Balduin Möllhausen Die beiden Jachten   Herausgegeben von Dietrich Theden   Illustrierte Romane Reisen und Abenteuer Zweiter Band Leipzig Verlag von Paul List.   Published october 3, 1906. Privilege of Copyright in the United States reserved under the Act approved March 3, 1905 by Paul List, Leipzig. Erstes Kapitel. Die »Pandora« und ihre Herrin. Der geisterhafte Matrose. Junge Gäste. In gleicher Höhe mit der Südspitze von Patagonien, und östlich über die Falklandsinseln hinaus, tauchen in der endlosen Wasserwüste des Atlantischen Ozeans mehrere unwirtliche Eilande, die Aurora-Inseln, empor. Felsig und verhältnismäßig wenig den Meeresspiegel überragend, sind sie ein Hort der Seevögel. Gelegentlich sprechen auch Robben in größerer Zahl auf ihnen vor. Zur Zeit, als deren Reihen noch nicht erheblich gelichtet waren, mag hin und wieder ein Tranfahrer seine Besatzung zum Robbenschlag dort gelandet haben; im übrigen waren auf jenen gottverlassenen Eilanden menschliche Wesen von jeher eine ebenso seltene Erscheinung, wie der Walfisch auf einem Jahrmarkt. Der Januar neigte sich seinem Ende zu. Trotz der Nähe der südlichen Polarbreiten, zeichnete er sich als Hochsommermonat durch eine Wärme aus, die man mit der eines schönen Märztages der gemäßigten Zonen hätte vergleichen mögen. Unter dem Einfluß der andauernden Windstille hatte das Meer sich beruhigt. Das regelmäßige Heben und Senken der sich gemächlich einherschiebenden Wasserhügel erinnerte an das ruhige Atmen eines schlafenden Riesen. Wie mit einem bösen Fluch belastet, lagen die schaumumkränzten Inseln. Seltsam kontrastierte zu der menschenfeindlichen Einöde ein Fahrzeug, das, durch keine andere Kraft, als die der Meeresströmung, fortbewegt, von Süden herauf allmählich bis in gleiche Höhe mit der nördlichsten Insel getrieben war. Ein befahrener Kapitän würde auf den ersten Blick in dem scharf gebauten, zweimastigen Schoner eine Lustjacht erkannt haben. So zeugte auch die Höhe der Masten, die einen die Sicherheit mehrenden Tiefgang voraussetzen ließ, daß schon beim Strecken des Kiels die Schnelligkeit der Fahrt als Hauptbedingung gegolten hatte. Die Segel waren lose aufgegeit, anscheinend, um sie beim ersten Erwachen einer Luftströmung dieser sofort preisgeben zu können. Wohin man an Bord sich wenden mochte: überall begegnete man nicht nur der peinlichsten Sauberkeit, sondern auch einer Ausstattung, als wäre der Schoner ursprünglich zu einem Modell für ein Schaufenster bestimmt gewesen. Alles glänzte und blitzte, zumal nach den Tagen der Windstille, die dazu benutzt worden waren, die letzten Merkmale der rauhen Fahrt ums Kap Horn herum zu verwischen. Politur wechselte mit blankem Messing ab, und auf dem weißgescheuerten Deck hätte man vergeblich nach einem verunzierenden Fleckchen gesucht. Als Gallionfigur war unterhalb des Bugspriets eine kunstvoll gemeißelte, vergoldete antike Frauengestalt angebracht worden, die mit dem rechten Arm in die Ferne wies, in der linken Hand dagegen eine seltsam geformte Büchse hielt. Sie versinnbildlichte die mit guten und gefährlichen Göttergeschenken reich bedachte Pandora, deren Name, weithin lesbar, in goldenen Buchstaben auf dem Heck prangte. Wie das Schiff, zeichneten sich auch die Deckhände und Topgasten durch ihr gefälliges Äußere aus. Gleichförmig bekleidet, wich ihr Anzug nur wenig von dem der Matrosen der englischen Kriegsmarine ab; als Kopfbedeckung trugen sie dagegen die blaue, schottische Filzmütze, auf deren schwarzseidenem Band ebenfalls der Name Pandora zu lesen war. Obwohl der Schoner mit zwölf Matrosen ausreichend bemannt gewesen wäre, befanden sich deren sechsundzwanzig an Bord, ein anderes Zeichen, daß man alles Mögliche aufgeboten hatte, die Sicherheit des Schiffes, unbekümmert um die Kosten, nach jeder Richtung hin zu erhöhen. Sogar auf eine etwaige Begegnung mit Piraten war Bedacht genommen worden, denn außer dem drehbaren, schweren Buggeschütz auf dem Deck schauten vier leichte Messingkanonen durch die geöffneten Luken in den sonnigen Morgen hinaus. An Bord herrschte Stille. Hinter dem Steuerrad stand, regungslos wie eine Bildsäule, ein alter Matrose von ungewöhnlich langem, hagerem Körperbau. Wie Schraubstöcke hielten seine knochigen Fäuste die Speichen des feiernden Rades umspannt. Nicht an Kompaß und Kurs gebannt, hingen seine Blicke beinahe starr an dem etwa eine Viertelmeile entfernten Eilande. Starr, wie aus Holz gemeißelt, erschienen auch seine verwitterten, glattrasierten Gesichtszüge, deren Farbe an die eines Gestorbenen erinnerte. Unter der auf dem Hinterkopf hängenden Mütze sah vollständig ergrautes, dünnes Haar hervor, jedoch ohne der mächtigen Gestalt zugleich die äußere Würde des Alters zu verleihen. Im Gegenteil, es erhöhte den eigentümlichen Ausdruck des Unheimlichen und Gespenstischen, womit der Name Ghastly, ghastly (engl.) = geisterhaft. unter dem allein der Mann bekannt war, in seltsamem Einklange stand. Andere Deckhände befanden sich auf dem Vorderschiff, wo sie gruppenweise umhersaßen oder lagen und mit Plaudern und Tabakrauchen sich die Zeit verkürzten. »Es gehört immerhin ein ordentlich Stück Geld dazu, 'ne Kraft, wie die ›Pandora‹, zu erbauen und samt der doppelten Besatzung in frischer Fahrt zu erhalten. Und wenn's noch Vorteil eintrüge. Verdammt! Die Kosten eines einzigen Monats möcht' ich in der Tasche fühlen,« erklärte eine jüngere Deckhand dem neben ihr sitzenden Bootsmann. Dieser, mit der geschorenen Oberlippe und dem langen, braunen Kehlbart das Urbild eines verwitterten englischen Matrosen, fragte nachlässig zurück: »Trägt dein Tabaksverbrauch dir Vorteil ein?« »Das nicht, aber Vergnügen, oder ich möcht' ihn drangeben lieber heut als morgen,« antwortete jener lachend. Der Bootsmann schraubte die struppigen Brauen nach der Stirn hinauf und erwiderte herablassend: »Befändest du dich etwas länger als sechs Monate an Bord, so möcht's dir klar geworden sein, daß unserer Gräfin zehntausend Pfund Sterling gerade so viel wert sind, wie dir ein Knoten Schiemannsgarn zwischen den Zähnen. Wie dir der Tabak, ist ihr das Seefahren 'ne Lust. Auch unter den Weibern hat's richtige Salzwassernaturen, und sie zählt nicht zu den schlechtesten.« »Bist schon geraume Zeit bekannt mit ihr, kalkulier' ich.« »An die zwölf Jahre, und bis auf den heutigen Tag ist mir's nicht leid geworden, mich an Bord der Pandora verheuert zu haben. Auf der kommt man herum in der Welt.« »Es ist erstaunlich, wenn man bedenkt, daß solche Lady mit ihrem unmenschlichen Reichtum in jeder Hauptstadt leben könnte, wie eine Königin.« »Sie hat eben ihre Schrullen; manche wollen ihr sogar den gesunden Menschenverstand absprechen; die aber ist so hell, wie 'ne Robbe im Wasser. Sie führt aus, worauf sie verfällt, und kümmert sich den Henker um die Mäuler anderer. Verdammt! Um nichts segelt sie dir mit derselben Gemächlichkeit um die halbe Erde herum und anderen Tages den gleichen Kurs zurück, mit der du zwischen 'nem Alehause und 'ner Whiskyschänke kreuzest. Einen mäßigen Trunk gönnt sie übrigens jedem rechtschaffenen Jan Maat, dafür ist sie Christin. Nur schlingern und stampfen will sie keinen sehen, dem 's Gallion schwerer, als die Beine geworden; höchstens die Pandora bei rauhem Seegange.« Ein schriller Pfiff drang von dem Quarterdeck herüber. »Das gilt dem Kapitän,« meinte der Bootsmann, »und der sitzt oben auf der Saling und betrachtet das Eiland durchs Fernrohr, als wär's seine Liebste – da – jetzt hat sie's mit dem Ghastly. Wenn der nicht reden will, ziehen ein halb Dutzend Gräfinnen ihm kein Wort über die Zunge.« »Mich wundert's, daß sie den überhaupt an Bord genommen hat,« erwiderte der Gefährte; »eine ordentliche Scheu befällt mich, so oft ich ihm begegne. Mein ganzes Leben lang könnt' ich mit ihm keine Freundschaft schließen.« »Dafür paßt er der Gräfin um so besser,« versetzte der Bootsmann geheimnisvoll. »Menschen, deren zwölf auf ein Dutzend gehen, sind weniger nach ihrem Sinn. Je verrückter einer, um so mehr macht sie davon – bei Gott, Maat, schau hinüber. Hängen will ich, wenn der Ghastly in diesen zwei Minuten nicht mehr geredet hat, als sonst in zwei Wochen,« und abbrechend wendete er seine Aufmerksamkeit der Schiffsherrin zu. Diese hatte sich kurz zuvor erst nach dem Quarterdeck hinaufbegeben. Einen prüfenden Blick sandte sie nach der Insel hinüber, an deren Gestaden die Dünungen, Schaumstreifen erzeugend, träge emporstiegen; dann hob sie die an silberner Kette von ihrem Halse niederhängende Pfeife an die Lippen, und nachdem sie Simpson, ihrem Schiffskommandanten, das bekannte Signal gegeben hatte, kehrte sie sich Ghastly zu. Hoch und schlank gewachsen, offenbarte sich in ihrer vornehmen Haltung ein gewisses männliches Selbstbewußtsein. Ob jemals blendende Reize ihr hageres Antlitz schmückten, auf dem der Jahre mindestens zweiundvierzig ihre Spuren ausprägten, wäre schwer zu entscheiden gewesen. Dessen edle Formen hatten zwar nicht zerstört werden können; alles übrige fiel dagegen in einen strengen, undurchdringlichen Ernst zusammen. Kalt schauten die großen, hellblauen Augen, während um die schmalen, verblühten Lippen ein unsäglich herber Zug lagerte. Ein kleiner Hut von lackiertem Leder bedeckte ihr zuversichtlich getragenes Haupt, von dem das blonde Haar lose und schlicht bis auf die Schultern niederfiel. Ihren Oberkörper umhüllte eine Bluse von blauem Flanell. Ein Rock von ähnlichem Stoff fiel nicht ganz bis zu den mit festen Schnürstiefeln bekleideten Füßen nieder und vervollständigte einen gewissen seemännischen äußeren Charakter. »Ghastly,« redete sie diesen eintönig an, »wie lange befinden Sie sich an Bord der Pandora?« Ghastly kehrte ihr sein fahles Antlitz zu. In seinen tiefliegenden dunklen Augen webte es wie die versteckte Neigung, die Ursache zu ergründen, die die Gräfin zu der Frage bewegte. Vor die Gräfin hintretend, meldete er ehrerbietig, indem er mit dem zusammengeschobenen Fernrohr nach der Insel hinüberwies: »Dem Gerücht liegt Wahrheit zugrunde«. »Etwas über acht Jahre,« antwortete er nach kurzem Sinnen. »Kamen Sie aus Ihren früheren Fahrten jemals diesen Weg?« forschte die Gräfin weiter. Ghastlys Züge erstarrten förmlich. Er fühlte die aus seinem Gesicht sich vollziehende Wandlung. Sie zu verheimlichen, kehrte er sich dem Eilande wieder zu. Er schien den Blick der Gräfin zu fürchten. »Diesen Weg?« versetzte er zögernd; »nun ja, ich rechne, den kam ich mehrfach.« »Entsinnen Sie sich, drüben auf der Insel drei Kreuze bemerkt zu haben?« Ghastly schluckte einige Male heftig, wie um zur Antwort seine Kehle zu klären. Die Gräfin beobachtete es gleichmütig. Sie war zu sehr an die wunderliche Weise des schweigsamen alten Matrosen gewöhnt, um in seinem Benehmen Auffälliges zu entdecken. »Einmal hörte ich davon,« bemerkte er, anscheinend in der Vergangenheit suchend, »gesehen habe ich sie nicht.« In diesem Augenblick erschien Simpson auf dem Quarterdeck. Vor die Gräfin hintretend, meldete er ehrerbietig, indem er mit dem zusammengeschobenen Fernrohr nach der Insel hinüberwies: »Dem Gerücht liegt Wahrheit zugrunde. Von oben unterschied ich Unebenheiten des Bodens, die als mehrere Kreuze nicht zu verkennen sind.« Die Gräfin sann. Simpson beobachtete sie unterdessen mit sichtlicher Spannung. Er war ein Mann von etwa sechsundfünfzig Jahren. Weniger kräftig gebaut, jedoch in Haltung wie Bewegung große Zähigkeit verratend, offenbarte sich in seinem ganzen Äußeren, daß er in vornehmen Kreisen sich heimisch fühlte. Sein wohlgebildetes Gesicht mit dem schwarzen, jedoch bereits zum Teil ergrauten Vollbart war stark gebräunt. Tiefer Ernst sprach aus seinen Zügen, während aus seinen dunkelblauen Augen eine eigentümliche, schnelle und feste Entschlüsse zeitigende Ruhe hervorlugte. »Wie beurteilen Sie die Aussichten?« fragte die Gräfin ihn nach einer längeren Pause, »wird die Windstille länger anhalten?« »In diesen Breiten sind Windstillen eine Seltenheit.« antwortete Simpson, »von der augenblicklich herrschenden läßt sich indessen voraussetzen, daß sie noch zwölf bis achtzehn Stunden andauert.« »Bringt die Strömung uns der Insel näher?« fuhr die Gräfin fort. »Nur wenig. Nach Ablauf zweier Stunden wächst der Zwischenraum wieder.« »So möchten wir uns lieber gleich übersetzen lassen.« »Sie wollen die öde Scholle in der Tat besuchen?« fragte Simpson, und als die Gräfin zustimmend das Haupt neigte, fügte er mit Entschiedenheit hinzu: »Trotzdem muß ich davon abraten. Betrachten Sie die Brandung und das weiße Wasser oberhalb der blinden Klippen; schon allein der Versuch des Landens ist nicht ungefährlich.« »Ihre Fürsorge erkenne ich dankbar an,« versetzte die Gräfin, »allein Sie kennen mich. Handelt es sich um das Erreichen irgend eines mir vorschwebenden Zieles, und wäre es noch so phantastisch, so gibt es für mich keine Gefahren. Seitdem ich von den drei Kreuzen hörte, hat es mir keine Ruhe mehr gelassen. Ich muß durchaus deren Bedeutung kennen lernen. Haben wir doch um geringerer Ursachen willen – nennen wir sie meinetwegen Launen – die halbe Erde umschifft.« »Bestehen Sie ernstlich darauf,« erwiderte Simpson mit einem argwöhnischen Blick auf die weiß schäumenden Brandungen, »so möchte ich mir den Rat erlauben, keine Minute zu säumen. Je früher dort, um so früher zurück. Trotz der günstigen Anzeichen ist in diesen Regionen dem Wetter nie zu trauen.« »Ich bin bereit,« erklärte die Gräfin. Fast gleichzeitig ertönte Simpsons Stimme über das Schiff hin, indem er befahl, das Großboot hinabzulassen und mit acht Ruderern zu bemannen. Die Gräfin schritt nach dem Kompaßhäuschen hinüber, um sich von dem Stande der Magnetnadel zu überzeugen. Über Ghastly, der den Inhalt ihres Gesprächs mit Simpson zum größten Teil verstanden hatte, schweiften ihre Blicke gleichgültig hinweg; es möchte ihr sonst schwerlich entgangen sein, daß sein fahles Gesicht sich noch mehr versteinert hatte. Das Lärmen der Matrosen, die herbeieilten, um das an den geschweiften Davids hängende Boot zu lösen und die durch die Flaschenzüge laufenden Taue klar zu legen, mahnte sie, ihre kleinen Vorbereitungen zu der Fahrt zu treffen. Bevor sie, das Quarterdeck verlassend, die von starken Messingstäben umrahmte Luke erreichte, durch die man auf bequemer Treppe zu den im Zwischendeck eingerichteten Gemächern hinabgelangte, stürmte es ihr von unten herauf mit leichten Füßen entgegen. Sie blieb stehen; ein Schimmer von Wohlgefallen milderte flüchtig die Strenge ihrer Züge, als zwei Jagdpanther auf Deck sprangen und gleich darauf behaglich schnurrend ihr prachtvoll gezeichnetes Fell an ihr glatt strichen. Ihr zutrauliches Wesen erinnerte an das friedlicher, gut gezogener Haustiere. Die Gräfin sprach noch liebkosend zu ihnen, als abermals leichte Schritte auf der Treppe laut wurden und zwei liebliche Mädchengestalten vor ihr auftauchten. Die eine, blond gelockt, mit der zarten Hautfarbe und den blauen Augen, konnte die englische Abkunft nicht verleugnen; wogegen die andere mit den atlasweichen braunen Zügen, dem tiefschwarzen, leicht gewellten Haar und den großen, träumerischen Augen das bezaubernde Bild eines jungen Hindumädchens darbot. »Gräfin Marley von Marleyhouse,« hob die erstere mit einer anmutigen Verneigung an, und Jugendlust sprühte aus ihren Augen, offenbarte sich in dem um die vollen Rosenlippen spielenden, mutwilligen Lächeln, »wir hörten die Vorbereitungen zum Hinablassen des Bootes, da führte uns die Hoffnung, ein Stündchen festen Boden unter den Füßen zu fühlen, nach oben.« »In welcher Hoffnung meine gute Nichte Maud sich leider getäuscht haben dürfte,« antwortete die Gräfin ruhig, und gewahrend, daß die beiden Gefährtinnen mißvergnügt schauten, fuhr sie etwas wärmer fort: »Die Fahrt ist nichts für euch. Betrachtet die Brandung da drüben. Ich selber werde meine Not haben, wenn überhaupt, ohne ein Sturzbad den Strand zu erreichen.« Sie nickte den Mädchen freundlich, jedoch in einer Weise zu, die alle Einwendungen abschnitt, und begab sich in die unteren Räume hinab, während jene, gefolgt von den Geparden, nach dem Quarterdeck hinaufstiegen, um von dort aus die Abfahrt des Bootes zu überwachen. Als die Gräfin, auf dem Arme einen blauen Sammetschal nebst Regenmantel, einige Minuten später wieder auf Deck erschien, lag das Boot vor der Falltreppe. Die acht Ruderer hatten ihre Plätze eingenommen und hielten die Riemen in der Schwebe. Auf der untersten, zu einer Plattform sich erweiternden Stufe stand Simpson, um der zu ihm Herabsteigenden auf ihren Sitz zu helfen. Er selbst ließ sich neben ihr nieder und griff nach dem kleinen Steuer. Das Zeichen zur Abfahrt folgte, plätschernd tauchten die Riemen in die Fluten, und schon nach dem dritten von den kräftigen Armen geführten Schlage schoß das Boot davon. Den ihr von den Mädchen nachgesendeten Scheidegruß beantwortete die Gräfin mit einer matten Handbewegung, dann versank sie in Schweigen. Kein Wort wurde in dem Boot gewechselt. Man hörte nur das Stoßen der Riemen zwischen den Pflöcken, das Plätschern des aufgestörten Wassers und das leise Zischen, mit dem der scharfe Bug die Fluten teilte. Hinauf und hinunter ging es die schwerfällig einherrollenden breiten Dünungen. Abwechselnd begrenzten sanft ansteigende Wasserabhänge die Fernsicht, dann wieder die weitgeschweifte Linie, wo der tiefblaue Ozean mit dem wolkenlosen Himmel zusammenstieß. Kein Lüftchen regte sich. Hier und da, wo eine Robbenfamilie ihr harmloses Wesen trieb, tauchte es zeitweise wie schwarze Kugeln auf der Oberfläche des Wassers empor. Vereinzelte Möwen und Kormorans rasteten schwimmend. Andere schweiften mit trägem Flügelschlage planlos umher. Sie schienen übersättigt zu sein. »Eine schöne Fahrt,« brach die Gräfin endlich, zu Simpson gewendet, das Schweigen, »es ist dies für mich eine jener Stunden, in denen ich nichts wünsche und nichts vermisse.« »Trotzdem lebe ich unter dem Eindruck, daß Sie größere Befriedigung fänden, vertauschten Sie, wenn auch nur zeitweise, den Aufenthalt auf dem Weltmeere mit dem in Marleyhouse,« erwiderte Simpson. Die Gräfin lächelte herbe und sprach mit einem Anfluge von Spott: »Ich erstaune, von einem vielbefahrenen Seemanne solche Ansichten zu hören. Erscheint es mir doch als höchster Genuß, die ganze Erdoberfläche ähnlich zu betrachten, wie den heimatlichen Park, wo es von meiner Laune abhängig ist, welchen Weg oder Pfad ich lustwandelnd einschlage. Zum Kleben an der Scholle ist es früh genug, wenn das Alter erst seine strengen Anforderungen an mich stellt. Dann mag Marleyhouse sich wieder beleben, mögen Pferdeställe und Reitbahn sich bevölkern; bis dahin aber will ich nur das tun, was mir Freude bereitet, unbekümmert um das Urteil der Menschen, die ich schon in früher Jugend gründlich verachten lernte.« »Sie wähnen es nur, weil Sie zu ängstlich den Verkehr mit Menschen meiden,« versetzte Simpson, »wäre es anders, so würden Sie schwerlich mit so viel Wärme sich der beiden Mädchen angenommen haben.« Die Gräfin zuckte die Achseln. »Sie überschätzen meine Menschenliebe,« erwiderte sie. »In Hull war es, wo ich erfuhr, daß Mauds Eltern in Ostindien gestorben seien und ihre Tochter schutzlos zurückgelassen hätten. Sie entsinnen sich, ich war um ein Reiseziel in Verlegenheit, da hieß ich es willkommen, vom Geschick auf Madras hingewiesen zu werden. Egoismus war also im Grunde die Triebfeder, wenn ich die Ärmste einer traurigen Lage und dem ihren Frieden gefährdenden Einfluß des leichtlebigen Peldram entzog. Mit der kleinen Hindu verhielt es sich nicht viel anders. Da ruchbar geworden war, daß sie, trotz des strengen Verbotes, mit ihrem toten Gatten verbrannt werden sollte, reizte es mich, den verrückten Menschen die Freude zu verderben, und die Entführung gelang.« »Wodurch Sie zwei reine, unschuldige Gemüter sich zum heißesten Dank verpflichteten.« »Was ist Dankbarkeit? Wann ist sie verdient, wann nicht? Wer bürgt dafür, daß ich durch mein Eingreifen in ihr Geschick zugleich ihr Glück förderte? Wer dürfte vor dem Tode überhaupt glücklich genannt werden? Das höchste Glück und das tiefste Leid wohnen zu nahe beieinander.« Mit den letzten Worten neigte die Gräfin das Haupt, für Simpson eine Mahnung, sie ihren Betrachtungen zu überlassen. Abermals entschwand eine Zeit in Schweigen; plötzlich meldete Simpson: »Die Kreuze in Sicht.« Die Gräfin richtete sich auf und sah in die angedeutete Richtung. Ein teilweise grüner Abhang, der so lange durch eine Bodenerhebung verdeckt gewesen war, neigte sich dem Meere zu, und es erheischte keine sonderlich scharfen Augen, drei hölzerne Kreuze zu unterscheiden, die in mäßiger Entfernung vom Strande nebeneinander standen. »Das sind sie also,« bemerkte die Gräfin, wie zu sich selbst sprechend, und sie wendete keinen Blick mehr von den rätselhaften Zeichen. Die Matrosen aber, aus den Zügen ihrer Gebieterin das Verlangen herauslesend, bald zur Stelle zu sein, ruderten mit einer Anstrengung, daß die Riemen sich unter ihren sehnigen Armen und knochigen Fäusten bogen und der scharfe Bug des Bootes mit verstärktem Zischen die Fluten teilte. Zweites Kapitel. Auf der Insel. Die drei Kreuze. Seltsame Tafeln. Eine letzte Ehrung. Nachdem das Boot sich der Insel bis auf etwa vierhundert Meter genähert hatte, handhabten die Matrosen ihre Riemen in gemäßigterem Takt, und parallel mit dem zerrissenen Ufer einhergleitend, lugten alle scharf nach einer Stelle aus, an der sie ungefährdet würden landen können. Simpson hatte das Steuer ausgehangen und kniete im Vorderteil. Eine Einbuchtung im Auge, teilte er seine Aufmerksamkeit zwischen dieser und dem wunderbar durchsichtigen Fahrwasser. Obwohl außerhalb des Bereiches der eigentlichen Meeresströmung, herrschte auch auf dieser Seite der Insel allerwärts schwere Brandung. Deren Gefahr wurde indessen dadurch gemäßigt, daß die ermattenden Dünungen in längeren Pausen aufeinander folgten und der nach den Gestaden hinaufgetriebene Gischt jedesmal Zeit fand, zurückzusinken, bevor eine neue Schwellung heranrollte und dann einen dumpf brausenden und dröhnenden Kampf erzeugte. Endlich befahl Simpson, das Boot so weit herum zu schwingen, daß dessen Kiel auf die Rückwand der Einbuchtung wies. Langsamer noch ruderten die Männer nunmehr bis in die Einfahrt hinein. Dort kämpften sie angestrengt gegen eine zurückweichende Dünung. Eine kurze Pause der Ruhe folgte, bis eine neue, landwärts stehende Dünung das Boot hoch emporhob. Zugleich gebrauchten die Matrosen ihre Riemen wieder mit äußerster Gewalt, und auf dem Gipfel des mächtig emporwachsenden Schaumhügels gelangte das Boot wohlbehalten über etwaige verborgene Klippen hinweg. Bevor es am Strande aufstieß, sprangen die Männer über Bord, und auf beiden Seiten zugreifend, nutzten sie die letzte Kraft der Strömung aus, ihre Last vollends trocken zu legen. Mit unerschütterlicher Ruhe und einem Kennerblick hatte die Gräfin das Verfahren der Leute überwacht. Mit demselben Gleichmut verließ sie das Boot, sobald es zum Stillstand gelangte, und Simpson anheimgebend, den Leuten ihr ferneres Verhalten vorzuschreiben, schritt sie ihm voraus den Abhang hinauf. Tussokgras bedeckte diesen; zwischen dem Grase aber lagen schieferartige Steintrümmer in einer Weise zerstreut umher, daß sie nur langsam und nicht ohne Mühe vorwärts kam. Auch über die Entfernung bis zu den Kreuzen hatte sie sich vom Meere aus getäuscht, denn zu der Strecke, die sie glaubte, in wenigen Minuten zurücklegen zu können, gebrauchte sie eine volle Viertelstunde. Kurz bevor sie in der Nachbarschaft der Kreuze eintraf, gesellte Simpson sich zu ihr. »Ich fürchte, meine Erwartungen waren zu hoch gespannt,« redete die Gräfin ihn alsbald an, »abgesehen davon, daß wir eines der unwirtlichsten Eilande des Atlantischen Ozeans betreten haben, werden wir schwerlich mehr erfahren, als daß einst eine ähnliche Windstille, wie die zurzeit herrschende, den Kommandanten irgend eines Schiffes verleitete, drei Verstorbene, anstatt sie ins Meer zu versenken, hier zu beerdigen.« »Auf alle Fälle genug, um mit einer gewissen Befriedigung wieder an Bord zu gehen und die rätselhaften Kreuze aus der Erinnerung zu streichen,« erwiderte Simpson. Die Gräfin kehrte sich um und sandte einen Blick über das trostlose Eiland. So weit dieses in ihren Gesichtskreis fiel, war die Farbe des Tussokgrases vorherrschend. Hier und da türmte sich schwärzliches Schiefergestein auf, in manchen Fällen wie von Menschenhänden geordnet. Dürftiges Leben erzeugten nur Wasservögel, die familienweise die alten Brutstätten umschwärmten, oder, nachdem sie gescheucht worden, sich seewärts wendeten. »Ein trauriger Aufenthalt sogar für Tote,« bemerkte die Gräfin träumerisch, »um wie viel schrecklicher müßte er für Lebende gewesen sein, wenn wirklich Schiffbrüchige hierher verschlagen wurden. So birgt jedes Fleckchen Erde, das die Oberfläche der Weltmeere durchbricht, seine Geheimnisse. Die meisten sind freilich im ewigen Ozean begraben, und was dem einmal anvertraut wurde, das gibt er nicht mehr heraus bis zum jüngsten Tage.« Die letzten Worte sprach sie mit scharf hervorklingender Bitterkeit, so daß Simpson, vertraut mit ihrer Weise, rücksichtsvoll vermied, durch eine Gegenbemerkung ihren Gedankengang zu stören. Sie standen vor den Kreuzen. Diese waren von Schiffstrümmern roh, aber fest zusammengefügt und tief in die Erde gesenkt worden. Außerdem hatte die Beschaffenheit des harten, teergetränkten Holzes sie gegen das Verwittern geschützt. Sinnend betrachteten sie die drei Wahrzeichen. Augenscheinlich Verstorbenen errichtet, war bei der Wahl der Stätte der Boden maßgebend gewesen, der gerade hier nachgiebig genug war, um eine Gruft schaufeln oder scharren zu können. Von Grabhügeln fanden sie dagegen keine Spur mehr. Hatten sich solche erhoben, so waren sie von der Zeit und durch atmosphärische Einflüsse längst geebnet worden. Vor dem einen Kreuz zeigte sich sogar eine Senkung des Bodens, als hätte das geöffnete Grab vergeblich auf seinen stillen Bewohner gewartet. Erfolglos suchten sie auf den Kreuzen nach einer Inschrift. Erst nach einer Weile, als sie die weiteren Nachforschungen bereits aufgeben wollten, entdeckte Simpson, halb überwuchert von Rasen, eine Schieferplatte, deren äußere Form dafür zeugte, daß sie von Menschenhänden mit den einfachsten Mitteln bearbeitet worden war. Gleich darauf hielt er sie in den Händen. Sie aufmerksam prüfend, überzeugte er sich, daß auf der glatten Seite Schriftzeichen sie bedeckten, die mittels eines spitz geschliffenen Nagels oder Messers tief in das nachgiebige Gestein eingeschabt worden waren. Neben die Gräfin hintretend, zeigte er der Erstaunten die noch deutlich erkennbare Schrift, dann entzifferten sie gemeinschaftlich die englischen Worte: »Hier ruht Erich Larsen von der Insel Utstein im Bukn-Ford, Norwegen. Wenn ein Christ diese Worte liest, so möge er sich einen Gotteslohn erwerben und nach dem Heimatsort des Toten die Kunde tragen, daß er nicht mehr unter den Lebenden weilt. Er starb als Opfer einer unerhörten Verräterei.« Hier folgte die Angabe des zweiundzwanzig Jahre zurückliegenden Todestages. Die Gräfin hatte die Inschrift laut gelesen. Ernst sah sie in Simpsons Augen. Dieser, nicht minder ergriffen, harrte ehrerbietig darauf, daß sie das Schweigen brechen sollte. Ewige Sekunden sann sie nach, bevor sie anhob: »Welch' furchtbares Ereignis mag sich hier abgesponnen haben. Uns aber ist die Aufgabe erwachsen, den letzten Wunsch des armen Toten zu erfüllen.« Ihr Antlitz verfinsterte sich, indem sie fortfuhr: »Nicht genug, in seiner Heimat zu verkünden, wo er sein Ende fand, soll auch nachgeforscht werden, von wem die Verräterei ausging. Lebt der Verbrecher noch, und wir entdecken ihn, so wird er zur Rechenschaft gezogen werden.« Simpson legte die Tafel auf den Rasen. Nach kurzem Suchen fanden sie am Fuße des zweiten Kreuzes eine andere Platte. Ähnlich behauen, trug sie fast wörtlich dieselbe Inschrift, nur daß sie hier auf den Namen John Holiday aus New York lautete und der Sterbetag ein etwas späteres Datum nachwies. Auf dem unteren Rande war eingekratzt worden: »Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben.« Auch die dritte Tafel entdeckten sie, und auf dieser entzifferten sie mit leichter Mühe den Namen Spencer Sherburn. Dann folgten die Worte: »Wer auch immer hierher verschlagen werden mag, und er betrachtet diese Kreuze, der erweise einem armen Toten die letzte Ehre, indem er dessen Gebeine neben diejenigen der bis in den Tod getreuen Gefährten bettet. Tritt er auf die Rückseite der Kreuze und wendet seine Blick südlich, so wird er einen Felshügel bemerken. Schreitet er auf diesen zu, so erreicht er nach kurzer Wanderung eine Talsenkung. Dort steht eine Hütte. In ihr findet er die Lösung des Rätsels.« Als Simpson wieder aufsah, erschrak er heftig. Eine unheimliche Wandlung hatte sich während des Lesens auf dem Antlitz der Gräfin vollzogen. Der letzte Blutstropfen war aus ihm zurückgetreten. Wie zu Marmor erstarrt, blickte sie auf die in ihren Händen befindliche Tafel nieder. Nur noch mit Mühe schien sie sich aufrecht zu erhalten. »Vielleicht kehren Sie lieber an Bord zurück?« fragte er teilnahmvoll. Die Gräfin schüttelte sich leicht, wie eines Schauders sich erwehrend, dann ihre ganze Kraft zusammenraffend, richtete sie sich höher auf. »Ich hielt mich für gestählt gegen die grauenhaftesten Eindrücke,« sprach sie, gewaltsam nach Fassung ringend, »und doch übermannten mich fast die ergreifenden Bilder, die durch den letzten Klageruf des Unglücklichen vor mir heraufbeschworen wurden. Aber sorgen Sie nicht. Der Anfall von Schwäche wird gleich überwunden sein. – Und umkehren, meinen Sie?« fuhr sie mit festerer Stimme, jedoch in eigentümlicher Hast fort, »umkehren – jetzt umkehren, fernerhin mit dem Bewußtsein mich tragen, eine Sache, mit der ich seit Jahren umging, nur halb getan zu haben? Das kann Ihr Ernst nicht sein.« Sie schritt um die Kreuze herum und richtete die Blicke südlich. Über die einzuschlagende Richtung belehrte sie die Lage des Felsenhügels, und ohne Säumen setzte sie sich in Bewegung. Simpson hielt sich ihr zur Seite. Eine mäßige Strecke legten sie schweigend zurück. Simpson beobachtete die Gefährtin nicht ohne Besorgnis. Wohl beruhigte es ihn, zu gewahren, daß sie nach den empfangenen Eindrücken sich allmählich wieder aufrichtete; allein die Farbe wollte nicht auf ihr Antlitz zurückkehren; es verschärfte sich der Zug herber Strenge und Verschlossenheit um die fest aufeinander gepreßten Lippen. Bald darauf befanden sie sich an ihrem Ziel. Aus sorgsam übereinander geschichteten Steinen errichtet, hielt der kleine Bau bei sechs Fuß Höhe etwa zehn im Geviert. Zur Bedachung war widerstandsfähiges Wrackholz verwendet worden. Um ihr größere Festigkeit zu verleihen, hatte man sie noch mit breiten Schieferplatten bedeckt. Der schmale, niedrige Eingang öffnete sich gegen Norden. Gras, eine feste Narbe bildend, wucherte ringsum, davon Zeugnis ablegend, daß eine lange Reihe von Jahren entschwunden sein mußte, seitdem zum letztenmal ein menschlicher Fuß im Ab- und Zugehen das Wachstum der bescheidenen Vegetation hemmte. Eine mit Kraut durchschossene Anhäufung fast zu Asche verwitterten Brennholzes lag seitwärts von der Tür, daneben eine Axt, die indessen kaum noch als solche erkennbar war, in so hohem Grade hatte der Rost das Eisen zerfressen. Muschelschalen und gebleichte Knochen von Robben gaben Kunde von der Art, wie die dorthin Verschlagenen einst ihr Leben gefristet hatten. Nachdenklich betrachteten die beiden Gefährten die Hütte und deren nähere Umgebung. Es war, als hätte Scheu sie beseelt, den Schleier des vor ihnen liegenden Geheimnisses zu lüften. Simpson suchte die Augen der Gräfin. Diese verstand die stumme Frage. Sie neigte das Haupt zustimmend, und ohne Säumen betrat er den höhlenartigen Bau. Mehrere Minuten dauerte es, bevor er wieder in der niedrigen Türöffnung erschien. Verstört sah er zu der Gräfin auf, und wie mit Widerstreben brach er in die Worte aus: »Wenn Sie glauben, einem grausigen Anblick gewachsen zu sein, so treten Sie ein; sonst lassen Sie es sich an meinen Mitteilungen genügen –« »Vor welchem Anblick könnte ich zurückschrecken?« fragte die Gräfin einfallend. Ihre Stimme klang gedämpft, wie im Selbstgespräch; auf ihren fahlen Zügen spiegelte sich der in ihrem Innern tobende Kampf um Selbstbeherrschung. Sie sprach noch, da stand sie bereits vor der Tür, und sich bückend, glitt sie zu Simpson hinein. Dort bedurfte sie einiger Zeit, um sich an die matte Beleuchtung zu gewöhnen. Erst allmählich erkannte sie die durch das Entschwinden der Jahre abgeschwächten Merkmale, daß hier wirklich Menschen gehaust hatten. Einzelne Schiffsgeräte lehnten noch an den Wänden, unter diesen Picke und Schaufel; die Holzteile waren vermorscht, das Eisen mit dickem Rost überzogen. Plötzlich bedeckte sie die Augen mit der Hand. Ihre Blicke waren auf ein Skelett gefallen, das am Fuße der einen Seitenwand lang ausgestreckt lag. Kaum noch als solche erkennbare Lumpen hingen hier und da an den letzten irdischen Überresten eines Unglücklichen; dazwischen erhoben sich bleiche Grashalme, die, des Lichtes beraubt, dem längst verwesten elenden Heulager kränkelnd entsprossen waren. Kein Laut entwand sich der heftig arbeitenden Brust der Gräfin; starr hingen ihre Augen an dem unheimlichen Bilde. »Das Rätsel ist gelöst; es konnte nicht anders sein,« fiel es endlich tonlos von ihren Lippen. Sich abkehrend, entdeckte sie eine Anhäufung ähnlicher Schieferplatten, wie diejenigen, die sie bei den Kreuzen vorfanden. Eine einzelne lag in Armeslänge von dem Toten und auf dieser der Rest eines allmählich bis auf eine kurze Spitze abgeschliffenen Messers. Auf ihren Wunsch nahm Simpson beides an sich, ebenso die oberste Platte von der Anhäufung, und schweigend begaben sie sich wieder ins Freie hinaus. Dort lasen sie zunächst die offenbar mit letzter, schwindender Kraft geschriebenen Zeilen auf der abgesondert vorgefundenen Tafel. »Abermals zieht ein Tag herauf,« hieß es da. »Will das Leben denn gar kein Ende nehmen? Will das Herz nicht endlich aufhören zu schlagen? Käte, reiche mir die Hand. Schatten blenden meine Augen – Käte, bleibe bei mir. – – – Käte – gute Nacht, fahre wohl – auf Wiederse–« Hier endigte die Inschrift. Die letzten Züge verrieten eine ermattende Hand, einen sich verdunkelnden Blick. Hastig, als hätte sie sich keine Zeit gönnen wollen, den sich an den traurigen Klageruf anknüpfenden Betrachtungen nachzuhängen, nahm die Gräfin die andere Platte aus Simpsons Händen, und schnell senkte sie die Blicke auf diese. Oben in der linken Ecke stand die Zahl sechsundvierzig. Darunter folgten dichtgedrängte Zeilen, die veranschaulichten, daß der Schreiber im Einkratzen sich allmählich eine gewisse Fertigkeit angeeignet hatte. Um indessen die Schrift geläufig zu lesen, war es nötig, die erblindeten Linien zuvor durch Nachfahren mit einem spitzen Werkzeug aufzufrischen. Die Gräfin gab daher alle weiteren zeitraubenden Versuche der Entzifferung auf, und die beiden Platten bei sich behaltend, beauftragte sie Simpson, die Vorbereitungen zur Beerdigung der verwitterten Gebeine zu treffen. Dieser belud sich mit der kaum noch benutzbaren Schaufel und Picke und begab sich ungesäumt auf den Rückweg. »Bringen Sie mir Schal und Mantel!« rief die Gräfin ihm nach, »im Boot ließ ich beides liegen,« und seiner Antwort nicht achtend, wählte sie die verrottete Holzanhäufung zur Rast. Dort saß sie, die Hände auf den Knien gekreuzt, die Blicke starr vor sich auf den Rasen geheftet. Jetzt, in dem Bewußtsein, von niemand beobachtet zu werden, legte sie sich äußerlich keinen Zwang mehr auf. Was in ihrem Herzen webte, fand seinen verständlichen Ausdruck auf den hageren, sich seltsam anspannenden Zügen. Eine auf die Vernichtung des Menschengeschlechtes sinnende Rachegöttin hätte nicht finsterer, nicht feindseliger dreinschauen können. Hin und wieder ballte sie die schmalen Hände krampfhaft. Wer in solchen Minuten den gelispelten Worten sein Ohr geliehen hätte, der würde scheu zurückgebebt sein vor der Erbitterung, mit der sie die Vergeltung des Himmels auf den oder die herabbeschwor, von deren teuflischem Wirken sie eben ein so entsetzliches Bild gewonnen hatte. Simpson verfolgte unterdessen eilfertig seinen Weg nach der Landungsstätte. Bei den Kreuzen legte er die unzureichenden Werkzeuge nieder, und bald darauf erteilte er den acht Seeleuten die nötigen Befehle. Vier beauftragte er, auf der durch Kreuz und Vertiefung bezeichneten Stelle eine Gruft auszuwerfen, wogegen die anderen ihn nach der Hütte begleiteten. Er selbst hatte den Sammetschal und Regenmantel über den Arm gehangen. Die Männer führten zwei Riemen mit sich, auf denen sie, eine Art Bahre herstellend, die beiden Sitzkissen des Bootes mittels Schnüren befestigt hatten. Der Gräfin sich wieder nähernd, glaubte Simpson, daß sie, erschöpft nach den erschütternden Eindrücken, eingeschlafen sei. Tief gebeugt saß sie, das Haupt auf Armen und Knien ruhend. Sobald aber das Geräusch der schweren Schritte ihr Ohr erreichte, erhob sie sich. Ihre Haltung war wieder die alte, zuversichtliche; auf ihren Zügen thronte nach alter Weise undurchdringliche, kalt abmessende Strenge. Ihre Befehle waren kurz und bündig. Einen prüfenden Blick warf sie auf die einfache Bahre. Wie Hohn zuckte es um ihre Lippen. Sie mochte sich die gebleichten, fast gewichtlosen Gebeine, auf den Kissen ruhend, vergegenwärtigen. Als Simpson ihr den Schal umhängen wollte, wies sie ihn zurück. »Benutzen Sie ihn als Leichentuch und umhüllen Sie alles noch besonders mit dem Gummistoff des Mantels,« sprach sie vollkommen ausdruckslos. »Der arme Tote soll uns nicht vergeblich um eine christliche Beerdigung gebeten haben. Was in unseren Kräften steht, seinen letzten Wunsch zu erfüllen, soll geschehen.« Und ein unheimlicher Blitz zuckte aus ihren Augen, indem sie gedämpft hinzufügte: »Vielleicht noch mehr.« Sie schritt einer nahen Bodenerhebung zu, von der aus sie die Blicke über das Eiland schweifen ließ. Sie wollte nicht Zeugin der Tätigkeit der Seeleute sein. Kaum eine Viertelstunde war verronnen, als Simpson ihr meldete, daß alles bereit sei. Festen Schrittes begab sie sich nach der Hütte zurück. Die Bahre stand vor der Tür. Auf ihr lag der anscheinend lose zusammengerollte Mantel. Zwei Matrosen warteten auf den Befehl, die kaum fühlbare Last aufzunehmen; die beiden anderen und Simpson hatten sich mit den beschriebenen Schieferplatten und sonstigen Gegenständen beladen, die noch nicht der gänzlichen Verwesung anheimgefallen waren. Auf ein Zeichen der Gräfin setzte der kleine Zug sich in Bewegung. Sie selbst beschloß ihn. Als er bei den Kreuzen eintraf, hatten die dort zurückgebliebenen Männer sich bereits über drei Fuß in den Boden hineingearbeitet. Die Gruft noch zu vertiefen, reichten die vorhandenen Werkzeuge nicht aus. Der Mantel wurde daher mit seinem Inhalt behutsam hinabgesenkt. Die Häupter entblößten sich. Jeder sprach ein stilles Gebet: dann warf die Gräfin die erste Handvoll Erde in das Grab. Simpson folgte ihrem Beispiel, und schnell füllte die Grube sich unter den rege schaffenden Armen der Matrosen. Geduldig wartete die Gräfin, bis das Werk vollbracht war, und das Haupt im Nachdenken geneigt, folgte sie den voraufschreitenden Männern zum Boot hinab nach. Man hätte sie für eine Leidtragende halten mögen, die eben von dem Grabe eines teuren Angehörigen fortgetreten war, der vor Tagen noch des Sonnenlichtes sich erfreute. Mit achtungsvoller Scheu sahen die rauhen Männer zu ihr auf. Es ergriff sie wohltuend, einen in der Ferne verstorbenen Seefahrer von ihrer Gebieterin so hochgeehrt zu sehen. Die Hälfte des Nachmittags war verstrichen, als man sich anschickte, an Bord der Pandora zurückzukehren. Wohlverstaut lagen in dem Boot die beschriebenen Platten und alles übrige, was der Hütte entführt worden war. Die Gräfin hatte sich im Stern niedergelassen. Neben ihr stand Simpson, die Blicke seewärts gerichtet. Auf jeder Seite des Bootes hielten vier Matrosen dessen Bord gepackt. Ähnlich wie beim Landen nutzte man auch jetzt die Dünungen wieder aus. Einen kurzen, angestrengten Kampf der Ruderer mit den brausenden Schaumkämmen kostete es noch, und hinaus auf die freie See schoß das Boot, als wäre es mit den Schwingen eines Sturmvogels ausgerüstet gewesen. Die Pandora war seit dem Morgen eine halbe Meile weiter nördlich getrieben. Beinahe eine Stunde dauerte es daher, bevor das Boot seitlängs von ihr anlegte. Wohlbehalten gelangte die Gräfin an Bord, wo sie von Maud und Sunbeam, der jungen Hindu, fröhlich willkommen geheißen wurde und die beiden Geparde sich wieder zutraulich an sie anschmiegten. Doch bevor sie in ihre eigentlichen Wohnräume hinabstieg, überwachte sie das Verladen der Schieferplatten, die vorsichtig von Hand zu Hand nach oben gereicht wurden. Eine halbe Stunde später, da hing das mit geteertem Segeltuch überzogene Boot wieder an den Davids; und damit war die letzte Spur des Ausfluges nach der Insel verwischt. Die Sonne neigte sich dem Untergange zu. In demselben Grade, in dem sie sich der Linie des Horizontes näherte, veränderte sie ihr Angesicht. Wie die Schnecken ihre Hörnchen, hatte sie die Strahlen einen nach dem anderen eingezogen; dunkler, in Rubinrot spielend, wurde ihre Färbung. Kurz bevor sie ins Meer hinabtauchte, begann sie plötzlich unten an ihrer Scheibe zu verlieren. Eine schwere Dunstschicht, die bis dahin nicht zu unterscheiden gewesen, war im Begriff, sie in sich aufzunehmen. Nur wenige Minuten, und es setzte das Abendrot ein. Wie durch Zauber entwickelten sich unter dessen Beleuchtung die Umrisse fern im Süden stehender, die Wasserlinie nur wenig überragender Wolkengebirge. »Das Wetterglas fällt. Viel länger hätten wir auf der Insel nicht bleiben dürfen,« bemerkte die Gräfin, die nach kurzem Aufenthalt in den unteren Räumen wieder auf dem Quarterdeck erschien, zu Simpson. »Ein Gewittersturm ist im Anzuge,« antwortete dieser, »bevor eine Stunde vergeht, weht es scharf aus Südost. Ich konnte es nicht voraussehen, oder ich hätte kaum gewagt, zu der Fahrt zu raten.« »Und doch ein Glück, daß wir dort gewesen sind,« versetzte die Gräfin düster. »Da – es meldet sich etwas an,« verfiel sie in einen helleren Ton, als ein matter Windstoß über das Schiff hinhauchte und die von ihm gestreiften Segel gedämpftes Poltern erzeugten; »das ist mehr, als die gewöhnliche Abendbrise.« Sie überblickte die Takelage, in der anderthalb Dutzend Matrosen eifrig beschäftigt waren, und fügte hinzu: »Sie treffen Vorkehrungen zum Empfang einer ernsten Bö?« »Ich lasse die Masten verkürzen,« antwortete Simpson. »Gestatten es Zeit und Überfluß an Händen, so geht mit etwas mehr Vorsicht nichts verloren. Über ein neues Ziel sind Sie noch nicht schlüssig geworden?« »Halten Sie den nordöstlichen Kurs, so lange das Wetter es nicht hindert, damit verlieren wir nichts, wohin auch immer wir uns wenden mögen,« riet die Gräfin. »Ich schwanke nämlich in der Wahl. Nach allen Windrichtungen ruft es mich; da bedarf es zuvor reiflichen Erwägens und Überlegens.« Träumerischen Blickes betrachtete sie die Insel. Die Sonne war ganz in die Dunstschicht hinabgetaucht. Ein grellroter Saum schmückte diese. Rosig angehaucht erschien das sich langsam emporarbeitende Wolkengebirge. Die Möwen waren rege geworden. Wie zwischen dem öden Eiland und der sich noch schwerfällig wiegenden Jacht vermittelnd, umkreisten sie diese schreiend. Unterhalb des Spiegels, wo das Wasser um das Steuerruder perlte, zwitscherten behaglich die kleinen Sturmschwalben, »Mutter Karrys Küchlein«, wie sie der Seefahrer nennt. Ein falber Schein zuckte über das Wolkengebirge hin. Die Gräfin wandte sich Simpson zu, der die Arbeit der Matrosen überwachte, hin und wieder einen Befehl über Deck sandte oder an die ihm untergebenen Steuerleute richtete. »Wir werden schwerlich viel Segel führen können,« bemerkte sie. »Ich beschränke mich auf so viel Leinwand, wie gerade notwendig ist, die Pandora in stetigem Kurs zu erhalten,« erwiderte ihr langjähriger Freund und Vertrauter höflich, »reffen wir jetzt mit Bedacht, brauchen wir uns später nicht zu übereilen.« Billigend neigte die Gräfin das Haupt. Eine Minute bot sie ihr bleiches Antlitz noch der sich wiederholenden Luftströmung dar, dann begab sie sich in die unteren Wohnräume hinab. Bei ihrem Eintritt zeigte sich ihr ein überaus liebliches Bild. Maud und die junge Hindu saßen an einem runden Tisch unterhalb der großen Hängelampe. Jede hatte vor sich eine der von der Insel herbeigeschafften Schieferplatten und war eifrig beschäftigt, mit der Spitze einer Segelnadel die erblindeten Schriftzüge zu verfolgen. Was Maud mit Verständnis ohne große Mühe ausführte, das vollbrachte Sunbeam, die des Lesens und Schreibens unkundig war, beinahe ebenso schnell. Es kamen ihr zu Hilfe die scharfen Augen und die in den zartesten Handarbeiten geübten Hände. Und so bildeten die so verschiedenartigen Gestalten mit den ihnen zu Füßen lagernden Jagdpanthern eine unbeschreiblich anmutige Gruppe. Es kam der Kontrast beiden zustatten: hier dem lachenden Frühlingsröslein, dort der ernsten Lotosblume. Als Tochter der heißen Zone zum Frösteln geneigt, hatte die junge Hindu ein hellblaues Tuch in malerischen Falten um Hals und Schultern geschlungen. Im Einklang mit den charakteristischen Gestalten stand die Umgebung. Die ganze Breite der Pandora ausfüllend, bildete das geräumige Gemach ein längliches Viereck, an das nach der Mitte des Schiffes hin die Schlafkammern und Küchenräume sich anschlossen. Wohin man blicken mochte, überall begegnete man einer Ausstattung, bei der echt orientalischem Geschmack verschwenderisch gehuldigt worden war. Ein kostbarer persischer Teppich bedeckte den Fußboden in seinem ganzen Umfange. Obwohl mit den Planken fest vereinigt, standen schwellende Diwans, Polstersessel und Tische in einer Weise umher, als ob beim Ordnen eine vornehme, nur die Bequemlichkeit berücksichtigende Nachlässigkeit gewaltet habe. Wie die Tische schmückten farbenreiche Decken auch die Wände. Unregelmäßig und doch nach einem bestimmten System aufgeschürzt, ließen sie die mit matter Vergoldung verzierten schwarzen Ebenholzflächen, wie die durch zolldicke Glasscheiben geschützten kleinen runden Fenster hervorlugen. Auf den Ebenholzflächen waren kostbare Schränke mit Büchern und Konsolen festgeschraubt worden, in deren sinnig durchbrochenen Brettern auch blitzende Kristall- und Silbergeräte sogar bei rauher See unbeeinflußt durch das Schwanken des Schiffes blieben. Als die Gräfin eintrat, stellten die beiden Freundinnen ihre Arbeit ein. Sich zurücklehnend, boten sie die unter ihren Händen befindlichen Platten ihr zur Ansicht dar. Die Gräfin neigte das Haupt. In ihren ernsten Zügen machte sich nicht die leiseste Wandlung bemerklich. Ihre Stimme klang dagegen wohlwollend, sogar zärtlich, indem sie sprach: »Ich bewundere die Geduld des Mannes, der offenbar unter den größtes Schwierigkeiten jeden einzelnen Buchstaben so tief einschabte, daß er im Laufe vieler Jahre nicht verwischt werden konnte. Jetzt, nachdem ihr sie auffrischtet, sollte man glauben, daß die Zeilen erst gestern geschrieben wurden.« »Verhieße der Inhalt nur nicht, so unsäglich traurig zu werden,« versetzte Maud, während der jungen Hindu wunderbar große Glutaugen gleichsam flehend an der Gräfin Lippen hingen; »mir ist, als starrte mir aus jedem einzelnen Wort eine Welt des bittersten Leids entgegen.« Der Gräfin Züge verhärteten sich. Wie die aus ihr ruhenden Augen scheuend, ließ sie die Blicke an den reichgeschmückten Wänden herumschweifen. »Der Eindruck erklärt sich, wenn man sich in die Lage eines von Gott und aller Welt Verlassenen hineindenkt,« sprach sie eintönig. »Doch gleichviel. Das Herz, das einst beim Niederschreiben dieser Zeilen sich qualvoll wand, hat längst, längst zu schlagen aufgehört; damit erreichte der Jammer sein Ende.« Bevor eine aus Mauds Lippen schwebende Frage laut, wurde, ließ sie eine auf dem Tische stehende Klingel ertönen. Im Inneren des Schiffes ging eine Tür. Der das Gemach nach dorthin abschließende Vorhang wurde zurückgeschlagen, und hinter ihm hervor trat eine ältere Frau in einfachem Anzuge mit weißer Spitzenhaube und Latzschürze. »Unwetter zieht herauf,« wendete die Gräfin sich ihrer Dienerin zu. »Höchstens noch eine Stunde, und mit der Ruhe ist's vorbei. Sorge dafür, daß wir den Tee vorher einnehmen, oder wir erleben, daß die armen Kinder hungrig zu Bett gehen müssen.« Die Dienerin verschwand geräuschlos. Als die Gräfin sich den beiden Mädchen wieder zukehrte, glitt ein Lächeln gutmütigen Spottes über ihr Antlitz. Die junge Hindu sah wieder flehend zu ihr auf, wie sie beschwörend, dem Unwetter zu gebieten, wogegen Maud in die Worte ausbrach: »Gewiß ein fürchterlicher Sturm –« »Was ist fürchterlich?« fiel die Gräfin ein. »etwa, daß wir die Aussicht haben, ein wenig geschüttelt zu werden? Ich dächte, das wäre dir nichts Neues mehr. Nach dem Essen begebt euch zur Ruhe, und ihr werdet erstaunen, wie bald das Meer euch in den Schlaf wiegt. Erhebt ihr euch wieder, so lacht euch die goldene Sonne vom blauen Himmel entgegen.« Die zuversichtliche Haltung und Sprache der Gräfin beschwichtigte die ängstlichen jungen Gemüter. Bemerkungen wurden zwar noch gewechselt, jedoch wie beiläufig, indem die Mädchen ihre Arbeit wieder aufgenommen hatten. Die Gräfin, offenbar tiefernsten Betrachtungen hingegeben, schritt langsam auf und ab. – Das Mahl war kaum beendigt, als das erste dumpfe Rollen sich vernehmen ließ: zugleich neigte die Pandora sich auf die Seite. Der Wind, der so lange stoßweise bald aus dieser, bald aus jener Richtung geweht hatte, blies nunmehr scharf aus Südost. Die Pandora gewann dadurch stetigere Fahrt, jedoch nur auf kurze Zeit; denn nachdem das Meer erst aufgewühlt worden, stampfte sie schwer unter dem Andrange der wachsenden Seen. Dazu grollte der Donner unablässig. und heftiger wurden die Schläge, die das Feuer sprühende schwarze Gewölk entsendete. Zagend hatten Maud und Sunbeam ihre Lager aufgesucht. Eine Weile wandelte die Gräfin noch auf und ab. Ihr Geist beschäftigte sich mit den jüngsten Erfahrungen. In ihrem streng verschlossenen Antlitz spiegelten sich zwei verschiedene Strömungen; abwechselnd herrschten tiefes Leid und unversöhnlicher Haß darauf vor. Erst zwei schnell aufeinander folgende Donnerschläge gaben sie der Gegenwart wieder zurück. Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß nichts lose umherrollte, trat sie in ihr Schlafgemach. Kurze Zeit verweilte sie dort. Wieder in dem Prunkgemach erscheinend, umhüllte ein bis zu den Füßen niederreichender wasserdichter Rock ihre Gestalt. Einen gefirnißten Matrosenhut hatte sie aus ihrem Haupt befestigt. So begab sie sich nach dem Deck hinauf. Ohrenbetäubendes Krachen begrüßte sie beim Hinaustreten. Als habe das Firmament in Flammen gestanden, leuchtete es aller Enden. Dazu brausten die sich mächtig aufbäumenden Wogen, heulte und pfiff der Sturm durch die Takelage, klatschte hin und wieder eine Sturzsee über Bord herein. Tief auf atmete die Gräfin. Der ihr ins Gesicht schlagende Regen schien sie zu erquicken. Aus dem Quarterdeck dicht an die vordere Balustrade herantretend, prüfte sie bei der flackernden Beleuchtung der Blitze die Takelage. An Segeln standen nur der Klüver, das dicht gereffte Großsegel und Gaffelsegel, ein Zeichen, daß Simpson einen ernsten Kampf mit den Elementen vorgesehen hatte. Die Matrosen hatten, so gut es gehen wollte, hier und da auf Deck Schutz gegen den strömenden Regen gesucht. Nur den sich weithin auszeichnenden Ghastly erkannte sie. Auf der Luvseite stand er, die Regeling, auf die er sich mit beiden Armen stützte, mit Kopf und Schultern überragend. So viel die Gräfin zu unterscheiden vermochte, starrte er in die Richtung, in der die Insel hinter der Pandora zurückgeblieben war. Indem die helleren Blitze ihn voll beleuchteten, erhöhte sich das Gespenstische seiner Erscheinung. Eine Weile betrachtete die Gräfin ihn sinnend; dann schritt sie nach dem Steuerrad hinüber. Zwei Matrosen hielten mit nervigen Fäusten dessen Speichen umspannt. Einige Sekunden beobachtete sie aufmerksam das leise Schwingen der transparenten, von unten beleuchteten Scheibe mit der Magnetnadel in dem Kompaßhäuschen. Da trat Simpson, unter dem Arm das Sprachrohr, heran. »Halt stetig,« befahl er den Matrosen. »Halt stetig,« antworteten diese wie aus einem Munde. Die Blicke nach oben gerichtet, entdeckte er, begünstigt durch einen heller sprühenden Blitz, einen Fehler an der Oberbramraae. Fast gleichzeitig kommandierte er über Deck: »Die Luvschote des Großoberbramsegels hat sich gelöst! Zwei Mann nach oben!« Der Befehl wurde unten wiederholt. Das Poltern einiger herbeieilender Matrosen folgte; doch bevor einer von ihnen sich nach der Regeling hinaufschwang, befand Ghastly sich bereits in den Wanten. Wie eine riesenhafte Spinne zeichnete er sich in der unsteten Beleuchtung aus, indem er von Mars zu Mars emporkletterte. »Ein seltsamer Mensch,« bemerkte die Gräfin träumerisch, »trotz seiner Jahre drängt er sich jedesmal vor, so oft es ein gefährliches Stück Arbeit gibt.« »Ich werde nicht klug aus ihm,« versetzte Simpson, seine Lippen dem Ohr der Gräfin zuneigend, um sich bei dem Höllenlärm verständlich zu machen. »Oft gewinne ich den Eindruck, als suchte er die Gelegenheit, über Bord gesendet zu werden. Er trägt sich entweder mit einem bösen Gewissen, oder er erlebte Dinge, die ihm das Leben verleideten.« »Wäre das der Fall, so besitzt er wenigstens hinlänglich Christensinn, um nicht zum Selbstmörder zu werden, « erwiderte die Gräfin, eine kurze Pause des Donnerns ausnutzend. »Gewissenhaft, wie er mir dient, will ich auch seiner Zukunft gedenken. Er soll kein klägliches Ende in dem ersten besten Spital finden.« Schärfer spähten beide nach oben, wo Ghastly auf der Raae sich festgeklammert hatte und mit unerschütterlicher Ruhe die gelockerte Segelnocke wieder befestigte. Damit zustande gekommen, trat er den Rückweg an, jedoch zögernd, auch wohl hier und da ein Weilchen rastend, als hätte er ungern seinen Aufenthalt in luftiger Höhe ausgegeben. Der Donner krachte, Feuersäulen verbanden sekundenlang das tosende Meer mit dem niedrig hängenden Gewölk. Schwer prasselte der Regen auf das triefende Deck nieder; Sturzsee folgte auf Sturzsee, ohne daß die Gräfin es beachtete. Das Heulen, Pfeifen, Brausen und Poltern schien wie Musik in ihre Ohren zu klingen. Stunde verrann auf Stunde. Der Donner verstummte endlich, abwärts zog das Flammen sprühende Gewölk, und noch immer weilte die Gräfin oben. Die Regenwand folgte dem Wetterleuchten nach, es klärte sich der südliche Himmel. Stern auf Stern schlich hinter dem scheidenden Gewölk hervor. Wie grüßend schimmerten die magelhaenischen Wolken herüber; geheimnisvoll funkelte das prächtige Sternbild des südlichen Kreuzes. Drittes Kapitel. Der Inhalt der Tafeln. Die Meuterer. In Todesnöten. Tag für Tag hatten Maud und Sunbeam den größten Teil ihrer Zeit mit der ihnen übertragenen Aufgabe verbracht; Tafel auf Tafel ging unter ihren Händen mit neu belebter Schrift hervor. Ebenso benutzte die Gräfin alle ihre Mußestunden, die mit so viel Qual und endloser Geduld , der Vergessenheit entrissenen Aufzeichnungen abzuschreiben. Die flinke Pandora überschritt den Wendekreis, und noch immer schafften die drei befreundeten Gestalten an dem gemeinsamen Werk. Sie schlüpfte unter dem Äquator hindurch und näherte sich der nördlichen gemäßigten Zone, ohne daß der Eifer erlahmte, mit dem man Wort auf Wort zu einem verständlichen Ganzen aneinander reihte. Wenn aber die beiden Freundinnen ihre Arbeit mit holdem Geplauder begleiteten und Maud nur zeitweise dem Einfluß der ergreifenden Schilderungen unterworfen war, so schienen sie auf die Gräfin einen unheimlichen Zauber auszuüben. Verschlossener wurde sie und ernster, tiefer prägte sich auf ihrem farblosen Antlitz ein eigentümlicher Zug der Erbitterung aus, der sich vorübergehend sogar zu dem der Grausamkeit verschärfte. In dem Prunkgemach brannte nur die Hauptlampe oberhalb des runden Tisches. Melancholisch beleuchtete sie die prächtige Ausstattung. Nach einem der Wandschränkchen hinüberschreitend, entnahm die Gräfin diesem ein Paket zusammengehefteter Blätter. Flüchtig betrachtete sie die letzte Seite, auf der sie vor Stunden erst den Schluß der geheimnisvollen Mitteilungen niedergeschrieben hatte; dann ließ sie sich vor dem Tisch nieder, um alles noch einmal im Zusammenhange durchzulesen. Um dem Schwanken des Schiffes leichter zu begegnen, hatte sie sich in einem Armstuhl festgesetzt. Eine Weile hielten ihre Hände das Heft regungslos. Es schien sie Überwindung zu kosten, es zu öffnen. Endlich aber richtete sie sich etwas auf, schlug das erste Blatt zurück und las: »Käte Dale! Dein holdes Bild taucht vor meiner Seele auf; dein teurer Name zittert in meinem Herzen; in der Erinnerung an dich umfloren sich meine Augen. Indem ich an die Erfüllung meiner letzten Lebensaufgabe mich anklammere. fühle ich meinen Mut wachsen. Es trägt mich die Hoffnung, daß die Kunde von meinem traurigen Ende dich dennoch über kurz oder lang erreicht, du die Überzeugung gewinnst, daß mit meinem letzten Atemzuge die Sorge um dich, aber auch meine unverbrüchliche Liebe zu dir vereinigt gewesen ist. Findet mein heißes Gebet Erhörung: wann wird es geschehen? Vielleicht erst, wenn dein von Gram und Alter gebeugtes Haupt sich zitternd dem Grabe zuneigt. Doch wie Gott will, ich habe mich in mein Los ergeben, in das Los, auf einer öden Insel im ewigen Ozean, die von den Schiffern wie ein Fluch gemieden wird, in tödlicher Einsamkeit langsam zu sterben. – Wie wird mein Ende sein? Wann wird es erfolgen? Lange kann es unmöglich dauern, das ist mein Trost. Wie beneide ich die Gefährten! Ihnen wurden die Augen von Freundeshand zugedrückt; Freundeshände bereiteten ihnen die letzte Ruhestätte, wogegen ich selber – fort mit diesen Bildern des Grausens; sie lähmen meinen Geist, führen mich auf die Bahnen des Wahnwitzes. Vielleicht stand im Schicksalsbuche geschrieben, daß gerade ich der letzte Überlebende sein sollte, um der Welt zu verkünden, daß es Höllengeister auf Erden gibt, die, alle menschlichen und göttlichen Gesetze verhöhnend, um irdischen Vorteils willen die Leben ihrer Nächsten, ohne sie zu zählen, frevelhaft in den Staub treten. Und abermals frage ich: wird überhaupt jemals ein Sterblicher dieses fluchbelastete Eiland betreten, jemals versuchen, die Bedeutung der drei Kreuze, die vielleicht aus der Ferne seine Aufmerksamkeit erregten, kennen zu lernen? Wird er sich dann aber berufen fühlen, dem letzten Flehen eines Sterbenden Folge zu geben? Doch gleichviel: Ich richte mich an dem Glauben auf, daß mein zum Himmel entsendeter Klageruf nicht ungehört verhallt, früh genug da eine teilnahmvolle Aufnahme findet, wo man geneigt ist, begangene Verbrechen zu strafen, unverschuldetes Leid zu mildern. – »Wie ist es still um mich her! Gedämpft dringt das Brüllen der wütenden Brandung zu mir herüber. Hier und da unterscheide ich den Schrei eines Seevogels. So ist es heute, so wird es sein nach vielen Jahren, wenn der Sturm über meine bleichenden Gebeine hinfegt. – Immer wieder diese schwarze Gedanken; sie vorübergehend von mir abzuwehren, gelingt mir nur, indem ich mit ganzer Seele der Aufgabe mich weihe, meine und der beiden Gefährten Leidensgeschichte der Nachwelt zu erhalten. Als ich einige der umherliegenden Schiefersteine dazu benutzte, den voraufgegangenen. Kameraden weniger leicht vergängliche Gedenktafeln zu errichten, ahnte ich nicht, daß ich damit das Mittel erprobte, meinen letzten Gedanken einen Weg zu den Menschen anzubahnen. Erst die tödliche Einsamkeit und die aus dieser hervorgehende Verzweiflung reiften in mir den Plan, wenigstens die Möglichkeit des Verkehrs längst Verstorbener mit den noch Lebenden zu eröffnen. Als Kapitän der Bark ›Emilia‹ war mir der Auftrag geworden, mit Stückgut nach Hongkong zu gehen und dort Seide, Tee und Gewürze in Fracht zu nehmen. Da sich Gelegenheit bot, die Ladung durch Waren für Kalifornien zu vervollständigen, glaubte ich meinen Reedern zum Vorteil zu handeln, wenn ich auf das Angebot einging. Wohlbehalten traf ich in San Francisco ein, hatte aber den Verlust des ersten Steuermanns, eines gewissenhaften Menschen, der einer klimatischen Krankheit erlag, zu beklagen. Als ein Glück betrachtete ich es daher, daß ein zwar junger, jedoch befahrener und gewandter Seemann, ein Schotte, namens Mac Lear, sich um die frei gewordene Stelle bewarb. Außerdem meldete sich ein gewisser Parson, ein englischer Baronet, um, einer seltsamen Laune folgend, auf meinem Schiff um Kap Horn herum nach England zurückzukehren. Als Sohn eines sehr reichen Landbesitzers war er vor Jahresfrist ausgezogen, um fremde Länder und Leute kennen zu lernen; zugleich hatte er die Gelegenheit benutzt, im Auftrage seines Vaters in Madras eine Erbschaft von zweiundzwanzigtausend Pfund Sterling zu erheben. Unvorsichtigerweise führte er diese Summe in Banknoten und geprägtem Golde mit sich. Meinen Rat, Wechsel auf London zu kaufen, verwarf er lachend. Er meinte, daß, wenn er selbst zugrunde gehe, an dem Gelde nichts verloren sei. Er war ein freundlicher, gefälliger und lebhafter junger Mann, mit dem ich gern verkehrte; nur die an Leichtfertigkeit grenzende Vertrauensseligkeit, die sich auf eine unabhängige Stellung und mangelnde Kenntnis der Welt begründete, tadelte ich an ihm. So mißfiel mir auch, daß er, bestochen durch die glatte Außenseite Mac Lears, sich besonders zu diesem hingezogen fühlte, konnte aber nicht hindern, daß sich allmählich ein gewisses Freundschaftsverhältnis zwischen ihnen entwickelte. Ich fühlte mich um so weniger berufen, störend dazwischen zu treten, weil Mac Lear sich als ein gewissenhafter und umsichtiger Seemann erwies, gegen den einen Vorwurf zu erheben ich nie Ursache fand. Sein Blick hatte freilich etwas Unstetes, sogar Scheues. So glaubte ich auch zu entdecken, daß seine Liebe zum Gelde zuweilen in Habsucht ausartete, die nur wenig im Einklang mit seinen sonstigen, für ihn sprechenden Eigenschaften stand; allein dadurch durfte ich mich nicht in der Beurteilung seiner Dienstleistungen bestimmen lassen. Im Gegenteil, mein Vertrauen in seine Fähigkeiten wuchs von Tag zu Tag, bis ich endlich so weit gelangte, daß ich seine Ratschläge, die von ungewöhnlichem Scharfsinn zeugten, vielfach beachtete. Nachdem wir glücklich um das Kap Horn herumgekommen waren, entschied ich mich für den Kurs an den Falkland-Inseln vorbei. Da aber Mac Lear auf Grund seiner Erfahrungen behauptete, auf der Ostseite der Aurora-Inseln die Strömungen mit besserem Erfolg ausnutzen zu können, so gab ich seinem dringenden Zureden nach. – Es war gegen Abend. Nachdem ich durch das Fernrohr einen letzten Blick über die nördlichste der öden Inseln geworfen hatte, wo ein von der Brandung überschüttetes Wrack meine Aufmerksamkeit erregte, begab ich mich in die Kajüte hinab. Ich befand mich in einer gedrückten Stimmung. Wie schwarze Ahnungen lastete es auf meinem Gemüt. Ohne mir darüber Rechenschaft ablegen zu können, bereute ich, nicht den von mir ursprünglich ins Auge gefaßten Weg gewählt zu haben. Als Unterordnung unter den Willen Mac Lears erschien mir mein Verfahren. Unwillkürlich vergegenwärtigte ich ihn mir mit seinem glatten Wesen, das in letzter Zeit einen eigentümlichen Charakter des Kriechenden angenommen hatte. Außerdem glaubte ich entdeckt zu haben, daß zwischen ihm, dem zweiten Steuermann und mehreren Deckhänden bezeichnende Blicke gewechselt wurden, für die ich vergeblich nach einer Deutung suchte. Um mehr gegen das Schwanken des Schiffes geschützt zu sein, hatte ich mich in meiner Koje aufs Bett geworfen. Dort störte mich der Kajütjunge, der, anscheinend von Neugierde getrieben, seinen Kopf zu mir hereinstreckte. Mit heftigen Worten wies ich ihn von dannen, bedauerte aber gleich darauf den Ausbruch meines Unmutes, als ich den baumlangen Burschen sichtbar bestürzt hinausschleichen sah. In der nächsten Minute hatte ich ihn vergessen, indem ich in Gedanken die Zeit berechnete, die mich mutmaßlich noch von allem trennte, worauf ich meine freundlichen Hoffnungen auf ein dauerndes Glück begründet hatte. Da drang zu mir herein der markerschütternde Ruf: »Mann über Bord!« gefolgt von heftigem Laufen und Stampfen, das von großer Verwirrung zeugte. Erschrocken eilte ich hinaus. Die Nacht war hereingebrochen, die See ging hoch. Das Schiff lief vor vollen Segeln, und so mußte das Geschick des Verunglückten von vornherein als besiegelt betrachtet werden. Mac Lear hatte zwar auf den ersten Ruf das Schiff in den Wind drehen lassen, doch welchen Wert hätte das jetzt noch gehabt, da wir uns weit über Kabellänge von der Unglücksstätte entfernt hatten und der Ärmste längst von den schweren Seen zerschlagen und erstickt sein mußte. Trotzdem befahl ich, zu wenden und zurückzukreuzen, wenn auch ohne jegliche Hoffnung, so doch zu meiner eigenen Beruhigung, und jetzt erst fand ich Zeit und Überlegung, mich nach demjenigen zu erkundigen, der so jäh aus dem Kreise seiner Maats gerissen worden war. Zu meinem peinlichen Erstaunen erfuhr ich, daß Parson, mein freundlicher Fahrgast – so berichtete wenigstens der Mann am Steuerrad – über die Brüstung gelehnt dagestanden habe, als plötzlich eine heftigere Schwingung des Schiffes sein Gleichgewicht störte und ihn kopfüber in die schäumenden Fluten hinabsandte. Was der Mann, der Augenzeuge gewesen, beteuerte, bestätigte Mac Lear, der grade die Wache übernommen hatte, und ich hatte keine Ursache, die Wahrheit ihrer Aussagen zu bezweifeln. Förmlich niedergeschmettert durch das schreckliche Los, das den hoffnungsvollen, arglosen jungen Mann ereilt hatte, überließ ich es Mac Lear, das Schiff in seinen alten Kurs zurückzubringen. Ich bedurfte der Einsamkeit, um einigermaßen wieder zur Besinnung zu kommen. In düsterer Stimmung warf ich mich abermals aufs Bett. War mir doch, als hörte ich immer wieder den in den Fluten erstickenden Todesschrei jemandes, mit dem ich vor einer Stunde noch in heiterem Geplauder des Einlaufens in den heimatlichen Hafen gedachte. Die Zeit ging hin. Bilder auf Bilder tauchten in meiner erregten Phantasie auf; Bilder beglückender Hoffnungen, um alsbald wieder von denen des Schreckens verdrängt zu werden. Endlich übermannte mich die Müdigkeit, und ich verfiel in einen unruhigen Schlaf. Meinte ich doch, durch meine geschlossenen Lider hindurch abermals den Kajütjungen zu sehen, wie er behutsam zu mir hereinschlich, einige Sekunden mich aufmerksam betrachtete und dann verschwand. Wie lange ich so dagelegen hatte, ich weiß es nicht, glaubte aber, zu meiner um Mitternacht beginnenden Wache geweckt zu werden, als eine Hand sich auf meine Schulter legte, ein Antlitz dem meinigen sich zuneigte und ich die vorsichtig gedämpften Worte vernahm: »Kapitän, wir sind verloren. Geben Sie keinen Laut von sich, und wir mögen mit dem Leben davonkommen.« John Holiday, der Schiffskoch, war es, der also zu mir sprach. Hätte ich aber noch Zweifel über die Nähe einer furchtbaren Gefahr gehegt, so wären sie geschwunden vor dem Ausdruck des Entsetzens, das die Gesichtszüge des ehrlichen Burschen beinahe bis zur Unkenntlichkeit entstellte. Einige Sekunden verharrte ich nach dieser verhängnisvollen Mitteilung wie gelähmt. Ich mußte mich besinnen, ob ich nicht unter dem Einfluß eines wirren Traumes stehe. Dann aber sprang ich auf und war im Begriff, aufs Deck hinauszueilen, als Holiday mich gewaltsam zurückhielt. »Um des Himmels willen, was wollen Sie draußen?« fragte er zitternd, »alle, bis auf Larsen, sind mit den Steuerleuten eins, da möchten wir drei mit unseren Kräften nicht weit kommen. Ob sie mich in die Kajüte schleichen sahen, weiß ich nicht, wohl aber, daß der erste, der aus der Tür tritt, ein toter Mann sein wird. Mac Lear hat sich mit der Mannschaft verschworen, Sie zu beseitigen und sich des Schiffes zu bemächtigen. Ich mein', sie wollen Schiff und Ladung in irgend 'nem Port verkaufen und sich in alles teilen. Das Genauere verstand ich nicht.« »So will man uns umbringen?« fragte ich, und kalt, als wäre mein Blut zu Eis erstarrt gewesen, rieselte es mir durch die Adern. »Darüber verhandeln sie eben,« fuhr Holiday ängstlich fort, »Mac Lear und zwei andere schworen drauf, daß tote Menschen nicht redeten; aber sie hatten die Mehrzahl gegen sich. Die erklärten nämlich, daß sie zu 'nem Mord die Hand nimmermehr bieten würden. Sie behaupteten, es wäre Sicherung genug, wenn man uns drüben auf der Insel aussetzte, da möchten wir hundert Jahre leben, ohne daß jemand nach uns fragte. Viel wurde noch hin und her geredet, bis man sich endlich einigte, daß Leben und Sterben in unsere eigenen Hände gelegt werden sollte. Es hieß, daß, wenn wir uns zur Wehr setzten, ein Schlag auf den Kopf den Widerstand brechen würde; anderenfalls sollten wir's mit dem Ansiedeln auf dem schrecklichen Eiland versuchen. Deutlich unterschied ich von meinem Versteck aus, daß sie mich und den Larsen nannten und von uns wie von Leuten redeten, denen nicht zu trauen sei. Hätt's kaum geglaubt, was ich hörte,« schloß der ehrliche Schiffskoch in seiner Todesangst, »aber nachdem ich beobachtete, daß Mac Lear selber und noch zwei, die neben ihm standen, den jungen Herrn durch 'nen Stoß hinterrücks über Bord sandten, wußte ich, daß man zum Ärgsten entschlossen sei und noch in dieser Nacht auf die eine oder die andere Art ein Ende mit uns machen würde.« Während Holiday so zu mir sprach, hatte ich Zeit gefunden, meine Gedanken einigermaßen zu ordnen und mit mir zu Rate zu gehen, auf welche Weise es mir vielleicht gelingen könne, der Meuterer Herr zu werden. Meine erste Regung war, mich zu bewaffnen und gemeinschaftlich mit den beiden treu gebliebenen Männern den Kampf gegen eine fünffache Übermacht zu wagen und entweder zu siegen oder auf meinem Posten als ehrlicher Mann zu sterben. In das über mich verhängte schreckliche Los mich stumm zu ergeben und das Schiff zu verlassen, ohne wenigstens den Versuch gemacht zu haben, die Aufsässigen zu ihrer Pflicht zurückzuführen, erschien mir ärger als zehnfacher Tod. Mußte ich sterben, so sollte es wenigstens nicht ungerächt geschehen. Zum Äußersten entschlossen, trat ich trotz der Beschwörungen Holidays neben die Kojentür, hinter der ich meine Pistolen aufzuhängen pflegte, und neuer Schrecken bemächtigte sich meiner, als ich die beiden Nägel leer sah. Ich war so bestürzt, daß ich nicht gleich Worte fand; dagegen leuchtete es in meinein Geiste auf, daß die Erscheinung des Kajütjungen kein Traumgebilde gewesen war, sondern nur der Zweck, mich wehrlos zu machen, ihn zu mir hereinführte. Dem ersten Schrecken folgte alsbald tiefe Erbitterung über den hinterlistig angesponnenen Verrat. In meiner gährenden Wut jeden Gedanken an die möglichen Folgen von mir weisend, stürzte ich in die Kajüte; kaum aber hatte ich die Schwelle überschritten, als eine Leine um meinen Oberkörper geschlungen wurde, und zwar in einer Weise, daß sie, von kraftvollen Fäusten angeholt, die Arme mitfaßte und mich daher vollständig unfähig zu dem geringsten Widerstande machte. Wer die ersten Angreifer waren, erkannte ich nicht; denn als wären sie von Scheu vor den Blicken ihres Opfers befangen gewesen, hatten sie die Flamme der Kajütenlampe so weit heruntergeschraubt, daß sie nur noch einen matten bläulichen Schein verbreitete. Außerdem war der Angriff von hinten erfolgt, so daß ich keinem ins Antlitz zu schauen vermochte. Ähnlich verfuhr man mit Holiday, wie ich aus dem Geräusch seines ohnmächtigen Ringens, seinem Ächzen und Fluchen innerhalb der Koje erriet. Damit einte sich das niederschmetternde Bewußtsein, nunmehr gänzlich der Willkür einer erbarmungslosen Verbrecherbande preisgegeben zu sein, der letzten Hoffnung auf Rettung entsagen zu müssen. Erbittert und entsetzt zugleich fragte ich, was dies alles zu bedeuten habe, doch keine Antwort erfolgte. Unter unheimlichem Schweigen wurde ich aufs Deck hinausgeschoben. Draußen herrschte mondlose Nacht. Der Überfall war offenbar bis ins kleinste hinein zwischen den Verrätern beraten und vereinbart worden: denn kaum wehte die kühle Nachtluft mir entgegen, als ohne vorausgegangenes Kommando das Schiff beigedreht und die Segel aufgegeit wurden. Die beim Untergange der Sonne scharf wehende Brise war ermattet, das Meer begann sich zu beruhigen, und so gelangte die Emilia bald zum Stillstand. Die Deckhände und Topgasten arbeiteten mit einem Eifer, als hätte es ihr Leben gegolten. Ich gewann den Eindruck, daß sie nachträglich von Schrecken über ihr Tun ergriffen, sich aufs äußerste beeilten, um mich, die lebendige Mahnung an ihre verbrecherische Handlung, so bald wie möglich aus ihren Augen zu schaffen. So verrann kurze Zeit: dann wurde ich nach dem Spiegel des Schiffes hinüber geführt und gefesselt, wie ich war, in die oberhalb des Steuerruders an den Davids schwebende Heckjolle hineingehoben. Larsen, ähnlich gefesselt, folgte mir nach, wogegen Holiday. der ebenfalls zum Aussetzen bestimmt worden war, um unsere Banden lösen zu können, den freien Gebrauch der Glieder behalten hatte. Zum Schluß warf man zwei Paar Riemen zu uns in das Boot: außerdem erkannte ich den Kajütjungen an seiner unförmlich langen, knochigen Gestalt, wie er zwei straff gefüllte Säcke eiligst neben mich hinschob, und in der nächsten Minute glitt die Jolle an den durch die Blöcke rollenden Tauen niederwärts. Trotz der Überstürzung der Leute und des schweren Stampfens der Emilia erreichten wir, und wohl gegen Mac Lears Berechnung, ohne weiteren Unfall das Wasser. Die Taue, die einzuholen man sich die Mühe nicht gab, fielen klatschend neben uns nieder, und damit war das letzte zwischen uns und der ganzen übrigen Welt bestehende Band endgültig zerschnitten. Wenn ich mir heute unsere damalige Lage vergegenwärtige, so erscheint es mir immer noch wie ein Wunder, daß die elende Nußschale, die von der nächsten See mit fortgerissen wurde, nicht kenterte oder Wasser bis zum Sinken einnahm. Dauerte es doch eine Weile, bevor es Holiday gelang, unsere Fesseln zu zerschneiden und wir imstande waren, die Riemen zu gebrauchen. Und in Mac Lears Plan hatte es offenbar gelegen, daß wir schon hier, anscheinend zufällig, unser Ende finden sollten. Es zeugte dafür schon allein der Umstand, daß er statt eines der größeren seetüchtigen Boote, die Jolle für uns auswählte. Unsere Lage war daher eine hoffnungslose. Doch der Selbsterhaltungstrieb war erwacht. Mochten wir immerhin um eine voraussichtlich nur kurze Frist eines qualvollen Daseins kämpfen: den letzten Atemzug setzten wir daran, uns selbst die nicht entschlüpfen zu lassen. Und so ruderten wir zu Zweien unablässig aus Leibeskräften, während der Dritte sich zur Ablösung bereit hielt. Die Dunkelheit erschwerte zwar die Arbeit, dagegen unterrichteten die herbeirollenden Wogen und die ermattende Brise uns fortgesetzt über die Lage der Insel. Bald in einem Trog, bald auf dem Schaumgipfel einer See befanden wir uns. Doch ob tief unten oder hoch oben: unsere Aussicht blieb auf einen geringen Umkreis beschränkt, in dem hier und da die Schaumstreifen matt aufleuchteten, um alsbald wieder zu erblinden. Von der Emilia hatten wir, seitdem wir ausgesetzt wurden, nichts mehr gesehen. Ich begriff, daß man unter der Wucht eines bösen Gewissens an deren Bord in dieser Nacht keine Laterne anzündete, durch deren Schein wir in unserem Kurs hätten gelenkt werden können. So ruderten wir Stunde um Stunde sinkenden Herzens. Der immer noch schwere Seegang hinderte uns, viel Fahrt zu machen. Erst als der Morgen zu grauen begann, entdeckten wir, daß in der Wahl unseres Kurses das Glück uns begünstigt hatte. Die Insel lag gerade vor uns, aber einer Stunde schwerer Arbeit bedurfte es noch, bevor wir soweit gelangten, um nach einer zum Landen geeigneten Stelle auslugen zu können. Der Tag hatte sich bis dahin vollends gelichtet, und was er uns zeigte, diente am wenigsten dazu, unseren gesunkenen Mut wieder ein wenig zu heben. So weit unsere Augen reichten, umschlang ein mächtiger Schaumgürtel die Küste. Außerdem wiederholten sich nach allen Richtungen kleinere und größere Felder weißen Wassers, wo die Fluten über Klippen und Untiefen brandeten. Seitdem die wachsende Helligkeit es mir ermöglichte, hatten meine Blicke an dem Wrack gehangen, das am vorigen Abend schon meine Aufmerksamkeit erregte. Zugleich beschäftigte ich mich mit der Frage, ob sich von dort aus vielleicht Gelegenheit biete, über die Brandung hinweg festen Boden zu gewinnen. Wie an Bord der Emilia, sahen auch in der elenden Jolle Holiday und Larsen mit unerschütterlichem Vertrauen zu mir auf. Sie wußten, daß ich für sie dachte, kannten daher nur das einzige Bestreben, meinen Ratschlägen pünktlich Folge zu leisten. Nicht eine Silbe des Zweifels ließen sie laut werden, als ich befahl, gerade auf das Wrack zuzurudern. Ich selbst hatte mich unterdessen überzeugt, daß die beiden wasserdichten Säcke Lebensmittel und Kleidungsstücke enthielten, also wohl ohne Mac Lears Vorwissen in das Boot geworfen worden waren. Sie zu sichern, war meine erste Aufgabe. Näher rückten wir dem Wrack, und deutlicher drang das Brüllen der sich überstürzenden Dünungen an unsere Ohren. Anstatt angesichts der furchtbaren Gefahr zu zagen, hatte ich meine volle Kaltblütigkeit zurückgewonnen. Diese steigerte sich sogar zu einem Gefühl des Spottes über den Eifer, mit dem wir unser Leben für ein noch schrecklicheres Ende zu bewahren suchten, als es nach kurzem Ringen uns auf dem Meeresboden beschieden gewesen wäre. Die Jolle mußte verloren gehen, das unterlag keinem Zweifel; es handelte sich also nur darum, daß im entscheidenden Zeitpunkt wir selbst einen sicheren Halt an dem halbzertrümmerten Schiffsrumpfe fanden. Und es glückte uns. Denn in dem gleichen Augenblick, in dem die Jolle in unwiderstehlichem Anprall zerschellte, hingen wir an den triefenden Planken der zerschmetterten Schiffswand, um nach zwei anderen Sekunden aus dem brausenden Gischt einer zurückweichenden Dünung aufzutauchen. Bevor dann eine neue auf das Wrack hereinbrach, hatten wir uns so weil nach oben geschwungen, daß wir uns vorläufig als gesichert betrachten durften, und wie ein Geschenk des Himmels begrüßten wir es, mit uns zugleich die beiden Säcke gerettet zu haben. Armer Bill – so hieß der Kajütjunge – du kannst nicht mit Leib und Seele zu den Verrätern gehört, kannst nur unter dem Druck einer fürchterlichen Drohung gelebt haben, oder es wäre dir schwerlich in den Sinn gekommen, deinem wohlwollenden, zum Tode verurteilten Herrn noch etwas zur Erleichterung seiner entsetzlichen Lage mit aus den Weg zu geben. Nach meiner Berechnung herrschte zur Zeit die Flut. Es ließ sich also voraussetzen, daß nach Eintritt der Ebbe das gegen hundert Ellen entfernte Gestade uns erheblich näher rücken würde. Die Stunden bis dahin entschwanden uns träge. Wir sprachen nur wenig zueinander. Der Wechsel der Lage war ein zu jäher gewesen, als daß wir uns schnell mit ihm hätten vertraut machen können. Die Umgebung aber war am wenigsten geeignet, einen letzten Funken von Hoffnung in uns rege zu halten. Vor uns dehnte das öde Eiland sich menschenfeindlich aus. Hohl brüllte auf beiden Seiten die Brandung. Seevögel umkreisten uns in großer Zahl. Wie Hohn klang deren schriller Ruf in meinen Ohren, wie gräßlicher Hohn, vom Bord der Emilia entsendet, deren Segel längst unter die Linie des Horizontes hinabgetaucht waren. Nach den vorhandenen Merkmalen zu schließen, hatte das Wrack schon seit Monaten dort gelegen, und Monate mochten noch vergehen, bevor es gänzlich auseinander fiel. Augenscheinlich hatte die vom Orkan gepeitschte Hochflut das Schiff auf dem Rücken einer schweren See in fast unmittelbare Nachbarschaft der Insel getragen und es dort, mit dem Spiegel landwärts, derartig geschleudert, daß es, indem die Fluten zurückrollten, ohne vernichtenden Stoß zwischen zwei Klippen zu liegen gekommen war. In das Felsenbett fest eingekeilt und den Bug seewärts gekehrt, konnte es nicht überraschen, wenn es sich so lange eine gewisse Widerstandsfähigkeit bewahrte. – Weshalb schreibe ich das alles aber so ausführlich nieder, da meine Zeit voraussichtlich doch nur nach Monaten oder Wochen zählt und das Einschneiden jedes einzelnen Wortes mich unsägliche Mühe kostet? Indem ich jene Stunden eines entsetzlichen Ringens mir vergegenwärtige, durchlebe ich sie im Geiste gewissermaßen zum zweitenmal. Ein trauriger Genuß in der tödlichen Einsamkeit des ewigen Ozeans; und dennoch finde ich eine Art Trost darin, meine Gedanken auf das Gestein festzubannen, mit mir selbst mich zu unterhalten, seitdem kein anderer mehr vorhanden ist, mit dem ich im Austausch schwermütiger Betrachtungen die träge dahinschleichende Zeit töten könnte. – Leichter, als wir anfänglich glaubten, gelang es uns, das Wrack zu verlassen. Als Mittel dienten losgebrochene Planken, die wir unter Benutzung des noch vorhandenen Tauwerks zu einem Floß vereinigten. Die See war unterdessen noch mehr heruntergegangen, und als die Ebbe abermals eintrat, setzten wir mit den beiden Säcken, unserem ganzen irdischen Reichtum, binnen wenigen Minuten nach dem Strande über. Ein Gefühl gänzlicher Trostlosigkeit, das ich vergeblich vor den Gefährten zu verheimlichen suchte, beschlich mich, als ich plötzlich wieder festen Boden betrat. Wohin ich mich wenden mochte, nirgends entdeckte ich einen Punkt, auf dem das Auge auch nur ein wenig länger hätte rasten mögen. Abgesehen von dem dumpfen Dröhnen der Brandung und dem gelegentlichen melancholischen Ruf einer Möve, herrschte das Schweigen des Todes auf dem Eilande, wie auf dem unendlichen Ozean. Doch wie jeder Mensch selbst in den verhängnisvollsten Lagen sich mit letzter schwindender Kraft an das dem Verderben verfallene Leben anklammert, so gaben auch wir die Hoffnung nicht auf, dennoch aus der grauenhaften Gefangenschaft erlöst zu werden. Diese Hoffnung war es, die unseren gesunkenen Mut wieder aufrichtete. Vereint sannen wir auf Mittel, bis dahin unser Leben zu fristen. Was die Insel uns bot, war nur sehr wenig: zunächst das von dem Wrack losgebrochene und nach dem Strande hinaufgeworfene Holzwerk, Segeltuchfetzen und einige Eisengeräte, die wir an besonders ruhigen Tagen aus der Tiefe heraufholten. An Speisevorräten fanden wir dagegen nichts mehr vor. Bis auf das Letzte waren sie von den Fluten längst durch die eingeschlagenen Schiffswände fortgespült oder vernichtet worden. Dagegen entdeckten wir hier und da genießbare Muscheln; außerdem fanden wir Gelegenheit, einzelne der auf den Sandfelsen schlafenden Robben zu töten und deren tranige Fleischteile zu einem widerwärtigen Mahl herzurichten. Bei der Wahl der Stätte zur Anlage einer Hütte, die uns Schutz gegen die sich häufig wiederholenden, markerkältenden Südstürme gewährte, bestimmte uns eine zisternenartige Vertiefung im Gestein mit einem für uns unerschöpflichen Vorrat trinkbaren Wassers. Außer zur Beschaffung der allernotwendigsten Nahrungsmittel, verwendeten wir unsere Zeit fast ausschließlich dazu, von einem höheren Punkte aus in die Ferne zu spähen. Wohl entdeckten wir hin und wieder am fernen Horizont ein Segel, wohl entzündeten wir zu solcher Stunde einen zum Zweck des Signalisierens bereitgehaltenen Holzstoß, allein stets vergeblich. Was wir in den wenigen Monaten unseres Beisammenseins erduldeten, ist unbeschreiblich. Wie der Körper ermattete, stumpfte auch der Geist ab. Ein langsames Hinsterben kann ich unser Leben nur nennen. Und dennoch, wir waren unserer drei; wir genossen die Wohltat, andere Stimmen zu hören und die eigene gehört zu wissen, mochte immerhin der Gedanke, wer wohl der letzte Überlebende sein würde, sich bei jedem in den Vordergrund drängen. Auf die Beantwortung dieser verhängnisvollen Frage brauchten wir nicht lange zu warten. Erich Larsen, ein Mann von hünenhaftem Körperbau, dem ich die größte Lebenskraft zutraute, war der erste, der aus unserem kleinen Kreise schied. Seine Krankheit dauerte kaum vierundzwanzig Stunden; dann entschlief er mit klarem Bewußtsein. »Wenn ihr gerettet werdet,« sprach er, während die hellen Tränen aus seinen Augen rannen, »oder auch nur einer von euch, dann tragt die Kunde von meinem Tode nach meinem Heimatsort, wo eine Mutter sehnsüchtig auf ihren Sohn wartet und eine junge Braut bangen Herzens des Tages harrt, an dem ihr Schatz mit ihr vor den Traualtar hintreten soll. Alles vorbei – vorbei – Gott sei ihnen gnädig und tröste sie.« Was er erbat, wir gelobten gewissenhafte Erfüllung. Dann drückten wir ihm die treuen Augen zu. Die Morgensonne hatte ihm zu seinem Heimgange geleuchtet, und als sie zur Rüste ging, da streiften ihre letzten Strahlen seinen Grabhügel und das auf diesem errichtete Kreuz. Bedachtsam hatten wir dazu eine Stelle gewählt, die von der See her leicht überblickt werden konnte. Tief gebeugt kehrten Holiday und ich in unser elendes Heim zurück. Wir waren so traurig, fühlten uns so gänzlich verlassen, daß wir keine Worte fanden, uns gegenseitig, wie bisher, durch freundlichen Zuspruch aufzurichten. Mit Holiday war noch eine besondere Wandlung vor sich gegangen. Der Anblick des Hügels, unter dem Erich Larsen schlummerte, diese unzweideutige Mahnung an das uns selbst bevorstehende Ende, schien seinen Geist vollständig gebrochen zu haben. Erst in der Hütte kam er wieder einigermaßen zu sich selbst; doch offenbarte sich in seinem Wesen eine so düstere Ergebung, daß es mich mit größter Besorgnis erfüllte. »Kapitän,« redete er mich an, und seine Stimme klang wie aus einem Grabe, »der Kommandant soll von Rechts wegen als letzter das sinkende Schiff verlassen; also wird es auch hier auf dieser Insel geschehen. Wann meine Stunde schlägt, ich weiß es noch nicht; lange kann ich mich indessen nicht mehr über Wasser halten. Ich fühl's in meinem Kopf, in dem alle Gedanken kieloberst gehen. Da wollen wir denn, wenn's Ihnen ansteht, morgen gemeinschaftlich mein Grab schaufeln: nachdem ich erst über Bord gegangen, möcht's Ihnen allein zu viel werden. Auch ein festes Kreuz wollen wir zimmern und zu Häupten der offenen Gruft aufstellen, und das schaffen zwei bequemer, als einer allein. Wollen Sie dann noch ein übriges tun, so versehen Sie, wie für den Larsen, auch für mich eine Schieferplatte mit 'ner Inschrift. Vielleicht fügen Sie einen frommen Spruch aus der Bibel bei. Sollten Sie wieder unter Menschen kommen – und ich mein', es könnte nicht anders sein –, so führt Ihr Weg Sie wohl einmal nach Newyork. Dort fragen Sie nach einer Frau John Holiday, das ist nämlich meine Frau. Der vermelden Sie also, daß ich mit treuem Angedenken an sie gestorben sei. Geht's Ihnen nicht wider die Natur, so küssen Sie meine drei Kinder, liebe, herzige Dinger, zwei Mädchen und ein Junge, und raunen Sie ihnen meinen Segen zu, auf daß es ihnen wohl ergehe und sie lange leben auf Erden. Sollte Not an das arme Weib herangetreten sein und sollten die unschuldigen Kleinen am Hungertuch nagen, dann brauche ich Sie nicht zu bitten, sich der Darbenden zu erbarmen.« Das waren die letzten zusammenhängenden Worte, die der ehrliche Holiday zu mir sprach. Ergreifend klangen sie, daß es mich bis ins Mark hinein erschütterte. Obwohl auf mein eigenes baldiges Ende gefaßt, versprach ich alles. Darauf wurde er ruhiger. Wie einem kleinen Kinde, mußte ich ihm zureden, daß er überhaupt noch etwas zu sich nahm. Folgenden Tages gingen wir in der Tat ans Werk, neben Larsens Grab das seinige auszuwerfen. Dabei entwickelte er einen krankhaften Eifer, und als hätte diese Art Arbeit ihm Freude bereitet, schlug er mir vor, nachdem seine Gruft fertig geworden, auch die meinige zu schaufeln und beide zugleich mit Kreuzen zu versehen. Dabei blinzelte er eigentümlich listig, und wie sich entschuldigend meinte er, man könne nicht wissen, ob ich nicht ebenfalls hinunter müsse. Zugleich offenbarte er den Wunsch, an Ort und Stelle zu sterben, weil es mir mit meinen geschwundenen Kräften schwer werden würde, ihn ohne fremde Hilfe dorthin zu schaffen. Wie ich selbst den Weg in mein Grab finden sollte, dafür fehlte ihm in jener Stunde die Berechnung. Sein unheimliches Gebahren beunruhigte mich immer mehr. Es war ersichtlich, daß sein Geist sich auf dem Wege gänzlicher Umnachtung befand. Es äußerte sich indessen in milder Weise und den rührendsten Beweisen seiner Anhänglichkeit, dann aber in dem Umstande, daß er die ihm sonst so verhaßte Einsamkeit suchte. Vom frühen Morgen bis zum Abend saß er zwischen den offenen Gräbern, die Blicke dahin gerichtet, wo seine Heimat lag. Das dauerte eine Woche. Dann blieb er eines Abends fort, und als ich, vom Mondlicht begünstigt, nach ihm suchte, da fand ich ihn auf seiner gewohnten Stelle zusammengekauert, aber tot und starr. Neben ihm lag die Tafel, auf der ich nach seinen Angaben die Inschrift eingeschabt hatte. Heiße Tränen entquollen meinen Augen, als ich am folgenden Morgen Holiday in sein Grab hinab ließ und es schloß. Getreu meinem Versprechen, stellte ich die Gedenktafel am Fuße seines Kreuzes auf; zugleich erinnerte mich die Inschrift an den jüngst aufgetauchten Plan, eine Schilderung unserer Leidenszeit zu hinterlassen. Ich fühlte, daß ich mit irgend etwas mich beschäftigen mußte, um nicht dem Wahnwitz zu verfallen. Denn welche Abwechselung hätten mir die Seevögel geboten, die scharenweise das öde Eiland besuchten und mich schreiend umkreisten? Welche Abwechselung die Robben, die hin und wieder die nackten Felsen zur Rast wählten, oder die Brandung mit ihrem ewigen eintönigen Rauschen und Brüllen? Diesen wie jenen fehlte der Geist, dem der meinige im Verkehr hätte begegnen können. Der Geist Gottes aber, der über dem endlosen Ozean wie über dem öden Felseneilande schwebte, der war – verzweifelnd muß ich es aussprechen – unzugänglich, oder er hätte nicht geduldet, daß Teufel in Menschengestalt an seiner Statt über das Geschick treuer Menschen nach Willkür verfügten. Nachdem ich Holiday zur ewigen Ruhe gebettet hatte, war mein nächstes Werk, eine Stelle auszukundschaften, auf der es mir mit leichter Mühe gelang, Schieferplatten loszubrechen und für meine Zwecke herzurichten. Dabei empfand ich zum erstenmal wieder die Wohltat, einer nicht gänzlich nutzlosen Beschäftigung mit regem Eifer obzuliegen. Diese Empfindung machte sich in erhöhtem Grade geltend, als ich folgenden Tages mit einem spitz geschliffenen Nagel und dem Messer zu schreiben begann. Es war eine mühsame Arbeit, doch Übung war meine Lehrerin, Geduld mein Gehilfe, und es ging mir von Tag zu Tag leichter von Händen. Als ich, vom Mondlicht begünstigt, nach ihm suchte, da fand ich ihn auf seiner gewohnten Stelle zusammengekauert, aber tot und starr. So wurden die Wochen zu Monaten, dem südlichen Sommer folgte der Herbst, es meldeten sich die ersten Schneestürme an, und noch immer bin ich mit dem Aufzeichnen meiner Erlebnisse beschäftigt. Ich könnte hier abschließen, zumal ich so elend geworden, daß ich nur noch mit Mühe mich zu bewegen vermag; allein es würde mir schwer werden, einer Unterhaltung zu entsagen, die, obwohl anstrengend, die Gedanken von meiner hoffnungslosen Lage ablenkt. Das Gefühl meiner gräßlichen Gottverlassenheit, das Bewußtsein, einem grauenhaften Ende unrettbar verfallen zu sein, ich muß es gewaltsam übertäuben, um nicht Hand an mich selbst zu legen. Eine tiefe Klage zittert in meinem Herzen, lenkt die ermattende Hand mit dem eisernen Stift zu einem traurigen Bekenntnis. Wer über kurz oder lang diese Insel betreten mag und aus den hinterlassenen Tafeln mein und der beiden treuen Gefährten Los kennen lernte, der soll zugleich erfahren, wer es gewesen ist, der ihn bittet, seine Gebeine in das leere Grab zu legen. Ich will ihm anvertrauen, was mich einst so hoch beglückte und mir jetzt das Scheiden aus dem Leben so unsäglich erschwert. Schon in frühester Jugend entschied ich mich für das Gewerbe eines Seefahrers. Alle Vorstellungen meines Vaters, eines anspruchslosen Landbesitzers in der Nähe der Stadt Hull – er schläft längst neben meiner Mutter in seinem Grabe – scheiterten an meinem eisernen Willen. Und so ereignete es sich, daß er endlich, wenn auch mit Widerstreben, meinem Drängen nachgab und mich selbst an Bord eines Ostindienfahrers begleitete. Von Begeisterung für meinen Beruf beseelt, gelangte ich schnell vorwärts, so daß ich schon mit dem achtundzwanzigsten Jahr als Kapitän ein Schiff anvertraut erhielt. Dazu war mir das Glück beschieden, die Liebe eines holden Mädchens zu erwerben, eines Kindes, dessen äußerer Liebreiz nur durch die edlen Eigenschaften eines reinen Herzens übertroffen werden konnte. Käte Dale, eine Waise, ist die Tochter eines Landgeistlichen. Obgleich nur mäßig mit Glücksgütern gesegnet, hat dieser ihr doch eine Erziehung angedeihen lassen, die sie so hoch über mich stellt, daß ich jetzt vor den Pforten des Todes noch erstaunt frage, ob es denn wahr, daß sie mir, dem rauhen Seemann, ihr Herz schenkte, mit Augen und Lippen mir eine bis über dieses Leben hinausreichende Treue angelobte. Wir liebten uns innig, fanden einer in dem anderen unser höchstes Glück, das nur durch meine wiederholte längere Abwesenheit zeitweise getrübt ward, jedoch in der Hoffnung auf unsere endliche Vereinigung gipfelte. – Arme Käte! Du beklagenswertes Opfer einer verruchten Verbrecherbande! Zurzeit vergegenwärtigst du dir wohl noch mit banger Sehnsucht den Tag, an dem ich in deine Arme eile. Wie aber wirst du es ertragen, wenn Jahr auf Jahr dahin geht, und der, auf den du deine Hoffnung bautest, fern bleibt? Welche schamlosen Lügen wird man dir über mein Ende zutragen, wenn die Emilia, von Mördern geführt und bedient, ohne ihren Kapitän in den heimatlichen Hafen einläuft? Welches Zerrbild wird dir vorschweben, wenn man dir etwa von meiner Untreue erzählt – doch nein, du glaubst ihnen nicht, glaubst nichts, was einen Schatten auf ihn werfen könnte, dem du mit Hand und Herz dich verlobtest. Arme Käte, wenn du jetzt neben mir säßest! Indem ich dein liebes Bild vor meinen Geist hinbeschwöre, ist mir, als fühlte ich deine treue Hand über meine Stirne hingleiten, deine warmen Lippen die meinigen sanft berühren. Käte, deine Gedanken suchen mich. Auf den Flügeln des Traumes eilt deine Seele zu mir. Trauernd umschwebt sie den gänzlich gebrochenen Geliebten. Arme Käte, du holdes Engelsbild, wer wird dich trösten? Für dich gibt es keinen Trost, nicht einmal den der Zeit; für mich dagegen nur noch den Trost des Todes. Wie die Tage unter dem düster verhangenen, kalten Herbsthimmel so eintönig vergehen! Die Möven höre ich kreischen, den Sturmvogel klagen. Ich höre das dumpfe Donnern der nimmer ruhenden Brandung, eine eintönige Musik für den Verlassenen, der sich zum Sterben vorbereitet. Welch' trauriges Verhängnis hat über deinem Liebesfrühling gewaltet, du arme, arme Käte. War es denn nicht genug, wenn ein feindseliges Geschick mich zertrat? Mußtest auch du darunter leiden?! »Verschollen!« wird es dir fortgesetzt in den Ohren klingen und in deinem Herzen einen marternden Nachhall erwecken. »Verschollen und verloren!« Kein Gedenkstein bezeichnet die Ruhestätte, vor der du um mich weinen könntest! Verschollen und verloren! klage auch ich; fortgefegt von der Erde, während meine Mörder vielleicht im Sonnenschein des Glücks hohnlachen, eines durch irdischen Reichtum bedingten Glückes, zu dem durch frevelhaften Raub der erste Grundstein gelegt wurde.– Stunde folgt auf Stunde trostlos und bleiern. Zu Tagen reihen sie sich aneinander, und in gleichem Maße schwinden meine Kräfte. Nur mühsam vermag ich mich noch von meinem Lager zu erheben. Hätte ich nicht beizeiten für Speise- und Brennholzvorräte gesorgt, so möchte ich bereits ausgelitten haben. Und dennoch, weshalb klammere ich mich noch immer mit so viel Angst an den letzten Lebensrest an? Ach, ich weiß es: jeder Gedanke an dich in weiter Ferne ist ein Gewinn, ist ein Sakrament, das mir auf meinem Sterbelager gespendet wird. Ein neuer Tag mit neuen Qualen. Unter den äußersten Anstrengungen gelingt es mir nur noch, mit dem eisernen Stift den Stein zu ritzen. Für wen unterziehe ich mich dieser Arbeit? frage ich oft. Hundert Jahre mögen vergehen, bevor jemand die Tafeln findet und als eine Merkwürdigkeit mit übers Meer nimmt. Sorglos wird man von der treuen Anhänglichkeit zweier Menschen sprechen, die fern voneinander starben und deren Liebesleid durch den Tod gestillt wurde. Wer weiß, vielleicht benutzt jemand meine Mitteilungen zur Anfertigung eines schwermütigen Märleins, den Menschen zum Zeitvertreib und Ergötzen. Was kümmert's mich – – – Ich lebe noch, aber den Tod fühle ich durch meine Adern schleichen. Wie meine Hand erlahmt! Käte, gute Nacht. Gott segne dich, mein Glück, mein Heil und Trost in der letzten Stunde! – – Abermals zieht ein Tag herauf. Will das Leben denn gar kein Ende nehmen? Will das Herz nicht endlich aufhören zu schlagen? Käte, reiche mir die Hand. Schatten blenden meine Augen – Käte, bleibe bei mir. – – – Käte – gute Nacht. Fahre wohl – auf Wiederse – –« Das Meer rauschte. Zischend glitten die zerteilten Fluten an den glatten Wänden der Pandora hin. Singend und pfeifend fuhr der Wind durch die Takelage. Der durch das Prunkgemach hindurchragende Mast knarrte verdrossen in seinem Lager. Gläser und Silbergefäße klirrten geheimnisvoll in ihren Brettausschnitten. Geräuschlos schwangen die Lampen in den sie tragenden Ringen. Die beiden Jagdpanther schliefen auf der gleichen Stelle, auf der sie sich vor Stunden ausstreckten. Tiefer hatte die Gräfin ihr Haupt geneigt. Die Hände mit dem Heft waren auf ihren Schoß gesunken. Fest hafteten ihre Blicke an den Schlußworten der letzten Seite. Ihr Antlitz hatte wieder Härte und Farbe des Marmors angenommen. So lange sie las, hatte sie ihre Selbstbeherrschung bewahrt. Kein kürzerer Atemzug legte Zeugnis ab von der in ihr wogenden heftigen Erregung. Nur gelegentlich fuhr sie mit der schmalen Hand über ihre Augen, wie um sie zu klären, daß die Buchstaben nicht ineinander verschwommen. Mit dem Lesen des letzten Wortes war aber auch die Gewalt, die sie über sich selbst besaß, erschöpft. Die um die Lippen lagernde herbe Strenge ging in Feindseligkeit über, um allmählich zu einem unheimlichen Ausdruck dämonischer Grausamkeit sich zu verschärfen. Die Zeit schlich dahin. Die Gräfin schien der Gegenwart nicht mehr anzugehören, im Geiste unbekannte Fernen zu durchschweifen. Da weckten Kommandorufe, Poltern und Stampfen schwerer Füße sie aus dem traumähnlichen Zustande. Sie lauschte nach oben. Flüchtig heftete sie den Blick auf den ihr zu Häupten hängenden Kompaß. Die Magnetnadel schwang leise nach Steuerbord hinüber. Sie kannte die Bedeutung. Die Pandora war zum Wenden durch den Wind gedreht worden. Es folgte der seltsame Gesang, mit dem man das Aufgieren der Schoten und das Brassen begleitete. Schwerfällig erhob sie sich. Nachdem sie das Heft zu den sorgfältig aufbewahrten Tafeln verschlossen hatte, schritt sie einige Male auf und ab. Doch das geräumige Gemach schien ihr zu eng, die Luft ihr zu schwer zu werden. Sie sah nach der Uhr. Die zweite Morgenstunde hatte begonnen. Leise öffnete sie die Kammer, in der Maud und Sunbeam schliefen. Eine rote Ampel verbreitete ein mattes, geheimnisvolles Licht. Im lieblichen Kontrast zueinander und inmitten der nach orientalischer Sitte getroffenen Einrichtung glichen die Träumenden selber einem Traum. Holde Unschuld schmückte ihre Züge, kindliche Sorglosigkeit regelte ihren Atem. Sinnend betrachtete die Gräfin das bezaubernde Märchenbild. Sie mochte der Zeiten gedenken, in denen sie selbst ähnlich in den Tag hineinlebte; denn ihr Antlitz, eben noch undurchdringlich hart und strenge, erweichte sich zu einem Ausdruck der Milde. Geräuschlos trat sie in das Prunkgemach zurück. Ein Tuch um die Schultern werfend und den gewohnten lackierten Hut auf dem Haupte befestigend, begab sie sich nach dem Quarterdeck hinauf. Helles Mondlicht umströmte sie dort oben. Nach wie vor jagten sich die Wolken am Himmel, aber in geringerer Zahl und weniger massig, so daß sie von dem Silberschein des Mondes durchdrungen wurden. Scharf pfiff der Wind durch die Takelage. Das Meer rauschte und sandte hin und wieder eine weißleuchtende Schaumgarbe über Deck. Gleichmäßig stampfte die Pandora. Bald wies der Klüverbaum schräge gen Himmel, bald bohrte der scharfe Bug sich tief in die nächste See ein, daß die Schaumstrahlen zischend auseinander stäubten. Die Matrosen der Wache rasteten. In gemessenen Schritten wandelte Simpson vor dem Kompaßhäuschen auf und ab, im Vorbeigehen zuweilen eine Bemerkung an den Mann hinter dem Steuerrade richtend. Sobald er die Gräfin gewahr wurde, schritt er ihr entgegen. »Ich habe mich entschieden,« redete sie ihn ruhig an. »Auf die Gefahr hin, daß Mr. Lowcastle auf seinem ›Eremit‹ die Jagd nach einer Verrückten erneuert, zuerst nach Liverpool, um die Vorräte zu ergänzen. Vielleicht benutze ich die Zeit zu einem kurzem Ausfluge nach Marleyhouse. Dann nach der norwegischen Küste hinüber.« Simpson verneigte sich. Leicht erkennend, daß die Gräfin ein weiteres Gespräch zu vermeiden wünschte, nahm er seinen unterbrochenen Gang wieder auf. Jene hatte sich auf eine an der Brüstung hinlaufende Bank niedergelassen, und als der Morgen graute, saß sie noch immer da, den einen Arm auf die Brüstung gestützt und das Haupt in der Hand rastend. Viertes Kapitel. Im Buknfjord. Das Heim der Larsen. Karen Sture. Der südlichste der das westliche Norwegen charakterisierenden Fjorde ist der Buknfjord mit der im geschützten Winkel sich erhebenden, altehrwürdigen Stadt Stavanger. Sehr umfangreich und weitverzweigt, schneidet er tief in das Festland ein. Seewärts wie in dem Fjord selbst tauchen nach allen Richtungen größere und kleinere Inseln und Schärenfelsen in den wunderlichsten Formen auf. Erstere sind die Heimat eines Menschenschlages, den man als die Kinder des Ozeans bezeichnen möchte. Aus ihm gehen die verwegensten Fischer und Seefahrer hervor, vor allem aber Lotsen, die, seit frühester Jugend an den Kampf mit den Elementen, Untiefen, Klippen und gefährlichen Brandungen gewöhnt, von denen keiner anderen Nation übertroffen werden. Gewissermaßen als südlicher Eckpfeiler der breiten Einfahrt in den Buknfjord, entsteigt dem Meere die Insel Utstejn mit einem Örtchen gleichen Namens. Der Buknfjord lag verhältnismäßig still, während draußen der Ozean von einer scharfen Südwestkühle seine schaumgekrönten Dünungen unablässig auf die granitene Schärenumpanzerung, strichweise auch auf das Festland selbst, einwälzte. In die breite Einfahrt drängten sich ebenfalls brausende Seen, um, allmählich ermattend, sich nach allen Richtungen hin zu verlaufen. Ein trüber nordischer Himmel verlieh, soweit das Auge reichte, der Szenerie einen melancholischen, träumerischen Charakter. Obgleich Ende des Sommers, war die Luft doch kühl, wenigstens kühl genug, um bei dem herrschenden rauhen Winde den Aufenthalt zwischen den vier Pfählen dem im Freien vorzuziehen. So auch in einer auf hohen Balkenfüßen errichteten Hütte, die von dem Örtchen aus in etwa zehn Minuten erreichbar war. Ein ähnlich erbauter Stall nebst daranstoßendem Gärtchen vervollständigte das bescheidene norwegische Heim, dessen von Verwitterung zeugende bläuliche Farbe das Alter von mindestens zwei Generationen zur Schau trug. Wie draußen der Einfluß der Atmosphäre dem Holzwerk das Gepräge eines verflossenen halben Jahrhunderts verlieh, so hatte im Inneren der Hütte der Rauch langer Zeiträume Balkenwände und Decke geschwärzt. Neben dem Kaminherd, über dessen haushälterisch genährtem Feuer von einem langhalsigen Drachenkopf der mit Wasser gefüllte Kessel niederhing, saß die Besitzerin des anspruchslosen Heimwesens, eine ins Greisenalter getretene Frau, auf einem einfach hergestellten Armstuhl. Vor sich das schnurrende Spinnrad, schien sie nur Sinn für den sich zwischen ihren hageren Fingern hervorwindenden Faden zu besitzen. Sauber gekleidet und mit dem um das ergraute Haar geschlungenen weißen Tuch bot sie das freundliche Bild des noch von körperlichen Gebrechen verschont gebliebenen hohen Alters. Gutmütigkeit wohnte auf den gewelkten, bleichen Zügen, zugleich aber machte sich in ihrem gelegentlichen Mienenspiel eine seltsame, ängstliche Erwartung geltend. Eine kräftig gebaute Frau von etwa fünfundvierzig Jahren beschäftigte sich vor dem Herd mit dem Säubern der zum Frühmahl benutzten Gefäße. Auch ihr war ein durchaus Vertrauen erweckendes Äußere eigen. Beide waren Witwen, die alte Mutter Larsen und ihre Tochter Christine Knudson, kein Wunder, daß ihre ganze Liebe sich auf der letzteren Sohn Niels übertrug. Dieser, ein vierundzwanzigjähriger Bursche von ungewöhnlich kräftigem Körperbau, saß in der Nähe des einzigen Fensters, zwischen den Händen ein weitmaschiges Netz, an dem er Schäden ausbesserte. Sein rundes, hübsches Gesicht schmückten die Farben der Gesundheit und ein noch jugendlich weicher, rötlich-blonder Vollbart. Gelbblondes Lockenhaar wogte auf seinem Haupte und verschleierte, indem er im Eifer sich der Arbeit zuneigte, seine Stirn. Sah er aber auf, dann blickten zwei fröhliche, trotzige Augen auf Mutter und Großmutter. »Die See geht hoch heute,« bemerkte die alte Frau, »ich möchte wissen, ob mein armer Erich dem Winde seine Heimatsgrüße anvertraut. Ist mir doch, als hörte ich seine Stimme. ›Gott segne dich, herzliebe Mutter! Bald bin ich wieder bei dir,‹ klingt's mir in den Ohren.« Christine Knudson warf einen warnenden Blick auf ihren Sohn und erwiderte beschwichtigend: »Wer weiß, wohin der Wind weht, der ihm um die Ohren bläst. Kluge Seefahrer behaupten, daß auf dem Weltmeer die Stürme zu gleicher Zeit nach verschiedenen Richtungen fegen.« »Wie lange mag er schon fort sein?« fuhr die Alte etwas lebhafter fort. »Ich kann's nicht berechnen,« hieß es zurück, »sind doch so viele Jahre verstrichen, seitdem er in die Welt ging.« »Viele Jahre, Christine. Unser Niels stolperte damals noch nicht lange in seinen ersten Schuhen herum. Wenn er nur ein einzig Mal geschrieben hätte. Aber er kommt, ich weiß es gewiß, er kommt, und wär's nur, um sich meinen Segen zu holen und mir die Augen zuzudrücken.« »Gewiß, Großmutter, er kommt,« warf Niels nunmehr zuversichtlich ein, denn er wußte, daß seine Worte der Greisin als Wahrspruch galten, »er kommt sicher, wenn auch nicht heut oder morgen; dann ist er ein berühmter Mann und hat viel zu erzählen.« »Wenn du es behauptest, muß es wahr sein,« versetzte die Greisin sichtbar beruhigt, »denn du bist des Erich sprechendes Ebenbild, und über seine Lippen kam kein falsches Wort. Aber es wird Zeit mit ihm, damit die Leinwand, die ich spann, sich nicht verliegt. Vier Dutzend Hemden laß ich ihm anfertigen; so viele nennt manch vornehmer Herr nicht sein eigen.« Der junge Mann knüpfte eifriger an dem Netz. Seine Mutter warf einen trüben Blick auf die Alte. So wie heute hatte sie gesprochen viele, viele Jahre, bis ihr vergebliches Wünschen und Hoffen allmählich in heilige Überzeugung übergegangen war. Das Mutterherz konnte sich nicht von einer Zuversicht lossagen, die gleichbedeutend mit dem eigenen Leben war. Manches schwere Leid war auf sie hereingebrochen: den Gatten hatte sie in die Erde gebettet und dann den Schwiegersohn. Sie hatte getrauert, aber ihren Schmerz überlebt. Der Gedanke dagegen, daß ihr Sohn gestorben sein könne, erschien ihr so ungeheuerlich, so unfaßbar, daß sie selbst in ihren nächtlichen Träumen nicht davon heimgesucht wurde. Und so war ihr als fast einziger, letzter Lebensgenuß geblieben, den längst Verschollenen mit mütterlicher Zärtlichkeit zu erwarten, von ihm immer und immer wieder, wie von einem des Sonnenlichtes sich noch Erfreuenden zu reden, die Wochen und Monate zu zählen, nach deren Ablauf sie ihn wieder in die Arme schließen würde. Ob ihr Haar bleichte, ihr Rücken sich krümmte: für die Vergangenheit besaß sie keine Berechnung. Wie Tage erschienen ihr die Jahre, die seit dem letzten Abschied ihres Lieblings entschwanden; so jung und blühend, so verwegen und lebensfroh wie damals, schwebte er ihr auch heute noch vor. »Mutter, man sollte meinen, der Sommer sei vor der Zeit vom Herbst verdrängt, worden,« suchte Christine Knudson das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, »draußen weht's wieder, als möchte es alle Schären über den Haufen werfen, und der Himmel schaut so düster darein, wie im November.« »Laß es wehen,« meinte die Alte unbefangen, »die Schären stehen fest, und nach 'nem braven Seemann strecken die Seen ihre Arme vergeblich aus.« Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, doch nur so weit, daß ein von starken blonden Flechten umkränzter Mädchenkopf sich durch die Spalte schieben konnte; dann tönte es von zwei blühenden Lippen, während die blauen Augen in heller Lust dazu lachten: »Niels, der Vater schickt mich, sonst wäre ich nicht hierhergelaufen. Er läßt dir sagen, du möchtest schnell kommen, die Reihe sei an dir. Draußen viert ein Schiff gegen den Wind. Es signalisiert um einen Lotsen. Es wäre ihm sonst nichts an dir gelegen, meinte der Vater, allein die anderen kreuzten weiter nördlich, wo Schiffe in Sicht sind, die im Karmssund Schutz suchen möchten.« Beim ersten Ton der hellen Mädchenstimme hatte Niels das Netz zur Erde fallen lassen. Aufspringend betrachtete er mit freudigem Erstaunen das liebliche, jugendfrische Antlitz, das wie zwischen Tür und Pfosten eingeklemmt erschien. Seine gebräunten Wangen erglühten in ungestümer Begeisterung; kaum aber hatte das junge Mädchen geendigt, als er triumphierend ausrief: »Karen – du selber? Ob dein Vater dich schickt oder dein eigener guter Wille dich treibt: wenn du nur da bist. Aber tritt näher, Karen. Während ich mich fertig mache, erzähle, welche Sorte von Kraft in Not ist um 'nen Lotsen. Hernach gehen wir mitsammen.« Spott leuchtete aus den fröhlichen blauen Augen, die schwellenden Lippen kräuselten sich, und ohne ihre Stellung zu verändern, antwortete Karen: »Wirst deinen Weg wohl ohne mich finden, und rede ich mit dir, hindert's nicht, wenn die Tür zwischen uns beiden ist.« Sie gewahrte, daß des jungen Mannes Gesicht tiefer erglühte, und mit einem unzweideutigen Ausdruck innerer Befriedigung fuhr sie fort: »Eine Lustjacht ist's mit Schonertakelung, ich sah's selber vom Dache unseres Hauses aus. Vielleicht wieder ein englischer Lord; da wird wohl bald ein Dutzend Silberkronen in deine Tasche gleiten. Solche Lords besitzen Gold, daß man eine Kuffe damit bis zum Sinken beladen könnte.« »Zum Teufel mit den Lords samt ihren Lustjachten,« erwiderte Niels noch unter dem vollen Eindruck der erfahrenen spöttischen Abweisung, »die sollten bleiben, wo sie hingehören, anstatt dutzendweise herüberzukommen, um unsere Seen und Elvs leer zu fischen, unsere Renntiere auszurotten und uns selber sich dienstbar zu machen.