Johannes Scherr Michel Erster Teil Geschichte eines Deutschen unserer Zeit Erstes Buch Jugendidyll Erstes Kapitel Wie meine Mutter strickte und mein Vater einen wunderlichen Heiligen anrief. – Vom alten Hylas, ferner von einem Reinettenbaum und endlich von einem aus der Klasse gejagten Michel. »Nun?« fragte meine Mutter, indem sie meinen neben ihr sitzenden Vater von der Seite ansah und ihr Strickzeug mit einer Tatkraft handhabte, daß die Nadeln laut aneinander klangen und das auf den Schoß der Strickerin niederhängende Strumpfende sehr charakteristische Bewegungen machte. »Was nun?« gegenfragte mein Vater. Frage und Gegenfrage prallten in recht eigen zugespitztem Tone gegeneinander. Außerdem gaben sich noch andere verhängnisvolle Symptome kund, welche auf eine gar bedenkliche Sachlage schließen ließen. Die noch immer mädchenhaft frischen Lippen des kleinen Mundes meiner Mutter waren trotzig aufgeworfen, und zwischen ihren braunen Brauen, unter welchen ein dunkelblaues Augenpaar so sanft, gut und liebevoll hervorblickte, zeigte sich etwas wie der Schatten einer Falte. Auch strickte sie, wie schon gesagt, heftig. In gewöhnlicher Verfassung, wenn die getrennten Gewalten des ehelichen Konstitutionalismus in parlamentarischer Harmonie lebten, pflegte die Gute weder heftig noch überhaupt häufig zu stricken, weil ihr Eheherr einen stark ausgeprägten Widerwillen gegen diese Beschäftigung hegte. Mein Vater warf mit einem ungeduldigen Ruck die Feder auf das große altfränkische Schreibzeug, stieß das vor ihm liegende Aktenheft zurück und faßte mit der Rechten in seinen buschigen Backenbart, dessen Schwarz reichlich mit Grau gesprenkelt war. Dann nahm er mit der Linken die Pfeife mit dem langen Weichselrohr aus dem Munde, blies die Backen auf und ließ einen unendlichen, dünnen Rauchstrahl mit eigentümlich pfeifendem Ton zwischen seinen Lippen hervorbrechen. Dies getan, lehnte er sich in den Rohrstuhl zurück und stieß den lauten Seufzer aus: »O, heiliger Semmelziege!« Ich verstand den Sinn der Anrufung dieses wunderlichen Heiligen damals noch nicht. Später aber begriff ich, warum bei dieser Anspielung auf die Figur des Hofrats Semmelziege in Tiecks »Däumchen«, welchen Hofrat die Strickmanie seiner Gattin Ida bekanntlich sehr unglücklich machte, meine sittsame Mutter so über und über errötete, wie sie tat. Sie rückte schmollend ihren Stuhl weiter von dem ihres Eheherrn hinweg und ließ an ihrer Stelle die Stricknadeln antworten, welche bitterböse klirrten. In dem verlegenen Schweigen, welches herrschte, suchte mein Vater Trost bei seiner Pfeife. Aber sie war ausgegangen. »Schlechter Tabak!« brummte er. Meine Mutter schwieg, doch machte sie unwillkürlich eine Bewegung, um nach dem Feuerzeug zu langen, welches gerade vor ihr auf dem grünen Gartentische stand, als wollte sie nach ihrer Gewohnheit den Vater mit Feuer versorgen. Aber sie zog die schon ausgestreckte Hand wieder zurück, warf das Mäulchen auf und strickte, als gälte es ein Wettstricken. Mein Vater stellte die Pfeife beiseite, verschränkte die Arme, gähnte verdrießlich, schaute in den rötlichen Abendhimmel hinaus, dann aufwärts in die Zweige des alten, prächtigen Apfelbaumes, welcher den Tisch überschattete und bemerkte: »Die Reinetten gehen schon der Reife entgegen. Es war aber auch ein heißer Sommer.« Meine Mutter schwieg und strickte. Mein Vater, indem er leise seufzte, legte seine Hand auf den Kopf seines alten Hühnerhundes, welcher vor ihm saß. Der Hund hob seine Schnauze auf das Knie seines Herrn und blickte ihm mit den großen braunen Augen teilnahmevoll ins Gesicht. »Alter Hylas, lieber, guter, friedsamer Kerl!« sagte mein Vater, den Hund liebkosend. Das Wort friedsam war ganz eigen betont, und der alte Hylas verstand unzweifelhaft die Meinung seines Herrn. Aber er warf einen demütig fragenden Blick nach seiner Herrin hinüber, hielt sich ganz stille und ließ seinen buschigen Schweif nur ganz leise auf dem bekiesten Boden hin und her gehen. Es lag aber doch unbeschreiblich viel Sympathie in diesem hündischen Gebärdenspiel. Der Hylas war nämlich ein Vieh von Geist und Gemüt. Wenigstens behauptete das sein Herr. Die Stricknadeln klangen unter den Händen meiner Mutter, heftig, demonstrativ, ich möchte fast sagen eifersüchtig. Meine gute Mutter liebte den Hund, wie überhaupt alle Tiere, nicht weniger als mein Vater. Und doch sah sie jetzt den armen Hylas so böse an, als sie überhaupt etwas anzusehen vermochte. Dann, als sie bemerkte, daß ihr Eheherr sie nicht beachtete, warf sie einen verstohlenen Blick auf ihn, einen Blick, der eine Welt von Liebe offenbarte. Da mein Vater sich plötzlich umkehrte, hatte sie nicht mehr Zeit genug, diesen Blick ganz zu verbergen. Sie schlug die Augen nieder und strickte wieder mit fliegender Eile. Mein Vater ließ sich aber dadurch nicht irre machen. »Hör mal, liebes Kind,« sagte er, »morgen hab' ich ohnehin ein Geschäft in der Stadt. Du kannst mitkommen, und da wollen wir mitsammen sehen, was es denn mit dieser Geschichte eigentlich für eine Bewandtnis habe. 's ist am Ende doch nur 'ne Lumperei, wett' ich, ein Bubenschnickschnack. Läßt sich wohl leicht beilegen. Der Rektor, mußt du wissen, ist ein ungeheurer Pedant. Kenne ihn von alters her. Weiß nicht, absolut nicht, was Humor ist, der alte Deklinationenhetzer und Konjugationenbrüster. Unser Michel jedennoch ....« »Unser Michel,« fiel meine Mutter ein, aber sie strickte jetzt nicht nur nicht mehr, sondern auch war das unglückselige Strickzeug, welches den ästhetischen Sinn meines Vaters so sehr beleidigte, plötzlich ganz verschwunden – »unser Michel ist mit Schimpf und Schande aus der Klasse gejagt worden. Ach Gott, der unglückliche Bub! Wie soll ich das verwinden?« Und die gute Frau brach in Tränen aus. Der alte Hylas stand auf, schlich sich unter dem Tische durch, legte seinen Kopf schüchtern auf den Schoß meiner Mutter, blickte sie teilnehmend an und wedelte höchst gefühlvoll mit seinem Federschweif. Ihres Kummers ungeachtet konnte meine Mutter doch nicht umhin, das treue alte Tier mit ihrer weißen Hand hinter den Ohren zu krauen. »Nun, nun,« begütigte mein Vater, »verderb dir doch die Augen nicht mit überflüssigem Weinen, Gertrud. Du weißt, ich kann's nicht leiden. Schöne Frauenaugen sind eine edle Gottesgabe; man sollte sie pflegen; weißt du? ... Was aber die verdrießliche Tagesfrage betrifft, so ist es allerdings eine feststehende Tatsache, daß unser Michel – wo nur der Junge den ganzen Abend stecken mag? – in etwas barscher Weise das consilium abeundi erhalten hat. Wenn indessen der Grund kein anderer ist als der von ihm angegebene – und du weißt, der Junge lügt nicht – so hat es in der Welt schon größere Mißgeschicke gegeben, denk ich.« »Ja,« entgegnete meine Mutter, noch immer weinend – »ich weiß wohl, du würdest so sprechen, auch wenn dir der Himmel über dem Kopfe zusammenfiele.« »In der Tat, liebe Alte« – dieser Ausdruck meines Vaters hatte meiner Mutter gegenüber immer etwas Komisches, denn er war mindestens zwanzig Jahre älter als sie – »in der Tat, vielleicht würde ich in diesem Fall mit dem alten Horaz sprechen: Si fractus illabatur orbis Impavidum ferient ruinae – Selbst wenn der Erdkreis berstend einstürzt, wird ihn der Sturz unerschrocken treffen. vorausgesetzt nämlich, daß ich dann überhaupt noch zum Sprechen Zeit hätte und – du mir nicht widersprächest.« »Ja, spaße nur,« versetzte meine Mutter, den Stich gutmütig hinnehmend. »Das ist so Männerart. Während wir uns härmen, scherzt und lacht ihr euch die Sorgen von der Brust weg. Was aber deinen Michel angeht ...« » Meinen Michel?« fiel ihr mein Vater lächelnd ins Wort. »Hm, liebes Kind, ich denke, ein gut Teil von dem Jungen gehört dir an. Um so mehr, weißt du? da er, wie auch sein neuestes Heldenstück verrät, verteufelt oppositionell gesinnt ist. Im übrigen kann nicht geleugnet werden, daß der Junge ein Wildfang aus dem ff ist, ja geradezu das, was die Franzosen sehr bezeichnend ein enfant terrible nennen. Indessen ist mir das lieber, als wenn er ein Schleicher und Duckmäuser wäre, weit lieber. Wird sich die Hörner schon ablaufen, unser Michel.« »Ach«, sagte meine Mutter wehmütig, »ich fürchte, der Junge ist zum Unglück bestimmt.« »Warum nicht gar! Er ist ein derbknochiger Bursch. Desto besser! Er wird sich schon durch die Welt beißen und hauen. Ihm selber möcht' ich's nicht sagen, aber dir sag' ich's, liebe Alte; ich hab' eine rechte Freude an dem Jungen. Er hat Haare auf den Zähnen und Mark in den Knochen und gesunden Atem in der Lunge. Er fürchtet keinen seines Alters, selbst größere und stärkere nicht; er kriegt sie unter.« »Ja, der ewigen Rauferei wegen kann man ihm auch nicht Kleider genug anschaffen,« seufzte meine Mutter. »Tut nichts. Er läuft wie ein junger Hirsch über die Berge, schwimmt wie 'ne Ente, scheut sich nicht, das wildeste Pferd zu besteigen, kein Baum ist ihm zu hoch ...« Wenn mein Vater wollte, daß sein Sohn Michel dieses nicht grundlose Lob nicht mit anhören sollte, so hätte er bedenken sollen, daß in der Tat dem Jungen kein Baum zu hoch war, namentlich solche nicht, welche ganz oder auch nur halbwege reife Früchte trugen. Mehrbesagter Michel, mit dem Erzähler dieser seiner denkwürdigen Geschichte eine und dieselbe Person, hatte schon seit einigen Tagen die Wahrnehmung gemacht, daß die reifenden Reinetten auf dem Baume, welcher den Lieblingsgartenplatz seines Vaters überschattete, für seinen Geschmack gerade wenig säuerlich genug wären. Der »Wildfang aus dem ff« pflegte solcherlei Wahrnehmungen eifrigst auszunützen. Heute war er, nachdem ihm vormittags in der nahen Stadt, wohin er seit einigen Jahren täglich gewandert, um das dortige Lyzeum zu besuchen, eine gewisse Fatalität zugestoßen, den ganzen Nachmittag im Garten herumgestrichen, um der Fortsetzung gewisser unangenehmer häuslicher Erörterungen auszuweichen. Hunger und Durst hatten ihn vermocht, sich bei dem Reinettenbaum zu Gaste zu laden; aber kaum hatte er sich in den Ästen des ehrwürdigen Patriarchen festgesetzt, als Vater und Mutter unter demselben Platz nahmen. Und da heute kein Tag war, wo es ratsam gewesen wäre, daß Michel sich vor seinem Vater auf vorzeitiger Zehntung des väterlichen Lieblingsobstes ertappen ließ, so fühlte er sich bewogen, seine Operationen nur mit äußerster Vorsicht zu verfolgen. Zuletzt hatte er dieselben sogar ganz eingestellt, um, hinter den dicken Stamm gedrückt und, sich möglichst klein machend, aus seinem Blätterversteck herab mit begreiflicher, wenn auch nicht verzeihlicher Neugier einer Verhandlung zuzuhören, welche seine eigene werte Person betraf. Zweites Kapitel Ringe oder Wolken? – Ein »denkender« Landpfleger. – Große Debatte über den unglückseligen Namen »Michel«. – Von einer Mainacht »unter der Linde«. – Wie heillos ein Friedenskuß gestört werden kann. Mein Vater hatte seine Pfeife wieder gefüllt und die Mutter den brennenden Zunder auf den schwellenden Varinas gedrückt. Ihr Stuhl stand jetzt wieder dem ihres Eheherrn dicht zur Seite. Mein Vater fühlte sich bei diesen offenkundigen Vorzeichen friedfertiger Annäherung sehr behaglich. Hierfür lag ein untrüglicher Beweis vor oder schwebte vielmehr in der milden Abendluft in Gestalt einer unendlichen Reihe meisterhaft geblasener Rauchringe von allen Größen, die unablässig aus dem Munde des Rauchenden hervorquollen. Wenn die Bauern, Pächter, Förster und Pastoren in Geschäften zu uns aufs Rentamt kamen, machten sie immer zuerst meiner Mutter die Aufwartung, um sich, wie sie sagten, nach der Witterung zu erkundigen. »Frau Kons'lentin,« fragten sie dann, »hat der Herr Kons'lent beim Morgenkaffee Ringe geblasen oder aber Wolken?« Gab die Mutter mit einem verhaltenen Seufzer zur Antwort: »Wolken, schwere Wolken!« so gab's ein bedenkliches Kratzen hinter den Ohren, und die Leute schlichen sehr behutsam nach der Amtsstube. Antwortete hingegen meine Mutter mit ihrem herzgewinnenden Lächeln: »Ringe, prächtige Ringe!« so schritten die Leute laut und lachend den Gang nach den Geschäftszimmern hinab, als hätten sie den günstigen Bescheid auf ihre verschiedenen Anliegen schon schriftlich in der Tasche. Manchmal freilich erwies sich nach Art anderer Orakel auch das Ringe- und Wolkenorakel trügerisch, sehr trügerisch. Meine Mutter konnte das wissen, allein sie wollte sich heute an solche unliebsame Erfahrungen wahrscheinlich nicht erinnern. Ihre kleine, weiße, weiche Hand auf die große, knochige, gebräunte meines Vaters legend, fragte sie recht herzlich: »Willst du mir einen Gefallen tun, lieber Fritz?« »Zwei für einen, Trudchen.« »Danke, danke! Ich verlange nur einen, aber du mußt mir versprechen, mich nicht auszulachen um deswillen, was du meinen Aberglauben nennen wirst.« »Dich auslachen, Trudchen? Wegen des Aberglaubens? Fällt mir nicht ein! Ein bißchen Aberglaube steht euch Frauen ganz vortrefflich, weißt du? Und was ist eigentlich Aberglaube? Es möchte sehr schwierig sein, diese Frage bestimmt zu beantworten. Wollte den sehen, der mir ganz genau, auf den Punkt hin sagen könnte: Da hört der Glaube auf und da fängt der Aberglaube an. Müßte ein siebenfach destilliert gescheiter Kerl sein, der das könnte. Denn siehst du, liebe Alte, die Frage: Was ist Wahrheit? ist bis heute von allen unsern Philosophen gerade noch so wenig befriedigend beantwortet, als sie es zur Zeit des Landpflegers Pilatus war. Besagter Pilatus ...« Meine Mutter verzog ein wenig, nur ein klein wenig, aber doch wahrnehmbar den Mund, und ihr Arm zuckte leise, als wollte sie ihre Hand von der ihres Eheherrn zurückziehen. Und diese Regung der Ungeduld war sehr verzeihlich. Wenn mein Vater mal ins Dozieren hineinkam, so war ihm sehr schwer beizukommen. »Besagter Pilatus,« fuhr mein Vater fort, »war ohne Zweifel ein denkender Landpfleger ...« »Bitte, lieber Schatz,« fiel meine Mutter ein, »laß doch den denkenden Landpfleger, der schon so lange ausgedacht hat, in Ruhe und höre lieber, was ich wünsche.« »Was wünschest du, Trudchen? Du weißt, alle deine Wünsche sind mir Befehle ...« »Die aber selten vollzogen werden,« wollte offenbar meine Mutter mittels des bittersüßen Lächelns sagen, welches ihre Mundwinkel kräuselte. Indessen begnügte sie sich zu äußern: »Das wollen wir gleich sehen, lieber Fritz. Du weißt, es hat mich stets geärgert und gekränkt, daß unser Bub' den unglückseligen Namen Michel führt ...« »Warum nicht gar!« »O, du weißt es wohl. Du solltest auch noch nicht vergessen haben, wie tödlich ich erschrak, da ich, als ihr den Täufling aus der Kirche zurückbrachtet, erfahren mußte, daß du ihm als ersten Namen Michel gegeben habest und erst als zweiten den Namen Siegfried, wie sein Pate, mein Bruder selig, hieß.« »Alte Geschichten, Trudchen, alte Geschichten. Im übrigen hab' ich nie begreifen können und begreife auch jetzt noch nicht, wie du gegen den ehrlichen Namen Michel eingenommen sein konntest und kannst.« Die Hand meiner Mutter lag nicht mehr auf der meines Vaters, als sie erwiderte: »Gegen den ehrlichen? Gegen den garstigen, gemeinen, pöbelhaften, willst du sagen. Nur Fuhrleute und Holzhacker heißen Michel.« Der Stuhl meiner Mutter, als wäre er ein fühlendes Wesen und gehorche den Stimmungen der auf ihm Sitzenden, rückte wie von selbst eine Spanne weit von dem meines Vaters weg. »Daß ihr Frauen doch alle eingefleischte Aristokratinnen seid!« sagte mein Vater gleichmütig und setzte an, um einen recht großen Ring zu blasen. Aber er brachte es nicht zustande, wahrscheinlich aus Schrecken über die zwischen den Brauen meiner Mutter abermals sich entwickelnde Falte. Der Rauch kam ganz wolkig und anarchisch aus seinem Munde. »Ich bin keine Aristokratin, ich!« versetzte meine Mutter gereizt. »Ich weiß, daß Fuhrleute und Holzhauer ganz gute und achtbare Menschen sein können und oft auch wirklich sind. Aber wer wird es einer armen Mutter verübeln, wenn sie nicht will, daß ihr einziger Sohn so fuhrmännisch oder holzhackerisch heiße? Bitte, lieber Fritz, wir wollen den Knaben künftig nur mit dem Namen Siegfried rufen.« »Liebes Kind, ich habe ganz und gar nichts dagegen, wenn du den Jungen lieber mit dem Namen Siegfried rufst.« »Nicht so, Alterle, nicht ich allein. Du und alle, alle sollen ihn künftig so rufen. Er soll sich auch künftig nur noch Siegfried Helmut schreiben, nicht mehr – doch ich will den garstigen Namen gar nicht mehr auf die Zunge nehmen. Er klingt so roh, so flegelhaft ...« »Aber, Schatz, der Junge ist ja gerade auch in den Flegeljahren.« Ohne diesen Einwurf zu beachten, fuhr meine Mutter eifrig fort: »Siegfried dagegen, wie klingt das vornehm, stolz, heldisch! Hast du mir, als du mich im letzten Winter beredetest, das lange, lange Nibelungenlied zu lesen, nicht zu wiederholten Malen gesagt, der Siegfried sei der herrlichste aller Helden unserer alten Sagenwelt gewesen?« Das hieß meinen Vater an einer seiner schwächsten Seiten anfassen, an der Begeisterung, welche er den Erinnerungen vaterländischer Heldensage weihte. »Diplomatin du!« gab er lachend zur Antwort. »Ach nein,« versetzte meine Mutter abwehrend. »Ich weiß und will nichts von der Diplomatie. Ich verlasse mich lediglich auf mein Muttergefühl. Das sagt mir, daß der Name Michel ein Unglück für den Knaben sei, weil voll der übelsten Vorbedeutung. Was kann aus einem Michel werden?« »Etwas Rechtes, liebes Kind, etwas Rechtes!« erwiderte mein Vater eifrig. Und indem er die Pfeife fest mit den Zähnen packte und mit dem Zeigefinger der rechten Hand demonstrierend auf die innere Fläche der ausgestreckten tippte, fuhr er fort: »Ich muß dir sagen, Gertrud, du hegst da in der Tat einen wunderlichen Aberglauben. Der Name Michel sei von übler Vorbedeutung, meinst du? Welcher krasse Irrtum! Als ob ich dem Jungen den Namen nicht mit rechtem und reiflichem Vorbedacht gegeben hätte!« »Ja, mir zum Ärger.« »Trudchen, Trudchen, jetzt sieh, das glaubst du selber nicht.« »Hm,« murmelte meine Mutter, und ihr Stuhl entfernte sich immer weiter von dem ihres Eheherrn. »Nicht dir zum Ärger, Gertrud, sondern weil ich der Hoffnung lebte, daß zwar nicht ich selber, wohl aber unser Junge eine Zeit erleben werde, wo jeder Deutsche stolz sein würde, ein deutscher Michel zu heißen.« »Warum nicht gar!« »Alles Ernstes! Das in unserer Zeit bei der Namengebung ohne allen Sinn und Verstand, ohne alles vaterländische Gefühl verfahren werde, haben verständige und patriotische Männer längst gerügt. Es ist ganz und gar nicht unwichtig, was für einen Namen der Mensch trage.« »Da hast du leider nur zu recht!« »Als mir daher meine selige Mutter den großen, kräftigen Jungen, den du mir Glücklichem gegeben, zuerst in die Arme legte und du von deinem Bette her voll Freude flüstertest: ›'s ist ein starker Bub', liebster Fritz!‹ und der Bursch gar nicht weinerlich tat, sondern mich mit seinen dunklen Augen frisch und keck anguckte, und mit seinen Händchen nach meinem Backenbart zu langen versuchte, da beschloß ich bei mir: Der soll Michel heißen!« »Eine höchst vortreffliche und glückliche Namenwahl ... in der Tat!« Meine Mutter bemühte sich offenbar nach Kräften, diese Einschaltung spöttisch zu betonen, aber es ging nicht recht; die in den letzten Worten meines Vaters liegende Erinnerung an eine Stunde voll Mutterseligkeit ließ es nicht zu. »Eine vortreffliche und glückliche Namenwahl allerdings!« bestätigte mein Vater mit Nachdruck. »Ei ja doch!« »Freilich, freilich. Sträube dich immerhin, Trudchen; aber sieh, du bist zuletzt doch viel zu verständig, um einer augenscheinlichen Tatsache widersprechen zu wollen.« »Geh doch!« »Im Gegenteil, ich komme erst angerückt, liebes Kind, und zwar an der Spitze einer ganzen Armee schwerbewaffneter Gründe.« »Verschone mich! Ich bin wahrhaftig nicht zum Scherzen aufgelegt.« »Ich ebensowenig. Zwar hat, wie du weißt, eine gütige Fee ... nein, zum Henker mit den Feen! 's ist keltisch-französisches Lumpenzeug ... also eine Elfin hat mir, wofür den Göttern Lob und Preis sei, den Humor als unzerstörbares Angebinde in die Wiege gelegt, allein dessenungeachtet werde ich wissenschaftliche Gegenstände stets mit dem gebührenden Ernste behandeln.« »Du lieber Gott, als ob der Name Michel etwas mit der Wissenschaft zu tun hätte.« »Siehst du, jetzt paßt mal wieder Schillers Satz: Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort – wie angemessen auf dich, liebe Alte ...« Der Widerspruch in dieser Äußerung wirkte so komisch, daß ich ums Haar in ein lautes Lachen ausgeplatzt wäre. Meine Mutter empfand den prickelnden Reiz ebenfalls und vermochte ihm nicht ganz zu widerstehen. Ihr Lachen hatte etwas Anmutiges. Ach, alles an ihr war anmutig – sogar ihr Schmollen. Mein Vater in seiner demonstrativen Laune fuhr dozierend fort: »Es ist festgestellt und meines Wissens auch gar nirgends bestritten, daß das altdeutsche Wort michel durchaus identisch ist, nämlich dem Sinne nach, mit unserm norddeutschen Wort stark, gewaltig, mächtig, riesenhaft. Bei unseren mittelhochdeutschen Dichtern finden sich die Belegstellen genug dafür. So z. B. sagt Hartmann von der Aue, der Wieland des Mittelalters, in seinem Iwein ›der michel Knabe‹ und in seinem Crek ›der michel Mann‹, wo er nach unserm heutigen Sprachgebrauch in jenem Falle gesagt hätte ›der Riesenknabe‹, in diesem der ›Riese‹. Ausdrücke, wie ›es nimmt mich michel wunder‹ für ›es nimmt mich gewaltig wunder‹ und andere dergleichen, wo sich mit dem Wort michel immer der Begriff des Bedeutenden, Starken, Gewaltigen, Ungewöhnlichen verbindet, sind in unserer mittelhochdeutschen Literatur gang und gäbe. Ich werde dir das bei nächster Gelegenheit an Dutzenden von Beispielen schwarz auf weiß beweisen. Und so wäre denn dargetan, wie ganz irrtümlich deine Meinung war, der Name unseres Jungen sei von mißlicher Bedeutung und übler Vorbedeutung. Im Gegenteil, ganz im Gegenteil, der Name Michel ist von sinniger Bedeutung, voll glücklicher Vorbedeutung, ist ein rechter Kern- und Ehrenname. Die Sache ist dir jetzt klar, völlig klar, nicht wahr?« »O ja, sie ist mir klar, völlig klar, das heißt, ich weiß jetzt, daß mein armer Junge den abscheulichen Namen nicht loswerden soll.« Mein Vater zuckte die Achseln, und meine Mutter versank in eine schwermütige Träumerei. Was mich angeht, so wurde es mir in meinem Laubversteck allmählich bedenklich ungemütlich und langweilig zumute. Ich durfte es aber doch nicht wagen, dasselbe zu verlassen, da mein Rückzug kaum unbemerkt bewerkstelligt werden konnte. An einem und demselben Tage als weggejagter Lyzeist und als Horcher zu erscheinen, mochte ich nicht auf mich nehmen. Die Unbehaglichkeit meiner Lage zu erhöhen, hing auf ein paar Armlängen weit ein prachtvoller Apfel lockend vor mir. Einladender konnte der weltberühmte Apfel, womit Frau Eva ihren Gemahl weiland im Paradiese betörte, unmöglich ausgesehen haben. Die Beute zu ergattern, reckte und dehnte ich meine Gelenke, als wären es die einer Katze; aber umsonst, denn zu weit über den Ast hinaus durfte ich mich nicht wagen, weil derselbe gerade über dem Gartentische stand und demnach die Entdeckung des »enfant terrible« durch eines der elterlichen Augen fast unausbleiblich gewesen wäre. Während ich so die Qualen des armen Tantalus, welche mich in der Objektivität, womit der alte Rektor bei Gelegenheit davon gesprochen, ziemlich ungerührt gelassen hatten, zu meinem großen Mißvergnügen subjektiv durchkostete, hob drunten das Gespräch wieder an. Mein Vater blätterte in seinen Akten, meine Mutter saß mit gesenktem Haupte und über den Knien gefalteten Händen. Sie mußte sich tief in ihre Gedanken und Erinnerungen versenkt haben, denn sonst hätte sie nicht so lange müßig sitzen können. Mit einem schweren Seufzer sagte sie jetzt: »Ich bleibe dabei, lieber Fritz; der Knab' war von Anfang an zum Unglück bestimmt, von der Taufe, von der Geburt an, ja schon ....« Sie stockte errötend und brach ab. »Erinnerst du dich noch jener Mainacht,« fuhr meine Mutter zögernd und leise fort – »wo uns das furchtbare Gewitter im Park überraschte? Ich war dir entgegengegangen, du kamst spät ....« Ein heller Schimmer ging über die Stirne meines Vaters. Er blickte mit zärtlichem Lächeln zu der Mutter hinüber, schob den Aktenfaszikel zurück und begann nach einer alten Melodie, die er häufig pfiff und summte, mit seiner sonoren Stimme halblaut zu singen: »Unter der Linden An der Heide Die Blumen auf dem grünen Grund Sie mögen es künden, Wo wir beide Gefeiert unsrer Liebe Bund. Vor dem Wald im stillen Tal – Tandaradei – Sang dazu die Nachtigall.« »Pst, pst!« machte meine Mutter, ganz Purpur im Gesicht und die Hände abwehrend gegen den Vater ausstreckend. Dann setzte sie, wie um ihre Verlegenheit zu bemeistern, rasch hinzu: »Es war auch gar keine Linde.« »Keine Linde, Trudchen? Was denn?« »Ein Traubenkirschbaum.« »Welche Idee!« »Ja, dir und deinem Walter von der Vogelweide zum Trotz, es war ein Traubenkirschbaum.« »Opposition muß sein! Aber du machst mir nichts weis, liebes Kind. Ich weiß noch alles, als wär's gestern abend gewesen.« »Still! ich bitte dich.« »Warum denn? Ich hatte noch spät am Abend nach dem Girlitzer Pachthof hinüber gemußt. Du hattest mir versprochen, mir bis zur kleinen Hinterpforte des Parkes entgegenzukommen, und du hieltest Wort. Du warst damals erst seit acht Tagen, was du noch heute bist, mein Goldtrudchen, mein Herzensweib. Als ich das Pförtchen hinter mir hatte, sah ich dein weißes Kleid unter den tiefgesenkten Ästen der Linde hervorschimmern ...« »Des Traubenkirschbaums, willst du sagen, lieber Fritz.« »Es war eine wundervolle Nacht, lau, lind, voll rauschender Düfte. Im Waldgrund drunten schlugen zärtlich die Nachtigallen, silbern lugte dann und wann der Mond durch tauschweres Gewölke; es war, als hörte man die große Lebensmutter Natur wie in glücklichen Träumen leise aufatmen; fernab ein Wetterleuchten, sonst aber alles heilige Ruhe.« »Aber das schreckliche Gewitter, welches so rasch heranzog ...« »Was tat es? Mir war es, wie vormals den frommen Griechen, nur ein günstiges Omen mehr, daß Zeus donnerte. Du warst so schön und hold und gut. Duftstreuend rauschte uns zu Häupten die blühende Linde ...« »Der Traubenkirschbaum! Soll ich denn immer unrecht haben?« »O, es war eine Linde, ganz gewiß, Kind. Mir fielen ja dabei alle die herzigen Worte ein, welche unsere Minnesänger und unsere alten Volkslieder zum Lob und Preis des deutschen Lieblingsbaumes gesungen und gesagt haben. Denn sieh, Schatz, es ist eine ganz dumme Meinung, wenn man glaubt, die Eiche sei der alte Lieblingsbäum unseres Volkes gewesen. Dieses Vorurteil wurde erst durch die Klopstocksche Bardenschule aufgebracht. Unsere echte alte Dichtung dagegen feiert immer und überall die Linde. Eine Linde beschattete die Burghöfe, unter einer Linde tanzte die Dorfjugend. Die herzförmige Form der Blätter dieses Baumes, seine bergende Schattenfülle, sein süßer Duft machte ihn recht eigentlich zum Baum der Liebenden ...« »Das ist alles recht gut und schön, lieber Fritz, aber es war doch keine Linde – die Linden blühen gar nicht so frühzeitig – sondern, wie gesagt, ein Traubenkirschbaum.« »Nun denn, in's Drei...« wollte mein Vater auffahren. Aber er besann sich, lachte laut und sagte: »Wahrlich, Schatz, von dir gilt der lateinische Spruch: »varium et mutabile semper feminarum genus« Veränderlich und wetterwendisch ist allezeit der Frauen Geschlecht. keineswegs; du bleibst beharrlich und charakterfest.« Und nach einer Weile fügte er mit jenem weichen und zärtlichen Ton, wie nur er denselben in der Brust hatte, hinzu: »Lindenbaum oder Traubenkirschbaum – einerlei. Er beschattete ein glückliches Paar. War es nicht eine selige Stunde, Gertrud?« Meiner Mutter Stuhl hatte sich im Verlaufe des Gespräches allmählich so weit von dem meines Vaters entfernt, daß sie auf der entgegengesetzten Seite des Gartentisches saß. Als aber jetzt der Vater ihr über den Tisch hinüber die Hand hinbot, lag in dieser Gebärde doch so viel Magnetismus, daß die Gute nicht umhin konnte, ihre Linke in die dargebotene Rechte des Gatten zu legen, wenn auch mit etwelchem Zögern. »Denkst du noch der Stunde, Trudchen?« fragte mein Vater. »War sie nicht schön?« Meiner Mutter Stuhl folgte dem sanften Zwange, welchen die Hand meines Vaters ausübte, und näherte sich diesem. Aber nur noch einen Schritt von demselben entfernt, stand er wieder still. »Ist es nicht eine schönste Stunde einer schönen Zeit gewesen, Trudchen?« wiederholte mein Vater. »Doch, doch, Alterle,« gab meine Mutter zur Antwort. »Aber Recht muß trotzdem Recht bleiben: es war ein Traubenkirschbaum, verlaß dich drauf. Ich habe noch lange Zeit nachher seines eigentümlichen Duftes nicht vergessen können.« »Ja, liebes Kind, Lindenblütenduft ist ebenso süß als stark.« »Lindenblütenduft? Geh doch mit deiner ewigen Linde!« »Na, sei es, dir zu Gefallen, Trudchen. Also es war ein Traubenkirschbaum ...« »Traubenkirschbaum oder Lindenbaum, meinetwegen was du willst. Aber eins weiß ich.« »Was?« »Daß es ein Unglücksbaum war.« »Ein Unglücksbaum? Nun lieber gar!« »Ja, ein Unglücksbaum.« »Aber wie kannst du die Erinnerung an jene Stunde des Glückes mit einer solchen Vorstellung verknüpfen?« »Es war auch eine unglückliche Stunde.« » Me miserum! Ich Unglücklicher. Vor einem Augenblick sagtest du ja das bare Gegenteil.« »Was tut man nicht alles einem lieben Manne zu Gefallen, um ihm jeden Schatten von Grund zu entziehen, zu glauben oder gar zu sagen, man sei eine Widerbellerin.« »O! O!« Nach einer Pause sagte meine Mutter flüsternd: »Jener schreckliche Donnerschlag, weißt du noch?« »Freilich, freilich, und ich wiederhole: Zeus donnerte, es war ein glückliches Omen.« »Ach nein, lieber Fritz.« »Warum denn nicht, Trudchen? Wie kann man so unklassisch denken?« »Siehst du, lieber Mann, ich wurde damals sogleich von trüben Ahnungen erfüllt ... Es hätte auch nicht sein sollen, denn ... nun, ich weiß, was ich weiß, und ... kurzum, es schickte sich nicht.« »Im Gegenteil, Trudchen,« versetzte mein Vater lachend, »es schickte sich ganz gut, weißt du?« »Böser Mann,« sagte meine Mutter, ihr glühendes Gesicht an der Schulter meines Vaters verbergend ... »Siehst du, seit unser Knabe zur Welt kam, haben sich alle meine unglücklichen Ahnungen bestätigt. Jene unglückselige Gewitternacht ...« »Versündige dich nicht, Gertrud. Dein Liebling Jean Paul würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, wie gewaltsam du dich anstrengst, dir eine schöne Erinnerung zu vergällen. Sieh, Kind, das nenne ich eine Sünde. Aber ich weiß, es ist dir damit gar nicht Ernst. Du stellst dich nur so an, weil du heute etwas übriges tun zu müssen glaubtest, um meiner Disputierlust gerecht zu werden. Ich kenne das. Aber komm, es ist Zeit, daß unser trojanischer Krieg für heute ein Ende nehme. Komm, Trudchen, und küsse mich zum Friedensschluß; küsse mich so, wie damals unter der Linde ... nein, unter dem Traubenkirschbaum ... in jener gesegneten Mainacht.« Meine Mutter wollte abwehrend den Kopf schütteln, aber es ging nicht recht und, wenn auch zögernd, neigte sie ihr schönes Antlitz doch allmählich gewährend dem des Gatten zu. »Jetzt oder nie!« dachte ich. »Wart', du verdammter Apfel, ich krieg' dich!« Und mit einer verzweifelten Anstrengung schnellte ich meinen Oberkörper hinter dem Stamm hervor, weit auf den Ast hinaus. Aber meine Hast verdarb alles, mir den Apfelraub und denen drunten noch etwas Besseres. Der unvorsichtige Stoß meines Armes machte zwar den Apfel fallen, aber leider nicht mir in die Hand, sondern abwärts. Erschrocken hinter den Baumstamm zurückfahrend hörte ich von drunten einen Plumps. Die elterliche Gruppe stob so heftig auseinander, daß die Stühle umgeworfen wurden. Vater und Mutter schrien laut auf, und in diesen Aufschrei mischte sich ein helles Kinderlachen. Der höllische Apfel war klatschend in das große Tintenfaß auf dem Tisch gefallen und hatte die Gesichter und Kleider meiner Eltern mit schwarzem Naß reichlichst überspritzt. Ein allerliebstes Mädchen, meine zwölfjährige Schwester Hildegard, kam, den runden Strohhut im Nacken, die dunkeln Locken verworren um die Schultern fliegend, über den Rasenplatz gesprungen, schlug die kleinen Hände zusammen und rief lachend: »Herr Jesus, Mama, Papa, wie seht ihr aus!« »Garstig genug, ohne Zweifel,« sagte mein Vater, sich eifrig Stirne und Wangen abwischend und dadurch den Schatten nur noch größer machend. »Wer hätte geglaubt, daß die Reinetten schon so reif wären?« Dann setzte er hell auflachend hinzu: »Bei Wodan und Frouwa, Trudchen, du siehst auf und eben einer Schwarzelfin gleich.« »Aber wenn du erst dich sähest, lieber Alter,« versetzte die Mutter, und beide stimmten sie in das schmetternde Lachen ihres Töchterchens ein. Unter dem Lärm dieser allgemeinen Fröhlichkeit bewerkstelligte ich unbemerkt meinen Rückzug. Nachdem ich mich an der Hinterseite des Apfelbaumes hatte niedergleiten lassen, machte ich es ohne Umstände wie Seumes Kanadier, der »Europens übertünchte Höflichkeit« nicht kannte und sich »seitwärts in die Büsche« schlug. Drittes Kapitel Ein Frühgang. – Das Raben-Orakel. – Eine Landschaft. – Ketzerische Ansicht über das Money-making-Dogma unserer Tage. – »Zieh deine Schuhe aus, denn du trittst auf heiligen Grund!« – Keine Regel ohne Ausnahme. – Die Beichte eines weggejagten Lyzeisten. »Laß los, Berthold! oder ...« »Sachte, sachte,« entgegnete eine Stimme, welche nicht die meines Kameraden Berthold war, mit dem ich, wie so oft im Wachen, jetzt im Traume in einem heftigen Faust- und Ringkampf begriffen gewesen. »Ah, du bist's, Vater?« fragte ich, mir den kriegerischen Traum aus den Augen reibend und mich im Bette aufrichtend. »Ja, Bursch. Steh auf und zieh dich an, aber mach kein Geräusch, denn die Mutter schläft noch.« Ich gehorchte rasch, denn der Ernst auf meines zum Ausgehen angekleideten Vaters Stirne machte jedes Zaudern, Zögern und Fragen unratsam. Wir gingen. Als wir an der Schlafkammer meines Schwesterchens vorbeikamen, hörten wir Hildegard drinnen laut ihr Morgengebet sprechen. Sie mußte trotz unseres sachten Auftretens unsere Schritte vernommen haben, denn sie öffnete ihre Türe halb, streckte ihr rosiges Gesichtchen heraus und rief uns mit gedämpfter Stimme nach: »Guten Tag! Wohin schon? Darf ich nicht mit, Papa?« »Nein, Kind,« erwiderte mein Vater leise. »Ich habe mit dem Michel ein Geschäft vor. Mache deine Zöpfe zurecht, Liebchen, und sorge, daß die Mutter beim Erwachen einen frischen Blumenstrauß auf ihrer Bettdecke finde. Das freut sie, weißt du?« Wir stiegen vorsichtig die gewundene Treppe hinab und traten durch die Hintertür in den Garten hinaus. Während wir den Mittelgang hinabschritten, machte das kleine Mädchen droben neugierig ihr Kammerfenster auf, bog sich heraus und sang uns mit schelmischer Stimme die Anfangsworte einer alten Volksballade nach: »Es ritten zwei Reiter früh am Tag Durch Nebel und Morgengrauen. Gilt's einem Feind mit Stoß und Schlag? Gilt's einer schönen Frauen?« »Die kleine neugierige Hexe!« murmelte mein Vater lächelnd. Aber sogleich wurde sein Gesicht wieder ernst, und rasch ausschreitend winkte er mir, ihm zur Seite zu bleiben. Unser Garten wurde durch den Plankenzaun des freiherrlichen Parkes begrenzt. Der Vater öffnete mit einem Schlüssel, den er bei sich trug, die schmale Bohlentüre, die sich hier befand. Wir schlugen aber nicht den Weg ein, welcher rechtshin nach dem Schlosse führte, dessen stolze Türme in einiger Entfernung aus den Baumgruppen hervorragten, sondern verfolgten in entgegengesetzter Richtung einen schmaleren Pfad. Der Morgennebel strich schwerfällig durch die schon in ihren bunten Herbstfärbungen prangenden Baumwipfel und bedeckte rings den Rasen mit seinem feuchten Geriesel. Wir kamen an dem sogenannten Krähenhorst vorbei, einer einsamen Stelle des Parkes, wo von alters her auf uralten Bäumen eine Kolonie von Krähen und Raben ungestört ihre Wirtschaft trieb. Die Vögel waren schon auf und schwatzten und krächzten da droben bunt durcheinander. Wahrscheinlich hatten die Tiere meinen Vater gewittert, der ihr großer Gönner war. »Aha,« sagte er stillstehend, »die schwarzen Herren singen schon ihre Morgenvigilie und, richtig, da ist ja auch Se. Gnaden, der Herr Abt.« Mein Vater behauptete nämlich, das Gemeinwesen dieser Vögel sei ganz entschieden ein klösterliches, aber das Krähenkloster sei sehr verständigerweise so eingerichtet wie dem Rabelais zufolge Gargantua dem Bruder Jehan ein Kloster errichten ließ. Mein Vater nannte daher den uralten Raben, der hart vor uns auf einem der niedrigsten Äste einer riesenhaften Ulme saß, nicht anders als Bruder Jehan und begrüßte denselben auch jetzt mit diesem Namen. Der würdige alte Herr, in der Rentei ein oft und gern gesehener Gast, erwiderte den Morgengruß seines Gönners in seiner Manier. Er sträubte seine altersgrauen Halsfedern, reckte den Kopf weit vor, rührte höflich ein wenig die Flügel, blinzelte gescheit, klappte den Schnabel auf und zu und stieß ein recht gemütliches Kwah-Kwah aus. »Michel,« sagte mein Vater ernsthaft zu mir, »frage den Herrn Abt, ob unser Vorhaben einen günstigen Erfolg haben werde.« »Was für ein Vorhaben, Vater?« »Das geht dich einstweilen nichts an, Junge.« Da ich meines Vaters echter Sohn, das heißt ebenfalls nicht ohne eine Ader von Humor war und überdies triftige Gründe hatte, heute sehr folgsam zu sein, tat ich, wie mir befohlen worden. Ich stellte mich in Positur, zog die Mütze, machte einen Kratzfuß und fragte den alten Kerl von Raben: »Was meinst du, hochwürdiger Bruder Jehan, wird unser Vorhaben gut ausfallen?« Der Herr Abt blinzelte uns nur so von der Seite an, ließ ein kurzes, heiseres Gekoller hören, schüttelte verachtungsvoll sein Gefieder und schickte sich an, den Kopf unter seinen rechten Flügel zu stecken, als ob er gar nichts davon wissen wollte. Dann besann er sich eines anderen, lugte meinen Vater wie fragend an und fuhr mit seinem mächtigen Schnabel wetzend auf dem Ast hin und her. »Ah, Bruder Jehan,« rief mein Vater lachend und in seine Rocktasche greifend, »ich will nicht Helmut heißen, wenn du nicht gerader Linie von Odins Raben Hugin und Munin abstammst: so klug bist du. Du weißt sicherlich, daß noch zu keiner Zeit ein Gott oder ein Priester gratis einen Orakelspruch gespendet hat. Sieh da!« Der Abt hatte kaum den Käsebrocken erblickt, welchen mein Vater zwischen den Fingern hielt, als er sich mit einer Lebhaftigkeit gebürdete, die der klösterlichen Gravität nicht ganz angemessen war. Mein Vater warf ihm den Brocken zu, welchen er geschickt mit dem Schnabel auffing. Statt aber gierig in die Beute einzuhacken, bewährte jetzt der alte Kerl seine Bildung. Er legte den Käse säuberlich auf den Ast, setzte einen seiner mit Schwielen bedeckten Füße darauf und nickte mir zu, als wäre er bereit, die verlangte Auskunft zu erteilen. »Wiederhole deine Frage, Michel,« sagte mein Vater. Ich gehorchte, das Lachen verbeißend. Bruder Jehan nahm eine höchst tiefsinnige Miene an, wiegte den Kopf bedächtig hin und her, schloß die Augen, riß sie dann weit auf, schlug mit den Flügeln und stieß ein dreimaliges, luftig gellendes Kwah aus, welches man mit etwelcher Anstrengung der Phantasie allerdings für eine bejahende Antwort nehmen konnte. »Accipe omen, mi fili!« Laß dir das Vorzeichen gefallen, mein Sohn! sagte mein Vater und ging weiter. Mein Vater hatte ganz eigene Ansichten über den Zusammenhang der Dinge, und so sagte er denn, als er bemerkte, daß mir die Begegnung mit dem alten Raben spaßhaft vorkam: »Du brauchst gar nicht zu lachen, Junge, und kannst dir bei dieser Gelegenheit merken, daß es töricht ist, zu glauben, die Menschen hätten, wie man zu sagen pflegt, alle Weisheit allein gefressen. Der Bruder Jehan hat hundert Jahre und vielleicht noch länger gelebt, er müßte keine so gescheite Kreatur sein, wie er ist, wenn er sich über das, was er alles gesehen und erlebt, nicht seine Gedanken gemacht hätte. Es ist etwas Dämonisches in manchen Tierarten, etwas, was den Tierkult, wie er von mehreren alten Völkern geübt wurde, wahrscheinlich viel weniger albern und lächerlich erscheinen ließe, wenn wir genauer darüber unterrichtet wären. Unsere germanischen Altvordern bedienten sich des Gewiehers der Rosse zur Orakeleinholung, was einen gar nicht sehr verwundern kann, falls man bedenkt, das noch heutzutage manches Pferd mehr denkt und klüger ist als sein Reiter.« Da ich die Art meines Vaters kannte, machte ich mich auf eine einläßliche Abhandlung über das Pferdeorakel der alten Germanen gefaßt – ein Thema, welches mich, offen gestanden, um so weniger interessierte, als mich die lebhafte Neugierde plagte, zu erfahren, was denn dieser frühe Morgengang eigentlich zu bedeuten habe. Mein Vater schien jedoch keineswegs aufgelegt, heute sein bereits halb und halb gesatteltes germanistisches Steckenpferd zu besteigen. Er schritt mir rasch und schweigend voran, abwärts an dem hellen Forellenbach, welcher den kleinen See in der Nähe des Schlosses speist, dann in vielfachen Windungen den Park durchfließt und da, wo er aus demselben heraustritt, einen schönen Wasserfall bildet, um, noch wild von dem Sprunge über die Felsen, etwas weiter unten auf die Räder der Dorfmühle sich zu stürzen. Diese liegt ein Paar Büchsenschüsse von den zerstreuten Häusergruppen unseres stattlichen Dorfes entfernt, in einem engen Tälchen voll malerischer Felspartien. Zwischen diesen und den buchenbekrönten Hügeln windet sich der Bach in eine finstere Schlucht hinein, hinter welcher rechts und links hohe, tannenbewachsene Bergwände steil ansteigen. Von der Höhe derselben sieht man nach Süden und Westen weit in das offene Land hinaus und kann da und dort den Spiegel des großen Stromes blitzen sehen, welchem die vielen Wasser unserer Berge tributbar sind. An hellen Tagen macht sich den dort oben Stehenden am südlichen Saume des Horizonts ein weißer, mannigfach gezackter Streifen bemerkbar, welchen der Unkundige für einen Wolkengürtel nehmen konnte. Es sind aber die Alpen. Noch jetzt erinnere ich mich lebhaft des großen Eindrucks, welchen ich empfing, als mein Knabenauge zum erstenmal von dort herab die Alpenfirnen im Strahl der untergehenden Sonne purpurn erglühen sah. »Ist dort der Himmel?« hatte ich damals meinen Vater gefragt. »Ein Stück zur Erde gefallenen Himmels jedenfalls,« hatte er mir zur Antwort gegeben. – Mein Vater lebte und webte in und mit der Natur, und er versäumte keine Gelegenheit, das eigene rege Naturgefühl auch in seinen Kindern wach zu rufen und zu nähren. Er lehrte uns in dem Wechsel der Jahreszeiten, in der Gestirne Auf- und Niedergang, in dem erhabenen Schweigen der Winterlandschaft wie in der heiligen Stille der Sommermondnacht, im Blütenjubel des Frühlings wie in der wehmütig milden Ruhe sonniger Herbsttage das Walten von Göttlichem erkennen. Wir überschritten den Steg, welcher unterhalb der Mühle über den tief in seinem felsigen Bett rauschenden Bach führt, und stiegen drüben den Hügel hinan, welcher, an der Westseite des Dorfes weit in das Tal vorspringend, die schöne alte Dorfkirche trägt. Zwei Steinlinden beschatten die Vorhalle, und rings um das Gotteshaus zieht sich der Friedhof mit seinen bescheidenen ländlichen Denkmalen. Er ist mit einer Mauer eingefaßt, und eine feste Lage verschaffte ihm in den französischen Revolutionskriegen zweimal die traurige Ehre, blutigen Gefechten zwischen den Kaiserlichen und den Franzosen zum Schauplatz zu dienen. Es ist ein stiller, schöner Platz und könnte einen deutschen Gray wohl zu einer Dorfkirchhofs-Elegie anregen. Aber die Zeit der Elegien ist ja überhaupt vorbei. Von rastloser Sorge für die Gegenwart gestachelt, von unruhvollem Bangen vor der Zukunft gequält, haben die Menschen nicht mehr Zeit, Vergangenes zu betrauern und zu beklagen. Sie müssen hastig leben, fieberhaft hastig, um in dem ungeheuren Wirbel, in dem atemlosen Wettlauf der Konkurrenz nicht zurückzubleiben. Wie wäre da ein wehmütig-liebevoller Rückblick auf Gewesenes erlaubt oder auch nur möglich? Laßt die Toten ihre Toten begraben und – schon der Prediger Salomo sagte es – besser ein lebendiger Hund als ein toter Löwe! Man könnte leicht zu dem Glauben kommen, die Hunde hätten sich das seither so gut gemerkt, daß sie gar keinen Löwen mehr aufkommen lassen. Über die niedrige Einfassungsmauer des Friedhofs hinweg hört man drunten im Talgrund rauschend die Mühle gehen. Drüben linkshin irrt der Blick in einem Labyrinth von waldigen Bergjochen und kühnen Felskuppen, aus deren bizarrem Durcheinander der Geolog ein Stück Urgeschichte der Erde herauslesen mag; sonstige Beschauer werden daran sich erfreuen als an einer malerischen Gebirgspartie. Wenden sie das Auge weiter zur Rechten, so dacht sich dort der Bergzug zu einer Hochebene ab, deren ganzer Raum, von hier aus gesehen, von dem Park eingenommen erscheint, welcher das Schloß des freiherrlichen Geschlechtes von Rothenfluh umgibt. Noch weiter rechtshin fällt das Plateau zu einer weiten Niederung ab, in welcher in einem langgestreckten Halbbogen das Dorf liegt, dessen rotbraune Dächer und weißgraue Giebel zur Sommerzeit in dem Blättergrün seines Obstbaumwaldes fast verschwinden. Gegen Morgen und Mittag zu läuft das Tal in ein fruchtbares Acker- und Wiesengelände aus, und gegen Abend springt, wie schon erwähnt, der Kirchenhügel vor, dessen südliche Wand mit Rebenpflanzungen bedeckt ist. Die ganze Dorfmark trägt den Charakter behaglicher Abgeschlossenheit und idyllischen Friedens, und dieser Charakter dürfte noch lange vor Beeinträchtigung um so mehr geschützt sein, als die etwa eine Wegstunde entfernt südwärts in der Ebene gelegene kleine Stadt zu den stillsten im Lande gehört. Sie war vormals der Sitz eines Domkapitels, einer Deutschherrenballei und ist jetzt noch der eines adeligen Fräuleinstiftes. Von alters her ist ihr das Gepräge geistlicher Beschaulichkeit geblieben, und es hat noch heute gar nicht den Anschein, als würde sie desselben sobald, wenn überhaupt jemals, verlustig gehen. Die Bekenner des Money-making-Dogmas, die Gläubiger der Busineß-Kirche unserer Tage, mögen über solche »Verrottung« mitleidig die Achseln zucken; aber irre ich nicht, so dürften unsere Nachkommen froh sein, in der industriellen Wüste dereinst da und dort noch so eine Oase anzutreffen, wo keine Dampfmaschine keucht, keine Lokomotive poltert, die Kinder nicht skrophulös sind und die Erwachsenen noch rote Backen haben. Ich habe von unserer mit Leib und Seele einem dämonischen Erwerbstrieb verfallenen Zeit industrieller Herrlichkeit genug gesehen, um diese Prophezeiung nicht für eine allzu kühne zu halten. Die Morgensonne glänzte siegreich über den talwärts gedrückten Nebelschwaden, als wir den Friedhof betreten hatten. Ihre Strahlen spielten auch auf den feuchten Blättern der Astern und anderer Herbstblumen, welche einen sorgfältig gepflegten Grabhügel krönten. Die Zweige einer Trauerweide hingen darüber her, und inmitten der Blumen erhob sich ein einfaches Kreuz von grauem Sandstein. Auf dem Querbalken waren die Worte: »Hinc surrectura« eingemeißelt. Die Stelle war mir wohl bekannt und teuer. Mein Vater näherte sich diesem Orte nie, ohne daß seine Züge den Ausdruck ehrfurchtsvoller Trauer getragen hätten. Heute jedoch war seine Miene eine besonders feierliche, und als er nun zu mir sagte: »Ziehe deine Schuhe, aus, mein Sohn, denn du trittst auf heiligen Grund!« da klang seine Stimme so eindringlich, daß ich dem seltsamen Befehl ohne Zögern nachkam. »Lege deine Rechte auf das Grabkreuz,« fuhr mein Vater fort. »Du weißt, hier schläft den langen Schlaf eine, die mich und dich sehr geliebt hat.« »Deine Mutter, Vater, meine liebe, liebe Großmutter,« versetzte ich, von dem feierlichen Wesen meines Vaters unwillkürlich mit ergriffen. »Und erinnerst du dich noch, Michel, welche Lehre die Gute dir so oft eingeschärft hat, zuletzt noch auf ihrem Sterbebette?« »Ehre Vater und Mutter und lüge nie!« »Gut, mein Knabe. Bei der Erinnerung an alle die Liebe, welche dir die Tote erwiesen, bei der Ehrfurcht, welche du ihrem Andenken schuldest, bei diesem Grab und bei der Sonne da oben beschwör' ich dich und fordere dich auf, mir zu dieser Stunde die Wahrheit und nur die Wahrheit zu sagen!« »Ich will es, Vater.« Die feierliche Beschwörung wirkte auf mich wie ein Anhauch von Poesie. Mir war andächtig zumute. Das Bild meiner geliebten Großmutter, der ehrwürdigen Greisin mit den schneeweißen Haaren, stand wie leiblich vor mir. Ich glaubte den Blick ihrer noch im hohen Alter schönen Augen wieder auf mir ruhen zu fühlen, so sanft und zärtlich, wie er in den Tagen der Kindheit mich behütet, beschwichtigt, gesegnet hatte ... Ich habe vielfache Ursache, meinem Geschick mich dankbar zu bezeigen. Schon deshalb, weil es mir eine Jugend gegönnt, deren Glück so ziemlich nur von mir selber getrübt wurde. Versenke ich mich in die Erinnerungen jener Jahre, so muß ich betonen, daß ich unter dem vielen Guten und Schonen, was das elterliche Haus mir gewährte, auch des seltenen Anblicks genoß, daß selbst Schwiegermutter und Schwiegertochter unter einem Dache in bester Harmonie lebten – gewiß eine Ausnahme von einer leidigen Regel. Nur zuweilen konnte es scheinen, als ob sich für Augenblicke etwas wie Eifersucht in der Seele meiner Mutter regte, wenn sie sah, mit welcher unendlichen Verehrung und Zärtlichkeit ihr Gatte seine Mutter behandelte. Mein Vater fühlte das, selbst in jener bittern Stunde, wo seine angebetete Mutter in seinen Armen ihren letzten Atemzug verhaucht hatte. Wie im Innersten gebrochen, saß er lange regungslos neben der Toten, scheinbar teilnahmlos für alles, was um ihn vorging, teilnahmlos auch für meine Mutter, die mit uns Kindern leise weinte. Zufällig aufblickend, mochte mein Vater hinter dem Tränenschleier ihrer Augen etwas wie leisen eifersüchtigen Vorwurf erblicken, und seine Herzensgüte machte ihn die Erstarrung des bittersten Kummers überwinden. Er stand auf, ging um das Bett herum, neigte sich zu meiner Mutter herab, küßte ihre nassen Augen und sagte weich: »Sie ist gegangen, aber sie hat mir dich zurückgelassen, Gertrud – es ist alles gut ...« »Ich lese in deinen Augen, daß deine Versicherung aufrichtig gemeint ist,« fuhr mein Vater fort, mich fest, aber liebevoll anblickend. »Du kennst den innigsten Herzenswunsch deiner Mutter, Michel?« »Ja, Vater. Sie wünscht, daß ich ein Geistlicher werde.« »Und du? Vermagst du es? Du bist jetzt alt genug, um wenigstens einigermaßen zu begreifen, was es heißen will, ein Priester zu werden. Fühlst du Trieb und Kraft genug in dir, die Pflichten dieses Berufes auf dich zu nehmen? Vermagst du es, mein Junge?« »Ich will es versuchen, Vater.« »Der Mutter zuliebe?« »Der Mutter zuliebe.« »Knabe, bedenke wohl, was du sprichst. Diese Stunde kann für dein ganzes Leben entscheidend sein. Du sollst nicht gezwungen werden.« »Ich will es freiwillig versuchen, Vater. Als im letzten Herbst des Müllers Gregor in der Kirche dort seine Primiz hielt und nach beendetem Hochamt alles der Müllerin Glück wünschte und sie weinte vor Freude, und dann die Mutter an dieser Stelle zu mir sagte: ›O, wenn du mir einmal diese Freude machtest, Michel!‹ – da hab' ich bei mir beschlossen, daß sie diese Freude haben soll.« Mein Vater schwieg eine Weile nachdenklich. Ein flüchtiger Schatten ging über sein offnes Gesicht, und während seine Augen mit einem ganz eigen sorglichen Ausdruck auf mir ruhten, war es, als wollte ein Seufzer seine Brust schwellen. Dann, wie um trüber Gedanken sich zu entschlagen, machte er eine hastige Bewegung und sagte lächelnd: »Und um deine Geneigtheit, deiner Mutter Wunsch zu erfüllen, recht deutlich zu manifestieren, Michel, hast du damit angefangen, dir deinen Laufpaß vom Lyzeum zu erwirken?« »O,« entgegnete ich ziemlich kleinlaut, »das kam so ganz gegen meinen Willen. Es war eine recht dumme Geschichte, ich seh' es jetzt ein.« »So? Und wie war es denn eigentlich? Wie ging es dabei her? Aufrichtig, Junge, aufrichtig!« »Es war so,« begann ich, allein der Vater unterbrach mich mit den Worten: »Nicht hier, Knabe, nicht hier. Das ist ein heiliger Ort, und er soll durch die Beichte eines leichtsinnigen Schülerstreiches nicht entweiht werden. Ziehe deine Schuhe an und komm.« Ich gehorchte. Im Weggehen stand der Vater noch einmal still und sagte mit tiefem Ernst: »Mein Sohn, senke die Erinnerung an diese Frühstunde an dem Grabe deiner Großmutter fest in dein Herz. Diese Erinnerung kann dir eine starke Wehr sein in Augenblicken, wo die Versuchungen des Lebens lockend an dich herantreten. Der heutige Morgen sei dir ein geweihter; laß deine Wirkung eine dauernde sein.« »Ich will es, Vater,« versetzte ich, und ich glaube auch heute noch sagen zu dürfen, daß ich in der Tat jener Weihestunde im Wirbel des Lebens nie ganz vergessen, ihre Nachwirkung oft gefühlt habe. Wir verließen den Kirchhof auf der entgegengesetzten Seite und stiegen den gewundenen Fußweg am südlichen Abhang des Kirchenhügels hinab. Als wir an dem behaglich in seinem hübschen Baum- und Gemüsegarten liegenden Pfarrhof vorüberkamen, wo der Ortsgeistliche wohnte, ein stattlicher Herr, der zugleich die Würde des Kapiteldekans bekleidete, wurde uns von der rundlichen Jungfer Base desselben, welche in der ganzen Gegend des unbestrittenen Rufes genoß, die weißesten Hauben zu tragen, die edelsten Spargel zu ziehen und die Weichselkirschen am delikatesten »einzumachen«, über die niedrige Gartenmauer ein freundlicher Morgengruß geboten. Zugleich lief die gute Base hurtig zu dem Frühtraubenspalier, welches an der Hauswand mit verlockend dunkelblauen Früchten prangte, und im nächsten Augenblick streckte sie ihre runde Patschhand über die Mauer herab, eine prächtige Traube haltend, welche in meiner Mütze aufzufangen ich keineswegs lässig war. »Ist der Herr Dekan schon auf?« fragte mein Vater die freundliche Spenderin. Die Traubenbeere, welche ich in den Mund genommen, blieb mir bei dieser einfachen Frage vor Schrecken in der Kehle stecken; denn mir kam plötzlich der Gedanke, der Vater beabsichtige, mich bei dem Herrn Dekan in die Lehre zu geben. Ich hatte vor Sr. Hochwürden einen heiligen Respekt und wußte, daß er jedenfalls noch weit kürzeren Prozeß mit mir machen würde, als der Rektor des Lyzeums gemacht hatte. Als daher mein Vater auf die Antwort der Jungfer Base, der hochwürdige Herr sei gestern abend ziemlich spät von der Kapitelskonferenz heimgekommen und ruhe jetzt noch, ohne weitere Bemerkung seinen Weg bergabwärts fortsetzte, wohlete es mir ordentlich. Ich sollte jedoch bald erfahren, daß ich, sozusagen, aus einem bloß befürchteten Regen unter eine wirkliche Traufe kam. »Was die Trauben schon süß sind!« sagte ich, indem ich mir es im Gehen schmecken ließ. »Es handelt sich jetzt nicht um süße Trauben, sondern um bittere Früchte alberner Streiche,« entgegnete mein Vater. »Aber koste doch 'mal,« sagte ich, da ich wohl wußte, was für ein Traubenliebhaber mein Vater war. Ich bot ihm die halb geleerte Traube über den Weg hinüber. Er nahm eine Beere, dann eine zweite; wir blieben stehen, und während wir gemütlich die Gabe des Bacchus miteinander verzehrten, ging folgender Dialog vor sich. »Wie war's mit deinem consilio abeundi , Michel?« fragte mein Vater. »Ja, siehst du,« erwiderte ich, »der langhalsige französische Sprachlehrer ist eigentlich an der ganzen Geschichte schuld.« »Der? Wieso?« »Weißt du? ich kann das verhenkerte Genäsel, das Französische nicht ausstehen ...« »Da hast du recht, ganz recht ... das heißt, ja, siehst du, das heißt, alles Französische taugt keinen Pfifferling ... indessen, hm, indessen ...« Ich verbiß ein Lachen über die Verlegenheit meines Vaters, so gut ich konnte. Er bemerkte es aber doch und sagte: »Wart', du kleiner Schurke, du willst mich an meiner antifranzösischen Gesinnung fassen? Was du da von dem langhalsigen Franzosen vorbringen wolltest, ist wohl eitel Fabulei und Firlefanz?« »Bewahre Gott! Die Sache war sehr ernsthaft. Der Berthold und ich ...« »Ja, ja, der Berthold! Das ist grade so ein Bursch wie der Michel, Aber, lieber Junge, bedenke, der Berthold ist der einstige Besitzer der schönen Freiherrschaft Rothenfluh, das heißt, er gehört zu den wenigen, welche nicht zu arbeiten und am Ende auch nicht sehr viel zu wissen brauchen; der Michel aber gehört zu den vielen, welche arbeiten müssen und daher auch etwas wissen müssen. Doch weiter im Text!« »Der Berthold und ich waren neulich für drei Stunden ins Karzer gesteckt worden auf Betreiben des Franzosen ...« »Der Mann wird seine Gründe dafür gehabt haben, meine ich.« »Er meint es auch. Nämlich er hatte uns, den Berthold und mich, erwischt, wie wir während seiner Sprachstunde unter dem Subsellio in einem Geschichtenbuch lasen.« »In was für einem Geschichtenbuch?« »In Fouqués ›Zauberring‹.« »Da wollt ich, er hätte euch das dumme Buch recht tüchtig um eure dummen Köpfe geschlagen. Schämt ihr euch nicht, solches Zeug zu lesen, auf oder unter dem Subsellio? Bei Wodan und Frouwa, der Fouqé war von jeher ein Phantast, ein vollständiger Narr. Es hat nie solche Ritter gegeben, wie er sie aus Marzipanteig knetete.« »Wir konnten das aber nicht wissen, der Berthold und ich. Auch war in dem Buche so gar viel Schönes von den Schlachtrossen der Ritter zu lesen.« »Dummes Zeug, Junge, purer Unsinn. Ich sag' dir, Fouqués Gäule sind Zuckerbackwerk wie alles andere. Aber weiter!« »Im Karzer machten wir einen Anschlag, es dem Franzosen einzutränken ....« »Wirklich? Die Strafe scheint sehr bessernd auf euch gewirkt zu haben, das muß ich sagen.« »Vorgestern brachte der Berthold Knallbonbons mit in die Schule und verabredete mit mir, wie wir damit dem Franzosen einen Tort antun wollten.« »Schlingel!« sagte mein Vater und zog die Brauen zusammen, aber ich bemerkte, daß zugleich die humoristischen Linien um seine Mundwinkel leise zu zucken begannen, und fuhr daher ungeschreckt fort: »Wir hielten die Knallbonbons unter dem Subsellio bereit und stellten uns, als ob wir während der französischen Sprachstunde wieder in einem Buche unter der Bank läsen. Der Franzos glaubte, es geschähe wirklich, kam wie der Blitz herbeigefahren, guckte unter die Bank und steckte, da er etwas kurzsichtig ist, den Kopf recht tief in das Zwischenfach. Nun rissen wir im selbigen Augenblick die Bonbons entzwei und der Knall ging los, hart vor seiner Nase. Er fuhr zurück und torkelte in seinem Schrecken an die große Rechentafel. Diese fiel um mit samt ihrem Gestell, und Tafel und Gestell und Franzos kegelte alles bunt über Eck auf dem Boden hin. Es war ein großer Spektakel.« »Heillose Buben!« murmelte mein Vater rasch, eine Traubenbeere zwischen seine Lippen schiebend, die sich unwillkürlich zum Lachen geöffnet hatten. »Der Franzos, als er sich wieder aufgerabbelt hatte, mit verwirrter Frisur und voll Staub, welschte ganz verworrenes Zeug durcheinander von attentat und assassinat und machte sich dann fort, ganz käsebleich.« »Kein Wunder! Schändliche Attentäter, die ihr seid! Aber dann?« »Dann hielt der alte Rektor gestern im Beisein sämtlicher Professoren und Präzeptoren und Schüler ein großes Gericht. Der Franzos mußte ihm ganz ungeheuerliche Sachen vorgeschwatzt haben, denn der alte Herr war wie ein Berserker, ganz wie ein Berserker.« »Berserker – das ist gut. Woher hast du den Ausdruck, Junge?« »Von dir, Vater. Du hast mir ja 'mal von den altnordischen Wikingern und Berserkern erzählt.« »Ja, richtig. Also der alte Rektor spielte euch nach Verdienst mit?« »Er hielt zuerst einen langen Strafsermon, worin er sich, wie er sagte, über die Pflichten eines jungen Menschen im allgemeinen, dann eines jungen Christen im speziellen und endlich eines jungen Menschen, Christen und Lyzeisten im speziellsten verbreitete.« »Das kommt mir nicht eben berserkerhaft vor.« »O, Vater, es kam sofort besser, das heißt schlimmer. Der Sermon war bloß langweilig gewesen, hatte sich also noch ertragen lassen. Als nun aber der Alte ....« »Der Alte? Nimm dich in acht, Junge! Gelbschnäbeln, wie du einer bist, geziemt es, mit Ehrerbietung von einem Manne zu reden, der in Ehren alt geworden ist. Bei Wodan und Frouwa, ich sag': laß mich so einen flegelhaften Ausdruck nie wieder hören!« »Ich wollte sagen, der alte Rektor sei dazu verschritten, uns zu verhören, und da ....« »Da versuchtet ihr zu leugnen? Schlechte Kerle!« »Nein. Der Berthold meinte nur, der Herr Sprachlehrer habe aus einem Floh einen Elefanten gemacht ...« »Und du?« »Ich sagte, ich könne die Franzosen im allgemeinen, die französischen Sprachlehrer im speziellen und unsern französischen Sprachlehrer im speziellsten nicht leiden.« »Halunke, du persifliertest den Rektor, was?« »Es kam mir nur so gerade auf die Zunge. Der Herr Rektor wurde ganz rot vor Ärger, und als nun der Berthold sich noch dahin verlauten ließ, der Monsieur hätte ja auch gar nicht nötig gehabt, seinen Kopf so tief in das Subsellienfach zu stecken, da ...« »Da?« »Da vergaß der Herr Rektor seine und unsere Würde so sehr ...« »Eure Würde? Wirklich? Bursch, du bist verrückt? Die Würde von ein paar schlingelhaften Lyzeisten? Das ist groß, bei Wodan und Frouwa! Hoffentlich schrieb er euch das Testimonium eurer Würde recht leserlich auf den Rücken.« »So tat er. Als er es aber gar zu arg machte ... das schadenfrohe Feixen und verhaltene Kichern von allen den kleinen Jungen um uns her war gar zu unausstehlich ... ja, als er es zu arg machte und gar nicht aufhören wollte, da ... ich weiß selber nicht mehr, wie's kam ... der Teufel mußte sein Spiel haben ... kurz, ich bückte mich, erwischte den alten Herrn bei den Beinen und, plumps, lag er rücklings auf dem Boden, mit seinem Rohr wild in der Luft herumfuchtelnd.« Mein Vater räusperte sich gewaltig, als wäre ihm ein Traubenkern in die Luftröhre geraten. »Nun gab's halt einen großen Tumult,« beschloß ich meine Beichte. »Alles fuhr ganz wütend auf mich und den Berthold los. Ich hab' da, glaub' ich, tüchtig um mich geschlagen, und wenn mir recht ist, kriegte bei dieser Gelegenheit auch der Franzos einen Rippenstoß ab. So gelangte ich zur Türe und schoß hinaus, der Berthold hinterdrein ... das ist die ganze Geschichte, Vater.« »Nicht die ganze, mit deiner Erlaubnis, Michel. Der schmähliche Laufpaß, den man euch nachschickte, war das Tüpfelchen auf das i, gleichsam die Moral dieser erbaulichen Historie.« » Sunt pueri pueri, pueri puerilia, tractant Knaben sind Knaben, und Knaben treiben Knabenhaftes. – weißt du, Vater?« »Ich weiß, ich weiß, aber du hättest wissen sollen, daß du deiner Mutter durch puerilia der in Rede stehenden Art schweres Herzeleid verursachen würdest.« »Das tut mir leid, ja gewiß, Vater, aber ...« »Aber ich hoffe und will – hörst du, Michel? – daß mit diesem Kraftflegeljahrestück deine Flegelperiode ein- für allemal zu Ende sei. Und noch eins hoffe und will ich, daß du vermittelst besseren Betragens deine Mutter diesen Kummer bald vergessen machst. Man hat nur eine Mutter, Junge, nur eine, und auf der ganzen, weiten Welt wird nie ein zweites Herz so selbstsuchtslos zärtlich für dich schlagen wie das deiner Mutter. Damit genug davon .... So, wie die Sachen stehen, tat ich wohl recht, daß ich heute nacht mich entschloß, den Gedanken, dich mit dem so schnöde gekränkten Rektor auszusöhnen, aufzugeben. Du kannst nicht mehr auf das Lyzeum zurückkehren, es täte nicht gut. Du brauchst einen strengen Zucht- und Lehrmeister und sieh, da sind wir ja vor der Behausung des Herrn Benefiziaten.« Viertes Kapitel Von Frauenhänden und von Gelehrten. – Schulmeisters Fabian. – Der Herr Benefiziat Zipfel. – »Wie alt ist man?« – Das Examen. – Der Freiherr Bodo von Rothenfluh. – Isolde. – Ein Geschäftsgespräch und ein archäologischer Fund. Wir standen vor einem kleinen Hause, das am Fuße des Hügels in einem Garten lag, welcher früher bessere Tage gesehen hatte. Da war alles verwildert und verwahrlost, von dem Buchs an, welcher vormals die Wege eingefaßt hatte, bis hinauf zu den Bäumen, welche sich längst ihren Feinden, Efeu, Mistel und Moos auf Gnade und Ungnade ergeben hatten. Auf den Beeten wuchs und welkte alles durcheinander wie – im wörtlichen Sinne – Kraut und Rüben. Diese Vernachlässigung schien aber einem Heer von Spatzen, welches sich da tummelte, höchlich zu gefallen. Die frechen, schreienden Diebe gebärdeten sich, als wäre die Gartenwildnis ihre unbestrittene Domäne. Mein Vater, zwar ein Humorist, aber auch ein Mann der Ordnung, warf einen ziemlich mißfälligen Blick auf Garten und Haus und brummte: »Da sieht es verteufelt gelehrt aus, bei Wodan und Frouwa! Dem alten Herrn da drinnen täte es gut, wenn er so 'ne Haushälterin hätte, wie die Jungfer Base droben im Pfarrhofe eine ist. Die weiß den Dekan und sein Haus in Ordnung zu halten. Michel, ich rat' dir, wenn du einmal Pfarrer bist, so mach' es nicht dem Herrn Benefiziaten, sondern dem Herrn Dekan nach, hörst du?« »Jawohl, Vater.« »Ein Haus, worin keine Frauenhände walten,« fuhr mein Vater belehrend fort, »wird mit der Zeit notwendig zu einem Stall. Die Frauen haben so ziemlich alle den edlen Ordnungssinn, unter den Männern nur sehr wenige. Ja, weibliche Hände im Hause, die schaffen Ordnung, Zierlichkeit, Anmut. Das süße Gefühl der Heimeligkeit ist unter einem Dache, wo es keine Frau gibt, gar nicht denkbar. Deshalb kam es mir auch jederzeit in Klöstern so unheimlich vor, geradezu unausstehlich, schon der ganz eigenen, fatalen Atmosphäre wegen, und ich habe daher nie begriffen, wie Shakespeare seinen Hamlet zur Ophelia sagen lassen konnte: »Geh in ein Kloster!« Das war doch eine starke Zumutung, nicht wahr? Und Ophelia hatte ganz recht, in ihrem darauf folgenden Monolog zu behaupten, der Geist des Prinzen müßte verwirrt sein.« Mein Vater war nach seiner Art im Begriffe, vom Hundertsten ins Tausendste zu geraten, und so glaubte ich denn, er sei nur in der Zerstreuung, welche in solchen Fällen ihn anzuwandeln pflegte, durch eine Öffnung in der Gartenhecke geschritten, welche vorzeiten durch eine jetzt halbvermoderte, nur noch in einer Angel hängende Gartentüre verschlossen war. »Du willst doch nicht zum Magister Zipfel, Vater?« fragte ich. »Allerdings, Junge,« versetzte er, »und du wirst dich gewöhnen, von jetzt an, wenn du von der genannten Person sprichst, nie anders zu sagen, als der Herr Doktor oder der Herr Benefiziat.« »Aber er ist doch auch Magister.« »Wohl, aber er hört jene beiden Titel lieber, und er hat das beste Recht darauf.« »'s ist ein g'späßiger alter Hairle, Hairle, Herrle, süddeutscher (schwäbischer) Provinzialismus. Der Pfarrer heißt in meiner Heimat und weitum der Herr par excellence, »der Hairle.« Vater.« »Hab Respekt, sag' ich, hab Respekt! Er ist ein sehr gelehrter und sehr braver Herr. Aber der Ordnungssinn hat ihm gefehlt. Darum hat er es mit all seinem Wissen und seiner Ehrlichkeit nicht weiter gebracht als zu dem armseligen Benefizium da, auf welchem er alt geworden. Freilich, wenn er, wie unsere Bauern sagen, besser zu seiner Sach' gehalten hätte, könnte er so rund und rotbackig sein wie der Herr Dekan, aber er ließ alles gehen, wie es eben gehen mochte, wenn er nur mit den Augen in seinen Büchern wühlen konnte.« »Ja, des Schulmeisters Fabian sagte mir, der Magister ... will sagen, der Herr Benefiziat vergesse ob dem Studieren oft ganz des Essens und tue sehr verwundert, wenn er, der Fabian, merken lasse, daß sein Magen noch nicht so abgerichtet sei.« »Siehst du, Michel, so welt- und magenvergeßlich kann ein deutscher Gelehrter werden. Lache nicht, Bursch! Es ist leider in deutschen Landen eine stehende Unsitte, über die Gelehrten sich lustig zu machen. Ich meine nicht die Gelehrten, welche an den Höfen scherwenzeln und für Orden- und Titelkram und Pensionen ihr Wissen und ihre Gesinnung feilbieten, sondern die, welche oft in bescheidenster Stellung, ja häufig sogar unter Hunger und Kummer das heilige Vestafeuer der Wissenschaft unterhalten. Wahrlich, mein Knabe, es wird eine Zeit kommen, wo du begreifst, was es für unser Vaterland zu bedeuten hat, daß dieses Feuer rein und hoch lodere. Es ist unser höchster Stolz und Ruhm .... Doch da sind wir an der Haustüre. Warte hier, bis ich dich hineinrufe.« »Mich? Was soll ich denn da drinnen?« »Das wirst du sogleich erfahren,« gab mein Vater zur Antwort und ging hinein. Ich blieb zurück, nicht sehr angenehmen Mutmaßungen überlassen. Am Ende gibt dir der Vater den Magister zum Lehrmeister, dachte ich, und rekapitulierte in der Geschwindigkeit bei mir alles Bedenkliche, was mein sanfter und stiller Kamerad, des verstorbenen Dorfschulmeisters Fabian, der zum Benefiziaten »aufs Studieren ging«, von den Eigenheiten des alten Hairle zu erzählen wußte. Die beiden kleinen Fenster der Stube im Erdgeschoß, welche das Studierzimmer des Magisters bildete – diese beiden Fenster, durch deren halberblindete, kleine, runde, in Blei gefaßte Scheiben ich später über Ciceros »De officiis« oder Weckherlins hebräische Chrestomathie hinweg so manchen sehnsüchtigen Blick in den verwilderten Garten hinausschickte – standen offen, und ich hörte von drinnen die knarrende Stimme des Benefiziaten die Begrüßung meines Vaters beantworten. Näher tretend sah ich den alten Hairle in einem sehr defekten Großvaterstuhl an seinem altfränkischen Schreibtische sitzen, der mit einem Chaos von Büchern und Skripturen bedeckt war. Folianten und Quartanten standen in vom Alter gebräunten Gestellen von Tannenholz an allen Wänden bis zur Decke hinauf. Selbst der große Kachelofen war mit solchem gelehrtem Rüstzeug beladen. Außer ein paar Stühlen, deren Beine nach der ländlichen Sitte der Gegend vorzeiten einmal weißgetüncht gewesen, war sonst kein Möbel in der Stube zu erblicken. Doch ja, dort am Fuße eines der Büchergestelle stand noch ein kleiner Tisch, und hinter demselben saß mein Freund Fabian, die Augen auf ein vor ihm liegendes Buch geheftet. Er sah verstohlen auf und grüßte mich mit seinen guten braunen Augen, die sich aber sofort wieder in das Buch senkten. Der arme Bursch kam mir mit seinem bleichen, resignierten Gesicht wie ein in die Höhle eines Zauberers Eingesperrter vor, welcher jede Hoffnung auf Befreiung aufgegeben hat. Und doch war der Fabian eigentlich ein munterer, sogar lustiger Junge, der bei meinen und Bertholds mutwilligen Streichen nicht selten der dritte im Bunde gewesen ist. Aber freilich Er hatte früh das strenge Wort gelesen, Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut .. Er hatte seinen Vater sterben sehen und gehörte zu den Kindern, die nie das Haupt erheben können, ohne den Druck der Armut darauf zu fühlen. Seine Mutter lebte kümmerlich von dem Ertrag eines Miniaturgütchens, welches sie einst ihrem seligen Manne zugebracht hatte und das sie jetzt mit eigenen Händen bebaute, wobei ihr Fabian getreulich half. Wenn er abends die Bücher zugemacht hatte, ging er mit der Sichel hinaus, um an den Feldrainen Gras für die beiden Kühlein der Mutter zu holen. Wie oft hab' ich ihm Reisig aus dem Wald oder Heubündel von der Wiese am Mühlbach oder Garben vom Acker auf dem »Bilges« heimtragen helfen, daß er schneller damit fertig würde und noch ein Abendstündchen mit uns spielen könnte! Denn wir alle hatten den Fabian lieb. Er war beim ganzen Dorf in hoher Gunst, und es galt als ausgemacht, daß er 'mal ein Hairle werden würde, der alle anderen ausstechen müßte. Ihren Fabian eines Tages Primiz halten zu sehen, das war nämlich auch das Ideal seiner Mutter, und als der Benefiziat sich erboten hatte, den talentvollen Knaben zu unterrichten, da sah die gute Frau dieses Ideal im Geiste schon verwirklicht. Ihr einziges Kind als Hairle sehen, das hieß doch wohl den Gipfel mütterlicher Wünsche erreichen. In dieser Hoffnung mühte sie sich unverdrossen Tag und Nacht, in dieser Hoffnung war sie heiter und guter Dinge. Ich möchte sagen, die geistliche Zukunft ihres Kindes habe einen alles verklärenden Schein in die oft so trübe Gegenwart dieser trefflichen Frau geworfen. Sie war eine einfache Bäuerin, aber der religiöse Gedanke, welcher sie beseelte, hatte etwas zugleich Kindliches und Erhabenes. Ist ja doch, was unsere Titanen des Materialismus so leichtsinnig übersehen, die Religion überhaupt der Idealismus des Volkes. Ich erinnere mich, daß der Fabian und ich in unseren Kinderjahren in dem niedrigen Stübchen seiner Mutter öfter Pfarrer und Ministrant spielten, wie das in katholischen Gegenden unter den Kindern häufig vorkommt. Fabians frühreifer und überlegener Geist imponierte mir schon damals so sehr, daß ich ihn, seiner Bescheidenheit zum Trotz, stets nötigte, den Priester zu machen, und mich mit der Rolle des Chorknaben begnügte. Bei einer solchen Gelegenheit stimmte mein Spielkamerad das »Gloria in excelsis deo!« so schön, ich möchte sagen so feierlich rührend an, daß seine Mutter ihn unter strömenden Tränen umarmte. Ich habe vielleicht nie wieder einen so reinen Ausdruck verzückter Andacht gesehen, wie damals in dem Gesichte der guten Frau, welche in jenem Augenblicke die Erfüllung ihres Muttertraumes schon vorwegnahm und deshalb glücklicher war als alle Königinnen der Erde. Ist doch mir selbst wohl nie wieder so tiefernst andächtig zumute gewesen wie damals bei jenem Spiele. Nachdem mein Vater eine Weile mit dem Magister verhandelt hatte, kam er ans Fenster und rief mich hinein. Ich ahnte, daß mein Los entschieden sei und daß ich bald neben dem armen Fabian an dem kleinen Tische sitzen würde. Daher wollt' ich möglichst keck auftreten, aber ich weiß nicht, wie es kam, der Vorsatz der Keckheit verschwand mir, als ich beim Eintreten unter der hohen, tiefgefurchten Stirne des alten Hairle hervor seine klaren blaßblauen Augen über den zwei ungeheuer großen Gläsern seiner in schwarzes Schildpatt gefaßten Brille forschend auf mich gerichtet sah. Der Herr Benefiziat saß, den Oberkörper in eine sehr fragmentarische Soutane gehüllt, mit gekreuzten Armen in seinem Großvaterstuhl. Sein Untergestell steckte in einem schwarzen, das heißt vorzeiten schwarz gewesenen, jetzt aber mehr ins Rötliche spielenden kurzen Beinkleid, dessen Kniebänder nachlässig offen waren, so daß ihm die groben schwarzen Strümpfe ungeniert auf die niedergetretenen Schuhe herabschlotterten, von denen nur noch der eine etwas, was einer Schnalle gleich sah, aufzuweisen hatte. Seine kleine Gestalt war nicht nur mager, sondern geradezu spindeldürr, und sein Gesicht mit den vergilbten Wangen, dem spitzen Kinn und der dicken Knollennase konnte für, ausgesucht häßlich gelten. Dennoch hatte das verschrumpfte Männchen auf seiner Stirn und in den Augen etwas, was nicht nur einem kecken Knaben, sondern auch anderen Leuten Achtung einflößen konnte und wirklich einflößte. Es ist, denke ich, eine allgemeine Erfahrung, daß das Antlitz solcher, welche sich unausgesetzt mit Dingen des Geistes befassen, einen Gesamtausdruck oder wenigstens einen Zug gewinnt, welcher selbst dem Rohesten einen gewissen Respekt aufzwingt. Man kann sagen, das Ideal lasse auf den Zügen seiner Priester einen Abglanz zurück, welchen die Menschen der gemeinen Wirklichkeit nicht ohne eine Art scheuer Ehrfurcht zu erblicken vermögen. Auch auf der Stirne des Magisters Zipfel lag mitunter etwas von diesem Abglanz. Man konnte den guten Mann aller seiner Pedanterei ungeachtet und trotzdem, daß ihm schon sein Name den Stempel der Skurrilität aufdrückte, »Zipfel« ist in meiner Heimat gleichbedeutend mit »Latsche«, »Lappe«, »Löhle« der »Tolpatsch«, welcher letztere Ausdruck, als ein bekannter, dem hochdeutschen Leser einigermaßen andeuten kann, was damit gemeint sei. Auch der gleichbedeutende Ausdruck »Heimpel« kommt vor. nicht lächerlich finden, wenigstens nicht immer. »Da ist er, hochwürdiger Herr,« sagte mein Vater bei meinem Eintreten zum Benefiziaten. Ich begrüßte mit möglichster Höflichkeit den gelehrten Anachoreten, denn für einen solchen konnte der Benefiziat gelten, da er seine Höhle nie, aber auch gar nie verließ, ausgenommen die paarmal in der Woche, wo er in der Kirche seine Frühmesse lesen mußte. Man sah ihn dann in seinem schlotterigen Anzug mit einer Geschwindigkeit, die etwas Komisches hatte, über die Wiese herüber und den Fußweg durch die Weingärten hinauf huschen, – »do witscht onser Fiziätle hi,« charakterisierten unsere Bauern den Gang des alten Hairle – und der Mesner und die Ministranten hatten, wie ich aus eigener Erfahrung wußte, ihre liebe Not, den alten Herrn mit Alba, Cingulum, Stola und Meßgewand einigermaßen anständig auszustaffieren. Alles war ihm zu weit und zu lang, und die grenzenlose Gleichgültigkeit, womit er sein Äußeres behandelte, sowie seine Zerstreutheit führten oft komische Intermezzi herbei, welche schlecht zu dem Orte stimmten, wo sie stattfanden. Ich hatte in der Zeit von meinem achten bis zwölften Jahre, wo ich Ministrantendienste verrichtete, mehrere solcher Vorkommnisse mit angesehen. Der Benefiziat aber hatte wahrscheinlich meine werte Person damals nie sonderlich beachtet und jetzt jedenfalls schon lange vergessen. Seine Messen waren um ihrer Kürze willen berühmt, und böse Zungen wollten sogar wissen, es sei dem guten Hairle einmal begegnet, daß er das Hauptstück dieses Kultaktes, die Konsekration, total vergessen oder, wie besagte böse Dorfzungen sich ausdrückten, überhupft habe. Möglich ist das immerhin, denn der Mann war ein Sonderling jeder Zoll. Er lebte ganz einsiedlerisch. Nur die Armen kannten den Weg zu dem verwahrlosten Benefiziathaus. Er gab ihnen, solange irgend etwas Gebbares da war; einmal im Winter einem fechtenden Handwerksburschen sein einziges Paar Schuhe von den Füßen weg, was aber der Bursch nicht annahm, weil er, wie er nachher im Dorfe erzählte, es doch nicht habe übers Herz bringen können, den alten g'späßigen Hairle barfüßig zurückzulassen. Die Grundstücke, deren Ertrag das Benefizium des Magisters ausmachten, hatte er an den Müller verpachtet. Von der Mühle herüber brachte ihm ein alter Knecht das Essen, und die Müllerin schickte ihm auch von Zeit zu Zeit einen neuen Anzug und die nötige Wäsche. Sie durfte aber das Benefiziathaus so wenig betreten als irgend eine andere dem weiblichen Geschlecht angehörende Person. Der Magister hegte eine wahre Idiosynkrasie gegen die schönere und bessere Hälfte der Menschheit. Er gebrauchte, wenn er von den Frauen sprechen mußte, statt des in unserer Gegend heimischen ländlichen Ausdrucks »Weibesbilder«, den Ausdruck »Weibesstücker«, und er sprach das Wort nur mit unsäglicher Verachtung aus. Nachdem mich der Herr Benefiziat, ohne weiter von meiner Begrüßung Notiz zu nehmen, eine gute Weile über seine Brillengläser hinweg fixiert hatte, schob er mit seinen knöchernen Fingern die Brille weiter die Nase hinauf und fragte mich mit seiner Raspelstimme: »Wie alt ist man?« »Man ist fünfzehn Jahre alt, Herr Benefiziat,« gab ich zur Antwort. Mein Vater warf mir einen strengen Blick zu. Die mir unwillkürlich entwischte Parodie der magisterlichen Anredeform »man« gefiel ihm nicht. Der Magister griff mit Daumen und Zeigefinger seiner Rechten in die kolossale Dose von Birkenrinde, welche geöffnet neben ihm auf dem Tische stand, und beförderte die Prise sehr umständlich in seine geräumige Nase. Dann sagte er: »Man ist ja recht groß und stark für sein Alter. Aber da man volle fünfzehn Jahre alt ist, dürfte, könnte, sollte man in disciplinis grammaticis recht ordentlich beschlagen sein, und dieweilen man gerade bei der Partikula »man« ist, so kann man mir wohl sagen, welcher Redeformen der Lateiner und welcher der Grieche sich bedient, um besagte particulam teutonicam auszudrücken?« Diese grammatische Aufgabe zu lösen, war nun eben keine Hexerei, und deshalb war ich so übermütig, meine Antwort möglichst genau in die pedantische Redeweise des Magisters einzukleiden. Allein der übermütige Kitzel ließ bedeutend nach und verschwand zuletzt völlig, als der alte Herr in dem Examen, welchem er mich unterwarf, Schritt für Schritt in immer schwierigere Materien eintrat. Er wußte die examinatorischen Daumschrauben zu handhaben, daß er mir bald das letzte Tröpflein meines philologischen Wissens auspreßte. Solange das Examen auf lateinischem und griechischem Gebiete sich bewegte, ging es noch so ziemlich leidlich; als aber das Hebräische an die Reihe kam, da lief, wenn ich mich eines heimatlichen Ausdrucks bedienen darf, das Fäßlein meines Wissens »kuonig«, das heißt spärlich und trübe, sehr spärlich und sehr trübe. Ohne eine Miene zu verziehen, überschüttete mich der alte Hairle mit einem langsam, aber stetig fallenden Wolkenbruch von Fragen über Kamez, Pathach und Saegol, über Kamez chatuph, Cholem und Kübbuz . Diese parierte ich noch so so, la la, aber mit der mysteriösen Lehre vom Scheva haperte es schon bedeutend, und was Dagesch forte und Dagesch lene betraf, so stellte es sich heraus, daß meine Vorstellungen von diesen Dingen nur aus einem grauenhaften Wirrwarr bestanden. In den schauerlichen Regionen der Praefixa und Suffixa fuhr ich mit meinen Antworten sozusagen nur noch wie mit der Stange im Nebel herum, und als der erbarmungslose Inquisitor mich vollends in die Polargegenden der Kal, Niphal, Pihhel, Pühhal, Hiphil und Hithpahhel führte, da ergab ich mich auf Gnade und Ungnade; denn es flimmerte mir grün und gelb vor den Augen, und kalter Schweiß stand mir auf der Stirne. Wenn ich eine verkehrte oder gar keine Antwort gab, und beides war häufig der Fall, so stieß der Magister ein schnarrendes »Proh dolor« O Schmerz! oder »Me hercule!« aus und sah mit einem wunderlichen Kopfruck nach dem Fabian hinüber. Der mußte dann statt meiner die Frage beantworten, und er konnte es jedesmal ganz prächtig. Dabei baten mich die Augen des guten Jungen um Verzeihung, daß er in der unangenehmen Lage sei, mehr zu wissen als ich. Aber offen gestanden, ich hätte ihn zu jener Stunde gern erwürgt und den höllischen Magister dazu. Es zuckte mir ordentlich in den Fäusten. Aber dabei blieb es auch, denn der alte Hairle hatte mir gehörig imponiert. Als er endlich für gut befunden, mich von der Folterbank loszubinden, legte er das eine Bein über das andere und blickte tiefsinnig auf das Bruchstück nieder, welches eine Schuhschnalle vorstellte. Meiner Verwirrung ungeachtet las ich auf der Stirne des Mannes den (übrigens in Fraktur geschriebenen) Gedanken: »Was für ein fünfzehnjähriges Ungeheuer von Ignoranz ist das?« Mein Vater, der sich bislang in Geduld gefaßt, machte jetzt eine Bewegung, welche andeutete, daß er mit der Sache zu Ende zu kommen wünschte. Wahrscheinlich war es dem Guten in der gelehrten Höhle nicht minder unheimlich als mir. »Hm, Herr Konsulent,« sagte Dominus Zipfelius. »Sie meinen, Herr Benefiziat, der Bursch da, der Michel, wisse recht vieles, nämlich – nicht?« fragte mein Vater. »Multa – permulta – plurima!« schnarrte der Benefiziat, jede Pause dieses Klimax mit einer gewaltigen Prise ausfüllend. »Sie haben recht, hochwürdiger Herr; der Schulsack des Burschen zählt eine Menge von Rissen und Löchern.« » Recte, rectissime, domine reverendissime. Man könnte sogar behaupten, der fragliche Schulsack sei nur ein Loch.« »Um so mehr ist es an der Zeit, denselben tüchtig zu flicken, Herr Benefiziat, und Sie sind der rechte Mann dazu.« »Hm,« machte der Alte, und zu mir gewendet, fragte er: »Will man mir dabei helfen? Will man sich entschließen, fürohin eine vitam probam ac diligentem Einen sittsamen und fleißigen Lebenswandel. zu führen, he?« »Ich will's versuchen, Herr.« » Bene optime! Nicht zu viel versprechen, aber desto mehr halten. So ist's recht, so gefällst du mir.« »O weh,« dachte ich, »die Sache ist richtig! Er spricht nicht mehr per »man« mit mir, sondern duzt mich; er betrachtet mich also schon als seinen Schüler.« In der Tat, die Sache wurde durch eine kurze Verhandlung zwischen meinem Vater und dem Benefiziaten vollends in Richtigkeit gebracht. Schon am Nachmittag sollte ich meinen Lernkurs im Benefiziathause antreten. Als wir uns endlich verabschiedet hatten und durch den Garten heimwärts gingen, atmete ich ordentlich neu auf. »Das ist ein fürchterlicher Mensch, der Benefiziat,« sagte ich. »Ah, gelt, der hat dich tüchtig in die Klemme gebracht, Michel?« antwortete mein Vater lachend. »Was der für Augen machen kann!« »Er kann noch mehr als Augen machen, lieber Junge. Hast du bemerkt, wie gründlich der Fabian überall Bescheid wußte, wo du als Pfuscher und Stümper dastandest? Der Fabian ist ein trefflicher Bursch. An dem kann man sehen, welcher Sporn die Armut bei edlen Naturen ist. Befreunde dich recht innig mit dem Fabian, bring ihn recht oft zu uns ins Haus und, hörst du, Michel? zeig im Wetteifer mit ihm, daß du auch nicht auf den Kopf gefallen seiest. Per aspera ad astra, Auf rauher Bahn aufwärts! lautet der alte gute Spruch.« Da der Vater im Dorf ein Geschäft hatte, gingen wir an der Südseite des Kirchenhügels hin und hatten bald die erste Häusergruppe vor uns. Pferdegetrappel machte uns umschauen, und wir sahen die vielfach gewundene schmale Straße, welche nach der Stadt hinabführt, ein Gefährt heraufkommen, in welchem zwei Personen saßen. Beim Näherkommen desselben erkannten wir den offenen Jagdwagen des Freiherrn, welcher die zwei stolzen Rappen eigenhändig lenkte. Er zog die Zügel an und begrüßte meinen Vater, aber nicht in der gewohnten jovialen und kordialen Manier, sondern trocken und mit einer gewissen mürrischen Betonung, welche dem mißmutigen Ausdruck seines Gesichtes entsprach. In seiner gewöhnlichen Verfassung war dieses Gesicht nichts weniger als mißmutig. Zwar verlieh ihm ein gewaltiger Schnurrbart, dessen stark ergraute Enden bis auf die Brust seines Eigentümers herabfielen, etwas Martialisches, und es stimmte damit die ganze Haltung des Mannes überein, welche deutlich bekundete, daß derselbe »Dienst gesehen«, ja sogar getan habe und nicht nur auf dem Paradeplatz; allein daneben trugen die Züge des Freiherr das Gepräge einer gutmütigen Offenheit und einer gewissen, ich möchte sagen jägermäßig »biderben« Lebenslust, die nicht nur sich selbst, sondern auch anderen das Dasein möglichst leicht und gemütlich zu machen liebte. Seltsamerweise waren aber in diesem wettergebräunten Jägergesicht auch wieder einige Linien, die auf andere Stimmungen und Neigungen hinwiesen. Zwischen den früher rötlichblond gewesenen Brauen seiner dunkeln Augen lag eine Falte, die auf Jähzorn und jache Entschlüsse deuten mochte, und so weit der Mund unter dem überhängenden Schnurrbart sichtbar war, verriet die Schwingung der Lippen etwas wie gelehrten Eigensinn. In der Tat war der Freiherr Bodo von Rothenfluh nicht nur ausgedienter Offizier, großer Jäger und vortrefflicher Landwirt, sondern auch ein heftiger Altertümler. Wenigstens bildete er sich ein, das letztere zu sein, und zwar gebärdete er sich bei jeder Gelegenheit als erklärter Keltomane. In dieser Eigenschaft lebte er in ewiger Fehde mit meinem Vater, zu welchem er sonst nicht als Herr zum Diener, sondern vielmehr als Freund zum Freunde stand, der aber der freiherrlichen Keltomanie eine ebenso hartnäckige Teutomanie entgegenstellte. Der Freiherr hatte die schöne Herrschaft Rothenfluh von einem kinderlosen Oheim väterlicher Seite geerbt, noch bei dessen Lebzeiten. Dieser Oheim, von welchem später die Rede sein wird, lebte einsam auf einem alten Felsenschloß in den Schweizeralpen, wo die Familie ebenfalls ein Gut besaß. Von dorther stammten eigentlich die Herren von Rothenfluh, welche, zur Reformationszeit dem alten Glauben streng anhänglich geblieben, damals vor dem neuen aus ihrer ursprünglichen Heimat entwichen waren und sich im südwestlichen Deutschland angesiedelt hatten. Von dem alten Freiherrn erzählte man sich wunderliche Dinge und jedenfalls war er ein Sonderling. Vor siebzehn oder achtzehn Jahren hatte er sich plötzlich in die Schweiz zurückgezogen und jeden Verkehr mit seiner Familie abgebrochen. Bevor er ging, trat er die deutsche Herrschaft seinem Neffen Bodo förmlich ab. Dieser hatte bis dahin bei einem reitenden Jägerregimente gestanden, in welchem er unter den Rheinbundstruppen mehrere der napoleonischen Feldzüge und dann auch die Befreiungskriege gegen Napoleon mitgemacht; letztere wohl nicht sehr begeistert, denn er war ein standhafter Verehrer des Schlachtenmeisters, der ihn zum Ritter der Ehrenlegion ernannt hatte. Neben diesem Orden hatten sich noch andere auf seiner Brust angesammelt, denn seine persönliche Tapferkeit wie seine militärischen Talente waren anerkannt. Er war noch nicht lange zum Oberstwachtmeister vorgerückt, als ihm das noch nicht so bald erwartete Glück zufiel, daß ihn der wunderliche Oheim zum Besitzer des weitaus größeren und einträglicheren Teils der Familiengüter einsetzte. Er quittierte den Dienst. Auf seinem neuen, ihm bis dahin so ziemlich fremd gewesenen Besitztum angelangt, traf er meinen Vater unter dem Titel eines Konsulenten als obersten Verwalter der Herrschaft. Beide Männer waren offene, ehrliche, liberale Naturen, beide hatten sich, jeder in seiner Weise, tüchtig in der Welt getummelt, und da überdies der blühende Zustand der Herrschaft die administrativen Gaben und juristischen Kenntnisse meines Vaters augenscheinlich bezeugte, so entspann sich zwischen dem neuen Besitzer und seinem ersten Beamten bald eine aufrichtige Freundschaft. Dieses gute Verhältnis wurde noch traulicher und dauernder durch den Umstand, daß die beiden nicht mehr eben jungen Junggesellen zu gleicher Zeit mit zwei jungen Mädchen sich verbanden, welche Herzensfreundinnen waren und blieben. In einem romantischen Tal unserer Berge lag und liegt noch jetzt das Nonnenkloster Gnadenbrunn. In den Kriegstrubeln hatte das Kloster, wie die ganze Gegend, viel gelitten, und hatten daher die guten Schwestern, ihre Existenzmittel zu vermehren, sich genötigt gesehen, ein Pensionat zu errichten. Dutzende von Töchtern vermöglicherer Familien von nah und fern erhielten in diesem Pensionat ihre Erziehung. Bei Gelegenheit eines großen Kirchenfestes hatten der Freiherr und mein Vater im Sprechzimmer des Klosters die beiden Freundinnen kennen gelernt, die sie bald nachher als ihre Frauen heimführten. Am nämlichen Tage feierten sie ihre Hochzeit. Wie um die zwischen den beiden Familien waltende Harmonie zu bekräftigen, gab dann in einer und derselben Woche die Freifrau ihrem Gatten seinen Sohn Berthold und die Frau Konsulentin dem ihrigen seinen Sohn Michel. Ja, drei Jahre später war der freundliche Zufall noch pünktlicher, denn in einer und derselben gesegneten Mittagsstunde brachte mir der Storch mein Schwesterlein Hildegard und dem Berthold sein Schwesterlein Isolde. Diesen sagenberühmten keltischen Namen hatte nämlich der Freiherr seinem Töchterchen gegeben, im ausdrücklichen Gegensatz zu dem echtgermanischen, welchen mein Vater dem seinigen beilegte. Aber es muß damals eine recht traurige Zeit auf dem Schlosse gewesen sein, denn die Freifrau starb in ihrem zweiten Wochenbette. Der Freiherr brauchte nicht erst den Wunsch auszusprechen, meine Mutter möchte sich seiner mutterlosen Kinder annehmen; sie hätte das schon von selber getan. Berthold und sein Schwesterlein lebten in unserem Hause, bis jener elf und diese acht Jahre alt war. Dann erhielt Isolde eine Gouvernante, und ihr Bruder kam mit mir aufs Lyzeum, da der Freiherr, welcher sich nicht wieder verheiratet hatte, von einer hofmeisterlichen Erziehung seines Sohnes nichts wissen wollte. Meine Schwester Hildegard nahm an dem Unterrichte teil, welchen Isoldes treffliche Erzieherin dieser erteilte. Die Freundschaft der Eltern pflanzte sich in ihren Kindern fort, und wie Berthold und ich, so waren Isolde und Hildegard ein Herz und eine Seele. Isolde insbesondere hatte sich gewöhnt, meine Mutter auch für die ihrige anzusehen. Sie nannte sie auch so, und ihr Vater pflegte, wenn das Kind etwas von ihm verlangte, zu sagen: »Geh erst deine Mutter, die Frau Konsulentin, fragen.« Isolde war in ihrer körperlichen Entwickelung weiter vorgeschritten als meine Schwester. Das Kindliche an ihrer Gestalt und in ihrem Wesen begann schon in jene Vorstufe zur Jungfräulichkeit überzugehen, welche man wohl oder übel die Backfischperiode zu nennen pflegt. Aber Isolde war immer lieb und anmutig, auch als Backfischchen. Wie sie an jenem Morgen so neben dem griesgrämelnden Vater im offenen Wagen saß, mußte jeder, welcher etwa das wundersame Gedicht des alten Gottfried von Straßburg kannte – ich selber gehörte freilich damals noch nicht zu den Wissenden von dieser mittelalterlichen Prachtrose unserer Dichtung – jeder, sag' ich, mußte zugeben, daß sie alle Aussicht hatte, so schön und hold zu werden wie Tristans berühmte Geliebte. Ihre Haare waren in Fülle und Farbe schon jetzt ganz isoldisch. Diese dreifach um Scheitel und Stirne des guten Kindes gewundenen Flechten mußten, aufgelöst, fast den Boden berühren. Die Farbe war nicht genau zu bestimmen: sie schimmerte, je nach dem Wechsel des Lichtes, ins Rötliche, Aschblonde oder Bräunliche. Zuweilen lag ein reizender Goldglanz darauf, welcher, verbunden mit dem seelenvollen Blicke ungewöhnlich großer Veilchenaugen und dem zarten Inkarnat des feingeschnittenen Gesichtchens, eine ganz eigentümliche poetische Wirkung tat. So war die Schönheit Isoldes im Keime, und dieser Keim entwickelte sich so herrlich, daß ich zur Stunde noch überzeugt bin, nie, weder in der Kunst noch im Leben, Schöneres gesehen zu haben als Isolde von Rothenfluh. Natürlich betete ich sie an – wer tat es auch nicht? – soweit nämlich ein wilder Junge in den Flegeljähren überhaupt etwas anzubeten vermag. Gewiß ist, daß Isolde meine Wildheit merkwürdig zu zähmen verstand, durch ein Wort, durch eine Handbewegung, durch einen Blick. Mit ihrer engelhaften Güte und Milde verband sie schon als Kind eine überraschende Klarheit im Beobachten und Denken und eine bedeutende Festigkeit des Charakters. Daher der große Einfluß, den sie auf alle übte, welche ihr nahe traten. Ach, dieser Einfluß sollte sich nur an einem nicht bewähren, den innigste Bande des Blutes mit ihr verbanden. Wie der Freiherr heute eine ungewöhnliche Miene zeigte, so ließ auch das Gesicht seiner Tochter den gewohnten Ausdruck ruhiger Heiterkeit vermissen. Isolde hielt ihren großen runden Strohhut vor sich auf den Knien und so konnte ich deutlich wahrnehmen, daß sie nachdenklich und traurig aussah. Als sie mich erblickte, war ein leiser Vorwurf in ihren Augen zu lesen, und diese schönen, guten Augen waren trübe vom Weinen. »Das ist heute ein Tag, welchen die Römer schwarz im Kalender anstreichen würden,« dachte ich. »Sie kommen schon von der Stadt herauf, gnädiger Herr?« fragte mein Vater, an den Wagen tretend. Der Freiherr ließ nach seiner Gewohnheit beim Sprechen die Zipfel seines Schnurrbartes durch die Höhlung feiner linken Hand gleiten und warf mir unter dem Schilde seiner Tagmütze aus grauem Filz hervor einen nicht sehr freundlichen Blick zu, obwohl er mich sonst so gern hatte, daß er mir nicht selten einen höchsten Beweis seiner Gunst gab, den, mich für eine Stunde oder zwei sein Lieblingspferd reiten zu lassen, was er nicht einmal dem eigenen Sohn gestattete. »Ja, komme aus der Stadt,« gab der Freiherr zur Antwort, meinem Vater die Hand bietend. »Habe dort einen auf die Post geliefert«. »Einen?« fragte mein Vater. »Einen, sag' ich, Konsulent. Können's den roten Augen des Mädle da ansehen, was für einen ... Hör 'mal auf, Söldchen, hör auf zu flennen, 's ist nicht der Mühe wert. Himmelkreuzsternmillionen –« Und der edle Freiherr machte seinem Unmut in einer jener populären Redensarten Luft, die man im gewöhnlichen Leben Flüche nennt und die ihm von seiner Soldatenzeit her anhafteten. Er besaß eine große Virtuosität in der Komposition solcher Formeln und brachte es mitunter bis zu achtzehn- und zwanzigsilbigen. Gewöhnlich hielt er auf halbem Wege inne mit Beifügung eines »und so weiter«. »Sie werden doch nicht Ihren Sohn, den Berthold ...« »Ja,« fiel der Freiherr meinem Vater ins Wort – »eben den Tunichtgut, den Berthold, Hab' ich auf die Post spediert. Ist jetzt allbereits auf dem Wege nach der Residenz. Ist Zeit, hohe Zeit, daß der Junge 'mal tüchtig geschnitzelt werde.« (In Parenthese sei bemerkt, daß der Freiherr statt »erziehen« zu sagen Pflegte »schnitzeln«, provinzielle Form für »schnitzen«.) »Soll als Regimentszögling in das Ulanenregiment treten, welches früher mein leichtes Jägerregiment zu Pferde war, wissen Sie! Hab's meinem alten Kameraden, dem Oberst, will sagen General, geschrieben. Schrieb ihm, der Bursch müsse reglementarisch zusammengenommen werden. Soll erfahren, was militärische Dressur und Disziplin ist. Werden ihm auf dem Drillplatz und in der Manege die Mucken schon vergehen – Bombensplitterdonnerwetter und so weiter. War schnell resolviert, als ich gestern die saubere Depesche vom alten Rektor kriegte. Mantelsack gepackt, aufgesessen, marsch!« »Jetzt wollt' ich aber halt gleich, daß der Teufel alle Rektoren holte!« dachte ich, als mir diese Auslassung des Freiherrn die Erklärung gab, warum mich die verweinten Augen Isoldes so vorwurfsvoll angeblickt hatten. Sie sah in mir den Mitverursacher der plötzlichen Trennung von dem geliebten Bruder. Während ich den erwähnten frommen Wunsch im Gemüte wälzte, sagte mein Vater: »Das war ein schneller Entschluß, gnädiger Herr.« »'s mußte so sein, Konsulent. Hab' das Plänkeln nie leiden können. Immer drauf und dran! Das bricht ein Loch ins Karree. Wollte mir zwar auch was übers Herz kriechen, als der Junge und das Mädle da mitsammen flennten, aber – dummes Zeug! Der Bursch mußte fort. Sollte ja doch Dienst sehen; also je früher, desto besser. Werden ihn beim Regiment schon gehörig schnitzeln.« Sprach's, wies mit dem Ende des Peitschenstiels auf mich und fügte hinzu: »Und was fangen Sie mit Ihrem Schlingel da an, lieber Freund?« Das Blut schoß mir vor Zorn ins Gesicht, mich so kavalierement als Schlingel behandelt zu sehen, und noch dazu im Angesicht Isoldes. »Ich habe den Burschen soeben dem Herrn Benefiziaten übergeben,« entgegnete mein Vater. »Dem Benefiziaten, was? Glauben Sie denn, der alte Taps habe das Zeug, so 'nen hagebuchenen Kerl zu schnitzeln?« »Allerdings. Fragen Sie nur den Michel selbst.« Der Freiherr drehte seinen Schnurrbart und warf mir die Frage zu: »Hat er das Zeug, Junge?« »Es wird wohl so sein,« brummte ich. »So, es wird wohl so sein, meinst du? Was der arme Sünder verstockt dreinsieht – Milliardenfixstern und so weiter. Und Sie bleiben also dabei, Konsulent, aus dem da einen Pf... will sagen einen Hairle zu machen? Hat sich sehr geistlich aufgeführt auf dem Lyzeum, das muß ich sagen .... Doch von was anderem zu reden, Konsulent, war das Dingsda, der Spekulant oder Fabrikant, was er ist, wieder bei Ihnen?« »Ja, gnädiger Herr.« »Und Sie meinen noch immer, daß wir auf seinen Vorschlag eingehen sollten?« »Gewiß. Das Kapital liegt einmal da und ist dermalen keine günstige Zeit, es in Grundbesitz anzulegen. Das vorgeschlagene Unternehmen muß gewinnbringend ausfallen, es kann gar nicht fehlen. Der Mann bietet meines Erachtens ausreichende Garantien. Er ist ein geriebener Geschäftsmann.« »Hm, Konsulent, mir will scheinen, er sei nicht nur gerieben, sondern durchtrieben. Sein Gesicht gefällt mir nicht.« »Die Physiognomik ist eine trügerische Wissenschaft, gnädiger Herr. Das hat, wie Sie wissen, schon ihr Gründer Lavater zu seinem Schaden und Spott erfahren müssen.« »Sie sind doch sonst so vorsichtig, lieber Freund; wie kommt es, daß Sie in diesem Falle so schnell Vertrauen faßten?« »Das kommt daher, daß unser Mann offenbar ein industrielles und kommerzielles Genie ist. Als ich ihn letzten Sommer auf meinem Ausflug in die Schweiz kennen lernte, eröffnete er mir ganz neue Einblicke in die industrielle Bewegung, welche in jenem Lande viel weiter vorgeschritten ist als bei uns und in einem großen Teile von Deutschland überhaupt. Man wird sich, glaube ich, darein finden müssen, auch diesseits des Rheins an diesem Aufschwung der Industrie teilzunehmen, obgleich ich zugebe, daß es noch fraglich, sehr fraglich sein mag, ob eine rein bäuerliche Bevölkerung nicht glücklicher sei als eine industrielle.« »Darauf will ich alle Eide schwören, Konsulent. Ich hab' voriges Jahr in Belgien mit eigenen Augen das industrielle Heil gesehen, Fabrikpack – puh! Nein, bewahr' uns Gott in Gnaden, daß solcher Greuel jemals über unsere schönen Täler komme.« »Das ist vorderhand auch gar nicht zu befürchten, gnädiger Herr, und überhaupt handelt es sich im vorliegenden Falle keineswegs darum, hier bei uns industrielle Etablissements einzuführen, sondern nur darum, drüben in der Schweiz ein gerade müßiges Kapital in einem derartigen Unternehmen nutzbringend anzulegen.« »Sie trauen also diesem Menschen?« »Ja. Ich hatte Gelegenheit, an Ort und Stelle Erkundigungen über ihn einzuziehen. Man rühmte mir ihn allgemein als einen spekulativen Kopf, als einen in vielen Geschäftszweigen außerordentlich gewandten und dabei rastlos tätigen Mann.« »Aber auch als einen ehrlichen, was?« »Auch als einen ehrlichen. Würde ich mich sonst irgendwie mit ihm eingelassen haben? Wie Sie wissen, habe ich ihm aus eigenen Mitteln ein Kapital ins Geschäft gegeben. Die Interessen, welche dasselbe abwirft, sind ungewöhnlich bedeutend.« »Konsulent, Konsulent, ich glaubte bislang, Sie wären der letzte Mensch, welcher sich vom Geldteufel blenden lassen würde.« »Das tu' ich auch nicht! Aber wo ist denn der Mann, der einem völlig gerechtfertigten Gewinn aus dem Wege gehen möchte? Überdies wissen Sie, ich bin bedeutend älter als meine Frau und ... kurz, ich wünsche, daß Gertrud auch als Witwe 'mal zu leben imstande sei, wie sie es gewohnt ist.« »Hm, Konsulent, ich denke, die Frau Konsulentin wird auch als Witwe unter allen Umstanden leben können, wie sie es gewohnt ist, solange ein gewisser Bodo von Rothenfluh oder irgend eine Person dieses Namens da ist.« »Dank, Dank, mein gnädiger Herr und Freund! Ich weiß, jede Silbe der guten Worte, welche Sie da sprachen, kam aus dem Herzen. Um aber auf das Geschäft zurückzukommen ...« »Hole der Henker das Geschäft! Ich verstehe keinen Pfifferling davon und, wie gesagt, das Gesicht des Mannes gefällt mir nicht.« »Das beklage ich und möchte wünschen, er hätte, um diesen Stein des Anstoßes zu beseitigen, seinen Schwager hergeschickt, welcher eines der redlichsten Gesichter besitzt, die man sehen kann«. »Ist dieser Schwager auch mit im Geschäft?« »Freilich. Er ist der eigentliche Techniker, wie seiner Frau Bruder der eigentliche Spekulant in dem gemeinschaftlichen Geschäft ist. Dasselbe hat sich seit Jahresfrist wieder bedeutend erweitert, wozu die herrliche Wasserkraft, in deren Besitz die beiden Schwäger sind, sozusagen dringend aufforderte. Neben der Spinnerei ist jetzt auch eine mechanische Weberei in Betrieb gesetzt, und eine Maschinengießerei ist im Bau begriffen. Auch für ein Laboratorium zur Verfertigung chemischer Produkte sind bereits die Pläne entworfen.« »Das alles muß ja ein Heidengeld kosten.« »Trägt aber auch ein Heidengeld ein, wenn 'mal alles in Tätigkeit ist.« »Das glaub' ich, aber ich will's doch noch 'mal beschlafen, bevor ich ein so großes Kapital, wie das geforderte, einem Menschen mit einem Gesicht anvertraue, welches mir, zum drittenmal gesagt, nicht gefällt. Sie sind also dafür, wie?« »Allerdings, und mit welchem Vertrauen, mag Ihnen der Umstand bezeugen, daß ich so ziemlich entschlossen bin, all mein Erspartes bei den unternehmenden Schwägern anzulegen.« »Das könnte freilich auf meinen Entschluß bedeutend einwirken. Nun, wir wollen morgen die Sache mitsammen überlegen. Heute bin ich zu solchem nicht aufgelegt. Will in den Wald, will jagen, bin – im Vertrauen gesagt – nach etwas Besserem auf der Spur als einem Fuchs oder Bock.« Der Freiherr zwinkerte, indem er dieses sagte, listig mit den Augen und machte ein sehr geheimnisvolles Gesicht. »Ach, gnädiger Herr, Sie meinen doch nicht etwa die problematische Mithrashöhle?« »Die problematische? Nein. Aber die wirkliche, ja, siebenundsiebzig Schock blitzblaue und so weiter. Ich habe die Höhle entdeckt, ich! Ja, Konsulent, Sie ungläubiger Thomas, der Sie wissen wollten, daß nie eine römische Legion hierherum gestanden, ich sage Ihnen, die Höhle ist da, oder besser die Grotte, denn 's ist 'ne Art Grotte, 'ne richtige Mithrasgrotte, so wahr ich Bodo heiße.« Ich spitzte die Ohren bei dieser Wendung des Gespräches. Der Freiherr tummelte sein Steckenpferd der Altertümelei und ich wußte gar wohl, auf welchem Terrain das gegenwärtige mit Vorliebe geschah. Es war damals eine gelehrte Mode, den Spuren der durch die Römer vermittelten Verzweigungen altorientalischer Kulte im westlichen Europa eifrig nachzugehen, und der edle Freiherr machte diese Mode redlich mit. »Sie haben eine Mithrasgrotte entdeckt, gnädiger Herr?« fragte mein Vater. »Wirklich? Hier bei uns?« »Ja, wirklich hier bei uns.« »Wo denn?« »Eigentlich sollt' ich Ihnen das noch nicht sagen, aber Sie mögen's immerhin wissen. Die Grotte befindet sich im Weißachforst.« »Im Weißachforst? Alle Welt! Wer hätte das gedacht! Und Sie haben auch den Mithrasstein gefunden?« »Noch nicht. Aber daß einer in der Höhle sein muß, kann gar keinem Zweifel unterliegen. Werde dieser Tage scharf nachgraben lassen. Aber was lacht denn der Junge?« Ich lachte wirklich, denn als ich sah, wie die beiden Altertümler über die fragliche Mithrasgrotte in Feuer gerieten, kitzelte mich der Einfall, dem Freiherrn einen Possen zu spielen. Ich war nämlich damals noch ein so schlechter Christ, daß ich es entschieden mehr mit der alttestamentlichen Rachepraxis als mit der neutestamentlichen Vergebungstheorie hielt. Der Freiherr hatte mich angesichts seines Töchterleins, welches heute ohnehin gar nichts von mir wissen zu wollen schien, einen Schlingel und armen Sünder genannt – das sollte ihm nicht so hingehen, dem Gott Mithras sei Dank! Der Freiherr sagte endlich dem Vater Adieu und trieb sein Gespann an. Im Fortrollen desselben konnte sich Isolde in ihrer Herzensgüte doch nicht enthalten, halb zurückgewendeten Kopfes mir einen recht guten und tröstlichen Blick zuzuwerfen. Aber ich war nun auch stolz und tat, als ob ich von dieser Freundlichkeit keine Notiz nähme. Daheim traf ich ebenfalls rotgeweinte Augen und zwar in dem allerliebsten Gesichtchen meines Schwesterleins. »Denke dir,« sagte das kleine Ding mit gepreßter Brust, »denke dir, der Berthold ist fort und hat nicht einmal Abschied von uns genommen. Ist das nicht traurig?« – »Na,« versetzte ich großartig, »es hat schon mancher dumme Junge fortgemußt, und dumme Mädchen haben hinter ihm drein geflennt, und der Himmel ist deshalb noch nicht eingefallen.« »Wie du nur heute wieder bist!« sagte die Kleine, mich mit ihren verweinten Augen groß ansehend. Fünftes Kapitel Landjugend. – Von meinem Vater. – Ein humoristischer Sprung. – Don Murr. – Die »Strickstunden« meiner Mutter. – Skrupel einer Nonne. – Klassische Entzückungen des alten Hairle. – Ein unfrommer Betrug. – O, du Kinderzeit! Ich habe die Sentimentalität meiner Weltperiode nie so vollständig vergessen können, daß ich in Städten, besonders in großen, einer Schar von Kindern begegnend, dieselben nicht herzlich beklagt hätte. Auch in Städten, ich gebe es zu, mag die Kinderzeit ihre Poesie haben, aber ich bin standhaft der Ansicht, daß sie sich mit einer auf dem Lande verlebten Kindheit nicht messen könne. Hier, wo man die Natur sozusagen aus erster Hand hat, sind die Beziehungen des Kindes zum Naturleben viel unmittelbarer und inniger, und wo nicht die Schlange der Armut das Paradies der Jugend allzufrühzeitig und allzuzudringlich vergiftet, wird dieses in der Erinnerung eines Landkindes immer Heller leuchtend stehen bleiben als in der eines Stadtkindes. Natürlich! Die werkeltätige Prosa des Lebens muß sich dem Stadtkinde viel früher aufdrängen als dem Landkinde, dessen Sinn viel länger frisch, dessen Vorstellungen viel länger naiv bleiben. Es gibt einen deutschen Dichter, Jean Paul, der diese ländliche Frische und Naivität bis in sein Alter bewahrte. Der große Humorist war trotz seiner etwas wirrsäligen Gelehrsamkeit, die er vielleicht mitunter allzugern zeigte, eigentlich sein Lebenlang ein »ernsthaft spielend Kind«. Meine Jugend blieb, ungeachtet ich jetzt den weitaus größeren Teil des Tages hindurch unter der strengen Aufsicht eines pedantischen Lehrmeisters stand, noch immer eine ländlich glückliche. Zu der Pedanterie des Benefiziaten, welcher so unerbittlich an meinem Schulsacke stickte oder denselben vielmehr ganz neu zuschnitt, daß ich mich endlich damit sehen lassen konnte, bildete die humoristische Bonhomie meines Vaters einen wohltätigen Gegensatz. Ich vergaß alle grammatikalischen Leiden, alle syntaktische Plackerei, welche ich die Woche über ausgestanden, wenn er, wie er zu tun gewohnt war, in der Frühe eines schönen Sonntagsmorgens mit uns Kindern hinausging in die tauige Frische und uns das ewige Buch der Schönheit lesen lehrte, in welchem unsere Heimatgegend ein so anmutiges Blatt darstellte. Bei solchen Wanderungen brach die Poesie, welche in meinem Vater lebte, ohne daß er Verse schrieb, hervor, wie nach einem schönen Worte Immermanns »die Träne aus der Rebe im Lenz«, und oft noch summt mir die Strophe eines mir unbekannten Dichters im Gedächtnis, welche ich ihn an so einem Sonntagsmorgen, als wir die Sonne glorreich über unsere Berge aufgehen sahen, glänzenden Auges vor sich hin sprechen hörte: Sonnentragend, hauptverneigend Trinkt der Hochwald Nebelflut, Bergesmütter halten säugend An die Brust die Quellenbrut. Weltumkreisend, Allbesieger, Kommt der Tag triumphend her; Bunte Wolken, seine Tiger, Taumelnd, lächelnd reitet er. Mein Vater war Pantheist. Er fühlte in allem und jedem den Atem der großen Weltseele. Wenn er von dem religiösen Fühlen, Vorstellen und Tun der heidnischen Altvordern erzählte, ging etwas wie Rauschen der alten Götterhaine, wie uralter Waldgeruch durch seine Rede. Es wurde dann seinen Zuhörern so andächtig zumute, wie ihm selber war. Sein Gedächtnis war ein unerschöpfliches »Wunderhorn« alter Sagen, Mythen und Lieder. Wenn meine Schwester Hildegard, die unserer Mutter klare, hohe und reine Stimme geerbt, im Verein mit ihrer Freundin Isolde, welche einen prächtigen Alt besaß, dem Vater so ein altes echtes Volkslied sang, ging ihm das Herz auf. Er liebte die Musik leidenschaftlich. Meine Mutter unterrichtete den Fabian und mich im Klavierspiel, während meine Schwester dieses Instrument und das nach meinem Gefühle noch schönere, die Harfe, zugleich mit Isolde auf dem Schlosse spielen lernte. Da haben wir denn dem Vater an manchem Abend mit einem improvisierten Konzert die Stirne geglättet. Und das war zuweilen nötig, denn wie alle humoristischen Naturen bewegte sich auch die meines Vaters in Gegensätzen. Sein ursprünglich brausendes Temperament war zwar allmählich durch die Jahre sehr gesänftigt worden, aber mitunter schlug seine Sanguinität immer wieder durch die ruhige, ich möchte sagen behagliche Gefaßtheit, welche er sich allmählich angewöhnt hatte. Daraus erklärt sich denn auch der Feuereifer, womit er sich plötzlich für die beginnende industrielle Bewegung der Zeit interessierte. Wenn sonst in seinen Mußestunden Bücher wie Goethes Werke oder die Forschungen unserer großen Germanisten kaum aus seinen Händen gekommen waren, sah man ihn jetzt häufig über nationalökonomischen und technischen Schriften brüten, und er ließ es sich angelegen sein, auch mir einigen Geschmack an solchen Werken beizubringen. Ich erinnere mich, daß ich mich ihm zuliebe einmal durch einen dicken Wälzer über Maschinenkunde mit Ach und Krach durchfocht und dann auf sein Befragen nicht verhehlte, daß ich mich ob dem Ding schrecklich gelangweilt habe. Das alles, meinte ich, sei doch grauenhaft maschinenmäßig. »Ja,« versetzte er und seine munteren Augen wurden dabei ganz traurig, »ja, grauenhaft maschinenmäßig, das ist wahr. Armer Junge, ich fürchte, du wirst ein eisernes Zeitalter erleben, eine Zeit, wo die Maschinen mehr gelten werden als die Menschen.« Und nach einer Pause setzte er schwermütig hinzu: »Es ist seltsam und erschreckend, wie die materiellen Interessen alles zu zerreiben, zu verschlingen drohen. Du verstehst mich jetzt noch nicht, Michel; aber es wird ein Tag kommen, mein Knabe, wo du meine Besorgnis vor dieser alles und alle bestrickenden Macht des materiellen Besitzes begreifen wirst. Du bist jetzt nachgerade alt genug, um einzusehen, daß die alte Zeit nicht so gut und schön und rosenfarben war, wie der Phantast, der Fouqué, und andere Toren seiner Art sie geschildert haben; aber sie verehrte doch noch Götter, sie huldigte Idealen, wenn auch oft in bizarren und grotesken Formen. Schon unsere Gegenwart dagegen setzt eine so altkluge Miene auf, als wäre aller Kultus des Schönen, des Heiligen als eine abgetane Kinderposse nur so in die Rumpelkammer der Weltgeschichte zu werfen, und wenn das so fortgeht, werden die Menschen bald tun, als gäbe es gar keine ideellen Lebensmächte mehr. Dämon Mammon wird ihnen die Götter ersetzen. Neulich sah ich ihn nachts im Traume. Ob der in eine ungeheure qualmende Esse verwandelten Erde lastete er, ein riesiges Scheusal, ein Weltalp, und mit seinen schwarzen Riesenfledermausfittichen streifte er einen schönen Stern nach dem andern vom Himmelsgewölbe. Es war ein böser Traum.« Solche trübe Stimmungen des Vaters waren aber vorübergehend, und manchmal rettete er sich aus denselben mittels eines plötzlichen humoristischen Sprunges. So auch eines Tages, etwa ein Jahr nach meiner lyzeistischen Katastrophe, als ich, einen Auftrag des Freiherrn zu bestellen, abends den Vater auf seinem Geschäftszimmer aufsuchte. Er war nicht allein, denn an der Türe stand ein junger Bauerbursch, in der linken Hand einen verschlossenen Korb tragend, aus welchem ein halblautes Gescharre und Gepiepe kam, und mit den Fingern seiner Rechten verlegen seine pelzverbrämte Mütze drehend. Mein Vater saß mit aufgestemmten Ellbogen hinter seinem großen Aktentisch und starrte in einen vor ihm liegenden Brief. Seine Brauen waren zusammengezogen, und sein Blick hatte einen so seltsam wilden Ausdruck, wie ich noch nie an ihm wahrgenommen hatte. »Vater,« begann ich, »der gnädige Herr läßt dich grüßen und ...« Er sah auf, blickte mich starr an, und ein schwerer Seufzer brach laut über seine Lippen. »Was soll's?« fragte er rauh. Ich sagte, was ich zu sagen hatte, aber er nahm offenbar wenig oder gar nicht Notiz davon. »Ist dir unwohl?« fragte ich, da ich bemerkte, daß sein sonst so gesund rotes Gesicht ganz fahlblaß war. Er winkte nur abwehrend mit der Hand. Da bemerkte er den unglücklichen Bauerjungen an der Türe, und als bedürfte das Gewitter in seiner Brust einer gewaltsamen Entladung, schrie er ihn mit einer Donnerstimme an: »Was willst du, Kerl?« So ein Donnerschlag machte den armen Burschen vollends ganz datterig. Er ließ seine Pelzkappe fallen, stotterte einige unartikulierte Töne hervor, trat dann, wie mit einem verzweifelten Entschluß, dem Tische näher, stellte seinen Korb auf den Boden, öffnete den Deckel, und heraus sprang ein halbes Dutzend junger Hahnen oder Kapaunen, die sich bald mit verstörtem Gekluckse im Zimmer verbreiteten. »Holla, he, was soll das, du Kaliban?« schrie mein Vater. »Herr Kons'lent, Herr Kons'lent,« stammelte der Bursch, sich verzweifelnd mit beiden Händen hinter den Ohren kratzend. »Was denn? So tu doch das Maul auf, du Kreuzschwerenöter!« »Die Muotter, die Muotter,« stotterte der Unglückliche. »Was soll's mit deiner Mutter?« »Die Muotter hat halt g'moint ... von wegen der Streue im Birkachwäldle ... und derweil die Koppen Kapaunen. huir Heuer. so wohl g'raten sind ... und fett sind d' Dinger, 's ist wohr ... und, Tone, hat sie g'sagt, Tone, 's Schmiera und 's Salba hilft nummaeinist allethalba ...« »Was?« fuhr mein Vater los. »Bestechen will man mich? Mich mit Kapaunenfett schmieren und salben? Wart, ich will dich sogleich auch ein bißle salben. Wo ist mein Meerrohr? Du verdammter ...« Mitten in dieser drohvollen Diatribe hielt er aber inne, denn die schafsmäßige Miene des großen Jungen, der ganz verdattert Verduzt. dastand, machte ihn plötzlich hell auflachen. »Michel, fang die Bestien zusammen,« befahl er und ich brachte es unter großem Gekreische und Geflatter der Tiere glücklich zustande, diesen Befehl auszuführen. Mein Vater war aufgestanden und kam hinter dem Aktentisch hervor. »Herr Jesus, Herr Jemine!« stammelte der Bursch, einen Blick des Entsetzens in die Ecke werfend, wo das Meerrohr meines Vaters lehnte. Aber das gefürchtete Instrument wurde nicht in Tätigkeit gesetzt. Mein Vater nahm mir den Korb ab, in welchem ich die Kapaunen wieder verschlossen hatte, und trat damit auf den Jungen zu, welcher seinerseits sich so lange »rückwärts konzentrierte«, bis er an der Zimmerwand anstieß. Er hätte sich gern durch dieselbe gezwängt, wenn es nur möglich gewesen wäre. Bei meinem Vater hatte der Humor augenscheinlich den Zorn verdrängt. Er trat hart vor den Burschen hin, gab ihm den Korb, um dessen Tragring sich die Finger des Geängstigten mechanisch schlossen, und schnaubte ihn an: »Verstehst du Latein?« »La–la–la–latein?« stotterte der Bursch. »Aber du weißt doch, was eine Grabschrift ist?« »Sell Selbiges. ist numme eine Geschrift uf 'nem Grabkreuz, moin i.« »So was ungefähr, ja. Nun paß auf, Bursch, und schreib' dir's hinter deine langen Ohren. War 'mal vorzeiten ein wackerer römischer Legionssoldat. Als der zu sterben kam, verordnete er, daß man ihm auf seinen Grabstein die Worte grabe: ›Ich lebte, wie es einem freien Manne geziemt. Was ich gegessen und getrunken habe, ist mir zugute gekommen, sonst nichts‹ ... Verstehst du mich?« »Noi.« »Du ewiger Latsche! Der langen römischen Grabschrift kurzer deutscher Sinn ist: Selber essen macht fett. Das verstehst du doch, Boppel?« Boppel = Latsche. »Sell verstand i scho.« »Wohl, so tu danach und sag deiner Mutter, sie soll es auch so machen, das heißt notabene mir gegenüber. Die Streu im Birkachwäldle könnt ihr holen, will's dem Förster sagen ... und jetzt pack dich!« Am folgenden Morgen nach dieser burlesken Szene verreiste mein Vater für mehrere Wochen. Bei seiner Rückkehr war er ernst, fast düster gestimmt, wennschon er es zu verbergen suchte. Er sagte mir damals, als er eine Weile mit mir im Garten allein war, mit eindringlicher Betonung: »Michel, merk es dir, die Physiognomik ist doch keine ganz eitle Wissenschaft. 's ist etwas dran, ja, bei Wodan und Frouwa! Im übrigen, Junge, traue den Menschen nicht gar zu schnell und gar zu sehr, hörst du? Schaff dir beizeiten eine gehörige Portion Mißtrauen an. Man hat's nötig in dieser Hundewelt, das heißt, die Welt wäre schon recht und schön, aber die Menschen, die Menschen ... na, ich will fürder mißtrauisch sein trotz einem, mißtrauisch wie 'ne Gluckhenne.« Mit diesem Vorsatz ging es wohl kaum viel anders als mit seinem fast täglich erneuten und doch nie zur Ausführung gebrachten Entschlusse, die Gegenwart des Katers Murr beim Mittagessen nicht mehr zu dulden. Besagter Kater, nach dem berühmten Callot-Hoffmannschen genannt, war ein kolossales schwarz und grau getigertes Exemplar seiner Gattung und nahm in der Tierfreundschaft meines Vaters unmittelbar die Stelle nach dem alten Hylas ein. Er war dem Vater und uns allen über die Maßen anhänglich, seinem Hausgenossen Hylas brüderlich zugetan, gravitätisch wie ein Hidalgo Calderons, aber mit einem unausrottbaren Diebssinn behaftet. Solange bloß die Suppe auf dem Tische stand – Suppen behandelte Don Murr mit souveräner Verachtung – saß das Tier ganz ruhig und manierlich zwischen Hildegard und mir auf der Bank. Sobald aber das Fleisch kam, schlich sich unversehens eine der katerlichen Pfoten am Tischrand herauf und ein bald mehr, bald weniger unverschämtes Gehäkel bedrohte den Inhalt unserer Teller. Beachtete man diese Demonstration nicht, so stieß Don Murr ein Paar mürrische Mau, Mau als indianischen Kriegsruf aus, und wollte man auch das nicht verstehen, so erfolgte ein offener Angriff. »Was, schon wieder?« rief dann der Vater aus. »Wart, Murissime! Was, ein wissenschaftlich gebildetes Vieh wie du und stehlen! Da nimm dir den alten Hylas zum Muster, der geduldig wartend dasitzt, eine hündische Statue menschlicher, nein, unmenschlicher, übermenschlicher Bescheidenheit. Holla, Hildegard, nimm deinen Teller in acht! Hat man denn gar nie Ruhe vor der verdammten Bestie? Jetzt will ich sie aber beim Essen gewiß nie wieder im Zimmer haben. Fort damit!« »Aber, lieber Alter,« sagte meine Mutter, »das Essen schmeckt dir ja nicht, wenn dein wissenschaftlich gebildetes Katervieh nicht dabei ist.« »Warum nicht gar! Was ist das wieder für ein Einfall? Man dichtet mir doch wunderliches Zeug an!« »Behüte Gott, lieber Fritz. Du kannst recht wohl ohne den ewigen Störenfried sein. Schaff ihn hinaus, Michel.« »Ja, tu das, Michel, das heißt, da er nun doch einmal da ist, so gebt ihm 'was unter den Tisch. Tiere wollen auch leben, Gertrud, weißt du? Aber von heut' an soll er während des Mittagessens ins Exil geschickt werden.« Dazu lächelte dann meine Mutter, und wenn sie sich am folgenden Tage den Spaß machte, Don Murr vor dem Essen aus dem Zimmer zu entfernen, so traf regelmäßig ein, was wir alle erwartet hatten. Der Vater setzte sich, legte die Serviette über die Schenkel und tätschelte mit der linken den Kopf des würdigen Hylas, der unwankbar seinen Posten neben dem Stuhle seines Herrn einnahm. Dann griff der Vater zum Löffel, aß aber nicht, sondern gab allerlei Zeichen von Unbehaglichkeit, bis er endlich fragte: »Aber wo ist denn Sennor Murr?« Auf dieses Stichwort hin eilte meine Schwester oder ich, die Türe zu öffnen, und herein schoß das wissenschaftlich gebildete Vieh, den mächtigen Schweif bolzgerade in die Höhe gestellt und ein langgezogenes Miau des Triumphes ausstoßend. Die Tierliebhaberei meines Vaters war nur ein Ausfluß seiner Herzensgüte. Er aber behauptete umgekehrt, Liebe zu den Tieren mache den Menschen mild und gütig. Natürlich konnte es nicht fehlen, daß wir Kinder seine Liebhaberei teilten, und so hatten denn die Mutter und unsere zwei alten Mägde ihre liebe Not mit der bunten Menagerie, die sich in unserem Hause ansammelte. Nur die kriechenden Bestien waren ausgeschlossen, denn mein Vater tonnte sie so wenig leiden wie die kriechenden Menschen. Und doch verabreichte er mir eines Tages eine unvergeßliche Ohrfeige, da ich als kleiner Bube eine harmlose Blindschleiche mutwillig zertrat. Er lehrte uns auch seine mannigfaltigen Tierzähmungskünste, allein ich profitierte von diesem Unterricht lange nicht soviel wie mein Freund Fabian, welcher, wie der geneigte Leser seines Ortes sehen wird, später Tierliebhaberei und Tierzähmung ins Große trieb. Aber nicht allein gegen Tiere war mein Vater gütig und liebevoll, und es half ihm auch gar nichts, daß er, namentlich in späteren Jahren, zuweilen sich einbildete, ein Menschenfeind zu sein, und demnach das Rauhe herauszukehren suchte: die Leute wußten doch, daß der Herr Kons'lent niemals, soweit es überhaupt in seinen Kräften stand, eine gegründete Klage ungestillt lasse. Er war der allgemeine Vertrauensmann der ganzen Gegend, und mit Stolz und Rührung denke ich daran, daß mir später seitens alter Leute in meiner Heimat oft der Ausdruck dankbarer Rückerinnerung begegnete: »O, Herr Helmut, Euer Vater selig, der Herr Kons'lent, das war ein Männle! Der hatte ein Herz für die armen Leute! So einer tut nicht mehr leben. Und Eure Mutter selig, die Frau Gertrud, bei der hatte man eine Zuflucht in allen Nöten. O, Herr Jeremle, wie war die gut und fromm!« Ja, das war sie. Nie hat sie sich Ruhe gegönnt, solange sie in ihrer Nähe ein Leid wußte, welches sie zu lindern hoffen konnte. Die kleinen Schwächen, die ihr in Stunden anhafteten, welche mein Vater ihre Strickstunden zu nennen pflegte, traten vor ihren edlen und guten Eigenschaften weit zurück. In ihren Strickstunden konnte sie, wie wir sahen, eine energische Disputierlust entwickeln, welche der Vater gewöhnlich dadurch zu parieren suchte, daß er dieselbe mit irgend einer humoristischen Wendung für eine nur seiner eigenen Neigung zu Kontroversen zu Gefallen entfaltete ausgab. Er ließ auch merken, daß er diese Schwäche oder Stärke der Mutter für eine Folge der klösterlichen Erziehung halte; aber gerade hierin widersprach ihm die Mutter am hartnäckigsten. Was, einen solchen Schatten auf die Klöster im allgemeinen und vollends auf das Kloster Gnadenbrunn im besonderen fallen lassen? Nimmermehr! Der Vater mochte aber nicht so unrecht haben, denn die Nachwirkung der klösterlichen Erziehung auf meine Mutter war jedenfalls eine höchst bedeutende. Hierin hatte auch ihr brennender Wunsch, mich dereinst in Chorhemd und Meßgewand zu sehen, seine Wurzel. Obgleich ihre Frömmigkeit durch Bildung hinlänglich geklärt war, um keine dumpfe zu sein, hatte sie doch eine schwärmerische Vorstellung von der Würde des geistlichen Standes. Die großen Kirchenfeste waren für sie Herzensfeste. Da machte sie sich, zur Winters- wie zur Sommerszeit, vor Tagesanbruch mit Hildegard und mir nach Gnadenbrunn auf, wo sie von den älteren Schwestern mit einer Zärtlichkeit empfangen wurde, deren Fülle zu groß war, um aus eine Person gehäuft werden zu können. Daher bekamen auch Hildegard und ich unseren guten Anteil davon. Wir wurden da immer mit Küssen überhäuft und mit Leckerbissen vollgestopft, namentlich von der jüngsten Freundin meiner Mutter, der Schwester Berta, deren sanftes Madonnengesicht aus dem schneeweißen, wundervoll gefälteten Weihel so rosig hervorblühte. Einmal, am Fronleichnamsfest, als ich aus einem kleinen Jungen allmählich ein größerer geworden war und demnach den Willkommkuß der guten Schwester recht herzhaft erwiderte, zog sie sich hocherrötend zurück und flüsterte meiner Mutter zu: »Ich weiß nicht, Gertrud, dein Bub', der Michel ... er ist seit einem Jahre so gewachsen ...« – »O,« versetzte meine Mutter lächelnd, »mache dir keine Skrupel. Er ist ein Kind, ein pures Kind ...« – »Hm,« dachte ich und streckte mich gewaltig, »hat sich was mit dem puren Kind!