Josef Ruederer Wallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten Adolf und Else Thamm                           in herzlicher Freundschaft München , Neujahr 1899                           Inhalt Die wundervolle Legende vom heiligen Leonhard und der heiligen Barbara Sein Verstand Der strohblonde Augustin, der brennrote Kilian und die sittliche Weltordnung Die wundervolle Legende vom heiligen Leonhard und der heiligen Barbara Der Pfarrer von Sankt Leonhard trat jeden Morgen, wenn er die heilige Messe gelesen hatte, an das offene Fenster seines Studierzimmers und schaute, ob Regen, ob Sonnenschein war, zur Kirche der heiligen Barbara hinüber, und der Pfarrer von Sankt Barbara trat gleichfalls jeden Morgen, wenn er die heilige Messe gelesen hatte, an das offene Fenster seines Studierzimmers und schaute, ob Regen, ob Sonnenschein war, zur Kirche des heiligen Leonhard hinüber. Dabei rauchte der Pfarrer von Sankt Leonhard gewöhnlich eine Pfeife und sah ganz behaglich vor sich hin, der von Sankt Barbara aber rauchte keine Pfeife und sah ganz giftig vor sich hin. Und da die beiden großen Ortschaften mit ihren blitzblanken Häusern und Gärten so dicht ineinander gebaut waren, daß kein Fremder wußte, wo Sankt Leonhard aufhörte und Sankt Barbara anfing, konnten sich die hochwürdigen Herren zur selben Stunde jedesmal ganz gut erblicken. Ihre Pfarrhöfe ragten auf leichten Anhöhen mit den großen Kirchen über alle Häuser hinweg und lagen sich fast auf Rufweite gegenüber. Aber weder dem einen noch dem andern fiel es ein, sich je einen Gruß zuzusenden. Sie blieben eine Weile stumm am Fenster stehen und schauten über die beiden Gemeinden hin, die den blauen Rauch ihrer Herde einträchtig zusammenbliesen; dann verschwanden sie wieder, der Pfarrer von Sankt Leonhard mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen, der Pfarrer von Sankt Barbara mit zusammengezogenen Augenbrauen und einigen Flüchen, die aber so leise gemurmelt wurden, daß sie der etwas vorlaute Kanarienvogel auf dem Studiertische nicht einmal vernehmen konnte. Das ging nun schon eine ganz geraume Zeit, und die beiden Schutzheiligen der ehrenwerten Dörfer mochten wissen, wie's gekommen war und wann's wieder enden werde. »Meinetwegen kann's ruhig so weiter dauern,« sagte der Pfarrer von Sankt Leonhard, wenn er wieder durch sein Zimmer schritt, der von Sankt Barbara aber ließ die knochige Fäuste aneinanderkrachen und dachte in seinem faltigen Lehnstuhl jener schönen, einträglichen Zeiten, wo Barbarer und Leonharder mit ihren Schutzheiligen noch gemeinsam die Wallfahrt bestellten. Ein bittres Lächeln zog um seine Lippen, als er sich sagte, daß es nun damit für immer vorbei war. »Diese abergläubische Masse, diese Esel, die sich so an der Nase herumführen lassen!« Die Esel waren in seinen Augen die Einwohner von Sankt Leonhard, und der sie an der Nase herumführte, das sollte ihr rotbackiger Pfarrer sein, der alle Tage so spöttisch herübergrinste. Hätte der behäbige Herr mit dem doppelten Kinn und den pfiffigen Augen die bösen Worte seines Nachbarn hören können, er wäre schwerlich aus seiner Ruhe herausgegangen, sondern hätte höchstens die Achseln gezuckt: »Abergläubisch! Lassen Sie sich doch nicht auslachen! Möchte wissen, wieso die in Sankt Barbara gescheidter sind als die meinigen. Und was das betrifft mit dem Herumführen an der Nase – mein Gott und Vater, da soll mir doch der Herr Kollege weiter nichts vorwerfen, er weiß schließlich auch, wie's gemacht wird.