« »Meinst du?« fragte das Mädchen boshaft. »Du redest wohl nicht, wie du denkst, oder du vergißt, daß die Englischen unserem Lande Geld zutragen, und ohne Geld ist der beste Mann nicht mehr wert, als eine leere Heringstonne.« Sie entdeckte, daß bei dieser letzten Bemerkung Niels' Züge sich noch mehr verfinsterten und er, seinen Anzug vervollständigend, den gefirnißten Südwester auf seinem Haupt befestigte. Lachend den Kopf zurückziehend, schmetterte sie die Tür zu, daß der Fallriegel klirrte, und gleich darauf ertönte der helle Gesang, mit dem sie ihre schnellen Schritte begleitete. »Gesundes Blut in dem Dinge,« meinte die Großmutter, die, an die wunderliche Weise des Mädchens gewöhnt, durchaus nichts Befremdendes darin fand, daß es den ihm erteilten Auftrag erfüllte, ohne den übrigen Anwesenden auch nur ein Wort des Grußes zu schenken. »Gesundes Blut mag drin stecken,« versetzte Christine Knudson beinahe rauh, denn sie fühlte sich durch Karens Spott in der Seele ihres Sohnes gekränkt, »aber es gibt an unserem Fjord gesunde Dinger die schwere Menge und darunter solche, die den Wert des Mannes nicht nach seinem Gelde abschätzen. Laß du daher von ihr, Niels, ich rate es dir als Mutter. Selbst wenn Karen mit dir einverstanden wäre, würde ihr Vater nie in eine Heirat zwischen euch beiden willigen. Denn er meint, daß er mit seinem eigenen Lotsenkutter und den mit Kronen gefüllten Säcken wie ein König unter uns dastehe. Von ihm aber hat's das Mädchen, daß es sich besser dünkt, als alle Weiber weit und breit. Auch kann er's nicht vergessen, daß deiner Mutter Bruder mit seiner Frau versprochen gewesen und die nur ungern sich ihm zu eigen gab. Sieht er dich aber, der seinem Onkel rein aus den Augen geschnitten ist, wurmt's ihn doppelt, daß seine Frau dir zugetan ist. Denn auch die ist nicht blind und mag bei deinem Anblick in Trauer ihres alten Schatzes gedenken. Ich rate daher nochmals, laß ab von dem Mädchen; einen rechten Segen würdest du in des Sture Familie nie finden; es gibt allerwegs Frauenzimmer, die weniger hoffärtig von sich denken.« »Mutter,« erwiderte Niels unwirsch, »gibt's allerwärts ebenso gute Frauenzimmer, so ist Karen wenigstens nicht schlechter als andere. Hat sie ihre eigene Art des Redens, so kann's ihr keiner austreiben. Hab' übrigens nie ernstlich daran gedacht, um sie zu freien. Auf dem Tanzplatz ist sie eine ganz andere; da gibt's keinen zweiten, von dem sie sich lieber im Kreise herumschwingen ließe, als von mir. Ich hörte es aus ihrem eigenen Munde.« »Um deiner Tanzfertigkeit willen geschieht's,« erklärte die Mutter geringschätzig, »und nicht aus Liebe zu dir. Die Karen hat nämlich Augen wie 'ne hungrige Möve, die nach 'nem fetten Brocken späht. Sie sieht auf den ersten Blick, daß du die Füße zum Tanze stellst, als hättest du es auf einer hohen Schule gelernt.« »Mit mir mag's nicht anders sein, als mit ihr,« versetzte Niels mißmutig, indem er sich der Tür zukehrte, »höre ich Geige und Langeleike erklingen, fährt's mir in den Kopf, daß ich nicht recht um mich weiß.« Die zärtlichen Warnungen und Bitten, vorsichtig in Ausübung seines Gewerbes zu sein, die ihm nachgerufen wurden, hörte er nur halb, so schnell hatte er die Tür hinter sich zugezogen. Mit einem Sprunge überwand er die Stufen, die von der Schwelle niederführten, und als er sich der Kolonie zuwendete, vor der des reichen Sture Kutter sicher verankert lag, wurde er Karens ansichtig. In mäßiger Entfernung stand sie auf einem Felsblock, anscheinend mit Eifer westlich spähend, wo sie über die in Schaum gehüllten Klippen und niedrigen Schäreninseln hinweg die Mastspitzen eines noch in sicherem Fahrwasser einherschießenden Schiffes zu unterscheiden vermochte. Niels atmete tief auf und beschleunigte seine Schritte. In der Hoffnung, daß Karen einen Blick rückwärts nach seiner Heimstätte senden würde, sah er sich indessen getäuscht. Und doch entsagte er ungern dem Gedanken, daß sie ihn erwarte, um den Rest des Weges in seiner Gesellschaft zurückzulegen. Sogar als er vor dem Stein eingetroffen war, rief es noch immer den Eindruck hervor, als ob sie seine Nähe nicht ahne, nur allein das ferne Schiff ihre Aufmerksamkeit fessele. Niels fühlte sich beleidigt. Es offenbarte sich im Ton seiner Stimme, indem er nach dem Felsblock hinauffragte: »Soll ich für dich etwas an deine Leute bestellen, so sprich es aus; es soll pünktlich ausgerichtet werden.« Mit erheucheltem Erstaunen sah Karen von ihrem hohen Standpunkte zu ihm nieder. »Hast du mich erschreckt,« rief sie aus, »ich dachte gar nicht mehr an dich, hatte ganz vergessen, weshalb ich hierhergegangen war, und da stehst du plötzlich vor mir. Du solltest dich indessen beeilen, denn der Vater wartet. Er könnte wohl einen anderen mitnehmen, aber er meinte, wozu du auf fremden Schiffen dein Englisch gelernt hättest, wenn es nicht nach Gebühr ausgenutzt werden sollte.« »So? Hm. Nun ja, alle Menschen können nicht gleich viel gelernt haben,« versetzte Niels achselzuckend, und die Hände in die Taschen seiner weiten Ölbeinkleider schiebend, entfernte er sich mit nachlässigen Bewegungen. Er versuchte sogar, ein lustiges Stückchen zu pfeifen, allein es gelang ihm nicht. Jetzt erst, da es unbemerkt geschehen konnte, blickte Karen ihm nach. Auf ihrem blühenden Antlitz spielte es wie Trotz, dann wie Hohn, um endlich durch einen eigentümlichen Ausdruck des Bedauerns verdrängt zu werden. Einige Sekunden sann sie nach, und sich einen leichten Schwung gebend, gelangte sie zur Erde, wo sie ihm mit etwas beschleunigten Schritten nachfolgte. Zugleich hob sie wieder zu singen an. Obwohl Niels aus ihrer Stimme heraushörte, daß sie sich näherte, wandelte er unbeirrt weiter. Wie kurz zuvor das Mädchen, schien jetzt er selber dessen Nähe nicht zu ahnen. Endlich befand Karen sich an seiner Seite. Das Singen hatte sie eingestellt. Eine kurze Strecke gingen sie noch schweigend nebeneinander, und mit einem verstohlenen Blick auf Niels, der sich nicht einmal die Mühe gab, ihr sein Antlitz zuzukehren, hob sie völlig unbefangen, sogar heiter an: »Höre, Niels, eigentlich bist du ein guter Junge.« »Ich wüßte nicht, weshalb,« hieß es gleichgültig zurück. Karen preßte die Lippen flüchtig aufeinander. Ihre Brauen runzelten sich leicht; doch schon in der nächsten Sekunde war ihr fröhlicher Gleichmut zurückgekehrt. Um ihre Lippen zuckte verhaltener Mutwille, und glockenrein ertönte ihre Stimme, indem sie versetzte: »Brauchst es auch nicht zu wissen; trotzdem will ich es dir verraten. Erstens gefällt mir's, daß du so treulich zu Mutter und Großmutter hältst und Brot für euch alle erwirbst, und dann stehst du in dem Ruf des besten Tänzers weit und breit. Wenn's dich nicht hoffärtig macht, will ich dir sogar gern zum hundertstenmal wiederholen, daß ich mit keinem lieber tanze, als mit dir. Ich könnte dir ordentlich gut sein,« sie gewahrte, daß Niels sich ihr hastig zukehrte, und fügte, in eine andere Richtung schauend, nachlässig hinzu: »wenn ich nur wüßte, wie das gemacht wird.« »Da ergeht es dir nicht anders, als mir,« versetzte Niels, und er fühlte, wie bei dieser neuen Kränkung ihm das Blut in die wettergebräunten Wangen stieg. Wiederum schritten sie eine Weile schweigend dahin, Niels, als ob er die Steine auf dem Wege zählte, Karen anscheinend mit großer Vertiefung in den Flug der sich jagenden Wolken. So gelangten sie bis in die Nachbarschaft von Stures Gehöft. Der Kutter befand sich in ihrem Gesichtskreise, und beide wendeten nun ihre Aufmerksamkeit den Männern zu, die auf dem Fahrzeug mit den letzten Vorbereitungen zum Aufbruch beschäftigt waren. Wie dadurch in ihrem Gedankengange beeinflußt, bemerkte Karen: »Es ist schon mancher Lotse beim Ersteigen eines Schiffes auf hoher See verunglückt.« »Einen Tod kann man nur sterben,« erklärte Niels. »Was du sagst, Niels! Es ging mir nur durch den Kopf, daß, wenn du verunglücktest, du eine rechte Feindschaft gegen mich mit in die Tiefe nehmen würdest.« »Du weißt so gut, wie ich selber, daß ich meine Hand nur auf eine Leine zu legen brauche, stark genug, einen Mann zu tragen, um mich an Bord des größten Vollschiffes zu schwingen. Und Feindschaft meinst du? O, ich könnte dir solchen Glauben bald genug austreiben, aber es lohnt sich nicht. Ich kenne keine Feindschaft, am wenigsten gegen dich.« »Auch nicht, weil ich dich zuweilen ärgere?« »Solch' Ärgern läßt sich schon ertragen. Es geht nicht ins Blut über. Nebenbei ist's dankenswert, weil's mir den Kopf klar erhält und mich vor Dummheiten bewahrt.« »Ich verstehe dich nicht recht.« »Ist auch nicht nötig. Und doch müßtest du weniger scharfe Augen besitzen, als die Leute sie dir zuschreiben, hättest du mir nicht bis mitten ins Herz hinein gesehen.« »Du traust mir viel zu,« versetzte Karen, wie beiläufig, »aber da sind wir.« Sie trat einige Schritte von Niels fort, und ihr Antlitz ihm voll zukehrend, betrachtete sie ihn mit Blicken, von denen er nicht wußte, wie er sie deuten sollte, die aber einen Zauber auf ihn ausübten, dessen er sich mit äußerster Willenskraft nicht zu erwehren vermochte. »Höre, Niels,« fuhr sie ernst fort, und die letzte Spur von Spott und Schadenfreude wich von ihren plötzlich in milder Glut schwimmenden Zügen, »ich wiederhol's: bei solchem Wetter an Bord einer wie wahnwitzig schlingernden und stampfenden Kraft zu steigen, ist immerhin ein Wagnis. Denke also an Mutter und Großmutter, wenn denen der Ernährer entrissen würde, und sei vorsichtig. Sie wären doppelt elend, kehrtest du einmal von einer solchen Fahrt nicht heim.« »Und du?« nahm Niels sich ein Herz, zu fragen, und seine Stimme erstickte fast unter dem Einfluß der ihn durchschauernden Erregung. »Ich?« fragte Karen unter der Herrschaft einer neu erwachenden Laune gedehnt zurück. Dann lachte sie wieder, wenn auch etwas erzwungen, und in einem Tone, der ebensogut als ein Ausfluß versteckten Spottes wie aufrichtiger Teilnahme gelten konnte, sprach sie weiter: »Kehrtest du nicht heim, so weinte ich mir die Augen aus dem Kopfe.« Sie entdeckte, daß es in Niels' Augen hell aufleuchtete, und stets im Widerspruch mit sich selbst und ihrer unbesiegbaren Neigung zum Quälen und Martern nachgebend, fügte sie mit einer gewissen Innigkeit hinzu: »Ja, Niels, erlebte ich, daß deine Mutter in einen ähnlichen Gram gestürzt würde, wie einst deine Großmutter, die heute noch zuversichtlich auf die Heimkehr ihres Sohnes wartet, da müßte ich keine Christin sein, würden mir nicht die Augen im Jammer übergehen.« Sie blieb nicht, um zu sehen, wie es bei dieser unerwarteten Wendung auf dem Antlitz des jungen Mannes wirkte; wie er die Zähne knirschend aufeinander rieb und aus seinen Augen, die eben noch im Feuer überschwänglicher Hoffnungen glühten, Erbitterung hervorlugte; sondern sich umkehrend, flüchtete sie nach der offenen Tür ihres elterlichen Hauses hinüber, in der sie alsbald verschwand. Wohl aber hörte er noch, daß sie verstohlen lachte, wie sich nachträglich ergötzend, ihn abermals durch eine mutwillige Redewendung in die Irre geführt zu haben. Ingrimmig starrte er noch auf die offene Haustür, als von dem Kutter her der Ruf an ihn erging, daß alles bereit sei, wenn er überhaupt seinen Dienst verrichten wolle. Hastig kehrte er sich um, und gleich darauf befand er sich in dem Boot, das ihn schnell nach dem Kutter hinübertrug. Als er an Bord stieg, ruhten des alten Sture, einer behäbigen, vierschrötigen Schiffergestalt, kleine Augen mit einer Schärfe auf ihm, als hätte er ihn bis in die verborgensten Falten seines Herzens hinein durchschauen wollen. Ein zum Verwechseln ähnliches Gesicht hatte er früher gesehen; das war an die dreiundzwanzig Jahre her, und doch konnte er es nicht mehr aus dem Gedächtnis streichen. Mittelbar und unmittelbar wurde er immer wieder an jemand erinnert, der ihm lange im Wege stand und sogar aus seinem Grabe noch das Einvernehmen mit der fast gewaltsam zum Altar geführten Gattin störte. Ob auch der vertrauliche Verkehr aller jungen Leute zur Volkssitte gehörte, so schien der zwischen Niels und seiner Tochter in dem mißtrauischen Alten doch einen peinigenden Argwohn angeregt zu haben. Dieser beschwichtigte sich indessen, sobald der junge Mann mit kräftigen Armen in die Arbeiten eingriff und der Kutter binnen wenigen Minuten mit vollen Segeln seinen Ankerplatz verließ. Karen stand um diese Zeit noch immer an dem Fenster, wohin sie nach ihrer Trennung von Niels geflüchtet war. Ihre Augen hingen an dem Fahrzeug, auf dem er bald hier, bald dort mit der Kraft und Gewandtheit der Jugend sich zu schaffen machte. »Sendest ihm wohl ein Gebetlein nach?« ertönte hinter ihr eine freundliche Stimme. Hastig fuhr sie herum. Sengende Glut bedeckte ihre Wangen, als sie eine ältere Frau vor sich stehen sah, auf deren ursprünglich schönem Antlitz heimlich getragener Gram tiefere Spuren zurückgelassen hatte, als die Zahl der Jahre. »Brauchst dich dessen nicht zu schämen,« fuhr die Frau schwermütig fort, »denn der Niels verdient's, daß man ihm einen guten Gedanken nachträgt. Ist er doch der verwegenste und gewandteste Lotse im Buknfjord; man möchte ihn sonst nicht jedesmal aufsuchen, wenn's draußen 'nem Werk auf Leben und Tod gilt.« »Ich dachte nicht an ihn, Mutter,« versetzte Karen, die Achseln zuckend, und doch entging der alten Frau nicht, daß bei ihrer letzten Bemerkung die Glut aus des Mädchens Wangen jäh erlosch; »schicke ich dem Kutter einen herzlichen Wunsch nach, so kommt's allen an Bord zugute.« »Ich wiederhol's,« erklärte Frau Sture zärtlich, »brauchst dich dessen nicht zu schämen; ich seh' dir bis in dein junges Herz hinein. War ich doch selber einmal jung und weiß, was es bedeutet, wenn sich das Herz an einen gehangen hat, mag immerhin das Schicksal die Menschen nicht viel um ihren Willen befragen.« »An den Niels möcht' ich mich am wenigsten hängen,« erwiderte Karen trotzig, »aber auch an keinen anderen. Hab' nicht Lust, mich in Sorgen zu stürzen Tag und Nacht –« sie wollte noch etwas hinzufügen, schwankte einige Sekunden, und wie in Furcht vor den traurigen Blicken der Mutter, eilte sie aus dem Zimmer. »Und doch hängst du an ihm mit ganzer Seele,« flüsterte die Mutter trübe vor sich hin, »möchte es dir doch gesegnet sein, besser gesegnet, als mir –« Fünftes Kapitel. Der Lotse. An Bord der Pandora. Vergebliches Werben. Nachdem der Kutter unter die volle Botmäßigkeit der Segel und des Steuers gelangt war, verfolgte er seinen Kurs zwischen Klippen und Schäreninseln hindurch in nordwestlicher Richtung. An dem Steuerrad stand Sture selber. Vier andere Männer hatten sich über das Fahrzeug verteilt, um beim Wenden und Bedienen der Segel sogleich zugreifen zu können. Niels stand vorn im Bug, das offene Fernrohr in den Händen und, wo nur immer an den Eilanden vorbei ihm Gelegenheit dazu geboten wurde, einen Blick auf das des Lotsen bedürftige Schiff zu erhaschen. So erreichte der Kutter, vor den gepreßten Segeln in dem verhältnismäßig ruhigen Wasser mit rasender Schnelligkeit einherschießend, die eigentliche Einfahrt des Fjords, wo der wachgerüttelte Ozean in beträchtlicher Breite ihm seine schweren Dünungen ungehemmt entgegenwälzte. Dort, wo die Kühlte mit ungebrochener Gewalt wehte, wurden die Segel verkürzt und das Steuer herumgeworfen, so daß der Bug westlich wies, und ohne vorhergegangenes Wenden gelangte der Kutter in die offene See hinaus. Doch wie in dem geschützten Wasser, arbeitete das kleine Fahrzeug auch hier inmitten der brandenden Wogen mit bewundernswerter Sicherheit. Als der Kutter aus dem Bereich des Fjords herausgetreten war, hatte die Pandora eben gewendet und verfolgte mit dicht gerefftem Klüver, Groß- und Gaffelsegel einen Kurs, der sie nördlich der gefährlichen Küste allmählich etwas näher brachte. Es geschah, um es dem Kutter zu erleichtern, baldigst seinen Mann an Bord zu senden. Der Kutter hielt dagegen eine Richtung, die ihn weit über das Fahrwasser der Pandora hinausführte. Dort wendete er dann ebenfalls, und so genau hatte der alte Sture die Entfernungen berechnet und mit der Schnelligkeit der beiden Fahrzeuge verglichen, daß er nach Ablauf von kaum einer Viertelstunde das Kielwasser der Pandora dicht hinter deren Spiegel kreuzte. Erst an ihr vorbei, warf er den willig gehorchenden Kutter herum, und die Segel der Kühlte voller darbietend, gelangte er binnen kurzer Frist auf der Leeseite der Pandora in sicherer Entfernung seitlängs von ihr. Simpson, vertraut mit der Verwegenheit der norwegischen Lotsen, befand sich auf dem Quarterdeck und fragte, sobald der Kutter in Rufweite gesteuert war, durchs Sprachrohr, auf welche Art der Lotse an Bord zu kommen vorziehe. Niels stand auf der Luvbordschanze, mit der linken Hand sich an den Wanten haltend. »Sendet ein Tau nach der Raanocke hinauf!« rief er zurück. »Zieht's durch den Block! Schlagt eine Schleife ins Ende und laßt sie mit 'ner Leine zum Anholen über Bord hängen!« Eine kurze Strecke legten die beiden Schiffe noch in gleicher Höhe miteinander zurück. Erst nachdem das Tau in vorgeschriebener Weise befestigt worden war, fiel der Kutter von seinem Kurs ab, infolgedessen er gegen hundert Ellen hinter der Pandora zurückblieb. Diese war zur gleichen Zeit so weit aus dem Winde gedreht worden, daß ihre Segel zu flattern begannen, sie also die Schnelligkeit ihrer Fahrt mäßigte, und von der Luvseite her Sturzsee auf Sturzsee über ihr Deck polterte. Nunmehr aber schoß der Kutter, als hätte er frischen Atem geschöpft gehabt, mit beschleunigter Eile so dicht an der Pandora vorbei, daß Niels das schwingende Tau zu ergreifen vermochte. Mit Gedankenschnelligkeit hatte er mit der freien Hand die Schleife geöffnet und unterhalb der Arme um seinen Körper gelegt, und die andere noch immer an den Wanten festgeklammert, rief er nach oben: »Holt an!« »Holt an?« hieß es bei dem Tosen und Brausen der schäumenden Seen kaum vernehmbar von einem Dutzend Stimmen zurück: fast gleichzeitig spannten Tau und Leine sich an. Niels ließ seinen Halt fahren und packte das Tau mit beiden Händen, und ebenso schnell, wie der von einer Dünung entführte Kutter unter ihm fortglitt, fühlte er sich von dem Tau emporgehoben. Auf dasselbe Kommando wurde er mittels der an der Schleife befestigten Leine nach der Schanzverkleidung der Pandora hinübergerissen, wodurch er bei dem heftigen Schlingern des Schiffes vor verderblichem Aufschlagen bewahrt blieb. Gleich darauf sprang er wohlgemut von der Regeling auf Deck. Sorglos schüttelte er das Wasser von seinen Kleidern und grüßte die dort anwesenden Matrosen; ebenso gleichmütig schritt er, um seinen Dienst anzutreten, nach dem Quarterdeck hinüber. Im Begriff, auf der schmalen Treppe nach oben zu steigen, säumte er, um den eben am Steuerrad abgelösten Deckhänden Raum zu geben. Ihrer zwei waren es ausnahmsweise des schweren Seeganges wegen. Achtlos ging der vordere an ihm vorüber. Der zweite befand sich aber noch auf der untersten Stufe, als er plötzlich stehen blieb und, wie von Schwäche übermannt, mit beiden Fäusten nach der als Geländer dienenden Messingstange griff. Befremdet sah Niels zu ihm auf, und Schrecken bemächtigte sich seiner selber, als er in ein geisterhaft fahles Antlitz schaute, aus dem zwei unheimlich tief liegende Augen ihn mit einem unzweideutigen Ausdruck des Entsetzens anstarrten. Doch nur wenige Sekunden währte diese lähmende Bestürzung; dann hatte Ghastly seine Fassung zurückgewonnen. Durch einen flüchtigen Blick sich überzeugend, daß weder oben noch unten jemand auf seine Bewegung aufmerksam geworden war, kehrte er sich Niels wieder zu. »Der Henker über die Jahre,« redete er ihn an, sein Leichenantlitz durch erzwungenes Grinsen noch mehr entstellend, »bist du erst ergraut, Maat, wie ich, mag's auch dir zuweilen ins Gallion schießen, daß ein wackliger Schiffsboden dirs Gleichgewicht stört, wie 'nem leichtfertigen Topgast, der 'ne Pinte Branntwein über den Durst trank.« Nachdem er diese Worte, über deren Zahl alle an Bord in gerechtes Staunen geraten wären, förmlich hervorgestoßen hatte, nickte er Niels abermals grinsend zu, und festen Schrittes folgte er dem Kameraden nach dem Vorderschiff hinüber. Niels dagegen war noch immer so verstört, daß er ihm eine Antwort schuldig blieb. Durch eine über Deck klatschende Sturzsee an seine Pflicht gemahnt, schwang er sich indessen nach dem Quarterdeck hinauf, und ohne sich um die dort Anwesenden zu kümmern, unterrichte er sich zunächst durch einen Blick über die Lage der Pandora, die wieder ihren alten Kurs verfolgte. Ein zweiter Blick galt dem Kutter, der wie eine Schwalbe über die schäumenden Wogen hin der Einfahrt zuschoß, und dann erst kehrte er sich mit einem kurzen Kommando den beiden Matrosen am Steuerrad zu. Eine Weile überwachte er das von der Drehung des Schiffes abhängige Schwanken der Magnetnadel, und neben Simpson hintretend, der nicht ganz frei von Zweifeln die jugendliche Gestalt betrachtete, in deren Hände er das Wohl und Wehe der Pandora niederlegen sollte, begrüßte er ihn höflich in fließendem Englisch. Er hatte ihn eben über den inne zu haltenden Kurs unterrichtet, der ein kurzes Segelmanöver notwendig machte, als die Gräfin, die so lange einige Schritte abseits gestanden hatte, zu ihm herantrat. »Sie sind der englischen Sprache überraschend mächtig,« redete sie ihn in der ihr eigentümlichen, vornehm ruhigen Weise an, »oder stört es Sie, wenn Sie einige Worte mit mir wechseln?« Niels grüßte ehrerbietig, kehrte sich aber alsbald dem langsam herumschwingenden Vorderschiff wieder zu, indem er zugleich erklärte: »Durchaus nicht. Ich bin zu vertraut mit dem Fahrwasser hier herum. So lange die Männer am Steuerrad auf meine Zeichen achten, werde ich durchs Reden nicht behindert. Brauch' nur die Küste, Schären und Brecher im Auge zu behalten, um das Schiff ohne Havarie in den Fjord zu schaffen. Befinden wir uns erst unter dem Schutz der Inseln, so erreichen wir Stavanger bald genug.« Aufmerksam hatte die Gräfin den Mitteilungen des jungen Lotsen gelauscht. Mit seinem heiter zuversichtlichen Wesen übte er offenbar einen günstigen Eindruck auf sie aus. Eine Weile betrachtete sie ihn wohlgefällig, wie er, als wäre er mit den Deckplanken verwachsen, dem heftigen Schwanken des Schiffes begegnete und, die Blicke nach vorn gerichtet, durch Heben der rechten oder linken Hand die Leute am Steuerrad unterwies, dann bemerkte sie: »Stavanger will ich überhaupt nicht anlaufen, wenn nicht besondere Umstände es erheischen. Ich hörte von einer Insel, Utstejn geheißen, die im Buknfjord liegen soll.« Niels warf einen Blick des Befremdens auf die Gräfin, und die Bewegungen der schwer stampfenden Pandora wieder überwachend, erwiderte er bereitwillig: »Das Eiland sollte ich kennen, da ich selbst dort zu Hause bin; ein weiter Weg ist's bis dahin ebenfalls nicht. Haben wir erst das weiße Wasser überwunden, schafft's ein Segler, wie dieser Schoner, in kurzer Zeit. Möchte aber eine Frage tun, wenn's erlaubt ist. Es geschieht nicht oft, daß eine vornehme Lady auf Utstejn vorspricht, während eine schöne, große Stadt so nahe liegt. Es gehören ernste Gründe dazu, um solch' unwirtlichem Felseneiland so viel Ehre zu erweisen.« »Also Utstejn nennen Sie Ihre Heimat?« fragte die Gräfin nachdenklich, als hätte sie Niels' letzte Bemerkung überhört; »so können Sie mir vielleicht sagen, ob dort eine Familie Larsen wohnt?« Abermals warf Niels der Gräfin einen Blick des Erstaunens zu und antwortete nach kurzem Sinnen: »Eine ganze Familie Larsen nicht, aber eine alte Witwe Larsen, und die ist meine Großmutter. Meine Mutter, namens Knudson, ebenfalls Witwe, wohnt bei ihr, und ich sorge für beide.« »Besitzt oder besaß die Witwe Larsen einen Sohn?« »Wohl hatte sie den, aber der starb in jungen Jahren. Er ging zur See und kehrte nicht zurück. Ich selber war damals ein kleines Bürschchen, entsinne mich aber des Jammers, als Jahr auf Jahr verging, und keine Nachricht von ihm einlief.« »So weiß man nicht, auf welchem Schiff er zuletzt fuhr?« »Ich glaube, meine Mutter kennt den Namen,« antwortete Niels, »aber sie redet nicht gern darüber, da vergeht einem die Lust, sie drum zu befragen.« Er hob die linke Hand, für die Steurer ein Befehl, kräftiger in die Speichen zu greifen. Fast gleichzeitig kommandierte Simpson alle Hände zum Brassen. Die Gräfin trat zurück. Sie begriff, daß die Pandora nunmehr bis dahin gelangt war, wo deren Führung des jungen Lotsen ungeteilte Aufmerksamkeit erheischte. Bald darauf erschienen Maud und Sunbeam auf Deck, um, gleich ihr, in das Anschauen der wilden Szenerie sich zu vertiefen. Mit gespannter Teilnahme beobachtete Simpson, wie das flinke Schiff unter der Leitung des jungen Lotsen bald mehr, bald weniger von seinem Kurs abfiel und eine Bahn verfolgte, die es oftmals mitten in das dumpf brüllende weiße Wasser hineinführte. Erst nachdem es so tief in den sich seeartig öffnenden Fjord eingedrungen war, daß Inseln und Riffe ihm Schutz gegen den unmittelbaren Wogendrang gewährten, wurde seine Fahrt eine stetigere. Dann noch eine kurze Streck südöstlich – und die Pandora bog um die Insel Hansken herum, hinter der sich allmählich ein zweites, kleineres Eiland hervorschob. »Hier vor uns Utstejn und auf der Seite mein Heimatsort,« wendete Niels sich nunmehr an die Gräfin, und wie geblendet betrachtete er die ihr zur Seite stehenden lieblichen Mädchengestalten. »Ist geeigneter Ankergrund in der Nähe?« fragte die Gräfin. »Vor der Südspitze,« antwortete Niels, »unser Örtchen ist von dort aus sichtbar. Zwanzig Minuten guten Ruderns bringen ein Boot dahin.« »Gut,« versetzte die Gräfin, »so führen Sie das Schiff auf eine Stelle, wo es ungestört einige Tage liegen mag.« Sie säumte, bis Niels die nötigen Ratschläge an Simpson erteilt hatte, und aufs neue eröffnete sie eine Unterhaltung mit ihm. »Von dem Bruder Ihrer Mutter hörte man nie wieder etwas?« hob sie an. »Nicht ein einzig Wort,« hieß es zurück. »Vergessen und verschollen,« sprach die Gräfin wie im Traume vor sich hin. Niels suchte ihre Augen. Unbegreiflich erschien ihm, daß eine Fremde so viel Teilnahme für die Geschichte einer Fischerfamilie hegen könne. »Verschollen – ja, aber nicht vergessen,« bemerkte er zögernd, wie über die Tragweite seiner Worte mit sich zu Rate gehend; »daß er nicht vergessen wird, dafür sorge ich selber. Leute, die ihn gekannt haben, behaupten nämlich, ich wäre sein Ebenbild. Dann ist da die Großmutter. Der Erich war nämlich ihr alles; so vergeht auch kein Tag, an dem sie nicht von ihm redet.« »Das gefällt mir an ihr,« warf die Gräfin ein, und doch umdüsterte sich ihr Antlitz, »Mutter bleibt Mutter; die Sorge um ihr Kind erlischt erst mit dem letzten Atemzuge.« Sie gab den beiden Mädchen ein Zeichen, zurückzubleiben, und mit Niels nach dem Spiegel des Schiffes hinüberschreitend, wo ihr Gespräch keine anderen Ohren erreichte, hob sie wieder an: »Ist nicht sonst noch jemand da, der des Verschollenen freundlich gedenkt? Ich meine eine Braut?« Zweifelnd sah Niels zu der Gräfin auf. Immer mehr befremdete ihn deren Eindringen in Verhältnisse, die er als ihr doch fern liegend betrachten mußte. Aber geneigt, ihre letzte Bemerkung dem Zufall zuzuschreiben, erwiderte er freimütig: »Offen, wie Sie fragen, will ich auch antworten. Ja, der Erich Larsen besaß eine Braut, sie heiratete später einen anderen.« Herbe lachte die Gräfin vor sich hin. »Das nennt man Liebe,« versetzte sie spöttisch. »Sie heiratete einen anderen und wurde glücklich mit ihm?« »Eher das Gegenteil,« erwiderte Niels, und mit scharfem Blick entdeckte die Gräfin, daß es in dem frischen Antlitz feindselig aufflackerte; »kehrte meiner Mutter Bruder heim, kam alles anders und besser. Da wäre manche Träne ungeweint geblieben.« »So ist jener andere ein hartherziger Mann?« »Der hat überhaupt kein Herz, höchstens für die Kronen, die er zusammenscharrt.« »Dann findet sie Ersatz in ihren Kindern?« »Nur eine Tochter besitzt sie, ein rechtschaffenes Mädchen; ob die ihr viel Freude einträgt, ist aber auch eine andere Frage.« Mit erwachendem Verständnis sah die Gräfin in des jungen Mannes Augen. Dieser kehrte sein Antlitz ab, wie um sich über die Entfernung bis zum Ankergrunde hin zu vergewissern, in der Tat aber um zu verheimlichen, daß das wilde Blut ihm bis in die Schläfen hinaufgestiegen war. Um die Lippen der Gräfin zuckte es spöttisch. Einige Sekunden weidete sie sich an Niels' Verlegenheit, worauf sie nachlässig begann: »Keine Freude an dem Mädchen? Das spricht nicht sonderlich für Rechtschaffenheit!« Hastig fuhr Niels herum. Eine trotzige Erwiderung schwebte ihm auf den Lippen, allein der Anblick der in ihrer vornehmen Ruhe verharrenden Gräfin entwaffnete ihn sogleich wieder. »Des Mädchens Rechtschaffenheit ist unantastbar,« sprach er höflich, »ich meinte nur, daß dessen Eltern um die Zukunft ihres Kindes in Zwietracht leben.« Abermals senkte die Gräfin ihre Blicke durchdringend in Niels' Augen, bis dieser Gelegenheit suchte, ihr auszuweichen. Seine sichtbare Verwirrung mochte sie dauern, denn sie bemerkte: »Ihre Großmutter möchte ich kennen lernen.« In des jungen Lotsen Antlitz gelangte ein eigentümlicher Ausdruck des Mißtrauens zum Durchbruch, und ein Weilchen verrann, bevor er zögernd erklärte: »Wir sind arme Fischersleute; was will die vornehme Lady in dem elenden Bau, wo so viel bitteres Leid beklagt wird?« »Es wandelte mich die Lust an, der alten Frau tröstlich zuzureden, daß sie den Verlust des Sohnes als eine Schickung von oben trägt und sich endlich ergebungsvoll in das Unabänderliche fügt.« »Gerade das soll vermieden werden,« versetzte Niels mit Entschiedenheit. »Die Großmutter ist nämlich nicht wie andere Menschen. Die Jahre des Grams haben es ihr angetan, daß sie in manchen Dingen wieder ein Kind geworden ist. Sie wartet noch immer zuversichtlich auf die Heimkehr des Sohnes, und der Glaube darf ihr nicht geraubt werden, oder die letzten paar Lebenstage werden ihr zur Last.« »Außer ihr bezweifelt keiner, daß der damals noch junge Mann auf irgend eine unaufgeklärte Art seinen Tod fand?« »Keiner, mögen die Leute immerhin der armen Alten zu Munde reden. Ganz unaufgeklärt ist die Sache übrigens nicht. Meine Mutter schrieb drum und erhielt auch Bescheid.« »Von wem?« »Ich weiß es nicht, war damals noch zu jung, um mich viel drum zu kümmern. Doch eine andere Frage möcht' ich mir erlauben. Sie reden so viel von dem toten Erich Larsen; vielleicht wissen Sie Näheres über ihn?« »Näheres, jedoch nichts Zuverlässiges,« versetzte die Gräfin, und Niels erschrak förmlich über den Ausdruck zügelloser Gehässigkeit, der über ihr sonst so ruhiges Antlitz eilte, »nein, nichts Zuverlässiges. Es fuhr mir nur durch den Kopf, daß er durch Mörderhand ums Leben gekommen sein könnte, und was Sie tun würden, träte plötzlich der vor Sie hin, der verursachte, daß seine Braut jemand heiratete, von dem ihr Herz nichts wußte.« Niels stand, als hätte er geglaubt, falsch gehört zu haben. Ein Gewirre von Bildern, die sein Blut in Wallung versetzten, stürmte auf ihn ein. Seine Wangen glühten, feindseliges Feuer entzündete sich in seinen Augen, und die beiden Fäuste verstohlen ineinander ringend, antwortete er mit gepreßter Stimme: »Ich errat's, die Lady will mich auf die Probe stellen, denn ein Unding wär's, an solche Möglichkeit auch bloß zu denken. Das soll mich indessen nicht hindern, frei zu bekennen: begegnete ich dem Mörder meines Mutterbruders – unter meinen Händen müßte er sterben, und wären zehn Jahre Kerker mein Lohn dafür.« In den Zügen der Gräfin webte ein Anflug innerer Befriedigung, indem sie entgegnete: »Ich pflichte Ihnen bei: ein Unding wäre es. Doch der Mensch beschäftigt sich zuweilen mit unberechtigten Mutmaßungen; so erging es auch mir eben. Ihre Anschauungen verdienen übrigens als die eines wahren Mannes Anerkennung. Ich setze voraus, Sie sind dem Dienst auf hoher See nicht fremd?« Wie beschämt über seine Heftigkeit, erwiderte Niels beinah schüchtern: »Von meinem vierzehnten bis zum zweiundzwanzigsten Jahr fuhr ich auf fremden Schiffen, da sollte ich den Seedienst wohl gelernt haben. Ich möchte auch bei dem alten Gewerbe geblieben sein, wäre mir nicht um Mutter und Großmutter zu tun gewesen.« »Wie gefällt Ihnen mein Schiff?« fragte die Gräfin, und in ihren Augen ruhte etwas Lauerndes. »Eine Lustjacht, wie ich nie eine schönere sah,« versetzte Niels aus vollem Herzen. »Wollen Sie in meinen Dienst treten?« In des jungen Mannes Augen loderte helle Begeisterung auf. Flüchtig prüfte er den Kurs der Pandora; langsamer ließ er die Blicke über Deck und Takelage hingleiten, dann erklärte er mit unverhohlener Entsagung: »Es müßte eine Lust sein, auf solcher Kraft die Weltmeere zu befahren, allein ich kann nicht fort – nein, es geht nicht, ich muß für meine Angehörigen sorgen.« »Aber wie, wenn ich die Sorge für diese übernähme?« forschte die Gräfin weiter, »wenn ich ihnen so viel vollwichtige Goldstücke auszahlte, daß sie mit Behaglichkeit über die Zeit Ihrer Abwesenheit hinwegkämen? Ich liebe nämlich unverzagte Männer von Ihrem Schlage.« Die Gräfin überwachte ihn scharf. Sie bezweifelte nicht länger, daß andere Gründe, als die vorgebrachten, ihn bestimmten, ihr Anerbieten abzulehnen, vermied aber vorsichtig, an sein Geheimnis zu rühren. Sie unterdrückte sogar ihren Mißmut, als er sich ihr mit den Worten zuwendete: »Ich kann nicht fort. Meine Mutter hat das Beispiel an der alten Frau. Keine Stunde des Tages oder der Nacht fände sie Ruhe, wüßte sie mich fern an Bord eines Schiffes.« »Und doch ist sie eines Seemanns Frau gewesen,« warf die Gräfin berechnend ein. »Gerade deshalb,« versetzte Niels nunmehr entschieden; »sie kennt das Seeleben und, wie ihre Mutter vor ihr, würde sie ebenfalls die Fährnisse übertreiben.« Nach den letzten Worten faßte er die nahe Ankerstätte wieder ins Auge. Die Gräfin erriet, daß er einer Fortsetzung des ihm offenbar peinlichen Gespräches auszuweichen wünschte, und schritt nach der anderen Seite des Decks hinüber. Weder Mißvergnügen noch Befriedigung prägte sich auf ihren Zügen aus; aber immer wieder, während sie mit den beiden Mädchen sprach oder einige Worte an Simpson richtete, schweiften ihre Blicke zu dem jungen Lotsen hinüber. Bald darauf wurden die Segel eingezogen und der Anker rasselte in die Tiefe hinab. Die Gräfin hatte sich in die obere Kajüte begeben, wo sie den Lohn für das Hereinbringen der Pandora vor sich auf den Tisch zählte und eine doppelt so hohe Summe als Geschenk beifügte. Als Niels eintrat, um sich von der Schiffsherrin zu verabschieden, und mit einem Blick das Geld überflog, sah er erstaunt auf. Eine derartige Freigebigkeit hatte er bisher nicht kennen gelernt. Einige Sekunden schwankte er, dann schob er das Geschenk zurück. »Ich kann's nicht nehmen,« sprach er entschlossen, »mir erscheint's als Kaufgeld für meinen freien Willen – nein, ich nehm's nicht. Legten Sie zehnmal so viel vor mich hin, wär's mir keine Ursache, an Bord Ihres Schiffes mich zu verheuern.« Die Gräfin preßte die Lippen aufeinander. »Um eine zuverlässige Hand wäre zehnmal so viel mir kein zu hoher Preis,« bemerkte sie ruhig. »Ich rechnete eben, daß von dem Lohn fürs Einbringen der Pandora nur der kleinste Teil auf Sie entfällt und das Übrige in des Lotsenmeisters Tasche gleitet. Da Sie mir aber so viel von Mutter und Großmutter erzählten, beabsichtigte ich, denen eine kleine Freude zu bereiten. Stecken Sie das Geld immerhin zu sich. Widerstrebt es Ihnen, mich aufs Weltmeer hinaus zu begleiten, so kann ich Sie nicht dazu zwingen. Vielleicht besinnen Sie sich aber noch. In solchem Falle ist jederzeit, ob Tag oder Nacht, hier an Bord eine Stelle für Sie offen; Sie brauchen sich nur bei dem Kapitän zu melden. Wahrscheinlich würde es Sie nie gereuen, auf mein Anerbieten eingegangen zu sein.« Zögernd strich Niels das Geld ein. »Nicht eine kleine Freude bereiten Sie den beiden Frauen, sondern eine sehr große,« sprach er dabei, »und dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Auch Ihr gütiges Anerbieten will ich im Gedächtnis behalten, glaube aber nicht, daß ich meinen Entschluß ändere.« »Reden wir nicht mehr darüber,« versetzte die Gräfin wie beiläufig, »doch um auf Ihre Mutter zurückzukommen: vielleicht gefällt es ihr, mich zu besuchen. Ich möchte über vergangene Zeiten mit ihr sprechen: ausdrücklich hebe ich das hervor.« »Gewiß kommt sie gern, um sich für das Geschenk zu bedanken,« antwortete Niels; »auch bringt ihr's wohl Freude, über den längst Verstorbenen einmal mit jemand im Vertrauen ein ordentliches Garn zu spinnen. Wen hätte sie sonst dazu?« »Gut; sagen Sie ihr, ich ließe bitten, die auf jenes traurige Ereignis bezüglichen Schriften mitzubringen. Fügen Sie hinzu, es läge mir viel daran; man könne nicht wissen, wozu es diene.« Niels gab seine Bereitwilligkeit zu erkennen. Mit ehrerbietigem Gruß wollte er sich entfernen, als die Gräfin ihn zurückhielt. Die Brauen leicht gerunzelt, wie die Wirkung eines ihr vorschwebenden Verfahrens ermessend, öffnete sie ein Wandschränkchen. Aus diesem zog sie unter anderen wertvollen Gegenständen einen aus Elfenbein geschnitzten, mit Gold und Federn verzierten, kostbaren ostindischen Fächer hervor und überreichte ihn dem jungen Lotsen mit den Worten: »Außer Mutter und Großmutter gönnen Sie wahrscheinlich noch einer anderen Person eine Überraschung. Ist's ein Mädchen, so wird ihm dieses Andenken willkommen sein.« Niels hielt den Fächer mit beiden Händen und sah starr auf ihn nieder. Er schien die Wirklichkeit nicht zu begreifen. Helles Entzücken spielte auf seinen Zügen. Karen war in seiner Phantasie aufgetaucht, wie sie, beneidet von allen Genossinnen, in einer Tanzpause mit dem prachtvollen Geschenk sich Kühlung zuwehte. Diesmal fragte er nicht, ob die schillernde Gabe als Kaufpreis gelte; seinen Dank stotterte er, als wäre alles Glück des Himmels und der Erde mit dem Fächer vereinigt gewesen, und ihn sorgfältig, wie gestohlen Gut, unter seiner Düffeljacke bergend, verließ er die Kajüte. Ernst sah die Gräfin ihm nach. Selbst nachdem die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, änderte sie nicht die Richtung ihrer Blicke. Plötzlich verfinsterte sich ihr Antlitz. Geringschätzig zuckte sie die Achseln, und langsam begann sie auf und ab zu wandeln. Ein Matrose erschien, um die Lampen anzuzünden. »Wo befinden sich die Damen,« fragte sie nachlässig, als der Mann sich wieder entfernen wollte. »Lustwandeln oben, Euer Gnaden,« hieß es dienstlich zurück. »Sagen Sie dem Kapitän, ich ließe ihn bitten, sich zu mir zu bemühen.« »Ahe, aye. Euer Gnaden.« Gleich darauf trat Simpson ein. Nachdem er mit der Gräfin vor dem Tisch Platz genommen hatte, begann sie ruhig: »Der junge Lotse gefällt mir. Ich bot ihm an, in meine Dienste zu treten. Sollte er sich dazu entschließen und sich bei Ihnen melden, so lassen Sie ihn nicht mehr fort.« Simpson verbeugte sich zustimmend, fügte aber hinzu: »Ich erlaube mir, daran zu erinnern, daß die Besatzung der Pandora bereits eine doppelte –« »Sie wünschen, ihn nicht an Bord zu sehen,« fiel die Gräfin ein, »führen indessen eine Ursache an, die in meinen Augen nicht wiegt. Bitte, nennen Sie Ihre wahren Gründe.« »Sie befehlen, und so bekenne ich offen: es bewegt mich die Sorge, daß der tägliche Anblick eines nahen Verwandten jenes unglücklichen Erich Larsen zu sehr geeignet wäre, immer wieder düstere Bilder bei Ihnen heraufzubeschwören.« »Mit anderen Worten: die mir von gewissen Seiten angedichtete Verrücktheit zu fördern,« versetzte die Gräfin spöttisch, »aber fürchten Sie nichts. Beschäftige ich mich seit unserem Besuch auf der Aurora-Insel mehr mit den drei Kreuzen, als mit anderen Dingen, so bin ich dazu berechtigt, und darin kann der junge Lotse mich nach keiner Richtung hin beeinflussen. In der Vergangenheit zu forschen, hat für mich seine hohen Reize. Seitdem ich aber den Neffen des armen Erich Larsen kennen lernte, hat die Aufgabe, die nach Entdeckung der einsamen Gräber vor mir erstand, eine festere Gestalt gewonnen. Lebt derjenige überhaupt noch – ich kann mich von diesem Gedanken nicht lossagen –, unter dessen Leitung das schwarze Verbrechen ausgeführt wurde, so will ich einen Beweis von Überlegung und Scharfsinn liefern, daß sogar Sie darüber erstaunen werden –« »Gräfin,« unterbrach Simpson sie dringlich in der Absicht, dem Gespräch eine nach seiner Überzeugung weniger gefährliche Wendung zu geben, als jene mit einem matten Lächeln die Hand abwehrend erhob und fortfuhr: »Also nichts mehr davon. Um den jungen Lotsen für meine Dienste zu gewinnen, gehen wir aber Hand in Hand?« »In allem, seien es Befehle oder Wünsche,« erklärte Simpson. – – – Niels Knudson hatte unterdessen seinen Heimatsort erreicht. Als er an den ersten Gehöften vorüberschritt, sah er plötzlich Karen vor sich. Sie befand sich auf dem Wege zu einer nachbarlich wohnenden Altersgenossin, bog aber, sobald sie seiner ansichtig wurde, auf ihn zu. Nachdem sie einen scheuen Blick um sich geworfen hatte, bot sie ihm die Hand. Herziges Lächeln thronte auf ihren Zügen, und in seine Augen sah sie, daß es ihn bis ins Mark hinein wie ein Freudenrausch durchzitterte. Unter solchem Eindruck war seine erste Regung, ihr den Fächer zu überreichen. Unwillkürlich griff er unter seine Jacke. Indem er ihn aber berührte, schwebte ihm vor, daß keine Zeugen zugegen seien, und sehen mußten die Menschen doch, wie er die Geliebte bevorzugte, sehen und sie beneiden um das fürstliche Geschenk, das sie sonst wohl verschämt in ihrer Truhe verborgen gehalten hätte. Der nächste Sonntag sollte, wie er sich entsann, einen Tanz in Stures Haus bringen, und das war für ihn die Gelegenheit, sie zu ehren und auszuzeichnen vor allen anderen. Nach kurzem Schwanken zog er daher, wenn auch mit Widerstreben, die Hand zurück, und eifrig beantwortete er die Fragen, die Karen über die wunderbar schön gebaute Jacht an ihn richtete. »Es muß eine Lust gewesen sein, solch feines Schiff zwischen der Brandung hindurch zu steuern,« meinte sie lebhaft, »auf unser Dach war ich gestiegen, um es aus der Ferne zu beobachten. Wie ein Schwan segelte es. Man merkte ordentlich, daß ein sicherer Lotse an Bord war.« »Auf dem Dache standest du und lugtest nach uns aus?« fragte Niels freudig. Karen lachte, daß ihr das bewegliche Blut bis in die Schläfen hinaufstieg, und bemerkte sorglos: »Nach dir nicht, aber nach der Jacht.« Niels erschrak; doch in die fröhlichen Augen schauend, die so arglos blickten, bat er demütig: »Gönne mir den stolzen Gedanken, daß du auch nach dem Lotsen selber auslugtest; und eine Kleinigkeit war's nicht, bei dem schweren Seegange an Bord zu gelangen.« »Was hättest du davon?« fragte Karen nachlässig zurück, »wie wär's auch möglich gewesen hinter den Segeln, die bis aufs Deck hinunter reichten?« Abermals schob Niels die Hand unter die Jacke, und wiederum zog er sie, jetzt aber schneller, zurück. »So will ich mich bescheiden,« erklärte er zaghaft, »möchtest du mir dagegen den Trost gewähren, am Sonntag, da bei euch getanzt wird, nur mit einem einzigen Blick nach mir zu suchen?« und im Übermaß seiner Erregung ergriff er des Mädchens Hand. »Du verlangst viel,« versetzte Karen mit ihrem mutwilligsten Lachen, »war es doch nie meine Art, auf jemand zu warten. Wer mich zum Tanz führen will, mag zusehen, daß er zur rechten Zeit auf dem Platz ist.« Sie entriß ihm die Hand. »Ich muß fort!« rief sie im Davoneilen, und ihre Schritte beschleunigend, sang sie so fröhlich eine Tanzmelodie, daß Niels es nicht über sich gewann, auf Grund der erfahrenen Zurückweisung ihr zu zürnen. »Es ist nicht ihr Ernst, kann ihr Ernst nicht sein,« sprach er grübelnd vor sich hin, als sie, ohne ein einzig Mal zurückzuschauen, hinter der nächsten Hütte verschwand; »nein, es kann ihr Ernst nicht sein,« und das Haupt geneigt und mit goldenen Zukunftsträumen sich beschäftigend, verfolgte er seinen Weg heimwärts. Sechstes Kapitel. Suchen nach Klarheit. Der »Eremit«. Die Angler. Besuch an Bord. Als die Gräfin am folgenden Morgen auf Deck erschien, stand die Sonne bereits oberhalb der östlichen Gebirgsketten. Ihr erster Blick fiel auf eine Jacht mit ähnlicher Takelage, wie die der Pandora. Nur etwas kleiner war sie und vielleicht noch schlanker gebaut. In der Entfernung von etwa tausend Ellen ankerte sie vor der östlich gelegenen Insel Hansken, so daß die Fahrstraße, die diese von der Insel Utstejn schied, zwischen ihnen sich nördlich erstreckte. Aus der Art, in der man an deren Bord die Segel befestigte, ging hervor, daß sie vor Stunden erst eingetroffen war. Um eine bessere Aussicht zu genießen, stieg die Gräfin nach dem Quarterdeck hinauf. Simpson hatte eben das Fernrohr vors Auge gehoben und betrachtete aufmerksam den fremden Segler. Er war so vertieft in sein Spähen, daß er die Annäherung der Gräfin überhörte. Um ihn nicht zu stören, blieb diese einige Schritte von ihm stehen. Indem sie ebenfalls hinübersah, streiften ihre Blicke zwei Männer, anscheinend Matrosen, die in guter Rufweite von einem leichten Boote aus, das sich durch den seltsamen Schnabelhaken als ein norwegisches auszeichnete, mittelst langer Angelschnüre eine Makrele nach der anderen aus der Tiefe heraufholten. Die vermeintlichen Eingeborenen kaum beachtend, prüfte sie die fremde Jacht schärfer; zugleich vollzog sich auf ihrem Antlitz eine herbe Wandlung. »Kennen Sie das Fahrzeug?« wendete sie sich an Simpson. Dieser ließ überrascht das Fernrohr sinken, grüßte höflich und erwiderte: »Ich müßte mich sehr täuschen, wäre es nicht Lowcastles ›Eremit‹.« »Dafür halte ich es,« versetzte die Gräfin eintönig; »die nächste Frage ist, ob seine Anwesenheit hier vom Zufall abhängig oder ob er meinen Spuren folgte.« »Ich möchte das letztere behaupten,« hob Simpson an, und fest sah er in die ihn argwöhnisch prüfenden Augen der Gräfin, als diese mit einer Anwandlung von Ungeduld einfiel: »Ist man nicht wahnsinnig, so könnte man es werden bei diesen unerhörten feindseligen Nachstellungen. Rätselhaft erscheint mir übrigens, daß Lowcastle mich gerade hier aufsuchte. Hinterläßt der Kiel der Pandora auf dem Wasser doch keine Fährte, und außer uns beiden wußte niemand um unser Ziel.« »Der kurze Aufenthalt in Liverpool konnte nicht verborgen bleiben,« erklärte Simpson. »War jemand ernstlich darum zu tun, die Richtung unserer Fahrt auszukundschaften, so brauchte er nur dahin zu gehen, wo wir für unvorhergesehene Fälle Wechsel auf Stavanger einlösten.« »Laßt sie machen,« versetzte die Gräfin finster, »fordern sie meine Feindschaft heraus, so soll sie ihnen im vollen Maße zufließen. Ich bin auf alle Fälle gerüstet,« und nach einer kurzen Pause des Sinnens: »Es ist nicht unmöglich, daß mir jemand einen Besuch abzustatten gedenkt. Weisen Sie jeden ab, wer es auch sei. Ich bin für niemand zu sprechen.« – – Die beiden Angler waren unterdessen der Pandora näher getrieben. Sie boten eine zu alltägliche Erscheinung, um viel Beachtung zu finden. Einem argwöhnischen Beobachter möchte sonst schwerlich entgangen sein, daß der eine beim Auswerfen der Schnüre und dem Lösen der Beute Hände zur Schau trug, die zu der rauhen Matrosenbekleidung und dem abgegriffenen, tief über die Stirn gezogenen breitkrempigen Filzhut in einem Gegensatz standen, wie etwa die frisch gefangene, schön gefleckte Makrele zu einem gedörrten Stockfisch. Sein schwarzbärtiges Gesicht mit den lebhaften blauen Augen trug neben den Spuren bräunender Witterungseinflüsse einen Anflug jener gelblichen Farbe, die bei längerem Aufenthalt in den Tropen sich einzustellen pflegt. Krankhaft durfte sie indessen nicht genannt werden; höchstens legte sie für einen oberflächlichen Beurteiler seinen dreißig Lebensjahren noch ein halbes Dutzend zu. Des weiteren möchte es einen schärfer Hinüberspähenden befremdet haben, daß er unter dem breiten Hut hervor weniger auf die Angelschnüre achtete, als auf das Leben, das sich auf dem Verdeck der Pandora entwickelte. Denn nachdem die Gräfin, die so lange seine Aufmerksamkeit fesselte, verschwunden war, erschienen Maud und Sunbeam in Begleitung der spielenden Panther auf dem Quarterdeck, wo sie in heiterem Verkehr sich die Zeit verkürzten. Mit heimlicher Bewunderung beobachtete der Fremde wohl eine Stunde die freilich nur teilweise in seinen Gesichtskreis tretende freundliche Szene; dann seinem Begleiter, einem eingeborenen Fischer, ein Zeichen gebend, entfernte er sich in der gleichen wenig auffälligen Weise, in der er zur frühen Morgenstunde gekommen war. Niemand sah dem unscheinbaren Boot nach, das langsam nach der Hansken-Insel hinüberglitt und dort hinter der jüngst eingetroffenen Jacht verschwand. – Simpson hatte eben das Fernrohr vors Auge gehoben und betrachtete aufmerksam den fremden Segler. Er war so vertieft im Spähen, daß er die Annäherung der Gräfin überhörte. An Bord der Pandora verstrich der Tag in ungestörter Ruhe. Nur zu den Mahlzeiten erschien die Gräfin, um nach deren Beendigung sich wieder in ihre Einsamkeit zurückzuziehen. Man kannte sie und wunderte sich nicht darüber; fern lag allen der Verdacht, daß sie den Aufenthalt auf dem hochgelegenen Deck nur mied, um nicht von dem Eremit aus als Ziel für das Fernrohr gewählt zu werden. Der Besuch, den sie von dorther vermutete, blieb dagegen aus, und so konnte es scheinen, als ob die beiden Jachten in keiner anderen Beziehung zueinander ständen, als sie auf hoher See zwischen begegnenden Fahrzeugen verschiedener Nationen waltet. Erst als Dämmerungsschatten sich auf den weit ausgedehnten Fjord senkten, bewegte die Gräfin sich unbesorgt wieder im Freien. Günstiger noch wurde ihre Stimmung beeinflußt, als Niels in seinem Boot vor der Falltreppe anlegte und seine Mutter beim Ersteigen der Pandora unterstützte. Beim ersten Anblick des Bootes hatte sie sich wieder in die Kajüte zurückgezogen, den Befehl hinterlassend, daß zunächst Niels allein zu ihr hereingeführt werde. »Das nenn' ich Pünktlichkeit, wie sie einen rechtschaffenen Mann ziert,« redete sie den Eintretenden mit Wohlwollen an, »zugleich hoffe ich, daß der Fächer bei Ihrem Schatz eine freundliche Aufnahme fand. Es war wenigstens ein Geschenk, auf das eine Fürstin hätte stolz sein können.« Die Zuversicht, mit der sie seines Schatzes erwähnte, überraschte den jungen Lotsen, daß er den Mut nicht fand, zu falschen Darstellungen seine Zuflucht zu nehmen. »Mein ordentlicher Schatz ist's noch nicht,« bekannte er daher offen, obwohl nicht frei von Befangenheit, »und der Fächer befindet sich noch in meinen Händen. Aber morgen, da wird bei dem Lotsenmeister getanzt, und das ist die Gelegenheit, ihn an seine Adresse zu bringen.« »Recht so,« versetzte die Gräfin billigend, und Niels' ehrliches Antlitz überwachend, spitzten ihre Blicke sich forschend zu, »was hat man für Dank davon, wenn man der Geliebten heimlich eine Freude bereitet? Offen und vor aller Welt muß es geschehen, auf daß ihr Stolz geweckt wird und die Leute nicht länger an der Zusammengehörigkeit zweifeln.« Sie entdeckte, daß Niels' Verlegenheit sich steigerte, und in der Besorgnis, ihn zurückzuschrecken, fuhr sie in mehr geschäftlichem Tone fort: »Bevor ich Ihre Mutter empfange, wollte ich Ihnen mitteilen, daß sich eine gute Gelegenheit bietet, mir einen wesentlichen Dienst zu leisten. Ich würde dabei nicht nur auf Ihren guten Willen und Ihre Klugheit rechnen, sondern auch auf Ihre Verschwiegenheit.« Sie säumte, bis Niels aus vollem Herzen seine Bereitwilligkeit erklärt hatte, dann sprach sie weiter: »Die Ursachen, die mich zu diesem oder jenem Verfahren bewegen, entziehen sich fremder Beurteilung; es handelt sich daher nur darum, ob es in Ihrer Gewalt liegt, in unverdächtiger Weise an Bord der drüben vor der Insel Hansken ankernden Jacht zu gelangen.« »Nichts leichter als das,« versetzte Niels zuversichtlich, »ich brauche nur meine Dienste als Lotse anzubieten.« »Gut, das läßt sich hören. Ihre Aufgabe, nebenbei eine sehr unschuldige, soll also sein, auszukundschaften, was für Leute sich an Bord jener Jacht befinden. Gelingt es Ihnen, in Erfahrung zu bringen, was man dort bezweckt und wie lange man im Buknfjord zu verweilen gedenkt, so verpflichten Sie mich zu besonderem Dank. Selbstverständlich, betrachten Sie Ihre Beziehungen zu mir und der Pandora als Geheimnis. Lieb wäre es mir, brächten Sie mir heute abend – und der ist lang – noch Bescheid.« »Aber meine Mutter,« hob Niels zweifelnd an, und schnell unterbrach die Gräfin ihn mit den Worten: »Um Ihre Mutter sorgen Sie nicht. Brechen Sie jetzt von hier aus in Ihrem Boote auf, so lasse ich sie von meinen Leuten dahin rudern, wohin sie gebracht zu werden wünscht.« Da Niels keine weiteren Einwendungen erhob, entließ die Gräfin ihn mit der Bemerkung: »Verlieren Sie keine Zeit, und seien Sie vorsichtig. Im übrigen handeln Sie, wie es der gesunde Menschenverstand Ihnen eingibt, und lassen Sie Ihre Mutter aus dem Spiel. Die ganze Angelegenheit muß zwischen uns beiden allein bleiben.« Von Eifer für seinen Auftrag erfüllt, trat Niels aufs Deck hinaus. Dort wartete er, bis seine Mutter in die Kajüte geführt worden war, und gleich darauf trieb er sein Boot mit kräftigen Ruderschlägen nach dem in der Dunkelheit verschwimmenden Eremit hinüber. – Bei der Gräfin eintretend, wußte Christine Knudson nicht, worüber sie mehr erstaunen sollte, ob über die sie blendende, ungeahnte Pracht, oder das freundliche, Zutrauen erweckende Wesen, mit dem die Schiffsherrin sie zum Niedersetzen auf einem der schwellenden Polster nötigte. »Ich vermute,« begann letztere das Gespräch, »daß Sie durch Ihren Sohn über mein Anliegen einigermaßen unterrichtet wurden, und füge hinzu, daß ich, vom Zufall begünstigt, Näheres, wenn auch nicht Verbürgtes, über das Ende Ihres Bruders erfuhr, und die Auszahlung einer Entschädigungssumme an Ihre Mutter immerhin im Bereiche der Möglichkeit liegt. An Ihnen ist es nun, mir vertrauensvoll alles mitzuteilen, was Sie über das Schicksal des Verschollenen wissen oder auch nur mutmaßen. Ich gerate dadurch in die Lage, vorkommendenfalls Ihre und der Ihrigen Rechte nachdrücklich vertreten zu können.« Frau Knudson, die englische Sprache nur unvollkommen beherrschend, sann eine Weile nach, dann hob sie schüchtern, jedoch mit wachsendem Mute an: »Den Namen des Schiffes und den des Kapitäns hatte der Bruder uns geschrieben, ebenso den Namen des Hauses, auf dessen Rechnung die ›Emilia‹ ausgerüstet und befrachtet worden war. Als nun der Mutter Angst um den Erich immer schrecklicher wurde, schrieb ich in meiner Not nach Hull an den Reeder um Auskunft. Durch den erfuhr ich, daß die Emilia an der brasilianischen Küste gescheitert wäre und der Kapitän, der Schiffskoch und unser Erich zusammen mit einem Passagier ihren Tod in den Wellen gefunden hätten. Die Angelegenheit des verlorenen Schiffes, das versichert war, hatte der erste Steuermann mit einem Handlungshause in Rio geordnet. Dabei war herausgekommen, daß die gerettete Mannschaft ihren Lohn vollständig ausgezahlt erhielt. Auch die Forderungen der Verunglückten sollten ihren hinterbliebenen Anverwandten zugute gerechnet werden, und da sorgte ich dafür, daß das Geld nicht an meine Mutter, sondern an mich geschickt wurde um des Grames der alten Frau willen. Dadurch aufgemuntert, schrieb ich abermals an den Reeder – – und legte ihm die Bitte ans Herz, nachzuforschen, ob die Uhr meines Bruders und andere Andenken sich unter den geborgenen Gütern befunden hätten. Der Empfang dieses Briefes wurde mir umgehend angezeigt, jedoch mit der Bemerkung, er wäre an den Mac Lear – so hieß der erste Steuermann – nach Rio geschickt worden. Der läge dort schwer krank darnieder und sei der einzige Mann, in der Sache zu raten, habe aber sonst nichts mehr mit dem Hause zu schaffen. »Ein halbes Jahr ging herum, und ich dachte kaum noch an die Geschichte, da traf aus New Orleans die kurze Benachrichtigung ein, Mac Lear wäre längst gestorben und begraben. Außerdem hieß es, er hätte in seinem Elend nicht so viel hinterlassen, als erforderlich, um nur die Kosten der Beerdigung zu decken, und damit war ich abgefunden.« »Es ist nicht wahr! Er starb nicht, kann nicht, darf nicht gestorben sein!« fuhr die Gräfin bei dieser Kunde mit einer Heftigkeit auf, daß Frau Knudson sich vor ihr fürchtete, und die Worte auf ihren Lippen stockten. »Nein, er muß noch leben – im Elend verkommt keiner, der frei über zweiundzwanzigtausend Pfund –« sie brach ab und finster starrte sie vor sich nieder. Ihren Gast, der bei der plötzlich eingetretenen Totenstille kaum zu atmen wagte, schien sie vergessen zu haben. Erst nach einer längeren Pause richtete sie sich wieder auf, und in den Zügen der heimlich bebenden Frau Bestürzung gewahrend, sprach sie ruhiger, fast schmeichelnd: »Wundern Sie sich nicht, gute Frau, über mein Ungestüm. Ich bin so oft in meinem Leben getäuscht und hintergangen worden, daß ich mißtrauisch werden mußte. Aber zeigen Sie die Schriftstücke her. Dienen sie auch nur im geringsten dazu, mich auf eine von mir gesuchte Spur zu lenken, dann sollen Sie nie bereuen, mir Ihr volles Vertrauen geschenkt zu haben.« Vollständig verwirrt überreichte Frau Knudson die Briefe. Mit peinlicher Genauigkeit prüfte die Gräfin diese. Sie enthielten nichts anderes, als das, was sie bereits gehört hatte; trotzdem bot sie ein ansehnliches Geldgeschenk für deren Überlassung. »Ich nehm's mit Dank an, weil's der alten Mutter eine kleine Erleichterung einträgt,« antwortete Frau Knudson zaghaft. Sie schöpfte tief Atem, und schüchterner noch, wie angesichts einer sie erdrückenden Last, fuhr sie fort: »Eine dringliche Bitte, von deren Gewährung ein großer Segen für mich und die Meinigen zu erwarten wäre, möchte ich noch an die gnädige Frau richten.« Sie zögerte, jedoch durch eine aufmunternde Gebärde der Gräfin ermutigt, sprach sie freier: »Mein Sohn erzählte, Sie hätten ihm eine Stelle auf diesem Schiff angeboten. Weil aber der Niels nicht darauf einging, bitte ich als seine Mutter inständigst, das nicht als letztes Wort gelten zu lassen. Nehmen Sie ihn mit fort. Ich sag's nicht ums Geld, denn Mangel ist mit uns verwandt, daß wir ihn nicht fürchten; aber meinem Sohne gönn' ich's, daß er wieder einmal aufs Meer hinausgeht, wohin von jeher sein Sinn stand, mag's mir immerhin schwer werden zum sterben, wenn ich ihn scheiden sehe, wie einst meinen Bruder, der nicht mehr heimkehrte.« Nachdenklich betrachtete die Gräfin die schmerzlich bewegte Frau. Auf ihren Zügen, sonst so streng und verschlossen, lagen warme Teilnahme und heimlicher Triumph im Zwiespalt. Endlich entgegnete sie beinah klanglos: »Ein seltsames Anliegen. Es ist sonst nicht Art der Mütter, ihre Söhne aufs tückische Meer hinauszuschicken. Geschieht es dennoch, so muß ein ernster Grund vorliegen. Die Besten sind es gewöhnlich nicht, die man von Hause forttreibt; und Ihr Sohn machte auf mich den Eindruck eines unverdorbenen, ehrenwerten jungen Mannes.« »Das ist er, ja, das ist er,« bestätigte die Frau eifrig, »ein so guter und getreuer Sohn, wie kein zweiter gefunden wird, und wenn ich ihm von dannen helfe, so geschieht's, weil ich ihn vor großem Unglück behüten möchte. Aber ich will's offen bekennen: da ist die Tochter des reichen Lotsenmeisters, und die hat's ihm angetan, daß der arme Junge an sie denkt, wo er geht und steht, und doch ist's vergebliche Mühe. Denn bevor die Karen Sture ihn heiratet, oder der Vater seine Einwilligung dazu gibt, müssen die Schären draußen im Meer versinken. Wenn die Karen das nur bedenken und ihm die Wahrheit gerade heraus sagen wollte! Statt dessen zieht sie ihn nach sich mit blanken Augen und schönen Worten, daß er sein Leben für sie hingeben möchte, und behandelt ihn in demselben Atem wie einen Dienstknecht, der nicht würdig, ihre Schuhriemen zu lösen. Der Niels aber ist blind; der sieht nicht ein, daß er nur ihr Spielzeug ist, begreift nicht, daß die Menschen ihn verlachen. Nimmt sie aber einen anderen, so tut er sich ein Leid an, das weiß ich gewißlich, und wär's ihm überhaupt noch möglich, von ihr zu lassen, so könnt's nur geschehen, wenn er außer Landes ginge auf ein Jahr und länger. Vergäße er sie nicht ganz, so könnte sie ihn doch fernerhin nicht verhexen mit ihren Augen und dem klingenden Lachen; und kehrte er nach Jahr und Tag heim und fände sie als die Frau eines anderen, so würd's ihn kaum noch grämen. Er spottete wohl gar seiner selber, weil er sich von ihr so lange an der Nase herumführen ließ.« Aufmerksam hatte die Gräfin den Mitteilungen der bekümmerten Mutter gelauscht. Was auch in ihrem Inneren vorgehen mochte: ihr Antlitz verharrte in eherner, kalter Ruhe. Nur in ihren halbverschleierten Augen webte es geheimnisvoll. Wie einen tiefen körperlichen Schmerz bekämpfend, preßten sich die Lippen aufeinander. Grausamkeit wohnte in den Falten zwischen den leicht gerunzelten Brauen. Unsägliches Leid und Barmherzigkeit lagerten um die ein wenig gesenkten Mundwinkel. Während der wiederum eingetretenen Stille hingen Christine Knudsons Blicke an den regungslosen Zügen, wie an einem mit sieben Siegeln verschlossenen Buche. Ihre Furcht wuchs von Minute zu Minute. Endlich ertrug sie das Schweigen nicht länger. Ihren ganzen Mut zusammenraffend, stammelte sie: »Ich bat um Ungebührliches. Sie wollen ihn nicht mit fortnehmen.« »Es sollte mir eine Freude sein, den verwegenen jungen Seemann der Besatzung meines Schiffes einzureihen,« erwiderte die Gräfin ernst, »dagegen muß ich ablehnen, auch nur den Schein einer Beeinflussung seines freien Willens gegen mich wachzurufen.« Sie lächelte bezeichnend, wie über sich selbst, und fügte hinzu: »Nein, unmittelbar darf ich nichts gegen ihn unternehmen, oder ich verliere von vornherein sein Vertrauen. Und dann: wie oft erlebte man, daß das eigensinnigste Mädchenherz sich bekehrte.« – »Die Karen bekehrt sich nicht,« fiel die Frau klagend ein, »zu lange beobachtete ich sie in meiner Sorge um den Niels. Sie ist ihm nur so lange zugetan, bis sie die erste Gelegenheit findet, ihn mit bitterbösen Worten und spöttischem Lachen abzufertigen.« »Versuchen Sie Ihr Heil noch einmal bei ihm,« riet die Gräfin nunmehr beschwichtigend, »hört er nicht auf Ihr Wort, so können Sie nicht erwarten, daß fremde Menschen mehr bei ihm ausrichten. Und wer weiß, der Zufall spielt oft wunderbar,« und abermals lächelte sie seltsam, »daß im letzten Augenblick noch um diesen oder jenen kleinlichen Zwischenfall beide sich bitter verfeinden. Ein trotziger Bursche, wie Ihr Niels, erträgt nur bis zu einer gewissen Grenze die Launen eines hoffärtigen Weibes. Sollte aber so etwas eintreten, und er entschließt sich, sein Heil auf der Pandora zu versuchen, so bin ich gern bereit, ihn aufzunehmen. Eine Woche bleibe ich wohl noch hier liegen; in dieser Zeit kann sich viel ändern.« Frau Knudson seufzte tief auf. Sie begriff, daß alle ferneren Bitten und Vorstellungen vergeblich sein würden. Von heimlicher Scheu befangen erhob sie sich, und mit abermaligem Dank für das reiche Geldgeschenk schritt sie aufs Deck hinaus. Ihr peinliches Erstaunen, Niels nicht vorzufinden, wurde dadurch beschwichtigt, daß vier Deckhände die Jolle der Pandora bemannten und sie aufforderten, zu ihnen hinunter zu kommen. Kaum hatte sie in dem leichten Fahrzeug Platz genommen, als es eilfertig mit ihr davonglitt. – Es war um Mitternacht, als die Gräfin wieder nach oben gerufen wurde. Dort trat Simpson in Begleitung des jungen Lotsen ihr entgegen. Den Gruß des Letzteren beantwortete sie dadurch, daß sie beide aufforderte, ihr in die Kajüte zu folgen. »Sie waren an Bord des Eremit?« hob sie, nachdem sie Platz genommen hatten, mit einer gewissen Hast zu Niels gewendet an. »Ich war dort, und was ich da auskundschaftete, möchte weniger sein, als Eure Gnaden erwarten.« »Gleichviel,« versetzte die Gräfin, »der kleinste Nebenumstand kann von Wichtigkeit für mich sein. Erzählen Sie also haarklein, was Sie sahen und hörten,« und ungesäumt begann Niels: »An Bord zu kommen, kostete mich keine Mühe. Kaum oben, trat mir ein junger Herr entgegen und fragte nach meinem Anliegen. Als ich meine Dienste als Lotse anbot, führte er mich nach dem Achterschiff hinüber, und da saßen drei Herren beieinander –« »Wie sahen sie aus?« fiel die Gräfin rauh ein. »Ich konnt's nicht genau ausmachen in der Dunkelheit, aber ich meine, es waren ältere Männer. Den einen redeten sie ›Doktor‹ an –« »Was? Doktor?« stieß die Gräfin hervor. »Ich kann's nicht anders sagen, denn ich hörte es wohl zehnmal –« »Aber die anderen – weiter, weiter, beeilen Sie sich.« Und wenn auch befremdet durch die Heftigkeit der Gräfin, fuhr Niels doch mit ruhiger Zuversicht fort: »Einen zweiten nannten sie Lowcastle, ich kann drauf schwören, und ein vornehmer Mann war er ebenfalls, denn die beiden, die bei ihm saßen, taten ordentlich schön mit ihm. Und da war noch einer, den hielt ich für eine Gerichtsperson, weil sie ihn nicht beim Namen anredeten, sondern ›Richter‹.« Mißtönend lachte die Gräfin auf. »Haben Sie gehört, Simpson?« wendete sie sich an diesen, »Lowcastle im Verein mit einem Arzt und einem Richter! Was meinen Sie dazu?« Simpson zuckte die Achseln und erwiderte mit einem bezeichnenden Blick auf Niels: »Ich habe meine eigenen Anschauungen darüber, möchte aber damit zurückhalten, bis ich mehr hörte.« Die Gräfin, auf solche Weise zur Vorsicht gemahnt, nagte flüchtig auf der Unterlippe. »Also weiter, mein Freund. Lowcastle, ein Arzt und eine Gerichtsperson. Sie sprachen noch von einem jüngeren Herrn –« »Den riefen sie Kapitän Peldram,« beeilte Niels sich, die Frage der Gräfin zu beantworten. »Kapitän Peldram,« wiederholte diese gedehnt, »o, ich entsinne mich, seinen Namen früher gehört zu haben. Ich glaube in Madras. Wie kommt der hierher? Doch das ist Nebensache; fahren Sie fort und kümmern Sie sich nicht um meine Gegenbemerkungen,« und wiederum wechselte sie einen vielsagenden Blick mit Simpson. »Ich bot also meine Dienste an,« erzählte Niels weiter, »und ersuchte den Herrn Lowcastle – den hielt ich nämlich für den Schiffsherrn –, mir den Lohn für das Hinauslotsen seiner Jacht zu gönnen. Auf seine Frage, ob ich bei meinen jungen Jahren der Arbeit gewachsen sei, mußte ich freilich bekennen, daß ich die Pandora während der gestrigen scharfen Kühlte wohlbehalten hier vor Anker gebracht hätte. Da wurde er gesprächiger und meinte, daß es mit uns wohl etwas werden würde. Dann fragte er über alles hier an Bord, nach der Gräfin und den beiden jungen Ladies, sogar ob mir nichts Wunderliches hier und da aufgefallen wäre. Darauf erklärte ich, daß ich zu viel mit dem Schiff und den Brandungen zu tun gehabt hätte, um mich um andere Dinge zu kümmern. Das mochte er einsehen, denn er redete eine Weile mit dem Doktor und dem Richter, jedoch so leise, daß ich kaum ein Wort davon verstand. Als aber der junge Herr dazu kam, den er anredete wie einen Anverwandten, da fragte er ihn, ob er morgen einen Besuch an Bord der Pandora abstatten wolle. Dazu war der gleich bereit, setzte aber hinzu, daß, wenn das ›Schriftstück‹ überhaupt hierher getragen werden solle, ein anderer das ausführen möge. Er sei ebensowenig ein Gerichtsdiener, wie ein Briefbote. Dazu schwiegen die Herren, ich glaube, weil der junge Herr wohl mehr gesagt hatte, als dem Lowcastle und den anderen beiden angenehm war. Auch befragte man mich nicht weiter; dagegen bot der Schiffsherr zu den Lotsengebühren mir noch ein gehörig Stück Geld, wenn ich ihm pünktlich die Stunde mitteile, um die die Pandora losmache. Ich versprach's und dachte, daß er selber die Augen offen halten möchte. Auch sagte ich ihm, daß die Segel auf der Pandora in einer Weise verfestigt wären, als ob sie Wochen über ihrem Anker liegen sollte; damit erreichte mein Besuch auf dem Eremit sein Ende.« Während des letzten Teiles dieser Mitteilungen hatte die Gräfin finster vor sich nieder gestarrt. Nur Simpson erriet aus der Erregtheit, mit der sie kaum bemerklich auf der Unterlippe nagte, wie es in ihrem Inneren kämpfte und arbeitete. Sobald aber Schweigen eingetreten war, richtete sie sich nachlässig auf. »War's nur wenig, was Sie auskundschafteten,« hob sie zu Niels gewendet an, »so haben Sie doch als umsichtiger Mann gehandelt, und wann auch immer ich von hier aufbreche: kein anderer als Sie soll der Pandora auf die hohe See hinaushelfen. Da es indessen möglich ist, daß ich zur nächtlichen Stunde den Anker hebe, so fragt es sich, ob Sie imstande sind, auch in der Dunkelheit als Lotse das Kommando zu übernehmen.« »Vom Winde hängt's ab und vom Seegange,« erklärte Niels freimütig. »Hat's seine Schwierigkeit mit dem Wege, den wir gestern kamen, so tut's der Karmsund, mag's immerhin 'ne Strecke weiter bis zum offenen Ozean sein.« »Gut,« versetzte die Gräfin, indem sie sich erhob, »darüber verhandeln wir später; für heute genügt mein Wort, daß ich auf Ihren Lotsendienst rechne, wenn ich den Buknfjord wieder verlasse; einige Wochen werde ich wohl noch bleiben.« Nachdem die Tür sich hinter Niels geschlossen hatte, wandte die Gräfin sich Simpson zu. Hart klang ihre Stimme, indem sie fragte: »Lowcastle in Begleitung eines Arztes – zuverlässig eines Irrenarztes – und eines Richters, dazu dieser Peldram, der uns Mauds wegen vor der Zeit von Madras forttrieb, wie denken Sie darüber?« Simpson suchte in der Gräfin Zügen, um nach deren Ausdruck seine Erwiderung zu bemessen. Doch ebenso leicht hätte er die Gedanken einer Sphynx aus deren steinernem Antlitz herausgelesen. Er mißtraute ihrem Gemütszustande, fürchtete aber zugleich ihren durchdringenden Scharfsinn. Es blieb ihm daher nur übrig, seine Ansichten ungeschminkt seiner Überzeugung gemäß darzulegen. »Ich kann mich von dem Argwohn nicht lossagen, daß man auf die eine oder die andere Art sich Ihrer Person zu bemächtigen sucht,« erklärte er zögernd. »Und zu solchem Zweck sich mit einem Verhaftsbefehl ausrüstete,« fügte die Gräfin hinzu. »Auch das muß ich zugeben. Die von dem jungen Lotsen erlauschten Worte lassen wenigstens keine andere Deutung zu.« »Weshalb ging man nicht gegen mich vor, als in Liverpool so gute Gelegenheit geboten wurde?« »Wahrscheinlich weil man Aufsehen vermeiden wollte. Einer Gräfin Marley von Marleyhouse bemächtigt man sich nicht auf bloßen Verdacht hin, wie jemandes, der gegen die Gesetze verstieß.« Die Gräfin lachte gehässig. »Man fürchtete den Rückschlag, wenn der Verdacht sich als unbegründet erwiesen hätte,« bemerkte sie darauf wieder ruhig, »eine Prüfung auf Verrücktheit würde aber umgangen werden können, wenn man die Gräfin Marley von Marleyhouse einfach dahin brächte, wo es Leute zu Dutzenden gibt, die gegen entsprechende Entschädigung deren Sinnlosigkeit beschwören.« Eine laute Zustimmung mochte Simpson widerstreben, denn er verneigte sich nur, und die Gräfin fragte: »Wenn jemand mir einen gerichtlichen Befehl überreichte, wäre ich da gezwungen, ihn entgegenzunehmen?« »Hier im Auslande nicht, und als Ausland gilt der Norwegen bespülende Meeresgürtel in Breite einer Meile.« »Und was darüber hinaus liegt?« »Das ist neutral; da kann jede Regierung über ihre Landeskinder auf Schiffen der eigenen Nation verfügen.« »Vorausgesetzt, die Landeskinder lassen es ruhig über sich ergehen, als Opfer der nichtswürdigsten Intrigen, ähnlich toten Gegenständen behandelt zu werden. Doch damit eilt es nicht. Sind wir über die von Ihnen bezeichnete Grenze hinaus, so kommen wir auch weiter. Mein Landbesitz ist unantastbar, und die Meere sind groß.« »Ich erlaube mir zu bemerken,« wendete Simpson höflich ein, »daß alle ferneren Schritte wohl zu überlegen sind. Der Eremit segelt mindestens ebenso schnell, wenn nicht schneller, als die Pandora.« »Was wollen Sie damit sagen? Ich möchte den sehen, der es zustande brächte, ohne meinen Willen an Bord zu kommen, und trüge er drei Dutzend Verhaftsbefehle in der Tasche.« »Aber der Eremit kann, ohne daß wir es zu hindern vermöchten, in unserem Kielwasser segeln Wochen und Monate, bis wir einem Kriegsdampfer begegnen, der uns sehr bald zum Beilegen zwingen würde.« »So weit folgt der Eremit uns nicht,« versetzte die Gräfin mit Unheil verkündender Ruhe. »Um Verdrießlichkeiten zu vermeiden, wollen wir das Mögliche aufbieten, fremder Aufmerksamkeit zu entschlüpfen. Heftet der Eremit sich trotzdem an unsere Fersen, so geschieht's auf seine eigene Gefahr. Einen Streich will ich ihm spielen, der mehr nach Verrücktheit aussieht, als alles andere, was ich je unternahm und von den Elenden als der Ausfluß eines kranken Geistes gebrandmarkt wurde. Lange kann es überhaupt nicht mehr dauern, bis die Stunde der Abrechnung da ist, ich Rechenschaft fordere für das hinterlistige Untergraben des letzten Bißchens Ruhe, das mir noch von einem böswilligen Geschick gelassen wurde.« Sie erhob sich. Das Haupt geneigt und die Hände auf dem Rücken ineinander gelegt, verließ sie die Kajüte. Langsamer folgte Simpson nach. Wie unter dem Druck einer gewaltigen Verantwortlichkeit hatte sein Antlitz sich umdüstert. In seinen Ohren lebte die geheimnisvolle Drohung der Gräfin. Wie ein böses Gespenst schwebte ihm der unerschütterliche, jeden Widerstand mißachtende Wille vor, mit dem sie, wenn einmal zu einer bestimmten Handlung entschlossen, diese auch durchführte. Als er hinaustrat, befand die Gräfin sich bereits oben auf dem Quarterdeck. Grübelnd saß sie dort auf einer Bank. Was galt ihr die kühle, dunkle Nacht! Ob Nacht oder Tag, ob Wärme oder Kälte, ihr war alles einerlei. Siebentes Kapitel. Ein Zusammenprall. Auf dem Tanzplatz. In Fetzen und Scherben. Der folgende Tag war ein Sonntag. Als hätte die Natur ihn als solchen auszeichnen wollen, entstieg die Sonne in vollem Glanze den östlichen Höhen. Der Himmel war blau in seiner ganzen Wölbung. Einem Binnensee ähnlich lag der Buknfjord, auf seiner stillen Oberfläche den klaren Äther zurückstrahlend. Auch die beiden Jachten hatten Sonntag gemacht; jede Hand an Bord feierte. Gelangweilt spähten die Deckwachen hinüber und herüber. Gelangweilt verfolgten sie mit den Blicken bald dieses, bald jenes Boot, das mit festlich geputzten Kirchgängern den glatten Wasserspiegel furchte. Ein mit sechs Ruderern bemanntes Kielboot, in dem der einzige Fahrgast das kleine Steuer führte, hielt den Kurs auf die Pandora. Niemand hatte bemerkt, daß es hinter dem Eremit hervorgeschossen war, noch weniger vermutete jemand, daß es neben der Pandora anzulegen beabsichtigte. Es schien in geringer Entfernung vorbeitreiben zu wollen. In gleicher Höhe mit der Pandora schwang es indessen schnell herum, und unter den verdoppelten Anstrengungen der Ruderer schoß es wie ein Pfeil neben die Falltreppe hin. »Boot ahoi!« rief die auf solche Art überrumpelte Deckwache noch im letzten Augenblick aus. »Was da, Boot ahoi!« antwortete eine fröhliche Stimme mit einem sprechenden Ausdruck glücklicher Sorglosigkeit. Gleich darauf schwang sich Kapitän Peldram über die Brüstung, derselbe Fremde, der tags zuvor in der Nachbarschaft angelte, heute dagegen die kleidsame Interimsuniform eines britischen Infanterieoffiziers angelegt hatte. Einen heiter vertraulichen Gruß sandte er nach dem Quarterdeck hinauf, wo Simpson an die Brüstung getreten war und mit unverkennbarem Verdruß zu ihm niedersah. Unbekümmert um ihn wie die beiden Geparde, die aufgesprungen waren und ihn knurrend umkreisten, schritt er nach der Vorderwand der Kajüte hinüber. Dort saßen Maud und Sunbeam auf zierlichen Klappstühlen, über sich zum Schutz gegen die blendenden Sonnenstrahlen chinesische Schirme, und erstere auf den Knien ein Buch, aus dem sie vorgelesen hatte. Beim ersten Ton der Stimme des Kapitäns war das Buch ihren Händen entsunken. Ihr Erstaunen über den unerwarteten Besuch war so maßlos, daß sie wie gebannt sitzen blieb und regungslos auf die sich hastig nähernde schlanke Gestalt hinsah. Zugleich hatte sich brennende Glut über ihr blühendes Antlitz ausgebreitet. Überschwängliche Freude leuchtete aus ihren Augen, gepaart mit lieblicher Verschämtheit. Als Peldram aber mit dem Ausruf: »Endlich!« ihr beide Hände entgegenstreckte, da belebte ihre Gestalt sich wie durch Zauberschlag. Selig lächelnd legte sie ihre Hände in die seinigen und: »Ist es denn Wirklichkeit? Wir glaubten Sie so weit, so weit,« war das einzige, was sie hervorzubringen vermochte. Dort saßen Maud und Sunbeam, über sich zum Schutz gegen die blendenden Sonnenstrahlen chinesische Schirme, und erstere auf den Knien ein Buch. »Nicht zu weit für mich, um alles daran zu setzen, ein Wiedersehen herbeizuführen,« erklärte Peldram, entzückt durch die in der ersten Überraschung zwanglos offenbarten Beweise der freundlichsten Gesinnungen. Er begrüßte die junge Hindu wie eine alte Bekannte und fuhr lebhaft fort: »Ich hätte selbst nicht daran geglaubt, als die Pandora plötzlich verschwunden war, ohne daß mir die Gelegenheit zu einem letzten Abschied geboten gewesen wäre. Meine Verzweiflung wurde dadurch erhöht, daß ich trotz der peinlichsten Nachforschungen im Unklaren über die von ihr eingeschlagene Richtung blieb. Da schwebte mir denn vor, daß die Gräfin Sie nur nach Marleyhouse entführt haben könne, und anstatt in späterer Zeit, kam ich sofort um den Jahresurlaub ein, zu dem meine Dienstzeit in dem gefährlichen Klima Indiens mich berechtigte. Mehrere Monate gingen damit hin. Dann aber benutzte ich die schnellste Fahrgelegenheit, und begünstigt durch einen glücklichen Zufall, traf ich beinahe in derselben Stunde ein, in der mein Onkel Lowcastle sich anschickte, in seinem Eremit der Pandora zu folgen. Das ist meine Geschichte – aber wie sehen Sie erfrischt aus nach der langen Seefahrt!« Maud zog ihre Hände befangen aus den seinigen zurück. Einen scheuen Blick warf sie um sich; dann lud sie ihn ein, sich auf dem ihm von Sunbeam zugeschobenen Stuhl neben ihr niederzulassen. Zugleich machte sich auf ihrem Antlitz eine gewisse Verlegenheit bemerklich. Sie mochte sich fragen, ob sie in der ersten freudigen Erregung sich nicht zu weit habe fortreißen lassen; denn etwas gemessener und zurückhaltender in Wesen und Haltung bemerkte sie: »Es war in der Tat eine lange Reise, aber schnell genug verrann die Zeit bei der liebevollen Sorgfalt, mit der die Gräfin immer wieder Gelegenheit zur freundlichen Unterhaltung bot,« und abermals ließ sie ihre Blicke ängstlich umherschweifen. Peldram gewahrte es und ihre Bewegung richtig deutend, warf er unzufrieden ein: »Was nicht hindert, daß Sie in steter Furcht vor ihr oder vielmehr vor ihren Schrullen –« »Nicht weiter, Kapitän Peldram,« fiel Maud dringlich ein, »nicht weiter in diesem Sinne. Sie kennen die Gräfin nicht, oder Sie würden bei der Wahl Ihrer Bezeichnungen rücksichtsvoller zu Werke gehen.« »Verzeihung, teuerste Maud,« lenkte Peldram alsbald heiter ein, »ich habe indessen genug von der Gräfin gesehen und gehört, um mich nicht ganz einverstanden mit allen ihren Handlungen erklären zu können. Ich dächte, eine solche Freiheit des Urteils kann jeder ehrliche Mann, ohne unhöflich zu erscheinen, für sich in Anspruch nehmen.« »Eine Freiheit, deren auch ich mich rühme,« versetzte Maud etwas zuversichtlicher, »und da lautet mein Urteil völlig entgegengesetzt dem Ihrigen.« »Ich lasse mich belehren, gern belehren,« erwiderte Peldram lebhaft, »allein mich zu überzeugen möchte selbst Ihnen in diesem Falle nicht gelingen, wenn ich auch einräume, in meiner innigen Teilnahme für Sie nicht ganz unparteiisch zu sein. Denn wie anders, als Schrullen, wollen Sie es bezeichnen, wenn man Sie mit einer Heimlichkeit entführt, als ob –« »Die Heimlichkeit galt Sunbeam,« unterbrach Maud ihn, und einen freundlichen Blick senkte sie in die großen dunklen Augen der jungen Hindu, »die aber war sicher gerechtfertigt, oder das treue Wesen möchte sich längst des Sonnenlichtes nicht mehr erfreut haben.« »Aus vollem Herzen pflichte ich dem bei, was die Gräfin zum Schutze Sunbeams tat,« nahm Peldram wieder das Wort, während seine Blicke Mauds Augen suchten; »welche Erklärung gäbe es aber dafür, daß eine für die menschliche Gesellschaft und den Geist erfrischenden Verkehr bestimmte junge Dame, wie Sie, gezwungen wird, ihr Leben einsiedlerisch zwischen Himmel und Wasser zu verbringen? Wären Sie noch in Marleyhouse zurückgelassen worden, wie ich glaubte zuversichtlich voraussetzen zu dürfen! Und solches Verfahren sollte nicht der Ausfluß einer Schrulle sein?« Er entdeckte, daß um Mauds Lippen ein Zug zweifelnden Mißmutes sich ausprägte, und zuvorkommend sprang er von dem ihr sichtlich peinlichen Gegenstande mit den Worten ab: »Wie die Sonne uns so aufmunternd zu dem Wiedersehen leuchtet! Möchte es nur nicht zu kurz bemessen sein. Doch vor allen Dingen, teuerste Maud: damit ich nicht abermals zu schrecklichen Irrfahrten um die halbe Erde herum verdammt werde, vertrauen Sie, bevor jemand uns stört, mir schleunigst an, wohin die Reise der Pandora zunächst führt.« »Das weiß Miß Maud ebensowenig, wie Sie selber,« ertönte eine rauhe Stimme ihnen zu Häupten vom Quarterdeck her. Peldram sprang auf. Sein erster Blick fiel auf Simpsons ernstes Antlitz. Er kämpfte indessen seinen Verdruß nieder, und Mauds ängstliche Spannung berücksichtigend, rief er wie im Scherz hinauf: »Wissen die jungen Damen es nicht, so darf ich vielleicht hoffen, auf meine höfliche Bitte von dem Herrn Kapitän Simpson darüber unterrichtet zu werden.« »Auch der würde nicht imstande sein, Ihre sonderbare Frage zu beantworten,« sprach die Gräfin, die eben durch die offene Tür des Vorraumes der Kajüte ins Freie getreten und kaum drei Schritte weit von der Gruppe entfernt stehen geblieben war. Sichtbar verstört kehrte Peldram sich ihr zu. Er bezweifelte nicht, daß sie sein ganzes Gespräch mit Maud erlauscht hatte, und einer feindseligen Anrede gewärtig, trachtete er, dieser zunächst durch einen ehrerbietigen Gruß zuvorzukommen. »So bleibt mir nichts anderes übrig,« fügte er in verbindlichster Weise hinzu, »als die gnädige Gräfin selber zu ersuchen, Mitleid mit einem armen Sterblichen walten zu lassen und ihn über ihr nächstes Ziel aufzuklären.« Wie eine Bildsäule stand die Gräfin da. Einige Sekunden betrachtete sie Peldram mit ablehnender, eisiger Kälte, dann sprach sie eintönig: »Es ist nicht meine Gewohnheit, über die von mir in Erwägung gezogenen Schritte dem ersten besten Auskunft zu erteilen.« Und zu den beiden Freundinnen in dem gleichen Tone: »Ich finde, hier, wo die Sonnenstrahlen in ihrem Anprall auf die weiße Wand doppelt blenden, ist kein rechter Platz für euch. Ich würde daher raten, nach oben zu steigen oder unten die schattigen Räume aufzusuchen.« Sie wartete, bis Maud, wie mit Blut überströmt und gefolgt von Sunbeam und den Panthern, auf der niederwärts führenden Treppe verschwunden war, und nachlässig kehrte sie sich Peldram wieder zu, auf dessen gebräuntem Antlitz tiefe Entrüstung über ihr schneidend abstoßendes Verfahren sich offenbarte. »Auch eine meiner Schrullen,« sprach sie gleichmütig. »Manche nennen es Verrücktheit, doch das ändert nichts an dem wahren Sachverhalt. Im übrigen mögen Sie mir zutrauen, daß ich am besten weiß, was den jungen Damen dient. Halte ich für angemessen, noch dreißig Jahre mit ihnen auf den Weltmeeren zu kreuzen, so kümmert das weder Sie, noch Lowcastle, noch irgend einen anderen Menschen der Welt.« »Das sind harte Worte,« versetzte Peldram, und er kämpfte sichtbar um seine Selbstbeherrschung, »Worte, die man indessen willig über sich ergehen läßt, wenn sie aus solchem Munde kommen.« »Wie es Ihnen beliebt,« hieß es kalt zurück. »Ich lege niemand Zwang auf, am wenigsten Fremden. Nebenbei möchte ich mir die Frage erlauben, welchem Umstande ich die Ehre Ihres Besuches an Bord meiner Jacht verdanke?« Peldram knirschte mit den Zähnen. Nach der Begegnung mit Maud berührte die unzweideutige Feindseligkeit der Gräfin ihn doppelt peinlich. Schwer wurde es ihm daher, seine Leidenschaftlichkeit zu bemeistern und schonend zu antworten: »Ich kam im Auftrage des Herrn Lowcastle. Er läßt Ihnen seinen achtungsvollen Gruß entbieten und ersucht um die Erlaubnis, in Begleitung einiger Freunde Ihnen seine Aufwartung machen zu dürfen.« Bei der Mahnung an die auf dem Eremit weilenden Herren zuckte es wie ein Blitz aus den Augen der Gräfin. »Sogar noch mit Freunden?« fragte sie ohne die leiseste Wandlung in ihren Zügen, »weiß er denn, ob er selber mir willkommen ist? Doch verlieren wir keine überflüssigen Worte. Melden Sie Ihrem Onkel Lowcastle, ich müßte jeden Besuch – merken Sie sich, Kapitän Peldram – jeden Besuch hier in meinem eigenen Reich ablehnen. Gebrauche ich jemand, so bescheide ich ihn zu mir, oder ich gehe zu ihm. Hat Lowcastle mir Wichtiges anzuvertrauen, so will ich ihm an Bord seiner Jacht die Ehre geben,« und ihre schmalen Lippen bequemten sich zu einem unheimlichen Lächeln, »aber nicht heute, auch nicht morgen, sondern zu einer Stunde, die mir zusagt. Nebenbei werde ich nicht verfehlen, mich zuvor anzumelden. Das teilen Sie wörtlich dem Herrn mit, der so eifrig bemüht ist, meinen Spuren zu folgen. Sie selbst mögen sich daraus eine Lehre ziehen.« Und nach dem Quarterdeck hinauf: »Mr. Simpson, ich mache Sie verantwortlich dafür, wenn abermals jemand versuchen sollte, ungerufen sich hier einzudrängen.« Totenbleich vernahm Peldram die beleidigenden Worte. Er war so bestürzt, daß er keinen Laut hervorzubringen vermochte. Nur der Gedanke an Maud allein verlieh ihm die Kraft, wenigstens äußerlich eine gewisse Ruhe zu bewahren und die von unversöhnlicher Erbitterung zeugenden Angriffe als die im Grunde harmlosen Ausflüsse eines krankhaft überreizten Gemütes hinzunehmen, anstatt in ungestümem Aufbrausen einen unheilbaren Bruch herbeizuführen. »Ihre Wünsche sind mir Befehl,« sprach er nach kurzem Kampfe mit seiner erwachenden Leidenschaftlichkeit, und höflich verneigte er sich, »ich gehe, entsage indessen nicht der Hoffnung, dennoch über kurz oder lang eine nachsichtigere, freundlichere Aufnahme zu finden.« Die Gräfin maß ihn kalten Blickes vom Kopf bis zu den Füßen, und schweigend wandte sie sich von ihm ab. Peldram schien der Boden unter den Füßen zu brennen, so schnell begab er sich in das Boot hinab, das sich unter den Ruderschlägen der seiner harrenden Matrosen alsbald in Bewegung setzte. Als es um den Spiegel der Pandora herumschoß, suchte er in den geöffneten Fenstern nach einem befreundeten Antlitz, jedoch vergeblich. Leicht erriet er, daß die Gräfin ihre jugendlichen Begleiterinnen hinderte, ihm auch nur einen Blick nachzusenden. Abenteuerliche Pläne durchschwirrten seinen Kopf. War er bisher Lowcastles Anschauungen in den meisten Fällen entgegengetreten, so hatte dieser jetzt in Verfolgung seiner Zweck einen eifrigen Bundesgenossen an ihm gewonnen. Wenn auf den beiden Jachten der übrige Teil des Sonntags in echt englisch-eintöniger Weise verstrich, so rüstete man sich auf der Insel Utstejn, den Abend und auch wohl die Nacht heiter zu verbringen. Die umfangreiche Balkenstube in Stures Hause hatte man bis auf die unentbehrlichsten Möbel ausgeräumt und festlich geschmückt, in dem daranstoßenden Gemach ein Faß Bier und ein kleineres Gefäß mit Wacholderbranntwein aufgelegt und solche kalte Speisen beigefügt, wie sie der Gelegenheit und den gefüllten Kronensäcken des reichen Lotsenmeisters entsprachen. Als dann der Abend sich auf das Felseneiland senkte, da hatten sich so viele Gäste eingefunden, daß es zweifelhaft erschien, ob sich hinlänglich Raum zu einem ordentlichen Rundtanz würde beschaffen lassen. Niels, sonst stets einer der ersten, fehlte noch. Der Tanz hatte noch nicht begonnen; aber die beiden Geigen und die Klarinette ließen bereits ein Stückchen zur Probe ertönen, als er festlich gekleidet und in selbstbewußter Haltung eintrat. In der Hand trug er einen sorgfältig in weißes Papier eingeschlagenen Gegenstand, ängstlich darauf achtend, daß er in dem Gedränge nicht zerdrückt wurde. Erst nach einigem Umherspähen entdeckte er Karen. Im Hintergrunde des rauchgebräunten Gemaches stand sie, wo sie von dem Schein zweier Lampen und des auf dem Kaminherd lodernden Feuers voll beleuchtet wurde. Sie befand sich in lebhaftem Gespräch mit zwei jungen Männern, deren Anzug verriet, daß sie nicht zu der Innung der Fischer und Lotsen zählten, sondern von Stavanger herübergekommen waren, um bei der schönen Tochter des reichen Lotsenmeisters ihr Glück zu versuchen. Anfänglich glitten Niels' Blicke über die beiden jungen Herren hinweg. Hatte er in seiner ängstlichen Erregung doch nur Sinne für Karen und die in seinem Kopfe sich kreuzenden, ihm plötzlich als verwegen erscheinenden Pläne. Als er aber näher trat und in des Mädchens erglühendem Antlitz eine gewisse Befangenheit entdeckte, wurde er aufmerksam auf die Fremden. Zugleich mißfiel ihm deren Wesen, in dem sich unzweideutig ausprägte, daß ihr Dünkel sie weit über alle anderen Anwesenden erhob. Mehr noch störte ihn, daß sie nach vornehmer Leute Art geschmeidig auf Karen einredeten und ihr Dinge zuraunten, die sie immer wieder zum Lachen reizten. Er beherrschte indessen seinen Verdruß, und von seinem wohlüberlegten Verfahren einen zu seinen Gunsten entscheidenden Erfolg voraussetzend, trat er mit einem zaghaften Lächeln vor Karen hin. »Ich komme etwas später,« hob er sich entschuldigend an, »aber ich hatte meine besonderen Gründe. Auch hoffte ich, daß du den ersten Tanz, den ich erbat, mir vorbehalten würdest.« »Wer zu spät kommt, darf sich nicht beklagen, wenn pünktlichere Leute ihm vorgreifen,« bemerkte der eine junge Herr geringschätzig lachend. »Karen ist versagt bis über Mitternacht hinaus.« Niels errötete vor Scham und erwachendem Zorn. Wie nach einer Waffe suchend, warf er einen funkelnden Blick um sich. Dieser streifte Karens Vater, der ihm wenig auffällig gefolgt war, offenbar um die zwischen ihm und dem Mädchen sich entwickelnde Szene zu beobachten, jedoch in nachlässiger Haltung ihm den Rücken zukehrte. Nur zwei Sekunden Zeit hatte er dadurch verloren, dann fuhr er den unberufenen Sprecher mit den Worten an: »Ich rate dir, mit deiner Rede so lange zu warten, bis ich dich gefragt habe. Du bist überhaupt nicht der Mann dazu, vorzugreifen und deinen Willen zu dem irgend eines Mädchens zu machen.« Höhnisches Lachen war die Antwort der beiden Herren, die sich unter dem Schutze Stures vollkommen sicher fühlten. Auf Karens Antlitz spiegelte sich Ratlosigkeit. Ob die Nähe des Vaters sie störte oder der vertrauliche Verkehr mit einem einfachen Lotsen in Gegenwart der Fremden ihr beschämend erschien, wäre schwer zu entscheiden gewesen. Aber gewahrend, daß die Umstehenden aufmerksam auf sie geworden waren, und gereizt durch deren neugierige Blicke, versetzte sie hochmütig: »Wer konnte glauben, daß du jetzt noch kommen würdest? Ein beiläufig abgelegtes Versprechen hat keinen Wert, weder für dich, noch für mich. Doch beruhige dich, der nächste Tanz, den ich frei habe, soll dir gehören.« Niels stand, wie seinen Sinnen nicht trauend. In Gegenwart so vieler Zeugen, namentlich der ihn höhnisch betrachtenden Fremden, gedemütigt zu werden, raubte ihm fast das klare Denkvermögen. Trotzdem bezwang er sich zu einer freundlichen Erwiderung, indem er entgegnete: »Gut, Karen, versagst du mir den ersten Tanz, so bist du in deinem Recht. Ich aber will dafür heut meine Füße überhaupt nicht mehr regen. Dagegen soll es mich erfreuen, wenn du nach dem Takt der Geigen dich drehst, und eine Liebe will ich dir erweisen, wenn nach der Anstrengung dir's Atmen schwer wird und deine Stirn wie Feuer glüht.« Er wickelte den Fächer aus dem Papier und klappte ihn auseinander. Vorsichtig schüttelte er ihn, daß die kunstvoll geschnitzten Elfenbeinstäbe klirrten, der zarte, weiße Federnbesatz sich bauschte und ringsum Ausrufe bewundernden Erstaunens laut wurden. Dann fuhr er mit seltsam gepreßter Stimme fort: »Ist mir heut verwehrt, dich in einem schnellen Walzer herumzuschwingen, so bitte ich, wenigstens ein Geschenk von mir anzunehmen, das beim Gebrauch dich ein wenig an mich erinnern mag.« Mit dem letzten Wort überreichte er Karen den Fächer, zugleich suchte er ängstlich in ihrem Antlitz. Ein Ausdruck freudigen Erstaunens erhellte es. Er entdeckte es und atmete erleichtert auf. Indem Karen aber einen scheuen Blick um sich warf und inne wurde, daß alle Zunächststehenden, namentlich der Vater, sie mit gespannter Aufmerksamkeit beobachteten, die beiden Städter dagegen bei der in der nächsten Umgebung plötzlich eingetretenen Stille mit einem hörbaren Lachen nicht zurückhielten, ließ sie die bereits ausgestreckte Hand wieder sinken. Brennende Glut schoß in ihre Wangen. »Das ist ein Geschenk für eine Königin,« sprach sie, die frischen Lippen trotzig emporwerfend, »und nicht für die Tochter meines Vaters. Oder möchtest du, daß die Leute mich verhöhnen, wie eine vom Theater?« Niels erbleichte tödlich. Völlig ratlos sah er um sich. Nirgends entdeckte er auch nur das leiseste Merkmal freundlicher Teilnahme. Hier lugte ihm Schadenfreude entgegen, dort von Neid getragener Spott. »Der muß einen Wikingerschatz aus dem Meer heraufgeholt haben,« hieß es hinter ihm mit halblauter Stimme und deshalb um so höhnischer. »Eine Schande, für solch' Spielwerk einen Haufen Gold fortzuwerfen, während daheim Mangel aus jedem Winkel lugt,« drang es aus einer anderen Richtung verständlich an seine Ohren, während die beiden Städter, nunmehr ihr Spiel gewonnen sehend, durch lautes Auflachen seine Bestürzung auf den Gipfel trieben. Weit fort wünschte er sich, weit fort aus einem Kreise, in dem man jetzt ebenso mitleidslos über ihn herfiel, wie man seine erstaunliche Freigebigkeit gepriesen haben würde, wäre der Fächer von Karen angenommen worden. Endlich schöpfte er tief Atem. An Stelle des bisherigen Zagens trat Erbitterung. Sein Antlitz, eben noch bleich, erglühte in schwer zu bezähmender Wut. »Du hast meine Gabe verschmäht, und die war auf ehrenhafte Art in meinen Besitz gelangt,« sprach er mit unheimlich belegter Stimme, und feindselig sah er in Karens nunmehr scheu blickende Augen. »Ich gedachte, dir eine Freude zu bereiten, und anstatt eines einzigen Wortes des Danks regneten Spott und Schmähreden auf mich ein. Es ist gut so. Was du zurückgewiesen hast, soll wenigstens keiner anderen zugute kommen,« und den Fächer zusammenklappend und mit beiden Fäusten packend, zerbrach er ihn in kleine Stücke, daß die abgerissenen zarten Federn umherflogen. Dann warf er alles mit einer Gewalt vor des Mädchens Füße, daß die Splitter umhersprangen, und sich umkehrend, wollte er sich entfernen, als Sture ihm mit dem Finger auf die Schulter tupfte und ihn dadurch zum Stehen veranlaßte. »Niels Knudson,« redete er ihn mit schlecht verhehlter innerer Befriedigung an, »wir sind hier zusammengekommen, um einen lustigen Abend zu verbringen, und nicht, um in Zank und Streit auseinander zu laufen.« Niels sah durchdringend in Stures Augen. Einige Sekunden schwankte er, bevor er trotzig antwortete: »Dir seh' ich bis ins Mark hinein. Doch fürchte dich nicht. Mein Schatten hat zum letzten Male deine Tür verdunkelt,« und beide Hände in die Taschen seiner Beinkleider schiebend, schritt er dem Ausgange zu. Nicht rechts oder links sah er. Aber den Kopf trug er hoch und aus seinen Augen leuchtete eine so gefährliche Entschlossenheit, daß alle ihm scheu auswichen. Erstaunen über seine Verwegenheit schien die Zungen gelähmt zu haben. Nicht einmal Worte der Mißbilligung wurden laut, weil man fürchtete, daß sie zu einem Ausbruch der in ihm gärenden Wut führen würden. Auf Stures breitem Gesicht webte heimlicher Triumph. Karens Antlitz hatte sich entfärbt. Nur verstohlen wagte sie dem Scheidenden nachzuspähen. Ein erzwungenes Lächeln des Trotzes spielte um ihre Lippen. Es wurde erzeugt durch das Bewußtsein, daß die Blicke der beiden Städter lauernd auf ihr ruhten. Wie eine Rettung erschien es ihr daher, daß ihr Vater, sobald Niels die Schwelle überschritten hatte, den Spielleuten ein Zeichen gab, mit der Musik zu beginnen, und alsbald die Paare sich ordneten. Gleich darauf fühlte sie sich von dem einen Städter umschlungen; doch gewahrend, daß dieser mit den Füßen die Elfenbeinsplitter und Federbüschel verächtlich zur Seite schob, machte sie sich noch einmal von ihm los. Auf kurze Zeit verschwand sie im Nebenzimmer; als sie wieder erschien, trug sie in der einen Hand eine Blechschippe, in der anderen einen kurzstieligen Haarbesen. Mit flinken Strichen fegte sie die zerstreuten Reste des vernichteten Kunstwerkes bis auf den kleinsten zusammen, und erst nachdem sie diese hinausgetragen hatte, trat sie wieder neben ihren Tänzer hin. Sie lächelte wie zuvor. Niemand sah ihr an, daß zwei schwere Tränen zu den Splittern auf die Schippe gefallen waren. Im nächsten Augenblick wurde sie fortgerissen mitten in den wilden Reigen hinein. Wie um den peinlichen Zwischenfall dadurch aus der Erinnerung zu streichen, tanzte sie mit ungestümem Eifer. Sie schien unermüdlich zu sein, war aber taub für die Schmeichelworte, die der Städter während des Tanzes ihr mit heißem Atem zuraunte. – Niels hatte sich zum Wasser hinunterbegeben, wo die leichten Fischerböte nebeneinander lang genug angekettet lagen, um dem Einfluß von Ebbe und Flut nachgeben zu können. Dort ließ er sich auf einen Stein nieder. Finsteren Blicks spähte er über die nächtlich graue Wasserfläche hin. Der eben aufgehende halbe Mond stand hinter einer silberberänderten Wolke. Seine Leuchtkraft wurde dadurch auf ein geringes Maß beschränkt. Düster nahm sich alles aus, düster, wie des jungen Lotsen Stimmung, indem er der erfahrenen bitteren Demütigungen gedachte. Er wollte sich gewaltsam beruhigen, allein es gelang ihm nicht, denn fortgesetzt drang der schrille Ton der Geigen und Klarinetten zu ihm herüber, die fröhlichen Menschen zum lustigen Reigen ihr Bestes lieferten. Er vergegenwärtigte sich Karen, wie sie in den Armen des verhaßten Städters ruhte, wie ihr Antlitz glühte nach der jedesmaligen Anstrengung und bei den ihr Ohr suchenden faden Liebesschwüren. Er vergegenwärtigte sich den alten Sture, der es schlau verstanden hatte, ihn, der sonst stets der Lebhafteste und am liebsten Gesehene auf dem Platze war, gewissermaßen aus seinem Hause zu verweisen. Er vergegenwärtigte sich die Nachbarn alt und jung, die folgenden Tages mit Fingern auf ihn zeigen, hinter seinem Rücken hämische Bemerkungen über den elenden Lotsenknecht austauschen würden, der sich nicht zu gering gehalten hatte, mit verdächtigen kostbaren Geschenken um das reichste und stolzeste Mädchen des Ortes zu werben, und mit einem wilden Fluch sprang er empor. In demselben Augenblick glitt vor ihm ein Lichtfeld über das Wasser hin. Gleich darauf wurde der Mond zwischen dem zerrissenen Gewölk hindurch sichtbar. Als sei dies ein Ruf gewesen, betrat er das nächste Boot. Mit geübtem Griff löste er die Kette, und die Riemen ungestüm handhabend, glitt er dem Südende der Insel zu, wo die Pandora vor den trägen Dünungen träumerisch schwankte. Achtes Kapitel. Die Verheuerung. Unheimliche Fürsorge. Ein trotziger Abschied. Seitlängs von der Pandora anlegend und von der Deckwache angerufen, fragte Niels hinauf, ob er die Schiffsherrin oder den Kapitän zur Stunde sprechen könne. Nach kurzem Harren neigte Simpson sich über Bord. Den jungen Lotsen wiedererkennend und den Zweck seines späten Kommens erratend, lud er ihn ein, ungesäumt an Bord zu kommen. Niels leistete Folge und wurde in die Kajüte gewiesen, wogegen Simpson sich nach unten begab, um der Gräfin sein Eintreffen zu melden. Einige Minuten später trat diese bei ihm ein. Zwanglos trug sie in ihren Zügen die Befriedigung zur Schau, die sein Anblick ihr gewährte. Dadurch ermutigt, hob Niels mit einer Hast an, als hätte er befürchtet, noch im letzten entscheidenden Augenblick dem kaum gefaßten Entschluß untreu zu werden: »Sie waren so gütig, mir eine Stelle auf Ihrem Schiff anzubieten. Ist's Ihnen nicht leid geworden, so bin ich zu jeder Stunde bereit, meinen Dienst an Bord anzutreten.« Die Gräfin warf einen durchdringenden Blick auf das hübsche, mannhafte Gesicht. Heftige Erregung prägte sich noch immer darauf aus. »Ja, ich bot sie Ihnen an,« erwiderte sie ruhig, »und wenn ich einmal eine Zusage leistete, so bin ich gewohnt, sie zu halten. Ich erstaune freilich, daß Sie Ihren Sinn so schnell änderten.« Niels zuckte geringschätzig die Achseln. Bitterer Haß offenbarte sich in seinem erzwungenen Lächeln. »Hätt's selber nicht geglaubt, daß es so bald kommen würde,« antwortete er, »aber Tag und Nacht ging es mir seitdem durch den Kopf, daß ich auf solcher fixen Kraft meine Bekanntschaft mit dem Ozean erneuern möchte. Da machte ich es kurz und brach mit allem, was mich bisher an die Heimat fesselte.« »Auch mit Ihrem Mädchen?« fragte die Gräfin wie beiläufig. »Mit 'nem Mädchen konnte ich nicht brechen, weil ich noch keines besaß,« erklärte Niels, »was sind mir alle Mädchen der Welt? Aufs Meer hinaus will ich, da gehöre ich hin, und bieten Sie mir keine Gelegenheit, gibt's hundert andere.« »Ich wiederhole, mein Wort gilt, vorausgesetzt, es bleibt hier niemand zurück, der nach Ihnen bangt und sich in Sehnsucht verzehrt.« »Mutter und Großmutter sind Seemannsfrauen, die lernten beizeiten, an ihre Männer über See zu denken. Die Mutter selber redete mir oft genug zu, es wieder einmal mit dem Seefahren zu versuchen. Sie meinte, es sei noch zu früh, an die Landruhe mich zu gewöhnen. Auch sei's auf dem Meere sicherer, als der Lotsendienst an unserer Küste, wenn eine ordentliche Kühlte weht. Nebenbei gefiel's ihr nicht, daß der Lotsenmeister mich stets zu dem schwierigsten Stück Arbeit aussuchte.« Wiederum betrachtete die Gräfin das frische Antlitz eine Weile nachdenklich. Dann sprach sie gedehnt, wie mit irgend einem ihr noch in unbestimmten Umrissen vorschwebenden Bilde sich beschäftigend: »Ob Sie wirklich Ihrem verschollenen Onkel so ähnlich sehen?« »Ich selber kann's freilich nicht wissen,« versetzte Niels; »aber nicht nur die Mutter und Großmutter behaupten es, sondern alle älteren Leute, die den Erich Larsen kannten, schwören drauf, ich wär' ihm wie aus den Augen geschnitten.« »So muß etwas Wahres daran sein. Doch das ist Nebensache. Kommen Sie morgen an Bord und melden Sie sich bei dem Kapitän. Eine Bedingung noch: Nehme ich jemand in meine Dienste, so muß ich sicher sein, daß er meine Schiffsordnung achtet –« »Anders kenne ich's nicht,« warf Niels fest, jedoch ehrerbietig ein. »Gut, mein Freund; ich verlange aber noch mehr. Ich verlange, daß, wenn ich jemand mein Vertrauen schenke – und Sie sehen aus wie ein Mann, der Vertrauen verdient – er es auch ehrt. Er darf nichts sehen, was er nicht sehen soll, nichts hören, was nicht in seiner Brust wie in der eines Toten begraben bliebe.« Niels sah befremdet in das strenge, unbewegliche Antlitz der Gräfin. Diese bemerkte es und fuhr nach einer kurzen Pause fort: »Das erscheint Ihnen wunderbar, und dabei wollen wir es bewenden lassen. Jeder Mensch hat seine Geheimnisse, und die müssen geachtet werden. Wie ich nicht darnach frage, weshalb Sie mit Ihrem Mädchen sich verfeindeten, so dürfen Sie nicht einmal in Gedanken eine Lösung für das suchen, was Ihnen rätselhaft erscheint. Halten Sie daran fest, daß ich auf rechten Wegen wandle, meine Werke keines Menschen Urteil zu scheuen brauchen. Was zu wissen Ihnen vorläufig not tut, erfuhren Sie. Sind Sie mit meinen Anschauungen einverstanden, so reichen Sie mir die Hand.« Scheu berührte Niels die Fingerspitzen der ihn bereits vollständig beherrschenden Gräfin. Gleichzeitig beteuerte er aus vollem Herzen nicht nur seine Dienstwilligkeit, sondern auch nach jeder anderen Richtung hin ihr treu ergeben zu sein. Billigend neigte die Gräfin das Haupt und eintönig nahm sie wieder das Wort: »Ich glaube Ihnen. In Ihrem Wesen las ich Zuverlässigkeit, und nur solche Leute kann ich gebrauchen. Was ich mit Rücksicht auf Ihre Mutter und Großmutter versprach, wird natürlich erfüllt werden. Sie erhalten von mir eine Summe, die sie reichlich dafür entschädigt, daß Ihre Beihilfe ihnen auf längere Zeit entzogen wird. Kapitän Simpson wird sie ihnen hinübertragen, sobald Sie Ihren Dienst angetreten haben. Unmöglich ist es nicht, daß diese Reise Ihnen Gold genug einträgt, um sogar den reichen Lotsenmeister mit Stolz zu erfüllen, freiten Sie um seine Tochter – still, still, ich meinte das nur vergleichsweise,« schaltete sie nachlässig ein, als sie gewahrte, wie es plötzlich in Niels' Zügen ausflackerte und er die Lippen zu einer heftigen Erwiderung öffnete; »die Zeiten sind wandelbar, und ein Mädchen, das heute einen rechtschaffenen Mann seiner Armut wegen abweist, mag zusehen, daß es nicht schon morgen vor bitterer Reue seine Haare rauft. Und nun gute Nacht,« schnitt sie einen erneuten Versuch der Erwiderung ab. »Im Vorbeigehen bitten Sie den Kapitän, daß er Sie als Mitglied der Besatzung der Pandora in die Liste eintrage.« Niels wagte nicht, auf die von der Allwissenheit der Gräfin zeugenden Andeutungen einzugehen. Er verabschiedete sich. In seinem Kopfe schwirrten die Erlebnisse der letzten Stunden wild durcheinander. Gedachte er in der einen Minute gehässig der von beißendem Spott begleiteten Demütigungen, die er ohnmächtig über sich ergehen lassen mußte, so hätte er in der anderen laut aufjubeln mögen, schon folgenden Tages einer Stätte den Rücken zu kehren, auf der er jedem fremden Blick zu begegnen fürchtete. Vor seinem Geiste tauchte Karens Bild auf. Er knirschte mit den Zähnen und schüttelte sich, wie eine böse Vision von sich abwehrend. Er hatte mit Simpson in dessen Koje gesprochen. Nach der Pforte hinüberschreitend, wo die Treppe zu seinem Boot hinabführte, stand plötzlich Ghastly vor ihm. Nur mit sich selbst beschäftigt, war dessen im Schatten der Schanzverkleidung weilende Gestalt seiner Aufmerksamkeit entzogen geblieben. Es beschlich ihn daher die Empfindung, als ob sie sich wie durch Zauber aus der Luft gebildet habe. Der Mond, der mehr Spielraum gewonnen hatte, beleuchtete ihn jetzt voll. Bleicher, leichenhafter noch erschien sein hageres Antlitz, als damals, da er ihm aus der Treppe begegnete. Dazu der lange, knochige Körper, auf dem die weiten Seemannskleider schlotterten, als wären sie auf ein Skelett gehangen gewesen, und das weiße Haar, das in seltsamem Einklänge mit der fahlen Gesichtsfarbe stand. Nicht frei von Seemannsaberglauben, vermochte Niels bei solchem Anblick eines heimlichen Grauens sich nicht zu erwehren. Mit kurzem Gruß wollte er an ihm vorbei die Treppe hinuntersteigen, als Ghastly ihn mit den Worten zurückhielt: »Ich vermute, daß du dich an Bord der Pandora verheuert hast?« »So geschah es,« bestätigte Niels. »Da kannst du lachen, Maat,« versetzte Ghastly, »denn wer mit der Gräfin fährt, der braucht nicht über zu viel Arbeit zu klagen oder über zu wenig Lohn und schlechte Kost. So viel sage ich dir indessen, wer nicht recht will, wie sie, den schickt sie fort, wo auch immer es sei. Die gehört nämlich überall zu Hause und so denkt sie auch von anderen.« »Ich tue meine Schuldigkeit als rechtschaffener Mann, da werde ich wohl mit ihr fertig werden,« erwiderte Niels, indem er auf die oberste Treppenstufe trat, und abermals hielt Ghastly ihn mit den Worten zurück: »Ich hörte, der Lotse, der uns hereinbrachte, heiße Larsen?« »Knudson ist mein Name, Niels Knudson. Larsen hieß mein Großvater,« berichtigte Niels. »Ein ehrlicher Name – der deines Großvaters; mir ist, als hörte ich ihn heut' nicht zum erstenmal. Hab' nämlich meine Vorliebe für diesen und jenen Namen, und das überträgt sich auch auf den Mann selber, bei dir sogar auf den Enkel. Werde daher 'ne Kleinigkeit für dich sorgen, damit du dich bald zu Hause fühlst unter den vielen Maats. Ist nämlich im Volkslogis noch Raum neben meiner Hängematte, da magst du die deinige hinhängen. Auch will ich drauf antragen, daß du in meine Wache kommst.« Niels dankte mit kurzen Worten, einen nicht minder kurzen Gruß fügte er hinzu. Gleich darauf warf er die Riemen zwischen die Pflöcke; weit ausholend und mit vollem Gewicht sich gegen diese lehnend, glitt er schnell davon. Längere Zeit erkannte er noch Ghastlys vom Monde beleuchtete Gestalt, wie sie, ähnlich dem leblosen Gebilde unterhalb des Bugspriets; von der Regeling aus ihm nachspähte. Bis ins Mark hinein meinte er die Blicke aus den tief liegenden Augen zu fühlen. Bangigkeit ergriff ihn, indem er sich die Worte ins Gedächtnis zurückrief, mit denen der unheimliche Maat ihm seine Nachbarschaft gewissermaßen aufdrängte. Weiter holte er mit den Riemen aus, und sein Boot schien förmlich zu fliegen. Als er endlich vor dem heimatlichen Ort eintraf, drang wieder das Kreischen der Geigen und Klarinetten zu ihm herüber. Wie auf der Flucht vor den ihn feindselig anwehenden Tönen, verließ er das Boot und eilte der elterlichen Hütte zu. Die Mutter fand er noch auf. Vor dem Tisch saß sie, in einer alten, abgegriffenen Bibel lesend. Die Großmutter schlief in ihrem Bett. Er schleuderte den Hut in den nächsten Winkel, und der Mutter gegenüber sich auf die Bank werfend, begann er: »Da hast du so lange geredet, bis es Wahrheit geworden ist. Ich komme von der Lustjacht, wo ich mich verheuerte. Morgen gehe ich an Bord, dann dauert's hoffentlich nicht lange, bis wir Anker heben.« Erschrocken legte Frau Knudson beide Hände ineinander. »Ist's wahr, was du redest,« sprach sie ernst, »so will ich dir von ganzem Herzen eine glückliche Fahrt wünschen, und beten will ich Tag und Nacht, auf daß du gesund und wohlbehalten heimkehrst. Bis dahin aber hat sich manches geändert, daß du deinen guten Mut nicht verlierst.« Niels lachte gequält auf. »Den Mut verlieren?« fragte er, »da müßte sich seit ein paar Stunden nicht schon vieles mit mir geändert haben.« »So hat's die Karen dir angetan, daß du so schnell anderen Sinnes geworden bist? Ich hab's von jeher behauptet: die Karen ist eine unselige Natur, von der dir nimmer Gutes kommt.« »Was frage ich nach dem hoffärtigen Dinge?« polterte Niels, »mag sie sich einen aus der Stadt oder wer weiß woher verschreiben, mich soll's nicht grämen, ich habe genug von ihr. Die Welt will ich mir ansehen von allen Seiten, und daß du und Großmutter keine Not leiden, dafür ist ebenfalls gesorgt. In Jahr und Tag bin ich zurück, und gefällt's mir anderweitig besser, so nehm' ich euch mit von hier fort; Brot wird allerwärts gebacken.« »Überall,« bestätigte Frau Knudson, den jungen Mann, den sie in seiner seltsamen Stimmung kaum wiedererkannte, ängstlich überwachend, »und wenn ich dich jetzt betrachte, erscheint's mir wie ein Wink vom Himmel, daß die Lustjacht hier anlief und die vornehme Frau dich um sich dulden möchte. Denn hier wärest du nicht länger zu etwas nütze gewesen. Brachte doch schon eher ein Frauenzimmer 'nen rechtschaffenen Burschen um seinen gesunden Menschenverstand mit Schöntun und Mißhandeln in einem Atem. Doch du bist nicht munter bei Wege jetzt, ich seh's dir an. Leg dich schlafen, damit du morgen mit herzhaften Gedanken erwachst. Ich selber fülle unterdessen deinen alten Seesack mit dem Notwendigsten. Was nicht zur Hand ist, das bringe ich dir selber an Bord: denn so schnell wird die Jacht nicht losmachen, daß mir keine Zeit bliebe, dich mit allem ordentlich zu versehen.