« Und Schwester Berta dürfte ebenfalls meiner Ansicht gewesen sein, denn sie hat mich von da an nie wieder geküßt. Und du, Domine Zipfelius, antediluvianischer Magister und fossiler Philologe, wie oft hast du mich und wie selten hab' ich dich ergötzt! Den letzteren Umstand könnte ich jetzt fast bereuen, denn ich schulde dir Dank, aufrichtigen Dank, armer alter Hairle – aber was hättest du von all meiner Reue? Du bist längst hingegangen, wo die rätselhafte Textausgabe des Menschenlebens ihren befriedigenden Kommentar erhält – oder auch nicht. Aber mag es sich damit so oder so verhalten, dir sei die Erde leicht! Und sie muß es dir sein, denn bei allen Schrullen, die dir eigen waren, ist ein harmloserer Bücherwurm als du niemals durch die Griechen und Römer und Hebräer gekrochen. Aber ich tue dir noch im Grabe unrecht, guter Domine, indem ich das häßliche Wort kriechen auf dich anwende. Denn, o, du konntest fliegen, konntest dich aufschwingen in die höchsten Regionen klassischer Entzückungen. Hättet ihr ihn nur gesehen, den alten »verhutzelten« Benefiziaten, wenn ihm der ewig edle Wein antiker Poesie zu Kopfe stieg. Da war er gar nicht mehr der grämliche Alte, der menschenscheue Sonderling, da glaubte er an die schönen Götter und an die großen Menschen des Altertums, und wenn er diesen Glauben so recht manifestierte, vergaßen der Fabian und ich sogar seiner Brille und seiner furchtbaren Blicke, die er dahinter hervor oder vielmehr darüber hinweg auf uns zu schießen pflegte, wenn wir uns gegen die Feinheit einer Ciceroschen Periode gleichgültig verhielten oder eine ionische Form mit einer attischen verwechselten. Sehr oft hatten wir freilich ungeheure Mühe, unsere rebellischen Lachmuskeln zu bändigen, denn der gute Benefiziat hatte das Unglück, gerade in seinen höchsten Aufschwüngen sehr komisch zu erscheinen. Ich muß noch jetzt laut auflachen, wenn ich mir vergegenwärtige, wie der alte Hairle, des Aristophanes »Wolken« mit uns »traktierend«, bei dem Vers: In Lüften schweb' ich, forschend der Sonne Lauf – leibhaftig in die Position des Sokrates sich hineinversetzte, und während er mit weit auf die Nasenspitze vorgeschobener Brille in das Buch hineinbohrte, zugleich auf seinem alten Lederstuhl hin und her rutschte und mit den mageren Armen wedelte, als schwebte er wirklich in Lüften. Oder wenn ich daran denke, wie er die Horazsche Ode: »Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda tellus« Jetzt laßt uns trinken, jetzo mit freiem Fuß den Boden stampfen! heftig deklamierte und in wortgetreuer Befolgung der Aufforderung des Dichters wütend den Boden stampfte, daß dicker Staub aufwirbelte, und dabei, er, der geschworene Wassertrinker, in ein weitläufiges Lob des Feuers und der Blume von altem Falerner und Käkuber ausbrach und zuletzt, wahrscheinlich bemerkend, daß uns das Wasser im Munde zusammenlief, uns plötzlich anschnarrte: »Übrigens, puerculi, wißt ihr, daß der göttliche Pindar gesagt hat: das Beste sei Wasser.« – Spaßhaft war es auch, wenn er bei der schönen Ode: »O, matre pulchra filia pulchrior« O, der schönen Mutter schönre Tochter du! die Gegenwart, sich selbst und uns vergessend, lange vor sich hinbrütete, um dann mit weinerlich elegischer Stimme zu rezitieren: ....... »Mich auch entflammte Die Glut der Brust in süßer Jugend« und schließlich, wahrnehmend, mit wie großen Augen wir ihn anguckten, heftig den Kopf schüttelte, eine furchtbare Prise in seine Nase schob und murrend sagte: »Das ist dummes Zeug, Bursche, purer, blanker Unsinn – proh dolor! Hütet euch vor Allotriis! Die Weibsstücker – in die Gehenna mit ihnen, mit allen!« – Der arme Benefiziat – die »Glut«, welche ihm »in süßer Jugend« die Brust entflammt hatte wie dem unsterblichen Dichter der Philosophie des »Nil admirari!« Nichts bestaunen! mußte zweifelsohne in sehr unsanfter Weise gelöscht worden sein – der arme Benefiziat ließ keine Gelegenheit vorübergehen, gegen das schöne Geschlecht loszuziehen, wobei ihm aber doch in seiner Zerstreutheit manchmal eine entgegengesetzte Äußerung entwischte. Als wir eines Tages in der Ilias an die schöne Stelle kamen, wo erzählt wird, wie Priamos und die anderen greisen Häuptlinge der Troer auf der Turmzinne am skäischen Tore saßen und Helena dahergewandelt kam und die alten Herren bei ihrem Anblick entzückt in die Worte ausbrachen: »Niemand tadle die Troer und hellumschienten Achaier, Daß um ein solches Weib sie so lang ausharren im Elend. Einer unsterblichen Göttin fürwahr ja gleicht sie von Ansehen!« da wiegte unser Präzeptor sinnend das groteske Haupt und sagte nachdenklich: »Sie muß in der Tat sehr schön gewesen sein, diese Helena, sehr schön – was meint ihr?« ... Aber er ließ uns keine Zeit zum Antworten, sondern sagte, wieder ganz Zipfel, in seinem polterndsten Tone: »Die jämmerlichen alten Narren! Na, das höllische Weibsstück hat ihnen 'ne hübsche Suppe eingebrockt ... Perge im Text, Fabian!« Als wir nach beendigter Stunde zum Mittagessen heimgingen, sagte ich unterwegs zu meinem Mitschüler, der alte Hairle möge pfuchzen, Pfuchzen, pfauchen, fauchen = zornig tun. wie er wolle, die Helena müsse doch ein verflixt schönes Weibsbild gewesen sein. So schöne gebe es wohl gar nicht mehr. »Das glaub' ich doch nicht,« meinte der Fabian. »Ah, du glaubst, es gäbe noch solche?« »Ja.« »Dann meinst du Isolde.« »Nein, nicht Isolde.« »Wen denn?« »Hildegard.« »Dummes Zeug! Wo hast du deine Augen? Aber das ist lustig – ich will's dem kleinen Nickel sagen, daß du sie für eine Helena ansiehst.« »Tu das nicht, Michel,« bat Fabian ängstlich, »tu das nicht! Es könnte Hildegard verdrießen, denn weißt du, die Helena war im Grunde doch ein schlimmes Weibsbild.« Mein Vater gab dem einseitig klassischen Unterricht des Benefiziaten von zwei Seiten her ein wohltätiges Gegengewicht. Er leistete nämlich meiner erwachenden Neigung, mich mit unseren vaterländischen Altertümern bekannt zu machen, eifrigen Vorschub und regte mich zur Erlernung der modernen Sprachen an, das heißt der englischen und italischen, denn die französische haßte er und ließ es daher mit geheimer Befriedigung geschehen, daß ich sie vernachlässigte. Isoldes Erzieherin erteilte einen ganz leidlich guten Unterricht in den neueren Sprachen, in welchen die Tochter des Freiherrn und meine Schwester schon recht ordentlich Bescheid wußten. Da war es denn erbaulich anzusehen, wie die beiden Mädchen an dem Michel herumkultivierten und sprachmeisterten. Der Michel hatte es wirklich nötig und ließ es sich auch mit ziemlich guter Manier gefallen, besonders von seiten Isoldes. Weniger geduldig nahm ich es hin, wenn auch den Freiherrn zuweilen die Laune anwandelte, mich ein »bißle zu schnitzeln«, wie er sagte. Zwar, solange dieses Schnitzeln sich auf die Disziplinen des Reitens, Fechtens, Jagens und Schießens bezog, war ich sein geduldiger und auch ziemlich gelehriger Schüler; sowie aber der gute Herr darauf ausging, mich zum Adepten seiner keltomanischen Mysterien zu machen, ging mir die Geduld aus, um so mehr, da ich in Nachahmung meines Vaters ein heftiger Germane war. Der Freiherr mochte sich noch so sehr abmühen, mir Interesse an seinen keltischen Kromlechs, Wagsteinen, Dolminen und Kist-ven beizubringen, es ging nicht. Auch die Druiden und sogar die Druidinnen ließen mich kalt, und selbst von dem Waschbecken der Göttin Ceridwen und von dem mythischen Wonneeiland Avalon wollte ich nicht viel wissen. Dagegen entzückten mich die Götter- und Heldensagen der Edda und der Heimskringla, welche mir der Vater dolmetschte, und ich gab natürlich diesem im stillen immer recht, wenn er in hitzigem Disput mit dem Freiherrn die keltischen Hypothesen desselben bekämpfte und schon dem »Steinalter«, dem »Bronzealter« und dem »Eisenalter« unerbittlich den germanischen Charakter vindizierte. Der Vater und ich hatten auch dem Freiherrn gegenüber ein kleines Geheimnis mitsammen. In der freiherrlichen Sammlung von Altertümern befand sich nämlich als ein hochgeschätztes Prachtstück der Mithrasstein, welchen der Freiherr in der von ihm gefundenen oder erfundenen Mithrashöhle im Weißachforst richtig ausgegraben hatte. In der Tat zeigte dieser Stein, wenn auch nur in roh eingekritzelten Umrissen, die reliefartige Darstellung des Mithrasmythus: den Jüngling Mithras mit der phrygischen Mühe auf einem Stier kniend, welchem er ein Messer in den Hals stößt – bekanntlich die Befruchtung der Erde durch die Sonne symbolisierend. Der Freiherr hatte an diesem Fund eine wahrhaft kindliche Freude, und mein Vater war nicht so grausam, sie zu stören. Aber er konnte nie an dieser Zierde des freiheitlichen Museums vorübergehen, ohne still vor sich hin zu lächeln, und er wußte wohl warum. War er doch, als der Freiherr nicht lange nach jener Morgenbegegnung seinen Fund triumphierend vorwies und ich dabei ein boshaftes Feixen nicht ganz verbergen konnte, so lange in mich gedrungen, bis ich nicht mehr leugnete, welche unsägliche List, Geduld und Mühe ich mir es hatte kosten lassen, um, nachdem ich in der väterlichen Bibliothek ein Mithrasbild aufgestöbert, dasselbe mit äußerster Anspannung meines kleinen Talents zum Zeichnen auf einem gehörig verwittert aussehenden Stein nachzukritzeln, dann die fragliche Mithrashöhle auszukundschaften und in einer Ecke derselben den gloriosen Stein zu vergraben. Ich hatte freilich bei Ablegung dieses Geständnisses die bittere Erfahrung machen müssen, daß ein Betrug mitunter zum Glück des Betrogenen und zu sehr fühlbarem Unglück des Betrügers ausschlagen könne. Aber auch diese Wolke am heiteren Himmel meiner Knabenzeit ging vorüber. Allerdings war ich schon nicht mehr in dem Alter, wo man die Last der großen Sorge, genannt Menschenleben, noch gar nicht auf den Schultern fühlt; aber wenn sie sich dann und wann ankündigte, so übte sie doch nur einen Flaumdruck aus. Wie waren wir vier Kinder, Isolde, Hildegard, Fabian und ich, so glücklich in unserer Freundschaft, unserer harmlosen Fröhlichkeit, in unseren Spielen, sogar in den Mühen des Lernens. Wir hielten zusammen, als müßte es für das ganze Leben so sein, als könnte es gar nie anders werden. Noch nötigte uns nichts, mit unseren Gedanken in der Zukunft zu leben, noch war für uns alles frischlebendige Gegenwart. Das Herz wird mir weit und weich, indem ich dieses schreibe und mich in die Erinnerung an Szenen meines Jugendidylls versenke. Ich sehe mich wieder mit meinen Gefährten durch Feld und Wald streifen, über die Felsen klettern und am Bache hinschlendern, Blumen pflückend, Pickelflöten aus Weidenrinde fertigend, singend, lachend, Geschichten erzählend, tausend Possen treibend. Ich sehe uns auf der Gondel über den Parkweiher hingleiten und sehe uns bei der Mutter Fabians um den weißtannenen Tisch sitzen, mit Kinderappetit die »Sträuble« vertilgend, welche uns die gute Frau zum Namenstag ihres Knaben gebacken. Ich höre noch, wie Isolde fröhlich in die Hände klatschte und ihr Vater ein beifälliges Sternmillionenkreuzdonnerwetter losließ, als es mir zum erstenmal tadellos gelang, auf dem feurigen Schweißfuchs über die Barriere zu setzen, und ich glaube noch in diesem Augenblick zu fühlen, wie laut und stolz mir das Herz an die Rippen pochte, als ich drüben im Jungholz an der Breunighalde an der Seite meines freiheitlichen Gönners meinen ersten Bock schoß, meinen ersten Rehbock, wohlverstanden. Trotz dieser nicht unglücklichen Versuche in den noblen Passionen und trotzdem, daß mich die gute Schwester Berta droben in Gnadenbrunn nicht mehr küssen wollte, war ich eigentlich noch so ziemlich ein vollkommener Kindskopf. Die reine Atmosphäre, in welcher ich aufgewachsen, hatte meine Seele vor jeder vorzeitigen Trübung bewahrt. Deshalb, lieber Leser, kann ich so heiter und darf ich zugleich so sehnsüchtig mit Rückert sagen: Aus der Kinderzeit, aus der Kinderzeit Klingt ein Lied mir immerdar; Ach, wie liegt so weit, ach, wie liegt so weit, Was mein einst war! Sechstes Kapitel, worin der Satz bewiesen wird, mit welchem es anfängt. Aber aus Kindern werden, wie bekannt, mit der Zeit Leute. Es war im »Öhmdet«, das heißt der zweite Grasschnitt lag zum Trocknen auf den Wiesen und die Bergwälder machten schon da und dort Miene, ihr buntes Herbstkleid anzuziehen, als wir fünfe eines schönen Nachmittags am Wasserfall hinabstiegen, den Steg bei der Mühle überschritten und dann rechtshin das Tal hinabgingen. Ich sagte: wir »fünfe«, denn Berthold war auch mit dabei und ging mit Hildegard voran. Hoch aufgeschossen, bewegte er sich dennoch mit einer Turnüre, welcher man ansah, daß der Tanzmeister seine Schuldigkeit an ihm getan, und trug die kleidsame Ulanenuniform mit viel Bewußtsein. Die Sporen klirrten ihm romantisch an den zierlichen Stiefeln, und von Zeit zu Zeit gab seine blanke Säbelscheide einen gar ritterlichen Klang. Er hatte auch Grund, den Kopf hoch zu tragen, denn die Goldborte, welche den roten Kragen seiner blauen Uniform säumte, sagte deutlich genug, daß der Herr Regimentszögling auf der letzten Vorstufe zur Leutnantschaft glücklich angelangt sei. Endlich war es auch motiviert, daß der junge Herr mit Zeigefinger und Daumen häufig die Gebärde des Schnurrbartdrehens machte, denn seine Oberlippe wies in der Tat die flüchtige Andeutung eines Bartes der Zukunft auf. Wenn du der Meinung sein solltest, lieber Leser, diese Worte haben einen neidgelben Anstrich, so kann ich dir nicht ganz unrecht geben. Ja, ich beneidete den Berthold recht ordentlich um sein glänzendes Auftreten, und dieses Unbehagen wurde noch erhöht durch ein unklares Gefühl der Besorgnis, welches mich ergriff, wenn ich sah, mit was für bewundernden Blicken mein Schwesterlein den angehenden Kriegsmann betrachtete. Die arme Hildegard hatte in der Naivität ihrer fünfzehn Jahre noch nicht gelernt, ihre Augen zu beherrschen, und jetzt hatte sie, ich sah es wohl, ihre Freude daran, daß Berthold es immer zu machen wußte, der Schmalheit des Fußpfades zum Trotz ihr zur Seite zu bleiben. Es waren drei Jahre verflossen, seit Berthold zum Regiment gekommen und ich dem Benefiziaten zum »Geschnitzeltwerden« übergeben worden. Vor zwei Jahren, als Berthold seine erste Urlaubszeit zu Hause zugebracht hatte, war er noch so ziemlich der alte wilde, aber gute Bursch gewesen. Diesmal war es anders. Berthold kam als angehender oder gar schon als angegangener Dandy, der ziemlich deutlich merken ließ, daß er sich als künftigen Offizier und Freiherrn fühlte. Das mochte noch hingehen; aber daß in dem Gebaren des Jugendkameraden mitunter ein gewisses Etwas vortrat, welches andeutete, daß derselbe von Blasiertheit wenigstens schon habe läuten hören, das berührte mich höchst widerwärtig. Ich konnte mir freilich über diesen Widerwillen um so weniger Rechenschaft geben, als mir der junge Herr anfangs durch sein herrenmäßiges Benehmen fast nicht weniger imponierte als dem schüchternen Fabian; aber ich wurde in meinem Gefühle dadurch bestärkt, daß ich den Vater in einem unbewachten Augenblicke zur Mutter sagen hörte: »Was für ein verhenkerter Zieraff ist der Berthold geworden!« Von Hildegard und dem jungen Kavalier richteten sich meine Blicke auf Isolde, die ebenso schweigend vor mir herging, wie Fabian hinter mir. Ich weiß noch ganz gut, daß das junge Mädchen ein leichtes Sommerkleid von heller Farbe trug, welches die knospenden Formen ihrer Schönheit hervortreten ließ. Sie hielt ihren Strohhut lässig in der linken Hand, und so glänzte ihr wunderbar schönes Haar hell in der Sonne. Mit ihrer zarten, weißen Hand streifte sie im Gehen gedankenvoll die Blätter von dem Erlengesträuch am Wege. Meine Blicke hingen an der schlanken, anmutvollen Gestalt und – diese Blicke waren nicht mehr so ganz die eines Knaben. Nun, ich war denn auch kein Knabe mehr. Hatten wir nicht, der Fabian und ich, vor vierzehn Tagen in der Hauptstadt das Maturitätsexamen siegreich bestanden? Hatte ich mir nicht bei dieser Gelegenheit eine burschikos aussehende Mütze gekauft, um mich damit als angehenden Studenten zu manifestieren, der binnen wenigen Wochen die Universität beziehen sollte? Hatten wir nicht, der Fabian und ich, drüben in Guhlhausen auf dem freiherrlichen Sommerbierkeller im geheimen die furchtbaren Proben des Tabakrauchens und des Vor- und Nachtrinkens so bestanden, daß uns nachher Fabians Mutter mittels schwarzen Kaffees von den Folgen dieser studentischen Experimente kurieren mußte? Nein, ich war kein Kind mehr. Und doch wieder noch Kind genug, daß mir Isoldes Benehmen in letzter Zeit höchst wunderlich vorkam? Warum war sie bei aller Freundlichkeit doch so einsilbig gegen mich? Überhaupt hatte es mir oft scheinen wollen, als ob zwischen uns vier, Isolde, Hildegard, Fabian und mich, etwas Störendes getreten sei. Schon vor Bertholds Ankunft. Äußerlich zwar hatte sich nichts geändert, denn offenbar hatte weder der Freiherr, noch hatten meine Eltern einen Grund, trennende Schranken zwischen uns Kindern aufzuführen. Sie waren wohl nicht der Ansicht der modernen und modernsten Erziehung, welche es liebt, junge Leute wie wilde Tiere voneinander abzusperren. Kommen dann die beiden so peinlich voneinander getrennten Geschlechter mit Zeit und Gelegenheit dennoch plötzlich zusammen, so verwundern sie sich gegenseitig höchlich, daß sie gar nicht wild, sondern ganz zahm seien, daß sie einander keineswegs etwas zuleide, sondern im Gegenteil alles zuliebe tun möchten, und aus dieser Überraschung entspringen oft seltsame Geschichten. Vor solcher Verwunderung und Überraschung waren wir gesichert: wir hatten die Kinderschuhe mitsammen ausgetreten, aber wir hatten sie ausgetreten. Ja, wir alle waren keine Kinder mehr. Es ist, denke ich, unbestritten und unbestreitbar, daß der Schmetterlingsflügelstaub der Unschuld an Mädchenseelen viel länger und inniger haftet als an Knabenseelen. Aber wenn mich nicht alles täuscht, dürfte die Behauptung, daß der Unterschied des Geschlechtes dem Mädchen trotzdem viel früher als dem Knaben zum Bewußtsein komme, wenn auch nur dunkel und unschuldsvoll, keine ungerechtfertigte sein. Der Instinkt, welcher, geistig potenziert, zugleich die höchste Tugend des Weibes ausmacht, die Schamhaftigkeit, läßt die feinen Nervenfühlfäden eines jungen Mädchens vor einem männlichen Jugendgenossen auf einmal scheu zurückbeben, während des letzeren gröberes Nervengeflecht noch in harmloser Ruhe verharrt. In diesem Falle hatte ich mich befunden, als ich bemerkte, daß Isolde immer zurückhaltender gegen mich wurde. Ich schalt es brummig eine dumme Laune, wenn sie sich mit meiner Schwester von mir und Fabian absonderte. Dieser jedoch, eine feiner organisierte Natur als ich, hatte wohl ein tieferes und richtigeres Gefühl für die Sache. Wo ich über das, was ich alberne Mädchengrillen nannte, nur lachte, wurde er traurig, und seine Traurigkeit wuchs nach der Ankunft Seiner sporenklirrenden freiherrlichen Gnaden, des Herrn Ulanenleutnants in spe . Was mich betrifft, ich meinte, nachdem ich erst einmal gefunden, es sei dumm, vor den Sporen, dem Säbel und dem roten Kaskett des Junkers Respekt zu haben, ja, ich meinte, Berthold spiele mit seiner affektiert militärisch-lakonischen Sprache und mit seiner Lorgnette, die er – notabene, wenn es sein Vater nicht sah – mit so ungeheuerlichen Grimassen in den rechten Augenwinkel kniff, eigentlich mehr eine skurrile als heroische Rolle. Isolde verriet zwar nicht durch Worte, zeigte aber durch ihr Benehmen, daß sie meiner Meinung sei. Der Ernst ihres Wesens, in letzter Zeit ohnehin selten und immer seltener durch die Anflüge der ihr sonst eigenen anmutigen Schalkhaftigkeit unterbrochen, schien sich dem Hasenfuß von Bruder gegenüber zu verdoppeln. Eines Abends, als wir in unserm Garten in alter guter Weise mitsammen Musik machten und unsere guten alten Lieder sangen und Berthold nicht mitsang und schließlich mit vornehmer Herablassung meinte, es sei doch »affrös«, daß man auf dem Lande so gar nichts von den »pompösen« – pompös und affrös waren Lieblingsausdrücke des jungen Kriegers – neuesten Opern wisse, und dabei so »sparrefantelig«, wie unsere Bauern sagen, seinen zukünftigen Schnurrbart drehte und mit der Lorgnette manövrierte, hörte ich seine Schwester leise zu meiner Mutter sagen: »Aber Mütterle, wird man denn in den großen Städten – so unausstehlich?« – »Was fällt dir ein, Kind?« entgegnete meine Mutter. »Berthold lebt in der Residenz, da muß er eben tun, wie es dort Mode ist.« – Die Mutter hatte eine Schwäche für ihren Pflegesohn und, die Wahrheit zu sagen, er seinerseits benahm sich gegen sie so, wie es der ursprünglich gesunden und guten Anlage seines Wesens entsprach. Meine gute Mutter mochte die unvorteilhafte Veränderung, welche mit Berthold vorgegangen, mit dem Hang zur Renommisterei entschuldigen, welcher Jünglingen anklebt; in den Augen von meiner Mutter Tochter dagegen bedurfte Bertholds Benehmen gar keiner Entschuldigung, und alles zusammengenommen, war es denn doch eben kein Wunder, daß ein fünfzehnjähriges Mädchen den wiederkehrenden Jugendgespielen, der trotz seiner Lorgnette und trotz alledem und alledem in seiner blanken Uniform ein verteufelt hübscher Bursch war und seine frühere Gespielin noch immer so augenscheinlich bevorzugte wie vordem, nicht mit bösen Augen ansah. Wir strichen lange zwecklos durch Wiesen und Wälder. Da ich für meine Person des Aristoteles Definition vom Menschen als einem »Politikon Zoon« Geselligen Tier. durchaus rechtfertige, so ist brütende Schweigsamkeit nie sehr meine Sache gewesen. Ich versuchte also ein Gespräch mit Isolde anzuknüpfen, aber das junge Mädchen war heute so ungewöhnlich ernst und gab mir so einsilbige Antworten, daß ich den Versuch nicht weiter trieb und ein paar Schritte zurückblieb, um auf Fabian zu warten. »Du,« sagte ich unwirsch zu ihm, »unser Domine Zipfelius hat am Ende doch recht, was die Weibsstücker anlangt. Was, zum Henker, ist denn in die beiden Mädle gefahren? Sie tun ja nur so, als ob wir beide gar nicht mehr auf der Welt wären!« »O, du kannst dich nicht beklagen,« versetzte der Fabian, »aber ...« Er brach ab und seufzte, der gute Junge, und lugte mit trüben Blicken nach vorne, wo Berthold und Hildegard noch immer schäkernd und lachend nebeneinander hergingen. »Mira!« Meinetwegen! Mir einerlei! sagte ich, den Kopf aufwerfend, und so recht mit dem kindischen Trotz meines Alters zog ich meine bis dahin vor jedermann, den Fabian ausgenommen, verheimlichte Pfeife hervor und erfüllte, recht breit vor Isolde einhertölpend, die klare, milde Luft mit den renommistischen Wolken einer Tabakssorte, die gerade nicht zu den feinsten gehörte. »Armer Michel!« hörte ich Isolde leise hinter mir sagen. Ich wollte nicht, aber ich mußte mich doch umkehren. Das gute schalkhafte Lächeln von ehedem umspielte den reizenden Mund des jungen Mädchens. »Warum armer Michel?« fragte ich so majestätisch, als ich nur immer vermochte, und blies eine neue Wolke in die Luft. »Weil Fabians Mutter jetzt mit ihrem schwarzen Kaffee nicht bei der Hand ist.« »Verdammt!« dachte ich. »Wie hat die Dundershexe jene schwarze Kaffeegeschichte erfahren?« Sprach's bei mir, kehrte mich um, stapfte wütend an Berthold und Hildegard vorbei und rauchte, als müßte ich heute noch allen Tabak auf der weiten Welt aufrauchen. Aber, seltsam zu sagen, schon nach einigen Minuten überfiel mich eine Art Angst, ich möchte mit meinem Gerauche in den Augen Isoldes doch recht lächerlich erscheinen, und – die Pfeife verschwand wieder in meiner Tasche. Da wir lange und weit gegangen, ruhten wir, auf dem Rückweg begriffen, an der einsamen Breunighalde aus. Auf der waldumsäumten Wiese lag das halb gedörrte Öhmd in »Schochen« aufgehäuft. Wir nahmen uns solche Schochen zu Ruhepolstern und hörten dem Berthold zu, welcher von den Herrlichkeiten des Residenzlebens erzählte. Er war so recht im Zuge, und ich war einfältig genug, mich darüber zu ärgern. Zuletzt machte ich meinem Witzmut in einem unhöflichen Gähnen Luft, stand auf und ging in den Wald, wo ich mich grämelnd auf das Moos niederwarf. Aber eine wunderliche Unzufriedenheit mit mir selbst, mit meinen Freunden, mit der ganzen Welt ließ mir keine Ruhe und trieb mich wieder auf die Wiese hinaus, wo ich mich abseits von den andern auf einen Öhmdhaufen warf. Isoldes Spott ging mir im Kopfe herum. »Jetzt verhöhnt sie dich vollends,« dachte ich, »das fehlte noch! Aber was kümmert's mich?« – Und doch kümmerte es mich gewaltig. Zuletzt duselte ich ein, von Hitze, Müdigkeit und Verdruß erschöpft. Ich mochte ziemlich lange geschlummert haben, denn als ich die Augen wieder auftat, lag der rote Schein der Abendsonne auf der einsamen Waldwiese. Fabian, Berthold und Hildegard befanden sich nicht in meinem Gesichtskreis, aber ich mochte auch gar nicht nach ihnen ausschauen, denn unfern von mir erblickte ich Isolde. Gesenkten Blickes kam sie mit zögernden Schritten auf mich zu. Ich rührte mich nicht, aber das Herz hämmerte mir in der Brust, als wollte es mit Gewalt heraus. O, wie war das junge Mädchen schön! Mir schien, die Abendsonne wöbe eine leuchtende Gloriole um das liebliche Gesicht. Aber es war Isoldes Goldhaar, welches in den roten Sonnenstrahlen glänzte, die durch das Buchenlaub zitterten. Leser, ich bin leider kein Poet und kann es daher nicht versuchen, den seligen Wirrwar der Gefühle, welcher mich in jenem Augenblick überflutete, dir zu beschreiben. Genug – auch in deiner Brust hat ja wohl einmal der himmelan jauchzende Lerchenschlag geklungen, welchen die Menschen erste Liebe nennen. Er tirilierte jetzt in meiner Seele – hell, laut, wunderbar! War es heilige Scheu, fromme Befangenheit, war es instinktartige List – was weiß ich? – ich blieb unbeweglich und stellte mich schlafend, während doch mein ganzes Wesen so wach war, daß ich durch die geschlossenen Augendeckel zu sehen glaubte. Isolde kam näher, immer näher, ich hörte ihren leisen Tritt auf den duftenden Öhmdschwaden. Jetzt stand sie wieder stille, zögerte, hob wieder das zierliche Füßchen, setzte es unschlüssig nieder, dann leise, leise vorwärts, bis sie mir zur Seite stand. Was wollte nur das Mädchen? Ich fühlte den Blick ihrer süßen Veilchenaugen auf meinem Antlitz. Jetzt machte sie eine Bewegung – ich blinzelte vorsichtig – Isolde hatte sich gebückt und machte sich mit beiden Händen auf dem Boden zu schaffen – ich riskierte es, für einen Moment die Augen weiter aufzumachen – sie sammelte Grashüpfer, die wir in unserer Gegend Heuschrickel oder Heustöffel nennen – erhob sich dann, ließ dann ihre Blicke rasch auf der Halde umhergehen – der Michel schlief wieder, aber im nächsten Augenblick hatte er große Mühe, zu schlafen, denn, von Isoldes Hand auf ihn niedergestreut, krabbelten und kribbelten die behenden Tierchen in seinem Kraushaar. Also auf einen Kinderscherz war es abgesehen? – Ich meinte zu sterben vor Schmerz und Zorn. Aber ich hielt stille und schlief. Isolde beugte sich zu mir herab und mußte sich auf ein Knie gesenkt haben, denn ihr Atem streifte meine Wange. Durch das Pochen meines Herzens hindurch meinte ich das ihrige schlagen zu hören. Ihre weiche Hand legte sich, sachte auf meine heiße Stirne und glitt dann linde an meiner Wange herab. Mit gewaltsamer Selbstüberwindung hielt ich die Augen geschlossen. Ein banger Atemzug des Mädchens, ein leiser Seufzerhauch – und rasch, wie der Gedanke, süß und keusch wie Blumenodem streifte ein Kuß über meine Lippen hin. Da, wie hätte es anders sein können? – da schlossen sich meine Arme um den Nacken Isoldes und hielten die teure Beute an meine Brust gepreßt. Sie stieß einen Schrei jungfräulichen Schreckens aus. »Du bist mir gut, Isolde?« flüsterte ich, trunken von Glück. »O!« Sie sagte nur dieses, nur die eine Silbe, und fuhr bebend und verwirrt empor. Ihre Wangen erblaßten, ihr Blick war der eines verwundeten Rehs, und wie ein solches lief sie die Halde hinab, sich im Dickicht zu bergen. Indem ich ihr folgte, ging ich wie in Lüften, wie in Sternen, kurz so, wie du, mein Leser, wohl auch einmal gegangen bist, und wenn nicht, so laß mich dich herzlich beklagen. Ich holte Isolde in dem Waldstreifen, der talwärts die Halde säumt, nicht mehr ein. Schon eilte sie jenseits des Baches den Hain hinauf, und dort gingen auch Berthold und Hildegard Hand in Hand. Aber am Waldsaum stieß ich auf Fabian, welcher bleich und verstörten Auges an dem Stamm einer Tanne lehnte, unfern drüben den Rain hinangehenden Freunden nachstarrend. »Was hast du denn?« fragte ich ihn. »Er hat sie geküßt!« stammelte er. »Wirklich?« »Und sie hat ihn wieder geküßt!« Er preßte es mühsam hervor, der arme Junge. Dann warf er sich zu Boden, verbarg sein Gesicht im Moose und weinte bitterlich. Zweites Buch Theorie Erstes Kapitel Eine Warnungstafel. – Von einem heiligsten Wunder. – »Treib das Kalb aus!« – Ein Gewissensbiß und ein altes Sprichwort. –»Ade nun, ihr Lieben!« – Eine Haarschnur, ein Dolchstoß und eine schwarze Kluft. – Debut in der Renommisterei. – Jung und töricht. Indem ich die Feder wieder ansetze – Leser! schon dieser hausbackene Ausdruck kann dir verraten, daß du es mit einem ziemlich altfränkischen Menschen zu tun hast – also, indem ich wieder die Feder ansetze, meine Denkwürdigkeiten oder, bescheidener gesprochen, meine Erinnerungen weiterzuführen, muß ich als ehrlicher Mann hier eine Warnungstafel aushängen. Darauf steht geschrieben: »Man hüte sich vor Illusionen!« Nämlich ich kann der zarten Leserin und dem gewiegten Leser, welche dieses Buch zur Hand nehmen sollten, durchaus nicht versprechen, daß dasselbe den neuesten Zuschnitt novellistischer Mode tragen werde. Ich bin jederzeit gern meinen eigenen Weg auf meine eigene Weise gegangen, und so schreib' ich auch. Ich verstehe mich nicht auf die novellistische Schmeichelkunst, in deren Besitze die beliebten Erzähler des Tages je nach der gerade herrschenden Windströmung heute der Fürstenschaft und morgen der Pfaffheit zu Hofe kriechen, da dem Adel schmeicheln und dort die Bourgeoisie streicheln, hier die liebe Bauersame mit Hegelei überzuckern und weiterhin das Proletariat zur Quintessenz der Menschheit erheben. Ich vermag mich schlechterdings nicht zu jener Höhe liebedienerischer und dabei geschäftemacherischer Verlogenheit hinaufzuschwindeln, von welcher Höhe herab unsere großen Novellisten je nach der novellistischen Nachfrage den Baron oder den Kaufmann, den Professor oder den Dachdecker, den Pastor oder den Bauer, den Schulmeister oder den Fabrikarbeiter den Leuten als ein Ideal vorzudemonstrieren wissen. Auch in der Pariser Romanküche, wo man Katzen in Fasanen verwandelt und Frösche zu Krammetsvögeln herrichtet, bin ich nicht in die Schule gegangen. Ich verstehe nichts von solcher Kochkunst. Zwar werde ich im weiteren nicht bloß, wie bislang, Idyllisches, sondern leider auch modernst Leidenschaftliches und sogar Schreckliches zu erzählen haben, aber ich gestehe zum voraus meine Ungeschicklichkeit, solchen Gerichten jenes Parfüm französischer Fäulnis anzuraffinieren, welches ja auch in deutschen Damenboudoirs so wohlgelitten ist oder wenigstens noch vor kurzem war. Ich schreibe sozusagen ganz zwecklos und zunächst zu meinem eigenen Vergnügen, habe auch die altväterische und, wie ich wohl einsehe, sehr unzeitgemäße Neigung, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Das ist töricht und doppelt töricht zu einer Zeit, wo die Poloniusse, welche auf Verlangen in einer und derselben Minute eine Wolke für ein Kamel oder für ein Wiesel oder für einen Walfisch ansehen, zu Dutzenden in der Literatur herumlaufen. Aber es kann doch, in Gottes Namen, nicht jeder ein Polonius sein. Es werden daher in meiner Erzählung keine Diebe und Mörder figurieren, die eigentlich philosophische Tugendspiegel sind, es werden darin auch keine Marienblumen und andere Magdalenen heilig gesprochen, und selbst die Bauern – denn auch von Bauern werde ich zu reden haben – werde ich auftreten lassen, ohne sie vorher zum Umkleiden und Parfümieren in eine ästhetische Trödlerbude zu schicken, sogar auf die Gefahr hin, daß ihre »natürliche« Natur ihnen den Zutritt in Kreisen versperre, wo überhaupt nur Masken gern gesehen sind. Nachdem ich so meinem Gewissen genug getan, kann ich nur sagen: Leser, bleib zurück oder komm mit! Entschließest du dich zum Mitkommen, so wirst du ein Stück Leben sehen, wie es ist. Das Gewöhnliche wie das Ungewöhnlichste, das Alltägliche wie das Furchtbarste, was ich dir erzählen werde, ist mit photographischer Treue aus der Wirklichkeit herausgegriffen. Als eines der höchsten und heiligsten Wunder »in dieser Welt des Atmens« ist mir immer erschienen, daß eine Mutter nie müde wird. Diese Liebe, wahrlich, sie ist, wie das Hohelied singt, »stark wie der Tod«. Ja, man könnte, ohne gerade ein Schwärmer und Phantast zu sein, sich manchmal einbilden, daß Mutterliebe selbst über Tod und Grab hinausdauere. Hast du nie einen Moment erlebt, wo du, niedergedrückt vom tiefsten Leid, verzweiflungsvoll aufblickend, plötzlich wieder jene Augen voll Beschwichtigung und Trost auf dir ruhen fühltest, jene Augen, die deinem ersten Blicke begegneten, die Augen deiner Mutter, welche hingegangen, während ein letzter Segenswunsch für dich auf ihren erblassenden Lippen verzitterte? Der Mutter Segen baut den Kindern Häuser – ja, und er tut noch viel Besseres, Heiligeres: er verleiht dem Menschen das Bewußtsein, daß es Bande gebe, die nur dann brechen können, wenn die Kreatur aus dem Kreise des Menschlichen hinausgerissen wird ins Ungeheure, wo der Mensch nur noch ein gräßliches Zerrbild seines Wesens ist. Wenn ein Muttermord geschieht, fällt vor Entsetzen ein Stern vom Himmel, sagt ein tiefsinniges Volkssprichwort. Ich glaube das, die Physiker und Astronomen mögen es noch so lächerlich finden. Und doch trägt die Summe von Zärtlichkeit, Sorge und Schmerzen, genannt Mutterliebe, welche eine längere Zifferreihe bildet als die englische Staatsschuld, oft so kärgliche Zinsen. Das mag, zur Ehre der menschlichen Natur sei es gesagt, daher kommen, daß man, was man an einer Mutter habe, erst dann recht weiß, wenn man sie nicht mehr hat. Diese Betrachtung stieg unwillkürlich in mir auf, als ich erzählen wollte, welche Mühe sich meine Mutter gab, daß meiner Ausrüstung zum ersten Flug in die Welt nichts fehlte. Ich sehe sie noch, wie sie mit Beihilfe Hildegards meinen Koffer packte. Ach, zu jedem Stück, welches da hineinkam, legte sie ein liebevolles, vorsorgliches Wort, gleichsam ein Stück ihres zärtlichen Mutterherzens. Ganz unten hatte sie ohne mein Vorwissen ein halb Dutzend alter Maria-Theresientaler versteckt, eingewickelt in ein kleines schwarzseidenes Tuch, welches sie früher um den Hals getragen. Dieses Geld war der letzte Rest vom Inhalt des »Sparhafens«, welchen sie aus ihrer Kindheit mit in die Ehe herübergenommen. Ich wußte, wie sie an diesen Talern hing, deren jeder einen glücklichen Tag ihrer Jugend bezeichnete, und als ich daher beim Auspacken des Koffers den kleinen Schatz vorfand, gelobte ich, daß er mir heilig sein sollte. Ganz wurde dieses Gelöbnis freilich nicht gehalten – ach, ein Student hat so schwache Augenblicke und so dringende, ganz unabweislich dringende Ausgaben! – aber einen der sechs Maria-Theresientaler hab' ich doch durch alle Wechselfälle des Lebens hindurch gerettet, und er ist mir ein echter und rechter Hecketaler gewesen. Auch das schwarze Seidentuch hab' ich noch, und nie, ich darf es sagen, ist mein Blick darauf gefallen, ohne daß ich mit zärtlichem Danke seiner vormaligen Trägerin gedacht hätte. Aber damals, als sie so sorgfältig meinen Koffer packte, stand ich dabei und sah ihrer Mühwaltung ohne besonderen Anteil zu. War mir doch der Kopf von den Vorahnungen akademischer Herrlichkeit voll. Wenn mir recht ist, wälzte ich im Gemüte die höchst wichtige Frage, welches studentische Korps ich mit meinem Beitritt beehren sollte. Ich nahm es daher ziemlich leicht, als die Mutter ein abgegriffenes altes Büchelchen oben auf den hochgestapelten Inhalt des Koffers legte mit den Worten: »Sieh, Siegfried« – die Gute hätte mich seit jener Szene unter dem Apfelbaum um keine Welt mehr anders als Siegfried genannt – »das ist das Gebetbüchle, worin ich dich lesen lehrte. Früher war es das meine, und ich hab's noch von meiner Mutter selig. Du wirst nicht mehr darin lesen ... ich weiß, ich weiß ... aber tu es mir zuliebe, hörst du? und wirf manchmal einen Blick auf das arme alte Ding. Es wird dich an die andächtigen Stunden deiner Kinderjahre, an gute Vorsätze und an mich erinnern.« – »Ja, ja, Mutter, schon recht,« versetzte ich ziemlich zerstreut, – »und da, leg nur gleich das andere Buch dazu.« Damit zog ich einen dicken, in Schweinsleder gebundenen Elzevir-Duodez aus der Tasche, eine Ausgabe des Euripides, welchen ich bei meinem vorhin abgestatteten Abschiedsbesuch bei dem guten Benefiziaten von diesem »in memoriam« erhalten hatte. Der alte Hairle hatte sich nur schwer von diesem Schatze getrennt. Hätte er doch nur gewußt, wie verteufelt wenig mir daran lag! Dreimal nahm er die schweinslederne Herrlichkeit vom Büchergestell, und dreimal wanderte sie wieder auf dasselbe zurück. Beim vierten Anlauf endlich war das Buch, von einem schweren Seufzer begleitet, aus seiner Hand in die meine übergegangen ... Meine Mutter, welcher schon das gelehrte Äußere des Elzevir imponierte, wurde vollends von heiligem Respekt erfüllt, als sie einen Blick auf das Innere warf und auf dem vergilbten Schmutzblatt vor dem Titel eine lange Reihe griechischer, von der Hand des Magisters geschriebener Hieroglyphen wahrnahm. Mit ehrerbietiger Achtsamkeit legte sie den Euripides neben das Gebetbuch und schloß den Kofferdeckel, während ich ein Lächeln verbiß. Hatte doch Dominus Zipfelius als letzte Anmahnung für seinen zur Universität abgehenden Zögling auf jenes Blatt einen der fulminantesten Ausfälle des griechischen Tragikers gegen die »Weibsstücker« geschrieben. Am Abend vor unserer – Fabians und meiner – Abreise machte mein Vater noch einen langen Gang durch die heimischen Fluren mit mir. Da gab er mir, nach seiner Art mehr in der Form kordialen Gespräches als in sauertöpfischer Predigtweise, seine väterlichen Lehren und Warnungen. »Du wirst jetzt,« sagte er unter anderem, »ein sozusagen ganz freier, auf dich selbst gestellter Mensch sein. Genieße diese Freiheit, aber vergiß nie, daß sie doch nur die Vorbereitungszeit auf die schwere Pflicht des Lebens ist. Die Jugend will ein bißchen toben, das ist ihre Art und sogar ihr Recht, aber hüte dich, mit dem Inhalt des schäumenden Jugendbechers so töricht verschwenderisch umzugehen, daß nichts mehr darin übrig bliebe als der bittere Bodensatz der Reue. Die so mit der akademischen Freiheit wirtschaften, sind nach ihrem durchstürmten Triennium nur noch jammerselige Philister. Treibe immerhin das Kalb aus, wie die Engländer sagen, ja, treibe immerhin das Kalb aus, mein Junge! Wenn es nicht in der Jugend ausgetrieben wird, manifestiert es sich oft im Alter noch als ungebärdigster Ochse. Sei meinetwegen ein flotter Bursch, aber nie überschreite auch nur halben Fußes die Grenzlinie zwischen Flottheit und Gemeinheit. Hinsichtlich des Geldes werde ich nicht knauserig gegen dich sein, aber präge tief in dein Gedächtnis, daß ich dir jetzt sage: Du bist nicht der Söhn eines reichen Mannes! Es hätte vielleicht ... doch das gehört nicht hierher ... Du bist zum Theologen bestimmt, aber gib dir neben deinem Berufsstudium redliche Mühe, dich zum Menschen, zum deutschen Manne auszubilden, zum deutschen Manne, hörst du? Ich weiß, du hegest Liebe für unsere vaterländische Geschichte, unsere Literatur, unsere Altertümer – pflege diese Liebe! Denn siehst du, man mag sagen, was man will, trotz alledem und alledem ist Deutschland das edelste Land der Erde. Von uns, von unserem Gedankenhort zehren alle übrigen Nationen. Mögen sie es leugnen, die Undankbaren, was tut es? Der deutsche Geist rastet trotzdem keinen Tag, keine Stunde, keine Minute auf seinem stillen Eroberungszug durch die Welt ... Halte fest an deiner Freundschaft mit dem Fabian. Sie hat, ohne daß er oder du es merktest, schon bisher heilsam auf dich gewirkt. Eure Wege werden zwar nicht immer dieselben sein können, schon deshalb nicht, weil Fabian in das klösterliche Theologenstift eintritt; aber dessenungeachtet suche seinen Umgang, wo du kannst. Tue ihm Gutes, unterstütze ihn, aber in zarter Weise, hörst du? Denn dein Freund ist ein lebendiger Beweis des Satzes, daß die Kinder der Armen oft das feinste Gefühl haben. Und nun noch das, ja, noch das: ich sehe es voraus, Michel, daß du bei deinen theologischen Studien Kämpfe des Zweifels durchzumachen haben wirst. Ja, es wird so kommen. Kämpfe sie wacker, mein Knabe, und nie – sei dieser Bitte eingedenk! – nie laß davon auch nur eine Silbe gegen deine Mutter verlauten. Ihre Frömmigkeit ertrüge das nicht, nein, sie ertrüge es nicht, weißt du? ... Und vergiß es nicht, du wirst eines Tages zu deinem Leide erfahren, daß man nur eine Mutter hat.« Nach einer Pause sagte ich: »Es liegt mir noch etwas auf dem Herzen, Vater.« »Was?« »Der Freiherr ist doch immer recht gütig gegen mich gewesen, und als er mir heute noch ein reiches Geschenk mit auf den Weg gab, schämte ich mich fast, es anzunehmen.« »Warum?« »Von wegen dem Stein, weißt du?« »Stein? Stein? Was für ein Stein?« »Der falsche Mithrasstein.« »Aha, der liegt dir auf dem Herzen? Siehst du nun, Bursch, daß das Unrecht eine Spur hinterläßt, welche sich nicht verwischt?« »Ich mein', ich sollte dem guten Herrn die Sache noch aufdecken, bevor ich gehe.« Mein Vater schwieg eine Weile nachdenklich und sagte dann: »Nein, es geht nicht. Aber sei dir dies ein warnender Fingerzeig, daß es leichter sei, unrecht zu tun, als es wieder gut zu machen. Der Freiherr hat so großes Wesen aus seinem angeblichen Funde gemacht, hat so vielen Leuten davon gesprochen, daß es ihn, wie es nun einmal ist, tief schmerzen und kränken müßte, zu erfahren, daß er durch einen leichtsinnigen Bubenschwank gefoppt worden sei. Wir müssen ihm, bei aller Achtung vor deinem wenn auch ziemlich verspätet sich regenden Redlichkeitsgefühl, diese Kränkung ersparen. Seine Illusion macht ihn glücklich und, ach, die Menschen können ja überhaupt ohne Illusionen nicht leben. Sie bedürfen derselben wie des täglichen Brotes. Aber, Michel, keinen Mithrassteinschwank mehr, hörst du? Nie mehr! Diese Erfahrung kann dich lehren, wie sinnvoll das alte Wort von dem unbedacht geschleuderten Stein sei. Es paßt hierher, wie eigens dafür gemacht – bei Wodan und Frouwa!« Am andern Morgen in aller Frühe zogen wir aus, der Fabian und ich, in nordwestlicher Richtung durchs Gebirge, die Wandertaschen auf dem Rücken. »Denn,« sagte mein Vater, »seit die Studenten das Fußreisen zu verlernen anfangen, geht's bergab mit der Studentenromantik.« Wir sollten an diesem Verfall keine Mitschuld tragen und demnach zu Fuße reisen. Endlich war der herbe Augenblick des Abschieds von der Mutter und der Schwester vorbei, welche letztere – ich hatte es wohl bemerkt – heute zwar ungenierter, aber trotzdem doch fast etwas weniger traurig war als neulich, da der Berthold wieder fortgemußt hatte. Ich hielt es nach Art eines jungen Guckindiewelt für mannhaft, den strömenden Tränen meiner armen Mutter, die ihren Michel, wollte sagen ihren Siegfried zum erstenmal für längere Zeit scheiden sehen mußte, eine gefaßte, das heißt erkünstelte frohe Zuversicht entgegenzusetzen, und brachte mit etwelcher Anstrengung sogar einen leidlichen Abschiedsscherz zuwege; aber als nun unter der Haustüre noch unsere beiden alten Mägde, die Theres und die Annem'rei, so redlich mich anweinten, als auf der obersten Hausstaffel, während meine Mutter mir ihr letztes »Behüt' dich Gott!« auf Lippen und Wangen küßte, Don Murr mit einem Geschnurre, das mir sehr elegisch vorkam, sich an meinen Beinen rieb und von der untersten der alte Hylas so herzbrechend zu mir herausblickte, als wollte er sagen: »Ade, seh' dich nimmermehr!« und als wir nun durch den Garten gingen, wo jeder Zoll Erde mich an meine glückliche Kindheit erinnerte – da, ja, da kam mir ein verteufelt unmannhaftes Schlucken in die Kehle und ich tat, als trocknete ich die Tränenspuren, welche meiner Mutter letzte Umarmung auf meinen Wangen zurückgelassen. Aber es war auch das Naß meiner eigenen Augen dabei. Der Vater wollte uns noch eine Strecke weit das Geleite geben, und als wir erst den Garten hinter uns hatten, schritten wir rüstig in den frischen Oktobermorgen hinein. Wir kreuzten den Schloßpark. Dort zur Rechten hob sich der große westliche Turm des Freiherrnsitzes ans den alten, schon halb entblätterten Ulmen empor. Aus der Wand, welche der Turm flankierte, sprang der zierliche Erker vor, in welchen Isoldes Zimmer auslief. Ich meinte, es müsse sein wie in einem Fouquéschen Roman, das heißt, ich schmeichelte mir mit der leisen Hoffnung, das Burgfräulein würde am Erkerfenster erscheinen, um mir mit weißem Tuch noch einen letzten Gruß zuzuwinken. So romantisch kam es nun freilich nicht, aber besser. Denn während ich nach dem Erker hinstarrte, stieß mich Fabian leise an und sagte: »Da kommt das gnädige Fräulein.« Und wirklich, Isolde kam uns langsam entgegen, hart beim Krähenkloster, wo mir damals der Bruder Jehan ein glückverheißendes Orakel erteilt hatte. »Was tust du schon so früh hier, liebes Kind?« fragte mein Vater, und es war fast, als klänge seine Stimme nicht so liebevoll, wie sie sonst immer klang, wenn er mit dem jungen Mädchen sprach. »Der schöne Morgen,« versetzte sie …. »ich wachte so früh auf und ... und ....« Sie errötete leise und stockte, als wollte sie sich auf Angabe eines stichhaltigen Grundes für ihren Frühgang besinnen. Aber Isolde von Rothenfluh hat nie eine aussprechen können und so, vielleicht auch ermutigt durch die helle Freude, die bei ihrem unerwarteten Erscheinen in meinen Augen funkelte, fuhr sie treuherzig fort: »Ich dachte mir, daß ich euch noch hier begegnen könnte, und ich wollte dem Fabian noch Adieu sagen und …. auch dem Michel.« »So macht die Sache rasch ab, Kinder,« sagte mein Vater. »Gar zuviele Rührung taugt nichts beim Antritt einer Reise.« Isolde griff mit der Hand in die Chatelaine, welche an ihrem Morgenkleide hing, und reichte sie dann dem Fabian hin, welcher schüchtern einen Händedruck erwiderte, der, wie ich nachher erfuhr, kein leerer war. Das gute Kind hatte seinen Spartopf geleert, um dem armen Studenten ein Viatikum zu reichen, das ihn reicher machte, als er sein Leben lang gewesen war. Fabian, der, allen kameradschaftlichen Umgangs mit Isolde ungeachtet, zu ihr stets »hinaufgeblickt« hatte »als zu einem Wesen höherer Art«, stotterte Dankesworte, die sehr schlecht »gesetzt« waren und die das junge Mädchen dadurch abschnitt, daß es sich zu mir wandte. Ich habe es nie vergessen, wie sie damals vor mir stand und nach kurzem Zögern die Augen zu mir aufschlug. Es war darin etwas von dem Ausdruck, womit sie vor einiger Zeit an der Breunighalde den Scheinschlafenden angesehen hatte. »Michel,« sagte sie, uneingeschüchtert durch die ernsten Blicke, womit mein Vater mich betrachtete, »Michel, unsere Hildegard hat mir gesagt, daß sie vergessen, dir eine Schnur für deine Uhr zu flechten. Da hast du eine. Ich hab' sie schnell noch für dich geflochten.« Sie zog die Schnur hervor, geflochten aus ihren wunderschönen Haaren, und neigte sich gegen mich, mir sie umzuhängen. Da ward mir doch, weiß der Himmel, ganz Fouquésch zumute, und ohne Zweifel hätt' ich, wäre nur mein Vater nicht anwesend gewesen, mein Knie gebeugt, um die Gabe in Empfang zu nehmen. So aber begnügte ich mich, die Mühe abzunehmen und den Kopf vorzubeugen. Isolde legte mir die Schnur um den Nacken und flüsterte kaum hörbar: »Vergiß mich nicht!« »Nie, niemals!« wollte ich leidenschaftlich ausrufen, aber das Wort blieb mir in der Kehle stecken. Meine Augen sagten es aber statt des Mundes so deutlich, daß Isolde die ihrigen senkte. So trat sie zurück, bot mir die Hand, erwiderte leise den heftigen Druck der meinigen und sagte: »Behüt' dich Gott, Michel, und sei brav!« »Gut so, liebes Kind, und du, Michel, merke dir das,« sagte mein Vater. »Brav sein heißt die Pflichten erfüllen, welche unsere Stellung im Leben uns auferlegt. Und jetzt wollen wir gehen.« Wir gingen. Das Herz quoll mir in der Brust, und bei jedem Schritt glaubte ich umkehren zu müssen, um der geliebten Jugendgespielin noch ein herzlich Wort zu sagen, allein ich bezwang mich und schritt mechanisch fürbaß. Aber bei der nächsten Biegung des Weges mußte ich mich doch umschauen. Da stand Isolde wie festgebannt unter den alten Bäumen und hielt ihr Tuch an die Augen gedrückt. Ob sie weinte? Ich blieb einen Augenblick stehen. Sie bemerkte es und winkte mir mit dem weißen Tuch einen letzten Gruß zu. Dann entzog mir die Krümmung des Weges den Anblick der teuren Gestalt. Wir schritten schweigend talwärts, verfolgten eine Strecke weit den Lauf des Baches und stiegen dann rechter Hand den Bergwaldsteig hinan. Uns allen dreien war das Herz schwer. Als wir auf dem Plateau, wo sich der Wald lichtete, angelangt, auf die einzeln stehende Blutbuche zugingen, bis wohin mein Vater uns begleiten wollte, sagte er: »Wenn der Mensch seine Heimat verläßt, muß er sich immer darauf gefaßt machen, bei seiner Wiederkehr vieles verändert zu finden. Es wird euch wohl auch so gehen.« Ich sagte nichts, obwohl mir diese Worte wie eine Einleitung zu Bedrohlichem klangen. »Da ist zum Beispiel das junge Fräulein,« fuhr der Vater fort – warum sagt er nicht schlichtweg Isolde, wie sonst? dachte ich – »die werdet ihr, wenn ihr übers Jahr in die Ferien kommt, wohl nicht mehr zu Hause treffen.« »Was?« platzte ich heraus. »Ja, siehst du, Michel, ich vergaß, dir gelegentlich zu sagen, daß das Fräulein dem ältesten Sohne des Grafen Zackstein drüben im Fränkischen zur Frau bestimmt ist ...« »Isolde?« »Freilich, Fräulein Isolde ...« »Und sie wird ihn nehmen?« »Warum denn nicht? Wie kommst du mir vor, Junge? Es ist eine alte Vereinbarung zwischen dem Freiherrn und dem alten Grafen, welche vorzeiten Kriegskameraden waren.« Ich mußte unwillkürlich mit der Hand nach dem Herzen fassen, so gewaltsam schnürte es sich mir in der Brust zusammen. Mein Vater mochte diese Gebärde wahrgenommen haben, denn er fuhr mit weicherer Stimme fort: »Es ist eine in jeder Beziehung glückliche Partie und eine standesgemäße. Der Freiherr Bodo hält, obwohl der humanste Mann von der Welt, dennoch viel, sehr viel auf seinen Stand und dessen Stellung, besonders in solchen Dingen. Wer möchte ihn deshalb tadeln? Der junge Graf Zackstein wird eines Tages der Erbe sehr reicher Besitzungen. Er ist eine höchst einnehmende Persönlichkeit, ein trefflicher Kavalier. Er hat eine Zeitlang in der diplomatischen Laufbahn gedient und ist jetzt auf Reisen gegangen ...« »Er mag zum Teufel gehen!« dachte ich. »Als ich diesen Sommer in der Residenz war, hörte ich viel Gutes von ihm ...« »Ich schlag' ihn aber doch tot, wo ich ihn finde!« schwur ich bei mir. »Bei seiner Zurückkunft soll das förmliche Verlöbnis mit unserm Fräulein stattfinden. Bis dahin wird unser Fräulein mit ihrer Gouvernante bei ihrer Tante, der Schwester des Freiherrn, in der Residenz leben, um da den letzten Schliff zur großen Dame zu erhalten, die sie künftig sein wird.« Mein Vater hielt eine Weile inne, als zitterte die väterliche Hand, die aus Liebe, ja aus Liebe – das fühlte ich doch dunkel zwischen all der Qual hindurch – das Messer in die Brust des Sohnes gesenkt hatte. Dann setzte er, um zu vollenden, was er mußte, hinzu: »Wahrscheinlich, lieber Michel, wirst du unser Fräulein erst als Gräfin wiedersehen.« Mir läutete es vor den Ohren wie von einer Riesenglocke, und vor meinen Augen flackerten Irrwischlichter. In ihrem Scheine sah ich plötzlich die ungeheure schwarze Kluft, die Standeskluft vor mir klaffen, welche mich von Isolde trennte ... Jetzt begriff ich mit einem Schlag, was der Kampf der Plebs gegen das Patriziat im alten Rom und was der Bauernkrieg zur Reformationszeit zu bedeuten gehabt habe, und begriff auch das Jahr 1789 und, ja, auch Danton und Saint-Just und Robespierre. Der Schmerz ist mitunter der Geschickteste aller Lehrer. Der Tumult meiner Gefühle zu jener Stunde war ein zu heftiger, als daß er mir eine deutliche Erinnerung an die Einzelheiten des Abschieds von meinem Vater übrig gelassen hätte. Genug, als ich sozusagen zu mir selbst kam, fand ich mich mit Fabian allein auf der Heide, über welche unser Weg hinlief. Die Sonne stieg schon höher und höher, und immer noch schritt ich schweigend zu und immer zu, der Fabian schweigend mir zur Seite, nachdem wiederholte Versuche von seiner Seite, ein Gespräch anzuknüpfen, mißlungen waren. Bei leidenschaftlichen Menschen – und ich war in Jugendtagen so ziemlich ein solcher – sind aber schroffe Übergänge in den Stimmungen nicht ungewöhnlich, und so kann es den allfälligen Leser meiner Geschichte nicht überraschen, wenn ich sage, daß den achtzehnjährigen Burschen, welcher vorhin aus Verzweiflung ohne weiteres in die erwähnte schwarze Kluft kopfüber sich gestürzt hätte, wäre dieselbe nur gerade in natura vorhanden gewesen – plötzlich eine wildlustige Laune anwandelte. »So, Fabiane, Fabianior, Fabianissime,« rief ich meinem Gefährten zu, indem ich mich unter einen Baum am Wege in das absterbende Heidekraut warf – »so, jetzt hätten wir den ganzen Kram und Quark hinter uns und sind endlich unsere eigenen Herren. Tu den Schnappsack auf, Mann, tu den Schnappsack auf, sag' ich. Meine Mutter hat noch was Gebratenes für uns hineingesteckt, und da ist Wein in meiner Reiseflasche. Ich bring' dir's zu, Fabiane Fabianorum, da trink – es lebe die Freiheit! Es lebe der Unsinn! Es lebe der Teufel und seine vermaledeite Großmutter!« Der Freund sah mich mit großen Augen an. »Was hast du denn?« fragte er. »Was ich habe? Nichts oder, halt, ja, eine unbändige Freude hab' ich.« »Das freut mich. Und sieh, ich bin auch gar nicht so traurig, wie ich gestern fürchtete, daß ich heute sein würde.« »Traurig? Was fällt dir ein? Mir ist ungeheuer lustig zumute, auf Cerevis! Ja, so frei und so lustig ... hm, ich könnte ... ja, was wollte ich denn eigentlich gleich sagen?« »Das weiß ich nicht. Aber ich bin auch ganz hellauf, weil meine Mutter sich beim Abschiede ganz gefaßt benahm ... Du weißt, die arme Frau hat nur mich auf der weiten Welt, und ich fürchtete, wie gesagt, sie würde sich gar zu sehr grämen, als ich fort mußte ... und ... und ...« »Was und?« »Alle Leute im Dorfe sind beim Abschiede noch so freundlich gegen mich gewesen ... und das gnädige Fräulein war so großmütig – sieh nur her! – und, ja, Hildegard war zuletzt noch so gut mit mir, so recht herzlich gut ...« »Halt ein mit deiner Litanei, empfindsamer Maikäfer du! Ich sag', zum T....., das heißt nicht gerade zum Teufel, aber doch sonst wohin mit den Weibsstückern! Unser Magister hat ganz recht; sie taugen alle keinen Pfifferling. Er hat's aus dem Euripides gelernt. Hätt' ich nur meinen Koffer mit der alten Scharteke da, ich wollt' dir's vorlesen.« »Ach geh doch', Michel! Ich hab's wohl gesehen, was du für Augen machtest, als dir das gnädige Fräulein die Haarschnur gab und ...« »Jetzt mach mich nicht rabiat, Fabian, hörst du? Ich bin ohnehin schon so fuchsteufelswild ... Doch bah, sie heiratet den Grafen Zickzack oder wie der Kerl heißt. Mir einerlei, ganz einerlei – was geht's mich an? Müßte ja Tinte gesoffen haben, wenn ich mich darüber ärgern wollte, – so müßt ich, auf Cerevis! Sie heiratet standesgemäß, natürlich, ganz in der Ordnung! Wappen zu Wappen, gleich und gleich gesellt sich gern ... Möchte nur zuvor gelegentlich dem Kerl ein paar Rippen zerbrechen ... Sie kriegt jetzt den letzten Schliff zur großen Dame ... gut, schon recht ... mira! Untertäniger Diener, gnädige Frau Gräfin ... ich kümmere mich kein Brosämle darum und ... he, wir wollen eins singen, Fabiane, und gib die Flasche her! Steig' dir ein Quärtle, Mann, und damit basta und Hurra!« Ach, während ich mich in solchem Kraftgepolter erging, stand mir das Weinen näher als das Lachen, und während jetzt der Fabian für einen Augenblick den Kopf wandte, drückte ich Isoldes Haarschnur verstohlen an die Lippen. So töricht ist die Jugend ... Aber, o, wie süß ist es, jung und töricht zu sein! Zweites Kapitel, welches nicht sehr lang, aber ziemlich geräuschvoll ist. Ich darf sagen, daß ich schon auf der Reise zur hohen Schule manches lernte. Unter anderem die ländliche Ansicht aufgeben, daß die Wirte etwas anderes seien als die Diener ihrer Gäste. Am ersten Tage unserer viertägigen, keineswegs in forcierten Märschen zurückgelegten Wanderung hatte ich – von dem Fabian gar nicht zu sprechen – bei unserer Einkehr Wirte und Wirtinnen, ja sogar Kellner und Kellnerinnen mit der ganzen Bescheidenheit eines Grünlings behandelt, welcher froh ist, sein gutes Geld gegen schlechtes Essen und Trinken austauschen zu dürfen. Von Station zu Station wurde ich aber anspruchsvoller, weil ich bemerkt hatte oder bemerkt zu haben glaubte, daß die Menschen für Geld den größten Demütigungen mit Freuden sich unterziehen, und nach Art der Jugend diese Vorstellung ins Maßlose übertrieb. Der gute Fabian sah verwundert drein, wenn ich so herrenmäßig unsere Bedürfnisse bestellte und mit herablassender Höflichkeit die kritischen Bemerkungen dieses oder jenes Gastgebers über das Wetter oder über mutmaßliche Quantität und Qualität der bevorstehenden Weinlese anhörte. Am vierten Nachmittag kam uns zeitig der gewaltige, zu einem Observatorium umgeschaffene Turm des alten Pfalzgrafenschlosses zu Gesichte, welches die Universitätsstadt überragt. Nun taten wir erst recht gemächlich. Waren es doch die letzten Stunden unseres ungestörten Beisammenseins. Noch vor Einbruch der Nacht sollte ja der Fabian durch die Mauern des theologischen Stiftes von mir getrennt sein, dessen Pforte für ihn zwar täglich, aber doch nur zu genau und knapp abgemessenen Stunden sich öffnen würde. Eine jener Anstalten, genannt Sommerkneipen, wie sie in der Nähe von Universitätsstädten häufig anzutreffen sind, stand am Wege, ein Waldhorn im Schilde führend. Diese Gelegenheit zum »Vespern« schien uns günstig, und bald saßen wir in der gemütlichen Stube mit ihrem gebräunten Getäfel hinter einem massiven Tisch, auf dessen geglätteter Schieferplatte gewiß schon mancher edle »Tarok«, mancher fidele »Bierramms« mit seinen zweiundsiebzig Regeln gespielt worden war. Es roch sozusagen ganz akademisch in dieser Stube, und die hübsche Wirtstochter im faltenreichen schwarzen, nur etwas weniges über die Knie hinabreichenden Rock, im roten Mieder, in roten Strümpfen mit blauen Zwickeln, auf dem Kopf das fezartige »Schäpple«, unter welchem die flachsblonden, mit roten Bändern durchflochtenen Zöpfe hervor und weit den Rücken hinabhingen, an den Füßen die »Stöckleschuhe« mit zollhohen Absätzen – also so eine Wirtstochter, hatte uns mit dem Nötigen versorgt und erzählte uns mitteilsam, daß die »Herren« – Herren par excellence heißen nämlich in jener Universitätsstadt und ihrer Umgebung die Studenten – Sommers und Winters gar häufig hierher ins Waldhörnle kämen, insbesondere als Teilnehmer an den ländlichen Tanzbelustigungen, welche, wie wir später erfuhren, in dem akademischen Wörterbuch den nicht weniger mysteriösen als wohlklingenden Namen »Kuhschweife« führen. Waldhörnlewirts Sefele Provinzielles Diminutiv für Josefine. war, wie aus den Mitteilungen des Mädchens hervorging, im »Komment« ziemlich gut beschlagen, und wir hörten ihr mit Vergnügen zu, als ein neuer Gast eintrat, der freilich hier kein neuer sein mochte, denn das Sefele begrüßte ihn mit dem Titel »Herr Kandidat« offenbar als einen alten Bekannten. Es war eine kurze, untersetzte Figur von respektabler Korpulenz. Sein Anzug allerdings war etwas weniger respektabel, denn die verschossene Nankinghose paßte nicht ganz zu der Jahreszeit, und der schwarze Sammetrock erinnerte, besonders was den Kragen und die Ellbogen betraf, auffallend an die Vergänglichkeit der schwarzen Sammetröcke. Halsbinden betrachtete der Herr Kandidat augenscheinlich als entbehrlichen Luxus, und sein Seidenhut war errötet vor Scham über seine verbogene und zerknitterte Form. Als sein Besitzer denselben abnahm, kam eine Stirne zum Vorschein, die, weil in eine Glatze auslaufend, von majestätischem Umfange war. Darunter hing in dem breiten roten Gesicht eine lächerlich kleine Stülpnase, während das stattliche Doppelkinn von einem nicht sehr kultivierten Bart eingerahmt wurde. Die kleinen, dunklen, rastlosen, in ihrem schmutzigrötlichen Weiß schwimmenden Augen sperberten rasch im Zimmer umher, und sicherlich hatten sie mit einem Blick unsere Grünlingsschaft herausgefunden. »Blume aller Wirtstöchterlein, soweit man kocht,« wandte er sich an Sefele, »wollen Sie mir gefälligst ... doch ich sehe, da ist Gesellschaft, gute Gesellschaft, natürlich, und muntere, fidele hoff' ich .... Ja, wie heißt es nur gleich im Faust? Richtig: Ich muß dich nun vor allen Dingen In lustige Gesellschaft bringen. Damit du siehst, wie leicht sich's leben läßt ... Großer Dichter, der Goethe, pyramidalischer, wissen Sie? Schiller zwar auch groß, obeliskisch, aber zu idealisch, ein klein wenig zu idealisch ... Liebe das Reale, wissen Sie? ... Ach, die Herren trinken Roten? Edles Getränk! Wie sagt Novalis? Auf, grünen Bergen ward geboren Der Gott, der uns den Himmel bringt ... Ja, wie gesagt, ein edles Getränk, mein Lieblingsstoff, wissen Sie? Mit Erlaubnis meine Herren .... Bin ein geselliger Mensch ... Gaudeamus igitur ... Sefele, Jungfer Josefa, Fräulein Josefine, ein Glas, wenn's Ihnen gefällig ist .... Meine Herren, mit wem habe ich die Ehre? Ah, sehe es, neuankommende Kommilitonen .... Füchse .... Spucken noch soviel aus beim Rauchen, kenne das ... wird sich wohl verlieren mit der Zeit .... Schöne Gegend, die Füchsegegend, wissen Sie? Die Zukunft rosenrot angestrichen, dick rosenrot, wissen Sie? Und die Gegenwart, ha! Wie singt ein neuester grandioser Dichter? Blaue Ringelwolken dringen Aus dem tiefen Pfeifenkopfe, Und die blanken Schläger klingen Mit erdonnerndem Geklopfe. Sporen klirren, Peitschen knallen, Trinke nach, ich trinke vor! Arndts und Körners Lieder schallen In der Burschen vollem Chor. In der Hand den Ziegenhainer Und die Mappe, ha, verdammt! Stolz am Kinn den Wallensteiner, Auf dem Haupt den schwarzen Samt ... Zwar noch nicht vorhanden, der Wallensteiner, wird aber schon kommen. Geduld überwindet Sauerkraut, wissen Sie? ... Ja, wie ich bereits zu bemerken die Ehre hatte, schöne Gegend, die Füchsegegend ... Region der blanken, blöden Jugendeselei, wie der gottvolle Heine sagt, wissen Sie? Pagina so und so im Buche der Lieder ... kennen es, ohne Zweifel ... wer sollt' es nicht kennen? Süperber Kerl, der Heine ... fleischgewordener Witz ... der alte Jean Paul, Baireuther Konfusionsrat, ein Stiefelwichser gegen ihn, wissen Sie ... Im übrigen keine Beleidigung, meine Herren ... weit entfernt ... war selber mal Fuchs ... olim meminisse juvabit ... Eigentlich schöne Sorte von Leuten, die Füchse ... Von jeher berühmte Kerle darunter ... Reineke Fuchs, wissen Sie? ›Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen‹ – et cetera ... Sefele, Herzensschätzle, eine neue Flasche! ... Beiläufig ... mit Mephisto zu sprechen: Erklärt euch, eh' ihr weiter geht. Was wählt ihr für 'ne Fakultät? Doch bei Licht betrachtet, dafür ist noch morgen Zeit, wie's im alten guten Burschenlied heißt, wissen Sie? ... Kapitalstoff der Rote! Ihre Gesundheit, meine verehrlichen Herren ... Echt vaterländisches Gewächs! Bin für das Vaterländische, wissen Sie? Versteht sich am Rand. Sehe ich meinen roten Freund da, singe ich mit Altmeister Goethe: Warum immer weiter schweifen? Und das Gute liegt so nah! Lerne nur das Glück ergreifen, Denn das Glück ist immer da. Ja, es ist da, und ich ergreife es, und feierlich bringe ich es ihnen zu und erbitte mir ein deutschbiedermännisches Bescheidtun. Pro patria, meine hochverehrten Herren und Füchse, pro patria! ... Wie schön und wahr singt der Tyrtäos der Gegenwart: Wo solch ein Feuer noch gedeiht Und solch ein Wein noch Flammen speit, Da lassen wir in Ewigkeit Uns nimmermehr vertreiben. Allerdings erfordert andererseits die deutsche Vielseitigkeit, ja, es erfordert der christlich-germanische Kosmopolitismus, daß ein wissenschaftlich gebildeter Mann auch dem Auslande Gerechtigkeit widerfahren lasse. Zwar ist's ein wenig trivial, aber doch ungeheuer tiefsinnig, wenn unser pyramidalischer Dichterkönig meint: Ein echter deutscher Mann kann keinen Franzmann leiden, Doch ihre Weine trinkt er gern ... Ergo ... ich hoffe, Sie werden mir die Ehre erweisen, später bei Gelegenheit mit mir ein Fläschchen Champagner zu leeren, zu Ehren Goethes, zur Ehre des deutschen Charakters, wissen Sie? ... Man schläft darauf so patent, wissen Sie? ... Ein probater Schlaftrunk, der Champagner, beim Jupiter! Die Kohlensäure fährt einem mit leichter Hand über die heiße Stirn und dämpft alle die Weltumsturzgedanken und Menschenrassezuchtverbesserungsideen, die einem im Schädel rumoren, wissen Sie? ... Bin nämlich ein Zerrissener – wer ist's nicht? ein total Zerrissener, der schlafen gehen möchte, mit Hamlet fragend: Ob's edler im Gemüt, die Pfeil' und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden oder Sich waffnend gegen eine See von Plagen Durch Widerstand sie enden? Jedennoch, ich bemerke, daß dieses Kapitel zu melancholisch ist für junge strebsame Gemüter ... Nichts mehr davon ... bin gewohnt, meinen Schmerz, meinen Weltschmerz allein und stumm zu tragen ... Sefele, Goldkäfer, die Flasche ist leer ... O, meine lieben Herren, hüten Sie sich vor der Melancholie! Sie vertrocknet einem die Leber, daß man sich vor Durst, vor ewigem Durst gleich in das Meer der Ewigkeit stürzen möchte, wenn das Meer aus solchem Roten da bestände. Ja und Amen. ›Ihr dumpfen Sorgen weicht von mir!‹ Lassen Sie uns mit dem alten Horaz sprechen: Nunc vino pellite curas; Cras ingens iterabimus aequor. Verscheuchet jetzt mit Wein die Sorgen! Morgen besegeln wir wieder das Weltmeer. Wo nahm nur der Mensch die Lunge her? Mir schwindelte, während ich an diesem alles mit sich fortwirbelnden Redestrom stand, oder vielmehr saß; und der gute Fabian starrte mit mundaufsperrender Verwunderung dem Sprecher ins Gesicht. Aber der Herr Kandidat war nicht nur ein Mann des Wortes, sondern auch sehr ein Mann der Tat. Während seine Zunge eine fabelhafte Volubilität entwickelte, waren seine Schluckmuskeln in so ziemlich entsprechendem Maße tätig. Mit wunderbarer Geschwindigkeit blies er ein ums andere Mal sein Glas, welches er ohne überflüssiges Zeremoniell aus unserer, das heißt aus Fabians und meiner Flasche füllte, nur so aus. Ich hatte mein Leben lang so etwas nicht gesehen, nicht einmal gehört, denn Rabelais' Buch vom Gargantua war mir damals noch nicht bekannt. Heutzutage gibt es gar keine Originale mehr, oder sie werden wenigstens seltener und immer seltener. Sie können in unserer uniformierten Gesellschaft nicht mehr gedeihen. Wo eins auftauchen will, legt sich die Plattdrucksmaschine der Konvenienz so rücksichtslos bleiern darauf, daß es ängstlich wieder unterduckt. Noch mehr, das grauenhaft mechanische Treiben der Gegenwart tötet nicht nur die Originale selbst, sondern auch den Glauben an die Möglichkeit derselben. So ein Original, wie ich es vorhin dem geneigten Leser vorgestellt habe, kommt daher der jüngeren Generation schon ganz antediluvianisch-märchenhaft vor. Zu meiner Zeit, das heißt als ich jung war, ist aber die Welt noch nicht uniformiert gewesen, und die erwähnte Plattdrucksmaschine hatte noch keine so gräßlichen Verwüstungen angerichtet. Damals hatte unser Herrgott noch gar vielerlei und mitunter sehr absonderliche Kostgänger, und namentlich gab es auf den deutschen Universitäten kostbare Inventarstücke, welche von einer Studentengeneration auf die andere übergingen. So eins war der Herr Kandidat, der uns im Verlaufe meiner Geschichte noch öfter begegnen wird, in allerlei Verwandlungen. Eine Weile imponierte mir – was imponiert einem »Fuchs« nicht? – sein Gallimathias. Es lief durch denselben eine Ader von Humor, für welchen ich immer Sinn und Vorliebe gehabt habe. Man konnte doch so einem Gesicht voll gutmütiger Schelmerei, voll unverwüstlicher Laune unmöglich gram sein. Des Mannes Geschwätz war so ergötzlich, daß es – nachdem erst ein paar Gläser von dem Roten dem schüchternen Fuchse Mut gemacht – mich reizte, daran teilzunehmen. Es verdroß mich allmählich, daß der Herr Kandidat uns doch für allzugrün, für gar zu ungeheuer grün ansah, und ich wollte ihm das zu verstehen geben. Das Sefele, welches längst Gelegenheit gehabt haben mochte, über die Zahlungsfähigkeit des Kandidaten sich eigene Ansichten zu bilden, wollte den Wink desselben, eine vierte Flasche zu bringen, nicht verstehen und sah den Fabian und mich fragend an. Der Fabian aber hatte nur für den Kandidaten Augen, und was mich betrifft, ich zögerte, weil mich die unendlich wehmütige Miene, womit der Kandidat von der leeren Flasche auf das Sefele und vom Sefele auf die leere Flasche blickte, höchlich ergötzte. »Kann ich die Ehre haben,« sagte ich, »zu erfahren, mit wem ich zu trinken das Vergnügen habe?« »Freilich, freilich, gehorsamer Diener ... Kandidat Rumpel, den Herren zu dienen ... Cyrillus Chrysostomus Theophilus Rumpel.« »Da haben Sie einen Namen, der viel Lärm in der Welt macht.« »Hahaha ... nicht übel ... ganz erträglicher Witz! ... Aber meinen Sie nicht, es müsse eine schreckliche Situation gewesen sein, als es damals zu Kana in Galiläa hieß: »O Herr, sie haben keinen Wein mehr!« »Doch; aber darf ich fragen, zu welcher Fakultät Sie gehören, Herr Kandidat Rumpel?« »Fakultät! Überwundener Standpunkt ... gänzlich überwunden ... Rokoko, wissen Sie! Könnte zwar mit dem seligen Faust sagen: Habe, ach, Philosophie, Juristerei und Medizin Und, leider, auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn ... Tu' es aber nicht ... ich bin ein Verallgemeinerer in der Wissenschaft wie im Leben, wissen Sie? ... Jedennoch, ganz beiläufig, die Physiker mögen sagen, was sie wollen, es gibt leere Räume ... gibt es nicht? Sehen Sie sich doch einmal die brutale Tatsache dieser leeren Flasche an ... ha!« Ich gab dem Sefele einen bejahenden Wink, und die Äuglein des Kandidaten glänzten auf. »Sie lesen wohl an der Universität, Herr Kandidat Rumpel?« fragte ich. »Lesen?« gab er zur Antwort, ein neues Glas schlürfend und den Wein mit vielem Behagen mit der Zunge zerdrückend. »Nun ja, zu meinem Privatvergnügen, aber nur dann und wann; denn was hätte ich noch nicht gelesen?« »Ich meine Kollegien.« Er blies die Backen auf und deklamierte pathetisch: »Sprich mir von allen Schrecken des Gewissens, Doch von Kollegien sprich mir nicht! Erinnert mich nämlich das an die trübseligste Periode meines Lebens, an die, allwo ich die Ratte hatte, als Kollegienleser, vulgo Privatdozent, an unserer alten alma mater mich aufzutun, vulgo zu habilitieren, wissen Sie? Brauche mich dieser jugendlich törichten Schwärmerei nicht zu schämen, denn – Es irrt der Mensch, solang er strebt ... und schon diverse Jahrhunderte vor Schiller war es erwiesen, daß Es gibt im Menschenleben Augenblicke, Wo man bedeutend dümmer ist als sonst. Aber die Götter hatten ein Einsehen. Akademischer Brotneid ... gelehrte Kabalen ... Kathederhaarbeutel ... Professorenzopf ... wissen Sie? Wollen kein eminentes Talent, kein jugendlich feuriges Genie neben sich aufkommen lassen, die alten Perückenständer ... wissen wohl auch warum ... hm!« »Sie wurden nicht zugelassen?« »Zugelassen? Ganz recht, wurde nicht zugelassen zu der akademischen Brotkrippe und ließ mir das damals dummerweise sehr zu Herzen gehen. War aber kurz resolviert. Sprach mit dem großen Scipio: Ingrata patria! wurde rasend europamüde, schnürte mein Bündel, was nicht viel Zeit wegnahm, und ging über den großen Bach, denn – so sang ich mit Platen – Denn nach Westen zieht die Weltgeschichte.« »Wie, Sie waren in Amerika?« »War ... Sie können Gift darauf nehmen! Was ist's auch Verwunderliches? In zwanzig Jahren wird niemand mehr auf den Namen eines anständigen Menschen Anspruch machen können, wer nicht wenigstens in allen fünf Erdteilen gewesen ist, wissen Sie? Der Fortschritt ist in unserer Zeit ein so rabiater, daß ich, Cyrillus Chrysostomus Theophilus Rumpel noch den Tag zu erleben hoffe, wo ein regelmäßiger Postkurs durch Sonne, Mond und Sterne eröffnet wird.« »Bleiben wir einstweilen noch auf der Erde. Also Sie waren in Amerika?« »Und ob!« »Da haben Sie wohl manches Abenteuer erlebt?« »Pyramidalisches! ... Trug meinen Weltschmerz, meinen Byronismus, meine Europamüdigkeit tief in die Savannen hinein, in die Urwälder, in den allerwestlichsten Westen ... wissen Sie? War ein Backwoodsman jeder Zoll, ein Trapper comme il faut, ging auf die Büffeljagd, saß am Ratsfeuer der Rothäute, zimmerte mir mit dem Tomahawk eine Blockhütte in des Urwalds schattigstem Schatten ... wissen Sie? O, jene Zeit, wo ich bei Tage mit der Natur auf du und du stand und während der Nächte im ungeheuersten Gefühl der Einsamkeit mit jenem ausgewanderten Dichter, der etwas abseits von mir Hinterwäldlerei trieb, ausrief: Allein, allein! – Und so will ich genesen? Allein, allein! – Und dies der Wildnis Segen? Allein, allein! – O Gott, ein einzig Wesen, Um dieses Haupt an seine Brust zu legen!« »Zu jener Zeit,« fragte ich mit der Witzelei eines frisch aus der Provinz kommenden Fuchses, welcher zeigen will, daß dahinten auch Leute wohnen, denen die Belletristik kein böhmisches Dorf sei, »zu jener Zeit haben Sie wohl auch mit Coopers letztem Mohikaner und dessen Freund Lederstrumpf Bekanntschaft gemacht?« »Nein, hatte nicht die Ehre,« entgegnete der Kandidat, mir humoristisch zublinzelnd, als er bemerkte, daß die Augen des schüchternen und vertrauensvollen Fabian vor Verwunderung immer größer wurden, »nein, hatte wirklich nicht die Ehre. Hielten sich nämlich die von Ihnen erwähnten distinguierten Personen gerade in einer andern Gegend auf ... Ist dieses Amerika so fabelhaft groß, wissen Sie? Hatte übrigens Berührungen mit den Eingebornen genug, angenehme und unangenehme. War da ein Kerl, namens Puk-kau-kik-kak, was zu deutsch bedeutet: die vier Fuchsschwänze – führen wunderliche Namen, diese Rothäute, wissen Sie? Nun ja, besagter Puk-kau-kik-kak, großer Krieger, berühmter Häuptling –« »Skalpierte Sie?« »Das nicht, nein,« erwiderte der Kandidat, mit der Hand über seine Glatze fahrend. »Das Vakuum hier rührt nicht vom Skalpiermesser, sondern davon her, daß ich zufällig über meine Haare hinausgewachsen bin. Es war so ein Nachschluß meines Organismus, dem aber nicht mehr alle Teile des letzteren folgen konnten ... unter anderem blieben auch die Haare zurück, wissen Sie? ... Jedennoch, um auf die vier Fuchsschwänze zurückzukommen ... Der Sachem hatte eine allerliebste Tochter, Gli-gla-glo-glu-glauk benamset, was im Deutschen die immergrüne Fichtennadel bedeutet ...« »Aha, die stach Sie ins Herz?« »Und wie! O, meine hochzuverehrenden Herren und Freunde, hüten Sie sich vor der Liebe! Was sagt jener berühmte Autor? ... Liebe ist der schmerzlichste Wahnsinn, weil er sich empfindet ... Was sagt ein anderer dito berühmter? ... Liebe ist die größte Narrheit, weil der verliebte Mensch mehr an eine andere als an seine eigene Person denkt ... Ach und weh ... Infandum, regina, jubes renovare dolorem Unaussprechlichen Schmerz zu erneuen, o Königin, gebeutst du. In was für Schwulitäten hat mein allzu zärtliches Herz mich gebracht, als es sich an der immergrünen Fichtennadel gespießt hatte! Waren da bei dem Stamme sechs junge Krieger –« »In Steifleinen.« »Ah, Sie zitieren Shakespeare? Respekt! Großglockner, Finsteraarhorn, Monterosa, Montblanc, Ararat, Chimborasso, Dhawalagiri unter den Dichtern ... wissen Sie? ... Sir John Falstaff ... inkarnierter Welthumor ... hm! Und da wir gerade bei Sir John sind ... ... Sefele noch eine Flasche Sekt! Junge Leute müssen auch leben – wissen Sie? ... Ja, was wollt' ich sagen? Richtig, besagte neun junge Krieger –« »In Steifleinen –« »Nein, entschuldigen Sie, in Büffelfellen. Es ist eine lange und schauerliche Geschichte ... Rothäutige Eifersucht ... barbarische Rachelust ... Bleichgesichtsflucht durch die Prärie ... Pfadfindern ... Umzingelung ... Waldbrand ... endlich Gefangennehmung durch mehr besagte elf –« »Junge Krieger in Steifleinen oder Büffelfellen –« »Richtig, war schon an den Pfahl gebunden, um regelrecht gemartert und dann in der Form von indianischen Beefsteaks verschmaust zu werden ... Kannibalismus, wissen Sie?« »Entsetzlich!« »Sehr! ... Rettete mich aber ein Genieblitz, wissen Sie? Bewies den Barbaren, daß es gegen alle Grundsätze der Nationalökonomie verstieße, einen so mageren Menschen, wie ich vor Kummer, Sorgen und Ängsten damals einer war, zu verspeisen. Sollten mich doch wenigstens erst volkswirtschaftlich herausfüttern. Genieblitz schlug ein in die waldursprünglichen Schädel ... Qualmoment ging vorüber ... rationelle Herausfütterung begann ... fand aber nicht für gut, das Ende abzuwarten ... ließ mir durch meine Atala, die immergrüne Fichtennadel, bei gelegener Zeit davonhelfen. Glorioses Geschöpf! Meine Herren, auf das Wohl der allerliebsten, unvergeßlichen Gli-gla-glo-glu-glauk!« »Solche Erfahrungen machten Sie wohl zum Amerikamüden, Herr Kandidat?« »Ja, und wie! Ist am Ende mit der alten Jungfer Europa doch noch immer am besten auszukommen, wissen Sie? Kehrte heim, amerika-, asien-, afrika- und australienmüde, und duckte mich wieder unter die mütterlichen Flügel unserer alten alma mater , von welcher ich mit dem alten Horaz sage: Ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet.« Dieser Erdenwinkel heimelt vor allen andern mich an. »Sie machten noch einen Versuch, die Leiter zum Katheder zu erklimmen?« »Gott bewahre! ›Die Ideale sind zerronnen‹, singt Schiller und ›Bescheidenheit, das schönste Kleid‹, sagt Christoph Schmid. Als angehender Philosoph war ich ausgezogen, als angegangener kam ich zurück, fest entschlossen, fürder im Lande zu bleiben und mich redlich zu nähren. Tat so und tue so, wissen Sie? indem ich auf den Korpskneipen Privatissima über den ›höheren Blödsinn‹ lese und für dumme Jungen – wissen Sie? welche bei ihrem Abgange von der Universität ein Dr. vor ihren Namen haben wollen, ungeheuer gelehrte Dissertationen schreibe. Will mich auch ihnen zum voraus bestens empfohlen haben.« »Sehr verbunden,« sagte ich lachend und bemerkte dann, die Andeutung des Kandidaten, daß eine sechste Flasche das Halbdutzend gerade voll machen würde, überhörend, es sei jetzt Zeit, aufzubrechen, wenn wir unsern Bestimmungsort noch vor Einbruch der Nacht erreichen wollten. »Gut,« sagte Herr Cyrillus Chrysostomus Theophilus Rumpel, »in diesem Falle wollen wir uns gegenseitig mit unserer Begleitung beehren ... Sefele, Goldkind, Hab' acht auf den Roten! Setz' ihn bei Leibe nicht jedem Kamel vor, sondern nur Leuten von Distinktion, wie unsereinem. Hasse es, wenn so ein Stoff durch bildungslose Kehlen rollt ... ist 'ne Sünde, wissen Sie? ... Im übrigen, meine Herren, haben Sie sich Glück zu wünschen, daß Sie in meiner Gesellschaft die Schwelle unserer alma mater beschreiten werden. Neuankommende Füchse werden gern gehänselt. Wenn man Sie aber im Geleit eines der öffentlichen Charaktere unserer Universität ankommen sieht, wird man Sie gehörig respektieren – wissen Sie?« Drittes Kapitel, worin kein Beitrag zur »Naturgeschichte des deutschen Studenten« geliefert, wohl aber eine Ketzerei gegen das Dogma, genannt »Komment« begangen und ferner erzählt wird, wie einer die Poetische Masernkrankheit bekam und was ihn davon kurierte. Schöne Leserin, sei nicht bange für dein Zartgefühl, es soll nicht verletzt werden! Ich beabsichtige keineswegs, die »Naturgeschichte des deutschen Studenten« mit einem neuen Kapitel zu bereichern oder ein Paar alte derselben zu rekapitulieren. Die akademischen Mysterien, welche gerade nicht immer die reinlichsten sind, sollen von mir nicht ans Tageslicht hervorgezerrt werden. Muß ich doch gestehen, daß die Erinnerung an das studentische Kommersieren, Renommieren, Randalieren, Duellieren mir keineswegs so überwältigend groß und schön vorkommt, daß ich mich versucht fühlte, des Breiteren davon zu reden. Ich werde daher über die materielle Seite meines Studententums nur wenige Worte sagen. Natürlich trug ich schon nach wenigen Tagen eine dreifarbige Schleife an meiner Uhr, zum Zeichen, daß es mir sehr pressierte, die akademischen Gesetze zu umgehen. Ich war angehender »Burschenschafter« und erinnere mich wohl noch des kindlichen Wonnegefühls, womit ich, das verpönte Schwarz-Rot-Gold unter dem Rocke, an dem geieräugigen »Police-Maier«, dem Häuptling der Universitätspolizeimannschaft, vorüberschritt, an dem Verhaßten, der einem die idyllischen Freuden eines honorigen Nachtrandals so unerbittlich verbitterte und der den durchschnittlich so harmlosen Lärm einer Paukerei auf eine Stunde weit hörte. Uns arme Burschenschafter hatte dieser Obersbirre ganz besonders »auf dem Strich«; denn es war damals verboten, sich als Deutscher zu fühlen oder wenigstens diesem Gefühle lauten Ausdruck zu geben. In der Burschenschaft lebten die Traditionen der Befreiungskriegszeit fort. Ich will damit nicht leugnen, daß aus den Reihen dieser studentischen Patrioten eine Menge von Leuten hervorging, die sich später als die unterwürfigsten Lakaienseelen und die hartgesottensten Bureaukraten manifestierten. Aber trotzdem steht fest, daß zu meiner Zeit vaterländische Anschauungen, eine edlere Ansicht vom Leben, ein ideales Bewußtsein, eine jugendfrische Begeisterung in der Burschenschaft weit mehr gepflegt wurden als in den landsmannschaftlichen Korps, deren ganzes Dichten und Trachten in den hergebrachten Äußerlichkeiten eines Studententums aufging, dessen Formen nur allzu deutlich an eine barbarische Vergangenheit erinnerten. Nun, ich entrichtete meinem Alter den gebührenden Zoll, indem ich diese innerlichst leeren und hohlen Formen redlich mitmachte. Ich kommersierte, explenierte, suitisierte, randalierte, ritt, fuhr, kontrahierte, paukte wie die andern auch. Ein Hund – Pudel natürlich – durfte mir ebenfalls nicht fehlen, und ich hatte die stolze Genugtuung, daß derselbe unter dem Namen Hannikel seiner künstlerischen Ausbildung wegen in allen Kneipen berühmt, seiner unausrottbaren Diebesgelüste wegen in allen Küchen der Stadt tödlich gehaßt war. Beim Rückblick auf meine akademische Laufbahn kommt es mir sehr verwundersam vor, daß die studentische Jugend, deren ganzes Streben nicht so fast auf Freiheit als vielmehr auf totale Willkür der Individualität geht, sich dennoch knechtisch unter jenes abenteuerliche, Komment betitelte Gesetzbuch duckt, welches darauf Anspruch macht, der Kodex eines übrigens ganz abstrakten und, bei Licht betrachtet, inhaltslosen Ehrenbegriffes zu sein, aber in Wahrheit nur ein wunderliches Sammelsurium von Unsinn und Brutalität ist. Ich finde es ganz in der Ordnung oder vielmehr ich kann es mir leicht erklären, daß die fanatischen Anhänger dieser studentischen Konstitution zuletzt, der hohlen Kommentromantik müde, in völlige Erschlaffung versinken und einer nihilistischen Bummelei anheimfallen, welche zwischen Selbstpersiflage und Blödsinn schwankt. Wie oft habe ich bemooste Häupter mit schlaffen Zügen und roten Nasen, die glücklich auf dem bezeichneten Standpunkte angelangt waren, jenes berühmte Bummlerlied singen hören, das unter anderen gleich kostbaren Strophen auch diese enthält: Wann das Feuer mit dem Wasser, König Saul und Salmanasser In der Luft um Sechser fletscht Und der faule Lazzarone Aus vertrockneter Zitrone Tausend Burschenbänder quetscht – Dann Ade, Ade, Ade, Dann Ade, Ade, Ade, Dann Ade, Schatz lebe wohl! Weiß der Himmel, ich ließ es nicht an Bemühung fehlen, »das Kalb auszutreiben«. Aber ein gewisser mir angeborener Reinlichkeitssinn, um nicht zu sagen Idealismus, sowie die Freundschaft Fabians verhinderten, daß ich mir dabei die Schuhe allzusehr beschmutzte. Der arme Fabian mußte zwar in dem halbklösterlichen Zwinger des theologischen Konvikts leben und konnte so von der akademischen Freiheit und Herrlichkeit nicht sehr viel abbekommen; aber ich ließ es mir doch angelegen sein, in lebhafter Verbindung mit ihm zu bleiben, und sein stiller Einfluß ließ mich nie ganz vergessen, daß ich doch eigentlich »studierenshalber« auf der Universität sei. Ich studierte auch wirklich, wenigstens zeitweise. Fabians Zureden und Beispiel brachte mich dazu, die philosophischen und theologischen Disziplinen mit Ernst anzugreifen. Allein je mehr ich mich bemühte, in dieselben einzudringen, desto lebhafter wurde in mir das Gefühl, daß ich zum Gelehrten und Theologen nicht das Zeug habe. Schon der Gedanke, ein Büchermensch zu werden, erschreckte mich, und wenn Fabian mir von dem Glücke redete, dereinst auf einer stillen Landpfarre den Musen und einem stillbegnügten, harmlosen Genuß des Daseins zu leben, schnitt ich wohl seine Bemerkungen mit dem Ausruf ab: »Ach, geh mir! Ich möchte lieber Spektakel machen und alles kurz und klein schlagen!« Fabian war eine jener glücklich organisierten Naturen, in welchen die Woge der Leidenschaft zwar manchmal auch aufschäumte, aber nie, ohne daß sich fast augenblicklich das Öl von früh an gewohnter Resignation besänftigend darauf gösse. Ich wußte, er liebte meine Schwester mit der ganzen Innigkeit seiner Seele, ich sah, wie seine stillen, sanften Augen aufleuchteten, wenn ich ihm Grüße von Hildegard überbrachte, aber der Hoffnung hatte er schon entsagt, und nie mehr seit jenem gewaltsamen Ausbruch seiner Gefühle an der Breunighalde hatte er seine Empfindungen laut werden lassen. Seltsam, Fabian wirkte auch in dieser Richtung so wohltätig auf mein leidenschaftliches Gemüt, daß ich ohne allzu große Aufregung erfuhr, Isolde sei, von Hildegard begleitet, wirklich nach der Residenz abgereist. In dem Brief, in welchem der Vater mir diese Neuigkeit mitteilte, verpflichtete er mich, während des Aufenthalts Isoldes in der Residenz diese nicht zu besuchen. Ich gehorchte, wenn auch seufzend, und mein Gehorsam wurde dadurch belohnt, daß mir der Vater die Mittel zur Verfügung stellte, in den Osterferien eine Reise nach Norddeutschland und in den Herbstferien eine Schweizerreise machen zu können. In Erwartung dieser Genüsse tröstete ich mich damit, daß mir Hildegard aus der Hauptstadt schrieb, Isolde rede täglich von mir und gefalle sich so wenig in dem residenzlichen Treiben, daß sie ihren Vater dringend anliege, sie nach Rothenfluh zurückzurufen. In einem weiteren Schreiben Hildegards war sehr viel von Berthold die Rede, der jetzt Offizier geworden sei. Die Äußerungen meiner Schwester waren aber so verworren, daß sie mir erst klarer wurden, als zur gleichen Zeit der Vater in einem Briefe die Äußerung hinwarf, der gute Freiherr sei oft sehr verstimmt; er habe Kummer, denn sein Sohn in der Residenz scheine auf bedenkliche Abwege geraten zu sein. In einer Nachschrift empfahl mir der Vater lebhaft neben meinen übrigen Studien meine Weiterbildung in den modernen Sprachen, selbst das »widerwärtige Genäsel«, das Französische, nicht ausgenommen, ja nicht zu vernachlässigen. Man könne nicht wissen, wozu das noch gut sei, und abgesehen davon, müsse mir es ja Vergnügen machen, die großen Autoren der Fremde in ihrer eigenen Sprache lesen zu können. Weil ich nun, ein gehorsamer Sohn, soviele ausländische Poeten las – daß ich die einheimischen las, versteht sich von selbst – und weil mir daneben Rhythmus und Reim ziemlich leicht von der Hand gingen, kam ich auf den wunderlichen Einfall, selber ein Poet zu sein. Nun, wer hat sich das in den Jahren zwischen achtzehn und zweiundzwanzig nicht eingebildet? Genug, ich machte Verse in allen Metren und Tonarten, verübte ein furchtbares Schauertrauerspiel, und da ein anständiger Dichter doch nicht bloß Lyriker und Dramatiker sein kann, fing ich ein heroisches Epos in Nibelungenstrophen und ein komisches in Ottave rime an. Alle diese klassischen Produkte schrieb ich mit vielem Behagen recht nett ins Reine und hatte dann eine rührende Freude daran. Hielt auch noch extra ein poetisches Tagebuch, um es dem Petrarka gleichzutun, und ich erinnere mich, daß das hundertmal variierte Schlußterzett meiner Sonette die immer wiederkehrenden Reime hatte: »Isolde – Haar von Golde – einzig Holde.« Der Herr Kandidat Rumpel, welcher nicht zum Vorteil meiner Finanzen meine Gesellschaft häufig suchte, pries mit Emphase meinen dichterischen Genius. Sogar die Vorlesung meines Trauerspiels stand er aus, freilich bei einem hinlänglichen Vorrat von Wein, und schrie am Ende zustimmend: »Kolossale Tragödia! Sie übermüllnern den Müllner, überhouwalden den Houwald, und der Werner muß vor Ihnen Pech geben. Das heißt in der Tat den ›Gründlingen des Parterre‹ – wissen Sie? – mit schaudererweckendem Gedonner an die Tränendrüsen schlagen. Ganz äschyleisch, ganz shakespearisch, ganz! Ich prophezeie Ihrer Schöpfung mit dem alten Horaz: ........ Hic liber mare transit Et longum noto scriptori prorogat aevum. Der Ruf dieses Werkes wird meerüber dringen und seinem Verfasser langdauernden Ruhm bringen. Zwar könnte ein Kritiker von der gewöhnlichen Sorte gegen Ihr Poem den ledernen Einwand erheben, von Rechts wegen müßten selbst in dem traurigsten Trauerspiel von den Personen immer noch eine oder zwei übrigbleiben, um die andern zu begraben; ich aber verachte mit Ihnen derartige philiströse Utilitätsprinzipien. Sie verstehen aufzuräumen, ja, beim Jupiter. Vielleicht könnten Sie es noch nachträglich so einrichten, daß ganz zuletzt auch noch der Souffleur auf irgend eine erschütternde Art die Spitze der auf der Bühne getürmten Leichenpyramide abgäbe – wissen Sie? Doch kurz und gut, Ihre Tragödia ist klassisch durch und durch, kolossal, pyramidal lapidarisch!« Freilich war ich nicht einfältig genug, den handgreiflichen Spott in dieser Huldigung nicht zu merken, aber doch einfältig genug, Rumpels Zustimmung höher zu schätzen als die verständigen Bemerkungen, welche Fabian über meine Dichterei machte. Er war augenscheinlich nicht sehr erbaut davon, da er ein feines Gefühl für das Ursprüngliche und Schöne besaß, und riet mir, wahrscheinlich um mich von meiner Reimwut zu kurieren, ich möchte meine Gedichte doch einmal dem berühmten Ästhetiker von der Hegelschen Schule, welcher an unserer Universität las und dessen Kollegien ich frequentierte, zur Beurteilung vorlegen. Gut, dachte ich, du sollst schon sehen, Fabiane! und reichte schon folgenden Tages ein ungeheuer dickes Paket voll Unsterblichkeitshoffnungen bei dem Professor ein. »Nun,« fragte mich nach einiger Zeit der Fabian, »was hat er gesagt?« – »Nichts,« erwiderte ich brummend. Der Fabian sagte dann auch nichts mehr, weil er mich nicht wilde machen wollte. In der Tat, der geistvolle Professor hatte nichts gesagt. Das dicke Paket war wohlversiegelt wieder zurückgekommen, ohne ein aufmunterndes oder ein verwerfendes Urteil zu enthalten. Fortan machte ich keine Verse mehr. Was die schon gemachten betraf, so verbrannte ich sie nicht, denn bekanntlich würde sich ein Poet, sei es ein wirklicher oder ein bloß eingebildeter, lieber die Nase abbeißen, als die Kindlein seiner Phantasie dem Feuer opfern; aber ich schob sie in einen Winkel und hinterließ sie bei meinem Abgange von der Universität großmütig meinem Hausphilister, einem Viktualienkrämer, zu beliebigem Gebrauch. Als mich später wieder einmal mein Weg durch die Universitätsstadt führte und ich in einem öffentlichen Garten ein Glas Bier trank, wehte mir der Wind von einem der benachbarten Tische ein Blatt Papier vor die Füße, in welches ein ehrsamer Bürger den Käse gewickelt hatte, den er zu seinem Vespertrunk aß. Als mein Blick mechanisch auf das Papier am Boden fiel, erkannte ich auf dem so schnöde mißbrauchten meine eigenen Schriftzüge, ja sogar die ewigen Reime: »Haar von Golde – Isolde – einzig Holde« – und wehmütig sprach ich mit Schillers Thekla: »Das ist das Los des Schönen auf der Erde«. Ich hoffe, der geneigte Leser, welcher ja wohl auch einmal Verse gemacht hat oder gar noch jetzt macht, werde mir diese Wehmut zugute halten. Ich machte also keine Verse mehr. Aber die Liebe zur Poesie ließ ich mir durch die Erkenntnis, daß ich selber kein Poet sei, nicht verleiden, und wohl mir, daß ich es nicht tat. Diese Liebe ist ein großer Segen meines Lebens geworden, ein Trost in Leiden und Mühen, eine nie versagende Erfrischung der Seele. Es ist der Fluch der modernsten Erziehung, daß ihr bronzestirniger und mühlsteinherziger Materialismus mit bleierner Hand den Schmetterlingsflügelstaub der Poesie von den Schwingen der Kinderseelen wischt. Daher diese Generation von egoistischen Einmaleins-Menschen, welche jetzt heranwachsen und das ganze Leben zu einem grauenhaft öden Rechenexempel zu machen drohen. Der Engländer Dickens hat mit der ganzen ätzenden Schärfe seines Humors in der Figur des Mr. Gradgrind diesen unheilvollen Materialismus gebrandmarkt. Ach, bereits wimmelt es überall von solchen Gradgrinden, und traurige Vorzeichen deuten auf eine bevorstehende Götterdämmerung für die Welt der Schönheit. Doch getrost, die Edda prophezeit ja, daß aus dem Schutt Ragnaröks eine neue Welt emporgrünen werde, jugendlich schön und hold und heiter. Viertes Kapitel Keine Reisenovelle, aber doch eine Reisenovellette. Wäre ich noch jung, wollte ich versuchen, hier einige Reisenovellen zu liefern, wie sie Mode waren zur Zeit, wo ich meine Studentenfahrten durch Deutschland und die Schweiz machte. Heutzutage, wo der Dampf die ungeheuersten Entfernungen zusammenschrumpfen läßt, wo demnach jeder reist oder gereist ist und wo sogar »Reisebilder«, aufgenommen auf einer Reise um die Erde, nur noch flüchtige Neugier erregen, ist das ganze Fach der Reisenovellistik Rokoko geworden. Ich behellige daher den Leser nicht ausführlich mit den kleinen Abenteuern eines »fahrenden Schülers« und mit den großen Gefühlen, welche mich überkamen, als ich auf Helgolands roter Klippe und auf der Kuppe des Faulhorns stand. Auch nicht mit den Ärgernissen des Zusammenstoßens meiner süddeutschen Viereckigkeit mit der norddeutschen Pfiffigkeit, noch endlich mit dem Hunger und dem Durst, welchen ich in der Metropole der deutschen Intelligenz an der Spree ausstand. Heil dir, Hamburg, mit deinem gemütreichen Rostbraten und deinem soliden Rotwein! Es war nicht Mitleid, was mich nachmals mein Scherflein in deine Brandbettelbüchse werfen ließ, bewahre, sondern es war innigstes Dankgefühl, es war die Erinnerung an jene Stunde, wo ich mich in deinen gesegneten Mauern, frisch oder vielmehr sehr matt von Berlin gekommen, nach mehreren Wochen zum erstenmal wieder recht satt aß. So etwas vergißt ein fühlendes Gemüt nicht, so wenig, als ein Binnenmensch aus dem Süden Deutschlands je den Moment vergißt, wo er bei Kuxhaven zum erstenmal das Meer sah, oder auch den Moment, wo er, etliche Seemeilen über Kuxhaven draußen, zum erstenmal mit jener Dame aus Helheim, genannt Seekrankheit, Bekanntschaft machte. Was die Schweiz angeht, an diesem Orte nur dieses: eine Fahrt in einer Vollmondnacht auf dem Vierwaldstätter See zwischen Brunnen und dem Rütli, ein Sonnenaufgang auf dem Rigikulm, ein Sonnenuntergang auf der Wengernalp, ein Gang bei blauem Himmel über die zwischen den gloriosen Kolossen Finsteraarhorn, Lauteraarhorn, Schreckhorn und Wetterhorn gelagerten Gletschermassen, ein Blick in den Handeckschlund, wenn die Sonne im Zenit steht – das gehört mit zu dem Besten, was der Mensch überhaupt erleben kann. So eine Alpenwanderung macht einem die Seele weit, licht und gesund. Das kleine Ich mit seinen wahren oder eingebildeten Schmerzen kann gegen die großen Eindrücke der Natur, die in schöpferischem Spiele zu dem Erhabensten das Lieblichste gesellt, nicht standhalten. Auch ich erfuhr das. Beim Beginne meiner Reise war meine Stimmung sehr werterisch gewesen, denn allfort mußt' ich daran denken, daß jetzt die Zeit gekommen sei, wo Isolde mit dem Grafen Zackstein sich verloben sollte. Der Gedanke wuchtete schwer auf mir. Aber droben in der Region, wo die Gletscherbäche singen, wurde die Last leichter und immer leichter. Und dann hatte ich auch ein kleines Abenteuer, dessen ich hier doch erwähnen muß. Als ich das Haslital herab nach Meiringen kam, wimmelte das Gasthaus zum wilden Mann, wo ich einkehrte, nicht allein von jenen reisenden Teekesseln, welche »englisch lispeln«, sondern auch von einer ganzen Schar allerliebster Jüngferchen, den Mitgliedern eines Mädchenpensionats aus dem »Welschland«. Das flatterte und flüsterte die Treppen auf und ab wie eine verstörte Taubenschar, um nicht zu sagen, wie eine verstörte Hühnergemeinde. Der Herr Institutsdirekter, ein kurzer, dicker Mann mit einer ungeheuren bis zu den Ohren hinaufreichenden weißen Halsbinde, und die Frau Direktrice, eine lange, magere Dame, in deren ältliche Züge die pädagogische Essigsäure eingefroren war, verhandelten eifrig mit dem Wirt, wobei der dicke, kurze Herr eine wahrhaft zappelnde Unruhe an den Tag legte, während die Dame eine majestätische Fassung bewies. Bei dieser Gelegenheit rechtfertigte sich zuerst meines Vaters Meinung, daß die Kenntnis des französischen »Genäsels« doch auch zu etwas gut sei, denn ich erfuhr dadurch, daß Monsieur le directeur und Madame la directrice in großen Sorgen seien um eins ihrer Pensionatsvögelchen, welches sich zwischen Thun und Meiringen unbegreiflicherweise von der wohlgehüteten Schar verloren habe. Bereits waren Boten nach verschiedenen Richtungen ausgesandt wurden, aber keinem derselben war es gelungen, die verflatterte »Demoiselle Julie« aufzufinden und unter die mütterlichen Fittiche von Madame zurückzubringen. Mit verschiedenen schweren Seufzern setzte sich endlich der Mann mit der weißen Halsbinde zum Abendessen, »Es hat nicht viel zu bedeuten, mon cher ,« hörte ich seine majestätische Gattin zu ihm sagen – »es ist nur wieder einer der gewöhnlichen wilden Hummelsstreiche des Mädchens.« Ich dachte nicht mehr an diese Geschichte, als ich folgenden Tages von Meiringen nach Brienz schlenderte und von da über den See zum Gießbach hinüberfuhr. Aber die Verflatterung des Pensionatsvogels kam mir wieder zu Sinne, als ich, an den prächtigen Wasserfällen hinaufgehend, auf dem Steg, welcher über einem der oberen hängt, ein junges Mädchen stehen sah, das mir, als ich den Steg betrat, aus schwarzen Augen voll Feuers einen forschenden Blick entgegensandte. Die junge Dame trug ihren eleganten Reiseanzug mit einer Art koketter Lässigkeit. In der Linken hielt sie eine kleine Reisetasche mit zierlicher Stickerei, und mit der Rechten stützte sie sich leicht auf einen langen Alpstock. Unter einem braunen Strohhut mit breitem Rande ringelte sich reiches, lichtbraunes Haar, zu welchem dunkle, kühngeschwungene Brauen einen reizenden Gegensatz bildeten, auf Nacken und Schultern nieder. Die Gesichtszüge waren fein und regelmäßig, nur stimmte der etwas zu große Mund nicht ganz zu ihnen. Aber die aufgeworfenen Lippen blühten in einem Rot, welches dem Feuer der Augen entsprach. Hielt man dazu noch die Formen der mittelgroßen, beweglichen Gestalt, Formen, welche die Backfischeckigkeit schon vollständig überwunden hatten und zu blühender fast üppiger Rundung gediehen waren, so bekam man den Eindruck schöner Sinnlichkeit. Ich gestehe, dieser Eindruck auf mich war ein bedeutender, fast heftiger. Zu jener Stunde hab' ich nicht an Isolde gedacht. »Das ist sehr schön!« sagte ich, höflich meinen Schlapphut lüftend und in die silbernen Strudel niederblickend. »Sehr schön,« erwiderte das Dämchen, einen Schritt weiter von mir wegrückend und mich abermals unter ihrem Hute hervor von oben bis unten musternd. »Ich habe wohl die Ehre, mit Fräulein Julie zu sprechen?« fragte ich, entschlossen, ein Gespräch mit der einsamen Schönen anzuknüpfen. »Mit Fräulein Julie?« entgegnete sie, mit leichtem Schrecken noch einen Schritt zurückweichend. »Ja,« sagte ich, »aber mein Fräulein, ich befasse mich gar nicht damit, entflogene Vögel einzufangen.« Sie lachte fröhlich und kam wieder einen Schritt näher. Das Rauschen des Wasserfalls ließ es ja nicht zu, daß man sich aus der Ferne unterhielt. »Ah,« sagte sie, »Sie sind unserer Herde von Lämmchen begegnet, mein Herr, und der alten Schäferin und dem dicken Schäfer –« »Dessen ungeheuerliche weiße Halsbinde jetzt mit Tränen um das verlorene Lämmchen benetzt sein mag.« »Tut nichts, das erspart ihr eine Wäsche. Übrigens, da Sie kein Vogelfänger sind, so kann ich Ihnen schon sagen, daß ich der entflohene Vogel bin. Es war gar zu langweilig, dieses reisende Pensionat. Bei jeder schönen Stelle las uns Monsieur den betreffenden Abschnitt aus dem Guide vor und sprach Madame ein langes Gebet. Es war wirklich zu ennuyant. Ich muß ohnehin noch einen ganzen schrecklichen Winter all den Pensionatsschnickschnack mitmachen.« »Das bedaure ich, mein Fräulein.« »Da haben Sie recht. Es ist abscheulich. Aber wenn man einmal aus dem langweiligen Nest heraus und in den Bergen und noch dazu sechzehn Jahre alt ist, so mag man sich doch nicht mehr wie ein Küchlein von der Gluckhenne herumführen lassen. So eine Bemutterung ist unausstehlich.« »Allerdings! Aber ich finde diese Bemutterung doch höchst preiswürdig.« »Wie, mein Herr?« »Ja, mein Fräulein. Wäre besagte Gluckhennenschaft nicht vorhanden gewesen, hätten Sie keinen Überdruß daran empfinden können. Hätten Sie keinen Überdruß empfunden, wären Sie nicht entflogen. Wären Sie nicht entflogen, hätte ich nicht das Glück gehabt, Ihre Bekanntschaft zu machen – quod erat demonstrandum . Sie werden zugeben, daß das eine tadellos logische Schlußfolgerung ist.« Sie lachte wieder und fragte: »Sie sind wohl Student, mein Herr?« Ich bejahte und war froh, daß sie nicht nach der Fakultät fragte, denn ich fürchte, ich hätte meine Priesterschaft in spe schmählich verleugnet. Fräulein Julie sah mich wieder forschend an, und mir kam vor, als würden ihre schwarzen Augen immer größer und feuerwerfender. Ihre Miene war auch gar keine mißfällige – unter uns, lieber Leser, es tut das meiner Eitelkeit noch jetzt wohl – als sie dann sagte: »Darf ich wissen, mein Herr, wohin Sie vom Gießbach aus Ihren Alpstock setzen werden?« »Nach dem Faulhorn zu, wenn es Ihnen so recht ist, Fräulein.« »Wenn es mir recht ist? Wie galant! Aber in der Tat, es ist mir recht, ich will auch nach dem Faulhorn.« »Glückauf, und gesegnet sei mir dieser Tag! Aber, mein Fräulein, man sagte mir in Brienz, der Weg vom Gießbach da hinauf sei im einzelnen nicht ganz ungefährlich und im ganzen sehr beschwerlich.« »Was tut das? Ich will einmal auf das Faulhorn, und gerade hier will ich hinauf. Weil der alte Puter, der statt des roten ein weißes Halstuch trägt, und die alte fromme Gluckhenne mit ihren Küchlein durchaus nicht auf das Faulhorn wollten, hauptsächlich deshalb hab' ich mich in Interlaken von der Herde verloren und bin über Bönnigen und Iseltwald hierher gekommen.« »Aber der beschwerliche und gefährliche Weg?« »Fürchten Sie sich davor?« »Ich? Bah! Das heißt, ich fürchte mich doch davor – um Ihretwillen.« »O, das können Sie sich ersparen. Ich weiß nicht, was Schwindel ist, und bin sehr gut zu Fuß.« Wie sie das sagte, kam, wie zur Bekräftigung, ein allerliebstes Füßchen unter dem Saum ihres Kleides hervor. Dasselbe sah zwar in seinem merkwürdig schmalen Zeugstiefelchen nicht sehr bergpfadmäßig aus, aber – es war allerliebst. Während ich mir darüber allerlei wunderliche Gedanken machte, sagte Fräulein Julie: »Ich begreife gar nicht, warum ich nicht schon vor acht oder zehn Tagen dem reisenden Pensionat entsprungen bin. Es wandert sich so angenehm einsam –« »Aber doch noch angenehmer zweisam.« »Meinen Sie? Hm, da kommt es doch wohl darauf an, wer mit einem geht. Lassen Sie mich, bevor ich mich entschließe, zweisam da hinaufzugehen, Ihnen doch einmal recht ins Auge sehen.« »Kurioser Einfall,« dachte ich. Wäre ich damals schon so alt gewesen, wie ich jetzt bin, würde ich das Gebaren von Fräulein Julie für ein sechzehnjähriges Mädchen vielleicht etwas zu – wie soll ich sagen? – etwas zu emanzipiert gefunden haben. Da ich aber selber noch ein ziemlich naiver Bursch war, hatte ich wohl das Recht, es kostbar naiv zu finden. Isolde freilich würde – aber ich dachte ja damals nicht an Isolde. Als mir Fräulein Julie recht ins Auge sehen wollte, ging sie schon vor mir her, den steilen, schmalen, feuchten Pfad durch das Ahorngesträuch hinauf. Sie blieb jetzt stehen und kehrte sich um, und da ich etwas tiefer stand, befand sich ihr Gesicht mit dem meinigen in gleicher Linie. So sah sie mich ein paar Sekunden an, während die verführendste Schelmerei in ihren Mundwinkeln kicherte und ihre halbgeöffneten Lippen kaum eine Spanne weit von den meinigen so verlockend rot blühten. Seltsam, in diesem kritischen Augenblick fiel mir plötzlich ein, irgendwo von einer Schönen gelesen zu haben, sie habe einen falschen Zug um den Mund gehabt, etwas wie den Schatten des Schwänzleins einer forthuschenden Eidechse. Das war doch ein recht dummer Eidechsengedanke. Er ging aber so schnell, wie er gekommen. »Nun,« sagte Fräulein Julie, »ich denke, ich kann mit Ihnen zweisam nach dem Faulhorn gehen.« So sprechend, tippte sie mir mit dem Zeigefinger ihrer Rechten, von welcher sie den Handschuh gezogen, leicht auf die Schulter und wandte sich zum Weitergehen. Aber in diesem Augenblick wich ihr ein loser Stein unter dem Fuße, sie glitt aus und wankte, und ich – nun, bei allen Göttern! ich wäre kein flotter Student, sondern ein Tropf gewesen, wenn ich nicht, indem ich sie vor den Folgen dieses kleinen Unfalls bewahrte, meinen Arm um ihren Leib geschlungen und ihr bei dieser Gelegenheit einen Kuß geraubt hätte. Denke ich jetzt an diesen Kuß zurück, will mir fast scheinen, daß Fräulein Julies rote Lippen schon gewußt hätten, was Küssen sei. Sie fuhr zurück, aber nicht zu jach und heftig, schlug mir mit dem Handschuh auf den Mund, aber so, daß es gar nicht weh tat, und sagte lachend: »Ich sehe, wenn man zweisam geht, muß man sich vor den losen Steinen sehr in acht nehmen.« »O, gar nicht!« »Doch, doch .... und .... wissen Sie denn nicht, daß man den Bergführern ihren Lohn erst auszahlt, wenn sie einen glücklich an Ort und Stelle gebracht haben?« Der Hut war ihr in den Nacken geglitten, ein Sonnenstrahl fiel durch die Ahornblätter auf ihr gerötetes Gesicht – es war reizend! »Ich will ein treuer Führer sein, Fräulein Julie,« sagte ich. »Das wollen wir sehen,« versetzte sie, elastischen Schrittes bergan steigend. Nach einer Weile sagte sie, mir über die Schultern einen raschen Blick zurückwerfend, der gar nicht böse war: »Ich kenne noch nicht einmal Ihren Namen. Wie heißen Sie doch?« »Michel Hellmuth.« »Hellmuth? Nun, an Mut scheint es Ihnen gerade nicht zu fehlen. Aber wie kommen Sie denn zu so einem – so einem populären Vornamen?« »Mein Vater gab mir denselben, und er bildet sich viel darauf ein. Sie müssen wissen, Michel bedeutet nach seiner Meinung der Starke.« »Nun, da kann man sich den Namen schon gefallen lassen. Aber darf ich fragen – doch nein, wissen Sie was? Wir wollen uns gar nicht gegenseitig weiter ausfragen. Wir sind ja nicht zwei alte Tanten. Unsere Bekanntschaft, die doch nur eine flüchtige sein wird, behält so die romantische Beleuchtung, in welcher sie mir erscheint. Man muß dem Augenblick zu leben verstehen. Oder nicht?« »Gewiß, aber ich wünsche, der Augenblick währte eine Ewigkeit.« »Schmeicheln Sie? Das sollte ein Michel, das heißt ein Starker, nicht tun.« »Ich schmeichle nicht. Aber wenn ich Sie so vor mir herschweben sehe, möchte ich –« »Was?« »Daß alle die Steine da auf unserem Wege recht lose wären.« »Gott tröste Sie!« »Ich wollte lieber, es tröstete mich eine gewisse Göttin.« »Wirklich? Sehen Sie, wär' ich nun eine alte Jungfer, so müßte ich tun, als verstände ich Sie nicht. So aber sage ich nur, daß ich mythologische Komplimente sehr du mauvais goût finde. Also keines mehr von dieser Sorte oder noch besser, überhaupt keines mehr. Ich bin froh, daß mir einmal für ein paar Tage alle die langweiligen Schnörkel der Konvenienz aus den Augen sind. Mir ist froh und frei zumute. Ich bin ganz glücklich, und was mein Vergnügen erhöht, ist, daran zu denken, was Madame la poussinière dazu sagen würde, wenn sie wüßte, daß ich zu dieser Stunde nicht einsam, sondern vielmehr zweisam auf das Faulhorn steige. Ciel! was würde das für ein Augenverdrehen geben, wenn sie gar wüßte –« »Was für lose Steine es auf dem Wege zum Faulhorn gibt?« »Ja, und was für lose Studenten, die den gefährlichen Namen Michel führen und –« »Und?« »Nicht schüchterner sind, als sie sein sollten.« So plauderten wir vergnüglich, und der schöne Frühherbstnachmittag verging mir wie im Traum. An den gefährlichen Stellen des Weges verschmähte Fräulein Julie meinen stützenden Arm nicht, und ich hatte sogar die Ehre, ihre anmutige Last über eine breite Runse, in welcher ein wildes Bergwasser schäumte, hinwegzutragen. Da ich mich selbst bei dieser verführerischen Partie bescheiden benahm, wurde die junge Schöne ganz zutraulich, und so kamen wir als die besten Freunde von der Welt auf der berühmten Bergkuppe an, gerade noch zeitig genug, um das glorreiche Schauspiel mit anzusehen, wie die untergehende Sonne ihren Purpur über die Schneekolosse des Berner Oberlandes hinströmte. Am folgenden Morgen hatte ich die Ehre, Fräulein Julie zum prächtigen Gletscher von Rosenlaui hinab und von da weiter nach Grindelwald zu begleiten. Am dritten Tage stiegen wir mitsammen die Berghänge zur Wengernalp hinauf. Fräulein Julie war voll Scherz und Lachen, voll Witz und Mutwillen. Ob auch mehr oder weniger Koketterie mit unterlief? Ich weiß es nicht; aber was ich weiß, ist, daß es sich sehr angenehm in dieser Gesellschaft reiste – sehr! Wir hatten den Bergkamm erreicht, welcher das Grindelwaldner Talgebiet von dem Lauterbrunner scheidet und deshalb auch den passenden Namen Scheideck führt. Dort, vom Fuße der riesigen Felspyramide des Eigers aus, erblickst du plötzlich die Jungfrau in der ganzen Herrlichkeit ihrer unvergleichlichen Formen. Der Mönch steht düster daneben – der arme Bursch! Er kann nicht über die eisige Kluft hinüber, die ihn von der Spröden trennt, und die Lawinen, welche von dem Haupte der Riesenjungfrau über ihren blendenden Busen herabrollen, klingen wie wildes Hohngelächter. Fräulein Julie wollte diese Metapher nicht ganz gelten lassen. »Die Lawinen erscheinen mir gar nicht so lächerlich,« sagte sie, »und ich ziehe es vor, dieselben für Tränenströme zu halten, welche die arme Jungfrau vergießt, aus Verdruß über die mönchische Unbehilflichkeit und Unbeweglichkeit ihres Freiers.« Ich hatte keine Zeit, das Dilemma zu untersuchen, ob diese Bemerkung wörtlich auf Mönch und Jungfrau zu beziehen oder aber parabolisch zu nehmen sei, denn im nämlichen Augenblick rief meine schöne Reisegefährtin aus: » Mon Dieu, sehen Sie da unten das bunte Gewimmel von Strohhüten und Perkalkleidern? Es ist die Gluckhenne mit ihrem Puter und allen den frommen Küchlein – o Schmerz!« Wir waren nämlich schon eine gute Strecke die Alm abwärts gegangen, welche sich bis zu dem Trümletental am Fuße der Jungfrau hinabzieht. Ungefähr in der Mitte der sanftgelegenen, welligen Fläche liegt das Gasthaus zur Wengernalp, in dessen Räumen die Sommermonate über tagtäglich alle Sprachen Europas ertönen. Auf der Matte vor dem Hause waren Scharen von Reisenden, Führern und Pferden gelagert; aber sehr abseits von den anderen erblickte man ein dicht zusammengedrängtes frauenzimmerliches Häuflein, welches in der Tat schon von weitem einem reisenden Mädchenpensionat sehr ähnelte. »Wollen wir umkehren, Fräulein?« fragte ich. »Ah, Sie sind also meiner Gesellschaft noch nicht müde?« entgegnete sie. »Ach nein!« »Wie schmachtend Sie das sagen! Bitte, keine Sentimentalität! Das empfindsame Wesen ist mir zuwider. Lassen Sie uns so munter scheiden, wie wir zusammen gereist sind.« »Aber müssen wir denn schon scheiden?« »Ja. Ich habe nun drei Tage in der Freiheit gelebt und will mir einstweilen daran genügen lassen. Aller guten Dinge sind drei, wie Sie wissen. Aber tun Sie mir den Gefallen und erzählen Sie dem Puter irgend eine gute Schnurre, welche unser Beisammensein erklären soll – nicht zu meiner Entschuldigung, ich bedarf keiner solchen – aber zum Ärger der Gluckhenne.« »Gut, ich will mein Möglichstes tun; aber –« »Was aber?« »Der mir in Aussicht gestellte Führerlohn –« »Garstiger Egoist!« Der Blick, welcher dieses Scheltwort begleitete, hob seine Wirkung auf. Zudem war keine Zeit zu verlieren – wir befanden uns gerade in einer schmalen, von einem Bache durchströmten Eintiefung des Terrains – sozusagen, für einen Augenblick von der Welt abgeschlossen – ich war auch weder so unbeweglich noch so unbehilflich wie der Mönch da drüben und – kurz, ich erhielt meinen Führersold in zwei Küssen ausbezahlt, die nicht gerade als geraubte qualifiziert werden konnten. Julie schien für einen Moment fast weich zu werden. »Sehen Sie,« sagte sie, indem ihre schone Hand, welche ich an mein Herz gezogen hatte, den Druck der meinigen erwiderte, »sehen Sie, mein Freund, Berge kommen nicht zusammen, wohl aber Menschen –« »Und Menschenlippen, ja ... und aller guten Dinge sind drei, wie Sie wissen.« Ich zog sie an mich, und sie schlang ihre Arme um meinen Nacken und küßte mich lang und heiß. Dann trat sie zurück, strich sich die Locken aus der Stirne, band ihren Hut fest, nahm ihren Alpstock auf und schritt den Rain hinan mit den Worten: »So, jetzt tapfer dem Feind entgegen!« Einige Minuten später schallte uns die Matte herauf in allen möglichen Backfischtonarten der Ruf entgegen: »Demoiselle Julie! Demoiselle Julie!« und hinterdrein kam das dünne »Mon Dieu!« von Madame und das dicke »Mais – mais« von Monsieur. Dieses Reiseabenteuer sollte nicht ohne bedeutenden Einfluß auf mein späteres Leben bleiben. Damals aber, als ich mich auf der Wengernalp von Julie trennte, fühlte ich nur, daß die schwarzen Augen meiner schönen Reisegenossin eine Flamme in mir entzündet hatten, die das Vestafeuer meiner ersten Liebe zu ersticken drohte. Wenn ich an Isolde dachte, glühte in meiner Seele heiße Scham. Ich glaubte oft ihre keuschen, süßen Augen mit stillem Vorwurf auf mir ruhen zu fühlen. Aber sie heiratet ja den Grafen Zackstein, brummte ich damals wohl vor mich hin, wie um mich vor mir selbst zu entschuldigen. Diese sophistische Entschuldigung sollte sich bei meiner Rückkehr in die Universitätsstadt als gänzlich unhaltbar erweisen. Ich fand Briefe vor, welche unter anderem aussagten, Isolde sei nach Rothenfluh zurückgekehrt, nachdem sie den Grafen entschieden ausgeschlagen. Meine Schwester, welche mir dieses schrieb, mußte Kummer haben, der Ton ihres Briefes war so traurig, und während sie sonst immer so viel von Berthold schrieb, sagte sie jetzt nur, derselbe habe einen langen Urlaub genommen, um eine Tour durch Frankreich und Italien zu machen. Ganz unten an Hildegards Brief standen, von Isoldes Hand geschrieben, die Worte: »Ich grüße Dich!« Sie entzückten mich und bereiteten mir zugleich bitteren Schmerz. In einem und demselben Augenblick verwünschte ich jene drei Tage meiner Schweizerreise und wünschte sie doch wieder mit heimlicher Sehnsucht zurück. Oft setzte ich mich hin, um Isolde mein Abenteuer brieflich zu beichten, aber eine unüberwindliche Scheu vereitelte stets diese Absicht. In Stunden, wo der Humor über die unklare Gärung meiner Gefühle triumphierte, kam ich mir vor wie Buridans Esel, nur mit dem Unterschied, daß statt der bekannten Heubündel zu meiner Rechten ein schöner Stern stand, zu meiner Linken eine Blume von tropischer Farbenpracht und berauschendem Duft. Und am Ende ließ mich dann der glückliche Leichtsinn der Jugend zu mir selber sagen: Bah, auch die exotische Blume, Julia regia, ist ja nicht für dich. Wer weiß, wo sie jetzt blüht und für wen sie jetzt duftet! Und was den Stern betrifft, o – Die Sterne die begehrt man nicht, Man freut sich ihrer Pracht, Und mit Entzücken blickt man auf In jeder heitern Nacht. Fünftes Kapitel Ein Privilegium der Jugend. – Zwei Fahnenträger einer bewegten Zeit. – Die hegelsche Philosophie und ein apostolisches Wort. – Titanismus. – Gibt es Ahnungen? – Ein erloschener Stern und ein Gebet. – Die gesprengte Kette. – »Segen über euch!« – Eine Tote in Blumen. Es war eine geistig hochbewegte Zeit, in welche meine Studienlaufbahn fiel, und ich besaß Empfänglichkeit genug, um an dieser Bewegung lebhaften Anteil zu nehmen. Das Feuer meiner Seele lodert heute nicht mehr so hoch und heiß wie damals, aber noch immer glüht – dank den Göttern! – in mir jenes something unearthly, wie Byron es nannte, jener der Zentralsonne, der Weltseele entsplitterte Funke, der in jedem Menschen, welcher nicht ein bloßer Erdenkloß, glimmt und glostet. Darum, wie manche meiner jugendlichen Illusionen tot und ab sind, vermag ich doch noch nicht mit skeptischem Lächeln auf jene Tage zurückzublicken, wo auch ich, in bescheidenster Weise freilich, mitwob an dem bunten Gewebe von politischen, sozialen und literarischen Theorien, welche die Praxis des Lebens mit so rauher Hand zerriß. Nein, noch jetzt kann ich mich nicht bemitleiden ob dem jugendlich gläubigen Enthusiasmus, womit ich mich umtrieb in Regionen – Wo auf Weltverbesserung Wünsche kühn sich lenken ... Die Jugend besitzt das kostbare Vorrecht, sich einbilden zu dürfen, es sei ebenso leicht als notwendig, die Welt aus ihren Fugen zu reißen; denn sie hat noch nicht mit Hamlet daran verzweifeln gelernt, dieselbe wieder einzurenken. Und dann – wäre die Jugend nicht allzeit revolutionär gesinnt gewesen, wahrlich, die Weltgeschichte wäre längst zum toten Sumpfe geworden. Die brütende Schwüle der Restaurationszeit hatte sich in dem Gewitter der Julirevolution entladen. Durch ganz Europa ging ein frisches Aufatmen. Eine neue literarische Epoche kündigte sich an: die moderne, welche die Erbschaft der klassischen, der Goethe-Schillerschen, wie der romantischen übernahm, um sie weiteren Entwickelungen zugrunde zu legen. Zwar sind, wie bekannt, bislang keineswegs alle die »Blütenträume« gereift, welche in der Literatur der dreißiger Jahre auftauchten, nicht einmal die spezifisch literarischen. Aber das steht fest, daß in Literatur und Leben damals überall die Anfänge neuer Gestaltungen gemacht wurden. Deutschland, welches ja überhaupt die mit so vielen Schmerzen, Demütigungen und Opfern erkaufte Ehre genoß, für die anderen Nationen zu denken, Deutschland war wiederum der Hauptschauplatz dieser geistigen Umwälzung. Die oppositionellen Anläufe der Restaurationsperiode, das Mißbehagen an der Nichterfüllung der patriotischen Hoffnungen, welche noch von den Befreiungskriegen her in den Gemütern lebten, der Schmerz über des Vaterlandes Zersplitterung und politische Nullität, der Sturz der Bourbons, die Erhebung Belgiens, die Insurrektion Polens, die Revolutionsversuche in Italien und Spanien, die demokratische Reformbewegung in den schweizerischen Kantonen, ferner der Byronsche Skeptizismus und Weltschmerz, die sibyllinischen Orakel der Rahel und Bettina, die Hegelsche Philosophie als unerbittlicher Kritizismus alle wissenschaftlichen Disziplinen durchdringend und durch Strauß auf die Urkunden des Christentums angewandt – das waren so die Faktoren der Bewegung im deutschen Geistesleben von damals. Nach der politischen Seite hin stand Börne, nach der poetischen hin stand Heine an der Spitze derselben ... Börnes Briefe aus Paris! Es ist schon nur noch wie die Erinnerung an einen Traum, wenn man heute an diese in Druckpapier gewickelten, in allen Farben eines verzweifelnden Humors spielenden Flammen zurückdenkt. Und doch war ihre Wirkung auf die deutsche Jugend eine unermeßliche. Ein junger Poet jener Tage hat aus diesen Episteln eine »Neue Bibel« zusammengereimt, und sie waren in der Tat die Bibel des deutschen Radikalismus. Wenigstens eine Zeitlang. Denn bald machten sich deutsche Bedenken gegen das Französische in jenen Ergüssen einer zornvollen Freiheitsliebe geltend. Auch in mir, der ich in der Antipathie gegen das Franzosentum erzogen worden war und der ich es auch jetzt in reiferen Jahren und nach eigener Anschauung nur als einen wunderlichen Mischmasch von Äffischem und Tigerlichem ansehen kann. Gott helfe mir, ich wünsche gewiß so lebhaft als irgend einer, daß der schöne Traum von der Völkersolidarität zur Wirklichkeit werde, daß ein Tag komme, wo alle Nationen frei, glücklich und durch die Baude brüderlicher Liebe miteinander verbunden sein werden; aber ich müßte den teuren Glauben an die Zukunft meines Volkes aufgeben, wenn ich wünschen wollte, daß die Zukunft nach französischer Schablone zugeschnitten werden sollte. Das wollte doch im Grunde Börne, und sein Irrtum rührte daher, daß er sich mit der närrischen Illusion trug, der Phrasenmantel, womit die Franzosen bei Gelegenheit ihre krasse Selbstsucht, ihren komödienhaft eitlen Dünkel verhüllen, berge wirklich eine kosmopolitische Realität. Börne war ein großes und edles Herz, keine Frage. Aber er vergaß, daß man ein Volk nicht zur Freiheit und Selbstachtung erzieht, indem man es vor sich selbst und vor dem Ausland erniedrigt ... Heine kann als Politiker nicht in Betracht kommen, überhaupt nicht als ernsthafte Person. Wenn aber die Zaubermelodien seiner Liederbücher, wenn das witzfunkelnde Antithesenspiel seiner Prosa selbst eine bis auf die letzten Hefen eingetrocknete Seele, wie die des Friedrich von Gentz, in lautes Entzücken versetzten, so braucht nicht erst gesagt zu werden, daß eine strebsame Jugend der Wirkung eines solchen Geistes sich nicht entziehen konnte. Ich weiß noch ganz gut, daß ich einige Tage lang in einer Art von seliger Trunkenheit umherging, als ich zuerst mit dem »Buch der Lieder« bekannt geworden war. Ich gab mich, wie tausend andere, dem gewaltigen Zauber hin, ohne auch nur im entferntesten daran zu denken, daß diese Lyrik bloß das Produkt einer der Fäulnis sich zuneigenden Hyperzivilisation sein könne ... Heines satirische Kraft ist eminent. Seit Rabelais ist so etwas nicht wieder dagewesen. Man hat Heine den modernen Aristophanes genannt, während er sich selbst irgendwo – also doch einmal in seinem Leben bescheiden – mit Kunz von der Rosen, dem Hofnarren Karls V., verglich. Er war aber mehr, er war der Hofnarr seines ganzen Jahrhunderts, dem er noch auf dem Sterbebette die lachendsten Witze vorgerissen hat. Die burschikose Ungeniertheit, womit Heine und mehrere seiner Mitstrebenden die Hegelsche Philosophie propagierten, hat zu dem Ansehen derselben in weiteren Kreisen nicht wenig beigetragen. Die aschgraue Dialektik des königlich preußischen Staatsphilosophen nahm sich im Brillantfeuer Heineschen Witzes viel einladender aus, in der Tat sehr einladend und appetitlich. Unter den Fanfaren eines übermütigen Humors wurde das Hegelsche Evangelium vom Mensch-Gott verkündigt, und auch ich erfuhr mit großer Genugtuung, daß die göttliche Idee in meinem Ich zum selbstbewußten vernünftigen Geist geworden sei. Nur schade, daß der inkarnierte Gott seine Göttlichkeit mitunter in so ungöttlichen Dingen manifestieren mußte, wie zum Beispiel im »Pumpen«. Aber ich ließ mich das wenig anfechten und setzte mich, für eine Weile wenigstens, mit einem: »Gott ist alles, was da ist« – über die empfindlichsten Stoße hinweg, welche die Wirklichkeit meiner Hegelschen Theorie beibrachte. Freund Fabian wollte von dieser nichts wissen, und machte mich ans die gewundenen Mentalreservationen und perfiden Verklausulierungen in Hegels System aufmerksam. »Wenn du,« sagte er, »im Pantheismus Befriedigung suchst, so halte dich wenigstens an unsere alten Mystiker. Im Tauler und Böhm ist hundertmal mehr Seele und Poesie als im Hegel.« Fabian kannte mich. Er wußte, welchen beschwichtigenden Einfluß Dichterworte auf mich übten, und schrieb mir daher eines Tages, nach einem langen Gespräch über das Zweifelhafte und das Tröstliche der pantheistischen Weltanschauung, die schöne Strophe von Anastasius Grün ins Stammbuch: Ich aber weiß, des Daseins Ring, der helle, Er ist in einem ungeheuren Bogen Durch Stern und Baum, durch Rosen, Sonnenbälle, Durch Menschenherz und Engelsbrust gezogen – und fügte dann mündlich hinzu, er für seine Person finde volle Beruhigung in jener Paraphrase eines Wortes des Apostels Paulus: »Alles ist aus Gott, durch ihn und zu ihm geschaffen: in ihm leben, weben und sind wir; wie er es im Beginne gewesen, wird er auch am Ende wieder alles in allem sein und alles aufnehmen in den stillen Kreislauf seiner ewigen Harmonie.