« Dann wäre er wieder durchs Zimmer geschritten und hätte einen tüchtigen Zug aus seiner Pfeife gethan. Der hagere Pfarrer von Sankt Barbara aber, der eine gründliche Aussprache schon lange vergeblich herbeisehnte, wäre vom Stuhle gesprungen und hätte auf den Tisch geschlagen, daß der gelbe Kanarienvogel von einem Käfiggitter zum andern geflattert wäre: »Ich muß mich verwahren gegen eine solche Beschuldigung! Wir wirken da herüben keine so merkwürdigen Wunder mit Ketten und Hirtenstäben, wie Sie da drüben beim heiligen Leonhard.« Sein Amtsgenosse, immer ruhig und gemütlich, hätte ihn wohlwollend auf die heilige Barbara verwiesen, die einmal in grauer Vorzeit dem armen Geigerlein ihren Schuh zugeworfen habe. »Bitte sehr, das ist historisch erwiesene Thatsache,« hätte der Pfarrer von Sankt Barbara voll heiligem Eifer geschrieen. »Ach, was ist denn historisch erwiesen? die Leute von Sankt Kümmernis behaupten von ihrer Schutzheiligen, sie sei es gewesen.« »Und die Leute von Kühzackel behaupten, daß ihr heiliger Leonhard einen noch kräftigeren Wunderstab besitze, als der eure.« Unwillkürlich wäre dem dicken Pfarrer das Lachen gekommen. »Na, so lassen Sie's schwatzen,« hätte er gesagt. »Jedenfalls zieht unser heiliger Leonhard besser als der von Kühzackel und . . . auch besser als die heilige Barbara. Er heilt nicht nur das liebe Hornvieh, nein, er beschwört den Unglauben und alle Verstocktheit, ja, in letzter Zeit hat sich sogar herausgestellt, daß er gegen die Unfruchtbarkeit der Frauenzimmer ausgiebig zu helfen weiß. Mehr kann man doch wahrhaftig nicht verlangen.« Der Pfarrer von Sankt Barbara hätte zu jedem Worte mit dem Kopf genickt: »Nein, mehr kann man nicht verlangen in Ihrem heiligen Leonhard! Aber Sie werden mir zugestehen müssen, daß er diese Wunderkraft erst dann an sich entdeckte, als er sich von unserer Barbara in unverantwortlicher Weise getrennt hat.« Ein listiges Augenzwinkern wäre die Antwort gewesen: »Pfeift der Wind aus dem Loch? Na, da nehmen Sie sich gefällig selber bei der Nase, und fragen Sie sich, warum sich der heilige Leonhard nicht mehr mit der heiligen Barbara einlassen will.« Wie ein Geier wäre der Diener der schwerbeleidigten Heiligen auf seinen Gegner losgegangen: »Sie haben das Band zerrissen, das unsere Heiligen verknüpfte. Sie haben den Unfrieden gestiftet, ja, leugnen Sie's nur nicht. Jahrhundertelang hielten unsere Gemeinden im besten Glauben zusammen, jahrhundertelang gingen sie Hand in Hand auf die Wallfahrt, das einemal mit der heiligen Barbara zum heiligen Leonhard hinüber, das andremal mit dem heiligen Leonhard zur heiligen Barbara herüber – und jetzt? Jetzt schaut kein Hund mehr den andern an, jetzt werden die Häuser angezündet, jetzt wird gerauft an allen Sonntagen, daß die Haare davon fliegen, jetzt wächst die Zahl der unehelichen Kinder ins Maßlose . . .« Weiter wäre er in seiner übersprudelnden Rede nicht mehr gekommen, denn der gemütliche Pfarrer von Sankt Leonhard hätte ihn hier mit unbändigem Gelächter unterbrochen: »Die unehelichen Kinder! Ich bitte Sie! Die hat's doch immer bei uns gegeben.« »Nicht in dieser erschreckenden Weise, wie seit dem Tage der gewaltsamen Trennung des heiligen Leonhard von der heiligen Barbara.« »Ah bah! Schauen Sie doch die sechs Töchter vom Lebzelter Zachen an! Jede hat ihr Kind, keine hat einen Mann.« »Diese sauberen Mädchen gehören auch zu Ihrer Gemeinde, Hochwürden.« »Und ihre sämtlichen Liebhaber zu der Ihrigen, Herr Pfarrer von Sankt Barbara. Kommt also alles auf eines heraus.« »Oho – oho!« »Aber natürlich! die Hauptsache bleibt immer, daß die Leute an etwas glauben und fleißig in die Kirche gehen.« »Wenn die Leute keine Moral mehr haben, dann gehen sie auch nicht mehr in die Kirche.« »Doch wohl nur in Sankt Barbara?