« Niels antwortete nicht. Eine Weile saß er noch grübelnd, während die betrübte Mutter keinen Blick von ihm wendete. Plötzlich aber sprang er auf, und mit einem freundlichen Scheidegruß entfernte er sich, um seine Schlafstelle oben unter dem Dach aufzusuchen. – Als er folgenden Morgens die Hütte verließ, gab Frau Knudson ihm das Geleite bis an die Tür. Dann kehrte sie zur Großmutter zurück, wie es nicht anders geschah, wenn er zum Lotsendienst berufen wurde. So war es verabredet worden, um bitteres Abschiednehmen zu ersparen. Es war noch früh. In dem Örtchen rauchten wohl verschiedene Schornsteine; Menschen waren dagegen nicht zu sehen. Die meisten schliefen noch. War es doch nicht lange her, seitdem die letzten von dem Tanzplatz fortgingen. Auf der Schulter trug er einen straff gefüllten Sack von geteertem Segeltuch. Als er sich Stures Haus näherte, wurde er zu seinem Erstaunen Karens ansichtig. In der Tür stand sie, um sich an der frischen Morgenluft zu erquicken, nachdem sie beinah die ganze Nacht hindurch eine mit Staub, Tabaksqualm und Kienruß gefüllte Atmosphäre eingeatmet hatte. Sobald sie Niels erblickte – dieser gewahrte es deutlich – machte sie eine Bewegung, wie um ins Haus zurückzutreten. Sie besann sich indessen ebenso schnell, und in eine andere Richtung schauend, gab sie sich das Ansehen, ihn nicht bemerkt zu haben. Wohin er ging und was er bezweckte, darüber konnte, seitdem sie den Seesack auf seiner Schulter entdeckte, bei ihr kein Zweifel walten. Ihr schönes Antlitz, eben noch blühend in den Farben des Lebensfrühlings, war plötzlich bleich geworden. Sie mochte die Wandlung fühlen; denn förmlich trotzig richtete sie sich auf, die Lippen warf sie empor und die Brauen runzelte sie in einer Weise, als hätte es gegolten, jemand für ein an ihr begangenes Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Niels, ursprünglich Willens, mit kaltem Gruß vorüberzugehen, änderte seine Absicht. Tödliche Feindschaft lugte zwar aus der Tiefe seiner Augen, und sein Herz pochte und raste, daß er meinte, daran ersticken zu müssen; trotzdem trat er heiteren Antlitzes zu ihr heran, und die Worte, die er sprach, klangen so sorglos, wie nur je, wenn er über das glückliche Hereinbringen eines Schiffes oder einen guten Heringsfang berichtete. »Schönen guten Morgen,« begann er, sobald er vor ihr eingetroffen war, »hätte nicht geglaubt, dich so früh bei Wege zu finden,« und er ließ den Sack von der Schulter vor sich niedergleiten. »Ich mag tanzen drei Tage und drei Nächte ohne Aufhören, und ich ermüde nicht,« antwortete Karen erbittert, jedoch lächelnden Mundes, daß ihre weißen Zähne wie Perlen zwischen den üppigen Lippen hervorschimmerten; »was sind da sechs, sieben Stunden? Mancher verträgt's freilich nicht, geht ihm der Schlaf einer halben Nacht verloren.« »Nein, Karen, mancher verträgt's nicht,« bekräftigte Niels, und das Wetter prüfend, blickte er nachlässig zum Himmel empor. »Mancher denkt aber weiter in die Zukunft hinaus und will sich für den folgenden Tag einen klaren Kopf erhalten. So erging's mir selber. Hatte mich nämlich an Bord der Lustjacht da drüben verheuert; da lag mir's Tanzen nicht groß am Herzen.« »Willst fort von Mutter und Großmutter? Die werden sch dir bangen,« versetzte Karen nicht minder gleichmütig. »Nicht mehr, als jede andere Seemannsfrau, die ihr Kind auf lange Zeit scheiden sieht. Ich hab's längst satt gehabt, hier auf der elenden Scholle zu sitzen, wie 'ne Schnecke, der's Haus auf dem Rücken festgewachsen. Bin ja kein Städtischer, der weiter nichts lernte, als hinter dem warmen Ofen zu sitzen und mit Weibern schön zu tun.« »Ich an deiner Stelle wäre längst zur See gegangen,« bemerkte Karen achselzuckend, »hab' mich schier gewundert, daß du's nicht über dich brachtest. Freilich, die Deinigen können nicht gut fertig werden ohne dich; aber was schert dich das?« Niels' Erbitterung offenbarte sich in einem heiseren Lachen. Dann rief er spöttisch aus: »Für die ist gesorgt, daß sie während meiner Abwesenheit leben können wie die Weibsleute eines Reeders; zum wenigsten sind sie in der Lage, von anderen keine Gefälligkeiten annehmen zu müssen. Aber du siehst blaß aus zum Erschrecken, Karen! Hab' meinen argen Verdacht, daß du beim Tanz mit den feinen Stadtherren dir zu viel zumutetest.« »Die Stadtherren sind nicht schlechter, als die vom blauen Wasser,« hieß es scharf und doch beinah klanglos zurück. »Ich hoffe, daß ich bei meiner Heimkehr nach Jahr und Tag zu hören bekomme, du hättest dir einen angeheiratet und lebtest wie eine Prinzessin.« »Mir einen anzuheiraten ist meine Sache. Frage ich dich doch nicht, an wen du dich hängst.« »An gar keine, Karen, hab' genug von den Weibern kennen gelernt, um mein Glück nicht bei ihnen zu suchen. Nichts geht über die Freiheit. Und dennoch – wer kann's wissen?« Wie gelangweilt sah er in die eine Richtung, wie gelangweilt spähte Karen in die entgegengesetzte. Jeder wünschte sich fort aus den Augen des anderen, zögerte aber, den ersten Schritt zur ewigen Trennung zu tun. Und dabei hämmerte es in ihren Schläfen und Ohren, als hätte das nächste zwischen ihnen gewechselte Wort eine Frage über Leben und Sterben in sich geborgen, und doch erwartete jeder mit Angst, daß der andere den Anfang machen würde. So verrann eine Minute und noch eine, dann ertrug Niels es nicht länger. »Ich muß fort,« sprach er wie in Gedanken, und prüfend betrachtete er den Zeugsack von allen Seiten. »Scheinst es trotzdem nicht eilig zu haben,« meinte Karen, und die Flügel der zierlichen Nase dehnten sich ein wenig. Niels knirschte mit den Zähnen. »Ja, ja, ich muß mich beeilen,« beteuerte er, um überhaupt kein neues Schweigen eintreten zu lassen. Er schwang den Sack auf die Schulter und fuhr fort: »Brach ich doch so früh auf, um keinem zu begegnen und um nicht gezwungen zu sein, feierlich Lebewohl zu sagen. Solch' Abschiednehmen ist mir zuwider.« »Da ergeht es dir nicht anders als mir,« floß es ruhig von den im Zorn bebenden Lippen. »Glückliche Reise will ich dir trotzdem wünschen, und daß bei deiner Heimkehr du die alten Leute wohlauf findest.« »Danke schön, Karen. Magst auch du nie Ursache haben, irgend etwas zu beklagen oder zu bereuen,« versetzte Niels, und sich abkehrend, schritt er davon wie jemand, der nie in seinem Leben Sorgen kennen lernte. Karen blickte ihm nach. Nicht um den Preis ihres Lebens hätte sie dem vielleicht Zurückschauenden Raum für den Wahn gegönnt, daß sie seinetwegen so lange auf der Türschwelle säumte. Aber die Lippen hatte sie zwischen die Zähne geklemmt, dunkle Glut war auf ihre Wangen geschlichen. und ob ihre Augen feindselig schauten, so war es doch, als wollten sich Tränen in sie drängen. Erst nachdem Niels aus ihrem Gesichtskreise getreten war, wich der Zwang aus ihrer Haltung. Aus ihren Zügen hätte indessen keiner zu entziffern vermocht, welcher Art die Empfindungen waren, unter deren Einfluß sie so düster vor sich niederschaute. – Noch im Laufe des Vormittags sprach Simpson bei Niels' Mutter vor, um zwei stattliche Reihen Goldstücke mit einem freundlichen Gruß von der Gräfin vor die maßlos erstaunte Frau auf den Tisch zu zählen. Zugleich teilte er ihr mit, daß die Pandora wohl noch zwei Wochen vor der Insel liegen bleibe, Niels also noch öfter Gelegenheit haben würde, die Seinigen zu besuchen. Und den Anschein hatte es in der Tat; denn wer die stattliche Jacht beobachtete, der konnte sich überzeugen, daß allerwärts Matrosen, auf beweglichen Querhölzern sitzend, an den Masten hinauf und hinunter glitten, um sie rein zu schaben und für einen neuen Firnisüberzug vorzubereiten. Ebenso waren außerhalb des Bords Leute damit beschäftigt, die Schiffswände abzuseifen: kurz alles, sogar die zum Trocknen auf Leinen gehangene Matrosenwäsche deutete darauf hin, daß die Pandora die voraussichtlich längere Ruhe dazu benutzen würde, sich einen neuen Rock anzuziehen. Denn das Heraufwinden der Ankerkette geschah nur in Pausen und so vorsichtig, daß das Einschlagen der schweren Eisenschaken in ihre Haften nicht weit über die stille Wasserfläche fortgetragen wurde. Erst als sie mit dem Vordersteven oberhalb des Ankers lag, daß es nur weniger Schwingungen des Hebewerks bedurfte, um sie flott zu machen, erreichte diese Art Arbeit ihr Ende. Das Schaben, Bürsten und Streichen dauerte dagegen bis kurz vor Sonnenuntergang. Neuntes Kapitel. Auf der Flucht. Die Begegnung. Ein Meisterschuß Die Sonne war hinter schweren Wolken zur Rüste gegangen. Zur späten Stunde erst sollte der Mond die Herrschaft für die Nacht übernehmen. Es war daher so dunkel, daß man schon aus geringer Entfernung ein Schiff nicht mehr von einem Schärenfelsen zu unterscheiden vermochte. Wie auf dem finster überdachten Fjord, herrschte auch auf der Pandora nächtliche Stille. Die Besatzung war dagegen bis auf den letzten Mann munter. Sie hielt sich bereit, auf das erste Zeichen die Takelage bis in den Top hinauf zu beleben und das Hebewerk des Ankers in Bewegung zu setzen. Ghastly stand hinter dem Steuerrad. Vor ihm wandelten die Gräfin und Simpson auf und ab. In ein ernstes Gespräch vertieft, wendeten sie sich zuweilen an Niels, der neben dem Kompaßhäuschen darauf wartete, die Führung des Schiffes zu übernehmen. Maud und Sunbeam hatten sich hinunter begeben. Fragen durften sie nie, sobald es einer Bewegung der schwimmenden Heimstätte galt; so viel hatten sie indessen schon gelernt, daß sie den baldigen heimlichen Aufbruch nicht bezweifelten, eine Aussicht, die Maud wie ein Donnerschlag traf. Wie einst in Madras, sollte auch hier – anders konnte sie es nicht deuten – Peldram über ihre Spuren, und wohl mit besserem Erfolg, irre geleitet werden. Es genügte dies Bewußtsein, ihren Frohsinn in einer Weise zu trüben, daß sie, Übelbefinden vorschützend, früher als gewöhnlich mit Sunbeam die Einsamkeit ihrer Schlafkammer aufsuchte. – »Sind Sie über den einzuschlagenden Kurs im Klaren?« fragte Simpson den jungen Lotsen, nach einer längeren Pause in der Gräfin Begleitung vor ihm stehen bleibend. »Hier gibt's nichts Unklares,« antwortete Niels zuversichtlich, »die Nacht und die Westbrise geben den Ausschlag. Am hellen Tage möchten wir durch die Einfahrt kreuzen: die ist breit genug, um beim Vieren Fahrt zu machen. In der Dunkelheit dagegen mag der Henker die blinden Klippen meiden.« »So bliebe uns in der Tat nur der weitere Weg durch den Karmsund?« beteiligte die Gräfin sich an dem Gespräch. »Der allein,« bestätigte Niels. »Ist's da 'ne Strecke weiter, so gleicht's der Wind wieder aus. Bis gegen Sonnenaufgang hält die Westbrise sicher an, die bringt uns bei dem nördlichen Kurs ein gut Stück vorwärts.« »Die Hauptsache ist, daß wir unentdeckt wenigstens einen guten Vorsprung gewinnen,« versetzte die Gräfin mit undurchdringlicher Ruhe, als hätte die Aussicht auf eine abenteuerliche Fahrt die letzte Probe von Leidenschaftlichkeit in ihr abgetötet. »Das hängt davon ab, daß wir vor Tagesanbruch in den Sund hineinschlüpfen,« erwiderte Niels. »Wo wir geblieben sind, werden die auf dem Eremit wohl erraten; bevor sie aber zu 'nem Entschluß kommen, haben wir ein gehörig Stück Wasser hinter uns gelegt.« »Wie lange müssen wir noch warten?« fragte Simpson. »Höchstens eine halbe Stunde,« erklärte Niels. »Machen wir dann los, so erreichen wir die Einfahrt, bevor der Mond durch die Wolken hindurch viel leistet. Vorher einzutreffen ist nicht ratsam. Hier zwischen den beiden Eilanden hindurch finde ich's Fahrwasser mit verbundenen Augen. Im Sund dagegen muß ich 'ne Kleinigkeit Mondlicht haben, oder die Pandora stößt sich die Nase, daß uns allen Hören und Sehen vergeht.« Die Gräfin und Simpson nahmen ihren unterbrochenen Gang wieder aus, während Niels abwechselnd den Kompaß überwachte und die Blicke scharf auf die als unbestimmte Silhouetten sich auszeichnenden Bodenerhebungen der beiden Inseln richtete. Doch kaum eine Viertelstunde war wieder verstrichen, als er mit den Worten: »Machen Sie los jetzt,« neben Simpson hintrat; »bevor die Segel gestellt sind und die Pandora Fahrt gewinnt, geht Zeit hin,« fügte er hinzu. Schweigend begab Simpson sich aufs Deck hinunter, wo die Leute gruppenweise umher saßen. Gleich darauf lief der von ihm erteilte Befehl geräuschlos von Mund zu Munde. In der nächsten Minute ertönte das eigentümliche Knacken, mit dem die Ankerkette um eine Schake der auf sie ausgeübten Hebekraft folgte. Die Takelage hatte sich unterdessen ebenfalls belebt. Wie unsichtbare Geister webte es in ihnen, indem unter zahlreichen Händen die gelösten Segel sich entfalteten und ebenso schnell der stetige Wind sie füllte. In Voraussicht der Fahrt waren Raaen und Gaffel schon im Laufe des Tages so befestigt worden, daß es weiteren Brassens und Stellens nicht mehr bedurfte. Der Anker hatte daher kaum den Grund verlassen, als die Pandora nach vorne drängte und das Steuer Gewalt über sie gewann. Niels war neben Ghastly hingetreten. Aus dem Eifer, mit dem er bald die Magnetnadel überwachte, bald wieder mit den Blicken' die Dunkelheit zu durchdringen suchte, ging hervor, daß er selbst das Unternehmen nicht für ungefährlich hielt. Die Gräfin und Simpson befanden sich in seiner Nähe, ihre Spannung wuchs in demselbem Maße, in dem die Fahrt sich beschleunigte. Doch kein Laut kam über ihre Lippen, kein Wort, durch das Niels' Aufmerksamkeit hätte geteilt werden können. Was einmal eingeleitet war, mußte zu Ende geführt werden, unbekümmert um die etwaigen Folgen. Besorgt spähten sie nach der Stelle hinüber, auf der der Eremit ankerte. Unentwirrbar fiel er mit den scheinbar näher gerückten schwarzen Gebirgsmassen im Hintergrunde zusammen. Mehrere Lichter verrieten seine Lage, wogegen auf der Pandora alles dunkel blieb. In den unteren Räumen, wo allein Lampen brannten, hatte man solche Vorkehrungen getroffen, daß nicht der kleinste Schimmer durch die runden Fenster ins Freie fiel. So war die Jacht in die Straße zwischen den beiden Inseln eingedrungen, und mit mäßiger Schnelligkeit verfolgte sie ihren Kurs nördlich. Der Wind blies stetig aus Westen. Jeden Zollbreit Linnen, der ihm überhaupt erreichbar war, nutzte er kräftig aus. Mit leisem Zischen und Sprudeln furchte die Pandora die Fluten. In demselben Maße, in dem sie sich dem Ende der Straße näherte, wurde sie unruhiger: als sie endlich der Einfahrt in den Fjord gegenüber gelangt war, wo die Dünungen des Ozeans, von der Luftströmung gefördert, ungehemmt hereinrollten, da rief es den Eindruck hervor, als wäre ihr Mut, ähnlich dem eines ungeduldigen Rennpferdes, durch die sich entgegenstellenden Hindernisse aufgestachelt worden. Heftig schlingernd eilte sie auf der ihr von Niels vorgeschriebenen Bahn Stunde um Stunde einher, und noch immer herrschte tiefe Stille an Bord. Die Gräfin und Simpson wechselten nur selten kurze Bemerkungen und dann mit gedämpften Stimmen und unter dem Einfluß einer doppelten Spannung schritten sie rastlos auf und ab. Der Mond war aufgegangen. Heller färbte er den östlichen Wolkenhimmel, jedoch ohne die Atmosphäre viel zu lichten. Niels genügte es indessen, wenn sich die zackigen Höhen nur ein wenig von dem fahlen Hintergrunde abhoben, und so schwankte er nicht, die Pandora in den Sund hinein steuern zu lassen. Dort lag verhältnismäßig sicheres Fahrwasser vor ihr. Und wiederum verrannen Stunden. Rastlos, wie die Pandora, blieb auch die Gräfin fortgesetzt in Bewegung. Es war das einzige Merkmal ihrer inneren Erregung. Um die Sicherheit des Schiffes sorgte sie nicht; hatte der junge Lotse doch ihr volles Vertrauen gewonnen. Dagegen erbitterte der Gedanke an Lowcastle sie in einer Weise, daß sie sich gedrungen fühlte, vor Simpson ihre Stimmung zu offenbaren. Der Tag graute; höchstens eine Stunde dauerte es noch, bis er völlig gelichtet, als sie dem bewährten alten Freunde und Vertrauten sich wieder zugesellte. »Wie eine Schmach erscheint es mir,« hob sie mit ihrem ruhigen Organ an, »überhaupt vor einem Sterblichen zu flüchten; um wie viel mehr vor jemand, dessen Pläne auf nichts Geringeres hinzielen, als die Erklärung meiner Unzurechnungsfähigkeit durchzusetzen.« Sie lachte bitter und fügte hinzu: »Sogar meine jetzige Flucht wird man als die Frucht eines erkrankten Geistes hinstellen.« »Indem Sie der Begegnung mit ihm ausweichen, wählen Sie von zwei Übeln das geringere,« suchte Simpson zu beschwichtigen. »Gelingt es uns, bevor der Eremit den Buknfjord verläßt, außer Sicht zu kommen, so mag er lange suchen, bevor er unser Kielwasser wieder kreuzt.« »Mit anderen Worten, Sie glauben nicht recht daran, daß es glückt.« »Ich bin nicht frei von Zweifeln. Der aufgehende Mond mußte unser Verschwinden verraten; zu scharf lugt man auf dem Eremit nach uns aus. Die erste Entdeckung aber war unstreitig gleichbedeutend mit dem Befehl zum Ankerheben, und so mag der Eremit zurzeit wohl schon in der Einfahrt gegen Wind und Dünungen vieren; nach einem kundigen Lotsen brauchte er gerade dort nicht lange auszuschauen.« »So hätten wir das Vergnügen, nachdem wir den Sund hinter uns zurückließen, ihn vor dem Buknfjord seewärts kreuzen zu sehen.« »Sehen wir ihn wirklich, so erfreuen wir uns des Vorteils eines erheblichen Vorsprunges. Können wir den nur einigermaßen halten, so versuchen wir, unter dem Schutze der nächsten, beinah mondlosen Nacht die Verfolger irre zu führen.« »Ich will das beste hoffen,« versetzte die Gräfin kalt, »so viel erkläre ich indessen im voraus: Wie auch alles sich gestalten mag, ich dulde keinen Feind auf meinen Spuren.« Einen prüfenden Blick sandte sie nördlich, wo die Fernsicht noch immer durch öde, felsige Gestade begrenzt wurde, dann rief sie zu Niels hinüber: »Wann werden wir die offene See erreichen?« »Mit dem jetzigen Winde passieren wir ungefähr eine Stunde vor Mittag Haugesund, da liegt das Meer offen vor uns,« hieß es zurück. »Ich gehe hinunter,« wendete die Gräfin sich wieder an Simpson, »ich bedarf der Ruhe und möchte nicht gestört werden. Kommen die Mädchen nach oben, so erzählen Sie ihnen alles Mögliche, je lustiger, um so besser, nur über die eigentliche Ursache unseres jähen Aufbruchs lassen Sie keine Silbe verlauten. Die Dinger sind neugierig, wie junge Robben angesichts eines Feuers, und Sie selber hegen eine gewisse Schwäche für sie. An Fragen wird es nicht fehlen, da ist es Ihre Sache, mit den Antworten vorsichtig zu sein. Meine Abwesenheit entschuldigen Sie mit der Wahrheit, ich meine, daß ich die Nacht auf Deck verbracht hätte. Komme ich nicht früher, so lassen Sie mich rufen, so bald Haugesund vor uns liegt.« Simpsons höfliche Gegenbemerkung lohnte sie mit einem matten Neigen des Hauptes; gleich darauf verschwand sie. Kurz bevor die Pandora der alten Küstenstadt gegenüber eintraf, erschien die Gräfin wieder auf dem Quarterdeck, wo sie zunächst von Maud und der jungen Hindu begrüßt wurde. Einige freundliche Worte richtete sie an diese, dann wendete sie ihre Aufmerksamkeit der Lage des Schiffes und dem Wetter zu. Der Wind hatte nach Süden gedreht und wehte scharf. An der Stadt vorbei eröffnete sich eine noch begrenzte Aussicht aufs Meer. Nach längerem Kampfe war die Sonne mit den Wolken fertig geworden. Nur vereinzelte Flocken jagten noch am Himmel in nördlicher Richtung, dafür zeugend, daß die für die Fortsetzung der Fahrt wie gerufen auftretende Luftströmung sich auch den oberen Schichten mitgeteilt hatte, also eine längere Dauer verhieß, und so lagerte heller Sonnenschein auf den öden, nackten Felsengestaden ringsum wie auf der altertümlichen Stadt und endlich auf dem tiefblauen Meer mit seinen die Wogen schmückenden, blendend weißen Hauben. Die Pandora aber arbeitete sich mit einem Geschick über die vor ihr emporwachsenden Seen hinweg, daß man sie mit einem gefallsüchtigen Mädchen hätte vergleichen mögen, das, die Röcke zierlich aufgeschürzt, über eine naßgeregnete Straße schreitet. Sie schien die Zeit nicht erwarten zu können, in der der Ozean ihr wieder einen leuchtenden Schaumkranz um den Bug legte. Mit Behagen die salzfeuchte Luft einatmend, hatte die Gräfin das Antlitz dem Winde zugekehrt. Ihr Haar flatterte mit den Enden des ihren Hut umschlingenden schwarzseidenen Bandes um die Wette. Starr blickten dagegen die Augen. Unbeweglich hingen sie an den südlichen Küstenvorsprüngen, hinter denen hervor die Aussicht über das Meer mit jedem von der Pandora zurückgelegten Knoten sich immer mehr erweiterte. Nur noch eine verhältnismäßig kurze Strecke, und Festland und Ozean schieden sich bis zur Linie des Horizontes ununterbrochen scharf voneinander. Plötzlich lehnte die Gräfin sich etwas weiter über die Brüstung. Eine Weile spähte sie südlich. Allmählich runzelte sie die Brauen tief. »Simpson, bitte, geben Sie mir das Fernrohr,« sprach sie über die Schulter. Gleich darauf stand dieser neben ihr, das Verlangte vorsichtig stellend und überreichend. Die Gräfin richtete es auf ein vollständig in Segel eingehülltes Fahrzeug, das anscheinend einen nordwestlichen Kurs hielt. Vom Rumpf war nur zeitweise ein schwarzer Streifen sichtbar. »Was meinen Sie dazu?« wendete sie sich nach einer längeren Pause an Simpson und gab ihm das Fernrohr zurück. »Nach den Spieren zu schließen, kann es nur der Eremit sein,« antwortete dieser, bevor er das Glas hob. Dann, nachdem er das rätselhafte Schiff eine Weile betrachtet hatte: »Unstreitig der Eremit. Er muß schon vor einer Stunde den Buknfjord verlassen haben. Sein Kurs verrät, daß man an seinem Bord nicht in Zweifel über den von uns gewählten Weg ist.« »Was mag in seiner Absicht liegen?« fragte die Gräfin verhalten. »Ich vermute, uns zwischen sich und das Land zu bringen und zunächst nicht aus den Augen zu lassen. Dabei fußt er auf seine größere Schnelligkeit.« »Und dann?« »Schon früher erlaubte ich mir zu bemerken, daß er nur insoweit uns zu belästigen vermag, als er zu seiner Zeit uns einen englischen Regierungsdampfer auf den Hals schickt.« Die Gräfin sandte wieder einen Blick nach dem fernen Segel hinüber und bemerkte eintönig: »Einen Regierungsdampfer wird er uns nicht auf den Hals schicken, dafür bürge ich.« Sie achtete nicht der heimlichen Besorgnis, mit der Simpson nach dieser Bemerkung sie betrachtete, und fügte hinzu: »Erstens mag es lange dauern, bevor ein solcher in Sicht kommt, und dann fragt es sich, ob er geneigt ist, der Aufforderung der ersten besten Lustjacht Folge zu leisten.« »An Bord des Eremit befindet sich eine Gerichtsperson, da besorgen einige Flaggensignale das weitere.« »Als ob ich eine Verbrecherin wäre,« versetzte die Gräfin mit unheimlicher Ruhe. »Sie haben nichts zu fürchten, wenn Sie an der zuständigen Stelle Ihr gutes Recht vertreten.« »Mich gegen den Verdacht der Verrücktheit verteidigen, meinen Sie? Solcher Schmach unterwerfe ich mich nicht. Außerdem habe ich keine Zeit zu verlieren. Ich werde meinen Feinden gegenüber treten, sobald es mir gefällt, und nicht, wenn sie glauben, sich ein Übergewicht über mich anmaßen zu können. Doch wozu würden Sie in der augenblicklichen Lage raten?« »Einen nördlichen Kurs zu halten und, ich wiederhole es, im Laufe der Nacht zu versuchen, den Eremit abzustreifen. Glückt's nicht in der nächsten, so gelingt es in einer der folgenden. Es wäre die bequemste Art, allen Verdrießlichkeiten auszuweichen.« »Er wird in unserem Kielwasser folgen, wohin wir uns wenden mögen.« »Eine Kieljagd ist eine lange Jagd.« »Das ist nichts,« versetzte die Gräfin mit einer Regung der Ungeduld, »der Eremit ist ein zu guter Segler, als daß ich mich auf Wettfahrten einlassen möchte. Da kenne ich einen besseren Plan, ihn abzuschütteln.« »Sie wollen –« hob Simpson sichtbar betroffen an, als die Gräfin ihn mit einer gewissen Erhabenheit unterbrach: »Ich will, was ich weiß, und weiß, was ich will. Von Ihnen verlange und erwarte ich nur, daß Sie mir auch jetzt Ihre Treue bewahren. Was auch immer ich unternehmen mag: ich allein bin für alles verantwortlich. Sie wissen, mir schwebt ein bestimmtes Ziel vor, und das muß ich erreichen über alle Hindernisse hinweg; nachher mag aus mir werden, was da will.« Simpson sah das Vergebliche seiner Einwendungen ein und schwieg. Sie nahm das Fernrohr aus seiner Hand und betrachtete abermals das am fernen Horizont sich scharf auszeichnende Segel. Das Glas zurückgebend, fragte sie nachlässig: »Unser jetziger Kurs ist genau westlich; wenn wir den nicht ändern, was werden die Folgen sein?« »Daß nach anderthalb bis zwei Stunden die eine der beiden Jachten das Fahrwasser der anderen kreuzt. Sie mögen sogar mit etwas Nachhilfe in Rufweite aneinander vorbeisegeln,« antwortete Simpson, seinen Mißmut verheimlichend. »Auf alle Fälle befinden sich beide in einer neutralen Zone?« forschte die Gräfin weiter. »Zuverlässig, sogar schon lange vorher,« erklärte Simpson, und peinliche Spannung verriet sich in dem Blick, den er auf das bis zur Ausdruckslosigkeit verschlossene Antlitz der Gräfin heftete. »Gut.« entschied diese, »so sorgen Sie dafür, daß die Pandora von ihrem jetzigen Kurse nicht abfällt.« Dann sprach sie zu den beiden Mädchen hinüber, die von der Heckbank aus ebenfalls das ferne Schiff beobachteten: »Geht hinunter und setzt euch zu Tisch, ich werde bald nachfolgen.« Sie bat Simpson, ihr Ghastly zuzuschicken, und begab sich in die Kajüte. Als dieser, die Mütze in der Hand, bei ihr eintrat, empfing sie ihn mit den Worten: »Ich habe Sie stets für einen tüchtigen und gewissenhaften Seemann gehalten, der jederzeit bereit ist, seinem Herrn mit Leib und Leben zu dienen. Ich werde Ihnen wahrscheinlich heute noch Gelegenheit geben, zu beweisen, daß ich mich in Ihnen nicht täuschte.« Ghastlys Antlitz, sonst farblos, hatte sich bei den anerkennenden Worten seiner Gebieterin gerötet. Als einen Ausdruck der Verlegenheit betrachtete die Gräfin, daß er die Last seines Körpers in schneller Folge bald auf den einen, bald auf den anderen Fuß brachte, die Mütze lebhaft zwischen den knochigen Fäusten drehte, dabei aber ihren durchdringenden Blicken scheu auswich. »Befehlen Euer Gnaden, daß ich über Bord springe, so geschieht's auf der Stelle,« erklärte er mit überzeugendem Ausdruck. »So viel verlange ich nicht von Ihnen,« nahm die Gräfin alsbald wieder das Wort. »Sie würden überhaupt schwer zu ersetzen sein. Bevor Sie in meinen Dienst traten, fuhren Sie auf englischen Kriegsschiffen?« »Aye, Euer Gnaden, an die zehn Jahre.« »Aus Ihren Papieren ersah ich, daß Sie ein vorzüglicher Kanonier gewesen sind. Es heißt, im Treffen eines bestimmten Zieles hätte es Ihnen keiner zuvorgetan.« »Ich kann's nicht leugnen, Euer Gnaden. Hatte von jeher ein sicheres Auge, da machte sich's mit der Berechnung, ohne daß ich mehr lernte, als meine Heuer zusammenzuzählen.« »So würden Sie auch heute noch mit dem Deckgeschütz etwas leisten können? Das soll nämlich das zuverlässigste sein.« »Es käme darauf an, wohin ich die Kugel schicken soll.« »Das werden Sie erfahren. Melden Sie dem Bootsmann, er möchte ein halbes Dutzend Kartuschen bereit halten, damit sie zur entscheidenden Stunde zur Hand sind.« Ghastly erwiderte kleinlaut: »Wenn Euer Gnaden meinen, ich solle auf 'nen Menschen halten, da möchten mir die Augen den Dienst versagen. Es liegt nicht in meiner Natur, Blut zu vergießen,« und sein bleiches Antlitz verzerrte sich förmlich in heimlicher Angst. »Unsinn, Ghastly! Ich würde nie etwas fordern, was mir selbst widerstrebt. Solche Anschauungen sehen Ihnen übrigens kaum ähnlich. Heißt es doch in Ihren Papieren, Sie hätten sich in mehreren Seegefechten ausgezeichnet.« »Was mich heute noch grämt. Euer Gnaden,« versetzte Ghastly schaudernd, »ein Menschenleben auf dem Gewissen zu tragen, ist keine Kleinigkeit. Damals war ich jung. Heute ist's anders.« »Recht so, Ghastly,« meinte die Gräfin, »mit dem zunehmenden Alter wird der Mensch mitleidiger, es sei denn – doch beruhigen Sie sich; selbst meinen erbittertsten Feinden möchte ich nicht nach dem Leben trachten – wenigstens nicht unmittelbar,« und seltsam gehässig klang plötzlich ihre Stimme, »ich verlange von Ihnen höchstens, einen Mast abzuschießen, und für das, was ich Ihnen anbefehle, bin ich ganz allein verantwortlich. Doch jetzt gehen Sie. Was wir miteinander besprachen, kümmert vorläufig keinen anderen. Wenn Sie südlich auslugen, so werden Sie ein Segel entdecken –« »Aye, Euer Gnaden, hab's schon ausgemacht. Die Lustjacht ist's, die gestern in Kabellänge von uns ankerte.« »Ja, der Eremit. Den betrachten Sie aufmerksam, befreunden Sie sich namentlich mit seinen Topmasten und oberen Raaen.« Ghastly stierte darein wie im Zweifel, richtig verstanden zu haben. Doch gewohnt, blindlings zu gehorchen, enthielt er sich jeder Gegenbemerkung, und gleich darauf schloß die Tür sich hinter ihm. Die Gräfin wandelte einige Male auf und ab, was gewöhnlich geschah, wenn sie irgend eine peinliche Erregung niederzukämpfen wünschte, dann begab sie sich in die unteren Räume hinab, wo die beiden Mädchen bereits vor dem gedeckten Tisch Platz genommen hatten. Bis dahin war eine vollständige Wandlung in ihr vor sich gegangen. Nicht mit einer Miene erinnerte sie an die düsteren Pläne, mit denen sie kurz zuvor sich noch beschäftigte. Ein heiterer Ausdruck war bei ihr freilich längst zur Unmöglichkeit geworden; dagegen beherrschte unverkennbares Wohlwollen ihre wenig regsamen Züge, indem sie an den Gesprächen der beiden jugendlichen Gefährtinnen sich beteiligte und das Mahl mit scharfsinnigen Bemerkungen würzte. Die Pandora, von der rauhen See nunmehr vollständig umfangen, schlingerte heftig. Die drei Tischgenossinnen beachteten es kaum. Die darauf berechneten Vorkehrungen zwischen den Tischfüßen gewohnheitsmäßig ausnutzend, saßen sie gemächlich, wenn auch mit kleinen Unbequemlichkeiten kämpfend, wie nur je an der Tafel eines Gasthauses. Der auf dem Tisch befestigte Rahmen mit den sich kreuzenden Querleisten hinderte das Gleiten der Teller und Schüsseln, und so lag durchaus kein Grund vor, sich mit dem Mahl zu beeilen. Im Gegenteil: immer neue Vorwände suchte die Gräfin, es über die übliche Zeit hinaus auszudehnen und selbst dann noch die beiden freundlichen Gestalten länger an sich zu fesseln. Sogar die beiden Geparde verrieten bei den unheimlichen Bewegungen kein Unbehagen mehr. Wie alte gediente Seeleute folgten sie, stets das Gleichgewicht bewahrend, den Schwingungen des sie tragenden Bodens. So war eine Stunde und darüber verstrichen, als die Gräfin sich endlich erhob und zum Aufenthalt in freier Luft rüstete. Maud und Sunbeam folgten ihrem Beispiel. Ein wenig später, da belebten sie wieder heiter die Plattform oberhalb der Kajüte, wo der Eremit ausschließlich ihre Aufmerksamkeit fesselte. Dieser hatte seinen Kurs ebensowenig geändert wie die Pandora. In der Entfernung einer guten Seemeile lief er vor allen Segeln. Es stand zu erwarten, daß er nach Ablauf einer halben Stunde in mäßiger Entfernung das Fahrwasser der Pandora kreuzte. Die beiden Freundinnen hatten sich eines Fernrohrs bemächtigt und spähten abwechselnd zu ihm hinüber und zwar mit einem Eifer, der sie unempfindlich gegen alles machte, was in ihrer Umgebung stattfand. Auch die Gräfin und Simpson betrachteten ihn, jedoch nur zeitweise und oberflächlich, wie jedes andere Fahrzeug. In Simpsons Zügen prägte sich Unruhe aus. Ihn vermochte die Gräfin mit ihrem kalten Gleichmut nicht zu täuschen. Zu genau kannte er sie, um zu bezweifeln, daß, wenn sie in der Tat einen festen Entschluß gefaßt hatte, sie ihn auch ausführte. Näher rückten sich die beiden Jachten und kleiner wurde der Winkel, in dem die von ihnen verfolgten Linien sich trafen. Nur noch zehn Minuten, und der Eremit durchschnitt die der Pandora in der Entfernung von höchstens fünfhundert Ellen, um dann den bestehenden Zwischenraum allmählich wieder zu vergrößern. »Wir wollen salutieren,« bemerkte die Gräfin zu Simpson gewendet, jedoch laut genug, um von Maud und Sunbeam gehört zu werden. Diese kehrten sich nach ihr um. Freudiges Erstaunen prägte sich in ihren Zügen aus. »Ja, salutieren,« wiederholte sie mit einem kaum bemerkbaren, spöttischen Lächeln, »ich selbst werde es anordnen. Bleibt hier oben. Der scharfe Knall ist nichts für eure jungen Ohren,« und deren Gehorsam gewiß, schritt sie nach der Treppe hinüber. Bevor sie diese betrat, fragte Simpson gedämpft: »Sie wollen wirklich?« »Unbedingt,« antwortete die Gräfin ruhig. »Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß Sie dadurch in große Schwierigkeiten verwickelt werden können.« »Ich bezweifle es; denn einesteils mag man Jahr und Tag suchen, bevor man wieder eine Spur von mir entdeckt, und dann traue ich Lowcastle zu, daß er sich hütet, die Angelegenheit an die große Glocke zu hängen; er fürchtet zu sehr für seine eigenen tückischen Pläne. Außerdem fällt eine Verrücktheit mehr – wenn wir es so nennen wollen – kaum in die Wagschale. Bitte, bemühen Sie sich nicht,« fügte sie hinzu, als Simpson Miene machte, sie zu begleiten, »ich bin verantwortlich und will auch den Schein meiden, als wären Sie bei dem ›Salutieren‹ beteiligt gewesen.« Mit den letzten Worten stieg sie aufs Deck hinunter, wo sie, von allen Leuten, die mit abgöttischer Verehrung an ihr hingen, unterwürfig begrüßt, sich nach dem Vorderschiff hinüber begab. »Ist alles bereit?« fragte sie Ghastly, der mit einem halben Dutzend Maats, unter diesen der junge Lotse, neben dem noch mit einem wasserdichten Überzug versehenen Buggeschütz stand. »Aye, Euer Gnaden, alles bereit,« antwortete Ghastly, indem er auf einen festgezurrten Kasten wies, dessen Inhalt durch ein Stück Segeltuch gegen das gelegentlich hereinbrechende Sprühwasser geschützt wurde. »Wie wollen Sie ihn fassen?« fuhr sie fort, unbekümmert um das in den Zügen der anderen Matrosen sich ausprägende Erstaunen, dem indessen eine gewisse schadenfrohe Spannung beigesellt war. »Von Achtern,« hieß es dienstlich zurück, »er muß unser Fahrwasser hinter sich gelegt haben und so weit fort sein, daß die Masten hintereinander stehen. Das ist die Zeit. Trifft's nicht den einen, trifft's vielleicht den andern.« »Gut; dann ans Werk. Drei Sovereigns für einen Schutz, der meinen Beifall findet.« Auf einen Wink Ghastlys flog der Überzug von dem Geschütz. Dienstfertige Hände öffneten den als Pforte dienenden beweglichen Teil der Schanzverkleidung, das Geschütz wurde nach Ghastlys Anweisung in die erforderliche Lage gedreht und mit einer Vollkugel geladen. Um diese Zeit schnitt der Eremit die von der Pandora innegehaltene Linie. Ghastly sandte ihm einen prüfenden Blick zu und wendete sich der Gräfin mit den Worten zu: »Um meiner Sache gewiß zu sein, möcht' ich zuvor einen oder zwei Probeschüsse tun, wenn's Euer Gnaden befehlen.« »Sie kennen meinen Willen und haben freie Hand,« erwiderte die Gräfin streng. Ghastly erteilte seine Anordnungen. Nach kurzem Drehen mehrerer starker Gewinde erhielt das Geschützrohr die von ihm gewünschte Lage. Beinah eine halbe Minute spähte er darüber hinweg, zugleich die Vorwärtsbewegung der Pandora und ihr Niedergleiten von einer Dünung berechnend, und pünktlich riß auf ein Zeichen von ihm der beauftragte Matrose an der Zündschnur. Der Schutz krachte. Ghastly hatte sich aufgerichtet und sah mit scharfem Blick der Kugel nach. In einiger Entfernung vor dem Eremit vorüberfliegend, machte sie weit abwärts die Kämme mehrerer Seen spritzen, bevor sie versank. »Mit der Höhe hätten wir's,« meinte er wie im Selbstgespräch, und die plötzlich seine fahlen, hageren Wangen bedeckende Röte verriet die in ihm erwachte Kampfeslust früherer Tage. »Die Höhe ist die Hauptsache. Das weitere besorgt's Auge,« und aufmerksam überwachte er wieder das Laden. Durch die verschiedenen Bewegungen hatten die beiden Jachten nunmehr eine Stellung zueinander erhalten, daß der Eremit mit seinem Rumpf eine schräge Linie für die von der Pandora aus ihm Nachschauenden bildete. Ghastly fand daher nur noch Zeit zu einem zweiten Probeschuß: dann aber mußte er sich beeilen, sollte die dritte Kugel die Takelage der Länge nach bestreichen. Auf dem Eremit hatte man den ersten Schutz trotz der vorbeisausenden Kugel in der Tat für einen Gruß gehalten, denn als Ghastly sich abermals über das Geschütz hinneigte, drang das Knallen eines Böllers von dort als Antwort herüber. Ghastly ließ sich indessen dadurch nicht beirren. Trotz der Bewegungen des Schiffes stand er wie mit dem Geschützrohr verwachsen, und als er darauf der zweiten Kugel nachspähte, entdeckte er in dem Oberbramsegel deutlich das Loch, das sie im Durchschlagen hinterlassen hatte. Ohne Zeitverlust wurde eine neue Ladung in das Rohr geschoben. Ghastlys hatte sich eine Ruhe bemächtigt, die für den Erfolg des dritten Schusses bürgte. Keinen Blick wendete er von den das Geschütz bedienenden Händen. Er selbst rührte kein Glied, um nicht durch etwaige Überanstrengung seinen Pulsschlag zu beeinflussen. Doch wie er auf die Bedienungsmannschaft, so sah die Gräfin auf ihn. Mehr denn je prägte sich in ihren Zügen krankhafte Spannung aus. Mit Gold hätte sie Ghastly die Kugel aufwiegen mögen, durch die er die Segelkraft des Eremit lähmen sollte. Sie begriff, daß, wenn einmal außerhalb sicherer Schußweite, Lowcastle, obwohl ihr überall hin folgend, nicht zum zweiten Male Gelegenheit zu einem Angriff bieten würde. Die günstige Gelegenheit aber dauerte nur so lange, wie die Masten auf dem Eremit, anscheinend dicht nebeneinander stehend, das Ziel verbreiterten. »Die englische Flagge ist gehißt worden,« meldete ein Matrose. Ghastly sah fragend zu der Gräfin auf. Diese nagte auf der Unterlippe. Einen finsteren Blick sandte sie nach dem Andreaskreuz hinüber, das den Eremit als im Dienst eines Regierungsbeamten befindlich kennzeichnete, worauf sie kaltblütig bemerkte: »Was kümmert mich eine Flagge, wenn sie als Deckmantel für die sträflichsten Zwecke benutzt wird? Ghastly, halten Sie sich bereit, lassen Sie den entscheidenden Augenblick nicht entschlüpfen.« Ausdruckslos neigte Ghastly sich wieder dem Visier des Rohres zu. Nur noch zwei Minuten, und die Masten befanden sich in einer Linie, in den darauffolgenden Minuten mehr oder minder aneinander vorbeischwankend, je nachdem die das Schiff schleudernden Seen es bedingten. Da stürzte Maud mit lautem Ruf herbei. »Tante!« bat sie auf dem Gipfel des Entsetzens, »ein Geschoß traf die Segel! Du willst den Eremit in den Grund bohren! Tante, um Gottes willen – ich beschwöre dich –« Ghastly hatte sich abermals aufgerichtet und suchte die Augen der Gräfin. Diese stand wie versteinert. Regungslos, ähnlich dem Gallion unterhalb des Bugspriets, blieb ihr Antlitz. Um bei dem heftigen Schwanken das Gleichgewicht zu bewahren, hatte sie die rechte Hand auf die Ankerwinde gelegt. So senkte sie einen durchdringenden Blick in Mauds Augen, die ein unsäglich banges Flehen um Erbarmen in sich bargen. Sobald Maud aber vor dem eisigen Blick verstummte und schaudernd einen Schritt zurückwich, sprach sie eintönig: »Wer behauptet, daß ich ein Schiff in den Grund bohren, das Leben einer ganzen Besatzung gefährden möchte?« Dann über die Schulter zu Ghastly: »Wie ich befohlen habe!« Wie eine vom Frost gestreifte Blüte war Maud in sich zusammengesunken. Mit beiden Händen griff sie nach der Ankerwinde, um sich aufrecht zu erhalten. Die Pandora hob und senkte sich. Maud öffnete die Lippen, um durch einen Zuruf Ghastly zu wehren, als das Geschütz sich entlud. Alle sahen nach dem Eremit hinüber, und ein Gemurmel des Erstaunens und Beifalls erhob sich unter der Bedienungsmannschaft und den anderen herbeigeeilten Matrosen, als die Bramstenge des Fockmastes zu schwanken begann. Ein Weilchen wurde sie noch durch das Tauwerk gehalten, dann aber, dem Übergewicht des Windes nachgebend, neigte sie sich samt der Oberbramstenge und den beiden Raaen zur Seite, um mit den flatternden Segeln auf den Leebordwanten hängen zu bleiben. »Gut gemacht,« wendete die Gräfin sich kaltblutig an Ghastly, »an der Havarie werden sie lange genug zu flicken haben. Der Schuß war seine drei Sovereigns wert. Melden Sie sich beim Kapitän, damit sie Ihnen gutgeschrieben werden.« Während die Leute sich beeilten, die alte Ordnung wieder herzustellen, sah die Gräfin dem Eremit mit unverkennbarer Befriedigung nach. Er war von seinem Kurs abgefallen und kämpfte schwer gegen Wind und Wogen. Es konnte ihr nicht entgehen, daß an seinem Bord heillose Verwirrung herrschte, alle Hände in die Takelage hinaufgeschickt wurden, um die von dorther drohende Gefahr zu beseitigen. Dann erst kehrte sie sich Maud zu, die ihren Halt noch immer nicht aufgegeben hatte. »Du bist, ein Närrchen,« sprach sie ruhig. »Den Schrecken hättest du dir immerhin ersparen können. Das bißchen Havarie ist bald genug ausgeheilt, und wir sind einer sehr lästigen Begleitung ledig.« »Ich möchte mich nach unten begeben,« erwiderte Maud kaum verständlich, und wie bisher auf Ghastly, blickte sie nunmehr auf die Gräfin mit heimlichem Grauen. »Tue das, mein Kind,« versetzte diese gleichmütig, »und tröste dich mit dem Gedanken, daß der Tag kommt, an dem du die Überzeugung gewinnst, an meiner Stelle genau ebenso gehandelt zu haben.« Schweigend schritten sie nach dem Hinterschiff hinüber. Auf halbem Wege trat die junge Hindu ihnen schüchtern entgegen. Als sie an der Treppe vorüber kamen, schlüpften die beiden jugendlichen Gefährtinnen hinunter. Die Gräfin schien es nicht zu bemerken. Wieder auf dem Quarterdeck eingetroffen, benahm sie sich, als wären die Ereignisse der letzten Viertelstunde ein sich schnell verflüchtigendes Traumgebilde gewesen. Simpson, der bis dahin seinen Posten nicht verlassen hatte, auch unfähig gewesen wäre, die Schiffsherrin nach irgend einer Richtung zu beeinflussen, beobachtete sie verstohlenen Blickes argwöhnisch. Zu ihm herantretend, atmete sie erleichtert auf. »Ich fühle mich freier jetzt,« bemerkte sie, »kommt eine Verrücktheit mehr auf meine Rechnung, so trage ich nicht schwerer daran, als an allen anderen gegen mich und meine Vernunft gesammelten Beweismitteln. Dem Ghastly schreiben Sie drei Sovereigns gut. Er hat's redlich verdient. Als ich ihn trotz seines gespenstischen Äußeren und wunderlichen Wesens in meine Dienste nahm, ahnte ich, daß er mir noch einmal besonders wichtige Dienste leisten würde. Der Wind scheint die Backen voller zu nehmen; da werden wir von Maud und Sunbeam heute wohl nicht viel mehr hier oben sehen,« und weiter spann sie das Gespräch über die allernebensächlichsten Dinge. Bereitwillig ging Simpson darauf ein. Wie die Gräfin, vermied auch er vorsichtig, an den Eremit zu erinnern. Erst gegen abend lugten sie gemeinschaftlich nach ihm aus. Nur undeutlich erkannten sie mit Hilfe des Fernrohrs auf der fernen Linie des Horizontes ein einzelnes, diesen überragendes Segel. Als die Sonne ins Meer hinabtauchte, war auch das verschwunden. Zehntes Kapitel. Die Schenke der Frau Holiday. Die Schlangenkinder. »Stallmeister« und »Küster« Obwohl erst Oktober, herrschte doch echtes Herbstwetter im Staate New York. Eine nebelfeuchte Atmosphäre lagerte auf der Riesenstadt und deren Umgebung. Es hatte eben elf Uhr geschlagen. Die Wirkung des versteckten Mondes reichte gerade so weit, daß die Masten der auf beiden Ufern des Stromes ankernden Schiffe sich als schwarze Schatten von dem tiefgrauen Hintergründe abzeichneten. Hier brannte eine Laterne, dort eine. Die oberhalb der eigentlichen Stadt auf dem Ufer hinführende Straße war vereinsamt. Nur selten wurden Schritte und Stimmen laut, wenn Matrosen und Werftarbeiter sich von den spärlich zerstreuten Schenken auf den Weg nach ihren Schiffen oder den wenig einladenden Schlafstellen begaben. Eine häßliche, abgelegene Gegend war es, die sogar im hellsten Sonnenschein nur Arbeiter oder kalt berechnende Spekulanten und Geschäftsleute anmuten konnte. Lagerschuppen, Kohlenmagazine und Holzplätze wechselten mit elenden Baulichkeiten ab, in denen Aufseher ein wenig beneidenswertes Dasein führten, lichtscheue Gestalten ihr nächtliches Unterkommen suchten oder fuseligem Whisky über die Maßen zugesprochen wurde. Eben zitterten ferne Glockenschläge durch die verdichtete Atmosphäre herüber, als beinah auf dem äußersten Ende des die Straße einsäumenden Kais ein von zwei Männern stromaufwärts gerudertes Boot von seinem Kurse abwich und dem durch Balkengerüste erweiterten Ufer sich näherte. Bald darauf verstummte der Ruderschlag, und aus dem tiefen Schatten des Gerüstes tauchten oben auf der Plattform zwei Gestalten auf. Nachdem sie die letzte Stufe der Treppe erstiegen hatten, neigte die eine sich noch einmal über den Rand dem Wasser zu. »Lassen Sie sich die Zeit nicht lang werden,« sprach ein tiefes Organ hinunter, »wir mögen in einer halben Stunde zurück sein: es kann aber auch drei, vier dauern.« »Well!« tönte eine jugendliche Stimme herauf, und ohne Zeitverlust schritten die beiden Gestalten von dem Kai hinunter und über die an diesem hinlaufende Straße fort. »Eine unheimliche Umgebung,« brach Simpson endlich das Schweigen. »Ich hoffe, Sie sind Ihrer Sache gewiß, daß wir uns der Mühe nicht umsonst unterziehen,« versetzte die Gräfin. »So gewiß, wie es nur möglich ist, wenn man sich durch Augenschein von allen Verhältnissen überzeugte,« erwiderte Simpson; »sucht gerade hier jemand Auskunft über irgend etwas, so handelt er weise, die späte Abendstunde zu wählen. Einen solchen Eindruck gewann ich wenigstens bei meinem Kundschaften. Nach zehn Uhr soll ein ganz anderer Menschenschlag hier wirken und weben, als vorher.« »Sie sind stets bedachtsam,« meinte die Gräfin, »einem anderen als Ihnen möchte ich mich schwerlich zu dieser abenteuerlichen Wanderung anvertraut haben. Höchstens Ghastly oder Niels.« »Ich glaubte, Sie hinlänglich auf das wenig Einladende dieser Gegend vorbereitet zu haben,« erwiderte Simpson: »im übrigen gehen die Menschen hier einer dem anderen gern aus dem Wege.« »Sorgen Sie nicht. Ich dächte, wir wären gefährlichere Bahnen gewandelt, ohne daß uns viel Schaden daraus erwuchs.« Eine Strecke legten sie wieder schweigend zurück. Die Straße erreichte ihr Ende. An diese schloß sich ein anscheinend wüster Platz an, aus dem eine Reihe niedriger Bauwerke sich erhob. Die ersten, an denen sie vorüber kamen, schienen unbewohnt zu sein. Erst aus dem dritten oder vierten fiel durch vier kleine Fenster trübes Licht ins Freie hinaus. Vor der Haustür blieben sie stehen. Einige Augenblicke suchte Simpson in der Tasche; dann flammte unter seinen Händen ein Schwefelholz auf, und dieses emporhebend, las er auf einem schmalen Brett oberhalb der niedrigen Tür: »Restauration und Trinkhalle von Holiday«. »Wir sind am Ziel,« sprach er, das Schwefelholz zur Seite werfend, »recht lebendig ist's ebenfalls noch da drinnen, und schwerlich in einer freundlichen Weise. Ziehen Sie vor, umzukehren, so stehe ich zu Befehl. Ich setze dann die Nachforschungen später allein fort –« »Nein, nein,« unterbrach die Gräfin ihn, »wir kamen nicht den weiten Weg, um unterrichteter Sache abzuziehen. Wie es auch da drinnen aussehen mag, der Auftrag des Toten muß erfüllt werden.« Simpson öffnete die Tür. Durch diese gelangten sie auf einen finsteren Flur. Ein schmaler Lichtstreifen belehrte sie über die Lage des Einganges zu den Räumen, aus denen wüstes Durcheinanderreden zu ihnen herausdrang; gleich darauf wich unter Simpsons Druck die angelehnte Tür nach innen. Der erste Anblick der sich der ihm auf dem Fuße folgenden Gräfin bot, war wenig Vertrauen erweckend. Ein umfangreicher Raum mit niedriger Decke lag vor ihnen. Rötlichem Nebel ähnlich schwebten in ihm ätzender Tabaksqualm, der Duft fuseligen Branntweins und das Licht mehrerer trübe schwelender Lampen. Acht oder zehn kleine Tische, deren farblose Platten von verflossenen Jahrzehnten erzählten, standen unregelmäßig geordnet umher. Um sie reihten sich auf einfachen Schemeln und Bänken gruppenweise Männer jeglichen Alters. Aus der Bekleidung auf ihr Gewerbe zu schließen, wäre schwer gewesen, einen so hohen Grad von Verschiedenartigkeit unter sich wie in Farbe und Abgenutztheit wiesen die einzelnen Stücke auf. Ähnlich verhielt es sich mit den Kopfbedeckungen, die fast durchgängig in allen erdenkbaren Stellungen, nur nicht in der gehörigen, auf den wenig gekämmten Häuptern thronten. Eine gewisse Gleichmäßigkeit verriet sich dagegen in dem rohen Ausdruck der bärtigen und unbärtigen Gesichter, wie in dem Eifer, mit dem man hier unsaubere Karten handhabte, dort geräuschvoll oder die Stimmen vorsichtig dämpfend zueinander sprach, die vollen und halbvollen Gläser an die Lippen hob, oder endlich den langstieligen oder kurzen Tonpfeifen bläuliche Dampfwolken entlockte, wie es in den Kneipen niedrigster Sorte gang und gäbe. Beim Eintritt der beiden Fremden blickten die meisten auf. Argwohn spiegelte sich in ihren Zügen, hier und da stockte auch ein Gespräch, dessen Inhalt nicht für weitere Kreise bestimmt sein mochte. Beruhigte es indessen einigermaßen, daß man in Simpson einen Seemann erkannte, so befremdete um so mehr, in seiner Begleitung eine Frau zu sehen, die trotz des unscheinbaren Regenmantels und des lackierten Matrosenhutes in Haltung und Bewegung eine mit den Sitten vornehmer Kreise vertraute Dame verriet. Wenn auch von neugierigen Blicken verfolgt, so blieben die beiden Gäste doch von belästigenden Reden verschont, als sie nach der offenen Tür des Nebengemaches hinüberschritten. Dort waltete hinter einem mit Flaschen und Gläsern bedeckten Schenktisch eine vierschrötige Frau ihres Amtes als Wirtin. Zu ihr herantretend, fragte Simpson, ob zwei verspätete Wanderer kurze Rast bei einem stärkenden Trunk finden könnten. Die Wirtin legte ihre brennende Tonpfeife vor sich nieder, strich mit den fettigen Händen über das ergraute Scheitelhaar und maß die Fremden mißtrauischen Blickes vom Kopf bis zu den Füßen hinunter. Offenbar empfing sie einen günstigen Eindruck, denn ihr Gesicht legte sich in verbindliche Falten, indem sie antwortete: »In meinem Hause mag rasten und trinken, wer Lust hat, und so lange es ihm beliebt. Nehmen Sie Platz, und wenn innerhalb zweier Minuten Sie nicht eine Herzensstärkung vor sich sehen, die zu trinken der Präsident von Washington sich nicht zu schämen brauchte, so will ich zum letzten Male den Pfropfen aus einer Ginflasche gezogen haben.« Mit dem letzten Wort schob sie die Pfeife wieder zwischen die Zähne, worauf sie sich dem über einer Spiritusflamme singenden Blechkessel zukehrte. Simpson spähte um sich. Das Gemach, in dem sie sich befanden, war kleiner, als das erstere. Außerdem wurde es beengt durch die Schenkvorrichtungen. Nur drei Tische hatten Raum gefunden. Vor einem davon saßen zwei Männer in eifriger Unterhaltung, die aber bei dem Eintritt der Fremden stockte. Besser gekleidet, als die in dem Hauptgemach Anwesenden, zeichneten sie sich außerdem auch durch eine gewisse Haltung aus. Den augenscheinlich Vornehmeren hätte man mit Rücksicht auf die langen Reitstiefel, den olivenfarbigen kurzen Phantasierock und den schief auf dem stark geölten, dunklen Lockenhaar thronenden Zylinderhut beim ersten Hinblick für einen Stallmeister gehalten. Dazu paßten ein kühn nach oben gedrehter Schnurrbart nebst langem Zwickelbart, die dem hageren, lederfarbigen Gesicht einen ans Komische grenzenden martialischen Ausdruck verliehen. Sein Gefährte, der mindestens um einen Kopf kleiner war, bot dagegen das Bild eines halbverhungerten Dorfküsters, das nur durch die beiden schwarzen Bartfleckchen unterhalb der merkwürdig langen, spitzen Nase gestört wurde. Der Eintritt der beiden Fremden schien beiden unbequem zu sein. Denn nicht genug, daß sie in Schweigen versanken, bemäntelten sie ihren Verdruß dadurch, daß sie die Gläser an die Lippen hoben und, langsam schlürfend, über sie hinweg die Ursache der Störung argwöhnisch betrachteten. Die Gräfin und Simpson hatten unterdessen Platz genommen. »Wir scheinen in keine sonderlich berühmte Gesellschaft geraten zu sein,« bemerkte die Gräfin mit unterdrückter Stimme, und sie sandte einen kalten Blick durch die offene Tür in das belebtere Vorzimmer und darauf zu den beiden seltsamen Herren hinüber. »Einmal hier, müssen wir das Beste davon machen,« erwiderte Simpson. Er faßte die vierschrötige Wirtin schärfer ins Auge und fügte hinzu: »Wenn die Frau da die Witwe des armen Schiffskochs ist, so möchte ich glauben, daß er in der Erde glücklicher daran sein dürfte, als lebte er noch in Partnerschaft mit ihr.« »Aber die Kinder, die Kinder,« versetzte die Gräfin lebhafter, als es sonst ihre Art war, »was mag aus ihnen geworden sein? Und sein letzter Wille lautete doch dahin, daß wir uns ihrer erbarmen sollten.« »Die sind längst aus den Grenzen des Erbarmens herausgewachsen,« erklärte Simpson beschwichtigend. »Ich meine, wenn Sie die Grüße des Toten an die Frau selber bestellen, so haben Sie Ihre Ausgabe erfüllt.« In diesem Augenblick trat die Wirtin zu ihnen an den Tisch. Anstatt die ungewohnten Gäste durch eine hinter dem Schenktisch mit Gläserspülen beschäftigte, schlaftrunkene Magd bedienen zu lassen, trug sie selber ihnen das Verlangte zu. Es trieb sie die Neugierde, mehr von den beiden Fremden zu erfahren. Simpson legte den geforderten Preis vor sie auf den Tisch und fragte: »Frau Holiday, wie ich vermute?« Die Wirtin zuckte die Achseln und antwortete mit einer Erhabenheit, die sie der zweifelhaften Stallmeistergestalt abgelauscht zu haben schien: »Sagten Sie Drunmoore, so möchten Sie ins Schwarze getroffen haben. Doch Sie beziehen sich darauf, daß draußen auf dem Schilde Holiday geschrieben steht, und das besagt nichts. Eine Witwe Holiday hat freilich vor langen Jahren hier gewohnt; nachdem sie aber alles verwirtschaftet hatte und nicht mehr aus oder ein wußte, kaufte ich ihr den ganzen Kram samt der Firma ab, und für die bezahlte ich fünf Dollars extra. Hätt's freilich nicht nötig gehabt, denn Drunmoore klingt verhenkert viel seiner, als Holiday; allein die Kundschaft hatte sich einmal an Holiday gewöhnt, da wollte ich durch 'ne Änderung keine Ursach' zur Verwirrnis geben, und wie sich herausstellte, war meine Spekulation eine richtige. Denn meine Wirtschaft ernährt ihren Mann; da höre ich ebenso gern auf ›Mutter Holiday‹ wie auf Frau Drunmoore.« »Aber sind Sie in der Lage, uns mitzuteilen, ob die Frau Holiday noch lebt und wo sie zu finden ist?« fragte Simpson. »Nicht 'nen Strohhalm weiß ich von ihr,« beteuerte die Wirtin, ihren Ausspruch durch eine ansehnliche Rauchwolke aus dem Kalkstummel bekräftigend, »höchstens, daß sie noch lebt und sich durchhungert. Indes mit Verlaub, Herr: fragt man nach jemand, der schon halb zu den Gestorbenen zählt, muß man auch 'nen Grund dazu haben.« »Ohne Zweifel,« erklärte Simpson, der verabredetermaßen das Wort führte, »Ihnen ist sicher nicht fremd, daß Holiday, ein Schiffskoch, vor Jahren verscholl?« »Mit seinem Schiff zugrunde ging,« berichtigte die Wirtin, »wer sollte das besser wissen, als jemand, dem 's die Witwe selber anvertraute? War nebenbei eine rechtschaffene Natur, dieser Holiday, und wäre der heimgekehrt, möcht's heut anders mit seiner Frau stehen. Vielleicht kannten sie ihn selber?« »Wir kannten ihn nicht, allein wir hörten durch einen dritten von ihm. Dem hatte er nämlich einen Gruß an Weib und Kinder aufgetragen, und da der Weg uns gerade nach New York führte, übernahmen wir es, den der Witwe zu überbringen.« »'ne mächtig lange Zeit für 'nen Gruß,« meinte die Wirtin; »würden Sie statt dessen der Holiday ›'ne Tasche voll Geld‹ zutragen, möcht's ihr lieber sein. Doch ich sag's abermals: wo Sie die Holiday suchen sollen, weiß ich ebensowenig, wie die Herrschaften selber.« »Wie ich erfuhr, war der sterbende Koch sehr besorgt um seine Kinder,« versetzte Simpson nach einem mit der Gräfin gewechselten Blick des Einverständnisses, »schon allein aus Achtung vor dem Toten möchten wir seinen Kindern von ihm erzählen. Vielleicht hörten Sie Näheres über die?« »Ich hörte Wohl hin und wieder einmal Von ihnen, aber nicht viel Gutes,« hob die Wirtin an, wurde aber durch ein Geräusch unterbrochen, mit dem die Flurtür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Dann folgten lärmende Willkommrufe, die sich mit dem Namen Susanna mischten. Einige Sekunden starrte sie sprachlos vor Erstaunen in das Vorzimmer, und die Fäuste auf die breiten Hüften gestemmt, erklärte sie mit dem Ausdruck des Zweifelns: »Man sollt's nicht glauben! Bei Gott – das übersteigt alles Natürliche!« Bei diesen Kundgebungen halten die beiden seltsamen Herren, die so lange unter der Maske gänzlicher Teilnahmlosigkeit dem zwischen der Wirtin und ihren Gästen geführten Gespräch lauschten, einen blinzelnden Blick gewechselt. Leise sprachen sie einige Worte zueinander. Dann strich die Stallmeisterfigur die Bartspitzen, wogegen das Küstergespenst die Fliege auf seiner Oberlippe sanft betupfte; und argwöhnischer noch, als bisher, überwachten sie die ihnen offenbar unbequemen Fremden. Die Gräfin und Simpson waren mit den Augen den Blicken der Wirtin gefolgt, und vor sich sahen sie ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen, dessen im Wachstum wohl etwas zurückgebliebener schlanker Körper in den Falten eines weiten, ärmlichen Kattunrocks verschwand. Statt eines Gurtes hielten ihre Hände den Rock vor sich zusammen, und zwar mit einer Anmut, die im grellsten Widerspruch zu der häßlichen, unsauberen Umhüllung stand. Schärfer sahen die Gräfin und Simpson auf die wunderliche Erscheinung hin, und innige Teilnahme ergriff sie, als sie in ein Antlitz schauten, dem die holdeste der Grazien ihr Gepräge aufgedrückt zu haben schien. Nur durch eine beinah krankhafte Hagerkeit wurde dessen rührende Schönheit beeinträchtigt, wogegen tiefe Glut des Unwillens über die ihr zugeschleuderten rohen Scherzreden ihm wieder erhöhte Reize verlieh. Dunkel von Haar, das sie in Flechten um ihr Haupt geschlungen hatte, und mit schwarzen Augen rief die junge Fremde durchaus den Eindruck einer Südländerin hervor, wozu sich eine Gewandtheit der Bewegungen gesellte, die mit der eines von der Tropensonne gepflegten jungen Leoparden hätte verglichen werden können. Ohne rechts oder links zu schauen, eilte sie zwischen den Tischen des Vorzimmers hindurch, und bevor die Gräfin und Simpson ein rechtes Bild von ihr gewonnen hatten, stand sie vor der Wirtin, in bittendem Tone die Frage an sie richtend, ob sie noch arbeiten dürften. »Seid ja vor einigen Tagen erst hier gewesen, und da verursachtet ihr beinah eine Schlägerei,« antwortete die Wirtin rauh. »Sie erlaubten uns zwei Tage in jeder Woche,« hieß es ängstlich zurück. »Und so spät in der Nacht?« fuhr die Wirtin fort. »Wir konnten nicht anders, wir mußten,« erklärte das Mädchen, und wie in Erinnerung eines peinlichen Ereignisses drangen Tränen in die großen, melancholischen Augen. »Vorwärts denn in des Henkers Namen,« polterte das Weib unwirsch, »aber das beschwör' ich mit 'nem Dutzend fester Eide: gibt's abermals 'ne Höllenwirtschaft, so seid ihr zum letzten Male hier gewesen.« Das Mädchen kehrte sich ab, und nicht achtend der ihm geltenden tollen Zurufe, verschwand es gleich darauf durch die Flurtür. Die Wirtin aber wendete sich den beiden neuen Gästen zu, und die Stallmeistergestalt übersehend, die, um schärfer zu hören, beide Hände wie Fledermausflügel an die Ohren hielt, führte sie aus: »Ich wiederhol's, es ist zum Erstaunen. Wir reden von den Holidays, und da kommen ihre Anhängsel wie gerufen. Das Mädchen und ihr Bruder sind nämlich die Enkel von dem verschollenen Schiffskoch. Seine älteste Tochter war die erste, die nicht gut tun wollte, und das ist nunmehr schon an die siebzehn Jahre her, wenn ich mich recht entsinne. Anstatt der Mutter zur Hand zu gehen, hielt sie es mit einem Spieler, einem nichtsnutzigen Vagabonden, und der war weit übers Wasser gekommen – von Italien, hieß es. Ein schöner Mann war er immerhin, und mit dem brannte sie eines Tages durch. Viele Jahre verstrichen, und man hörte nichts mehr von ihr, bis ihre beiden Kinder plötzlich einmal des Abends hier waren und die Leute nach Noten belustigten. Was aus der Mutter geworden ist, weiß ich nicht – da sind sie,« lenkte sie der Gräfin Aufmerksamkeit wieder in das Nebengemach, und hinübersehend erblickte diese das Mädchen, jetzt aber in Begleitung eines Knaben, der augenscheinlich ein jüngerer Bruder war. Beide waren in Trikot gekleidet, das, vielfach geflickt und ausgebessert, nebenbei durch seine unbestimmte, ursprünglich rosa Farbe von langem Gebrauch auf nicht immer sauberen Stätten zeugte. Um die Hüften hatte jedes einen enganschließenden roten Schurz geschlungen, auf dem noch einige Flittern früherer Tage und erblindete Tressen sichtbar waren. Und so boten sie in ihrem Aufzuge ein Bild beklagenswerten, zum Spott reizenden Elends. Was einst dazu angefertigt worden war, dem Auge zu schmeicheln, war jetzt nur noch geeignet, das tiefste Mitleid wachzurufen. Tiefer Eindruck wurde erhöht, wenn man die schmächtigen Glieder betrachtete, die, obwohl sehnig, verständlich von einem Leben des Entbehrens und Leidens erzählten. Mit ihren auffällig schönen, südlichen Gesichtern hätte man die beiden Geschwister mit abgezehrten Kupidos im Bettlerkleide vergleichen, den eigentümlichen Zug um die jugendlich roten Lippen dagegen als Ausdruck verheimlichten Trotzes, nie schlummernden Mißtrauens und damit Hand in Hand gehender Furcht deuten mögen. Als sie in ihrer jämmerlichen Verkleidung über die Schwelle schritten, wurden sie wiederum mit rohen Scherzreden und widerwärtig aufmunternden Zurufen begrüßt. Sie ließen sich indessen dadurch nicht beirren. Vor den Schänktisch hintretend, nahmen sie von der mit , ihren Gewohnheiten vertrauten Wirtin vier leere Flaschen in Empfang, die, nach ihrer Form zu schließen, ursprünglich Champagner enthalten haben mochten. Dann schafften sie dadurch etwas Raum um sich her, daß. sie die Flaschen in Form eines Rechteckes aufstellten und als Untersatz für die Füße eines gewöhnlichen amerikanischen, durch Querleisten verstärkten Stuhles benutzten. Nachdem Susanna, wie das Mädchen hieß, sich von der Festigkeit des Bauwerks überzeugt hatte, erstieg sie den luftigen Sitz, wo sie mit Sicherheit die seltsamsten Gliederverrenkungen auszuführen begann. Bald auf den Händen stand sie, Beine und Oberkörper in Schlangenwindungen um die Arme verschränkend, bald auf dem Kopf oder vielmehr Genick und die schlanken Glieder ineinander verflechtend. Den Übungen des Mädchens folgten die des Knaben, worauf beide zugleich den Stuhl bestiegen und, mit unerklärlicher Sicherheit auf dem schwanken Gestell das Gleichgewicht bewahrend, sich durcheinander wanden. Ihre Physiognomien, obwohl zu einem matten Lächeln verzogen, bewahrten dabei fortgesetzt eine ängstliche Ruhe, als hätte jemand mit der Peitsche hinter ihnen gestanden, um jeden Fehlgriff, jedes Stören des Gleichgewichts sofort nachdrücklich zu strafen. Ob Beifall ihre Anstrengungen lohnte, ob zur Ermunterung die tollsten Versprechungen auf sie hereinregneten: sie blieben unempfindlich, schienen unter einem bösen Banne zu leben, gegen den sich aufzulehnen ihnen der Mut und wohl noch mehr die Kraft fehlte. Wie alle übrigen Anwesenden, beobachteten auch die Gräfin und Simpson die Schlangenkinder mit gespannter Aufmerksamkeit. Doch nicht Ergötzen an derartigen Schaustellungen ließ sie deren unnatürliche Bewegungen mit ernster Teilnahme verfolgen; es webte in ihnen vielmehr der Gedanke an die unsäglichen Qualen, denen die beklagenswerten Geschöpfe schon im zartesten Kindesalter unterworfen gewesen sein mußten, um eine Geschmeidigkeit, wie die bewiesene, überhaupt zu ermöglichen. Mitleidig suchten sie die dunklen Augen der Ärmsten, die so seltsam kalt, sogar ausdruckslos blickten, als hätten sie keine höhere Sehkraft besessen, als die einer Gliederpuppe, die sich unter den Händen eines launenhaft spielenden Kindes lautlos zu den tollsten Stellungen bequemt. Und diese beiden, unter Martern herangereiften Wesen sollten die Nachkommen Holidays, des ehrlichen Schiffskochs sein, desselben Mannes, der aus seinem einsamen Grabe in der fernen Wasserwüste so ergreifend um Erbarmen für die Seinigen gefleht hatte! Sie konnten es nicht fassen. In ihrer Teilnahme achteten sie am wenigsten auf die beiden wunderlichen Herren, für die sie selbst so lange ein Gegenstand argwöhnischer Aufmerksamkeit gewesen waren. Um einen vollen Anblick der Schlangenkinder zu gewinnen, hatten diese sich erhoben und die ungünstigen Plätze im Hintergrunde aufgegeben. Offenbar war ihnen darum zu tun, ihre Neugierde hinter der Maske kalter Gleichgültigkeit zu verheimlichen, denn der zweifelhafte Stallmeister nahm ihre leeren Gläser und trat, diese nach Gauklerart vor sich im Kreise wirbelnd und wieder auffangend, neben den Schenktisch hin, wogegen das Küstergespenst durch das Hinwerfen einer Silbermünze grämlich einen neuen Doppeltrunk bestellte. Dann kehrten beide sich der Mitte des Zimmers zu, wo das Geschwisterpaar sich nunmehr in ihrem Gesichtskreise befand. Doch je länger sie das Paar beobachteten, in um so höherem Grade machte sich in den Zügen namentlich des Stallmeisters der Ausdruck innerer Befriedigung geltend. Allmählich ging dieser in den einer zügellosen Gier über, der zunächst die Bartspitzen unter den beweglichen langen Fingern zum Opfer zu fallen drohten. So war eine Viertelstunde verstrichen, als die Geschwister sich vor der lärmenden Gesellschaft verneigten und Stuhl und Flaschen dahin brachten, von woher sie sie genommen hatten, worauf der Knabe mit einem Teller von Tisch zu Tisch ging, um die ihnen zugedachten kleinen Geldbeträge einzusammeln. Susanna war unterdessen hinausgeschlüpft, kehrte aber nach kurzer Frist in ihrem Kattunrock wieder zurück. Es war ersichtlich, es widerstrebte ihr, sich länger in dem jämmerlichen Gauklerkleide zu zeigen, zumal ihre Erscheinung der rohen Gesellschaft wiederholte Gelegenheit zu den häßlichsten Scherzreden bot. Auf ein Wort von ihr begab ihr Bruder sich ebenfalls hinaus, um, während sie selber das Einsammeln fortsetzte, seinen verschlissenen Anzug überzuwerfen. Elftes Kapitel. Die Kumpane. Im Dunkel der Nacht. Über den Fluß. »Habt eure Sache gut gemacht,« lohnte die Wirtin das Geschwisterpaar, als Susanna ihr endlich den Teller zurückbrachte; »will euch dafür Besseres geben, als 'n paar Cents. Was ihr da verdient mit euren Künsten, ist überhaupt nicht genug, um davon leben zu können, und zu viel, um zu verhungern,« und sich der Magd zukehrend, befahl sie dieser, etwas Brot und Fleisch herzurichten. Der zweifelhafte Stallmeister, der die Schlangenkinder so lange aufmerksam betrachtet hatte, legte in diesem Augenblick die langfingerige rechte Hand auf das dunkle Lockenhaupt des Knaben. »Ich möchte wissen, ob du unter der Fuchtel eines akademischen Lehrmeisters heranreiftest,« sprach er, listig mit den Augen blinzelnd, »packe fest zu; wir wollen dich einmal aufs Gewicht prüfen.« Erstaunt sah der Knabe empor. »Wie heißt du, mein Junge?« fragte jener grinsend, ohne die Hand von dem Lockenhaupt zurückzuziehen, und wie sich zu einem großartigen Werk rüstend, warf er die Brust heraus, woraus er die Last seines langen Körpers auf den linken Fuß brachte und den rechten zierlich, wie zum Tanz, weiter nach vorne stellte. »Artur,« hieß es zaghaft zurück. »Artur? Hm, ein schöner Name; Arturio würde berühmter klingen. Also. Arturio, jetzt zeige, was du verstehst.« Der Knabe sah fragend auf seine Schwester, die nicht minder ängstlich dreinschaute. Sie mochte voraussetzen, daß Nachgiebigkeit das beste Mittel sei, ferneren Belästigungen auszuweichen, denn sie neigte zustimmend ihr Haupt. Der Knabe, nunmehr ermutigt, hob die Arme empor und preßte mit beiden Händen die gespreizten langen Finger auf seinen Scheitel. Beinah ebenso schnell packte der Stallmeister ihn mit der linken Faust oberhalb der Hüfte. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß der schlanke Körper die Starrheit eines Holzstückes bewahrte, gab er ihm einen heftigen Schwung, und in der nächsten Sekunde hielt er den auf dem Kopf Stehenden mit steifem Arm von sich. »Es macht sich,« sprach er selbstgefällig, denn die Stille, die plötzlich eingetreten war, galt ihm als Beweis größter Bewunderung, »jetzt aufgepaßt, daß du, ohne das Genick zu brechen, auf die Füße zu stehen kommst.« Dann, wie seine Last wiegend, hob er sie zweimal etwas höher, und zum drittenmal ihr unter Aufbietung seiner äußersten Kräfte einen Schwung nach oben gebend, wobei der Knabe seinen Halt fahren ließ, schnellte er ihn im Bogen von sich. Der Knabe überschlug sich ohne jegliche Mühe und stand in der nächsten Sekunde so sicher da, als hätte er den festen Boden gar nicht verlassen gehabt. »Höre, mein lieber Arturio,« redete der kunstfertige Herr Stallmeister ihn alsbald herablassend an, indem er ihm ein Fünfcentstück zuwarf, »du und deine Schwester seid ganz dazu geschaffen, in Sammet und Seide gekleidet zu werden und allabendlich für die Arbeit einer Viertelstunde eure zehn Dollars in die Tasche zu stecken. Es handelt sich nur darum, daß ihr in die richtigen Hände geratet.« Er wollte noch etwas hinzufügen, als das Küstergespenst dicht zu ihm herantrat und ihm einige Worte zuraunte. Diese bezogen sich auf die Entdeckung, daß Susannas Augen immer wieder scheu das Fenster des Zimmers suchten. Als Antwort sandte der Stallmeister ebenfalls einen mißtrauischen Blick hinüber, und mit einem Ausdruck, als sei ihm plötzlich ein Blitz des Verständnisses durch den Kopf gefahren, schickte er sich zum Gehen an. Herablassend grüßte er die Wirtin, verbindlich die Gräfin und Simpson, und mit der Haltung eines Helden schritt er durch das Vorzimmer. Das Küstergespenst folgte ihm in der Entfernung einiger Ellen. In dem Vorzimmer hatte sich wilder Lärm erhoben, indem man auf den Stallmeister-Helden eindrang und ihn zu einer abermaligen Kraftprobe zu bereden suchte. Dieser verstand es indessen, sich den Belästigungen zu entziehen, denn als die heroischen Zurückweisungen ohne Erfolg blieben, warf er seinem Begleiter einen bezeichnenden Blick zu, der wie Zauber wirkte. Ein kreischender Hahnenruf ertönte, und als man sich darnach umwandte, sah man das ehrbare Küstergespenst, wie es, die Rockschöße um den Leib gewunden und den Hut zwischen den Zähnen, dem Gefährten auf den Händen nachschritt und dabei die Beine wie Windmühlenflügel in der Luft schwang. Schallendes Gelächter lohnte den Einfall, und bevor man sich über den Zweck des wunderlichen Treibens recht klar geworden war, schlug die Tür hinter den seltsamen Gefährten zu. Die beiden Schlangenkinder hatten unterdessen die ihnen verabreichten Speisen in Empfang genommen. Mit eigentümlicher Hast verzehrten sie sie. Kein Laut verließ ihre Lippen, aber nach dem Fenster spähten sie immer wieder verstohlen hinüber, als hätten sie die Blicke gefühlt, mit denen von draußen ein Mann sie fortgesetzt aufmerksam überwachte. »Das sind also die Enkel des verstorbenen Holiday,« wiederholte die Wirtin der Gräfin, nachdem der Lärm im Vorzimmer sich einigermaßen gelegt hatte, »die Kinder seiner Tochter und des ausländischen Spielers. Sie sahen's selber: Art läßt nicht von Art, und hängen will ich noch in dieser Stunde, wenn die beiden alten Fratzen, die sich schnell genug aus dem Staube machten, um nicht selber ordentlich Mitgespielt zu bekommen, nicht darauf ausgingen, die elenden Dinger für irgend 'ne Schaubude zu gewinnen. Weiß der Henker, wer's ihnen verriet, daß sie hier ein- und ausgehen: denn blind mögen Sie mich nennen, wie 'nen Maulwurf im Sonnenschein, wenn ich die Gauner je zuvor sah.« »Die Kinder geben vielleicht anderweitig Vorstellungen, wodurch die beiden Gaukler, und Gaukler waren es unstreitig, auf ihre Spuren gelenkt wurden,« meinte Simpson. »Vermutlich,« antwortete die Wirtin nachlässig, »denn von den Paar Cents, die das faule Gesindel da drinnen sich vom Groggelde abknappst, möchten sie sich schwerlich samt der Großmutter durchfüttern.« »Ein Unglück wäre es, kämen sie in die Gewalt dieser Vagabonden,« warf die Gräfin ein, »was würde da anders aus ihnen werden, als ebenfalls Landstreicher.« »In denen steckt überhaupt Spielerblut, und das ist kein gutes,« erklärte die Wirtin; »sind die erst über die Hungerjahre hinaus, so macht sich 's von selbst, daß sie die Heiligengesichter abstreifen und es mit dem Landstreichern halten.« »Wo sie wohnen, erfuhren Sie nicht?« forschte die Gräfin, und mit unverkennbarer Teilnahme ruhten ihre Blicke auf den Geschwistern, die ihr einfaches Mahl in einer Weise verzehrten, als hätten sie sich auf verbotenen Wegen befunden. »Nicht 'ne Ahnung habe ich, und der Henker mag etwas aus jemand herausholen, der nicht reden will. Ich befragte sie einst drum, aber sie wußten's selber nicht, und die Ausrede mag ihnen jemand anbefohlen haben, der seinen Vorteil darin sucht. Mit rechten Dingen geht's auf keinen Fall zu; denn was könnte sonst 'nen ehrlichen Christen dazu bewegen, vor anderen zu verheimlichen, wo er seinen Unterschlupf findet.« Hier begab die Wirtin sich hinter den Schenktisch, um die Gäste zu bedienen, deren so viele herangetreten waren, daß die Hände der Magd nicht ausreichten, allen Anforderungen zu genügen. Die Gräfin sah eine Weile vor sich auf den Tisch nieder, und wie ihre Worte von diesem ablesend, sagte sie gedämpft: »Ist es mir verwehrt, den Kindern des ehrlichen Schiffskochs Gutes zu erweisen, so will ich es wenigstens auf seine Enkel übertragen. Was ich vor den drei Kreuzen gelobte, muß gehalten werden, soll mich das Bewußtsein nicht quälen, an den armen Toten mich schwer vergangen zu haben. Ja, ich will die armen Geschöpfe einem Lose entreißen, das, Sie hörten es sogar von dem gemütsrohen Weibe, ihr sittliches Verkommen in sich birgt. Sie haben das gleiche Anrecht an meine Teilnahme, wie der Neffe des gemordeten Larsen; von großem Wert für die Zukunft sind sie mir obenein. Die Kinder aber, wenn sie der Person da drüben jede Auskunft verweigerten, werden uns gegenüber schwerlich mitteilsamer sein.« »Der einzige Ausweg wäre,« versetzte Simpson, »sie zurzeit nicht zu beachten, sondern sich an ihre Fersen zu heften, und zwar noch in dieser Stunde. Denn niemand bürgt dafür, daß wir jemals wieder auf ihre Spuren geraten.« »Ich bin bereit,« erwiderte die Gräfin, indem sie sich erhob, und von Simpson gefolgt, verließ sie unbelästigt die widerwärtig belebten Räume. Bevor sie ins Freie hinaustraten, blieben sie, um die Augen an die ihnen entgegenstarrende Dunkelheit zu gewöhnen und über die zunächst einzuschlagende Richtung sich zu verständigen, auf der Schwelle stehen. Aufwärts und abwärts sahen sie alles in Finsternis gehüllt, als Simpson plötzlich der Gräfin Hand ergriff und sie mit sich fortzog. Indem er an den erleuchteten Fenstern hinspähte, war er mehrerer Männer ansichtig geworden, die von dem durch das letzte Fenster fallenden Lichtschein gestreift wurden. Flüchtig, wie er sie sah, gewann er doch den Eindruck, daß sie in das Schenkzimmer hineinlugten, jedoch auf das in der Haustür erzeugte Geräusch schleunigst den Schatten suchten. Sie wollten offenbar nicht entdeckt werden, verschwanden aber nicht schnell genug, um zu vermeiden, daß Simpson in zweien von ihnen die Gestalten der beiden Gaukler erkannte. Der dritte, dessen von der matten Beleuchtung voll getroffenes Antlitz eine Sekunde in seinem Gesichtskreise blieb, war ihm dagegen fremd. Nur eine schwarzbärtige Physiognomie unterschied er und einen Wust dunklen Lockenhaars, auf dem ein niedriger Hut mit Widerstreben seinen Platz zu behaupten schien. Wem das heimliche Hineinlugen galt, unterlag nach den vorhergegangenen Beobachtungen kaum noch einem Zweifel; und so trachtete der Kapitän zunächst, ohne Argwohn zu erregen, aus der Nachbarschaft der rätselhaften Lauscher zu gelangen. Auf dem Wege, den sie gekommen waren, erreichten sie nach kurzer Frist einen die Straße begrenzenden Plankenzaun. Wie sich ergab, fand dieser keine Seitenfortsetzung; es hinderte sie daher nichts, hinter die Verschalung zu treten. Sie genossen dort den Vorteil, nicht nur die etwa auf der anderen Seite der Bretter gewechselten Worte zu verstehen, sondern es reichten auch ihre Blicke nach der Whiskykneipe hinüber, die sich durch den auf die Straße hinausfallenden rötlichen Schein auszeichnete. Dort unterschieden sie zunächst, daß es sich vor den erleuchteten Fenstern wieder schattenähnlich regte. Wie Simpson beim Verlassen des Hauses des in das Schenkzimmer hineinlugenden Mannes ansichtig wurde, hatten der Gauklerchef und sein Gefährte ihn zuvor ebenfalls entdeckt. Anstatt indessen sich wenig auffällig zu entfernen, waren sie auf ihn zugeschritten. »Keine Ursach', einem Kollegen auszuweichen,« redete ersterer den geheimnisvollen Fremden ohne Säumen zuversichtlich an, »ich glaube wenigstens nicht fehl zu gehen, wenn ich Sie als den Besitzer der beiden jungen Schlangenmenschen begrüße.« »Und was dann?« fragte eine tiefe Stimme trotzig zurück. »Das soll von Ihnen selbst abhängen. Mein Name ist Buonaventura, akademischer Künstler und Chef einer der berühmtesten Akrobaten- und Seiltänzer-Gesellschaften. Auf die Spuren Ihrer gut veranlagten Zöglinge geraten, machte ich es mir zur Aufgabe, sie unter soliden Bedingungen meinem Personal – lauter Kräften ersten Ranges – einzureihen. Mein Kunsttempel erhebt sich auf dem Nordende der Stadt, und es steht Ihnen frei, sich durch Augenschein zu überzeugen, daß Ihre Zöglinge durch Eintritt bei mir auf die erste Stufe zu Glanz und Ruhm gestellt werden würden.« »Sie sind noch nicht fertig,« antwortete der Fremde kurz, nachdem der Gauklerchef mit seinem Bericht zu Ende gekommen war. »Was mir nicht entgehen konnte,« versetzte dieser erhaben, »ich bürge indessen dafür, daß ich die Kinder bei ihrer glücklichen Veranlagung binnen kürzester Frist zu etwas Fertigem, Radikalem, Ungewöhnlichem ausbilde.« »Wozu ich selber Manns genug bin,« lautete die ungeduldige Erwiderung. »Sie übersehen, mein lieber Kollege, daß ich mich in der Lage befinde, ganz andere Honorare zu bieten, als Sie mit Ihren Gelegenheitsvorstellungen erzielen. Auch bin ich bereit, Ihnen die Geschwister ein für alle Male abzukaufen oder auf bestimmte Zeit abzumieten.« »Das lockt mich nicht,« versetzte der Fremde wiederum verdrossen, »lieber zehre ich mit den Meinigen – denn meine Kinder sind's – noch eine Weile am Hungertuch, um sie eines Tages als Niedagewesenes vor die Welt zu bringen, anstatt 'nen lumpigen Gewinn brockenweise in die Tasche zu stecken.« »Die beiden sind also Ihre eigenen Kinder?« meinte der Gauklerchef gedehnt, daß es klang wie Unglaube; »da ist's nicht befremdlich, wenn Sie nur ungern sich von ihnen trennen. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, sie eines Tages auf meiner Bühne den Beifall eines vornehmen Publikums herausfordern zu sehen. Vielleicht würden Sie selbst –« Hier wurde das Gespräch durch die aus dem Hause tretende Gräfin und Simpson unterbrochen. Sobald diese aber außer Hörweite getreten waren, hob der Gauklerchef wieder an: »Wahrscheinlich würden Sie anders urteilen, wenn Sie mein Kunstinstitut zu einer Abendvorstellung besuchten, wohl gar Ihren Kindern gestatteten, mitzuwirken. Für standesgemäße Kostüme neben gutem Spielgeld würde ich selbstverständlich Sorge tragen.« »Ich wiederhol's, meine Pläne habe ich nicht gemacht, um sie von dem ersten besten über den Haufen werfen zu lassen. Doch sie werden gleich herauskommen, da möchte ich ungestört mit ihnen bleiben. Es paßte mir überhaupt nicht, daß Sie den Jungen der Gefahr aussetzten, sich das Genick zu brechen.« »Arturio? Dieser Gummiball das Genick brechen?« fiel der Gauklerchef sittlich entrüstet ein, als der Fremde schnell wieder das Wort nahm: »Zum Henker mit Ihrem Arturio! Gehen Sie jetzt. Sollte es mir einmal über Nacht einfallen, in Beziehung zu Ihnen zu treten, so weiß ich Sie zu finden.« »Und wo würde ich Sie aufsuchen können?« Der Fremde sann einige Sekunden nach, nannte eine Stelle, auf der er zu erfragen sei, und gleich darauf befand er sich allein. Der Gauklerchef und sein Gefährte folgten dagegen eiligst dem Wege, den Simpson und die Gräfin zuvor eingeschlagen hatten. Erst nachdem sie in der Nähe des Plankenzauns eingetroffen waren, brach das Küstergespenst das bis dahin vorsichtig beobachtete Schweigen mit den Worten: »Der ausgefeimteste Gauner, der je seine Gelegenheit auszunutzen trachtete. Legen Sie blankes Gold vor ihn hin, so zieht er andere Saiten auf.« »Mit einer Kleinigkeit ist's bei dem nicht getan,« erwiderte der Gauklerchef mißmutig, »und doch wäre ich zu einem mäßigen Opfer bereit. Überließe er sie mir nur auf vier, fünf Tage – nachher könnte er uns nachpfeifen.« »Ich mein', er kommt von selbst,« lautete die Erwiderung. Das waren die letzten Worte, die verständlich zu der Gräfin und Simpson in ihr Versteck drangen. Eine Weile lauschten sie den sich Entfernenden nach, dann bemerkte die Gräfin in tiefer Erbitterung: »Sie haben gehört, wie man um die armen Geschöpfe feilscht. Es ist, als ob deren Schutzengel selber uns in dieser Nacht hierherführte.« Sie lachte bitter vor sich hin und fügte hinzu: »Mich sollte es kaum überraschen, würde mein jetziges Tun ebenfalls als Verrücktheit –« »St,« warnte Simpson. Die Gräfin verstummte. Nach der Whiskyschenke hinüberlauschend, unterschied sie wiederum Schritte und bald darauf die in rohen Ausbrüchen sich ergehende Stimme eines Mannes, auf die das Geschwisterpaar in jammervollem Klageton antwortete. »Wozu habe ich euch unter den erdenklichsten Kosten und Mühen zu Künstlern erzogen, wenn nicht, um gemeinschaftlich mit euch von den Früchten meiner schweren Arbeit zu zehren?« verstanden die gespannt Lauschenden endlich. »Unsere Schuld ist es nicht, wenn die Leute Cents bieten, wo wir uns für Dollars abarbeiteten,« versetzte Susanna mit einer Anwandlung herben Trotzes. »Und dennoch eure Schuld,« polterte der ergrimmte Vater, »denn an dir war es, den Schurken die Cents vor die Füße zu werfen, ihnen zu sagen, daß ihr nicht um Hundelohn eure Künste zeigt. Bei deiner Schönheit – die kann dir keiner absprechen – darfst du solchem Lumpengesindel das Ärgste zuschreien; funkeln dabei deine Augen, so macht's die Menschen freigebig mit dem Gelde.« »Ich wünsche, ich wäre häßlich wie die Nacht,« erwiderte das Mädchen in Verzweiflung; »bekäme ich heute noch die Blattern, da hätte es sein Ende mit den schrecklichen Vorstellungen. Lieber will ich todhungern, als mich zu Tode schämen.« »So? Das sagst du deinem Vater, der eine Person aus dir heranbildete, die binnen zwei Jahren über Tausende verliebter Einfaltspinsel und deren Geld verfügen wird? Aber ich merk's, hinter dir steckt die Großmutter. Die soll sich hüten, daß ich eines Tages nicht mit euch verschwinde. Da mag sie verhungern; mich soll's nicht grämen.« Langsam einherschreitend, waren sie dicht neben den beiden Lauschern eingetroffen. Deutlich unterschieden diese das Schluchzen der Geschwister. »Ich möchte tot sein samt dem Artur, nichts mehr hören und sehen,« entwand es sich der Brust des gequälten Mädchens. »Schweig' mit deinem Geplärre, oder ich geb' dir einen Grund zum Heulen,« hieß es ingrimmig zurück. »Bist eine dankbare Brut, daß ich mich schämen möchte, von dir Vater gerufen zu werden.« Das weitere erstarb in unverständlichem Gemurmel. »Entsetzlich,« meinte die Gräfin nach einer kurzen Pause, indem sie an der Seite Simpsons wieder auf die Straße hinaustrat, wo die gedämpft herüberdringenden Stimmen sie in ihren Bewegungen lenkten, »wahrhaft entsetzlich. Und ein solcher Mensch nennt sich Vater der unter seiner Tyrannei sich qualvoll windenden, unglücklichen Geschöpfe.« »Und deren Zukunft erst,« fügte Simpson finster hinzu, »was kann unter dem Einfluß einer solchen Roheit aus dem Mädchen nur werden!« Die leidenschaftliche Wallung der Gräfin hatte sich gelegt. Kalte Überlegung war an Stelle der heftigen Erregung getreten. Es beherrschte sie allein der vor keinem Widerstande zurückscheuende, eiserne Wille. So klang auch ihre Stimme wieder ausdruckslos, indem sie erklärte: »Das Mädchen muß ihm entzogen werden samt ihrem Bruder, koste es, was es wolle. Die unter den drei Kreuzen Schlummernden sollen keine Ursache finden, dereinst vor einem höheren Richter Rechenschaft von mir zu fordern.« Sie sprach noch, als Simpson wieder stehen blieb. Die Gestalten des Vaters und seiner Kinder vermochten sie nicht zu erkennen; dagegen verrieten deren Schritte, daß sie sich auf den Fluß zu bewegten. Auf dem äußersten Rande des Kais verhallten die Schritte. Die Gräfin und Simpson eilten nunmehr soweit nach vorne, bis sie sich in gleicher Höhe mit der Stelle befanden, auf der nach Simpsons Berechnung die von ihnen Überwachten zum Wasser hinunterstiegen. Gleich darauf drang das Poltern herüber, mit dem zwei Riemen zwischen die Ruderpflöcke geworfen wurden. Länger säumten sie nicht; ihre Schritte beschleunigend, erreichten sie bald die Treppe, vor der Niels mit dem Boote ihrer harrte. Schnell gelangten sie zu ihm hinab. Nach flüchtiger Verständigung hatten sie kaum Platz genommen, als in mäßiger Entfernung von ihnen ein Boot mit langsamen Ruderschlägen stromabwärts getrieben wurde. Regungslos lauschten sie, doch keine Stimme drang zu ihnen herüber. Ebenso hinderte der auf dem Wasser lagernde Dunst sie, das Boot und die in ihm Befindlichen zu unterscheiden. Doch nicht in Zweifel über deren Persönlichkeiten, legten Simpson und Niels die Riemen ein, und nach besten Kräften zu lautes Stoßen und Klappern vermeidend, jedoch sorgfältig darauf Bedacht nehmend, daß der bestehende Zwischenraum nicht verringert wurde, schlugen sie die Richtung ein, die das andere Boot ihnen vorschrieb. So verfolgten beide Teile eine Viertelstunde den nämlichen Weg. Tiefer führte sie allmählich nach dem jenseitigen Ufer hinüber. In gleichem Maße, in dem sie sich der eigentlichen Stadt näherten, mehrte sich die Zahl der verankerten Schiffe, Leichterprahme und Bumböte; es waltete daher die Gefahr, daß das vordere Boot zwischen diese hineinschlüpfte und dann verschwand. Simpson ließ daraufhin das eigene dicht an die Schiffsreihe herangleiten, beschleunigte aber zugleich dessen Lauf, bis er, scharf auslugend, das verfolgte Boot notdürftig als einen formlosen Schatten von dem dunkeln Wasserspiegel zu trennen vermochte. Es konnte ihm also nicht entgehen, daß dieses plötzlich den Bug herumwarf und hinter einem größeren Fahrzeuge seinen Blicken entzogen wurde. Fast gleichzeitig trieb er gemeinschaftlich mit Niels das seinige landeinwärts, und noch drang das Klappern und Klirren herüber, mit dem der unnatürliche Vater die Riemen zur Seite legte und sein Boot ankettete, als Niels bereits auf dem Ufer stand und sich auf jenen zu bewegte. Wie jemand, der sich an Bord dieses oder jenes Schiffes verspätete, schritt er vorüber. Er erkannte einen einzelnen Mann und zwei Kinder. Sobald diese aber die Richtung nach dem sich dort ausdehnenden düsteren Stadtteil einschlugen, kehrte er zurück, um sie im Auge zu behalten. Gleich darauf stießen die Gräfin und Simpson zu ihm. Er begleitete sie noch, bis ein Abirren von den Spuren der sich Entfernenden nicht mehr zu befürchten stand, dann begab er sich wieder nach seinem Boot, um sie dort zu erwarten. Ahnungslos, daß überhaupt jemand sich um sie kümmerte, verfolgten der Vater und seine Kinder ihren Weg langsam in die Stadt hinein. Die Straßen waren verödet. Hier und da brannte wohl eine Laterne, allein die mit Nebeldunst erfüllte Atmosphäre beschränkte ihre Wirkung auf einen nur geringen Umkreis. Die Gräfin und Simpson konnten sich ihnen daher so nahe halten, daß das Geräusch ihrer Schritte ihnen als Wegweiser diente, wogegen es ihnen erleichtert war, unbemerkt zu bleiben. Nur selten unterschieden sie eine Stimme, und dann war es jedesmal der Vater, der in roher Weise eine Bemerkung an die Kinder richtete. Nach kurzer Wanderung blieben die breiteren Straßen hinter ihnen zurück. Enge Gassen traten an deren Stelle und endlich ins Freie hinausführende Wege, die der Beleuchtung gänzlich entbehrten. Niedrige Bauwerke erhoben sich zu beiden Seiten, oder Zäune, die zum Schutz kleiner Gärten und Bleichen dienten. Sie befanden sich eben auf der äußersten Grenze der Vorstadt, die vorzugsweise von Arbeitern bewohnt wurde, und wo man selbst am Tage seine Not hatte, ohne viele Fragen an sein Ziel zu gelangen. Plötzlich verhallten die Schritte vor ihnen. Simpson und die Gräfin blieben stehen und horchten gespannt. Erst als sie abseits vom Wege zwischen den unregelmäßig und schwarz emporragenden Baulichkeiten eine Tür gehen hörten, setzten sie sich wieder in Bewegung. Auf einem engbegrenzten, finsteren Pfade traten sie nach kurzer Zeit ins Freie hinaus, wo ein einsames Licht ihnen entgegenschimmerte. Gleich darauf standen sie vor einem Hause, das in seinen Umrissen an einen von verkrüppelten Bäumen beschatteten Stall erinnerte. Da weder Einfriedigung noch Vorplatz es von dem holperigen Wege schied, hinderte sie nichts, dicht an das erleuchtete Fenster heranzutreten. Auf den ersten Blick überzeugten sie sich, daß sie in der Tat vor ihrem Ziel eingetroffen waren. Die beiden Geschwister hatten bereits ihre äußere Hülle abgeworfen und nestelten an sich herum, um auch der jämmerlichen Gaukleranzüge sich zu entledigen. Mehr noch als bei den Vorstellungen offenbarte sich in ihrem Wesen die Scheu eines verschlagenen Hundes, der stets gewärtig ist, die Peitsche auf sich niedersausen zu hören. Müde blickten ihre großen Augen, und erschöpft von den wiederholten, ihre jungen Kräfte aufreibenden Anstrengungen und der weiten, beschwerlichen Wanderung, bewegten sie sich nur schwankend. Es war ersichtlich, sie sehnten den Zeitpunkt herbei, in dem sie zum Schlaf auf ihr ärmliches Lager kriechen durften. Der Vater achtete ihrer nicht. Vor einem alten Tisch stand er, mit Gier die Münzen zählend und ordnend, die er der Gelenkigkeit seiner Kinder verdankte. Den Hut hatte er zur Seite geworfen, infolgedessen sein wirres, dunkles Lockenhaar ihm die Stirne bis zu den Brauen hinunter verschleierte. Ein schwarzer Vollbart bedeckte die untere Hälfte des südlich bräunlichen Gesichtes. Obwohl sträfliche Leidenschaften den sichtbaren Teil entstellt hatten, trugen seine Züge trotz eines Alters von etwa sechsundvierzig Jahren noch immer Merkmale früherer männlicher Anziehung, wie sie geeignet war, bestrickend auf ein unbedachtes junges Mädchen einzuwirken. Kräftig war er gewachsen, doch seine Haltung schlaff wie bei jemand, der unter einer schleichenden Krankheit leidet. Nachdem er das Geld gezählt hatte, kehrte er sich mit einem Ausdruck herber Enttäuschung den Geschwistern zu. Verhaltener Zorn webte in seinem Blick. Es war ein Blick, von dem es nicht befremdete, wenn er die Ärmsten bis ins Mark hinein erbeben machte. Und dennoch, indem er den unsäglich schwermütigen Augen des Mädchens begegnete, sah er schnell zur Seite. War es der in deren Tiefe verborgene Ausdruck eines zum Himmel entsendeten Klagerufs, oder der einer von Verzweiflung getragenen Todesangst: er vermochte den Blick nicht zu ertragen. »Schert euch zu Bett,« vernahmen die vor dem Fenster Lauschenden seine häßliche, schnarrende Stimme; »schlagt die Unterschenkel noch einmal übers eigene Genick und laßt sie da 'ne Weile liegen? da wird's euch morgen um so leichter mit den Übungen.« Die Geschwister, nunmehr in der allernotdürftigsten zerfetzten Bekleidung, verschwanden in dem finsteren, alkovenartigen Nebenraum. Susanna, die ihren Bruder vorausgehen ließ, sah von der Schwelle aus noch einmal zurück. Deutlich gewahrte die Gräfin, wie es in den großen Augen feindselig aufflackerte, dann aber gänzliche Trostlosigkeit wieder die Oberhand gewann. Wehmut beschlich sie. Dann wurde ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Vater hingelenkt. Erst nach einer Weile kehrte er sich einer im Halbdunkel des häßlichen Raumes stehenden breiten Bettstelle zu, und jetzt erst entdeckten die Gräfin und ihr Begleiter das abgezehrte Antlitz einer alten Frau, die, eine unsaubere Decke bis an den Hals emporgezogen, den grausamen Peiniger ihrer Enkel mit großen Augen betrachtete. »Ich habe meine Not mit ihnen,« kam er einer Anrede der hinfälligen Alten zuvor, »doch nur noch ein Jahr des Abrichtens, und sie sind so weit, daß für jeden Kupfercent, der ihnen jetzt zugeworfen wird, ein Zwanzigdollarstück in ihren Schoß fällt.« »Spielerkinder bleiben Spielerkinder,« versetzte die Alte, die sich offenbar ebenfalls unter dem Banne der Furcht vor ihrem Schwiegersohne befand, mit einer gewissen Todesverachtung; »was von unehrlichen Eltern kommt, kann nicht ehrlich werden.« Der Mann lachte höhnisch. Er war zu sehr an derartige Ausbrüche verhaltener Feindschaft gewöhnt, um noch viel Wert darauf zu legen. »Wären sie nur unehrlich, so möchte es besser um uns alle stehen,« sprach er ingrimmig; »ich habe noch keinen gesehen, der mit allzuviel Ehrlichkeit auf 'nen grünen Zweig gekommen wäre.« Gedämpft, aber immer noch verständlich, drangen diese Worte durch das schlecht gefugte Fenster ins Freie hinaus. Widerwille bemächtigte sich der Gräfin, und Simpsons Arm ergreifend, zog sie ihn mit sich fort. »Seine eigenen Kinder, sein eigen Fleisch und Blut, und doch kein Erbarmen,« raunte sie ihm zu, »es kann nicht so bleiben, es muß Hilfe geschafft werden. Doch gehen wir langsam. Wir müssen versuchen, die Umgebung unserem Gedächtnis einzuprägen, oder wir laufen Gefahr, morgen am Tage vergeblich nach ihnen zu suchen.« »Sie wollen selber zu ihnen?« fragte Simpson düster, denn auch in ihm wirkte die eben beobachtete Szene peinlich nach. »Ich habe es beschlossen,« antwortete die Gräfin mit der ihr eigenen kalten Entschiedenheit. »Den mir übertragenen letzten Gruß richte ich aus, und müßte ich deshalb in eine Mördergrube hinabsteigen. Und wer weiß, ob nicht andere Enthüllungen unserer harren. Lebt jener Mac Lear noch, so muß ich ihn finden, und wäre ich gezwungen, die Erde nach allen Richtungen hin noch zehnmal zu umkreisen. Er mordete mehr, als den jungen Baronet und die stillen Bewohner des fernen Eilandes, und das soll ihm vergolten werden. Was hätte ich sonst noch von meinem Leben?« Und klanglos lachte sie vor sich hin. Simpson schwieg. Seltsam erschien ihm die Aufgabe, die die Gräfin sich gestellt hatte; jedoch ihr treu ergeben, hätte er keine Einwendungen erhoben, und wäre er dazu verdammt gewesen, bis an sein Lebensende, dem ewigen Juden ähnlich, planlos auf dem Erdball umherzuschweifen. Auch die Gräfin schwieg. Aber mit erhöhter Aufmerksamkeit prägten beide die Richtung des von ihnen inne gehaltenen Weges ihrem Gedächtnis ein, bis sie endlich wieder mit Niels zusammentrafen. Bald darauf glitt das Boot auf den Fluß hinaus, wo die Strömung ihnen schneller von dannen half. Auch jetzt noch verharrten die Gefährten in dumpfem Schweigen. Mit den düsteren Betrachtungen, die die jüngsten Erlebnisse anregten, stand die ganze nächtliche Umgebung im Einklang. Der Nebel hatte sich verdichtet. Weiter und weiter glitt das Boot wie in einem schwarzen Gewölbe. Angesichts eines gespenstisch emporragenden Krahns schwang das Boot seewärts. Zehn Minuten rührten Simpson und Niels noch die Riemen kräftig. Ein langgestreckter Schatten tauchte vor ihnen auf, und vom Bord der Pandora tönte der erfreuende Ruf: »Boot ahoi!« zu ihnen nieder. Zwölftes Kapitel. Holidays Witwe. Neue Schriftstücke. Der tätowierte Anker Als die Gräfin und Simpson sich folgenden Tages auf den Weg zu der alten Holiday begaben, bedurfte es trotz der von ihnen beobachteten Vorsicht mehrfachen Fragens, bevor sie die elende Baracke wieder vor sich liegen sahen. Eintretend, fanden sie zu ihrer Befriedigung den Mann nicht zu Hause. Die alte Frau, die sie zur nächtlichen Stunde in ihrem Bett beobachteten, saß auf einem baufälligen Armstuhl neben dem Fenster, vor sich einen Tisch und auf diesem mehrere des Ausbesserns bedürftige Strümpfe. Eine Stumpfheit war auf dem hageren, runzeligen Gesicht ausgeprägt. Ebenso offenbarte sich in ihrem Äußeren, daß sie es längst aufgegeben hatte, wie vielleicht in früheren Tagen, dem ursprünglichen Ordnungssinn ein wenig Mühe und Zeit zu opfern. Mitten in dem dumpfigen Gemach auf einer ausgebreiteten Decke saßen die beiden Geschwister, mit seltsam blödem Ausdruck beim Verrenken und Verschränken der Glieder zu immer noch widernatürlicheren Figuren sich gegenseitig unterstützend. So war es ihnen vom Vater anbefohlen worden, als er sich nach dem Mittagessen verabschiedete und für den Abend neue Vorstellungen in anderen Kneipen in Aussicht stellte. Beim Erscheinen der beiden Fremden, die sie sofort wieder erkannten, entwirrten sie ihre Glieder, und sich erhebend, schlichen sie beschämt in einen Winkel. Namentlich verriet Susanna tiefe Bestürzung, in einer Beschäftigung überrascht worden zu sein, bei der sie, zumal in der schlotterigen Bekleidung, ein häßliches Bild geboten hatte. Das jäh in ihr Antlitz gestiegene Blut zeugte wenigstens für ein, wenn auch nicht ganz verstandenes, jungfräuliches Sittlichkeitsgefühl. Des Errötens sich bewußt, ahnte sie doch nicht, daß gerade dadurch das in ihrer ganzen Erscheinung ungünstig Wirkende wieder ausgeglichen wurde. Die Gräfin war zu der alten Frau herangetreten, und in die trüben Augen blickend, sprach sie in ihrer ruhigen Weise: »Sie wundern sich, uns bei sich zu sehen. Sind Sie indessen Frau Holiday, die Witwe des vor vielen Jahren verschollenen Schiffskochs, so wird es Sie noch mehr überraschen, zu hören, daß wir gekommen sind, Ihnen und Ihren Kindern dessen letzte Grüße und Segenswünsche zu überbringen. Er starb in der Ferne; hören Sie erst heute von ihm, so wurde es durch den Umstand verschuldet, daß man Ihren Aufenthaltsort nicht kannte.« »Schiffskoch war er,« antwortete die Frau mürrisch, indem sie nach ihrer Bettstelle hinüberwies, oberhalb deren ein alter, zerfetzter, mit einer dicken Staublage bedeckter Ölanzug und der dazu gehörende Südwester hingen, »ja, Schiffskoch, und was die Herrschaften da sehen, ist alles, was mir von ihm blieb.« In ihren Augen leuchtete es auf wie erwachendes Verständnis, und etwas lebhafter fuhr sie fort: »Er war eine rechtschaffene Natur und sorgte für die Seinigen redlich; wurde er uns aber entrissen, als er gerade am unentbehrlichsten war, so lag's nicht an ihm. In seinem nassen Grabe würde er sich umkehren, wüßte er, was aus uns geworden ist. Doch für den Gruß dank' ich aus meiner ganzen Seele, mögen seine Segenswünsche immerhin auf schlechten Boden gefallen sein.« »Nicht alle, gute Frau,« nahm die Gräfin wieder das Wort, »und am wenigsten die letzte Bitte an die Menschen, Milde und Barmherzigkeit an Ihnen zu üben.« »Zu spät,« erwiderte die Alte unsäglich bitter, »meine Zeit ist bald um, da brauch' ich keine große Barmherzigkeit mehr; und seine Kinder – Gott sei's geklagt – die sind nicht mehr da, daß guter Leute Mitleid sie findet.« »Sie können unmöglich alle gestorben sein,« versetzte die Gräfin teilnahmvoll, »erfuhr ich doch, daß der gute Holiday von drei Kindern gesprochen habe.« »Ja, drei Kinder waren uns beschert,« hieß es traurig zurück, »zwei Mädchen und ein Junge, und gut geartet. Als aber die Zeit herankam, in der der Gottesfurcht auch die vor dem Vater sich beigesellen sollte, da ward mein Mann abberufen. Und so ist's kein Wunder, wenn sie ihre eigenen Wege wandelten, wie so manches vaterlose Seemannskind, und die führten gerade ins Verderben hinein. Wie's mit dem Jungen geworden ist, mag Gott wissen. Der ging nämlich trotz meines Abratens frühzeitig zur See. Er besuchte mich wohl noch ein halb dutzendmal und gab mir seine ersparte, schwer verdiente Heuer; aber seit länger als drei Jahren vernahm ich nichts mehr von ihm. Da wird er seinen störrischen Sinn wohl mit dem Leben bezahlt haben. Die jüngste wollte ebenfalls nicht auf mich hören. Die liebte Putz und schöne Kleider und den Tanz vom Abend bis zum Morgen, da war's kein Wunder, daß sie sich den Tod holte. Blieb also nur die älteste, ein schönes, kräftig ausgewachsenes Mädchen und meine Augenweide, und die wär' heut' ihre sechsunddreißig Jahre alt. Von ihr rede ich ungern; aber weil Sie mit Grüßen von meinem toten Holiday kommen, mag ich schon ein Wort mehr darüber verlieren. Denn auf sie hatte ich meine ganze Hoffnung gebaut, und die ist elendiglich betrogen worden. An einen Spieler hing sie sich, und da ich mit meinem Fluch drohte, wenn sie nicht von ihm lasse, lief sie heimlich davon. Auch von ihr sollte ich nicht wieder hören bis vor zehn, zwölf Monaten, und was ich da erfuhr, war genug, mir's Herz zu treffen. Der Spieler traf eines Tages ein und erzählte, seine Frau wäre gestorben: ja, gestorben, ich konnt's nicht glauben, ohne sich zuvor ein gutes Wort bei mir geholt zu haben. Und war sie auch die Frau eines sündlichen Spielers, der nicht Treu noch Glauben kannte, so blieb sie doch mein Kind, für das ich noch 'nen guten Segen übrig gehabt hätte, und dessen war sie in ihrer Scham und Reue nicht eingedenk gewesen.« »Aber zwei Kinder führte er Ihnen zu, Ihre eigenen Enkel, als Ersatz für Verlorenes,« bemerkte die Gräfin, als die Alte in ihren Mitteilungen eine Pause machte. »Meine Enkel?« fuhr diese heftig auf, »ja, meine Enkel sind's, Gott sei's geklagt, aber auch Spielerkinder und selbst Spieler, die auf sündhafte Art ihr Brot erwerben und ein jämmerlich Hungerbrot obenein. Und Zeuge muß ich sein täglich, daß sie ihren Herrgott versuchen und zur Augenweide für müßig Volk ihre Körper und Glieder verunstalten, daß ich nur mit Verachtung auf sie hinsehen kann. Sie selber tragen freilich keine Schuld, und schwer genug wird's ihnen sichtbarlich, in den schrecklichen Zwang sich zu schicken; aber ihr Vater kennt kein Erbarmen, ist ärger als ein Wolfsvater. Was nur an Qualen erdacht werden kann, verhängt er über sie, um Menschen aus ihnen zu machen, denen das Gold nur so in den Schoß regnet, so behauptet er. Alles Lug und Trug! Bevor die weit genug sind, um sich 'nen eigenen Weg auszuwählen, sind sie dem Grabe verfallen. Arme Brut; ich gönn's ihr von Herzen, daß sie die ewige Ruhe findet, bevor noch Ärgeres aus ihr geworden ist oder beide als hilflose Krüppel in ein Spital oder Armenhaus getan werden. Wären sie nur damals schon gestorben, als ihr Vater sie zum erstenmal in den Bock spannte, um sie geschmeidig zu machen, und ich selber noch nichts von ihnen wußte. Und was sie des Abends mit ihren Künsten verdienen, das trägt der Galbrett, so heißt der Vater, in die Whiskyschenken und wer weiß wohin, daß uns kaum so viel bleibt, um der ärgsten Not zu wehren.« »Fassen Sie Mut, gute Frau,« versetzte die Gräfin wieder beschwichtigend; »so lange Ihre Enkel noch leben, ist nicht ausgeschlossen, daß ihr trauriges Los eine Wandlung zum Guten erfährt. Ich bin sogar selbst erbötig, sie mit mir fortzunehmen und für eine bessere Zukunft zu sorgen, auch für Sie selber, schon allein um der Erinnerung an den toten Holiday willen.« »Das ist ein tröstliches Wort, das Sie zu mir reden,« erwiderte die Frau klagend, »und gern hätte ich die Kinder aus den Augen, wüßte ich sie in rechtschaffener Leute Zucht, aber der Galbrett gibt sie nicht heraus; nein, er tut's nicht. Ob er auch ein verworfener Rabenvater ist, und das Leben meiner Tochter sein Gewissen beschwert: von seinen Kindern trennt er sich nicht, das beschwor er wohl hundertmal, wenn ich ihn drum anging. Das geschieht aber nicht aus Anhänglichkeit und Sorge, sondern weil er ein Schwelger und Faulenzer von der gewissenlosesten Sorte ist, der an nichts anderes denkt, als sich von seinen eigenen Kindern ernähren zu lassen, anstatt sie in die Schule zu schicken.« Die Gräfin wechselte einen Blick mit Simpson, und dieser nahm darauf das Gespräch mit der Alten auf. »Sie werden begreifen,« begann er, »daß wir Sie nicht aufsuchten, um uns an Ihrem Elend zu weiden, sondern in der Absicht, Ihnen wirkliche Vorteile zuzuwenden. Mag es immerhin über zwanzig Jahre her sein, seitdem Ihr Mann tot ist, so liegt es doch im Bereich der Möglichkeit, daß ihm noch Gerechtsame zustehen, die nicht verjähren können. Den Namen des Schiffes, auf dem er fuhr, kennen wir, ebenso wissen wir, wo und wie es zugrunde ging. Es handelt sich nur noch darum, ob Sie Ihres verunglückten Mannes rückständige Heuer oder sonstige Entschädigungen ausgezahlt erhielten. Wie ist es damit?« Die Alte sann eine Weile nach. Die Frage kam ihr augenscheinlich unerwartet, um sogleich darauf eingehen zu können. Sie mußte die auf eine ferne Vergangenheit entfallenden Ereignisse erst in ihrem Kopf zurechtlegen, bevor sie antwortete: »Wenn ich mich recht erinnere, waren anderthalb Jahre verstrichen, seitdem ich nichts mehr von meinem Manne hörte, da riet mir jemand, an den Eigner der ›Emilia‹ drüben in England schreiben zu lassen. Denn mit dem Kosthause, das ich damals auf der anderen Seite des Stromes führte, ging es rückwärts, daß ich meine Not hatte, mit den Kindern durchzukommen. Eine Antwort erhielt ich bald genug; aber darin hieß es, der erste Steuermann, Mac Lear, hätte alles berechnet, und ich möchte mich an ihn drum wenden. Er stände nicht mehr im Dienst der Reederei, seitdem er in Rio seinen Abschied genommen; aber er wäre eine rechtschaffene Natur, die 'ne arme Seemannswitwe nicht um einen Cent bringen würde. Da seine Adresse genau beigefügt war, ließ ich mir sogleich ein gehöriges Schriftstück an ihn aufsetzen und trug's selber auf die Post. Diesmal ließ der Bescheid länger auf sich warten, und als er eintraf, war ich nicht klüger. Da schrieb nämlich jemand an mich, Mac Lear wäre längst von Rio verzogen und in irgend 'nem unbekannten Winkel in Not und Krankheit umgekommen. Mit der rückständigen Heuer und 'ner Entschädigung war's also nichts, und da mußte ich mir helfen, so gut oder schlecht es gehen wollte.« »Sind die Briefe noch in Ihrem Besitz?« fragte Simpson gespannt. »Hab' sie aufbewahrt zum Angedenken an Holiday,« antwortete die Alte herbe; »hatten sie mir keinen Trost oder Hilfe eingebracht, so widerstand's mir doch, sie von mir zu tun.« »Wären Sie vielleicht geneigt, sie uns anzuvertrauen?« »Liegt Ihnen an den alten Schriften, so überlasse ich sie Ihnen gern um der guten Worte willen, die Sie zu mir in meinem Elend redeten. Aber ich sag's im voraus: was vor zwanzig Jahren vergeblich gewesen, wird heut' nicht besser sein. – Susanna!« rief die Alte in den finsteren Nebenraum hinein, und gleich darauf stand das junge Mädchen vor ihr und fragte, mit seltsamer Scheu den Blicken der beiden Fremden ausweichend, nach ihrem Begehr. »Geh' an die Kiste,« forderte , die Großmutter sie auf und gab ihr einen Schlüssel, »links in der Beilade liegt ein zusammengewundenes seidenes Halstuch, das hat dein Großvater einst des Sonntags getragen. Da drin befinden sich alte Schriften, die bringe mir.« Schweigend entledigte das Mädchen sich seines Auftrages. Nachdem es Schlüssel und Paket vor die Großmutter auf den Tisch gelegt hatte, begab es sich wieder in den Nebenraum. Von der Alten nicht gehindert, öffnete Simpson die Verschlingungen des Tuches, und diesem eine kleine Anzahl zerknitterter und vergilbter Papiere entnehmend, prüfte er sie gemeinschaftlich mit der Gräfin. Taufscheine und Familienpapiere waren es zumeist, und unter diesen fanden sie leicht die beiden Briefe heraus, auf die die Witwe sich bezogen hatte. Was sie enthielten, war ihnen nicht mehr fremd; dagegen fesselte die Handschrift des zuletzt erwähnten Schreibens ihre Aufmerksamkeit in hohem Grade. Obwohl den Poststempel von Rio Janeiro tragend und später geschrieben, als der, den die Witwe Larsen einst von New Orleans aus erhielt, machte es doch den Eindruck, als ob beide unter derselben Hand hervorgegangen wären. Mit einem eigentümlich feindseligen Lächeln begleitete die Gräfin diese Entdeckung, wogegen Simpson, wie in Zweifel, halblaut bemerkte: »Es wäre doch wunderbar. Ich wage indessen nicht daran zu glauben, bevor ich die beiden Schriftstücke miteinander verglichen habe.« »Bei mir bedarf es dessen nicht,« versetzte die Gräfin rauh: »der Argwohn, der schon in Norwegen greifbare Form gewann, findet in diesem Briefe seine Bestätigung.« Und zu der alten Frau gewendet: »Diese beiden Papiere werden Sie mir also bis auf spätere Zeiten anvertrauen. Um Ihnen dagegen zu beweisen, wie zuversichtlich ich auf den Erfolg meiner Mühe rechne, leiste ich Ihnen schon jetzt eine kleine Abschlagszahlung.« Mit den letzten Worten zählte sie mehrere Goldstücke auf den Tisch. Einen scheuen Blick durchs Fenster auf die Straße hinaussendend, steckte die Alte das Gold zu sich. Die übrigen Papiere wickelte sie wieder in das Tuch, und abermals rief sie das Mädchen. Diesmal erschien Susanna in Begleitung des Bruders, den sie an der Hand führte. Er hatte der Versuchung nicht widerstehen können, die beiden Fremden, die trotz des in ihrem Wesen vorherrschenden Ernstes einen Vertrauen erweckenden Einfluß auf ihn ausgeübt hatten, ebenfalls einmal in der Nähe zu betrachten. Auf der Großmutter Geheiß verschlossen die Geschwister das Paketchen. Den Schlüssel auf den Tisch legend, wollten sie sich eben wieder entfernen, als die Gräfin sie aufforderte, zu bleiben. Mit undurchdringlicher Ruhe sah sie in zwei Paar große Augen, die, wie ein entscheidendes Urteil über Leben und Tod von ihr erwartend, ängstlich an ihren Lippen hingen. »Kinder,« sagte sie nach einer Pause tiefer Stille feierlich, »möchtet ihr mit mir ziehen? Vergessen die brotlosen Künste, zu denen ihr erzogen wurdet, dagegen lernen, mit der Feder umzugehen und aus unterhaltenden Büchern zu lesen?« Über das plötzlich erglühende Antlitz des Knaben eilte wildes Entzücken. Seine Augen leuchteten förmlich. Doch gleich darauf erlosch das Feuer wieder. Blöde neigte er das Haupt, und leise drang es zu der Gräfin Ohren: »Der Vater erlaubt es nicht.« Liebkosend strich die Gräfin mit der Hand über die von der Schwester sorgfältig geordneten schwarzen Locken. »Vielleicht ändert sich dies,« sprach sie nachdenklich, dann kehrte sie sich Susanna zu. Während sie sich mit dem Knaben beschäftigte, hatte diese sich nicht gerührt. Wie durch eine wunderbare Kunde berauscht, blickten ihre Augen in namenlosem Erstaunen. Was die Gräfin nach den ersten Worten noch zu dem Knaben sprach, ging ihr verloren. Die Frage, ob sie mit ihr ziehen wollten, und der Ton, in dem sie gestellt wurde, erschienen ihr so unerhört, alles in ihren Begriffen Liegende so weit übersteigend, daß sie ihren Sinnen nicht traute. Indem die Gräfin aber ihre ruhigen blauen Augen voll auf sie richtete, liefen in den ihrigen Tränen zusammen, die zu bewältigen sie ihre äußerste Kraft aufbot. »Antworte doch, Susanna,« redete die Gräfin sie an, »was meinst du, wenn du es aufgäbest, vor häßlichem Gesindel deine Gauklerkünste zu zeigen, dagegen mit Dingen dich beschäftigtest, die eines erwachsenen Mädchens mehr würdig sind?