« Das war nun schon recht: ein stilles, resigniertes Gemüt, wie Fabian eins war, konnte sich damit wohl zufrieden geben. Aber ein leidenschaftlich Herz wie das meinige schlug lange nicht kühl genug, um sich durch solche Theosophie länger als auf Momente schweigen und schwichtigen zu lassen. Jeder Mensch, dessen Gedanken überhaupt über die Katechismussphäre hinausgehen, erlebt eine Periode des Zweifels, eine Revolution in seinem Innern, die ihn, je nach dem Stärkegrad seiner Gefühle, mehr oder weniger unglücklich macht. Seichte Köpfe fahren dabei am besten. Sie brechen einfach mit der Autorität und ergeben sich einer gedankenlosen Gleichgültigkeit, die jeder Beschäftigung mit höheren Problemen achtsam aus dem Wege geht und jede Frage nach des Menschenlebens Sinn und Frommen als Schnickschnack ansieht, welchen man den »stubengelehrten Zungendreschern« überlassen müsse. Ja, sie sind glücklich, diese Gleichgültigen, denn – Sie stört nicht im Innern Vergeblicher Streit ... Und nicht nur das. Sie sind oft auch recht wackere Menschen, so recht das, was man praktische Naturen nennt. Sie sind – oder können es wenigstens sein – gute Familienväter, zahlungsfähige Bürger, die an die Lehre vom beschränkten Untertanenverstand zwar nicht glauben, aber dieselbe doch für ganz »praktisch« halten, daneben nach »sauren Wochen frohe Feste« feiern, auch »des guten Scheines wegen« nicht unfleißig zur Kirche gehen, die kleinen Ziele des Lebens mit Geschicklichkeit verfolgen und die großen einfach in den Bereich des »Mythus« oder des »Humbug« verweisen. Die anderen aber – und es muß doch wohl auch solche Käuze geben – die anderen, in deren Adern ein Tropfen von jenem Blute rollt, welches die Titanen dereinst zur Empörung gegen die Götter trieb, können sich der ruhelosen Frage: Warum ist der Mensch? Und warum ist er so, wie er ist? nicht entschlagen. Es ist freilich dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, das heißt, der Titanismus wird schließlich immer seiner Ohnmacht inne. Allein wenn sich jenes furchtbare Warum? mit schöpferischem Genie verbindet, so entstehen titanische Fragezeichen, die wie prächtige Blitze das Dunkel, in welchem wir tappen, nicht erhellen, aber zeigen. Das Buch Hiob, der äschyleische Prometheus, Wolframs Parzival, Hamlet, Don Quijote, Faust, Childe Harold – das sind solche fragende Blitze, nicht vom Himmel zur Erde, sondern von der Erde gen Himmel geschleudert ... In einer lauen Sommernacht erfaßte mich mitten im bacchischen Gewühle eines Kommerses eine tiefe Traurigkeit. Gibt es Ahnungen und wirft wirklich, wie jener englische Poet meint, »Zukünftiges seinen Schatten voran«? Stehen Seelen, die sich lieben, in einem Rapport, dessen Geheimnis keine Wissenschaft zu durchdringen vermag? Genug, mich überkam eine düstere Ahnung, welche durch das Getöse studentischer Freude, das mich umgab, nur noch peinigender gemacht wurde. Ich stürzte hinaus, eilte die stillen Gassen hinab, ging über die Brücke und warf mich in die dunkeln Baumgänge auf der Wiese am andern Ufer des Flusses, welcher die Gärten und Häuser der Stadt bespült. Eilenden Fußes durchlief ich die Alleen, als wollte ich der dumpfen Angst entfliehen, die mich verfolgte. Dieses persönliche Gefühl heftiger Traurigkeit wurde, wenn ich mich so ausdrücken darf, zu einem menschheitlichen. In jener Stunde empfand mein Herz den Krallendruck des Weltschmerzes. Aus dem Baumschatten hervortretend, starrte ich verzweiflungsvoll hinauf in den Ozean der Welten, in welchem unsere schöne, arme Erde wie ein Tropfen verschwimmt, und unwillkürlich drängten sich mir die Worte des Dichters auf die Lippen: O, wer löst mir das Rätsel des Lebens? Das qualvoll uralte Rätsel, Worüber schon so manche Häupter gegrübelt, Häupter in Hieroglyphenmützen, Häupter in Turban und schwarzem Barett, Perückenhäupter und tausend andere Arme, schwitzende Menschenhäupter – Sagt mir, was bedeutet der Mensch? Woher ist er gekommen? Wo geht er hin? Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen? Sie funkeln ruhig weiter, still und groß, die ewigen Lichter des Firmaments. Sie gaben keine Antwort. Aber der Schmerz der Kreatur schreit doch nie ganz vergeblich zur Natur. Es liegt eine besänftigende, seelenlösende Magie in dem Schweigen der Sommernacht. Der Fluß schickte einen einladend kühlen Hauch zu meiner heißen Wange herauf, ich warf die Kleider von mir und tauchte mich tief in das erquickende Element, während der Mond hinter den fernen Bergen herauskam und sein mildes Licht über das sacht rauschende Wasser hinstreute. Erfrischt, beruhigt, von quälenden Gedanken befreit, wandelte ich dann noch lange unter den Weiden am Ufer. Aus der Ferne tönte gedämpft das silberne Lachen einer Mädchenschar, welche in einer versteckten Gartenbucht weiter oben am Flusse badete. Damit mischte sich der Ton einer Flöte, welcher aus dem offenen Fenster eines der Häuser unter dem Schloßberg herabkam. Vielleicht hauchte ein Liebender in diesen schmelzenden Tönen seine Sehnsucht aus. Ich sah nach dem wohlbekannten, bescheidenen Bürgerhause hinüber, dessen kleiner Garten mit der niedrigen Mauerzinne hart an den Fluß stieß. Wie oft schon war ich zu allen Jahres- und Tageszeiten da vorübergegangen, um mit Blicken ehrerbietiger Scheu das Erscheinen des hageren, hochgewachsenen Greises mit dem Silberhaar zu erharren, der dort aus seinem Erkerzimmer in den kleinen Garten herauszutreten pflegte, auf der Stirne die dreifache Majestät des Genius, des Unglücks und des Alters! Auch jetzt stand er dort an der Brustwehr, und das Mondlicht fiel voll auf dieses Antlitz, von welchem die vieljährige Nacht des Wahnsinns den Stempel des Göttlichen noch nicht ganz hatte verwischen können. Er ging hinein und schlug drinnen auf dem Klavier, dem treuen Gefährten seiner Einsamkeit, die melancholische alte Melodie an: »Mich fliehen alle Freuden«, die ich ihn schon so oft hatte variieren hören, kam dann wieder heraus und blickte mit seinen großen geisterhaften Augen lange in das gestirnte Firmament empor. Suchte er dort den Stern seiner Jugend, seines Lebens: »Diotima?« ... Vielleicht war es eine Täuschung des Mondlichtes, aber ich glaubte große Tränen in diesen Dichteraugen blinken zu sehen, die vormals mitten in unserem deutschen Norden den Genius von Hellas in der ganzen Schöne seiner göttlichen Nacktheit erblickt hatten, in diesen Dichteraugen, welche in heiligen Weihenächten in jener Gartenlaube am Leutrabach in Jena den Blicken Schillers begegnet waren. Überkam ihn die Erinnerung an süße Mondnächte seines Lebensmorgens? Peinigte auch ihn das uralte, qualvolle Rätsel des Lebens? Tönte ihm noch einmal, ein Widerhall aus früherer Zeit, »Hyperions Schicksalslied« in der Seele auf? ... Ich selber sprach es leise und andächtig vor mich hin, und die tiefsinnigen Worte wirkten tröstend auf mich wie ein frömmstes Gebet. Ihr wandelt droben im Licht Auf weichem Boden, selige Genien, Glänzende Götterlüfte Rühren euch leicht, Wie die Finger der Künstlerin Heilige Saiten. Schicksalslos wie der schlafende Säugling atmen die Himmlischen; Keusch bewahrt In bescheidener Knospe, Blühet ewig Ihnen der Geist, Und die seligen Augen Blicken in stiller, Ewiger Klarheit. Doch uns ist gegeben, Auf keiner Stätte zu ruhn. Es schwinden, es fallen Die leidenden Menschen Blindlings von einer Stunde zur andern, Wie Wasser von Klippe Zu Klippe geworfen, Jahrelang ins Ungewisse hinab.   Am folgenden Tage eilte ich spornstreichs der Heimat zu. Um Mittag hatte ich einen Brief erhalten, worin der Vater eine gefährliche Erkrankung der Mutter meldete. Es sei, schrieb er in abgebrochenen Worten, das Schlimmste zu befürchten. Ich sollte eilends kommen, die Kranke verlangte sehr nach mir. Eine Stunde darauf saß ich auf einem Postklepper, der schaumbedeckt bei der nächsten Station anlangte. Ich ließ mich durch die Nacht nicht aufhalten, aber die mancherlei Verzögerungen auf den Poststationen ließen mich erst am folgenden Morgen auf der letzten, in unserem Heimatstädtchen, anlangen, von wo ich, so rasch als meine Füße mich trugen, in unsere Berge hinaufeilte. Es war Erntezeit und auf den Feldern, durch welche mein Weg führte, waren Sensen und Sicheln in Tätigkeit. Sobald ich die Markung von Rothenfluh betreten hatte, sprach ich die erste Schnittergruppe um Nachrichten über das Befinden meiner Mutter an. Ich wußte wohl, daß das ganze Dorf daran lebhaftesten Anteil nähme. Die guten Leute erkannten mich nicht sogleich wieder; ich war während meiner Abwesenheit noch bedeutend gewachsen und jetzt ein Bursch von ansehnlicher Länge, mein Gesicht hatte sich gebräunt, und außerdem wurde dasselbe durch einen langen Schnurr- und Knebelbart maskiert. Dann, als ihnen meine hastigen Fragen die Erinnerung schärften, hieß es: »Ach, Herr Jeses, Herr Jeremle, 's ist der Michel, dem Kons'lenten sein Michel ... Ja, die Frau Kons'lentin liegt halt tief im Bett drin ... sie tut übel dran sein ... aber der lieb' Gott wird die gut' Frau g'wiß noch nit zua sie nehma ... Doch, Herr Michel, seht, da kommt numme grad' der Dokter.« In der Tat, der alte Doktor aus der Stadt, unser mir wohlbekannter Hausarzt, fuhr gerade in seiner alten Kalesche den Weg herab, der vom Dorfe nach der Stadt führte. Ich eilte dem Gefährt entgegen und bat den alten Herrn, einen Augenblick zu halten. »Ah, Sie sind's, Michel, will sagen, Herr Hellmuth?« sagte er, als er mich erkannt hatte. »Gut, daß Sie kommen. Die Kranke verlangt sehnlichst nach Ihnen ... Es steht leider nicht gut mit ihr, gar nicht gut ... Sie müssen sich wie ein Mann fassen, da Sie ja wie ein solcher aussehen ... Ihre Mutter, die gute Seele, hat sich ihre Krankheit geholt, indem sie Fräulein Isolde, die am Typhus darniederlag, Tag und Nacht Pflegte. Wenn nicht heute noch eine günstige Krisis eintritt ... Sie verstehen mich ... Ich muß jetzt zur Stadt, komme aber mittags wieder heraus.« Die letzten Worte verstand ich nur noch halb, denn ich lief schon wieder eilends die Straße hin. Eine Viertelstunde darauf befand ich mich unter dem Dach des elterlichen Hauses. Ach, wie war es da unheimlich still und wie verweint waren die Gesichter der alten Theres und alten Annem'rei! Doch ich will nicht zu ausführlich sein in meinen Erinnerungen an jene trübe Zeit. Es gibt Schmerzen, die man nur andeuten darf, wenn man sie nicht entweihen will, und zudem, hier handelt es sich um ein Leid, von welchem jeder glaubt, nur er habe es in seiner ganzen Tiefe empfunden. Mein Vater kam mir auf der Treppe entgegen. Ich sah es seinen Augen wohl an, wie sehr er sich Gewalt antun mußte, um nicht in Tränen auszubrechen. In das Krankenzimmer getreten, fand ich dort Hildegard und Isolde an dem Bette sitzend, dessen Vorhänge zugezogen waren. Beide Mädchen konnten bei meinem plötzlichen Erscheinen einen leisen Ausruf nicht unterdrücken. Per Vater legte den Finger auf die Lippen, aber das Mutterherz hatte den unwillkürlichen Laut schon verstanden. »Siegfried, Siegfried, du bist da!« klang es schwach und doch wie jubelnd hinter dem Vorhang. Im nächsten Augenblick kniete ich an dem Bett, und fieberheiß hielten die Mutterarme meinen Kopf umschlungen ... In der folgenden Nacht – ach, der Tag hatte keine heilsame Krisis gebracht – wachten Isolde und ich allein bei der Kranken. Ich hatte den überwachten Vater mit sanfter Gewalt genötigt, wenigstens für eine Stunde sein Schlafzimmer aufzusuchen, und Hildegard, die dazu nicht zu bewegen gewesen, war in einem Lehnstuhl am Fenster vor Übermüdung eingenickt. Isolde, selbst kaum von einer schweren Krankheit genesen, saß mir blaß und kummervoll gegenüber, und schweigend bewachten wir die schweren, unregelmäßigen Atemzüge der Mutter, die gegen Mitternacht endlich den Schlummer gefunden hatte. Er währte nicht lange, aber als die Kranke jetzt die Augen wieder aufschlug, erschienen sie mir klarer und weniger verstört als vorher. Sie ließ ihre zärtlichen Blicke von Isolde zu mir und von mir zu Isolde gehen und bat dann diese, das Tischchen mit der Lampe näher ans Bett zu rücken. »Soldchen, liebes Kind,« sagte sie, »sieh doch den Michel, nein, den Siegfried an. Ist er nicht recht stattlich geworden?« Isolde senkte die Augen, und ein leises Rot glomm ihre blassen Wangen an. Die Mutter betrachtete mich lange und liebevoll, und es war, als drängte sie einen schweren Seufzer zurück, der ihre Brust hob, als sie zu mir sagte: »Siegfried, mein Kind, ich werde bald von dir gehen.« »O, Mutter, sprich nicht davon! Es kann nicht sein.« »Doch, doch, sieh, ich fühl' es wohl. Es ist Gottes Wille so ... weine nicht, Kind ... Mütter müssen sterben, aber sie möchten ihre Kinder glücklich zurücklassen.« Und sie richtete sich, soweit es ihre Schwache gestattete, in ihren Kissen auf, sah mich wieder lange an und fuhr fort: »Ich weiß, mein Kind, du tatest es mir zu Liebe, als du dich entschlossest, ein Geistlicher zu werden ... Still, still ... laß mich ausreden ... Ich wollte nur dein Glück, dein zeitliches und ewiges. Aber deine Briefe ... es ist, obgleich du mir es verbergen wolltest ... aus Liebe, ich weiß es ... es ist etwas in deinen Briefen, was mir Zweifel an deinem geistlichen Beruf erregte.« »Sprich nicht so, Mutter. Du sollst mich in Chorrock und Meßgewand sehen, ich schwöre ...« »Nein, halt ein, Kind, du sollst dich nicht ins Unglück hinein schwören ... Sieh mich an ... Dein Heiz ist nicht beim Altar ... und ich ... ich entbinde dich von deinem Versprechen.« Mir war, als spränge eine Kette, die mir schon lange die Brust umschnürt hatte, klirrend entzwei, und unwillkürlich streifte mein Blick zu Isolde hinüber. Die Mutter bemerkte es und sagte, ihre Erschöpfung noch einen Augenblick bewältigend: »Kinder, gebt mir eure Hände.« Wir taten es. »Ihr seid mitsammen aufgewachsen,« sagte sie schwach und bemühte sich, Isoldes Hand in die meinige zu legen ... »Ihr seid früher wie Bruder und Schwester gewesen ... und jetzt ... o, ihr habt einander lieb ... ich weiß es ... O, Kinder ...« Sie sank zurück und geisterhaft flüsternd, schon wie aus einer andern Welt, zitterten noch die Worte über ihre Lippen: »Segen über euch!« Sie war eingeschlummert. Unter der mütterlichen Hand ruhte die Hand Isoldes in der meinigen. Sie wagte es nicht, aus Scheu, die Schlummernde zu stören, ihre Hand wegzuziehen, und ich, ich hätte es nicht um eine Welt getan. Der Morgen kam, und mit ihm trat der Tod in das Haus. Das Bewußtsein der Kranken kehrte nur noch dann und wann für Augenblicke zurück. In einem solchen lichten Moment segnete sie Hildegard und sagte zu meinem Vater: »Liebster Fritz, der Siegfried soll nicht geistlich werden; aber brav und gut soll er werden, so gut und brav wie sein Vater.« Ein letzter Blick der Liebe fiel bei diesen Worten auf ihren Gatten. Dann zog sich das Leben mehr und mehr aus den Augen der Kranken zurück, und ihre Vorstellungen verwirrten sich. In traumhaften Phantasien, durchwoben vielleicht von Erinnerungen an glückliche Stunden, erging sich der scheidende Geist. Ganz zuletzt kamen noch in gebrochenen Lauten die Worte von ihren bebenden Lippen: »Du hast recht, Fritz ... verzeih mir ... ganz recht ... es war ... es war ... eine Linde.« So starb sie in unsern Armen, das Haupt an die Brust des Vaters gelehnt. »Michel,« sagte am Abend der Freiherr zu mir, welcher gekommen war, die Pflegemutter seiner Kinder noch einmal zu sehen, »Michel, sieh dir dieses Gesicht an. Wie ruhig und heiter es ist! ... Sie ist jetzt bei meiner seligen Elisabeth ... Wollte, ich wäre auch dort.« Und der gute Mann trocknete sich die Augen und atmete schwer. Ich bemerkte, daß er in den letzten Jahren sehr gealtert war. Sein Schnurrbart war schneeweiß, und tiefe Falten lagen auf seiner Stirn. Wir beide befanden uns allein im Totenzimmer. Der alte Herr war sehr weich. Nachdem er eine Weile mit verschränkten Armen auf und ab gegangen, blieb er vor mir stehen und sagte: »Michel, ich bedaure dich, glaub mir. Ich fühle, daß du ein schweres Leid zu tragen hast. Deine Mutter ... na, Gott habe sie selig, sie verdiente es. Du hast viel verloren, armer Junge, und wir alle mit dir ... Du warst früher eine wilde Range, und geistlich siehst du gerade auch jetzt noch nicht aus, aber es freut mich, Michel, ich sag dir's frei und offen, es freut mich, daß deine Mutter doch bis zuletzt an dir Freude haben konnte. Es wird nicht allen Müttern so gut, auch nicht allen Vätern ... Zwar mein Mädchen, o, die ist gut und wacker. Kann auch nicht viel dawider sagen, daß sie den jungen Zackstein nicht nehmen mochte. Hätte ihn selber nicht nehmen mögen, sobald ich ihn gesehen. Aber der Berthold ... hm ... nichts davon heute ... Hast du nicht bemerkt, daß Soldchen bleich und traurig ist? Sag dir, das kommt nicht allein von der neulichen Krankheit her. Auch nicht vom Tode deiner Mutter allein, nein, nein. Sie ist schon lange so ... sie grämt sich, weil sie weiß, daß ich mich gräme. Sie ist ein gutes Kind ... Ja, was wollt' ich noch sagen? Richtig. Wenn Tage kommen sollten, wo Isolde eines Freundes, eines treuen Freundes bedürfte, so wirst du nicht vergessen, daß du wie ein Bruder mit ihr aufgewachsen – nicht wahr?« »O, nie, nie!« sagte ich, meine Hand in die dargebotene des Freiherrn legend. Am folgenden Tage schmückten Hildegard und Isolde, welche diesen letzten Liebesdienst keinen andern Händen überlassen wollten, die tote Mutter und legten sie in den Sarg, Da lag sie nun still und weiß in den Blumen, womit ihre letzte enge Behausung über und über angefüllt war. Ihr Mund schien wie befriedigt zu lächeln; sie hatte im Leben die Blumen so sehr geliebt. Der Vater saß zu Häupten des Sarges. Er hatte die erstarrte Hand der Mutter in der seinigen und hielt, ganz verloren in seinen Kummer, leise Zwiesprach mit der geliebten Toten, als horte sie ihn noch. »Ich kann's nicht glauben,« sagte er, »es ist zu schmerzlich! Liebe Gertrud, widersprich mir doch nur noch ein einzig Mal, bitte, tu es nur noch einmal, hörst du? ... Aber deine Hand ist so kalt ... O, das hättest du mir nicht zuleide tun sollen, das nicht. Es war nicht recht, daß du vor mir gegangen, nein, es war nicht recht. Ich dachte mir, es müßte so süß sein, wenn deine Finger mir die Augen zudrückten. Aber nun bist du gegangen ... es war nicht recht, o, es war nicht gut getan.« Isolde berührte sanft die Schulter des Trauernden. Er schaute auf und sah verstört um sich. »Sie sind noch nicht allein,« sagte das schöne bleiche Mädchen und zeigte auf Hildegard und mich – »Ihre Kinder sind da.« Er öffnete uns seine Arme, und gemeinsam strömten unsere Tränen. Als der dritte Morgen gekommen war, bestatteten wir die Mutter zur Seite der Großmutter. Sechstes Kapitel Auf der Heidelberger Schloßterrasse. – Berserkerzorn. – Herr Hans Bürger. – Ein Geschäft auf der »Hirschgasse.« – Villeggiatur im Winter. – Dreimonatliches »Duell mit einer Wanze.« – Briefe von Hause. – Mann und Weib. – Ein letzter Kuß. Seither war ein Jahr und drüber vergangen. Ich stand mit meinem geliebten Fabian, welcher demnächst in das Priesterseminar treten sollte, auf der Terrasse des Heidelberger Schlosses und schaute hinab ins schöne Neckartal, auf welches der Herbst seinen ganzen Farbenkasten ausgeschüttet hatte. Seitdem ich von dem frischen Grab der Mutter hinweg nach der Universität zurückgekehrt war, hatte ich an dem burschikosen Treiben nur noch so gelegentlich teilgenommen. Die Mysterien, welche im S. C. (Senioren-Convent) oder im C. C. (Corps-Convent) betrieben wurden, konnten mir kein Interesse mehr abgewinnen. Allerdings war ich noch nicht alt genug, mir selbst und anderen offen zu sagen, daß diese Kindereien nicht einmal als erhabene qualifiziert werden könnten; aber ich mochte sie doch nicht mehr mitmachen, und zwar aus dem ganz einfachen Grunde, weil sie mich langweilten. Außerdem mangelte es mir an Zeit dazu, denn ich hatte meinem Vater versprochen, in der Juristerei, zu welcher ich von der Theologie umsattelte, mich fleißig umzutun. Ich hatte auch Wort gehalten, obgleich ich nicht ochste, wie der ganz bezeichnende Ausdruck für das rein mechanische Studium lautet, dem sich zu meiner Zeit die Durchschnittszahl der Hochschüler vom sechsten oder siebenten Semester an widmete, um »durchs Examen zu kommen« – sondern wirklich arbeitete. Ich kann freilich nicht sagen, daß mich das »Corqus juris« mehr angemutet hätte, als früher die Kirchenväter getan, und in unmutigen Stunden nannte ich das römische Recht ein Monstrum, welches der byzantinische Schakal mit der alten Wölfin Roma gezeugt hätte. Dagegen hatte ich mich mit Liebe dem Studium unserer vaterländischen Rechtsquellen zugewandt, wodurch ich eine klarere Einsicht in die Entwickelung der geschichtlichen Verhältnisse überhaupt gewann. Aber rechte Befriedigung gewährte mir alle die Bücherweisheit nicht. Es war ein Drang in mir, in das wirkliche Leben tätig einzugreifen. Wie? Das war mir freilich vorderhand noch ganz unklar. Nur das fing ich allmählich zu begreifen an, daß es mit der Realisierung enthusiastischer Weltverbesserungspläne doch nicht so ganz schnell und leicht gehen dürfte, wie ich mir früher eingebildet hatte. Wenn auch leider die Geschichte sonst den Menschen nicht viel lehrt, das wenigstens macht sie ihm begreiflich. »O, Wie schön ist es hier!« sagte der Fabian. »Prächtig; aber, lieber Junge, der Mensch lebt nicht allein von schönen An- und Aussichten, weißt du? Und demnach, wenn du nichts dagegen hast, wollen wir nach der Restauration hinübergehen, um eine Flasche Markgräfler auszustechen.« Wir taten so, denn wenn man eine Ferienreise in die Neckar-, Main- und Rheingegenden unternommen hat, wie der Fabian und ich getan, so will man doch wohl neben den schönen Gegenden auch einigermaßen die Weine kennen, welche dort wachsen. Gingen also hinüber und setzten uns in dem bei so früher Abendzeit noch ziemlich gästeleeren Garten abseits unter einen Baum. An einem Tische unfern von dem unserigen saß ein elegant gekleideter Mann von mittleren Jahren, der in eine englische Zeitung von ungeheurem Umfang vertieft war und dazwischen von Zeit zu Zeit aus dem vor ihm stehenden Römer nippte. Wir nahmen weiter keine Notiz von ihm. Leider aber wurde von uns selbst Notiz genommen, und zwar seitens zweier Studenten, die rotweiße Korpsmützen auf den Köpfen, Arm in Arm und in geräuschvollem Gespräch durch den Garten daherkamen und an unserem Tische Platz nahmen. Sie waren in unverkennbarer Weinlaune, besonders der jüngere, eine schmächtige, zierliche Figur mit einem hübschen, aber verwüsteten Gesicht. Der andere war ein abgewetterter Bursch, mit einem tüchtigen »Schmiß« quer über die Nase. Der jüngere rief mit einer dünnen Falsettstimme nach Champagner und schlug, als die Flasche kam, renommistisch den Hals derselben ab, so daß die Hälfte des Schaumweins über den Tisch hinströmte und mir den Rock benetzte. Während der ältere dies höflich entschuldigte, schrie der jüngere nach einer zweiten Flasche und stürzte mehrere Kelche rasch hintereinander hinab. Dann stemmte er die Ellbogen auf den Tisch und starrte dem Fabian, der ihm gegenüber saß, unverschämt ins Gesicht. Nachdem dies eine Weile gedauert, fragte er ihn: »Wer sind Sie denn eigentlich, mein Junge?« Fabian, obgleich eine sanfte und schüchterne Natur, entgegnete doch in etwas gereiztem Ton: »Das dürfte Sie wenig interessieren, mein Herr.« »Doch, doch,« versetzte jener. »Sie scheinen mir zur Gattung Kümmeltürke, Spezies Theologe zu gehören, und da ich gerade mit dem Studium dieser Gattung und dieses Spezies beschäftigt bin, so werden Sie mir gütigst nähere Auskunft über dero werte Person geben.« »Mein Herr,« sagte Fabian, indem ihm das Blut ins Gesicht schoß, »wenn Sie sehen, daß ich ein Theologe bin, so sollten Sie auch wissen, daß ich nicht im Falle sei, für eine so rohe Beleidigung Genugtuung zu fordern.« »Tant pis pour vous,« erwiderte der Mensch mit höhnischem Lachen, »oder, da Sie wahrscheinlich nicht Französisch verstehen – ein unzivilisiertes Pack, diese Schwarzkittel – ja, um so schlimmer für Sie –« Mein Blut kochte. Ohne ein Wort zu sagen, streckte ich meinen Arm aus und schlug den Beleidiger meines Freundes zu Boden. Er kollerte unter den Tisch, aber das war mir nicht genug. Denn Plötzlich von einem jener wilden Zornanfälle ergriffen, die mich in meiner Jugend zuweilen heimsuchten, sprang ich auf, raffte ein Messer vom Tische und stürzte mich auf den halbohnmächtig Daliegenden, ohne Fabians Schreckensruf zu beachten. Aber bevor ich den Gegenstand meiner Wut erreicht hatte, wurde ich aufgehalten. Ein unwiderstehlich starker Arm wand mir das Messer aus der Hand, und eine fremde Stimme sagte nachdrücklich in tiefem Baß: »Wenn Sie einen Wehrlosen schlechterdings noch weiter züchtigen wollen, so nehmen Sie wenigstens nur einen Stock oder ein Stuhlbein dazu. Besser so – 's ist kla–ar.« Ich schaute auf und in ein Gesicht, welches mir imponierte. Dieses Gesicht – ungewöhnlich schmale, aber auch ungewöhnlich hohe Stirn, unter sehr langen und buschigen schwarzen Brauen große graue Augen, deren Blick wie »Feuer im Eise« war, sehr schmale, scharf gebogene Nase, kleiner Mund mit energisch geschnittenen Lippen und dezidiertem Kinn – dieses Gesicht hatte etwas ganz merkwürdig Vogelartiges, etwas frappant Adlermäßiges. Es gehörte dem Fremden mit der englischen Zeitung. »Mein Herr –,« wollte ich auffahren, aber im nämlichen Augenblicke überkam mich tiefe Scham über mein berserkerwütiges Gebaren, welches mich ums Haar über einen schon Besiegten hätte herfallen lassen, und mich fassend, sagte ich nur: »Mein Herr, Sie haben recht.« »Gewiß,« erwiderte er. »Der betrunkene Junge da war kaum einen Faustschlag, geschweige einen Messerstoß wert, 's ist kla–ar.« Damit ging er an seinen Platz zurück, nahm einen Schluck aus dem Römer und langte wieder nach seiner Zeitung. Ich folgte ihm und sagte: »Darf ich wissen, mein Herr, wem ich für die passende und von mir dankbar anerkannte Dazwischenkunft verbunden bin?« »Ich heiße Hans Bürger. Und Sie.« »Michel Hellmuth.« »Ah,« sagte er mit trockenem, kaustischem Lachen, »Michel und Hans ... waldursprüngliche Namen ... passen zusammen – 's ist kla–ar.« Dieses breit betonte »'s ist kla–ar,« welches der Mann seinen Äußerungen anzufügen liebte, bildete zu seinem knappen, kurzangebundenen Wesen einen komischen Kontrast. Inzwischen hatte der dumme Junge, welcher die widerwärtige Szene herbeigeführt, sich wieder aufgerafft und verhandelte mit seinem Kameraden, der eifrig auf ihn hineinsprach und dann zu uns herüberkam. »Mein Herr,« redete er mich an. »Was beliebt?« »Ich bin Senior vom hiesigen Korps der Schweizer.« »So?« »Sie sind Student?« »Zu dienen.« »Sie geben Satisfaktion?« »Natürlich.« »Sie haben meinen Freund und Korpsbruder dort tuschiert.« »Recht fühlbar, hoff ich.« »Er verlangt Satisfaktion und ist der Beleidigte.« »Weiter!« »Morgen früh um acht Uhr, auf der Hirschgasse, krumme Säbel, zwölf Gänge.« »Gut.« »Du wirft doch nicht, Michel?« fiel Fabian ein. »Und vollends um meinerwillen.« »Ich werde, Fabiane carissime, aber nicht um deiner, sondern um meinetwillen.« Der Senior, ein braver Bursch, wie sich später zeigte, sagte noch höflich: »Ich werde das Nötige besorgen. Aber, mein Herr, wer wird Ihnen sekundieren? Sie sind fremd hier. Wünschen Sie es, so beschaff' ich Ihnen einen Sekundanten.« »Nicht nötig,« mischte sich Herr Bürger hinter seiner Zeitung hervor in das leise geführte Gespräch. »Wenn der geforderte Herr nichts dagegen hat, werde ich ihm mit Vergnügen sekundieren, obgleich es lange her ist, seit ich mit Schläger und Säbel hantierte. Kenne aber die Hirschgasse noch ganz gut. Schöner Ort zu dergleichen Amüsements – 's ist kla–ar.« Und zu mir gewandt, setzte er noch hinzu: »Ohne Umstände ... Tue Ihnen den kleinen Gefallen gerne. Kann mich zu gleicher Zeit bei dieser Gelegenheit alter Zeiten erinnern ... Muß aber jetzt ein Geschäft in der Stadt besorgen gehen. Auf Wiedersehen also, Herr Hellmuth. Holen Sie mich morgen um halb acht Uhr in meinem Gasthaus ab. Logiere im Prinz Karl, Nr. 9, eine Treppe hoch rechter Hand.« Fabian ließ es sich am andern Morgen nicht ausreden, mich zu begleiten, und machte ein so trübselig ernstes Gesicht, daß mich ordentlich Mitleid anwandelte. »Ei,« sagte ich zu ihm, »so setz' doch keine solche Leichenbittermiene auf. Es ist im entferntesten kein Grund dazu, und du beleidigst mich geradezu, wenn du in einem Zusammentreffen mit einem solchen Gegner Gefahr für mich siehst.« Herr Bürger erwartete uns, und bald befanden wir uns an Ort und Stelle. Wir trafen ein Dutzend und mehr Studenten, meist Schweizer, und der Herr Senior trat uns artig grüßend entgegen. Ich bemerkte aber, daß seine Miene verlegen war, und erriet bald den Grund, denn die angesetzte Zeit war vorüber, und mein Gegner erschien noch immer nicht. Endlich kam ein Student eilends herein und flüsterte mit dem Senior, welcher einen lauten Fluch ausstieß und dann auf mich zukam. »Mein Herr,« sagte er, »ich bedaure tief, sagen zu müssen, daß unser Korps einen Infamen in seinen Reihen zählte. Ihr Gegner ist heute vor Tagesanbruch mit Extrapost in alle Weite. Ich will's nur gerade heraussagen, statt Brimborien zu machen.« Der Fabian lachte bei dieser Nachricht sozusagen mit dem ganzen Gesicht. Herr Bürger zog seine Handschuhe an und bemerkte: »Da sind wir also um eine Stunde zu früh aufgestanden – 's ist kla–ar.« Wir wollten gehen, allein der Senior hielt uns auf. »Einen Augenblick Geduld, meine Herren,« sagte er. »Sie begreifen, daß diese Geschichte für unser ganzes Korps eine höchst fatale sein muß, eine garstige Schwulität, Sie könnte einen Schein von Unehre auf uns werfen, und das soll sie nicht, wenn ich's verhindern kann. Die Forderung ist einmal ergangen, die Waffen sind zur Stelle, und wenn Sie nichts dagegen haben, mein Herr, so will ich selber die Verpflichtung übernehmen, welche der – doch genug, der ehrlose Kerl soll gar nicht genannt werden. Ziehen Sie es aber vor, mit einem andern meiner hier anwesenden Korpsbrüder loszugehen, so wird sich jeder derselben ein Vergnügen daraus machen.« »Mein Herr Senior,« entgegnete ich, »indem ich ganz Ihre Ansicht von der Sache teile, wird es mir eine wahre Ehre sein, mit einem so honorigen Burschen, wie Sie sind, ein paar Gänge zu machen.« Der Fabian lachte nicht mehr, und Herr Bürger zog seine Handschuhe wieder aus. Man verlor weiter lein Wort. Der Paukapparat wurde in Ordnung gebracht, das: »Auf die Mensur!« ward gesprochen, und wir traten mit unseren Sekundanten an. Ich bemerkte, daß Herr Bürger zu seiner Zeit viel dabei gewesen sein mußte, denn er benahm sich ganz kommentmäßig, mit vollendeter Nettigkeit sogar. »Los!« Man hat oft die Bemerkung gemacht und kann sie, namentlich auf der studentischen Mensur, die so oft um weniger als nichts beschritten wird, wahrscheinlich noch jetzt täglich machen, daß das Zusammenschlagen von kaltem Stahl eine gewisse Wildheit in den Menschen entzündet. Es ist, als ob der eigentümliche Ton, welchen das Kreuzen der Klingen verursacht, die Bestie im Menschen wachriefe. Ich erfuhr das wieder bei dem im Grunde ganz törichten Duell, welches ich da eingegangen. Der Senior, ein kräftiger, untersetzter junger Mann zeigte mir sogleich, daß er ein gewandter Schläger sei. Ich nahm mich daher zusammen und bemühte mich ihm zu beweisen, daß wir auf unserer Universität daheim auch wüßten, was Schlagen sei. Meine Hochquart und meine Tiefterz galten dort als »fein«, und ich ließ mir angelegen sein, den Ruf dieser Feinheit auch jetzt aufrecht zu erhalten. Mein Widerpart half mir dazu, denn das Gefühl, die Korpsehre retten zu müssen, ließ ihn etwas zu hitzig darauf ausgehen, mich »auszuschmieren«. Das Ende vom Liede war, daß ich das Glück oder Unglück hatte, dem Senior mit der Spitze meines Säbels die linke Wange in Form eines stumpfen Winkels etwas tiefer zu zerreißen, als eben nötig gewesen wäre. Der Paukarzt machte ein ziemlich bedenkliches Gesicht zu der Wunde, doch behielt der Verwundete Fassung genug, mir für die Bezeigung meines herzlichen Bedauerns höflichen Dank zu zollen. Dann gingen wir. Der Fabian, welcher zum erstenmal einer solchen Szene beigewohnt hatte, war ganz bleich. Herr Bürger steckte sich gleichmütig eine Zigarre an. Ich verweile nicht länger bei dieser dummen Geschichte, deren Dummheit mir freilich erst recht, mit Herrn Bürger zu sprechen, »kla-ar« geworden, als ich kurze Zeit nach meiner Rückkehr zur heimischen Universität aufs Amt zitiert wurde. Der schlechte Heidelberger »Witz« war, ich weiß nicht wie, »herausgekommen«, die Duellgesetze wurden damals viel strenger gehandhabt als gegenwärtig, wo die Umkehr zum »ritterlichen« Mittelalter ja so heftig von oben herab kultiviert wird – eine Reklamation vom dortigen Universitätsgericht war eingelangt und nach etwelchen, wie ich glauben muß, sehr schlecht ausgefallenen Versuchen, dem Gerichte gegenüber meinen Beruf zum Advokaten zu dokumentieren, wurde mir die Verbindlichkeit aufgelegt, mitten im Winter eine dreimonatliche Villeggiatur auf einer Festung zu machen, welche, wenn auch nicht gerade als solche, in deutschen Landen eines bedeutenden Rufes genießt. Ich vermute, zu diesem etwas strengen Urteil habe der Umstand mitgewirkt, daß ich als Burschenschafter signalisiert und gerade zur selben Zeit denunziert war, bei einem Kommers einen Toast auf das deutsche Vaterland ausgebracht zu haben. Das deutsche Vaterland war nämlich damals verboten und Deutschland überhaupt nur als »geographischer Begriff« erlaubt. Im übrigen, loyaler Leser, sei ganz ruhig. Du sollst nicht genötigt sein, rebellische Reflexionen: »Aus dem Gefängnis« mitanzuhören. Ich reflektierte allerdings während jener drei Monate viel, und es mögen meine Gedanken nicht gerade immer die loyalste Färbung gehabt haben; ja, ich würde, falls das nicht zu anmaßlich klänge, mit Entlehnung eines Heineschen Ausdrucks sagen können, mein Kopf fei damals ein zwitscherndes – oder vielmehr ein brummendes – Vogelnest von konfiszierlichen Büchern gewesen. Nichts davon, sondern nur das: wenn ein aus der Festung sitzender Mensch, abgesehen von allen übrigen Unzukömmlichkeiten dieser Lage, drei Monate lang allnächtlich mit jener zweckwidrigsten aller Kreaturen, genannt Wanze, sich duellieren muß, so ist es kein Wunder, wenn ihm die berühmte Lehre von der Zweckmäßigkeit der Welt als blauester Dunst erscheint. Eine niederträchtige Situation! Nun, sie ging am Ende auch zu Ende, aber eine Woche zuvor erhielt ich Briefe von Hause, die mich höchlich aufregten und beunruhigten. Die Briefe meines Vaters waren sonst von einer starken humoristischen Ader durchzogen, welche freilich seit der Mutter Hingang sehr brüchig geworden war. Aber so ganz verschwunden wie in diesem letzten Briefe, war sie noch nie gewesen. Es sprach aus dem ganzen Schreiben eine gewisse Müdigkeit, die mich sehr besorgt machte. Der Vater schrieb unter anderem: »Der Tod ist wieder bei uns eingekehrt. Er hat meinen besten Freund, den Freiherrn mit fortgenommen. Vielleicht zu seinem Glück, denn die tolle Verschwendung seines Sohnes hatte ihm großen Kummer gemacht. Der junge Herr hat es gar zu arg getrieben, und ich sehe nicht ab, wie das ein gutes Ende nehmen soll ... Berthold war gekommen, um die Weihnachtsfeiertage hier zuzubringen, aber nur auf den ausdrücklichen Befehl seines Vaters. Wir beide, der Freiherr und ich – auch die arme Isolde war zugegen – hatten eine schreckliche Szene mit ihm. Ist es denn möglich, daß soviel Liebe, wie sie dem Berthold von Kindheit auf erwiesen worden, solche Früchte tragen kann? Der Schmerz des Vaters und die Tränen der Schwester scheinen aber doch auf den jungen Mann Eindruck gemacht zu haben. Er bezeigte Reue und war dann recht liebenswürdig, wie er ja sein kann, wenn er will ... Ein paar Tage darauf hat sich auf der Jagd das Gewehr des Freiherrn zufällig entladen, wahrscheinlich nach eben beendigter Ladung. Die Kugel zerschmetterte dem unglücklichen Manne die Stirne. Sein Sohn war in der Nähe und konnte den letzten Seufzer seines Vaters empfangen ... Bertholds Schmerz grenzte an Raserei. Isolde war wie versteinert und ist auch jetzt noch so. Sie gleicht oft ganz einer Statue, und ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll ... Berthold ist majorenn, er hat die Erbschaft übernommen, aber ich fürchte, ach, ich fürchte sehr, manches gute Stück der Herrschaft Rothenfluh lag bereits zuvor in Form von Wechseln in den Pulten von Wucherern. Wenn in diesen trüben Dingen überhaupt von einem Glück die Rede sein kann, so ist es ein Glück, daß wenigstens Isoldes Zukunft – in dem Sinne nämlich, in welchem die Menschen von einer Zukunft zu sprechen pflegen – so ziemlich gesichert ist. Der Freiherr hat kurz vor seinem schrecklichen Ausgang eine rechtsgültige Verfügung getroffen, kraft welcher das schöne Hofgut Lindach, in der Nähe vom Kloster Gnadenbrunn, weißt Du? seiner Tochter als Eigentum zusteht, worüber sie allein verfügen kann. Und da wir gerade bei der Vermögensfrage sind, so sag' ich Dir, lieber Michel, wie ich Dir schon bei einer früheren Gelegenheit andeutete: Du wirst nach meinem Tode nicht viel vorfinden. Mache Dich beizeiten darauf gefaßt, liebes Kind. Du weißt, wo meine Hand für die Bedürftigen verschlossen war, ist die Hand von einer, die nicht mehr lebt, doppelt offen gewesen – auch dafür sei ihr Andenken gesegnet! – und dann, nun, ich war in der Bereicherungskunst nie sehr stark, und als ich es einmal zu sein wähnte und mein Erspartes dabei wagte, wurde mir meine Stümperei recht fühlbar bewiesen. Doch warum von Dingen reden, die man nicht ungeschehen machen kann. Etwas ist zwar wohl noch vorhanden, aber – ich weiß, Du wirst dagegen nichts einzuwenden haben – das gehört Deiner Schwester. Sie ist ein Mädchen, Du aber bist ein Mann, der sich hoffentlich mit eigener Kraft wird durchs Leben helfen können. – Hildegard, ach, ist auch nicht mehr das ewigheitere Geschöpf von früher, obgleich sie sich so äußerst anstrengt, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Das arme Kind! Ich fühle wohl, wie es ihr zumute ist. Ich fürchte, ihr Herz hat einen unheilbaren Schlag erlitten, und zwar von der Hand eines Unwürdigen. Ich mag nicht weiter davon sprechen, aber es beunruhigt mich, daß Deine Schwester sich einer mystisch-religiösen Richtung zuneigt, die am Ende gar in schwärmerische Klostergedanken ausläuft. Hildegard geht öfter, als mir lieb ist, nach Gnadenbrunn hinauf. Die Schwester Berta, welche jetzt Mutter Superiorin geworden ist und deren Liebling Hildegard ja immer war, bestärkt sie wohl in diesen klösterlichen Phantasien – leider, denn Du weißt, was ich vom Klosterleben halte. Daneben kann ich dem Mädchen freilich nicht zürnen. Kranke Herzen haben religiöse Bedürfnisse, von welchen man in gesunden und glücklichen Tagen keine Ahnung hat. Das Christentum aber ist die Religion des Unglücks, es hat sich ja recht eigentlich an die ›Mühseligen‹ und ›Beladenen‹ gewendet. Ich las gestern wieder einmal jenes erhabene Wort beim Evangelisten Lukas: ›Der Geist des Herrn ist bei mir und er hat mich gesandt, zu verkündigen die frohe Botschaft den Armen, aufzurichten die zertretenen Herzen, zu predigen den Gefangenen‹ – da dachte ich auch Deiner, armer Junge! – ›daß sie los sein sollen, und den Blinden, daß sie sehen, und den Unterdrückten, daß sie frei und ledig sein sollen.‹ Es hat mich tief bewegt ... Gestern haben wir auch den guten alten Hairle, den Benefiziaten, begraben. Er ist sozusagen mitten in der Götter- und Heldenwelt Homers entschlafen, denn er wurde des Morgens tot gefunden, über eine Folioausgabe der Ilias hingebeugt. So geht ein Freund nach dem andern von mir, und da ist es denn kein Wunder, wenn einem zuweilen Todesgedanken anwandeln. Aber Du mußt Dir das nicht sehr zu Herzen nehmen, lieber Michel ...« Wie hätte ich aber anders gekonnt? Um so mehr, als Hildegard ihrerseits schrieb: »Ich sorge mich um den Vater. Er ist sehr gealtert, und ich kann oft kaum die Tränen zurückhalten, wenn ich sehe, wie er, mir zu Liebe, sich Mühe gibt, heiter auszusehen und zu scherzen wie vorzeiten. Lange schon schmeckt ihm weder Speise noch Trank mehr. Oft brütet er stundenlang vor sich hin, und dann wieder geht er ruhelos im Hause umher, als suchte er etwas. Ach, ich weiß wohl, was er sucht: die Mutter. Er ist nie mehr, aber auch gar nie mehr froh geworden, seitdem sie uns verlassen hat ... Isolde ist lieb und gut – wie könnte sie jemals anders sein? – aber still, o, recht tiefstill. Sie scheint gesund, sie weint nicht, sie klagt nicht, aber mir ist oft, es müsse ein geheimer, unendlicher Schmerz, ein furchtbares Weh auf dieses edle Herz drücken. Sie hat sich jetzt, seit ihres Vaters plötzlichem Tod, fast noch inniger an uns angeschlossen, aber trotzdem glaube ich oft zu fühlen, daß etwas Fremdes, Unerklärliches zwischen uns sei; es ist, als trage Isolde ein tiefschmerzliches Geheimnis mit sich herum ... Du hast mir in Deinem Briefe recht brüderlich herzlich zugesprochen, was vergangen sei, vergangen sein zu lassen. Die Welt, sagtest Du, sei trotz alledem so reich an Glück, daß wohl auch für mich noch ein hübsches Stückchen davon abfallen werde. Die Welt! So wenig ich auch davon gesehen habe, es war doch genug, mich nicht nach mehr verlangen zu machen. Das Glück! Ich weiß, Du liebst die Dichter, und darum will ich Dir mit einem englischen antworten: Ein Jahr ist's her, da war ich glücklich! Nein, Nicht glücklich, nur von dieser Wonne rings Umfangen, die ich nicht erreichen, nicht Erfassen konnte. Doch so war das Glück Ja stets. Es ist des Geistes schönes »Morgen«, Das niemals kommt ... Aber glaube mir, was man so unglücklich nennt, das bin ich darum doch nicht. Wir alle haben ja unsere Last zu tragen. Ich beuge mich in Demut unter der mir auferlegten. Was könnten auch wir Frauen anders tun? O, Bruder, ich habe verstehen gelernt, welchen Trost unsere geliebte, unsere fromme Mutter aus jener ewigen Liebe schöpfte, welche prüft, aber nie lügt, aus jener Hoffnung, welche nie verwelkt. Unter dem Saum von Gottes Mantel ist Raum für alle seine Kinder. Da berg' ich mich. Du aber eile zu uns, sobald Du los bist.« »Arme Hildegard,« sprach ich bei mir, »das ›Morgen‹ des Glückes ist freilich für dich nicht gekommen. Die Liebeständelei idyllischer Jugendtage, du hast sie ernst genommen, während sie einem anderen eben nur Tändelei war. Armes Schwesterherz, das jetzt für Gott schlägt, weil sein inniger Schlag von dem Geliebten nicht verstanden oder mißachtet wurde, ich will dich nicht verspotten, nicht einmal in Gedanken. Aber es ist doch so die Art der Frauen: wenn die irdische Liebe sie getäuscht hat, werfen sie sich der himmlischen in die Arme. Wir Männer sind nicht zart genug organisiert, um unsere Empfindungen, unsere Wünsche so sublimieren zu können. Wir dürfen auch das Leben nicht bloß ertragen, wir müssen es bestehen, mit ihm ringen, es gestalten. Kein rechter Mann kann in der blassen Resignation, welche am Ende der wahre Himmel des Weibes ist, sein Genüge finden. Er hat nicht einmal Zeit, einem Jugendgefühl lange oder gar ausschließlich nachzuhängen. Es ist dafür gesorgt, daß so abnorme Erscheinungen, wie der Werther eine ist, nicht sehr häufig wiederkehren.« Acht Tage später eilte ich in grimmiger Januarkälte der Heimat zu. Allein wie sehr ich eilte, ein grausamer Herzschlag kam mir doch zuvor. Wohl konnte ich noch die teuren Vaterlippen küssen, die so viele tausend und wieder tausend gütige Worte zu mir gesprochen hatten, aber es waren die Lippen eines Toten. Drittes Buch Praxis Erstes Kapitel Praktische Philosophie eines Kindes des Jahrhunderts, das es – das Kind nämlich – enorm, ganz enorm gut mit dem Autor meint. »Wie ich Ihnen sage, Herr Hellmuth, Geschäft ist Geschäft, und Geschäfte müssen geschäftsmäßig behandelt werden. Das ist eine Tatsache, denk' ich.« »Ohne Zweifel, Herr Ziegenmilch. Aber noch eine enormere Tatsache ist es, daß Sie, mit Ihrer gütigen Erlaubnis, das Publikum mit dieser ›Lilionese‹, bestehend aus etwas Rosen- und Zimmetöl, vermischt mit viel Kreide, ganz enorm beschwindeln. Das Töpfchen von diesem wunderbaren Schönheitsmittel kostet Sie etwa einen Viertelfrank, während Sie es um fünf Franken verkaufen.« »Was wollen Sie? Geschäft ist Geschäft! Ich denke, wir können diesen gangbaren Artikel noch billiger herstellen und noch um zwei bis drei Fränklein teurer verkaufen. Die Damen sind ja ganz rasend darauf – dank Ihrer enormen Annonce! Habe nie eine enormere gesehen, auf Ehre! Enorm, ganz enorm!« »Aber, Herr Ziegenmilch ...« »Bitte, kommen Sie mir nicht wieder mit Ihren moralischen Wenn und Aber. Wie oft muß ich Ihnen, der Sie, ohne Kompliment, ein Mann von Genie und Bildung sind, wie oft noch muß ich Ihnen sagen, daß die Moral für Pastoren und Schulmeister ein enorm vortreffliches Ding sein mag, für Geschäftsleute aber ein enorm störsames, ausgenommen etwa Sonntags in der Kirche. Nämlich, verstehen Sie mich wohl, die Sorte von Moral, welche für kleine Kinder, dito für große und, wie ich Ihnen sage, für Pastoren und Schulmeister erfunden wurde. Was die andere Moral betrifft, nämlich die, welche vorschreibt, uns vor widerwärtigen Karambolagen mit dem Strafgesetzbuch zu wahren, ei, vor dieser hab' ich einen so enormen Respekt als nur irgendeiner. Ist das eine praktische Moral, eine Moral für Geschäftsleute. Nur keine unpraktischen, idealistischen Marotten, mein lieber Herr Hellmuth, wenn Sie auf dem Geschäftsweg, wenn Sie überhaupt Ihre Fortune machen wollen.« »Aber, mein lieber Herr Ziegenmilch, es handelt sich da nicht entfernt um Idealisches, wenn ich mir die Freiheit nehme, Ihnen unter uns zu bemerken, daß Ihr ganzes Geschäft da eigentlich purer blanker Humbug und Schwindel ist.« »Bscht, bscht! Eigentlich mag es so sein, aber uneigentlich ist das Geschäft ein enorm gutes Geschäft, wie Sie wissen. Sehen Sie nur, wie sich da draußen im Laden die Damen drängen, um alle die kosmetischen Herrlichkeiten von meiner enormen Erfindung einzukaufen. Humbug und Schwindel, ei jawohl! Sagen Sie mir, ist dieses enorm elegante Geschäftslokal, welches die in Kosmetik machende respektable Firma Oskar Ziegenmilch und Komp. eingerichtet hat, auch Humbug oder ist es eine enorme Tatsache? Denke doch, das letztere, Herr Hellmuth. Geschäft ist Geschäft, und praktisch, enorm praktisch muß man sein: das ist meine Moral. Sehen Sie, 's ist gar nicht so lange her, daß Oskar Ziegenmilch und Komp. ein so armer Teufel war wie Sie, Herr Hellmuth – bitt' um Entschuldigung. Hatte da oben in der obskuren Spiegelgasse ein enorm miserables Lädchen, eine gemeine Bude, allwo ich Tüten drehte, armem Gesindel lotweise Kaffee und Pfeffer verkaufte, Käse auswog und Heringe einwickelte. War, mit einem Wort, ein unpraktischer, ehrlicher, dummer Kerl. Kriegte aber eines schönen Tags eine Erleuchtung, die mein verborgenes Genie weckte. Hatte nämlich meine gute Lelia – eigentlich heißt, im Vertrauen gesprochen, meine werte Hälfte Liseli, wie wir hierzulande für Elisabeth sagen, modelte aber diesen gemeinen Namen mit meiner Einwilligung in Lelia um, welchen vornehmen Namen sie, glaub' ich, in einem verrückten französischen Geschichtenbuche aufgelesen ... gescheite Ehemänner müssen ihren Frauen solche harmlose romantische Wallungen oder Kapricen nachsehen, wissen Sie? – ja, meine Lelia hatte mal statt des verlangten Romans aus der Leihbibliothek ein enorm kostbares Buch erhalten, welches sie verächtlich beiseite warf. Zufällig tat ich einen Blick hinein, und was entdeckte ich? Eine neue Welt, sag' ich Ihnen. Es war die Lebensbeschreibung des großen Barnum, von ihm selber geschrieben.« »Die Lebensgeschichte des unverschämtesten aller Schwindler?« »Sie mögen den großen Barnum so nennen, ich nenne ihn das Ideal eines Geschäftsmannes. Die Weisheit aller Gelehrten, die je gelebt haben, hätte mir nicht halb soviel genützt, als mir Barnums Geschichte nützte. Das Buch wurde meine Bibel, die ich mit Eifer, mit Andacht studierte. Mein Genie, das bisher brach gelegen, wurde von Barnums Genie gleichsam beackert und besät. Barnum operierte mir den Staar meiner dummen Ehrlichkeit oder ehrlichen Dummheit. Ein enormer Mensch, der Barnum, ganz enorm! Sah mich jetzt zum ersten Male mit offenen hellen Augen in der Welt um, und was gewahrte ich? Daß die Welt nur eine große Schwindelbude ist, in welcher die Dummen den Klugen den Saldo bezahlen. Die menschliche Gesellschaft erschien mir fortan als ein enormes Hauptbuch, bestehend aus den zwei Rubriken Soll und Haben, und ich beschloß weislich, in der Rubrik Haben mich anzusiedeln. Alle praktischen Leute tun das und überlassen die Rubrik Soll großmütig den unpraktischen. Wer aber praktisch sein will, recht enorm praktisch, der muß heutzutage mehr oder weniger schwindeln. Sie sehen, mein lieber Herr Hellmuth, ich spreche ganz offen und vertraulich mit Ihnen. Würde es nicht tun, wenn ich Sie, Ihrer unpraktisch idealistischen Anwandlungen ungeachtet, nicht für einen im Grunde praktischen Kopf hielte.« »Sehr verbunden, Herr Ziegenmilch. Allein lassen Sie sich sagen, daß meine praktische Anlage doch nicht groß genug ist, mich zu überreden, die ganze Welt sei Humbug und Schwindel.« »O, Sie werden das schon noch begreifen, mein Lieber. Sehen Sie sich den Lauf der Dinge nur einmal genau an. Alle schwindeln, die Großen im großen, die Kleinen im kleinen. Wer Millionen kommandiert, macht in Staatspapieren, Eisenbahn- und Kreditaktien; wer keine Million hat, aber zu einer kommen will, macht, wie zum Beispiel Oskar Ziegenmilch und Komp., in Wunderarzneien und Schönheitsmitteln. Kam durch einen glücklichen Zufall darauf, welchen ich eine wahre Fügung des Himmels zu nennen mich gedrungen fühle. Während ich gerade an dem großen Exempel Barnums mich begeisterte, verlangte meine Liseli, will sagen meine Lelia, Geld von mir, um sich für ihre damals noch sehr bescheidene Toilette ein Tüpfchen von der in den Zeitungen gepriesenen Aurorapomade anzuschaffen. Das war ein Schicksalswink. Ich befolgte denselben und warf mich mit enormer Energie auf die Kosmetik. Zuerst handelte ich mit Schönheitsmitteln, dann erfand ich selber welche, mit Hilfe eines alten Apothekerbuches. Kann ich etwas dafür, daß die Welt betrogen sein will? Bald war ich in den Stand gesetzt, aus der obskuren Spiegelgasse in dieses vornehme Stadtquartier überzusiedeln. Anfangs war ich nur Mieter meines Geschäftslokals, jetzt ist es samt dem Hause mein Eigentum, und ich habe es ganz nach den Erfordernissen der Pariser Eleganz neu etabliert. Bereits darf ich mich, unter uns, einen gemachten Mann nennen, und es wird die Zeit kommen, wo ich meinem eigenen Kutscher befehlen kann, mich nach der Börse zu fahren. Sehen Sie, mein Lieber, das ist das Resultat meiner Moral: Geschäft ist Geschäft und praktisch muß man sein ... Im übrigen will ich Ihnen etwas sagen, selbst auf die Gefahr hin, Ihr warmes Zartgefühl zu beleidigen.« »Sprechen Sie ungeniert, Herr Ziegenmilch. Sie sind mein Prinzipal, und ich bin Ihr Untergebener.« »Ja, das ist wohl so: aber sehen Sie, Herr Hellmuth, Sie haben so etwas an sich, so etwas ... nun, so etwas Vornehmes. Ich will sagen, man merkt Ihnen den studierten Mann auf Schritt und Tritt an. Es ist etwas Kurioses, etwas enorm Kurioses, daß wir anderen, wir Geschäftsleute, vor den Studierenden, falls es nämlich keine Lumpen sind, innerlichst so 'ne Art von Respekt haben .... doch, kurz und gut, will Ihnen zeigen, daß auch ich kein gemeiner Kerl bin. Ja, auf Ehre, bin kein schofler Egoist und meine es gut mit Ihnen, enorm gut, obgleich ich mich selber, das heißt meinen Vorteil natürlich, dabei auch nicht außer acht lasse. Müßte kein Geschäftsmann sein, wenn ich das täte. Der gegenseitige Vorteil ist das festeste Freundschaftsband, sehen Sie, und wenn man seine Fortune machen will, muß man sich in die Welt schicken." »Zur Sache, wenn's beliebt.« »Allsogleich. Sie wissen, Herr Hellmuth, als ich das Glück hatte, zufällig Ihre Bekanntschaft zu machen, waren Sie in nicht sehr glänzenden Umständen ....« »Allerdings nicht, sondern im Gegenteil in sehr mißlichen.« »Gut. Ich machte Ihnen den Vorschlag, bei mir einzutreten. Sie hatten so etwas an sich, was mir gefiel, etwas, was mir sagte, daß Sie gut mit der Feder umgehen könnten ....« »Meiner Treu, Sie sind ein merkwürdiger Physiognomiker.« »Lachen Sie nur nicht, Herr Hellmuth. Ich habe meine kleinen praktischen Talentchen. Das Geschäftsleben schärft einem, der kein Dummkopf ist, die Augen enorm, ganz enorm. Sie übertrafen auch meine Erwartungen weit. Nicht nur brachten Sie eine vortreffliche Ordnung in die Bücher und in die Korrespondenz, sondern Sie bewiesen auch eine Meisterschaft im Verfassen von Annoncen, die ich mit wahrer Bewunderung anerkenne, um so mehr, da mir, obschon, wie Sie zugeben werden, mein Mundstück nicht zu den schlechtesten gehört, der Himmel die Gewandtheit im schriftlichen Ausdruck versagte. Sie haben eine glückliche Hand, Herr Hellmuth, in des Wortes verwegenster Bedeutung. Mein Geschäft hat in den wenigen Wochen, seit Sie demselben Ihr Genie widmen, schon bedeutend gewonnen, ich füge es ohne Umschweife. Bin unter Umständen enorm aufrichtig, ganz enorm. Überdies sind Sie ein angenehmer Hausgenosse, kein Krakeeler, aber auch kein Finsterling, kurz, gerade so, wie ich die Leute gern habe. Auch mein Liseli, nein – Donnerhagel! – meine Lelia, hat Sie gern und das will etwas heißen, denn sie ist, wie ich Ihnen bereits bemerkte, mitunter allerlei romantischen Wallungen und Kaprizen unterworfen. Es ist aber ein großer Segen, wenn eine Frau weder seufzt noch weint, weder schmollt noch brummt, was alles zuweilen der Fall war, bevor Sie kamen. Meine Ehehälfte findet an Ihrer Tischgenossenschaft großen Gefallen. Das macht, sie kann mit Ihnen von dem Zeug schwatzen, was sie ihre Ideale nennt, das arme Ding! Sie hat nicht das Glück, Mutter zu sein, wie Sie wissen; auch hat sie leider einen Abscheu vor dem Küchendepartement, und in diesen beiden Fällen pflegen die Frauenzimmer auf allerlei Schnickschnack zu verfallen. Die einen werden fromm, die anderen sentimental oder sonst schwärmerisch, die dritten werfen sich der Galanterie, die vierten der Dichterei in die Arme, die fünften suchen Trost in der Weinflasche. Ich habe meine werte Hälfte stark im Verdacht, sich zum Mitglied der vierten dieser Klassen machen zu wollen, und ersuche Sie daher dringend, Herr Hellmuth, sie zu überreden, diese Kaprize nicht gar zu weit zu treiben. Die Gute hält, wie ich weiß, große Stücke auf Sie, und ich – ich bin ganz und gar nicht zur Eifersucht geneigt. Außerdem bin ich überzeugt, daß ich es mit einem Ehrenmann zu tun habe. Ja, und beiläufig, dürfte ich Sie bitten, meine Frau heute ins Theater begleiten zu wollen? Sie wissen, ich tue das nicht gern, langweile mich enorm daselbst, ganz enorm, und gebe alle Theater und Theaterstücke der Welt für einen gemütlichen Schmaußjas oder Skat, zehn Points zu zwanzig Centimes.« »Ich werde Ihren Wunsch erfüllen, Herr Ziegenmilch. Aber, wenn ich nicht irre, wollten Sie mir eine Mitteilung machen.« »Freilich, freilich, und diese Mitteilung wird Sie, rechne ich, überzeugen, daß ich es enorm gut mit Ihnen meine, ganz enorm ... Sagen Sie mir, lieber Herr Hellmuth, befinden Sie sich heute nicht bedeutend komfortabler als vor drei Wochen, wo Sie bei mir eintraten?« »Doch, Herr Ziegenmilch, doch. Ich anerkenne auch dankbar, daß Sie meine Dienstleistungen in Ihrem Geschäft weit über mein Erwarten belohnt haben ...« »Saläriert, wollen wir sagen, lieber Herr Hellmuth. Sie haben in drei Wochen mehr für mein Geschäft getan, als zehn andere Kommis in der doppelten und dreifachen, ja zehnfachen Zeit dafür hätten tun können, und im gebührenden Verhältnis zu ihren Leistungen setzte ich auch Ihr Salär fest. Dasselbe ist, schmeichle ich mir, so, daß ein junger Mann, welcher nicht allzu viele Bedürfnisse hat, damit auf dem Fuß eines Gentleman leben kann.« »Ich bin zufrieden.« »Schön, schön, oder vielmehr nicht schön, Herr Hellmuth. Denn, verstehen Sie mich wohl, Sie sollten höher streben.« »Ich bin nicht geldgierig, Herr Ziegenmilch.« »Ei, ich bin auch nicht gerade geldgierig, das heißt, ich bin kein schmutziger Egoist; aber ich bin ein praktischer Mensch. Als solcher bin ich überzeugt, daß wir beide, verstehen Sie? wir beide mitsammen in der Welt etwas vor uns bringen könnten, etwas Enormes. Daher mache ich Ihnen folgenden Vorschlag: Sie verpflichten sich, für zwei, drei Jährchen in Ihrer jetzigen Stellung, die ich Ihnen so angenehm als möglich zu machen suchen werde, meinem Geschäfte Ihre vortrefflichen Dienste zu widmen. Inzwischen dehnen wir das Geschäft nach allen Seiten hin aus und ziehen nach und nach diverse weitere Branchen in das Bereich unserer Tätigkeit. An baren Mitteln und an Kredit – 's ist eine enorm schöne Sache um den Kredit! – soll es mir dazu nicht fehlen, und die Hauptsache, Genie, besitzen wir beide. Nach Verlauf der angegebenen Zeitfrist erlassen wir eines schönen Morgens ein Zirkular, welches der Welt anzeigt, daß die Firma Oskar Ziegenmilch und Komp. fürohin heiße: Ziegenmilch und Hellmuth. Verstehen Sie?« »Sie sind so gütig, mir für die Zukunft die Associéschaft in Aussicht zu stellen?« »Ja.« »Ich anerkenne Ihre Güte, Herr Ziegenmilch; aber ...« »Schon wieder eines Ihrer aber? Ich bitte Sie, Geschäft ist Geschäft, und praktisch muß man sein.« »Wohl ... doch lassen Sie mich Offenheit mit Offenheit erwidern. Als ich den Entschluß faßte, die kommerzielle Laufbahn zu betreten, leitete mich neben anderen Motiven insbesondere die Hoffnung, auf dieser Laufbahn meinen Wunsch, die weite Welt zu sehen, am leichtesten befriedigen zu können. Ich hatte zu diesem Zwecke eine kurze Weile daran gedacht, Soldat zu werden, das heißt in englischen oder holländischen Diensten die militärische Laufbahn zu versuchen. Allein ich fühlte in allen Nerven, daß ich doch viel zu sehr Idealist sei – Verzeihung für das unpraktische Wort! – um eine willenlose Maschine sein zu können. So wurde ich denn Kommis, und wenn Sie, wie Sie mir sagen, mit meinen Diensten als Kommis einigermaßen zufrieden sind, so mag Ihnen das beweisen, daß ein Mann von Bildung auch in praktischen Sphären nicht allzulangsam und schwer sich zurechtfinden kann. Sie haben mich gütig behandelt, Herr Ziegenmilch, und Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich nicht unempfänglich und undankbar bin. Allein es muß dennoch heraus: Ihr ganzes Geschäft da hat etwas an sich, was mir gegen den Mann geht.« »Ei was, Herr Hellmuth, Geschäft ist Geschäft und praktisch muß man sein.« »Wohl, aber Praxis und Humbug ist doch gewiß nicht absolut eins und dasselbe.« »Hm, darüber ließe sich viel sagen. Will Ihnen aber statt des vielen heute nur zweierlei bemerken. Erstens, wenn Sie, lieber Herr Hellmuth, Ihre kaufmännische Fortune possieren wollen, so dürfen Sie keine Minute, keine Sekunde, keinen Augenblick lang des kaufmännischen Fundamentalsatzes vergessen, welcher lautet: Möglichst wohlfeil kaufen und möglichst teuer verkaufen. Darauf beruht auch mein Geschäft. Zweitens: die Firma Oskar Ziegenmilch und Komp. ist mitnichten willens, ihr Leben lang nur die Erfindung, die Herstellung und den Umsatz von Artikeln zu betreiben, durch deren Gebrauch kranke Einfaltspinsel gesund, junge, häßliche Frauenzimmer schön, alte Weiber wieder jung zu werden vermeinen. Mein Genie ist auf Höheres gestellt ...« Der dieses Gespräch mit mir führte, lieber Leser, und zwar an dem Orte, welchen er mit viel Bewußtsein sein »Kontorkabinett« zu nennen pflegte – eine Lokalität, in welcher, beiläufig gesagt, auch mein Schreibpult sich befand, und welche mittels eines hohen Bogenfensters und einer schmalen Türe mit dem »Tempel der Kosmetik« draußen, das ist mit dem Schönheits- und Gesundheitsmittelladen, in Verbindung stand – also mein »Herr Prinzipal«, Oskar Ziegenmilch und Komp., war ein angehender Vierziger und das, was junge und alte Stubenmädchen einen »hübschen Mann« zu nennen pflegen. Von mittlerer Statur war er wohlgebaut und vortrefflich angezogen; auch ein kleidsames Schnurrbärtchen fehlte ihm nicht, und um seine roten Bäckchen zog sich ein Backenbart, welcher »enorm« gut à l'Anglais kultiviert war. Hätten nicht unter der etwas niedrigen und wie ein neues Trommelfell glatt und glänzend gespannten Stirne hervor die kleinen wasserblauen Augen des Mannes so äußerst schlau und doch auch wieder gutmütig in die Welt geblickt, man hätte glauben können, er sei, wie er leibte und lebte, aus dem neuesten Modejournal geschnitten worden. Elegant, wie die Erscheinung des Herrn Ziegenmilch, war auch das ganze Geschäftslokal; das Magazin draußen mit seinen drei »Ladenmamsellen«, die hübsch und gut angezogen genug waren, um den Herrn Prinzipal einigermaßen zu berechtigen, sie seine »drei Grazien« zu nennen, wie das Kontor hier innen, wo alle Gerätschaften »kosmetisch« aussahen, bis herab zu dem mit rotem Korduanleder überzogenen Schreibbock, auf welchem während des gemeldeten Dialogs Herr Ziegenmilch rittlings gesessen hatte. »Wie ich Ihnen sage, Herr Hellmuth,« fuhr er fort, »mein Genie ist auf Höheres, auf Höchstes gestellt.« Mit diesen Worten voltigierte er graziös von seinem hochbeinigen Sitze herab, verschränkte die Arme und durchmaß mit großen Schritten das kleine Gemach, offenbar große Gedanken und kühne Entschlüsse im Kopfe wälzend. Endlich blieb er vor mir stehen, legte seine rechte Hand auf meinen linken Arm und sagte mit viel Majestät: »Meine Zeit ist heute gemessen, Herr Hellmuth, denn ich muß mich zu einem Diner bei der großen Firma Sack und Söhne ankleiden ... Sack und Söhne, wissen Sie? erstes Bankhaus auf hiesigem Platze ... Große Ehre für mich ... Laden zu ihren exquisiten Diners nur Geschäftsfreunde ein, welche viel – verstehen Sie? – viel mit ihnen machen. Sehen Sie, so weit hat es der weiland Käse- und Heringskrämer aus der Spiegelgasse schon gebracht, und er wird es, so Gott will, so weit bringen, daß er Sack und Söhne zu seinen Diners bitten kann. Bin also pressiert und daher in Eile nur noch folgendes ...« Hier streckte sich Herr Ziegenmilch und sah möglichst aus wie Napoleon, der seinen Marschällen einen Schlachtplan entwickelt, oder noch besser, wie ein deutscher Professor der Philosophie, welcher seinen Zuhörern das innerste Heiligtum seines Systems aufschließt. »Herr Hellmuth,« sagte mein Prinzipal mit allem Pathos, das er aufzuwenden hatte – »der Handel ist in unserer Zeit alles! Das übrige, alles das übrige ist Lumpenzeug, das nur noch so mitläuft. Alle Leute von Genie – wie zum Beispiel Sie und ich – werfen sich in die industrielle und kommerzielle Karriere. Da kommt man vorwärts, da stellt man etwas vor. Schwatzen da närrische Leute bei uns zu Lande von Volkssouveränität, und noch größere Narren glauben ihnen. Wir, die Gescheiten, die Geschäftsleute, wissen aber, daß die Souveränität nirgends steckt als in unseren Kassen und in unseren Hauptbüchern. Der Kaufmann, der große Kaufmann ist jetzt der Herr der Welt, hier wie überall, und ich bin entschlossen, enorm entschlossen, ein großer Kaufmann, ein Kaufmann in des Wortes verwegenster Bedeutung zu werden. Aber, wie ich Ihnen sage, ich bin kein Egoist, das heißt ich weiß, daß zwei Männer von Genie mehr vermögen als einer. Sie sind ein Mann für mich, und ich bin ein Mann für Sie. Daher erwägen Sie den Vorschlag, welchen ich Ihnen gemacht. Ich gebe Ihnen eine Woche, meinetwegen auch zwei Wochen Bedenkzeit. Bin überzeugt, Ihr Genie wird Ihnen sagen, daß ich es enorm, ganz enorm gut mit Ihnen meine. Hiermit Adieu für heute ... Sack und Söhne dürfen nicht warten ... bin enorm pressiert ... aber vergessen Sie meine Frau Gemahlin und das Theater nicht und ... ja, unterlassen Sie beim Schlafengehen und beim Aufstehen nie, den Spruch zu beten: Geschäft ist Geschäft und praktisch muß man sein, enorm praktisch!« Zweites Kapitel, welches den Kommentar zu dem vorhergegangenen enthält. Eine der traurigsten Lagen, in welche der Mensch kommen kann, ist die, im verödeten Vaterhaus zu stehen, zum letztenmal, und von allem Abschied zu nehmen, was an entflohenes Glück, an eine von zärtlicher Mutterhand gepflegte Kindheit, an frohe, von einem liebevollen Vaterauge bewachte Jünglingsjahre erinnert. Alle die goldenen Erinnerungen stürmen auf dich ein, und du meinst, die schreckliche Veränderung, diese Einsamkeit, diese Öde sei eine Unmöglichkeit. War das nicht der leichte Tritt der Mutter im Nebenzimmer? Sprach da nicht der Vater ein joviales Wort dorther, von seinem gewohnten Platz am runden Familientische? Trällerte nicht die Schwester draußen vor dem Fenster im Garten ein lustig Liedchen? O, mein Gott, Vater und Mutter schliefen drüben auf dem beschneiten Kirchhofhügel, der Großmutter zur Seite, und lieb Schwesterlein sang nicht mehr im Garten. Sie war groß und schön und unglücklich geworden, und barg droben hinter den klösterlichen Mauern von Gnadenbrunn den Schmerz über das jähe Erwachen aus einem kurzen schönen Jugendtraum. Selbst der runde Familientisch war fort, von irgend einem Trödler oder einer Trödlerin in der Auktion erstanden, welche abhalten zu lassen die Verhältnisse mich genötigt hatten. Ein schmerzliches Ding, so eine Auktion, welche den mit Sorgfalt angesammelten Hausrat einer Familie in alle Winde zerstreut. Ich mußte mich während der traurigen Szenen dieses Geschäfts doch sehr oft daran erinnern, daß ich ein Mann sei, um nicht dieses oder jenes Möbelstück, welches mein Vater besonders bequem gefunden, dieses oder jenes Stück Linnen, welches meine Mutter gesponnen, wieder unter dem unerbittlichen Auktionatorhammer wegzureißen. Die teuersten Familienstücke, Reliquien unseres Wohlstandes, an welche sich besonders liebe Erinnerungen knüpften, hatte ich freilich gerettet, indem ich sie meiner Schwester nach Gnadenbrunn mitgegeben. Hildegard hatte dringend dorthin verlangt, wo sie von der Mutter Superiorin und der ganzen Schwesterschaft mit offenen Armen aufgenommen zu werden gewiß war. Auch lebte ihr ja ganz in der Nähe des Klosters die treueste Freundin, Isolde, welche auf ihrem Hof Lindach wohnte, und endlich war es mir lieb gewesen, der geliebten Schwester den Anblick der traurigen Veränderungen zu ersparen, welche unser Elternhaus durch die Ordnung der Hinterlassenschaft und die damit zusammenhängende Auktion erlitt. Freilich hätte ich es viel lieber gesehen, wenn Hildegard das dringende Anerbieten Isoldes, schwesterlich mit ihr in Lindach zusammen zu wohnen, angenommen hätte. Aber ihr Sinn stand nun einmal nach dem Kloster, und es wäre mir wahrlich übel angestanden, der armen, durch den Verlust des Vaters in tiefstes Leid versetzten Schwester Zwang antun zu wollen. Nur eines forderte und verlangte ich von ihr, das Versprechen, unter keinen Umständen durch ein unwiderrufliches Gelübde sich zu binden, bevor sie die Überzeugung gewonnen, daß sie es nie zu bereuen haben werde. Deshalb hatte ich sie gebeten, wenn überhaupt, erst drei Monate nach dem dritten Todestage unseres geliebten Vaters den Schleier zu nehmen. Sie hatte mir das versprochen, und ich wußte, daß sie ihr Wort halten würde. Ich hoffte dabei auf Hildegards Jugend, auf den lindernden Einfluß der Zeit, auf irgend einen glücklichen Zufall, welcher verhindern würde, daß meine schöne Schwester unter dem Nonnenschleier verwelken müßte. Endlich, an einem trüben Februarabend war alles vorüber. Die Auktion war zu Ende, die Leute waren weg, die Sachen fortgenommen. Ich wollte noch eine letzte Nacht in dem unheimlich leeren Hause verbringen, dessen nackte Wände nur allzusehr zu meiner Stimmung paßten. Ich durchschritt noch einmal die vertrauten Räume, die mir ferner kein heimatliches Obdach mehr gewähren sollten, suchte meine Schwermut mit der Vorstellung zu beschwichtigen, daß wenigstens meiner Schwester für ihr Leben lang eine bescheidene Existenz gesichert sei, und ging dann daran, meinen Koffer zu packen, als unsere zwei Mägde, die Theres und die Annem'rei, eintraten. Sie waren zum Gehen gerüstet und kamen, Abschied zu nehmen und sich nach Lindach auf den Weg zu machen. Isolde hatte die treuen Seelen in ihren Dienst genommen. Da ich sie im Hause ihrer neuen Herrin noch einmal sehen sollte, war der Abschied kein allzuherber. Doch fehlte es auf ihrer Seite nicht an Tränen, und während der folgenden Szene wurden auch mir die Augen feucht. »Seht, Herr Michel,« sagte die Annem'rei, indem sie den Deckel des Korbes öffnete, welchen sie am Arme trug, »seht, den nehmen wir auch mit. Das arme Beest soll in seinen alten Tagen nicht unter fremde Leute verstoßen sein.« In dem Korbe richtete sich der alte Don Murr langsam auf, rieb seinen Kopf an meiner liebkosenden Hand, ließ ein melancholisches Mau! Mau! hören, rollte sich dann wieder in seinem Behälter zusammen und steckte den Kopf zwischen die Hinterbeine, als wollte er von dieser jämmerlichen Welt nun gar nichts mehr sehen. »Ach,« schluchzte die alte Magd, »der Herr Kons'lent selig hat das Tier so lieb g'habt, drum soll es auch nicht hungern, solang' die alt' Annem'rei noch ein Stückle Brot hat.« »Und den da nehmen wir auch mit,« sagte die Theres, ein Tuch von dem prächtigen Rosenstrauß wegziehend, dessen Topf sie im Arme hielt. »Seht, Herr Michel, 's ist die groß' Moosrosenstaude, an der die Frau Kons'lentin selig ihre absonderliche Freude hatte, und da dacht' ich, die Pflanz' soll nicht z' grund' gehen, solang' die alt' Theres leben tut.« Ich blickte lange, lange auf den Strauch, der voll blühender Rosen hing. Mir wollte vorkommen, als sähe ich die zarten Finger meiner Mutter durch das Blättergrün gleiten. Es war wie ein zärtliches Winken, wie ein duftender Gruß aus dem Geisterland .... Als die beiden alten treuen Seelen fortgegangen und ich nun ganz allein war in dem weiten leeren Hause, ließ ich meinem verhaltenen Schmerze freien Lauf. Ich habe in meinem Leben nie bitterlicher geweint als damals. In jener Nacht, die, lang und schlaflos wie sie war, ernstem Nachdenken gewidmet wurde, kam auch der Entschluß zur Reife, eine Laufbahn einzuschlagen, wie mein Bildungsgang sie nicht erwarten ließ. Möglich, daß mein jugendlich schwärmerischer Ingrimm gegen das, was ich Verkehrtheit und Unrecht in unseren politischen und sozialen Einrichtungen nannte – ein Ingrimm, über welchen zu brüten ich auf der Festung so recht Zeit und Gelegenheit gehabt – hierbei einen Hauptfaktor abgab. Ich schlußfolgerte so: Da ich ein Mensch ohne Protektion bin, ein Mensch ohne wegbahnende Basen und nachschiebende Vettern, außerdem ein Mensch, dessen Rückgrat bedenklich ungelenk, ein Mensch, der seine Zunge nicht ja sagen lassen kann, wo sie nein sagen muß, dessen Augen nicht so organisiert sind, wie die des edlen Polonius, und der dummerweise gewohnt ist, sein Herz auf dem Rockärmel zu tragen, wie jenes schottische Sprichwort sagt – da ich endlich ein armer Mensch bin, so ist das Fazit der Rechnung, daß ich auf dem Wege der Juristerei nicht weiter als in jene Sackgasse gelangen werde, in welcher das Staatsproletariat, die Bureaumenschheit ihr nicht so fast glänzendes als vielmehr nur glänzend scheinendes Elend hinschleppt. Besseres vielleicht könnte ich hoffen, wenn ich, den Staatsdienst zur Seite liegen lassend, Beruf zur Advokatur in mir verspürte; aber offen gestanden, diese widert mich fast noch mehr an als jener. Und dann, ich möchte die Welt sehen, möchte meine Jugendfrische nicht im Kanzleidienst und Aktenstaub vertrocknen lassen. Wäre ich reich, so würde ich ein »Weltfahrer« auf eigene Rechnung à la Pückler-Muskau, wäre ich schriftstellerisch begabt, ein Weltfahrer à la Mundt auf Buchhändlers Rechnung. In dieser Manier ging mein nächtlicher Monolog noch lange fort, aber ich verschone den Leser damit und setze nur den Schluß hierher, welcher darauf hinauslief, daß ich ohne Zögern den Entschluß faßte, ein Geschäftsmann oder, speziell ausgedrückt, ein Kaufmann zu werden. Das war nun freilich einer jener kühnen Entschlüsse wie nur die Jugend sie improvisieren kann und darf. Die einzige faktische Basis, auf welche mein Plan sich stützte, waren meine leidlichen Sprachkenntnisse und der feste, unter den Widerwärtigkeiten der letzten Zeit gezeitigte Wille, Dinge und Menschen zu nehmen, wie sie sind. Als ich, ermüdet von Sorgen und Erwägungen, bei Tagesgrauen endlich einschlief, tat ich es mit den Worten: Ich will in die weite Welt hinaus, will versuchen, Kaufmann zu werden und mein Glück zu machen. Man sieht, der kommerzielle Geist, der geldmachende, der eigentliche Zeitgeist unseres Jahrhunderts, hatte auch mich ergriffen. Ich will auch gar nicht versuchen, um meinen zunächst rein egoistischen Entschluß etwelchen sozialphilosophischen Nebel herzubreiten, wie ich solchen leicht etwas aus Thomas Carlyles »Evangelium der Arbeit« holen könnte. Ich wollte arbeiten, allerdings, sogar angestrengt arbeiten, aber zuvörderst doch nur, um mir in der Welt zu einer anständigen Existenz zu verhelfen. An andere dachte ich kaum. Fühlte ich doch recht schwer, daß ich selber nichts war und vor allem versuchen müsse, etwas zu werden. Am folgenden Tage ließ ich mein Gepäck in die Stadt bringen, sagte den Gräbern meiner Teuren Lebewohl und stieg dann ins Tal von Gnadenbrunn hinauf, um die beiden Wesen, die mir jetzt die teuersten auf der Welt waren, noch einmal zu sehen. Nach einem herzzerreißenden Abschied von Hildegard eilte ich nach dem Lindacher Hof, wo mich die ernste, stille in ihrem stillen Ernst so schöne Isolde wie einen Bruder empfing. Als sie mich aus ihrem Zimmer, wo alles von den ernsten Beschäftigungen eines edlen und gebildeten Geistes zeugte, in das für mich bestimmte Gemach geleitete und die Tür desselben öffnete, stand ich freudig überrascht still. Da war ja unsere Familienstube aus der Rentei in Rothenfluh! An den Wänden die alten vertrauten Kupferstiche: die Sixtinische Madonna, das Abendmahl von da Vinci, die Köpfe Lessings, Schillers, Goethes. Dort das alte Kanapee, auf welchem sitzend die Mutter uns Kindern so viele schöne Märchen erzählt hatte; der große runde Tisch davor, an dessen hartem Holz mein schnitzelndes Messer sich so oft versucht hatte. Alles, bis auf die kleinste Gerätschaft herab, hing, stand, lag so, wie es daheim gehangen, gestanden, gelegen. Vom Fenster her grüßte mich der mütterliche Moosrosenstrauch, dessen Anblick mich gestern so tief bewegt hatte. Am Ofen stand der Sorgenstuhl, in welchem der Vater so manche Pfeife geraucht, so manchen Scherz losgelassen hatte, und auf dem Stuhle lag Don Murr, welcher bei meinem Eintritt sich erhob, seinen kühnsten Buckel machte und zum Willkomm ein fröhlich Geschnurr hören ließ. Mich überkam ein Gefühl, daß ich doch nicht ganz heimatlos geworden sei. »O, Isolde,« sagte ich, tief gerührt die Hände des jungen Mädchens ergreifend und in den meinigen drückend, »so gut kann auf der ganzen weiten Welt doch nur Isolde von Rothenfluh sein! Ich danke dir!« »Wofür? Daß ich dir diese kleine Freude bereitete?« »Für alle deine Liebe und Güte.« »Wie du nur sprichst! Waren wir nicht wie Geschwister von Kindheit auf? Und sieh, ich habe ja auf der weiten Welt nur noch Hildegard und dich.« »Du vergissest deinen Bruder ....« Isolde ließ meine Hände los, trat zurück und machte eine abwehrende Gebärde, Ein tiefer Schatten überflog ihre edlen Züge. »Um des Himmels willen, Isolde, du hassest deinen Bruder?« »Hassen? Nein!« Und tief aufatmend setzte sie hinzu: »Ich bin noch jetzt bereit, für sein Glück zu tun, was ich kann. Aber zwischen ihm und mir steht ein ... Genug, sprich nicht von ihm, o, ich bitte dich! Es tut mir weh; du weißt nicht, kannst nicht wissen, wie weh.« Sie sank auf einen Stuhl und verbarg das Antlitz in den Händen. Was waltete hier für ein Geheimnis? Was stand zwischen Isolde und Berthold? Bevor ich einen Versuch machen konnte, auf diese Fragen eine Antwort von Isolde zu erlangen, erhob sie sich wieder und fügte, ihre Aufregung glücklich bemeisternd: »Du bist durchnäßt, lieber Michel, bist müde und gewiß auch hungrig. Mache dir's bequem, und inzwischen will ich nachsehen, ob die alte Theres und die alte Annem'rei dir auch auf dem Lindacher Hof deine Lieblingsgerichte – o, ich kenne sie wohl noch – zum Abendessen bereiten können ...« Ich blieb den folgenden Tag noch auf dem einsamen Hofe, wo das junge Mädchen, das, ausgestattet mit allen Vorzügen des Körpers und des Geistes, befähigt war, in den glänzendsten Kreisen der Gesellschaft zu herrschen, in freiwillger Zurückgezogenheit als Hausfrau waltete, angebetet von ihrem Gesinde, hochverehrt von dem umwohnenden Bergvolk, aber, wie ich leider befürchten mußte, schwer gedrückt von einem geheimen Kummer. Nach einem nochmaligen schüchternen Versuche mußte ich es aufgeben, dieses Rätsel zu lösen, wenngleich der alte vertraute Ton aus den Kinderjahren zwischen Isolde und mir wiedergekehrt war. Jener mit dem herrlichen Mädchen verlebte Tag ließ mich seit langer Zeit zum erstenmal wieder fühlen, was Glück sei. Und doch sprachen wir nicht von Liebe. Aber wie ein süßestes, für alle Ewigkeit unzerreißbares Band umschlangen uns die rosigen Erinnerungen aus früheren Tagen. Oft, ich gestehe es, wenn ich die Jungfrau in der ganzen Anmut und Huld ihrer Erscheinung vor mir sich bewegen sah, wenn sie mir gegenüber saß und ihre wundersam schönen Augen voll herzinnigen Vertrauens den meinigen begegneten, oft pochte mir das Herz heiß in der Brust und leidenschaftliche Worte drängten sich mir auf die Lippen. Oft bedurfte es meiner ganzen Willenskraft, das teure Mädchen nicht zu fragen: Gehören wir denn nicht zusammen? Sollen wir nicht zusammenbleiben für immer? Und eine verlockende Stimme in meinem Innern flüsterte mir zu: Frag Isolde immerhin; sie wird nicht nein sagen. Aber immer wieder bezwang ich mein Herz. Mein Stolz, ein törichter Stolz vielleicht, hielt mich zurück, ein Wort der Entscheidung zu wagen. Durfte ich, ein junger Mensch, der nichts war, der noch nicht einmal gezeigt hatte, daß er etwas werden könnte, ich, sozusagen ein Bettler, durfte ich mir herausnehmen, um die Herrliche zu werben? Nein! Ich teilte Isolde meinen neuen Lebensplan mit. Sie stutzte anfangs und sagte, indem sie zu lächeln versuchte: »Wie, Michel? Du, der himmelstürmende Gigant, dessen hochfliegenden Theorien kein Titanismus titanisch genug sein konnte, willst dich kopfüber in die Prosa des Lebens stürzen? Du willst Kaufmann werden? Es ist wohl nur Scherz.« »Keineswegs,« erwiderte ich, und nachdem ich meinen Plan des näheren entwickelt hatte, setzte ich hinzu: »Sieh, meine teure Isolde, die Zeit des titanischen Wollens, die Zeit der gigantischen Himmelsstürmerei, wie ich sie mit vielen guten und schlechten Gesellen auf der Universität getrieben, ist vorbei. Was hilft es dem einzelnen, gegen die Schranken einer Welt anzurennen, wie sie nun einmal ist? Er kann sich dabei höchstens den Schädel zerschellen. Dem Manne, selbst dem idealistisch gesinnten, drängt sich bald genug die Notwendigkeit auf, die Verhältnisse zu nehmen, wie sie sind; denn nur so kann es ihm gelingen, sie wenigstens einigermaßen nach höheren Begriffen zu gestalten. Euch Frauen ist es gestattet, länger in der idealen Welt, die ihr in eurer Brust erbautet, zu weilen. Eure ganze Organisation ist die zartere, poetischere. Euch in schonen Illusionen zu wiegen, das ist euer Vorrecht. Du hast deine Dichter, dein Piano, deine Harfe, dein Skizzenbuch; du, kannst und darfst da in deiner idyllischen Einsamkeit dem Kultus des Schönen leben, obgleich die praktischen Forderungen des Lebens auch an dich, an die Lindachbäuerin, wie du dich scherzweise nennst, tagtäglich herantreten. Bewahre deinen Idealismus! Du kannst es, und er steht euch Frauen so schon! ... Was mich betrifft, du glaubst wohl nicht, daß ich je ein gemeiner Utilitarier werden könne; aber, siehst du, ich muß erst durch das Nützliche hindurch, um zum Schönen gelangen zu können. Ich muß erwerben, um mir und anderen das Leben zu gestalten. Überzeugt, daß ich zum Gelehrten nicht das Zeug habe, ebenso, daß ich weder als Beamter noch als Advokat mir selbst oder sonst jemand nützlich sein könnte, will ich es als Kaufmann versuchen. Du wirst mich darum nicht geringer achten, denn nicht was er treibt, sondern wie er es treibt, macht den Mann. Ich werde versuchen, in unserem Nachbarlande, der Schweiz, diesem industriellsten Lande des Kontinents, eine industrielle oder kommerzielle Stellung zu gewinnen. Die Schweizer gelten für Dreiviertels-Engländer und für halbe Yankees: ich werde also bei ihnen vortreffliche Studien im Geschäftsleben machen können. Ich gehe an den Versuch ohne sanguinische Hoffnungen, aber mit festem Mut. Und sieh, Isolde, wenn ich es recht bedenke, hat das Leben, welchem ich mich widmen will, nicht nur seine kleinlich selbstsüchtige Seite, sondern auch seine großartige, sogar, wenn du willst, seine poetische. Wir leben im Zeitalter der materiellen Interessen. Ein unerbittlicher Realismus beherrscht die Welt. Die Theorie gilt nur noch da, wo sie als Dienerin, als untertänige Dienerin der Praxis auftritt. Die Wissenschaft wird nur noch in dem Grade geschätzt, in welchem sie für den unmittelbaren Erwerb arbeitet, Kunst und Poesie sind Luxuswaren wie andere. Der Born idealer Schöpfungskraft scheint einstweilen versiegt zu sein. Die kleine Gemeinde des Idealismus muß sich kümmerlich von den Brosamen nähren, die von der schwelgerischen Geistertafel des achtzehnten Jahrhunderts in das unsrige herüberfallen. Das Kapital beherrscht alle Gesellschaftsklassen, vom König hinab bis zum Fabriksklaven. Es ist die Seele des großen Motors unserer Zeit, des Industrialismus, mit welchem die moralischen und materiellen Motoren der Vergangenheit, die ich alle unter dem Namen Feudalismus zusammenfasse, einen wilden Kampf auf Leben und Tod kämpfen. Wem der Sieg zufallen werde, kann nicht zweifelhaft sein. Mit jedem neuen Dampfboot, das vom Stapel läuft, mit jedem neuen Dampfroß, das die Schienen beschreitet, fällt ein Stück Feudalismus in den Abgrund unwiederbringlicher Vergangenheit. Jede neue Maschine, deren Eisenarme der Dampf in Bewegung setzt, zerreibt ein religiöses, politisches oder soziales Dogma des Mittelalters zu Atomen. Törichte Romantik, welche den Leichnam der sogenannten guten alten Zeit, nachdem sie denselben mit allerhand Flitter aufgeputzt, galvanisiert und der Welt einreden will, der Moder sei Leben. Ein ungeheurer Umschwung der Ansichten und Verhältnisse bereitet sich vor, alles ist auf reale Ziele und Zwecke gerichtet. Die Menschen glauben, lieben, hoffen und wollen nichts mehr, als was sich verwerten, zählen, wägen läßt und Interessen, tatsächliche, greifbare Interessen trägt. Das Nützliche, nur das Nützliche, immer und überall das Nützliche, das ist's, was unsere Zeit will und mit ungeheurer Arbeit erstrebt. Niemals ist so gearbeitet worden, wie jetzt gearbeitet wird, und wo Arbeit ist, da ist Leben, Bewegung, Zukunft. Ja, Zukunft, und zwar eine solche, welche dem Nützlichen auch wieder das Schöne gesellen wird. Mag es scheinen, ja mag es Wirklichkeit sein, daß unsere Zeit nur noch an den schwarzen Höllengott Mammon glaubt, die lichten Götter der Freiheit und Freude, der Schönheit und Menschlichkeit sind darum nicht tot. Sie harren nur, wie so oft schon in wildgärenden Übergangsperioden auch jetzt wieder ihrer Zeit. Die reale Arbeit des neunzehnten Jahrhunderts bereitet den Boden, auf welchem im zwanzigsten ideale Samen ausgestreut werden und fröhlich gedeihen können.« Mein langer Vortrag, in welchem ich, wie ich auch jetzt noch glaube, die Signatur unserer Zeit ziemlich getreu gezeichnet hatte, stimmte Isolde nachdenklich. Nach ihrer verständigen Art wollte sie die neugewonnenen Eindrücke sich erst zurechtlegen und klarmachen, bevor sie sich darüber aussprach. Ich habe nie ein weibliches Wesen gekannt, welches von der Untugend sovieler Frauen, über alles und jedes, auch das ihnen Neueste, von ihnen Unbegriffenste, blind in den Tag hineinzuschwatzen, so frei gewesen wäre, wie Isolde es war. Ich wiederhole, ich glaube, schon damals in meinem »dunklen Drange« ziemlich richtig gefühlt zu haben, wie unsere Zeit ist und was sie will; aber ich will gleich hier bekennen, daß ich später, als ich das Wesen des Utilitarismus des neunzehnten Jahrhunderts in seinen Einzelheiten kennen lernte, oft große Not hatte, mir den Glauben an die Möglichkeit der Wiederkehr des Idealismus im zwanzigsten Jahrhundert zu bewahren. Am Abend vor meinem Abschied von Isolde, nachdem wir lange von unseren Eltern und von meiner Schwester gesprochen, gab sie dem Gespräch eine andere Wendung und sagte: »Du willst also Kaufmann werden, lieber Michel? Nun wohlan, deine Gründe haben mich überzeugt, und ich kann deinen mutigen Versuch, dir mit eigener Kraft eine Stellung im Leben zu schaffen, nur billigen und loben. Aber, mein Freund, ein Kaufmann, besonders ein erst werdender, hat Geldmittel nötig und ...« Wohl wissend, was kommen werde, wollte ich Isolde unterbrechen, allein sie legte mir begütigend die Hand auf den Arm und fuhr mit ihrer einfachen Herzlichkeit fort: »Unsere Hildegard weiß es nicht, aber ich weiß es, wie großmütig du gegen sie gewesen, und daß du infolge dieser Großmut ...« »Nenne es nicht so, Isolde. Meine Handlungsweise war nur die allereinfachste Pflichterfüllung und mir noch dazu von meinem geliebten Vater ausdrücklich vorgezeichnet.« »Du mußtest tun, wie du tatest, mein Freund, ich weiß es. Aber sieh, du solltest doch auch wissen, daß mir jeder Bissen im Munde quellen würde, wenn ich dich in Not wissen müßte.« Wie mußte ich mir Gewalt antun, um diesen reizenden Mund, der so einfach wahr aussprach, was das Herz ihm gebot, nicht zu küssen! »Quäle dich doch nicht mit so trüben Vorstellungen, meine teure, meine gütige Isolde,« sagte ich. »Für die nächste Zeit bin ich von Subsistenzmitteln keineswegs entblößt, und zudem bin ich gesund, rüstig, voll guten Mutes und habe hoffentlich auch einiges gelernt – woher also schlimme Besorgnisse? Wenn sie sich aber jemals rechtfertigen, wenn ich jemals in wirkliche Not geriete, dann, beim Himmel! wäre Isolde von Rothenfluh das einzige Wesen, welches um Unterstützung anzugehen ich mich nicht schämte.« »Dank dir, mein Freund. Aber wie du nur wieder sprichst! Wer redet von Unterstützung? O, ich kenne unsern stolzen Michel, und meinst du denn, ich wollte ihn anders haben, als er ist? Mir gefällt, wie ich schon sagte, dein Vertrauen auf die eigene Kraft ... Aber jedes Ding muß doch seinen Anfang haben, und ... und, siehst du, als ich dich heute so geschäftsmäßig reden hörte, wurde auch ich ganz geschäftlich gestimmt, und ich dachte mir, du würdest aus alter Freundschaft nichts dagegen haben, wenn ich mich mit einer Summe Geldes, die leider lange nicht so groß ist, wie ich sie wünschte, an deinen Unternehmungen beteiligen würde, und ...« »Wie du errötest, über und über, meine teure Isolde! Siehst du, du kannst keine Lüge aussprechen, du nicht! Nicht einmal eine Lüge der Großmut, womit du nur das eigene Zartgefühl täuschen möchtest. Nein, nein! Sieh, du hast mich stolz genannt: wohlan, laß mir den Stolz, dir, gerade dir zu zeigen, daß ich durch mich selbst etwas werden könnte.« Isolde sagte nichts mehr. Sie sah mich nur noch bittend an mit ihren lieben Veilchenaugen und, ach, wie schwer wurde es mir, dieser stummen Sprache zu widerstehen! Ich fühlte überhaupt, daß ich hier nicht länger weilen dürfte, wenn ich meine Fassung, meinen Stolz bewahren wollte. So ging ich denn folgenden Tages. Wir sagten uns kein zärtlich Wort zum Abschied, wir weinten nicht, wir küßten uns nicht; aber als mir, dem oft Zurückblickenden, das rotbraune Dach, unter welchem Isolde atmete, entschwunden war und ich durch die frostigen Morgennebel hinabstieg aus dem Gnadenbrunner Tal, den von schmelzenden Schneemassen geschwellten, laut tosenden Bergbach zur Seite, da stand ein wilder Schmerz in mir auf und schrie mir in die Ohren: Jetzt bist du allein, ganz allein in der weiten, weiten Welt! Nach wenigen Tagen befand ich mich in der großen und berühmten Handelsstadt des Nachbarlandes, wo mich der geneigte Leser im »Kontorkabinett« von Oskar Ziegenmilch und Komp. wiedergefunden hat. Ich hatte bald genug erfahren, daß es etwas anderes ist, ein fremdes Land als leichtblütiger Student, eine anständig gefüllte Börse in der Tasche, sozusagen mit Sang und Klang zu durchstreifen, und wieder etwas anderes, etwas sehr anderes, in das nämliche fremde Land zu gehen, um daselbst ein Unterkommen zu suchen, vollends in einem Fache, wo man doch eigentlich ein purer Bönhas ist. Ich hatte zwar nicht alle die Enttäuschungen sovieler Deutschen durchzumachen, welche mit der Vorstellung in die Schweiz kommen, dieses Land sei ein verwirklichtes Freiheitsgedicht, so 'ne Art Geßnerschen Idylls in die Politik übersetzt, ich wußte schon zum voraus so halb und halb, daß die Schweizer ein durchaus praktisches, utilitaristisches, arbeitsames und nüchtern rechnendes Volk seien; aber nach einer ganzen Reihe fehlgeschlagener Versuche, mir eine Art Existenz zu verschaffen, glaubte ich doch gefunden zu haben, daß diese Republikaner nicht nur halbe, sondern ganze Yankees seien. Man weiß ja, wie die Not den Menschen verbittert, und ich hatte erfahren, was Not ist und wie sie tut. Ach, sie tut einem doppelt weh, der in Wohlhabenheit erzogen wurde und sich nun sozusagen plötzlich mittellos »der gemeinen Wirklichkeit« gegenübergestellt findet. Vorüber! ... Aber ich kann doch nicht umhin, manchmal jener trübseligen Stunde zu denken, wo ich in einem düstern Quartier der reichen Handelsstadt vor der Tür einer armseligen Pintenschenke stand und ernstlich mit mir zu Rate ging, ob ich den letzten Rest meiner Barschaft, das letzte von Wert überhaupt, was ich besaß, den Maria-Theresientaler meiner seligen Mutter, dadrinnen gegen ein seit zwei Tagen entbehrtes Mittagsessen eintauschen sollte oder nicht. Seltsam, in der nämlichen Stunde, wo meine Pietät über meinen Hunger einen – ach, wie schweren! – Sieg davontrug, nahm mein Geschick eine günstige Wendung, indem mir ein Zufall die Bekanntschaft des Herrn Oskar Ziegenmilch verschaffte. Ich hatte eben mit vieler Anstrengung meine Augen von der Versuchung, die mir in Gestalt einer Pintenschenke entgegengetreten, abgewendet, als ein weiblicher Schreckensruf an mein Ohr schlug. Er kam aus dem Munde einer elegant gekleideten Dame, die vor den scheugewordenen Pferden eines leeren Frachtwagens her die enge Gasse herabfloh. Ich lief ihr entgegen, faßte sie am Arme und führte oder trug sie vielmehr rasch in eine offenstehende Haustür, die sie in ihrer blinden Angst wahrscheinlich nicht gesehen hätte. Das Gespann rasselte vorüber, und damit wäre die Geschichte zu Ende gewesen, wenn nicht die Dame, einer Ohnmacht nahe, so krampfhaft meinen Arm festgehalten hätte, daß ich sie wohl oder übel nach Hause geleiten mußte. Meine Schützlingin war Frau Elisabeth, will sagen Lelia Ziegenmilch, deren Herr Gemahl mir warmen Dank bezeigte und freundlich in mich drang – du lieber Gott, es bedurfte keines großen Drängens! – an dem eben bestellten Mittagstische Platz zu nehmen. Wenn du, mein geneigter Leser, einmal in der Lage gewesen bist, zu erfahren, was nach wochenlanger Entbehrung ein kräftiges Mittagsessen, ein Glas Wein, zum Nachtische eine Tasse Kaffee und eine gute Zigarre für köstliche Dinge sind, so wirst du begreifen, daß ich gegen meinen Wirt nicht spröde tat. Er war ein zu »enorm praktischer« Mann, um nicht, noch bevor wir zu Kaffee und Zigarren kamen, meine Lage zu durchschauen. So gab denn ein Wort das andere und – kurz und gut – der nächste Morgen sah mich als angehenden Kommis in dem Geschäftslokal von Oskar Ziegenmilch und Komp. Er war in der Tat das, für was er sich selbst hielt, ein kaufmännisches »Genie«, mein werter Herr Prinzipal, und er war auch kein »schmutziger Egoist«, das heißt, wer ihm diente, dem diente er wieder. In seiner Art war er ein Mann von großem Streben, und auch seine Eigenheit, sich in wahrhaft kriechender Weise um die Bekanntschaft von irgendwie, namentlich aber durch großen Besitz ausgezeichneten Leuten zu bemühen und sich dann in echter Emporkömmlingsweise dieser »vornehmen« Bekanntschaften bei jeder Gelegenheit zu rühmen, selbst diese Eigenheit, die mir oft so lächerlich vorkam, ist ja nur ein allgemeiner Charakterzug jener in unserer Zeit so äußerst zahlreichen Sorte von Menschen, deren ganzes Dichten und Trachten im Streben nach äußerlichem »Sukzeß« aufgeht. Einer solchen Natur mußte mein moralischer Ärger über den Humbug, woraus Ziegenmilch und Komp. bares Geld münzten, mein Ärger über diese Gesundheitsarkane und diese Kosmetik, über diese Witheschen und Hetteschen Augenwasser, diese Stanleyschen und Laurentiusschen Kraftessenzen, Rohrschekschen Universalbalsame, Delabarreschen Sirupe, du Barryschen und Whartonschen Revalenten, diese Aurorapomaden, Lilionesen, Schönheitswasser, Rachel-, Viktoria-, Eugenie-Schminken usw. in infinitum – ich sage, meinem Ziegenmilchschen Kaufmannsgenie mußte meine Moral in der Tat sehr albern vorkommen. Ich werde nie das triumphierende Lächeln vergessen, womit Herr Ziegenmilch meiner »unpraktischen« Moral gegenüber bei einem Wochenabschluß auf die Summe zeigte, welche der handgreifliche Blödsinn des Baunscheidtschen »Lebensweckers« ihm binnen wenigen Tagen eingebracht hatte. Später, als ich erfuhr, daß das Ziegenmilchsche Geschäft im Grunde nur der Mikrokosmos des kommerziellen Makrokosmos war, ärgerte ich mich nicht mehr so heftig darüber, daß die Welt schlechterdings betrogen sein wolle. Frau Lelia Ziegenmilch war, wie ihr Gemahl scherzweise zu sagen pflegte, eine »starke Neunzehnerin«, das heißt sie hatte unlängst das dreißigste Jahr passiert. Ihre gefühlvolle Seele wohnte in einem Körper, der recht hübsch war, wenn er nicht etwas zu kurz und zu rund gewesen wäre. Eine Blondine von rosigem Teint, besaß sie allerliebste Arme und gefällige, wenn auch unbedeutende Züge, aber sie war zu sehr, was die Engländer bushel-bubby nennen. Ihre Zähne waren bewunderungswürdig regelmäßig und weiß, aber wahrscheinlich gerade so echt wie die schönen Zähne von zwei Dritteln ihrer Landsmänninnen. Ihre runden graubläulichen Augen schmachteten, schmachteten sehr, nämlich nach einem »Lebensinhalt«, wie sie sich ausdrückte. Sie bildete sich ein, keinen solchen zu haben, seit sie ihrem Manne nicht mehr Käse auswägen und Tüten drehen helfen mußte, sondern seidene Roben trug und ein eigenes »Meidli« zu ihrer persönlichen Bedienung hatte. Vielleicht war es auch mehr als Einbildung, und die gute Frau war in dem kleinen Lädchen in der obskuren Spiegelgasse wahrscheinlich glücklicher gewesen, als sie es in ihrem stattlichen Hause auf dem großen Quai war, wo diverse Bankiersfrauen, die in der Nachbarschaft wohnten und lange nicht so hübsch waren wie meine »Prinzipalin«, sich über das lustig machten, was sie die Pfeffertütenmanieren der »kleinen« Ziegenmilch nannten. Ein junger Maler, Herr Artur Puff, ein lustiger Gesell, der bei Ziegenmilch und Komp. aus und ein flatterte und unter dem Vorwande, der Frau vom Hause den Hof zu machen, dem Hausherrn seinen Wein vertrinken und seine Zigarren verrauchen half, pflegte witzelnd zu sagen, das, woran sich Goethe im zweiten Teile des »Faust« abgemüht, die Vereinigung von Romantik und Klassik, habe die Natur in Frau Lelia glücklich zuwege gebracht. Hier wohne in einem appetitlich plastischrunden Körper eine germanisch-romantische Nebelseele. Glaube nicht, lieber Leser, daß ich mit Wissen und Willen boshaft sei. Herr und Frau Ziegenmilch haben mir zu viel wirkliches Wohlwollen gezeigt, als daß dies irgendwie meine Absicht sein könnte. Ich male nur nach der Natur, nach dem Leben, und ich benutze gerade diese Gelegenheit, mich mit dir, lieber Leser, über einen wichtigen Punkt auseinanderzusetzen. Ich habe dich im vorstehenden in die Geschäftswelt eingeführt, und im folgenden werden wir uns in den verschiedenen Kreisen derselben bewegen. Solltest du da mitunter einen unangenehmen Eindruck erhalten, so ist das durchaus nicht meine Schuld. Ich beschreibe nur, was ich erlebte, und ich erkläre förmlich, daß ich die Geschäftswelt weder für besser noch für schlechter halte als andere Kreise der Gesellschaft. Seit sich das Publikum einesteils durch eine geleckte naturlose Dorfnovellistik, andernteils durch Suesche Proletarier-Romantik den Geschmack verderben und die klare Anschauung der sozialen Wirklichkeit trüben ließ, sind die wunderlichsten Ansichten über an Stand und Beruf haftende Tugendlichkeit oder Lasterhaftigkeit aufgekommen. Ich teile diese Ansichten keineswegs. Ich glaube, ein Kaufmann oder, wenn du willst, ein »Geldprotz« kann so tugendhaft oder so lasterhaft sein wie ein Bauer, wie ein Proletarier, wie ein Prinz und umgekehrt. Meine Erfahrung lehrt mich, daß die Torheiten, Leidenschaften und Laster der Menschen in allen Ständen ihrem Wesen nach immer dieselben sind, obgleich sie in verschiedenen, »standesgemäßen« Formen zum Vorschein kommen ... Du hast das selber schon längst gewußt? Nun, desto besser! Drittes Kapitel Ein Abend vor den Lampen. – »Immens« gefühlvoll. – Der Herr Kandidat oder Professor. – Ein Literaturtraum. – »Die konservative Hetzpeitsche.« – Ansichten, Findungen und Ratschläge eines praktischen Genies. – Ein Zwischenakt und ein verflogener Jugendtraum. Am Abend des Tages, an welchem mir mein Herr Prinzipal ein Privatissimum über praktische Philosophie las, hatte ich also die Ehre, Frau Lelia ins Theater zu begleiten, wo die Firma Ziegenmilch und Komp. einstweilen noch, bevor sie in die höheren Regionen der ersten Logenreihe emporstieg, auf zwei Sperrsitze im Parkett abonniert war. Das Haus war und ist wahrscheinlich noch jetzt nicht gerade ein Kompliment auf den Geschmack und die Munifizenz einer Stadt, welche durch die unvergleichliche Schönheit ihrer Lage eine Menge von Fremden zur Ansiedelung lockt, durch Gewerbbetrieb und Handel große Wohlhabenheit, ja Reichtum erlangt hat und durch die wissenschaftlichen Anstalten, die sie besitzt, den Rang eines intellektuellen Mittelpunktes des ganzen Landes mit Recht beansprucht. Das Gebäude, außen ärmlich, innen kärglich, enthielt eine Bühne, deren Personal zu meiner Zeit mehr auf den Titel einer Bande als auf den einer Gesellschaft Anspruch machen konnte, und wenn man fragte, warum eine Stadt von dieser Bedeutung kein besseres Theater besitze, so erhielt man die Antwort, es gelte nicht für »vornehm«, theatralische Genüsse zu suchen, um so weniger da es »vornehmer« Ton sei, »fromm« zu sein oder wenigstens zu tun. Die »vornehmen« Familien, besonders die Damen, suchten ihre ästhetischen Bedürfnisse lieber in Konventikeln zu befriedigen, und was die Herren beträfe, so würden dieselben allerdings fleißige Theaterbesucher sein, falls nur jener »Professor der höheren Plastik«, dessen Name, glaub' ich, Müller war, das ganze Jahr hindurch seine »lebenden Tableaus« aufführen oder auch eine Sennora Pepita allabendlich ihren gewänderverschiebenden Ole tanzen würde. Möglich, daß diese Behauptungen die purste Verleumdung waren, denn sie kamen aus dem Munde des Herrn Artur Puff, welcher für einen Satiriker galt. So viel indessen sah ich selber zu verschiedenen Malen, daß die Logen, namentlich die des ersten Ranges, sehr leer, Parterre und Galerie dagegen ziemlich voll waren. Man gab heute das damals unvermeidliche »Lorle« der unvermeidlichen Birch-Pfeiffer, und Frau Lelia verriet schon während der ersten Szenen die gehörige Rührung. Sie war die dankbarste Zuhörerin von der Welt, meine schöne Nachbarin. Wenn droben auf der Bühne ein recht sentimentaler »Drucker« aufgesetzt wurde, seufzte sie jedesmal mit ihrem allerliebsten kleinen Mund: »Ach, wie gefühlvoll!« und bewegte malerisch ihren Fächer, und dabei hob sich ihr Busen so mächtig, daß mir ganz bange wurde, er möchte die Blondenchemisette sprengen. Als der Vorhang nach dem ersten Akte fiel, sagte sie eifrig: »Wie glücklich Sie sind, Herr Hellmuth, in einem Lande daheim zu sein, wo das Volk noch so harmlos idyllisch und so gefühlvoll, so immens gefühlvoll ist.« – (»Immens« war das Lieblingswort von Madame. Wie ihr Herr Gemahl alles »enorm« fand, fand sie alles »immens«.) – »Bei uns zulande,« fuhr sie fort, »findet man solche Bauern nicht mehr. Ich weiß das noch von damals, wo sie zu uns in den ......« Käseladen kamen, wollte sie wahrscheinlich sagen, brach aber schnell ab, und zum Glück wurde dieses Abbrechen vortrefflich dadurch motiviert, daß eine rasselnde Stimme im nämlichen Augenblicke hinter uns sagte: »Dummes Zeug! Birch-Pfeifferei! 's gibt weder auf Erden noch im Himmel solche marzipanene Bauern – wissen Sie?« Die Stimme klang mir bekannt. Ich wandte mich überrascht um und sah mich dem roten Vollmondgesichte des berühmten Kandidaten Cyrillus Chrysostomus Theophilus Rumpel gegenüber. »Mein Gott, Herr Kandidat ....« »Professor, wenn's beliebt,« unterbrach er mich, indem er mir die Hand schüttelte und sich zu meinem Ohre vorbeugte. »Professor klingt vornehmer, und sind diese Republikaner und Republikanerinnen hier höllisch auf Titel versessen – wissen Sie?« »Aber wie kommen denn Sie hierher?« »Könnte die nämliche Frage an Sie richten. Habe aber eine Mission hier, eine kolossale Mission!« »Eine Mission?« »Freilich. Aber wollen wir nicht lieber in die Theaterrestauration hinübergehen? Spricht sich dort ungenierter. Habe Rücksichten zu nehmen, muß das Dekorum beobachten – wissen Sie?« Ich folgte meinem Führer aus dem Saal, und während er mich durch ein enges Gewinde von Korridoren und Treppen geleitete, ließ er seiner Suada freien Lauf. »Verfolgt einem doch diese Birch-Pfeiffersche Dramatik heutzutage überall, wie vordem den reisenden Briten das Lied von Marlborough – schrecklich!« sagte er. »Aber, mein lieber Kandidat oder Professor .....« »Warten Sie, warten Sie! Fällt mir da gerade ein, daß ich vorige Nacht einen kuriosen Traum gehabt, einen echtdeutschen Traum, einen Literaturtraum – wissen Sie? Träumte mir, wandelte in der Unterwelt umher, wie vorzeiten der Epistemon des alten Rabelais. Sah da schnakische Dinge, versichere Ihnen. Kam da ein Fürst daher, welcher in einem Gitterkorb, den er auf dem Rücken trug, eine erkleckliche Schar lyrischen und dramatischen Federviehs eingefangen hatte, ein Wiedererwecker der Tage der Medizi und Este. Herrgott, war das ein Geflatter und Geschnatter und Gepiepse! Nebenher tänzelte graziös ein berühmtester Sänger und bot mit allerliebster Stimme die allersüßesten Zuckerkandisstengel feil, während ihm ein edelster Mittroubadour Konkurrenz machte, indem er mit höchster Fistelstimme Inquisitionstörtchen à la Torquemada ausschrie. Weiterhin sah man diverses jungdeutsches Gesindel in Hofratsuniformen sich abmühen, der deutschen Charakterfestigkeit einen Weihetempel zu errichten, welchen ein deutsch-russischer Baron mit Braunemärchenfresken ausmalte. Daneben war die ganze Reihe von Selbstmördern aufgehangen, unglückliche Übersetzer, welche es nicht zu ertragen vermocht hatten, daß dem Sue die Tinte brandig geworden, und daß der Dumas den Fingerkrampf gekriegt. Dort links um die Ecke klagte ein Schwabe, daß man seine Schwarzwälder, seine leibeigenen Schwarzwälder widerrechtlich zu Bühnendiensten gepreßt habe. Trösten Sie sich, Landsmann, sagte eine majestätische Dame, ich habe Ihre Lorle unsterblich gemacht, indem ich sie durch meine dramatische Kaffeemühle laufen ließ. Ach was, versetzte der Landsmann unwirsch, ich werde Sie dafür belangen. Die majestätische Dame lachte dazu und setzte ihre Promenade durch die europäische Novellistik fort, unermüdlich ihre Kaffeemühle drehend, welche ein gigantischer Dramatiker aus Wien ihr vergeblich zu zerschlagen suchte, aus Brotneid vermutlich .... Ein dummer Traum!« »Sehr!« »Ja, was wollen Sie? Man muß doch das Recht haben, wenigstens manchmal bei Nacht privatim dumm sein zu dürfen, wenn man bei Tage öffentlich so gescheit, so höllisch gescheit sein muß, wie dermalen Ihr gehorsamer Diener, welcher Ihnen jetzt da drinnen zeigen wird, daß sein Gescheitsein bei Tage ihn in den Stand setzt, nachts nicht nur dumm zu träumen, sondern auch einem alten Freunde eine Flasche Champagner zu ponieren.« Wir traten in das Büfettzimmer, der Wein kam, und ich bemerkte, daß Herr Rumpel eine wohlgefüllte Börse zog, denselben zu bezahlen, sowie, daß der alte Bummler nicht nur anständig, sondern sogar elegant angezogen war und seinen vorzeiten stets bloßen Stierhals in höchst respektable Vatermörder eingezwängt hatte. »Sie scheinen in guten Umständen zu sein, mein lieber Herr Rumpel,« sagte ich. »Haben Sie eine Anstellung an einer der hiesigen Lehranstalten?« »Allerdings, mein guter Herr Hellmuth,« versetzte er. »Ich habe eine Lehrstelle an einer der größten Lehranstalten inne, genannt Staat.« »Wie?« »Ich doziere öffentliche Meinung, wissen Sie?« »Was?« »Die Sache ist so ... Doch vor allem, kennen Sie das kolossal einflußreiche Blatt: ›Die konservative Hetzpeitsche‹?« »Ich sah es ein paarmal bei meinem Prinzipal.« »Prinzipal? Wie?« »Nu ja, ich habe die Ehre, Kommis bei Ziegenmilch und Komp. zu sein.« »Kommis, Sie? Bei Ziegenmilch und Komp.? Beim Styx, das ist klassisch, geradezu klassisch! Sie, der auch ohne Beihilfe des großen Dissertationenverfertigers Rumpelius eine ganz leidlich gelehrte Doktordissertation zustande gebracht hätte – Sie Kommis?« »Nun, was ist da Verwunderliches daran? Ich erinnere Sie, daß der große Dichter, welchen Sie sonst gern zitierten, mal irgendwo gesagt hat: Ein jeder Platz, besucht vom Aug' des Himmels, Ist Glückes Hafen einem weisen Mann. Lehr deine Not die Dinge so betrachten, Denn mehr als alle Tugend ist die Not .« »Da haben Sie und Shakespeare recht, sehr recht. Aber wenn ich erwäge, daß Sie, der himmelstürmende Student und quasi Poet, der, wissen Sie? jenes pyramidalische Trauerspiel schrieb, Kommis geworden sind, und daß ich, der himmel- und höllenstürmende Kandidat, ich, der Revoluzer, Pantheist und Atheist von ehemals, jetzt Chefredakteur der hochkirchlichen und tiefkonservativen ›Hetzpeitsche‹ geworden bin, so wird mir so schuljungenhaft dumm zumute, daß ich nur gleich Ovids Verse hersagen möchte: In nova fert animus mutatas dicere formas Corpora …. Mich treibt der Geist, zu singen, wie Gestalten in neue Bildungen sich verwandelten. Ja, 's ist zum Lachen. Aber man muß die Komödie des Lebens mitmachen. Muß man nicht? Was sagt der göttliche Brite? ...... Die ganze Welt ist Bühne Und alle Fraun und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab; Sein Leben lang spielt einer manche Rolle Durch sieben Akte hin .... Sieben Akte, das sind viele. Glaube, unter uns, nicht sehr daran, daß ich es in meiner Hetzpeitschenrolle bis zu sieben Akten bringen werde. Bin schon weit vorgeschritten im dritten Akt und ist dieser – wissen Sie? – in guten Komödien gewöhnlich der Kulminationspunkt des Stückes.« »Aber wie kamen Sie denn überhaupt zu dieser Rolle?« »Ganz wie Saul zu einem Königreich kam, nur gerade umgekehrt, das heißt, ich war ausgezogen, ein Königreich, nämlich das Reich der Freiheit zu suchen, und fand zwar nicht meines Vaters Eselin, aber die mehrbesagte Hetzpeitsche.« »Ihre Parabel macht mich nicht klüger.« »So will ich unparabolisch sprechen. War mir das Dissertationsschreiben endlich verleidet, wissen Sie? Hat auch für einen genialen, wissenschaftlich gebildeten Mann etwas Unbequemes, wenn er keinen Tag, aber auch gar keinen, bis zehn Uhr morgens im Bette liegen kann, ohne von albernen Brummern belästigt, blockiert, belagert, berannt, bestürmt zu werden. Sehr ungemütlich das, wissen Sie? Beschloß also, mein undankbares Vaterland wieder einmal mit dem Rücken anzusehen, und kam in höchster Freiheitsglut hierher, um als Tyrannenerschütterer mit den Teilen und Winkelrieden, das heißt mit den hiesigen Liberalen zu fraternisieren, das heißt, mein Licht im Dienste der Republikanisierung Europas und der Völkersolidarität leuchten zu lassen. Freiheit, Gleichheit, Bruderschaft, Weltbürgertum usw. – wissen Sie? Platschte wie ein rechter Taps und Dörgel in die hiesigen Verhältnisse herein, wie ein rechter deutscher Biedermann, dem eine rosenrote Idealbrille auf der Nase sitzt, durch welche ihm die Schweiz aus der Ferne wie 'ne Platonische oder Rousseausche Phantasierepublik erscheint. Kolossaler, pyramidaler, mammutischer, mastodontischer Unsinn! – wissen Sie? Gerade so lächerlich, diese Ansicht vom hiesigen Lande, wie die Kehrseite derselben, auf welche unsere Hofmaler – wissen Sie? die Schweiz als einen ewig kochenden und brodelnden, Blitz und Donner, Tod und Verderben speienden Revolutionskrater hinmalen. Blödsinn! Wohl gescheit, wie ich bin – wissen Sie? roch ich bald Lunte. Sind die Schweizer keine so kosmopolitischen Esel wie wir, sind sie vielmehr rein praktische Leute, welche wie zuerst so auch zuletzt für sich selbst sorgen und sich um die anderen keinen Pfifferling kümmern. Weise das, sehr! Resolvierte mich, ebenfalls weise zu sein und – praktisch, höllisch praktisch. Eines schönen Morgens stand ich auf und deklamierte, ein Shakespearesches Thema variierend: Die hiesige Welt ist eine Auster, die ich mir mit meiner Feder öffnen will! Es lebe der Stil! Jener Stil nämlich – wissen Sie? – welcher sich der gerade herrschenden Zeitstimmung anschmiegt, wie das Badehemd den schönen oder unschönen Formen einer badenden Schönen oder Nichtschönen .. Beiläufig, wer ist die hübsche, runde, feine seidenbekleidete Dame, Ihre Nachbarin da drinnen im Parkett?« »Meine Frau Prinzipalin.« »Glücklicher, Sie!« »Bitte, bitte. Sie brauchen nicht frivol zu blinzeln und zynisch zu lächeln. Es ist dazu nicht der entfernteste Grund vorhanden.« »Recht so, in solchen Dingen muß ein Mann von Ehre diskret, höllisch diskret sein – wissen Sie?« »Was ich weiß ist, daß ich Sie bitten muß, nicht so albern zu schwatzen, oder dieses Glas ist das letzte, welches wir mitsammen trinken.« »Ach, immer noch der alte burschenschaftliche Heißsporn, der auf die Lex castitatis schwört? Nun, chacun à son goût, leben in einem freien Lande. Aber würden Sie mir wohl den Gefallen tun, mich bei Ihrem Herrn Prinzipal einzuführen? Zutritt in guten Häusern zu haben, ist an hiesigem Orte sehr förderlich – wissen Sie?« »Ich will es mir überlegen, aber Sie müssen mir vor allem versprechen, daß Sie sich verständig und anständig betragen wollen.« »Und wie! Seien Sie ganz ruhig. Bin unter diesen praktischen Leuten hier selber sehr praktisch geworden. Fing damit an, daß ich einsah, mit den Liberalen sei nichts zu machen. Sind mißtrauische Bursche, haben kein Geld, das heißt sie haben, aber sind so knickerig, niederträchtig knickerig damit – wissen Sie? Zudem ist dermalen die aristokratische Partei obenauf. Ergatterte bald, wo Barthel den Most holt, und resolvierte mich, auch welchen zu holen, zu meinem Privatgebrauch – wissen Sie? Machte Bekanntschaft mit dem Führer der herrschenden Partei, war noch praktischer als er. Imponierte ihm – wissen Sie?« »Womit denn?« »Damit, daß ich so gelegentlich durchblicken ließ, ich sei im Besitz einer ganz neuen Weltwissenschaft. Hält mich jetzt der Mann für ein Weltgenie, wissen Sie? reines Weltgenie. Stellte ihm ungeheure Findungen in Aussicht.« »Sie spielten den philosophischen und politischen Scharlatan?« »Was wollen Sie? Die Welt will betrogen sein.« »Und er verschluckte den Köder?« »Gierig wie ein ausgehungerter Hecht. Machen nämlich die Liberalen dem Manne viel zu schaffen, braucht Hilfe, findet keine unter seinen Leuten. Talentlose Kerle, mittelmäßige Tropfe, kein Genie, kein Stil, aber Geld, viel Geld. Lebe jetzt flott, höllisch flott – wissen Sie?« »Sie sind sehr praktisch, in der Tat!« »Ganz gewiß. Erfand zuerst die Bezeichnung ›konservativ‹ für unsere Partei, um das hierzulande gehässige Wort ›aristokratisch‹ zu beseitigen. Stellte dann, so als Abschnitzel von meiner neuen Weltwissenschaft, eine ganz neue Physiologie oder Psychologie der politischen Parteien auf.« »Wirklich?« »Freilich. Fand, behauptete und bewies, daß der Mensch im Knabenalter radikal, im Jünglingsalter liberal, im Mannesalter konservativ und im Greisenalter reaktionär sei.« »Und mit solchen ›Findungen‹ wußten Sie den Leuten hier zu imponieren?« »Und wie! Sie glauben gar nicht, was alles ich mit dieser Lehre von den politischen Parteien ausgerichtet habe, seit ich sie in dem auf meinen Vorschlag von meinem Gönner gegründeten Blatt ›Die konservative Hetzpeitsche‹ allseitig entwickelte.« »Und Sie meinen, mit solchem Firlefanz werde sich die herrschende Partei herrschend erhalten?« »Hm, ist das eine kritische Frage. Unter uns, manchmal will mir selber scheinen, die konservative Hetzpeitsche knalle schon nicht mehr so lustig wie noch vor kurzem, und ihr Geknall finde keinen so begeisterten Widerhall mehr – wissen Sie? Sagte mir erst heute mein hochgestellter Gönner mit einem Seufzer, daß die Liberalen wieder Boden gewonnen hätten. Muß die bevorstehende Integralerneuerungswahl der gesetzgebenden Behörde die Sache entscheiden. Bin aber praktisch – wissen Sie? Werde mir beizeiten schon eine andere Karriere zu öffnen wissen. Bin nicht der Mann, mit einem untergehenden Fahrzeug unterzugehen. Tun das nur einfältige Ideologen, verrückte Schwärmer – wissen Sie? Leben in einem Lande, wo man die vorüberfliegende Fortuna resolut am Stirnhaar packen muß. Sag Ihnen das als aufrichtiger Freund. Praktisch und resolut! Das ist die Losung. Nur keine moralischen, will sagen idealistischen Skrupel! Halten einen sonst für einen Dummkopf, diese praktischen Schweizer – wissen Sie? Man muß heutzutage Amboß oder Hammer sein. Wußte das übrigens schon der alte Goethe in seinen Tagen. War eigentlich immer so – war es nicht? War es, beim Jupiter! Wer wird aber Amboß sein wollen, wenn er irgendwie Hammer sein kann? Praktisch! Praktisch! Praktisch!« »Praktisch muß man sein, enorm praktisch. So sagen auch Ziegenmilch und Komp.« »Sagt er so? Respekt vor ihm. Verlange ungeheuer danach, des respektablen Mannes Bekanntschaft zu machen, die Madame eingeschlossen – wissen Sie? Folgen Sie immerhin, werter alter Freund, der Losung von Herrn Ziegenmilch und mir, und Sie werden gleich mir in diesem Lande der praktischen Leute ihr Glück machen. Ist ein prächtig Land, diese Schweiz, und sind die Leute hier so kolossal praktisch, daß sie es sich nie träumen lassen, andere könnten noch praktischer sein als sie. Schöne Gegend das – wissen Sie? Bedarf nur der rationellen Ausbeutung durch Leute von Genie, wie unsereiner ist, und so sage ich: Seien Sie meiner väterlichen Ermahnungen eingedenk; und ich prophezeie Ihnen in diesem Falle mit dem alten Horaz, der ja auch kein idealistischer Nebelpoet, sondern ein praktischer Gutsbesitzer und vortrefflicher Gourmand war: …..... Hic tibi copia Manabit ad plenum benigno Ruris bonorum opulenta cornu .....« …..... Es werden dir hier aus wohltät'gem Füllhorn reichlich Fließen des Landes Genüss' und Schätze. Als wir in das Haus zurückkehrten, war die Tochter des Wadelewirtes schon zur Frau Professorin avanciert und Frau Lelia empfing mich mit einem Blicke, welcher böse gewesen wäre, wenn meine verehrliche Prinzipalin überhaupt hätte böse sein können – die gute Seele! »Ach, Herr Hellmuth,« sagte sie, »Sie haben viel verloren, immens viel. Es war gar so gefühlvoll, wie das Lorle und der Maler Reinhart sich gegenseitig ihre Gefühle offenbarten. Ich wollte, mein Vetter, Herr Artur Puff, wäre da gewesen, um zu sehen ...« »Wie sich ein gefühlvoller Künstler bei Liebeserklärungen anstellt?« »Ach nein! Gehen Sie doch: Wie mäschannt (méchant) von Ihnen. Sie gehören per se ( per se ist eines der typischen Lieblingsworte der schönen und nichtschönen weiblichen Eingebornen der Stadt, von welcher hier die Rede) auch zu den Blasierten und Spöttern wie Herr Artur. Ach, die jetzige Männerwelt! Geldmachen, Zigarren rauchen und die süßesten Gefühle verspotten, das ist alles, was sie kann und tut.« »Das ist nur zu wahr, Madame,« nahm – wir befanden uns nämlich im letzten Zwischenakt – der Herr Professor und Chefredakteur der »Konservativen Hetzpeitsche« keck das Wort, seiner rasselnden Stimme einen möglichst süßen Ausdruck gebend und seine frechen Augen manierlich niederschlagend– »das ist nur zu wahr. Unsere jetzige Männerwelt ist bis an den Hals in den Sumpf des gemeinsten Materialismus versunken. Der grandiose Schiller hätte heute ganz andere Veranlassungen als in seinen Tagen, zu singen: Und es herrscht der Erde Gott, das Geld. Der unsterbliche Prophet des Idealismus würde, dichtete er jetzt, noch viel kläglicher klagen: Freiheit lebt nur in dem Reich der Träume Und das Schöne blüht – Ja, Madame, das Schöne blüht nur noch da, wo die zarten Hände schöner und hochgestimmter Frauen es pflegen. So eine Priesterin des Schönen ist unsere schöne und allverehrte Charlotte Birch, geborne Pfeiffer.« – Vor kaum einer Stunde hatte der Halunke aufs wegwerfendste über die »Birch-Pfeifferei« sich ausgelassen. – »Und, Gott sei Dank, ihr erhabenes Streben, ihre gefühlvolle Poesie wird noch von gleichgestimmten Frauenseelen« – hier schoß Herr Rumpel aus seinen kleinen Augen einen so großen Blick auf meine Prinzipalin, daß diese sanft errötete – »verstanden und gewürdigt. Ja, Madame, bei ihnen, die sie das heilige Vestafeuer des Idealismus allein noch nähren, haben wir Männer in die Schule zu gehen. Das ahnte schon Altmeister Goethe, als er das tiefsinnige Wort sprach: Willst du genau erfahren, was sich ziemt, So frage nur bei edlen Frauen an. Und noch expressiver huldigte Ihrem Geschlecht der Tyrtäos unserer Zeit, indem er, mit Grund an der Männerwelt verzweifelnd, von Ihrem Geschlecht die Lösung der großen weltgeschichtlichen Fragen erwartete und deshalb an dasselbe die heroische Apostrophe richtet: Aber wollen mich die Männer Nicht verstehn, die schwerverwirrten, O, so höret ihr mich, Frauen! Traget ihr ein Schwert in Myrten!« Ein zweiter dreister Blick beschloß diese mit der gewohnten Zungenfertigkeit ihres Urhebers vorgebrachte Rede, und abermals errötete Frau Lelia sanft. Sie war gewiß in ihrem Leben noch nie mit so vielen Huldigungen und Zitaten auf einmal überschüttet worden, und ihre gefühlvolle Seele schwamm offenbar in Entzücken. Etwas verlegen wie sie war, konnte sie nur schüchtern sagen: »Mein Herr, auf mich macht Charlotte Birch-Pfeiffer allerdings den Eindruck einer immensen Dichterin.« »Immens? Ja, das ist das rechte Wort, gnädige Frau. An der Wahl dieses Wortes erkenne ich wieder den angeborenen ästhetischen Takt Ihres Geschlechtes.« Dieses Kompliment und vollends der Titel »gnädige Frau«, welcher in der Schweiz selten einer Frau geboten wird, taten bedeutende Wirkung, Ich sah, daß der pfiffige Schelm im Handumdrehen meine Prinzipalin für sich eingenommen habe, und ich hätte, wie die Folge zeigen wird, gut getan, diese Bekanntschaft wo möglich nicht weiter gedeihen zu lassen. Aber die Wahrheit zu sagen, dieser »Zwischenakt« ergötzte mich höchlich, und so stellte ich den Redakteur der »Konservativen Hetzpeitsche« in aller Form meiner Frau Prinzipalin vor. Herr Rumpel setzte zu einer neuen Reihenfolge von Schmeicheleien an, als sich der Vorhang wieder hob und ihn zur Ruhe verwies. Wer aber nicht zur Ruhe kam, sondern sehr in Unruhe geriet, war ich. Indem ich mich nämlich umdrehte, um meinen Platz einzunehmen, streifte mein Blick die Proszeniumsloge rechter Hand und in der Loge einen jener, mit Herrn Ziegenmilch zu sprechen, enormen modischen Tubusse, deren zwei Mündungen denen von Sechspfündern gleichen. Dieses Geschütz, von zwei zartbehandschuhten Damenhänden dirigiert, war auf mich gerichtet und blieb es, als droben auf der Bühne die schließliche Verbirchpfeifferung der Auerbachschen Novelle sich abzuspielen begonnen hatte. Da ich an meinem damaligen Aufenthaltsorte noch nicht das Vergnügen gehabt hatte, irgend eine Dame außer Frau Ziegenmilch kennen zu lernen, so war es begreiflich, daß die beharrliche Neugierde der Logeninhaberin auch mich neugierig machte. Die Dame saß ganz allein in der Loge, und da ich sie früher nicht bemerkt hatte, mußte sie erst lange nach Beginn des Stückes gekommen sein. Aber da ihr Kopf vorwärts geneigt und ihr Gesicht von dem fatalen Tubus beschattet war, konnte ich nur eine Fülle à la Grecque gescheitelten lichtbraunen Haares, eine prächtige Büste und zwei herrlich geformte, durch ihre blendende Weiße die Spitzenmanschetten beschämende Vorderarme sehen. Endlich sanken diese Arme mit dem verwünschten Tubus auf die Logenbrüstung nieder und – o Himmel! – ich erkannte meine reizende, nur allzu unvergessene Reisebekanntschaft vom Gießbach und Faulhorn wieder. Der Name Julie stieg mir laut aus der Brust in die Kehle, und ich mußte meine Lippen zusammenpressen, um ihnen denselben nicht entwischen zu lassen. Sie mußte meinen überrascht fragenden Blick wahrgenommen, mußte bemerkt haben, daß ich in frohem Schrecken halb von meinem Sitze aufgefahren; aber kein Augenwink, keine Bewegung von ihrer Seite verriet die Wiedererkennung. Sie fixierte mich noch eine Sekunde mit bloßen Augen und wandte dann diese großen schwarzen Augen, deren Feuer mit dem des funkenstreuenden Solitärs, den sie als Busennadel trug, wetteiferte, gleichgültig von mir ab und der Bühne zu. »Sie hat dich wohl längst vergessen oder will vergessen, daß du sie einst gekannt und – geküßt hast, armer Junge!« sprach ich mit einem Seufzer bei mir. Dann hüllte ich mich in meinen dazumal, ach, sehr erkünstelten Stoizismus und sagte mir: »Bah, was weiter? Ein schöner Jugendtraum, verflogen wie soviele andere schöne Jugendträume.« Ich beschloß, gar nicht mehr nach der Loge hinzusehen, tat es aber doch immer wieder, wobei ich mich bemühte, ebenfalls ganz gleichgültig auszusehen. Diese Heuchelei war indessen ganz überflüssig, denn Fräulein Julie nahm nicht die geringste Notiz mehr von mir. Das ärgerte mich denn doch verteufelt, und in nicht eben guter Laune machte ich mich nach Beendigung des Stücks kurz von dem zugleich »genialen« und »praktischen« Herrn Rumpel los und führte meine Prinzipalin hinaus. Als wir draußen die Vortreppe hinabstiegen, war eine Dame, welcher ein Livreediener den Schlag ihrer Equipage öffnete; gerade im Begriffe den Fuß auf den Tritt zu setzen, wandte sich aber halb, um ihren Mantel zurecht zu ziehen, und da fiel ihr Blick auf mich, den er aber nur flüchtig streifte, während er mit fast impertinent forschendem Ausdrucke einen Moment auf der Dame an meinem Arme haftete. Es war Fräulein Julie; aber ich war zu stolz, auch nur mittels eines Blickes auf die frühere Bekanntschaft mich zu berufen, und was Frau Ziegenmilch betraf, so war sie zu sehr damit beschäftigt, den verehrungsvollen Abschiedsgruß des Redakteurs der »Konservativen Hetzpeitsche«, der uns gefolgt war, zu empfangen, als daß sie den forschenden Blick der jungen Dame beachtet hätte. Diese schlüpfte rasch in ihren Wagen, der mit Pomp davonrollte, und ich schalt mich einen Dummkopf, daß ich dem Rädergerassel lauschte, bis es verhallte, aber ich tat doch so und fürchte sehr, Frau Lelia habe, während wir heimgingen, im stillen mit Recht gewünscht, statt ihres ungalant zerstreuten und einsilbigen Begleiters lieber den »immens« gefühlvollen und artigen Herrn Professor Rumpel an der Seite zu haben. Viertes Kapitel Eine jener alten Geschichten, die immer neu bleiben. – Das verzauberte Hauptbuch. – Doktor Schwindelhabersches Augenwasser und ein wunderliches Augenleiden. – Autor kommt jemand »verheiratet« vor und erhält ein Billett zugesteckt. Am folgenden Tage brachte die »Konservative Hetzpeitsche« zwei Artikel, deren erster von der sittlichen und politischen Bedeutung des Handels, deren zweiter mit Bezugnahme auf die gestrige Lorelei von der dichterischen Berechtigung der Frauen handelte. Beide Artikel waren brillant geschrieben, so zwar, daß sich jeder Kaufmann einbilden konnte, er machte, während er rein nur für sich »machte«, eigentlich Weltgeschichte, und jede Abonnentin einer Leihbibliothek, sie sei zum mindesten eine halbe Sappho oder Sand. Herr Rumpel hatte sozusagen diese beiden Artikel als seine Vorläufer und Anmelder in das Ziegenmilchsche Haus gesandt, denn am nächsten Tage kam er selbst, und zwar unter dem Vorwande, mich zu besuchen, seinen »alten liebwerten Freund«, wie er sich auszudrücken geruhte. Wir waren gerade im Begriffe, vom Mittagstische aufzustehen, und so konnte ich nicht umhin, den Herrn »Professor« meinem Prinzipal in aller Form vorzustellen. Herr Ziegenmilch, ein Stockkonservativer, wie genau angesehen, so ziemlich alle Geschäftsleute, die überhaupt eine politische Meinung haben, nahm den Redakteur der Hetzpeitsche, welcher damals in Wahrheit keine kleine Rolle spielte, mit großer Artigkeit auf und überhäufte denselben mit Komplimenten über seinen gestrigen Leitartikel, welchen er »enorm, aber auch ganz enorm« fand, und zwar ebenso »enorm praktisch« als »enorm geistig«. (Beiläufig bemerkt, wo wir geistreich oder geistvoll sagen, sagen die Schweizer kurzweg »geistig«. Anfangs kommen einem Ausdrücke wie zum Beispiel: »Das ist ein geistiger Pfarrer; er hat gestern eine geistige Predigt gehalten« – sonderbar vor.) Auch Frau Lelia, nachdem sie eine Viertelstunde lang die geziemende bescheidene Zurückhaltung beobachtet hatte, fand Gelegenheit, ihr Wort anzubringen und dem Herrn Professor für seinen »immens gefühlvollen« Frauenartikel Dank zu sagen. Herr Rumpel seinerseits führte seine Rolle mit höchster Meisterschaft durch, indem er sich gleichsam in zwei Hälften teilte. Die eine dieser Hälften, die dann doch wieder durch das Band einer göttlichen Sicherheit, um nicht zu sagen Unverschämtheit, verbunden wurden, waren Herrn Ziegenmilch zugekehrt und praktisch jeder Zoll, die andere, Frau Ziegenmilch zugewandt, schillerte in allen Farben idealischer Gefühlsamkeit. Er blieb auch nicht zu lange, der Schlaukopf, sondern empfahl sich, nachdem er meinem Prinzipal einige mysteriöse Winke über eine in der europäischen Geschäftswelt bevorstehende Geldkrisis gegeben und ihm dabei kordial die Hand geschüttelt, und nachdem er für Madame ein »immens geistiges« Wort über ihre Lieblingsdichterin George Sand hingeworfen und ihr in ehrfurchtsvoll galanter Weise die runde Patschhand geküßt hatte. Herr Ziegenmilch begleitete den Vielgewandten bis unten an die Treppe und sagte ihm dort noch mit Emphase: »Es wird mir eine große Ehre sein, Herr Professor, wenn Sie mein Haus häufig mit Ihrer Gegenwart beehren wollen.