« hätte der dicke Pfarrer spöttisch entgegnet. »Bei mir wenigstens kann ich durchaus nicht klagen, und es wird ja auch Ihnen bekannt sein, daß unser vielgeliebter, heiliger Leonhard die Trennung von der heiligen Barbara im allgemeinen recht gut überstanden hat.« Dagegen konnte der andere nichts vorbringen, denn daß der heilige Leonhard in der ganzen Umgegend ebenso an Ansehen stieg, als die heilige Barbara an Kredit verlor, bildete ja seinen eigentlichen Grimm gegen den aufblühenden Nachbarort. »Stimmt, stimmt auffallend,« hätte er verbissen zur Antwort gegeben, »aber bedenken Sie das eine, daß dieser gewaltsame Bruch des Seelenbundes der beiden Heiligen einen ungeheuren Frevel an Gott bedeutet, den Sie auf dem Gewissen haben, Sie ganz allein.« Jetzt wäre der dicke Pfarrer zum Schlusse fast noch tüchtig grob geworden. »Ich bedank' mich für Ihre hirnverbrannten Zumutungen! Wissen Sie, wer schuld ist an dem zerrissenen Seelenbund der heiligen Barbara und des heiligen Leonhard? Euer miserables Bier und gar nichts anderes! Wir können uns das schon mal eingestehen, da wir gerade so gemütlich beisammen sind. Hätte dieser Gauner, der Katzenbräu, einen besseren Tropfen für die Wallfahrer gebraut – der heilige Leonhard käme nach wie vor zu seiner Barbara herüber. Statt dessen hat der Kerl einen Sudel verzapft, den der Teufel saufen mochte, aber kein ehrsamer Bittbruder von uns herüber.« Und mit einem sehr entschiedenen: »So, jetzt wissen Sie's wenigstens,« hätte er dem immer noch kampfbereiten Gegner das breite Hinterteil zugekehrt. Möglich, daß er sich an der Thüre noch einmal umgedreht hätte, um in spöttischem Tone zu bemerken, daß es der heiligen Barbara im übrigen ja vollkommen freistehe, mit ihrem goldenen Schuh gerade so viele Wunder zu wirken, wie der heilige Leonhard. Dann aber wäre er sicher gegangen und hätte den Kollegen mit seinen Gedanken allein gelassen, die gerade nicht die rosigsten waren. Das verdammte Bier des elenden Katzenbräu! Zähneknirschend mußte sich Sankt Barbaras Seelenhirte eingestehen, daß es bei der letzten Wallfahrt das einzige, dafür aber um so durchschlagendere Wunder gewirkt hatte. Die Leonharder, die sich sonst in aller Demut bei den frommen Übungen die Kniee wund drückten, liegen die ganze Nacht mit abscheulichem Bauchgrimmen herum, um andern Morgen aber packten sie voll tiefer Entrüstung ihren Schutzpatron wieder zusammen und zogen von dannen, indem sie sich hoch und theuer verschworen, in ihrem ganzen Leben nie wieder die heilige Barbara mit ihrem Wunderschuh und ihrem elenden Bier zu besuchen. Eine so bitterböse Drohung hatte man zuerst allenthalben für eine höchst bedenkliche Gotteslästerung, aber keineswegs für bare Münze genommen. Vor allem war es der Katzenbräu selbst, der einige besorgte Gemüter durch die tröstliche Versicherung beruhigte, daß die dummen Leonharder das nächstemal ja doch wiederkämen. Hätten sie das Bier bis jetzt geduldig getrunken, würden sie's auch in Zukunft trinken. Allein diesmal vertraute er seinem zweifelhaften Stoffe und der Langmut der frommen Pilger doch etwas zu viel; die Leonharder hielten Wort und kamen wirklich nicht wieder. Zwar duldeten sie stillschweigend, daß die verhaßten Nachbarn mit ihrer Schutzpatronin noch einmal den üblichen Gegenbesuch abstatteten und sich's im Dorfe bequem machten. Übler vermerkten sie's schon, als die heilige Barbara zum heiligen Leonhard in die Kirche gebracht wurde, denn dort durfte sie der frommen Sitte gemäß immer eine ganze, lange Nacht bleiben. Und diese Nacht kam den Leonhardern diesmal wie eine Ewigkeit vor. Sie waren eifersüchtig auf