vor Top und Takel treibend, ob mit halber Dampfkraft der wüthenden Böe entgegenstampfend, sie hielten gewissenhaft auf ihren Posten aus, sorgfältig abspähend die schaumumgürtete Küste, und das Bugspriet dahin wendend, wo nur immer unter den die Mündung des Stromes beherrschenden Batterien ein Segel sich aufbauschte, um Sklaven und Güter nach anderen, sogenannten neutralen Häfen zu verschiffen. Eine kurze Strecke oberhalb Savannah, also nicht nur vollständig gedeckt durch die Batterien, sondern auch gegen die schweren Dünungen durch die letzte Flußbiegung geschützt, lag in den Spätstunden des eben erwähnten Tages ein Schraubendampfer vor Anker, dessen sechs Stückpforten auf jeder Seite, und die mächtige Bombenkanone auf dem Vorderdeck ihn als Kriegsfahrzeug kennzeichneten. Sein Aeußeres hatte etwas Unheimliches, sogar Beängstigendes; es erinnerte an einen Menschen, welcher den Eindruck hervorruft, daß man ihm nicht unbewaffnet an einem abgelegenen Orte begegnen möchte. Viel trug wohl seine durchgängig schwarze Farbe dazu bei, den eben erwähnten Eindruck zu erhöhen; wogegen das hart mitgenommene Takelwerk von einer langen und stürmischen Fahrt zeugte, der auf den schwarzen Regelingen, Raaen und Wanten niedergeschlagene weiße Salzreif aber von Sturzseen erzählte, welchen mit Glück zu widerstehen es nicht nur eines fest gezimmerten Fahrzeuges, sondern auch einer ebenso fest gezimmerten und kundigen Bemannung bedurfte. Kurze Zeit erst hatte das Schiff auf dem sicheren Ankergrunde unter dem linken Ufer des Savannah gerastet, denn noch war das Deck nicht gesäubert, noch waren die Schäden an Segel- und Takelwerk nicht ausgebessert, welche es von der Reise mit heimgebracht hatte. Aber auch die Fracht ruhte noch unangetastet in den unteren Räumen, trotzdem dieselbe theilweise aus Schuhen und Stiefeln bestand, an welchen die Besatzung von Savannah so große Noth litt, und deren eine entsprechende Anzahl genügt hätte, die darbenden und vielfach barfuß einherlaufenden Soldaten aufs Höchste zu beglücken. Man zögerte noch mit dem Ausladen, weil man Shermans Plan nicht kannte und, im Falle seines Angriffs auf Savannah, wenigstens so viel wie möglich, für andere conföderirte Heerhaufen zu retten gedachte. Nur mehrere englische und irländische Familien hatte man von Bord geschafft, lauter Zwischendeck-Passagiere, welche durch das Kriegsglück oder vielmehr Kriegsunglück von einem Segelschiff, dem Wassernix, auf den schwer bewaffneten Dampfer geschleudert worden waren. Dieselben lagerten dem Propeller gegenüber auf einem alten Holzhofe, wo man ihnen zum Schutz gegen Kälte und Unwetter ein halb zerfallenes Bretterhaus angewiesen hatte. Die armen Leute, durch den Verlust ihrer Habe in das bitterste Elend gestürzt, litten die schrecklichste Noth. Ihren Hunger konnten sie nur mit Dem stillen, was ihnen der Kapitän des Propellers von seinen eigenen Vorräthen zuerkannte; nichts destoweniger gestattete man ihnen nicht, sich von der ihnen angewiesenen Stelle zu entfernen, wenn sie es nicht auf die Gefahr hin, von den ausgestellten Schildwachen erschossen zu werden, heimlich wagen wollten. Die Bemannung des Wassernix hatte man dagegen nach der Stadt geschickt, wo sie mit Gewalt zum Eintritt in die Reihen der Rebellen gepreßt werden sollte. Das Loos, welchem sie entgegensah, war wenig besser, als das der Emigranten, selbst auch dann, wenn sie aus der Noth eine Tugend machte und sich entschloß, freiwillig bei ihren Feinden Dienst zu nehmen. Die beiden einzigen Kajütpassagiere des gekaperten Schiffes hatte man an Bord des Propellers, welcher den hochtönenden Namen: Revenger oder Rächer trug, zurückbehalten, und mit diesen den Kapitän, welcher den Wassernix commandirte. Zu welchem Zweck, das wußten die Gefangenen selber nicht. Man glaubte vielleicht, ihnen, als Kajütpassagieren, größere Rücksichten schuldig zu sein, vielleicht dachte man auch an eine Art Lösegeld, oder man hegte endlich die Absicht, den Gesandten fremder Mächte in Washington keine Veranlassung zum Einschreiten gegen die Conföderation zu geben. – Der Commandant des Revenger hatte sich ebenfalls nach der Stadt begeben, um mit dem dortigen Befehlshaber zu verabreden, in welcher Weise er sich bei einem etwaigen Angriffe des General Sherman am nachdrücklichsten mit seinem Schiffe an dem Kampfe betheiligen könne. Diese mehr und mehr an Bestimmtheit gewinnende Aussicht auf einen Kampf war wohl die Hauptursache, daß der Bemannung des Revenger, anstatt sie zum Säubern des Schiffes und zum Ausbessern der Havarien anzuhalten, Ruhe gegönnt wurde; der Commandant hatte wenigstens, bevor er in's Boot hinabstieg, seinem ersten Lieutenant befohlen, die Leute nicht mehr anzustrengen, als es die Instandsetzung der Geschütze und die Prüfung und Umpackung der Munition gerade erheischten. »'s fällt ein hübscher Antheil der Prisengelder auf den Revenger!« rief er der Mannschaft scheidend zu, »und ich will eben hinüber, um die Angelegenheit zu ordnen. Unmöglich ist es aber nicht, daß es vorher noch ein Stückchen heiße Arbeit giebt; putzt daher dem alten Revenger die Zähne, und Euch selber säubert die Kehlen vom Salzwasser!« Ein dreifaches Hurrah war die Antwort des in der Disciplin bereits gelockerten wilden Haufens, und dann vertheilten sich die ausgewetterten, räuberähnlichen Gestalten über das ganze Schiff, um sich unter der Leitung von Bootsmännern nicht weiter an der Arbeit zu betheiligen, als es ihnen gerade behagte und angemessen erschien. Auf dem Hintertheil des Revenger erhob sich ein kleines Kastell. Dasselbe umschloß die Kajüte des Commandanten, während das von einer niedrigen Brüstung begrenzte Dach dem wachhabenden Officier jedesmal zum Aufenthalt diente. Seitdem Johannes und Anna sich an Bord des Piraten befanden, hatte man zur Tageszeit regelmäßig eine Bank nach dem Kastell hinauf gebracht und den beiden Passagieren gestattet, ihre Zeit dort oben zuzubringen. Diese Erleichterung verdankten sie indessen weniger der Großmuth des Commandanten, als der freundlichen Theilnahme seines ersten Officiers. Derselbe, ein geborener Deutscher, verband mit der entschlossenen, selbstbewußten, fast hochmüthigen Haltung eines Seesoldaten, das gefällige und aufmerksame Wesen eines hochgebildeten Mannes, wodurch er einen gewissen leitenden Einfluß ebenso wohl auf den brutalen Commandanten, als auch auf seine nicht minder rohen Kameraden und endlich auf die wilde Horde der Bemannung gewonnen hatte. So war es auch seinem Einfluß am meisten zuzuschreiben, daß man die unglücklichen Emigranten nicht auf eine Insel an der Küste Nordkarolinas aussetzte, sondern sie bis dahin mitnahm, wo ihnen wenigstens die Hoffnung blieb, sich über kurz oder lang selbst forthelfen zu können. – Trotz der feuchten Kälte, welche der auf dem Flusse nur wenig fühlbare Sturm mit sich führte, hatten Anna und Johannes den größten Theil des Nachmittags oben auf dem Kastell zugebracht. Ihre Gesellschaft erhielt daselbst gelegentlich einen Zuwachs durch den gefangenen Kapitän und Lieutenant Arthur, den stellvertretenden Commandanten. Die übrigen Officiere verließen nur selten die Kajüte, in welche sie sich zurückgezogen hatten, um nach der langen Kreuzfahrt wieder einmal nach Herzenslust dem Spiel und dem Becher zu fröhnen. – Der gefangene Kapitän, ein langer, hagerer Amerikaner, der es verstand, zu lachen und zugleich vor verhaltener Wuth die Zähne zu knirschen, hatte sich eben hinab begeben; Lieutenant Arthur besichtigte die Batterien, wo ein Theil der Mannschaft bei den Geschützen beschäftigt war. Anna und Johannes befanden sich mithin allein und ungestört auf dem Quarterdeck. Beide hatten sich seit ihrer Abreise von Europa wesentlich verändert; doch wenn bei Anna die bleichere Farbe und der überlegende Ernst auf ihre Erlebnisse und die aus diesen entspringenden Gemüthsbewegungen zurückgeführt werden durften, so machte sich bei Johannes der Einfluß der langen Seereise und des Klimawechsels in einer frischeren und gesunderen Farbe geltend. Aber auch körperlich fühlte er sich zuweilen freier und kräftiger, so daß er sich mit bangem Herzklopfen der Worte erinnerte, welche der Professor kurz vor seinem Scheiden zu ihm gesprochen hatte. Eine zuversichtliche Hoffnung zu fassen wagte er indessen nicht; er glaubte, sich während einer langen Reihe von Jahren zu genau über seinen Gesundheitszustand unterrichtet zu haben, um sich einer Selbsttäuschung hingeben zu dürfen. Ihm war, als habe das Leben noch einmal mit verführerischem Glänze alle Pforten und Thore irdischer Glückseligkeit vor ihm geöffnet, um sie demnächst, ihn zurückschleudernd, auf ewig zu verschließen. Der Ausdruck seiner schönen blauen Augen hatte daher nicht gleichen Schritt mit der in seinem Antlitz stattfindenden Veränderung gehalten; denn mochte dieses wirklich wie von einem neu erwachenden Lebensschimmer angehaucht erscheinen, aus seinen Augen sprachen fort und fort dieselbe Schwermuth, dieselbe Entsagung. Nur wenn sie auf der geliebten Jugendgespielin ruhten und wenn diese in süßem Schmeichelton zu ihm, wie zu einem über Alles geliebten älteren Bruder sprach, ihre Freude über sein kräftiges Aussehen äußerte, mit leichter Hand ihn pflegte, auf die leisesten seiner Wünsche achtete und diese zu erfüllen sich bestrebte, leuchtete namenloses Entzücken in seinem Antlitz auf. Doch es war wie ein Blitz, der nur flüchtig und vorübergehend das nächtliche Dunkel erhellt, und wie eine Mahnung, sich nicht rücksichtslos trügerischen Hoffnungen hinzugeben, glühte auf seinen Wangen, nur nicht ebenso schnell verflüchtigend, die unheimliche, scharf abgegrenzte Röthe. Längere Zeit hatten die beiden jungen Leute schweigend neben einander gesessen: Johannes hatte die Blicke dem Ufer zugekehrt, wo die armen, Ihrer Habe beraubten Emigranten fröstelnd und hungernd um mehrere lodernde Feuer kauerten; Anna beobachtete mit unendlicher Bangigkeit die zu beiden Seiten des Stromes getroffenen Maßregeln zur Vertheidigung der Stadt, deren Fabrikschornsteine so ausdruckslos über die Häuserreihen emporstarrten, als sei aus ihnen noch nicht mehr Rauch hervorgequollen, als aus den Obelisken, welche vor mehr denn tausend Jahren dem Andenken berühmter Männer, oder großer, das Geschick von Nationen bestimmender Ereignisse errichtet wurden. – »Glaubst Du, daß wir noch einmal aus dieser schrecklichen Lage erlöst werden?« fragte Anna, sich plötzlich dem Freunde zuwenden, als hätte sie sich furchtsam den eigenen Gedanken und Betrachtungen entziehen wollen. »Ich glaube es nicht nur, sondern ich hege sogar die feste Ueberzeugung,« antwortete Johannes ermuthigend, »bedenke, wie unsere Lage sich gebessert hat, seit dem Tage, an welchem wir auf der endlosen Wasserfläche angehalten wurden und in den furchtbarsten Zweifeln über das uns vielleicht zuerkannte Loos schwebten. Heute wissen wir uns wenigstens auf dem amerikanischen Festlande, und hoffentlich ist die Zeit nicht fern, in welcher man uns gestattet, dahin zu ziehen, wo man uns ungeduldig, vielleicht schon besorgnißvoll erwartet.« »O mein Gott!« rief Anna schmerzlich aus, »wie viel anders dachte ich mir den Augenblick; in welchem ich zum ersten Mal einen neuen Erdtheil betreten würde, zumal ich erwarten durfte, von treuen, aufrichtigen Freunden empfangen und begrüßt zu werden.« »Und erkennst Du es nicht als eine Gunst des Schicksals an, selbst in der gefährlichsten Umgebung edelgesinnten Menschen begegnet zu sein, welchen wir so manche Freundlichkeit, so manche Erleichterung verdanken?« Anna's Blicke flogen nach dem Vordertheil des Schiffes hinüber, wo Lieutenant Arthur, gefolgt von einigen Bootsleuten, zu der riesenhaften Bombenkanone hinschritt und das Drehwerk, auf welchem sie ruhte, einer eingehenderen Prüfung unterwarf. »Sogar unter diesen schrecklichen Kriegsleuten haben wir einen Freund gefunden, bekräftigte sie träumerisch und ein liebliches Roth breitete sich über ihr Antlitz aus, »einen Freund, mit welchem wir obenein in unserer Muttersprache verkehren können. Und dennoch ist mir, als müßte ich bedauern, ihn gerade auf diesem Schiffe gefunden zu haben, fast erscheint es mir als ein Verbrechen an seinem eigenen Vaterlande, daß er den Vertheidigern der Sklaverei seine Kräfte zur Verfügung stellte.« Johannes war Anna's Blicken mit Aufmerksamkeit gefolgt; er bemerkte ihr leichtes Erröthen, er vernahm den innigen Ton ihrer Stimme, und dunkler glühten seine Wangen; seine treuen, blauen Augen aber, als hätte die Gluth der Wangen sich ihnen mitgetheilt, erhielten plötzlich einen fast feindseligen Ausdruck, während der Athem sich schwerer und gepreßter seiner Brust entwand. Sobald indessen der Athem sich in Folge der heftigen Gemüthsbewegung in einen leisen Husten verwandelte, ebnete sich der Schmerz zu einer milden Ergebung. Die Gluth der Wangen erlosch, wohlwollend und sanft blickten die Augen, und fest und überzeugend erklang seine Stimme, als er die athletische, schön gewachsene Gestalt des eigenhändig an dem Geschütze arbeitenden jungen Officiers fortgesetzt betrachtend, anhob: »Tadle ihn nicht, meine gute Anna, denn Du kannst nicht wissen, welche Beweggründe ihn veranlaßten, sich den Südländern anzuschließen. Hat aber ein Mann erst zu einer Fahne geschworen, dann ist er verpflichtet, ihr treu zu dienen. Selbst auch dann, wenn er nicht blind ist für die Fehler und Mängel der eigenen Partei, wird doch, gleichsam unbewußt, das Gefühl der Feindschaft gegen diejenigen genährt, gegen welche er beständig gerüstet dasteht und vor deren Geschossen er vielleicht manchen guten Freund todt dahinsinken sah. Urtheile daher nicht zu hart; ich selbst erkenne in ihm einen durchaus ehrenhaften Charakter, und gäbe es solche Leute in den Reihen der Conföderirten nicht, wer sollte dann diejenigen in Schranken halten, die, durch das Kriegsleben verwildert, im Allgemeinen nur wenig zu Milde und Barmherzigkeit hinneigen? Und daß er gerade auf einen Kaperer verschlagen wurde, kann nur als ein Glück für diejenigen bezeichnet werden, welchen er durch seine menschenfreundliche Verwendung unschätzbare Dienste leistete. Ist er doch gewissermaßen der gute Geist dieses Schiffes, denn die armen Leute dort drüben würden ohne seine edelmüthige Vermittelung in eine noch weit trostlosere Lage gerathen sein; und wir? O, mit Grausen denke ich daran, wenn wir der Willkür der übrigen Bemannung preisgegeben gewesen wären!« So lange Johannes sprach, hatte Anna keinen Blick von dem Officier gewendet. Sie lauschte mit tiefer Theilnahme den Worten ihres Freundes und suchte zugleich alle jenem beigelegten guten Eigenschaften ihm gleichsam mit den Augen anzupassen. Und als Johannes endlich schwieg, da schaute sie überrascht zu ihm auf, wie sich wundernd, daß er nicht mehr von ihm erzählte, den er nach ihrer Ansicht so sehr bezeichnend den guten Geist des Piratenschiffes genannt hatte. Auch dies entging Johannes nicht, und indem er in die großen Augen sah, die so zutraulich und mit dem Ausdruck lieblicher Unschuld an den seinigen hingen, da war ihm wieder, als hätte sich eine tiefe Wunde in seiner Brust geöffnet, der sein Leben entströmte, ohne ihm den Tod zu bringen. »Du hast wohl Recht,« bemerkte Anna zögernd, und ihrer Phantasie schwebten offenbar Bilder vor, von welchen sie sich ungern trennte, »konnte er auch nicht Alles verhindern, was von diesen Leuten Böses und Grausames vollbracht wurde, so vermöchte ich schon allein deshalb nicht, ihm meine Achtung zu versagen, weil er sich der armen Emigranten mit so viel Menschenfreundlichkeit annahm. Ich wäre vor Angst und Entsetzen gestorben, hätte er sich nicht auf dem Schiffe befunden – o mein Gott, Johannes, hegst Du nicht ähnliche Empfindungen? Würdest Du ohne zu zittern beobachten, wie man da vorne die unverkennbaren Vorbereitungen zu einem Kampfe trifft? Ich selbst vergegenwärtige mir mit Grausen, daß vielleicht in unserer Nähe Blut vergossen werden soll, daß Leute, welche sich jetzt kräftig und gesund um uns einherbewegen, vielleicht in den nächsten Tagen dem Tode verfallen sind oder gräßlich verstümmelt und wehklagend umherliegen. Ach, Johannes, meine geistigen Kräfte reichen kaum noch aus, der Verzweiflung Widerstand zu leisten; unwillkürlich suche ich mit den Blicken unsern edlen Beschützer, und wenn ich ihn dann sehe, wie er so ruhig seine Anordnungen trifft, wie er mit einer Haltung einherschreitet, als gäbe es gar keine Gefahren, weder für ihn, noch für uns, dann fühle ich meinen Muth wieder wachsen, und es bedarf kaum noch seiner Versicherung, daß mir der Anblick schrecklicher Kriegsscenen entzogen werden soll.« Ein Lächeln, welches man verklärt hätte nennen mögen, trat auf die ernsten Züge des jungen Mannes, indem er den warmen Eifer beobachtete, mit welchem Anna ihr hingebendes Vertrauen zu dem Rebellen-Officier schilderte. Er lächelte, und ohne daß er es ahnte, schlich die verhängnißvolle Röthe wieder auf seine Wangen. »Johannes!« rief Anna plötzlich aus, und sich erhebend und vor den geliebten Freund hintretend, neigte sie sich zärtlich zu ihm nieder, »Du leidest, ich lese es auf Deinem Antlitz; mich kannst Du durch Dein Lächeln nicht täuschen; Du empfindest Schmerzen und trachtest, dies vor mir zu verheimlichen. O sage mir, was Dir fehlt! Soll ich dich in die Kajüte hinab begleiten?« und indem sie mit holder, schwesterlicher Besorgniß die Hand auf seine Stirne legte, drangen Thränen der Theilnahme in ihre Augen. Johannes ergriff die zarte Hand und drückte sie krampfhaft. »Setze dich nur wieder hierher, mein liebes Kind,« bat er, eine heitere Miene erzwingend, »es ist mir weder zu kalt, noch fühle ich mich angegriffen oder unwohl; kann es Dir bei Deinem Scharfblick doch unmöglich entgangen sein, daß die Seereise sogar einen wohlthätigen Einfluß auf meine nicht ganz kernige Gesundheit ausübte. Nein, körperliche Schmerzen waren es nicht, was sich eben vielleicht in meinem Gesicht ausprägte, sondern das bittere Bewußtsein, von unserer eigentlichen Reiseroute verschlagen zu sein, so wenig den Erwartungen entsprochen zu haben, welche die guten Brauns und der Professor unstreitig ...« »O nicht weiter, lieber Johannes, sprich nicht weiter,« fiel ihm Anna klagend in's Wort, und schmeichelnd strich sie die dunkelblonden Locken von seinen Schläfen, »weder Du, noch unsere guten Brauns oder der Professor konnten die Unglücksfälle ahnen, welchen wir begegnen würden – und dann ...« fuhr sie eifrig fort, in dem guten Glauben, Johannes leide wirklich nur unter den von ihm angedeuteten Empfindungen, »und dann ist, streng genommen, weiter nichts verloren, als einige Wochen Zeit, und Niemand kann Dir den Ruhm streitig machen, Deine liebe und gehorsame Anna wohlbehalten an den Ort ihrer Bestimmung abgeliefert zu haben.« Hier lachte sie, allein es war ebenfalls eine erzwungene Heiterkeit, und im nächsten Augenblick ergriff sie Johannes' beide Hände, dieselben, wie aus Furcht, fest umspannend. Johannes,« sagte sie dabei tiefbewegt mit gedämpfter Stimme, »ich ertrage den Gedanken nicht, daß Du, nachdem Du mich in meine neue Heimath begleitet hast, wieder von mir gehen, mich allein unter den fremden und unbekannten Menschen zurücklassen willst. O, Johannes, kann es denn nicht anders sein, müssen wir durchaus von einander getrennt leben?« »Kind, darüber zu sprechen ist es noch viel zu früh,« versetzte Johannes, und seine Stimme zitterte leise, »noch bin ich ja bei Dir, und wenn Du glaubst, ohne Deinen treuen Jugendgespielen – ich meine, ohne Deinen Bruder Johannes nicht gut leben zu können ...« »Ich kann nicht ohne Dich leben,« fiel Anna ihm angsterfüllt in's Wort, indem sie den Arm um seine Schulter legte und sich dicht neben ihn setzte, »ich würde mich zu elend, zu verlassen fühlen – selbst mein unbekannter Beschützer, und gliche er seinem Bruder, unserm lieben alten Braun im Aeußern wie im Wesen aufs Haar, würde Dich mir nie ersetzen.« »Nicht so stürmisch und übereilt, Kind,« versuchte Johannes scherzhaft und sorglos zu tadeln, und er zog den weichen Arm, als wäre es eine ihn erdrückende Last gewesen, sanft von seiner Schulter, »und wenn Du es doch so sehr ernstlich wünschest, will ich gern bei Dir bleiben, bis ich mich überzeugt, daß in den neuen Verhältnissen Du Dich zufrieden und heimisch fühlst.« Anna schaute nachdenklich vor sich nieder. »Begreifst Du wohl,« begann sie nach längerem Sinnen, »daß ich fast wünsche, es möge mir hier gar nicht gefallen und sogar das schrecklichste Heimweh meine Rückreise nothwendig machen?« Johannes lächelte in seiner stillen Weise. »Du wünschest es jetzt vielleicht,« bemerkte er freundlich, »doch wer weiß, wie bald Deine Wünsche eine Aenderung erleiden? Alles hängt von dem Eindruck ab, welchen diejenigen Personen auf Dich ausüben, auf deren Verkehr und Gesellschaft Du fortan angewiesen sein wirst. Wer hätte zum Beispiel jemals für möglich gehalten, daß Du sogar auf einem Kaperschiffe verhältnißmäßig ruhige Stunden verleben würdest?« »Nun, Johannes, das ist doch nur das Verdienst des Herrn Arthur,« erwiderte Anna mit unbeschreiblich lieblicher Offenherzigkeit, und als sie emporschaute, gewahrte sie den stellvertretenden Commandanten, der sich langsam dem Quarterdeck näherte, offenbar mit der Absicht, sich seinen Gästen zuzugesellen. Einunddreißigstes Capitel. Rückerinnerungen. Anna hatte kaum die Absicht des Officiers errathen, als dieser auch schon die Stufen der nach dem Quarterdeck hinaufführenden Treppe erstieg und gleich darauf höflich grüßend vor sie hintrat. Wenn Lieutenant Arthur durch sein ganzes Verfahren bereits sich die Achtung der beiden jungen Leute erworben hatte, so diente seine äußere Erscheinung nicht minder dazu, auf diejenigen, mit welchen er in näheren Verkehr trat, einen günstigen Eindruck auszuüben. Abgesehen von seinem schönen, ungemein kräftigen und hohen Wuchs, zeichnete er sich auch vor seinen Schiffsgenossen durch eine Haltung aus, welche, obwohl frei und ungezwungen, wie sie im Allgemeinen den Seeleuten eigentümlich, doch an militärische Straffheit erinnerte. Seine blaue Uniform war freilich abgetragen und schadhaft, der goldene Streifen an seiner Mütze fast schwarz geworden, dies beeinträchtigte indessen in keiner Weise sein Aeußeres. Im Gegentheil, man fühlte sich angeregt, aus diesen kleinen Mängeln alle die zahlreichen Stürme und Kämpfe herauszulesen, welche er auf den Seewogen mit Glück überstanden hatte. Wie seine Uniform, trug auch sein wohlgebildetes Gesicht reiche Spuren der Einwirkung von Wetter und Beschwerden; es war stark gebräunt, ohne dadurch seine Jugendfrische eingebüßt zu haben. Dunkelblondes Lockenhaar, entsprechend den tiefblauen Augen, quoll in dichter Fülle unter der Seemannsmütze hervor, während ein röthlich schimmernder Vollbart den unteren Theil seines Gesichtes verbarg und, wenn er die Lippen öffnete, zwei Reihen weißer schöner Zähne durchblicken ließ. Der übliche Schleppsäbel mit Korb und gelbbeschlagener Scheide hing an seiner Seite; außerdem beschwerte eine leichte Drehpistole seinen Gurt. Letztere Waffe legte er nie ab, weil unter der Bemannung des Revenger Elemente vertreten waren, welche in Disciplin zu halten, zuweilen nur unter Androhung augenblicklich zu vollziehender Todesstrafe gelang. Als Arthur sich seinen beiden Gästen mit höflichem Gruße näherte, erhoben sich diese, und ihm die Hände reichend, luden sie ihn ein, bei ihnen Platz zu nehmen. »Aus Ihrer gütigen Erlaubniß erwächst mir ein doppelter Genuß,« antwortete Arthur mit dem ungezwungenen Anstande eines den besten Kreisen angehörenden Mannes, indem er einen Feldsessel für sich heranzog; »einmal die Gelegenheit, mich meiner Muttersprache zu bedienen, und dann die Hoffnung, Sie über Ihre Zukunft gänzlich zu beruhigen.« »Und dennoch werden wir gewaltsam an der Fortsetzung unserer Reise gehindert,« entgegnete Anna vorwurfsvoll, und ein Lächeln, begleitet von holdseligem Erröthen, schwächte den Vorwurf mehr ab, als sie vielleicht im Grunde beabsichtigte. »Ich versuche es nicht, zu entschuldigen, daß Sie überhaupt an Bord des Revenger geführt wurden,« versetzte Arthur ernst, »die Fortnahme und Vernichtung des Schiffes, auf welchem Sie die Reise von Europa aus antraten, waren eben durch die herrschenden Kriegszustände geboten. Wäre der Wassernix nur Emigrantenschiff gewesen, würde niemand daran gedacht haben, seine Fahrt zu unterbrechen. Da aber die an seinem Bord befindlichen wenigen Leute nur dazu dienten, die Kriegscontrebande gewissermaßen zu decken, so konnten wir füglich nicht anders handeln. Dafür hingegen, daß Sie auch jetzt noch an der Fortsetzung Ihrer Reise gehindert werden, bin ich Ihnen natürlich noch eine Erklärung schuldig. Wenn die armen Emigranten dort drüben scharf bewacht werden, so geschieht das nur, um einem möglichen Verrath an uns vorzubeugen. Sie fahren übrigens weit besser dabei, als wollte man sie plötzlich in einem ausgesogenen Lande ihrem Schicksal überlassen. Bei Ihnen genügt freilich das einfache Versprechen des Schweigens gegen unsere Feinde, um uns gegen nachtheilige Folgen gesichert zu wissen. Furcht vor Verrath ist es also nicht, was Ihr längeres Verweilen an Bord des Revenger bedingt; Sie selbst dagegen würden sich in einer ziemlich hülflosen Lage befinden, wollten wir Ihnen anheimstellen, Ihre Reise nach eigenem Ermessen fortzusetzen. Indem man sie, als Deutsche, überall mit Argwohn betrachtete und Ihnen böswillig begegnete, würden Sie auf unüberwindliche Hindernisse stoßen. Der Gefahren, welche Ihnen daraus erwüchsen, daß Sie nirgend die Mittel fänden, von Ort zu Ort zu gelangen, erwähne ich nicht eingehender, ebenso nicht der traurigen Wahrheit, daß sich Marodeure und Guerillabanden in großer Zahl umhertreiben und das vor Ihnen liegende Land und Ihren Weg höchst unsicher machen.« »Ihre freundliche Theilnahme kann ich nur dankbar anerkennen, Ihre Entscheidung nur billigen,« erwiderte Johannes, indem er nach dem schweren Geschütz hinüber sah, neben welchem in einem besonders dazu eingerichteten offenen Rahmen mehrere Seeleute einen Vorrath mächtiger Geschosse nebeneinander und übereinander schichteten, »und dennoch erfüllt es mich mit großer Besorgniß« –hier warf er einen bezeichnenden Seitenblick auf Anna – »zu beobachten, wie nicht nur drüben in der Stadt, sondern auch hier auf Ihrem Schiffe mit reger Thätigkeit die Vorbereitungen zum Kampfe getroffen werden.« »Es ist wahr,« gab Arthur zu, doch äußerte sich im Tone seiner Stimme nur ein geringer Grad von Vertrauen, »wir müssen uns vorsehen, um von Sherman, welchem selbst die erbittertsten Feinde der Union ihre Bewunderung nicht versagen, nicht überrascht zu werden. Ihnen gegenüber räume ich offen ein, daß ich die Sache, für welche ich nun schon seit beinahe vier Jahren die Waffen trage, für eine verlorene halte. Die Nordstaaten gebieten über zu colossale Mittel, während bei uns ebensowohl die Kassen, wie die Arsenale und die streitfähige Mannschaft erschöpft sind. Ach, es hätte ganz anders endigen können, die früheren Vereinigten Staaten hätten längst in zwei mächtige Schwesterrepubliken getheil sein müssen, wenn nicht, hier wie drüben, schändlicher Verrath – doch das soll mich nicht entmuthigen, kann ich der Partei, welcher ich mich angeschlossen habe, nicht den Sieg erringen helfen, so kann ich wenigstens, meinem gegebenen Worte treu, bis zum letzten Athemzuge für sie kämpfen und – wenn es so beschlossen sein sollte – für sie fallen.« »Und Sie glauben, daß es eine gerechte Sache sei, für welche Sie bei einem solchen traurigen Ereigniß Ihr Leben hingegeben hätten?« fragte Johannes schwermüthig, während Anna, die Hände gefaltet, fast regungslos auf das ernste Antlitz ihres gemeinschaftlichen Beschützers schaute. Arthur sah vor sich nieder und lächelte in beinahe geringschätziger Weise. »Einsam und unabhängig, wie ich in der Welt dastehe,« begann er nach kurzem Zögern, »habe ich von dem friedlichen Gewerbe eines Seefahrers zu dem eines Seesoldaten gegriffen. Ich bekenne, daß ich eigentlich wider meinen Willen auf ein Kriegsschiff gelangte; doch gleichviel, ich fand Geschmack an dem wild bewegten Leben, so daß ich diesen Wechsel bis jetzt noch nie bereute. Allmälig schloß ich mich sogar inniger an die Sache an, für welche ich zu dem Waffenhandwerk übergegangen war, und zwar in demselben Grade, in welchem ich einen klareren Einblick in die eigentliche Streitfrage gewann.« »Sie kämpfen also mit Enthusiasmus dafür, daß eine ganze Menschenrace fernerhin Sklavenfesseln tragen soll?« fragte Johannes mit unverkennbarem Bedauern. »Ich fürchte, wir gelangen mit unserm Gespräch auf ein Feld, auf welchem wir uns nicht einigen werden,« antwortete Arthur, und er verneigte sich leicht gegen Anna, wie deren Verzeihung erbittend; »Sie betrachten die gewaltige Streitfrage von dem Standpunkte eines Philantropen, der, wie der geistigen, so auch der unbedingten körperlichen Freiheit aller Menschen huldigt, während ich wieder mehr die praktische Seite der Frage in's Auge fasse. Auch ich erkläre mich für die Befreiung der Sklaven, jedoch nicht in einer Weise, wie sie im Norden schon wirklich in's Leben getreten ist; ich möchte die Sklaverei aufgehoben wissen, aber nur allmälig und Schritt für Schritt, je nachdem die einzelnen Individuen sich reif für die Freiheit zeigen. Was wären wohl die Folgen, wenn die Millionen der Farbigen, die hinsichtlich ihrer geistigen Ausbildung sich kaum über einen zehnjährigen weißen Knaben erheben, plötzlich losgelassen würden? Es würde sein, als hätte man eine Heerde Wölfe und Hyänen auf die weiße Bevölkerung gehetzt.« »Sie gehen zu weit,« wendete Johannes ein, »denn wie man bisher dafür Sorge trug, daß die armen Farbigen in ihrer Bildung nicht über den Instinct eines gut geschulten Hausthieres hinausgelangten, so würde man unter den von Ihnen angedeuteten Bedingungen gewiß nicht minder bemüht sein – und zwar mit dem besten Erfolge – daß die unglücklichen Menschen nie ganz reif für die Freiheit würden. Das plötzliche Zersprengen aller Sklavenketten mag seine Schattenseiten haben, wenn auch nicht annähernd solche, wie sie auf einzelnen westindischen Inseln den blutigen Negeraufständen nachfolgten; dagegen läßt sich nicht leugnen, daß die geistige Entwickelung der Farbigen viel schneller und nachhaltiger von Statten geht, sobald sie wissen, daß sie freie Leute sind; es wird mehr und mehr das ernste Bestreben Wurzel in ihnen fassen, sich der ihnen zuerkannten Freiheit würdig zu zeigen, die Vorurtheile, welche man gegen sie hegt, als unhaltbar hinzustellen, und den Anfeindungen, welche sie noch lange zu erdulden haben werden, mit ruhiger Würde zu begegnen. Ich erinnere sie an die kurze und doch so inhaltschwere Geschichte der Vereinigten Staaten, die augenblicklich zwar durch den Bürgerkrieg zerrissen, dennoch das reichste und mächtigste Land der Erde genannt zu werden verdienen, und die aus sich selbst heraus – die jüngsten Kriegsjahre beweisen es ja – eine Kraft zu entwickeln vermögen, von welcher man in früheren Zeiten keine Ahnung hatte. Würde nun das amerikanische Volk im Stande gewesen sein, sich zu einer so hohen Stufe, sowohl auf industriellem, wie auf politischem Felde emporzuschwingen? Würde es haben Gesetze schaffen können, in Befolgung derer diese große Familie von abgesonderten Staaten, trotz der jetzt herrschenden innern Zerwürfnisse, ein einiges mächtiges Ganze bildet? Ich frage Sie, würde dieses Alles haben geschehen können unter dem fortgesetzten Druck, welchen die englische Regierung auf ihre Colonien ausübte, unter einem nichtswürdigen Drucke, welcher endlich einem Washington und seinen Gesinnungsgenossen so unerträglich wurde, daß sie das schwer drückende Joch, die Sklavenketten abschüttelten und sich plötzlich auf einmal als freie Männer und unumschränkte Herren ihres eigenen Willens und der von ihnen im Besitz gehaltenen Ländereien erklärten? Damals wurde der jungen Republik – und ich habe die Geschichte der nordamerikanischen Freistaaten mit großer Vorliebe studirt – ebenfalls kein langes Leben prophezeit; man glaubte, daß sie bald wieder zusammenbrechen müsse, weil ihre Bevölkerung noch nicht reif zu einer Selbstregierung sei, wie die heutigen Farbigen nicht reif für die Freiheit sein sollen; und wie sind jene Prophezeiungen eingetroffen? Die verachtete Republik lernte durch die Praxis; sie bewies, daß nicht nur eine gesunde Lebenskraft in ihr wohnte, sondern sie wuchs auch so schnell, daß sie bald alle europäischen Länder, namentlich aber ihren Mutterstaat, das hochmüthige England, weit überflügelte und letzteres sogar zur See in den Schatten zurückdrängte. Hier auf dem amerikanischen Continent hatte man also die Folgen einer allgemeinen plötzlichen Befreiung vor sich, während man in England – im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten – nur den Bevorzugteren des Volkes ein theilweises Mitsprechen bei Regierungsangelegenheiten gestattete. Wohin – ich frage sie – wohin sind die Amerikaner gelangt, und wo sind die Engländer stehen geblieben? In England herrschen noch immer die verrotteten Zustände vergangener Jahrhunderte; es ist dieselbe Nation geblieben: stets im Trüben fischend nach Außen, und nach Innen in zwei Lager gespalten: in eine kleine, aber durch Reichthum mächtige Partei der Aristokratie und deren Schleppenträger, und eine nach vielen Millionen zählende der bittersten Armuth, von der Sie eine Probe dort drüben um die Feuer kauern sehen – doch ich schweife zu weit ab, indem ich der schnellen Befreiung aller Sklaven das Wort zu reden suche, indem ich eine Parallele ziehe zwischen der ersten Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten und der Acte des hochherzigen Präsidenten Lincoln, laut deren es auf dem nordamerikanischen Continente keine Sklaven mehr geben soll. Wenn ich Sie recht verstand, gönnen auch Sie den Schwarzen die Freiheit, nur mit dem Unterschiede, daß sie die Freiheit in der von der conföderirten Regierung beliebten Weise empfangen sollen. Wissen sie aber auch ganz genau, daß man im Süden überhaupt an eine Sklavenbefreiung denkt? Können Sie und mit Ihnen viele tausend Streiter nicht sehr leicht getäuscht worden sein, und das nur, um Sie nicht aus der Armee zu verlieren? Das vergangene, wie das gegenwärtige Auftreten der Conföderation spricht wenigstens nicht dafür, daß da, wo vielleicht die Rede von einer Aenderung im System der Sklaverei, es ernstlich gemeint ist.« »Manches von dem, was sie einwendeten, vermag ich allerdings nicht zu widerlegen,« versetzte Arthur, sobald Johannes, dessen ganzes Antlitz vor enthusiastischer Erregung glühte, schwieg, »überhaupt würde ein näheres Eingehen auf die waltende Streitfrage uns zu weit führen, uns möglicher Weise sogar ein Tadel von Fräulein Werth zuziehen. Nur auf eins erlaube ich mir zu antworten: Sie sprachen von Täuschungen, welchen ich unterworfen sein könnte; wähnen Sie etwa, daß man im Norden nicht ebenfalls zu Täuschungen seine Zuflucht nimmt? Oder wie wollen Sie es nennen, wenn man heute für die Farbigen das Schwert zieht, und morgen sich scheut, in der Kirche neben einem Schwarzen zu knieen und dem Schöpfer seine Verehrung zu zollen ...« »Auch diese Vorurtheile werden schwinden,« fiel Johannes eifrig ein, »ja, sie werden schwinden, – wenn auch erst nach manchem Hader, – sobald man einsehen gelernt hat, daß die geistigen Anlagen den farbigen Menschen vollkommen berechtigen, seinen Platz neben dem weißen zu suchen und nicht unter ihm. Und dennoch, wären die geistigen Befähigungen allein maßgebend, existirten keine Gesetze der Humanität und der Nächstenliebe, dann, fürchte ich, müßten leider recht, recht viele weiße Menschen, selbst in unserm theuren deutschen Vaterlande in Sklavenfesseln geschlagen werden, und zwar nicht allein da, wo Armuth und Noth ihre Heimath aufgeschlagen haben, sondern vorzugsweise da, wo man sich durch Anstammung eines hochtönenden Namens dazu berechtigt glaubt, in mittelalterliche Verdumpfung zu versinken und den darbenden Mitmenschen hohnlachend mit Füßen zu treten.« »Sie dringen recht scharf auf mich ein,« bemerkte Arthur lachend, offenbar mit der Absicht, das Gespräch auf andere Gegenstände überzulenken, »so daß ich beinahe gezwungen bin, mein Glaubensbekenntniß vor Ihnen abzulegen, obwohl ich in diesem Augenblick nicht einmal genau wüßte, in welche Formen ich es zu kleiden hätte. Gewiß ist nur, daß ich ein Kriegsknecht bin, der durch Wort und Handschlag verbunden ist, seiner einmal gewählten Fahne treu zu bleiben. Daß im Süden Manches nicht nach meinem Geschmack ist, räume ich ein; ebenso bezweifle ich aber auch nicht, daß es im Norden recht viele Verhältnisse giebt, mit welchen ich mich schwer würde aussöhnen können; ich erinnere an die siebentägige Schlacht von Richmond, in welcher der Befehlshaber der nördlichen Streitkräfte Tausende und aber Tausende von Menschenleben opferte, um dafür weiter nichts zu ernten, als ein Mißtrauensvotum des ganzen Landes, welches sich von ihm – ob mit Recht oder Unrecht, lasse ich unerörtert – für verrathen hielt. Freilich, der Schein ist gegen Mac-Clellan – doch gleichviel, ich komme darauf zurück, daß, wenn jeder einzelne Soldat sich, außer mit seiner Muskete, auch noch mit Politik befassen wollte, es mit der Disciplin eines Heeres ein trauriges Ende nehmen würde. Ich habe mich dem Kriegshandwerk zugewendet nicht aus Neigung, noch weniger bin durch die Streitfrage selbst sehr begeistert worden. Als deutscher Abenteurer fülle ich indessen meine Stelle aus, und ob nun im Norden, wo unsere Landsleute in so reichem Maße vertreten sind, oder im Süden, wohin ich zuerst verschlagen wurde, ich werde bis zum letzten Athemzuge für meine Flagge kämpfen und nur mit deren gänzlichem Daniedersinken mich als meines Wortes entbunden betrachten.« Hier begegneten seine Blicke denen Anna's welche ihn, so lange er sprach, mit einer seltsamen Mischung von freundlicher Theilnahme und innigem Bedauern betrachtet hatte. Schnell wendete er sich dem jungen Mädchen ganz zu, und das leichtfertige Wesen eines unabhängigen Soldaten erheuchelnd, rief er aus: »Da thun wir Männer, als ob wir allein an Bord des Revenger wären, und bei uns sitzt eine junge Dame, welche durch alle nur denkbaren Reize und Vorzüge berechtigt ist, von uns zu erwarten, daß wir über sie die ganze übrige Welt vergessen. Verzeihen Sie uns diesen Verstoß, mein Fräulein, und gestatten Sie mir, Ihnen, als eine Art Sühne für unser Vergehen, das letzte und entscheidende Wort in der von uns so rücksichtslos behandelten Streitfrage einzuräumen: Pflichten Sie mir nicht bei, wenn ich behaupte, daß drüben in Europa, oder sagen wir gleich, in unserm gemeinsamen Vaterlande, viele Tausende von Menschen leben, welche, im Elend geboren und groß geworden, gern mit den sorglos in den Tag hineinlebenden und gut gehaltenen Sklaven tauschen möchten?« Als Arthur sich entschuldigend an Anna wendete, breitet es sich wie ein liebliches, den schönsten Frühlingstag verheißendes Morgenroth über ihre erregten Züge aus. Die ihr gezollte höfliche Rücksicht erfreute sie offenbar. Sobald aber die an sie gestellte Frage nachfolgte, erhielt ihr Antlitz einen ernsten, ruhig überlegenden Ausdruck. »Ich wünsche wirklich, mein Urtheil wäre entscheidend,« erwiderte sie, und offen und ehrlich, wie ein Sonnenblick aus lichten Höhen heftete sie ihre Augen auf die des jungen Officiers, »der verheerende Bruderkrieg würde dann gewiß sehr bald sein Ende erreichen. Uebrigens pflichte ich Ihnen vollkommen bei: drüben in unserm Vaterlande giebt es Menschen genug, welche gewiß gern so leben möchten, wie die Mehrzahl der hiesigen Sklaven; ob sie aber ihre Freiheit für ein sorgloses Leben hingeben, ob sie für ein solches Zeuge sein möchten, wie man ihre Kinder von ihnen risse und verkaufte und schließlich sie selbst unter den Hammer des Versteigerers brächte, das muß ich dennoch bezweifeln. Empfinde ich doch selbst in diesem Augenblick bitter, was es heißt, wenn auch nur auf kurze Zeit, der Freiheit des Willens und der Bewegung beraubt zu sein.« Diese Antwort schien Arthur nicht erwartet zuhaben, denn indem er flüchtig auf seinen über die Oberlippe in den Mund hineinragenden Schnurrbart biß, erhielten seine gebräunten Gesichtszüge eine tiefere Farbe. Gleich darauf aber kehrte der sorglose Ausdruck wieder zurück, und beinahe unwillkürlich ergriff er Anna's Hand in freundschaftlicher Weise. »Auf dem Revenger soll Ihre Stimme wenigstens entscheidend sein,« sprach er freundlich und seine Finger schlössen sich fester um die zarte Hand, »ich räume daher vor allen Dingen ein, daß ich in meiner Behauptung zu weit ging und ordne meine Ansichten den Ihrigen freudig unter. Zugleich komme ich aber auf den Punkt zurück, von welchem wir beim Beginn unseres Gespräches ausgingen, ich meine, auf die Vorbereitungen zum Kampfe und auf die Möglichkeit, daß Sie Zeuge desselben sein könnten.« Hier zog Anna, von Furcht erfüllt, ihre Hand zurück, und Arthur fuhr nunmehr wieder ernster fort: »Ja, wir treffen Vorkehrungen zum Empfange des genialen Sherman, obwohl es noch ungewiß ist, daß er seinen Weg gerade hierher nimmt. Bei dem undurchdringlichen Geheimniß, in welches der kühne Heerführer seine Pläne und Bewegungen hüllt, ist natürlich die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß er in geringer Entfernung von hier den Savannah plötzlich überschreitet und sich nordwärts wendet, um vereinigt mit der Unionsflotte einen Angriff auf Charleston und später auf Wilmington zu unternehmen. In einem solchen Falle würde es allerdings vor Savannah zu keinem Zusammenstoße kommen. Erscheint ein solcher dagegen unvermeidlich, wofür namentlich die Verstärkung des Blockadegeschwaders spricht – der Commodore Dahlgreen soll eingetroffen sein – so erfülle ich mein Ihnen ertheiltes Versprechen: Sie noch vor dem Beginn des Kampfes so weit fortzuschaffen, daß höchstens der Kanonendonner zu Ihren Ohren dringt. Die Bestimmungen betreffs Ihrer Entfernung von hier sind bereits getroffen – freilich würden Sie nicht so sicher und bequem reisen, als wenn Sie an Bord des Revenger blieben, bis sich Ihnen eine passendere Gelegenheit böte. Dies ist dann nämlich Ihre Straße,« fuhr er fort, auf den breiten Spiegel des Savannah weisend, »ein Boot, bemannt mit kräftigen Ruderern, wird Sie schnell stromaufwärts bringen; bis zur nächsten Biegung rudern Sie meine eigenen Leute, dort aber finden Sie – wenn mein Plan nicht scheitert – einige Hände von dem Wassernix, über welche deren alter Kapitän gewiß recht gern das Commando übernimmt.« Die letzten Worte richtete er an den gefangenen Kapitän, der eben nach dem Quarterdeck hinaufgestiegen war, um den Einbruch des Abends im Freien zu erwarten. Dieser nun, ein langer dünner Mann mit wetterzerrissenem Gesicht, kleinen schwarzen, blinzelnden Augen und einem langen, wohlgepflegten Kinnbarte, ein Mann, welchen man ebenso gut für einen Landspeculanten, Banquier, Holzfäller, Handwerker oder Advokaten, wie für einen Seemann halten konnte, verzerrte bei der an ihn gerichteten indirecten Aufforderung sein Gesicht zu einem heiteren Grinsen, während er die Zähne so fest auf einander biß, daß man glaubte, die Glasur von denselben absplittern zu hören. »Verdammt gutes Fahrwasser stromaufwärts,« bemerkte er darauf, und als sei seine lange scharfe Nase eine geladene Flinte gewesen, zielte er mit dem linken Auge über dieselbe fort auf die bezeichnete Flußbiegung; »ja, verdammt gut, wenn nicht einige Torpedos und sonstiges unterseeisches, feuerspeiendes Ungeziefer die Straße etwas unsicher machen.« Arthur wechselte einen flüchtigen Blick mit Johannes und Anna, wie um sie zu ermahnen, sich durch die Befürchtungen des Kapitän Iron nicht einschüchtern zu lassen, und dann wendete er sich diesem wieder zu. »Stromaufwärts liegen keine Torpedos,« sprach er in belehrendem Tone, »denn von dorther haben wir keine feindlichen Kanonenboote zu erwarten; übernehmt daher getrost die Führung der zu Eurer Verfügung gestellten Jolle. Ihr erlangt dadurch eure Freiheit, wofür Ihr weiter nichts zu leisten braucht, als diese beiden Herrschaften zu begleiten.« Kapitän Iron blinzelte Anna mit beinahe zärtlicher Freundlichkeit zu, was indessen nicht hinderte, daß seine Zähne wieder so hart auf einander knirschten, als hätte der ganze Revenger, sammt allen Geschützen, Kanonieren und Matrosen sich zwischen denselben befunden. »Also weiter wird nichts von mir verlangt?« fragte er achselzuckend, »'s ist freilich nicht viel, allein immer genug, um beim Zusammentreffen mit einigen umherstreifenden Rebellenhunden etwas höher aufgehißt zu werden, als es für eine gesunde Windpfeife angenehm und zuträglich ist – also keine Torpedos stromaufwärts?« verfiel er plötzlich in einen spöttischen Ton, unbekümmert um das Entsetzen, welches sich in den Zügen des sonst von ihm verhätschelten, jungen Mädchens spiegelte, »gut, mein bester Maat, wie nennt Ihr aber zum Beispiel die Tonne, welche dort, wie 'ne Haifischflosse, aus dem Wasser ragt?« »Eine einfache Boje, dorthin gelegt, um schwere Fahrzeuge vor dem Aufrennen zu bewahren,« antwortete Arthur gleichgültig. »Und die da?« fragte Iron weiter, indem er sich kurz umkehrte und stromabwärts wies, wo mehrere derartige Tonnen zu bemerken waren. »Ebenfalls Bojen,« lautete die Antwort, »aber Kapitän, seid Ihr denn ein solcher Neuling zur See, daß Ihr nicht einmal eine Boje von einem Torpedo zu unterscheiden versteht?« »Habe, bei Gott, in meinem Leben noch keinen Torpedo gesehen, aber um so viel mehr davon gehört. Calculire, diese Höllenmaschinen sind an die Bojen befestigt.« »Damit Jeder sie sehen und ihnen aus dem Wege fahren kann?« erwiderte Arthur lachend, »o, mein lieber Kapitän, Ihr seid zwar ein Mann des Friedens, obwohl Ihr ganz gut Kriegscontrebande einzuschmuggeln versteht, allein so viel könntet Ihr uns Südländern wohl zutrauen, daß wir nicht höflich genug sind, den angreifenden Kanonenbooten zu verrathen, wo die Höllenmaschinen liegen.« »Aber zum Teufel, Maat, wie macht Ihr's selber, um nicht in die Wolken geblasen zu werden?« »Nun, Kapitän, wir haben unsere bestimmten Kanäle; blickt gefälligst einmal stromabwärts und sagt mir, ob auch nur eine Nußschale zwischen zwei der dort geankerten schwarzen Bojen hindurchfährt; wagte sie es aber dennoch, dann würdet Ihr euch wundern, wie schnell sie von der Oberfläche des Wassers verschwunden wäre.« »Gut ausgedacht, verdammt gut ausgedacht, Maat, nur 'n Bischen gefährlich, calculire ich. – Hm, Goddam! hätte wirklich Lust, 'mal beizuwohnen, wenn so 'nen Monitor der Teufel holt, und wäre er von Ericson selber zusammengenietet und mit den besten Händen bemannt, die je unter dem Sternenbanner zwei Tauenden zusammensplißten. Also zwischen den schwarzen Bojen? Richtig, da zwischen den rothen kriechen sie hindurch, wie die Katzen – hm, 'ne gute Einrichtung, aber Maat – 'n Bischen gefährlich, und darum traue ich auch dem Frieden stromaufwärts nicht; calculire, ich lasse die beiden jungen Leute allein abreisen und warte bessere Zeiten an Bord dieses schuftigen Revenger ab.« »Ganz nach Euerm Belieben,« versetzte Arthur wiederum mit einer Geberde der Entschuldigung gegen Anna und Johannes, die längst an das wunderliche Wesen des Amerikaners gewöhnt waren; »dagegen erlaube ich mir, zu bemerken, daß Euch später keine so günstige Gelegenheit zur Heimreise geboten werden dürfte. Ihr habt indessen Zeit zu überlegen, bevor Ihr einen Entschluß faßt.« Das Schiff hob und senkte sich leise unter der doppelten Wirkung der zurückkehrenden Fluth und der draußen auf dem Ocean Wasserberge zusammenwehenden und heranwälzenden Kühlte. Zwischen den Ufern des Savannah, den Schutz gewährenden Waldstreifen und Baulichkeiten empfand man in geringerem Grade den Einfluß der heftigen Luftströmung. Nur stoßweise und dann immer aus veränderter Richtung fand der Wind seinen Weg auf das Verdeck des Revenger; hoch oben aber am Himmel zogen die Wolken mit ungestümer Hast einher, als sei auch zwischen ihnen im fernen Süden der Bürgerkrieg ausgebrochen und eine Schlacht geschlagen worden, in Folge dessen sich ganze Wolkenheere auf der Flucht befanden, um im eisigen Norden Schutz gegen ihre eben so flinken Verfolger zu suchen. Das Wasser plätscherte gegen die schwarzen Schiffswände. Weiße Möven, wie erschöpft nach mühevollem Umherschweifen auf sturmbewegtem Meere, strichen trägen Flügelschlages über die mit salzigen Bestandtheilen gemischten Fluthen des Stromes dahin. Näher rückte der Abend und fast unmerklich ging das trübe Tageslicht in leichte Dämmerung über. In der Umgebung der Stadt, so weit dieselbe vom Verdeck des Revenger aus sichtbar war, herrschte noch immer rege Thätigkeit; man schien die Nacht durcharbeiten zu wollen. Da wurden Balken geschleppt und Pallisaden eingerammt, da prüfte man die Lage der Geschütze und die Beweglichkeit der Lafetten; da trug man Schießbedarf von Ort zu Ort, ergänzte man Schanzen und verstärkte man Schießscharten durch übereinandergestapelte Baumwollenballen und gefüllte Sandsäcke, während größere Militärabtheilungen die Verbindung zwischen den verschiedenen befestigten Punkten herstellten, kleinere Streifpatrouillen sich aus dem Bereich der Stadt entfernten und andere wieder zurückkehrten. Alles deutete auf Kampf; wie erbittert derselbe aber werden würde, war ausgedrückt in der unheimlichen Geräuschlosigkeit, mit welcher die Vertheidigungsmaßregeln getroffen wurden. Nirgend vernahm man die sonst gewöhnlichen und namentlich den Soldaten eigenthümlichen Ausbrüche leichtfertiger Heiterkeit; eine gewisse düstere Entschlossenheit lag in allen Bewegungen und selbst in den Kommandos, die zwar von heftigen Flüchen begleitet, jedoch mit dem Ernste der tiefsten Erbitterung ertheilt wurden. Schaudernd hüllte Anna sich in ihren Plaid, theils um sich der empfindlichen Kälte zu erwehren, theils weil sie sich durch das, was in ihrer weiteren Umgebung vorging, in so hohem Grade beängstigt fühlte. Johannes bemerkte die Bewegung und forderte sie in seiner treuen, fürsorglichen Weise auf, in die Kajüte hinabzusteigen. »Die Nacht ist noch so sehr lang,« antwortete Anna, indem sie mit schwesterlicher Zärtlichkeit die über Johannes' Kniee ausgebreitete Decke ordnete, »und wenn Dir selbst die rauhe Luft nicht unangenehm ist, bleibe ich gern noch ein Stündchen hier.« »Im Gegentheil,« versetzte Johannes schnell, »ich befinde mich im Freien wohler, als in den engen, abgeschlossenen Schiffsräumen; es gehört eben eine Seemannsnatur dazu, sich dort unten heimisch zu fühlen.« Die letzten Worte waren halb an Arthur gerichtet, der Anna's liebliches Antlitz so lange schweigend und mit einer unendlich wehmüthigen Theilnahme betrachtet hatte. »Gewiß bedarf es der Gewohnheit,« versetzte er schnell auf die mittelbare Aufforderung, sich an dem Gespräch zu betheiligen, »und sogar langjähriger Gewohnheit, sich in den Kajüten, und sind sie noch so geräumig und bequem eingerichtet, auch nur annähernd so heimisch zu fühlen, wie in einem luftigen Hause. Und dennoch hat die Erfahrung vielfach gelehrt, daß gerade die größten Unbequemlichkeiten in der Erinnerung einen gewissen romantischen Reiz erhalten. So werden auch Sie, wenn Sie erst wohlbehalten Ihr Ziel erreicht haben, bei weitem nicht mit so großem Widerwillen an Ihre Seereise zurückdenken, wie es Ihnen jetzt vielleicht erscheint – freilich, auf den unglücklichen Wassernix fallen dabei die freundlichen Rückerinnerungen, während der Revenger sich nicht rühmen kann, Ihre Erinnerung um andere, als recht traurige Bilder bereichert zu haben.« »Die einzelnen Bilder und Scenen werden gewiß nie ihren trüben, an Kampf und Blutvergießen mahnenden Charakter verlieren,« gab Anna zu, »um so heller leben dafür diejenigen in unserem Gedächtniß fort, von welchen wir so viele Beweise der aufopferndsten Theilnahme empfingen.« »Ihre gütigen Worte sollen meiner armen, gänzlich unschuldigen Person gelten,« entgegnete Arthur heiter, »und ich wieder bin mehr als zu gern geneigt, sie auf mich zu beziehen. Ist es mir wirklich gelungen, in Ihrer Erinnerung eine kleine Stätte zu finden, so will ich glücklich und zufrieden sein, denn Sie glauben nicht, theuerstes Fräulein, Sie ahnen nicht, wie wohlthätig, wie segensreich es auf einen abenteuernden Krieger einwirkt, auf seiner dornenvollen Bahn Menschen zu begegnen und Erfahrungen zu sammeln, die er mit Blumen vergleichen möchte, mit welchen ein freundliches Geschick seinen einsamen, öden Lebensweg schmückt, damit dieselben einst in seiner letzten Stunde, gleichviel, wo und wann er sie findet, sich wie theure Angehörige um ihn schaaren und ihm tröstend zur Seite stehen.« »Sprechen Sie nicht so, o sprechen Sie nicht in dieser Weise,« bat Anna sichtbar gerührt, »mir ist sonst, als fühlte ich die beruhigende Hoffnung schwinden, daß Sie, dem wir in so hohem Grade verpflichtet sind, wohlbehalten aus den schrecklichen Kriegswirren hervorgehen.« Ein dankbares Lächeln spielte auf den gebräunten Zügen des jungen Mannes; seine Augen leuchteten schwärmerisch, als ob ein süßer Traum durch seine Seele gezogen wäre, und wie um eine verlockende Vision zu verscheuchen, strich er mit der Hand über seine weiße Stirne. Nur Sekunden dauerte diese Regung; dann wiederum ein wetterwendisches Kriegsglück als seine Vorsehung betrachtend, kehrte er sich mit einem gewissen herzlichen Wesen Anna zu. »Warum sollte ich nicht wohlbehalten das Ende dieses furchtbaren Krieges erleben?« rief er gleichmütig aus, »freilich, viele Tausende, welche jetzt die blutgetränkte Erde oder der Ocean deckt, haben vielleicht ebenso gesprochen; derartig ist aber das Loos des Soldaten, und wohl Demjenigen, der, wenn er dem Tode die Stirne bietet, hoffen darf, daß seinem Falle eine Thräne der Trauer und des Mitleids geweint wird – doch wir gelangen ja plötzlich zu lauter wehmüthigen Betrachtungen!« unterbrach er sich selbst wieder heiterer, »zu Betrachtungen, welche wenig geeignet sind, Sie zu Ihrer bevorstehenden Reise zu ermuthigen« – hier sandte er einen forschenden Blick nach den Außenwerken der Stadt hinüber – »und täusche ich mich nicht, so werden Sie bald gezwungen sein, Ihren Platz auf dem trotzigen Revenger mit einem weniger bequemen Sitz in einem leichten Wallfischboot zu vertauschen. St. Louis ist Ihr nächstes Ziel?« »Der Seeweg nach New-York, wo wir erwartet wurden, ist uns abgeschnitten,« antwortete Johannes, an welchen die Frage gerichtet gewesen, »es bleibt uns daher nur übrig, zu versuchen, von hier auf dem Landwege St. Louis zu erreichen. Doch gestatten Sie mir eine Gegenfrage: Warum riethen Sie uns, nachdem wir Sie von dem Zweck unserer Reise in Kenntniß gesetzt hatten, den Namen des Mannes nicht zu nennen, in dessen Hause wir Aufnahme finden werden?« Arthur spähte scharf nach den in Dämmerung gehüllten Batterien hinüber, als hätte er dort etwas gehört. Erst nach einer längeren Pause wendete er sich seinen Gästen wieder zu. Dieselben bemerkten nicht, daß seine Gesichtsfarbe sich verändert hatte, wohl aber fiel ihnen der Ernst auf, mit welchem er nunmehr die Unterhaltung fortsetzte. »Als Sie zu uns an Bord kamen,« hob er an, »beseelte mich der einzige Wunsch, Ihnen, so viel nur in meinen Kräften stand, die gezwungene Lage zu erleichtern. Ihre Ungeübtheit in der englischen Sprache führte uns bald näher zusammen, und bei den mir übertragenen Nachforschungen erfuhr ich, daß Sie sich auf dem Wege zu einem Herrn Braun in St. Louis befanden. Ich selbst kenne den Herrn Braun nicht, dagegen wurde mir einst durch meine Kameraden, namentlich durch meinen Kommandanten mitgetheilt, daß gerade jener Braun, über dessen Person kein Irrthum möglich, zu den erbittertsten Gegnern der Conföderation gehöre. Es ließ sich also voraussetzen, daß Freunde und Bekannte desselben sich gerade keiner sehr rücksichtsvollen Behandlung an Bord des Revenger zu erfreuen haben würden. Man wäre vielleicht gar auf den unedlen Gedanken gerathen, Sie genauer über Ihr Verhältniß zu dem Herrn Braun auszuforschen und je nach Maßgabe desselben – der Krieg entschuldigt ja Manches – eine nicht unbeträchtliche Auslösungssumme von ihm für Ihre Freigebung zu verlangen. Die feindliche Gesinnung, welche man in hiesiger Gegend dem wegen seines Reichthums bekannten Manne nachträgt, stammen aus den ersten Kriegsjahren her. Er besaß nämlich nicht weit von Savannah eine Plantage und forderte den Haß und die Rachsucht im ganzen Lande dadurch heraus, daß er seine Sklaven frei erklärte und auf diese Weise in seiner Nachbarschaft Veranlassung zu gefährlichen Zusammenrottungen der Farbigen gab. Ich glaube, er entging mit genauer Noth dem schrecklichen Schicksal, ein Opfer der Volksjustiz zu werden.« »Herr Braun, der eine so unbegrenzte Menschenfreundlichkeit besitzt, kann unmöglich aus Haß oder Trotz seinen Sklaven die Freiheit geschenkt haben,« bemerkte Anna mit warmen Eifer, sobald Arthur schwieg. »Mögen die Gründe, welche sein Verfahren bestimmten, die edelsten gewesen sein,« entgegnete Arthur kalt, »seine früheren Freunde und Nachbarn erblickten in demselben einen schwer zu sühnenden Eingriff in ihre Rechte, und von ihrem Standpunkte aus ist ihr Zorn gewiß nicht tadelnswerth.« »Dann theilen Sie wohl gar deren Mißstimmung gegen unsern Freund?« fragte Anna ängstlich weiter. »Ich theile weder deren Mißstimmung, noch unterwerfe ich Herrn Brauns Verfahren einer eingehenderen Kritik,« versetzte Arthur, dem die Wendung des Gesprächs keine angenehme zu sein schien, »ich kenne den Herrn Braun überhaupt nicht und sehne mich noch weniger nach seiner Bekanntschaft.« »Jedenfalls haben Sie einen dankbaren Freund in ihm dadurch gewonnen, daß Sie seinen Liebling so treu beschützten,« bemerkte Johannes freundlich. »Pah, was kümmert sich ein Millionär um einen armen Schiffslieutenant, der weiter nichts gethan hat, als seine Schuldigkeit?« rief Arthur bitter aus, »gewiß nicht mehr, als ich Gewicht auf die Freundschaft eines Millionärs lege!« »Das würde Sie doch nicht hindern, zu gelegener Zeit in seinem Hause Diejenigen wiederzusehen, die Ihnen zu unendlichem Danke verpflichtet sind?« lenkte Johannes wieder begütigend ein, »und denken Sie nicht an sich selbst, so sollten Sie nicht vergessen, wie sehr wir uns freuen würden, Sie wiederzusehen; habe ich Recht, Anna?« Wie aus einem Traume aufgestört, erschrak die plötzlich Angeredete. »Gewiß,« sagte sie dann befangen, »Sie müssen uns auf alle Fälle besuchen, und ist der Herr Braun in St. Louis nur im Entferntesten seinem Bruder ähnlich, dann werden Sie in sogar lieb gewinnen. Nicht wahr, Herr Arthur, ich habe Ihr Versprechen?« »Wer weiß, wie lange der Krieg mich noch an mein gutes Schiff fesselt,« versetzte Arthur harsch, dann erhob er sich hastig, und nach der andern Seite des Quarterdecks hinüberschreitend, warf er einen prüfenden Blick zuerst seitwärts auf den durch den Andrang der Fluth plätschernden Wasserspiegel und demnächst über das ganze Schiff. Nachdem er einige kurze Befehle nach dem Vorderdeck hinübergerufen hatte, blieb er noch eine Weile grübelnd stehen. Mit der rechten Hand hatte er eine lose zwischen den Wanten des Hintermastes hängende Kette ergriffen, während er sich mit der linken auf seinen Säbel stützte. Anna und Johannes sahen befremdet zu ihm hinüber. Zu seltsam erschien es ihnen, daß er, der ihnen so viele Beweise seiner edlen Gesinnungen gegeben, sich sträubte, einem hoch geachteten Manne nur deshalb, weil er ein Nordländer war, ein freundliches Wort zu zollen. Da hob sich der Revenger schwerfällig unter der andringenden Fluth, um sich gleich darauf wieder zu senken; indem Arthurs Oberkörper aber leicht schwankte, klirrte die Kette, an welcher er sich hielt. Anna horchte hoch auf. Noch einmal wiederholte sich das Klirren, dann war es still. Das Schweigen schien Anna drückend zu werden. »Lieutenant Arthur!« rief sie dem sinnend Dastehenden zu, »wenn Sie mir eine große Freude bereiten wollen, dann bewegen Sie die Kette noch einmal ganz leicht!« »Diese Kette?« fragte Arthur, sich umkehrend und dadurch das Klirren erneuernd. »Die Kette, welche Sie in der Hand halten,« bestätigte Anna in ihrer lieben, kindlichen Weise, »Sie ahnen nicht, wie wunderbar melodisch gerade dieser einfache Ton meine Erinnerung berührt.« Arthur schüttelte die Kette leicht und gesellte sich dann mit erzwungenem Lachen den beiden jungen Leuten wieder zu. »Darf ich nun aber auch wissen, was das für mein Gehör eben nicht sehr melodische Rasseln für Sie bedeutet?« fragte er, seinen alten Platz wieder einnehmend. »Sie dürfen es wissen,« erwiderte Anna lebhaft, »und ich bin bereit, es Ihnen aufs Genaueste zu erklären, und auch Dir, Johannes, dem es alsdann unstreitig nicht minder heimathlich klingt. Dieses eigenthümliche Geräusch erinnert mich nämlich an den letzten Abend meines Aufenthalts in dem Hause eines theuern väterlichen Freundes und einer eben so theuern mütterlichen Freundin; es waren freilich keine Millionäre, sondern nur einfache Kärrnersleute, die ich aber so unbeschreiblich liebe und verehre, als ob sie meine wirklichen Eltern wären. Doch es interessirt Sie wohl nicht, weil ich im Begriff stehe, von dem leiblichen Bruder des Millionärs zu sprechen, für welchen Sie keine sehr warme Freundschaft zu hegen scheinen?« wendete sie sich halb scherzend an Arthur, der, beide Hände auf das Säbelgefäß gestützt, seitwärts über die Gallerie hinausschaute. »Es interessirt mich sehr,« entgegnete dieser mit seltsamer Hast, ohne seine Stellung zu verändern; dagegen schrammte die Säbelscheide scharf auf den glatten Deckplanken, als hätte er plötzlich krampfhaft in das Gefäß der Waffe gegriffen, »erzählen Sie nur weiter, wenn ich bitten darf, ich höre es sehr gern – von dem Kärrner und seiner Frau, welche Sie so herzlich lieben – Sie sehen, ich habe keins Ihrer Worte überhört.« »Gut denn,« fuhr Anna alsbald mit unverkennbarer Freude fort, und ihre Augen suchten in der zunehmenden Dämmerung das ihr zugekehrte Profil des jungen Officiers zu unterscheiden, »es war also am letzten Abend meines Aufenthalts unter dem Dache meiner Freunde und ich hatte den guten Braun zu seinen Pferden begleitet, um auch von diesen Abschied zu nehmen, als ich plötzlich auf den Einfall gerieth, dem alten großen Frachtwagen Lebewohl zu sagen – Sie kennen solche Wagen? Aus der Ferne machten sie auf mich stets den Eindruck mächtiger weißer Elephanten.« »Ich kenne sie, o ja, ich kenne sie,« antwortete Arthur, und sich weiter über seinen Säbel hinneigend, spähte er so scharf auf die sich verdunkelnde Wasserfläche, als hätte er auf den Boden der Savannah zu sehen vermocht. »Ja, der prächtige alte Frachtwagen, ich mußte ihm also Lebewohl sagen,« nahm Anna mit rührendem Eifer ihre Erzählung wieder auf, »und als ich dem guten Braun meine Absicht zu erkennen gab, da war er gleich bereit, und von dem Pferdestall begaben wir uns zu jenem, und rund um den rastenden Wagen schritten wir herum, und jeden einzelnen Theil desselben besichtigte ich sehr aufmerksam beim Schein der Laterne. Dann aber klirrte ich mit den niederhängenden Ketten, um eine Erinnerung mehr an meine zweite theure Heimath zu besitzen, welche durch einen geringfügigen Umstand recht lebhaft wach gerufen werden könne. Und ich sagte nicht zu viel, Herr Arthur, denn als Sie dort drüben standen und die Kette in Ihren Händen zufällig klirrte, da fühlte ich mich plötzlich, wie durch Zauber, in jene traute Heimath zurückversetzt. Ich meinte wirklich, die Ketten an dem alten Wagen klingen, rasseln und mich begrüßen zu hören, und wiederum wie durch Zauber, sah ich alle die theuren Gestalten und Gegenstände, von welchen ich damals in meiner Einfalt glaubte, daß sich Alles, selbst das schwarze Tönnchen unterhalb des Wagens nicht ausgenommen, die Augen um mich ausweinen müßte. Da sah ich zuerst, und im Geiste sehe ich ihn noch vor mir, den guten, getreuen Braun, der mich über Alles liebt, und den ich ebenfalls über Alles liebe; ich sehe ihn deutlich in seinem blauen Staubkittel, mit den breiten Schultern, und den mächtigen Fäusten, mit dem prachtvollen, rothen, echt altdeutschen und ihn so außerordentlich wohl kleidenden Bart und den guten freundlichen Augen, von welchen er gewöhnlich eins schließt, indem sonst zu viel Güte und Biederkeit von ihnen ausströmen würde; ferner mit dem fürchterlich großen lackirten Hute, welchen ich scherzweise Tresorkasten zu nennen pflegte, und endlich mit den blaugestreiften Gamaschen, an welchen sein Hund – Hechsel heißt er – mit seiner Doppelnase festgewachsen zu sein scheint; denn das Thier ist so treu, daß man seine Häßlichkeit darüber vergißt. Ja, so sehe ich den lieben guten Braun im Geiste vor mir, und ich höre das muntere Knallen seiner Peitsche, mit welchem er seinen drei Pferden – echte, wunderschöne Holsteiner – die Zeit vertreibt – er schlägt sie nämlich nie – und dann dringt vernehmbar zu meinen Ohren sein »successive«, ein Lieblingswort von ihm, welches er zuweilen scherzweise absichtlich da anbringt, wo es nicht recht paßt, und jetzt höre ich wieder sein »Schätzchen«, so nannte er mich stets, wie Du mir bezeugen wirst, lieber Johannes, und es war wirklich mitunter, als ob wir ein Liebespärchen gewesen wären, so tändelten wir miteinander und scherzten wir. Ja, ich möchte wohl, daß der Herr Millionär Braun nur halb so gut wäre, wie mein geliebter Kärrner Braun, und ich wollte nicht klagen. »Wenn ich mir aber meinen väterlichen Freund vergegenwärtigte, als ich das Klirren vernahm, so ist für mich in der Erinnerung unzertrennlich von ihm die Gestalt seiner Frau, allgemein bekannt unter dem Namen »Frau Kathrin«. Um diese nun würdig zu schildern, Herr Arthur, müßte ich die ganze Nacht hindurch erzählen – aber ich kann mir kaum denken, daß Ihnen, einem vielerfahrenen Krieger, solche Schilderungen große Unterhaltung gewähren?« Arthur antwortete nicht, er blickte noch immer auf die gurgelnde und murmelnde Wasserfläche, wie zwischen den kleinen Wellen suchend nach entschwundenen phantastischen Jugendträumen und goldigen Luftschlössern. »Soll ich fortfahren?« fragte Anna in einer Weise, als wäre ihr mehr darum zu thun gewesen, sich den Schilderungen vergangener Zeiten und geliebter Personen ungestört hinzugeben, als einen fremden Officier zu unterhalten, der obenein noch ziemlich theilnahmlos seitwärts in die von zahlreichen, nahen und fernen Lichtern geschmückte Nacht hinausblickte. Arthur fuhr bei dieser Frage, wie aus tiefem Schlafe erwachend, empor. »Ich höre Alles, ich höre Alles,« sagte er mit seltsamer Hast, »ich bitte dringend, unterbrechen Sie sich nicht – denken Sie, was Ihnen das Klirren der Kette, das seien mir die mich heimisch anwehenden Schilderungen – auch ich habe meine Vergangenheit, meine Rückerinnerungen, auch ich hatte einst eine Heimath.« Obgleich Arthurs Worte, scheinbar in der Zerstreuung gesprochen, Anna nicht überzeugten, nahm sie doch, ihre Zufriedenheit über seine Aeußerung gleichsam bekundend, ungesäumt ihre Mittheilungen wieder auf. »Die gute Frau Kathrin, um sie so zu schätzen und zu achten, wie sie es verdient, muß man sie längere Zeit gesehen und näher mit ihr verkehrt haben. Hegte ich selbst doch anfänglich eine gewisse Scheu vor der ernsten Frau, die für nichts Anderes Sinn und Gedanken zu haben schien, als für ihre Handarbeit. Und dennoch, was ist sie mir geworden, nachdem ich erst ein Weilchen in ihrem Hause gelebt, nachdem ich gelernt hatte, in ihren schönen, großen, blauen Augen zu lesen! Ach, und was stand Alles in diesen Augen geschrieben! Da las ich die zärtlichste Zuneigung, welche sich vergeblich hinter einen kalten, theilnahmlosen Ernst zu verbergen suchte; da las ich das innige, unerschütterliche Bestreben, Zufriedenheit und Segen in ihrer Umgebung zu verbreiten; da las ich die unermüdliche Fürsorge für Andere, vor welcher das eigene Ich immer weit zurückstehen mußte. Aber auch Thränen sah ich in den treuen Augen, heiße, bittere Thränen des namenlosesten Kummers, welchen sie sogar noch vor dem guten Braun zu verheimlichen suchte, Thränen, wie sie nur eine Mutter um ihr verlorenes Kind, um ihre ganze Herzensfreude –« Immer leiser und mit bewegterer Stimme hatte Anna gesprochen, die Blicke gesenkt, als ob sie sich ihren wehmüthigen Betrachtungen so recht aus voller Seele hingegeben hätte. Sie gewahrte daher nicht, daß Arthur allmälig seine Theilnahme für den dunkeln Wasserspiegel verlor, zuerst den Kopf nach ihr umwendete, und dann den Oberkörper ihr zuneigte, mehr und mehr, als seien die gesenkten und von der Dunkelheit verschleierten Augen ein Meer der Wonne gewesen, in welches er sich hätte stürzen mögen bei den lieblich gedämpften Tönen, welche sich den jugendlich frischen Lippen entwanden und so träumerisch erklangen, wie eine Kunde aus längst verschollenen Zeiten, und doch wieder so einfach, so rührend, so ergreifend. Selbst Johannes bemerkte nicht, daß der fremde Officier seine Stellung veränderte, in so hohem Grade hatten Anna's Schilderungen sich vor seinem Geiste hinter den matt geschlossenen Augen verkörpert und die Formen und Farben der Wirklichkeit angenommen. Erst Anna's Schweigen führte ihn wieder in die Gegenwart zurück und mahnte ihn harsch an seine Umgebung. »Was ist das?