« Susanna erbleichte und errötete in jähem Wechsel. Sie öffnete die Lippen, vermochte aber keinen Laut hervorzubringen Ihre Brust arbeitete wie bei einer Erstickenden. »So sprich doch, armes Kind,« fuhr die Gräfin noch gütiger fort; »was dir jetzt unfaßlich erscheint, vielleicht ist es doch erreichbar. Denke, es hätten Tote für dich gebeten. Tote so treu und redlich, daß es ein Verbrechen wäre, ihr rührendes Flehen unberücksichtigt zu lassen.« Da belebte sich die schlanke Gestalt der jungen Gauklerin. Die Arme warf sie empor. Einem verhaltenen Angstruf ähnlich entwand ein Seufzer sich ihrer Brust; dann bedeckte sie, um die ihren Augen entstürzenden Tränen zu verheimlichen, mit beiden Händen ihr Antlitz. Krampfhaft schluchzte sie, als hätte sie verzweiflungsvoll um das ihrem schmächtigen Körper entfliehende Leben gekämpft. Erschüttert sah Simpson auf sie hin; erschüttert beobachtete die Gräfin, wie der in beständiger Sklaverei gehaltene Geist vergeblich trachtete, sich über die ihm bisher gesteckten Grenzen hinauszuschwingen, wie er, gleichsam geblendet, zurückbebte vor dem milden Hauch, der die an sie gerichtete Frage umfloß. Endlich aber faßte sie sich. »Mein Bruder sprach die Wahrheit.« tönte es ergreifend und kaum verständlich von ihren bebenden Lippen, »der Vater gibt uns nicht frei – er hat es geschworen. Vielleicht will er unser Bestes, aber das Leben ist so schrecklich – so schrecklich –« und aufs neue in heftiges Weinen ausbrechend, flüchtete sie in ihre düstere Kammer, wohin der Knabe ihr schleunigst nachfolgte, als hätten beide sich ein todeswürdiges Verbrechen zuschulden kommen lassen., Sinnend blickte die Gräfin ihnen nach. Kaum aus ihrem Gesichtskreise getreten, kehrte sie sich Simpson mit den Worten zu: »Was gehört dazu, zwei solch' unschuldige Wesen um die heilige Zeit der Kindheit zu betrügen. Wir müssen sie retten, vor einem schrecklichen Untergange bewahren, mag es kosten, was es wolle.« »Viel kosten sie freilich nicht,« bemerkte mit stumpfem Ausdruck die Alte, die von den gedämpft gesprochenen Worten nur die letzten verstanden hatte. »Galbrett meint, wenn sie erst mehr verdienten, würden sie auch mehr gebrauchen, mehr noch, als eine Lordstochter. Sie sind eben Spielerkinder – Gott sei's geklagt – und selber Spieler. Das dumme Ding, was weint es denn, wenn jemand ein gutes Wort zu ihm redet? Das kommt nicht oft vor, so daß ich mein', es müßte eine verstockte Natur drinnen sitzen.« Über das Antlitz der Gräfin eilte eine Wolke des Mißmutes, als sie die Alte so herzlos über ihre eigenen Enkel urteilen hörte. Sie begriff indessen, daß in deren Augen Gaukler zu den Unehrlichen zählten, und das Bewußtsein, die Kinder ihrer verstorbenen Tochter diesen beirechnen zu müssen, diese ihr gänzlich entfremdet hatte. »Sie hörten meinen Willen,« erwiderte die Gräfin. »Beide möchte ich zu mir nehmen und dafür sorgen, daß sie zu ehrenwerten Weltbürgern erzogen werden. Sie selbst sollen dadurch nicht Ihres Unterhaltes beraubt werden. Der Vater mag dann hingehen, wohin er will; denn das Anrecht an die Ärmsten verwirkte er längst durch seine Herzlosigkeit. Vielleicht ist er damit einverstanden, wenn er gegen Entgelt der Sorge um sie überhoben wird.« »Er tut's nicht,« antwortete die Alle, das greise Haupt nachdenklich wiegend, »ich kenne ihn, er tut's nicht.« »Stellen Sie es ihm nur vor,« ermutigte die Gräfin, »findet er dabei seine Rechnung, so gibt er sicher nach. Morgen oder übermorgen besuche ich Sie wieder: bis dahin wird er sich besonnen haben; dann einigen wir uns schnell.« Die Alte wiegte ihr Haupt abermals zweifelnd. Die Gräfin erhob sich. Gern hätte sie die Geschwister noch einmal gesehen und gesprochen. Simpson riet indessen von längerem Verweilen ab, und so schied sie mit kurzem Gruß und dem Versprechen des baldigen Wiedersehens. Sie war eben auf den Flur hinausgetreten, und Simpson hatte die Tür hinter sich zugezogen, als sie plötzlich Susanne auf den Knien liegen sah. Woher sie gekommen, begriff sie nicht. Sie schien aus dem staubigen Estrich aufgetaucht zu sein. Tränen rannen über ihre Wangen, und die gefalteten Hände zu der Gräfin erhoben, flehte sie ergreifend: »Liebe, gute Dame, so gern ging ich mit Ihnen, auch mein Bruder Artur – wir sind so unglücklich – der Vater ist so grausam – « Erbleichend brach sie ab. Eine Sekunde lauschte sie aus den vorbeiführenden Weg hinaus. Dann sprang sie auf, und so schnell verschwand sie im Hintergrunde des Flurs zwischen losen Brettern, daß weder Simpson noch die Gräfin ihre Bewegungen mit den Blicken zu verfolgen vermochten. Noch aber kämpften sie mit der ersten Überraschung, als draußen schwere Schritte vernehmlich wurden, die Haustür sich verdunkelte und Galbrett vor ihnen stand. Beim Anblick der Fremden, die ihren Weg bis zu seinem abgelegenen Heim hinausgefunden hatten, blieb er sichtbar betroffen stehen. Wie jemand, der sich stets unter der nie schlummernden Anklage des eigenen Gewissens befindet, starrte er argwöhnisch auf sie hin. Er erkannte indessen kaum die beiden Gäste, die er abends zuvor in der Trinkspelunke der Frau Drunmoore durch das Fenster beobachtete, als auf seinem Gesicht roher Trotz zum Durchbruch gelangte. Er mochte sich sagen, daß er von Leuten, die an dem verrufenen Ort auch nur eine Stunde weilten, nichts zu fürchten habe. Dann aber wähnend, die Häupter einer Gauklerbande vor sich zu sehen, die, dem Beispiel des langen Gauklerchefs folgend, sich die Aufgabe gestellt hatten, die vielverheißenden Schlangenkinder auf irgend eine Art in ihre Gewalt zu bringen, hob er in spöttisch vertraulichem Tone an: »Die Arbeit der beiden Dinger hat Ihnen gefallen? Glaub's gern. Zwei Abende der Woche sind sie noch frei; aber ein gutes Angebot gehört dazu, sie für ein halb Dutzend Vorstellungen zu mieten –« Er brach ab. Verstand Simpson, seinen Widerwillen zu beherrschen, so entdeckte Galbrett dafür auf dem Antlitz der Gräfin einen so sprechenden Ausdruck tiefer Verachtung, daß er sofort begriff, von seinen Mutmaßungen irre geleitet worden zu sein. Bestätigung fand sein Argwohn, sobald sie erwiderte: »Ja, die Kinder erweckten meine Teilnahme aus doppelten Gründen, und ich leugne nicht, daß ich zu erheblichen Opfern bereit wäre, gelänge es mir, die Enkel des verschollenen Holiday für einen anderen Lebensberuf vorzubereiten, ihnen eine Zukunft zu begründen, die auch Ihnen, dem Vater, eine freundliche Beruhigung gewährte.« In Galbretts Zügen spiegelte sich sein ganzer Verdruß über die Begegnung, seine Verachtung der an ihn gerichteten Vorschläge. Sobald aber der zwischen den Geschwistern und dem toten Schiffskoch schwebenden Beziehungen gedacht wurde, erschrak er, als wäre ein berechneter Schlag nach ihm geführt worden. Doch was ihn bewegen mochte, es erstickte in der auslodernden Wut, die sein bräunliches Gesicht vorübergehend entstellte. Er sann förmlich darauf, seine Zurückweisung in eine Form zu kleiden, die eine Fortsetzung des Gesprächs als wenig ratsam erscheinen ließ, und so antwortete er erst nach einer Pause mit giftigem Hohn: »Ich als Vater sollte doch am besten wissen, was meinen Kindern dient; Sie aber möchten wohl die letzten sein, denen ein Urteil über den Beruf eines Künstlers zusteht. Hatten Sie keinen anderen Grund, ihnen nachzuspionieren, so bemühten Sie sich vergeblich. Über meine Kinder verfüge ich allein, das merken Sie sich für alle Zukunft, oder es möchte mich die Lust anwandeln, von meinem Hausrecht Gebrauch zu machen.« Bei den letzten Worten gab er seinem zerknitterten Hut einen Stoß, und mit dem kläglichen Versuch einer Achtung gebietenden Haltung, drängte er sich an den ungerufenen Gästen vorbei. Gleich daraus fiel die Stubentür hinter ihm krachend ins Schloß. Die Gräfin und ihr Begleiter sahen sich gegenseitig in die Augen. Von den gleichen Empfindungen bewegt, hatten sie es nach den ersten Worten des rohen Gesellen aufgegeben, sich in weitere Erörterungen mit ihm einzulassen. »Das ist also der Vater der beklagenswerten Geschöpfe,« bemerkte die Gräfin düster, indem sie auf die Straße hinaustraten und ungesäumt den Rückweg einschlugen. »Eine merkwürdige Erscheinung,« meinte Simpson nachdenklich, »Spieler und Gaukler nennt ihn die alte Frau, und gewiß berechtigt. Trotzdem ist er auch dem Seeleben nicht fremd. Ich entdeckte es, als er die Hand nach dem Hute hob und der Ärmel des Rockes von ihr zurückglitt. Ein blauer Anker ist auf deren Außenseite zwischen Daumen und Zeigefinger eintätowiert, wie es nur unter Seeleuten niederen Ranges Sitte ist.« »Mag er, wer weiß was, gewesen sein,« spann die Gräfin das Gespräch weiter, »seit der Begegnung mit ihm ist meine Teilnahme für die unglückseligen Kinder noch gewachsen. Ich darf nicht dulden, daß sie, wie dem körperlichen Untergange, auch dem sittlichen entgegengeführt werden, soll ich überhaupt noch eine ruhige Stunde erleben. Viel ist es freilich, was ich in Verfolgung meiner Aufgaben über mich ergehen lassen muß, allein ich will – verstehen Sie mich recht – ich will , wie den Neffen des armen Larsen, auch die letzten Nachkommen des ehrlichen Schiffskochs an mich fesseln. Gedenken Sie der Toten auf der Aurora-Insel. Deren letzter Klageruf darf nicht ungehört verhallen. Was nur irgend dazu dienen kann, den ruchlosen Mörder zu überführen, muß ich zur Hand haben, wenn ich ihm gegenüber trete. Und unter den Lebenden weilt er noch. Eine innere Stimme ruft es mir zu.« »Lägen nur nicht so viele Jahre zwischen jenen Zeiten und dem heutigen Tage,« bemerkte Simpson zweifelnd. »Ob viele, ob wenige,« erklärte die Gräfin ruhig, »und erreichte ich in der Tat nichts weiter, als meinen Fuß auf das Grab des Verruchten zu stellen und einen Fluch ihm in die Erde nachzusenden, so wollte ich schon zufrieden sein.« – Dreizehntes Kapitel. Das Heim des Gauklerchefs. Ehrenmann Galbrett. Ein Handel Es war am Abend des Tages, an dem die Gräfin sich erfolglos zu der alten Holiday bemühte. In dem umfangreichen Gauklerzelt auf dem abgelegensten Ende der Stadt hatte man eben eine sogenannte Galavorstellung beendigt. Der hagere Direktor und seine bessere Hälfte weilten bereits in ihrem geräumigen Wohnungswagen. Vor einem kleinen Tisch saßen sie aus Feldstühlen, zwischen sich die Reste eines einfachen Mahls. Mißmut spiegelte sich in ihren durch Schminke verjüngten Zügen, Mißmut in der Art, in der sie abwechselnd einer verdächtig duftenden Flasche zusprachen, vor allem aber in dem Umstände, daß sie keine Neigung empfanden, den bereits ziemlich verblichenen Flitterstaat mit ihrer Stimmung mehr entsprechenden Kleidern zu vertauschen. Der Unmut begründete sich darauf, daß die Zugkraft ihrer Vorstellungen von Tag zu Tag mehr erlahmte und der Abend nicht mehr fern zu liegen schien, an dem man, wenn überhaupt, vor leeren Bänken spielen würde. Beschäftigt mit den abenteuerlichsten Plänen für die Zukunft, hatten sie verdrossen der neu entdeckten Schlangenkinder gedacht und alle nur möglichen und unmöglichen Mittel erwogen, sich ihrer auf die eine oder die andere Art zu bemächtigen, als auf den nach dem Wagen hinaufführenden Stufen Schritte laut wurden. Die Tür öffnete sich vor einem hastigen Griff, und herein schlüpfte Jannock, der Clown der Gesellschaft, der gleiche Mann, der den Direktor zu der Frau Drunmoore begleitete. Auch er befand sich noch im Arbeitsanzuge, und trotz der seine Züge bedeckenden Farbe war der Ausdruck des Triumphes auf dem verkommenen Gesicht unverkennbar, so daß die beiden würdigen Gatten mit Spannung seiner ersten Eröffnung entgegensahen. »Ich hatte rocht, als ich behauptete, er würde zu seiner Zeit von selber kommen,« hob er gedämpft an, »glaubte aber nicht, daß es so bald geschehen würde.« »Wer?« , fragte das Direktorpaar wie aus einem Munde. »Wer anders, als Galbrett, und in Begleitung der Schlangenkinder obenein,« hieß es vorsichtig flüsternd zurück. Der Direktor sprang empor. Wie durch Zauber schwand die trübselige Erschlaffung aus seinem Wesen. Er war wieder Künstler vom dürftig behaarten Scheitel bis zu den roten Schuhen hinunter. »In dunkler Nacht?« fragte er lebhaft zurück, und aus seinen Augen lugte die Gier eines nach Beute lechzenden Raubtieres. »Er wird wohl Ursache haben, das Tageslicht zu scheuen,« versetzte die bedächtige Direktorin, und indem sie sich gemächlich erhob, krachten alle Nähte ihres Atlasmieders: »aber darum handelt es sich nicht, sondern vielmehr um die Frage, wo sie sich befinden.« »Ja, wo sie sich befinden,« wiederholte Buonaventura würdevoll. »Im Zelt,« antwortete Jannock, »ich sah sie hineingehen, hörte den Mann nach dem Direktor fragen und eilte spornstreichs her. In einer Minute müssen sie da sein.« »Die Schlangenkinder sind die unsrigen,« versetzte die Direktorin zuversichtlich, »das heißt, wenn keine Dummheiten begangen werden,« fügte sie erhaben hinzu, und ihr vorwurfsvoller Blick streifte den Gatten, »nehmen wir also Platz. Von dem späten Besuch haben wir selbstverständlich keine Ahnung. Er muß uns vollständig überraschen.« Gleich darauf saßen die Mitglieder des Gauklervorstandes, zu dem auch Jannock zählte, in harmlosem Geplauder beieinander. Und harmlos klangen ihre gedämpften Stimmen in der Tat; die Ansichten aber, die sich zwischen ihnen kreuzten, und die eingeflochtenen Ratschläge entsprachen nicht nur der widerwärtigen Gruppe, sondern auch der ganzen vagabondenhaften Umgebung. Kindlich heiter klangen sie, als draußen im Dunkeln unsichere Schritte sich die Stufen herauftasteten, mit hartem Knöchel an die Tür gepocht wurde und auf den an ihn ergehenden Ruf Galbrett, seine beiden Kinder vor sich herschickend, eintrat. »Hätte ich doch eher an den Einbruch des Himmels geglaubt, als an die Möglichkeit, Sie in diesem Leben noch einmal wiederzusehen,« rief der Direktor ihm entgegen, und sich erhebend, reichte er ihm die Hand zum Gruß. »Doch gleichviel, willkommen sind Sie mir zu jeder Stunde, doppelt, wenn ein guter Wind Sie hierher geweht haben sollte.« Galbrett ließ seine Blicke mißtrauisch von einem zum anderen schweifen. Er war selber eine zu gewiegte Verbrechernatur, als daß er den Charakter der Gesellschaft, in der er sich befand, verkennen konnte. »Hätte es selber nicht geglaubt, als wir uns gestern voneinander trennten,« erwiderte er mürrisch, wie unter dem Zwange einer mißlichen Notwendigkeit, »aber Umstände ändern oft genug 'ne Sache. Ging ich auf Ihr gestriges Anerbieten nicht ein und komme ich Ihnen vierundzwanzig Stunden später auf halbem Wege entgegen, so liegen Ursachen vor, die sich fremder Beurteilung entziehen, Ihnen auch gleichgültig sein können. Hier sind meine Kinder,« und er wies auf die Geschwister, die wie zur Schlachtbank geführte Opferlämmer mit stumpfer Scheu um sich sahen. »Was ich aus ihnen heranbildete, davon überzeugten Sie sich selbst; ich brauch' daher nichts mehr hinzuzufügen. Sie sind Zugmittel ersten Ranges, die jedem großen Zirkus zur Ehre gereichen würden; trotzdem möchte ich ihnen eine kurze Schule unter Ihrer Leitung gönnen. Bei ihrer sorgfältigen Vorbereitung kostet's nur die Mühe der Anweisung, um sie ganz fertig zu machen.« Während dieser Erklärung hatten die Mitglieder des Gauklervorstandes jede Gelegenheit benutzt, sich durch verstohlene Blicke untereinander zu verständigen und demgemäß ihr ferneres Verfahren zu bemessen. »Also Ihre eigenen Kinder?« nahm die Direktorin zunächst das Wort, und das eine Auge schließend, blinzelte sie mit dem anderen verschmitzt. »Mein eigen Fleisch und Blut,« beteuerte Galbrett unwirsch. »Hm, so,« meinte die Direktorin, die Nase in offenem Unglauben rümpfend, »doch die Abkunft ist Nebensache. Für mich bleibt Hauptsache, daß die edlen Sprößlinge auch Edles leisten.« »Selber vom Fach?« beteiligte der Direktor sich nunmehr wieder an dem Gespräch, und sich majestätisch aufrichtend, wies er mit der Hand auf Galbrett. »Gewesen,« räumte dieser lauernd ein, »wurde aber in jüngeren Jahren auf ein Schiff verschlagen, wo die Not mich zu harter Arbeit zwang. Da ging freilich ein Teil meiner Gewandtheit verloren; das hinderte mich indessen nicht, zum Lehrfach überzugehen.« »Auf welches Schiff?« fragte Jannock, wie um überhaupt etwas zu sagen, in der Tat aber, um Galbrett zu unvorsichtigen Äußerungen über seine augenblickliche Lage zu bewegen. Dieser fuhr sichtbar bestürzt herum. Sobald er aber in das einfältig grinsende Clownsgesicht sah, kehrte seine Überlegung zurück. Über sich selbst nicht minder erbittert, als über den zudringlichen Frager, antwortete er abweisend: »Was hat das mit den Kindern zu schaffen? Oder forschte ich selber, aus welchem Ei Sie hervorgekrochen sind? Verdammt! Gibt's hier keine Einigung, so finde ich sie anderweitig.« Jannock wechselte einen Blick mit der Direktorin. Diese betrachtete die Kinder prüfend und bemerkte nachlässig: »Zu schwach noch in den Gliedern, um Außergewöhnliches zu leisten.« »Schlank gebaut sind sie, ich leugne es nicht,« erklärte Galbrett, einem Roßkamm ähnlich, der die Vorzüge eines zum Kauf gestellten Pferdes hervorhebt, »aber ihre Knochen bestehen aus Elfenbein, ihre Sehnen aus Darmsaiten.« »Wir würden sie nur auf Probe nehmen können,« entschied der Direktor. »Weiter verlange ich nichts,« versetzte Galbrett ungeduldig, »ich stelle nur die Bedingung, daß sie gleich hier bleiben.« »Gleich?« fragte die Direktorin nachdenklich, und jetzt hielt Jannock für angemessen, wieder mit in die Verhandlung einzugreifen. »Ich setze voraus,« hob er an, »wir verwickeln uns nicht in eine Angelegenheit, die uns in Zwiespalt mit den Behörden zu bringen vermag.« »Über meine eigenen leiblichen Kinder steht mir allein das Verfügungsrecht zu,« erwiderte Galbrett hastig, durch die Bemerkung Jannocks offenbar peinlich betroffen. Er warf einen finsteren Blick auf die Geschwister, die sich nicht zu rühren wagten und jedesmal mit ängstlicher Spannung zu dem emporsahen, der gerade das Wort ergriffen hatte, und fügte zögernd hinzu: »Allerdings gibt es anderes, was ich mit Ihnen besprechen möchte, allein –« Die Direktorin verstand den Wink. Sie reichte den Geschwistern die Hände und führte sie nach dem entlegensten Winkel des Wagenraumes hinüber. Dort stellte sie auf einer Kiste etwas Fleisch, Brot und ein Glas Bier vor sie hin. Zwei formlose Zeugbündel wies sie ihnen als Sitze an, mit manchem guten Wort die Wohltat eines kräftigen Mahls preisend. Durch einen kalt prüfenden Blick überzeugte sie sich, daß ihre Pflegebefohlenen an nichts weniger dachten, als dem in ihrer Umgebung Stattfindenden viel Aufmerksamkeit zu schenken, dann begab sie sich zu den Männern zurück. Auf Feldstühlen saßen diese nunmehr, die Arme vor sich auf dem kleinen Tisch kreuzend und die Köpfe einander zugeneigt. Als sie in ihrem Kreise sich niederließ, war Jannock eben im Begriff, seine Bedenken über die Aufnahme der Schlangenkinder zu offenbaren. »Aus allem geht hervor,« erklärte er Galbrett, »daß Ihnen aus irgend welchen rätselhaften Gründen daran gelegen ist, Ihre Kinder – Mann, bedenken Sie doch: Ihre eigene Nachkommenschaft – verschwinden zu lassen. Da möchte der Henker nicht mißtrauisch werden.« »Verschwinden sollen sie nicht,« ging Galbrett sofort auf des so viel listigeren Clowns Andeutung ein, »ich wünsche sie nur so unterzubringen, daß sie ihrem Beruf nicht entfremdet werden, ich aber, wenn ich über ihr Wohlergehen mich unterrichten will, sie nicht auf der Straße zu suchen brauche. An Einsamkeit sind sie gewöhnt, da bereitet es Ihnen keine Schwierigkeit, sie den Tag über neugierigen Blicken zu entziehen. Des Abends dagegen, während ihres kurzen Auftretens, ist nicht zu befürchten, zumal in dieser abgelegenen Stadtgegend nicht, daß jemand, der sich für berufen hält, meine Familienangelegenheiten zu den seinigen zu machen, sich hierher verirrt.« »Und wenn es dennoch geschähe?« forschte Jannock verschmitzt, und unter dem grellen Farbenüberzuge entstellte sein spitznasiges Gesicht sich zu einer grinsenden Larve. »So weisen Sie ihm einfach die Tür,« antwortete Galbrett ingrimmig. »Täglich spreche ich hier vor, und höre ich von Belästigungen, so ist's immer noch Zeit, Gegenmaßregeln mit Ihnen zu vereinbaren.« Unter den geneigten Stirnen des Gauklervorstandes hervor kreuzten sich, von Galbrett unbemerkt, Blitze triumphierenden Verständnisses, worauf die Direktorin unzufrieden einwarf: »Es spielen also doch allerlei Möglichkeiten?« und beipflichtend klappten des Direktors Hände rückwärts über und nickte das Kreide– und Scharlachgesicht Jannocks dreimal heftig hintereinander. »In der Welt ist alles möglich,« erklärte Galbrett achselzuckend, »ich wohne nämlich bei der Großmutter meiner Kinder, einer beschränkten Person, die sich in den Kopf gesetzt hat, Künstler unseres Schlages gehörten nicht zu den ehrlichen Menschen. Sie griff daher mit allen zehn Fingern zu, als ein paar verkappte Missionäre, oder was sonst für Heilige es sein mögen, vorschlugen, die Kinder ihrem eigenen Vater zu entführen und betende Götzenbilder aus ihnen zu erziehen. Und so begann die alte Hexe mit Bitten und Beschwörungen auf mich einzureden. Es folgten sinnlose Drohungen, die mich indessen auf den Gedanken brachten, daß ich eines Tages ein leeres Nest vorfinden könnte. Um sicher zu gehen, bleibt mir also kein anderer Ausweg, als den Leuten zuvorzukommen und die beiden da drüben aus dem Wege zu bringen. Denn sind sie einmal fort, da mag der Henker nach ihnen suchen; die Welt ist groß und auf dem Wasser hinterlassen sie keine Spuren.« »Bei uns fänden sie allerdings den sichersten Schutz,« meinte die Direktorin zögernd, als wäre nach den neuen Eröffnungen ein Entschluß ihr doppelt schwer geworden, »schlimmstenfalls könnten wir den Schauplatz unserer Tätigkeit mehr landeinwärts verlegen.« »Gerade das ist's, was ich vermieden wissen will,« erklärte Galbrett ingrimmig. »Vertraue ich Ihnen die Kinder zur Gewinn bringenden Ausnutzung ihrer Fähigkeiten an, so muß ich die Bürgschaft haben, nicht eines Tages statt eines Zeltes eine leere Stätte hier vorzufinden.« »Mein Name ist Buonaventura,« versetzte der Direktor, sich stolz in die Brust werfend, »wer an meinem Wort zweifelt, dem muß ich meine Achtung versagen.« Galbrett grinste tückisch und bemerkte mit verstecktem Hohn: »Fahrende Künstler binden sich nie an einen bestimmten Ort. Sie sind wie die Zugvögel. Da ist's am sichersten, wenn ich die eigenen Augen und Ohren gebrauche –« und vermittelnd fiel Jannock ein: »So würde ich Ihnen raten, ebenfalls unserer Gesellschaft beizutreten. Ich vermute, Ihre Schwiegermutter wird auch ohne Sie fertig.« »Zum Teufel mit Ihren Ratschlägen,« polterte Galbrett, »was ich zu tun habe, weiß ich selbst am besten. Wollen Sie die Kinder behalten, so ist's gut; wenn nicht, so sprechen Sie es offen aus, damit ich keine Zeit verliere;« und in den Zügen aller ein gewisses Entgegenkommen lesend, fuhr er fort: »außerdem bestehe ich darauf, daß von der Mehreinnahme, die Sie den Kindern verdanken, ein bestimmter Anteil mir zufließt.« Während nunmehr die angeregte Frage in lebhaftem Geflüster erörtert wurde, schien man die beiden Geschwister vollständig vergessen zu haben. Wie von beängstigenden Träumen umfangen, saßen diese in ihrem Winkel. Bis zur Stumpfheit traurig blickten ihre Augen. Sie erzählten von einer Leidensschule, vor der der Engel der Barmherzigkeit sein Antlitz hätte weinend verhüllen müssen. In die Zukunft dachten sie nicht hinaus; aber wenn immer es unbemerkt geschehen konnte, suchte der Knabe die Hand seiner Schwester oder mit leisem Griff eine Falte ihres Kleides, um sich zu halten, daß er nicht von ihr gerissen werde. Nur verstohlen spähten sie nach der eifrig beratenden Gruppe hinüber. »So wären wir einig,« brachte die Direktorin die Vereinbarung endlich zum Abschluß, indem sie Galbrett die Hand reichte. Sie warf einen Blick auf die Geschwister und fügte laut genug, um von ihnen verstanden zu werden, hinzu: »Seien Sie unbesorgt. Ihre Kinder werden in mir eine zärtliche Mutter finden, die auf Schritt und Tritt ihr Wohlergehen überwacht.« Galbrett zuckte die Achseln. Die Beteuerung der Direktorin auf ihren wahren Wert zurückführend, hielt er für überflüssig, daran anzuknüpfen. Schweigend erhob er sich, und zu den Geschwistern hinüberschreitend, reichte er ihnen die Hand. »Ihr werdet vorläufig hier bleiben,« sprach er; »hoffentlich erwerbt ihr euch die Zufriedenheit eurer Prinzipale. Deren Zufriedenheit ist die meinige; ihr kennt mich.« Er kehrte sich dem Gauklerkleeblatt zu, das sich ebenfalls erhoben hatte. Ob man ihn auch zu allen Teufeln wünschte, so tönten ihm doch freundschaftliche Scheidegrüße nach, als er auf den im Finstern liegenden Stufen sich hinuntertastete. Die Direktorin hatte den Geschwistern einige Decken gereicht, in die diese sich alsbald zur Nachtruhe einhüllten. An den Tisch zurückkehrend, wo Buonaventura und Jannock bereits wieder Platz genommen hatten, griff sie sofort in das leise geführte Gespräch ein. »Ein jämmerlicher Schurke,« sprudelte es von ihren Lippen, »es ist nicht mehr als Christenpflicht, ihn seiner Kinder zu entledigen.« »Seiner Kinder?« fragte der Direktor sittlich entrüstet, »nennt mich den ungelenkigsten Besenstiel, der je in einem Winkel verrottete, wenn's seine eigenen sind.« »Um so günstiger,« meinte Jannock bedächtig, die feuerfarbigen Brauen etwas höher nach der Kreidestirn hinaufschraubend, »je mehr Ursache er selber zu allerlei Befürchtungen hat, um so weniger brauchen wir seine Bedingungen zu berücksichtigen.« »Ein wahres Wort,« bestätigte die Direktorin, »wohl brachte er die Kinder hierher; ob sie ihn aber jemals von hier fortbegleiten, möchte ich bezweifeln.« Und wiederum zwängte sich das Kreidegesicht in zahlreiche Denkerfalten. »Die einzige Gefahr liegt in einem abermaligen zähen Wechsel seiner Gesinnungen. Wir müssen daher solche Vorkehrungen treffen, daß wir nicht überrascht werden können.« Hier neigten die drei Verbündeten ihre Häupter näher zueinander hin, und mit dem Werk, das sie dann mit gedämpfter Stimme vorbereiteten, standen im Einklange die farbenreichen, flitternden Lappen und Gewebe, deren wunderliche Zusammenstellung sie auch äußerlich zu Höllengeistern stempelte; stand im Einklange das verschmitzte Lachen, mit dem man bald diesen, bald jenen von Hohn strotzenden Scherz lohnte. Denn nicht mehr menschliche Wesen waren es für die drei Genossen, über deren Zukunft sie schamlos verfügten, sondern Automaten oder Waren. Was aus ihnen wurde, wen kümmerte das weiter? Mochten sie hinter einem Zaun ihr Leben aushauchen, oder in einem Spital, wenn nicht Gefängnis, langsam dahinsiechen: Ihnen weinte keiner nach. Eine halbe Stunde hatten sie beieinander gesessen, als die Direktorin die Beratung mit den Worten schloß: »Was geschehen soll, muß aber bald geschehen.« Jannock sah nach der unförmlichen Taschenuhr, die seitwärts von ihm an der Bretterwand hing. »Halb zwölf,« sprach er nachdenklich, »eigentlich schon spät; aber der Henker traue diesem Galbrett. Breche ich jetzt auf – umgekleidet bin ich in drei Minuten – so treffe ich die ehrenwerte Mutter Rowdy noch munter,« und hämisch lachte er vor sich hin. Er leerte das ihm von der Direktorin gebotene Glas und erhob sich. »Gute Verrichtung,« tönte es ihm nach, als er den Wagen verließ und die Tür hinter sich zudrückte. »Ein Mensch von unbezahlbarem Wert,« erklärte die Direktorin, indem sie, dem Beispiel des Gatten folgend, des Flitterstaates sich zu entledigen begann. Als die Lampe in dem Direktorwagen endlich erlosch und nur noch ein trübe schwelendes Nachtlicht etwas Helligkeit verbreitete, da befand Jarmock sich weit abwärts in einem Stadtteil, in dessen engen, finsteren Gassen ein weniger Kundiger sich zehnmal verirrt hätte. – Vierzehntes Kapitel. Ein unruhiges Gewissen. Die Terrasse. Unverhofftes Wiedersehen Mehrere Tage waren verstrichen, und die Pandora ankerte noch immer auf ihrer alten Stelle, wo sie durch den regen Hafenverkehr nicht gehindert wurde. Wie überall, wo nur immer sie anlief, blieb sie auch hier die Heimstätte der Schiffsherrin und ihrer Umgebung. Eine Abweichung von ihrer langjährigen Gewohnheit war nur insoweit eingetreten, als sie für sich selbst in einem Hotel mehrere Zimmer gemietet hatte. Dort weilte sie zeitweise, um den von ihr beabsichtigten Nachforschungen und der Erledigung von Geschäftsangelegenheiten ungestört sich widmen zu können. Doch auch Maud und Sunbeam war eine größere Freiheit der Bewegung eingeräumt worden. Sie nutzten diese nach besten Kräften aus, indem sie in der mit vier Ruderern bemannten Jolle Ausflüge nach allen Richtungen unternahmen oder in sicherer Begleitung die Stadt durchstreiften. Als Bedingung war ihnen nur aufgegeben worden, jedesmal vor Einbruch der Nacht an Bord zurückzukehren. Obwohl im Verkehr mit den beiden jugendlichen Gefährtinnen stets heimliches Wohlwollen verratend, war die Gräfin doch noch schweigsamer geworden, und ihre Verschlossenheit gipfelte darin, daß sie alle ihre Pläne und Maßnahmen vor den jungen Damen unabänderlich in tiefes Geheimnis hüllte. So auch am dritten Morgen nach jenem Abend, an dem Galbrett seine Kinder der Obhut des Gauklerchefs anvertraute. Schon in aller Frühe hatte sie sich nur in Simpsons Begleitung zu der alten Holiday begeben. Bei ihr eintretend, fanden sie die Frau neben dem Fenster sitzend. Als sie die Fremden wiedererkannte, glitt ein sprechender Ausdruck von Verlegenheit über ihre gerunzelten Züge, und des zweimaligen Grußes der Gräfin bedurfte es, bevor sie hinreichend Fassung gesammelt hatte, diesen zu erwidern. »Ich habe meine Vorbereitungen getroffen, Ihre Enkel sogleich mit fortnehmen zu können,« erklärte die Gräfin ohne Säumen. »Ist es Ihnen gelungen, den Vater für meine Pläne zu gewinnen?« »Der ist nicht zu Hause,« umging die Alte zögernd eine offene Antwort, »er geht und kommt, wie es ihm gefällt, ich kann ihn nicht halten,« und argwöhnisch spähte sie nach dem Nebenraum hinüber. In erwachendem Mißtrauen sah die Gräfin durchdringend auf die Alte nieder. Erst nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: »Seine Abwesenheit stört nicht, wenn die Kinder mich jetzt begleiten. Vielleicht ist er sogar froh, von einer Last befreit zu werden.« Die Alte wiegte das Haupt zweifelnd. Eine Weile sann sie nach, bevor sie hervorstieß: »Ich hab's mit ihm versucht, allein er besteht auf seinem Kopf. Er meinte, er wäre nicht Vater seiner Kinder, um sich von ihnen loszusagen. Er brauche keine fremden Menschen, die für sie sorgten. Schon vor Tagen hat er sie ausgetan zu anderen Leuten.« Wie ihren Sinnen nicht trauend, sah die Gräfin auf die Alte nieder. Herbe Enttäuschung spiegelte sich in ihren Zügen; wachsende Erbitterung webte in ihren Augen. Unter dem Einfluß solcher Empfindungen ihre Entrüstung schwer bekämpfend, sagte sie schneidend: »So werden Sie, als die leibliche Großmutter, wenigstens sagen können, wohin man sie schleppte?« »Wenn ich das wüßte!« hieß es wieder kläglich zurück; »er ging mit ihnen fort, ich meinte zu sündhaftem Gauklerspiel, und ohne sie kehrte er nachts heim. Als ich ihn um seine Kinder befragte, fuhr er mich an mit harten Worten; ja, hart bedrohte er mich,« schrie sie gehässig nach der Kammer hinüber, »und fürchterliche Eide schwor er darauf, weder ich noch ein anderer habe sich um seine Familie zu kümmern, und damit mußte ich mich zufrieden geben.« Die Gräfin suchte Simpsons Augen. Dieser zuckte die Achseln und bemerkte: »Bei derartig scharf ausgeprägten, feindseligen Gesinnungen würde es vergebliche Mühe sein, an dieser Stelle noch etwas ausrichten zu wollen.« »Wir werden uns wiedersehen,« kehrte die Gräfin sich finster der Alten zu. »Ich gehe jetzt. Sagen Sie indessen Ihrem Schwiegersohn, ich sei zur Zahlung eines hohen Abstandsgeldes bereit, sicher die beste Bürgschaft für eine freundliche Zukunft seiner Kinder, wenn er diese mir anvertraue. Ebenso fest entschlossen sei ich aber auch, sollte er störrisch auf seinem Willen beharren, die Aufmerksamkeit der Behörden auf ihn hinzulenken. Jemand, der so eifrig darauf bedacht ist, die eigenen Kinder zu verheimlichen, kann sich unmöglich mit einem guten Gewissen tragen. Das heben Sie ausdrücklich hervor. In den nächsten Tagen komme ich, um mir seine Entscheidung zu holen. Wie auch immer sie lauten mag, ich werde meine Maßregeln darnach treffen,« und ohne von der Alten eine Erwiderung abzuwarten, verließ sie das Gemach und die Hütte. Eine Strecke legte sie an Simpsons Seite schweigend zurück. Erst als sie in die Hauptstraße einbogen, bemerkte sie: »Es ist wunderbar, in dem gleichen Maße, in dem der Widerstand gegen meinen guten Willen sich mehrt, wächst meine Teilnahme für die beklagenswerten Geschöpfe. Ich kann von dem Versuch nicht abstehen, sie dennoch ihrer traurigen Lage zu entreißen. Mir ist, als könnte ich die Enkel des ehrlichen Schiffskochs nicht entbehren, um die in mir festgewurzelten, vielleicht zu verwegenen Pläne ihrer endlichen Erfüllung entgegenzuführen. Ich wiederhole daher: Weder Ruhe noch Rast gönne ich mir, bevor ich deren Versteck auskundschaftete, gleichviel, ob mit List oder Gewalt, und müßte ich mein Leben daransetzen.« Simpson beobachtete die Gräfin mit heimlicher Besorgnis. In dem Zunehmen ihrer gewaltsam gezügelten Erregtheit glaubte er eine böse Gefahr zu entdecken, und so sagte er beschwichtigend: »Ich fürchte, mit Gewalt richten wir ebensowenig aus, wie mit List. Die Stadt ist groß, überall findet der unnatürliche Vater Gesinnungsgenossen, die gern bereit sind, ihm bei seinem verbrecherischen Treiben hilfreiche Hand zu leisten. Bieten Sie ihm aber Geld, so steht dem gegenüber, daß er in seinen Kindern die Quelle eines bequemen Wohlstandes erblickt, die ihm nicht leicht durch andere Vorteile ersetzt werden kann.« »Was nicht hindert, unsere Nachforschungen unermüdlich fortzusetzen,« entgegnete die Gräfin. »Nicht Zirkus noch Volkskneipe, nicht Theater, noch Schaubude darf unserer Aufmerksamkeit entzogen bleiben, wo auch nur die entfernte Möglichkeit vorhanden ist, daß die unschuldigen Opfer dort zur Ausübung ihres aufreibenden Gewerbes angehalten werden.« Bei diesen unzweideutigen Merkmalen eines starren Willens gab Simpson es auf, das Gespräch in abratendem Sinne fortzusetzen. Erst als sie wieder in dem Boot saßen und vor den Ruderschlägen eines halben Dutzends Matrosen stromabwärts trieben, entspann sich eine neue Unterhaltung über gleichgültige Dinge zwischen ihnen. Was hinter ihnen lag, schien sie nicht weiter zu kümmern; noch weniger achteten sie der Fahrzeuge, die den gleichen Kurs mit ihnen hielten oder ihnen folgten. Und doch hätte Simpson nur etwas schärfer rückwärts zu spähen brauchen, um ein von einem einzelnen Manne gerudertes leichtes Boot zu entdecken, und in jenem den Vater der verschwundenen Kinder zu erkennen.– Die Gräfin und ihr Begleiter hatten nämlich kaum die Wohnung der Witwe Holiday verlassen, als aus dem finsteren Nebenraume Galbrett bei dieser eintrat. Sein Antlitz war totenbleich. Um die Wirkung zu verheimlichen, die das erlauschte Gespräch auf ihn ausübte, zwang er sich zu einem tückischen Grinsen, und durch das Fenster den Scheidenden nachsehend, bemerkte er ingrimmig: »Böten sie mir Berge Goldes, so wüßte ich die Kinder lieber auf dem Grunde des Stromes als in ihren Händen. Was wollen sie mit der Brut? Doch nur die Früchte ernten, die ich mühsam säte. Mögen sie verdammt sein und du mit ihnen für deine Komplimente. Zum Henker mit solchen Spionen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, in anderer Leute Vergangenheit nach 'ner Gelegenheit zu suchen, ihnen 'nen Daumen aufs Auge zu drücken –« Er verstummte jählings. Scheu um sich blickend, schien er zu erwägen, ob er nicht zu viel und zu laut gesprochen habe. Argwöhnisch betrachtete er die alte Frau, die in Furcht vor ihm sich tiefer über ihre Handarbeit beugte. Sich dem Fenster wieder zuwendend, streifte sein Blick die Gräfin und Simpson, wie sie eben in der Hohlgasse hinter den Stallgebäuden verschwanden. »In der Hölle Namen!« preßte er zwischen den fest aufeinander ruhenden Zähnen hervor, »ich will wenigstens wissen, wer ein Gewerbe daraus macht, mir nachzuspionieren.« Damit griff er nach seinem Hut, und hinauseilend, schickte er sich an, den beiden Fremden, deren ganzes Wesen ihm augenscheinlich tiefes Mißtrauen einflößte, unbemerkt zu folgen. Sobald er inne wurde, daß sie die Richtung zum Strome hinunter einschlugen, wählte er einen Weg, auf dem er, seine Schritte beschleunigend, vor ihnen dort eintraf. Ein bemanntes Boot, das auf jemand zu warten schien, erregte seine Aufmerksamkeit. Nicht in Zweifel über dessen Bestimmung, eilte er eine Strecke stromaufwärts, und ein leeres, leichtes Boot besteigend, entfernte er sich so weit vom Ufer, daß ein dort ankerndes Kohlenschiff ihn verbarg. Um dieses herumlugend, gewahrte er nach wenigen Minuten, daß die Gräfin und Simpson das zuvor beobachtete Boot bestiegen und von ihm stromabwärts getragen wurden. Nachdem das Boot einen mäßigen Vorsprung gewonnen hatte, kostete es ihn kaum Mühe, wenig auffällig in dessen Kielwasser zu folgen. So gelangte er allmählich in den belebteren Teil des Hafens. Anstatt aber, wie er voraussetzte, zu landen, glitt das Boot auf einen abgesondert ankernden Schoner zu, der sich für ein kundiges Auge leicht als Lustjacht kennzeichnete. Mit Rudern innehaltend, überzeugte er sich, daß die Gräfin an Bord stieg und das Boot in üblicher Weise zum Dienst bereit festgelegt wurde. »Also da wohnt ihr?« zischelte er im Übermaß seiner von heimlicher Besorgnis geschürten Wut. »Da möchte euch freilich der Satan die Brut abjagen, wenn sie erst ihren Weg an Bord einer segelfertigen Jacht fand – und binnen wenigen Stunden das offene Meer – die Hölle über das Meer,« unterbrach er sich zähneknirschend, und als hätte der Gedanke an den ewigen Ozean schon allein für ihn Schrecken in sich geborgen, warf er sein Boot herum. Bald darauf landete er wieder, und sein nächster Weg führte nach der Stätte, auf der er seine Kinder sicher untergebracht zu haben glaubte. Eine seltsame Unruhe folterte ihn. Wie ein drohendes Gespenst schwebte das Bild der Gräfin mit ihren eisig kalt und doch durchdringend blickenden Augen ihm vor. Ihm war, als hätten sie bis in die verborgensten Winkel seines Gewissens hineingereicht. Erst dann atmete er erleichtert auf, als er das Gauklerzelt mit den dazu gehörigen Wagen vor sich sah. Kurze Zeit weilte er im Verkehr mit dem Direktor, dessen umsichtigerer Hälfte und Jannock. Nur lange genug, um sie über seine Entdeckung zu unterrichten und vor Unvorsichtigkeiten zu warnen. Bedachtsam schilderte er das Äußere der Gräfin und ihres Begleiters so genau, daß sie sogar bei einer zufälligen Begegnung nicht verkannt werden konnten. Nach seinen Kindern fragte er nicht. Es gewann sogar den Anschein, als hätte es ihm widerstrebt, gerade jetzt mit ihnen zusammenzutreffen. Eine kleine Anzahlung, die ihm mit verstecktem Triumph verabreicht wurde, überzeugte ihn, daß sie bereits ihre Zugkraft bewiesen hatten, aber auch, daß man es ehrlich mit ihm meinte. Nachdem das Boot einen mäßigen Vorsprung gewonnen hatte, kostete es ihn keine Mühe, wenig auffällig in dessen Kielwasser zu folgen. Am gleichen Morgen – das die Gräfin und Simpson tragende Boot war noch nicht lange außer Sicht getrieben – rüsteten auch Maud und die junge Hindu sich zu einem Ausfluge. Es lockte sie das glatte Hafenbecken mit seinen vom Ozean hereindringenden sanften Dünungen, wie der klare blaue Himmel und der goldene Morgensonnenschein; es lockte sie vor allem das stets wechselnde Bild einlaufender und auslaufender Schiffe jeder Art und Größe. Die wie immer von vier Matrosen geruderte Jolle hatte auf ihren Wunsch den Kurs eingeschlagen, der sie dem gedrängteren Verkehrsleben des Hafens entzog und dem offenen Meere näher brachte. Hinter ihnen zurück blieben die sich weithin erstreckenden Vorstädte. An deren Stelle traten freundliche Landschaften, reich geschmückt mit kleineren und größeren Landhäusern, Gärten, Hainen und Bauten, die kaum einem anderen Zweck dienten, als das Tuskulum irgend eines über Viel gebietenden Handelsherrn zu zieren. Auch Schiffe ankerten vereinzelt hier und da, um entweder das Aufspringen einer ihre Fahrt seewärts begünstigenden Luftströmung zu erwarten, oder von einem Schleppdampfer in den Hafen bugsiert zu werden. Eine Stunde und darüber war vergangen, seitdem die beiden Freundinnen die Pandora verließen. Sie dachten bereits daran, den Rückweg einzuschlagen, als sie einer dem Wasser entsteigenden Mauer sich näherten, die durch eine dem öffentlichen Verkehr eingeräumte Terrasse gekrönt wurde. Auf ein Wort Mauds lenkten die Ruderer auf diese zu, und bald darauf befanden die Gefährtinnen sich auf dem Wege, der sanft ansteigend sie an ihr Ziel führte. Indem sie, gemächlich einherschreitend, nach einem in mäßiger Entfernung ankernden Ostindienfahrer hinüberblickten, schob ein kleines Fahrzeug mit Schonertakelung sich allmählich hinter diesem hervor. Achtlos schweiften ihre Blicke darüber hinweg. Ein kundiger Seemann würde dagegen sofort erkannt haben, daß der Schoner vor kurzem erst Anker geworfen hatte und seine Segel zu längerem Aufenthalt befestigt wurden. Ein leichtes Boot schoß zwischen den beiden Schiffen hervor und verfolgte einen Kurs, der es so weit östlich von dem Aussichtspunkt brachte, wie die Jolle der Pandora westlich lag. Erst nachdem die jungen Damen auf einer der auf der Terrasse umherstehenden Bänke Platz genommen hatten und der Schoner, der Ebbeströmung folgend, so weit herumgeschwungen war, daß er ihnen die Breitseite zukehrte, wurden sie aufmerksamer auf ihn. Plötzlich hob Sunbeam den Arm, und auf das zierlich gebaute Fahrzeug weisend, sprach sie leise, wie in Scheu vor Zeugen, den Namen Eremit aus. Maud antwortete nicht. Schärfer sah sie nach der Jacht hinüber. Ihr liebliches Antlitz, eben noch blühend in den Farben der holdesten Jugend und frischer Gesundheit, war erbleicht. Erst nach einer längeren Pause erwiderte sie zögernd: »Ja, der Eremit. Jetzt erkenne ich ihn. Wie kommt er hierher und was bezweckt er?« Sie mochte sich die Stunde vergegenwärtigen, in der die Gräfin das Geschütz auf ihn richten ließ, denn der Hindu Hand ergreifend und krampfhaft drückend, fuhr sie ängstlich fort: »Wer von seinem Deck aus zu uns herüberspäht, muß uns erkennen und die Nähe der Pandora erraten. Wie gelangen wir unentdeckt aus seinem Gesichtskreise? Treffen die beiden Jachten wieder aufeinander, so steht das Ärgste zu befürchten; zu tief gewurzelt, ist der Haß der Gräfin gegen die auf dem Eremit Befindlichen. Der unermüdliche Eifer dagegen, mit dem diese wieder die Pandora verfolgen, beweist, daß auch sie von bitterer Feindseligkeit in ihrem Tun gelenkt werden.« »Oder von Sehnsucht,« meinte die junge Hindu, und voll richtete sie die großen dunklen Augen auf Mauds Antlitz; »Kapitän Peldram weilt auf dem Eremit –« »Nein, nein,« unterbrach Maud sie tief errötend, »er kann die Triebfeder nicht sein, daß unsere Ruhe immer wieder durch den Anblick der Jacht seines Onkels gestört wird. Andere Ursachen müssen walten, Ursachen von den weitesttragenden Folgen, die sich sogar unseren Mutmaßungen entziehen und dennoch tief in das Gemütsleben der Gräfin einschneiden. Wäre es anders, so möchte sie uns gegenüber schwerlich so undurchdringlich verschlossen geblieben sein. Bedenke, seitdem wir Norwegen verließen, kam keine Silbe über ihre Lippen, die auch nur entfernt an den Eremit, Lowcastle oder Peldram erinnert hätte –« Das Geräusch schneller, die nach der Terrasse führenden Stufen heraufkommender Schritte schreckte sie auf. Ein Mann betrat den knirschenden Kies aus der Plattform, und sich nach ihm umkehrend, erblickten sie Peldram, der, wie einst im Buknfjord aus der Pandora, ihnen die Hände zum Gruß entgegenstreckte. »Maud! Sunbeam! Teuerste Maud!« rief er jubelnd aus, »ich ahnte, ich wußte, daß ich Sie wiedersehen würde; nie aber hätte ich geglaubt, daß ein guter Stern mich schon jetzt mit Ihnen zusammenführen könne.« Beim ersten Anblick Peldrams war Maud aufgesprungen, sank aber, wie entkräftet, auf die Bank zurück. Tiefe Glut hatte sich über ihr holdes Antlitz ausgebreitet; aus ihren guten Augen leuchtete, durch die Überraschung entfesselt, eine überschwengliche Freude, die von dem Kapitän nicht mißverstanden werden konnte. Machtlos duldete sie, daß er ihre Hand an seine Lippen hob und mit Küssen bedeckte. Erst als er sich neben ihr niederließ, kehrte ihre Selbstbeherrschung zurück. Seinen heißen Blicken ausweichend, entzog sie ihm sanft die Hand. Worte standen ihr immer noch nicht zu Gebote, doch tiefer, holder noch errötete sie, als Peldram, unbekümmert um Sunbeam, in gedämpftem Schmeichelton fortfuhr: »Soll ich nicht glauben, daß es mehr als Zufall, nicht wähnen, daß es eine gütige Fügung des Geschickes ist, die Sie gerade jetzt hierherführte, nachdem erst Augenblicke verronnen sind, seitdem der Eremit da drüben Anker warf? Soll ich es nicht als eine Glück verheißende Vorbedeutung preisen, beim Betreten eines anderen Weltteils vor allen anderen Menschen gerade mit Ihnen zusammenzutreffen?« »Keine besondere Schicksalsfügung,« erwiderte Maud in der dumpfen Absicht, den Eindruck abzuschwächen, den sie in der ersten Überraschung vielleicht bei ihm erzeugte. »Unsere Begegnung ist eine natürliche Folge der einfachsten Umstände. Drüben ankert die Pandora, und wie mehrfach in den jüngsten Tagen, benutzten wir auch heute den stillen, sonnigen Morgen zu einem Ausfluge. Was heute nicht stattgefunden hätte, wäre morgen oder übermorgen geschehen. Dadurch wird die Begegnung des Wunderbaren entkleidet. Befremdend erscheint dagegen, daß Sie uns aus der Ferne schon erkannten.« »Auch das ist leicht,« versetzte Peldram lebhaft, und abermals ergriff er Mauds Hand mit innigem Druck, »die rote Flagge auf dem Spiegel Ihrer Jolle erregte meine Aufmerksamkeit; da bedurfte es nur kurzen Spähens durch das Fernrohr, um auf dem sich zeitweise entfaltenden Tuch das Bildnis einer Frau zu erkennen. Das weitere besagten die beiden blauen Schleier.« »So könnte nur noch als Zufall gelten, daß der Eremit ebenfalls New York als Ziel wählte,« bemerkte Maud mit einer gewissen Hast, um einer neuen peinlichen Wendung des Gesprächs zuvorzukommen. »Nichts weniger als Zufall,« antwortete Peldram eifrig, »denn aus der Quelle, aus der die Nachricht von Ihrer Reise nach Norwegen geschöpft wurde, erfuhren wir auch die Richtung der Fortsetzung Ihrer Fahrt. Uns den Mast abzuschießen – nebenbei ein Meisterschuß –, um uns abzuschütteln, war also überflüssige Mühe; uns aber zum zweitenmal einen derartigen Gruß zuzusenden, dürften wir der Gräfin schwerlich wieder Gelegenheit bieten.« »So folgten Sie uns, um sie für die immerhin – nun – für die gesetzwidrige Handlung zur Rechenschaft ziehen zu lassen?« fragte Maud ängstlich. Peldram lachte herzlich. »Nichts liegt meinem ehrenwerten Onkel Lowcastle ferner,« erklärte er überzeugend, »trüge er sich dagegen in der Tat mit solchem Plan, so würde ich schon allein um Ihretwillen, teuerste Maud, meinen ganzen Einfluß aufbieten, ihm den zu verleiden.« »So wurde niemand verwundet?« fragte Maud aufatmend; »damals glaubte ich, vor Entsetzen sterben zu müssen. Schreckliche Möglichkeiten schwebten mir vor. Keine ruhige Stunde ließ es mir seit jenem Ereignis. Sogar die Gräfin, die doch meine Wohltäterin ist, konnte ich nicht ansehen, ohne mit Grauen der möglichen Folgen ihres Verfahrens zu gedenken.« Peldram sah in die besorgt schauenden guten Augen, bis abermals jungfräuliche Glut sich über das holde Antlitz ergoß, dann erwiderte er herzlich: »Sie allein trugen in Ihrer ungerechtfertigten Angst den Nachteil davon; im übrigen beschränkte der Schaden sich auf die zerschossenen Spieren und den Zeitverlust, den die Rückkehr nach Haugesund und die Ausbesserung der Havarie bedingten.« »Beabsichtigt man, uns noch weiter zu verfolgen?« »Unbedingt. Darin liegt die einzige Möglichkeit, eine Zusammenkunft zwischen der Gräfin und Lowcastle zu vermitteln.« »Aber was will Lowcastle von ihr, nachdem ihm die unzweideutigsten Beweise geworden sind, daß sie eine Begegnung mit ihm unter allen Umständen zu vermeiden wünscht?« »Die eigentlichen Gründe kenne ich nicht. Wohl aber gewann ich den Eindruck, daß es sich um Wichtiges handelt. Nebenbei mag das seltsame Treiben der Gräfin Veranlassung gegeben haben, daß man sie zu überwachen wünscht.« »Mit anderen Worten, man hält sie für unzurechnungsfähig?« fuhr Maud entrüstet auf. »Sie deuteten dergleichen bereits früher an.« »Ich will aufrichtig sein, teuerste Maud,« versetzte Peldram, und vergeblich suchte er die Hand wieder zu ergreifen, die Maud ihm eben entzogen hatte, »ja, man glaubt, daß das Exzentrische in ihrem Wesen zuweilen die Grenzen des Vernünftigen überschreitet, daß in Anwandlung einer üblen Laune sie eines Tages mit derselben Kaltblütigkeit die Pandora samt allen an Bord in die Luft sprengt, mit der sie dem Eremit die Vollkugeln zusandte.« »Das ist nicht wahr,« eiferte Maud, nunmehr im Zorne errötend, »ich kenne die Gräfin genau genug, um das behaupten zu dürfen. Seltsam mag sie erscheinen, ich räume es ein; aber wenn je ein Mensch hinter schroffen Außenseiten – zu denen sie ohne Zweifel berechtigt ist – Wohlwollen und endlose Herzensgüte barg, so ist sie es. Ich bitte Sie daher dringend, klären Sie Lowcastle über das Irrtümliche seines Argwohns auf; beschwören Sie ihn, von seinen Verfolgungen abzustehen, die so ungerecht, so himmelschreiend sind, daß es der Gräfin kaum verdacht werden kann, wenn sie vielleicht zu ungehörigen Mitteln greift, sich den heillosen Belästigungen zu entziehen.« »Wollte ich Ihren Auftrag erfüllen,« erwiderte Peldram wie mit Widerstreben, »so würde ich Unglauben begegnen, die Gegensätze anstatt sie auszugleichen, noch verschärfen. Dagegen hege ich die zuversichtliche Hoffnung, daß im persönlichen Verkehr die Schatten leichter beseitigt werden, die jetzt noch zwischen den beiden Parteien schweben. Doch ich wiederhole: Wie Sie, teuerste Maud, von der Gräfin nicht ins Vertrauen gezogen werden, schenkt Lowcastle mir das seinige ebenfalls nur bis zu einer bestimmten Grenze. Ich befinde mich als Gast an Bord des Eremit, und als solcher widerstrebt es meinem ganzen Inneren, von der Verfolgung der Pandora abzuraten. Nein, innig geliebte Maud – ich kann nicht anders, ich muß Sie so nennen – ich gewinne es nicht über mich, der letzten Gelegenheit zu entsagen, wenn auch in längeren Zwischenräumen, und wäre es aus der Ferne, Sie wiederzusehen. Lassen wir daher ruhen, was entfremdend zwischen anderen schwebt und sich unserer Beurteilung entzieht. Mir aber gönnen Sie die einzige Genugtuung, die einzige, mein ganzes Sein erfüllende Lebensfreude, auch fernerhin den beglückenden Hoffnungen nachhängen zu dürfen, die mich auf Ihre Spuren trieben und mich zwangen, unbekümmert um Zeit und Entfernungen, Ihnen rastlos zu folgen.« Bei diesen nicht mißzuverstehenden Andeutungen erbleichte Maud. Sie rang sichtbar nach Worten, dann entwand sich wie mit Widerstreben ihren Lippen: »Wir müssen fort. Schon zu lange weilten wir hier. Die Gräfin wird in Unruhe um uns sein –« In diesem Augenblick erhob sich die junge Hindu. Scharfsinnig war sie dem Gespräch mit vollem Verständnis gefolgt. »Ich will die Jolle zum Aufbruch herrichten lassen,« sprach sie im Davonschreiten. »Sunbeam, bleib' – Sunbeam, Sunbeam!« rief Maud ihr bestürzt nach. Doch als wäre sie von der sanften Luftströmung getragen worden, schwebte die geschmeidige Gestalt die Treppe hinunter, und gleich darauf war sie Mauds Blicken entschwunden. In der Verwirrung wollte diese ihr folgen, als Peldram abermals ihre Hand ergriff und sie sanft zurückhielt. »Nur eine Minute noch, bat er innig,« und vergeblich suchte er die Augen des tief atmenden Mädchens, »nur lange genug, um darauf hinzuweisen, daß es in unserer beiderseitigen Gewalt liegt, uns von allem loszusagen, was einer ehernen Fessel vergleichbar ist, ich meine Ihre Abhängigkeit von der Gräfin, und die meinige von Lowcastle. Ist das aber geschehen, dann gibt es nichts, was mich hindern könnte, Sie anzuflehen, Ihre ganze Zukunft vertrauensvoll in meine Hände zu legen, auf meine unergründliche, heiße Liebe zu bauen – .« Mit einer hastigen Bewegung erhob sich Maud. Peldram anzublicken wagte sie nicht. Ihre Lippen bebten. Erst nach einigen tieferen Atemzügen sprach sie mit seltsam gepreßter Stimme: »Kapitän Peldram, folgte ich Ihrem Rat, so würde ich mich der unerhörtesten Undankbarkeit gegen meine Wohltäterin schuldig machen, und das von mir vorauszusetzen, kann unmöglich Ihr Ernst gewesen sein. Zu meiner wohlwollenden mütterlichen Freundin gehöre ich und stehe ich, und um so inniger, je mehr sie Ursache findet, über rätselhafte Nachstellungen sich zu verbittern. Doch ich will gehen – die Leute warten aus mich –« »Nur noch ein Wort, Maud,« fiel Peldram leidenschaftlich ein, »ein letztes Wort, und dann mögen Sie entscheiden, ob ich fernerhin einem mir vorschwebenden lieblichen Traumgebilde nachjagen darf, oder ob ich heute noch von dem Eremit und allem, was mich an den heimatlichen Erdteil fesselt, mich trennen soll. Ja, Maud, nur noch ein letztes Wort. Sagen Sie mir, ob Ihr eben ausgesprochener Wille unwandelbar, ob Sie auch dann noch unzertrennlich zu der Gräfin gehören, wenn diese selbst nicht ernstlich darauf dringt. Und es liegt ja im Bereich der Möglichkeit, daß die Wolken, die heute noch zwischen uns hängen, sich zerstreuen, Ihre Wohltäterin aufhört, mich, weil ich Lowcastle näher stehe, als einen ihr feindlich Gesinnten zu betrachten –« »Ich muß fort – ich muß fort –« unterbrach ihn Maud nunmehr, und sie suchte ihre Hand von seinem Griff zu befreien, »ich weiß nicht, was ich antworten soll –« »Sind die Bilder, die ich vor Sie hinbeschwor, denn so entsetzlich?« fragte Peldram zaghaft, »oder darf es mir als Fehl ausgelegt werden, wenn ich mit aller Kraft der Seele und dem Mute einer heiligen Zuneigung kämpfe und ringe, um das höchste irdische Glück für mich zu gewinnen?« »Nein, nein!« rief Maud weinend aus, indem sie ihre Hand jäh zurückzog. Einige Sekunden standen beide wie gebannt. Heftiges Zittern durchlief Mauds schlanke Gestalt. Wie von einer unsichtbaren Macht gedrängt, neigte sie sich nach vorne, und bevor Peldram ihre wahre Absicht erriet, fühlte er ihre Lippen auf den seinigen, um sie im nächsten Augenblick, beide Hände auf die Schläfen gepreßt, entfliehen zu sehen. »Maud – Maud!« rief er ihr gedämpft nach; doch wie in Todesangst vor sich selbst, eilte die Geängstigte zum Strande hinunter. Kein einziges Mal sah sie zurück. Peldram war an die Brüstung der Terrasse getreten und spähte der die Fluten eilig durchschneidenden Jolle sinnend nach. Er schien das Erlebte nicht zu begreifen. Einem Rausch ähnlich legte es sich um seine Sinne. Überschwengliche Hoffnungen reiften in ihm, ohne sich indessen schnell in bestimmte Formen zu fügen. Die Jolle war längst in der Ferne seinen Blicken entschwunden, da stand er noch immer auf seiner einsamen Warte. Als eine Stunde später die beiden Freundinnen die Pandora erstiegen, war die Gräfin längst von ihrem Ausfluge zurückgekehrt. In der oberen Kajüte weilte sie, nachlässig in einem Buche blätternd. Das ungestüme Eintreten Mauds veranlaßte sie, einen durchdringenden Blick auf deren Antlitz zu werfen. Sie entdeckte die Merkmale einer heftigen Erregung; doch bevor sie, von heimlicher Besorgnis ergriffen, eine Frage zu stellen vermochte, erklärte Maud in fliegender Hast: »Ich fürchte, eine unwillkommene Nachricht zu bringen. Draußen in der Hafeneinfahrt ankert der Eremit.« Die Gräfin erhob sich mit etwas lebhafterer Bewegung, das einzige äußere Zeichen der durch die unerwartete Kunde angeregten peinlichen Empfindungen. Flüchtig nagte sie auf den Lippen, worauf sie anscheinend gleichmütig bemerkte: »Du täuschtest dich. Es gibt viele Schiffe, die dem Eremit so ähnlich sind, daß für ein ungeübtes Auge ein Irrtum nahe liegt.« »In diesem Falle ist er unmöglich,« beteuerte Maud, verstummte aber vor dem forschenden Ausdruck, mit dem die großen blauen Augen auf ihr ruhten. »Du sahst Peldram, du sprachst ihn?« nahm die Gräfin wieder das Wort. »Der Zufall führte mich mit ihm zusammen,« antwortete Maud in tödlicher Verlegenheit, »ich konnte nicht ahnen« – weiter kam sie nicht. Die Arme weit ausbreitend, umschlang sie den Hals der Gräfin, und ihr Haupt an deren Brust bergend, schluchzte sie krampfhaft. Das Antlitz der Gräfin hatte sich leicht entfärbt. Herber noch schienen ihre Züge geworden zu sein. Erst allmählich blickten ihre Augen milder über das weinende Mädchen hin, bis sie endlich den rechten Arm hob und sanft um dessen Schultern legte. »Was gibt es da zu weinen?« fragte sie beschwichtigend, und Wehmut klang aus ihrer Stimme hervor. »Ist es dem Eremit gelungen, unsere Fährte ausfindig zu machen, so kann niemand das ändern. Wir dürfen ihm nicht einmal wehren, wenn es ihm gefallen sollte, sich in nächster Nachbarschaft von uns festzulegen. Beruhige dich daher, meine arme, ängstliche Taube. Wen oder was auch immer du fürchten magst: vergiß nie, du befindest dich unter meinem Schutz, die ich nur allein auf deine Wohlfahrt bedacht bin. Was dein Herz beirrt oder deinen heiteren Seelenfrieden zu stören droht, scheide von dir aus, gleichviel ob mit Gewalt oder auf dem Wege verständiger Betrachtungen. Baue in allen Lebenslagen auf meine Umsicht, diese Frucht vieljähriger Erfahrungen, und du fährst nicht schlecht dabei. – Doch komm hinaus. Wir wollen nach unten steigen. Es sollte mich kaum überraschen, wäre der Tisch schon gedeckt. Ziehe den Schleier vor. Die Leute brauchen nicht zu sehen, daß an Bord der Pandora Tränen vergossen werden können.« In Mauds Begleitung vor die Tür tretend, rief sie nach Simpson. »Ich erfuhr eben, daß der Eremit in der Hafeneinfahrt ankert,« sprach sie so gleichmütig zu ihm, als hätte es sich um ein zerrissenes Segel gehandelt. »Sollte er sich hier bemerklich machen wollen, so bitte ich, ihn keiner Beachtung zu würdigen. Was ich früher anriet, gilt auch heute: wer auch immer von dort her einen Besuch auf der Pandora abzustatten gedenkt, wird mit kurzen Worten abgefertigt.« Flüchtig streifte ihr Blick Maud. Diese hatte unter dem Schleier ihr Haupt ein wenig tiefer geneigt. Ihr voraus stieg sie die Treppe hinunter. Fünfzehntes Kapitel. Neue Fährten. Die letzte Kunstvorstellung. Hyänen der Nacht. . Tage entschwanden und nach wie vor unternahmen Maud und Sunbeam die gewohnten Ausflüge, jedoch stets in einer Richtung, in der sie nicht Gefahr liefen, Peldram zu begegnen Die Gräfin dagegen verbrachte ihre Zeit abwechselnd auf der Pandora und in der Stadt. Die Kunde von der Nähe des Eremit und das Bewußtsein, in ihren Bewegungen fortgesetzt überwacht zu werden, schienen gar keinen Eindruck auf sie ausgeübt zu haben; weder das eine noch das andere berührte sie jemals in ihren Gesprächen. Ihr ganzes Sinnen und Trachten galt allein der Aufgabe, die beiden Schlangenkinder an sich zu bringen. Sich persönlich an den Nachforschungen zu beteiligen, vermied sie vorsichtig. Sie mußte befürchten, erkannt zu werden, was gleichbedeutend mit dem gänzlichen Scheitern ihrer Pläne gewesen wäre. Das vorläufige Kundschaften übertrug sie daher Ghastly und Niels Knudson, von deren gutem Willen sowie Gewissenhaftigkeit sie sich überzeugt halten durfte. Gemeinschaftlich oder vereinzelt durchstreiften sie die Stadt nach allen Richtungen. So waren vier Tage verstrichen, und der Gräfin Hoffnung auf ein günstigeres Ergebnis begann schon zu wanken, als Niels einen abermaligen Versuch unternahm, durch den Vater der Kinder selbst auf deren Spuren geführt zu werden. Bald nach Einbruch der Dunkelheit hatte er sich in die Nachbarschaft des Heims der Witwe Holiday begeben. Dort auf dem Wege, den Galbrett, wenn er überhaupt ausging, allein einschlagen konnte, erging er sich nach Müßiggänger Art langsam und wenig auffällig. Den zwischen den Stallgebäuden sich verlierenden Pfad fortgesetzt im Auge, entdeckte er nach Ablauf einer halben Stunde in dessen Mündung eine Gestalt, die sich der Stadt zuwendete. Hastig kehrte er sich um, und seine Schritte beschleunigend, eilte er so weit zurück, daß er unterhalb einer Laterne mit der fraglichen Gestalt zusammentreffen mußte. Einen sicheren Blick wollte er auf sie werfen, um sich zu vergewissern, daß er in der Person nicht irrte. Denn das Bild, das er einst zur nächtlichen Stunde von Galbrett gewonnen hatte, war zu verschwommen, als daß es ohne der Gräfin nachträgliche Schilderung bis zum Wiedererkennen in seinem Gedächtnis hätte haften bleiben können. Sein Plan glückte. In dem Augenblick, in dem die Flamme der Laterne sein Antlitz beleuchtete, sah er in das gleichfalls von dem Lichtschein voll getroffene Gesicht Galbretts. Nicht länger in Zweifel, wollte er achtlos vorüberschreiten, als jener vor ihm stehen blieb und mit einem seltsamen Gepräge des Unglaubens ihn anstarrte. Sein Verdacht, selbst erkannt worden zu sein, verstärkte sich zur Überzeugung, als Galbrett, dessen Physiognomie einen leichenhaften Ausdruck angenommen hatte, mit einem grimmigen Fluch zurückprallte und schnell den Schatten der gegenüberliegenden Seite der Straße suchte. Nur wenige Schritte legte Niels noch zurück, dann aber heftete er sich vorsichtig an Galbretts Fersen, wodurch er binnen verhältnismäßig kurzer Zeit an den Strom gelangte. Dort bestieg Galbrett sein Boot; er war indessen noch nicht weit auf den Fluß hinausgerudert, als Niels jemand gefunden hatte, der ihn gegen Entgelt ebenfalls übersetzte. Er landete früh genug, um Galbrett, der mit dem Festketten seines Bootes Zeit verlor, in sicherer Entfernung in die abendlich belebte Stadt hinein folgen zu können. Um die gleiche Zeit war es, vielleicht etwas später, als die beiden Schlangenkinder, nachdem sie ihre Vorstellung beendigt hatten, in dem Direktorwagen sich umkleideten. Bald darauf verließen sie in Begleitung der Direktorin den ihnen angewiesenen Wohnungsraum. Von dieser an den Händen geführt, schlichen sie um das geräuschvoll belebte Zelt herum, wo sie nach wenigen Schritten von der laternenlosen Dunkelheit ausgenommen wurden. »Ich ertrag's nicht länger,« redete das Weib ihnen mütterlich zu, »zu beobachten, wie ihr ums tägliche Brot eure Glieder elendiglich verrenkt; denn auch ich habe ein Herz für die Mitmenschen. Brächte ich euch zu eurem Vater zurück, so wär' euch wenig geholfen; dort harrten eurer nur Mißhandlungen, und dazu biete ich nicht die Hand. Da hieß ich es willkommen, als zwei unbekannte Freunde sich bei mir nach euch erkundigten. Ein Herr war's im Seemannsanzuge und eine vornehme Dame; die versprachen, euch mit übers Meer zu nehmen und wie ihre eigenen leiblichen Kinder zu behandeln. Wir befinden uns jetzt auf dem Wege zu ihnen. Geschieht's heimlich, so kann's euch nicht wundern. Seid ihr erst in Sicherheit, so werden eure Freunde den Vater darüber unterrichten. Da ich selbst aber, um keinen Argwohn zu erregen, im Zelt mich zeigen muß, so habe ich Jannock beauftragt, euch den guten Menschen zuzuführen. In einer halben Stunde seid ihr bei ihnen, da werdet ihr aufatmen nach so manchem bitteren Leid. Denn ob die Kunst mein Broterwerb, mein Stolz und meine Freude, so gestehe ich's doch ehrlich, daß ihr nicht dazu geschaffen seid, mit halsbrecherischen Vorstellungen den Leuten die Zeit zu vertreiben.« Wie im Traume vernahmen die Geschwister die tröstlichen Worte. Wohl schwebte ihnen vor, ihr trauriges Dasein mit einem Leben in lichteren Kreisen zu vertauschen, statt der ewigen Schmähungen und Verwünschungen Äußerungen der Güte und der Liebe zu hören; allein um sich ein Bild von der ihnen vorgespiegelten Zukunft zu entwerfen, waren sie im Laufe der Zeit zu sehr eingeschüchtert worden. Wie im Bösen, so kannten sie auch jetzt im Guten nur stummes Unterwerfen unter das, was über sie verfügt wurde. Schweigend lauschten sie daher den Mitteilungen der Direktorin. Wohin sie zunächst geführt wurden, sie wagten nicht, darnach zu fragen. Sie gewahrten nur, daß sie, auf einem Umwege die dunkle Umgebung verlassend, einer mit wenigen Laternen besetzten Straße sich näherten, in die sie von der Direktorin nach flüchtigem Umherspähen hineingezogen wurden. Dort, im Schatten der ersten Häuser, blieben sie stehen. Vereinzelte Menschen kamen und gingen. Von dem ihnen noch sichtbaren transparenten Zelt tönten Paukenschläge, das Rasseln von Becken und Triangel, wie das Jammern einer im Schnelltakt gedrehten Orgel herüber. »Wie es dort munter hergeht!« meinte die Direktorin, indem sie sich wieder langsam in Bewegung setzte, »immerhin ein lustiges Leben, das ihr aufgebt; aber ich gönn' euch den Wechsel von Herzen.« Sie sprach noch, als ein Mann sich ihnen näherte. Er pfiff die Melodie, die eben in dem Zelt gespielt wurde. Die Direktorin hustete. Gleich darauf trat der Fußgänger zu ihnen heran. Trotz der Dunkelheit und obwohl ein langer Rock seine Gestalt fast bis zu den Füßen hinunter verhüllte, erkannten die Geschwister an seinen Bewegungen Jannock. Nachdem er der Direktorin eine kurze Bemerkung zugeraunt hatte, die diese mit einem unwirschen: »Das fehlte noch,« beantwortete, eilte sie, die Hände der Geschwister fester packend, auf dem Wege zurück, den sie gekommen waren. Doch nur eine kurze Strecke, dann zog sie ihre Schutzbefohlenen mit sich in einen finsteren Winkel hinein, der von zwei nicht ganz zusammenstoßenden Häusern gebildet wurde. Der Sicherheit halber stellte Jannock sich vor ihnen auf, so daß sogar ein zufällig hinein verirrter Lichtstrahl sie nicht gefunden hätte. In der nächsten Minute schritt Galbrett vorüber. Die Direktorin erkannte ihn trotz der mangelnden Beleuchtung an dem Gange und den Umrissen seiner Gestalt. Argwöhnisch beobachteten die beiden Verbündeten von ihrem Versteck aus, wie er die Richtung auf das Zelt zu verfolgte, als abermals Schritte sich näherten. Zwei Männer waren es, die halblaut zueinander sprachen. »Paß auf, Maat,« unterschieden sie Ghastlys Stimme, der verabredetermaßen, gleich nachdem Niels gelandet war, auf dessen unauffälliges Signal sich ihm beigesellt hatte: »ich sage dir, paß auf, er geht in das Zelt, da werden die Kinder nicht weit sein.« Die ebenfalls gedämpfte Erwiderung verhallte. Die Direktorin, sonst keine zaghafte Natur, fühlte bei dieser unzweideutigen Kundgebung, deren Ursprung sie leicht erriet, dennoch das Blut schneller durch ihre Adern kreisen. Es schwebte ihr vor, daß sie ihr Versteck nur eine Minute früher zu verlassen brauchte, um Galbretts Verfolgern die Geschwister gerade in die Arme zu führen. Doch ihre Fassung war nicht leicht zu erschüttern; denn noch befanden die beiden Maats sich in ihrem Gesichtskreise, als sie den Geschwistern sich wieder zuneigte. »Dankt eurem Schöpfer,« sprach sie, »das war nämlich euer Vater. Entdeckte er euch, so war's mit eurer goldenen Zeit bei den guten Menschen nichts. Ich gehe jetzt zurück, um ihm ein Märlein über euren Verbleib aufzutischen. Herr Jannock wird euch unterdessen dahin begleiten, wo eure Freunde euch erwarten. Seid nur recht folgsam und erschwert ihm nicht die menschenfreundliche Aufgabe.« Sie küßte die Kinder, und mit den Worten: »Gott behüte euch. Es geschieht alles zu eurem Besten,« trat sie ins Freie hinaus. Etwas später folgte Jannock ihrem Beispiel. Die Geschwister ebenfalls an den Händen führend, verlor er sich alsbald in das öder werdende Straßengewirre der verrufensten Stadtteile. – Wenn je die Direktorin sich schnell umkleidete, so geschah es an dem heutigen Abend, nachdem sie in ihren Wagen zurückgekehrt war. Obwohl noch atemlos von der schnellen Wanderung, dauerte es doch keine zehn Minuten, bis sie als Odaliske mit Turban und Reiherbusch den linnenen Kunsttempel betrat. Ihr flitternbesetzter Eheherr, der bereits ängstlich nach ihr ausschaute, war eben im Begriff, auf dem gespannten Seil die gewagtesten Sprünge auszuführen. Sobald er aber seine schlauere Hälfte entdeckte und in deren zustimmend blinzelnden Augen las, daß das Unternehmen geglückt sei, schien seine Kunstfertigkeit noch zu wachsen. Hinaus und hinunter schnellte das federnde Tau unter seiner beweglichen Last, und die schwere Balancierstange handhabte er mit so viel Anmut und Würde, als wäre es nur ein Pfeifenstiel gewesen. Seine Unruhe war nämlich vorher dadurch auf den Gipfel getrieben worden, daß er im Hintergrunde des Zuschauerraumes plötzlich Galbretts ansichtig wurde. Und doch schaute dieser so befriedigt darein, wie nur möglich, wenn jemand sich frei weiß von jeder peinlichen Befürchtung. Und es konnte nicht anders sein, nachdem ihm in der vorhergehenden kurzen Pause zu Ohren gekommen war, daß die beiden Schlangenkinder an dem heutigen Abend Unglaubliches geleistet hätten. Ähnliches vernahmen Ghastly und Niels draußen, wo noch einige Neugierige den Eingang umstanden und sich lebhaft über die Wunderkinder unterhielten. Weiter, als bis dahin, wagten die beiden Kundschafter sich indessen nicht. Außerdem betrachteten sie ihre Aufgabe als erfüllt und beeilten sich, der Gräfin eine Nachricht zu überbringen, wie sie nach den vielen Mißerfolgen kaum noch erwartet wurde. Das flitternbesetzte Ehepaar hatte den gemeinsamen Tanz auf dem Seil beendigt und war, von geräuschvollem Beifall verfolgt, hinter einem Vorhang verschwunden. »Der Satan über den Schurken,« grollte der Direktor, und ein rotgeblümtes Tuch hinter der nächsten Zeltleine hervorziehend, trocknete er seine glühende Stirn, »daß ihn der Henker gerade heute abend hierherführen muß.« »Zu keiner günstigeren Zeit hätte er kommen können,« erwiderte die Odaliske, mit dem Turban sich lebhaft Kühlung zufächelnd. »Laß mich nur machen,« fuhr sie fort; fast gleichzeitig öffnete sich der Vorhang, und vor ihr stand Galbrett. »Ah, da sind Sie selbst,« redete sie ihn sofort freundschaftlich an, »wären Sie doch früher eingetroffen: Ihr väterliches Herz hätte gejubelt beim Anblick der Kinder. Sie übertrafen sich selbst, und ich stehe nicht an, zu behaupten. daß sie binnen nicht zu langer Frist als Sterne erster Größe am Kunsthimmel erglänzen werden.« »Ich hörte bereits ihr Lob singen,« versetzte Galbrett sichtbar befriedigt, »und wünsche vorläufig weiter nichts, als daß die bekannte Lustjacht draußen im Hafen bei allen Teufeln wäre. Denn, ich gestehe es offen, seitdem mir zu Ohren gekommen ist, daß man hier und da nach den Kindern forschte, traue ich der Gesellschaft das Ärgste zu. Und was könnte diese Ausländer noch länger hier halten. Wenn nicht der Plan des Kinderraubes?« »Ihrer – leibeigenen Kinder?« fragte die Direktorin anscheinend arglos; »ich dächte, das wäre mehr, als ein gesetzwidriges Unternehmen. Erwägen Sie: Ihr eigen Fleisch und Blut.« »Ränke spielen überall,« versetzte Galbrett, sichtbar unruhig den Blick der Direktorin meidend, »und was wollten Sie beginnen, wenn mein eigen Fleisch und Blut eines Tages heimlich von hier entführt würde und eine Stunde später die Jacht mit ihm aufs hohe Meer hinaussegelte?« »Mit dem Entführen eilt's nicht,« erklärte der Direktor, und auf seinem Lederantlitz offenbarte sich eine gewisse Geringschätzung, »mein Wagen ist meine Burg, die ich gegen hinterlistige Angriffe nachdrücklich zu verteidigen verstehe.« »Gut gesagt,« warf die Odaliske ein, die in der Hast den Turban verkehrt auf ihr Haupt gedrückt hatte, »hier sprechen aber andere Dinge mit, nämlich – ich wiederhole es ausdrücklich – die Rechte des Vaters;« und gewährend, daß Galbrett abermals, wie von einer unsichtbaren Waffe getroffen, zur Seite sah, fügte sie berechnend hinzu: »Rechte, die sich des Schutzes der Behörden erfreuen. Die armen Dinger, sie ahnen nicht, daß aus allen Seiten Verrat lauert. Nach den ungewöhnlichen Anstrengungen des heutigen Abends brachte ich sie sofort zu Bett. Ich verließ sie vorhin erst. Sie schlafen bereits und bieten ein herziges Bild. Sie sollten sie wirklich einmal betrachten. Ihr väterliches Herz würde vor Wonne zittern.« »Heute nicht mehr,« antwortete Galbrett kühl ablehnend, »ungern möchte ich sie ermuntern. Wenn sie indessen durch ihre Leistungen die Einnahmen vergrößern halfen, so wäre eine weitere Abschlagszahlung nicht mehr als recht und billig.« »Wir heißen Buonaventura,« versetzte die Direktorin erhaben, »jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, und ich wünsche aufrichtig, noch recht oft Gelegenheit zu finden, mich erkenntlich zu zeigen.« Sie zählte ihm aus der Abendkasse eine Anzahl Silbermünzen in die Hand, wiederholte nochmals die Aufforderung, seinen Kindern wenigstens einen Blick zu schenken, und wiederum weigerte sich Galbrett, sie nach dem Wagen zu begleiten. Nachdem er die Überzeugung gewonnen hatte, daß die Geschwister vor einer Stunde erst den Beifall der Zuschauer errangen, und das Geld in seine Tasche geglitten war, hielt ihn nichts mehr. Ein kräftiger Händedruck, den er mit den beiden würdigen Gatten wechselte, legte Zeugnis von seinem Vertrauen ab; ein aufrichtig klingendes: »Auf baldiges Wiedersehen!« offenbarte ernstes Wohlwollen hier wie da, und bald darauf eilte er ebenso schnell durch die dunklen Gassen und Straßen, wie er gekommen war. – Die Vorstellung war beendigt, die Zuschauer hatten sich zerstreut. Tiefe Stille herrschte. In dem Zelt brannte nur ein einsames Licht. Wie von Geistern getragen, huschten aber Laternen hierhin und dahin, indem man alles, was zu dem fliegenden Kunsttempel gehörte, sorgsam zusammenschnürte und in die verschiedenen Wagen schob. Das Zelt fiel zuletzt. Fast gleichzeitig trafen acht aufgeschirrte Pferde ein, um vor die Wagen gespannt zu werden. Ein letzter Trunk wurde gewechselt, die Laternen an den Wagen befestigt, und wie Gespenster flink und schweigsam schlüpften die Mitglieder der berühmten Künstlergesellschaft auf ihre Plätze. Die Pferde zogen an, und einige Minuten später, da lag der bisher so lustig belebte Platz still wie ein Friedhof. Sechzehntes Kapitel. Helfershelfer. Auf dem Gipfel des Elends. Der abgedankte Clown. . Eine Stunde brauchte Jannock, um sich eines Auftrages zu entledigen, zu dem mit aller nur erdenklichen List der Boden geebnet worden war. Schweigend verfolgte er nach seiner Trennung von der Direktorin mit den beiden Geschwistern seinen Weg durch die sich allmählich leerenden Straßen. Wer ihm begegnete, mußte ihn für einen ehrsamen Bürger und Gewerbetreibenden halten, der mit seinen Kindern vielleicht den Abend auswärts verbrachte und sich nunmehr auf dem Heimwege befand. Und als wären sie seine eigenen Kinder gewesen, ließen die Geschwister sich von ihm an der Hand führen, so still und folgsam. Beinahe eine halbe Stunde waren sie an seiner Seite dahin geschritten, und sie meinten, bereits in der Nachbarschaft des Hafens eingetroffen zu sein, als jener plötzlich in eine enge, finstere Nebengasse einbog. Eine mäßige Strecke legten sie in dieser noch zurück, dann blieb Jannock mit einer kurzen Wendung vor einem Hause stehen, aus dessen Innerem der wüste Lärm singender und hadernder Männer zu ihnen herausdrang. Nach den kleinen Fenstern zu schließen, deren Umfang durch die Lichtstreifen der schlecht gefugten oder schadhaften Läden bezeichnet wurde, konnte es nur ein elender, altersmorscher Bau sein, der vor ihnen lag, augenscheinlich aber durch den nächtlichen Verkehr seinen Mann ernährte. Jannock befand sich auf vertrautem Boden, denn er öffnete die knarrende Haustür mit sicherem Griff, worauf er die Geschwister vor sich her in einen schmalen Flurgang hineinschob. Ein wenig Licht erhielt dieser von dem entgegengesetzten Ende her durch eine offene Tür, hinter der eine Tranlampe melancholisch um ihr Leben kämpfte. In den vor Unsauberkeit starrenden Raum, eine Art Küche, eintretend, neigte Jannock sich über den mit benutzten Gefäßen bedeckten Feuerherd hin, mit der Faust dreimal auf die rußige Rückwand schlagend. Mehrere Minuten verstrichen in einer Stille, zu der der häßliche Lärm in den anstoßenden Gemächern unheimlich kontrastierte. Endlich gingen ein paar Türen, und von dem Hinterhause her gesellte sich eine vierschrötige Frauengestalt den Ankömmlingen zu. Während die Geschwister in banger Erwartung zu dem schlumpigen Weibe emporsahen, auf dessen schwammigem Gesicht mindestens fünfzig Jahre eines zügellosen Lebens ihre unvertilgbaren Merkmale zurückgelassen hatten, warf dieses ihnen einen flüchtigen, kalt forschenden Blick zu; dann wurde seine Aufmerksamkeit durch Jannock gefesselt. »Ich soll hier bei der Frau Rowdy anfragen,« hob er in schnarrendem Geschäftstone an, »ob die Herrschaften, zu denen die Kinder zu führen ich beauftragt wurde, irgend welche Nachricht geschickt hätten.« »Freilich geschah das,« antwortete das Weib mit einem abermaligen Blick in die großen, traurigen Augen der Geschwister, »und zwar kurz bevor Sie selber sich anmeldeten. Da ist nämlich der Vater, der hat ihr Verschwinden gleich bemerkt und bietet jetzt alles aus, ihrer wieder habhaft zu werden, um sie anderweitig zu verhandeln. Der Bote meinte, einige Tage später, wenn die Herrschaften erst zur Abreise gerüstet seien und keine Verfolgung mehr zu befürchten brauchten, wollten sie selber kommen und die armen Dinger abholen. Ich ließ mich daher willig finden, sie so lange zu beherbergen. Es hieß noch, daß man gerade hier zuletzt nach ihnen suchen würde.« »So habe ich meinen Auftrag erfüllt und hier nichts mehr zu schaffen,« erwiderte Jannock, einen Blick des Einverständnisses mit dem Weibe wechselnd, »es sei denn, Sie reichten mir zum Abschied noch 'nen Trunk zum Schutz gegen die kühle Nachtluft.« Das Weib lachte häßlich vor sich hin, verschwand aber, um nach kurzer Zeit mit einem Glase Branntwein zurückzukehren. In einem Zugs leerte es Jannock, und ohne die Geschwister weiter zu beachten, entfernte er sich mit einer Hast, als ob die in dem düsteren Räume schwebende dicke Luft selbst ihm den Atem geraubt hätte. Das Weib lauschte ihm nach, bis die Haustür hinter ihm zugefallen war; dann ergriff es die Lampe, und die nun sich ängstlich aneinander schmiegenden Geschwister auffordernd, zu folgen, begab es sich auf den Flurgang hinaus, wo es alsbald eine schmale, steile Treppe zu ersteigen begann. »Nehmt euch in acht,« rief es über die Schulter zurück, »seht zu, wohin ihr die Füße stellt; denn tut ihr einen Fehltritt, so brecht ihr das Genick, und wäret ihr aus Kautschuk gegossen.« Susanna seufzte tief auf und packte des Bruders Hand fester. Auf ihre Füße sollten sie sehen, und doch nahm die vorausschreitende Person fast die ganze Breite der Treppe ein, so daß hinter ihr völlige Dunkelheit herrschte. Ohne Unfall erreichten sie indessen das erste und darnach das zweite Stockwerk, und was die Geschwister auf diesem Wege undeutlich sahen, war am wenigsten geeignet, das in ihnen aufsteigende Entsetzen zu mildern. Offene Türen erkannten sie und hinter diesen finstere Räume; dann wieder nackte Bretterwände und andere, mit zerrissenen Tapeten bedeckte; dazwischen die Gänge, die mit ihrem schwarzen Hintergrunde bis ins Unendliche sich zu verlängern schienen. Dabei machte es den Eindruck, als ob alles lebe, sich rege und winde, indem die unstete Beleuchtung der von dem Weibe getragenen Lampe bald hier, bald dort ein seltsames Schattenspiel schuf. Im zweiten Stockwerk folgte die keuchende Wirtin dem vor ihr liegenden Flurgange bis zur ersten Türe nach. Diese öffnend, trat sie in ein moderig duftendes Gemach von geringem Umfange und mit beängstigend niedriger Decke. Es hatte offenbar zeitweise als Schlafraum für feiernde Seeleute und andere, wenig wählerische Menschen gedient; denn an Möbeln waren nur zwei Schemel sichtbar, man hätte denn vier alte Strohmatratzen mit darüber hingeworfenen, vielgebrauchten wollenen Decken als solche mit hinzugerechnet. »Hier macht's euch bequem,« wendete die Wirtin sich nunmehr gänzlich teilnamlos an die bis ins Herz hinein erbebenden Geschwister; »da sind vier Betten – hat mancher ehrliche Bursche seinen Rausch drinnen ausgeschlafen – und zu allen vieren seid ihr willkommen. Kalkulier', zu viel wird man euch heut' abend noch nicht vorgesetzt haben. Mit 'nem hungrigen Magen schläft sich's aber schlecht; außerdem möcht's mir nicht gut angerechnet werden, da ich doch für euer leiblich Wohl sorgen soll,« und gleich darauf befanden die Geschwister sich im Finstern. Sie hörten noch eine Weile das Schlurfen niedergetretener Schuhe und das Knarren der morschen Treppenstufen, wie das dumpfe Schlagen von Türen, dann herrschte tiefe Stille ringsum. Nur das Geräusch zur ebenen Erde unterschieden sie noch, aber unheimlich klang es und gedämpft, wie aus dem Innern der Erde entsendet. »Das ist gräßlich,« flüsterte der Knabe seiner Schwester zu, und obwohl jeder Kinderfurcht fremd, bemächtigte sich seiner doch Grauen in dem labyrinthischen Bau, wo er sich von Abgründen bedroht wähnte, die in seiner Phantasie nach allen Richtungen hin brunnenartig gähnten. »Ich kann's nicht glauben, was die Menschen auf uns einredeten,« fuhr er fort, »sie lügen alle. Wären wir doch bei der Großmutter geblieben.« »Wir sind nicht aus freiem Willen gegangen,« tröstete Susanna, die eigene Angst verheimlichend, »der Vater war es, der uns von Hause fortbrachte. Wüßte die gütige Dame um uns, so ließe sie uns heute noch abholen; sie selber hätte uns nimmer hierher geschickt. Der Direktor und seine Frau sind falsch; auch der Jannock. Ich glaube ebenfalls nichts von allem, was sie sagten. Aber ich errate ihre Absicht. Sie wollen uns für sich behalten – doch beruhige dich; dem Vater durften wir nicht entlaufen. Anders ist's mit fremden Leuten. Sobald die erste Gelegenheit sich bietet, gehen wir davon; verfolgt man uns, so schreien wir um Hilfe.« Sie hatte ihren Arm um des Knaben Schultern gelegt und sein Haupt an sich gezogen. So tastete sie sich mit ihm nach der nächsten Matratze hinüber, auf die sie sich niederließen. Dort saßen sie eng aneinander geschmiegt. Um sich des Grauens zu erwehren, sprachen sie fortgesetzt leise zueinander. Endlich ertönte wieder das Knarren der Treppen. Durch die offene Tür drang ein matter rötlicher Schein, und vor ihnen stand das schreckliche Weib. »Recht so,« redete es sie mit einem Gemisch von Spott und erheuchelter Teilnahme an, »habt's euch komfortabel gemacht; werdet's überhaupt nicht besser gewöhnt sein. Hörte davon, ihr wäret richtige Schlangenkinder; das paßt mir nämlich in meinen Kram, auch in den eurigen. Denn gesunde Bewegung müßt ihr haben, oder ihr werdet krank und steif, wie 'n abgenutzter Reisbesen. Da findet sich nämlich allabendlich 'ne feine Gesellschaft unten bei mir zusammen, der sollt ihr eure Männchen vormachen, dieweil ich mit 'nem Teller umgehe und die Bezahlung dafür einfordere;« und den gierigen Blick, den die scheußliche Megäre auf die beiden schmächtigen Gestalten warf, begleitete sie mit einem so lauten, mißtönenden Lachen der Schadenfreude, daß es ringsum in den öden Räumen widerhallte, als ob andere Weiber ihres Schlages in allen Richtungen mit in das wiehernde Gelächter eingestimmt hätten. Noch immer gegen die beängstigende Heiterkeit einer Harpye ankämpfend, kauerte sie vor den bebenden Geschwistern nieder, und auf der einen Seite die Lampe neben sich hinstellend, auf der anderen einen Handkorb, begann sie diesen seines Inhaltes zu entledigen. Er bestand aus mehreren Brotschnitten und einem Tiegel mit erhärtetem Fett, vielleicht die Überreste eines Matrosenmahls. Ferner aus einer Kanne mit aufgewärmten, zusammengegossenen Kaffeeresten und endlich einer leeren Flasche, in deren Hals der fingerlange Rest einer Talgkerze steckte. Unter den überschwenglichsten Lobpreisungen, die der widerwärtigen Speise und mehr noch der eigenen Freigebigkeit galten, redete sie den Geschwistern zu, es sich schmecken zu lassen. Dann zündete sie das Licht an, ihre Tätigkeit mit der Erklärung begleitend: »Damit ihr die Mäuler findet, aber auch die Speckwürfel und Zwiebelringeln. So lange ihr eßt, hält das Licht schon aus. Richtet euch also ein, daß ihr komfortabel beieinander liegt und schlaft, bevor die Flamme erlischt. Kommt nur nicht auf den Gedanken, das Zimmer zu verlassen; denn wer hier nicht Bescheid weiß, läuft Gefahr, mit 'ner wurmstichigen Planke durchzubrechen und bis in den Keller hinunterzufallen.« Mit den letzten Worten erhob sie sich. In der einen Hand die Lampe, in der anderen den Korb, weidete sie sich eine Minute an dem Anblick ihrer Schutzbefohlenen, die sich nicht zu rühren und noch weniger zu den geröteten tückischen Augen aufzuschauen wagten, und mit einem widerwärtigen Kichern schlurfte sie davon. Erst als unten das Schlagen von Türen verriet, daß sie in dieser Nacht keine Störung mehr zu befürchten hatten, gaben die Geschwister der Wirkung des Hungers furchtsam nach. Traurig beobachteten sie während des Essens das Niederbrennen der dünnen Kerze, traurig und die Zeit berechnend, nach deren Ablauf schwarze Finsternis sie umringen würde. Ängstlich schweiften ihre Blicke dann wieder im Kreise. Wohin sie sich wenden mochten, überall starrten ihnen die Merkmale des Verfalls und häßlicher Verwesung entgegen. Das einzige kleine Fenster mit vier gesprungenen Scheiben lag nach dem Dache des Nebenhauses hinaus. Wer sagte ihnen, was sie nach Anbruch des Tages von dort aus sehen würden? Nur im Flüsterton tauschten sie ihre Mutmaßungen miteinander aus. Sie schienen den Ton der eigenen Stimme zu fürchten. Klagend sprach der Knabe, tröstlich das sich in Angst verzehrende Mädchen. Niedriger brannte das Licht. Nur noch kurze Zeit, und der Docht mußte durch den erwärmten Hals in die Flasche hinabgleiten. Die letzte Helligkeit benutzte Susanna dazu, alle Decken zusammen zu tragen und über den einen Strohsack auszubreiten. Nachdem sie den Bruder sorgsam gebettet hatte, streckte sie sich neben ihn hin, und ihm ratend, sich fest an sie anzuschmiegen, zog sie die oberste Decke bis zu ihren Häuptern hinauf. »Jetzt schließe die Augen und öffne sie nicht mehr,« sprach sie leise, und wie um den Bruder zu beschützen, nahm sie seinen Kopf in ihren Arm; »du merkst dann nicht, wenn das Licht erlischt, glaubst bis zum Einschlafen, es sei hell ringsumher.« Schluchzend befolgte der Knabe den Rat. Doch nur kurze Zeit dauerte es, bis Erschöpfung ihn übermannte. Länger wachte Susanna. Die Blicke auf die kleine Flamme gerichtet, lauschte sie furchtsam den in der schrecklichen Baracke hin und wieder laut werdenden Tönen. Bald knackte es in dieser, bald in jener Richtung, bald unterhalb, bald oberhalb des ihnen als Obdach dienenden Raumes. Dann kribbelte es wieder, wie wenn Ratten leichtfüßig von Ort zu Ort eilten, oder Mäuse mit scharfem Zahn wurmstichige Planken benagten. Dazu der summende Lärm in dem untersten Stockwerk, von wo aus er den altersmorschen Bau geisterhaft durchzitterte. Höher flackerte das Flämmchen noch einmal auf, und heller wurde es ringsum, als die in dem Flaschenhals geschmolzene Masse dem Docht reichlichere Nahrung bot. Susannas Atem stockte. Unwillkürlich begann sie zu zählen, wie so oft im Hause der Großmutter angesichts der verglimmenden Lampe. Sie zählte bis hundert, dann noch bis dreißig. Erschreckt fuhr sie zusammen, als die Flamme knisterte. Noch ein Atemzug, und schwarze Finsternis umfing sie. Jetzt schloß auch sie die Augen; aber eine Weile dauerte es noch, bevor auch bei ihr wohltätige Bewußtlosigkeit das bekümmerte Gemüt umwebte. Wie lange Susanna geschlafen hatte, wußte sie nicht, aber sie meinte, sich eben erst niedergelegt zu haben, als ein heller Schein ihre geschlossenen Lider durchdrang und sie, die Augen öffnend, den unheimlichen Raum wieder matt erleuchtet sah. Sie mußte sich förmlich besinnen, wo sie sich befand; dann erst hob sie den Kopf ein wenig empor, um die Ursache der Helligkeit kennen zu lernen. Kaum aber hatte sie den ersten Blick um sich geworfen, als sie mit einer Bewegung des Entsetzens zurücksank und dadurch auch den Bruder ermunterte. Erschrocken richtete dieser sich in eine sitzende Stellung auf. Ein Angstruf schwebte auf seinen Lippen; doch von jeher gewohnt, durch laute Offenbarungen der Furcht oder körperlichen Schmerzes die ihm zugedachten Qualen zu vergrößern, beherrschte er sich auch jetzt schaudernd. Nur der Schwester Hand ergriff er, wie Hilfe bei ihr suchend, infolgedessen Susanna ihre Fassung zurückgewann, sich ebenfalls aufrichtete und nach dem rätselhaften Licht hinübersah. Eine verbogene Blechlampe war es, deren ruhig brennende Flamme rötliche Beleuchtung verbreitete. Diese traf zunächst die zusammengekrümmte Gestalt eines anscheinend alten Männchens, das ihnen, sobald es in ihre geöffneten Augen sah, aufmunternd zunickte. Obwohl selbst mit allen unnatürlichen Verschränkungen der Glieder vertraut, bedurfte es sogar für sie schärferen Hinüberspähens, um die des seltsamen Menschengebildes zu entwirren. Anscheinend auf den Händen stehend, hatte es die Beine nach vorn gehoben, und zwar derartig, daß die Unterschenkel über die Schultern hinweg auf den Nacken zu liegen gekommen waren. Dabei schaute es mit den kleinen blinzelnden Augen so munter drein, als ob die widernatürliche Stellung es nicht nur nicht ermüde, sondern ihm sogar großes Behagen bereite. Die Bekleidung bestand aus Pluderhosen von verblichenem rotem Kattun und einem faltigen, um die Hüften zusammengeschnürten Hemde von dem gleichen Stoff, dessen schadhafte Stellen, wie von Kinderhänden, mittelst weißer Fäden notdürftig ausgebessert waren. Sein spärlich behaartes Haupt bedeckte dagegen eine hohe, spitze Filzmütze, wie solche zur Vervollständigung eines Harlekinkostüms dienen. Wenn aber auf der einen Seite namenlose Furcht die Geschwister bei diesem Anblick befiel, so beruhigte sie andererseits wieder, in dem unheimlichen Fremden jemand zu erkennen, der gleich ihnen abgerichtet worden und dessen Vergangenheit augenscheinlich in Gauklerbuden lag. Ihr erstes Zagen milderte sich noch, als er seine verschlungenen Glieder entwirrte, sich vor sie hinkauerte und mit geheimnisvollem Wesen, jedoch freundlicher Stimme krächzte: »Schlaft ihr aber fest! Von unten herauf kommend, habe ich wohl eine Viertelstunde hier gearbeitet. Meine schwierigsten Künste führte ich aus, und doch merktet ihr nichts davon. Jetzt seid ihr munter, da wollen wir ordentlich eins zusammen reden. Ich hörte von euch. Das böse Weib versprach nämlich unten, morgen oder übermorgen abend solltet ihr eine Vorstellung geben, gegen die die meinige nicht mehr wert sei als ein Mundvoll Tabaksrauch. Ihr wäret richtige Schlangenkinder, deren Glieder ein halbes Dutzend Scharniere mehr zählten, als die jedes anderen vernünftigen Menschen. Sie möchten daher alle kommen und guten Durst mitbringen, auch klein Geld und andere lustige Burschen. Dergleichen kann ich aber nicht dulden. Ich allein muß der Beste sein. Deshalb wollt' ich euch raten, nicht anzutreten; denn die Gäste sind lauter schreckliche Menschen; denen ist's 'ne Lust, mit Nadeln zu stechen, 's Haar auf dem Kopf anzusengen, um andere dadurch zum Lachen zu reizen.« »Wo sind wir denn?« nahm Susanna sich nunmehr ein Herz, zu fragen. »Bei der Mutter Rowdy, der schauderhaften Hexe,« antwortete der offenbar geistesgestörte kleine Mann. Er schüttelte das Haupt heftig und fuhr noch geheimnisvoller fort: »Das ist ein schrecklicher Aufenthalt hier; da hatte ich es früher feiner. Da arbeitete ich nach Pauken und Trompeten, aber das erreichte eines Abends sein Ende, als ich auf der Spitze einer Menschenpyramide zwischen meinen eigenen Beinen hindurchkroch. Es warf mir nämlich jemand eine Apfelsine an den Kopf, daß ichs Gleichgewicht verlor. Rücklings fiel ich drei Mann hoch herunter auf den Schädel, daß mir die Besinnung schwand; was dann mit mir wurde, weiß ich nicht. Ich kam zwar nach langer Zeit wieder zu mir, allein die Apfelsine saß drinnen in meinem Kopf, und wenn die ins Rollen kommt, ist's mit meinem Gleichgewicht vorbei – da – da – jetzt setzt sie sich wieder in Bewegung. –« Beim letzten Wort warf er sich jählings hintenüber, und mit einer blitzschnellen Drehung stand er auf den Händen, die Beine wie Windmühlenflügel schwingend und den Körper fortgesetzt in den Hüften drehend. »Das hilft augenblicklich,« erklärte er zugleich, die ihm mit bangem Erstaunen zuschauenden Geschwister verschmitzt angrinsend, »behaltet es aber für euch. Erfährt ein anderer das Geheimnis, so geht er in die Irrenhäuser und vollbringt da Wunderkuren für Haufen Goldes.« Er schnellte in seine kauernde Stellung zurück, und geschäftsmäßig, als sei nichts vorgefallen, erzählte er weiter: »Wie ich selber hierher kam, ist mir nie recht klar geworden. Aber ich war eines Tages da, und dafür, daß ich Wohnung und Beköstigung erhalte, übe ich des Abends vor dem Gesindel meine Kunst aus. Wolltet ihr ebenfalls hier auftreten, so entzöge man mir das Essen, und ich müßte elendiglich verhungern; das aber darf nicht geschehen. Daher ist's am besten, ich helfe euch von dannen, je eher, um so lieber. Die schauderhafte Hexe schließt mich zwar allabendlich ein, allein ich müßte mein Metier schlecht verstehen, würde ich dadurch festgehalten.« Den Geschwistern grauste. Susanne raffte indessen ihren ganzen Mut zusammen und bemerkte zaghaft: »Fürchten Sie nicht, daß wir Ihnen schaden. Nur einige Tage bleiben wir, um dann von unseren Freunden abgeholt zu werden.« »Wer behauptet das?« forschte der Clown, und sein bewegliches Gesicht spitzte sich zu, wie das einer Maus. »Erst die Direktorin, bei der wir kurze Zeit verbrachten. Dann der Mann, der uns auf ihren Befehl hierher führte, und endlich die Frau, die uns in Empfang nahm.« Der alte Clown sann einige Sekunden nach, überschlug sich schnell hintereinander rückwärts und vorwärts, und nachdem er seinen alten Platz wieder eingenommen hatte, brach er in ein herzliches, aber geräuschloses Lachen aus. »Die? Die?« fragte er halb erstickt vor Ergötzen, »die lügen alle das Blaue vom Himmel herunter. Noch nie kam ein wahres Wort über ihre Zähne, und beeilt ihr euch nicht, von hier fortzukommen, so ergeht's euch wie mir. In Jahr und Tag ist's um euer Gleichgewicht geschehen, und statt meiner einen Apfelsine rollen in euren kleinen Schädeln deren drei herum. Was nennt ihr Freunde? Menschen, die eure Knochen in Fischbein verwandelten, daß ihr sie drehen und wenden könnt, wie 'ne Schnur in der Tasche? Unsinn; Leute unseres Schlages besitzen keine Freunde. Wir sind dazu da, nachdem wir einmal Schaden erlitten haben, gestoßen und mit Füßen getreten zu werden, oder wie ich selber jetzt, vor Lumpengesindel den Hansnarren zu spielen. Für uns gibt's kein Erbarmen, kein Mitleid. Jeder mag uns zum allgemeinen Ergötzen nach Belieben mißhandeln, das merkt euch. Mit euren Freunden ist's also nichts. Wer hier bleiben, um einem armen Teufel den letzten Broterwerb abzuschneiden, wäre auch gegen die Vernunft; gibt's also nur den einen Ausweg, euch wenigstens aus dieser Falle davonzuhelfen, bevor es zu spät geworden.« »Wenn wir nur wüßten, wohin,« versetzte Susanna in ihrer Not. »Fort von hier ist das erste und die Hauptsache, nachher sehen wir weiter. Überlegt euch die Sache ordentlich; dazu gebe ich euch drei Tage Zeit. Besitzt ihr wirklich Freunde, so müßt ihr wissen, wie sie heißen und wo sie zu finden sind. Glaubt ihr aber, daß ein anderer als ich euch zu ihnen führen würde, so seid ihr noch viel dümmer, als man euch mit euren offenen Telleraugen halten sollte. Und nun gute Nacht. Morgen um dieselbe Zeit bin ich wieder zur Stelle. Bis dahin müßt ihr eine Entscheidung getroffen haben. Denn seid ihr bei der Hexe da unten erst warm geworden, macht euch kein Teufel mehr los. Stört ihr aber meinen Broterwerb, so zeige ich euch, daß ich ebenso niederträchtig sein kann, wie freundschaftlich.« Eine boshafte Grimasse schneidend, sprang er empor, und die Lampe ergreifend, schlüpfte er eiligst aus dem Zimmer. Die Geschwister blickten ihm bestürzt nach. Ängstlich lauschten sie auf das Geräusch, mit dem er die Tür genau in dieselbe Lage zurückbrachte, in der er sie zuerst gefunden hatte, dann erst hüllten sie sich, fröstelnd vor Grauen, wieder in ihre Decken ein. Lange flüsterten sie noch miteinander, der Knabe, indem er die Angst vor dem unheimlichen Alten schilderte, Susanna ihn tröstend und ermutigend. Auch ihr hatte der Unglückliche Furcht eingeflößt; aber instinktartig, fühlte sie heraus, daß sein Irrsinn im Grunde nicht bösartig war. Das Bewußtsein, daß er wiederkommen würde, förderte sogar ein gewisses, sich matt regendes Sicherheitsgefühl. Über die nächsten Stunden hinauszudenken vermochte sie aber nicht. Wohin sie ihre geistigen Blicke richten mochte: überall begegnete sie Schreckgestalten, die ihr Entsetzen einflößten. Unter diesen befand sich der eigene Vater in erster Reihe. Dazwischen tauchte dann wieder die Gräfin auf, die Dame, von der sie Worte vernahm, wie solche nie zuvor zu ihren Ohren drangen; Worte der Güte und warmen Teilnahme, die ihr jetzt noch heiße Tränen in die Augen trieben, ihr armes, geängstigtes Herz mit unsäglichem Weh erfüllten. Ihr Bruder war längst eingeschlafen, da weinte sie noch in dem traurigen Bewußtsein gänzlicher Vereinsamung und Verlassenheit. Der Morgen meldete sich bereits an, als endlich süße, wohltuende Vergessenheit sich um ihre Sinne legte. Siebzehntes Kapitel. Im Lügennetz. Alte Bekannte. Ghastlys Geheimnis. Das Bündnis. . Nach der ihr überbrachten Kunde über den Verbleib der beiden Geschwister hatte die Gräfin eine unruhige Nacht verlebt. Sie begriff, daß deren Vater, ihren Einfluß auf die Kinder wie auf die Großmutter und darnach eine heimliche Entführung fürchtend, alles in seinen Kräften Stehende aufbieten würde, die Gesuchten ihrem Gesichtskreise gänzlich zu entrücken. Mit der Besorgnis, trotz der zuversichtlichen Angaben Ghastlys und Niels', von dem unnatürlichen Vater überlistet zu werden, wuchs auch ihr Verlangen, die beklagenswerten Opfer niedriger Gewinnsucht wieder vor sich zu sehen. Der Tag war daher kaum angebrochen, als sie in Simpsons Begleitung eine Mietskutsche bestieg, um sich nach der Stätte zu begeben, aus der die beiden Kundschafter die untrüglichen Beweise von der Anwesenheit der Geschwister erhalten zu haben vorgaben. Niels hatte neben dem Kutscher Platz genommen, und über die innezuhaltende Richtung nicht im Zweifel, gelangten sie nach längerer Fahrt über die äußerste Grenze der Vorstadt hinaus. Dort aber glaubte Niels seinen Sinnen nicht trauen zu dürfen, als er auf den wüsten Bauplätzen vergeblich nach dem Zelt und den dazu gehörigen Wagen suchte. An die Möglichkeit eines Irrtums glaubend, stieg er ab, um jedoch nach kurzer Entfernung vom Wege die Überzeugung zu gewinnen, daß da, wo am Abend vorher noch betreßte Gaukler sich tummelten, heute nur noch festgestampfte Erde, Stroh, bunte Zeuglappen und Holzsplitter von deren tollem Treiben erzählten. Auch die Räderspuren prüfte er, die von den davonrollenden Wagen zurückgelassen waren. Wären aber noch Zweifel möglich gewesen, so hätten sie schwinden müssen, als man in dem nächsten Hause auf seine Anfrage den nächtlichen Aufbruch der geräuschvollen Gauklerbande mit unverkennbarer Befriedigung bestätigte. Die Gräfin und Simpson, die in dem Wagen sitzen geblieben waren, vernahmen die Kunde mit einem Gefühl bitterster Enttäuschung. Argwöhnend, daß der jähe Aufbruch die Folge irgend einer begangenen Unvorsichtigkeit der beiden Sendboten sein könne, entschlossen sie sich, den Flüchtigen, die mit ihren schweren Wagen noch keinen großen Vorsprung haben konnten, ohne Zeitverlust nachzusetzen. So lange die Karawane in der Nachbarschaft der Stadt reiste, kostete es keine Mühe, deren Spuren innezuhalten. So erreichten sie um die Mittagszeit ein einsam gelegenes Gehöft, auf dem Reisende zur Rast einzukehren pflegten. Zugleich wurden sie der als fliegende Häuslichkeiten dienenden Wagen ansichtig. Die ausgespannten Pferde standen hinter ihnen vor gefüllten Krippen, während die Mitglieder der Bande, lauter Gestalten, die sich schon aus der Ferne als Vagabunden kennzeichneten, zwischen den Wagen und der Restaurationshalle lebhaft hin und herliefen. Als sie der Kutsche entstiegen, begegneten der Gräfin und ihres Begleiters Blicke zunächst der Direktorin. Unter einem Baume saß sie; auf einem primitiven Brettergestell, einem Mahl weidlich zusprechend. Den Argwohn, der sie beim Anblick der Fremden beschlich, verbarg sie geschickt hinter einem erheuchelten Lächeln. Von der Gräfin angeredet und um den Direktor der Künstlergesellschaft befragt, erhob sie sich mit der vollen Würde ihrer verantwortlichen Stellung, und »Buonaventura!« tönte der Ruf von den vollen Lippen zwischen den Wagen hindurch. Sie säumte, bis der Gerufene in ihren Gesichtskreis getreten war, und sich den Fremden zukehrend, bat sie um die Ehre, wissen zu dürfen, womit sie den Herrschaften dienen könne. Mit wenigen Worten schilderte die Gräfin, daß sie zwei Geschwister suche, die auf Grund ihrer Gewandtheit Aufnahme bei der Truppe gefunden haben sollten. Mit wenigen Worten schilderte die Gräfin, daß sie zwei Geschwister suche, die auf Grund ihrer Gewandtheit Aufnahme bei der Truppe gefunden haben sollten. »Aufnahme gefunden? Ja,« erklärte die Direktorin, durch einen nicht mißzuverstehenden Blick ihrem Gatten, der sich eben an dem Gespräch beteiligen wollte, das Wort abschneidend, »und liebe, talentvolle Kinder sind es obenein, die ich mit der Zärtlichkeit einer Mutter in mein Herz schloß, aber leider« – hier entquollen ihren Augen zwei große, heuchlerische Tränen – »leider sollte es mir nicht vergönnt sein, sie mit schützender Hand auf dem dornenvollen Pfade hervorragender Künstler weiterzuführen. Denn derjenige, der mir die holden Geschöpfe zur höheren Ausbildung anvertraute, der eigene Vater, erschien gestern abend zu später Stunde bei uns, und als er ging, nahm er beide mit sich fort.« »Nahm er beide mit sich fort,« wiederholte der Direktor schmerzlich bewegt. »Ja, er entriß sie uns unbarmherzig, trotz aller Bitten und Vorstellungen,« entwand es sich wieder den bebenden Lippen der Direktorin, »und wir, was hätten wir in einer solchen Lage anderes beginnen sollen, als uns der herben Notwendigkeit zu unterwerfen?« Von tiefem Widerwillen erfüllt, lauschte die Gräfin den Mitteilungen, die mit dem Ausdruck heiliger Wahrheit von den heuchlerischen Lippen flossen. Begreiflich erschien ihr nur, daß Galbrett, dem jede sanftere Regung fremd, aus roher Gewinnsucht die Kinder wieder zu sich genommen oder vielmehr anderweitig untergebracht hatte. Überzeugt war sie indessen nicht, und bereitwillig ging sie auf den Vorschlag der ihr Mißtrauen erratenden Direktorin ein, nicht allein die Mitglieder der Truppe einzeln zu befragen, sondern auch die Wagen einen nach dem anderen von Simpson und Niels durchsuchen zu lassen. Erbittert nach diesem neuen Mißerfolg, begab sie sich auf den Heimweg. Matt regte sich nur noch die Hoffnung, den unnatürlichen Vater dennoch zu seiner Zeit zur Abtretung seiner Kinder zu bewegen. * Eine ähnliche Täuschung erfuhr Galbrett, als er, von nie schlummerndem Mißtrauen getrieben, sich auf den Weg nach dem Gauklerzelt begab. Den Flüchtigen darauf nachsetzend, holte er sie erst in einem abgelegenen Örtchen ein, wo man eben Anstalt traf, im Vorbeigehen eine Vorstellung zu geben. Seinen wütenden Anklagen des Kinderraubes begegnete die Direktorin anscheinend bestürzt, dann aber versöhnlich und teilnahmvoll mit der Frage, ob er denn nicht selber seine Zustimmung zu der Herausgabe der Kinder erteilt habe. Weitere Auseinandersetzungen lieferten das Ergebnis, daß die gleichen Fremden, vor denen Galbrett so dringend warnte, sich der Geschwister bemächtigt hätten. Der Widerstand der Direktorschaft war angeblich dadurch gebrochen worden, daß man nicht nur auf die Zustimmung des Vaters sich berief, sondern auch eine gerichtliche Vollmacht vorzeigte. Außerdem waren die Schilderungen des würdigen Ehepaares so genau, daß Galbrett sofort die Gräfin und Simpson herauserkannte. Er gedachte der Lustjacht, und rasende Wut bemächtigte sich seiner bei dem Gedanken, daß diese vor seinem Eintreffen in der Stadt mit den Kindern den Hafen bereits verlassen habe. Die heftige Erregung, in der er seitdem lebte, besänftigte sich erst, als er die Pandora noch ruhig vor ihrem Anker liegen sah. In der Besorgnis, daß sie im Laufe der Nacht absegeln könne, mietete er sofort ein Boot, in dem er sich hinüberruderte. Es dauerte noch eine Stunde bis zur Dunkelheit, als er neben der Pandora anlegte und von oben herab die Frage nach dem Zweck seines Kommens an ihn gerichtet wurde. Auf sein Verlangen, der Schiffsherrin vorgeführt zu werden, wurde ihm der Weg freigegeben. Hastig erstieg er die Treppe, und als er durch die geöffnete Pforte das Verdeck betrat, stand Ghastly vor ihm. Scheu musterte er die lange, dürre Gestalt mit der fahlen Gesichtsfarbe und dem gebleichten Haar. Gewohnt, jedem fremden Blick auszuweichen, mied er auch hier die dunklen, tiefliegenden Augen. Er sah daher nicht, daß diese mit einem sprechenden Ausdruck des Entsetzens glühten, dann aber, wie bange Zweifel besiegend, unter den gerunzelten Brauen hervor ihre Sehkraft verschärften und endlich unheimlich auf ihn einfunkelten. Zugleich packte Ghastly mit knochiger Faust den Rand der nahen Brüstung, als hätte er dadurch seine Stellung sichern wollen. »Ich wünsche die Schiffseignerin in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen,« wiederholte Galbrett, als jener noch immer unbeweglich dastand, und wie den auf ihm ruhenden, durchdringenden Blick bis ins Mark hinein fühlend, sah er nachlässig nach dem Vorderschiff hinüber. Ghastly seufzte tief auf. »Hab's verstanden,« antwortete er vollständig ausdruckslos, »es gehört sich indessen, daß Sie zuvor angemeldet werden. Zu 'ner vornehmen Lady geht man nicht, wie an 'nen Schenktisch, wo jeder freien Zutritt hat, so lange noch einige Cent in seiner Tasche sind.« »Zum Henker denn, so melden Sie mich an,« versetzte Galbrett mit wachsender Ungeduld, und es mochte ihn der Argwohn beschleichen, daß der unheimliche Maat darauf ausging, die Anwesenheit der Kinder an Bord zu verheimlichen. Ghastly betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen hinunter. »Jedes Ding will Zeit haben,« antwortete er finster. Flüchtig spähte er über das Deck hin, wo die Maats gruppenweise in harmlosem Geplauder beieinander saßen. Keiner hatte auf ihn geachtet, noch weniger die Wandlung bemerkt, die in seinem Gesicht wie in seiner Haltung sich vollzogen hatte. Wie dadurch beruhigt, rief er im Davonschreiten Niels. Bevor er in den nach der Kajüte führenden Vorraum einbog, gesellte dieser sich zu ihm. »Niels,« redete er ihn gedämpft an, »du weißt, ich gebe viel auf dich. Jetzt zeige, daß meine Freundschaft dir mehr wert ist, als ein Knoten Schiemannsgarn zwischen den Zähnen. Da hinter uns am Fallreep steht der Galbrett, den wir so lange suchten. Geh' hin und rede ein arglos Wort mit ihm. Aber wenn dir dein Leben lieb ist, laß ihn nicht mehr von Bord.« Niels gab ein zustimmendes Zeichen, und Ghastly trat durch die offene Tür. Von dem Vorraum aus sah er gespannt zurück. Ein seltsamer Ausdruck feindseliger Befriedigung glitt über seine hageren Züge, als er entdeckte, daß bei der sorglosen Anrede des zu ihm herantretenden jungen Norwegers eine eigentümliche Verwirrung sich auf Galbretts Antlitz ausprägte. Dieser mochte es selbst empfinden, denn er kehrte sich mit einer nachlässigen Wendung etwas ab, in dieser Stellung das Gespräch mit Niels fortsetzend. In Ghastlys Augen entzündete sich düsteres Lodern. »Ich kenne das, ich kenne das,« lispelte er unbewußt vor sich hin, »die Toten stehen auf.« Seine Schultern sanken wie vor Entkräftung nach vorne. Gleich darauf klopfte er an die Kajütentür. Die Gräfin und Simpson saßen in ernstem Gespräch beisammen, sahen aber sofort zu dem Eintretenden auf. Es war noch hell genug, um seine Gesichtszüge genau unterscheiden zu können. Es entging ihnen daher nicht, daß seine Physiognomie einen noch leichenhafteren Charakter angenommen hatte, seine Blicke besorgt zwischen ihnen hin und her schweiften. »Was gibt's?« fragte die Gräfin befremdet, »ich hoffe, es ist nichts Unangenehmes vorgefallen.« »Euer Gnaden – der Mann, der Vater der beiden Kinder, steht draußen,« antwortete Ghastly mit unsicherer Stimme. Die Gräfin schrak auf und erwiderte lebhaft: »So bringt er Nachricht von ihnen, wohl gar traurige? Führen Sie ihn herein.« »Ich wollte Euer Gnaden bitten, zuvor ein Wort von mir zu hören,« versetzte Ghastly stotternd. »Euer Gnaden werden es nicht bereuen – ich kenne den Mann –« »So sprechen Sie es aus,« befahl die Gräfin streng. Ghastly holte tief Atem. Mit Widerstreben schien sich seinen Lippen zu entwinden: »Was ich mitzuteilen habe, ist nur für die Ohren von Euer Gnaden bestimmt. Ich kann nicht anders.« Simpson erhob sich, im Vorbeigehen einen argwöhnischen Blick auf Ghastly werfend. »Lassen Sie den Mann warten,« rief die Gräfin ihm nach, »vielleicht empfiehlt es sich, ihn über seine Zwecke auszuforschen.« Sie wartete, bis die Tür sich hinter Simpson geschlossen hatte, dann kehrte sie sich Ghastly zu. »Das klingt rätselhaft,« begann sie sichtbar erregt, denn nach des alten Matrosen Wesen zu urteilen, konnte sie nur eine peinliche Nachricht erwarten. »Doch sammeln Sie Ihre Gedanken und vertrauen Sie mir ohne Umschweife den Grund Ihrer Beunruhigung an.« »Möchten Euer Gnaden mir erlauben, mich niederzusetzen,« flehte Ghastly förmlich. »In die Knochen ist mir's gefahren, daß ich zusammenbreche –« »Gut, gut,« befahl die Gräfin dringlicher, »setzen Sie sich – da, nehmen Sie den Klappstuhl, so – so, mir gegenüber, und nun kommen Sie zutage mit Ihren Geheimnissen.« Erschöpft ließ Ghastly sich nieder. Einen Blick der Verzweiflung warf er um sich, und die Augen auf die zwischen seinen Fäusten sich drehende Mütze senkend, hob er an: »Ich kenne den Mann. Ich sah ihn vor mehr als zwanzig Jahren. Ich erkannte ihn auf der Stelle an seinem schwarzen Gelock und dem gelben Gesicht. Damals hieß er anders. Er war ein junger, rüstiger Bursche. Kein gelernter Seemann, leistete er doch gute Dienste in der Takelage. Sein eigentliches Metier war Spieler und Komödiant. Wie eine Katze ging er in den Topp hinauf –« Die Gräfin sprang empor. Ihr Antlitz war so bleich, daß es leuchtete. Starr, als hätten die Augäpfel sich aus ihren Höhlen hervordrängen wollen, betrachtete sie die gebeugte Hünengestalt. »Ghastly!« rief sie aus. »Galbrett zählt zu den Verbrechern, die einst unter dem Befehl eines verräterischen Steuermanns die drei Unglücklichen auf der Aurora-Insel aussetzten?