ihren Heiligen und wollten vor allem der Barbara nicht mehr recht trauen. Ununterbrochen gingen sie vor der Kirche spazieren, und als endlich der Tag graute, rissen sie mit herausfordernden Mienen die Thüren auf, um sich zu überzeugen, daß ihm wirklich nichts zugestoßen war. Aber auch sonst entbehrte diese letzte Wallfahrt des innigen Zuges, der dies bedeutsame Fest der gegenseitigen Vereinigung in früheren Tagen ebenso erhebend als erfolgreich gestaltet hatte. In der Kirche, bei den Prozessionen, bei den Opferungen wurden die Barbarer von allen Einheimischen gemieden, und im heiligen Walde, wo sonst immer Männlein und Weiblein einträchtig kampiert hatten, ließ sich, trotz einer köstlichen Sommernacht, außer einigen Eidechsen kein lebendes Wesen aus Sankt Leonhard erblicken. Sankt Barbaras Pilger mußten die traurige Entdeckung machen, daß die Zeit des trefflichen Einvernehmens ihrem Ende nahe. Sie wurden schon am zweiten Tage mit feindseligen Redensarten verfolgt und bekamen in manchen Wirtschaften den stärkenden Gerstensaft nur mit bissigen Vergleichen vorgesetzt. Ja, der Lebzelter Zachen, der den köstlichsten Meth und die bestgeweihten Kerzen in großen Holzbuden vor der Kirche feilhielt, verbot seinen Töchtern sogar, von seiner weitberühmten Ware nur das geringste zu verkaufen, wenn so ein Barbarer davon verlangen sollte. Diesem Verbote fügte er noch eine ausgiebige Maulschelle bei, als seine jüngste Tochter eben dem einzigen Sohne des verrufenen Katzenbräu den heiligen Leonhard in Gestalt eines buntgefärbten Lebkuchens heimlich zustecken wollte. »Aber, es ist doch sein Namenspatron,« schluchzte das Mädchen. »Alles wurscht,« knurrte der Alte. »Deine Namenspatronin ist auch die heilige Barbara, und du kommst doch so wenig mit dem saubern Katzenbräu-Leonhard im Leben wieder zusammen, als die Barbara mit unserm heiligen Leonhard je wieder zusammen kommt.« »Ist das Euer letztes Wort?« fragte der Bursche, der kleinlaut daneben stand. »Mein letztes Wort!« sagte der Zachen. »Und nun habt ihr höchste Zeit, daß ihr eure Heilige mit dem goldenen Wunderschuh dahin tragt, wohin sie gehört.« Der Bursche merkte, daß jeder Widerspruch vom Übel gewesen wäre. Er gab der Barbara zum letztenmal die Hand und trocknete sich mit der andern die hervorquellenden Thränen. Dann warf er einen scheuen Blick auf den Alten, einen wehmütigen auf das weinende Mädchen und schlich mit offenem Munde zur Kirche. Da stand die heilige Barbara noch immer auf dem blumengeschmückten Hochaltare neben dem heiligen Leonhard. Sie hatte offenbar keine Ahnung von der bevorstehenden Trennung, sondern schaute mit ihren gläsernen Puppenaugen ohne jede Erregung zu ihrem bartlosen Wundergenossen hinüber. Dem schien die Sache diesmal nicht mehr recht geheuer. Er hatte seinen Hirtenstab an die linke Schulter gelehnt und zog die Augenbrauen so hoch, als kenne er sich vor lauter Staunen gar nicht mehr aus. Beide Hände aber streckte er mit den Flächen etwas nach auswärts wie einer, der nicht recht weiß, was er sagen soll und deshalb sehr verlegen ist. Vielleicht wunderte er sich auch über die eisernen Ketten, die ihm um die Handgelenke geschlungen waren, denn diese waren ihm bei früheren Besuchen der heiligen Barbara jedesmal abgenommen worden. Bei der jetzigen Wallfahrt hatten es seine Schutzbefohlenen nach reiflicher Überlegung indessen für vorteilhafter befunden, sie an jener Stelle zu lassen, wo sie der heilige Leonhard jahraus, jahrein mit der Geduld frommer Hirten und christlicher Märtyrer zu tragen pflegte. Das ganze Dorf setzte zwar in die Charakterstärke seines Schutzpatrons das größte