« rief Anna erstaunt aus, und dann lauschte sie gespannt. Johannes und Arthur lauschten ebenfalls aufmerksam, ohne gleich zu verstehen, worauf der Ausruf sich bezog. Die Fluth plätscherte fort und fort eintönig gegen die eisernen Schiffswände, weiter abwärts ertönte der Schlag eilfertig geführter Ruder; aus dem Innern des Schiffes, aus der Offizierskajüte schallten die muntern Stimmen zechender Kameraden herauf. Einige derselben hatten gesungen und ließen eine Pause eintreten, bevor sie einen neuen Vers ihres Liedes begannen. »Tell me the tale, that I once loved to hear, Long, long ago, long, long ago,« drang es wieder, durch die Entfernung gedämpft, jedoch deutlich nach dem Quarterdeck herauf. »Nein, ich täuschte mich nicht, es ist das Lied, welches ich am letzten Abend vorspielte,« fand Anna endlich Worte für ihr freudiges Erstaunen, »wie seltsam, daß die Melodie, welche mir in Europa gewissermaßen das Geleite gab, die erste ist, der ich hier begegne.« »Das Lied ist aus dem Englischen in's Deutsche übersetzt worden und scheint viel Anklang in unserer Heimath zu finden,« bemerkte Arthur kalt, als sei ihm die Störung durch den Gesang höchst unwillkommen gewesen; »man hört das »long ago« vielfach vor Lagerfeuern und auf Schiffen – es liegt etwas ungemein Ergreifendes in dieser schwermüthigen Weise, in diesem sich stets wiederholenden: lang' ist's her; Sie spielten also diese Melodie am letzten Abend den – wie nannten Sie die guten Leute?« »Brauns, Herr Arthur.« »Sie spielten sie den Brauns vor. Wie fanden diese aber die Musik? – O, liebes Fräulein, erzählen Sie weiter, ich bitte Sie darum – zu gern höre ich von Augenzeugen –« »Revenger ahoi!« erschallte es in geringer Entfernung von dem Wasserspiegel herauf. Arthur war aufgesprungen und an die Brüstung getreten. »Boot ahoi!« hieß es von der Deckwache zurück. Das Wasser plätscherte gegen die eisernen Schiffswände; am Himmel zertheilten sich die Wolken, um durch die entstandenen Risse einige Sterne hindurchfunkeln zu lassen. Die friedlichen Bilder, welche auf dem Quarterdeck vor die erregte Phantasie hingezaubert worden waren, zerstoben; aus dem Innern des Schiffes tönte es hervor wie ein Geistergruß: »Long, long ago, long ago!« Zweiunddreißigstes Capitel. Ein Yankee-Trick. Ich erinnere hier an einzelne Vorgänge, welche an der Küste von Nord-Carolina stattfanden, namentlich an den heldenmüthigen B. Cushing, der auf dem Flusse Roanoke mit wahrer Tollkühnheit mittelst eines Torpedos das südstaatliche Widderschiff »Albemarle« in die Luft sprengte, und, obwohl schwer verwundet, sich mit genauer Noth durch Schwimmen rettete. »Lieutenant Arthur an Bord?« fragte dieselbe Stimme, welche zuerst angerufen hatte. »Aye, Aye, Herr!« antwortete die Schildwache. »Wer da«? rief Arthur fast gleichzeitig hinunter, sobald er ein von sechs Ruderern bemanntes Boot unterschied, in welchem eine siebente Gestalt, offenbar der Führer, im Stern aufrecht stand. »Befehl vom Commandanten des Revenger!« lautete die mit militärischer Kürze ertheilte Antwort. »Hier ist Lieutenant Arthur! Was sagen die Befehle?« rief dieser hinab. »Lieutenant Arthur soll augenblicklich vor dem Commandanten des Platzes erscheinen!« hieß es zurück. »Das kann Jeder behaupten!« versetzte Arthur, »ist Euch sonst nichts aufgetragen worden?« »Stonewall Jacksons Name für immer!« sprach der Führer gedämpft. »Alles recht, ich bin bereit,« erwiderte Arthur jetzt dienstlich. »Sehr wohl! Der Lieutenant Arthur ist beauftragt, sofort Befehl zum Heizen der Kessel zu geben. Der zweite Lieutenant übernimmt das Commando, der Revenger bleibt aber vor Anker liegen, bis auf Weiteres. Lieutenant Arthur begleitet mich zur Stadt zum Kriegsrath!« »Sonst nichts?« »Die an Bord befindlichen Fremden sollen sich rüsten, den Revenger zu verlassen. Der Bootsmann des Wassernix ist hier, um den Fremden zu Diensten gestellt zu werden! Kann er an Bord kommen?« »Gewiß, Herr!« »Wir haben ihn mit einer Jolle im Schlepptau; er soll in derselben die Fremden stromaufwärts rudern, jedoch nicht, bevor der Commandant an Bord ist!« »Hol' an Bord den Bootsmann!« befahl Arthur alsbald, worauf einige Matrosen der Wache eine Strickleiter über die Schanze warfen. »Ave, aye Herr!« ließ sich zu gleicher Zeit eine heisere Stimme von unten herauf vernehmen, und hinter dem Boot hervor schoß eine leichte, von kundigen Händen geruderte Jolle nach der Stelle hin, auf welcher das niederhängende Ende einer Strickleiter den Wasserspiegel berührte. Bald darauf knirschte und knackte die Strickleiter unter dem Gewicht eines Mannes, und in der nächsten Minute sprang über die Regeling eine kurze, gedrungene, vierschrötige Gestalt, welche sich festen Schrittes und ohne Säumen nach dem Quarterdeck hinaufbegab. Bootsmann Sailstich, den Herrschaften zu Diensten,« grollte die heisere Stimme mit der Vertraulichkeit eines Handelsmatrosen. »Ah, Sailstich!« rief Arthur überrascht aus, »wie zum Teufel ist es Euch gelungen, loszukommen? Ich glaubte, mich noch besonders für Euch verwenden zu müssen.« »Alles recht,« knarrte die alte, ausgewetterte Ankerwinde, deren Gesicht, wenn es hell genug gewesen wäre, eine wunderbare Zusammenstellung von leuchtenden Karminerhebungen, struppigem rothen, weißen und braunen Haar und geschlitzten, funkelnden Bärenaugen dargeboten hätte. »Ja Herr, Alles recht,« wiederholte Sailstich, »denke, sie wollten den Ballast löschen von dem verdammten Eisenschiff hier, ich meine von wegen dem jungen Gentleman und der herzigen Lady, und fragten im Crew nach freiwilligen Händen, die den Job Job = ein Stück Accordarbeit. nicht scheuten. Sagte ich: Will verdammt sein, wenn 'n Anderer geht, als ich, und da bin ich.« Bei diesen Worten faßte er mit beiden Händen in den Riemen, durch welchen seine Beinkleider um die Hüften festgehalten wurden, und nachdem er Beides heftig emporgezogen, als hätte er sich gleich bis in den Himmel hineinheben wollen, suchte er eine Tafel Kautabak hervor, von welcher er knirschend ein großes Stück abbiß und durch einen gewandten Schlag seiner Zunge in die linke Backentasche warf. »Der Zufall hat gerade denjenigen an Bord geführt,« wendete Arthur sich jetzt an Johannes und Anna, »welchen Ihr Freund und Kapitän mir als besonders zuverlässig empfohlen hatte. Da ich nun Ihre Wünsche bis in's Kleinste berücksichtigt wissen möchte, so erlaube ich mir die Frage, ob der Bootsmann Sailstich sich auch Ihres Vertrauens erfreut?« Er hatte deutsch gefragt, damit die jungen Leute in ihrer Antwort nicht durch des Bootsmanns Gegenwart bestimmt würden; diese dagegen antworteten englisch, daß sie sich, außer dem Kapitän selber, keinen besseren Begleiter wünschten, als Sailstich. »Wofür Sailstich den Herrschaften noch seinen besonderen Dank hailt!« rief dieser, insofern man das Knarren einer durstigen Ankerwinde überhaupt Rufen nennen kann, und zugleich schlug er mit der Hand schallend auf seine getheerten Beinkleider, »'s möchte übrigens verdammt schwer geworden sein für unsereins, den Vordersteven heimwärts zu kehren, wenn's nicht der Herrschaften wegen geschähe, die der Conföderation ihr ganzes deutsches Vaterland auf den Hals hetzen möchten.« »Nun, das ist eine Angelegenheit für sich,« schnitt Arthur mißmuthig des Bootsmanns Bemerkung ab, »es handelt sich nur darum, ob die Herrschaften Euch haben wollen, oder nicht, und jetzt geht hinunter und begrüßt Euren Kapitän, der Euch noch einige Aufträge an seine Familie zu ertheilen wünscht – er hat nämlich keine Lust, Euch zu begleiten, und ich befürchte, er entschied sich dadurch eben nicht für das Beste.« »Nicht mit?« knarrte die Ankerwinde im Davonschreiten, »möchte an seiner Stelle eben so gern mit 'nem guten Leck auf 'nem Korallenriff sitzen bei 'ner gesunden Kühlte, als hier in dem verdammten Rebellennest.« Die letzten Worte sprach er absichtlich laut genug, um von Arthur verstanden zu werden. Dieser achtete indessen nicht weiter auf ihn, sondern wendete sich seinen Gästen zu. »Ich fürchte, unsere Trennungsstunde ist näher, als ich ursprünglich erwartete,« hob er an, »wenigstens deutet der eben eingelaufene Befehl auf kriegerische Ereignisse. Daß der Commandant zufällig meinen Wünschen zuvorkam und Sailstich schickte, ist mir doppelt lieb. Sie werden unter seinem Schutze den Revenger verlassen und von ihm allein bis hinter die nächste Flußbiegung gerudert werden. Meine Sorge soll es nun zunächst sein, daß Sie dort von einem mit Matrosen des Wassernix bemannten Boot erwartet werden; sonstige Maßregeln, welche im Bereich meiner Macht liegen und zu Ihrer Sicherheit beitragen können, sollen nicht vergessen werden. Wann Sie aufbrechen werden, weiß ich noch nicht; jedenfalls sehen wir uns vorher wieder; bis dahin aber rathe ich Ihnen dringend, hinab zu gehen; der Abend ist kalt, und wer weiß, wie bald die Nothwendigkeit an sie herantritt, sich der rauhen Nachtluft auf längere Zeit auszusetzen.« So sprechend reichte er Johannes die Hand worauf er Anna, die von den seltsamsten Gefühlen bewegt, kaum ein Wort des Dankes hervorzubringen vermochte, den Arm bot und vorsichtig von dem Quarterdeck hinunter führte. Erst als Letztere im Begriff stand, in die Kajüte einzutreten, wendete Arthur sich an den Officier, der nach ihm, bis zur Rückkehr des Commandanten, den Oberbefehl über den Revenger übernehmen sollte, um ihn mit den entsprechenden Instructionen zu versehen. Fast gleichzeitig schlüpfte Kapitän Iron, der mit Sailstich flüsternd einige Worte gewechselt hatte, an ihm vorbei und zu den beiden jungen Leuten in die Thüre. »Will Euch lieber gleich Lebewohl sagen, Herrschaften,« redete er sie geräuschvoll an, und sein sorgloses Lachen wurde beinahe übertönt durch das Krachen, mit welchem er einige Marlspiker zwischen den Zähnen zermalmte, »calculire nämlich, 's könnte der Fall sein, daß wir uns nicht wieder sähen; denn ich traue allen Haifischen in den westindischen Gewässern weit mehr, als solcher verdammten Rebellenbrut. Still, still, redet mir nicht zu, mitzumachen, weiß, was Ihr sagen wollt, 's ist Alles vergebliche Mühe. Mein gutes Schiff hat der Teufel geholt, und ich schäme mich, nicht mit verbrannt zu sein – 's bleibt immer 'n Makel an meinem Namen, und darum Lebewohl Euch Beiden – seid 'n paar gute Kinder, und wünsche Euch 'ne glückliche Heimkehr.« Dann trat er noch dichter zu ihnen heran, um ihnen die Hände zu drücken und sie, ganz gegen seine Gewohnheit, zu umarmen. Zugleich näherte er aber auch seine Lippen ihren Ohren, und wie einen Hauch vernahmen zuerst Anna und demnächst Johannes folgende Worte: »Wenn Euch an Eurem, an meinem und des Piratenlieutenants Leben gelegen ist, so befolgt ohne Einwendungen Alles, was Euch geheißen wird; nur darauf dringt mit aller Macht, daß der Piratenlieutenant selber Euch bis an die Flußbiegung das Geleite giebt. Und dann denkt auch zuweilen einmal recht freundlich an mich, den alten, unglücklichen Kapitän Iron,« fügte er wieder lauter hinzu, worauf er zurückeilte, um sich an der Seite seines Bootsmanns durch schnelles Auf- und Abwandeln wiederum körperliche Bewegung zu verschaffen. In demselben Augenblick schwang Arthur sich über die Schanze auf die Strickleiter, um in das seiner harrende Boot hinabzusteigen. Die Officiere hatten sich zerstreut. Zwei waren nach dem Quarterdeck hinaufgestiegen, während ein dritter sich nach den in den Maschinenraum hinabführenden Sprachröhren hinbegab, um die Heizer zur fleißigen Arbeit aufzumuntern. Außer ihnen befanden sich nur noch die üblichen Wachen auf dem Verdeck. Die übrigen Matrosen und Kanoniere hatten sich zurückgezogen, um sich durch Schlaf oder die ihnen zuerkannte doppelte Whisky-Ration auf die bevorstehenden Ereignisse vorzubereiten. Niemand achtete auf den zähneknirschenden Kapitän und seinen bärbeißigen Bootsmann; sie waren ja Leute vom Fach und verdienten daher einige Rücksicht. Die beiden alten Freunde aber hatten sich eine Stelle ausgesucht, wo sie Niemand hinderten, aber auch von Niemand gehindert wurden, nämlich die Strecke zwischen dem Schornstein und dem Quarterdeck, auf welcher sie, nunmehr ihre Eile mäßigend, mit festen Schritten ihren Spaziergang noch lange fortsetzten. Dabei unterhielten sie sich sehr lebhaft und gelegentlich so laut, daß die beiden Officiere auf dem Kastell jedes Wort verstanden und ihre rohen Scherze über den weinerlichen Kapitän hinabriefen, der weiter nichts mehr als seinen Kummer über die Trennung von Frau und Kind und in zweiter Reihe von dem Wassernix zu kennen schien. Auch den seines Kapitäns würdigen Bootsmann schonten sie nicht, der alle nur denkbaren Kunstgriffe anwendete und Pläne entwarf, sich selbst aus der Klemme zu helfen, unbekümmert darum, was aus den andern wurde, namentlich aus den beiden arglosen jungen Leuten, die einsam in der Kajüte saßen, sich gegenseitig in das bleiche Antlitz schauten und flüsternd die ihnen vom Kapitän Iron mitgetheilten schrecklichen Worte wiederholten und deren verborgenen Sinn zu errathen suchten. – »Ja, Sailstich, wer hätte gedacht, daß es so endigen würde, damals, als meine gute alte Lady mich zum letzten Male küßte,« rief der Kapitän mit schmerzlichem Zähneknirschen aus, als er dicht vor dem Quarterdeck umkehrte und den Rückweg nach dem Schornstein einschlug. Dann aber schien ihn die Bewegung zu übermannen und er fuhr in wirklich weinerlichem Tone und mit unterdrückter Stimme fort: »Daß sie so schnell heizen, kommt mir 'n Bischen unerwartet, Sailstich, und muß seinen verdammten Haken haben; ist aber 'n Glück; kann dadurch die Sache allein besorgen, wenn 's noch vor Tage fortgehen sollte. Wißt Ihr nicht, wo der Haken sitzt?« »Hörte davon drüben in der Stadt: neue Blockadeschiffe sind eingetroffen, man glaubt Commodore Dahlgreen,« ächzte die Ankerwinde leise, »General Foster soll nördlich, von der Seeseite her, heranrücken und Sherman zu unterstützen suchen. Sherman trifft Anstalt, Fort Mac Alister zu stürmen und dann geht's wohl auf Savannah los, wozu das Unionsgeschwader die Baßgeige aufspielen soll. Ich sage Euch, Kap'ten, verdammt feine Spione unter den Rebellen.« »Richtig, Sailstich, so ist's, der Revenger soll näher an die Mündung gelegt werden, um mit den Forts vereinigt zu wirken und schließlich 'n gutes Sternenbanner auf einen ihrer verfluchten Torpedos zu locken. Bei Gott! 'ne feine Idee, Sailstich, und besser, als ich 's je im Traume zu hoffen gewagt hätte.« »O, Kap'ten!« knarrte die Ankerwinde entsetzlich laut und kläglich, denn sie waren wieder in der Nähe des Quaterdecks eingetroffen, »wenn der Revenger nur nicht losmacht, bevor ich in Sicherheit bin; 's wäre 'n verdammt schlechtes Ende, hier durch 'n Dreicentnerstück Eisen vom Deck geblasen zu werden, und obenein noch von gutem Unionseisen! Ich sage Euch, Kap'ten, laßt sie 's machen, wie sie wollen, unten liegt die Jolle, wir Beide ...« sie befanden sich außerhalb der Hörweite der Officiere, und als hätte die Ankerwinde plötzlich neues Oel erhalten, fuhr Sailstich fort: »Ihr braucht also weiter Niemand?« »Keine andere Menschenseele, habe so meinen Plan und 'n verdammt gescheiten Plan obenein,« weinte Iron leise, »muß mich aber auf Euch verlassen können. – Habt Ihr mir ein Messer mitgebracht? Sie gaben mir nämlich an Bord nichts Anderes, als 'n Tischmesser in die Hände, kaum scharf genug, um 'n Stück Salzfleisch vor den Zähnen abzusiedeln.« »Etwas näher heran mit Eurem Backbord,« ächzte die Ankerwinde verstohlen, indem die knochige Faust auf der Brust in dem weiten Matrosenhemde wühlte, »so – so – habt Ihr's fest?« »Alles recht, mein Herzchen,« weinte der Kapitän und in seiner Hosentasche steckte ein Bowiemesser, so lang, breit und scharf, daß er zwei Männer auf einmal damit hätte niederstoßen können, vorausgesetzt, dieselben wären höflich genug gewesen, vorher die dazu erforderliche Stellung einzunehmen. Jedenfalls war es zu lang für die Tasche des Kapitäns; der gute, harmlose Iron wußte aber Rath für Alles, er stieß nämlich, um die Waffe ganz verschwinden zu machen, deren Klinge sammt Scheide mit Gewalt durch die Tasche hindurch, wo sie dann mit dem Scheidenhaft und der kurzen Parirstange im Unterfutter hängen blieb. »'s ist 'n gestohlen Messer; war nicht viel Aussuchens drüben,« entschuldigte Sailstich die etwas unbequeme Form. »All' recht, mein Herzchen,« tröstete der Kapitän, »mag's zehnmal gestohlen sein, im Sturm ist jeder Hafen willkommen – ja, mein lieber Sailstich, und wenn Ihr nicht so'n verdammt kupfriges Gallion auf Eurem Rumpf hättet, würde ich Euch bitten, auch meine gute, alte Lady in meinem Namen zu küssen,« erhob er seine Stimme zum Ergötzen der spöttelnden Rebellenofficiere klagend und zähneknirschend über ihr gewöhnliches Maß, »gute, alte Lady, und alle die lieben theuren Kinder! O, Sailstich, das Herz will mir brechen, wenn ich daran denke, und doch kann ich nicht anders, 'n gewissenhafter Kapitän darf nicht ohne sein Schiff heimkehren. Bei Gott! Sailstich,« weinte er hier wieder, wobei nur Schluchzen und Thränen fehlten, denn sie befanden sich wieder auf dem halben Wege zum Schornstein, »die machen's mir leichter, als 'ne dreifache Grogration, 'nem hungrigen Matrosen! Verdammt! Lugt nach Backbord aus; da liegen die Torpedos im Schoße des Savannah so sicher, wie 'ne verrostete Ankerkette im Binnenhafen, und damit kein Unglück geschehe, stecken sie rothe und grüne Laternen auf die Bojen. Goddam, wie die unglückseligen Laternen tanzen! Zwischen den grünen liegt's Fahrwasser, und zwischen den rothen ist der Teufel los.« »'s ist 'n gutes Stück hin, Kap'ten,« seufzte die geölte Ankerwinde leise. »Besser zu weit, als zu nah,« klagte der Kapitän mit herzzerreißendem Ausdruck, »habe so meine Calculation, Sailstich, und 'ne verdammt feine Calculation, und wenn's glückt, macht sich der Wassernix reichlich bezahlt. Aber hört, die Theekessel singen schon; müssen mit Pech und Schwefel geheizt haben, die Rebellenhunde, 's wird also noch jedenfalls vor Sonnenaufgang losgehen. Drum merkt Euch, Sailstich, die nächsten grünen Laternen backbord von der rothen Steuerbord.« »Aye, aye, Herr, muß vorher aber noch an's Land. Wir dachten, 's würde 'ne andere Schlachtordnung geben, und haben sich alle Hände bereit erklärt, sich auf dem Revenger anmustern zu lassen,« – hier ging wegen der Nähe des Quarterdecks das Oel aus, und die alte Ankerwinde knarrte, als ob sie mindestens zehn Jahre im Salzwasser gerostet hätte, – »im offenen Gefecht zu fallen, würde mir verdammt wenig Unterschied gemacht haben, aber unterwegs auf dem Flusse vielleicht gekapert und obenein aufgehißt zu werden? O, Kap'ten, 's ist kein Ende für 'nen rechtschaffenen Salzwassermann – o mir ist ganz krank um's Herz.« So wandelten die beiden alten Schiffsgenossen noch lange auf und ab, bald knarrend und heulend, bald reichlich geölt und weinend, je nachdem sie sich dem Quarterdeck näherten oder ihnen Jemand begegnete, der ihre Redeweise bestimmte, so daß es endlich den wachhabenden Officieren lästig wurde und sie ihnen unter mancherlei Verwünschungen zuschrieen, ihr Lamentiren einzustellen oder ihre Leichname in einen Winkel zu stauen, wenn sie nicht vorzögen, über Bord geworfen zu werden. Doch nur Sailstich kam der Aufforderung: sich weg zu stauen, mit einem kleinmüthigen »Aye, aye, Gentlemen,« nach und legte sich im undurchdringlichen Schatten der nach Innen geneigten Schanze auf eine Reserveraae, während Kapitän Iron, der nunmehr, statt der Mörser und Stahlgeschosse, einen Knoten Tabak zwischen die Zähne geschoben hatte, unter grimmigem Kauen und Beißen seinen Spaziergang fortsetzte. – Die Zeit verrann; eine gewisse Ruhe herrschte auf dem Revenger, nur die Maschinenkessel sangen lauter und lauter, als hätten sie ängstlich auf die Gelegenheit gewartet, das ganze Schiffsgebäude in die Luft zu sprengen. Die Wolken verzogen sich, und wie um diese zu ersetzen, entwand sich schwarzer Qualm dem eisernen Schlot, sobald er in's Freie gelangte, die Richtung gegen Nordwesten einschlagend. Heller funkelten die Sterne; der Wind schien sich drehen und Frost bringen zu wollen. Kapitän Iron war unermüdlich wie der Wind, unermüdlich wie der Qualm, wie das Singen und Zischen der eingeengten Dämpfe. Mit auf dem Rücken zusammengelegten Händen verfolgte er seinen alten Weg fort und fort. Das Haupt mit dem zerknitterten Südwester hatte er tief auf die Brust geneigt, die Blicke stier auf die unter seinen Tritten dröhnenden Deckplanken gerichtet, die sich nothdürftig von den übrigen, schwarz angestrichenen Gegenständen auszeichneten. Ob seine Gedanken in der Heimath weilten? Wer konnte es wissen? Das Krachen, mit welchem er – nach Beseitigung des Tabaks – hier einen Mörser, dort wieder ein halbes Dutzend Vollkugeln auf einmal zwischen seinen knirschenden Zähnen zermalmte, stand wenigstens nicht im Einklang mit friedlichen, trauten Familienbildern, und dabei erschien er so theilnahmlos, so abgestumpft für Alles, was um ihn her vorging. Neigte er doch nicht einmal den Kopf zur Seite, als da, wo Sailstich sich hingeworfen hatte, eben derselbe alte Sailstich, mit der Gewandtheit einer Katze sich an das Holz und Eisen anschmiegend, nach der Schanze hinauf kroch, und ähnlich einem entschlüpfenden Aal, den Kopf nach unten, ganz über dieselbe hinüber glitt. Dabei hielt er sich mit den Händen an ein Tau, welches er da, wo die Strickleiter hinabgeworfen und wieder heraufgezogen worden war, über die Regeling hinübergespielt und so lange nachgelassen hatte, bis es unten die Jolle, deren Lage er genau kannte, berührte. Und an Tauen fehlte es ihm ja nicht, denn vor ihm lagen aufgerollt die schönsten Braßleinen, und er brauchte nur die Hand auszustrecken, um Pinnen und Haken in der Eisenwand zu entdecken, wohl geeignet dazu, eine Leine an ihnen zu befestigen. Alles das bemerkte Kapitän Iron anscheinend nicht, noch weniger hörte er irgend ein Geräusch, welches Sailstich unvermeidlich erzeugte, denn er trat beim Gehen so hart und fest auf, als hätte er bei jedem neuen Schritt die Deckplanken durchbrechen wollen, und als gar ein Ruder ganz leise unten auf dem Wasserspiegel klapperte, da verschluckte er sich dermaßen an seinem Heimweh, daß er an einem weithin schallenden Husten beinah erstickt wäre. Sailstich aber saß um diese Zeit bereits wieder in der Jolle; der Strick, welcher diese so lange gehalten hatte, war einfach durchgeschnitten worden; mit nervigen Fäusten hielt er die Riemen zu beiden Seiten ausgestreckt, ohne sie zu gebrauchen. Er überließ es vorläufig der Strömung und dem Winde, ihn aus der gefährlichen Nachbarschaft des Revenger zu treiben; erst als er gegen hundert Ellen weit von demselben entfernt war, tauchte er die Riemen zum erstenmal vorsichtig ein, und dann arbeitete er allmälig schneller und angestrengter, daß seine Jolle wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil dahinschoß, immer in gerader Richtung auf die Landungsstelle zu, wo er einzelne seiner der Unionsflagge abtrünnig gewordenen Kameraden und Schiffsmaats zu finden hoffte. Nicht lange nach Sailstichs Verschwinden schien Kapitän Iron sich endlich wieder zu trösten, wenn auch hin und wieder noch ein Mörser – der Taback war ja längst verarbeitet, den Geist zwischen seinen Zähnen aufgeben mußte. Er war in die Nähe des Schornsteins getreten, wo er durch eine geöffnete, massiv eiserne Thüre bis in die untersten Räume hinabzublicken vermochte. Ein halbes Dutzend rußiger Feuerleute schürte daselbst die Gluth, welche polternd in die Dampfcylinder hineinschlug. Sinnend und immerfort zähneknirschend, jetzt aber nur höchstens harmlose Steinkohlenblöcke zermalmend, spähte er hinab; seine kleinen Augen funkelten unheimlicher, denn je, indem das von unten heraufdringende Licht sich in denselben spiegelte. »Verdammt handfeste Burschen,« murmelte er, indem er die dämonisch beleuchteten Feuerleute aus der Vogelperspective betrachtete, »aber trotzdem Rebellenhunde, die den Revenger zu meinem Unglück heizten, wofür sie hundertmal der Teufel holen möge.« Hier wurde wieder ein Stück von einem Sechsundneunzigpfünder abgebissen, und langsam bewegte sich der harmlose, von Heimweh befallene Kapitän einige Schritte vorwärts, wo die beiden zu den Maschinisten niederführenden Sprachröhren, geschützt durch schwere eiserne Umhüllungen etwa drei Fuß hoch über die Planken des Verdeckes emporragten. Eine Schildwache ging bei denselben auf und ab; sie achtete nicht auf den gefangenen wunderlichen Kapitän, noch weniger bemerkte sie, daß derselbe im Vorbeigehen die Weite der beiden Röhren prüfte, indem er sein zusammengerolltes Taschentuch in sie hineinschob und schnell wieder zurückzog. Dann nahm dieser seinen Spaziergang wieder auf, langsam und bedächtig, als hätte er sich im Geiste auf dem Quarterdeck seines vor guter Brise mit vollen Segeln einherlaufenden seligen Wassernix befunden und den ihm aus der schnellen Reise erwachsenden Gewinn berechnet. Nur gelegentlich sandte er einen forschenden Blick stromabwärts, wo nahe der Mündung, ähnlich wachenden Höllengeistern, die auf den Bojen befestigten grünen und rothen Laternen träge von der einen Seite nach der andern hinüberschwankten. Weiter schritt die Nacht vor, heller funkelten die Sterne in der gereinigten Atmosphäre, schwärzer entquoll der Steinkohlenrauch dem eisernen Schornstein, durchdringender und gellender zischten die den feinsten Fugen entströmenden Wasserdämpfe. In der Kajüte auf dem Sopha lag Anna. Kapitän Irons Worte hatten sie schrecklich aufgeregt; der Geist aber schien die ihm aufgebürdete Last nicht tragen zu können, sie war in einen Schlaf der Erschöpfung gesunken. Ihr gegenüber saß Johannes, das liebliche bleiche Antlitz regungslos betrachtend, als sei es ein Heiligenbild gewesen, vor welchem er andächtig auf die Kniee hätte sinken mögen. Was er dachte, was er empfand, es prägte sich in dem stets wechselnden Ausdruck seiner Augen aus; wurde ihm doch so selten, so sehr selten die Gelegenheit, angesichts der geliebten Gespielin sich unbeachtet und heimlich seinen schmerzlichen Betrachtungen rücksichtslos hingeben zu können. Von der Stadt her ertönte lauter und regelmäßiger Ruderschlag. »Boot ahoi!« rief die Schildwache dem sich nähernden Fahrzeug entgegen. »Commandant des Revenger!« hieß es zurück und ein reich bemanntes Boot schoß nach der Stelle hin, auf welcher die Strickleiter wieder über Bord geworfen war. Gleich darauf empfingen die Officiere des Piraten den Commandanten, einen ältlichen, verbissenen Seemann, als derselbe, gefolgt von einem halben Dutzend Matrosen, die an der Schanze lehnende Treppe verschmähend, von oben herunter zwischen sie sprang. Den Gruß seiner Untergebenen beachtete er nicht, sondern gleich nach dem Quarterdeck hinschreitend, fragte er während des Gehens kurz und barsch: »Wie viel Dampf?« »Fehlt noch 'ne Kleinigkeit an der vollen Kraft,« lautete die dienstliche Antwort des ältesten Lieutenants, woran er die Frage schloß, was mit dem Boot begonnen werden solle. »Herauf mit ihm,« befahl der Commandant. »Hißt das Boot auf!« rief der Lieutenant. »Hißt das Boot auf!« wiederholte eine Stimme bei der Strickleiter. »Aye, aye, Herr!« hallte es von unten herauf und von oben nach unten. Taue rasselten durch die an den Davids befestigten Blöcke niederwärts, andere mit diesen in Verbindung stehende Blöcke wurden an die entsprechenden Ringe des Bootes gekettet, und nach dem Pfeifen eines Bootsmanns schwebte das nur noch mit zwei Mann besetzte Fahrzeug schnell bis in gleiche Höhe mit dem oberen Rande der Brüstung empor. »Sind die Fremden fort?« fragte der Commandant unwirsch. »Noch nicht; nach dem uns übermittelten Befehl –« »Zum Teufel mit jedem Befehl, welchen ich nicht selbst ertheile!« schnaubte der Commandant, »hinaus mit ihnen auf der Stelle! Viel zu viel Rücksichten werden mir aufgedrungen! Hätte kein Hahn darnach gekräht, wären sie den Irländern beigesellt oder über Bord geworfen worden! Goddam die ganze deutsche Nation!« Auf dem Schiff entstand eifriges Suchen und Rufen, während Einzelne in die Kajüte eilten, um Johannes und Anna nebst ihren Sachen zur Strickleiter zu führen, als des Commandanten bissige Stimme wieder ertönte: »Hölle und Verdammniß! Wen sucht man noch lange?« »Der Bootsmann vom Wassernix, welcher die Fremden von dannen führen sollte, ist sammt seiner Jolle verschwunden,« rapportirte ein hinzutretender Officier. »Auf vierundzwanzig Stunden in die Eisen mit der Deckwache!« rief der Commandant wüthend, »und der wachhabende Lieutenant mag von Glück sagen daß ich nicht Standrecht über ihn halte! Wo ist Kapitän Iron?« »Ave, aye, Herr!« antwortete dieser, worauf er gemächlich nach dem Quarterdeck hinaufstieg und furchtlos vor den Commandanten hintrat. »Wo ist der Bootsmann, welchen ich schickte?« redete dieser den Kapitän sogleich an. Kapitän Iron zermalmte in der Geschwindigkeit mit seinen Zähnen einen Mörser und antwortete lachend: »Calculire, Maat, ich weiß es nicht und bin nicht verantwortlich für den verdammten Sailstich, der in seinem ganzen Wrack nicht mehr Muth besitzt, als eine von Wallfischen verfolgte Häringsseele.« »Hol' der Teufel Euer Geschwätz, Herr!« fuhr der Commandant wild auf, »ich will Euch zeigen, wer verantwortlich ist! Hinunter mit Euch und haltet Euch zehn Schritte weit aus meinem Wege, oder Ihr liegt schneller in Eisen, als Ihr ein Vaterunser zu beten vermögt! Los die Taue!« rief er darauf durch's Sprachrohr über das Schiff hin, in folge dessen sogleich mehrere Matrosen, von Leinen gehalten, über die Schanzen glitten, um die Taue zu lösen, mittelst deren der Revenger, um das Ankerwerfen zu ersparen, an zwei der dort zu diesem Zweck liegenden Bojen gefesselt worden war. Kapitän Iron war mit einem gelassenen »Aye, aye, Herr!« aufs Deck niedergestiegen, wo er sich bis in die Nähe der Sprachröhren zurückzog, als ein Officier zu dem Commandanten herantrat und sich Befehle betreffs der beiden Fremden erbat, die bereits vor der nach der Schanze hinaufführenden Treppe standen. »Mögen sie verdammt sein, die beiden Milchgesichter!« fluchte der Commandant, »mitnehmen soll und will ich sie nicht, und ein Boot ihretwegen hinabzulassen sind sie nicht werth –« »Boot ahoi!« rief die Deckwache ein mit flinken Ruderschlag herbei eilendes Boot an. »Mannschaft vom Revenger!« antwortete Lieutenant Arthur. »Welches Boot?« fragte der Commandant hinunter, sobald Arthur seitlängs vom Revenger angekommen war. »Boot von der Hafenwache!« rief Arthur zurück. »Ich hatte Euch ja befohlen, mich auf der neuen Ankerstelle aufzusuchen, Herr!« »Ich wurde früher fertig, als ich glaubte, und wünschte die neuen Hände an Bord zu bringen!« »Was für Hände?« »Vier Mann vom Wassernix!« »Herauf mit ihnen! Doch halt! Nein! Der Schurke von Bootsmann ist mit der Jolle zum Teufel gegangen! Sie können die Fremden an's Land setzen und nachkommen! Gebt ihnen 'ne sichere Hand als Führer mit!« In demselben Augenblick schwang sich Arthur über die Schanze, wo er auf seinem Wege nach dem Quarterdeck von Anna und Johannes aufgehalten wurde. »Um Gottes willen, verlassen Sie uns nicht,« bat Anna leise und am ganzen Körper bebend, »die Leute, die kaltblütig zum Feinde übergingen, ich fürchte sie, o, begleiten Sie uns,« und krampfhaft drückte sie Arthurs Hand, welche sie in ihrer Todesangst ergriffen hatte. »Steigt hinab,« sprach Arthur zu Johannes, »die Leute werden Euch unterstützen, gleich bin ich wieder hier,« und seine Hand sanft der Anna's entziehend, eilte er nach dem Kastell hinauf, wo er mit dem Commandanten einige Worte wechselte. »Nun, Ihr mögt Recht haben,« vernahm Anna endlich des Commandanten gefürchtete Stimme, »'s ist besser Ihr geht, denn der Teufel traue Allen; selbst unsere ältesten Hände desertiren, bevor man sich dessen versieht, und wir haben nicht 'nen Finger zu viel bei der Arbeit, die uns bevorsteht. Also beeilt Euch, Ihr wißt ja, wo der Revenger sich hinlegt, und 'ne Stunde tüchtigen Ruderns schadet den abtrünnigen Schurken gar nicht. Halloh! Capitän Iron!« rief er alsdann über das Schiff, »wenn Ihr mit wollt, soll's mir nicht darauf ankommen; bin verdammt froh, solch überflüssigen Ballast los zu werden!« »Danke bestens, Herr!« rief Kapitän Iron aus dem Schatten zurück, »ich bleibe lieber hier, als daß ich mit solch treulosen Schuften, wie die Hände des Wassernix, auch nur 'ne Minute zusammen in demselben Boot sitze!« »So bleibt und seid verdammt!« entgegnete der Commandant höhnisch, »aber baut fest darauf, auf den Mastkorb laß ich Euch zu seiner Zeit hissen, damit Ihr aus erster Hand hört, wie die Yankee-Granaten singen!« Der Kapitän antwortete nicht, er mochte es für gefährlich halten, den Grimm des tyrannischen Commandanten bis aufs Aeußerste aufzustacheln. Arthur hatte unterdessen Anna nach der Schanze hinaufgeführt, wo er ihr voraus auf der Strickleiter rückwärts niederzusteigen begann und mit der linken Hand sich an dem Tauwerk hielt, während er mit dem rechten Arm das zitternde Mädchen erfaßte und ihm dadurch einen sichern Halt auf dem schwankenden Wege bot. Glücklich gelangten sie unten in dem Boote an, wo Johannes bereits Platz genommen hatte und die Sachen ebenfalls untergebracht worden waren. Die vier Seeleute saßen über ihre Riemen geneigt da, und Arthur, sobald er Anna zu ihrem Sitz geführt hatte, gab das Zeichen zum Aufbruch. Die das Boot haltende Leine glitt durch den Ring, die Riemen senkten sich in die Fluthen, und gleich darauf war das davoneilende Fahrzeug vom Bord des Revenger aus nur noch als eine schwarze, unförmliche Masse auf dem plätschernden und durch die ablaufende Ebbe bewegten Wasserspiegel erkennbar. »Alles los« tönte es jetzt aus zwei verschiedenen Richtungen nach dem Quaterdeck hinüber. »Alles bereit!« schallte es mächtig durch das Sprachrohr des Commandanten. »Alles bereit!« antwortete es aus dem Innern des Schiffes und vom Verdeck. »Vorwärts die Maschinen!« übertönte das Sprachrohr die mit betäubendem Geräusch sich gewaltsam befreienden Dämpfe. »Vorwärts die Maschinen!« rief der betreffende Officier durch eine der beiden Röhren in den Schiffsbauch hinab. Das Zischen der Dämpfe verstummte. Nach dem Ohren zerreißenden Geräusch hatte die eintretende Stille etwas Unheimliches. Da erschien es, als ob der Revenger plötzlich eigenes Leben erhalten hätte; er erzitterte in allen seinen Fugen, und mit dumpfem Poltern begannen die mächtigen Hebel die das Wasser aufwühlende Schraube herumzuwälzen. Der Commandant befand sich allein auf dem Quarterdeck; die dienstthuenden Officiere hatten sich nach allen Richtungen vertheilt, nachdem er den Willen kund gegeben, selbst den Revenger auf die ihm bestimmte Stelle lootsen zu wollen. Und ein tüchtiger Seemann war der Commandant, wenn auch ein Mensch ohne jedes andere Gefühl, als das des Hasses und des Rachedurstes gegen die Feinde der südlichen Institutionen; seine Blicke waren überall, bald vorne, wo man die Anker klar machte, bald hinten, wo nur wenige Schritte von ihm ein stämmiger Matrose in einer geschützten Abstufung zwischen Spiegel und Kajüte das Steuerrad führte. Am längsten und gespanntesten aber hafteten sie auf den grünen und rothen Laternen nahe der Mündung des Savannah, sorgfältig prüfend und beobachtend deren Stellung zu einander und wie sie sich allmälig kaum bemerkbar verschoben. Er befand sich offenbar in großer Aufregung, dagegen verstand er es, sich zu beherrschen, und mit eiserner Ruhe folgte Commando auf Commando. »Stop die Maschinen!« »Rückwärts!« »Vorwärts!« »Backbord das Steuer!« »Steuerbord!« bis der Revenger sich endlich ganz herumgeschwungen hatte und mit seinem Bugspriet stromabwärts wies. »Laßt gehen, in des Teufels Namen, und gebt Dampf bis auf den letzten Zoll!« lautete das Schluß-Commando, und dann stellt er sich, das Gesicht den bunten Laternen zugekehrt, vor den steuernden Matrosen. »Welchen Strich?« fragte er diesen, dessen wilde, bärtige Physiognomie starr an dem transparenten Zifferblatt des Compasses haftete. »Ost-Südost bei Ost, Herr!« lautete die knurrende Antwort. »Halt fest Ost-Südost bei Ost, einen Strich mehr Ost!« befahl der Commandant. »Aye aye, Herr, 'nen Strich mehr Ost,« wiederholte der Steuermann, und dann hörte man längere Zeit hindurch nichts, als das dumpfe Poltern der Maschinen, welche die Schraube in möglichst schnelle Bewegung setzten, und das Brausen, mit welchem das schäumende Kielwasser sich unter dem Steuerruder hervorwand. Wohl zehn Minuten verfolgte der Revenger in dieser Weise seinen Weg. Vorbei flogen die westlichen Außenwerke der Stadt, erkennbar an den Scheiterhaufen, bei deren rother Beleuchtung hunderte von Männern an den Befestigungen arbeiteten; vorbei flogen die östlichen Batterien, bis endlich nur noch ungefähr fünfhundert Ellen den Revenger von der Durchfahrt zwischen den grünen Laternen trennten. »Nieder mit dem Dampf bis zur Hälfte!« rief der Commandant, nachdem er einen Blick rückwärts auf den Compaß geworfen. »Nieder mit dem Dampf bis zur Hälfte!« wiederholte der bei den Sprachröhren aufgestellte Officier; dann brachte er seinen Mund an die erste Röhrenöffnung, das Commando in den Maschinenraum hinabsendend, worauf er dasselbe Verfahren bei der andern Röhre beobachtete. Die Worte, welche er hinabrief, klangen ihm wohl merkwürdig dumpf, doch nicht so dumpf, daß er deshalb gleich Argwohn geschöpft hätte. Zu weit lag es außerhalb des Bereichs seiner Berechnung, daß Jemand mittelst eines biegsamen Stäbchens in beide Röhren zusammengerollte Taschentücher tief genug hinabgestoßen haben könne, um sie von oben herab unerreichbar zu machen. Er neigte um so weniger zu Mißtrauen hin, als außer dem zähneknirschenden Kapitän Niemand in seine Nähe gekommen war und er seinen Posten, wenn auch gelegentlich seitwärts an die Schanzen tretend, keinen Augenblick verlassen hatte. »Nieder mit Dampf!« hatte er in beide Röhren hineingerufen, allein die Maschinen arbeiteten fortgesetzt mit einer Kraft, als ob der Revenger sich mitten auf dem Ocean befunden hätte. »Hölle und Teufel! Nieder mit dem Dampf, oder die Wellen zünden!« brüllte der Commandant jetzt auf dem Gipfel seiner Wuth. Der Officier commandirte abermals hinab, jedoch mit demselben Erfolge, und plötzlich Verdacht schöpfend, rief er zurück. »Bei Gott! 's ist etwas nicht in Ordnung hier!« »Bei der ewigen Verdammniß! Ich lasse Euch Alle krumm schließen!« fluchte der Commandant. Einen Blick warf er noch auf den Compaß und den steuernden Matrosen, demselben ein drohendes: »Haltet Euern Cours, Mann!« zurufend; dann riß er den Revolver aus dem Gurt und vom Quarterdeck hinunterspringend, eilte er dahin, wo die Verwirrung entstanden war und Einzelne bereits nach dem Maschinenraum hinunterstürmten, um den Befehl des Commandanten in Ausführung zu bringen. Obgleich erst wenige Minuten hingegangen waren, hatte der Revenger sich doch, mit voller Dampfkraft einherschießend, den grünen Laternen bis auf etwa zweihundert Schritte genähert. Da nun der Commandant sich scheute, durch plötzliches Rückwärtsarbeiten der Maschinen das Wasser in einer für die Torpedos gefährlichen Weise aufzuwühlen, so stand zu erwarten, daß der Revenger, selbst auch dann, wenn die Dampfkraft verringert wurde, noch mit unverminderter Geschwindigkeit zwischen den grünen Laternen hindurchgleiten würde. Der Cours des Schiffes war indessen so genau geregelt, daß ein Unglück nicht zu befürchten stand; es durfte daher durchaus nicht als eine Vernachlässigung des Commandanten betrachtet werden, als er sich persönlich von der stattgefundenen Unordnung und deren Grund zu überzeugen wünschte, um demnächst in seiner tyrannischen Weise strafend einzuschreiten. – Der Commandant hatte kaum das Quarterdeck verlassen, da schlich auf der Außenseite desselben, halb über dem Wasser schwebend, Kapitän Iron mit der Gewandtheit einer Katze herum und trat mit geheimnißvollem Wesen neben den steuernden Matrosen hin. »Keine gute Zeit da vorne,« entschuldigte er sein unerwartetes Erscheinen, »möchte dem Commandanten in seiner jetzigen Laune nicht begegnen.« »Hol' der Teufel den Commandanten,« knurrte der Pirat höchst unehrerbietig, »wird Euch aber noch viel schlechter gefallen, wenn er Euer altes Eulengesicht hier findet.« »Meint Ihr Maat?« fragte der Kapitän, indem er, beide Hände in seinen Hosentaschen, ganz dicht neben den Steuermann hintrat, wie um den Curs des Schiffes zu prüfen. In diesem Augenblick begann die Schraube die rasende Eile ihrer Bewegungen zu mäßigen. Als ob dies aber das Signal zum Handeln für Kapitän Iron gewesen wäre, fuhr die mit dem langen Messer bewehrte Faust aus seiner Tasche, und bevor der Matrose, der die Blicke starr auf den Compaß gerichtet hielt, ahnte, was ihm bevorstand, hatte er ihm die breite, scharfe Klinge durch's Herz gestoßen. Lautlos sank der Pirat zusammen, ebenso schnell stand aber auch Kapitän Iron an seiner Stelle. Sein Kopf reichte gerade über den Rand des Kastells empor, so daß er eine theilweise Aussicht auf die spärlich von Laternen beleuchtete Gruppe der bei den Sprachröhren versammelten Männer genoß. Niemand hatte sein Thun bemerkt, noch den Sturz des Matrosen vernommen; ohne Säumen griff er daher mit seinen nervigen Fäusten in das Steuerrad, welches er hastig, so weit es nur immer nachgeben wollte, herumschlug. Bevor aber noch der Revenger dem so urplötzlich herumgeworfenen Steuerruder merklich folgte, hatte Kapitän Iron eine zu diesem Zwecke in seiner unergründlichen Tasche bereit gehaltene leichte Kette hervorgezogen, welche er mit geübtem Griff um zwei Speichen und die Tragesäule des Rades schlang, worauf er die beiden Enden durch einen schwer lösbaren Kreuzknoten mit einander vereinigte. Er war dabei mit einer so wunderbaren Gewandtheit zu Werke gegangen, daß der Revenger noch keine fünfzig Ellen zurückgelegt hatte, als er sich wieder emporrichtete und die Stellung des steuernden Matrosen einnahm. Zugleich gewahrte er aber auch, daß das Schiff, ein ausgezeichneter Segler, dem Steuer willig gehorchte und den Bug bereits so weit herumgeschwungen hatte, daß die seine Bahn bestimmende grüne Laterne, anstatt auf der Backbordseite, auf der Steuerbordseite liegen bleiben mußte und es also, wen das Steuer nicht wieder gelöst wurde, schräg über die gefährliche Bahn und in sein unabwendbares Verderben lief. »Backbord! Backbord das Steuer!« brüllte der Commandant, als er vom Verdeck aus plötzlich die grüne Laterne nahe vor dem Schiff bemerkte und dieselbe für die andere, dieser gegenüber liegende hielt. »Backbord, Herr!« antwortete Kapitän Iron mit verstellter Stimme, und da er vorher sah, daß der Commandant binnen Kurzem Aufschluß über die Bewegung der Revenger gewinnen würde, so ergriff er den getödteten Matrosen, welchen er mit einer Kraft, die man in der hageren Gestalt kaum gesucht hätte, nach der Spiegelschanze hinaufschob und dann in den Strom hinabstürzte. »Mann über Bord!« rief er darauf gellend aus, um die Aufmerksamkeit nur noch auf einige Sekunden von der Lage des Schiffes abzulenken. »Laßt ihn zur Hölle fahren und verdammt sein!« antwortete giftig der Commandant, der nicht für zehn Menschenleben die Maschine zum Stehen gebracht hätte. Gleichzeitig tönte es aber vom Verdeck mit dem Ausdruck des Entsetzens herüber: »Rothe Laternen vorn!« »Stop die Maschinen!« schrie der Commandant, der nunmehr von einem bösen Argwohn ergriffen, nach dem Kastell hinstürzte. »Stop die Maschinen!« wiederholte die Kette der Leute, welche, um die unbrauchbar gewordenen Röhren zu ersetzen, vom Verdeck bis zum Maschinenraum niederreichte. Die Maschinen stellten die Arbeit ein. »Rückwärts!« donnerte der Commandant, die Quarterdeckstreppe hinaufspringend. Rückwärts!« echoete die lebendige Kette, »rückwärts die Maschinen!« Dem Befehl wurde pünktlich Folge geleistet, allein keine Gewalt der Erde hätte vermocht, die noch immer nach vorn drängende Eisenlast des Revenger aufzuhalten oder gar zu einer unmittelbaren Rückwärtsbewegung zu zwingen, bevor er mit dem Vordertheil über dem verborgenen Krater angekommen war. Alle auf Deck begriffen die furchtbare Gefahr, in welcher sie schwebten, und die dennoch Niemand zu beseitigen im Stande war. Ein langes, nur nach Sekunden zu berechnendes Schweigen trat ein. Jeder hoffte, daß die unterseeische Mine nicht von dem Boden des Revenger berührt werden würde, der eben noch so stetig auf der ihm angewiesenen Bahn einherdampfte, als hätte er mit Menschengewalt nicht mehr aus derselben herausgebracht werden können. »Welchen Strich hast Du, Schurke?« schrie der Commandant, kaum seiner Sinne noch mächtig, und jetzt erst gewahrte er, daß das Steuerrad verlassen war. Mit einem entsetzlichen Fluch sprang er hinunter und entschlossen griff er in die Speichen, um dem, trotz der eben beginnenden Rückwärtsbewegung der Maschinen, noch immer nach vorn drängenden Schiff eine andere Richtung zu geben. Doch er arbeitete vergeblich, das Rad rührte sich nicht, und der Revenger, dem gefesselten Steuer gehorchend, schwang seinen Bugspriet unaufhaltsam zwischen die beiden rothen Laternen hinein. Da schallte ein boshaftes, höhnisches Gelächter über das Schiff hin. Der Commandant sah empor; vor ihm auf der äußersten Ecke der Spiegelschanze und nur wenige Fuß von im entfernt stand die schattenähnliche Gestalt Irons, der ihm vertraulich rieth, vorher die Kette zu lösen, wenn er steuern wolle. »Hund von einem Unionisten!« wüthete der Commandant, indem er den Revolver aus dem Gurt riß und den Hahn spannte. »Rache für den Wassernix!« rief der in einen höllischen Dämon verwandelte Kapitän; »lernt besser schießen!« fügte er gellend hinzu, als er eine Kugel aus dem Revolver an seinem Kopfe vorbeisausen hörte, und mit durchdringendem »Sailstich!« setzte er in die Fluthen hinab, seinem Körper einen solchen Schwung gebend, daß er außerhalb des Bereichs der sich schwerfällig herumwälzenden Schraube gelangte. Vier oder fünf Ellen weiter tauchte er wieder aus den schäumenden Wellen empor, und dann arbeitete er angestrengt auf die nächste grüne Laterne zu, bei jedem neuen Stoße den Namen Sailstich's laut wiederholend. Da glitt eine leichte Jolle vor ihn hin; ein Mann neigte sich zu ihm nieder und faßte ihn unter den Armen, und mit einem kräftigen Schwünge brachte er sich in das Boot hinein. Anstatt aber auf Sailstichs Rath sogleich zu den Riemen zu greifen, kehrte er sich um, mit tödtlicher Spannung den Revenger beobachtend, der in der Entfernung von kaum dreißig Ellen zu dem der Rückwärtsbewegung vorausgehenden Stillstand gekommen zu sein schien. »Bei Gott, Sailstich,« hob er mit seinem grimmigsten Zähneknirschen an, »'s wäre 'n merkwürdiges Unglück ...« Weiter sprach er nicht; ungefähr fünfzig Fuß von dem Vordersteven des Piraten, dessen Breitseite ihm schräge zugekehrt war, schoß plötzlich ein schmaler, zischender Feuerstreifen unter dem Schiffsboden hervor. Die Spitze der bleichen Flamme hatte aber noch nicht die Höhe der Schanze erreicht, als eine furchtbare, dumpfe Explosion, wie bei einem Erdbeben, zu beiden Seiten des Schiffs mächtige Wassersäulen emporschleuderte und die Jolle noch weiter aus dem Bereiche der Gefahr zurückwarf. Der ersten Explosion schloß sich, begleitet von dem wilden Geheul der entsetzten Mannschaft, unmittelbar eine zweite an, welche, durch eine lodernde Flamme die ganze Umgegend flüchtig erhellend, den Vordertheil des Revenger wohl fünfundzwanzig Fuß hoch emporhob, so daß man bis zum Vordermast klar unter dem schwefelgelb beleuchteten Kiel hindurchzusehen vermochte. Eine Sekunde schien der Kaperer in der Luft still zu stehen, dann sank er wieder in die Fluthen zurück. Er sank tiefer und tiefer, ohne inne zu halten; er sank so schnell, wie das durch den zerschmetterten Schiffsboden frei eindringende Wasser die leeren Räume füllte, bis nach Ablauf von kaum zwei Minuten nur noch die Masten und der obere Theil des Schornsteins über dem brausenden und wirbelnden Wasserspiegel emporragten. Er sank und mit ihm versanken der tyrannische Commandant und die Mehrzahl derjenigen, welche die alten, nunmehr mit Wasser gefüllten Räume so lange und mit so viel Glück geräuschvoll belebt hatten. Der Revenger war zu Grunde gegangen, nicht im Kampfe mit einem ebenbürtigen Gegner; zwei einzelne Leute, beseelt von so glühendem Haß und Rachedurst, wie er nur in einem Bürgerkriege möglich, hatten ihm hinterlistig sein Verderben bereitet. Das Unternehmen, wegen dessen der verschlagene Kapitän und sein nicht minder verschlagener Bootsmann ihr Leben wohl hundertfach aufs Spiel setzten, war bis in's Kleinste geglückt. Der Revenger lag auf dem Boden des Stromes; nur noch einzelne Hände kämpften schwimmend mit Erfolg gegen die kalten Fluthen. Ueber dem nassen Grabe der Andern hing noch lange eine weiße Wolke, deren Wiege ein umfangreicher, mit Zündstoff gefüllter kupferner Kasten gewesen. Dreiunddreißigstes Capitel. Der Wechsel der Lage. Die Wirkung des den Revenger zerstörenden Torpedos war furchtbar. Nach allen Richtungen hin rollten die durch die Explosion aufgeworfenen Wasserhügel, um demnächst wieder von dem versinkenden Schiff angesogen zu werden und über demselben schäumend aneinander zu prallen. Sailstich mußte seine ganze Kraft und Gewandtheit aufbieten, um nicht mit in den verderblichen Strudel hineingezogen zu werden. Kapitän Iron war beim ersten Stoß der Länge nach in's Boot hineingeschlagen, und als er sich wieder erhob und das Gleichgewicht zurückgewonnen, da schlossen sich die Wogen eben brausend über dem Verdeck des Kaperers. Schnell setzte er sich auf die zweite Ruderbank, und die Reserveriemen ergreifend, arbeitete er mit Macht, um baldmöglichst einer Stelle zu entkommen, die voraussichtlich in nächster Zeit für ihn gefährlich belebt wurde. »Bei Gott, Kap'ten, das war 'n richtiger Yankee-Trick,« ächzte die verrostete Ankerwinde, sobald die Fluthen sich unter der Jolle zu ebenen begannen und nur noch gedämpft die Hülferufe der mit dem Tode Ringenden zu ihnen herüber schallten, »'n knappes Entschlüpfen mit Euch; dachte schon, Ihr wolltet gemeinschaftlich mit dem Revenger den Ankergrund prüfen.« »Konnte nicht fort, Sailstich, ohne dem Commandanten meine Meinung mit auf den Weg gegeben zu haben,« erwiderte Kapitän Iron, und zwischen seinen Zähnen krachten triumphirend einige zermalmte Vollgeschosse, »und knappes Entschlüpfen ist hinterher ebenso gut, wie meilenweites Vorbeisegeln. Alles gut und recht jetzt, Sailstich; wir brauchen uns nicht zu schämen, heimzukehren. Hat der Teufel den Wassernix einmal geholt, ist ihm der Revenger dafür zehnmal verfallen, calculir' ich. Verdammt! Drüben wird's lebendig, sie schicken Alles, was auf dem Wasser schwimmt, um zu retten – werden wenig genug zum Bergen finden – Sailstich, ich calculir', wir halten etwas mehr backbord, möchten uns sonst noch einige Rebellen begegnen.« Obwohl ihnen die Ebbe entgegenstand, brachten sie die Jolle doch mit verhältnißmäßig geringer Mühe bis dicht unter das linke Ufer des Savannah, wo sie selbst bei Anwendung von Leuchtkugeln von den Feinden nicht leicht entdeckt werden konnten, und außerdem eine weniger schwere Strömung zu besiegen war. Sobald sie in ruhigerem Wasser trieben, nahm Sailstich die Unterhaltung wieder auf. »Kap'ten Iron, ich denke, 's war 'ne recht gottgefällige Handlung, die wir ausführten,« bemerkte er mit einem durstigen Schnarren, was den Ernst seiner Sprache noch erhöhte. »Calculir', unser Herrgott kümmert sich den Henker um uns oder die Rebellen,« antwortete der weniger religiös gesinnte Kapitän entschieden; »warum sollte er auch, wenn wir Manns genug sind, Alles allein zu besorgen?« »Nun, nun, Kap'ten, so 'n Bischen Religion ist zuweilen verdammt gut,« wendete die ungeölte Ankerwinde zuversichtlich ein, »und unser Herrgott muß Euch selber beigestanden haben, oder die Sache wäre nicht geglückt. So zum Beispiel, daß Ihr den Commandanten vom Quaterdeck locktet – ich hielt nämlich nahe bei der grünen Laterne und bemerkte dergleichen.« »Alles Calculation, Sailstich,« versicherte Kapitän Iron gleichmüthig. »Und der Mann am Steuer, hätte die Mutter Gottes« – Sailstich war nämlich katholisch – »ihn nicht selber für Euch gehalten, möcht 's Euch schwerlich gelungen sein, ihn so ohne alles Aufsehen fort zu complimentiren.« »Alles Calculation, Sailstich; rechnete besonders darauf, daß sie sich hier mitten im eigenen Lande am sichersten fühlten und an nichts weniger, als an Verrath dachten.« »Auch Calculation, daß der Piratenlieutenant nicht mit unterging?« »Alles richtige Calculation; hoffe übrigens, den jungen See-Gentleman wieder zu sehen – schade um ihn, daß er auf der Rebellenflotte diente, hätte auf 'nem Unionsschiff 'was Rechtes aus ihm werden können. Wo treffen wir unsere Passagiere?« »Hinter der nächsten Flußbiegung oberhalb der Stadt,« ächzte die durstige Winde, »sie werden uns praien, sobald wir in ihre Höhe gelangen.« »All' recht,« antwortete der Kapitän; dann ruderten sie vorsichtiger, wobei sie ein mißtrauisches Schweigen beobachteten. Sie befanden sich der Stadt gegenüber, welche durch die gewaltige Explosion offenbar in große Bestürzung versetzt worden war, und wo von dem mit Fackeln und Laternen beleuchteten Quai immer neue Böte abstießen, um von dem verunglückten Revenger zu retten, was vielleicht noch geborgen werden konnte. Leise handhabten sie daher die leichten Riemen, leise und fest und sich stets im Schatten des Ufers haltend, wo Niemand sie bemerkte, Niemand ihnen begegnete. – – Kurze Zeit, bevor der Revenger durch den Torpedo in den Grund gebohrt wurde, erreichte Lieutenant Arthur die Flußbiegung, wo sein Boot plötzlich vom linken Ufer aus angerufen wurde. Alsbald befahl er seinen Leuten, gerade auf die Stelle zuzulenken von woher der Ruf zu ihnen gedrungen war. Dann wendete er sich, um von den Ruderern nicht verstanden zu werden, in deutscher Sprache an Johannes und Anna. »Die Trennungsstunde ist da,« hob er ernst, fast wehmüthig an, »unheilvollen Kriegsereignissen verdanke ich zwar meine Bekanntschaft mit Ihnen, doch wird die Erinnerung an dieselben für mich fortan eine Quelle reicher Genüsse sein. Daß wir jemals einander wieder begegnen, bezweifle ich; es gereicht mir daher zur doppelten Genugthuung, Ihnen, indem ich Sie bis hierher begleitete, den letzten Dienst von Seiten des Revenger geleistet zu haben. Was ich sonst noch zu Ihrer Bequemlichkeit thun konnte, ist geschehen,« – hier überreichte er Johannes ein unversiegeltes Schreiben, – »nehmen Sie dies; es ist eine Art Paß, von welchem ich hoffe, daß er von den Ihnen etwa begegnenden Conföderirten respectirt wird. Im Uebrigen kann ich Sie nur der Fürsorge Ihrer Ruderer überlassen, welche auf das feierliche Versprechen hin, Ihnen treu mit Leib und Seele zu dienen, ihre Freiheit erhielten. Sie sind mit allem Nothwendigen ausgerüstet und wissen, daß dieser Strom bis in die Nähe der Unionsheere Ihre Straße bildet, wo Sie sich als vollkommen gesichert ....« Mit einer Bewegung des Schreckens kehrte er sich um, seine Blicke dahin richtend, wohin ein dumpfer Knall seine Aufmerksamkeit gerufen hatte. Anna stieß einen leisen Schrei aus, ebenso hielten die Ruderer, deren Gesichter stromabwärts gerichtet waren, wie auf Commando mit ihrer Arbeit inne. Arthur schien erstarrt zu sein, Erst als er bei dem Schein der gelben Lohe, die aus dem Savannah emporschlug, den Revenger erkannte, wie derselbe sich mit seinem Vordertheil hoch aufbäumte und demnächst halb im Wasser, halb in der wiederkehrenden Dunkelheit verschwand, kehrte seine Besinnung zurück. »Mein Gott, welch entsetzliches Unglück!« rief er aus, und mit tödtlicher Spannung beobachtete er die Laternen des Revenger, wie dieselben sich tiefer und tiefer neigten und endlich ganz erloschen; »die Rasenden; ein Mißverständnis muß gewaltet haben; sie sind gerade über eine Höllenmaschine hingefahren.« »Keine Mißverständnisse, Herr,« vernahm er eine Stimme dicht vor seinem Ohr, und indem er sich hastig umwendete, fühlte er sich plötzlich von eisernen Armen gehalten und seiner Waffen beraubt. »Ein Laut und Ihr sterbt vor den Augen der jungen Dame hier,« fuhr dieselbe Stimme fort, welche er alsbald als die eines seiner Ruderer erkannte; »Euer Brief mag ganz gut sein, allein wir ziehen es vor, Eure Person selber als Paß zu benutzen, um so mehr, als wir Euch noch unsern Dank für die Menschenfreundlichkeit schulden, mit welcher Ihr uns behandelt und vor dem Schlimmsten bewahrt habt.« Arthur, welchen drei Männer in sitzender Stellung auf der Bank niederhielten, während der vierte das Boot ganz nach dem Ufer hinstieß, was förmlich betäubt; zu furchtbar erschien ihm einerseits der Wechsel seiner Lage, andererseits wieder die Unvorsichtigkeit, welche er sich, in der Meinung, das Beste zu thun, nach seiner Ueberzeugung hatte zu Schulden kommen lassen. Er wollte sprechen, allein die Zunge versagte ihm den Dienst, vor Scham und ohnmächtiger Wuth über sich selbst. Da erhob Anna, welche die ganze Scene mehr errathen, als bei der herrschenden Dunkelheit gesehen hatte, ihre vor Entsetzen bebende, jedoch immer noch wunderbar melodische Stimme: »Ihr begeht einen Irrthum, Ihr lieben Leute,« bat sie inständig und doppelt ergreifend, weil sie in der ihr nicht geläufigen englischen Sprache vielfach nach Worten suchen mußte und diese dann mit einem fremdländischen Accent hervorbrachte, »es kann euer Ernst nicht sein, ihn gefangen zu halten, dem wir so unendlich viel Erleichterung in unserm Unglück verdanken. Ich kenne ihn genauer, als Ihr, und ich weiß, es würde ihn tief beugen, nicht auf sein Schiff zurückkehren zu können – es ist Ehrensache für ihn ....« »Meine liebe, junge Lady, auf sein Schiff zurück kann er nicht mehr,« fiel der Wortführer der Seeleute mit rauher Herzlichkeit ein, »denn sein Schiff, der Revenger, liegt auf dem Boden des Savannah; habt ja selbst gesehen, daß er sich empor bäumte, wie'n kolleriges Pferd, als ob er nicht hinunter wollte – 'n Glück für den Gentleman, daß er selber nicht mit hinunter mußte. Und loslassen? Nein, meine junge, schöne Lady, das dürfen wir nicht, wenn wir nicht uns und ihn in Gefahr stürzen wollen. Käme er gesund und sogar trocken nach der Stadt und wüßte nichts vom Revenger zu erzählen, möchte man ihn für einen Verräther halten und nicht viel Umstände mit ihm machen.« »Das unglückliche Schiff, welches dort drüben vernichtet wurde, war der Revenger?« fragten Anna und Johannes wie aus einem Munde, und ein ihr Mark erkältendes Gefühl beschlich sie, indem sie sich vergegenwärtigten, welcher furchtbaren Gefahr sie entronnen waren. Dann aber gedachten sie tief erschüttert ihres alten Freundes, des Kapitän Iron, der sich vor einem gräßlichen Opfertode nicht scheute und, offenbar mit ruhiger Ueberlegung handelnd, nur um sie und Arthur zu retten, ihnen die geheimnißvolle Weisung ertheilte. »Der Revenger,« bekräftigte der Seemann dumpf. Angesichts der heftigen Erregung der beiden jungen Leute wagte er nicht, seine Schadenfreude über den unersetzlichen Schaden der Rebellen durchblicken zu lassen. »Aber die Menschen, welche sich auf dem Schiff befanden?« fragte Anna athemlos, während Johannes, die Hände auf seinen Knieen gefaltet, stumm nach der verhängnißvollen Stelle hinüber blickte, welche durch die Nacht hindurch von den auf derselben kreuzenden und mit Laternen versehenen Boten deutlich bezeichnet wurde. »Meine liebe, junge Lady, der Krieg bringt's einmal so mit sich,« antwortete der Seemann wieder ernst, »unser guter Wassernix liegt auf dem Boden des Meeres, sein Verderber dagegen fand nur im lumpigen Süßwasser sein Ende. In einem Kriege, welcher nicht eher beendigt wird, als bis der einen Partei der Athem ausgeht, thut Jeder gern so viel, wie er nur kann, seine Feinde zu vernichten.« »Mein Gott, mein Gott!« rief Anna aus, indem sie sich schaudernd abwendete, »in welche Lage sind wir gerathen! O könnten wir nur fort von hier! Johannes, bitte die Leute, daß sie aufbrechen,« und mit hastiger Bewegung, wie von einem rettenden Gedanken beseelt, sich erhebend, trat sie dicht vor Arthur hin, im Uebermaß ihrer Verzweiflung seine beiden Hände ergreifend. »Ihr Schiff ist verloren,« flehte sie mit so rührendem Ausdruck, daß sogar die rauhen Seeleute, dem besänftigenden Eindruck unterworfen, einen Schritt von ihrem Gefangenen zurück wichen, »Sie haben vernommen, welcher Verdacht Sie in der Stadt treffen würde; begeben Sie sich daher nicht aufs Neue in die unabsehbaren Gefahren. Ziehen Sie mit uns, ich bitte Sie darum; wir werden uns unter Ihrem Schutz sicherer fühlen, und dann – Sie den schrecklichen Fährnissen entzogen zu wissen, wird Ursache sein, daß wir mit weniger Angst und Besorgniß des hiesigen Kriegsschauplatzes gedenken.« »Denken Sie aber auch an sich selbst und an diejenigen, die mit treuer, verwandtschaftlicher Liebe an Ihnen hängen,« fiel Johannes schnell ein, als Arthur, wie in den Fesseln einer dumpfen Betäubung, sich immer noch nicht rührte und Anna's Bitten unbeachtet ließ, »an diejenigen, die mit nie geschwächter Sehnsucht Ihrer Heimkehr harren; betrachten Sie den Verlust Ihres Schiffes und Ihre Rettung als einen Fingerzeig des Himmels, der sie den Ihrigen erhalten möchte – und auch die Bitten des treuen Kindes hier verdienen wohl Berücksichtigung,« fügte er, auf Anna weisend, mit bebender Stimme hinzu; »mit dem Schiff verloren Sie das, was Ihnen so lange in Sturm und Kriegswetter Heimath gewesen, suchen Sie daher Ihre ursprüngliche Heimath im Kreise theurer Anverwandten wieder auf; Sie haben lange genug für eine fremde Sache gekämpft, ohne daß Ihr Herz dabei betheiligt gewesen wäre. Entschließen sie sich, verdienen Sie sich den Dank Ihrer vielleicht um Sie trauernden Eltern, und wurden Ihnen diese schon geraubt, so ist es wohl noch ein Bruder, eine zärtliche Schwester, welche Sie durch Ihre Heimkehr beglücken. Stehen Sie aber ganz allein – dann ist hier meine Bruderhand, welche ich Ihnen aus aufrichtigem Herzen biete, dann weiht Ihnen Thränen der Theilnahme, der Besorgniß unser gemeinsamer Schützling.« Arthur war aufgesprungen und hatte der beiden jungen Leute Hände ergriffen, dieselben im Uebermaß seiner inneren Bewegung pressend. »Ich bin Gefangener!« sagte er verzweiflungsvoll und sich, mit Rücksicht auf seine Umgebung der englischen Sprache bedienend, »durch meine eigene Schuld und Unvorsichtigkeit bin ich Gefangener und als solcher gezwungen, Euch zu folgen. Wäre ich aber frei, wäre ich Herr meines Willens, dann dürfte ich nicht auf die Stimme meines Herzens hören, ich müßte dahin gehen, wohin die Pflicht und die Ehre mich rufen.« »O sagt, daß Ihr freiwillig mit uns zieht,« fiel Anna flehentlich ein, denn die jüngsten Erfahrungen und Ereignisse hatten die Schranke zwischen ihr und Arthur, ohne daß sie es merkte, gänzlich niedergerissen, »folgt dem Drange Eures Herzens und beruft Euch nicht auf Pflicht und Ehre, wo das Schicksal selbst euch Eurer Pflichten entbunden; Dir seid frei, Niemand hält Euch ....« »Um Vergebung, liebe, junge Lady,« unterbrach sie derselbe Seemann, der schon früher gesprochen hatte, freundlich, jedoch entschieden, »Lieutenant Arthur ist und bleibt unser Gefangener, wir dürfen ihn nicht frei geben – aber, Mr. Arthur, wenn Ihr versprecht, keinen Fluchtversuch zu unternehmen, wäre es uns schon lieber, Euch keinen Zwang aufzuerlegen – und hier wären auch eure Waffen; seid ja 'n Gentleman, und Euer Wort ist mir sicherer, als 'n halbes Dutzend Fesseln an Euren Händen und Füßen.« »Ihr seht, Miß Anna, ich habe keinen Willen mehr,« versetzte Arthur bitter, »ich bin Gefangener, und selbst wenn sich vor mir die Aussicht eröffnete, glücklich zu entkommen, würde ich den Versuch zur Flucht aufgeben, um Euch neue Scenen des Schreckens zu ersparen. Ihr habt mein Wort, daß ich meine Befreiung von späteren Bestimmungen erwarte,« wendete er sich darauf an die Seeleute, die achtungsvoll schwiegen, »allein nun bedenkt auch, daß sich eine junge, zarte Dame in Eurer Mitte befindet, und daß es Eure Hauptaufgabe sein sollte, deren traurige Lage so viel, wie nur immer möglich, abzukürzen. Es hindert Euch nichts mehr an Eurem Aufbruch, im Gegentheil, längeres Verweilen an dieser Stelle dürfte für diejenigen gefährlich werden, welche eurem Schutze anvertraut sind.« »Wir dürfen noch nicht fort,« entgegnete der Führer der Ruderer. »Was hält Euch noch!« »Wir sind beauftragt, eine volle Stunde auf Kapitän Iron und den Bootsmann Sailstich zu warten. Sind sie nach Ablauf der bestimmten Frist nicht eingetroffen, müssen wir sie zu denjenigen rechnen, die bei dem Untergange des Revenger ihr Ende fanden, und unserer Reise steht nichts mehr im Wege.« Arthur horchte hoch auf; er schien das Vernommene nicht zu begreifen. »Eine Frage beantwortet mir noch,« sagte er endlich nach längerem, düsterem Schweigen, »Eure Andeutungen klingen geheimnißvoll, Eure Handlungsweise ist so bestimmt, daß ich fast glauben muß, ein einziger Wille habe euch Alle geleitet.« »Uns leitet der Haß gegen die Rebellen, durch deren Verschulden Handel und Wandel darniederliegen; außerdem gehorchen wir nur den Befehlen unseres alten Kapitäns.« »Kapitän Irons?« »Unseres Kapitäns, Herr.« »Dann handeltet ihr wohl gar nach einem lange vorher überlegten und verabredeten Plane, in welchem der Untergang des Revenger beschlossen war?« »Jetzt können wir's wohl einräumen, Herr,« lautete die mit einem gewissen Stolz ertheilte Antwort, »jetzt, nachdem Alles beendigt ist: Ja Herr, der Untergang des Revenger war eine beschlossene Sache. Schon auf hoher See hätten wir ihn, bei der Unzuverlässigkeit und Unmäßigkeit einzelner Schildwachen in die Luft sprengen können, allein wir bedauerten die armen Emigranten und die beiden jungen Herrschaften hier. Wir verschoben die Ausführung unseres Anschlages, bis wir die Passagiere abgesetzt haben würden. Den Plan, Feuer in die Pulverkammer zu legen, verwarfen wir endlich ganz, sobald wir bei der Einfahrt in den Savannah so vorsichtig an den Torpedos vorbeigelootst wurden. Das Weitere wißt Ihr. Ihr hieltet uns für Verräther an der Union, während wir uns verschworen hatten, das Leben für die Vernichtung des Revenger einzusetzen. Vergebens waren wir nicht so schnell bereit, in Rebellendienste zu treten, vergebens blieb Kapitän Iron – der verschlagenste Fuchs, der jemals seinen Fuß auf eine getheerte Planke stellte – nicht an Bord zurück, und vergebens ist Sailstich wahrhaftig nicht vom Revenger desertirt. Freilich, ein günstiger Wind füllte unsere Segel, oder es wäre uns nicht so leicht geworden, unsern Zweck zu erreichen.« Ruhig hörte Arthur den Bericht des offenherzigen Matrosen zu Ende; dann legte er, wie von einer sinnverwirrenden Gemüthsbewegung übermannt, die Hand an die Stirn. »Mein Gott, mein Gott,« rief er dumpf aus, »wie tief, wie unauslöschlich tief muß der Haß zwischen den Mitgliedern derselben Nation sein, um so täuschen zu können, um mit so viel Geduld und Todesverachtung auf ein verderbliches Ziel hinzuarbeiten!« »O, Kapitän Iron ist ein verschlagener Fuchs,« wiederholte der Matrose, dann wies er die Bemannung beider Boote an, alle Gegenstände aus dem kleineren in das größere hinüberzuschaffen und so zu stauen, daß Anna und Johannes dicht vor dem Steuerbänkchen einen bequemen Platz erhielten, auf welchem sie sich sogar nothdürftig dem Schlafe hingeben konnten. Es kam ihnen zu Statten, daß auf Arthurs Veranlassung mehrere Decken in das von ihm selbst abgeschickte Boot geworfen worden waren; sogar an Waffen mangelte es nicht, um sich gegen umherstreifende Räuberbanden zu vertheidigen. Behutsam führte Arthur Anna auf den ihr bestimmten Platz; ebenso war er Johannes beim Einsteigen behülflich. Er selbst setzte sich den beiden jungen Leuten gegenüber, so daß er die Ruderer, die sich je zu zweien auf fünf Bänke vertheilt hatten nicht hinderte. Das leere Boot, nachdem man es in die Strömung geschoben, trieb langsam der Mündung des Savannah zu. Die Ruderer nahmen die Plätze ein, die Riemen ruhten zwischen den Pflöcken, auf den Riemen die eisernen Fäuste, um auf das erste gegebene Zeichen das Boot vom Ufer zu stoßen. Oben zog sich eine Landstraße hart am Ufer hin. Leute kamen und gingen in bedeutender Anzahl. Größtentheils waren es Soldaten, deren Stimmen zuweilen deutlich bis zu dem hinter Weidengestrüpp verborgenen Boot hinabdrangen. Sie sprachen von dem ungeschickten Kapitän, der sein Schiff über den Torpedo hingesteuert habe, und von dem ersten Lieutenant des Revenger, einem Deutschen, dessen Verräthereien man das Unglück zuschreibe. »Hängt die Deutschen, aber traut ihnen nicht!