« Armer Ziegenmilch! dachte ich und ging an meine Arbeit, entschlossen, bei erster Gelegenheit meinem Prinzipal eine verständliche Andeutung zu geben, daß es nicht immer »praktisch« sei, sich mit renommierten Leuten von der Gattung des Herrn Rumpel einzulassen. Die Gelegenheit fand sich auch einige Tage später, allein ich erzielte mit meiner Warnung nur, daß mir Herr Ziegenmilch deutlich zu verstehen gab, er fände es seltsam, daß ich, wie es scheine, eine so »enorme« Persönlichkeit, wie mein Landsmann sei, nicht zu würdigen wüßte. So sind die Menschen, sie wollen lieber zehn Lügen als eine Wahrheit hören. Wer ihrer Eitelkeit, ihren Vorurteilen schmeichelt, der hat sie. Auch eine jener alten Geschichten, die immer neu bleiben. Der Redakteur der »Konservativen Hetzpeitsche« wurde von jenem Tage an ein viel und gern gesehener Gast bei Ziegenmilch und Komp. Ich fühlte weiter keinen Beruf, ihm das Terrain streitig zu machen, wohl aber fühlte einen solchen Beruf Herr Artur Puff, der in Herrn Rumpel einen gefährlichen Konkurrenten sehen mochte, weniger einen Konkurrenten um Frau Lelia, als vielmehr um den Bordeaux und die Manilas ihres Herrn Gemahls. Herr Puff, ein Ultraradikaler, erhob also innerhalb der Wände des Ziegenmilchschen Hauses einen kleinen satirischen Krieg gegen den Schwinger der Konservativen Hetzpeitsche, allein Herr Rumpel schwang diese wirklich mit so viel Humor, daß der satirische Malerstock seines Gegners nicht dagegen aufkommen konnte. Herr Puff räumte aber dennoch das Feld nicht, sondern es kam zwischen ihm und seinem Gegner zu einem bewaffneten Waffenstillstand, dessen Hauptbedingung war, besagten Bordeaux gemeinsam zu trinken und besagte Manilas gemeinsam zu rauchen. »Ein unverschämter Schuft, dieser hergelaufene Rumpel!« pflegte dann Herr Puff zu mir zu sagen. »Er lügt, daß die Balken krachen; aber er weiß amüsierlich zu lügen, das muß man ihm lassen.« – »Ein höllisch grüner Junge, dieser Puff!« äußerte dagegen Herr Rumpel. »Hat die kuriose fixe Idee, ein Künstler zu sein; aber er trinkt gut und ist im ganzen ein pläsierliches Kerlchen – wissen Sie?« Ich ging also an jenem Tage, wo sich Herr Rumpel so erfolgreich bei uns einführte, an meine Arbeit und nahm das Hauptbuch vor, um die restierenden Einträge zu machen. Da ich aber im Kontor einen Brief von Fabian an mich vorgefunden, so schoben sich die lieben Züge des Freundes, der mir schrieb, daß er seine Primiz gefeiert habe und jetzt im Begriffe sei, ein Vikariat anzutreten, immer wieder an die Stelle der eintönigen Zahlen, die ich im Soll und Haben zu registrieren mich bemühte. Neben Fabians Gesicht tauchten auch andere liebe Gesichter auf den weißen Blättern vor mir auf, das Hildegards, das Isoldes, und hinter diesem – ich mochte wollen oder nicht, und weiß der Himmel! ich gab mir alle erdenkliche Mühe, nicht zu wollen – das reizende Gesicht, welches ich vorgestern abend in der Proszeniumsloge wiedergesehen hatte. »Sie ist noch schöner geworden, diese Julie,« sagte ich bei mir, »viel schöner als damals, wo sie nicht so beleidigend gleichgültig gegen mich tat.« »Ach was!« unterbrach ich mich unwillig, »dummes Zeug!« und schlug das Blatt um, damit ich das verführerische Gesicht los würde. Aber leider, es erschien auch auf dem folgenden Blatte wieder, inmitten einer Reihe mit mechanischem Eifer von mir hingemalter Zahlen. Ich wandte meine Augen, um sie zu zerstreuen, von dem Hauptbuche ab und dem auf den Laden hinausgehenden Fenster zu, aber – mein Gott! dort hinter den Spiegelscheiben stand ja wieder Fräulein Julie, kein Phantom der gaukelnden Phantasie, sondern leibhaftig, wahrhaftig in der ganzen Wirklichkeit ihrer schönen Erscheinung. Gerade dem Fenster gegenüber vor dem Ladentische stehend, auf welchem zwei unserer Ladenjungfern den Inhalt von allerhand Schachteln und Schächtelchen geschäftig vor ihr ausbreiteten, mußte ihr Blick auf mir geruht haben; denn als ich plötzlich aufsah, erhaschte ich noch einen Blitz der schwarzen Augen, die sich sofort auf die Verkaufsgegenstände senkten. Als sie sich nicht wieder erhoben, brummte ich erbost in mich hinein: »Nun mein Fräulein, wenn Sie mich absolut nicht sehen wollen, will ich Sie auch nicht sehen!« Sprach's und beugte mich tiefer, als nötig gewesen wäre, auf das unglückselige Hauptbuch nieder, ungeheuer bemüht, in den Zahlenreihen mich zu orientieren, die ganz anarchisch vor meinen Augen herumtanzten. »Ein so dummer Junge wie du, ist mir noch gar nicht vorgekommen!« schalt ich mich im höchsten Zorne, als die Türe aufging und eines der Ladenmädchen hereintrat mit den Worten: »Herr Hellmuth, eine Dame wünscht von Ihnen eine genaue Gebrauchsanweisung des neuerfundenen Dr.  Schwindelhaberschen Augenwassers zu erhalten.« Was war da weiter zu machen, als dem Verlangen der Dame nachzukommen? Ich ging also hinaus und machte dem schönen Fräulein eine tiefe Verbeugung. Sie erwiderte dieselbe mit einem kaum merklichen Neigen des Kopfes, wie es eben eine Dame der reichen und vornehmen Welt einem armen Teufel von Kommis zuteil werden läßt. Ein Fläschchen des genannten Arkanums in der Hand haltend, winkte sie mich mit der anderen an ein Fenster und sagte: »Mein Herr, ich las gestern eine sehr poetisch stilisierte Annonce über die wunderbaren Wirkungen dieser Tinktur. Darf ich,« fügte sie mit gedämpfter Stimme hinzu, »vielleicht fragen, ob ich die Ehre habe, dem Autor dieses vortrefflichen Gedichtes gegenüberzustehen?« Als sie so sprach, zischten und kicherten aus den voll auf mich gerichteten Augen der Schönen tausend Schlänglein des Spottes mich an, und um ihre Mundwinkel ward für einen Augenblick wieder jener Eidechsenzug sichtbar, den ich schon früher bemerkt hatte. Ich nahm mich aber tapfer zusammen und erwiderte so kommishaft gemessen als nur immer möglich: »Mein Fräulein, Klimpern gehört überall zum Handwerk, und Geschäft ist Geschäft, wie mein Herr Prinzipal zu sagen pflegt.« »Sie wollen sagen, Geschäft sei Schwindel und Schwindel sei Geschäft?« »Nun ja, wenn es Ihnen beliebt. Aber leiden Sie wirklich an den Augen?« »Was geht das Sie an, mein Herr?« »Nichts, mein Fräulein.« Sie drehte das Fläschchen heftig zwischen Daumen und Zeigefinger und sagte noch leiser, als sie bisher gesprochen hatte: »Ich leide wirklich an den Augen, das heißt, ich habe die wunderliche Illusion, manchmal, besonders bei schlechter Beleuchtung, zum Beispiel in unserm Theater hier, wildfremde Menschen für alte Bekannte zu halten.« »Wunderlich, in der Tat!« »Nicht wahr?« Ihr Auge, dessen Ausdruck so rasch wechselte, wie die Gedanken im Menschenherzen, blitzte mich zornig an. Aber ich hielt den Zornblitz aus, ohne zu zucken. Wahrscheinlich hatte sie erwartet, ich würde mich als einen alten Bekannten zu legitimieren suchen, das heißt mich vor ihr demütigen. Allein ich wollte dem Dämchen zeigen, daß ein Gentleman auch als Kommis doch immer Gentleman bleibt. Vielleicht las ihr durchdringender Blick so etwas in meinem Auge, denn sie sagte merklich milder als vorhin: »Auch vorgestern abend, im Theater, spielten meine Augen mir so einen Streich. Denken Sie, mein Herr, ich hätte wohl eine Viertelstunde lang darauf geschworen, in Ihnen einen alten, guten Bekannten zu erblicken« – sie betonte das »guten« so schelmisch-zärtlich und begleitete es mit einem so reizenden Lächeln, daß ich große Mühe hatte, gefaßt zu bleiben – »als ich Sie im Parkett sitzen sah, Ihrer Frau Gemahlin zur Seite.« »Da war in der Tat eine bedeutende Illusion im Spiele, mein Fräulein. Ich bin nicht verheiratet.« »Nicht? Seltsam! Sie kamen mir doch so ... so ... wie soll ich sagen? ... nun ja, so verheiratet vor.« Alle Teufelchen des Spottes mitsammen hätten das Wort »verheiratet« nicht so auszusprechen vermocht, wie Fräulein Julie es aussprach. Es klang, so absonderlich das dem geneigten Leser vorkommen mag, ja, es klang ganz wie »heruntergekommen«, aber doch auch wieder nicht beleidigend, sondern so entschieden komisch, daß ich laut auflachte. »Sehen Sie, mein Herr,« sagte Fräulein Julie, ihre Rosenlippen für einen Moment im Lächeln so weit öffnend, daß dahinter der weiße Schmelz ihrer Zähne sichtbar wurde, »sehen Sie, wenn Sie die ernste Amtsmiene eines Repräsentanten der Firma Ziegenmilch und Komp. beiseite legen und lachen, so kehrt meine wunderliche Illusion wieder.« »Merkwürdig! Aber noch merkwürdiger ist, daß Ihre Illusion mit anderen Illusionen die Eigenschaft zu teilen scheint, epidemisch zu sein. Mir kam nämlich schon vorgestern im Theater der illusorische Einfall, ich sei früher einmal irgendwo einer jungen Dame begegnet, die ...« »Genug!« fiel sie mir rasch und laut ins Wort, auf eines der Ladenmädchen blickend, welches sich neugierig in unserer Nähe zu schaffen machen wollte. »Ich werde genau nach Ihrer Gebrauchsanweisung verfahren, mein Herr. Haben Sie die Güte, mir das Fläschchen einzuwickeln oder einwickeln zu lassen.« Sie trat an den Ladentisch, zog ihre Börse, bezahlte und wandte sich nach der Türe. Ich hatte inzwischen ihren Befehl erfüllt und überreichte ihr das Dr.  Schwindelhabersche Arkanum. In dem Augenblicke, wo ihre behandschuhten Finger meine Hand streiften, fühlte ich in dieser ein glattes Papierstückchen. Ich schloß sie rasch und öffnete mit der anderen der Weggehenden die Türe. Sie ging hinaus, meine tiefe Verbeugung unbeachtet lassend, und ich vermied es, ihr nachzusehen. Dagegen eilte ich möglichst schnell ins »Kontorkabinett«, stellte mich dort in den sichersten Winkel und entfaltete das heimlich empfangene Billett. Auf duftiges Seidenpapier waren mit einer nachlässig kühnen, doch ungleichen und wie in Sprüngen sich bewegenden Hand die Worte geworfen: »Schickte es sich für mein ›zartes‹ Geschlecht, so würde ich mit jenem französischen Satiriker zu Ihnen sagen: Que diable! qu'allez-vous faire dans cette galère? So aber frage ich manierlich: Wie kann es denn ein Mensch Ihres Schlages – nämlich des Schlages, wie er in Zeiten war, wo es deutsche Studenten gab, die das Loswerden von perfiden Steinen auf steilen Steigen zu allerlei Unfug zu mißbrauchen verstanden – ja, wie können Sie es denn in dieser Ziegenmilchschen Sudelküche des Unsinns aushalten? Pfui! ... Oder schmeckte Ihnen doch die Ziegenmilch – Sie verstehen mich, mein Herr Exführer von weiland –, ja, schmeckte Ihnen doch vielleicht die Ziegenmilch besser, als ich zu Ihrer Ehre annehmen will? ... Also Sie sind Kaufmann geworden? Seltsam, doch qu'importe ? Nur dauern Sie mich; daß Sie in der abscheulichen Bude vergraben sein sollen. Ich will Ihnen daher im Vertrauen sagen, daß ich zufällig, aber bestimmt weiß, im Kontor der großen hiesigen Firma Gottlieb Kippling sei eine gute Stelle offen, die Stelle eines Korrespondenten, welcher, wenn er Talent und Lust dazu hat, auch mit wichtigen Missionen nach europäischen und außereuropäischen Handelsplätzen betraut wird. Da kann einer ein ganz anderer Antonio oder, wenn Sie wollen, ein anderer Shylock werden als bei Ziegenmilch und Komp. Wollen Sie es probieren? In diesem Falle rate ich Ihnen nur noch, Herrn Gottlieb Kippling gegenüber so gescheit als möglich zu sein, denn er ist es auch. Julie.« Fünftes Kapitel, in welchem etwas Sophisterei und viel Moral getrieben wird. Wären Sie, meine schöne Leserin, und Sie, mein biederer Leser, durch den bisherigen Verlauf meiner Geschichte nicht hinlänglich belehrt worden, daß Sie es mit keinem Romanhelden, sondern mit einem schlichten Menschen zu tun haben, so müßte ich sehr befürchten, daß in diesem Kapitel wiederum eine arge Enttäuschung Ihrer wartete. Denn ein Romanheld müßte nach dem zuletzt gemeldeten Erlebnis von Rechts wegen oder, wenn Sie wollen, von Romanpsychologie wegen jetzt in einen weitläufigen Seelenkampf verfallen, aus welchem er, abermals der Romanpsychologie zufolge, natürlich als sieghafter Tugendheros hervorgehen würde. Alles dieses Schöne wird im Nachstehenden nicht stattfinden, denn ich bin weiter nichts als ein gewissenhafter Selbstbiograph, der gerade als solcher sehr gut weiß, daß er von einem wirklichen Menschen aus Fleisch und Bein, behaftet mit allen Schwächen der menschlichen oder, genauer gesprochen, der männlichen Natur, zu erzählen hat. Zwar so ganz ohne innern Kampf ging es doch auch nicht ab. Die Zuschrift von Fräulein Julie hatte mich, wie ich gestehe, im ersten Augenblick sehr angenehm überrascht. Hatte doch das ganze Abenteuer jenes romantische Ichweißnichtwas an sich, welches junge Herzen so leicht höher schlagen macht. Die Wiedererscheinung Julies in meiner Lebenssphäre war wiederum, wie es bei unserem ersten Zusammentreffen gewesen, von einer leidenschaftlichen Aufregung meines ganzen Wesens begleitet. Man braucht das nicht gerade im grobsinnlichen Sinne zu nehmen; aber es wäre Heuchelei, wollte ich sagen, daß etwas wie Sinnlichkeit nicht starken Anteil an dem lebhaften Interesse gehabt hätte, welches mir die originelle, pikantkecke junge Dame einflößte. Allerdings drängte sich mir auch jetzt wieder wie früher schon, stets die Vergleichung Julies mit Isolde auf, und es fiel diese Vergleichung nie zugunsten der ersteren aus; aber – was soll ich viele Worte verschwenden, um andern einen Seelenzwiespalt klar zu machen, der mir selber nie recht klar geworden? – genug, Julies Erscheinung übte auf mich lange eine Wirkung, welche ich eine dämonische nennen möchte, wenn sich mit diesem Worte nicht allzu mystische Vorstellungen verbänden. Aus der ersten Lesung von Julies Billett folgerte ich nur, daß die junge Dame mich nicht vergessen hätte und Anteil an mir nähme, was doch immerhin eine schöne Tatsache sei. Hinterher kam dann die Kritik und fand an dem Billett sehr viel auszusetzen. Wie unzart die Voraussetzung eines unstatthaften Verhältnisses meiner Person zu Frau Ziegenmilch und wie unzart, um nicht zu sagen wie gemein war diese Voraussetzung ausgedrückt! Durfte ein junges Mädchen so schreiben? Isolde würde nie und nimmer so sich geäußert haben. Wie verschieden, wie grundverschieden war die Vorstellungsweise, die sich in Julies Zeilen aussprach, von der hohen und reinen, allem Gemeinen unzugänglichen Gedankenwelt meiner edlen Jugendgespielin! Aber die Gegenwart macht ihre Rechte an den Menschen so gebieterisch geltend, daß nur in seltenen Fällen unsere Schwäche dagegen aufkommen kann. Julie zeigte mir einen Weg, auf welchem ich möglicherweise vorwärts kommen konnte, und ich wollte ja vorwärts kommen. Warum also nicht den Versuch machen? Ach, es gibt nichts Sophistischeres als die Torheit oder die Leidenschaft des Menschen. Ich schämte mich doch ein wenig, aber freilich nur ein wenig vor mir selbst, wenn mein natürliches Gefühl den Schleier der Sophismen zerriß, womit ich meine lebhafte Neugier, meinen drängenden Wunsch, mehr von Julie zu erfahren und das seltsame Mädchen nicht wieder aus den Augen zu verlieren, zu verhüllen trachtete. Ich zweifelte nicht daran, daß die junge Dame zu Herrn Gottlieb Kippling irgendwie in Beziehung stehen müßte. Auf der andern Seite, um mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, war ich ohnehin schon so halb und halb entschlossen gewesen, mein Geschick nicht länger als eben unumgänglich nötig, an das von Ziegenmilch und Komp. zu knüpfen. Vielleicht, daß dies undankbar von mir gehandelt war, denn mein Herr Prinzipal hatte mir in der Tat großes Wohlwollen erwiesen, und ich glaubte auch annehmen zu dürfen, daß selbst die mir in Aussicht gestellte Associéschaft mehr sei als Humbug. Allein das ganze Geschäft ging mir gegen den Mann. Wie bitter hatte ich die Beschämung empfunden, vor Fräulein Julie stehen zu müssen sozusagen als Mitbeteiligter an einem von der jungen Dame so unverhohlen verhöhnten Schwindel! Und dann war mir der Aufenthalt im Ziegenmilchschen Hause, obgleich ich – weiß der Himmel! – nie auf den Rang eines Tugendhelden Anspruch machte, auch noch aus anderen Ursachen drückend. Wer das Glück gehabt hat, im elterlichen Hause Zeuge eines zugleich heiteren und sittlichen Familienlebens zu sein, wird dieses nie vergessen, über gewisse Dinge nie sich hinwegsetzen können. Das Ziegenmilchsche Haus war nun aber trotz ökonomischen Gedeihens hinter dem Schein bürgerlicher Wohlanständigkeit ein innerlich zerrüttetes. Herr Ziegenmilch vernachlässigte seine Frau, und ich hatte starke Gründe, zu glauben, daß er seine Abende keineswegs nur mit harmlosem Skatspiel, zehn Points zu zwanzig Centimes, ausfüllte. Hätte ich doch keine Augen haben müssen, wollte ich nicht sehen, daß die hübscheren unserer »Ladenjungfern« dem Prinzipal nicht nur offizielle, sondern auch offiziöse Dienste leisten mußten, und ich war nach dieser Richtung hin eines Tages wider Willen Zeuge einer häßlichen Szene, welche sogar die sanfte Frau Lelia in Zornkrämpfe versetzte. Diese, von Natur unzweifelhaft gut und sittsam, war so allmählich in den Gedanken hineingetrieben worden, die ihr widerfahrene Vernachlässigung an ihrem Gatten zu rächen. Ich bin fest überzeugt, nicht zuviel zu sagen, wenn ich bei dieser Gelegenheit behaupte, daß eine Frau selten oder nie den Fehlweg einschlägt, ohne daß die auf demselben sichtbaren Fußstapfen ihres vorangegangenen Mannes sie zur Nachfolge einladen. Es ist nicht Frauennatur, die Initiative zu ergreifen, wenn aber ausnahmsweise, so ist es unendlich viel häufiger eine Initiative zum Rechten als zum Schlechten. Doch ich will erzählen, statt zu moralisieren. Am zweiten Tage nach dem Abenteuer mit dem Dr.  Schwindelhaberschen Augenelixier befand ich mich auf dem Wege zum Kontor des Herrn Gottlieb Kippling. Ich hatte an meinem damaligen Aufenthaltsorte bisher sehr zurückgezogen gelebt, anfangs aus notgedrungener Sparsamkeit, dann aus Laune, wenn man die Absicht, meine Freistunden zu benutzen, um meine bönhasenfüßigen Kenntnisse im industriellen und kommerziellen Fache mit etwas zunftgemäßeren zu vertauschen, so nennen will. Ich fand dabei allerdings, daß die Erwerbung dieses Zunftwissens für einen Mann von Bildung keine Hexerei sei, aber ein zunftmäßiger Kaufmann ist darum noch kein guter Kaufmann, so wie ein guter Kaufmann darum noch lange kein glücklicher ist. Ich habe Kaufleute gekannt, deren Köpfe gerade so hohl waren wie ihre Gewissen und die vortreffliche Geschäfte machten, und andere, die mit viel Geist, Wissen und Tätigkeit sehr schlechte machten, ohne skrupulös zu sein. Jeder ist seines Glückes Schmied – jawohl, aber zum Schmieden gehören nicht nur rüstige Arme, sondern auch leidlich gutes Handwerkszeug, und dieses Handwerkszeug das ist gerade das Glück selber. Man fragte doch jeden ehrlichen, nicht eiteln Glücklichen, was er selbst und was die Verhältnisse für ihn getan, und man wird Antworten erhalten, welche zeigen, daß das erwähnte Sprichwort wie noch eine Menge anderer Sprichwörter, weiter nichts ist, als eine taube Nuß mit vergoldeter Schale. Kleine und große Kinder mögen damit spielen, aber sie ja nicht öffnen ... Ja, die im Purpur des Ranges und Reichtums geborenen Glücksprinzen, welche ihr Leben lang die gemeinen Sorgen des Daseins »tief im wesenlosen Scheine« unter sich liegen haben, sie können am Ende leicht dazu kommen, sich für ihres Glückes Schmiede zu halten. Sie brauchen dabei weiter nichts zu tun, als sich vor Zuchthaus und Schafott zu wahren. Wer sich aber tüchtig im Leben tummeln muß, um überhaupt leben zu können, wer »die gemeine Wirklichkeit der Dinge« nicht bloß vom Hörensagen, sondern vielmehr vom täglichen Kampfe mit derselben kennt, der wird frühzeitig Bescheidenheit lernen und sich nicht einbilden, daß der Mensch seines Schicksals souveräner Herr und Gebieter sei. Natürlich spreche ich hier hauptsächlich vom äußerlichen Glück; aber ich verschweige dabei keineswegs, daß nach meiner Erfahrung bei fortgesetztem äußeren Mißgeschick das innere Glück, das heißt die harmonische Stimmung der Seele, ein Ding ist, an dessen Realität nur Schuljungen und Heilige glauben können. Schuljungen gibt es auch zu unserer Zeit noch genug und zwar sehr große, Heilige dagegen meines Wissens keine mehr, außer etwa solche à la Krispinus, die das gestohlene Leder zu recht bequemen Schuhen zu verarbeiten wissen, nicht für die Füße der Armen, aber für die eigenen. Ich wollte sagen, daß ich trotz meiner zurückgezogenen Lebensweise die Lage des Hauses oder Palastes, wo der große Handelsherr Gottlieb Kippling residierte, wohl kannte. Die weitläufigen, Reichtum und eine außerordentlich vielseitige Geschäftstätigkeit ankündigenden Gebäulichkeiten waren mir während meiner einsamen Spaziergänge im Abendzwielicht des Frühlings mehrmals aufgefallen. Wie ich bereits erwähnte, ist die Lage der Stadt eine höchst glückliche, die Umgebung anmutig und prächtig zugleich. Ein herrliches Seebecken zieht sich südwärts in halbmondförmiger Gestalt fünf bis sechs Meilen weit gegen das Hochgebirge hinauf, dessen Kolosse ihre glänzenden Schneekronen über malerisch geschwungene, dunkelbewaldete Vorberge herabschimmern lassen. Rings um den See läuft eine von der folgsamsten Bodenkultur zeugende Girlande von Rebengeländen, Baumgärten und grünen Matten, aus welchen die weißen Häuser zahlreicher stattlicher Dörfer – stattlichere wirst du nirgends, aber auch gar nirgends finden – hervortreten, hier weit an den Gehängen hinauf zerstreut, dort wieder zu großen Gruppen zusammentretend, die, vom regsten industriellen Leben erfüllt, recht wohl auf den Namen von Städten Anspruch machen könnten. Gegen Norden zu verengt sich das Seebecken mehr und mehr bis zur Breite von einer halben Stunde und verliert sich zuletzt in einen schönen Strom, an dessen beiden Ufern die Stadt erbaut ist. Beim Übergang des Sees in den Fluß springt eine kleine Insel, eine ehemalige Schanze, in das Wasser vor und von hier, wie von der schönen Brücke, die sich etwas weiter zurück über den Strom schwingt, genießt man eines bezaubernden Blickes über den See hinauf zu den Alpenfirnen. Gegen Osten lehnt sich die Stadt an mit Landhäusern besäte, sanft ansteigende Weingärten, gegen Westen lagert ein langer, schmalrückiger Gebirgszug, dessen höchste, vielbesuchte Kuppe eine Rundsicht bietet, die zu den Schönsten des Landes gezählt wird. Die Stadt ist alt und als Stadt nicht gerade schön, in manchen Quartieren sogar von mittelalterlich winkeliger und finsterer Physiognomie. Aber sie besitzt prachtvolle, aus neuerer Zeit stammende öffentliche Gebäude, besonders Schulen und Hospitäler, während mit Ausnahme einiger da und dort an beiden Seeufern liegender Villen großer Handelsherren, die Privathäuser durchschnittlich bescheiden und sogar unansehnlich sind. Dieses Verhältnis der privatlichen zu den öffentlichen Gebäuden legt, meine ich, für die republikanische Staatsform kein ungünstiges Zeugnis ab. Auf den lebhaften Hafen der Stadt blickt ernst ein alter zweitürmiger Dom romanischen Stils, dessen Erbauung, wenn ich nicht irre, die Sage Karl dem Großen zuschreibt. Das Straßenleben ist ein außerordentlich lebendiges, und zwar im Winter wie im Sommer, während dessen allerdings die von allen Ecken und Enden der Welt herbeiströmenden Fremden noch mehr Buntheit in das Treiben und Drängen bringen. Der See schickt neben seinem breiten Abfluß, dem klaren grünen Strom, noch mehrere schmale Ausläufer in das Land hinein, welche früher als Festungsgraben benutzt wurden. Die große Reformbewegung der dreißiger Jahre beseitigte, wie noch manche andere mittelalterliche Verrottung, auch die Festungswerke, welche die Stadt peinlich eingeschnürt hatten. Die Wassergräben sind entweder zugeschüttet worden, um für neue Straßenanlagen Raum zu gewähren oder sie dienen, wo sie noch existieren, der Industrie und dem Handel zur Kommunikation mit der prächtigen Wasserstraße des Sees. An einem dieser Kanäle erhoben sich die ausgedehnten Magazine des Herrn Gottlieb Kippling, dessen Namen ich von meinem Prinzipal bei verschiedenen Gelegenheiten hatte nennen hören, ohne daß ich weiter darauf geachtet hätte. Jetzt fiel mir ein, daß Herr Ziegenmilch einmal beim Mittagstisch mit Emphase erzählt hatte, er habe vormittags die Ehre gehabt, eine volle Viertelstunde lang mit dem Herrn Oberst und Kantonsrat Kippling sich zu unterhalten. (Beiläufig, ich machte die Bemerkung, daß in der Schweiz die großen Fabrikanten und Kaufleute sehr häufig zugleich Oberste in der Miliz oder Kantonsräte, das ist Mitglieder der gesetzgebenden Behörde sind. Herr Kippling vereinigte beide Würden in seiner Person.) Mein Prinzipal hatte von dem großen Handelsherrn mit einer Art religiöser Ehrfurcht gesprochen, wie etwa in Indien ein Mitglied der Sudrakaste von einem Haupt der Brahmanenkaste spricht. Nachdem ich eine Strecke weit am Kanal hinaufgegangen, überschritt ich denselben mittels einer Brücke und befand mich nun am Eingange zu dem »Heimwesen« des Herrn Gottlieb Kippling. Die Magazine umgaben auf drei Seiten einen großen Hofraum, auf welchem Frachtwagen, Krahnen, Wagen und das Volk der Packer, hier Spanner genannt, passiv und aktiv tätig waren. Die vierte Seite des Hofraums war offen, und hier, von wo aus das Ganze leicht in Aufsicht gehalten werden konnte, stand ein hübsches kleines Haus, dessen Parterrefenster mit starken Eisengittern verwahrt waren. Unaufhörlich gingen da Leute aus und ein, welche nach den Magazinen eilten oder von dorther kamen, Fakturen, Frachtbriefe, Warenlisten in den Händen. Es war hier ohne Zweifel das Kontor der Firma Gottlieb Kippling. Ein langes und hohes Eisengitter, über dessen der Türe des Kontorgebäudes gegenüberliegender Durchgangspforte die Inschrift: Verbotener Eingang – sehr großbuchstäblich angebracht war, trennte den ganzen Geschäftsraum von einem großen, parkartigen Garten, der sich mit seinen Rasenplätzen, Gewächshäusern, Baumgruppen und Blumenbeeten längs des Kanals bis zum Seeufer hinaufzog. Von dort herab, durch eine prächtige Allee von Kastanienbäumen und Silberpappeln schimmerten aus der Ferne die weißen Wände und großen Spiegelscheiben des palastartigen Wohnhauses, welches mit der Hauptfront dem Seespiegel zugekehrt war. »Der Handel nährt, scheint es, seinen Mann,« sagte ich bei mir, das große Besitztum überblickend. Dann trat ich in das Kontorgebäude und sagte (»Praktisch muß man sein!«) einem aus einer der Schreibstuben zu ebener Erde herauskommenden Bureaudiener so vornehm barsch als möglich, daß ich Herrn Kippling zu sprechen wünsche. »Der Herr Oberst befindet sich oben in seinem Arbeitszimmer,« gab der Mann höflich zur Antwort, führte mich die Treppe hinauf und bezeichnete mir die Türe, wo ich anzuklopfen hätte. Sechstes Kapitel Unterhaltung mit einem großen Manne. – Abermals ein alter Bekannter. – Vier Fragen. – Eine Rede von Oskar Ziegenmilch und Komp. – Der Kontrakt. – Ein freundschaftliches »Suppäh«. – »Des Nutzens grobem Dienst verkauft«. Ich wurde in einem sehr einfach möblierten Zimmer, von welchem aus aber eine offenstehende Nebentür den Einblick in ein desto üppiger, ja mit orientalischem Luxus ausgestattetes Kabinett gestattete, von einem Herrn empfangen, welchen ich seiner mit kunstvollster Eleganz behandelten braunen Perücke zuliebe nicht geradezu einen alten nennen will, obgleich die ziemlich schlaffen und schwammigen Züge desselben, die tiefen Furchen seiner breiten und massiven Stirne, die hundert und wieder hundert Falten und Fältchen um Augen- und Lippenwinkel her, endlich der im Verhältnis zu seinem Untergestell sicherlich überkorpulente Oberkörper unzweifelhafte Attribute des Alters und nicht der Jugend waren. Dieser Herr saß in einem braunen Morgenrock, sonst aber sorgfältig angezogen, in einem Rohrstuhl mit niedriger Lehne vor einem mit zahllosen Brieffächern versehenen Bureau und schrieb, den Rücken gegen die Türe gekehrt. »Wer ist da?« fragte er bei meinem Eintritte kurz und scharf, ohne sich umzuwenden. »Ein Fremder,« gab ich zur Antwort, »der sich Ihnen, Herr Oberst, vorstellen möchte.« »Zu welchem Zweck?« fragte er wieder und wandte sich dabei halben Leibes lässig gegen mich um. Unter den achteckigen Gläsern eines schwergoldenen Brillengestells hervor, welches fast ganz oben auf der Wurzel einer unschönen, an ihrer Spitze ins Violette schimmernden Nase saß, sahen mich ein Paar schwarze, blitzende Augen durchdringend an. Ich muß so einen Blick schon irgendwo gesehen haben. Wo war es doch nur? »Ich komme, Herr Oberst« sagte ich, »mich für die Stelle zu melden, welche, wie ich hörte, in Ihrem Kontor offen ist.« »Die Stelle des ersten Korrespondenten für die auswärtigen Plätze ist allerdings offen, es hat sich aber eine ganze Menge tüchtiger Bewerber gemeldet und habe ich auch meine Wahl schon so ziemlich getroffen.« »Dann bedaure ich, Sie gestört zu haben, Herr Oberst.« So sprechend wollte ich meine Verbeugung machen, um mich zurückzuziehen; allein die Augen des Handelsherrn hielten mich fest. »Mein Herr,« sagte er, »Sie sind Ihrer Aussprache nach kein Schweizer.« »Nein. Ich habe die Ehre, ein Deutscher zu sein.« »Eine sonderbare Ehre!« »Darf ich bitten, mein Herr, mir zu sagen, wie Sie das meinen?« fragte ich nun meinerseits mit scharfer Betonung, denn ich hatte während meines Aufenthalts im Lande bereits bemerkt, die Mißachtung, in welcher die Deutschen häufig dort stehen, rühre mit daher, daß viele, um nicht zu sagen, die meisten meiner dort niedergelassenen Landsleute dem bornierten Volksvorurteil durch affektierte Verachtung ihres eigenen Vaterlandes zu schmeicheln suchen. Der Schweizer liebt in der Regel sein Heimatland mit Innigkeit. Diese Liebe ist die stärkste, oft die einzige ideale Seite seines Wesens. Er muß daher einen Deutschen verachten, der im Stile Börnes über Deutschland sich ausläßt, um so mehr, da der Schweizer, für den Humor überhaupt nicht sehr stark organisiert, den blutenden Zorn eines Börne nicht versteht. Meine Erfahrungen haben mich gelehrt, daß der Deutsche, welcher in der Schweiz leben will oder muß, am besten tut, sich schlechterdings nicht in die öffentlichen Angelegenheiten zu mischen, sondern einfach und streng seine Pflichten zu erfüllen und dabei von vornherein mit aller Entschiedenheit darauf zu halten, von den Schweizern, selbst von den höchstgestellten, auf dem Fuß sozialer Gleichheit behandelt zu werden. Allerdings hat es dieser oder jener meiner Landsleute durch ein entgegengesetztes Verfahren, durch einen ihn selbst und sein Vaterland entehrenden Servilismus dahin gebracht, für eine Weile die einflußreiche Kreatur von diesem oder jenem schweizerischen Matador zu werden; allein die ganze Herrlichkeit wahrte doch immer eben nur eine Weile, und im ganzen muß man sagen, daß die Schweizer jedem unter ihnen lebenden Fremden, welcher mit Selbständigkeit des Charakters einigen Takt des Benehmens vereinigt, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie lieben ihn nicht gerade, wie sie die Fremden überhaupt nicht lieben, die durchreisenden ausgenommen, aber sie achten ihn, und mehr kann am Ende keiner verlangen. Ich erfuhr auch Herrn Gottlieb Kippling gegenüber, daß ich recht getan, meiner Nationalität nichts zu vergeben. Nachdem ich die erwähnte, verständlich genug betonte Frage an ihn gerichtet hatte, wurde die Sprache des Millionärs merklich weniger scharf und kurz angebunden. Freilich bat er mich keineswegs um Entschuldigung, wie ein wahrhaft gebildeter und nobler Mensch getan haben würde; aber er hatte sicherlich bemerkt, daß ich im Notfall der Mann sei, einen Unverschämten in seinem eigenen Hause zu züchtigen. Möglich sogar, daß das Bestimmte in meiner Entgegnung einen günstigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Nur vollendete Jammerseelen wissen ein mannhaftes Auftreten nicht zu würdigen. Herr Kippling war in seiner Art ein Mann, ein ganzer Mann. Er drehte sich völlig zu mir um, deutete auf einen Stuhl und sagte, nachdem er mich abermals fixiert hatte: »Es ist eigen, daß mir vorkommt, Sie sähen jemand ähnlich, dem ich schon begegnet sein muß. Hm! Sie sind also in Deutschland geboren, mein Herr?« »Ja, mein Herr.« »Wo?« »Im Dorfe Rothenfluh.« »In Rothenfluh?« fragte der Millionär, wie mir schien, mit einiger Hast und erhob sich von seinem Rohrsessel. Er ging mit auf den Rücken gelegten Armen einigemal im Zimmer hin und her, unter seiner Brille hervor forschende Seitenblicke auf mich richtend, und ohne in seinem Gange inne zu halten warf er die Frage hin: »Ihr Name?« »Michel Hellmuth.« Herr Kippling trat an sein Bureau, kramte in den dort liegenden Papieren, und nach einer Weile fragte er, den Rücken gegen mich gewendet und wie völlig zerstreut: »So, so, mein Herr, Sie heißen Hellmuth? Ein recht wohlklingender Name ... Sie wurden zum Kaufmann gebildet?« »Nein, Herr Oberst, ich habe studiert.« »Was?« »Theologie und Jurisprudenz.« »Aber wie kommen Sie denn dazu, um eine kaufmännische Stellung sich zu bewerben?« »Ich wollte weder Pfarrer, noch Staatsbeamter, noch Advokat werden.« »Hm, Sie scheinen sehr wählerisch zu sein, junger Mann. Und doch,« fügte er hinzu, sich wieder zu mir kehrend und mich mit einem schnellen Blicke vom Scheitel bis zur Sohle musternd, »und doch sehen Sie nicht wie ein Taugenichts und Bruder Liederlich aus.« »Herr Oberst, ich glaube auch versichern zu dürfen, daß ich weder das eine noch das andere bin. Zu meinem Entschluß, die kaufmännische Laufbahn zu versuchen, hat mein Wunsch, fremde Länder zu sehen, wohl das meiste beigetragen. Dann gab der Tod meines Vaters den Ausschlag.« »Wer war Ihr Vater?« fragte der Millionär, wieder eifrig in seinen Papieren herumstöbernd. »Der Konsulent Hellmuth, Verwalter der freiherrlichen Herrschaft Rothenfluh.« »Wann starb er?« »Im letzten Winter.« »Er hinterließ Vermögen?« »Nur ein sehr mäßiges.« »Sie sind also doch nicht ganz mittellos?« »Doch, mein Herr. Die Hinterlassenschaft meiner geliebten Eltern gehörte von Rechts wegen meiner Schwester. Ich hatte meinen Anteil, jedenfalls den größeren, zum voraus verbraucht, verstudiert, wenn Sie wollen.« »Sie scheinen aufrichtig zu sein, junger Mann ... hm ... und ... nun, sehen Sie, ich war seinerzeit, als ich anfing, Geschäfte zu machen, ebenfalls ein armer Teufel, besaß sozusagen keinen Franken, keinen Rappen ... Tätigkeit, mein Herr, Tätigkeit, Kühnheit und praktisches Talent, das macht den Geschäftsmann ... So, so, Sie besitzen also nichts?« »Nichts, ausgenommen Mut, guten Willen und, wenn ich es ohne Unbescheidenheit sagen darf, einige Kenntnisse.« »Sind Sie in Sprachen bewandert? Versteht sich von selbst, ich meine nicht die alten Schulsprachen ... unpraktisches Zeug!« »Ich möchte mich auch mit dem, was noch davon an mir hängen geblieben, nicht sehr brüsten, Herr Oberst; aber ich verstehe leidlich Französisch, perfekt Englisch und hinlänglich Italisch.« »Sie sagen Italisch statt Italienisch. Warum?« »Ich erspare dabei zwei Silben. Zeit ist Geld.« Der Millionär, wieder zu mir gewendet, ließ sich herab, über den schlechten Witz zu lächeln. Dann fragte er weiter: »Sie kommen direkt aus Ihrer Heimat?« »Nein. Ich habe schon einige Zeit in einem hiesigen Geschäfte gearbeitet.« »Bei wem?« »Bei Ziegenmilch und Komp.« »Bei dem Salben- und Latwergenkrämer?« »Herr Oberst, ich habe alle Ursache, Herrn Ziegenmilch dankbar zu sein. Er gab mir Brot, als ich keins hatte. Aber ich vermag mich mit der von ihm kultivierten Geschäftsbrauche nicht zu befreunden.« »Hm, ich denke, ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber, mein Herr, Geschäft ist Geschäft und praktisch muß man sein. Herr Ziegenmilch ist ein praktischer Mann, ein sehr praktischer. Wird es weit bringen. Besitzt bereits bedeutenden Kredit auf hiesigem Platz.« »Ich zweifle nicht daran, aber ...« »Was bewog Sie denn, gerade der Firma Gottlieb Kippling Ihre Dienste anzubieten?« »Der große Ruf dieser Firma und meine Hoffnung, hier bei befriedigenderer Arbeit auch besser vorwärtszukommen.« »Sonst nichts?« Ich wurde durch diese Frage in peinliche Verlegenheit gesetzt. Wie ein Blitz der Erinnerung überkam es mich, daß mein Vater am Grabe seiner Mutter einst zu mir gesagt: »Lüge nie!« Aber es gibt Lagen ... Ach, das Leben ist ein schlechter Moralprediger. Zum Glück ließ mir Herr Kippling keine Zeit zu lügen, indem er mein Verstummen anders deutend, weiter fragte: »Sie kannten den Namen meiner Firma schon früher?« Sehr froh, der Antwort auf die vorhergehende häklige Frage enthoben zu sein, beachtete ich kaum den bohrenden Blick, von welchem die letztere begleitet war. Erst in späterer Zeit, wenn ich mich dieses ersten Zusammentreffens mit dem Millionär erinnerte, entsann ich mich auch lebhaft des eigentümlich lauernden Blickes, welchen er bei den angeführten Worten auf mich geheftet hatte. »Nein, Herr Oberst,« gab ich zur Antwort. »Ich hörte von Ihrer Firma erst am hiesigen Orte.« »Wirklich, nirgends sonst und nie früher?« »Nie und nirgends,« sagte ich der Wahrheit gemäß mit Bestimmtheit. Der Millionär setzte sich, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und versank in ein nachdenkliches Schweigen, während dessen er nur von Zeit zu Zeit einen scharfen, aber nicht gerade unfreundlichen Blick auf mich herüberwarf. Endlich erhob er sich wieder und trat auf mich zu, der ich ebenfalls aufgestanden war. »Mein Herr,« bemerkte er, »ich sage Ihnen frank heraus, daß mir Ihr ganzes Auftreten nicht mißfallen hat. Es ist etwas an Ihnen, was Zutrauen erweckt. Aber Geschäft ist Geschäft, und in Geschäftssachen muß man praktisch zuwege gehen.« – Der Millionär, der Geschäftsbrahman Kippling gebrauchte also zum zweitenmal wörtlich einen Lieblingsausdruck des Nochnichtmillionärs, des Geschäftssudra Ziegenmilch. – »Ich sage nicht nein zu Ihrem Anerbieten, allein ich muß, bevor ich mich entscheide, natürlich erst die nötigen Erkundigungen über Sie einziehen und zugleich auch erfahren, ob Sie die fragliche wichtige, sehr wichtige Stelle in meinem Kontor auszufüllen vermögen. Sie werden damit einverstanden sein?« »Gewiß, Herr Oberst.« Der Millionär zog die Klingel und sagte dem eintretenden Diener: »Ich lasse Herrn Bürger zu mir bitten.« Der Name frappierte mich, aber mehr noch die bald erfolgende Erscheinung seines Trägers. Es war mein Herr Sekundant von der Hirschgasse in Heidelberg und ich konnte bei seinem Eintritt eine Bewegung der Überraschung nicht unterdrücken, welche Herrn Kippling nicht entging, die aber Herr Bürger nicht erwiderte oder gar nicht beachtete. »Herr Hanns Bürger, erster Buchhalter und Prokuraträger der Firma,« sagte Herr Kippling, mir den Genannten vorstellend – »Herr Michel Hellmuth.« Ich verbeugte mich, und Herr Bürger erwiderte meine Verbeugung ebenso gemessen. Dann sagte er zu seinem Chef: »Hatte schon anderen Ortes die Ehre, die Bekanntschaft des Herrn Hellmuth zu machen.« »Anderen Ortes?« fragte Herr Kippling mit einem Anflug von Mißtrauen in der Stimme. »Wo denn? wenn ich fragen darf.« »Auf der Mensur.« »Was?« »Nun ja,« versetzte Herr Bürger, »auf der Mensur, das heißt, dieser Herr stand darauf und ich stand daneben, 's ist kla–ar.« »Mir nicht eben sehr,« bemerkte Herr Kippling. »'s war in Heidelberg – vorigen Spätsommer – auf der Hirschgasse – dumme Schnurre – Säbelpaukerei – sekundierte dem Herrn, welchem ein anderer hätte gegenüberstehen sollen, als ihm gegenüberstand. Kennt ihn auch, den nicht Gegenübergestandenhabenden, Herr Oberst. Werde Euch bei Gelegenheit mal die dumme Geschichte erzählen. Studentika – Allotria – Larifari – 's ist kla–ar.« »Ich werde Euch gelegentlich daran erinnern, Herr Bürger,« sagte der Millionär. »Jetzt von Geschäften. Dieser Herr hier hat sich um die in unserem Kontor offene Stelle gemeldet.« Herr Bürger zog bei dieser Ankündigung die Augenbrauen etwas in die Höhe und zitterte etwas Weniges mit den Flügeln seiner Adlerschnabelnase, sagte aber nichts. Herr Kippling fuhr fort: »Es handelt sich darum, zu sehen, ob Herr Hellmuth die Qualifikation für die fragliche Stelle besitze. Ihr werdet ihm daher vier bezügliche schriftliche Aufgaben stellen, Herr Bürger, und er wird sie, wenn es ihm so beliebt, binnen drei Tagen beantworten, die eine in deutscher, die zweite in französischer, die dritte in englischer, die vierte in italienischer Sprache. Näheres brauche ich Euch darüber nicht zu sagen, Herr Bürger, und damit guten Morgen meine Herren.« Er wandte sich zu seinem Schreibtisch zurück, und Herr Bürger bedeutete mir mit einer höflichen Gebärde, ihm zu folgen. Er führte mich die Treppe hinab in sein Arbeitszimmer, welches am Ende der verschiedenen Abteilungen des Kontors lag und mit diesem durch eine Türe in Verbindung stand. Sie war gewöhnlich verschlossen, allein der erste Buchhalter und Prokuraträger der Firma war in den Stand gesetzt, mittels eines großen viereckigen Schiebers, der in die Türe eingesetzt war und nach Belieben geöffnet und geschlossen werden konnte, mit dem Bureaupersonal zu verkehren und dasselbe zu überwachen. Jetzt stand der Schieber offen, und ich sah da draußen an zwei Dutzend alte und junge Kommis an ihren Pulten und Tischen beschäftigt, die einen stehend, die anderen auf niederen Taburetten, die dritten auf hohen Schreibböcken hockend. Es ging still und gemessen zu. Nur dort, aus einer Art von vergitterter Loge, worin der Kassierer hauste, tönte das Geklirre der Metalle, welchen, mit dem armen Shelley zu sprechen: Den Stempel seiner Selbstsucht schlau der Handel, Das Siegel seiner allbejochenden Macht aufgedrückt hat. Herr Bürger schloß den Schieber, lud mich mit einer Handbewegung ein, auf einem kleinen, ledergepolsterten Sofa Platz zu nehmen, während er sich vor seinen Schreibtisch setzte, auf dessen Tafel und in dessen Fächern Papiere und sonstige Schreibmaterialien aller Sorten, nebst Briefen, Mappen, Kontorbüchern von allen Größen mit der pünktlichsten Sauberkeit geordnet waren, wandte sich dann auf seinem um eine Kurbel sich drehenden Sitz gegen mich um und sagte: »Also aus einem paukenden Studenten ein Kaufmann geworden? Wahrscheinlich ohne Geld, nicht? Kenne das, stand auch mal in denselbigen, nicht gerade bequemen Schuhen. Närrische Komödie, das Leben! 's ist kla–ar.« »Wie, auch Sie, Herr Bürger?« »Ja, ich ... Aber, vor allem, wollt Ihr mir einen Gefallen tun?« »Zwei für einen.« »Nur einen. Kann das alberne ›Sie‹ und ›Ihnen‹ nicht leiden. Humbug! 's ist kla–ar. Rede alle Leute mit ›Ihr‹ an, weil sie ja doch so dumm sind, das ›Du‹ für 'ne Sottise zu halten. Keine Natur mehr in der Welt! 's ist kla–ar.« Schon bei meinem ersten Zusammentreffen mit Herrn Hanns Bürger hatte ich bemerkt, daß derselbe zur Spezies der wunderlichen Heiligen gehörte. Seither war seine knappe Sprache noch barocker geworden, und da ich die ›Ihr‹-Schrulle damals in Heidelberg noch nicht an ihm wahrgenommen hatte, so durfte ich annehmen, daß dieselbe ein neueres Kind seiner Laune sei. »Ich will Euch von Herzen gern ihrzen , Herr Bürger,« sagte ich. »Aber wollt Ihr mir einen Gegengefallen tun?« »Welchen?« »Nur eine Frage beantworten.« »Fragt mich.« »Ihr bemerktet vorhin gegen Herrn Kippling, daß derselbe den dummen Jungen kenne, der damals in Heidelberg so schmählich Reißaus nahm. Wer war der junge Mensch? Kennt Ihr ihn?« »Kenne ihn – 's ist kla–ar,« versetzte Herr Bürger, lustig mit seinen runden grauen Augen zwinkernd. »Kannte ihn aber damals noch nicht. Kam gerade von jenseits des großen Baches. Hatte lange Jahre erst in Kalkutta, dann in Neuorleans den dortigen Sukkursalen der Firma vorgestanden.« »Aber wer war denn der Junge?« »Wer er war? Werdet es, rechne ich, wohl erfahren, Herr Hellmuth, falls Ihr das Glück habt, bei uns einzutreten. Und davon wollen wir jetzo reden, so's Euch beliebt.« Er redete aber nicht davon, sondern drehte seinen Stuhl dem Schreibtische zu, ergriff die Feder und begann eifrig zu schreiben. Ich merkte, daß Herr Bürger behutsam behandelt sein wollte, und störte ihn weiter nicht. Er war bald mit Schreiben zu Ende, stand auf, überblickte rasch das Geschriebene und reichte mir dann das Blatt mit einem kurzen: »Lest!« Ich tat so. »Versteht Ihr diese vier Fragen?« fragte er, als ich von dem Blatte aufsah. »Offen gestanden, im Augenblicke nicht so ganz.« »Schade! Aber Ihr habt Zeit darüber nachzudenken. Im übrigen befleißigt Euch bei der Beantwortung eines bündigen und klaren Stils. Bündigkeit und Klarheit verlangt die Praxis. Keine Phrasen, keine Schnörkel – versteht Ihr? – 's ist kla–ar. Binnen heute und drei Tagen werdet Ihr mir dieses kaufmännische Exerzitium zukommen lassen. Rat' Euch das. Müßt wissen, der Herr Oberst liebt und verlangt Pünktlichkeit. Ist praktisch das, und jetzt, so Ihr nichts dagegen habt, sag' ich Euch: Adieu, Herr Hellmuth. Will an mein Geschäft.« Das hieß kurz abgefertigt und verdroß mich nicht wenig, denn ich hatte im stillen gehofft, Herr Bürger würde mir auch bei dem bevorstehenden Duell mit den verteufelten vier Fragen ein wenig sekundieren. Das war aber augenscheinlich eine ganz grundlose Hoffnung gewesen, und so ging ich denn weg, mit sehr herabgestimmter Erwartung, daß ich das »Glück« haben werde, bei Gottlieb Kippling »einzutreten«. Trotzdem verwandte ich ein paar halbe oder ganze Nächte darauf, die mir gestellten Aufgaben nach bestem Willen zu lösen, und gab am dritten Tage meine Versuche in kaufmännischer Schriftstellerei unter der Adresse des Herrn Hanns Bürger auf die Stadtpost. Ich hatte mit einer vielleicht nicht ganz geschäftsmäßigen Offenheit Herrn Ziegenmilch sogleich nach meiner Rückkehr von dem Gange nach Herrn Kipplings Kontor von der Absicht in Kenntnis gesetzt, welche mich dahin geführt, und er hatte zu meiner Eröffnung ein sehr langes und nicht eben freundliches Gesicht gemacht. Es hatte sich dann zwischen uns ein etwas belebtes Gespräch entsponnen, in dessen Verlauf Herr Ziegenmilch Saiten aufzog, die nicht sehr angenehm klangen. Ich handhabte aber die Stimmschraube mit Geduld und bewies ihm, daß ich nur seine eigenen Grundsätze und Lehren befolge, daß ich praktisch, »enorm praktisch« sei, wenn ich in einem mir mehr zusagenden Geschäftskreise meine »Fortune« zu »poussieren« suche. Herr Ziegenmilch war zu sehr Praktiker, um gegen diese »Logik der Tatsachen« in die Länge standzuhalten. Er tat aber noch mehr. Er bewies mir schon am folgenden Tage, daß er sich mit bester Manier in die Umstände zu schicken wußte. Denn von der Börse heimgekehrt, sagte er mir: »Sie sollen mir eines Tages doch noch die Anerkennung zollen, Herr Hellmuth, daß es kein Mensch, aber auch gar kein Mensch so gut, so enorm gut mit Ihnen meine wie ich. Sehen Sie, der Herr Oberst und Kantonsrat Gottlieb Kippling hat bei mir Ihrerwegen auf den Busch geklopft ... ein scharmanter, ein netter, was sag' ich? – ein großer, ein enorm großer Mann, der Herr Oberst, Kantonsrat und Chef, einziger Chef der enormen Firma Gottlieb Kippling. Ein kolossales Geschäft ... enorm, ganz enorm! ... Ich tat natürlich, als wüßte ich von der ganzen Geschichte keine Idee, denn, wie Sie wissen, praktisch muß man sein, und eine Hand wäscht die andere, das heißt, ich werde Sie nachher auch um eine kleine Gefälligkeit ersuchen. Nun was tat ich? Ja, was tat ich, da Sie, halsstarriger Mensch, nun doch einmal von der zukünftigen Firma Ziegenmilch und Hellmuth nichts wissen wollen? Ich handelte als Ihr Freund, als Ihr enormer Freund, verstehen Sie? indem ich Sie enorm lobte. Was sag' ich? Gepriesen hab' ich Sie nach allen Dimensionen ... und wie! Die Sache wird sich machen, bin überzeugt davon. O, Oskar Ziegenmilch und Komp. hat einen feinen Merker, einen enorm feinen Merker. Aber Geschäft ist Geschäft, praktisch muß man sein und ... wie du mir, so ich dir. Hoffe, lieber Herr Hellmuth, Sie werden dieses enorm guten Grundsatzes nach Kräften eingedenk sein, wenn ich nächstens mal einen Versuch mache, mit der Firma Gottlieb Kippling in Geschäftsverbindung zu treten. Sie glauben gar nicht, wie man sich gegenseitig poussieren kann; aber praktisch muß man sein. Und, ja, ich hoffe, Sie werden, auch wenn Sie bei mir austreten, mein Haus recht oft, recht enorm oft besuchen. Ich und mein Lis... will sagen meine Lelia, wir werden Sie stets mit offenen Armen empfangen, Sie sollen sich bei uns daheim fühlen, enorm daheim ... und ... ja, nicht wahr? Aus Freundschaft lassen Sie mir auch in Zukunft von Zeit zu Zeit, wann ich einen neuen Artikel in Umlauf setze, eines von Ihren Annöncechen, so recht eines von Ihren enormen Annöncechen zukommen? Par amitié, wie gesagt; denn, sehen Sie, praktisch muß man sein, enorm praktisch!« Der »feine Merker« meines Herrn Prinzipals rechtfertigte sich, denn am vierten Tage benachrichtigte mich ein lakonisches Billett des Herrn Hanns Bürger, daß mich Herr Gottlieb Kippling abends sechs Uhr auf seinem Arbeitszimmer erwarte. »Viktoria!« sagte Herr Ziegenmilch. »Es geht gut, das heißt, es geht nach Ihrem Willen. Was habe ich gesagt? Habe ich eine feine Nase, oder habe ich keine? Jetzt aber seien Sie enorm klug und praktisch, Herr Hellmuth. Gottlieb Kippling will Sie haben. Das ist kla–ar, wie der, unter uns, unausstehliche Donnerhagelskaib, Dieses in der fraglichen schweizerischen Landschaft heimische Schimpf-, Fluch- und Drohwort wird mitunter auch im entgegengesetzten Sinne gebraucht. So hörte ich einmal eine Fabrikarbeiterin mit dem Ausdruck der höchsten Zärtlichkeit ihren Mann einen Donnerhagelskaib nennen. Das Wort Kaib hat übrigens ursprünglich die nicht sehr reinliche und wohlduftende Bedeutung von Aas. der Bürger, sagen würde. Lassen Sie sich nicht etwa mit einer Bagatelle abspeisen, sondern stellen Sie keck Ihre Forderungen: – praktisch muß man sein!« Der Herr Oberst und Kantonsrat empfing mich mit der zurückhaltenden Würde eines Mannes, der Millionen kommandiert. Er hieß mich sitzen und leitete ein Gespräch ein, in dessen Verlauf er mit viel Diplomatie meinen ganzen bisherigen Lebenslauf erzählen ließ. Ich gab freilich nur Umrisse, doch wußte er es mittels geschickter Fragen zu machen, daß ich einige Partien, besonders die auf mein elterliches Haus bezüglichen, ins Detail ausmalte. Zuletzt sagte er: »Herr Hellmuth, ich zweifelte, aufrichtig gestanden, sehr an Ihrer Qualifikation für die Stelle eines ersten Korrespondenten in meinem Hause. Allein Herr Bürger hat mir einen sehr günstigen Bericht über Ihre Befähigung abgestattet. Er meint zwar, mit Ihren französischen und italienischen Wendungen hapere es noch da und dort, Ihr Englisch gehe an, nur schrieben Sie es, was überhaupt der Fehler Ihres Stiles sei, zu blumenreich. Aber es werde sich mit der Zeit wohl machen. Wir« – große Handelsherren reden wie die Könige nur im Pluralis majestaticus von sich – »wir wollen es also mit Ihnen wagen und haben hier einen Kontrakt aufgesetzt, der Ihre Pflichten und Rechte darlegt. Er lautet einstweilen auf die Dauer eines Jahres. Sind wir nach Ablauf desselben miteinander zufrieden, so sollen Sie noch günstiger gestellt werden. Ich bin kein Knicker.« Er reichte mir den auf einen gestempelten Bogen geschriebenen Kontrakt, und ein Blick auf denselben überzeugte mich, daß die mir bewilligten Bedingungen meine Hoffnungen weit, sehr weit übertrafen. Der Millionär merkte mir meine freudige Überraschung leicht an und sagte: »Sie sehen, ich durfte behaupten, daß ich kein Knicker sei, hoffe aber auch, daß Sie mir eifrig, treu und redlich dienen werden.« »Ich werde es, soweit nur immer meine Kräfte reichen,« entgegnete ich mit Wärme. »Gut, ich glaube Ihnen, um so mehr, da Sie durch Förderung meiner Interessen Ihre eigenen fördern. Ich denke, wir werden gut miteinander auskommen. Halten Sie sich in allem und jedem an Herrn Bürger, der Ihr unmittelbarer Vorgesetzter ist und unter einer oft rauhen, noch öfter wunderlichen Außenseite große Tüchtigkeit, Geradheit und Güte verbirgt.« Es lag selbst so etwas wie Güte in diesen Worten des Millionärs, zu welchem ich mich hätte hingezogen fühlen können, wäre nur sein wenig Zutrauen einflößender Blick nicht gewesen. »Sie werden,« fuhr er fort, »in dem Kontrakt eine Bestimmung bemerkt haben, welcher zufolge Sie mittags an meinem Tische essen und in meinem Hause wohnen müssen. Ich habe es nämlich stets so gehalten, das heißt mit dem ersten Buchhalter, dem ersten Korrespondenten und dem Kassierer, damit ich dieselben immer bei der Hand habe, falls dies auch außer den Kontorstunden nötig wird, was bei einem großen Geschäftsbetrieb nicht selten vorkommt.« Ich verbeugte mich schweigend, und Herr Kippling setzte noch hinzu: »Sie übernehmen damit freilich die Verpflichtung, die Hausordnung einzuhalten, aber dieselbe ist keine pedantische. Sie werden eine Stube in der oberen Etage des großen Gartenpavillons erhalten, wo auch Herr Bürger und Herr Egli, der Kassierer, ihre Zimmer haben. Es ist mir lieb, wenn Sie am nächsten Samstag eintreten. Am Montag wird Sie dann Herr Bürger Ihren Kollegen vorstellen und in Ihre Verrichtungen einleiten. Er ist in jeder Beziehung meine rechte Hand, um so mehr, da die Geschäfte mich zu häufiger Abwesenheit von Haus und Stadt nötigen. Es ist notwendig, daß Sie alsbald nach Ihrem Eintritt auch die großen Etablissements kennen lernen, die wir unweit von hier, droben im Bihltal, besitzen. Herr Bürger wird Sie hinführen. Dann wäre alles vorderhand Nötige gesagt, und es steht jetzt bei Ihnen, den Kontrakt zu unterzeichnen oder nicht.« Natürlich bedachte ich mich in betreff der Unterzeichnung nicht lange, und so war mein Schicksal für die nächste Zeit festgestellt. Mein Abzug aus dem Hause Ziegenmilch geschah in aller Freundschaft. Frau Lelia veranstaltete am Tage zuvor mir zu Ehren ein solennes »Suppäh«, wie sie sich ausdrückte, und entfaltete dabei nicht nur alle Schätze von Küche und Keller, sondern auch die ihrer »immens gefühlvollen« Seele. Fand ich doch unter meiner Serviette ein Stammbuchblatt, welches einen kühnen Versuch meiner bisherigen Prinzipalin in der edlen Reimkunst enthielt. Leider habe ich es seither verloren, weiß aber noch ganz gut, daß darin »des Neids Gestichel« und der »Verleumdung Sichel« sehr genial auf »Michel« reimten. Auch die Herren Rumpel und Puff waren da und hielten um die Gunst der schönen und gefühlvollen Wirtin ein glänzendes Wort- und Witzturnier. Herr Ziegenmilch aber nahm gegen Ende des »Suppäh« seine Napoleonsstellung an und brachte einen wundervollen Toast auf die Freundschaft der praktischen Leute aus, welchen der Redakteur der »Konservativen Hetzpeitsche« »pyramidalisch« schön fand, worauf mich Herr Ziegenmilch gerührt umarmte und mir dabei eine Erinnerung an die »enorme« Annoncenangelegenheit ins Ohr flüsterte. Am folgenden Abend saß ich in meinem Zimmer im Gartenpavillon des Herrn Gottlieb Kippling und meldete dem Fabian in einem langen Briefe meine bisherigen Abenteuer in der Fremde. Ich erinnere mich, daß ich, halb im Scherze, halb im Ernste, diese Epistel mit einem Zitat aus einem englischen Gedichte schloß, dessen Verfasser, zugleich Poet und Kaufmann, in einer der meinigen einigermaßen ähnlichen Situation von sich gesagt hatte, er sei jetzt – Des Nutzens grobem Dienst verkauft, wo wüst Das Feld des Denkens liegt und nichts gedeiht Als Gold ... Viertes Buch Die Rotte der Zukunft Erstes Kapitel Von Sonntagsmorgenglocken und Sonntagsgefühlen; ferner von einer alten Schlange und einer berühmten Frage, die aber, wie Autor fürchtet, nicht zur Befriedigung des Lesers gelöst wird. Leider hatte ich keine Gelegenheit, die Richtigkeit des alten Volksglaubens zu erproben, welchem zufolge die Träume der ersten, an einem neuen Aufenthaltsorte verbrachten Nacht vorbedeutend sind. Das Träumen war überhaupt nicht meine Sache; ich war viel zu gesund dazu, und so schlief ich denn auch die erste Nacht unter Herrn Kipplings Dache ganz vortrefflich, sogar einen rechten Sonntagsschlaf, das heißt, ziemlich weit in den Morgen hinein. Endlich weckte mich feierlicher Glockenklang. Ich blickte aus dem Alkoven, wo mein Bett stand, durch die offenstehende Türe in das Zimmer hinaus und sah die Sonnenstrahlen durch die halbgeschlossenen grünen Jalousien hereinspielen. Komfortabel logiert für einen Kommis, enorm komfortabel, wie Ziegenmilch und Komp. sagen würden. Der Herr Oberst und Kantonsrat scheint in der Tat gegen seine Leute kein Knicker zu sein ... Nun, Michel Hellmuth, du kannst, wenn du billig sein willst, mit dem Gange, welchen deine Angelegenheiten bisher nahmen, ganz zufrieden sein ... Ich denke, ich darf mit einiger Genugtuung an Isolde melden, daß der Anfang, durch meine eigene Kraft etwas zu werden, gemacht sei. Durch eigene Kraft? ... Hm, wenn ich ehrlich sein will, muß ich doch sagen, daß eigentlich Fräulein Julie ... Aber wer ist nur Fräulein Julie? Werde ich sie wiedersehen? Es ist doch recht wunderlich, daß das Bild dieses seltsamen Kindes ... ei, hat sich was mit dem Kind! ... Ist 'ne richtige Dame geworden, der wilde Pensionatvogel von damals ... Aber warum drängt sich immer dieses Bild zwischen meine teure Jugendgespielin und mich? O, Schwachheit, ich sage, dein Name ist – Mann! Während dieses Monologs hatte ich mich angezogen, und da ich die Beklemmung, welche mich anwandelte, der stockigen Zimmerluft zuschrieb, öffnete ich ein Fenster und stieß den Laden auf. Eine prachtvolle Szene lag vor mir entrollt. Glatt und glänzend wie eine ungeheure Silbertafel, widerspiegelte der vor meinen Blicken ausgebreitete See die wolkenlose Himmelsbläue des Sonntagsmorgens. Es war Mai, und so weit das Auge die beiden Ufer hinaufreichte, zog sich ob den erst leise grünenden Rebenhügeln eine ununterbrochene Kette blütenschwerer Obstbäume hin. Ein Zug walddunkler Voralpen bildete den Hintergrund des herrlichen Landschaftsbildes, aber hoch über das Wälderdunkel dieser Berge ragten aus silbernem Morgenduft die Hochalpen mit schimmerndem Firnschnee in den klaren Äther empor. Ein Ton und Duft wie aus dem Sonntagslied von Uhlands Schäfer lag auf der ganzen Szene, und die heilige Stille derselben wurde nicht gestört, nein, gleichsam nur noch feierlich stiller gemacht durch das Geläute der Glocken, welche von den Kirchtürmen der Stadt und der zahlreichen Dörfer an den Seegestaden ihre Klangwogen in die Lüfte gossen. Ich sog mit der balsamischen Frische der Morgenluft zugleich auch die gehobene Sonntagsstimmung ein, welche über der schönen Landschaft schwebte. Mir ward still, fromm, andächtig zumute. Die verworrenen Gedanken und Wünsche, die mich vorhin gequält hatten, verstummten mir in der Brust, welche friedvoll aufatmete in dem allgemeinen Sonntagsfrieden. Ich gedachte der Sonntagsmorgen, wo ich als Kind mit meiner geliebten Mutter zur Kirche gegangen; ich gedachte der sonntäglichen Bergwanderungen an der Seite meines teuren Vaters; ich gedachte auch Isoldes, mit inniger und doch nicht schmerzlicher Sehnsucht. Jetzt, in diesem geweihten Augenblicke, stand nichts Fremdes, nichts Störendes zwischen ihr und mir. Ich dachte an alles Schöne, Gute, Freudige, was ich erlebt, und mein Herz, der Last selbstsüchtiger Strebungen und Sorgen entbunden, schwoll von Andacht und Dankgefühl. Wie vormals in den besten Stunden der Jugend, fühlte ich mich wieder als ein Glied in der unendlichen Kette alles Daseins, alles Lebens, und, ein unwillkürliches Gebet, drängten sich mir Herders Worte auf die Lippen: …... Du gehörst nicht dir! Dem großen guten All gehörst du. Du hast von ihm empfangen und empfängst, Du mußt ihm geben, nicht das Deine nur, Dich selbst, dich selbst; denn sieh, du liegst, ein Kind, Ein ewig Kind, an dieser Mutterbrust Und hangst an ihrem Herzen .... Ich weiß, weiß nur allzugut, wie selten die Skepsis einer alternden Gesellschaft solche Stimmungen aufkommen läßt. Aber dennoch – wehe dem, welchen sie, auch in reiferen Jahren noch, nie wieder anwandeln! So ein Sonntagsgefühl ist ein Stab, an welchem man leicht und frei emporklimmt aus den dumpfen Niederungen des Werktaglebens in die Ätherhöhen, wo den Menschen das alte, urewige Sphärenlied von einem verlorenen und wieder zu gewinnenden Paradiese umklingt, das Sphärenlied von einem goldenen – ach, nicht im Sinne der Gegenwart goldenen – Zeitalter, welchem die Weltgeschichte durch Entwickelungsphasen von Jahrtausenden hindurch entgegenreifen soll. Wird es geschehen? Oder ist das Lied ein immer wiederkehrendes Eiapopeia, ein monotoner Ammengesang, womit der Himmel die Erde und ihre Kinder einlullt, um sie ihre Schmerzen des Lebens, die Mühsal der Wirklichkeit vergessen zu machen? Brächte die Weltgeschichte wirklich auch nach Jahrtausenden nichts hervor, was nicht vor Jahrtausenden schon dagewesen, und sollte auch in fernster Zukunft noch ein Koheleth des Zweifels, wie vordem der salomonische tat, mit verzweifelndem Achselzucken sprechen müssen: »Nichts Neues unter der Sonne« und: »Alles ist eitel?« Ach, die alte Schlange, welche dem tiefsinnigen biblischen Mythus zufolge schon im Schatten von Edens Bäumen die Kindheit der Menschheit vergiftet, ihr naives Glück zerstört hat, – der fragende, zweifelnde, bangende, über die Schranken der sichtbaren Welt rastlos hinausstürmende Gedanke des Menschen, der Gedanke, welcher mit einem ewigen: »Was dann?« auf den bleichen Lippen in eine Zukunft hineinbohrt, deren Dunkel die Leuchte der religiösen Tradition, wie die Fackel der Wissenschaft nur noch dunkler erscheinen lassen, nur »sichtbar finster« wie die Finsternis in Miltons Hölle – – ja, die alte Schlange, sie ringelte sich draußen auf dem lachenden Seespiegel, sie ringelte sich durch das Grün der Matten und durch den Blütenschnee der Bäume: sie ringelte sich auch drinnen in meiner Brust – die Weihestunde war vorbei. So sind wir modernen Menschen nun einmal. Wir können kaum für Augenblicke unsere Zunge des bittern Nachgeschmackes der Frucht vom Baume der Erkenntnis ledig machen. Wir sind alle geborene Skeptiker oder wenigstens ist der Zweifel das lastende Angebinde, womit eine Bildung, die über Abc und Katechismus hinausgeht, uns beschenkt. Kein gebildeter Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, sei er Mann oder Frau, ist noch ein wahrhaft naiv Gläubiger. Er kann es nicht sein, es ist eine Pure Unmöglichkeit. Er wird auch nicht sagen, daß er ein solcher sei, es müßte denn sein, daß er, ungleich Wolfgang dem Großen, nicht das Herz hätte, der »Heuchelei dürftige Maske« zu verschmähen. Aber nicht nur das. Wir Menschen des neunzehnten Jahrhunderts haben, nach dem Vorgang und Beispiel genialer Stimmführer desselben, auch noch die Sucht, die Unart, uns jede reine und hohe Stimmung mephistophelisch zu vergällen. Jeder von uns ist so ein Stück von Zerrissenheitspoet, wenn er auch keine Verse macht und keine machen kann. Unser Enthusiasmus hat kaum das Haupt erhoben, so schlägt ihm die Ironie schon in den Nacken. Jeder Seelenlaut, jedes erhabene Gefühl wird von einem Kapriccio skeptischen Witzes zu Tode gestichelt; jedes Byronisch leidenschaftliche Pathos läuft in einen Heinesch kynischen Lachtriller aus. O, wir sind Realisten, wir. Uns ist Werther nur noch ein dummer Junge und Faust ein alberner Professor, der es nicht zum Hofrat brachte, und Nathan ein seichter Schwätzer und Posa ein kläglicher Possenreißer. Von allem schönen Glauben, von allen hohen Hoffnungen ist uns nur noch unser kleines, armseliges Ich geblieben, und weil dieses gar zu armselig klein ist, schieben wir ihm als Piedestal einen Geldsack unter, räuchern und singen ihm und lügen uns selbst und anderen vor, es sei doch etwas Großes und Herrliches um den bis zur höchsten Potenz hinaufgeschraubten Individualismus, der mit frecher Schamlosigkeit sein: »Jeder für sich und der Klügste, Gewissenloseste über alle!« ausschreit. Was sollte uns Ewiges kümmern, uns, die wir alle Hände voll mit Zeitlichem zu tun haben? Was die Menschheit? Mag sie selbst für sich sorgen, wir sorgen für uns. Laßt die Ideale, die Schwärmereien, die Illusionen den Toren von armen Teufeln, die nicht klug genug sind, am Bankett des Lebens einen Platz oder ein Plätzchen zu erobern; wir unsererseits sind mit den Realitäten zufrieden. Und auch den Himmel, die ganze poetische Herrlichkeit des Jenseits, lassen wir den Phantasten. Mögen sie sich zum voraus daran erquicken, während wir so bescheiden sind, nur die kurze Strecke bis zum Grabe existieren und genießen zu wollen, und so großmütig, doch auch einigermaßen der Menschheit zu dienen, indem wir nichts dagegen haben, daß unser Kadaver auf die Anatomie oder in eine Ammoniakfabrik gebracht werde. Wenn nur eins nicht wäre, dieses fatale: »Was dann?« Wir haben es zwar für bloßen Nebel erklärt, aber gerade so zudringlich-feuchtkalt wie Herbstnebel richtet sich überall auf Wegen und Stegen das verhaßte Fragwort vor uns auf. O, eine Prämie, eine ungeheure Prämie, den ganzen Ertrag von ein-, zwei-, dreijährigem Papiermarktsschwindel als Prämie dem Chemiker, der uns eine Säure präpariert, welche zersetzt, zerfrißt, in nichts auflöst für immer dieses abscheuliche: »Was dann?« »Rechne, Ihr haltet Euch in Ermangelung eines Pfarrers selber die Sonntagspredigt,« sagte Herrn Bürgers Stimme hinter mir, und als ich mich, halb verlegen, so in meinem nicht sehr kaufmännischen Monolog überrascht worden zu sein, zu ihm wandte, fuhr er fort: »Müßt sehr vertieft gewesen sein – 's ist kla–ar. Hörtet mein Anklopfen nicht. Trat daher ungerufen herein und hörte Euch mit Vergnügen predigen. Gut für den Sonntag, ganz gut, taugt aber nichts für die Werktage – bitt' um Entschuldigung.« »Ich meinerseits habe um Entschuldigung zu bitten, Herr Bürger. Denn ich wollte Euch als meinem Nachbar eine Staatsvisite machen, da ....« »Da hat Euch der Weltschmerz beim Ohr genommen? 's ist kla–ar. Begreife, daß Ihr dann und wann solche Anwandlungen habt, seid gerade noch jung genug dazu.« Ich hatte keine Zeit, mich über das sarkastische Lächeln zu ärgern, welches die Mundwinkel meines Vorgesetzten umspielte. Denn über eine Stuhllehne sich beugend, nahm Herr Bürger plötzlich Haltung, Gebärde und Ton irgend eines ordentlichen Professors der Philosophie an und sagte mit pedantischer Gravität: »Wir verschreiten jetzt dazu, meine Herren, mit tunlichster Bündigkeit die berühmte Frage: ›Was dann?‹ zu beantworten. Merken Sie wohl auf! Daß das Menschenleben eine Tragikomödie, gilt so ziemlich allgemein für ausgemacht. Etliche, etliche viele, sehr viele – man nennt sie Materialisten – sind der Ansicht, die Tragikomik sei aus, ganz aus, sobald der Vorhang, den man in der Vulgarsprache Sargdeckel heißt, gefallen. Andere – man nennt sie Idealisten – leben des Glaubens, das besagte Drama sei keineswegs ein in sich abgeschlossenes, vollendetes Kunstwerk, sondern habe noch eine Umdichtung zu erfahren, welche auf einem höheren Theater zur Darstellung käme, sei es als erhabenes Trauerspiel, sei es wenigstens als heiteres Lustspiel. Wer von beiden hat recht? Da wir bis zur definitiven Entscheidung der Frage nur dreißig bis fünfzig oder in Ausnahmefällen siebzig bis achtzig Jahre lang Geduld zu haben brauchen, so meine ich, das Klügste und Einfachste sei, wir warten es ruhig ab und« – hier nahm Herr Bürger seinen natürlichen Ton wieder an – »gehen vorderhand frühstücken.« Ich lachte und folgte dem wunderlichen Manne nach seinem Zimmer, wo uns Herr Egli, der Kassierer, erwartete, welchem mich Herr Bürger in aller Form vorstellte. Zweites Kapitel Ein Frühstück bei Herrn Bürger. – Deutsche und Schweizer. – Herr Egli, der »Krakeeler«. – Wie Herr Bürger vom polnischen Schwindel kuriert wurde. – Ein Fabrikler und das schöne Gritli. – Lutherischer Text zu einer Sonntagspredigt. Man konnte es der Art und Weise, wie Herr Bürger logiert und eingerichtet war, leicht anmerken, daß er im Hause Kippling einen großen Stand hatte. Das Gemach, in welches er Herrn Egli und mich zum Frühstück geladen, war sein Empfangszimmer, das auf das mannigfaltigste mit den Schätzen und Kuriositäten ausgeschmückt war, welche Herr Bürger aus dem Orient und aus Amerika mit heimgebracht hatte. Es sah aus wie ein Museum, aber wie ein mit außerordentlichem Geschmack geordnetes Museum, das mit einer gewissen wilden Fremdartigkeit die raffinierteste Bequemlichkeit verband. Zur Rechten sah man durch eine halboffenstehende Türe in ein Bibliothekzimmer hinein, dessen zierlich gearbeitete Mahagonischränke mehrere tausende prächtig gebundener Bücher enthielten. Die Zwischenräume waren mit den Büsten großer Dichter und Denker ausgefüllt. Hier erinnerte nichts, aber auch gar nichts an den Kaufmann, es müßte denn eine Kolossalbüste Fouriers gewesen sein, welche auf einem altarartigen Sockel gerade der Türe gegenüber die Hauptwand schmückte. Der Prophet des utilitarischen Evangeliums der Assoziation war ja auch Buchhalter gewesen. Zur Linken ließ eine zurückgeschlagene Gardine von schwerer meergrüner Seide in ein wahrhaft sybaritischem Luxus ausgestattetes Schlafkabinett blicken. Der ganzen Wohnung sah man an, daß es die eines gebildeten Lebemannes war, welcher die Welt nimmt, wie sie ist, und sich scheinbar um weiter nichts sorgt, als sich in dieser wirklichen Welt möglichst bequem einzurichten. Auch an jenem Morgen, wie Herr Bürger dasaß oder vielmehr dalag, in seinem Persischen Schlafrock auf dem schwellenden Diwan, seinen duftenden Mokka schlürfend und aus dem Bernsteinknopf seines Tschibuks den duftenden Rauch der Tabaksstaude von Latakia blasend, trug seine ganze Erscheinung den angedeuteten Charakter. Daß er tiefer Gefühle, treuester Anhänglichkeit, ja sogar, er, der sich als einen ausgeprägten Egoisten und Blasierten zu geben liebte, einer mächtigen Leidenschaft fähig, daß er einer jener seltenen Menschen sei, die viel sorgfältiger ihre großen Eigenschaften als ihre kleinen, viel ängstlicher ihre Tugenden als ihre Fehler zu verstecken suchen, erfuhr ich erst später. Für jetzt konnte ich bloß bemerken, daß er sich gegen mich liebenswürdig benahm; aber diese Liebenswürdigkeit, verglichen mit der Gemessenheit, die er bei unserem ersten Zusammentreffen im Hause Kippling, gezeigt hatte, war so, daß ich hoffen durfte, er könnte mein Freund werden. Und er wurde es, in kürzerer Zeit, als ich erwarten konnte. Zu seinen mancherlei Eigenheiten gehörte auch die, daß er nicht selten im Lichte eines entschiedenen Pessimisten und Menschenfeindes zu erscheinen liebte. Bei einer passenden Gelegenheit ging ich ihm in der Folge dieser Laune wegen stark zu Leibe und sagte ihm, er täusche mit dieser Maske am allerwenigsten mich, mit dem er sich ja viel schneller und fester befreundet habe, als von einem Menschenfeind billig zu erwarten gewesen wäre. »Eure Logik hinkt, mein Guter,« gab er zur Antwort, »hinkt sehr – 's ist kla–ar. Ich verabscheue das Menschengesindel, und wenn ich mit Euch eine Ausnahme mache, Euch sozusagen liebte, so beweist das nur, daß ich Euch nicht zum Gesindel rechne. Und wißt Ihr, warum? Weil Ihr nicht zu dem gemeinen, schweinischen Haufen gehört, auf dem mit Fug und Recht jeder herumtrampelt, der Witz oder Macht genug dazu hat. Ihr seid ein anständiger Mensch, Ihr; denn Ihr habt kleine Hände und kleine Füße – 's ist kla–ar.« – »Welche tolle Marotte!« rief ich aus, aber Herr Bürger blieb dabei und hielt mir höchst ernsthaft eine von boshaftem Witz sprudelnde Vorlesung über die angegebenen Kennzeichen dessen, was er – Notabene, er selbst hatte eine sehr schöne Hand und einen zierlichen Fuß – die »noblere Rasse« oder die »Menschheit im engeren Sinne« nannte. Herr Bürger war Schweizer von Geburt, und er war einer der wenigen, sehr wenigen von allen Schweizern, die ich zu kennen das Glück hatte, deren Augen kosmopolitisch zu blicken verstanden. Ich habe sonst unter den Schweizern viele, sehr viele treffliche Männer gekannt, Ehrenmänner im besten Sinne des Wortes. Aber zwischen ihrer spezifisch schweizerischen Anschauung und unserer deutschen, welche »die Sache der Menschheit als die eigene betrachtet« und betrachtet wissen will, gibt es kein rechtes Verständnis. Es mag sein, daß die Schweizer in ihrer Art recht haben, ganz recht, wenn sie sich, aller weltbürgerlichen Politik entschieden abhold, rein praktisch geschäftsmäßig darauf beschränken, ohne alle prinzipielle Skrupel für ihr eigenes Beste und nur für dieses zu sorgen. Am Ende bedingt schon die geographische Lage ihres Landes und dessen politisch soziale Einrichtung diese Praxis. Außerdem können sie uns mit Grund darauf verweisen, daß wir es mit unseren idealen Anschauungen, mit unserer weltweiten Sympathie und weltbürgerlichen Zerfahrenheit eben nur zur politischen Nullität gebracht hatten und lange Zeit hindurch nicht einmal etwas vorstellten, während wir doch alles sein konnten , sobald wir unsere nationalen Tugenden zur politischen Aktion tatkräftig zusammenfaßten. Aber so berechtigt an und für sich die etwas engherzig praktische Denkweise der Schweizer sein mag, so liegt in ihr etwas, was einen widerwärtig berührt, auch wenn man keineswegs die lächerlich törichte, in der Bitterkeit des Exils in Flüchtlingsköpfen zur fixen Idee ausgebildete Ansicht teilt, die Schweiz sei solidarisch verpflichtet, nicht nur mit allen demokratischen Regungen und Strebungen in Europa zu sympathisieren, sondern dieselben auch tatsächlich zu unterstützen ... Herr Hans Bürger war, wie gesagt, ausnahmsweise ein kosmopolitischer Schweizer, und seine Vorurteilslosigkeit ging so weit, daß er sich nicht selten die galligsten Ausfälle auf sein Heimatland erlaubte. Er hatte in seinen frühesten Mannesjahren unter den Liberalen eine Rolle gespielt, sich aber längst von seiner Partei zurückgezogen, wenn diese, welche im Verlaufe der Zeit ihre Ansichten bekanntlich bedeutend modifizierte, überhaupt noch existierte. Liberale und Konservative erachtete er gleichermaßen; er nannte jene Hasen mit acht Füßen und diese Esel mit vier Ohren; aber in seinem Herzen glühte heimlich ein roter Haß gegen alle Despotie, gegen allen Knechtssinn, und nicht immer gelang es ihm, diesen Haß dadurch zu verbergen, daß er von dem gedanken- und urteilslosen, feigen und feilen Haufen, wie er das Volk schalt, in solchen und noch viel herberen Ausdrücken sprach, wie nur der wildeste Aristokrat sie im Munde führen mag. Über Herrn Egli, den Kassierer, habe ich nur wenig zu sagen, da er in keiner Weise in meine Geschichte eingreift. Er war ein stiller Mann schon bei seinen Lebzeiten, und er befolgte streng das evangelische Gebot: »Eure Rede sei ja, ja, oder nein, nein.« Von außerordentlicher Gutmütigkeit und im Benehmen sehr artig, besaß er eine Schweigsamkeit, welche ihm auf dem Kontor und in den Magazinen das Beiwort »der Krakeeler« eingetragen hatte. Ich habe in der Tat nie einen beharrlicher schweigsamen Menschen gesehen. Dabei aber war er keineswegs ungesellig und fehlte nie bei den sonntäglichen Ausflügen, welche die Herren, das heißt die Diener der Firma Gottlieb Kippling nicht selten mitsammen machten. Da saß er dann, »der Kassierer gewordene Genius des Schweigens«, wie ihn Herr Kambli, der große »Warenprober« der Firma, emphatisch titulierte, und lächelte gutmütig, aber leise, leise zu den Späßen, die im Kreise umgingen, und war, wie Herr Kambli sich ausdrückte, still in sich hinein vergnügt wie ein Maikäfer. Wenn dann der Gute einen ganzen langen Nachmittag oder Abend hindurch keine Silbe gesprochen hatte, so rief ihm Herr Kambli, der Witzbold der Firma, wohl plötzlich über den Tisch hinüber zu: »Herr Egli, verführen Sie doch um's Himmels willen keinen so kaibischen Lärm!« und der »Krakeeler« lächelte still dazu. Das mysteriöse Wort »kaibisch« spielt, beiläufig bemerkt, dortzulande in der Umgangssprache eine große Rolle. Es wird im allerschlimmsten und im allerbesten Sinne gebraucht. In letzterer Richtung führe ich nur als Beispiel an, daß der mehrerwähnte Herr Kambli, wenn wir von unseren sonntäglichen »Suiten« heimkehrten, beim Gutenachtwünschen regelmäßig zu sagen pflegte: »Heute hat sich die Firma Gottlieb Kippling doch wieder kaibisch lustig gemacht!« Zu unserem Frühstück zurückzukehren, so erinnere ich mich noch recht deutlich, daß mir bei dieser Gelegenheit Herr Bürger in leichter Gesprächsform sehr dankenswerte Wünsche und Nachweise in betreff der Obliegenheiten gab, welche ich kommenden Tages übernehmen sollte. Weniger deutlich ist mir erinnerlich, wie dann die Rede auf die politischen Zustände des Landes und von diesen auf die europäischen kam, welche Herr Bürger vom pessimistischen Standpunkt aus beleuchtete. Ich habe von den bezüglichen Äußerungen meines Freundes nur zwei im Gedächtnis behalten, eine über Deutschland und eine andere über Polen. Herr Bürger war natürlich nicht im Falle, den bornierten Haß vieler seiner Landsleute gegen die »Dütschländer« oder »Dütschmichel« zu teilen; denn er kannte Deutschland. Damals warf er unter anderen die Äußerung hin: »Ist mir schon oft aufgefallen, daß das lateinische Wort germanus der Deutsche und der Bruder bedeutet. Mein guter Vater würde sich über diesen Satz gewaltig skandalisiert und Herrn Bürger bewiesen haben, daß das lateinische Wort germanus (Bruder) mit dem urdeutschen German (Speermann) weder in der Bedeutung noch in der sprachlichen Herleitung irgend etwas gemein habe. Liegt sozusagen etwas Providentielles darin. Ist ja der Deutsche der Bruder von aller Welt, aber nicht umgekehrt. Und doch muß Gegenseitigkeit stattfinden, wenn man gute Geschäfte miteinander machen soll. Das hat die Firma Deutschland von jeher übersehen, und darum machte sie in dem Engrosgeschäft der Politik häufig so schlechte Geschäfte – 's ist kla–ar.« ... Über Polen sagte er: »Die polnische Frage spukt wie ein Gespenst noch immer in Europa herum. Ist aber ein albernes Gespenst, an das im Grunde niemand mehr glaubt. Liederlicher Adel und schweinische Leibeigene, das ist Polen. Was wollen Sie mit solchem Stoff anfangen? Wo ich je drei Polen beisammen sah, waren vier Grafen darunter: Krapülinski und Waschlapski, Schubiakski und Eselinski – wißt Ihr? – Pack! Erinnere mich, als ich noch ein dummer Mensch war und mich für allerhand Nonsens, zum Beispiel auch für das Volksschulwesen erhitzte, da wohnt' ich mal auf dem Lande einer feierlichen Schulprüfung bei. Hielt dabei der Pfarrer, als Präsident der Gemeindeschulpflege, eine recht erbauliche Rede, und stellte sich dann noch ein anderer Schulpfleger in Positur, um auch eine zu halten. Müßt aber wissen, damals stand gerade die Polakerei in tollster Blüte, und war auch der Herr Schulpfleger von der grassierenden Seuche ergriffen. Fing an mit großartigen Gesten und sprach also: ›Ihr Kinder, das erste ist Gott. Das andere ist ... das andere und ... noch ist Polen nicht verloren!‹ War das die ganze Rede, habe aber nie eine wirksamere gehört, denn sie kurierte mich radikal von dem polnischen Schwindel, 's ist kla–ar.« Nach dem Frühstück machte Herr Bürger mit mir einen Gang durch die ausgedehnten Gartenanlagen, und unser Schlenderweg führte uns zuletzt zu dem eisernen Gitter hinunter, welches das privatliche Terrain des Hauses Kippling von dem geschäftlichen trennte. Hier war es heute still und einsamlich. Ich bemerkte jenseits des Gitters nur einen schon ältlichen Mann in ärmlicher Kleidung, dessen mageres, rot und bläulich betupftes Gesicht den Schnapsbruder verriet. Neben ihm hielt sich scheu und ängstlich in einem armseligsaubern Sonntagsanzug ein Mädchen von etwa zwölf Jahren. Das Kind fiel mir in dieser Gegend, wo die Mädchen und Frauen der arbeitenden Klassen keineswegs durch Schönheit sich auszeichnen, doppelt auf, um seiner wirklich ganz ungewöhnlich schönen Züge und des schwermütigen Ausdrucks seiner großen dunklen Augen willen. Als der Mann mit dem Schnapsgesicht Herrn Bürger wahrgenommen hatte, zog er demütig seine Mütze, und der sonst stiere, wilde Blick seiner rotumränderten Augen nahm einen widerwärtig kriechenden Ausdruck an. »Was wollt Ihr hier?« fragte ihn Herr Bürger barsch. »Ich wollte den Herrn Oberst noch einmal schön bitten –« »Nichts da,« unterbrach ihn mein Begleitet, »Ihr ewiger Trunkenbold! Ihr seid mit Schimpf und Schande aus der Spinnerei weggejagt worden, und damit geschah Euch nur recht. Hätte schon früher geschehen sollen – 's ist kla–ar.« »Aber hochgeachteter Herr Bürger, bedenken Sie doch, was soll ich denn anfangen? Und auch mein Gritli Landesübliches Diminutiv von Margareta. da? Das Kind hat ja keine Mutter mehr und ist noch viel zu jung, um einen Dienst bei einer Herrschaft zu finden. Es muß doch in die Fabrik gehen und ich auch, wenn wir nicht verhungern sollen.« »Das hättet Ihr früher bedenken und Euch danach achten müssen.« »Aber der junge Herr hat mir doch gestern versprochen –« »Der junge Herr?« fragte Herr Bürger, seine Falkenaugen mit einem seltsamen Ausdruck auf das kleine Mädchen heftend. »Geht mich nichts an. Fort mit Euch!« Das Kind wandte bei dieser barschen Abweisung seine in Tränen schwimmenden Augen dem Kontorhause zu, als suchte es dort Hilfe. Ich folgte der Richtung seiner Blicke und bemerkte für einen flüchtigen Moment hinter den Fensterscheiben von Herrn Kipplings Arbeitszimmer das Gesicht oder vielmehr nur die achteckigen Brillengläser meines Herrn Chefs. Ob Herr Bürger dieselben ebenfalls wahrgenommen, weiß ich nicht, aber ich sah, daß seine Mundwinkel sarkastisch sich verzogen. Zugleich stieß er ein kurzes, fast pfeifendes »Ah!« aus und wandte sich ab. In diesem Augenblick kam der alte Kontordiener, welcher mich bei Herrn Kippling eingeführt hatte, aus dem Hause und sagte dem Fabrikarbeiter, der Herr Oberst bewillige ihm eine Audienz. Der Mann nahm das Kind an die Hand, und auf das Kontor zugehend, kehrte er sich noch einmal um und schoß einen Blick boshaften Triumphes auf Herrn Bürger, welcher aber bereits von dem Gitter zurückgetreten war und so diese Manifestation nicht wahrnahm. Ich folgte ihm und fragte: »Wer war der Mann?« »Ein liederliches Subjekt, ein Branntweinlump erster Sorte, ein Halunk, wo ihn die Haut berührt, mit einem Wort, der Fabrikler Zündt.« Nachdem Herr Bürger dann eine Weile schweigend neben mir hergegangen, brach er plötzlich in helles Lachen aus. »Was kommt Euch so lustig vor?« »Was mir so lustig vorkommt? Rechne, die Geschichte von vorhin, mein Bester. Man ist doch ein großer Narr, wenn man sich's beikommen läßt, den Engel spielen zu wollen. Der Teufel gewinnt ja doch immer das Spiel – 's ist kla–ar.« »Verstehe Euch nicht.« »Schad't nichts. Aber ich will Euch was sagen. Auf den Fall hin, daß Ihr am nächsten Sonntag aufgelegt wäret, Euch wieder eine Selbstpredigt zu halten, will ich Euch einen kapitalen Text dazu geben.« »Laßt hören.« Es ist ein guter Text vom alten Dr.  Martin Luther, und er lautet: ›Die Welt, Bauer, Bürger, Adel sind doch des Teufels, außer daß Gott ihrer Wenige in einen Fingerreif fasset; der andere Haufen bleibt wohl Kieselsteine, wie sie sind, damit der Teufel ein Pflaster machet und darauf zur Hölle rennet‹ – Guten Morgen, Herr Hellmuth.« Drittes Kapitel Eine Stunde musikalischer Träumerei im Gartensaal. – Erscheinung des genius loci . – Julies Park. – Leidenschaft und Passionen. – Die dritte Überraschung unter Herrn Kipplings Dach. – Schwester und Bruder. – Herr Kippling junior. Als mich Herr Bürger verlassen hatte, ging ich nach dem Pavillon zurück, in der Absicht, in mein Zimmer hinaufzusteigen und einen recht guten Brief an Isolde zu schreiben. Aber es stand in den Sternen oder sonstwo geschrieben, daß ich heute nicht dazu kommen sollte. Indem ich nämlich an dem Portikus des Pavillons vorüberging, bemerkte ich zufällig, daß die auf die Vorhalle herausgehende Flügeltüre des schönen Saales, welcher das Erdgeschoß einnahm, offen stand. Geschah es nun aus Neugierde oder geschah es »in Gedanken« – das Seltsame, was in der soeben von mir mit angesehenen Begegnung Bürgers mit dem Fabrikarbeiter lag, gab mir zu denken – genug, ich stieg die Stufen hinan und trat in den hallenden Saal. Hallend nenne ich ihn, weil das Geräusch meiner Tritte auf dem spiegelglatten, zierliche Arabesken formierenden Parkett in der halbbogenförmigen Wölbung des Plafonds widerhallte. Ein geschickter und üppiger Pinsel hatte Decke und Wände des großen, eirunden Gemaches mit orientalischen Landschaften und Lebensbildern geschmückt, unter welchen letzteren mir zwei Gruppen, tanzende und badende Hindumädchen, durch ihre kecke Behandlung auffielen. Dem Eingang gegenüber öffneten sich drei große, bis auf den Boden herabreichende Bogenfenster auf eine Veranda, von welcher aus eine breite Treppenflucht an den See hinabführte. Am Fuße der Treppe schaukelten sich zwei kleine, äußerst zierlich gebaute und bemalte Barken auf dem Wasser wie in einem Hafen. Denn der See bildete hier eine kleine Einbuchtung. Die schweren dunkelroten Seidengardinen, welche die Fenster großenteils verhüllten, ließen in dem Saal nur eine anmutig heimelige Dämmerhelle aufkommen. An den beiden Enden des Raumes standen in Nischen breite orientalische Diwane von Rosasammet, mit Tigerfellen davor, und in der Mitte auf einem großen türkischen Teppich ein kostbarer Flügel. Der Deckel war zurückgeschlagen, und auf dem Notenhalter befand sich ein offenes Musikheft. Zur Seite lagen ein Paar Damenhandschuhe und ein kleiner Sonnenschirm von weißem Atlas auf dem Instrument, als wäre die Eigentümerin soeben von dem prachtvoll gestickten Taburett aufgestanden, welches vor dem Flügel stand. Als ich das erwähnte Zubehör einer Damentoilette gewahrte, wollte ich mich zurückziehen. Aber ein weiterer Blick überzeugte mich, daß weder eine Dame noch sonst jemand außer mir in dem Saale sich befand, und so unterließ ich den Rückzug. Die Wahrheit zu sagen, das Instrument lockte mich. Es war lange her, seit ich keine Klaviatur mehr berührt hatte, und nachdem ich mein Bedenken, ob ich wohl keine Indiskretion beginge, mit der Tatsache meines Alleinseins beschwichtigt hatte, setzte ich mich vor den Flügel. Das aufgeschlagene Musikheft wies eines jener heutzutage gang und gäben Salonstücke, deren Leere sich hinter Seilgaukelei versteckt. Unsere ihrem innersten Wesen nach musikalisch unproduktive Zeit schafft, nein, macht eine Masse solcher Dinger, in welchen eine auf die Folter gespannte Technik statt des Schönen nur Verkünsteltes oder geradezu Fratzenhaftes liefert. Ich versuchte einige der verzweifelten Läufe zu spielen, fand aber, daß dazu meine Finger lange nicht lang und gelenkig genug wären. So holte ich denn aus meinem Gedächtnis einige jener guten alten Themata von Gluck und Mozart hervor, welche die Lieblingsstücke meiner geliebten Mutter gewesen waren, und spielte sie durch. Darunter war besonders eins, das die Mutter vor allen anderen gern gespielt hatte. Ich erinnerte mich einer glücklichen Stunde, wo sie dabei von Isolde auf der Harfe begleitet worden war, und mich in die seelenvollen Klänge versenkend, sah ich wieder das teure Mädchen vor mir, wie es in der ganzen Anspruchslosigkeit seiner angeborenen Grazie hinter der Harfe saß, das schöne Antlitz etwas vorgebeugt und mit den seinen weißen Fingern die Saiten meisternd. So in der Vergangenheit schwelgend, vergaß ich Ort und Stunde und fuhr daher erschrocken aus meiner musikalischen Träumerei auf, als ein Händeklatschen hinter mir ertönte. Aufspringend wandte ich mich um und wäre fast an Fräulein Julie angeprallt, die nur ein paar Schritte hinter mir stand, reizend, ach, wie reizend! in ihrer eleganten Morgentoilette, ihr schalkhaftes Lächeln auf den Lippen und noch immer mit den zierlichen Händen klatschend. In meiner Bestürzung über diese plötzliche Wiedererscheinung vergaß ich ganz, daß ich vor allen Dingen meine Anwesenheit an diesem Orte entschuldigen müßte, und sagte ziemlich dämisch: »Mein Gott, mein Fräulein, wie kommen Sie –« »Wie ich hierher komme?« unterbrach sie mich lachend. »Das ist lustig! Herr Bürger würde sagen: ›Rechne, daß ich in mein Musikzimmer kommen darf, auch wenn dasselbe von einem fremden Eroberer okkupiert sein sollte – 's ist klar.‹« Trotz meiner Verlegenheit konnte ich mich doch kaum enthalten, hellauf zu lachen über die Geschicklichkeit, womit die Schöne Ton und Sprechweise Bürgers nachahmte. »In Ihr Musikzimmer, Fräulein?« »Nun ja, sofern meines Vaters Tochter den Gartensaal ihres Vaters den ihrigen nennen darf. Aber bitte, mein schöner Herr, machen Sie doch keine so schrecklich großen Augen, als wollten Sie mich damit verschlingen.« »Mein Fräulein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung. – Sie wären?« »Julie Kippling, wenn Sie nichts dagegen haben.« »Julie Kippling?« »Ebendieselbe. Sie werden doch nicht so ungalant sein, an meiner Existenz zu zweifeln? Oder doch? ... Nun, da muß ich Ihnen zum Willkomm schon meine Hand geben, damit Sie sich von meiner Wirklichkeit überzeugen können.« Und sie gab mir wirklich die allerliebste, weiche, feuchtwarme Hand, welche – war es so, oder bildete ich mir es bloß ein? – den schüchternen Druck der meinigen erwiderte. Ihre Hand zurückziehend, sagte sie: »Eigentlich, Herr Hellmuth, sollten wir einander erst kennen, wenn Sie mir, was heute vor Tische geschehen wird, durch meinen Vater vorgestellt sein werden. Ich hoffe auch, in Parenthese gesagt, Sie werden bei diesem bevorstehenden feierlichen Aktus eine möglichst zeremoniöse Miene annehmen und, wenn ich bitten darf, noch ein bißchen hölzerner dastehen als vorhin. Da wir uns aber doch schon früher in einer Gegend, wo es Gießbäche und perfide lose Steine gibt, einander vorgestellt haben –« »Ach, woran erinnern Sie mich, mein Fräulein!« »An Tage, die recht schön waren, aber – vergangen sind. Zwar noch lange nicht ganz zahm, noch lange nicht, Gott sei Dank! bin ich doch nicht mehr pensionärisch wild, und es müßte mich einer durch ganz andere Fährlichkeiten führen, als die einer Wanderung vom Gießbach bis zu der Wengernalp sind, bevor er seinen Führersold ausgezahlt erhielte.« Sie sah mich bei diesen Worten streng, fast böse an, und ihre sonst so verführerisch geöffneten Lippen waren hochmütig geschlossen, ja fast gekniffen. Erkältet trat ich einen Schritt zurück und versetzte: »Mein Fräulein, ich kenne meine Stellung in diesem Hause. Die Tochter desselben hat von dem Kommis ihres Vaters nicht zu befürchten, daß er sie auch nur durch einen Blick, geschweige durch ein Wort an eine Zeit erinnern werde, wo sie noch bloß Julie und er noch kein Kommis war.« Während ich sprach, war ihre Miene schon wieder eine andere geworden, und mit dem Lächeln, das, wie sie wohl wußte, ein unwiderstehlich verführerisches war, sagte sie: »Wenn ich König Philipp wäre und Sie der Marquis Posa, so würde ich sagen: ›Stolz lieb' ich den Spanier!‹ Aber ich bin nur ein passabel hübsches und nicht gerade einfältiges Mädchen, welches von seiner leider zu frühe verstorbenen Mutter nicht erzogen und, wie die Leute meinen, von seinem Vater verzogen wurde. Sie brauchen daher gar nicht so sauer zu sehen. Ich wollte Ihnen nur zeigen, daß ich auch weiß, was Anstand und Konvenienz ist. Zudem sind Sie nicht in mich verliebt, nicht wahr?« »Nein!« versetzte ich erbittert, denn ich fühlte, daß ich von vornherein alles aufbieten müßte, um nicht ein Spielzeug dieses Mädchens zu werden. Sie lachte, und während dieses Lachens spielte der unheimliche Eidechsenzug um ihre Mundwinkel, und ihre in unbeschreiblich koketter Weise durch die halbgesenkten Lider verschleierten Augen sprühten Feuer auf mich. Schon im nächsten Moment war aber wieder alles anders an ihr. Die Grübchen der reizendsten Schelmerei erschienen abermals auf ihren Wangen, und im Tone zwanglosester, unbefangenster Munterkeit bemerkte sie: »Sie hätten mir das auch ein bißchen höflicher sagen können und nicht so bärenmäßig grimmig. Aber wenn ich nun meinerseits in Sie verliebt wäre, schöner Herr, wie dann? Besinnen Sie sich auf eine passende Antwort und, bitte, verraten Sie mich inzwischen nicht an den sehr gestrengen und hochachtbaren Herrn Bürger. Er könnte eifersüchtig werden, der gute alte Knabe; denn Sie müssen wissen, er ist in mich verliebt, ganz ungeheuer verliebt. Das ist eine Tatsache, zugleich aber auch ein Geheimnis, das Herr Bürger vor anderen und auch vor sich selber wie ein Drache hütet. Ich teile es Ihnen mit, damit Sie wissen, was Sie davon zu halten haben, wenn Herr Bürger gegen mich loszieht.« »Wie könnte er sich einfallen lassen, gegen Sie loszuziehen, Fräulein? Er muß Sie ja liebenswürdig finden wie alle –« »Männer, wollen Sie sagen? Sie haben mir vom Anfang unserer Bekanntschaft an noch nie so etwas Triviales gesagt, mein lieber Herr Hellmuth. Sie sehen, ich habe ein gutes Gedächtnis und bin aufrichtig, so aufrichtig, daß mich so ziemlich die gesamte Damenwelt hiesiger Stadt gründlich haßt. Die Männer freilich sind, wie Sie sagten, mit Ausnahme von Ew. Hochwohlgeboren, sämtlich in mich verliebt, und ich wäre manchmal versucht, darüber recht eitel zu werden, könnte ich nur des fatalen Umstandes vergessen, daß mein Vater ein Millionär ist. Schade, daß heutzutage die Goethe nicht mehr gedeihen Wollen. Wären Sie z. B. ein Goethe, so könnten Sie als Seitenstück zu ›Lilis Park‹ einen ›Julies Park‹ dichten. An Stoff würde es Ihnen wahrlich nicht fehlen: meine Menagerie ist ganz vortrefflich assortiert. Wissen Sie? ... Welch ein Geräusch, welch ein Gegacker, Wenn sie sich in die Türe stellt Und in der Hand das Futterkörbchen hält! Welch ein Gequiek, welch ein Gequacker! O, wie sie hüpfen, laufen, trappeln, Mit abgestumpften Flügeln zappeln, Die armen Prinzen allzumal In nie gelöschter Liebesqual ... Denn, mein Herr Hellmuth, die Tiere in Julies Park sind lauter Prinzen, Prinzen aus Genieland nämlich, und Sie werden heute bei Tische Gelegenheit haben, etliche Haupttiere kennen zu lernen, als da sind – wenn mir die Einladungsliste gegenwärtig ist – erstens der Herr Doktor Gaukel, ein europäischer, was sag' ich? ein Weltvirtuos, welcher die Gräfinnen und Herzoginnen, die ihn geliebt, zu Dutzenden an den Fingern herzählen kann und dem eine deutsche Fakultät den Doktorhut aufgesetzt hat, wahrscheinlich als Fallhut, auf den unglücklichen Fall hin, daß er einmal in einer seiner Verzückungen vom Klavierstuhl fallen sollte; zweitens Herr Schwarbel, ein musikalischer Heiland und Zukunftstyrann, von dem die Musiker sagen, er sei ein großer Schriftsteller, und die Schriftsteller, er sei ein großer Musiker; drittens Herr Professor Zarkle aus Schmierfeld, Vorsteher eines Spittels für invalide Köter, die früher kritisch gebellt haben; viertens Herr Schmirkli, Diakonus oder, wie wir sagen, Helfer bei Sankt Damian dahier, ein Stück hölzernen Eisens, will sagen ein liberaler Theolog, der einfältig tut wie die Tauben, aber klug ist wie 'ne Schlange und gewiß Tag für Tag bei Franken und Rappen berechnet, wieviel ich als Frau Helferin ihm zubringen könnte.« So plauderte Fräulein Julie, mit lässiger Anmut sich auf dem Diwan wiegend und mit der Spitze eines mir noch von alters her in guter Erinnerung gebliebenen allerliebst schmalen Füßchens das Tigerfell zerwühlend. Ich stand vor ihr und hörte mit Vergnügen ihren Sarkasmen zu und sah ihr mit nicht geringerem Vergnügen in die tiefschwarzen, von Laune und Bosheit funkelnden Augen. »Fünftens,« fuhr sie fort, »der große Professor Düngerling, Erfinder der berühmten Lehre, daß der Kreislauf des Lebens vom Kot ausgehe und zum Kot zurückkehre. Die alte Bibel wußte das auch schon, nur sagte sie anständigerweise Staub statt Kot. Sechstens der ›pyramidalische‹ Redakteur der ›Konservativen Hetzpeitsche‹ –« »Was? Cyrillus Chrysostomus Theophilus Rumpel – auch der?« »Freilich. Kennen Sie ihn?« »Ja.« »Ein ganz gemeiner Schuft, sonst aber ein unterhaltendes Tier, das wenigstens mit einigem Humor zu lügen versteht. Doch genug jetzt vom Tierreich! Es hat mich angenehm überrascht, Herr Hellmuth, daß Sie Musik treiben. Ich tue es auch, das heißt zuweilen, so nach Lust und Laune, wie eben, sagen die Leute, Julie Kippling alles zu treiben pflegt. Vorigen Sommer trieb ich das Reiten mit Leidenschaft und hätte dabei ums Haar den Hals gebrochen. Diesen Sommer über denke ich das Schwimmen zu kultivieren. Was für eine noble Passion dann an die Reihe kommen mag, wollen wir dahingestellt sein lassen. Übrigens, Herr Hellmuth, was halten Sie von Passionen?« »Die Leidenschaft, mein Fräulein –« »Die Leidenschaft? Bah, mein Herr, es gibt dermalen keine Leidenschaft mehr, es gibt nur noch Passionen, und das ist bequem, denn damit kann man jährlich oder monatlich oder wöchentlich wechseln wie mit Toilettemoden. Was halten Ew. Hochwohlgeboren von der Passion der Liebe?« Sie ließ mir wieder keine Zeit, die Frage zu beantworten, sondern mit einer komischen Modulation ihres biegsamen Organs, dessen Ausdruck so veränderlich war wie der ihrer Züge, deklamierte sie: »Die Gräfin spricht wehmütig: ›Die Lieb' ist eine Passion!‹ Und präsentieret gütig Die Tasse dem Herrn Baron.« Und mich mutwillig anlachend, setzte sie hinzu: »Sie spielten vorhin so schwermütig elegische Variationen. Das Thema hieß wohl Frau Ziegenmilch, nicht?« »Nein. Es war ein gutes altes Thema, welches meine teure Mutter oft und gern gespielt hat.« Fräulein Julie fixierte mich scharf und sagte dann in possenhaftem Ton: »Ihre Mutter, Herr Hellmuth, muß eine schöne Frau sein.« »Sie war schön und gut, ein Herz ohne Falsch. Sie ist tot.« »Sie haben Ihre Mutter sehr geliebt, Herr Hellmuth?« »Ich liebe sie noch.« »Über Tod und Grab hinaus?« »Immer!« Fräulein Julie senkte die Augen, eine Wolke flog über ihre Stirne hin, und nach einer nachdenklichen Pause sagte sie: »Es muß schön sein, eine Mutter zu haben – so ein Herz, dem man ganz, o, so ganz vertrauen kann.« In dieser Äußerung und der Art, wie sie getan wurde, lag so viel Gefühl, lag etwas wie innige Sehnsucht und verhaltene Klage, daß ich mich verleiten ließ, zu erwidern: »Es gibt solche Herzen, mein Fräulein.« Ich bereute es auf der Stelle, denn als Fräulein Julie wieder zu mir aufblickte, guckte ein Teufelchen des Spottes aus ihrem Auge. »Meinen Sie?« entgegnete sie. »Schlägt am Ende ein Herz von der fraglichen Sorte in der Brust eines gewissen Herrn Michel Hellmuth? Nun, Zeit bringt nicht nur Rosen, sondern sie prüft und probt auch die Herzen. Inzwischen bitte ich Sie, das Instrument dort als zu Ihrer Verfügung gestellt anzusehen. Sie werden mir wohl erlauben, auch dann und wann hierher zu kommen, und dann machen wir, falls es Ihnen beliebt, Musik mitsammen. Ich denke, es macht sich zweisam nicht schlechter Musik als eine Bergfahrt. Nur hüten Sie sich dabei, auf den Tasten auszugleiten, wie ich damals auf den Steinen ... Doch sehen Sie, mein Herr, da kommt mein Bruder Theodor. Ich will Sie mit ihm bekannt machen.« Tadellos angezogen, von dem hohen Hutzylinder bis hinab zu den Glanzstiefeln, ein dünnes Röhrchen mit goldenem Knopf in der Rechten, in der Linken eine brennende Zigarre, die Lorgnette regelrecht nach der Mode in den Winkel des rechten Auges gekniffen, kam ein junger Mann durch den Saal geschlendert, von dem man hätte sagen können, was Heine irgendwo von einem Minister Louis Philipps sagte, er sähe aus wie ein Schulknabe durch ein Vergrößerungsglas betrachtet. Aber es mußten allerlei Schulen gewesen sein, durch welche Herr Theodor Kippling gegangen, bedenkliche mitunter, denn sein der Form nach unreifes Knabengesicht hatte einen unverkennbaren Ausdruck von Überreife, fast von Greisenhaftigkeit, und wenn man diesen Ausdruck mit den entnervt schmächtigen Umrissen seines Unterkörpers und der vorgebeugten Haltung des schmalschulterigen Oberkörpers, endlich mit dem näselnden Organ und der schleppenden Redeweise des jungen Mannes zusammenhielt, gewann man ein keineswegs anziehendes Bild. Man konnte sich keinen größeren Kontrast denken als den zwischen dem einzigen Sohne des Hauses Kippling und der einzigen Tochter desselben. Sie strahlend von Gesundheit, Schönheit, Mutwillen und Übermut; er im ersten Mannesalter schon hinfällig, verwüstet, in den dunkel umränderten, tief in ihren Hohlen liegenden Augen einen glasigen Blick, der feig und frech zugleich war. Dumm und gemein sah indessen Herr Kippling der Jüngere nicht aus. Es lag neben deutlich ausgeprägter Sinnlichkeit auch Schlauheit in seinen Zügen, und zwar eine Schlauheit, die sich ohne Zwang das Aussehen von Kordialität zu geben vermochte, und was sein Gebaren betrifft, so bewies dasselbe, daß er in der Schule des Lebens wenigstens das savoir vivre gelernt, seit der Zeit, wo ich im Heidelberger Schloßgarten die erste Bekanntschaft mit ihm gemacht hatte. Ja, lieber Leser, das war nun schon die dritte Überraschung, die ich im Hause Kippling erfuhr. Der Sohn meines Chefs war dieselbe Person, welche damals in Heidelberg vor den Folgen einer knabenhaften Flegelei so schmählich Reißaus genommen hatte. Man kann sich also leicht denken, daß mir nicht sehr gemütlich zumute war, als seine Schwester mir den jungen Herrn vorstellte. Ihm war oder wurde vielmehr ebenfalls ungemütlich, denn die Nennung meines Namens hatte ihn ganz gleichgültig gelassen, und wahrscheinlich verhinderte ihn sein Augenglas, mich genau zu sehen. Wenigstens erkannte er mich sogleich, als bei der kleinen Verbeugung, die er mir machte, die Lorgnette seinem Augenwinkel entfiel. Ich merkte das an seinem hastigen Zurücktreten und an dem zwischen Schrecken und Wut schwankenden Blick, den er auf mich schoß. »Dieser Mensch wird mein Feind sein,« dachte ich. »Die Herren kennen sich bereits?« fragte Fräulein Julie, welcher die Bewegung des Bruders nicht entgangen war. Ich schwieg, aber Herr Theodor Kippling erwiderte mit augenblicklich wiedergewonnener Fassung: »Nein, aber Herr Hellmuth hat eine frappante, eine wirklich frappante Ähnlichkeit mit jemand, welchem ich schon begegnet sein muß, ich weiß nur im Augenblick nicht, wann oder wo.« »Hm,« sagte Julie, die, wie ich schon jetzt merkte, ihren Bruder sehr souverän behandelte, »hm, mir schien, als wolltest du vor Herrn Hellmuth davonlaufen.« »O,« gab Herr Kippling spitz zurück, »ich bin zwar nicht so heroisch organisiert wie meine Amazone von Schwester, allein ich stimme doch ganz mit ihr in der Ansicht überein, daß unser neuer Herr Korrespondent keineswegs zum Davonlaufen aussieht.« »Keinen deiner Kaffeehausspäße, wenn's beliebt!« sagte Julie hoch herab. »Späße, ma chère soeur ? Behüte Gott! Es kann niemand besser wissen, daß mit dir nicht zu spaßen ist, als dein gehorsamer Diener und Bruder.« So sprechend ging er auf mich zu, bot mir die Hand und sagte mit kordialem Ton, soweit nämlich sein Ton überhaupt ein solcher sein konnte: »Mein lieber Herr Hellmuth, ich habe soeben von meinem Vater und von Herrn Bürger, welcher Ihre Qualitäten höchlich rühmte, erfahren, daß Sie gestern in unser Kontor eingetreten sind. Erlauben Sie, daß ich Sie auch meinerseits willkommen heiße, wie, sehe ich, meine liebe Schwester ihrerseits schon getan. Wahrscheinlich hatte sie früher schon die Ehre, Ihre werte Bekanntschaft zu machen« »Wie albern!« entgegnete statt meiner Fräulein Julie. »Dein Hokuspokus, den Spieß umzudrehen, ist doch gar zu plump. Ihr beide habt euch schon früher gesehen, ich bleibe dabei, und weil ihr euch einbildet, mir etwas weismachen zu können, so entziehe ich euch sofort das Glück meiner Gegenwart.« Und halb im Ernst, halb im Scherz grüßte sie mich mit der majestätischen Handbewegung einer Königin und tanzte graziös hinweg. Herr Kippling sah ihr nach, lachte laut, als sie in der Türe verschwunden war, klatschte sich mit seinem Stöckchen die dürftige Wade, hielt dann den Knopf desselben, eine in Gold ziselierte freche Zote, an die Nase und sagte in seinen gedehnten Nasallauten: »Was doch die Weiber für einen verteufelt scharfen Blick haben! Hab' ich mich denn wirklich so – nun ja, so einfältig benommen, Herr Hellmuth, als ich vorhin Ihr wertes Gesicht plötzlich wieder erblickte?« »Nicht daß ich wüßte, Herr Kippling. Gewiß sah ich ebenso frappiert aus wie Sie.« »Ja, das Zusammentreffen war auch frappant, wennschon nicht in dem Grade, wie bei einer gewissen früheren Gelegenheit. Aber lassen Sie sich vor allem sagen, daß meine Schwester eine Zauberin ist, die es den Männern im Handumdrehen antut, wenn sie will. Ich selber, wenn ich nicht das Glück oder, wenn Sie wollen, das Unglück hätte, ihr Bruder zu sein, würde mich schon hundertmal in sie verliebt haben. Solche urbiblische oder urpatriarchalische Verhältnisse sind aber jetzt nicht mehr comme il faut , und daher kann ich Sie recht uninteressiert warnen: nehmen Sie sich vor Julie in acht oder sie wird Ihnen höllisch mitspielen. Aus dieser vertraulichen Warnung können Sie entnehmen, daß ich ein unmenschlich guter Kerl bin, und so hoff' ich, Sie werden nichts dagegen haben, wenn ich vorschlage, alte dumme Studentenschnurren vergessen sein zu lassen. Sie sind inzwischen Geschäftsmann geworden, ich bin es auch, und Geschäftsleute sehen Champagnerexzesse und ihre Folgen aus einem anderen Gesichtspunkte an als Studenten. Jener Exzeß hat mir übrigens mehr Geld gekostet als irgend ein anderer, Schmerzensgeld. Denn der ci-devant -Senior, welcher so dumm war, seine Visage statt der meinigen Ihrem Säbel hinzuhalten, und welcher jetzt als armer Teufel von Arzt ohne Patienten in einem der Seedörfer lebt, pumpte und pumpt mich bei jeder Gelegenheit an, was ich großmütig geschehen lasse .... Summa Summarum, nichts hindert uns, recht gute Freunde zu werden, um so mehr, da wir nicht allzu häufige Gelegenheit haben, uns zu sehen. Wenn ich nämlich nicht auf Reisen bin, so verbringe ich dermalen in der Regel die ganze Woche droben im Bihltal in unserem Etablissement, welches die Leute aus Artigkeit gegen uns Kipplingsruhe tituliert haben, obgleich es dort nichts weniger als ruhig hergeht .... So, jetzt hätt' ich mein Sprüchlein gesprochen und mache Ihnen den Vorschlag, ins Billardzimmer hinüber zu gehen, denn mich verlangt vor Tisch nach einem Glase Absynth, um meinen Magen aufzusteifen, der höllisch herunter ist.« Viertes Kapitel Ein Galadiner, an welchem nicht nur mehrere Berühmtheiten, sondern auch eine Fürstlichkeit teilnehmen. – Tischreden. – Eine Umarmung und eine Explosion. – Die Rotte der Zukunft und wie Herr Bürger sie charakterisiert. – Treulos wie Wind und Welle. Zu den nicht kleinsten Leiden des menschlichen Lebens gehört auch, in einem Kreise, mit dessen sämtlichen Mitgliedern man auf gleichem Niveau der Bildung steht, wenn nicht gar eine Stufe höher, zu der demütigenden Rolle eines Untergebenen, eines Dieners sozusagen verurteilt zu sein. Es bedarf entweder einer sehr gemeinen oder aber einer sehr philosophischen Gesinnung, um eine derartige Demütigung nicht zu fühlen oder aber dieselbe mit Gleichmut, vielleicht gar mit Humor zu ertragen. Der vertraute Umgang meiner Familie mit der freiherrlichen hatte mich von Kindheit auf zu sehr daran gewöhnt, die sozialen Schranken zwischen den einzelnen Gesellschaftsklassen zu übersehen. Kein Wunder, daß sie mir, als ich sie später doch sehen mußte, sehr albern und abgeschmackt vorkamen. Nur mühsam habe ich gelernt, anzuerkennen, daß in Wahrheit jeder Mensch, welcher durch was immer von dem großen Haufen unterschieden ist, sofort eine Schranke um sich her zu ziehen trachtet. Jetzt nehme ich diese Tatsache wie andere Tatsachen, die, ob auch noch so »brutal«, nicht wegzudisputieren sind, weil untrennbar mit der menschlichen Natur verbunden. Ich war noch nicht auf jenem tatsächlichen Standpunkt angelangt an jenem Sonntag, als ich aus dem Billardzimmer, allwo ich mit einem Menschen, der vorzeiten eine Maulschelle ruhig eingesteckt, eine Partie gespielt hatte, weil ich der Kommis seines Vaters war, in den Speisesaal des Herrn Gottlieb Kippling hinüberging. Das Haus meines Chefs hatte alle die luxuriöse Pracht entfaltet, um welcher willen die Galadiners eines Mannes berühmt waren, der wohl wußte, daß um Geld alles zu haben sei, Menschen und Sachen. Die Anzahl der Gäste war nicht zu groß, aber es befanden sich Berühmtheiten darunter, Berühmtheiten des Staates, der Börse, der Wissenschaft und Kunst, sogar eine europäische, Herr Gaukel mit seinen langen Haaren, von denen er so manches hatte opfern müssen, um damit die Busennadeln und Ringe seiner Anbeterinnen zu schmücken. Er trug seinen Jupiterskopf – einer seiner Schmeichler hatte ihm nämlich eingeredet, daß er einen solchen besitze – mit absolutem Selbstbewußtsein und schob die Unterlippe verachtungsvoll vor, daß er akkurat aussah, als wollte er sich in die lange Nase beißen. Ihm zur Seite nahm seine Freundin, die Fürstin von Altenkasten, die Huldigungen der Gesellschaft entgegen. Herr Gaukel reiste nämlich nie ohne die Begleitung einer Gräfin oder Fürstin. Herr Schwarbel, Mitchef der berühmten Lobassekuranzanstalt Gaukel, Schwarbel und Komp., sah, wie mir schien, etwas scheel zu der Aufmerksamkeit, welche Fräulein Julie seinem erlauchten Mitzukunftsheros widmete. Vielleicht war es aber auch nur eine geniale Zerstreuung und komponierte der Meister in Gedanken gerade an einer seiner Riesensymphonien. Herr Professor Düngerling, ein harmlos aussehender Blondkopf, bemühte sich angelegentlich, der Fürstin von Altenlasten zu beweisen, daß nicht nur die Kunst, sondern auch die Wissenschaft Glanzhandschuhe zu tragen und sich angenehm zu machen wisse, wo eine Fürstlichkeit im Spiele sei. Herr Professor Zarkle sah aus wie ein alter Mops, der sich langweilt und die Menschen haßt, weil er ihnen nicht mehr an die Beine fahren kann. Herr Diakonus Schmirkli, welcher aufs täuschendste einem Schuhmacher, aber einem mißlungenen, glich, hörte mit Ungeduld dem Herrn Cyrillus Chrysostomus Theophilus Rumpel zu und ärgerte sich augenscheinlich, daß es einen Menschen auf der Welt gäbe, der ein noch größeres Maul hatte als er selbst. Auch Damen waren da, von welchen ich aber nur zu sagen weiß, daß sie leidlich gute Toilette gemacht hatten. Fräulein Julie war ganz unbestritten die Königin des Kreises, aber sie spielte auch die Königin und hatte mich deutlich genug ihre Rolle fühlen lassen, als ihr Vater, bevor die Gäste kamen, mich ihr vorstellte. Der Herr Oberst hatte sich dabei nicht nur nicht allzu zurückhaltend, sondern im Gegenteil wieder mit einem Anflug von Güte benommen. »Ich empfehle dir Herrn Hellmuth als einen jungen Mann von Bildung, Julie,« hatte er zu seiner Tochter gesagt. »Ich hoffe, du wirst dazu beitragen, daß er in unserem Hause sich heimisch fühlen lerne.« Fräulein Julie blickte mit eisiger Kälte auf mich, wie man auf einen Gegenstand blickt, welchem man diese Ehre überhaupt nur widerfahren läßt, well man ihn zum erstenmal sieht, und mit dem Tone impertinenter Abweisung sagte sie kurz: »Ich werde mich freuen, wenn Herr Helmuth in unserem Hause die Erfahrung macht, daß es sich mit uns dummen Schweizern, wie die Herren Deutschländer uns zu nennen Pflegen, doch auch einigermaßen leben lasse.« Damit wandte sie sich hinweg, und der Herr Oberst sagte zur Entschuldigung der Unart seiner Tochter: »Sie müssen es mit den Worten Juliens nicht so genau nehmen, Herr Hellmuth. Sie ist ein launisches, ein sehr launisches Kind. Ihre Mutter starb viel zu früh, und die Väter können mit der Kindererziehung, insbesondere mit der Töchtererziehung nicht zuwege kommen. Julie tyrannisiert uns ein wenig, mich selbst, ihren Bruder, alle .... Aber,« fügte er hinzu, den Kopf etwas in den Nacken zurückbeugend, um so bequemer unter der Einfassung seiner Brille hervor seiner Tochter zusehen zu können, welche mit anmutiger Zuvorkommenheit soeben den mit seiner fürstlichen Freundin eintretenden Herrn Gaukel empfing, »Sie werden zugeben, daß es nicht gerade Schwäche ist, wenn man einem solchen Kinde manches, vieles sogar nachsieht.« Ich verbeugte mich schweigend, was der Herr Oberst als eine Zustimmung nehmen durfte; denn in der Tat, obgleich innerlichst erbost über das, was ich den herzlosen Hochmut oder die herzlose Heuchelei der Tochter des Millionärs nannte, mußte ich mir doch gestehen, daß sie prächtig war. Während Wirte und Gäste sich bekomplimentierten, schlenderte Herr Kippling junior, welcher an dieser Zeremonie keinen Anteil nahm, an der Ecke vorüber, wo ich stand und sagte gähnend: »Wie ennuyant! Wollte, das Essen begänne endlich, bevor der Absynth wieder seine Wirkung verliert.« Herr Schmirkli, dem es ungeheuer eilte, der Tochter des Hauses seine Huldigungen zu Füßen zu legen, machte sich endlich mittels einer kühnen Schwenkung von Herrn Rumpel los, und dieser kam auf mich zu, begrüßte mich mit einer Gönnermiene und sagte: »Wünsche Ihnen von Herzen Glück zu Ihrem Eintritt in dieses Haus, alter Freund. Ist das ein Boden, worauf ein kluger Mann gedeihen kann, wissen Sie? – Beiläufig, kennen Sie den Herrn Schmirkli dort? Ein fürchterlicher Schwätzer! Schwatzt einem Löcher durch den Leib, ganz wie der Kerl in der neunten Satire des Horatius, wissen Sie? Ja, und was ich sagen wollte, soll Sie schön grüßen Von Frau Lelia. Eine gute Seele, das Frauchen, etwas korpulent, aufgeblasen sozusagen von gefühlvollen Seufzern, aber im übrigen eine Rose ohne Dornen. Nicht wie die Zentifolie dort, die, wie Sie bemerken, den großen Herrn Schwarbel auf den großen Herrn Gaukel ungeheuer eifersüchtig macht ... eine kapitale Schönheit, wiegt eine Million, aber stachelig wie ein Kaktus, wissen Sie? Rat' Ihnen, kommen Sie dieser Pflanze nicht zu nahe .... Wollen Sie, daß ich Sie mit Zarkle bekanntmache? Großer Mann ... weiß auch, daß die Welt betrogen sein will, und betrügt sie daher mit Kritik, da er nichts anderes aufzuwenden hat. Will mich zum Mitarbeiter haben, zum Mitarbeiter in dem großen Feldzug gegen die Revoluzer, Antichristen und Atheisten. Wünscht, daß ich in das von ihm organisierte kritische Nachtwächterkorps eintrete, bietet enormes Honorar, wie Herr Ziegenmilch sagen würde. Habe aber keine Lust zu dem Ding, will demnächst, wenn's mit der ›Konservativen Hetzpeitsche‹ nicht mehr gehen sollte, ein eigenes Geschäft etablieren, wissen Sie? Erinnerte mich dieser Tage, daß ich mal ein Theologe gewesen. Will in Frömmigkeit machen. Guter Markt jetztund wieder für diesen Artikel. Sehe jeder, wie er's treibe, sag' ich mit Goethe. Warum nicht mitschwindeln in dem allgemeinen Schwindel? Es lebe der Humbug!« Ich war nicht in der Laune, dem Bummler zu antworten, und so ließ ich ihn schwatzen, bis der Herr vom Hause die Fürstin und Herr Gaukel Fräulein Julie zu Tische führte. Mein Platz war der unterste an der Tafel, und da der schweigsame Herr Egli mein Nachbar, so hatte ich vollauf Zeit, mich darüber zu ärgern. Freilich, wenn ich hätte billig sein wollen, müßte ich es ganz in der Ordnung gefunden haben, daß ich zu unterst saß; ja, ich müßte es sogar als eine nicht gewöhnliche Rücksichtnahme anerkannt haben, daß Herr Kippling seinen Kommis überhaupt zu seinem Galadiner zuließ. Ich war aber nicht billig und sogar kleinlich genug, mich insbesondere darüber zu ärgern, daß ein Mensch wie Rumpel so weit über mir saß. Man saß bereits, als Herr Bürger eintrat, für welchen ein Platz unweit dem des Hausherrn reserviert war. Er nahm denselben mit einer sehr kurzen und steifen Verbeugung gegen die Gesellschaft ein, und ich bemerkte, daß seine Laune auch nicht die beste sein mußte, denn er sprach das ganze Essen über kein Wort. Oben an der Tafel ging es fehl lebhaft und geistreich zu. Wenigstens ließ mich die Anwesenheit so vieler großer Geister das letztere vermuten. Abbekommen konnte ich indessen von der Geistreichigkeit nicht viel, da ich zu entfernt saß. Nur dann und wann drang der Schall eines dort oben gewechselten französischen Bonmots – Frau von Altenkasten sprach nur Französisch, und ihre Nachbarschaft tat es ihr nach, um doch auch vornehm zu sein – zu mir herunter, und ich konnte daraus entnehmen, daß, wie sich in Gegenwart der Zukunftsfirma Gaukel, Schwarbel und Komp. von selbst verstand, vom Kunstwerk der Zukunft die Rede war. Gegen das Ende der Tafel, als der Wirt die Gesundheit der Frau Fürstin, Herr Gaukel die Gesundheit der Tochter des Hauses und Herr Schmirkli die Gesundheit des Herrn Oberst ausgebracht und der Champagner die Unterhaltung zwangloser gemacht hatte, erhob sich eine kleine Kontroverse zwischen Herrn Kippling und Herrn Düngerling. »Ich kann mir Ihre Doktrin schon gefallen lassen, mein lieber Herr Professor, denn sie ist im ganzen genommen praktisch,« hörte ich den Herrn Oberst sagen. »Aber was mir daran nicht gefällt, was mir unpraktisch, im höchsten Grade unpraktisch vorkommt, ist die populäre Lehrmethode Ihrer Meinungsgenossen. Die Regierungen sowohl als überhaupt alle verständigen Leute sind in unserer Zeit der Meinung, daß die Wissenschaft und insbesondere die Naturwissenschaft popularisieren nur dem revolutionären Unsinn und der Anarchie Vorschub leisten heißt. Die Köpfe der Menschen oder die Begriffe darin sind ohnehin schon verwirrt genug durch den Freiheits- und Gleichheitsschwindel, welcher aus dem vorigen Jahrhundert in das unserige herüberkam. Dem großen Haufen die Wirklichkeit der Dinge zur klaren Anschauung bringen, ihn, mit einem Worte, denkend machen wollen, heißt ihn nur unzufrieden und folglich unglücklich machen. Die arbeitenden Klassen brauchen nicht zu denken, denn das tun schon andere für sie. Das Volk braucht nicht zu wissen, sondern nur zu glauben. Wo der Unglaube einmal in die Massen fährt, da hat der Respekt, der Gehorsam, die Ordnung ein Ende. Das Volk muß Religion haben.« »Ganz recht, Herr Oberst,« stimmte Herr Schmirkli eifrigst bei. »Ganz abgesehen von der praktischen Wahrheit, daß es den höchsten Grad von politischer Verkehrtheit verriete, dem Volke den Trost seiner religiösen Überzeugungen nehmen zu wollen, ist auch unter einem höheren Gesichtspunkte das neueste Vorgehen der materialistischen Schule verwerflich. Alle ideellen Triebe der Menge fassen sich ihr in der religiösen Formel zusammen –« »Das hat, entschuldigen Sie, Herr Helfer,« unterbrach Herr Rumpel mit lärmender Unverschämtheit den Sprecher, »das hat vor Ihnen schon der fromme Poet Zacharias Werner gewußt, als er sagte: Was dir der Glaube an dein Ideal, Das ist dem Volk sein Heiland und sein Fetisch.« Herr Düngerling würdigte weder den Redakteur der »Konservativen Hetzpeitsche« noch den Helfer von Sankt Damian einer Antwort, sondern adressierte seine Worte an den Millionär. »Ich widerspreche Ihnen gar nicht, mein teurer Herr Oberst,« sagte er. »Im Gegenteil, ich gehe noch weiter als Sie und behaupte nicht nur: Das Volk muß Religion haben, sondern auch: Wir alle müssen Religion haben. Es kommt nur darauf an, was man unter Religion versteht. Die Theologen sagen: Religion ist der Glaube an den absoluten Geist. Wir anderen sagen: Religion ist der Glaube an den absoluten Stoff, und schon die Gegenwart gibt uns recht, denn wer glaubt noch an den Geist? Freilich nur der Gebildete, vorausgesetzt, daß er praktisch genug sei, sein Dasein bequem und schön zu gestalten, kann mit Resignation wissen, daß des Lebens Kreislauf im Stofflichen anhebt und endigt. Für die Masse bedarf die Stoffreligion einer exotischeren Gestaltung, einer Kultform, welche das Knochengerüste der strengen Wahrheit mit dem blühenden Fleisch der Fiktion bekleidet. Das Dogma des Materialismus, welches wir verkünden, muß sich eine Mythologie schaffen –« »Vortrefflich, eminent!« fiel Herr Rumpel ein. »Die Religion des Stoffes bietet den Poeten und Künstlern der Zukunft vollauf Stoff zu kolossal schönen Erfindungen, Das wird ein Kultus werden, der sich gewaschen hat, und ich sehe schon die Zeit kommen, wo die Leute beten werden: Heiliger Phosphor oder heilige Kohlensäure, bitt' für uns!« »Die Sache hat aber doch nicht bloß eine scherzhafte Seite,« nahm Herr Schmirkli mit breitspuriger Wichtigkeit das Wort und hielt dann eine lange Predigt, in welcher er als echter Schleiermacherianer die widerhaarigsten Dinge kunstreich vermittelte. Der Schluß seines Votums spielte ins Mystische, indem er eine Hochzeit zwischen der Theologie und dem Materialismus aufs Tapet brachte und das wunderliche Paar mittels Novalisscher Phrasen sofort kopulierte. Der große Schwarbel hatte inzwischen seinen Genius ebenfalls auf den Gesprächsgegenstand konzentriert und beglückte uns mit einer Offenbarung desselben. Er sprach von der Kunst im allgemeinen und von allen möglichen Künsten im speziellen. Er sprach mit Wärme und Energie, und ich hatte es zu beklagen, daß ich in die Mysterien der Zukunftskunst so gar nicht eingeweiht war, denn ich verstand von der ganzen Rede des berühmten Mannes so blutwenig, daß ich, und würde es mein Leben gegolten haben, nicht hätte sagen können, ob höchste Wahrheit oder tiefster Blödsinn ihr Inhalt gewesen. Und doch hatte ich vorzeiten nicht nur den Hegel studiert, sondern sogar den Oberkonfusionsrat Germaniens, den alten Hamann, gelesen und wenigstens einigermaßen verstanden. Zu meinem Troste saßen auch die anderen, nämlich die, welche sich nicht das Ansehen tiefsinnigen und tiefinnigen Verständnisses geben wollten oder konnten, ganz dumm da, als ob der Redestrom des großen Mannes in ihren Köpfen nur jenes aus dem Faust berühmte Mühlrad in Bewegung gesetzt hätte. Herr Kippling senior runzelte die Stirne und zog die Mundwinkel nieder. Herr Kippling junior gähnte hinter der vorgehaltenen Serviette. Herr Bürger heftete seine großen runden Augen auf den Redner, als ob er jeden Augenblick erwartete, derselbe werde plötzlich einen Purzelbaum über den Tisch hin schlagen oder sonst etwas Desperates, Ungeheuerliches unternehmen. Als der große Mann endlich zu Ende war, lief ein verlegenes Flüstern um die Tafel, welches aber Herr Gaukel nicht aufkommen ließ. Er erhob sich nämlich, schüttelte die ambrosischen Locken, blickte Jupitersblicke und hub an: »Ja, mein edler, mein trefflicher, mein großer Freund, in Ihrem Haupte steht das Kunstwerk der Zukunft in vollendeter Schönheit da. Die Bosheit elender Neider wird nur der Axtschlag des Vulkanus sein, welcher die fertige Pallas entspringen läßt. Schwingen Sie, ja schwingen Sie den mächtigen Zauberstab, der in Ihre Hand gelegt ist. Schon höre ich die Symphonien der Zukunft, auf deren Fittichen Ihr Name von Pol zu Pol getragen wird. Mich aber lassen Sie den Ruhm vorwegnehmen, der erste gewesen zu sein, der Ihren Genius erkannt und zu Ihnen gesprochen hat: Arm in Arm mit dir, fordere ich Mozart und Beethoven in die Schranken!« Sprach's mit Emphase und beugte sich zu dem Freunde hinüber, ihn gerührt zu umarmen. Aber leider wurde diese Umarmung recht häßlich gestört. Fräulein Julie saß zwischen den beiden Zukunftsheroen. Ich sah, daß ihre reizenden Hände wie spielend eine vielleicht nur zufällig vor ihr stehende Champagnerflasche schüttelten und an dem schon halbgelösten Pfropfen herumzupften. Plötzlich in dem feierlichen Moment, wo die beiden großen Freunde sich umarmten, ging höchst störsam der Schuß los. Der Schaumstrahl sprang in die Höhe und überströmte sehr respektwidrig die Gesichter der berühmten Männer, welche natürlich jach auseinanderfuhren. Das war denn doch mehr, als Fleisch und Blut ertragen konnten, ohne in Lachen auszubersten. Herr Bürger intonierte ganz pietätlos mit seinem durchschlagenden Baß ein Gelächter, das unaufhaltsam um die Tafel ging. Herr Kippling der Jüngere wieherte. Sogar Herr Egli lachte, und zwar nicht ganz leise. Zu der drastischen Komik der Szene kam noch die feinere, daß Fräulein Julie mit der unbefangensten Unschuldsmiene der Welt um die beiden Unglücklichen sich bemühte, indem sie, mit ihrem Spitzentuch hantierend, dieselben förmlich wie zwei kleine Kinder behandelte, welche sich Gesicht und Kleider besudelt haben und nun nicht wissen, ob sie darüber lachen oder weinen sollen. Es war ganz allerliebst komisch anzusehen. Der Herr Oberst hätte seine achteckigen Brillengläser weiter über die Augen herabziehen müssen, wenn man ihm nicht anmerken sollte, wie sehr ihn die reizende Bosheit seines Töchterleins innerlich ergötzte, obgleich er zuerst wieder die Fassung gewann, welche seine Eigenschaft als Wirt ihm vorschrieb. Er rückte seinen Stuhl, bot der Frau Fürstin den Arm und lud die Gesellschaft ein, draußen in der hohen kühlen Loggia, auf welche sich die Türfenster des Speisesaales öffneten, den Kaffee zu nehmen. In der luftigen, mit Marmor ausgelegten, mit Fresken geschmückten Säulenhalle, vor welcher das zauberhaft schöne Seepanorama sich ausbreitete, gruppierte man sich nach freier Wahl, und so fand ich mich mit Herrn Bürger in einer entfernten Ecke allein, von wo aus wir, durch ein Oleandergebüsch gedeckt, die Gesellschaft im Auge hatten, ohne uns weiter um dieselbe kümmern zu müssen. Die Frau Fürstin von Altenkasten tat den Herren den Gefallen, dem Kaffee die rechte Würze zu verleihen, indem sie sich von ihrem berühmten Freunde eine Zigarre präsentieren ließ und dieselbe mit großem Genuß zu rauchen begann. Die einheimischen Damen, in der Emanzipationspraxis noch nicht auf der Zigarrenstufe angelangt, rümpften über die Manifestation modernster Weiblichkeit ein wenig die Näschen und Nasen, aber die Herren waren natürlich galant genug, das große Beispiel Ihrer Durchlaucht pflichtschuldigst nachzuahmen. »Euer Humor trägt kein Sonntagskleid, Herr Bürger,« sagte ich zu meinem schweigsamen Nachbar. »Doch, mein Werter,« versetzte er. Rechne, daß ich mich schon lange nicht so amüsierte – 's ist kla–ar. Müßte ein wunderlicher Kauz sein, der nicht guter Laune wäre, wenn er eine so auserlesene Raritätensammlung von Menschenkindern vor sich hat. Ernsthafte Leute, hübsche Damen, Narren, Scharlatane, Gauner, was will man mehr? Denke, man kann die Rotte der Zukunft nicht bald hübscher beisammen haben – 's ist kla–ar.« »Die Rotte der Zukunft?« »Sagte so. Müßt blind sein, wenn Ihr nicht seht, daß alle die berühmten Leute da, die Herren Gaukel und Schwarbel, Zarkle, Düngerling und Schmirkli, sogar der Erzschelm, der Rumpel, fest überzeugt sind, die Lumpen zu sein, aus welchen das Papier der Zukunft gemacht wird.« »Ein wunderliches Bild!« »Ein passendes in unserem papiernen Zeitalter. Und in allem Ernste: alle diese Menschen bilden wirklich die Rotte der Zukunft. Diskreditieren nämlich die Gegenwart so, daß alle verständigen Menschen wünschen und deshalb auch glauben, daß eine bessere Zukunft komme – 's ist kla–ar. Seht Euch mal die beiden Berühmtheiten aus der Plateniden-Dynastie an. Schwatzen mit solcher Zuversicht von der großen Tat in Tönen, die sie tun wollen, daß Leute bereits die Sphärenmusik der Zukunft klingen hören. Der Herr Professor Zarkle dort demonstriert schon durch seine Existenz, daß unter dem Professorenhaarbeutel ganz gemeines Ungeziefer gedeihe, und zerstört durch sein und seiner Gesinnungsgenossen albernes Gebaren unter euch Deutschen allerhand Köhlerglauben. Herr Düngerling und die übrigen Apostel des materialistischen Evangeliums sind, ohne es zu wissen, die untertänigsten Handlanger bei der großen Nivellierungsarbeit, welche der Industrialismus vollbringt, um mit dem Mittelalter gänzlich aufzuräumen. Weiterhin Herr Schmirkli, der zu der Heineschen Sorte von Theologen gehört, welche heimlich Wein, viel Wein trinken und öffentlich Wasser, viel Wasser predigen – zeigt er nicht durch seine Allerweltsvermittelungstheologie kärglich die geistige Impotenz einer Gesellschaft auf, welche sich so kärglich abmüht, aus alten Flicken ein neues Kleid zusammenzusetzen? Beweist er nicht gerade dadurch die drängende Notwendigkeit, dieses Kleid aus neuem Zeuge zu schneiden?