Zutrauen, aber sicher ist sicher, sagten die Leonharder ohne Erbarmen – schließlich hatten sogar Heilige schon ihre schwachen Stunden gehabt. Und das war's, was die Leute von Sankt Barbara von allen Schändlichkeiten am tiefsten beleidigte: die Ketten verziehen sie nicht. »Die heilige Barbara hat gar keine Angst gehabt,« sagten sie spöttisch, und mit dem frevelhaften Wagemute jener Leute, denen alles gleich ist, weil sie schon alles verloren haben, verstiegen sie sich sogar zu der Behauptung, daß da schon ein ganz andrer kommen müßte, als dieser dünnbeinige Leonhard, wenn er der Heiligen ein bischen gefallen sollte. Unter solchen Reden luden sie ihre Schutzpatronin wieder auf die kleine Tragbahre und zogen ins Dorf hinüber, zwei rote Fahnen und den langgestreckten Pfarrer an der Spitze. Der geistliche Herr blickte wütend um sich und leierte in sehr gereiztem Tone ein Vaterunser nach dem andern ab, während der Chor mit noch zornigerem Geschrei beim Ave Maria pünktlich einfiel. Am giftigsten betete der alte Katzenbräu, gleich hinter der Tragbahre, denn daß die Leonharder von jetzt an nie mehr ihren Heiligen auch nur auf eine Stunde der Barbara überlassen würden, das war wohl allmählich dem dümmsten klar geworden. »Das Techtel Mechtel mit des Zachen Tochter hat jetzt ein Ende,« sagte er zu seinem Sohne, der neben ihm schritt. »Aber, Vater . . . .« »Nichts da, die soll mit ihrem Bankert elend in Schimpf und Schande sitzen bleiben. Das gönn' ich dem weißhaarigen Spitzbuben.« Und drüben in Sankt Leonhard rief am selben Abend der Lebzelter Zachen seine sämtlichen Töchter zusammen und erklärte mit greulichen Flüchen, lieber sechs uneheliche Enkel von Zigeunern und böhmischen Musikanten bekommen zu wollen, als einen rechtmäßigen vom Sohne des Katzenbräu. Damit war die Feindschaft zwischen den Dörfern für immer besiegelt. Was der Zachen und der Katzenbräu thaten, thaten auch andere, und wer weder Söhne noch Töchter hatte, der warf Fenster in Scherben oder stellte dem Nachbarn ein Bein, daß er sich die Nase auf der Erde breitschlug. Konnte man aber einmal den Thäter nicht finden, dann schrieen beide Dörfer wie aus einem Munde: »Das hat natürlich wieder so ein elender Kerl von da drüben gethan.« So verbissen sie sich immer fester, wie zwei Raubtiere, die sich tüchtig gepackt haben und nicht mehr loslassen wollen. Die beiden Schutzheiligen aber sahen unbeweglich auf den Spektakel herunter und rührten sich nicht. Da – eines Sonntags wurde es dem heiligen Leonhard doch zu dumm. Er warf seine Ketten samt dem Hirtenstab auf die Altarstufen, wo sie der alte Meßner am frühen Morgen fand. Das hatte gerade noch gefehlt. »Ein Wunder, ein himmlisches Wunder!« schrieen die Leonharder ganz begeistert und warfen sich auf die Erde. »Ein Schwindel, ein heilloser Schwindel!« antworteten die Barbarer und warfen die Fenster ein. Aber es half ihnen nichts. Die Leonharder ließen Stab und Ketten vier Wochen lang auf der gleichen Stelle liegen, sie beteten die Wunderdinge an, sie setzten sie unter einen Glassturz und zeigten sie jedem, der sie sehen wollte. Das waren nicht wenige. Aus der ganzen Umgegend kamen die Bauern herbeigezogen, schwere Stöcke in der Rechten, schwere Geldbeutel in der Tasche. Alles, was einst mit den beiden Dörfern zur Wallfahrt gegangen war, ging jetzt nur noch zum heiligen Leonhard, der so herrliche Wunder vollbringen konnte. Als guter Geschäftsmann konnte der Katzenbräu einen kleinen Überschlag machen, was da verdient wurde, und die Barbarer zählten vor ihrer Heiligen an sämtlichen Knöpfen ihrer Rosenkränze wie Schulkinder auf der Rechentafel mit, indem sie die