« rief ein Patrouillenführer grimmig aus, nicht ahnend, daß seine brutalen Worte kaum dreißig Fuß tiefer deutsche Ohren trafen. Arthur hatte das Haupt schwer auf die Hände gestützt; für ihn verhallten unbeachtet die Schmähungen und Anklagen, welche man über ihn ausschüttete. Auch von der Nähe Shermans wurde gesprochen, immer in kurzen abgebrochenen Sätzen, denn die Wanderer waren kaum in Hörweite getreten, so befanden sie sich auch schon wieder außerhalb derselben. Man erhielt indessen die Gewißheit, daß Sherman mit seiner fliegenden Armee im Anmarsch auf die Stadt begriffen sei und vielleicht schon binnen vierundzwanzig Stunden ein Angriff erfolge. »Boot ahoi!« vernahm man plötzlich den Ruf einer Patrouille, die weiter unterhalb eine von zwei Männern geruderte Jolle in geringer Entfernung vom Ufer bemerkt hatte. »Ahoi!« knarrte eine verrostete Ankerwinde zurück. »Woher des Wegs und wohin?« »Von unten herauf nach oben!« und an diese Antwort schloß sich ein spöttisches Lachen, welches dem Geräusch vergleichbar, mit welchem die straff angehaltene und plötzlich gelöste Winde zurückschlägt. Der Patrouillenführer schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein, er fragte wenigstens nicht weiter. Aus dem Schatten des Weidengestrüpps aber glitt leise das große Boot in die Strömung hinein, wo es mit der Ebbe der Stadt zuzutreiben begann. »Boot ahoi!« knarrte gleich darauf die ungeölte Ankerwinde. »All's recht,« hieß es aus dem großen Boot. Einige feste Ruderschläge brachten die beiden Fahrzeuge Bord an Bord; einige Worte wurden gewechselt, ein paar Riemen klapperten und dann trieb die leere Jolle stromabwärts, während das große Boot vor den tactmäßigen Ruderschlägen von zehn alten erfahrenen Matrosen die entgegengesetzte Richtung einschlug. Hinten in dem Boot, das kleine Steuer führend, saß Kapitän Iron. Sailstich hatte seinen Platz vorn gefunden. Niemand sprach ein Wort. Das Geräusch des Ruderns konnte nicht vermieden, der schwarze Schatten des Fahrzeugs auf dem Strome den Augen der auf dem hohen Ufer Wandelnden nicht entzogen werden. Es galt daher, durch Schweigsamkeit und sicheres Handhaben der Riemen dem Boot und seiner Bemannung das Ansehen einer vom Commandanten der Stadt ausgeschickten Patrouille zu verleihen. Unter den vereinigten Bemühungen der zehn Männer glitt das Boot mit einer Geschwindigkeit dahin, als ob die Gegenströmung keinen Einfluß auf dasselbe gehabt hätte. Immer seltener drang vom Ufer das Geräusch berittener und unberittener, den Nachtdienst versehender Truppen herüber, und noch seltener, daß der Eine oder der Andere sich die Mühe nahm, das stark bemannte Boot anzurufen. Stiller wurde es ringsum, je weiter man sich von der Stadt entfernte. Gegen Westen und Nordwesten, wohin die Spitze des Bootes stand, blieb es dunkel. Im Osten dagegen, über der Stadt und der Flußmündung erhellten gelegentlich Raketen und Leuchtkugeln flüchtig den Nachthimmel. Schüsse hallten gedämpft herüber; General Shermans Vorhut war in der Nähe des Fort Mac Alister eingetroffen. – Wohl eine Stunde hatten die Ruderer angestrengt gearbeitet und der nach Süden herumgesprungene Morgenwind strich durch die vom letzten Sturm entlaubten Baumwipfel und über die zerstampften Felder, als Kapitän Iron das in dem Boot herrschende Schweigen brach. Sich auf seinem Steuerbänkchen nach vorn neigend, überzeugte er sich, das Anna nicht schlief, worauf er mit freundlich gedämpfter Stimme anhob: »Und von dem herzigsten Passagier, welchen ich je an Bord meines Schiffes nahm, werde ich nicht willkommen geheißen?« Anna kehrte sich halb um; sie erblickte des Kapitäns Hand dicht vor sich, doch legte sie die ihrige nur zögernd und bebend in dieselbe. Unwillkürlich vergegenwärtigte sie sich den Revenger und seine tollkühne Bemannung, welche durch dieselbe Hand ihren Untergang gefunden hatten. »Ich freue mich, Euch wohlbehalten wieder zu sehen,« flüsterte sie nicht ohne Anstrengung. »'s klingt ziemlich kalt, calculir' ich, meine theure Miß Anna,« fuhr der Kapitän bedauernd fort, »kälter, als ich's eigentlich verdiene. Verdammt, Miß Anna, ich sollte denken, ich sei noch menschlich genug mit den Leuten verfahren, welche sich kein Gewissen daraus machten, die armen Emigranten um ihr Hab und Gut zu bringen. Haben's kaum gemerkt, so schnell machte sich der Uebergang, und obenein auf einem Vulkan, welchen sie höchst geschickt für ein gutes Unionsschiff unter dem Wasser aufgebaut hatten. Ihr verdient übrigens die höchste Anerkennung, meine theure Miß Anna, denn ohne Euer Dazuthun möchte es mir schwerlich geglückt sein, unseren Piratenlieutenant vor dem Verderben zu bewahren.« »Miß Anna, Ihr wußtet um den Plan?« fragte Arthur mit bangem Erstaunen. »Hätten wir das Entsetzliche geahnt,« erwiderte Anna mit ersterbender Stimme und Johannes mit in das Gespräch hineinziehend, »dann würden wir Euch gegenüber am wenigsten so ruhig haben erscheinen können. Wir wußten nur, daß auf dem Revenger Eurer Person eine unbekannte Gefahr drohte, der wir Euch zu entziehen trachteten; wir handelten im Auftrage Kapitän Irons, von dem wir überzeugt waren, daß er es treu mit Euch meinte.« Lange starrte Arthur seitwärts in die verdunkelten Fluthen, die mit lustigem Gemurmel vor dem Bug des Bootes auseinanderwichen, um gleich darauf von den scharf eintauchenden Rudern getroffen zu werden. »Ein wankelmüthiges Kriegsglück hat mich in Eure Gewalt gegeben,« wendete er sich nach einer längeren Pause an Kapitän Iron, »ob Ihr dabei in ehrlicher Weise zu Werke gegangen seid, lasse ich unerörtert« – »Calculire, 's war ebenso ehrlich, als von Euren Piraten, mein unbewaffnetes Schiff auf offener See anzuhalten und zu verbrennen,« fiel der Kapitän schnell mit einem gutmüthigen Lachen ein, und seine Zähne berührten einander so leicht und sanft, daß ein rohes Drosselei, ohne zu zerbrechen, seinen Weg zwischen denselben hindurchgefunden hätte; »aber wir sind jetzt quitt, Mr. Arthur,« fügte er alsbald hinzu, dem jungen Offizier über Anna fort die Hand reichend; »das Verbrennen des Wassernix und das Aufblasen des Revenger wurde vielleicht von der politischen Situation bedingt, hat aber, calculir' ich, nicht im Mindesten die Achtung beeinträchtigt, welche wir uns gegenseitig zollen dürfen. Ihr seid doch damit einverstanden?« Arthur nahm schweigend die Hand, welche ihm mit so viel ungeheuchelter Herzlichkeit geboten wurde. »Und was habt Ihr über mich beschlossen?« fragte er eintönig. »Halloh, Mr. Arthur, das ist mit wenigen Worten gesagt: Zuerst sollt Ihr uns als so 'ne Art Paß dienen, und dann – hm – calculir' ich, daß es mir nach dem Verschwinden des Revenger um Eurer selbst willen lieber ist, Euch eher wer weiß wo zu wissen, als in der Gesellschaft Eurer alten Freunde.« »Werdet Ihr mich zur Auswechselung abliefern?« »Ich denke, nein.« »Oder möchtet Ihr mich zwingen, die Herrschaften in das Haus des Mr. Braun zu begleiten?« »Nun, ich calculir', Letzteres war' noch nicht das Schlimmste, das Euch treffen könnte. Aber beruhigt Euch; Ihr wart einst unser Beschützer, und jetzt bin ich der Eurige ; Ihr begleitet uns bis dahin, wo wir uns als gesichert betrachten dürfen, und dann trennen wir uns als gute Freunde von einander, um dahin zu gehen, wohin es Jedem beliebt.« Arthur seufzte tief auf und blickte wieder seitwärts auf die munter vorbeirieselnden Fluthen. »Hat es denn etwas gar so sehr Demüthigendes für Sie, im Hause eines als edelherzig bekannten Nordländers ungebundene Gastfreundschaft zu genießen?« fragte Anna nach einer Weile mit einer unbeschreiblich freundlichen, fast führenden Theilnahme. »Das nicht,« antwortete Arthur verwirrt, »allein andere Gründe – Sie begreifen, eine Demüthigung ist das Härteste, was einen unglücklichen Soldaten treffen kann, und die größte Freundlichkeit wäre für mich die größte Demüthigung – ich kann mich nicht in eine solche Lage hineindenken – aber vielleicht führt uns das Schicksal wieder zusammen – und dann erinnere ich Sie an jenen Abend, an welchem Sie mir von Ihrer Heimath erzählten und von den guten Leuten, deren Andenken so rege in Ihrem Herzen fortlebt.« »Ach, jene trauten Bilder,« versetzte Anna träumerisch; ein Schauder erschütterte plötzlich ihre zarte Gestalt. »O, könnte ich mich nur von der Erinnerung des jüngst Erlebten lossagen,« fügte sie noch leiser hinzu, und schmerzbewegt neigte sie das Haupt auf die Brust. Arthur schaute grübelnd auf die dunkeln Fluthen. Ein ganzes Heer Gedanken der wiedersprechendsten Art stürmte auf ihn ein; Bilder, unendlich hold und lieblich und dennoch so unerreichbar, schwebten seinem Geiste vor. Kaum daß er wagte, auf diejenige hinzublicken, die von der Nacht verschleiert vor ihm saß und von der es ihm erschien, als hätte sie einen gewaltigen, einen entscheidenden Einfluß auf sein ganzes Leben, auf seine geheimsten und leisesten Gemüthsbewegungen besessen. Anna lehnte das Haupt an die Schulter ihres zärtlich geliebten Jugendgespielen. Eine wollene Decke schmiegte sich wärmend um sie; gern hätten sie zu einander gesprochen, gern Einer aus des Andern Stimme freundlichen Trost geschöpft; vertrauensvoll, wie sie seit ihrer frühsten Kindheit stets gethan, das bedrückte Herz vor einander geöffnet und erleichtert. Doch was ihre Gemüther beschwerte, was schmerzlich durch ihre Seelen zog und sie tief bewegte, das wußten sie nicht in Formen zu kleiden. Es erschien ihnen wie eine räthselhafte Ahnung, von welcher den Schleier zu heben ihnen ebensowohl die Macht wie der Muth fehlte. Anna versuchte zu schlafen; trotz ihrer körperlichen Erschöpfung wollte es ihr nicht gelingen, die Augen zu einem wirklich kräftigenden Schlummer zu schließen. Nur in einen Mittelzustand zwischen Wachen und Träumen verfiel sie, bewirkt durch das tiefe Schweigen ringsum, durch das einschläfernde Plätschern und das regelmäßige Klappern der von kundigen Händen geführten Riemen zwischen den Ruderpflöcken. »Schätz –chen – träu –me« schienen die Riemen und Pflöcke deutlich zu sprechen, so heiser und so wohlwollend, als ob der alte Kärrner Braun selber in dem Boot gesessen und ihr die Worte zugeraunt hätte. Das Wasser murmelte und plätscherte schwermüthig, eintönig. »Wenn – Du – ihn – siehst« mischten sich Frau Kathrins Worte flüsternd in das dumpfe Klappern und Stoßen. Friedlich und melancholisch funkelten die Sterne vom Himmel nieder; sie spiegelten sich in den ebenmäßig einherrollenden Fluthen des Stromes und in zwei Thränen, welche sich unter den gesenkten langen Wimpern hervor über Anna's Wangen stahlen. »Pi – ra – ten – Lieu – te – nant« sprachen die Riemen taktmäßig im Organ des Kapitän Iron, wobei das Holz auf dem Holze knirschte, als sei das Geräusch von zwei Reihen eisenharter Zähne ausgegangen. »Re – ven –ger« ächzte gelegentlich die durstige Ankerwinde dazwischen. Fester, wie Schutz suchend vor unbekannten Gefahren, schmiegte Anna sich an Johannes an, so fest, daß sie den stürmischen Schlag seines Herzens vernahm. Der Osten begann sich zu röthen, aber noch immer unveränderlich, unermüdlich und eintönig klapperten die Riemen, gleichsam Anna's ungeordnete Gedanken laut wiederholend. Als Eiskrystalle senkte sich der Thau auf die sich zum Winterschlafe vorbereitende Natur. Fröstelnd zogen sich die im Waldesdickicht schlummernden Vögel tiefer in ihre gesträubten Federn zurück. In dem geisterhaft stromaufwärts gleitenden Boote schwiegen die vor Stunden noch hochauflodernden Gefühle des Parteihasses; an Stelle eines glühenden Rachedurstes traten mildere Betrachtungen. Anna war eingeschlafen; das Klappern der Riemen fand aber seinen Weg bis in ihre Träume hinein: »Ar – thur – Re – ven – ger.« – Vierunddreißigstes Capitel. Die verhängnißvolle Nacht. Am 14. December 1864 war General Sherman auf seinem denkwürdigen Zuge durch den Staat Georgia vor Savannah eingetroffen, welche Stadt, ziemlich fest verschanzt, der Rebellengeneral Hardee mit fünfzehntausend Mann vertheidigte. Unterstützt wurde Sherman von dem Commodore Dahlgreen, der mit seinem ursprünglich vor Charleston stationirten Geschwader vor der Mündung des Savannah kreuzte, ferner von dem General Foster, der zwischen Charleston und Savannah von der Seeseite her zu ihm stieß. Gleich nach seiner Ankunft griff Sherman die Stadt an, damit beginnend, daß er Fort Mac-Alister, den eigentlichen Schlüssel von Savannah, erstürmte. Hardee vermochte sich darauf nur noch bis 22. December zu halten und räumte die Stadt, um sich auf Charleston zurückzuziehen. So hatte General Sherman das kühne Wagestück glücklich vollbracht. Nachdem er bei Atlanta in Georgien plötzlich vom Kriegsschauplatz verschwunden war, hatte er in unglaublich kurzer Zeit mit einer Armee von über sechszigtausend Mann das insurgirte Gebiet auf einer Strecke von dreihundert englischen Meilen durchzogen, hatte er zweihundert Meilen Eisenbahn und unermeßliche Vorräthe der Rebellen zerstört, zahllose Neger befreit und ohne selbst Verluste erlitten zu haben, die Verbindung mit der Küste hergestellt und eine drohende Stellung im Rücken der bei Charleston, Wilmington und Richmond zusammengezogenen feindlichen Heere genommen. In seinem officiellen Bericht räumte Sherman ein, auf dem ganzen Zuge nur einen einzigen Wagen verloren zu haben, was leicht erklärlich, da er in den bis jetzt noch vom Kriege einigermaßen verschont gebliebenen Landschaften nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich mit immer neuen Vorräthen auszurüsten und seine Armee gegen Noth zu sichern. Weithin über die Vereinigten Staaten erscholl der Jubel über das Gelingen eines Unternehmens, welches man, ohne dessen Ziel genau zu kennen, im Geiste mit so viel besorgnißvoller Spannung verfolgt hatte. Doch wenn die Kunde von der Erstürmung des Forts Mac-Alister und dem nahe bevorstehenden Falle Savannah's mit Blitzesschnelligkeit über Hunderte und aber Hunderte von Meilen fortgetragen wurde, so ereignete es sich andererseits, daß man in verhältnißmäßig geringer Entfernung noch im Ungewissen über den Stand der Dinge schwebte und sich in ängstlicher Muthmaßungen erging: welche Richtung der siegreiche Unionsgeneral verfolgen würde. Auch im Lager der Sklavenräuber, welchen Mullan und seine Genossen sich zugesellt hatten, hegte man die trügerische Hoffnung, daß Sherman, von seiner Operationsbasis abgeschnitten, dennoch im Herzen der Rebellenstaaten sammt seiner Armee gänzlich aufgerieben werden würde. Trotzdem wagte man nicht, eine größere Bewegung auszuführen. Man befürchtete, der Vorhut Shermans gerade in die Arme zu laufen, und da man den nächsten Weg nach der Küste vom General Foster verlegt wußte, so blieb der Raubbande nur die Wahl, entweder ihr Unternehmen und die reiche Beute ganz aufzugeben, oder zu versuchen, südlich bis in die Nähe von Savannah durchzuschleichen und sich dort mit den lauernden Blockadebrechern in Verbindung zu setzen. Die Ankunft des flüchtigen Mullan und seiner Genossen wurde von den Sklavenräubern als eine willkommene Verstärkung freudig begrüßt. Bis zum Eintreffen verbürgter Nachrichten von dem nächsten Kriegsschauplatz zur Unthätigkeit verdammt, ging man gern auf den Vorschlag ein, beim Einfangen der beiden werthvollen Mädchen hülfreiche Hand zu leisten. Durfte man doch hoffen, dadurch nicht nur die zur Theilung gelangende Beute erheblich zu vergrößern, sondern nebenbei auch Gelegenheit zu finden, einen Act grausamer Rache an denjenigen zu vollziehen, die es gewagt hatten, einen Trupp Seccessionisten hinterlistig zu überfallen, einen Theil derselben zu tödten und ihnen ihre farbige Waare zu entreißen. – Gleich unterhalb der Stelle, auf welcher Sans-Bois und seine Gesellschaft sich auf dem Flachboot eingeschifft hatten, beschrieb der Fluß einen weiten Bogen. Es konnte daher nicht vermieden werden, daß die Nachricht von dem Ueberfall weit früher in das Lager der Sklavenräuber gelangte, als das Flachboot an demselben vorübertrieb. Hierzu gesellte sich der Uebelstand, daß der Morgen bereits zu grauen begann, als die langsam stromabwärts treibenden Flüchtlinge in der Ferne den ersten Schein der feindlichen Kochfeuer entdeckten, wo man unstreitig schon längst durch ausgesendete Späher genauer Kunde über die Art ihrer Flucht erhalten hatte. Noch unentschlossen über die zunächst einzuschlagenden Wege, war Sans-Bois eben im Begriff, das Flachboot mehr nach dem rechten Ufer hinüberzusteuern, als Brise-glace ihn auf eine Gruppe Männer auf dem linken Ufer aufmerksam machte, in deren Nähe zwei Reiter hielten, welche mit heftigen Armbewegungen etwas zu erklären schienen und immer wieder stromaufwärts wiesen. Gleich darauf trennten sich mehrere Männer von der Gruppe, offenbar um sich eiligst stromabwärts nach dem Lager zu begeben, während die Zurückgebliebenen langsam nachfolgten und die einzelnen Ufervorspünge mit unverkennbarer Sorgfalt prüften. Es war unterdessen so hell geworden, daß man die Gegend, so weit sie von Waldung begrenzt wurde, genau übersehen konnte. Die Entfernung des Flachbootes von dem ersten Lagerfeuer betrug ungefähr eine englische Meile, die Späher dagegen befanden sich kaum fünfhundert Schritte weit von dem schwerfälligen Fahrzeug, wo sie gleichen Schritt mit der Bewegung desselben hielten. An ein unbemerktes Vorbeischlüpfen was also nicht mehr zu denken; noch weniger konnten die Flüchtlinge auf Erfolg rechnen, wenn sie beschlossen, ihren Verfolgern offen zu begegnen, indem der Hauptkanal des Stromes sie in der Entfernung von kaum hundert Schritten an deren Lager vorbeiführte, wo sie also der verderblichsten Wirkung der feindlichen Büchsen ausgesetzt waren. Das Mißliche ihrer Lage blieb Niemand in dem Flachboot verborgen, doch vermied Jeder, seine Befürchtungen laut auszusprechen, und mit ängstlicher Spannung hingen alle Blicke an den ernsten, verschlossenen Zügen Sans-Bois', der nur gelegentlich einige kurze Worte mit den Indianern wechselte und gemeinschaftlich mit diesen einen Ausweg zu ergründen suchte. Den Rudern unwillig gehorchend, gelangte das Flachboot allmälig in stilles Wasser, wo es seine Fahrt mit kaum wahrnehmbarer Bewegung fortsetzte. Fuß für Fuß schlich sich das schwer belastete Fahrzeug in der Entfernung von etwa fünfzig Ellen vom rechten Ufer dahin, und besorgten Herzens beobachteten Alle die Anstalten, welche weiter abwärts zu ihrem Empfange getroffen wurden. »Ich fürchte, es wird 'n Stückchen harte Arbeit geben,« bemerkte Sans-Bois endlich, wie zu sich selbst sprechend, indem er mit den Blicken die verschiedenen Entfernungen maß. Er hatte kaum ausgesprochen, da glitt eine umfangreiche Treibholzklippe langsam zwischen seine Augen und die auf dem Ufer versammelten Rebellen, und zugleich leuchtete es hell in seinem verwitterten Antlitz auf. »Da ist unsere Rettung!« rief er freudestrahlend aus, und seinem Beispiel folgend, setzten sich alsbald alle Hände in Bewegung, dem Flachboot eine solche Richtung zu geben, daß es vor der Klippe auflaufen mußte. Dieselbe, augenscheinlich uralt, hatte durch das Stranden immer neuer Treibholzstämme und weitverzweigter Bäume, welche jede neue Ueberschwemmung in den niedrig gelegenen Waldungen entwurzelte und stromabwärts führte, so an Umfang und Höhe gewonnen, daß sie füglich als eine Insel gelten konnte. Die Hauptbestandteile waren natürlich ausgedörrtes und leicht brennbares Holz, doch hatte sich zwischen dem eng verflochtenen Gebälk auch schon Sand abgelagert, welchem dann allmälig Kräuter, Gras und Weidengestrüpp entkeimten. Zum Aufenthalt für Menschen eignete sich diese kaum dreißig Quadratruthen haltende Insel nicht, indem zackige Aeste und geknickte Baumstämme überall die freie Bewegung hinderten, dafür bot sie um so besseren Schutz gegen die herübergeschickten Kugeln, und mit dieser Gelegenheit Gewinn an Zeit, was für die Flüchtlinge Alles bedeutete. Theils von der Strömung getragen, theils von den hart arbeitenden Männern mittelst der Ruderstangen geschoben, behielt das Flachboot fortgesetzt eine solche Stellung zu dem feindlichen Lager, daß die Holzinsel die beiderseitige Aussicht störte. Erst als das Flachboot, sich der beinahe in der Mitte des Stromes liegenden Insel schräge nähernd, auf deren rechter Seite strandete, erriethen die Rebellen die Absicht der Flüchtlinge, und vollen Laufs eilten sie stromaufwärts, um sie, wenn irgend noch möglich, durch ihre Kugeln am Landen zu hindern. Sie kamen zu spät, denn bevor sie den Punkt erreichten, von welchem aus sie ihre Büchsen hätten mit Erfolg gebrauchen können, lag der Prahm so hinter der Insel, daß er durch diese vollständig gedeckt wurde. Nur die beiden Mädchen und Redsteel befanden sich noch in demselben, während die übrigen Männer mit ihren Beilen zwischen dem Gewirr von Aesten und Zweigen umherkrochen, um Plätze für Magnolia und Bella herzurichten, für sich selbst aber Oeffnungen auszuhauen, von welchen aus sie, wie durch Schießscharten hindurch, nach allen Richtungen hin ihren Feinden Widerstand zu leisten vermochten. Vom rechten Ufer, welches ihnen näher lag, hatten sie vorläufig nichts zu befürchten, wenigstens so lange nicht, bis eine hinreichende Anzahl der Räuber über den Fluß gesetzt war, um sie auch von dorther zu beunruhigen oder gar einen Angriff zu unternehmen. Daß man blindlings und ohne einen hohen Grad von Vorsicht auf sie einstürmen würde, besorgte Sans-Bois nicht, dagegen erhielt er sehr bald einen Beweis von der Erbitterung ihrer Feinde und daß sie nichts unversucht lassen würden, sich an den ihnen so verhaßten Unionisten wenigstens nachdrücklich zu rächen. Die Rebellen waren nämlich kaum der Insel gegenüber eingetroffen, als auch einige Schüsse knallten und fast gleichzeitig eine Kugel über die ungedeckten Flüchtlinge fortpfiff, während die andern zwischen das Gebälk fuhren und sich klatschend in das theilweise schon verwitterte Holz eingruben. »Wir müssen ihnen die Zähne zeigen,« bemerkte Sans-Bois leise zu Eberhard, »Sie werden uns sonst gefährlich, und eine hinterlistige Kugel möchte dennoch ihren Weg zwischen den Zacken und Aesten hindurchfinden. Geht nur zu den beiden Kindern und beruhigt sie. – Redsteel wird ohnehin kein großer Trost für sie sein – sagt ihnen, ich wolle die drüben nur verjagen, unter uns gesagt, anfassen muß ich sie scharf, oder mein Verfahren hat keine Wirkung.« Eberhard entfernte sich schweigend; Sans-Bois dagegen wand sich so weit zwischen den hohl liegenden Stämmen hindurch, daß er das Ufer, auf welchem immer mehr Rebellen zusammenströmten, zu übersehen vermochte. Brise-glace und die Omahas, die ihm gefolgt waren, beobachteten ihn mit ruhiger Theilnahme; sie beabsichtigten, ebenfalls von ihren Büchsen Gebrauch zu machen, doch lehnte Sans-Bois jeden Beistand mit ernsten Worten ab. »Es sind zwar nur Rebellenräuber und Menschenjäger,« erklärte er, »allein es sind ihrer so viele, daß zwei oder drei weniger nicht ins Gewicht fallen. Warum also unnöthig morden? 's ist schon genug Blut geflossen und wer weiß, wie viel noch fließen wird, bevor dieser brudermörderische Krieg sein Ende erreicht.« Die letzten Worte sprach er mit der zuweilen bei ihm zum Durchbruch gelangenden Schwermuth, und wie um sich von derselben nicht übermannen zu lassen, schob er die Mündung seiner Büchse hastig durch die Lücke, durch welche er eine volle Aussicht auf die lärmenden Sklavenräuber genoß. Mehrere Minuten verharrte er regungslos in der gezwungenen, unbequemen Lage, mit einem gewissen Bedauern, jedoch ohne zu zielen, über den Lauf seiner Büchse blickend. »'s ist ein schwerer Schritt vom Leben in die Ewigkeit hinein,« sprach er in Gedanken, »und einen von jenen Verblendeten muß ich hinübersenden. Welcher von ihnen soll es aber sein? Welcher verdient geschont zu werden? In wessen Brust regt sich noch ein Funke menschlichen Gefühls, und wer von ihnen ist noch durch die Bande der Liebe so mit andern Menschen vereinigt, daß auch nur eine einzige Thräne seinem Andenken geweiht würde? O, es ist eine harte Aufgabe, von sicherem Hinterhalte aus störend in eines Menschen Leben, und sei er der verächtlichste –« Ein Schauder durchrieselte ihn. Da bemerkte er einen Mann, der sich schußfertig machte, und fester drückte er den Büchsenschaft an seine Schulter. Gleich darauf blickte er wieder empor. Eine unverkennbare Abneigung gegen das, was zu thun er im Begriff stand, prägte sich in seinen verwitterten Zügen aus. »Ich brauchte ihn ja nicht zu tödten,« flüsterte er, sich gleichsam ermuthigend, »und nur zeichnen will ich ihn, so daß er in diesem Kriege keine Waffe mehr tragen soll.« Er neigte den Kopf über den Büchsenschaft hin; etwa drei Sekunden zielte er, der Schuß knallte, und der Mann, der eben sein Gewehr anlegen wollte, ließ dieses fallen, worauf er sich einmal um sich selbst drehte und nach einigem Schwanken und Stolpern das Gleichgewicht zurückgewann. Dann aber hob er drohend die linke Faust und ein entsetzlicher Fluch schallte verständlich nach dem Holzriff hinüber. »Nur die Schulter,« sprach Sans-Bois selbstzufrieden, indem er sich halb nach Brise-glace umkehrte, der hinter ihm kauerte und die Wirkung des Schusses mit demselben Gleichmuthe beobachtete, mit welchem Sonntagsjäger auf dem Schießstande nach der Scheibe hinüberspähen, »nur die Schulter, und ging die Kugel nicht durch einen Zufall um einen Zoll zu weit links, mag er seine Kunst nach einem halben Jahr wieder auf der Eichhörnchenjagd versuchen. Doch seht, wie sie laufen; 's scheint ihnen da drüben nicht recht geheuer zu sein.« Der Jova nickte in einer Weise, als hätte er für sein Leben gern die Trefffähigkeit seiner eigenen Büchse erprobt. Die Räuber dagegen begaben sich eilfertig und den Verwundeten führend nach dem Uferabhange hinauf, wo sie alsbald im Gebüsch verschwanden. Was Sans-Bois durch den Schuß bezweckte, hatte er erreicht; die Rebellen hielten sich fortan außerhalb der Tragweite von Büchsen, die sie von so geübten und so sicheren Händen geführt wußten, und welches immerhin ihre ferneren Absichten waren, den Flüchtlingen ließen sie hinlänglich Zeit und Ruhe, an die Fortsetzung ihrer Flucht zu denken und ihre Vorkehrungen zu derselben zu treffen. Da der Aufenthalt auf der Insel von nur sehr beschränkter Dauer sein konnte, so beschloß man dieselbe noch an demselben Tage und zwar gleich nach Einbruch der Dunkelheit zu verlassen, bevor sie der mit Zuversicht zu erwartende Angriff von Seiten ihrer Verfolger zur Vertheidigung ihres Lebens zwang. Alle gingen daher mit größtem Eifer an's Werk, das breite Flachboot auf ebenso sinnige wie geschickte Weise in eine Art schwimmender Festung umzuwandeln, welche, obgleich schwerfällig und unlenksam, den Vertheidigern gestattete, ohne sich der Gefahr zu sehr auszusetzen, selbst die in Böten unternommenen Angriffe nachdrücklich zurückzuweisen. Was sie zu ihrem Bau gebrauchten, lieferte die Insel im Ueberfluß, nämlich Holzwerk und geschmeidige Weiden, welche Letztere erforderlich waren, die sorgfältig über und neben einander gefügten, möglichst geraden Aeste und Stämme fest mit einander zu verbinden. So entstand unter ihren Händen bald eine Art Brustwehr rings um das Flachboot herum, welche, auf den Seitenwänden des Fahrzeugs ruhend, von innen mittelst zackiger Aeste und Pfähle so gestützt wurde, daß sie nur mit Gewalt wieder entfernt werden konnte. Nur hinten und vorne wurden Oeffnungen in der etwa einen Fuß hohen Brustwehr gelassen, gerade breit genug, um die das Boot in seiner Richtung haltenden Ruderstangen handhaben zu können. In der Mitte des freien Raumes dagegen errichtete man eine Art Laube von Pfahlwerk, um die beiden Mädchen doppelt gegen die etwa zwischen dem Gerüst hindurchirrenden Kugeln zu schützen. Unbelästigt beendigten die Flüchtlinge ihre Vorbereitungen, bei welchen sie mit der äußersten Sorgfalt zu Werke gingen und zwei Stunden dauerte es noch bis zum Untergang der Sonne, als Sans-Bois das Fahrzeug als in einem Zustande befindlich erklärte, in welchem es eine ganze Rebellen-Armee – Geschütze ausgenommen – nicht zu fürchten brauche. – Von den Sklavenräubern hatten sie im Laufe des Tages wenig gesehen. Sans-Bois' Schuß war ihnen eine Warnung gewesen, sich nicht zu nahe an die Insel heran zu wagen, auf welcher die Flüchtlinge nach ihrer Meinung sich verschanzten, um daselbst ihre Entsetzung durch ein Sherman'sches Streifcorps abzuwarten. Ihren Angriffsplan hatten sie indessen nicht aufgegeben, was sie dadurch verriethen, daß in den Vormittagsstunden eine Kette gefesselter Sklaven stromaufwärts und eine andere stromabwärts getrieben wurde, offenbar um unter der Aufsicht einiger verwegener Rebellen zu Arbeiten verwendet zu werden, welche in drohender Beziehung zu den auf dem Riff befindlichen Unionisten standen. Die letzten Stunden des Tages verstrichen in gleichsam friedlicher Ruhe. Das schwer belastete Flachboot war in tieferes Wasser geschoben worden und die Flüchtlinge hatten bereits ihre Plätze eingenommen, so daß es nur noch des Lösens des den Prahm haltenden Strickes bedurfte, um diesen langsam forttreiben und mit Hülfe der Ruderstangen in die auf der andern Seite der Insel vorbeieilende Hauptströmung hineingleiten zu lassen. Mit dem Aufbruch sollte indessen noch bis zur völligen Dunkelheit gezögert werden, unter deren Schutz man hoffte, sich freier bewegen zu können. Fast beruhigend wirkte es auf die Gemüther, daß im Lager der Sklavenräuber, welches durch einen schmalen Waldstreifen von der Uferstraße getrennt war, sich nichts geändert zu haben schien. Der Rauch der verschiedenen Feuer stieg in gewohnter melancholischer Weise über die Wipfel der Bäume empor und wurde dann von dem scharfen Ostwinde westwärts getrieben; auch Stimmen, bald heftig fluchend und schmähend, bald klagend und jammernd, drangen über die breite Wasserfläche wunderbar deutlich zu dem Holzriff herüber und gaben Kunde von den Gräuelscenen, welche da stattfanden, wo mehrere Hunderte von schwarzen Sklaven ihre erbarmungslosen Räuber vergeblich um Mitleid und Schonung anflehten. Als aber die scheidende Sonne den obersten Rand der westlichen Waldung berührte und vergoldete, da erhoben sich stromaufwärts und abwärts, jedoch auf Punkten, welche von den Flüchtlingen nicht übersehen werden konnten, zwei schwere Rauchsäulen. Als sei dies das Signal zu einer verabredeten Bewegung gewesen, setzte unterhalb des feindlichen Lagers eine größere Anzahl bewaffneter Männer in zwei Böten über den Strom, offenbar mit der Absicht, ihre Opfer am Landen auf dem rechten Ufer und der Fortsetzung ihrer Flucht zu hindern. Ueber den Zweck, zu welchem stromabwärts das Feuer angezündet wurde, waltete kein Zweifel, indem die Flüchtlinge, welchen nur noch der Weg auf dem Flusse selbst offen stand, an demselben vorbei mußten. Um so auffälliger erschien ihnen dafür das andere. Sobald sie aber entdeckten, daß die Rauchsäule langsam ihre Stellung zu dem Riff veränderte, erriethen sie leicht, daß die im Laufe des Tages vorbeigetriebenen Neger von gestrandetem Holz ein Floß gezimmert hatten, auf welchem sie demnächst einen Scheiterhaufen errichteten und anzündeten, um mittelst dieses Branders die Insel in Flammen zu setzen. Die Richtung des verstärkten Windes und die Strömung kamen den Rebellen bei diesem teuflischen Unternehmen zu statten; schlugen aber erst die Flammen in das ausgedörrte und leicht entzündbare Holz des Riffs, dann mußten die Flüchtlinge entweder das Weite suchen und, stromabwärts treibend, ihren Feinden in die Hände fallen, oder sie trachteten, die Feuersgefahr von sich abzuwenden und traten frei in die grelle Beleuchtung des Branders, in welchem Falle sie von den im Uferschatten verborgenen Räubern, ohne Gefahr für sich selbst, niedergeschossen werden konnten. – Die Sonne war untergegangen und schnell verdichtete sich die Dämmerung zur Dunkelheit, als der schwimmende Scheiterhaufen hinter der nächsten nördlichen Uferwindung hervorglitt. Bei dem Schein, welcher von dem an Umfang gewinnenden Feuer ausströmte, erkannte man auf der Insel, daß der Brander aus mehreren aneinander gefesselten, hochaufflammenden Flößen bestand, welche von zwei bemannten Böten mittelst langer Leinen in die für das Riff verderbliche Richtung hineingelenkt und bis zum letzten Augenblick gehalten wurden. »Ich fürchte, wir müssen uns auf den Weg begeben,« bemerkte Sans-Bois, als der Brander bis auf etwa dreihundert Schritte herangetrieben war und die leitenden Böte plötzlich seitwärts im Uferschatten verschwanden; »vorwärts also!« fügte er gleich darauf hinzu, »den Ankerblock an Bord und der Teufel über das schurkische Gesindel.« Die Mulatten, unterstützt von Eberhard und den Indianern, zogen einen kurzen, wasserschweren Baumstamm, welcher den Prahm so lange gehalten hatte, zu sich auf das Hintertheil des Fahrzeuges herauf, und schnell zu den Stangen greifend, schoben sie diesen mühsam um die Südseite des Riffs herum, wo ihnen die beginnende Strömung alsbald die Arbeit erleichterte und endlich ganz abnahm. Die Nacht war unterdessen ganz hereingebrochen und mit wachsender Besorgniß richteten sich alle Blicke stromabwärts, wo allmälig der weit in den Strom hineinreichende Ufervorsprung, auf welchem der mächtige Scheiterhaufen brannte, in ihren Gesichtskreis trat. »Scheint ihnen doch sehr an ihrem Leben gelegen zu sein,« grollte Sans-Bois halblaut zu seinen Gefährten, »oder sie hätten nicht so unendlich viele Mühe darauf verwendet, alle Vortheile auf ihre Seite und alle Nachtheile auf die unsrige zu bringen.« Nach diesen Worten versank er in dumpfes Schweigen, nicht achtend auf die beiden Mädchen, die bebenden Herzens in der festen Holzlaube saßen, nicht achtend auf Redsteel, der mehrfach Fragen über die Möglichkeit ihres Entkommens an ihn richtete und dabei einen solchen Kleinmuth an den Tag legte, daß bei einem stattfindenden Kampfe kaum noch auf ihn gerechnet werden durfte. Nur gelegentlich wechselte der alte Pelzjäger mit den Indianern in einer den übrigen Anwesenden unverständlichen Sprache Worte und Andeutungen; dieselben waren indessen so kurz gehalten und entbehrten dabei so vollständig jeden Ausdrucks, daß sie am wenigsten zur allgemeinen Beruhigung beitrugen. Der Brander war endlich vor dem Holzriff gestrandet und die Hälfte der Strecke bis zu dem Rebellenlager hatte das Flachboot noch nicht durchmessen, als die Flammen, unterstützt von dem heftigen Winde, sich über die ganze Insel ergossen und in deren Nähe fast Tageshelligkeit verbreiteten. Aber auch das Feuer auf dem Ufervorsprunge, zu welchem von dem gefangenen Negern Unmassen von Holz herbeigeschleppt wurden, hatte an Umfang gewonnen, doch zeigten sich nur wenige menschliche Gestalten in der Nachbarschaft desselben, ein sicheres Zeichen, daß man sich auf einer Stelle zum Angriff vorbereitete, auf welcher es am wenigsten erwartet werden konnte. Indem nun der Prahm der Strömung langsam nachfolgte, gelangte er bald in die Mitte des Hauptkanals, welcher ihn dem linken Ufer, also dem Rebellenlager und dem verhängnißvollen Feuer immer näher trug. Noch befand er sich im Dunkeln, denn die Beleuchtung der brennenden Insel streifte ihn ebenso matt, wie die des fernen Scheiterhaufens. Dabei herrschte ringsum Todtenstille, eine Stille, doppelt beängstigend, weil man wußte, daß unter derselben das Verderben für alle in dem Flachboot Befindlichen ausgebrütet wurde. Da drangen von beiden Ufern die vorsichtig gedämpften Schläge herüber, mit welchen man mehrere Boote dem erhellten Theile des Flusses zuruderte. »Also eine offene Seeschlacht auf einem von ihnen selbst ausgewählten Punkte,« flüsterte Sans-Bois dem neben ihm stehenden Eberhard zu. »Ein Kampf, welchem wir schwerlich auszuweichen vermögen,« antwortete dieser düster, und seine Blicke schweiften mit einem tiefen Wehgefühl nach der Holzlaube hinüber. »Ganz ausweichen schwerlich,« erwiderte der Pelzjäger, »das einzige wäre, wir versuchten, das Gefecht nach einer Stelle hinüber zu lenken, auf welcher wenigstens Schatten und Licht gleichmäßig vertheilt sind. Wie tief ist der Strom hier?« wendete er sich an die beiden im Hintertheil des Fahrzeugs stehenden Mulatten. »Etwas über zwölf Fuß,« antwortete Walebone, die Stange, mit welcher er gemessen hatte, emporziehend. »Der Anker wird fassen,« rief Sans-Bois schnell, »hinunter mit dem wassersüchtigen Block und laßt das Tau nicht durch eure Finger schlüpfen!« Ein plätschernder Fall ins Wasser bekundete, daß der Befehl ausgeführt worden war, eine kurze Strecke schleifte der Prahm den schweren Block auf dem Boden des Flusses nach, bis derselbe sich in Sand und Schlamm eingewühlt hatte, und dann blieb er stehen. Der Fall des Blocks und das darauf folgende Halten des Flachbootes war den lauernden Rebellen augenscheinlich nicht entgangen, denn es erhob sich alsbald auf beiden Ufern eine Bewegung, aus welcher die Flüchtlinge leicht schnelles Laufen, gedämpftes Rufen und beschleunigtes Rudern der Boote herauserkannten. »Das kam ihnen unerwartet,« bemerkte Sans-Bois zufrieden, »aber jetzt wachsam, wenn wir nicht dennoch überrumpelt und binnen kürzester Frist vom Wasser fortgefegt werden wollen.« Diese Warnung galt Eberhard und den Mulatten; die Indianer hatten sich bereits vor solche Oeffnungen in dem Holzwall niedergelegt, wo ihre Augen sich möglichst nahe dem Wasserspiegel befanden, sie also mit größerer Genauigkeit die zwischen ihnen und den Ufern sich ausdehnenden Zwischenräume zu übersehen vermochten. Auf Redsteel wurde gar nicht mehr geachtet, um so mehr, als derselbe sich einen Platz in der Nähe der Laube ausgesucht hatte, wo man es der Mädchen wegen vermied, laut von dem eigentlichen Umfange der drohenden Gefahr zu sprechen. Allmälig verstummte das Geräusch auf den Ufern wieder; nach keiner Richtung hin entdeckte man Bewegungen, welche auf einen wirklichen Angriff hingedeutet hätten, so daß in dem Prahm hin und wieder die Hoffnung laut wurde, bis zum Anbruche des Tages nicht weiter gestört zu werden. Den einzigen Beweis ihrer Wachsamkeit lieferten die Sklavenräuber dadurch, daß sie das Feuer auf dem Ufervorsprunge in derselben, weithin leuchtenden Weise unterhielten, offenbar, um die Flüchtlinge nicht unbemerkt an dem einzigen Punkte vorbeischlüpfen zu lassen, auf welchem sich dieselben vollständig in ihrer Gewalt befanden. Die ersten Stunden der Nacht gingen dahin. Stille herrschte auf den Ufern, Stille in dem Flachboot; aber hier wie dort wachten scharfe Augen, lauschten geübte Ohren. Redsteel, die tiefe Ruhe als ein Zeichen der nahen Rettung betrachtend, war nach dem Vordertheil des Flachbootes hingeschlichen, wo Eberhard und die beiden Omahas sich niedergelegt hatten und stumm über die schwarze Wasserfläche hinspähten. Behutsam nahm er neben Eberhard Platz, und da Sans-Bois sich auf dem andern Ende befand, redete er, offenbar um von keinem Andern verstanden zu werden, den jungen Mann in deutscher Sprache an. »Es ist eine entsetzliche Nacht,« begann er leise, »und, wenn ich es recht überlege, war's eine Thorheit, der beiden Mädchen wegen Alles, ja, das Leben aufs Spiel zu setzen.« »Was hinderte Sie, längst umzukehren und zwar zu einer Zeit, als dies noch ohne große Gefahr für Sie selbst geschehen konnte?« fragte Eberhard ebenso leise, ohne nach Redsteel aufzuschauen. »Ja, eigentlich hätte es geschehen müssen,« versetzte dieser mit tadelndem Ausdruck, »und eine Thorheit muß ich es nennen, daß Sie, für den so unendlich viel in Frage steht, meinen Rathschlägen und Bitten nicht nachgegeben haben.« »Und die beiden Mädchen, an deren Wiedererlangung Herr Braun so unendlich viel gelegen ist?« »Und Ihre Person? Glauben Sie nicht, daß Ihr Herr Onkel Sie mit ganz andern Gefühlen betrachtet, als jene? Freilich, er hält sehr viel von Magnolia, wie von Bella, und ich räume aus vollem Herzen ein, daß Beide in hohem Grade eine warme Theilnahme verdienen; allein sie würden auch ohne unsere persönliche Beihülfe gerettet worden sein, wenn es überhaupt bestimmt ist, daß sie gerettet werden sollen?« »Warum haben Sie sich denn an dem gefährlichen Unternehmen betheiligt?« fragte Eberhard mit schlecht verhehltem Unwillen. »So lange es meine Hauptaufgabe war, meinem Freunde Braun die geraubten Schützlinge wieder zuzuführen, bereute ich keinen Augenblick meinen Entschluß, ihm zu dienen,« entgegnete Redsteel, für welchen in seiner Besorgniß der in Eberhards Worten enthaltene Vorwurf verloren ging, »seitdem dagegen durch das wunderbare Zusammentreffen mit Ihnen eine andere und weit wichtigere Aufgabe vor mir erstand, ist es wohl natürlich, daß ich Alles aufbot, möglichst bald eine Zusammenkunft zwischen Ihnen und Ihrem Herrn Onkel zu bewirkten. Bedenken Sie, eine verhängnißvolle Kugel, und Ihre armen Eltern sind kinderlos; außerdem ist Ihr Onkel schon alt, wenn auch für seine Jahre noch rüstig; jeder Tag kann sein letzter sein, und wohl wäre ihm der Trost zu gönnen, vor seinem Ende Sie, seinen Brudersohn, den so lange und schmerzlich vermißten einzigen Erben seines namhaften Vermögens kennen zu lernen.« »Sie bestehen also fortgesetzt darauf, dem reichen, hoch angesehenen Manne seinen abenteuernden und vielfach enttäuschten Neffen zuzuführen?« fragte Eberhard nach einer längeren Pause ernsten Nachdenkens. »Sie können unmöglich noch von Zweifeln über Ihren Entschluß befangen sein, unmöglich daran denken, vor den sich Ihnen öffnenden Pforten eines nie geahnten Glückes zurückzuweichen!« »Meinen Sie etwa, Reichthum wäre im Stande, mich zu verblenden?« fragte Eberhard zögernd, »verfolgte ich nicht höhere Ziele, von deren Erreichung im vollsten Sinne des Wortes meine ganze irdische Wohlfahrt und noch mehr als das, die Wohlfahrt Anderer und Besserer abhängt, dann würden Sie mich schwerlich so bereit gefunden haben, aus meiner Verborgenheit herauszutreten und mich in verwandtschaftliche Bande zu zwängen, welche für Jemand, der so lange frei und unabhängig gewesen, etwas unendlich Drückendes haben müssen.« »Sie wären fähig, Ihren armen Eltern den schweren Gram, welcher sie nun schon seit Jahren marterte, bis in den letzten Todeskampf hinein zu verlängern?« fragte Redsteel, und die Angst, welche er um sein Leben empfand, wich auf kurze Zeit zurück vor einer gleichsam unersättlichen Gier, mit welcher er durch die Dunkelheit hindurch in Eberhards Augen zu lesen suchte. »Meine Eltern?« erwiderte Eberhard heiser, beinahe feindselig, »meine Eltern haben sich an ihrem einzigen Sohne vergangen, – nein, so schwer will ich sie nicht anklagen – denn wer weiß, dies mögen meine letzten Worte sein – allein sie haben lieblos an mir gehandelt und können daher nicht erwarten – und dennoch – ha, wir sprechen, als ob wir uns auf sicherem Boden befänden, während tausendfache Gefahren uns umringen und wenige Schritte von uns zwei Wesen, die – « Ein leises Zischen, welches von dem Hintertheil des Bootes herüberdrang, veranlaßte ihn, abzubrechen, Redsteel dagegen, doppelt gemahnt an seine trostlose Lage, suchte scheu sein altes Versteck neben der Holzlaube wieder auf. Ein zweites und verschärftes Zischen rief Eberhard und den einen Omaha nach dem andern Ende des Prahms hinüber, wo Sans-Bois, der Mestize und Brise-glace auf den Knieen lagen und mit äußerster Spannung über die Brüstung fort stromaufwärts spähten. Leise glitt Eberhard neben den Pelzjäger hin, der ihn im Flüsterton aufforderte, seine jungen Augen zu gebrauchen und seine Waffen bereit zu halten. Längere Zeit entdeckte der junge Mann nichts Ungewöhnliches. Er sah die schwarzen bewaldeten Ufer, die ihre Schatten weit auf den Strom hinauswarfen, er sah den gestirnten Himmel, welcher sich unvollkommen in der wirbelnden Fluth spiegelte, und endlich die brennende Insel, die hin und wieder, je nachdem ein neuer Holzstoß von der Gluth entzündet wurde, helle Flammen emporsandte und die weitere Umgebung geisterhaft beleuchtete. Allmälig aber gewannen die in seinem Gesichtskreise befindlichen Gegenstände vor seinen scharf spähenden Augen bestimmtere Formen und Außenlinien, und mehr und mehr trennten sich die einzelnen Punkte von dem beinahe schwarzen Hintergrunde, mit welchem sie anfangs, ohne sich auszuzeichnen, zusammenfielen. Endlich glaubte er in der Ferne zwei erhabene Linien zu unterscheiden, die, auf dem Wasser schwimmend, sich von beiden Ufern her ungefähr in der Mitte des Stromes vereinigten. Fast gleichzeitig gewahrte er zwei andere Linien, die ebenfalls zu beiden Seiten aus dem Uferschatten traten und sich in einiger Entfernung, jedoch in gleicher Höhe mit den beiden ersten hielten. »Sie schreiten zum Angriff,« flüsterte er dem alten Jäger zu, und als ob der Zufall habe zustimmend antworten wollen, glitt die zuerst vom rechten Ufer ausgegangene Linie in die Beleuchtung der brennenden Insel, welche ihren Schein, ähnlich einem allmälig verschwimmenden Kometenschweif, auf der zurückstrahlenden Wasserfläche bis zu dem sie beobachtenden Auge ausdehnte. Indem aber die schwarze Linie den fortlaufenden Schein unterbrach, erwies sie sich als Fischerboot, in welchem eine Reihe mit Büchsen bewaffneter Männer kauerte. »Verdammt!« flüsterte Sans-Bois bei dieser Entdeckung, »sie treiben breit, anstatt, wie's Sitte, die Spitze stromabwärts zu kehren, 's ist klar, sie haben wasserschwere Holzblöcke oder Steine in's Schlepptau genommen, um sich nicht zu übereilen. Eine wirkliche, schlau ausgedachte Schlachtordnung; sie richten sich darauf ein, Alle zugleich zu feuern, während unsere Kugeln nur zu leicht ihren Weg zwischen ihnen hindurchfinden. Was habt Ihr bei dem andern Feuer bemerkt?« fragte er darauf hastig, »glaubt Ihr, daß wir vorbeischlüpfen können? Doch nein, sobald wir losschneiden, haben sie uns da, wo sie uns gern sehen möchten; mit ihren flinken Böten holen sie uns schnell ein, und gelangen wir erst in die Beleuchtung wo die bei dem Feuer aufgestellten Schurken sie unterstützen, dann sind wir verloren –« Hier wurde er durch den herbeischleichenden Omaha gestört, der so lange auf dem Vordertheil des Prahms Wache gehalten hatte. »Ein Boot kommt stromaufwärts,« flüsterte derselbe seinen Gefährten zu. »Also auch von dorther?« fragte Sans-Bois, durch die unerwartete Nachricht offenbar in Verlegenheit gesetzt. »Von dort her, aber noch weit,« bekräftigte der Omaha. »Nur eins?« fragte Sans-Bois weiter. »Nur eins, aber viele Männer rudern.« »Hol' sie der Teufel! Die Schurken erhalten am Ende noch Verstärkung.« »Rudern dicht am rechten Ufer,« fuhr der Indianer mit überzeugender Bestimmtheit fort, »kann sein, sie suchen stilles Wasser; kann sein, sie nicht Lust haben, im Schein von Feuer zu schwimmen.« Alle hatten sich emporgerichtet und lauschten stromabwärts, und bald unterschieden sie das durch die Entfernung gedämpfte Geräusch, mit welchem eine Anzahl geübter Ruderer ein Fahrzeug stromaufwärts trieb. Aber auch bei dem Scheiterhaufen schien man das Geräusch vernommen zu haben, denn mehrere Männer traten auf die äußerste Spitze des hell erleuchteten Ufervorsprunges, von wo aus sie, deutlich erkennbar, nach der Richtung hinüberspähten, aus welcher das Klappern zu ihnen drang. »Wer es auch sein mag,« erklärte Sans-Bois nach längerem aufmerksamen Horchen, »unmittelbar gehörten sie zu den Räubern nicht, wenn ich auch nicht bezweifle, daß sie sich in diesem Theile des Lands bald genug mit ihnen einigen. Aha, da habt Ihr's,« fügte er heftig auffahrend hinzu, als das Geräusch der Ruder plötzlich verstummte, »'s sind Rebellen, so gut, wie diejenigen, die dort drüben hinter dem Feuer auf der Lauer liegen, und wundern sollt's mich nicht, wenn sie zur Zeit schon mit ihnen verhandelten, wie uns am sichersten und schnellsten beizukommen sei.« Man lauschte wieder mit äußerster Spannung, allein vergeblich, das Rudern wurde nicht erneuert. Auch die Späher bei dem Scheiterhaufen waren wieder zurückgetreten; sie hatten sich entweder mit den geheimnißvollen Ruderern verständigt, oder hielten dieselben für Leute, von welchen sie bei ihrem Unternehmen keine Störung zu fürchten brauchten. Die Flüchtlinge dagegen wendeten ihre Aufmerksamkeit nunmehr wieder stromaufwärts, von woher sie zunächst einen Angriff erwarteten. Die feindlichen Böte waren unterdessen nur wenig vorgerückt. Es ließ sich berechnen, daß, wenn sie die Ankerblöcke nicht losschnitten und dadurch ihre Fahrt beschleunigten, mindestens eine halbe Stunde verrann, bevor sie in guter Schußweite von dem Prahm eintrafen. Mit der langsamen Bewegung aber wurde weniger bezweckt, unbemerkt zu bleiben, als über den Zeitpunkt des Angriffs zu täuschen. Langsam schlichen daher auch den in dem Flachboot Befindlichen die Minuten dahin, doppelt langsam, weil über den endlichen Ausgang des Kampfes, in welchem ihnen eine so vielfache Uebermacht gegenüberstand, kaum noch Zweifel herrschten. Da schallte vom rechten Ufer der dumpfe Schlag herüber, mit welchem ein Ruder auf den Rand eines hohlklingenden Bootes fiel. Der Ton war indessen kaum verhallt, als bei dem Feuer ein Schuß abgefeuert wurde. Mochte der Schuß ein zufälliger sein, oder als Warnungszeichen dienen, die Mannschaften der langsam herbeigleitenden Boote betrachteten denselben als Signal zum Angriff, denn nachdem sie etwas näher zusammengerückt waren, zerschnitten sie die Stricke der nachschleppenden Blöcke, und immer noch die breite Seite dem Flachboot zugekehrt, bewegten sie sich mit der Schnelligkeit der Strömung auf dieses zu. »Nieder, nieder mit Euch Allen!« rief Sans-Bois, indem er selbst sich auf den Boden warf; und eben war der Letzte dieser Warnung nachgekommen, als aus zwei der heranrückenden Böte eine Salve von zwölf bis vierzehn Schüssen krachte, deren Kugeln indessen theils harmlos über die Flüchtlinge hinsausten, theils in das schützende Holzwerk einschlugen. Niemand in dem Flachboot rührte sich; Alle begriffen die Gefahr, in welcher sie dadurch schwebten, daß die Räuber, anstatt, wie man ursprünglich vorausgesetzt hatte, ihren Angriff vom Ufer aus auf die Seitenbarrikaden zu richten, über den weniger gesicherten Hintertheil fort das Fahrzeug in seiner ganzen Länge zu bestreichen vermochten. Nachdem die erste Salve gefallen war, folgten in dem Flachboot furchtbare Minuten. Nur die Indianer beobachteten eine unerschütterliche Ruhe und entledigten sich aller Kleidungsstücke, um, wenn Alles verloren sein sollte, ihr Heil in den Fluthen zu suchen und demnächst einen verderblichen und erbarmungslosen Guerilla-Krieg gegen diejenigen zu eröffnen, gegen welche durch die erbitterte Verfolgung ihre unversöhnliche Rachsucht wach gerufen worden war. Die feindlichen Böte waren unterdessen in ihrer alten Schlachtordnung bis auf ungefähr achtzig Ellen herangeglitten. Obwohl die Todtenstille in dem Flachboot die Angreifer befremdete, bezweifelten sie doch nicht, daß hinter derselben eine Kriegslist verborgen sei, und scharf spähten die Augen aller nach dem unförmlichen Fahrzeug hinüber, aus dessen Verschanzung in jedem Augenblick das Feuer von Schüssen hervorbrechen zu sehen sie erwarteten. Sie spähten so scharf und ununterbrochen hinüber, daß sie nicht bemerkten, wie in gleicher Höhe mit ihnen sich ein größeres Boot vom rechten Ufer trennte und so weit in den Strom hineinglitt, wie es mittelst einer einfachen Stange geräuschlos geschoben werden konnte, wo es dann, wiederum mit Hülfe der Stange, regungslos liegen blieb, ähnlich einem lauernden Tiger, der, zum Sprunge gerüstet, nur noch zögert, um nicht einer falschen Beute die scharfen Krallen in's Leben zu schlagen. Ebenso wenig bemerkten sie aber auch, daß man vom Scheiterhaufen her ihnen warnende Zeichen gab, oder sie deuteten dieselben falsch; denn als wiederum auf dem Ufervorsprunge ein Schuß fiel und sogar mehrere Reiter mit vollster Hast über die hell beleuchtete Stätte stromaufwärts sprengten, ertönte plötzlich aus einem der mittleren Böte Mullans Stimme, die Genossen zum schnellen Handeln anfeuernd. »Keinen Schuß!« commandirte er, nunmehr jede weitere Vorsicht für nachtheilig haltend. »Keinen Schuß, bevor Ihr nicht das Weiße in den Augen der verdammten Yankees seht! Drauf jetzt, was die Ruder halten wollen!« Wie ein Blitz kehrten die Böte alsbald den Bug stromabwärts, und hoch auf spritzte das Wasser unter den von ungeübten Händen geführten Riemen, indem Einer dem Andern zuvorzukommen und, von thierischer Wuth beseelt, das blutige Rachewerk zu beginnen suchte. Ein drohendes Geheul entwand sich zugleich den heisern Kehlen der offenbar durch berauschende Getränke künstlich ermuthigten Räuber; weithin über den Strom erschallte aber auch nunmehr Sans-Bois' Stimme, der, auf den Knieen liegend, seinen Gefährten anempfahl, nicht zugleich zu schießen. Die Indianer antworteten durch ihren gellenden Kriegsruf, übertäubend die vom Ufer herüberschallende Kunde, die von dem Falle Savannahs und von der Nähe feindlicher Reiterabtheilungen handelte; übertäubend eine durstige, verrostete Ankerwinde, die etwas abseits einzelne kurze Bemerkungen über »die Richtigen,« und »ewige Verdammniß« knarrte, und endlich ein heiseres Kapitänsorgan, welches ganz laut und deutlich calculirte, daß ein Irrthum nicht mehr möglich sei und man den verdammten Rebellenpiraten die Hölle geben möge. Alles dieses fand Statt in der kurzen Zeit, welche das vorderste Boot gebrauchte, um die es von dem Prahm trennende Entfernung von achtzig Ellen bis auf ungefähr zwanzig zu verringern, während die andern Böte Bogen beschrieben und alle Kräfte aufboten, ebenso schnell an die Seitenverschanzung des Prahms zu gelangen. Der Mestize kniete gerade neben dem alten Jäger, als dieser zähneknirschend bemerkte, daß es wohl zu Ende mit ihnen gehe, die Räuber aber vorher noch ihre Zähne fühlen sollten. »Nehmt nur den nächsten Ruderer,« flüsterte er darauf dem Mestizen zu, »und Ihr, Brise-glace, gebt's Einem aus dem Boote da rechts; bevor sie heran sind, könnt Ihr wieder eine Kugel in den Lauf gestoßen haben.« Die beiden Schüsse krachten, und zwei Ruderer stürzten über ihre Riemen hin; aber auch noch ein dritter schien getroffen zu sein, denn es erschallte aus dem einen Boote ein von entsetzlichen Flüchen gefolgter Klageruf. Mullan dagegen, durch die entstandene kurze Verwirrung bis zur Tollwuth gestachelt, suchte mit seiner durchdringenden Stimme Alles zu übertäuben. »Heran Jungens!« brüllte er, »nur noch drei gute Stöße, und sie sind in Eurer Gewalt! Vorwärts, bevor sie wieder laden!« »Gebt ihnen die Hölle, Jungens!« gellte jetzt seitwärts eine andere Stimme, welche schon manches liebe Mal durch das Sprachrohr auf offener See den Orkan überschrieen hatte, und kaum war das Commando in die Nacht hineingeschallt, da flammte es wie eine feurige Garbe aus dem bis jetzt unbeachtet gebliebenen geheimnißvollen Fahrzeug; ein Dutzend Schüsse krachte, und klatschend schlugen die Kugeln in die Bemannung der drei Rebellenbote, welche vor dem fremden Fahrzeug gerade eins das andere deckten. Eine entsetzliche Stille trat augenblicklich nach diesem ungeahnten Angriff ein; selbst die Verwundeten schienen durch den Schrecken so gelähmt zu sein, daß sie nicht einmal einen Schmerzenslaut von sich zu geben vermochten, in Folge dessen deutlich und Allen verständlich vom Ufer zu den verschiedenen Fahrzeugen herübertönte: »Savannah ist gefallen! Die Unionisten rücken an!« Dann aber brach es auch auf dem Wasser von allen Seiten mit betäubender Heftigkeit los. Mit einem lustigen »Hurrah!« trieben die zwölf Seeleute, nachdem sie schnell Patronen in ihre Militärbüchsen geschoben hatten, das Wallfischboot auf die Fahrzeuge der Sklavenräuber ein. Diese aber hatten jeden Gedanken an Widerstand aufgegeben; heulend und fluchend stießen sie ihre Todten und Verwundeten über Bord, und unter gellenden Verwünschungen eilten sie dem Ufer zu, wo ihrer eine andere, nicht minder schreckliche Ueberraschung harrte, als ihnen durch Kapitän Iron und seine alten treuen Hände bereitet worden war. Nur das eine Boot, welches den andern voraus bis auf wenige Schritte an den Prahm herangetrieben war und auf welches die Seeleute nicht mehr zu schießen wagten, aus Besorgniß, Jemand im Flachboot zu verletzen, schien nicht an den Rückzug zu denken. Dasselbe wurde nämlich von Mullan befehligt, in dessen Begleitung sich nur ursprüngliche Genossen von ihm befunden, also lauter gesunkene Vagabunden, die nichts mehr zu verlieren hatten und an Verwegenheit und Rachsucht ihrem Führer nichts nachgaben. Hoch aufrecht stand Mullan vorn in seinem Fahrzeug, in der linken Faust die Drehpistole, in der rechten den schweren Schleppsäbel, bereit, sich blindlings auf das Flachboot zu stürzen und seinen Genossen, wenn auch nicht mehr, doch wenigstens den Weg zu einer blutigen Rache zu eröffnen. Es war eine Handlung des Wahnsinns, zu der ihn die furchtbare Wuth über das Mißlingen seines Planes trieb, welche wieder durch die vom Ufer herüberdringenden Schreckensrufe und durch den vernichtenden Angriff des geheimnißvollen Bootes bis zur Raserei gesteigert wurde. Blind und taub, wie er nunmehr für alle in seiner Umgebung stattfindenden Begebenheiten war, fehlte ihm auch die Muße, sich einen gewissen Ueberblick zu verschaffen, denn Alles war so schnell aufeinander gefolgt, daß man die Zeit, welche seit dem Krachen der aus dem Flachboot abgegebenen Schüsse verstrichen war, nur nach Sekunden hätte berechnen können. Das Echo der von den Seeleuten herrührenden Salve war aber noch nicht hinter den entfernteren Flußwindungen verhallt, da bog Mullan seinen Oberkörper rückwärts, sich gleichsam vorbereitend zu dem Sprunge, welcher ihn mitten unter die tödtlich gehaßten Flüchtlinge bringen sollte. »Gebt Acht, Leute!« rief er drohend aus, »kein Schuß darf umsonst knallen! Feuer auf jeden Kopf, der sich über der Brüstung zeigt!« Doch die hinter der Brüstung lauernden Schützen rührten sich nicht; fest an die Planken des Prahms angeschmiegt lagen sie da, so daß sie sich in der Dunkelheit nicht von den umhergeworfenen Holzstücken unterschieden, die Mündungen ihrer Büchsen dagegen wiesen nach oben, um Jeden, der sich von Außen her über den Verbarrikadirungen zeigen würde, sogleich mit einer Kugel zu begrüßen; denn jetzt, nachdem sie die Ueberzeugung gewonnen hatten, daß Rettung nahe sei, sannen sie weniger darauf, ihren Feinden zu schaden, als sich selbst vor deren Geschossen zu bewahren und unverletzt aus dem Kampfe hervorzugehen. Nur aus solchen Gründen wurde Mullan auch nicht von seinem erhöhten Standpunkte heruntergeschossen, obwohl er nur noch wenige Ellen von dem Prahm entfernt war. In demselben Augenblick aber, in welchem er zum Sprunge ansetzte, schoß Kapitän Irons Boot aus dem Dunkel gerade auf das des Räubers zu, und bevor dessen Leute entdeckten, ob es Feinde oder Genossen seien, welche sich ihnen so hastig näherten, hatte die Spitze des festen Wallfischbootes das leichte Fahrzeug mit einer solchen Gewalt auf die Breitseite getroffen, daß dieses mit seiner ganzen Bemannung umschlug. Nur Mullan entging dem Schicksal seiner Genossen, um dafür einem andern, schrecklicheren anheim zu fallen. Als sein Boot getroffen wurde, befand er sich schon im Sprunge, doch wirkte die Erschütterung, welche sein abstoßender Fuß empfing, BILD! derartig auf ihn ein, daß er nur den äußersten Rand des Flachbootes erreichte, wo ihn das ästige Holzwerk am weiteren Vordringen hinderte und er, um nicht rückwärts in die Fluthen hinabzustürzen, unter Aufgabe seiner Waffen, sich mit beiden Händen anklammerte. Aechzend vor Wuth und Todesangst suchte er sich über das Hinderniß hinweg zu schwingen, unbekümmert darum, daß er nunmehr waffenlos war; da tauchten vier oder fünf Köpfe vor ihm auf und die Mündungen ebenso vieler Gewehre streckten sich ihm entgegen. Bestürzt warf er einen Blick rückwärts, wo seine Genossen gegen die eisigkalten Fluthen kämpften. Dann wendete er sich mit einem gräßlichen Fluche auf den Lippen seinen Gegnern wieder zu, von welchen er keine Gnade erwartete und sie auch nicht angenommen hätte. »Schont ihn, nehmt ihn gefangen!« rief Sans-Bois und zugleich trachtete er, ihn an der Schulter zu fassen und zu sich hereinzuziehen, als Mullan plötzlich mit einer äußersten Kraftanstrengung den Lauf seiner Büchse ergriff und ihm dieselbe zu entwinden suchte. »Verfluchter Nordländer!« schnaubte er zähneknirschend, mit rasender Wuth an der Büchse zerrend, »Du bist der Letzte, von dem ich geschont sein will!« »Faßt ihn von hinten!« rief Sans-Bois dagegen den nunmehr herbeirudernden Seeleuten zu, allein seine Bitten und Befehle bleiben erfolglos, des Sklavenräubers Mullan Geschick war besiegelt. »Nicht lange zanken um verdammten Rebellen!« hohnlachte der Mestize, in dessen Adern das afrikanische Blut und das seiner indianischen Voreltern in schwer zu dämpfende Wallung gerathen war, »Wenn er beim Teufel, dann Niemand sich mehr darum kümmern brauchen, was mit ihm aufstellen – Da – und noch einmal!« rief er mit grausigem Gleichmuth aus, indem er sein Kriegsbeil zweimal mit vollster Wucht auf den Schädel des Unglücklichen niederschmetterte. Mullan sank in die Fluthen hinab, die sich brausend über seinem Leichnam schlossen. Gleich darauf legte sich Kapitän Irons Boot seitlängs des Prahms, und erwartungsvoll schauten die Flüchtlinge auf diejenigen, welchen sie ihre Rettung verdankten. Vierter Band Fünfunddreißigstes Capitel. Stromaufwärts. »Calculir', Ihr seid in einer verdammt harten Lage hier gewesen!« rief Kapitän Iron aus, indem er, in den Prahm hinüber geklettert, allen Anwesenden, die beiden vor Entsetzen halb ohnmächtigen Mädchen nicht ausgenommen, der Reihe nach mit derselben Herzlichkeit die Hände drückte und schüttelte; »wäre, bei Gott! längst beigesprungen, konnte nur nicht ausmachen in der Finsterniß, wo ich eigentlich an die rechte Thüre klopfte. Errieth wohl, daß hier gutes Unionsblut in Gefahr schwebte, hätte aber in der Hitze ebenso gut Euch, wie den schurkischen Rebellenhunden, ein halb Pfund Blei zuschicken können.« »Ihr gehört zu Shermans Vorhut?« fragte Sans-Bois verwundert mit einem Seitenblick auf das lange Boot, in welchem die zehn Matrosen und Sailstich schweigend in Reih und Glied saßen. »Nicht ganz,« lachte Kapitän Iron zurück, und vor Freude knirschte er mit den Zähnen, als hätte sich ein alter Schiffszwieback zwischen denselben befunden; »läßt sich indessen nicht leugnen, daß wir seit einigen Tagen unter dem Schutze von Shermans Vorhut reisten. Und verdammt gutes Reisen war's obenein, keine Noth an Lebensmitteln, keine Gefahr, kurz, alles so, wie man's für 'ne junge Dame nur immer wünschen kann. Aber bei Gott, Sailstich, die werden in Sorge sein, wie der Spaß abgelaufen ist; fahrt schnell hinüber und beruhigt sie, schifft etwas von Eurer Mannschaft aus und dann kehrt zurück; calculire nämlich, die guten Leute haben nicht Lust, auf diesem merkwürdigen Riff zu überwintern.« »Aye, aye, Herr!« knarrte die verrostete Ankerwinde in gewohnter Weise, und das Boot flog dem Ufer zu. »Also auch Ihr habt Frauen in Eurer Begleitung?« fragte der Pelzjäger mit einer leichten Handbewegung auf Magnolia und Bella, die, sich gegenseitig unterstützend, neben ihm standen und hinter welchen die muthigen Vertheidiger des Flachbootes sich herandrängten. »Frauen eigentlich nicht,« antwortete Kapitän Iron sorglos, »aber so 'n Stückchen von 'nem Engel, calculire ich, und dann noch 'nen deutschen Gentleman und einen gefangenen Rebellenofficier.« »Haben sie dort am Ufer nichts von den Feinden zu befürchten?« »Nicht 'n feindlicher Athemzug bedroht sie,« betheuerte der Kapitän, »denn – ha – schaut nur hinüber,« unterbrach er sich selbst, indem er nach dem südlichen Scheiterhaufen hinüberwies, wo einige Schüsse gefallen waren und gleich darauf berittene Soldaten über den beleuchteten Theil der Straße sprengten und schnell wieder in der Dunkelheit verschwanden. »Haben sich wacker herangehalten, die Burschen, ist's doch noch nicht lange her, als ein flüchtiger Neger uns in unserm Nachtquartier aufstörte mit der Nachricht, daß der Teufel hier los sei. 's soll 'ne Menge gestohlener Farbigen drüben campiren?« »Mehrere Hundert,« antwortete Sans-Bois, der wieder in seinen gewöhnlichen sinnenden Ernst verfallen war; »gebe Gott, daß sie befreit werden, bevor noch einige von ihnen dem unersättlichen Rachedurst ihrer Peiniger zum Opfer fallen.« »Werden's schon machen, bester Maat zu Lande,« nahm der Kapitän wieder heiter das Wort, »'s ist dies nicht die erste Räuberbande, welcher sie's Handwerk legen – aber, bei Gott, bester Maat zu Lande, sollte man doch meinen, sich im Paradies zu befinden und das Bischen Knallen und Pulverdampf sei nur Scherz gewesen, denn irre ich nicht, kommt dort ein Flußdampfer herunter. Soll mich wundern, mit wem der's hält; müssen ihn jedenfalls anhalten und nach Contrebande an seinem Bord suchen. Alle Teufel! Hätte selbst nie gedacht, daß ich so kriegerisch werden könne, macht aber die Gewohnheit, calculir' ich, und dauert das noch lange, wird wohl das letzte Bischen Gefühl zum Henker gehen.« Auf des redseligen Kapitäns Bemerkung hatten sich alle Blicke stromaufwärts gewendet, wo man in der That ein sich fortbewegendes, hoch angebrachtes Licht bemerkte, welches zwei Funkengarben begleiteten, die augenscheinlich den Schornsteinen eines noch hinter der nächsten Strombiegung einherbrausenden Dampfers entstiegen. »Savannah ist gefallen? Ich hörte wenigstens einzelne auf dieses Ereigniß hindeutende Rufe,« fragte Redsteel plötzlich wieder ermuthigt. »Mann, es ist gefallen,« rief der Kapitän von wilder Freude beseelt aus, »wo die hündischen Sklavenbarone von dem Fleisch und dem Mark ihrer Mitmenschen praßten, da wehen jetzt die echten lustigen Sterne und Streifen, und Sherman hat bereits seinen Marsch nordwärts angetreten, wo die Insurrection den letzten Todesstoß empfangen soll!« »Dann wäre der Weg nach Savannah offen und sicher?« fragte Redsteel weiter. »Calculire, er ist's; soll mich aber nicht hindern, stromaufwärts zu reisen, einestheils meinetwegen, und dann möchte ich auch gern diejenigen, die sich meinem Schutze anvertrauten, an Ort und Stelle abliefern.« »Hättet Ihr wohl noch einige Plätze offen in Euerm Boote?« »Wird schwerlich angehen, mein guter Herr, sind schon mehr, als vollzählig; aber wenn Euch sehr darum zu thun wäre und es geschähe den beiden Damen hier ein Gefallen damit, möchten wir, calculir' ich, ihretwegen noch 'ne Kleinigkeit zusammenrücken.« Redsteel sann noch darüber nach, ob er die beiden Plätze nicht lieber für sich selbst und Eberhard, welchen er nunmehr als seinen größten Schatz betrachtete, in Anspruch nehmen sollte, als das Dampfboot um die Uferwindung herumbog und, indem es mit voller Dampfkraft dem Hauptkanal des Stromes nachfolgte, sich schnell näherte. »Kein Militär an Bord,« bemerkte der Kapitän, dessen Aufmerksamkeit ausschließlich dem Dampfer zugewendet war, während die Andern mehr nach dem Ufer hinüberlauschten, wo ein furchtbares, ohrenzerreißendes Jubelgeheul aus Hunderten von Kehlen bekundete, daß das kurze Gefecht der Unionssoldaten mit den Sklavenräubern die Befreiung der armen Farbigen bewirkt habe. »Nein, kein Militär an Bord, nicht einmal viel Passagiere, oder der Kasten müßte heller erleuchtet sein. Was meint Ihr, Maat zu Lande,« wendete er sich darauf an Sans-Bois, und seine erwachende Kriegslust äußerte sich unverkennbar in dem Krachen, mit welchem er auf einem feindlichen Mörser kaute, »calculire nämlich, wenn wir den Dampfer entern und zu unserm eigenen Vortheil benutzen? Haben meine Burschen doch in diesen Tagen gerudert, als ob man die besten Vollmatrosen auf der Landstraße nur aufzulesen brauche, 's wäre ihnen 'ne kleine Erleichterung wohl zu gönnen.« »Entern?« fragte Sans-Bois zweifelnd, denn seine Begriffe über das Rechtmäßige einer solchen Handlung waren zarterer Natur, als die des rauhen Seemannes; »entern und zumal ein unbewaffnetes Schiff?« »Ja, Maat auf dem Lande,« bekräftigte der Kapitän entschieden, »calculire, wir befinden uns in feindlichem Gebiet, wo Alles erlaubt ist, und wollt Ihr nicht helfen, besorge ich's auf eigene Hand und lade Euch hinterher ein, mich auf einer sehr bequemen und angenehmen Lustfahrt stromaufwärts zu begleiten. Halloh! Alle Mann an Bord!« rief er darauf nach dem rechten Ufer hinüber; wo die Hälfte seiner Mannschaft eben abstoßen wollte. Sein Befehl wurde pünktlich ausgeführt; da er aber verabsäumt hatte, ausdrücklich zu bemerken, daß Anna, Johannes und Arthur zurückbleiben möchten, so verstand man, die Reise solle fortgesetzt werden, und nahmen daher auch diese ihre alten Plätze wieder ein. Sein Versehen bemerkte der Kapitän erst, als das Boot neben dem Prahm anlegte; der umsichtige alte Seemann wußte indessen schnell Rath; er half Anna und Johannes unter den höflichsten Entschuldigungen nach dem Flachboot hinüber, und dann im eigenen Boot neben Arthur Platz nehmend, befahl er seinen Leuten, dem Dampfer entgegen zu rudern. Kaum fünf Minuten waren verstrichen, da hörten die auf dem Flachboot ängstlich Lauschenden plötzlich Kapitän Irons Stimme, wie er dem heranbrausenden Dampfer zurief, die Maschinen anzuhalten, wenn Steuermann und Lootse nicht von ihren Posten heruntergeschossen werden wollten. »Neutrales Fahrzeug!