« Ghastly neigte bejahend das Haupt. Aufzuschauen wagte er nicht. Er wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihm. Eine Weile sah die Gräfin finster auf ihn hin; dann erfüllte sie allein das Bewußtsein, jemand in ihrer Gewalt zu haben, der sich an dem gegen die drei einsamen Schläfer unter den Kreuzen auf der fernen Insel begangenen Verbrechen beteiligte. Wie eine Rachegöttin stand sie da, das sonst so ruhige, regelmäßig geformte Antlitz hatte sich erschreckend entstellt. Fest ruhten die Lippen aufeinander. Ihre Nasenflügel spreizten sich. Unheil verkündend sprühten die großen Augen Blitze unversöhnlichen Hasses und Rachedurstes. »Dieser Galbrett zählt also zu den ruchlosen Mördern eines der edelsten Männer, die je unter dem Himmel atmeten,« zwängte es sich beinahe tonlos zwischen den fast verschwindenden Lippen hervor. »Ihrer drei,« hob Ghastly in seiner grenzenlosen Verwirrung an, als die Gräfin wieder einfiel: »Ob einer oder zehn um Vergeltung zum Himmel schreien, die Untat bleibt die gleiche.« Ein erbarmungsloses Lächeln trat auf ihre Züge. Sie schüttelte sich leicht, wie die letzten weiblich milden Regungen von sich abstreifend, und schritt der Türe zu. Was sie beabsichtigte, war ihr selbst nicht klar. Sie gab eben dem unwiderstehlichen Drange nach, vor Galbrett hinzutreten, ihm das Wort »Mörder« zuzuschreien, um ihn dann vor ihrem Drohblick wie unter einem Wetterstrahl zusammenbrechen zu sehen. Ghastly stierte ihr nach, wie des gesunden Denkvermögens beraubt; doch bevor sie die Hand auf die Türklinke legte, blieb sie wieder stehen, und sich Ghastly zukehrend, fragte sie mit unheimlicher Ruhe: »Woher wissen Sie alles so genau? Es klingt, als wären Sie Zeuge, wohl gar handelndes Mitglied jener Mordbande gewesen?« Ghastly bejahte durch eine Gebärde. Er wollte sich erheben, sank aber sogleich wieder zurück; kaum verständlich brachte er hervor: »Ich war Zeuge.« »Zeuge – und schritten nicht ein, als die Meuterer sich zu einem Werk einten, über das die Sonne am Himmel ihr Antlitz hätte verhüllen mögen?« »Ich konnte nicht. Ich war so jung – fürchtete selber den Tod. Mein eigen Leben wollte ich retten. Hätt' ich's nur dran gegeben; denn die Zeiten, die ich seitdem verlebte, waren ärger als der Tod. Sie machten mich binnen wenigen Jahren zum alten Mann.« Die Gräfin trat vor ihn hin. »Was führte Sie an Bord meines Schiffes?« fragte sie scharf. »Ich suchte Arbeit,« hieß es dumpf zurück; »nur in schwerer Arbeit fand ich Ruhe. Ob's die Pandora war oder irgend eine andere Kraft, kümmerte mich wenig.« Die Gräfin sann eine Weile nach. Schärfer prägte der Zug unerbittlicher Grausamkeit sich um ihre Lippen aus. »Vielleicht war es von einem rächenden Geschick bestimmt,« bemerkte sie düster, wie zu sich selbst sprechend, »daß Sie dereinst Aufschluß über das furchtbare Ereignis erteilen, mich auf einen Weg führen sollten, auf dem es gelingt, des eigentlichen Mörders, wer auch immer es sei und in welcher Stellung er sich befinde, habhaft zu werden und ihn zu zermalmen. Der da draußen kann warten. Sie dagegen werden mir wahrheitsgetreu schildern, was sich einst angesichts jenes fluchbelasteten Eilandes abspann. Vergessen Sie nicht: als wir die Insel besuchten und die irdischen Überreste des letzten Überlebenden neben die Gebeine seiner Unglücksgefährten in die Erde betteten, nahm ich eine Anzahl Schiefertafeln mit fort, und auf denen stand der ganze Hergang. Einzelne Zweifel walten indessen noch, es bestehen Lücken in der Schilderung des armen Mannes, der sie mit Eisen auf Stein zeichnete, und die sollen Sie ausfüllen. Doch es ist ratsamer, ich befrage Sie um das, was ich zu wissen wünsche.« Sie ließ sich auf den nächsten Sessel nieder, und die Blicke fest auf das erst wenig über vierzig Jahre alte und doch greisenhafte Haupt des Matrosen gerichtet, fragte sie anscheinend leidenschaftslos: »Nachdem Sie sich überzeugt hatten, daß das Geheimnis jenes fluchbelasteten Eilandes zu meiner Kenntnis gelangte, Sie also wußten, daß die Verwünschungen, die in unseren Herzen lebten, auch Ihnen galten, weshalb benutzten Sie nicht die erste Gelegenheit, sich von uns zu trennen?« »Ich bracht's nicht über mich. Wie mit Ketten hielt's mich an Bord der Pandora. Als ich erst ausmachte, daß Euer Gnaden die Heimstätten und Hinterbliebenen der Ausgesetzten zu besuchen gedachten, da meinte ich, es möchte die Zeit kommen, da mein Zeugnis angerufen werde.« Zustimmend neigte die Gräfin ihr Antlitz. Die Brauen tief runzelnd, bemerkte sie: »Wie es heut geschah und wohl fernerhin geschehen wird. Sie errieten, was mich zu der alten Larsen führte?« »Ich erriet es, und an dem Niels suchte ich seither gut zu machen, was an seinem Mutterbruder gesündigt wurde. Ich hoffte auf eine Gelegenheit, mein Leben für ihn einzusetzen. Was soll ich noch auf der Welt?« »Über den Zweck meines Besuches bei der Witwe Holiday konnten Sie ebenfalls nicht in Zweifel sein?« »Es wurde laut genug darüber geredet, daß damit der letzte Wunsch eines Toten erfüllt werden sollte.« Wiederum sann die Gräfin nach, und abermals breitete Eisenhärte sich über ihr Antlitz aus. Es trat der Gedanke in den Vordergrund, daß die beiden Kinder, die sie dem Einfluß eines gemütsrohen Vaters zu entziehen trachtete, die Nachkommen eines Mörders seien. Es schwebte ihr als eine im Abgrund der Hölle ersonnene Handlung vor, daß der Mann, der das Seinige zu dem schrecklichen Ende des Schiffskochs beigetragen hätte, nicht davor zurückschreckte, die Tochter seines unglückseligen Opfers zu heiraten und dadurch die alternde Witwe ihrer letzten Stütze zu berauben. Es schwebte ihr ferner vor, daß es nunmehr in ihre Hände gegeben war, Galbrett den Behörden zu überantworten; allein das genügte ihr nicht. Denn welche Befriedigung konnte es ihr gewähren, wenn die gerechte Strafe ihn traf, vielleicht auch Ghastly mit hinabriß, dadurch aber die letzten Mittel ihr geraubt wurden, den eigentlichen Urheber des Verbrechens, wenn er noch unter den Lebenden weilte, zu ermitteln und zur Rechenschaft zu ziehen? Unter dem Eindruck solcher Erwägungen begann sie erst nach einer längeren Pause wieder: »Wer war es, der den englischen Reisenden hinterrücks über Bord stieß?« Ghastly richtete sich auf. Sein Gesicht schien im Entsetzen erstarrt zu sein. »Stand es nicht auf den Steinen geschrieben?« fragte er schaudernd. »Wohl las ich es von den Steinen ab,« antwortete die Gräfin, »allein der Name des Mörders war nicht verzeichnet. Wahrscheinlich kannte der Kapitän ihn selber nicht. Der Mord vollzog sich im Dunkeln.« »So will ich wahrheitsgetreu berichten, was ich weiß. Ohne daß ich selber eine Ahnung davon hatte, war der Plan, sich des Schiffes zu bemächtigen, zwischen dem Mac Lear und einer Anzahl Maats längst vereinbart worden; aber erst als sie meinten, die Übermacht auf ihrer Seite zu haben, brachten sie ihn zur Ausführung. Wie ich später berechnete, sollte ich ebenfalls ausgesetzt werden, aber sie schonten mich, weil sie meinen Dienst nicht missen konnten. Wer den jungen Herrn über Bord sandte, erfuhr ich nie genau, will's aber beschwören, daß Mac Lear und der Galbrett 'ne Hand mit drinnen hatten. Als der Hilferuf erschallte, befand ich mich in der Nähe. Ich schwang mich nach dem Quarterdeck hinauf, und da sah ich, daß beide und noch einer von der Regeling zurücksprangen. An 'nen Mord konnte ich aber nicht glauben; Mac Lear, der mich erkannte, mochte dagegen Mißtrauen in mich setzen, denn als erst wieder Ruhe eingetreten war, riefen sie mich abseits und bedrohten mich mit augenblicklichem Tode, wenn ich nicht in des Kapitäns Koje schleiche und seine Pistolen heraushole. War nämlich Kajütsjunge und konnte bei dem Kapitän aus und eingehen, was jedem anderen verwehrt war. Auch rechneten sie, daß wenn ich die erste Hand an das Verbrechen lege, mir der Mund auf alle Zeiten gestopft sein möchte. In meiner Todesangst versprach ich alles; aber erst als ich zum zweitenmal zu dem Kapitän hineinschlich, traf ich ihn schlafend, so daß ich die Pistolen vom Nagel nehmen konnte. Geschah das nicht, so hätte er sicher den einen oder den anderen über den Haufen geschossen, bevor er selbst überwältigt wurde, und wer weiß, ob nicht alles anders kam. Doch nicht zufrieden damit, mich zu 'nem Hauptschuldigen gemacht zu haben, schob Mac Lear mir anderen Tages 'ne Handvoll Gold in die Tasche und nannte es meinen Anteil an dem Raube. Was half's mir, daß ich bei der ersten Gelegenheit mich von den anderen trennte? Wohin ich kam, nirgends durfte ich über die Angelegenheit reden, wollte ich nicht mein eigener Ankläger werden. Denn was ich zu meiner Entschuldigung vorgebracht hätte, wäre von niemand geglaubt worden, und wo hätte man Mac Lear und die anderen suchen sollen? Und so habe ich mit dem schweren Geheimnis bis auf den heutigen Tag mich herumgetragen. Ob auch die Schuld mir gewaltsam aufgezwungen worden: keine ruhige Stunde fand ich seitdem. Wo ich ging und stand, redete das Gewissen so schrecklich zu mir, daß ich das Ende aller Dinge herbeiwünschte. Doch so oft ich dem Tod Gelegenheit gab, mich von der Erde fortzufegen, streckte er doch nie seine Hand nach mir aus. Ich meinte oft, daß er selber Abscheu vor mir hege. Bei schwerem Wetter dagegen freiwillig über Bord zu gehen, erschien mir als eine neue Schuld, die ich nicht auf mich laden wollte von wegen der Verantwortung in einer anderen Welt.« So lange Ghastly sprach, starrte die Gräfin regungslos vor sich nieder. Dann aber sprach sie, wie aus einem Traum erwachend, mit einem durchdringenden Blick in seine Augen: »Als man den Kapitän und seine beiden Unglücksgefährten in die Heckjolle brachte, wurden zwei Säcke mit Kleidungsstücken und Lebensmitteln ihnen nachgeschoben. Wer von den Verbrechern mag da im letzten Augenblick noch Mitleid mit den, einem unabwendbaren Tode Geweihten gehabt haben?« Ghastlys Augen vergrößerten sich in bangem Erstaunen. »Stand das ebenfalls auf den Steinen geschrieben?« fragte er mit seltsam gepreßter Stimme. »Wort für Wort,« bestätigte die Gräfin, das fahle Gesicht des gebeugt vor ihr Sitzenden scharf beobachtend; »Bill nannte ihn der Kapitän in seiner Schrift. Er gedachte seiner versöhnlich, erwähnte ausdrücklich, daß seine Beteiligung an der Meuterei nur eine gezwungene gewesen sein könne. Er verzieh ihm sogar um des Mitleids willen, das er unter der Gefahr, über Bord gestoßen zu werden, den drei Unglücksgefährten bewies.« Da seufzte Ghastly schwer, wie mit einem qualvollen Erstickungstode ringend. »Der Bill – ich war's selber,« stöhnte er, und die starkknochigen Glieder wanden sich förmlich unter dem Eindruck des Vernommenen, »und verziehen hätte er mir? Nein, ich kann's nicht glauben – ich verdiente es nicht – denn weckte ich ihn, anstatt ihm die Pistolen zu rauben, so kam alles anders –« »Über meine Lippen findet nur Wahrheit ihren Weg,« unterbrach die Gräfin ihn streng, um eine Erörterung abzukürzen, die ihr selber kaum minder peinlich war, als Ghastly. »Schöpften Sie aber aus meinen Worten Beruhigung, so tragen Sie sie als eine Wohltat in Ihrer Brust verschlossen mit sich herum; Sie haben ja bewiesen, daß Sie Geheimnisse zu hüten verstehen. Gehen Sie jetzt. Was ich weiter mit Ihnen zu besprechen habe, verschiebe ich auf eine spätere Zeit. Ich will den Mann draußen nicht länger warten lassen. Gedenken Sie der armen Toten auf dem fernen Eilande, und daß Sie ihnen Sühne schuldig sind; die aber können Sie allein dadurch leisten, daß Sie in meine Anordnungen sich blindlings fügen und strenge Verschwiegenheit beobachten. Melden Sie dem Kapitän, ich ließe ihn bitten, Galbrett zu mir herein zuführen.« Schweigend, jedoch nach besten Kräften seine gewohnte Haltung erzwingend, verließ Ghastly die Kajüte. Die kurze Zeit, die es dauerte, bevor Simpson mit Galbrett eintrat, hatte der Gräfin genügt, sich für ein bestimmtes Verfahren zu entscheiden. Die Lampen waren unterdessen angezündet worden. Der Anblick des verbrecherischen Abenteurers bestärkte sie in dem Entschluß, die ihr vorschwebenden Pläne nicht durch Übereilung zu gefährden. Galbrett, durch die ihn umringende vornehme Ausstattung bis zu einem gewissen Grade eingeschüchtert, verneigte sich befangen. Die Gräfin verharrte wie eine Statue. Was kurz zuvor sie bewegen mochte und nunmehr angesichts des einstigen Meuterers und Mörders sie stachelte: jetzt beherrschte sie sich in einer Weise, die sogar Simpson, der im Laufe der Jahre doch so vertraut mit ihrem Wesen geworden war, keine Schlüsse auf das mit Ghastly geführte Gespräch gestattete. Einen flüchtigen Blick warf Galbrett auf die ihn kalt beobachtenden Augen, dann senkte er die seinigen schnell wie unter der Wirkung einer in sein Gehirn eindringenden, vergifteten Waffe. Da die Gräfin schwieg und auch Galbrett mit dem Vorbringen seines Anliegens säumte, nahm Simpson das Wort. »Der Mann ist gekommen, um seine Kinder zurückzufordern,« begann er; »beim besten Willen gelang es mir nicht, ihn zu überzeugen, daß, wenn sie sich wirklich an Bord befänden, wir keine Ursache hätten, sie vor ihm zu verheimlichen.« Galbrett hatte während dieser Mitteilung Zeit gefunden, seinen rohen Trotz zurückzugewinnen. »Sie müssen in Ihrer Gewalt sein,« erklärte er tückisch; »weilen sie nicht an Bord, so werden Sie sie wohl auf einer anderen Stelle untergebracht haben. Aber wo sie auch sein mögen: ich bestreite Ihnen das Recht, meine eigenen Kinder mir hinterlistig vorzuenthalten.« »Sie sollten lieber sagen: die Enkel des auf dem Meere verschollenen Schiffskochs Holiday,« bemerkte die Gräfin anscheinend gleichmütig. Galbrett zuckte die Achseln und erwiderte ingrimmig: »Zunächst sind's meine Kinder, über die mir allein die väterliche Gewalt zusteht. Hielten Sie sich für berufen, die beiden Geschwister unter lächerlichen Bedrohungen von den Leuten zurückzufordern, denen sie anzuvertrauen ich für gut befand, so haben Sie sich einer Handlung schuldig gemacht, für die das Gericht Sie zur Rechenschaft ziehen wird.« Ein mattes Lächeln trat auf die Züge der Gräfin. Tiefe Verachtung und versteckter Triumph spiegelten sich darin. »Von welchen Leuten sollten wir die armen Geschöpfe gefordert haben?« fragte sie. Galbrett lachte boshaft und fuhr erbittert fort: »Von wem anders, als von der Seiltänzergesellschaft, die draußen vor der Stadt ihre Künste trieb. Jetzt ist sie freilich abgezogen und wird ein gut Stück Geld dafür eingesteckt haben, daß sie den Kinderraub duldete.« »Sie reden irre,« versetzte die Gräfin nachlässig, »Ihren Verdacht aber widerlegen zu wollen, lohnt sich nicht der Mühe. Allerdings leugne ich nicht, daß ich gern ein gut Stück Geld, wie Sie es nennen, dafür hingegeben hätte, die Enkel des armen Schiffskochs einem besseren Lose entgegenzuführen.« Hoch auf horchte Galbrett bei dieser Erklärung, lachte in der nächsten Sekunde aber wieder höhnisch, und warf mit verhaltenem Grimm ein: »Behauptet der Vormann der Gesellschaft, gezwungenermaßen seine Schutzbefohlnen Ihnen überantwortet zu haben, so kann's nicht aus der Luft gegriffen sein.« »Die Behauptung ist ebenso berechtigt wie die vor mir abgelegte, daß der Vater selber vorgezogen habe, seine Kinder wieder an sich zu nehmen,« versetzte die Gräfin ruhig, und Galbrett antwortete in auflodernder Wut: »So behaupteten sie die niederträchtigsten Lügen, die je von einem Gaunerpaar ersonnen wurden.« »Zunächst mäßigen Sie sich,« griff Simpson nunmehr beinahe drohend in das Gespräch ein; »vergessen Sie nicht, wo Sie sich befinden, und daß es mir einfallen könnte, Sie ziemlich unsanft in Ihr Boot hinunterschaffen zu lassen.« Er begegnete einem mißbilligenden Blick der Gräfin und fuhr gemessener fort: »Es liegt auf der Hand, daß man Sie sowohl täuschte, wie uns, und zwar zu dem Zweck, zu seiner Zeit, nachdem das Gerede über das Verschwinden der Geschwister verstummte, sie auf Umwegen der Gauklerbande einzuverleiben.« Verstört sah Galbrett ihn an. In seinem Inneren nagte verzehrende Wut. Die Erklärung Simpsons klang zu folgerichtig, um sie ebenfalls als ersonnen zurückzuweisen. »Bleiben Sie länger hier vor Anker liegen?« fragte er nach kurzem Zweifeln lauernd. »So lange, bis ich entweder die Kinder fand, oder die Überzeugung gewann, daß sie mir unerreichbar geworden sind,« antwortete die Gräfin eisig. »Und wenn es Ihnen glücken sollte, ihrer habhaft zu werden?« In der Gräfin Augen flackerte es bedrohlich auf. Um ihre Lippen lagerte schadenfrohe Befriedigung, indem sie erklärte: »So würde ich zunächst Sie hierher entbieten lassen, um über deren Besitz mit Ihnen mich zu einigen.« »Da müßten Sie mit Ihrem Angebot schon recht hoch greifen,« versetzte Galbrett, und aus seinem Mienenspiel ging unzweideutig hervor, daß er um den Verbleib der Kinder nichts wußte. Eigentümlich zuckte es um die Lippen der Gräfin. Widerwille, Verachtung und heimlicher Triumph einten sich immer wieder zu einem unheimlichen Lächeln. Hätte Galbrett in ihrem Inneren zu lesen vermocht, so würde sein Haar sich gesträubt haben über den Plan, den sie mit kluger Berechnung zu seiner Vernichtung entworfen hatte. Trotzdem sprach sie mit einer Ruhe, die ihn vollständig in Sicherheit wiegte: »Mögen Sie mit Ihren Forderungen so hoch gehen, wie Sie wollen, sogar über die Grenzen des Vernünftigen hinaus: eine endgültige Vereinbarung wird und muß stattfinden.« Sie säumte einen Atemzug, als sie in Galbretts Zügen die erwachende Gier eines hungrigen Raubtiers entdeckte. Dann fügte sie hinzu: »Doch was reden wir, während der Gegenstand, um den es sich handelt, wer weiß wohin geschafft wird? Schließen wir lieber einen bindenden Vertrag miteinander ab. Zunächst bietet jeder von uns sein Äußerstes auf, die Spuren der Ärmsten auszukundschaften, und dahin gehört in erster Reihe, jene Gauklerbande nicht aus den Augen zu verlieren. Wer glaubt, eine Fährte entdeckt zu haben, ist verpflichtet, dem anderen sofort darüber zu unterrichten. Sind die Kinder gefunden, so steht es ja immer noch in jedes Belieben, diesen oder jenen Entschluß zu fassen.« Unter den zugespitzten Blicken der Gräfin stierte Galbrett nachdenklich vor sich nieder. Im Geiste wiederholte er die eben vernommenen Worte. Peinlich erwog er den Vorschlag, bis er die Überzeugung gewann, daß durch Eingehen auf ihn der Vorteil auf alle Fälle sich ihm zuneige. Er erklärte daher mit einer gewissen Entschiedenheit: »So mag's denn sein, Vertrauen gegen Vertrauen. Wessen Mühe von Erfolg gelohnt sein wird, der verrät's dem anderen, wirbelt aber keinen großen Staub darüber auf. Mir sind die Augen jetzt geöffnet worden. Kann ich die Kinder gegen angemessene Entschädigung in ehrliche Hände geben, so bin ich immer noch besser daran, als sie fernerhin auf Schritt und Tritt bewachen zu müssen, und dessen bin ich müde.« »Ein verständiges Urteil,« meinte die Gräfin, und die Lider halb über ihre Augen hinsenkend, verschleierte sie den in ihrem Innern webenden zügellosen Haß; »fahren Sie selbst nicht schlecht dabei, so ist Ihren Kindern ebenfalls geholfen. Und nun auf Wiedersehen, je eher, um so lieber.« Galbrett verabschiedete sich augenscheinlich befriedigt über den Erfolg seines Besuches auf der Pandora, und doch sollten die Kinder erst ausgekundschaftet werden. Fluch auf Fluch zwängte sich zwischen seinen aufeinander knirschenden Zähnen hervor, indem er des verräterischen Gauklerpaars gedachte. Simpson war mit ihm aufs Deck hinausgetreten. Als er nach einer Weile zurückkehrte, hatte das Antlitz der Gräfin den gewohnten Ausdruck eisiger Ruhe wieder angenommen. Nur die um die Mundwinkel sich ausprägende Neigung zu einem dämonischen Lächeln legte Zeugnis von der Nachwirkung der Enthüllung Ghastlys ab. »Hoffentlich findet dieser Teufel in Menschengestalt bald Veranlassung, sich mir wieder vorzustellen,« redete sie den Kapitän an; »kleine Ursachen, große Wirkungen. Mit meinem ganzen fürstlichen Vermögen hätte ich die Erfahrungen auf der Aurora-Insel nicht zu teuer bezahlt.« »Ein Schleppdampfer brachte den Eremit herein,« versetzte Simpson, das Anknüpfen an die letzte Bemerkung sorgfältig umgehend; »er ankert in Kabellänge von uns. Trotz der Dunkelheit sind seine Spieren vor dem mondhellen Himmel nicht zu verkennen.« »Lassen Sie ihn,« entgegnete die Gräfin kalt. »Mag er uns folgen, so lange es ihm beliebt, ich kann ihn nicht hindern, will auch nicht mehr. Auf die eine oder die andere Art müssen die unerhörten Belästigungen dennoch einmal ihr Ende erreichen. Bitte, gehen Sie hinunter zu den jungen Damen und vertreten Sie mich beim Mahl. Ich selber will noch ein Stündchen allein bleiben. Versuchen Sie Ihr Bestes, die armen Kinder ein wenig aufzuheitern. Lassen sie doch die Köpfe hängen, wie vom Frost gestreifte Blüten. Wenn sie sich nur daran gewöhnen möchten, meine Stimmung weniger als den Gradmesser für ihre Jugendheiterkeit gelten zu lassen.« Nach einer höflichen Erwiderung entfernte sich Simpson. Die Stunde verrann, und noch immer wanderte die Gräfin in der Kajüte langsam auf und ab, die Hände auf dem Rücken ineinander gelegt, das Antlitz geneigt, die Brauen finster gerunzelt. Achtzehntes Kapitel. Die Wirtschaft der Rowdy. Ein gefährlicher Weg. Winkende Freiheit. Die am folgenden Morgen aufgehende Sonne beleuchtete in der Tat den Eremit, der sich herausfordernd so hingelegt hatte, daß die aus dem Hafen scheidende Pandora notgedrungen bei ihm vorüber mußte. Für die Gräfin schien er indessen nicht vorhanden zu sein. Wie über jedes andere fremde Schiff sah sie auch über ihn achtlos hinweg. Maud trieb es noch weiter. Nachdem sie ihn erkannt hatte, vermied sie ängstlich, in die Richtung zu schauen, in der ihr Blick ihm begegnete. Sie trug das dumpfe Bewußtsein in sich, wenn immer sie das Deck betrat, von dorther mittelst des Fernrohrs in ihren Bewegungen aufmerksam beobachtet zu werden. Ein Gefühl des Zwanges machte sich infolgedessen in ihrem Wesen geltend, so daß sie vorzog, ihre Zeit fast ausschließlich in den unteren Räumen zu verbringen. Im übrigen deutete nichts darauf hin, daß man auf dem Eremit der Pandora viel Teilnahme schenkte. Und so glichen die beiden Jachten zwei miteinander bis zur tödlichen Feindschaft zerfallenen Geschwistern, die eine gewisse Befriedigung darin suchen, einer den anderen der Beachtung nicht zu würdigen und dennoch förmlich eifersüchtig nach einer Gelegenheit auslugen, sich in verletzender Weise bemerklich zu machen. Zu derselben Zeit betrieb die Gräfin mit unermüdlichem Eifer die Nachforschungen nach den Schlangenkindern. Ghastly und Niels waren fast beständig unterwegs, und doch erzielten sie keinen besseren Erfolg, als Galbrett, den die genauere Kenntnis des gewaltigen Straßengewirres und der verborgensten Schlupfwinkel in seinem Kundschaften begünstigte. In der Stadt aber konnten die Kinder nach der allgemeinen Überzeugung nur verborgen gehalten werden, so lange man keinen Beweis dafür erlangte, daß die Gauklergesellschaft sie nach sich gezogen hatte oder zu einer heimlichen Entführung Vorbereitungen traf. – Die Geschwister schmachteten unterdessen noch immer als Gefangene in der trostlosen Einsamkeit der unheimlichen Baracke. Ihre Aussicht beschränkte sich auf einen schmalen Streifen des Himmels, ihre Unterhaltung einzig darauf, daß der irrsinnige Clown, so oft er glaubte, es unentdeckt ausführen zu können, zu ihnen hereinschlüpfte und in seiner barocken Weise ihnen die Zeit verkürzte. Die Hoffnung auf die Verwirklichung der ihnen vorgespiegelten freundlichen Bilder hatten sie aufgegeben. Als eine willkommene Unterbrechung ihrer traurigen Vereinsamung erschien ihnen daher die Ankündigung der alten Rowdy, daß sie folgenden Tages zum erstenmal wieder unter Menschen geführt werden sollten, um vor denen ihre Kunstfertigkeit zu üben. So war wiederum der Abend hereingebrochen, und ihr wunderlicher Nachbar, der ihnen bei Todesstrafe verbot, ihn durch ihre Leistungen in den Schatten zu stellen, hatte sich vor kurzem erst entfernt, als die Hauswirtin erschien, um sie in die unteren Räume hinab zu geleiten. Dort trafen sie den Irren bereits in voller Tätigkeit, durch die tollsten Gauklerstückchen den Beifall einer aus der niedrigsten Volkshefe zusammengewürfelten Gesellschaft zu erringen. Obwohl den widerwärtigsten Kneiphöhlen nicht fremd, raubte die entgegenströmende, mit Tabaksqualm und dem Duft von Branntwein gefüllte Atmosphäre ihnen fast den Atem. Es beängstigten sie die in die häßlichsten Formen gekleideten Willkommgrüße, vor allem aber ein hinter dem Schenktisch stehender, hünenhaft gebauter Mann mit verschwollenem Trinkergesicht, den die Wirtin zu dem einzigen Zweck in ihre Dienste genommen hatte, bei ausbrechendem Hader durch tätliches Eingreifen eine schnelle Entscheidung herbeizuführen. Er war es auch, der nach ihrem Eintreten durch rücksichtsloses Schwingen eines Stuhls Raum für sie schuf und die zur Ausübung ihrer Kunst erforderlichen einfachen Geräte aufstellte; dann aber arbeiteten sie in einer Weise, daß rohe Beifallsbezeugungen den heißen, dunstigen Raum erfüllten und sie zu immer neuen Anstrengungen zwangen. Der abgedankte Clown hatte sich in den entferntesten Winkel zurückgezogen. Sein Versuch, mit in die Vorstellung einzugreifen und durch tolle Sprünge und Kapriolen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, war mit Hohn und Spott, sogar mit Drohungen gelohnt worden, wenn er das Spiel der Geschwister abermals störe. Jetzt saß er da, in seiner roten, schlotterigen Bekleidung einem Gnomen ähnlich, der auf Unheil sinnt. Die kleinen, boshaft funkelnden Augen hielt er unbeweglich auf die Geschwister gerichtet, von denen er sich plötzlich in den Hintergrund gedrängt und in der Gunst der Gäste herabgesetzt sah. Ihn selbst beachtete niemand mehr; es fiel daher keinem auf, wie sein wunderlich gefärbtes Gesicht immer mehr den Ausdruck eines bösen Feindes annahm, der nach einer Gelegenheit zur Ausübung seiner Tücke späht. Nur wenn das Beifallsgetöse sich zu ohrenbetäubendem Lärm steigerte, wand er sich auf seinem Stuhl wie jemand, der von körperlichen Schmerzen heimgesucht wird. Sein höhnisches Lachen aber schallte mißtönend zwischen den Gästen hindurch, als die Geschwister, für die man keine Schonung kannte, endlich erschöpft zusammenbrachen und mit Tränen in den Augen erklärten, nicht mehr zu können. Selbst die Rohesten der zum Teil berauschten Gesellschaft blieben durch solch' Flehen nicht ungerührt, und tiefer griff mancher in die Tasche, als die Wirtin mit dem Teller herumging, um zum Besten der Wunderkinder, wie sie behauptete, eine Sammlung zu veranstalten. Sie war noch mit dieser Arbeit beschäftigt, als abermals das gellende Lachen des Clowns erschallte. »Keine Kraft, kein Saft!« kreischte er von Eifersucht gestachelt, »Puppen sind's, die nur so lange tanzen, wie man an den Schnürchen zieht! Puppen mit 'ner Kleinigkeit Leben drinnen, und das geht zum Henker, wenn sie 'ne Minute über die Zeit arbeiten! Hurra, Gentlemen!« gellte er mit einer Grimasse, die ihm einen Teil der verlorenen Gunst wieder zurückgewann, »der wahre Künstler ist unermüdlich! Platz da in der Mitte! Ich will euch zeigen, was ein rechter Mann bedeutet!« und bald nach vorne, bald rückwärts überschlug er sich in der Luft zum allgemeinen Jubel, bis er endlich in der Richtung nach der Tür hinüber ein Rad nach dem andern schlug und so auf den Flurgang hinaus gelangte. Dort erst richtete er sich wieder auf, und den Kopf in die Tür steckend, zeterte er hohnlachend: »Ihr möchtet gern mehr haben von der Sorte? Was? Könnt lange drauf warten! Habt da die beiden Puppen, die laßt tanzen, bis ihnen der Atem vergeht und die Schnüre reißen! Es gibt nur einen Mann mit 'ner Apfelsine im Kopf! Hahaha! Verdammt sollt ihr alle sein, bevor ich auch nur noch ein Glied für euch rühre!« Mit ohrenzerreißendem Krähen stürmte er davon und die Treppe hinauf. »Dem ist's in die Krone geschossen, daß andere mehr verstehen, als er, und Kinder obenein!« entschuldigte die Rowdy das tolle Gebühren des Clowns, dessen Verwünschungen jetzt mehr Lust bereiteten, als zuvor seine Sprünge. »Soll er morgen abend auf den Händen gehen und Nüsse mit dem offenen Maule auffangen, müßt ihr ihm zuvor große Komplimente machen. Denn er ist eigensinnig wie 'n kolleriger Gaul, den man mit glühendem Eisen kitzelte.« Während Beifallsgejohle nunmehr der Rowdy von allen Seiten gespendet wurde, fiel ihr Blick auf die Geschwister. Schwer atmend saßen sie da. Der Schweiß perlte ihnen von den Stirnen. Flehend hatten sie die großen traurigen Augen zu dem Weibe erhoben. Ihre Glieder zitterten nach der ihre Kräfte übersteigenden Anstrengung. »Für heute genug,« sprach sie zu ihnen, aber Mitleid war es am wenigsten, was ihr diesen Ausspruch entlockte. »Habt gerade so viel geleistet, wie zu 'nem geruhigen Schlaf dienlich ist. Geht daher hinauf in euer Zimmer; ein handfestes Abendbrot soll euch nicht vorenthalten werden.« Und gefolgt von den beiden Jammergestalten in den verblichenen und geflickten Tressenkleidern, begab sie sich zunächst nach der Küche. Von dort aus, wo sie nach gewohnter Weise den Handkorb füllte, führte sie die Kinder in ihren höhlenartigen Raum hinauf, und vor der Matratze niederkauernd, ordnete sie die wenig einladenden Speisen wieder auf dem Fußboden. »Jetzt laßt's euch schmecken,« sprach sie, indem sie das in dem Flaschenhals steckende Licht anzündete, »denn heut könnt ihr mit gutem Gewissen behaupten, daß ihr euer Brot verdientet. Morgen gibt's neue Arbeit, da gehört sich's, daß ihr ordentlich Kräfte sammelt. Eure vornehmen Freunde scheinen's überhaupt mit dem Abholen nicht eilig zu haben. So – wie die Kerze fein brennt. Will nur noch hin und euern Nachbarn einschließen; denn der Henker traue dem, wenn er einmal tückisch geworden, und das ist er jetzt über die Maßen. Ihr habt ihn mit euren Künsten ausgestochen, und das vergißt er euch nie. Bliebe seine Tür offen, so wäre er imstande, euch den Hals umzudrehen in seiner Wut, zumal an eurer Tür kein brauchbares Schloß mehr ist. Ängstigt euch indessen nicht,« fuhr sie fort, als sie gewahrte, daß die Geschwister entsetzt zu ihr aufsahen, »das Schloß an seiner Tür ist um so sicherer, und sollte er toben, so kümmert euch nicht darum. Verrückte wissen nicht, was sie tun, und recht bei Sinnen ist er nicht, das werdet ihr wohl ausgemacht haben.« Sie schlurfte hinaus. Gleich darauf unterschieden die Geschwister, daß sie mit dem Clown in heftigen Wortwechsel geraten war, der mit dem Zuschlagen und Verriegeln der Tür endigte. Im Vorbeigehen warf das Weib noch einen Blick zu ihnen herein. »Der soll euch nicht viel hindern,« rief sie hämisch lachend aus, »aber einen Grimm hat er auf euch, als wäret ihr einzig und allein zu seinem Ärger in die Welt gesetzt worden.« Vor sich hin kichernd entfernte sie sich. Lange hatten die Geschwister dagesessen, ohne einen Laut von sich zu geben. Erst als unten die Türen wieder schlugen, wagte der Knabe seine Stimme zu erheben. »Wenn er nur kommen wollte und uns beiden den Hals umdrehen,« sprach er mit ergreifender, durch Verzweiflung erzeugter Todesverachtung. »Was sollen wir noch unter den Menschen? Wo sie uns sehen, peinigen sie uns. Ich möchte allen aus dem Wege sein.« Susanna zog sein Haupt an sich. »Er kommt nicht,« beruhigte sie zaghaft, »du hörtest, wie sie ihn einschloß –« »Er kommt nicht, denn er ist schon da,« ertönte eine vor Erregung röchelnde Stimme in der Tür, und hinüberschauend erkannten sie den Irren, wie er, noch in seinen roten Lumpen, ihnen boshaft zugrinste. »Ja, er ist schon da, und bringe ich euch nicht um, so geschieht's, weil ich keine Lust hege, wie ein Bündel Flicken am Galgen aufgehangen zu werden. Aber verdient hättet ihr den Tod, weil ihr euer Bestes leistetet, daß ich nicht gegen euch aufkommen konnte; aber freilich –« er sann einige Sekunden nach, und den Finger an die blau gefärbte Nase legend, raunte er ihnen geheimnisvoll zu: »Nein, ihr konntet nicht anders, sonst hätte der Kerl hinter dem Schenktisch euch geschunden. Zum zweitenmal sollt ihr mich mit meiner berühmten Kunst indessen nicht in den Schatten stellen, denn noch in dieser Nacht müßt ihr fort von hier, oder es gibt ein Unglück. Fort – fort,« und mit jedem »fort« emporschnellend und sich in der Luft überschlagend, gelangte er vor die zitternden Geschwister hin. Dort kauerte er mit untergeschlagenen Beinen nieder, und die Ellenbogen auf die Knie stützend und das Haupt in beide Hände gelegt, betrachtete er sie verschmitzt. »Also fort von hier noch in dieser Nacht,« beteuerte er abermals; »da aber zu einer gefährlichen Flucht Kräfte gehören, so rat ich euch, vor allen Dingen zu essen. Ich bringe unterdessen die verdammte Apfelsine in meinem Kopf zur Ruhe, damit sie mir später das Gleichgewicht nicht stört,« und flink herumkugelnd, kam er auf die Hände zu stehen, auf denen er mit der plumpen Grazie eines Bären einherschwankte, ohne dadurch in seinem Gespräch behindert zu werden. »Ich sage euch, eßt,« wiederholte er streng, »mögen die Speisen immerhin schlecht sein, so füllen sie doch den Magen, und hungrig seid ihr, das sieht man euch aus fünfzig Schritte an; also vorwärts.« Schüchtern griffen die Geschwister nun zu. Sie glichen Automaten, deren Bewegungen von dem Willen des Irren abhängig waren. Dieser aber gewahrte kaum, daß sie in der Tat aßen, als er mit einem kühnen Luftsprunge sich wieder vor ihnen niederließ und sogar die Bissen für sie zurechtlegte. Etwas Krampfhartes lag in seinem Tun. Es offenbarte sich darin das sein ganzes wirres Denken erfüllende Trachten, die Ursache der erfahrenen Kränkungen so bald wie möglich aus seinem Wege zu schaffen. Rätselhaft erschien dabei, woher er die Kraft zu der nimmer rastenden Beweglichkeit nahm; denn wie der letzte kleine Verstandesfunke dem Einfluß unablässiger, heftiger Erregungen, so mußte auch der dürre, schmächtige Körper den an ihn gestellten, sinnlosen Anforderungen schließlich unterliegen. Aber er schien nach beiden Richtungen hin unempfindlich zu sein, und mit fieberhafter Redseligkeit erzählte er: »Ungern möchte ich euch ein Leid zufügen; und dennoch, gelingt es mir nicht, euch in dieser Nacht über die Berge zu schaffen, so seid ihr verloren, Grund genug für euch, auf meine Befehle zu achten und meine Ratschläge pünktlich auszuführen. Ich gehe jetzt in meine Wohnung zurück, um mich gentlemanartig zu kleiden; denn ein vernünftiger Mensch kann unmöglich von mir verlangen, in solchem Aufzuge mich auf der Straße zu zeigen. Man würde mich für verrückt halten. Ihr dagegen streift eure Lumpen über die bunten Fetzen, da mag der Henker raten, was drunter verborgen ist. Eine Stunde oder so herum mag es dauern, bis die letzten Gäste zum Teufel sind, dann noch eine halbe Stunde, bevor ich mich von der Sicherheit im Hause überzeugte, und sind wir erst auf der Straße, so mögen alle uns nachpfeifen. Bevor der Tag graut, schlafe ich wieder in meiner verschlossenen Kammer, und findet das Weib euch nicht mehr vor, so kann's nur glauben, der Böse sei mit euch zum Schornstein hinausgefahren.« »Wohin sollen wir denn gehen?« fragte Susanna zaghaft, obwohl sie die Furcht vor einem unmittelbaren Angriff des Irren mehr und mehr schwinden fühlte. »Wohin?« fragte der Clown gedehnt zurück, und abermals legte er den Finger an die blaue Nase. »Wohin? Bei Gott, Mädchen, du fragst gescheiter, als mancher, der ein halb dutzendmal so alt ist wie du – verdammt! Die Apfelsine ist wieder lose. Weiß der Henker, ich brauch' nur scharf zu denken, und sie rollt in meinem Schädel, wie auf 'ner Kegelbahn.« Mit dem letzten Wort stand er wieder auf den Händen, seinen Kopf so wunderlich drehend, wendend und schüttelnd, daß der Knabe sich des Lachens nicht zu enthalten vermochte, Susanna sogar sich zu einem matten Lächeln bequemte. »Ja, das Wohin, das ist die Frage. Doch jetzt hab' ich's –« die Apfelsine war offenbar zum Stillstand gelangt, denn blitzschnell nahm er seine kauernde Stellung wieder ein, und munter fuhr er fort: »Ja, ich hab's: du selber sollst mir's sagen.« »Ich weiß es nicht,« hieß es kleinlaut zurück, »zum Vater möchten wir nicht; der würde uns keinen guten Empfang bereiten.« »Richtig, Kind, nicht zum Vater, denn der brächte euch auf der Stelle wieder hierher. Besinne dich also; kennst du keinen anderen, bei dem ihr 'nen guten Unterschlupf fändet?« »Ich wüßte wohl jemand, allein da wir nicht abgeholt wurden, scheue ich mich, ihm zur Last zu fallen.« »Unsinn, ihr fallt keinem zur Last, nur mir allein. Daher müßt ihr fort, und wäre ich gezwungen, euch zum – ja, zu wem? Was sind's für Leute, von denen du redest?« »Eine vornehme Dame und ein Herr. Sie sagten einmal, sie wollten für uns sorgen.« »Da wären wir ja aus aller Not. Wie heißen sie?« »Das weiß ich nicht.« »Auch nicht, wo sie wohnen?« »Ich glaube, auf einem Schiff im Hafen,« antwortete Susanna mit wachsender Hoffnung. »Im Hafen?« wiederholte der Clown nachdenklich. »Im Hafen? Mehr zu wissen lohnt sich nicht; wir brauchen nur auf jedem Schiff anzufragen, und bevor der Tag graut, seid ihr bei euren Freunden. Doch jetzt schlaft noch 'ne Kleinigkeit, damit ihr frisch seid, wenn ich komme.« Hastig kehrte er sich um, und kein Schatten hätte leichter einherschleichen können, als er auf dem Wege nach seinem Gefängnis. »Was meinst du dazu?« fragte der Knabe, dessen Mut nach dem Verschwinden des Irren wieder gesunken war. »Es bleibt uns keine Wahl, wir müssen ihm folgen,« antwortete Susanna ernst. »Schlechter als hier kann es uns nirgends ergehen. Lieber auf der Straße um ein paar Cent arbeiten, als in diesem Hause vor den schrecklichen Menschen. Ich hasse sie. Sie betrachten mich so seltsam und reden geheimnisvolle Dinge, um uns hinterher zu verlachen. Aber jetzt lege den Kopf auf meinen Schoß und versuche zu schlafen. Ich bewache dich unterdessen. Wer weiß, ob er überhaupt noch kommt.« Der Knabe befolgte ihren Rat, und als hätte er sich unter dem Schutze der Schwester gegen alle Fährnisse der Welt sicher gefühlt, entschlief er, von Mattigkeit überwältigt, alsbald. Die Zeit verrann, mechanisch lauschte das Mädchen dem schwindenden Lärm in den unteren Räumen. Dann noch ein letzter schwerer Schlag, und Stille herrschte in dem unheimlichen Bau. Da fiel ein matter Lichtschein in den dumpfigen Raum. Susanna sah auf, und in der Türe stand, vor sich eine brennende Kerze tragend, der alte Clown. Sie erschrak; denn erst nach schärferem Hinüberspähen erkannte sie ihn wieder. Statt in der lächerlichen roten Lumpenhülle, in der sie ihn bisher nur sah, prangte in einem schäbigen, schwarzen Anzuge, der ihn äußerlich zu einem halbverhungerten Gelehrten stempelte. Das gesäuberte Gesicht hatte er in würdige Falten gelegt und einen uralten Zylinderhut auf sein kleines Haupt gedrückt. Nur seine Augen verrieten noch den gewaltsam bekämpften Irrsinn. In ihrem unsteten Funkeln offenbarten sich Tücke und Schadenfreude, geeint mit jenem ungewöhnlichen Scharfsinn, wie er gerade geistig Gestörten vielfach eigentümlich ist. »Es ist Zeit,« sprach er ruhig und mit einer Überlegung, durch die Susannas Vertrauen zu ihm befestigt wurde. »Bis zur Zeit, daß ihr fertig seid und wir hinuntergestiegen sind, schläft die alte Hexe so fest, daß die Trompeten – oder waren's Posaunen – Jerichos sie nicht zu ermuntern vermöchten. Ich kenne das an ihr, denn öfter schon besuchte ich sie zu solcher Stunde, wenn die Apfelsine mir keine Ruhe gönnte. Ich hätte sie erwürgen können, ohne daß sie es gewahr geworden wäre; doch ich gebrauchte sie, und deshalb blieb sie verschont. Jetzt vorwärts. Der Branntweinrausch, mit dem die Hexe jedesmal ihr erbärmliches Tagewerk abschließt, möchte sonst verfliegen, bevor frische Luft uns um die Nase weht.« Susanna weckte den Bruder. Ihrem zärtlichen Zuspruch gelang es leicht, seine letzte Verschlafenheit zu verscheuchen und ihn für die vor ihnen liegende Aufgabe vorzubereiten. Nach einigen Minuten traten sie Hand in Hand vor den alten Gaukler hin, der sie so lange nachdenklich betrachtet hatte. Er kehrte sich um, und gefolgt von den bebenden Geschwistern schlich er der Treppe zu. Nachdem er sie angewiesen hatte, nur diejenigen Stufen zu betreten, die ihn selbst zuvor getragen hatten, von denen er also wußte, daß sie kein zu lautes Knarren erzeugten, begann er, sich langsam abwärts zu bewegen. Seiner Ratschläge eingedenk, schlossen die Geschwister sich ihm vorsichtig an. Geräuschlos von Stufe zu Stufe gleitend, bald diese, bald jene überschlagend und gestreift von der Beleuchtung des rötlich brennenden Lichtstumpfens, hätte man die drei Gestalten mit der Unterwelt entstiegenen Geistern vergleichen mögen, die auf Fledermausflügeln niederwärts schwebten. So erreichten sie den nächsten Flurgang. Dort blieb der Clown eine Weile lauschend stehen. Atemlos beobachtete Susanna sein Mienenspiel. Sie zitterte bei dem Gedanken, daß sein Irrsinn zum lärmenden Ausbruch gelangen könne oder die in Bewegung geratene Apfelsine ihn zu den gewohnten Gegenmitteln treibe. Er hatte sich aber zu fest an die Lösung der ihm vorschwebenden Ausgabe angeklammert, um von der einmal eingeschlagenen Bahn abzuweichen. Einem Fuchs ähnlich schaute er darein, dessen Augen und Ohren überall waren, um einen Ausweg aus der ihm gestellten Falle zu entdecken. Wie die erste Treppe, überwanden sie die zweite. Dann aber verdoppelten sie ihre Vorsicht. Sie befanden sich unten in einem Flurgange, auf den sich zu beiden Seiten Türen öffneten, die zur nächtlichen Stunde verschlossen gehalten wurden. Die Geschwister am Fuße der Treppe zurücklassend, schlich der Clown nach der nächsten hinüber. Bei jedem neuen Schritt die Schultern hoch emporziehend, schien er den Estrich mit den Füßen kaum zu berühren. Als er aber das Ohr argwöhnisch horchend an die Tür legte, ging plötzlich eine eigentümliche Veränderung aus seinem Antlitz vor sich. In hellem Triumph strahlte es. Boshafte Freude leuchtete aus seinen zwinkernden Augen. Tiefes Schnarchen auf der anderen Seite der Tür hatte ihn belehrt, daß die Wirtin in einen todähnlichen Schlaf gesunken war. Den Geschwistern sich wieder zugesellend, führte er sie in den Küchenraum. Dort bedeutete er sie, hinter mehreren leeren Fässern und Kisten sich zu verkriechen. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie von einem oberflächlichen Blick nicht erreicht werden konnten, verlöschte er das Licht. Wohl zehn Minuten verrannen darauf in lautloser Stille. Als wäre der Irre mit den Augen nachtliebender Tiere ausgerüstet gewesen, hatte er die Küche geräuschlos verlassen, um auf einem Umwege durch das Innere des Hauses in das Schlafzimmer der Wirtin zu gelangen. Mit angehaltenem Atem lauschten die Geschwister. Endlich unterschieden sie wieder das Knistern des Sandes unter behutsam einherschleichenden Füßen. Sie atmeten indessen kaum auf, als in geringer Entfernung von ihnen das laute Poltern ertönte, mit dem ein schwerer Gegenstand ins Gleiten geriet und niederschlug. Das alsbald darauf folgende »Ssst« belehrte sie, daß der Clown das verräterische Geräusch unabsichtlich selbst erzeugt hatte und sie warnte, auf der Hut zu sein. Und wiederum herrschte die Stille des Grabes. Doch nur eine Minute verrann, und sie erhielten den Beweis, daß die Wirtin trotz ihres Rausches nicht so fest schlief, wie ihr Führer behauptete. Im Innern des Hauses ging eine Tür, das bekannte Schlurfen unförmlich beschuhter Füße folgte, und geräuschvoll wurde die in die Küche führende Tür aufgestoßen. Matter Lichtschein drang zu den Geschwistern in ihr Versteck, und bei diesem erkannten sie zwischen Kisten und Tonnen hindurch die Rowdy. Im dürftigsten Nachtkleide einer der Hölle entsprungenen Furie ähnlich, trug sie in der einen Hand das Licht, in der anderen ein großes Vorlegemesser. Auf der Schwelle war sie stehen geblieben, um zunächst einen argwöhnischen Blick durch den Küchenraum zu senden. Die Richtung ihrer Augen begleitete sie jedesmal mit dem Schein des Lichtes. Dadurch wurden die von tödlichem Schrecken befallenen Geschwister auch des Clowns ansichtig. Hinter der nicht ganz bis zur Wand zurückgeschlagenen Tür stand er, nur durch diese von dem Weibe geschieden. Seine rechte Faust umklammerte gleichfalls das Heft eines großen Messers, die linke den kurz zuvor entwendeten schweren Schlüssel, der ebenfalls die Stelle einer Waffe vertreten konnte. Zu dürftigster Nachtkleidung, einer der Hölle entstiegenen Furie ähnlich, trug sie in einer Hand das Licht, in der anderen ein großes Vorlegemesser. Fortgesetzt mißtrauisch um sich spähend, wurde die Wirtin eines Brettes ansichtig, das anscheinend durch die Erschütterung vorüberrollender Wagen gelockert, ins Gleiten geraten und neben der Wand, an der es ursprünglich lehnte, niedergefallen war. Dadurch beruhigt, schritt sie weiter, um auch auf den Flurgang hinaus zu leuchten. Hätte ein Blick von ihr auch nur einen Zipfel der Bekleidung der in Todesangst schwebenden Geschwister gestreift, so wäre die Entdeckung unausbleiblich gewesen. Zu deren Heil gereichte aber, daß das von schwankender Hand getragene Licht einen zu jähen Wechsel der Beleuchtung erzeugte, um irgend einen Gegenstand klarer hervortreten zu lassen. Nach Prüfung des Flurs mit erhöhtem Sicherheitsgefühl durch den Küchenraum schreitend, achtete sie ihrer Umgebung kaum noch. Nachlässig zog sie die Tür, hinter der der Irre sich in den schattigen Winkel schmiegte, hinter sich zu, und gleich daraus verhallten die schlurfenden Schritte. Doch mindestens eine Viertelstunde bangen Harrens verstrich noch, bevor der Clown trotz seiner gefährlichen Bewaffnung sich wieder zu rühren wagte. Leise schleichend, zündete er zunächst sein Licht wieder an. Die Geschwister nach der Außenwand der Küche hinüberführend, wies er aus ein Fenster von etwa anderthalb Fuß im Geviert, das gegen fünf Fuß hoch oberhalb des Estrichs lag. Dringlich bedeutete er sie, daß sie durch die Öffnung hindurch müßten, und nachdem er den das Fenster geschlossen haltenden Riegel zurückgedreht hatte, löschte er das Licht wieder aus. Für Menschen, deren ganzes Dasein auf ihrer Gewandtheit beruhte, war es keine schwere Aufgabe, zumal die Freiheit auf dem Spiele stand, einen derartigen Weg einzuschlagen. Susanna machte den Anfang. Sich an der Fensterfüllung emporziehend und dann zusammenkrümmend, schob sie zunächst die Füße durch die enge Öffnung, und mit der Beweglichkeit eines Marders folgte der übrige Körper alsbald nach. Unhörbar schlug sie mit den Füßen unten auf, und sie kämpfte in der Finsternis noch flüchtig ums Gleichgewicht, als ihr Bruder, von Angst und dem Verlangen, bei ihr zu sein, getrieben, bereits oben erschien und in der nächsten Sekunde neben ihr stand. Schneller noch verließ der Clown, der diesen Weg offenbar nicht zum ersten Male zurücklegte, die Küche. So viel Susanna zu unterscheiden vermochte, befanden sie sich auf einem finsteren Hofe, dessen Ausdünstung verriet, daß der Kehricht eines Vierteljahrhunderts dort als Unterlage für zerbrochene Töpfe, Flaschen und sonstige außer Gebrauch gesetzte Hausgeräte diente. Doch zur Umschau gönnte der Clown ihr keine Zeit. Wie sie den Bruder hielt, packte jener ihre Hand, und nach wenigen Schritten standen sie vor einer schmalen, festen Tür. Mit geübtem Griff schob der Irre den Riesenschlüssel ins Schloß. Unter seinem behutsamen Druck folgte leises Knirschen und Kreischen und gleich darauf traten alle drei auf die Straße hinaus. Dort säumten sie, bis der Clown die Tür wieder notdürftig befestigt hatte, und sich überzeugend, daß die Gasse vollkommen verödet lag, schlugen sie die Richtung ein, die sie in kürzester Frist nach dem Hafen führte. Anfänglich schweigsam, lebte der närrische alte Gaukler auf, sobald die ersten hundert Schritte hinter ihnen lagen. Dann aber schwang er seinen gewichtigen Schlüssel triumphierend, und hoch und teuer vermaß er sich, jedem den Schädel einzuschlagen, der sich ihnen hindernd in den Weg stellen würde. Erst Susanna brachte ihn wieder zur Besinnung, als sie ihn daran erinnerte, daß sie irgend ein bestimmtes Ziel ins Auge fassen müßten, anstatt planlos die vereinsamten Straßen und Gassen zu durchirren. Bereitwillig ging er darauf ein, und ein Mann mit dem gesundesten Verstande hätte der beiden Geschwister Angaben nicht bedachtsamer prüfen und darnach seine Entscheidung treffen können, als er nunmehr die Fortsetzung der Flucht mit ihnen beriet. Neunzehntes Kapitel. »Liebe, gute Dame.« Werbende Herzen. Der Arm der Gerechtigkeit. Wenn das Geschick sich oftmals die Aufgabe gestellt zu haben scheint, diesen oder jenen Sterblichen tückisch zu verfolgen, so ruft es andererseits zuweilen den Eindruck hervor, als ob es, der unbarmherzigen Nachstellungen müde, einen guten Stern beauftrage, freundlichen Hoffnungen gewissenhaft den Weg in bedrängte Gemüter zu bahnen und zu ihrem Heil die Ereignisse in einer Weise zu lenken, daß man die etwaigen günstigen Erfolge als Wunder bezeichnen möchte. Wie die Gräfin mit ihren Entschlüssen und Bewegungen sich nie an eine bestimmte Zeit band, dem hellen Sonnenschein kein größeres Anrecht an ihr Tun und Lasten einräumte, als den nächtlichen Stunden, so war sie auch an dem heutigen späten Abend ohne Rast geblieben. Scharfsinnig erwägend, daß sie selbst fortgesetzt von denjenigen beobachtet werde, die die beiden Schlangenkinder ihrem Gesichtskreise entzogen hatten, gelangte sie zu dem Entschluß, den Hafen zu verlassen und einige Tage draußen auf hoher See zu kreuzen. War die Pandora erst verschwunden – folgerte sie – so stand zu erwarten, daß die heimlichen Feinde, dadurch in Sicherheit gewiegt, sich freier bewegen und ihren Kundschaftern Gelegenheit bieten würden, die Spuren der Geschwister aufzunehmen. Zu diesen Anschauungen war sie erst gegen Abend gelangt, und nach einer ernsten Beratung mit Simpson begab sie sich zu später Stunde noch zur Stadt, um in dem Gasthofe ihre Verbindlichkeiten zu lösen, überhaupt den Glauben zu erwecken, daß sie mit der Morgenebbe den Anker zu heben und sich einem anderen Himmelsstriche zuzuwenden gedenke. Damit war der größte Teil der Nacht hingegangen, und die zweite Morgenstunde neigte sich ihrem Ende zu, als sie den Weg zum Hafen einschlug, wo die Jolle ihrer harrte. In ihrer Begleitung befand sich Niels, den sie dazu auserkoren hatte, zurückzubleiben und während ihrer Abwesenheit die ferneren Nachforschungen zu betreiben. Ihn bedachtsam unterweisend, erreichte sie nach kurzer Wanderung den Kai. Öde und still lag er. Selbst die Kneipen, die gemeinschaftlich mit Kaufläden ihn einsäumten, waren dunkel, seitdem die letzten Gäste sich mit schweren Köpfen und unsicheren Füßen entfernt hatten. Langsam nach der Landungstreppe hinüberschreitend, vor der die Jolle angelegt hatte, händigte sie dem jungen Norweger einen geschlossenen Brief ein. »Den benutzen Sie nur im äußersten Notfall,« riet sie in ihrer ruhigen, entschiedenen Weise. »Notfall nenne ich aber, wenn Sie vielleicht in die Lage geraten sollten, nach einer sicheren Zufluchtsstätte für die Kinder sich umsehen zu müssen. In solchem Falle führen Sie sie nach dem Gasthofe, den wir eben verließen, und nachdem der Wirt Kenntnis von dem Inhalte des Schreibens genommen hat, werden Sie sehen, wie bereitwillig er sich Ihnen zur Verfügung stellt.« Vor der Treppe stehend, wo Niels sich von ihr verabschieden sollte, hatte sie die letzten Worte etwas lauter und dringlicher gesprochen, achtete also nicht auf die Umgebung, nicht auf das Geräusch sich flüchtig nähernder Schritte. Erst als vor ihr in der Dunkelheit mehrere Schatten auftauchten, brach sie vorsichtig ab. Im nächsten Augenblick aber stürzte es zu ihren Füßen. Gleichzeitig fühlte sie ihre Knie umschlungen, und zu ihren Ohren drang mit einem ergreifenden Ausdruck: »Liebe, gute Dame, retten Sie uns! Mein Bruder und ich sind so unglücklich! Man verfolgt uns – will uns ein Leid antun – wir sind so müde, können nicht weiter –« Sprachlos, halb erstarrt, stand die Gräfin. Sie wußte nicht, ob sie ihren Sinnen trauen durfte. Susanna dagegen, ihr Schweigen ungünstig deutend, zog mit der linken Hand den Bruder neben sich zur Erde nieder, und mit dem rechten Arm deren Knie noch fester umschlingend, barg sie laut weinend ihr Antlitz in den Falten ihres Kleides. Noch immer säumte die Gräfin. Da wurde sie der schattenähnlichen Gestalt des Clowns ansichtig, der einige Schritte zurück stand und nach dem unerwarteten Ereignis unstreitig wieder im Kampf mit der in seinem Kopfe rollenden Apfelsine begriffen war. Doch zu sehr eingeschüchtert, um seines Hauptmittels sich zu bedienen, beschränkte er sich darauf, den Kopf weit nach rechts und dann wieder nach links zu schwingen, und ihn schließlich mit beiden Händen zu halten. »Was wollen Sie hier?« fragte die Gräfin streng, in dem Unglücklichen einen Verfolger der Geschwister vermutend. »Er rettete uns, er führte uns aus dem fürchterlichen Hause,« kam Susanna dem alten Gaukler zuvor, der nunmehr vollständig in Verwirrung geraten war. Als habe aber des Mädchens Erklärung ihn plötzlich neu belebt, fügte er alsbald mit einer gewissen Todesverachtung hinzu: »Selbst ein Künstler ersten Ranges, dulde ich keine anderen Größen neben mir! Die Schlangenkinder sind jetzt frei, können hingehen, wohin sie wollen – die Apfelsine, die Apfelsine – o weh?« Abermals griff er mit beiden Händen nach dem Kopfe und stürzte davon. Das Wesen des Unglücklichen verriet zu unzweideutig seinen Gemütszustand, als daß die Gräfin in Zweifel über ihn hätte bleiben können. Aber ihr Herz krampfte sich zusammen, indem sie erwog, daß die armen Geschöpfe, die sich noch immer verzweiflungsvoll an sie anklammerten, der Willkür eines Irrsinnigen so lange preisgegeben gewesen waren. »Steht auf,« sprach sie milde, ihre Hände ergreifend und sie emporziehend, und nicht mehr die Kinder eines ruchlosen Verbrechers waren es für sie, sondern zwei elende, hilfsbedürftige Wesen, die Enkel des Mannes, für dessen Angehörige einst ein Sterbender um Erbarmen flehte. »Steht auf, ihr seid jetzt in Sicherheit und werdet es auch fernerhin bleiben, so Gott will.« Mit einem unsäglichen Gefühl der Wehmut duldete sie, daß die Geschwister unter dem überwältigenden Eindruck, sich gerettet zu wissen, ihre Hände küßten. Laut schluchzend, vermochten sie kein Wort hervorzubringen. Selbst tief ergriffen, wendete sie sich erst nach einer Pause an Niels. »Weiteres Nachforschen ist also nun überflüssig geworden,« sprach sie eintönig, obwohl unter der Berührung der Geschwister, die ihre Hände fortgesetzt umklammert hielten, es sie wie belebende Wärme durchströmte. »Sie mögen indessen vorläufig noch in der Stadt bleiben. Bald nach Tagesanbruch begeben Sie sich zunächst zu Galbrett. Sagen Sie ihm, die Kinder seien gefunden, und ich erwarte ihn gegen Abend an Bord der Pandora; sonst reden Sie kein Wort mit ihm. Der alten Frau bestellen Sie: bevor wir Anker lichten, würde sie mehr von mir hören. Um ihre Zukunft möchte sie unbesorgt sein. Ich würde schon etwas für sie tun, daß sie bis auf weiteres gegen Not geschützt sei. Von dort eilen Sie nach einem guten Kleidergeschäft. Die ungefähre Größe der Kinder kennen Sie: das Mädchen reicht Ihnen beinahe bis an die Schulter, der Knabe ist etwas kleiner; darnach bestimmen Sie das Maß und beauftragen Sie den Händler, mit einer Auswahl hübscher Anzüge an Bord zu kommen. Auch einen Vorrat Wäsche jeder Art soll er mitbringen und passendes Schuhzeug, kurz alles, was zur Ausstattung von Kindern wohlhabender Eltern gehört. Und nun hinunter mit euch beiden – Niels, helfen Sie ihnen ein wenig – nicht doch, Kinder, gebt meine Hände frei, oder wir fallen alle miteinander ins Wasser. Geht, geht und ängstigt euch nicht. Ihr seht ja, daß ich bei euch bleibe.« »Liebe, gute Dame, retten Sie uns! Mein Bruder und ich sind so unglücklich! Man verfolgt uns – will uns ein Leid antun – wir können nicht weiter.« Sie säumte auf der obersten Stufe, bis die Geschwister in die Jolle hinabgeführt worden waren, und nachdem sie Niels einige Ratschläge erteilt hatte, folgte sie ihnen nach. Sie hatte kaum auf der Spiegelbank Platz genommen, da knieten jene wieder vor ihr, abermals ihre Hände mit Küssen bedeckend. »Vorwärts!« befahl die Gräfin. Die Jolle wurde von der Treppe abgestoßen. Die vier Riemen senkten sich in die Fluten, und hinaus schoß das leichte Fahrzeug auf die tiefgraue Wasserfläche. Die Nacht war still, der Himmel bewölkt. Wie verloren gegangene Sterne blinzelten die Laternen der Schiffe nah und fern. In der Jolle herrschte Schweigen. In regelmäßigem Takt stießen die Riemen gegen die Pflöcke. Das Wasser plätscherte und sprudelte. Wie von wirren Träumen umfangen knieten die Geschwister vor ihrer Beschützerin. Die Hoffnung, nicht mehr ins Elend zurückgestoßen zu werden, beherrschte sie vollständig. Nach den jüngsten schrecklichen Tagen machte grenzenlose Erschöpfung sich in um so höherem Grade geltend. Einschläfernd, wie ein wunderbare Mär berichtendes Wiegenlied, wirkte das dumpfe Stoßen und Plätschern auf die jungen Gemüter ein. Das Haupt des Knaben sank auf die Knie der Gräfin. Beim besten Willen vermochte er nicht, sich aufrecht zu erhalten. Die Gräfin wehrte ihm nicht. Aber dem Mädchen ihre Hand entziehend, legte sie sie auf dessen Haupt, dieses ebenfalls auf ihren Schoß ziehend. Dabei sprach sie keine Silbe. Was in ihrem Herzen vorging, welcher Art die Bilder waren, die ihr vorschwebten, wer hätte das erraten! Die tiefe Trauer aber, die auf ihrem sonst so strengen Antlitz lagerte, und die Tränen, die langsam und schwer über ihre hageren Wangen rollten, die gingen verloren in der Dunkelheit. Nicht um die Welt hätte sie sich vor anderen schwach zeigen mögen. Die Jolle trieb neben die Pandora hin. Oben stand Simpson, eine kurze Frage in das Boot hinabrufend; die Gräfin erkannte ihn an der Stimme. »Wir bleiben noch einige Tage,« sprach sie hinauf; »was wir suchten, ich fand es, als ich nahe daran war, die Hoffnung aufzugeben. Ich bringe es gleich mit.« Die Geschwister hatten sich aufgerichtet. Wie noch gegen beängstigende Visionen ankämpfend, überließen sie sich willenlos den starken Armen, die sie behutsam die Treppe hinaufführten. Oben waren andere freundliche Hände bereit, den Befehlen der Gräfin zu gehorchen, die Gäste in die unteren Räume hinab zu geleiten und sie dort in eine mit zwei Lagerstätten versehene Koje zu betten. Erst nachdem die Gräfin eine Weile angelegentlich mit Simpson beraten hatte, begab sie sich zu ihren Schützlingen hinunter. Hatten die abgehärmten Gesichter mit den großen traurigen Augen schon früher einen Zauber auf sie ausgeübt, so staunte sie jetzt über deren Schönheit, die durch das die dunklen Locken umrahmende weiße Linnen der Pfühle um so auffälliger hervortrat. Sie wurde der zerlumpten Kleidungsstücke ansichtig, die sie abgelegt hatten. Hier und da lugte ein farbiger Streifen der jämmerlichen Gaukleranzüge unter ihnen hervor. »Steinkohlen hinein und über Bord damit. Auf den Meeresboden gehören die Mahnungen an ihre Leidenszeit,« befahl sie ihrer Kammerfrau eintönig, die sich sofort mit den häßlichen Sachen entfernte. Dann erst trat sie den Geschwistern näher, mit tröstlichen Worten deren Befangenheit scheuchend und die noch in ihnen lebenden, unbestimmten Sorgen beschwichtigend. Beiden strich sie die schwarzen Locken von der Stirne. Die gestammelten Ausdrücke des Dankes schnitt sie mit dem Rate ab, zuvor auszuschlafen, und dem Versprechen, dafür zu sorgen, daß am kommenden Tage auch in ihrem Äußeren eine freundliche Wandlung stattfinden solle. Gewahrend, daß ihre Schützlinge ohnmächtig gegen die Folgen tiefer Erschöpfung kämpften, schied sie von ihnen mit Vertrauen erweckendem Gruß. Ihr selbst blieb die Neigung zum Schlaf fern. In Nachdenken versunken, begab sie sich in die Kajüte hinauf. Dort wandelte sie nach alter Gewohnheit lange auf und ab. Der Morgen graute, als sie endlich Ruhe suchte. – In eine Märchenwelt versetzt wähnten sich die Geschwister, als nach langem, tiefem Schlaf die angekündigte äußere Veränderung mit ihnen vorgenommen wurde. Wie fürchtend, einen sie umfangenden süßen Traum zu stören und der traurigen Wirklichkeit zurückgegeben zu werden, wagten sie in der neuen Ausstattung sich nur schüchtern zu bewegen. Es blendete sie der sie umgebende Glanz; es verwirrten sie die an sie gerichteten Worte der Güte und Teilnahme. Doch Maud und Sunbeam waren unerschöpflich im erfinden von Mitteln, das sich erst zaghaft regende Vertrauen zu schüren und zu befestigen. Sogar die beiden Geparde mußten mit dazu beitragen, dem Glauben an eine freundliche Wirklichkeit Eingang zu verschaffen, die überreizten kindlichen Phantasten in ruhigere Bahnen zu lenken. Die Gräfin hielt sich fern. Nur flüchtig schenkte sie ihre Aufmerksamkeit einem Bilde, in dem liebliche Gestalten fortgesetzt einen bestrickenden Wechsel erzeugten. Es war, als hätte sie der Zeit bedurft, sich mit dem Gedanken an die Herkunft ihrer beiden neuen Schützlinge auszusöhnen. So war der Tag verstrichen, und eine Stunde dauerte es noch, bevor die ersten Dämmerungsschatten über den reichbelebten Hafen hinschlichen, als Galbrett mit seinem Boot neben der Pandora anlegte und gleich darauf sich über die geschlossene Pforte hinweg auf Deck schwang. Sein erster Blick fiel auf die Geschwister. Sie waren eben im Begriff, in die unteren Räume hinabzusteigen, wohin Maud und Sunbeam sie gerufen hatten. Heimlicher Triumph leuchtete in seinen Augen auf. Sie in der neuen Ausstattung wiederzusehen, in der sie durch nichts mehr an die früheren Gauklerzöglinge erinnerten, galt ihm als Beweis, daß die Gräfin sie bereits als ihr Eigentum betrachtete. Er begriff, daß sie nur schwer sich wieder von ihnen trennen würde, und gerade darauf baute er die Hoffnung, seine Forderungen bis ins Unmäßige hinein steigern zu dürfen: Es entging ihm nicht, daß ihre Gesichter sich unter seinen Augen vor Scham röteten, der Knabe, die Hand Susannas fester packend, diese mit unmerklicher Bewegung der Treppe zudrängte, und aufmunternd nickte er ihnen zu. »Es gefällt euch besser hier, als daheim bei der mürrischen alten Großmutter?« redete er sie spöttisch lachend an, »glaub's gern; da wird euch in den kostbaren Anzügen der eigene Vater ebenfalls nicht mehr gut genug sein –« Simpson trat neben ihn hin und schnitt das, was er weiter sagen wallte, durch die Erklärung ab, daß die Gräfin ihn erwarte. In dem Tone, in dem der Kapitän sprach, mußte etwas gelegen haben, was Galbrett befremdete, denn nach einem letzten Blick auf die beiden die Treppe hinunterschlüpfenden Geschwister sich in trotziger Haltung an seiner Seite bewegend, versetzte er, wie irgend einen ihn störenden Gedanken bekämpfend, erzwungen gleichmütig: »Hübsche Kinder sind's, namentlich jetzt in der neuen Ausstaffierung, das ganze Ebenbild ihrer Mutter. Es wird mir hart ankommen, mich von ihnen zu trennen. Neben einem hohen Preise gehören daher auch gute, höfliche Worte dazu, soll ich sie fremden Händen anvertrauen, überhaupt 'ne starke Zumutung für 'nen Vater, das letzte, was ihm von seiner Familie blieb, dranzugeben.« »Sie werden sich trotz der höchsten Forderung mit der Gräfin einigen,« erwiderte Simpson mit eisiger Ruhe. »Ich gönn's uns allen.« hieß es lachend zurück, »denn für 'nen einzelnen Mann sind die Dinger immerhin 'ne Unbequemlichkeit. Man darf aber nicht wähnen, daß man es in mir mit 'nem Schulbuben zu tun habe.« Sie befanden sich in dem Vorraum der Kajüte. Simpson klopfte an die Tür und öffnete auf den erfolgenden Ruf. Mit dem schlau berechnenden Wesen jemandes, dem an einem ihm angebotenen geschäftlichen Übereinkommen wenig gelegen und der ebensogern bereit ist, von ihm abzustehen, trat Galbrett ein. Obwohl er nicht zum ersten Male die Kajüte der Gräfin betrat, übte die reiche Umgebung doch wieder einen gewissen verwirrenden Eindruck aus ihn aus. Er zögerte wenigstens mit der frech-vertraulichen Anrede, zu der er sich bedachtsam vorbereitet hatte. Als er aber die Gräfin genauer ansah, die mit der starren Ausdruckslosigkeit eines Steines neben einem kleinen Tischchen saß und ihre Blicke durchdringend auf ihn heftete, schwand sein trotziges Selbstbewußtsein vollends. Er fühlte heraus, daß das Übergewicht auf ihrer Seite und sie am wenigsten gewillt sei, sich von ihm Vorschriften machen zu lassen. Nicht minder mißfiel ihm, daß Simpson, anstatt an der Verhandlung sich zu beteiligen, hinaustrat und die Tür hinter sich ins Schloß drückte. Bevor er darauf für eine höflichere Anrede sich entschieden hatte, hob die Gräfin frostig an: »Meinem Versprechen getreu, habe ich Sie rufen lassen. Es hätte mich sonst nichts gehindert, die Anker zu heben und Ihre Kinder mit fortzunehmen.« Galbrett zuckte die Achseln und meinte: »Das wäre Kinderraub gewesen; es gibt keine Behörde, die dergleichen duldet, und die Arme der Gerichtsbarkeit reichen weit übers Meer hinaus.« »Aber es gibt auch keine Behörde,« versetzte die Gräfin kalt, »die einen Vorwurf daraus erhöbe, wenn einem unnatürlichen Vater die Kinder entzogen werden, um sie vor einem traurigen Dasein im Pfuhle des Lasters zu bewahren. Doch darum handelt es sich nicht. Ich bin entschlossen, mich um jeden Preis mit Ihnen zu einigen, möchte aber, bevor ich mich durch mein Wort binde, noch einzelne Punkte mit Ihnen erörtern.« Die letzte Bemerkung klang schärfer, so daß Galbrett, wähnend, falsch gehört zu haben, das strenge Antlitz aufmerksamer betrachtete. »Ich dagegen möchte bitten, nicht zu viel Umschweife zu machen,« entgegnete er unter dem Einfluß böser Ahnungen gedehnt, »es könnte mir sonst einfallen, meine Kinder zu mir zu rufen und mit ihnen das Schiff zu verlassen.« Die Gräfin überhörte seine Erwiderung und fragte wie beiläufig: »Sie sind auch dem Seeleben nicht fremd geblieben?« Galbrett fühlte es kalt durch seine Adern rieseln, beherrschte sich aber und antwortete ebenso gelassen: »Nun, weshalb soll ich's leugnen? Wozu greift der Mensch nicht, wenn die Not an ihn herantritt? Einige Jahre fuhr ich in der Tat.« »Und kamen weit herum in der Welt?« »Es machte sich. Dahin und dorthin segelte ich, ohne mich viel um das Woher und Wohin zu kümmern.« Um der Gräfin schmale Lippen prägte sich verhaltenes spöttisches Lächeln aus. So verrann eine Minute in Schweigen. Es war, als hätte sie den dämonischen Genuß, den verräterischen Schurken vernichtet vor sich zusammenbrechen zu sehen, immer noch ein wenig weiter hinausschieben wollen. Endlich fragte sie nachlässig: »Trug das Schiff, auf dem Sie fuhren, Sie jemals um Kap Horn herum?« Galbrett erbleichte. »Kap Horn?« fragte er zögernd, um Zeit zu gewinnen. »Na ja, mir ist so, ich weiß es nicht genau.« »Man vergißt sonst nicht leicht Orte, die man aus eigener Erfahrung kennen lernte,« meinte die Gräfin anscheinend arglos, »und die Stürme und Strömungen da unten sind Merkzeichen, die gewiß im Gedächtnis haften bleiben. Vielleicht wissen Sie etwas Näheres über die Aurora-Inseln?« Galbrett kämpfte ums Gleichgewicht. Wie nach einem Stützpunkt suchend, schweiften seine Blicke umher. »Setzen Sie sich da auf den Feldstuhl,« nahm die Gräfin wieder das Wort, »mir ist, als litten Sie unter einer Anwandlung von Ohnmacht. Dergleichen verliert sich bald wieder,« und sie fügte belehrend hinzu: »Die Aurora-Inseln sind wüste Eilande, die nicht oft von einem menschlichen Fuße betreten wurden.« »Bei Gott,« stieß Galbrett betroffen hervor, »ich hörte bisher nie von einem Flecken Erde mit solchem Namen.« »Wunderbar,« versetzte die Gräfin. »Aber so will ich sie Ihnen genauer beschreiben, vielleicht erinnern Sie sich dann. Ich besuchte die eine jener Inseln vor ungefähr acht Monaten. Drei Kreuze, die aus der Ferne erkennbar waren, und die gerade herrschende Windstille bewogen mich zur Fahrt hinüber. Die Kreuze standen auf Gräbern, und am Fuße eines jeden lag ein Stück Schiefer. Das eine trug den eingeschliffenen Namen Holiday, vermutlich den Ihres Schwiegervaters, des verschollenen Schiffskochs. Ein anderes zeigte den Namen Larsen, und auf dem dritten stand Spencer Sherburn. Damals stellte ich meine Betrachtungen darüber an, wie die drei Unglücklichen dorthin gekommen sein könnten und wer ihnen wohl die letzte Ehre erwies.« Um seinen Halt zu sichern, hatte Galbrett die beiden Seitenstäbe des Klappsessels gepackt. Leicht erriet er, daß er in eine Falle gelockt worden war. Jedoch wähnend, daß man ihn über Dinge auszuhorchen beabsichtige, die man nur mutmaßte, antwortete er nach kurzem Sinnen mit dem krampfhaften Trotz eines Spielers, der, bereits in schwerem Verlust, sein Letztes auf eine Karte setzt: »Unzweifelhaft Schiffbrüchige oder gar an Bord eines vorübersegelnden Schiffes Verstorbene, denen man ein Grab in fester Erde gönnte. Holiday kann mancher heißen, ohne deshalb mein Schwiegervater zu sein, und so brachte der Name Sie auf eine falsche Fährte. Ich seh' überhaupt nicht ein, was das mit meinen Kindern zu schaffen hat. Machen Sie die Sache kurz. Nennen Sie den Preis, den Sie dran wenden können. Sagt er mir zu, so bleiben sie bei Ihnen, sonst begleiten sie mich zur Großmutter zurück.« Schärfer gelangte unerbittliche Grausamkeit in den Zügen der Gräfin zum Ausdruck, indem sie bemerkte: »Wer auf See stirbt, pflegt ins Meer versenkt zu werden. Da unten in schwarzer Tiefe schläft sich's ebenso sanft, wie zwischen Erde und Gestein. Das würde auch ein gewisser Baronet Parson behaupten, der in der Höhe der Aurora-Inseln mit etwas Nachhilfe von verräterischer Hand über Bord fiel.« Die Physiognomie Galbretts hatte den äußeren Charakter eines Toten angenommen. Die mittelbaren Anklagen waren zu plötzlich auf ihn hereingebrochen, als daß er ihnen mit der berechnenden Verstocktheit eines Verbrechers hätte begegnen können. Es gelang ihm indessen, anscheinend entrüstet hervorzubringen: »Ich verstehe die ganze Spioniererei nicht, halte dafür, ich wiederhol's, daß sie nichts mit der Ursache gemein hat, wegen deren ich an Bord berufen wurde « »Sie wissen nichts von den Aurora-Inseln? Nichts von den Ereignissen, die sich dort vor dreiundzwanzig Jahren abspannen?« fragte die Gräfin unbeirrt, und wie Nadeln bohrten ihre Blicke sich in die entsetzt schauenden Augen Galbretts. »Nichts,« beteuerte dieser; »ich beschwör's bei meiner Ehre und Seligkeit.« Die Gräfin klingelte. »Ghastly soll hereinkommen,« befahl sie der eintretenden Aufwärterin; dann begann sie in einem vor ihr auf dem Tisch liegenden Buch nachlässig zu blättern. Galbrett erlitt unterdessen Todesqualen. Es kam ihm der Gedanke, dem unheimlichen Verhör durch die Flucht sich zu entziehen, und doch wagte er nicht, sich zu rühren. Seine letzte Hoffnung begründete sich daraus, daß man auf Verdachtsgründe hin ihm sein Verderben vielleicht nur vorspiegele, um sich der Kinder auf bequemere Art bemächtigen zu können. Wie ein Gespenst erschien ihm die Gräfin mit ihrer eisernen Ruhe, wie ein allwissender Höllengeist, der nur daraus wartete, ihn zu würgen und an den Ort seiner letzten Bestimmung zu schleppen. Schritte näherten sich draußen. Gleich darauf trat Ghastly ein. Auf die nunmehr folgende Szene vorbereitet, glich er mehr denn je zuvor einem dem Grabe Entstiegenen. Galbrett warf einen scheuen Blick auf ihn, kehrte sich aber sogleich wieder ab. Er entsann sich nicht, ihn jemals zuvor, außer bei der ersten Begegnung an Bord der Pandora, gesehen zu haben, und doch flößten seine tiefliegenden Augen ihm von Aberglauben getragenes Entsetzen ein. »Ghastly,« redete die Gräfin diesen an, »kennen Sie den Mann, der da sitzt?« »Ich sollte ihn wohl kennen,« antwortete Ghastly mit seiner seltsam hohlen Stimme, »sind wir doch ein Jahr und drüber mitsammen auf der Emilia, Kapitän Sherburn, gefahren.« Galbrett fuhr herum und sprang auf, sank aber sogleich wieder auf seinen Sitz zurück. Zugleich erwachte in ihm der Selbsterhaltungstrieb, und von diesem durchdrungen, stieß er wütend hervor: »Aber ich kenne Sie nicht! Wer sind Sie in der Hölle Namen, der da glaubt, 'nem ehrlichen! Menschen irgend 'nen verdammten Unsinn anhängen zu können?« »Bill Fathom, einst Schiffsjunge an Bord der Emilia.« Galbrett versteinerte förmlich unter der Wirkung dieser Worte. Der letzten Fassung beraubt, stierte er in Ghastlys Antlitz. Trotz der in diesem stattgefundenen Veränderung mochte er bekannte Züge entdecken, denn er öffnete den Mund, um zu sprechen, vermochte aber kein Wort hervorzustoßen. Die Zunge war ihm wie am Gaumen festgetrocknet. »Wollen Sie mehr hören?« fragte die Gräfin ruhig und daher um so bedrohlicher, »oder sind Sie bereit, auch ohne das mir wahrheitsgetreue Auskunft über die in ferner Vergangenheit liegenden Ereignisse zu erteilen?« Galbrett neigte das Haupt ergeben. Vollständig vernichtet, war er unfähig, die in seinem Kopfe durcheinander schwirrenden Gedanken voneinander zu trennen. Die Gräfin, die ihn fortgesetzt scharf im Auge hielt, bedeutete Ghastly, sich zu entfernen. Zwanzigstes Kapitel. Schwarz auf weiß. Zwischen den beiden Jachten. Frische Fahrt Nachdem Ghastly die Kajüte verlassen hatte, fragte die Gräfin kurz: »Sie sind sich also klar darüber, daß es in meiner Hand liegt, Sie heute noch dem Strafrichter auszuliefern? Die Folgen eines solchen Verfahrens werden Sie ohne weitere Erklärungen leicht ermessen. Vorläufig beabsichtige ich indessen nicht, bis zur äußersten Grenze zu gehen. Zunächst wünsche ich, Ihren Kindern das Bewußtsein zu ersparen, daß sie einen Zuchthäusler Vater nennen, dann aber will ich Ihnen Gelegenheit geben, sich von der gerechten Strafe loszukaufen. Dies ist allein möglich, wenn Sie mir genaue Auskunft über denjenigen erteilen, der damals die Meuterei anstiftete und sein teuflisches Werk dadurch krönte, daß er vier arglose, ehrenhafte Männer einem gräßlichen Tode preisgab. Ich fordere nichts Unvernünftiges. Sie, als Mitschuldiger, wahrscheinlich auch beim Morde des jungen Baronets, verließen gemeinschaftlich mit jenem Mac Lear das angeblich gescheiterte Schiff und müssen wissen, wohin er sich wendete, sind also in der Lage, mich auf seine Spur zu führen. Das ist meine unabweisliche Forderung. Sind Sie bereit, die zu erfüllen?« Galbrett warf einen verzweifelten Blick um sich. Vergeblich sann er auf einen Ausweg aus der verhängnisvollen Lage. Erst allmählich glühte es in seinen tückischen Augen wie das Hinneigen zu einem bestimmten Entschluß. Ähnlich dem Ertrinkenden, der den ihm vom Zufall in die Hand gespielten Strohhalm mit letzter schwindender Kraft packt, klammerte er sich an die Hoffnung an, durch bereitwilliges Eingehen auf die ihm gestellte Bedingung das drohende Verderben von sich abzuwenden. Tief auf seufzte er, dann antwortete er hastig: »Hier unter vier Augen will ich offen reden.« »Gut,« versetzte die Gräfin energisch, »Sie versprechen ferner, allen Anrechten an Ihre unschuldigen Kinder endgültig zu entsagen, ihnen nie nachzuspüren oder, im Falle einer zufälligen Begegnung, näher zu treten? Ich weiß, Ihr Versprechen hat keinen Wert, allein Sie werden es halten, wenn ich feierlich gelobe, daß Ihr erster Versuch, meiner Forderung zuwider zu handeln, mit einer Anklage auf Meuterei und Mord beantwortet wird.« »Auch das verspreche ich,« erklärte Galbrett wiederum hastig, als hätte er dadurch die Brücke zur Umkehr hinter sich abbrechen wollen. Er sann einige Sekunden nach; zugleich prägte sich ein merkwürdiger Triumph auf seinen Zügen aus. »Ja, ich beschwöre es,« bekräftigte er sein Wort, »ich beschwöre es bei allem, was Sie mir als heilig vorhalten mögen. Den letzten Anrechten an die Kinder entsage ich. Tun Sie mit ihnen, was Ihnen beliebt. Durch mich sollen sie nie erfahren, wer ihr Vater ist. Was ich in jungen Jahren verbrach, kann mir heut nicht mehr angerechnet werden. Es ist längst verjährt. Gehen Sie aber darauf aus, Gericht über diejenigen zu halten, die einst vom Glanze blanken Goldes verblendet wurden – o, da könnte ich Ihnen noch mehr verraten. Ich könnte Ihnen Dinge von dem Manne erzählen, ohne dessen Anleitung das Ereignis bei der Aurora-Insel überhaupt nicht möglich gewesen wäre, Dinge, die Ihnen die Haare zu Berge stehen machten und durch die Sie ihn, sofern er noch lebt, in einer Weise zu strafen vermöchten, gegen die alle Qualen der Hölle Spielerei wären.« Und indem er also sprach, schwand mehr und mehr der Ausdruck seiner bisherigen Furcht vor dem eines tief gewurzelten, unauslöschlichen Hasses. »Ja, Einzelheiten,« fuhr er, sich überstürzend, fort, »daß, wenn Sie sie ihm vorhielten, er sich vor Ihnen auf der Erde krümmte, wie ein zertretener Wurm. Geheimnisse aber auch, die wert sind, daß Sie mich unbehindert meiner Wege ziehen lassen, mir sogar noch eine runde Summe auszahlen, um wenigstens in nächster Zeit gegen Not geschützt zu sein. Denn nachdem ich die Kinder dran gab, die ich mit Mühe und Geduld zu Künstlern heranbildete, kann meines Bleibens bei der alten Großmutter nicht länger sein. Ha! Großmutter!« und wie von Wahnwitz befallen, lachte er höhnisch auf, »was fragte die Großmutter nach ihrem Tochtermann, dem Spieler, was nach den Spielerkindern, wenn sie deren Brot nicht gegessen hätte?« Düsteren Blickes betrachtete die Gräfin das feindselig verzerrte Gesicht des verworfenen Menschen. Einen kurzen, aber schweren Kampf um ihre Selbstbeherrschung kämpfte sie, dann fragte sie eintönig: »Sie erwarten, daß ich einem Manne von Ihrem Werte und Ihrer Vergangenheit aufs Wort glaube?« »Für jedes Wort, das ich spreche, vermag ich Beweise beizubringen,« erwiderte Galbrett mit fieberhafter Eile, denn es entging ihm nicht, daß er durch seine geheimnisvollen Andeutungen ein gewisses Übergewicht über die Gräfin gewonnen hatte. »Mit Ihren wilden Offenbarungen beziehen Sie sich auf Mac Lear, den verräterischen Steuermann?« fragte diese im Tone des Zweifelns. »Nur auf ihn, den Vormann der Meuterei.« »Sie können mich zu ihm führen?« hieß es weiter. »Bis unter sein Dach und an seinen Tisch.« »Ich müßte Sie also an Bord behalten? Nein, damit wäre mir nicht gedient. Ich will auf meiner Jacht nicht dieselbe Luft mit Ihnen einatmen, will nicht sehen, daß die beiden Kinder fernerhin in Verkehr mit ihrem gebrandmarkten, ihre Gemüter vollständig vergiftenden Vater treten. Dagegen fordere ich unter Androhung eines auf Sie hereinbrechenden fürchterlichen Verhängnisses, daß Sie mir genau den Weg beschreiben, auf dem ich zu Mac Lear gelange.« »Auch dazu bin ich bereit zu jeder Stunde,« versetzte Galbrett mit einer so scharf ausgeprägten Gehässigkeit, daß die Gräfin, geheimnisvolle Beziehungen zwischen den beiden ehemaligen Genossen ahnend, nicht länger fürchtete, von ihm hintergangen zu werden. »Was verlangen Sie für Ihren Judasdienst?« fuhr sie fort; »vergessen Sie nicht, daß es mich nur einen Wink kostet, Ihre sofortige Verhaftung zu bewirken. Geschieht es nicht, so begründet sich das auf Rücksichten, die sich Ihrer Beurteilung entziehen.« Bei dieser versteckten Drohung wechselte Galbretts Gesichtsfarbe wieder, jedoch schnell gefaßt antwortete er: »Schererei können Sie mir genug machen, das räume ich ein; ob es Ihnen aber nach der langen Zeit gute Früchte einträgt, ist eine andere Frage. Mein Nein ist so viel wert, wie das Ja jedes anderen, und wer gegen mich zeugen könnte, ich meine den Bill Fathom, der würde sich selber anklagen.« »Meinen Sie?« floß es nachlässig von den Lippen der Gräfin. Sie langte seitwärts nach einem Armstuhl hinüber, auf dem mehrere der bekannten Tafeln lagen, und die oberste Galbrett darreichend, forderte sie ihn auf, die ihr aufgetragene Schrift zu betrachten. »Die ersten Zeilen genügen, Sie zu überzeugen,« bemerkte sie, während Galbrett die unauslöschlichen Zeichen argwöhnisch prüfte, »sie wurden von dem Kapitän Sherburn eingeschabt.« Sie nahm die Tafel zurück, weidete sich einige Sekunden an der Bestürzung des vor ihr Sitzenden und fuhr in ihren Mitteilungen fort: »Ich hoffe, Sie bezweifeln nicht länger, daß trotz der entschwundenen Jahre der Strick noch über Ihrem Haupte hängt. Darnach bemessen Sie Ihre Forderungen, aber auch Ihre Zugeständnisse. Ich erwarte entweder alles, ich meine blindes Eingehen auf meine Vorschläge, oder nichts. Im letzteren Falle führt Ihr Weg von hier nach dem Gefängnis.« Diese letzte Drohung übte augenscheinlich keinen tieferen Eindruck auf Galbrett aus. Lag es doch in seiner Gewalt, die denkbar günstigsten Bedingungen für sich selbst zu erwirken. »Für meine Enthüllungen stelle ich keinen bestimmten Preis,« erklärte er nach kurzem Zögern mit schlauer Berechnung, »Geschehenes läßt sich nicht ungeschehen machen, da muß ich über mich ergehen lassen, was Sie für gut befinden. Aber ich vermute, nachdem Sie mich zu Ende gehört haben, werden Sie mir für jedes Wort, das ich Ihnen anvertraute, doch Dank wissen.« Er säumte eine Weile, warf einen furchtsamen Blick in die mit undurchdringlichem Ernst auf ihm ruhenden großen blauen Augen, und begann zu erzählen. Indem die Gräfin aber gespannt lauschte, seine Mitteilungen mit denen verglich, die ihr durch die Tafeln geworden, und die größte Übereinstimmung zwischen beiden entdeckte, gewann sie erhöhtes Vertrauen zu den ferneren Offenbarungen, die bisher außerhalb des Bereiches sogar ihrer Mutmaßungen gelegen hatten. Sie erriet, daß neben seinem Eifer, sich ferneren Verfolgungen zu entziehen, unauslöschlicher Haß und Rachedurst ihn beseelten, und begriff daher, daß er nichts verschwieg, unbekümmert darum, wie viel er sich selbst zur Last legte, wenn es ihm nur gelang, einen anderen in der Färbung einer vollendeten Verbrechernatur erscheinen zu lassen. Je nach seinen Schilderungen bemächtigte sich ihrer bald tiefe Verachtung, bald starres Erstaunen. Doch was sie empfinden mochte: auf ihrem Antlitz ruhte nur das einzige Gepräge haßvoller Erwartung, dem sich hin und wieder ein Zug heimlicher Befriedigung beigesellte. Nicht mehr einen verhärteten Bösewicht sah sie vor sich, sondern eine von ihr selbst in Betrieb gesetzte Maschine, oder vielmehr ein aufgeschlagenes Buch, aus dem sie das Unerhörte ablas, sogar mehr ablas, als je zu erfahren sie für möglich gehalten hätte: Handhaben zu Schritten, von denen sie, indem sie andere vernichtete, Frieden und Ruhe für sich selbst voraussetzte. Eine Stunde war hingegangen, als Galbrett mit seinem Bericht endlich fertig war. Es war längst dunkel geworden. Die Gräfin erhob sich und zündete die Hängelampe an. Als deren Beleuchtung sie voll traf, erbebte Galbrett bis ins Mark hinein. Er meinte in ein Marmorantlitz zu schauen, dem der Künstler mit scharfem Meißel den Ausdruck unerbittlicher Grausamkeit verliehen hatte. »Es würde sich jetzt also nur darum handeln, ob er noch lebt,« brach sie das Schweigen eintönig. »Ich vermute es,« erwiderte Galbrett, »er war eine zähe Natur –« »Eine zähe Natur,« fiel die Gräfin höhnisch ein, »nun, Gott mag geben, daß Ihre Vermutung sich nicht als irrig ausweist. Lebte er nicht mehr, so wäre alle meine Mühe vergeblich gewesen – doch das kann nicht sein. Sie haben übrigens recht, Ihre Enthüllungen sind dankenswert, vorausgesetzt, Sie haben sich keine Unwahrheiten oder Entstellungen zuschulden kommen lassen.« »Ich schwöre –« begann Galbrett, und mit abwehrender Bewegung hob die Gräfin die Hand. »Sparen Sie Ihre Eide,« sprach sie mit unsäglicher Verachtung, »aus einem Munde, wie dem Ihrigen, sind sie nicht mehr wert, als ein Lufthauch, der übers Wasser streicht. Ob Sie zu Täuschungen griffen oder sich an die Wahrheit hielten, wird die Zukunft lehren. Sie dann noch zur Rechenschaft ziehen zu wollen, wäre es freilich zu spät, auch möchte mir die Neigung dazu fehlen. Als Lohn für Ihre Mitteilungen mag zunächst dienen, daß ich die gegen Sie geplante gerichtliche Verfolgung aufgebe. Reisegeld, um von hier verschwinden zu können, sollen Sie sich indessen erst verdienen.« Sie zog einen Bogen Papier vor sich hin. Wohl zehn Minuten schrieb sie eifrig. Dann, nachdem sie das unter ihrer Hand Hervorgegangene vorgelesen hatte, forderte sie Galbrett auf, seinen Namen unter das Schriftstück zu setzen. Schaudernd ergriff dieser die Feder. »Wer das liest –« hob er an, und eisig unterbrach die Gräfin ihn mit den Worten: »Bei mir ist's sicher genug aufgehoben. Unterzeichnen Sie, wenn Sie nicht alles in Frage stellen wollen.« Wie einer höheren Gewalt gehorchend, befolgte Galbrett den Befehl. Die Gräfin las den Namen. »Es ist gut,« sprach sie. »Sie sind jetzt frei.« Und zehn Goldstücke auf den Tisch zählend, bemerkte sie spöttisch: »Beruhen Ihre Mitteilungen auf Wahrheit, so wäre tausendmal so viel kein zu hoher Preis dafür. Doch es hieße Laster und Verbrechen begünstigen, wollte ich auch nur einen Cent zulegen. Gehen Sie jetzt und sorgen Sie dafür, daß Sie meinen Weg nie wieder kreuzen.« Galbrett erhob sich, nahm das Gold und entfernte sich unsicheren Schrittes. Furcht und verzehrende Wut kämpften in ihm um den Vorrang. Die Gräfin öffnete die Fensterluken, um frische Luft durch die Kajüte streichen zu lassen, deren Atmosphäre ihr vergiftet erschien. Die Feder, die Galbrett benutzt hatte, warf sie über Bord, und festen Schrittes begab sie sich aufs Deck hinaus. Galbrett hatte in seinem Boot Platz genommen und legte eben die Riemen ein. Finster sah sie ihm nach, wie er mit schnellen Ruderschlägen aus der Nachbarschaft der Jacht zu entkommen suchte. Erst als seine Gestalt mit der Dunkelheit zusammenfiel, kehrte sie sich ab. Das Haupt sinnend geneigt, erstieg sie das Quarterdeck. »Dort fährt ein Verbrecher, dem der Galgen zehnmal gebührte,« redete sie Simpson an, indem sie nach der Stadt hinüberwies, »aber für den Dienst, den er mir leistete, muß ich ihn notgedrungen frei ausgehen lassen.« »So haben Ihre Erwartungen sich erfüllt?« fragte Simpson, seine Spannung verheimlichend. »Sie wurden weit übertroffen,« antwortete die Gräfin, »doch heute nichts mehr davon, ich bitte darum. Sie wissen, bevor ich mir selbst ein klares Bild von einer Sache entworfen und einen bestimmten Entschluß gefaßt habe, trage ich sie gern eine Weile mit mir herum.« »Unser Aufenthalt hier wird keine größere Verlängerung mehr erfahren?« »Höchstens zwei Tage, sofern Sie nicht Einwendungen erheben.« »Die Vorräte sind ergänzt; wir können zu jeder Stunde Anker lichten.« »Wofür ich Ihnen meinen Dank schulde,« versetzte die Gräfin etwas wärmer, und in sich gekehrt schritt sie nach dem Heck hinüber. Dort ließ sie sich auf eine Bank nieder. Arm und Haupt schwer auf die Seitenlehne stützend. Nach Ablauf einer halben Stunde erschien die Aufwärterin, um sie zum Tee einzuladen. Die Gräfin lehnte ab. »Bitten Sie Maud in meinem Namen, sie möchte gemeinschaftlich mit Sunbeam für die Kinder sorgen,« fügte sie hinzu. »Deren abgehetzte Körper bedürfen der Ruhe. Ich ließe daher allen raten, sich frühzeitig zu Bett zu verfügen. Auf mich soll nicht gewartet werden.« Dann, nachdem die Aufwärterin sich entfernt hatte, wie im Traume, jedoch unbeschreiblich herbe vor sich hin: »Wunderbares Verhängnis. Das Geschick selber scheint mir in die Hände zu arbeiten, auf daß ich dereinst mit einem Gefühl der Befriedigung mich zum letzten Schlaf niederlegen kann,« und aufs neue versank sie in düstere Grübeleien. Als sie endlich in die unteren Räume hinabstieg, war an Bord die übliche Nachtordnung hergestellt. Bis auf die Wache schlief alles. Bevor sie ihr Schlafgemach aufsuchte, trat sie noch einmal bei ihren neuen Schützlingen ein. Beide lagen in tiefem Schlummer. Das Bewußtsein, allen ferneren Fährnissen entrückt zu sein, hatte, gemeinsam mit der freundlichen Umgebung, zunächst ein Gefühl schüchternen Behagens in ihnen erzeugt und dann ihre Augen geschlossen. Beim Schein der kleinen, rot umkleideten Schwebelampe betrachtete die Gräfin die ruhig atmenden Gestalten. Milde blickten ihre Augen, bis sie sich endlich umflorten. Als sei es unbewußt geschehen, strich sie mit der Hand kosend über die Wange des Mädchens, dann über die des Knaben. »Ihr sollt es nicht entgelten,« lispelte sie über beide hin, »nein, ihr nicht!« Und geräuschlos verließ sie die Koje. – Folgenden Tages begab sie sich mit den Geschwistern und in Simpsons Begleitung zu der alten Holiday. Sichtbar ergötzt betrachtete diese ihre Enkel. Sie freute sich der Wandlung, die in deren Äußerem stattgefunden hatte, allein wärmere Empfindungen gelangten bei ihr nicht zum Durchbruch. Für sie blieben sie Kinder des Gauklers und selbst Gaukler. Solche Anschauungen beherrschten sie zu unumschränkt, um mütterlicher Zärtlichkeit Raum neben sich zu gönnen. Sie offenbarte indessen ihre Zufriedenheit, daß sie in gute Hände geraten seien, glaubte aber, ihren Sinnen nicht trauen zu dürfen, als die Gräfin ihr ein Schriftstück einhändigte, auf das hin sie bei einem bestimmten Handelshause allmonatlich eine für ihre bescheidenen Ansprüche reichlich bemessene Pension erheben sollte. Von dem verstorbenen Holiday komme es und dem, der einst mit seinem letzten Atemzuge bei ihr um Erbarmen für die Angehörigen des früheren Schiffskochs, gebeten habe, erklärte die Gräfin. Dazu weinte die Alte ihre bitteren Tränen, und des Himmels reichsten Segen flehte sie auf das Andenken der treuen Toten herab, die sogar aus ihren Gräbern noch für sie sorgten. – Scheu waren die Geschwister unter das wohlbekannte Dach des düsteren Hauses getreten; furchtsam spähten sie in alle Winkel. In jedem Augenblick meinten sie, den grausamen Vater hervortreten zu sehen. Kurz und kühl war der Abschied zwischen ihnen und der alten Frau. Beide Teile gaben sich so, wie sie waren. Wo das Gefühl einer innigen Zusammengehörigkeit nie gepflegt worden war, da vermochten sie ein solches nicht zu erheucheln. Als die Geschwister in der Gräfin und Simpsons Begleitung wieder ins Freie hinaustraten, wo die Sonne so goldig vom klaren Himmel herunterstrahlte, da atmeten sie auf, als ob plötzlich eine neue, schönere Welt sich vor ihnen eröffnet habe. Was auf der Fahrt stromabwärts in den Zügen der Geschwister sich verständlich offenbarte, das spiegelte sich wider in den ruhigen Augen der Gräfin. Plötzlich aber blickte sie finster, und wie einen heimlichen Schmerz bekämpfend, legte sie die schmalen Lippen fester aufeinander. Nach der in ihren Gesichtskreis tretenden Pandora hinüberspähend, war sie eines Schleppdampfers ansichtig geworden, der sich anscheinend hinter ihr hervorschob. Allmählich erkannte sie, obgleich zum größten Teil verdeckt durch die Pandora und deren Takelage, den Eremit. In Sprechweite von ihr ankerte er, wohin ihn offenbar der Dampfer bugsiert hatte. Simpson, der der Jacht schon vorher ansichtig geworden war, überwachte die Gräfin gespannt. Er fürchtete die Wirkung der Entdeckung auf sie. Doch nur vorübergehend waren die ersten Regungen der Erbitterung. Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß eine Sinnestäuschung ausgeschlossen, kehrte sie sich mit einem spöttischen Lächeln dem Gefährten zu. »Man scheint auf dem Eremit unsere bevorstehende Abreise zu ahnen,« sprach sie leidenschaftslos, »was sonst hätte Lowcastle dazu bewegen können, uns seine Nachbarschaft aufzudrängen, wenn nicht die Absicht, seinen sofortigen Aufbruch von dem unsrigen abhängig zu machen.« »Ich rechne darauf, daß ein glücklicher Zufall uns draußen auf hoher See auseinander führt,« erwiderte Simpson beschwichtigend. Die beiden Jachten im Auge, sann die Gräfin nach. Träumerisch, wie im Selbstgespräch, bemerkte sie nach einer Pause: »Im Grunde liegt etwas Entwürdigendes in dem Bewußtsein, mit so viel Eifer verfolgt zu werden und sich in der Lage zu befinden, fortgesetzt auf das Vermeiden einer ungewünschten Begegnung Bedacht nehmen zu müssen. Es wandelt mich die Lust an, dem widerwärtigen Verhältnis mit einem Schlage ein Ende zu machen.« »Dringend rate ich von gewalttätigen Schritten ab,« versetzte Simpson ernst, »ein zweiter Angriff möchte nicht so günstig verlaufen, wie der erste. Wen auch immer Sie an Bord und unter Ihren Schutz, nahmen: Wir sind verantwortlich für deren Sicherheit.« Die Gräfin zuckte die Achseln. Um die festgeschlossenen, zu einem spöttischen Lächeln neigenden Lippen spielte der Ausdruck jenes Eigenwillens, der durch Widerspruch zur Starrheit verhärtete. »Ich wüßte nicht, wodurch die Sicherheit meiner Schutzbefohlenen gefährdet werden könnte,« sprach sie gelassen, »es braucht ja nicht gerade ein Gewaltstreich zu sein, wodurch ich einer unerträglichen Lage enthoben werde.« Sie säumte einige Sekunden, wie irgend eine Frage ernst erwägend, dann fuhr sie fort: »Ich weiß kaum noch, was mir peinlicher ist, ob der ausgesprochene Zweck Lowcastles, endlich meine Freiheit als die einer Unzurechnungsfähigen einzudämmen, oder die Unermüdlichkeit des Kapitäns Peldram, über alle Hindernisse hinweg sich Maud immer wieder zu nähern. Beides geht Hand in Hand und macht die Herren zu gefährlichen Bundesgenossen. Mit gleichem Eifer und vereinter Kraft strebt jeder einem besonderen Ziele zu. Der Preis des einen sind Millionen, um die er unerschöpflich im Ränkeschmieden ist; der des anderen ist ein reines, unschuldvolles Wesen, dem ich eine bessere Zukunft gönne, als die an der Seite eines leichtfertigen Soldaten. Beide werden in ihren Erwartungen getäuscht werden.« Und wiederum nach einer Pause herbe, fast klagend: »Ich fürchte, die zwischen den jungen Leuten in Madras angeknüpften Beziehungen unterschätzt zu haben. Es wäre ein Unglück für Maud.« Schweigend hatte Simpson den Erklärungen gelauscht. Was auch immer ihn bewegen mochte: vorsichtig vermied er, in den Ideengang der Gräfin störend einzugreifen. Auch die Gräfin schwieg nunmehr. An der Pandora vorbei betrachtete sie mit einem Ausdruck der Neugierde den schlank gebauten Eremit, auf dem die Ruhe eines Feiertags herrschte. Als die Jolle neben die Fallreepstreppe der Pandora hinschoß, begegneten die Blicke der Gräfin denen Mauds, die von oben herab ihr und den beiden Geschwistern einen freundlichen, jedoch etwas befangenen Willkommgruß zurief. Ihr Antlitz war bleich, wechselte aber schnell zur tiefen Glut. In ihren Augen ruhte es wie das Bewußtsein, ein Unrecht begangen zu haben. Die Gräfin gab sich den Anschein, die in ihr lebende Erregung nicht zu bemerken. Den voraufschreitenden Kindern folgend, reichte sie Maud in gewohnter Weise die Hand, indem sie gleichmütig sprach: »Der Eremit hat es sich in unserer nächsten Nachbarschaft bequem gemacht. Nun, wir können ihn nicht hindern. Im übrigen werden die beiden Jachten nicht lange so friedlich nebeneinander liegen.« Sie übergab die Geschwister der Fürsorge Sunbeams und erstieg in Mauds Begleitung das Quarterdeck. Von dort aus sah sie ruhigen Blickes nach dem kaum hundert Ellen entfernten Eremit hinüber. Sie erkannte Peldram, der, ebenfalls auf der Kajütbedachung stehend, bei ihrem Erscheinen sich höflich verneigte. Sie erwiderte den Gruß mit einer kaum merklichen Bewegung des Hauptes, und sich halb Maud zukehrend, sprach sie eintönig über die Schulter: »Ich vermute, der Herr benutzte die Zeit meiner und Simpsons Abwesenheit zu einem Besuch hier.« Sie entdeckte Mauds Verwirrung und ließ ihre Blicke nachlässig über die Takelage des Eremit hinschweifen. Sie wollte nicht sehen, daß brennende Glut sich über das holde Antlitz ausbreitete und Tränen in ihren Augen zusammenliefen. Dem Bann ihrer unmittelbaren Beobachtung nicht länger unterworfen, erklärte Maud darauf ein wenig gefaßter: »Keiner war da, ihm zu wehren; als ich ihn entdeckte, stand er auch schon vor mir.« »Das sieht dem leichtsinnigen Menschen ähnlich,« versetzte die Gräfin wie beiläufig, und des lieblichen Mädchens Stimmung berücksichtigend, betrachtete sie die Takelage des Eremit aufmerksam. »Was sagte er denn? Seinem Besuch muß doch irgend ein Zweck zugrunde gelegen haben?« Maud zögerte. Dann entgegnete sie mit unsicherer Stimme: »Er beschwor mich, ihm das Ziel unserer ferneren Reise anzuvertrauen.« »Und was antwortetest du ihm?« »Die Lage unseres Zieles sei mir fremd; daß ich aber, wenn ich darüber unterrichtet wäre, es als ein nicht mir gehörendes Geheimnis betrachten würde.« »So? Nun ja, das war verständig von dir,« lobte die Gräfin, und sich dem Deck zukehrend, rief sie hinunter: »Die Jolle bemannen!« und wieder nachlässig zu Maud: »Ich habe es satt, meine Wege vor den unberechtigten Verfolgern länger zu verheimlichen, als ob der Anblick des Eremit und derer an seinem Bord mir Schrecken einflößte. Begib dich daher in die Jolle hinab und laß dich nach dem Eremit hinüberrudern, Dort bitte Peldram, ebenfalls ein Boot zu besteigen – das heißt, Lowcastle und seine Genossen bleiben ausgeschlossen – und sich dir zuzugesellen. Sodann erkläre ihm kurz und bündig, ich täte allen an Bord kund und zu wissen, daß mein Weg von hier nach dem Golf von Mexiko und dem Pontchartrain-See führe.« Da Maud nicht antwortete, wandte die Gräfin sich ihr zu. Wie ihren Sinnen nicht trauend, stand Maud da. Peinliches Erstaunen schien ihr nicht nur die Sprache, sondern auch die Herrschaft über ihre Bewegungen geraubt zu haben. Der forschende Blick der Gräfin erhöhte ihre Verwirrung, und während sie abermals wie von Blut überströmt schien, entwand sich mit Widerstreben ihren Lippen: »Kann nicht ein anderer die Botschaft ausrichten? Ich möchte hinuntersteigen – in meinem Kopfe schwirrt alles durcheinander – nur eine halbe Stunde der Rast –« »Unsinn, Närrchen,« warf die Gräfin beruhigend ein, »die kurze Fahrt bringt deinen Kopf schnell genug wieder in Ordnung; beauftrage ich aber deine liebe Person mit der Botschaft, so habe ich dafür meine besonderen Gründe.« »Er wird mir nicht glauben, wird argwöhnen, ich sei ausgeschickt worden, den Eremit auf eine falsche Fährte zu schicken,« erklärte Maud hastig, als die Gräfin sie mit den Worten unterbrach: »Gerade dir glaubt er am ehesten. Außerdem liegt es in deiner Hand, ihn ernstlich zu ersuchen, allen ferneren Nachstellungen, die zu nichts führen, zu entsagen und nach dieser Richtung hin auch auf seinen Verwandten einzuwirken. Im übrigen soll die wahrheitsgetreue Belehrung über unser Ziel als Beweis dienen, daß wir keinem mehr ausweichen, noch weniger jemand fürchten. Bezweifelt man trotzdem deine Angaben – wohlan, so bleibt es den Herren unbenommen, nach wie vor in unserem Kielwasser zu folgen,« »Muß es denn sein?« fragte Maud zaghaft, und sie meinte den seltsam forschenden Blick ihrer Wohltäterin bis ins Mark hinein zu fühlen. Schnell entschlossen eilte er in das vor der Treppe liegende Boot hinab und nach einigen kräftigen Ruderschlägen kam er seitlängs der Jolle zu liegen. »Ich befehle es nicht,« hieß es eintönig zurück, »allein ich erwarte von dir, daß du meinem wohlüberlegten Wunsche vertrauensvoll Rechnung trägst.« Maud antwortete nicht mehr, sondern schritt der zum Deck hinunterführenden Treppe zu. Die Gräfin gab ihr das Geleite bis zur Fallreepspforte. Dort befahl sie den in der Jolle befindlichen Seeleuten: »Rudert die Lady nach der Backbordseite des Eremit herum. Das weitere erfahrt ihr von ihr selber.« Und gedämpft zu Maud: »Dort bist du uns allen außer Sicht. Das Bewußtsein, von hier aus nicht beobachtet zu werden, trägt dazu bei, daß du um so zwangloser deines Auftrages dich entledigst.« Sie küßte die Scheidende auf die Stirn, und bald darauf wurde die Jolle durch den schwarzen Rumpf des Eremit ihren Blicken entzogen. Nach dem Eremit hinüberzuschauen wagte Maud nicht, noch weniger, Peldram durch einen Wink herbeizurufen. Denn jetzt erst machte sich in vollem Umfange die peinliche, wenn nicht beschämende Lage geltend, in die sie durch der Gräfin weitsichtige Berechnung versetzt worden war. Peldram hätte sie indessen in ihrem Verkehr mit der Gräfin weniger aufmerksam beobachten müssen, um über die beabsichtigte Zusammenkunft noch Zweifel zu hegen. Schnell entschlossen eilte er in das vor der Treppe liegende Boot hinab, und nach einigen kräftigen Ruderschlägen kam er mit seinem Fahrzeug seitlängs der Jolle zu liegen. Dort erriet deren Bemannung kaum seine Absicht, als dienstfertige Hände den Bord des Bootes packten und es in seinen weiteren Bewegungen hemmten. Peldram selbst war hart neben Maud hingelangt, so daß er ihr, ohne seinen Platz zu wechseln, die Hand reichen konnte. »Das ist gütig von der Gräfin,« sprach er, seine innige Freude offen zur Schau tragend, »ich müßte ja innerhalb der letzten Viertelstunde meine gesunde Sehkraft eingebüßt haben, wäre mir entgangen, daß auf deren Veranlassung Sie die Jolle bestiegen.« Maud bekämpfte ihre Verwirrung. Einen Blick der Befangenheit warf sie auf die Ruderer, und Peldram ihre Hand entziehend, antwortete sie mit einer gewissen Hast: »Ich befinde mich in der Tat nur im Auftrage meiner Wohltäterin hier.« Gespannt suchte Peldram die seinen Blicken ängstlich ausweichenden Augen. Aus Mauds Stimme war etwas hervorgeklungen, was ihn peinlich berührte, und so erwiderte er zaghaft: »So will ich hoffen, daß es nicht darauf angelegt ist, einen feindseligen Schatten zwischen uns heraufzubeschwören.« »Sie sprechen in Rätseln,« versetzte Maud tief errötend. »Indem meine gütige Beschützerin mich beauftragte, in unmittelbaren Verkehr mit Ihnen zu treten, konnte sie nicht unsere persönlichen, sondern nur die zwischen den beiden Jachten waltenden Beziehungen im Auge haben. Und wer möchte ihr verargen, wenn die unablässigen Verfolgungen sie mit Unwillen erfüllen. Meine frühere Bitte an Sie, Mr. Lowcastle zu bewegen, von seinen Belästigungen abzustehen, blieb unerhört –« »Maud, teuerste Maud,« unterbrach Peldram sie dringlich, »ich glaube, schon damals angedeutet zu haben, daß ich nicht den leisesten Einfluß auf Lowcastles Entschlüsse auszuüben vermag. Besäße ich aber einen solchen, wer würde einen Vorwurf für mich daraus ableiten, daß ich es nicht über mich gewinne, die Gelegenheit, Ihnen nahe zu sein, endgültig abzuschneiden?« »Wir geraten mit unserem Gespräch auf ein falsches Feld,« versetzte Maud ernst, jedoch nicht unfreundlich, »Sie kennen meine auf gegenseitige Zuneigung und auf tiefe Dankbarkeit begründete Abhängigkeit von der Gräfin! Sie werden daher unmöglich erwarten, daß ich einwillige, meine Person deren scharf ausgeprägtem Willen vorangestellt zu sehen.« »Und dennoch geschieht es von meiner Seite aus,« versetzte Peldram begeistert, und unbekümmert um die Nähe der Ruderer, ergriff er abermals die Hand Mauds. Leises Zittern durchlief Mauds anmutige Gestalt. Die in ihren tief erglühenden Zügen sich verratenden Empfindungen zu verheimlichen, sah sie nach dem Eremit hinüber. Sekunden dauerte es, bevor sie hinlänglich Fassung besaß, sich Peldram wieder zuzukehren, und ihre Stimme fast bis zum Flüsterton mäßigend, erklärte sie offenherzig: »Ich muß Sie bitten, jetzt in mir einzig und allein den Sendboten der Gräfin zu erkennen. Als solcher aber muß ich den mir erteilten Auftrag gewissenhaft erfüllen. Die Wünsche der Gräfin und meine ehrlichen Vorstellungen haben nichts gefruchtet. Nach wie vor segelt der Eremit in unseren Spuren. Es läßt sich daher erwarten, daß es fernerhin nicht anders sein wird. Über die mit so viel Eifer betriebenen Belästigungen gedenkt die Gräfin sich nunmehr hinwegzusetzen. Und so erkläre ich Ihnen in deren Namen und durch Sie Ihren Freunden und Verwandten, daß wenn wir von hier fortsegeln, unser nächstes Ziel der Pontchartrain-See am Golf von Mexiko sein wird. Es liegt mithin kein Grund mehr vor, unsere Bewegungen mit Argusaugen zu überwachen. Verschwindet die Pandora von hier, so wissen Sie jetzt, wo Sie sie zu suchen haben.« So lange Maud mit sichtbar schwer errungener äußerer Ruhe sprach, hingen Peldrams Blicke in stiller Bewunderung an dem in seiner Erregung doppelt lieblichen Antlitz. Und als sie schwieg, da fragte er unter dem Einfluß der in ihm webenden Zweifel: »Wunderbar erscheint es, daß die Gräfin, die so lange ihre Wege verheimlichte, sogar sich nicht scheute, zu Gewaltmaßregeln zu greifen, plötzlich ihren Sinn so weit geändert haben sollte. Ist es da nicht gerechtfertigt, zu erwägen, ob die uns übermittelte Kunde vielleicht darauf berechnet ist, den Eremit in die Irre zu führen?« »So trauen Sie mir eine Falschheit zu?« fragte Maud unverkennbar gekränkt zurück. »Ihnen nicht, teuerste Maud, Ihnen nicht,« versetzte Peldram beschwörend, »sind Sie doch, wie Sie selbst erklärten, nur die Trägerin der Botschaft. Wohl aber darf der Gräfin bei ihrem exzentrischen Wesen zugetraut werden, daß sie, wie einst zu Geschützkugeln, jetzt zu falschen Vorspiegelungen greift, um einer ihr unbequemen Begegnung auszuweichen.« »Wären Sie so vertraut mit dem Charakter der Gräfin, wie ich es im langen Verkehr mit ihr selbstverständlich werden mußte, so würde ein derartiger Argwohn nie haben Wurzel in Ihnen schlagen können. Doch Vertrauen kann nicht erzwungen werden. Überwiegt ein arger Verdacht den Glauben an die Ehrlichkeit der Gräfin, so bleibt es dem Eremit unbenommen, im Kielwasser der Pandora zu segeln.« »Nicht den leisesten Zweifel setze ich für meine Person in die Ehrlichkeit der Gräfin,« erwiderte Peldram, »ebenso fest dürfen Sie überzeugt sein, daß die Botschaft unverkürzt demjenigen zugetragen werden wird, für den sie bestimmt ist. Weiter reicht meine Macht nicht. Und nun noch ein Wort für mich, teuerste Maud, zu dem Sie selbst mich berechtigten. Mein Verhalten wird, wie bisher, auch fernerhin nur von dem Willen eines anderen abhängig sein, dessen Zwecke mir rätselhaft,« – und mehr noch dämpfte er seine Stimme – »wenn aber eine neue Begegnung mit Ihnen herbeigeführt wird, dann vergönnen Sie mir, mit den einmal entfachten Hoffnungen auf ein dauerndes Glück zu Ihnen aufzuschauen –« Maud winkte den Leuten, das Boot frei zu geben. Doch ebenso schnell, wie die beiden Ruderer ihre Hände zurückzogen, packte Peldram den Bord der Jolle. »Um Gottes willen, Maud.« flehte er, »lassen Sie die obwaltenden Verhältnisse nicht maßgebend für Ihre Entscheidung sein.« Da richtete Maud sich höher auf. Tiefe Glut hatte sich über ihr Antlitz ergossen. Ihre Augen blickten, als hätten Tränen in ihnen zusammenrinnen wollen. »Meinen Auftrag gewissenhaft erfüllend,« erklärte sie unter sichtbarer Anstrengung, »kann ich nur die Erwartung aussprechen, daß die beiden Jachten fortan durch weite Räume voneinander getrennt bleiben.« Sie säumte einige Sekunden, wie nach Worten ringend. Indem sie aber in Peldrams Zügen den unzweideutigen Ausdruck schmerzlicher Spannung entdeckte, reichte sie ihm die Hand, und leise wie ein Hauch floß es von ihren Lippen: »Und dennoch: auf Wiedersehen!« Sie wartete nicht, die Wandlung kennen zu lernen, die die wenigen Worte auf dem Antlitz des Kapitäns hervorriefen. Auf ein beinahe herrisches Zeichen von ihr trennte die Jolle sich von dem Boot, und nach wenigen Ruderschlägen drängte der Rumpf des Eremit sich zwischen sie und den ihr Nachschauenden. Als Maud bald darauf bei der Gräfin eintrat, hatte diese sich in den Inhalt einer Zeitung vertieft. Aufschauend und in des Mädchens Zügen heftige Erregung gewahrend, fragte sie eintönig: »Du hast meinen Auftrag ausgerichtet?« »Pünktlich bis ins Kleinste hinein,« antwortete Maud mit einer gewissen Bitterkeit. »Soll mich wundern, ob man Wert auf die Botschaft legt,« versetzte die Gräfin. »Geschieht es nicht, so fällt es Peldram nicht zur Last, noch weniger mir,« entgegnete Maud; »ihn von der Aufrichtigkeit der Ankündigung zu überzeugen, gelang mir leicht; für andere bürge ich nicht.