« »Und Herr Rumpel?« »Bah, das ist nur eine Schmeißfliege, welche durch ihr unverschämtes Gesumme verrät, wieviel Aas in der Gegenwart herumliegt.« »Aber – rechnet Ihr Herrn Kippling, unseren Chef, auch zur Rotte der Zukunft?« »Und wie! Er ist ein wirklicher Philosoph unserer Tage, denn er ist ein Philosoph des Geldes. Die Formel dieser Philosophie lautet nicht wie die der kartesianischen: Der Mensch denkt, also ist er, sondern: Der Mensch ist, nämlich etwas, so er hat, nämlich Geld.« »Und diese Formel soll auch ein Baustein der Zukunft sein?« »Rechne kein Baustein, aber das Fundament. Das Geld, der große Despot, nachdem er alle bisherigen Lebensmächte höhnisch lachend unter seine Füße getreten, alle Ideale mit seinem souveränen Zepter zu Boden geschlagen, wird eine so ungeheure Leere in den Gemütern erzeugen, daß sich die Menschheit, will sie nicht aufhören zu existieren, zuletzt vor sich selbst entsetzen muß. Aus diesem Entsetzen wird, ohne Zweifel unter schrecklicheren Kämpfen und Nöten als die Weltgeschichte je gesehen, eine neue Gesellschaft entspringen, eine Zukunft, wo die Menschen wieder glauben, hoffen und lieben.« »Verzeihung, Herr Bürger, daß ich so einfältig war, Euch für einen Pessimisten zu halten.« »Ach was! Die Menschen werden in Zukunft wieder glauben und hoffen und lieben aus Langeweile, aus purer Langeweile; aber auch dumm sein werden sie wie zuvor, denn die Dummheit ist das Bleibendste auf Erden – 's ist kla–ar.« »Sagt mir doch,« fuhr ich fort, auf Herrn Kippling junior weisend, der unfern von uns an der Balustrade lehnte und, so oft er die Zigarre aus dem Munde nahm, mächtig in das schöne Land hinausgähnte, »gehört auch der zur Rotte der Zukunft?« »Der? Nein. Rechne, der ist fertig. Ein Lump jeder Zoll!« »Aus dem kein Zukunftspapier zu machen ist?« »Nein.« »Was denn?« Herr Bürger sah mich durchdringend, fast mißtrauisch an. Da ich aber seinen Blick unbefangen aushielt, beugte er sich zu mir herüber und sagte flüsternd, aber nachdrücklich: »Eine Züchtlingsjacke.« Ich schrak zurück. Herr Bürger lachte und sagte: »Natürlich nur ein dummer Einfall von mir. Habe mitunter so dumme Einfälle – 's ist kla–ar.« Hier kam Fräulein Julie, ihre Tasse in der Hand, anmutig von einer Gruppe zur anderen wandernd, auf uns zu und sagte scherzend: »Ah, da sind ja die beiden Kartäuser, welche bei Tische mit unserem vortrefflichen Herrn Egli im Gelübde des Schweigens gewetteifert haben.« »Rechne, mein Fräulein, sind Herr Hellmuth und ich zu Prosaische Leute, um an genialem Geschwätze teilnehmen zu können,« entgegnete Herr Bürger kurz, fast rauh, wie er denn diesen Ton der Tochter seines Chefs gegenüber fast immer anzunehmen Pflegte. Was mich betrifft, mir lag die übervornehme Kälte, womit mich Fräulein Julie empfangen, als der Herr Oberst mich ihr vorgestellt hatte, noch schwer in den Gliedern, und fühlte ich mich daher nicht aufgelegt, freundlicher zu tun als mein Nachbar. »Herr Bürger hat wieder einmal seinen rosenfarbenen Tag, wie ich sehe,« fuhr das Fräulein fort und wandte sich zu mir mit der Frage: »Aber warum haben denn auch Sie, Herr Hellmuth, zu dem Gegacker und Geschnatter, welches wir anzuhören hatten, keinen Beitrag geliefert?« »Mein Fräulein, ich habe ja nicht die Ehre, zur Menagerie zu gehören.« Fräulein Julie hätte nicht Fräulein Julie sein müssen, wenn sie bei dieser deutlichen Anspielung auf eine ihrer Äußerungen im Gartensaale verlegen oder gar rot geworden wäre. Sie lächelte bloß und sagte: »Wie unartig! Und doch hätte ich ein galanteres Bezeigen von seiten der beiden Herren verdient, welchen speziell zu Liebe ich, weil ich sah, wie sie sich langweilten, bei Tische einen so hübschen Knalleffekt in Szene setzte. Da sieht man wieder recht deutlich, daß Undank der Welt Lohn ist. Was aber die Menagerie angeht, so soll mich weder Undank noch sonst etwas hindern, zu wissen, daß wenigstens einer der stolzen Herren« – hier sah sie Herrn Bürger so schalkhaft zärtlich an, daß mich etwas wie Eifersucht anwandelte – »in derselben installiert ist, und zwar in der Abteilung der Bären. Sehen Sie, meine Herrschaften« – dies sprach sie im täuschend nachgeahmten Tone eines Menageriewärters – »hier ist zu sehen der graue amerikanische Bär, the grizzle bear aus dem Felsengebirge, ein sehr wildes und furchtbares Tier, übrigens ein wohlkonserviertes Exemplar. Obwohl schon lange gefangen, ist er doch keineswegs völlig gezähmt, geht aber als echter Republikaner auf den Ruf Citoyen.« Damit verließ sie uns und wir hörten sie sogleich drüben der Frau Fürstin von Altenkasten über das heroische Rauchen derselben eine brillante Lobrede halten, welche die Zuhörer nach Belieben für eine solche oder auch für eine Satire nehmen konnten. »Ein wunderbares Geschöpf!« sagte ich. Herr Bürger sah mich spöttisch an und versetzte: »Rechne, Euch gelüstet nach einem Käfig in der besagten Menagerie – 's ist kla–ar.« Dann legte er sich in seinen Stuhl zurück, verschränkte die Arme, zog die Brauen finster zusammen und murmelte: »Falsch wie Aprilsonne! Treulos wie Wind und Welle!« Fünftes Kapitel Besuch in der Residenz einer Königin. – »Ist der Lauf der Fabrikwelt so«. – Eine Erinnerung an Dante. – Von einem mutterlosen Kinde, welches seinen Vater nicht kannte. Der Strom, welcher die Stadt durchfließt, nimmt unterhalb derselben die Bihl auf, einen Fluß, der aus einer längs des linken Seeufers sich hinziehenden Voralpenkette hervorbricht, nach Art solcher Bergwasser ein reiches Geschiebe und Gerolle mit sich führend und zuzeiten, wenn es im Gebirge gewittert hat, mit wildem Brausen trübe Fluten über sein steiniges Bett hinausschleudernd. Doch nur droben in den Hochtälern, der Heimat ihrer idyllischen Jugend, sind der Bergtochter solche extravagante Launen noch gestattet. Denn weiter abwärts hat die große Kulturmissionärin, als welche man die Industrie immerhin wird gelten lassen müssen, den Unband gebändigt und seine Kraft der Philosophie des Geldes dienstbar gemacht. Der letztere Ausdruck gehört Herrn Bürger an, in dessen Gesellschaft ich am letzten Tage meiner ersten im Kipplingschen Kontor verbrachten Arbeitswoche das Bihltal besuchte. Bei der Schönheit des Morgens hatten wir vorgezogen, unseren Ausflug zu Fuß zu machen, und waren etwa eine Stunde lang auf der Höhe der Nebengelände am See hingewandelt, um uns dann rechter Hand ins Tal hinabzuwenden. Die Straße – kein Land Europas hat ein so reiches, bis in die kleinsten Weiler ausgezweigtes und so sorgfältig unterhaltenes Straßennetz wie die regenerierten Kantone der Schweiz besitzen, von welcher Lakaien schreiben und Dummköpfe glauben, daß sie das Land der Unordnung und Anarchie sei – die Straße lief durch einen schönen Buchenwald hin, durch dessen grüne Gründe der Fluß rauschte, während Amseln, Drosseln und Finken um die Wette schlugen. »Das ist doch ein ander Ding, als auf dem Schreibbock vor dem Pult zu hocken,« sagte ich wohlgelaunt. »Mir ist ganz idyllisch, jugendlich törichtleicht, ich möchte sagen Eichendorffisch zumute.« »Rechne, es wird bald anders kommen,« entgegnete mein Begleiter. »Wird nicht lange dauern, die Eichendorffsche Morgenlyrik – 's ist kla–ar. Wartet nur, bis wir um die Biegung der Straße dort herum sind, wo sich der Wald lichtet. Wird bald ein ganz anderer Singsang anheben als der da, welcher übrigens, genau angehört, doch auch nur eine dudeldummlige Wiederableierung einer alten langweiligen Leier ist.« »Barbar!« »Ei was! Rechne, ist mir die sogenannte Naturschwärmerei zuwider ... alle die stereotypen Os und Ahs zu einem gefühlseligen Brei gekocht, Müßiggänger damit aufzupäppeln. Was ist auch an dem ganzen Zeug, an der Natur und ihrer Schönheit? Etwas mehr oder etwas weniger Gras und Laub, etwas mehr oder etwas weniger Steine und Berge, etwas mehr oder etwas weniger Wasser, Wald, Schnee und Eis – das ist die ganze Geschichte. Nicht der Mühe wert, sich darüber zu erhitzen – 's ist kla–ar. Ja, wie gesagt, ist mir das Quinkelieren von der Natur zuwider und hat mich der Lessing immer sehr gefreut, daß er mal so einem Naturkerl, der ihm während des Spazierengehens seine grasgrünen Frühlingsgefühle vorleierte, trocken sagte, er, der Lessing, wollte, 's würde statt immer und ewig grün mal rot frühlingen .... Im übrigen, wenn Ihr vorhabt, in diesem Sommer 'ne Bergtour zu machen, rat' ich Euch, steigt von der Pfäfferser Schlucht ins Kalfäusertal hinauf, welches sich zwischen dem Monteluna und dem Kalanda öffnet und den Sardonagletscher, aus welchem die Tamina kommt, zum Schluß hat. Prachtvolle Wildnis! Grassieren dort noch nicht die sechseckigen Engländer. Hasse sie. Das niederträchtigste Heuchlerpack, welches die Erde trägt – herzenshart, hochmütig, borniert, innerlichst kalt für alles, was über Maschinen, Baumwollenballen, Steinkohlen und Pfundnoten hinausgeht. Habe gesehen, wie sie in Ost- und Westindien wirtschaften, diese Praktiker, welche die Woche über die ganze Menschheit betrügen und Sonntags dem Herrgott was vorlügen. Schnödes Volk! Verleidet einem anständigen Menschen sogar Dinge, wie der Vierwaldstätter See und das Berner Oberland sind – 's ist kla–ar.« Das war nun wieder recht Hannsbürgerlich gesprochen, denn die Rede barg unter allerhand krausen und maßlosen Wendungen doch nur den regen Naturfilm, welcher den guten Pessimisten heimlich beseelte. Ich konnte ihm das nicht mehr beweisen, denn wir hatten inzwischen den Waldsaum erreicht, und Kipplingsruhe lag vor uns. In der Tat, das war eine übel angebrachte Artigkeit, diesem Etablissement oder vielmehr diesem gewaltigen Komplex, von Etablissements den erwähnten Namen zu geben. Ein dumpfes Brausen, dessen monotone Intensivität die Nerven seltsam affizierte, kündigte schon von ferne eine Residenz der Königin Industrie an. Beim Näherkommen unterschied das Ohr in diesem Gebrause und Gedröhne die verschiedenartigsten Einzeltöne, vom stoßweisen Gepufte der Dampfmaschine bis hinauf zum grellen Hammerschlag auf klirrende Metallplatten. Aus kleinen Anfängen war das Etablissement zu einem Umfang angewachsen, daß es den Raum einer kleinen Stadt bedeckte. Der Fluß, gedämmt und kanalisiert, reichte, obgleich die Triebkraft seiner Strömung durch Anwendung von Turbinen verstärkt war, nicht aus, die sämtlichen Werke in Bewegung zu setzen, und man hatte der Wasserkraft die Dampfkraft zugesellen müssen. Es war da eine Spinnerei, eine Weberei, eine Eisengießerei und eine Maschinenbauwerkstätte, alles in großartigen Dimensionen angelegt, ohne eine Spur von Symmetrie, geschweige von architektonischer Schönheit, aber zweckmäßig, praktisch, geschickt ineinander greifend. Ein halb Dutzend riesenhafter Schlote überragte die zerstreuten Gebäulichkeiten und schickte Rauchmassen in die Höhe, welche bei stiller Luft wie heute, als eine blaugraue Wolkendecke über dem Ganzen hingen – der Baldachin über dem Throne der Königin Industrie. Als wir den Kanal da, wo dessen Wasser wieder in das Flußbett einmündete, mittels einer Bohlenbrücke überschritten hatten, lenkte mein Begleiter unsere Schritte auf ein kleines, hübsches Wohnhaus zu, welches durch eine Gartenanlage von den Fabrikgebäuden und ihren Hofräumen getrennt war. Auf der Freitreppe dieses Hauses begrüßte uns mit fast übertriebener Höflichkeit eine Frau von mittleren Jahren, deren Hauskleid Anspruch auf Eleganz machte und deren Züge eine deutliche Erinnerung an frühere Schönheit bewahrt hatten. Schade, daß jetzt in ihren von starken schwarzen Brauen und Wimpern beschatteten großen hellbraunen Augen etwas wie Falschheit lauerte. »Frau Regel,« Landesübliche Abkürzung für Regula. sagte Herr Bürger kurz und von der Höflichkeit der Wirtschafterin – denn diese Stelle bekleidete die Angesprochene – weiter keine Notiz nehmend »der Herr da und ich werden, wenn wir die Runde durch das Etablissement gemacht, mit Herrn Kippling zu Mittag speisen. Sorgt dafür, daß die Forellen frisch und nicht zu weich gesotten seien. Ist der junge Herr auf?« »Nein, Herr Bürger. Er hat noch nicht einmal nach seiner Schokolade geschellt und –« »Schon gut. Benachrichtigt ihn, wenn er herunterkommt, von meinem Hiersein, und daß ich ihn auf dem Bureau zu sprechen wünsche.« Frau Regel verbeugte sich tief vor meinem Begleiter, der offenbar auch hier außen, wie in der Stadt im Kipplingschen Geschäft eine sehr wichtige Person war, und wir gingen durch den Garten nach den Fabrikgebäuden hinab. »Rechne,« brummte Herr Bürger im Gehen, »wenn Herr Kippling senior in jungen Jahren so lange in den Tag hinein geschlafen hätte, wie Herr Kippling junior tut, so stünde jetzt hier wohl kein Etablissement, wo sich zweitausend oder mehr arme Teufel für das Gedeihen des Kipplingschen Hauses abmühen. Übrigens stellt der junge Mensch, als Kaufmann angesehen, schon seinen Mann. Hat sich aus einem Taugenichts von Studenten überraschend schnell in einen geriebenen Geschäftsmann verwandelt. Versteht das Geldmachen aus dem Fundament. Möchte wissen, wie's ihm angeflogen. Muß Instinkt sein, angeborener Kipplingscher Instinkt – 's ist kla–ar. Hält Ordnung hier außen, eiserne Ordnung, obgleich er den halben Tag im Bette zubringt. Fürchten ihn unsere Arbeiter wie den höllischen Satan. Ist ein wahrer Typus der jeunesse d'orée unserer Zeit. Hat das Kapital des Herzens, falls er ein solches jemals besessen, schon vor dem zwanzigsten, ja, vor dem achtzehnten Jahre verlumpt, rein verlumpt; kennt daher weder Skrupel noch Zweifel mehr, greift resolut zu, wird ein großes Licht im Tempel Mammonis werden, wenn ihn unterwegs nicht mal die Lichtschere, genannt Gesetz, zufällig ausputzt – 's ist kla–ar.« »Ihr meint?« »Meine, wollen zuerst die Gießerei und die Maschinenwerkstätten besichtigen, so's Euch beliebt. Will nur zuvor geschwind den Leuten da einige Befehle geben.« Die in Rede stehenden Leute waren mehrere Aufseher, welche Herrn Bürger unterwürfig begrüßten. Ich bemerkte überhaupt eine gewisse scheue Unterwürfigkeit in dem Gebaren sämtlicher Angestellten und Arbeiter, etwas Verstecktes, Gedrücktes, etwas geradezu Sklavenhaftes. Jeder Blick, jedes Wort, jede Gebärde der Leute gab sozusagen einen deutlichen Kommentar zu der Mitteilung meines Begleiters ab, daß Herr Kippling der Jüngere hier außen eine »eiserne Ordnung« halte. Ich fing an zu begreifen, daß ein großer Fabrikherr ein souveränerer Souverän sei als mancher kleine Fürst. Nachdem Herr Bürger, das Notizenbuch in der Hand, seine Fragen gestellt und seine Befehle gegeben hatte, gingen wir über die lärmenden Hofe und vertieften uns in die berußten, von tausend grellen Klängen widerhallenden Regionen der Eisenindustrie. »Wie gefällt Euch dieser Singsang?« fragte Herr Bürger. »Aufrichtig gestanden, ganz unverhältnismäßig weniger als der vorhin im Walde draußen vernommene,« versetzte ich. »Bitt' Euch um Entschuldigung wegen so einer ungeschäftsmaßigen Reminiszenz, aber mir kommen unwillkürlich die Verse Dantes zu Sinne: Verschiedne Laute, Worte, gräßlich dröhnend, Handschläge, Klänge heiseren Geschrei's, Wie Wut aufkreischend und wie Schmerz erstöhnend, Dies alles wogte tosend stets, als sei's Im Wirbel Sand, durch Lüfte, die zu schwärzen Es keiner Nacht bedarf, im ew'gen Kreis.« Indessen muß gesagt werden, daß ich bald Schlimmeres sehen sollte als diese dröhnenden Essen, wo weißglühende Metallströme aus dem stöhnenden Kupolofen in die Gußformen rannen, rote Metallklumpen unter den Schlägen der Dampfhämmer Funken sprühten, mächtige Metallzylinder glatt gedreht, große Eisenplatten gewalzt und gehobelt wurden, wo man dort den eisernen Körper eines Dampfers, hier die komplizierte Maschinerie einer Lokomotive zusammensetzen sah. Es war wenigstens etwas Mannhaftes in dem tosenden Treiben. Anders gestaltete sich die Szene, als wir in die Region der Baumwolle hinübergingen und den Prozeß dieser Industrie vom ersten bis zum letzten Stadium mit ansahen. Schon der entsetzliche Dunst in diesen Sälen und Korridoren mußte das Herz zusammenschnüren. Und diese weißen Sklaven, entnervt durch den beständigen Aufenthalt in einer Dampfbadatmosphäre, versumpft durch das ewige Einerlei einer maschinenmäßigen Arbeit; diese armen Kinder mit den gelben oder bleichgrauen Gesichtern, verdammt, tagüber eine unerbittliche Maschine zu bedienen und dann abends vielleicht noch einen Weg von einer Stunde oder sogar von zwei zurückzulegen, um ihr ärmliches Lager zu erreichen; diese bleichen, hektischen Frauen, von morgens sechs Uhr bis abends sieben Uhr an die Maschine gebannt und daneben noch mit dem Fluche beladen, ein skrofulöses Geschlecht fortpflanzen zu müssen – o, wahrlich, groß ist Königin Industrie und ihrer Herrlichkeit ist kein Ende! In einem der Spinnsäle zwischen zwei Reihen von Spinnstühlen hingehend, bemerkte ich an einem derselben den rotnasigen Zündt, dessen verfallene Gestalt um so unerquicklich deutlicher auffiel, als er nur Hemd und Beinkleider anhatte. Als wir an ihm vorüberschritten, wandte er, seinen Spinnstuhl zurückrollen lassend, den Kopf um und warf meinem Begleiter wieder so einen boshaft frechen Blick zu wie am vergangenen Sonntag. Herr Bürger würdigte ihn aber keines Gegenblickes. Nachdem mich in der Gluthitze des Schlichtesaals fast eine Ohnmacht angewandelt hatte, betraten wir den großen Webesaal, wo an fünfhundert Stühle »neuester Konstruktion« in Tätigkeit waren, mit rasender Geschwindigkeit ihre Schifflein hinüber und herüber schießend und ein furchtbares Getöse verursachend, das mit seiner schrecklichen Monotonie das Trommelfell zu zerreißen drohte und die Seele betäubte. Mitten in diesem Katarakt von Maschinenlärm gewahrte ich das junge Mädchen, das Gritli, welches einen der Webstühle zu bedienen hatte. Das schöne Kind hielt seine großen, dunklen, schwermütigen Augen ängstlich auf die Maschine gerichtet und schaute nicht auf, als wir vorübergingen. Es drängte mich, still zu stehen und der armen jungen Sklavin ein freundliches Wort zu sagen, aber man hätte mit der Stimme einer Kanone sprechen müssen, um hier verstanden zu werden. Als wir den Saal verlassen hatten und den Gang zur Türe des Webergebäudes hinabgingen, sagte Herr Bürger: »Rechne, das Gritli Zündt ist Euch aufgefallen. Ihr findet das Kind schön und interessant?« Ich nickte bejahend. »Andere Leute finden es auch, mein Lieber. Kenne das. Weiß, wie's kommen wird. Noch ein paar Jährchen, wenn's gut geht, und die Blume wird gepflückt, zerpflückt und in den Kot getreten werden. Ist der Lauf der Fabrikwelt so – 's ist kla–ar. Aber was seht Ihr mich denn so erschrocken an? Unschuldige Seele, die Ihr seid! Kennt Ihr das Los junger Fabrikschönheiten nicht? Habt doch wohl auch schon von einem großen Industriellen reden hören, der seine kleinen Privatvergnügen recht sinnreich mit der Geschäftspraxis zu verbinden wußte. Hörte von Leuten, die es wissen können und müssen, daß der fragliche Spinnerkönig selbst seine Schäferstunden lukrativ zu machen versteht, indem er den zu besagten Stunden gepreßten jungen Arbeiterinnen die vertändelte Zeit am Fabriklohn abzog.« »Sagt, daß Ihr lügt, um Himmels willen!« »Rechne, seid der erste, der zu sagen wagt, Hanns Bürger lügt. Will's Euch aber hingehen lassen, weil ich sehe, daß Ihr angegriffen seid – 's ist kla–ar.« Ach ja, ich war angegriffen. Der Staub, der Dunst, der üble Geruch, das fürchterliche Getöse da drinnen, die verkümmerten Maschinensklaven und -sklavinnen, endlich die schreckliche Andeutung Bürgers – das alles machte mir das Herz brennen und den Kopf schwindeln. Ich habe meine Eindrücke hier wiedergegeben, wie sie damals waren. Selbstverständlich konnte es aber im Verlaufe der Zeit nicht ausbleiben, daß ich dazu kam, neben der Schattenseite des Industrialismus auch die Lichtseite zu sehen. Der Industrialismus ist trotz alledem der gewaltigste Hebel der modernen Kultur, er wird den absoluten Staat wie die absolute Kirche aus ihren Angeln heben. Der unaufhaltsam vorschreitende Fuß dieses eisernen Riesen, in dessen Brust als Herz eine Dampfmaschine Pocht, tritt Thron und Altar zu Boden und stampft, wie den mittelalterlichen Feudalismus, so auch den »ewigen« Fels Petri nieder. Allerdings arbeitet er zunächst dafür, an die Stelle der zwei alten privilegierten Stände einen dritten, die Bourgeoisie, zu setzen; allein der dritte Stand muß unbedingt den vierten zu sich heran-, zu sich heraufziehen, weil beide durch die stärksten Bande miteinander verknüpft sind, durch die Arbeit und durch das Interesse. Ohne Arbeit kein Kapital, ohne Kapital keine Arbeit. Die Arbeiter mögen wohl darauf achten, daß unter den Aufhetzern, welche den Krieg gegen das Kapital predigen, die giftigsten Feinde aller humanen Zivilisation, die Pfaffen, mit in erster Linie stehen. Diese Aufhetzerei ist übrigens bekanntlich in unseren Tagen ein förmliches Gewerbe geworden, von welchem eine Bande von Tagedieben und Nichtsnutzen – verbuhlte alte und junge Vetteln von Gräfinnen und »Bürgerinnen« befinden sich auch darunter – lebt, und zwar wohllebt. Diese schlecht maskierten »Apostel des Evangeliums der Arbeit« säen und ernten nicht, und dennoch werden sie ernährt, sehr bequem und reichlich ernährt durch die gutmütige Dummheit der armen Arbeiter, welchen sie ihren sozialistischen und kommunistischen Blödsinn vorschwindeln. Ein Hauptagitations- und Beschwindlungsmittel, womit die Schufte hantieren, ist die gemeinste Volksschmeichelei, auf die niedrigsten Instinkte und verwerflichsten Triebe der bildungs- und urteilslosen Menge berechnet. Wäre das Volk weise, so müßte es in diesen seinen Schmeichlern seine schlimmsten Feinde erkennen und hassen. Das Kennzeichen des wirklichen Volksfreundes ist, daß er allzeit ebenso sehr für die Rechte des Volkes eintritt und einsteht, als er dem Volke seine Pflichten klarzumachen und einzuschärfen sucht. Ware das Pflichtbewußtsein in den Kreisen der Arbeiter und insbesondere auch der Fabrikarbeiter so klar und lebendig, wie es leider vielfach nicht ist, so würden sie wissen, daß Spiel, Trunk und andere Liederlichkeit nicht die Mittel sind, die Lage eines Menschen zu verbessern, und daß überhaupt vor allem die eigene Kraft eingesetzt werden muß, so ein Mensch vorwärts kommen will. Kein Opfer soll der Gesellschaft zu groß sein, um dem Arbeiter von Kindheit auf die volle Gelegenheit zu bieten, sich zu unterrichten. Stiftet gute Schulen aller Art und übt, wo es nötig, einen unerbittlichen Schulzwang; aber den Massenschmeichlern, den Volksbeschwindlern, den sozialistischen Lugpropheten, den utopistischen Lugpoeten schlagt bei jeder Gelegenheit auf die schamlosen Mäuler, daß ihnen die Zähne wackeln. Als wir wieder draußen auf dem Hofe standen und ich wirre Blicke auf die zahllosen Fenster der Arbeitsbastille um mich her warf, sagte Herr Bürger: »Rechne, Ihr denkt wieder an den alten Dante, und meint, die Pforte dort sollte billig die Aufschrift tragen, welche der große Florentiner über dem Tor zum Inferno angebracht sah: Ich führe dich zur Stadt der Qualerkornen, Ich führe dich zum unbegrenzten Leid, Ich führe dich zum Volke der Verlornen. »Ja,« rief ich erschüttert aus, »Ihr habt recht. Das ist die Hölle!« »Bah,« sagte Herr Kippling, welcher zu uns getreten war und meinen Ausruf mit angehört hatte. »Bah,« sagte er in seiner widerwärtig gezogenen Redeweise, »man gewöhnt sich an alles, nur nicht ans Gehenktwerden.« Ich hatte den Menschen dafür zu Boden schlagen mögen wie damals im Heidelberger Schloßgarten und verzeihe mir noch heute kaum, daß ich es nicht tat. Da die beiden Herren ein Geschäft, welches mich nicht interessierte, abzumachen hatten, begaben sie sich auf das Bureau, und ich ging nach dem Garten, um bessere Luft einzuatmen. Gerade gab die Glocke das Zeichen zur mittäglichen Feierstunde, und die Höfe wimmelten von Arbeitern und Arbeiterinnen, welche ihr Mittagsbrot zu verzehren gingen. Von schmerzlichen Gedanken bewegt, hatte ich einige Gänge durch den Garten gemacht und war am äußersten Ende desselben angekommen, als ich jenseits des eisernen Staketenzaunes, der hier an den Fluß hinablief, das schöne Gritli gewahrte. Das Kind saß ganz allein unter einem Baum auf dem Rasen, beschäftigt, einige kalte Kartoffeln zu schälen, welche nebst einem nicht sehr großen Stück Brot sein Mittagsmahl ausmachten. Da ich hinter den Fliederstauden heraufkam, bemerkte mich das Mädchen nicht sogleich, und so konnte ich sehen, wie es, während es langsam seine kärgliche Kost genoß, sehnsüchtig nach den blühenden Blumenbeeten hereinblickte, als wünschte es auch nur einmal in diesem Paradiese zu wandeln, welches natürlich für das »Fabriklervolk« ein absolut verbotenes war. Schon bei unserer ersten Begegnung hatte das Kind meine Teilnahme erregt. Schon damals, wie auch jetzt wieder, erinnerten mich seine Züge, noch weit mehr aber seine Augen, trotz ihres melancholischen Ausdrucks, an ein Wesen, welches freilich die seinigen nicht zum Melancholischblicken gebrauchte – an Julie Kippling. Das konnte freilich nur eine Phantasie sein, aber doch, fürchte ich, mochte diese Phantasie dazu beitragen, daß ich das Kind so gütig anredete, wie ich tat. Anfangs war die Kleine scheu und gab nur kurze und befangene Antworten. Nach und nach aber brachte ich sie zum Plaudern, besonders als ich die rechte Saite anschlug, indem ich sie nach ihrer Mutter fragte. Die Mutter sei tot, seit mehreren Jahren an der Auszehrung gestorben, erfuhr ich, und seither ... »Seither?« fragte ich, als das Kind innehielt, um seine Tränen abzuwischen. »Seither hab' ich niemand mehr,« sagte die Kleine langsam und mit einer Innigkeit des Tones, die mich tief ergriff. »Aber du hast ja deinen Vater.« »Den Zündt?« fragte sie mit einem halb furchtsamen, halb verachtungsvollen Blick. »Freilich. Ist er nicht gut mit dir?« »Doch, wenn er nicht trunken ist.« »Und er trinkt oft?« »Ja. Dann ist er wild.« Ich erriet leicht, was alles in dem Worte »wild« sich zusammenfaßte: Roheit, brutale Mißhandlung, Hunger, Entbehrung aller Art, das ganze Elend eines mutterlosen Fabrikkindes. Die arme schöne Kleine, mochte in meinen Blicken etwas anderes lesen, als sie ausdrücken wollten, oder auch sagte ihr jener seine Instinkt für das Rechte und Schickliche, welcher bei Kindern, besonders bei Mädchen vom Alter des Gritli, oft die Erfahrung ersetzt, daß mir die Art und Weise, wie sie sich über den Vater ausgelassen, befremdend sein müsse. Genug, nachdem sie mich eine Weile schüchtern forschend angesehen, senkte sie die Augen und sagte leise: »Die Leute sagen, und wenn der Zündt wild ist, sagt er es selber, daß er gar nicht mein Vater sei.« »Wer denn?« »Ich weiß es nicht.« Hier ertönte vorn im Garten die Stimme Bürgers: »Wo zum Teufel, Hellmuth, steckt Ihr denn? Rechne, die Suppe wird kalt und die Forellen werden zu weich –'s ist kla–ar.« »Ich komme,« rief ich zurück, zog die Börse, reichte dem Gritli ein Stück Geld durch das Gitter, und sagte: »Schaff dir dafür ein Kleidchen an, Kind, und hörst du, wenn du mal in Not bist und glaubst, ich könnte dir helfen, so komm nur ungeniert, zu mir. Ich heiße Michel Hellmuth und arbeite auf dem Kontor des Herrn Oberst in der Stadt. Gib mir die Hand darauf, daß du es nicht vergessen willst.« Die Kleine sah mich ungläubig, fast erschrocken an. Es mochte lange her sein, seit so ein freundliches Wort zu ihr gesprochen worden war. Zögernd legte sie ihre kleine Hand in die meinige, aber als ich sie drückte, rollte ein heißer Tränentropfen aus ihrem Auge über meine Finger. Eine Minute darauf saß ich dem über mein langes Ausbleiben brummenden Bürger bei Tische gegenüber. Herr Kippling, welcher sich gegen den ersten Buchhalter und Prokuraträger seines Vaters sehr dienstbeflissen benahm, tat in Verbindung mit der Frau Regel alles Mögliche, den Brummenden zufrieden zu stellen. Den Forellen, welche gerade die richtige Mitte zwischen zu weich und zu hart hielten, gelang dies endlich, worauf Herr Bürger mit einem Seitenblick auf mich eine humoristische Diatribe gegen die »jugendlichtörichte Schwärmerei des Naturkneipens« losließ. Ich meinerseits speiste mit schlechtem Appetit, denn immer mußte ich beim Anblick der uns aufgetischten Leckerbissen des Brotstückes und der kalten Kartoffeln denken, welche zusammen für einen langen Sommertag die Nahrung des Gritli ausmachten, des armen schönen Kindes, das keine Mutter hatte und nicht wußte, wer sein Vater war. Sechstes Kapitel, worin ein Buchhalter und Prokuraträger ohne Erfolg den getreuen Eckart spielt, weiterhin eine knabenhafte Anwandelung und ein Rettungssprung vorkommt, ferner sehr viel, vielleicht zuviel geküßt und endlich ein feierlicher Schwur geleistet wird. Ich hatte Ursache, mit meiner Stellung im Hause Kippling zufrieden zu sein. Arbeit gab es zwar vollauf, aber wenn der Herr Oberst von seinen Kontoristen viel forderte, so war er auch nicht karg gegen sie. Zu mir schien er eine Art von Zuneigung gefaßt zu haben, und ich wurde nach einiger Zeit mitunter in das Allerheiligste der Firma Kippling zugelassen, daß heißt zu den Beratungen, welche Herr Kippling senior, Herr Kippling junior und Herr Bürger in betreff neuer Unternehmungen und Kombinationen hielten. Ich gewann dadurch außerordentlich belehrende Einblicke in die erdumspannende Maschinerie des Handels, aber zugleich auch die trostlose Überzeugung, daß es allerdings in dieser Sphäre, gerade wie in der Sphäre der Politik, keine Moral gebe. Zum Glück für die Menschheit gibt es aber in dieser wie in jener Sphäre wenigstens eine Nemesis, wenn sie auch nicht immer erscheint, wo und wann man sie herbeiwünscht. Herr Kippling der Jüngere behandelte mich, wenn er zur Stadt kam, ebenfalls artig, mit einer Art lässiger Zuvorkommenheit. Doch blieben unsere Beziehungen nur sehr äußerliche. Was Fräulein Julie anging, so gab es Augenblicke, sogar Stunden, wo ich mir, ohne gerade ein Geck zu sein, hätte einbilden können, die Möglichkeit eines wärmeren Gefühls für mich, welche in ihrer damals im Gartensaale keckfrivol hingeworfenen Frage gelegen hatte, sei mehr als bloße Möglichkeit, und dann gab ich mich widerstandlos dem berückenden Zauber hin, welchen das verzogene Kind des Glückes auf mich übte. Allein die launische Schöne sorgte redlich dafür, daß der Traum immer wieder schnell und jach zerfloß, indem sie in ihrem Benehmen gegen mich gütige, ja fast zärtliche Annäherung mit beleidigendem Hochmut und schonungslosem Spott wechseln ließ, obgleich ich hinlänglich auf meiner Hut war, ihr keine Gelegenheit zu begründeter Demütigung zu geben. Sie freilich machte sich nichts daraus, Gelegenheiten, mich zu verletzen, vom Zaune zu brechen, und so hatte sie es eines Tages beim Mittagstisch wieder so arg getrieben, daß ich nachher auf dem Wege zum Kontor höchlich erbittert zu Herrn Bürger sagte: »Meiner Treu, ich bin es müde, die Zielscheibe dieses boshaften Geschöpfes zu sein.« »Hm,« meinte er wohlgelaunt, »rechne, die heutigen Witze des Fräuleins waren recht passabel.« »Ei was, Ihr hattet gut lachen! Sie hat Euch ja, während sie mich verhöhnte, mit zärtlichen Blicken förmlich überschüttet.« »So? Ihr seid am Ende gar eifersüchtig auf mich, mein Junge? Rechne, wäre das der Superlativ des Unsinns – 's ist kla–ar.« »Eifersüchtig? Da müßt' ich doch vorher einfältig genug sein, mir einzubilden, ich sei verliebt. Das fehlte noch!« »Nur nicht so spitzig! Sehe gar nicht ein, warum ein junger Mann von Euren Qualitäten nicht in das schöne Mädchen verliebt sein könnte – 's ist kla–ar.« »Klar ist nur, daß ich durchaus nicht zum Scherzen aufgelegt bin.« »Wirklich? Desto besser. Haben heute einen Kuriertag und gibt es, rechne ich, viel zu tun für Euch.« Das gab es in der Tat, und zwar bis tief in den Abend hinein, so daß ich Gelegenheit genug hatte, ob meiner Pflicht meinen Ärger zu vergessen. Es war ein heißer Julitag gewesen, und ich dürstete nach einem Bad im See, als ich endlich mit meiner Arbeit zu Rande gekommen. Ich verließ als der Letzte das Kontor und ging durch den dämmernden Garten zum See hinauf. Es war still auf meinem Wege. Die fallende Silbersäule des großen Springbrunnens plätscherte geschwätzig im dunkelnden Grün, und stoßweise trug die laue Abendluft das dumpfe Getöse des Straßenlebens von der Stadt herüber. Als ich aus meinem Zimmer im Pavillon zu der kleinen Einbuchtung hinunterging, wo die Barken angekettet waren, traf ich auf Herrn Bürger, welcher seine Zigarre rauchend auf einer der Stufen der Freitreppe saß und auf den dunkelnden See hinaussah. Beim Geräusche meiner Schritte wandte er den Kopf, schickte mir einen seiner durchdringenden Blicke zu und fragte kurz: »Wohin?« »Auf das und in das Wasser, wenn's Euch beliebt. Kommt mit, falls Ihr schwimmen könnt.« »Schwimmen? Rechne, ist das Schwimmen jetzt sehr Mode unter den jungen Leuten ... Apropos, Ihr kennt doch das alte Tannhäuserlied?« »Das Tannhäuserlied? Was soll's damit? Ich hört' es in meiner Jugend singen,« versetzte ich, die Kette der Barke loshakend. »Aber Ihr habt es vergessen, samt der Moral, die darin steckt – 's ist kla–ar.« »Ihr gebt mir wieder einmal Rätsel auf, lieber Freund.« »Ach nein, aber ich bin heut abend so musikalisch gestimmt, daß ich nicht umhin kann, Euch aus dem guten alten Lied etliche Strophen vorzusingen. Paßt auf! Wie Ihr wißt, hatte der edle Tannhäuser mit Frau Venus eine recht hübsche Zeit vertändelt, als er eines schönen Tages plötzlich das kriegte, was wir auf der Universität moralischen Katzenjammer nannten. Es wurde ihm ungemütlich schwül im Venusberg, wollte von dannen ziehen, der arme Mann, worauf ihn Frau Venus also ansang: ›Herr Tannhäuser, nicht sprecht also, Ihr seid wohl nicht bei Sinnen; Nun laßt uns in die Kammer gehn, Zu spielen der heimlichen Minnen.‹ Der Ritter aber setzte seinen Kopf auf und legte diesen ungalanten Protest ein: ›Eure Minne ist mir worden leid: Ich hab' in meinem Sinne, O, Venus, edle Jungfrau zart, Ihr seid eine Teufelinne.‹ Hat ihm aber nicht viel geholfen, dem armen Kerl. Es zog ihn doch wieder zum Venusberg zurück. Der getreue Eckart stellte sich ihm vergebens in den Weg. Ja, die Eckartsrolle gehört zu den undankbarsten Rollen auf dem theatro mundi . Meint Ihr nicht auch?« »Ich meine, Euer Humor macht heut abend wieder seltsame Sprünge,« gab ich zur Antwort und trat in das Boot. »Ah, rechne, das Tannhäuserlied gefällt Euch nicht – 's ist kla–ar. Wartet, will Euch ein anderes singen: Die schönen Nixen im Schleiergewand Entsteigen der Meerestiefe. Sie nahen sich leise dem jungen Fant ... aber sehe schon, Ihr wollt mit aller Gewalt ins Wasser, obgleich dasselbe, wie die Juden sagen, keine Balken hat. Denkt daran, wie es dem unvorsichtigen Burschen erging, dem Goetheschen Fischer: Halb zog sie ihn, halb sank er hin Und ward nicht mehr gesehen ... Im übrigen, geht meinethalb ins Wasser oder zu den Nixen oder zum Teufel!« »Einstweilen nur ins Wasser, mit Eurer gütigen Erlaubnis,« entgegnete ich lachend und stieß vom Ufer. Ein paar Ruderschläge brachten mich aus dem Bereiche von Herrn Bürgers Stimme. Mein Boot glitt über das Wasser der kleinen, vom Kipplingschen Garten eingefaßten Bucht und dann in den See hinaus. Dort zur Rechten, wo der Garten in einer noch einen Büchsenschuß weit in den See vorspringenden Landzunge endigte, breitete eine alte Trauerweide ihr Astgehänge über ein zierliches Badehäuschen aus, welches die Grenzmarke der ganzen Besitzung bildete. Beim Vorüberfahren bemerkte ich, daß an den Stufen, welche aus dem Badehäuschen auf der Seeseite ins Wasser herabführten, eine Barke angelegt war. Aber da die Hausbewohner öfter hierher kamen, um zu baden, achtete ich weiter nicht darauf, sondern trieb mein kleines Fahrzeug vorüber und weiter in die spiegelglatte Wasserfläche hinein. Nachdem ich mich draußen entkleidet und, um mein Boot herschwimmend mich eine Viertelstunde lang und drüber tüchtig in dem erquicklichen Element getummelt hatte, schwang ich mich wieder in das Fahrzeug, kleidete mich an und griff zu den Rudern, um noch eine Weile auf dem See herumzuflanieren, zwecklos die leichte Barke da und dorthin treibend. Die Szene war gar so schön, denn der über den Alpenkuppen aufgehende Mond übergoß den See und seine Ufer mit magischem Licht. Plötzlich kreuzte ein schwarzer Schatten den Silberspiegel, auf welchem ich herumschärmte. Es war ein Dampfer, welcher, den See herabkommend, unfern von mir daherzog und mit seinen Radschaufeln die ruhige Flut zu blitzendem Funkengestäube aufwühlte. Eine knabenhafte Lust erfaßte mich. Ich trieb mit hastigen Ruderschlägen mein Boot dem brausenden Schiff entgegen, um mich auf der wogenden Wasserfurche zu wiegen, welche der Dampfer hinter sich herzog. Dazu kam ich freilich schon zu spät, denn das Schiff fuhr mit voller Kraft dahin und ließ mich weit hinter sich. Aber indem ich die sich wieder glättende Furche kreuzte, sah ich kaum ein paar Armlängen von mir entfernt einen schimmernden Nacken der Flut enttauchen, dann eine Hand wie krampfhaft in die Luft greifen, ein wilder Angstschrei, schon halb erstickt, schlug an mein Ohr, und dann verschwand alles. »Da hat sich ein Schwimmer zu weit heraus gewagt,« sagte ich, und während ich es sagte, warf ich Rock und Schuhe von mir und stürzte mich in das Wasser. Es war dabei kein großer Aufwand von Heroismus im Spiele, denn ich war ein guter Schwimmer, dem es auch bald gelang, den Untersinkenden mit einem kräftigen Griff am Schöpfe zu fassen und nach oben zu reißen. Der Augenblick, wo ich meine ganze Kraft und Selbstbeherrschung nötig hatte, kam erst jetzt. Denn als ich, mich halben Leibes aus dem Wasser hebend, mit dem linken Arm meine leblose Beute umfaßte, bemerkte ich, daß ich keinen Schwimmer, sondern eine Schwimmerin aufgefischt, die schönste Nixe, die sich je in den Fluten getummelt. Das Mondlicht fiel auf das reizende Antlitz der Bewußtlosen, das an meiner Schulter lehnte, fiel auf Arme von vollendeter Schönheit, fiel auf den Schnee des Nackens, von welchem im Ringen mit dem Tode die Hülle des Badegewandes sich abgestreift hatte. Ich stieß einen Schrei der Überraschung, des Schreckens, des Frohlockens aus, denn ich hielt Julie Kippling in meinem Arme. Sie fest umklammernd, nur von dem einen Gedanken durchpulst, sie zu retten oder mit ihr in das feuchte Grab zu sinken, strich ich mit der Rechten aus, erreichte mein Boot, hob, das Wasser tretend, mit beiden Armen die kostbare Last in das Fahrzeug, schwang mich nach, kniete zu ihr nieder, strich ihr die Fülle der aufgelösten, wassertriefenden Locken aus dem Gesicht, richtete sie in meinen Armen auf und bedeckte ihre geschlossenen Augen, ihre bleichen Wangen und Lippen mit Küssen. Ich wollte sie ins Leben zurückküssen. Sie konnte nicht sterben! Es durfte nicht sein! Endlich, endlich, nach einigen Sekunden tödlicher Angst zuckte es in diesen herrlichen Gliedern. Ein Zittern und Beben lief darüber hin, der Busen hob sich hoch, ein schwerer Seufzer, ein tiefes Ausatmen brach aus ihrem Munde, und halb bewußtlos blickten die weit sich öffnenden Augen um sich, voll Entsetzen, ja voll Wahnsinn. »Komm zu dir, komm zu dir, Julie! Ich bin bei dir!« rief ich ihr zu und preßte sie fest an meine Brust, sinnlos, trunken, selbstvergessen. Sie stemmte, schwach abwehrend, ihre Hände an meine Schultern und sah mich an mit ihren schwarzen Augen. Es war ein zugleich berauschender und drohender Blick. Scham, Zorn, Liebe, Entzücken – das alles lag darin. »Du hast mich gerettet? Du, Michel? Du hast mich so gesehen?« stammelte sie und schmiegte sich an mich. Und dann einem leidenschaftlichen Impulse folgend, umklammerte sie meinen Nacken, und ihre Lippen preßten sich fest auf die meinen. »Du hast mich gerettet, du, du!« sagte sie wieder und lachte und weinte zugleich und überschüttete mich mit Feuerküssen. Ihre Zärtlichkeit hatte etwas Unheimliches, Konvulsivisches, Dämonisches, etwas, das mich, obgleich mir das Blut in den Adern kochte, wie geheimes Entsetzen anfaßte und mir meine Besinnung wiedergab. »Michel,« flüsterte sie, »du hast mich dem Tode abgekämpft ... Du bist ein Mann! Ich will dein Weib sein ... morgen schon, wenn du willst.« Warum ich zauderte, auch nur einen Augenblick zauderte, hastig nach dem glänzenden Preise zu greifen, um den schon soviele vergeblich gerungen und soviele noch vergeblich rangen, warum mich in der verführerischsten aller Situationen plötzlich wieder jenes dunkle Gefühl beschlich, das zu dem leidenschaftlichen Wohlgefallen, welches Julies Schönheit mir einflößte, die Kehrseite bildete, warum ich das entscheidende »ich will!« nicht sprach – ich wußte es nicht und weiß es wahrhaftig bis zur Stunde noch nicht. Freilich, in der nächstfolgenden Zeit kamen Stunden und Tage, wo ich meine Unentschlossenheit bitter bereute und mich das schalt, als was ich dem geneigten Leser in der eben geschilderten Lage zweifelsohne erscheinen werde – einen albernen Träumer und Toren. »Fräulein,« sagte ich zögernd. Sie schnellte auf und von mir zurück, wie von einer Springfeder gehoben. »Fräulein?« entgegnete sie bitter fragend. Weiter sagte sie nichts, sondern blieb nur eine Sekunde vor mir stehen, das Badegewand züchtig über die Brust zusammenhaltend und mich mit einem Blicke schneidenden Hohnes fixierend. Wären mythologische Bilder nicht allzusehr Rokoko, würde ich sagen, die Bacchantin sei mit einem Schlage zur Meduse geworden. Ich fühlte, daß ich mein Glück verpaßt hatte. »Haben Sie die Güte, mein Herr Retter, mich zu dem Badehäuschen zu rudern. Mich friert.« Indem sie dieses mit eisiger Kälte sagte, wandte sie sich nach dem Spiegel des Bootes, wo sie mit gegen mich gewendetem Rücken niederkauerte. Ich brachte die Barke in Gang, nahm dann meinen Rock, trat leise hinter die in sich Zusammengeschmiegte und deckte ihr denselben über den Rücken und Nacken. Sie ließ es sich schweigend gefallen, und da ich mein Ruder angestrengt handhabte, waren wir nach einer Fahrt von wenigen Minuten bei dem Badehäuschen angelangt. Sie flog wie ein Vogel die Treppe hinauf, aber bevor sie in der Tür verschwand, warf sie noch in befehlendem Ton das Wort zurück: »Warten Sie hier einen Augenblick!« Ich wartete gehorsam und hatte in der Tat nicht lange zu warten. Die Türe öffnete sich wieder, und Fräulein Julie erschien in Mantel und Schal oben an der kleinen Treppe. Der Mond stand noch immer am Himmel, und so konnte ich das Gesicht des jungen Mädchens sehen. Es war ernst, aber nicht gerade unfreundlich. »Meine Schwimmpassion hat ein dummes Ende genommen,« sagte sie. »Das Wasser ist falsch wie die Menschen, und der Krampf gehört zu den vielen perfiden Einrichtungen in dieser zweckmäßig eingerichteten Welt. Ich werde mich daher morgen nach einer anderen Passion umsehen. Doch das geht Sie nichts an, mein lieber Herr Hellmuth .... Haben Sie mir nicht einmal gesagt, das Andenken Ihrer Mutter sei Ihnen heilig?« »Sehr!« »Wohl. Wenn Sie ein Mann von Ehre sind, so schwören Sie mir jetzt, hier auf der Stelle, beim Andenken Ihrer Mutter, daß nie ein Laut – hören Sie? – nie auch nur ein Laut über Ihre Lippen gehen werde, welcher verraten könnte, wo und wie Sie heute Julie Kippling gefunden, dem Tode entrissen, geküßt und – verachtet haben.« »Verachtet? Um Himmels willen, Fräulein –« »Genug, genug!« unterbrach sie mich mit gebieterischer Gebärde. »Schwören Sie!« »Es bedarf des Schwures nicht.« »Schwören Sie! Ich will es!« »Wohlan, ich schwöre es!« »Beim Andenken Ihrer Mutter?« »Beim Andenken meiner Mutter!« »Gut. Ich weiß nun, Ihre Lippen werden versiegelt sein, bis ich das Siegel löse; wenn nicht für immer ... Sie sehen, mein Herr, daß ich Sie achte, und das soll mein Dank sein für Ihre Hilfeleistung ... Jetzt aber machen Sie, daß Sie heim und aus den nassen Kleidern kommen. Sonst werden Sie, fürcht' ich, Ihr Abenteuer mit einem schnöden Schnupfen bezahlen. Gute Nacht!« Am folgenden Tage erschien Fräulein Julie nicht beim Mittagstisch, und Herr Kippling teilte uns mit, seine Tochter habe in Begleitung ihres Bruders vor einer Stunde eine Vergnügungsreise nach Deutschland angetreten. Eine Woche darauf trat auch ich eine Reise an, nicht nordwärts, aber südwärts, nach Italien und Spanien, keine Vergnügungsreise, aber eine Geschäftsreise, von welcher ich erst zurückkehrte, als der inzwischen eingetretene Winter wieder dem Frühling zu weichen begann. Ende des ersten Bandes. Fünftes Buch Die Söhne Mammons Erstes Kapitel Von Deutschen, Franzosen, Engländern und Südländerinnen. – Herr Kippling der Ältere stellt an den Autor eine zarte Frage und teilt ihm, »wunderlich zerstreut«, eine überraschende Neuigkeit mit. Man hat häufig darüber geklagt, und nicht mit Unrecht, daß der Deutsche vermöge seines weltbürgerlichen Anbequemungstalentes nur allzugeneigt sei, in und ob der Fremde die Vorzüge seines Heimatlandes zu vergessen. Es möchte jedoch schwer zu bestreiten sein, daß auch unser Nationalgefühl während der letzten Jahrzehnte hinlänglich erstarkt sei, um das zerfahrene und verblasene »Ubi bene, ibi patria« entschieden nicht mehr als eine charakteristischdeutsche Maxime anzuerkennen. Der Kosmopolitismus hatte seine Berechtigung und seine Mission, gewiß. Er ja hat uns aus dem Sumpfe mittelalterlicher Spießbürgerei herausgerissen und auf die lichten Höhen einer Weltanschauung geführt, die man den Gebildeten der Nation erst dann wird verleiden können, wenn das leuchtende Dreigestirn Lessing-Goethe-Schiller vom Himmel der Kultur gefallen sein wird. Allein bittere Erfahrungen haben uns gelehrt, daß die anderen Völker wohl zur Zehrung von unseren verschwenderisch ausgeteilten Geistesschätzen, nicht aber zu Gegenleistungen bereit sind. Mit anderen Worten, wir mußten erkennen, daß die anderen keineswegs kosmopolitisch gesinnt seien und der nationale Egoismus der Fremden hat auch uns endlich fühlbar gemacht, daß wir für uns selbst zu sorgen haben. Ja, es ist bedeutend klarer geworden in den deutschen Köpfen. Man vergleiche nur die Sprache, welche zur Zeit der Halleschen Jahrbücher von den Wortführern der vorgeschrittensten Partei geführt wurde, mit der, welche denkende Patrioten – es gibt nämlich bekanntlich auch nichtdenkende und zwar eine schwere Menge – heute führen. Damals wollte ein zwar ehrlicher und wohlmeinender, aber oft geradezu hirntoller Titanismus Weltpolitik, lauter Weltpolitik machen; heute begnügt man sich, eine deutsche Politik zu wollen, und ist herzlich froh, wenn man im nationalen Fache sein gutes Auskommen findet. Schon damit ist viel gewonnen. Wir haben doch angefangen uns zu fühlen, und haben mit der Einsicht, daß wir von unseren sämtlichen Nachbarn, jenseits des Rheins wie jenseits der Weichsel, jenseits der Alpen wie jenseits des Kanals, keinerlei Förderung, wohl aber jederlei Hinderung, offene oder versteckte Befehdung zu erfahren haben, zugleich auch den Entschluß gewonnen, durch eigene Kraft etwas zu werden. Das ist freilich nur der Anfang des Anfangs, aber doch ist es besser, einmal angefangen zu haben, als zu warten, bis der zum Weltgerichte blasende Engel in Deutschland herumläuft und uns zuruft: »Ihr Deutschen, wollt ihr nicht aufstahn? Die Ewigkeit geht eben an!« Was mich betrifft, ich könnte nicht sagen, daß mir durch die Fremde das Vaterland verleidet worden wäre. Ich nahm, was ich von fremden Völkern sah, wie es eben war, ohne günstiges oder abgünstiges Vorurteil. Selbst die mir anerzogene Abneigung gegen die Franzosen, welche ich, wie die Engländer, auf einer später zu erwähnenden Reise kennen lernte, war in meinen reiferen Jahren nicht mehr nachhaltig genug, um mich dieses Volk mit den Augen eines Patrioten aus der Turnschule Jahns nur als »schnöde Franzen« ansehen zu lassen. Dessenungeachtet habe ich kein Hehl, daß persönliche Berührungen mir keineswegs Liebe einflößten, weder für die Franzosen noch für die Engländer. Ich halte sie für die gefährlichsten, weil mächtigsten Feinde Deutschlands, und persönlich ist mir die bornierte Eitelkeit jener, der bornierte Hochmut dieser im höchsten Grade zuwider. In der Tat, als Satan, der »Affe Gottes«, die Eitelkeit schaffen wollte, ist ihm ein Franzos dazwischen gelaufen, und da hatte er nicht mehr nötig jene zu schaffen. Eitelkeit, komödiantische Eitelkeit ist das Grundmotiv der französischen Geschichte. In der offiziellen Sprache heißt dieses Motiv »Glorie«, ein kokett ausgestopftes und beflittertes Ding, nach der gerade herrschenden Tagesmode so oder so angezogen. Aus Eitelkeit ermorden die Franzosen ihre Könige, aus Eitelkeit machen sie ihre revolutionären Purzelbäume, und wenn diese mißlingen, so bleiben die Gaukler im Kote liegen und beten den ersten besten Götzen an, welcher, geschwind genug bei der Hand ist, ihnen den Fuß auf den Nacken zu setzen. Dann wird ihnen zuletzt wieder die Geschichte zu langweilig, und sie heben das alte Spiel von neuem an. Es hat in Frankreich nie eine Partei gegeben, weder Legitimisten noch Konstitutionelle noch Republikaner, welche gewußt hätte, was Gerechtigkeit und Humanität ist. Deutschland mag sich vor dieser französischen Nationaleitelkeit in acht nehmen, welche sich ohne Zweifel mit jedem, auch dem verworfensten Despoten verbünden würde, wenn dadurch der Zweck erreicht werden könnte, ein Opfer, wie etwa das linke Rheinufer, auf den Altar der Gloria Vulgivaga Parisiorum niederzulegen. Dies ist, wohlverstanden! im Jahre 1857 geschrieben und zuerst 1858 gedruckt worden. Seither haben die Ereignisse meine damaligen Äußerungen nur allzusehr gerechtfertigt, und hat das Jahr 1870 insbesondere bewiesen, was für ein elender Schwindel die sozialistischen Bruderschaftsphrasen der Franzosen waren. Und dennoch lieh sich – unglaublich aber wahr! – selbst noch nach Aufbruch eines Krieges, wobei es sich um Deutschlands Sein oder Nichtsein handelte, eine erkleckliche Anzahl von deutschen Gimpeln durch diesen abgestandenen Bruderschaftsphrasenleim abermals leimen, so sehr, daß sie zuungunsten ihres Vaterlandes und zugunsten des dasselbe »bis aufs Messer« bekriegenden Frankreichs ihre alten Gimpel- und Simpellieder herleierten. In den verräterischen Refrain: »Tut den lieben Franzosen doch ja nichts zuleide!« stimmten aber bekanntlich auch noch andere Vögel emsig mit ein: vaterlandslose Juden – ich meine unbeschnittene wie beschnittene – ferner Bursche, welche im preußischen Militär oder Zivil vergeblich an- und unterzukommen versucht oder in der kaiserlichen Schwindelbude in Paris, welcher »unsere Leut« Fould, Pereire und Komp. vorstanden, ein bißchen mitgeschwindelt oder beim Plon-Plon und anderen Bonaparteschen Prinzenschaften und Prinzeßlichkeiten antichambriert hatten. Note zur 2. Auflage v. J. 1871. Wie bei den Franzosen die Eitelkeit, so entspringt bei den Engländern der Hochmut aus ihrer Ignoranz. Wie nach dem Glauben der Hindus ihre heilige Stadt Benares, so liegt nach dem Glauben John Bulls sein Land um 80 000 oder gar um 300 000 Stufen dem Himmel näher als die übrigen Teile des Erdbodens. Man würde aber irren, wollte man annehmen, solcher Glaube sei eben weiter nichts als die fixe Idee einer insularischen Bevölkerung. Es ist in diesem Wahnsinn Methode, kaufmännischer Kalkül. Da die Engländer die ganze Erde beschwindeln und ausbeuten, zugleich aber auch eine sehr fromme Nation sein wollen, so sind sie auf das sinnreiche Auskunftsmittel verfallen, alle übrigen Völker als untergeordnete Rassen, als Gojim im althebräischen Sinne anzusehen, die von Gottes und Rechts wegen der Beschwindelung und Ausbeutung durch das auserwählte Volk Englands preisgegeben seien. Ein grüngelber Faden von Heuchelei geht durch das ganze englische Wesen, von der kolossalen Heuchelei der englischen Verfassung an, unter deren Schutz etliche zwanzig Millionen Menschen daheim, etliche hundert Millionen in den Kolonien von etlichen tausend Familien ausgebeutet werden, bis herab zu der jämmerlichen Heuchelei, welche vorgibt, die beiden größten Dichter Englands, Shakespeare und Byron, seien mit der versauerten Prüderie einer einfältigen Pensionatsvorsteherin anzusehen. Wahrlich, wir Deutsche haben unsere großen Geister auch nicht auf Rosen gebettet, aber doch wäre bei uns im neunzehnten Jahrhundert nicht mehr möglich gewesen, was in England in dieser Richtung geschah. Nie hat das stolze Albion einen freieren Geist, ein edleres Gemüt, ein liebevolleres Herz besessen, als der arme Shelley war. Und diesen Mann hat die grausame Gleisnerei seiner Landsleute aufs Brutalste angefeindet, im wörtlichen Sinne mit Faustschlägen mißhandelt, verdammt, geächtet, in den Tod gehetzt .... Ich bin überzeugt, das unerbittlichste Mißtrauen gegen die vor keiner Tücke zurückschreckende englische Selbstsucht wird mehr und mehr zum Katechismus eines Deutschen gehören müssen, welcher sein Vaterland liebt und nicht mehr jung genug ist, den Köder liberaler englischer Zeitungsphrasen zu verschlucken. Italien und Spanien sind in ihrer dermaligen Verfassung nur Ruinen einer großen Vergangenheit, aber überall atmet auf diesen Ruinen der volle Hauch der Schönheit und Poesie. Beide Länder stehen in moderner Kultur gegen Deutschland unermeßlich weit zurück, aber wie ihr Unglück, so hat auch ihr schmerzliches Ringen nach Erneuung und Entwickelung etwas, was uns Deutsche sympathisch berührt. Auch wir find ja ewig Ringende und Strebende, keine in ihrem Hochmut eingemummten englischen, keine in ihre Eitelkeit eingemauerten französischen Satisfaits. Und etwas könnten wir von den Südländern lernen, die Anmut der Lebensführung, den Adel und die Würde der Persönlichkeit, auch in der äußeren Erscheinung. Weiß der Himmel, ich bin mit dem alten Walter von der Vogelweide völlig einverstanden, daß in deutschen Landen die besten Frauen daheim seien; aber als standhafter Bekenner der Religion der Schönheit muß ich doch sagen, daß die südländischen Schönen manches besitzen, um was die nordländischen durchschnittlich sie beneiden sollten. Die Französin weiß die Grazie zu affektieren, die Italienerin und Spanierin hat sie. Stundenlang hab' ich in Rom Zügen von Wallfahrerinnen zugeschaut, die aus der Campagna hereinkamen. Die nächste beste junge Bäuerin aus den Albanerbergen entfaltet in Gang, Haltung, Blick und Gebärde eine harmonische Schönheit, wie bei uns keine wirkliche oder Theaterkönigin. Weiter behellige ich den geneigten Leser mit aus meinen Reiseerinnerungen resultierenden Einfällen nicht, sondern führe ihn lieber ins Arbeitskabinett des Obersts und Kantonsrat Gottlieb Kippling, wohin ich am Tage meiner Rückkehr von jenseits der Alpen zur Erstattung eines Generalberichts berufen worden war. Nachdem ich mich meines Geschäftes entledigt hatte, sagte der Herr Oberst: »Ich war schon zum voraus durch Ihre Briefe instand gesetzt, Ihnen meine völlige Zufriedenheit mit den Ergebnissen Ihrer Reise zu bezeugen, Herr Hellmuth. Namentlich hat Ihr umsichtiges und energisches Benehmen hinsichtlich des Falliments der Firma Torti in Barcelona unser Haus vor einem sehr bedeutenden Schlag bewahrt. Die Summe, welche ich vorhin in unseren Büchern Ihnen gutzuschreiben Herrn Bürger angewiesen habe, soll Sie überzeugen, daß Sie nicht umsonst für uns gearbeitet haben. Ich hoffe, auch in Frankreich und England, wohin Sie wohl schon nach einigen Wochen gehen sollten, um eine wichtige Kombination durch Ihre Anwesenheit zu fördern, wird Ihren Eifer das Glück begleiten .... Jetzt aber von etwas anderem. Wie stehen Sie mit meiner Tochter Julie, Herr Hellmuth?« Natürlich überraschte mich diese Frage nicht übel. Ich wußte in der Tat nicht, was ich darauf antworten sollte, um so weniger, als ich Fräulein Kippling seit meiner Rückkehr noch nicht einmal gesehen, geschweige denn gesprochen hatte. »Nun?« fragte Herr Kippling etwas ungeduldig, mich unter dem Rande seiner Brille hervor scharf fixierend. »Sie sehen mich so verblüfft, Herr Oberst,« versetzte ich, »daß ich mich vergebens bemühe, den Sinn Ihrer Frage zu finden.« »Wirklich? So will ich mich denn deutlicher ausdrücken, erwarte aber, daß Sie Offenheit mit Offenheit erwidern. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich meine Tochter liebe, vielleicht zu sehr, weil ich ihre Launen gewahren ließ, ohne beizeiten dagegen einzuschreiten. Jetzt, fürchte ich, ist es zu spät dazu, denn Julies hübscher Kopf ist zugleich ein Eisenkopf, das heißt, wenn es ihr gerade einfällt, einen solchen aufzusetzen. Nun, das ist schon so, wie es ist, und ein praktischer Mann weiß, daß man mit Bedauern und Wünschen nichts gegen Tatsachen ausrichtet. Genug davon ... Es muß zwischen Julie und Ihnen, unmittelbar vor meiner Tochter Abreise nach Baden-Baden, etwas vorgegangen sein, was einen bedeutenden, ich möchte sagen einen gewaltsamen Eindruck auf sie machte. Was war es?« »Wenn Sie diese Frage in Fräulein Kipplings Gegenwart an mich richten wollen, werde ich sie vielleicht beantworten können, aber auch nur vielleicht.« »Was soll das heißen?« »Das soll heißen, daß ein Mann von Ehre nie ein angelobtes Schweigen bricht.« »Und wenn ich Ihnen, als meinem Kommis, befehle, zu reden?« »In diesem Falle werde ich auf die Ehre, Ihr Kommis zu sein, lieber verzichten als ein Tropf zu werden.« »Überspanntheiten! Unpraktisches Zeug! Wenn ich Sie nun beim Wort nähme?« »Versuchen Sie es!« Der Herr Oberst schob seine Brille über die Stirn hinauf, als wollte er sich die Rarität von Menschen, welcher ihm, dem Kommandanten von Millionen, so zu kommen wagte, mit ganzem Gesichte betrachten. Ein unbeschreiblich höhnischer Ausdruck lag in seinen Augen, welche in diesem Moment ganz auffallend an die Hohnblicke seiner Tochter gemahnten. Aber Kommandanten von Millionen sind in der Regel keine Brauseköpfe, sondern Leute von Selbstbeherrschung. Die Brillengläser senkten sich langsam wieder in ihre frühere Stellung, und mit einem natürlichen oder erkünstelten Lachen sagte mein Herr Chef: »Kommen Sie, wir wollen vernünftig sprechen und alle unpraktische Erhitzung vermeiden. Sagen Sie mir, war es Julie, welche Sie Schweigen geloben ließ?« »Ich habe Schweigen gelobt. Das muß Ihnen genügen.« »Es genügt, denn ich verstehe Sie, und so hatte ich denn nur zu sehr Grund, zu fürchten, meine Tochter habe sich kompromittiert.« »Kompromittiert?« »Nun ja, ich denke, Gottlieb Kipplings einzige Tochter kompromittiert sich, wenn sie sich zur Liebelei mit einem Kommis ihres Vaters herabläßt.« Der Stolz hatte sich nie wilder in mir aufgebäumt, als er bei dieser Äußerung des Millionärs tat. Das Blut schoß mir ins Gesicht, und mein Blick mußte kein sanfter sein, denn der Herr Oberst machte unwillkürlich eine begütigende Gebärde. »Mein Herr,« sagte ich mit so viel Ruhe, als ich aufbringen konnte, »wenn vorausgesetzt werden könnte, die einzige Tochter von Gottlieb Kippling hätte sich so weit kompromittiert, daß sie sich zu einem Kommis ihres Vaters herabließ, so entstünde noch die Frage, ob sich der Kommis seinerseits so weit kompromittiert hätte, von der fraglichen Herablassung Gebrauch zu machen.« »Sie sind stolz; Herr, und Sie führen eine Sprache, wie sie Gottlieb Kippling nicht zu hören gewohnt ist. Aber es mag sein. Praktische Leute legen auf Formen nicht mehr Gewicht, als unumgänglich nötig ist. Das Wesentliche der Sache ist: Sie lieben Julie nicht?« »Nein.« »Gut. So, wie ich meine Tochter kenne, glaubte ich ihrem Benehmen gegen Sie abmerken zu können, daß zwischen ihr und Ihnen das phantastische Ding im Spiele sei, was junge Leute Liebe nennen. Wenn ich mich getäuscht habe, desto besser.« »Herr Oberst, ich will nicht verbergen, daß es Stunden und Tage gab, wo ich glaubte, es müßte ein unermeßliches Glück sein, wenn Fräulein Kippling das von Ihnen so verächtlich bezeichnete Gefühl für mich hegte. Aber einerseits dämpfte das Bewußtsein meiner Stellung meine Wünsche, andererseits –« »Andererseits?« »Andererseits – da wir nun doch einmal in dieses zarte Thema eingetreten sind – andererseits mußte ich fürchten, daß, wenn es überhaupt möglich wäre, daß Fräulein Kippling das bezeichnete Gefühl für mich hegte, dasselbe noch viel zu flüchtiger Natur wäre, um darauf eine Zukunft zu bauen.« »Sie schmeicheln meiner Tochter nicht eben sehr. Wenn Sie sich aber geirrt hätten?« »Ich kann es nicht glauben. Fräulein Kippling ist eine zu geniale Natur –« »Ja, das ist eben der Jammer! Was haben mich Julies Genialitäten nicht schon gekostet! Wieviel Ärger, wieviel Verdruß haben mir diese Genialitäten schon bereitet! Und doch kann man dem Kinde trotz alledem nicht böse sein. Jeder Mensch hat so seine Schwäche. Die Schwäche von Gottlieb Kippling heißt Julie .... Sehen Sie, Herr Hellmuth, ich danke Ihnen für Ihre in dieser Sache bewiesene Ehrenhaftigkeit – denn ich müßte nicht die Augen eines Vaters im Kopfe haben, wenn ich nicht wüßte, daß Julie Ihnen mitunter in einer Art und Weise entgegenkam, welche anderen jungen Männern Ihres Alters völlig den Kopf verdreht hätte – ja, ich danke Ihnen für Ihre Ehrenhaftigkeit dadurch, daß ich ganz offen sein will. Ich hatte in Beziehung auf meine Tochter gewisse Absichten, ganz verständige Absichten, die aber nun, fürchte ich, so oder so durchkreuzt werden sollen. Nun, es ist mir so vieles gelungen im Leben, daß ich mich resignieren muß, wenn mir einmal etwas, freilich etwas Wichtiges, mißlingt.« Der Herr Oberst schwieg nachdenklich, er war zuletzt fast weich geworden. Wunderliche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Wäre ich nur gewiß, daß mich Julie wirklich liebte, dachte ich, in dieser Stunde könnte ich vielleicht einen glücklichen Sturm auf das Herz ihres Vaters machen. Und hatte sie denn nicht unter brennenden Küssen mir zugeflüstert, daß sie mein Weib werden wollte? Dieser Gedanke übergoß mein Herz mit Glut. Aber der schroffe Wechsel der Empfindungen, welcher meinem Verhältnis zu Julie seit seinem Entstehen eigen gewesen, blieb auch jetzt nicht aus und verschloß mir den Mund .... In späterer Zeit, als ich endlich über alle diese peinliche Unklarheit hinaus war, fand ich, daß nichts meinen Zustand, während ich in Julies Zauberkreis gefangen war, besser bezeichnete als jene Stelle am Eingang des zweiten Teils von Goethes ewigem Gedicht, wo der vom Schlafe erwachte Faust in die aufgehende Sonne schaut, um geblendet und »schmerzdurchdrungen« zurückzufahren und in die Worte auszubrechen:. So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen, Erfüllungspforten findet flügeloffen; Nun aber bricht aus jenen ew'gen Gründen Ein Flammenübermaß – wir stehn betroffen. Des Lebens Fackeln wollten wir entzünden, Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer! Ist's Lieb'? Ist's Haß? Die glühend uns umwinden, Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer?« Herr Kippling unterbrach sein und mein Sinnen plötzlich wieder mit der Frage: »Kennen Sie vielleicht die Kinder des verstorbenen Freiherrn Bodo von Rothenfluh?« »Bertolt und Isolde von Rothenfluh?« versetzte ich, über diese Frage nicht weniger verwundert, als ich es über die frühere meines Chefs gewesen war. »Ja, den Freiherrn und das Freifräulein dieses Namens,« sagte er. »Freilich. Ich bin ja mit ihnen aufgewachsen, wie man zu sagen pflegt.« »Ach ja, ich vergaß, das heißt, ich erinnere mich, daß – hm, ich bin heute wunderlich zerstreut ... Natürlich kennen Sie die Geschwister Rothenfluh ... Meine Kinder haben in Baden-Baden die Bekanntschaft des Freiherrn gemacht, an der Spielbank, glaub' ich. Der junge Herr ist, wenn ich recht gehört habe, kürzlich zum Rittmeister in seinem Regiment avanciert, nachdem er sich auf einem Feldzug gegen die Kabylen oder andere Wilde in Algier, den er als Volontär unter den französischen Fahnen mitgemacht, durch tollkühne Bravour ausgezeichnet hatte. Im übrigen sei er ruiniert und sein Gut so völlig verschuldet, daß er sich kaum noch ein oder zwei Jahre werde halten können, wenn es gut gehe. Meine Kinder haben ihn nachher in der Residenz, wo sein Regiment garnisoniert, besucht und auf seine Einladung hin auch einen Ausflug mit ihm nach Rothenfluh gemacht, in dessen Nähe auf einer Art Bauernhof – sein Name ist mir entfallen – sie auch Fräulein von Rothenfluh kennen lernten. Julie ist entzückt von dieser schönen Einsiedlerin und – nun, es könnte sich aus diesen Bekanntschaften manches entwickeln. Theodor sagt, das Schloß Rothenfluh sei zur Anlage von industriellen Etablissements wundervoll gelegen. Herrliche Wasserkraft, Arbeitslöhne sehr billig, Holz überreichlich vorhanden. Außerdem, meinem Sohne wäre es in mehrfacher Beziehung gesund, wenn er eine Frau hätte, die er respektieren müßte ... Nun, wir werden ja sehen. Der Freiherr wird demnächst zum Gegenbesuch hierher kommen und vielleicht seine Schwester mitbringen. Wir wollen gelegentlich mehr von der Sache sprechen, denn ich glaube, daß Sie mir über dieses und jenes Auskunft und Nachweis geben können. Inzwischen ruhen Sie sich aus, treffen Sie beizeiten Ihre Vorbereitungen, zu jeder Stunde, wenn es nötig werden sollte, wieder abreisen zu können. Ja, und ... apropos, ich muß Sie bitten, morgen früh Punkt zehn Uhr hierher zu kommen. Bedarf Ihrer Dienste in einer Geschäftsangelegenheit, die recht gedeihlich zu werden verspricht .... Daß im übrigen meine Tochter von unserer Privatunterhaltung nichts erfahre, brauche ich einem Manne, der so schweigen kann wie Sie, nicht erst anzuempfehlen. Adieu für heute.« Ich ging ganz betäubt hinweg. Die Geschwister Kippling hatten die Geschwister Rothenfluh kennen gelernt und daraus »könnte sich manches entwickeln«? War der Herr Oberst wirklich nur in der Zerstreuung so gesprächig gewesen oder, wenn nicht, was hatte er mit seinen vertraulichen Mitteilungen beabsichtigt? Zweites Kapitel, welches Bericht gibt, wie ein großer Spekulant in Kohlen und ein kleiner im höheren Blödsinn Geschäfte macht. Die Klagen über den Unglauben unserer Tage sind kaum gerechtfertigt. Im Gegenteil, es dürfte sich unschwer beweisen lassen, daß zu keiner anderen Zeit neben der Glaubenslosigkeit eine so unerschrocken durch dick und dünn gehende Gläubigkeit vorhanden gewesen sei. Und sonderbarerweise manifestiert sich dieser entschlossene Glaubenseifer insbesondere auf einem Gebiete, das den Todfeind von jenem als legitimen Herrscher anerkennt, auf dem Gebiete des Einmaleins. Man hat den Materialisten vorwurfsvoll mit Mephisto zugerufen: Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern; Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht; Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht ... aber das ist ein höchst ungerechter Vorwurf. Der Materialismus unserer Zeit klebt keineswegs sklavisch am Stoff – bewahre! Er operiert vielmehr oft, sehr oft mit dem puren, blanken Nichts, sofern man nämlich die Leichtgläubigkeit und blinde Gier der Menschen als ein Nichts bezeichnen will, und das Organ der Phantasie ist bei ihm nicht weniger entwickelt als bei einem Mönche zur Zeit der Kreuzzüge, nur nach einer anderen Seite hin. Seid still, ihr Herren Poeten! Eure Klagen über den Materialismus sind nur insofern begründet, als er euch Konkurrenz macht, bedrohliche Konkurrenz, und zwar, kaufmännisch zu sprechen, in eurem eigenen Hauptartikel. Ja, er konkurriert mit euch in der Erfindung, und jeder Tag liefert den Beweis, daß er euch darin weit überflügelt hat und den Markt vollständig beherrscht. Geht es noch eine Weile so fort, kann es nicht ausbleiben, daß die Firma Apoll und Komp. vor der Firma Mammon und Söhne völlig die Flagge streichen muß. »Mein lieber Herr Hellmuth,« sagte der Herr Oberst zu mir, als ich mich am folgenden Morgen in seinem Kabinett eingefunden hatte, »die Spekulation, um welche es sich handelt, ist diese. Sie wissen, das Eisenbahnfieber hat auch bei uns zulande zu grassieren angefangen und dürfte binnen kurzem seinen Höhepunkt erreichen. Der Geschäftsmann muß solche Krisen benutzen: das ist sein Recht und seine Pflicht. Wir haben in letzter Zeit mit den Papieren der Eisenbahngesellschaften, die sich bei uns bildeten, schon recht hübsche Geschäfte gemacht. Die Operation ist sehr einfach. Man zeichnet gleich zu Anfang eine möglichst große Anzahl Aktien, und wenn der Kurs auf die möglichste Höhe hinaufgeschraubt ist, wenn das Publikum von nichts mehr träumt und redet als von der Eisenbahnherrlichkeit, schlägt man sie los. Indessen hat diese Seite der Eisenbahngeschäfte bereits den ersten Reiz der Neuheit verloren und demnach auch die Aussicht auf große Gewinnste. Ich bin daher auf eine neue Idee geraten, die mir Gelegenheit geben soll, einen großen Schlag zu tun .... Wie Sie wissen, haben infolge lebhaften Fabrikbetriebs bei uns die Holzpreise bereits eine ziemlich bedeutende Höhe erreicht. Durch den Betrieb der Eisenbahn müssen die Holzpreise sofort noch beträchtlich steigen. Dies berechnend, will ich eine Steinkohlenspekulation machen, die sehr lukrativ ausfallen muß; es kann gar nicht fehlen.« »Man hat also endlich das Langgesuchte gefunden, ein Steinkohlenlager?« »Das gerade nicht .... Warten Sie nur, Sie werden mich sogleich begreifen. Einheimische Kohlen fehlen uns, wir müssen sie schaffen oder wenigstens vorderhand eine Kohlenkompanie. Verstehen Sie?« »Nicht ganz.« »Aber das ist ja das Einfachste von der Welt. Alles hungert nach Steinkohlen, welche unserem Eisenbahnwesen sozusagen erst den rechten Bogen geben würden. Es muß also ein Steinkohlenlager schlechterdings entdeckt werden, und zwar jetzt entdeckt werden, wo, wie gesagt, das Eisenbahnfieber noch grassiert. Wir treffen also die passenden Maßregeln. Ein Professor der Naturwissenschaften, auf den ich mich verlassen kann, ist gewonnen. Wir bedürfen aber zunächst auch noch einer Feder, welche in den Zeitungen den gehörigen Lärm schlagen kann. Diese Feder sollen Sie führen.« »Ich?« »Freilich. Sie schreiben, ohne Kompliment, einen guten Stil, und bei dieser Gelegenheit dürfen Sie nicht nur, sondern müssen Sie sich Ihrem alten Hange, möglichst blumenreich und poetisch zu schreiben, mit allem Eifer hingeben.« »Aber, Herr Oberst, wo ist denn das Kohlenlager?« »Unpraktische Frage! Wo es ist? Denke, droben am Kärtschenstock oder auf der Sandalp oder sonstwo. Der Professor wird das schon besorgen. Wofür wären solche Leute sonst da? Er wird sagen, das Kohlenlager ist gefunden. Schon das wird großen Jubel in Israel erregen. Dann kommen Sie, Herr Hellmuth, und eröffnen in den beiden einflußreichsten hiesigen Zeitungen – für die Aufnahme Ihrer Artikel stehe ich – den Feldzug mit pikantem Geplänkel, das heißt mit mysteriösen Winken und Andeutungen. Ist dadurch die öffentliche Aufmerksamkeit erregt, so rücken Sie mit dem schweren Geschütze vor, das heißt mit Lokalbeschreibungen, die möglichst poetisch gewürzt sein sollen, und dann mit einer recht geschäftsmäßigen Auseinandersetzung der ungeheuren Wichtigkeit der Sache, wie dadurch dem Eisenbahnwesen, der Industrie, der Hauswirtschaft ein ganz neuer Aufschwung bevorstehe, und dergleichen mehr. Je mehr Sie die Einbildungskraft der Leute in Flammen setzen, je mehr großbrockige Redensarten von öffentlicher Wohlfahrt, Steigerung der Zivilisation und dergleichen unpraktischem Zeug mehr Sie ausgehen lassen, desto besser. Ich bürge Ihnen dafür, die Leute werden bald die ganze Welt für ein Steinkohlenlager ansehen. Ist es so weit, so entwerfen Sie ein wundervolles Programm, auf Grund dessen wir eine Kohlenkompanie bilden, zu deren nominellem Direktor ich den gewandten Burschen, den Ziegenmilch, ausersehen habe. Man wird sich um die Aktien reißen. Wir sichern uns natürlich unter eigenem und fremdem Namen die Masse derselben, um sie, während das Unternehmen recht en vogue ist, mit mächtigem Profit zu verkaufen.« »Aber, Herr Oberst, entschuldigen Sie, das ist ja ein –« »Geschäft, wollen Sie sagen? Allerdings, und zwar zweifelsohne ein höchst profitables.« »Aber die Natur dieses Geschäftes –« »Ah bah, der Geschäftsmann hat nicht nach der Natur eines Geschäftes zu fragen, sondern nur danach, ob es vorteilhaft oder unvorteilhaft sei. Mit Katechismusmoral macht man keine Geschäfte, mein lieber Herr Hellmuth.« »Aber das Kohlenlager ist ja gar nicht vorhanden. Sie spekulieren also mit einem und auf ein Nichts und –« »Aha!« unterbrach mich der Herr Oberst, indem er seine Brille aufhob und mich mit einem Blicke gutmütigen Spottes ansah, »sehe, daß Sie in dieser Geschäftsbranche ebensowenig bewandert sind wie Herr Bürger. Nun, ich muß sehen, daß ich ohne die beiden Herren mit dem Unternehmen fertig werde, und mit Theodor und Herrn Ziegenmilch mich behelfen.« »Brr!« machte ich, als ich die Treppe hinabstieg, und schüttelte mich wie ein nasser Pudel. »Ich sehe schon, daß ich nicht dazu gemacht bin, die Menschheit anzukohlen.« Nachmittags ging ich, Ziegenmilch und Komp. meinen Besuch zu machen und von dort aus die Blumenausstellung zu besuchen, auf welche mich Fräulein Kippling bei Tische aufmerksam gemacht hatte. Sie hatte sich mit ruhiger Freundlichkeit gegen mich benommen, aber meinen bescheidenen Versuch, sie über ihren Besuch in Rothenfluh sprechen zu machen, scheinbar gar nicht beachtet. Ihr dagegen war es besser gelungen, mich erzählen zu machen, und nachdem ich ihre Neugierde hinsichtlich Roms, Neapels und Genuas, Valencias und Granadas möglichst befriedigt hatte, sagte sie lächelnd: »Da sieht man doch einmal, daß auch ein Kaufmann mit einigem Nutzen erzählen kann.« Dann abspringend, warf sie in eigentümlichem Tone die Äußerung hin: »Da Sie, Herr Hellmuth, zu Rom im Kolosseum gestanden haben, können Sie mir vielleicht sagen, ob es wohl Lord Byron mit dem Fluche, welchen er laut des vierten Canto von Childe Harold an jener Stelle ausgesprochen hat, ernst gewesen sei.« – »Mit dem Fluche, Fräulein?« – »Nun ja, mein Herr; Sie erinnern sich doch? My curse shall be forgiveness! « ... Bevor ich erraten konnte, welchen Bezug ich dieser Bizarrerie geben sollte, mischte sich der Herr Oberst ins Gespräch und nahm daher dasselbe eine andere Wendung. »Mein Fluch, er sei – Vergebung! ...« Ich grübelte über die Bedeutung nach, welche dieses Zitat aus der erhabensten Ausströmung der Byronschen Muse im Munde Julies möglicherweise haben könnte, als ich an einer Straßenecke fast Nase an Nase mit dem berühmten Redakteur der »Konservativen Hetzpeitsche« zusammenstieß, was daher rühren mochte, daß die genannte Person mit andächtig gen Himmel gerichtetem, ich aber mit nachdenklich zur Erde gesenktem Blick einherkam. Von weitem hätte ich übrigens Herrn Rumpel gar nicht erkannt, denn statt des gentlemanliken Anzugs eines »höllisch flott« lebenden »Weltgenies« von Journalisten trug er einen langen, fast bis zu den Knöcheln hinabreichenden schwarzen Rock, eine hohe, steife weiße Halsbinde, auf schlicht an den Ohren niederhängenden Haaren einen sehr breitkrämpigen Quäkerhut und unter dem Arme ein großes Buch mit Goldschnitt und schwarzem Einband, welches sehr heilig aussah. »Beim Zeus,« rief ich verwundert aus, »wie sehen Sie drein, bester Rumpel? Was soll die Maskerade am hellen Tage?« »Maskerade? lieber Bruder in Jesu,« entgegnete der Angesprochene mit zuckersüßer Miene. »Bitte, behelligen Sie meine Ohren nicht mit solchen sündhaften Worten. Ich trage das Kleid der mir auferlegten Mission. Mögen die Spötter darüber spotten, ich lasse mich auslachen um Christi willen.« »Nun, Herr Rumpel, bei allen Göttern! Wenn ich es nicht etwa mit einem Verrückten zu tun habe, so ist es hier, wie kaum jemals, am Platze, mit dem großen William zu sprechen: Das ist die list'ge Ausstattung der Hölle, Den frechsten Schall verkleidend einzuhüllen In fromme Tracht.« »Ich verzeihe Ihnen, lieber Bruder, wie es einem Christen geziemt. Sie waren ja abwesend, können also nicht wissen, daß die Gnade endlich in mir zum Durchbruch gekommen ist und das Licht hereinleuchtet in meine Finsternis.« »Darauf kann ich nur abermals mit Shakespeare erwidern: Gar viel erlebt man: mit der Andacht Mienen Und frommem Wesen überzuckern wir Den Teufel selbst.« »Shakespeare? Unheiliger, sündhafter Skribent – anathema sit! « Dies sagte der Schuft mit einer Gebärde und Stimme, daß ihn der ausgelernteste Konventikelmann hätte darum beneiden müssen. Dann ließ er seine Augen rasch umhersperbern und flüsterte mir mit seiner natürlichen Rumpelstimme zu: »Es ist hier eine zu belebte Passage. Könnte leicht eines meiner Schäfchen vorbeigehen. Kommen Sie mit mir nach dem alten Quai hinunter. Sind dort ungestörter, unbelauschter – wissen Sie?« Ich folgte dem Vorangehenden an den Fluß hinüber, und sobald wir an einer abgelegenen Stelle des Quai angekommen waren, wandte er sich um und sagte lachend: »Vor allem, werter alter Freund, sagen Sie mir eins: spiele ich meine Rolle leidlich?« »Ei ja doch,« versetzte ich, »Sie stellen einen ganzen Mucker vor.« »Häßliches Wort! Aber unter uns mag es hingehen. Wenn man nur seine Rolle leidlich ausfüllt, das ist die Hauptsache. ›Die ganze Welt ist Bühne‹ und so weiter – wissen Sie?« »O ja, ich weiß, ich weiß und – wissen Sie? Alter Rumpel – ich weiß noch mehr: Der Mensch Spielt solchen Wahnsinn gaukelnd vor dem Himmel, Daß Engel weinen.« »Sie sind ein hartnäckiger Shakespeareaner, Sie! Ob Engel über mein Spiel weinen, lasse ich dahingestellt sein. Mögen sie es tun, wenn es ihnen Spaß macht. Leben und leben lassen – wissen Sie?« »Ja. Wie lebt denn die ›Konservative Hetzpeitsche‹?« »Hat ausgeknallt. Verschwunden, verdunstet, verduftet, weg! Die Wahlen von neulich haben dem konservativen Parteifaß den Boden ausgeschlagen. Ausgeronnen die ganze Brühe – wissen Sie?« »Wie, alle Ihre weltgeniemäßigen Findungen?« »Zum Teufel gegangen, hast nicht gesehen? War der große Haufe viel zu dumm, um so viel verschwenderisch vor ihm ausgeschüttetes Weltgenie verdauen zu können – wissen Sie? Lief das Volk in den liberalen Ochsenstall zurück. Sind die Liberalen jetzt wieder am Brett und ist mein hochgestellter Gönner dem Rufe nach einer germanischen Universität gefolgt, wo er jetzt den dummen Jungen meine weltwissenschaftliche Methode, alten Plunder zu balsamieren, vorbrosämelt. Schlug daher frischweg eine andere Karriere ein. Mundus vult decipi – wissen Sie? – ergo vivat der Humbug! Schwindelte mich im Handumdrehen aus dem politischen in den theologischen Schwindel hinüber. Ward eines schönen Morgens ein Bekehrter, ein Frommer erster Sorte. Führen für einen Mann von praktischem Genie heutzutage alle Wege nach Rom, das heißt in den Geldbeutel seiner lieben, einfältigen, belogen und betrogen sein wollenden Mitmenschen – wissen Sie? Leben in einer Zeit, wo die zehn alten Gebote auf zwei reduziert sind: – Erstens: Du sollst nie unter einer Million stehlen! Zweitens: Wenn du schlechterdings gegen jenes Gebot sündigen willst, so laß dich wenigstens nicht erwischen, denn nur die großen Diebe läßt man laufen.« »Alles schon dagewesen.« »Freilich, aber noch nie trat der Schwindel mit so festem Bewußtsein auf, ein sozialer Motor zu sein, wie jetzt. Goethes Mephisto würde heute nicht mehr den Kerl, ›der spekuliert‹, ein dummes Tier nennen – wissen Sie? Heutzutage spekulieren so ziemlich alle, immer der eine auf die Dummheit des anderen. Erinnern Sie sich noch der berühmten Leute, mit welchen wir mal bei Gottlieb Kippling zu Mittag speisten? Lauter Spekulanten, beim stygischen Jupiter! Spekulieren Gaukel, Schwarbel und Komp. auf die geistige Impotenz und den Ungeschmack der Zeit, spekuliert der Zarkle auf den Treubundsdusel, der Düngerling auf die gemeine Utilitätswut, der Schmirkli auf die totale Verblasenheit des protestantischen Kirchenwesens. Alle sind sie die Spekulanten, Scharlatane, Humbuger. Und ich, Cyrillus Chrysostomus Theophilus Rumpel, sollte mich besinnen, mitzuschwindeln in dem allgemeinen Schwindel und mein Netz in das Meer des Unsinns auszuwerfen? Quod non! Hat freilich seine Unannehmlichkeiten, in so einem Rock, so einer Halsbinde, so einem Hut und mit so himmelwärts gedrehten Augen über die Straße zu gehen, aber ich spreche mit dem Geizigen des alten Horaz: Populus me sibilat, ad mihi plaudo Ipse domi, simul ac numos contemplor in arca. « Obzwar mich auszischen die Leute, so klatsche ich Beifall, Doch zu Hause mir selbst, beguckend im Kasten die Gelder. »Ihr Geschäft ist also einträglich, Herr Rumpel?« »Das will ich meinen!« versetzte er. »Wird aber noch einträglicher werden, wenn eine große Spekulation, die ich vorhabe, einschlägt.« »Aber was treiben Sie denn eigentlich?« »Hohen, höheren und höchsten Blödsinn – wissen Sie? Habe mir zwei Kreise in hiesiger Stadt gebildet, sozusagen zwei Bergwerke der Dummheit, die ich behaglich ausbeute. Ist der eine ein ganz gewöhnlicher Pietistenkreis, welchen ich demnach auch mit dem ganz gewöhnlichen Handwerkszeug bearbeite. Füttere die Schäflein mit aus Swedenborgismus, Chiliasmus, Apokalypsismus und anderen dergleichen Ismen geschnittenem Häckerling, wobei dieselben so gedeihen, daß mir ein hübsches Quantum Wolle zufällt. Der andere Kreis verlangt anderes Futter. Besteht er nämlich hauptsächlich aus Weiblein und Mägdlein, welche den sogenannten gebildeten Ständen angehören – wissen Sie? Auch unsere poetische Frau Ziegenmilch gehört dazu, weil ihr Herr Gemahl für ihre ›immense‹ Gefühlsvölle – wissen Sie? – keinen Sinn hat. Gesegnet seien die Trefflichen, welche das Tischrücken, das Geisterklopfen und jenes mysteriöse Ding, das Od, erfunden haben! Sind das Artikel, welche einem Mann von praktischem Genie schönste Prozenterchen abwerfen – wissen Sie?« »Ich verstehe; aber wie, wenn ich im Interesse der Wahrheit in hiesiger Stadt eine öffentliche Warnung vor Ihrem Geschäftsbetrieb ausgehen ließe?« »Käme mir das ganz gelegen, mein lieber Herr. Würde mein Geschäft nur noch mehr in Schwung bringen.« »Wirklich?« »Versteht sich. Will die Welt betrogen, nicht aber enttäuscht und aufgeklärt sein – wissen Sie? Würde Ihnen kein Mensch für Ihre Bemühungen danken, und würde auch hier das Wort des sterbenden Talbot beim Schiller in Erfüllung gehen: ›Unsinn, du siegst!‹« Der Schuft hat leider recht, dachte ich, als ich den Spekulanten im Artikel Blödsinn verlassen hatte. Ja, die Welt will die Lüge und ermuntert den Betrug. Der Erfolg ist alles und Unrecht ist nur das Mißlingen. Was ist am Ende der Unterschied zwischen Kippling und Rumpel? Nur das, daß jener mit seinen Spekulationen Hunderttausende, dieser Hunderte gewinnt. Der Schwindel, das heißt die Sucht, rasch und möglichst mühelos reich zu werden oder wenigstens zu scheinen, liegt in der Luft. Wir atmen das Gift mit jedem Odemzug ein. Wer dagegen predigt, ist nur ein Prediger in der Wüste. Kein Wunder daher, wenn auch die Redlichsten mehr und mehr darauf verzichten, Lunge und Atem umsonst zu verschwenden. Drittes Kapitel Eine erweckliche Geschichte. – Blumenausstellungen. – Ein Kompliment und ein Gegenkompliment. – Ein Augenblitz und eine Entdeckung. – Die Stanhopea. – Etwas Politik und eine Schulanekdote. Herr Oskar Ziegenmilch war erfreut, »enorm« erfreut, mich wiederzusehen, aber auch pressiert, ganz enorm pressiert; denn, sagte er, der große Kippling habe ihm die Ehre, die ganz enorme Ehre angetan, ihn zu einer Besprechung einladen zu lassen, welche ein ganz enormes Geschäft zum Gegenstand habe. Als er fort und ich mit Frau Lelia allein war, meinte sie seufzend, sie sei doch eine »immens« unglückliche Frau. Nie habe ihr Mann, immer in Geschäften steckend, Zeit für sie. Er habe ihr versprochen, sie heute in die Blumenausstellung zu führen. Da sei aber die Botschaft von Herrn Kippling gekommen, und so müsse sie auch auf dieses Vergnügen verzichten; »denn,« fügte sie hinzu, »in unseren jetzigen Verhältnissen ist es nicht schicklich, daß ich allein hingehe.« Ich war natürlich höflich genug, die vornehmen Schicklichkeitsskrupel der ci-devant -Käsekrämerin dadurch zu bannen, daß ich ihr meine Begleitung antrug, und bald befanden wir uns mitsammen auf dem Wege. Während wir den schönen oberen Quai hinauf und zur Seevorstadt, wo die Ausstellung statthatte, hinausgingen, machte ich einen Versuch, der Dame an meinem Arme eine diskrete Warnung hinsichtlich des Herrn Rumpel zugehen zu lassen. Frau Lelia wurde rot, verlegen, einsilbig, und ich merkte bald, daß Herr Rumpel, wenn nicht ihr Herz gewonnen, doch ihren Verstand, soweit einer vorhanden war, gänzlich bestrickt haben müsse. Sie wollte gar nicht mit der Sprache heraus, und ich konnte ihr auf allerlei Umwegen nur soviel abfragen, daß Herr Rumpel, wie sie sagte, ein immens erleuchteter und immens gefühlvoller Mann sei, der es verstehe, unglückliche, von ihren »im schnöden Materialismus versumpften« Männern vernachlässigte Frauen auf höhere Ziele hinzulenken, ihrem Leben einen höheren, einen immens höheren Inhalt zu geben. Ferner, daß Herr Rumpel offenbar ein vom Himmel Hochbegnadigter sein müsse, denn sie, Frau Ziegenmilch, habe es mit eigenen Augen gesehen, wie der erleuchtete und begnadigte Mann eine arme, vom Gliederweh befallene Dienstmagd durch einmaliges Gebet und Handauflegen völlig geheilt habe. »Haben Sie,« fragte ich, »diese erweckliche Geschichte von der gesundgebeteten Magd Ihrem Vetter, Herrn Artur Puff, auch erzählt?« »Ach nein,« versetzte sie. »Artur ist ein verstocktes Weltkind, mit dem man von höheren und heiligen Dingen gar nicht reden kann. Es ist mir daher ganz lieb, daß er nur noch selten zu uns kommt.« »Armes, dickes, blindes Schäflein,« dachte ich. »Du wirst Wolle lassen müssen, aber was kann ich dafür. Du willst ja mit aller Gewalt dem gleißenden Wolf in den Rachen laufen.« Die Blumenausstellungen sind auch eine jener Liebhabereien, welche unsere Zeit charakterisieren. Wir lieben überall nicht mehr das Einfache, sondern das Komplizierte, Gekünstelte, Massenhafte. Was in unseren Augen für schön gelten soll, muß kostspielig sein. Um Feste zu feiern, bedürfen wir ungeheurer Apparate, um uns zu freuen, des Tumults und Hallos. Ein simples Lied zu einfacher Klavierbegleitung einfach singen zu hören, wie langweilig! Aber eine Sängerin an halsbrechenden Rouladen sich braun und blau schreien zu sehen, während sie mit Ober- und Unterkörper konvulsivisch dazu wackelt – wie schön! Einen Strauß von Waldblumen pflücken gehen, welche verschollene Wertherei! Aber ein Billett zu einer Ausstellung zu lösen, wo die Eitelkeit von einem Dutzend Treibhausbesitzern in sinnverwirrender Zusammenstopfung der grellsten Blumenfarbenkontraste untereinander konkurriert, das gehört mit zur »Bildung«. Die ersten Personen, auf welche wir in dem Blumensaal stießen, waren Fräulein Kippling und Herr Bürger, welche mitsammen gekommen zu sein schienen. Wenigstens standen sie beisammen, und das Fräulein hörte offenbar mit Vergnügen den satirischen Glossen zu, welche der gute Pessimist über das anwesende Publikum losließ, insbesondere über einen Trupp von Damen in der Nähe, welche sich erstaunliche Mühe gaben, die botanischen Namen auf den an die Pflanzen angehefteten Zetteln zu buchstabieren. »Ja, studiert nur brav, meine Schönen,« hörte ich ihn im Herankommen sagen. »Die Botanik kommt eurem Bildungstrieb galant zu Hilfe. Früher, als man den Blumen noch ehrliche deutsche Namen gab, welche meistens zugleich eine symbolische Bedeutung hatten, mußte man wohl oder übel dabei sich etwas denken. Jede Blume hatte da ihren Sinn, drückte sozusagen eine Vorstellung, einen Gedanken, ein Gefühl aus. Rechne, über alle diese romantischen Blumenschnurren sind wir jetzt hinweg. Die ganze Blumenwelt ist unter die Schablone des botanischen Jargon gebracht, und so kann eine Blumenliebhaberin statt sich mit der Blumenpflege zu bemühen oder die Symbolik der Blumenschönheit verstehen zu lernen, sich einfach darauf beschränken, die Ausstellungskataloge auswendig zu wissen – 's ist kla–ar.« »Hm, mein lieber Herr Bürger,« gab Fräulein Kippling zur Antwort, meine Begrüßung nur mit einem sehr vornehmen Kopfruck erwidernd und, die Lorgnette an die Augen hebend, meine Begleiterin in der impertinentesten hochmütigsten Weise musternd, »hm, wenn Sie, wie aus Ihrer Rede hervorzugehen scheint, die populären Blumen und Blumennamen von früher so gerne haben, so gehen Sie hier auch nicht leer aus. Die Ausstellung ist diesmal sehr bunt und vielseitig. Sehen sie nur da, geradeaus, das Prachtexemplar von einer gemeinen Butterblume.« Der Stoß war zu offen, zu direkt, ich mochte sagen zu brutal geführt, als daß er sein Ziel hätte verfehlen können. Ich fühlte den Arm der armen Frau Ziegenmilch in dem meinigen zittern, und sie machte eine Bewegung, wegzugehen. Aber ich hielt sie fest, und empört über die einer unter meinem Schutze stehenden Dame ebenso grundlos als grausam angetane Beleidigung, sagte ich: »Sie haben recht, Fräulein Kippling. Die Ausstellung ist sehr bunt und vielseitig, so bunt, daß sie leicht das Auge täuscht. Habe ich doch gerade vorhin aus der Ferne eine tropische Prachtblume wahrzunehmen geglaubt und beim Näherkommen bemerken müssen, daß es nur die Pflanze sei, welche in der populären Botanik von früher ›Stinkende Hochfahrt‹ hieß.« »Lernt man im klassischen Italien und im romantischen Spanien so galant sein?« entgegnete die verzogene, launische, meisterlose Schöne, nicht mit Zorn, sondern nur mit Spott. Dann lachte sie unverhohlen, und ohne von der Anwesenheit der guten Frau Lelia weiter die geringste Notiz zu nehmen, setzte sie hinzu: »Ihr Witz, lieber Herr Hellmuth, wäre zu dickfäustig, falls Sie ihn nicht mit dem alten Sprichwort vom groben Klotz und groben Keil entschuldigen könnten. Sie sehen, ich bin gerecht und noch mehr als das, denn ich mache Ihnen zum Dank für Ihr wohlriechendes Kompliment die Freude, Sie erfahren zu lassen, daß Sie in den nächsten Tagen einen Jugendfreund und vielleicht auch eine Jugendfreundin in unserem Hause werden begrüßen können.« Sie rauschte weg. Frau Lelia flüsterte mit einem »immens gefühlvollen« Blick: »Ich danke Ihnen von ganzer Seele!« und schloß sich an eine vorübergehende Freundin an. Ich wandte den Kopf und erhaschte einen seltsam funkelnden Blick Bürgers, welcher mit zusammengepreßten Lippen dem Fräulein nachsah. Sie kehrte sich halb nach ihm zurück; einer jener lockenden Blicke, denen so schwer zu widerstehen war, entschimmerte ihrem Auge und ergoß die hohe Stirne meines Freundes mit Freudenhelle. In diesem Moment bemerkte Bürger, daß ich ihn ansah, und seine Züge gewannen sogleich wieder ihren gewöhnlichen Ausdruck. Aber es war zu spät! Ich hatte eine Entdeckung gemacht, auf deren Richtigkeit ich einen hohen Eid geschworen hätte – Bürger liebte Julie Kippling! »Ja,« murmelte der Freund wie selbstvergessend, »sie ist eine Stanhopea, prächtig, berauschend, aber in Fäulnis wurzelnd.« »Wer?« fragte ich neckend. »Wer? Wer?« entgegnete er. »Rechne, wer sonst als die Stanhopea da? Wo habt Ihr denn Eure Nase, daß Ihr den Vanilleduft nicht riecht?« Und er zeigte auf eine prachtvolle Orchis, welche nebenan die bizarr schön gestalteten Blätter ihres üppigen, rötlichgelben Blütenkelches entfaltete, einen wahrhaft berauschenden Duft ausströmend. »Sie gehört eigentlich zum Geschlecht der Parasiten,« sagte Bürger dozierend, »wächst in den Urwäldern von Brasilien auf modernden Baumstämmen und wurzelt, wie Ihr auch hier bemerken könnt, in faulem Holze; ist aber doch herrlich anzusehen und duftet entzückend – 's ist kla–ar.« »Ihr meint –« »Ich meine, wir täten gescheiter, einen Spaziergang im Freien zu machen, als uns in diesem Chaos von Blumendünsten ein dummes Kopfweh zu holen. Wollt Ihr.« Wir verließen die Ausstellung und schlenderten die Straße am Hafen hinauf. Natürlich war ich nicht unzart genug, auf die von mir gemachte Entdeckung weiter anzuspielen, und Bürger seinerseits war augenscheinlich darauf bedacht, den Eindruck, welchen sein Benehmen in einem unbewachten Augenblick auf mich gemacht haben könnte, zu verwischen. Er zeigte auf einen vorübergehenden Herrn und sagte: »Seht, das ist der große Balger, welcher unseren Philistern soviel Leibschneiden verursachte.« »Der berühmte Demokratenchef und sozialistische Agitator?« »Derselbe. Hat aber ausgedemokrätelt und ausagitiert. Rechne, ist der Mann sehr zahm geworden, seit die liberale Mittelmäßigkeit so pfiffig war, ihn zum Mitglied der Regierung zu wählen – 's ist kla–ar.« »Aber das war ja nur zu billigen, und es gereicht, meine ich, einer herrschenden Partei zu nicht geringer Ehre, wenn sie einsichtsvoll genug ist, alle tüchtigen, sogar oppositionelle Kräfte für den öffentlichen Dienst, für das allgemeine Beste zu gewinnen.« »Für das allgemeine Beste? Rechne, Ihr habt wunderliche Marotten. War die sozialistische Agitation in letzter Zeit, im Hinblick auf die Masse unserer Fabrikbevölkerung, den Besitzenden, wenn noch nicht gefährlich, so doch sehr unbequem geworden. Vereinigten sich daher Liberale und Konservative, der Schlange den Kopf abzuschneiden, das heißt den Balger zu einer unschädlichen Antiquität, zu einem Satisfait, will sagen zu einem Mitgliede der Regierung zu machen. Seid Ihr denn noch immer so idealistisch-republikanisch benebelt, um nicht zu sehen, daß die Politik auch bei uns, wie überall, nur ein gemeiner Sesselkrieg ist? Ote-toi de là, que je m'y mette! Das ist die ganze Schnurre – 's ist kla–ar.« »Ewig Unzufriedener, der Ihr seid! Ich denke, wenn irgend ein Land Europas Ursache hat, mit seinen politischen Einrichtungen im ganzen und großen zufrieden zu sein, so ist es die Schweiz, welcher es durch ein Zusammentreffen glücklichster Umstände in der Verfallzeit des Mittelalters möglich gemacht wurde, aus der zerbröckelnden Hülse des deutschen Reiches als eine Genossenschaft von Freistaaten sich herauszuschälen und seither in stetigem Vorschritt die germanische Idee des Selfgovernment zu verwirklichen.« »Selfgovernment? Nebel! Sag' Euch, das schweizerische Volk – versteht mich wohl, das Volk – gouverniert sich nicht mehr und nicht weniger selbst als das russische .... 's ist kla–ar.« »Bah, bah, nur langsam, wenn's beliebt. Eine Demokratie oder, wenn Ihr wollt, ein Selfgovernment à la Jean Jacques wird für alle Ewigkeit eben nur ein Rousseauscher Traum bleiben. Was aber der demokratische Gedanke in verständig-praktischer Gestalt leisten kann, das leistete und leistet er hier bei Euch. Im Kreise Eurer Regierungen mag es menscheln und mitunter mehr als billig menscheln wie überall; es mag auch sein, daß bei Euch, wie ebenfalls überall, hinter patriotischen Phrasen und Mäntelchen vielfach nur die gemeine Habgier oder, wenn's hoch kommt, die gemeine Ehrsucht sich verbirgt; aber trotz alledem, was die meisten, weitaus die meisten der schweizerischen Regierungen in der Reformperiode von 1830 bis heute geleistet und geschaffen, ist so bedeutend, so einleuchtend rühmlich, daß man völlig blind oder völlig verstockt sein muß, um den Vorschritt auf allen Gebieten nicht zu sehen. Das Land bis zu den Hochgebirgen hinauf ist nur ein Garten, in Industrie und Handel nimmt die Schweiz eine der ersten Stellen ein, die öffentlichen Lasten sind nicht drückend, das Armenwesen ist fast überall human organisiert, für Wissenschaft und Kunst geschieht, was geschehen kann, und Ihr habt die beste, freigebigst ausgestattete Volksschule, die es überhaupt gibt.« »Rechne, Ihr kommt mächtig in Ekstase, so, daß man Euch für einen jüngsten ›Enkel Winkelrieds‹ halten könnte. Ist aber vollends der letzte Trumpf, den Ihr ausgespielt habt, der Schultrumpf sozusagen, recht zum Lachen. Sag' Euch, wird 'ne Zeit kommen, wo man es bedeutend bereuen wird, dem großen Haufen von armen Teufeln das gelobte Land der Bildung, in welches derselbe ja doch nicht hineinkam, um sich behaglich niederzulassen, so von ferne gezeigt zu haben. Volksschule? Erinnere mich noch ganz gut der Zeit, wo dieses Wort auch zu den übrigen Stichwörtern meiner knabenhaften Begeisterung gehörte. Hab' Euch schon einmal davon gesagt. Ging aber meine Schulbegeisterung flöten, als ich sah, daß auch das Volksschulwesen eben nicht mehr und nicht weniger Windbeutelei sei als alles übrige, und – wartet mal – fällt mir da gerade noch eine gute Geschichte ein, die mit dazu beigetragen hat, mir den ganzen pädagogischen Zukunftsschwindel zu verleiden. War mal drüben im Bihltal in einem Bauerndorfe bei der feierlichen Jahresprüfung gegenwärtig. War nämlich Mitglied der Bezirksschulpflege und hörte mit einer ungeheuren Amtsmiene zu, wie der junge, für seinen Beruf ganz begeisterte Schulmeister die Buben und Meidli über die ganze Enzyklopädie der Wissenschaften examinierte. Endlich kam auch die Weltgeschichte dran und erzählten die Kinder von Cäsaren und Brutussen, daß es 'ne wahre Freude war. Auch im alten Griechenland waren sie daheim und wußten vom Zeus und Apollon und vom pythischen Orakel. Dann war da ein dicker, kurzer, rotbäckiger Junge, der während des ganzen Examens 'ne stupende Gelehrsamkeit entwickelt hatte. Fragte den der Lehrer: ›Du, Ruodi, kannst mir sagen, was ist ein pythisches Orakel?‹ Mein Ruodi, nicht faul, blies die Backen auf und schoß los: ›Ein pythisches Orakel ist ein rundes Loch; da setzt man sich drauf und gibt Sprüche von sich.‹« »Die Schnurre ist gut, wenn auch vielleicht ein bißchen zynisch,« sagte ich lachend. »Aber was soll damit bewiesen werden? Wahrscheinlich, daß in die Volksschule viel unpassender Lehrstoff hineingeschleppt worden sei. Ich sehe aber nicht ein, was es am Ende schaden könnte, wenn auch die Bauernjungen eine Vorstellung von Orakeln bekämen, eine richtigere und ästhetischere freilich als die Eures Ruodi.« »Ihr wollt also die Bauern zu Gelehrten machen? Na, Glück zu!« »Keineswegs, aber wenn Ihr's erlaubt, zu Menschen. Der allgemeine Vorschritt der Bildung –« »Mit Eurem ewigen Vorschritt! Ist 'ne alberne Illusion! Alles schon dagewesen – 's ist kla–ar. Nur die Formen der Dummheit wechseln, sie selbst war, ist und wird ewig dieselbe sein. Träumt und schwatzt nur vom Vorschritt, ihr guten Leute und schlechten Musikanten: der gescheite, der eminent gescheite Goethe hatte dennoch recht, den Phantasten seiner und aller Zeiten zuzurufen: Es bleibt doch nach wie vor Mit ihren hunderttausend Possen Die Welt ein einz'ger großer Tor.« Viertes Kapitel, worin eine lange aus dieser Geschichte verschwunden gewesene Person wieder in dieselbe eintritt. Einige Tage darauf, an einem Sonntagvormittag, als ich gerade mit meiner Privatkorrespondenz beschäftigt war, trat ein hoher, schlanker, junger Mann mit gebräunten Zügen, im eleganten Zivilanzug, das rote Bändchen der Ehrenlegion im Knopfloch, zu mir ins Zimmer und begrüßte mich mit einer Stimme, welche alle die teuersten Erinnerungen meiner Jugend in mir wachrief. An der Stimme, an der Art, wie er unser heimisches: »Grüß Gott, Michel!« aussprach, erkannte ich Berthold von Rothenfluh. Ich hatte ihn nicht mehr gesehen seit den Tagen, an deren einem wir mit unseren Schwestern und dem guten Fabian nach der Breunighalde gewandert waren. Die Jahre, unsere verschiedenen Stellungen im Leben, Unterschiede im Charakter und in der Lebensführung hatten uns getrennt, und es gab noch überdies einen Punkt, das Schicksal Hildegards, welcher geeignet war, diese Entfremdung bei mir zur Abneigung zu steigern. Aber dennoch, als er mich so herzlich ansprach, da war er nur wieder der Berthold, mit welchem zusammen ich alle die luftigen und tollen Streiche meiner Knabenzeit ausgeführt hatte. Alles andere war vergessen. Berthold glich auffallend dem verstorbenen Freiherrn, in Zügen, Haltung und Manieren. Sogar die Eigenschaft, die Zipfel seines langen Schnurrbarts durch die Höhlung der linken Hand rollen zu lassen, hatte er mit Bodo von Rothenfluh gemein. Dieser war ein stattlicher Mann gewesen, Berthold war das auch. Freilich konnte man seinen hageren Zügen und eingesunkenen Schläfen unschwer anmerken, wie wild er seine Jugend verstürmt habe. Aber dennoch war seine Persönlichkeit keine verwüstete. Ich mußte ihn unwillkürlich mit Herrn Theodor Kippling zusammenhalten und der Vergleich fiel sehr zu Gunsten Bertholds aus. Jener repräsentierte nur die gemeine Verderbnis der »goldenen Jugend« unserer Tage, dieser hatte in seiner ganzen Erscheinung noch immer etwas Nobles, Kühnes, fast Heldisches. Die Narbenspur, von einem Beduinensäbel zurückgelassen, stand seiner rechten Wange vortrefflich. Weniger ansprechend, falls man sie nicht als Ausdruck heftiger Leidenschaften oder finsteren Stolzes interessant finden wollte, war die tiefe dunkle Furche, welche zwischen seinen Brauen sich eingenistet hatte. In seinen tief in ihren Höhlen liegenden Augen war noch immer Feuer, aber es brannte unstet, düster, zwischen schwermütiger Ermattung und plötzlich wieder auflodernder Wildheit wechselnd. Im letzteren Falle wurde der Blick starr, stechend, unheimlich. »Du siehst doch deinem Vater auf und eben ähnlich, Berthold,« sagte ich, als er vor mir stand, seine beiden Hände in den meinigen. »Meinem Vater?« entgegnete er zögernd und gesenkten Auges. »Ja, die Leute sagen es. Aber er ruhe in Frieden! Nicht allen Söhnen wird es so gut, ohne Vorwurf ihrer Väter gedenken zu können. Ich – nun, das läßt sich nicht ändern. Sprechen wir von etwas anderem.« Als wir auf dem Sofa beisammen saßen, sagte er: »Ich danke dir für die Herzlichkeit, mit welcher du mich empfangen hast. Du durftest es, denn Hildegard hat mir verziehen, weißt du? Ich sah sie im letzten Herbst. O, sie ist gut und großmütig – ein Engel! Und sie ist glücklich, wenigstens ruhig und zufrieden. Der Vorwurf wenigstens wäre von mir genommen.« Seine Redeweise hatte etwas Abspringendes, Fragmentarisches. Es klang darin etwas wie bittere Reue an, welcher doch wieder der Stolz keinen Raum gewähren wollte. »Die schönsten Bande knüpft doch das Jugendleben,« fuhr er fort. »Tor, wer sie mutwillig zerreißt! Denn kein Gott knüpft die so zerrissenen wieder zusammen. Hildegard hat mir verziehen, aber nur aus Mitleid, ich weiß es. Wie wäre alles, alles anders und besser gekommen! Ich stünde jetzt als ein geachteter Mann in dem Erbe meiner Ahnen, Hildegard mir zur Seite, mit liebevoller Hand die Dämonen von mir scheuchend, vielleicht schon Kinder, meine Kinder, schön und gut wie ihre Mutter, auf dem Schoße wiegend – du, Michel, als Freund und Bruder mir verbunden durch doppelt schöne Bande, denn Isolde –« »Isolde? Bringst du mir keinen Gruß von ihr?« »Nein. Ich sah sie seit dem letzten Herbst, wo ich Herrn und Fräulein Kippling von Rothenfluh zu ihr nach Lindach führte, nicht wieder.« »Aber was macht sie?« »Sie liebt dich und haßt mich.« »O, Berthold, was sagst du? Mich, den Kommis, mich sollte Isolde von Rothenfluh lieben?« »Wie anders? Sie hat dich von Kindheit auf geliebt, und ein Wesen wie Isolde liebt nur einmal.« »Sie hat es dir gesagt?« »Gesagt? Keinem Lebenden oder Toten, denk' ich.« »Aber wie sollte Isolde, das beste Herz auf Erden, dich, den einzigen Bruder, hassen? Unmöglich!« »Und doch. Oder nimm statt des Wortes Haß das Wort Verachtung. Ja, Verachtung sprach aus den lakonischen Zeilen, womit sie mir neulich, als ich ihr angezeigt hatte, daß ich ruiniert sei, ihr Gütchen Lindach anbot.« »Du erschreckst mich. Du bist ruiniert?« »Ganz. Ich bin ein Bettler in Uniform.« »Armer Berthold!« »Es konnte nicht anders kommen. Ich hatte mich schon als Minderjähriger zu stark mit Wucherern eingelassen. Es ist alles dahin und vorbei.« Dies sagte er mit verzweiflungsvoller Bitterkeit. Dann sah er eine Weile starr vor sich hin und fügte, wie völlig in seine peinlichen Gedanken verloren, hinzu: »Alles dahin und vorbei, vergeudet, verlottert, verrast. Was hälfe mir auch Lindach. Es würde nur einen Tropfen ins Meer tragen heißen, auch wenn ich so gemein wäre, Isoldes Anerbieten anzunehmen. Das hieße zum Mord noch den Raub fügen.« »Zum Mord? Berthold, du träumst!« Er sah auf, blickte mich wild an und sagte mit einem hohlen Lachen: »Nun ja doch, zum Mord, zum dummen, knabenhaft sinnlosen Mord alles Besten, was mir im Leben geboten war. Sieh mich nicht so verwundert an, Michel. Ich schwatze wohl töricht. Das kommt daher, daß ich schon lange, lange nicht mehr mein Herz eröffnet habe. Ich weiß, vor dir darf ich es.« »Gewiß. Aber ermanne dich, mein guter Berthold. Noch kann alles wieder gut werden. Sieh mich an, ich war vor kurzem ebenfalls ein Bettler, denn ich besaß nur noch den letzten Patentaler von meiner seligen Mutter.« »Aber du hast ihn nicht vertan, du! Du hast entbehrt und gearbeitet. Der Herr Oberst Kippling, dessen Gast ich seit gestern abend bin, hat mir gesagt, was du kannst.« »Nun ja, ich suchte meinem Schicksale zu Leibe zu gehen wie ein Mann und bin dabei bisher leidlich gut gefahren. Aber auch du bist ja ein Mann, und das Band da auf deinem Rock, obgleich mir widerlich ist, daß es unter fremden Fahnen erfochten wurde, es bezeugt doch, daß du etwas kannst, wenn du willst.« »Dieses Band? Der Lohn für die tolle Reitertat eines Moments, wo ich mir statt aller Orden der Welt nur eine gut gezielte Kugel vor die Brust wünschte. Aber genug der Elegien, die dich langweilen müssen ... Ich bin sonst nicht so weich, lieber Michel, aber als ich dich wiedersah, kamen mir alle die guten alten Stunden und Tage wieder zu Sinne, die guten alten Zeiten daheim. Daheim? Das Wort hat einen so seltsamen Klang. Deine teure gute Mutter sang uns, als wir noch Kinder waren, ein gutes altes Lied vom Daheim. Es klang so eigen, so süß. Mir ist, als liege eine Ewigkeit voll Finsternis zwischen damals und jetzt.« Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Seine Brust atmete schwer. Ich meinte, es müßten schwere Tränen zwischen den Fingern hervorquellen, womit er seine Augen verhüllt hatte. Sie blieben trocken, aber es war ein herzzerreißender Schmerz in seiner Stimme, als er sagte: »Mehrmals schon lag mein Finger an dem Drücker des selbstmörderischen Pistols und wurde doch immer wieder zurückgezogen. Es sollte nicht sein. Und doch bin ich kein Feigling, sondern nur ein Nachtwandler.« »Ein Nachtwandler? Du bist krank und sprichst irre, armer Berthold.« »Nein, nein, ich bin ganz gesund, wenigstens – bei Tage.« Er stand auf, ging ein paarmal langsam durch das Zimmer, blieb dann vor mir stehen und sagte mit mehr Fassung: »Ich lese Anteil in deinen Augen. Du bist noch der Alte. Sprechen wir vernünftig ... Weißt du, was die beiden Kipplinge aus Rothenfluh machen wollen?« »Die beiden Kipplinge aus Rothenfluh? Nein.« »Eine Fabrik.« »Ha, jetzt geht mir ein Licht auf. Der Herr Oberst ließ einen Wink fallen –« »Der Herr Oberst ist ein großer Spekulant, und sein Sohn ist es nicht minder. Ich bin dem jungen Spekulanten verpflichtet.« »Du bist ihm verpflichtet?« »Sehr.« »Da nimm dich in acht!« »Wenn es noch möglich ist. Ja, wenn es noch möglich ist, soll verhindert werden, daß die Halle meiner Väter vom Fabrikpöbel, vornehmem und geringem, entweiht werde ... nicht so fast um meinerwillen – ich möchte Rothenfluh am liebsten gar nicht mehr sehen – aber um Isoldes willen.« »Mut, Mut, Berthold! Du hast dich noch nicht ganz selber verloren im wilden Wirbel des Lebens. Du hegst noch bessere Gefühle, denn du liebst deine edle Schwester. Laß uns von ihr reden. Wie lebt sie?« »Sozusagen ganz einsiedlerisch. Sie hat persönlichen Verkehr nur mit Hildegard und brieflichen mit dem alten wunderlichen Großoheim, der für mich eine ganz mythische Person ist. Ich habe aber doch im Sinne, jetzt oder später das Felsenschloß des verschollenen Alten aufzusuchen. In dem Schreiben, in welchem mir Isolde Lindach anbot, sagte sie mir, sie habe in der Voraussicht, daß ich den Hof brauchen würde, den Großoheim um eine Zuflucht gebeten und dieselbe zugesagt erhalten. ... Doch entschuldige, daß ich jetzt von anderem rede. Was hältst du von Julie Kippling?« »Sie ist ebenso bizarr als schön, ebenso launig als originell.« »Eine bündige Charakteristik. Sie war in dich verliebt oder ist es noch?« »Glaube doch das nicht!« »Bah, meinst du, ich habe es mich umsonst so viel kosten lassen, die Weiber kennen zu lernen? An der Art, wie Julie Kippling von dir sprach, merkte ich, daß sie, wenn nicht eine große Leidenschaft, so doch eine heftige Laune für dich haben oder doch wenigstens gehabt haben müsse.« »Nun denn, so sprich getrost im tempus praeteritum .« »Auch in bezug auf dich?« »Ja, obgleich ich nicht leugnen will, daß die Gegenwart des schönen Mädchens zu verführerisch ist, um mich oder irgend jemand kalt zu lassen.« »Wohl; aber du, ein Mann, dessen Gefühle noch frisch und gut sind, bist also nicht überzeugt, daß dein Lebensglück Julie heiße?« »Nein.« »Das ist mir lieb, sehr lieb. Denn ich will Julie Kippling heiraten.« »Mein lieber Berthold, wenn wir beide zum Scherzen aufgelegt wären, würde ich mit dem Dichter zu dir sagen: Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.« »Und doch bin ich keineswegs so ganz gelassen. Ich verhehle dir nicht, daß seit Jahren nichts, aber auch gar nichts einen solchen Eindruck auf mich gemacht hat wie dieses seltsame Mädchen.« »Du liebst Julie?« »Kaum. Kann ich überhaupt noch lieben? Mir ist, mit den anderen Idealen liege auch die Liebe weit hinter mir, in nebelgrauer Ferne. Aber es reizt mich, diese Julie, dieses verzogene Kind, diesen schönen Wildling, welcher mit dem Leben ein souveränes Spiel treibt, zu bändigen und zu zähmen. Du weißt nicht, wirst es nie erfahren, was es heißen will, wieder einen Reiz, irgend einen Reiz zu empfinden. Und dann ... Julie Kippling erbt eine Million ... mindestens ... Du siehst,« fügte er mit einem bitteren Lächeln hinzu, »auch der tollste Verschwender lernt zuletzt rechnen in einer Zeit, wo einem auf Schritt und Tritt in die Ohren geschrien wird, das Einmaleins sei Weisheit und Tugend und praktisch müsse man sein.« Hier unterbrach der Eintritt Bürgers unser Gespräch. Ich stellte die beiden Herren einander vor, und die Unterhaltung ging auf gleichgültige Dinge über. Fünftes Kapitel Autor wird zur Rolle eines Freundes und Vertrauten berufen und erhält einen vorletzten Kuß. Die nächsten Tage brachten nichts Ungewöhnliches; denn daß Herr Oskar Ziegenmilch jetzt täglich und stündlich in unserem Kontor aus und ein ging und mit den beiden Herren Kippling lange Konferenzen hatte, war ganz in der Ordnung. Es mußte ja die große Köhlerei für den Köhlerglauben des spekulierenden Publikums zuwege gemacht werden. Herr Theodor, welcher täglich zur Stadt kam, verkehrte viel mit dem Rittmeister, Freiherrn Berthold von Rothenfluh, der übrigens den Ton der Vertraulichkeit, welchen der Sohn des Millionärs gegen ihn anschlug, offenbar nur duldete, nicht aber erwiderte. Ich sah in dem Bezeigen von Herrn Kippling dem Jüngeren vorderhand nur die bekannte Neigung des Geldprotzenpöbels, mit adeligen Bekanntschaften Parade zu machen, sollte aber später erfahren, daß hierbei weit ernstere Motive mitspielten. Herr Kippling der Ältere behandelte seinen freiherrlichen Gast mit Zuvorkommenheit; aber ohne Zudringlichkeit. Er hatte, abgesehen von anderen Kalkulationen, in welchen Berthold eine Ziffer darstellte, vielleicht nichts dagegen, den schönen Kopf seiner Tochter mit einem Freiherrnkrönlein geschmückt zu sehen; aber er tat nicht dergleichen, als wäre so ein Krönlein eine Sache, um deren Erlangung man sich besondere Mühe zu geben brauchte. Fräulein Kippling wollte dem Rittmeister gefallen, das war sicher, und sie war viel zu aufrichtig, oder wenn man will, viel zu übermütig, es verbergen zu wollen. Ihr Benehmen spielte in den brillantesten Farben; aber sie hatte es mit einem Spieler zu tun, der kein Neuling war und, wie er ja selbst geäußert, sich's nicht umsonst so viel hatte kosten lassen, die Frauen kennen zu lernen. War es Politik, war es eine aus der Gewohnheit, zu siegen, entsprungene lässige Sicherheit, genug, Berthold verhielt sich gegen das reizende Mädchen zurückhaltend. Er erschien zuweilen trübe, sogar finster, gewöhnlich aber vornehm sorglos. War ich zugegen, so unterhielt er sich fast ausschließlich mit mir, als wollte er recht deutlich zeigen, daß er vor den Besitzern von Millionen eben nicht mehr Respekt habe, als der Anstand und seine Stellung als Gast unumgänglich notwendig machte. So war eine halbe Woche vergangen, als eines Tages, da wir vom Mittagstisch aufstanden, Fräulein Kippling ohne weitere Einleitung zu mir sagte: »Herr Hellmuth, ich weiß, Sie haben ein Auge für Gemälde. Man hat mir eine Kopie der Riedelschen Sakuntala zum Kauf angeboten. Sie steht auf meinem Zimmer. Wollten Sie die Güte haben, mir Ihre Ansicht über das Bild zu sagen?« »Zu Befehl, mein Fräulein.« »Gut. Kommen Sie im Laufe des Nachmittags. Mein Mädchen wird Sie empfangen, und ich zeige Ihnen dann das Gemälde.« Ich verbeugte mich. Herr Kippling der Ältere warf einen mißbilligenden Blick auf seine Tochter, die aber keine Notiz davon nahm. Herr Kippling der Jüngere kniff die Mundwinkel ein und schielte nach Berthold. Dieser sah gleichgültig drein und erinnerte Herrn Bürger an dessen Versprechen, ihm gelegentlich seine Waffensammlung vom ostindischen Archipel zu zeigen. Auf dem Wege zum Kontor sagte Bürger zu mir: »Rechne, Ihr seid noch nicht ganz ausgewischt auf der Herzenstafel von Donna Julia, mein Junge – 's ist kla–ar.« »Bah, lieber Freund,« entgegnete ich, »Ihr und ich nehmen auf der besagten Tafel nur ganz bescheidene Ecken ein. In der Mitte prangt dermalen ein –« »Von, überwölbt von einer Freiherrnkrone, ganz recht! Rechne, geht mich, wie Ihr wißt, die ganze Komödie nichts an.« »Verzeiht, das weiß ich doch nicht so ganz.« »Seid Ihr toll? Rechne, Ihr meint, weil Ihr selber närrisch, müßten es andere auch sein ... Wollte übrigens sagen, auch dieser freiherrliche Akt der Posse geht mich nur soweit an, als er höchst ergötzlich ist. Kann Euch das Auftreten dieses Eures Cäsars von Landsmann, welcher kam, sah und siegte, recht augenscheinlich beweisen, daß wir schweizerischen Republikaner keineswegs so demokratisch-unkultiviert sind, den Adel abschaffen zu wollen. Ist bei uns jeder Graf oder Baron, der unser Land mit seiner Gegenwart beglückt, eo ipso ein großes Tier. Titulieren sich daher die Gauner, welche unsere republikanische Einfalt ausbeuten wollen, immer Grafen oder Barone. Wissen, daß ihnen das Kredit verschafft, ganz ungeheuren, besonders bei unseren Republikanerinnen. Könnte Euch in dieser Richtung höchst amüsable unglaubliche und dennoch ganz wahre Geschichten erzählen. Habe aber jetzt keine Zeit dazu und ermahne Euch nur noch feierlichst, beim Anblick der fraglichen Sakuntala Euern Verstand besser zu Rate zu halten als weiland der strohherzige König Duschmanta.« Einige Stunden darauf öffnete mir die Zofe Julies das Zimmer ihrer Herrin, und ich sah mich in demselben allein. Ich beschreibe nicht die blendend luxuriöse Einrichtung dieses Gemaches, welches der launischen Schönen als »Arbeitszimmer« diente – als Arbeitszimmer, du lieber Gott! Alle diese Pracht, alle diese tausenderlei Spielereien des Reichtums und der Verschwendung bildeten ein chaotisches Durcheinander. Ich mußte unwillkürlich an die edle Harmonie, an die keusche Heimeligkeit des einfach möblierten Zimmers denken, welches Isolde auf dem Lindachhof bewohnte. Dort das Ganze ein Zeugnis von dem Walten einer maßvollen und durchgebildeten Weiblichkeit, hier lauter Wirrwarr, Unruhe, Widerspruch. Man sah den Möbeln, den Stickrahmen, den Blumentischen, den da und dort zerstreuten Prachtbänden von Büchern, der in einer Ecke stehenden Staffelei mit einer halbfertigen Farbenskizze – allem sah man an, daß die schöne Bewohnerin ohne irgend ein tieferes Interesse und nur, um der Langweile zu entfliehen, alles und jedes mit Hast ergriff, um es sofort mit Überdruß wieder beiseite zu stellen oder geradezu beiseite zu werfen. Hier, das konnte man deutlich fühlen, hauste ein verzogenes Kind des Glückes, welches von früh auf gewöhnt worden war, mühelos seine Wünsche, alle, alle, erfüllt zu sehen, welches niemals auch nur die entfernteste Ahnung davon erhalten, was es heißen wolle, »sein Brot mit Tränen zu essen«, und welches daher folgerichtig dazu kommen mußte, das Schicksal nur für eine Kaprice, das Leben nur für einen unterhaltenden Spaß anzusehen. Am meisten fiel mir der Schmuck der seidenen Wände des Zimmers auf, welchen vier vortreffliche Kopien von Originalen der Dresdener Galerie ausmachten. Die Wahl dieser Bilder frappierte mich. Es waren Potiphars Weib von Cignani, die badende Susanna von Paul Veronese, das Urteil des Paris von Rubens und Danae von van Dyck – also lauter Kunstwerke höchsten Ranges, aber – »Ich weiß, was Sie beim Anblick dieser Gemälde denken, lieber Freund,« unterbrach mich die Stimme von Fräulein Julie, die unbemerkt durch eine Seitentüre eingetreten war, in meinen Betrachtungen. »Was denn, Fräulein?« »Daß Sie nicht erwartet hätten, solche Bilder in dem Zimmer eines jungen Mädchens zu finden.« »Aufrichtig zu sein, es war etwas dergleichen.« »Ja, so sind die Männer. Sie glauben alle, das Schöne sei nur für sie allein da. Was die Frauen angeht, so haben sie für ihre alberne Prüderie wenigstens ihre durchschnittliche Unkultur als Entschuldigung anzuführen. Aber männliche Selbstsucht oder weibliche Heuchelei, sie sollen mir nicht verwehren, mein Auge an der Schönheit zu weiden, und wäre es auch, wie in diesen Gemälden, die Schönheit meines eigenen Geschlechts. Unsere Zeit haßt das Nackte, weil sie selbst soviel zu verhüllen hat, nichts Schönes, aber Häßliches.« »Da haben Sie recht.« »Sehen Sie, mein Bester, wir stimmen eigentlich doch in vielem zusammen und werden, glaub' ich, mit der Zeit, immer bessere Freunde werden .... Aber ich bemerke, daß Sie sich nach der Sakuntala umsehen. Ich habe das Bild bereits weggeschickt. Es war nur eine Sudelei, der Kopist hatte sich an dem schönen weißen Leib der Tochter Kalidasas schmählich versündigt, und dann ist ja die ganze Sakuntalageschichte nur ein Vorwand gewesen, Sie hierher zu bringen, damit ich Sie um eine Gefälligkeit bitten könnte.« »Bitten? Das ist Überfluß.« »Wie galant! Es scheint, wo bei Ihnen die Liebe aufhört, fängt die Galanterie an.« »Julie!« »So hätten Sie mich zu einer anderen Zeit anreden müssen, lieber Freund. Damals, als ... genug, jetzt ist es zu spät und es ist wohl am besten so, für Sie und für mich ... Aber vor allem zu meiner Bitte. Haben Sie von der Gesellschaft der Söhne Mammons reden hören?« »Ei, meiner Treu, der begegnet man ja auf der Straße.« »Allerdings, aber es gibt noch eine spezielle Gesellschaft dieses Namens in hiesiger Stadt.« »Von dieser weiß ich nichts.« »Hat Ihnen Herr Bürger nie davon gesagt?« »Nein.« »Nun, er wird der Posse überdrüssig sein, wie das in seinem Alter leicht erklärlich ist. Wenn man alt wird, kommt man zu Verstand, sagen die Leute.« »Aber Herr Bürger ist ja noch gar nicht so alt –« »Daß er mein Großvater sein könnte? Nein, aber doch alt genug, daß er mein Vater sein könnte, was aber meinen wirklichen Vater nicht abhielt, heimlich zu wünschen, ich möchte Bürgers Frau werden. Vielleicht wäre das auch das Klügste, was ich tun könnte. Einmal muß unsereins doch heiraten, und von euch allen liebt mich doch keiner so fest und brav wie der gute alte Junge, der sich einbildet, ein Mephisto zu sein und die beste Seele von der Welt ist. Aber es ist etwas Entsetzliches um die Langweile, nicht wahr? Und ich fürchte, bei Bürgers ehrenfester und solider Liebe müßte ich vor Langweile blödsinnig werden. Nein, nein, ich kann ihm nicht helfen. Warum ist er ein so fürchterlich tugendhafter Biedermann? Doch zum Text zurück! Die Söhne Mammons sind eine geschlossene, aus der Blüte – 'ne saubere Blüte, beim Himmel! – unserer Jeunesse d'orée bestehende Gesellschaft, die sich größerer Exklusivität wegen mit etwelchem mystischen Hokuspokus umgeben hat. Mein Bruder ist auch dabei und gegenwärtig, wie sie es in ihrem Jargon nennen, Oberpriester im Tempel Mammons, wie das Gesellschaftshaus heißt. Es steht drunten am Fluß, in einer einsamen Bucht, durch einen großen, dichtbebuschten Garten, der es umgibt, vor profanen Blicken gesichert. Nur Herren können Mitglieder der Gesellschaft sein, aber jeder Herr hat das Recht, Damen, soviele er will, in den Tempel Mammons einzuführen, wo reizende Feste gefeiert werden sollen. Heute ist Freitag. In der Nacht vom künftigen Montag auf den Dienstag wird so ein Fest statthaben, ein großes Maskenfest zum Schluß der Wintersaison. Ich habe die Laune, diesem Fest beizuwohnen, und Sie sollen mich hinführen.« »Ich?« »Sie!« »Aber warum gehen Sie nicht Ihren Bruder an?« »Meinen Bruder? Ist das ein Mensch, den ich um etwas angehen möchte? Wo denken Sie hin! Und dann, ich will unerkannt wieder von dort weggehen, wie ich maskiert hingehe – verstehen Sie?« »Wohl, aber wie soll ich –« »Hören Sie nur. Vor jeder Versammlung der Gesellschaft wird sämtlichen Mitgliedern ein Paßwort ausgeteilt, welches als Eintrittskarte dient. Jeder, der im Besitze dieses Paßwortes ist, gilt als eingeweiht. Herr Bürger wird Ihnen das lächerliche Geheimnis gerne mitteilen, wenn Sie ihn darum ersuchen: er hält ja große Stücke auf Sie.« »Gut, wir wollen annehmen, Herr Bürger sei willfährig. Aber entschuldigen Sie, Fräulein, wenn ich die Befürchtung ausspreche, daß sorgliche Väter Ursache haben dürften, die Anwesenheit ihrer Töchter in einem Tempel, dessen Oberpriester Herr Theodor Kippling ist, nicht eben zu wünschen.« »Ach, wie zart um meine Tugend besorgt! Beruhigen Sie sich, mein Bester. Das ist meine Sache.« »Gewiß! Aber ließe sich nicht auch der Fall denken, daß Herr Gottlieb Kippling vor oder nach dem projektierten Abenteuer davon erführe und der Meinung wäre, es sei nicht die Sache seines Kommis, seine Tochter in den Tempel Mammons zu führen?« »Aha, mein Herr, Sie sind um Ihre gute Stelle in meines Vaters Kontor bange?« »Fräulein Kippling, Sie sind kein Mann. Sie dürfen mich also ungestraft beleidigen, obgleich Sie, gerade Sie wissen könnten, daß ich nicht gemein denke.« »Sie haben recht, Hellmuth. Verzeihung! Ich sprach albern und, ach, ich fürchte hinterdrein, daß ich von Anfang an albern gegen Sie gehandelt habe. Es wäre vielleicht alles anders und besser gekommen. Hätten Sie nur gewußt, wie wild glücklich mir zumute war, als ich Sie an jenem Theaterabend plötzlich wiedersah, und hätte ich dann meinerseits nur gewußt, wieviel Trauriges Sie unmittelbar zuvor erlebt hatten. Ich würde ... doch was soll jetzt das alles? Genug, ich konnte Sie nie für gemein gesinnt halten, denn ich habe Sie geliebt.« »Julie!« »Nicht so, nicht diese Beschwörungstöne, mein Freund. Es ist vorbei, und wir wandeln den Weg von der Freundschaft zur Liebe in umgekehrter Richtung. Wollen Sie mein Freund sein?« »Ich war es immer.« »Sie sagen die Wahrheit, denn Liebe, solche Liebe, wie ich will, eine der Welt und des Lebens spottende, himmelan lodernde und höllentief brennende, ein seliges Paar mit jauchzenden Flammen verzehrende Glut – ach! ein solches Gefühl haben Sie nie für mich gehegt. Ich fühlte das wohl, selbst unter Ihren Küssen. Sie waren bereit, für mich in den Tod zu gehen, ich weiß es, ich erprobte es – und doch – seltsam! – besaß ich nur Ihre Augen. Ihr Herz besaß eine andere.« »Eine andere?« »Isolde von Rothenfluh ... Als ich in jener Nacht, wo ich eine tolle Laune fast mit dem Leben bezahlt hätte, durch Sie, mein Freund, in des Daseins süße Gewohnheit zurückgerufen wurde und in halb, ja ganz wahnsinnigem Entzücken an Ihrem Halse hing, da trat Isolde zwischen uns, denn sie, nicht ich lebte in Ihrem Herzen. Wenn ich es gewußt, hätte ich sie vielleicht daraus verdrängen können, so ich gewollt – Sie sehen, ich habe meiner Eitelkeit keinen Hehl – aber wie eitel, wie übermütig auch immer Julie Kippling sein mag, sie hält es für keine Schmach, um Isoldes willen verschmäht worden zu sein.« »Sie haben Isolde kennen, schätzen, lieben gelernt, Isolde?« »Ja. Sie ist so schön, so hochgesinnt, so hochgestimmt und doch so wahr, so einfach gut und lieb, daß man glauben möchte, sie müsse von Shakespeare oder Goethe gedichtet sein. Was für ein Sünder muß ihr Bruder sein, um von einer solchen Schwester mit scheuer Abneigung, fast mit Furcht angesehen zu werden!« »Und Isolde sprach mit Ihnen von mir?« »Ah, wie Ihr Auge leuchtet, lieber Freund, seit ich den Namen Isolde genannt! Ja, sie sprach mit mir von Ihnen, einfach-herzlich und klar, wie all ihr Wesen ist. Sie sprach mit mir von Michel Hellmuth, wie von einem Manne, dem sie durch einen von keinem Ohre, selbst von ihrem eigenen nicht, gehörten und dennoch heiligsten Schwur verbunden sei. Sie sagte das nicht, sie sagte überhaupt nichts von Liebe; aber den Mann, von welchem Isolde von Rothenfluh so spricht, wie sie von Ihnen sprach, muß sie lieben – es kann nicht anders sein.« »Teure Julie, wie schön steht Ihnen diese neidlose Begeisterung!« »Ja, sehen Sie – es ist recht sonderbar – Isolde hat es mir angetan. Ich glaube, daß ich in ihrer Nähe zum erstenmal in meinem Leben wirklich gut und liebenswürdig gewesen bin. Ich bin anders geartet als Isolde, ich kann nie so ein Wesen werden, in welchem, wie in ihr, die innigste Naturwahrheit mit dem lautersten Idealismus verschmilzt; meine Art und Weise, das Leben zu nehmen und zu behandeln, meine Wege müssen andere sein, aber dennoch hat es mir bis in das innerste Herz hinein wohlgetan, daß ich Isoldes Zuneigung gewann ... Man kann nicht unwahr sein ihr gegenüber. Ich habe ihr unsere ganze Geschichte erzählt, selbst das nächtliche Abenteuer auf dem See nicht ausgenommen; aber Sie brauchen deshalb nicht zu erschrecken, mein Freund, denn ich konnte ja Isolden mit voller Wahrheit sagen, daß Sie ihr nur auf Momente und nur mit den Augen oder allenfalls noch mit den Lippen, nie aber mit dem Herzen treulos gewesen.« »Und was sagte sie dazu?« »Sie war doch tief ergriffen, trotz all ihrer edlen Gefaßtheit. Aber dann fugte sie mit ihrem süßen Lächeln: ›Wenn ich Michel Hellmuth gewesen wäre, so würde ich auch mein Leben daran gesetzt haben, dich den Fluten zu entreißen und mich von dir zum Danke küssen zu lassen.‹« »Gesegnet sei sie für solche Milde und Huld!« »Ja, sie sei es! ... Sehen Sie, mein Freund, Isoldes Liebe ist so eine wie jene, von der im Hohenliede geschrieben steht, daß sie stärker sei als Tod und Hölle ... In jener Stunde habe ich Ihnen verziehen, Michel, und das bitterzornige Gefühl verschmähter Neigung wich dem Wunsche, dem Geliebten Isoldes von Rothenfluh wenigstens als Freundin nahezustehen!« »Gesegnet seien auch Sie für solche Großmut!