« rief eine Stimme von dem Radkasten des offenbar nur dürftig belebten Dampfers nieder, zugleich wurden die Maschinen angehalten. »Hol' der Teufel die Neutralität!« antwortete Kapitän Iron, »rückwärts die Maschinen, oder Ihr bohrt 'n anderes Schiff in den Grund, dessen kleinste Planke mehr Werth hat, als Euere Karre hundertmal genommen! »Halloh, Jungens! Bord an Bord!« commandirte er darauf seinen Leuten, sobald die Maschinen rückwärts arbeiteten, und fast augenblicklich legte sich das Boot an den Vordertheil des Dampfers. Da stieg ein alter, hochgewachsener Herr mit weißem Backenbart und Haupthaar und in einen weiten Mantel gehüllt, von der zur Kajüte hinaufführenden Treppe auf das niedrige Vorderdeck nieder, und auf den äußersten Rand des nur wenige Zoll hohen Bords tretend, wo sich seine Füße in gleicher Höhe mit den Schultern des aufrecht stehenden Kapitäns befanden, redete er diesen mit ruhigem Ernste an: »Seit wann achtet man im Süden so wenig die Gastfreundschaft und gute Sitte, daß ein Mann, welchen nur die dringendsten Familienangelegenheiten von Hause trieben, nicht einmal eine kurze Reise unbehelligt zurücklegen kann?« »Bei Gott, Herr!« rief der Kapitän weniger trotzig aus, denn die würdevolle Erscheinung des Fremden flößte ihm eine gewisse Achtung ein, »wir denken nicht daran, Euch zu belästigen, allein wenn Ihr den Befehl auf dieser schwimmenden Dampfkarre führt, möchte ich Euch ersuchen, uns dieselbe auf einige Tage abzutreten, wir gebrauchen sie nothwendig.« »Mich rufen Geschäfte, welche keine Minute Aufschub dulden, nach Savannah, sonst würde ich Euch gern mein Recht als Charterer dieses Schiffes abtreten,« antwortete der alte Herr mit unerschütterlicher Ruhe,« aber freilich, wollt Ihr mit Gewalt Besitz ergreifen, dann kann ich's nicht hindern.« Der Kapitän war entwaffnet und stand schon im Begriff, den Dampfer frei zu geben, als er sich entsann, daß die Nachricht von dem Falle Savannahs den fremden Herrn, welchen er für einen Südländer hielt, vielleicht dazu bewege, seine Reise aufzugeben. Bevor er aber noch seine Absicht ausführte, redete jener ihn wieder an: »Ihr scheint zu bezweifeln, daß ich friedliche Zwecke verfolge; würdet Ihr mich wohl ungestört meines Weges ziehen lassen, wenn ich Euch einen Paß mit einer Unterschrift vorlegte, vor welcher von Rechts wegen jeder Südländer Respect haben sollte?« »Goddam Euren Paß sammt seiner Unterschrift!« polterte der Kapitän plötzlich wieder kriegerisch, und ein Vierundzwanzigpfünder schien zwischen seinen Zähnen zu zerbröckeln, »es wird sich bald ausgesüdländert haben und die Zeit ist nicht mehr fern, in welcher die Unterschrift des Jefferson Davis selber nicht schwerer wiegt, als 'ne Furche, die der Hai mit seiner Rückenflosse in ruhigem Wasser zieht!« »Dann habe ich wohl gar die Freude mit einem Vertheidiger der Union zusammenzutreffen?« fragte der alte Herr, sichtbar angenehm überrascht. »Nicht nur mit einem, sondern mit so vielen, wie Ihr wollt, seit Savannah von unserm heldenmüthigen Sherman genommen wurde und seine Armee bereits ihren Marsch nordwärts angetreten hat.« »Ja, ja, ich weiß, Savannah befindet sich in der Gewalt der Union, das ändert indessen nichts an meinem Plane, mich dorthin zu begeben. Aber Ihr kommt vielleicht von dort?« »Heute ist der neunte Tag, seit ich die Stadt verließ.« Der alte Herr betrachtete die von einer brennenden Pechpfanne beleuchteten, wettergebräunten Züge des Kapitäns etwas genauer und ließ dann seine Blicke flüchtig über die theilweise im Schatten sitzende Bemannung des Bootes hingleiten. »Ihr seid Seemann, wenn mich meine Augen nicht täuschen?« fragte er zögernd, jedoch wohlwollend, »vielleicht könnt Ihr mir schon hier einige Auskunft über Dinge ertheilen, welche genauer zu erfahren eigentlich meine Aufgabe in Savannah ist.« »Nachdem Ihr Euch als einen Unionsmann zu erkennen gegeben habt, mögt Ihr so viel fragen, wie's Euch behagt, und liegt es im Entferntesten in meiner Macht, Euch aufzuklären, soll's an meinem guten Willen nicht fehlen – calculire, ich werde Euch unter der einzig echten Flagge wohl ungeschoren lassen müssen.« »Ich danke Euch aufrichtig, und glaubt mir, es sind keine geringfügigen Umstände, welche mich stromabwärts führen – ich bin in großen Sorgen – es soll ein südstaatlicher Kaper in den Hafen von Savannah eingelaufen sein ...« »Ihr meint doch nicht etwa den Revenger?« fragte Kapitän Iron hastig einfallend. »Ueber den Namen bin ich nicht genau unterrichtet,« antwortete der alte Herr, um welchen sich allmälig die kleine Bemannung des Dampfers bis auf die eben beschäftigten Feuerleute und Maschinisten zusammen gefunden hatte, »der Name Revenger wurde indessen genannt, es soll ein eiserner Propeller sein ...« »Gewesen sein, Herr, gewesen sein, wolltet Ihr sagen,« unterbrach Kapitän Iron den alten Herrn mit unverkennbarem Behagen. »Wie meint Ihr das?« fuhr dieser erschreckt auf. »Wie ich das meine? Calculir', ich sollt's nicht blos meinen, sondern auch wissen; ja, und so 'n Propeller ist wirklich in den Savannah eingelaufen, und Revenger hieß er, Herr, versteht mich recht, hieß er, seit ein Rebellentorpedo ihn angebohrt und mit Mann und Maus in fünfzig Fuß Wasser versenkte!« »Ihr täuscht Euch, es kann nicht sein!« rief der alte Herr mit ersterbender Stimme. »Und warum nicht, wenn ich's mit meinen eigenen Augen sah?« fragte der Kapitän triumphirend zurück, und die Erinnerung an seine tollkühne That kostete wieder einigen Mörsern das Leben. »Also zu Grunde gegangen!« »Wie 'n Senkblei, an welchem die Leine gerissen.« »Es sollen sich Passagiere an Bord des Kapers befunden haben?« fragte der alte Herr so leise, daß der Ton seiner zitternden Stimme kaum die Ohren des Kapitäns erreichte. »Passagiere und Bemannung der unglücklichen Brigg Wassernix.« »Entsetzlich! Wurde denn Niemand gerettet?« »Hoffentlich nicht, denn was des Rettens werth war, wurde vor der Explosion in Sicherheit gebracht.« Der alte Herr seufzte tief auf; er wagte kaum noch zu fragen. Endlich ermannte er sich wieder, und sich etwas näher zu dem Kapitän hinneigend, begann er leise: »Kennt Ihr zufällig die Namen der Leute, die sich als Passagiere oder Gefangene an Bord des Kapers befanden?« »Bei Gott, Herr, ich sollte sie doch wohl kennen, da ich selber als Kapitän des armen Wassernix ihre Namen eigenhändig in die Listen eintrug – freilich, die Listen hat der Teufel geholt – allein wenn Euch um die Namen zu thun ist, da habe ich zuerst die Ehre, mich als Kapitän Iron vorzustellen; hier unten sitzen in guter Doppelreihe zehn Vollmatrosen, wie sie noch niemals besser 'n Reff in ein Bramsegel schlugen; dann ist da Sailstich, ein alter, verdammt gediegener Steuermann, der, wenn man durch Fluchen in den Himmel gelangte, sicher noch einmal das Commando auf unseres Herrgotts Leibfregatte erhielte; dort im Spiegel sitzt ferner ein Piratenlieutenant, welchen ...« »Die Passagiere! Um Gottes willen, nennt mir die Kajütpassagiere!« unterbrach der alte Herr den redseligen Kapitän angstvoll, »befanden sich unter denselben nicht ein junger Mann –« »Ein junger Gentleman, Herr!« warf Kapitän Iron selbstgefällig ein. »Und ein junges Mädchen – Anna –« »Ja, ja, Herr, ein Mädchen, welches man mit einem Engel verwechseln könnte, Anna heißt sie.« »Heißt sie – also – noch?« fragte der alte Herr sichtbar erschüttert. »Heißt sie noch, Herr. – Gott segne das liebe Herz – und möge sie noch hundert Jahre so heißen, aber mit Verlaub, ich calculire, daß wenn Ihr den Gentleman und die holde Lady sucht, Ihr wohl gar der Mr. Braun selber seid, zu welchem die beiden Leutchen sich hinbegeben wollten?« »Ja – Braun ist mein Name!« rief der alte Herr, von seinen Gefühlen hingerissen, dem Kapitän beide Hände reichend und ihn zu sich heraufziehend, »und nun, Herr, da Ihr mir das Kind über den Ocean gebracht habt, sagt mir schnell und recht genau, wo ich es finde, und gestattet mir, meine Reise unverzüglich fortzusetzen« – »Recht genau,« schmunzelte der Kapitän einfallend, »so genau, daß Ihr das arme Kind nicht verfehlen könnt. Mögt übrigens unbesorgt sein, denn die junge Lady hat sich eines Schutzes zu erfreuen, wie man ihn nicht leicht alle Tage findet – doch erlaubt mir eine Frage, Mr. Braun, habt Ihr sonst noch Geschäfte in Savannah abzuwickeln?« »Keine; mich haben nur die Gerüchte über den Verbleib des Wassernix und meine tiefe Besorgniß um das Ihrem Schutze anvertraute junge Mädchen von Hause getrieben.« »Um so besser, Herr, um so besser, gönne der lieben jungen Lady so recht von Herzen die Freude, zu erfahren, daß Ihr nur Ihretwegen die abenteuerliche Reise unternahmt – bin nämlich selbst Vater – aber umkehren werdet Ihr schon müssen, das heißt, Ihr sollt selbst entscheiden und Niemand wird Euch den geringsten Zwang anthun, weder Einer von meinen Leuten, noch – ja, ja, blickt nur hinüber, wie die befreiten Schwarzen sich um den Scheiterhaufen drängen; die schuftigen Rebellen sind zersprengt und vor ihren Feuern machen's sich unsere Dragoner bequem – aber ich calculire, Ihr gestattet mir, das Commando auf einige Minuten zu übernehmen, nur bis zu der schwarzen Insel, da vorne ist nämlich ein altes Flachboot, bei welchem ich 'nen Augenblick anhalten möchte.« Braun, noch immer unter dem Eindruck der unerwarteten, ihn so hoch beglückenden Nachrichten, drückte dem Kapitän statt aller Antwort die Hand, worauf dieser sogleich commandirte: »Laßt gehen die Maschinen! Steuerbord seitlängs des Prahm da vorne! Langsam! Haltet dicht heran und legt bei!« Darauf wendete er sich zu seinen Leuten in dem Boot, welches von dem Dampfer mit fortgezogen wurde. »Paßt auf, Jungens!« redete er sie an, »schafft die Passagiere von dem Flachboot recht sorgfältig und sicher an Bord, und ich kenne Jemand, der Euch etwas mehr, als 'ne doppelte Grogration auftischt.« »Aye, aye, Herr! Antwortete ein halbes Dutzend rauher Kehlen, worauf Arthur von dem Boote aus den Kapitän bat, etwas näher zu ihm heranzutreten. »Darf ich hoffen, jetzt, nachdem ein glücklicher Zufall Euch so schnell an Euer Ziel führte, meines Wortes entbunden zu werden?« fragte er mit gedämpfter Stimme, die seltsam bewegt klang. »Wo denkt Ihr hin, Mann?« lachte der Kapitän, »Ihr bleibt mein Gefangener so lange, bis Ihr wenigstens den guten Willen von uns Allen erkannt habt – Stop die Maschinen!« commandirte er rückwärts, als er das Flachboot in geringer Entfernung vor sich liegen sah, »rückwärts gedreht!« fuhr er in demselben Athem fort; »stop! Backbord mit dem Steuer – so – so – noch 'ne Kleinigkeit Backbord! Und jetzt an's Werk, Jungens!« Die Seeleute hatten ihr Boot herumgeschwungen, daß es quer vor den Hintertheil des Prahms zu liegen kam. Ebenso schnell sprangen vier Mann in denselben hinein, und unbekümmert um die erstaunte Gesellschaft, zwischen welcher sie sich hindurchdrängen mußten, begaben sie sich nach dem Vordertheil, wo sie ein ihnen vom Dampfer aus zugeworfenes Tau straff zogen, bis die beiden Fahrzeuge hart neben einander lagen. Der Dampfer wurde dadurch fast zum Stehen gebracht; nur noch langsam folgte er sammt dem Flachboot der Strömung nach, welcher der schleifende Ankerblock des Letzteren bei der mehr, als verzehnfachten Last keinen ausreichenden Widerstand zu leisten vermochte. »All' recht! Ladies und Gentlemen!« rief der Kapitän über die beiden Fahrzeuge hin, weil er ahnen mochte, daß hier wie dort Bedenken über die Sicherheit der Lage erwachen könnten; »Platz da! Ueber Bord mit den verdammten Baumzacken!« fuhr er wohlgemuth fort, seine Leute, die bereits begonnen hatten, die Seitenschanze des Flachbootes fortzuräumen, anfeuernd, und als endlich hinlänglich Platz gewonnen war, um bequem von dem Prahm nach dem Dampfboot hinüberzusteigen, rief er jubelnd aus: »Herüber zuerst mit den Passagieren des Wassernix, und der Teufel über Euch Alle, wenn die junge Lady auch nur mit der äußersten Spitze ihres winzig kleinen Schuhs an das Holzwerk anstößt!« Braun war zurückgetreten; er wußte nicht, was er von dem seltsamen Verfahren des alten lebhaften Seemannes denken sollte. Sobald er indessen bei der rothen Beleuchtung der Pechpfanne gewahrte, wie eine zarte Mädchengestalt, vorsichtig gehalten und unterstützt von zwei Matrosen über den Bord des Dampfers emportauchte und geblendet durch die flackernden Flammen und zitternd vor Angst und Befangenheit um sich schaute, da begriff er die ganze große Wahrheit. Bestürmt von Empfindungen, welche ihn in eine weit zurückliegende Vergangenheit versetzten, starrte er auf die in ihrer Befangenheit doppelt liebliche Erscheinung hin. Er war so tief erschüttert, daß ihm die Worte versagten, er die Gewalt über seine Bewegungen gleichsam verlor. Als aber Kapitän Iron Anna's Hand ergriff und sie vor ihn hinführte, als er zu seinem holden Schützlinge in väterlichem Tone sagte: »Hier, mein liebes Kind, stelle ich Euch denjenigen vor, dem Euer Besuch gilt und der nur um seinen sehnsuchtsvoll erwarteten Liebling aufzusuchen, die gefährliche Kreuzfahrt durch das Rebellenland unternahm,« und als er dann, zu Braun gewendet, hinzufügte: »Und hier ist Miß Anna Werth, über welche Ihr Auskunft von mir zu haben wünschtet und die ich Euch so wohlbehalten übergebe, als wären die theerigen Hände des Wassernix ebenso viele geflügelte Schutzengel gewesen, welche sie auf ihrer langen Reise überwachten,« da neigte sich die ehrwürdige Greisengestalt über das liebliche Bild zarter Jugend und Schönheit hin, und die willig Folgende an seine Brust ziehend, weinte er, seit vielen, vielen Jahren zum ersten Mal wieder, heiße Thränen der Wehmuth und der Freude auf das theuere, geliebte Haupt. Die Bemannung des Schiffes war, Angesichts der ergreifenden Scene zurückgetreten. Niemand wagte, einen Laut von sich zu geben. Auch in dem Flachboot, von wo aus man alle an Bord des Dampfers stattfindenden Vorgänge übersah, herrschte Schweigen. Nur Kapitän Iron, wie um sich zu stählen und das andringende Wasser aus seinen Augen zu verscheuchen, zermalmte krachend einige Feldgeschütze sammt Lafetten und Bespannung. »Kind, mein liebes Kind, wirst Du Vertrauen zu mir, dem alten, vereinsamten Manne fassen?« fragte Braun das sich schüchtern und doch mit einem Gefühl unbeschreiblicher freudiger Zufriedenheit sich an ihn schmiegende junge Mädchen. Anna sah empor und lächelte ihm unter Thränen zu. Die jüngsten, schrecklichen Erlebnisse gingen gewissermaßen unter in der freundlichen Gegenwart, in dem herzlichen Empfange, welcher ihr kühnsten, von bangen Befürchtungen durchkreuzten Erwartungen so weit übertraf. Dann kehrte sie sich hastig um, und Johannes, der ihr auf dem Fuße nachgefolgt war, die Hand reichend, zog sie ihn an ihre Seite. »Herr Braun,« – hob sie stammelnd an. »Nicht Herr Braun, mein liebes Kind,« fiel ihr dieser gütig in's Wort, »nenne mich Vater, denn Dein Vater will ich sein, Du brave Tochter einer edlen Mutter, Dein Vater, so lange mir das Leben vergönnt ist und weit über dieses hinaus.« »Das ist Johannes,« sagte Anna leise, auf ihren Jugendgespielen hinweisend – das Wort Vater auszusprechen, wollte ihr nicht gleich gelingen – »er beschützte mich schon, als wir noch Kinder waren, und – er ist mein treuer Begleiter bis hierher gewesen.« »Ich kenne Sie bereits,« redete Braun Johannes alsbald mit Herzlichkeit an, »Ihr Ruf ist Ihnen vorausgeeilt. Betrachten Sie sich als zu meinem Hause gehörig, haben Sie aber in der Heimath warme Freundschaft zurückgelassen, so finden sie hier eine andere, gewiß nicht minder aufrichtige.« Dann wendete er sich noch einmal an Kapitän Iron: »Eure Voraussetzungen sind eingetroffen: Die Geschäfte, welche mich nach Savannah riefen, haben hier ihren schönen Abschluß erhalten; – wir mögen daher den Weg stromaufwärts einschlagen. Wollt Ihr mich aber zu besonderem Danke verpflichten, Kapitän, so betrachtet Euch sammt allen Euren Leuten als meine Gäste und gestattet mir, langsam zu reisen, denn es giebt ja noch andere Theuere, nach welchen ich in diesem Theile des Landes Nachforschungen anstellen möchte.« Mit diesen Worten trat er zurück, um in Anna's und Johannes' Begleitung nach der Kajüte hinaufzusteigen, als Letzterer ihn noch einmal zurückhielt. »Dort in dem Boot befindet sich Jemand, der, neben unserem menschenfreundlichen Kapitän, weit eher Ihren Dank verdient, als ich,« bemerkte er leise, jedoch dringend. »Lieutenant Arthur,« fügte Anna lebhaft hinzu, und ihre Worte erklangen nicht minder überzeugend, als die ihres Freundes, »ihm verdanken wir nach der schrecklichen Begebenheit, durch welche wir auf sein Schiff geschleudert wurden, sehr, sehr viel. Er hat uns mit treuem Rath zur Seite gestanden – und ich glaube – er ist nicht ganz glücklich in seiner jetzigen Lage.« »Dann darf ich wohl bitten, daß er sich uns recht bald zugeselle,« wandte sich Braun wieder an den Kapitän, »ich möchte ihn hier erwarten – allein die rauhe Nachtluft und meine liebe Tochter hier scheinen nicht eigens für einander geschaffen zu sein, – ich fühle das Zittern ihres Armes.« »Hailoh! Mr. Arthur!« rief der Kapitän in das Flachboot hinab, »bemüht Euch schnell herauf, wenn ich bitten darf!« Braun war mit Anna und Johannes die Treppe hinaufgestiegen und in der Kajütenthüre verschwunden. Arthur stand in dem Prahm im Schatten der Holzlaube, die Augen mit starrem Ausdruck auf die Thüre gerichtet, welche ihm Anna's Anblick entzogen hatte. Er war so vertieft in seine Gedanken, daß er den Ruf des Kapitäns nicht vernahm. In seiner Nähe weilten die kriegerischen Gestalten der Indianer; theils auf ihre Waffen gelehnt, theils niedergekauert, beobachteten sie mit gleichgültigen Mienen von der dunkeln Stelle aus die Vorgänge auf dem Dampfboot. Was dort abwechselnd in deutscher und englischer Sprache verhandelt wurde, blieb ihnen unverständlich, aber auch entgegengesetzten Falls würden sie dadurch in ihrer Ruhe nicht gestört worden sein. Sans-Bois dagegen war durch das, was er sah und hörte, augenscheinlich mächtig erschüttert worden. Seufzend wendete er sich ab und eine schmerzliche Erinnerung an längst vergangene Zeiten, in welchen auch er, der alte, verwitternde, vereinsamte Stamm, sich zärtlich geliebt wußte, durchzog sein bewegtes Herz. Magnolia, Bella und die beiden Mulatten schienen die Zeit nicht erwarten zu können, sich ihrem Wohlthäter vorzustellen und persönlich die Kunde von ihrer Rettung zu überbringen. Nur die ergreifende Scene zwischen Braun und Anna hinderte sie, ihr freudiges Erstaunen über das unvermuthete Wiedersehen vernehmbar und ihre Anwesenheit verrathend an den Tag zu legen. Eberhard Braun hatte sich seit dem ersten Anblick seines Onkels nicht von der Stelle gerührt. Das Licht einer Schiffslaterne streifte leicht seinen Oberkörper. Sein Gesicht war todtenbleich; auf seinen Zügen arbeitete es heftig; – seine Brust hob und senkte sich, als ob ein vernichtender Kampf in seinem Innern getobt hätte. Er sah nicht die zugleich lauernden und entsetzten Blicke Redsteels, die heimlich auf ihm ruhten und in seiner Seele zu lesen suchten; nicht einmal seine geliebte Magnolia bemerkte er, wie dieselbe, schwankend zwischen der Freude des Wiedersehens und ihrer tiefen Besorgniß um den Geliebten, unausgesetzt zu ihm hinüberschaute. »Alvens, Verräther, so ist es Dir dennoch gelungen, mich zu täuschen,« ächzte Redsteel verzweiflungsvoll in sich hinein, »ha, Du fandest eine Erbin, ahntest aber nicht, daß mir das Glück eine andere und weit sichrere Waffe gegen Dich in die Hand spielen würde.« Da erschallte des Kapitäns Stimme, der Arthur rief. Redsteel blickte flüchtig empor, sah indessen schnell wieder auf Eberhard, dessen Mienenspiel ihn mit Besorgniß erfüllte. »Mr. Arthur! Lieutenant Arthur, wo steckt Ihr?« ertönte Kapitäns Irons Stimme wieder; »Ihr wollt mir doch nicht etwa die Freude verderben?« Der Gerufene trat nunmehr dicht an das Dampfboot heran. »Besteht Ihr unerbittlich auf Eurem Willen?« fragte er zu dem Kapitän hinauf, »wollt Ihr wirklich meine beschämende Lage nicht berücksichtigen, Euer Herz meinen Wünschen verschließen, trotzdem ich Euch so inständig um meine Freiheit ersuche?« »Unerbittlich, Herr, unerbittlich, und Euch soll's nicht leid werden,« antwortete der Kapitän heiter, »kommt nur herauf und verderbt mir nicht die Freude, Euch in des alten Herrn Gesellschaft zu sehen; kenne ihn selbst zwar erst seit einigen Minuten, aber schon des lieben Kindes wegen.« Arthur zögerte, als sei er unentschlossen gewesen, ob er dem Kapitän folgen oder sich in den Strom stürzen solle. Da vernahm er plötzlich Redsteels Stimme, der mit versteckter Besorgniß zu einem in seiner Nähe befindlichen und bisher kaum von ihm beachteten jungen Manne sprach. »Nun, mein lieber Herr Eberhard Braun,« fragte er halblaut, »welchen Eindruck hat der erste Anblick des Bruders Ihres Vaters auf Sie ausgeübt? Ist er nicht ein Vertrauen erweckender, prächtiger, alter Herr?« Wie von einem giftigen Reptil gebissen, kehrte Arthur sich nach dem Sprecher um; dann betrachtete er erstaunt den jungen Braun, der sich so regungslos verhielt, als hätten Redsteels Worte ihm gar nicht gegolten. »Lieber Herr Eberhard,« wiederholte dieser alsbald ausdrucksvoller, und er legte die Hand auf des jungen Mannes Schulter; »räumen Sie ihren Empfindungen, gleichviel ob freudiger oder schmerzlicher Natur, keinen zu großen Einfluß auf sich ein. Finden Sie sich als Mann in die neue Lage, und erleichtern Sie es mir, Sie bei Ihrem Onkel einzuführen und das Wiederfinden zu einem freudigen Ereigniß zu machen.« »Muß es denn sein?« fragte Eberhard, wie geistesabwesend um sich schauend. Sein Blick traf in Magnolia's Augen, die mit einem unbeschreiblich innigen und zugleich bekümmerten Ausdruck auf ihn gerichtet waren, und wie electrisches Feuer durchströmte es seine jugendkräftige Gestalt. »Fort denn mit den letzten Bedenken, fort mit dem Hochmuth, der mir schon so oft im Leben geschadet,« sprach er für sich, und laut hinzufügend: »ich bin bereit,« stieg er an Redsteels Seite nach dem Dampfboot hinauf, von wo aus sie sogleich den beiden zurückgebliebenen Mädchen die Hände reichten und ihnen ebenfalls vorsichtig hinauf halfen. Die Mulatten folgten ihnen nach; an diese schlossen sich Sans-Bois und seine indianischen Gefährten an, worauf die Seeleute das in dem Flachboot umherliegende wenige Gepäck nach dem Dampfer hinaufreichten. Der plötzliche Wechsel der hoffnungslosen Lage mit dem Aufenthalt auf dem geräumigen und sichern Dampfer, erschien allen davon Betroffenen wie ein Traum. Als hätte man sich auf geweihtem Boden befunden, wagte Niemand, indem man die weiteren Schritte berieth, seine Stimme über den Flüsterton zu erheben, und mit einer gewissen Befangenheit stellte man Redsteel anheim, Braun von der Nähe aller derjenigen zu unterrichten, die er noch von den drohenden Gefahren umringt glaubte. Nur die Indianer bewiesen auch hier wieder ihren stoischen Gleichmuth. Vertraut mit den gewöhnlichen Einrichtungen der Dampfboote, begaben sie sich geraden Weges nach den Feuerstellen hin, wo sie sich so niederkauerten, daß sie bequem in die Flamme zu sehen vermochten. Bald darauf dampften ihre steinernen und eisernen Pfeifen so gleichmäßig, als ob sie daheim in den fernen westlichen Wildnissen vor dem zwischen ihren Wigwams geschürten Berathungsfeuer ihre Meinungen ausgetauscht hätten. Sans-Bois war ihnen nachgefolgt. Gesenkten Hauptes schritt er einher; der Anblick des Glückes anderer Menschen schien einen unheilbaren Gram in seiner Brust wachgerufen, alte Wunden in seinem Herzen von neuem bluten gemacht zu haben. Schweigend nahm er in der Reihe seiner Jagdgenossen Platz und mechanisch ergriff er die von Hand zu Hand wandernden Tabakspfeifen, um sie nach einigen Zügen aus denselben ebenso mechanisch weiter zu geben. Kapitän Iron, von allen Seiten in Anspruch genommen und in eifriger Berathung bald mit seinen eigenen Leuten, bald mit der Besatzung des Dampfbootes, achtete nicht auf den alten Pelzjäger, und als Redsteel mit Magnolia, Bella und den Mulatten oben in der Kajütenthüre verschwand, vermuthete er, daß sein »Maat auf dem Lande«, mit welchem er erst flüchtig Bekanntschaft geschlossen hatte, jenen vorausgegangen sei. »Unsere nächste Arbeit wäre also wenden?« redete der Lootse des Dampfers den Kapitän an. »Wenden, calculir' ich,« antwortet dieser lebhaft, »brauchen deshalb Mr. Braun nicht zu stören, der wohl genug mit den jungen Leuten zu sprechen haben wird. Festgemacht das Boot auf der Steuerbordseite und los das Flachboot!« befahl er darauf seinen Leuten. Indem er sich bei dem letzten Commando nach dem betreffenden Fahrzeug umkehrte, gewahrte er Arthur, der noch immer auf dem breiten Rande des Prahms stand und mit starren Blicken nach der nunmehr wieder verdunkelten Gallerie hinaufschaute, auf welcher er Anna und demnächst Redsteel und Eberhard Braun zum letzten Mal gesehen hatte. »Halloh, Mr. Arthur!« rief er aus, sobald er den jungen Mann entdeckte, »wollt Ihr durchaus nicht mit uns fahren, dann kommt wenigstens an Bord, damit wir Euch auf einer geeigneteren Stelle landen! Calculire, 's ist kein angenehmer Aufenthalt auf dem alten Floß, und die Leute, welche da drüben Besitz von dem Rebellenlager ergriffen haben, möchten am Ende nicht so ganz glimpflich mit einem Piratenlieutenant verfahren.« »Ihr habt Recht, Kapitän,« erwiderte Arthur mit seltsamer Hast, indem er sich leicht nach dem Dampfer hinaufschwang, »es ist wohl besser, ich betrachte mich vorläufig noch als Euern Gefangenen, weiß ich doch, daß ich unter Euerm Schutz keine entwürdigende Behandlung zu gewärtigen habe, und haltet Ihr es für nöthig, mich den andern Herrschaften gelegentlich vorzustellen – lieber Kapitän – so stehe ich zu Euern Diensten – ich meine, weil ich mich überhaupt noch nicht verabschiedete – ich meine von denen – Ihr wißt ja, Kapitän, auf hoher See ist das Herz weit empfänglicher und daher auch geneigter, sich Jemand in Freundschaft zuzuwenden.« Befremdet blickte Kapitän Iron auf den jungen Mann. Die plötzliche Aenderung seiner Pläne erschien ihm weit wunderbarer, als kurz vorher die Weigerung, seine Reise auf dem Flußdampfer fortzusetzen. Er glaubte indessen, dieselbe auf den Eindruck zurückführen zu dürfen, welchen Anna unbewußt auf ihn ausgeübt hatte, und antwortete daher in seiner gutmüthig leichtfertigen Weise. »Ei ei, mein lieber Herr, warum erst große Umschweife?« fragte er freundlich mit seinen kleinen Augen blinzelnd, »calculir', 's ist kein Verbrechen, wenn's Herz so lange seinen eigenen Cours steuert, wie's sich mit der Ehre und der Würde eines rechtschaffenen Mannes verträgt, und oft genug erlebte man, daß aus harmlosen Träumen eine recht ernste Wahrheit wurde.« Sailstichs Ruf, daß Alles bereit sei, überhob Arthur einer Antwort. Kapitän Iron, dem man stillschweigend das Commando anvertraut hatte, ließ die Maschine augenblicklich rückwärts arbeiten, bis das Flachboot den Dampfer nicht mehr in seinen Bewegungen hinderte. Fünf Minuten später wies der Bug des Schiffes stromaufwärts, und zuerst langsam, dann aber schneller und schneller trieben die gewaltigen Räder das nunmehr hell erleuchtete Gebäude von dannen. »Die Feinde, welchen wir begegnen, werden uns für Rebellen halten,« schmunzelte der Kapitän zu Arthur gewendet, der nicht von seiner Seite gewichen war, »gegen Zudringliche aber besitzen wir eine hübsche Anzahl von Büchsen und so muthige Herzen hinter denselben, wie nur je welche für den gesetzmäßigen Onkel Sam schlugen.« Arthur antwortete nicht; er dachte nicht mehr an die ihrer Lösung nunmehr mit Riesenschritten entgegeneilende politische Streitfrage. Finster und in sich gekehrt beobachtete er die vom Schiff aus matt beleuchteten Fluthen, die sich vor dem scharfen Bug des Dampfers theilten und pfeilgeschwind zu beiden Seiten an den niedrigen Wänden vorbeirauschten. Da legte der Kapitän die Hand freundschaftlich auf seinen Arm. »Kommt, Maat,« redete er ihm aufmunternd zu, »kommt, wir wollen uns ein Plätzchen suchen, wo wir beim Glase die Zeit verplaudern, bis die Herrschaften oben sich hinlänglich beruhigt haben, um durch unser Erscheinen nicht mehr gestört zu werden. Ja, Maat, werdet nur heiter, vor uns liegen, so Gott will, schöne Tage, und das Blut, welches heute wieder die Wellen des Savannah röthete, wir wollen es zu vergessen suchen, denn – calculir' ich – gegen uns kann es niemals nach Rache schreien.« Arthur sandte einen letzten Blick stromabwärts, wo Alles, der Scheiterhaufen auf dem Ufervorsprunge und die brennende Insel in die Nacht zurücksanken. Er seufzte tief auf, wie von endlosen Zweifeln gefoltert; dann ließ er sich gleichsam willenlos von dem Kapitän davonführen. Sechsunddreißigstes Capitel. Der Millionär und seine Schützlinge. Mittelst seines Passes und mit Hülfe heimlicher Unionsfreunde, vor allen Dingen aber durch beträchtliche Geldsummen war es Braun gelungen, den »Einsamen Stern«, welchen melancholischen Namen das Dampfboot führte, zur Reise stromabwärts zu miethen. Da alle Streitkräfte des Südens, bis auf einzelne Guerilla- und Räuberbanden, nach den bedrohtesten Punkten der sogenannten Conföderation entsendet worden waren und Niemand wußte, welche entmuthigenden Nachrichten der folgende Tag bringen würde, so konnte es kaum befremden, daß der »Einsame Stern« die Flußfahrt mitten durch das Rebellengebiet zurücklegte, ohne im Mindesten belästigt zu werden. Die Einnahme Savannahs und der Marsch der Unionisten auf Charleston und Wilmington, zwei der wichtigsten, noch von den Aufständischen gehaltenen Punkte, wirkten so niederschlagend auf die den südlichen Institutionen ergebenden Gemüther, und verbreiteten einen solchen Schrecken in den Landschaften, welche zunächst von einem Einmarsch der Unionstruppen bedroht wurden, daß Braun auf seiner Rückfahrt nach dem Norden, so weit er eben den Fluß als Straße zu benutzen vermochte, noch weniger zu fürchten hatte. Obwohl während des blutigen Krieges, welchem auf der einen Seite wilder Fanatismus, auf der andern warmer Patriotismus die unermeßlichsten Opfer brachten, in den wenigsten Fällen die gewohnte Ordnung aufrecht erhalten werden konnte, so hatte der »Einsame Stern,« der größtentheils müßig vor Anker gelegen, sich doch seine alte innere Einrichtung noch ziemlich unverändert bewahrt. Wo kein Gebrauch stattfand, trat auch keine Abnutzung ein, höchstens solche, welche durch die Zeit und mangelnde Kräfte zur Säuberung bedingt wurde. So befanden sich auch die beiden Kajüten, namentlich der kleinere, zum ausschließlichen Aufenthalt der Damen bestimmte Salon, noch in gutem Zustande, so daß sie denjenigen, welche so lange unter freiem Himmel in kalter, dunkler Nacht geweilt hatten, doppelt einladend und behaglich erschienen. – Braun hatte sich mit Anna und Johannes nach der am weitesten zurückliegenden Damenkajüte begeben, ohne darauf zu achten, daß auch der große Saal sich füllte. Er ahnte nichts weniger, als daß ihm diejenigen nahe seien, deren ungewisses Geschick ihn schon seit langer Zeit mit tiefer Besorgniß erfüllte. »Es besteht eine innige Beziehung zwischen uns,« begann er eben wieder nach einem kurzen Gespräch mit Johannes zu der neben ihm auf dem Sopha sitzenden Anna, deren Hand in der seinigen ruhte; »eine sehr innige Beziehung, deren Erklärung ich mir indessen für geeignetere Zeiten vorbehalte. Nur so viel sage ich Dir jetzt, und Sie, mein theurer Herr Johannes, sind Zeuge, damit Sie meine Worte zu meinem ehrenwerthen Bruder nach Europa hinübertragen – ich blicke auf Dich, als seist Du meine leibliche Tochter; wird es Dir aber vorläufig noch schwer, mich Vater zu nennen, mich, einen Dir äußerlich ganz fremden Mann, so hoffe ich mit Zuversicht, daß Du Dich bald an das neue Verhältniß gewöhnst und ein Vertrauen zu mir fassest, wie ich es so unendlich gern an Dir verdienen möchte.« Anna vermochte nur durch einen Blick inniger Dankbarkeit zu antworten, welchen sie schüchtern und erröthend in die mit unbegrenztem Wohlwollen auf sie gerichteten Augen senkte. »Also bei meinem ehrenwerthen Bruder hast Du lange gewohnt?« fragte Braun darauf gerührt, indem er sanft das dunkle Haar von Anna's Stirn zurückstrich, »es ist doch fast, als hätte die Vorsehung sich die besondere Aufgabe gestellt gehabt, Dir es zu erleichtern, zur Freude meines Alters in mein Haus einzuziehen. Der gute Christian und seine brave Frau, wie sie sich wohl verändert haben! Es sind erst wenige Wochen her, seit Du sie sahst; ihr Bild muß daher noch frisch und lebhaft in Deinem Geiste leben; aber scheue Dich nicht, Du liebes Kind, blicke mich immer wieder an, daß ich in Deine mir so vertrauten Augen sehe – auch Du, meine liebe Anna, hast in solche Augen geschaut, deren letzter Blick für Dich ein Segen war.« Anna kämpfte gegen die Thränen; sie rang nach Worten, und wie um sich zu ermuthigen, sah sie zu Johannes hinüber, der sie unausgesetzt mit einem wunderbaren Ausdruck von wehmüthiger Freude und inniger Zärtlichkeit betrachtete. Da klopfte es bescheiden an die Thüre. Dieselbe öffnete sich auf Brauns Ruf, und herein trat, strahlend im höchsten Triumph, Redsteel. »Redsteel! Mein Gott! Sie hier?« rief Braun erstaunt aus, indem er dem Eintretenden entgegenschritt und freundschaftlich die Hand reichte. »Ich kam mit den beiden Herrschaften dort zugleich an Bord,« versetzte Redsteel, sich höflich gegen Anna und Johannes verneigend, welche den Gruß ebenso freundlich erwiderten, »ein wunderbarer Zufall führte uns in Nacht und Dunkel mitten auf dem Strome zusammen, – doch hatte ich bereits Gelegenheit, zu beobachten, daß die junge Dame –« Ja, ja, mein lieber Redsteel,« fiel Braun alsbald mit einem glücklichen Lächeln ein, »mehr als ein bloßer Zufall hat hier gewaltet, – mehr als ein bloßer Zufall führte mich –« er stockte, und Redsteel mit ängstlicher Spannung in die Augen schauend, rief er aus: »Aber mein Gott! Sie kommen allein? Sie zogen doch mit zuverlässigen Begleitern aus? Magnolia und Bella – Ihr Unternehmen ist fehlgeschlagen – und Walebone und Willing, wo sind Sie –« »Alle an Bord, theuerster Freund, Alle an Bord dieses Dampfers,« versetzte Redsteel schnell mit einer Vertraulichkeit, zu welcher er sich durch die Nachrichten, die er überbrachte, berechtigt glaubte, »Alle wohlbehalten hier, und zwar nicht nur sie, sondern auch diejenigen, welche sich in Ihrem Auftrage an dem gefährlichen Unternehmen betheiligten – doch was säume ich, während in nächster Nähe die treuen Leute vor Begierde brennen, ihren Wohlthäter zu begrüßen!« »In der Nähe?« unterbrach ihn Braun, der falsch verstanden zu haben glaubte, und sein weißes Antlitz röthete sich flüchtig vor freudiger Spannung. »Noch ein Wort, mein verehrtester Gönner,« bat Redsteel mit gedämpfter Stimme, Braun, der eben in die große Kajüte hinauseilen wollte, sanft am Arme zurückhaltend, »die Frauen müssen ermüdet und erschöpft sein, namentlich Ihre junge Verwandte –« »Sie ist nicht meine Verwandte,« fiel Braun ein, sich mit einer gewissen Hoheit emporrichtend, denn es erschien ihm fast, als hätte Redsteel ihn ausfragen wollen, »allein ich hoffe, daß sie binnen kurzer Frist in sehr nahe Beziehung zu mir treten wird.« »Und ich hoffe es mit Ihnen, mein verehrtester Gönner,« pflichtete Redsteel aalglatt bei und wußte vor Unterwürfigkeit nicht, nach welcher Seite er seine bewegliche Nase hinüberschieben sollte, »ich meinte auch nur, die junge Dame hat, wie ich erwähnen hörte, Entsetzliches erlebt, in Folge dessen ihr Ruhe am meisten nothwendig sein dürfte – ich erwähne dies nur beiläufig, um Sie zu bestimmen, mir noch in dieser Nacht eine Unterredung ohne Zeugen zu gewähren – denn, Herr Braun, ich kann es nicht länger in meiner Brust verschließen – ein namenloses Glück, ein unerhörter Zufall hat mich auf Spuren geführt, welche genauer zu verfolgen meine nächste Aufgabe sein soll, und das erste Mal wäre es nicht, daß Todte aus ihren Gräbern auferständen und Verschollene unter den Lebenden auftauchten.« Braun erbleichte bei diesen geheimnißvollen Andeutungen. Nach kurzem Kampfe gewann er seine Selbstbeherrschung zurück, und Redsteel, wie die Glaubwürdigkeit seiner Angaben prüfend, ruhig in die Augen schauend, sagte er mit tiefem Ernste: »Es wäre ein vermessenes Spiel, welches Sie mit mir treiben, begründeten Ihre Angaben sich nur auf leere Muthmaßungen. Erwägen Sie dies wohl, bevor Sie es unternehmen, meinen Geist in eine schmerzliche Vergangenheit zurückzuführen. Binnen kurzer Frist stehe ich zu Ihrer Verfügung; ich würde sagen: jetzt gleich, denn mein Wille beherrscht meine Neigungen, aber ich habe Rücksichten zu nehmen mit den Herzen, die mir in kindlicher Anhänglichkeit und Treue entgegenschlagen. Noch einmal daher: Erwägen Sie wohl, lieber Redsteel, ob Sie mir bei unserer nächsten Zusammenkunft nur Ihre Reiseerlebnisse schildern, oder die Hand an eine Wunde in meiner Brust legen, welche noch nicht hinlänglich vernarbt ist, um nicht von neuem und recht anhaltend bluten zu können.« Redsteel verneigte sich mit einem selbstbewußten Lächeln und trat zur Seite. Die hohe Stirn in sinnende Falten gelegt öffnete Braun nunmehr die Thüre. »Magno –« Weiter sprach er nicht, denn ein strahlend schönes junges Wesen mit schwarzem Lockenhaar und einer Hautfarbe, die an Weiße mit Alabaster wetteiferte, und eine liebliche nußbraune Schönheit drängten sich an ihn heran, seine Hände mit heißen Thränen und Küssen der innigsten Dankbarkeit und Freude bedeckend. Da glättete sich die hohe Stirn wieder und das biedere Herz zerfloß gleichsam vor tief empfundener Rührung. »Habe ich Euch endlich wieder, Ihr lieben Kinder?« rief der alte Herr freudig aus, »und dabei gesund und wohlbehalten?« O, es ist ja, als ob sich Alles vereinige, mir einen recht glücklichen Tag, oder vielmehr Lebensabend zu bereiten. Und auch Ihr, Willing und Walebone? Gott sei Dank, daß wir wieder beisammen sind – aber seht her, Kinder, ich muß Euch meine Tochter vorstellen, meine liebe Tochter und deren treuen Begleiter, und besitzt Ihr auch nur einen Funken von Anhänglichkeit an mich, Euern alten Freund, dann werdet Ihr auch jene lieben und mir treu beistehen, ihnen mein Haus zur Heimath zu machen.« – Unbedingtes, hingebendes Vertrauen lag in dem Charakter Magnolia's und Bella's. Indem Braun um ihre Liebe für Anna bat, hatten sie derselben ihr Herzen schon zugewendet. Sie fragten nicht, in welchem Verhältniß Anna zu ihrem gemeinschaftlichen Wohlthäter stehe, noch ob die neue Hausgenossin ihnen vorgezogen werden und die erste Stelle in dem Herzen ihres Beschützers einnehmen könne. Als sie aber gewahrten, wie Anna's große Augen sich mit einem rührenden, ängstlich flehenden Ausdruck auf sie richteten, als sie gewahrten, wie die zarte, schlanke Gestalt leise bebte und süße Befangenheit sie fast zu übermannen drohte, da erweiterten sich ihre Herzen in unbegrenztem Wohlwollen, und schnell wich die Schüchternheit aus ihrem Wesen, um einem offenen, herzlichen Entgegenkommen seine Stelle einzuräumen. Dem herzlichen Entgegenkommen aber entsproßten zauberhaft schnell die Keime zu einer treuen, opferwilligen Freundschaft, welche, die erste Verlegenheit, bedingt durch das Fremde in äußerer Erscheinung und Sprache, erstickend, schnell zur üppigen Blüthe gelangte und den Gemüthern da milden Trost spendete, wo verborgener Kummer und banges Hoffen nicht wagten, Andern verständlich an's Tageslicht zu treten. Johannes war leise zurückgetreten und beobachtete das Bild, in welchem Jugend und Schönheit des Körpers und der Seele sich zu einer so bezaubernden Gruppe vereinigten, mit schwer zu schildernden Gefühlen. O, wie ihm das Herz blutete bei diesem Anblick! Eine an Neid grenzende Empfindung durchzog seine Seele, jedoch nur auf Sekunden. Je länger er auf die liebliche Gruppe sah, um so ruhiger kreiste sein Blut, um so weniger schmerzlich pochte sein Herz, um so ergebungsvoller gedachte er der eigenen Zukunft, während für Anna, seine zärtlich geliebte Anna, die Hoffnungen sich schöner und rosiger entfalteten. Wie ein treuer Gärtner auf die von den schönsten Blüthen umgebene Lieblingsblume hinschaut, so beseelte auch ihn jetzt nur noch das einzige Bestreben, seine geliebte Anna vor Stürmen zu bewahren, welche, wenn sie das Lebensmark trafen – er wußte es ja aus Erfahrung – um so verderblicher wirken mußten. Braun hatte sich wenige Schritte von ihm an die Thüre gelehnt und betrachtete mit innigem Wohlgefallen Magnolia und Bella, die sich liebevoll um Anna bemühten und ihr in Worten und Mienen alle die kleinen Aufmerksamkeiten erwiesen, an welchen ein wahrhaft weibliches Gemüth so unendlich reich ist, und die nur von einem sinnigen weibliche Wesen ausgehend, anmuthig erscheinen. »Und das sind Farbige,« sprach es in seinem Herzen, »Farbige, deren Fesseln fester zu schmieden der Süden mit eiserner Willenskraft trachtete, und welchen die herrschenden Vorurtheile noch für kommende Jahrzehnte eine kaum minder schmerzensreiche Kette sein werden, als die aus Erz geschmiedeten!« Tiefer neigte er das Haupt auf die Brust, aber der Ernst, welcher auf seinem Antlitz thronte, wich jedesmal vor einem zufriedenen Lächeln, so oft er entdeckte, daß zwischen ihren neuen Freundinnen hindurch Anna's holdselig schüchterne Blicke ihn suchten. Arthur befand sich noch in der großen Kajüte, wo Kapitän Iron ihn verlassen hatte. Einestheils, um nach dem alten Pelzjäger zu forschen, welchen er nach der ersten Bekanntschaft ganz in sein Herz eingeschlossen hatte, war der rastlose Seemann hinausgeeilt, dann aber auch um den Gang und die Sicherheit des Dampfbootes zu überwachen, welches mit unveränderlichem Pochen, Aechzen und Stöhnen seine dunkle Bahn stromaufwärts verfolgte. Die zwischen den beiden Kajüten liegende Thür stand halb offen, so daß Arthur den Damensalon theilweise zu übersehen vermochte, ohne von dort aus selbst bemerkt zu werden. Auf diese Weise war er Zeuge des Wiedersehens zwischen Braun und seinen Schützlingen gewesen, und weidete er sich an der rührenden Sorgfalt, mit welcher Magnolia und Bella sich um seine liebliche junge Reisegefährtin bewegten. Was ihn kurz vorher bestimmte, sich freiwillig für die Weiterreise auf dem Dampfer zu erklären, was ihn gleichsam feindlich berührte, das kam jetzt, angesichts der Scene, welche sich vor seinen Augen entwickelte, nicht mehr in Betracht. Braun selbst sah er nicht, dagegen befand sich Johannes in seinem Gesichtskreise, der freundliche junge Mann, welchen er stets mit einem so hohen Grade von Achtung, aber auch mit einer ihm unerklärlichen heimlichen Befangenheit betrachtet hatte. »Und das sind Farbige,« sprach auch er in Gedanken, als Magnolia und Bella mit jungfräulicher Anmuth Anna zum Sitzen einluden und, ebenfalls Platz nehmend, ihm die Aussicht auf Letztere entzogen, »das sind Farbige, für deren Unterdrückung ich die langen Jahre hindurch kämpfte.« Ihn schauderte; er wendete sich ab; seine Blicke fielen auf die beiden Mulatten, welche auf dem andern Ende des Saales standen und sich mit ruhigem Ernste unterhielten. »Farbige,« wiederholte er schmerzlich bewegt, »deren Fesseln und Ketten fester schmieden zu helfen, ich vier der besten Jahren meines Lebens verlor und vergeudete!« In ernste Betrachtungen versunken, blickte er auf die drei Mädchen hin, so lange, bis er wähnte, von einem Traum umfangen zu sein, in welchem, so oft Magnolia und Bella sich zur Seite neigten und Anna's Augen ihm sichtbar wurden, zwei milde tröstliche Sterne ihm aus einer lieblichen Frühlingsnacht entgegenstrahlten. Da glitt plötzlich Braun zwischen ihn und die schöne Gruppe. »Ich überlasse Dich der Sorge dieser beiden treuen Kinder,« wendete er sich zu Anna, ihr die Hand reichend, »Euch aber,« fuhr er zu Magnolia und Bella fort, »vertraue ich meine Tochter an. Säumt daher nicht und begebt Euch zur Ruhe, damit ich morgen in recht klare und zufriedene Augen blicke – und dann wollen wir erzählen und plaudern über unsere Erlebnisse und auch der nächsten Zukunft gedenken.« Mit einem süßen Lächeln küßte Anna, gleich ihren Gefährtinnen, Brauns Hand, was dieser mit einem unsäglichen Gefühl innerer Befriedigung duldete. Seine Schützlinge begleiteten ihn darauf noch bis an die Thüre, wo Johannes sich ihm zugesellte. Bevor er schied, ergriff Anna noch einmal seine Hand. »Was wünschest Du, mein liebes Kind?« fragte Braun, als er in den großen, sich verwirrt senkenden Augen eine stumme Bitte zu lesen meinte. »Wir sind Herrn Arthur zu unendlichem Danke verpflichtet,« hob Anna tief erröthend an, »in der schrecklichen Lage auf dem feindlichen Schiff verwendete er sich –« »Stets für meine liebe Tochter,« fuhr Braun gütig fort, als Anna stockte, »und da möchte meine Tochter sich jetzt wieder für ihn verwenden? Doch beruhige Dich, mein Kind, was er an Euch gethan hat, das soll ihm in einer seinem Charakter angemessenen Weise vergolten werden.« »Er ist Gefangener,« entschuldigte Anna unwillkürlich ihre dem fremden Officier gezollte Theilnahme, »und Johannes wird mir beipflichten,« zog sie diesen mit in's Gespräch, »daß man in den Ausdrücken des Dankes sehr rücksichtsvoll – ich meine –« Ein gütiges Lächeln, ein billigendes Nicken des ehrwürdigen Hauptes belehrten Anna, daß sie verstanden worden sei, bevor sie noch ausgesprochen hatte, und dann schritt Braun, eingedenk seines Redsteel gegebenen Versprechens, mit lebhaften Bewegungen davon. Johannes blieb noch ein Weilchen zurück. Anna hatte ihre Arme um seinen Hals geschlungen und küßte ihn, hingerissen von den sie bestürmenden Empfindungen, zärtlich. »Schlafe wohl, Johannes,« flüsterte sie ihm zu, »ich möchte noch Stunden mit Dir verplaudern, um Dir zu beschreiben, wie wohlthuend der erste Eindruck gewesen, welchen ich im Kreise meiner neuen Freunde empfangen habe. Aber nun gehe auch Du nicht von mir, bleibe bei mir, damit das freundliche Bild der Zukunft, welches meiner Seele vorschwebt, nicht getrübt und zerstört werde.« »Es soll nicht zerstört werden,« erwiderte Johannes mit halb erstickter Stimme, indem er sich abwendete, »aber nun begieb Dich zur Ruhe – Deine Freundinnen harren bereits auf Dich.« Er zog leise die Thüre zwischen sich und die geliebte Jugendgespielin, die, über das befremdende Wesen des jungen Mannes fast in Thränen ausbrechend, sich langsam den beiden Mädchen wieder zugesellte. – Braun befand sich um diese Zeit auf dem andern Ende des langen Saales, wo Arthur höflich zur Seite trat, um ihm den Vortritt in ein nur durch einen schmalen Gang von der Kajüte getrenntes Rauchcabinet zu lassen. Die Mulatten waren schon früher hinausgegangen; sie hofften, ihren alten Freund und Gefährten, den biederen Sans-Bois zu überreden, eins der leeren Schlafgemächer für sich in Anspruch zu nehmen. »Sie sind Lieutenant Arthur?« fragte Braun, indem er, anstatt hinauszugehen, stehen blieb und dem jungen Manne mit großer Herzlichkeit die Hand drückte; zugleich betrachtete er aber auch mit unverkennbarem Wohlgefallen die hohe, tadellos gewachsene Gestalt, welcher die alte abgetragene Uniform eine gewisse kriegerische Würde verlieh. »Mein Name ist Arthur,« antwortete dieser, sich verbeugend, und indem er seine Hand in die Brauns legt, entfärbte er sich leicht, »ich befinde mich in der Eigenschaft eines Kriegsgefangenen an Bord dieses Schiffes.« »Erwähnen Sie das nicht,« fiel Braun schnell ein und kräftig schüttelte er des früheren Piratenofficiers Hand, »obwohl es mir immer schmerzlich ist, mit deutschen Landsleuten zusammenzutreffen, welche sich auf Seiten der Vertheidiger der Sklaverei geschlagen haben, so sehe und begrüße ich in Ihnen doch nur einen lieben, einen sehr lieben Freund, welchem ich mich zu endlosem Danke verpflichtet fühle. Bringen wir daher die Umstände, welchen Sie Ihr Hiersein verdanken – oder vielmehr die zwischen dem Norden und dem Süden bestehende Streitfrage nicht zur Erörterung zwischen uns – schon meiner Adoptivtochter wegen bitte ich darum – und glauben Sie mir, Sie haben an dem theuern Kinde eine sehr dankbare und warme Fürsprecherin gewonnen.« »Und mit Recht,« bekräftigte Johannes, der eben herangetreten war, mit überzeugendem Ausdruck, »und ich selbst kann nur –« »Sie sowohl, wie Fräulein Werth legen ein viel zu hohes Gewicht auf Gefälligkeiten und kleine Dienstleistungen, durch deren Vernachlässigung man einen harten Vorwurf auf sich lüde,« fiel Arthur schnell ein, indem er dem freundlich forschenden Blicke Brauns auswich und sich Johannes zuwendete; »daß ich aber der Conföderation Treue gelobte und dieselbe nie brach? Wer ist Herr seines Geschickes, daß er jedesmal vorher die Principien zu prüfen vermöchte, zu deren Vertheidigung er vom Zufall berufen wird, zumal wenn er kein anderes Ziel kennt, als sich zu einer höheren Stufe militärischen Ruhmes emporzuschwingen?« »Ich wiederhole noch einmal, mein theurer Herr Arthur,« versetzte Braun, dem die in des jungen Mannes Worten enthaltene Bitterkeit nicht entgangen war und der zu errathen glaubte, daß die hervorgehobene Sehnsucht nach militärischen Auszeichnungen nur ein leerer Vorwand sei, »lassen wir Alles unerörtert, was auch nur im Entferntesten dazu beitragen könnte, unsere Stimmung zu trüben, der ohnehin in diesen traurigen Kriegszeiten so sehr viel zugemuthet wird. Betrachten Sie sich vielmehr als den herzlich willkommenen Gast meines Hauses, welchen zu erheitern und seine vielleicht nicht ganz freundliche Vergangenheit vergessen zu machen, unser Aller Aufgabe sein soll.« Arthur verneigte sich wiederum mit förmlicher Höflichkeit. »Vorläufig werde ich mir die so edelmüthig angebotene Gastfreundschaft mit aufrichtigem Danke zu Nutze machen,« versetzte er ruhig, obgleich es in seiner Seele heftig arbeitete, »sollte ich indessen die erste sich mir darbietende Gelegenheit ergreifen, wieder selbstständig handelnd in's Leben einzutreten, so werden Sie das gewiß nicht als eine Mißachtung Ihrer Güte ansehen, oder gar als einen Ausfluß feindlicher Gesinnungen, welche ich aus dem südlichen Lager mit herüber gebracht haben könnte.« Diese Antwort fand offenbar den Beifall Brauns; er weidete sich gleichsam an der selbstbewußten, stolzen Haltung des gefangenen Officiers, der dennoch, wie beschämt über seine abhängige Lage, unter seinen prüfenden Blicken die Augen niederschlug. »Ich achte und ehre Ihre Ansichten, Herr Arthur,« sprach er nach kurzem Sinnen mit der ganzen ihm innewohnenden Herzensgüte, »und bauen Sie darauf, unter meinem Schutze – wenn Sie mir gestatten, mich so auszudrücken – soll Ihnen kein Zwang auferlegt werden; es ist dies die erste und die heiligste Bedingung der Gastfreundschaft. Für mich wünsche ich aber noch besonders, daß aus unserem weiteren Verkehr eine Freundschaft ersprieße, dauernder und wärmer, als dies in dem kurzen Zeitraum von einigen Stunden möglich ist.« Arthur, der diese Ansprache sichtbar bewegt angehört hatte, verneigte sich am Schlusse derselben leicht und in einer Weise, die ebensowohl als kalte Zurückweisung, wie als dankbare Zustimmung gelten konnte. Braun hielt seine Bewegung für das Letztere, dann ihm herzlich gute Nacht wünschend, drückte er ihm scheidend noch einmal die Hand. Auch von Johannes verabschiedete er sich, für diesen eine Mahnung, ihm nicht weiter nachzufolgen, sondern, seine körperliche Erschöpfung berücksichtigend, sich in die ihm angewiesene Koje zurückzuziehen. Arthur war, wie tief ernsten Betrachtungen hingegeben, auf derselben Stelle stehen geblieben, die Augen gesenkt, die Lippen zusammengepreßt. Schwere Zweifel thronten auf seiner Stirne, Zweifel, zu schwer, als daß sie hätten verscheucht werden können durch ein liebliches Himmelsbild, welches ebenfalls seinem Geiste vorschwebte, bald nahe und deutlich, daß er sogar den süßen Ton einer trauten Stimme zu vernehmen glaubte, bald in weiter Ferne, wie verhangen und verhüllt mit einem Nebelschleier. »Gute Nacht, Herr Arthur,« trat Johannes zu ihm heran, ihm zutraulich die Hand reichend. Arthur fuhr erschreckt empor. »O, ich glaubte mich allein,« entschuldigte er sich verwirrt, »der plötzliche Wechsel der Dinge – meine seltsame Lage – das Bewußtsein, für eine verlorene Sache gekämpft zu haben und noch immer durch mein Wort an dieselbe gebunden zu sein – der Anblick der beiden Mädchen in ihrem Verkehr mit Herrn Braun – mißverstehen Sie mich nicht, aber mein Herz ist so voll, ich muß allein sein, um meine Gedanken zu ordnen –« und Johannes' Hand krampfhaft pressend stürmte er auf den matt erhellten Gang hinaus, von wo er sich, immer mit derselben Hast, nach dem obersten vereinsamten Verdeck hinauf begab. Johannes blickte dem Davoneilenden befremdet nach. »Sollte ich mich dennoch getäuscht haben?« fragte er sich, tief aufseufzend. »Nein nein, wer wäre wohl im Stande, dies sicherer zu errathen, als ich, ich, der Gefährte ihrer Kindheit, ihr Freund, ich – ihr Bruder? O, ich habe meine untrüglichen Zeichen,« und die Hand auf seine Brust legend, als seien die untrüglichen Merkmale in seinem Herzen eingegraben gewesen, zog er sich in das ihm eingeräumte Schlafgemach zurück. Die Nacht war weit vorgeschritten; es näherten sich bereits die Morgenstunden. Unabänderlich polterten und stöhnten die Maschinen; das Schiffsgebäude zitterte in allen seinen Fugen vor dem in seinen eisernen Adern pulsirenden Leben; das Wasser brauste unter den es gewaltig peitschenden Rädern. Klobe auf Klobe warfen die Feuerleute in die sprühende Gluth unter den Kesseln. Von seinem hohen Standpunkte aus spähte der Steuermann mit sicheren, an die Dunkelheit gewöhnten Augen über die sich vor ihm ausdehnende, gewundene graue Fläche, nach den Ufervorsprüngen die Richtung des eigentlichen Fahrkanals berechnend. Die Indianer schliefen in dem stark durchwärmten Feuerungsraume; eingehüllt in ihre Decken, die Waffen neben sich und um sich, lagen sie da. Sans-Bois befand sich in ihrer Mitte; ob auch er schlief, vermochte man bei einem oberflächlichen Hinblick nicht zu entdecken. Der rastlose Kapitän Iron mit seinen Sehnen von Eisen und Stahl, suchte den alten Jäger, um ihm eine geeignete Lagerstätte anzuweisen; und als er ihn endlich zu seiner Ueberraschung bei seinen rothhäutigen Genossen zwischen den Holz- und Kohlenanhäufungen fand, betrachtete er ihn längere Zeit sinnend. »Ich will lieber nicht stören,« sprach er endlich halblaut vor sich hin, »wer weiß, ob ich ihm einen Gefallen damit erwiese,« und sich den Feuerleuten zuwendend, bat er diese, bei ihrer Arbeit vorsichtig zu Werke zu gehen, damit der alte Mann nicht geweckt werde. Einen letzten freundlichen Blick auf den regungslosen Pelzjäger werfend, entfernte er sich. Dieser aber hatte seine Worte vernommen, denn nachdem des Kapitäns schwere Schritte auf dem Vordertheil des Schiffes verhallt waren, zog er die Decke weiter über sein Haupt. »Kein Gefallen wäre mir damit erwiesen,« seufzte er in sich hinein, »denn mein Platz ist nicht unter glücklichen Menschen.« Siebenunddreißigstes Capitel. Der Erbe des Millionärs. Während unten die Leute und Passagiere zum Theil schliefen, zum Theil noch unter dem Eindruck der letzten Ereignisse vergeblich auf ihren Lagerstätten den Schlummer herbeisehnten, schritt Arthur rastlos über das oberste Deck, sein glühendes Antlitz und das entblößte Haupt, wie um sein aufgeregtes Blut zu beruhigen, der kalten Luftströmung frei darbietend. Wild schwirrten seine Gedanken durcheinander, als habe er einen wüsten Traum verscheuchen wollen, preßte er seine Hände auf die fieberheiße Stirne. Da vernahm er Redsteels Stimme, die aus dem Innern des Schiffes deutlich zu ihm heraufschallte. Derselbe sprach zu Braun, welchen er ebenfalls an der Stimme erkannte. Bestürzt blieb er stehen. Vor ihm erhob sich, ähnlich einem Glaskasten, die Bedachung des Rauchzimmers, in welchem noch Licht brannte. Die Fallfenster waren auf der dem Winde abgekehrten Seite aufgestützt worden, augenscheinlich, um durch einen beständigen leichten Luftzug die Atmosphäre in dem verhältnißmäßig engen Raum, in welchem ein mit Steinkohlen geheizter eiserner Ofen glühte, rein zu erhalten. Arthur brauchte daher nur näher heranzutreten, um nicht allein die unten gepflogene Unterhaltung zu verstehen, sondern auch das Gemach theilweise zu überblicken. Mit schwankender Bewegung holte er einen der dort oben umherliegenden Feldstühle herbei; denselben aufschlagend, setzte er sich so nieder, daß das Rauchzimmer offen vor ihm dalag. Es kostete ihn große Ueberwindung, sich zum unberufenen Mitwisser fremder Geheimnisse zu machen, und dennoch spielte auf seinem von unten herauf spärlich beleuchteten Antlitz eine angstvolle Spannung, und immer weiter neigte er seinen Oberkörper nach vorne und immer entsetzter starrte er auf diejenigen nieder, die sich nur wenige Fuß unterhalb der geöffneten Fenster in ein ernstes Gespräch vertieften. – Redsteel befand sich allein in dem Rauchzimmer, als Braun bei ihm eintrat und ihm sogleich fragend in die Augen schaute. Redsteel wartete nicht, bis jener seinen Gedanken Worte verlieh, sondern dessen Hand stürmisch ergreifend, drückte er dieselbe mit Heftigkeit. »Ich entsinne mich Ihrer letzten Bemerkung,« hob er an, »ich entsinne mich derselben genau, und dennoch wiederhole ich laut und aus heiliger Ueberzeugung: Es wäre nicht das erste Mal, daß todt Geglaubte aus ihren Gräbern erstiegen, Verschollene unter den Lebenden auftauchten.« »Sie sprechen mit so viel Bestimmtheit,« entgegnet Braun ernst, und ein Zug der Wehmuth breitete sich über sein gutes Antlitz aus, »daß ein Zweifel über die Person, welche Sie meinen, kaum noch zulässig. Bevor Sie indessen fortfahren, bevor Sie Ihre Vermuthungen und Angaben mit Beweisen belegen, frage ich Sie noch einmal: Haben Sie erwogen, was es bedeutet, in mir altem Manne Hoffnungen zu erwecken, welche sich nicht verwirklichen? Sie wissen, die Hauptschuld, daß der unbesonnene Knabe, von Hochmuth getrieben, seine armen Eltern heimlich verließ, wird mir beigemessen, welche Gründe zu einem solchen Argwohn vorlagen, lasse ich dahingestellt sein; jedenfalls aber werden Sie begreifen, daß ohne den unglückseligen Eberhard eine Annäherung an meine braven Verwandten große Schwierigkeiten hat, vielleicht auf unübersteigliche Hindernisse stößt. Sie nun stehen im Begriff, eine doppelte Hoffnung in mir anzufachen, die Hoffnung, den jungen Eberhard wieder aufzufinden, und die Hoffnung, vor meinem Dahinscheiden noch einmal in das alte Verhältniß zu meinem Bruder und dessen Frau zu treten. Erwägen Sie dieses Alles wohl, lieber Redsteel; ich achte und ehre Ihren guten, freundlichen Willen, allein wenn Sie Ihrer Sache nicht ganz gewiß sind –« »Ich bin meiner Sache gewiß!« fiel Redsteel dem alten Herrn triumphirend in die Rede, ich kann Ihnen sogar heilig betheuern, daß Sie Ihren Neffen, den Erben Ihres Namens und Ihrer Reichthümer in die Arme schließen werden, und wenn ich mit meiner Entdeckung nicht vor Sie hintrat, so geschah dies mit der wohlüberlegten Absicht, Sie auf seinen ersten Anblick vorzubereiten, denn nicht im Gewande des Reichthums, nicht einmal der Wohlhabenheit wird er vor sie hintreten. Eine alte abgetragene Uniform –« »Befindet er sich an Bord?« rief Braun fast athemlos vor Spannung. »Er befindet sich an Bord,« antwortete Redsteel mit einer Bewegung nach der Thüre hin, wie um Eberhard herbeizurufen. »Arthur, ist es der junge Mann, der sich Arthur nannte?« fragte Braun, Redsteel zurückhaltend. »Nein, nein,« erwiderte dieser vertraulich nickend, »Ihren Neffen, obwohl Soldat, durften wir nicht in den Reihen der Rebellen suchen. Er hat gekämpft und gelitten für die nördlichen Institutionen; der Gefangenschaft entronnen, tritt er vor Sie hin als ein Ehrenmann, welchen bis jetzt ein unbezähmbarer Stolz fern von seinen Verwandten hielt, und den hierher zu führen mir nur halb mit List, halb mit Gewalt gelang.« »Eberhard Braun!« rief er sodann zur Thür hinaus, so laut, daß Eberhard, der sich, das Haupt auf die Hände gestützt, unten auf den letzten Stufen der Treppe niedergesetzt hatte, seinen Ruf vernahm. »Ich komme,« hallte es alsbald gedämpft zurück, und langsam und zögernd, wie Braun es nach Redsteels Mittheilungen kaum anders erwartete, näherten sich die Schritte eines Mannes dem Rauchzimmer. Arthur saß so, daß die Thüre des Zimmers gerade vor ihm lag, er also den Eintretenden ebenso schnell erblicken mußte, wie die in dem Zimmer Anwesenden. Und dennoch neigte er sich weiter nach vorne, als hätte er die Zeit nicht erwarten können, denjenigen bei voller Beleuchtung zu betrachten, dessen Gestalt er in der Dunkelheit nur flüchtig gesehen, dessen Name aber einen so seltsamen, beinah feindseligen Eindruck auf ihn ausgeübt hatte. Braun war zurückgetreten, wie um einen vollen Anblick Eberhards zu erhalten, bevor er ihn als seinen Neffen begrüßte. Auch seine Augen hafteten starr auf der angelehnten Thür, während Redsteel seitwärts von ihm stand, von wo aus der Onkel und Neffen zugleich zu beobachten vermochte. Endlich wurde die Thür zögernd aufgeschoben und in derselben erschien der Erwartete. Als seine Blicke auf den ehrwürdigen, weiß gelockten alten Herrn fielen, entfärbte sich sein vor innerer Erregung geröthetes Gesicht. Er zauderte, wie um wieder zurückzutreten; da begegneten seine Augen denen Redsteels, und sich seines gegebenen Versprechens erinnernd, richtete er sich straffer empor. Braun betrachtete ihn schweigend, und wie inniges Wohlgefallen glitt es über sein ernstes Antlitz, als er die schöne, kraftvolle Gestalt gewahrte und in den einnehmenden Zügen alle die Empfindungen zu lesen glaubte, welche durch die obwaltenden Umstände, durch die gewaltig andringende Erinnerung an seine Eltern, an das heimliche Entweichen von denselben und die darauf folgenden Jahre unsteten und erfolglosen Umherirrens in ihm wach gerufen werden mußten. Wohlthuend schien es ihn sogar zu berühren, daß der Sohn seines Bruders nicht sogleich auf ihn zu eilte, ihn nicht gleich als Verwandten begrüßte; trotz der ärmlichen, äußeren Hülle mit unbeugsamem Stolze erwartete, zuerst angeredet zu werden. Aber einen Seufzer der Wehmuth vermochte er nicht zu unterdrücken, indem er erwog, daß es sein leiblicher Neffe sei, der, obwohl ihn kennend, dennoch zögerte, ihm vertrauensvoll zu nahen. »Eberhard, Dein Vater ist mein Bruder,« redete er ihn endlich mit freundlichem Ernste an, »und ich blicke auf Dich, als die Mittelsperson, welche die Kälte beseitigen soll, die sich im Laufe der Jahre auf Grund von Mißverständnissen in unser brüderliches Verhältniß eingeschlichen hat. Sage mir daher, Eberhard, bist Du bereit, diese Aufgabe jetzt zu übernehmen und dadurch meinen Lebensabend und den Deiner braven Eltern freundlicher zu gestalten?« »Ich werde mich bestreben, Ihr mir zugewendetes Wohlwollen zu verdienen,« antwortete Eberhard leise, jedoch mit ruhiger Entschiedenheit. »Dann komm her, mein Sohn,« erwiderte Braun alsbald gütig, dem jungen Manne die Hand entgegenstreckend, »viel Kummer, unsäglichen Gram hast Du Deinen Eltern bereitet, sie werden ihn aber vergessen, von dem Augenblick an, in welchem sie die Kunde von Deinem Leben erhalten, wie ich ihn bereits vergessen habe. »Du bist Soldat gewesen, das Mißgeschick hat Dich verfolgt,« fuhr der alte Her nach einer kurzen Pause fort, während welcher er einen ängstlich forschenden Blick auf den jungen Mann geworfen hatte, der sich ihm mit gesenkten Augen näherte und alle seine Bewegungen unsicher und schwankend, wie ein Träumender, ausführte; »dies Alles hat nun sein Ende; mißverstehe mich aber nicht, ich will damit nicht andeuten, daß Dein jetziger Stand in meinen Augen kein ehrenwerther wäre, im Gegentheil; allein Du brauchst nun nicht länger zu sorgen und Dich abzuhärmen, und wenn ich Dich in nächster Zeit mit den ausreichenden Mitteln versehe, vor allen Dingen in die Arme Deiner trauernden Eltern zu eilen, so darf Dein angeborener, vielleicht etwas zu scharf ausgeprägter Stolz nicht davor zurückschrecken, diese Mittel von mir anzunehmen –« Bei diesen Worten richtete Eberhard sich hastig empor, eine flammende Röthe bedeckte sein Gesicht, seine Augen funkelten halb trotzig, halb verwirrt auf Braun, während seine Zähne sich flüchtig auf einander preßten. »Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche,« hob er mit erzwungener Ruhe an, »allein ich möchte, bevor ich mich in ein Verhältniß der Abhängigkeit zu Ihnen stelle, als unumstößlich vereinbart wissen, daß Sie mir keine anderen Mittel anbieten, als solche, welche mir in Ihren Diensten zuerkannt werden. An eine Reise nach Europa wird daher vorläufig wohl noch nicht gedacht werden können.« »Eberhard, Eberhard, hat die Schule des Unglücks Deinen Hochmuth immer noch nicht gebeugt?« rief Braun schmerzlich aus; »o, mein Kind, die erste Nachricht von Deinem Auftauchen unter den Lebenden machte mich selbst fast zum Kinde; wie ein mächtiges Gebirge stürzten die Empfindungen mit erdrückender Wucht auf mich ein, erzeugt durch den Gedanken an das große Glück, welches Dein Erscheinen in meinem wie in Deiner Eltern Hause mit sich führt; nun aber ist mein erstes Gespräch mit Dir, daß ich mit Dir richte über die Zulässigkeit Deines Stolzes Deinen nächsten Angehörigen gegenüber! Ich begreife wohl mein lieber Eberhard, daß bei Deinem unsteten Leben Du Dich unbewußt mehr und mehr den Deinigen entfremdetest; ich begreife sogar, daß, hätte ein wunderbarer Glücksfall nicht Deine Entdeckung herbeigeführt, Du lieber in der Verborgenheit untergegangen wärest, bevor Du gänzlich verarmt die Schwelle Deines elterlichen Hauses überschritten hättest; ich begreife, daß Du vorzogst, für todt zu gelten, anstatt einzugestehen, daß die überspannten Hoffnungen, welche Dich einst hinaustrieben, sich nicht verwirklichten; ich begreife Alles, indem ich mich in Deine Lage hineindenke – jetzt aber, nachdem der erste Schritt gethan ist, hast Du keine vernünftige Veranlassung mehr, Dich Deinen Eltern vorzuenthalten – oder solltest Du gar keine Sehnsucht mehr nach denjenigen haben, welchen Du Dein Leben verdankst? Sollte wirklich das edelste aller kindlichen Gefühle in Deiner Brust erstorben – ich meine in Scheintod versenkt sein?« Eberhard war erbleicht; in seiner Brust wühlte ein wüthender Schmerz. Sogar seine stolze selbstbewußte Haltung schien er zu verlieren, als plötzlich bei seinem rathlosen Umherstarren seine Blicke wieder in die Redsteels trafen. »Beglücken Sie die alten Leute, indem Sie ihnen mittheilen, man sei auf den Spuren ihres verlorenen Sohnes,« hob er mit seltsam gepreßter Stimme an, »allein verlangen Sie nichts von mir, was zu leisten ich mich zu schwach fühle.« Wiederum ergriff Braun Eberhards Hände und lange und schmerzlich schaute er ihm in die Augen. »Bedenke, Eberhard,« begann er mit schwermüthigem Ausdruck, »ich bin der Bruder Deines Vaters; betrachte mich zugleich als Deinen leiblichen Vater, der das heiligste Recht hat, das offenste rückhaltloseste Vertrauen von Dir zu fordern. In solcher Eigenschaft stehe ich also vor Dir und frage ich Dich: Was ist es, das Dich zurückhält, den Deinigen vertrauensvoll zu nahen? Fühlst Du Dein Gewissen beschwert? Hast Du eine Handlung begangen, deren Du Dich schämst? Und sollte selbst dies der Fall sein, sollte man Dir Thaten zur Last legen, welche zu bereuen Du die größte Ursache hättest, so vertraue es mir an, schütte Dein Herz vor mir aus und nimm dafür mein Versprechen, daß das Geschehene begraben sein, nicht mich hindern soll, Dir den Uebergang zu einem ruhigen, geachteten und geregelten Lebenswandel zu erleichtern.« Trotz der innigen Wärme, mit welcher Braun sprach, erreichte er doch nur, daß Eberhard, eben noch das Bild tiefer, innerer Zerknirschung, sich plötzlich, wie bis in's Mark hinein verletzt, hoch aufrichtete und ihn herausfordernd ansah. »Bis jetzt ist mein Name durch keine ehrlose Handlung befleckt worden!« rief er aus, indem er einen Schritt zurücktrat, »mag das Geschick mich in eine Lage gebracht haben, von der ich nicht weiß, ob ich ihm deshalb fluchen, oder es segnen soll, noch habe ich keinen Grund, zu bereuen und zu beklagen. Gewohnt, für mich selbst zu sorgen, muß ich jede Hülfe, welche auch nur im Entferntesten einer Wohlthat ähnlich, streng zurückweisen. Ich kann nicht anders, ich bin es meinem eigenen Seelenfrieden schuldig. Sind Sie dagegen geneigt, mir Gelegenheit zu bieten, mich emporzuarbeiten, – das heißt in einer Weise, als ob ich ein fremder, ein Ihnen fern Stehender sei, dessen Werth Sie nach seiner Treue und seinen Leistungen abschätzen, so will ich beruhigt die Schwelle Ihres Hauses überschreiten; ich will mit Eifer wirken und arbeiten, wie die übrigen Mitglieder Ihres Geschäftspersonals, nicht höher bezahlt, nicht besser gehalten werden, und gelingt es mir, nicht nur Ihre Zufriedenheit, sondern auch Ihre Achtung zu erwerben, dann erst werden Sie den höchsten Beweis meines Vertrauens empfangen, indem ich Sie bitte, mir bei der Begründung meines Glückes Ihren gütigen väterlichen Beistand zu leihen.