« »Wir werden ja sehen,« bemerkte die Gräfin nachlässig, obwohl ihre Blicke mit durchdringender Schärfe Mauds abgewendetes, glühendes Antlitz suchten. – Einen Tag noch rastete die Pandora vor ihrem Anker. Dann breitete sie ihre weißen Schwingen aus, und vor scharfer Südwestbrise glitt sie an dem in träger Ruhe verharrenden Eremit vorbei in die sich weithin erstreckende Einfahrt des Hafens hinaus. Der Tag neigte sich, als die Fluten des Ozeans vor dem sie furchenden Bug schäumten. Verschlossener noch erschien die Gräfin. Trotzdem machte sich in ihrem Wesen eine eigentümliche, an Ungeduld grenzende Rastlosigkeit geltend. Nur wenn sie Maud und die junge Hindu in ihrem frohen Verkehr mit dem Geschwisterpaar beobachtete, erhellte ein milder Schimmer flüchtig ihre strengen Züge. – Einundzwanzigstes Kapitel. Das Landhaus am Pontchartrain. Liebe unter Palmen. Der reiche Kaufherr Unter den Küstenseen des Staates Louisiana, oder vielmehr den Einbuchtungen des mexikanischen Golfs, nimmt der Pontchartrain auf Grund seines Umfanges bei weitem die erste Stelle ein. Nördlich von New Orleans gelegen und mit dieser Stadt durch Eisenbahnen und schiffbare Kanäle verbunden, erreicht man ihn von hier aus binnen einer kleinen halben Stunde. Diese örtlichen Verhältnisse sind Ursache, daß reich begüterte Handelsherren und Fabrikbesitzer, deren Kontors und Magazine in New Orleans sich befinden, auf den lieblichen Ufern des Pontchartrain sich angebaut haben. Während der Geschäftsstunden an die Stadt gebunden, suchen sie nach deren Ablauf ihre Landsitze auf, um im Kreise der Familie ländlichen Genüssen zu leben. Obwohl nicht von hohen Ufern begrenzt, bietet der See doch nach allen Richtungen hin einen überaus freundlichen Blick. Wohin man sich wenden mag: überall tauchen kleinere Ortschaften und Landhäuser auf und kontrastiren mit ihrer vorherrschenden weißen Farbe anmutig zu dem tiefen Grün der stellenweise unzugänglichen Sumpfwaldungen im Hintergrunde und den heiter leuchtenden Feldern. Gehoben wird der allgemeine Eindruck noch durch den See selbst, auf dem kleine Segler und Dampfboote lebhaft vermitteln. Auch schwerere Schiffe, deren Tiefgang ein bestimmtes Maß nicht überschreitet, finden ihren Weg dort hinein. Wo die Eisenbahn am Pontchartrain mündet, ist eine umfangreiche Ortschaft entstanden, die die Einwohner von New Orleans vielfach zum Ziel ihrer Vergnügungsfahrten wählen. Wendet man sich von dort aus auf der an dem See hinlaufenden Landstraße westlich, so gelangt man nach kurzer Wanderung an einen zierlich, jedoch fest eingefriedigten Park, in dem ein geräumiges Landhaus weit über seine Umgebung und den See hinausschaut. Haus wie Park legen Zeugnis davon ab, daß sie Eigentum eines mehr als wohlhabenden Mannes, der keine Opfer scheut oder zu scheuen braucht, seine ländliche Besitzung in ein Paradies zu verwandeln und als solches zu erhalten. Das Haus ist einstöckig mit hohem Erdgeschoß, letzteres für Küche und sonstige Wirtschaftszwecke eingerichtet. Auf der nach Osten liegenden Vorderseite erstreckt sich über deren ganze Länge eine breite Veranda, nach der man vom Garten aus über ein Dutzend Stufen gelangt. Weiß angestrichene Holzsäulen, dicht umrankt von beinahe unablässig blühenden Schlinggewächsen, tragen deren leichtes Dach. Ebenso verschwinden die Balustraden zwischen den Säulen fast gänzlich in blühendem und duftendem Gerank. Die auf die Veranda sich öffnenden Fenster bilden zugleich Glastüren, darauf berechnet, an glühenden Sommertagen in den frühen Morgenstunden wie des Abends die kühle Seeluft ungehemmt durch alle Räume streichen zu lassen. So deutet alles in und an dem Gebäude auf Reichtum und Behaglichkeit. In höherem Grade noch trägt der Park ein derartiges Gepräge. Mit geläutertem Geschmack angelegt, sind in ihm nicht nur alle Baumarten Louisianas und der nördlichen Freistaaten vertreten, sondern auch viele andere, deren Heimat in überseeischen Ländern zu suchen ist. Vorzugsweise werden indessen exotische Gewächse der verschiedensten Art liebevoll gehegt und gepflegt. Da erblickt man vereinzelte anmutig gekrönte Palmen und riesenhafte Bananenstauden nachbarlich beieinander mit seltsam geformten Koniferen; vor allem aber dient als Schmuck der einheimische Magnoliabaum mit seinen prächtigen, süß duftenden weißen Blüten. Mit gelbem Kies bestreute Pfade und Wege bilden gleichsam ein Labyrinth, in dem umherzuirren man nicht müde wird und das Auge bald an einem malerischen Hain, bald an einer üppig wuchernden Gesträuchgruppe oder einer glatt geschorenen, sammetweichen Rasenfläche sich ergötzt. – Ein lieblicher Herbsttag – die schönste Zeit in der sonnigen Louisiana – neigte sich seinem Ende zu. Es mochte gegen fünf Uhr sein, also zu der Stunde, in der die in den Kontors beschäftigt gewesenen Chefs sich auf ihre ländlichen Besitzungen hinauszubegeben pflegten. Die erquickende Abendbrise hatte bereits eingesetzt; aber noch segelten farbenreiche Falter von Blume zu Blume, tauchten funkelnde Kolibris, mit summendem Flügelschlage vor den geöffneten Blüten schwebend, den röhrenförmigen Schnabel tief in die honiggefüllten Kelche ein, eilten wachsbeschwerte Bienen mit süßer Beute den heimatlichen Waben zu, während der glühend rote Kardinal seine melancholische Melodie in die klare Atmosphäre hinaussang und der kleine grüngelbe Papagei sinnlos plaudernd von Zweig zu Zweig kletterte. Wie heiliger Friede ruhte es auf den schattigen Gartenanlagen, wie ein Friede, nie gestört durch die Eingriffe eines im steten Hader lebenden Menschengeschlechtes. Still lag auch die Landstraße, die zwischen dem See und der Parkeinfriedigung sich erstreckte. Dem weiter zurückliegenden Hause gegenüber befand sich das Gittertor, durch das ein breiter Fahrweg nach der Besitzung hinaufführte. Das Tor war geschlossen; die daneben angebrachte Pforte stand dagegen offen. Die Ankunft des Zuges, der gewöhnlich die Villenbesitzer der Stadt entführte, hatte sich schon vor einer Weile durch das weithin schallende dumpfe Rollen und seltsame Heulen der Dampfpfeife bemerklich gemacht, als eine schlanke Mädchengestalt in die Pforte trat und gespannt nach der Eisenbahnstation hinüberspähte. Ganz in Weiß gekleidet, mit der hellblauen Schärpe und dem ähnlich geschmückten italienischen Strohhut, war sie gewiß geeignet, vor dem grünen Hintergrunde schon aus der Ferne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wer aber näher trat, der fühlte sich gefesselt und bezaubert durch die holde Anmut, die den jungfräulich geformten Körper umwebte, und durch das liebliche Antlitz mit dem erwartungsvollen Lächeln und den tiefen, dunklen Glutaugen. Zu der beinahe durchsichtig zarten Gesichtsfarbe kontrastierten scharf die ungewöhnlich starken schwarzen Brauen, neben dem weichen, wellenförmig gelockten Rabenhaar und den exotischen Augen ein bestrickendes Bild des Südens vervollständigend. Nach einem langen Blick die Straße aufwärts prägte sich Enttäuschung in ihren Zügen aus. Sie begab sich in den Park zurück, wandelte ein Weilchen nachdenklich auf und ab, und abermals in die Pforte tretend, erneuerte sie ihr Spähen. Doch nur einige Sekunden, dann schoß helle Glut in ihre Wangen und Glück strahlte aus ihren glanzvollen Augen. Ohne die Richtung der Blicke zu ändern, verharrte sie mehrere Minuten in der lauschenden Stellung; zugleich spielte ein inniges Lächeln um die leicht geöffneten Lippen, und abermals den Schutz des Parkes suchend, ließ sie sich in der Nähe der Einfriedigung auf eine Bank nieder, die von einer Traueresche derartig umhüllt wurde, daß sie vor einem in der Pforte Auftauchenden verborgen blieb. Minuten verrannen in tiefer Stille. Endlich wurden auf der Straße Schritte vernehmbar; gleich darauf trat ein junger Mann in die Pforte, wo er, wie über die einzuschlagende Richtung in Zweifel, stehen blieb. Kräftig gewachsen, offenbarte sich in seiner Haltung eher eine militärische Erziehung, als die jemandes, dessen Tätigkeit auf Kontors und Kontobücher entfällt. So auch in seinem frischen, wohlgebildeten Antlitz mit dem blonden, krausen Vollbart und zwei klugen, blauen Augen, in denen eine ganze Welt glücklicher Sorglosigkeit wohnte. Nach kurzem Säumen leuchtete es plötzlich in den blauen Sternen auf. Seine Blicke waren auf einen weißen Gegenstand gefallen, der zwischen dem Gezweig der Eschenlaube hervorschimmerte, und mit schnellen Schritten nach deren Eingang herumeilend, sah er das erglühende Mädchen vor sich. »Jane!« rief er entzückt aus, der zu ihm Heraustretenden beide Hände reichend, »ich wußte, daß du nicht weit sein konntest. Wo wären die guten Eigenschaften meiner Augen geblieben, hätte ich beim Herausbiegen aus der Station nicht sofort ein weißes Kleid erkannt.« »Und ich wußte, daß ich dich nicht vergeblich erwarten würde,« versetzte Jane, sich der Umschlingung des jungen Mannes sanft erwehrend, »nicht doch, Charles –« sie warf einen scheuen Blick um sich und küßte ihn zärtlich, um von ihm stürmisch in die Arme geschlossen zu werden. Dann zutraulich aneinander geschmiegt, vertieften sie sich in die schattigen Parkgänge, um auf einem Umwege das Landhaus zu erreichen. »Schon vor Stunden traf der Vater ein,« erzählte Jane im Lauf der Unterhaltung. Und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Es beängstigt mich förmlich, daß er, entgegengesetzt seinen früheren Gewohnheiten, die Stadt jetzt immer so viel früher verläßt.« »Weshalb sollte er nicht?« fragte Charles Bruce sorglos, »gilt es mir doch als Beweis, daß er die laufenden Geschäfte in meinen Händen als sicher geborgen betrachtet. Freilich« – und seine Stimme klang ein wenig ernster – »so gänzlich, wie zur Zeit meiner ersten Bekanntschaft mit ihm, geht er jetzt nicht mehr in seinem Berufe auf. Nachdenklicher ist er geworden, zeitweise sogar bis zu einem gewissen Grade finster, obwohl er nicht blind dafür sein kann, daß das Glück ihn förmlich suchte. Läßt sich doch behaupten, daß ihm kaum jemals ein Unternehmen fehlschlug. Was er beginnen mochte, so weit ich mich entsinne, blieb der Erfolg nie aus, und so ist es heutigen Tages noch. Und wer dürfte sich rühmen, innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Zeit – denn was sind achtzehn, neunzehn Jahre für eine neu begründete Firma – von einem allerdings namhaften Vermögen sich zum größten Reichtum emporgeschwungen zu haben? In der Tat, das Haus Wellingham erfreut sich eines Weltrufs, wie nicht viele andere neben ihm. Daher gewinne ich auch zuweilen den Eindruck, als hätten gerade die erstaunlichen Erfolge ihn ermüdet, oder als zagte er bei dem Gedanken an die Launenhaftigkeit des Geschicks. Es wäre das sehr traurig, denn gerade die sich häufende Arbeit war es, die ihn so lange rege und immer guter Dinge erhielt.« »Wenn nur keine tückisch schleichende Krankheit seiner oft recht trüben Stimmung zugrunde liegt,« meinte Jane mit einem Ausdruck der Besorgnis. »Darüber beruhige dich,« versetzte Bruce freundlich beschwichtigend; »mit dem wachsenden Hange zur Bequemlichkeit, der in seinem Alter nicht befremden kann, mehren sich auch die Gelegenheiten zum Grübeln, mehrt sich die Neigung zur Einsamkeit, die wiederum einer gewissen Melancholie Vorschub leistet. Aber das wird anders, glaube mir, spätestens mit dem Tage, an dem er seine einzige geliebte Tochter gewissenhaften Händen auf ewig anvertraut.« Jane errötete leicht. Befangen und doch glücklich lächelnd sah sie vor sich nieder. Holde Bilder mochten ihr vorschweben, daß sie den heißen Blick nicht fühlte, mit dem der junge Mann ihr reizvolles Profil betrachtete. Nach einer kurzen Pause richtete sie sich lebhaft empor, und zutraulich in des Geliebten Augen schauend, bemerkte sie innig: »Möchten unsere Hoffnungen sich erfüllen! Der Vater verdient gewiß einen heiteren Lebensabend, schon allein um der Liebe willen, mit der er mich, die ich doch nur seine Stieftochter bin, umfing. Ich dagegen könnte nicht treuer an meinem früh verstorbenen leiblichen Vater hängen, als an ihm. Und bedenke nur: sprach er es auch nicht offen aus, so kann ihm doch nicht entgangen sein, daß ich oder vielmehr du« – sie lächelte wieder selig – »nun, ich will sagen: wir beide uns mit den freundlichsten Hoffnungen tragen, und so dürfen wir sein schweigsames Dulden sicher als Billigung deuten.« »Wofür er gesegnet sein mag,« warf Bruce begeistert ein, »um so dringender und aufrichtiger wünsche ich aber, daß er von neuem auflebe, sich selbst zur Freude und uns zur Lust.« Jane wiegte zweifelnd das Haupt und erwiderte bedacht: »Heiß, wie ich diese Wandlung ersehne, glaube ich doch nicht recht daran. Seitdem er sich mehr von den Geschäften zurückzog, wuchs seine Neigung zu einsamen Grübeln, darin aber eine Änderung zu bewirken, scheint zu den Unmöglichkeiten zu gehören. Oft meine ich, daß es ihm eine Art schmerzlichen Genusses bereitet, sich in Betrachtungen über unwiederbringlich Verlorenes zu versenken. Und er erlebte gewiß genug, um dadurch gebeugt zu werden. Vergegenwärtige dir, daß er meine Mutter, die er so innig liebte und verehrte, frühzeitig in die Erde betten mußte, und dann die Ursachen, die deren tödliches Siechtum unzweifelhaft herbeiführten. Da scheint es erklärlich, wenn er deren Verlust jetzt tiefer empfindet, denn zuvor. Ich bilde mir ein, daß ihm vorschwebt, mich, deren Anhänglichkeit eigentlich den einzigen Lichtpunkt in seinem Leben bildet, über kurz oder lang an dich abtreten zu müssen. Wie mag er sich da jetzt schon vereinsamt und verlassen erscheinen; und doch darf er überzeugt sein, daß wir es als eine heilige Aufgabe betrachten, seinen Lebensabend so freundlich zu gestalten, wie nur immer möglich.« So lange Jane mit rührendem Eifer sprach, lauschte Bruce, damit ihm keine Silbe, kein Ton der herzigen Stimme verloren gehe. Kaum aber floß das letzte Wort von des Mädchens Lippen, als er aus vollem Herzen bekräftigte: »Ja, das soll unsere erste Aufgabe sein!« In diesem Augenblick befreite Jane sich von seinem Arm, den er zärtlich um sie gelegt hatte. Das Geräusch schwerer Schritte war an ihre Ohren gedrungen. Durch eine Handbewegung machte sie auch den Geliebten aufmerksam, und gleich darauf trat auf dem gewundenen Wege hinter dem ihn begrenzenden dichten Gesträuch hervor ein Mann in ihren Gesichtskreis, dessen ganze Erscheinung die Worte auf ihren Lippen in Fesseln legte. Obwohl mit dem Wesen eines sich dort berechtigt Fühlenden einherschreitend, schien er auf Grund seines Äußeren doch nicht dorthin zu gehören. Kurz und gedrungen gewachsen, waren seine Bewegungen die eines Seemannes niedersten Ranges, was am wenigsten durch die auf seinem Körper gleichsam hängenden, vornehm geschnittenen Stoffe ausgeglichen werden konnte. Jeder Zug des gebräunten und mit einem struppigen Backenbart umrahmten Gesichtes verriet rohes Selbstbewußtsein, wogegen seine mit widerwärtiger Freundlichkeit blinzelnden, rotberänderten hellgrauen Augen so viel Tücke ausstrahlten, daß man sich von deren Blick unheimlich angeweht fühlen mußte. In dem Mundwinkel hing eine braun gebrannte Tonpfeife. Obwohl sie so kurz war, daß sie die fleischige, verdächtig gefärbte Nase beinahe ansengte, hatte er sich doch so sehr an sie gewöhnt, daß sie ihm beim Sprechen nicht mehr hinderlich war. Ohne die Pfeife zu entfernen, rief er dem jungen Paar einen vertraulichen Gruß zu, wobei er mit dem Zeigefinger der rechten klobigen Faust den Rand seines Panamahutes leicht berührte. »Feine Zeit hier auf den schattigen Wegen,« fügte er spöttelnd hinzu, als er vor den jungen Leuten eingetroffen war. »Kenne das aus Erfahrung; war ebenfalls mal jung, und wenn ich je 'nem Menschen 'ne feine Zeit gönnte, so ist's Miß Jane, auch der junge Herr da.« »Sehr dankbar für Ihre Güte,« versetzte Bruce, und es wurde ihm schwer, dem unverschämten Gesellen gegenüber seine Ruhe zu bewahren, »lieber wäre es mir freilich, Sie übertrügen die Beweise Ihrer freundschaftlichen Gesinnungen auf andere.« Er wollte auf das ihm entgegenschallende, vertraulich höhnische Lachen schärfere Worte hinzufügen, als ein Druck von Janes auf seinem Arm ruhender Hand ihn vor einer Unvorsichtigkeit warnte. Cunning dagegen, wie er hieß, erwiderte boshaft schmeichelnd: »Ein verhenkert vornehmer Gentleman sind Sie. Da lobe ich mir den Herrn Wellingham. Der nennt so viele Millionen sein, wie Sie nicht Tausende von Dollars in der Tasche zählen, und doch mag ich jederzeit zu ihm reden, wie zu 'nem gewöhnlichen Menschen. Aber nichts für ungut, junge Herrschaften. Wir können nicht alle gleich feine Manieren haben,« und er stieß ein Gelächter aus. Bevor Bruce Zeit fand, seinem wachsenden Unmut erhöhten Ausdruck zu geben, wendete die junge Dame sich an Cunning. »Wo finden wir den Vater?« fragte sie mit der ihr eigentümlichen Freundlichkeit. »Der?« fragte Cunning gedehnt zurück, und eine Rauchwolke begleitete das Wort, »nun ja, meine junge Lady, wenn Sie auf dem Wege dahin nicht allzu langsam ausschreiten, so treffen Sie ihn wohl noch auf der Veranda. Redete eben dort ein weises Wort mit ihm. Bin jetzt auf dem Wege zur Station; da gibt's Neuigkeiten die schwere Menge, wenn man sich die Zeit nimmt, sie den Leuten abzufragen, und 'nen guten holländischen Gin bekommt man obenein.« »So beeilen wir uns,« nahm Jane schnell wieder das Wort, und gewahrend, daß Bruces Geduld sich erschöpfte, zog sie ihn mit sich fort, während Cunning sorglos in entgegengesetzter Richtung davonwiegte. »Ein grauenhafter Mensch,« sprach sie gedämpft weiter, »unbesiegbarer Widerwille erfüllt mich, so oft ich ihm begegne; und doch bin ich gezwungen, des Vaters wegen Rücksichten walten zu lassen.« »Ich begreife nicht, daß er überhaupt festen Fuß bei euch fassen konnte. Auf mich übt er wenigstens den Eindruck eines gewissenlosen Abenteurers aus, der nichts lernte, als sich auf Kosten anderer mühelos durchs Leben zu schlagen.« »In der ersten Zeit seines Aufenthaltes hier gab er sich anders,« erklärte Jane, »und wenn ich den Cunning von damals mit dem heutigen vergleiche, so erkenne ich ihn kaum wieder. Ich entsinne mich noch des Tages, an dem er im elendesten Zustande eintraf und den Vater um Hilfe ansprach. Seine Bescheidenheit dauerte indessen nicht lange; sie schwand in demselben Maße, in dem der Vater sich an ihn gewöhnte. Ich bin oft empört über die Art seines Auftretens und den Mißbrauch, den er mit der ihm erwiesenen Güte treibt. Die kleinste Schwäche des Vaters verstand er auszunutzen und trotz seiner Trägheit sich ihm unentbehrlich zu machen, bis aus dem ursprünglichen Hausdiener allmählich ein polternder Hausgenosse wurde, dem jeder gern aus dem Wege geht.« »Wenn dein Vater sich nur entschließen könnte, ihn fortzuweisen,« meinte Bruce nachdenklich, »kostete es wirklich eine namhafte Entschädigung, was wollte das besagen?« »Ich selbst riet mehrfach dazu,« versetzte Jane, »aber ich drang mit meinen Vorstellungen nicht durch. Einmal deutete der Vater sogar an, daß er Cunning auf Grund irgend einer Dienstleistung verpflichtet sei und wir daher Geduld mit ihm haben möchten.« Bruce, der so lange unzufrieden vor sich niedergeschaut hatte, blickte auf, und vor ihm lag das Landhaus. Über die berankte Balustrade hinweg erkannte er einen Herrn, der, auf einem Schaukelstuhl sitzend, eine Zeitung entfaltet hatte und anscheinend eifrig las. Ob sie bereits bemerkt worden waren, errieten die jungen Leute nicht: aber sie beeilten sich, die Veranda zu erreichen. Und dennoch hatten die ängstlich spähenden Augen des Hausherrn sie entdeckt, wie sie zärtlich aneinander geschmiegt langsam hinter dem sie bergenden Gebüsch hervortraten. Zugleich glitt ein Ausdruck innerer Befriedigung über seine krankhaft hageren Gesichtszüge, und die Zeitung höher hebend, trachtete er, sich hinter ihr zu verbergen. Wie das von einem dünnen, ergrauten Backenbart eingerahmte Antlitz, zeugte auch die Hagerkeit seines Körpers von einem gewissen hinfälligen Zustande. Verdeckt wurde dies einigermaßen durch den ausgesucht kostbaren Anzug und die blendend weiße Wäsche, die von peinlicher Ordnungsliebe zeugte. Ursprünglich wohlgebildet, erschien seine Physiognomie jetzt zerfallen, wie man es der Wirkung des südlichen Klimas und den Miasmen hätte zuschreiben mögen, die in den umfangreichen Sumpfniederungen Louisianas von der Sonne ausgebrütet werden. Ein leidender Zug erstreckte sich von den beiden Nasenflügeln um die Mundwinkel herum bis auf das glatt geschorene Kinn nieder. Matt blickten seine Augen, zugleich aber unstät, als hätte er sich gescheut, den Blicken anderer zu begegnen und ihnen dadurch Schlüsse auf seinen Gedankengang einzuräumen. Als er die Schritte der jungen Leute auf der Treppe unterschied, ließ er die Zeitung sinken. Ein Schimmer von Stolz glitt beim Anblick des schönen Paares über seine Züge. Einem aufmerksamen Beobachter wäre nicht entgangen, daß er sich bestrebte, eine sorglose Stimmung zur Schau zu tragen und seiner Haltung ein wenig mehr Zuversicht und Selbstvertrauen zu verleihen. »Da sind Sie ja,« redete er den jungen Mann mit unverkennbarem Wohlwollen an und streckte ihm die Hand entgegen, »hoffentlich wurde es Ihnen nicht schwer, den Aufenthalt in der Stadt mit dem in ländlicher Stille auf einige Stunden zu vertauschen.« »Wo könnte ich lieber weilen, als gerade hier?« versetzte Bruce heiter, und auf seinem Antlitz wehte das Gepräge hoffnungsreicher Glückseligkeit und tiefen Dankgefühls. Er ließ sich an Wellinghams Seite nieder, und Jane nachblickend, die sich ins Haus hinein begab, fuhr er in der gleichen Weise fort: »Wo gäbe es auch einen reizenderen Aufenthalt, als auf dieser Stelle? Kein einziges Mal weilte ich hier, ohne das so recht von Herzen zu genießen! Dort der im letzten Sonnenschein erglänzende Pontchartrain mit seinen Segeln und Dampfschiffen; ringsum die Parkanlagen, die eines Paradieses würdig – bei Gott, Herr Wellingham, wer behauptet, daß hinter Kontortischen und Kontobüchern jede Neigung zur Bewunderung der Natur verloren gehe, fügt unserem Stande bitteres Unrecht zu.« »Wohl gesprochen, mein lieber Bruce,« erwiderte Wellingham, »leider gibt es nicht viele, die sich derartiger Vorzüge erfreuen. Hier die ländlich idyllische Einsamkeit, dort das geräuschvolle Treiben des Handelsverkehrs – gewiß, in dem Kontrast, den sie zueinander bilden, und in der steten Wechselwirkung müssen sie jedem nur einigermaßen empfänglichen Gemüt zugute kommen. Doch zuvor die Geschäfte. Sind irgend welche Nachrichten von Wichtigkeit eingelaufen?« »Nichts Außergewöhnliches. Die Baumwolle ist um einige Cents heraufgegangen, wiederum ein Beweis für die Zuverlässigkeit Ihrer Berechnungen.« »Sie muß noch mehr steigen,« erklärte Wellingham, und sein Antlitz rötete sich leicht, wie gewöhnlich, wenn er mit Leib und Seele in den Geschäftsgang eingriff und einen neuen Erfolg zu verzeichnen hatte. »Zwei Wochen wollen wir sie noch halten, dann mag sie losgeschlagen werden. Man muß mit dem Gewinn nie bis zur äußersten Grenze gehen wollen. Lassen Sie in Ihrem ganzen Leben als maßgebend gelten: ein sicherer, mäßiger Verdienst überwiegt bei weitem einen ins Auge gefaßten doppelt so hohen, der immerhin fraglich bleibt.« Bruce verneigte sich zustimmend und fuhr fort: »Kurz vor Schluß der Bureaustunde sprach noch jemand vor, der einen Wechsel auf die Bank von England im Betrage von zweiundzwanzigtausend Pfund Sterling präsentierte.« »Zweiundzwanzigtausend, eine – merkwürdige Zahl,« wiederholte Wellingham anscheinend unbewußt, dann emporschauend mit überlegender Ruhe: »In der Tat eine hohe Summe – es fragt sich allerdings, wer es ist, der sie flüssig zu machen beabsichtigt.« »Eine Dame, eine englische Gräfin,« antwortete Bruce gleichmütig, »eine jener exzentrischen Ladies, deren Mittel ihnen erlauben, auf einer eigenen Jacht die Weltmeere als eine Art Tummelplatz zur Ausübung ihrer spleenhaften Launen zu betrachten.« »Stellte sie sich selbst vor?« fragte Wellingham. »Sie nicht,« hieß es zurück; »ihren Schiffskommandanten schickte sie in Begleitung eines verwitterten alten Matrosen, den man mit dem ewigen Juden hätte vergleichen mögen.« »Kauften Sie den Wechsel?« »Nein; ich schützte vor, mit Ihnen zuvor Rücksprache nehmen zu müssen. Ich gestehe, die Höhe der Summe erregte mein Mißtrauen. Im übrigen eilte er nicht. Er bedauerte, sich Ihnen nicht persönlich vorstellen zu können, und deutete an, daß seine Herrin möglichenfalls das Geld selbst erheben würde.« »So wird sie zu seiner Zeit im Kontor vorsprechen?« »Wohl schwerlich. Nachdem der Kommandant sich erkundigt hatte, wo und wann Sie am sichersten zu finden wären, erklärte er, mit der Jacht, die vor der Missisippibarre ankerte, herumzusegeln und in den Pontchartrain einzulaufen. Von dort aus wird die Lady Ihnen wohl einen Besuch abstatten. Es ist erstaunlich, worauf die spleenigen Engländer zuweilen verfallen. Nur daran zu denken, hier auf dem See zu längerem Aufenthalt vor Anker zu gehen!« »Jedenfalls eine sehr vermögende Dame,« meinte Wellingham nachdenklich, »und solche Exemplare verdienen immerhin einige Rücksicht. Sorgen Sie nur dafür, daß morgen abend die Summe in Tausendpfundnoten hier draußen bereit liegt.« Er wies in der Richtung nach der Einfahrt des Sees hinüber, wo auf eine längere Strecke Meer und Himmel zusammenstießen und in der Entfernung einer halben Stunde guten Ruderns die Formen eines Schoners sich deutlich abzeichneten. »Sollte das wohl gar die Jacht Ihrer Lady sein?« fragte er lebhaft. »Vor einer Stunde erst traf sie dort ein. Ich beobachtete, wie sie sich vor Anker legte, und stellte meine Betrachtungen über ihren hübschen Bau und die auffällig schlanken Spieren an. Für eine regelrechte Handelskraft erscheint sie mir zu zierlich.« Das Gespräch wurde durch einen Neger unterbrochen, der meldete, daß Miß Jane die Herren erwarte. Bruce, weniger vertraut mit den verschiedenen Arten von Schiffen, sandte einen flüchtigen Blick hinüber und antwortete mit einer gewissen Zuversicht: »Die Jacht der Gräfin sah ich zwar nicht, allein ich bürge dafür, daß die da drüben es nicht ist. Zunächst mußte der Kommandant bis zur Mississippibarre hinunter die Gelegenheit eines Schleppdampfers benutzen, kann also zur Stunde noch nicht dort sein; ferner gehören immerhin vierundzwanzig Stunden guten Segelns dazu, um so weit herum zu gelangen.« »So würde Ihre Gräfin vor morgen abend nicht eintreffen können?« »Schwerlich. Der Diener des Kommandanten, der geisterhafte alte Matrose, begleitete mich übrigens bis zur Station, von der er, sobald die Jacht eingelaufen ist, abgeholt wird. Er soll der Gräfin die Botschaft überbringen, zu welcher Stunde ihr Besuch Ihnen am gelegensten ist. Er kommt heute abend noch, um Ihre Entscheidung in Empfang zu nehmen.« Das Gespräch wurde durch einen Neger unterbrochen, der meldete, daß Miß Jane die Herren erwarte. Gleich darauf saßen sie in einer mit verschwenderischem Luxus ausgestatteten Halle an einem reichgedeckten Tisch, wo Jane mit bezaubernder Anmut die Stelle der Wirtin versah und mit lieblicher Sorglichkeit ihren Stiefvater selbst bediente. Zugleich lenkte sie bedachtsam die Unterhaltung so, daß alles umgangen wurde, was vielleicht störend auf Wellinghams Stimmung einwirken konnte. So entschwand die Zeit im Fluge, und als die drei so verschiedenartigen Gestalten nach Ablauf einer Stunde wieder auf die Veranda hinaustraten, da waren die Uferschatten weit über den See hingeschlichen. Ein neues Gespräch war eben eröffnet worden, als der schwarze Diener mit der Meldung erschien, ein alter Seemann wünsche den Herrn Wellingham zu sprechen. Da er erwartet wurde, fand er sogleich Zutritt, und mit einer gewissen Neugierde betrachteten alle Ghastly, wie er, zwischen den klobigen Fäusten die Mütze, mit etwas unbeholfen ehrerbietigem Gruß sich näherte. Bruce hatte ihn zwar im Laufe des Tages gesehen, jedoch zu oberflächlich, um jetzt zu entdecken, daß nach dem ersten Blick auf Wellingham eine seltsame Wandlung auf seinen eisenharten, tiefgerunzelten Zügen vor sich gegangen war. Wie bei seiner ersten Begegnung mit Galbrett, schien auch hier die verwitterte Haut zu einer Holzrinde zu erstarren, während um die Augen, als wären sie noch tiefer in ihre Höhlen zurückgesunken, sich ein eigentümlicher, schattenähnlicher Hof bildete. »Ich bin beauftragt worden, von dem Herrn Wellingham Auskunft zu erbitten, wann er für die Gräfin Marley von Marleyhouse zu sprechen sei,« schloß Ghastly an seinen Gruß an, und nunmehr die auf ihm ruhenden Blicke meidend, sah er auf die zwischen seinen Fäusten kreisende Mütze nieder. »Jeden Nachmittag von vier Uhr ab,« antwortete Wellingham mit geschäftlicher Ruhe. »Vermelden Sie der Gräfin, ich würde es mir zur Ehre rechnen, sie auf meiner Besitzung zu empfangen. Ich hörte davon, sie beabsichtige, mit ihrer Jacht in den Pontchartrain einzulaufen; wissen Sie Näheres, wie lange es bis dahin dauert?« »Es hängt vom Winde ab,« erklärte Ghastly, »und der bläst da unten herum, als wäre ihm der Atem ausgegangen. Auch war der Kapitän nach 'nem Lotsen aus. Der Henker traue den Untiefen da draußen an der Schlammküste zwischen den vielen Inseln.« »Woher kommen Sie?« forschte Wellingham weiter, die knochige Gestalt fortgesetzt aufmerksam prüfend, als hätte sie mit den sprechenden Merkmalen langjährigen schweren Dienstes ihm noch besondere Teilnahme eingeflößt. »Von England,« antwortete Ghastly bedächtig, »zwei Jahre ist's her; so lange kreuzten wir auf allen Meeren.« »Eine lange Fahrt,« nahm Bruce das Gespräch auf, als Wellingham, wie in der Vergangenheit suchend, das Haupt neigte und schweigend verharrte, »beinah zu lang, um noch als Vergnügen zu gelten.« »Vergnügen genug,« erwiderte Ghastly, »wir laufen hier und dort an, bleiben, wenn es uns gefällt, unbekümmert darum, ob's ein ordentlicher Binnenhafen ist, wo wir Anker werfen, oder ob ein elendes Felseneiland uns nur notdürftig Schutz gegen Sturm und Strömung bietet.« Er sann nach. Da die Blicke der beiden jungen Leute an seinen Lippen hingen, als hätten sie gern mehr gehört, spann er seine Mitteilungen zögernd weiter; zugleich überwachte er Wellinghams Physiognomie verstohlen. »Wenn solche vornehme Lady Wohlgefallen am Kreuzen findet, ist's freilich zum Erstaunen. Steckt aber die Neigung zum Salzwasser einmal in 'nem Menschen drin, da bringen's keine Mittel mehr heraus. So vierten wir vor 'n zehn Monaten um Kap Horn herum, und da gab's 'n Wetter und 'ne See, daß einem Hören und Sehen verging; doch die Gräfin befand sich wohl und munter dabei. Man hätt's nicht glauben sollen: anstatt nördlich zu segeln und die ruhigen Passaten aufzusuchen, hielten wir 'nen östlichen Kurs, und der brachte uns in die Nachbarschaft der Aurora-Inseln.« Ghastly säumte einen Atemzug. Beim Nennen jener Eilande hatte Wellingham sich mit einer heftigen Bewegung ihm zugekehrt. Er forschte in dem fahlen Antlitz, jedoch nur blitzähnlich. Nichts darin verriet, daß der Name eine größere Bedeutung trug, als jedes andere beiläufig gesprochene Wort, und so schloß Ghastly unbeirrt in seiner schwerfälligen Art: »Eine ungastliche Gegend da unten, und Gnade Gott demjenigen, der als schiffbrüchig dahin verschlagen wurde. Da mein' ich, lieber sofort auf den Meeresboden hinunter, oder zwischen die Zähne eines ordentlichen Hais.« Wellingham wand sich leise auf seinem Wiegestuhl, und Jane beobachtete ihn besorgt. Mehrfach schon hatte sie derartige Zufälle an ihm bemerkt, wußte aber, daß ihr Vater nicht liebte, darüber befragt zu werden, noch weniger duldete, daß ein Arzt zu Rate gezogen wurde. Bruce hingegen, der glaubte, den Himmel auf Erden errungen zu haben, besaß nur Augen für die Geliebte. Es entging ihm daher, daß Ghastlys Blicke seltsam stier auf dem geneigten Antlitz des reichen Handelsherrn ruhten, der mit allen seinen Schätzen keine einzige ruhige Stunde mehr zu erkaufen vermochte. Die kurze Pause des eben eingetretenen Schweigens schien Wellingham lästig zu werden. Zweifelnd sah er auf das neben ihm stehende, mit Eiswasser, Kognak, Zucker und zerschnittenen Zitronen besetzte Tischchen, dann ergriff er hastig die im Bereich seiner Hand befindliche Glocke. Auf deren Ton erschien der Neger wieder. »Sorge dafür, daß dem Manne ein gutes Mahl in der Küche verabreicht wird,« befahl er, und zu Ghastly gewendet: »Einen kräftigen Trunk nehmen Sie gewiß gern mit in den Kauf –« »Ich bedarf nichts,« versetzte Ghastly, »hab' gegessen und getrunken zur Genüge auf der Eisenbahnstation.« Wellingham sah befremdet zu ihm auf und bemerkte mißmutig: »Es ist sonst nicht Art eines gesunden Seemannes, ein ihm gebotenes Glas Grog auszuschlagen. Sie sind der erste, an dem ich solche Erfahrung mache.« »Glaub's gern,« antwortete Ghastly, »ist man aber alt geworden, wie ich, so handelt man weise, es mit der Mäßigkeit zu halten.« Wiederum warf Wellingham einen argwöhnischen Blick auf Ghastly. Der Mann mißfiel ihm offenbar, ohne daß er imstande gewesen wäre, einen Grund dafür zu entdecken. In der Besorgnis, abermals Dinge und Namen genannt zu hören, die für ihn einen bösen Klang hatten, entließ er ihn daher mit den Worten: »Sobald Sie an Bord Ihrer Jacht zurückkehren, überbringen Sie der Gräfin meine besten Empfehlungen. Beteuern Sie ihr, ich würde mich glücklich schätzen, ihr nach allen Richtungen hin gefällig zu sein.« Ghastly verstand den Wink und empfahl sich. Die drei Zurückbleibenden sahen ihm schweigend nach, wie er, den Oberkörper seltsam wiegend, mit langen Schritten den um einen runden Rasenplatz herumführenden Fahrweg verfolgte. Als er endlich hinter einer dichten Strauchgruppe verschwand, bemerkte Wellingham, wie von einer unbequemen Last befreit: »Eine unheimliche Erscheinung, dieser alte Matrose. Es gehört übrigens ein wunderlicher Geschmack dazu, derartige unwirsche Gesellen um sich zu haben und Jahr auf Jahr den beschränkten Raum eines Schiffes mit ihnen zu teilen.« »Der Kommandant übte dafür einen um so günstigeren Eindruck auf mich aus,« versetzte Bruce. »Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, sprach er von seiner Herrin mit größter Verehrung. Ich bin in der Tat neugierig, sie kennen zu lernen.« Wellingham neigte das Haupt. Eine Antwort erteilte er nicht. Es galt den jungen Leuten als ein Zeichen, daß er, wie so häufig, mit seinen Gedanken allein zu sein wünschte. Zuvorkommend trugen sie seinen Eigentümlichkeiten Rechnung. Arm in Arm begaben sie sich in den Park hinunter, wo sie alsbald von der dichtbelaubten Vegetation ausgenommen wurden. Die Sonne war in die westlichen Sumpfniederungen hinabgetaucht. In ihren Sacknestern hatten die Kolibris sich zur Rast behaglich eingerichtet. Der Kardinal träumte bereits. Statt seiner ließ die Spottdrossel ihr süßes Abendliedchen ertönen. Im klaren Äther tummelten sich Fledermäuse. Baumgrillen quälten sich redlich mit ihren endlosen, unmelodischen Trillern ab. Von dem See wehte erquickende Kühle herein. – Ghastly saß vor der Eisenbahnstation auf der Landungsbrücke. Finster blickte er über die spiegelglatte Wasserfläche nach dem fernen Schoner hinüber, in dem er mit geübtem Auge den Eremit erkannt hatte. Seine Lippen regten sich zuweilen, dann ertönte es von ihnen, wie im Traume gesprochen: »Wäre sein Gesicht verwest und zerfallen, so hätte ich ihn wiedererkannt unter Tausenden. So kann nur Einer blicken.« Zweiundzwanzigstes Kapitel. Der Mann mit der Kalkpfeife. Besuch im Landhaus. Unter vier Augen Ein günstiger Wind hatte der Pandora von dannen geholfen. Es konnte daher nicht überraschen, daß sie folgenden Tages in den ersten Nachmittagsstunden auf dem Pontchartrain vor Anker ging. Schon lange vorher hatte Wellingham von der Veranda aus beobachtet, wie das in volle Leinwand gehüllte Schiff vor ermattender Brise vom Golf her in der breiten Einfahrt zum See aufkreuzte und in der Nachbarschaft des Eremit den Anker fallen ließ. Jetzt lag sie mit blanken Spieren und Raaen, der Segel entkleidet, da. Bruce, gewohnterweise von Jane an der Pforte erwartet, hatte mit dieser eben die Veranda erstiegen. Indem Wellingham ihre Aufmerksamkeit auf die beiden Jachten hinlenkte, trennte sich von der zuletzt eingetroffenen ein Boot. Soviel sie mittelst eines Fernrohrs zu unterscheiden vermochten, wurde es von sechs Matrosen gerudert. Zwei Gestalten, eine Dame und ein Herr, saßen auf der Spiegelbank. Oberhalb des eingehängten Steuers flatterte eine rote Flagge mit dem Bildnis einer aufrecht stehenden Frau. Über die von dem flink gleitenden Boot herbeigeführten Gäste nicht im Zweifel, wendeten die auf der Veranda Befindlichen mit Spannung kaum noch einen Blick von ihm. Anstatt indessen den geraden Kurs nach dem Landhause zu wählen, lief es vor der Eisenbahnstation an, wo es vorübergehend aus ihrem Gesichtskreise verschwand. Dort hielt es nur so lange, bis Simpson, der sich nach der Landungsbrücke hinaufschwang, einige kurze Fragen an den ihn erwartenden Ghastly gerichtet hatte. Dann nahm er wieder Platz neben der Gräfin, kräftiger lehnten die Ruderer sich über ihre Riemen, und bald darauf legte das Boot neben der zu dem Landhause gehörenden kleinen Brücke an. Als die Gräfin und Simpson diese verließen, befanden sie sich Cunning gegenüber. Er schien sie erwartet zu haben. Wie tags zuvor dampfte auch heute der kurze Kalkstummel zwischen seinen Zähnen, verriet sich in seiner Haltung die Unverschämtheit eines rohen Gesellen und spielte auf seinen Zügen eine grenzenlose Selbstüberschätzung. Frech klang auch seine heisere Stimme, indem er sich an Simpson mit der Frage wendete: »Rechne, Sie haben gute Lust, den sehr ehrenwerten Herrn Wellingham zu besuchen?« Simpson, in der Seele der Gräfin beleidigt, warf ihm einen verachtungsvollen Blick zu und erwiderte achselzuckend: »Wenn Sie selbst nicht der Herr Wellingham sind, dürste die Beantwortung Ihrer Frage überflüssig sein.« »So straf mich Gott, wenn auf 'ne höfliche Erkundigung nicht 'n höflicher Bescheid gehört,« versetzte Cunning ingrimmig, »bin ich's nicht selber, so können Sie am wenigsten wissen, ob ich nicht zu ihm gehöre.« Simpsons Antlitz verfinsterte sich. Einen bezeichnenden Blick wechselte er mit der Gräfin. In den Physiognomien beider offenbarte sich, daß die Art des Empfanges auf dem Grund und Boden Wellinghams sie kaum befremdete, vielmehr im Einklange stand mit dem Bilde, das sie sich von ihm und seiner Umgebung entworfen hatten. Cunning, ihr Mienenspiel gewahrend, grinste schadenfroh. Noch immer lebte in ihm die Hoffnung, die Fremden auf die eine oder andere Art auszuforschen. Simpson, in Zweifel, wie er den zudringlichen Gesellen, der Miene machte, sich ihnen anzuschließen, abschütteln solle, maß die Entfernung bis zur Pforte mit den Blicken. Zugleich wurde er Janes und Bruces ansichtig, die eben aus dem Park traten. Die auf seinem und der Gräfin Antlitz sich vollziehende Wandlung veranlaßt Cunning, ebenfalls nach der Pforte hinüber zu schauen. Kaum aber erkannte er die beiden jungen Leute, als ein grimmiger Fluch sich zwischen seinen Zähnen hervorwand. Einige Sekunden schwankte er in seinem Entschluß, dann schob er die Fäuste in die Taschen seiner Beinkleider, und sich der Station zukehrend, schritt er langsam davon. Bald über die rechte, bald über die linke Schulter warf er eine dichte Rauchwolke; doch so sehr er sich befleißigen mochte, sorglosen Gleichmut zur Schau zu tragen: in Haltung und Bewegung erinnerte er an einen tückischen Hund, dem kurz zuvor die Peitsche um die Ohren knallte. Die Gräfin und Simpson achteten seiner nicht weiter, sondern über den Weg fortschreitend, trafen sie mit Bruce und Jane zusammen, von denen sie im Namen Wellinghams willkommen geheißen wurden. Jane entschuldigte Wellinghams Fernbleiben mit körperlichem Befinden, fügte aber hinzu, daß die Herrschaften bereits erwartet würden, und ohne Zeitverlust schlugen alle in den schattigen Parkgängen die Richtung nach dem Landhause ein. Was bei der Andeutung Jones, Wellingham sei ihr Stiefvater, hinter der hohen Stirn der Gräfin webte, was ihren Augen plötzlich einen lebhafteren Glanz verlieh, das verbarg sie undurchdringlich hinter der zwanglosen Unterhaltung einer Dame von Welt, die die Gabe besitzt, zu fesseln, anzuregen und an jedes abgesponnene Gespräch alsbald ein neues anzuknüpfen. Wie über die geschmackvollen Parkanlagen, sprach sie auch über die reizvolle Lage des Hauses, sobald dieses sich hinter einem Hain hervor in ihren Gesichtskreis schob, ihre Bewunderung aus. Mit einer Heimat holden Friedens verglich sie es, und beneidenswert nannte sie die Menschen, denen es vergönnt sei, in solcher Umgebung die Tage an sich vorüberziehen zu lassen. Vor der Veranda trat Wellingham ihr mit höflichem Gruß entgegen. In seinem Wesen offenbarte sich, der Gräfin selbst am verständlichsten, die Achtung vor jemand, dessen Mittel ihm erlaubten, auf einem schwimmenden Kapital von erheblicher Größe zum Vergnügen die Welt zu durchstreifen und, je nach Bedürfnis oder Laune, zweiundzwanzigtausend Pfund Sterling jederzeit flüssig zu machen. »Sie bemühen sich selbst nach dem Gelde,« eröffnete Wellingham verbindlich das Gespräch, als sie die Veranda langsam erstiegen und die Gräfin ihre Aufmerksamkeit der einladenden Umgebung wieder zuwendete, »gern hätte ich es Ihnen durch einen zuverlässigen Boten zugeschickt, heiße die Gelegenheit aber willkommen, in meiner ländlichen Einsamkeit Ihnen gegenüber die Pflichten der Gastfreundschaft erfüllen zu dürfen.« »Lassen wir das Geld,« antwortete die Gräfin nachlässig, und sie lächelte kalt, »ich hätte es überhaupt nicht gebraucht, möchte aber gesichert sein, wenn meine Heimkehr sich noch ein Jahr verzögern sollte. Vielleicht beehren Sie mich an Bord meiner Jacht mit Ihrem Besuch; bringen Sie das Geld dann mit, so erkenne ich es dankbar an.« Sie waren oben eingetroffen, und um sich blickend, fuhr sie fort: »Kann auf einem Schiff kein Komfort herrschen, wie ein solcher Ihre friedliche Heimstätte auszeichnet, so werden Sie doch vielleicht ein wenig erstaunen, was ich aus meiner Jacht herzustellen verstand. Pandora heißt sie. Berechtigter hätte ich sie Pandorabüchse nennen sollen, weil sich auf ihr manches findet, Gutes und Schlechtes, was Aufmerksamkeit und Teilnahme erregt, sogar Wunderliches, wie es nicht anders sein kann, wenn eine einsame Abenteurerin planlos auf allen Meeren umherschweift, bald hier, bald dort auf etwas stößt, was ihrem Geschmack schmeichelt und des Mitnehmens wert erscheint. Meine Jacht ist eben mein Schloß, und wie Sie alles aufbieten, Ihr prächtiges, bösen Sorgen unzugängliches Tuskulum immer mehr herauszuputzen und zu schmücken, so verfahre ich mit meiner schwimmenden Häuslichkeit.« »Wer dürfte sich rühmen, von Sorgen gänzlich verschont zu bleiben,« versetzte Wellingham; »treten sie aber an uns heran, so gibt es kein probateres Mittel, sich ihrer zu erwehren, als einen Teil der Tatkraft darauf zu verwenden, daß die Umgebung geeignet ist, die Trauer um unersetzlich Verlorenes zu mildern.« »Ganz recht,« erwiderte die Gräfin, ernst über den See hinspähend, »solche Anschauungen waren es auch, die mich bewogen, die stolze Jacht da drüben nach meinen besonderen Angaben erbauen zu lassen. Man verlachte mich damals, nannte mich sogar die verrückte Gräfin und sagte voraus, daß ich bald genug von meinen krankhaften Ideen zurückkommen würde. Und auch heute noch, nach den vielen, langen Jahren, neigen die Menschen, die von mir hören, zu dem Glauben hin, daß die allerdings etwas exzentrische Vorliebe für das Seeleben bei mir, als einer Frau, die äußerste Grenze des Vernünftigen streife; allein was kümmert mich das Urteil anderer, solange mein Tun mich befriedigt? Es wäre gerade so, als wollte man gegen Sie, der Sie die See vielleicht nur auf kleinen Lustfahrten kennen lernten, einen Vorwurf daraus herleiten, daß Sie Ihr beneidenswertes Tafeln auf dem Festlands nicht unterbrechen, um an Bord eines guten Seglers zu gehen und in Ölzeug gekleidet und mit dem Sprachrohr in der Faust das Manövrieren der Topgasten zu überwachen.« Sie glaubte eine Wirkung ihres versteckten Angriffs zu erraten, und die in ihr aufflackernde zügellose Freude geschickt verheimlichend, kehrte sie sich Jane mit den Worten zu: »Auch Sie, mein liebes Kind, hoffe ich bei mir an Bord zu begrüßen. Ich möchte Ihnen beweisen, daß man nur den ernsten Willen zu hegen braucht, um sogar in einer Nußschale sich wohnlich einzurichten.« Befangen sah Jane zu ihr auf. Eine zustimmende Antwort umging sie dadurch, daß sie die Gräfin und Simpson, welch letzterer, offenbar um sich an dem bedachtsam gelenkten Gespräch nicht zu beteiligen, mit Bruce eine Unterhaltung angeknüpft hatte, zum Niedersitzen einlud. Hatten aber bisher die wohlberechneten Worte der Gräfin Wellingham getroffen, so dauerte deren Wirkung doch nicht länger, als bis die Überzeugung in ihm Raum gewann, daß die heimlichen Beängstigungen nur dem Zufall zu verdanken seien. Wie die Gräfin, verstand auch er es, sich zu beherrschen. Es erfüllte ihn sogar Scham vor sich selbst, überhaupt einem häßlichen Argwohn zugänglich gewesen zu sein. Daher bot er zum freudigen Erstaunen der beiden jungen Leute mehr denn je zuvor sein Äußerstes auf, die Pflichten der Gastfreundschaft im weitesten Umfange zu erfüllen. An dem Mahl sich zu beteiligen, lehnten die Gräfin sowohl wie Simpson ab. Nur einige Früchte, die Jane ihnen mit lieblicher Zuvorkommenheit überreichte, nahmen sie an. Das Peinliche dieses Verfahrens schwächte die Gräfin indessen dadurch ab, daß sie dringlich um die Freude bat, die Herrschaften folgenden Abends an Bord der Pandora bewirten und mit den Vorzügen ihres schwimmenden Heims vertraut machen zu dürfen. Bereitwillig sagten alle zu, und als man ihr endlich das Geleite zum See hinunter gab, da verabschiedete man sich voneinander, als ob die eben geschlossene Bekanntschaft sich auf langjährigen Verkehr begründet habe. Doch auch hier beobachtete die Gräfin fortgesetzt eine gewisse vornehme Zurückhaltung, so daß selbst Jane nicht wagte, ihr die Hand zu bieten. Eine Weile sahen die an der Parkpforte Zurückbleibenden dem eilfertig fortgleitenden Boot nach. In lebhaften Erörterungen gedachten sie der exzentrischen Engländerin, jedoch ohne sich sonderlich für sie zu erwärmen. Alle spähten indes nach den beiden fernen Jachten hinüber. Wellingham erschienen sie bedrohlich. Jane und Bruce dagegen wie angefüllt mit traumhaften Gebilden aus allerlei Märchen. Die Gräfin saß unterdessen schweigend neben Simpson im Hinterteil des Bootes. Über die auf ihren Knien gekreuzten Arme geneigt, starrte sie finster vor sich nieder. Simpson überwachte sie mit heimlichem Grauen. So, wie kurz zuvor im Verkehr mit den Bewohnern des Landhauses, hatte er sie nie gesehen. Jetzt saß sie da wie gebrochen an Geist und Körper. Der Kontrast war zu groß. Nur bis zu einer bestimmten Grenze vertraut mit ihren Plänen, spiegelten seine Ahnungen ihm eine Tigerin vor, hie noch eine Weile mit ihrem Opfer spielt, bevor sie die scharfbewehrten Pranken mit sicherem Schlage in dessen Herzblut taucht. Ihr nächstes Ziel war die Landungsbrücke vor der Eisenbahnstation, wo Ghastly ihrer geduldig harrte. Auf dem äußersten Rande der Brücke saß er, die Füße nach unten hängend. Regungslos verhielt er sich, wie der neben ihm aus den Fluten emporragende hölzerne Tragepfeiler. Seine Blicke hingen an der Pandora. Cunning saß neben ihm. Vor einer halben Stunde aus der Whiskyschenke tretend, war er Ghastlys ansichtig geworden, und in ihm einen Seemann erkennend, begab er sich, von Neugierde getrieben, zu ihm hinüber. »Hallo, Maat,« redete er ihn sofort prahlerisch an, indem er sich an seiner Seite niederließ, »seh' ich einen vom blauen Wasser, so drängt's mich, ein ordentliches Garn mit ihm abzuspinnen und der alten Zeiten zu gedenken. Hab' selber manch liebes Mal ein Segel kunstgerecht beschlagen und im Teifun das Steuerrad hantiert, und verdammt will ich sein, wenn's meine schlechtesten Zeiten waren. Setzte mich freilich zur Ruhe, und meine alten Knochen verdienen's, bei Gott, wenn ich jetzt ein Leben führe, daß ich mit 'nem mittelmäßigen Reeder nicht tauschen möchte.« Ghastly kehrte sich ihm mit einer Bewegung zu, als hätte er die letzte Geschmeidigkeit des Nackens verloren gehabt. Durchdringend sah er in das breite, gerötete Antlitz, bis Cunning, betroffen durch den Ausdruck der eingetrockneten, knochigen Züge, seinen Blicken auswich. Einige Sekunden sann Ghastly nach, wie in Zweifel, ob der redselige Geselle überhaupt einer Antwort wert sei, dann bemerkte er eintönig: »Gehört schon mehr als Glück dazu, um 'nem Jan Maat 'nen geruhigen Lebensabend einzutragen. Ich selber rechnete nie darauf, kümmere mich auch den Henker drum, wie's anderen ergeht. Reden läßt sich viel; ob's allemal Glauben findet, ist jedermanns eigene Sache.« »Mit anderen Worten, Maat, du meinst, daß ich's mit der Wahrheit nehme, wie der Kambüsenjunge, der dem Koch 'n Stück Speck aus dem Kessel stahl,« versetzte Cunning scheinbar gekränkt. »Ich meine gar nichts,« hieß es trocken zurück, und wie zuvor sah Ghastly wieder nach der Pandora hinüber. Durch die Abweisung erbittert, vielleicht auch unter dem Einfluß des reichlich genossenen Eins, versetzte Cunning, sich stolz in die Brust werfend: »Könntest hingehen und den ehrenwerten Herrn Wellingham fragen, der würde dir die Augen über mich öffnen. Der nennt mich nämlich seinen Freund.« Ghastly schraubte seinen Kopf wieder herum. Auf seinem Antlitz webten Erstaunen und Unglaube. »Also bei dem Herrn Wellingham fandest du 'ne gute Unterkunft?« fragte er gedehnt, und unter äußerster Anspannung seiner Sinne forschte er in Cunnings Physiognomie. »Bei ihm,« bestätigte dieser hochfahrend, »und ich selber müßte nicht gelernt haben, 'nen Schiffszwieback von 'ner Feuerboje zu unterscheiden, gehörtest du nicht zu einer der beiden Jachten da drüben.« »Zu der Pandora,« erklärte Ghastly zögernd. Sein Geist arbeitete gewaltig; seine Augen bohrten sich förmlich in das häßliche Gesicht ein. Plötzlich kehrte er sich ab, und gedämpft sprach er vor sich hin: »Wellingham – nun ja, ich glaub's schon, daß du zu ihm stehst.« Cunning horchte hoch auf. Einer schweren Anklage ähnlich hatte Ghastlys achtlose Bemerkung ihn getroffen. Eine Weile verrann in Schweigen. Ghastly saß wieder dem Brückenträger ähnlich, während Cunning ihn mit wachsendem Argwohn von der Seite betrachtete. Einen Teil seines Lebens hätte er dafür hingegeben, in der Seele des unheimlichen Maats zu lesen. Trotziges Selbstbewußtsein und Furcht kämpften in ihm, bis endlich letztere allein das Übergewicht behielt. Er verwünschte seine Neugierde, die ihn dorthin geführt hatte, und doch besaß er nicht den Mut, sich zu entfernen. Wie eine furchtbare Drohung hallte in seinen Ohren die Erklärung nach, daß er, und Wellingham zusammengehörten. Er fühlte, um seine alte prahlerische Sorglosigkeit zurückzugewinnen, mußte er mehr erfahren, mußte er überzeugt sein, daß der ihn so tief erschütternden Bemerkung keine ernstere Bedeutung zugrunde lag. Er sann und sann. Seine Pfeife erlosch. Immer wieder öffnete er die Lippen zu einer Frage, sie erstarb indessen jedesmal auf seiner Zunge, sobald er die Blicks zu dem regungslos über den See hinspähenden Nachbarn erhob. Er ersehnte Befriedigung seiner krankhaften Neugierde, und doch fürchtete er die ihm vielleicht werdende Antwort. Endlich ermannte er sich. »Höre, Maat, des Henkers will ich sein, wenn's mir nicht scheint, als wären wir schon früher einander begegnet.« »Wo sollte das gewesen sein?« fragte Ghastly ausdruckslos, ohne die Richtung seiner Blicke zu ändern. »Nun, Maat, ich meine, auf diesem oder jenem Schiff. Bin nämlich selbst in jungen Jahren weit in der Welt herumgekommen.« »Man hätte viel zu tun, wollte man alle im Gedächtnis behalten, denen man im Leben begegnete.« »Kann mir nicht helfen, Maat, in meinem Schädel sitzt der Gedanke fest, daß ich dich früher sah.« »Das müßte lange her sein, wenigstens länger, als ich zu der Jacht da drüben gehöre,« erwiderte Ghastly, indem er sich erhob und seine Aufmerksamkeit dem schnell herbeischießenden Boot zuwendete. Cunning war seinem Beispiel gefolgt. Er erkannte die Gräfin und Simpson. Wie zuvor beim Landen vor der Parkpforte, fesselten sie auch jetzt seine Blicke, daß er der Ruderer nicht achtete, zumal diese bei ihrer Arbeit ihm den Rücken zukehrten. Sobald das Boot aber vor der Brücke herumschwang, um, rückwärts gleitend, Ghastly das Einsteigen zu erleichtern, vermochte er allen zugleich ins Antlitz zu schauen. Niels Knudson saß auf der letzten Bank, also der Gräfin gerade gegenüber. Den Riemen nach der Außenseite hinüberwerfend und den Händen des Nachbarn anvertrauend, packte er, um das Boot vor zu heftigem Schwanken zu bewahren, den nächsten Brückenpfeiler. »Hallo, Maat,« rief er zu Ghastly hinauf, »magst getrost auf den Bord treten. Ich halte die Nußschale, als war' sie mit zehn Ketten verankert.« Ghastly säumte. Im Begriff, auf den Brückenrand niederzugleiten, veranlasste eine Bewegung Cunnings ihn, sich nach ihm umzuschauen. Hatte dieser während der letzten Minute, seiner Sehkraft nicht recht trauend, offenen Mundes in das herbeischießende Boot hinabgestarrt, so war er jetzt, als Niels sich erhob und zugleich seine Stimme erschallen ließ, einen Schritt zurückgepoltert. Deutlich erkannte Ghastly, daß sein wüstes Antlitz erbleichte und seine Augen, wie angesichts einer überirdischen Erscheinung, aus ihren Höhlen hervorzuquellen schienen. »Hallo, Maat, worauf wartest du noch?« rief Niels wiederum nach oben, und fester umklammerte er den Pfeiler. Schwerfällig kehrte Ghastly sich um, und gleich darauf verschwand seine lange Gestalt. Cunning stand noch immer wie gelähmt. Erst als Ghastly, um nach dem Vorderteil des Bootes hinüberzugelangen, sich an Niels vorbeischob, beide also einige Sekunden hart nebeneinander standen, belebte seine Gestalt sich wieder. Das Leben aber, das sich in seinen Zügen spiegelte, war das eines maßlosen Erstaunens, gepaart mit Entsetzen. Die kurze Zeit, während der Niels und Ghastly absichtslos sich zugleich ihm voll zukehrten, hatte genügt, den in seiner Erinnerung auftauchenden Nebelbildern festere Formen zu verleihen. »Bill Fathom – Larsen,« entwand es sich tonlos seinen Lippen. Dann stierte er dem davonschießenden Boot nach, bis die sich verdichtende Dämmerung es bis zur Unkenntlichkeit umwebte. »Die muß die Hölle selber ausgespieen haben, oder es wäre nicht möglich,« sprach er vor sich hin, indem er keuchend von der Brücke hinunterschritt. Auf der Straße blieb er wieder eine Weile stehen Er mochte sich sagen, daß es in seiner augenblicklichen Verfassung ratsam sei, dem Landhause fern zu bleiben. Er bedurfte der Zeit, mit seiner Entdeckung sich vertraut zu machen und auf alle möglichen Fälle vorzubereiten. Einen letzten scheuen Blick warf er auf die in der abendlichen Beleuchtung bereits verschwimmenden Jachten. Er konnte sich von dem Argwohn nicht lossagen, daß beide nur gekommen seien, um Wellingham und damit ihn selber ins Verderben zu stürzen. Und dennoch mochte alles auf Täuschung beruhen, suchte er sich zu beschwichtigen, und in zuversichtlicherer Haltung schritt er nach der Whiskyschänke hinüber. – Das Boot verfolgte unterdessen seine glatte Bahn auf die Pandora zu. Kein Wort wurde gesprochen. Ghastly saß vorn im Bug. Als hätte er nach den jüngsten Erfahrungen jeden fremden Blick gefürchtet, starrte er vor sich nieder. Niemand wunderte sich darüber. Auch an der Gräfin war man gewohnt, daß sie, unbekümmert um Ort und Zeit, sich gern ernsten Betrachtungen hingab. Ihr Antlitz hatte sich versteinert. Kalt schweiften ihre Blicke über den stillen See hin. Indem sie den Fügungen des Geschickes fluchte, brannten Tränen in ihren Augen, jedoch ohne zusammenzurinnen. Eine nie verstummende Klage zitterte in ihrem Herzen. Treue und Glauben waren dahingesunken vor dem Willen elender Mörder, Hoffnung und Liebe im Tode erstickt unter den gräßlichsten Qualen. In nie ermüdender Gunst des Glückes sonnten sich dagegen Verbrechen, Lug und Trug. Auf gewaltsam geraubter Habe war ein Los emporgewachsen und in Saat geschossen, wie man es nur den Besten und Edelsten gegönnt hätte. Segen war geerntet worden, wo man Flüche säte. Ein Schauer durchrieselte ihre gebeugte Gestalt. »Boot ahoi!« hieß es plötzlich vom Verdeck der Pandora herab. Die Gräfin schrak aus ihren Gedanken empor. In dem gleichen Augenblick glitt das Boot neben die Falltreppe hin. Es grüßten sie herzige Stimmen. Maud und Sunbeam reichten ihr, um sie zu stützen, die Hände entgegen. Schnurrend und schmeichelnd umkreisten die Geparde ihre Herrin. Schüchtern warteten die beiden Schlangenkinder darauf, ihrer Wohltäterin ebenfalls zutraulich nahen zu dürfen. Es war ein Märchenbild, das der Mond an Bord der Pandora beleuchtete. Unter dessen Einfluß gelang es der Gräfin leicht, von sich abzuweisen, was sie bisher feindselig erregte. So klang auch ihre Stimme hell und ruhig, als sie zu aller Erstaunen Simpson bat, sich nach dem Eremit hinüberrudern zu lassen und Lowcastle um eine Unterredung zu ersuchen. »Fragen Sie ihn,« fuhr sie fort, »ob er geneigt sei, morgen abend mein Gast zu sein. Ich erwartete liebenswürdigen Besuch. Vielleicht fände er Gelegenheit, die Neugierde zu befriedigen, die ihn solange an meine Spuren bannte. Wer wohl verstanden: nur ihm gilt die Einladung, keinem anderen, wer es auch sei.« Bald darauf lag das Deck vereinsamt. Die Gräfin hatte sich mit ihren Schutzbefohlenen in ihre Räume hinabbegeben. Die Mannschaft, auf dem sicheren Ankergrunde von jeder Arbeit befreit, saß im Volkslogis bei der letzten Mahlzeit. Von dem Eremit, wo Simpson nach Erfüllung seines Auftrages sich zur Rückkehr anschickte, drang Klappern herüber. Eine Stunde später, da ging auf der Pandora der Schlummergott um, seine Mohnkörner freundlich auf alte und junge Augen streuend. – Auch in dem Landhause war es um diese Zeit still geworden. Nur durch die beiden dicht verhangenen Fenster des Arbeitszimmers Wellinghams drang noch ein grün gedämpfter Schein in den Park hinaus. Wer ihn vielleicht bemerkte, achtete nicht darauf. Man war an dem Hausherrn gewohnt, daß er selten vor Mitternacht den Schlaf suchte. Hinter dem mit Schriftstücken und Büchern bedeckten runden Tisch saß er in der Sofaecke, das Haupt schwer auf Arm und Seitenlehne stützend. Ein seidener Schlafrock umhüllte seine Gestalt, einen gewissen Charakter des Hinfälligen noch verschärfend. Auf seinem heftig geröteten Antlitz webte es dagegen, als hätten die wild erregten Leidenschaften ihn plötzlich verjüngt gehabt. Unheimlich funkelten seine Augen, indem sie unter den gesenkten Lidern hervor immer wieder Cunning suchten. Ihm gegenüber saß dieser auf einem weich gepolsterten Armstuhl, sich dehnend und reckend wie jemand, der sich zu seiner Stelle vollkommen berechtigt fühlt. »Was wollen sie denn?« fragte Cunning im Verlauf des Gespräches, in dem sich augenscheinlich die schroffsten Gegensätze geltend gemacht hatten. »Mich als Partner ins Geschäft auszunehmen, weigerten Sie sich von jeher: mit Ihnen und den Ihrigen, die auf mich niedersehen, wie auf 'nen Lumpen, zu Tisch sitzen soll ich ebenfalls nicht; und jetzt, da ich vorschlage, mit hunderttausend Dollars mich abzufinden, kramen Sie neue Bedenken aus. Bei Gott, Mann. ich hab's satt; auf die eine oder die andere Art muß es ein Ende mit uns nehmen, oder es gibt ein Unglück.« »Hunderttausend Dollars sind eine hohe Summe,« erwiderte Wellingham zögernd, offenbar um Zeit zu gewinnen. Cunning lachte boshaft und versetzte arglistig blinzelnd: »Und doch möchten Sie dreimal so viel dafür zahlen, wenn Sie mich eines Tages als 'nen Toten vor sich liegen sähen.« »Lassen wir dergleichen leere Redensarten,« riet Wellingham, mit aller Macht um seine Überlegung kämpfend; »bin ich auch zu Opfern bereit, so muß ich zuvor sichere Bürgschaft haben, daß ich nicht getäuscht werde; eine solche ist aber nur so lange möglich, wie Sie an mein Haus und meine Person gefesselt sind. Und was fehlt Ihnen schließlich hier? Erfülle ich nicht bereitwillig Ihre Wünsche, so lange sie sich in den Grenzen der Vernunft bewegen? Das Äußerste, wozu ich mich entschließen könnte, wäre, Ihnen in der Ferne eine mehr als auskömmliche Rente zu sichern.« »So?« hieß es höhnisch zurück, »und wenn Sie selbst über Bord gingen oder Ihre Firma Schiffbruch litte, was dann? Nein, nein, der Teufel treibt manchmal sein Spiel; entweder das Kapital, oder ich stehe nicht für die Folgen –« »Die für Sie selber nicht minder verhängnisvoll wären,« fiel Wellingham heftig ein, doch bereuend, den Trotz Cunnings herausgefordert zu haben, fügte er gelassener hinzu: »Wenn ich nur wüßte, was Ihre plötzliche Sinnesänderung verursachte. Vor wenigen Tagen, sogar heute früh noch, meinten Sie, daß wir wohl alt miteinander werden möchten.« »Ganz recht,« gab Cunning zu, »aber nachdem ich die Angelegenheit ordentlich übergeholt habe, gelangte ich zu dem Schluß, daß es für uns beide am ratsamsten sei, wenn ich mit 'ner angemessenen Entschädigung in der Tasche eines Tages still von hier abtriebe. Sehen wir uns nicht mehr, da hat's mit dem Gemahnen von selber sein Ende.« Durchdringend sah Wellingham in des rohen Gesellen Augen. Er fühlte, daß er hintergangen wurde, daß andere Ursachen, als die vorgespiegelten, jenen in seinen Forderungen bestimmten. Darin aber eine Gefahr ahnend, der Cunning sich zu entziehen trachtete, erschien es ihm doppelt bedenklich, durch entschiedenes Zurückweisen seinen Trotz und damit seinen bösen Willen aufzustacheln. Und so hob er nach kurzem Sinnen vorsichtig an: »Solche Gründe lassen sich freilich hören, allein Sie werden zugeben, daß ich das Recht besitze, Ihren Vorschlag zuvor ebenfalls ein wenig zu überlegen, und dazu bedarf ich der Zeit. Auch Sie selbst mögen sich übereilt haben. Die Sache, wie Sie sie sich zurecht legten, ist geradezu vernunftwidrig, und ich bin überzeugt, nach Ablauf einiger Wochen denken Sie anders. Brauchen Sie Geld, so sagen Sie es; es soll Ihnen nicht vorenthalten werden. Mehr kann ich nicht tun.« Cunning stierte vor sich nieder. Wellingham beobachtete ihn argwöhnisch. Finstere, von Verzweiflung geborene Pläne durchkreuzten sein Gehirn; Pläne, so finster, daß er erschrocken zusammenfuhr, als Cunning sich endlich wieder aufrichtete und zugleich mit Unheil bemäntelnder, spöttischer Rede anhob: »Von ein paar Wochen kann keine Rede sein. Aber drei Tage Bedenkzeit will ich Ihnen geben. Sind die um und es hat keine Einigung stattgefunden, so ist's mir einerlei. was aus mir wird. Holt mich aber der Teufel, so habe ich wenigstens die Beruhigung, daß Sie mich begleiten.« »Ihre Drohungen schrecken mich nicht,« versetzte Wellingham mit jener Kälte, der er im Geschäftsleben seine überreichen Erfolge verdankte und die auch hier nicht ohne Wirkung blieb. »Es gibt eine Grenze, über die ich nicht hinausgehe, und ob mein Leben noch viele Reize für mich hat, werden Sie selbst wissen. Doch immerhin: ganz zurückweisen will ich Ihren Vorschlag nicht, und so wollen wir es bei den drei Tagen bewenden lassen. Nach Ablauf dieser Frist werde ich Mittel gefunden haben, Ihre Ansprüche zu befriedigen, ohne mich selbst dadurch bloßzustellen.« »Aber keine Stunde länger,« erklärte Cunning, indem er sich erhob und zum Gehen anschickte. »Keine Stunde länger,« wiederholte Wellingham wie im Traum. Seine Gedanken beschäftigten sich offenbar mit anderen Dingen. Er hatte ein kleines Lineal ergriffen und klopfte damit spielend auf die Tischkante. Bevor Cunning aus der Tür schritt, sah er über die Schulter zurück, als hätte er einen hinterlistigen Angriff gefürchtet. Das Geräusch der vorsichtig in ihre Fugen gedrückten Tür schien Wellingham nicht zu hören. Nach wie vor handhabte er das Lineal tändelnd. Sobald aber Cunnings Schritte auf dem Flurgange verhallten, brach er in sich zusammen. Sein Wille reichte nicht mehr aus, der Haltung des Körpers zu gebieten. Starr hingen seine Blicke an einem vergoldeten Papierschneider, der die künstlerisch ausgeführten Formen eines Dolches erhalten hatte. Die Zeit schlich dahin. Die zweite Morgenstunde hatte begonnen, und Wellingham saß noch immer auf der gleichen Stelle. Sein verzerrtes Antlitz war das eines Unheil brütenden Dämons. Rötlich leuchtete der vergoldete Dolch. Er vermochte nicht, seine Blicke von ihm loszureißen – Dreiundzwanzigstes Kapitel. An Bord der Pandora. Das Festmahl. Der Willkommsgruß. Folgenden Tages erfüllten die Bewohner des Landhauses ihr Versprechen. Zu der anberaumten Stunde brachte Wellinghams zierliches Segelboot sie an Bord der Pandora. Hier hatte man unterdessen alle Vorbereitungen zu einem feierlichen Empfange getroffen. Zahlreiche Flaggen in leuchtenden Farben waren ringsum an den Brüstungen und über diese hinaus künstlerisch als Gardinen und Vorhänge befestigt worden. Dazwischen blitzten dann wieder die polierten Messingbeschläge wie lauteres Gold; kurz, wohin man sich wenden mochte, überall begegnete das Auge der ausgeprägten Absicht, der Jacht ein festliches Aussehen zu verleihen. So hatten auch die Matrosen ihre etwas phantastischen Paradekleider angelegt, daß sie an die Vorstellungen auf einer bevorzugten Bühne erinnerten, wo die Lichtseiten des Seelebens in verlockender Weise veranschaulicht werden. Die Gräfin selber, wie immer einfach gekleidet, empfing die Gäste mit vornehmer Würde. Zuvorkommend zeigte sie ihnen zunächst die Einrichtungen des Schiffes. Was auch in ihr wirken mochte: die Lobeserhebungen, die man der Jacht zollte, riefen auf ihrem strengen Antlitz einen unzweideutigen Ausdruck der Befriedigung hervor. Sie war im Begriff, ihre Gäste in die unteren Räume hinabzuführen, als abermals ein Boot neben der Falltreppe anlegte und gleich darauf Lowcastle an Bord erschien. Mit seiner schmächtigen Gestalt und in der gewählten Kleidung bot er gleich der Gräfin eine vornehme Erscheinung: dagegen wurde dieser Eindruck durch eine gewisse Unsicherheit beeinträchtigt, die sich in seiner Haltung offenbarte und mehr noch auf dem farblosen, glatt geschorenen, von weißem Haar umrahmtem Antlitz mit den kalten, hellgrauen Augen zeigte. Seit vielen Jahren war er der Gräfin nicht begegnet; es mochte daher die Veränderung ihn stören, die während dieses langen Zeitraumes in ihrem Äußeren stattgefunden hatte und namentlich in den streng verschlossenen Zügen hervortrat. Sich vor der Gräfin verneigend, erklärte er etwas befangen, sich glücklich zu schätzen, ihr seine Aufwartung machen zu dürfen, wozu er die Gelegenheit schon lange herbeigesehnt habe. »Wovon Sie vielfach Beweise lieferten,« antwortete die Gräfin mit einem Anfluge von Spott; »ich gehöre indessen nun einmal zu jenen Menschen, die sowohl in gesellschaftlicher, wie in jeder anderen Beziehung sich keinen Zwang auferlegen lassen; daher kenne ich auch keine Entschuldigungen für das von mir beliebte Tun. Aber wir sind nicht die einzigen hier. Als Gast heiße ich Sie an Bord der Pandora willkommen; zugleich spreche ich den Wunsch aus, daß Sie im Kreise der anderen Herrschaften sich wohl und heimisch fühlen mögen.« Eine kurze Vorstellung folgte. Nicht blind dafür, daß ein Gefühl der Unbehaglichkeit allen mehr oder minder Zurückhaltung auferlegte, nahm sie alsbald die Unterhaltung wieder auf. »Obwohl fast ausschließlich auf dem Meere lebend,« sprach sie klangvoller, als es sonst ihre Art war, »verlor ich doch nicht die Empfindung dafür, daß nach dem ersten Bekanntwerden Fremder die Unterhaltung unter dem Drucke gesellschaftlicher Formen leidet. Dem gegenüber halte ich es als Wirtin für meine Pflicht, bis zum Eintritt eines vertraulicheren Verkehrs meine eigene Person etwas mehr in den Vordergrund zu stellen, als es im allgemeinen üblich ist. Es geschieht, indem ich Ihnen einen freien Blick in meine Pandorabüchse verschaffe. Ja, Pandorabüchse,« wendete sie sich an Lowcastle, dem es offenbar willkommen war, sich mehr in Schweigen hüllen und Vorzugsweise auf Beobachtungen beschränken zu dürfen, »eine Pandorabüchse, die für jeden etwas birgt, das sein besonderes Interesse verdient. Doch begeben wir uns hinab. Die Kajüte besuchen wir später, wenn wir uns zu einem anspruchslosen Mahl um meinen Tisch reihen.« Ihren Gästen voraus, denen Simpson sich anschloß, stieg sie die Treppe hinunter, und gleich darauf traten alle in das große Prunkgemach ein. Wenn aber auf Deck Ausdrücke der Bewunderung für die sinnig geschmückte Umgebung laut wurden, so zeigte sich nun meist Erstaunen. Waren doch mit kluger Berechnung des Orients reichste Schätze aus den Kisten und Schränken der Pandora hervorgesucht worden, um das Auge zu blenden und die Phantasie zu reizen. Die Wirkung war um so überwältigender, als auf verhältnismäßig doch beschränktem Raum alles zusammengetragen und geordnet worden war, ohne indessen den Eindruck geschmackloser Überhäufung hervorzurufen. Dazu gesellte sich, daß statt des gedämpften Tageslichtes prachtvolle Lampen und Wachskerzen den ganzen Raum bis in die entlegensten Winkel hinein mit strahlender Helligkeit erfüllten. Den schweren Teppichen entsprachen die kostbar überzogenen Polstermöbel, die heute von den sie mit dem Fußboden verbindenden Schrauben gelöst worden waren und daher nach Belieben geschoben werden konnten. Ambra- und Moschusduft hing in der Atmosphäre und zeugte dafür, daß die Gräfin alles Mögliche aufgeboten hatte, die Sinne zu berauschen. Und bis zu einem gewissen Grade war es ihr gelungen; denn erst nachdem ihre Gäste einige Schritte in das Prunkgemach hineingetan hatten, wurde deren Aufmerksamkeit nach dem Hinterschiff hinübergelenkt, wo ein malerisch aufgeschürzter persischer Teppich einen kleineren Teil des Raumes abgrenzte. Ein mit kostbarem Gewebe überzogener Diwan erstreckte sich an der Spiegelwand halbmondförmig über die ganze Schiffsbreite; auf diesem aber saß, ein lebendes Bild von bezaubernden Reizen, in nachlässiger Stellung die junge Hindu, mit ihren großen, träumerischen Glutaugen befangen zu den Fremden hinüberspähend. In schwarzen Wellen floß das Rabenhaar von ihrem Haupt über Schultern und Brust nieder. Zu der sammetweichen braunen Hautfarbe kontrastierte gefällig der ihre schlanke Gestalt umhüllende weiße Kaschmirrock, der durch einen breiten, goldgestickten Gürtel um die Hüften zusammengehalten wurde. Auch die nackten Arme beschwerten goldene Reifen, während ein aus Goldmünzen sinnig zusammengefügter Schmuck vom Halse bis auf die Brust niederreichte. So bot sie ihrer anmutigen Stellung im vollsten Sinne das Bild einer morgenländischen Märchenprinzessin, das dadurch noch erhöhte Reize erhielt, daß ihr zu Füßen die beiden Jagdpanther sich ausgestreckt hatten. Wohl eine Minute dauerte das plötzlich eingetretene Schweigen. Es war, als hätte man sich gescheut, die Stimme zu erheben, aus Besorgnis, die wunderbare Gruppe alsbald in Duft zerrinnen zu sehen. Und doch lebten nur Bruce und Jane unter einem derartigen Eindruck, während die übrigen Anwesenden ihre Aufmerksamkeit vorzugsweise, wenn auch nur verstohlen, der Gräfin zuwendeten. In Lowcastles Blick wohnten Zweifel, ob das, was vor ihm lag, als der Ausfluß eines gesunden Gemütszustandes betrachtet werden dürfe. Wellingham sah zu ihr auf, wie zu einem Rätsel, dessen Lösung er fürchtete. Sogar Simpson war nicht frei von Bangigkeit. Es schwebte ihm vor, daß die mit so viel Aufwand und kluger Voraussicht getroffenen Vorbereitungen dem Empfange zweier tödlich gehaßten Feinde galten, und es unabsehbar sei, welches Ende die Zusammenkunft bei der Unberechenbarkeit der Gräfin nehmen würde. Diese selbst aber bewahrte fortgesetzt ihre vornehme Ruhe. »Welch' wunderbare Erscheinung!« brach Jane endlich das Schweigen. »Eine meiner Schützlinge,« nahm die Gräfin das Gespräch auf; kaum aber war ihre Stimme laut geworden, als die Geparde aufsprangen, ihre Glieder lang ausreckten und, unbekümmert um die vor ihnen zurückweichenden Fremden, zu ihrer Herrin hinüberschritten. »Auch diese zählen zu ihnen,« fuhr sie fort, die beiden Panther nachlässig liebkosend; »Freunde und Verwandte besitze ich nicht, wenigstens keine näheren, da suche ich mir solche, wo ich ihnen gerade begegne. Nebenbei sehr treue und gelehrige Tiere, mögen sie immerhin mit dem Katzengeschlecht verwandt sein, wenigstens treuer als die Menschen« – sie lachte herbe und fügte hinzu: »Oder nennen Sie mir jemand, der ohne bestimmte, eigennützige Zwecke, also aus reiner Zuneigung, sich wie ein Schatten an die Fersen seines Mitmenschen heften möchte?« Und wiederum lachte sie geräuschlos, als sie entdeckte, daß Lowcastle die Richtung seiner Blicke änderte. »Auf meine junge Hindu da drüben findet das freilich keine Anwendung,« sprach sie weiter; »noch nicht hinlänglich mit den Sitten der Zivilisation vertraut, wohnt in ihr die unerschütterliche Treue eines – nun, mag es manchem Ohre nicht schmeichelnd klingen: die Treue eines Hundes.« Sunbeam hatte sich auf einen Wink von ihr erhoben und näherte sich. Mit über der Brust gekreuzten Händen verneigte sie sich vor den sie mit stummem Erstaunen betrachtenden Fremden, um gleich darauf an ihnen vorüber und gefolgt von den Panthern hinter einem schmaleren Vorhang zu verschwinden. »Nehmen Sie Platz, wenn ich bitten darf,« unterbrach die Gräfin nunmehr wieder die unter ihren Gästen gewechselten Bemerkungen über die sie auf beschränktem Raume umringende Pracht, und nachdem sie selbst sich ebenfalls niedergelassen hatte, sprach sie weiter mit beinah heiterem Ausdruck: »Das ist also meine Wohnung. Fremde haben nur bei ganz außergewöhnlichen Gelegenheiten Zutritt. Sie werden einräumen, daß, so lange man nicht mit ganzer Seele an eitlem Tand und hohlen Phrasenergüssen der verwöhnteren Gesellschaftskreise hängt, es sich hier schon leben läßt. Verlangt mich wirklich einmal nach einer phantastischen Unterbrechung des zeitweise allerdings etwas eintönigen Daseins, so brauche ich nur meine Pandorabüchse zu schütteln, um die freundlichste Augenweide vor mich hinzuzaubern, die nicht von Zwang oder klingendem Lohn abhängig ist. – Sie blicken ungläubig,« schaltete sie gleichmütig ein, »da bleibt mir freilich nichts anderes übrig, als Ihnen einen kleinen Beweis für meine Behauptung zu liefern, selbst auf die Gefahr hin, einen bösen Verdacht in Ihnen anzuregen. Geschähe es doch nicht zum erstenmal, daß jemand meiner als der ›verrückten‹ Gräfin gedächte.« Sie klingelte. Zugleich lächelte sie seltsam vor sich hin. Sie glaubte, durch die letzte Erklärung den Zweifeln an ihrer Zurechnungsfähigkeit Vorschub geleistet zu haben, daher in allen Gemütern mehr oder minder die Furcht vorherrsche, durch Widerspruch oder auch nur durch ein unbedachtes Wort einen gefährlichen Paroxismus heraufzubeschwören. Und das war es in der Tat, was sie zunächst bezweckte. Der Ton der Glocke war kaum verhallt, als der Vorhang, hinter dem Sunbeam verschwunden war, sich wieder öffnete und die beiden Schlangenkinder, jetzt aber in heiter glitzernden und funkelnden Akrobatenkostümen, eintraten. Das wohlgeordnete üppige Lockenhaar fesselten diademartig Goldtressen. Atlasschuhe umschlossen die schmalen Füße. Hand in Hand standen sie da. Und so boten sie in ihrer Schüchternheit und Jugend ein Bild, das um so wirkungsvoller war, weil es derartig am wenigsten erwartet wurde. Wie in Furcht vor den sie überrascht betrachtenden Fremden, hingen ihre großen, schwermütigen Augen an den Lippen der Gräfin. Diese erriet, daß nach dem längeren Verkehr mit ihr und den jugendlichen Gefährtinnen und in dem festen Glauben, allen Schaustellungen endgültig entsagt zu haben, Susanna von jungfräulicher Scham ergriffen wurde, und solche Empfindungen bis zu einem gewissen Grade auf ihren Bruder übertrug. Sie erhob sich daher und zu ihr tretend, ordnete sie anscheinend etwas an ihrem Anzuge; in Wahrheit beabsichtigte sie, einige ermutigende Worte an sie zu richten. Und so bot sie in ihrer anmutigen Stellung im vollsten Sinne das Bild einer morgenländischen Märchenprinzessin. »Eure augenblickliche Lage ist euch peinlich, ich sehe es euch an,« sprach sie leise, »und das gereicht mir zur Freude. Heute geschieht es indessen zum letztenmal, daß ihr eine Probe eurer Gewandtheit ablegt. Nachher mögt ihr den Flitterstaat über Bord werfen. Als Beweis eurer Dankbarkeit gilt mir, wenn ihr vor den Fremden hier euer Bestes leistet. Sollte euch jemand anreden, so gebt keine Antwort. Ich habe meine bestimmten Gründe, das von euch zu verlangen.« Die Geschwister entfernten sich, um ihre einfachen Geräte herbeizuholen. Die kurze Zeit ihrer Abwesenheit benutzten die Gäste dazu, ihr Erstaunen über alles auszudrücken, was wie durch Zauberspruch vor ihren Blicken erstand. In ihren gedämpften Stimmen offenbarte sich, daß die rätselhafte Schiffsherrin sie vollständig beherrschte. Ob Scheu, ob achtungsvolle Teilnahme den einzelnen bewegte: in Haltung und Wesen verriet sich beinah ängstliches Entgegenkommen. »Zwei Waisen, die ich einer Gauklergesellschaft abkaufte,« bemerkte sie wie beiläufig, »ich entdeckte sie in einem Morast der Sittenlosigkeit. Da die zersetzenden Elemente ihrer Umgebung augenscheinlich am wenigsten entsittlichend aus sie selbst eingewirkt hatten, erbarmte ich mich ihrer. Im Grunde gab ich einer der so vielfach an mir getadelten Launen nach, und nie fand ich Ursache, es zu bereuen. Obwohl nur Gauklerkinder, wie solche in der menschlichen Gesellschaft im allgemeinen als verächtlich gelten, sind es doch dankbare Gemüter. Forderte ich ihr Leben, so würden sie es mit Freuden für mich hingeben. Freilich, unter den geistigen und körperlichen Qualen, die sie schon im zartesten Kindesalter über sich ergehen lassen mußten, lernten sie nicht den Wert des Lebens nach Gebühr schätzen. Trotz ihrer Jugend machten sie sich mit dem Gedanken vertraut, daß der Tod nicht das Schrecklichste, was den Menschen bedroht. Von der Ruhe des Grabes sprachen sie zu mir wie alte Philosophen, und doch sollen sie heute noch den ersten Buchstaben lesen und schreiben lernen.« Während die Gräfin in dieser Weise die Unterhaltung allein führte, hingen die Blicke aller Anwesenden mit tiefer Spannung an ihr. Ein dämonischer Zauber durchwebte ihre fließenden Mitteilungen. Man lauschte, wünschte und scheute zugleich, mehr zu hören, und doch wagte keiner, sich zu einer Gegenbemerkung zu erheben. Nur Simpson verstand, daß sie, ein ihm selbst noch unklares Ziel vor Augen, ihre Worte zuvor in gleißendes Gift tauchte, dessen vernichtende Nachwirkung sich erst später vollziehen sollte. Ihr Schweigen fiel mit dem abermaligen Öffnen des Vorhangs zusammen, und herein schritten mit Stuhl und Flaschen die Geschwister. Während sie daraus in der Mitte des schnell geschaffenen freien Raumes ihr schwankendes Gerüst errichteten, wendete, zumal nach der vorausgegangenen Erklärung, die Aufmerksamkeit aller sich ihnen mit erhöhter Teilnahme zu. Wellinghams Blicke hafteten mit eigentümlicher Starrheit an den beiden ungewöhnlich schönen Gesichtern. Wie mit magnetischer Kraft schienen die großen, schwermütigen Augen ihn anzuziehen. Es war, als hätte er in den jugendlichen Physiognomien nach etwas gesucht. Die Adern auf seinen Schläfen schwollen mächtig an. Sein sonst so farbloses Antlitz rötete sich in dem Kampfe, den es ihn kostete, seine äußere Ruhe zu bewahren. Die beobachtenden Blicke Janes und Bruces fürchtete er nicht minder, als die der Gräfin. Wie ein böser Geist erschien sie ihm. Die wildesten Bilder schuf seine krankhaft erregte Phantasie. »Also Waisen sind es?« fragte er in dem dumpfen Bestreben, kühle Unbefangenheit zur Schau zu tragen. »Waisen, von denen man nicht ahnt, wo ihre Eltern mit Erfolg gesucht werden könnten,« antwortete die Gräfin gelassen. »Vielleicht ein Glück für sie. Wer weiß, welchen – Verbrechernaturen sie ihr Leben verdanken. Erführen sie ihre Herkunft, möchte dadurch ein ihr ganzes Dasein vergiftender Stachel in die arglosen Gemüter gesenkt werden.« Bei den letzten Worten blitzten ihre Augen auf Wellingham. Sie entdeckte, daß er mehr, als jeder andere, mit atemloser Spannung die unnatürlichen Bewegungen der beiden jungen Künstler verfolgte, und daß ihre genau abgewogenen Erklärungen peinlich in ihm nachwirkten. Lowcastles achtete sie kaum noch. Von ihm wußte sie, daß die den Geschwistern zugewendete Aufmerksamkeit eine erheuchelte war und all sein Sinnen sich ausschließlich mit ihrem eigenen Gemütszustande beschäftigte. Nur gelegentlich warf sie den Geschwistern einen aufmunternden Blick zu, der von ihnen mit einem matten Lächeln und erneuten Anstrengungen beantwortet wurde. Die sie belebende Kraft schien von ihrem Willen abhängig zu sein, ein billigendes Neigen ihres Hauptes deren oft gefährliche Figuren überhaupt erst zu ermöglichen. Milde berührte sie die schrankenlose Bewunderung Janes und ihres Geliebten; aber aufjauchzen hätte sie mögen in zügellosem Triumph, indem sie sich den Ideengang Lowcastles vergegenwärtigte und in Wellinghams Zügen las, wie alte Wunden plötzlich aufs neue zu bluten begannen, böse Erinnerungen ihn marterten und der Anblick der Geschwister ihn in eine fern liegende Vergangenheit zurückversetzte. – Auf einen Wink von ihr stellten die jungen Künstler ihre Übungen ein. Gewandt von dem schwankenden Gerüst springend, verneigten sie sich kindlich; dann ergriffen sie ihre Geräte, und in der nächsten Sekunde verschwanden sie hinter dem Vorhang. In ihren flinken Bewegungen offenbarte sich die heimliche Freude, mit dieser Vorstellung ihre Gauklerlaufbahn abgeschlossen zu haben. Wellingham atmete auf. Wie eine wüste Vision verscheuchend, strich er mit der Hand über seine Augen. Die an ihn gerichteten Ausdrücke von Mitleid getragener Bewunderung seiner Stieftochter und Bruces schnitt er dadurch ab, daß er, unverkennbar tief erregt, sich der Gräfin zuwendete. »Ich konnte des Schauspiels nicht recht froh werden; Sie müssen es mir angemerkt haben,« begann er, die Augen unwillkürlich vor deren durchdringendem Blick senkend, »es schwebte mir fortgesetzt vor, was dazu gehört haben mag, die zarten Körper zu einer derartigen unerhörten Gelenkigkeit zu erziehen. Und dann die Familienverhältnisse der Ärmsten – ich komme abermals darauf zurück: Wo mögen ihre Eltern leben?« »Wahrscheinlich in einem Pfuhle des Lasters,« fiel die Gräfin achselzuckend ein, »doch lassen wir die Kinder. Bei mir sind sie auf alle Fälle besser daran, als je zuvor in ihrem Leben; verlange ich doch nicht mehr von ihnen, als ein wenig Vertrauen und Aufrichtigkeit.« Eine Aufwärterin erschien und meldete, daß angerichtet sei. Die Gräfin erhob sich; ihrem Beispiel folgten die Gäste. Da trat Wellingham zu ihr heran, und ein Paketchen hervorziehend, überreichte er es ihr mit der Bitte, vor allem die kleine Geschäftsangelegenheit zu erledigen. Sorglos warf die Gräfin das Geld auf den Tisch. »Sie erlassen mir gewiß gern, die zweiundzwanzig Tausendpfundnoten durchzuzählen,« sprach sie ablehnend, »ich glaube nämlich, meinen verehrten Gästen diese Rücksicht schuldig zu sein. Die abschließende geschäftliche Form vollziehen wir, wenn Sie sich zum Aufbruch rüsten, oder morgen abend. Ich weiß, Sie werden mir bis dahin noch einmal den Vorzug Ihres Besuches schenken. Und nun nach oben, wenn, ich bitten darf.« Und nicht achtend des Befremdens, das sich in allen Gesichtern über die nachlässige Art ihrer Geschäftsführung offenbarte, schritt sie voraus. In die Kajüte eintretend, erwartete die Gäste, als hätten sie gar nicht zu Atem kommen sollen, eine neue Überraschung. Ihre ersten Blicke fielen auf eine reich gedeckte, von Silber strotzende Tafel. Neben dieser stand Maud, nach kurzer Vorstellung die Fremden mit unbeschreiblich holder Befangenheit willkommen heißend und dann in die Obliegenheiten der Wirtin mit der Gräfin sich teilend. Diese hatte die Plätze so geordnet, daß Wellingham sich ihr gegenüber befand. Ihm zur Seite saß Lowcastle. Auch ihn wollte sie während des Mahls im Auge behalten. Zur Bedienung hatte sie eine Aufwärterin und zwei Matrosen befohlen, darunter Niels. Letzterer war angewiesen worden, sich hinter ihrem Stuhl aufzustellen und nur auf ihr Geheiß sich an der Aufwartung zu beteiligen. Was sie durch dies Verfahren bezweckte, geschah. Sie entdeckte, daß Wellingham beim Anblick des jungen Mannes die Farbe wechselte, dann aber, nach Überwältigung des ersten Entsetzens, ängstlich vermied, wieder zu ihm hinüber zu schauen. Seine Bestürzung zu verheimlichen, zwang er sich zu einer lebhaften Unterhaltung mit seinen Nachbarn. Doch so redselig er sich zeigen mochte: der Gräfin entging nicht, daß er unter dem Banne des Bewußtseins lebte, von zwei ehrlichen Augen überwacht zu werden, wie ähnliche im Laufe vieler Jahre wohl oft in seinen Träumen sich vorwurfsvoll auf ihn gerichtet haben mochten. Sie triumphierte. »Dieses Glas gilt meinen Gästen als Willkommsgruß.« sprach sie im Laufe des Mahls, und ihre strengen Züge erhellten sich flüchtig, jedoch war schwer zu entscheiden, ob in Befriedigung oder verhaltenem Hohn, »nehmen Sie meine aufrichtige Versicherung hin, daß, wenn ich je durch einen Besuch an Bord meiner Jacht wahrhaft erfreut wurde, es heute geschah.« Die Gläser klangen aneinander. Das Wellinghams traf sie zuletzt, dann aber mit einer Gewalt, daß das ihrige zersprang und die Scherben klirrend auf den Tisch fielen. Ein häßlicher Mißton zitterte durch die Kajüte, ein Mißton, der seinen Weg verstimmend bis in das Mark jedes einzelnen Anwesenden hinein fand. In dem darauffolgenden Schweigen verriet sich verständlich, daß man die Gastgeberin auf der Grenze angekommen wähnte, auf deren anderer Seite die Verantwortlichkeit für ihre Handlungen ihr nicht mehr zur Last gelegt werden durfte. Lowcastle triumphierte bei dieser Bestätigung seines Argwohns. Wellingham fühlte sich beruhigter. Die ihm vorschwebenden Schreckbilder verloren einen Teil ihrer bedrohlichen Schatten. Die Gräfin dagegen zuckte die Achseln und forderte gleichmütig ein anderes Glas. – Vierundzwanzigstes Kapitel. Ein verschollener Liebesfrühling. Das Füllhorn des Reichtums. Ein Ziel in Sicht Das Mahl war beendigt. Während die Gräfin Wellingham, Lowcastle und Simpson aufforderte, noch eine Weile beim Glase sitzen zu bleiben, folgten Jane und Bruce der lieblichen Maud auf deren Einladung in die unteren Räume. Sie hatten die Kajüte kaum verlassen, als die Gräfin die Gläser mit dem feurigsten Zypernwein füllen ließ, dann aber Niels erklärte, weiterer Bedienung nicht mehr zu bedürfen. Mit der Entfernung des jungen Lotsen, dessen frisches, mannhaftes Gesicht Wellingham fortgesetzt als eine böse Mahnung erschien, wich eine Last von dessen Gemüt. Aufatmend suchte er durch lebhafteres und gewandteres Wesen auszugleichen, was zuvor vielleicht an ihm befremdete. Lowcastle blieb gern, um die Gelegenheit zur Beobachtung der Gräfin weiter auszunutzen, während Simpson hinter seinem tiefen Ernst das Gefühl barg, auf einem Vulkan zu weilen, dessen Ausbruch alle mehr oder minder mit Vernichtung bedrohte. »Ein neues Bild aus meiner Pandorabüchse,« hob die Gräfin an, »das ich in die Form einer Erzählung kleide. Wer mit mir zu Tische saß, hat ein Anrecht auf mein Vertrauen. Außerdem kann es Ihnen nur erwünscht sein, Gelegenheit zu finden, über meinen so vielfach angefeindeten Gemütszustand ein klares Bild zu gewinnen. Dabei lege ich Wert darauf, die Ursachen zu veranschaulichen, denen ich meine jetzige Geistesrichtung verdanke. Freundlicher Art sind sie freilich nicht. Im Gegenteil, wenn je ein menschliches Wesen unverschuldet von einem böswilligen Geschick an den Rand der Verzweiflung getrieben, aus den glücklichsten Mädchenjahren mit einem einzigen Schritt in das gereifte, o, verbitterte Alter gehetzt wurde, so sehen Sie es jetzt vor sich. Wohl suchte das Geschick später zu sühnen, was es frevelnd an mir verbrach, indem es mehr als gewöhnlichen Reichtum mir in den Schoß warf, allein das Geraubte hätte durch die zehnfachen Schätze eines Krösus nicht ersetzt werden können. Nur den einzigen Vorteil gewährte mir der Besitz eines fürstlichen Vermögens, daß ich dadurch in die Lage geriet, den allmählich sich ausbildenden, exzentrischen Launen – ich nenne sie selbst so – rücksichtslos und ohne Ansehung der Kosten und anderer Opfer mich hingeben zu dürfen. Und dennoch, die mir daraus erwachsende Befriedigung, welch elender, hinfälliger Ersatz für unwiederbringlich Verlorenes? Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden. Es bleibt jedem überlassen, sich zu trösten, so gut er kann.« Sie schüttelte sich leicht, wie einer Anwandlung von Kleinmut sich erwehrend, und mit fester Hand das Glas ergreifend, leerte sie es in einem Zuge. Eine an heimliche Furcht grenzende Spannung um sich entdeckend, begann sie eigentümlich klanglos zu erzählen. »Ein armes Mädchen war ich aus guter Familie. Ob ich äußere Reize besaß, die geeignet waren, andere für mich einzunehmen, weiß ich nicht, kümmerte mich damals auch wenig darum, weil ich mein Herz schon frühzeitig verschenkt hatte. Einem Manne gehörte es, der mir nicht nur als das Ideal eines mit allen äußeren Vorzügen ausgestatteten Sterblichen erschien, sondern auch Eigenschaften des Geistes und des Herzens besaß, die ihn weit über alle anderen stellten. Verwegen und kindlich sanftmütig, war er das Urbild eines braven Seemannes, der mit der gleichen Ruhe die erzürnten Elemente bekämpfte, mit der er seine eigenen bescheidenen Verhältnisse ordnete und sich einen behaglichen Hausstand zu gründen gedachte. Einen Vorwurf gegen ihn hätte man nur daraus herleiten können, daß er in der Beurteilung anderer stets von der eigenen Denkungsart ausging, im Übermaß seines Edelmutes nicht sorgfältig genug diejenigen prüfte, denen er sein Vertrauen schenkte, und das trug ihm manche herbe Täuschung, wenn nicht gar sein Verderben ein.« Wie in das Anschauen eines ihr vorschwebenden erschütternden Bildes versunken, sah die Gräfin ein Weilchen ins Leere, ehe sie fortfuhr: »Wir liebten uns so getreulich, wie es nur dem gegeben ist, der einer in dem anderen sein ganzes Glück findet und in ihm allein für alle Zukunft erwartet. Wohl zitterte ich, so oft ich an seinen gefährlichen Beruf erinnert wurde, und damit einte sich der heimliche Wunsch, daß er einen anderen gewählt haben möchte; allein um keinen Preis hätte ich gewagt, ihm einen Wechsel anzuraten oder ihn gar darum zu bitten. Ich liebte ihn zu sehr, achtete und ehrte seinen Mannesmut, sein unermüdliches Vorwärtsstreben zu hoch. Dagegen war zwischen uns vereinbart worden, daß nach unserer Verheiratung er nur noch so lange fahren sollte, bis wir uns eine sorgenfreie Zukunft begründet haben würden. Doch wir waren zu glücklich in unserer Liebe, zu glücklich in unseren Hoffnungen. Es mußte dadurch die Mißgunst eines wetterwendischen Geschickes gegen uns herausgefordert werden. »So schieden wir nach kurzem Wiedersehen abermals voneinander. Den Trennungsschmerz linderte das Bewußtsein, nach seiner Heimkehr unauflöslich vereinigt zu werden. Wer hätte uns damals gesagt, daß es eine Trennung auf ewig sein würde? Tränen verschleierten zwar den Blick, aber in den Herzen lebte freudige Zuversicht, jedoch eine Zuversicht, dazu bestimmt, nach kurzem Leben ins Grab zu sinken, nichts hinter sich zurücklassend, als unsäglichen Gram, als ein leergebranntes Aschenfeld, auf dem sanftere Regungen keine Nahrung mehr fanden. »Ja, er ging und kam nicht wieder. Während der nächsten acht Monate erhielt ich zwar hin und wieder Nachricht von ihm, je nachdem er Gelegenheit fand, Briefe heimwärts zu senden; dann aber hörten alle Lebenszeichen plötzlich auf, bis endlich nach Jahr und Tag die Emilia – so hieß sein Schiff – für gescheitert und verloren erklärt wurde.« Mit den letzten Worten neigte die Gräfin das Haupt wie von ihren Empfindungen überwältigt, in der Tat aber, um unbemerkt einen Blick auf Wellingham zu erhaschen. Stark in den heiligsten Regungen des Herzens, war sie nicht minder unerschütterlich in ihrem Haß. Für jene war das Feld verwüstet, um so freieren Spielraum gewann dafür dieser. Wellinghams Antlitz verzerrte sich. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn, es schwollen die Adern auf seinen Schläfen. »Der Jahre zweie gingen dahin,« begann die Gräfin wieder, »bevor ich in meinem unbeschreiblichen Schmerz allmählich der letzten Hoffnung entsagte und mit dem vernichtenden Glauben an den Tod des Kapitäns Sherburn mich einigermaßen vertraut machte. Es gipfelte mein ganzes Sinnen und Denken nunmehr allein in der Hoffnung, dem Teuren bald zu folgen. Zu innig hing ich an ihm, zu tief beugte mich die Trauer um den Verlorenen. Wie mein Lebensmut gebrochen war, hatte ich auch jede Neigung zu einer ernsteren Beschäftigung verloren. Mit höhnischer Todesverachtung sah ich dem Zeitpunkt entgegen, in dem die unablässigen, qualvollen Grübeleien endlich in geistesstumpfem Hinvegetieren ihren Abschluß finden würden. Da, als meine Trostlosigkeit ihren höchsten Grad erreichte, trat ein Ereignis ein, das eine Wandlung in mir bewirkte und nach einer bestimmten Richtung hin mich dem Leben wieder Reize abgewinnen ließ. »Ich erwähnte bereits, daß ich aus einer angesehenen Familie stammte. Als Tochter eines Landgeistlichen, eines jüngeren Sohnes, dessen Vater schon durch die Gesetze über die Erstgeburt schwer benachteiligt worden war, belief mein Einkommen sich auf nicht mehr, als gerade erforderlich war, mich gegen Not zu schützen. Unter solchen Umständen konnte es nicht befremden, wenn ich um Verwandtschaften mich gar nicht kümmerte. Es genügte mir das Bewußtsein, daß mit mir eine mittellose Seitenlinie ausstarb, ohne daß irgend jemand um mich getrauert hätte. Mein Erstaunen war daher groß, als der Graf Marley von Marleyhouse, ein ehrwürdiger Herr, mich eines Tages aufsuchte und sich, wenn auch nur beiläufig, auf seine Verwandtschaft mit mir berief. Ursprünglich hatte der Zweck, Erkundigungen über seinen einzigen Sohn und Erben, einen jungen Baronet, namens Parson, einzuziehen, ihn zu mir geführt. Auf die eine oder die andere Art waren ihm nämlich Mitteilungen über meine Beziehungen zu dem Kommandanten der Emilia zugegangen, und da seines Sohnes Ende mit dem Scheitern der Emilia zusammengefallen war, so hielt er für möglich, daß durch den Kapitän Sherburn noch irgend welche Nachrichten über den unglückseligen jungen Mann mir übermittelt worden seien. »In seiner Hoffnung fand er sich getäuscht. Nicht eine Silbe wußte ich zu berichten, trotzdem gab er mir unzweideutig sein ernstes Wohlwollen zu erkennen. Ich glaube, seine Teilnahme keimte auf der traurigen Schicksalsfügung, daß durch das gleiche finstere Verhängnis wir beide um die einzige und letzte Lebensfreude gebracht und einer trostlosen Vereinsamung preisgegeben worden waren.« Um die Lippen der Gräfin zuckte unheimliches Lächeln, für Lowcastle der Ausdruck eines das Geschick verhöhnenden Trotzes. »Wunderbares Verhängnis,« spann sie ihre Erzählung eintönig weiter, »derselbe Schicksalsspruch, der mich dazu verdammte, fortan liebeleer durchs Leben zu wandeln, hatte mich zu einer reichen Erbin erhoben. Ob der Graf einen günstigen Eindruck von meiner Erscheinung empfing, ob Mitleid mit mir ihn milder stimmte, ich weiß es nicht; aber als er ging, da mußte ich ihm versprechen, zu ihm zu ziehen, um ihm den letzten Lebensrest durch meine Gesellschaft ein wenig erträglicher zu gestalten. Wie ich, trug auch er an seinem Kummer um unersetzlich Verlorenes schwer. Sich darin eins mit mir wissend, überwand er den Widerwillen gegen den Verkehr mit anderen, der nach dem Verlust des Sohnes und Stammhalters Besitz von ihm ergriffen hatte. So stellte er in seiner Güte auch keine höheren Anforderungen an mich, als solche, denen ich mit meinem unheilbaren Gram gewachsen war. Ich dagegen pflegte ihn treu und redlich; ich pflegte ihn nicht allein in gewissenhafter Pflichterfüllung, sondern mehr noch, weil eine Aufgabe vor mir erstanden war, die meinem Leben einen bestimmten Zweck und damit neuen Wert verlieh, zugleich aber ein Gefühl innerer Befriedigung in mir erzeugte. »Leider war es mir nur zwei Jahre vergönnt, treue Samariterdienste bei dem gütigen Herrn zu verrichten, und als er die Augen schloß, da war mir, als sei ich plötzlich wieder in einen Abgrund trostloser Vereinsamung zurückgestoßen worden, in so hohem Grade hatte ich mich daran gewöhnt, ihm mein ganzes Dasein zu weihen. Bitterlich weinte ich um ihn. Wie hoch er aber meine uneigennützige Sorge um ihn anerkannt hatte, das erfuhr ich erst nach Eröffnung des Testamentes, in dem er mich mit Übergehung einzelner näherer Verwandten zu seiner Universalerbin eingesetzt hatte. Nur die einzige Bedingung war beigefügt worden, daß ich fortan den Namen einer Gräfin Marley von Marleyhouse zu führen habe. Ob andere ihm Näherstehende durch übel angebrachte, an Belästigungen streifende Zuvorkommenheiten den Schein berechnenden Eigennutzes auf sich geladen und dadurch sein Mißtrauen wachgerufen hatten, ich wage es nicht zu entscheiden. Dagegen reichte sein Vertrauen in mein Rechtlichkeitsgefühl so weit, daß er mir ausdrücklich die Machtvollkommenheit zusicherte, zu seiner Zeit über das ganze ungeteilte Vermögen nebst allen Liegenschaften testamentarisch frei zu bestimmen. Angefügt war nur die Bedingung: Sofern ich nachweislich klaren, unbefangenen Geistes sein würde – in meinen Augen und in Ansehung des Umfanges des Vermögens ein durchaus berechtigter Vorbehalt. »Als der seinem Ende entgegensehende Graf, eine gebotene Form erfüllend, auf die Möglichkeit einer durch Alter oder Gram erzeugte Abstumpfung des Verstandes hindeutete, ahnte er wohl nicht, daß diese wenigen Worte von gewissen Seiten zum Ausgangspunkt der heillosesten Verdächtigungen und Nachstellungen gewählt werden würden.« Einen langen, kalten Blick tauschte die Gräfin mit Lowcastle, und weiter lautete ihre Erzählung: »Bei der ersten Kunde von der plötzlichen, unerhörten Wandlung meiner äußeren Lage befiel mich lähmender Schrecken. Widerwille erfüllte mich bei dem Gedanken, in ungezähltem Mammon zu wühlen. Kannte ich doch keinen anderen Wunsch, keine andere Hoffnung mehr, als die Tage in friedlicher Stille an mir vorüberziehen zu lassen. Längere Zeit verlief daher, bevor ich in die neuen Verhältnisse mich hineindachte und einlebte. Dann erst traten ernste Erwägungen ins Leben, wie ich mit innerer Befriedigung meine außerordentlichen Einnahmen am zweckmäßigsten würde verwenden können. »Ein unbestimmter Plan gewann bald greifbare Gestalt. Obwohl ich das Meer haßte, das mir grausam mein ganzes Erdenglück entrissen hatte, zog es mich andererseits wieder mächtig an. Es galt mir eben als das Grab, in das mein Teuerstes gebettet worden war. So reifte der Entschluß, über den ganzen Erdball hin zu kreuzen, aller Orten anzufragen und Nachforschungen nach ihm anzustellen, den ich nunmehr schon seit vier Jahren beweinte. Die Zweifel aber, die ich noch hegte, die schwanden, sobald ich inne wurde, daß schon allein der Gedanke an die Verwirklichung meiner vielleicht etwas abenteuerlichen Idee beruhigend auf mich einwirkte. Von reger Phantasie geboren, stürmten Trost verheißende Bilder auf mich ein, an die ich mich bald mit ganzer Seele anklammerte. Zur Überzeugung wuchs die Hoffnung, daß er, dem ich einst Liebe und Treue bis über das Grab hinaus gelobte; noch zu den Lebenden zähle. Schilderungen märchenhafter Seeabenteuer, wie ich solche in meinen Kinderjahren gelesen hatte, erstanden verjüngt in meiner Erinnerung. Gab es doch so viele Möglichkeiten, daß Leute, die sich von einem scheiternden Schiff retteten und auf ein unwirtliches Eiland verschlagen wurden, Jahr auf Jahr sehnsüchtig der Erlösung aus gräßlicher Gefangenschaft entgegenharrten. »Nennen Sie auch diese Träume krankhaft,« fuhr die Gräfin nach einer Pause merklich bewegt fort, denn während des Erzählens jene fern liegenden Zeiten im Geiste abermals durchlebend, beherrschten sie mehr und mehr und endlich allein die sanftesten Regungen des Weibes; »erscheinen sie doch heute mir selbst als ängstliches Haschen nach Phantomen. Aber ich fand meine Rechnung dabei, denn durch sie wurde mir mein fernerer Lebenszweck mit scharfen Zügen vorgeschrieben. Ich wußte, daß ich für den allgemeinen Verkehr unbrauchbar geworden war, überhaupt für die menschliche Gesellschaft nicht mehr taugte. Andererseits fühlte ich, daß mit einem bestimmten Ziel vor Augen ich nicht Gefahr lief, einer traurigen Geistesverwirrung anheimzufallen. Nicht einem gedankenlosen Zugvogel ähnlich wollte ich auf dem Erdball umherschweifen, sondern nach einem wohlüberlegten Plan forschen und kundschaften, ohne mich durch Mißerfolge beirren oder ermüden zu lassen. Durchdrungen von solchem Willen und gestählt durch die sich daran knüpfenden Hoffnungen, ging ich ohne Zeitverlust ans Werk, und nach meinen genauen Angaben entstand dieses Schiff. Sie haben sich überzeugt, wie der Baumeister, auf meine Ideen eingehend, bei dessen Fertigstellung das Angenehme mit dem Nützlichen zu einen verstand. Weder Arbeit noch Kosten wurden gespart, nicht nur ein für alle Meere berechnetes Fahrzeug zu schaffen, sondern auch ein Gebäude, in dem sogar die verwöhntesten Menschen sich heimisch fühlen konnten. »Seit siebenzehn Jahren bildet die Pandora nunmehr mit nur kurzen Unterbrechungen meine eigentliche Heimat, seit siebenzehn Jahren durchfurche ich auf ihr die Ozeane, ohne daß jemals Überdruß sich bemerklich gemacht oder die erste Begeisterung auch nur die kleinste Abschwächung erfahren Bemannt mit den erfahrensten und zuverlässigsten Händen, bietet die scharfsinnig und festgefügte Jacht eine Sicherheit, wie kaum ein zweites Schiff der Welt. Es spricht freilich mit, daß da, wo es dem Kampfe mit den erzürnten Elementen gilt, nichts mich hindert, unbekümmert um Zeitverlust oder Richtung des Kurses, die größte Vorsicht walten zu lassen; das heißt nicht um meinetwillen – wie viel kann mein Leben mir nur noch wert sein – aber es ruht auf mir die Verantwortlichkeit für diejenigen, die sich mir angeschlossen haben. »Wie oft ich die Erde in Schlangenlinien umkreiste, ich weiß es kaum noch. Anfänglich folgte ich den Spuren der Emilia, soweit sie aus den Büchern ihrer Reederei festgestellt werden konnten. Doch das Nutzlose dieses Verfahrens einsehend, gab ich es bald auf, um meinen Kurs nun immer dahin zu wählen, wohin eine Laune oder der erste beste, oft unscheinbare Zufall mir den Weg zeigte. Es hatte sich nämlich allmählich der Verdacht in mir ausgebildet, daß die Emilia vielleicht überhaupt nicht gescheitert, sondern der Kapitän Sherburn das Opfer einer Verräterei geworden sei. Gründe für diesen Argwohn kannte ich nicht, aber es entsprach meiner Gemütsstimmung, mit rastlos arbeitender Phantasie Möglichkeiten zu schaffen, an deren Hand ich meine Nachforschungen mit nie ermüdendem Eifer fortzusetzen vermochte. Jahre auf Jahre hatte ich damit hingebracht, die Küsten bald dieses, bald jenes Festlandes zu besuchen, und immer erfolglos, als ich endlich auf den Gedanken geriet, auch Archipele und Inseln in den Bereich meiner Forschungen zu ziehen. Sogar die ödesten Eilande, in deren Nachbarschaft ich gelangte, unterzog ich, wenn der Seegang es nur einigermaßen gestattete, einer eingehenden Prüfung. »So ereignete es sich, daß ich vor beinah Jahresfrist eine wüste Insel weit unten in der Höhe vom Kap Horn anlief. Es war mir nämlich das Gerücht zu Ohren gedrungen, daß drei daselbst aufgestellte Kreuze die Aufmerksamkeit dieses oder jenes Seefahrers erregt hätten, eine Angabe, die ich in der Tat bestätigt fand. Ja, ich fand sie bestätigt,« wiederholte die Gräfin dumpf, und ein Schauder durchrieselte ihre Gestalt, »und nicht nur diese, sondern auch die Ahnungen, die mich nunmehr schon seit einer langen Reihe von Jahren rastlos von Ort zu Ort getrieben hatten. Die drei Kreuze sah ich vor mir, und damit die ersten untrüglichen Spuren von ihm, den ich von da ab erst aus vollster Überzeugung als einen Toten beweinte. Unter den Kreuzen schlummerten nämlich drei treue Herzen. Auf Schiefersteine eingekratzte Schriftzüge nannten die Namen: Erich Larsen, John Holiday und Kapitän Sherburn – der letzte der Name des Mannes, in dessen Hände ich einst jubelnden Herzens mein ganzes irdisches Dasein niederzulegen gehofft hatte.« – Hier brach die Gräfin ab. Minuten des Schweigens folgten. Ergriffen sahen Simpson und Lowcastle auf sie hin. Sie achteten nicht Wellinghams, der, wie der Lebenskraft beraubt, sich auf seinem Stuhl zurückgelehnt hatte und regungslos ins Leere stierte. Die Gräfin, obwohl tief in sich versunken, wendete keinen Blick von ihm. Während des letzten Teils ihrer Erzählung hatte sie kein Wort gesprochen, das nicht genau berechnet gewesen wäre. Aufjauchzen hätte sie mögen in befriedigtem Haß bei der Wahrnehmung, daß sie in ihren Voraussetzungen sich nicht täuschte. Mit einer Vorsicht, wie sie eben nur durch unversöhnliche Feindseligkeit rege gehalten werden konnte, vermied sie dagegen jede Kundgebung, durch die Wellingham unmittelbar betroffen worden wäre. Bedachtsam gab sie sich den Anschein, die in seiner Seele wühlenden Martern nicht zu ahnen. Zeit wollte sie ihm gönnen, seine schwankende Fassung zu befestigen. Denn die Stunde, in der sie den letzten vernichtenden Schlag nach ihm zu führen beabsichtigte, war noch nicht gekommen. Nicht ihn allein, den Meuterer, Mörder und Zerstörer ihres geträumten Familienglückes wollte sie mit der vor den drei Kreuzen beschworenen furchtbaren Rache treffen, sondern doppelt und dreifach in denjenigen, für die allein er sich noch eine unverfälschte Neigung bewahrt hatte. Die Achtung vor dem Schmerz, der in einer langen Reihe von Jahren nicht hatte gelindert werden können, einerseits, und sinnverwirrendes Entsetzen auf der anderen, fesselte die Zungen ihrer Zuhörer. Sogar Lowcastle, überwältigt durch das Erstaunen über die ungeahnten Enthüllungen, erschien es wie eine Entweihung, ihren Ideengang zu stören. Endlich aber mochte ihr selbst das dumpfe Schweigen peinlich werden. Sie richtete sich etwas auf; dann bemerkte sie zögernd: »Ich hätte kaum geglaubt, daß dieses Beleben alter Erinnerungen mich so tief erschüttern würde. Fühle ich mich doch so erschöpft, als ob ich eben erst von jenen drei Gräbern fortgetreten wäre. Dabei drängt sich fortgesetzt die Überzeugung in den Vordergrund, daß die bisherigen Entdeckungen nicht genügen, mir den Frieden meiner Seele zurückzugeben. Nachdem meine kühnsten Erwartungen in einem so hohen, aber auch erschütternden Grade übertroffen wurden, war eine neue heilige Lebensaufgabe vor mir erstanden. Mag es kosten, was es wolle, sogar mein Leben setze ich daran: ich muß erfahren, wie die drei Ärmsten auf jenes schreckliche Eiland gelangten, ich muß erfahren, was aus dem Schiff, das an der brasilianischen Küste gescheitert sein soll, geworden, vor allem aber, wo der überlebende Teil der Besatzung geblieben ist, um von dem einen oder dem anderen Aufschlüsse zu erzwingen. Aber heute nichts mehr davon,« verfiel sie plötzlich in einen abweichenden Ton, »es möchte sich sonst der Glaube in Ihnen befestigen, daß Sie bei jemand zu Gast waren, der nichts Besseres zu tun wußte, als andere Menschen allein mit der Schilderung seiner Leiden und den daraus entspringenden Regungen zu belästigen.« Sie erhob sich, dadurch das Zeichen zum Abbruch der Unterhaltung gebend. »In der Tat erschütternde Erfahrungen,« bemerkte Lowcastle mit tiefem Ernst, »deren Schilderung sicher geeignet ist, zu ergreifen, jedoch nimmer zu belästigen. Ich fürchte nur, bereits zu lange geweilt zu haben und beklage, daß wir Ursache gewesen sind, wenn durch deren Nachwirkung des Abends Ihre Ruhe für diese Nacht gestört werden sollte.« Die Gräfin sah durchdringend in seine Augen. In seiner Stimme hatte etwas gelegen, was sie befremdete, jedoch nicht unfreundlich berührte. »Keinen Grund zum Beklagen,« versetzte sie hochmütig, »was ich in Worte kleidete, ist nicht mehr als das, was zu jeder Stunde des Tages und der Nacht in meinem armen Kopf arbeitet. Und ich bereue meine Offenbarungen nicht; im Gegenteil, sie bilden erst einen Abschnitt aus dem Buche meiner Erinnerungen, und da bin ich schon gezwungen, um Ihnen ein vollkommen klares Bild zu verschaffen, meine Schilderungen noch weiter auszuspinnen.« Und zu Wellingham gewendet, fügte sie mit spöttisch verbindlichem Lächeln hinzu: »Vorausgesetzt, es ermüdet Sie nicht, die Erzählungen einer alten, exzentrischen Abenteurerin anzuhören.« Mit einem abermaligen seltsamen Lächeln lohnte sie dessen höfliche Antwort, und gewahrend, daß er, von Grauen beschlichen, sein Antlitz ihren Blicken zu entziehen trachtete, schritt sie den Herren voraus aufs Deck. Tiefe Stille herrschte. Der Mond schien hell, kein Mensch war zu sehen. Nur neben der Ankerwinde stand ein Matrose. Vom Wasser herauf ertönten murmelnde Stimmen. Sie gingen von den Männern aus, die die Boote zur Aufnahme ihrer Fahrgäste herrichteten. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Ein neues Geheimnis? Düsteres Ahnen. Der Erpresser »Eine liebliche Nacht,« bemerkte die Gräfin träumerisch für sich, dann lauter zu Wellingham: »Sie werden eine schöne Heimfahrt haben. Ich könnte Sie darum beneiden. Und dort Ihr Landhaus, wie dessen vom Mondlicht getroffene Seite sich zauberisch von den schwarzen Baummassen abhebt. Wie ein Heim des Friedens liegt es da. Sie müssen sehr glücklich sein. Hinge ich nicht mit Leib und Seele an meiner Jacht und dem Meere, so möchte ich auf den Gedanken geraten, mir in Ihrer Nachbarschaft ein ähnliches Heim zu begründen.« Wellingham grauste. Bei den letzten Worten der Gräfin richtete er sich indessen schnell empor. Er fürchtete, durch seine Haltung zu verraten, was in seinem Innern gärte und kämpfte. »Ja, glücklich,« bestätigte er beinah tonlos, und gewahrend, daß Lowcastle, nachdem Simpson sich mit kurzem Gruß entfernt hatte, ihm seine Aufmerksamkeit zuwendete, wiederholte er ausdrucksvoller: »Ja, sehr glücklich. Leider wird meine Zufriedenheit häufig durch Übelbefinden gestört, was nicht ohne Nachwirkung auf meine Umgebung bleiben kann. So befinde ich mich zurzeit unter dem Einfluß eines derartigen, wenn auch nur leichten Anfalls. Sie haben es vielleicht bemerkt, als ich bei unseren Gesprächen nicht immer bei der Sache war.« »Wohl bemerkte ich es, und die Ursache erratend, hielt ich für angemessen, meine Entdeckung zu verheimlichen,« entgegnete die Gräfin. »Vielleicht sagte die Luft in dem geschlossenen Räume Ihnen nicht zu. Da wird die Fahrt in der kühlen Nachtluft Sie doppelt erquicken.« In diesem Augenblick trat Lowcastle vor sie hin, um sich zu verabschieden. »Entschuldigen Sie mich eine Minute,« wendete sie sich an Wellingham, und höflich gab sie Lowcastle das Geleite. »Das war für mich ein ereignisreicher Abend,« begann dieser im Davonschreiten, »und ich kann nicht anders, ich muß meine Überzeugung aussprechen, daß, wenn Sie mir nur ein wenig Vertrauen geschenkt hätten, manchem Mißverständnis der Boden entzogen worden wäre.« Die Gräfin richtete sich würdevoll empor, und Lowcastle vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend, antwortete sie mit verschlossener Ruhe: »Vertrauen soll ich schenken, wo die Beweise eines tief gewurzelten Mißtrauens mich über den halben Erdball hin unermüdlich verfolgten? Herr Lowcastle, Sie sprechen nicht im Ernst. Die Gräfin Marley von Marleyhouse ist kein Kind, dessen Anschauungen durch leere Worte gelenkt werden.« »So will ich einen unwiderleglichen Beweis erbringen,« versetzte Lowcastle ernst, »indem ich mich jetzt auf lange von Ihnen verabschiede. Mit dem ersten Grauen des Tages lasse ich den Anker heben, um in der Morgenbrise die hohe See zu gewinnen.« Die Gräfin sann nach und erwiderte nach kurzer Pause: »Das wäre allerdings ein Beweis dafür, daß meine Bekenntnisse nicht ohne Eindruck auf Sie geblieben sind. Doch was wird Ihr Begleiter, der leichtfertige Kapitän Peldram, dazu sagen?« »So hoch ich ihn auch seines ehrenwerten Charakters wegen schätze, so räume ich ihm keinen Einfluß auf meine Entschließungen ein, wenigstens so lange nicht, als er sich an Bord des Eremit befindet.« »Dagegen reicht Ihr Einfluß nicht so weit, daß Sie ihn zu hindern vermöchten, ungerufen an Bord der Pandora zu erscheinen.« »Als freien Mann kann ich ihn in seinen Bewegungen allerdings nicht hindern. Seine Zudringlichkeiten verbieten sich von selbst, sobald erst ein Stück Ozean zwischen den beiden Jachten liegt.« »Gut,« versetzte die Gräfin nach einer abermaligen kurzen Pause des Überlegens, »trotzdem ersuche ich Sie, mit Ihrem Aufbruch nicht zu eilen. Vor Ihrem Scheiden muß ich noch um eine neue Zusammenkunft bitten. Von meinem klaren Denkvermögen – nennen wir die Dinge ohne Leidenschaftlichkeit beim rechten Namen – können Sie nur halb überzeugt sein. Da Sie indessen die Neigung zu erkennen gegeben haben, die Ursache, die mein oft wunderlich erscheinendes Verfahren bedingten, richtig zu würdigen, so beabsichtige ich, unaufgefordert Ihnen Proben von einer gefunden Denkkraft vorzuführen, die durch nichts widerlegt oder abgeschwächt werden können. Nur eine Bedingung stelle ich, nämlich, daß Sie das, was Sie erfahren oder auch nur erraten, als ein Ihnen nicht gehörendes Geheimnis betrachten.« Lowcastle verneigte sich zustimmend. »Der Eremit wird vor Anker liegen bleiben, bis Sie selbst die Scheidestunde bestimmen,« erklärte er. »Dann auf Wiedersehen,« sprach die Gräfin, sich abkehrend. Gleich darauf befand sie sich an Wellinghams Seite. »Und nun hinunter,« redete sie ihn ungesäumt an, »ich müßte mich sehr täuschen, wenn den jungen Leuten im heiteren Verkehr die Zeit nicht schneller vergangen wäre, als uns.« Unten eingetroffen, drangen fröhliche Stimmen, durch dazwischen liegende Türen und Vorhänge gedämpft, zu ihr heraus, was sie zu der Bemerkung veranlaßte: »Am wenigsten scheint man uns erwartet zu haben. Es ist natürlich: Jugend fühlt sich durch Jugend angezogen, überläßt es gern dem Alter, sich mit Sorgen, Leid und Gram zu tragen. Gönnen wir ihnen noch einige Minuten. Ich führe Ihnen unterdessen noch ein anderes Bild aus meiner Pandorabüchse vor, das, ich weiß es gewiß, bis zum letzten Atemzuge nicht aus Ihrem Gedächtnis schwinden wird.« Wellingham antwortete nicht. Wie in einem durch den Genuß von Opium hervorgerufenen Taumel folgte er seiner unheimlichen Führerin. Weder rechts noch links sah er. Unhörbar auf dem dicken Teppichstoff einherschreitend, waren sie in einen nach dem Vorderschiff hinüberführenden Gang eingebogen, zu dessen beiden Seiten sich eine Anzahl Kojen aneinander reihten. Vor einer der nächsten verhangnen Türen blieb die Gräfin stehen, und Wellingham neben sich winkend, sprach sie leise: »Was Sie auch sehen mögen – und ganz neu ist es Ihnen ja nicht – geben Sie keinen Laut von sich, oder das, was ich Ihnen biete, zerrinnt vor Ihren Blicken, wie ein entzückendes Traumgebilde.