« »Ja, warten Sie – ich glaube fast, ein Funke, wenn auch nur ein kleiner Funke von Isoldes Wahrhaftigkeit ist auf mich übergegangen – meine Resignation war nicht so ganz selbstsuchtslos, wie sie im ersten Augenblick erscheinen könnte ... Ihr Jugendfreund, der Freiherr von Rothenfluh, hatte einen bedeutenden Eindruck auf mich gemacht –« »Und doch deuteten Sie vorhin an, daß Sie ihn für einen großen Sünder halten?« »Was tut das? Ich frage nicht nach seiner Vergangenheit oder vielmehr, ich könnte ihn, so bizarr das auch klingen mag, gerade um dieser seiner Vergangenheit willen lieben ... So bin ich nun einmal, und Ihnen, dem Freunde, darf ich sagen, daß ich so bin ... Ich habe immer eine Schwäche für die Helden Byrons gehabt, vor denen die gespreizte Tugendlichkeit und die dumme Prüderie öffentlich ein Kreuz schlägt, während sie im geheimen dieselben doch sehr interessant findet. Sehen Sie, ich bin keine Heuchlerin, und wenn ich kokettiere, so tue ich es wenigstens mit Bewußtsein, nicht bloß aus Dummheit oder Gemeinheit, wie soviele andere ... Ja, ich habe eine Passion für diesen schönen Sünder, Ihren Jugendfreund. Möglich, daß die Passion sich zur Leidenschaft potenziert. Er erscheint mir wie der Giaur oder wie Lara und dann – der Freiherr von Rothenfluh kann mich mit Hilfe von meines Vaters Geld in eine gesellschaftliche Stellung bringen, die meiner Neigung für Lust, Glanz, Zerstreuung und Intrige entspricht ... Da haben Sie die ganze Beichte von Julie Kippling. Und nun – Herr von Rothenfluh wird durch meinen Bruder zu dem Maskenball der Söhne Mammons geführt werden, und so wissen Sie, warum auch ich dabei sein will. Wollen Sie mir zur Erfüllung meines Wunsches verhelfen?« »Ich werde mein möglichstes tun.« »Gut. Geben Sie mir morgen oder spätestens übermorgen nach Tisch einen Wink, wie weit Sie mit Herrn Bürger sind, der aber, wohlverstanden! nichts von meiner Absicht wissen soll. Über das Weitere werde ich Sie dann bei guter Zeit verständigen.« »Ich werde Ihrer Befehle harren,« sagte ich und verbeugte mich zum Abschied. Sie reichte mir aber die Hand, und als ich dieselbe einen Augenblick festhielt, neigte sie sich lächelnd zu mir, bot mir den rosigen Mund und sagte: »Da nimm! ... So, das wäre der erste Freundschaftskuß gewesen und er soll überhaupt unser vorletzter Kuß sein. Den letzten geb' ich dir am Vorabend von deinem oder meinem Hochzeitstag.« Sechstes Kapitel Eine Nacht im Tempel Mammons. – Der Ballsaal. – Die Furlana. – Das Mahl. – Das Blütenlabyrinth. – Ein Schreckensschrei. – Lara der Zweite. – »Jetzt lieb' ich ihn.« »Ihr werdet also morgen reisen?« sagte Herr Bürger zu mir, als wir am Montag abend das Kontor mitsammen verließen. »In aller Frühe,« erwiderte ich. »Der Herr Oberst meint, ich könnte kaum schnell genug den Rhein hinunter und nach England hinüber kommen. Wenn ich meine Geschäfte in London und Liverpool abgemacht, gehe ich, wie Ihr wißt, nach Paris.« »Nun, da rat' ich, verliebt Euch zum Trost in eine hübsche Grisette oder Lorette – 's ist alles eins. Hier ist's mit Euren Aussichten in der Liebe doch zu Ende. Man will Euch für 'ne Weile forthaben – 's ist kla–ar. Ihr seid unbequem. Und doch will, hör' ich, der abgewirtschaftete Freiherr morgen oder übermorgen ebenfalls abreisen. Freilich soll er bald wiederkommen, und dann wird Hochzeit oder wenigstens Verlobung sein. Fräulein Kippling wird ihre Rolle als Freifrau ganz prächtig spielen – verlaßt Euch drauf!« »Ich zweifle nicht im geringsten daran, lieber Freund. Aber was geht denn diese ganze Geschichte uns beide an?« »Rechne, da habt Ihr recht, wenigstens was mich betrifft. Könnte nicht sagen, was mich daran interessieren sollte, wenn nicht allenfalls der Umstand, daß vermöge dieses schönen Ehebundes zwischen Geburtsadel und Geldaristokratie die Goldfüchse von Gottlieb Kippling, die ich doch zu einem guten Teil sozusagen auch mit einfangen half, zu allen Teufeln gehen werden – 's ist kla–ar. Übrigens, was wollen wir heut' abend mitsammen anfangen? Rechne, wir stechen 'ne Flasche aus aufs Wohl der Dummheit, welche die Welt regiert.« »Tut mir leid, daß ich Euch nicht Gesellschaft leisten kann, Ihr vergeßt, daß Ihr mich freundschaftlichst in den Stand setztet, den Mysterien der Söhne Mammons anzuwohnen.« »Mysterien? Firlefanz! Alberne Masken – verrücktes Getanze – Schwitzen – spätes Souper, woran man sich den Magen verdirbt – schließlich wahrscheinlich 'ne dumme Verkältung. Ihr wollt also in allem Ernst die einfältige Schnurre mitmachen?« »In allem Ernste.« »Glück zu! Jugend hat nicht Tugend – alte Geschichte ... 's ist kla–ar. Rechne, will derweil im Aristophanes lesen gehn. Liegt 'ne Art von Beruhigung darin, von dem alten Grazienschlingel sich erzählen zu lassen, daß die Menschheit vor dreiundzwanzighundert Jahren gerade schon so lumpig gewesen wie heutzutage.« – – – Die Musik schmetterte schon vom Ballsaale her, als ich, nach in dem Vestibül abgemachten Förmlichkeiten, meine Begleiterin nach der Damengarderobe führte. Nachdem sie sich dort der bergenden Hülle entledigt hatte und wieder herauskam, sah ich, daß sie das malerische Kostüm einer Sevillanischen Zingala trug. Und wie trug sie es! Mit einer künstlerischen Vollendung, die reizender war als alle die Pracht des reichen Juwelenschmuckes, von welchem diese »eine Million schwere« Zigeunerin funkelte. Eine fein gemalte Charaktermaske verhüllte ihre Züge vollständig, aber aus den Augenhöhlen der Maske blitzte ein wahrhaft andalusisches Feuer. Ich hatte denn doch Ursache, mich daran zu erinnern, daß ich der Freund und nur der Freund von Julie Kippling sei, als sich das herrliche Geschöpf traulich an meinen Arm hing. Das ganze von außen unansehnliche und wie vernachlässigt aussehende Haus strahlte in seinem Innern von blendender Beleuchtung, und seine ganze Einrichtung zeugte von raffinierter Üppigkeit. In der Tat, man sah auf Schritt und Tritt, daß hier »Söhne Mammons« ihre Feste feierten. Alles war reich, nicht ohne Geschmack, aber jeder höheren Weihe bar. Der Materialismus hatte dem Ganzen sein Gepräge aufgedrückt: die Kunst war hier zur Sklavin des sinnlichen Reizes entwürdigt. Unser Weg führte durch eine Säulenhalle, in deren Mitte auf altarähnlichem Piedestal die vergoldete Bildsäule des Gottes stand. Mammon war dargestellt als ein nackter Jüngling von schwellender Gliederpracht, aber das üppige Lächeln seines Mundes war mehr ein faunisches Schmunzeln. In der Rechten hielt er ein umgekehrtes Füllhorn, aus welchem ein Goldregen zu strömen schien. In einer Schale zu den Füßen der Statue brannte duftendes Rauchwerk. Wir gingen vorüber und betraten das weite, vom buntesten Maskengedränge volle Rund des Ballsaals, dessen Wände mit Fresken geschmückt waren, die üppigsten Szenen der griechischen Mythologie darstellend. In dem großen Gemälde, welches den Plafond einnahm und eine Gruppe von Satyrn und Nymphen schauen ließ, steigerte sich die Laszivität zu wahrhaft aretinischer Frechheit. Ich fühlte unter meiner Halbmaske die Stirne vor Scham brennen und hätte mit Heines Rabbi von Bacharach zu meiner Begleiterin sagen mögen: »Schlage die Augen nieder, schöne Sara!« Nein, es war unmögliche, daß Julie Kippling eine Ahnung davon gehabt hatte, wie es im Innern von Mammons Tempel aussah. Ihr Arm zitterte in dem meinigen, und sie flüsterte mir zu: »Mein Freund, hier ist es nicht geheuer. Die Gesellschaft muß eine sehr gemischte sein. Aber wir sind einmal da. Tanzen wir!« Während wir zur Polka antraten, hörte ich eine schleppende Stimme, in welcher das Organ von Herrn Theodor Kippling nicht zu verkennen war, in meinem Rücken sagen: »Sieh mal die prächtige Zigeunerin!« Ich wandte den Kopf und erblickte einen Kosaken, der neben einem Tscherkessen stand, dessen hohe, schlanke Gestalt mir den Freiherrn von Rothenfluh verriet. Nachdem wir einige Touren getanzt, intonierte die auf einer dicht vergitterten Galerie befindliche Musik eine fremdartige Tanzmelodie. Die Tänzerpaare standen ungewiß, und eins nach dem anderen zog sich an die Wände des Saales zurück, so daß in der Mitte ein großer freier Raum entstand. »Das ist ja die Melodie der Furlana,« sagte Julie. »Kennen Sie diesen Tanz?« »Ich sah ihn zu Venedig, würde aber eine sehr ungeschickte Figur dabei machen.« »Was täte das? Versuchen wir's doch einmal.« Sie ließ meinen Arm los und schwebte dahin. Ich zögerte, mich durch ungeschickte Sprünge lächerlich zu machen, hatte aber das nicht zu befürchten, denn ein anderer nahm statt meiner die Herausforderung der schönen Zingala an. Der Tscherkesse glitt in den Kreis, und die Zigeunerin hatte einen würdigen Partner gefunden. Man konnte nichts Graziöseres sehen, als die raschen Windungen des Paares – dieses Locken, Fliehen, Haschen, diese getanzte Koketterie. Ich weiß nicht, welcher Berliner Phantast einmal von irgend einer Tänzerin gesagt hat, sie tanze Goethe; aber soviel ist sicher, hier wurde in reizender Weise eine venezianische Intrige getanzt. Der Kosak stand in der Zuschauermenge hart neben mir. »Est-il possible?« murmelte er unter seiner Maske. »Aber es kann nicht sein. Wie käme die hierher? Und doch –« Plötzlich wandte er sich zu mir mit der Frage: »Wo hast du diese Zigeunerin aufgelesen, edler Domino?« »Im Zingaliquartier zu Sevilla,« erwiderte ich mit verstellter Stimme und kehrte mich ab. Die Furlana war zu Ende, und ein tobendes Beifallsrufen brach los. Ich erblickte die Zigeunerin am Arme des Tscherkessen und konnte leicht merken, daß meine Rolle als cavaliere servente von Fräulein Kippling vorderhand zu Ende sei. Der Ball nahm seinen Fortgang. Berthold und Julie tanzten unzertrennlich, und ich setzte meine Beine wie die anderen in Bewegung. Da mich aber die Manieren meiner Tänzerinnen allzudeutlich wahrnehmen ließen, daß die Gesellschaft in der Tat eine sehr gemischte sei, war ich der Sache schon lange überdrüssig geworden, als eine Trompetenfanfare das Signal zum Souper gab. Die Flügeltüren eines zweiten Prachtsaals sprangen auf, und eine schwelgerisch zugerüstete Tafel lud die Gäste zu den Genüssen des Gaumens. Der Kosak führte irgend eine mythologisch maskierte oder eigentlich mit Ausnahme ihrer Halbmaske vor dem Gesicht, demaskierte Schöne zu Tische, der Tscherkesse nahm neben der Zingala Platz, und so ordnete sich die zahlreiche Tafelrunde nach Lust und Laune. Das Mahl war so üppig wie hier alles, und das sinnliche Raffinement erstreckte sich bis auf das Dienstpersonal. Denn nicht von Kellnern oder Lakaien wurden die Söhne Mammons bei Tische bedient, sondern von hübschen Mädchen in altgriechischer Tracht, so wie diese zur Zeit des Direktoriums in den Pariser Salons getragen worden war. Diesem von blendenden Gasflammen überströmten farbenbunten Wirrwarr von Luxus und Frivolität verliehen die Halbmasken, welche mit fast alleiniger Ausnahme der Zigeunerin die Tischgenossen durchgehends trugen, einen gewissen poetischen Reiz. Man konnte sich unter diesem funkelnden Tafelgeschmeide, diesen Blumenkränzen, diesen perlenden Weinen, diesen Schenkinnen, unter all diesem Gewirr flüsternder und lachender Frauenstimmen zu einem Maskenfeste der alten Lagunenstadt zur Zeit ihrer üppigsten Nächte zurückversetzt glauben. Als schon die Becher schneller kreisten und die Tischrede schon in nicht immer sehr seinen Neckereien, Witzen und Scherzen sich erging, erhob sich der Oberpriester des Tempels und brachte in Form frecher Travestie einer Gebetsformel dem Gott Mammon Huldigung und Libation dar. Die Musik blies Tusch, und sofort stimmte ein unsichtbarer Sängerchor jenen Hymnus des Materialismus an, welchen Emanuel Geibel – ach, in ganz andern Absicht – gedichtet hat: Laßt andre beten, andre fasten! Für unsre Stirn der Freude Kranz! Uns führen hunderttausend Masten Die Götter her: Genuß und Glanz. Es schafft die Welt an allen Enden Für unser Fest mit tausend Händen, Die Wahl des Köstlichsten ist schwer: Die Hügel zollen süße Weine, Die Berge geben Gold und Steine Und seine Perlen gibt das Meer. Drum laßt uns keinen König neiden; Für ihn die Macht, für uns die Lust! Mag er in Waffenschmuck sich kleiden, In Seiden weicher schläft die Brust. Mag er um Schweiß sich Ruhm erkaufen; Was frommt ihm, wenn die Zeit verlaufen, Der Lorbeerkranz, der Throne Sturz? Wir wollen, wo die Tafeln brechen, Den ros'gen Augenblick verzechen; Das Grab ist schwarz, das Leben kurz. Und schafft Musik zum reichen Tische! Sie flute halbgehört dahin, Und wie ein kühlend Grab erfrische Verhallend sie den heißen Sinn. Wie lieblich ist's, ihr nachzuträumen, Wenn in den bildervollen Räumen Sich Kerzenglanz und Mondlicht mischt, Und wenn dazu in schäum'gen Strahlen In weite rotkristallne Schalen Aufperlend der Champagner zischt! Und laßt's an Mädchen, laßt's an losen Schenkinnen uns gebrechen nie; Sie sind des Freudengartens Rosen, Sie sind des Festes Poesie. Zwei dunkle, wollustfeuchte Augen, Zwei frische Kirschenlippen taugen Mehr als ein schwer Gespräch zur Lust; Die Schönheit bleibt des Lebens Giebel Und schöner als die schwarze Bibel Ist einer Dirne weiße Brust. Das Lied verhallte. Vom Tanzsaal herein lockte die schmeichelnde Weise eines Wiener Walzers, und die Tafelrunde brach tumultuarisch auf, um sich wieder in den Tanz zu stürzen, welcher immer entschiedener die Miene annahm, jene Grenzlinie zu überschreiten, wo der Ball aufhört und die Orgie beginnt. Von dem Säulengange aus, welcher um den Saal herlief, sah ich noch eine Weile dem Getümmel zu und suchte mit den Augen in dem wilden Gewoge vergebens die Gestalten des Tscherkessen und der Zingala. Ich wäre gern weggegangen; allein ich hatte ja mit Fräulein Kippling verabredet, sie zu einer bestimmten Zeit an der Türe der Garderobe zu treffen, um sie nach Hause zu bringen, und die Stunde war noch nicht da. Müde des Lärms, trat ich aus dem Säulengange rückwärts in eine Art Wintergarten, der in labyrinthischen Windungen weit in die Ferne zu streben schien. Ich schritt in die grünen Gänge hinein. Da plätscherten Springbrunnen, da entfalteten exotische Pflanzen ihre Prachtblütendolden, da gab es versteckte Lauben, verschwiegene Moosbänke und lauschige Grotten. Ein gedämpftes, magisches Licht dämmerte über diesem üppigen Blütenlabyrinth, und die Töne der Musik drüben hatten hier ihre Grellheit verloren. Es war still und einsam in dem grünen Asyl. Nur da und dort flatterte eine leichte Mädchengestalt oder huschte ein zärtliches Pärchen an mir vorüber. Ich setzte mich auf eine Moosbank, blies den Rauch meiner Zigarre vor mich hin und überließ mich den Betrachtungen, welche das Fest in mir rege gemacht hatte. Da, mit einmal, unterbrach ein furchtbarer Schrei von seitwärts her meine Träumerei – ein Schrei, wie von einem Manne in höchster Todesnot ausgestoßen. Ich sprang auf und wandte mich der Richtung zu, woher der Schrei erschollen – da sah ich Julie auf mich zueilen, die Maske in der Hand, totenblaß, die Augen wie vor Entsetzen weit geöffnet. »Zu Hilfe, Michel!« preßte sie hervor. »Zu Hilfe! Er ist rasend!« Sie ergriff meine Hand und riß mich mit sich fort. Aber wir hatten kaum einige Schritte gemacht, als dicht vor uns abermals der furchtbare Schrei erscholl. Er kam aus dem Munde Bertholds, welcher den gewundenen Weg durch das Buschwerk daherschritt oder vielmehr daherwankte, taumelte. Sein Blick war schrecklich. Maske und Tscherkessenhelm waren ihm entfallen, und wirr hingen ihm die Haare um die eingesunkenen Schläfe – nein, sie hingen nicht, sie starrten hinaus und hinauf und auch der lange Schnurrbart war aufwärts gesträubt. Aschfahl das Gesicht, Schaum vor dem Munde, der Blick der blutunterlaufenen Augen gläsern, grausenhaft stier ins Leere gerichtet, die Brauen so krampfhaft wild zusammengezogen, daß die schwarze Furche zwischen denselben bis ans Ende der Stirne hinaufreichte. Die linke Hand krampfhaft in die Falten des Panzerhemdes seiner Charaktermaske verkrallt, hielt er in der rechten seinen entblößten Krummsäbel und focht damit wütend in der Luft herum, wie gegen einen unsichtbaren Feind. Er ließ den schrecklichen Schrei nicht wieder hören, aber stoßweise kamen die Worte aus seinem Munde: »Hinweg! Hinweg! ... Oder gestehe mir endlich einmal ... Hier ist meine Brust ... Dein Gewehr ... Leg an! ... Ha, du fliehst ...« »Wie kam das?« raunte ich der Zigeunerin zu. »Weiß ich es?« versetzte sie. »Es kam wie der Blitz, plötzlich und entsetzlich .... Aber um des Himmels willen, fassen Sie den Unglücklichen! Man kommt.« Der arme Nachtwandler – dies von Berthold bei unserem neulichen Wiedersehen hingeworfene Wort schien das Rätsel zu lösen – war nur noch einige Schritte von uns entfernt. Ich unterlief ihn, wand ihm die Waffe ans der Hand und faßte ihn fest um den Leib. Seine ganze Gestalt erzitterte und brach dann in meinen Armen zusammen. Eine Menge Masken stürzten herbei, an ihrer Spitze der Kosak. Die Zingala war verschwunden. »Was gibt es denn da?« fragte Herr Theodor Kippling. »Einen Kranken,« entgegnete ich. »Nein, ich bin schon wieder gesund,« sagte Berthold, indem er sich straff an mir aufrichtete. Er strich sich mit der Hand über die Augen, und das Blut kehrte in sein Gesicht zurück. »Ein dummer Schwindel oder Krampf, wie er mich zuweilen anwandelt,« murmelte er ... »Haben sie Dank, mein Herr,« fügte er dann hinzu, mich flüchtig grüßend, da ihn meine Maske hinderte, mich zu erkennen, und schritt hinweg. Herr Kippling folgte ihm, und ich ging, die Zingala aufzusuchen. Sie harrte, mit wieder vorgesteckter Maske, in dem Säulengange meiner. »Er hat sich völlig erholt,« sagte ich. »Ich weiß es,« versetzte sie. »Ich sah ihn wieder in den Saal kommen. Aber was mich betrifft, so habe ich an den Festen der Söhne Mammons ein für allemal genug und will heim.« Während wir in dem von mir bestellten Wagen an dem Flusse hinauf, dann durch die ganze Länge der Stadt fuhren, blieb Julie stumm. Auch als wir den Wagen verlassen hatten und durch ein Seitenpförtchen, wozu sie den Schlüssel bei sich trug, in den Kipplingschen Garten schlüpften, ging sie schweigend neben mir her, bis wir uns an der Ecke des großen Gewächshauses trennten. Da reichte sie mir die Hand und sagte leise: »Es war ein schreckliches Abenteuer. So Furchtbares habe ich nie erlebt. So muß Lara ausgesehen haben, wenn ihn zu Mitternacht das geheimnisvolle Entsetzen faßte .... Was es sein mag? Ein finsteres Geheimnis vielleicht, ein Unglück jedenfalls .... Ich glaube, jetzt lieb' ich ihn! ... Sie, Hellmuth, Sie sind kein Lara, aber ein treuer Freund sind Sie .... Gute Nacht! Auf fröhliches Wiedersehen!« Sechstes Buch Mammon auf dem Dorfe Erstes Kapitel Eine Erinnerung an Wolfgang den Großen. – Die Rast am Waldsaum. – Mammon in Lederhosen. – Ein Oberländer Bauerbursch und sein »Schätzle«. – »Sie konnten zusammen nicht kommen.« Es wohlet einem Deutschen doch, wenn er die Kreidehügel und Lehmhüttendörfer der Champagne und die Bergkämme der Vogesen hinter sich und den Straßburger Münsterturm als Wegweiser durch das fruchtbare Elsaß vor sich hat. Man hört doch wieder Laute, die ganz anders klingen als das widerwärtige Genäsel und Geschnarre, welches mich in der letzten Zeit umschwirrt hatte. Im übrigen sind die Elsässer ein ziemlich unerquickliches Volk, nicht mehr recht deutsch, und noch lange nicht französisch; dabei stark mit Jüdischem versetzt. Am meisten Treue gegen die angestammte Nationalität hat die Stadt Straßburg bewahrt. Wenigstens die Mittelklasse ist dort noch ganz deutsch. Die »höheren« Klassen machen es wie viele ihrer Standesgenossen am rechten Rheinufer; sie sprechen sehr schlechtes Französisch und halten das für vornehm. Als diese Zeilen im Jahre 1857 niedergeschrieben wurden, konnte wohl kein Mensch ahnen, daß schon nach vierzehn Jahren das vordem mittels schnödestem Unrechts und infamster Tücke Deutschland entrissene Elsaß wiederum für das ruhmvoll erneute Deutsche Reich zurückerworben sein würde. Die Hoffnung jedoch auf eine dereinstige Erlösung aus der welsch-babylonischen Gefangenschaft und auf eine Rückkehr ins Daheim der Mutter Germania war in einer kleinen, aber edlen Schar treudeutscher Elsässer nie erloschen und wurde innerhalb dieser Schar das Deutschtum durch Dichter und Gelehrte mit wahrhaft rührender Pietät gepflegt, während im Volke, insbesondere, wo dasselbe nicht mit verwelschtem vornehmen und gemeinen Fabrikpöbel versetzt war, die deutsch-nationalen Überlieferungen in Gestalt und Sprache, Sage und Sitte still fortlebten. Mitunter schlug wohl auch inmitten der mit aller List und aller Gewalt betriebenen Verfranzosung ein deutscher Ton und Klang auf, welcher dem Glauben, Lieben und Hoffen der ihrer nationalen Pflicht treugebliebenen Elsässer ergreifenden Ausdruck gab. Dies geschah z. B. in den Liedern von Karl Hackenschmied mit einer wahrhaft prophetischen Zukunftsahnung. Als zu Ende Junis 1859 das Straßburger Münster zur Feier der Schlacht von Solferino mit französischen Fahnen geschmückt war, schrieb Hackenschmied angesichts dieser Dekoration die Strophe: Ei, so weht nur, welsche Fahnen! Aus der Nacht entspringt der Tag, Wo empor der deutsche Adler Sich erhebt mit mächt'gem Schlag; Wo er schlägt die starken Krallen In des Domes Felsenkleid Und verkündet siegesjubelnd Deutschlands neue Herrlichkeit' Note zur 3. Aufl. v. J. 1872. Fest entschlossen, wenigstens einen Monat lang ganz mir selbst anzugehören, wollte ich leiblich und geistig dieser Ferien genießen und ging daher in der alten Reichsstadt und ihrer Umgebung den Spuren Goethes nach. Ich halte dafür, daß die Straßburger Partie in Wahrheit und Dichtung mit zu dem Reizendsten gehört, was der Meister geschrieben. Hier wurde das Nachgefühl einer schönen Zeit so mächtig in ihm, daß es den steifleinenen Geheimratsaplomb, welcher manche Partie der berühmten Selbstbiographie unerquicklich genug macht, siegreich durchbrach. Ich pilgerte auch nach Sesenheim hinüber, wo Goethe die glücklichsten Stunden seines Lebens verlebt hat. Wenn man sich jene anmutigen Szenen eines idyllischen Glückes vergegenwärtigt, könnte einen wohl der Zweifel beschleichen, ob in unserer hastigen Dampfkesselzeit so ein Glück überhaupt noch möglich sei .... Schöne Friederike Brion, der Genius hat dafür gesorgt, daß ein Schatten deiner anmutigen Erscheinung noch immer auf den Fluren deiner ländlichen Heimat weilt. Auch ich sah dich noch dort in deinem »kurzen, weißen, runden Röckchen mit einer Falbel, nicht länger, als daß die nettesten Füßchen bis an die Knöchel sichtbar blieben, im knappen Mieder und in der schwarzen Tafettschürze, leicht und schlank, als wenn du nichts an dir zu tragen hättest.« Später hattest du an deinem verlassenen Herzen gewiß schwer genug zu tragen. Arme Friederike Brion! Dein erlauchter Geliebter hat dir den Kranz der Unsterblichkeit um die Stirne gelegt, aber was dieser Kranz dich gekostet, das hat er nicht gesagt. Arme Friederike! Schade, daß du nur eine einfache Landpfarrerstochter und in der Mythologie nicht sehr bewandert warst. Du hättest sonst im voraus gewußt, was die Töchter der Erde zu erfahren haben, wenn sie von Göttern geliebt werden. Nach Wolfgangs des Großen Vorgang wollte ich dann auch am Straßburger Münster wieder einmal »deutsche Art und Kunst« studieren. Aber ich weiß nicht, als ich droben auf der Münsterterrasse stand, schauten die tannengrünen Schwarzwaldberge so anheimelnd herüber, daß ich denselben ohne weiteren Verzug entgegeneilte, beflügelten Fußes. Und dieser Ausdruck ist wörtlich zu nehmen, denn ich reiste wieder einmal wie ein Student, das heißt wie ein Student aus meiner, Zeit. So durchwanderte ich den alten Schwarzwald und den schönen Hegau und schlenderte das reizvolle obere Donautal hinab, dem fruchtreichen Oberland entgegen. Ich wollte ja nach Frohdorf, wo mein geliebter Fabian, wie er mir in seinem letzten Briefe triumphierend gemeldet hatte, Pfarrer geworden war, und freute mich ganz unbändig darauf, den Jugendfreund, das treue, gute, duldsame Bruderherz endlich wiederzusehen. Es war gerade ........ die üppige Zeit, Wo alles so schweigend glüht und blüht, Wo des Sommers stolzierende Herrlichkeit Langsam durch die schwelgenden Lande zieht. Ja, sie glühte wollüstig in der Umarmung des lachenden Himmels, die ewig junge Mutter Erde. Die Sonne, wenn auch im Westen allmählich an der stahlblauen Kuppel hinabsteigend, warf noch immer liebeheiße Strahlen über die weiten, erntereifen Fruchtgelände hin. Kein Lüftchen regte sich, und brütende Schwüle lag über der Gegend. Ich hatte mich müde gegangen. Ein Gehölz am Wege bot erwünschten Schatten. Ich warf mich hinter den ersten besten Busch des Waldsaums ins kühle Moos, schob mir die Reisetasche unter den Kopf und sank bald in tiefen Schlaf. So mochte ich einige Stunden geschlafen haben, als mich der Schall von Menschenstimmen weckte. Ich hob den Kopf und sah durch das Buschwerk hindurch zwei Männer den Waldweg heraufkommen, von denen der eine heftig redete und gestikulierte, während der andere ihn beschwichtigen zu wollen schien. Der Heftige war ein langer Mann mit einem respektablen Bauche, fest und breit auftretend, mit einem äußerst wohlgenährten, roten Gesicht. Sein an den Schläfen ergrautes Haar war kurz geschoren und von einem runden Fuhrmannshut bedeckt, dessen Band durch eine große silberne Schnalle zusammengehalten wurde. Er trug bis an die Knie reichende Stiefel, schwarze Lederhosen, eine schwarze Sammetweste mit schweren Silberknöpfen und einen dunkelblauen Tuchrock mit sehr langen Schößen und stehendem Kragen. Aus seiner schwarzseidenen Halsbinde guckte ein weißes »Unterhalstuch« hervor. Im Knopfloch hatte er einen Rosmarinzweig stecken, was mir verriet, daß er von einer Hochzeit herkam, und in der Rechten führte er einen langen, unten in einen natürlichen Knopf auslaufenden Stock, dessen Handgriff mit Silberdraht umwunden war. Der reiche Oberländer Bauer war in Tracht und Gebaren dem Manne leicht anzusehen. Sein Begleiter war ganz gleich gekleidet, nur mit dem Unterschiede, daß man seinem Anzug anmerkte, er stehe auf der Leiter bäuerlicher Hierarchie etliche Sprossen tiefer als jener. »Mordsappermost!« sagte der große Dicke polternd und stieß seinen Stock heftig auf den Boden. »Sag, was du willst, Hanns Jörg, 's muß sein, wie ich's haben will. Gelt, ich hab' heut' dem Ding ein End' g'macht, hab' der Hau Hacke. 'nen Stiel g'dreht, und, am nächsten Samstag geht halt mein Jages Abkürzung des Namens Cyriak. mit's Luixebaurs Kätter Abkürzung von Katharine. zum Hairle Zum Hairle gehen, das heißt sich verloben. Im Oberlande werden nämlich die Verlöbnisse im Pfarrhause abgeschlossen. – Punktum!« »Nu, nu,« entgegnete der Hanns Jörg, »ich sag' nit, daß 's Luixebaurs Kätter nit für dein' Jages passen tät', aber denk' mir, der Jages will sie halt nit, und denk' mir, der Jages hat doch dazu auch was z' reden.« »Muß sie wollen, die Kätter, muß. Meinst, ich woll' sein Lumpenmensch zur Söhnerin Schwiegertochter. haben? Die käm' mir recht! Was, nichts als ein altes Lärvle im Vermögen und 'nen Bettelsack zur Aussteuer? Aber gelt, ich hab's ihr g'sagt? Mein Jages, wenn er ein rechter Kerle ist, wird sich jetzt wohl den G'lust vergehen lassen, noch zu der Vefe Vefe, Vefele, Diminutiv von Genovefa. zu gehen.« Zu einem Mädchen gehen, das heißt in ein Mädchen verliebt sein, ihm den Hof machen. »Wer weiß? Und's Vefele ist eineweg ein brav's Mädle und, Sapperlot, ein hübsch Mädle – sell ist es – und, ja, denk' mir halt, Bronnenbaur, nichts für ungut, 's war halt nit recht, das arm' Ding so vor allen Leuten abz'kapiteln und fast z'schlagen. Was kann's denn dafür, daß es deinem Jages gefallen tut?« »Hanns Jörg, du schwätzest, mit Verlaub, grad' so ung'schickt wie meine Bäuerin. Da heißt's alleweil: 's Vefele ist ein brav's Mädle. Gang mir weg! 's ist von ihr und ihrer Alten nit brav, so 'nen Bursch wie meinen Jages einzuzeiseln.« Einzeiseln, das ist locken, an sich locken. »Denk' mir, 's ist nit so. War doch des Vefeles Mutter, die alt' Hanne, ihr Lebtag ein rechtschaffen Weibsbild. Niemand hat weder ihr noch ihrem Mädle Schlimmes nachg'sagt und, denk mir, Bronnenbaur, ich könnt' mir's wohl noch denken, daß dir zu unserer Zeit die Hanne auf und eben so g'fallen tun tat, wie jetzt 's Vefele dem Jages.« »Pestilenz! Komm mir nicht mit dem, Hanns Jörg, sonst machst mich halt wild.« Mit diesen Worten gingen die beiden Männer an dem Buschwerk vorüber, hinter welchem ich lag, und bevor sie sich auf der Höhe des Weges verloren, hörte ich den Bronnenbauer noch sagen: »Guck, Hanns Jörg, die G'schicht' ist jetzt 'rum. Hab' dem Jages heut' die Narretei g'wiß vertrieben. Gott straf mich! Ist ja sonst ein g'scheiter Kerle, mein Jages, wenn er auch seine Mucken hat. Das Ding wird sich jetzt schon machen. Denk dir, ein Luixebaur gibt seiner Kätter gleich fünftausend bare blanke Gulden mit, und in ein paar Jährle kriegt der Jages den ganzen Luixenhof; denn der Alt' wird's halt nit gar lang' mehr treiben, ist gar bresthaft, weißt? Heut' über drei Wochen ist Hochzeit, Alterle, und da wöll'n mer auch noch ein tun.« Einen tun, das heißt einen Tanz. Die Oberländer Burschen fordern die Mädchen mit der stehenden Redensart zum Tanz auf: »Wöll' mer ein tun?« »Mammon in Lederhosen!« dachte ich, hatte aber nicht Zeit, über das mitangehörte Gespräch weitere Glossen zu machen, denn schon erschien, von der nämlichen Seite herkommend, von welcher der patzige Bronnenbauer und der mildere Hanns Jörg gekommen waren, eine neue Person auf dem Waldweg. Ein Bauernbursch, in der Blüte des Lebens stehend, schlank und hoch gewachsen wie eine Tanne, kam den Pfad herauf. Auch er war feiertäglich angetan. Von den mit großen silbernen Schnallen geschmückten Schuhen zogen schneeweiße Strümpfe über die Waden bis an die Knie hinauf, um dort in prall anliegenden Lederhosen zu verschwinden. Über das lose umgeschlungene buntseidene Halstuch war der Hemdkragen weit zurückgeschlagen, eine scharlachrote Weste mit einer engen Reihe von Silberknöpfen hüllte die breite Brust ein, und über dieser Weste trug ihr Besitzer ein sehr kurzschößiges Wams von dunkelblauem Manchestersammet. Sein kurzgeschorenes braunes Haar bedeckte die eigentümlich geformte, mit Goldzindeln und braunem Pelzwerk verbrämte grünsammetne Mütze, wie die Bauern des Oberlandes sie tragen. Eine breite, mit allerlei Zierrat versehene silberne Uhrkette, die ein gut Stück über das Beinkleid hinabbaumelte, und eine Pfeife, deren »Ulmer« Maserkopf mit einem hohen silbernen Beschläge versehen war und an deren Rohr eine enggehäkelte Silberkette hing, vollendeten den Sonntagsstaat des jungen Mannes, dessen hübschen, offenen Zügen eine Adlernase, unter welcher ein dunkler »Schnauz« sich brüstete, etwas Mannhaftes verlieh. Die straffe Haltung und der Gang des jungen Bauern ließen, zusammengehalten mit dem erwähnten Schnauz, vermuten, daß das viereckige, »latschige« Gebaren, welches unsere bäuerliche Jugend oft genug verunstaltet, hier der militärischen Dressur gewichen sei. Übrigens war der Bursch augenscheinlich in großer Aufregung. Seine dunklen Augen rollten unstet, und helle Schweißtropfen rannen ihm von der gefurchten Stirne über die fieberhaft geröteten Wangen herab. Bald stand er still und kehrte sich um, wie horchend, bald ging er wieder vorwärts, dumpf vor sich hinmurmelnd und große Wolken aus seiner Pfeife paffend. So war er meinem Verstecke schräg gegenüber gekommen, als er mitten auf dem Wege still stand, die Pfeife aus dem Munde nahm und sie dann, nachdem er einen Augenblick regungslos vor sich hingestarrt, mit einer heftigen Verwünschung zu Boden warf und mit einem Fußtritt das reiche Silberbeschläge zerquetschte. Dann stierte er einige Sekunden lang in die leere Luft, und plötzlich sah ich zwei große Tränen aus seinen Augen rollen, hörte ihn einen schweren Seufzer ausstoßen und mit dem Sprung eines getroffenen Hirsches warf er sich auf der anderen Seite des Weges in das Dickicht. »Am Ende ist das gar des Bronnenbauers Jages,« dachte ich. Aber schon wurde meine Aufmerksamkeit abermals nach dem Wege hingezogen, auf welchem eine vierte Person erschien, diesmal eine weibliche. Es war eins jener kräftigen Bauernmädchen von wirklich ländlich-untadelhafter Schönheit in Wuchs und Antlitz, wie sie mit ihren nußbraunen Haaren, klugen Rehaugen und Wangen »wie Milch und Blut« im Oberlande nicht allzuselten einem begegnen. Das Mädchen war sauber und sonntäglich angetan, aber doch deutete seine Sonntagshäs Häs, das ist Kleidung. unverkennbar auf Armut. Seine Radhaube war nicht silbern oder gar noch dazu vergoldet, wie die Hauben der reichen Bauerntöchter jener Gegend, und auf seinem Mieder bemerkte man nicht jenes Gewinde von silbernen Ketten, welches die hochbusige Brust derjenigen Oberländerinnen, welche »Batzen« haben, zu schmücken pflegt. Langsam kam die ländliche Schöne den Weg herauf, am linken Arm den kleinen Korb, dessen Form einem der Länge nach in der Mitte zerschnittenen Ei ähnelt und ohne welchen man eine rechte Oberländerin selten außerhalb ihres Dorfes erblickt. Als sie sich näherte, bemerkte ich, daß sie eben erst aufgehört haben mußte, heftig zu weinen; denn ihre schönen Augen waren rot umrändert, und sie fuhr von Zeit zu Zeit mit der umgekehrten Hand darüber, wie um eine zurückgebliebene Träne wegzuwischen. Plötzlich sah sie die mißhandelte Pfeife auf dem Boden liegen, lief hastig darauf zu, hob sie auf, betrachtete sie verwundert, erschrocken, zweifelvoll und sprach dann mit einer Betonung, worin sich Frage und Ungewißheit, Bekümmernis und Zärtlichkeit seltsam mischten, den Namen Jages aus. Der Ausruf war so leise, gewesen, daß ich ihn kaum verstehen konnte. Aber ein anderer, der Bursch dort drüben in den Büschen, mußte ihn deutlich genug gehört haben. Mit einem Satz war er auf dem Wege, legte seine kräftigen Arme dem Mädchen auf die Schultern, zog es an sich und beugte sich schweigend zu ihm herab. Das Mädchen seinerseits ließ bei der plötzlichen Erscheinung des Burschen die Arme zuerst schlaff an der Seite niederhängen, so daß Korb und Pfeife ihren Händen entfielen. Dann erhob sie ihren rechten Arm, umwand damit den linken des Burschen und richtete ihr hochgerötetes Gesicht zu ihm auf. So standen sie lange, ein schönes Paar, in der roten Abendsonne und sahen sich schweigend in die Augen; aber diese redeten miteinander jene Sprache, welche man in der Maienzeit des Lebens versteht und später, ach, wie so manches Schönste, Beste, nur noch für eine Jugendtorheit will gelten lassen. Endlich sagte der Bursch: »Gelt Vefele, bin heut' ein recht schlechter Kerle g'wesen? Was hast' von mir denken müssen, daß ich dich so hab' stecken lassen? Aber guck', 's ist halt mein Vater, und – und –« »O, Jages,« erwiderte das Vefele sich bückend, um Korb und Pfeife aufzuheben, »du hast nichts dafür können, und ich hätt' halt sollen meiner Mutter folgen und nicht zu der Hochzeit gehen.« »Ja, justement um so schlechter war's von mir, weil ich's hab' haben wollen, daß du hingangen bist. Und ich bin wie 'n rechter Tralle und Hundsfötter dag'standen und hab' mich nicht für dich g'wehrt. Gelt, du hast dich g'wiß in d' Seel' 'nein für mich g'schämt.« »Warum denn? So ein arm' Mädle wie ich muß sich viel g'fallen lassen, und was hättest denn sollen machen? Dein Vater, der will's nu' mal nicht haben, daß du Bekanntschaft Bekanntschaft bedeutet im Oberländischen Liebschaft. mit mir hast, und ich selber hab' dir's ja schon hundertmal g'sagt, daß ich nicht für dich passen tu'. 's Luixebaurs Kätter, die –« Der Jages ließ sie nicht vollenden. Er fuhr heftig auf, um so heftiger, als ihn der Instinkt der Liebe in den letzten Worten des Vefele etwas wie Eifersucht ahnen ließ, rückte die Mütze zornig aufs Ohr und sagte überlaut: »Gang mir zum Deuxel mit 's Luixebaurs Kätter, hätt' ich bald g'sagt. Dich will ich und sonst keine. Du bist mein Schätzle und mein Schatz, Vefele. Aber du wirst mich jetzund wohl nicht mehr wollen, he?« Und halb flehend, halb zornig faßte er ihre Hand, wie um jenes Geständnis zu erpressen, das man in jungen Jahren nicht oft genug hören kann. »Ich wohl, Jages,« entgegnete das Mädchen naiv, »aber weißt ja, d' Leut wollen's nicht und's darf nicht sein. Ja, wenn du nur ein armer Bursche wärest –« »Wär' ich's nur!« unterbrach sie der Jages wieder heftig. »Aber ich will's dem Vater schon sagen, das will ich! Wenn ich gleich nicht vor allen Leuten mit ihm Händel anfangen mocht', so soll er's doch heut' noch zu hören kriegen, daß ich nicht so mit mir umgehen lasse und mit dir. Will lieber beim nächsten besten Bäuerle als Knecht dienen, dann kann er sein Sach' geben, wem er will. Schaffen kann ich wie einer – und, kurzum, will's ihm heut' noch sagen.« »Gelt nicht?« bat Vefele. »Dein Vater hat trunken, weißt, und dann ist er gar hitzig und wild.« »Ei was! Ich kann auch wild werden, wenn's sein muß.« »Weiß wohl, aber denk' an dein' Mutter. Und muß dir sagen, Jages, 's tut kein gut nit, daß du mein'twegen mit deinem Vater Händel anhebst. Gelt, du versprichst mir's, das nit z' tun?« Sie ergriff die Hand des Widerstrebenden, der nach einigem Zaudern sagte: »Nu' ja, für heut' will ich dir's versprechen, aber nur dir z'lieb, weißt? Und unter der Bedingung, daß du mich lieb b'hältst und mir 'n Küßle gibst.« »Da!« sagte das Mädchen lächelnd und bot, sich auf die Zehen stellend, dem Geliebten ihren kirschroten Mund dar. »Und jetzt,« fuhr sie fort, »gang du schnell heim. Ich mag nicht noch mal Ärgernis geben, wenn man uns beieinander sieht.« »Warum nicht gar! Meinst, ich lass' mir von 'nem Menschen, wenn's nit grad mein Vater ist, im Bart kratzen? Sapperlot, jetzt grad' will ich dich heimführen. 's ist noch Tag und alle Leut' im Dorf sollen sehen, daß du halt mein Schatz bist und bleibst.« Mit diesen Worten zog er das Mädchen vorwärts. Aber nach wenigen Schritten machte sich Vefele sanft von ihm los und sagte: »Sei brav, Jages, und folg' mir. Weißt, ich mein's gut. 's ist nit recht, dein' Vater noch böser z' machen. Gang du hübsch da links über den Bühel heim, ich will rechter Hand über d' Steinbruck abe gehen. Und, Jages, hör' sei gut mit deinem Vater und vergiß nicht, z' unserm Herrgott z' beten. Der wird's schon mit uns machen, wie's am besten ist.« Der fromme, vertrauensvolle Ausdruck, welchen das Gesicht der Sprecherin bei den letzten Worten angenommen hatte, machte sie noch schöner, und ich begriff unschwer, daß der Jages sie leidenschaftlich an seine Scharlachweste drückte und ihre Stirne und Wangen mit Küssen bedeckte. Hierauf sagte er: »Guck' sieh, du kannst halt mit mir machen, was du willst. Ich will dir folgen. Aber weißt, Vefele, wo ich Soldat worden bin, da hab' ich müssen ein' heiligen Eid auf d' Fahne schwören, und guck', grad' so ein Eid hab' ich vorhin im stillen bei mir g'schworen, daß du und keine andere mein Weib sollst werden. Das merk dir, und jetzt' gut' Nacht, Schätzle, und schlaf' wohl und grüß' mir dein' Mutter.« Dies gesagt, entfernte er sich hastig und ohne umzublicken. Das Mädchen sah ihm nach, bis seine hohe Gestalt links am Waldsaum verschwunden war. Dann wandte sie sich rechtshin, und ich sah ihre Lippen sich bewegen, als spräche sie ein stilles Gebet. Aber die Fassung, welche sie dem Geliebten gegenüber so gut zu bewahren gewußt, wich jetzt dem Ausbruche eines Schmerzes, welchen zu bewältigen sie sich weiter keine Mühe gab. Ihre Brust hob sich stürmisch, sie seufzte zu wiederholten Malen laut auf und verschwand weinend hinter den Baumstämmen. »Die alte Geschichte, ganz die alte Geschichte!« sagte ich bei mir. »In der Stadt und auf dem Lande, in Palästen und Hütten immer dasselbe Drama, welches gewöhnlich als Lustspiel anhebt und so oft als Trauerspiel endigt.« Ich griff nach meiner Zigarrenbüchse, und während ich mir einen Glimmstengel anbrannte, summte mir im Kopfe ein altes bekanntes Volkslied: »Sie konnten zusammen nicht kommen, Das Wasser war viel zu tief ...« Zweites Kapitel Prachtexemplar einer aussterbenden Menschenspezies. – Die traurige Geschichte vom Jages und vom Vefele. – Ein Dorf an der Donau. – »Der Herr Pfarr'.« »Buon giorno, Signore! Datemi una cigaretta!« sagte mit einmal eine etwas brüchige Baßstimme hinter mir. Ich wandte mich überrascht um. »Bon soir, Monsieur. Ayez bien la bonté, de me donner un cigare!« tönte es mir aus dem Munde einer äußerst langen und hageren Gestalt entgegen, welche in der einen Hand eine abgetragene Flachkappe, in der anderen eine sehr verrauchte Stummelpfeife hielt. »Voilà, mon vieux,« entgegnete ich und hielt ihm das Etui hin. Er nahm ohne Umstände eine Zigarre heraus und gab mir die Büchse kratzfußend und mit den Worten zurück: »Thousand thanks to you Sir.« »Wetter, lieber Mann,« sagte ich, »wenn das so fortgeht, so bringt Ihr noch alle europäischen Sprachen vor. Seid Ihr vielleicht beim Kardinal Mezzofanti, der etliche dreißig Sprachen redete, in die Schule gegangen?« »Nein, Herr,« gab der hagere Veteran – denn als solchen kennzeichnete ihn das Vierteldutzend Medaillen, die er im Knopfloch hängen hatte – zur Antwort. »Weder bei einem Kardinal noch bei sonst einem der roten oder schwarzen Vögel: hab' sie mein Lebtag nicht recht vertragen können. Aber man ist ein gut Stück in der Welt 'rumgekommen, Herr, und da bleibt da und dort ein Brocken an einem hängen.« Mein neuer Bekannter war einer jener alten Knasterbärte, welche das ganze Kriegsgetümmel der Napoleonschen Zeit mitgemacht hatten und dann, mit Narben bedeckt und auch wohl mit halb oder ganz erfrorenen Gliedern, endlich in ihre Heimat zurückgekommen waren, um in vielen Fällen als privilegierte Bettler die Geschichte ihrer Strapazen von Haus zu Haus zu tragen, wandernde Kriegsfibeln, die sich in das Friedensleben gar nicht mehr recht hineinzufinden wußten. Das hier in Rede stehende Exemplar dieser allmählich aussterbenden oder schon ausgestorbenen Menschenspezies war ein ältestes, aber ganz leidlich konserviertes. Als fünfzehnjähriger Junge war er seinem Vater, einem Wagner in Frohdorf, entlaufen und Trommelschläger bei den Kaiserlichen geworden. Am Rhein von den Franzosen gefangen, hatte er diese sehr lieben gelernt und in ihren Reihen zunächst gegen die têtes quarrées von Vendeern, wie er sie nannte, gefochten. Dann, mit Bonaparte, nach Ägypten gesegelt, machte er die Seeschlacht von Abukir mit und mußte, bei dieser Gelegenheit in die Hände der Engländer gefallen, diesen drei Jahre lang als Marinesoldat dienen. Nachdem er sich diesem unfreiwilligen Dienst in einem italischen Hafen durch eine kühne Flucht entzogen, stellte er sich wieder unter die Fahnen des kleinen Korporals, focht in den verschiedensten Ländern, sah den Brand von Moskau und mußte, nach der Schlacht bei Bautzen von den Preußen als Blessierter vom Schlachtfelde aufgelesen, nach notdürftiger Heilung gegen seine geliebten Franzosen mit zu Felde ziehen, um, wie er sich ausdrückte – denn er hatte von seinen Feldzügen unter der republikanischen Fahne her höchst absonderliche, sozusagen ganz abscheuliche Ideen im Kopfe behalten – »den Aristokraten und Pfaffen wieder zu ihrem Futter zu verhelfen«. Nach dem zweiten Pariser Frieden in Gnaden verabschiedet, war er nach Frohdorf zurückgekommen, wo ihn niemand mehr kannte, wo er aber das oben angedeutete Privilegium mit so vielem Humor auszubeuten wußte, daß er unter dem Namen des »Courage« ein sehr beliebter öffentlicher Charakter der ganzen Gegend geworden und geblieben war. Den angegebenen wunderlichen Namen hatte ihm seine Neigung eingetragen, sich bei jeder Gelegenheit Französisch vernehmen zu lassen, oder wohl mehr noch seine Gewohnheit, das Wort courage häufig ans Ende seiner Sätze zu stellen, gleichsam als Tüpfelchen auf das i oder als Ausrufungszeichen. Im übrigen war er die beste Seele von der Welt, und da ich ihm beiläufig mitteilte, daß ich von Paris herkomme, waren wir bald ganz kordial mitsammen. Ich glaubte, sein weißer Schnurrbart wollte sich sträuben vor Freude bei der Entdeckung, wieder einmal einen Menschen vor sich zu haben, mit dem er von seinen Pariser Erinnerungen schwatzen konnte. Nachdem er seiner Neugier, ob dies oder das an der Seine immer noch so sei wie zu seiner Zeit, einigermaßen Genüge getan, fragte ich meinerseits, ob er mir Näheres über die Personen sagen könnte, welche ich vor dem Zusammentreffen mit ihm gesehen und die mein Interesse lebhaft erregt hatten. Ich hatte nicht nötig, sehr weitläufig in meiner Beschreibung zu sein, denn er sagte sogleich: »Sakristi, Sie haben den Jages und's Vefele gesehen? Ist's nicht ein hübsch Kind, une charmante fille ? Und der Jages hätte dürfen nur mal tüchtig Pulver riechen, um ein ganzer Kerl zu werden – courage! Wissen Sie, 's sind halt junges Blut und ineinander verschossen. Er fast noch mehr als sie, wie's denn geht, wenn kein Krieg ist und die jungen Burschen Zeit haben, sich solches Larifarizeug in den Kopf zu setzen. War anders zu meiner Zeit, war allweil d' Welt voll Kriegstrubel und ließ einem der Kleine mit dem grauen Überrock nicht Zeit, sich in ein Weibsbild zu vergaffen, daß man drob schier krank werden mochte – courage! « »Soviel ich von dieser Liebschaft sah, ist es eine traurige,« sagte ich. »Freilich, freilich. Er ist halt ein reicher Bursch und sie ein arm' Mädle. Er ist das einzige Kind des Bronnenbauers, von dem man sagt, er könne sein Haus mit Kronentalern pflastern lassen, und 's Vefele herentgegen ist die Tochter der alten Hanne, deren ganzes Vermögen in einem baufälligen alten Häusle, zwei alten Apfelbäumen, einer Geiß und einem Kartoffeläckerle besteht. D'rum meint der alte Bronnenbauer, die Leute passen nicht zusammen. Die alte Hanne ist brav und rechtschaffen und ihre Tochter nicht minder – courage! Muß es wissen, ich, denn die Hanne war Geschwisterkind mit meiner Mutter selig und hat als gutmütige Base an mir gehandelt – so hat sie, Sakristi. Denn da ich alter Kriegsknecht heimkam und man mich von Gemeinde wegen zu allerlei Lumpengesindel ins Hirtenhaus einquartieren wollt', hat die Hanne gesagt: Nein, mein Vetter soll nicht ins Hirtenhaus, solang' ich noch 'ne Herberg' hab'. So hat sie mich denn zu sich genommen und sie und ihr braver Tone Anton. selig haben als rechte Freunde Das heißt Verwandte. »Freundschaft« bedeutet im Oberländischen Verwandtschaft. an mir getan, und seit der Tone tot ist, hat mich 's Vefele lieb wie 'nen Vater – courage! « »Wollt', ich wär' an Eurer Stelle, Alter.« »Dazu wären Sie doch wohl noch ein bißle zu jung,« meinte der alte Soldat lächelnd. »Aber sehen Sie, es tut mir halt weh, daß das Mädle in die Liebschaft mit dem Jages hineing'raten ist. 's Vefele, müssen Sie wissen, hat auf dem Bronnenhof als Magd gedient, und 's konnte nicht fehlen, daß sie dem Jages gefiel und er ihr, denn der Jages ist, entre nous, ein hübscher und rechter Kerl, und gerad' weil er so einer ist, hat er sich gegen 's Vefele nicht herausg'nommen, was hundert andere reiche Bauernsöhne gegen sie sich herausg'nommen hätten. Denn Sie müssen wissen, Herr, daß unsere Bauern gar nicht so ländlich sittlich sind, wie die Stadtleute meinen, sondern ländlich schändlich – courage! Ja, verdammt hochmütige Canaillen sind's, Sakristi! Und hat der Sohn so eines großen Hofbauern einem armen Mädle eins aufgehängt, so läßt er es sitzen, samt dem Balg, schwört sogar oftmals die Vaterschaft ab und heiratet durch die Bank nur eine, die Batzen hat. Hätt's der Jages auch so g'macht, der Bronnenbaur hätt' wohl gar noch sein' G'spaß dran g'habt, Gott straf' mich! Aber ist der Jages ein rechter Goldfasan unter diesen Mistfinken und 's Vefele auch ihrerseits nicht so eine, wie deren g'nug bei uns herumlaufen – courage! « »Ihr scheint nicht gar zuviel von der Tugend und Sittsamkeit Eurer Landsleute zu halten, lieber Freund.« »Nein, Herr. Glauben Sie mir, wenn man so an dreißig Jahre lang alle Haushaltungen der Gegend auswendig gelernt hat, so weiß man, was durchschnittlich an der ländlichen Unschuld und Gutmütigkeit und Gemütlichkeit, oder wie sonst all das Zeug heißen soll, eigentlich ist. Blutwenig, Herr, nicht der Rede wert – courage! Und gar vollends der Bauernstolz! Sag' Ihnen, Herr, 's gibt auf der weiten Welt nichts Widerwärtigeres als den Hochmut eines Bauern, der Batzen hat.« »Da mögt Ihr nicht unrecht haben. Mir fällt ein, daß ein munterer Poet einmal gesagt hat: Bauernstolz wälzt sich auf der Erde.« »Auf dem Mist hätte er sagen sollen – courage! Wüßten Sie nur, wie unflätig heut' der Bronnenbaur gegen das arme Vefele sich aufgeführt hat.« »Wie war denn das, Alter?« »Ja, sehen Sie, als der Bronnenbauer merkte, daß der Jages nur redliche Absichten auf's Vefele hatte, und daß des Jages sein' Mutter, die ein herzgutes Weibsbild ist, gar nichts dagegen hätte, 's Vefele zur Söhnerin z' kriegen, fing er ein Mordspektakel an und jagte 's Vefele aus dem Hause. Half aber nichts, denn Widerwärtigkeiten spornen verliebte Leute nur noch mehr an, sagt man. Da hat nun dem Vefele seine Kamerädin sich nach Göffingen drüben verheiratet und heute dort Hochzeit gehalten – 'ne mächtig große Hochzeit – und mußte 's Vefele auf besondere Einladung der Hochzeiterin auch dabei sein. Der Jages war auch da und der Bronnenbauer, weil sie zum Hochzeiter nahe Freund' sind. Gut, da tanzt nun halt der Jages natürlich allfort mit dem Vefele und hab' ich mit eigenen Ohren g'hört, wie die Leute auf dem Tanzboden zueinander sagten: ›Gucket, das gäb' wägerle ein schön's Pärle!‹ Aber war da auch des Bronnenbauers Nachbar, der reich' Luixenbauer, mit seiner dicken Kätter, und die soll der Jages heiraten. Will aber halt nicht der Bursch – courage! Wie nun die Kätter sieht, daß der Jages, den sie mit Teufelsg'walt möcht', so mit dem Vefele scharmuziert, wird sie fuchsteufelswild – wissen Sie, Herr, wie eben 's Weibervolk unter solchen Umständen zu werden pflegt – ja, wird fuchsteufelswild, die Kätter, geht hin und stupft ihren Vater auf, und der stupft den Bronnenbauer auf, und der springt halt auf einmal wie b'sessen auf den Tanzboden, reißt den Jages vom Vefele weg und sagt dem armen Mädle alle Schand' und Spott. Gab halt da ein groß' Spektakel. Der Jages, sagten mir die Leut', hätte wollen über seinen Alten her und sich nur auf Zureden des Hochzeiters besser besonnen. Dann sei er fort. Nun müssen Sie halt wissen, Herr, daß hier herum keine Bauernhochzeit ganz ist, wenn nicht der Courage dabei. War also auch im Göffinger Wirtshaus, aber zum Unglück gerad' in der untern Stub', als es droben losging. Als ich von der Sach' hörte, ging ich freilich schnell hinauf, um meinem Bäsle beizustehen. War aber die Geschicht' schon aus, und war der Bronnenbauer schon fort und auch 's Vefele heim. Hatte sich jedennoch die Hochzeiterin, ein resolutes Weibsbild, rechtschaffen des Vefele angenommen. Sagten auch viele Leut', wie wüst das von dem Bronnenbauer gewesen, und wenn auch 's Vefele für den Jages z'arm sei, so sei es daneben doch ein brav's Mädle. – So ist das Ding. Soll aber dem Bronnenbauer nicht geschenkt sein, soll nicht, mort de ma vie! Will ihn schon kriegen, ja das werd' ich – courage! « Während dieses Gespräches hatten wir den Wald durchmessen und einen jähen Hügel erstiegen. Droben angelangt, sahen wir das Donautal unmittelbar vor uns liegen und hart am jenseitigen Ufer des Flusses Frohdorf. Es verdient seinen Namen, so frohmütig lag es da in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Der gelehrte Fabian behauptete freilich, man müßte eigentlich Frodorf sagen oder schreiben, nicht Frohdorf, denn vielfache Spuren wiesen darauf hin, daß der Ort ursprünglich dem altgermanischen Frühlings- und Liebesgott Fro zu Ehren benamset worden sei; allein das kann dem werten Leser gerade so gleichgültig sein wie mir selber, und wir wollen daher bei der Schreibart Frohdorf bleiben. Hinter demselben erhebt sich eine mit Buchen und Eichen bewaldete Hügelkette, und von einem Vorsprunge derselben starrten die Trümmer einer jener Feudalburgen talwärts, an welchen das Schwabenland einst so großen Überfluß hatte. Zackig und zerrissen sehen sie aus wie eine trotzige Elegie auf jene Zeiten, welche ich natürlich schon lange nicht mehr durch die rosenrote Brille des süßhölzernen Fouqué ansah. Von den Hügeln zogen sich Kornfelder, vom Erntesegen schwer, bis zum Dorf heran, an dessen Ende auf einem erhöhten, ummauerten Platz die Kirche mit ihrem stumpfen Turme stand. Am Fuß der Anhöhe lugte das Pfarrhaus aus Obstbäumen hervor. Den Blumengarten an seiner Vorderseite bespülte ein Waldbach, der von den Hügeln herab dem Flusse zueilte, nachdem er oberhalb des Dorfes die Räder einer stattlichen Mühle in Bewegung gesetzt hatte, welche, wie mein Begleiter mir mitteilte, der Großmutter des Jages von mütterlicher Seite gehörte. Unterhalb des Dorfes weitete sich das Tal. Fette Wiesengründe faßten weithin die Donau ein, an deren linkem Ufer man in der Entfernung von etwa einer Viertelstunde die Baulichkeiten des Luixenhofs sich erheben sah. Von diesem Gehöfte führte ein Steg nach dem rechten Ufer hinüber, wo die Wohnräume, Scheune und Stallungen des Bronnenhofes lagen. Als mir der alte Soldat die beiden Gehöfte zeigte, bemerkte ich, die Besitzer derselben müßten schon durch die Lage ihrer Heimwesen auf den Gedanken gebracht worden sein, ihre Kinder miteinander zu verbinden. »Ja,« meinte mein Begleiter dazu, »der Bronnenhof und der Luixenhof liegen nahe genug beisammen, aber die Donau fließt dazwischen.« »Wohl, aber der Steg verbindet ja die beiden Höfe.« »Der Steg, der Steg! Herr, sag' Ihnen, der Luixenbauer sowohl als der Bronnenbauer gäben viel drum, wenn sie den Steg ihr Lebtag nicht gesehen hätten – courage! « Das verwitterte, aber offene Gesicht des alten Mannes hatte bei diesen Worten, ich weiß nicht was für einen sonderbaren Ausdruck angenommen, so daß ich verwundert fragte, was er mit seiner Rede meine. »Allerlei, Herr,« gab er zur Antwort; »aber 's ist jetzt keine Zeit, davon zu parlieren. C'est une autre chose, une chose extraordinaire, une chose très-formidable, soidisant –. « Weiter wollte er nicht herausrücken und ich hielt für unpassend, neugierig in ihn zu dringen. Während wir die Anhöhe gegen den Fluß hinab und drunten über die »Steinbruck« gingen, hatte der Mond die Sonne am Himmel abgelöst und Fluß und Wald und Tal in sein dämmerndes Licht getaucht. Das Geräusch des Tagwerkes erstarb im Dorfe allmählich: die Mägde hatten ihre Kühe schon zur Tränke getrieben, die Knechte ihre Pferde schon zur Schwemme geritten. Da und dort hörte man in den Gassen eine Sense dengeln oder ein Ziehbrunnenrad surren. Von den Feldern draußen trug der Nachthauch manchmal einen abgebrochenen Wachtelschlag, von den umliegenden Gehöften das Gebell eines Hundes an das Ohr, drunten rauschte dumpf der Fluß, und droben klapperte eintönig die Mühle. Es lag etwas ungemein Friedliches und Heimeliges in der ganzen Szene, etwas, das mich an die ländlichen Abende meiner Kindheit erinnerte. Als wir in das Dorf eingetreten, weckte mich mein Begleiter aus meiner Träumerei. »Parbleu, Monsieur,« sagte er, »Sie wollen wohl hier übernachten, und da tut's mir leid, daß ich Ihnen kein Quartier anbieten kann. Das Wirtshaus zum roten Löwen ist übrigens ein recht leidliches Logement und ich will Sie hinführen!« »Ist nicht nötig. Ich werde beim Pfarrer einkehren.« »Ah, bei unserem Monsieur le curé ? Das ist was anderes – Sakristi.« »Nun, mein Lieber, gehört der auch zu den schwarzen Vögeln, die Ihr nicht vertragen könnt?« »Der? Nein, Herr. Vergeht selten ein Tag, ohne daß ich ins Pfarrhaus komme. Liebe Leute das, der Herr Pfarr' und seine Frau Mutter. Haben selber erfahren, wie Armut tut; drum sind sie so gut gegen die Armen. Muß nächster Tag' was von Wichtigkeit mit ihm reden. Kann was machen in der Sach', der Herr Pfarr'. Aber halt, da die Gasse links hinauf müssen Sie, kommen dann direktement zum Pfarrhof. Bon soir, Monsieur! Haben uns aber nicht zum letztenmal gesehen, hoff' ich – courage! « Wenige Minuten darauf stand ich an der Türe des heimelig-einsam im Mondschein daliegenden Pfarrhauses und zog die Klingel. Ein Gebell, das viel zu gescheit und gesetzt klang, als daß es nicht von einem Pudel hätte ausgehen müssen, antwortete dem Schall der Hausglocke. Wetter, dachte ich, sollte der alte Hannikel noch am Leben sein, den ich dem Fabian geschenkt, als ich ausgezogen, das Glück zu erjagen? Eine alte Frau öffnete die Tür, und das Licht, welches sie in der Hand trug, zeigte mir die milden, gutmütigen und klugen Züge von Fabians Mutter. Das Alter war schonend mit ihr umgegangen, und in ihrer dunkelfarbigen Volkstracht, das graue Haar in der eigentümlichen Florhaube geborgen, kam sie mir fast unverändert so vor, wie ich sie vor Jahren zum letztenmal gesehen hatte. Sie war ja glücklich, das Ideal ihres Lebens war verwirklicht, ihr Fabian war jetzt ein »geistlicher Herr«, ein Hairle – ja, sie war glücklich und das Glück konserviert seine Leute. Zu ihrer Rechten befand sich wirklich der alte Hannikel, vorzeiten einer der famosesten Studentenhunde, der, nachdem er mich etwas Weniges beschnüffelt, sein hauswächterliches Knurren sogleich in altersschwache Freudebezeigungen verwandelte; zur Linken der alten Frau aber reckte ein großes zahmes Reh seinen schlanken Hals verwundert gegen den späten Gast aus und bewies mir durch seine Anwesenheit, daß mein Freund seine alte Liebhaberei für allerlei Getier und dessen Zähmung noch immer beibehalten habe. »Gott grüß' Euch, Frau Margret!« sagte ich. »Was macht der Fabian?« Die Angeredete hob das Licht in die Höhe, um mein Gesicht deutlicher zu sehen, und rief dann freudig überrascht aus: »Herr Jesus, Ihr seid's, Ihr? Grüß' Gott tausendmal! Ach, wird sich der Fabian freuen! ... Kommt, kommt! 's ist, wie wenn wir's g'ahnt hätten, denn noch ist keine Stunde 'rum, seit wir von Euch gesprochen, mein Herr Sohn und ich.« Ich fühlte gar keine Neigung, darüber zu lächeln, daß Frau Margret, wie das im katholischen Oberland Ton und Brauch, den Fabian ihren »Herrn Sohn« nannte. Der Willkomm, den mir die alte Frau bot, war ein so herzlicher, er erinnerte mich Heimatlosen so sehr an die Heimat und all ihr verschwundenes Glück, daß ich gar keine Zeit hatte, es lächerlich zu finden, wenn Väter und Mütter von ihren geistlichen Söhnen so zeremoniös reden. Frau Margret nahm mir mit gastfreundlicher Eile Hut, Stock und Tasche ab. Dann gab sie mir ein Licht und bat mich, ihren Sohn in seinem Studierzimmer, welches im oberen Stock lag, zu überraschen. Während ich, von Pudel und Reh begleitet, welches unzertrennliche Genossen zu sein schienen, die Treppe hinaufstieg, hörte ich die gute Frau in der Küche der Magd Befehl geben, ein reichliches Nachtessen zu rüsten; »denn, denk' nur, Annele,« sagte sie, »des Herren sein bester Freund auf der Welt ist kommen.« Ich erkannte Fabians alte Herzensstimme in dem gelassenen »Herein!«, welches meinem Anklopfen folgte. Eingetreten, sah ich den jungen Priester, eine Studierlampe vor sich, an seinem Schreibtische sitzen und der niedergelassene Lampenschirm, welcher das Gemach, mit Ausnahme eines kleinen Umkreises auf dem Schreibtische, in Dämmerung ließ, verhinderte den Freund, mich sogleich zu erkennen. Da ich stumm blieb, sah er erwartungsvoll von seinem Buch auf und mich ungewiß an, bis er, mich plötzlich erkennend, auffuhr, mit einem Freudensprung auf mich zukam, mich in die Arme schloß und laut ausrief: »Du bist's, Bruderherz? Grüß' dich Gott, Kerle! Grüß' dich Gott, alter Michel! Bist's denn wirklich, altes, liebes, ungeheures Ungeheuer?« Die studentische Reminiszenz in dieser Empfangsweise machte einen komischen Eindruck auf mich, welcher noch vermehrt wurde durch den Umstand, daß Fabian in seiner freudigen Hast vergessen hatte, seine lange Pfeife wegzulegen, die jetzt, von einer seiner Hände festgehalten, mir den Rücken hinabbaumelte und mich mit ihrer Mundspitze im Nacken kitzelte. Nachdem ich Fabians Begrüßung erwidert hatte, mußte ich mich von ihm genauer besichtigen, so recht von unten bis oben begucken lassen, wobei er sagte: »Du bist wahrhaftig noch gewachsen seit der Zeit, wo du unter die Priester Mammons, und ich unter die Priester Christi gegangen. Aber sag', woher kommt die garstige Falte zwischen deinen Augenbrauen? Die mußt du dir abgewöhnen, Alterle.« Dann, auf den alten Hannikel deutend, welcher invalid, wie er war, an mir empor zu springen versuchte, setzte er hinzu: »Guck mal, das alte, treue Tier hat dich wiedererkannt.« Und mit dem Pathos des Herzens begann er jene bekannten Verse aus der Odyssee zu deklamieren: »Aber ein Hund lag dort und erhob sein Haupt und die Ohren, Argos, Odysseus' Hund, des erduldenden, den er vordem selbst Aufzog .... Dieser, sobald nunmehr den Odysseus nah' er bemerkte, Wedelte noch mit dem Schweif und herab auch senkt' er die Ohren.« Als wir die ersten stürmischen Fragen und Antworten, welche sich bei zwei so guten alten Freunden, die sich lange nicht gesehen, auf die Lippen drängten, ausgewechselt hatten und nun etwas ruhiger auf dem Kanapee beisammen saßen, konnte ich das Gemach meines priesterlichen Jugendkameraden genauer mustern. Wäre nicht die Menge von Büchern gewesen, welche auf Repositorien, Tischen, Stühlen, Klavier und Boden herumlagen, so hätte man meinen können, man befände sich in einer Menagerie. Denn allenthalben stieß das Auge auf allerlei Käfige und Behältnisse, aus welchen ein seltsames Glucksen, Gackern, Pfeifen und Schnurren hervorkam. Die tiefen Fensternischen waren ihrer ganzen Länge und Breite nach zu Vögelwohnungen umgeschaffen worden, in welchen jetzt, bei zurückgeschlagenem Lampenschirm, ein ganzes Heer vielsortiger Singvögel piepsend umherflatterte. In einer Ecke kletterten ein paar Eichhörnchen an einer Stange auf und ab und neckten einen schlaftrunkenen Nußhäher, der oben auf derselben saß. Alles dieses sichtbare und noch anderes unsichtbare Getier machte, aus seiner Ruhe aufgestört, ein wunderlich Getöne, so daß mir Hören und Sehen vergehen wollte. Der Pfarrer ergötzte sich einige Augenblicke an meiner maulaufsperrenden Bewunderung. Dann aber steckte er den Finger in den Mund und tat einen eigentümlichen Pfiff, welcher fast augenblicklich sämtliche Bestien verstummen und sich verkriechen machte. »Wetter, Fabian,« sagte ich, »du scheinst deinem Tierbändigertalent, womit du vorzeiten meinem teuren Vater soviele Freude machtest, eine wahrhaft universelle Ausbildung gegeben zu haben. Das ganze Tierreich folgt ja sozusagen deinem Machtwort.« »Was willst du?« versetzte Fabian. »Mit ein wenig Geduld und Erfahrung kommt man da weit, und dann war ich ja schon frühzeitig zu der Ansicht geführt worden, daß mit Tieren weit leichter umzugehen sei als mit Menschen.« »Ich weiß, du hattest immer absonderliche Marotten; unter anderen auch die, dereinst als Pfarrer unter deinen Bauern eine Rolle zu spielen, wie sie laut Zschokkes Goldmacherdorf ein gewisser Oswald spielte.« Ein bitterer Ausdruck verdüsterte für einen Augenblick die Züge des Geistlichen. Dann sagte er mit sauersüßer Betonung: »Ach, lieber Junge, die Ideale sind zerronnen. Ich habe Tiere aller Arten gezähmt und, wie dein unvergeßlicher Vater zu sagen pflegte, wissenschaftlich gebildet. Aber was meine Bauern betrifft, ach Gott, da kam ich mit meinen humanisierenden Ideen schön an!« »Du machtest also mit deiner Oswaldsrolle Fiasko?« »Und wie! ... Guck, Alterle, ich, ein Priester der Religion, welche demokratische Gleichheit und Bruderschaft aller Menschen lehrt, sollte es eigentlich nicht sagen, aber es war doch nicht ohne, wenn unser alter Freund, der Kandidat Cyrillus Chrysostomus Theophilus Rumpel in seiner zynischen Weise eines Tages zu mir sagte, es gebe eben ein für allemal zwei Sorten von Menschen, nämlich Menschen-Menschen und Menschen-Viecher. Die letzteren zu vermenschlichen sei ganz unmöglich und sie seien eben dazu da, den ersteren zu Packeseln zu dienen.« »Da solltest du erst meinen Freund Bürger hören – weißt du? den Herrn Hans Bürger, der mich damals im Heidelberger Schloßgarten verhinderte, einen kolossalen Unsinn zu begehen – ja, den solltest du hören, wenn er alle Segel seines Pessimismus aufgespannt, von dem gemeinen, niederträchtigen, schweinischen Haufen spricht, wie er das Volk schilt. Aber ich weiß, daß hinter der exzessiv aristokratischen Maske des Mannes eine republikanische Gesinnung blüht, hochrot, wie die Rosen um Pfingsten, und so möchte ich auch deinen Glauben an die zynische Weltanschauung Rumpels, von welchem ich dir allerlei erzählen werde, nicht für gar zu ernstlich gemeint halten. Was mich betrifft, so habe ich gelernt, die Volksschmeichler nicht minder zu verachten als die Fürstenschmeichler, und ich sehe daher die Koterie von Zeitungsschreibern, Literaten und Advokaten, welche auch in Deutschland einen Kultus des Proletariats etablierten, für noch mehr dumm als niederträchtig, für noch mehr närrisch als schuftig an. Aber bei alledem halte ich standhaft daran fest, mit Herder zu glauben: Alles wahrhaft Gute und Große kommt nur aus dem Volke.« »Natürlich! Wo soll es denn überhaupt herkommen? Doch davon morgen mehr, wenn du willst. Jetzt komm, 's ist Zeit zum Nachtessen. Aber du mußt halt bedenken, daß du nicht mehr in Paris bist, und mit der Frohdorfer Küche vorlieb nehmen.« »Bah, zum Teufel mit der Pariser Küche! Sie ist akkurat wie all das französische Wesen – Phrasenzeug, Wind, Schwindel! Und meinst du denn, ich habe vergessen, wie deine Mutter in alten Zeiten zu kücheln wußte? Beim Jupiter, ich rieche schon den Duft der Sträuble. Sie sollen bis auf die letzte Krume vertilgt werden, verlaß dich drauf!« Ich hielt Wort, und zwar nicht nur in Beziehung auf die Sträuble. Das Essen war vortrefflich, und dankbaren Gemütes bemerke ich, daß ich in einem katholischen Pfarrhause überhaupt nie schlecht gespeist habe. Die protestantische Theologie war nach dieser Seite hin ganz unzweifelhaft im Rückschritt. Während der Mahlzeit erzählte ich mein Zusammentreffen mit dem Courage und was sich bezugs des Bronnenbauers, des Jages und des Vefele daran knüpfte. Frau Margret hörte mir aufmerksam zu, und ich fand, daß sie eine eifrige Patronin des Vefele fei. Sie konnte das Mädchen nicht genug loben. Dessenungeachtet aber bemerkte sie, die »Bekanntschaft« der beiden jungen Leute sei allerdings eine hoffnungslose, denn daß der einzige Sohn eines der reichsten Bauern im Oberland ein so blutarmes Mädchen heirate, das wäre etwas geradezu Unerhörtes, ginge gegen alle Kleiderordnung. Fabian bestätigte die Meinung seiner Mutter und fügte hinzu, es wäre fürs Vefele am besten, wenn sie ganz aus dem Dorf wegginge. Denn der Bronnenbauer sowohl als sein Nachbar, der Luixenbauer, seien ein paar schlimme Kameraden, denen nicht gut im Wege stehen sei. Mit dem Freund auf seine Stube zurückgekehrt, hielt ich das Gespräch über die beiden Liebenden, welche mir Interesse und Mitleid eingeflößt hatten, fest und fragte zuletzt meinen Freund, ob er denn nichts für sie tun könne. »Kaum,« gab er zur Antwort, »und das bedaure ich, denn der Jages freut mich als ein durch und durch braver Bursch, der ein Weib, wie das Vefele eins abgeben würde, wohl verdiente. Allein du kennst die hochmütige Halsstarrigkeit unserer Bauern nicht, die durchaus nicht soviel mit den weichen Gefühlen des Heizens zu schaffen haben, wie verrückte Poeten glauben oder wenigstens die Leute glauben machen wollen. Und dann, weißt du? kann ich mich als Priester nicht allzusehr mit den Wirrnissen abgeben, die ein so heidnischer Gott, wie der Amor ist, anrichtet.« »Aha!« versetzte ich lachend. »Aber, lieber Junge, ich erinnere mich recht wohl der Zeit, wo du mit dem genannten heidnischen Gott weit mehr zu tun hattest als mit dem ganzen christlichen Olymp.« Ich bereute das Scherzwort auf der Stelle, denn ich konnte leicht bemerken, daß ich in der Brust meines Freundes eine Saite angeschlagen, welche noch jetzt schmerzlich vibrierte. Der Pfarrer hatte die Hände in den Schoß sinken lassen, den Kopf auf die Brust geneigt und seufzte schwer. Ich faßte seine Hand und sagte: »Verzeih' mir, Fabian, es war ein unbesonnenes Wort. Aber weißt du? ich glaubte, es sei längst vorbei damit, gänzlich vorbei.« »Es ist vorbei, gewiß, es ist!« entgegnete Fabian, indem er sich aufrichtete und sein Gesicht wieder seinen gewöhnlichen Ausdruck annahm. Und als ich ihn teilnehmend ansah, fuhr er sich mit der Hand über die Stirne, fetzte sich ans Klavier, schlug die Tasten an und sagte: »Ich habe gekämpft und gesiegt, und Ruhe war der Siegespreis. Kennst du es noch, das Lied, womit ein leidenschaftlich Poetenherz unseres Heimatlandes seine wilden Pulse in Schlummer sang? Die Ruh' ist wohl das beste Von allem Glück der Welt; Was bleibt vom Lebensfeste, Was bleibt dir unvergällt? Die Rose welkt in Schauern, Die uns der Frühling gibt; Wer haßt, ist zu bedauern, Und mehr noch fast, wer liebt. Es trübt den eignen Frieden Mit seiner Glut das Herz; Das Kind ist nicht zufrieden, Dem Mann bleibt nur der Schmerz. Und hofft umsonst vom Meere, Vom Weltgetümmel Ruh'; Selbst Lorbeer, Ruhm und Ehre Heilt keine Wunden zu. Nun weiß ich auf der Erde Ein einzig Plätzchen nur Wo jegliche Beschwerde Im Schoße der Natur, Wo jeder eitle Kummer Dir wie ein Traum zerfließt Und dich der letzte Schlummer Im Bienenton begrüßt .... »Doch,« unterbrach er sich im Gesang und Spiel, »wozu Kirchhofsgedanken? Das Leben will ja doch gelebt sein, so, wie es einmal ist. Und glaube mir, alter Freund, wenn man nur bescheidene Ansprüche an dasselbe macht, benimmt es sich zum Dank auch ziemlich anständig gegen uns. Wenn es überhaupt ein Glück gibt, so ist Selbstbegnügung sein Name. Unsere Leidenschaften, selbst die besten, was sind sie im Grunde anderes als Fieberzustände? Glücklich, wer davon genesen! Und dann vollends unser Titanismus – wie lächerlich ist er! Wie töricht ist es, mit einem so schwachen Ding, wie der menschliche Schädel ist, gegen die granitne Rätselmauer anzurennen, welche keinen Durchgang gestattet!« »Da hast du sehr recht.« »Auch du bist also dem Prometheismus, Faustismus, Byronismus oder wie die Ismen sonst alle heißen mögen, glücklich entronnen?« »Längst. Ich habe es satt bekommen, Fragen aufzuwerfen, auf welche einem ja doch nie eine Antwort wird. Es hat ohne Zweifel sein Gutes, daß wir Deutsche uns soviel mit diesen Fragen beschäftigen; aber während wir uns sozusagen ins himmelblaue Jenseits hineinfragten, haben uns die Engländer, die Franzosen und die Russen gar viel vom Diesseits vor der Nase weggenommen. Nun, wir können's nicht ändern.« »Du kommst mir sehr resigniert vor, lieber Michel.« »Ich bin es auch, wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Habe ich doch in kurzer Zeit ein gutes Stück vom Leben gesehen und bin ich nicht mehr in dem Alter, wo Was Phantasie entwirft, das Herz verspricht ... Mit den übersinnlichen Fragen beschäftige ich mich, wie schon gesagt, gar nicht mehr ernstlich, und wollen sie von Zeit zu Zeit wieder in mir auftauchen, so schlag' ich sie ohne Umstände auf den Kopf mit den Versen des witzigen Franzosen: D' où nous venons on n'en sait rien; Où nous allons, le sait-on bien! « »Sieh da, du zitierst einen Franzosen. Hast du dich in Paris mit ihnen ausgesöhnt?« »Nein; aber weißt du? sie wollen doch auch leben.« »Das ist wahr,« sagte Fabian zerstreut. Ich hatte wohl gemerkt, mit welcher gewaltsamen Wendung er das Gespräch auf das Feld der Trivialitäten gelenkt hatte, worauf wir uns in den letzten Sekunden bewegten. Und zwar lässig genug, denn beide waren wir mit unseren Gedanken anderswo. Nach einer Pause fragte Fabian plötzlich: »Und Hildegard?« »Daß sie in Gnadenbrunn lebt, weißt du?« »Ja, aber wie?« »Getrost in ihrem Glauben. Auch sie hat gekämpft und überwunden.« »Und sie ist entschlossen, Profeß zu tun.« »Ja, aber sie wird ihr mir gegebenes Wort halten, den unwiderruflichen Schritt erst drei Monate nach dem dritten Jahrestag vom Tode unseres Vaters zu tun. Doch sie wird ihn tun, fürcht' ich« »Hast du Berthold nie zur Rede gestellt?« »Wie sollt' ich? Ja, hätt' ich auch nur den Schatten eines Schattens von Grund dazu gehabt, er sollte mir nicht entgangen sein, obgleich er der Bruder Isoldes ist. Aber Berthold konnte in der Tat nichts dafür, daß die arme Hildegard aus einer ganz kindischen Liebelei eine Leidenschaft werden ließ, die ihr das Herz brach oder ihr wenigstens die Welt verleidete. Im übrigen ist der Weltekel meiner Schwester gar kein finsterer, trübsinniger. Wenigstens scheint sie, ihren Briefen nach zu schließen, in Gnadenbrunn ihre angeborene Munterkeit wiedergewonnen zu haben. Es ist in ihren Episteln oft ein Zug von Humor, um nicht zu sagen von Schelmerei. Sie scheint die guten Klosterschwestern alle am Schnürchen zu haben und der allgemeine Liebling zu sein. Vielleicht ist es am besten für sie, nach der einen großen Täuschung ihres Lebens keine weitere mehr erfahren zu müssen.« Fabian unterdrückte einen Seufzer. »Aber Berthold?« fragte er dann. »O, was diesen angeht, so ist er lange schon zu den Hefen des schäumenden Lebensbechers gelangt, den er mit so gieriger Hast geleert hat, und diese Hefen schmecken bitter. Ich fürchte, er ist sehr unglücklich, und zwar nicht allein deshalb, weil er, wie er mir bei unserem letzten Zusammentreffen gestand, aus einem nach unserem landesüblichen Maßstab sehr reichem Freiherrn ein sehr armer Rittmeister geworden ist. Unter uns, ich vermute stark, daß ihm kein Dachziegel des Schlosses Rothenfluh mehr gehört.« »Herrgott, wenn das der selige Freiherr wüßte!« »Ja, siehst du, daß es zuweilen auch sein Gutes hat, wenn ein Gewehr zur Unzeit losgeht? Ich erzähle dir wohl gelegentlich von unserem Jugendkameraden. Er dauert mich trotz alledem sehr.« »Und Isolde?« »Ich weiß von ihr nur durch Hildegard, welche fast täglich mit ihr zusammen ist. Denn Isolde lebt nach dem Tode des Freiherrn auf dem einsamen Hofgut Lindach, droben in den Bergen, ganz in der Nähe von Gnadenbrunn, weißt du?« »Ist das alles?« fragte mein Freund und blickte mir forschend ins Gesicht. »So ziemlich alles, was ich weiß. Aus Hildegards Briefen erhellt, daß meine Schwester ihre Freundin Isolde wie eine Heilige verehrt.« »Wohl, wohl; aber du? Wie stehst du zu Isolde?« »Ich? Was fällt dir ein, so spät noch danach zu fragen? Vielleicht sprechen wir morgen davon. Für heute bin ich zu müde. Es ist eine lange Geschichte oder auch gar keine, wenn du willst. Und damit gute Nacht, Fabiane.« Drittes Kapitel Auch eine Dorfgeschichte. – In der Mühle. – Vefele, was macht der Jages? – »'s Geld ist d' Hauptsach'.« – Eine ländliche Aufwartung und eine Einladung. Die Lerche weckte mich. Aber ich hatte lange in den Morgen hinein geschlafen und als ich, rasch in die Kleider gefahren, das Fenster meines Schlafgemaches öffnete, welches mit der einen Seite gegen den Garten, mit der anderen gegen den Gottesacker zu lag, bemerkte ich, daß die kleine Zahl von Betern, welche an den sommerlichen Werktagen zum Messehören Zeit haben, bereits aus der Kirche kam, während Fabian aus dem Sakristeipförtchen trat und langsam auf das Pfarrhaus zuschritt. Jetzt, da ich den Freund am hellen Tage in seinem langen schwarzen Priestertalar erblickte, kam er mir mehr verändert vor, als ich gestern wahrzunehmen vermocht hatte. Er hatte von einer Furche auf meiner Stirn gesprochen, aber die seinige war tief von jenen Linien durchzogen, welche Nachdenken und Gram ziehen. Seine treuen braunen Augen waren tiefer in ihre Höhlen zurückgetreten und die Rosen der Wangen abgefallen. Trotzdem war in seiner gefaßten Erscheinung etwas Ruhiges, Bestimmtes, etwas, das andeutete, er habe wirklich »überwunden« in dem schweren Kampfe zwischen Leidenschaft und Pflicht. Wenn ich mir den Freund ansah, dessen Lebensbarke die Brandung schon hinter sich hatte und nun stillgenüglich auf der glatten Fläche des Hafens sich wiegte, wenn ich mir sein friedvoll beschauliches Leben in ländlicher Abgeschiedenheit dachte, seine Rückkehr zu den harmlosen Freuden unseres Knabenalters, und dann meine Existenz, so unklar nach innen und nach außen, dagegen hielt, mußte ich den guten Fabian fast beneiden. – »Arme Mutter,« sprach ich in jener Morgenstunde bei mir, »du hattest vielleicht doch das richtigste Gefühl für mein Glück. Wäre ich deinem ursprünglichen Wunsche nachgekommen und Pfarrer geworden, so läge vielleicht der große Kampf des Lebens schon hinter mir, so könnte ich vielleicht auch wie Fabian und Hildegard sagen: Ich habe überwunden! Und mit dem sanften Geriesel eines friedlichen Wiesenbaches flösse mein Dasein dem Ozean des großen Nirwana zu, in welchem Leid und Lust des Menschen endlich spurlos verlöschen. Ach, daß die Kinder erst nach der Eltern Tod einsehen, daß diese es besser mit ihnen gemeint als sie selber!« Und doch – hatte nicht meine Mutter noch zuletzt selbst gefühlt, daß es mit meinen geistlichen Anlagen schlecht bestellt sei? Jene Nacht an ihrem Sterbebette – o, indem ich daran dachte, mußte ich Isoldes denken, mit brennender Sehnsucht. Sie stand vor meiner Seele in der keuschen Herrlichkeit ihrer Gestalt, eine rätselhafte Traurigkeit im seelenvollen Auge, die zärtlich gewölbten Lippen streng geschlossen, als wären sie nur dazu da, ein schreckliches Wort gewaltsam zurückzupressen. So hatte ich sie zuletzt gesehen. Aber während ich eine Art süßer Befriedigung empfand, daß das Bild des teuren Wesens meine Seele füllte, mußte ich zugleich erfahren, daß der Zwiespalt, welcher seit langem die geheime Pein meines Lebens gewesen war, doch noch nicht völlig überwunden sei. Hinter Isoldes Bild stieg ein anderes auf, verführerisch lockend, die üppigen Lippen verlangend zum Kusse gerundet. Aber sofort glaubte ich Bürgers mephistophelisches Lachen zu vernehmen und sein damals auf der Blumenausstellung gesprochenes Wort: »Ja, sie ist eine Stanhopea – prächtig, berauschend, aber in Fäulnis wurzelnd.« Ich war ordentlich froh, daß mich die Erscheinungen der Außenwelt aus meinem wachen Morgentraume weckten. Freund Fabian wurde da drunten auf dem Gottesacker von dem Courage angeredet, welchen er freundlich begrüßte und mit sich ins Haus nahm. Wenige Minuten darauf öffnete Frau Margret mit einem mütterlichen »Guten Morgen!« meine Zimmertüre und lud mich zum Frühstück, wobei sie mir sagte, ihr Herr Sohn habe nur noch etwas mit dem alten Soldaten zu sprechen. »Vermutlich« – setzte die gute Frau hinzu – »hat der alte Kamerad wieder irgend ein Tier eingefangen oder einen seltenen Vogel entdeckt; denn Sie müssen wissen, daß er des Pfarr's sein Leibjäger ist, der keine Ruhe gibt, bis er den Pfarrhof vollends bis unters Dach mit tausenderlei Beest angefüllt haben wird.« Ich hatte meinen Kaffee bereits getrunken und die Zigarre angebrannt, als Fabian kam. Er war sichtlich aufgeregt, sagte aber bloß, der alte Soldat habe ihm den gestrigen Vorfall in Göffingen in sehr lebhaften Farben geschildert, und ihn zugleich benachrichtigt, daß die Mutter der Bronnenbäuerin, die alte Müllerin, heute Nacht heftig erkrankt sei. Die Kranke sei eine Frau von außerordentlichem Wohltätigkeitssinn und man nenne sie darum nur die Armenmutter. Ihr Verlust würde ihm sehr nahe gehen, und er wolle sie sogleich besuchen. So sprechend, trank er hastig eine Tasse Milch und bot mir dann an, ihn zu begleiten. Als wir die Umzäunung des Baumgartens, welcher die Hinterseite des Pfarrhauses umgab, hinter uns hatten, sagte ich scherzend zu dem still und nachdenklich neben mir hergehenden Freund: »Nun, was für ein gefiedertes oder federloses Tier hat dir denn Monsieur Courage vorhin gebracht?« »Einen garstigen Nachtvogel,« entgegnete Fabian ernsthaft – »ja, einen Nachtvogel, der aber noch nicht flügge ist und den ich armer Pfarrer jetzt ausätzen soll.« »Kannitverstan.« »Glaub' es wohl, verstehe die Geschichte selbst noch nicht. Schlimm genug ist sie aber, fürcht' ich. – Siehst du dort hinter dem Nußbaum am Bache das winzige graue Häuschen?« »Ja.« »Wohl, das ist die Hütte der alten Hanne, der Mutter des Vefele. Sie war einst so frisch und hübsch, wie jetzt ihre Tochter ist, und wie diese gefiel sie nicht nur ihren Schicksalsgenossen, den Armen, sondern auch den Reichen. Der Bronnenbauer und der Luixenbauer, ihre Altersgenossen, hatten als rüstige Burschen die Augen auf sie geworfen und man sagt sogar, der erstere, durch den Tod seiner Eltern frühe unabhängig geworden, habe die arme Hanne heiraten wollen. Allein die Hanne traute ihm entweder nicht, oder aber des Bronnenbauers Knecht, der Tone, gefiel ihr besser, was sehr wahrscheinlich ist: einmal, weil der Bronnenbauer mit dem Tone Mord- und Todhändel anfing, und dann, weil der Tone und die Hanne einander kurz darauf wirklich heirateten. Sie führten in der Hütte dort das mühselige Leben redlicher Armut. Er taglöhnerte und sie baute ihr dürftig Stückchen Feld und erzog ihr einziges erst mehrere Jahre nach ihrer Verheiratung geborenes Kind, das Vefele, zur Sittsamkeit und Arbeitslust. Da verbreitete sich eines Morgens im Dorfe die Neuigkeit, man habe den Tone tot aus der Donau gezogen. Morgen sind es gerade drei Jahre her.« »War er ermordet worden?« »Ermordet? Hat dir etwa der Courage von der Sache gesagt?« fragte der Pfarrer etwas verwirrt. »Nein, kein Wort.« »Nun wohl, man munkelte im Dorfe allerlei über Tones Tod, und unheimliche Gerüchte gingen um. Die Leiche war an dem Donausteg, welcher zwischen dem Luixenhof und dem Bronnenhof über den Fluß führt, gefunden worden. Der Tote war mit dem rechten Fuß zwischen den Balken des einen Pfeilers dieses Steges hängen geblieben. Das morsche Geländer des Steges war in der Mitte zerbrochen. Da mußte der Unglückliche hinabgestürzt oder auch hinabgestürzt worden sein.« »Also doch?« »Bscht, wer kann es wissen? Der Tone hatte acht Tage lang drüben in Göffingen im Taglohn gestanden und in jener Nacht gegen zehn Uhr den Heimweg angetreten. Der Bauer, bei welchem er gearbeitet, hatte ihm zum Abschied ein großes Glas Kirschenwasser gereicht, allein der Tone, seiner anerkannten Mäßigkeit getreu, hatte nur einen Schluck davon genommen. Es konnte also keine Rede davon sein, daß ihn etwa Betrunkenheit in den Fluß geführt hätte. An Selbstmord sodann war bei der geduldigen zufriedenen Sinnesweise des Verunglückten ebenso wenig zu denken und es blieb also nur noch die Annahme, er habe sich beim Gang über den Steg, vielleicht von einem plötzlichen Unwohlsein befallen, zu stark auf das morsche Geländer desselben gelehnt, dieses sei gebrochen und der Arme beim Verlust seines Haltepunktes in die Tiefe gestürzt. Hiergegen fällt freilich, unter uns gesagt, der folgende Umstand stark ins Gewicht. Der Courage kehrte in selbiger Nacht von einem seiner Gänge das Donautal herauf heimwärts, und behauptete steif und fest, er habe beim Vorbeigehen am Bronnenhof heftig zankende und fluchende Stimmen vernommen; ja er will des Luixenbauern bekannten Lieblingsfluch »Kreuzsakerment!« gehört haben, obgleich die Nacht, finster und stürmisch, wie sie war, ihn hinderte, irgend etwas zu sehen. Er sei sogleich auf den Steg zugeeilt, habe ihn aber einsam gefunden und ringsum alles still. Den Bruch des Geländers habe er nicht bemerkt, und, heimgekehrt, die Sache um so weniger der Rede wert gehalten, als der Tone erst am folgenden Abend zu Hause erwartet worden sei. Nun, siehst du, diese Aussage des alten Soldaten machte doch viele Leute stutzig. Man erinnerte sich jetzt im Dorfe, mit welcher Feindseligkeit der Luixenbauer wie der Bronnenbauer bei jeder Gelegenheit den Tone behandelt hatten, seit er die Hanne geheiratet, wie schwer sie ihn oftmals seine Armut hatten entgelten lassen, wie sie ihm nicht nur auf ihren Höfen die Taglöhnerarbeit versagt, sondern auch andere Bauern bewogen hatten, ihm keine Arbeit zu geben, kurz, wie sie immer eine »stiergrindige« echtbäuerische Rachsucht gegen ihn an den Tag gelegt, seit er, der arme Knecht, in seiner Jugend sie, die reichen Bauernsöhne, bei einem armen Mädchen ausgestochen. Das Gerede wurde so arg, daß zuletzt die Gerichte davon Notiz nehmen mußten, aber es kam dabei nichts heraus. Der Luixenbauer stellte Zeugnis, daß er in der fraglichen Nacht bis zu später Stunde im roten Löwen gesessen, in Gesellschaft des Bronnenbauern. Der Courage ist ein zu redlicher und gutmütiger Mensch, als daß er auf so unbestimmte Anzeichen hin eine bestimmtere Anklage hätte aussprechen mögen, und falls er auch gewollt, wie hätte er gegen zwei solche Dorfmagnaten, gegen den Luixenbauer und seinen Nachbar, die in der Gemeinde allmächtig sind, aufkommen können? Kurz, der Tone blieb tot und begraben, und die Geschichte wurde vergessen. Auffallend war es nur, daß fast unmittelbar nach Tones Tode der Bronnenbauer mit einmal 's Vefele dingte und zwar zu einem weit höheren Liedlohn, als hier herum bräuchlich. Allein man schrieb's der Gutherzigkeit der Bronnenbäuerin zu, welche für Vefeles Mutter, ihre Jugendkamerädin, stets eine große Zuneigung bewahrt hat, den Bronnenbauer aber ein Jahr darauf doch nicht hindern konnte, 's Vefele aus dem Hause zu jagen, sobald er bemerkt hatte, daß sein Sohn ernstliche Absichten auf das arme Mädchen hatte.« Als mein Freund nach Beendigung dieser Erzählung wieder in nachdenkliches Schweigen verfiel, warf ich die Frage hin: »Und jetzt?« »Jetzt,« gab der Pfarrer zur Antwort, »jetzt scheint die Geschichte von dem Tode des Tone noch einmal aufgerührt werden zu sollen. Dem alten Soldaten hat die brutale Behandlung, welche seinem Bäsle gestern von seiten der beiden Bauern widerfuhr, die Galle überlaufen gemacht, und ich habe ihn nur mit Mühe beredet, kein unbesonnenes Geschrei zu erheben. Er sagte mir, er habe die ganze Nacht nicht schlafen können; immer sei ihm der gute Tone eingefallen, und immer habe er das ›Kreuzsakerment!‹ des Luixenbauern von jener Nacht her zu hören geglaubt. Sonderbarerweise bringt er nun auch den Bronnenbauer damit in Verbindung und« – setzte mein Freund hinzu, seine Stimme zum Flüstern dämpfend – »er hat mir vorhin unverhohlen gesagt, er sei überzeugt, die beiden Bauern haben den armen Tone ›g'moräxelt‹. Ermordet. »Moräxeln« ist korrumpiert aus Mordaxt. Ich konnte ihn nur notdürftig damit beschwichtigen, daß ich ihm versprach, die Sache in Erwägung zu ziehen. Doch jetzt stille davon, da sind wir bei der Mühle.« Sie erhob sich mit ihren Nebengebäuden stattlich am Saum eines Buchengehölzes, welches die Hügel hinanklomm, von denen der Mühlbach in fröhlichen Sprüngen auf die Räder herabtanzte. Zu dieser Stunde war ihm aber der Zutritt zu denselben durch die herabgelassenen Schützen verwehrt, und das Mühlwerk stand still, wohl aus Rücksicht für die kranke Besitzerin. Man hatte von hier aus eine prächtige Aussicht auf Dorf und Tal, in welchem letzteren allwärts Gruppen von emsigen Schnittern beschäftigt waren, da die Ernte in dem vor rauhen Winden geschützten Frohdorf früher als sonstwo in der Gegend angegangen. Man sah die Sensen der Schnitter durch die Kornmahden blinken und hinter jedem Mähder eine »Aufsammlerin« hergehen, deren Pflicht es ist, die von der Sense gefällte Frucht ordentlich zusammenzufassen und zum Garbenbinden bereit zu legen. Da und dort sah man auch rüstige Burschen die fertigen Garben mittels langer Gabeln auf Wagen laden, die dann, hochaufgepackt, mit ihrer gelben Last dem Dorfe zuschwankten. Mein Freund fragte einen alten Mahlknecht, der sich auf dem Hofe mit dem Behauen eines Mühlsteins zu schaffen machte und ehrerbietig seine eingemehlte Kappe abnahm, nach dem Befinden seiner Brotherrin. »O, Herr Pfarr'«, lautete die Antwort, »heut' nacht war's gar arg mit ihr; aber seit Tagesanbruch ist's, gottlob! wieder viel besser. Sie hat's nit g'litten, daß man den Doktor aus Riedlingen b'schicke, sondern wollte nur der Tones-Hanne ihr Vefele zur Abwart' haben, weil das Mädle ihr so gut hätt' abg'wartet, als sie vor zwei Jahren auch ist so bresthaft g'wesen.« »Und hat man diesem Wunsche entsprochen?« »Ahsograd', Herr Pfarr'. D' Bronnebäuerin, die seit heut' nacht nicht mehr ist von ihrer Mutter wegkommen, hat stantebene nach'm Vefele g'schickt, das grad' mit 's Hannsjörgebaurs Schnittleut' hat auf den Acker wollen, und 's Vefele hat seither der Kranken Pflaster aufg'legt und Tee g'macht, was hast was gibst. 's ist ein Blitzmädle, 's Vefele, sell ist wahr, und hat ein Schick zu allem.« »Ei, Baste,« Sebastian. sagte der Pfarrer scherzend, »Ihr seid, mein' ich, fast gar ins Vefele verschossen.« »Ja so? Sell wär' auch schier gar kein Wunder nit, aber« – und bei diesen Worten kniff der Mahlknecht seine Augen unbeschreiblich pfiffig ein – »aber dunkt mich halt, ich alter Kerle käm' da ein bißle z' spät. War vor 'ner Stund' oder so, einer da, dem ich nit ins Gäu kommen möcht', potz Bohnenbluost!« Wir stiegen die steile Treppe hinan und wurden droben in der geräumigen Wohnstube mit altem Eichengetäfel von der Bronnenbäuerin begrüßt, einer noch ziemlich rüstigen Frau mit sanften, wohlwollenden Gesichtszügen und einer schönen, klugen Stirne, welche mit der ihres Sohnes viel Ähnlichkeit hatte. Es tat und tut mir immer weh, wenn ich unter dem Volke solche schöngewölbte Stirnen erblicke, an deren Wand vielleicht große, hochherzige Gedanken nach Entbindung und Entwickelung pochen und zwar vergebens pochen. »Ach, Herr Pfarr',« sagte die Bronnenbäuerin, »das ist recht, daß Ihr kommt. Schier gar hätten wir heut' nacht nach Euch g'schickt, um d' Ahne Großmutter. Die Oberländer, sobald sie verheiratet sind und Kinder haben, reden ihre Eltern mit Ahle (Großvater) und Ahne (Großmutter) an. z' versehen. Nämlich mit den Sterbesakramenten. Sie war gar übel auf.« »Aber jetzt ist's besser, nicht?« »Gott sei Lob und Dank, ja. Grad' ist sie aufg'wacht und der Schlaf hat ihr recht gut 'tan.« Da der Krankenbesuch zu den schönsten aber auch schwersten Pflichten meines Freundes gehörte, ging er ohne Umstände auf die Kammertüre zu, öffnete sie und trat hinein. Die Bronnenbäuerin bat mich, in dem Sorgenstuhl am Ofen Platz zu nehmen, und eilte in die Küche, um eine kleine »Aufwartung« zu bestellen, was ich ihr vergeblich dadurch auszureden suchte, daß ich sagte, wir kämen gerade vom Frühstück her. Das alte Lob bäuerischer Gastfreiheit ist jetzt so ziemlich ein verschollenes, und dem Wanderer muß insbesondere der Geiz, den das Landvolk in ängstlicher Hut seines Obstes an den Tag legt, widerwärtig auffallen. Um ein Paar vom Baume gepflückter Kirschen, um einiger aufgelesenen Äpfel willen wäre, ich kann es bezeugen, mancher unserer wohlhabenden Bauern imstande, den dürstenden Handwerksburschen braun und blau zu schlagen. An seinem eigenen Herd dagegen ist der Bauer milder und wenn nicht der Bauer, so doch die Bäuerin. Hundertmal hat mich die alte Sitte, dem Einsprechenden den Laib Brot samt dem Messer hinzubieten, lebhaft angemutet. Wollen unsere Landleute filzige Menschen bezeichnen, so sagen sie: »Die lassen ein' kein Stückle Brot schneiden!« – eine Redensart, welche von dem eben erwähnten Brauche herkommt. Da die Kammertüre offen geblieben, so konnte ich den Pfarrer mit der Kranken sprechen hören und aus diesem Gespräche vernehmen, daß die Müllerin, sonst ihrem Alter zum Trotz noch eine kerngesunde Frau, von einem jener Anfälle heimgesucht worden, welche plötzlich kommend und gehend, alten Leuten als Mahnungen erscheinen können, ihre Rechnung mit dem Leben ins Reine zu bringen. Die Müllerin schien etwas der Art zu fühlen. Ich hörte sie sagen: »Vefele, gang jetzt ins Käpele Kapelle. 'nauf und bet' da den Rosenkranz zu den vierzehn Nothelfern, den ich heut' nacht g'lobt hab'. Ich brauch' jetzt grad' nichts, 's ist mir ganz gut. Aber z' Mittag komm wieder, weil mein' Bronnenbäure heim muß zum Kochen, und hörst, tu mir auch dein' Vetter auf den Abend b'stelle; weißt, ich hab's gar gern, wenn mir der seine Kriegsg'schichten verzählen tut.« 's Vefele trat aus der Kammer, und da sie mich nicht sogleich am Ofen sitzen sah, strich sie sich ungeniert die Haare glatt, band ihre Schürze fester und ordnete das Busentuch. Als sie, sich umwendend, mich erblickte, ward sie rot, wie es alle Bauernmädchen werden, wenn sie sich plötzlich einem Fremden gegenüber befinden, und ich konnte, weil ihr die Verlegenheit allerliebst stand, mich nicht enthalten, sie leise zu fragen: »Vefele, was macht der Jages?« Das Blut schoß ihr noch stärker ins Gesicht, und sie stotterte verwirrt: »Der wird, denk' mir, Garben vom Bühel heimführen.« »So?« sagt' ich. »Denk' mir, er täte lieber was anderes heimführen.« Wahrscheinlich ging diese Andeutung über den ländlichen Horizont Vefeles, denn sie wußte nichts darauf zu sagen. »Ich meine,« fuhr ich fort, »er täte lieber dich heimführen.« Vefele verstand aber das Wort heimführen nicht in dem hochdeutschen Sinn »als Frau heimführen«, sondern in dem oberländischen, wo das Heimführen der Mädchen bei Kirchweihen, Hochzeiten und anderen ländlichen Lustbarkeiten eine große Rolle spielt und für die größte Gunst angesehen wird, die ein Mädchen einem Burschen erzeigen kann. Nachdem das Mädchen einen Augenblick verlegen mit dem Schürzenbande gespielt hatte, schlug es die großen braunen Augen gegen mich auf und sagte mit einer Betonung, worin sich Verwunderung ob meiner Mitwisserschaft um ihr Liebesverhältnis, Trauer und naive Schalkhaftigkeit seltsam mischten: »O, bei Tag tut man bei uns d' Mädle nit heimführen, Herr.« »Weiß wohl, liebes Kind, und deshalb mochtest du dich gestern auch nicht vom Jages heimführen lassen, nicht wahr?« Die Erinnerung an gestern, welche ich durch diese Worte in Vefele hervorrief, machte sie erschrecken. Sie wurde blaß, und ich glaubte schon, sie werde in Tränen ausbrechen. Aber unsere Bauernmädchen haben starke Nerven. Vefele faßte sich schnell und sagte hastig: »Ich muß halt jetzt g'schwind ins Käpele gehn« – und war wie der Wind zur Türe hinaus. Ans Fenster getreten, sah ich sie über den Hof und dann auf einem Fußsteig den Buchenwald hinaneilen und konnte bemerken, daß sie sich ein paarmal mit der flachen Hand über die Augen fuhr. Inzwischen hatte sich zwischen der Müllerin und dem Pfarrer ein ernstes Gespräch in der Kammer entsponnen. Ich hörte die Müllerin sagen: »Ja, Herr Pfarr', 's wär' halt alles recht, wenn mein Schwiegersohn, der Bronnenbaur, nur einsehen tät, daß der Jages haufeng'nug hat und kriegt und darum kein reiches Weib nit brauchen tut.« »Ei, liebe Frau,« entgegnete mein Freund, »das eben ist ja der böse Haken, daß Euer Schwiegersohn das nicht einsieht und schwerlich jemals einsehen wird.« Die Müllerin seufzte und sagte: »Ahsograd', ja freilich. 's ist ein gar halsstarriger Mann. Aber ich kann's nit mehr mit ansehn, Herr Pfarr', und ich weiß oft nit, wer mich mehr dauert, der Jages oder 's Vefele.« »Sie sind beide brav und verständig und werden also begreifen, daß sich in der Sache nichts mit Gewalt erzwingen läßt.« »Wohl, wohl; aber kann man denn nichts tun?« »Nicht viel. Ihr wißt, daß ich versucht habe, bei Eurem Schwiegersohn ein gut Wort für das Mädchen einzulegen; aber was half es? Er hat nun einmal den Kopf darauf gesetzt, des Luixenbauers Kätter zur Schwiegertochter zu bekommen, und so wird es wohl das beste sein, wenn 's Vefele aus Frohdorf fortgeht. Ich habe auch bereits mit der Hanne darüber gesprochen, und da meine Base, welche – wißt Ihr? – in Dietelhofen hauset und mich neulich besuchte, an dem Mädchen großen Gefallen fand, so denk' ich, 's Vefele geht zu ihr. Sie würde dort einen anständigen Liedlohn bekommen und überhaupt gut gehalten werden.« Hier wurde meine Aufmerksamkeit durch schwere Tritte, welche die Treppe heraufkamen, von dem Gespräch in der Kammer abgezogen. Eine barsche Stimme, in welcher ich alsbald die des Bronnenbauern erkannte, sagte draußen: »Nun, Weib, kannst jetzt mal heimkommen? 's ist Zeit, für d' Schnittleut' 's Essen z'richten, und dann, weißt, wöll'n wir z' Abend Sichelhänge halten.« Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete der reiche Bauer die Stubentüre und schob seine mächtige Gestalt hinein. Seine Frau folgte ihm und sagte, als er mich verwundert und ohne zu grüßen ansah: »'s ist ein fremder Herr, der mit dem Herrn Pfarr' gekommen.« »So?« versetzte der Bronnenbauer, seinen schwarzen Strohhut lüftend. »Meinte, es sei vielleicht der Doktor.« Und in die Kammer tretend fuhr er fort: »Guten Morgen, Herr Pfarr'. Heiß Wetter heut', Sappermost! Wie geht's denn, Schwieger?« Schwiegermutter. »Gottlob! wieder besser, Xavere.« »So ist's recht, denn wir haben viel zu tun jetzt und keine Zeit zum Kranksein. Wollen heut' abend Sichelhänge halten, Schwieger.« »Schon? Müßt wacker geschafft haben.« »Ei, ja wohl. Wenn ich dabei bin, geht's aus den Büschen. Bin aber auch heut' schon hundshagelmüd' worden.« »Brauchst's ja nit zu übermachen, Tochtermann. Hast ja in dei'm Jages ein' tüchtigen Stellvertreter.« »Ja, der Bua wär' sonst schon recht, hätt' er nur nit oft so dumme Mucken im Kopf. Aber was ich sagen will, ja, Schwieger, machet nur, daß Ihr bis Samstag wieder auf die Füß' kommt. Da ist Heiratstag.« »So handlig, Xavere?« »Sappermost, man kann d' Geschicht' nit mehr so lang 'rumsalben. Heut' bringen wir alle Frucht heim, bis auf den Haber, und da hat man denn grad' Zeit zum Heiraten.« »Der Jages hat sich also zu der Kätter entschlossen?« fragte der Pfarrer, mit dem Bronnenbauer aus der Kammer in die Stube tretend. »Ei, der soll froh sein, so ein Mädle z' kriegen,« versetzte der Bauer ausweichend. »Denket nur, Herr Pfarr', viertausend bare harte Kronentaler gibt der Luixenbaur seiner Tochter auf der Stelle mit.« »Aber zu einer glücklichen Ehe gehört nicht bloß Geld.« »Hm, Herr Pfarr', 's Geld ist währle Wahrlich. d' Hauptsach'. Wer's schon hat, braucht's nit erst z' erwerben, und 's sind gar schlechte Zeiten jetzt ... Aber kommt, da ist ja 's Neunebrot aufgetragen. Greifet zu, Herr Pfarr', und auch Ihr, Herr...r...r. Ich habe schon mordmäßigen Hunger kriegt. 's Garbenbinden macht den Magen leer.« Mit diesen Worten pflanzte sich der Bronnenbauer breit an den Tisch, welchen seine Frau inzwischen mit einer ländlichen »Aufwartung« beschwert hatte, bestehend aus frischer Butter, weichgesottenen Eiern, Brot, Äpfelwein und Kirschenwasser. Der Bauer, dessen hartes, rotes Gesicht man bloß anzusehen brauchte, um alle Hoffnung für Jages und Vefele aufzugeben, sprach den Erfrischungen tüchtig zu, stürzte mehrere Spitzgläschen Kirschenwasser hinunter und benutzte eine Pause in seinem Geschäft, um den Pfarrer und mich zu der heute abend bevorstehenden Sichelhänge auf seinen Hof einzuladen. Fabian, welcher hoffen mochte, in einer Stunde der Fröhlichkeit der Hartherzigkeit des Bauern mit besserem Erfolg als bisher beikommen zu können, sagte in seinem und meinem Namen zu, nachdem er mich zuvor dem Einlader als einen alten guten Freund bezeichnet hatte, welcher soeben aus England und Frankreich zurückkomme. Diesen Umstand hob er wahrscheinlich hervor, weil unserem Landvolk das Gereistsein sehr imponiert. Der Bronnenbauer schien mir denn auch in der Tat von jetzt an mehr Aufmerksamkeit widmen zu wollen und wandte sich zu mir mit der Frage: »Schätz' mir, Ihr seid ein Unterländer?« Unterländer bedeutet in dem Wörterbuch des Oberländer Bauern Lump, wenn nicht Schlimmeres. »Nein,« sagte ich, »wie ich denke, kann ich sagen, daß ich die Ehre habe, ein Oberländer zu sein.« »Desto besser,« meinte der Bauer. »Da könnt Ihr urteilen, ob meine Bäurin die Schnitten und Sträuble gut backen kann. Kommt nur g'wiß, Ihr Herren! Hab' ein Faß Riedlinger Lagerbier holen lassen und hab' auch noch was Apartes, ein Fäßle Kartäuser, 34er, im Keller. Aber jetzt muß ich auf den Bühel und nach meine Leut' gucken.« So sprechend stand er auf, ging an die Kammertüre und schrie hinein: »Machet, daß Ihr bald wieder fortkönnet, Schwieger. Und drunten will ich dem Baste sagen, daß er nit so faul 'rumduslen, sondern 's Mühlwerk laufen lassen soll.« So verließ er die Stube, und draußen hörten wir ihn seiner Frau nochmals befehlen, nach Hause zu gehen, um alles für den Mittag und Abend herzurichten, worauf er schwerfällig die Treppe hinablatschte und drunten dem Mahlknecht zuschrie, das Wasser wieder auf die Räder zu richten und nicht so zu faulenzen. Nachdem wir der Kranken gute Besserung gewünscht und mein Freund den beiden Frauen versprochen hatte, heute abend einen letzten Versuch zu machen, um den Bronnenbauer zur Einwilligung in eine Verbindung seines Sohnes mit dem Vefele zu bewegen, verließen auch wir die Mühle. Die Bronnenbäuerin, ihren mütterlichen Kümmernissen freien Lauf lassend, gab uns auf den Hof das Geleite und sagte dem alten Baste, der, verdrießlich über die barsche Zurechtweisung seitens des Bauern, die Schützen des Mühlbachs aufziehen wollte, er möge das für heute nur unterlassen, denn d' Ahne könne das Geklapper noch nicht vertragen. »Weißt ja, Alterle,« setzte die gute Frau hinzu, ihren rauhen Gatten entschuldigend, »weißt ja, mein Bauer tut ein bissele überzwerg, wenn er grad' im Schuß ist; aber er bellt oft viel ärger, als er beißt.« Viertes Kapitel Fiasko eines pastorlichen Reformators. – Ein bäuerisches Bravourstück. – In einer Hütte. – Ob die Armut poetisch? – Ein sehr ländliches Blumenbrett und welche Philosophie der Blumenpflege sich an dasselbe knüpft. Als Wir am Fuße der Hügel im Schatten des Waldsaumes hinwandelten, um auf einem Umwege nach dem Pfarrhofe zurückzukehren, erinnerte ich den Freund an sein Versprechen, mir den Verlauf seiner reformistischen Bestrebungen in seiner Gemeinde zu erzählen. Fabian kam nur mit Widerwillen darauf zurück und faßte sich sehr kurz. Er hatte versucht, den Geist humaner und werktätiger Liebe, der ihn selber beseelte, auch unter seinen Bauern zu Leben und Wirksamkeit zu bringen, war jedoch durch diese Bemühungen, obgleich oder vielleicht weil seine Lehren fortwährend durch die Tat bekräftigend, bei seinen Pfarrkindern fast in den Ruf gekommen, »letz im Kopfe« zu sein. »Denn,« sagte er, »es ist in der menschlichen Gesellschaft so weit gekommen, daß jede natürliche Regung, jede energische Betätigung des in uns brennenden Liebeseifers, jedes rückhaltslose Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit als Narrheit verlästert wird, und wenn selbst die Gebildeten, freilich meist Verbildeten, sich nicht aus dem Sumpfe der Vorurteile, Ungerechtigkeiten und Lieblosigkeiten herauszuarbeiten vermögen, wie sollte das der Bauer imstande sein? Wie mußte ich mich anstrengen, um ihnen nur verständlich zu machen, was ich wollte: ein Christentum der Tat, nicht nur des gedankenlosen Bekenntnisses des Glaubens! Und als sie anfingen, mich zu begreifen, da hättest du sehen sollen, wie all mein Bemühen in Rat und Tat an diesen im plumpsten und monotonsten Mammonsdienst versteinerten Herzen abprallte. Natürlich wäre es töricht, darüber Zorn zu empfinden. Der deutsche Bauer, der Bauer überhaupt kann seiner ganzen Geschichte zufolge kein anderer sein, als er ist: ein Vergötterer der Materie. Der Bauer betet zu einem Gott, den er sich ganz genau als seinesgleichen vorstellt, als einen reichen Bauer nämlich, sozusagen als den Großbauer par excellence, als den Weltbauer. Daher auch die bäuerische Moral, welche alles, aber auch gar alles und sogar noch etwas mehr für erlaubt hält, was nicht geradenwegs zum Galgen oder ins Zuchthaus führt. Ausnahmen von der Regel gibt es natürlich auch hier, ehrenwerte, sehr ehrenwerte Ausnahmen; aber im allgemeinen ist die Selbstsucht des Bauern eine, wie unser Freund Rumpel sagen würde, wahrhaft pyramidalische, und wenn einfältige Idylliker diesen bäuerischen Egoismus wenigstens als einen naiven zu entschuldigen suchen, so sollten sie einmal betrachten, mit welcher raffinierten Herzlosigkeit und Niederträchtigkeit der reiche Bauer oft gegen die Gemeindearmen verfährt. Man hat unserer Bureaukratie das Schlimmste nachgesagt, und du weißt, wie ich von ihr denke, aber es heißt nur gerecht sein, wenn ich sage, daß ohne den bureaukratischen Zaum oder Sporn, wie du willst, alljährlich Dutzende armer Leute auf dem Lande verhungern würden, und zwar gerade unter reichen Bauernschaften .... Doch genug. Erfahrungen, wie sie mir zuteil geworden, machen auch den besten Willen erlahmen. Zudem, weißt du, bin ich weit mehr eine beschauliche als energische Natur. So kam es denn, daß ich mich bald mit Resignation von den verstockten Alten abwandte, und dermalen stehe ich neben meiner Wirksamkeit in der Schule nur noch mit der jüngeren Generation meiner Gemeinde in näherer Verbindung, besonders mittels des Singvereins, welchen ich für die ledigen Burschen und Mädchen gestiftet habe. Zum nicht geringen Ärger und Verdruß der meisten meiner Herren Kollegen in der Umgegend. Sie bezeichnen meine Liederlust, die ich als ein Bildungsmittel ansehe, als grob weltlich und unklerikalisch. Sei es! Sie werden mich nie dazu bringen, ihre Anschauung der meinigen vorzuziehen. Mein Gott ist nun einmal kein furchtbarer, sondern ein milder und freudiger Gott. In der blühenden Rose sehe ich ihn, und in der wogenden Saat, im belebenden Frühlingssäuseln fühle ich ihn, und ich höre ihn im Lerchengeschmetter, das den Tag anjubelt, und im Nachtigallenschlag, der die Nacht mit Wohllaut füllt.« Unter solchen Berichten und Betrachtungen von seiten meines guten Fabian hatten wir das Tal durchschritten und ein sanft ansteigendes Blachfeld erreicht, auf welchem die Kornernte im vollen Gange war. »Das ist der Bühel,« bemerkte mein Freund, »außerordentlich fruchtbares Land, welches fast ausschließlich dem Bronnenbauer und seinem Nachbar gehört.« Wir gingen quer durch das Feld, und als wir uns auf der anderen Seite desselben gegen den Fluß hinabwandten, sahen wir einen hochbeladenen Garbenwagen vor uns herfahren, von vier stattlichen Rappen gezogen. »Das ist des Bronnenbauers Fuhrwerk,« sagte der Pfarrer. »Herrgott, was wäre das für ein Segen, wenn auch nur dieser eine Wagen vor der Hütte eines der Armen, deren Weiber und Kinder du da oben auf dem Bühel Ähren lesen sahest, abgeladen würde!« Ich beschleunigte meine Schritte, denn ich hatte unter den Knechten, die neben dem Wagen hergingen, um denselben an bedenklichen Stellen mittels langer Gabeln zu stützen, den Jages erkannt und hätte gern mit dem Burschen ein paar Worte sprechen mögen. Der Wagen war inzwischen langsam die Höhe hinabgefahren und hatte in einen tiefen Hohlweg eingelenkt, der auf die steinerne Brücke zuführte. Wir gingen auf dem Rand dieses Hohlwegs hin, welcher, nur selten der Sonne zugänglich, tief mit Kot bedeckt und an einigen gar zu bodenlosen Stellen mit Knüppeldämmen versehen war. Eben waren wir in gleiche Linie mit dem Wagen gekommen, als dieser plötzlich schwankte und der Bronnenbauer, welcher, das Gespann in eigener Person regierend, hemdärmelig auf dem Sattelgaul saß, einen lauten Fluch ausstieß. Ein Stück Knüppeldamm war mit dem Handpferd an der Deichsel durchgebrochen und das Tier bis an den Bauch in den Morast versunken, die Deichsel mittels des an seinem Kummet befestigten »Hebkragens« niederreißend und dadurch dem Wagen einen heftigen Stoß versetzend. Demzufolge neigte sich die Last des Wagens auf die rechte Seite und drückte dort durch ihre Wucht den Damm ebenfalls ein. Der Jages und die Knechte konnten dem schwankenden Wagen von der Seite nicht recht beikommen, und so lehnte derselbe seine hohe Garbenbürde halb umschlagend an den rechten Ranst der Hohlgasse. Da hätte man nun den Bronnenbauer haselieren und fluchen hören sollen! Erst wandte er sich im Sattel um und goß eine Flut von Schimpfworten über die unschuldigen Knechte aus. Dann tobte er gegen die Pferde, auf welche er in blinder Wut mit umgekehrtem Geißelstecken losschlug. Alles umsonst. Die gepeinigten Tiere wurden nach einigen vergeblichen Anstrengungen störrisch und zogen gar nicht mehr an. Der Bronnenbauer wälzte sich endlich aus dem Sattel und begann sein Treiben und Peitschen von unten herauf. Wieder umsonst. Er vermochte nicht einmal das Handpferd aus dem Morastloche, worein es gefallen, herauszubringen, und die drei übrigen Gäule beantworteten die zweckwidrigen Geißelhiebe ihres Herrn mit wütendem Ausschlagen. Der Jages, welcher bisher ein untätiger Zuschauer geblieben, wies jetzt die Knechte an, ihre Gabeln zwischen die Wand des Hohlwegs und den Wagen zu stecken und sich derselben, sobald er die Pferde zum Anziehen brächte, mit aller Kraft als Hebstangen zu bedienen. Dann stieg er in den Hohlweg zu seinem Vater hinunter, welchen die zornige Anstrengung ganz atemlos gemacht hatte, und sagte ruhig: »Laßt's mich mal probieren.« Brummend trat ihm der Alte die Geißel ab, und mit der Leichtigkeit eines erprobten Reiters schwang sich der junge Mann auf den Sattelgaul, eigentümlich mit der Zunge schnalzend. Die Pferde schienen dies zu verstehen, denn sie spitzten die Ohren und gaben ihr störriges Pruhsten und Stampfen auf. Mit einem einzigen geschickten Griff in den Zügel brachte der Jages das gefallene Pferd wieder aus der Grube. Dann schnalzte er abermals mit der Zunge, rief den Knechten zu: »Fest angestemmt, ihr da hinten!« fetzte dem Sattelgaul die Fersen in die Weichen, ließ die Geißel klatschend auf die Vorderpferde fallen und das ganze Viergespann mit einmal in vollen Zug bringend, trieb er es vorwärts und brachte den Wagen, der sich beim ersten Ruck an den angestemmten Gabeln der Knechte wieder aus seiner schiefen Lage aufrichtete, glücklich über die gefährliche Stelle hinaus. »Brav gemacht, Jages!« rief der Pfarrer in die Hohlgasse hinab. »Das tut dir nicht sobald einer nach.« »O, 's ist kein Hexenwerk, das!« entgegnete der Jüngling, sein schönes, sonnverbranntes Gesicht zu uns heraufkehrend. »Man muß nur d' Gäul' nicht ungäb Ungebärdig, unartig, wild. machen; dann ziehen sie ein' ganzen Berg weg, wenn's sein muß.« So sprechend stieg er ab und übergab die Geißel wieder seinem Vater, der sofort abermals die Wagenlenkersrolle übernahm, mit den grollend hervorgestoßenen Worten, er werde die »Schindmähren« von stetigen Rappen auf dem nächsten Riedlinger Markt sicherlich verkaufen. Offenbar fühlte sich seine bäuerische Eitelkeit sehr verletzt, daß sein Sohn mit einer Aufgabe, welche er nicht zu lösen verstanden, so rasch und leicht fertig geworden. Er blieb mürrisch auf seinem Gaul sitzen und ließ sich nicht herab, vom Fabian und mir Notiz zu nehmen. Als die Hohlgasse unfern der Brücke in freies Feld auslief, gesellten wir uns zu dem Jages, der in sich gekehrt hinter dem Garbenwagen herging. Der junge Mann erwiderte des Pfarrers Begrüßung mit soldatischem Anstand, blieb aber schweigsam, bis er sich Plötzlich mit den leise gesprochenen Worten an meinen Freund wandte: »Herr Pfarr', ich hätt' 'was Wichtig's mit Ihnen z' reden. Hätten Sie wohl auf den Abend ein bißle Zeit für mich?« »Freilich, soviel du willst, und ich kann mir leicht einbilden, was dein Anliegen sein wird. Hab' schon mit deiner Ahne und Mutter vorhin darüber geredet.« »Ei, wie geht's denn der Ahne? Sie hat's heut' nacht arg auf der Brust g'habt. Als ich am Morgen von ihr weg aufs Feld mußt', war's noch nicht viel besser.« »O, sei ganz unbesorgt, Jages, sie ist schon wieder viel wohler auf.« Und lächelnd setzte der Pfarrer hinzu: »Sie hat aber auch eine gar brave und geschickte Wärterin, weißt du?« Der Jages wurde rot und warf mir einen jener mißtrauischen Seitenblicke zu, die in den Augen der Landleute, wenn sie sich Fremden gegenüber befinden, oft wahrzunehmen sind. Mein Freund bemerkte es und sagte: »Brauchst dich vor dem Herrn da nicht zu genieren, Jages, 's ist ein alter, bester Kamerad von mir, der auf deiner Hochzeit tanzen möchte.« »Da müßte der Herr lange in Frohdorf bleiben,« versetzte der Jüngling finster. Und nach einer Weile fragte er: »Sagen Sie mir doch, Herr Pfarr', steht wirklich in der Zeitung, daß es bald Krieg geben werde?« »Warum soll's denn Krieg geben?« »Darum, weil ich fortmöcht' in den Krieg.« Er hielt wieder inne. Da er jedoch auf meinem und meines Freundes Gesicht nur herzliche Teilnahme an seinen Verhältnissen und Gefühlen lesen konnte, fuhr er fort: »Gucken Sie, Herr Pfarr', ich halt's so nicht länger aus. Das wollt' ich Ihnen heut' abend sagen, kann's aber auch jetzt tun, da wir doch mal dran sind. Gucken Sie, fast gar drei Jahr lang bin ich jetzt wie verhext, 's Vefele hat mir's angetan, aber es kann halt auch nichts dafür. Wissen Sie, als ich hab' zur Konskription g'mußt und es verspielt hatt', bin ich Soldat worden, obgleich mich der Vater gern loskauft hätt'. Glaubte, werde mir das Mädle beim Militär besser aus'm Sinn schlagen können. 's ging auch erst nicht so übel, als ich in der Residenz zur Garde bin gezogen worden. D' Soldaterei g'fiel mir. Aber in d' Länge ging's halt doch nicht, und wenn sie mich auch wollten zum Obermann machen, 's tat's halt nimmermehr, und so schrieb ich an d' Mutter, daß man mich doch sollt' loskaufen. 's war ahsograd', als müßt' ich beim Exerzieren mei'm Gaul immer d' Sporen geben und was hast was gibst Frohdorf zureiten. Als ich heimkam, meint' ich vor Freud' nur grad' ganz aus'm Häusle z' kommen, Närrisch zu werden. da ich nur 's Vefele wieder z' sehen kriegt'. Aber jetzunder hat sich der Vater immer ärger dahinter g'steckt und tut dem Mädle bei jeder G'legenheit Schand' und Spott an und läßt mir bei Tag und Nacht keine Ruh', darum, daß ich soll 's Luixenbaurs Kätter heiraten. Doch ich tu's halt eineweg nit und, gucken Sie, Herr Pfarr', drum möcht' ich wieder Soldat werden. Aber Krieg sollt's sein, daß ich fortkönnt' und nimmer kommen!« Der junge Mann hatte die Worte gegen das Ende seiner Rede immer hastiger hervorgestoßen; allein der Ausbruch seines Schmerzes war heute keineswegs ein so weicher wie gestern. Im Gegenteil, sein Ton war zornig und resolut, und sein ganzes Gebaren von heute zeigte mir, daß er nicht zu den Leuten gehörte, welche dem Mißgeschick nur ein unmächtig tränend Auge weisen. Eher schien er mir geneigt, in seinem Trotze gegen das Schicksal vielleicht gar eine gewalttätige Handlung zu begehen. Fabian schien meine Gedanken zu teilen und sah den aufrecht, stramm und trotzig einhergehenden Burschen fast bedenklich an. Der Garbenwagen war aber inzwischen über die Brücke gelangt und fuhr den Weg hin, welcher links am Flusse hinab nach dem Bronnenhof führte. Es war daher jetzt keine Zeit mehr zum Ratgeben und Beschwichtigen. Der Pfarrer konnte den Jüngling nur noch ermahnen, sich wenigstens die nächsten Tage noch zu gedulden und besonders auch heute abend ruhig und unbefangen sich zu verhalten, und so trennten wir uns. Nach Tisch nahm der gute Fabian das Zigarrenkistchen unter den Arm und bat seine Mutter, uns den Kaffee in den Garten zu bringen. Unter der Haustüre gab er eins seiner Tierbändigersignale, und alsbald versammelte sich der Teil seiner Menagerie, welcher den Tag über freie Pirsch in Haus und Garten hatte. Diese sehr gemischte Gesellschaft, welche um uns her krabbelte und flatterte, wurde im Garten noch um einen Storch vermehrt, einen gravitätischen alten Herrn, der mit seinem langen Schnabel sehr geschickt die Brocken auffing, welche ihm der Pfarrer hinwarf. Fabian führte wie vormals mein unvergeßlicher Vater in seinen Taschen stets einen Futtervorrat mit sich. Es saß sich gar heimelig in der Laube von Geißblatt und wilden Reben und mir wurde ganz gemütlich zumute. Fabian sah mich an, bot mir über den Tisch herüber die Hand und sagte: »Ich weiß, was du denkst!« »Was?« »Es sei doch schön, eine Heimat zu haben; so einen Winkel, in welchen man sich hineinducken kann; so eine trauliche Stelle, von welcher man sagen kann: Hier bin ich daheim.« »Du hast es so ziemlich erraten,« gab ich mit einem leisen Seufzer zur Antwort. »Gelt, Alterle? Aber warum denkst du nicht daran, dir einen eigenen Herd zu gründen?« »Weil ich mir vorstelle, daß es sich nur zweisam schön und bequem an demselben sitze.« »Aha! Aber ist denn gar keine Aussicht vorhanden, diese Vorstellung zu verwirklichen?« »Für jetzt keine. In ruhigsten Stunden, wo ich ganz mit mir allein bin, ist mir zwar oft ... doch warum von Träumereien reden?« Der Freund sah mir an, daß ich den Gegenstand weiter zu verfolgen nicht geneigt war, und sagte zu mir nur noch: »Werde mir nur kein Hagestolz! Alte Junggesellen fallen in der Regel in die Kategorie: unausstehlich.« Nachdem wir unseren Kaffee getrunken hatten, machten wir einen Gang durch den Garten, dem sich die große Pfarrwiese mit ihren schönen Obstbäumen anschloß, Fabian besichtigte verschiedene derselben, deren Früchte zu den frühreifenden gehörten, und hielt mir bei dieser Gelegenheit eine treffliche Vorlesung über Obstzucht, auf welche er sich sehr gut verstand. So kamen wir ans Ende der Wiese und erblickten jenseits der Umzäunung das ärmliche Häuschen der Hanne, überschattet von den zwei alten Apfelbäumen, welche mir Courage als Hauptstücke im Vermögensinventar seiner Base aufgeführt hatte. Ich muß bei dieser Gelegenheit sagen, daß ich keineswegs zu denen gehöre, welche die Armut poetisch finden. Rührend wohl, unter Umständen auch erschütternd, aber poetisch? – nein! Die Poesie flügelt den Menschen empor, die Armut drückt ihn zu Boden; sie macht ihn nicht zum Gott, sondern zum Tier, welches um der Stillung seines Hungers willen mit der Gesellschaft einen unaufhörlichen Kampf kämpfen muß. Ich habe in den Behausungen der Bedürftigen und Elenden nie jene lackierte Armut gefunden, von der alberne Poeten faselten und faseln, wohl aber im Gegenteil sehr oft Entblößung und einen alle Sinne beleidigenden Schmutz. Die Ausnahmen sind selten, wo der besonders dem Weibe angeborene Instinkt für Anstand und Sauberkeit von der trostlosen Not und der hoffnungslosen Ergebung in dieselbe nicht völlig verdrängt ist. Die Behausung der armen Hanne gehörte zu den Ausnahmen, was mich schon um des Vefele willen freute. Das vermorschte Gattertürchen der Pfarrwiese öffnete sich auf ein Paar bemooste Sandsteinstufen, welche zu dem klar daherschießenden Mühlbach niederführten. Wir gingen über den niedrigen Bohlensteg und standen vor der strohbedeckten Hütte, um welche her man keine jener ländlich-schändlichen Unflätereien gewahrte, welche einem zwar nicht in den modischen Dorfnovellen, wohl aber in der dörflichen Wirklichkeit nur allzuoft begegnen. Was mir aber besonders wohltat, war ein Blumenständer, welcher vor einer kleinen viereckigen, in Ermangelung eines Fensters bloß mit einem Laden versehenen Öffnung befestigt war, die, wie ich vermutete, die Schlafkammer der alten Hanne und ihrer Tochter mit Licht versah. Dieser Blumenständer bestand freilich nur aus einem alten Brettstück, und die Blumentöpfe waren nur Scherben von unbrauchbar gewordenem Kochgeschirre, aber diesem ärmlichen Apparat zum Trotz prangte und duftete da ein üppiger, augenscheinlich sorgfältig gepflegter Flor von Moosrosen, Levkojen, Reseda und Nelken. Beiläufig gesagt, lieber Leser, ich habe die Eigenheit, Autoren und Frauen in zwei Klassen einzuteilen. Jene kurzweg in Langweiler und Nichtlangweiler, diese in solche, welche die Blumen lieben und pflegen, und in solche, welchen die Blumen gleichgültig sind. Die letzteren sind mir fatal, und ich traue ihnen nicht viel Gutes zu. Dagegen Frauen und vollends Frauen aus den arbeitenden Klassen, welche die wenigen Augenblicke, die ihnen zum Ausruhen vergönnt sind, dazu verwenden, mit ihren beschwielten Händen die zartesten Kinder der Mutter Erde zu warten, haben in mir jederzeit eine günstige Meinung erweckt, welche nie getäuscht wurde. Bei dem sonstigen Mangel an ästhetischem Sinne, der unser Volk leider allwärts und sogar in Gegenden, wo es die Natur mit großer Körperschönheit ausgestattet hat, durch Beibehaltung oder gar Aneignung der abgeschmacktesten, entstellendsten Tracht an den Tag legt, ist es auch gar nicht so bedeutungslos, ob ein Weib aus dem Volke die Blumen liebe oder nicht. Ich möchte die Blumenpflege den Kunstgenuß der Frauen des Volkes nennen. Derselbe übt auf ihr Seelenleben sicherlich einen heilsamen Einfluß. Wahrscheinlich kommt diese Behauptung dem geneigten Leser im ersten Augenblick lächerlich vor; ein näheres Zusehen dürfte sie aber rechtfertigen Zur Bekräftigung erzähle ich, daß ich eine Dorfschöne kannte, welche in der ganzen Gemeinde als unverträglich, »bösmäulig« und händelsüchtig, kurz als ein wahrer »Sadrach« verrufen war, bis sie durch ihre seitens einer Kamerädin zufällig in ihr angeregte Blumenliebhaberei nach und nach in eine sanftere Sinnesweise hinübergeleitet wurde, was nicht so unwahrscheinlich erscheinen dürfte, falls man bedenkt, daß die Minuten, welche die Bauernmädchen an ihren Blumenbrettern zubringen, die einzigen Momente stiller Sammlung sind, welche in ihrem Leben vorkommen. Fabian meinte, er wolle nach dem Star sehen, welchen er dem Courage zum Abrichten gegeben, und öffnete ohne Umstände die Tür des Häuschens, welche bloß mittels einer hölzernen Klinke verschlossen war. Vor Dieben schien man hier durchaus nicht besorgt zu sein, denn mit einem leichten Druck auf das ländliche Schloß von seiten meines Freundes ging die Türe auf und ließ uns in die von ihren Bewohnern verlassene Hütte treten. Da standen wir denn zunächst in einem kleinen, höhlenartigen Raume, welcher zugleich als Flur und Küche diente. Ein armseliger Herd, eine schmale Reihe von Tongeschirren an der berußten Wand, eine blankgescheuerte Messingpfanne und ein weißgefegter Wasserzuber bildeten die Ausstattung derselben. Zur linken Hand führte von hier ein Ding, welches weit mehr einer Leiter denn einer Treppe glich, in eine Dachkammer, das Nachtquartier des alten Soldaten; rechts öffnete sich eine schmale Türe in die niedrige Wohnstube. In diese getreten, ging mein Freund sogleich auf einen der von geschälten Weidenzweigen geflochtenen Vogelkäfige zu, welcher; gegenüber den zwei kleinen, mit runden Scheiben von grünem erblindetem Glas besetzten Fenstern, an der Wand befestigt waren. Sie bildeten, unter der Aufsicht des Courage, eine Filiale von des Pfarrers Menagerie, und während dieser jetzt den schreienden Star aus seinem Behältnis nahm und zu examinieren begann, schaute ich mich in der Stube um. Ein alter grüner Kachelofen, daneben eine vorzeiten blau und rot bemalt gewesene Truhe oder, oberländisch gesprochen, Sidel, welche als Schrank und Bank zugleich gebraucht wurde, in der Ecke ein vom Alter geschwärzter Tisch, dessen vierter Fuß abgebrochen und durch einen wahrscheinlich von dem alten Soldaten eingesetzten starken Buchenzweig ersetzt war, in der Tischecke ein großes verrauchtes Kruzifix, mit dem am letzten Palmsonntag geweihten Palmenbüschel, ferner zwei Stühle, deren Beine der ländlichen Etikette gemäß mit einer dünnen, weißen Sandkruste überzogen waren, in einer Wandnische eine Lampe, oder, oberländisch, ein Tigel mit hölzernem Gestelle und blechernem Ölbehältnis nebst »irdenem« Feuerzeug, vor der Sidel ein altväterisches Spinnrad nebst Kunkel: – das war das Mobiliar der Stube, in welcher alles von Armut und Entbehrung, aber auch von einem unter solchen Verhältnissen sehr seltenen Bedürfnis der Ordnung und Sauberkeit zeugte. Alles stand an seinem Platze; Decke und Wände waren »geweißt« und der Boden war mit weißem Sande bestreut. Ich erwähne auch noch zweier Luxusgegenstände, nämlich eines abenteuerlich geschnörkelten Lehnsessels aus dem vorigen Jahrhundert, welcher in dem Ofenwinkel stand, und einer kolorierten Lithographie, die in schwarzem Rahmen zwischen den Fenstern an der Wand hing und den Napoleon darstellte, in grüner Uniform und grauem Überrock auf dem bekannten historischen Schimmel reitend. Der Lehnsessel war, wie mir Fabian mitteilte, von dem Besitzer eines der benachbarten Herrenschlösser, welcher vordem auch Soldat gewesen, an den alten Kriegsknecht geschenkt worden; das Napoleonsbild hatte ihm der Pfarrer, trotzdem dieser keineswegs ein Napoleonverehrer war, gekauft und einrahmen lassen. Der Star mußte den Unterricht des Courage gut benutzt haben, denn er schrie höchst energisch sein Parbleu und Morbleu, woran der Fabian sein innigstes Ergötzen hatte. Er konnte auch dem Lehrmeister sogleich seine Zufriedenheit ausdrücken, denn der alte Soldat trat gerade in die Stube und brachte sein »Bon soir, Messieurs« so unbefangen vor, als sei er nicht im mindesten überrascht, in Abwesenheit der Hausbewohner fremde Eindringlinge hier zu finden. »Guten Abend, Alter,« sagte der Pfarrer, den Vogel in seinen Käfig zurückschiebend. »Der Star macht große Fortschritte und ich denke, man kann ihn jetzt bald frei in Haus und Garten umhergehen lassen.« »Noch nicht, Herr Pfarr', noch nicht, glauben's mir. Ist zwar ein gescheiter Kerl, aber doch noch Rekrut, muß noch 'ne Weile exerziert werden, ehe man ihm traut; sonst desertiert er mit Sack und Pack .... Kenne die Stare, ein schlaues Gesindel, glauben's mir – courage! « »Magst recht haben, Kamerad,« entgegnete der Pfarrer lächelnd, »ich beuge mich, wie immer, vor deinen kriegerischen Erfahrungen. Aber sag' mir, wo ist deine Base, die Hanne? Ich hätte gern ein Wort von wegen des Vefele mit ihr gesprochen.« »Wird wohl aufm Ährenlesen sein, denk' ich. War aber vormittags Ihre Frau Mutter hier, Herr Pfarr', und hat mit meiner Bas' ein langes und breites geredet.« »Ja, meine Mutter wünscht gleich mir, das Mädchen möchte zu meiner Base nach Dietelhofen gehen.« »Weiß es, und 's Mädle ist dort gut aufgehoben, mort de ma vie! das muß wahr sein. Kenne Ihre Bas' recht wohl, Herr Pfarr'. Ist ein räsonables Weibsbild und ihr Bauer, auch keiner von den letzten, hört gar z' gern meine Geschichten und steckt mir beim Gehen immer einen Groschen in d' Hand ... gute Leut' das - courage! ... Aber Herr Pfarr', wissen Sie, das Ding, von wegen dess' ich heut morgen bei Ihnen war –« »Hab' es nicht vergessen, Alter, aber so etwas will reiflich überlegt sein, bevor man es zu Handen nimmt. Und jedenfalls kann es nicht schaden, wenn das Mädchen von hier weg ist.« »Wohl, aber wird mir halt gar ahndtun Ahndtun = Sehnsucht empfinden. nach 'm Vefele.« »Glaub' es, aber kannst's ja oft besuchen.« »Freilich, und dann muß sich's wohl schicken, wenn's nur dem Mädle zum besten g'reicht – courage! « »Hoffe, es werde dem Vefele wirklich zum besten gereichen, und will deshalb noch heute einen Brief an meine Base schreiben, womit sich 's Vefele morgen früh auf den Weg machen kann. Gefällt es ihr bei meiner Verwandten, so kann sie sogleich dort bleiben, und du bringst ihr dann den Wanderbündel.