« »Anna,« flüstere Arthur mit namenloser Bitterkeit, die Blicke starr auf Eberhard gerichtet, »und dennoch, er hat dieselben Anrechte an sie, wie jeder Andere – ha, und er will sie ja verdienen, redlich verdienen, um nicht –« Braun hatte das Wort ergriffen und Arthur lauschte wieder mit gespannter Aufmerksamkeit. »Hätte ich auch gern etwas mehr Vertrauen gesehen, so tadle ich Dich doch nicht,« bemerkte der alte Herr so wohlwollend und doch so schwermüthig, daß Arthur sich dadurch bis in die Seele hinein schmerzlich berührt fühlte, »fahre daher fort, Dich fernerhin von dem Bewußtsein der Dir innewohnenden Kraft tragen zu lassen, und meine Achtung wird Dir nicht fehlen, wie Du meine aufrichtige Liebe bereits besitzest. Du wirst Dich indessen mit Jemand in die Liebe theilen müssen, denn der heutige Tag ist ein sehr, sehr glücklicher für mich, indem er mir zwei Theure brachte, für welche die väterliche Sorge zu übernehmen mein Wunsch gewesen, seit ich auf dieser Seite des Oceans dem Geschäftsleben angehöre.« Eberhard war tief erschüttert, doch behauptete sein Stolz fortgesetzt die Oberherrschaft. Nicht wie von einem Verwandten schied er, als er sich auf Brauns freundlich dringenden Rath zur Ruhe begab, sondern wie von einem ihm fern stehenden Manne, welchem er in Achtung und Freundschaft ergeben. Als seine Schritte in der großen Kajüte verhallten, athmete Redsteel tief auf; dann trat er zu Braun heran, dessen Augen noch immer schwermüthig sinnend auf der Thür hafteten, welche ihm den Anblick seines Neffen entzogen hatte. »Ein ehrenwerther junger Mann,« bemerkte er mit dem Ausdruck unerschütterlicher Rechtschaffenheit und freundlicher Theilnahme, »und gewiß kann dies Niemand mit größerem Recht behaupten, als ich, da ich Gelegenheit hatte, ihn während meines Zusammenseins mit ihm in den schwierigsten Lebenslagen zu beobachten.« »Und dennoch erscheint er mir, wie ein schwer zu lösendes Räthsel,« antwortete Braun träumerisch; »unendlich bittere Erfahrungen müssen über ihn hereingebrochen sein, es wäre sonst unerklärlich, daß derselbe Hochmuth, der ihn einst von seinen Eltern forttrieb, auch heute noch seine kindlichen Gefühle beherrscht. Ich tadle ihn zwar nicht, allein etwas anders hätte ich ihn mir gewünscht.« »Sein Ernst und seine Abgeschlossenheit sind unstreitig vielfach die Ursache gewesen, daß er sich dem ihn verfolgenden Mißgeschick nicht zu entwinden vermochte,« bemerkte Redsteel, Braun bis an die Thüre begleitend, »aber die starre Rinde, welche sich im Laufe der Jahre um seine Brust legte, wird schmelzen in seinem Verkehr mit Ihnen und Ihren übrigen Haus- und Lebensgenossen. Bricht aber das schlummernde kindliche Gefühl sich erst wieder Bahn, dann geschieht es voraussichtlich mit unwiderstehlicher Gewalt, und er selbst wird darauf dringen, wenn auch nur besuchsweise, zu seinen Eltern zurückzukehren.« »Das walte Gott,« versetzte Braun aus überströmendem Herzen. Er wollte hinaustreten, als Redsteel ihn abermals zurückhielt. »Ich dächte, man dürfte ihn nicht drängen,« sagte er mit einer milden Anspruchslosigkeit in seinem Wesen, »denn wer weiß – wenn ich mir erlauben darf, meine Ansichten unumwunden zu äußern – seine Eltern, obgleich anerkannt bieder und rechtschaffen, haben doch nur einen geringen Grad von Bildung genossen, und unmöglich wäre es nicht, daß sie ihren Sohn, unabsichtlich und ohne es zu ahnen, in einer Weise kränkten und verletzten, die ihn jetzt noch mit Widerstreben daran denken läßt, ihnen unter die Augen zu treten?« »Wählen Sie die Stufe der Bildung meiner Verwandten nicht zum Gegenstande von Erörterungen,« erwiderte Braun mit einiger Schärfe, »ihre Rechtschaffenheit ist eine höhere Bildungsstufe, als sie je auf den besten Lehranstalten und in den höchsten Kreisen hätten erlangen können. Sprechen Sie hingegen von Kränkungen, da kenne ich nur eine Antwort: Die Kränkungen, welche ein Kind von seinen Eltern erfährt, dürfen nicht mit solchen fremder Menschen verglichen werden und daher nie Grund zu einer ewigen Trennung sein.« »Aber wie, mein verehrtester Gönner, wenn Eberhard – hochfahrende junge Leute haben zuweilen ihre überspannte Ideen – wenn also Ihr Herr Neffe, nachdem er eine gediegene Schulbildung genossen, sich seiner Eltern – nun, ich spreche ohne Rückhalt – schämte, dürfte man seine geheimnißvolle Weigerung, zu ihnen zurückzukehren, nicht solchen Beweggründen zuschreiben? Jedenfalls wäre diese Möglichkeit zu berücksichtigen, und es erscheint mir rathsam, anstatt den jungen Mann zu einem Entschluß zu drängen, es der Zeit zu überlassen, einen solchen zur Reife zu bringen.« Oben auf dem Verdeck fiel ein schwerer Gegenstand nieder; es war der Stuhl, auf welchem Arthur so lange gesessen hatte, und der, indem er sich erhob, umschlug. Weder Braun noch Redsteel achteten auf das Geräusch; Ersterer dagegen, im Begriff hinauszutreten, wendete sich noch einmal kurz nach Redsteel um. »Meine Dankbarkeit dafür, daß es Ihnen glückte, den Sohn meines Bruders zu entdecken, und mehr noch, daß es Ihnen gelang, den starren Charakter zu einer Zusammenkunft mit mir zu bewegen, kennt keine Grenzen; weitere Rechte aber, mein lieber Freund, ungern, wie ich es ausspreche, räume ich Ihnen nicht ein. In meinen Familienangelegenheiten spreche ich allein das entscheidende Wort, bestimme und ermesse ich allein, wie nach dieser oder jener Richtung hin verfahren werden soll. Ihren guten Willen erkenne ich übrigens an, und von Herzen vergebe ich Ihnen die harten Worte, welche sie mit Rücksicht auf meinen armen Neffen, der mehr zu beklagen, als zu tadeln ist, ausgesprochen haben.« Dann trat er hinaus, sichtbar nicht so glücklich gestimmt, wie Redsteel ihn, nach Zuführung seines todt geglaubten Neffen zu sehen erwartet hatte. Aber auch Redsteel war weit entfernt davon, zufrieden zu sein; denn das Schloß der Thüre war kaum klingend eingesprungen, als ein höhnisches Lächeln sich über sein Gesicht ausbreitete. Die bärtigen Lippen wichen grinsend von den fest zusammengebissenen Zähnen zurück, sie bewegten sich leise, als hätten seine Gedanken sich heimlich über sie hinausstehlen wollen und nur ein eiserner Wille sie mit Gewalt zurückgehalten. Etwas Drohendes, Teuflisches lag in seinem Mienenspiel, als er, bevor er ebenfalls das Rauchzimmer verließ, die Faust nach der Thür hin erhob, dann aber, als hätte er eine Unvorsichtigkeit begangen, wie fröstelnd, beide Hände in einander rieb. Arthur sah diese Bewegung nur theilweise und legte derselben eine weit geringere Bedeutung bei, als den letzten Worten, die zu ihm heraufgedrungen waren. Diese nun wieder beschäftigten seinen Geist in so hohem Grade, daß er die mit dem Näherrücken des Morgens sich verschärfende Kälte nicht empfand, noch weniger auf den Dampfer achtete, der mit unverminderter Schnelligkeit seine gewundene Bahn gegen Nordwesten verfolgte. Was waren die Empfindungen, welche ihn beseelten, als er den Revenger zerschmettert versinken sah, gegen diejenigen, die seit den letzten Stunden in wirrer Folge auf ihn einstürmten und ihn fast betäubten? Er hörte nicht, er sah nicht; regungslos, die Blicke starr auf den Fußboden geheftet, die Arme über die Brust verschränkt – stand er da. Da legte sich eine Hand mit festem Druck auf seine Schulter, und zugleich vernahm er das freundliche: »Calculir', Ihr fühlt Euch ziemlich vereinsamt hier oben« des Kapitän Iron, der in irgend einem Winkel ein Stündchen geschlafen hatte und nunmehr die Runde auf dem Dampfer machte. Arthur erschrak. Er hatte den Kapitän nicht kommen hören, doch antwortete er schnell gefaßt: »Ich fühle mich nicht einsamer, als ich zu sein wünsche, oder ich wäre nicht hierher gegangen.« »Halloh! Mein theurer Piratenlieutenant!« rief der Kapitän scheinbar beleidigt aus, »calculir', 's soll heißen, Ihr möchtet fernerhin allein sein und wünscht mich daher zu allen Teufeln?« »Nein, nein, Kapitän,« gab Arthur mit erzwungener Heiterkeit zurück, und er drückte des alten Seemannes Hand, »Ihr werdet mir mindestens zugeben, daß ich mich in keiner beneidenswerthen Lage befinde. In einer Umgebung, in welcher mich jeder mißtrauisch und als einen Feind des Landes betrachtet, ohne Mittel und ohne Gelegenheit, mir solche zu erwerben, kann es kaum befremden, wenn ich die Einsamkeit aufsuche, um meinen Betrachtungen über die Zukunft ungestört nachzuhängen.« »Nach dem Untergange des Revenger verspürt Ihr keine Lust mehr, in dem Rebellenheere weiter zu dienen?« »Wohin soll ich mich wenden? Ueberall liegt die Conföderation in den letzten Todeszuckungen – außerdem bin ich Gefangener, nachdem ich beinah vier Jahre hindurch –« »Ja, mit Recht ein Gefangener,« warf Kapitän Iron ein, »bin zwar keine Militärperson, trotzdem aber seid Ihr mein Gefangener, welchen ich auf jeden Gefangendepot abliefern könnte, wenn ich wollte. Doch ich will nicht. Ihr habt mir Euer Ehrenwort verpfändet, nicht zu entfliehen und deshalb wurdet Ihr nicht bewacht. Ganz frei geben kann ich Euch indessen nicht; calculir', ich würde dadurch ein Unrecht gegen die richtigen Sterne und Streifen begehen; wenn Ihr indessen nichts dagegen habt, mir zu versprechen, binnen Jahresfrist nicht gegen den Norden zu fechten –« »Nehmt die Hälfte dieser Zeit, Kapitän, und sie wird über den Tag hinausreichen, bis zu welchem es überhaupt noch eine Conföderation giebt.« »Gut gesprochen, wie ein Mann; sagen wir also, ein halbes Jahr, und damit Euch nichts im Wege stehe, eine Euern Fähigkeiten und Neigungen entsprechende Beschäftigung zu suchen, so calculir' ich, werde ich Euch als guter Freund 'ne kleine Summe vorstrecken, welche Ihr mir, je nachdem 's Euch paßt, zurückerstattet.« Arthur dankte gerührt für das großmüthige Anerbieten und erklärte sich bereit, von demselben Gebrauch zu machen; wies aber darauf hin, daß besondere Gründe ihn dazu bewegten, seinen Weg über St. Louis zu nehmen. »Gut, gut, mein lieber Piratenlieutenant,« fuhr der Kapitän in seiner lebhaften, leichtfertigen Weise fort, »wohin Ihr geht, soll mich nicht kümmern, Ich gebe Euch meine Adresse, damit Ihr mich jederzeit aufzufinden vermögt, und solltet Ihr Lust verspüren, mich zu besuchen, so seid Ihr mir und meiner Familie herzlich willkommen.« Arthur lächelte wehmüthig zu dem heiteren Wesen des alten Seemanns, der gewissermaßen zwei Naturen in sich vereinigte und mit demselben Eifer die Vernichtung eines feindlichen Schiffes sammt seiner vollzähligen Bemannung zu betreiben im Stande war, wie er jetzt für den früheren feindlichen Officier gleichsam in Wohlwollen zerfloß. Leicht ließ er sich dazu bewegen, den muntern Kapitän auf seinem Spaziergange zu begleiten, der sie ununterbrochen von dem einen Ende des Schiffes nach dem andern hinüberführte, bis endlich der Osten sich zu röthen begann und Beide das Bedürfniß nach Ruhe empfanden. »'s war ein harter Tag, calculir' ich,« bemerkte der Kapitän, als er sich von Arthur trennte. »Ein sehr harter Tag,« pflichtete dieser bedeutungsvoll bei. »Viel Unglück, viel Glück, und Alles endigend in frohes Wiedersehen,« rief der Kapitän rückwärts, »aber 's ist dem alten Gentleman die Freude recht zu gönnen: 'ne Pflegetochter und 'nen Brudersohn! Bei Gott! 's ist viel auf ein Mal. Aber so geht's, Mr. Arthur, auf 'ne Squall folgt Sonnenschein, und auch auf Euern Weg wird die Sonne des Glücks wieder leuchten.« »Alles endigend in frohes Wiedersehen,« sprach Arthur düster vor sich hin, indem er sich nach der Doppelreihe der leer stehenden Schlafkojen hinbegab. »Und Ich!« fragte er sich mit bitterm Hohne. Ein heiseres, halb ersticktes Lachen entwand sich seiner Brust. Angekleidet warf er sich auf sein Lager. Unablässig, einschläfernd polterten die Maschinen; einschläfernd zitterte das ganze Schiffsgebäude und brauste das von den Rädern zu Schaum gepeitschte Wasser an den glatten Planken dahin. Als endlich nach langem Grübeln ein unruhiger Schlummer sich Arthurs bemächtigte, da verfolgte der Dampfer seinen Weg lustig in den hellen Morgensonnenschein hinein. – Achtunddreißigstes Capitel. In Saint-Louis. Wochen waren vergangen. Der Reise auf dem Flußdampfer waren Fahrten auf Eisenbahnen und wiederum auf Flüssen gefolgt, bis alle diejenigen, welche eine wunderbare Fügung des Geschicks auf dem Savannah zusammengeführt hatte, wohlbehalten entweder ihr vorläufiges oder auch ihr Endziel erreichten. Die Mehrzahl derselben befand sich in St. Louis; nur Kapitän Iron und seine Schiffshände waren nach Philadelphia gegangen, wo des Ersteren Familie lebte. Von Allen hatte er den herzlichsten Abschied genommen, von Niemand aber inniger und gerührter, als von den beiden letzten Passagieren des untergegangenen Wassernix. Außerdem hatte er mit allen nur denkbaren Seemannseiden Johannes zugeschworen, daß er die räthselhafte Kiste für ihn ausfindig machen wollte, und wenn er gezwungen wäre, deshalb ganz Philadelphia und Washington sammt dem großen Washington-Monument auf den Kopf zu stellen. – Der alte Braun theilte seine Zeit wieder regelmäßig zwischen der Villa und den Geschäftsräumen in der Stadt; in der Villa sich erfreuend an Johannes' und Anna's Gesellschaft, in seinem Comptoir mit Befriedigung beobachtend, die Anstelligkeit und Gewandtheit seines Neffen Eberhard, der seinerseits von Tag zu Tag ernster und wortkarger wurde und mit einer gewissen Störrigkeit jede Erleichterung und sogar Freundlichkeit zurückwies, welche nicht in unmittelbare Beziehung zu seinen Leistungen gebracht werden konnte. So war er auch nicht zu bewegen gewesen, seine Wohnung in der Villa aufzuschlagen. Ihm genügte ein kleines, seinem anfangs bescheidenen Einkommen entsprechendes Zimmer. Nur gelegentlich stattete er einen Besuch in der Villa ab, wo er stets die liebevollste Aufnahme fand und von seinem Onkel ebenso bitter über seine abgeschiedene Lebensweise getadelt wurde, wie er ihm vielleicht wenige Stunden vorher mit undurchdringlichem Ernste im Comptoir die größte Zufriedenheit über seinen Fleiß und die echt kaufmännische Wortkargheit zu verstehen gegeben hatte. Mit Magnolia ohne Zeugen zu verkehren fand er selten Gelegenheit, und auch dann nur auf einige Minuten; diese Minuten reichten indessen hin, sich gegenseitig im Vertrauen zu bestärken und hoffnungsvoll des Zeitpunktes zu gedenken, in welchem nichts mehr sie hinderte, offen mit ihrem Anliegen vor ihren gemeinschaftlichen Wohlthäter hinzutreten und seine Vermittelung zu ihrer Verbindung zu erflehen. Arthur für seine Dienste zu gewinnen, war Braun dagegen nicht gelungen. Er bedauerte dies in hohem Grade, indem er den früheren Rebellenofficier gerade seines ernsten und zurückhaltenden Wesens wegen in sein Herz geschlossen hatte und ihn, theils aus eigenem Antriebe, theils auf warmes Zureden Anna's und ihres Freundes Johannes, zu bewegen wünschte, seine Absicht, den fernen Westen zu seiner Heimath zu wählen, aufzugeben. Gereift war diese Absicht in der Zeit seines Zusammenseins mit Sans-Bois, der, des Kriegslebens müde, mit seinen von Braun reich beschenkten Indianern sich den westlichen Wildnissen wieder zuzuwenden gedachte. – Nicht weit von den geräumigen Baulichkeiten, in welchen die Chefs der St. Louis-Pelz-Compagnie die dem Indianergebiet entnommenen Schätze an Häuten und Pelzwerk aufstapeln und zur Versendung nach allen Richtungen der Windrose herrichten und verpacken lassen, liegt ein unscheinbares Kosthaus, welches regelmäßig von den aus den westlichen Regionen eintreffenden Jägern und Eingeborenen aufgesucht wird. Diesen ist daselbst Gelegenheit geboten, ein Leben zu führen, welches ihren Gewohnheiten am meisten entspricht. Sie finden statt der gebräuchlichen Gasthofsbetten, aus zottigen Bisonhäuten hergestellte Lagerstätten; mächtige Kamine vertreten ihnen die im Freien geschürten Kochfeuer, und selbst bei der Zubereitung der Speisen wird ihrem gerade nicht verfeinerten Geschmack nach besten Kräften Rechnung getragen. In einem umfangreichen Gemache dieses Hauses hatten Sans-Bois und seine indianischen Genossen ihr Quartier aufgeschlagen, in welches Arthur sich mit ihnen theilte. Die Nacht war vorgeschritten. Ein leichter Frost hatte Straßen und Wege getrocknet, und über dieselben hin wehte und wirbelte der Nordweststurm große Schneemassen, welchen in dem verhältnißmäßig milden Klima freilich kein zu langes Leben beschieden war. Es stürmte indessen und der Schnee knisterte gegen die Fensterscheiben, daß man sich weit oben im eisigen Kanada oder an den Quellen des Missouri hätte wähnen können, wo man die von dem Nordpol entsendeten Luftströmungen gleich aus erster Hand empfing. Die Indianer reckten und dehnten sich in der von dem Kamin ausströmenden Gluth, bald die eine Seite, bald die andere gleichsam röstend und in wunderlicher Weise zu ihrem heiseren Gesänge mit der Hand den Takt auf der dröhnenden Brust schlagend. »Hau – hau, kero – kero – li – la!« summte es zwischen den in bunter Reihe liegenden Gestalten der Omahas, des Mestizen und des listigen Brise-glace. »Ot – toe, Wine – bag, Ot – toe, Winebag!« Sans-Bois kauerte dicht neben dem Kamin; neben ihm auf einer zusammengerollten Bisonhaut saß Arthur. »'s ist gar nicht, als ob man sich mitten in einer großen Stadt befände,« bemerkte Ersterer, indem er die Blicke über die singenden Indianer fort durch das Gemach sandte, welches sein Licht nur durch die lodernden Flammen in dem Kamin erhielt. Arthur schaute ebenfalls um sich; Alles in seiner Umgebung schien ihn auch zum Nachdenken aufzufordern: Die eigenthümliche Ordnung, in welcher die phantastischen Kleidungsstücke und Waffen der Indianer theils an den rußigen Wänden hingen, theils auf der Erde umher lagen, wie die flackernde Beleuchtung, welche den ruhigen menschlichen Gestalten und den todten Gegenständen gewissermaßen Leben verlieh und die Schatten in tanzende Bewegung versetzte. »Solche bequemen Zufluchtsstätten werden wir uns später schwerlich alle Tage erfreuen,« entgegnete er auf seines ergrauten Gefährten Anrede. »Nun, wenn auch nicht alle Tage, so doch gelegentlich,« erwiderte Sans-Bois gleichmüthig, »und ist es nicht ein Handelsposten, auf welchem wir überwintern, so thun's auch die ledernen Wände eines Zeltes, oder eine gute Erdhöhle. Man kann sich überall zufrieden fühlen, vorausgesetzt, man ist fest entschlossen, mit der Vergangenheit zu brechen und dem Geiste einen unbegrenzten Raum zu traurigen Grübeleien zu gewähren. Diese nur selten unterbrochene Einförmigkeit – denn wo finden Sie im Westen Geistesverwandte – dient am wenigsten dazu, dem Leben Reize zu verleihen, und reiflich sollten Sie überlegen, bevor Sie hinter sich die Brücke zu einem Ihren Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechenden Leben abbrechen.« Arthur sah vor sich in die Flammen und schürte mit einem alten eisernen Ladestock die Gluth. »Haben Sie selbst es doch über sich gewonnen, einen solchen Schritt zu thun,« versetzte er endlich träumerisch, »und in Ihren jüngeren Jahren waren Sie gewiß berechtigter, als ich, hohe Ansprüche an das Leben und seine Genüsse zu erheben.« Des alten Jägers Gesicht verfinsterte sich, und erst nach längerem schmerzlichen Brüten nahm er die Unterhaltung wieder auf. »Begingen Sie in Ihrem Leben Handlungen, welche Sie zu bereuen Ursache haben?« fragte er, ohne aufzublicken. »Viel, sehr viel bereue ich,« antwortete Arthur nicht minder düster, »und da ich nicht mehr auf jene Grenze gestellt werden kann, von welcher aus ich den ersten Schritt in die weite Welt hinein that, ich aber nicht im Stande bin, den Stachel aus meiner Brust zu reißen, welchen ich selbst mir vermessener Weise in dieselbe eingrub, so bleibt mir kein anderer Ausweg, als – wie Sie es nennen – mit der Vergangenheit zu brechen.« »Man kann tadelnswerthe Handlungen des Leichtsinns, des Jähzorns, des verletzten Stolzes, des ohnmächtigen Ringens nach Gold und Ruhm beklagen, ohne deshalb auch nur einen Hauch der Ehre eingebüßt zu haben; so lange das aber der Fall ist, steht die Rückkehr zu einem ruhigen und gesitteten Lebenswandel immer noch offen,« bemerkte Sans-Bois mit einem forschenden Seitenblick auf seinen jungen Gefährten. »Eine ehrlose Handlung beging ich nie,« antwortete Arthur, und heimliche Entrüstung trieb ihm das Blut bis in die Schläfen hinauf; »übrigens kommt meine Vergangenheit durchaus gar nicht in Betracht, wenn ich den Entschluß gefaßt habe, mich dem Geräusch der civilisirten Welt zu entziehen. Ich will eben dahin gehen, wo ich der Möglichkeit ausweiche, Menschen zu begegnen, welche mich in meinen früheren Lebensverhältnissen kannten und deren leisestes Spottlächeln ich nicht zu ertragen vermöchte. Die Träume, zu welchen ich mich berechtigt glaubte, sind zerstoben, mich täuschen nicht mehr Sonnenblicke, die ebenso hell auf versengte Haiden, wie auf reich gesegnete grünende Fluren fallen.« »Verstehen Sie unter Sonnenblicke das freundliche Lächeln der Adoptivtochter unseres gemeinsamen Freundes?« fragte San-Bois, und ein milder Schimmer breitete sich über seine eisenharten Züge aus. Arthur zögerte. »Nun ja,« versetzte er endlich, »das Lächeln dieses lieblichen Wesens kann immerhin mit einem belebenden Sonnenblicke verglichen werden, dessen sich alle Menschen, die in seinen Bereich treten, in gleichem Maaße erfreuen.« »Aber wie, wenn gerade dieses liebliche Wesen mich unumwunden aufgefordert hätte, mit aller Macht dahin zu wirken, daß Sie Ihren Entschluß, nach dem Westen zu ziehen, aufgeben?« »Das hat sie gethan?« fragte Arthur überrascht, während eine helle Freude aus seinen Augen leuchtete. Gleich darauf aber kehrte sein sinnender Ernst wieder zurück und unbewußt heftiger in der Gluth schürend, fuhr er, seine Worte langsam abmessend, fort: »Wenn Fräulein Werth dergleichen zu Ihnen sprach, so lag unstreitig die unbestimmte Absicht zu Grunde, mich vor einem Leben zu bewahren, welches sie sich als ein äußerst gefahrvolles vorstellt. Etwas Dankbarkeit für geleistete Dienste, welche sie viel zu hoch anschlägt, mag wohl mit dabei sein, dagegen hege ich die feste Ueberzeugung, daß sie jeder andern ihr befreundeten Person ganz dieselbe Theilnahme erweisen würde. Ich kenne nur Einen, der sich einer höheren Bevorzugung von ihr erfreut, und das ist ihr Begleiter, der nicht nur ihr Vertrauen im weitesten Umfange besitzt, sondern dasselbe auch verdient. Doch gleichviel, selbst eine sichtbare Bevorzugung meiner Person würde mich nur veranlassen, meine Abreise zu beschleunigen; oder halten Sie etwa für möglich, daß ich, obwohl nur ein mittelloser Abenteurer – und beseelte mich die unergründlichste Liebe – es über mich vermöchte, nach den Schätzen des Herrn Braun zu streben, die ohne Zweifel einmal – zum Theil wenigstens – auf seine Adoptivtochter übergehen? Wie niedrig, unwürdig müßte ich mir selbst dem jungen Eberhard Braun gegenüber erscheinen, der nicht einmal von seinem nahen Verwandten andere Unterstützungen annimmt, als solche, welche ihm seine redlichen Arbeiten eintragen? Und er könnte gewiß über eine erhebliche Jahresrente verfugen, bestimmte ihn nicht ein hohes Selbstbewußtsein, ein gewisser männlicher Stolz, oder – ha – warum sage ich nicht: ein unverfälschtes Rechtsgefühl in seinen Handlungen!« »Den jungen Braun halte ich nicht minder für einen Ehrenmann, wie den Begleiter des jungen Mädchens,« bemerkte Sans-Bois, noch immer schmerzlichen Betrachtungen hingegeben, »nur etwas überspannt, – ja, krankhaft überspannt erscheint er mir, denn anders kann ich die Aengstlichkeit nicht deuten, welche im Verkehr mit dem alten Braun in seinem Wesen zum Durchbruch kommt.« »Aengstlich ist er sehr,« bekräftigte Arthur, und ein spöttisches Lächeln schwebte auf seinen Zügen, »doch lassen wir ihn, wer weiß, was er vor seinem Onkel zu verheimlichen wünscht.« »Vielleicht seine Liebe zu Magnolia,« versetzte Sans-Bois, wie entschuldigend. »Sie glauben – Sie halten für möglich?« fragte Arthur mit einer Heftigkeit, welche den hohen Grad seines Erstaunens bekundete. Sans-Bois blickte dem jungen Mann befremdet in die Augen. »Ihnen sollte es entgangen sein?« fragte er zurück, »doch ich vergesse,« fügte er gleich darauf erläuternd hinzu, »Sie hatten nicht die Gelegenheit, die beiden jungen Leute zu beobachten, wie ich, der ich längere Zeit unter den schwierigsten Verhältnissen in ihrer Gesellschaft reiste. O, ich begreife, Magnolia zählt noch immer zu den Farbigen; die beiden jungen Leute halten es deshalb wohl für gerathen, bis sie einen sicheren und ausführbaren Plan für die Zukunft entworfen haben, vorsichtig zu sein. Ist es doch zweifelhaft, daß der alte Braun, obwohl ein warmer Verfechter der Freiheit aller Farbigen, das zwischen seinem Neffen und Magnolia bestehende Verhältniß billigen würde.« Arthur vernahm die letzten Worte kaum, so tief hatten ihn des alten Pelzjägers Mittheilungen ergriffen. Regungslos starrte er in die Flammen, die polternd in den Schlot hineinschlugen und den untern Theil des in seiner Hand befindlichen Schüreisens in Rothgluth versetzten. »Also deshalb?« sprach er nach einer Weile halblaut, indem er das Haupt sinnend wiegte; dann stieß er mit dem glühenden Ladestock auf einen Holzblock, daß jener sich verbog, und er daher gezwungen war, das geschmeidige Eisen zwischen zwei andere Blöcke zu klemmen und es wieder gerade zu biegen. »Worauf beziehen Sie sich?« fragte Sans-Bois, nachdem er Arthur längere Zeit gespannt beobachtet hatte. Der Angeredete heftete seine Blicke durchdringend auf den alten Mann, als hätte er in seinem Innern lesen wollen, wie weit er seine Gedanken unabsichtlich verrathen habe. »Ihre Enthüllungen verschaffen mir über Manches Klarheit, was mir vorher räthselhaft erschien,« sprach er darauf langsam und sichtbar erregt, »der junge Braun verdient vielleicht gar keinen Tadel, indem die Liebe zu einem ehrenwerthen Mädchen allein die Triebfeder gewesen ist – dann die sich ihm voraussichtlich entgegenstellenden Hindernisse – man kann sich zu unüberlegten Handlungen hinreißen lassen« – »Zu unüberlegten Handlungen?« fragte Sans-Bois befremdet. »Ich meine, zu einem so seltsamen Wesen,« versetzte Arthur mit einer leichten Verwirrung, »und seltsam ist es in so hohem Grade, weil Offenheit wohl ursprünglich in seinem Charakter liegt.« »Und dennoch hat er es verstanden, meine herzlichste Theilnahme für sich zu gewinnen, so daß ich bei ihm mehr, als bei irgend einem andern Menschen geneigt bin, Alles zu entschuldigen,« bemerkte Sans-Bois, wie zu sich selbst gesprochen, »sogar die Scheu, an seine Eltern zu schreiben, dagegen es Andern anheim zu stellen, über sein Wohlergehen nach Europa zu berichten, findet eine Erklärung darin, daß unbezähmbarer Hochmuth ihn von der Heimath forttrieb und er sich daher schämt, wieder unmittelbar mit derselben in Verbindung zu treten, bevor er im Stande ist, zu beweisen, daß sein übereilter Entschluß dennoch zu einem guten Ende führte.« »Eberhard Brauns Stolz ist unbeugsam,« bekräftigte Arthur, und im Tone seiner Stimme lag wiederum ein bitterer Spott; »doch was halten Sie von Redsteel?« »Redsteel? Ich kann nur mein Erstaunen darüber ausdrücken, daß ein Mann, wie Braun, ihm sein Vertrauen schenkt.« »Sie haben ihn also durchschaut?« »Ich glaube, seinen Charakter genugsam zu kennen, fühle mich aber nicht veranlaßt, gegen ihn aufzutreten, oder ihm mein Mißtrauen zu verstehen zu geben.« »Er scheint einen schwer wiegenden Einfluß auf Eberhard Braun auszuüben?« »Das läßt sich nicht leugnen.« »Während dieser wieder eine gewisse Scheu vor ihm hegt.« »Auch das habe ich bemerkt.« Arthur schaute längere Zeit, wie über irgend einen Gegenstand ernstlich nachdenkend, vor sich in die Flammen. »Ihr Aufschluß über das zwischen Eberhard und Magnolia bestehende Verhältniß überrascht mich,« sprach er endlich, und auf seinem Antlitz wogte es wie ein Heer von Zweifeln, »und ich möchte meinen hiesigen Aufenthalt jetzt wohl noch etwas verlängern – ich meine – nun – vielleicht können wir ihm einen Dienst leisten.« »Dem Eberhard?« fragte Sans-Bois, seinen zukünftigen Jagdgenossen wieder forschend betrachtend, »wie sollte das möglich sein? Doch wir haben keine Eile; das Wetter würde uns überhaupt in den nächsten Tagen nicht begünstigen – wäre aber das Ergebniß einer Zögerung, daß Sie Ihren Entschluß änderten – so ungern ich Ihre Gesellschaft einbüße – ich würde es dennoch willkommen heißen.« »Mein Entschluß ist unerschütterlich,« antwortete Arthur entschieden, »in der civilisirten Welt suche ich nichts mehr, hoffe ich nichts mehr; ich habe gebrochen mit Allem, was hinter mir liegt. Auch ich besitze meinen Stolz, und dieser Stolz bildet eine unübersteigliche Scheidewand zwischen mir und denjenigen, die mich einst kannten und mir, als einem Verstorbenen, vielleicht heute noch ein freundliches Andenken bewahren.« »Leben Ihre Eltern noch?« fragte Sans-Bois wie im Traume. »Sie leben noch,« antwortete Arthur eintönig, »und hoffentlich haben sie sich zur Zeit über den Verlust ihres Sohnes getröstet. Sonstige Verwandte aber und Jugendbekannte? Ha! Trauen Sie mir zu, daß ich als Bettler vor meine wohlhabenden Verwandten hintreten möchte, oder daß ich den Muth besäße, hinter den Freudenthränen der Eltern den namenlosen Kummer zu berechnen, welchen ihr ungerathener Sohn ihnen bereitete, und mich schließlich noch von ihnen, den Alternden, die selbst nicht im Ueberfluß leben, durch ihrer Hände Arbeit ernähren zu lassen? Nein, lieber beweint als ein Gestorbener, denn betrauert und bemitleidet als ein Gesunkener. O, Sie ahnen nicht, was es bedeutet, Andere und sich selbst in unsäglichen Kummer gestürzt zu haben, der nie wieder, durch kein Mittel der Welt, selbst nicht durch die Verwirklichung eines holden, flüchtigen Traumes ungeschehen gemacht werden kann.« »Schwebte Ihnen im Traume etwa das Bild der lieblichen Adoptivtochter Brauns vor?« fragte Sans-Bois mit freundlicher Theilnahme. Arthur errötete, und Tausende von Funken schickten die brennenden Holzkloben in den Schlot hinauf, vor der Heftigkeit, mit welcher er, mittelst des Ladestocks, die obersten Scheite zurückstieß. »Das habe ich nicht gesagt,« erwiderte er heiser vor innerer Aufregung, »und hätte ich es gedacht, wäre es eben ungerechtfertigt und tadelnswerth gewesen. Ha, mit welchem Rechte dürfte ich überhaupt wagen, störend auf ein Verhältniß einzuwirken – welches nicht inniger, nicht hingebender, nicht freier von jeder unedlen Leidenschaft gedacht werden kann, als das zwischen Anna und Johannes? O, Sie hätten nur hören sollen, mit welchem heiligen Vertrauen er mir die schönen Herzenseigenschaften seiner geliebten Anna schilderte, mit welchem Stolz er darauf hindeutete, daß derjenige, der sie einst besitzen würde, den Himmel auf Erden finde! Doch wohin verirren sich meine Gedanken? Der Westen ist fortan meine Heimath – sprechen wir daher lieber von dem schönen, dem romantischen Westen!« Sans-Bois' wetterzerrissenes Antlitz erhielt bei diesen von Arthur mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit, fast höhnisch ausgestoßenen Worten einen unendlich schwermüthigen Ausdruck, und erst nach einer längeren Pause fragte er mit tiefem Ernste: »Glauben Sie wirklich, in den westlichen Wildnissen Heilung für Ihr augenblicklich vielleicht zerrissenes Gemüth zu finden? Hoffen Sie wirklich, daß sich dort die Ereignisse so schnell an einander reihen, daß Ihnen nicht Zeit bleibt, über das, was Sie bekümmert, nachzudenken? O, wie täuschen Sie sich! Der bitterste Feind eines zu Grübeleien hinneigenden Menschen ist die Einsamkeit. Vertrauen Sie mir, seit beinahe einem Vierteljahrhundert durchstreife ich nunmehr schon den fernen Westen, um geistige Ruhe zu finden, um zu vergessen, allein vergeblich. Doch ich klage nicht, ich habe mein Geschick verdient, während Sie – doch was hält mich zurück, Ihnen meine Vergangenheit zu schildern? Und gelingt es mir dadurch, Sie von Ihrem unseligen Vorhaben zurückzubringen, so habe ich – nun so habe ich wenigstens nicht ganz umsonst gelebt.« – Die Indianer hatten, Einer nach dem Andern, ihren monotonen Gesang eingestellt und waren eingeschlafen. In dem durchwärmten Räume der Decken nicht bedürfend, lagen die kriegerischen Gestalten in den malerischsten Gruppen da. Ueber sie hin flog die flackernde Beleuchtung, daß es den Eindruck hervorrief, als seien sie von krampfhaften Zuckungen befallen worden, oder im Begriff gewesen, emporzuspringen und nach ihren blanken Waffen zu greifen. Selbst die Waffen, die, vereinigt mit wunderlichen Zierrathen und eigenthümlichen Kleidungsstücken in bunter Ordnung an den Wänden umherhingen, schienen zu leben und die Zeit nicht erwarten zu können, in welcher sie von ihren braunen Eigenthümern wieder angelegt werden würden. Gegen die Fensterscheiben knisterte der Schnee; heulend fuhr der Februarsturm in den Schornstein. Die Indianer athmeten lang und tief; unverständlich entwanden sich hin und wieder ihren Lippen gemurmelte Worte, entnommen den Träumen, welche sie in ihre alten geliebten Jagdgründe zurückversetzten, wo sie einst den Bogen spannen, aus rothem Stein den Pfeifenkopf schnitzen und mühsam glatt schleifen lernten. Sans-Bois, Arme und Oberkörper auf die emporgezogenen Kniee gestützt und die Augen den lodernden Flammen zugekehrt, erzählte: »Auch ich hatte meine Jugend, eine heitere, frohe Jugend, auf welche ein schönes Mannesalter hätte aufgebaut werden können, wäre nicht durch angeborenen Leichtsinn in Gemeinschaft mit den verderblichsten Grundsätzen, welche mir von denjenigen, die mich belehren sollten, eingeimpft wurden, mein Untergang herbeigeführt worden. Heute ein Pelzjäger, war ich daheim ein Edelmann; die Ueberzeugung, besser zusein, als andere Menschen, es als eine Ehre für den Bürgerstand zu betrachten, – doch weshalb mich in die Erinnerung an jene glänzenden, aber auch schmachvollen Tage versenken? Hin ist hin, und von dem hochmüthigen Edelmann und Officier ist nichts geblieben, als ein alter, vereinsamter und verwitternder Stamm. »Und dennoch schien ein gütiges Geschick sich die Aufgabe gestellt zu haben, mich dem Sumpfe des Lasters zu entreißen, in welchen ich, gemeinschaftlich mit einzelnen Kameraden, von Tag zu Tag tiefer gesunken war. »Eingenommen durch mein stattliches Aeußere, am wenigsten aber durch meine geistigen Eigenschaften, welche künstlich zu umhüllen ich meisterhaft verstand, folgte ein braves und zugleich schönes Mädchen, die Tochter wohlhabender bürgerlicher Eltern, mir zum Altar. Wie meine Frau schon wenige Tage nach unserer Hochzeit ihre Meinung über mich änderte, lasse ich unerörtert; ich deute nur an, daß ich glaubte, durch meine Verheirathung mit ihr eine hohe Ehre auf sie und ihre ganze Verwandtschaft übertragen zu haben und dafür berechtigt zu sein, ihr Vermögen nach besten Kräften in kürzester Zeit zu vergeuden. »Die Eltern meiner Frau, gegen mich sowohl, als auch gegen den ganzen Stand, welchem ich angehörte, streng eingenommen, hatten nämlich ihre Einwilligung zu der Heirath ihrer Tochter versagt, dann aber, als diese mit aller Macht auf ihrem Entschluß beharrte – und ich verstand es ja, sie nach meinem Willen zu lenken – ihr das ihr von Rechtswegen gebührende Erbtheil ausgezahlt, mit der Bedingung, sich von dem Tage der Hochzeit an nicht mehr als zu ihrer Familie gehörig zu betrachten. Mir selbst konnte diese Bedingung nur willkommen sein, während meine Frau kaum zum Bewußtsein ihrer Lage gelangte, indem ich sie, wo nur immer thunlich, mit in den Strudel der Vergnügungen hineinriß. »Anfangs sträubte sie sich zwar, mit gütigen Worten und freundlichem Flehen darauf hinweisend, daß sie eine größere Zurückgezogenheit an meiner Seite erwartet hätte; sobald ich aber, nachdem ich einigemal ihre geäußerten Bedenken von ihren Lippen fortgeküßt hatte, herrisch auftrat, mit wahrhaft teuflischer Rohheit unsern Standesunterschied hervorhob und ihre Neigungen meinen sogenannten noblen Passionen gegenüber kleinbürgerlich und gemein nannte, verstummte sie, um nie wieder eine ähnliche Klage an mich zu richten. »O mein Gott, hätte ich die arme mißhandelte Frau damals als meinen guten Engel betrachtet und mich von ihr lenken und leiten lassen, ihr irdisches Glück wäre nimmer zerstört worden, und das meinige? Ha! Welche Ansprüche hätte ich schon damals an wahres Glück erheben dürfen, wenn nicht eben das meiner armen mißleiteten Frau dadurch bedingt gewesen wäre? »Ich stürmte wild und rücksichtslos ins Leben hinein, und unter meinen Kameraden befand sich kein einziger, der nicht mit Freuden bereit gewesen wäre, mir das Vermögen meiner Frau, der bürgerlich Geborenen, verprassen zu helfen, wie man mir bei Vergeudung meines eigenen schon hülfreich zur Seite gestanden hatte. War ich erst ruinirt, war es ja immer früh genug, den Umgang mit mir abzubrechen und mir den wohlmeinenden Rath zu ertheilen, schleunigst um meinen Abschied einzukommen. O, jene Zeiten! Wie schmeckte meinen leichtsinnigen Kameraden, die gleich mir auf einen Geschäftsmann, wie auf ein nützliches Thier niederschauten, ähnlich wie die Sklavenbarone die farbigen Racen betrachten, der Champagner, der von dem Golde bezahlt wurde, welches hinter dem Ladentisch verdient worden war! Und wie zogen sie das mit bürgerlicher Betriebsamkeit ersparte und erworbene Gut an sich, wenn die treulosen Karten im Spiel über dasselbe entschieden! Und die Eltern meiner Frau? Freilich, sie wußten, was sie thaten, als sie am Tage der Hochzeit ihrer Tochter einen Revers von ihr unterschreiben ließen, laut dessen sie sich mit der ihr zuerkannten Summe für abgefunden erklärte; sie wußten, was sie thaten, als sie dieses Uebereinkommen unter der Hand veröffentlichten und mir dadurch den Credit abschnitten, welchen die Verwandtschaft mit ihnen mir sicherlich hier und da eröffnet hätte. Einestheils wollten sie selbst sich durch solches Verfahren gegen empfindliche Verluste schützen, anderntheils besaßen sie noch mehr Kinder, und endlich wünschten sie auch den Zeitpunkt nicht noch weiter hinauszuschieben, bis zu welchem ich ruinirt sein, ihr Kind aber wieder zu ihnen zurückkehren würde. »Im zweiten Jahre unserer Verheirathung wurde uns ein Knabe geboren. Ich freute mich wohl über das Kind, zugleich verdroß es mich aber, daß die Kameraden meinen Sohn in Anfällen heiterer Laune den Halbblütigen nannten. Genug, eine reine Freude vermochte ich schon lange nicht mehr zu empfinden, weil meine Vermögensverhältnisse im höchsten Grade zerrüttet waren und der Haß, welchen ich den Eltern meiner Frau nachtrug, theilweise auf diese und den unschuldigen Knaben übergegangen war. Es kann daher nur Trotz genannt werden, was mich dazu bewog, eine Taufe zu feiern, so glänzend und auffallend, wie sie im gewöhnlichen Leben nicht leicht stattfindet, die aber auch bei den tollen Festlichkeiten, welche ich veranstaltete, den letzten Rest des Vermögens meiner Frau verschlang. »Meine unglückliche Frau war nicht blind für mein unsinniges Treiben, allein kein Wort der Klage kam über ihre Lippen; selbst als sie die untrüglichsten Beweise meiner Treulosigkeit empfing, enthielt sie sich jeden Vorwurfs. Ein unbeugsamer Stolz beseelte auch sie, und mochte sie heimlich unzählige Thränen über ihren kleinen unschuldigen Knaben weinen, so wäre sie doch lieber gestorben, als gegen diejenigen in die Schranken getreten, durch deren Gesellschaft ich mich und sie mit mir so tief entwürdigte. »Als ich wenige Tage nach der tollen Taufe vor sie hintrat und sie zuerst bat, dann aber unter der Drohung, mich vor ihren Augen zu erschießen, sie aufforderte, von ihrem Vater, der nicht einmal in derselben Stadt mit uns lebte, Hülfe zu verschaffen, lernte ich ihren Stolz erst in seinem ganzen Umfange kennen. Ich erröthete vor ihr, theils aus Scham, theils vor Wuth über ihre Weigerung, meinem Willen nachzukommen. »Ich habe mit Dir im Ueberfluß gelebt,« sagte sie mit ruhiger Erhabenheit, »ich kann mit Dir auch Mangel und Entbehrungen erdulden. Was ich von meinen Eltern erwarten durfte, habe ich erhalten; ich verließ sie mit einem ansehnlichen Vermögen, und schon in Deiner Seele bin ich zu stolz, als Bettlerin vor ihnen zu erscheinen.« »So trage denn die Folgen Deines Eigensinns!« rief ich wuthbebend aus, und ich stürmte davon, um noch an demselben Abend meine Laufbahn als wirklicher Spieler zu beginnen. »Thor, der ich war! Nicht ungewandt im Volteschlagen, welche Fertigkeit ich bisher dazu benutzte, in geselligen Kreisen zu unterhalten, glaubte ich in meiner wahnsinnigen Aufregung, dieselbe jetzt zur Verbesserung meiner Vermögensverhältnisse anwenden zu können. Doch ich hatte es nicht mit Neulingen zu thun; nach dem ich gezwungen gewesen, mein falsches Spiel mehrfach als Irrthum zu entschuldigen, mußte ich richtig spielen, wollte ich nicht den gegen mich erwachten Verdacht in Ueberzeugung verwandeln und die entsetzlichsten Folgen auf mich laden. »Meine Aufregung stieg dadurch aufs Aeußerste; diejenigen, mit denen ich spielte, besaßen wohl kaum einen höhern moralischen Werth, als ich; auch sie waren heftig erregt, wenn ihre Hitze auch mehr dem Genusse des Weines zugeschrieben werden durfte. Ich setzte daher hohe Summen auf Ehrenwort, obgleich ich wußte, daß ich im Falle des Verlierens sie nie würde bezahlen können. »Wer das Geschick einmal herausgefordert hat, um sich von ihm verderben zu lassen, den verdirbt es mit schnellen Schlägen. So erging es auch mir in jener unheilvollen Nacht, denn kaum hatte ich meine sogenannte Ehre eingesetzt, da war sie schon verloren.« Hier neigte Sans-Bois das Haupt auf die Brust und als er nach einer Weile wieder aufsah, schimmerten seine Augen feucht. »Entsetzen Sie sich nicht vor mir,« wendete er sich an Arthur, »denn schwer habe ich gebüßt für die in meiner Jugend begangenen Verbrechen. Ich wurde getrennt von Allem, dessen Werth ich erst nach dieser Trennung kennen lernte, und nur noch wie durch einen dichten Nebel hindurch blicken aus jenen längst vergangenen Tagen Gestalten zu mir herüber, die ursprünglich bestimmt gewesen, mir das höchste Glück zu bereiten. »Doch ich bin noch nicht zu Ende; indem ich mich lebhaft in die Erinnerung an die größte Schmach meines Lebens versenkte, empfand ich nur eine gewisse Scheu, dieselbe vor Ihnen zu enthüllen. Es ist überwunden jetzt, ich bin bereit, fortzufahren, nur das Nennen von Namen werden Sie mir erlassen. »Ich bin ruinirt! Rief ich also an jenem verhängnißvollen Abend aus, und das Blut drang mir so heftig nach dem Kopfe, daß ich glaubte, es würde meinen Verstand verwirren und mir die Schläfen zersprengen; ich bin ruinirt, wenn mein letzter Einsatz nicht angenommen wird. »Bei diesem wahrscheinlich mit unheimlichem Ausdruck hervorgebrachten Rufe richteten sich alle Augen erwartungsvoll auf mich. Ich aber hohnlachte, und meinen ganzen Haß gegen die Eltern meiner Frau zusammenraffend, die mich zwar retten konnten, aber nicht wollten, sprach ich mit erzwungener Ruhe: »Zu welchem Preise wird meine Frau angenommen?« »Niemand antwortete. Ich glaube, man hielt mich für verrückt; denn erst als ich auf Ehrenwort versicherte, daß der gräßliche Vorschlag ernstlich gemeint sei, frischten sich die Gemüther wieder auf und ich vernahm die zum Theil mit lallender Stimme ertheilten, bezeichnenden Fragen: »»Was? Die schöne Bürgerliche? Die Krämertochter? Die unebenbürtige und daher Ungültige?«« »Ja, die schöne bürgerliche Ungültige! Rief ich aus, denn wie vergiftete Stacheln drangen die nichtswürdigen Bemerkungen in meine Seele ein, die schöne Bürgerliche, die Krämertochter, die Mutter eines Bastards, aber noch immer ein Weib, wie es nicht verlockender gedacht werden kann. »O, es waren entsetzliche Worte; aber noch entsetzlicher, daß man auf meine Anerbietungen einging und bald darauf die Karten über hohe Summen und meine Frau entschieden. »Die Geldsumme gewann ich, das heißt die Summe, welche ich bereits schuldete, wogegen ein mit dem Namen meiner Frau beschriebener Zettel von der einen Hand in die andere wanderte. »Was wir bei diesem grausigen Handel dachten, ist mir nie recht klar geworden; ich entsinne mich nur, daß wir in jener Stunde bacchanalischer Aufregung den Zettel ebenso betrachteten, wie ein südlicher Pflanzer etwa den auf eine hübsche und verkäufliche Mulattin lautenden Schuldschein, mit dem Unterschiede, daß jener sich in der That nur als ein elendes Stück Papier auswies. »Erst zwei Tage später kehrte ich nach Hause zurück. Eine Art Scham hatte sich meiner bemächtigt; ich wagte es nicht, meiner Frau unter die Augen zu treten, und als ich endlich nicht umhin konnte, da versuchte ich, eine Miene zu erheucheln, als ob die Gerüchte, welche wirklich bis zu ihr gedrungen waren und für deren Wahrheit sich sogar der schlagendste Beweis in ihren Händen befand, auf böswilliger Erfindung beruht hätten. Mit heiterer Miene näherte ich mich ihr, sogleich nach unserm Sohne fragend. »»Ihr Sohn ist todt für Sie, mein Herr!«« tönte es mir von den bebenden Lippen wie ein Gottesurtheil entgegen, »»und mit Rücksicht auf meine Person kann ich Sie nur bitten, diese beiden Gemächer so lange zu meiden, bis ebensowohl über Ihre Stellung in der Armee, als auch über unser eheliches Verhältniß höheren Ortes entschieden worden ist.«« »Dies sind die letzten Worte, welche ich von meiner Frau vernahm. Ihr zu antworten vermochte ich nicht in meinem Schuldbewußtsein. Mit einem schlecht erkünstelten, hochmüthigen Achselzucken verließ ich das Zimmer; die Schmähungen gegen die Krämerfamilie, welche mir auf der Zunge schwebten, erstarben, bevor sie eine meinem Haß entsprechende Form gewonnen hatten. »Schon am andern Tage erhielt ich einen Urlaub auf unbestimmte Zeit, welchem bald darauf mein Abschied nachfolgte. An diesen aber schloß sich binnen kurzer Frist die Scheidung von meiner Frau an, aus welcher ich mit einer Summe hervorging, gerade ausreichend, das Land verlassen zu können. »Ich ging nach New-York, von wo aus ich versuchte, mit meiner geschiedenen Frau in Briefwechsel zu treten. Meine Briefe blieben indessen unbeantwortet; meine Frau hatte gesagt, sie und ihr Kind würden todt für mich sein und sie verstand es besser, als ich, Wort zu halten. »Die Mittel, welche ich von Europa mit fortgenommen hatte, neigten sich, trotz meiner großen Sparsamkeit, schnell ihrem Ende zu, und jetzt erst gelangte ich so recht zu dem Bewußtsein meiner gänzlichen Werthlosigkeit. »Zerrissen, unheilbar zerrissen waren die Bande, welche mich an die Heimath fesselten. Ungeliebt, verachtet, vielleicht sogar verflucht von denjenigen, welchen ich in treuer Anhänglichkeit hätte zugehören sollen, mußte ich fortan einsam meinen Weg wandeln, nur begleitet von marternden Gewissensbissen, nicht einmal getröstet durch eine einzige, wehmüthige, milde Rückerinnerung. »Zum Officier erzogen, eignete ich mich nicht für das Geschäftsleben, um einen andern Erwerbszweig einzuschlagen, reichten meine geringen Kenntnisse nicht aus. Den Westen betrachtete ich daher als das einzige Feld, auf welchem ich glaubte, mich nothdürftig durchschlagen zu können, und dahin lenkte ich meine Schritte, sobald die äußeren Verhältnisse es mir gestatteten. »Beinahe fünfundzwanzig Jahre sind verstrichen, seit ich zum ersten Male die Prairie betrat, aber auch dort mußte ich mich lange zu Dienstleistungen für Andere verstehen, bevor ich als Pelzjäger und Fallensteller anerkannt wurde und im Kreise dieser verwegenen, halbwilden Leute mitsprechen durfte. »Bald als Freitrapper, bald im Dienste der Pelz-Compagnie habe ich diese Zeit verbracht – heute ist es mir, als seien die Jahre im Fluge entschwunden, und dennoch, wie langsam verrannen die Stunden, welche ich in tiefer Einsamkeit des Winters, mit keiner andern Gesellschaft, als der meiner trüben Betrachtungen verlebte. Mein Haar ist ergraut, meine Kräfte nehmen ab, trotzdem meine ich oft, es sei erst gestern gewesen, als ich – doch wozu? An das Enteilen der Zeit werde ich täglich gemahnt; denn bei jedem neuen Blick in die Vergangenheit erscheinen mir die einst so trauten Gesichter fremder und undeutlicher, als sei es nur ein wüster Traum gewesen, welchen ich einst im rüstigsten Jugendalter träumte. O, mein Gott! Wäre es doch nur ein Traum gewesen.« Traurig, unendlich traurig klang Sans-Bois' Stimme, als er die Schilderung seines Lebens schloß und dann wieder düster in die Flammen stierte. »Und von den Ihrigen hörten Sie nie wieder?« fragte Arthur endlich, dessen innigste Theilnahme durch die Bekenntnisse des alten Jägers wach gerufen worden war. »Nein,« lautete die eintönige Antwort; »nachdem die ersten Versuche, wenigstens Nachricht über meinen Sohn zu erhalten, gescheitert waren, gab ich alle ferneren Versuche auf, wohl erwägend, daß es für die Ruhe derjenigen, die ich einst Gattin nannte, wie für mein eigenes Kind besser sei, zu den Todten und Verschollenen gerechnet zu werden. Das Urtheil über Verstorbene lautet ja immer etwas milder; vielleicht habe ich dadurch erreicht, daß die arme gekränkte Frau, wenn ihr Sohn nach seinem Vater fragte, ein freundlicheres Bild von dem längst Dahingeschiedenen entwarf. Vielleicht sind beide auch schon todt. Wer kann es wissen? Ich erfuhr nicht einmal, ob meine Frau wieder in ihr elterliches Haus zurückgekehrt sei, oder eine gänzliche Trennung von demselben vorgezogen habe. Letzteres ist wahrscheinlicher, indem sie einen Stolz besaß, der ihr wohl gestattete, den härtesten Entbehrungen und Widerwärtigkeiten zu begegnen, allein nicht die Vergebung und Mildthätigkeit selbst ihrer eigenen Eltern anzuflehen. »Sie kennen jetzt meine Lebensgeschichte,« fuhr Sans-Bois nach längerem trüben Sinnen zu Arthur aufschauend, mit einem schmerzlichen Seufzer fort, »schwerwiegende Umstände waren erforderlich, diese Bekenntnisse über meine Lippen zu locken, die Scheu zu besiegen, welche ich empfinde, andere Menschen zu Mitwissern meiner Vergehen und meines Grames zu machen. Sie sind jetzt in der Lage, Vergleiche anzustellen; nähern sich Ihre Erfahrungen den meinigen, möchten auch Sie durch das Aufsuchen der Einsamkeit die Strafen verschärfen, welche Ihnen aus Ihrem eigenen Gewissen erwachsen, dann führen Sie Ihren Vorsatz immerhin aus; sonst aber rathe ich Ihnen, nur einen Blick in jene ungastlichen Wildnisse zu werfen, um demnächst in den Bereich der Civilisation zurückzukehren und unverdrossen aufs Neue den Kampf mit dem Geschick aufzunehmen.« »Möchten Sie meine Vergangenheit kennen, um selbst zu entscheiden?« fragte Arthur zerstreut; denn was er eben gehört hatte, beschäftigte seinen Geist ausschließlich aufs Lebhafteste. »Nein nein, heute nicht mehr,« antwortete Sans-Bois schwermüthig, wie erschöpft, »vielleicht später, wenn Sie Ihre jetzige Absicht geändert haben werden.« »Ja, später,« stimmte Arthur nachdenklich zu. Dann erhoben sie sich, um sich auf ihre Lagerstätten zu verfügen. – Der Sturm heulte noch immer in seiner alten Weise; der Schnee knisterte gegen die Fensterscheiben und begleitet von scharfem Knacken und dumpfem Poltern wanden sich die Flammen aus dem Kamin in den schwarzen Schlot hinauf. Die braunen Krieger träumten; wie verworrene Traumgebilde tanzten bei der unsteten Beleuchtung ringsum die an Pflöcken hängenden Waffen und die wunderlich mit Perlen und Stacheln des Stachelschweins geschmückten Kugeltaschen. Langsam und tief athmeten die Indianer; kurz und unregelmäßig, oft schmerzlichem Seufzen ähnlich drangen des Pelzjägers und Arthurs Athemzüge herüber; sie schienen trotz der späten Stunde keine Ruhe zu finden. Neununddreißigstes Capitel. Ein Abend in der Villa. Nachdem der Schnee die Natur einige Tage hindurch mit endlosen weißen Laken und großen Daunenanhäufungen recht warm zugedeckt gehalten hatte, war dieselbe plötzlich, ähnlich einem Fieberkranken nach einer Krisis, in heftigen Schweiß gerathen, wozu die vom blauen Himmel freundlich niederstrahlende Sonne nicht wenig beitrug, und zwar in einen solchen Schweiß, das Alles förmlich triefte und nicht übel Lust zu haben schien, mit dem schmelzenden Schnee davon zu schwimmen. So trieften also die Wiesen und die Wälder, so trieften die Gärten und vor allen Dingen die Dächer der Häuser, auf welchen der Schnee beim Niedersinken sicherlich glaubte, eine geschützte Raststätte gefunden zu haben, und so triefte endlich die Villa des alten Braun, in welcher sich kaum ein bewohnbares Gemach befand, in welchem nicht ein lustig flackerndes Kaminfeuer eine angenehme Wärme bereitet hätte. Uebermäßig kalt war es draußen zwar nicht, es wehte sogar eine milde Frühlingsluft vom mexikanischen Golf herauf; wenn man aber durch die Fenster auf die von der Sonne beleuchteten Schneeflächen hinausschaute, dann empfand man schon bei dem bloßen Anblick leises Frösteln. Doppelt freundlich erklang daher in den Kaminen das Explodiren der ästigen Nußbaumkloben und das geheimnißvolle Poltern, Murmeln und Erzählen der empor lodernden Flammen, doppelt behaglich das Plätschern in den hohl tönenden Dachrinnen, welche alles Wasser in einen einzigen, sinnig angelegten Kanal zusammenführten, so daß man in den sauber gefegten Wegen des Vorgartens bequem einhergehen konnte, ohne sich mehr, als eben die Schuhsohlen zu befeuchten. Der Thauwind hatte schon am vorhergehenden Abende sein Werk begonnen; da nun die Sonne in aller Frühe zu seinem Beistande herbeieilte, so schafften sie mit vereinigten Kräften, trotz des merkwürdig hoch geheiligten amerikanischen Sonntages, bis zum Einbruch der Nacht doch ein hübsches Stückchen Arbeit fertig, gerade, als hätten sie es in Accord übernommen gehabt, bis zum Beginn der neuen Woche, oder vielmehr der neuen Arbeitszeit, den Leuten den sie etwa noch hindernden Schnee aus dem Wege zu räumen. Außer dem Thauwinde, dem Sonnenschein, einigen Omnibusfahrern und den sich furchtbar ereifernden Kanzelrednern, hatte also Alles in der Stadt sich der feierlichen Sonntagsruhe hingegeben, und sich, je nachdem sich die Neigungen für Dieses oder Jenes entschieden, entweder mit Bibellesen, Whiskytrinken oder sonstigen harmlosen Sonntagsvergnügungen beschäftigt. In einzelnen Häusern waren auch Bekannte und Verwandte zusammengeströmt, um in traulicher Unterhaltung die Zeit genußreich verrinnen zu lassen. So auch in der bekannten Villa, und zwar nicht nur in den Hintergebäuden, wo sich »junges farbiges Volk« um »altes farbiges und sehr weises Volk« schaarte, sondern auch in dem Hauptgebäude, wo die Lieblingsgemächer des alten Braun dem geselligen Verkehr eingeräumt worden waren. Braun selbst befand sich in seinem Arbeitszimmer das letzte Tageslicht dazu benutzend, einige ihm von Redsteel übersendete Briefschaften, welche sich auf Familienverhältnisse bezogen – andernfalls hätten die Angelegenheiten im Comptoir erledigt werden müssen – zu prüfen und gelegentlich kurze Bemerkungen zwischen die Zeilen hineinzuschreiben oder auch ganze Sätze fortzustreichen. Er war sehr, sehr ernst gestimmt, so ernst, wie nur ein Mann gestimmt sein kann, der sein Haus bestellt, seine letzten Anordnungen über diesen oder jenen Gegenstand zu Gunsten dieser oder jener Person trifft, um sich von dem Tode nicht unvorbereitet überraschen zu lassen. Kurz zuvor hatte er ein Zwiegespräch mit Eberhard gehabt, in welchem er denselben zu überreden suchte, nach Europa zu reisen und so lange dort zu bleiben, bis er selbst in Anna's Begleitung ihn abholen oder solche Einrichtungen treffen würde, daß er mit Leichtigkeit in der Nähe seiner Eltern eine auskömmliche Lebensstellung finde. Allen diesen gütigen Rathschlägen hatte Eberhard eine entschiedene Weigerung entgegengestellt, darauf fußend, daß er sich vorher in ganz andere Verhältnisse hineingearbeitet haben müsse. Unter dem Eindruck der durch diese Unterredung wach gerufenen Empfindungen hatte Braun den Wunsch zu erkennen gegeben, in der nächsten Zeit allein und ungestört zu bleiben, und sich in die Durchsicht des Entwurfes zu seinem Testamente vertieft. Anna, Johannes, Magnolia und Eberhard, saßen in einem andern Zimmer in traulichem Gespräch bei einander und hatten namentlich Eberhards Lage zum Gegenstande ihrer eingehenderen Erörterungen gewählt. »Ich besitze zwar kein anderes Recht, meine Ueberredungsgabe an Ihnen zu versuchen,« bemerkte Johannes im Laufe der Unterhaltung freundlich, »als solches, welches mir eben durch die innigste Hochachtung und Freundschaft für Ihre Eltern eingeräumt wird, allein in diesem Falle kann ich nicht anders, ich muß Sie bitten, den Rathschlägen Ihres würdigen und wohlmeinenden Onkels Folge zu geben und sich nicht durch Ihre eigenen Ansichten allein leiten zu lassen. Was sollen die guten Leute von Ihnen und noch mehr, von Ihrem Onkel, in dessen Nähe Sie weilen, denken, wenn Sie fortfahren, sich durch Andere bei ihnen gleichsam vertreten zu lassen? Warum wollen Sie nicht selbst einige Worte an sie richten? Und wenn Anna und ich unsere Beredsamkeit verdoppelten, so vermöchten wir durch die umständlichsten Schilderungen doch nicht, Ihren Eltern auch nur annähernd die Freude zu bereiten, welche ein einziges, von Ihnen geschriebenes Wort ihnen brächte.« In diesem Augenblick trat ein Mulatte, eine brennende Lampe tragend, in das Vorzimmer. Ihm nach folgte Arthur, der Braun zu sprechen wünschte, auf die Nachricht aber, daß derselbe binnen kurzer Frist zu seiner Verfügung stehe, den Diener gebeten hatte, die Gesellschaft nicht zu stören, sondern ihn unangemeldet zu lassen. Das Geräusch, mit welchem der Diener aus dem Vorzimmer zu den jungen Leuten eintrat, die Lampe vor sie auf den Tisch stellte und die Fenstervorhänge schloß, übertäubte Arthurs Bewegungen. Derselbe setzte sich nämlich im Hintergrunde des Vorzimmers so nieder, daß Eberhard, Johannes und die beiden jungen Mädchen sich in seinem Gesichtskreise befanden, während er selbst, nachdem auch bei ihm die Vorhänge zugezogen worden waren, durch die ihn streifenden Schatten vollständig verborgen wurde. Die Absicht zu lauschen, lag ihm fern, dagegen erfüllte ihn eine unüberwindliche Scheu, sich denjenigen zuzugesellen, von welchen er glaubte, daß seine Stimmung nicht zu der ihrigen passe. Auch rechnete er darauf, bald die Weisung zu erhalten, sich zu dem Besitzer der Villa zu verfügen. Im Kreise der jungen Leute war durch das Erscheinen des Dieners ein plötzliches Schweigen hervorgerufen worden, doch äußerte sich bei Allen noch deutlich die Wirkung von Johannes' freundlich dringenden Worten. Eberhard hatte, wie von unendlich schweren Zweifeln heimgesucht, die Augen gesenkt. Nur verstohlen wagte er zuweilen, zu Magnolia aufzuschauen, deren durch die langen schwarzen Wimpern halb verschleierte Blicke mit unverkennbarer innerer Angst auf ihm hafteten und Arthur von der Wahrheit dessen überzeugten, was ihm vor wenigen Tagen erst von Sans-Bois mitgetheilt worden war. Doch er beobachtete auch Anna wie dieselbe, als Johannes von den guten Kärrnersleuten sprach, ihm mit einem dankbaren Lächeln die Hand drückte und ihn dabei so zutraulich ansah, als ob nur er und er ganz allein in ihrer Seele zu lesen vermocht hätte. Sobald indessen der Diener sich entfernt, wendete Anna sich Eberhard zu, und glühend vor Eifer und Erregung sprach sie Worte, wie sie nur aus einem treuen, liebevollen Herzen hervorgehen können. Indem sie aber ihren Gefühlen Ausdruck verlieh, schien ihr Muth zu wachsen; ihr schönes, kindlich frommes Antlitz färbte sich tiefer, eine heilige Ueberzeugung strahlte aus ihren Augen, klang aus dem Tone ihrer süßen Stimme, und wie getragen von unsichtbaren Genien, erreichten ihre Gedanken die Herzen Aller, die bewundernd zu ihr aufschauten und sich unbewußt der gewaltigen Kraft einer reinen, vertrauenden Unschuld unterwarfen. »Lieber Eberhard,« begann sie schüchtern, »Sie haben in den vielen, langen Jahren vergessen, was es heißt, von treuen Mutterarmen zärtlich umfangen zu werden, was es heißt, von einem rechtschaffenen Vater bewacht und beobachtet zu sein. Meine Eltern schieden längst von mir, aber wenige Monate nur sind es her, da legte sich mit zärtlichem Druck eine liebe, treue Hand auf mein Haupt, und treue, väterliche Augen schauten mir bis in die Seele hinein, und sagten mir durch ihren freundlichen Glanz, daß ich nicht mehr vaterlos sein solle. Monate sind es erst her, als mich eine edelgesinnte, innig geliebte Frau schmerzlich bewegt an ihre Brust zog und mich Tochter nannte, wie um sich zu trösten, zu entschädigen, daß sie zu ihrem eigenen, verlorenen Kinde nicht mehr so sprechen konnte. Und jene Menschen, errathen Sie nicht, wer sie waren? Der Mann mit der Hünengestalt und dem sanften, menschenfreundlichen Herzen, und die Frau, in deren Armen ich ruhte und deren Thränen mein Angesicht benetzten? Der Kärrner Braun und seine Gattin waren es; Ihre Eltern, Herr Eberhard, Ihre lieben, lieben Eltern, welche nur die eine Aufgabe kannten, sich gegenseitig über den Verlust ihres theuersten Kleinods zu trösten und noch mehr: jede Gelegenheit sorgfältig zu vermeiden, durch welche der Andere in schmerzliche Erinnerungen versenkt werden konnte, während ihm selbst das Herz vor Jammer und Wehe brechen wollte! O, hätten Sie dies gesehen, wie ich es wohl hundertmal gesehen, dann würden Sie alle andern Rücksichten und Einwände vergessen, keine Stunde verlieren, dahin aufzubrechen, wo Ihr Erscheinen unsägliches Glück bereitete und Ihre armen, tief bekümmerten Eltern endlich ihre volle Seelenruhe wiederfänden!« Hier zögerte Anna eine Weile, um die Wirkung ihrer Worte zu beobachten, bevor sie, als habe ein heiliger Drang sie beseelt, ihre Vorstellungen fortsetzte. – Eberhard hatte seine Stellung nicht verändert; noch immer starrte er vor sich nieder, aber sein Gesicht war todtenbleich, während es in seiner Brust wogte und arbeitete, als hätte es ihm das Herz zermalmen wollen. Magnolia in ihrer wachsenden Angst und wie in Vorahnung eines drohenden Unheils hatte sich näher zu ihm hingeneigt; wunderbar rahmten die schwarzen Locken das fast durchsichtig weiße Antlitz ein, in welchem bange Scheu und eine alle Schranken überfliegende, heiße hingebende Liebe gleichsam im Kampfe mit einander lagen. In Johannes' Augen perlten Thränen; sie schienen die dunkle Gluth dämpfen zu wollen, welche auf seinen Wangen brannte. Unmännlichkeit war es nicht, was ihn so weich stimmte; ebenso wenig räumte er dem Gefühl einer bitteren Entsagung, eine ihn überwältigende Herrschaft über sich ein; aber indem seine bewundernden Blicke auf der geliebten Jugendgespielin ruhten, indem er vernahm, wie deren süße Stimme vor heiligem Eifer bebte, während sie immer neue Gründe hervorsuchte, um durch dieselben entscheidend auf den Sohn ihrer Freunde in der Heimath einzuwirken, zog eine tiefe Rührung in seine Brust ein, wie es wohl geschieht, wenn unerwartet erhabene, friedlich schöne Naturscenen sich vor den erstaunten Blicken eines empfänglichen Menschen ausdehnen und ihn zur andächtigen Verehrung einer Alles umfassenden Kraft auffordern. Arthur, der in dem dunkeln Vorzimmer jedes Wort verstand und den Eindruck zu beobachten vermochte, welchen es auf alle Zuhörer ausübte, saß regungslos da. Wie einst auf dem Revenger, als Anna ihre Erklärungen an ihn selbst richtete, hatte er auch jetzt wieder seinen Oberkörper, von tödtlicher Spannung erfüllt, ihr zugeneigt. Sehnte er aber kurz vorher noch den Diener herbei, um ohne erhebliches Aufsehen zu erregen aus seiner seltsamen Lage befreit zu werden, so fürchtete er jetzt dessen Erscheinen. Es hielt ihn wie mit Zaubergewalt. Was Johannes so tief rührte, was Eberhard sichtbar erschütterte und Magnolia's Furcht wachrief, dieselbe Stimme mit dem ernsten, überzeugenden Ausdruck und dem treuen Gedächtniß an die ferne Heimath, schien alle ihm inne wohnenden Leidenschaften wild entflammt zu haben. Sein Athem stockte, heftig hämmerte der Pulsschlag des Blutes in seinen Schläfen, mit seltsamer Gluth funkelten seine Augen auf Anna's liebliche Gestalt, wogegen er die Hände krampfhaft ineinander verschränkte, als hätte er sich mit Gewalt verhindern wollen, unbedachtsam emporzuspringen und seine Anwesenheit zu verrathen. Da nahm Anna wieder das Wort, und noch wärmer, inniger ertönte ihre Stimme durch die stillen Räume, während ihre großen redlichen Augen sich vor den sie fast überwältigenden Gefühlen umflorten: »Am Abend, bevor ich das Dach der theuern Freunde verließ, legte Ihr Vater seine Hand segnend auf mein Haupt. Er sprach nicht, aber in seinen lieben Augen glänzten Thränen; ihm fehlten die Worte, das auszudrücken, was er empfand und ihn so tief bewegte. Frau Kathrin dagegen, Ihre Mutter, als wir uns in das Gemach zurückgezogen hatten, welches Sie selbst einst bewohnten, neigte sich über mich hin, zärtlich, als sei ich ihre Tochter gewesen, und dann sprach sie zu mir folgende, unvergeßlichen Worte: »Es ist vielleicht Thorheit, noch an ein Wiedersehen in diesem Leben zu glauben, allein es wäre doch möglich, daß Du ihm begegnetest. Solltest Du ihn also sehen, dann erzähle ihm von uns; schildere ihm den Kummer, welcher an den gebrochenen Herzen seiner Eltern nagte, seit er von uns ging und der uns vor der Zeit zur Grube führen wird. Sage ihm, daß wir nicht laut über ihn klagten oder ihm gar zürnten, aber daß wir heimlich, ganz heimlich und still um ihn trauerten, ihm vergeben hätten all' den Gram und das Herzeleid, welchem wir seinetwegen unterworfen gewesen. Sage ihm, er möge zurückkehren zu seinen armen Eltern, gleichviel, ob reich oder arm, er möge seinen Stolz vergessen und das, was ihn einst kränkte, sich nicht scheuen vor dem ersten Wiedersehen, denn auch wir wären ja nur ganz einfache Leute. Sage ihm, wenn er heimkehrte, elend und mit nicht mehr Glücksgütern, als er einst besaß, da er mir zum ersten Male entgegen weinte, so wollte ich doch die Stunde tausendfach segnen, in welcher ich ihn wieder in meine Arme schlöße; ja, das sage ihm, wiederholte Frau Kathrin, und in ihren schönen, blauen Augen lag eine ganze Welt voll Schmerz, vielleicht daß es Dir gelingt, seinen Stolz zu mildern –« Weiter kam Anna nicht. Eberhard war geräuschvoll aufgesprungen; bleich und schwankend stand er da. »Nicht weiter, nicht weiter!« rief er mit fast erstickter Stimme aus, seine Hand, wie abwehrend Anna entgegenstreckend. Auch Arthur, seiner Erregung nicht mehr Herr, hatte sich erhoben, doch das Geräusch, welches er dadurch erzeugte, erstarb ungehört, unbeachtet in der durch Eberhards heftiges Wesen hervorgerufenen Verwirrung. »Verzeihen Sie, liebes Fräulein,« hob dieser an, als Anna, nunmehr ihres Sieges gewiß, ihre Bitten und Vorstellungen erneuern wollte, »verzeihen Sie mein Ungestüm, allein Sie ahnen nicht, wie tief Ihre Worte meine Seele erschütterten!« Da fielen seine Blicke auf Magnolia, die sich unter der doppelten Wirkung ihrer leidenschaftlichen Liebe zu ihm und dem Bestreben, das zwischen ihr und dem Geliebten bestehende Verhältniß zu verheimlichen, kaum noch aufrecht zu erhalten vermochte, und auch seine Kraft erlahmte. Einige Sekunden schwankte er, wohin er sich wenden solle; einen Blick des Entsetzens warf er in Aller Augen, die bange auf ihn gerichtet waren, und wie gegen eine Ohnmacht kämpfend, trat er hinter dem Tische hervor. »Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig,« sprach er flüsternd und seine Augen schienen zu erstarren, »eine Erklärung,« wiederholte er entschiedener, »doch nicht jetzt und nicht hier; werden soll sie Ihnen aber binnen kurzer Frist, denn mit den Gefühlen unglücklicher Eltern darf kein freventliches Spiel getrieben werden. Wann ich zurückkehre, weiß ich nicht – aber Magnolia,« wendete er sich an diese, welche die deutsche Sprache nur unvollkommen verstand, und er betonte deshalb seine Worte langsamer, »Du zweifle nicht an mir, sondern laß das alte bewährte Vertrauen zwischen uns walten!« Dann, als habe das Bewußtsein, seine Beziehung zu Magnolia der Oeffentlichkeit preisgegeben zu haben, ohne zugleich dem armen, geängstigten Mädchen ein Wort des Trostes und der Beruhigung spenden zu können, ihn an den Rand der Verzweiflung getrieben, stürzte er durch das dunkele Vorzimmer auf den Flurgang und von dort zum Hause und auf die Straße hinaus. Sprachlos vor Schreck und Erstaunen blickten Johannes und Anna sich gegenseitig in die Augen, dann wendeten sie ihre Aufmerksamkeit Magnolia zu, die, als hätte sie Eberhard zurückhalten wollen, aufgesprungen, plötzlich aber stehen geblieben war. »Er hat mir Entsetzliches verheimlicht!