« Mit dem letzten Wort zog sie den Vorhang zur Seite, und in dem magisch erhellten, verhältnismäßig engen Raum sah Wellingham die beiden Schlangenkinder vor sich. Friedlich schlummerten sie in ihren auf heftigeres Schwanken des Schiffes berechneten schmalen Betten. Die Tiefe des Schlafes hatte ihre Gesichter mit Rosenglut angehaucht, daß mit deren Schönheit das Gepräge einer kernigen Gesundheit sich einte. Der ruhige Atem zeugte dafür, daß, wenn überhaupt Träume hinter den geschlossenen Lidern webten, diese freundlichster Art waren. Auf der Türschwelle stehend, hatte Wellingham sein Haupt nach vorne geneigt. Wenn er aber, durch den Anblick gebannt, die beiden Geschwister mit seltsamer Starrheit betrachtete, so überwachte die Gräfin wieder seine fahlen Züge mit der Schärfe eines oberhalb seines Opfers kreisenden Falken. Ihr Antlitz blieb undurchdringlich verschlossen; trotzdem entging ihr nicht die leiseste Regung, die sich in Wellinghams Zügen spiegelte. Sie erkannte, daß bange Zweifel und Scheu in ihnen wechselten, gewaltsam wachgerüttelte Ahnungen der einander widersprechendsten Art sich gegenseitig jagten und seine Sinne verwirrten. Durch die auf ihr ruhenden Blicke anscheinend gestört, regte sich Susanna. Auf ein Zeichen der Gräfin trat Wellingham zurück, und vor dem ihn wunderbar ergreifenden Bilde sank der Vorhang nieder. Leise zurückgehend, bemerkte die Gräfin wie beiläufig: »Ich sagte wohl nicht zu viel, als ich Ihnen ein Bild versprach, das nicht leicht aus Ihrem Gedächtnis schwinden würde?« »Nicht zu viel,« hieß es gedämpft, wie im Traume gesprochen, zurück. »Ein selten schönes Bild,« bekräftigte die Gräfin, unerbittlich auf Wellinghams gleichsam in die Flucht gepeitschte Vorstellungen einwirkend, »und dennoch, wenn man erwägt, wie viel Jammer, Not und Elend mit ihm heute noch verwachsen sind, so möchte man dem Himmel ob seiner Ungerechtigkeit zürnen.« »Sie kennen die Geschichte der Ärmsten dennoch?« stieß Wellingham in seiner Kopflosigkeit hervor. »Ich kenne sie. Vielleicht gefällt es mir, sollten Sie mich abermals besuchen, Ihnen nähere Mitteilungen über die armen, grausam zertretenen und mißhandelten Geschöpfe zu machen, und ich weiß, Ihr Herz, und wäre es aus Granit gemeißelt, wird sich in Ihrer Brust vor Grauen zusammenkrampfen.« Sie waren vor dem Eingange des Prunkgemaches eingetroffen. Deutlich drangen wieder die fröhlichen Stimmen zu ihnen heraus. Daran anknüpfend sprach die Gräfin weiter: »Welcher Kontrast! Vor uns Jugendlust und Jugendglück, hinter uns die traurigen Opfer finsterer Gewalten. So wechselt alles im Leben. Im ewigen Widerspruch zueinander stehen Regen und Sonnenschein, Freud und Leid, Liebe und Haß, Verbrechen und in treuem Herzen geborene Opferwilligkeit.« Sie öffnete die Tür. Wellinghams erster Blick fiel auf Jane. Ihr freudig erregtes Antlitz trug die unzweideutigen Spuren der heiteren Zerstreuung, die sie im Verkehr mit Bruce, Maud und der reizvollen Hindu gefunden hatte. Um ihre Aufmerksamkeit von dem Vater abzulenken, erklärte die Gräfin ihr Bedauern, auf dessen Wunsch an den Aufbruch mahnen zu müssen, und bald darauf trennte man sich vor der Fallreepstreppe voneinander. Bruce führte die Geliebte vorsichtig die Stufen hinunter. »Wir haben Platz genommen!« tönte Janes herzige Stimme herauf. »Dann vorwärts, Herr Wellingham!« riet die Gräfin, mit bezeichnendem Ausdruck hinzufügend: »Und auf Wiedersehen?« »Auf Wiedersehen!« schallte es auch von jugendlichen Lippen herauf und hinunter. Wellingham empfahl sich mit ersticktem Gruß. Ihm war, als hätte ein Abgrund von unermeßlicher Tiefe sich vor ihm geöffnet, in den ihn hinabzustürzen es nur eines Winks der unheimlichen Schiffsherrin bedurfte. Finster sah die Gräfin ihm nach, als er mit unsicherer Bewegung Stufe um Stufe überwand und endlich neben Jane sich niederließ; finster und in sich gekehrt auch dem Boot, das die Segel eingezogen hatte und von den vier Ruderern dem im Mondlicht geisterhaft herüberschimmernden Landhause zugetrieben wurde. »Eine Heimstätte des Friedens und des Glücks,« zischte sie hohnlachend. »Einen Vorgeschmack hast du erhalten; doch was sind alle Höllenqualen, die du erduldest, im Vergleich mit den Leiden der langsam Gemordeten? Auf Wiedersehen! Du kommst, ich weiß es. Der Anfang ist gemacht; das weitere soll mir nicht schwer werden. Du kommst. Die Schlinge, die ich um deinen Hals legte, ist stärker als eiserne Ketten. Du kommst, um dich von mir richten zu lassen.« * Der Besuch an Bord der Pandora hatte Jane und Bruce reiche Unterhaltung geboten; auf Schritt und Tritt waren sie Ungewöhnlichem, Überraschendem begegnet; und doch fühlten sie sich, als sie den Weg heimwärts verfolgten, nicht befriedigt. Jane sprach es offen aus, daß sie in Gegenwart der Gräfin sich fortgesetzt beängstigt gefühlt habe. Vergeblich bemühte sich Bruce, die peinlichen Eindrücke, die sie empfangen hatte, etwas zu verwischen und auf das Seltsame dieses oder jenes Anblicks zurückzuführen. Teilnahmlos lauschte Wellingham den zwischen den beiden jungen Leuten gewechselten Worten. Er selbst wußte am besten, welche unendliche Last von Sorgen und Befürchtungen er von der Jacht mit fortgenommen hatte. Ob die Gräfin nur irgend einen Verdacht gegen ihn hegte, ob sie Beweise für eine Schuld besaß, die er in früheren Zeiten auf sich geladen hatte, er wußte es nicht. Wohl aber trug er sich mit der Empfindung, daß, wenn sie in der Tat sein Los in Händen hielt, er in ihr eine erbarmungslose Rächerin vor sich haben würde. Mitternacht war längst vorüber. Wie ausgestorben lag das Landhaus. Nichts regte sich in dem Park. Dessen üppige Vegetation schien zu träumen, wie die sorglose Vogelwelt unter dem Schutz dichtbelaubter Zweige. Nur zwei Augen wachten und spähten argwöhnisch nach dem herbeitreibenden Boot hinüber. Auf der Landungsbrücke saß Cunning, die Füße zum Wasser niederhängend. Hatte er seit der Begegnung mit Ghastly und Niels keine ruhige Stunde mehr gefunden, so waren durch Wellinghams Besuch an Bord der Pandora seine unbestimmten Besorgnisse noch gesteigert worden. Hündisch feige, so lange es sich um die eigene Sicherheit handelte, vermochte er nur noch mit den furchtbarsten Möglichkeiten zu rechnen. War es ihm nicht vergönnt gewesen, den Vorgängen auf der Jacht beizuwohnen, die sein Gewissen ihm als auf seinen und Wellinghams Untergang berechnet vorspiegelte, so wollte er wenigstens versuchen, aus der Haltung der Heimkehrenden Schlüsse auf die vermeintlich bedrohliche Lage herauszulesen. Darum stierte er auch so unverwandt auf das in der Ferne deutlich erkennbare Boot, lauschte er so gespannt auf das gedämpfte Stoßen der kraftvoll geschwungenen Riemen. Die von ihm unzertrennliche Tonpfeife war erloschen. Nur noch mechanisch hielten seine Zähne sie. Krampfhaft packte er mit beiden Fäusten das Brett, auf dem er saß. Es fehlte ihm sogar der Mut, in den ihm sonst so geläufigen Flüchen und Verwünschungen Erleichterung zu suchen. Wohl hatte er daran gedacht, die Flucht zu ergreifen, so lange der Weg noch offen vor ihm lag; allein wohin sollte er sich wenden ohne die Mittel, die ihm in fernen Landen ein sorgenfreies Leben sicherten? Denn war er fort, so ging auch sein Einfluß auf den verbrecherischen Genossen verloren und zugleich lag die Möglichkeit vor, daß dieser, um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, ihn vollständig preisgab. Das Boot befand sich so nahe, daß bei längerem Verweilen seine Gestalt von dort her erkannt werden mußte. Beim Versuch, mit den Zähnen zu knirschen, brach die Spitze der Pfeife ab. Wütend schleuderte er den Kalkstummel ins Wasser hinab, und sich erhebend, schlich er in den Park zurück. Dort folgte er dem Wege, der in nächster Richtung nach dem Landhause führte. In mäßiger Entfernung, wo dichtbelaubte Bäume sich über ihm wölbten, trat er seitwärts in das den Pfad begrenzende Buschwerk. Dort, wo die Heimkehrenden in unmittelbarer Nähe vor ihm vorüberschreiten mußten, legte er sich nieder. Er rechnete auf deren Gespräch. Wenn er nur ein einziges Wort erlauschte, so genügte das vielleicht, ihn wenigstens über den Charakter der auf der Pandora stattgefundenen Zusammenkunft aufzuklären. Das Boot hatte unterdessen neben der Landungsbrücke angelegt. Dort trennte Bruce sich von Wellingham und Jane, um gewohnterweise auf der Eisenbahnstation zu übernachten und am folgenden Morgen den Frühzug nach der Stadt zu benutzen. Eine kurze Strecke hatten Wellingham und Jane in dem Park zurückgelegt, als ersterer, offenbar an ein früher geführtes Gespräch anknüpfend, mit eigentümlichem Ernst anhob: »Nachdem ich heute abermals durch plötzliches Übelbefinden daran gemahnt wurde, daß meine Tage vielleicht gezählt sind, drängt es mich, mein Haus zu bestellen und dir noch einige besondere Wünsche ans Herz zu legen. Nicht doch,« wehrte er, als Jane sich anschicke, die ihm vorschwebenden düsteren Bilder zu verscheuchen, »es ist dies gerade die Zeit, auch der Ort, mich vor dir auszusprechen; und so richte ich die ernste Bitte an dich, in meinen, auf dein Glück berechneten Mitteilungen mich nicht zu unterbrechen. Es steht dir ja frei, am Schluß deine Einwendungen zu erheben, wenn dann wirklich solche in dir leben sollten.« Er seufzte, sann einige Sekunden und fuhr fort: »Wenn ich in nächster Zeit plötzlich sterben sollte, so wäre meine Firma verwaist. Dieser Gedanke quält mich fortgesetzt und beeinflußt meine Stimmung gewiß oft bis zur Unerträglichkeit für andere. Als ein Glück würde ich es daher begrüßen, wenn du und Bruce, solltet ihr in der Tat die Anhänglichkeit füreinander besitzen, wie ich eine solche längst bei euch voraussetzte, mit der Trauung nicht länger säumtet. Es ist ferner mein Wille, daß mit dem Tage eurer Hochzeit Bruce als Chef der Firma an meine Stelle tritt, wogegen ich selbst mich endgültig von allen Geschäften zurückziehe. Beruhige dich also; ist damit doch nicht gesagt, daß das Scheiden aus der bisherigen Tätigkeit gleichbedeutend ist mit dem Scheiden aus dieser Welt. Im Gegenteil, ich habe sogar die Empfindung, als ob erneutes Aufleben damit verknüpft wäre. Sprich morgen selbst mit Bruce – von dir hört er es sicher am liebsten –, und einigt ihr euch dahin, daß ihr vielleicht schon nach acht, – ach, nach drei Tagen vor den Traualtar tretet, so seid ihr meines väterlichen Segens gewiß. Von meinen Schultern sinkt aber eine große Sorge. Es hindert mich nichts, nur meinen Liebhabereien zu leben, auf Reisen wie in Bädern Erholung zu suchen und schließlich die alte schottische Heimat noch einmal wiederzusehen.« Sie waren eben an Cunning vorübergeschritten. Jane, obwohl von tiefer Wehmut erfüllt, weinte still beglückt vor sich hin. Eine Erwiderung stand ihr nicht zu Gebote. Wellingham, die sie süß durchschauernde Erregung ahnend, schwieg ebenfalls. Erst als sie oben auf der Veranda eintrafen, wo sich beide zu kurzem Aufenthalt niederließen, hob er mit schwermütig gedämpfter Stimme wieder an: »Ich kann das begonnene Gespräch nicht abbrechen, ohne zuvor eines sehr ernsten Umstandes Erwähnung getan zu haben. Du entsinnst dich des traurigen Verhängnisses, das den Tod deiner armen Mutter beschleunigte. Du warst damals noch sehr jung. Ein klares Bild deiner Stiefgeschwister kann daher in deiner Erinnerung kaum haften geblieben sein, wohl aber der Jammer, der durch deren jähes Verschwinden erzeugt wurde. Wenn nun andere den Tod der beiden Kleinen in den scheußlich belebten Sümpfen außer Frage stellten, so habe ich selbst bis auf den heutigen Tag der Hoffnung nicht entsagt, daß sie noch leben und eines Tages ihren Weg hierher zurückfinden. Sollte das aber der Fall sein und dann vielleicht erst nach meinem Abscheiden, so bitte ich dich und deinen Mann, sie als gleichberechtigt in eure Mitte aufzunehmen, an ihnen zu sühnen, was ein feindseliges Geschick an den Unschuldigen verbrach. Dein mütterliches Vermögen entfällt selbstverständlich auf dich allein – doch nichts von geschäftlichen Anordnungen jetzt, zumal die darauf bezüglichen Bestimmungen längst getroffen sind. Ich kenne dich, ich kenne Bruce und werde nach dieser Richtung hin dereinst, ob spät oder früh, beruhigt die Augen schließen.« Jane, durch den eigentümlich klagenden Ton, in dem ihr Vater sprach, schmerzlich ergriffen, hob seine Hand an die Lippen. Schaudernd zog er sie zurück. Erschrocken sah Jane zu ihm auf. »Es ist nichts,« entschuldigte er die unwillkürliche Bewegung; »ein rätselhafter Schmerz, an dem ich seit längerer Zeit leide, durchzuckte mich. Er ist bereits überwunden. Aber du wirst darin eine neue Mahnung erblicken, wie notwendig es ist, alle möglichen Fälle zu berücksichtigen und nichts unerörtert zu lassen, was auch nur entfernt Schwierigkeiten bereiten könnte, wenn ich nicht mehr bin. Wir dürfen nicht vergessen: der Tod fragt die Sterblichen nicht, ob sie bereit sind, ihm zu folgen.« Mit süßen Schmeichelworten suchte Jane den Vater zu beruhigen, die ihn quälenden düsteren Betrachtungen zu zerstreuen, allein es gelang ihr nicht. Dadurch beängstigt, bot sie ihre ganze Beredsamkeit auf, ihn zum Aufsuchen des Bettes zu bewegen. Erst nach längerem Weigern entschloß er sich dazu. In der Vorhalle, wo noch Licht brannte, trennten sie sich voneinander. Den zärtlichen Scheidegruß Janes duldete Wellingham mit heimlichem Widerstreben. Mürrisch wies er den ihn bedienenden Neger zurück, während Jane der ihr voraufleuchtenden jungen Schwarzen zagenden Herzens folgte. Wie ein Alp lastete es auf ihrem Gemüt. Der Glück verheißenden Ankündigung des Vaters konnte sie nicht recht froh werden. Vorherrschend blieb die Angst um ihn. Zu tief hatten die Worte, die wie eine Vorahnung seines nahen Endes klangen, sie erschüttert. Mit Grauen gedachte sie der Gräfin. Wer sagte ihr, welcher Art die geheimnisvollen Fäden waren, die sich dem Anscheine nach zwischen der rätselhaften Schiffsherrin und ihrem Stiefvater webten? Es marterte sie das Bewußtsein, daß er folgenden Tages seinen Besuch auf der Pandora zu erneuern beabsichtigte. Wellingham und Jane waren kaum aus Cunnings Hörweite getreten, als dieser sein Versteck vorsichtig verließ und auf einem Umwege dem Hause zuschlich. Seine Bewegungen waren hastig, wie bei jemand, der einen Vorsprung zu gewinnen wünscht. Die wenigen Worte, die er erlauschte, hatten ihn wie ein Schlag getroffen. Fieberhaft kreiste sein Blut. Krampfhaft hielt er die Fäuste geschlossen, immer wieder sah er über die Schultern scheu zurück, wie einen hinterlistigen Angriff von unbekannter Hand befürchtend. Von den Furien eines belasteten Gewissens gehetzt und gegeißelt, erreichte er jene Seite des Hauses, nach der hinaus Wellinghams Zimmer lagen. Einige Sekunden lauschte er. Als dumpfes Murmeln drang Wellinghams Stimme von der Veranda zu ihm herüber. Hatte er sonst jederzeit Zutritt zu dessen Wohnung, so fürchtete er, zu dieser Stunde auf dem gewöhnlichen Wege durchs Haus jemand zu begegnen. Mit leichter Mühe schwang er sich daher nach dem das Erdgeschoß krönenden breiten Gesimse hinauf, wo in gleicher Höhe mit seinen Hüften ein Fenster vor ihm lag. Geräuschlos, wie er bisher seine Bewegungen ausgeführt hatte, schob er die in ihren Rollen leise spielende, untere Hälfte des breiten Fensters etwas nach oben, und gleich darauf befand er sich in dem Zimmer. Behutsam schloß er das Fenster, und hinter dem die Nische abschließenden Vorhang hervortretend, schaffte er zunächst mittelst eines Taschenfeuerzeuges Licht. Bevor das entzündete Schwefelholz verzehrt war, brannte die auf dem Sofatisch stehende Lampe, und abermals schlich er nach dem Fenster hinüber. Dort schob er den schweren Vorhang so weit zur Seite, daß eine beinahe handbreite Fuge entstand, ein draußen auf dem Gesimse Stehender also ohne Mühe hereinzuspähen vermochte. An den Tisch zurückgekehrt, warf er einen argwöhnisch forschenden Blick um sich; dann erst ließ er sich auf einen der breiten Armsessel so nieder, daß die nach dem kleinen Vorzimmer führende Tür sich in seinem Gesichtskreise befand. So saß er da, einer tückischen Bulldogge ähnlich, die, anstatt sich durch Gebell anzumelden, geduldig auf den Zeitpunkt wartet, in dem es ihr am bequemsten, die Zähne in das Fleisch des in ihren Bereich Tretenden zu schlagen. Das Licht in der Hand, und die Augen auf die flackernde Flamme gesenkt, wollte Wellingham über die Schwelle schreiten, als er inne wurde, daß die Lampe bereits brannte. Erschrocken blieb er stehen, und aufschauend sah er in Cunnings grinsendes Antlitz. Sich gegenseitig scharf betrachtend, entdeckte jeder sofort die Spuren, die von den jüngsten Erfahrungen in den Zügen des anderen zurückgelassen waren, zugleich aber auch das Bestreben, diese nach besten Kräften zu verbergen. »Sie hier?« fragte Wellingham, und die peinliche Überraschung bekämpfend, schritt er nach dem Tisch hinüber, wo er sich in die Sofaecke warf. »Finden Sie am Tage keine Zeit, Ihre Anliegen mir vorzutragen?« »Zeit wohl, aber keine Gelegenheit,« antwortete Cunning spöttisch, »was zwischen uns schwebt, kann nicht vorsichtig genug vor den Leuten verheimlicht werden.« Wellingham runzelte die Brauen. Wie über irgend einen Gegenstand ernst nachsinnend, nagte er auf den Lippen. Plötzlich schoß matte Röte in sein fahles Antlitz. Seine Blicke waren an dem rötlich leuchtenden Papierschneider haften geblieben. Nach kurzer Pause, verstohlen von unten heraufspähend, entdeckte er, daß Cunning ihn arglistig überwachte. Seine eigene, durch unbestimmte Furcht verschärfte Neugierde wurde rege, und sich hastig aufrichtend, versetzte er kurz: »Das kann sich nur auf unser gestriges Gespräch beziehen. Ein Tag ist seitdem erst verstrichen, und es wurden deren drei ausbedungen.« »Was ich nicht bestreite,« hieß es trotzig zurück, »und gerade deshalb befinde ich mich hier. Will Ihnen nämlich eine Erleichterung verschaffen. Zahlen Sie mir binnen jetzt und morgen mittag die Hälfte der geforderten Summe aus, so verpflichte ich mich, zur selbigen Stunde spurlos zu verschwinden.« »Das wären fünfzigtausend Dollars,« erwiderte Wellingham, seine Beängstigung durch spöttisches Lachen verdeckend. Dann bohrten die Blicke der beiden verbrecherischen Genossen sich tief ineinander. Eine Pause des Schweigens folgte. Wenn Wellingham aber ahnte, daß Cunning irgend eine Kunde über die Gräfin und deren ihm selbst noch undurchdringlichen Zwecke erhalten habe, so erriet dieser, daß jenem an Bord der Pandora gefährliche Aufschlüsse geworden; und doch bot jeder das Äußerste auf, die eigenen Besorgnisse vor dem anderen zu verheimlichen. »Also fünfzigtausend Dollars,« wiederholte Wellingham zögernd; »so werden Sie mir wenigstens den Grund nennen, der diese plötzliche Herabsetzung des Preises bewirkte.« »Deren gibt es manche,« versetzte Cunning mit verhaltenem Grimm. »Zunächst geht mir im Kopfe herum, daß Sie sich von dem Geschäft zurückziehen und auf den Gedanken geraten könnten, durch eine Reise mich hier in Ungelegenheiten zu bringen. Und wer weiß, was Sie mit denen auf einer der Jachten abkarteten. Sind Sie erst fort, kann Ihretwegen hier der Teufel mich holen, und dem möchte ich zuvorkommen. Mit einem Wort: ich traue Ihnen so wenig, wie Sie mir. Ist mir doch, als schwebte allerlei in der Luft, was wir beide zu scheuen haben.« »Sie reden Unsinn,« warf Wellingham. sein peinliches Erstaunen verschleiernd, spöttisch ein, »darauf näher einzugehen, wäre ebenso unsinnig. Was wir verabredeten, bleibt bestehen. Vor Ablauf dreier Tage treffe ich keine Entscheidung, und auch dann ist zu bedenken, ob es nicht sicherer erscheint, Sie unter meinen Augen zu behalten.« »So tue ich's für fünfundzwanzig,« erklärte Cunning unter dem Einfluß einer ihm vorschwebenden drohenden Gefahr hastig. »Nicht für fünfhundert, nicht für hundert. Wo einer bleibt, bleibt der andere.« Cunning horchte hoch auf. Argwöhnisch spähte er in Wellinghams Mienen. Krampfhaftes Zucken machte sich in ihnen bemerklich, für ihn ein neuer Beweis eines über ihren Häuptern schwebenden Verhängnisses. »Sie besinnen sich vielleicht bis morgen mittag,« sprach er drohend, und sich erhebend, schritt er ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer. In atemloser Spannung lauschte Wellingham ihm nach. Kaum aber waren die sich entfernenden Schritte verhallt, als er aufsprang und, beide Hände in das Schläfenhaar vergrabend, auf und ab zu schreiten begann. Dabei stöhnte und keuchte er in einer Weise, als ränge er mit einem Erstickungsanfall. Dazwischen entwanden sich seinen bebenden Lippen Verwünschungen, die abwechselnd ihm selbst, Cunning und dem ihn unablässig verfolgenden rächenden Geschick galten. Erst allmählich wurde er ruhiger, aber es war jene unheimliche Ruhe, die den verurteilten Mörder angesichts der Richtstätte bei dem Gedanken beschleicht, daß nunmehr bald alles vorüber sei. Endlich blieb er vor dem Tisch stehen. Sein Blick streifte den dolchartigen Papierschneider, und Hohnlachen trat auf seine Züge. Zögernd streckte er die Hand nach ihm aus, zögernd pruste er dessen stumpfe Spitze. »Arme Jane,« lispelte er wie geistesabwesend, »wärest du nicht, wie leicht sollte es mir werden. Zuerst er – dann ich selber –« Der Papierschneider entglitt seiner Hand und fiel auf den Tisch. Als sei das Geräusch von einem anderen erzeugt worden, spähte sr erschrocken um sich. Still lag das Zimmer, ruhig brannte die Flamme der Lampe. »Und dennoch wäre es besser,« zwängte es sich wieder zwischen den fest aufeinander ruhenden Zähnen hervor. »Wenn ich's nur über mich gewänne –« Das Haupt sank auf seine Brust und abermals begann er auf und ab zu wandeln Plötzlich trat er seitwärts vor den Schreibtisch hin, und gleich darauf befand sich eine Pistole in seinen Händen. Schauder auf Schauder durchrieselte ihn. Zu seinen Ohren dringendes leises Schnurren gab ihm die Besinnung zurück. Er kehrte sich dem Gartenfenster zu, und: »Mac Lear!« tönte es ihm von dorther entgegen. Zugleich wurde er Cunnings ansichtig, der von dem Gesimse aus den Kopf hinter dem Vorhange hervorschob. Wie von einem Wetterstrahl getroffen, beugte Wellingham sich unter der Last des Oberkörpers. Die Pistole entfiel ihm. Doch als hätte das polternde Geräusch ihn aus dem Schlaf ermuntert, richtete er sich schwerfällig empor. Er wollte sprechen, allein die Zunge versagte ihm den Dienst. »Mac Lear!« wiederholte Cunning lauter, und teuflische Bosheit klang aus seiner Stimme hervor, während auf seinen Zügen nicht minder die Furcht eines Verurteilten sich ausprägte: »und nochmals: Mac Lear! Ich hab' Sie beobachtet seit 'ner Viertelstunde. Bevor Sie das Gehirn aus Ihrem Schädel blasen, überlegen Sie die Folgen. Mir konnt's schon recht sein, denn ein Toter redet nicht mehr. Ich aber würd's allen Menschen zuschreien, wer dem jungen Baronet über Bord half, wer die Meuterei auf der Emilia anstiftete, den Kapitän Sherburn –« »Schweig, Elender,« fiel Wellingham außer sich ein, und im nächsten Augenblick stand er vor ihm, »schweig, wenn dir an deinem Leben gelegen ist! Schweig, und ich will deine Forderung erfüllen. Ich will dir dreißig-, nein, fünfzigtausend geben und mehr noch, nur schweig. Bedenk, die Wände haben Ohren, und was mir gilt, gilt dir. Schweig, wenn nicht um unseretwillen, so doch um Unschuldige nicht mit ins Verderben hinab zu reißen.« »Aber wann?« fragte Cunning, und wilde Befriedigung funkelte aus seinen tückischen Augen. »Morgen,« keuchte Wellingham schaudernd, »morgen nacht um diese Zeit und auf dieser Stelle. Hier ist's einsam, hier sind wir sicher, von niemand belauscht zu werden. Auch muß das Geld zuvor aus der Stadt herbeigeschafft werden. Jetzt fort, heimlich fort, bevor im Hause jemand aufmerksam auf Sie geworden ist.« »Gut,« versetzte Cunning wieder vorsichtiger, »morgen um diese Zeit und hier. Aber wohl verstanden: Begehen Sie eine Täuschung, so schlage ich Lärm, daß sie in der Stadt auf den Straßen zusammenlaufen.« Und rückwärts gleitend, gelangte er auf dem vertrauten Wege schnell in den Garten hinab. Eine Weile blieb Wellingham vor dem offenen Fenster stehen, bevor er es schloß. Dann schwankte er nach dem Sofa hinüber, und sich auf ihm ausstreckend, zog er eine Reisedecke über sich hin. Es fehlte ihm die Kraft, sich nach seinem Schlafzimmer zu begeben, der Mut, die Lampe auszulöschen. Die Finsternis erschien ihm fürchterlich. Hatte er im Laufe vieler Jahre unter dem Einfluß nimmer rastender Tätigkeit und sich häufender Erfolge sein Gewissen betäubt gehabt, so gewann es jetzt, nachdem es einmal wach gerüttelt worden, eine um so unumschränktere Gewalt über ihn. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Wieder auf der Pandora. Die geraubten Kinder. Vom Ende der »Emilia«. Ohne Erbarmen Nach langem Erwägen und verzweiflungsvollem Schwanken hatte Wellingham sich für einen abermaligen Besuch auf der Pandora entschieden. Die größere Hälfte des Nachmittags war bereits verstrichen, als er sich hinüberrudern ließ. Bis dahin hatte er Zeit gefunden, auf die neue Zusammenkunft mit der Gräfin sich gewissermaßen vorzubereiten. Keine Möglichkeit gab es, die er nicht ernst in Betracht gezogen hätte, um darnach das von ihm selbst zu beobachtende Verhalten zu berechnen. Was auch immer an ihn herantreten mochte: er war entschlossen, es bis zum letzten Augenblick zu bekämpfen, selbst dann sich nicht schwach finden zu lassen, wenn unmittelbare Anklagen ihm entgegengeschleudert werden sollten. Mit einer gewissen Haltung des Selbstvertrauens stieg er nach dem Deck hinauf, wo er von der Gräfin in ihrer vornehm kalten Weise empfangen wurde. »Ich bedaure, daß Ihre Tochter Sie nicht begleitete,« sprach sie, und nachlässig wies sie nach der Kajütenbedachung hinauf, wo Maud, Sunbeam und die beiden Schlangenkinder eine freundliche Gruppe bildeten. »Während wir uns mit ernsteren Dingen beschäftigen, hätte sie in dem Kreise da oben gewiß eine anregende Unterhaltung gefunden.« »Ich beabsichtige, meinen Aufenthalt hier auf das geringste Zeitmaß zu beschränken,« versetzte Wellingham höflich, als die Gräfin etwas lebhafter einfiel: »Das geringste Zeitmaß kann sich durch unvorhergesehene Zwischenfälle bis in die Nacht hinein ausdehnen: ich liebe es wenigstens nicht, selbst in den gleichgültigsten Dingen auf halbem Wege umzukehren.« Sie waren vor der Kajütentür eingetroffen. In geringer Entfernung davon standen, an die Regeling gelehnt, Ghastly und Niels nebeneinander. Anscheinend nur die Zeit tötend, befanden sie sich doch in Erfüllung eines bestimmten Auftrages. Dieser lautete, die Kajütentür fortgesetzt im Auge zu behalten und Wellingham zu hindern, wenn er etwa den Versuch untenehmen sollte, das Schiff ohne die ausdrückliche Bewilligung der Gräfin zu verlassen. Es war das ebenfalls eine Masche des Netzes, das sie, ihr finsteres Ziel unbeirrt im Auge, scharfsinnig um das elende Opfer ihrer Rache webte. Indem sie ihm vorausgehend den Vorraum betrat, sandte Wellingham einen scheuen Blick zu den beiden ihn gleichmütig betrachtenden Männern hinüber. Deren Erscheinung war ihm nicht mehr fremd. Was ihm aber bei der flüchtigen Begegnung mit Ghastly früher entging, das entdeckte er jetzt mit von Argwohn verschärften Augen, nämlich eine unzweifelhafte Ähnlichkeit mit jemand, der seit vielen Jahren in seinem Gedächtnis lebte. Eisig durchrieselte es ihn. Zugleich sanken alle Pläne dahin, die er für seinen Verkehr mit der Gräfin entworfen hatte. Mit Widerstreben schienen die Glieder seinem Willen zu gehorchen, als er der Gräfin in die Kajüte folgte. Dort hatte sich seit dem vorigen Tage nichts geändert. Der runde Tisch stand an seiner alten Stelle. Auf ihm lag eine größere Anzahl in Heftform zusammengefügter Blätter. Schreibzeug stand daneben. Abseits auf einem Stuhle bemerkte er mehrere unregelmäßig behauene Schiefertafeln. Auf ein einladendes Zeichen von ihr ließ er sich an dem Tisch nieder. Was auch immer ihn zuvor beseelte: jetzt war es, als hätte von ihm, der über ein fürstliches Vermögen gebot, jeden sich ihm entgegenstellenden Widerstand spielend zu brechen verstand, unter dem finsteren Einfluß der Gräfin plötzlich sklavisches Unterwürfigkeitsgefühl Besitz ergriffen gehabt, so peinlich trachtete er, deren Wünschen, noch bevor sie voll ausgesprochen waren, nachzukommen. »Heute die entgegengesetzte Ordnung,« erklärte sie wie beiläufig, indem sie ebenfalls Platz nahm, »zuerst das Geschäft, dann die geistigen und körperlichen Genüsse.« Sie zog unter dem Heft den Wechsel hervor und überreichte ihn Wellingham. Dieser warf einen flüchtigen Blick auf das Papier und schob es mit zitternder Hand in seine Brieftasche; und weiter sprach die Gräfin: »Ich fahre in den gestern abend abgebrochenen Mitteilungen fort und bezweifle nicht, daß Sie ihnen wachsendes Interesse schenken werden.« Sie überreichte ihm das Heft mit den Worten: »Ein Bruchstück habe ich hier niedergeschrieben. Lesen Sie diese Blätter aufmerksam durch, so gewinnen Sie für das weitere ein besseres Verständnis, und ich müßte mich sehr täuschen, brächten Sie meiner – nun. sagen wir: meiner exzentrischen Laune nicht gerne dieses Opfer an Zeit und Mühe.« Wellingham wünschte sich tausend Meilen weit fort. Obgleich immer neue schwarze Ahnungen in ihm aufstiegen, ließ er es doch nicht an verbindlichen Gegenbemerkungen fehlen, und die Gräfin fuhr fort: »Ich wiederhole, diese Blätter erleichtern Ihnen das Verständnis für die ferneren Enthüllungen. Als Schlüssel zu den darin verzeichneten Rätseln dienen dagegen diese Tafeln,« und sie legte eine davon vor ihn hin. »Lesen Sie mit Muße. Damit Sie ungestört bleiben, werde ich mich entfernen. In einer halben Stunde bin ich zurück. Sind Sie dann fertig, so stehe ich mit weiteren Offenbarungen zu Diensten.« Sie erhob sich. Wellingham hielt das Heft in den Händen. So lange die Gräfin sprach, schlich eine eigentümliche Kälte durch seine Gebeine; sobald sie aber endigte, ermannte er sich zu der stotternd hervorgebrachten Bemerkung: »Es war in der Tat nicht meine Absicht, den Abend hier zu verbringen. Ich werde erwartet, und dann mein Befinden –« »Sie stehen hoch genug in der Achtung der Welt,« fiel die Gräfin gleichmütig ein, »um die Menschen warten lassen zu dürfen.« Ohne eine Erwiderung abzuwarten, schritt sie der Türe zu. Unversöhnlicher Haß lagerte um ihre festgeschlossenen Lippen. Wo der Himmel nicht strafte, da hielt sie sich für berufen, furchtbare Vergeltung zu üben. Auf Deck hinaustretend, schritt sie nach der Falltreppe hinüber. Sich über Bord neigend, rief sie den in Wellinghams Boot sitzenden Ruderern zu: »Euer Herr wird länger hier verweilen, als er ursprünglich beabsichtigte. Ihr sollt daher heimkehren und Miß Jane über sein mögliches Ausbleiben beruhigen. Ist die Stunde des Aufbruchs gekommen, so steht meine Jolle ihm zur Verfügung.« Die Männer legten die Ruder ein. Finster sah die Gräfin dem scheidenden Boote nach; dann ließ sie Simpson zu sich bescheiden. »Sorgen Sie dafür,« bat sie ihn, »daß nach Ablauf einer guten halben Stunde Lowcastle hier ist. Gefällt es Peldram, mag er ihn begleiten. Leistet er den Kindern Gesellschaft, so werden sie nicht ungeduldig, sollten sie vor Mitternacht nichts mehr von mir sehen oder hören. Die paar Stunden des Beisammenseins der beiden jungen Leute machen das Unheil nicht größer, als es schon geworden ist.« Sie trat von Simpson fort, um sich nach dem Quarterdeck hinauf zu begeben. Dieser sah ihr düster nach. Ihren Plan durchschaute er nur teilweise; aber er wußte am besten, daß, was auch immer ihr vorschweben mochte, die Unerbittlichkeit einer Rachegöttin in ihr wohnte. Und doch hatte er sie so oft beobachtet, wenn hinter dem streng verschlossenen Antlitz das Herz vor Milde zerfloß, die nie entschlummernde Trauer um unersetzlich Verlorenes ihren Blick trübte. Es dunkelte bereits, als die Gräfin in Lowcastles Begleitung sich wieder nach der Kajüte begab. Nach den ungeahnten, furchtbaren Aufklärungen Ratlosigkeit bei ihm voraussetzend, hatte sie ihm mit Bedacht Zeit gegönnt, seine Fassung zurück zu gewinnen. Sie wollte Zeuge sein, wie er alle nur erdenklichen Mittel herbeizog, um sie zu täuschen. Aufatmen sollte er unter dem Eindruck, Glauben bei ihr zu finden, um ihn dann um so verhängnisvoller mit ihrer Anklage zu treffen. Eintretend erkannte sie auf den ersten Blick die Zeichen der heftigen Erregungen, denen Wellingham während ihrer Abwesenheit unterworfen gewesen war. Rastlos schwankte sein Geist zwischen gräßlicher Gewißheit und bangen Hoffnungen. Seine Selbstbeherrschung war indessen zurückgekehrt. Er fühlte, daß er in eine Lage geraten war, in der ein einziges unvorsichtiges Wort, eine Miene, ein Blick zum Verräter an ihm werden konnten, und so erhob er sich beim Erscheinen der Gräfin ernst und gefaßt. Was aber auf seinen Zügen verräterisch webte, das glaubte er im günstigsten Sinne zu erklären, indem er ohne Säumen begann: »Was ich las, ist furchtbar; um so grauenhafter, weil die den Tafeln aufgetragene Schrift keinen Zweifel an der Wahrheit der geschilderten Ereignisse gestattet.« »Ebenso wahr wie grauenhaft,« bestätigte die Gräfin, halb zu Lowcastle gewendet, seltsam ausdruckslos; »nun aber versetzen Sie sich in meine Lage, und Sie werden leicht ermessen, welchen Qualen ich unterworfen gewesen, als ich die letzten zum Himmel schreienden Worte und Wünsche des einem gräßlichen Tode Geweihten auf den Steinen entzifferte und niederschrieb.« Sie nahm Platz. Wellingham und Lowcastle, letzterer bereits vertraut mit dem Inhalt der Blätter, und von der Gräfin über die von ihm zu beobachtende Haltung belehrt, folgten ihrem Beispiel. Die Gräfin sah einige Sekunden ins Leere. Ihr Geist schien in der Vergangenheit zu suchen. Dann vor sich niederschauend, hob sie träumerisch an: »Vergegenwärtigen Sie sich also die Stimmung, und Sie werden begreifen, daß in dem rasenden Schmerz die letzte Milde erstickte, nichts mehr in mir Lebenskraft behielt, als das Verlangen, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die sich unter der Leitung dieses Mac Lear zu einem der schwärzesten Verbrechen zusammentaten. Mit meinem Glauben an die Menschheit schwand auch die letzte Spur barmherziger Regungen. Das Wort Vergeltung donnerte in meinen Ohren, ob ich schlief oder wachte; mein Herz durchzitterte nur das eine Gebet, daß die Mörder noch nicht von der Erde fortgefegt sein möchten, um endlich meinem Richterspruch zu verfallen.« »Sie entdeckten keine Spuren von ihnen?« fragte Wellingham, und die Todesqual verlieh seiner Stimme einen seltsamen Mißklang. »Spuren wohl,« antwortete die Gräfin, »jedoch bis jetzt eine Gewißheit leider nicht. Ich gebe indessen meine Hoffnung auf die Verwirklichung meiner Pläne nicht auf. Schreit mir doch eine innere Stimme zu, daß jener Mac Lear noch lebt, mag er immerhin, um seinen Raub zu sichern, den Namen zehnmal geändert haben.« »Wenn Sie für die Richtigkeit der Spuren nur das kleinste Beweismittel besäßen, an dessen Hand Sie die Nachforschungen fortzusetzen vermöchten,« wendete Wellingham trotz seiner Ratlosigkeit lauernd ein. In den Augen der Gräfin glühte es feindselig. Ihre ganze Willenskraft mußte sie aufbieten, dem um mehr als sein Leben ringenden Mörder die niederschmetternde Anklage nicht sofort ins Gesicht zu schleudern. »Außer einigen Briefen jenes Mac Lear, die er an die Familie des jungen Larsen und die des ehrlichen Schiffskochs richtete, besitze ich freilich nichts,« versetzte sie dumpf, und lebhafter fügte sie hinzu: »Doch gleichviel, lebt das Scheusal noch, so finde ich es, oder ich müßte zuvor selber zugrunde gehen.« Wellinghams Atem stockte. Auf seiner Stirn bildeten sich wieder Schweißtropfen. Sie entfernend, bemerkte er mit verzweifelter Ruhe: »Wie gestern abend, leide ich auch heute unter der Anwandlung eines Ohnmachtgefühls. Vielleicht darf ich um ein Glas Wasser bitten.« Die Gräfin klingelte. Der eintretenden Aufwärterin befahl sie, Wasser, Rum und Zucker zu bringen: erst nachdem das Verlangte auf den Tisch gestellt worden war, schickte sie sich an, das stockende Gespräch neu zu beleben. »Ich beklage, daß Ihre Stieftochter, dieses bezaubernde Bild holder Jungfräulichkeit, nicht zugegen ist,« sagte sie und beobachtete triumphirrend das Zittern seiner Hand, als Wellingham das vor ihm stehende Glas füllte. »Ihr liebes Herz würde zerfließen vor Mitleid mit zwei jungen Geschöpfen, die, ich kann es nicht oft genug wiederholen, in ihrem ganzen Leben nichts anderes kennen lernten, als sich stumm den über sie verhängten Mißhandlungen zu unterwerfen. Ich beziehe mich auf die beiden Geschwister, die Sie gestern abend sahen. Schweife ich in meinen Mitteilungen zu ihnen ab, so geschieht es nicht ohne Grund. Wie und wo ich sie fand, und wie es mir gelang, den sie fortgesetzt marternden Händen die Kinder zu entreißen, übergehe ich. Ich erwähne nur, daß die Herzlosigkeit desjenigen, dem ich sie abkaufte, gleichviel um welchen Preis, ob in klingender Münze oder in Form böser Drohungen, zuerst den Verdacht in mir anregte, daß er trotz seiner Beschwörungen nicht der Vater der Ärmsten sei. Wie sich später ergab, hatte ich mich in meiner Voraussetzung nicht getäuscht. »Dieser falsche Vater, ursprünglich ein elender Gaukler, hatte es verstanden, vor einer langen Reihe von Jahren ein armes Mädchen zu betören. Daß er mit ihm in die Welt hinauszog, erscheint um so sträflicher, weil er dadurch eine alte Seemannswitwe der einzigen und letzten Stütze beraubte. »Wo die beiden nach ihrem Entweichen überall herumschweiften, mag Gott wissen; ich kann nur bestätigen, daß sie nach dem Süden gingen. Dort glückte es dem Gaukler, einen inzwischen zu Ehren und Reichtum gelangten Gefährten früherer Tage ausfindig zu machen. Seine Aufnahme scheint indessen keine sehr verheißende gewesen zu sein. Trotzdem besaß dieser Freund nicht den Mut, den Zudringlichen, der seine Frau auf einer anderen Stelle untergebracht hatte, aus dem Hause zu weisen. Sie blieben also beisammen, Freunde nannten sie sich vor der Welt, sie offenbarten auch, trotz der Verschiedenartigkeit ihrer gesellschaftlichen Stellung, die größten Rücksichten füreinander, und doch haßten sie sich gegenseitig wie den Tod. »Eine bestimmte Beschäftigung hatte dieser Gaukler im Hause des einstigen Genossen, an den ihn ein furchtbares Geheimnis kettete, nicht. Er führte im vollen Sinne des Wortes das Leben eines Müßiggängers. Trotzdem wurden ihm stets reiche Mittel bewilligt. Diese sicherten ihm nicht nur ein sorgenfreies Dasein, sondern ermöglichten es ihm auch, seine im Verborgenen lebende Frau zu unterstützen. Sein Gönner litt dagegen unter dem Druck des arglistigen Hausfreundes Höllenqualen. Schon allein der Anblick des boshaften Abenteurers hätte genügt, ihm die letzte ruhige Stunde zu rauben. Er litt in um so höherem Grade, weil er eine schöne Frau sein eigen nannte und vor dieser das zwischen ihm und jenem bestehende Verhältnis nicht zu erklären, wenigstens nicht in harmloser Weise zu erklären vermochte. Denn was auch immer er in jüngeren Jahren verbrochen hatte, an seiner Frau hing er mit einer Liebe, die nur darauf bedacht war, alles, was irgend geeignet, sie zu betrüben, mit einer wahren Eifersucht von ihr fern zu halten. Zwei Kinder hatte sie ihm geschenkt, ein Mädchen und einen Knaben, zwei liebliche Geschöpfe, die das Glück beider bildeten. »Da aber der Gaukler, in dem Bewußtsein einer unantastbaren Stellung, es vielfach an der gebotenen Achtung vor der Frau seines Gönners fehlen ließ, sogar den Versuch wagte, hinterlistig die beiden Gatten einander zu entfremden, so bot dieser alles Mögliche auf, sich seiner auf gütlichem Wege zu entledigen. Nicht nur, daß er seine ans Unsinnige grenzenden Ansprüche jederzeit befriedigte, sondern er erklärte sich auch zur Auszahlung einer sehr hohen Summe bereit, wenn er einen anderen Weltteil zu seinem Aufenthalt wähle. Darauf ging der verschmitzte Schurke indessen nicht ein. Weder Bitten noch ernste Vorstellungen oder Drohungen vermochten ihn zu bewegen, dem Verlangen seines Gönners nachzugeben, es sei denn, dieser hätte sich dazu verstanden, ihm die Hälfte seines Vermögens zu verschreiben. Zu wohl fühlte er sich in der sorgenfreien Lage, zu viel versprach er sich fernerhin von dem unheimlichen Einfluß, den er auf den Genossen früherer Tage ausübte. »Unter der Dienerschaft des letzteren befand sich ein Neger, den man für besonders treu und zuverlässig hielt, hinter dessen kindisch lustigem Wesen aber ein Rachedurst lebte, der durch nichts besänftigt oder gar verwischt werden konnte. Die Peitschenhiebe, die sein Herr ihm einst für eine kleine Veruntreuung zuerkannte, mochte er vielleicht vergessen haben; dagegen war der Umstand, daß die eigenen drei Kinder nach dem Tode seiner Frau in die Ferne verkauft wurden, selbst für die Natur eines schwarzen Sklaven zu viel. Dieser Verkauf erscheint auch um so unnatürlicher, als sein Herr selber mit ganzer Seele an den Mitgliedern seiner Familie hing. Wie aber dem Neger geschehen war, ebenso wollte dieser an seinem grausamen Gebieter handeln. Auch er sollte kennen lernen, was es bedeutet, im Ungewissen über die teuersten Angehörigen zu leben, zugleich aber in der Gewißheit, sie nie, es sei denn als verkommene, elende Geschöpfe wiederzusehen. Es war eine schreckliche Aufgabe, die der Sklave sich gestellt hatte; doch gerade sie war es, die dem sonst so geschwätzigen Farbigen den eisernen Willen und die Kraft verlieh, alle, mit denen er in Berührung kam, über seine wahren Gesinnungen zu täuschen.« Mit innerer Befriedigung betrachtete die Gräfin das geneigte Haupt Wellinghams. Er hatte die Haltung eines gespannt Lauschenden angenommen. Gedachte er aber, das, was ihn bewegte, vor der erbitterten Feindin zu verheimlichen, so hatte er deren Scharfblick unterschätzt. Sie sah, daß sie ihm nichts Neues erzählte, sah, wie seine Seele sich in wilder Verzweiflung wand, seine Brust sich schwer hob und senkte. »Sie befinden sich in der Tat nicht wohl,« begann die Gräfin wieder zu Wellingham gewendet, »nehmen Sie noch ein Glas Wasser mit etwas Rum, das erfrischt.« Während dieser darauf, mehr einem Gestorbenen, als einem fühlenden Menschen ähnlich, ihrer Einladung Folge leistete, nahm sie ihre Erzählung wieder auf. »Mit diesem Neger hatte der arglistige Gaukler sich befreundet. Es war, als hätten zwei auf die Erde entsendete Höllengeister bei der ersten Begegnung sich gegenseitig erkannt und zum Verderben eines Dritten, den sie in dem gleichen Grade haßten, wie sie von ihm abhängig waren, vereinigt gehabt. Bis dahin hatte das Verhältnis zwischen dem Gaukler und seinem Gönner sich täglich schlechter gestaltet, und es kam immer häufiger zu heftigen Auftritten. Diese gipfelten schließlich darin, daß letzterer in seiner Verzweiflung und in dem Gefühl gänzlicher Ohnmacht den Kopf verlor. Zum Schrecklichsten entschlossen, erklärte er, lieber mit ihm den Galgen zu teilen, als derartige Martern länger zu erdulden. Er führte daher eine Entscheidung herbei, in die der Gaukler, den Ernst der Lage nicht unterschätzend, notgedrungen willigen mußte. Er stellte ihm die Wahl, entweder nach Empfangnahme einer beträchtlichen Summe auf Nimmerwiederkehr das Weite zu suchen, oder zu erleben, daß er die Gerichte anrufe und damit unter eigener Aufopferung ihm ein Ende mindestens im Zuchthause bereite. Sich selbst der irdischen Gerechtigkeit zu entziehen, wäre ihm ja im letzten Augenblick noch Zeit genug geblieben. »Unter solchen bedrohlichen Umständen schwankte der Gaukler nicht mehr. Er nahm das Geld und unterschrieb eine Erklärung, laut deren er sich von seinem Gönner und Genossen gänzlich lossagte, selbstverständlich mit dem Hintergedanken, sich nicht länger für gebunden zu halten, als es mit seinem Vorteil vereinbar war. »Nicht unerwähnt darf ich lassen, daß der Gaukler bei der letzten Vereinbarung schlechter fuhr, als wenn er auf einen früheren Vorschlag eingegangen wäre. Dadurch wurde sein Haß gegen den ehemaligen Genossen noch gesteigert. Sein ganzes Sinnen und Trachten lief darauf hinaus, sich neue Mittel zu verschaffen, die Erpressungen wieder aufnehmen und noch weit nachdrücklicher fortsetzen zu können. Nicht ohne Einfluß auf seinen Entschluß blieb, daß ein zweiter Genosse früherer Tage seinen Gönner aufsuchte, um sich vampyrartig ihm anzuschließen. Darin eine Gefahr für sich witternd, beschleunigte er nach vorhergegangener Verständigung mit dem Neger seinen Ausbruch. Anstatt indessen den Staat zu verlassen, suchte er Zuflucht in den nahen Sumpfniederungen, wo sein schwarzer Verbündeter ihn in ein nur flüchtigen Sklaven bekanntes, schwer zugängliches Versteck führte. Auch für Lebensmittel sorgte der Schwarze. »Wochen gingen dahin. Der Gaukler war verschollen und vergessen. Doch wenn sein früherer Gönner anfänglich aufatmete, so erneuerte sich der Druck, unter dem er so lange gelebt hatte, sobald der an Stelle des Verschwundenen getretene Genosse sich bei ihm heimisch zu fühlen begann. Es erscheint wie ein Gottesgericht, was ihn in den Mitwissern eines furchtbaren Geheimnisses verfolgte. »Der Neger war zu derselben Zeit, wenn möglich, noch aufmerksamer und dienstfertiger geworden: mehr und mehr befestigte sich daher das Vertrauen, das sein Herr in ihn setzte. »An einem heißen Sommernachmittage geschah dann das Unglaubliche. Der Gebieter des verschlagenen Negers hatte sich mit seiner Frau nach der nicht allzufernen Stadt begeben. Wie ich aus den mir gewordenen Schilderungen entnahm, lag der Wohnsitz jenes Herrn inmitten prachtvoller Parkanlagen, in unmittelbarer Nähe eines Gewässers, ob Fluß ob See, fällt nicht ins Gewicht. Die beiden Kinder der abwesenden Eltern, ein zweijähriges Mädchen und ein Knabe, der das erste Jahr kaum vollendet hatte, befanden sich im Garten unter der Obhut einer Wärterin. In einem Korbwagen schlummerten sie auf dicht beschatteter Stelle. Zum Schutz gegen das grelle Licht und lästige Fluginsekten, war ein Flornetz über sie hingezogen worden. Da die Wärterin keine Ursache zu irgend einer Besorgnis zu haben glaubte, entfernte sie sich, wie häufig geschah, auf kurze Zeit nach dem nahen Hause, und das war die Gelegenheit, auf die der Neger so lange geduldig gelauert hatte. Sie war nämlich kaum im Innern des Hauses verschwunden, als er mit der Gewandtheit eines indianischen Jägers aus dem nahen Gebüsch hervorschlüpfte und, das Flornetz beseitigend, sich über den Wagen hinneigte, die Arme behutsam unter das die Kinder tragende Pfühl schob und sie leise emporhob. Bedachtsam zog er darauf das Flornetz wieder über den Wagen hin, so daß das Fehlen der Kleinen nicht sofort bemerkt werden konnte, und eiligen Schrittes entfernte er sich auf den ihm vertraut gewundenen Pfaden. Ob man ihn verfolgte, kümmerte ihn wenig, so lange er in den Kindern ein Mittel besaß, seine Freiheit mit deren Leben zu erkaufen. Daß alles Mögliche aufgeboten werden würde, seiner habhaft zu werden, zumal keinem anderen, als ihm, der Raub zur Last gelegt werden konnte, bezweifelte er freilich keinen Augenblick; ebenso sicher war er aber auch, daß man ihn am wenigsten gerade da suchen würde, wohin man nur unter Lebensgefahr und dann noch unter Aufwendung der umfangreichsten Vorbereitungen gelangt wäre. Eine Nacht und den folgenden Tag gebrauchte er, bevor er auf einer von übelduftendem Morast umringten, mit Sumpfgewächsen dicht bewucherten Insel die aus Baumrinde zeltartig errichtete kleine Hütte erreichte, wo der Gaukler so lange gehaust hatte, der den Nahenden nunmehr mit teuflischem Jubel willkommen hieß. »Sie sehen,« schaltete die Gräfin eintönig ein, »ich bin über alles so genau unterrichtet, als ob ich selbst mich an dem Raub beteiligt hätte. Es ist kein Wunder; denn nachdem mir einmal die ausführliche Schilderung aller Vorgänge geworden, wollten sie nicht wehr aus meinem Kopfe weichen. »Man behauptet oft, daß, wenn das Geschick sich die Aufgabe gestellt hat, einen Missetäter zu strafen, es alle Furien der Hölle herbeirufe, um sie mit ihren Schlangengeißeln an seine Fersen zu bannen. Andererseits aber ruft es den Eindruck hervor, als ob ein guter Engel ihm zur Hand, um gefährdete unschuldige Kinder zu überwachen, unbekümmert darum, wer außerdem noch Vorteil aus seinem Schutze zieht. So nur scheint es erklärlich, daß nicht allein die beiden ruchlosen Gesellen mit ihrem Raube entkamen, sondern auch die kleinen, zarten Wesen die grauenvolle Flucht durch Moore und Sümpfe bei dürftiger und obenein unangemessener Nahrung überlebten. Denn erst nach Wochen mühseligen Ausharrens und Umherirrens auf dem pesthauchenden, von zahllosen Schlangen und raubgierigen Krokodilen bevölkerten Boden erreichten sie die Stelle, auf der der Gaukler in verhältnismäßig sicherem Versteck seine heimlich genau unterrichtete und vor Unvorsichtigkeiten dringlich gewarnte Frau zu erwarten gedachte. »Hier nun war es, wo der Neger nach Befriedigung seiner Rache einen anderen teuflischen Plan zur Ausführung brachte. In der Zuversicht, daß der Gaukler, von dem gemeinsam mit einem Farbigen ausgeführten Verbrechen das Ärgste für sich selbst befürchtend, die geraubten Kinder nimmermehr zurückbringen würde, benutzte er die Stunden seiner Nachtwache dazu, dem schlafenden Genossen die beträchtliche Geldsumme zu entwenden und mit dieser das Weite zu suchen. Die Empfindungen des Gauklers, als er beim Erwachen vergeblich nach dem Gefährten ausschaute, sind leicht zu vergegenwärtigen. Belehrte ihn doch das Fehlen des Geldes über den Sachverhalt; und so war ihm von der ursprünglich mühelos gewonnenen reichen Beute nichts geblieben, als eine mäßige Summe, die dem Neger entgangen war, und die kleinen hilflosen Geschöpfe, die für ihn nebenbei eine große Gefahr bildeten. »Die verzweifelte Lage, in die er nunmehr geraten war und in der ihm schließlich nichts anderes übrig geblieben wäre, als die Kleinen an irgend einer Straße auszusetzen und ihrem Schicksal zu überlassen, erhielt dadurch eine Milderung, daß seine bis auf den Tod erschöpfte Frau sich wirklich zu ihm fand und die Sorge für die Kinder übernahm. Außerdem wurde es ihm dadurch ermöglicht, sich wieder unter Menschen zu zeigen, zumal der Schauplatz seines Verbrechens bereits weit hinter ihm lag, und der erste Lärm um das Verschwinden der beiden Geschwister einigermaßen verstummt war. Denn wer ihn, den bräunlichen Italiener, und seine Frau mit den schwarzlockigen Kleinen sah, bezweifelte schwerlich, daß sie deren Eltern seien. »Vorläufig noch von den Mitteln zehrend, die dem Gaukler geblieben waren, wendeten sie sich zunächst nördlich. Womit sie dann aber ihr Leben fristeten, suchte ich nicht zu ergründen. Sicher ist indessen, daß der verruchte Abenteurer, feind jeder regelmäßigen Beschäftigung, zeitweise fahrenden Künstlern seines Schlages sich zugesellte und mit diesen von Ort zu Ort zog. Zugleich verwendete er seinen ganzen rohen Eifer darauf, die unter der treuen Pflege seiner Frau heranwachsenden Kleinen zu sogenannten Schlangenmenschen auszubilden. »Arme Kinder,« und weicher, beinahe sanft ertönte der Gräfin Organ, »wer weiß, es würde vielleicht besser gewesen sein, ihr wäret eine Beute der häßlichen Sumpfscheusale geworden, anstatt dem Leben erhalten zu bleiben. Arme Kinder,« wiederholte sie flüsternd, während ihre Augen ins Leere starrten. Eine Weile herrschte dumpfe Stille. Wie unter einem von ihr ausströmenden bösen Zauber, verhielten die beiden Männer sich regungslos. Mit Grauen entdeckte Lowcastle, daß sie sich an dem Bilde weidete, das Wellingham ihr bot. In sich zusammengesunken, wie dem Leben nicht mehr angehörend, saß er da. Nunmehr sicher, daß die unerbittliche Rächerin wußte, wen sie in ihm vor sich sah, sie also nur ihr grausames Spiel mit ihm trieb, trachtete er unter dem Einfluß eines dumpfen Selbsterhaltungstriebes noch immer verzweiflungsvoll, ihren Glauben nur als Verdacht hinzustellen und diesen von sich abzuwälzen. Und doch war ihm, als hätte er, der alternde Mann und Besitzer ungezählter Reichtümer, ihr jammernd zu Füßen sinken, die Namen seiner Kinder ausrufen und um Erbarmen für sie und für sich flehen müssen. Bekannte er sich aber als Vater, so bekannte er sich auch als Verbrecher, und vor ihm saß Lowcastle, der nur als mit Absicht herbeigeholter Zeuge zugegen sein konnte. Wie der Verurteilte des Streiches von Henkershand, so harrte er des letzten verhängnisvollen Schlages, und was dann folgte, konnte nur das Vergessen aller Dinge sein. »Diesen Gaukler, diesen Genossen eines der ruchlosesten Verbrecher, ich lernte ihn kennen,« erzählte die Gräfin weiter, und hart, wie angeschlagenes Erz, klang ihre Stimme. »Seltsames Verhängnis! Auf dem Wege, die letzten Wünsche längst Verstorbener zu erfüllen, gelangte ich auch vor die Tür Holidays, des auf der fernen Insel neben seinen beiden Unglücksgefährten schlummernden Schiffskochs. Anstatt aber seiner Witwe Trost zu bringen, erfuhr ich, daß jener Gaukler – doch ich mag seinen Namen nennen – daß Galbrett, der ehemalige Galeotto, die Tochter seines früheren Maats, zu dessen grauenhaftem Ende er das Seinige beitrug, ins Unglück gestürzt hatte. Nachdem die Verblendete von ihrer Mutter gegangen war, sollte sie diese nicht wiedersehen. Eine kurze Reihe von Jahren lebte sie noch unter der Tyrannei des vagabondierenden, herzlosen Mannes der Pflege der beiden Kinder, zu denen sie, selbst kinderlos, allmählich mütterliche Zuneigung gefaßt hatte; dann aber erlag sie den körperlichen und geistigen Leiden, der unablässig nagenden Reue, den Schmeichelreden eines gewissenlosen Verbrechers ihr Ohr geliehen und die alternde Mutter schnöde verlassen zu haben. Doch auch die Sorge um die Zukunft der beiden Geschwister hatte wohl zur Abkürzung ihrer letzten Lebenstage beigetragen. Gewohnt, diese als ihre eigenen Kinder zu betrachten und sie von anderen dafür gehalten zu wissen, beschwor sie den Gatten, die Verwaisten ihrer Mutter, der Witwe Holiday, zuzuführen und ihr die Pflege der Enkel ans Herz zu legen. Bereitwillig ging Galbrett auf ihren Wunsch ein, das war der letzte und einzige Trost, der ihr das Sterben erleichterte. »Sie haben die Kinder gesehen,« brach die Gräfin nach kurzer Pause wieder das Schweigen. Arme, arme Kinder. Ich gedenke ihrer Eltern, ob ihnen vielleicht im Traume zugetragen worden, daß die tot geglaubte Herzensfreude noch lebe, um eine Behandlung über sich ergehen zu lassen, für die man ein unvernünftiges Tier zu gut gehalten hätte. Freilich, sie waren die Sprößlinge eines fluchbelasteten Räubers und Mörders, und in dem heiligen Buch steht ja geschrieben, daß die Sünden der Väter an ihren Kindern heimgesucht werden sollen bis ins dritte und vierte Glied. Hätten die Eltern aber eine Ahnung von den Qualen ihrer Kinder gehabt, größeres Leid wäre ihnen dadurch nicht verursacht worden, als ich selber in jener Stunde erfuhr, in der ich die von Gras durchwachsenen, verwitterten Gebeine des Mannes vor mir liegen sah, der mein Glück und mein Heil hätte werden sollen.« Wellingham fuhr empor, sein erschreckend entstelltes Antlitz der Gräfin zukehrend. Ein Ausruf schwebte auf seinen Lippen, wurde aber gebannt durch den Anblick Lowcastles, der in atemloser Spannung des Ausbruches einer furchtbaren Katastrophe gewärtig war. »Die armen Kinder, wie – bedaure – ich sie –« stotterte Wellingham. »Ja, auch mich dauerten sie,« fiel die Gräfin klanglos ein. »Ich wünschte ihnen ein besseres Los und beschloß daher, sie zu mir zu nehmen. Leicht gelang es mir nicht, den Elenden zu bewegen, sein jammervolles Mittel eines verächtlichen Broterwerbes hinzugeben. Doch der Zufall kam mir zu Hilfe. Durch ein Mitglied der meuterischen Besatzung der Emilia über Galbretts Vergangenheit unterrichtet, gewann ich über ihn eine Gewalt, der er nicht zu widerstehen vermochte. Ich zwang ihn zu einem Geständnis der eigenen Schuld; und mehr noch: er ergriff die Gelegenheit, sich dadurch von der irdischen Gerechtigkeit loszukaufen, daß er mir die Fährten bezeichnete, auf denen ich zu Mac Lear, dem Vater der unglücklichen Kinder, und damit zu dem Mörder des jungen Baronets und der drei auf der Aurora-Insel der Ewigkeit entgegenschlummernden treuen Männer gelangen würde.« So verlieh die Gräfin mit eiserner Willenskraft dem ihr Opfer umschlingenden verderblichen Gewebe bedachtsam allmählich immer größere Durchsichtigkeit. Wellingham, bis zur Bewußtlosigkeit verwirrt, sprang auf. Wahnwitz lugte aus seinen Augen. Abermals öffnete er den Mund zu einer Bemerkung, doch die Stimme versagte ihm. Schwerfällig kehrte er sich ab, und schwankenden Schrittes bewegte er sich auf die Tür zu. Lowcastle, der ihm erschrocken nachsah, neigte sich der Gräfin mit den gedämpften Worten zu: »Gehen Sie nicht zu weit, um Gottes willen. Er tut sich ein Leid an – stürzt sich über Bord –« »Das geschieht nicht,« schnitt die Gräfin das weitere kalt ab, nunmehr ebenfalls Wellingham nachspähend. Die Tür des hell erleuchteten Vorraumes der Kajüte hatte er offen gelassen. Als er aber die nach dem Deck hinausführende Tür nach innen zog, prallte er taumelnd zurück. Das von einer Schwebelampe ausströmende Licht hatte ihm Ghastly und Niels gezeigt. »Larsen – Bill Fathom,« keuchte er bestürzt, indem er die Tür mit Heftigkeit zuschlug, dann kehrte er sich der Kajüte wieder zu. Die unerwartete Begegnung mit den beiden ihm unheimlichen Gestalten schien aber plötzlich eine seltsame Wandlung in ihm bewirkt zu haben. Nicht mehr zagend schaute er darein, sondern eigentümlich herausfordernd. Blutleer war sein Antlitz, allein die es eben noch entstellende Erregung hatte sich zu einer geisterhaften Ausdruckslosigkeit geebnet. Von den furchtbarsten Seelenkämpfen gefoltert, war er auf der Grenze gelangt, auf der die Gleichgültigkeit, aber auch die Hoffnungslosigkeit eines überführten Verbrechers ihn umfing. Sein Blut hatte sich in Eis verwandelt. Es herrschte in ihm die kalt berechnende Überlegung des Geschäftsmannes, der den Zusammenbruch seines Hauses durch verzweifelte Mittel noch ein wenig hinauszuschieben trachtet. Festen Schrittes begab er sich auf seinen Platz zurück, und sich niederlassend bemerkte er kurz und kalt: »Ich stehe wieder zu Ihren Diensten.« Befremdet sah die Gräfin auf ihn hin. Nach den Flaschen greifend, mischte er sich einen Trunk, in dem der Rum weit vorwog. In einem Zuge leerte er das Glas, und mit einem starren Lächeln auf den Lippen sprach er: »Das hat mir wohlgetan. Beschämt spreche ich mein Bedauern aus, die gnädigste Gräfin in ihrer Erzählung unterbrochen zu haben. Eine Wiederholung der Störung steht nicht mehr zu befürchten,« und die Hände fröstelnd ineinander reibend, fügte er in eisigem Tone hinzu: »Sie waren bei Mac Lear stehen geblieben. Es läßt sich erwarten, daß die Angaben jenes Galetto oder Galbrett genügten, Sie vor die Tür des mit so viel Erbitterung gesuchten Todfeindes zu führen.« Die Gräfin erstaunte. Wie ihren Sinnen nicht trauend, suchte sie in seinen fahlen Zügen und seinen unsteten Augen zu lesen. War sie anfangs geneigt, eine Anwandlung von Geistesverwirrung zu argwöhnen, so erblickte sie in der letzten Bemerkung die höhnende Herausforderung eines verstockten Bösewichts, der plötzlich die Maske abwarf, und antwortete daher schneidend: »Das sollen Sie bald erkennen! Nur das möchte ich noch einfügen, wie es Mac Lear gelang, seinen Raub zu sichern und auf den Früchten seines Verbrechens sich zu Ansehen und Reichtum emporzuschwingen. »Die erste Empfindung, die nach Ausübung der grauenhaften Tat sich der Mehrzahl der Männer bemächtigte, war die der Reue. Wie ein Alp lastete es auf den Gemütern. Indem sie der Zeit gedachten, die sie wieder unter andere Menschen führen sollte, packte sie unbesiegbare Furcht. Denn wie konnte das Fehlen des Kapitäns erklärt werden, ohne zugleich Verdacht zu erwecken? Wurde aber nur die kleinste Unvorsichtigkeit begangen, so war es um alle geschehen; gab es doch keinen, der seine Beteiligung an der unseligen Handlung hätte ableugnen können. Und so blieb nur übrig, das fernere Geschick dem Urteil und der Entscheidung Mac Lears anzuvertrauen. Und von ihm, dem kundigen Schiffer und verschlagenen Rädelsführer, durfte vorausgesetzt werden, daß er alle möglichen Fälle erwogen hatte. Wohl begriff jeder, daß er um den Preis, keinen Verrat mehr fürchten zu brauchen, die Emilia samt allen an Bord mit der gleichen Kaltblütigkeit versenken würde, mit der er die Meuterei einleitete, wäre nur ihm selbst dabei Gelegenheit geboten, mit seinem Raube glücklich zu entkommen. Allein ebenso genau wußte Mac Lear, daß es nur eines Anstoßes bedurfte, um angesichts der ersten einsamen Küste des Festlandes von der mit der übel erworbenen Beute in den Böten flüchtenden Bemannung auf der angebohrten und schnell sinkenden Emilia zurückgelassen zu werden. »So lebte tiefes Mißtrauen hier wie dort. Förmlich krankhaft sehnte jeder einzelne die Stunde herbei, in der es ihm anheimgegeben sein würde, sich von den Genossen auf Nimmerwiedersehen zu trennen. Jedoch Mac Lear bewahrte, um den Mut und den guten Willen der Genossen rege zu halten, eine gewisse zuversichtliche äußere Ruhe. Damit ging Hand in Hand, daß er den Genuß des Branntweins nicht einschränkte, außerdem aber jedem einzelnen als Anteil an der Beute hundertfünfzig Pfund Sterling auszahlte. Ihm selbst blieb nach seiner Angabe eine zehnfach so hohe Summe, die ihm für seine Dienste als Schiffsführer auch bereitwillig zugestanden wurde. Wie viel darüber er sich aneignete, ahnte keiner. Er war also von vornherein darauf bedacht gewesen, daß die Kunde über das von dem Baronet mitgeführte Geld nicht über seine und des Kapitäns Mitwisserschaft hinausgetragen wurde.« Auf Wellinghams Antlitz zeigte sich ein erfrorenes blödes Lächeln. »Immerhin eine beträchtliche Summe, die er an die Leute auszahlte,« bemerkte er halb erstickt; »gab er mehr, so reizte er ihre Raublust, und es war um ihn geschehen.« »Ich pflichte Ihnen bei,« fuhr die Gräfin kalt fort. »Von seinem Standpunkte aus handelte Mac Lear verständig, wie er sich überhaupt in der Beurteilung anderer durch Scharfsinn auszeichnete und auch das Ende seines Schiffes meisterlich vorausberechnete. Als Ziel seiner Fahrt wählte er die südlich von Rio de Janeiro gelegene Paranagua-Bucht mit ihren dürftig bevölkerten Gestaden. Vor dieser kreuzte er unentschlossen mehrere Tage, bis ein hereinbrechender schwerer Gewittersturm eine endgültige Entscheidung herbeiführte. Den Sturm durchwetterte die Emilia gut genug; sie hatte ihn außerdem dazu benutzt, so weit westlich zu treiben, bis sie Land in Sicht erhielt. Darüber war die Nacht hereingebrochen, und als es wieder tagte, da konnte man sie sehen, wie sie als hilfloses Wrack der Strömung der westlich drängenden Wogen folgte. Ihre Masten waren im Laufe der Nacht der Reihe nach gekappt und samt der ganzen Takelage über Bord gesendet worden. Nur der Klüverbaum stand noch und der untere Teil des Fockmastes, zwischen denen das zerrissene Klüversegel sich zur Stetighaltung des Schiffes ausspannte. Zugleich war der Rumpf angebohrt worden, jedoch hoch genug, um das Leck verstopfen zu können, nachdem das Schiff sich bis zu einer gewissen Grenze gefüllt haben würde. Aus der Ferne mußte es infolgedessen als ein sinkendes Fahrzeug erkannt werden. In dieser Verfassung trieb es dem Lande näher; zu derselben Zeit ging aber auch die See herunter, so daß die beiden Boote mit aller Bequemlichkeit ins Wasser hinuntergelassen und mit dem wertvollsten Teil der ohnehin kostbaren ostindischen Fracht belastet werden konnten. Doch erst des Nachmittags, als auf die Notsignale mehrere kleine Fahrzeuge sich von dem Festlande trennten und den Kurs auf das Wrack hielten, wurden die Boote bemannt, freilich nicht, bevor man das Leck wieder geöffnet hatte. »Dies alles vollzog sich mit der größten Ruhe und Ordnung. Begriff doch jeder einzelne, daß Mac Lear nach einem bestimmten Plan handelte, darauf berechnet, nicht dem leisesten Schimmer eines bösen Verdachtes Vorschub zu leisten. Seine Ratschläge befolgte man um so bereitwilliger, als er die Genossen nicht nur über das fernerhin zu beobachtende Verhalten unterrichtete, sondern ihnen auch bedachtsam ein glaubhaftes Märchen über den Verlust des Schiffes einprägte. Den darauf hin gleichlautenden Aussagen gemäß sollte während des Sturmes ein Leck gesprungen sein, infolgedessen die Emilia sich schnell füllte, so daß, um sie zu erleichtern, die Masten gekappt und ein Teil der Fracht über Bord geworfen werden mußten. Daß der Kapitän, ein Reisender, der Schiffskoch und ein Matrose beim Niederbrechen der Takelage verunglückten, klang zu natürlich, als daß Zweifel an der Wahrheit hätten Raum gewinnen können. »So vorbereitet verließen die Meuterer, zwölf an der Zahl, das in die Fluten hinabtauchende Schiff. Dem Lande sich zukehrend, ruderten sie aus Leibeskräften und hatten den dritten Teil der Entfernung bereits zurückgelegt, als sie mit den zur etwaigen Bergung von Gütern herbeieilenden Fahrzeugen zusammentrafen. Fast gleichzeitig schlossen sich die Fluten über der Emilia. Bei diesem Anblick mögen einzelne der Bande wohl aufgeatmet haben: der letzte stumme Zeuge ihres Verbrechens war ja vom Ozean verschlungen worden; die Zungen der Lebenden dagegen, die lagen in den starren Fesseln des Selbsterhaltungstriebes. – Aber die Toten, die Toten, von ihnen erwartete schwerlich jemand, daß sie aus ihren Gräbern die Stimmen zum Himmel emporsenden, von ihm ein furchtbares Strafgericht auf die Häupter der Überlebenden herabbeschwören würden. Doch die Mühlen Gottes mahlen langsam, aber sicher. »Was mir noch zu sagen bleibt, kann ich kurz zusammenfassen. Mac Lears Berechnungen erwiesen sich als zutreffend. Ausgerüstet mit den Zeugnissen der zur Rettung bereiten Küstenbewohner, reiste er mit den Genossen und den wenigen geborgenen Waren nach Rio de Janeiro, wo er sich mit dem Konsulat in Verbindung setzte. Die Mannschaft wurde, nachdem sie verhört worden, unter den üblichen Bedingungen entlassen. Sie zerstreute sich ohne Zeitverlust. Nicht zwei blieben beisammen. Die Angelegenheiten der verlorenen Emilia zu ordnen, konnte einem Geschäftsmann, wie Mac Lear, keine große Mühe verursachen. Es wurden die ungemeine Umsicht und die uneigennützige Peinlichkeit, mit denen er alle auf den Untergang des Schiffes bezügliche Fragen abwickelte, sogar von dem Reeder in der Heimat hoch anerkannt; trotzdem war er, wie ich auskundschaftete, durch keine Versprechungen zu bewegen, dem Reeder noch länger zu dienen. Inwieweit die Mitteilungen über seine schwankende Gesundheit begründet waren, die er als Ursache des Zurückziehens von dem Seeleben vorschützte, erfuhr ich nicht, fällt auch kaum ins Gewicht. Zu meiner Kenntnis gelangte nur, daß er nach Jahresfrist in Rio oder irgendwo in der Nachbarschaft starb. Die mir zu Händen gekommenen Briefe« – sie warf mehrere von der Zeit benagte Schriftstücke vor sich auf den Tisch – »belehrten mich indessen eines anderen. Von verschiedenen Orten aus entsendet und von verschiedenen Persönlichkeiten unterzeichnet, zeigen sie doch die gleiche Handschrift; sowohl diejenigen, in denen Mac Lear selbst berichtete, wie die anderen, in denen seine traurige Lage wie sein Tod gemeldet wurden – gewiß Grund genug zum Argwohn.« Wellingham hatte einen der Briefe genommen und gelesen. Dabei lächelte er wahnwitzig. Er verneigte sich gezwungen und versetzte: »Meine gnädigste Gräfin, in allen Dingen stehe ich Ihnen zu Diensten. Verfügen Sie frei über mich und meine Kasse. Sie sprachen von zweiundzwanzigtausend Pfund,« fuhr er geheimnisvoll raunend fort, und Lowcastle schien für ihn nicht mehr auf der Welt zu sein, »was sind mir hunderttausend Pfund? Ich schenke Ihnen diese Summe – ha, der Wechsel, ich brauche ihn nur zu zerreißen,« und aufspringend, begann er in allen Taschen fieberhaft zu suchen. So verstrich ein verschwindend kurzer Zeitraum, bis Wellingham den Wechsel endlich hervorzog und mit beängstigendem Lachen in Armeslänge von sich hielt. »Soll ich ihn zerreißen oder verbrennen?« fragte er sich nachdenklich, dann verschmitzt: »Verbrennen, verbrennen. Wir müssen alle Spuren vernichten –« und während die Gräfin noch mit aller Macht den Glauben an plötzlich ausgebrochenen Irrsinn niederzukämpfen, sein Tun dagegen als eine schlau berechnete Täuschung zu deuten trachtete, flackerte der in seiner Hand befindliche, leicht zerstörbare Wertschein oberhalb der Lampe auf, daß die schwarzen Flocken nach allen Richtungen auseinander stäubten. Mit kindischer Neugierde sah Wellingham bald diesem, bald jenem sich in der Luft wiegenden Aschenrestchen nach. Ein Schauder durchlief die Gestalt der Gräfin. Doch sie war kein Charakter, der leicht einzuschüchtern war oder lange in Verlegenheit um einen Ausweg aus irgend einer Bedrängnis geblieben wäre. Höher richtete sie sich auf, und die Blicke durchdringend auf Wellingham gerichtet, rief sie laut aus: »Mac Lear! Das ist die Summe, die der Baronet mit seinem Leben bezahlte!« Wie ein Wetterschlag trafen die Worte Wellingham. Sein Körper brach in sich zusammen. »Erbarmen – Erbarmen!« stöhnte er kaum verständlich, und Widerwille prägte sich auf dem Antlitz der Gräfin aus, als sie den hochangesehenen Gebieter über ungezählte Schätze in der entwürdigenden Stellung eines überführten, feigen Verbrechers vor sich sah. Drohend leuchtete es in ihren Augen, während schneidend von ihren Lippen floß: »Hatten Sie Erbarmen, als ein hoffnungsvoller junger Mann, der einzige Sohn eines greisen Vaters, unter Ihrer Beihilfe über Bord gestoßen wurde? Hatten Sie Erbarmen, als Sie drei ehrenwerte Männer zum Tode in den Wellen oder zu grauenhaftem Dahinsiechen auf einer wüsten Felsenscholle verdammten?« »Erbarmen!« wiederholte Wellingham röchelnd, »Erbarmen nicht für mich, sondern für meine ahnungslose Stieftochter, für – meine eigenen Kinder! Ich selbst will in den Tod gehen zu jeder Minute, auf jede von Ihnen beliebte Art, ohne daß je ein Vorwurf Sie trifft – nur meine unschuldigen Kinder schonen Sie – lassen Sie sie nicht dahinwelken unter dem Bewußtsein, daß sie – – – ich kann es nicht aussprechen!« »Hatten Sie Mitleid mit der Verlobten eines Mannes, wie nie einer besser und edler auf Erden atmete?« fragte die Gräfin wiederum eisig. »Und Erbarmen fordern Sie? Mitleid? Sie, der Sie von dem Geschick für Ihre Missetat obenein verhätschelt und belohnt wurden? Der Sie Jahr auf Jahr Ihres wachsenden Reichtums sich erfreuten, sogar der Achtung Ihrer Mitmenschen, während ich zu dergleichen Zeit in endlosem Gram mich verzehrte? Sie wagen noch, an die Möglichkeit zu glauben, daß, nachdem ich endlich die Gewißheit über die Art des Todes der auf der fernen Insel Schlafenden erhielt, eine Spur von Milde in meinem gebrochenen Herzen fortlebt? Erbarmen mit Ihnen, der Sie wähnten, für Ihre Frevel ungestraft, o – geehrt und beweint dereinst aus diesem Leben scheiden zu dürfen? Nein, was der Himmel verabsäumte, ich will es sühnen, wie ich heilig gelobte; strafen und vergelten will ich nach Gebühr!« Mühsam richtete Wellingham sich auf, und keuchend stieß er hervor: »Schein, alles Schein. Ich litt mehr, als Sie oder ein anderer, mehr, als die Opfer auf dem fernen Eilande. Meine Qualen erhöhten sich in dem gleichen Grade, in dem ich mich gewöhnte, den Verlust meiner Kinder als eine Strafe des Himmels zu betrachten. Keine Stunde erlebte ich, in der ich nicht gezagt und gezittert – o, in Verzweiflung mich gewunden hätte. Was Sie eine Begünstigung des Geschicks nennen, es diente dazu, mich nur noch elender zu machen. Andere gerieten durch mich ins Verderben; was ich dagegen in der langen Reihe von Jahren erduldete, das war tausendfaches Sterben unter Höllenqualen, und um dieser Qualen willen – ich beschwöre Sie darum – schonen Sie nicht mich, sondern die Unschuldigen, deren Name mit dem meinigen so innig verflochten ist, daß meine Schmach auch die ihrige in sich tragen müßte.« »Schonung für diejenigen, die zu Ihnen gehören?« fragte die Gräfin. »Ja, ich will sie gewähren. Ihrer Stieftochter, indem ich Sie aus deren Augen schaffe, in ihr die Gefühle der Abscheu gegen Sie wachrufe und dadurch die der Zärtlichkeit wie der Trauer ersticke; ihren Kindern dagegen, indem sie nie erfahren, wer ihr Vater gewesen. Binnen jetzt und zwölf Stunden befinden Sie sich in den Händen der zuständigen Behörde. Was dann aus Ihnen wird, kümmert mich nicht weiter.« Einem Geistesabwesenden ähnlich stierte Wellingham auf die Gräfin. Beinah eine Minute dauerte es, bevor er mühsam hervorbrachte: »So betrachte ich es als eine Gnade, noch in dieser Stunde allem und allen aus dem Wege gehen zu dürfen.« »Wie oft habe ich in wilder Verzweiflung den Himmel angefleht, mich von dannen zu rufen, und immer vergeblich,« versetzte die Gräfin eisern, »und jetzt soll ich Ihnen diesen Segen gönnen? Nein, Ihr Los ist besiegelt. Ich bin nicht die einzige, die Rechenschaft von Ihnen fordert. Nicht nur meinetwegen stehe ich hier, sondern auch im Namen derjenigen, die heute noch unter dem Verlust teurer Angehörigen leiden. Noch lebt die Witwe Larsen, noch die des gemordeten Schiffskochs.« Wellingham neigte das Haupt, richtete sich aber sogleich wieder empor und antwortete in wilder Überstürzung: »Ich bin reich. Ich will ihnen so viel geben, daß sie im Überflusse leben können bis an ihr Ende.« Seine Augen glühten in unheimlichem Feuer; tödliche Spannung prägte sich in seinen Zügen aus. »Teilten Sie Ihr ganzes, auf fluchbelasteter Unterlage gewonnenes Vermögen zwischen ihnen, würde dadurch auch nur ein Tag der Trauer aus ihrem Leben gestrichen?« fragte die Gräfin mit unsäglicher Verachtung; »würde durch alle Schätze der Welt nur eine Stunde der Not der vergeblich nach ihrem verlorenen Sohne bangenden alten Larsen gelindert? Nur eine Stunde des Witwentums von der greisen Holiday genommen? Nur eine Stunde ihres Jammers beim Anblick der vermeintlichen Enkel, wenn die sich unter den Mißhandlungen eines ruchlosen Verbrechers wanden?« »Meine Kinder,« versetzte Wellingham schaudernd, »meine Kinder bleiben sie immerhin – was verbrachen sie, daß ihnen entzogen bleiben soll, was Vaterliebe im Übermaß bieten würde –« »Sie werden sie nicht wiedersehen, für die Ärmsten ein höheres Glück, als sie je von einem Mörder erwarten dürften.« Wellingham schlug beide Hände auf die Schläfen. Wie aus einem Grabe emporgesendet, klang seine Stimme, indem er dumpf ausrief: »Auf der Aurora-Insel liegen drei Unglückliche in der Erde – der beste von ihnen, wenn er jetzt hier unter uns weilte, würde er Ihr grausames Verfahren billigen? Würde nicht sein bitterer Vorwurf Sie treffen, wüßte er, daß um einen Schuldigen noch härter zu strafen, Sie nicht anständen, auch Unschuldige zu vernichten?« Wie eine erbitterte Rachegöttin trat die Gräfin ihm einen Schritt näher. Ihre Augen sprühten; Leichenfarbe bedeckte ihr Antlitz. Stahlhart klang ihre Stimme, indem sie ihm die Worte zuschleuderte: »Entweihen Sie das Andenken eines edlen Toten nicht dadurch, daß Sie sich auf ihn berufen!« Sie brach ab. Die in ihren Zügen flammende Erregung sank jäh zurück. Eine Weile herrschte lautloses Schweigen. In ihrem Sinnen störte sie eine Bewegung Lowcastles. Er hatte sich erhoben, augenscheinlich um, überwältigt durch die vor seinen Augen sich entwickelnde Szene, die Kajüte zu verlassen. »Ich pflichte Ihnen bei,« redete sie ihn anscheinend leidenschaftslos an, »für heute dürfte es genug sein.« Und zu Wellingham gewendet, der wieder blöde vor sich hinstierte: »Ich hindere Sie nicht, sich nach Hause zu verfügen. Es geschieht in der Voraussetzung, daß Sie morgen zu einer endgültigen Auseinandersetzung abermals hier erscheinen. Die Wahl der Stunde gebe ich Ihnen anheim. Nur so viel: sind Sie bei Sonnenuntergang nicht bei mir gewesen, so geht übermorgen früh ein Bericht an die Behörden nach New Orleans ab.« Wellingham hatte offenbar nur verstanden, daß der Weg offen vor ihm liege; denn scheu schlich er an der Gräfin vorbei dem Ausgange zu. Die Gräfin und Lowcastle folgten ihm. Als er aufs Deck hinaustrat, standen Ghastly und Niels wieder vor ihm. Er beachtete sie nicht. »Rudert den Herrn nach seinem Landhause hinüber,« befahl die Gräfin, »er ist plötzlich erkrankt. Für seine Sicherheit seid ihr verantwortlich.« Wellingham hörte nichts, sah nichts. Er fühlte nicht, wie er in die Jolle hinabgeleitet wurde, und nahm Platz, ohne zu bemerken, daß es nicht sein eigenes Boot sei, das ihn heimwärts tragen sollte. Als die Jolle sich von der Pandora trennte, sahen die Gräfin, Lowcastle und Simpson über den mondbeleuchteten Wasserspiegel hin dem eilfertig dahingleitenden Boote nach. Erst nach einer langen Pause bequemte die Gräfin sich zu der Bemerkung: »Ich vermute, bis morgen macht er sich hinlänglich mit seiner Lage vertraut, um angesichts eines unabwendbaren Verhängnisses sein Gaukelspiel mit dem erheuchelten Wahnwitz aufzugeben.« »Sie werden ihn nicht wiedersehen,« versetzte Lowcastle düster und noch unter dem vollen Eindruck des Erlebten. »Er kommt,« erklärte die Gräfin zuversichtlich, »Leute seines Schlages besitzen nicht den Mut zu einem Angriff auf sich selbst.« »Verzweiflung ist eine unberechenbare Triebfeder,« wendete Simpson ein. »Sie bringt nicht leicht um den Verstand, oder ich selbst wäre längst zu dem geworden, was die Menschen von mir argwöhnten,« erwiderte die Gräfin gereizt. »Sie mißdeuten die Beweggründe, die mich in meinem Verfahren leiteten,« hob Lowcastle an, doch die Gräfin unterbrach ihn: »Jetzt nichts davon. Ich dächte, es wären der Erregungen genug gewesen. Bat ich um Ihre Zeugenschaft bei meiner Zusammenkunft mit dem Ruchlosen, so geschah es, um Ihnen Gelegenheit zu geben, sich ein unverfälschtes Bild von meiner Gemütsverfassung zu entwerfen. Ist die Angelegenheit mit diesem Mac Lear erledigt, so kommt das zwischen uns Schwebende zur Sprache und zum Austrage. Einmal zusammengeführt, dürfen wir nicht voneinander scheiden, bevor sonnenhelle Klarheit herrscht.« »Ihre ungeahnten Enthüllungen verleihen Ihren zuweilen befremdenden Entschlüssen einen ganz anderen Hintergrund –« »Ich wiederhole meine Bitte, alles auf sich beruhen zu lassen, bis ich selbst die Stunde der Abrechnung für gekommen erkläre.« Sie waren unten eingetroffen. Heitere Stimmen drangen zu ihnen auf den Gang heraus. »Abermals ein anderes Bild aus meiner Pandorabüchse,« bemerkte die Gräfin mit fliegenden Lippen. »Wie verschieden ist es von dem, das eben vor uns vorüberrollte. Dort Tod, Fluch, Jammer und Elend; hier überschwengliche Jugendhoffnungen. Was sind Jugendhoffnungen? Der erste beste, feindselige Hauch verweht sie.« Sie öffnete die Tür und vor ihnen saßen in lebhaftem Gespräch Maud, Sunbeam und Peldram beieinander. Die beiden Schlangenkinder schliefen längst. Beim Eintritt der Schiffsherrin und ihrer Begleiter erhoben sich die jungen Leute. Von heimlicher Besorgnis erfüllt, suchten sie in deren Zügen zu lesen. Sie entdeckten nichts in ihnen, als den Widerschein des Wohlgefallens an der freundlichen Gruppe, die sie in ihrer Vereinigung bildeten. Mit Verwunderung vernahmen sie, daß Mitternacht längst vorüber sei. Die Zeit war ihnen wie im Fluge verstrichen. Beim Abschied sprach Peldram in aufrichtiger Weise der Gräfin seinen Dank für den ihm gewordenen Vorzug aus. Diese zuckte die Achseln. Ablehnend fügte sie hinzu: »Warten Sie das Ende ab, bevor Sie von genossenen Vorzügen sprechen.« Wie ein eisiger Hauch streiften diese Worte die jungen Gemüter. Als man voneinander schied, da geschah es unter einem peinlichen Zwange. Sandten die Herzen das trauliche »Auf Wiedersehen!« empor, so stockte es auf den Lippen, bevor es laut wurde. Eine halbe Stunde später lagen die beiden Jachten still. Nur der schwere Schritt der auf und ab wandelnden einsamen Deckwachen war vernehmbar. Ein matter Lufthauch strich durch die straff gespannten Takelagen. Wohlgefällig spiegelte der Mond sich in den regungslosen Fluten des Pontchartrain. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Gold, Gold! Der Dolch. In wilder Flucht Nachdem die Pandora hinter der Jolle zurückgeblieben war, verfolgte diese unter den regelmäßigen Ruderschlägen Ghastlys und Niels' ihren Weg auf das hell schimmernde Landhaus zu. In sich zusammengekrümmt saß Wellingham auf dem Steuerbänkchen, wo die beiden Ruderer ihn fortgesetzt im Auge behielten. Doch was sie auch nach dem warnenden Zuruf der Gräfin befürchten mochten: Wellingham rührte sich nicht. Er schien eingeschlafen zu sein. Erst auf dem letzten Viertel der Fahrt wurde er regsam. Hin und wieder nahm er den Hut vom Haupte, um, wie nach erschöpfender Arbeit, seine Stirn zu trocknen; dann ließ er die eine oder die andere über Bord reichende Hand spielend das Wasser furchen. Nur einmal sah er auf, senkte die Blicke aber sofort, als er Ghastly und Niels erkannte. Kein Laut verließ seine Lippen. Wie er, schwiegen auch die beiden Männer vor ihm. Hinlänglich vertraut mit der Geschichte ihres Fahrgastes, mochten sie, jeder auf seine Art, sich dessen Stimmung zu vergegenwärtigen suchen. Mit heimlichem Grauen beobachtete Niels seine kindisch tändelnden Bewegungen, wogegen Ghastly seine Augen in die gekrümmte Gestalt gleichsam einbohrte. Er hielt sich bereit, ihn zu packen, wenn er Miene machen sollte, sich in die Fluten des Sees hinabzustürzen. Er sah mehr in ihm als den gewissenlosen Raubmörder; ihm galt er als der böse Feind, der einst, indem er ihn gewaltsam einer Verbrecherbande einverleibte, sein ganzes Erdendasein vergiftete. Ausdruckslos stießen die Riemen gegen die Pflöcke, ausdruckslos gurgelte das sich vor dem Bug der Jolle teilende Wasser. Es plätscherte unter den weit geschwungenen Riemen wie unter Wellinghams Hand, indem er diese immer lebhafter eintauchte und kleine Tropfengarben abwärts schleuderte. Vertieft in das sinnlose Spiel, merkte er nicht, daß sie ihrem Ziel sich schnell näherten. Erstaunt sah er auf, als das Geräusch des Ruderns plötzlich verstummte, der Bootsrand einen Pfahl streifte und gleich darauf die Jolle seitlängs der kleinen Landungsbrücke zum Stillstand gelangte. Anstatt sich zu erheben, blieb er ruhig sitzen. Er schien auf etwas zu sinnen, nicht genau zu wissen, wo er sich befand. Erst auf Ghastlys Frage, ob es ihm nicht beliebe, auszusteigen, erhob er sich hastig, und mit einer Gewandtheit, die man kaum noch in ihm gesucht hätte, schwang er sich nach der Brücke hinauf. »Bin ich richtig hier?« fragte er ängstlich in die Jolle hinab. »Gewiß Herr,« antwortete Niels bestürzt. »Ich meine, ob ich mich auf dem Wege zum Landhause befinde?« »Brauchen nur da über den Weg zu gehen,« versetzte Ghastly rauh, »Sie sollten doch Ihre eigene Heimstätte kennen.« »Ich kenne sie, ich kenne sie, ich kenne sie,« flüsterte Wellingham, und gekrümmt, wie bei jedem Schritt einer drohenden Gefahr ausweichend, schlich er von der Brücke hinunter. Sprachlos vor Grauen sahen die beiden Gefährten ihm nach, wie er eilfertig über den Weg schlüpfte und im Schatten der ihn begrenzenden Büsche verschwand. »Dem setzt's Gewissen hart zu,« meinte Ghastly finster, »aber er hat's verdient, bei Gott, er hat's verdient,« und die Jolle abstoßend, beeilten sie sich, aus einer Umgebung zu entkommen, die ihnen mit Flüchen angefüllt erschien. – Wellingham hatte die Gitterpforte behutsam geöffnet und wieder hinter sich zugedrückt. Kaum aber kehrte er sich dem Landhause zu, als Cunning vor ihm stand. Woher er kam, Wellingham wußte es nicht; ihm war, als hätte die Erde ihn ausgespien. Entsetzt prallte er zurück; erst als Cunning seine Stimme erhob, erkannte er ihn, und wie Schutz bei ihm suchend, packte er seinen Arm. »In der Hölle Namen,« redete Cunning ihn erschrocken an, und in seinem Organ verriet sich der Kleinmut des ratlosen Feiglings, »hab' hier herum gewartet an die drei Stunden. Dachte mir gleich, daß es nicht mit rechten Dingen zugehe, als Sie das Boot heimschickten.« »Still, still,« raunte Wellingham ihm mit verkürztem Atem zu, »kein Wort mehr. Die Bäume haben Ohren: die erzählen es denen an Bord der Jacht. Es ist alles heraus – wie war's doch? Ich glaube, ich soll morgen wieder hinüber – aber die können lange warten,« und er lachte vor sich hin, daß Cunning das Blut in seinen Adern erstarren fühlte. »Wellingham – Mac Lear,« stieß er schaudernd hervor, »besinnen Sie sich. So redet kein vernünftiger Mann. Der Henker über die an Bord des verdammten Schoners! Die haben Ihnen den letzten Verstandesfunken ausgeblasen. Hab's geahnt; da gehen Geister um auf dem Schiff –« »Richtig, Cunning. Ein Geisterschiff, ein Totenschiff,« versetzte Wellingham wieder geheimnisvoll, »ich selber sah Tote. Da ist der Larsen, der verriet alles, und der Bill Fathom. Ihr habt's verschuldet mit eurer Dummheit. Keiner wollte auf mich hören, als ich riet, die Riemen zurückzubehalten, und lieber den Bill Fathom bei ihnen zu verstauen. Geschah's, wie ich wollte, so war die Geschichte vergessen! statt dessen« – er näherte seine Lippen Cunnings Ohr – »statt dessen wartet jetzt der Henker auf uns, wenn wir uns nicht schleunigst aus dem Staube machen.« Cunning schlotterten die Knie. Nachdem er mehrfach versucht hatte, Wellinghams sich überstürzenden Redefluß zu unterbrechen, ergriff er ihn mit beiden Händen am Rockkragen. »Mac Lear,« zischte er ihm ins Ohr, »soll ich hängen, so hängen Sie neben mir. Aber so weit ist's noch nicht. Es kommt auch nicht dahin, so lange der Weg zur Flucht offen ist, und Sie nur in 'ne Goldtonne zu greifen brauchen, um uns beide mit Reisegeld zu versehen. Hören Sie, Mac Lear? Oder ist Ihre letzte Vernunft zum Teufel?« »Mac Lear?« fragte Wellingham zurück. »Das ist lange her. Steuermann war er auf der Emilia.« Fester packte Cunning den alten Genossen. Todesangst schüttelte ihn bei dem Gedanken, daß Irrsinn ihn befallen habe, er in diesem Zustande entfliehen und das zwischen ihnen schwebende furchtbare Geheimnis ausschreien könne. Nur ein Mittel gab es noch, ihn zu beschwichtigen, versagte das aber, so war sein Los entschieden. »Mac Lear,« redete er ihn zitternd vor Angst und Wut an, »wollen Sie uns beide an den Galgen liefern, so soll's mir recht sein. Was aber Miß Jane –« Durch eine heftige Bewegung riß Wellingham sich los. Einen Schritt zurückprallend, strich er mit den Händen über die Stirn. »Cunning, was bedeutet das?« fragte er wie aus tiefen Träumen erwachend. Cunning begriff den errungenen Vorteil und nutzte ihn schleunigst mit den Worten aus: »Es bedeutet, daß Sie nur die kleinste Unvorsichtigkeit zu begehen brauchen, um Ihre Tochter Jane vor Jammer und Schmach sterben zu sehen, zu hören, wie sie Ihnen mit dem letzten Atemzug einen Fluch zuruft?« Wellingham beugte den Nacken. »Cunning, Sie sind ein Teufel,« sagte er zähneknirschend, doch dieser fuhr fort: »Kein Teufel, Mann, oder ich möchte alles seinen Gang gehen lassen. Nein, Mann, retten möchte ich Sie und mich selber. Die auf der Jacht haben's Ihnen angetan; da müssen wir das beste davon machen. Mein Rat ist: Sie helfen mir zunächst von dannen. Bin ich aus dem Wege, so kann's Ihnen nicht schwer werden, sich selber aus der Falle zu ziehen. Sie brauchen nur dafür zu sorgen, daß Miß Jane nichts von der Sache erfährt.« »Ja, Cunning, sie muß geschont werden. Kostete es mich das Leben, so muß die Wahrheit ihr verborgen bleiben,« versetzte Wellingham entschlossen, und Cunning atmete auf bei diesem Beweise des wieder geklärten Denkvermögens; »doch hier ist weder der Ort noch die Zeit, ein bestimmtes Verfahren zu vereinbaren. Während ich durchs Haus gehe, steigen Sie durchs Fenster in meine Wohnung ein. Da stört uns niemand. Erwägen Sie unterdessen alles noch einmal. Was Sie auch vorschlagen mögen – und es steht nicht im Widerspruch mit der Vernunft – das soll gewährt werden. Ich glaube beinah selber, je eher Sie von hier verschwinden, um so besser ist es. Ich wünschte, ich könnte Ihrem Beispiel folgen.« Er kehrte sich ab und quer über die Rasenplätze hinweg schritt er auf das Haus zu. In der an die Veranda stoßenden Vorhalle brannte noch Licht. Ein schwarzer Aufwärter harrte seiner daselbst. Anstatt dessen Bedienung anzunehmen, schickte er ihn zu Bett. Auf einem Umwege sich nach seinem Zimmer begebend, durchschritt er den Korridor, auf dem er die Tür zu Janes Schlafgemach öffnete. Anklopfend sprach er hinein, daß er nach einem auf der Pandora angenehm verlebten Abend im besten Befinden heimgekehrt sei. »Gott sei Dank,« hieß es unverkennbar erleichterten Herzens zurück, »ich konnte nicht einschlafen. Dein Ausbleiben beunruhigte mich zu sehr.« »Keine Ursache zum Sorgen,« versetzte Wellingham zärtlich, »gute Nacht, mein Kind.« Ein gedämpftes »Gute Nacht« drang zu ihm heraus, und ohne Säumen verfolgte er den Weg nach seinen Zimmern weiter. Die Blicke hatte er vor sich auf das unstet flackernde Licht gesenkt. Es beleuchtete sein Antlitz grell. Geisterbleich trug es den Ausdruck finsterer Entschlossenheit. Um die fest aufeinander ruhenden Lippen spielte ein höhnisches Lächeln. Als er sein Arbeitszimmer betrat, war Cunning bereits anwesend. Auf dem gewohnten Platze saß er. Vor ihm auf dem Tische brannte die Lampe. In seiner gekrümmten Haltung erinnerte er an die verwachsene Gestalt eines Unheil brütenden Gnomen. Ernste Zweifel prägten sich auf seinen häßlichen Zügen aus, ängstliche Spannung lugte aus seinen Augen. Es peinigte ihn der Argwohn, daß während der kurzen Zeit, in der Wellingham sich selbst überlassen geblieben, abermals Irrsinn Besitz von ihm ergriffen habe. Wider sein Erwarten bewegte er sich aber mit ernster Würde. Dieser Ruhe indessen nicht trauend, hoffte er, gegen die Folgen eines neuen Ausbruchs der unheimlichen Gemütsstimmung sich dadurch zu schützen, daß er ihn abermals an seine Tochter erinnerte. »Ich vermute, Miß Jane ist durch Ihre Heimkehr nicht gestört worden,« redete er ihn an, und die Wirkung seiner Worte prüfend, sah er schärfer in Wellinghams Gesicht. »Sie schläft,« hieß es kalt zurück. »Doch kümmern Sie sich nicht um das Kind. Wir sind jetzt ungestört und werden es auch bleiben.« »Nur 'ne halbe Stunde guten Willens von beiden Seiten, und die Angelegenheit ist erledigt,« versetzte Cunning. »Ich vermute, Sie fanden an Bord dieser vom Satan herbeigelotsten Jacht – –« »Lassen wir die Gesellschaft auf der Jacht. Beraten wir lieber, auf welche Art Sie, ohne Verdacht zu erregen, von hier fortkommen.« »Was gibt's da viel zu beraten?« fragte Cunning, »Sie zahlen mir eine ordentliche Summe, und wenn ich da draußen auf dem Gesimse meinen Kopf aus dem Fenster zurückziehe, haben Sie mich zum letztenmal gesehen.« »Wie viel gebrauchen Sie?« fragte Wellingham eintönig. »Bei Gott, Mann, so viel, wie Sie im Hause haben. Sind's nicht fünfzigtausend Dollars, tu' ich's auch billiger.« »Und Sie gehen und kümmern sich den Henker darum, was aus mir wird.« »Jeder hilft sich selber, so gut er kann.« »Richtig. Auch ich helfe mir auf meine Art,« erklärte Wellingham, und ein böses Lächeln zuckte um seine Lippen, »dabei kommt keiner zu kurz; nachher mögen sie uns nachpfeifen.« »Hoffentlich schaffen Sie's, daß Miß Jane nicht darunter leidet, nie das Geheimnis über den Mac Lear erfährt,« wendete Cunning ein. »Mac Lear ist längst gestorben. Trägt aber jemand dem Mädchen Arges über seinen Stiefvater zu, so glaubt es kein Wort davon,« erwiderte Wellingham. Er tupfte sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn und bemerkte nachdenklich: »Da reden wir und vergessen die Hauptsache, ich meine das Geld.« Er erhob sich und schritt nach dem Schreibtisch hinüber, ein doppelt verschlossenes Fach öffnend. Mißtrauisch blickte Cunning ihm nach. Nicht die kleinste Bewegung ließ er außer acht. Er wußte, daß der Revolver im Bereich seiner Hand lag, entdeckte sogar, daß er ihn aufnahm, jedoch nur, um ihn zur Seite zu legen; dann klirrten in dem hervorgezogenen Schubfach Goldmünzen, zwischen denen er mit einem Ausdruck des Behagens wühlte. Cunnings Atem stockte. Er mochte der Stunde fluchen, die ihn mit dem früheren Genossen zusammengeführt hatte. Flüchtig maß er mit den Augen die Entfernung bis zu dem Vorhang hinüber, hinter dem das offene Fenster lag, und schnell kehrte er seine ungeteilte Aufmerksamkeit Wellingham wieder zu. Dieser wühlte noch immer in dem Gelde, hob zuweilen eine Handvoll Münzen empor, um sie spielend in den Behälter zurückrieseln zu lassen. Der Klang des Metalls schien ihn zu ergötzen, zu berauschen, die ganze übrige Welt aus seinem Gedächtnis gestrichen zu haben. Mit wachsendem Grauen beobachtete Cunning das unheimliche Spiel. Der alternde Mann mit dem gebleichten Haar glich einem noch unklar folgernden Kinde, so neugierig ruhten seine Blicke auf dem immer wieder erzeugten Goldregen. »Was zählen Sie lange?« fragte Cunning endlich. »Tausend Dollar tun's, sogar fünfhundert. Es braucht überhaupt nur so viel zu sein, daß ich ein gut Stück Wegs hinter mich legen kann.« Wellingham kehrte sich ihm erstaunt zu. »Tausend Dollars und fünfhundert machen fünfzehnhundert,« rechnete er wie beim Abschließen eines belangreichen Geschäftes, nur daß die Pupillen der stumpf blickenden Augen sich einander merkwürdig näherten, »damit würden Sie nicht weit kommen. Nein, Mann, Sie müssen viel Geld bei sich führen, so viel, daß Sie in der Lage sind, im Falle der Not ein eigenes Dampfboot mieten zu können,« und das Schubfach ganz herausziehend, trug er es nach dem Tisch hinüber. Dort begann er, vor Cunning lange Goldreihen hinzuzählen, jedoch vielfach die Zahlen verwechselnd, um jedesmal wieder von vorn anzufangen. Cunning erbebte bis ins Mark hinein. Wie selber der Vernunft beraubt saß er da. Jeden einzelnen Fehler entdeckte er sofort, und doch wagte er nicht, seine Stimme berichtigend zu erheben. Er wußte zwar Wellingham unbewaffnet, dagegen fürchtete er, durch den leisesten Widerspruch einen Paroxismus heraufzubeschwören, durch den alle Hausgenossen zusammengerufen werden mußten. Er ließ ihn daher gewähren. Erst nachdem der Goldvorrat erschöpft war, Wellingham aber nach einem Paket Wertscheine griff, ermannte er sich zu der Bemerkung, daß er so viel Geld überhaupt nicht gebrauche. Wellingham sah ihn durchdringend an und erwiderte spöttisch: »Da müßten Sie innerhalb vierundzwanzig Stunden Ihre Anschauungen vollständig umgewandelt haben, denn die lauteten bisher: je mehr, um so besser. Nein, Mann, ich bin kein Bettler, der um einige tausend Dollars feilscht,« und unter den sich hastig regenden Fingern bedeckte der Tisch sich schnell mit kleineren und größeren Banknoten. Cunning zog seine Füße an sich und packte, um jederzeit aufspringen und sich flüchten zu können, mit beiden Fäusten die Seitenlehnen des ihn tragenden Sessels. Zugleich suchte er die Augen des Genossen. Jetzt schielte er nicht mehr, dafür aber zitterten seine Nasenflügel wie bei einem seine Wut nur noch mit Ungeduld zügelnden Raubtier. »Mr. Wellingham,« hob er endlich in seiner Ratlosigkeit zaghaft an, »wenn das so weiter geht, wird's Tag, bevor wir fertig geworden, und das nächste ist, daß Miß Jane durch die Tür hereinlugt.« »Jane?« fragte Wellingham flüsternd, und gleichzeitig verzerrte sein Antlitz sich grauenhaft, »richtig. Mann, die darf uns nicht mehr hier finden. Fort daher mit Ihnen,« und die linke Hand auf Cunnings Schulter stützend, schob er mit der rechten in fieberhafter Eile das Geld in einen Haufen zusammen. »In die Taschen, in die Taschen damit,« riet er dringlich, und den Papierschneider ergreifend, scharrte er mit diesem die noch zerstreuten Münzen vor den vollständig Kopflosen hin, »in die Taschen damit und dann fort, als hätte ein Sturmwind dich vom Deck gefegt.« Pünktlich leistete Cunning dem Befehl Folge. Den drohenden Ausbruch wilder Tobsucht hoffte er durch Willfährigkeit zu beschwören. Wie Wellingham das Geld ihm zuschob, barg er es bald in dieser, bald in jener Tasche. Zugleich wand er sich unter dem schmerzhaften Griff, mit dem die Finger sich in seine Schulter eingekrallt hatten. Es war eben die rätselhafte Kraft des Wahnwitzes, die plötzlich den anscheinend hinfälligen Körper durchströmte. Aber auch der Scharfsinn des Irrwahns machte sich geltend, indem die unstet rollenden und schielenden Augen die Hände Cunnings überwachten und den günstigen Zeitpunkt zu dem beabsichtigten Angriff zu erspähen suchten. Denn kaum gewahrte er, daß jener mit beiden Fäusten zugleich den Inhalt der Taschen zusammenpreßte, als sein rechter Arm mit dem Papierschneider sich blitzschnell hob und senkte und dessen funkelnde Klinge sich mit unwiderstehlicher Kraft und Sicherheit bis ans Heft in Cunnings Brust vergrub. Ein dumpfer Ton entrang sich des Getroffenen Lippen. Wie von Federkraft geschnellt, sprang er empor. Seine Augen vergrößerten sich, allein sie hatten die Sehkraft bereits verloren, denn mit keiner Wimper zuckte er, als Wellingham, ein gräßlich triumphierendes Lachen ausstoßend, die Waffe zurückriß und sie zum zweiten Male in seine Brust stieß. Cunning griff mit beiden Händen einige Male vor sich ins Leere, dann brach er neben dem Stuhl zusammen. Wellingham dagegen anstatt durch den Anblick des Gemordeten und des über den Teppich hinströmenden Blutes zur Besinnung zurückgerufen zu werden, war nunmehr gänzlich den finsteren Mächten des Wahnsinns verfallen. Was ihn zu der grausigen Handlung bewogen, die Lage, in der er sich befand, sogar diejenigen, an die er sich bisher durch unverfälschte Zuneigung unauflöslich gekettet fühlte: Alles, alles hatte er vergessen. Vom Menschen war an ihm nichts mehr geblieben, als die Gestalt, und auch die schien in nähere Verwandtschaft mit dem Tierreich zu treten, indem ihre Bewegungen durch die stumpfen Regungen des Irrsinns bedingt wurden. Neugierig betrachtete er sein Werk. Es war, als hätte er nur darauf gewartet, daß der Tote sich noch einmal rege, um ihm mit einem neuen Angriff zu begegnen. Allmählich trat das Gepräge einer wunderlichen Verschmitztheit auf seine Züge, bis innere Befriedigung sich in einem gedämpften, deshalb aber nicht minder schrecklichen Lachen Bahn brach. Plötzlich horchte er hoch auf. Den Atem anhaltend, stierte er um sich. Sein Antlitz war vollständig blutleer. Die jäh zum Ausbruch gelangte Tobsucht hatte mit der Verheerung in seinem Äußeren begonnen, und zwar um so nachdrücklicher, weil der Boden dazu seit Jahren durch nie schlummernde Gewissensbisse geebnet worden. Wer ihn am Tage zuvor sah, hätte ihn kaum wiedererkannt. Die vornehme Würde des reichen, hochangesehenen Handelsherrn war zu der rohen Empfindungslosigkeit einer gereizten tückischen Bestie herabgesunken. Nach allen Seiten lauschend, erhielt sein Antlitz trotz der geistlosen Augen den Ausdruck eines Fuchses. So schlich er nach dem offenen Fenster hinüber, wo er hinter dem Vorhang verschwand. Behutsam und mit einer Gewandtheit, die ihm seit langen Jahren fremd gewesen, stieg er auf das Gesimse hinaus. Dort niederkniend, packte er dessen äußersten Rand; seine Füße glitten niederwärts, und gleich darauf stand er im Garten. Halb springend, halb fallend hatte er das Gleichgewicht kaum zurückgewonnen, da stürmte er auch schon davon, so schnell seine Füße ihn zu tragen vermochten. Anstatt die Wege einzuhalten oder der am See hinlaufenden Landstraße zuzueilen, suchte er den Schatten der Haine und Strauchanlagen. Das ruhige Antlitz des Mondes schien ihm Schrecken einzuflößen, so eifrig trachtete er, dessen Schein zu meiden. Keuchend erreichte er die Grenze des Parks beinahe an der gleichen Stelle, wo der Neger einst mit den geraubten Kindern die Einfriedigung überstiegen hatte. Dort blieb er stehen, wie über die nunmehr einzuschlagende Richtung mit sich zu Rate gehend. Ob er sich noch auf dem eigenen Grund und Boden befand, er wußte es nicht. Der letzte Verstandesfunke, der kurz zuvor noch die zum Todesstoß erhobene Waffe lenkte, war erloschen. Mitleidiger als die Gräfin, hatte die Vorsehung sein Erinnerungsvermögen abgetötet. Was er im Leben verbrach, er hatte es furchtbar gebüßt. Was jetzt folgte, war nicht mehr, als das sinnlose Fortstürzen eines vernunftlosen Tieres, das sich auf allen Seiten von Verfolgern umringt wähnt. Da tönte das Quaken eines Laubfrosches aus dem Gezweig des nächsten Baumes zu ihm nieder. Jäher Schrecken packte ihn. Er glaubte eine menschliche Stimme vernommen zu haben. Von Entsetzen geschüttelt erstieg er die Einfriedigung. Des hindernden Gesträuches nicht achtend, ließ er sich auf der anderen Seite des Zauns zur Erde fallen, doch sofort sich wieder erhebend flüchtete er in das Gehölz hinein, bis der stockende Atem ihn zum Halten zwang. Mit Gewalt sein Keuchen mäßigend, horchte er wieder. Die quakende Stimme erreichte ihn nicht mehr. Aber eine andere war erwacht, indem eine Grille in ihrer eigentümlich harten Weise von oben herab zu ihm niederzirpte. Schaudernd preßte Wellingham die Hände auf seine Ohren, und wiederum stürzte er davon. Sein Entsetzen wurde dadurch erhöht, daß hier und da, je nachdem er sich ungestüm durch dorniges Gestrüpp drängte, unsichtbare Hände nach ihm griffen, sein Zeug packten und es ihm fetzenweise vom Körper rissen. Doch seine Sehnen schienen plötzlich die Zähigkeit des Stahls angenommen zu haben, seine Lunge die Dehnbarkeit derjenigen eines gehetzten Hirsches. Wohin er seinen Lauf nahm, wußte er nicht, es kümmerte ihn auch nicht; nur Schatten, Schatten suchte er mit allen Kräften, um nicht das höhnisch-grinsende Antlitz des Mondes auf sich gerichtet zu sehen. Erst als ein wassergefüllter Graben ihm den Weg versperrte, gelangte er wieder zum Stillstand. Ein dichter Strauch befand sich in seiner Nähe; in den verkroch er sich, die zurückgebogenen Zweige bedachtsam hinter sich als Schutzwehr ordnend. Wenige Minuten verharrte er in dem düsteren Versteck; dann ertönten wieder zarte Stimmchen in seiner Nachbarschaft. So fein klangen sie und träumerisch kosend, und doch erzeugte jeder einzelne sprühende Funken in seinem Gehirn. Nur kurze Zeit ertrug er diese Marter; dann glitt er unter dem Strauch hervor in den morastigen Kanal hinein und auf der anderen Seite wieder heraus. Und weiter floh er keuchend und ächzend vor den schrecklichen Phantomen des Wahnwitzes, die mit der Wut schlangenumkränzter Furien in seinen Spuren folgten. * In süßen Träumen lag Jane. Süße Traumbilder umgaukelten die beiden Geschwister an Bord der Pandora. In Wellinghams Arbeitszimmer brannte die Lampe trüber. Melancholisch beleuchtete sie ein Bild des Todes in seiner grauenhaftesten Gestalt. – Achtundzwanzigstes Kapitel. Um das Geheimnis. Wo ist Wellingham? Jane und die Gräfin Ob holde Träume den Schlaf des einen versüßten, finstere Bilder den des anderen störten: für alle lichtete der Tag sich in der gleichen lieblichen Weise, stieg die Sonne im gleichen Strahlenglanze an dem geröteten östlichen Himmel empor. Mit goldigen Lichtern schmückte sie Baum und Strauch, flüssigem Golde ähnlich schweifte es über den stillen See hin und zitterte es in der Takelage der beiden Jachten. Und wie der Morgen, so der Tag. Wenn aber den Eremit eine ernste Ruhe charakterisierte, so einten auf dem Deck der Pandora freundliche Gestalten sich immer wieder zu neuen, das Auge fesselnden, lebhaften Gruppen. Was den Zügen der Gräfin noch erhöhten, fast feierlichen Ernst verlieh: die jungen Gemüter ahnten es nicht. So waren die ersten Nachmittagsstunden verstrichen und immer häufiger spähte die Gräfin nach dem Landhause hinüber, bis sie endlich entdeckte, daß Wellinghams Boot sich von der kleinen Landungsbrücke trennte. Wer in ihm saß, vermochte sie selbst durch das Fernrohr nicht zu erkennen. Es hinderten sie die Ruderer, deren vier die Aussicht auf den Hinterteil des Fahrzeugs. Sie konnte indessen nur einen erwarten, und so beauftragte sie Simpson, sich nach dem Eremit hinüberrudern zu lassen und Lowcastle einzuladen, baldigst herüberzukommen. »Nachdem er so viel erfahren hat, halte ich es für meine Pflicht, auch das Endergebnis seiner Beurteilung zu unterwerfen,« bemerkte sie, als Simpson sich von ihr verabschiedete. »Es dient zu seiner weiteren Belehrung, zu meiner eigenen Beruhigung. Bevor die Jachten sich voneinander trennen, müssen wir wissen, wie wir zueinander stehen.« Ein kurzes Gespräch führte sie mit Maud, die ängstlich zu ihr aufsah. Nachdem sie diese angewiesen hatte, beim Eintreffen Wellinghams sich mit den Geschwistern und Sunbeam in die unteren Räume hinab zu begaben, stieg sie nach ihrem Lieblingsaufenthalt, der Kajütbedachung, hinauf. Dort ließ sie sich so nieder, daß das herbeitreibende Boot in ihrem Gesichtskreise blieb. Nach den Erlebnissen des vorigen Abends hatte tiefe Unruhe sich ihrer bemächtigt. Sie steigerte sich, als sie allmählich inne wurde, daß an Stelle der erwarteten einen Person deren zwei in dem Boot saßen. Sobald sie aber statt Wellinghams Bruce und Jane erkannte, beschlich sie eine Ahnung kommenden Unheils, und ihrer äußersten Kraft bedurfte es, wenigstens äußerlich einen gewissen kalten Gleichmut zur Schau zu tragen. Kurz bevor das Boot neben der Treppe anlegte, erschien Lowcastle. Ungesäumt begleitete sie ihn in die Kajüte. Es war ihr offenbar willkommen, einen Grund zu haben, der Begrüßung mit den jungen Leuten im Freien auszuweichen. »Ich fürchte fast, derjenige, dessen Besuch ich zuversichtlich erwartete, bleibt fern,« bemerkte sie, indem sie sich niederließ und Lowcastle durch eine Handbewegung einlud, ihrem Beispiel zu folgen. »Ich fürchtete dergleichen schon gestern abend,« erwiderte dieser ernst, »die Schläge trafen ihn zu gewaltig und in zu schneller Folge. Beging er in seiner Verzweiflung eine unselige Tat, so kann es nicht überraschen.« »So hätte der Elende dem Henker vorgegriffen,« versetzte die Gräfin schneidend. Lowcastle antwortete nicht. Es widerstrebte ihm, eine Unterhaltung weiterzuspinnen, durch die die Feindseligkeit der Gräfin gewissermaßen geschürt und gefördert wurde. Und dennoch, indem er sie mit den unzweideutigen Merkmalen tiefer Erbitterung auf den farblosen Zügen so ruhig vor sich sitzen sah, indem er sich vergegenwärtigte, daß er selbst bisher zu ihren unermüdlichsten Verfolgern zählte, vermochte er keinen Stein auf sie zu werfen. Neben dem unversöhnlichen Haß, der sie beseelte, und der Grausamkeit ihres Tuns, schwebten ihm die Ursachen vor, die ihr zerknirschtes Herz mit einer ehernen Rinde umpanzerten. Die Gräfin sah vor sich nieder. Bevor sie für eine neue Bemerkung sich entschied, klopfte es. Die Tür wich nach innen und herein schritt, schwer gestützt auf Bruces Arm, Jane. Ihnen folgte Simpson, der sie auf der Falltreppe empfangen hatte. Sich erhebend, umfing die Gräfin die schwankende Gestalt des jungen Mädchens mit einem einzigen, durchdringenden Blick. Sie sah, daß sie sich nur schwerfällig, bewegte. Was vor zwei Tagen noch ihr Antlitz mit zauberischen Reizen schmückte, ihren Augen einen feuchten, schwärmerischen Glanz verlieh, solch' süßes Lächeln um die schwellenden Lippen schuf, das schien in ihr gestorben zu sein. Statt dessen hatten die Merkmale des Entsetzens und eines unsäglichen Schmerzes sich so tief in ihre weichen Züge eingegraben, als ob sie nie wieder durch einen Sonnenblick des Glücks hätten erhellt werden sollen. Was aber in Janes Antlitz sich ausprägte, das fand seinen Widerschein in Bruces ganzem Äußeren, indem er die Geliebte sanft unterstützte und nach einem matten Versuch der Begrüßung zu dem nächsten Sessel hinführte. Lowcastle hatte sich ebenfalls erhoben. Ähnlich der Gräfin verharrte er regungslos. Wie unter dem düsteren Schatten einer Tod und Verderben bergenden Wolke sah er mit fieberhafter Spannung der weiteren Entwickelung der Dinge entgegen. Teilnahme verriet sich in jeder Linie seines Gesichtes. Anders die Gräfin. Undurchdringlicher Ernst verhärtete ihre Züge. Nur in der tiefsten Tiefe der großen blauen Augen webte es geheimnisvoll, wie im Verborgenen glühende innere Befriedigung. Die Stille, die plötzlich eingetreten war, brach Jane mit vor Bewegung zitternder Stimme. »Grauenhaftes ist in dem Landhause vorgefallen,« hob sie an, die krampfhaft gefalteten Hände der Gräfin entgegenstreckend; »der Vater verschwand auf rätselhafte Art. Seit Tagesanbruch wurde vergeblich nach ihm gesucht. Da hielten wir für möglich, daß er bei Ihnen Zuflucht gesucht haben könne –« Die Sprache versagte ihr vor schmerzlicher Erregung. »Bei mir?« fragte die Gräfin klanglos. »Was sollte ihn hierher geführt haben? Nein, mein liebes Kind, seitdem er in voriger Nacht die Pandora verließ, sah oder hörte ich nichts mehr von ihm. Doch Sie sprechen in Rätseln. Wenn er verschwand, muß er notgedrungen einen Grund dazu gehabt haben.« Weinend blickte Jane zu Bruce auf. Dieser verstand die stumme Bitte und nahm alsbald das Wort: »Alle Anzeichen deuten daraus hin, daß Herr Wellingham schwer erkrankte. Längere Zeit zur Schwermut hinneigend, scheint ein furchtbares Ereignis den Ausbruch wirklichen Irrwahns hervorgerufen zu haben. Ein Verräter weilte seit Jahren unter seinem Dach. Er benutzte die Gelegenheit der jüngsten nächtlichen Abwesenheit seines Herrn dazu, in seine Wohnung einzudringen. Unwiderlegliche Beweise zeugen dafür, daß er Mittel gefunden hatte, den Schreibtisch zu öffnen und des in diesem aufbewahrten Geldvorrates sich zu bemächtigen. Er muß noch mit dem Zusammenraffen des Raubes beschäftigt gewesen sein, als der heimkehrende Hausherr ihn überraschte. Was dann folgte, ist freilich noch ein Rätsel; allein wenn die vorhandenen Merkmale nicht trügen, so entspann sich zwischen den beiden Männern ein kurzer Kampf. Er endigte damit, daß Herr Wellingham in seiner Not nach der ersten besten Waffe griff und den verwegenen Räuber niederstieß. Es unterliegt keinem Zweifel, er handelte in der Notwehr; als er aber den Verräter tot und blutüberströmt vor sich liegen sah, da mag es auf den Ärmsten, der nur Milde und treue Opferwilligkeit für seine Mitmenschen kannte, mit vernichtender Gewalt hereingebrochen sein. Was jeder andere an seiner Stelle getan hätte, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, erschien ihm unstreitig als todeswürdiges Verbrechen. Es bildete sich das Bewußtsein, eine Blutschuld auf sich geladen zu haben, bei ihm aus, unter dessen Wirkung sein ohnehin krankhaft getrübter Geist sich vollständig umnachtete. Wie die Spuren ergaben, flüchtete er sich durch das Fenster in den Park hinaus. Bis an die Einfriedigung waren die Fährten noch zu verfolgen, sogar noch eine kurze Strecke in dem dichten Gehölz auf deren anderer Seite, dann verschwanden sie ganz. Die umfassendsten Nachforschungen wurden selbstverständlich alsbald eingeleitet; allein bis zu unserem Aufbruch blieben sie ohne jeglichen Erfolg, so daß die schwärzesten Befürchtungen gerechtfertigt erscheinen müssen.« Starr wie eine Bildsäule hatte die Gräfin den flüchtigen Bericht entgegen genommen. Nur einmal zuckte es eigentümlich, wie verhaltenes höhnisches Lächeln um ihre Lippen. Es geschah, als Bruce Wellinghams ehrend gedachte; dann verhärtete ihr Antlitz sich wieder unheimlich. Kalt sah sie auf Jane nieder, die, krampfhaft schluchzend, die letzte Teilnahme für alles, was um sie her vorging, verloren zu haben schien. Lowcastle bebte angesichts des weinenden Mädchens. In jeder neuen Sekunde fürchtete er den niederschmetternden Ausspruch: »Tochter eines Meuterers und Mörders« zu hören. Doch die Gräfin war nicht geschaffen, eine Übereilung zu begehen, durch die ihre so lange erhoffte und erstrebte grausame Befriedigung Abbruch erlitten hätte. Nachdem Bruce geendigt hatte, sann sie eine Weile nach, und ihm sich wieder zukehrend, fragte sie ausdruckslos: »Und diesen durch Milde der Empfindungen sich auszeichnenden Mann, nachdem er vielleicht Hand an sich selbst legte, was ich aufrichtig beklagen würde« – und wiederum zuckte es seltsam um ihre Lippen – »suchen Sie bei mir? Was bewegt Sie dazu? Es klingt fast, als mutmaßten Sie irgend welche zwischen ihm und mir schwebende Beziehungen.