« »Gut, ich weiß, Sie meinen's wirklich redlich mit uns und allen Leuten, Herr Pfarr', und darum will ich meiner Bas' und meinem Bäsle zureden und 's Mädle soll morgen nach Dietelhofen gehen ... Und von wegen dessen, was ich Ihnen heut morgen vorgetragen hab' – Sie werden's auch nicht so liegen lassen – courage! « Der Alte begleitete uns durch die Küche, wo der Pfarrer unbemerkt, wie er glaubte, ein Stück Geld auf den Herd legte, vor die Hütte bis an den Bach, wo wir ihm Adieu sagten, um nach dem Pfarrhaus zurückzugehen. Fünftes Kapitel, welches den wißbegierigen Leser belehrt, was eine Oberländer Sichelhänge sei. Auf dem Kirchturm schlug die »Betglocke« an, als wir abends durch die dämmernden Gassen des Dorfes ins Freie gingen, um auf dem Bronnenhof der ländlichen Lustbarkeit anzuwohnen, welche nach eingeheimster Ernte von den wohlhabenden Oberländer Bauern unter dem Namen Sichelhänge gefeiert wird. Die Sicheln werden aufgehangen, das heißt das Korn ist geschnitten, die Ernte eingetan: daher die Bezeichnung. Früher war, wie ich mich aus Erzählungen meines Vaters erinnerte, in diesem Erntefest viel uralt Heidnisches, und ich selbst erinnere mich, wenigstens in meinen Knabenjahren bei Sichelhängen heidnische Anklänge wahrgenommen zu haben, die ich mir freilich erst später zu deuten wußte. Unsere Bauern sind überhaupt noch heute Heiden, wie ihre Altvordern waren. Der christliche Firnis, womit ihr Heidentum überstrichen wurde, ist ein sehr dünner. Überall schimmert noch der Glaube an die alten Naturgewalten durch. Freilich, die Namen der alten Götter hat das Taufwasser allmählich aus dem Gedächtnis des Volkes gewaschen, nicht aber die alten Götterbegriffe. Die Volksreligion ist noch heute so polytheistisch, wie sie vor zweitausend Jahren gewesen. Der heiße Tag hatte am Abend mit einem Gewitter gedroht, welches aber nicht zum Ausbruch gekommen war. Im Westen standen die Wolken wie eine eherne stahlblaue Mauer, und die Sonne, hinter derselben niedersteigend, schoß grellgelbe Breschen darein. Dann wurde die Wolkenmasse schwärzer und immer schwärzer, drückte sich langsam und schwerfällig mehr und mehr am Himmel herauf, schob sich hinüber und herüber und wuchtete schwül auf der ganzen Gegend. Feld und Wald standen schweigend und regungslos, als harrte die Welt in ehrfurchtsvoller Stille der majestätischen Ansprache des Donners. Aber er zögerte. Nur dann und wann zuckte ein kurzer Blitz wie ein lässiges Augenzwinkern in den düstern Wolkenbrauen, und noch hatte sich nicht einmal jener unheimlich pfeifende Wind aufgemacht, welchen Blitz und Donner als ihren Herold vor sich herfegen lassen. Bei dem Bronnenhof angekommen, standen wir eine Weile unter einer mächtigen Linde still, welche ihre knorrigen Äste über einen reichen Brunnen ausstreckte, der armsdick aus einer rohbehauenen hölzernen Röhre hervorsprudelte. Von diesem Quell trug das Gehöft seinen Namen, und Fabian erzählte mir eine Legende, welcher zufolge in der Heidenzeit ein Prediger des Christentums zur Beglaubigung seiner Sendung den Brunnen hatte entspringen lassen. Der gute Pfarrer setzte eben an, mir über den ironischen Zug, welchen die Wundererzählung auf meine Lippen gerufen hatte, humoristisch den Text zu lesen, als von der großen Scheune des Hofes herüber die Töne einer näselnden Klarinette, einer schwindsüchtigen Geige und eines anarchischen Waldhorns erklangen. Zum Glück ließ das laute Juheien der Burschen, welchen die Musik zum Tanz aufspielte, die Harmonien des besagten Trio nicht zu sehr aufkommen. Wir traten an das Tor der Scheune, welche den Hofraum linkshin flankierte, während zur Rechten die weitläufigen Stallungen sich erhoben, und bemerkten, daß die Lustbarkeit bereits in vollem Gange war. An jeder der drei Seitenwände der Scheune waren Stallaternen aufgehangen, und in dem ungewiß hin und her flackernden Lichte arbeitete ein Dutzend junger Paare in den raschen Windungen des »Schleifers« und in den noch rascheren des »Drehers« und »Hopsers« bunt durcheinander. Ich sage: sie arbeiteten; denn das rasende, schweißaustreibende Springen und im Kreise Drehen unserer nordischen Tänze kann, besonders mit den graziösen, künstlerisch schönen und bedeutungsvoll symbolischen Nationaltänzen der südlichen Völker Europas verglichen, doch wohl nicht anders bezeichnet werden. Wenn dieses Tanzen schon auf dem Parkettboden eines glänzend erleuchteten großstädtischen Ballsaals so aussieht, daß man versucht sein könnte, einen Verein gegen Tierquälerei dagegen anzurufen, wie muß es dem Auge eines Schönheitsgläubigen erst auf der Tenne einer Scheune bei Stallaternenbeleuchtung vorkommen? Ich teilte diese Bemerkungen leise meinem Freunde mit, während wir ungesehen im Schatten des nach außen geöffneten Scheunentores standen. Er hörte mich nach seiner Art geduldig an, bemerkte dann aber mit gutmütigem Spott: »Ei, ja doch, das ist alles recht schön, und ich sehe mit Vergnügen, daß du auch als Geschäftsmann noch Philosophie des Schönen getrieben hast. Aber, lieber Alter, daneben erinnere ich mich noch sehr gut der Zeit, wo dich die Töne einer Musik, wie wir sie hier vor uns haben, zum lautesten Jubel bewegen konnten, wo du nicht müde wurdest, auf den Tanzböden der Dorfschenken zu ›arbeiten‹, und wo du dich glücklich schätztest, so oft du dich die halben Nächte hindurch mit einem hübschen Steinlacher Mädchen im Kreise drehen konntest, obgleich einem diese Tänzerinnen mit ihren höllischen Schuhhacken fast die Zehen wegtraten.« »Ach ja,« versetzte ich kleinlaut, »das war eine liebe, heitere, sorglose Zeit. Wollte, es wäre noch so!« »Gelt, jetzt hab' ich dich? Siehst du, nur der Genügsame, der Ursprünglichkeit und Naivität der Natur noch Anhängliche versteht sich so recht zu freuen. Du tanzest nicht mehr, bist wählerisch in der Musik wie im Wein und Tabak, du kennst die rechte Jugendlust nicht mehr, mein Junge. Sieh dir einmal diese vor Freude leuchtenden Blicke der Burschen, diese in Vergnügen flammenden Wangen der Mädchen an und laß das Kritteln und Grämeln sein.« Eben war ein Tanz zu Ende und wollte einer der Jünglinge den Musikanten, welche im Hintergrund der Scheune auf einem umgestürzten Futtertrog saßen, einen neuen »fürsingen«, als wir, an der Toröffnung vorübergehend, von den jungen Leuten wahrgenommen wurden. Sogleich drängten sich alle auf den Pfarrer zu, um ihm einen guten Abend zu wünschen. Mein Freund erwiderte diese Begrüßungen mit der ihm eigenen Bonhomie, richtete an diesen eine ernste, an jenen eine scherzhafte Frage und schloß, zurücktretend, mit der Mahnung: »Macht euch lustig, Kinder, und ihr Bursche, merkt euch, daß eine Lustbarkeit ganz gut von statten gehen kann ohne eine Prügelei am Schlüsse. Verstanden?« Die Ballherren in Hemdärmeln und Lederhosen lachten und einer, sein Mädle gegen die Musikanten hinziehend, begann sofort ein »Schelmenliedle« fürzusingen: »'s Fidélebauers Annele, Des ischt a guater Bissa, Und hätt' i se, Wie wett' (wollt') i se Verdrucka und verküssa.« Die Musikanten begannen die Melodie sogleich nachzududeln, und der Dreher wirbelte wieder durch die Scheune. »Der Bronnenbauer,« bemerkte Fabian, mit mir auf das Wohngebäude zugehend, »scheint heute etwas draufgehen lassen zu wollen. Drei Musikanten, das ist wahrer Luxus für eine Sichelhänge. Aber wo steckt denn der Jages?« »Hier!« entgegnete die Stimme des jungen Mannes, der aus dem nächtlichen Schatten des Baumgartens trat, welcher sich an der Giebelseite des Hauses hinzieht. Und nachdem er den Pfarrer und mich begrüßt hatte, setzte er hinzu: »War draußen in der Mühle, um nach der Ahne zu sehen, mit der es, gottlob! recht ordentlich geht.« »Hm,« dachte ich, »was doch kranke Großmütter für eine Anziehungskraft für ihre Enkel haben, wenn ihre Wärterinnen Vefele heißen.« Inzwischen war der junge Bauer näher zu meinem Freunde getreten, welcher schon die Klinke der Haustüre erfaßt hatte, und fragte rasch und leise: »Ist's wahr, Herr Pfarr', geht 's Vefele morgen zu Ihrer Base nach Dietelhofen?« »Allerdings, und du wirst, denke ich, nichts dagegen haben wollen.« »Ei, jawohl, wer weiß? Übrigens liegt Dietelhofen nicht aus der Welt draußen, und Sie brauchen künftig für Ihre Botschaften an Ihre Base kein' Botenlohn mehr auszugeben. Ich weiß einen, der sie Ihnen umsonst besorgt.« »So, meinst du, Bursch? Wie aber, wenn ich meine Base bäte, einen gewissen trotzkopfigen Burschen, sobald er sich in Dietelhofen blicken ließe, durch ihres Bauern Knechte tüchtig abwamsen zu lassen?« »O, was das angeht, Herr Pfarr', das macht mir kein' Kummer nit. Erstens kann ich, wenn's sein muß, auch so ein bißle mit dem Raufen umgehen und zweitens fällt es Ihnen gar nit ein, Ihre Base um so was zu bitten.« Fabian öffnete die Türe, und wir wurden auf dem Flur von der Bronnenbäuerin empfangen, die mit hochrotem, die Glut des Herdes widerstrahlendem Gesicht aus der Küche trat, aus deren Räumen mir ein einladender Duft von allerlei Gebackenem in die Nase stach. Halte mich nicht für einen krassen Materialisten, lieber Leser, wenn ich dir sage, daß mich dieser Duft wundersam anheimelte. Hättest du, wie ich, im Oberlande deine Kinderschuhe vertreten, würdest du ohne weiteres zugeben, daß in dem Arom frischgebackener »Spätzle« und »Schnitle« und »Weckenknöpfle« und »Sträuble« und »Bauernküchle« die ganze Poesie goldener Jugenderinnerungen liegen kann. Ja, wahrhaftig, für einen Moment wenigstens war ich wieder ein glücklicher, ein genießender, ein naiver Mensch. Indem die gute Bronnenbäuerin die Stubentüre vor uns auftat, um uns eintreten zu lassen, hörte ich sie ihrem Sohn hastig zuflüstern: »Hörst, Jages, tu mir den G'fallen und tanz ein bißle mit der Kätter, die mit ihrem Vater drinnen am Tisch sitzt.« »Nu', mira!« entgegnete der Sohn, »wenn Euch damit ein G'fallen g'schieht, Mutter. Aber merkt's Euch, Tanzen und Heiraten ist zweierlei.« Die Gesellschaft, welche wir in der großen, mit vom Alter gebräunten Eichenholz getäfelten Wohnstube des Bronnenhofs versammelt trafen, bestand aus dem Hausherrn, seinem Nachbar, dem Luixenbauer nebst Tochter, ferner dem Schultheiß und dem Schulmeister der Gemeinde samt ihren Frauen, dann dem Hansjörgenbauer, welchen ich gestern in Gesellschaft des Bronnenbauern gesehen, und endlich einem alten Oberknecht, welcher die Ehre, in der Stube mit am Tische sitzen zu dürfen, dem lustigen Treiben in der Scheune vorgezogen hatte. Der Tisch, auf einem schneeweißen, in der Mitte mit einer breiten roten Borte durchwirkten Linnentuch eine Last von Speisen und Getränken tragend, gab, wie das Gemach überhaupt, sprechendes Zeugnis von bäuerischem Reichtum. Beim Eintritt des Pfarrers erhoben sich alle ehrerbietig, und er wurde sofort von dem Hausherrn an den Ehrenplatz oben am Tische geführt. Wenn auch Fabians Reformbestrebungen an der Zähigkeit bäuerischer Vorurteile gescheitert waren, so viel war dennoch augenscheinlich, daß seine lautere, noble und milde Persönlichkeit selbst dem bäuerischen Egoismus Achtung abgezwungen hatte. Die Bronnenbäuerin stellte dem Stuhl des Pfarrers einen für mich zur Seite und entfernte sich dann, um eine frische Auflage von Schinken, Würsten und Backwerk auf den Tisch zu befördern. Ich tat, in Erinnerung alter Zeiten, namentlich dem Gebackenen alle Ehre an und trank roten Karthäuser Wein dazu, was sehr wohltat. Als ich wieder von meinem Teller aufschaute, war die dralle, rotbackige, mit einer oberländischen Busenfülle im Superlativ ausgestattete Kätter verschwunden. Der Jages mußte sie also wirklich zum Tanze geführt haben. Die ländlichen Gäste hatten ihren Appetit großenteils schon gestillt, und nachdem die stereotypen bäuerischen Gesprächsmaterien, als da sind Rindvieh-, Pferde- und Getreidepreise, Schafschur und Hagelschlag, Klagen über böse Zeiten und Futtermangel, abgetan waren, brachte der Schulmeister, der fast wie ein heimlicher »Wühler« aussah, ein politisches Thema aufs Tapet, indem er die Frage aufwarf, wem wohl die Frohdorfer Wähler bei der bevorstehenden Bezirkswahl zur Ständeversammlung ihre Stimmen geben würden. »Ich für mein' Teil,« sagte der Luixenbauer, das steingutne Bierkrügle niedersetzend, »gib' mein' Stimm' nur einem gutkatholischen Oberländer. Wollen kein' so unterländischen Schreibersknecht mehr zum Abgeordneten.« »Ja,« bemerkte der Bronnenbauer, »ich hab' ein' Vogel pfeifen hören, daß wir diesmal ein' rechten Mann kriegen sollen, ein' geistlichen Herrn, der den Unterländern donderschlächtig aufsätzig ist. Wissen Sie's auch schon, Herr Pfarr?« »Habe ebenfalls davon reden hören,« entgegnete Fabian. »Näheres weiß ich aber nicht.« Der Schultheiß faßte ein Licht vom Tische, brannte seine Pfeife damit an, und nachdem er eine Wolke schrecklich duftenden Tabaks von sich gegeben, meinte er, der Herr Oberamtmann werde zu dem allem doch auch sein Wörtle sagen. »So, hat er Euch schon wieder am Bändel, Schultes?« bemerkte der Luixenbauer unwirsch. »Wie meint Ihr das?« fragte der Schultheiß im Gefühle seines Amtes. »So mein' ich's,« versetzte der Gefragte störrisch, »daß alleweil d' Schultes tanzen, wie der Oberamtmann pfeift.« Der Schultheiß wollte heftig entgegnen, der Hausherr aber legte sich dazwischen und sagte: »Bscht, bscht! Wer wird denn Händel anheben wollen von wegen den Herrenleuten? Gucket, was die Abgeordnetenwahl angehen tut, so geb' ich im Grund kein' Pfifferling drum, ob's der oder der ist. Wir müssen halt auch die Herren noch b'solden, zu den anderen hin. Saget mir doch, was es helfen tut, wenn die Leut' im Ständhaus in d'r Residenz z'sammensitzen und monatlang durcheinander plappern und haselieren.« »Mit Verlaub,« nahm der Schulmeister das Wort, und begann den Bauern mit viel Einsicht und liberalem Eifer das konstitutionelle Regierungssystem auseinanderzusetzen, oftmals nicht gerade sanft von seinen Zuhörern unterbrochen, deren Politik, als die aller Bauern, ein für allemal in den Wunsch sich zusammenfaßte, keine Steuern bezahlen zu müssen. Dazwischen wogte ein buntes Hin- und Herreden über die Zunahme der Armenlasten, über die Beschwerlichkeit der Gemeindebeamtungen, über die Ungerechtigkeit der Verpflichtung zu neuen Wegbauten und dergleichen mehr. Ich bekam das Gerede satt, stand auf und trat an ein offenes Fenster, welches auf die Scheune hinübersah. Dort rastete der Tanz eine Weile. Die Burschen standen in einer Gruppe um die hohe Gestalt des Jages. Die Mädchen hatten sich Garben herbeigeschleppt und saßen auf denselben die Wände entlang. Kuchen, Fladen und Biergläser gingen von Hand zu Hand. Dann stimmte eins der Mädchen ein Lied an: »Wenn i gleich kein' Schatz nit hab'« und die ganze Genossenschaft fiel sogleich fröhlich ein. Fabian war neben mich getreten und hörte ebenfalls dem Singen zu. Der Bronnenbauer aber, der in bester Laune war, weil sein Sohn die Kätter zum Tanze geführt hat, sagte zu dem alten Oberknecht, der, wie seine Mundart verriet, aus Bayern stammte: »He, Boir, gang doch 'nüber und hol' die junge Leut' 'rüber. Sie sollen dem Herrn Pfarr' ein paar Liedle singen, wie er sie gern hört.« Fabian dankte für diese Zuvorkommenheit, und von dem »Boir« geholt, kamen die Burschen und Mädchen bald herüber. Die letzteren drängten sich zuerst etwas blöde und verschämt in eine Ecke zusammen, und die ersteren drehten verlegen ihre pelzverbrämten Mützen in den Händen. Als man es ihnen aber in Bier und Wein »zugebracht« und der Pfarrer ihnen freundlich zugesprochen hatte, ordneten sie sich unter des Schulmeisters Regiment nach Stimmen und ließen, da sie alle dem von Fabian begründeten Singverein angehörten, mit gar nicht üblem Ausdruck und Vortrag einige Lieder von Silcher vierstimmig hören. Der Jages machte dann, nachdem noch verschiedene alteinheimische Volkslieder gesungen worden, den Vorschlag, der alte Boir sollte das altbayerische Liedle von Sankt Peter singen, was sofort allgemein verlangt wurde. Der alte Knecht warf einen schüchternen Blick auf den Pfarrer, und als dieser gutmütig lächelnd mit dem Kopfe nickte, stellte er sich in Positur und Hub mit einer etwas meckernden, zu der wunderlich geschnörkelten Melodie komisch passenden Falsettstimme zu singen an: »Als d' Juden den Herrn hab'n g'fange g'hatt, Da liefen die Jünger davon; Hat ainer den Peter am Mant'l d'ertappt: Gelt, Glatzkopf, jetzt hab' i di schon!« usw. Alle lachten herzlich und schmetternd, als der Boir mit einem verzweifelten Triller seinen Singsang beendigt hatte, dessen Pointe sich hier nicht wohl wiedergeben läßt, der aber das Signal zur Steigerung der Lustbarkeit gab. Die Musikanten in der Scheune drüben stimmten einen neuen Hopser an, welcher Aufforderung die jungen Leute mit Ausnahme des Jages, der sich zu dem Schulmeister setzte, nicht widerstehen konnten. Schäkernd, juheiend und lachend drängten sie sich tumultuarisch zur Türe hinaus. In der Stube wurde es jetzt ebenfalls lauter, rücksichtsloser, ungeniert bäuerischer. Der höllische Knaster, genannt Schwarzer Postreiter, lag in dicken Wolken über dem Tische, die Bierkrüge hatten den Weingläsern entschieden das Feld geräumt, und der Luixenbauer schenkte sich das seinige, wie aus Versehen, ein paarmal mit Zwetschgenwasser voll und leerte es auf einen Zug, weswegen ihm auch die dicken Knollaugen bereits verdächtig aus dem Kopfe hervorquollen und er nach jedem dritten Worte immer fein »Kreuzsakerment!« hören ließ – kurz, wir merkten, daß es Zeit zum Aufbruch sei. Natürlich suchte man uns zurückzuhalten, allein Fabian lehnte das Andringen der Bronnenbäuerin freundlich ab, mit dem Bemerken, er habe morgen in der Frühe eine Seelenmesse zu lesen. »Eine Seelenmesse? Für wen denn, Herr Pfarr'?« fragte die Hausfrau. »Für den seligen Tone der armen Hanne. Ihr wißt, liebe Bäuerin, mein Vorgänger hatte beschlossen, alljährlich eine Messe für den Verunglückten zu lesen, und ich will's ihm nachtun, zum Troste der armen Witwe und ihres Kindes, welchen diese kleine Aufmerksamkeit beweisen soll, daß die Tröstungen der Religion für die Armen so gut da seien als für die Reichen.« »Das ist schön von Ihnen, Herr Pfarr', und ich will morgen g'wiß auch in der Kirche sein. Jetzt fallt mir auch ein, daß es sich grad' heut' nacht wieder jährt, daß der arm' Tone in d' Donau g'fallen ist.« Meine Augen ruhten bei diesen Worten der guten Bäuerin zufällig auf dem Luixenbauer und ich erschrak, als ich bemerkte, daß er sich dabei verfärbte und zusammenfuhr, dann aber mit hast das Glas zum Munde führte und rasch hinuntergoß. Der Bronnenbauer seinerseits, welcher sich mit dem Schultheiß über eine Gemeindesache herumstritt, hatte nichts gehört. Nach allseitigem Gutenachtsagen verließen wir das Haus und den Hof. Der Jages gab uns bis zum Bronnen unter der Linde das Geleite, und hier fragte er den Pfarrer, ob derselbe mit seinem Vater »von wegen der Sach'« geredet habe. »Ich hatte nur wenig Gelegenheit dazu, armer Junge,« antwortete Fabian; »weißt, es ging gar zu bunt und laut her. Aber wart' nur, ich will die Sache von einer anderen Seite anpacken und sehen, was sich bei der Kätter ausrichten läßt.« »Ja, reden Sie ihr nur in's G'wissen, Herr Pfarr'. Sie wird doch nicht mit G'walt ein' Mann haben wollen, der nichts von ihr will. Will sie aber doch, so will halt ich nit, und jetzt gut' Nacht!« Mit diesen Worten kehrte er um, und als er einige Schritte von uns entfernt war, sang er mit heller Stimme: »Zu dir bin i ganga, Zu dir hot's mi g'freut, Und zu dir gang i wieder Und 's ist mir nit z'weit!« Die Nacht war finster und heißdunstig. Am Himmel braute und drohte noch immer das Gewitter, und nur zuweilen schien es, als werde der Vollmond, der hinter den Wolkenmassen schwebte, diese durchbrechen und in seiner Schönheit hervortreten. Wir kamen beschleunigten Schrittes zu Hause an und ich teilte dem Freunde noch die von mir gemachte Wahrnehmung mit, daß der Luixenbauer bei der Erwähnung von Tones Tod erschrocken sei. »Seltsam!« bemerkte Fabian einsilbig, und hiermit wünschten wir uns gute Nacht. Auf mein Zimmer gegangen, fühlte ich – wahrscheinlich war der hitzige Kartäuser daran schuld – noch kein Bedürfnis zu schlafen und öffnete das Fenster, um noch eine Weile dem Kampfe des Mondes mit den Wolken zuzusehen. Der Wind hatte sich schnaubend erhoben und einem kleinen Fleck am Himmel die Wolkendecke abgestreift. Der Mond schaute groß und voll von dorther auf den Gottesacker herab, und mir kam vor, als sähe ich zwischen den Kreuzen hindurch an einem der Grabhügel ein weibliches Wesen knien, welches aber im nämlichen Augenblick aufstand und langsam der Friedhofspforte zuging, um durch dieselbe zu verschwinden. Kurz darauf vernahm ich aus der Richtung her, wo die Hütte der armen Hanne lag, leise, melancholische Töne, die aus einer weiblichen Brust kommen mußten. Ich bog mich lauschend in die Nacht hinaus, und seltsamerweise hörte ich auf diesem abgelegenen Bauerndorf aus dem schönsten Liede eines in unserer schnelllebenden Zeit lange schon verschollenen Dichters deutlich folgende Strophen: »Still und hehr die Nacht! Des Himmels Augenpracht Hat nun den Reihn begangen. Schweb' hoch hinauf wie Glockenklang Der Liebe sanfter Nachtgesang, Klopf' an die Himmelspfort' mit brünstigem Verlangen. Die ihr dort oben brennt Und keusche Flammen kennt, Ihr Heiligen mit reinen Zungen, Ach, benedeiet unser Herz! Wir dulden, dulden bittern Schmerz, Wir haben schwer gerungen.« »Ist denn das nicht die Stimme des Vefele?« fragte ich mich. »Aber wie sollte das Mädchen zu diesem Liede kommen?« Da fiel mir Fabians Singverein ein, welchem ja das Vefele ebenfalls angehören konnte. Noch lange stand ich träumerisch am Fenster. Der momentane Sieg des Mondes war bald vorüber. Der Wind schnaubte mir jetzt heiß und heftig ins Gesicht – noch einen Augenblick und das nächtliche Gewitter brach in seiner ganzen Majestät los. Der Himmel stand alsbald in blauen und schwefelgelben Flammen, der Donner zog alle Register seiner erderschütternden Orgel und ein Wolkenbruch peitschte weitum die Gegend. Sechstes Kapitel Ertrunken! – »Verflucht sei die Donau!« – In der Kirche. – Ein Abschied, eine Beichte und eine Absolution. – »Da nimm sie!« – Ein Geisterspuk. – Ende gut, alles gut. Am folgenden Morgen war ich früher auf als am vorhergehenden. Neugierig, zu erfahren, wie das Land nach dem nächtlichen Gewittersturm aussehe, fuhr ich rasch in die Kleider und schlich mich leise die Treppe hinab und zur Hintertüre hinaus. Durch die Pfarrwiese an den Mühlbach gelangt, verfolgte ich diesen aufwärts und sog mit Entzücken die balsamische Morgenfrische ein. Noch zögerte die Sonne im Osten heraufzusteigen. Ein kühles Säuseln ging durch die tropfenden Wipfel der Bäume. Nur schüchtern ließ sich da und dort ein Vogel hören. Auf dem Flusse lagerte eine Nebelbank, ein frühzeitiger Vorbote des Herbstes. Die Natur sah so keusch, so unberührt und erwartungsfrisch aus wie ein Mädchen, dem der Busen zu schwellen beginnt und ob dessen Herz die Sonne der Leidenschaft noch nicht aufgegangen ist. Als ich mich wenige Schritte unterhalb der Mühle vom Bache ab und in die Felder hineinwandte, sah ich den alten Soldaten die Anhöhe herabkommen. Ich rief ihn an, um nach dem Befinden der Müllerin zu fragen, und erhielt den Bescheid, die alte Frau habe vortrefflich geschlafen und befinde sich entschieden in der Wiedergenesung. »Aber Herr,« fügte der Courage seinem Berichte hinzu, »das war ein Wetter heut' nacht! War in dem Lehnstuhl am Ofen eingeduselt, als mich der Donner aufweckte. Sakristi, sag' Ihnen, der Himmel sah drein wie beim Brande vom Moskau und gedonnert hat's, als lieferten die himmlischen Heerscharen einander eine Schlacht von Bautzen.« »Ihr seid also bei Bautzen mit dabei gewesen?« fragte ich. »Das will ich meinen, Herr, und sag' Ihnen, da ging es recht napoleonmäßig zu. Parbleu, was da für eine Masse von Kanonen gegeneinander donnerte!« »Wenn Ihr nicht des Schlafes bedürftet nach Eurer Krankenwache, so möchte ich wohl etwas Weiteres von jener Affäre hören.« »Ich des Schlafes bedürfen, Herr? Ein so alter Soldat schläft nicht viel, und dann hab' ich auch sattsam geschlafen, maßen die alte Müllerin über meinen Geschichten schon frühe eingeduselt war. Sie gehen, scheint es, auf die Steinbruck zu, und da geh' ich mit – avec votre permission . Horch, da läutet's zum erstenmal. Bis es zu der Seelenmesse für den Tone selig zusammenläutet, find wir lange zurück – courage! « Demnach verfolgten wir mitsammen unseren Spaziergang durch das Gelände im Rücken des Dorfes und dann hinab gegen den Fluß, welchen wir mittels der steinernen Brücke überschritten. Indem wir am linken Ufer hinaufgingen, unterbrach der Courage seine Schilderungen von Attacken und Bataillen plötzlich mit dem Ausruf: »Sehen Sie doch, Herr, was gibt's denn dort auf dem Luixenhof? Sehen Sie, wie die Leute über den Steg laufen? Sollt' es ein Unglück gegeben haben? Wollen doch mal sehen!« Wir zogen rascher aus und kamen bald in der Nähe des Steges an, unter welchem der Fluß, von den nächtlichen Regengüssen geschwellt, trübe und hochrauschend daherschoß. Auf dem Rasenplatz, über welchen vom Steg her der Weg auf die Gebäulichkeiten des Luixenhofes zuführte, umstand eine zahlreiche Gruppe von Landleuten einen Gegenstand, welchen wir noch nicht zu erkennen vermochten. »Mordieu,« sagte der alte Soldat, »das ist ja gerad' wie heut' vor drei Jahren, als man den Tone selig aus der Donau gezogen hatte.« Aufgeregt und gespannt traten wir näher und bemerkten jetzt, daß die Mannsleute unter den Versammelten starr vor sich hinschauten, und hörten abgebrochene Rufe des Schreckens von seiten der Weiber, denen ein wildes, geheulartiges Schluchzen antwortete. »Was gibt es denn?« fragte ich ein junges Mädchen, welches, von der Gruppe weg dem Dorfe zueilend, an uns vorüberrannte. »Ach, Herr Jeses!« schrie uns die Gefragte rückwärts gewandt zu, ohne stille zu stehen: »Der Luixenbaur ist versoffa!« Ich stand bestürzt und sah den alten Soldaten an, der ganz bleich geworden war und mir einen unbeschreiblichen Blick zuwarf. In diesem Augenblick öffnete sich die Gruppe, denn der herbeigeholte Schultheiß war gekommen, und da lag der Ertrunkene auf dem Rasen. Es war ein schrecklicher Anblick! Der schwere Todeskampf, welchen der Unglückliche mit dem nassen Element gekämpft hatte, war in deutlichen Zügen auf sein verzerrtes, blauangelaufenes Gesicht geschrieben. Einer seiner großen Stiefel war ihm durch das wilde Wasser vom Fuße gerissen worden; seine Finger, mit denen er wahrscheinlich auf dem Grunde des Flußbettes in grimmiger Agonie nach einem Halt umhergegriffen, waren bis auf die Knochen aufgeschürft und mit Blut bedeckt. So war er vor etwa einer halben Stunde wenige Schritte unterhalb des Steges, dessen Geländer auf der einen Seite ganz verschwunden war, aufgefunden worden, mit den Füßen in einem von dem angeschwollenen Wasser halbüberfluteten Erlenbusche hängend. Kaum minder furchtbar als der Anblick des Toten erschien der des Schmerzes seiner Tochter, der Kätter, welche sich neben dem Leichnam niedergeworfen hatte und, ohne auf die Zusprache einiger um sie herstehenden Vettern und Basen zu achten, die Luft mit den ungezügeltsten Wehklagen erfüllte. Der Schultheiß hatte wider mein Erwarten Takt genug, die halb besinnungslose Tochter durch ihre weiblichen Verwandten von der Leiche weg und ins Haus bringen zu lassen, worauf er an Ort und Stelle ein vorläufiges Verhör mit den Umstehenden über den traurigen Fall veranstaltete. In diese Fragen und Antworten klangen die Töne der Glocken, welche drüben die Seelenmesse einläuteten, seltsam herein, und der aufgedunsene Leichnam erschien in den ersten Strahlen der Sonne, die inzwischen aufgegangen, nur noch grauenhafter. Aus den Fragen des Schultheiß und der Beantwortung derselben seitens der Anwesenden ergab sich, kurzgefaßt, dieses Resultat: Die Kätter hatte sich, vielleicht aus Verdruß, weil der Jages, nachdem er ein paarmal mit ihr herumgetanzt, sich nicht weiter um sie bekümmerte, schon um zehn Uhr von der Sichelhänge auf dem Bronnenhof nach Hause begeben. Die Gäste des Bronnenbauern, mit Ausnahme des Luixenbauern, waren mit dem Schultheiß um die elfte Stunde ins Dorf zurückgegangen, gerade bevor das Gewitter losbrach. Der Luixenbauer mußte bis gegen zwölf Uhr, wo das Unwetter am ärgsten raste, mit seinem Nachbar getrunken haben, denn um diese Zeit weckte der letztere einen seiner bereits eingeschlafenen Knechte, damit derselbe den Luixenbauer nach Hause führe. Allein dieser wies mit der groben Halsstarrigkeit, wie sie oft Betrunkenen eigen ist, den Knecht zurück, der sich dann auch nicht lange zurückweisen ließ und ohne Umstände sein Bett wieder aufsuchte, nachdem er den Luixenbauer bis zum Bronnen unter der Linde geführt hatte. Von da ab wußte man nichts mehr von dem Verunglückten, dessen Abwesenheit von Hause erst am Morgen auffiel, weil er seine Leute längst daran gewöhnt hatte, ihn ganze Nächte nicht heimkommen zu sehen. Einer seiner Knechte, der in aller Frühe mit der Sense auf einen Acker an der Donau ging, Klee zu mähen, sah den Ertrunkenen in der beschriebenen Weise im Wasser hängen. Alle Stimmen vereinigten sich in der Annahme, der Verunglückte müßte inmitten des tobenden Orkans auf dem Stege vom Rausche übermannt worden, mit der Schwere seines ungefügen Körpers gegen das Geländer gefallen sein, dasselbe zerbrochen haben, so ins Wasser gestürzt und ungehört und hilflos ertrunken sein. Ich eilte, meinen Freund von dem traurigen Vorfall in Kenntnis zu setzen. Als ich über den Steg ging, mich vorsichtig auf der noch mit einem Geländer versehenen Seite haltend, fühlte ich einen leisen Schlag auf der Schulter und hörte den hinter mir her gehenden Courage flüsternd sagen: »Gerade in dieser Stunde sind drei Jahre um, seit man meinen armen Vetter aus der Donau gezogen, und jetzt liegt der Luixenbauer tot auf dem Ufer. Ist das nicht kurios, Herr? In der nämlichen Nacht, wo er vor drei Jahren ... hm, Herr, Sie wissen nicht ... 's ist besser, jetzunder von der Sache ganz zu schweigen.« »Gewiß! De mortuis nil nisi bene. « »Weiß nicht, was Sie da sagen, Herr. Aber glauben's mir, ich alter Knasterbart war halt mein Lebtag nie so von der Gerechtigkeit unseres Herrgotts überzeugt wie vorhin, als ich den Luixenbauer tot vor mir liegen sah. Kann nichts dafür, Herr, – courage! « Beim Pfarrhause trennte sich der alte Soldat von mir, um nach der Kirche zu gehen, ob er gleich von der Seelenmesse für seinen Verwandten nur noch ein kleines Stück abbekommen konnte, denn schon wurde zur »Wandelung« geläutet. Die Neuigkeit von dem Tode des Luixenbauern war bereits in den Pfarrhof gelangt, und zwar durch den Bronnenbauer, welcher wenige Augenblicke vor mir angekommen und in Abwesenheit der Frau Margret, welche dem Gottesdienst anwohnte, von der Magd in die Stube gewiesen worden war. Hier traf ich ihn und fuhr bei seinem Anblick betreten zurück. Denn eine unerklärliche Veränderung war seit gestern abend mit dem Manne vorgegangen. Sein sonst so rotes, aufgeblasenes Gesicht war jetzt schlaff und bleifarben; die blassen Lippen zuckten krankhaft, und die blutunterlaufenen Augen starrten bald regungslos in die leere Luft, bald rollten sie unstet umher, wie um einem peinlichen Anblick auszuweichen. Dem Ausdruck seiner Züge entsprach die Unordnung in seinem Anzuge vollkommen, und die ganze Erscheinung hatte etwas so Unsicheres, Hastiges, Fahriges, daß ich einen recht widrigen Eindruck davon bekam. In meinen Tritten auf dem Flur die des Pfarrers vermutend, war der Bauer aufgestanden, und als ich die Tür öffnete, stieß er rasch die Worte hervor: »Kommet Ihr endlich, Herr Pfarr'? Ich hab' g'meint, die Seelenmess' wollt' schier gar kein End' nit nehmen, Hab' Euch was von absonderlicher Wichtigkeit –« Seinen Irrtum gewahrend, brach er ab und sagte verstört: »Ah so, Ihr seid's, Herr...r...r! Hm, schön Wetter heut'.« »Sehr schönes in der Tat,« entgegnete ich, »viel besseres, als man nach dem furchtbaren Sturm von heute nacht erwarten durfte.« Der Mann schwieg eine Weile. Dann sagte er mit einem schweren Seufzer, vielleicht dem ersten, welcher seit Jahren seine Brust schwellte: »Ja 's war ein gruseliges Duraweatter, und da ist's halt kein Wunder, wenn der –« Er verschluckte das Ende des Satzes und trat ans Fenster, an dessen Scheiben er mit den Fingern zu trommeln begann. »Ich komme gerade von der Donau herein,« fuhr ich fort; »die ist mächtig angeschwollen.« »Die Donau?« entgegnete der Bauer, sich hastig gegen mich umkehrend. »Verflucht sei sie und verdammt!« Und wieder brach er ab, um abermals an den Fensterscheiben zu trommeln und Unverständliches vor sich hin zu murmeln. Ich war recht froh, daß ich die hintere Haustüre gehen hörte und die Schritte Fabians vernahm, verließ auch bei seinem Eintritt sogleich die Stube und hörte, die Türe hinter mir zuklinkend, den Bauer nur noch mit beklemmter Stimme sagen: »O, Herr Pfarr' –« Eine wunderliche Unruhe trieb mich aus meinem Zimmer, in welches ich hinaufgegangen, wieder ins Freie. Mechanisch durch die Hintertür auf den Kirchhof hinausgetreten, fiel mir bei, daß Fabian gelegentlich eines merkwürdigen alten Grabmals erwähnt habe, welches sich in der Kirche befände. Ich ging, es anzusehen, und indem ich den Friedhof durchschritt, kam ich an dem Courage vorüber, der mit einem dürftig schwarzgekleideten Mütterchen, in welchem ich die arme Hanne vermutete, betend an einem schon über und über mit Rasen bedeckten Grabe stand. Die übrigen Andächtigen waren schon weggegangen. In der Kirche stieg ich links vom Portal zur Emporkirche hinauf, wo die Orgel stand, um von dort einen Überblick über das Ganze zu gewinnen, bevor ich die Einzelheiten musterte. Es ist ein hochgewölbtes und sauber gehaltenes Gotteshaus, die Frohdorfer Kirche, deren Chor mit einem gotischen Spitzbogengeflecht von hohem Alter zeugt, während das Schiff offenbar aus einer weit späteren Zeit herrührt. Die Morgensonne überströmte, durch ein hohes Spitzbogenfenster fallend, den Hochaltar mit einer Lichtflut, während die übrigen Teile des Gebäudes noch in morgendlicher Halbdämmerung lagen. Ich wollte gerade meinen Standpunkt verlassen und hinab in den Chor steigen, um das daselbst befindliche Grabmal aus dem Mittelalter zu besichtigen, als mein Blick auf eine Art kleiner Seitenkapelle fiel, in welcher ein mit den düsteren Emblemen des Todes, wie sie die Trauerfeierlichkeiten der katholischen Kirche begleiten, verzierter Altar stand. An diesem Altar hatte Fabian vorhin seine Seelenmesse gelesen, und auf der untersten Altarstufe sah ich ein junges Mädchen knien, die Hände gefaltet und den Kopf auf die Brust geneigt. Es war Vefele, die wohl ihre Andacht verlängert hatte, um vom Himmel Segen für den Schritt zu erstehen, welchen sie zu tun im Begriffe war, Segen für ihr bevorstehendes Fortgehen aus Frohdorf. Aber die Beterin war nicht allein in der Kirche, denn wenige Schritte hinter ihr lehnte der Jages an einem Stuhl. Ich nahm wohl mit Grund an, er sei gekommen, seinem Schätzle noch ein liebes Wort zum Abschied zu sagen. Nachdem die beiden Liebenden lange in ihren Stellungen verharrt hatten, machte Vefele eine Bewegung, als wollte sie aufstehen. Im nächsten Augenblick kniete der Jages neben ihr. Sie rückte, ohne nach ihm umzusehen, zuerst ein wenig von ihm weg, erhob sich dann aber rasch, trat ein paar Schritte vom Altar zurück und verweigerte ihm, als er ihr folgte, ihre Hand, die er zu fassen suchte, nicht. Da er aber, hierdurch kühner gemacht, sich zu ihrem Antlitz herabbog, wandte sie mit einer anmutigen Beugung den Kopf seitwärts und deutete mit der Hand auf den Altar, wie um ihn an die Heiligkeit des Ortes zu erinnern. Er gehorchte, und nun entspann sich zwischen den beiden ein eifriges Geflüster, wovon ich nichts verstehen konnte, wenn mir auch die Gebärden der Liebenden, welche ich, in dem Orgelwinkel geborgen, recht gut beobachten konnte, den ungefähren Inhalt dieser Flüsterworte verrieten. Zuletzt zog das Mädchen den jungen Mann vor den Altar. Beide knieten vor demselben nieder, und die fromme Regung Vefeles schien sich auch ihrem Geliebten mitgeteilt zu haben; denn beide verharrten, in Andacht versunken, eine gute Weile, und so sehr waren ihre Empfindungen im Gebete aufgegangen, daß sie nicht wahrnahmen, wie mit einmal die Sakristeitüre sich auftat und der Pfarrer mit übergeworfener Stola heraustrat, gefolgt von dem Bronnenbauer, der gesenkten Hauptes einherging. Da die beiden Männer nicht aus dem Chor herunter ins Schiff der Kirche stiegen, sondern der Sakristeitüre zur Seite in einen Beichtstuhl traten, so konnten sie ihrerseits das kniende Paar nicht bemerken. Der Pfarrer nahm dem Bauer die Beichte ab. Es war eine lange und mußte eine schwere sein, denn ich sah, wie die Hände des Bronnenbauern auf dem schmalen Brettchen vor dem Gitter zitterten, welches sein Gesicht von dem des Priesters trennte, und wie seine unten aus dem Beichtstuhl hervorragenden Füße krampfhaft zusammenschlugen. Endlich hörte ich die klangvolle Stimme Fabians das entlastende: »Ego te absolvo!« sprechen, und einige Augenblicke nachher traten die beiden aus dem Beichtstuhl. Der Bauer kniete betend auf die Staffel nieder, welche den Chor von dem Schiffe trennte, und der Pfarrer stand unbeweglich hinter ihm. Die betenden Liebenden waren durch die Stimme des Priesters, als er die Formel der Absolution ausgesprochen, in ihrer Andacht gestört worden. Da aber darauf wieder alles still wurde, verblieben sie in ihrer Stellung. So wurden sie von dem Pfarrer erschaut, welcher den Bauer, als dieser sich wieder erhoben hatte, einige Schritte weit in das Schiff heruntergeleitete. Ich sah einen Strahl herzinniger Freude auf dem Antlitz des Freundes aufflammen. Er stand still, legte die eine Hand dem Bronnenbauer auf die Schulter und streckte die andere mit gebietender Gebärde gegen das Paar aus. Der Bauer verstand den Wink und ließ sich von dem Pfarrer auf den Altar zuführen. Die Liebenden waren aufgesprungen. Das Vefele senkte bei dieser Überraschung die Augen in schreckenvoller Scham, der Jages aber stand aufrecht, fast trotzend und herausfordernd da, wie um die Geliebte diesmal selbst gegen den Vater zu verteidigen. Aber es bedurfte keiner Verteidigung. »Komm, Vefele!« sagte der Bronnenbauer mit bebender Stimme. »Komm und gib mir d' Hand und laß, ich bitt' dich, alles vergeben und vergessen sein, was ich dir und deiner Mutter und deinem Vater selig hab' z' Leid getan. Sag', willst?« »O,« entgegnete das Mädchen fast unhörbar, »'s ist schon vergeben und vergessen und – und – ich hab' halt nichts dafür können, daß mir der Jages –« Sie konnte nicht vollenden, denn Tränen erstickten ihre Stimme. »Mein Jages,« sagte der Bauer, »der hatte recht und soll recht haben und dich!« So sprechend faßte er nach der Hand des Sohnes, legte die des Vefele hinein und sagte: »Da nimm sie und halt' sie in Ehren! Sie g'hört dir, und – und habet einander lieb und bleibet brav euer Lebtag!« Der Jages drückte mit der Linken sein Mädchen an sich, bot die Rechte dem Vater hin und sein Dankwort: »Gott vergelt's Euch, Vater!« klang fast jauchzend. Ein Strom von Zähren brach aus den Augen des Bauern, indem er sich an die Schulter des Sohnes lehnte. Fabian aber legte dem glücklichen Paar die Hände auf die Häupter und sprach feierlich: »Ich verlobe euch im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« »Amen!« rief ich laut aus, unfähig, meine freudige Bewegung länger zu bemeistern. Der nächstfolgende Tag verging ohne einen bemerkenswerten Vorfall. Freitags ward dann der Luixenbauer begraben. Nach dem von einem pomphaften »Seelenamt« begleiteten Begräbnis tat der Pfarrer, welcher die letzten Tage her sehr still und ernst gewesen, auf einem einsamen Waldspaziergang, nachdem er lange sinnend neben mir hergegangen, plötzlich die Frage: »Glaubst du an Geisterspuk?« »Bei uns in Deutschland nicht,« entgegnete ich leichthin. »Die guten Deutschen sind viel zu ruhesüchtig, um sich nach ihrem Tode noch einmal aus ihren Gräbern zu bemühen.« »So eine Antwort erwartete ich ungefähr; allein nicht alles und jedes ist mit einem guten oder schlechten Witz abgetan. Du weißt, in der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch ist der Luixenbauer ertrunken. Er muß seinen Tod gefunden haben, nachdem er gegen die Mitternachtsstunde zu vom Bronnenhofe weggegangen. Was sagst du nun dazu, daß er oder sein Geist oder sein Gespenst, wie du willst, dem Bronnenbauer unmittelbar darauf, zwischen zwölf und ein Uhr in der Nacht erschienen ist?« »Ich sage, lieber Fabian, das ist eine kostbare Spukgeschichte, die du ohne Verzug dem guten Geisterseher Kerner nach Weinsberg melden solltest.« »Spotte nur zu! Aber du wirst doch zugeben, daß in der Tat nur ein Wunder die plötzliche und gänzliche Sinnesänderung des Bronnenbauern bewirken konnte?« »Ein Wunder allerdings war hier nötig, allein dasselbe löst sich bei näherem Zusehen wohl in ein Zusammenwirken psychischer Motive auf. Ich brauche nicht bloß an das zu erinnern, was dir der Courage von jener Nacht erzählte, wo des Vefele Vater umgekommen, und dann habe ich nicht nötig, meine Phantasie allzusehr anzustrengen, um zu erraten, was dir der Bronnenbauer vorgestern im Beichtstuhl anvertraut hat.« »Du könntest dennoch fehlschießen mit deiner Phantasie und deinen psychologischen Schlußfolgerungen. Aber ich mag mich mit einem solchen Heiden gar nicht über Derartiges herumstreiten. Tatsache ist, daß noch am Dienstag der Bronnenbauer eher auf der Stelle gestorben wäre, als daß er zur Heirat seines Sohnes mit dem blutarmen Vefele seine Einwilligung gegeben hätte, und daß er schon am Mittwoch morgen diese Einwilligung freiwillig gab.« »Freiwillig? Hm, es gibt Mächte des Gewissens und der Reue, die – doch genug. Mich freut der Ausgang dieser Oberländer Dorfgeschichte viel zu sehr, als daß ich mich aufgelegt fühlte, dich zu irgend einer Verletzung des Beichtgeheimnisses verlocken zu wollen.« Am darauf folgenden Tage, als am Samstag, war »Heiratstag« auf dem Bronnenhof, wobei durch meines Freundes kluge Vermittelung ausgemacht wurde, daß das junge Paar in der nächsten Zeit auf der Mühle hausen sollte, um der Ahne die Last der Geschäfte abzunehmen. Dadurch war allfälligen künftigen Mißhelligkeiten zwischen der armen Söhnerin und dem reichen Schwiegervater vorgebeugt, wenngleich solche kaum zu befürchten waren, da nicht nur der Hochmut und die Rauheit des Bronnenbauern einen vernichtenden Stoß erhalten hatten, sondern auch seine Lebenskraft überhaupt gebrochen schien. Sonntags predigte Fabian über die Worte Jesu: »Ich sage euch, eher wird ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, als ein Reicher in das Reich Gottes eingeht!« Nachher wurden der Jages und das Vefele von der Kanzel herab »verkündigt«, das heißt als Brautleute aufgeboten. Am Abend versammelte der Pfarrer den Singverein des Dorfes in seinem Garten, und hier empfing das Brautpaar die Glückwünsche seiner Altersgenossen. Das Vefele in seiner Befangenheit, welche an das plötzliche Glück, an die wundersame Wendung des Geschickes noch immer fast nicht zu glauben wagte, war allerliebst. Der Jages in Liebes- und Siegesfreude erschien noch um einen Kopf größer als sonst. Auch der alte Soldat war da, und später, als es zu dunkeln begann, kamen der Bronnenbauer und seine Bäuerin, die alte Müllerin und die arme Hanne, sowie der Schulmeister und Schultheiß und der Hannsjörgebauer, welche alle der Pfarrer zum Nachtessen gebeten hatte. Frau Margret deckte mit ihrem getreuen Annele den Tisch in der Geißblattlaube, ob welcher groß und klar die Sterne am Firmamente funkelten. Aber bevor wir uns zum Essen niedersetzten, versammelte Fabian noch einmal seinen Liederkranz um sich, und in die laue stille Sommernacht hinaus klang in langgehaltenen feierlichen Akkorden das Lied: »Klarer Liebesstern, Du leuchtest fern und fern Am blauen Himmelsbogen. Dich rufen wir heut' alle an, Wir sind der Liebe zugetan – Sie hat uns ganz und gar zu sich gezogen. Still und hehr die Nacht – Des Himmels Augenpracht Hat nun den Reihn begangen. Schweb hoch hinauf wie Glockenklang Der Liebe sanfter Nachtgesang, Klopf' an die Himmelspfort' mit brünstigem Verlangen, Klopf' sanft mit beiden Flügeln an!« Klopf' sanft, und dir wird aufgetan!«   Am folgenden Tage verließ ich Frohdorf, als Summe meiner Erlebnisse daselbst die Erfahrung mitnehmend, daß im Volke trotz alledem noch heute Lebensmächte tätig und Menschengeschicke bestimmend sind, welche in den sogenannten gebildeten Klassen nur noch eine konventionelle oder auch gar keine Bedeutung mehr haben. Siebentes Buch Auf der roten Fluh Erstes Kapitel Eine Abschiedsrede Fabians. – Auch eine Art von Patriotismus, – »Ein schöner Stern geht auf«. – Frau Ziegenmilch »enorm fort«. – Der Exdirektor eines Kohlengeschäfts macht dem Autor Beine. Der Fabian hatte zum Abschied noch zu mir gesagt: »Es ist dem Menschen nicht gut, daß er allein und heimatlos sei. Und dir, lieber Michel, dir ist es gar nicht gut. Du bist nicht gemacht, ein Einsamer und Heimatloser zu sein. Bleibst du beides noch lange, so wirst du ein vertrübter, vergrillter alter Mensch werden. Ich kenne dich. Denk an mich und an das, was ich dir da sagte, und sorge beizeiten, daß du zu mir sagen kannst: Alter Fabiane, siehst du, da bin ich daheim. Dann gehen wir aus der Stube, wo wir beim Mittagstisch saßen, in dein Bücherzimmer hinüber oder hinauf, rauchen zum Kaffee und schwatzen von alten Zeiten. Hierauf kommt deine Frau –« »Meine Frau?« unterbrach ich den Freund. »Gott tröste dich! Wer sollte meine Frau sein?« »Wie du nur wieder bist oder tust! Du weißt so gut oder besser als ich, daß, wenn ich dich an der Seite einer Frau denke, nur von einer die Rede sein kann. Den Namen brauch' ich nicht zu nennen, denn, lieber Alter, wenn du jetzt auch ein leidlicher Geschäftsmann sein magst, so praktisch, daß du es bis zum Heuchler gebracht hättest, bist du doch noch nicht geworden. Glaub' mir, ich sehe zur Stunde klarer in deine Sachen hinein als du selbst. Ich habe die Erzählung deiner Erlebnisse, deine zerstreuten Äußerungen und hingeworfenen Blicke summiert. Zwischen dir und der verhätschelten, launischen Tochter Mammons, dieser Julie Kippling, so reizend und verführerisch sie immer sei, konnte sich kein rechtes Verständnis bilden. Der ganzen Anlage deines und ihres Wesens zufolge war das unmöglich. Du bist so geartet, daß nicht die wilde und trübe Lohe der Leidenschaft dein Glück macht – du brauchst Liebe und du weißt, wo du sie findest. Verpasse nicht die beste Zeit! Nach dem, was du mir über die Resultate deiner letzten Geschäftsreise gesagt, darfst du ja kecklich an die Gründung eines eigenen Hausstandes denken. Das ist am Ende doch das Erstrebenswerteste, weil es das Reinmenschlichste ist und ewig sein wird.« Die Abschiedsworte des Freundes klangen mir nach, als ich nun wieder allein meine Straße zog. Ich mußte ihm in meinen Gedanken immer lauter recht geben. Die Periode der Kraftgenialität lag hinter mir, Nachdenken und Erfahrung hatten mich gelehrt, daß, wie schön auch Weltverbesserungsträume der Jugend stehen mögen, der gereiftere Mann, dessen Talente und Stellung ihn nicht befähigen, in die großen Geschicke tätig einzugreifen, sich bescheiden muß, in beschränkterer Sphäre das Tüchtige zu wollen und das Rechte zu tun, sich selbst und den Seinigen zu Glück und Freude. Nur wenige, sehr wenige können Helden der Menschheit sein, aber viele, alle vermögen, jeder in seiner Art, ein tüchtiges Glied der unendlichen Kette zu sein, welche die Gesellschaft ausmacht. Im Egoismus, und wäre es auch der Egoismus der Familie, zu verknöchern, ist freilich Philisterei. Aber in sich selbst und seiner Familie die Anlagen und Tugenden seines Volkes zur Entwickelung, die nationale Bildung zur Erscheinung zu bringen, und so, selbst aus dem kleinsten Kreise heraus, nach Gelegenheit und Kräften für das allgemeine Beste zu wirken, das ist auch Patriotismus und zwar, scheint mir, ein besserer und befruchtenderer als jener, welcher in den Zeitungen Phrasen und auf der Rednerbühne Gesten macht. Uns Deutschen vollends ist, glaube ich, dieser Patriotismus der angemessenste. Denn mag man es auch beklagen, es ist nun einmal doch so: wir haben zwar zeitweilig und, wenn es sein muß, vollständig das Zeug dazu, die heldische Seite der Geschichte zu vertreten und zu entwickeln; aber doch ist es unser eigenster Beruf, die humane zu pflegen. Und wir dürfen fürwahr uns rühmen, daß wir hierfür schon Großes und Größtes getan. Die Deutschen sind die menschlichsten Menschen, und was humane Freiheit sei, nur wir müssen und schätzen es. Wenn wir, wie ich in jeder Fiber meiner Seele hoffe, einmal dazu gelangen, ein in sich geschlossener und festgefugter Nationalstaat zu sein, wenn Deutschland, das erste Kulturland Europas, auch dessen erste Großmacht sein wird, dann wird und mag der Schatz von Humanität, welchen der Genius unserer großen Denker und Dichter und die stillgeduldige und rastlose Arbeit unseres Volkes durch die Jahrhunderte herab mitsammen angehäuft haben, in alle Welt hinausgetragen werden und in größerer Fülle und Mächtigkeit, als jetzt schon geschehen und geschieht, der ganzen Menschheit zugute kommen. In diesem Gedankengange lag für mich viel Klärung und Beruhigung. Selbst die Sehnsucht nach Isolde, welche Fabians Rede in mir wachgerufen, hatte nichts von der ungestümen Hast und dem wilden Verlangen, welche die Nähe von Julie Kippling und der Umgang mit ihr in mir aufgestürmt hatten. In dem Maße, in welchem Zeit und Entfernung den Glanz der berauschenden Stanhopea verblassen ließen, ging der keusche Stern meiner Jugend leuchtender und verheißungsvoller mir in der Seele auf. Er sollte jetzt nicht mehr hinter der »wilden, trüben Lohe der Leidenschaft« verschwinden; ich fühlte es wohl. Und sein Leuchten war so groß und schön, daß es mich viel Selbstüberwindung kostete, nicht von meinem Wege nach Süden abzuweichen, als ich drüben in der Ferne die Berge der Heimat meiner Kindheit blauduftig ragen sah. Ich hätte Isolde sehen, ihr sovieles, alles sagen mögen, aber ich bezwang mir das Herz in der Brust. Du hast ihr versprochen, durch eigene Kraft etwas zu werden, daher gedulde dich! Noch ein paar Jahre Arbeit, und du wirst ihr sagen dürfen, daß du Wort gehalten. So heischte es mein Stolz, und ich gehorchte ihm. Aber doch nicht so ganz. Denn in der Grenzstadt, durch welche mich mein Weg führte, setzte ich mich hin und schrieb an Isolde einen langen Brief, in welchem ich mein ganzes Herz vor ihr ausschüttete. Ich machte das teure Mädchen bis ins einzelste hinein zum Zeugen des Kampfes, welchen ich durchgekämpft. Ich verschwieg nichts, beschönigte nichts, beichtete alles, selbst jene nächtliche Szene auf dem See, denn wie ich annehmen durfte, hatte mich ja Julie gerade durch die Mitteilung des Abenteuers an Isolde meines Gelübdes der Verschwiegenheit entbunden. Dann fragte ich Isolde, ob sie mir verzeihen, ob sie mich lossprechen könnte, und zuletzt deutete ich an, welche selige Hoffnung ich auf diese Absolution bauen möchte und würde. Ich fühlte mich ordentlich leicht und froh, als ich den Brief zur Post trug, und wollte von da noch hinaus auf den Hafendamm, um das Abendrot auf dem schönen Bodensee liegen zu sehen und noch einmal zu den heimischen Gestaden hinüberzublicken. Wie ich aber zur Einfahrt des Posthauses herauswollte, fuhr ein aus dem Innern der Schweiz kommender Eilwagen daselbst vor, und aus dem Schlage rief eine bekannte Stimme meinen Namen. Ich folgte dem Wagen in den Hof zurück, und als er hielt und der Schlag geöffnet wurde, fand ich mich keiner geringern Person als meinem ehemaligen Prinzipal gegenüber. Es war nichts Außerordentliches, einem Geschäftsmann in einer Grenzstadt zu begegnen; allein Herr Oskar Ziegenmilch sah, wie ich bemerkte, viel unruhiger und aufgeregter aus, als einem so gewiegten Geschäftsmanne anstand. Er nahm sich auch nicht Zeit, nach seinem Gepäcke zu sehen, sondern zog mich beiseite und fragte hastig: »Haben Sie schon von dem Unglück, von dem enormen Unglück gehört?« »Von was für einem Unglück? Ich kam vor kaum ein paar Stunden von drüben her hier an.« »Ah so! Sie kommen aus Deutschland?« »Ja.« »Und Sie haben dort von ihnen keine Spur gesehen?« »Von was für ›ihnen‹ denn?« »Ja so, Sie wissen nicht ... Ich bin noch immer so verwirrt, so enorm verwirrt ... entschuldigen Sie!« »Gern; aber was hat es denn gegeben?« »Enormes, ganz niederträchtig Enormes! Meine Lelia – ach was, zum Henker mit der Lelia! Das Romanzeug ist an allem schuld! – Meine Liseli ist fort.« »Frau Ziegenmilch fort?« »Fort, sag' ich, enorm fort.« »Wohin denn?« »Ja, wer weiß das? Vermutlich nach Deutschland.« »Wie kam denn das?« »Wie es eben kommt, wenn die Weiber ihren Männern durchgehen.« »Was zum Kuckuck! Madame ist Ihnen durchgegangen.« »Durchgerumpelt, würde ich sagen, wenn das eine Sache zum Spaßen wäre, das heißt sie ist mit dem Kerl, mit dem sauberen Rumpel, welcher Tische und Weiber verrückt machte, auf und davon.« »Was? Die sittsame und gefühlvolle Frau Ziegenmilch ist mit dem alten Bummler fortgelaufen?« »Fortgefahren mit Extrapost. Hat ihren Schmuck und eine hübsche Summe von Wertpapieren mitgenommen, die ich ihr nach und nach gegeben hatte, so zur Beschwichtigung, wenn sie sich mittels kleiner und großer Eifersüchteleien unangenehm machte – Sie verstehen mich? Es ist eine richtige Entführung – enorm, ganz enorm!« »In Wahrheit, das geht über die gewöhnlichen Bummlerschnurren des alten Jungen hinaus. Die ehrsame Hälfte von Oskar Ziegenmilch und Komp. samt Schmuck und Wertpapieren entführen, da hört der Spaß auf.« »Ja, ich weiß schon, wer den Schaden hat, bekommt den Spott noch gratis dazu – eine alte, eine enorm alte Geschichte.« »Ich verspotte Sie nicht, mein Lieber; aber ich erlaube mir doch, Sie daran zu erinnern, daß ich Ihnen seinerzeit hinsichtlich dieses verteufelten Rumpel einen warnenden Wink gab. Wie ich sehe, wäre es gut gewesen, wenn Sie denselben beachtet hätten.« »Ja, wer konnte aber auch von einem so enorm praktischen Kerl, wie dieser kahlköpfige Schubiak ist, so 'was erwarten?« »Warum denn nicht? Herr Rumpel machte in Ihrer schönen Stadt erst in konservativer Politik, dann in Religion und Mystik. Darauf erschien es ihm noch gewinnbringender, in Entführung zu machen, und er griff zu. Herr Rumpel ist ein praktischer Mensch –« »Das ist wahr, ein enorm praktischer Mensch ist er.« »Gut, als solcher hat er nur Ihren eigenen Grundsätzen gemäß gehandelt, als er mit Beiseitesetzung der ›Katechismusmoral‹ ein Entführungsgeschäft machte, weil es lukrativ war. Geschäft ist Geschäft, und praktisch muß man sein, wie Sie wissen.« Indem wir mitsammen nach dem Gasthaus gingen, wo ich abgetreten war, erzählte mir Herr Ziegenmilch die Entführungsgeschichte, soweit er sie nämlich kannte. Da war sie denn kurz beisammen: Herr Ziegenmilch war für einige Tage in Geschäften verreist gewesen. Bei seiner Nachhausekunft hatte er seine Frau nicht mehr getroffen. Sie war in eine der abendlichen Versammlungen gegangen, wo Herr Rumpel den odisch-magnetischen Mystagogen spielte, und war von da nicht wieder heimgekommen. Statt ihrer war am folgenden Tage ein Brief eingelaufen, worin sie ihrem Herrn Gemahl erklärte, ihr gefühlvolles Herz habe der Einladung des erleuchteten Propheten und Apostels Cyrillus Chrysostomus Theophil Rumpel, ihn auf einer Missionsreise zur Ausbreitung des odisch-magnetischen Heils zu begleiten, nicht zu widerstehen vermocht, um so weniger, da sie überzeugt sein müßte, Herr Ziegenmilch werde sich in Gesellschaft seiner Ladenjungfern leicht über ihre Abwesenheit trösten. »Ich hätte nicht geglaubt,« fügte Herr Ziegenmilch seiner Erzählung fast melancholisch hinzu, »nein, ich hätte nicht geglaubt, daß mein sanftes Liseli so boshaft, so enorm boshaft sein könnte.'« »Ich glaube auch nicht, daß Madame es war, welche diesen Trumpf ausspielte. Sicherlich hat ihr der erleuchtete Cyrillus Chrysostomus Theophilus den Brief diktiert.« »Da könnten Sie recht haben, Herr Hellmut, enorm recht. Und denken zu müssen, daß so ein infamer Halunk über besagten Schmuck und besagte Wertpapiere verfügen soll!« »O, Sie praktischer Mensch und Shylock!« »Shylock? Shylock? Kenne keine Firma dieses Namens. Was wollen Sie damit sagen?« »Weiter nichts, als daß Sie fähig wären, Shylocks Äußerung hinsichtlich der entführten Jessika zu parodieren und zu sagen: Ich wollte, meine Liseli läge tot vor mir, den Schmuck und die Wertpapiere in den Händen.« »Da tun Sie mir unrecht, enormes Unrecht. Ich wollte nur, ich hätte meine Frau wieder. Was sie mitgenommen, mag meinetwegen zum Henker gehen. Oskar Ziegenmilch und Komp. können so etwas schon als Bagatelle ansehen. Wir« – Herr Ziegenmilch hatte nämlich bereits von Herrn Kippling gelernt, im majestätischen Plural von sich zu sprechen – »wir sind, Gott sei Dank, in der Lage, ein Verlüstchen verschmerzen zu können. Aber, unter uns, seit mein Fräuli fort ist, merk ich erst recht, daß ich sie eigentlich enorm gern habe. Sie war im Grunde doch ein gutes Tierli.« »Wirklich? Und warum fällt Ihnen das jetzt erst ein? Eine vernachlässigte Frau verfällt auf allerlei dumme Schrullen. Das ist nur logisch. Besagte Ladenjungfern –« »Bitte, nichts mehr von diesem Artikel! Ein so viel beschäftigter Mann wie ich, hat zuweilen so seine kleinen Anwandlungen von Zerstreutheit. Aber, wie gesagt, mein Liseli fehlt mir jetzt enorm und hat mir das Essen gar nicht geschmeckt, seit ich ihr liebes dickes Gesicht bei Tische nicht mehr gegenüber habe. Es ist ein enormes Pech! Ich meine, daß ich sie mit offenen Armen aufnähme, käme sie nur wieder zurück.« »Haben Sie denn schon die nötigen Nachforschungen angestellt?« »Soviel ich konnte. Schon seit vier Tagen fahre ich deshalb in der Welt herum. Ein Spur der Flüchtigen wies ins Gebirge hinein, verlor sich aber bald. Eine andere, die auf den Bodensee deutete, Hab' ich bis zur letzten Poststation verfolgt, wo sie ebenfalls ausging.« »Haben Sie auch die Polizei in Requisition gesetzt?« »Die Polizei? Wo denken Sie hin! Gott bewahre! Wir müssen auf unsern Ruf achten. Was gäbe das für ein Geschrei und Gelächter, wenn Oskar Ziegenmilch und Komp. mit Landjägern und sonstiger Polizei auf seine Gemahlin vigilieren gingen! Nein, nein! Ich habe deshalb auch zu Hause gesagt, Madame habe eine Badereise angetreten. Wir müssen das Geschäft, das Verfolgungsgeschäft mit äußerster Diskretion betreiben, mit enormer Feinheit und nur so unter der Hand. O, wir waren immer ein praktischer Mann, wir; aber die wahre Finesse, wie man seine Fortune poussieren muß, haben wir doch erst losgekriegt, seit wir die Ehre hatten, mit Herrn Gottlieb Kippling in Geschäftsverbindung zu treten. Ein großer Mann, der Herr Oberst und Kantonsrat – groß, enorm groß!« »Ja, wie ist denn das Kohlenlager-Erfindungsgeschäft ausgefallen?« »Kolant, enorm kolant, kolossal, wie der Schuft sagen würde, der Rumpel – aber ich will den Kerl nun gar nicht mehr nennen. Die Leute waren wie toll. Der Kurs unserer Kohlenaktien flog hinauf, als wollte er ein Loch in den Himmel stoßen.« »Und Sie sind also noch Direktor der Köhlerei?« »Nein, so unpraktisch waren wir nicht. Als das Unternehmen so recht im Flor stand, schlug Herr Gottlieb Kippling, seine Aktien los und zog sich von der Kompagnie zurück. Das war ein enormer Schlag ins Kontor, begreiflich! Wurde uns auch nicht wenig schwül bei der Sache. Fürchteten schon, erfahren zu müssen, daß mit großen Herren nicht gut Kirschen essen sei. Aber der Herr Oberst und Kantonsrat, welcher unsere Qualitäten kennen gelernt hatte, ließ uns nicht stecken, sondern zog uns bei guter Zeit, samt unserem Schäfchen, will sagen unserem Gewinnst, aufs Trockene.« »Und die anderen hatten das Nachsehen?« »Die anderen haben ihre Aktien. Mögen sehen, was sie damit anfangen. Praktisch muß man sein. Wundert mich aber doch, unter uns gesagt, wie ein so enorm praktischer Mann, wie der Herr Oberst und Kantonsrat ist, so darauf versessen sein kann, seine einzige Tochter so einem fremden Grafen oder Baron, was er ist, der wohl nicht viel mehr hat als sein Wappen und seine Sporen, an den Hals zu werfen.« »Ist diese Verbindung schon eine öffentliche?« »So ziemlich. Kennen Sie den Herrn von Rothenfluh? Er ist hochmütiger als zehntausend Millionäre zusammengenommen. Gab mir kaum eine Antwort, als ich vorige Woche die Ehre hatte, bei Herrn Gottlieb Kippling zu dinieren.« »Der Freiherr befindet sich gegenwärtig wieder im Kipplingschen Hause?« »Ja, er kam neulich.« »Und seine Verlobung mit der Tochter des Hauses hat stattgefunden?« »Wenn sie nicht schon statthatte, so steht sie doch bevor. Das kann jeder sehen, der nicht blind ist. Denn die stolze junge Dame ist ja augenscheinlich ganz enorm verliebt in den Junker, und sie wickelt ihren Vater um den kleinen Finger. Unpraktisch das, enorm unpraktisch! Oder es muß was dahinter stecken. Man munkelt in der Stadt davon, es werde eine Doppelheirat geben, denn der Herr Baron habe eine wunderschöne Schwester und die –« »Was?« »Nun, die würde die Frau von Herrn Theodor Kippling werden.« »Das ist 'ne Lüge, 'ne dumme, verdammte Lüge!« »Ei, wie sehen Sie aus, Herr Hellmuth, und was machen Sie für Augen! Was haben Sie denn?« »Nichts. Aber ich muß Sie jetzt verlassen, Herr Ziegenmilch, denn ich habe kaum noch Zeit, meine Sachen nach der Post zu schaffen. Will mit dem Nachtwagen fort, um morgen bei guter Zeit in der Stadt zu sein. Adieu und viel Glück zu Ihrem dermaligen Geschäft!« Zweites Kapitel, worin zuvörderst ein ganz kurzer Monolog und hernach verschiedene bedenkliche Neuigkeiten mitgeteilt werden. »Elender Klatsch! Ganz miserabler Klatsch! Aber ich muß doch zusehen, was alles während meiner Abwesenheit im Hause Kippling sich zugetragen. Daß Berthold und Julie ein Paar werden, nun, das ist in der Ordnung, ganz in der Ordnung. Sie will einen Helden à la Byron und er, er will eine Millionärin. Das paßt sich vortrefflich, das klappt! Aber das andere – ich bin gewiß, daß es nur Klatsch ist, nur Klatsch sein kann.« Dieses kurze Selbstgespräch wiederholte sich während meiner nächtlichen Postwagenfahrt etwa ein dutzendmal, wenn ich mich recht erinnere. Zwischenhinein wurde auch der Entschluß gefaßt, mich etwas energischer, als bislang geschehen, mit meinen Privatangelegenheiten zu befassen ... Ei, wir sind doch alle mitsammen wunderliche Käuze! Sonst könnte es nicht vorkommen, daß wir eine Perle, wie rein und schön sie sei, erst dann in ihrer ganzen Kostbarkeit erkennen, wenn wir plötzlich eine schmutzige Hand nach derselben langen sehen. In höchst unbehaglicher Stimmung kam ich in der Stadt an. Es war entschieden nicht Eifersucht, was ich empfand, wohl aber dunkle Besorgnis. Die beiden Kipplinge, der ältere sowohl als der jüngere, waren nicht die Leute, einen einmal entworfenen Plan aufzugeben, und die ganze Art und Weise, wie von Vater und Sohn die Bewerbung des Freiherrn um Julie aufgenommen und gefördert worden war, unterstützte allerdings die Ziegenmilchsche Vermutung, daß noch etwas weiteres dahinter stecken müßte. Beunruhigt, wie ich war, konnte ich es kaum erwarten, vom Posthofe nach Hause zu kommen. Aber hier begrüßten mich Szenen, welche meine Gedanken doch wieder für eine geraume Weile von meinen Privatangelegenheiten ablenkten, wenigstens teilweise. Als ich über den großen Hofraum zwischen den Magazinen nach der Gartenpforte ging, gewahrte ich an dem Orte eine sonderbare Verstörung, die hier um so auffallender war, wo eine mannigfaltige Tätigkeit sonst mit der Regelmäßigkeit einer guten Uhr verlief. Magazinarbeiter, Packer, Fuhrleute und Schiffer von den Kanalbooten standen plaudernd in Gruppen beisammen und ließen ihre Arbeiten ruhen. Aber man hörte keinen Scherz, vernahm kein Gelächter. Es ging überall ernst und still zu. Daß mich der große Warenprober der Firma, Herr Kambli, welcher gerade über den Hof ging, nicht mit einem Witz oder doch mit einem Witzversuch, sondern mit einer sehr ernsthaften Miene begrüßte, das war vollends, wie er sich ausgedrückt haben würde, gegen alle Kleiderordnung. »Was haben denn die Leute?« fragte ich ihn. »Schätze, sie machen ihre Glossen über das Unglück,« gab Herr Kambli zur Antwort. »Über das Unglück? Ist Herrn Kippling oder den Seinigen etwas zugestoßen?« »Körperlich nicht. Der Herr Oberst ist wohlauf und der junge Herr und das Fräulein auch, das heißt von letzteren vermut' ich es, denn sie haben gestern früh in Gesellschaft des Herrn Rittmeisters eine Bergtour angetreten.« »So? Aber was ist denn sonst?« »Mehr als genug. Das ganze, große, prächtige Etablissement im Bihltal droben ist gestern abgebrannt.« »Kipplingsruhe?« »Ja, jetzt heißt es mit Fug und Recht so, denn das Ganze ist nur noch ein ungeheurer Haufen von Schutt und Asche.« »Wie kam denn das?« »Ja, wer das schon wüßte! Sicher ist nur, daß der Brand gestern in der ersten Arbeitsstunde ausbrach, bei dem furchtbar heftigen Föhn, welcher unglücklicherweise gerade weht, mit reißender Schnelligkeit um sich griff und allen Rettungsanstalten zum Trotz so lange fortwütete, bis die Zerstörung eine vollständige war. Einige sagen, das Feuer sei im großen Webersaal, andere, es sei im Baumwollenmagazin entstanden. Brandstiftung wird stark vermutet und sitzt deshalb einer der Arbeiter, namens Zündt, bereits am Schatten.« »Der Zündt? Der Vater des schönen Fabrikkindes, des Gritli?« »Derselbe. Sie kennen also das hübsche Ding?« »Ich sah es mal hier und nachher auch droben in Kipplingsruhe.« »Ah, deshalb hat es Ihnen heute in aller Frühe auf dem Bureau so dringend nachgefragt.« »Das Gritli hat mir nachgefragt?« »Ja. Das junge Meidli, noch ein pures Kind, sah ganz verstört aus, wahrscheinlich infolge der Eintürmung seines Vaters. Wenn mir recht ist, hat das Kind geäußert, es habe Ihnen etwas zu sagen. Als man ihm mitgeteilt, Sie seien auf Reisen, habe es wie verzweifelt, wie ganz unsinnig getan und sei fortgerannt.« »Sie erzählen mir Rätsel.« »Ja, es sieht rätselhaft aus, vollends wenn man bedenkt, daß das Gritli von hier weg über die Brücke und am Kanal hinauslief, um sich droben in den See zu stürzen.« »Wie, um Gottes willen! Das arme Kind hat sich ertränkt?« »Es wollte sich ertränken, ohne Zweifel. Allein die Fährleute eines an der Kanalmündung vor Anker liegenden Holzschiffes fischten das Meidli heraus, und jetzt sitzt es, wo sein Vater sitzt, nämlich auf dem Verhöramt; denn sein Benehmen war so auffallend, daß man einen Zusammenhang desselben mit dem Brandunglück, vielleicht mit der Brandstiftung argwöhnt.« »Seltsam! Aber ich erinnere mich, dem Gritli, welches meine Teilnahme erregt hatte, droben in Kipplingsruhe mal gesagt zu haben, es sollte sich nur ungeniert an mich wenden, wenn es in Not gerate.« »In Not ist das Meidli jetzt allerdings, aber Sie werden ihm wenig helfen können. – Doch sehen Sie, da kommt unser Herr Chef.« Von der Stadt herkommend, lenkte der Wagen des Herrn Oberst auf den Hof und fuhr am Kontor vor. Ich präsentierte mich meinem Chef, als er ausstieg, und wurde freundlich von ihm willkommen geheißen. Ich bemerkte auch weiter keine Aufregung an ihm. Die achteckige Brille faß ihm wie sonst auf der Nasenwurzel, und die gesunde Röte seines Gesichts war ungemindert. Ein so enorm großer Mann wie Herr Gottlieb Kippling war – wenigstens in den Augen von Oskar Ziegenmilch und Komp. – durfte sich durch eine Feuersbrunft, so bedeutend diese auch sein mochte, nicht aus der Fassung bringen lassen. »Sie kommen ja wie gerufen, Herr Hellmuth,« sagte er zu mir. »Wir werden in der nächsten Zeit alle Hände voll zu tun haben. Der Brandschaden ist ungeheuer, obgleich die Gebäulichkeiten versichert waren. Was ging an Material, was geht an Arbeitszeit verloren! Aber wir müssen es wieder hereinbringen. Weiter läßt sich nichts machen. Klagen und Jammern tut's nicht. Wir müssen ohne Zögern an den Wiederaufbau des Etablissements gehen. Habe daher heute mit Baumeistern und Werkleuten bereits die nötigen Verabredungen getroffen. Morgen schon wird mit Wegräumung des Schuttes begonnen. Man muß die Hände rühren und praktisch sein, und da ich jetzt gerade eine Stunde frei habe, dächte ich, Sie kämen mit mir in mein Arbeitszimmer hinauf, um mir über den Stand unserer Geschäfte in England und Frankreich des Näheren zu referieren.« Wir gingen hinauf. Der Herr Oberst setzte sich vor sein Bureau, nahm aus einem Fache desselben die Geschäftsbriefe, welche ich während meiner Reise nach Hause geschickt hatte, legte sie vor sich hin und erbat sich, einen nach dem anderen durchgehend, meine mündlichen Erläuterungen dazu. Er war so ganz bei der Sache, als hätte es niemals, geschweige erst vor vierundzwanzig Stunden, eine Feuersbrunst gegeben, bei welcher sich der Schaden nach Hunderttausenden, vielleicht nach Millionen berechnete. Ich gestehe, daß ich zu jener Stunde etwas wie Respekt, wie großen Respekt sogar vor Herrn Gottlieb Kippling empfand. Die Geistesklarheit und ruhige Energie, welche er in der Verhandlung mit mir darlegte, ließen mich ihn einem Feldherrn vergleichen, der, nachdem ohne sein Verschulden eine große Schlacht verloren gegangen, schon am Tage darauf ungebrochenen Mutes wieder zum Angriff übergeht. Mein Referat war abgetan und der Herr Oberst gerade daran, mir seine Zufriedenheit mit meiner Führung seiner Angelegenheiten in der Fremde auszudrücken, als Herr Hanns Bürger eintrat. Er bat um Entschuldigung, falls er störe, bot mir nach seiner Gewohnheit den Zeigefinger der rechten Hand zur Begrüßung und sagte: »Rechne, die Sache wird immer unklarer – 's ist kla–ar.« »Wieso?« fragte Herr Kippling. »Hat das mit dem Zündt angestellte zweite Verhör noch kein sicheres Resultat ergeben?« »Nein. Der Mensch bleibt bei seinem verstockten Leugnen. Dagegen hat das Kind, das Gritli, sobald es einigermaßen wieder zu klarer, Besinnung kam, eingestanden –« »Das Gritli hat eingestanden? Was denn?« »Daß es die Brandstifterin sei.« »Das Gritli? Unmöglich!« rief Herr Kippling aus, stand von seinem Rohrsessel auf und ging mit auf den Rücken gelegten Armen durch das Zimmer. Als er bei Herrn Bürger vorüberkam, warf er unter dem Brillenrand hervor einen seiner lauernden, bohrenden Blicke auf den Prokuraträger. Herr Bürger zuckte die Schultern, worauf Herr Kippling seinen Gang fortsetzte. »Wenn das Gericht nicht etwa das Kind für unzurechnungsfähig erklärt, so kommt es ins Zuchthaus, für seine Lebtage vielleicht, das ist sicher,« murmelte er im Gehen. »Aber es kann nicht sein, nein, es kann nicht sein! Erst vor einigen Tagen hat mir der Oberaufseher des Webersaals auf Befragen mitgeteilt, das Gritli sei ein stilles, sanftes, fleißiges Kind. Wie sollte es plötzlich zu einem solchen Verbrechen kommen? Unmöglich!« Die Tatsache der Brandstiftung, zusammengehalten mit der Persönlichkeit des Kindes, frappierte auch mich höchlich; aber fast noch mehr frappierte mich die Art und Weise, wie der Herr Oberst, der doch sonst seine Arbeiter rein nur als »Hände«, das heißt als Maschinen bedienende Maschinen ansah, von dem Fabrikkinde sprach. Der Sachlage nach hätte man von seiten des Herrn Oberst Zorn und verachtungsvolle Schmähung erwarten sollen, und statt dessen drückte er sich so aus, daß man glauben konnte, es tue ihm mehr um das Gritli als um Kipplingsruhe leid. »Hm,« bemerkte Herr Bürger nach einer Pause, »rechne, auf den ersten Blick muß es allerdings seltsam und rätselhaft erscheinen, daß ein Kind, wie das in Rede stehende mit einmal auf den tollen Einfall gekommen sei, Feuer anzulegen. Allein bei näherem Zusehen gibt die Psychologie oder, da ja Herr Düngerling und Konsorten samt der Psyche auch die Psychologie abgeschafft haben, die Physiologie Erklärungen für solche Tollheit. Ist es doch, rechne ich, anerkannt, daß auf der Übergangsstufe vom Kinde zum Mädchen das weibliche Geschlecht nicht selten auf die seltsamsten Gelüste und Ausschreitungen verfällt. Vielleicht könnte gerade der gegenwärtige Fall der gerichtlichen Medizin ein auffallendes Beispiel von Pyromanie liefern. Wenigstens leugne, hörte ich, das Gritli jede Anstiftung entschieden, und jedenfalls hat sich das Kind nicht von seinem Vater zu der Tat anstiften lassen – 's ist kla–ar.« »Von seinem Vater?« fragte Herr Kippling zerstreut. »Nun ja, von dem Zündt,« erwiderte Herr Bürger, den Namen nachdrücklich betonend. »Ach so!« murmelte Herr Kippling und setzte seinen Gang fort. Er befand sich gerade bei der Türe, als diese aufging und der alte Kontordiener einen Brief hereinbrachte mit den Worten: »Zu Ihren eigenen Händen, Herr Oberst.« In der ungewöhnlichen Zerstreutheit, welche ihn angewandelt hatte, hielt Herr Kippling das Papier einige Minuten lang unerbrochen in der Hand. Dann öffnete er es lässig und überflog nur wie mechanisch den Inhalt. Aber plötzlich stieß er einen halberstickten Schrei aus, wankte auf seinen Füßen, taumelte in seinen Sessel, den Brief krampfhaft in der Hand zerknitternd und mit bleichen Lippen Unverständliches murmelnd. Erschrocken über dieses Gebaren eines so kräftigen und willensstarken Mannes, sprangen Bürger und ich hinzu, indem ich dem noch an der Türe stehenden Diener zurief, einen Arzt herbeizuholen. »Nein, nein!« sagte Herr Kippling, sich mit einer gewaltsamen Anstrengung aus seiner gebrochenen Stellung aufrichtend. »Ich bedarf keines Arztes, sondern nur eines Glases Wein. Geh es holen, Jakob, und dann, hörst? bin ich in den nächsten drei Stunden für niemand zu Hause.« Der Diener ging. Herr Kippling setzte sich in seinem Stuhle zurecht und schob den zerknitterten Brief, dessen Inhalt so mächtig auf ihn gewirkt hatte, in die Brusttasche. Dann sah er Herrn Bürger und mich mit forschenden Blicken an und sagte mit einer Stimme, deren Mattigkeit er vergeblich zu verbergen suchte: »Meine Herren, Sie haben sich immer treu und redlich gegen mich erwiesen ... Beklagen Sie mich: ich bin ein unglücklicher Mann!« Es hatte etwas Rührendes, diesen hartgesottenen Mann der Praxis plötzlich so kläglich sich äußern zu hören. Ich war in peinlicher Verlegenheit, und Herrn Bürger erging es wohl nicht besser, denn er sagte ziemlich hölzern: »Rechne, Ihr habt einen großen Schreck gehabt, Herr Oberst.« »Jawohl,« versetzte Herr Kippling mit einem schweren Seufzer. »Darf ich fragen, ob es sich um eine Geschäftssache handelt?« »Nein – leider nicht. Es hängt mit –« Er brach ab, wie sich besinnend. Aber doch noch nicht völlig Herr seiner selbst, sagte er: »Mein lieber Herr Bürger, ich weiß, welche Wünsche Ihr gehegt habt, und Ihr wißt, daß mit der Erfüllung derselben auch die meinigen erfüllt worden wären. Aber grämt Euch nicht über die Nichterfüllung. Braucht Ihr doch, wie die Sachen jetzt stehen, vielleicht nie zu erfahren, was Kinder für ein – hm, für ein Segen sind.« »Herr Oberst –« »Ach ja, ich schwatze recht zerstreut ... Meine Herren, haben Sie die Güte, mich allein zu lassen ... Sie haben nichts zu besorgen, ich habe mich schon wieder erholt und muß sofort an eine dringliche Arbeit gehen. Sie können mir dabei nicht helfen ... Aber warten Sie noch einen Augenblick, nämlich Sie, Herr Hellmuth. Wollten Sie mir wohl einen Gefallen tun?« »Von Herzen gern.« »Gut, ich danke Ihnen. Kommen Sie in Zeit von einer Stunde wieder hierher, aber pünktlich!« Als ich nach Verlauf einer Stunde wiederkam, fand ich, daß der Herr Oberst die gewöhnliche Fassung mit Bestimmtheit seines Wesens wieder gewonnen hatte. Er war beschäftigt, den Umschlag eines ziemlich dickleibigen Briefes oder Briefpakets zu versiegeln, und als er damit zustande gekommen, sagte er: »Die Gefälligkeit, um welche ich Sie bat, Herr Hellmuth, ist eine Reise ins Gebirge. Vielleicht ist es nicht ganz schicklich, Sie schon wieder hinauszusprengen, nachdem Sie kaum von einer langen und mit höchst anstrengenden Geschäften verbundenen Tour zurückgekehrt sind. Aber die Umstände sind dringend. Ich muß einen vertrauten Mann schicken und habe nur die Wahl zwischen Ihnen und Herrn Bürger –« »Bitte, Herr Oberst,« sagte ich, »es bedarf gar keiner Umschweife oder Entschuldigungen. Ich bin sogleich reisefertig. Wohin und was soll ich?« »Es handelt sich darum, in möglichster Eile meinen Sohn aufzufinden und ihm diesen Brief zuzustellen.« »Gut. Wo soll ich Herrn Kippling treffen oder wenigstens suchen?« »Ja, sehen Sie, das ist eben die Mißlichkeit, daß ich Ihnen nicht genau oder vielmehr nur ganz im allgemeinen sagen kann, wo sie Theodor treffen werden. Ich dachte einen Augenblick daran, ihn mittels einer Annonce in den Zeitungen ... aber es geht nicht ... würde nur Aufsehen erregen ... Ich muß Sie, beiläufig bemerkt, bitten, mit niemand, hören Sie? mit niemand, Herrn Bürger ausgenommen, von dem Zweck Ihrer bevorstehenden Reise zu reden ... Theodor und Julie haben gestern früh in Gesellschaft des Herrn von Rothenfluh, welcher so ziemlich als der Verlobte meiner Tochter anzusehen ist, einen Ausflug in die Hochalpen unternommen. Ich war gegen diesen romantischen Einfall und jetzt weiß ich, daß ein richtiger Instinkt mich leitete. Aber Julie bestand darauf, indem sie sagte, auf Reisen erprobe sich die Liebenswürdigkeit der Leute am sichersten, und sie wolle daher sehen, wie der Freiherr die Probe bestehen werde. So ließ ich die jungen Leute gehen, sozusagen ganz ins Blaue hinein; denn von einem Reiseplan wollte Julie nichts wissen. Das sei langweilig, meinte sie, und erinnere sie an die Pensionatsreisen nach Anleitung des Guide. Ich weiß also nur, daß die drei mitsammen den See hinauf sind, um durch das Gaster und dann über den Wallensee in die Hochtäler von Graubünden zu gehen. Dort sei noch natürliche Natur und romantische Romantik, wie sich Julie ausdrückte. Sie sprachen aber auch davon, zuvor das an ihrem Wege gelegene Glarnerland zu besichtigen und in diesem Falle dann von Glarus nach Mühlehorn zu gehen, um von da über den Wallensee zu fahren.« »Graubünden ist also jedenfalls das Reiseziel?« »Jedenfalls, es müßte denn Julie plötzlich die Laune anwandeln, eine andere Richtung einzuschlagen.« »Das wäre freilich kein unmöglich Ding.« »Leider. Aber wir müssen doch nun einmal das Glarner- und Graubündnerland im Auge halten.« »Gut. Im ersteren, welches ja sozusagen nur aus einem einzigen Tale besteht, müßten die Reisenden leicht aufzufinden sein. Schwieriger wäre die Sache in Graubünden, dessen Berge und Täler fast labyrinthisch durcheinander laufen. Ich denke aber, da eine Dame bei der Reisegesellschaft ist, wird diese wohl nicht in die wildesten Bergwildnisse sich hineinwagen.« »O, darauf können Sie nicht rechnen, mein lieber Herr Hellmuth. Sie kennen ja Julie. Sie würde ihre Begleiter zu den tollsten Gletschertouren zwingen, wie sie sich's gerade in den Kopf gesetzt hätte, daß das schön sein müßte.« »Nun wohlan, ich will mit dem zunächst abgehenden Dampfer den See hinauf. Morgen und übermorgen durchstreif ich das Glarnerland, und unterwegs stoße ich da wohl auf Spuren, die mich weiter leiten. Ich habe also, im Falle ich die Reisegesellschaft früher oder später treffe, nichts zu tun, als Herrn Theodor Kippling dieses Briefpaket zu übergeben?« »Doch. Wenn Sie ihm das Paket – achten Sie sehr auf dasselbe, es sind auch Banknoten darin – übergeben haben werden und er von dem Inhalt Kenntnis genommen hat, werden Sie ihn fragen, ob er dem soeben an ihn gelangten Wunsche, nein, dem Befehle seines Vaters sofort Folge leisten wolle. Sagt er ja, so bringen Sie mir diese Antwort zurück. Sagt er nein, so schreiben Sie mir es auf der Stelle und bleiben dann in der Nähe Theodors, bis Sie Weiteres von mir hören.« Hier, merkte ich, war meine Audienz zu Ende, obgleich mich der Herr Oberst diesmal nicht so ohne weiteres mit seiner sonstigen Vornehmheit entließ. Ich ging nach dem Pavillon hinauf, wählte aus meinem inzwischen daselbst angelangten Reisegepäcke einen kleinen Handkoffer aus und benutzte die Stunde, die mir bis zum Antritte der neuen Reise noch blieb, mich im See vom Staub der alten rein zu spülen. Auf mein Zimmer zurückgekehrt, wollte ich dem vorher zu diesem Zwecke bestellten Packknecht mein leichtes Reisegerät übergeben, um dasselbe nach dem Dampfboot zu schaffen, als Bürger kam und sich erbot, mich samt meinen Siebensachen in einer der zum Hause gehörenden Barken nach dem Hafen zu rudern. Natürlich nahm ich das Anerbieten an, und wir befanden uns bald auf dem Wege. Als Bürger bemerkte, daß ich beim Vorüberfahren einen Blick auf das Badehäuschen am Ende des Kipplingschen Gartens warf, sagte er: »Ah, Ihr erinnert Euch an vorjährige Mondscheinnächte – 's ist kla–ar. Aber die Nixen haben sich in diesem Sommer in Bergnymphen oder wie es, rechne ich, die Griechen nannten, in Oreaden verwandelt – tempora mutantur . Seid Ihr noch verliebt, lieber Junge?« »Nein, alter Junge.« »Gewiß nicht? Nun, das ist ja auch eine Neuigkeit. Rechne, ist heute der Tag der Neuigkeiten. Erstlich springt das arme dumme Ding, das Gritli, ins Wasser; zweitens gibt es, wieder herausgefischt, sich selber als Brandstifterin an; drittens erhält Herr Kippling senior einen mysteriösen Brief, der ihn seine Fassung völlig verlieren macht; viertens tretet Ihr, kaum erst heimgekehrt, eine sonderbarliche Botenfahrt an, einen gewissen Herrn Kippling junior in den Bergen aufzustöbern. Fünftens ist vor einer Viertelstunde die ehrsame Frau Regel, weiland Beschließerin oder Wirtschafterin zu Kipplingsruhe, gefangen hier eingebracht worden.« »Was, die Frau Regel ebenfalls verhaftet?« »Ihr sagt es.« »Weshalb denn?« »Das weiß der Herr Verhörrichter und noch andere Leute – vielleicht. Was mich betrifft, ich weiß nur, daß die Frau Regel in späteren Jahren ihres Lebens einen großen Schick hatte, die Bihlforellen richtig zu sieden, während sie in früheren auch andere Dinge verstanden haben muß – 's ist kla–ar.« »Was ist klar?« »Nichts.« »Da habt Ihr's getroffen. Wenigstens, was diese ganze Brand-, Brief- und Verhaftungsgeschichte angeht.« »Hm, rechne, ein in historischer Kombination geübter Mann könnte aus den mitgeteilten fünf Neuigkeiten ein hübsches Stück Tagesgeschichte zusammenleimen. Möglich, daß das in Ermangelung eines Historikers ein simpler Kriminalist von Staatsanwalt tut ... Aber da sind wir ja an der Treppe des Dampfboots. Gehabt Euch wohl; und wenn Ihr Herrn Theodor Kippling trefft, so sagt ihm, wie Ihr ja aus Erfahrung kennt, es sei eine merkwürdig schöne Sache ums Reisen.« Drittes Kapitel, welches so gar nicht romantisch ist, daß Autor fürchtet, es möchte von seinen schönen Leserinnen überschlagen werden. Als der Dampfer aus dem Hafen strich, fuhr er, eine weite Kurve nach rechtshin beschreibend, am Kipplingschen Garten vorüber. Die Spiegelscheiben des palaisartigen Hauses glänzten hinter den Bäumen hervor und wie meine Augen, so richteten sich auch die anderer Passagiere bewundernd auf das prächtige Besitztum. Aber war denn in den Prunkgemächern hinter jenen Fenstern das Glück daheim? Schwerlich. Es mußte ein großer Schmerz gewesen sein, welcher Herrn Gottlieb Kippling die Klage ausgepreßt hatte, er sei ein unglücklicher Mann, und das Herz mußte ihm ordentlich in Galle schwimmen, als er seine gewohnte Selbstbeherrschung und Zurückhaltung soweit vergaß, Herrn Bürger zu beglückwünschen, daß dieser noch nicht erfahren, was für ein Segen, das heißt was für ein Fluch Kinder seien. Es ist dafür gesorgt, daß es zuweilen selbst einem verhärtetsten Priester Mammons fühlbar werde, daß es noch Kostbareres gebe als Gold. Über das Verdeck gehend, erfuhr ich auch, daß, so ungemessenen Respekt die praktischen Schweizer vor dem Reichtum hegen, dieser Respekt dennoch der Kritik nicht immer den Mund verschließe. Eine Gruppe von älteren und jüngeren Männern stand rauchend in der Nähe des Steuerrades beisammen, und die Katastrophe von Kipplingsruhe bildete den Gegenstand ihrer Unterhaltung. »Der Herr Oberst,« bemerkte einer, »wird den Schlag, so bedeutend derselbe auch ist, kaum verspüren. Die Hilfsmittel der Firma sind kolossal und ihr Kredit felsenfest.« »Ja,« versetzte ein alter lebhafter Herr mit weißen Haaren und rotem Gesicht, »so felsenfest, daß selbst die garstige Kohlengeschichte von neulich keine Erschütterung bewerkstelligen konnte.« »Was wollen Sie, Herr Nationalrat?« entgegnete der erste Sprecher, dem der Spekulant aus den Augen sah. »Der Herr Oberst benutzte eben auch das Eisenbahnfieber. Es nimmt jeder seinen Vorteil wahr wie er kann, und wenn man Fortune machen will, darf man nicht allzu ängstlich sein.« »Nun, bei Gott,« erwiderte der alte Herr, »Ängstlichkeit, wenigstens Ängstlichkeit in Beziehung auf die Moral kann man gar manchem unserer Geschäftsleute nicht vorwerfen. Die Königin Industrie, welche ja unsere republikanischen Einrichtungen mehr und mehr illusorisch macht, lebt neuestens auch bei uns in flottester wilder Ehe mit dem König Schwindel. Aber geben Sie acht, meine Herren, was für eine Brut von Bastarden da von der Bank fallen wird. Es sieht ganz so aus, als ob auch hierzulande, wie das schon in Frankreich der Fall ist, Fortunemachen das höchste, ja einzige Gesetz werden sollte. Als Ergänzung wird man höchstens das sogenannte elfte Gebot substituieren: »Du sollst dich nicht lassen erwischen.'« »Das ist nur zu wahr, Herr Nationalrat,« nahm ein dritter das Wort, welchen die übrigen Herr Sekundarlehrer betitelten. »Man sagt, unser Land könne ohne Industrie schlechterdings nicht mehr existieren, und ich gebe das zu. Aber was ich nicht zugebe und was, denke ich, kein redlicher Patriot zugeben wird, ist, daß unsere Industrie nur dazu da sei, ein paar Dutzend Fabrikherren zu Geldkönigen und Tausende und wieder Tausende unserer Mitbürger zu physisch und moralisch ruinierten Fabriksklaven zu machen.« »Das ist übertrieben! Unpraktisches Zeug! Sozialistische Wühlerei!« bemerkte der Spekulant. »Ja, so tönt die Orgelei, sobald man auf diesen Krebsschaden hindeutet,« entgegnete der Schulmann lebhaft. »Man muß nur wissen, wie es in vielen Fabriken hergeht. Aber davon wollen unsere Fabrikherren, die in der obersten Behörde sitzen, freilich nichts wissen.« »Aber warum wählt denn das Volk gerade solche Herren zu seinen Vertretern und Gesetzmachern?« fragte ein vierter. »Warum?« erwiderte der Schulmann. »Ei, du lieber Gott! Als ob unter unserer Fabrikbevölkerung von einem freien Wahlrecht auch nur im entferntesten die Rede sein könnte. Der Fabrikler muß wählen, wie sein Arbeitgeber will, und überhaupt müßte es ja mit einem Wunder zugehen, wenn unter Leuten, die von Jugend auf jahraus jahrein von morgens sechs Uhr bis abends sieben Uhr in dem Dunst und Qualm der Fabriken arbeiten und unter Maschinen selbst zu Maschinen werden, ein freies Bürgerbewußtsein sich entwickeln könnte. Da entwickelt sich höchstens tierischer Servilismus, welcher dann zuzeiten in tierischen Ingrimm und wilde Rachsucht umschlägt. Der Herr Oberst Kippling hat das gestern auch erfahren.« »In der Tat,« sagte der alte Herr, »man hörte schon seit Jahren, daß zu Kipplingsruhe mit unmenschlicher Härte verfahren werde, und insbesondere soll der junge Herr Kippling ein überstrenges Regiment geführt haben, während er sich selber gegenüber den Arbeiterinnen jede frechste Ausschreitung gestattete.« »Ich will vom letzteren Punkt gar nicht einmal reden,« bemerkte der Sekundarlehrer; »aber was die unmenschliche Härte betrifft, womit in dem niedergebrannten Etablissement verfahren wurde, so kann ich aus bester Quelle beispielsweise folgende Fälle anführen. Beim Reinigen des im vollen Gange befindlichen Getriebes wurde einem achtzehnjährigen Arbeiter in der Spinnerei der rechte Arm weggerissen. Er mußte im Hospital amputiert werden. Als einige Tage darauf der ebenfalls in der Fabrik beschäftigte Vater des Unglücklichen, um diesen auf seinem Schmerzenslager zu besuchen, Urlaub verlangte, wurde ihm dieser nicht bloß verweigert, sondern der Bittsteller wurde sofort aus Arbeit und Brot entlassen. Man opferte also den Vater, um jedes Opfers für den Sohn ledig zu sein. Einem Mädchen wurde in der Fabrik des Millionärs die Hand verstümmelt. Man bezahlte ihm die Kurkosten unter der Bedingung, daß es sie nachher abverdiene. Einem Arbeiter wurde durch eine Maschine der Fuß zu Müll gerieben. Im Hospital erzählte der Unglückliche, der junge Herr habe ihm seine Teilnahme dadurch bezeigt, daß er sagte, es sei ihm recht geschehen, er hätte sich ja besser in acht nehmen können.« So ging das Register der Barbarei noch eine gute Weile fort. Aber ich hatte an dem Gehörten genug und begab mich auf die andere Seite des Verdecks, um in den wunderschönen Abend hinauszusehen und darob die widerwärtigen Eindrücke loszuwerden, die ich aus dem soeben Vernommenen geschöpft hatte. Aber es glückte nicht. Zuerst drängte sich mir in ihrer ganzen Bitterkeit die Frage auf, ob es möglich wäre, daß ein Mensch wie dieser Theodor Kippling es wagen dürfte, an Isolde auch nur zu denken. Nein, es konnte nicht sein. Dann nahmen meine Gedanken eine allgemeine Richtung und das schmerzliche Problem, mit dessen Lösung schon soviele redliche Geister und edle Herzen vergebens sich abgemüht, das Problem, ein Gleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Besitz und Verdienst ausfindig zu machen, drückte mit seiner ganzen Wucht auf mich. Ich konnte mir, so augenscheinlich mich der Aufenthalt in der Schweiz auch überzeugte, wie gedeihlich freie Institutionen für die allgemeine Wohlfahrt sind, dennoch nicht verhehlen, daß selbst die volksmäßigsten, trefflichsten politischen Einrichtungen nur eine schwache oder gar keine Garantie gegen die Despotie des Industrialismus bieten. Der Name Republikaner ist für Fabriksklaven nur ein bitterer Hohn. Die großen Industriellen und Handelsherren sind zugleich auch die politischen Souveräne des Landes. Sie haben das Wesen der Souveränität, das Volk hat nur den Schein. Wie überall, löst sich demnach auch hier der politische Gegensatz von Freiheit und Knechtschaft in den ökonomischen von Haben und Nichthaben auf. Was dazwischen liegt, ist Nebel und Phrase, und selbst das vernünftigste Staatsprinzip kann vorderhand weiter nichts tun, als möglichst vielen es möglich machen, aus dem Zustand des Nichthabens in den des Habens sich hinüberzuarbeiten. Die ideellen Aufgaben der Gesellschaft müssen für eine geraume Weile sich bescheiden, zufrieden zu sein, wenn sie nur so unterderhand noch geduldet werden. Haben! Haben! Haben! Das ist der wilde Ruf, welcher über diesen wüsten Wirbel von Spekulation, Agiotage, Schwindel und Maschinengetöse, genannt Gegenwart, hinschallt ... Mir fiel die düstere Prophezeiung ein, welche mein teurer Vater vorzeiten über den Industrialismus ausgesprochen, und ich glaubte die riesenhaften Fledermausflügel des schwarzen Dämons, von welchem er geträumt, mir zur Stunde wieder ob dem Haupte rauschen zu hören wie damals in Kipplingsruhe. Auch eines Gespräches entsann ich mich, welches ich eines Tages in Paris mit einem französischen Gelehrten geführt hatte, dem einzigen Franzosen, zu welchem ich mich jemals freundschaftlich hingezogen fühlte. Wir schlenderten mitsammen über die Boulevards, und vielleicht war es gerade der großstädtische Glanz und Luxus um uns her, was unsere Unterhaltung auf die Schattenseiten des modernen Lebens lenkte. Ich habe nie eine beredtsamere Anklage des Industrialismus gehört als aus dem Munde dieses Mannes. »Die Fabrikarbeit,« hatte er unter anderem geäußert, »vergiftet die Seele und tötet den Leib. Diese unerbittlichen Maschinen mit ihrer grausamen Gemessenheit! Wissen Sie, daß ihre mechanische Härte und Fühllosigkeit sich am Ende auch den Menschen mitteilt, von denen diese eisernen Instrumente bedient werden? Durch die unausgesetzte Wechselwirkung zwischen Maschine und Mensch stumpft sein Herz sich ab und erfrischt sich nicht mehr. In der Tiefe seiner Seele bildet sich ein so instinktartiger Atheismus wie ein Schrei des Schmerzes und der Verdammnis. Er raunt dem Arbeiter Worte voll Haß und Rache zu. Und die Frauen der Arbeiter ihrerseits, sie haben ebenfalls keine religiösen Überzeugungen mehr, sondern nur noch dunkle Gefühle, krankhafte Träume und Phantasiebilder. Drei Hauptelemente lassen sich in dieser von der Industrie erzeugten Korruption unterscheiden: eine furchtbare geistige Roheit, ein blinder und unauslöschlicher Haß gegen die Reichen und eine unsäglich niederträchtige Ehrfurcht vor dem, Reichtum. Die Summe dieser Dreizahl ist notwendig eine unerhörte Verdummung der Massen, und diese kann nur die Vorläuferin des entsetzlichsten allgemeinen Verderbnisses sein.« Mag immerhin mein Gewährsmann von Schwarzseherei nicht ganz freigesprochen werden, soviel ist gewiß, daß die Lage der europäischen Gesellschaft dermalen nichts weniger als tröstlich sich darstellt. Von den großen, politischen, religiösen und sozialen Fragen, deren Lösung das vorige Jahrhundert dem unserigen übermachte, ist nicht eine einzige wirklich gelöst worden. Der alte Hegel hat am Ende doch recht mit seinem grämlichen Worte, daß die Menschen aus der Geschichte nie etwas gelernt haben. Sonst wäre neuen Wein in alte Schläuche zu füllen, das heißt den geistigen Inhalt einer neuen Zeit in verrottete Formen der Vergangenheit zu zwingen und ihn dadurch versauern zu machen, nicht noch immer die unerquickliche Arbeit derer, welche dermalen die Weltgeschichte fabrizieren, das heißt zu fabrizieren glauben. Aber die Weltgeschichte wird nicht fabriziert, nicht willkürlich gemacht Sie ist, wie die Natur, ein Organismus, eine Reihenfolge unbedingt notwendiger Entwickelungsformen, ein geistiger Prozeß, unendlich langsam vorschreitend, aber doch immer vorschreitend, sogar dann, wann er still zu stehen, ja rückwärts zu gehen scheint. Um zu dieser Überzeugung zu gelangen, muß man freilich den Blick von der Oberfläche der Erscheinungen ab und der unendlichen inneren Vielheit der Entfaltungen des Lebens zuwenden. In dem rastlosen Entdeckungseifer der Wissenschaft, in dem Aufschwünge der Landwirtschaft, in der riesenhaften Ausdehnung der gewerblichen und kommerziellen Verhältnisse, in der fast märchenhaften Vervollkommnung der Verkehrsmittel liegt eine zwingende Notwendigkeit des Vorschritts, welche aller Maßregelungen mittels Bullen oder Ukasen spottet. Der Geist ist am Ende doch der absoluteste Herrscher und die Manifeste seiner Offenbarungen, die er zum Beispiel durch Fulton und Watt erließ, werden auch dann noch glorreiche Geltung haben, wenn man von besagten Bullen und Ukasen nur noch mit jenem Achselzucken sprechen wird, womit man heutzutage von den Dekreten der Hexenrichter früherer Jahrhunderte spricht. Die an der Hand der Wissenschaft bewerkstelligten Vorschritte, welche die Mechanik in unseren Tagen gemacht hat, sind an sich ebenso bestaunenswert, als ihr Einfluß auf die künftige Gestaltung der menschlichen Gesellschaft unberechenbar ist. Die Maschinen kommen dem Menschen auf eine Weise und in einer Ausdehnung zu Hilfe, wie unsere Vorfahren es sich nicht träumen lassen konnten. Vielfach ersetzt die Maschine schon geradezu den Menschen, und hier, glaube ich, liegt die Schattenseite der Sache. Die ins Unendliche gehende Vervollkommnung der mechanischen Vorrichtungen setzt eine Menge menschlicher Arbeitskräfte außer Tätigkeit, das kann keinem Zweifel unterliegen. Insbesondere ist das Handwerk in offenbarer Gefahr, von diesen Riesenarmen des Geschwisterpaares Dampf und Mechanik erdrückt zu werden. Betrachte man beispielsweise nur die eine Tatsache, daß eine kleine, von einigen Knaben bediente Maschine, deren Herstellung wenige hundert Gulden kostet, in einem Tage vierhundert und mehr Schraubenmütter mit Gewinden versieht, wie deren ein geschickter und fleißiger Schlosser in der nämlichen Zeit höchstens fünfundzwanzig zu fertigen imstande ist, und man wird schon aus diesem einen Beispiel von Hunderten, von Tausenden die künftige Stellung vieler Handwerke folgern können. Mit der Progression der mechanischen Apparate muß auch das Übel der Übervölkerung progressiv wachsen, es kann nicht anders sein. Wohin also zuletzt mit allen den in Europa überschüssig, das heißt arbeitslos und demzufolge arm und elend werdenden Menschen? Ich bin über die Jahre der sozialistischen Phantasmagorien und Trugschlüsse hinaus und kann daher bescheiden gestehen, daß ich keinen anderen Ausweg anzugeben wüßte als den massenhafter Auswanderung. Der geneigte Leser wird sagen, dieser Vorschlag sei nicht sehr originell, und da hat er ganz recht. Mögen andere originellere bringen, wohl und gut; aber mögen es keine aus Hirngespinsten gewobenen, sondern wirklich ausführbare und zweckdienliche sein! Mir jedoch will inzwischen noch scheinen, die Natur habe nicht umsonst in Amerika, Asien und Australien, ja sogar da und dort – wenn auch hier in bescheidenerem Maße – in Europa selbst mit vorsorglicher Hand unermeßliche Länderstrecken bereitet, in welche die übervölkerten Länder unseres Erdteils die Überzahl ihrer Millionen ausströmen können. Viertes Kapitel Wer sucht, der findet, wenn auch nicht immer das, was er sucht. – Autor tut ein gutes Werk an einer »immens« mürben Seele, treibt dann etwas Naturschwärmerei und gerät bei dieser Gelegenheit in die Lage, für einen Spitzbuben gehalten zu werden. Am folgenden Tage frühmorgens in Weesen angelangt, brachte ich in Erfahrung, daß die Reisegesellschaft, welcher ich nachging, vorgestern zur Mittagszeit von da rechts hinüber ins Glarnerland sich gewendet habe. Im Flecken Glarus wußte mir der Adlerwirt zu sagen, daß eine Gesellschaft von drei Personen, deren Beschreibung auf die von mir gesuchten vollständig paßte, vorgestern spät abends vom Klöntal her in seinem Hause eingetroffen sei und daselbst übernachtet habe. Sie hatten demnach wohl von Nettstall aus einen Abstecher an den Klönsee gemacht, der, einer der reizendsten Hochalpenseen, die Felsenwände des Glärnisch bespült. Aber Fräulein Julie schien vorläufig noch nicht sehr wildnis- und gletscherlustig zu sein, denn sie hatte – erzählte der Adlerwirt – den Vorschlag, nach Stachelberg zu gehen und von dort aus die Pantenbrücke und die den Tödigletschern gegenüberliegende Sandalp zu besuchen, abgelehnt, und so waren die drei gestern früh nach Mühlehorn am Wallensee hinuntergefahren. Der nämliche Schiffer, welcher die Gesuchten von dem zuletzt genannten Orte nach Wallenstadt hinübergerudert hatte, brachte auch mich dahin und sagte mir, er habe dort noch mit angesehen, wie die drei Extrapost nach Ragaz genommen hatten. Ich tat sofort ebenso und gelangte in später Nacht in den »Hof Ragaz«, welcher noch vor kurzem der Sommersitz Sr. fürstlichen Gnaden des Abtes vom (jetzt in ein Irrenhaus verwandelten) Kloster Pirminsberg war. Weil mit Ausnahme eines verschlafenen Kellners im Hof Ragaz alles schon lange zur Ruhe gegangen, mußte ich meine Erkundigungen bis zum anderen Morgen verschieben. Da erfuhr ich dann, daß die drei richtig dagewesen und von Ragaz nach dem Bade Pfäffers gegangen seien. Das war natürlich, denn wer wird jene Gegend besuchen, ohne die prächtige Taminaschlucht sehen zu wollen? Aber trotzdem, daß ich meine Verfolgung möglichst beschleunigt hatte, waren mir die Gesuchten noch immer um zwei Tage voraus. In dem mit Leidenden angefüllten Bade Pfäffers wurde die Fährte, wie ein Jäger sagen würde, schon kälter. Der von mir examinierte Hausmeister wollte sich erinnern, »die schöne junge Dame mit den merkwürdig schwarzen Augen« habe darauf bestanden, das wilde Kalfäusertal und den Sardonagletscher zu besuchen. Der eine der zwei sie begleitenden Herren, der mit dem »kaibisch langen« Schnurrbart, habe das gebilligt, während der andere, »der alleweil an seinem dünnen Schnurrbärtchen herummachte«, dagegen opponierte und meinte, das sei unpraktischer Nonsens und es wäre schon genug, wenn er sich dazu hergäbe, statt nach Ragaz zurück und von da bequem nach Chur zu fahren, über den Kunkelpaß nach Graubünden hinüberzuklettern. Wie sich der Streit geschlichtet, wußte der Mann nicht zu sagen und er konnte nur noch das eine mit Bestimmtheit angeben, daß die fragliche Reisegesellschaft von Pfäffers nach Valens hinaufgestiegen sei. Da stieg ich denn auch hinauf, und als sich droben das wildschöne, zwischen dem Kalanda, dem Monteluna und den grauen Hörnern gelagerte Hochtal vor meinen Blicken öffnete, erinnerte ich mich, daß mir Freund Bürger einmal eine Wanderung in diese Bergeinsamkeit empfohlen habe. In Valens wußte man nichts von den Gesuchten. Vielleicht, dachte ich, bin ich drüben in Vättis glücklicher, und in der Tat fand ich auf dem Wege nach diesem am Fuße des Monteluna gelegenen Bergdörfchen etwas, wenn auch zunächst nicht das, was ich suchte. Indem ich raschen Schrittes den über Alpenmatten und durch Buschwerk sich schlängelnden Fußpfad hinging, sah ich eine weibliche Gestalt in städtischer Kleidung mir entgegenkommen. Sie ging mit gesenktem Kopfe, der aufgespannte Sonnenschirm verdeckte ihre Züge, und in der linken Hand trug sie eine kleine Reisetasche. Schon beim ersten Anblick der einsamen Wanderin stieg eine Vermutung in mir auf, welche Figur, Haltung und Gang der Dame bei ihrem Näherkommen alsbald bestätigten. Ich stand überrascht still, und den gesenkten Blicken, sowie dem besagten Sonnenschirm der Dame war es zuzuschreiben, daß sie, herangekommen, fast an mich anprallte. Sie stieß einen leisen Schrei aus, wich erschrocken auf die Seite, ließ den Sonnenschirm sinken, und aus dem »lieben, dicken«, jetzt aber blassen und sehr verweinten Gesicht sahen mich die »immens gefühlvollen« Augen von Frau Ziegenmilch voll schmerzlicher Überraschung an. »Mein Gott, Sie, Herr Hellmuth?« rief sie aus und errötete bis unter die Locken. Ich faßte freundschaftlich ihren Arm, denn ich fürchtete, sie würde Anstalten machen, in Ohnmacht zu fallen. »Sie brauchen gar nicht zu erschrecken, meine liebe Frau Ziegenmilch,« sagte ich. »Sehen Sie, ich bin ganz glücklich, Sie so unvermutet hier zu treffen, und ich kenne einen, der noch viel glücklicher sein wird, Sie von Ihrer Badereise heimkehren zu sehen.« »Von meiner Badereise? Ach, Sie wissen nicht –« Ein Strom von Tränen erstickte die Stimme der armen dicken Entführten. »Doch, doch,« sagte ich, »ich weiß genug. Unter anderem, daß Herr Ziegenmilch jedermann mitteilte, Sie seien nur auf einer kleinen Badereise abwesend, und daß er gegen mich speziell äußerte, das Essen schmecke ihm gar nicht mehr, seit er das liebe Gesicht seines Frauli nicht mehr bei Tische gegenüber habe, und daß er schon deshalb dringend wünschte, die Badekur möchte recht bald zu Ende sein.« »Wäre es möglich? ... Der arme, gute Oskar! ... Sehen Sie, Herr Hellmuth, Sie erscheinen mir wie ein Engel vom Himmel und ... Sie waren immer gut gegen mich, immens gut ... und ... und ich Törin habe Ihre immens wohlgemeinte Warnung nicht beachtet ... Ach, du lieber Himmel, was es doch für schlechte Menschen in der Welt gibt! Es ist immens! ... Und Sie meinen also, mein armer guter Oskar werde mir verzeihen? ... Aber sehen Sie, bester Herr Hellmuth und wertester Freund, ich darf sagen, ich muß sagen ... ja, ich habe mir nur Leichtgläubigkeit und Unbesonnenheit vorzuwerfen.« »Natürlich! Ich glaube es, glaube es von ganzem Herzen,« beteuerte ich. In der Tat, das arme, kurze, runde, geschorene Schäflein dauerte mich. Die Gute sah in ihrer Scham, ihrer Reue, ihrem Beben und Weinen recht erbarmungswürdig aus. Daß ich soeben von ihr als von einem geschorenen Schäflein sprach, hatte übrigens seinen guten Grund. »Darf ich fragen,« sagte ich, »welchem Umstande ich das Glück verdanke, Ihnen in dieser Halbwildnis zu begegnen?« »O,« versetzte sie, »ich schäme mich so immens ... Sehen Sie, ich glaubte, alle Leute müßten mir's ansehen, was für eine leichtfertige und törichte Frau ich sei. Ich hatte einmal von diesem einsamen Tale reden hören und bin da heraufgestiegen, um meine Scham und meinen Kummer in der Einsamkeit zu verbergen. Ich wollte schon gestern und vorgestern und ehevorgestern an Oskar schreiben, wagte es aber aus immenser Furcht nicht. Ich wünschte zu sterben, aber der Tod kam nicht und heute mußte ich aus der Herberge in Vättis fort, weil –« Sie stockte und ward womöglich noch röter als zuvor. Es war auch wirklich für eine Frau, welche sich, wie man in der Schweiz zu sagen pflegt, in »hablichsten« Umständen befand, keine Kleinigkeit, zu gestehen, daß ihr das Geld völlig ausgegangen sei. Um ihr Zartgefühl zu schonen und sie um so leichter zu bewegen, zu Oskar Ziegenmilch und Komp. heimzukehren, dichtete ich ein wenig und sagte, der mehrerwähnte Oskar habe mir ausdrücklich aufgetragen, seine teure Lelia mit allem Nötigen zu versehen, falls ich so glücklich wäre, sie zu treffen. Entweder nahm sie in ihrer Aufregung diese Poesie für Wirklichkeit, oder sie hatte Takt genug, wenigstens so zu tun. Aber eine Frau, die jahrelang Käse ausgewogen hat, ist in Geldsachen skrupulös, und so sagte sie denn mit sehr gesenkten Augen und einem »immensen« Seufzer: »Hat Ihnen mein lieber, guter Oskar – ach, jetzt weiß ich Unglückliche erst, welch ein liebes, gutes Manni er ist – hat er Ihnen nichts von meinem Schmuckkästchen und – und von dem Taschenbuch mit – mit Geld gesagt?« »Doch, meine liebe Frau. Aber Herr Ziegenmilch ist ein ebenso nobler als praktischer Mann. Wissen Sie, was er in betreff der erwähnten Gegenstände zu mir sagte?« »Was? Um Gottes willen! Sie spannen mich auf die Folter.« »›Wenn nur, sagte er, mein Liseli – entschuldigen Sie, er gebrauchte diesen Ausdruck –‹« »Der liebe, liebe Mann! Ja, ich will wieder sein Liseli sein. O, Herr Hellmuth, ich habe in diesen kummervollen Tagen einsehen gelernt, was ich mir seit langer Zeit schon für immens törichte Grillen in den Kopf gesetzt. Wenn dieser Kelch an mir vorübergeht, will ich wieder sein, wie ich vormals in der Spiegelgasse war. Ach, damals ist eine glückliche Zeit gewesen ... Aber was sagte mein lieber, guter Ziegenmilch?« »Er sagte: ›Wenn nur mein Liseli wieder heimkäme! Der Schmuck und das Taschenbuch, welche Dinge sie aus Versehen mitgenommen, sie mögen meinetwegen zum Henker – rumpeln.‹« Das mir unwillkürlich entwischte Wortspiel setzte die gefühlvolle Seele der kleinen Runden in Zornflammen. »Der Elende!« rief sie aus, wieder weinend, aber jetzt vor Entrüstung. »Der gemeine Mensch, den ich wie einen Propheten und Heiligen verehrt hatte! ... Er hatte mich von Konstanz über den Bodensee nach Lindau, von dort zurück nach Rorschach und von da das Rheintal herauf nach Chur geführt, wo er, wie er vorgab, mich in einen Kreis von Erleuchteten einführen wollte. Statt dessen entlarvten an dem genannten Orte seine – ach, wie soll ich mich ausdrücken, ohne vor Scham in die Erde zu sinken? – seine immens unzarten Zumutungen mir die ganze Schwärze seiner Seele. Ich machte aus meiner Empörung kein Hehl und – und am Morgen darauf war der Schändliche, der Heuchler, der – der – verschwunden und –« »Und hatte Schmuckkästchen und Taschenbuch mitgenommen, nicht wahr?« »Ja.« »Nun, meine liebe Frau Ziegenmilch, Sie müssen sich das nicht weiter anfechten lassen. Ihre Geschichte ist nur eine Illustration mehr zu dem vor fünfhundert Jahren in den Rosenlauben von Schiras von dem alten Hafis, der freilich ein Erzketzer war, gedichteten Text: Traue keinem Heiligen! Süße Worte spricht er; Aber in der Kutte steckt Immer ein Halunke.« Lelias gefühlvolle Seele war durch ihre Erlebnisse in Chur und dann durch die dreitägige Einsamkeit in Vättis so mürbe gemacht worden, daß sie sich widerstandslos meinem Anerbieten fügte, sie über Valens nach Ragaz hinab zu geleiten, von wo sie mit der Nachtpost nach Hause zurückkehren sollte. Auf dem Wege durch den Bergwald abwärts erfuhr ich zum Dank von meiner Schützlingin, daß Fräulein Kippling mit ihren zwei Reisegesellschaftern allerdings durch Vättis gekommen sei und dort einen Führer über den Kunkelpaß genommen habe. Etlichen von den Wirtsleuten in Vättis aufgeschnappten Äußerungen der drei Reisenden zufolge – Frau Ziegenmilch selbst hatte es nämlich nicht für gut befunden, der »hochmütigen, spottsüchtigen« jungen Dame unter die Augen zu kommen – hatten dieselben die Absicht gehabt, nach Chur und von da in die Engadiner Berge zu gehen. Nachdem ich demnach mein gutes Werk nach Möglichkeit vollendet, das heißt die kleine, runde, zerknirschte Exentführte sicher in dem Postwagen untergebracht hatte, fuhr ich selber in entgegengesetzter Richtung mit der Abendpost nach der Hauptstadt Graubündens hinauf. Dort, im Hotel zum Steinbock traf ich wieder sichere Spuren von den von mir Gesuchten. Diese Spuren wiesen richtig ins Engadin, wohin ich mich am folgenden Tage ohne Zögern auf den Weg machte. Aber jenseits des Julierpasses ging die Fährte aus oder tauchte wenigstens nur strichweise wieder auf. So in Samaden, Sankt Moritz, Pontresina. Eine vage Vermutung deutete ins Bergell hinüber. So vertiefte ich mich denn ganz aufs Geratewohl in die erhabenen Wildnisse der Berninakette. Es ist dafür gesorgt, daß die Größe und Schönheit der schweizerischen Alpenlandschaften nicht von Touristenfüßen platt getreten werden kann. Szenen, wie das obere Reußtal oder das Haslital oder Rosenlaui, Grindelwald, die Wengernalp, das Öschinen- und Gastertal, das Faulhorn, der Wildstrubel, aus dessen Gletschern die »sieben Brunnen« der Simme hervorspringen, der Blick vom Rohrbachstein am Rawyl auf die Walliser Bergkolosse, die Gemmi und der Gornergrat, das Äggischhorn und die Bellalp sie bieten, werden neu und groß bleiben, solange ein Menschenauge sie betrachtet. Aber um den Vierwaldstätter See her und über dem Berner Oberland lagert doch schon eine widerwärtige Touristenatmosphäre, in welcher eine noch widerwärtigere Touristenindustrie gar üppig gedeiht. Es stoßen einem da auf Schritt und Tritt doch gar zuviele rotgebundene Murrays und Bädekers und Krinolinenballons von allen Farben auf. Die Kultur leckt schrecklich zudringlich an jenen Gegenden herum. Dahinten dagegen, in den Bündner Alpen, da gibt es noch weite Strecken, wo die Alpennatur in jungfräulicher Majestät und Einsamkeit thront. Wenigstens fand ich sie noch so, als ich sie daselbst suchen ging. Denn, seltsam, als ich erst ein paar Tage durch diese herrlichen Wildnisse gestreift, hatte ich den eigentlichen Zweck meines Hierseins so ziemlich vergessen. Nicht zum erstenmal, aber jetzt stärker als früher erfuhr ich den seelenlösenden Zauber der Alpenwelt. Was kümmern einen in diesen reinen Lüften die kleinen Interessen und dumpfen Sorgen der Welt da drunten? Ein Odem primitiver Poesie geht von diesen Felskolossen, diesen in der Morgensonne glühenden Firnen, diesen stürzenden Gletscherbächen aus, hebt die Brust, weitet die Seele und erfüllt sie mit reinen Gedanken und süßen Träumen. Was du je Schönstes und Bestes gesehen, gelesen, erlebt, wird wieder in dir wach, oder auch gehst du in seliger Selbstvergessenheit immer weiter hinein in die heilige Einsamkeit. Aber ich hatte doch unrecht zu sagen, die Kultur habe noch nicht in die prachtvolle Öde hineingegriffen, welche ich durchwanderte. Denn ich sollte komisch genug erfahren, daß selbst die entlegensten Alpentäler vor der Zivilisation, wenigstens in der Erscheinungsform der Polizei, nicht mehr sicher seien. Ich hatte am dritten Abend meiner Streiferei in einer einsamen Sennhütte eingesprochen und mich, nachdem ich meinen Hunger mit jener Alpenspeise gestillt, welche den mysteriösen Namen Käsappen führt, reisemüde auf die duftenden Schwaden des Heugadens gestreckt. Die Augen fielen mir bald zu, aber nach einiger Zeit erweckte mich Stimmengeräusch in dem anstoßenden Raum der Hütte, welcher nur durch eine schadhafte Bretterwand von meiner Schlafstätte getrennt war. Ich unterschied die Stimme meines Wirtes, des Sennen, und noch zwei andere, mir gänzlich unbekannte Männerstimmen. »Potz Herrgöttlihagel!« sagte die eine. »Das war' nun schön, Vale, Valentin. wenn er's doch nicht wäre. Sind dem Kerl den ganzen Tag nachgestrichen, über Stock und Stein, über Steige, die eigentlich ein Christenmensch gar nicht gehen sollte. Und jetzt sollt's der Unrechte sein. Kaibisch dumm das!« »Ja, weißt du, Sale,« Salomo. erwiderte die andere unbekannte Stimme, »ich hatte gleich so meine Zweifel, als wir den Kerl da unten beim Feisisbach näher zu Gesicht kriegten. Sagte dir ja, seine Postur passe nicht zum Signalement.« »Ach was, Vale, du willst immer ein Doktor G'scheitle sein. Man kann eben einem Vaganten das Signalement nicht recht anmessen, wenn man ihn nur so flüchtig und gar nur von hinten zu sehen kriegt. Aber, sag' ich, was hat ein Mensch in dieser verflucht einsamlichen Weltgegend, wo's nicht einmal Schnaps, geschweige Wein gibt, herumzustrolchen, wenn er kein schlechtes Gewissen hat?« »Da ist was d'ran, Sale.« »'s ist eben so ein verrückter Dütschländer,« mischte sich der Senn ins Gespräch. »Steigt seit einigen Jahren dann und wann so ein Fremder da herum und lugt sich an unseren Bergen schier die Augen aus. Kuriose Leute, diese Dütschländer, schätz' ich.« »Ja, lauter Halbnarren, bim Eid!« meinte der Sale. »Wenn's wirklich ein Dütschländer ist, wie Ihr an seiner Sprache gemerkt haben wollt, Senn, so hab' ich mir, bim Strahl, in diesen kaibischen Bergen umsonst Blasen an die Füße gelaufen. Und Ihr sagt, der Kerl habe einen großen schwarzen Bart?« »Den hat er.« »Könnte aber auch ein falscher Bart sein. O, man kennt, bim Eid, die Finten der fürnehmen Spitzbuben.« »Aber Sale, er habe ja auch dunkelbraune Augen. Die können doch nicht falsch sein.« »Das ist wahr, Vale,« gab der Sale widerwillig zu. »Aber weißt du was? Wollen uns den Kerl morgen früh doch ordentlich anlugen. Ist er's nicht, so haben wir, bim Strahl, die rechte Fährte verloren. Und doch wiesen alle Anzeichen auf diese kaibische Gegend. Aber jetzt wollen wir schlafen, denn ich bin hundshagelsmüd'.« Das Gespräch verstummte, und ich hörte nur noch, wie sich die Männer auf den um die Feuerstelle herlaufenden Bänken zum Schlafen zurechtrückten. Für mich hatte der Gedanke, für einen Spitzbuben gehalten worden zu sein und zwei Diener der öffentlichen Sicherheit einen ganzen Tag hinter mir hergezogen zu haben, etwas so Ergötzliches, daß ich darüber bald wieder einschlief. Als ich mir in der Morgenfrühe den Heudunst aus den Augen gerieben und die Halme von den Kleidern geschüttelt hatte, ging ich hinaus, um mich an dem plumpen Rohrbrunnen vor der Hütte zu waschen. Eigentlich hätte ich ein Bad gewünscht, denn es ist in diesen bündnerischen Sennhütten ein Schmutz, und zwar nicht ein toter, sondern auch ein lebendiger, von welchem sich kein Idyllendichter von Theokrit bis auf Hebel herab träumen ließ. Solche kleine Unzukömmlichkeiten muß man bei wirklichen Alpenwanderungen mit in den Kauf nehmen. Der Vale und der Sale standen schon da, beide zwar im Zivilanzug, allein ihre ehrenwerten Physiognomien trugen so deutlich den Polizeistempel, daß ich mir von Herzen gratulierte, kein Spitzbube zu sein. Ich bemerkte wohl, daß sie mich mit vigilierenden Blicken ansahen, und daß der Sale heimlich ein Blatt Papier hervorzog, ohne Zweifel das Signalement des Verbrechers, auf den sie fahndeten, um die Angaben desselben mit meiner Erscheinung zu vergleichen. Diese Vergleichung mußte aber nicht das gewünschte Resultat haben, denn der Sale sagte leise zum Vale: »'s ist nüt, bim Eid!« und hierauf frühstückten wir in aller Freundschaft mitsammen, das heißt wir aßen Käse und tranken, in Ermangelung des Brotes, Milch dazu. Dann verließen die beiden Herren von der Polizei die Hütte und gingen das schmale Hochtälchen abwärts, während ich aufwärts weiter wanderte. Der Senn hatte mir nämlich von einer mächtigen Kaskade gesagt, die wenige Wegstunden von der Hütte entfernt aus einem der Gletscherfelder des Bernina hervorstürze. Diese wollt' ich noch sehen, dann zu der Hütte zurückkehren und von da meinen Weg talabwärts suchen. Aber es kam anders. Ich kehrte nicht wieder an den Ort zurück, denn inmitten der Bergwildnis, wo ich an jenem Tage nur einen Wassersturz suchte, sollte ich plötzlich in abenteuerliche Szenen und erschütternde Katastrophen versetzt werden. Fünftes Kapitel Autor verirrt sich, gerät in ein verwunschenes Schloß, speist unter Blitz und Donner und erlebt ein lieblichstes Wunder. Die Gletscherkaskade hatte ich nicht gefunden, denn in diesen verworren durcheinander geschobenen Höhenzügen und Talrinnen findet sich kein Fremder ohne Führer zurecht. Ich wollte aber keinen Führer, weil es mir gar so schön vorkam, bei dem klaren Wetter ganz allein in diesen Einsamkeiten umherzuschweifen. In der Sennhütte, wo ich Mittagsrast hielt, erfuhr ich, daß ich bis zum nächsten Ort noch mehrere Stunden weit zu gehen habe. Der Geißbub, welcher mich mit Milch und steinhartem Schabzieger bewirtete, deutete an, ich würde wohltun, ihn als Wegweiser mitzunehmen, und nach einigen Stunden mußte ich mir gestehen, daß ich klug getan hätte, dieses Anerbieten anzunehmen. In dem Maße nämlich, in welchem die Schatten der Berge gigantischer und meine Beine müder wurden, drang sich mir auch die Überzeugung auf, daß ich ganz von der Richtung, die ich hatte verfolgen sollen und wollen, abgekommen sei und mich alles Ernstes verirrt habe. Anfangs nahm ich das leicht, wie alles hier oben. Als aber die Sonne zur Rüste ging und noch dazu über ihre sinkende Scheibe eine graudunkle Gewitterwolkenwand sich herzog, gewann die Sache allmählich ein mißlicheres Aussehen. Die Öde, in der ich mich befand, so erhaben sie war, konnte in einer Gewitternacht doch nur ein höchst unangenehmer Aufenthaltsort sein. Von einem sicheren Zufluchtsort aus einem Gewitter in den Hochalpen zusehen, ja freilich, das ist ganz prächtig; aber schutz- und schirmlos der Wut desselben ausgesetzt zu sein, das ist 'ne andere Tonart. Ich hatte schon in früherer Zeit, während meiner studentischen Schweizerreise, die Probe gemacht, und es gelüstete mich nach keiner zweiten. Außerdem hatte ich Hunger, ganz gemeinen, erzprosaischen Hunger, und so sah ich mich, von meiner letzttägigen Naturschwärmerei für den Augenblick sehr ernüchtert, mit nicht geringer Sehnsucht nach der Möglichkeit eines Nachtquartiers um. Da merkt' ich nun erst recht die Einsamkeit um mich her. Weit und breit, wie es schien, keine Spur von Menschendasein, keine Sennhütte, keine Herdeglocke, nichts als Schweigen des Urgebirges, eine Stille, in welcher einem in solcher Lage das Rauschen der Bergwasser wie ein Hohnlachen über die Bedürftigkeit und Hilflosigkeit der Menschen klingen kann. Ich stand bei einer Gruppe verwitterter Arven still, mich zu orientieren. Aber in dem engen Felsenkessel, in welchen ich hineingeraten, war das eine Unmöglichkeit. Eine jähansteigende mit erratischen Steinblöcken besäete Geröllwand lag hart vor mir, wahrscheinlich die Moräne eines urweltlichen Gletschers. Den Kopf in den Nacken zurückbeugend sah ich über den Rand der Moräne schneebekrönte Kuppen herüberlugen. Ich kletterte die Wand hinan, und vor dem droben Angelangten sprang ein prachtvolles Bild auf. Der Bernina lag in fast blendender Beleuchtung in seiner ganzen Majestät und Herrlichkeit vor mir. Die Sonne schoß zwischen den geballten Gewitterwolken hervor ihre Strahlen auf die unzähligen Hörner und Zacken des mächtigen Gebirgsstocks, dessen Firnschnee wie geschmolzenes Silber blitzte, dessen Gletschergehänge blaugrünlich schimmerten. In diese ungeheure Felsen-, Schnee- und Eismasse war ein grünes Tal tief eingeschnitten, auf dessen Sohle ein Bergstrom über Steintrümmer rauschend dahinschoß. Dieses schmale Hochtal teilte sich gabelartig. Der rechte Zinken lief langgestreckt in malerischen Windungen zwischen bizarren Felsengestaltungen hin, und im Hintergrunde lugte eine Kirchturmspitze hervor, Zeuge der Besiedelung des Tales. Der linke Zinken der grünen Gabel war viel kürzer und bohrte sich schroff aufwärts, bis eine schwindelnd hohe, jetzt in der Sonne rotglühende Balsaltwand seinem Vordringen ein Ziel setzte. Zu beiden Seiten dieser Wand kam ein Eisstrom talwärts, und diese Gletscherbänder spannten sich bis nahe zu dem breiten Bach auf der Talsohle herab. Jenseits desselben, in dem etwa eine Achtelmeile breiten Zwischenraum zwischen den beiden Gletscheradern, stieg ein sanft gewölbter Hügel auf, und von der Spitze desselben blickte ein schloßartiges Gebäude mit altertümlichen Türmen und Zinnen herab. Die Alpentäler Graubündens find viel reicher an Burgruinen als die übrigen Landschaften der Schweiz. Dort, auf der Grenzscheide zwischen der germanischen und der romanischen Rasse, hat sich mittelalterliches Dynastenwesen, wenn nicht rechtlich, so doch faktisch weit länger gehalten als anderswo in der Schweiz, und es ist noch heute gar nicht selten, daselbst alte Geschlechter in alten, mit mehr oder weniger Sorgfalt unterhaltenen Felsennestern Hausen zu finden. Auch die Burg da drüben schien keine Ruine zu sein. Wenigstens deuteten die in der Sonne glitzernden Fenster auf eine wohnliche Stätte. Das war mir lieb, denn das Gewitter schob sich immer drohender am westlichen Himmel herauf, bald verschwand die Sonne hinter den Wolkenmassen, und eine unheimlich fahle Beleuchtung begann sich über die ganze Szene zu legen. Ich eilte talwärts und stieß dort auf einen Saumpfad, der mich zu einem über den Waldbach gelegten Steg führte. Diesseits des Steges teilte sich der Weg. Seine am linken Ufer des Wassers talaufwärts laufende Linie führte vermutlich in das Dorf oder Dörfchen, dessen Kirchturmspitze ich von der Moräne herab erblickt hatte. Aber bis dahin mußte es noch eine Wegstunde weit sein, und schon begann es zu dunkeln, und das Gewitter rückte mit dumpfem Gedonner naher. Rasch entschlossen, ging ich über den Steg und eilte den schmalen Pfad hinan, welcher sich in halben Spiralen den Hügel hinaufwand. Bewohnt oder unbewohnt, das Schloß da droben konnte mir doch Dach und Fach gewähren. Vielleicht kitzelte mich auch ein Nachgefühl jugendlicher Romantik, daß ich in dem alten Ding eine Zuflucht zu suchen ging. Ich hatte aber länger zu steigen, als ich vermutete, und schon leuchteten Blitze und fielen schwere Tropfen, als ich den Scheitel der Anhöhe erreichte, welche anderwärts unbedenklich ein Berg genannt werden könnte. Jetzt stand das Schloß hart vor mir, und ich schritt rasch auf eine Art krenelierter Mauer zu, hinter welcher der Torbogen dunkelte, zog aber mit Schrecken meinen Fuß zurück, denn ich stand hart an dem Rand einer mächtigen Tiefe. Zwischen mir und der Burg klaffte ein Abgrund, und in dem zuckenden Licht der Blitze sah ich jetzt erst, daß das Schloß nicht auf dem Hügel selbst, sondern vielmehr auf einer hinter demselben aus schwindelnder Tiefe aufsteigenden Felsenklippe lag. Mich mit beiden Händen an der Mauer festhaltend, beugte ich mich vorsichtig vor, und es war weniger romantisch als unheimlich, wenn ich auf Augenblicke im Lichte der Blitze das grüne Gletschereis aus der schwarzen Kluft heraufblinken sah. Auch einen anderen nicht sehr tröstlichen Gegenstand verriet mir das zuckende Licht, nämlich drüben am Burgtor eine aufgezogene Zugbrücke. Aber das verwunschene Schloß mußte doch bewohnt sein, denn mehrere Fenster waren beleuchtet. Ich schrie mit voller Kraft der Lunge nach Einlaß, aber der inzwischen mit ganzer Macht losgebrochene Gewittersturm ließ meine Stimme nicht aufkommen. Da, beim Herumtasten an der Mauer, kam mir etwas wie ein Glockengriff in die Hand. Ich riß daran und horch, drüben gellte richtig eine Glocke. Ich machte sie abermals und abermals gellen, denn zu Höflichkeit und Bescheidenheit war da keine Zeit. Meine Zudringlichkeit hatte auch den besten Erfolg, denn drüben unter dem Torbogen erschien Licht, und nach einigen Minuten legte sich die Zugbrücke knarrend und rasselnd über den Abgrund. Ich schritt ohne Verzug über die Bohlen und fand mich drüben vor einem verschlossenen Tor mit einem schmalen, ebenfalls verschlossenen Einlaßpförtchen in der Mitte. Aus einer Mauerluke daneben streckte eine alte runzelige Hand eine Laterne, und hinter derselben ward ein sehr altes Gesicht sichtbar. »Wer seid Ihr?« fragte der Alte. »Ein verirrter Reisender, der um ein Obdach für die Nacht bittet.« »Wartet!« Gesicht, Hand und Laterne verschwanden, die Zugbrücke ging hinter mir in die Höhe, und ich befand mich sozusagen zwischen Tür und Angel, das heißt zwischen dem versperrten Tor und der wieder aufgezogenen Zugbrücke. Das währte eine geraume Weile und war unbehaglich genug. Endlich vernahm ich schlürfende Tritte, das Einlaßpförtchen tat sich auf, und im Licht der Laterne, welche er trug, stand der Alte vor mir, eine untersetzte Gestalt in altfränkisch geschnittener, verschossener Livree von dunkler Farbe. Er sagte nur: »Kommt!«, und da ich ihm folgte, führte er mich durch einen gewölbten Torweg und über einen kleinen Hofraum auf einen runden Turm zu, welcher die linke Flanke des Herrenhauses der alten, aber, soviel ich bemerken konnte, in leidlich gutem Zustande erhaltenen Burg flankierte. Als er mir innerhalb des Turmes eine breite steinerne Wendeltreppe hinaufgeleuchtet hatte, trat mir auf dem Vorplatz des ersten Stockwerkes eine höchst abenteuerliche Figur entgegen, ein kleines dürres Männchen mit mumienhaft vertrockneten Gesichtszügen, die nur noch durch ein Paar kleine, kluge Augen belebt waren. Dieses Männchen trug Schnallenschuhe, weiße Strümpfe, gute Beinkleider von pfirsichblütfarbenem Plüsch, eine schwefelgelbe Pattenweste, die mit ihren Schößen bis zur Hälfte der Schenkel hinabreichte, darüber einen zeisiggrünen Rock oder Frack, ferner eine weiße Halsbinde mit langen bordierten Zipfeln, im Nacken einen langen dünnen Zopf und im übrigen eine vollständig regelrechte Frisur à quatre épingles – alles nach der neuesten Mode von 1780 oder 1790, selbst die Form des Handleuchters mit zwei brennenden Wachslichtern nicht ausgenommen, bei deren Schein das alte Geschöpf mit sauersüßer Miene meine Gesichtszüge prüfte. Als ich dieses Petrefakt einer Zeit, die uns noch so nahe und doch schon wie antediluvianisch weit hinter uns liegt, verwundert anguckte und bei mir dachte, ich sei da richtig in ein verwunschenes Schloß geraten, sagte es – nämlich das Petrefakt, nicht das Schloß – mit einem wie in der Stimmritze eingerosteten Organ: »Monsieur wünscht ein Nachtquartier?