« sprach sie mit erbleichenden Lippen, und, wie der Sehkraft beraubt, starrten die sonst so strahlenden Augen in's Leere. Da legte ein weicher Arm sich sanft um ihre Schultern, warme Lippen berührten die ihrigen im schwesterlichen Kuß, während ihre schlaff niederhängenden Arme von treuen Männerhänden gehalten wurden. Es waren Anna, Johannes und der alte Braun, die sie mit liebevoller Besorgniß umgaben, um sie zu trösten, sie ihrer sichtbaren Angst und Verzweiflung zu entreißen. Geräuschvoll fiel draußen das Gitterthor in's Schloß; Niemand beachtete es. Ebenso unbeachtet wurde die Thür des Vorzimmers abermals geöffnet und wieder geschlossen; Arthur aber war unbemerkt auf die Straße entkommen, wo er nur mit genauer Noth in der Ferne zwischen andern Fußgängern Eberhards Gestalt unterschied, wie derselbe mit unverminderter Hast seinen Weg in die Stadt hinein verfolgte. Unverzüglich schlug er dieselbe Richtung ein. Anfangs beabsichtigte er, Jenen einzuholen und sich persönlich mit ihm in Verbindung zu setzen; sobald er ihm aber nahe genug war, um ihn anrufen zu können, änderte er plötzlich seinen Entschluß. Er entdeckte nämlich, daß Eberhards nächstes Ziel nicht seine Wohnung, wo er hoffen durfte, ihn ohne Zeugen zu sprechen, sondern derjenige Stadttheil war, in welchem Redsteels Bureau lag. Arthur selbst hatte während seines Aufenthaltes in St. Louis mehrfach Veranlassung gehabt, im Interesse Sans-Bois' und seiner Jagdgefährten bei Redsteel vorzusprechen; er kannte daher nicht nur die Lage seiner Wohnung, sondern auch die innere Einrichtung derselben hinlänglich, um sich ohne fremde Hülfe in derselben zurecht zu finden. Hierauf fußend, bildete sich in ihm das gleichsam krankhafte Verlangen, Eberhard in seinem Verkehr mit Redsteel zu belauschen und auf diese Weise Kenntniß von den geheimnißvollen Umständen zu erhalten, welche den jungen Mann an den wenig gewissenhaften Geschäftsführer des alten Braun ketteten. Etwa zwanzig Minuten waren seit seinem Aufbruch von der Villa verstrichen, als Eberhard Arthurs Vermuthung dadurch bestätigte, daß er in die Straße einbog, in welcher Redsteel wohnte. Dieselbe schien durch ihr düsteres Aeußere schon darauf hinzuweisen, daß nicht alle in den unabgeputzten, ziegelfarbigen Häusern ausgeführten Geschäfte furchtlos vor die Oeffentlichkeit treten durften. Schmale Thüren führten zu beiden Seiten in die großen vier- und fünfstöckigen Gebäude hinein; schmale und der Raumersparniß wegen steile Treppen verbanden die einzelnen Stockwerke mit einander, in welchen vorzugsweise Agenten, wenig gelehrte, dafür aber um so gewandtere Aerzte und Notare – wie die zahlreichen Thürschilder bekundeten – ihre Wohnungen, in manchen Fällen aber auch nur ihre Bureaus eingerichtet hatten. Wo so viele verschiedene Elemente unter einem Dache beisammen wohnten, konnte es kaum überraschen, daß die Hausthüren den größten Theil der Nacht hindurch unverschlossen blieben, so auch des Sonntags Abends, obwohl dies den anglikanischen Begriffen von der Heiligung des Feiertages widersprach. Als Arthur die Ecke der düstern Geschäftsstraße erreichte, blieb er stehen, um nicht von dem etwa rückwärts schauenden Eberhard entdeckt zu werden. Dieser dagegen hatte auf dem ganzen Wege an nichts weniger gedacht, als verfolgt und beobachtet zu werden. Auch jetzt nahm er sich kaum die Mühe, sich durch einen flüchtigen Blick auf die lange Reihe der über einander befestigten Schilder zu überzeugen, daß er nicht fehlgegangen sei. Nachdem er eingetreten war, wartete Arthur einige Minuten; dann aber begab er sich mit dem zuversichtlichen Wesen eines Mannes, der sich vollständig zu Hause fühlt, ebenfalls auf den schmalen Flurgang, der von einer trüben Gasflamme nothdürftig erhellt wurde. Hier nun, wo er sich außerhalb des Gesichtskreises der auf der Straße noch ab- und zugehenden Leute befand, wurde er vorsichtiger in seinen Bewegungen, und fast geräuschlos begann er die Treppe zu ersteigen. Im ersten Stockwerk, wo ein anderer Gang die Bureaus von einander schied, blieb er eine Weile lauschend stehen. Nichts rührte sich im ganzen Hause; nur von Redsteels Wohnung her, die eine Treppe höher gerade vor ihm lag, vernahm er die Stimmen mehrerer Männer, welche sich laut unterhielten und offenbar im Begriff standen, sich von einander zu trennen; plötzlich öffnete sich die Thüre von Redsteels Bureau, und allein dem Umstände, daß die heraustretenden Leute mit den innerhalb desselben befindlichen angelegentlich sprachen, verdankte es Arthur, daß er nicht sogleich bemerkt wurde. Ein Schritt seitwärts brachte ihn schnell aus der Gefahr des Entdecktwerdens, worauf er hinter eine halb offene Thüre trat, die zum Zweck der Reinigung der Schornsteine daselbst angebracht worden war. »Also auf Wiedersehen!« rief Redsteel den beiden scheidenden Männern nach, »ich hoffe, daß Ihr binnen vierundzwanzig Stunden der Angelegenheit eine Wendung gebt, welche eine baldige Erledigung erwarten läßt!« »Ohne Zweifel, ohne Zweifel!« hieß es zurück; dann schloß sich die Thür hinter Redsteel. Die beiden Männer dagegen brachen während des Niedersteigens fast gleichzeitig in ein leises Lachen aus, zwischen welchem Arthur nur die Worte: »schlauer Deutscher,« »geriebener Hund« und andere, Redsteels Rechtschaffenheit nicht in's günstigste Licht stellende Bemerkungen heraushörte. Mit ihm in gleiche Höhe gelangt, blieben die geheimnißvollen Männer plötzlich stehen, und indem der eine sich an dem andern vorbeidrängte, stieß er unversehens gegen die Schornsteinthüre, daß diese zuschlug, Arthur also eingesperrt wurde. »Das war der Bursche?« drang die eine Stimme gedämpft und kaum verständlich in Arthur's Versteck. »Natürlich,« antwortete die andere, »redete er ihn doch laut genug mit »Eberhard Braun« an.« »Er scheint nicht viel werth zu sein,« hieß es in bedenklichem Tone weiter. »Nun, wenn er seinen Zweck erfüllt, kommt's darauf nicht an. Möchte indessen wohl wissen, was ihn gerade heute so unerwartet hierher führte; und daß Redsteel eher des Teufels Großmutter erwartete, als ihn, stand so deutlich auf seinem Gesicht geschrieben, daß ein Kind es hätte lesen können.« »Aber auch der Bursche schaute nicht sehr behaglich darein; ein Umstand von großer Wichtigkeit schien ihm auf der Seele zu brennen.« »Ich möchte hinaufschleichen und an der Thüre horchen; auf andere Weise werden wir schwerlich einen Einblick in des alten Fuchses Karten gewinnen.« »Verdammt! Ich hätte ebenfalls Lust, allein der Teufel hat oft sein Spiel, und überhaupt, wir müssen uns beeilen, wollen wir die Flagge des Andern ausmachen, bevor er heimkehrt.« Eine zustimmende Antwort folgte auf diese Bemerkung, dann stiegen die beiden Männer behutsam die Treppe hinab und gleich darauf hörte Arthur sie auf die Straße hinaustreten. Auf wen sich die zuletzt vernommene Aeußerung bezog, suchte er nicht zu ergründen; wie mit unwiderstehlicher Gewalt drängte es ihn nach oben, wo er Aufschluß über die unstreitig verderblichen Geheimnisse zu erhalten hoffte, welche sich von allen Seiten drohender um die Bewohner der Villa zusammenzogen. Vierzigstes Capitel. Eine gefährliche Entdeckung. Nach längerem Tasten war es Arthur endlich gelungen den Fallriegel der ihn in den engen, rußigen Raum einsperrenden Thür zu heben. Vorsichtig verließ er sein Versteck, und nachdem er die Thüre in ihre alte Lage zurückgeschoben hatte, erstieg er die nächste Treppe. Oben angekommen, entdeckte er zu seiner Beruhigung einen ähnlichen Verschlag, wie derjenige, in welchem er sich in dem unteren Stockwerk verborgen hatte. Zur größeren Sicherheit schraubte er noch die dort brennende Gasflamme bis auf ihren kleinsten Umfang zurück, und dann erst schlich er neben die Thüre des Bureaus, aus welchem Eberhards erregte Stimme längst zu ihm gedrungen war. Das Gespräch hatte schon eine Weile gedauert; Manches, worüber Arthur gern Aufschluß gehabt hätte, ging ihm dadurch verloren, doch erfuhr er genug, um sich zu seinem vom Zufall eingegebenen Verfahren Glück zu wünschen. »Sie wollen mir also meine Freiheit noch immer vorenthalten?« fragte Eberhard in demselben Augenblick, in welchem Arthur sein Ohr der Thüre näherte, und im Tone seiner Stimme verrieth sich eine unverkennbare innere Zerknirschung, »Sie wollen die Fesseln nicht lösen, welche ich, theils unbesonnener Weise, theils bedingt von tiefer liegenden Gründen, fast willenlos um mich schlagen ließ? Sie sind taub gegen meine Bitten, gegen meine Vorstellungen? Was ist es denn, wodurch ich Ihr Herz zu rühren, den unerträglichen Bann, unter welchem ich geistig dahinsieche, zu brechen vermag?« »Unerbittlich, ja, vollkommen unerbittlich, auf die von Ihnen vorgeschlagene Täuschung einzugehen,« erwiderte Redsteel, wie Jemand, der wohl gern möchte, allein seine Pflicht über seine Neigungen stellt. »Verschonen Sie mich mit Ihren Thorheiten,« versetzte Eberhard ungeduldig, »Sie sind ebenso vertraut mit der Wahrheit, wie ich selbst, und brauchen daher nicht von Täuschungen zu sprechen, es sei denn, Sie wollen es so weit treiben, daß ich, rücksichtslos gegen mich selbst und Andere, den Knoten zerhaue und die unerträglichen Fesseln gewaltsam sprenge, die ohnehin einmal fallen müssen.« »Fesseln? Fallen müssen?« fragte Redsteel erstaunt, »ich begreife Sie nicht, begreife nicht, was Sie in Ihrer beneidenswerthen Lebensstellung dazu veranlaßt, solch seltsamen Phantasien Raum zu geben? Freilich, junge Leute haben zuweilen wunderliche Ideen, welche auszuführen in den meisten Fällen sie Niemand hindert, wenn Sie aber, mein lieber Herr Braun, wähnen, daß ich, indem ich Ihnen zu der beabsichtigten Täuschung die Hand böte, mich selbst gefährlich compromittiren möchte, so irren Sie sich. Wollen Sie indessen trotzdem hinter meinem Rücken Ihre Tollheiten ausführen, so sehe mich gezwungen hierzu, hierzu und hierzu meine Zuflucht zu nehmen« – hier unterschied Arthur deutlich das dreimalige Aufheben und unsanfte Niederlegen von Papieren oder Briefschaften – »und was Ihnen dann bevorstände, ist nicht schwer zu errathen. Vielleicht bin ich so glücklich, Ihnen innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden noch andere Documente vorzulegen, welche Ihnen sowohl, als auch Ihrem Herrn Onkel gegenüber meine Schuldlosigkeit an jedem von Ihnen begangenen Verbrechen augenscheinlich und rechtsgültig beweisen. Stehen Sie also ab von Ihrem thörichten Beginnen, und seien Sie nicht undankbar gegen das Geschick, welches Sie einem Verwandten zuführte, um welchen Millionen Sie beneiden, und gegen den Sie bis jetzt leider nichts Anderes zeigten, als – verzeihen Sie mir – einen hohen Grad von Mißtrauen und Undankbarkeit.« Ein längeres Schweigen trat ein. Eberhard überlegte ohne Zweifel, welche Bedeutung die binnen vierundzwanzig Stunden herbeizuschaffenden Papiere haben könnten. Auch Arthur wurde von bösen Ahnungen beschlichen, als er in Gedanken mit der eben vernommenen Aeußerung das verglich, das Redsteel den sich entfernenden Männern nachgerufen hatte. »Es bleibt also dabei, mein lieber Herr Eberhard Braun,« fuhr Redsteel nach einer Pause fort, während welcher er vergeblich auf eine Erwiderung geharrt hatte, »Sie geben Ihre bizarren Pläne auf und folgen Ihrem Onkel gegenüber nur der Stimme Ihres Herzens; es ist dies um so rathsamer, als derselbe eben mit der Aufnahme seines Testamentes beschäftigt ist und mich mit der Ausfertigung desselben beauftragte.« »Ich sehe, Sie wollen mich nicht verstehen,« versetzte Eberhard, und Arthur errieth aus dem leidenschaftlichen Beben seiner Stimme, daß er mit Gewalt einen heftigen Ausbruch seiner empörten Gefühle unterdrückte, »Sie besitzen ein Herz von Stein und zwingen mich, das letzte Mittel zu versuchen, eine Aenderung Ihrer Absichten herbeizuführen. Ich brauche Ihnen wohl kaum zu betheuern, daß der Besitz von Geld und Gut mich nicht lockt, am allerwenigsten aber, wenn meine ganze Seele sich gegen die Art der Besitzergreifung auflehnt. Ebenso werden Sie nicht bezweifeln, daß ich meine Hand nie nach einem Cent ausstreckte, welchen ich mir nicht – und sei es durch die niedrigste Arbeit – selbst erworben habe. Dies vorausgeschickt, frage ich Sie: Welche Gründe können mich nun noch abhalten, eines Tages wieder zu verschwinden, wie ich aufgetaucht bin, ich meine plötzlich, unerwartet und spurlos? Ihnen wäre dies gewiß sehr unangenehm, Herr Redsteel, ich lese es in Ihren Zügen, und die gesunde Vernunft sagt, daß es keine geringen Vortheile sind, um derentwillen Sie mich fortgesetzt martern – doch beruhigen Sie sich, bevor ich zu diesem letzten Mittel greife, bevor ich die Kraft zur Ausführung desselben gewinne, muß ich noch einmal ehrlich und aufrichtig zu Ihnen sprechen, damit Sie mich nicht falsch beurtheilen, mein Verfahren nicht mir fremden und fern liegenden Beweggründen zuschreiben. »Was mich hier hält, Herr Redsteel, was mich stärker fesselt, als Sie mit allen Ihnen zu Gebote stehenden geheimnißvollen Mitteln mich zu fesseln vermögen, ist ein junges Mädchen, welches sich des Wohlwollens des Herrn Braun im weitesten Umfange erfreut –« »Sie meinen, Ihres Herrn Onkels Pflegetochter?« fiel Redsteel überrascht ein, und er scheute sich nicht, eine gewisse Zufriedenheit in den Ausdruck seiner Stimme zu legen. »Fräulein Werth?« fragte Eberhard ebenso überrascht zurück; dann fuhr er mit unverkennbarer Rührung fort: »Wie ein freundlicher Engel erschien Anna Werth im Hause des Herrn Braun, und ich liebe und verehre sie, wie alle Menschen sie lieben, welche nur im Entferntesten in Verkehr mit ihr treten. Diejenige aber, Herr Redsteel, auf welche ich mich bezog – o, meine Bekanntschaft mit ihr schreibt sich aus früheren Zeiten her, aus Zeiten, in welchen ich in südlicher Gefangenschaft schmachtete und, wie zahlreiche meiner Leidensgenossen, das Opfer eines entsetzlichen, qualvollen –« »Magnolia?« fragte Redsteel mit ungeheucheltem Erstaunen, »freilich, sie ist eine tadellose Schönheit, ein herziges, braves Mädchen, allein haben Sie auch wohl überlegt? Sie, der Erbe von Hunderttausenden denn die eine Hälfte des Vermögens wird wohl der Adoptivtochter Ihres Herrn Onkels zufallen – und eine Farbige? Bedenken Sie wohl –« »Stehen Sie zu Ihren Worten, Herr Redsteel!« ließ sich Eberhards Stimme drohend vernehmen, »vergessen Sie nicht, daß Ihre Gewalt diejenige nicht umfaßt, deren Namen Sie nicht wagen sollten, auszusprechen, ohne sich in Achtung zu verneigen. Halten Sie sich an meine Person, sagen Sie mir, was Sie wollen, aber noch ein Wort über Magnolia in ähnlicher Weise, und ich setze alle Rücksichten, welche zu nehmen ich sonst gewohnt bin, bei Seite –« »Halten Sie ein,« begütigte Redsteel schnell einfallend, »Niemand weiß besser, als Sie, daß es keine ungefährliche Reise war, welche ich unternahm, um die liebliche Magnolia einem entsetzlichen Loose zu entreißen; erlaubte ich mir aber, auf deren Abstammung hinzudeuten, so geschah dies am wenigsten aus einem verwerflichen Mangel an Achtung, sondern nur in Ansehung der unüberwindlichen Hindernisse, welche sich – natürlich nur in diesem Lande, – Ihrer Verbindung mit einer Farbigen entgegenstellen würden.« »Lassen wir das unerörtert,« erwiderte Eberhard in wegwerfendem Tone, »die von Ihnen hervorgehobenen Hindernisse zu besiegen, ist meine Aufgabe, welche ich zu seiner Zeit lösen werde. Ich offenbarte Ihnen dies, mein heiligstes Geheimniß, überhaupt nur, um darzulegen, weshalb ich mich nicht schon längst von Ihnen lossagte, woran ich – was Sie hoffentlich nicht bezweifeln – keinen Augenblick gehindert werden könnte. Meiner zukünftigen Gattin bringe ich also allein die schweren Opfer, welche Sie fortgesetzt von mir fordern, und auch sie sollten des armen, treuen Mädchens wegen thun, um was ich Sie so lange vergeblich gebeten habe, was aber für meine Person zu erbitten, ich kaum für der Mühe werth gehalten hätte.« »Sie fürchten, daß Ihr Herr Onkel Ihren Plänen seine Zustimmung versagt, und um sich eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren, beharren Sie darauf, jede Beihülfe und Erleichterung von seiner Seite abzulehnen?« fragte Redsteel nachdenklich, anstatt auf Eberhards Vorstellungen zu antworten. Arthur vernahm bis vor die Thüre hinaus den schmerzlichen Seufzer, mit welchem Eberhard seinen aufflammenden Zorn niederkämpfte. »Ich bezweifle nicht, daß Herr Braun das Glück derjenigen, für die er schon so viel gethan, auch noch weiter zu fördern wünscht,« entgegnete er dann kurz und scharf. »Ja ja, mein lieber Herr Eberhard,« hob Redsteel jetzt in einer Weise an, als habe er plötzlich einen Ausweg entdeckt, auf welchem sich alle Schwierigkeiten mit Leichtigkeit würden umgehen lassen, »ich bezweifle in der That selbst nicht, daß Ihr Herr Onkel dem Glücke seines Lieblings, wie dem seines nächsten Verwandten nicht störend entgegentritt, allein in diesem Lande? Es wird schwerlich gehen – wenn Sie mir erlauben, meine persönliche Ansicht auszusprechen – Sie werden sich nach einem andern Continente begeben müssen, wozu Ihr Herr Onkel Ihnen gewiß gern die erforderlichen Mittel gewährt. Und ist Ihnen selbst dies peinlich, so werden Sie, als vernünftiger Mann, gewiß nichts dagegen einwenden, wenn Ihre Frau Ihnen eine entsprechende Mitgift zubringt – doch wir müssen überlegen, sorgfältig erwägen und uns vor Uebereilung hüten.« »Haben Sie sonst nichts hinzuzufügen?« fragte Eberhard kalt. »Gewiß, gewiß, mein lieber Herr Braun,« fuhr Redsteel eifrig fort, »ich setze voraus, Ihr Herr Onkel weiß noch nichts von dem zwischen Ihnen und Magnolia bestehenden Verhältniß?« »Keine Silbe; ist das Alles?« »Sehr gut, sehr gut; verschweigen Sie es vorläufig noch, wenigstens so lange, bis das Testament seinen Abschluß erhalten hat, oder ich Ihnen einen Wink gebe.« »Sonst nichts?« »Ich wüßte in diesem Augenblick nichts näher Liegendes,« antwortete Redsteel, über Eberhards kalte Ruhe befremdet. »Gut, so hören sie denn auch mein letztes Wort,« hob dieser darauf wieder drohend an »ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit; haben sie mich nach Ablauf dieser Frist nicht freiwillig von dem Zwange befreit, so breche ich ihn selbst mit Gewalt. Auf welche Weise dies geschieht, ist vorläufig gleichgültig; Sie aber mögen zusehen, wie Sie den Verdacht von sich abwälzen, welcher Sie jedenfalls trifft.« »Begehen sie keine Thorheiten, mein lieber junger Freund,« erwiderte Redsteel sarkastisch, »Thorheiten, durch welche Sie sich an den Pranger stellen und die liebliche Magnolia auf ewig verlieren, ohne auch annähernd Ihre wunderliche Absicht zu erreichen. Denn in Ihrer Abwesenheit werde ich Ihre Rechte gewissenhaft vertreten, Ihr jugendlich phantastisches Benehmen ausreichend zu entschuldigen wissen, hauptsächlich aber, mit Ihrem Taufschein und sonstigen Papieren versehen, sogar ohne Ihre ausdrückliche Genehmigung Ihre Erbschaft antreten und so lange verwalten, bis Sie verständig geworden sind und unaufgefordert kommen, um sich Ihres Reichthums zu erfreuen und vielleicht Thränen der Reue auf dem Grabe Ihres gütigen Onkels zu weinen – denn daß derselbe noch lange lebt, bezweifle ich – zu viele Zeichen sprechen für einen tödtlichen Schlaganfall, wie der alte Herr selber wohl weiß, oder er würde sich nicht mit der Abfassung seines letzten Willens so sehr beeilen.« »Papiere?« rief Eberhard bestürzt aus, während Arthur bei Redsteels letzten Unheil drohenden Worten einen Schauder durch sein Mark rieseln fühlte. »Ihre Papiere, Herr Eberhard Braun,« bekräftigte Redsteel, »und alle auf Ihren Namen lautend.« »Zeigen Sie dieselben!« brachte Eberhard kaum noch verständlich heraus. »Morgen vielleicht oder übermorgen,« entgegnete Redsteel zuvorkommend. »Es ist eine Lüge! rief Eberhard verzweiflungsvoll, »eine Lüge, um mich zu zwingen, in Schmach und Schande zu versinken und Andere, Bessere mit mir hinabzureißen! Aber es soll Ihnen nicht gelingen, und müßte ich deshalb die letzte Hoffnung auf irdisches Glück opfern!« Er stürmte der Thüre zu, und kaum war Arthur in den Kaminverschlag getreten, da eilte Eberhard an ihm vorüber die Treppen hinunter und zum Hause hinaus. Redsteel war ihm, wie um ihn aufzuhalten, einige Schritte nachgefolgt und bat ihn, umzukehren, allein vergeblich. Als er ihn endlich auf die Straße hinaustreten hörte, rieb er sich nachdenklich die Hände. »Der Thor,« sprach er mit tiefem Mißmuth halblaut vor sich hin, »sinkt er vor der bestimmten Zeit dahin, ist's seine eigene Schuld – mir kann er nicht mehr schaden, nein – dieser neue Glücksfall, o, ich errieth fast auf den ersten Blick, wen ich vor mir hatte; und nun noch gar die schöne Magnolia – ei ei, es hätte kaum günstiger verlaufen können.« Er lachte höhnisch; dann spähte er besorgt um sich, ob das Selbstgespräch, zu welchem er sich unwillkürlich hatte hinreißen lassen, von Niemand gehört worden sei, und nachdem er die Gasflamme wieder hoch geschraubt hatte, begab er sich leise in sein Bureau zurück, die Thüre hinter sich abschließend. In der nächsten Minute stand Arthur auf derselben Stelle, von welcher aus Redsteel dem sich entfernenden Eberhard nachgerufen hatte. Scharf richtete er die Blicke auf die Büreauthür; er schien von Zweifeln bewegt zu sein, während aus seinen Zügen aufflammender Haß und leidenschaftliche Entrüstung hervorleuchteten. »Ich könnte zu ihm hineingehen und ihn zur Rede stellen,« sprach er in Gedanken, »doch nein, mag das Strafgericht von einer andern Seite über ihn hereinbrechen und ihn dann um so vernichtender treffen.« Langsam schritt er die Treppe hinab. Etwa sechs Stufen hatte er hinter sich, da öffnete sich in der Büreauthür unhörbar ein kleiner Schieber und in der entstandenen Oeffnung erschien die obere Hälfte von Redsteels Gesicht, welches, sobald er Arthurs Gestalt erkannte, zurückprallte und, wie im Tode, gleichsam erstarrte. Erhöhte Vorsicht für überflüssig haltend, hatte Arthur selbst ihn durch das Knarren der obersten Treppenstufe dorthin gelockt; Redsteel aber erschrak um so heftiger, als er keinen Andern, als Eberhard zu sehen erwartete, der, nachdem er Herr seiner leidenschaftlichen Erregtheit geworden, im Begriff stehe, zu ihm zurückzukehren. Arthur befand sich längst auf der Straße, da stierten die beiden Augen noch immer auf den vereinsamten staubigen Flurgang hinaus. Regungslos, wie sie sich verhielten, lag doch ein Ausdruck in denselben, vor welchem selbst der Unerschrockenste scheu zurückgebebt wäre. – Eine halbe Stunde später traf Arthur in dem bekannten Kosthause ein. Sans-Bois und seine Jäger hatten sich bereits auf ihre Lagerstätten geworfen. »Ich hätte Sie kaum so früh erwartet!« bemerkte Sans-Bois zu dem Eintretenden. »Nicht so früh?« fragte Arthur befremdet, »es ist doch nicht meine Gewohnheit, spät fortzubleiben.« »Nun, nach Ihrer Botschaft zu schließen, durfte ich Sie kaum vor Mitternacht erwarten,« entgegnete Sans-Bois ruhig. »Meine Botschaft?« rief Arthur überrascht aus, »ich weiß von keiner Botschaft.« Sans-Bois richtete sich erstaunt empor. »Sollte dies nicht von Ihnen kommen?« fragte er besorgnißvoll, Arthur einen beschriebenen Zettel darreichend, »Ihre Handschrift kenne ich zwar nicht, allein die Ueberbringerin schien mir eine zuverlässige Person zu sein.« Arthur las den Zettel, welcher folgende Worte enthielt: »Lieber Sans-Bois, ich wäre gern selbst gekommen, allein man hält mich fast mit Gewalt auf der Villa zurück, wo man zugleich Alles aufbietet, mir den Westen zu verleiden. Es wird nie gelingen, doch bedarf ich, um unsern Freunden unwiderlegliche Gründe entgegenzuhalten, meiner Briefschaften. Sie werden dieselben unter meinen übrigen Sachen finden; es ist ein kleines Packet, das einzige, was ich von dem Revenger rettete, weil ich es, wie Sie wohl wissen, bevor ich das Schiff verließ, einer alten Gewohnheit gemäß, zu mir steckte. Diese Mittheilungen werden genügen, Sie über die Zuverlässigkeit der Ueberbringerin zu vergewissern; händigen Sie ihr daher das Packetchen ein. Auf Wiedersehen, etwa um Mitternacht. Es grüßen Sie Ihr Liebling, Anna Werth, und die reizende Magnolia. Ihr getreuer Piratenlieutenant wie Kapitän Iron mich so gern zu nennen pflegte.« Sobald Arthur den Brief zu Ende gelesen hatte, starrte er mit einem Ausdruck gänzlicher Rathlosigkeit zu dem Pelzjäger nieder. Dieser, nichts Gutes ahnend, sprang empor und fragte bestürzt, ob er den Brief geschrieben habe. »Nach dem Inhalte zu schließen, könnte er wohl von mir herrühren,« antwortete Arthur, wie betäubt, »und zu verwundern wäre es nicht, wenn Sie das Packet –« »Mein Gott, ich hatte ja keine Ursache, die Echtheit des Schreibens zu bezweifeln,« fiel Sans-Bois entsetzt ein, »ich gab das Packet hin und fügte sogar noch meine Gegengrüße hinzu. Beruht dies Alles auf einem Irrthum, oder hat man einen unzeitigen Scherz mit Ihnen getrieben?« »Kein Irrthum, kein Scherz,« erwiderte Arthur, der seine Gedanken allmälig sammelte, »ich fürchte, es ist hier eine Schurkerei im Spiele, welche auf nichts Geringeres ausgeht, als sich, selbst auf Kosten von Menschenleben, des Vermögens des alten Braun zu bemächtigen; und was kaltblütige Morde in der jetzigen Zeit bedeuten, sehen wir ja alle Tage.« Sans-Bois blickte noch immer auf Arthur, als hätte er dessen Mittheilungen nicht verstanden. »Und ich gab die Briefschaften vertrauensvoll hin!« rief er aus, sich vor die Stirne schlagend. »Klagen sie sich deshalb nicht an,« suchte Arthur ihn zu beruhigen, »uns trifft nur der eine Vorwurf, daß meine heimlichen Feinde zu listig für uns waren. Aber von wem hätte ich auch einen Angriff befürchten sollen? Freilich, ich entsinne mich jetzt, daß man mich über Dieses und Jenes auszufragen suchte, wodurch ich hätte vorsichtiger werden müssen. Nachträglich wird mir Alles klar und ich fürchte, ich werde zu einem Verfahren gezwungen werden, welches ich – doch Sie sagen, eine weiblich Person habe das Schreiben überbracht?« »Ein anständig gekleidetes Mädchen mit sittsamem Wesen, welches sich für eine Aufwärterin oder dergleichen in Brauns Villa ausgab.« »Die Schurken, sie fürchteten, wiedererkannt zu werden und wählten deshalb eine Vermittlerin. O, ich ahne, errathe, was sie mit den Papieren bezwecken, die mir unersetzlich sind! Aber noch ist nicht Alles verloren, denn wir wissen, von welcher Seite die Schläge geführt werden, die unschuldige Menschen bedrohen.« »Sie kennen denjenigen, welcher Sie Ihres Eigenthums beraubte?« »Ich kenne ihn, und Sie kennen ihn noch besser, als ich; ich hörte ihn sogar zwei Männer beauftragen, den Diebstahl schleunigst auszuführen, ohne zu ahnen, daß sich das sogenannte Geschäft auf meine Papiere bezog.« »Aber um Gotteswillen, haben die Papiere denn auch noch für Andere einen so hohen Werth. »Mein ganzes Hab und Gut bildeten sie, zugleich enthielten sie meinen letzten Willen, im Falle mich irgendwo ein Unglück ereilte; kurz, sie umfaßten Alles, was nur irgend in meinem Leben noch Werth für mich haben konnte. In den Händen desjenigen aber, der sie hinterlistiger Weise an sich brachte, sind sie eine gefährliche Waffe, von welcher ich nur nicht begreife, wie man sie anwenden kann, so lange ich störend einzuschreiten vermag.« Sans-Bois neigte sinnend das Haupt. »Den Verlust Ihrer Papiere bedaure ich gewiß nicht weniger, als Sie selbst,« bemerkte er nachdenklich, »das Andere dagegen, was Sie andeuten, ist mir unverständlich; ich vermag beim besten Willen nicht, einen Zusammenhang zu ergründen.« »Weil Sie nicht mit meiner Vergangenheit vertraut sind,« erwiderte Arthur, »doppelt rathsam erscheint es mir daher, Sie jetzt mit derselben bekannt zu machen. Es giebt dann wenigstens einen Menschen, der, sollte mich ein Unfall treffen, meine Rechte wahrnimmt, die verlorenen Papiere gewissermaßen ersetzt und Andere vor drohendem Unheil bewahrt.« Dem ersten Schrecken und Erstaunen der beiden Männer war eine ernste, überlegende Ruhe gefolgt. Auf Arthur lastete es wie eine trübe Ahnung, während ängstliche Spannung den alten Jäger beseelte, indem er für diejenigen fürchtete, welche er seit seiner kurzen Bekanntschaft mit ihnen lieb gewonnen hatte. Bald darauf saßen sie wieder, wie einige Tage früher, vor dem flackernden Kaminfeuer. Wie aber an jenem Abende Sans-Bois seine Lage schilderte, so führte heute Arthur das Wort. Es war eine lange, lange Geschichte, welche er erzählte; eine Geschichte von schweren Seelenkämpfen und bitteren Täuschungen, von nagendem Kummer, gebleichten Hoffnungen und mit unnachsichtiger Strenge sich selbst auferlegten Entsagungen. Es war eine lang Geschichte, vorgetragen mit fast kindlicher Offenherzigkeit und hingenommen mit wachsender, inniger Theilnahme. Eine lange Geschichte, nur hin und wieder unterbrochen durch kurze tadelnde Bemerkungen des alten Jägers, oder durch billigendes Kopfnicken. Als sie aber endlich abgeschlossen wurde, da reichte Sans-Bois seinem jungen Freunde mit väterlichem Wohlwollen die Hand, ihm so recht herzlich in die Augen schauend. »Sie besitzen eine seltene Seelenstärke,« hob er an, »Sie haben dieselbe bewiesen in guter, wie in tadelnswerther Weise. Ihren starren Hochmuth betrachteten Sie als Ihren Abgott und viel Kummer ist Ihnen und Andern daraus erwachsen; möge Ihnen dafür doppelter Segen beschieden sein, wenn Sie mit derselben Seelenstärke sich demuthsvoll in das fügen, was das Geschick über Sie verhängt. Arthur lächelte schwermüthig. »Die Starrheit ist gebrochen,« bemerkte er leise, wie zu sich selbst sprechend, »sie konnte dem Einfluß der Schilderungen nicht widerstehen, mit welchen sie den undankbaren Sohn in die Arme seiner Eltern zurückzuführen hoffte.« Es waren die letzten Worte, welche die beiden Freunde in dieser Nacht wechselten. Niedergebrannt waren die Holzkloben in dem Kamin, aber eine behagliche Wärme strömte noch immer von dem Kohlenhaufen aus, eine willkommene Beigabe zu dem eintönigen Tropfen des Schneewassers, indem dasselbe, vor dem kalten Ostwinde lange Eiszapfen bildend, von den Dächern niederrieselte. – Einundvierzigstes Capitel. Im Comptoir des Millionärs. Zur bestimmten Stunde, sogar zur bestimmten Minute hatte der muntere Pony den leichten und zierlichen Wagen vor Brauns Geschäftshaus hingerollt und zur bestimmten Minute stieg Braun selbst aus, um sich nach seinem Privatcomptoir zu begeben, wohin ein seiner bereits harrender Diener die bekannte Mappe vorausgetragen hatte. Leicht grüßend schritt er an den verschiedenen Pulten vorüber, hinter welchen die Buchhalter höflich, jedoch ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, dankten, bis er endlich den Tisch erreichte, an welchem sein Neffe Eberhard zu arbeiten pflegte. »Ist Herr Braun noch nicht eingetroffen?« fragte er, sobald er bemerkte, daß dessen Sitz leer war. Im Ton seiner Stimme, wie im Ausdruck seines Gesichtes zeigte sich dabei nicht die leiseste Spur von Mißfallen oder Ueberraschung; seine Züge trugen, wie immer in seinem Comptoir, einen ruhigen, undurchdringlichen Ernst, als seien in seiner Brust alle andern Gefühle, als die für das Blühen seiner Firma und die Vermehrung seiner Reichthümer erstorben gewesen. »Herr Braun hat sich entschuldigen lassen, unabweisliche Geschäfte hätten ihn auf einige Tage von der Stadt entfernt,« lautete die Antwort des ersten Buchhalters. Um die schmalen Lippen des Millionärs zuckte es schmerzlich. »Sorgen Sie dafür, daß die ihm übertragenen nothwendigsten Arbeiten erledigt werden,« sagte er im Davonschreiten. »Es ist Alles geordnet,« entgegnete der Buchhalter, und es herrschte in den umfangreichen, aneinanderstoßenden Räumen wieder die gewöhnliche feierliche Stille. Braun hatte in seinem Arbeitszimmer, welches von dem nächsten Gemach durch eine Glaswand geschieden war, vor seinem Schreibtisch Platz genommen. Einige Minuten stützte er das Haupt schwer auf die Hand, dann die seitwärts von ihm liegenden eingelaufenen Briefe heranziehend, begann er mit einer gewissen kaufmännischen Entschiedenheit in seinen Bewegungen dieselben zu öffnen, durchzulesen, mit einzelnen auf die Beantwortung bezüglichen Notizen zu versehen und in verschiedene Schichten vor sich zu ordnen. Nur gelegentlich wurde er in dieser Arbeit unterbrochen, wenn von der Kasse her ein junger Mann bei ihm eintrat, schweigend Quittungen und Wechsel zur Unterschrift vor ihn hinlegte und nach Ausfüllung derselben ebenso stumm wieder verschwand. Eine Stunde war in dieser Weise verstrichen, als Arthur angemeldet wurde, der ihn dringend zu sprechen wünschte. Gleich darauf erschien der Angemeldete. Braun erhob sich und ihm einen Schritt entgegengehend, reichte er ihm mit gemessenem Wesen die Hand, wobei er ebenso gemessen fragte, womit er ihm dienen könne. Arthur, der mit Braun bis jetzt nur in dessen Villa zusammengetroffen war, fühlte sich durch den kalten Empfang wie feindselig angehaucht. Er hatte keine Ahnung von der Doppelnatur, welche in dem alten Kaufherrn wohnte, und dessen Entgegenkommen mißverstehend, wurde er plötzlich schwankend in den Vorsätzen, welche ihn dorthin geführt hatten. Eine gewisse Verwirrung prägte sich in Folge dessen in seinen Zügen aus, die wieder von Braun mißverstanden wurde und ihn veranlaßte, bevor Arthur antwortete, weiter zu fragen, wie hoch die Summe sich belaufe, deren er bedürfe, und daß er die Güte haben möge, sich nach der Kasse zu bemühen und daselbst jeden beliebigen Betrag zu entnehmen. Arthur stieg das Blut in die Schläfen hinauf; er war entrüstet, und dennoch vermochte er nicht, beim Hinblick auf die würdige Gestalt Brauns, so zu antworten, wie es auf jeder andern Stelle von ihm zu erwarten gewesen wäre. »Sie irren sich, ich gebrauche kein Geld,« versetzte er endlich mit einer fast übermäßig höflichen Verbeugung, und zerstoben waren die Vorsätze, welche er in der verflossenen Nacht in Sans-Bois' Gesellschaft und auf dessen wohlmeinenden Rath gefaßt hatte; »meine Mittel sind noch nicht erschöpft, sie werden ausreichen, bis ich Gelegenheit finde, mir neue zu erwerben.« »Kann ich Ihnen behülflich sein, diese Gelegenheit schneller herbeizuführen?« fragte Braun im Comptoirtone ruhig weiter. »Für das großmüthige Anerbieten danke ich Ihnen aufrichtig,« erwiderte Arthur bitter, »ich komme überhaupt nicht in Geschäften, am allerwenigsten aber, um nach irgend einer Richtung hin Ihre Hülfe in Anspruch zu nehmen. Der Grund meiner Störung war nur, in – nun, in Privatangelegenheiten eine Unterredung mit Ihnen nachzusuchen; allein ich begreife, Sie sind beschäftigt, ich bitte daher um Verzeihung, hier eingedrungen zu sein.« »Meine Zeit ist allerdings sehr beschränkt,« versetzte Braun sinnend, »allein – bitte, sagen Sie mir, sind die bezeichneten Angelegenheiten dringender Natur?« »O nein, ganz und gar nicht,« antwortete Arthur mit einem hochmüthigen, fast spöttischen Lächeln, »sie könnten im Falle der Noth sogar bis an's Ende der Welt hinausgeschoben werden.« »Nun nun, das wollen wir eben nicht thun, mein lieber Freund,« suchte Braun ihn zu beruhigen, obwohl keine Muskel seines Comptoirgesichtes sich veränderte, »und wenn Sie nur die Freundlichkeit haben wollten, mich in meiner Wohnung zu besuchen – vielleicht heute Nachmittag um sechs Uhr oder morgen Vormittag vor elf – so würde ich Ihnen gern zu Diensten stehen.« »Ich bin Ihnen sehr verbunden,« entgegnete Arthur kaum noch fähig, seinen Unmuth zu verbergen, »ich werde mir also erlauben, Ihnen zu gelegenerer Zeit meine Aufwartung zu machen.« Braun verneigte sich höflich, und Arthur war im Begriff, sich zu entfernen, als er sich plötzlich noch einmal umwendete. »Vielleicht gestatten Sie mir, Ihren Herrn Neffen auf einige Minuten zu sprechen?« fragte er mit erzwungener Gleichgültigkeit, »ich suchte ihn in seiner Wohnung, hatte aber nicht die Freude, ihn zu Hause zu treffen.« »Ich bedauere sehr, einräumen zu müssen, daß mein Neffe abwesend ist,« antwortete Braun ebenso kalt und theilnahmlos. »Wo würde ich ihn am ehesten finden?« »Auch darüber kann ich keinen Aufschluß ertheilen; er ist auf einige Tage verreist; nach seiner Heimkehr verschaffe ich Ihnen aber gern die Gelegenheit, ihn ebenfalls draußen in meiner Wohnung zu sehen.« Bei der Nachricht, daß Eberhard verreist sei, erschrak Arthur. Eine Frage, die jedenfalls weitere Erörterungen nach sich gezogen hätte, schwebte auf seinen Lippen; sein verletzter Stolz gewann indessen schnell wieder die Oberhand, und noch einmal sein Bedauern aussprechend, überhaupt gestört zu haben, empfahl er sich. Mit aufrechter Haltung und die Comptoirarbeiter kaum eines Blickes würdigend, schritt er durch die angrenzenden Räumlichkeiten. Erst als die letzte Thüre sich hinter ihm geschlossen hatte und die nach den unteren Räumen und zur Straße hinabführende Treppe vor ihm lag, gelangten die Gefühle bitterer Enttäuschung und verhaltenen Zornes auf seinem Antlitz zum Durchbruch. »Ha, auch er hält mich für einen Bettler,« murmelte er, während Thränen in seine Augen zu dringen drohten, »wohlan denn, ich kann ohne ihn leben, er aber soll erfahren, wenn es zu spät ist, wer das Unglück von seinem Hause abwenden wollte und daran gehindert wurde. Wie ganz anders würde er mich empfangen haben, wäre ich als reicher Mann vor ihn hingetreten!« Er war unten angekommen, und in demselben Augenblick, in welchem er auf die Straße trat, rollte der von dem munteren Pony gezogene Wagen vor das Haus. Ohne das Gefährte zu beachten, wollte er vorüberschreiten, als eine Stimme, welche ihm das Blut wärmer und schneller zum Herzen trieb, zu ihm herüberdrang und er, aufschauend, Anna's, von der Kälte lieblich geröthetes Antlitz gewahrte, wie ihm dasselbe zwischen kostbaren Pelzen und Decken hervor holdselig entgegenlächelte. »Herr Arthur!« rief sie, und der Ausdruck innerer Besorgniß, der auf ihren offenen Zügen ruhte, wurde verdrängt durch den einer emporflammenden Freude, »wie lange haben wir nicht den Vorzug gehabt, Sie bei uns zu sehen? Und nun muß ich Sie gerade hier bei meinem theuren Wohlthäter treffen! Sie haben ihn doch gesehen und gesprochen?« »Ich habe ihn gesehen und gesprochen,« antwortete Arthur, indem er Anna aus dem Wagen half und sie bis an die Treppe führte, »allein er war so dringend beschäftigt, daß unsere Unterredung einen nur sehr kurzen Verlauf nahm – er bat mich, ihn zu einer gelegeneren Zeit auf der Villa zu besuchen.« Obgleich Arthur sich die größte Mühe gab, sorglos zu erscheinen, mußte im Tone seiner Stimme doch etwas gelegen haben, was Anna befremdete, denn mit einer kurzen Bewegung zu ihm aufblickend, fragte sie besorgnißvoll: »Haben Sie Herrn Braun auch nicht mißverstanden? Er meint es sonst doch immer so gut mit Ihnen, und nie hört man ihn anders, als mit wahrhaft freundschaftlichen Gesinnungen von Ihnen sprechen.« »Nein nein, mißverstanden habe ich ihn nicht,« entgegnete Arthur, und er kehrte das Haupt lächelnd ab. »Aber ich errathe, Sie fühlen sich verletzt,« fuhr Anna dringender fort, »und es liegt in Ihrem Plane, die Villa fortan zu meiden, habe ich Recht, Herr Arthur?« und indem sie fragte, leuchtete ein so inniges Bedauern, eine so aufrichtige Zuneigung aus ihren Augen, daß Arthur sich völlig außer Stande fühlte, das Gegentheil von der Wahrheit zu behaupten. »Ich räume ein, daß ich wirklich Bedenken hege, mich wenigstens in nächster Zeit da einzudrängen, wo meine Gegenwart vielleicht unerwünscht ist,« antwortete er endlich mit freundlichem Ernste, »um so mehr, als das, was ich Herrn Braun mitzutheilen habe, füglich auf brieflichem Wege erledigt werden kann.« »Nein, nein, Herr Arthur, so dürfen Sie nicht von uns scheiden,« nahm Anna mit wachsendem Eifer das Wort, und zutraulich ergriff sie des jungen Mannes Hand; »erst wenn Sie fern sind, wollen sie an meinen gütigen Wohlthäter schreiben; o, Herr Arthur, thun Sie das nicht; bedenken Sie, wir Alle wünschen sehnlichst die Gelegenheit herbei, unsern eigenen Gefühlen dadurch zu genügen, daß wir Ihnen unsere herzliche, aufrichtige Anhänglichkeit beweisen. Reisen sie daher nicht, ohne uns vorher gesehen zu haben, ferner bin ich Ihnen ja noch die Erzählung schuldig – Sie wissen – von so vielen Dingen, durch welche Sie möglichen Falls an Ihre Heimath und an Ihre glückliche Kindheit erinnert werden.« Anna bat so süß, so innig und mit einer so lieblichen Offenherzigkeit, aus ihren redlichen Augen strahlte so viel Unschuld und Liebe, daß Arthur, indem er die holde Stimme vernahm und in die tiefen blauen Augen schaute, eine milde, ihn gleichsam beseligende Rührung in seine Brust einziehen fühlte. »Sie sind eine Zauberin,« sprach er träumerisch, »ein freundlicher Hausgeist, der es versteht, alle Menschen nach seinem Willen zu lenken.« »Gerade so sagte auch Frau Kathrin, die prächtige Frau, von der ich Ihnen bereits erzählte,« fiel Anna treuherzig ein, »und da darf ich schon solche Vergleiche auch von anderen Leuten dulden, zugleich aber versuchen, meinen Zauberkünsten Geltung zu verschaffen. Sie werden also kommen, Herr Arthur, Sie lassen mich nicht vergeblich bitten, und meinem armen Johannes ersparen Sie die herbe Kränkung, daß Sie von dannen ziehen, ohne ihm Lebewohl gesagt zu haben.« »Ich komme, ich werde kommen,« versprach Arthur jetzt, und Anna's Hand noch einmal innig drückend, eilte er, ohne ein anderes Wort des Abschieds, auf die Straße hinaus. Wie ein Berauschter verfolgte er anfangs seinen Weg; noch immer glaubte er den Ton der süßen Stimme zu vernehmen, der ihm so warm zum Herzen gedrungen war, noch immer in die lieben blauen Augen zu schauen, die so vertrauensvoll auf die seinigen gerichtet gewesen. »Welche Thorheit,« sprach es nach einiger Zeit in seinem Herzen, »würde sie so frei, so ohne alle Scheu gesprochen haben, überschritte ihr Wohlwollen auch nur um die Breite eines Haars die Grenze einer herzlichen Freundschaft?« »O, dieser Johannes, er muß sehr, sehr glücklich sein,« hallte es nach einer längeren Pause in seinem Innern, und er schritt wieder so fest und selbstbewußt einher, als ob er nunmehr ganz bestimmt mit sich und der Welt abgeschlossen habe. – Anna war längst bei dem alten Braun eingetreten, der sie mit kaum geringerer Förmlichkeit willkommen hieß, als er kurz zuvor Arthur begegnete. Sie kannte indessen seine Weise, und anstatt zurückzuschrecken, legte sie Hut und Mantel ab, dadurch ihre Absicht bekundend, vorläufig nicht wieder aufzubrechen. Leise bewegte sie sich einher, leise und mit unnachahmlicher, natürlicher Anmuth. Gänzlich fremd jeder Berechnung und nicht ahnend den Einfluß, welchen sie, ohne es zu wollen, auf den alten Herrn allmälig gewonnen hatte, entwickelte sie doch so viel sittige Entschiedenheit und Sicherheit, als sei sie nur in treuer Pflichterfüllung erschienen, wie etwa die Kassenführer, die von Zeit zu Zeit eintraten, um sich die entsprechenden Unterschriften einzuholen. Eine Viertelstunde hatte sie wohl in dem Comptoir zugebracht, zwischen den auf einem großen runden Tische liegenden Zeitungen und Journalen blätternd, als Braun sich plötzlich nach ihr umwendete und sie abermals; jetzt aber mit mehr Herzlichkeit begrüßte.« »Zum Abholen ist's eigentlich noch zu früh,« bemerkte er darauf, indem er nach der Uhr sah, »kaum halb eins, und vor drei Uhr breche ich nicht gern auf.« Anna küßte mit kindlich bescheidenem Wesen des alten Herrn Hand, und ihn mit einer leichten Verwirrung anschauend, antwortete sie: »Sie jetzt schon abzuholen, lag nicht in meiner Absicht; ich habe daher auch den Wagen zurückgeschickt und zur bestimmten Stunde wieder hierherbestellt. Wenn es mir aber gestattet wäre, so lange hier zu verweilen – ich beschäftige mich unterdessen mit den Büchern dort – vielleicht findet sich später ein halbes Stündchen, in welchem Sie weniger durch Ihre Arbeit in Anspruch genommen werden –« »Du hegst wohl den heimlichen Wunsch, Dich mit mir zu unterhalten?« fragte Braun gütig lächelnd, »hast Du irgend ein Anliegen, so offenbare es ohne Scheu; ich verspreche Dir dagegen im Voraus, daß Alles pünktlich gewährt werden soll.« Anna zögerte einige Sekunden; ihre großen blauen Augen schimmerten feuchter; die liebevollen Worte ihres Wohlthäters wirkten ähnlich, wie einst das trauliche »Schätzchen« des biedern Kärrners, wenn er mit seinem bezeichnenden Blinzeln und tief gesenkten Mundwinkel ihr die Hand aufs Haupt legte. Sie vermochte daher nur so zu antworten, wie es in ihrem Herzen geschrieben stand: treu und nicht um einen Gedanken durch Scham oder Höflichkeit aus ihrer natürlichen Bahn gedrängt. »Als ich mich zu dem frühen Besuch entschloß,« sagte sie schüchtern, »hegte ich wirklich den Plan, eine Unterredung mit Ihnen herbeizuführen – die Vorfälle von gestern Abend – ich fühlte mich so bedrückt –« »Und da möchtest Du wohl Dein Herz bei mir erleichtern?« fiel Braun wohlwollend ein. »Ja, das möchte ich,« bekräftigte Anna mit rührender Offenheit, »Ich bin zwar darauf vorbereitet zu warten, namentlich seit Herr Arthur mir mittheilte, daß Sie –« »Du bist ihm wohl begegnet? Ja, er war hier; ein prächtiger junger Mann, welchen ich wohl für mein Geschäft gewinnen möchte. Es ist indessen schwieriges Verkehren mit ihm, er fürchtet sonderbarer Weise, daß hinter meiner Vorliebe für ihn eine Art Belohnung für seine Dir geleisteten Dienste verborgen sein könnte. Es scheint überhaupt ein Stolz in die jungen Leute gefahren zu sein, gegen welchen Sterbliche, und beseelt sie der heiligste Wille, vergeblich ankämpfen. Er wird uns übrigens heute oder morgen draußen besuchen; ich habe ihn sehr dringend eingeladen.« Anna erröthete, indem sie erwog, daß ohne ihr herzliches Zureden Arthur wohl schwerlich der Einladung Folge geben würde, und ihre Augen flehentlich zu Braun erhebend, sprach sie holdselig lächelnd: »Aber wie, wenn auch auf mich etwas von diesem Stolze übergegangen wäre! Wenn nach Beiwohnung der gestrigen ergreifenden Scene auch in mir die Frage erwacht wäre, mit welchem Rechte ich mich in Ihrem Hause befinde und mich Ihres gütigen Schutzes erfreue?« Indem Anna noch sprach, erhielt Brauns Antlitz einen Ausdruck von Schwermuth, und als sie geendigt, legte er, wie der Kärrner so gern zu thun pflegte, seine Hand auf Ihr Haupt. »Ich tadle Dich nicht wegen dieser Frage, mein Kind,« hob er bewegt an, »ich finde sie unter den obwaltenden Verhältnissen sogar natürlich und gerechtfertigt. Schon lange beabsichtigte ich, Dir eine darauf bezügliche Erklärung zu geben, und zögerte nur noch, bis ich einige wichtige, meine Privatangelegenheiten betreffende Anordnungen getroffen haben würde –« »Und können wir nicht dennoch so lange warten?« fiel Anna schnell ein, und auf ihrem Antlitz spiegelte sich die Besorgniß, mit ihrer Bitte einen trüben Nachhall in ihres Wohlthäters Brust erweckt zu haben. »Nein, nein,« entschied Braun sanft, »nachdem die erste Einleitung getroffen ist, wüßte ich keinen günstigeren Zeitpunkt, als gerade jetzt. Aber nicht hier, mein Kind, nein, nicht hier; ich liebe es nicht, bei derartigen Gesprächen von meinen Leuten beobachtet zu werden«; und sich erhebend und Anna die Hand reichend, führte er sie nach einer kaum bemerkbaren Tapetenthüre, die in ein kleineres, vornehm und behaglich ausgestattetes Seitengemach öffnete. »So, mein Kind, hier sind wir ungestört,« fuhr er fort, nachdem sie eingetreten waren, und er schob zwei Polsterstühle für sich und Anna neben einander, »man weiß jetzt, daß ich für Niemand zu sprechen, oder vielmehr, daß ich nicht anwesend bin. Ich bitte Dich daher, mir Deine volle Aufmerksamkeit zu schenken und frei zu fragen, wenn Dir Dieses oder Jenes nicht ganz verständlich sein sollte. »Ahnst Du etwa, welches Verhältniß zwischen uns Beiden besteht?« Anna zitterte; sie fürchtete sich fast vor den Enthüllungen, welche ihr mit so viel Feierlichkeit angekündigt wurden. Braun, der ihre Hand hielt, mochte ihre Empfindungen errathen, denn bevor sie antwortete, hob er wieder an: »Aengstige Dich nicht, mein liebes, liebes Kind, Du sollst nur Gutes erfahren, wenn auch recht viel Wehmüthiges sich mit einschleichen mag. Denke indessen an Deine edle Mutter, vergegenwärtige sie Dir im Geiste und Du wirst fühlen, wie deren Bild Dir Muth und Stärke verleiht. Einen näheren Zusammenhang ahnst Du also nicht?« »Ich habe nie ernstlich darüber nachgedacht,« versetzte Anna leise, »die mir gewordenen Beweise von Wohlwollen und Liebe nahm ich gedankenlos hin; dieselben beglückten mich, weil sie von Menschen ausgingen, welche ich von ganzem Herzen liebte; mir war, als ob es so hätte sein müssen. Und so nahte ich mich auch Ihnen vertrauensvoll, weil Sie der Bruder meines theuren Freundes in der Heimath waren; als Sie mich aber wie eine Tochter begrüßten, – ja – da war die letzte Furcht verschwunden, welche ich heimlich nährte, und ich fühlte mich glücklich und zufrieden.« »Du liebst also meinen ehrenwerthen Bruder?« »Ueber alle Beschreibung, ihn und die theure Frau Kathrin,« bestätigte Anna, und Braun brauchte nur in die klaren blauen Augen zu schauen, um von der Wahrheit ihres Ausspruchs durchdrungen zu werden. »Mein liebes Kind,« fuhr er darauf sinnend fort, »ein guter Stern hat über uns Allen gewaltet, indem er Dich zu meinem Bruder führte und so gewissermaßen Deinen Uebertritt in die jetzigen Verhältnisse erleichterte. Er hat über uns gewaltet, indem er Dich gleichsam zur Vermittlerin wählte, welche den Schatten verscheuchen sollte, der, unser beiderseitiges Verhältniß trübend, zwischen mir und meinem Bruder hing. Die Widerwärtigkeiten, welchen Du drüben begegnetest, erwähne ich nicht; ich scheue mich, tiefer in dieselben einzudringen, um nicht von Argwohn gegen manche Persönlichkeiten erfüllt zu werden, denen ich bisher mein unbegrenztes Vertrauen schenkte. Doch ich wiederhole, überall läßt sich die lenkende Hand einer weisen Vorsehung erkennen, die liebreich über uns wachte und in ihrer unbegreiflichen Weisheit die wunderbarsten Mittel wählte, uns zusammenzuführen. Denn ein Zufall war es nicht, was den alten Kärrner einst Dich auf der Landstraße finden ließ, eben so wenig, wie das oft beklagte Verhängniß, welches meine arme Magnolia nach dem Süden verschlug, wo sie mit Eberhard, dem Todtgeglaubten, zusammentraf. O, hätte der arme junge Mann nur mehr Vertrauen zu mir, und besäße er einen weniger unbeugsamen Charakter! Er befände sich vielleicht heute schon auf dem Wege nach der Heimath, um in der lieblichen und edelgesinnten Magnolia seinen hochbeglückten Eltern eine Tochter zuzuführen. Doch es ist ja noch nichts verloren, und in Magnolia besitzen wir das beste Mittel, sein im fortgesetzten Kampfe mit einem wenig freundlichen Geschick mißtrauisch gewordenes Herz auch wieder für Andere zu erwärmen. »Ja, mein liebes Kind, trotz der Schwierigkeiten, welche sich leider in diesem Lande noch immer der Vereinigung Eberhards und Magnolia's entgegenstellen würden, gereicht mir das zwischen den beiden jungen Leuten getroffene Uebereinkommen zur wahren Herzensfreude. Ich leugne nicht, daß namentlich in letzter Zeit andere Pläne mich hin und wieder beschäftigten, doch hatte ich zu denselben ebenso wenig äußere Veranlassung, wie ein Recht, und dann – liebe Anna – nachdem ich Dich kaum erst gefunden habe, wäre es mir auch recht, recht schwer geworden, mich wieder von Dir zu trennen.« Hier schwieg Braun, als wären die Pläne, deren er erwähnte, noch einmal vor seinem Geiste vorübergezogen. Anna aber sah ängstlich und befremdet zu ihm auf; sie hatte die in seinen Worten enthaltene Andeutung nicht verstanden. Nach einer längeren Pause und gewissermaßen gemahnt durch Anna's Blicke, nahm Braun seine Mittheilungen wieder auf. »Eberhard liebt Magnolia aufrichtig und wahr, es unterliegt keinem Zweifel; sie aber verdient eine solche Liebe nicht nur, sondern – wir haben uns Beide ja gestern davon überzeugt – sie liebt ihn auch wieder mit der ganzen Kraft eines reinen, frommen Herzens. »Eine zärtliche Neigung nun, wie sie zwischen diesen Beiden besteht, empfand auch ich einst – o – ich empfinde sie ja noch heute, obwohl mein Haar unter der Last einer langen Reihe von Jahren gebleicht ist – und zwar galt sie einem jungen Wesen, welches sich ebenso sehr durch äußere Anmuth, wie durch die edlen Eigenschaften der Seele vor allen Andern auszeichnete. Du, meine liebe Anna, erinnerst mich lebhaft an diejenige, die meinem Geiste, gleichviel ob wachend oder träumend, beständig vorschwebte; denn es war Deine eigene Mutter, deren Herz nun schon seit Jahren im Tode erkaltete. »O, wie lange ist es her, als ich sie zum ersten Male sah, und dennoch, indem ich Dich betrachte, ist mir, als sei es erst gestern gewesen. Deine Augen sind das schönste Erbtheil Deiner unvergeßlichen Mutter, und wie jetzt Thränen der Wehmuth Deine Blicke trüben, so weinte damals Deine Mutter, als sie mir, überwältigt von freundlicher Theilnahme, antwortete: »»Ich kann Ihre Gattin nicht werden, so hoch ich Sie auch achte, denn mein Herz gehört bereits einem Andern.«« Längere Zeit schwieg Braun nach diesem Geständniß. Zwei Thränen rollten langsam über seine farblosen Wangen. Anna sah auf ihn hin, als habe sie nunmehr schon vollkommen begriffen, daß es die unvergängliche Liebe zu ihrer Mutter sei, welche ihr Wohlthäter theilweise auf sie übertragen hatte, und erschüttert zog sie seine Hand an ihre Lippen. Braun lächelte mit väterlicher Zärtlichkeit und fuhr erregter fort: »Mein Vater war ein schlichter Kärrner; er hatte das Geschäft von seinem Vater übernommen und wünschte, daß dasselbe nach seinem Tode von einem seiner beiden Söhne in derselben Weise fortgeführt werden möge. Da mein Bruder größere Neigung dafür hegte, als ich, ich selbst aber, als Erstgeborener etwas verzogen, eine ganz andere Schulbildung genossen hatte, so entsagte ich freiwillig und mit Freuden allen Ansprüchen an das heimathliche Gehöft, um mich dafür mit erhöhtem Eifer dem Kaufmannsstande zuzuwenden. »Bei meiner glücklichen geistigen Begabung wurde es mir nicht schwer, mich von Stufe zu Stufe emporzuarbeiten, und bevor viele Jahre verrannen, nahm ich in einem größeren Geschäfte eine Stellung ein, in welcher ich eine Familie hätte sorgenfrei ernähren können. »Damals nun war es, als ich Deine Mutter, die Tochter eines unbemittelten, aber hochgeachteten Beamten, kennen lernte. Ihre äußere Anmuth, und ihre mit seltener Begabung gepaarte sorgfältige Erziehung übten alsbald einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf mich aus, so daß ihr Bild endlich meine ganze Seele erfüllte und ich an nichts Geringeres dachte, als durch meine Vereinigung mit ihr ein stilles häusliches Glück zu begründen. »Liebreich, wie Deine Mutter allen Menschen begegnete, begegnete sie auch mir, und darauf hin – einen andern Grund hatte sie mir nie gegeben – wagte ich es, in offener, ehrlicher Weise um ihre Hand anzuhalten. »Ihre Antwort habe ich Dir bereits mitgetheilt. Dir die Art und Weise zu schildern, wie mir dieselbe wurde, liegt dagegen außer dem Bereich meiner Kräfte. Als ich mit zerrissenem Herzen von ihr schied, da fühlte ich erst recht, was sie mir war; nach der abschlägigen Antwort liebte ich sie sogar noch heißer, denn zuvor, und ohne Haß gegen denjenigen, der durch ihren Besitz beglückt werden sollte, gelobte ich mir heilig, wenigstens ihr treuer Freund zu bleiben, bis der Tod sich zwischen uns drängen würde. »Trotz meiner unergründlichen Liebe zu Deiner Mutter, trotz meiner freundschaftlichen Gesinnung für ihn, mit dem sie fortan des Lebens Freud und Leid getreulich theilen sollte, fühlte ich mich zu schwach, beständig Zeuge ihres ehelichen Glückes zu sein. Es duldete mich nicht in ihrer Nähe; meine Beschäftigung, der ich sonst mit so viel Eifer ergeben war, widerte mich an; es trieb mich von dannen mit unwiderstehlicher Gewalt, und an demselben Tage, an welchem Deine unvergeßliche Mutter vor dem Traualtar ihre Hand in die Deines Vaters legte, schiffte ich mich zur Reise nach Amerika ein, wo ich seither ununterbrochen gelebt habe. »Die ersten Jahre meines Hierseins verrannen in unermüdlichem Ringen nach einer sicheren, unabhängigen Existenz, so daß ich keinen Grund zu haben glaubte, derjenigen, in deren Gedächtniß ich vielleicht noch fortlebte, die Ueberzeugung zu rauben, daß ich längst zu den Verschollenen gezählt werden müsse. Erst später, als meine ersten Ersparnisse, begünstigt durch die wunderbarsten Verhältnisse, sich von Monat zu Monat verdoppelten und bald zu einem beträchtlichen Vermögen anwuchsen, erwachte wieder die Sehnsucht nach der Heimath, von der ich, seit meinem Abschied von Europa, keine Kunde erhalten hatte. »Ich schrieb; doch von einer seltsamen Scheu beseelt, daß man mir um meines Reichthums willen vielleicht freundlicher begegne, wählte ich eine dritte Person zu meinem Vertrauten. Diesen nun beauftragte ich, mir regelmäßig über Alle zu berichten, an denen mein Herz noch mit wärmster Liebe hing, und, wo es Noth that, heimlich und die Gefühle vorsichtig schonend, Beistand zu leisten. Hat derjenige, dem ich so viel anvertraute, meinen Erwartungen nicht entsprochen, so trifft mich keine Schuld; aber ich verzeihe ihm um der Erfolge willen, welche dennoch aus seinen ungerechtfertigten Maßnahmen hervorgegangen sind. »Ueber Deine Eltern erfuhr ich auf diesem Wege, daß sie vom Unglück schwer heimgesucht worden waren. Dein Vater erkrankte gefährlich, daß er den Musikunterricht einstellen mußte, und als er endlich starb, da hinterließ er eine Wittwe, der keine anderen Hülfsmittel zu Gebote standen, als solche, welche sie ebenfalls durch Unterrichtertheilen herbeischaffte. Von Dir hörte ich niemals; ich wußte nur, daß Deine unglücklichen Eltern alle ihre Kinder, bald nachdem sie geboren waren, wieder in's Grab senkten, sie also fast ununterbrochen nicht nur von Sorgen, sondern auch von Gram verzehrt wurden. Aber weine nicht, mein liebes theures Kind; es ist nothwendig, daß ich Dich an jene Zeiten erinnere, um Dich vollständig in alle Verhältnisse einzuweihen, in Deinen Augen zu heiligen das treue Andenken, welches ich den Dahingeschiedenen unveränderlich bewahre. »Als ich die erste Kunde von den traurigen Verhältnissen Deiner armen Mutter erhielt, lebte Dein Vater noch. Meine erste Regung war, Deinen Eltern sogleich mit allen Kräften beizuspringen und ihnen im weitesten Umfange zu helfen. »Abgeneigt, eine dritte Person als Vermittler zwischen Deiner Mutter und mir zu wählen, schrieb ich selbst an sie. Ja, ich schrieb und bat, ich beschwor sie, mir zu gestatten, ihr und ihrem Gatten das Leben zu erleichtern und ihre Zukunft sicher zu stellen. »Bangen Herzens erwartete ich ihre Antwort. Ich erhielt dieselbe umgehend – sie soll nach meinem Tode in Deinen Besitz übergehen – und freundlich und milde, wie sie stets in ihrem persönlichen Verkehr mit mir gewesen war, lauteten auch ihre geschriebenen Worte. »In dem Briefe theilte sie mir mit, daß sie zwar schwer heimgesucht worden sei, dagegen nie die leiseste Ursache gabt habe, zu bereuen, Deines Vaters Gattin geworden zu sein. »»Selbst das gemeinschaftliche Tragen harter Schicksalsschläge hat seine traurigen Reize,«« schrieb sie, »»und nichts in der Welt könnte mich dazu bewegen, Ihre so edel und uneigennützig angebotene Hülfe anzunehmen, so lange wir uns durch eigene Kraft redlich zu ernähren vermögen.«« Innig dankte sie für das treue Andenken, welches ich ihr bewahrte und für mein Anerbieten, woran sie die Bitte schloß, ihre und ihres Mannes Gefühl zu schonen, und dergleichen Vorschläge nie wieder an sie zu richten. »Traurig las ich den Brief zu Ende. Eine hohe, eine reine Freude hätte es mir gewährt, Deiner Eltern bedrängte Lage zu verbessern, allein ich begriff die Gemüthsregungen, welche die Ablehnung bedingten. Ganz gab ich meinen Vorsatz indessen nicht auf, ich enthüllte einem kundigen Geschäftsmanne, der sich später leider in einem sehr zweideutigen Lichte zeigte, die ganzen Verhältnisse, und beauftragte ihn, zu versuchen, ob nicht auf Umwegen und ohne daß man den Urheber erriethe, Deinen Eltern wenigstens eine Unterstützung zugewendet werden könne. Aber auch seine Bemühungen scheiterten; sie mußten scheitern, indem Deine arme Mutter jedenfalls ahnte, von wem die freundliche Theilnahme an ihren äußeren Verhältnissen ausging. »Da erhielt ich die Trauerbotschaft, daß Dein Vater nicht mehr unter den Lebenden weile, zugleich aber auch die Gewißheit, daß jetzt vielleicht noch mehr als früher, jede Hülfeleistung von meiner Seite abgelehnt werden würde. »Trauernden Herzens fügte ich mich in die Nothwendigkeit, derjenigen, die mir in meinem Leben gleichsam ein Leitstern gewesen, nur noch als eines in weite, fast unabsehbare Ferne gerückten Traumbildes zu gedenken. »Obwohl Alvens Deine Mutter bald ganz aus den Augen verlor, bevollmächtigte ich ihn dennoch, wo nur immer die Gelegenheit sich dazu bieten sollte, über die reichsten Mittel zu ihren Gunsten zu verfügen. »Da traf mich, wie ein entsetzlicher Schlag, die Nachricht, daß die edle, schwer geprüfte Frau ihrem Gram erlegen sei, und zwar ohne Angehörige hinterlassen zu haben. Lange und aufrichtig beweinte ich sie, und noch immer fühle ich eine Leere in meinem Herzen, welche selbst Du, mein liebes Kind, nicht ganz auszufüllen vermagst. Nur langsam gewöhnte ich mich an den Gedanken, sie in diesem Leben nicht wiederzusehen. In demselben Maße aber, in welchem ich mich mit erneuerter Kraft und verdoppeltem Glück der Vermehrung meines Reichthums zuwendete, wuchs auch das vielleicht von fremder Seite her mit Ueberlegung genährte Mißtrauen gegen meines Bruders Ansichten über mich und die Art, wie er seinen einzigen, zu einer maßlosen Ueberhebung hinneigenden Sohn erzog. »Die Flucht Eberhards erweiterte die Kluft, die allmälig zwischen meinen nächsten Verwandten und mir entstanden war. Mein Bruder und seine Frau maßen nämlich die Schuld an dem Unglück bis zu einem gewissen Grade mir bei, der ich durch mein Beispiel des jungen Mannes Sucht nach einer freien, unabhängigen Lebensstellung wach gerufen habe. Ich dagegen mußte mich wieder durch die Art verletzt fühlen, auf welche sie denjenigen zurückstießen, der von mir dazu ermächtigt war, sie zu beobachten. Ich durfte ja nicht dulden, daß sie, meine einzigen natürlichen Erben, ohne Rath und ernste Anleitung aus ihrer Sphäre heraustraten, wenn sie nicht nur das Opfer übelgesinnter Menschen und feilen Betruges werden, sondern auch ihre häusliche Zufriedenheit einbüßen sollten. Vielleicht ging ich mit meiner Bevormundung zu weit; mögen sie indessen noch so zornig und argwöhnisch gegen mich gewesen sein, das Wiederauffinden ihres Sohnes muß Alles wieder in's Gleichgewicht bringen. »Jahre gingen dahin; trotz des furchtbaren Bürgerkrieges, welchem ich empfindliche Verluste verdanke, wuchs mein Vermögen bis zu einer früher nie geahnten Höhe an, so daß ich unter verhältnißmäßig geringen Opfern Hunderten flüchtiger Sklaven die Mittel zur Uebersiedelung nach der schwarzen Republik Liberia gewähren konnte. »Die Befreiung immer neuer Sklaven, das Hinlenken derselben auf die Pfade höherer Gesittung wurde allmälig die Hauptaufgabe, der ich noch lebte und welcher zu Liebe ich mit immer größerem Eifer und mit immer größerem Glück mich dem Gange meines weit ausgebreiteten Geschäftes widmete. »Da erhielt ich plötzlich und unerwartet, wie wenn ein einsamer Stern freundlich zwischen nächtlich eintönigen Wolken hervorschimmert, die verbürgte Kunde von dem Dasein einer Tochter derjenigen die ich nun schon so lange beweine. Es geschah dies vor einigen Monaten, also bald nachdem Du den Brief Deiner mir unvergeßlichen Mutter an seine Adresse getragen hattest. »O, meine liebe Anna, wie muß die Mutterliebe unendlich, unerschöpflich sein! »Ein edler Stolz, ein dem entschlafenen Gatten mit treuer Pietät nachgetragenes Zartgefühl hinderte Deine Mutter, meinen Beistand selbst anzunehmen. Dir dagegen, ihrem einzigen, geliebten Kinde, wollte sie diese Hülfe wenigstens zugänglich machen, aber auch nur dann, wenn die Noth an Dich herantreten würde. »Und die Noth trat an Dich heran, armes Kind. »Der Brief, welchen Du einst von dem heimathlichen Städtchen nach der Dir unbekannten Residenz trugst, er enthielt das Testament Deiner Mutter, zu dessen Vollstrecker sie mich mit ihrem letzten Athemzuge ernannte. Gewiß mit schwerem Herzen entschloß sie sich zu diesem Schritt, doch das Bewußtsein, auf alle Fälle für ihr Kind gesorgt zu haben, trug dazu bei, sie beruhigter von Dir scheiden zu lassen. Gottes Segen ihrem Andenken; möge sie einen reichen Lohn drüben finden für das, was sie in diesem Leben erduldete. Ueber Dir hingegen, mein theueres Kind, hat sichtbar ein heiliger Wille gewaltet; er hat Dich geführt und geleitet sicher und treu zwischen all' den verborgenen Klippen hindurch, bis Du endlich in dem Hafen eintrafst, wo keine Gefahr Dir mehr droht, nur Liebe, reine Liebe Deiner harrt. Der letzte Wille Deiner geliebten Mutter aber wird nur dann erst in meinen Augen gänzlich erfüllt sein, wenn Du aus vollem Herzen Rechnung trägst der unergründlichen Liebe, durch welche ich mit Dir nahe verwandt bin, wenn Du in mir Deinen treuen Vater erblickst, wie ich Dich schon lange meine einzige, meine innig geliebte Tochter nenne und Dich als solche binnen kurzer Frist auch vor der Welt anerkennen werde.« Während Braun mit wehmüthigem Ernste sprach und nur hin und wieder inne hielt, um Herr seiner ihn fast übermannenden Empfindungen zu werden, hatte Anna fast regungslos dagesessen, die Blicke fest auf die Lippen ihres Wohlthäters gerichtet, von welchen jedes einzelne Wort tief in ihre Seele eindrang. Nur die Thränen, die schwer und langsam über ihre Wangen rollten, legten Zeugniß ab von der schmerzlichen Bewegung, welche sich ihrer bemächtigt hatte. Als Braun aber, seine Mittheilungen abschließend, ihre Hand zärtlich drückte, ihr mit väterlichem Wohlwollen in die Augen schaute, da sprang sie, ihrer Gefühle nicht mehr Herr, empor. »Vater, Vater!« rief sie unter hervorbrechenden heißen Thränen aus, und ihre Arme weit ausbreitend und um ihres Wohlthäters Hals schlingend, schmiegte sie sich innig und krampfhaft an seine Brust. Eine heilige Stille war eingetreten. Braun hatte unbewußt die Hand segnend auf das theure Haupt gelegt; seine Augen schimmerten feucht, über das sonst stets farblose Gesicht hatte sich ein warmes Roth ergossen, sein Herz aber klopfte zufrieden und beseligt, als ob aus lichten Höhen eine liebe Gestalt zu ihm herniedergestiegen wäre, um den gebleichten Traum seiner Jugend noch einmal mit den schönsten Farben der Wirklichkeit zu schmücken. Einen wunderbaren Gegensatz bildete das würdige, weißgelockte Haupt zu Anna's in üppigster Jugendfrische prangendem lieblichen Antlitz, und dennoch, wie paßten sie so schön zu einander, wie boten sie in ihrer Vereinigung ein so ergreifendes Bild! Ist es aber den Verstorbenen vergönnt, mit denjenigen, an welchen sie auf Erden mit unsäglicher Liebe gehangen haben, in geistigen Verkehr zu treten, dann schaute hier gewiß eine verklärte Mutter segnend auf ihr Kind, mit dankbarer Rührung dagegen auf denjenigen, der eine Sorge von ihr genommen hatte, welche vielleicht sogar ihren ewigen Schlummer durchdrang. Minuten verrannen. Anna richtete sich wieder empor; eine leichte Verwirrung spielte auf ihrem Antlitz, und dennoch fühlte sie sich so beruhigt, so unendlich heimisch und sicher an der Seite des gütigen alten Herrn, als ob sie unter seinen wohlwollenden, sie ängstlich behütenden, treuen Augen aufgewachsen wäre. »Wie glücklich werden Frau Kathrin und der gute Braun sein,« sagte sie innig; »Alles dies zu hören, übersteigt ja weit ihre kühnsten Erwartungen.« Braun strich ihr zärtlich das braune Haar von der klaren Stirn. Wie liebliche Musik drang es ihm zum Herzen, daß Anna, deren Augen und Stimme ihn so lebhaft an seine theuersten Jugendträume erinnerten, unter keinerlei Verhältnissen ihrer ersten Freunde vergaß. – Eine halbe Stunde später verließen sie Arm in Arm die Geschäftsräume; der Wagen war noch nicht eingetroffen, die bestimmte Stunde hatte noch nicht geschlagen. Es war ihnen aber noch so viel zu fragen und zu erzählen geblieben, daß sie es vorzogen, den Weg nach der Villa zu Fuß zurückzulegen. Als ihr Chef sich zu einer so ungewöhnlichen Zeit entfernte, blickten die Buchhalter und Schreiber ihm erstaunt nach. Es war das erste Mal, daß sie eine derartige Unregelmäßigkeit erlebten; kaum daß er scheidend ihnen noch einige Anweisungen ertheilte. Sie schüttelten befremdet die Köpfe. Wie konnten die Buchhalter und Schreiber aber auch wissen, daß in der Brust des Millionärs, des streng gewissenhaften Geschäftsmannes ein Herz wohnte, welches so glücklich und heiter schlug, als wäre es plötzlich mit dem seiner holdseligen und doch so tief ernsten Begleiterin vertauscht worden! Zweiundvierzigstes Capitel. Auf den Mississippidampfern. Der Abend war längst hereingebrochen. Arthur hatte sich, nachdem er die Zeit bis dahin mit vergeblichen Nachforschungen nach Eberhard hingebracht, seinem alten Freunde, dem Pelzjäger wieder zugesellt. Bei Redsteel war er dagegen nicht gewesen; einestheils scheute er sich, mit demselben in Verkehr zu treten und seine Papiere zurückzufordern, bevor er sich mit Eberhard in Einvernehmen gesetzt haben würde, und dann wieder begriff er, daß jener, wenn er wirklich um Eberhards Verbleib wußte, ihm schwerlich zuverlässigen Aufschluß ertheilte. Seinen Besuch auf der Villa hatte er ebenfalls aufgeschoben, wenigstens auf so lange, bis es ihm gelungen sein würde, Licht in eine Sache zu bringen, welche sich als ein undurchdringliches Geheimniß vor Allen aufthürmte. – Längere Zeit hatte er, ernstlich mit ihm berathschlagend, neben Sans-Bois vor dem Kaminfeuer gesessen. Die Indianer, durchaus einverstanden mit der angekündigten neuen Verzögerung ihres Aufbruchs, begannen bereits ihre Vorbereitungen zur Nachtruhe zu treffen, als plötzlich die Thüre mit Heftigkeit aufgerissen wurde und ein junger Mann, anscheinend der Kellner eines Dampfbootes, hereinstürmte und dringend nach einem gewissen Herrn Arthur fragte. Sans-Bois und Arthur hatten sich erhoben, und Letzterer, dem Kellner entgegentretend, fragte überrascht, was man von ihm verlange. »Sind Euch gestern Papiere auf etwas seltsame Art abhanden gekommen?