« Förmlich eingeschüchtert durch den scharf hervorklingenden Vorwurf, säumte Bruce einige Sekunden. Angesichts der weinenden Geliebten bäumte sein beleidigtes Gefühl sich in ihm auf, und so antwortete er mit höflicher Entschiedenheit: »Andere Beziehungen, als die durch Geschäftsangelegenheiten bedingten, kann ich nicht voraussetzen. Suchte ich Herrn Wellingham an Bord der Pandora, so war es gerechtfertigt sowohl mit Rücksicht auf die Seelenangst der jungen Dame hier, als auch in Ansehung der Teilnahme, die der Verschwundene für Sie hegte. Die Anziehungskraft, die Sie auf ihn ausübten, war stark genug, ihn zu einem abermaligen und gewiß überflüssigen Besuch bei Ihnen zu bewegen. Hätte er sich zum drittenmal hierher begeben, zumal in seiner verhängnisvollen Gemütsverfassung, so wäre es kaum überraschend gewesen.« In den Augen der Gräfin flackerte es. »Und wenn dennoch Beziehungen zwischen uns walteten?« fragte sie scharf. »Beziehungen so außergewöhnlich, so tief in sein ganzes Dasein einschneidend, daß nur die dringendsten Gründe mich dazu bewegen könnten, den sie umwebenden Schleier des Geheimnisses zu lüften?« Bruce, die Gehässigkeit der Gräfin herausfühlend, zögerte einige Sekunden, bevor er mit fester Stimme erwiderte: »Sie sehen hier in der gebeugten jungen Dame meine Verlobte. Des weiteren muß ich darauf hinweisen, daß in der Stunde, in der wir in die Lage geraten, deren Stiefvater als einen Verstorbenen zu betrauern oder seine unheilbare geistige Erkrankung zu beklagen, ich als Chef des Hauses Wellingham an seine Stelle trete. Ich bin daher doppelt verpflichtet, schon jetzt seine Verbindlichkeiten, welcher Art sie sein mögen, zu übernehmen. In solcher Eigenschaft aber erbitte, fordere ich von Ihnen, mir jene Beziehungen zu nennen, und Sie werden mich bereit finden, sie sofort, gleichviel unter welchen Opfern, zu lösen.« »Eine kühne Sprache führen Sie an Bord meiner Jacht,« versetzte die Gräfin, den jungen Mann mit einem stolzen Blick vom Kopf bis zu den Füßen messend; dann trat spöttisches Lächeln auf ihre Züge. »Sie übersehen indessen, daß jenes Geheimnis nicht mein ausschließliches Eigentum ist. Ich rate Ihnen daher, zuvörderst Herrn Wellingham, wenn er noch unter den Lebenden weilt, was ich zuversichtlich hoffe, darum zu befragen. Verweigert er Ihnen die Auskunft darüber, so bemühen Sie sich abermals zu mir, und das, was Sie und die junge Dame zu wissen wünschen, soll Ihnen nicht vorenthalten werden. Bis dahin müssen Sie notgedrungen im Ungewissen bleiben.« »Und wenn er gestorben sein sollte?« fragte Bruce erbittert. »So erfahren Sie alles immer noch frühzeitig genug, vielleicht zu früh,« antwortete die Gräfin. »Sie gedenken, die uns folternde Unruhe in der Tat länger hinauszuziehen, uns die Mittel zu versagen, an deren Hand es vielleicht gelingt, auf seinen Gemütszustand zu schließen, wohl gar auf seine Spuren zu gelangen?« »Sie wissen nicht, was Sie fordern.« Bruce sah ratlos um sich, dann zu Jane nieder, die schwer nach Fassung rang. Er fühlte den bösen Willen der Gräfin; aber vergeblich strengte er sich an, eine Ursache dafür zu ergründen. Simpson und Lowcastle zagten. Sie vergegenwärtigten sich die erschütternden Folgen, wenn die Gräfin, einmal gereizt, den letzten, nie wieder rückgängig zu machenden, verhängnisvollen Schlag führen sollte. Ebenso begriffen sie, daß es von ihrer Seite nur eines unvorsichtigen Wortes der Begütigung bedurfte, um die Kugel ins Rollen zu bringen; dann gab es kein Aufhalten mehr. Zermalmend mußte sie über das hinwegrollen, was sie auf ihrem Wege fand, zermalmend und vernichtend reinen Jugendfrohsinn und die holdesten aller Frühlingshoffnungen. »So dürfte unser längeres Verweilen hier überflüssig geworden sein,« hob Bruce endlich wieder düster an. Er stockte. Mit einer heftigen Bewegung hatte Jane sich erhoben. Ihr liebliches Antlitz war totenbleich. Indem ihre Blicke aber denen der Gräfin begegneten, die mit eherner Ruhe auf sie hinsah, war es, als ob neue Kraft die anmutige Gestalt durchströme. Ihre Tränen versiegten in ihre zarten Wangen trat die Glut erwachender Entschlossenheit. »Was Ihrer Härte zugrunde liegt, ich ahne es nicht,« hob sie zitternd an, »wohl aber darf ich die Überzeugung aussprechen, daß mit Ihrem Besuch des Landhauses das Unglück bei uns eingezogen ist. Von jenem Zeitpunkte an verschärfte sich wenigstens meines Vaters Neigung zur Schwermut – ich kenne ihn ja so genau – und unser erster gemeinschaftlicher Besuch hier und die damit verknüpften Nebenumstände waren gewiß nicht geeignet, beruhigend auf ihn einzuwirken. Im Gegenteil, mir konnte nicht verborgen bleiben, daß sich eine bedrohliche Wandlung in ihm anbahnte. Ich erklärte mir diese, indem ich voraussetzte, daß durch das, was er hier sah und erfuhr, seine Phantasie, ohnehin erkrankt, überreizt wurde. Ihre Andeutungen lassen indessen keinen Zweifel mehr darüber zu, daß die von Ihnen erwähnten rätselhaften Beziehungen einen verderblichen Einfluß auf ihn ausübten. Und so steht zu hoffen, daß, wenn ich erst darüber unterrichtet bin, es mir vielleicht gelingt, deren Wirkung abzuschwächen, wohl gar ganz zu verwischen. Berechtigt ist daher meine Bitte an Ihr Herz, mir durch vertrauensvolle Eröffnungen zu ermöglichen, den Ärmsten dem Leben und der menschlichen Gesellschaft zurückzugeben. Und glauben Sie mir; wenn je ein Mann freundliche Rücksichten, o, Verehrung verdiente, so ist es mein Vater mit seiner Treue und unendlichen Herzensgüte.« »Meinen Sie?« fragte die Gräfin mit einem Ausdruck, der wie ein giftiger Hauch Janes Ohr traf. Diese aber gewann schnell den schwankenden Mut zurück und erwiderte eifrig: »Ich meine es nicht nur, sondern ich bin heilig davon überzeugt; meine Überzeugung aber teilen alle diejenigen, die nur jemals in Berührung mit ihm kamen.« Die Gräfin sann eine Weile nach. Ihr Antlitz umdüsterte sich seltsam. Sie mochte erwägen, ob die geeignete Zeit zur letzten verderblichen Entscheidung bereits gekommen sei, schien sich aber mit dem Gedanken nicht aussöhnen zu können, daß mit dem Abschluß der so lange geplanten grausamen Vergeltung ein dämonischer Reiz ihres Lebens verloren gehe. »So will ich Ihre Überzeugung nicht stören,« antwortete sie daher nachlässig, dadurch Janes Beängstigungen auf den Gipfel treibend. In diesem Augenblick ergriff Bruce der Geliebten Hand. In ihrer Seele tief verletzt, wollte er sich mit ihr entfernen, als Jane sich mit Heftigkeit von seinem Griff befreite und der Gräfin einen Schritt näher trat. »An jenem Abend, an dem wir hier Ihre Gastfreundschaft genossen, erhielten wir die untrüglichsten Beweise Ihrer Herzensgüte,« hob sie in ergreifendem Tone an, »ich erinnere an die beiden Geschwister, deren Sie sich einst erbarmten. Dadurch ermutigt, flehe ich jetzt zu Ihnen. Lassen Sie sich erweichen. Befreien Sie mich von dem Banne, der mir den letzten Frieden raubt. Befreien Sie mich von der Angst, die mich verzehrt. Versetzen Sie mich in die Lage, meinem Vater mit freundlichem Trost zur Seite zu stehen, die Wolken zu verscheuchen, die den sich qualvoll windenden Geist umdüstern. Vergegenwärtigen Sie sich aber auch, wenn ich jetzt für einen Toten zu Ihnen flehte –« »Er ist nicht tot, er darf nicht gestorben sein,« versetzte die Gräfin rauh einfallend. »Lassen Sie daher ab von Ihren Vorstellungen. Sie wissen nicht, um was Sie bitten, werden dagegen später meine Abneigung begreifen, Ihren Wünschen zu willfahren.« »Gräfin!« rief Jane nunmehr wieder unter hervorbrechenden Tränen aus, und sie ahnte nicht, daß sie in ihrer Angst ein Bild von ergreifender Schönheit bot, »und dennoch beschwöre ich Sie, mir offenes Vertrauen zu schenken, gleichviel, ob ich unter der Wucht eines bösen Geheimnisses – und nach Ihrem Wesen zu schließen waltet ein solches – zusammenbreche oder Trost in ihm finde. Kein Opfer ist mir zu groß, wenn ich dadurch meinem unglücklichen Vater diene, und wäre mein Leben der Preis dafür. Ja, ich beschwöre Sie,« und von ihren Empfindungen überwältigt, sank sie der Gräfin zu Füßen, die Hände flehentlich zu ihr erhebend, »ich beschwöre Sie bei der Erinnerung an alle, die Sie selbst lieben oder jemals liebten; ich beschwöre Sie bei der Erinnerung an Lebende und Tote, deren Gedächtnis Ihre selbstgewählte Einsamkeit vielleicht mit Bildern der Wehmut oder der Freude durchwebt. Weisen Sie mich nicht zurück. Beabsichtigen Sie nicht, daß die Angst mich tötet –« Sie konnte nicht weiter sprechen. Ihre Arme um die Knie der Gräfin schlingend und ihr von Tränen überströmtes Antlitz in den Falten ihres Kleides bergend, schluchzte sie heftig. Regungslos stand die Gräfin. Die Farbe des Todes hatte sich über ihr Antlitz ausgebreitet. Gewaltig arbeitete es darin. Allmählich aber erweichten sich ihre Züge. Deutlich gewahrte Lowcastle, daß ihre Augen sich umflorten und zwei schwere Tränen über ihre eingefallenen Wangen rollten. Da sie, obwohl auf sie niederschauend, unempfindlich gegen Janes Berührung zu sein schien, trat Bruce heran, um die Geliebte aufzurichten. Sobald die Gräfin es entdeckte, gab sie ihm ein streng abwehrendes Zeichen. Dann beide Hände auf des weinenden Mädchens Haupt legend, sprach sie mit eigentümlich bebender Stimme: »Stehen Sie auf, mein liebes Kind. Das ist keine Stellung für Sie, am wenigsten mir gegenüber. Stehen Sie auf. Nach den jüngsten, erschütternden Erfahrungen sind Sie nur zu sehr geneigt, überall schwarz zu sehen, oder Sie wären nicht das Opfer böser Beängstigungen geworden.« Schwerfällig erhob sich Jane. Von der Gräfin nach ihrem Stuhl zurückgeleitet, ließ sie sich erschöpft darauf nieder. Mehr noch als die Worte selbst, hatte der Ton sie beruhigt, in dem sie gesprochen wurden. Ähnlichen Eindrücken waren die drei Herren unterworfen. Seine Bewegung verbergend, atmete Simpson erleichtert auf. In wachsender Achtung und verheimlichter Beschämung sah Lowcastle auf die so lange und mit so viel Eifer Verfolgte hin. Bruce hatte nur Blicke für die Geliebte; doch scharfsinnig erwägend, daß, nachdem bei der Gräfin das Eis einmal gebrochen, jede fernere Einmischung den entfesselten Strom weiblich milder Empfindungen wieder eindämmen könne, hielt er mit den ihm auf der Zunge schwebenden zärtlichen Worten vorsichtig zurück. »Wenn Ihnen so sehr daran gelegen ist, Näheres über die zwischen Ihrem Vater und mir schwebenden Beziehungen zu erfahren,« fuhr die Gräfin zu Jane gewendet fort, »so will ich zu Ihrer Beruhigung wenigstens einräumen, daß diese von einer Sie freundlich berührenden Art sind –« »Ist das wahr?« fiel Jane, durch die plötzliche Wandlung in dem Wesen der Gräfin verwirrt, hastig ein. »Sie meinen, weil ich eben noch eine gewisse Härte zur Schau trug?« versetzte die Gräfin schwermütig, und wie bisher in unversöhnlichem Haß, ging sie jetzt in den Regungen inniger Teilnahme auf. Sie sah schärfer und mit unverkennbarem Wohlwollen in das liebliche Antlitz und fuhr fort: »Lassen Sie sich durch den Schein nicht beirren. Das Lachen ist mir im Laufe der Jahre fremd geworden, und darunter müssen zuweilen andere mit mir leiden. Wenn ich es jetzt bei den unvollständigen Beschwichtigungsgründen bewenden lasse, so führen Sie es darauf zurück, daß ich den Wunsch hege, ausführliche Aufschlüsse erst dann zu erteilen, nachdem ich über das Los Ihres Stiefvaters ausgiebig unterrichtet worden bin. Einen Vorwurf muß ich aber noch zurückweisen. Sie offenbarten den Verdacht, daß Ihres Stiefvaters Verkehr mit mir nachteilig auf seine Gemütsstimmung eingewirkt habe. Fand wirklich eine Geistesstörung statt, so ist sie unzweifelhaft lange vorbereitet gewesen, und das konnte mir namentlich bei seiner letzten Anwesenheit hier an Bord nicht entgehen. – Nicht nur in seinem Wesen verriet Ihr Stiefvater eine beängstigende Aufregung, sondern auch in seinen Worten und Mitteilungen, die jeder vernünftigen Folgerung entbehrten. Dinge sprach er, die, so sinnlos sie sein mochten, mich doch mit Grauen erfüllten. Sogar Anklagen erhob er gegen mich, und erkannte ich sie auch als unzweifelhafte Ausflüsse des Irrwahns, so verursachten sie doch in mir eine Erbitterung, deren Folgen Sie leider heute tragen mußten. Ich hätte Sie darüber im Dunklen erhalten können; allein in Erwägung, daß beim nächsten Zusammentreffen mit Ihrem Stiefvater ähnliche Kundgebungen von seiner Seite zu erwarten sind, möchte ich Sie in die Lage versetzen, diese aus ihren wahren Wert oder vielmehr Unwert zurückzuführen. Doch ich vermute, daß Sie sich sehnen, nach dem Landhause heimzukehren, wo vielleicht irgend welche Nachrichten Ihrer harren. Ich brauche wohl nicht darum zu bitten, daß Sie mich über alles unterrichten; denn von dem Zustande des Erkrankten ist es abhängig, wie weit ich mit meinen Enthüllungen gehen darf.« Jane erhob sich. Die Sorge um den Vater war wieder in den Vordergrund getreten. Aus ihren dunklen Augen sprachen aber noch immer bange Erwartung und heimliche Scheu. Einer Schlaftrunkenen ähnlich neigte sie sich Bruce zu, der ihr den Arm bot, um sie hinauszuführen. »Ich setze voraus, Sie selber überbringen mir die Nachricht, wenn Ungewöhnliches vorgefallen sein sollte,« redete die Gräfin letzteren an. Bevor Bruce eine Antwort zu erteilen vermochte, drang das Geräusch herein, mit dem ein Boot in ungestümer Fahrt neben der Falltreppe anlegte. Zugleich wurden Stimmen laut, die unverkennbar dringlich zueinander sprachen. Die Gräfin horchte hoch auf. Unter der Wucht böser Ahnungen lehnte Jane sich schwerer auf Bruces Arm. Simpson war hinaus geeilt. Keiner wagte ihm zu folgen. Wie ein Alp lastete es auf den Gemütern. In dumpfem Schweigen sahen alle nach der Tür hinüber, von woher sie eine Erklärung der auffälligen Störung erwarteten. Neunundzwanzigstes Kapitel. Tot. Die Güte der Rächerin. Die Geschwister Mehrere Minuten waren verstrichen, als Simpson wieder erschien und Bruce bat, hinauszukommen. Mit Widerstreben fügte Jane sich in die Notwendigkeit, zurückzubleiben. Es gehörte dazu der ernste Rat der Gräfin, die von jetzt ab, wie um dadurch ihre Gedanken in eine bestimmte Richtung zu bahnen, keinen Blick mehr von dem in erneuter Angst sich verzehrenden lieblichen Mädchen wendete. Neue Minuten verrannen, bis Bruce wieder eintrat. Sofort richtete die Aufmerksamkeit aller sich auf ihn. Welcher Art die Kunde, die er trug, war, stand auf seinen Zügen geschrieben. Schrecken und tiefes Mitgefühl sprachen aus seinen Augen, indem er sich der zusammenschauernden Geliebten zukehrte. Einen verschwindend kurzen Zeitraum saß sie wie gelähmt. Dann emporspringend, eilte sie zu Bruce, und mit dem Ausruf: »Er ist tot! Er ist tot!« warf sie sich laut weinend an seine Brust. Tiefe Stille folgte. Das Schweigen Bruces war die beredteste Antwort. Man hörte nur das Schluchzen Janes und das leise Geräusch, mit dem Simpson eintrat. Auch in seinem Äußeren verriet sich peinliche Erregung. Indem er die Augen der Gräfin suchte, neigte er das Haupt bezeichnend. Sie hatte ihn verstanden. Was sie vor einer Viertelstunde noch fürchtete, jetzt begrüßte sie es als ein Glück: Wellingham befand sich außerhalb des Bereichs jeglicher Verfolgung; damit war die letzte Fessel von ihren ferneren Entschließungen gefallen. Nur noch eine Aufgabe lag vor ihr. Hatte sie die erfüllt, dann mochte ihr verbittertes Herz zur Ruhe gehen, oder sich öffnen vor überströmendem Wohlwollen, weit öffnen, um die ihm zufließenden Beweise innigster Verehrung und Liebe in sich auszunehmen. Anscheinend des an den Geliebten sich anschmiegenden Mädchens nicht achtend, trat sie vor Lowcastle hin. Dieser, der kaum fähig gewesen, die aus ihn hereinbrechenden Eindrücke mit Verständnis zu bewältigen, hatte sich erhoben. Unheimlich wehte ihn an, was er in den Augen der Gräfin las. Es waren wieder die Blicke einer kalt verurteilenden Rächerin, die auf ihm ruhten. »Ich preise Ihre Anwesenheit als glücklichen Zufall,« sprach sie gedämpft, »Sie werden um eine Erfahrung bereichert von dannen gehen, die vielleicht dazu dient, Sie über meinen verrufenen Gemütszustand gänzlich aufzuklären. Habe ich Sie und Ihre Meinung nie gefürchtet, so bleibt es immerhin ein peinliches Bewußtsein, wenn auch nur von einem einzigen für verrückt gehalten zu werden –« »Gräfin, immer wieder dieses Zurückgreifen auf –« hob Lowcastle, der bereits auf eine versöhnlichere Stimmung gerechnet hatte, leise, jedoch dringlich an, aber unbeirrt fuhr die Gräfin fort: »Ist die Angelegenheit mit Wellingham erledigt, so halten wir beide Abrechnung miteinander.« »Es liegt kein Grund mehr zur Abrechnung vor.« »Doch, doch. Es befindet sich eine Gerichtsperson an Bord des Eremit.« »Ich landete sie auf der Reise von Stavanger nach New-York in Liverpool.« »Dann wenigstens ein Irrenarzt.« »Ich leugne es nicht.« »Gut. Die Anwesenheit eines Sachverständigen kann mir nur erwünscht sein –« Eine Bewegung Bruces veranlaßte die Gräfin, sich diesem zuzukehren. »Wellingham ist tot,« sprach er halb zu der an seinem Arme hängenden Geliebten, halb zur Gräfin gewendet, »es wurde ihm erspart, ein trauriges Scheinleben zu führen. In der Erinnerung der Seinigen wird ein freundlicheres Bild von ihm fortleben, als es nach längerem Verkehr mit ihnen unter den grausamen Bedingungen noch möglich gewesen wäre. Durch die rasende Flucht über die Maßen erhitzt und erschöpft, hatte er sich in einer Sumpfniederung unter einen Strauch geworfen. Dort ereilte ihn ein sanfter Tod. Ein Schlagfluß machte seinem Leben ein Ende.« Finster vor sich niederschauend, nagte die Gräfin auf ihren Lippen. Was in ihr vorging, ahnte niemand. Als Erschütterung und wohlwollende Teilnahme deutete man die Merkmale des in ihrem Inneren tobenden Kampfes. Und ihr Geist arbeitete mächtig, um das Widerstreben zu besiegen, mit welchem sie sich zu einer neuen Täuschung verstand. »Mag er einen gnädigen Richter im Jenseits finden,« sprach sie nach einer kurzen Pause herbe vor sich hin, und der Anwesenheit Janes sich entsinnend, fügte sie sanfter hinzu: »Welcher Sterbliche dürfte behaupten, daß er frei genug von Fehl, um der Gnade nicht zu bedürfen?« Sie richtete sich auf. Ihre Haltung war wieder die alte, selbstbewußte. Auf ihren farblosen Zügen thronte der Ausdruck eines stolzen Eigenwillens, der fremde Teilnahme und Mitleid für Erduldetes verschmäht. Ernst betrachtete sie Jane, deren tränengefüllte Augen mit ängstlicher Spannung an ihren Lippen hingen. Es war, als hätte sie sich noch unter dem Eindruck der von der Verzweifelnden ausströmenden Wärme befunden, als diese in Todesangst ihre Knie umschlang. »Ihr Stiefvater nahm das Geheimnis, soweit er die Wahrheit ahnte, mit in den Tod hinein,« fuhr sie eigentümlich sanft fort. »Dadurch wurde es mein ausschließliches Eigentum. Es hindert mich daher nichts, es nach Belieben preiszugeben. Fürchten Sie indessen nicht, daß Ihr armes Herz abermals zerknirscht wird. Sammeln Sie vielmehr Fassung für eine – freundliche Kunde. Ich schicke voraus, daß ich Ihrem Stiefvater nicht mein volles Vertrauen schenkte. Ich fürchtete seine augenscheinlich krankhafte Stimmung zu steigern. Worauf seine wachsende Schwermut sich ursprünglich begründete, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Der jähe Verlust zweier Kinder möchte auch einen Stärkeren bis zum Lebensüberdruß gebeugt haben.« Sie winkte Simpson neben sich hin. Eine Weile redete sie leise zu ihm, und nachdem er sich entfernt hatte, sprach sie weiter: »Sie erwähnten, daß seit meinem Besuch im Landhause seine Stimmung sich noch mehr getrübt habe, meinten sogar, daß Unglück meinen Spuren gefolgt sei. Diese Auffassung, abhängig vom Schein, ist verzeihlich; denn wer kennt die Fäden, die sich zuweilen zwischen Menschen spinnen, die einander zuvor nie sahen? So mag auch Ihren Stiefvater, zumal bei seiner unheimlichen Gemütsstimmung, die Ahnung beschlichen haben, daß ich dazu bestimmt sei, entscheidend in sein Leben einzugreifen. Vielleicht las er es in meinen Augen, nur daß er das, was er zu entdecken glaubte, falsch deutete. Ich gebe zu, mein Besuch mußte ihn ebenso sehr befremden, wie der Anblick der beiden hier ankernden Jachten. Er suchte unstreitig nach einer Ursache für mein allerdings ungewöhnliches Auftreten, und fand keine; und dennoch trieb der einzige Wunsch, ihn näher kennen zu lernen, mich hierher. Der Zufall hatte mich aus die Spuren seiner verlorenen Kinder geführt. Fragen Sie mich aber, weshalb ich es nicht bei der ersten Begegnung jubelnd verkündete, so kann ich nur antworten, daß ich eine Prüfung vorausgehen lassen mußte. Ich mußte mich überzeugen daß die jungen Wesen in Verhältnisse eintreten würden, wie solche meinen Anschauungen und Wünschen entsprachen. Denn wie bald ist ein kindliches Gemüt vergiftet; wie leicht schaudert es zurück, wenn es instinktartig herausfühlt, daß es auf Grund einer unverdienten wie unverschuldeten Vergangenheit Mißfallen erregt. Wo aber das Vertrauen einmal erschüttert wurde, da ist es schwierig, es wieder herzustellen.« Hier ließ die Gräfin, nach dem Deck hinaus lauschend, eine Pause eintreten. Indem ihre Blicke Bruce streiften, erkannte sie in seinen Zügen den Ausdruck verständnisvollen Erstaunens. Nach den vorausgegangenen Mitteilungen reimte er sich den wahren Sachverhalt zusammen. Jane dagegen, plötzlich von allem abgezogen, was kurz zuvor noch ihr ganzes Sinnen und Denken in eine einzige Klage verwandelte, wurde durch die unglaublich klingende Kunde zu tief berührt, um ihre geistigen Blicke in weitere Kreise schweifen zu lassen. Es überwältigte sie die Hoffnung, Geschwister zu besitzen, in einer Weise, daß es sie die äußerste Anstrengung kostete, zaghaft hervorzubringen: »Sie – leben noch?« Freundlicher noch sah die Gräfin in die großen, schüchternen Augen. Um ihre Lippen spielte Vertrauen erweckendes Lächeln; es war der Widerschein der Regungen ihres Herzens, von dem die eherne Rinde nunmehr vollständig fortgeschmolzen war. »Ich begreife,« erklärte sie, und sanft glitt ihre Hand über Janes vor Erregung glühende Wange, »das Bild zweier kleiner hilflosen Wesen, wie Sie, selbst noch ein Kind, solche einst kannten, ist bis auf den heutigen Tag unverändert in Ihrer Erinnerung haften geblieben. Ihre Phantasie vermag nicht gleichen Schritt mit den entschwundenen Jahren zu halten, nicht im ersten Ansturm deren Dauer Rechnung zu tragen.« Es klopfte. Auf den Ruf der Gräfin öffnete sich die Tür, und herein schritt Maud, an der Hand Susanna führend, gefolgt von der jungen Hindu, die den Arm zärtlich um die Schultern des Knaben gelegt hatte. Auf den Zügen der Geschwister prägten sich Furcht und kindliches sinnverwirrendes Erstaunen aus. Sie rangen nach Verständnis, konnten immer noch nicht die Bedeutung der Worte fassen, durch die Simpson sie auf das Zusammentreffen mit der Stiefschwester vorbereitet hatte. Bruce und Jane hatten sich ihnen zugekehrt. Nach einem herzlichen Blick aus die von seltenen Reizen umflossenen jugendlichen Gestalten wendete ersterer seine ungeteilte Aufmerksamkeit der Geliebten zu. Mit freundlicher Spannung überwachte er ihre Züge. Wie ein Geschenk des Himmels erschien ihm, daß gerade jetzt nach den furchtbaren Eindrücken die Totgeglaubten plötzlich vor ihr austauchten. Auf Janes Antlitz webten Zweifel. Aber es waren jene Zweifel, wie sie den Erwachenden bestürmen, wenn er, noch schlaftrunken, holde Traumbilder und die einer freundlich verheißenden Gegenwart regellos durcheinander würfelt. Zögernd kehrte sie sich der Gräfin zu. Rührung im Blick, neigte diese ermutigend das Haupt. Dann aber warf Jane unter hervorbrechenden Tränen die gefalteten Hände empor, und: »Warum durste der Vater das nicht mehr erleben!« floß es ergreifend von ihren Lippen. In der nächsten Minute lag sie auf den Knien, und die Geschwister mit beiden Armen umschlingend, zog sie die Bestürzten an sich, sie abwechselnd küssend und ihnen in die großen, verwirrt blickenden Augen schauend. »Wir find hier überflüssig geworden,« bemerkte die Gräfin, gegen ihre Rührung ankämpfend, zu Simpson und Lowcastle gewendet, »sie bedürfen der Zeit, um sich mit der Wahrheit vertraut zu machen. Es wird überhaupt ein Weilchen dauern, bevor die beiden jungen Geschöpfe sich daran gewöhnen, sich nicht mehr zu den Ausgestoßenen zu zählen.« Sie schritt der Türe zu. Ihr nach folgten Simpson und Lowcastle; diesen schlossen Maud und Sunbeam sich an. Tränen perlten in den Augen der beiden Freundinnen. Angesichts so vieler Beweise von Herzensgüte regten sich in Mauds Brust, wenn auch erst schüchtern, die süßesten Hoffnungen, Als die Gräfin, aufs Deck hinaustretend, sich Lowcastle zukehrte, begaben Maud und die junge Hindu sich nach der Kajütbedachung hinauf, wo ihnen eine freiere Aussicht auf den Eremit offen stand. »Ich muß den Verdacht, als hätte die zuletzt stattgefundene Szene ebenfalls in meiner Berechnung gelegen, entschieden zurückweisen,« hob die Gräfin an, und der ehrerbietigen Haltung Lowcastles gegenüber, zeichnete sie sich wieder durch vornehmen Ernst aus. »Verwirklichte sich mein ursprünglicher Plan, so wohnte jetzt wilde Verzweiflung da, wo zurzeit Tränen wehmütiger Freude rinnen. Es hat nicht sollen sein; ich füge mich ins Unabänderliche.« »Und Sie sind um eine hehre Befriedigung bereichert,« versetzte Lowcastle. »Wie ich nie irgend jemand Mitgefühl für Erduldetes abzugewinnen suchte, verschmähe ich auch jegliche Teilnahme für vermeintliche innere Befriedigungen,« antwortete die Gräfin stolz; »und wer bürgt dafür, daß die von Ihnen vorausgesetzte Befriedigung, wenn sie überhaupt vorhanden, eine dauernde ist? Doch das nebenbei. Mehr beschäftigt mich die Absicht, eine endgültige Auseinandersetzung mit Ihnen herbeizuführen. Da hier mich nichts mehr hält, mag ich jeden aufspringenden Wind benutzen, aufs Meer hinaus zu gelangen. Haben Sie nichts dagegen einzuwenden, so besuche ich Sie heut an Bord Ihrer Jacht. Wer weiß, ob sich später jemals wieder eine ähnliche Gelegenheit bietet.« Lowcastle erklärte seine Bereitwilligkeit in der zuvorkommendsten Weise, und die Gräfin fuhr fort: »Hier sind zu viele offene Ohren und scharfe Augen, oder ich möchte Sie ersucht haben, mich abermals zu beehren. Aus solchen Ursachen komme ich ohne Begleitung. Von Ihnen erwarte ich dagegen, daß Sie – Peldram aus meinem Gesichtskreise schaffen. Um sicher vor seiner Neugierde und den daraus entspringenden etwaigen Belästigungen zu sein, schicken Sie ihn, für die Dauer meines Verweilens bei Ihnen wenigsten? – – hierher. Raten Sie ihm zugleich, das nicht etwa als eine Vergünstigung von meiner Seite zu betrachten. Und nun auf Wiedersehen, bevor Länder und Meere sich zwischen uns drängen.« Lowcastle empfahl sich. Seine höflichen Abschiedsworte belohnte sie durch gemessenes Neigen des Hauptes. Während er nach seinem Boot hinunterstieg, trat sie neben Simpson hin, mit dem sie alsbald von der einen Seite des Schiffes nach der anderen hinüber langsam auf und ab zu wandeln begann. »Wie das böse Gewissen ihn willfährig und geschmeidig macht,« begann sie, zu dem langjährigen, erprobten Freunde gewendet. »Ich vergegenwärtige mir die peinlichen Empfindungen, die ihn in meiner Gegenwart beschleichen. Wahnwitz suchte er, und Vernunft fand er. Es sollte mich kaum wundern, wünschte er sich tausend Meilen weit fort aus meiner Nachbarschaft. Seine Beschämung wird überwogen durch die heimliche Wut, Zeit, Geld und Mühe vergeblich der Hoffnung geopfert zu haben, sich in den Grafen Marley von Marleyhouse umzuwandeln.« »Sie sollten Entschuldigungsgründe gelten lassen,« suchte Simpson bedachtsam die aufs neue erwachende feindselige Erregung zu beschwichtigen. »Entschuldigungsgründe?« hieß es spöttisch zurück. »Nun, bei Ihnen selbst lasse ich sie gelten; denn sorgten Sie zuweilen um mich und überwachten Sie mich mit Argusaugen, so geschah es aus ehrlicher Anhänglichkeit. Ihre Schuld war es nicht, wenn von dem hinterlistig ausgestreuten Argwohn ein Körnlein in Ihnen Wurzel schlug.« Sie gewahrte, daß des alten Seemannes gebräuntes Antlitz sich tiefer färbte. Während er noch um eine Erwiderung verlegen, sprang sie in freundlicherem Tone von dem Gespräch ab. »Wunderbar,« hob sie an, »der Mensch lernt sich selbst eigentlich nie ganz kennen. Alle meine Voraussetzungen und Berechnungen scheiterten. Trotzdem glaube ich, daß eine Befriedigung. wie ich sie jetzt empfinde, mir fern geblieben wäre, wußte ich, daß ein treues, edles Gemüt sich zurzeit in wilder Verzweiflung aufriebe. Der Blick, mit dem die Ärmste zu mir aufsah, erschütterte mich bis ins Mark hinein. Mir war, als hätte der Geist eines aus ferner Insel Schlummernden mich umschwebt und mir die Hand tröstlich aufs Herz gelegt.« »Und der Schuldige ist gerichtet,« fügte Simpson ernst hinzu. »Er ist gerichtet,« wiederholte die Gräfin düster, »indem ich es ausspreche, schlägt mein Herz ruhig. Wer weiß, ob es so gewesen wäre, hätte das Verderben auch Unschuldige verschlungen.« »Und die beiden Kinder? Sie beabsichtigen in der Tat, sich von ihnen zu trennen?« »Unter solchen Bedingungen, ja. Wo sie hingehen, finden sie nicht nur eine Heimat, sondern auch treue, opferwillige, Liebe. Bei der warmherzigen Stiefschwester und deren ehrenwertem Gatten sind sie besser aufgehoben, als bei mir. Wohl gewann ich die herzlichste Teilnahme für sie, und eine freundliche Genugtuung wäre mir daraus erwachsen, das, was an ihnen gesündigt wurde, die unerhörte Vernachlässigung ihrer Erziehung, allmählich auszugleichen; dagegen darf ich nicht leugnen, daß ich sie nicht ansehen konnte, ohne zugleich an ihren Vater erinnert zu werden. Nein, es ist besser so.« Die Kajütentür öffnete sich, und heraus trat Bruce. Ihm folgte Jane, die Geschwister an der Hand führend. Während jener sich zur Gräfin hinüber begab, hielt Jane sich im Hintergrunde. »Ich komme als Bittender für uns alle,« begann Bruce, und auf seinem erregten Antlitz prägte sich ängstliche Spannung aus, »überlassen Sie uns die Kinder, auf daß sie in die ihnen gebührende Stellung eintreten. Gerade jetzt in den Stunden der Trauer und des Entsetzens –« »Zu welchem anderen Zweck hätte ich die Reise hierher unternehmen können, wenn nicht, um die Ärmsten den Ihrigen zurückzugeben?« versetzte die Gräfin einfallend. »So viel dem Verlobten des süßen Mädchens da drüben. Jetzt noch ein Wort dem Geschäftsmanne. Die Wechsel über die zweiundzwanzigtausend Pfund vernichten Wellingham mit klarem Bewußtsein. Er tilgte damit eine beinahe verführte Forderung meines Hauses. Setzen Sie den leisesten Zweifel in mein Wort, so gebe ich das Geld lieber aus.« »Was Herr Wellingham bestimmte, gilt mir heilig. Seine Verpflichtungen sind die meinigen.« »Gut: so erfahren Sie denn, daß diese Summe nicht auf mich entfällt, sondern aus arme Seemannswitwen und deren Angehörige. Doch ich vermute, man erwartet Sie im Landhause. Säumen Sie daher nicht mit dem Aufbruch.« So sprechend schritt die Gräfin zu Jane hinüber. »Wollt ihr eure Schwester begleiten, um immer bei ihr zu bleiben?« fragte sie die Kinder in gütigem Tone. Diese, in der Gräfin ihre Wohltäterin erblickend, die sie einem Leben der Angst und des Elends entriß, wagten nur schüchtern durch eine Bewegung des Hauptes zu bejahen. »Dann hinunter mit euch ins Boot,« trieb die Gräfin zur Eile, »zum Abschiednehmen ist keine Zeit mehr. Eure Sachen schicke ich nach; in den nächsten Tagen kommen wir alle, auch eure Lieblinge, die beiden Panther, um euch Lebewohl zu sagen.« Sie duldete, daß die Geschwister ihre Hände küßten, worauf sie von Niels in das Boot hinabgeführt wurden. Bevor Jane ihnen folgte, wollte sie ebenfalls der Gräfin ihren Dank aussprechen, als diese abwehrend einfiel: »Wenn für die günstige Wendung einer Angelegenheit, die mich oft mit großen Sorgen erfüllte, jemand Dank gebührt, so sind Sie es, Sie ganz allein.« Sie küßte Jane auf die Stirn, reichte Bruce die Hand, und abermals zur Eile mahnend, sah sie beiden nach, wie sie in dem Boote Platz nahmen. »Auf Wiedersehen!« lautete ihr letzter Abschiedsgruß. »Auf Wiedersehen!« tönte es bewegt von unten herauf. »Auf baldiges Wiedersehen!« schallte es vom Quarterdeck, wo Maud und Sunbeam Arm in Arm beieinander standen. Eine kurze Strecke hatte das Boot sich von der Pandora entfernt, als die Gräfin von der Brüstung zurücktrat. »Auf Wiedersehen in der nächsten Zeit!« sprach sie zu Simpson, der sich in der Nähe befand. »Wo sind wir morgen?« Ein entsagendes Lächeln lagerte um die schmalen Lippen. »Ebbeströmung und Morgenbrise fallen zusammen,« antwortete Simpson, indem er die Blicke prüfend auf der Linie des Horizontes herumschweifen ließ, »draußen überm Golf weht es schärfer: bis dahin ist's nicht weit.« Auf der nach unten führenden Treppe erhob sich gedämpftes Poltern. Gleich darauf erschienen in tollen Sprüngen die beiden Geparde. Die Gräfin eng umkreisend, strichen sie schnurrend die schön gezeichnete Haut an ihr glatt. Liebkosend glitten die schmalen Hände der Herrin über die Katzenköpfe hin. Die Gräfin eng umkreisend, strichen sie schnurrend das schön gezeichnete Fell an ihr glatt. Liebkosend glitten die Hände der Herrin über die Katzenköpfe hin. »Das war eine schwere Stunde,« sprach sie träumerisch. »Ich fühle mich etwas erschöpft, möchte eine Weile allein bleiben, um mich auf den Verkehr mit Lowcastle vorzubereiten. Nach Einbruch der Dunkelheit will ich hinüber. Sorgen Sie dafür, daß ich bis dahin nicht gestört werde.« Simpson verneigte sich wortlos. Von Achtung erfüllt, sah er in das ruhige Antlitz. Eigentümliche Milde umfloß es. Gleich darauf verschwand die Gräfin im Vorraum der Kajüte. Auf dem Deck des Eremit flatterte grüßend ein weißes Tuch. Sunbeam antwortete in derselben Weise. Maud hatte sich leicht verneigt. Holdselig erglühte ihr Antlitz. Aus ihren guten Augen sprach Liebe und immer wieder Liebe. Die junge Hindu lachte mutwillig nach Kinderart. * In dem landwärts eilenden Boot wurde kaum ein Wort gesprochen. Jane saß zwischen den Geschwistern und hielt deren Hände. Ihre tränenschweren Blicke ruhten in den Augen des ihr gegenübersitzenden Geliebten. Was auch immer ihrer noch harren mochte, der Anblick des toten Stiefvaters und der unabweisbaren Merkmale eines grauenhaften Ereignisses: sie war nicht allein. Zagenden Herzens und nur verstohlen spähte sie nach dem Landhause hinüber. Es lugte nicht minder weiß und einladend zwischen dem Grün der stolzen Parkbäume hervor, als in früheren Tagen, und doch war ihr, als ob ein feindseliger Hauch es umwebe. Auf dem stillen See dagegen schwamm goldener Abendsonnenschein. Freundliche Tage verheißend, flammte der Westen im prächtigsten Rot. * Die Sonne war längst untergegangen, da saß die Gräfin noch immer in der sich verdunkelnden Kajüte. Heiße Tränen hatte sie geweint, Tränen, wie sie ihr seit vielen Jahren fremd gewesen. Sie zu hemmen, gab sie sich nicht Mühe. War es doch, als ob sie ihr Herz erleichterten, den Weg für eine sie neu belebende milde Wärme ebneten. Simpson trat ein und meldete, daß das Boot bereit liege. Schweigend erhob sie sich. Aufs Deck hinaustretend, ließ sie die Blicke an dem reichgestirnten nächtlichen Himmel hinschweifen. »Es wird mir nicht leicht, aber es muß geschehen,« sprach sie träumerisch zu Simpson, und langsam stieg sie die Falltreppe hinunter. Dreißigstes Kapitel. An Bord des Eremit. Anker auf. Ein Nachruf Weniger reich ausgestattet, als die Kajüte der Pandora, entbehrte die auf dem Eremit doch nicht eines gewissen vornehmen Glanzes. Um den mit dem teppichbelegten Fußboden fest vereinigten Tisch reihten sich eine Anzahl gepolsterter Armsessel. Die von den beiden Schwebelampen ausströmende Helligkeit wurde vermehrt durch die in die Wände eingefügten Spiegel. Wie die ruhig brennenden Flammen, vervielfältigten sie auch die Gestalten der Gräfin, Lowcastles und des Arztes, eines älteren Herrn, deren Blicke und Worte sich über den Tisch hin kreuzten. »Mit meiner Unzurechnungsfähigkeit ist es also nichts,« hatte die Gräfin nach einigen kurzen, einleitenden Bemerkungen das Gespräch eröffnet, »sollten indessen noch irgend welche Zweifel walten – Irrsinnige besitzen ja im allgemeinen eine wunderbare Verschlagenheit und Täuschungsgabe – so wird es den Doktor kaum Mühe kosten, diese zu verscheuchen.« »Wo keine Zweifel vorhanden sind, können solche auch nicht beseitigt werden,« versetzte der Doktor zuvorkommend. Die Gräfin lächelte herbe, indem sie bemerkte: »Ihre Worte können verschieden gedeutet werden; ich bin indessen nicht mißtrauisch, obwohl Ursachen dazu mir in Fülle geboten wurden. Es muß wenigstens ausfällig erscheinen, daß man plötzlich ebenso eifrig bestrebt ist, meine Vernunft ins klarste Licht zu stellen, wie nunmehr schon seit einer langen Reihe von Jahren in allen meinen Handlungen Beweismittel für einen häßlichen Argwohn zu suchen. Ich wiederhole: wäre ich mißtrauischer, so möchte ich vielleicht zu dem Glauben hinneigen, daß man, das Unzweckmäßige der bisherigen Angriffsweise gegen mich endlich begreifend, sich für ein System entschied, von dem bessere Erfolge zu erwarten.« Die in Lowcastles Antlitz aufsteigende Röte zeugte von heftiger Erregung. Er war aber hinlänglich Herr seiner selbst, um höflich zu erwidern: »Trifft die erstere Anklage bis zu einer gewissen Grenze zu – und von Ihrer Seite geschah ja nichts, jenen Argwohn abzuschwächen, weit eher das Gegenteil, – so muß ich die zweite streng zurückweisen.« »Sie hätten mit diesem Vorwurf säumen sollen, bis wirkliche Anklagen erhoben wurden,« warf die Gräfin gleichmütig ein. »Im übrigen bin ich weder Ihnen noch irgend einem anderen Menschen Rechenschaft über meine Handlungen schuldig gewesen, noch wäre ich es jetzt, hätten meine seltsamen Launen in der Tat an Wahnsinn gestreift.« »Launen, die ich nach allem, was aus Ihrem Munde zu hören ich die Ehre hatte, als vollkommen berechtigt anerkenne,« wendete Lowcastle nunmehr bedacht ein, »Sie selbst gebrauchten das Wort Laune; ich hätte sonst eine andere Bezeichnung gewählt. Von Gram geborene Handlungsweisen sind nicht von Launen abhängig.« Die Gräfin neigte das Haupt. »Spät kommt diese Erkenntnis, aber sie kommt,« versetzte sie eintönig. »Wurde mir früher Gelegenheit zu einem Einblick in Ihr Seelenleben geboten, so kam sie schon vor Jahren.« »Die Gräfin Marleyhouse hatte durchaus keine Veranlassung, Ihnen oder einem anderen einen Einblick in ihr Seelenleben zu gestatten,« hieß es zurück. »Doch ich kam nicht, um dergleichen mit Ihnen zu erörtern. Hier handelt es sich lediglich um die Beweggründe, die Sie ursprünglich zu den heillosen Verfolgungen bestimmten. Ich schlage daher zunächst vor, rückhaltlose Offenheit walten zu lassen, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen, ohne ihnen zugleich einen aufreizenden oder beleidigenden Charakter beizulegen.« Sie säumte, bis Lowcastle zugestimmt hatte, und zu dem Doktor gewendet, fuhr sie fort: »Ich erblicke in Ihnen einen vertrauten Freund des Herrn Lowcastle, nehme daher keinen Anstand, mich frei auszusprechen. Ich glaube, Ihnen nichts Neues zu erzählen, wenn ich als Quelle des Übelwollens von beiden Seiten das in meinen Besitz übergegangene Vermögen bezeichne. Es läßt sich nämlich mit ziemlicher Gewißheit voraussetzen, daß schwerlich jemand um die Käte Dale sich gekümmert hätte, so lange sie in bescheidenen Verhältnissen lebte. Mit der Gräfin Marley war es ein anderes. Gegen den gewiß oft ausgesprochenen Verdacht, die Güte meines hochherzigen Wohltäters mißbraucht und zu meinem alleinigen Vorteil freventlich ausgenutzt zu haben, verteidige ich mich nicht. Mögen andere darüber nach Belieben urteilen: spricht das eigene Gewissen mich von solcher Schuld frei, so genügt das mir. Wußte der verstorbene Graf nach dem jähen Verlust seines Sohnes keinen näheren und besseren Erben als mich, so mag es an denjenigen gelegen haben, die so wenig verstanden, sein Wohlwollen und Vertrauen zu erwerben. Später wurde mir freilich klar, daß neben der unverdienten Güte, mit der er meine Zukunft sicher zu stellen wünschte, er auch die Überzeugung hegte, daß ich nicht nur unverheiratet bleiben, sondern auch in seinem Sinne und zwar erst nach reiflichem Erwägen und Prüfen über seinen Nachlaß verfügen würde. Hätte er geahnt, daß die in seinem Testament enthaltene Klausel betreffs des klaren Geistes eine Handhabe zu Nachstellungen biete, so wäre sie nie von ihm angewendet worden. Ich habe die triftigsten Gründe, das behaupten zu dürfen.« »Sie beziehen sich immer wieder auf die Nachstellungen,« nahm Lowcastle das Wort, sobald die Gräfin eine Pause eintreten ließ, »Sie versetzen mich dadurch in die Lage, einwenden zu müssen, daß sie Ihrem rätselhaften Verfahren gegenüber nicht allein entschuldbar, sondern sogar geboten waren. Ich erlaube mir, den Fall aufzustellen, daß Gram um unersetzlich Verlorenes in der Tat Ihren Geist nachteilig beeinflußt hätte – ich folge Ihrem Rat und nenne die Dinge beim rechten Namen – welche Ergebnisse hätte das nach sich ziehen können? Wer wäre möglicherweise der Erbe des gewaltigen Vermögens, und mehr noch: der Träger des alten, berühmten Namens geworden? Das aber durfte denjenigen, denen die Überwachung der Ehre jenes Namens oblag, nicht gleichgültig bleiben.« »Sehr gut eingekleidet: aber immerhin: solche Erklärung läßt sich hören,« erwiderte die Gräfin mit einem Anfluge von Spott, »mir hingegen liegt jetzt doppelt fern, deren Gehalt auf der Goldwage prüfen zu wollen. Mag sie daher gelten, oder gehen wir vielmehr ganz darüber hinweg und kehren wir uns Verhältnissen zu, an denen nicht gedeutelt werden kann. Da erhebt sich zunächst die Frage: wem wäre das Vermögen samt Namen und Titel zugefallen, hätte der Graf das Zeitliche gesegnet, ohne ein Testament zu hinterlassen?« Lowcastle biß flüchtig auf die Unterlippe, antwortete aber schnell gefaßt: »Unter solchen Umständen wäre ich der nächste Erbe gewesen.« Wiederum lächelte die Gräfin bezeichnend, indem sie sprach: »Daraus erklärt sich freilich manches. Doch eine andere Frage, ohne Sie verletzen zu wollen: hätten Sie in mir eine Irre gefunden, was wären die Folgen gewesen?« »Offen, wie Sie fragen, antworte ich: den testamentarischen Bestimmungen einer geistig Erkrankten wird vom Gesetz keine Gültigkeit beigelegt.« »Man hätte mir zugleich den Nießbrauch des Vermögens eingeschränkt,« versetzte die Gräfin anscheinend sorglos, »mich wohl gar der Freiheit beraubt. Es gibt ja so viele Irrenhäuser,« und gewahrend, daß Lowcastle die Farbe wechselte und ihrem Blicke scheu auswich, warf sie achselzuckend ein: »Brechen wir davon ab. Sie haben die Überzeugung gewonnen, daß Ihr bisheriger Argwohn ein durchaus unbegründeter – ich rufe den Doktor hier als Zeugen auf – also kein Gesetz der Welt mich hindert, meine letztwilligen Verfügungen so zu treffen, wie ich es vor Gott und den Menschen zu verantworten vermag.« »Eine Überzeugung, die ich schon vor Jahren mit aufrichtiger Genugtuung begrüßt hätte,« versetzte Lowcastle; »was auch immer Sie bestimmen mögen: ich bin der erste, der Ihren freien Willen anerkennt. Sollten Sie indessen des Rates bedürfen, im Falle Sie mit der Gliederung der Verwandtschaft nicht vertraut –« »Überflüssig,« unterbrach ihn die Gräfin, »doppelt überflüssig, seitdem ich mein Testament bei meiner jüngsten Anwesenheit in Liverpool an sicherer Stelle niederlegte.« Sie sah in eine andere Richtung, wollte die Verwirrung nicht bemerken, die sich in Lowcastles Zügen spiegelte. Erst nach einigen Sekunden nahm sie ihre Mitteilungen wieder auf: »Vertrauen gegen Vertrauen: Sie sind ein sehr reicher Mann und, so viel ich weiß, kinderlos? auf wen fällt dereinst Ihr Vermögen samt allen wirklichen und fraglichen Anrechten? Es soll damit nicht gesagt sein, daß ich uns beiden nicht ein recht langes Leben wünsche.« »Wenn ich keine Ursache finde, vorzubeugen, auf meinen Neffen, den Kapitän Peldram,« hieß es mit sichtbarer Spannung zurück. »Ich wirkte ihm eine Verlängerung seines Urlaubs aus, um ihn genauer kennen zu lernen. Entspricht er meinen Erwartungen, so mag er seinen Abschied nehmen und sich bei mir einleben.« »So ist für ihn gesorgt,« erklärte die Gräfin wie beiläufig, »ich könnte höchstens noch den Namen eines Grafen Marley auf ihn übertragen.« »Das würde sich nur mit dem Besitz von Marleyhouse und allem, was dazu gehört, vereinigen lassen.« »So geht er leer aus. Denn alles, über das letztwillig zu verfügen ich berechtigt bin, fällt nach meinem Tode an eine unbemittelte junge Person, die ich indessen noch bei meinen Lebzeiten so stelle, wie es einer Gräfin Marley gebührt. An ihr ist es dann, sich einen Gatten zu wählen, der meinen Beifall findet, und damit einen neuen Grafen Marley erstehen zu lassen.« Betroffen und wie seinen Ohren nicht trauend, saß Lowcastle. »Sie scheinen mich nicht verstanden zu haben,« fragte die Gräfin spöttisch, »halten meine Entscheidung wohl gar für das Erzeugnis eines umnachteten Geistes? Doktor, kommen Sie Ihrem Freunde doch zu Hilfe. Verdeutlichen Sie ihm, daß nichts anderes in der Welt mich in meiner Entscheidung hätte beeinflussen können, als treue Pietät für die Anschauungen und letzten Wünsche meines gütigen Wohltäters. Es bestärkte mich in meinen Entschlüssen die Erinnerung an einen anderen edlen Toten, dessen unvergeßliches Bild ich in meinem Geiste heraufbeschwor, so oft ich vor diesem oder jenem wichtigen Scheidewege stand. Nach dem Ausdruck der mir vorschwebenden verklärten Züge regelte sich der Pulsschlag meines Herzens – ich nehme keinen Anstand, das einzuräumen, mag es immerhin aus dem Munde einer alternden verbitterten Person seltsam klingen – mein Herzschlag aber war unter solchen Bedingungen maßgebend für mich. Geriet ich auf Abwege – und ich hätte keine Sterbliche sein müssen, um tief begründetem Haß keine Anrechte an mich einzuräumen – so genügte die Mahnung an ihn, mir den richtigen Weg zu zeigen. Sie, Herr Lowcastle, waren selbst Augen- und Ohrenzeuge – doch ich schweife ab. Ursprünglich wollte ich nur darauf hinweisen, daß diejenigen, die hofften, schließlich dennoch die Hand auf die Hinterlassenschaft meines Wohltäters zu legen, gleichviel ob heut oder erst nach meinem Hinscheiden, sich täuschten. Der Entschluß, der allmählich in mir reifte, konnte und kann hinfort durch nichts erschüttert werden, ebensowenig durch Schmeicheln und die ausgesuchtesten Liebenswürdigkeiten, wie durch die scharf ausgeprägten Beweise feindseliger Gesinnungen. Ich wiederhole daher ausdrücklich, die bezeichnete junge Dame ist und bleibt die Erbin von Marleyhouse. Sollte es ihr gefallen, aus aufrichtiger reiner Herzensneigung irgend jemand – und wäre es der leichtfertige Kapitän Peldram selber – ihre Hand zu reichen und ihn dadurch zum Grafen Marley zu erheben, so kann ich nichts dagegen einwenden. Sie selbst muß am besten wissen, wo ihr Glück liegt; ich aber wäre die letzte, ihr auf dem Wege dahin mit Hemmnissen zu begegnen. Ich weiß, was es bedeutet, die freundlichsten Jugendhoffnungen vernichtet dahinsinken zu sehen, ich erfuhr es zu genau an mir selber, um einer anderen Ähnliches zu gönnen.« Unendlich sanft klangen die letzten Worte. Als wäre sie durch die mit ihnen geeinten Erinnerungen in schwermütige Träumereien versenkt worden, sah die Gräfin vor sich nieder. Auf Lowcastles Zügen webte eine gewisse Entsagung. In des Doktors Haltung prägte sich unverfälschte Achtung aus; er mochte das, was er durch eigene Anschauung wahrnahm, mit dem vergleichen, was früher offenbar entstellt zu seiner Kenntnis gelangte. »Weshalb konnte es mir nicht beschieden sein, schon früher Ihr Vertrauen zu erwerben?« brach Lowcastle nach einer längeren Pause das Schweigen. Die Gräfin richtete sich auf und zuckte die Achseln. Spöttisches Lächeln trat auf ihre Lippen. »Lassen wir das ruhen,« sprach sie kühl, »ich möchte sonst in die Lage geraten, recht bösen Erklärungen Raum zu geben, und dazu fehlt mir die Neigung. Meine Handlungsweise habe ich mir selbst vorgeschrieben. Daran kann jetzt nichts mehr geändert werden. Wollen Sie in der Förderung meiner Pläne zu seiner Zeit Hand in Hand mit mir gehen, so ist es gut. Anderenfalls werde ich auch ohne fremde Hilfe fertig.« Sie wartete, bis Lowcastle zuvorkommend seine Bereitwilligkeit erklärt hatte, und fuhr fort: »Vorläufig nehme ich Ihr Anerbieten nur insoweit in Anspruch – das gilt auch Ihnen, Doktor – als ich darauf bestehe, die eben erfolgte Offenbarung meines Willens als ein zwischen uns dreien schwebendes unverbrüchliches Geheimnis zu betrachten. Ich will die Überzeugung haben und behalten, daß nicht um irdischer Vorteile willen sich jemand in das Herz der von mir ins Auge gefaßten jungen Person einschleicht. Des weiteren erwarte ich, daß, nachdem die beiden Jachten sich voneinander getrennt haben, eine abermalige Annäherung vermieden wird. Für alle Teile ist es besser, meinen exzentrischen Launen Rechnung zu tragen.« Wünschen Sie mich wiederzusehen – ein Grund dazu wird sich schon finden – so suchen Sie mich in Marleyhouse auf. In drei bis vier Monaten gedenke ich dort zu sein, um mein Haus vollends zu bestellen.« Mit gespannter Aufmerksamkeit waren die beiden Herren den Mitteilungen der Gräfin gefolgt. Auf ihren Zügen stand geschrieben, daß in ihren Empfindungen für sie zu der wahren Hochachtung sich aufrichtige Teilnahme gesellte. »Glühende Kohlen sammelten Sie auf mein Haupt,« versetzte Lowcastle, sobald sie schwieg, »legen Sie auch keinen Wert darauf, so fühle ich mich doch zu der Erklärung gedrungen, daß, gleichviel wie Ihre Verfügungen lauten, ich diese im voraus als mit den Wünschen des verstorbenen Grafen übereinstimmend anerkenne. Nicht der leiseste Zweifel waltet in mir, darauf hin biete ich Ihnen aus vollem Herzen abermals meinen Beistand an, im Falle Sie dessen bedürftig oder vielmehr er Ihnen wünschenswert erscheinen sollte.« »Das klingt freundlich,« versetzte die Gräfin ernst, »trotzdem muß ich mich darauf berufen, wie ich bereits andeutete, daß in meinen ferneren Entschließungen allein die Sorge um die Wohlfahrt anderer mich leitet, unbekümmert darum, ob ich in meinem Tun fremder Billigung, also auch der Ihrigen begegne. Das ist meine Rache für erlittene Unbilden.« »Sie sind berechtigt zu diesem Ausspruch,« erwiderte Lowcastle betroffen, »er stammt aus einer Quelle von Erfahrungen, denen nur Wahrheit entsprießen kann. Doch eine Frage möchte ich mir erlauben, die von den lautersten Beweggründen getragen wird: Darf ich den Namen der jungen Dame wissen, die sich Ihrer so warmen mütterlichen Teilnahme erfreut?« In der Gräfin Augen webten Zweifel. Eine Weile betrachtete sie den vor ihr Sitzenden mit kalter Ruhe; dann antwortete sie eintönig: »Ich hätte geglaubt, meine Erklärungen wären durchsichtig genug gewesen, um von Ihnen verstanden zu werden. Geschah das nicht, so bedaure ich, mit weiteren Offenbarungen Sie auf spätere Zeiten vertrösten zu müssen. Meine Schuld ist es am wenigsten, wenn ich mit meinem Vertrauen eine bestimmte Grenze nicht überschreite. Verzeihen und Vergessen gehen bei mir nicht Hand in Hand.« »Zuversichtlich hoffe ich auf eine Zeit, in der kein Schatten mehr entfremdend zwischen uns schwebt,« wendete Lowcastle ein. »In diesem Bekenntnis offenbaren Sie mehr, als Sie vielleicht beabsichtigen,« entgegnete die Gräfin, »doch wir werden ja sehen.« Sie erhob sich. »Der Zweck, der mich zu Ihnen führte, ist erfüllt. Haben wir beide aus dieser Zusammenkunft gelernt, dann um so besser. Ich sehne mich nach Ruhe. Fand ich sie bisher nicht auf den Meeren, so harrt sie meiner vielleicht in ländlicher Stille auf heimatlichem Boden.« »Ich werde vor Ihnen dort sein. Haben Sie irgend welche Aufträge für mich, so würde ich es mir zur Ehre rechnen, Ihnen zu dienen,« sagte Lowcastle. »Ich danke Ihnen,« antwortete die Gräfin. »Ich bin zu wenig an die Gefälligkeiten anderer gewöhnt, um sie jetzt noch in Anspruch nehmen zu mögen.« fügte sie hinzu, indem sie der Türe zuschritt. Die beiden Herren schlossen sich ihr an. Vor der Pforte der Falltreppe kehrte die Gräfin sich ihnen noch einmal zu. Als sie die vom Mondlicht voll getroffenen Gestalten ihrer bisherigen unermüdlichen Verfolger in beinah unterwürfiger Haltung vor sich stehen sah, mochte es ihr selbst befremdlich erscheinen, daß sie diese, ohne es beabsichtigt zu haben, in so hohem Grade beherrschte. »Meine Mitteilungen waren durchaus vertrauliche,« bemerkte sie nachlässig, »zuversichtlich rechne ich daher auf Ihre Diskretion.« Die dringlichen Erklärungen der beiden Herren lehnte sie ab mit einem kalten: »Auf Wiedersehen in Marleyhouse,« und jeden Beistand verschmähend, stieg sie in die Jolle hinab. »Die hat Vieles in ihrem Leben zu erdulden und zu tragen gehabt,« wendete der Doktor sich an Lowcastle, als die Jolle eilfertig auf die Pandora zuglitt. »Sehr viel,« bestätigte dieser, »mehr, als irgend ein Mensch hätte ahnen können.« »Eine seltene Erscheinung.« »Die Rätsel sind aber gelöst. Mögen freundlichere Tage nun ihrer harren.« * Maud, Sunbeam und Peldram saßen in traulichem Geplauder auf dem Quarterdeck beisammen, als die Gräfin sich zu ihnen hinauf begab. Ihre Ankunft galt Peldram als Mahnung, aufzubrechen. Seinen höflichen Abschiedsgruß lohnte sie mit den Worten: »Auf Wiedersehen, wenn auch erst in Marleyhouse. Es ist mein Ernst,« fügte sie etwas wärmer hinzu, als die drei jugendfrischen Gestalten, wie in dem Glauben, falsch gehört zu haben, dastanden; »doch eilen Sie jetzt. Auf dem Eremit wird man Sie erwarten, auch wir sehnen uns nach Ruhe.« Und zu Maud gewendet fuhr sie fort: »Erfülle die Pflichten der Gastfreundschaft; begleite den Herrn bis zur Pforte,« und eine Erwiderung nicht abwartend, schritt sie mit Sunbeam nach dem Heck hinüber. Verwirrung bemächtigte sich Mauds. Doch die Gräfin hatte befohlen, da gab es kein Zaudern oder Zagen. Wer die Sprache schien sie plötzlich verloren zu haben, als sie an Peldrams Seite auf das vereinsamte Deck hinabstieg. Was dagegen zwischen den beiden jungen Leuten aus dem kurzen Wege bis zur Pforte laut wurde, was sie in der Pforte selbst flüchtig austauschten, das sah nur der Mond, und der war ja verschwiegen. Das Boot, das Peldram aufnahm, war kaum von der Treppe abgestoßen, da befand Maud sich bereits wieder oben bei der mütterlichen Freundin. Ihre Pulse flogen, verkürzt entwand der Atem sich ihren leicht geöffneten Lippen. Als wäre es vom Zufall abhängig gewesen, schritt die Gräfin mit den beiden Freundinnen nach der Brüstung hinüber, wo der Eremit in ihrem Gesichtskreise lag. Schweigend verfolgten sie mit den Blicken das Boot. Erst nachdem es hinter dem Eremit verschwunden war, kehrte die Gräfin sich Maud zu: »Ich vermute,« begann sie anscheinend gleichmütig, »auf Grund unserer heutigen Auseinandersetzung steht Lowcastle davon ab, mich fernerhin zu belästigen.« Nach einer längeren Pause ermannte Maud sich zu der Bemerkung: »Ich glaubte verstanden zu haben: ›Auf Wiedersehen in Marleyhouse?‹ »Sagte ich das? Nun ja, die Formen der Höflichkeit bedingen oft Worte, bei denen das Herz nicht recht mitspricht. Das ›Auf Wiedersehen‹ galt übrigens Peldram und nicht der Jacht da drüben: die wird nicht lange mehr in unserer Nachbarschaft weilen.« »Vorläufig bleiben wir noch hier?« fragte Maud mit heimlichem Zagen. »Wenigstens bis die Brise stark genug ist, um die Segel zu füllen.« Da Maud diesmal nichts zu erwidern wußte, fragte die Gräfin kurz: »Du möchtest den leichtfertigen Kapitän Peldram heiraten?« Zu ihrer Bestürzung vermochte Maud nur stotternd hervorzubringen: » Solche Gedanken blieben mir bis zur Stunde fern – gewiß – ich fand keine Ursache –« »So?« fiel die Gräfin gedehnt mit einem Anfluge von Spott ein, »das ist verständig von dir; denn kommen Hunger und Durst zusammen, steht es mit der Liebe traurig aus. Doch ernstlich, wenn die Verhältnisse sich günstiger gestalteten und diese Frage träte an dich heran, was würdest du dann antworten? Ich setze nämlich voraus, der leichtfertige Kapitän raunte dir hinlänglich süße Dinge zu. um seine ehrliche Zuneigung nicht bezweifeln zu dürfen.« Ein Weilchen schwankte Maud. Was sie dann aber hätte sagen mögen, das offenbarte sie verständlich in der Innigkeit, mit der sie ihren Arm um den Hals der Gräfin schlang und unter hervorbrechenden Tränen ihr Antlitz aus deren Schulter barg. »Wir wollen sehen, was sich tun läßt,« bemerkte die Gräfin eigentümlich sanft, als hätte sie selbst gegen Tränen der Rührung gekämpft, »doch jetzt beruhige dich. Da, Sunbeam, führe das arme Kind nach unten, tröste es auf deine Art und begebt euch zur Ruhe. Im Vorbeigehen sagt dem Kapitän, ich ließe ihn zu mir bitten.« Sie küßte Maud auf die Stirn; ernst sah sie den beiden schlanken Gestalten nach, bis sie, abwärts steigend, ihren Blicken entschwanden. Sie mochte ihres eigenen verschollenen Liebesfrühlings gedenken, daß sie so trübe über den mondbeleuchteten See hinspähte. Kapitän Simpson trat neben sie hin. »Was halten Sie vom Winde?« fragte sie, »mir. ist, als hätte der Luftzug sich bereits verstärkt.« »Binnen einer Stunde weht es hinlänglich, um Fahrt machen zu können,« erklärte Simpson. »Dann fort von hier, so bald wie möglich. Bei Sonnenaufgang möchte ich das Landhaus unseren Blicken entrückt wissen.« Während die Gräfin ihr Schlafgemach aufsuchte, brachte Simpson die ganze Schiffsbesatzung in Bewegung. Segel um Segel entfaltete sich. Vor der wachsenden Brise bauschten sich träge flatternd die Leinwandflächen, kleine wie große; die pünktlich einsetzende Ebbeströmung förderte die Fahrt. * Die Sonne war bereits eine Strecke am Himmel empor gestiegen, als die von Schrecken und Trübsal heimgesuchten Bewohner des Landhauses auf die Veranda hinaustraten. Ihr erster Blick galt den beiden Jachten. Nur der Eremit kreuzte noch in der Einfahrt zum See. Die Pandora war hinter den Inseln verschwunden. »Ich ahnte, daß wir sie nicht wiedersehen würden,« sprach Jane, sich liebevoll den beiden Geschwistern zuneigend, die schwermütig in die Ferne spähten: »ja ich ahnte es. Wohltaten zu erweisen, kostet sie keine Überwindung: für solche aber Dank zu ernten, widerstrebt ihrem Gefühl.« Ihr sorgenvolles Antlitz erhellte sich zu einem Ausdruck unsäglicher Glückseligkeit. Tränen des Jammers perlten noch in ihren Augen, während die Lippen innig lächelten. Sie war Bruces ansichtig geworden, wie er, bereits von der Stadt kommend, über die Rasenflächen hinweg sich eiligen Schrittes näherte. * Mehrere Tage waren verstrichen, seitdem die beiden Jachten Anker lichteten, da las man in einer der angesehensten Zeitungen der Stadt New Orleans: »Wir beklagen den plötzlichen Tod eines unserer geachtetsten Mitbürger, des Begründers des Hauses Wellingham. Das zahlreiche Leichengefolge zeugte für das hohe Ansehen, das er sich in allen Schichten der Bevölkerung erwarb. Zur ernsten Feier gestaltete sich die in aller Stille vollzogene eheliche Verbindung seiner Tochter mit dem Herrn Bruce, dem jetzigen Chef des Hauses Wellingham. Für beide war es ein kurzer aber schwerer Weg vom Traualtar bis zur offenen Gruft, in die der Vater und treueste Freund hinabgesenkt werden sollte. Leider war es dem Verstorbenen nicht vergönnt, seine beiden Kinder, die im zartesten Jugendalter auf rätselhafte Art verschwanden und in den jüngsten Tagen dem elterlichen Hause wieder zugeführt wurden, noch an sein Herz zu schließen.« Einunddreißigstes Kapitel. New York. In der Hütte der Witwe Larsen. Ein waches Herz Die Pandora ankerte wieder im Hafen von New York, aber abwärts auf einer anderen Stelle, als hätte die Gräfin dadurch Mahnungen an häßliche Erlebnisse ausweichen wollen. Ihr erster Weg führte zu der Witwe Holiday. Diese wohnte zwar noch auf der alten Heimstätte, dagegen hatte ihre Umgebung eine vollständige Wandlung erfahren. Ihr Sohn, den jemals wiederzusehen sie die Hoffnung bereits aufgegeben hatte, war heimgekehrt, und zwar nicht nur als gereifter, überlegender Mann und im besten Wohlbefinden, sondern auch mit einer Tasche voll blanker Dollars, die er sich während seiner beinah vierjährigen Abwesenheit mühsam ersparte. Wie verjüngend wirkte dessen Anblick auf sie ein, zumal er ihr versprach, schon allein um des gefürchteten Galbretts willen, bei ihren Lebzeiten nicht mehr von ihr zu weichen. Sein erstes Werk bestand darin, die ärmliche Wohnung gänzlich umzugestalten. Mit allen nur denkbaren Handgriffen vertraut, schaffte er als Tischler, Schlosser, Anstreicher, sogar als Koch zum größten Ergötzen der überglücklichen alten Frau. Wenn aber die Hände ruhten, dann gab's ein Erzählen, daß bald auf dieser, bald auf jener Seite des Erstaunens kein Ende war. Auf solche Weise erfuhr der junge John Holiday zum ersten Male Näheres über seine verstorbene Schwester und deren vermeintliche Kinder. Doch auch von der Gräfin hatte die alte Frau ausführlich erzählt, so daß er, als jene in Simpsons Begleitung bei ihnen eintrat, über alles unterrichtet war. Wenn aber der kräftige junge Mann mit dem offenen ehrlichen Blick auf die überraschte Gräfin einen Vertrauen erweckenden Eindruck ausübte, so erfreute sie nicht minder die Sorgfalt, mit der er der alternden Mutter das Leben nach jeder Richtung hin zu erleichtern trachtete. Die Kunde, daß die beiden Schlangenkinder nicht ihre Enkel gewesen, erfüllte sie mit sichtbarer Befriedigung. Über den Gedanken an deren Beziehungen zu dem sündhaften Spielergewerbe hätte sie sich nie hinwegsetzen können. In um so höherem Grade beglückte sie die Nachricht über die Hinterlassenschaft ihres verstorbenen Mannes, die im Laufe der Jahre zu einer beträchtlichen Höhe angewachsen sein sollte. »Ein getreuer, opferwilliger Sohn kann nur ein gewissenhafter Wirtschafter sein,« erklärte die Gräfin dem ihr als zuverlässig empfohlenen Geschäftsmanns, als sie ihm die Verwaltung der auf den jungen John Holiday entfallenden elftausend Pfund Sterling übertrug. »Lassen Sie ihn mit einem Kohlenschiff oder Holzhof beginnen,« fügte sie des weiteren hinzu, »erweist er sich als umsichtiger Haushalter, so liegt es in Ihrer Hand, sein Geschäft allmählich zu vergrößern. Ich will, daß das Vermögen ihm und seinen Nachkommen erhalten bleibe.« Die Höhe der ihnen verschriebenen Summe wie die von der Gräfin getroffenen Bestimmungen erfuhren Mutter Holiday und ihr Sohn erst, nachdem die Pandora den Hafen längst verlassen hatte. Sie fanden also keine Gelegenheit, der großmütigen Wohltäterin ihren Dank darzubringen. * In Buknfjord herrschte abendliche Stille. Es war in den Tagen, in denen hoch oben im Norden die Mitternachtssonne den einsam hausenden Lappen für die Zeiten der lange dauernden, nur von Nordlichtern erhellten Dunkelheit entschädigt. Deren Wirkung machte sich in der wunderbar farbigen Dämmerung bemerkbar, über die hinaus die nächtliche Beleuchtung sich nicht verdichtete. In dem Örtchen Utstejn brannte überall hinter den sommerlich geöffneten Fenstern noch Licht; so auch in der Hütte der alten Witwe Larsen. Hinter dem Spinnrad saß sie nach gewohnter Weise, abwechselnd den zwischen ihren regsamen Fingern sich hervorwindenden Faden, und dann wieder ihre Tochter Christine Knudson oder die anwesende Karen Sture aufmerksam betrachtend. Gelegentlich griff sie auch mit irgend einer abgebrochenen Bemerkung in das Gespräch ein, das jene führten. »Gewiß, Karen,« erklärte Christine Knudson eifrig, und sie blickte von ihrer groben Wollarbeit auf und in die seltsam ernsten Augen des jungen Mädchens, »gewiß, ich kann's nicht länger dulden, daß du allabendlich uns frische Milch zuträgst. Wenn ich sie noch bezahlte, und wir haben's ja, dank der großmütigen Gräfin, daß wir keine Unterstützung brauchen.« »Ich bring' sie gern,« versetzte Karen ruhig. »Die Mutter schickt mich selber. Sie meint, gerade weil ihr um Almosen nicht benötigt wäret, läge größere Freundlichkeit drinnen.« »Aber dein Vater, Karen, der berechnet jeden Pfennig, und auf die vielen Monate beträgt's ein ordentlich Stück Geld. Ich sagte dir mehrfach, wenn ich weiß, daß mir eine Sache nicht gegönnt ist, bereitet sie mir keine Freude.« Karen runzelte die Brauen, und finster blickten die großen blauen Augen. »Der Vater?« fragte sie achselzuckend. »Nur in der ersten Zeit war's ihm nicht recht, daß ich täglich zu euch ging. Nachdem ich aber den städtischen Herrn abgewiesen hatte, dem so viel an seinen Kronen gelegen war, daß er mich mit in den Kauf nehmen wollte, und dann den reichen Schiffer, der eigens von oben heruntergekommen war, um mich von hier fort zu heiraten, ließ er mich gewähren. Wurde er mir deshalb gram, was kümmert's mich! Und es wurmt ihn mächtig, daß ich meine Füße nicht mehr zum Tanz ansetze. Lieber bleibe ich ledig, als daß ich jemand heirate, der mir zuwider ist. Denn ohne Liebe zu freien, bringt Unglück, ich merk's an der Mutter, und redete die nie ein Wort darüber, so seh' ich ihr doch an, wie's an ihrem Herzen frißt. Auch scheint's, als ob's dem Vater nahe ging, daß sie noch schweigsamer geworden und trübseliger dareinschaut, überhaupt das Lachen in unserem Hause fremd geworden ist. Ich mein' oft, es fährt ihm manches durch den Kopf, was nicht mehr zu ändern ist, denn ich könnte euch unsere ganze Milch zutragen, ohne daß er's wehrte.« So lange Karen mit niedergeschlagenen Augen sprach, ließ Christine Knudson ihre Arbeit ruhen. Teilnahmvoll, jedoch nicht ganz frei von einem Gefühl heimlicher Schadenfreude, sah sie in das schöne Antlitz mit den trotzig emporgeworfenen Lippen und der von heftiger Erregung zeugenden Glut auf den Wangen. Bis ins Herz hinein sah sie dem Mädchen, bis in das wunderliche Herz, das sich einst darin gefiel, ihren Sohn Niels mit schönen Worten und blanken Augen nach sich zu ziehen und in dem gleichen Atem zu verspotten, jetzt aber, da der Spielball der eigenwilligen Laune fern war, für keinen Menschen mehr ein freundliches Wort hatte. »Wenn du so redest, da muß ich freilich die Gefälligkeiten über mich ergehen lassen,« erwiderte sie nach einer kurzen Pause des Sinnens, »ob's aber dem Niels recht wäre, wüßte er's, möcht' ich nicht behaupten. Der ist stolz und duldet nicht, daß wie von dem Mitleid anderer Vorteil ziehen.« Hastig richtete Karen sich auf. Die Glut ihrer Wangen hatte sich bis unter das üppige blonde Haar hinauf ausgedehnt. »Der Niels ist nicht da, daß er's sähe und seinen Ärger daraus zöge,« sprach sie leidenschaftlich, »und kommt er, für Mutter und Großmutter selber zu sorgen, so hab' ich nichts mehr zu schaffen hier. Hört er's nachträglich, soll's mich nicht kümmern. Unehrlich ist keiner dadurch geworden, wenn ich der Mutter und Schwester des Erich Larsen um meiner eigenen Mutter willen gefällig bin.« »Wie lange mag er schon fort sein?« fragte die Greisin über den wirbelnden Faden hin, sobald sie den Namen ihres verlorenen Lieblings nennen hörte. Christine Knudson und Karen kehrten sich ihr zu. Auf dem Antlitz der ersteren webte Mitleid; ängstliche Spannung offenbarte sich in den Zügen Karens. Aus vielfacher Erfahrung wußte sie, welche Wendung das Gespräch nunmehr nehmen würde, wenn nicht eben der Zufall es störte. »Ich kann's nicht berechnen,« antwortete Christine Knudson nach alter Weise, »sind doch Jahre verstrichen, seitdem er in die Welt ging.« »Viele Jahre, Christine. Unser Niels stolperte damals noch nicht lange in seinen ersten Schuhen herum. Laß mich sehen – drei-, vierundzwanzig Jahre mag's her sein. Hätte er nur ein einzig Mal geschrieben. Aber er kommt, ich kann drauf schwören, er kommt, und wär's auch nur, um sich den Segen seiner alten Mutter zu holen und ihr die Augen zuzudrücken. Der arme Erich, ginge ihm das Schreiben so von Händen, wie dem Niels, möchten wir öfter von ihm gehört haben. Wie lange ist's her, seitdem der letzte Brief von ihm eintraf?« »Beinah vier Wochen,« hieß es bereitwillig zurück, »er befand sich in New York und noch immer an Bord der Pandora.« »Pandora,« wiederholte die Greisin nachdenklich, »ein heidnischer, wohl gar ein sündhafter Name. Schrieb er nicht, wann er heimkehren würde?« »Er wußte es selber noch nicht.« »Laß mich den Brief noch einmal hören. Ist mir's doch, als spräche er selber zu mir.« Christine erhob sich, um, wie fast allabendlich, ihren Wunsch zu erfüllen. Indem sie das Schreiben aus der Truhe hervorholte, warf sie einen verstohlenen Blick auf Karen. Herzliche Teilnahme lugte aus ihren guten Augen, als sie gewahrte, daß diese ihre Bewegungen fast eifersüchtig überwachte. Auf ihren Platz zurückkehrend, reichte sie dem Mädchen den Brief mit den Worten: »Meine Augen fühlen's Alter schon ein wenig, und das Lampenlicht macht die Buchstaben ineinander fließen. Da bist du besser daran. Ist dir's nicht zu viel, so lese du ihn der Mutter vor.« Obwohl längst mit dem Inhalt vertraut, entfaltete Karen den Brief hastig. Ihre Blicke senkten sich auf die Zeilen, dann las sie: »Geliebte Mutter und Großmutter! Heute von New York aus die letzten Worte. Wir richten uns darauf ein, Anker zu heben, da gibt es viel zu tun. Wohin wir unseren Kurs nehmen, weiß ich nicht, auch nicht, wann ich heimkehre. Unsere gute Gräfin redet nie über ihre Pläne. Ich meine oft, ihre richtigen Pläne werden erst auf hoher See klar. Hab' schon einen hübschen Beutel Dollars erspart, und die sollen euch zugute kommen. Bin ich erst bei euch, dann suchen wir eine andere Heimstätte. Denn im Buknfjord bleibe ich nicht; der letzte Tanzabend steckt mir heut noch in den Gliedern. Ein Lotse, der sein Gewerbe versteht, findet überall sein Brot. Ihr mögt euch immerhin nach einer anderen Gelegenheit umtun. Die Hütte kauft der alte Sture gewiß gern: dann bin ich ihm aus den Augen. Lege ich meine Ersparnisse zu dem Erlös, so wird's nicht schwer, auf einer Stelle uns niederzulassen, wo der Mann nicht nach seinem Gelde abgeschätzt wird. Bis dahin mag's ein halbes Jahr dauern. Mir ergeht es sehr gut. Hoffentlich findet dieser Brief euch in bester Gesundheit: Von der Gräfin soll ich Grüße bestellen, und ihr möchtet ein paar Kronen nicht ansehen, wenn's gilt, euch ordentlich zu pflegen. Sie würde zu seiner Zeit alles gerade machen um alter Erinnerungen willen. Was sie damit meint, weiß ich nicht, hab aber meine Ahnung. Ich muß jetzt Lebewohl sagen. Zu grüßen braucht ihr keinen, denn ich wüßte keinen außer euch auf Utstejn, der sich noch um mich kümmerte. Noch einmal Lebewohl zu euch, liebe Mutter und Großmutter, und auf ein fröhliches Wiedersehen. Euer treuer Sohn und Enkel Niels .« »Auf fröhliches Wiedersehen!« wiederholte Karen vor sich hin. Während sie die letzten Zeilen las, war die Glut aus ihren Wangen zurückgetreten. In ihren Zügen prägte sich Erbitterung aus. Christine Knudson gewahrte es, und während die Großmutter sich noch in Lobeserhebungen über den wunderbar schönen Brief erging, bot sie dem Mädchen an, ihn mitzunehmen und auch der eigenen Mutter vorzulesen. »Ja, nimm ihn mit,« fiel die alte Larsen förmlich begeistert ein, »Wort für Wort laß ihn deine Mutter hören, auf daß sie sich daran erfreue. Ihr wird's sein, als ob mein Erich zu ihr redete, denn ist der Niels seinem Mutterbruder rein aus den Augen geschnitten, so hat er auch seine Art des Denkens und Sprechens.« Erzwungen gleichmütig hatte Karen den Brief in Empfang genommen; wohl aber entdeckte Christine, daß ihre Hand zitterte, als sie ihn hinter ihr Busentuch schob. Dabei blickten ihre Augen, als hätten sie sich mit Tränen füllen wollen. »Gewiß wird der Brief die Mutter erfreuen,« sprach sie herbe, indem sie sich zum Gehen anschickte, »vielleicht sagt sie ebenfalls, daß es ein gescheiter Gedanke von dem Niels sei, sich anderweitig niederzulassen – doch wie es spät geworden ist mit dem Reden – zu Hause lugt man sicher schon nach mir aus.« Die letzten Worte sprach sie mit eigentümlicher Hast. Einen kurzen, jedoch herzlichen Scheidegruß richtete sie an die beiden Frauen, und eiligst, als hätte es gegolten, ein Versäumnis einzuholen, schlüpfte sie aus der Tür. »Man sollt's nicht glauben, daß es noch dieselbe Karen wäre, die früher klingend in unsere Tür herein lachte,« bemerkte die alte Larsen träumerisch zu dem Schnurren ihres Spinnrades. »Sie trägt Herzeleid,« meinte Christine, über den entstehenden wollenen Strumpf hingeneigt, »ich gönn's ihr wahrhaftig nicht, aber verdient hat sie's um des armen Niels willen.« »Vielleicht einigen sie sich noch, wenn er erst zur Stelle ist.« »Nein, nein. Karen besitzt ihren alten störrischen Sinn im Bösen wie im Guten. Die stirbt lieber, bevor sie nachgibt; und dem Niels verarg ich's nicht, wenn das Gedächtnis an den Fächer nicht aus seinem Kopf will. Ein Schlag ins Gesicht hätte ihn nicht härter getroffen, als die Art, wie sie ihn mit seinem Geschenk abfertigte. Die Leute reden heute noch darüber.« »Aber auch darüber,« versetzte die Großmutter, »daß der alte Sture heut anders denkt. In seinem Hause schwebt's wie Leichenduft: das soll ihn mürbe gemacht haben.« »Denkt der Sture jetzt anders, ist unser Niels gegen früher ebenfalls anderen Sinnes geworden. So oft er schrieb: kein einzig Mal nannte er in seinen Briefen Karens Namen.« Und weiter spann die Witwe Larsen an dem Garn zu den Hemden für ihren sehnsüchtig erwarteten Sohn, weiter strickte die Witwe Knudson an den Strümpfen für ihren Niels. – Gewandt wie eine Fischotter war Karen die Stufen vor der Hütte hinuntergeschlüpft. Eine kurze Strecke verfolgte sie noch eiligen Schrittes ihren Weg; dann aber mäßigte sie die Schnelligkeit ihrer Bewegungen, und so langsam schlich sie einher, als hätte sie an einer schweren Bürde zu tragen gehabt. Sie erreichte den Felsblock, von dem herunter sie einst ihr boshaftes Spiel mit dem jungen Lotsen trieb. Ein Weilchen betrachtete sie ihn finster, und seine unregelmäßigen Auswüchse als Stufen benutzend, stieg sie flink nach oben. Dort setzte sie sich nieder, das Antlitz westlich gekehrt. Die wunderbar gelichtete, farbenreiche nächtliche Atmosphäre gestattete ihr eine verschleierte Aussicht weit über die vereinzelten niedrigen Schäreninseln hinweg aufs Meer hinaus. Ihre Aufmerksamkeit wurde durch die unbestimmten Formen eines in volle Segel gekleideten Schiffes gefesselt, das vor der Südwestbrise seinen Kurs in nordöstlicher Richtung verfolgte. Mit den Gewohnheiten der vor dem Fjord kreuzenden Fahrzeuge vertraut, erkannte sie, daß das Schiff der Einfahrt zustrebte. Doch was galten ihr jetzt alle Schiffe der Welt? Und dennoch änderte sie die Richtung ihrer Blicke nicht, bevor das beobachtete Schiff hinter einem höher hinausragenden Schärenfelsen verschwand. Sich selbst zürnend über die Betrachtungen, denen sie unwillkürlich Raum gegeben hatte, schnellte sie plötzlich auf die Füße empor und unwillig verließ sie ihre Warte. Doch nicht im Sprunge, wie in früheren Tagen, gelangte sie zur Erde, sondern abermals die Unebenheilen des Felsblockes als Sprossen benutzend, und langsam wanderte sie weiter. Zu Hause in das Wohnzimmer eintretend, fand sie den Vater noch munter. Einsam saß er an dem schwer gezimmerten Tische, vor sich eine Kanne Bier, zwischen den Zähnen eine brennende, langstielige Tonpfeife. Karens eintönigen Gruß beantwortete er freundlich. In seinen Zügen verriet sich eine gewisse Scheu. Es mißfiel ihm, daß sie achtlos vorüberschreiten wollte, und doch gewann er es nicht über sich, ein Gespräch mit ihr zu eröffnen. Es war, als hätte er gefürchtet, ihre Augen vorwurfsvoll auf sich gerichtet zu sehen. »Sind noch Lotsen draußen?« fragte Karen, bevor sie in das Nebenzimmer trat, halb über die Schulter zurück. »Die letzten liefen bei Sonnenuntergang ein,« hieß es zurück, »warum meinst du?« »Weil eine Kraft den Kurs auf die Einfahrt hält.« »Das müßte ein fixer Segler sein, der vor Sonnenuntergang, da noch nichts von ihm auszumachen gewesen, bis jetzt vor den Buknfjord gelangte.« »Ich sah ihn mit meinen eigenen Augen.« »So laß ihn kreuzen, bis die Sonne ihm wieder leuchtet. Der Henker mag ihn zur Nachtzeit zwischen den Klippen hindurchlotsen, es sei denn, er entschlösse sich zu 'nem Umwege, und auch dadurch wäre nicht viel gewonnen.« »Ich kannte jemand, der fragte nicht, ob's Tag oder Nacht sei, wenn er zum Dienst gerufen wurde,« antwortete Karen, und über die Schwelle schreitend, zog sie die Tür mit Heftigkeit hinter sich ins Schloß. Finster betrachtete Sture die Tür. Die Zornesadern auf seinen Schläfen schwollen. Er mochte des Abends gedenken, an dem er mit schlauer Berechnung die Demütigung einleitete, die für Niels gleichbedeutend war mit dem Verweisen aus seinem Hause. Damals glaubte er nicht, daß er dadurch zugleich eine wachsende Entfremdung zwischen sich und Mutter und Tochter anbahnte. Durch das Verscheuchen des jungen Lotsen hoffte er dessen Ebenbild, das Bild eines längst Verschollenen, aus der eigenen wie aus seiner Frau Erinnerung zu streichen; allein er bewirkte nur das Gegenteil. Seine Pfeife war erloschen, und noch immer stierte er grübelnd auf die geschlossene Tür. Mit seinem ganzen Reichtum hätte er den Frieden seines Hauses nicht zurück zu erkaufen vermocht. Nur eine Möglichkeit gab es, aber wie sollte die verwirklicht werden? Schwerfällig erhob er sich, und die Lampe ergreifend, begab er sich in sein Schlafgemach. – Mitternacht war längst vorüber. Nur ein einziges Licht brannte noch in dem Örtchen. Durch das Fenster eines Hinterzimmers im Hause Stures fiel dessen Schein ins Freie hinaus. Es leuchtete Karen, die sich, vor ihrer schwerbeschlagenen offenen Truhe sitzend, in das Anschauen eines seltsamen Gegenstandes versenkt hatte. Seitwärts auf dem hochgeschichteten Linnen lag der offene Brief Niels'. Wohl zehnmal hatte sie ihn gelesen. Dann zog sie eine Rolle harten Segeltuchs hervor, diese behutsam öffnend und vor sich ausbreitend. Eine Anzahl größerer und kleinerer Elfenbeinsplitter enthielt sie, zerrissenes, zum Teil vergoldetes Seidengewebe und zarte Federbüschel. Doch so viel Stücke es auch sein mochten: jedes einzelne war mittelst seiner starker Fäden so auf die Leinwand festgenäht worden, daß in deren Vereinigung die Form eines Fächers unverkennbar war. Lange, lange betrachtete sie ihr Werk finsteren Blickes. Hin und wieder ordnete sie zwischen den Elfenbeinsplittern oder strich sie die Seidenlappen glatt und lockerte die zarten Federn. Die blühenden Lippen hatte sie fest aufeinander gelegt, wie einen heimlich bohrenden Schmerz bekämpfend. Sie mochte sich die Hände vergegenwärtigen, unter deren rauhen Griffen das wertvolle Kunstwerk einst zerfiel, dieselbe Hand, die den daneben liegenden Brief schrieb, ohne mit den kurzen Mitteilungen den kleinsten Gruß zu verflechten. Wen hätte Niels auch grüßen sollen, nachdem er durch ihre Schuld zum Gespött aller in dem Örtchen geworden war? Hadernd mit sich und der ganzen Welt rollte sie das Segeltuch wieder zusammen. Vorsichtig verpackte sie es zwischen das Linnen. Den Brief legte sie obenauf, und nachdem sie die Truhe verschlossen hatte, erhob sie sich. Eine Weile stand sie wie in Zweifel, dann stellte sie die brennende Lampe an einen sicheren Ort, und jedes Geräusch sorgfältig vermeidend, schlich sie durch die Hintertür aus dem Hause. Gleich darauf erstieg sie auf der eigens zu solchem Zweck angelehnten Leiter das als Lotsenwarte dienende Dach. Scharfer Wind traf sie dort oben. Der frische Lufthauch schien ihr wohlzutun, denn hart am Giebelrande ließ sie sich auf ein bankartig befestigtes Brett nieder, von wo aus sie die Blicke weit über die Einfahrt des Fjords hinzusenden vermochte. Allmählich begannen auch die entfernteren Gegenstände sich vor ihren Augen zu entwirren, bis sie endlich ein Schiff erkannte, das vor vollen Segeln in den Fjord hineinsteuerte. Wie ihr Vater behauptete, weilte zurzeit kein Lotse draußen; trotzdem verfolgte das rätselhafte Fahrzeug einen Kurs, wie er nur von einem mit den Fährnissen der Küste sehr Vertrauten vorgeschrieben werden konnte. Bei dieser Wahrnehmung kreiste ihr Blut rascher. Sie gedachte der Pandora und desjenigen, dem allein sie die Fähigkeit zutraute, in der unbestimmten Beleuchtung der nordischen Sommernacht auf dem näheren, aber gefahrvolleren Wege zwischen den Klippen hindurch ein Schiff hereinzubringen. Doch die Pandora weilte ja in unbekannter Ferne, und keiner ahnte, wann oder wie Niels seine Heimkehr bewirken würde. Schärfer sah sie hinüber, so scharf, bis ihr die Augen übergingen, allein die Formen des Rumpfes vermochte sie nicht zu unterscheiden. Sie entdeckte nur, wie durch einen Schleier hindurch, eine von Segeln gebildete Pyramide, die keinen Schluß auf die Bauart des Fahrzeugs gestattete. Erbittert, törichten Mutmaßungen Raum gegeben zu haben, verließ sie ihre luftige Warte, und bald darauf verdunkelte sich ihr Fenster. Doch was sie bis zum Einschlafen ernst beschäftigte und seine Fortsetzung in wirren Träumen fand, das trieb sie nach kurzer Zeit wieder von ihrem Lager. Als sie ins Freie hinaustrat, war die Sonne noch nicht aufgegangen, aber durch den Purpur im Osten erzeugt, hing rosiger Duft in der bereits gelichteten Atmosphäre. Anscheinend planlos begann sie wieder die nach dem Dache hinaufführende Leiter zu ersteigen; und dennoch spähte sie um sich, als hätte sie befürchtet, in ihrem Tun von jemand beobachtet zu werden. So war sie mit ihrem Haupte eben bis zur Höhe des Dachrandes gelangt, als sie jählings, wie um sich vor einem Sturz zu bewahren, die nächste Sprosse mit beiden Händen packte. Über die niedrigeren Häuser und Hütten hinweg waren ihre Blicke auf die Masten eines Schiffes gefallen, das genau da lag, wo sie die Pandora zum letztenmal mit bitterbösen Augen betrachtet hatte. Das Schiff hatte offenbar, vor kurzem erst Anker geworfen, denn noch waren eine Anzahl Topgasten mit dem Befestigen der aufgegeiten Segel beschäftigt; Karen aber hätte kein rechtes Lotsenkind sein müssen, um an den schlanken Spieren und Raaen nicht sofort die Lustjacht zu erkennen, die einst in so hohem Grade die Bewunderung der Einwohner von Utstejn erregte. Eine Weile verharrte sie, wie mit den Leitersprossen verwachsen. Unentschlossenheit verriet sich in der beweglichen Glut, die auf ihrem Antlitz kam und wich. Ihr Geist arbeitete gewaltig. Zweifelnd sah sie um sich. Erst vereinzelte Schornsteine rauchten in dem Örtchen. Es ließ sich daher voraussetzen, daß sie zurzeit schwerlich jemand auf der Straße begegnen würde. Vorsichtig jedes Geräusch vermeidend, verließ sie die Leiter. Auf eine Minute verschwand sie im Hause, und als sie abermals durch die Hintertür im Freien erschien, hatte sie ein Tuch um die Schultern geschlungen. So schlüpfte sie vom Hofe auf die Straße hinaus. Scheu lugte sie aufwärts und abwärts. Keine Seele war zu entdecken; und wie wären doch alle aus den Häusern gestürmt, hätte die Kunde von der Anwesenheit der Lustjacht und der schwer reichen Gräfin bereits Verbreitung gefunden gehabt. Noch schwankte sie; aber die Zeit drängte. In jedem Augenblick konnte hier oder da ein Nachbar aus der Haustür treten, ihr einen guten Morgen zurufen und sie fragen, was sie so früh zu einem Ausgange treibe. Die Augen hätte sie sich aus dem Kopfe geschämt, wäre ihr Zweck in Beziehung zu der Pandora gebracht worden. Fester zog sie das Tuch um ihre Schultern und davon eilte sie unentdeckt auf dem Wege dahin, der sie in nächster Richtung nach der Hütte der Witwe Larsen führte. Vor dem bekannten Felsblock eingetroffen, flog sie nach ihm hinauf. Der Anblick der Masten und Takelage genügte ihr nicht, sie zu überzeugen, daß ein Irrtum ausgeschlossen sei. Nein, sie hatte sich nicht getäuscht: da ankerte die Pandora, eine Kraft, wie sie ähnlich nie zuvor ihren Kurs in den Buknfjord hinein gewählt hatte. Ihr nächster Blick galt der einsamen Hütte. Eine schmale Rauchsäule entwand sich deren Schornstein. Im übrigen lag das verwitterte kleine Bauwerk da wie ein hinfälliger Greis, der gern bis in den hohen Tag hinein schläft. Von der Pandora ahnte man augenscheinlich noch nichts zwischen den vier Balkenwänden, oder Christine Knudson möchte längst in der Tür gestanden haben, um nach ihrem Sohne auszuschauen. Zweiunddreißigstes Kapitel. Die Lustjacht ist da! Noch befand Karen sich auf ihrer Warte, als die über die östlichen Höhen hinausblinzelnde Sonne ihr die ersten Strahlen zusandte. Dadurch zur Eile gemahnt, schwebte sie, wie ehemals, im kühnen Sprunge zur Erde nieder, und ihre Schritte fast bis zum Lauf beschleunigend, gelangte sie binnen wenigen Minuten vor die Hütte. Hastig überwand sie die nach oben führenden Stufen, und die Tür aufstoßend rief sie laut hinein: »Die Lustjacht ist über Nacht vor Anker gegangen? Kein anderer als Niels selber brachte sie herein – er kommt sicher bald –« Sie verstummte. Befremdete sie, die greise Larsen schon in aller Frühe munter und auf ihrem Holzsessel vorzufinden, so verwirrte sie vollends, anstatt Ausdrücke freudigen Erstaunens zu hören, nur lachenden Blicken zu begegnen. Nicht einmal eine Antwort hatte man für sie. Zögernd schritt sie über die Schwelle, prallte aber bestürzt zurück, als Niels, der seitwärts von der Tür hinter dem Tisch gesessen hatte, plötzlich vor ihr stand. »Er ist schon da,« redete er das tödlich erbleichende Mädchen an, und in seinen ehrlichen Zügen offenbarte sich unzweideutig, daß ihm durch die Mutter bereits Aufschlüsse geworden waren, wie er solche zuvor für unmöglich gehalten hätte. »Ja, Karen, er ist da; dir aber sei's gedankt, daß du die erste bist, die auf Utstejn nach der Pandora auslugte, daß du den alten Hader vergaßest und herbeieiltest, um mir ein freundlich Willkommen zu bieten.« Er wollte ihr die Hand reichen, zögerte aber, sobald er gewahrte, daß sengende Glut sich über ihr Antlitz ausbreitete und, wie in früheren Tagen, unter den gerunzelten Brauen hervor der sich aufbäumende Dämon zügellosen Trotzes ihm entgegenfunkelte. Die Mahnung an die sich bei jeder Gelegenheit wiederholenden Zerwürfnisse hatte sie jäh in jene Zeiten zurückversetzt, in denen sie ängstlich sogar den Schein zu meiden trachtete, als ob sie ihm irgend eine Gewalt über ihr Denken und Empfinden eingeräumt habe. Im Geiste sah sie ihn vor sich, wie er den kostbaren Fächer zwischen seinen Fäusten zersplitterte und zerknirschte und ihr vor die Füße warf. Keine Stunde schien verstrichen zu sein, seitdem er die Schwelle ihres elterlichen Hauses zum letztenmal überschritt. »Nicht deinetwegen kam ich –« entwand es sich zürnend und dennoch mit sichtbarem Widerstreben den blühenden Lippen; »konnte ich doch nicht wissen, ob du bereits daheim – sondern um Mutter und Großmutter deine Nähe zu verkünden; die bangten nach dir Tag und Nacht.« Da verfinsterte sich des jungen Lotsen Gesicht. Auch bei ihm wiederholten sich die Empfindungen jenes an Demütigungen so reichen Abends. Er verwünschte seine Heimkehr wie die Mitteilungen der Mutter, durch die er irregeleitet worden. »Bangten die nach mir,« antwortete er hart, »so meinte ich, daß, nachdem du so lange herzlich für sie sorgtest, du auch für mich 'nen freundlichen Gedanken übrig haben möchtest. Nimm's daher nicht für ungut, wenn ich in der Freude des Wiedersehens zu weit ging.« Karen warf die Lippen empor. Es war, wie Christine Knudson tags zuvor zu ihrer Mutter sagte: im plötzlich wachgerüttelten Trotz gab sie nicht nach, und hätte ihr Leben auf dem Spiele gestanden. Und doch hämmerte das Blut in ihren Schläfen, wie um sich einen Ausweg zu bahnen, und pochte das eigenwillige Herz, daß sie meinte, daran ersticken zu müssen. »Gedanken für jemand, dem's zu gering war, so oft er auch schrieb, anderen einen Gruß zu senden?« fragte sie überstürzt in dem dumpfen Trachten, ihr feindseliges Auftreten zu rechtfertigen. »Dir einen Gruß senden?« fragte Niels zurück, während es ihm wie Eis durch die Adern rieselte, »dir, von der ich glaubte, daß sie die Frau eines prahlerischen Stadtherrn geworden, der sie wohl gar die Bekanntschaft mit einem einfachen Lotsen entgelten ließ? O, Karen, das ist ein traurig Wiedersehen: aber ich konnt's nicht anders erwarten, wenn ich mir den letzten Abend auf dem Tanzplatz ins Gedächtnis rufe –« »Wo du mich dem Gespött aller Menschen preisgabst,« fiel Karen achselzuckend ein, »aber ich will gehen. Eine Kränkung ist's für Mutter und Großmutter, uns so reden zu hören,« und die in peinlichem Erstaunen auf sie gerichteten Blicke der beiden Frauen meidend, schritt sie aus der Tür und die Treppe hinunter. »Karen!« rief Christine Knudson ihr erschrocken nach, doch Karen hörte nicht. »Karen! Karen!« Niels stand wie betäubt. Er faßte sich indessen alsbald wieder, und der Mutter zugekehrt, sprach er erbittert: »Das hätte mir erspart bleiben können. Ich wußte, wie alles endigen würde,« und ohne eine Erwiderung der bestürzten Frau abzuwarten, folgte er dem Madchen nach. In der Nähe des Felsblocks holte er die nachlässig Schreitende ein, und an ihre Seite tretend, begann er eintönig und entsagend: »Das war ein böses Wiedersehen, wie zwischen Todfeinden. Aber ich verschulde es nicht, wenn die beiden Alten mit ihrem Reden mir's Blut zu Kopfe trieben und dein unvermuteter Anblick mich vollends um den Verstand brachte.« Finster vor sich niederstarrend verfolgte Karen ihren Weg. Sie schien seine Worte nicht gehört zu haben. »So will ich dich wenigstens bitten,« fuhr Niels nach einer kurzen Pause fort, »mir zu verzeihen, daß ich in deinem Kommen mehr zu sehen meinte, als herzliche Gesinnungen für die Meinigen. Ja, Karen, verzeih' es. Auf daß du fernerhin dich um sie kümmerst, ohne Ärgernis für dich selbst, laß uns wenigstens als Freunde auseinander gehen. Auch verspreche ich, dich nie wieder zu belästigen. Meine Stelle an Bord der Pandora ist noch offen; führt dein Weg dich morgen abermals nach der Hütte, so findest du mich nicht.« Hastig fuhr Karen herum. Die Farbe war von ihren Wangen gewichen. Gleichsam herausfordernd blickten ihre Augen. »Du darfst nicht fort, du sollst nicht fort,« sprühte es förmlich von ihren bebenden Lippen, »denn wer bürgt dafür, daß die Deinigen noch am Leben sind, wenn du nach einem oder mehreren Jahren wieder einmal auf Utstejn vorsprichst? Ich aber will's nicht auf's Gewissen nehmen, wenn's heißt, ich hätte dich vertrieben –« Sie brach ab. Heimliche Angst spiegelte sich auf ihren Zügen. Entfernen wollte sie sich, blieb aber wie gebannt stehen. Scheu suchte sie die Augen des jungen Lotsen, die mit einem sprechenden Ausdruck der Trauer auf ihr ruhten. »Dich trifft kein Vorwurf, wenn's mich wieder aufs Meer hinauslockt,« hob er besänftigend an. Er kam nicht weiter. Karen hatte die Arme ausgebreitet, und seinen Hals umschlingend, barg sie ihr Antlitz laut schluchzend an seiner Brust. Einer Betäubung ähnlich umfing es Niels' Sinne. Den Arm hatte er wohl um das weinende Mädchen gelegt, allein mit schüchternem Druck; es beherrschte ihn die Furcht, sie bei seiner Berührung wild auffahren und ihre Augen zürnend auf sich gerichtet zu sehen. Doch Karen wagte nicht, zu ihm auszublicken. Fester noch schmiegte sie sich ihm an. Erst nachdem, sie ihrer heftigen Erregung ein wenig Herr geworden, sprach sie, noch immer gegen Tränen kämpfend, seltsam gedämpft: »Du darfst nicht fort, wenn ich selber nicht in Leid mich verzehren soll. Ich bekenne es offen: auf dich gewartet habe ich von der Stunde an, in der du von hier fortsegeltest, und jetzt, da du unvermutet vor mich hintratest, packte es mich, daß ich mich vor dir schämte. Ich fühlte, daß ich nicht leben könnte ohne dich, und mochte es doch nicht eingestehen. Ich fürchtete dich, und gegen mein eigen besseres Wissen fertigte ich dich ab mit grausamen Worten. Du aber redetest sanft auf mich ein und das war ärger, als hättest du mir ein glühendes Eisen ins Herz gestoßen. Es mußte herunter von meiner Seele, sollte ich nicht daran ersticken. Du weißt jetzt alles; bin ich dir aber trotzdem nicht zu gering, so sprich es aus, und ich will dir dienen als deine Frau und dir treu sein mein Leben lang.« Da hob Niels das von Tränen überströmte blühende Antlitz zu dem seinigen empor, und es immer wieder auf Mund und Augen küssend, fragte er mit vor Innigkeit zitternder Stimme: »Mir zu gering? Warst du nicht mein Augenlicht, seitdem ich bei euch ein und aus ging? Mir zu gering, der ich dir nichts biete, als herzliche Liebe und Treue und dazu zwei gesunde Arme –« erschrocken brach er ab, fügte aber alsbald zaghaft hinzu: »Dein Vater, Karen – dein Vater. Wie soll ich ihm begegnen? Was habe ich von ihm zu gewärtigen?« Karen hatte die Arme ausgebreitet, und seinen Hals umschlingend barg sie ihr Antlitz laut schluchzend an seiner Brust. Ernster, sogar entschlossen und doch so liebevoll sah das Mädchen zu ihm auf, indem es antwortete: »Einmal beugte ich mich unter seinen Willen und unter die eigene Hoffahrt, und das trug mir viele bittere Stunden ein. Zum zweiten Male geschieht's nicht. Deine Arme sind nicht gesunder, als die meinigen, und arbeiten lernte ich ebenfalls.« »So mag dein ehrlicher Wille uns beiden gesegnet sein, daß wir auch ohne die Hilfe anderer uns einen glatten Weg anbahnen,« erwiderte Niels aus überströmendem Herzen. Sein Blick streifte die heimatliche Hütte. Deutlich erkannte er die Gestalt seiner Mutter, Auf der obersten Stufe stand sie, von wo aus sie ihm besorgt nachgespäht hatte. »Dort brauchen wir es nicht mehr zu verkünden,« bemerkte er zu Karen gewendet. Karen schwang grüßend ihr Tuch, er selber die Mütze, und Hand in Hand wandelten sie dem Dorfe zu. Tränen des Glücks rannen Frau Christine Knudson über die verwitterten Wangen. Sie sah den jungen Leuten nach, bis sie durch eine Bodenerhebung ihrem Gesichtskreise entzogen wurden; vor diesen aber tauchten zur gleichen Zeit die Häuser und Hütten von Utstejn auf, wo das Wiedererscheinen der Pandora allerwärts eifrig besprochen wurde. Vereinzelte Menschen; von Neugierde getrieben, kamen ihnen von dorther entgegen. Ihnen voraus schritt Sture. Als er, im Begriff, Karen zu wecken, deren Abwesenheit entdeckte, erriet er leicht, wo er sie zu suchen haben würde. Beim Anblick des Mannes, dessen er bisher nur als seines erbittertsten Feindes zu gedenken vermochte, gab Niels unwillkürlich Karen Hand frei. »Nicht doch,« sprach diese innig, ihre Hand wieder in die seinige legend, »wir befinden uns auf rechtem Wege, brauchen keines Menschen Augen zu scheuen. Dein Schatz bin ich für alle Ewigkeit, und das sollen die Leute uns schon aus der Ferne ansehen.« Näher kam Sture. Trotz des die beiden beseelenden ernsten Willens, hingen ihre Blicke mit ängstlicher Spannung an seinen verschlossenen Zügen. Doch ihre Besorgnis sollte bald schwinden; denn Sture streckte dem jungen Manne die Hand entgegen, noch bevor er in Armeslänge vor ihm eingetroffen war. Dazu redete er ihn mit den Worten an: »Kamst du früher, hätt's nicht geschadet; sollst mir aber deshalb nicht weniger willkommen sein. Geht nur zur Mutter; die lugt vielleicht schon nach euch aus. Ich selber folge bald nach. Will nur zur Witwe Larsen und ihrer Tochter hinüber, um ein ordentliches Wort mit ihnen zu wechseln.« Karen küßte ihm die harte Hand. Niels dagegen erklärte in offener, mannhafter Weise: »Den heutigen Willkommsgruß sollst du nicht bereuen, so lange das Glück deines Kindes dir selber noch Freude bereitet, oder ich müßte auf meiner jüngsten Fahrt den letzten Tropfen ehrlichen Blutes drangegeben haben.« »Schon gut,« versetzte Sture hastig, aber seine tiefe Stimme klang weich, und schnellen Schrittes entfernte er sich. Wie Karen vorhergesagt hatte, so geschah es. Die Leute, denen sie begegneten oder die in die Haustüren traten, als sie langsam durch das Dorf wandelten, begriffen sofort, daß sie zusammengehörten. Dieselben Stimmen, die einst die Demütigungen des verwegenen Burschen schadenfroh besprachen, die sandten ihm heute fröhliche Grüße zu Im übrigen gab es wohl kaum jemand in Utstejn, der nicht steif und fest behauptete, längst vorhergesehen zu haben, wie alles noch einmal endigen würde. Sture weilte um diese Zeit in der Hütte, und was er da sagte, das trieb den beiden Frauen Tränen überschwenglicher Freude in die Augen. Der Gang dahin mochte ihm recht schwer geworden sein; als er aber schied und Segnungen und Ausdrücke heißen Dankes ihn bis vor die Tür hinaus begleiteten, da erfüllte ihn eine Befriedigung, wie er sie bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. Eine Steigerung erfuhren diese Empfindungen, als er in sein Haus eintrat, und seine Frau schwermütig lächelnd ihren Arm um seinen Hals legte und ihn küßte. »Jetzt wird's wohl ein Ende haben mit den bösen Blicken und dem mürrischen Schweigen unter meinem Dach,« sprach er, und hinter eigentümlich grimmigem Lachen verbarg er ein ihm bis dahin fremd gebliebenes Gefühl der Rührung; »könnte ich doch keinen besseren zu meinem Nachfolger bestimmen, als den Niels. Ein verhenkert gewandter Bursche; dem Erich Larsen sieht er ähnlicher, denn je zuvor, ohne daß es mich noch wurmte.« Als er nach den jungen Leuten fragte, zog seine Frau ihn in Karens Zimmer. Dort saßen beide vor der geöffneten Truhe, er glaubte, um den reichen Linnenschatz durchzuzählen. Um so mehr erstaunte er, sobald er das Segeltuch mit den darauf gehefteten Bruchstücken des Fächers vor ihnen liegen sah. Verwundert wiegte er das Haupt, und das zertrümmerte Kunstwerk aufmerksam betrachtend, erklärte er nachdenklich: »Wer hätte dem Mädchen das zugetraut. Das ist 'ne Schrift, wie sie der Katechismus nicht klarer aufweist. Da will ich schon glauben, daß ihr nicht voneinander laßt.« Auch von einer in den nächsten Tagen stattfindenden Verlobungsfeier sprach er, und daß es ein Fest werden sollte, wie man es auf Utstejn noch nicht erlebte. Die ganze Kolonie sollte daran teilnehmen, so viel glaubte er mindestens dem Niels, aber auch seiner Tochter nach der harten Prüfung schuldig zu sein; für die beiden Frauen dagegen draußen in der kleinen Hütte verhieß er zu sorgen, daß sie ihrem Leben eine ewige Dauer wünschen möchten. Wer ihn sah und hörte, hätte ihn kaum wiedererkannt, so redselig war er geworden. Vollständig umgewandelt erschien er. War ihm doch selber, als habe mit Niels ein guter Geist seinen Einzug auf einer Stätte gehalten, auf der bisher keiner seines Lebens recht froh wurde. * Zwei Tage noch und drei Nächte rastete die Pandora vor ihrem Anker. Den ersten Tag benutzte die Gräfin zu einem Besuch bei der alten Larsen und im Hause des Lotsenmeisters. Dort verkündete sie mit einem bezeichnenden Blick in Christine Knudsons Augen, daß man in nächster Zeit von dem noch lebenden Erich hören werde; bei Sture sprach sie dagegen vor, um seiner Frau ein Hochzeitsgeschenk für das junge Paar anzuvertrauen. Am zweiten Tage segelte sie in Stures Begleitung in dessen Boot nach Stavanger. Kaum eine Stunde verweilten sie dort, und als sie sich mir den Rückweg begaben, da prangte der Lotsenmeister mit einem so dicken roten Kopf, als hätte er die ganze Zeit hinter der Flasche verbracht gehabt. Und doch hatte ihr Geschäft in der Stadt sich mir aus einen kurzen Besuch bei einem der angesehensten Handelsherren beschränkt. Diese wunderliche Stimmung fand ihre Fortsetzung, als er nach seinem Landen auf Utstejn heimwärts wandelte. »Elftausend Pfund Sterling,« sprach er wiederholt vor sich hin, »es ist nicht zu glauben, und doch sah ich's mit eigenen Augen. Elftausend Pfund Sterling! Der arme Erich Larsen! Und von ihm kommt alles her; und da versündigte ich mich noch an seinem Andenken.« Vor dem Hause traten Niels und Karen ihm entgegen. Den Hut tief ziehend, verneigte er sich unwillkürlich, und bevor er sich klar über sein Tun wurde, lachten die jungen Leute über den vermeintlichen Scherz laut auf. Verlegen schaute Sture darein. Sein Herz war so voll, daß er die Ursache seines seltsamen Benehmens hätte in die Welt hinausschreien mögen, und doch durfte er nicht. Erst dann, wenn die Pandora wieder die hohe See gewonnen hatte, durften die Fesseln seiner Zunge gelöst werden. Es blieb ihm daher nur übrig, mit in das Lachen einzustimmen, worauf er Niels belehrte, daß er und kein anderer folgenden Tages in aller Frühe die Jacht aus dem Fjord hinauszuführen habe. Das sollte der letzte Dienst sein, den die Gräfin von ihm erwartete. Er selbst beabsichtigte, mit dem Kutter im Kielwasser der Pandora zu folgen und außerhalb der Schären ihn zu sich an Bord zu nehmen. Ganz zu schweigen vermochte er indessen trotz des strengen Gebotes der Gräfin nicht, beschränkte sich aber darauf, seiner Frau feierlich zu erklären, daß er von nun an Tag und Nacht des toten Erich Larsen wie eines herzlieben Freundes gedenken werde. Auch sie möchte sein Andenken laut und in stillen Gebeten segnen, riet er, damit der aus einem fernen Grabe entsendete Segen über alle Meere hinweg ihre Tochter und deren Auserwählten finde. Den Sinn dieser rätselhaften Worte begriff Frau Sture erst folgenden Tages, als ihr Mann und Niels nachmittags vom Lotsendienst heimkehrten. Zu Vieren reihten die Familienglieder sich um den Tisch. Auf Stures geröteten Zügen prägte sich, indem seine Blicke von einem zum anderen schweiften, stolzes Behagen aus. Hatte das auf seiner Seele lastende Geheimnis während der letzten vierundzwanzig Stunden ihm fast das Herz abgestoßen, so gefiel er sich jetzt darin, die Befriedigung der sichtbar wachsenden Neugierde der Seinigen immer noch ein wenig weiter hinauszuschieben und die Zeit mit wunderlich einleitenden Bemerkungen auszufüllen. Man wurde förmlich irre an ihm, so seltsam lautete seine Rede. Verstieg er sich doch sogar zu der Behauptung, daß Niels wohl um ein angeseheneres Mädchen hätte freien können, als um die Tochter eines einfachen Lotsenmeisters. Als er aber endlich mit der vollen Wahrheit zutage kam, da starrte man erschrocken auf ihn hin, wie auf jemand, dessen gesundes Denkvermögen vom richtigen Kurs abgefallen, oder der im schwedischen Punsch des Guten ein wenig zu viel getan. Um den Unglauben zu besiegen, gehörte eben dazu, daß er die Quittung über die für Rechnung der Witwe Larsen hinterlegten elftausend Pfund Sterling zur Prüfung von Hand zu Hand gehen ließ. Dann aber wanderte er in Niels' und Karens Begleitung nach der einsamen Hütte hinaus. Er selbst wollte den beiden Witwen die erstaunliche Kunde zutragen. Diese vermochten die Höhe der auf sie entfallenden Summe nicht zu ermessen. Es gelang ihm daher leichter, die ihm auf's Wort Glaubenden zu überzeugen. Auf die alte Larsen übte die wunderbare Nachricht nur insoweit einen besonderen Eindruck aus, als sie in Niels ihren verschollenen Sohn Erich wieder zu erkennen glaubte, mit rührender Zuversicht ihn fortan so nannte und schon folgenden Tages das Linnen zu den Hemden für ihn in Arbeit zu geben versprach. Keiner wagte, sie über ihren Irrtum aufzuklären, der ihr noch einige sonnige Lebenstage verhieß. * Zur gleichen Stunde tauchte die norwegische Küste hinter der Pandora ins Meer hinab. Die Gräfin stand neben der Spiegelbrüstung. Wehmut im Blick sah sie nach Osten. Die letzten Wünsche der drei einsamen Schläfer auf der Aurora-Insel hatte sie erfüllt. »Alle sind glücklich geworden,« flüsterte sie unbewußt vor sich hin, »was entfällt aber auf mich?« Da war es, als ob ein Geistergruß sie umwebe, eine Hand mit leisem Druck sich beschwichtigend auf ihr Herz lege. Das Meer rauschte, in der Takelage sang der Wind melancholisch. Den Augen der Gräfin entwanden sich ein paar schwere Tränen und rollten langsam über die hageren Wangen. Eine leichte Bewegung hinter ihr störte sie in dem schwermütigen Sinnen; zugleich schmiegten die beiden Geparde sich schmeichelnd an sie an. Sie kehrte sich um, und vor ihr standen Maud und Sunbeam. Auf deren Zügen das Gepräge inniger Teilnahme gewahrend, bemerkte sie lächelnd: »Es ist doch ein freundliches Bewußtsein, beim Scheiden dort diesem oder jenem Ort glückliche Menschen zurückzulassen.« »Unsere Freunde auf Utstejn müssen sehr glücklich sein,« antwortete Maud lebhaft. »Sehr glücklich,« bestätigte die Gräfin. Liebkosend glitt ihre Hand über Mauds Wange. »Sehr glücklich,« wiederholte sie ernst, »jetzt kommst du an die Reihe; gedulde dich nur noch ein wenig; dann ist meine Lebensaufgabe erfüllt.« »Nein, nein, noch lange nicht,« versetzte Maud unter hervorbrechenden Tränen, und sie warf sich an die Brust der Gräfin. Wiederum lächelte die Gräfin unendlich milde, indem sie sprach: »Mein Seefahren hat wenigstens ein Ende erreicht.« Dann zu der jungen Hindu, deren große dunkle Augen in banger Erwartung an ihren Lippen hingen: »Sei unbesorgt. Du bleibst bei mir, uns kann nur der Tod voneinander trennen.« In der Takelage sang der Wind melancholisch. Kapitän Simpson, der in der Nähe weilte, kehrte sich ab und betrachtete mit großer Aufmerksamkeit den langen roten Wimpel, der lustig von der Spitze des Hauptmastes flatterte. Auf dem Vorderschiff hatten sich ein Dutzend Matrosen zum Gesang zusammen getan. » There is no place like home ,« In der Heimat ist's am schönsten. schallte es melodisch über Deck. Mit einem gewissen Ausdruck von Trotz stampfte die Pandora dem in Gold und Purpur prangenden Westen zu. * Die Zeit entflieht. Entführt sie auf ihren Schwingen manchen beseligenden Traum, so trägt sie andererseits wieder die holdesten aller Hoffnungen ihrer Verwirklichung entgegen. Es verharschen unter ihrem Einfluß blutende Wunden, neue Freuden sprießen, den Blumen ähnlich, auf Stätten, die man zuvor als traurige Aschenfelder hätte bezeichnen mögen. Seitdem Kapitän Peldram und die liebliche Maud als Graf und Gräfin Marley in Marleyhouse eingezogen sind, herrscht wieder Lust und Leben in dem geräumigen, altertümlichen Schloß und in dessen Umgebung. Heitere Gestalten lustwandeln im Schatten mächtiger Buchen oder auf sammetweichen Rasenflächen. Edle Pferde stampfen in den Ställen, es ertönt das Rollen stattlicher Karossen, die die Nachbarn dem gastfreien Hause und dessen glücklichen Besitzern zutragen, es klingt das jauchzende Geheul der zur Fuchsjagd gelösten Rüden. Nachdem die alte Gräfin solcher Art mit unerschütterlicher Pietät den stillen Wünschen ihres auf den tadellosen Fortbestand seines Hauses bedachten einstigen Wohltäters Rechnung getragen hatte, verschmähte sie es, ihren eigenen Wohnsitz ebenfalls in dem Schloß zu wählen. Getreu ihren eigentümlichen Neigungen, hat sie an der äußersten Grenze des Parkes ein kleineres Gebäude, ursprünglich ein Jagdhaus, für sich einrichten lassen. Mit bescheidenem, aber von reinem Geschmack zeugenden Glanz ausgestattet, steht es im Einklange mit der es umringenden, prachtvollen, altehrwürdigen Baumvegetation. Dort lebt sie in stiller Zurückgezogenheit, diese nur dann unterbrechend, wenn sie den ihr zunächst Stehenden dadurch eine Freude bereitet und darin die eigene findet. Außer der erforderlichen Dienerschaft zählt sie zu ihren Hausgenossen die Hindu und Simpson, ferner Ghastly, dessen Aufgabe es ist, seinen früheren Kommandanten zu bedienen. Sie hatte einst gelobt, den alten Seemann nicht elendiglich verkommen zu lassen, das galt für alle Zeiten. Was zu seinen Gunsten sprach, überwog bei weitem die an seine Person sich knüpfenden bösen Erinnerungen. Das auf Stein geschriebene Zeugnis eines Sterbenden heiligte ihn in den Augen seiner Herrin. Die Pandora hatte einen teilweisen Umbau erfahren. Das ganze Prunkgemach war samt Wandtäfelung, Fußbodenplanken und Decke aus ihr herausgenommen und durch eine einfachere Einrichtung ersetzt worden. Sie diente nur noch zu gelegentlichen kleinen Ausflügen, an denen die Gräfin sich indessen nie beteiligte. Von Marleyhouse innerhalb eines Tages erreichbar, lag sie auf geschützter Stelle in einer Hafenabzweigung. Neben ihr ankerte der Eremit, zum Zeichen des nunmehrigen freundschaftlichen Einvernehmens. Was der Pandora entführt wurde, das fand seinen Weg nach dem Jagdhause im Park von Marleyhouse. Dort gelangte es in einem umfangreichen, länglichen Gemach zu einer Verwendung, daß man sich, den Raum betretend, wieder an Bord der Jacht versetzt wähnen konnte. * In den Stunden der Einsamkeit wandert der Geist der Gräfin weit fort über Länder und Meere. Dort neigt sie leidtragend das Haupt vor drei sturmumtobten Kreuzen. Ihre Trauer ist die gleiche, heilige geblieben: ausgeschieden sind aber die Empfindungen der Erbitterung und des Hasses. * Ein lieblicher Sommerabend senkt sich auf den Park von Marleyhouse. Zwischen den üppig belaubten Buchenwipfeln hindurch zittern die Strahlen der niedrig stehenden Sonne. Wunderliche Schattenfiguren zeichnen sie auf den lichtgrünen Rasenteppichen ab. Der eine und der andere verirrt sich auch auf die Vorderseite des altertümlichen Jagdhauses. Vor der Tür, zwischen sich einen Gartentisch mit Erfrischungen, sitzen die Gräfin und Simpson in ernstem Gespräch beieinander. Sie haben offenbar der alten Zeiten gedacht, denn die Gräfin erklärt als Erwiderung auf eine Bemerkung des langjährigen, erprobten Freundes und Gefährten träumerisch: »Wie die Tage sich glückvoll abspinnen. Teilweise ist das eine Errungenschaft der beiden Jachten; läßt sich doch nicht leugnen, daß namentlich im letzten Jahre unseres Seefahrens manche entscheidende Bewegung der Pandora von denen des Eremit abhängig gewesen ist.« »Jedoch ohne Sie in der Verfolgung eines bestimmten Zieles zu beirren,« meinte Simpson. »Nein, das geschah nicht,« bestätigte die Gräfin, »ich bezog mich auch nur darauf, daß ohne den lästigen Eremit es dem leichtfertigen Kapitän Peldram schwer geworden sein sollte, sich endgültig in Mauds Herz festzusetzen.« Eine kleine Karawane nähert sich und bringt das Gespräch zum Stocken. Hinter einem Hain hervor, quer über die sich vor dem Hause ausdehnende Wiesenfläche, kommen vollen Laufes zwei holde Kindergestalten, ein Mädchen und ein Knabe von vier und fünf Jahren. Hinter ihnen taucht, von Maud und ihrem Gatten geführt, ein noch jüngeres Mädchen auf. In einiger Entfernung folgt ein von zwei Ponies gezogener leichter Wagen, auf dem das jüngste Mitglied der Familie von seiner Wärterin gehalten wird. In den Augen der Gräfin leuchtete es auf. »Tante Käte! Tante Käte?« schallen ihr zwei glückliche, feine Stimmchen entgegen, »Tante Käte, wir kommen alle!« Gleich darauf haben die beiden lieblichen Lockenköpfe sich auf ihren Schoß hinaufgearbeitet, und dann erstickt sie fast unter deren stürmischen Liebkosungen. Maud, prangend in bezaubernder Mutterwürde, und Peldram, das Bild eines vornehmen englischen Landedelmannes, bewegen sich bei diesem Anblick noch etwas langsamer. Die Tante Käte wird unterdessen förmlich zerzaust. Ganz rot ist sie geworden, und ihre großen blauen Augen schimmern feucht, als hätten sie Tränen auf die teuren kleinen Häupter hinabsenden wollen. Endlich gelingt es ihr, sich Simpson zuzukehren. Mit einem Blick weist sie auf die an ihrem Halse hängenden Lieblinge. Sichtbar gegen Rührung kämpfend, bemerkt sie sanft: »Solche Freude! Sie entschädigt für vieles. Auch sie ist eine Errungenschaft der beiden Jachten.« * Ende.