« »Ja, mein Herr. Ich habe mich in den Bergen verirrt und bin von dem Gewitter überrascht worden. Wenn ich die Ehre habe, den Besitzer dieser alten Burg vor mir zu sehen –« »Pardon,« unterbrach mich der im Zeisigrock mit einem halben Lächeln und einer ganzen Verbeugung voll Anstand und Höflichkeit, »Pardon, Monsieur irrt sich. Ich habe die Ehre der Hausmeister dieses Schlosses zu sein. Aber Monsieur ist gewiß müde?« »Sehr.« »Und hungrig und durstig?« »Noch mehr.« »Will Monsieur – aber darf ich vielleicht um den Namen von Monsieur bitten?« »Freilich. Ich heiße Hellmuth, Michel Hellmuth.« Der Alte, welcher mir den Rücken gewandt hatte, um mir weiter die Treppe hinan zu leuchten, kehrte sich rasch um und sah mich eine Sekunde lang forschend an. Dann, die Stufen weiter hinaufsteigend, sagte er: »Hellmuth, Michel Hellmuth – soso! Woher? wenn Monsieur einem alten Manne die Frage nicht übel nimmt.« »Behüte! Ich bin aus Rothenfluh in Deutschland.« »Soso!« machte der Alte wieder und hüstelte etwas Weniges dazu. Wir waren inzwischen ins zweite Stockwerk gelangt, und mein Führer bog in einen langen und dunkeln Korridor ein, an dessen Wölbung meine Schritte auf dem Fußboden widerhallten. So ging es noch über mehrere Gänge, zur Abwechselung auch treppauf und treppab, ohne daß uns in dem unheimlich öden Hause irgend jemand begegnet wäre. »Man scheint hier zeitig zur Ruhe zu gehen?« fragte ich den Alten. »Das ist in unseren Bergen überhaupt so. Die Herrschaften haben sich schon vor einer halben Stunde in ihre Zimmer zurückgezogen.« Die Herrschaften? Das klang ja ganz vornehm und bewies jedenfalls, daß das verwunschene Schloß in der Tat noch andere Bewohner habe als das Petrefakt von Hausmeister und den dito versteinerten Pförtner. Der Alte öffnete endlich mit einem Schlüsselbund, welches er mit sich führte, eine Türe, lud mich mit einer Verbeugung zum Eintritt ein und zündete zwei auf dem Tische in der Mitte des Gemaches stehende Kerzen an. Dann sagte er: »Werde sogleich das Abendbrot für Monsieur Hellmuth besorgen« und ließ mich allein. Ich befand mich in einem großen hohen Zimmer mit Alkoven, worin unter einer Art altfränkischen Thronhimmels ein breites Bett stand. Alles gemahnte hier an eine verschollene Zeit, die verblaßten Möbel à la Pompadour, die verblichene Vergoldung der Deckenstukkaturen und Tapetenleisten, die eingedunkelten Tableau an den Wänden, Landschaften und Schäferszenen à la Watteau und Boucher darstellend. Während ich diese Herrlichkeiten betrachtete, kam das Petrefakt zurück und mit ihm eine alte, wie ein Mütterlein aus dem vorigen Jahrhundert gekleidete Dienerin. In diesem verwunschenen Schlosse schien alles alt und altfränkisch zu sein. Ich hätte mir leicht einbilden können, ein Stück achtzehntes Jahrhundert sei von einer Woge der Sündflut, genannt Revolution, in diesen weltverlorenen Winkel der Erde geschwemmt worden, um auf der Felsenklippe in einem der zahlreichen Berninatäler sitzen zu bleiben und zu versteinern. Die Alte trug ein Speisebrett, dessen Fracht der Alte auf dem Tische ordnete, während sie im Alkoven sich mit dem Bette zu schaffen machte. Als beide mit ihrem Geschäft zu Ende waren, sagte der Pfirsichblütfarbene und Zeisiggrüne: »Hat Monsieur Hellmuth sonst noch etwas zu befehlen?« »Ich habe hier überhaupt nichts zu befehlen, aber auch weiter nichts zu wünschen und zu erbitten.« »So wünsche ich Monsieur wohl zu speisen und gut zu schlafen,« sagte der höfliche Majordomus mit einer so weitschichtig tiefen Verbeugung, daß ihm der lange Zopf bolzgerade im Nacken stand. Das Mütterchen akkompagnierte diese Verbeugung von weiland mit einem fabelhaften Knix. Als sie fort waren, tat ich, als ob ich zu Hause wäre, machte mich über die einfachen, aber schmackhaft zubereiteten Alpenspeisen und den vortrefflichen dunkelroten Veltlinerwein her, kümmerte mich verteufelt wenig um den Gewittersturm, welcher die klafterdicken Mauern des verwunschenen Schlosses umheulte, und ließ mir die rollenden, an den Bergwänden zehnfach widerhallenden Donner als Tafelmusik gefallen. Sie verhallten zuletzt, und zugleich mußte auch mein Appetit sich gestehen, daß ihm genug getan worden sei. Ich schlürfte noch ein Glas Veltliner und bemerkte dann, daß es in dem Zimmer schwül, dunstig und muffig sei. Es mochte lange nicht gelüftet worden sein. Ich stand daher auf, um eins der drei in einer Reihe hinlaufenden Fenster zu öffnen, bemerkte aber, daß dasselbe eigentlich eine Türe sei. Nach etwelchem Rütteln und Zerren an der eingerosteten Klinke gelang es mir, den einen Flügel aufzubringen, und die herbe Kühle, welche im Hochgebirge einem Gewitter folgt, schlug mir von draußen entgegen. Da sie mir nicht abschreckend, sondern wohltuend vorkam, trat ich hinaus und gelangte, ein paar steinerne Stufen hinabsteigend, auf eine Art Balkon, der mit einer Brustwehr von starkem Gebälke eingefaßt war. Das war zweckdienlich, denn der Balkon hing über der jähen Tiefe, welche rings um die Schloßklippe gähnte. Das Gewitter war, wie gesagt, vorüber, und in der von Wolken reingefegten Himmelskuppel brannten still die Sterne. Die Sichel des wachsenden Mondes stand hoch am Firmament und ließ nur ein blaßbläuliches Dämmerlicht auf die Kuppen der Schneekolosse ringsum niederrieseln. Wie heimliches Geplauder der Berggeister klangen und rauschten die stürzenden Bergwasser durch das heilige Schweigen der Nacht. Plötzlich meinte ich zu hören, daß mit diesen Naturlauten da draußen ein Klang wie Harfenton sich mischte, der aus dem Innern des Schlosses zu kommen schien. Ich ging auf dem Balkon, der an dieser ganzen Seite des Gebäudes hinlief, dem leisen Klange nach und sah mich bald vor einer tiefen Mauernische, in die ein Fenster eingelassen war. Dasselbe war aber von innen so dicht verhangen, daß der Schimmer des dahinter brennenden Lichtes kaum durch die dunkle Gardine drang. Da war also weiter nichts zu sehen, aber weil in einem verwunschenen Schlosse auch ein anständiger Mensch neugierig sein darf, so stieg ich sachte eine schmale, dem Fenster zur Seite in die dicke Mauer eingeschnittene Treppe hinauf und sah mich droben auf einer kleinen Plattform oder Zinne, um die ein steinernes Geländer herlief. Hier vernahm ich den Harfenton deutlicher als drunten und erkannte bald die Ursache. Aus einer runden Öffnung in der Mitte des Steinbodens der Zinne drang zugleich mit einem starken Lichtschimmer der süße Saitenklang. Ich beugte mich nieder und sah vor mir ein starkes Eisengitter, welches über der runden Öffnung lag. Hinter den Eisenstäben war eine Glasscheibe angebracht, welche aber die Unbill der Witterung springen gemacht hatte. So konnte ich durch einen Spalt der Scheibe in die kleine Rotunde hinuntersehen, auf deren Wölbung ich stand. Da erblickte ich ein lieblichstes Wunder! Ich mußte mich rasch aufrichten, um den Freudenschrei, der mir aus dem Herzen sprang, mit den Lippen gewaltsam zurückzupressen. Dann kniete ich nieder und legte Auge und Ohr, legte die Seele an das Eisengitter. Auf einem altmodischen Stuhl mit hoher Lehne, an dem Tisch, auf welchem die Lampe stand, die das Gemach erhellte, saß Isolde von Rothenfluh, mit der Hand träumerisch über die Saiten einer Harfe von altfränkischer Form fahrend, welche sie zwischen den Knien hielt. Es war kein Traum, nein, reizendste Wirklichkeit. Mit einem Schlage wurde mir alles klar: ich befand mich in dem Schlösse von Bertholds und Isoldes wunderlichem Großoheim. Die Lampe warf ihr volles Licht auf die teure Gestalt, auf dieses Antlitz, das so edel und schön war wie das der Raffaelschen Madonna della Sedia. Sie trug ein weißes Nachtgewand, das die jungfräuliche Schönheit ihrer Glieder streng verhüllte. Nur oben am Halse stand es offen, und ich bemerkte mit wehmütiger Freude die Perlenschnur, an welcher seit Jahren Isolde das kleine Silberkreuz trug, das sie von meiner Mutter zum Andenken erhalten hatte, als sie der Pflege unter dem Dache meines Vaterhauses entwachsen war. Dieser bescheidene Schmuck schimmerte im Lampenlicht auf den Brustfalten des Kleides und weckte tausend zärtliche Erinnerungen in mir. Isolde beugte das schöne Haupt auf das Instrument nieder und schlug schwermütige Mollakkorde an. Dann erklang leise ihre seelenvolle Altstimme. Ich habe die Worte ihres Liedes treu im Gedächtnisse bewahrt, obwohl mich Isolde den Dichter desselben erst lange nachher kennen und lieben lehrte. Sie sang: »Immer leiser wird mein Schlummer, Nur wie Schleier wird mein Kummer Zitternd über mir. Oft im Traume hör' ich dich Rufen drauß' vor meiner Tür', Niemand wacht und öffnet dir – Ich erwach' und weine bitterlich. Ja, ich werde sterben müssen, Eine andre wirst du küssen.« Hier erlosch die Stimme, und nur noch ein bebender Harfenton zitterte durch das Gemach. Ein wilder Schmerz faßte mich an. Ich hätte laut aufschreien mögen vor bitterer Reue. Isolde hatte sich erhoben und das Instrument weggelehnt. Sie stand eine Weile wie in trübem Sinnen. Die Arme hingen ihr schlaff an den Hüften nieder und ich glaubte Tränen an ihren Wimpern funkeln zu sehen. Dann kniete sie an dem Stuhle nieder und neigte die Stirne aus die gefalteten Hände. Die reine Seele hatte noch nicht verlernt zu beten. Dieses starke und doch so demütige Herz war zu lauter, um sich über die Hilfebedürftigkeit des Weibes eine Selbsttäuschung vorzumachen. Wenn ich mich jetzt jener Szene erinnere, glaube ich recht zu tun, wenn ich, den Fortgang derselben zu schildern, die zarten Verse entlehne, womit der arme Keats in seinem »St. Agnesabend« eine ähnliche beschrieben: Voll auf die Stelle schien der Lampe Licht Und warf auf Madelinens schöne Brust Ein warmes Rot, wie sie voll Andacht kniete; Wie Amethyst erglänzt' ihr Silberkreuz, In ros'gem Licht die Hände, fromm gefaltet, Und goldner Heiligenschein umfloß ihr Haar. Sie schien – es fehlten Flügel nur – ein Engel, Gekleidet in des Himmels lichte Tracht. Und jetzt lebt auf ihr Herz: gesprochen hat Sie ihr Gebet; von Band und Nadeln Befreit sie ihre Locken, löst allmählich Den warmgewordnen Schmuck von Arm und Hals, Schnürt auf ihr duftig Mieder; langsam rauscht Die weiße Kleidung nieder zu den Knien Und halb umhüllt noch, wie im Tang die Meermaid, Steht sie in waches Träumen still versenkt. Sie nahm die Lampe und stellte sie auf den Nachttisch neben dem Bette. Dann zog sie die Gardine auf und schlug die Decke zurück. Sie tat das alles mit einer keuschen Grazie, welche das jungfräuliche Schlafgemach zu einem Heiligtum umwandelte. Ich wandte den Kopf, als sie sich in ihre Pfühle senkte, um durch keinen vermessenen Blick an dieser edlen Züchtigkeit zu freveln. Dann, bevor sie die Lampe löschte, sah ich noch einmal hin und erblickte sie, sittsam eingehüllt, für einen flüchtigen Moment auf ihrem Lager wie »In Hafens Ruh', bewahrt vor Freud' und Schmerz, Verschlossen wie ein Meßbuch unter Heiden, Geschirmt vor Sonnenstrahl und Regenguß, Als schlöss' die Rose sich und würde Knospe wieder.« Sechstes Kapitel Autor läßt sich's abermals beigehen, den Lauscher zu spielen. – Edelmann und Geldmann. – Wer den irrenden Ritter in der alten Halle bewillkommnete. – Von Augen, die sich küssen. – Ein praktischer Mensch und ein Sonderling. Es war spät geworden, bevor ich, in mein Zimmer zurückgekehrt, den Schlaf finden konnte. Aber ich will den geneigten Leser nicht mit den stürmischen Gedanken behelligen, die mich bis lange nach Mitternacht auf meinem Lager wach hielten. Endlich gewann der ermüdete Leib doch über die beunruhigte Seele die Oberhand, und ich schlief dann bis weit in den Morgen hinein. Als ich aufgestanden war und mich angezogen hatte, zeigte meine Uhr eine Stunde, um welche nur städtische Langschläfer, nicht aber rüstige Alpenwanderer das Lager verlassen. Mein Zimmer erschien mir bei Tageslicht noch verblichener und veralteter, als es gestern bei Kerzenlicht ausgesehen hatte. Im ganzen Hause hörte ich kein Geräusch, keinen Ton. Entweder mußte ich mich von den bewohnten Räumen weitab befinden, oder es mußte hier die Hauswirtschaft einen merkwürdig stillen Gang gehen. Ich öffnete die Türe zum Balkon und trat hinaus, wäre aber fast wieder zurückgetreten, geblendet von der Morgenpracht, in welcher die Gebirgsgruppe des Bernina vor mir stand. Die Morgennebel dampften aus den Talgewinden empor und umwallten, in den Lichtkreis der Sonne tretend, wie purpurne Gürtelbänder die Hüften der stolzen Bergriesen. Aber ich brachte der Größe dieses Schauspiels heute nur ein halbes Herz entgegen. Meine Füße strebten unwillkürlich der kleinen Treppe zu, welche zur Zinne emporführte. Doch bezwang ich mich und lenkte mein Auge wieder zu den Felsen und Firnen hinüber. Aber ich sah in all dem Wallen und Wogen und Glühen da drüben nur eins, nur die weiße Gestalt der holden Beterin von gestern abend. So schön und heilig war mir Isolde nie zuvor erschienen. Jetzt trat kein anderes Bild mehr trübend und trügend vor das ihrige; jetzt wußte ich, daß ich ihr mit ganzer Seele sagen durfte: Ich liebe dich! Während ich dieser Möglichkeit, glücklich zu sein, nachsann, vernahm ich mir zu Füßen zwei Männerstimmen, die mir sogleich bekannt vorkamen. Sie mußten aus dem kleinen Garten kommen, welcher an dieser Seite des Schlosses angelegt war, da der Balkon, worauf ich stand, nicht, wie mir in der Nacht geschienen hatte, über die Schloßklippe hinausging. Wenigstens erblickte ich zwischen dem Gebälke der hohen Balustrade hindurch einige Fragmente von Taxushecken, welche andeuteten, daß hier vorzeiten eine Gartenanlage französischen Stils existiert hatte. Die Sprechenden da unten kamen näher, ohne daß ich sie jedoch zu Gesicht bekommen hätte. Sie standen unter dem Balkon still, und ihre Stimmen ließen mir keinen Zweifel mehr übrig: ich hörte Berthold von Rothenfluh und Herrn Kippling den Jüngeren. »Deshalb ist also mein Suchen vergeblich gewesen?« sagte ich mir. »Hierher, in dieses weltverlorene Schloß haben sie sich gewendet? Hierher zielte vielleicht ihre Reise von Anfang an? Und wenn der Freiherr da ist, so wird wohl auch Fräulein Julie nicht weit weg sein. Aber wie kam Isolde hierher? Wie hatten die anderen ihr Hiersein erfahren? Oder führte, wie mich selber, auch die drei nur der Zufall auf diese Felsenklippe?« Der Dialog unten störte mein Selbstgespräch. Ich machte eine halbe Wendung, in mein Zimmer hineinzugehen, allein schon die ersten Worte, die ich von drunten vernahm, bannten mich auf meinen Platz. »Ich bin der Sache müde,« sagte Herr Theodor Kippling, »um so mehr, da ich es in dieser abscheulichen Einöde nicht länger aushalten kann. Was soll man mit diesen ewiglangen Tagen und mit den noch längeren Nächten anfangen, da hier alles mit den Hühnern zu Bette geht? Und überhaupt, diese ganze alte Scharteke von einem Burgungeheuer ist mir unheimlich.« »Was wollen Sie denn?« entgegnete Berthold beschwichtigend, aber doch mit einer so deutlichen Nuance von Stolz in der Stimme, daß man leicht merkte, er betrachte den Sohn des Millionärs als meilentief unter sich stehend. »Was wollen Sie denn? Isolde ist einmal hier, und Sie haben da die beste Gelegenheit, ihr den Hof zu machen.« »Was hab' ich von dem Hofmachen? Und nicht einmal das läßt ja das stolze Fräulein zu. Je länger ich in ihrer Nähe lebe, desto dichter scheint die unsichtbare Scheidewand zu werden, welche sie zwischen sich und mir aufgeführt hat. Ich will mich nicht länger zum Narren haben lassen.« »Mein lieber Herr Kippling, meiner Schwester fällt es gewiß im Traume nicht ein, Sie zum Narren zu haben. Das Kurze und das Lange von der Sache ist, daß meine Schwester Sie gar nicht haben will.« »Und Sie sagen mir das mit so kaltem Blute?« »Freilich, warum denn nicht?« »Wie, Herr Baron, ist dies die Art, wie Sie Ihren Verpflichtungen gegen mich nachkommen?« »Ich habe mich nach dieser Seite hin Ihnen nur verpflichtet, meiner Schwester Ihre Werbung vorzutragen und zu empfehlen. Es geschah dies redlich in dem Briefe, in welchem ich Isolden anzeigte, daß wir mitsammen wieder Rothenfluh besuchen würden, wo Sie dann die Gelegenheit ergreifen wollten, Ihren Gefühlen mündlichen Ausdruck zu geben. Die einzige Antwort Isoldes war, wie Sie wissen, daß sie vom Lindachhof abreiste und hierher ging, zu dem alten Sonderling von Großoheim.« »Ja, das weiß ich, und ich weiß auch, daß der Agent, welchen ich aus Gründen der Liebe und aus Gründen des Geschäfts in Rothenfluh unterhielt, glücklich erlauerte, daß Ihre Schwester in diese dumme Wildnis geflohen. Ich hielt das aber nur für ein Sprödetun, wie das die Mädchen so an sich haben, denn sonst hätte ich mich sicherlich nicht dazu hergegeben, mit Ihnen und Julie tagelang die abscheuliche Bergkletterei zu teilen. Aber was hat mir das alles geholfen? Das stolze Fräulein tut ja, als ob ich gar nicht da wäre.« »Das ist Ihre Sache. Ich konnte Ihnen meine Schwester nicht verkaufen. Würde ich auch dazu das Recht gehabt haben, so hätte ich doch schwerlich den Willen gehabt.« » Peste! Sie nehmen diese Sache verzweifelt kühl, mein Lieber. Sie versprachen doch, mich in meiner Werbung um diese stolze Schöne zu unterstützen, deren Stolz und Sprödigkeit meine Liebe nur noch mehr befeuern.« »Als ich Ihnen meine Unterstützung versprach, wußte ich noch nicht, was ich jetzt zu wissen glaube!« »Was?« »Daß Isolde schon gewählt hatte.« »Wen?« »Meinen und ihren Jugendgespielen, Michel Hellmuth.« »Was? Den lumpigen Kommis meines Vaters? Bah.« »Herr Kippling, Ihr Herr Vater sagte mir, Michel Hellmuth sei ein tüchtiger und braver Mann, und hören Sie, mein Bester, lassen Sie sich ein für allemal sagen, ich habe die Ehre, Herrn Hellmuth trotz allem, was zwischen uns liegt, meinen Freund nennen zu dürfen, und ich dulde nicht, daß in meiner Gegenwart übel von meinen abwesenden Freunden geredet werde. Ich habe in der Familie Hellmuth, unter deren Dache ich die besten und glücklichsten Tage und Jahre meines Lebens verbrachte, ohnehin eine unbezahlte und unbezahlbare Schuld kontrahiert ... Doch das gehört nicht hierher .... Sie aber, Sie sollen mit Achtung von Michel Hellmuth sprechen – verstehen Sie mich?« »Bah!« entgegnete Herr Kippling, dieser kavaliermäßigen Zurückweisung geldprotziger Gemeinheit gegenüber geschmeidig einlenkend. »Bah! wozu das Pathos? Lohnte sich wahrhaftig der Mühe! Das fehlte noch, daß zu den übrigen Fatalitäten unserer Situation noch ritterlicher Nonsens hinzukäme. Wie wird Ihnen denn, mein Herr Doppelschwager in spe, wenn ich Ihnen sage, daß Ihr hochgelobter Michel um Julie herumgestrichen?« »Hm, ich kenne die Geschichte. Fräulein Julie hat sie mir von A bis Z erzählt. Sie besitzt die Tugend der Aufrichtigkeit im höchsten Grade, das heißt wenn sie gerade die Laune anwandelt. Julies Erzählung zufolge ließe sich aber vielleicht mit mehr Recht sagen, sie sei um Michel herumgestrichen. Ich weiß, es hing nur von ihm ab, daß Julie seine Frau wurde.« »Ha, ha, ha! Nicht auch vollends! Dazu hätten Kippling Vater und Kippling Sohn doch auch ein Wort zu sagen gehabt.« »Hm, was Kippling Sohn betrifft, so kümmert sich dessen Schwester blutwenig oder vielmehr gar nicht um ihn, und was Kippling Vater angeht, so habe ich starke Gründe, zu vermuten, daß er seiner Tochter seinen Segen nicht vorenthalten hätte.« »Ach was, das sind Schnurren! Und überhaupt, so ein Geplausche ist unpraktisch und unersprießlich. Wir wollen als verständige Männer reden, um zum Ziele zu kommen. Ich bin Geschäftsmann, das heißt ein praktischer Mensch, mein lieber Herr Baron, und da ich das Geschäft dieser Doppelheirat einmal entriert habe, so will ich es in Bälde zu Ende geführt oder aber in bäldester Bälde abgebrochen wissen.« . »Nach Belieben, mein Herr.« »Bitte nur nicht empfindlich! Nonsens das, unpraktisches Zeug! Lassen Sie uns kaltblütig und sans phrase sehen, wie die Sache liegt. Sie, Herr Baron, wollen meine Schwester zur Freifrau, ich will die Ihrige zur Frau Kippling machen. Über Standeshindernisse sind Sie hinaus, denn Sie wissen recht wohl, daß heutzutage Kapitalienbriefe die Adelsbriefe mehr als aufwiegen. Adelsvorurteile sind auch auf seiten Ihrer Schwester nicht vorhanden, ich weiß es. Weiter: Sie, Herr Baron, sind ökonomisch ruiniert. Das ist eine Tatsache, eine mißliche Tatsache, ich gebe es zu, aber immerhin eine Tatsache, und in Geschäften kommen nur Tatsachen in Betracht. Ich schlug Ihnen zuerst namens der Firma Kippling vor, ein Arrangement mit Ihren Gläubigern zu treffen, deren Zahl, ich weiß es, Legion ist, das heißt die Firma Kippling wollte diese Gläubiger abfinden – wie? das wäre unsere, der Firma Kippling Sache gewesen – und dafür sollte ihr das zufallen, was von Ihrem väterlichen Besitztum überhaupt noch übrig ist, das heißt das Schloß Rothenfluh samt dem unmittelbar dazugehörigen Güterkomplex, gelegen in der gleichnamigen Gemeindemarkung in Deutschland. Wir, die Firma Kippling, beabsichtigten daselbst die Anlage eines industriellen Etablissements, weil dafür Lokalität und Gegend günstige Vorbedingungen zu bieten schienen. Sie wollten aber auf diesen Vorschlag nicht eingehen, und da ich inzwischen die Ehre hatte, Ihre Schwester kennen zu lernen, und dadurch auf den Einfall kam, dem Erben des Millionärs Kippling müßte die besagte Dame, nicht weil, sondern obgleich sie ein Freifräulein ist, ein armes Freifräulein, denn Lindach ist nur eine Bagatelle, als Frau nicht übel anstehen, so schlug ich eine Modifikation des Geschäftes vor. Sie sollten Julie, der eine Neigung für Sie angeflogen war, heiraten und mit ihr die Gelder, welche nötig sind, Sie herausreißen; ich dagegen sollte Fräulein Isolde heimführen. Unter der Voraussetzung und Bedingung, daß unsere beiderseitigen – verstehen Sie wohl? unsere beiderseitigen Wünsche verwirklicht würden, brachte ich es dazu, ich, Theodor Kippling, daß die Firma Gottlieb Kippling, um Subhastation, Schuldenbetrieb, Wechselklagen und dergleichen Fatalitäten mehr von Ihnen abzuwenden, Ihren Gläubigern Bürgschaft leistete, im mutmaßlichen Wertbetrage dessen, was von der großen Herrschaft Rothenfluh überhaupt noch übrig ist. Diese Bürgschaft sollte bis zum ersten September laufenden Jahres gültig sein und ist es. Heute schreiben wir den zehnten August. Das Soll der Geschwister von Rothenfluh ist aber, wenigstens was Fräulein Isolde angeht, im Kipplingschen Hauptbuche immer noch ein bloßes Soll. So ist die Sachlage. Ist sie so, Herr Baron?« »Ja, mein Herr. Aber es ist gar nicht nötig, mich daran zu erinnern.« »Doch, mein Bester. Ihr Herren Kavaliere wißt nicht, daß Geschäft Geschäft und Zeit Geld ist, aber wir Geschäftsleute wissen es. Heute schreiben wir, wie gesagt, den zehnten August; am ersten September läuft unsere Bürgschaft aus. Unser Geschäft in diesem alten Eulennest hier muß also längstens binnen fünf bis sechs Tagen abgemacht sein, denn die Formalitäten zum Abschlusse des ganzen Arrangements nehmen die noch übrige Zeit vollauf in Anspruch. Also, mein Herr Baron, es ist nicht meine , sondern Ihre Sache –« Diese Worte hörte ich nur noch undeutlich, denn die Redenden hatten ihren Standpunkt verändert, und im gleichen Augenblicke vernahm ich hinter mir in der Öffnung der Türe meines Zimmers die dünne Stimme des alten Hausmeisters – ach Gott, wie sah er erst bei Tage alt aus! – welcher mich mit einer tiefen Verbeugung fragte, ob es Monsieur beliebe, zum Frühstück zu kommen. Ich folgte dem Vorangehenden auf einem anderen Wege, als wir gestern abend gemacht hatten, und gelangte über verschiedene öde Gänge zu einer breiten Treppenflucht, welche in das untere Stockwerk hinabführte. Hier gingen wir über einen Vorplatz, und dann öffnete mir der Alte die Flügeltür einer weiten Halle mit vom Alter gebräuntem Eichengetäfel, welche als Speisezimmer diente. Am oberen Ende einer langen schwerfälligen Tafel war in altfränkischem Geschirre ein Frühstück serviert, und da saßen Isolde und Julie, beide schön wie der Morgen. Aber ich sah nur jene, und das Herz klopfte mir gewaltig. Die beiden Mädchen – außer ihnen war niemand in der Halle – erhoben sich bei meinem Eintritte, und ich war einigermaßen überrascht, daß sie durch mein Erscheinen weiter nicht überrascht schienen. »Ah, da kommt ja der irrende Ritter,« rief mir Julie entgegen und schwenkte zum Gruße mit komischer Anmut die Butterschnitte, welche sie in der Hand hielt. »Willkommen im verzauberten Schlosse! Sie sollen alsogleich zwar nicht einen vollen Humpen, aber doch eine volle Tasse Milch von meiner Hand kredenzt erhalten.« Isolde bot mir die Hand und sagte: »Willkommen, lieber Michel! Der alte Hausmeister hat mir in der Frühe angezeigt, daß du als verirrter Wanderer gestern abend auf der roten Fluh angelangt seiest. Ich konnte erst gar nicht daran glauben – die Freude war zu groß –« »Aber meine erst, Isolde, meine erst!« Weiter konnte ich nichts sagen, aber ich hielt die teure Hand fest in der meinigen. »Kinder,« rief Julie lachend aus, »habt euch doch um's Himmels willen nicht so verschämt lieb. Küßt euch! Ich sehe ja doch, wie eure Augen sich küssen.« Isolde errötete leise über diese Profanation, allein das liebe Lächeln ihres Mundes bezeugte mir, daß sie nicht willens sei, die Behauptung Julies in betreff des Augenkusses Lügen zu strafen. Sie führte mich zum Tische, aber ich hatte noch nicht Platz genommen, als Berthold und Herr Kippling eintraten. Die beiden Herren mußten von meiner Anwesenheit noch nicht wissen, denn sie waren offenbar höchlich überrascht, mich zu sehen. Auf Bertholds Stirne, welche noch düsterer und gefurchter war als bei unserer letzten Zusammenkunft, glomm ein schwacher Freudenschimmer auf, und er schüttelte mir herzlich die Hand. »Das hätte ich wahrhaftig nicht gehofft,« sagte er, »daß der wilde Sturm von letzter Nacht einen so alten guten Freund auf die rote Fluh wehen würde.« »Ja, – diantre und diable !« meinte Herr Kippling noch gedehnter, als er sonst zu sprechen pflegte, »Sie kommen allerdings überraschend, Herr Hellmuth. Aber der Wind wird sie wohl nicht hergeweht haben, denk' ich.« Er ließ bei diesen Worten einen unverschämt lauernden Blick zu Isolde hinübergehen, welche aber denselben gar nicht beachtete. Nichtbeachtung charakterisierte überhaupt ihr Benehmen gegen den Sohn des Millionärs, wie ich bald bemerken konnte, und es lag darin weder Hochmut noch Unhöflichkeit. Sie nahm seine Anwesenheit wie etwas, was man nicht ändern könnte, aber eben auch nicht weiter beachten müßte. Julie behandelte ihren Bruder mit der offenen Geringschätzung, welche ich ihm gegenüber schon an ihr gewohnt war. »Wäre dieser Mensch nicht zufällig meines Vaters und meiner Mutter Sohn,« hatte sie mir früher einmal gesagt, »was ginge er mich an? Was habe ich mit ihm gemein?« Ich füge gelegentlich noch hinzu, daß vielleicht gerade diese Stellung Julies zu ihrem Bruder das trauliche, freundschaftliche Verhältnis, welches zwischen ihr und Isolde waltete, gefördert haben mochte. Wie dankte ich es der launischen Schönen, daß ihre seines Ortes erwähnte Begeisterung für Isolde augenscheinlich eine wirkliche und dauernde war! Dagegen schien das Verhältnis zwischen Berthold und Julie nicht eben große Vorschritte gemacht zu haben. Ich bemerkte keine bedeutenden Symptome von Verständnis und Innigkeit zwischen ihnen. Berthold war meist düster und zerstreut, oft ganz in sich versunken und teilnahmlos, weniger seiner Schwester als Julie gegenüber, welche ihrerseits ihn bald mit nachsichtiger Zärtlichkeit, bald wieder mit einer Art Scheu oder Furcht behandelte. Was mich betrifft, mir flößte er tiefes Mitleid ein. Er glich einem müdgehetzten Wilde, das sich unrettbar in die Jägernetze verstrickt hat. In seinem Auge wechselte der Ausdruck dumpfer Ergebung in das Verhängnis mit dem geheimer Angst oder auch geheimen Zornes. »Nein, Herr Kippling,« sagte ich, »der Wind hat mich nicht auf die rote Fluh geweht, wie, scheint es, dieses alte Haus oder die Klippe heißt, worauf es steht. Ich wußte nicht, daß ich Sie hier treffen würde. Aber dennoch komme ich zu Ihnen, gerade zu Ihnen.« »Zu mir? Woher denn?« »Aus Ihrer Vaterstadt, von wo ich, im speziellen Auftrag Ihres Vaters, am Tage nach dem großen Brande von Kipplingsruhe abgereist bin.« »In Kipplingsruhe hat es gebrannt?« »Ja, mein Herr. Hier dieses Briefpaket, welches ich Ihnen von seiten Ihres Vaters zustelle, wird Ihnen das Nähere sagen.« Er trat mit dem Paket in eine Fensternische, um es zu öffnen. Wir anderen setzten uns zum Frühstück, und wie ich merkte, mußte Julie gerade ihren zärtlichen Tag haben, denn sie überschüttete Berthold mit allerhand neckischen Fragen. Der Arme! Er versuchte zu lächeln und liebenswürdig zu sein, aber ich sah wohl, wie er sich Zwang antat. Ich nahm mir vor, ihm bei erster Gelegenheit zu sagen, daß ich Zeuge seines Morgengespräches mit Herrn Kippling gewesen sei, und dann mit ihm zu Rate zu gehen, ob sich denn gar kein Ausweg aus dem Wirrsal seiner Lage ausfindig machen ließe. Ich wollte eben ansetzen, Isolden von unserem Freunde Fabian in Frohdorf zu erzählen, als Herr Kippling aus der Fensternische herüberrief: »Saubere Neuigkeiten – diable! Denke Dir, Julie, Kipplingsruhe abgebrannt, gänzlich abgebrannt.« »Was gehen mich Geschäftssachen an?« lautete die Antwort der Schönen. »So? Seh mal einer den tollen Leichtsinn,« fuhr Herr Kippling fort, in seinen Papieren weiter lesend ... »Der Schaden ist ungeheuer trotz aller Assekuranzen, Kenne das ... werden Jahre vergehen, bis wir an dem Platz wieder solches Geld machen können wie bisher ... Verdammt das! Und kaum war ich fort, als der Unsinn geschah ... Was, der kleine Nickel, das Gritli Zündt hat das Feuer angelegt? Und die sitzt? Quer, sehr quer! ... Aber was ist das?« Er brach ab. Ich fixierte ihn und bemerkte, daß sein verwüstetes Gesicht fahl wurde. Sein Auge begegnete dem meinigen, und er kehrte sich ab. Die Hand, in welcher er die Papiere hielt, sank ihm an der Seite herab – Banknoten flatterten aus dem Kuvert auf den Boden – mit der anderen trommelte er an den Fensterscheiben. Nach einer Weile, kehrte er sich wieder um und sagte mit einer Stimme, die diesmal weniger schleppte als zitterte: »Herr Hellmuth, auf einen Augenblick – darf ich bitten?« Ich trat zu ihm. Er zog mich in einen entfernten Winkel der Halle und sagte leise: »Kennen Sie den Inhalt des Briefes, den ich soeben gelesen?« »Wie sollte ich?« »Ich meine – verstehen Sie? nur die Umrisse dieser dummen Geschichte.« »Was ich weiß, ist, daß Kipplingsruhe ein Raub der Flammen wurde, daß das arme schöne Kind, das Gritli Zündt, am Morgen nach dem Brande in heller Verzweiflung zur Stadt gelaufen kam, sich im See ertränken wollte und, als dieses mißglückt war, sich als Anstifterin des Brandes bekannte.« »Ja, ja, und weiter?« »Daß auch die Frau Regel, Ihre Wirtschafterin, verhaftet wurde.« »Und weiter?« »Weiter nur noch, daß Ihr Herr Vater mir auftrug, Sie aufzusuchen, Ihnen diesen Brief zuzustellen und Sie, sobald Sie denselben gelesen, zu fragen, ob Sie seinem Wunsche, nein, seinem Befehle nachkommen wollten. Im bejahenden Falle soll ich es ihm persönlich, im verneinenden brieflich melden.« »Weiter wissen Sie nichts?« »Nein.« »Nun,« bemerkte Herr Kippling wieder ganz in seiner gewöhnlichen Redeweise, »so will ich Ihnen sagen, daß ich noch etwas mehr weiß, nämlich, daß mon cher papa, ein so praktischer Mann er sonst ist, wunderlicherweise ganz vergessen zu haben scheint, daß sich mit Geld alles machen, alles ausgleichen läßt. Vielleicht ist er dieser seiner Vergeßlichkeit jetzt bereits inne geworden, und so werde ich mir die Freiheit nehmen, seinen Wunsch als nicht geäußert anzusehen, um so mehr, da ich, mein lieber Herr Hellmuth, hier in diesem verteufelten Eulennest ein wichtiges Geschäft, ein außerordentlich wichtiges Geschäft habe, das abgemacht sein muß, bevor ich daran denken kann und will, abzureisen. Ein praktischer Mensch wie ich läßt sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen.« Damit ging er hin, hob die zu Boden gefallenen Banknoten sorgfältig auf, steckte sie ein, setzte sich zu Tische und frühstückte mit bestem Appetit. Als wir aufstanden, sagte ich zu Berthold, ich möchte ihn, nachdem ich sofort einen Boten zur nächsten Poststation expediert haben werde, ersuchen, mich dem Schloßherrn, seinem Großoheim, vorzustellen, damit ich demselben für die mir widerfahrene gastliche Aufnahme meinen Dank bezeigen könne. »Ja, lieber Michel,« versetzte der Freiherr, »das dürfte Schwierigkeiten haben, welche du nur allenfalls mit Isoldes Hilfe überwinden kannst. Ich selber habe den Burgherrn noch nicht gesehen, obgleich ich der Sohn seines Neffen bin.« »Was?« »Ei, ja doch. Du weißt ja wohl noch aus unserer Knabenzeit, was für wunderliche Sagen über den Großoheim umgingen. Seitdem er sich vollends hierher, auf die rote Fluh, den Stammsitz derer von Rothenfluh – Fluh oder Flüh heißt man hierzulande einen Bergrand, eine Felsenzinne oder Felsenklippe – ja, seitdem er sich hierher zurückgezogen, ist es mit seiner Menschenscheu oder seinem Menschenhaß – was weiß ich? – vollends ganz arg geworden. Der alte Papagei von Hausmeister, dessen alte Frau, der alte Torwart und noch so ein Dritteldutzend alter Geschöpfe, lauter Fossilien aus der Rokokozeit, hausen hier mit dem alten Sonderling auf dem alten Stein, hinter der meist bei Tag und jedenfalls immer bei Nacht aufgezogenen Fallbrücke. Er für seine Person hat seit Jahren den großen westlichen Turm der Burg nicht mehr verlassen. Dort hat niemand Zutritt als der alte Hausmeister und neuestens, wie ich glaube, Isolde. Da soll er, höre ich, mit seinen Büchern und physikalischen Instrumenten wohnen wie ein Zauberer in seiner Höhle. In die Vortüre zu seinen Zimmern ist eine Öffnung eingeschnitten und mit einem eisernen Schieber versehen; durch diese Luke bezieht er seine Bedürfnisse, und da erscheint er, wenn er Audienz zu geben geruht. Denn zu ihm hinein darf kein Mensch, selbst der Alte im grünen Papageifrack nicht. Allmonatlich an einem bestimmten Tage erscheint der Wirtschaftsverwalter, welcher in dem kleinen Dorfe da hinten im Tale wohnt, und legt Rechenschaft über die Einkünfte ab, welche der Großoheim aus seinen in der Gegend verstreuten Weiden und Sennereien bezieht. Was bei diesen Abrechnungen nicht der Papageigrüne als zur Führung des einfachen Haushalts notwendig in Beschlag nimmt, weist der Großoheim sogleich den Armen der umliegenden Talschaften zu, die deshalb auch diesen sonderbarlichen Alten vom Berge gehörig verehren. – Auf eine gewisse Anfrage von meiner Seite,« setze Berthold leiser hinzu, »ließ mir der Großoheim herübersagen, seit Jahren halte er darauf, daß seine Einkünfte bei Heller und Pfennig aufgehen, und für den Fall seines Todes habe er sein Besitztum, nach Abzug der für seine Diener bestimmten Legate, wohltätigen Anstalten vermacht. Du ersiehst aus letzterem,« schloß mein Jugendfreund mit einem sardonischen Lächeln, »daß ich mich nicht sehr aufgefordert fühlen konnte, mir um die persönliche Bekanntschaft mit dem Alten sonderliche Mühe zu geben. Im übrigen ist er gastfrei, und du brauchst dir gar kein Gewissen daraus zu machen, seinen Veltliner zu trinken, der in der Tat sehr trinkbar ist.« Siebentes Kapitel Die Stunde des Glücks. – Der Brautkuß. – Frage mich nicht! – Der Alte im Turm. – Ein Brautgeschenk und ein wunderlicher Segen. Während des Frühstücks hatte ich die Gelegenheit wahrgenommen, Isolde um eine Unterredung zu bitten; denn ich hatte das lebhafte Gefühl, daß es endlich klar werden müßte zwischen ihr und mir. Sobald ich meinen Brief an den Herrn Oberst expediert hatte, ging ich nach dem runden Gemache, welches Isolde bewohnte. Sie empfing mich mit der ganzen Herzlichkeit ihres Wesens. Ich geleitete sie zu dem Stuhl, auf welchem ich sie gestern nachts hatte sitzen sehen, und blieb vor ihr stehen. »Lieber Michel,« sagte sie, »du weißt gar nicht, wie tröstlich mir deine Ankunft ist. Und halte mich nur für keine Phantastin, wenn ich inmitten meiner Kümmernisse oftmals still dachte und hoffte, zur rechten Stunde werde der Freund schon erscheinen, auch ohne daß ich ihn riefe. – Ich bin hierher gegangen, um einem nochmaligen Besuche Bertholds und dieses Herrn Kippling in Lindach auszuweichen. Das ist alles, was ich hinsichtlich der Bewerbung des letzteren um meine Hand zu sagen habe. Dieser Mensch muß aber ausspioniert haben, daß ich vor dem gedrohten Besuche nach der roten Fluh geflohen, und nun sind wir hier in der seltsamsten Lage. Berthold erwartet von einer Verbindung mit Julie eine Wendung seines Schicksals, das, wenn auch selbstverschuldet, doch immer beklagenswert ist. Ob er das schöne Mädchen liebt, weiß ich nicht, bezweifle es aber, denn – es ist schrecklich zu sagen – ich glaube, er kann nichts, gar nichts mehr lieben. Ich meine, die arme Julie fühlt das, und kurz, es will sich kein rechtes Verständnis zwischen den beiden herstellen.« »Das beklage ich von Herzen; aber, meine teure Isolde, ich bin hierher gekommen, um einer mir näher liegenden Sache willen.« »Ich wußte das, Michel, ich wußte das. Siehst du, ich kann mich nicht verstellen. Aber willst du nicht sitzen, mein Freund?« »Nein, Isolde. Einem, der sich zu rechtfertigen hat, geziemt es, vor seiner Richterin zu stehen.« »Ich deine Richterin, Michel? Was hätte ich denn an dir zu richten?« »Meine Untreue. Vor allem, hast du meinen Brief nicht erhalten, in welchem ich dir von Konstanz aus alles beichtete? Doch nein, das geschah ja erst vor wenigen Tagen und du mußtest damals schon hier sein. So höre mich denn; es ist nur billig, daß ich mich auch mündlich vor dir demütige, wie ich es schriftlich getan.« »Halt, mein Freund, ich will nicht, daß der Mann gedemütigt werde, und wäre es auch nur durch ihn selber – der Mann, den ich liebe.« »Isolde!« »Ja, das Wort ist heraus ... Warum sollt' ich mich des Bekenntnisses schämen? Du hast es ja schon vor Jahren empfangen, als wir noch glückliche Kinder waren. Damals, weißt du noch? auf der Breunighalde unserer Heimat ... Gestern noch, mein teurer Freund, hätte ich das Wort nicht gesprochen, nein, nein. Heute sprach ich es und wiederhole es. O, wie konnten so wenige Stunden so viele Not und Pein bringen? Heute, als du zu uns in die Halle tratest, sagte mir dein Auge, daß ich zu dir sprechen dürfe und müsse: Ich liebe dich! Du blicktest mich an wie damals, als ich im namenlosen Bangen meines erwachenden Herzens dich Schlafenden küßte und du die Augen auftatest und die Bebende fragtest, ob sie dir gut sei.« »O, Isolde, edles und reines Heiz, du kannst, ohne zu erröten, auf jenen seligen Moment zurückblicken, aber ich – laß mich knien vor dir – ich kann mich nicht rechtfertigen, aber du, kannst du verzeihen?« Sie legte mir die Hände auf die Schultern und sah mich liebevoll an mit ihren schönen Augen, aus welchen eine Seele ohne Falsch und Makel blickte. »Sieh, Michel,« sagte sie, »weil du noch nicht vergangen sein lassen willst, was vergangen ist, so wisse: Julie hat mir alles erzählt, was du mir beichten könntest. Wie hättest du gegen sie gleichgültig bleiben können? Sie ist so schön, so voll Geist und Leben und, gewiß im Grunde ihres Herzens ist sie auch gut. Und sie liebte dich, Michel, ja, sie liebte dich und wird vielleicht ihr Leben lang nie ganz den bitteren Gedanken verwinden, daß sie nicht den rechten Weg getroffen, dich zu gewinnen. Sie ließ mich tief in ihre Seele blicken, und es ist dort etwas, was mir noch hier auf der roten Fluh, noch gestern verriet, daß Julie dich noch immer liebe, obgleich sie es sich selber leugnet. Das hat mir, ich gestehe es, bitteres Leid bereitet, so bitteres, daß ich an dir und mir verzweifelte und recht selbstsüchtig wurde.« »Selbstsüchtig? du, Isolde? Das ist ja gar nicht möglich!« »Doch, doch, mein Freund. Ich fühlte mich ganz aus Rand und Band kommen, siehst du. Brennende Eifersucht nagte mir am Herzen, und Haß verdunkelte mir die Seele. Als ich dieses Böse endlich überwunden, war der Sieg auch kein guter. Ich hatte mich an den Gedanken gewöhnt, du mußtest ein so reizendes Wesen lieben, wie Julie ist, es könnte nicht anders sein. Zwar wollte mir eine geheime Stimme im Wachen und Träumen zuflüstern, du könntest mich doch nicht ganz vergessen haben –« »O, sie sprach wahr, diese Stimme, mein teures Mädchen. Mochte der Zauber, womit Julie mich bestrickte, noch so mächtig sein, niemals doch konnte er das Gefühl verwischen, das ich aus goldner Jugendzeit mit herübergebracht hatte, das Gefühl, daß mein Glück Isolde heiße.« »Es ist so, ich weiß es jetzt. Julie selber ahnte, fühlte das. In der ersten Stunde des Vertrauens sagte sie mir: Jetzt weiß ich, warum mich Michel Hellmuth bloß geküßt, aber nicht geliebt hat. Seine Liebe bist du, Isolde. – Ja, ich wiederhole es, sie ist im Grunde ihres Herzens gut und edel. Ich gewann sie lieb und – ich wollte ihr an Edelmut nicht nachstehen. Lächle nicht über mich, mein Freund, wenn ich dir eine große Torheit gestehe. Du weißt, ich bin nur dazu geschaffen, die stillen Wege des Lebens zu gehen. Alles Aufgespannte, Aufgeregte, Gewaltsame ist mir zuwider, weil es meiner Natur widerspricht. Ich habe gar nichts von einer Heroine, Amazone oder, wie man jetzt sagt, von einer Emanzipierten in mir. Und doch– ich wollte dich und Julie glücklich wissen, und so faßte ich einen verzweifelten Entschluß, zu dessen Ausführung ich mir gestern noch, hier auf dieser Stelle, in nächtlicher Einsamkeit die Kraft vorspiegelte, die ich doch nicht besaß. Ich wollte der Bewerbung des Herrn Kippling Gehör schenken, unter der Bedingung, daß Julie deine Frau würde.« »Ach, Isolde, jetzt erst bin ich recht gedemütigt vor dir.« »Nein, nein, sprich nicht so und glaube doch nicht, daß ich das sagte, um mich mit einem heroischen Opfermute zu brüsten, den ich ja gar nicht besaß. Nein, ich hätte es nicht gekonnt! Jede Fiber in mir sträubte sich dagegen und ich fühlte, ich wäre lieber gestorben. Ich sprach dir nur davon, daß du daran die Tiefe meines Leides um dich ermessest und die Höhe des Jubels meiner Seele, als mir an diesem gesegneten Morgen dein Auge sagte, daß wir wieder vereinigt seien.« »Für immer, Isolde? Vollende du Teure, Gute, Versöhnliche, vollende deine Großmut und sage: für immer!« Sie faßte meine Hände, und aufstehend hob sie mich sanft zu sich empor. Der schönste Purpur jungfräulichen Liebesgefühls überflog ihr edles Antlitz, indem wir Aug' in Auge standen. Dann schlug sie ihre Arme um meinen Nacken, barg ihre Stirne an meiner Brust und flüsterte: »Michel, Gespiele meiner Kindheit, mein Freund, mein Bruder, ich liebe dich, und ich will dir angehören für immer, für alle Zeit und Ewigkeit.« Voll Seligkeit küßte ich ihre reine Stirne, ihre feuchten Augen, und als ihre Lippen unter den meinen zum Gegenkusse leise sich regten, da war mir dieser keusche Brautkuß der Geliebten wie das Siegel unter einer süßestes Glück verheißenden und verbürgenden Urkunde. »Sieh, Isolde,« sagte ich, die aus ihren goldenen Haaren geflochtene Schnur, welche sie mir vor Jahren, als ich zur Universität abging, zum Abschied gegeben, aus der Brust hervorlangend, »sieh, das Liebeszeichen ist nie von mir gewichen. Das andere Andenken, welches ich daran gebunden, ist der Trauring meiner Mütter. Nimm ihn, du Teure, Beständige. Mit diesem heiligen Pfand verlob' ich mich dir für Zeit und Ewigkeit.« »O,« sagte sie, den Ring fromm mit den Lippen berührend und dann an den Finger streifend und durch Tränen lächelnd, »wir sind ja schon lange verlobt, Geliebter. Denkst du noch der traurigen Nacht, bevor deine teure Mutter von uns ging?« »Ich weiß, ich weiß! Sie legte unsere Hände zusammen Isolde. Die Nähe des Todes machte sie zur Seherin, die unsere Zukunft schaute. Ihr Segen wird mit uns und wir werden glücklich sein.« »Wir werden es sein, aber wir werden arbeiten müssen, unser Glück zu begründen. Du hast eine arme Braut, Teurer. Ich habe Lindach, den letzten Rest vom väterlichen Erbe, meinem Bruder angeboten. Er hat das Anerbieten ausgeschlagen, doch die Not wird ihn bald zwingen, seinen Entschluß zu ändern. Mag es sein. Ich will ja gern mit dir für dich arbeiten. Ich habe mir mancherlei Kenntnisse und Fähigkeiten angeeignet und mancher überflüssigen Bedürfnisse mich entwöhnt.« »Ich weiß, Isolde von Rothenfluh war nie eine vornehme Müßiggängerin, und sie ist so geartet, daß sie sich als Hausfrau eines Bürgers nie nach dein glänzenden Nichts der Salonwelt sehnen wird. Aber sorge dich nicht, Geliebte. Zwar kann ich nicht, wie ich nach noch einigen Arbeitsjahren zu können gehofft hatte, zu dir sagen: Genieße an meiner Hand, was dem gebildeten Sinne das Leben Schönes bietet. Aber ich bin doch jetzt schon davor bewahrt, dir nur Sorge und Arbeit bieten zu können. Das Leben hat mich geschult, das Glück hat mich begünstigt. Ich habe gespart und außerdem auf meiner letzten Reise zu Liverpool eine günstige Konstellation zu einer Privatspekulation benutzt, welche einschlug. Sorge dich nicht. Ich habe, womit wir unseren Hausstand begründen können, und auch noch etwas mehr. Und es klebt kein Unrecht an dem, was ich dir bieten kann. Unser Dasein wird sich freundlich gestalten – vertraue mir nur!« »Von ganzem Herzen, von ganzer Seele, Teuerster. Sieh, ich bin so glücklich, so sehr glücklich. Mögen alle guten Geister über dieser Stunde walten!« »So geschehe es!« »Und nun komm, geliebter Mann! Ach, das Unglück ist verschlossen, aber das Glück ringt nach Mitteilung. Wenn du es mir nicht verwehrst, möchte ich es wenigstens einem sagen, wie glücklich ich bin.« »Ja, komm, Teure, wir wollen zu deinem Bruder. Mein Herz hatte sich von ihm gewandt, aber ich liebe ihn wieder, seit ich weiß, daß er sehr unglücklich ist.« »Er ist unglücklich, ja – o, grenzenloser unglücklich, als du ahnen kannst. Ein giftiger Wurm zehrt an seinem Herzen und ich – ich kann ihn nicht trösten. Für ihn gibt es keinen Trost. – Nein, nicht zu Berthold will ich dich führen, sondern zu dem armen alten Großoheim. Er soll uns segnen, er ist so gütig gegen mich gewesen.« »Ich folge dir. Aber sage mir, was hat dich dem armen Berthold so sehr entfremdet, dich, die Liebevolle, Gütige, Milde? Seine unglückselige Verschwendungssucht allein kann doch diese tiefe Kluft nicht zwischen dir und ihm aufgetan haben.« »Frage mich nicht!« flehte Isolde mit gefalteten Händen. »Ich muß dir antworten, wenn du mich fragst, denn ich habe ja keinen Gedanken mehr, der nicht dein Eigentum wäre. Aber, o, laß keinen dunkelsten Schatten in das goldene Licht dieser Stunde treten. Reinstes Glück ist so selten in diesem ewigen Wechsel der irdischen Dinge. Frage mich nicht und komm!« Ich ging an ihrer Hand durch das alte, grabstille Gebäude, in dessen weiten Räumen die wenigen Bewohner ungesehen und ungehört sich verloren. Zuletzt kamen wir am Ende des westlichen Flügels an eine Türe, welche Isolde mittels eines Druckes auf eine geheime Feder öffnete. Ein schmaler Steg führte von der Außenschwelle nach einem mächtigen viereckigen Turm hinüber, dessen kühnaufsteigende Höhe die ganze Burg überragte. Am anderen Ende des Steges ließ Isolde abermals eine geheime Feder auf das Schloß einer schweren eisenbeschlagenen Bohlenpforte spielen, und als wir diese passiert hatten, stiegen wir eine ausgetretene Steintreppe hinauf und gelangten in eine uralte gewölbte Halle. Der Türe gegenüber, durch welche wir eingetreten, bemerkte ich eine zweite und in der Mitte derselben die mit dem eisernen Laden verschlossene Luke, von welcher mir Berthold gesagt hatte. »Sei freundlich mit dem alten Manne, soviel du kannst. Seine Art zu sprechen ist rauh und wunderlich. Die Welt mußte ihm viel Leid antun, bis er so wurde. Ich erzähle dir wohl einmal davon.« Dies gesagt, klopfte Isolde in drei Absätzen je dreimal an den eisernen Schieber und harrte dann geduldig. Erst nach geraumer Weile ließ sich von drinnen eine grämlich barsche Stimme vernehmen: »Wer ist da?« »Ich bin da,« erwiderte Isolde und nannte ihren Namen. »Ich will jetzt niemand sehen, Kind. Komm morgen.« »Aber, lieber Oheim, ich habe dir heute, gerade jetzt, etwas von Wichtigkeit zu sagen.« »Was will ich von euren Wichtigkeiten?« »Du hast meinen Vater geliebt, Oheim, du wirst seiner Tochter nicht ihre Bitte abschlagen, zu ihrer Verlobung deinen Segen zu geben.« »Verlobung, Kind? Was zum Teufel!« Bei diesen Worten rasselte der Schieber empor, und in der Öffnung erschien ein in seinem verworrenen Wald von Bart- und Haupthaar kaum erkennbares Greisenantlitz. Haare, Brauen und der in verwilderten Strähnen weit über die Brust herabwallende Bart waren silberweiß, die blauen Augen lebhaft funkelnd, der Mund streng und abweisend. Isolde hielt mich bei der Hand. »Wer ist der Mann?« fragte der Alte. »Michel Hellmuth, der brüderliche Genosse meiner Kindheit, von dem ich dir soviel erzählte – jetzt mein Verlobter.« »Du bist Kaufmann, Bursch?« wandte sich der Alte an mich. »Dermalen ja.« »Und warum trägst du einen Schnurrbart?« »Weil es mir so beliebt.« »So? ... Isolde, nimm dich in acht, du wirst den da nicht unter den Pantoffel kriegen.« Das holdeste Inkarnat überzog die Wangen Isoldes, als sie entgegnete: »Das will ich auch gar nicht, Oheim. Es steht geschrieben: ›Er soll dein Herr sein‹« Der Greis fixierte uns lange. Dann sagte er etwas milder: »Junger Mann, halte sie gut und hoch, hörst du? oder du bist ein Lump!« »Ich werde sie hoch halten und kein Lump sein.« Er war aber, ohne meine Antwort abzuwarten, von der Luke verschwunden. Nach einigen Minuten kam er wieder zurück, bot Isolden eine altfränkisch geformte Lederkapsel heraus und sagte: »Da, Kind, nimm das zum Brautgeschenk von dem Alten von der roten Fluh. Meinen Segen hast du obendrein. Seid so glücklich als möglich. Und hört, wenn ihr mal Kinder habt und sie euch ärgern und betrüben, so tröstet euch damit, daß die Eltern stets durch ihre Enkel an ihren Kindern gerächt werden.« Der Schieber rasselte zu. Als Isolde drunten auf dem Stege die Kapsel öffnete, blitzten ihr Juwelen in uraltmodischer Fassung entgegen. Achtes Kapitel Bertholds und Julies Glückwünsche. – Ein Sonnenaufgang und ein plötzlich sprudelnder Herzensquell. – Religionsgespräch. – Eine Lösung. – Der Tote auf dem Gletscher. – Der Tod sühnt alles. »Ich habe endlich das Gleichgewicht meines Lebens gefunden« – schrieb ich folgenden Tages an Freund Fabian – »Isolde ist mir verlobt, und nun soll die Gründung von Herd und Heim nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ich fühle mich glücklich, sehr glücklich.« Isolde war es auch, und wir hüteten den Schatz unseres jungen Glückes mit Bedacht vor profanen Blicken. Wenigstens glaubten wir so zu tun; aber es ist eine alte Geschichte, daß Liebende gar nicht merken, wie sehr sie sich verraten. Es mußte wohl auch bei uns beiden so sein. Denn Herrn Kipplings forschende Blicke wurden immer scheeler, allein dabei ließ er es Isolden und mir gegenüber bewenden. Er mochte sich aus früherer Zeit erinnern, daß ich unter Umständen nicht viel Umstände mache. Berthold achtete wenig oder gar nicht auf das, was um ihn her vorging. Nur wich er seinem Quälgeist, Herrn Kippling aus, wo er immer konnte, indem er bei Tage weite einsame Streifereien in den Bergen machte und sich abends sehr zeitig auf sein Zimmer zurückzog, um dort, wie ich zufällig bemerkt hatte, seine Behauptung, daß der Veltliner des Großoheims sehr trinkbar sei, durch die Tat zu bewähren. Sei es aber, daß Herr Kippling ihn aufmerksam gemacht hatte, sei es aus eigenem Antrieb, eines Morgens, als er eine Weile mit mir in der alten Halle allein war, sagte er, aus seinem finsteren Hinbrüten aufsehend, plötzlich zu mir: »Lieber Michel, ich weiß, du bist mit Isolde einig. Ich sah den Trauring deiner guten Mutter an der Hand meiner Schwester ... Wenn mich noch etwas freuen könnte, so wär' es das. Seid glücklich, recht glücklich mitsammen.« »Wir würden es sein, Berthold, wir würden es sein, wäre nur nicht die quälende Sorge um dich.« »Um mich? Ihr sollt euch nicht um mich sorgen, ihr sollt mich nur vergessen. Vergessen sein, von euch, von allen – weiter habe ich keinen Wunsch mehr.« Herrn Kipplings Eintritt unterbrach das Gespräch. Dann kamen auch die beiden Mädchen. Julie zog mich beiseite und sagte mit ungewöhnlicher Herzlichkeit: »Ich gratuliere Ihnen von ganzer Seele, teurer Freund. Ihre Braut hat nicht geplaudert, aber sie kann sich nicht verstellen ... Sehen Sie, daß ich recht hatte, als ich Ihnen sagte, daß Sie Isolde und nur Isolde liebten? Das wenigstens hätte sich gut gefügt. Wollte der Himmel, auch die anderen Wirrsale, die uns umgeben, fänden irgend eine Lösung. Diese Ungewißheit, dieses Dunkel wird allmählich unerträglich. Zum Glück hatte der Umgang mit diesem rein und reich besaiteten Herzen, der Umgang mit Isolden klärend und beruhigend auf mich gewirkt. Es hat sich in diesen Tagen vieles in mir gelöst und gehellt. Diese Alpenfahrt war also doch nicht unfruchtbar, wenn ich mir auch gestehen muß, daß der Hauptzweck derselben unerreicht blieb. Ich sage es mit Schmerz, der arme Berthold ist ein verlorener Mann. Er sucht Betäubung im Wein und – seine schreckliche Krankheit, die denn doch etwas anderes in einem Byronschen Gedicht und etwas anderes in der Wirklichkeit ist, hat sich, wie ich weiß, seit unserem Hiersein schon zweimal wieder gezeigt. Mein Laratraum ist, fürchte ich, ausgeträumt ... Aber Isolde hat mich Fassung und Resignation gelehrt, so fremd Ihnen auch diese Worte in meinem Munde vorkommen mögen. O, sie ist rein, schuldlos und idealisch gestimmt wie ein Kind und doch klar und verständig wie ein Weiser. Sie hat mir zuerst gezeigt, was edle Weiblichkeit ist. An ihr ist nichts Gemachtes, sondern alles quillende Natur und durch Studium und Nachdenken erhöhter Seelenadel. Wer könnte ihrem stillen Einfluß widerstehen? Haben Sie nicht bemerkt, wie sie den frechsten aller Menschen, meinen Bruder, schon durch ihre bloße Erscheinung eingeschüchtert? Sie gemahnt an die Prinzessin in Goethes Tasso; aber was sie vor dieser voraus hat, ist ihr reiches, warmes Herz. Nochmals, ich wünsche Ihnen von ganzer Seele Glück. Doch das müssen Sie mir versprechen, über der geliebten Isolde die Freundin Julie nicht ganz zu vergessen.« »Wie könnt' ich das, Fräulein?« »Nennen Sie, ich bitte – nennen Sie mich schlechtweg Julie, wie ich Sie Michel nennen will. Ich bin meine Kapricen noch nicht ganz los und habe die Kaprice, die traulichere Anrede für eine Garantie Ihrer Freundschaft anzusehen.« So vergingen mehrere Tage. Wir drei, Isolde, Julie und ich, waren alle die Zeit fast immer beisammen, und mich freute es, zu sehen, daß die beiden Mädchen vertraut wurden wie Schwestern. Auf den Sonntagsmorgen hatten wir verabredet, von dem Altan vor Isoldes Zimmer aus den Aufgang der Sonne über die prächtige Bergwelt zu betrachten. Mit einem Gefühle von Andacht harrten wir dem majestätischen Schauspiel entgegen. Wie Herolde in leuchtenden Purpurmänteln, verkündigten die erglühenden Gipfel des Bernina die Erscheinung der großen Königin des Tages. Wundersam war es zu sehen, wie droben schon alles Glanz und Glut war, während auf den Tälern drunten noch die fahle Dämmerung lag. Nun aber schwebte im Osten die Feuerkugel höher und höher herauf, ihr Rot wurde Gold und allmählich strömte sie die unermeßliche Flut dieses Goldes über Höhen und Tiefen, Firne und Gletscher, über Berg und Tal hin, bis endlich Himmel und Erde voll waren von Licht und Glorie. Julies Augen wurden feucht, Isoldes Lippen regten sich leise, wie betend. Sie holte zur Morgenfeier aus ihrem Zimmer ein Buch und las uns daraus jenen unvergleichlich schönen Hymnus, in welchem der englische Dichter Coleridge die Gefühle ausströmte, die ihn bestürmten, als er im Chamounital die Sonne über dem Montblanc aufgehen sah. Ich kenne wenige Gedichte, welche die Seele so unwiderstehlich ergreifen wie dieses. Und auch wir standen ja mitten in Umgebungen wie jene, welche den Dichter begeistert hatten. Er beschreibt, wie seine Seele mit dem Morgenstern erwacht, wie sie in der Betrachtung der allmählich sich hellenden Alpenwunderwelt um ihn her höher und höher strebt, bis sie endlich auf Andachtsfittichen adlergleich über der erhabenen Szene schwebt. Dichtung und Wirklichkeit ging uns in eins auf, als Isolde mit ihrer guten, lieben, jetzt vom Enthusiasmus der Stunde getragenen Stimme die prachtvolle Schlußapostrophe des Hymnus las: »Und du auch, greiser Berg, mit deinen Gipfeln Zum Himmel starrend, von dess' Wänden oft Sich die Lawine donnernd niederstürzt, Die reine, heitre Luft durchblitzend, fallend Tief in die Wolken, die um deine Brust – Auch du, o riesenhafter Berg, auch du, Der, während ich mein Haupt, das ich in Andacht Gesenkt, jetzt wieder hebe, und von deinem Fuß mit dem tränenfeuchten Auge langsam Aufsteige – scheinst wie eine dunst'ge Wolke Dich feierlich vor mir emporzuheben – Zu steigen, höher, immer mehr zu steigen Wie eine Weihrauchwolke von der Erde. Du Königsgeist, der unter Bergen thront, Gesandter du der Erde an den Himmel, Du großer Hierarch, dem stillen Äther, Den Sternen sag's und der aufglühnden Sonne: Mit tausend Stimmen lobt die Erde Gott!« Julie warf sich, tief erschüttert, an die Brust der Freundin und küßte innig ihre Stirne. »O,« rief sie aus, »o Isolde, teures Herz, wie dank ich dir! Nicht genug, daß du mich Resignation gelehrt hast, du lehrst mich auch wieder glauben und hoffen ... O, mein Gott, wie schön ist deine Welt, die dich mit tausend Stimmen lobt! Laß auch das Stammeln der meinen dir gefallen!« Isolde, selber schön erregt, aber nach ihrer Art milder und gefaßter, küßte der Erschütterten die stürzenden Tränen von den Wangen und sprach liebevolle Worte zu ihr. Jahre lang magst du in dürrer Felsengegend nach einem Bronnen schürfen, und doch genügt zuletzt ein Hammerschlag an der rechten Stelle, daß der lauterste Quell dir entgegensprudle. So gibt es auch im Menschenherzen tiefgeheime Adern des Gefühls. Ein gutes Wort zur rechten Stunde gesprochen, kann sie rieseln und rinnen machen. Aber oft, viel zu oft geht ein Menschenleben hin, ohne daß das bannlösende Wort gesprochen wird. Ich wartete ruhig, bis die hochgehenden Wogen stürmischer Empfindungen sich wieder gelegt hatten, und erinnerte dann, die Wiederkehr leidenschaftlicher Erregung von Julies Gemüt zu verhüten, die Freundinnen an mein Versprechen, ihnen die Frohdorfer Geschichte vom Jages und vom Vefele zu erzählen. Wir nahmen in Isoldes Zimmer Platz und, durch die geöffnete Balkontüre die Berninaherrlichkeit vor mir, begann ich meine Erzählung. Es gingen ein paar Stunden darüber hin, und als ich geschlossen hatte, sagte Isolde: »Da sieht man doch wieder, was ein wahrhaft guter Mensch, wie unser Fabian einer ist, unter den mißlichsten, ja verzweifelten Umstanden Gutes wirken kann. Die Art und Weise, wie der treffliche Freund, gegenüber dem von plötzlich in ihm ausgestandener Gewissenspein gefolterten Brunnenbauer sein Priesteramt verwaltete, erscheint mir in ihrer einfachen Milde wahrhaft erhaben. Immer ist mir vorgekommen, daß es besser um die Menschheit stünde, hätten die Priester nicht allzuoft vergessen und vergessen gemacht, daß Versöhnung die Grundidee aller Religion ist.« Julie saß nachdenklich, nachdenklicher, als ich sie je gesehen hatte. Endlich äußerte sie: »Wenn ich Ihre Geschichte recht verstanden habe, teurer Freund, so ist ihre Moral die, daß es im Bewußtsein des Volkes noch göttliche Mächte gibt, welche mächtiger sind als Gott Mammon, dem die sogenannte gebildete Gesellschaft dermalen so eifrig dient. Aber ich kann in religiösen Sachen kaum mitsprechen. Hätte ich meine Mutter nicht so früh verloren, so würde diese Seite meiner Erziehung nicht so vernachlässigt worden sein, wie sie es wurde. Was reichte man meinem Gemüt für religiöse Nahrung, dogmatische Steine, die ich unverdaut wieder auswarf, sobald ich die Freiheit dazu hatte.« »Ja, das ist eben der Jammer,« sagte ich, »und das macht die sogenannte Frömmigkeit der Frauen der höheren Stände durchschnittlich so schal und unersprießlich. Die Religiosität von neunundneunzig unter einem Hundert derselben ist rein nur äußerlich und ganz gedankenlos, nur ein mechanisches Hinnehmen von mechanisch Gegebenem. Es liegt ein tiefer Sinn in dem biblischen Mythus, welcher erzählt, wie Erzvater Jakob mit Gott gerungen hat. Jeder Mensch, welcher über den Zustand naiver Gläubigkeit hinaus ist, muß mit seinem Gotte ringen, muß ihn erringen, um ihn zu besitzen. Nur was man erworben hat, besitzt man. Das Volk bedarf dieses Prozesses nicht, weil sein religiöses Bewußtsein ein primitives, ein naives ist und bleibt. Nur die Dialektik des Verstandes kennt den Zweifel. Es ist Torheit, zu fordern, daß das Volk den dialektischen Prozeß durchmache, welchen jeder Gebildete, wenn er wirklich ein solcher ist, durchmachen muß, und Wahnsinn ist es, das Volk religionslos machen zu wollen. Das hieße der Seele des Volkes geradezu den Odem entziehen.« »Und doch,« versetzte Julie, »wird, soviel ich weiß, dieser Wahnsinn gegenwärtig so recht mit Methode getrieben.« »Was tut das?« bemerkte Isolde. »Es hat nie ein religionsloses Volk gegeben und wird nie ein solches geben bis an das Ende der Tage. Ich habe mir diese Überzeugung gebildet, wenn ich an den langen einsamen Winterabenden zu Lindach mich mit Büchern beschäftigte, die vielleicht über den Horizont meines Geschlechtes hinausliegen. Der, wie mir scheint; redlichste unserer modernen Denker, ein Mann, dessen Stirne vom Schweiß des rastlos arbeitenden Gedankens betaut ist, hat gesagt, die Götter seien nur die gegenständlich gewordenen Wünsche der Menschen; der Gott sei der idealisierte, der verklärte Mensch. Aber leugnet diese Umkehrung des biblischen Satzes, daß Gott nach seinem Bilde den Menschen geschaffen, etwa die unzertrennliche Verknüpfung der Gottesidee mit der Idee des Menschen, leugnet sie die Notwendigkeit der Religion? Ich glaube nicht. Wenn Furcht und Hoffnung die Quelle des religiösen Glaubens sind, wohlan, diese Quelle wird nie versiegen, solange es Menschen gibt. Wie abgetragene Hüllen legt die religiöse Idee im Vorschritte der Geschichte Dogmen und Kulte beiseite, aber sie selbst ist ewig: die Formen wechseln, das Wesen bleibt. Die Idee von Gott der sublimierte Reflex der Idee vom Menschen? Es sei. Denn auch so ist – fühle ich – das Gottesbewußtsein das zusammenhaltende Band, welches die Menschheit vor atomistischer Zerbröckelung bewahrt, der Polarstern, auf welchen der Mensch sein Seelenauge richten muß, damit er. der unfaßbar kleine Bruchteil des im Weltozean schwimmenden Wassertropfens, genannt Erde, nicht in dieser Unermeßlichkeit schwindelnd sich verliere ... Wenn die Gottheit das Ideal der Menschheit ist, muß da nicht das Identische in uns diesem höchsten Ideal sehnsüchtig zustreben, und muß da nicht der wahrhaft gebildete Mensch gerade als solcher nur um so religiöser und frommer sein? Der Atheismus, der Abfall vom Ideal, ist unfromm, das heißt liebeleer. Er wird daher nie eine weltgeschichtliche, Menschengeschick bestimmende Tat vollbringen. Wer nicht mehr glauben kann an alles Große und Schöne, an den Vorschritt im riesenhaften Entwickelungsprozeß der Weltgeschichte, an die schöne grüne Erde hier unten, an die ewigen Gestirne droben, an sich selbst, an die Menschen, an die Gottesidee, in welcher als in einer geistigen Sonne alle Strahlen des ideellen Lebens zusammenlaufen, der ist tot –« »Tot!« echote unterbrechend eine schrille Stimme in unserem Rücken. Wir hatten, dem Gedankengange Isoldes folgend, nicht beachtet, daß die auf den Korridor hinausgehende Türe geöffnet worden war. Mißmutig über die unwillkommene Störung wandte ich mich um. In der Türöffnung stand der alte Hofmeister, in den mumienhaften Zügen ein Leben jähen Entsetzens, welches zu der Possierlichkeit seiner Rokokotoilette einen grellen Gegensatz bildete. Etikette, Förmlichkeiten und Redensarten vergessend, schrie er mit seiner dünnen Falsettstimme in das Gemach herein: »Der junge Freiherr liegt zerschmettert auf dem Gletscher!« So hatte denn eine unglückselige Verwickelung die schrecklichste Lösung gefunden. Ich weiß mich aber der Einzelheiten jener trüben Stunden nicht ganz deutlich zu erinnern. Es ging gar zu verworren her auf der roten Fluh, und ohnehin vermag ja nur die Malerei oder die Schauspielkunst derartige Überraschungen zu veranschaulichen. Sennen, welche ins Dorf hinauf zur Kirche wollten und, um ihren Weg zu kürzen, statt um den vor der roten Fluh liegenden Hügel herum, über den Gletscherarm gingen, über welchem die Klippe aufragt, hatten den Toten gefunden. Er war schon starr und kalt. Er mußte nächtlicherweile, wahrscheinlich schon früh in der Nacht, von der Mauerzinne gestürzt sein, welche den Bogen des Burgtors bekrönte. Wenn man von drunten die schwindelnde Höhe bemaß, konnte man annehmen, daß schon der Luftdruck den Unglücklichen während seines Sturzes getötet haben müsse, oder wenigstens, daß er es nicht mehr empfunden habe, als der Felszacken, auf welchem der Körper aufgeschlagen, ihm das Rückgrat brach. War da ein Selbstmord geschehen? Hatte der an Lebensmut und Hoffnung gänzlich Verarmte sein qualvolles Dasein freiwillig in den Abgrund geworfen? Ich glaubte es nicht und glaube es jetzt noch nicht. Julie hatte, wie erwähnt worden, angedeutet, daß Anfälle, wie ich Berthold von einem solchen in jener Nacht im Tempel Mammons befallen gesehen hatte, auch während seines Aufenthalts auf der roten Fluh vorgekommen seien. Der Mondsüchtige, welcher sein unheimliches Übel durch übermäßigen Weingenuß sicherlich nur noch mehr gereizt hatte, mußte in seinem Schlafwandel auf den Burghof geraten und von da zur Torzinne emporgeklettert sein. Sei es, daß der Schlafwandelnde dort auf seinem schwindelnden Wege ausgeglitten, sei es, daß der plötzliche Schrecken des Erwachens seine Füße ihren Halt verlieren gemacht, genug, es konnte diese Erklärung der Katastrophe als die einfachste und wahrscheinlichste gelten. Ich war, so schnell meine Füße mich trugen, in die Schlucht hinabgeeilt und ließ den Toten durch die um denselben versammelt gebliebenen Sennen zur Burg hinauftragen. Als die Bahre mit der traurigen Last auf dem Burghofe niedergesetzt wurde, kamen Isolde und Julie heraus, während Herr Theodor Kippling, welchem dieser Todesfall das schlau gewobene Netz einer großen Spekulation zerriß, scheu in der Ferne stehen blieb. Vergebens winkte ich die Mädchen zurück. Isolde rang die Hände. Niemals hatte ich sie so fassungslos gesehen, und nie wieder sah ich sie so. Julie zog leise das Tuch weg, womit ich das Antlitz des Toten verhüllt hatte. Es war unverletzt und zeigte eine Ruhe, einen Frieden, wie er diesen Zügen seit vielen Jahren fremd gewesen. Isolde warf sich an der Bahre nieder. Ihre Augen waren trocken, brennend. Mit brennenden Lippen beugte sie sich über den toten Bruder, fuhr aber entsetzt zurück und kehrte ihr Auge wie hilfesuchend nach mir. »Michel«, flüsterte sie zitternd, »es ist schrecklich! Ich vermag die Stirne von meiner Mutter Sohn nicht zu küssen, seine Hand nicht zu berühren ... Siehst du nicht? Es klebt Blut daran – o, und wessen Blut!« »Bringen Sie Ihre Verlobte hinweg, Michel,« sagte Julie leise. »Sie redet irre.« »Nein, nein,« schrie Isolde auf. »Aber der Tod sühnt alles, alles! O, Berthold, mein armer unglücklicher Bruder, Friede sei mit dir!« Und von einem edlen Impulse getrieben, schlang sie die Arme um den Toten, küßte ihm Stirne und Mund und badete sein Antlitz mit ihren Zähren. Mit sanfter Gewalt machte ich sie von dem toten Bruder los und führte sie hinweg, während Julie dem Leichnam fromm die Augen zudrückte. In jener Stunde brach die in ihren Tiefen erschütterte Seele Isoldes ein jahrelang qualvoll bewahrtes Schweigen und offenbarte mir ein schreckliches Geheimnis. Aber ich habe auch jetzt noch kein Recht, darüber zu verfügen. Mag es mit dem Toten in Frieden ruhen! Der Tod sühnt alles. Neuntes Kapitel Eine modernste Familientragödie. Am Tage darauf bestatteten wir den Toten auf dem Friedhof bei der kleinen Dorfkirche im Hintergrunde des Tales. Dort waren vor Jahrhunderten die Herren von der roten Fluh beigesetzt worden, und so mischte sich der Staub des jüngsten männlichen Sprosses eines erlöschenden Geschlechtes mit dem seiner Altvordern. Der Strom kehrt nicht zu seiner Quelle zurück; aber hier bettete der wundersame Wandel der irdischen Dinge den letzten Stammhalter einer alten Familie in denselben Fleck Erde, in welchem der Urahn, der Begründer des Hauses seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Ich konnte, als die Erdschollen auf den Sarg rollten, mir nur sagen, daß es eine gute Schickung gewesen, welche dieses verlorene Leben hinwegnahm. Der so schwer Verirrte und, ach, so schwer gebüßt Habende hatte nun Ruhe, nachdem er sich selbst und anderen nur noch zur Last gewesen. Geboren und aufgewachsen unter Verhältnissen, die ein langes, gutes, ihm selbst und anderen zu Glück und Freude gereichendes Dasein verbürgten, war der Unglückliche vom Dämon der Genußsucht, diesem Fluche unserer Zeit, schon frühzeitig ergriffen und rasch zum Äußersten fort, ja darüber hinaus gerissen worden. Als das edlere Element in ihm endlich wieder erwachen wollte, war es zu spät. Eine schreckliche Erinnerung schwang ihre Furiengeißel ruhelos über ihm und peitschte ihn dem Tod entgegen. O, dieses Grab könnte den Luxusmenschen des neunzehnten Jahrhunderts eine furchtbare Mahnung predigen. Aber wie die Lehren der Geschichte, so verhallen auch die Mahnungen der Gräber für die ungeheure Mehrzahl der Menschen ungehört. Ein Beispiel dessen war mir sogleich zur Hand in der Person des Herrn Theodor Kippling, welcher sich nur widerwillig und verdrossen dem kleinen Leichengefolge angeschlossen hatte. Er wartete kaum das Entlassungswort des Dorfgeistlichen am Grabe ab, um sich gleichmütig seine Zigarre anzubrennen. »La farce est fini!« äußerte er auf dem Rückwege zur roten Fluh gegen mich. »Am Ende war es auch das Gescheiteste, was der Herr Rittmeister tun konnte, so im Schlaf in den Abgrund hinabzuspringen. Es hat ihm sicherlich gar nicht wehe getan. Aber ich meine, er hätte damit anständigerweise noch ein paar Wochen warten können bis nach Vereinigung unseres Geschäftes. Diese Geburtsaristokraten sind doch verteufelt unpraktisch und rücksichtslos. Nun, wir müssen sehen, wie wir ohne ihn mit der Sache fertig werden. Die Zahl der Gläubiger, welche Ansprüche an die freiherrliche Hinterlassenschaft haben, ist Legion; aber gerade deshalb, glaub' ich, wird denselben um so leichter zu beweisen sein, daß es zuletzt doch besser ist, wenig als gar nichts zu bekommen. Ich will morgen schon diese häßliche Wildnis verlassen, um selber nach Deutschland zu gehen und die Sache für unsere Firma zu arrangieren. Das Schloß Rothenfluh bietet weite Räumlichkeiten zur Anlage eines Etablissements, und wenn die Einrichtung praktisch und kräftig an die Hand genommen wird, so können wir dort zuverlässig viel früher zu arbeiten anfangen, als in der erst wieder von Grund aus zu erbauenden Kipplingsruhe.« Ich zog es vor, nur durch mein Schweigen anzudeuten, wie widerwärtig mir die Äußerungen dieses Menschen waren, in welchem die herzlose Spekulationswut unserer Tage sozusagen Fleisch geworden war. Er hob wieder an: »Julie wird sich trösten müssen über den Verlust der Aussicht, gnädige Frau betitelt zu werden. Nonsens! Was das Fräulein von Rothenfluh betrifft, so ist bei veränderter Konstellation der Umstände meine Bewerbung um diese stolze Schönheit nicht mehr praktisch. Nun, mein lieber Herr Hellmuth, Sie werden sich ja wohl des armen Freifräuleins erbarmen?« »Mein Herr,« erwiderte ich, ihn auf eine nicht mißzuverstehende Art über die Schulter ansehend, »Fräulein von Rothenfluh hat mir die weit über mein Verdienst gehende Ehre erwiesen, meine Bitte um ihre Hand zu erhören, und ich muß Sie also ersuchen, mit geziemender Achtung von meiner Verlobten zu reden.« »Warum denn nicht? Ich statte Ihnen hiermit in aller Form meine Gratulation ab, und wenn Sie zu bescheiden sind, diesen Sukzeß Ihren Verdiensten zuzuschreiben, so wissen Sie ja, daß, wer das Glück hat, die Braut heimführt.« Ich sagte nichts darauf, und wir stiegen den Schloßhügel hinan, an dessen Fuß wir inzwischen angelangt waren. Droben war die Zugbrücke niedergelassen. Im Burghof stand ein gesatteltes Saumpferd, von einem weiten Gange dampfend. Der alte Hausmeister unterhielt sich mit einem fremden Bergführer, welcher mit dem Pferde gekommen zu sein schien. Als uns der Alte erblickte, kam er auf uns zu, machte seine Reverenzen und sagte zu meinem Begleiter: »Der Herr Vater von Monsieur ist soeben auf der roten Fluh angelangt. Er erwartet Monsieur in der großen Halle.« »Mon cher papa?« versetzte Herr Kippling leichthin. »Was, zum Teufel, will der in dieser Einöde? Kurios!« Der geneigte Leser wird mich entschuldigen, wenn die Ankündigung der Anwesenheit des Herrn Oberst auf der roten Fluh mich fast neugieriger machte, als ob dieser Neuigkeit Herr Kippling der Jüngere zu sein schien. Jener hatte also meinen Brief wohl schon erhalten, in welchem ich ihm gemeldet, was zu melden gewesen war. Nämlich, daß Herr Kippling Sohn gemeint, Herr Kippling Vater habe vergessen, daß mit Geld alles zu machen, mit Geld alles auszugleichen sei; ferner, daß ein praktischer Mensch nicht so leicht ins Bockshorn zu jagen sei, und endlich, daß er, Herr Kippling Sohn, entschlossen sei, erst abzureisen, nachdem er sein Geschäft auf der roten Fluh abgemacht habe. Mir waren diese Ausdrücke, als ich sie an den Herrn Oberst schrieb, ziemlich unklar oder geradezu unverständlich gewesen. Jetzt sollte ich darüber Aufklärung erhalten. . Wir fanden den Handelsherrn in der alten Halle. Julie war bei ihm und sonst niemand zugegen. Als ich hinter seinem Sohne eintrat, grüßte mich der Oberst mit einer leichten Handbewegung, aber sofort schien er von meiner Anwesenheit weiter keine Notiz zu nehmen. Er hatte augenscheinlich Wichtigeres zu denken und zu tun. Seine Aufregung war ganz außerordentlich. Zwar, seit ich ihn damals, am Tage meiner Abreise in die Berge, weich gesehen, wußte ich, daß die hochmütige Kühle und berechnende Gemessenheit des Mannes nicht gegen alle und jede Eindrücke vorhielten; aber doch hätte ich nicht geglaubt, daß er so ganz aus den Fugen kommen könnte, wie er jetzt war. Bestürmt von einer großen Sorge und einem nur allzu gerechten Zorn, aufgeregt von der Eile, womit er gereist war, war das erste, was er bei seiner Ankunft auf der roten Fluh erfahren, die Katastrophe gewesen, welche am Tage zuvor daselbst stattgefunden hatte. So erklärte es sich denn allerdings leicht, daß sein Gebaren hastig, sein Gesicht braunrot war, und daß seine Augen, welche er des diplomatischen Schirmes der achteckigen Brille entäußert hatte, mit wildem Feuer leuchteten. Ich hätte ohne Zweifel so rücksichtsvoll sein sollen, mich sofort von der beginnenden Kipplingschen Familienszene schleunigst zurückzuziehen. Indessen wird mein Bleiben vielleicht dadurch verzeihlich, daß sich der ganze Auftritt mit wahrhaft dramatischer Rapidität entwickelte. Der Herr Oberst trat hart vor seinen Sohn hin und sagte mit mühsam gedämpfter Stimme ohne weitere Einleitung: »Also du meinst, mit Geld lasse sich alles ausgleichen, selbst das Schändlichste?« »Que voulez-vous donc, mon cher papa?« entgegnete Herr Kippling Sohn, mit dem Finger die Asche von seiner Zigarre schnellend. »Die Zigarre weg und den Hut herunter, Bube, wenn du mit mir sprichst, oder ich vergesse mich und hole an dir nach, was ich in deinen Knabenjahren nur allzusehr versäumte!« rief der Handelsherr aus, an seinem Grimme würgend. »Warum denn nicht?« sagte Herr Kippling achselzuckend und warf Hut und Zigarre auf den Tisch. Dann wandte er das kalte glasige Fischauge auf den Vater und sagte lässig: »So, jetzt bin ich in kindlich ehrerbietiger Position. Laß mich hören, was los ist, wenn's beliebt.« Julie wandte sich mit einer Gebärde des Ekels nach dem Fenster. Der Herr Oberst holte tief Atem, und mit einer gewaltsamen Anstrengung, sich zu beherrschen, sagte er: »Warum bist du nicht geflohen, wie ich dir befahl?« »Geflohen? Wegen so einer Bagatelle? Und zumal in einer Zeit, wo ich, was allerdings illusorisch war, gerade im besten Zuge war, ein prächtiges Geschäft zu machen?« »Er spricht von einer Bagatelle, der Unselige!« rief der Vater aus und schlug die Hände zusammen. »Weißt du, daß du wegen Vergewaltigung einer Unmündigen, eines Kindes, kriminaliter angeklagt und mit Steckbriefen verfolgt bist? Weißt du, daß die Gendarmerie auf dich fahndet?« »Das letztere wußte ich allerdings noch nicht. Auch das nicht, daß die Juristen das Ding so nennen. Que de bruit pour une omelette! Schönen Fabriklerkindern passiert zuweilen so etwas Menschliches.« »So etwas Unmenschliches, willst du sagen, Unmensch, der du bist! O, beim Himmel, ich könnte vergessen, daß du mein Sohn bist, und mich freuen, wenn Gerechtigkeit an dir geübt wird. Und sie wird geübt werden. Schon zweimal hat die Justiz deinem Treiben bei den wüsten Orgien in dem Sündenhaus am Flusse durch die Finger gesehen, und das Geld hat den Skandal vertuscht. Aber diesmal ist das Maß des Frevels voll zum Überfließen. Die Frau Regel hat dem Untersuchungsrichter alles gestanden.« »Die Frau Regel hat geplaudert? Alles? Das ist dumm!« »Sie hat geplaudert. Hoffe nichts. Sie hat gestanden, daß sie das unglückliche Kind auf deinen Befehl in das Haus gelockt, und daß du, Elender, nachdem deine brutalen Verführungskünste mittels Weins an dem Instinkt der Unschuld gescheitert, zu roher Gewalttat verschrittest. Am Morgen nach der Frevelnacht ist dein Opfer im Fieber des Wahnsinns hingegangen und hat Feuer in das Baumwollenmagazin geworfen, als müßte es so sein, weil kein Feuer vom Himmel fiel, die unerhörte Untat zu rächen.« »Du bist tragisch gestimmt, mon cher père . Ich für mich kann der Sache keine so tragische Seite abgewinnen. Freilich, das konnte ich nicht entfernt annehmen, daß eine Fabriklerin ihre Unschuld mit der Fackel in der Hand rächen würde. Neu das, ganz neu. Aber sie ist Brandstifterin – Basta! Mein Advokat müßte der dümmste seines Handwerks sein, wenn er den Herren Richtern und Geschworenen meine völlige Schuldlosigkeit nicht wasserklar bewiese. Die Frau Regel – verdammt sei sie! – wird wohl vermocht werden können, ihre Geständnisse zurückzunehmen. Ich will es besorgen – kenne das. Daß sie geplaudert, ist allerdings dumm, viel dümmer, als man von einem so geriebenen Weibe erwarten konnte, welches zu den Zeiten meines cher papa – weißt du? – in derlei Affären so pompös praktisch war.« Der Herr Oberst machte eine Bewegung, um sich auf seinen Sohn zu stürzen. Aber die namenlose Frechheit desselben schien ihn zu lähmen. Die Arme fielen ihm schlaff an den Seiten nieder, während er mit dumpfer Stimme sagte: »Elender Bube, du höhnst deinen Vater, nachdem du deines Vaters Tochter entehrt hast.« »Meines Vaters Tochter? Du bist wohl nicht bei Sinnen?« »Doch, doch, obzwar ich Grund genug hätte, den Verstand zu verlieren.« Und so laut, als wollte er das Gräßliche zum Himmel aufschreien, setzte er hinzu: »Das arme Kind, welches du so brutal zugrunde gerichtet hast, es ist deine Schwester!« Julie stieß einen Schrei aus und eilte auf ihren Vater zu, welcher sich an dem Tische festhielt, wie um nicht umzusinken. Der Keulenschlag, welchen der Vater auf den Sohn geführt, störte denn doch, wenn auch nur auf flüchtige Augenblicke, dem letzteren »den toten Sumpf« seiner Seele auf. Er trat einen Schritt zurück, und in seiner Kehle gurgelte es, als schnappe er nach Luft. Aber das ging schnell vorüber und der Sumpf glättete sich wieder. »Wenn,« sagte er, »dies mehr sein soll als ein melodramatisches Effektmittel, so frage ich: Wer ist schuld an alledem? Wenn das Mädchen deine Tochter ist, mein Vater, warum hast du sie als Fabriksklavin unter Fabriksklaven aufwachsen, Sklavenarbeit tun und einem rohen Trunkenbold von Stiefvater anheimfallen lassen?« Der Oberst beugte das Haupt vor dieser vernichtenden Anklage, und die Hände vor das Gesicht schlagend, stöhnte er: »Wahr! Wahr! O, das ist mehr, als Fleisch und Blut zu ertragen vermag.« »Vater, lieber Vater,« sagte Julie, seine Hand ergreifend und sie an die Lippen drückend, »wie du auch gefehlt habest, diesem Schändlichen da steht kein Recht zu, dich zu höhnen und anzuklagen. Laß ihn! – Wir wollen alles tun, das unglückliche Kind zu retten, und ich will versuchen, gutzumachen, was an ihm gefrevelt wurde. Deine Tochter soll meine Schwester sein!« »Dank dir, Kind, Dank dir! Das war ein gutes Wort, und noch nie hast du mich so glücklich gemacht. O, du hast ein Herz! Ich wußte es wohl, allen deinen Phantasien und Launen zum Trotz.« »Das ist ja recht rührend,« sagte Herr Kippling der Jüngere. »Man könnte es für eine Rührszene aus einem Birch-Pfeifferschen Stücke nehmen. Ich für meine Person tauge nicht für das rührende Fach. Du weißt ja mon cher père, daß du mich zu einem rein praktischen Menschen erzogen hast. Als solchen will ich mich auch in dieser dummen Geschichte bewähren; denn so wahr ich Kippling heiße –« »Eben den suchen wir!« rief es zur Türe hinein. Herr Kippling wandte sich um und sah sich meinen beiden Bekannten von der Sennhütte her, den Gendarmen Sale und Vale gegenüber. »Was wollt ihr hier?« fragte der Überraschte hochherab, aber doch mit einem Anflug von Zittern in der Stimme. »Was wir wollen?« versetzte der Sale. »Partout nichts, schätz' ich, als Euch, nämlich Herrn Theodor Kippling von da und da. Sind kaibisch lange nach Euch herumgestrichen in dieser kaibischen Weltgegend. Derohalb macht jetzt keine Umstände, junger Herr. Helfen doch nichts! – Heraus mit den Handschellen, Vale! – Signalement, Verhaftsbefehl, alles in Ordnung. Kaibisch verdrießlich für Euch, aber wahr – bim Eid!« »Nehmt Geld, liebe Leute,« sagte der unglückliche Vater mit schwacher Stimme. »Fordert, so viel ihr wollt – ihr sollt es haben – jetzt, auf der Stelle – aber laßt den Gefangenen entwischen – diese Schmach ist zu groß.« »Geld, viel Geld, Herr Oberst?« versetzte der Sale, dem Gefangenen die Handschellen anlegend. »Hm, was meinst, Vale?« Der Vale schmunzelte. »Wart', du ewiger Hagel!« schrie ihn sein Kamerad an. »Weißt nicht, daß im Dienstbüchli, Paragraph so und so geschrieben steht: Du sollst dich nicht lassen bestechen! – Nein, Herr Oberst, 's tut's nichts. Müssen Order parieren. Was würde aus der Welt, wenn die armen Leute auch vollends mogeln und mukmakeln wollten? Die ganze Kalberei ginge ja zum Teufel! Empfehle mich! – Fort, marsch!« Sie führten ihren Gefangenen hinaus, und als die Türe hinter ihnen zufiel, brach der Oberst in den Armen seiner Tochter zusammen. Finale Erstes Kapitel Eine Geläuterte. – Herr Ziegenmilch zum letztenmal. – Cirillo Rompelli. – Die cause célèbre . – Macht des Gewissens. – Gritli. – Ein Passus aus einer Gerichtsrede. – Ein Schuldig und ein Nichtschuldig. Isolde war, als sie mit mir, dem Herrn Oberst und Julie von der roten Fluh abreiste, von ihrer Freundin dringend eingeladen worden, einige Zeit bei ihr in der Stadt zu verleben. »Ich würde gern bei dir sein«, hatte meine Verlobte erwidert, »aber es zieht mich heim, alle die gewaltsamen Eindrücke der letzten Zeit mir in der Stille zurecht zu legen. Und dann, liebe Julie, bin ich eigentlich die Lindachbäuerin, weißt du? Und die herankommende Herbstzeit verlangt um so mehr meine Anwesenheit zu Hause, als ich einen so großen Teil des Sommers über abwesend war.« In Chur trennte sich unsere Gesellschaft. Der Handelsherr, ein halbgebrochener Mann, ging von da über den Splügen nach Italien, von wo aus er mit dem Vorsatz, mehrere Jahre fortzubleiben, nach der Levante reisen wollte. Er übergab mir beim Abschied eine Vollmacht für Herrn Bürger, wonach dieser die Geschäfte mit unbedingter Machtvollkommenheit leiten sollte. Julie und ich begleiteten meine Verlobte das Rheintal hinunter an den Bodensee Als der Dampfer mir meine Geliebte entführt hatte – zum Glück nur für wenige Wochen – brachte ich Julie in ihre Vaterstadt zurück, wo ich meine Angelegenheiten ordnen wollte und als Zeuge in der Kipplingschen cause célèbre vernommen werden sollte. Denn bei unserer Ankunft in der Stadt fand ich die Zitation vor. Gritli, das arme Kind, hatte angegeben, sie habe mich nach der Katastrophe, bevor sie sich in den See gestürzt, aufgesucht und habe mir alles sagen wollen, »weil der Herr Hellmuth mal so gut gegen sie gewesen sei.« Julie war gut und gefaßt. Sie wenigstens war aus der schrecklichen Familientragödie geläutert hervorgegangen. Von ihrem Bruder sprach sie nie, mit keiner Silbe. Dagegen hielt sie redlich ihr Versprechen, daß Gritli ihre Schwester sein sollte. Kaum zu Hause angelangt, noch in den Reisekleidern, erwirkte sie sich die Erlaubnis, die arme Gefangene zu besuchen, und tiefbewegt kam sie von dieser Zusammenkunft zurück. »Ich durfte ihr,« äußerte sie gegen mich, »noch nicht sagen, daß ich ihre Schwester sei. Es hätte die geängstigte Seele des armen, schönen, guten Kindes nur noch mehr verwirrt. Aber nun ich Gritli gesehen, ist es gar keine Großmut mehr von meiner Seite, daß ich mich ihrer annehme: denn ich liebe sie. O, mein Freund, es ist furchtbar, zu denken, daß ein Vater, welcher zugleich auch der meinige ist, sein Kind, sein eigen Fleisch und Blut, den Zufällen des Fabriklebens preisgeben konnte. Aber er bleibt doch mein Vater und er bedarf jetzt der Liebe, denn er ist unglücklich. Ich will auch Gritli ihn lieben lehren.« Am Tage, wo der Prozeß vor dem Schwurgericht zur Verhandlung kam, frühstückte ich auf ihre Einladung mit Julie. »Wäre es doch schon Abend,« sagte sie. »Ich zittere, wie das Los Gritlis fallen wird. – Was den andern angeht – halten Sie mich nicht für herzlos, wenn ich gestehe, daß mir sein Schicksal gleichgültig ist. Er hat von Jugend auf dafür gesorgt, daß er keinen Anteil an meinem Herzen habe. – Aber das Kind, das Kind! Könnte man so barbarisch sein, es zu verurteilen? Geschähe das, mein Schwesterlein, so jung, so schön, so unglücklich, soll nicht im Zuchthaus verkümmern. Ich werde alles, selbst mein Leben daran setzen, das zu verhindern. Zum Glück ist der Staatsanwalt ein einsichtsvoller und humaner Mann. Ebenso der Advokat, welchen ich, wie Sie wissen, zum Verteidiger Gritlis geworben. Er gibt mir Hoffnung und stützt diese insbesondere auf die ärztlichen Gutachten, welche sehr zugunsten des Kindes ausgefallen seien. – Bitte, lieber Michel, lassen Sie mich keinen Augenblick warten, wenn die Entscheidung heraus ist. Ich werde mich von Stunde zu Stunde nach dem Gange der Verhandlung erkundigen lassen und Ihnen dann den Wagen schicken. – Und jetzt von anderem. Sie werden uns bald verlassen, mein Freund?« »Binnen wenigen Tagen.« »Ja, Sie müssen sich nach Isolde sehnen: die Herrliche, der auch ich soviel verdanke, ist es wert. Aber ich bin doch zu selbstsüchtig, leugnen zu wollen, daß ich Sie sehr vermissen werde.« »Liebe Julie, ich lasse einen Freund zurück, der auch der Ihrige ist.« »Sie meinen Bürger? Er war mir gut, aber ich fürchte, ich habe ihn zu sehr gekränkt in meinem Übermut. Er vermeidet es, mit mir zu sprechen ... Bürger ist ein seltsamer Mensch, aber gewiß ein Mann von Ehre.« »Durch und durch. Und was seine Seltsamkeiten angeht, so sind sie rein nur äußerlich. Er ist die beste Seele von der Welt. Aber der kräftige Keim von Güte und Milde, den sein Herz birgt, ist nicht zum Ausschlagen und Blühen gekommen, weil keine liebevolle Hand diesen Keim pflegte und ermunterte. So hat er sich die Marotte in den Kopf gesetzt, er sei ein Egoist, Pessimist, Blasierter, während täglich seine Handlungen seine Worte Lügen strafen, aber nur eben ganz im geheimen. Er poltert und schilt über das Volk, und doch beteiligt er sich unter fremdem Namen bei allen Unternehmungen und Anstalten, welche auf die sittliche und materielle Hebung des Volkes abzwecken. Er macht sich über das Volksschulwesen lustig, und doch ist er heimlich stets mit reichlichen Beiträgen für Schulzwecke bei der Hand. Er tut gelegentlich, als ob schon der bloße Namen Polen ihm widerwärtig und verächtlich wäre, und doch hat er, gerade er, aus der Zeit der Polenbegeisterung ein Mitleid sich bewahrt, welches ihn nicht müde werden läßt, eine unglückliche Polenfamilie, die aus jener Zeit hier hängen geblieben ist, heimlich zu unterstützen. O, ich bin hinter Bürgers Schliche gekommen und weiß, daß er seine Tugenden ängstlicher verbirgt, als andere ihre Fehler ... Und er liebt Sie, Julie, glauben Sie mir, er liebt Sie innig und treu. Er würde Sie auf den Händen tragen und Sie ehren wie kein zweiter Mann. Lassen Sie mich es sagen, teure Freundin, ich würde in der Ferne mit leichterem Herzen Ihrer gedenken, wenn ich Sie in der Liebe eines solchen Mannes sicher und glücklich wüßte.« »Ich glaube Ihnen, Michel,« erwiderte Julie, nachdem sie eine Weile nachdenklich geschwiegen. »Sie meinen es gut, ich weiß es. Eine alte Jungfer kann und mag ich ja doch nicht werden. Und dann würde, wenn ich Bürger heiratete, auch ein alter lieber Wunsch meines Vaters in Erfüllung gehen ... Ich will es bedenken, mein Freund, ich will es bedenken.« – – – – – Auf meinem Wege nach dem Gerichtshause traf ich zufällig mit Herrn Ziegenmilch zusammen, welcher mich übrigens, sobald er meine Ankunft in der Stadt erfahren, aufgesucht hatte, um mir, wie er sich ausdrückte, für die enorme Diplomatie und Freundschaft zu danken, womit ich ihm wieder zu seinem lieben runden exfrommen Liseli verholfen hatte. Der Herr weiland Direktor der großen Kohlenkompagnie wußte natürlich »enorm« viel von dem Ereignis des Tages zu sprechen und schloß seine Rede mit dem Ausruf: »Der einzige Sohn der Firma Gottlieb Kippling und noch dazu ein so enorm praktischer Mensch vor Gericht auf dem Lasterbänkchen! Enorm, ganz enorm!« In einer engen Gasse, durch welche unser Weg führte, wurden wir für einige Augenblicke durch ein frauenzimmerliches Gedränge vor einem Quincaillerieladen aufgehalten. Die Damen steckten die Köpfe zusammen, einige flüsterten, andere lachten, einige gaben sich Mühe zu erröten, andere, entrüstet auszusehen; aber zuletzt gingen alle in den Laden hinein. »Der Erzschuft!« sagte Herr Ziegenmilch, vor dem Schaufenster des Ladens stehen bleibend. »Da lugen Sie mal, Herr Hellmuth.« Er wies auf ein großes Blatt Papier, welches zwischen den Quincailleriesachen am Fenster sichtbar war und worauf in kühn geschwungenen Zügen die Worte standen: »Der Chef dieses Geschäftes, Junggeselle und von sanfter Gemütsart, wünscht sich mit einer ehrsamen Dame, Jungfrau oder kinderlose Witwe, zu verheiraten.« »Das ist groß,« sagte Herr Ziegenmilch. »Das ist noch gar nicht dagewesen! Das zieht! Das lockt! ... Ja, das muß man sagen, ein praktischer Mensch, ein enorm praktischer Mensch ist der Schusterle doch.« »Was für ein Schusterle?« Herr Ziegenmilch wies auf das Schild über dem Schaufenster, und ich las dort in prahlerisch großen Goldlettern: »Quincaillerie-Handlung von Cirillo Rompelli .« »Was,« sagte ich, »sollte wirklich unter diesem italisierten Namen der alte Humbuger Rumpel stecken? Sollte er wirklich die Frechheit gehabt haben, nach allem, was vorgefallen, in dieser Stadt sich zu etablieren?« »Er hat sie gehabt, 's ist ein enormer Kerl! In allen Sätteln gerecht.« »Und wahrscheinlich hat er diese Etablierung zuwege gebracht mittels –« »Eines gewissen Schmuckkästchens und dito Taschenbuches, wollen Sie sagen? Freilich!« »Und Sie haben nicht Lärm geschlagen, Herr Ziegenmilch?« »Daß ich ein Narr gewesen wäre? Wir, Oskar Ziegenmilch und Komp., sind nicht so unpraktisch. Tut nicht gut für Geschäftsleute, Skandal zu machen – in keiner Weise. Herr Theodor Kippling dürfte das auch erfahren. Zudem habe ich Ursache, dem Schuft da dankbar zu sein. Seit ihrer Heimkehr von ihrer Entf– will sagen Badereise ist mein Liseli wie ein umgewendeter Handschuh, sie ist wieder ein so liebes, tolerantes, praktisches Frauli, wie sie vorzeiten in der Spiegelgasse gewesen. Die in Gesellschaft des Monsieur Rumpel unternommene – Badereise hat sie von allen gefühlvollen Flausen und Zierereien glücklich kuriert. Praktisch das! Bin daher dem Rompelli gar nicht böse. Grüßen einander, wenn wir uns begegnen. Ins Haus darf er mir natürlich nicht mehr, aber das hindert mich nicht, ihm allen Erfolg zu wünschen. Wird ihn auch haben, ist praktisch genug, seine Fortune tüchtig zu poussieren. Müßte mich sehr irren, wenn der enorm praktische Schwindel, den er da ausgeheckt und ausgehängt hat, nicht sein Geschäft bedeutend in Zug brächte. Könnte ihm dieser Schwindel auch zu einer ganz anständigen Partie helfen. Sehen Sie nur, was er für Zulauf hat. Wollen wir mal hinein, um zu sehen, wie der Schelm mit dem Wybervolch Mundartlich für Weibervolk, in der dortigen Gegend populärer Ausdruck statt Damenwelt oder schönes Geschlecht. Es fällt mir dabei eine artige Anekdote ein. Ein schweizerischer Pfarrer hat mir erzählt, daß er einmal während des Konfirmandenunterrichts große Mühe gehabt habe, das Lachen zu unterdrücken. Nämlich: »Zu welchem Volke gehörte die Mutter Jesu?« fragte er einen seiner Bauernjungen. – »Zum Wybervolch!« antwortete der Gefragte entschieden. umspringt?« »Nein, ich habe jetzt weder Zeit noch Lust,« versetzte ich weitergehend. Ich fand die Zugänge zum Gerichtshause von Volksmassen belagert. Aus dem dumpfen Gemurmel derselben hervor gellten einzelne drohende Stimmen, ob man auch sicher sei, daß der Angeklagte, weil er der Sohn des »Millionenmannes«, der Strafe nicht entschlüpfe. Aber solche Zweifel waren überflüssig. Ich konnte zwar nach allem, was ich wußte, mir nicht verhehlen, daß der Verbrecher zeitig gewarnt worden sei, welche Warnung ihm, falls er ein armer Schlucker gewesen, schwerlich zuteil geworden wäre. Nachdem er sich aber einmal in den Händen der Justiz befand, konnte gar nicht mehr die Frage sein, daß ihm sein Recht werden würde. Die Prozedur mußte, wie es in solchen Fällen das Gesetz vorschreibt, eine geheime sein, das heißt das größere Publikum war von der Verhandlung ausgeschlossen. Trotzdem war der ohnehin nicht sehr große Saal so ziemlich von Männern angefüllt, deren Anwesenheit mehr oder weniger notwendig erschien. Die Verhandlung war schon eröffnet, als ich aus dem Zeugenzimmer hineingerufen wurde. Richter, Geschworene, Ankläger, Angeklagte und Verteidiger waren auf ihren Plätzen. Der Vorsitzende erfüllte seine wahrlich nicht leichte Pflicht und Aufgabe mit Würde und Takt. Man hatte auch die humane Rücksicht gehabt, die Angeklagten zu trennen, auf der eigentlichen Anklagebank saßen nur Herr Kippling und Frau Regel. Etwas abseits war ein Stuhl für Gritli hingestellt. Das arme schöne Kind saß bleich und scheu in sich zusammengeschmiegt, als hätte es sich vor den Blicken der Menschen in die Erde verbergen mögen. Sein Verderber dagegen benahm sich so, als wäre er wirklich, wie Julie von ihm gesagt hatte, der frechste aller Menschen. Höchst elegant gekleidet, zupfte er mit behandschuhter Hand an seinem Bärtchen, lorgnettierte Geschworene und Zeugen, unterhielt sich lässig mit seinem Verteidiger, dessen Pult hinter der Anklagebank stand, kurz, er tat, als ginge ihn die ganze Sache eigentlich gar nichts an. Die Frau Regel ihrerseits war offenbar in tausend Ängsten, obgleich sie einen trotzigen Gesichtsausdruck zu erkünsteln suchte. Die Voruntersuchung hatte ergeben, daß die beiden Verbrechen, um welche es sich handelte, im engsten Kausalzusammenhange standen, und darauf fußte auch die Anklageakte. Sie war mit der größten Sorgfalt verfaßt und entrollte mit psychologischer Meisterschaft ein ergreifendes Gemälde der ganzen unseligen Geschichte. Der dunkelste Punkt darin fehlte freilich. Waren doch der Angeklagte und ich die einzigen Personen im Saale, welche von dem Geheimnis wußten, das die Freveltat Kipplings zu einer unerhörten machte. Die Leumundszeugnisse Angeklagter spielen vor schweizerischen Schwurgerichten eine sehr bedeutende Rolle, unter Umständen vielleicht eine zu bedeutende. Im vorliegenden Falle verstärkten aber die von Gemeinde-, Schul- und Kirchenbehörden eingelaufenen Zeugnisse die günstige Meinung, welche schon die Anklageakte für Gritli erweckt hatte. Ebenso die Gutachten der beigezogenen ärztlichen Experten, welche zu dem Ergebnis kamen, das Kind sei durch die ihm angetane brutale Mißhandlung in einen Zustand momentaner Geistesstörung versetzt worden und demnach im Augenblick der Brandstiftung unzurechnungsfähig gewesen. Die Vernehmung der Angeklagten und die Zeugenabhörung begannen. Einen Schleier über die empörenden und schrecklichen Details! Herr Kippling suchte die ganze Sache als Bagatelle zu behandeln und leugnete mit einer Stirne von Erz jede Anwendung von Gewalt. Er mußte auch richtig Mittel und Wege gefunden haben, auf die Frau Regel einzuwirken; denn, auf den Verhörstuhl berufen, nahm sie ihre in der Voruntersuchung gemachten Angaben zurück und suchte ganz im Sinne des Angeklagten zu sprechen. Sie hielt auch das Kreuzverhör, welches der Staatsanwalt und Gritlis Verteidiger mit ihr anstellten, eine Weile mit großer Geschicklichkeit aus. Dann aber begann sie unruhig auf ihrem Stuhle hin und her zu rutschen, zu zaudern und zu stocken. Das Auge Gritlis, bisher immer zu Boden gesenkt, hatte sich mit der ganzen Magie seines schwermütigen Ausdrucks auf die falsche Zeugin geheftet. Vergebens wandte diese sich ab: sie mußte immer wieder diesem vorwurfsvoll flehenden Auge begegnen, bis sie zuletzt, nachdem sie eine Weile verstockt geschwiegen, plötzlich mit fliegendem Atem in die Worte ausbrach: »Ihr Herren, das Geschrei des Kindes in jener Nacht will mir nicht aus den Ohren ... Ich muß die Wahrheit sagen ... Es ist alles so, wie ich in der Voruntersuchung angegeben.« Ich atmete freudig auf. Der Herr Staatsanwalt, seither zu hohen kantonalen und eidgenössischen Würden aufgestiegen, entwickelte in der jetzt folgenden Vernehmung Gritlis das ganze Zartgefühl eines humanen Charakters. Er wußte dem zitternden, stammelnden Kinde Vertrauen einzuflößen, so daß es seiner Angst wenigstens einigermaßen Meister wurde. Als der Staatsanwalt zuletzt an die Angeklagte die Frage stellte, wie es ihr denn im Moment der Brandstiftung zumute gewesen sei, und sie mit vor Schluchzen brechender Stimme die bebende Antwort gab: »Ich weiß ja nicht; mir ist nur so g'si, Gewesen. als müßt' ich die ganze Welt verbrennen!« Da ging eine Regung tiefen Mitgefühls durch den Saal, und ich sah die Augen starker Männer feucht werden. Es lag in dieser Antwort die furchtbare Gewißheit, daß die Brutalität eines Elenden eine schuldlose Kinderseele zum Wahnsinn getrieben hatte. Als die Plaidoyers der Verteidiger an die Reihe kamen, taten die Advokaten des Herrn Kippling und der Frau Regel, was sie tun konnten; allein man hörte aus ihren Reden deutlich genug heraus, daß sie eben nur berufshalber eine verlorene Sache führten. Der Verteidiger Gritlis richtete die vernichtende Gewalt seiner von großer Beredsamkeit unterstützten Beweisführung auf den Angeklagten. Ein Passus seiner Rede ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. – »Das, meine Herren Geschworenen,« sagte er, nachdem er Charakter, Lebensführung und Verbrechen des Angeklagten gezeichnet hatte, »das sind die Folgen einer Jugenderziehung, wie sie der Mammonsgeist unserer Zeit diktiert, einer Erziehung, welche alle idealen Anregungen geringschätzt und den Materialismus, welcher lehrt, daß nur, was Geld einbringe, gut, nützlich und erstrebenswert sei, als ein Evangelium anerkennt. Hier in dem Angeklagten, in diesem jungen Wüstling, welcher keinen Begriff davon hat, daß die schnöde Opferung eines schuldlosen, von allen übereinstimmend als brav und gut anerkannten Kindes etwas anderes sei als ein frivoler Spaß, als ein gelegentlicher Zeitvertreib eines reichen Herrn, hier haben Sie ein Produkt des utilitarischen Ungeistes, welcher die Masse der Besitzenden und Erwerbenden nur an ihre Interessen, an Luxus und Vergnügungen denken läßt und die Gesellschaft einer sittlichen Verwilderung entgegen zu führen droht, wie die Weltgeschichte nur in Perioden tiefsten Verfalls sie kennt.« Der Vorsitzende gab sein Resümee, anschaulich-klar und parteilos, die Geschworenen zogen sich zurück, und es verging eine bange halbe Stunde. Ich fürchtete doch für Gritli; denn ich wußte, daß Vergehen gegen das Eigentum nur in wenigen Ländern noch strenger geahndet werden als in der Schweiz, in dieser nämlichen Schweiz, welche Unkenntnis und Übelwollen als einen Herd kommunistischer Schwärmerei verschrien haben. Aber das Verdikt, welches die Geschworenen hereinbrachten, bewies recht schlagend die Vorzüge des aus dem lebendigen Volksbewußtsein geschöpften Rechtes vor dem aus toten Formeln abstrahierten. Gelehrte Juristen hätten nach dem Buchstaben eines Artikels des Strafgesetzbuches urteilen müssen, Geschworene konnten nach ihrer auf den psychologischen Zusammenhang der ganzen Sache basierten moralischen Überzeugung urteilen. Der Wahrspruch lautete für Herrn Kippling auf »Schuldig unter erschwerenden Umständen«, für Frau Regel auf »Schuldig der Beihilfe«. Für Gritli hieß das Verdikt: »Ja, die Angeklagte war im Augenblicke der Brandstiftung gestörten Geistes und demnach unzurechnungsfähig.« Ein Summen der Befriedigung lief im Saale um. Der Vorsitzende verfügte sofort die Freilassung des geretteten Kindes. Ich faßte es an der Hand, als ich es auf seinen Füßen wanken sah. Die Strafbestimmung für die beiden Schuldigbefundenen nahm noch einige Zeit in Anspruch. Das Urteil lautete für Herrn Kippling auf fünfjährige, für Frau Regel auf zweijährige Zuchthausstrafe. Jener nahm den Spruch mit vornehmem oder wenigstens vornehm tuendem Gleichmut hin. Seine Blasiertheit wich, wie ich anderen Tages erfuhr, erst dann, als ihm der Züchtlingsanzug gereicht wurde. Da hat er sich wütend gesträubt und mit wilden Flüchen und Lästerungen auf dem Boden gewälzt. Ich führte Gritli hinaus und hoffte, da es bereits dunkelte, das Kind unerkannt durch die versammelten Volksmassen hindurch zu bringen. Aber es wurde doch erkannt und mit jubelnden Glückwünschen bestürmt. Zitternd klammerte es sich an meinen Arm, und so brachte ich es glücklich durch das Gedränge zu dem seitwärts haltenden Wagen. Der Diener öffnete den Schlag, eine Gestalt beugte sich aus dem Fond des Wagens, und die Freigesprochene fand sich in den Armen ihrer Schwester, welche mit Liebesworten und Küssen sie begrüßte. Zweites Kapitel, worin noch einmal kurz über die Schweiz geredet und dann fast nur von Geschäften gehandelt wird. Mit Gefühlen der Achtung und Dankbarkeit verließ ich die Schweiz. Ich hatte in diesem schönsten Lande Europas meine Kräfte brauchen gelernt, hatte Erfolge gehabt, hatte mir Freunde für das ganze Leben erworben. Früher selbst zuweilen in den Fehler verfallen, ohne genauere Kenntnis über schweizerische Zustände in der oberflächlichen Weise abzusprechen, wie es Fremden nur allzuhäufig begegnet, erachte ich es für Pflicht, hier noch zu sagen, daß, alles zusammengenommen, die Schweizer auf einen hohen Grad von Achtung Anspruch machen können. Es ist wahr, es fehlt ihnen durchschnittlich der ideale Seelenschwung wie die Leichtlebigkeit des Humors. Allein es mag sich dieser Mangel leicht daraus erklären, daß die Schweizer durch den ganzen Gang der Geschichte ihres Landes darauf hingewiesen wurden, vorwiegend praktische Ziele anzustreben. Daraus resultiert die verständige Nüchternheit, welche die Schweizer in der ganzen Fassung und Führung des Lebens kennzeichnet. Daneben sind sie jedoch edlerer Impulse keineswegs bar und ledig. Schon ihr reger Gemeinsinn und die außerordentliche Pietät, womit sie die glorreichen Erinnerungen ihrer alten Geschichte pflegen, beweisen das hinlänglich. Die staatlichen Einrichtungen der Eidgenossenschaft haben ohne Zweifel ihre Mängel; allein in dem Umstand, daß die Formen des Selfgovernments, anderwärts erst mühsam und meist noch etwas ungeschickt erstrebt, den Schweizern längst schon zur zweiten Natur geworden sind, ist ein mächtiges Korrektiv gegeben. Endlich darf auch nicht mit Stillschweigen übergangen werden, daß das schweizerische Geschäftsleben, obzwar es sich von dem Kredit- und Spekulationsschwindel unserer Tage keineswegs unberührt erhalten hat, dennoch im ganzen noch auf solider und rechtlicher Basis ruht. Indessen auch im deutschen Vaterlande fand ich, heimgekehrt, neben vielen untröstlichen Erscheinungen manches Tröstliche vor. Auf dem Gebiete materiellen Gedeihens hat Deutschland in den letzten Jahrzehnten ungeheure Vorschritte gemacht, und wenn das geistige Leben der Nation gegenwärtig keine solchen Prachtblüten treibt, keine solchen Gedankenfrüchte voll ewiger Nahrungsfülle reift, wie es in der letzten Hälfte des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts entfaltet und gezeitigt hat, so ist doch die Verbreitung des Gesamtschatzes unserer Bildung in allen Volksklassen eine unendlich viel erweitertere und tiefere geworden. Das beste ist aber, daß die nationale Idee, seit der ruhmreichen Epoche der Befreiungskriege das teuerste Besitztum aller Guten, in immer weiteren Kreisen Wurzeln geschlagen hat, selbst in solchen, wo dafür früher gar kein Boden vorhanden zu sein schien. Deutschland ist denn doch schon seit lange etwas Besseres als ein »bloßer geographischer Begriff«. Wir haben angefangen, uns zu fühlen als ein zusammengehörendes, zu Glück und Größe befähigtes und berechtigtes Volk, und wenn die Zeit der Feuertaufe kommt, die uns zur Nation weihen soll – ich hoffe mit ganzer Seele, daß wir sie mit Ehren bestehen werden. Diese vor zwölf Jahren geäußerte Hoffnung ist schneller und glänzender in Erfüllung gegangen, als die kühnste Phantasie erwarten durfte. Die »Zelt der Feuertaufe« – und welcher Feuertaufe! – für die im Jungbrunnen der Bildung verjüngte und im Feuer der Vaterlandsliebe zusammengeschmiedete Nation ist gekommen, und die große Probe wurde so heldisch und herrlich bestanden, daß 1870 als das schönste Jahr, so recht als das Ruhm- und Glanzjahr der gesamten deutschen Geschichte dasteht. Zur Stunde, wo ich dieses schreibe, ist die nationale Einheit eine geschichtliche Tatsache. Möge aus dem gesunden Boden dieser Einheit unser Freiheitsbaum, die deutsche Riesenlinde, frisch und froh hervorwachsen und mit ihrem grünen Wipfel rauschen die Jahrhunderte der Zukunft entlang! (Anmerkung zur Ausgabe von 1871.) Freilich hatte ich zunächst keine Zeit, meine Blicke mit sonderlicher Aufmerksamkeit auf das Allgemeine und Öffentliche zu richten. Privatangelegenheiten, die ich um Isoldes willen als meine eigenen ansehen mußte, nahmen meine Zeit, Sorge und Arbeit vollauf in Anspruch. Isolde hatte nicht erst nötig, mir zu sagen, wie sehr es ihr Wunsch sei, daß keine Unehre an dem Namen haften bleibe, welchen ihr Vater getragen und welchen sie mir zubrachte. War ich doch selber noch keineswegs ein so »enorm praktischer« Mensch geworden, daß es mir hätte gleichgültig sein können, ob die Gläubiger des unglücklichen Berthold ganz oder teilweise um ihr Recht kämen. Aber ihnen zu ihrem Rechte zu verhelfen, war schwierig, sehr schwierig. Denn es zeigte sich, daß Schloß Rothenfluh und der dazu gehörende, noch immer sehr bedeutende Güterkomplex zwei- und dreifach verschrieben und verpfändet waren. Es galt, nachdem die Schuldtitel endlich festgestellt waren, ein Abkommen mit den Gläubigern zu treffen, und zwar im Namen Isoldes, die ich beredete, den Versuch zu machen, das Gut selber zu übernehmen. Ich machte eine Berechnung, wie hoch sich ungefähr die Auslösungssumme belaufen würde, kam aber zu einem niederschlagenden Resultat. Denn wenn ich auch mein Erworbenes zusammennahm, wenn ich den Wertbetrag vom Lindachhof, welchen mir meine Verlobte zur Verfügung stellte, dazu tat, wenn ich sogar das bescheidene Vermögen meiner Schwester Hildegard, welches mir die Gute zu dem in Frage stehenden Zweck überließ, hinzurechnete, so erreichten diese Mittel doch noch lange nicht die Höhe der Schuldenmasse. Ich konnte den Gläubigern demnach nicht genug bieten und so beschloß eine Versammlung derselben die öffentliche Versteigerung des Gutes. Ich gab aber meinen Entschluß, Rothenfluh für Isolde zu retten, deshalb noch nicht auf. Wußte ich doch, wie das Herz der Geliebten an den Räumen hing, wo ihr Vater gelebt, ihre Mutter gestorben und ihre Wiege gestanden. Und als mein Vorsatz, zugleich mit der Neuigkeit meiner Verlobung mit Isolde, in der Gegend bekannt wurde, erfuhr ich, daß mein Vater wie der meiner Braut auch für ihre Kinder Freunde geworben. Denn von Kapitalisten und Gutsbesitzern, ja selbst von schlichten Bauern kamen mir verläßliche Anerbieten von Geld und Bürgschaftstellung zu. Ich schrieb auch an Herrn Bürger und setzte ihm die Sachlage und die mich bedrängenden Schwierigkeiten auseinander, erhielt aber zu meinem nicht geringen Leidwesen nur die wunderliche Antwort, es werde sich schon machen, ich sollte nur die Ohren steif halten. Wir waren schon mitten im Winter, als ich eines Tages von Rothenfluh zur Stadt hinunterging, wo die Versteigerung stattfinden sollte. Als ich das städtische Rathaus betrat, fand ich bereits daselbst eine ziemlich große Anzahl von Kauflustigen vor, aber was mich nicht wenig überraschte, war die Anwesenheit Bürgers. Er erwiderte indes meine Begrüßungen und Fragen kurzangebundener als je und sagte zu allem nur: »Nachher, mein Bester, nachher. Haben jetzt zuvor das Geschäft da abzumachen – 's ist kla–ar.« Und doch sah der Mann so frisch aus und, wie mir vorkam, viel jünger, als ich ihn je gesehen. Im Augenblick, bevor die Auktion begann, wandte er sich an den die Verhandlung leitenden Beamten mit der Frage, wie hoch sich die gesamte auf dem Gut haftende Schuldenmasse belaufe, und als er die verlangte Auskunft erhalten, brummte er vor sich hin: »Gerade recht – ganz vortrefflich, rechne ich.« Während der Versteigerung saß Bürger neben mir, und nach einer Weile waren wir beiden die einzigen Bieter. Aber immer überbot mich der Freund mit einem wahrhaft türkischen Gleichmut. Der Kopf wurde mir heiß, und während einer Pause flüsterte ich ihm zu: »Seid Ihr denn ganz des Teufels? Ohne Euch hätte ich bereits das Gut in Händen.« »Rechne, ich werde bieten bis zum Betrag der Schuldenmasse.« »Wollt Ihr denn das Gut für Euch erwerben?« »Ach, bewahre!« »Ich meine: für die Firma?« »Behüte!« »Für wen denn?« »Werdet es erfahren – 's ist kla–ar.« In halber Verzweiflung begann ich wieder zu bieten, denn die Höhe der Angebote überstieg schon bei weitem die mir zur Verfügung stehenden Mittel. Bürger überbot mich und dann wiederum und noch einmal. Ich aber durfte und konnte nun nicht mehr weiter gehen, denn falls mir das Gut zugeschlagen worden wäre, hätte ich die Bedingung, die Kaufsumme bar zu erlegen, nicht erfüllen können. Der Freund erhielt den Zuschlag zu einem Preise, welcher nur einige Tausende unter dem Betrag der Schuldenmasse blieb. »Rechne, Ihr habt keine Ursache, so desperat auszusehen,« sagte Bürger, als ich mit verbissenem Ingrimm aufstand. »Mußten ja die Manichäer doch bezahlt werden – 's ist kla–ar.« Er stand ebenfalls auf und sagte zu dem Beamten: »Mein Herr, ich erlege nach Vorschrift den Kaufschilling bar.« Damit öffnete er die Mappe, welche er unter dem Arme gehalten, und bedeckte den Tisch mit Banknoten. »Mein werter Herr,« sagte der Beamte, nachdem er die sehr beträchtliche Summe überzählt hatte, »wen habe ich die Ehre als Ersteher des Freigutes Rothenfluh, so wie es steht und liegt, in das Versteigerungsprotokoll einzutragen?« Bürger zwinkerte lustig mit den Augen, bewegte die Nasenflügel und versetzte: »Rechne, Herrn Michel Hellmuth und Fräulein Isolde von Rothenfluh.« Der Beamte schaute hoch auf, schrieb aber dann mechanisch, als Bürger ernsthaft mit dem Kopfe nickte. »Aber um des Himmels willen –« »Bah, bah,« unterbrach Bürger meinen angefangenen Satz. »Rechne, ist nicht der Ort hier zu Exklamationen und Expektorationen. Geschäft abgemacht und dann geschwatzt – 's ist kla–ar.« Er wartete ruhig, bis der Beamte die nötigen Papiere ausgefertigt hatte, steckte mir dann dieselben ohne weiteres in die Brusttasche und zog mich in ein Nebenzimmer. Hier drückte er mir mit Wärme die Hand und sagte: »Rechne, schrieb Euch nicht, wollt' Euch überraschen, da Ihr ja noch ein halber Romantiker seid. Überraschungen poetisch, wißt Ihr? Hatte auch viel zu tun und obendrein allerlei angenehme Zerstreuungen ... Hätte zwar der Hanns Bürger einen alten Freund auch nicht stecken lassen – rechne, Ihr glaubt das – bin aber doch nur als Mandatar meines – hm, meines Herrn Oberst Kippling hier – 's ist kla–ar.« »Wie?« »Rechne, ist so. Habt Ihr denn nie, aber auch gar nie davon läuten hören, daß vorzeiten die beiden Herren, Euer Vater und der Freiherr Bodo, zu gleichen Teilen mitsammen eine hübsche Summe in das Kipplingsche Geschäft gaben?« Ich beantwortete diese Frage der Wahrheit gemäß mit nein, aber doch erwachte eine dunkle Erinnerung in mir, die Erinnerung an jenen Morgen, wo vor Jahren Berthold plötzlich zum Regiment in die Residenz verschickt wurde und der Freiherr mit meinem Vater über Geldgeschäfte gesprochen hatte. »Die fragliche Summe,« fuhr Bürger fort, »ging verloren, in einem Bankerott, den der Herr Gottlieb Kippling nach dem Tode seines Schwagers und Kompagnons machte. Es ist lange her, und wollen wir also nicht mehr genau untersuchen, welche Bewandtnis es eigentlich mit jenem Bankerott hatte.« »O, jetzt weiß ich, warum mein teurer Vater seinerzeit soviel Kummer hatte und warum er, der Edle, Vertrauensvolle, plötzlich davon sprach, man müßte den Menschen mißtrauen.« »Und er hat Euch also nie den Namen des Mannes genannt, durch welchen er sein Vermögen einbüßte?« »Nie.« »Das muß ein braver Mann gewesen sein! Er wollte nicht Haß in Eure junge Seele säen. Rechne, nobel das! ... Aber weiter im Text. Ihr wißt so gut und besser als ich, wie der Herr Oberst durch alle die Kalamitäten der letzten Zeit mitgenommen wurde. Lebt jetzt in Neapel und duselt so hin. Wird nie mehr der Alte werden. Als ich ihm nun neulich unter anderem auch von Euch und Euren Angelegenheiten schrieb, kam umgehend ein Brief, worin er die alte Schmiere von dem Bankerott aufrührte und mir befahl, sofort die betreffende Summe mit Zinsen und Zinseszinsen an Euch und Fräulein Isolde zurückzubezahlen. Er habe das ohnehin tun wollen, schrieb er. Der wunderlichste Zufall fügte es, daß das Geld fast netto so viel betrug, als die auf Rothenfluh haftenden Schulden ausmachten. Damit basta! ... Im übrigen läßt Euch meine Frau schön grüßen.« »Eure Frau? Julie?« »Rechne, dieselbige Julie, yes – 's ist kla–ar.« »Ich sag' Euch, Bürger, das freut mich noch mehr als diese fast märchenhafte Erwerbung von Rothenfluh.« »Rechne, Ihr wäret dessen fähig. Seid von jeher ein leidlich anständiger Mensch gewesen.« »Aber wie kam denn das?« »Kurios genug. Julie war seit der Katastrophe auf der roten Fluh ganz mächtig zu ihrem Vorteil verändert. Merkte es gleich, tat aber nicht so. Als Ihr nun fort waret, sah sie sich in ihrer Vereinzelung nach einem Freunde um, dem sie wie Euch vertrauen könnte. Da war denn der alte Hanns Bürger da, von dem auch Gritli, das arme Kind, welches übrigens in der Hut der Schwester jetzt recht schön und gut aufblüht, allmählich begriff, daß er im Grunde ein leidlich guter Kerl sei. Rechne, das Zutrauen Gritlis hat mir erst recht das Vertrauen Julies verschafft. Nun, um kurz zu sein, sollte eines Tages nach der Baustätte ins Bihltal hinauf, war mit Julie gerade allein im Zimmer und sagte da so von ungefähr zu ihr: ›Könntet mir wohl auch Eure Hand zum Abschied geben.‹ – ›Da,‹ sagte sie, und wie sie mir die Hand gibt, fügte sie mit einem schelmischen, aber guten Lächeln hinzu: ›Wollt Ihr sie?‹ – ›Und wie!‹ sag' ich. – ›Für immer?‹ fragte sie. – ›Für immer und noch für ein wenig länger,‹ sag' ich. – ›Da habt Ihr sie und mich dazu,‹ sagt sie. – ›Topp,‹ sag' ich, ›rechne, wollen die Ehestandskomödie mit bestem Humor mitsammen durchspielen.‹ – Drei Wochen darauf war Julie, nachdem ein merkwürdig gerührter Glückwunschbrief von dem Herrn Oberst eingelaufen, meine liebe, liebe Bürgerin .... Das ist die ganze Schnurre.« »Redet nicht von Schnurren, lieber Freund. Das Glück guckt Euch ja zu den Augen heraus, indem Ihr von Julie sprecht.« »Rechne, wenn Ihr's durchaus so haben wollt, lieber Junge, so muß ich's schon sagen: ja, bin sehr glücklich! Julie ist über die Maßen liebenswürdig und liest mir jeden Wunsch aus den Augen. Seit ein paar Wochen vollends – na, genug; rechne, es wird seinerzeit ein Gevatterbrief in Rothenfluh einlaufen, verlaßt Euch darauf! ... Und jetzt, mit Verlaub, da Ihr ›Hanns im Glücke‹ gesehen, verlangt mich danach, meinerseits ›Michel im Glücke‹ zu sehen. Ihr müßt mich daher noch heute mit Eurer Braut bekanntmachen. Habe nämlich eine feierliche Mission an Fräulein Isolde, von wegen eines Kusses, welchen Euch zu schulden und an Eurem Hochzeitstage bezahlen zu wollen Julie bekennt. Schulden müssen bezahlt werden, seien es Geldschulden oder Kußschulden – 's ist kla–ar.« Drittes Kapitel »Pfingsten war, das Fest der Freude ..« Zur schönen Pfingstzeit war es, als der große Glückstag meines Lebens erschien. Durch das Blachfeld zogen die Rapsäcker ihre gelben Blütenstreifen, die Hügel standen in ihrem saftigen Buchengrün, und unser Dorf lag im weiß-roten Blütenwald seiner Obstbäume. Das ist so recht die »Hochzeit« des Jahres, wie Pfingsten in den alten Liedern genannt wird, und darum auch so recht die Zeit zum Freien und Heimführen der Bräute. Es lag eine solche Freude und Wohligkeit über der Erde, daß kein Leid, kein Schmerz aufkommen konnte. Darum trugen wir auch, Isolde und ich, die ernste Feier, welche am Pfingsttage zu Gnadenbrunn in der Klosterkirche stattfand, mit ruhiger Fassung. Meine gute Schwester Hildegard legte an diesem Tage ihr Klostergelübde ab. Sie tat es mit der heiteren Ruhe, welche sie sich schon lange zu eigen gemacht, und welche selbst die erschütternde Nachricht vom Ausgange Bertholds nicht dauernd gestört hatte. Fabian zelebrierte das Hochamt. Er war gekommen, um den Freund mit der Jugendgespielin zu trauen, und hatte eine gute Nachricht mitgebracht, die Nachricht, daß seine Ernennung zum Pfarrer in Rothenfluh gewiß sei. Der Herr Dekan war nämlich zu Anfang des Frühjahrs gestorben, und da verstand es sich doch von selbst, daß ich das an dem Freigut haftende Patronatsrecht zugunsten des Freundes geübt und ihn der Kirchenbehörde vorgeschlagen hatte. Bevor er von Frohdorf abreiste, hatte er sein dortiges Priesteramt damit beschlossen, daß er dem Jages und Vefele ihren ersten Buben taufte. In der festlich geschmückten Klosterkirche ging die schwermütig-feierliche Zeremonie der Weihung Hildegards zur »Braut Christi« vor sich. Das dunkle Lockenhaar meiner Schwester sank unter der Schere, der Nonnenschleier fiel über ihr von Schönheit und Andacht strahlendes Gesicht, und der Ambrosianische Lobgesang wurde angestimmt. Am zweitfolgenden Morgen darauf war großes Leben in der Rentei von Rothenfluh. Aus diesem Hause sollte ich die Geliebte zur Kirche führen. Hierher hatte ich sie am Tage zuvor von Lindach herabgebracht, nachdem in der Woche zuvor das alte Haus mit dem elterlichen Hausrat, welchen Isolde nach dem Tode meines Vaters mit so schöner Pietät hatte aufkaufen lassen, wieder eingerichtet worden war. Ich sehe die beiden alten treuen Mägde noch, die Theres und die Annem'rei, wie sie in den altvertrauten Räumen herumgingen und mit vor Freude zitternden Händen jedem Hausratsstück seinen alten Platz anwiesen. Ich selber empfand dabei die weihevolle Wirkung der Familientradition, eines Bleibendsten und Heiligsten im Wechsel der irdischen Dinge, das aber in unseren Tagen leider nur allzuhäufig geringgeschätzt und mißachtet wird. Isolde war meinem Wunsche entgegengekommen, als sie mich gebeten hatte, für die nächste Zeit mit mir unter dem Dache wohnen zu dürfen, wo wir beide so glückliche Kinderjahre verlebten. »Ich meine,« hatte sie gesagt, »das Andenken deiner geliebten Mutter, welches an diesen Räumen haftet, wird mich lehren, ihrem Sohne eine so gute Frau zu sein, wie sie deinem Vater gewesen.« – Ohnehin bedurfte das Schloß verschiedener Reparaturen, und dann setzte ich auch etwas darein, zunächst meinen eigenen Verwalter zu machen und mich sozusagen von diesem erst zum Gutsherrn aufzudienen. Drüben auf dem Kirchturm läuteten sie schon das erste Zeichen zum Beginn der Hochzeitmesse, als ich in die Familienstube trat, wo mich die geschmückte Braut erwartete. Sie war in ihrem weißen Atlaskleide schön und anmutig wie eine jener Gestalten, wie sie dem Künstlerauge nur in geweihtesten Momenten vorschweben. Sie trug als einzigen Schmuck das Silberkreuz meiner Mutter, aber ein voller Kranz von Rosen lag auf der wunderbaren Fülle ihres unvergleichlichen Haares. »O, wie bist du schön, Geliebte!« flüsterte ich ihr zu, trunken von Glück. »Du bist selbst eine Rose unter deinem Kranze von Rosen.« »Ich bin von der Sitte abgewichen, Teuerster,« sagte sie leise. »Die Blumen sind von dem Rosenstocke deiner – unserer seligen Mutter. Es schien mir Glück bringend, wenn ich unter diesem Kranze zur Kirche ginge.« Ein Wagen fuhr am Hause vor. »Sie sind es!« rief ich aus und eilte hinab, die liebsten Gäste zu empfangen: Bürger und Julie. Als die Freundinnen sich umarmt hatten, nahm Julie die Braut bei der Hand, führte sie vor ihren Gatten und sagte: »Aber ich bitte dich, lieber Bürger, hast du je etwas so Schönes und Holdes gesehen?« »Rechne, nein, Julchen. Aber weißt du, was wahr ist, muß man sagen: nach Fräulein Isolde kommt sogleich, ja, recht sogleich meine Frau – 's ist kla–ar.« »Ist er nicht galant, der Brummbär von ehemals?« fragte mich Julie und lachte voll Glück ihrem Manne zu. Isolde, ihr Erröten zu verheimlichen, führte mir die Freundin zu und sagte ihr: »Schmeichlerin, bezahle lieber deine Schulden.« »Recht so, holdselige Braut,« sagte Bürger. »Klare Rechnung muß sein.« »O, Ihr braucht mich gar nicht zu nötigen,« versetzte Julie heiter. »Ich bin eine ehrliche und zahlungsfähige Schuldnerin.« Damit küßte sie mich herzlich, zog mich dann beiseite und sagte mir: »Wie ich Sie kenne, teurer Freund, wird es Ihr heutiges Glück erhöhen, wenn ich Ihnen sage, daß auch ich glücklich sei. Und ich bin es! Bürger ist der liebenswürdigste und beste Mensch von der Welt. Ich hätte nie geglaubt, daß im Kreise stillumfriedeter Häuslichkeit so viel Zufriedenheit und reines Behagen gedeihen könne, wie ich jetzt genieße. – Gritli läßt Sie tausendmal grüßen. Sie können nicht glauben, wie das Kind an mir hängt und wieviel Freude es meinem Manne und mir macht. Wenn Sie,« setzte die Sprecherin mit dem Erröten fraulicher Verschämtheit, aber auch mit dem Lächeln fraulichen Glücks hinzu, »wenn Sie und Isolde im Herbst zum Patenbesuche zu uns kommen, werden Sie sehen, wie groß und schön meine Schwester inzwischen geworden ist.« Die Glocken riefen uns zur Kirche, und mit Worten innigster Teilnahme und Freude weihte Fabian meinen Bund mit der Geliebten. Das Festmahl war im großen Saale des Schlosses bereitet worden. Eine Deputation der Gemeinde brachte uns die Glückwünsche derselben. Bürger sprach, sprudelndem Humor warme Herzensworte zugesellend, den Toast auf das Brautpaar. Drunten im Parke waren lange Tische aufgeschlagen, damit die Insassen des Gutes und die Gemeindegenossen auch ihren Teil am Feste hätten, und gegen Abend spielte eine Musikbande der Dorfjugend zum Tanze auf. Als dort die Fröhlichkeit recht im Gange war, wurde es im Schloß und Park schon stiller. Die Gäste verloren sich, und Bürger und Julie hatten sich schon früher heimlich zu ihrem Wagen gestohlen. Sie wollten uns unserem Glücke und uns selbst überlassen. Nun wandelte ich mit Isolde Hand in Hand durch den Park dem Wasserfall zu. Dort stiegen wir hinab und gingen am Bache das Wiesental hinauf zur Breunighalde. Es zog uns zu der Stelle, wo unsere Herzen ihr Erwachen zuerst erraten hatten. Auf dem Rückwege besuchten wir den Friedhof, und dort bei den Blumen, welche die treue Hand der Geliebten auf den Gräbern unserer Eltern gepflegt hatte, wiederholten wir die feierlichen Gelübde, welche wir morgens am Altar ausgetauscht hatten. »O,« sagte Isolde, »wie würden, die hier schlummern, sich freuen, teurer Mann, wenn sie sähen, daß wenigstens zwei ihrer Kinder glücklich geworden sind! Und warum nicht annehmen, daß sie es sehen und uns segnen? Ist es doch ein guter und tröstlicher Glaube, daß die innigsten Bande, welche die Menschen verknüpfen, niemals sich lösen.« Der Schimmer des Abendrotes verglomm allmählich an den heimatlichen Bergkuppen, als wir zu dem elterlichen Hause zurückkehrten, welches jetzt auch das unsere war. Drinnen schmückten die Theres und die Annem'rei die Türpfosten der Brautkammer mit Blumengewinden. Aber wir gingen hinaus in den Garten unter den alten Apfelbaum und saßen dort bis lange in die schöne Frühlingsnacht hinein. Da, an dem Lieblingsruheplatze der Eltern, hielt jetzt der Sohn sein Glück in den Armen. Der alte Freund meiner Jugend, der Apfelbaum, regte im lauen Nachthauch leise die Zweige, und als wollt' auch er seinen Gruß und Glückwunsch sagen, überrieselte er uns mit Blütenflocken. Über ihm, in der klaren riesigen Himmelsglocke funkelten glückverheißende Sterne. Und stiller und immer stiller ward es um uns her. Drunten im Dorfe unter der Linde verstummte die Musik. Drüben im Parke riefen und lockten sich die Nachtigallen, zuletzt nur noch halbleise, wie traumselig – dann schwiegen auch sie. So erstarb Ton um Ton in der Nähe und Ferne – ich hörte den süßen Atem der Geliebten gehen, die ihr Haupt an meine Brust gelehnt hatte, und zuletzt wachte weit in der Runde hier unten nur noch ein glückliches Paar und droben der Gestirne melodischer Wandel. Ende.