« forschte der Kellner fast athemlos, als ob er eine lange Strecke laufend zurückgelegt habe. »In mehr, als seltsamer Weise,« antwortete Arthur hastig, »bringt Ihr dieselben etwa zurück?« »Das nicht; aber es ist Euch an der Wiedererlangung der betreffenden Gegenstände viel gelegen?« »Sie enthielten meine ganze Habe.« »Wohlan, Herr, ich bin von einem Eurer Freunde beauftragt – ich glaube, Eberhard Braun ist sein Name – Euch die Mittel und Wege anzugeben, wie und wo Ihr Euer Eigenthum in Empfang nehmen könnt.« »Eberhard Braun?« fragte Arthur befremdet, »warum bringt er sie nicht selbst, wenn der Zufall sie ihm in die Hände spielte?« »Ich bin außer Stande, Euch darüber Auskunft zu ertheilen,« versetzte der Kellner ausweichend, »ich weiß nur, daß ein schlanker deutscher Gentleman, der im Begriff steht, binnen höchstens einer Stunde auf einem Dampfboot nach dem Süden abzureisen, mich schickt; daß er ferner den Dampfer um keinen Preis verlassen und dadurch gar verfehlen möchte, und mir namentlich streng anempfahl, vor keinem Andern, als dem Mr. Arthur selbst, den Namen Eberhard Braun zu erwähnen.« »Befand sich Jemand bei ihm?« fragte Arthur, der ein gewisses Mißtrauen gegen den Boten aufsteigen fühlte. »Eine tief verschleierte Dame, ich glaube wenigstens, sie gehört zu ihm, denn sie kamen zugleich an Bord, obwohl sie sich dann trennten und, so viel ich bemerkte, Jeder seinen eigenen Weg verfolgte.« »Ich errathe,« wendete Arthur sich in deutscher Sprache an Sans-Bois, »er will dem Schlage, von welchem er glaubt, daß er ihn vernichtet, ausweichen, und hat sie zur Flucht überredet. Die Angst vor Redsteel, ihre gegenseitige Anhänglichkeit – sie sahen keinen andern Ausweg, und nun möchte er mir die Papiere, welche er durch List oder Gewalt den Schurken entwand, persönlich einhändigen.« »Wenn nur keine Verräthereien dahinter stecken,« bemerkte Sans-Bois, »ich traue dem Burschen nicht; solche Kellnerseelen lassen sich zu Allem gebrauchen.« »Ich hege keinen Argwohn,« versetzte Arthur schnell, »die Sache liegt zu klar.« »Sie haben nicht vergessen, auf welche Art man sie um die Papiere betrog?« »Keineswegs; feindlich gesinnte Menschen ließen sie mir entwenden, während jetzt Freunde, nachdem die Documente entweder ihren Zweck erfüllten oder verfehlten, mir dieselben zurückerstatten möchten.« Sans-Bois schüttelte zweifelnd das Haupt. »Jedenfalls sind die Papiere mir werthvoll genug, um nicht vor einem Versuch der Wiedererlangung selbst unter schwierigen Umständen zurückzuschrecken,« fuhr Arthur noch entschiedener fort, indem er sich rüstete und heimlich eine Drehpistole zu sich steckte. »Wo liegt das Dampfboot?« fragte er darauf hastig den Kellner. »Ohne Führer möchte es Euch schwer werden, vor's rechte zu gelangen, denn es haben noch mehr Böte geheizt. Ich selbst begebe mich indessen an Bord zurück, und wenn Ihr mir folgt – ich glaube, 's wäre der kürzeste und sicherste Ausweg.« »Gut, beeilen wir uns,« versetzte Arthur, zugleich wurde er gewahr, daß Sans-Bois sich ebenfalls zum Aufbruch rüstete. »Sie gehen mit?« fragte er verwundert. »Ohne Zweifel,« antwortete der Pelzjäger ruhig, »das Verfahren des Burschen erscheint mir nicht unverdächtig, und in Zeiten, wie die jetzigen, kann man nicht zu vorsichtig sein.« Freundlich reichte Arthur Sans-Bois die Hand, dann gab er dem Kellner ein Zeichen und gleich darauf trat er mit diesem auf die Straße hinaus. Sans-Bois schloß sich ihnen an, nachdem er zuvor im Vorbeigehen Brise-glace leise aufgefordert hatte, ihm unbemerkt nachzufolgen. Seine Absicht, obwohl nur in kurzen Andeutungen enthalten, war verstanden worden, denn kaum hundert Schritte weit waren die drei Wanderer von dem Kosthause entfernt, da schlüpfte der gewandte Indianer ebenfalls auf die Straße hinaus, ohne Säumen die Richtung einschlagend, in welche er die schattenähnlichen Gestalten seiner Freunde kaum noch zu unterscheiden vermochte. – Nach etwa fünf Minuten erreichte der Kellner in Arthurs und Sans-Bois' Begleitung den Mississippi, wo er sich sogleich nördlich wendete. Anstatt aber auf dem Pflaster vor den zum Theil noch offenen Läden und Spelunken zu bleiben, schritt er ganz über die Straße hinüber, wo er sich beständig hart am Bollwerk des Stromes hielt. Links von ihm dehnte sich also die doppelte und dreifache Reihe der Dampfer aus, von welchen einzelne sich vielleicht schon seit Jahresfrist kaum von der Stelle bewegt hatten, während rechts die völlig vereinsamte Fahrstraße sich hinzog und nur noch vor den Häusern Gruppen rohen Gesindels und Flußarbeiter singend und die Luft mit ihrem tollen Gelächter erschütternd, einherschwankten. »'s ist manchmal nicht recht geheuer, mit denen da drüben im Dunkeln zusammenzutreffen,« entschuldigte der Kellner, daß er sich für den hindernißreichen Boden entschieden hatte, auf welchem man seinen Weg zwischen straff gespannten Tauen und Anhäufungen von Kisten, Ballen und Fässern hindurch suchen mußte. »Vorwärts, vorwärts,« trieb Arthur ungeduldig, »oder wir erleben, daß der Dampfer losmacht, bevor wir heran sind.« Dies waren die einzigen Worte, welche auf dem ganzen Wege gesprochen wurden; Hindernisse und Unebenheiten nahmen immer wieder aufs neue die Aufmerksamkeit Aller zu sehr in Anspruch. Der Himmel war dunkel und schwer bewölkt; wie reich mit Thürmen geschmückte Wälle hoben die großen Flußdampfer vor dem tiefgrauen Hintergrunde ab. Die Strömung rauschte eintönig zwischen den Schaufeln der in träge Ruhe versenkten Räder; nur hin und wieder schimmerte ein einsames Licht von den schwimmenden, mehr oder minder die Spuren des Bürgerkrieges an sich tragenden Gasthöfen herüber. Das rege Leben, welches in guten Zeiten selbst die Nächte hindurch den lang ausgedehnten Quai von St. Louis charakterisirte, fehlte gänzlich. Wo sonst unablässig eben eingetroffene oder sich zum Aufbruch rüstende Fahrzeuge ihre überflüssigen Dämpfe zischend in's Freie sandten, da erschallte jetzt nur an drei oder vier Stellen und durch weite Zwischenräume von einander, getrennt, das eigenthümliche Kreischen. Nach der Lage ihres Ziels fragten weder Arthur noch Sans-Bois. Dasselbe zeichnete sich deutlich aus durch die auf dem Radkasten eines Dampfers befestigte Laterne und den Feuerschein, welcher aus dem Maschinenraum in die Nacht hineinströmte und zwei schmale weiße Dampfsäulen, die zischend den Sicherheitsventilen entstiegen, röthlich beleuchtete. Es war der einzige Dampfer in ihrem Gesichtskreise, der sich reisefertig machte. »Wohin seid Ihr befrachtet?« fragte Arthur, als sie sich ihrem Ziele bis auf ungefähr zweihundert Schritte genähert hatten. »Stromabwärts nach New-Orleans,« lautete die Antwort des Kellners, der trotz der Hindernisse, auf welche sie immer wieder stießen, begonnen hatte, ein Negerliedchen zu pfeifen. »Was für Ladung?« Einige wenige Passagiere, dafür desto mehr türkischen Weizen. Ziemlich harte Zeiten dort unten.« Sie befanden sich so nahe, daß sie eine Reihe von Männern unterschieden, welche beim Scheine einer brennenden Pechpfanne Heizungsmaterial und volle Säcke über zwei andere Fahrzeuge fort an Bord des zur Fahrt bestimmten Dampfers trugen. Durch die Eile, mit welcher die Leute auf der einen Planke hin und auf der andern zurückschritten, wurde der Raum so beschränkt, daß das Einschiffen von Passagieren jedesmal eine Störung verursachte. Arthur und seinen alten Gefährten überraschte es daher nicht, daß der Kellner, anstatt sie in das Gedränge zu führen, sie aufforderte, eine kurze Strecke vor der Einladestelle ihm nach einem andern Dampfboote hinauf zu folgen. Von diesem sollten sie dann über die dort liegenden Planken von Schiff zu Schiff gehen, bis sie endlich, vor dem rechten angekommen, über die Brüstung des Hintertheils desselben mit leichter Mühe würden hinübersteigen können. »Dort oben in der erleuchteten Kajüte wartet der deutsche Gentleman« rief der Kellner rückwärts, als er sicheren Schrittes über die erste Planke hineilte, »außer diesem Schiff noch zwei,« fügte er mit erhobener Stimme hinzu, »ja ihrer zwei sind's, nicht weniger und nicht mehr!« Sie hatten auf dem ersten verödeten Dampfer festen Fuß gefaßt, als eine kurze Strecke hinter ihnen, trotz der kalten Jahreszeit, eine Fledermaus laut zirpte, wie wenn sie, durch den ungewöhnlichen Besuch von Menschen auf dem Fahrzeug aus irgend einem Winkel aufgescheucht, ängstlich hin und her geflattert wäre. Sans-Bois vernahm das Zirpen und schien es zu verstehen, denn er hustete und fluchte laut über den halsbrechenden Weg, worauf er beruhigt seinem jungen Gefährten dicht auf dem Fuße nachfolgte. Der Kellner war unterdessen vor der Planke angekommen, welche von dem ersten Dampfboot nach dem Hintertheil des zweiten hinüberlag. »Nehmt Euch in acht, Gentlemen,« rief er wieder rückwärts, »'s ist 'ne ziemlich harte Stelle hier; wir müssen ganz um den Radkasten herum, aber die Beleuchtung kommt uns zu statten; 'n paar gute Sprünge und wir sind zur Stelle!« Noch sprechend, trat er auf eine andere Planke, welche auf der ersten so ruhte, daß sie, wie er gesagt hatte, dicht neben dem Radkasten hinlief, und mit beiden Händen an der hohen Bretterwand hintastend, bewegte er sich langsam vorwärts. Obwohl die Streiflichter, welche von der Pechpfanne ausgingen, zwischen Brettern, Gebälk und Galleriestützen hindurch die Planke und einen Theil des Radkastens trafen, so diente die flackernde Beleuchtung doch mehr dazu, zu blenden und zu beirren. Arthur und Sans-Bois fanden indessen ihren Weg glücklich nach dem schwankenden Brett hinauf, wo ungefähr vier Fuß tief unter ihnen die Fluthen des Mississippi sich murmelnd zwischen den Schaufeln und eisernen Stangen brachen, drei Ellen weiter dagegen an den glatten Bugplanken des eben verlassenen Schiffes hinglitten. »Nur noch 'n paar Schritte und Ihr habt festen Boden,« ermunterte der Kellner, indem er, am Ende der auf einem Querholz ruhenden Planke und zugleich des Radkastens angekommen, sich leicht über die Gallerie schwang. Arthur, an welchen San-Bois sich dicht anschloß, wollte seinem Beispiel folgen, als aus der Ferne plötzlich ein kurzes indianisches Gellen ertönte, welches fast augenblicklich durch ein helles Jauchzen auf dem eben verlassenen Dampfboot beantwortet wurde. Zugleich drang aber auch der gedämpfte Ruf eines Mannes aus der zuerst angedeuteten Richtung herüber, der schon allein in seinem Ausdruck eine dringende Warnung enthielt. »Eberhard Braun! Eberhard Braun!« hieß es mit unverkennbarer Todesangst, daß selbst die auf der Einladestelle beschäftigten Arbeiter aufmerksam darauf wurden, »Eberhard Braun! Keinen Schritt weiter, oder Ihr seid des Todes!« Arthur, noch auf dem Brett stehend, kehrte sich bestürzt um. »Unheil im Winde,« murmelte Sans-Bois, »Halloh, Brise-glace!« – weiter kam er nicht, denn die wenigen Sekunden, welche nach dem ersten indianischen Gellen verstrichen waren, hatten gerade hingereicht, ihren verborgenen Feinden ein entscheidendes Uebergewicht über sie zu verleihen. Sans-Bois sprach noch und Arthur streckte eben die Hände nach der Gallerie aus, da tauchten seitwärts von dem Radkasten zwei Schatten auf, und bevor noch eins der beiden hinterlistig in eine Falle gelockten Opfer die unmittelbare Nähe einer Gefahr ahnte, sank der bleierne Knopf eines kurzen, geschmeidigen Stabes mit betäubender Gewalt auf Arthurs Haupt nieder, während ein breites Bowiemesser, flüchtig im Schein der Pechpfanne blitzend, den alten Jäger in die Seite traf. Schwer fielen die beiden Männer von der Planke in den Strom hinab, der sich brausend über ihnen schloß. Keiner von ihnen hatte einen Laut von sich gegeben; gelangten sie aber durch die Berührung des kalten Wassers vielleicht zu dem Bewußtsein ihrer hoffnungslosen Lage, so erstickten die Fluthen schnell ihre Stimmen, indem sie von denselben zwischen die Schaufeln und das Gitterwerk des schräge gegenüberliegenden Dampfers gepreßt wurden. Fast gleichzeitig mit ihrem Sturz schlüpfte der Kellner auf das geheizte Dampfboot zu, wo er mit Leichtigkeit an's Ufer entkam. Die beiden hinter dem Radkasten verborgenen Mörder dagegen sprangen auf die Planke und entflohen in der Richtung, aus welcher ihr verrätherischer Genosse Sans-Bois und Arthur herbeigeführt hatte. Gewandt glitten sie an dem Radkasten hin und über die Brückenplanke auf das andere Dampfboot zu. Dort aber, als sie eben über die Gallerie steigen wollten, prallten sie gegen eine bis dahin unbemerkt gebliebene Gestalt an, welche ihnen den Weg vertrat. Ein nackter Arm fuhr zweimal mit der Schnelligkeit des Blitzes durch die Luft, zwei knirschende Schläge erdröhnten, und wiederum nahmen die heftig strömenden Fluthen einen dem Verderben Geweihten in sich auf, während der entsetzliche Todesschrei des andern die mit dem Befrachten des Dampfers beschäftigten Arbeiter herbeirief. Der Elende hatte mit letzter schwindender Kraft, bevor er in sein nasses Grab hinabsank, die unterste Latte der Gallerie umklammert. Doch ehe die mit der Pechpfanne herbeieilenden Leute viele Schritte zurücklegten, durchschnitt das Messer des nur noch für die Gefühle einer unversöhnlichen Rache zugänglichen Brise-glace die Sehnen an seinen Handgelenken. Die krampfhaft angespannten Finger des hinterlistigen Meuchelmörders erschlafften; seinen erneuten Todesschrei erstickten die Wellen des Mississippi, welche ihn, ohne auf Widerstand zu stoßen, zwischen den beiden Fahrzeugen hin seinem Gefährten nachtrugen. Lauter aber und gellender erschallte nunmehr der Ruf des Indianers, die herbeistürmenden Gefährten zur größten Eile anspornend. – – – Als Arthur, Sans-Bois und Brise-glace in so geheimnißvoller Weise das Kosthaus verließen, schauten die zurückbleibenden Omahas und der Mestize nur ganz flüchtig auf sie hin, worauf sie fortfuhren, sich mit gedämpfter, seltsam vibrirender Stimme in den Schlaf zu singen. Zehn Minuten verstrichen, da wurde abermals die Thüre aufgerissen und in derselben erschien, bleich und verstört, in der linken Hand ein Packetchen Papiere haltend, Eberhard Braun. »Lieutenant Arthur!« rief er mit gewaltiger Anstrengung aus, denn er war so schnell gelaufen, daß er kaum noch Athem zu schöpfen vermochte, »Lieutenant Arthur! Wo sind Arthur und Sans-Bois?« fragte er, als auf seinen Ruf sich nur die Indianer aufrichteten und ihn verwundert betrachteten. »Gegangen, Alle gegangen und Brise-glace mit ihnen,« antwortete der Mestize gleichmüthig. »Zu spät, zu spät! Mein Gott, zu spät!« Rief Eberhard verzweiflungsvoll aus, und dann fragte er mit sichtbarer Todesangst: »Und Ihr wißt nicht, wohin sie sich gewendet haben?« »Kann's nicht verrathen,« versetzte der Mestize mit unerschütterlicher Ruhe, »wurden Alle geholt und werden heimkehren zu seiner Zeit.« »So will ich's Euch sagen!« schrie Eberhard so heftig, daß die Indianer, nichts Gutes ahnend, emporsprangen, »auf ein Dampfboot sind sie gelockt worden, von wo sie nie wieder heimkehren, wenn nicht –wie lange ist es her, seit sie aufbrachen?« »Eine Viertelstunde; kann sein, etwas mehr, kann sein, etwas weniger,« antwortete der Mestize wieder. »Dann mögen sie vielleicht noch gerettet werden!« rief Eberhard, indem er, von einer schwachen Hoffnung beseelt, sich hastig der Thüre wieder zuwendete, »und Ihr, wenn Euch an dem Leben Eurer Freunde gelegen ist, folgt mir nach! Aber Eile ist geboten! Folgt mir auf dem nächsten Wege zum Wasser hinunter!« Die letzten Worte verhallten Bereits auf dem Hausflur; in die Omahas aber und in den Mestizen fuhr es plötzlich wie neues Leben. Das wilde Auftreten Eberhards und seine augenscheinliche Besorgniß hatten sie überzeugt, daß die Abwesenden wirklich in Gefahr schwebten; ohne daher zuvor zu berathen, ergriffen sie ihre Waffen, worauf sie die Decken um ihre Schultern warfen und in ihrer flinken und geräuschlosen Weise dem Davonstürmenden nacheilten. Sie holten ihn gerade vor dem Quai ein, wo er stehen geblieben war, um sich bei einigen ihm Begegnenden nach der Lage des südwärts bestimmten Dampfers zu erkundigen. »Dort oben,« antworteten diese, stromaufwärts weisend, »braucht Euch nicht zu übereilen, wenn Ihr mit wollt, 's wird wohl noch 'ne Stunde oder zwei dauern bevor er losmacht!« Länger wartete Eberhard nicht. Die Blicke auf den fernen, von dem offenen Maschinenraum und der Pechpfanne ausströmenden Feuerschein gerichtet, stürzte er, gefolgt von den Indianern, in rasender Eile davon, beständig die Mitte der spärlich durch Laternen erleuchteten Straße haltend, wo er weder durch Fußgänger, noch durch aufgestapelte alte Schiffsgerätschaften und Kaufmannsgüter gehindert wurde. Als er aber nach kurzer Zeit bis in die Hörweite seines Ziels gekommen zu sein meinte, da raffte er seine ganze Kraft zusammen und laut schallte es von seinen Lippen durch die Nacht: »Eberhard Braun! Keinen Schritt weiter, oder Ihr seid des Todes!« Zu seinem Rufen gesellte sich indessen noch das warnende Jauchzen seiner Begleiter, die, seine Absicht errathend, Sans-Bois und Brise-glace dadurch ein sicheres Warnungszeichen zu geben gedachten. Brise-glace's kurzes Gellen belehrte sie, daß sie verstanden worden seien, in ihrer Richtung wurden sie gelenkt durch den Todesschrei des Mörders, und als derselbe sich noch einmal halb erstickt wiederholte, da setzten sie, ähnlich flüchtigen Hirschen, von Dampfboot zu Dampfboot, von Planke zu Planke und über Gallerien fort, bis sie endlich bei dem Jova eintrafen. »Wo sind Arthur und Sans-Bois?« fragte Eberhard, der mit seinen Begleitern nicht gleichen Schritt gehalten hatte, aber kurz nach ihnen auf der verhängnißvollen Stelle erschien. »Da hinunter,« antwortete der Jova, auf die Stelle deutend, auf welcher die beiden Freunde von den tödtlichen Waffen getroffen worden waren, »habe ihnen aber zwei Hunde nachgeschickt –« »Zu Hülfe! Leute zu Hülfe!« fiel Eberhard dem Indianer in die Rede und dahin gewendet, wo die Arbeiter sich mit der Pechpfanne näherten. Dieselben stiegen eben nach dem Vordertheil des Dampfers hinauf, auf welchem Eberhard sich befand, und gleichzeitig fiel der Schein der seitwärts gehaltenen Pechpfanne auf den schmalen Wasserspiegel zwischen den beiden Fahrzeugen. Von wilder Verzweiflung ergriffen, starrte Eberhard auf die wirbelnden, roth beleuchteten Fluthen. Ein Stück Treibholz wand sich gerade vor dem Radkasten des gegenüberliegenden Dampfers aus dem Strudel hervor und trieb schnell und kreiselnd in schräger Richtung dem Lande zu, wo es gleich darauf zwischen den tief in das Wasser hineinreichenden Schaufeln des Nachbardampfers verschwand. »Wo das Holz hinschwimmen, da auch Männer hintreiben!« rief Brise-glace, der nach der verhängnißvollen Stelle hinübergesprungen war und von dort aus ebenfalls die Bewegung des Treibholzes beobachtet hatte. Eberhard dagegen schwang sich entschlossen über die Brüstung, und nachdem er den Fackelträger aufgefordert, ihm zu leuchten, glitt er, auf seine Fertigkeit im Schwimmen bauend, in die eisigen Fluthen hinab. Obgleich die Kalte des Wassers ihm bei seiner furchtbaren inneren Erhitzung fast den Athem raubte, schien die Verzweiflung ihn unempfindlich gegen deren Einfluß gemacht zu haben, und mit Todesverachtung sich an der glatten Schiffswand hintastend, gelangte er schnell unter den Radkasten, wo die Schaufeln mit den sie verbindenden Stangen ihm einen sichern Halt boten. Zugleich streifte aber auch die Beleuchtung der tief gesenkten Pechpfanne über ihn hin, und sich zwischen den roth angestrichenen Reifen und Gitterwerk verlierend, traf sie grell einen menschlichen Unterarm und eine Hand, welche sich im Starrkrampf um eine der eisernen Stangen geschlossen hatte. »Hülfe!« rief Eberhard kaum verständlich vor innerer Aufregung zurück, »zu Hülfe, um Gotteswillen! Oder es ist zu spät!« Dreimal plätscherte und brauste das Wasser um ihn herum, und drei schwarz behaarte Köpfe schossen neben ihn hin, von welchen zwei ihm beistanden, Sans-Bois, der um ein Haar an dem Rade vorbeigetrieben war, über die Oberfläche des Wassers emporzuheben und seine Hand von der Stange zu lösen, wogegen der Mestize, in das Rad hineinkletternd, Arthurs Körper auffand und mit allen Kräften arbeitete, denselben ebenfalls über Wasser zu schaffen. Letzteres gelang ihm erst mit Hülfe Eberhards, indem Arthur, durch den Schlag mit dem Bleiknopf vollständig betäubt, ähnlich einem Stück Zeug von der Strömung unter das Rad gerissen worden war, wo er mit dem Oberkörper über einer Schaufel hängen blieb, während die Fluthen seine Füße noch immer stromabwärts drängten. Von allen Seiten streckten sich den im Wasser Befindlichen hülfreiche Hände entgegen, welche ihnen die zugeworfenen Stricke um die leblosen Körper ordnen halfen, und sanft und vorsichtig zogen sie dieselben nach dem Verdeck hinauf, wo man sie behutsam neben einander niederlegte. – Dreiundvierzigstes Capitel. Am Rande des Grabes. Als Eberhards Blicke auf die langausgestreckten Gestalten des von Blut überströmten grauhaarigen Pelzjägers und des jungen schönen Mannes fielen, in dessen Aeußerem keine Verletzung sichtbar, und da Beide, von der rothen, unsteten Beleuchtung getroffen, sich geisterhaft zu regen schienen, erhielt nur noch der Gedanke an eine mögliche Rettung der Verunglückten ihn aufrecht. »Leute, ein furchtbares Verbrechen ist hier verübt worden,« wendete er sich voller Verzweiflung an die Arbeiter, die, obwohl zum Theil erhärtet in grausigen Kriegsscenen, mit stummem Entsetzen auf die beiden stillen Gestalten niederschauten, »jeden Dienst, welchen Ihr diesen Unglücklichen – und erwachten sie nie wieder zum Leben – erweiset, wird mit Gold aufgewogen werden! Schafft schleunigst Aerzte herbei, wo und wie Ihr sie findet! Aber eilt, ich beschwöre Euch, eilt, denn Unermeßliches steht auf dem Spiele. Und nun in die Kajüte mit diesen hier!« fuhr er fort, sobald er bemerkte, daß zwei Arbeiter sich auf den Weg zu den Aerzten begaben, und zugleich bückte er sich zu dem ihm zunächst liegenden Pelzjäger nieder, ihn unterhalb der Arme fassend und sanft aufrichtend. Gefällige Hände legten sich alsbald von allen Seiten an die beiden nassen, von dem erstarrenden Nachtwinde getroffenen, regungslosen Körper. Sorglich hoben sie dieselben empor, und so eilig, wie es die Umstände nur immer gestatteten, stiegen sie die zur Kajüte führende Treppe hinauf, wo vor den kräftigen Schultern zweier Leute die verschlossene Thüre bereits aus ihren Angeln gewichen war und die weiten Räume des vereinsamten Dampfers zur freien Benutzung vor ihnen lagen. Sie gelangten zunächst in das verödete Schänkgemach. Ein eiserner Ofen stand in demselben. »Nicht weiter!« rief Eberhard, sobald er des Ofens ansichtig wurde, »nur Feuer und anderes Licht, als das schwelende Harz, so schnell es herbeigeschafft werden kann, und Decken aus den Cojen! Nehmt's wo Ihr's findet, ich hafte für Alles mit meinem Leben!« Die rauhen Arbeiter, zum Theil der farbigen Race angehörend, flogen förmlich vor den ihnen mit beängstigender Dringlichkeit ertheilten Aufträgen. Es schien fast, als seien ihre sonst nicht zu empfänglichen Herzen tief ergriffen worden durch den Anblick feige hingemordeter Jugendkraft und der im Kampfe mit den Beschwerden des fernen Westens ergrauten Erfahrung. Wie durch Zauber röthete sich der kleine eiserne Ofen unter der in seinem Innern sich blähenden Kohlengluth; wie durch Zauber entstanden durch Uebereinanderschichten von Matratzen und Decken bequeme und angemessene Lager, während Eberhard selbst und seine indianischen Gefährten die Verunglückten der nassen Kleider entledigten, ihre Glieder rieben und dadurch einer gänzlichen Erstarrung vorzubeugen suchten. Eberhard, welcher die letzten Jahre fast beständig auf blutgetränkten Schlachtfeldern zugebracht hatte, erkannte leicht, daß der Tod, wenn er wirklich schon eingetreten war, nicht ausschließlich eine Folge der äußeren Verletzungen gewesen. Denn wie bei Arthur der nach der rechten Seite seines Hauptes gefühlte Schlag durch den Rand seines Filzhutes geschwächt wurde, so war bei Sans-Bois das Messer an den Rippen abgeprallt, jedoch eine klaffende Schnittwunde von der Schulter bis zur Hüfte hinab zurücklassend. Da Beide aber, bei der rasenden Schnelligkeit aller aufeinander folgenden Bewegungen, sich nur ganz kurze Zeit unter dem Wasser befunden hatten, so glaubte er sich der Hoffnung auf ihre Rettung hingeben zu dürfen. Als der erste Arzt eintrat, hatte man Arthur wie Sans-Bois bereits in erwärmte Decken eingehüllte. Lebenszeichen hatte noch Keiner von sich gegeben; still und bleich lagen sie da; still und bleich beobachtete Eberhard den Gesichtsausdruck des Arztes als dieser, bevor er seine Wiederbelebungsversuche begann, jene einer sorgfältigen Prüfung unterwarf. »Ein Glück,« bemerke der Arzt endlich mit einer gewissen Entschiedenheit, »daß Ihr Gelegenheit fandet, sie so schnell zu erwärmen; eine Viertelstunde länger in der Kälte, und es war zu spät; jetzt aber hoffe ich, sie zu retten.« Nach dieser Erklärung traf er mit großem Eifer die entsprechenden Maßregeln, wobei ein zweiter unterdeß eingetroffener Arzt und zwei Arbeiter ihn unterstützten. Die übrigen Arbeiter waren zu ihrer Beschäftigung zurückgekehrt; die Indianer trockneten mit großer Gemüthsruhe ihr nassen Kleidungsstücke, und Eberhard endlich, nachdem die Aerzte betheuert hatten daß ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt werden würden, schien plötzlich seine letzten Kräfte zu verlieren. Nur noch mit Mühe hielt er sich aufrecht, kaum daß er die Ueberlegung besaß, ein Packetchen Papiere aus seiner Brusttasche zu ziehen, dieselben einzeln zu entfalten und zum Trocknen vor sich auszubreiten. Es war offenbar mehr, als gewöhnliche Theilnahme, was die beiden jungen Männer, obwohl sie erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal zusammentrafen, zu einander hinzog. Eine geheimnißvolle, tief in das Leben Beider eingreifende Verkettung von Umständen und Verhältnissen lenkte sie in ihrem Thun und Lassen. Hatte Arthur aber schon seit dem Tage, an welchem er Eberhards Namen zum ersten Mal hörte, diesem eine ängstliche Aufmerksamkeit zugewendet, mit heimlicher Spannung und Besorgniß seine Handlungsweise beobachtet und gleichsam eifersüchtig überwacht, so war Eberhards Theilnahme für den früheren Rebellenofficier erst seit einigen Stunden, dafür aber in um so höherem Grade lebendig geworden, so daß er vor keinem Opfer, und hätte man sein Leben von ihm gefordert, zurückgeschreckt wäre, um demjenigen auch nur den kleinsten Dienst zu leisten, der jetzt bleich und bewußtlos auf der Grenze des Todes vor ihm lag. Solche Empfindungen, vereinigt mit einer unnennbaren Angst vor den möglichen Folgen des auf Arthur ausgeführten Mordversuchs, erfüllten Eberhards Seele, als er, noch immer in seinen nassen Kleidern auf einer Bank liegend, der nächsten Zukunft gedachte und die jüngsten Ereignisse vor seinem Geiste vorüberzogen. – Er hatte wirklich den Plan gehegt, der unerträglichen Tyrannei zu entfliehen, welche Redsteel, ein verbrecherisches Ziel verfolgend, auf ihn ausübte. Durch Redsteels Versicherung, ihm binnen vierundzwanzig Stunden seinen Taufschein und alle auf seine frühste Vergangenheit bezüglichen Papiere vorzulegen, war noch eine andere unbestimmte Besorgniß in ihm wach gerufen worden. Er beschloß daher, seinem Peiniger einen letzten Besuch abzustatten, sich noch einmal von dessen Unerbittlichkeit zu überzeugen, bevor er über die ferner einzuschlagenden Schritte vertrauensvoll mit Magnolia berieth und dann wirklich die Flucht antrat. Es war schon spät, als er bei Redsteel eintraf und zu seiner nicht geringen Ueberraschung dieselben beiden Männer vorfand, welche sich am vorhergehenden Abende gleich nach seinem Eintritt entfernten. Auch heute empfahlen sie sich, als ob sein Erscheinen das Signal zu ihrem Aufbruch gewesen wäre; da er indessen von erhöhtem Mißtrauen erfüllt war, achtete er heute noch genauer auf das, was wiederum vor der offenen Thüre zwischen Redsteel und den Scheidenden verhandelt wurde. »Ich darf also fest darauf bauen?« fragte Redsteel vernehmlich und so heiter, als hätten die unschuldigsten und gesetzmäßigsten Absichten ihn beseelt. »Sicher und fest,« antwortete der eine der beiden käuflichen Verbrecher. »Eine günstigere Gelegenheit hätte nicht gewünscht werden können,« fügte der andere spöttisch hinzu, »ein Dampfer heizt zur Reise nach New-Orleans, und seine Papiere sind ihm auf alle Fälle wichtig genug, einen Spaziergang an Bord zu unternehmen.« »Ich verstehe Euch nicht,« erwiderte Redsteel, dem Eberhards Nähe gefährlich erschien. »Er versteht uns nicht,« lachte der eine Gauner halb zu seinem Genossen gekehrt, »verdammt! 's ist im Grunde nichts daran gelegen, wenn wir uns später –« Geräuschvoll stiegen die unheimlichen Männer, welche, wie so viele Tausende ihrer Art, unmittelbar aus dem härtesten Fluche des Bürgerkrieges hervorgegangen waren, die Treppe hinunter. Redsteel dagegen trat schnell in sein Bureau zurück und wendete sich mit seinem harmlosesten und verbindlichsten Wesen sogleich Eberhard zu. »Und nun zu Ihnen, mein lieber Herr Braun,« hob er an, indem er einen Stuhl für diesen neben den seinigen vor den Schreibtisch zog und sich dann niedersetzte; »Ihr Erscheinen gereicht mir zur wahren Freude,« fuhr er fort, seine Hand auf ein Packet Papiere legend, die geöffnet und geordnet auf dem Tische übereinander geschichtet worden waren, »ja, zur großen Freude, indem dasselbe mir beweist, daß Sie unter Aufgabe Ihrer abenteuerlichen Ideen Rath für sich und die liebliche Magnolia da suchen, wo Sie ihn von Rechtswegen suchen sollten, ich meine, bei Ihrem Herrn Onkel. O, wie wird der gute alte Herr beglückt sein, das süße Geheimniß von Ihren Lippen zu vernehmen, denn – unter uns gesagt – er hält unendlich viel auf Magnolia. Ich bin überzeugt, er wird sogar ein verkürztes Verfahren einschlagen, Ihre baldige Verheirathung bewirken und Sie dann auf einige Zeit in's Ausland schicken, wo Sie, Dank seiner Zärtlichkeit für Sie Beide und seiner unbegrenzten Freigebigkeit, ein wahrhaft paradiesisches Leben führen. O, diese liebliche Magnolia!« Eberhards Antlitz glühte, sein Blut wallte stürmisch und nur unter Aufbietung seiner ungetheilten geistigen Kräfte gelang es ihm, seine äußere Ruhe zu bewahren, anstatt den gleißnerischen Geschäftsführer niederzuschlagen und mit den geheimnißvollen Papieren, den Beweisen seiner Verrätherei, davon zu gehen. Redsteel bemerkte seine tiefe Erregung und triumphirte; er bezweifelte nicht, durch die Schilderung der verlockenden Zukunft ihn gänzlich für sich gewonnen zu haben, und sah daher mit Spannung einer Antwort entgegen. »Sie zaubern Bilder vor mich hin,« versetzte Eberhard endlich zögernd, »die wohl geeignet sind, meine letzten Bedenken zu beseitigen. Ja, Sie täuschen sich nicht, ich bin gekommen, um eine endgültige Entscheidung zwischen uns herbeizuführen. Sie dagegen müssen begreifen, daß ich eine solche nicht treffen kann, bevor ich die Papiere geprüft habe, auf welche sich Ihre Pläne begründen. Händigen Sie mir also die erwähnten Documente ein, wogegen ich Ihnen verspreche, nach flüchtiger Einsicht in dieselben keinen Augenblick mit der Offenbarung meines letzten und unumstößlichen Entschlusses zurückzuhalten.« »Sie sprechen wieder in Räthseln, mein lieber Herr Eberhard Braun,« entgegnete Redsteel sarkastisch lächelnd, »in Räthseln, aus welchen ich nur verstehe, daß Sie die Papiere zu besitzen wünschen. Ja, Sie sollen sie haben; allein jetzt gleich? Verzeihen Sie, mein lieber Herr Eberhard Braun, das ist unmöglich. Zeigen will ich sie Ihnen allerdings; da ich aber das herbeischaffte, was Sie durch eine – verzeihen Sie mir wiederum – durch eine unverantwortliche Fahrlässigkeit einbüßten, so müssen Sie mir schon das Vorrecht einräumen, alle Documente, welche dazu dienen, Ihre Person zu identificiren, wenigstens so lange in Händen zu behalten, bis Ihr Herr Onkel sein Testament vollzogen hat, zu welchem Zweck dieselben – ich bin offen – fast nothwendiger sind, als Ihre Person selbst.« Eberhard erbleichte bei der Hinweisung auf das Testament; er faßte sich indessen schnell, und wie zweifelnd vor sich niederschauend, fragte er leise: »Herr Braun steht also wirklich im Begriff, ein Testament zu machen?« »Zu vollziehen, lieber Her Eberhard, das heißt, es zu unterschreiben; denn fertig ist es schon, bis auf einige ziemlich unwichtige Punkte. Uebrigens kann ich Ihnen im Geheimen die Versicherung geben, daß der Neffe des Herrn Braun, der junge Herr Eberhard Braun, nicht am schlechtesten dabei fortgekommen ist. Alle Welt! Sie werden in Verhältnisse eintreten, wie Sie solche sich schwerlich jemals haben träumen lassen.« »Und meine kurze Anwesenheit hat genügt, Herrn Braun zu überzeugen, daß ich – ich meine, daß ich seiner Güte nicht unwerth sei?« »Allerdings hätte das allein genügt; seitdem aber ein wunderbarer Zufall mir Ihre verlorenen Papiere in die Hände spielte, ist das Verfahren erheblich erleichtert worden.« »Sie bestehen darauf, daß ich meine Papiere verlor?« »Ohne Zweifel. Wie anders sollten sie Ihnen abhanden gekommen sein? Die Sache ist übrigens sehr erklärlich: Nachdem Sie Ihren Namen verändert hatten und jede Beziehung zu Ihren Verwandten als abgebrochen betrachteten, legten Sie nur geringen Werth auf die Documente, und das Nächste war, daß Sie dieselben irgendwo liegen ließen und vergaßen.« »Wenn Sie die Papiere für die meinigen erkennen, werden Sie mir dieselben gewiß nicht vorenthalten?« »Wie ich mir bereits erlaubte, anzudeuten: Vorläufig ja. Wer würde mir dafür bürgen, daß Sie, besäßen Sie Ihr altes Eigenthum, nicht mit Ihrer liebreizenden Braut das Weite suchten?« »Noch einmal rathe ich Ihnen, den Namen des jungen Mädchens, welches ich als meine Gattin heimzuführen gedenke, nicht in unsere Verhandlung hineinzuziehen,« versetzte Eberhard mit drohend erregter Stimme; »wollen Sie mir also die als mein Eigenthum anerkannten Gegenstände nicht aushändigen, so werden Sie mir wenigstens einen Einblick in dieselben gestatten, es sei denn, Sie kümmerten sich nicht darum, ob ich sie für echt oder für gefälscht hielte.« »O, es bedarf dieser Drohung durchaus gar nicht,« entgegnete Redsteel lachend, »ich zeige Ihnen herzlich gern Alles, damit Sie nicht im Unklaren über das sind, was zu thun ich mich gezwungen sehen würde, sollten wir in unsern Ansichten nicht genau übereinstimmen und Sie mir muthwillig Schwierigkeiten verursachen. Hier ist zuerst der Taufschein mit dem Ortsstempel versehen und lautend auf den Namen Eberhard Braun, den Sohn des Kärrners Christian Braun und dessen Ehefrau Kathrin.« »Wo haben Sie das her?« rief Eberhard entsetzt aus, als er gewahrte, daß die Echtheit des Scheins nicht angezweifelt werden konnte. »Das ist wieder mein Geheimniß,« erwiderte Redsteel schmunzelnd und die bewegliche Nase ganz nach de rechten Wange hinaufschiebend, »doch fahren wir fort, denn es ist eine lange Reihe von Sachen, welche Sie mit fast pedantischer Pietät bis zu dem Zeitpunkt des Verlierens aufbewahrt haben.« »Welche ich mit pedantischer Pietät aufbewahrte,« wiederholte Eberhard, wie im Träume, und die letzte Spur von Farbe wich aus seinem Gesicht. Redsteel achtete nicht auf ihn, sondern fuhr, ein anderes Blatt entfaltend, in freundlichem Geschäftstone fort: »Hier ist der Confirmationsschein des sechszehnjährigen Eberhard; Sie werden ihn wiedererkennen? Eberhard blickte starr auf das bezeichnete Papier; er entgegnete kein Wort; das Erstaunen schien ihm die Sprache geraubt zu haben. Redsteel ließ jetzt eine Anzahl theils beschriebener, theils bedruckter Blätter flüchtig eins nach dem andern vor des jungen Mannes Augen vorübergleiten. »Eberhard Braun war ein sehr fleißiger und begabter Schüler, wie seine Zeugnisse beweisen,« sprach er dabei mit leichtem Spott. »Es kann Ihnen daher nicht verdacht werden, daß Sie auch diese als theure Andenken an Ihre Jugendzeit sorgfältig aufbewahrten.« Er wollte die Zeugnisse wieder zur Seite legen, als Eberhard ihn daran hinderte. Derselbe hatte nämlich, indem die einzelnen Blätter zurückgebogen wurden, bemerkt, daß eins auch auf der Rückseite mit Notizen versehen war. »Zeigen Sie her die Zeugnisse, damit ich mir in's Gedächtniß zurückrufe, welche Schulen ich eigentlich besuchte,« hob er an, die Hand nach den Papieren ausstreckend. Redsteel zögerte einen Augenblick; dann reichte er ihm das Verlangte, wogegen er die anderen und wichtigeren Papiere etwas weiter zurückschob. »Gute Zeugnisse, sehr gute Zeugnisse,« sprach Eberhard, wie in Gedanken, indem er ein Blatt nach dem andern umbog und auf diese Weise endlich auch an das gelangte, welches die Bemerkung auf der Rückseite trug. Redsteel befand sich offenbar noch nicht lange im Besitz der Papiere, oder er hätte sie aufmerksamer geprüft gehabt und jedenfalls das gefunden, was Eberhard jetzt mit stockenden Pulsen las: »Wo und wie ich auch immer mein Ende finden mag, denjenigen, welcher diese Papiere an sich nimmt, beschwöre ich, Alles einem deutschen Consul zur Beförderung nach Europa zu übergeben. Sollten noch auf den Namen: »Marinelieutenant Arthur –« Weiter gelangte er nicht; die Papiere zitterten in seinen Händen, und vor seine Augen legte es sich, wie ein Schleier. »Arthur, Lieutenant Arthur,« sprachen seine Lippen unbewußt. Da lugte Redsteel über seinen Arm und las ebenfalls die auf einen möglichen Todesfall bezüglichen Bestimmungen. Ein jäher Schrecken bemächtigte sich seiner, er besaß aber Geistesgegenwart genug, Eberhard, der keinen Widerstand leistete, das Blatt aus der Hand zu nehmen und in scherzhaftem Tone zu bemerken: »Sieh da, wie kommt Lieutenant Arthurs Name hierher? Es kann sich unmöglich auf unsern alten Freund beziehen, ein Irrthum in der Person, denke ich –« Eberhard hatte sich erhoben und blickte mit einem so verachtungsvollen und drohenden Ausdruck auf Redsteel nieder, daß dieser förmlich erstarrte. »Und Sie wollen noch leugnen, daß es derselbe ist?« fragte er ernst, aber seine Stimme bebte vor der Gewalt, mit welcher er einen leidenschaftlichen Ausbruch seiner Gefühle zurückdrängte. Dann schlug er sich mit beiden Händen verzweiflungsvoll vor die Stirne! »O, mein Gott, wohin bin ich gerathen!« rief er aus, »daß ich diesem Ungeheuer widerstandslos gestattete, die furchtbare Schlinge um meinen Nacken zu werfen!« Dann mit kalter Entschlossenheit dicht vor den zitternden Verräther hintretend, fuhr er mit erzwungener und deshalb um so beängstigenderer Ruhe fort: »Sie machten sich einst meine hülflose Lage zu Nutze und bürdeten mir einen Namen auf, an welchen ich kein Recht besaß. Auf Ihr geheimnißvolles Verfahren ging ich ein, weil ich Ihnen triftige, großmüthige Beweggründe zuschrieb. Ich wähnte, daß Sie, mir die Freundschaft Ihrer Gefährten zu sichern, das in einen elenden Flüchtling gesetzte Mißtrauen schneller zu verscheuchen beabsichtigten. Um so willfähriger ging ich auf Ihre Rathschläge ein, weil ich in Magnolia mehr, als mein eigenes Leben gefährdet sah, weil ich hoffte, unter dem Namen Eberhard Braun leichter Eingang bei demjenigen zu finden, welchem das junge Mädchen verpflichtet war. Ohne Ueberlegung, verblendet und nur von treuer Anhänglichkeit für Andere beseelt, ließ ich mich von Ihnen umstricken, und zu spät erkannte ich, daß ich das Opfer einer unglaublichen Schurkerei geworden. Ich erkannte es erst, als es schon in Ihrer Gewalt lag, trotz meiner Unschuld, mich der Schmach und der Schande Preis zu geben. Sie wußten, Sie berechneten, daß mir der Muth fehlen würde, den entsetzlichen, mich für meine unüberlegten Handlungen bedrohenden Strafen zu begegnen, nicht meinetwegen, sondern um diejenigen zu schonen, die besser waren und edler dachten, als ich. Vergeblich hoffte ich auf eine günstige Gelegenheit, mit einer offenen Erklärung vorzutreten und den gräßlichen Verdacht einer Verrätherei von mir abzuwälzen. Sie verstanden es, die Schlinge immer fester zu schnüren, so daß mir endlich kein anderer Ausweg mehr blieb, als mich und Magnolia Ihrem Einflüsse durch die Flucht zu entziehen. Unsere Flucht war bei mir beschlossen, und ich wußte, daß ich nicht allein gehen würde, obwohl sie meine wirkliche Lage noch nicht ahnt.« »Sonst noch etwas?« fragte Redsteel, der in demselben Maße einen trotzigen Muth zu gewinnen schien, in welchem derjenige, der sich so lange fälschlich Eberhard genannt hatte, seine hinterlistigen Pläne enthüllte und unschädlich zu machen suchte. »Ich bin noch nicht zu Ende,« antwortete der junge Mann nun ebenfalls kaltblütig. »Ich beabsichtigte also zu entfliehen und aus der Ferne diejenigen um ihre Verzeihung zu bitten, welche ich, von einem bösen Verhängniß grausam getrieben, schmachvoll hintergangen hatte. Da eröffneten Sie mir, daß meine Flucht Sie nicht hindere, durch gewisse Papiere dennoch eine Testamentsform zu meinen Gunsten zu erwirken. Was wollten Sie damit sagen? Was bezweckten Sie? Daß ich – nie und unter keinerlei Bedingung einen Pfennig von Brauns Vermögen annehmen oder auch nur zu meinem Vortheil verwenden würde, wußten Sie. Es konnte also nur in Ihrer Absicht liegen, nach Vollziehung des Testamentes einem recht baldigen Ende des Testators entgegenzusehen, nachdem ich selbst vielleicht im Guten oder Bösen beseitigt worden war, um sich demnächst des Antheils des vermeintlichen Eberhard Braun an der Erbschaft zu bemächtigen, und vielleicht auch Anna Werth des ihrigen zu berauben. »Wie mit unwiderstehlicher Gestalt zog es mich heute noch einmal hierher, und ein gütiges Geschick lenkte mein Schritte. Ich wollte, ich mußte die Papiere sehen, bevor ich den letzten unwiderruflichen Entschluß faßte, und wiederum lenkte ein guter Gott meine Bewegungen, daß ich entdeckte, von wem die Papiere herrührten. Was meiner Kurzsichtigkeit bisher entgangen war, Sie hatten es längst errathen. Sie kannten den echten Eberhard Braun, der sich aus irgend welchen geheimnißvollen Gründen nicht offenbaren wollte, trotzdem er mich für einen gewissenlosen Betrüger halten mußte, welchen jeden Augenblick zu entlarven, in seiner Macht lag. Sie hatten zwei Eberhards vor sich, von welchen Sie indessen nur den einen, und zwar geraden den falschen gebrauchen konnten. Was, ich frage Sie, bezweckten Sie nun mit dem andern?« Redsteels fahles Gesicht hatte einen entsetzlich feindseligen Ausdruck angenommen, doch suchte er seine wahre Gemüthsstimmung hinter ein höhnisches Lachen zu verbergen. »Sie fahren fort, in Räthseln zu sprechen,« begann er langsam und nachdrücklich, »so, daß ich geneigt bin, Ihr gesundes Fassungsvermögen in Frage zu stellen. Ich kenne nur einen Eberhard Braun, einen jungen, thörichten Menschen; haben Sie sich aber zu einem Betrüge hinreißen lassen, so müssen Sie auch die unausbleiblichen Folgen tragen; ich für meine Person hege wenigstens keine Lust, mich durch Ihr unsinniges Verfahren compromittiren zu lassen.« »Sie leugnen also hartnäckig, daß der Lieutenant Arthur der wirkliche Eberhard Braun sei, welchem auf ihr Anstiften diese Papiere entwendet wurden?« »Sehen Sie zu Ihren Worten, junger Mann,« fuhr Redsteel auf, und die bewegliche Nase schien einen Punkt zu suchen, auf welchem sie sich mit tödtlicher Wirkung einbohren könne, »bringen Sie lieber den Lieutenant Arthur zur Stelle, damit er sich – gemäß Ihrer wirren Phantasien – als Eberhard Braun ausweise; so lange dies aber nicht geschehen ist, halte ich mich an Sie, Herr Eberhard – o, täuschen Sie sich nicht darüber; mittelst dieser Papiere werden Sie sogar gegen Ihren Willen als Erbe eingesetzt werden, und ebenso wenig, wie es Ihnen gelingt, mich über Ihre Person in Zweifel zu stürzen, werden Sie bei Ihrem Herrn Onkel Glauben finden, wenn Sie ihm die gut ausgedachten Märchen erzählen.« »Sie behaupten fortgesetzt, daß diese Papiere in keiner Beziehung zu dem frühern Schiffs-Lieutenant Arthur stehen?« fragte der junge Mann noch einmal mit ruhiger Stimme, allein am ganzen Körper bebend. »Ich habe Sie als Eberhard Braun kennen gelernt und bis jetzt gaben Sie mir nie die leiseste Veranlassung, meiner Ueberzeugung untreu zu werden. Hier liegen Ihre Papiere, was wollen Sie weiter? Selbst wenn der Herr Arthur vor mir erschiene und Ihren Ausspruch mit hundert Eiden bekräftigte, würden Sie Beide mich nicht überzeugen. Pah! Wer ist denn dieser Rebellenofficier? Als ob der Erbe einer guten halben Million sich leichten Herzens dazu entschlöße, seine Ansprüche an dieselbe zu verheimlichen und dafür den ungastlichen Westen aufzusuchen? Wer weiß, der Pirat Arthur mag sich schon längst auf den Weg begeben –« »Ungeheuer!« fiel der junge Mann auf dem Gipfel seines Zornes ein und wie eine unheimliche Drohung erstanden vor seinem Geiste die zwischen Redsteel und den scheidenden Strolchen gewechselten Worte, »wer ist es, der durch die Papiere auf das Dampfboot gelockt werden soll, um dort vielleicht seinen Untergang zu finden?« Ein Gedanke, so furchtbar, daß er ihn gar nicht zu fassen vermochte, schoß durch seinen Kopf; was er aber in unbestimmten Formen ahnte, das bestätigte Redsteel, der, von einer plötzlichen Feigheit befallen, scheu vor ihm zurückwich und erbleichend die zitternde Hand nach den Papieren ausstreckte. »Ich soll den Lieutenant Arthur zur Stelle schaffen?« fuhr der junge Mann darauf, von wilder Verzweiflung ergriffen, fort, »den Besitzer dieser Papiere, der sich zur Zeit vielleicht schon unter den Händen von Meuchelmördern ohnmächtig windet?« »Herr Eberhard Braun –« erwiderte Redsteel und die Furcht schien ihn förmlich zu lähmen. »Rufen Sie ihn, ja, rufen Sie ihn,« fiel der junge Mann wieder heftig ein, »von hier bis zu dem nach dem Süden bestimmten Dampfboot ist es zu weit, als daß er Sie noch hören könnte!« »Auf ein Wort, ich bin zu Allem bereit!« ächzte Redsteel, doch der junge Mann hörte nicht mehr; er hatte ihn durch einen Stoß zurückgeschleudert, und dann die Papiere zusammenraffend, war er in wilder Hast davongestürmt, zunächst die Richtung nach dem »Westlichen« Kosthause wählend. – – – Diese Bilder zogen immer und immer wieder vor dem Geiste desjenigen vorüber, der so lange unter einem bösen Verhängniß gezwungen gewesen, den Namen Eberhard Braun zu führen. Bis zum Tode erschöpft hatte er sich auf eine Bank ausgestreckt, die Blicke ängstlich dahin gerichtet, wo die beiden Freunde sorgsam eingehüllt in Decken auf ihren Matratzen lagen. – Unter den Händen der Aerzte aber begann das in Scheintod versenkte Leben sich wieder zu regen, und als endlich der Morgen graute, da pulsirte zwar matt, jedoch eine allmälige Genesung verkündend, das Blut wieder regelmäßig in den beinahe erstarrten Adern. Mit der zurückkehrenden Lebenswärme erwachte auch die Thätigkeit des Geistes; planlos wendete er sich bald hierhin, bald dorthin, mit größerem und geringerm Erfolge gegen die auf ihn einstürmenden Fieberphantasien ankämpfend. Nur vorübergehend vermochte er das festzuhalten, was ihm am nächsten lag, ihn gewissermaßen noch mit andern Sterblichen verband. »Mein Name ist Carl von Birk; schreiben Sie nach Europa, wo ich mein Ende gefunden habe,« entwand es sich mit einem tiefen Seufzer von den bleichen Lippen des alten Pelzjägers, und mit verdoppelter Gewalt schien die Betäubung ihn wieder zu umfangen. Die Aerzte kehrten sich demjenigen zu, auf dessen Veranlassung sie herbeigerufen worden waren. Sie erwarteten von ihm eine Erklärung der ihnen unverständlichen deutschen Worte. Befremdet sahen sie auf ihn hin. Er hatte sich halb erhoben; seine Züge waren versteinert, als ob bei einer plötzlichen, furchtbaren Gemüthsbewegung der Tod ihn ereilt habe. Selbst seine weitgeöffneten Augen verriethen kein Leben; regungslos, stier waren sie auf die geschlossenen Lider des alten Pelzjägers gerichtet, hinter welchen ein durch die sich selbst auferlegte Sühne zermorschtes und zermalmtes Vaterherz nur noch matt und unbewußt einem späten, freundlichen und erwärmenden Sonnenblick entgegenschlug. – – – Vierundvierzigstes Capitel. Trost und Pflege. Vier Wochen waren verstrichen, vier Wochen, welche in dem brudermörderischen Kampfe endlich zu Gunsten der Freiheit aller Racen entschieden hatten. Auf des alten Braun Villa, sonst immer belebt durch heitere, dunkelfarbige Physiognomien, war eine trübe, gedrückte Stimmung eingekehrt. Ernst und geräuschlos bewegten sich Farbige und Weiße in den verschiedenen Gängen und Räumen einher, und wo sich zwei begegneten und mit einander sprachen, da geschah es mit vorsichtig gedämpften Stimmen, als hätte man befürchtet, durch Wände und Gemächer hindurch Jemand im Schlummer zu stören. Zwei Kranke befanden sich unter dem gastlichen Dache, zwei Kranke, für deren Leben man noch immer die ernstesten Besorgnisse hegte. Sans-Bois' Wunde heilte nur langsam; das von Mörderhand geführte Messer hatte die Armsehne verletzt, so daß es mehr als zweifelhaft, ob der alte Jäger jemals wieder seine gewohnte Lebensweise im fernen Westen würde aufnehmen können. Schlimmer noch erging es Eberhard Braun, dem früheren Piratenofficier, welcher durch den in jener verhängnißvollen Nacht empfangenen Schlag eine so schwere Erschütterung erlitten hatte, daß es beinahe zwei Wochen dauerte, bevor der Ausspruch der Aerzte auf allmälige vollständige Genesung lautete. Er sowohl, wie der alte Birk, wie er fortan genannt werden muß, erfreuten sich der ungebundensten Gastfreundschaft Brauns, und Beide nahmen die ihnen erwiesene Theilnahme dankbar und ohne jene Empfindungen hin, welche Ersteren einst veranlaßten, jede Beziehung zwischen sich und seinen nahen Verwandten als nicht bestehend zu betrachten. Er wußte sich im Hause des Bruders seines Vaters und fühlte sich heimisch in demselben, so weit sein Zustand ihm eben gestattete, Betrachtungen über seine Lage anzustellen. Sein Hochmuth war gebrochen; ohne Bitterkeit gedachte er der so vielfach erfahrenen herben Täuschungen, und mit tiefer Rührung nährte er die Hoffnung auf ein glückliches Wiedersehen mit seinen Eltern. – Der ehemalige Pelzjäger hatte sich von seinen indianischen Freunden getrennt. Dieselben waren bereits, reich beschenkt, nach ihren heimathlichen Jagdgründen aufgebrochen. Der Abschied von den langjährigen treuen Genossen war ihm sehr schwer geworden; er vermißte die ihm von den rauhen Söhnen der Wildniß entgegengetragenen Beweise ihrer Anhänglichkeit, aber ohne sich deshalb vereinsamt zu fühlen. Andere Augen bewachten seinen Schlaf, andere Hände glätteten jetzt seine Kissen, und dies geschah mit einer so rührenden Sorgfalt, daß vielfach, wenn er sich allein und unbeachtet glaubte, Thränen seine Blicke verschleierten und seine Brust sich vor einem unendlichen Gefühl inniger Dankbarkeit gegen ein vergebendes und versöhnendes Geschick erweiterte. Er ruhte auf einem großen Polsterstuhl, von allen Seiten gestützt und gehalten durch Pfühle und zusammengerollte Decken. Bleich und hager war sein Antlitz, die Bewegung seiner Arme schwerfällig und unstet; aus seinen Augen aber strahlte eine freudige Hoffnung, ein gewisser heiterer Stolz, wenn er die Blicke auf diejenigen richtete, die unablässig mit sichtbarer Liebe seinen Zustand zu erleichtern suchten. – Es war um die Mittagszeit; zu Magnolia, die seit seinem Eintreffen auf der Villa kaum von seiner Seite gewichen, hatte sich deren Geliebter gesellt. Er begrüßte sie mit einer Zärtlichkeit, welche bekundete, daß die so lange heimlich gehegten und genährten Hoffnungen und Wünsche von allen Seiten gebilligt wurden. »Wie ein Traum erscheint es mir fast, daß ich mich hier im Kreise der Meinigen befinde,« bemerkte der ehemalige Pelzjäger, die beiden jungen Leute mit unbeschreiblichem Wohlwollen betrachtend, »Carl von Birk, mein einziger Sohn, wie seltsam, wie wunderbar das Geschick uns zusammenführte; und nun gar die Auskunft über Deine Mutter. Kannst Du Dir ihr Bild wohl noch vergegenwärtigen?« »Meine Erinnerungen reichen nur bis dahin zurück, daß ich bei deutschen Farmersleuten in Ohio lebte, dieselben als meine Eltern betrachtete und von ihnen erzogen und zur Schule geschickt wurde. Sie starben vor zehn Jahren wenige Monate nach einander. Als Vermächtniß theilte mir mein Pflegevater mit, daß ich ihm bei seiner Abreise von Europa nebst einer kleinen Geldsumme übergeben worden sei, daß ich Carl von Birk heiße und auf dem ganzen Erdenrund keine Verwandten mehr besitze. Er hatte vier eigene Kinder, die älter waren, als ich, und mit denen ich mich in eine mäßige Hinterlassenschaft theilen sollte. Auf Letzteres verzichtete ich; dagegen führte ich den Namen meiner Pflegeeltern weiter, – bis ich endlich –« »Vergiß das Böse, welches Dir widerfuhr, um der glücklichen Wendung willen, welche Dein Geschick genommen hat,« fiel der alte Birk ernst ein, »vergiß die entsetzliche Gefahr, aus welcher Dich nur Dein Rechtlichkeitsgefühl erretten konnte, und vergiß denjenigen, der Dich als Mittel zu einem scheußlichen, nicht schwer zu errathenden Zwecke zu mißbrauchen gedachte. Vergieb und vergiß Alles um Deiner jetzigen Lage willen, wie auch Dir, allen Verhältnissen Rechnung tragend, aus der Vergangenheit kein Vorwurf erwächst.« Liebevoll streiften seine Blicke Magnolia, als hätte er sie um ihre Meinung fragen wollen. Diese aber küßte erröthend seine Hand; es war die einzige Antwort, welche die schüchterne, sich lieblich entwickelnde Tochter des Südens zu ertheilen vermochte. »Von Redsteel sind keine weiteren Nachrichten eingelaufen?« fragte der ehemalige Pelzjäger, sich wieder an seinen Sohn wendend. »Keine Nachricht,« antwortete der junge Mann; »obgleich er unserm edelmüthigen Gastfreunde eine erhebliche Geldsumme veruntreute, dringt dieser doch ernstlich darauf, die Nachforschungen nach dem Entflohenen einzustellen. Er will ihn nicht wiedersehen, um seiner selbst willen – um unseretwillen.« »Ueber Eure Abreise ist noch keine Bestimmung getroffen?« »Wir erwarten vorher noch Nachricht von Europa, und dann –« »Und dann meine Herstellung,« fuhr der alte Birk fort, als sein Sohn zögerte, und ein schmerzliches Lächeln glitt über sein verwittertes, bleiches Antlitz, »o, ich fürchte, die wird noch sehr lange auf sich warten lassen, doch gleichviel,« fügte er heiterer hinzu, »so hoch belaufen sich meine kleinen Ersparnisse, daß ich, ohne Noth zu leiden oder Anderen zur Last zu fallen, mein Leben beschließen kann. An Deine Mutter hast Du geschrieben?« »Bereits zweimal. Ihre Antwort wird nicht ohne Einfluß auf die Wahl des Zeitpunktes unserer Abreise sein.« Der alte Birk schaute ernst vor sich nieder. »England wäre Euer nächstes Ziel?« fragte er nach einer längeren Pause tiefen Nachdenkens. »Ich soll in Liverpool eine Agentur übernehmen, durch welche unsere Zukunft vollständig gesichert wird.« Das Haupt des alten Jägers sank wieder auf seine Brust. Es war ersichtlich, die eben geführte Unterhaltung hatte ihn schmerzlich ergriffen. Wehmüthigen Betrachtungen hingegeben, schien er Alles um sich her vergessen zu haben, bis endlich ein Schlummer der Erschöpfung sich auf seine Augenlider senkte. Magnolia bemerkte es, und mit leichter, zärtlicher Hand ordnete sie die das Haupt des Kranken stützenden Kopfkissen. Carl von Birk, der ehemalige Feldsoldat, geläutert durch bittere Erfahrungen und unsägliche Leiden, sah auf die liebliche Scene nieder, als hätte er die Wirklichkeit derselben noch bezweifelt. Seine Besorgniß um Eberhard Braun half ihm, die Scheu besiegen, welche er empfand, mit denjenigen in näheren Verkehr zu treten, an welchen sich schwer vergangen zu haben, er noch immer glaubte. Was durch ein schreckliches Ereigniß eingeleitet worden war, das vollendete schnell die Zeit, welche er, wenn Geschäfte ihn nicht fesselten, auf der Villa zubrachte, seine Aufmerksamkeit theilend zwischen dem alten Braun, seinem Vater und Eberhard, für welchen er immer rückhaltloser die aufrichtigste und uneigennützigste Freundschaft an den Tag legte. Der alte Braun aber war nicht fähig, dem jungen gewissenhaften Buchhalter, Carl von Birk, auch nur den kleinsten Theil der freundlichen Zuneigung zu entziehen, welche er einst dem vermeintlichen Neffen zuwendete. Eberhard hatte, nachdem er nach der Villa gebracht worden war, das Bett nicht verlassen. Eine fast unbesiegbare Schlafsucht ließ ihn das Enteilen der Zeit kaum merken. Wenn er sich aber eines vollkommen klaren Bewußtseins erfreute, dann trafen seine Blicke stets in die guten, milden Augen Johannes', der seine Stelle neben dem Krankenbett nur aufgab, um sie dem alten Braun, Carl von Birk, der lieblichen Anna oder endlich dem Arzte zeitweise einzuräumen. Den größten Theil des Tages hindurch leistete ihm außerdem die geliebte Jugendgefährtin Gesellschaft, mit ihm flüsternd und besprechend die wunderbaren Begebenheiten, welche mit fast sinnverwirrender Gewalt auf sie eingestürmt waren. Die Zeit, die verronnen, seit sie den heimathlichen Boden verließen, erschien ihnen so lang, so unendlich lang, und auch wieder so kurz, wenn sie nach der Treue und Lebhaftigkeit rechneten, mit welcher die trauten Gestalten jenseits des Oceans ihnen vor die Seele traten. Anna's Blicke ruhten, während ihre süße Stimme gleichsam zu einem Hauch herabsank, fast unausgesetzt auf dem bleichen Antlitz Eberhards. Dasselbe verlor nur dann den beängstigenden Charakter der Regungslosigkeit, wenn wirre Phantasien ihn quälten oder die Stunden klaren Bewußtseins und ruhiger Ueberlegung sich näherten und anmeldeten. Ihr Herz klopfte dann bange, und ihre heißen Gebete stiegen zum Himmel für denjenigen empor, von welchem sie in ihrer kindlichen Unschuld glaubte, daß nur seine nahe Beziehung zu den geliebten Kärrnersleuten die wachsende Theilnahme erzeugt habe, welche sie für ihn empfand. Wie sie aber auf Eberhard schaute, so las Johannes in ihrer Seele, wie in einem offen vor ihm daliegenden Buche, in welchem ihre Worte und Blicke, ihre bald ängstlichen, bald hoffnungsvollen Bewegungen ihm nicht zu mißdeutende Erklärungen und Erläuterungen boten. Zitterte Anna für das Leben des Sohnes der Frau Kathrin und des biederen Kärrners, so bebte Johannes, indem er sich die Folgen vergegenwärtigte, welche durch das Hinscheiden Eberhards bewirkt werden könnten. An sich selbst dachte er dabei nicht, eben so wenig an die unglücklichen Eltern oder an den gütigen, menschenfreundlichen Besitzer der Villa; nur eine liebliche, frühzeitig geknickte und gebleichte Rose sah er im Geiste vor sich, eine Rose, schimmernd im Thau der Thränen, die erst mit ihrem gänzlichen Dahinwelken versiegten. Der gute, treue Johannes; ein unsäglicher Schmerz schnürte bei solchen Betrachtungen seine arme wunde Brust zusammen, so daß die darauf folgende qualvolle Mahnung an seine körperlichen Leiden ihm gewissermaßen als Linderung erschien. Seine Wangen wurden bleich, so bleich, daß sie sich in der Farbe kaum noch von denen Eberhards unterschieden, während aus seinen Augen eine Liebe strahlte, die man als nicht von dieser Welt hätte bezeichnen mögen. Zugleich ruhte Ergebung und Opferwilligkeit auf seinen stillen Zügen, daß Anna, obwohl sie diesen Ausdruck nicht zu deuten verstand, nicht auf dieselben blicken konnte, ohne von einer unbeschreiblichen Rührung ergriffen zu werden. »Du glaubst wirklich, daß er gänzlich hergestellt werden wird?« fragte Anna ängstlich flüsternd, indem sie, sich ganz nahe zu Johannes hinneigend, auf das bleiche Antlitz des Kranken wies, »o, ich bitte Dich, sage mir die ungeschminkte Wahrheit; bedenke, ich schreibe heute wieder an seine Eltern, und ich möchte ihnen so gern recht viel Beruhigendes mittheilen.« »Von Tag zu Tag gewinne ich immer mehr die Ueberzeugung, daß er wieder gesund und kräftig unter uns wandelt,« antwortete Johannes, wie ein älterer Bruder seiner Lieblingsschwester, »auch die Aerzte äußern sich dahin,« fügte er erläuternd hinzu, als er in der tiefsten Tiefe der schönen blauen Augen noch bange Zweifel zu entdecken glaubte. »Du guter Johannes, wie danke ich Dir,« versetzte Anna, und von ihren Gefühlen überwältigt, zog sie seine Hand an ihre Lippen. Johannes duldete es, schwer, wie es ihm auch wurde, als hätte sich nichts Ungewöhnliches zugetragen; aber seine eben noch so bleichen Wangen glühten verrätherisch, während ein leises Zittern seine Gestalt durchlief. Zu genau verstand und begriff er, was die geliebte Freundin so leicht erregbar machte. Beide betrachteten wieder schweigend den Kranken, seine regelmäßigen Athemzüge gleichsam zählend. »Wenn er erst wieder – ich meine, wenn seine Heilung ganz unzweifelhaft geworden ist, möchte es ihn doch wohl stören, wollte ich Dir auch dann noch Gesellschaft leisten,« bemerkte Anna nachdenklich, und über ihr süßes Antlitz breitete sich ein liebliches Roth aus. Johannes lächelte. »Zu viel Aufregung möchte in den ersten Tagen nachtheilig auf ihn einwirken,« erwiderte er freundlich, »wogegen später Deine Gegenwart dazu beiträgt, ihm seinen Lebensmuth schneller zurückzugeben.« »Meinst Du im Ernst?« fragte Anna so offen, und dabei so freudig überrascht, daß es Johannes wiederum ein schwermüthiges Lächeln entlockte. »Mein vollster Ernst, und Deine Gesellschaft und Pflege müssen dann wohl das meiste thun, indem ich nur darauf warte, unsern lieben Brauns die verbürgte Nachricht von dem Wohlbefinden ihres Sohnes persönlich überbringen zu können.« »Johannes, geh' nicht von mir,« bat Anna flüsternd, und hastig ergriff sie, des geliebten Freundes beide Hände, »nein, geh' nicht fort, denn mir ist so bange um's Herz, daß ich nicht weiß, wohin ich mich wenden soll. Von allen Seiten begegnet man mir mit unbegrenzter Liebe und Theilnahme, und dennoch zieht es zuweilen durch meine Seele, wie eine Ahnung großer, mein ganzes Leben schwer beeinflussender Ereignisse. Ich kann Dir meine Stimmung nicht erklären, ich fürchte mich gerade nicht, allein mir ist oft, als hätte ich unbewußt einen Fehler begangen; eine unnennbare Scheu bemächtigt sich meiner, so daß ich heimlich meine bitteren Thränen weine. Es ist vielleicht ein thörichtes Verlangen, aber ich bitte Dich inständig, Johannes, bleibe bei mir.« »Leichter, als Du jetzt glaubst, wirst Du Dich auch dann an Alles gewöhnen, wenn ich Dir ferne weile, mein liebes Kind,« tröstete Johannes mit wunderbar bewegter Stimme, »wer so viel aufrichtige Liebe findet, wie Du,« hier streiften seine Blicke leicht das stille Gesicht Eberhard's – »der muß sich überall heimisch und zufrieden fühlen. Ja, meine Tage auf diesem Continente sind gezählt; Du weißt, ich habe dem Professor mein Versprechen zu erfüllen – die Kiste mit dem geheimnißvollen Schatz hat sich ja, Dank den endlosen Bemühungen Kapitän Irons, angefunden – außerdem kann meine arme Mutter auch an jedem Tage zur ewigen Ruhe eingehen, und wer sollte wohl der theuren Dulderin die letzten Tage versüßen, ihr die treuen Augen zudrücken, wäre ich nicht da?« Anna neigte ihr Antlitz; helle Thränen rollten über ihre Wangen. Auch Johannes hatte sich seinen trüben Betrachtungen wieder hingegeben; da mahnte Anna ihn leise an die Gegenwart: »Du bleibst also, bis Eberhard vollkommen hergestellt ist und wir uns überhaupt an den wunderbaren Wechsel der Verhältnisse gewöhnt haben?« »Ich bleibe so lange, bis Eberhard mir Gelegenheit gegen hat, seinen Eltern die günstigsten Berichte über ihn zu erstatten; ich bleibe so lange, bis ich mich überzeugt, daß Du die Aufträge gewissenhaft erfülltest, welche Frau Kathrin einst, wie im Vorgefühl kommenden Glückes, Dir ertheilte. Ich muß ihnen schildern können, wie ihr Sohn die durch Dich im übermittelten Bitten seiner Mutter aufnahm, und endlich auch, daß Du etwas von der warmen Zuneigung, welche Du für seine Eltern hegst, auf ihn übertrugst und er nicht minder in dir den Liebling seiner Eltern erkennt und verehrt.« Holdselig erröthend betrachtete Anna das ruhige Antlitz Eberhards, welches sich, trotz der krankhaft bleichen Farbe, einen gewissen Ausdruck selbstbewußter, stolzer Männlichkeit bewahrt hatte. Was sie dachte, sie wußte sich keine Rechenschaft darüber abzulegen; Johannes aber, indem er sie mit wehmüthiger Freude beobachtete und ihre Gefühle mit seinen eigenen verglich, errieth ihre Empfindungen. Als ob Anna's Blicke durch die geschlossenen Augenlider hindurchgedrungen wären, begann Eberhard sich zu regen. Anna erhob sich. »Er wird gleich erwachen,« flüsterte sie geheimnißvoll, »sage ihm meine herzlichsten Grüße, aber verschweige, daß ich – Du begreifst – daß ich dir Gesellschaft leistete.« Johannes nickte zustimmend. Unhörbar schwebte sie auf den Fußspitzen durch das Zimmer, vorsichtig zog sie, nachdem sie hinausgetreten war, die Thüre hinter sich zu. Jener aber sah fortgesetzt nach der Richtung hinüber, in welcher die geliebte Gespielin früherer Jahre seinen Augen entschwunden war; seine Wangen waren wieder bleich; im Geiste folgte er ihr nach durch die verschiedenen Gänge der Villa; er folgte ihr nach auf Schritt und Tritt, keinen Blick vermochte er von ihr zu wenden. Ein leichtes Geräusch unterbrach seinen Ideengang. Er wendete sich um und sah in die Augen Eberhards, der ihn, wie sich auf etwas besinnend, groß und befremdend betrachtete. Gleichzeitig reichte derselbe ihm aber auch die Hand. »Ich kenne kaum noch etwas anderes, als meinen traurigen Zustand und Ihr freundliches Gesicht,« hob er mit einer Stimme an, die sich während seiner Krankheit nur wenig verändert hatte, »wie soll ich Ihnen für so viel Theilnahme danken, für die treue Pflege, welche Sie mir Tag und Nacht angedeihen lassen?« »Bindet mich der von mir erwählte Beruf nicht an die Schmerzenslager hülfsbedürftiger Mitmenschen?« fragte Johannes freundlich zurück. »Uebrigens ist es ein seltsamer Zufall, daß Sie gerade immer mich hier sehen, indem oft genug Ihr Herr Onkel und die andern Bewohner des Hauses auf dieser Stelle sitzen. Alle, Alle sind von derselben Besorgniß und Theilnahme für Sie beseelt.« Ueber Eberhards Züge glitt es wie eine Wolke. Es schwebte ihm offenbar eine Frage auf den Lippen, er drängte sie indessen zurück. »Also dennoch mein Onkel,« sprach er endlich wie unbewußt. »Dieser Gedanke, hat er nicht etwas Tröstliches, Ermuthigendes für Sie?« fragte Johannes mit einem leisen Vorwurf im Tone seiner Stimme. »O, Sie ahnen nicht, was es bedeutet, als mittelloser, hülfsbedürftiger Verwandter vor Jemand hinzutreten,« erwiderte Eberhard träumerisch, »selbst das Bild der Eltern erhält einen drohenden Ausdruck, wenn man für die Schilderung ihres leichtsinnig heraufbeschworenen Kummers nur das Geständniß trauriger Erfahrungen und getäuschter, überspannter Hoffnungen wiederzugeben vermag.« »Manches könnte ich Ihnen darauf entgegnen,« versetzte Johannes aufmunternd, »Manches, wodurch Ihre Zweifel gehoben, Ihr Herz bis zum Ueberströmen erwärmt und belebt würde, allein ich überlasse dies einem beredteren Munde, der eindringlicher, als ich zu Ihnen zu sprechen weiß, die letzte Spur einer – verzeihen Sie mir das harte Wort – einer falschen Scham aus Ihrem Gemüth entfernen wird.« Die brennende Röthe, welche flüchtig Eberhards bleiches Gesicht überzog, bekundete, daß er sich die tröstlichen Worte, welche er einst, vom Zufall begünstigt, heimlich, aber blutenden Herzens von Anna's Lippen vernahm, in's Gedächtniß zurückrief. »Wer verließ das Zimmer, als ich eben erwachte?« fragte er plötzlich, Johannes fest anschauend. Dieser zögerte mit der Antwort; er wußte nicht, ob er die Wahrheit eingestehen, oder sein gegebenes Versprechen halten sollte. »War es Anna Werth?« fragte Eberhard weiter, die Gesichtszüge seines freundlichen Pflegers aufmerksam beobachtend. Johannes konnte nicht anders, er mußte zustimmend antworten, allein es geschah mit einer gewissen Verlegenheit. »Ja, sie war es, sie befand sich hier, um sich nach Ihrem Ergehen zu erkundigen,« sagte er leise, indem er versuchte, das Kissen zu ordnen, welches sich unter Eberhards Kopf verschoben hatte. Dieser schloß die Augen, und schärfer trat der leidende Zug hervor, der sich während seiner Krankheit allmälig auf seinem Antlitz ausgeprägt hatte. Mehrere Minuten verstrichen in tiefem Schweigen. Die beiden jungen Leute schienen sich ihren Träumereien gänzlich hingegeben zu haben. Plötzlich blickte Eberhard, wie vor seinen eigenen Gedanken erschreckend, mit einer kurzen, heftigen Bewegung empor. »Sie müssen sehr glücklich sein,« sprach er, und seine Stimme hallte wie eine Klage, indem er Johannes die bebende Hand reichte. Auf Johannes' Antlitz zuckte es, wie das Aufflackern eines unsäglichen Schmerzes, um gleich darauf in ein schwermüthiges Lächeln überzugehen. »Ihre Voraussetzung bezieht sich auf mein Verhältniß zu Anna?« fragte er gedämpft. Eberhard bejahte durch ein Zeichen seines Hauptes. Die Sprache schien ihm zu fehlen, seine Frage laut zu bekräftigen. »Nach dieser Richtung hin bin ich freilich sehr glücklich,« fuhr Johannes alsbald wieder fort, und er sah vor sich nieder, als sei es ihm schwer geworden, den ängstlich spähenden Blicken Eberhards zu begegnen, »und überraschen kann unser Verhältniß gewiß Niemand, denn wir sind neben einander aufgewachsen, haben uns gemeinschaftlich allen kindlichen Spielen hingegeben, ohne daß sich in unserm täglichen Verkehr jemals die Verschiedenheit der Jahre bemerklich gemacht hätte. Sie besaß keine Geschwister, und ich war der einzige Sohn meiner Eltern; wir wurden uns daher gegenseitig Alles, und unter wirklichen Geschwistern kann keine innigere, aufrichtigere Liebe gedacht werden, als zwischen uns ohne jeden fremden, von Außen wirkenden Einfluß keimte. Ja, wir lieben uns einander herzlich, und unerschütterlich ist das zwischen uns bestehende Vertrauen. Wie es mich aber beglückt, wenn meine theure, heißgeliebte Schwester sich an mich anschmiegt, als ob ich ihr leiblicher Bruder wäre, wenn sie mich mit meiner schwankenden Gesundheit so getreulich pflegt und dabei ohne Rückhalt oder Scheu mir gestattet, in ihrem Herzen zu lesen, so ist es ihr, der elternlosen Waise, wieder zur andern Natur geworden, mich als ihren ältern Bruder zu betrachten, an welchen in allen Lagen des Lebens sich vertrauensvoll wenden zu können, ihr zur größten Beruhigung gereicht. Dies ist also das zwischen uns bestehende Verhältniß, und wenn Ihre Bemerkung sich darauf beziehen sollte, Herr Eberhard – ja, dann kann ich nur bestätigen: ich bin sehr, sehr glücklich.« Während des ersten Theils von Johannes' Erklärung hatte Eberhard mit starrer Spannung zu ihm aufgesehen; dann senkte er seine Blicke. Mit verborgenem Entzücken lauschte er seinen Worten; auf denjenigen, welcher dieselben sprach, achtete er dagegen nicht; er bemerkte daher nicht, daß es ihn fast übermenschliche Anstrengungen kostete, seiner Stimme einen ruhigen, festen Klang zu verleihen, noch weniger, daß seine Augen in gleichsam ersterbendem Glänze glühten. »Wie muß Fräulein Werth die scheinbare Gleichgültigkeit verachten, mit welcher ich duldete, daß ein Anderer Meinen Namen führte und sogar meine armen Eltern getäuscht wurden?« fragte Eberhard nach einer längeren Pause ernsten Nachdenkens. »Sie kennt die Wahrheit in ihrem ganzen Umfange,« antwortete Johannes frei, »sie theilt mit Ihnen und mir die Ueberzeugung, daß der junge Birk nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt – doch sie selbst haben ja das größte Vertrauen an seine Rechtlichkeit bewiesen, indem Sie, ohne Einsprache gegen sein Verfahren zu erheben, sich westlich zu wenden gedachten.« »Aber mein eigenes Verfahren, die namenlose Rücksichtslosigkeit gegen meine Eltern, wie urtheilt sie darüber?« »Jung, wie meine treue Schwester Anna noch ist, besitzt sie doch ein hohes Verständniß für die Gefühle Anderer,« versetzte Johannes auf die mit ängstlicher Hast gerichtete Frage; »Anstatt Sie zu tadeln, weiht Sie Ihnen das unbedingteste Vertrauen; sie trägt eben Rechnung Ihren Eigenthümlichkeiten, welche sie bereits aus dem Munde Ihrer zärtlich besorgten Mutter kennen gelernt hatte, und deren Schilderungen, wie sie mir selbst betheuerte, dem Wesen des jungen Birk so genau entsprachen; wie wäre sonst auch wohl eine Täuschung möglich gewesen? Sie aber hatte zuerst ihre Stimme dagegen erhoben, Ihre Eltern über die an ihnen begangene Täuschung aufzuklären, und sich erboten, in ihren Briefen an die guten, alten Leute, als ob gar keine Verwechselung der Personen stattgefunden hätte, stillschweigend über die jüngsten Ereignisse hinwegzugehen.« »Ich werde sie recht lange nicht sehen und sprechen?« fragte Eberhard träumerisch. »Ihr eigenes Befinden entscheidet allein darüber,« antwortete Johannes beruhigend, »so viel glaube ich indessen Ihnen anvertrauen zu dürfen, daß meine junge Schwester aufrichtig die Gelegenheit herbeisehnt, Ihnen das mitzutheilen, was Frau Kathrin ihr mit der nie ersterbenden Hoffnung einer trauernden Mutter aufgetragen hat.« Die letzten Worte vernahm Eberhard noch dumpf, die eben geführte Unterredung hatte erschöpfend auf ihn eingewirkt. Umgaukelt von den lieblichsten Visionen war er eingeschlafen; es schien, als hätte er sich im Traume an alle die theuern Gestalten und berauschenden Bilder gewöhnen müssen, um die Kraft zu gewinnen, sich wachend seinen Betrachtungen über dieselben hingeben, seinen geistigen und später auch persönlichen Verkehr mit ihnen ertragen zu können. Erfüllt von tiefer Wehmuth blickte Johannes zu ihm nieder. Er hatte sich erhoben; wie zum Tode ermattet und als ob die Zukunft sich vor ihm als ein unübersteiglicher Berg aufthürme, stützte er sich auf die Lehne des Stuhls. Die langen, ruhigen Athemzüge des seiner Heilung entgegen Schlummernden erweckten ihm traurige, unendlich traurige Gedanken. Leise und heimlich fragte eine Stimme in seinem Herzen, warum er selbst nicht ebenso frei athmen dürfe, er, in dessen Brust eine nicht minder heiße Liebe glühte, als in der vor ihm liegenden Gestalt des jungen Abenteurers. Doch wohin sich seine Betrachtungen verirrten, weder Neid noch zorniges Hadern mit der Vorsehung schlich sich in dieselben ein. Um so verständlicher leuchtete dagegen aus seinen schönen, schwermüthigen Augen, neben einem rührenden Wohlwollen, eine unbeugsame, fromme Willenskraft, welche sich sein ganzes übriges Ich unterthan machte. Wie so häufig, wenn er sich selbst gewissermaßen Trost spenden wollte, welchen er von andern Menschen nicht erwarten konnte, kleidete er auch jetzt seine Gedanken in leise gelispelte Worte. »Er ahnt nicht, was ich empfand, als ich ihm meine brüderliche Liebe schilderte,« sprach er schmerzlich bewegt, »er ahnt es ebensowenig, wie sie, wenn sie schmeichelnd ihre Hand in die meinige legt. O, sie müssen sehr, sehr glücklich werden, sie, deren Herzen für einander geschaffen sind.« »Das Geschick scheint sie auserkoren zu haben –« Ein trockener Husten hinderte ihn, den angefangenen Satz zu beendigen. »Man möchte behaupten, daß einzelne Menschen nur geboren werden, um zu leiden und zu dulden,« bemerkte er nach einer Weile sinnend. Einen theilnehmenden Blick warf er noch auf den ruhig schlummernden Eberhard, dann trat er geräuschlos an's nächste Fenster. Heiterer Sonnenschein erfüllte die Lüfte; lächelnd sah der lieblich blaue Himmel auf die vom Winterschlaf erwachte und sich mächtig regende Natur nieder. Lichtgrün schimmerte der Rasen; die schwellenden Knospen und hervorlugenden zarten Blättchen an Baum und Strauch erzählten von zu erwartender, wohlthuender Augenweide und ersehntem kühlen Schatten. Vögel mannigfacher Art umspielten die Villa, in der so viel bewußtes und unbewußtes Liebesglück, aber auch so unendlich viel, mit himmlischer Ergebung getragenes Herzeleid wohnte. Fünfundvierzigstes Capitel. Die erfüllten Aufträge. Die Besserung in Eberhard's Zustand hatte überraschend schnelle Fortschritte gemacht, so daß er sich nach Ablauf von acht Tagen bereits frei in seinem Zimmer umherbewegen durfte. Sein beständiger Gefährte und Pfleger war nach wie vor Johannes geblieben, der treue Johannes mit seiner wunden Brust und dem brechenden Herzen. Der stete Verkehr, in welchem sie zusammen lebten, hatte sie näher und inniger zu einander hingeführt. Johannes wußte nicht genug von Anna zu erzählen und ihre Vorzüge gegen denjenigen hervorzuheben, von welchem er wußte, daß er ein heiligeres Recht an die Geliebte gewinnen würde, als er selbst jemals an sie besessen hatte. Eberhard dagegen wurde nicht müde, seinen Schilderungen zu lauschen und immer neue Fragen an ihn zu richten. Berührten sie aber in ihrer Unterhaltung das kleine Gehöft der biederen Kärrnersleute und dessen theure Bewohner, so kamen sie doch stets wieder auf sie zurück, die wie ein guter Engel in demselben erschienen und nach kurzem, segensreichem Walten wieder verschwunden war, um, ähnlich einer freundlichen Zaubrerin, alle diejenigen zusammenzuführen, welche, durch die heiligsten Bande an einander gefesselt, dennoch so viele Jahre durch ein finsteres Geschick einander entfremdet gewesen. Was wohl die Ursache, daß Johannes, sobald Anna's Name zwischen ihnen genannt wurde, plötzlich neues Leben zu erhalten schien und mit schwärmerischem Enthusiasmus das Bild der Geliebten schilderte und ausmalte, suchte Eberhard nicht zu ergründen; zu natürlich fand er, daß ein holdes Wesen, wie Anna, von ihrem Freunde und Bruder so hoch verehrt wurde, zu natürlich, daß diesem bei seinen Schilderungen der lieblichen Schwester leidenschaftliche Gluth die Wangen zu sprengen drohte. Der gute, der treue Johannes! Ach, er hätte noch viel, viel mehr erzählen können, von seiner heimlichen Unterredung mit dem alten Braun und den Beschlüssen, welche dieser gefaßt hatte, allein er durfte seinem edlen Gastfreunde nicht vorgreifen, nicht vorgreifen seiner geliebten Anna, deren unbewußt mit sich umhergetragenes Geheimniß er nicht als das seinige betrachtete. Er konnte, er durfte nur beobachten, sich fester und immer fester überzeugen, daß Anna's irdisches Glück dereinst in gewissenhaften Händen ruhen würde. – »Die geheimnißvolle Kiste des Professors ist also eingetroffen?« fragte Eberhard, nachdem er eine Weile träumerisch auf den vor seinem Fenster sich ausdehnenden und von der Sonne beschienenen Garten hinausgeschaut hatte. »Kapitän Iron hat mir einen bedeutenden Umweg und eine große Mühe durch seine Zuvorkommenheit erspart,« entgegnete Johannes; »ich leugne nicht, diese Aufgabe bereitete mir recht oft bittere Sorge. Ihre Lösung erschien mir zuweilen geradezu unmöglich, und nur dem Umstande, daß sie überhaupt noch nicht abgeschickt worden war, ist es zu verdanken, daß es Kapitän Iron glückte, sie in einem halbvergessenen Keller eines Lehrinstitutes aufzutreiben. Wer hätte damals gedacht, als er mit seiner kaltblütigen Berechnung das Todesurtheil über die zahlreiche Bemannung eines Schiffes aussprach, daß dennoch so viel warmes Gefühl in seiner Brust wohne?« »Es war eine entsetzliche Handlung,« bemerkte Eberhard sinnend, »und nur in einem Bürgerkriege ist eine derartige Feindseligkeit, ein solcher tödtlicher Haß möglich. O, es finden sich seltsame Charaktere unter den Amerikanern vertreten; Leute, welche in dieser Minute beim Anblick fremder Leiden bittere Thränen vergießen, zögern in der nächsten Minute nicht, ihrem Feinde das Messer in die Brust zu stoßen oder mittels einer Pistolenkugel den Kopf zu zerschmettern; die furchtbarsten Erfahrungen habe ich in dieser Beziehung gemacht. – – Was die Kiste enthält, wissen Sie nicht?« fragte er nach einer kurzen Pause. »Nach der Dringlichkeit zu schließen, mit welcher der Professor mir die größte Vorsicht anempfahl, muß sie leicht zerstörbare Kunstschätze bergen. Hoffentlich haben sie noch nicht gelitten, denn dort, von woher sie gekommen ist, scheint man nicht zart mit ihr verfahren zu sein. Jedenfalls gereicht es dem menschenfreundlichen alten Herrn schon zur großen Freude, seine ersehnten Schätze wenigstens in meinen Händen zu wissen.« »Sie schrieben an ihn?« »Ich benachrichtigte ihn vom Auffinden der Kiste und daß ich mit derselben bald nachfolgen würde.« »Sie denken ernstlich an Ihren Aufbruch?« »Sehr ernstlich; nur noch ein bestimmtes Ereigniß will ich abwarten, namentlich Ihre gänzliche Herstellung, um Ihren Eltern nur Freudiges über Sie berichten zu können. Vielleicht darf ich sie zugleich auf Ihren Besuch vorbereiten?« Eberhard sah überrascht empor; dann ergriff er Johannes' Hand mit Wärme. »Dürfte ich doch mit Ihnen reisen,« versetzte er zögernd, »allein – meine seltsame Lage – und dennoch ist –« Lautes Klopfen an der Thüre hinderte ihn, weiter zu sprechen, und bevor er zum Eintreten aufgefordert, erblickte er seinen Onkel, der, die erröthende Anna führend, auf ihn zuschritt. »Ich bringe Jemand, der sich darnach sehnt, sich persönlich von Deinem Wohlergehen zu überzeugen,« sprach der alte Herr mit einem glücklichen Lächeln zu dem verwirrt emporspringenden jungen Manne, »sie möchte sich gern eines Auftrages entledigen, welchen Deine vortreffliche Mutter ihr beim Scheiden ertheilte; ich hoffe, sie findet in Dir einen aufmerksamen und dankbaren Zuhörer.« Ein wunderbarer Ausdruck lag im Tone seiner Stimme, als er dies sagte; ein Ausdruck zugleich innig und auch doch wieder so geheimnißvoll und bezeichnend, daß Anna's Hand in der seinigen heftig zitterte, als hätte sie, auf schwindelnder Höhe stehend, nach einem sichern Halt gesucht. Dabei wußte sie nicht, wohin sie ihre Augen wenden sollte, selbst den geliebten Gefährten ihrer frühesten Jugend, den treuen Johannes, wagte sie nicht anzuschauen, ihn, dem sie sonst doch immer mit dem hingebendsten Vertrauen begegnete. Aber wie Johannes mit edler, fast übermenschlicher Selbstverleugnung in Eberhards Seele die tiefen, unergründlichen Empfindungen erkannt und demnächst ein höheres Selbstbewußtsein, eine beseligende Hoffnung auf die Zukunft in seiner Brust zu erwecken verstanden hatte, so war Anna von ihrem Pflegevater mit vorsichtiger Hand geführt und über sich selbst aufgeklärt worden, so daß es nur noch eines Blickes bedurfte, um zwei Herzen vor einander zu öffnen, die bereits lange einander angehörten. Was Anna in ihrer lieblichen Befangenheit nur dumpf ahnte, was sie mit einer gewissen Furcht erfüllte, das hatte Eberhard begriffen, sobald er seines gütigen Onkels Worte vernahm und zugleich die Gluth gewahrte, welche, ähnlich einer verheißenden Frühlingsmorgenröthe, sich wunderbar flammend über das süße Antlitz der Geliebten ausbreitete. Gleichsam berauscht durch die seiner Seele vorschwebenden Bilder, sah er auf die vor ihm Stehenden hin; vor seinen Augen schwamm Alles in einander, seine Sprache schien plötzlich in Fesseln geschlagen zu sein, kaum daß er wagte, Anna die Hand zu reichen. Zögernd, wie befürchtend, ein Unrecht dadurch zu begehen, legte Anna ihre Hand in die dargereichte, und dabei hatten diese beiden Hände doch schon so oft in einander geruht, bald beim herzlichen Gruß, bald beim freundlichen Abschied, ohne daß Jemand etwas Ungewöhnliches in dieser Begegnung gefunden hätte. Und heute? O, der gute Braun und der treue Johannes, sie hatten sehr, sehr viel zu verantworten, denn sie hatten das alte traute Freundschaftsverhältniß zwischen den beiden jungen Leuten unheilbar zerstört; es konnte nie wieder so werden, wie es gewesen war, wenn auch Niemand Ursache fand, diesen Wechsel zu bereuen! »Und willst Du die Aufträge seiner Mutter nicht ausführen?« fragte Braun, nachdem er sich ein Weilchen an der Befangenheit des jungen Paares geweidet hatte. Ja – ich will, und Johannes wird mir Alles bezeugen,« antwortete Anna, und in den Augen ihres Adoptivvaters suchte sie Schutz vor den entzückten Blicken Eberhards. Johannes aber war leise und unbemerkt hinausgeschlichen, als hätte er sich der Thränen geschämt, welche eine tiefe Rührung ihm in die redlichen Augen trieb. »Unser vortrefflicher Johannes?« fragte Braun bedeutungsvoll lächelnd, »ich werde ihn rufen, ich werde ihn suchen; bis dahin aber, lieber Eberhard, mußt Du meiner Tochter Anna schon nothgedrungen auf ihr Wort glauben.« Fast mit Gewalt entzog er Anna, die ihn heimlich zurückhalten wollte, seine Hand, und freundlich grüßend trat er aus der Thüre. Er fand weder Johannes noch suchte er ihn. Aber nach seinem Wohnzimmer begab er sich, wo er, lange nachdem die Lampen angezündet worden waren, noch immer einsam auf und ab wandelte. Das Haupt geneigt, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, verrieth er nur einmal die Gefühle, welche sein Gemüth bewegten, als er leise in die Worte ausbrach: »O mein Gott, warum durfte ihre Mutter den heutigen Tag nicht erleben?« – – – Er suchte weder Johannes, noch fand er ihn. Dieser dagegen hatte sich nach der äußersten Grenze des rückwärts liegenden Gartens begeben, wo er, von Niemand bemerkt und beachtet, seinen Gedanken ungestört nachhängen konnte. Röthlich fielen die schrägen Strahlen der sich ihrem Untergange zuneigenden Sonne zwischen den jungen Blättern und Knospen hindurch, den einsamen Spaziergänger mit der Farbe der Gesundheit schmückend. Er athmete ruhig und tief; eine schwere Last schien von seiner Seele genommen zu sein; auf seinen eingesunkenen Wangen waren Spuren von Thränen sichtbar. Die schönen blauen Augen hatte er gesenkt, wie um während des Gehens die farbigen Kiesel im Sande des Weges zu zählen; mit seinen weichen blonden Locken spielte der Abendwind. »So namenlos schwer hätte ich es mir nicht vorgestellt,« flüsterten seine Lippen, und vor einem schmerzlichen Seufzer hob sich seine Brust, als hätte sie zerspringen wollen. Er blieb stehen. Seine Blicke trafen auf ein frühzeitiges Waldblümchen, welches, nahe am Wege blühend, von einem unvorsichtigen Fuße dicht an der Wurzel geknickt worden war. Liebevoll neigte er sich zu demselben nieder, und es aufrichtend, suchte er den Stengel mittelst etwas loser Erde zu stützen. »Es wird nicht helfen,« sprach er traurig, »wo der Kreislauf der Lebenskraft in den edelsten Organen einmal gestört und unterbrochen wurde, da reichen zur Heilung die Kräfte Sterblicher nicht mehr aus.« Indem er sich wieder erhob, begegneten seine Blicke durch eine Oeffnung im Buschwerk der scheidenden Sonne, die mit ihrem unteren Rande bereits eine ferne Baumgruppe berührte. Ihren Glanz hatten die nahe dem Erdboden lagernden Dunstschichten gemildert, so daß das Auge ungeblendet in die strahlenlose rothe Scheibe hineinzuschauen vermochte. »Wie schön und erhaben,« sprach er halblaut; er faltete die Hände und andächtig beobachtete er die prächtige Naturscene. Seine Augen wurden wieder feucht. Das allmälige Versinken des belebenden Tagesgestirns mahnte ihn an sein eigenes Scheiden. O, wie schwer, wie unbeschreiblich schwer erschien ihm die Trennung von allem, was er liebte! Die Sonne war untergegangen; in der Villa dagegen, da, wo Eberhard und Anna traulich bei einander saßen, war ein neuer Tag angebrochen; in den wonneberauschten Herzen lebte warmer, ewiger Sonnenschein. Süßer Frühlingsduft strömte durch die geöffneten Fenster; verspätete Vögel suchten mit unverkennbarer Hast zirpend und zwitschernd die gewohnte Ruhestätte auf. Nahe der äußersten Grenze des Hintergartens sang eine Spottdrossel ihr melancholisches Lied in den milden Abend hinaus. Wie Thränen und Perlen tropften die lieblichen Töne in Johannes' wunde Brust. Sehnsüchtig sah er noch immer nach der Stelle hinüber, auf welcher die Sonne seinen Blicken entschwunden war. »Wer so hinüberschlummern könnte,« sprach er wieder in Gedanken. Ihn fröstelte; um sich zu erwärmen, nahm er seinen Spaziergang wieder auf. Sechsundvierzigstes Capitel. Scenen des Friedens und Glücks. Ein volles Jahr und darüber war dahingerollt; auf den blutgetränkten Schlachtfeldern des nordamerikanischen Continentes grünten die Saaten ebenso frisch und viel versprechend, wie in andern, von der Kriegsfackel verschont gebliebenen Ländern. Aber auch die Wälder hatten sich nach langer Winterruhe wieder in ihr Frühlingskleid geworfen, namentlich die Birken, welche die Zeit nicht schienen erwarten zu können, in der man kommen würde, um von ihnen den alljährlichen Tribut zu dem üblichen Pfingstschmuck der Häuser und Zimmer einzufordern. – An diesem uralten Gebrauch hing Niemand mit größerer Pietät, als Christian Braun, der ehrenwerthe Kärrner, und Frau Kathrin, sein treues, rechtschaffenes Ehegemahl. Sie hatten diese Sitte als Kinder von ihren Eltern gelernt, ebenso, wie diese es einst ihren Eltern, Großeltern, Urahnen und so weiter bis in die heiligen Haine der alten Germanen ablauschten. Das Pfingstfest schlängelte sich also in ihren Familien wie ein lichtgrünes Band durch viele Generationen hindurch bis ins graue Heidenthum hinein, zu welche Zeit die weißrindigen Birken ganz gewiß ebenso zierliches und lebensfrisches Laubwerk trugen, als an dem diesjährigen christlichen Pfingsten, welcher für die Kärrnerfamilie ein doppeltes Fest zu werden versprach. Mit Rücksicht darauf, hatte der gute, alte Braun sich denn auch noch besonders angestrengt. Anstatt für ein paar Silbergroschen Birkenzweige zu kaufen, war er am vorhergehenden Tage, gleich nach dem Eintreffen einer höchst wichtigen Depesche, schnell mit zwei seiner willigen Holsteiner und einem leichten Leiterwägelchen in den Wald zu einem bekannten Förster gefahren, wo sein Verlangen nach ausgesucht schönen und frischen Birkenzweigen höchst freigebig gestillt wurde. Hechsel begleitete ihn selbstverständlich auf dieser Fahrt, denn wie der biedere Kärrner unverändert geblieben war, so hatten auch die blaugestreiften Gamaschen ihre magnetische Kraft nicht verloren: Dieselbe schien sogar noch gewachsen zu sein, denn indem die Holsteiner mit ihrer kaum fühlbaren Last munter einhertrabten, wirkte die Anziehungskraft durch die Bretter des Wagens hindurch in einem solchen Grade auf den getreuen Hechsel, daß er unter der Hinterachse genau in der Mitte zwischen den beiden Rädern förmlich festgebannt wurde, wo er seine Bewegungen sehr sorgfältig nach denen der guten Holsteiner regelte. Es kostete ihn allerdings zuweilen einige Anstrengung, seinen Posten zu behaupten, wenn seine alten Freunde zum Beispiel einmal etwas weiter ausgriffen, er fügte sich indessen mit stoischer Ruhe in diesen Uebelstand, und um so leichter, weil der Weg frei von Regenpfützen war und der liebe, schöne Frühlingssonnenschein, welcher von der einen Seite zitternd zwischen den sich schnell drehenden Radspeichen hindurchfiel, ihm eine Art Unterhaltung gewährte und jeder auf einen Lichtstreifen unmittelbar folgende Schattenstreifen zu seinem stillen Ergötzen sich vergeblich bemühte, ihm das grimmige, weißgeringelte Auge auszuschlagen. Im allgemeinen sah Hechsel, trotzdem ein langes Jahr über sein würdiges Haupt hingegangen war, noch immer munter und jugendlich aus: Seinen Winterpelz hatte er ausgezogen und dafür das schön getigerte, braune, sich fest an die starken Muskeln anschmiegende Sommerkleid übergestreift; gegen die gußeiserne Doppelnase contrastirten prächtig das weiße, starke Gebiß und die lang niederhängende rothe Zunge; die abhanden gekommenen Ohren und der fehlende Schweif gestatteten der Phantasie, dieselben in den kühnsten und malerischsten Schwingungen zu ergänzen, und dabei schauten die beiden glänzenden Augen, das schwarze sowohl, wie das weiße, so überlegend bald auf das Schattenrad, bald auf das Sonnenrad, bald auf die schwer stampfenden und reich behaarten Hufe der trabenden Holsteiner, daß man hätte meinen mögen, von ihrem Ausdruck allein habe die Bewegung des ganzen Fuhrwerks abgehangen. Der getreue Hechsel sah also am Tage vor Pfingsten recht festtäglich aus, ebenso wie sein Herr, der über ihm auf einem fest gestopften Strohsack thronte, den Dampf aus seiner kurzen Pfeife abwechselnd über die rechte und über die linke Schulter warf, munter mit seiner Peitsche knallte, bedächtig, das eine Auge schließend, mit dem andern auf die grünenden Fluren und Bäume, auf die wirbelnden Lerchen und hochbeinigen Störche zielte und seinen nur von einem rothgeblümten Taschentuch beschwerten glanzledernen Tresorkasten mit einer Sicherheit auf seinem breiten Haupte balancirte, daß der berühmteste Equilibrist ihn um seine Kunstfertigkeit hätte beneiden mögen. »Immer successive!« rief er auch wohl gelegentlich seinen Holsteinern zu, die aus dem Tone seiner Stimme jedesmal pünktlich erriethen, ob sie ihre Schritte beschleunigen oder ihre Eile mäßigen sollten. »Immer successive!« sprach er auch zu sich selbst, wenn er meinte, daß sein hoch beglücktes Herz vor lauter Ungeduld die starken Rippen zerschmettern oder ein donnerndes Hurrah über seine Lippen jagen müsse. Dann lachte er wieder heimlich vor sich hin, und der feuerfarbige Borstenkragen wurde mißhandelt, als ob man solch' prächtigen Kärrnersschmuck nur von der Straße aufzulesen brauche. »Und etwas Kalmusblätter soll ich nicht vergessen,« vermischte es sich jetzt wieder laut und vernehmlich mit einer davonstäubenden Tabackswolke, »ei, ei, da sieh' mir einer die Kathrin an; Birkenzweige und Kalmusblätter, und 'n Feuer im Ofen, als sollte 'n ganzer Wispel Weizenmehl auf einmal gebacken werden! Hahaha, wenn's nur erst morgen um diese Zeit wäre; aber immer successive!« »Vergiß auch nicht die Kalmusblätter!« hatte Frau Kathrin ihrem alten Christian wirklich nachgerufen und zwar von der Hausthüre aus, so daß die Nachbarn es alle hörten. Und als der gute Christian erst eine Strecke weit in seinem Leiterwägelchen davongerollt war, da hatte sie sogar hierhin und dorthin, wo sie nur immer ein bekanntes Gesicht sah, grüßend genickt; und die Leute grüßten alle sehr freundlich wieder und meinten auch wohl zu einander, daß Frau Kathrin sich seit einem Jahr merkwürdig verjüngt habe, daß sie eine sehr respectable Frau sei, der man das hohe Glück wohl gönnen dürfe, daß sie, trotz des hohen Glückes, doch immer die gefällige Nachbarin und theilnehmende Freundin geblieben sei und sich nicht besser, als andere Leute dünke. Frau Kathrin aber befand sich um die Zeit schon längst wieder im Hause, wohin sie einige Nachbarskinder gelockt hatte, um von ihnen – Kinder sprechen in tiefernsten Dingen ja immer die Wahrheit – ein ungeschminktes Urtheil über das Gerathen ihres Pfingstkuchens zu vernehmen. Und als die überglücklichen Kinder dann heimgelaufen waren, da trat sie vor ihre Kommode, deren oberstes Schubfach sie aufzog, um in demselben zu kramen. Eine alte Medicinschachtel, bis an Rand angefüllt mit harten Thalern und einigen Scheinen, holte sie zuerst hervor, sie bedächtig in der Hand wiegend. »Alles für meine Tochter,« sprach sie dabei, und die hellen Freudenthränen wollten ihr über die röthlich angehauchten, noch immer etwas eingefallenen Wangen, »sie braucht's zwar nicht, aber ich kenne mein Schätzchen und weiß, wie sie's aufnimmt.« Dann legte sie die Schachtel zur Seite, worauf sie nach einer funkelnagelneuen, jedoch einfach verzierten Haube griff und dieselbe vor dem Spiegel aufpaßte. Frau Kathrin schien mit diesem Hauptschmuck einer Hausfrau sehr zufrieden zu sein, und die weißen Spitzen und weißseidenen Schleifen paßten auch in der That vortrefflich zu dem freundlichen Antlitz mit den schönen, großen, blauen Augen. – »Auf diese Art brauchen sie sich meiner gewiß nicht zu schämen,« sprach sie, das Haupt mit einer gewissen Selbstgefälligkeit drehend; aber als hätte dieser Gedanke sie unfreundlich berührt, brachte sie die Haube schnell auf ihre alte Stelle zurück. »Die, und sich meiner schämen,« fuhr sie dabei in ihren Betrachtungen fort, »ich müßte ja meine Kinder nicht kennen.« Dann nahm sie ein Tuch zur Hand und eifrig begann sie, mindestens zum sechsten Mal an diesem Tage, das Klavier abzupolieren. Ja, das Instrument stand noch immer auf derselben Stelle, auf welcher Anna zum letzten Mal gespielt hatte. Man war zwar kurz nach ihrer Abreise einmal zu dem Entschluß gelangt, dasselbe, der Ersparniß wegen, an seinen Besitzer zurückzugeben; als aber die Leute eintrafen, welche es abholen sollten, war den beiden Alten so wehe um's Herz geworden, daß sie jene unverrichteter Sache wieder fortschickten und das Uebereinkommen trafen, lieber die sechs Thaler Miethe vierteljährlich zu entrichten, als auch diesen lieben Freund noch zu missen. Und so hatte das Pianum denn zu des alten Brauns größter Genugthuung seinen alten Platz successive und unerschütterlich behauptet, und waren es auch keine Künstlerhände, welche auf den glatten Tasten herumtanzten, so schlug doch ein riesenhafter, schwieliger Zeigefinger hin und wieder behutsam einige Noten an, die sich, einige Fehlgriffe abgerechnet – sogar zu den Anfängen sehr bekannter Volksmelodien an einander reihten und das alte treue Kärrnerherz so recht lebhaft an sein fernes Schätzchen erinnerten und an denjenigen, welchen dasselbe Schätzchen ihm und seiner guten Kathrin binnen absehbarer Frist zuführen sollte. Auch Frau Kathrin spielte zuweilen auf dem Instrument, aber nur mit einem Staubtuch, indem sie, einige Male mit festem Drucke auf den Tasten hin- und herfahrend, ebenso viele ganz entsetzliche Tonleitern erzeugte. An diesem gesegneten Tage vor Pfingsten nun peinigte sie die armen Tasten aber noch ganz besonders, gerade als hätte sie das von seinem Besitzer stets in reiner Stimmung erhaltene Klavier wachrütteln und auf die erneute Bekanntschaft mit den zarten, schönen Händen ihres geliebten Schätzchens vorbereiten wollen. Oben auf den Deckel des Instrumentes legte sie außerdem einen noch mit Stricknadeln versehenen, unbeendigten Riesenstrumpf, die letzte Arbeit Anna's unter ihrem Dach, »damit sie sieht, was sie mir gewesen ist,« erläuterten die schmalen Lippen, wie unbewußt, und dann begab Frau Kathrin sich an's Fenster, um einige Fliegen zu fangen und zu dem Laubfrosch in das lange Bierglas zu setzen, damit er aus Dankbarkeit zum nächsten Tage recht schönes Wetter prophezeie. – Derartig gestalteten sich also die Vorbereitungen zu dem schönen Pfingstfest. Als aber der Pfingstmorgen selbst erst angebrochen war, da hätte man das kleine Gehöft kaum wiedererkannt, so freundlich lugte es zwischen den um Thüren und Fenster befestigten Birkenzweigen hervor. Doch nicht allein auf der Straßenseite war es so festlich geschmückt, sondern auch auf der Hofseite; sogar die Stallthüren hatte der riesenhafte Kärrner nicht vergessen, namentlich war um die zu den Holsteinern führende Thüre eine förmliche Laube gebaut worden, nicht zu Gedenken des elephantenrückigen Frachtwagens, der sich im vollsten Sinne des Wortes eine prächtige grüne Perrücke aufgesetzt hatte und sich in seinem offenen Schuppen spreizte, als sei er, und nur er allein die eigentliche Seele des ganzen Gehöftes gewesen. Aber auch der Kärrner selber und Frau Kathrin hatten ihr sonntägliches Kleid angelegt, und recht stattlich nahmen sich Beide aus, sie in der neuen Haube und er in seinem schwarzen Ueberrock und mit der langen Pfeife, in welcher heute ausnahmsweise wirklicher, echter Varinaskanaster – das Pfund zu zwanzig Silbergroschen – dampfte. Und recht ernst und feierlich schauten sie in den lieben, schönen, sonnigen Pfingsttag hinein, und recht einsilbig waren sie geworden, indem Einer vor dem andern seine Ungeduld zu verstecken suchte, und dabei tanzten und hüpften ihre Herzen doch in einer Weise, daß die Bewegungen des Theertönnchens unter dem einherrollenden Elephantenwagen, und wenn der holperigste Knüppeldamm vor ihm gelegen hätte, reines Kinderspiel dagegen gewesen wären. »Wenn's ihnen nur successive hier gefällt,« bemerkte Braun bei der Mittagsmahlzeit, welche die beiden alten Leute in stiller häuslicher Abgeschiedenheit, einnahmen. »Denen gefällt's überall, wo wir sind,« antwortete Frau Kathrin mit großer Entschiedenheit. Braun lächelte vor sich hin. Was seine Frau sagte, wußte er längst; er hatte überhaupt nur etwas bemerken und seine Ansichten bekräftigt hören wollen, und erfüllt von solchen Gedanken, fuhr er fort: »Wir hätten sie auch vom Bahnhofe abholen können.« »Das wäre gegen ihre Wünsche gewesen,« erläuterte Frau Kathrin; »'s ist auch besser so; denke Dir nur die vielen Menschen, und wenn ich nicht an mich halten kann – und dann muß unser Herr Johannes auch Zeuge des Wiedersehens sein.« »Der arme Herr Johannes.« »Ja, wahrhaftig, der arme Herr Johannes.« Längere Zeit verstrich in wehmüthigem Schweigen; dann gewann die Freude aber wieder die Oberhand. »Warum die Eisenbahnwagen wohl nicht ebenso schnell fahren, wie eine telegraphische Depesche?« fragte Braun wiederum, um etwas zu sagen. »Mit der Zeit wird man es bestimmt noch einmal so weit bringen,« belehrte Frau Kathrin. »Hm, zwei Monate sind sie ungefähr verheirathet.« »Volle zwei Monate.« »'s Schätzchen war eigentlich noch etwas jung?« »Volle siebenzehn Jahre alt; manches Mädchen hat schon früher geheirathet; manches aber auch weit später, ohne halb so verständig zu sein, wie meine Schwiegertochter.« »Du meinst unsere Schwiegertochter?« fragte Braun, mit dem linken Auge listig blinzelnd und den rechten Mundwinkel triumphirend gesenkt. »Nun, wenn Dir so sehr darum zu thun ist: unsere Schwiegertochter.« »Ob sie wohl successive 'n paar Tage bei uns wohnen werden?« »Ich kenne meinen Sohn und meine – unsere Schwiegertochter.« Braun nickte zufrieden und durch einen gewandten Strich seiner Riesenfaust erhielt der rothe Borstenkragen einen stattlichen, herausfordernden Ausdruck. »Wie Dein Schwager wohl aussehen mag?« fragte er dann, wieder blinzelnd. »Du meinst unsern – nein, das stimmt nicht, er ist ja Dein Bruder – aber unser –« Frau Kathrin, die sonst so sehr überlegende Hausfrau, hatte sich festgefahren, daß sie keinen andern Rath wußte, als über sich selbst zu lachen. Der alte Braun aber lachte mit, daß ihm die Thränen in die Augen traten, und so ergötzten sich Beide immer weiter und weiter, bis sie endlich vom Tisch aufstanden, ohne sich recht satt gegessen zu haben. – – So kam der Nachmittag endlich heran, und mit dem Nachmittag der Herr Professor und sein Freund und Hausgenosse Johannes, die nicht minder gespannt waren, die geraden Wegs von Amerika Eintreffenden zu begrüßen, als der Kärrner Braun und seine Frau Kathrin. Der Professor war noch immer der Alte: Etwas zur Schau getragene Menschenfeindlichkeit sollte seine edlen Herzenseigenschaften verstecken, was indessen in einem nur sehr mäßigen Grade gelang; dagegen schien er heiterer und zutraulicher geworden zu sein und sich in der Gesellschaft der biederen Kärrnersleute über Alles behaglich zu fühlen. Die ihm entgegengetragene uneigennützige Anhänglichkeit hatte das Starre in seinem Wesen aufgethaut. Er selbst wollte freilich von einer solchen, seiner veränderten Gemüthsstimmung zu Grunde liegenden Ursache nichts wissen, sondern schob bei jeder Gelegenheit den ihm von Johannes wohlbehalten überlieferten Schatz vor; er wunderte sich sogar über die unerhörte Inconsequenz der Frau Kathrin, die sich nicht scheute, anderer Leute Kinder hereinzurufen und ganze Stunden mit ihnen zu verplaudern. Letzteres verdroß ihn übrigens in so hohem Grade, daß er – nur um der kleinen Gesellschaft den Geschmack an grobem Brod zu verderben, wie er sich sehr ernst ausdrückte – der Frau Kathrin von Zeit zu Zeit eine umfangreiche Düte mit Conditorwaaren zur Verfügung stellte, welche denn auch jedesmal von dieser mit unverantwortlichem Leichtsinn gewissenhaft und sogar noch in Begleitung von liebevollen Worten an entsprechender Stelle vertheilt wurden. »Die armen Kinder werden von ihren Eltern ebenso sehr geliebt, wie ich meine eigenen Kinder liebe, und der Herr Professor ist nicht halb so schlecht, wie er sich anstellt,« sprach sie dabei in Gedanken, um bald darauf wieder einer vorübergehenden Frau Nachbarin einige Complimente über ihre schöne Nachkommenschaft zu machen, und dafür die gewöhnliche, sehr herzlich gemeinte Frage zu hören, wann denn eigentlich die von allen Seiten so freudig erwarteten Amerikaner eintreffen würden. – Der Einzige, der von dem Herrn Professor nur Worte der aufrichtigsten Freundschaft, Theilnahme und Nächstenliebe vernahm, nie durch einen erkünstelten Mißton harsch von ihm berührt wurde, war Johannes, der arme leidende Johannes. Frau Kathrin beteuerte er wohl, daß seine väterliche Fürsorge für den jungen Mann nur eine Art Pflichterfüllung sei, weil derselbe ihm zu seinen amerikanischen Schätzen verholfen habe; dagegen ließ sich nichts Rührenderes denken, als die unermüdliche Aufmerksamkeit, mit welcher er seine Zeit opferte, um jenem das Leben zu erleichtern und bis zu einem gewissen Grade angenehm zu machen. So war es ihm auch gelungen, den von der Reise Heimkehrenden dazu zu bewegen, auf einige Tage seine Gastfreundschaft anzunehmen, und als er ihn erst in seiner Wohnung hatte, da wußte er ihn auf sinnreiche Art von Tag zu Tag scheinbar so dringend mit der Durchsicht seiner Manuscripte zu beschäftigen, und seinem Unheil einen so hohen Werth zuzuschreiben, daß Johannes endlich die Ueberzeugung seiner Unentbehrlichkeit gewann und sein Zusammenleben mit dem gütigen alten Herrn ihm zu einer lieben Gewohnheit wurde. Und welchem andern Berufe hätte er sich auch zuwenden sollen, nachdem ein grausames Geschick eine unübersteigliche Scheidewand zwischen ihn und eine friedliche Landpfarre geschoben hatte? Von dem Professor aber konnte er noch so viel lernen, und mit ihm sprechen durfte er über seinen körperlichen Zustand und über das, was ihnen Beiden versagt geblieben war, und über diejenigen, welche Beide so sehr liebten und verehrten. O, der alte bucklige Professor, er war ihm ein lieber, lieber Freund geworden; und dennoch wollten manche Menschen behaupten, der alte wunderliche Herr mit seinem gelegentlichen höhnischen Lachen besitze kein Herz. Wenn sie ihn nur gesehen hätten, als er neben dem trauernden Johannes vor einer offenen Gruft stand, in welche man eine ruhig und freudig entschlafene Mutter senkte, wie er da seine bitteren Thränen vergoß und seinen jungen Freund zu trösten und aufzurichten suchte; ja, wenn sie es nur gesehen hätten, dann würden sie sich versucht gefühlt haben, zu dem wunderlichen alten Herrn heranzutreten, ihm die Hände zu küssen, ihn zu preisen und zu beneiden um sein goldenes Herz, und hätten sie dafür seinen mit Stolz in der Welt herumgetragenen Höcker mit in den Kauf nehmen müssen. Noch tiefer aber wären sie vielleicht ergriffen worden, hätten sie ihn beobachtet, wie er an jenem Pfingstnachmittage in der Wohnung des Kärrners sich liebevoll um seinen jungen Freund bewegte, ihn bald freundlich aufmunternd, bald ernst mit ihm sprechend oder ihm ein Birkenzweiglein darreichend und zugleich den guten Kärrnersleuten zuschwörend, daß ihr Johannes sich nunmehr auf dem Wege der Besserung befinde. Und die guten Kärrnersleute glaubten es auch; obwohl Johannes sich auf dem großen ledergepolsterten Armstuhl, von welchem er sich nur mit Mühe zu erheben vermochte, matt zurücklehnte, trug sein mädchenhaft zartes Antlitz doch eine milde Röthe, und seine großen, schönen Augen leuchteten in so sanftem schwärmerischen Feuer, wie seit langer Zeit nicht. Auch seine Stimme schien plötzlich kräftiger geworden zu sein. Nur gelegentlich, wenn außer dem Professor Niemand in der Nähe war, sank sie zum Flüsterton herab, indem er seine Worte an diesen richtete. »Ich hätte doch wohl zu Hause bleiben sollen,« sagte er fast ängstlich, »mein verändertes Aussehen wird sie erschrecken – sie wird die Wahrheit errathen.« »Und wenn sie die Wahrheit erräth, dann weiß sie nur, daß Sie sich allmälig wieder erholen,« antwortete ihm der Professor zuversichtlich, indem er ihm die Hand drückte. »Und erschrecken kann sie nicht, indem ich sie auf Alles vorbereitete; verderben Sie daher nicht, was ich zum Besten einleite; vergegenwärtigen Sie sich lieber die Angst und die Besorgniß, welche es erzeugte, träfe man Sie nicht hier. Also hübsch munter und so gesprochen, wie es sich gehört – ich meine, wie ein Mann, der vertrauensvoll seiner Genesung entgegensieht.« »Seiner Erlösung entgegensieht,« verbesserte Johannes schwermüthig. Des Professors Sturmglocke läutete vor einem Anfall von Ungeduld, gleich darauf neigte er sich aber liebevoll zu Johannes nieder, ihn aufmunternd und seine Gedanken auf andere Gegenstände überlenkend. Da rollte ein Wagen vor das Haus. Frau Kathrin erbleichte und sank auf einen Stuhl; in Johannes' Antlitz schoß dagegen eine flammende Gluth, ihm das Aussehen eines Genesenden verleihend. Nur der Professor und der Kärrner behielten Geistesgegenwart genug, hinauszueilen und die so heiß Ersehnten zu empfangen. – – – Birkenzweige schmückten das ganze Gehöft. Das Wohnzimmer der Kärrnersleute aber war in einen heiligen Tempel verwandelt worden, in welchem Thränen der Wehmuth und einer namenlosen Freude das Alles ausdrückten, wozu die Worte mangelten und nicht ausgereicht hätten. Die Leiden vergangener Jahre, die noch schwebende Entsagung und verhaltener Gram, Alles, Alles war vergessen, wurde gleichsam übertäubt durch das Wiedersehen. Lange dauerte es, bis eine gewisse Ruhe sich wieder in die erregten Gemüther senkte, bis man die erforderliche Ueberlegung gewann, zu fragen, zu betrachten und die Bilder der Wirklichkeit mit denen zu vergleichen, welche bisher der ängstlich schaffenden Phantasie vorgeschwebt hatten. Glaubte Frau Kathrin doch kaum, daß der schöne Mann mit der ernsten, selbstbewußten Haltung und dem kindlich bescheidenen, einfachen Wesen ihr Sohn, ihr eigener Sohn sei; und wagte der alte biedere Kärrner doch kaum, die junge liebliche Frau mit »Schätzchen« anzureden wie sie es doch von ihm erwartete. Und als dem ersten Freudenrausch das Gefühl einer unendlichen inneren Befriedigung nachfolgte, da saß Anna, die liebe, holdselige Anna neben ihrem theuren Johannes, seine Hand haltend und ihm zu seinem guten Aussehen Glück wünschend. Wie sie so oft in ihrem Leben gethan, fragte sie auch heute nach der Ursache seines Leidens, und die sorgsamste Pflege von ihren eigenen Händen versprach sie ihm in ihrer alten, treuen, schwesterlichen Weise, so daß dem armen Johannes vor Schmerz und Freude heiße Thränen in die Augen drangen. Neben Anna aber hatte sich Frau Kathrin hingedrängt, und Eberhard mußte sich zu ihr setzen, so, daß sie ihre beiden Kinder zugleich sehen konnte und mit diesen ihren getreuen Christian und den Herrn Professor und noch einen andern, hoch gewachsenen alten Herrn mit weißen Locken und weißem Backenbart, der die sich vor ihm entwickelnde Scene schweigend beobachtete und sich gleichsam scheute, störend einzuschreiten und seine Anwesenheit bemerklich zu machen. Da trat der Kärrner festen Schrittes vor seinen Bruder hin, ihm die rechte Hand darreichend und mit der linken seinen rothen Borstenkragen weit aus der schwarzen Halsbinde hervorziehend. »Ich meine successive« – hob er an, dann schloß er verlegen das eine Auge und wie beschämt senkte sich der gegenüberliegende Mundwinkel; er wußte nicht, ob er den feinen alten Herrn mit Du oder mit Sie anreden solle. »Und heißt Du mich denn gar nicht willkommen, Bruder?« fragte der Millionär mit einer wunderbaren Rührung im Tone seiner Stimme, der Verlegenheit des Kärrners zu Hülfe kommend. Da kehrte des Kärrners Selbstbewußtsein zurück, und seine Riesenhand von dem Borstenkragen ziehend, wies er mit dem Zeigefinger auf die Tuchnadel und die Uhrkette seines Bruders, welche die Embleme des ehrenwerthen Kärrnergewerkes repräsentirten. »Was bedeutet denn dieses da?« fragte er und seine rauhe Stimme zitterte seltsam. Da erweiterten sich die Augen des Millionärs in unbeschreiblichem Wohlwollen, und seine beiden Hände auf die Schultern des Kärrners legend, rief er aus: »Es bedeutet, daß mein Vater ein Kärrner gewesen, und daß mein Bruder ebenfalls ein Kärrner ist; es bedeutet –« »Halt!« fiel dieser jetzt ein, und die hohe Gestalt des Millionärs schien in seinen Armen zu verschwinden, »ich weiß jetzt successive genug, um Dich als Bruder willkommen zu heißen – und wenn Du's mal nicht anders willst und kannst – nun – dann magst Du Dich immerhin so successive in die Vaterschaft zu den Beiden da mit mir theilen, obwohl die Kathrin und ich die Nächsten dazu sind.« Und als er nach einiger Zeit wieder zu Worten kam, da wies er mit dem Daumen rückwärts über die Schulter, als ob Amerika hinter ihm liege, und das eine Auge bezeichnend schließend, fragte er sehr verblümt: »Wie steht's denn mit drüben? Kannst Dir wohl denken, wir möchten sie nicht zum zweiten Mal verlieren; 's wäre meiner Kathrin Tod.« »Sie bleiben da, wo es ihnen am besten gefällt,« antwortete der Millionär wohlwollend »und ich denke, das wird wohl nicht allzuweit von ihren Eltern sein.« »Aber ich, Bruder, ich? Ich werde doch nicht hier heraus müssen? Du verstehst, ungewohnte Arbeit macht Blasen – und ich bin doch hier eingewohnt – und die Menge Kunden – möchte mein Geschäft auf eigne Hand so successive weiterführen.« »Auch darin bist Du ungehindert.« »Und dann endlich Du selber?« »Nun, ich denke, Frau Kathrin, meine liebe Schwägerin, wird mir wohl gelegentlich auf einige Tage ein Plätzchen hier im Hause einräumen, damit ich mir immer wieder in's Gedächtniß zurückrufe, wie's sich unter meines Vaters Dach schläft.« Dann wendeten sich die beiden Brüder an den Professor und Johannes, und dann wieder an Frau Kathrin und deren Kinder, als ob in dem laubgeschmückten Zimmer nur eine einzige, in vielerlei Gestalten vertheilte Seele geherrscht habe. Selbst Hechsel, der mit Gewalt aus dem Pferdestall ausgebrochen war und sich mit Gewalt in das Zimmer drängte, schien mit zu der Gesellschaft zu gehören, so lebhaft wedelte er seinen abhanden gekommenen Schweif, so vertraulich schob er seine kalte, gußeiserne Doppelnase in jede ihm erreichbare Hand während er mit den verschiedenfarbigen Augen alle in dem Gemach anwesenden vor lauter Zärtlichkeit auf einmal verschlingen zu wollen schien. – Viel, viel wurde noch bis zum Abend zwischen den Wiedervereinigten gesprochen und verhandelt, aber ob nun gekleidet in die Formen der verfeinerten Bildung, oder dargebracht in biederer, treuherziger Weise, wenn auch rauher Rinde, aus jeder Bemerkung, aus jedem Wort klang stets ein und dasselbe hervor: Unerschütterliche Rechtschaffenheit, treue Zuneigung und die innigste Dankbarkeit gegen ein versöhntes Geschick. Nur ein Herz bebte und zitterte heimlich hinter einem freudig erregten Antlitz, heimlich und verstohlen, als wäre es am liebsten im Kreise derjenigen hinübergeschlummert, deren Aller Liebe sich gleichsam in ihm begegnete. – – – – – »So Schätzchen, nun habe ich dich endlich einmal ganz allein für mich,« sprach Frau Kathrin, als sie die liebliche Gattin ihres Sohnes in das andere Zimmer hinübergeführt hatte. »Hier hat er gewohnt, hier hast Du gewohnt, und nun sage mir, ob Du mit der Einrichtung für Euch Beide zufrieden bist?« Frau Kathrin hatte kaum ausgesprochen, da ruhte Anna wieder an ihrem Herzen, wie damals, als sie von ihr gebeten wurde, nach einem Verschollenen zu forschen. Auch heute weinte Frau Kathrin – sie konnte ja gar nicht an ihr Glück glauben. »So, Schätzchen, nun habe ich Dich endlich einmal wieder successive für mich allein,« sprach auch der alte Kärrner, als Anna, ihren Arm in den seinigen gelegt, Hechsel aber dicht hinter Beiden, ihn nach dem Pferdestall begleitete. Die Holsteiner wurden darauf der Reihe nach einzeln begrüßt und gefuttert; von den Holsteinern ging es nach der Tenne zu dem Elephantenwagen, und wie einst am Abend vor ihrer Abreise, so schritten sie auch heute um den Wagen herum, nur daß heute statt der Laterne, das Tageslicht ihnen leuchtete. Aber an die Ketten faßte Anna wieder gerade so wie damals, daß sie lustig klirrten; sie schüttelte dieselben sogar leicht, und dabei sah sie ihren alten getreuen Braun so freundlich an, daß dieser sich im Stillen über alle Maßen wunderte, wie sein liebes, kindliches Schätzchen, welches so munter mit dem gefühllosen Eisen spielte, überhaupt schon eine junge Frau sein könne. »Klingt's successive noch wie Musik?« fragte er und aus dem einen offenen Auge strömten zum mindesten zehn schwere Wagenladungen herzlicher Zuneigung und innerer Glückseligkeit auf seinen Liebling. »Sieh doch, welch' unfehlbares Gedächtniß Du besitzest,« entgegnete Anna, und aus den zehn Wagenladungen wurden zehn Schiffsladungen, indem sie dieselben dem Kärrner in ihren klaren Blicken zurückgab; »ja, es klingt noch immer wie zauberhafte Musik, und zwar bezeichnete mir dieselbe eben drei Hauptpunkte aus meinem Leben. Zuerst jenen Abend, als wir Beide Hand in Hand auf der Chaussee neben dem Wagen einherschritten und ich aus dem Klirren ein freundliches Willkommen heraus zu hören meinte« – »'s war 'n schöner Abend, Schätzchen, so Hand in Hand,« fiel Braun ein und gleich darauf fühlte er wieder das warme Händchen in seiner Riesenfaust. »Ein sehr successiver Abend, liebe Herr Schwiegervater,« bekräftigte Anna mit großer Entschiedenheit, und dann fuhr sie ernster fort: »der zweite Punkt, der mir so recht lebhaft vorschwebt, ist der Abend –« »Ein trauriger Abend, Schätzchen.« »Unendlich traurig – als die Ketten mir ihr Lebewohl zuklirrten.« »Ich glaubte es nicht überleben zu können.« »Auch ich nicht, und ein Glück, daß wir's dennoch überlebten. Ich trug die Laterne –« »Und ich ging hinter Dir.« »Richtig, nur mit Zweigen war der Wagen damals nicht geschmückt.« »Und ganz um den Wagen herum gingen wir successive, Schätzchen.« »Ganz herum, gerade so wie heute.« »Und der dritte Punkt, Schätzchen?« »Das war ein Abend auf dem schrecklichen Kriegsschiff, als der erste Officier desselben unabsichtlich mit einer Kette klirrte und ich noch nicht ahnte, daß es mein Eberhard sei, der so nahe bei mir stand und mich so treu beschützte.« Braun räusperte sich und seine Stimme etwas dämpfend, sprach er mit geheimnißvollen Wesen: »Schätzchen, meinen Antheil an ihn will ich Dir recht gern schenken, wenn aber unsere Kathrin dabei ist, dann sage lieber: unser Eberhard. Die gute alte Seele will doch nun einmal ihre Rechte an ihn nicht ganz aufgeben.« »Also successive unser Eberhard,« verbesserte sich Anna, mit einem unbeschreiblich süßen Lächeln. Sie waren wieder beim Hause angekommen und schritten eben um den Giebel herum, um von der Straße aus einzutreten, als neben der Hinterthür, aber noch auf dem Hausflur, Frau Kathrin und ihr Sohn sichtbar wurden. Sie hatten dort ein Weilchen gestanden und mit innigem Ergötzen den alten Kärrner und sein Schätzchen beobachtet, wie sie von Stall zu Stall wandelten und das ganze Gehöft in Augenschein nahmen. »Wir wollen sie nicht stören,« sagte Frau Kathrin, ihren Sohn zurückhaltend, sobald sie ihren Herrn Gemahl in traulicher Unterhaltung mit Anna gewahrte, »denn Du glaubst nicht, Du ahnst nicht, wie die Plaudereien mit meiner Tochter ihm sein altes treues Herz erquicken. Sie hat sich doch gar nicht verändert,« fuhr sie nach einer Weile fort, als Eberhard noch immer schweigend auf die liebliche Scene hinschaute, »stets unser altes Schätzchen – ich will Dir gerade nicht wehe thun, aber – nun, 's ist ja nichts Schlimmes – Du bist zwar mein leiblicher Sohn, allein, ich weiß nicht recht, mir ist, als hätte ich das Kind noch lieber, als Dich selber.« »Mutter,« antwortete Eberhard gerührt und entzückt, »Du kannst sie nicht so lieben, wie sie es verdient.« Sie traten in das Wohnzimmer; ihr erster Blick fiel auf Anna, welche das Riesenstrickzeug von dem Klavier genommen hatte und dem überglücklichen Kärrner zu beweisen suchte, daß sie das Arbeiten noch nicht verlernt habe. Der Millionär saß mit dem Professor am Fenster in eine ernste Unterhaltung vertieft. Aus den schönen blauen Augen des armen Johannes, der darum gebeten hatte, nicht mit in die Unterhaltung hineingezogen zu werden und ihm eine kurze Ruhe zu gönnen, flogen zufriedene, verklärte Blicke über die Scenen des Friedens und des Glücks. – Es war vielleicht um dieselbe Stunde, in welcher der Kärrner und sein Schätzchen von ihrem Rundgange auf dem Gehöft zurückkehrten, nur daß dort die Sonne eben erst den Zenith überschritten hatte, da neigte auf einer kleinen Farm im fernen, fernen Missouri eine hohe Frauengestalt sich liebevoll über einen schlummernden alten Mann hin. Entbehrungen und Beschwerden in Gemeinschaft mit geistigen Leiden hatten diesem frühzeitig den äußeren Charakter eines Greises verliehen. Er saß auf einem bequemen Lehnstuhl; die gezwungene Haltung seines linken Armes verrieht, daß derselbe durch irgend einen Unglücksfall untauglich zu schwerer Arbeit geworden sei. Die Frauengestalt, obgleich ebenfalls alternd, zeigte noch immer die scharf ausgeprägten Spuren früherer hoher Schönheit; tiefer Gram hatte indessen seine unvertilgbaren Merkmale auf dem stillen, ernsten Antlitz zurückgelassen. Lieblicher Sonnenschein ruhte auf ihrer theilweise hoch bewaldeten Umgebung, auf dem bescheidenen Blockhäuschen, den Ställen und dem sich um das Gehöft ausdehnenden Gemüse- und Obstgarten. Es war das Asyl, welches der alte Birk für seinen Lebensabend gefunden hatte und welches diejenige mit ihm theilte, die einst als strahlende Braut mit ihm vor den Traualtar getreten war, nach langer Trennung sich ihm wieder zugesellt hatte und nunmehr, durch Richterspruch aufs neue mit ihm vereinigt, ihn mit hingebender Treue pflegte. Was auf der einen Seite durch Hochmuth und sträflichen Leichtsinn, auf der andern durch maßlosen Stolz verbrochen worden war, es ruhte vergessen und vergraben zwischen ihnen; nicht einmal desjenigen gedachten sie, der, ein schändliches Ziel mit schlauer Berechnung verfolgend, eine Mutter um ihr Mutterglück betrogen und dafür einen furchtbaren Stachel der entsetzlichsten Selbstanklagen in ihrer Brust zurückgelassen hatte. Sie suchten nicht einmal zu ergründen, wie es Alvens gelungen war, das durch Kohlendunst betäubte Kind außer den Bereich aller Nachforschungen zu schaffen. Für sie gab es nur noch die Gegenwart, welche sie sich gegenseitig mit redlichem Willen zu erleichtern, bis zu einem gewissen Grade sogar in eine angenehme zu verwandeln suchten. Aber auch Genüsse, reine, herzerhebende Genüsse waren ihnen nicht fremd, denn fast wöchentlich trafen Briefe von ihrem Sohne und Magnolia ein, die ihnen nicht genug das Glück zu schildern wußten, welches Einer in des Andern Besitz fand. Sie lebten in einer größern Hafenstadt Englands, wo der junge Birk eine mehr, als auskömmliche Stellung in einem bedeutenden Handelshause erhalten hatte. Das Geschick war versöhnt; nach unsäglichen Leiden war ein stilles häusliches Glück den beiden Eltern zu Theil geworden; sie schätzten es um so höher, weil sie nie geglaubt hatten, ein solches noch erwarten zu dürfen. Die Verwerthung ihrer Gartenerzeugnisse in der nahen Stadt sicherte ihnen ein sorgenfreies Leben. Auch Blumen zogen und pflegten sie mit große Vorliebe, Blumen auf den kleineren Beeten ihres Gartens, Blumen auf der Bahn, welche mit einander zu wandeln ihnen noch vergönnt war. Lieblich schien die warme Nachmittagssonne auf die kleine Gärtnerei nieder. Im Schatten einer riesenhaften Sykomore saßen der alte Birk und seine Gattin. Ersterer träumend und unbewußt lächelnd; diese mit wehmuthvollen Blicken die einst so schöne, jugendlich kraftvolle Gestalt bewachend, des erschlafften Greises Schlummer behütend. Bienen, Goldkäfer und Kolibri's schwirrten um sie her, bald sich erquickend an süßen Honigtropfen, bald sich badend im gelben Blüthenstaub. Ueber ihnen zwischen den Blättern lispelte es geheimnißvoll. Im warmen Staube sonnten sich Hühner. Tiefer Friede überall, doch nirgend mehr, als in den Träumen, welche den früheren Pelzjäger über den Ocean führten, und in den Gedanken der hohen Frauengestalt, welche jene Träume auf ihrer weiten Reise nach den fernen Gestaden begleiteten. – Siebenundvierzigstes Capitel. Schluß. Von einem Erdtheil zum andern, wie ist für den Gedankenflug der Weg so kurz; von ungetrübtem Glück zum Mißgeschick, wie dreht das Rad sich so schnell; vom Gipfel der Freude zu Kummer und Gram, wie wechseln die schillernden Farben der Seifenblase so flüchtig; wie funkeln die Thränen der Freude so lieblich, wie brennen die stummen Zeugen eines tiefen Schmerzes so heiß! Der Sommer neigte sich seinem Ende zu. Ein schwach pulsirendes Leben war noch einmal aufgeflackert, um sich demnächst langsam der Ewigkeit zuzuwenden. »Der arme Johannes,« sprachen diejenigen, die mit dem jungen Manne in näheren Verkehr traten und blutenden Herzens die Abnahme seiner Kräfte beobachteten, welche in so unheimlichem Widerspruch zu seinen Worten stand. »Wer hätte geglaubt, daß ich dem Leben noch einmal zurückgegeben werden würde,« sagte Johannes selbst mit einem schwermüthigen Lächeln. Er fühlte sich so leicht, er athmete so frei – wie er meinte – daß er zuversichtlich hoffte, sich binnen Jahresfrist wieder seinem ursprünglichen Lebensberuf widmen zu können. Alle, der Professor nicht ausgenommen, stimmten dem von neuen Hoffnungen beseelten Freunde bei, obwohl man dieselben schmerzerfüllt als Zeichen seiner nahen Auflösung betrachtete. Eberhard und Anna hatten, von einer größeren Reise zurückgekehrt, in Gesellschaft des freundlichen Onkels eines Tages kaum ihren Einzug in der Residenz gehalten, als Frau Kathrin sich sogleich nach der Behausung des Professors verfügte, um sich persönlich von Johannes' Befinden zu überzeugen. Sie hielt dies für unerläßlich, indem sie voraussetzte, daß Anna ihn noch an demselben Tage besuchen würde, und man nicht wissen konnte – sie war ja eine sehr kluge und überlegende Frau – ob ein plötzliches Wiedersehen statthaft sei. Sie traf Johannes in seinem Lehnstuhl sitzend und mit mehreren von des Professors Hand beschriebenen Bogen beschäftigt. Er begrüßte sie freundlich und sprach von seiner baldigen Herstellung, als von einer unumstößlichen Thatsache, und da Frau Kathrin von dem Professor ihre Verhaltungsregeln empfangen hatte, so zögerte sie nicht, ihn auf den Besuch Eberhards und Anna's vorzubereiten. Mit einer Freude, welche sein Antlitz gewissermaßen verklärte, nahm er die Kunde entgegen, und längere Zeit plauderte er noch mit Frau Kathrin über seine Genesung und über künftige Tage eines stillen, friedlichen Glückes. »Es hat Alles so kommen sollen,« sprach er zu der alten gediegnen Freundin, als dieselbe sich von ihm verabschiedete, »die Wege, auf welche wir geführt wurden, erschienen uns zwar seltsam, allein beim Hinblick auf die zurückgelegte Bahn erkennen wir überall eine weise waltende Hand, welche unsere Schritte lenkte, ein treues Vaterauge, welches über uns wachte. Es hat Alles so kommen sollen; selbst des Professors Kunstschätze mußten drüben verloren gehen, um ihm die Mittel zu bieten, mich zu der Reise zu bestimmen, die einen so wohlthätigen Einfluß auf meine zerrüttete Gesundheit ausübte.« »Was die Kiste enthielt, wissen sie wohl heute noch nicht?« fragte Frau Kathrin wie beiläufig, aber in dem gespannten Ausdruck ihrer großen blauen Augen verrieth sich, wie willkommen ihr eine genauere Auskunft gewesen wäre. »Ich weiß es nicht,« antwortete Johannes mit rührender Einfachheit, »da der Professor stets sorgfältig vermied, mit mir darüber zu sprechen, so hatte ich keine Veranlassung, ihn deshalb zu befragen.« Frau Kathrin stellte sich zufrieden; bevor sie indessen das Haus verließ, trat sie noch einmal bei dem Professor ein, und nachdem sie zuerst sehr freundschaftlich gebeten, dann einen heftigen Wortwechsel herbeigeführt und demnächst gelobt hatte, daß ihr Gatte nie wieder eine mit vielleicht gefährlichen Geheimnissen angefüllte Kiste auf seinen Wagen laden würde, verlor der Professor endlich die Geduld. Er nahm ihr das Versprechen ewigen Schweigens ab, und mit entschiedenem, fast trotzigem Wesen forderte er sie auf, ihm zu folgen. Schnell gelangten sie durch mehrere Gemächer in einen großen Saal, der an des Professors Arbeitszimmer stieß und in welchem sich ringsum große Glasschränke an den Wänden hinzogen. In den Glasschränken standen in Reihe und Glied dicht neben einander sauber gebleichte und sorgfältig zusammengefügte Skelette; lauter Affen und Menschen in den verschiedensten Größen und Stellungen, und alle numerirt und mit lateinischen Namen und Bemerkungen übersät. Ohne Frau Kathrins Erstaunen zu beachten, führte der Professor sie vor einen Schrank, in welchem sich erst drei Skelette befanden. »Sehen Sie diese beiden prachtvollen Exemplare,« hob er an, auf die zwei letzten Skelette weisend, »und wenn Sie nur halb so verständig sind, wie ich Sie stets gehalten habe, dann werden Sie einräumen, daß das Geld und die Mühe, welche sie mich kosteten, nicht fortgeworfen wurden. Ha! Dieses Glück, die Knochengerüste eines Mulatten und eines in Amerika geborenen vollblütigen Negers mit dem eines in Afrika geborenen vergleichen zu können! Sie wurden von einem warmen Freunde und Verehrer der Wissenschaft drüben auf einem Schlachtfelde –« »Und mit solch scheußlichen Gerippen hat Herr Johannes sich so lange herumschleppen müssen?« fiel Frau Kathrin ein, die Hände entsetzt faltend. »Und warum nicht?« fragte der Professor verdrossen. »Haben bei ihm in der Stube gestanden des Nachts, wenn er schlief?« rief Frau Kathrin noch immer von Abscheu erfüllt aus, »o, wenn der arme Herr das gewußt hätte!« Eine Weile schaute der Professor sinnend auf die heftig erregte Frau. »Für mich sind die irdischen Ueberreste eines einstmals warm pulsirenden Lebens nur Bücher, aus welchen ich lerne und lehre,« versetzte er sodann milde und versöhnlich, »für Sie aber, liebe Frau Kathrin, und für jeden Andern können diese ernst mahnenden Bilder des Todes nichts Erschreckendes in sich bergen, so lange Sie mit ruhigem Gewissen und freudiger Ergebung dem letzten Schritt aus dieser Welt in eine andere, unbekannte entgegensehen!« Frau Kathrin kämpfte gegen Thränen. Wie um den Ausspruch des Professors an sich selbst zu erproben, blickte sie in die leeren Augenhöhlen der grinsenden Schädel. Sie dachte an den armen leidenden Johannes, und tief bewegt und frei von Zorn oder Entrüstung schritt sie dem Professor voran aus dem Saale. »Wann wäre die geeignetste Zeit, daß sie ihn besuchten?« fragte sie, bevor sie die Wohnung verließ. »Gegen sechs Uhr,« antwortete der alte Herr, Frau Kathrin die Hand freundschaftlich drückend, »bis gegen fünf Uhr, oft auch noch länger, pflegt er seinen Mittagsschlaf auszudehnen, und finden sie ihn dann am kräftigsten.« – Und sie kamen denn auch wirklich zwischen fünf und sechs Uhr desselben Tages, sie kamen Beide, die liebliche Anna und Eberhard, und Beide erfüllt von schmerzlichen Ahnungen. »Um ihn auf das Wiedersehen vorzubereiten,« entschuldigte sich der Professor, als er sich mit Eberhard entfernte und Anna bat, ein Weilchen zurückzubleiben. Leise traten sie bei ihrem jungen Freunde ein, der Professor voran, Eberhard ihm auf dem Fuße folgend. Ihre Blicke fielen zugleich auf Johannes; er saß, wie gewöhnlich, auf seinem bequemen Stuhl, jedoch nicht rückwärts angelehnt, sondern über ein Manuscript geneigt und den Kopf schwer auf die linke Hand gestützt. Die rechte Hand hielt eine Feder; er schien eben geschrieben zu haben. »Er schläft noch,« flüsterte der Professor, sobald er gewahrte, daß Johannes sich bei ihrem Eintritt nicht rührte, und er war im Begriff, Eberhard wieder hinauszudrängen, als er plötzlich mit einem Schreckensruf auf Johannes zueilte und dessen Hand ergriff. »Er ist eingeschlafen,« wendete er sich gleich darauf mit bebender Stimme an Eberhard, der tief erschüttert auf Johannes' andere Seite getreten war, »vor wenigen Minuten erst; milde und schmerzlos, wie ein lieber Freund, hat der Tod ihn umfangen« – er konnte nicht fortfahren, der gute Professor, die schmerzliche Bewegung raubte ihm die Sprache. – Sanft legten sie den dahingeschiedenen Freund auf seine Lagerstätte, sanft und vorsichtig, als hätten sie befürchtet, ihn in seinem Schlummer zu stören. »Du treues, treues Herz,« flüsterte der Professor, indem er seine Hand auf die bleiche Stirne des verklärt lächelnden jungen Mannes legte, »Du hast gelitten und gerungen in diesem Leben, mögest Du drüben reichen Lohn finden für das, was Du hier erduldetest.« Er wollte die noch leicht geöffneten Augen des Entschlafenen zudrücken, als Eberhard ihn daran hinderte. »Nicht Sie, Herr Professor,« bat er, »ein Anderer soll es thun, ein Anderer, dem ein heiligeres Recht zusteht.« Dann führte er den alten Herrn an den Tisch zurück, wo er seine Aufmerksamkeit auf einige von Johannes auf den weißen Rand des Manuscriptes geschriebene Worte hinlenkte. »»Nur noch eine Stunde, und ich sehe Dich wieder – wie ruhig schlägt mein Herz – ich höre Deine Stimme – bist Du es Anna? O, welch ein Glück; daß Du mir einst die Augen zudrückst, ist ja Alles, was ich in diesem Leben noch wünsche und hoffe«« – las der Professor; es waren die letzten Gedanken, welche Johannes, wie träumend und ohne es selbst zu wissen, mit unsicherer Hand dem zum größten Theil schon beschriebenen Papier anvertraut hatte. »Ich ahnte es längst,« sagte der Professor leise, indem er sich aufrichtete und Eberhard traurig ansah, »es giebt Menschen, die auf die Welt gestellt zu sein scheinen, nur um zu dulden und zu leiden. Und nun zu ihr,« fügte er sich ermannend hinzu, »es ist eine schwere Aufgabe, die noch vor uns liegt.« Geräuschlos, als wären sie von einem heiligen Altar fortgetreten, entfernten sie sich. Der arme und doch so glückliche Johannes! Umtändelt von süßen Träumen war er eingeschlafen. Ob sein Geist die irdische Hülle, welche er so lange bewohnte, wohl noch umschwebte, bevor er auf ewig in jene, dem gläubigen Gemüthe zulächelnden, lichten Höhen entfloh? Ob er sich vorher noch weidete an den aufrichtigen Schmerzensergüssen, welche so treu widerspiegelten die ihm gezollte unwandelbare innige Liebe? Und wäre ihm dies vergönnt gewesen, mit Thränen der Rührung in den verklärten Augen hätte er sich Demjenigen genaht, von dem allein er Ersatz für das erwarten durfte, was er in seinem irdischen Leben entbehrte, mit Thränen der Rührung und der Dankbarkeit, mit einem Segensspruch auf den Lippen für diejenigen, die weinend sein letztes stilles Lager umstanden. Schwesterliche Liebe hatte ihm im letzten Kuß die gebrochenen Augen zugedrückt, während heiße Thränen seine bleichen Wangen benetzten; schwesterliche Liebe schmückte mit Herbstblumen und Myrthenzweigen den selbst im Tode noch wohlwollend lächelnden Freund, der so still, so friedlich zwischen den kalten Brettern und Brettchen ruhte. O, wenn er dieses Alles hätte beobachten können! Wenn er gehört hätte die feierlichen Klänge der Glocken, als man ihn im heimathlichen Städtchen neben seine ihm vorangegangene Mutter bettete. Wenn er gesehen hätte die Thränen und Blüthen, die zu ihm in die offene Gruft hinabrieselten, wenn er vernommen hätte und noch vernähme, wie man im trauten Kreise aller derjenigen, die er im Leben kannte und liebte, seiner in Worten treuer Anhänglichkeit täglich gedachte und noch gedenkt! Blumen entsprießen seiner Decke, Blumen, gepflegt mit Liebe und Sorgfalt. Zu seinem Grabe wallfahrtet oft die geliebt Jugendgespielin in Begleitung ihres Gatten, der Frau Kathrin und zweier lieblicher Kinder, von welchen das eine den Namen Johannes trägt. Aber auch der Professor, vollständig ausgesöhnt mit der Welt, entschließt sich jetzt leichter zu kleinen Reisen, die ihn gewöhnlich über ein bestimmtes Landstädtchen und einen von mächtigen Eichen und Linden beschatteten Friedhof führen. Der Kärrner Braun verfolgt nach wie vor sein altes Gewerbe. Den Heimathsort seines »Schätzchens«, wie er Anna noch immer am liebsten nennt, berührt er auf seinen Fahrten sehr häufig. Er rastet daselbst jedesmal einige Stunden, und nachdem er dem nunmehr schon alternden Hechsel die Oberaufsicht über den Elephantenwagen und die drei Holsteiner anvertraut hat, begiebt er sich regelmäßig nach einer freundlich von Eichen und Linden beschatteten Stätte, um daselbst einige Blumen oder ein immergrünes Zweiglein auf einem Grabe zu pflücken und als Andenken für gewisse Leute mit heimzunehmen. Bei solchen Gelegenheiten scheint es ihm recht schwer zu werden, sich von der Stelle zu rühren. Abwechselnd bohrt er gleichsam das linke und das rechte Auge in den kleinen Hügel ein, und an dem stattlichen rothen Borstenkragen reißt er mit einem Grimm und mit einer Heftigkeit, daß ihm zuweilen die hellen Thränen über die gebräunten Wangen rollen und er gezwungen ist, zu dem in dem glanzledernen Hute verborgenen geblümten Taschentuch seine Zuflucht zu nehmen. Er weiß selbst nicht, wie es zugeht, allein ihm ist, als stecke Frau Kathrins Wollknäuel wieder einmal in seinem Halse. Erst wenn er eine Stunde später neben seinem schwer befrachteten Fuhrwerk einherwiegt, die alten Holsteiner kraftvoll die weiße Chaussee stampfen und Hechsels gußeiserne Doppelnase pflichtmäßig an den blaugestreiften Magneten haftet, weicht das Knäuel weit genug zur Seite, um ein klares und gesundes: »immer successive!« vorbeizulassen. Die Peitsche knackt und klappt und in immer dichteren Wolken fliegt der bläuliche Tabaksdampf um den vortrefflichen rothen Kärrnerschmuck. Von den Verblichenen wandern des biederen Brauns Gedanken zu den Lebenden, und stolzer und selbstbewußter wölbt sich die breite Hünenbrust, und weiter nach vorne schwingen abwechselnd die mächtigen Schultern. »Mein Sohn ein hoch angesehener Kaufmann, meine Schwiegertochter das beste Schätzchen der Welt,« folgen seine Betrachtungen auf einander; »die Kathrin um zwanzig Jahre verjüngt, trotz ihrer Großmutterschaft, und der Amerikaner im Begriff, ganz zu uns überzusiedeln! Herrliche Zukunft! Kärrner und Kaufmann und dabei Brüder; und was für Brüder! Trotz seines schweren Geldes möchte ich aber nicht mit ihm tauschen!« Die Peitsche knickt und knackt, das eine Auge schließt sich berechnend, der gegenüberliegende Mundwinkel sinkt tief herab, über die drei Holsteiner hin tönt es zwar heiser, aber doch wie heller Jubel: »Immer successive!«