unbescheidene Frage stellten, ob sich ihre verlassene Schutzpatronin nicht auch mal zu einem kleinen Wunder entschließen könne. Der bleiche Pfarrer hingegen sah jeden Morgen immer ungeduldiger zum Fenster hinaus, ob denn diese Stätte frivolen Aberglaubens noch nicht von der Erde getilgt sei. Statt dessen erblickte er fortwährend das rundliche Gesicht seines Kollegen und die stattliche Kirche, die die Leonharder funkelnagelneu angestrichen hatten, um sie den zahllosen Fremden in vollstem Glanz zu zeigen. Solch blendenden Wohlstand konnte er nicht mehr vertragen, und deshalb erklärte er eines Tages mit donnernder Stimme von der Kanzel herunter, daß der heilige Leonhard seine Ketten nur deshalb abgeworfen habe, um seiner sündigen Gemeinde ein sichtbares Zeichen zu geben, wie sehr es ihn nach der heiligen Barbara verlange, von der man ihn freventlich getrennt hätte. »Meinen Sie wirklich?« hätte der Pfarrer von Sankt Leonhard mit spöttischem Aufblicke zur Kanzel gefragt, wenn er diese schöne Predigt gehört hätte. Die Barbarer aber fragten nicht lange, sondern stimmten mit frenetischem Jubel in den Ruf ihres Hirten ein: »Ein Wunder war's, ein himmlisches Wunder!« »Na, weil ihr's nur selber glaubt,« lachten die Leonharder. So hatten es die Barbarer freilich nicht gemeint. Als schreckliches Wahrzeichen, als letzte Warnung von oben wollten sie das plötzliche Wunder nehmen. Dem heiligen Leonhard Waren seine Ketten nicht abgenommen worden, deshalb warf er sie selbst herunter, um seinen Schutzbefohlenen zu zeigen, daß man einem Heiligen niemals Gewalt anthun dürfe. Die undankbaren Leonharder wollten diese Auffassung leider gar nicht verstehen. Nach wir vor strichen sie ganz gelassen das Geld in die Taschen, und es fiel ihnen nicht im Schlafe ein, den heiligen Leonhard noch einmal zur heiligen Barbara herüber zu tragen, nach der es ihn gar so gelüsten sollte. Als sich nun die Barbarer in ihren besten Absichten so schändlich verkannt sahen, schluckten sie alle zarten Regungen energisch hinunter und erklärten von jetzt an jeden Leonharder kurzweg für vogelfrei. Die Prügel fielen immer dichter, die Glaser wurden wohlhabende Leute, und auch die Bader verdienten ihr Geld. An diesem heiligen Kampfe mitzuwirken, war Ehrensache für jeden rechtschaffenen Barbarer geworden. Alle mußten dabei sein, und wer nicht mitthat, der wurde über die Achsel angesehen wie ein pflichtvergessener Soldat. So ging es bald dem verschlafenen Katzenbräu-Sohne, denn einem Leonharder Mädel nachzujammern, das war schon das dümmste, was sich ein tapferer Barbarer augenblicklich vorstellen konnte. Hatten doch auch die sämtlichen Liebhaber der fünf übrigen Töchter des Zachen ohne große Gewissensbisse eine lange Nase hinübergedreht und die Sorge für die Kinder dem wackern Lebzelter überlassen. Der Leonhard that das nicht. Er war aus weicherem Holze geschnitzt, und so klagte er denn in der Einsamkeit herum, wobei er nicht wußte, wen er tiefer bedauern sollte, sein armes Mädel oder ihre Schutzpatronin, die heilige Barbara. »Was macht denn der heilige Leonhard?« fragte er, als er mit Barbara einmal zufällig vor dem Dorfe zusammentraf. Das Mädchen zog ihr rotes Kopftuch noch tiefer in die Stirne, um ja nicht erkannt zu werden. »Schlecht geht's ihm,« antwortete sie traurig. »Nicht wahr?« sagte er mit grausamer Genugthuung. »Ja, ja, der arme Kerl kann's halt nicht mehr aushalten.« »Und die heilige Barbara?« fragte sie langsam. »Der geht's genau so,« rief er trotzig. »Ist denn das aber auch anders möglich bei so einer Behandlung? Wenn ich daran denke,« fuhr er fort, »wie das früher schön war bei den Wallfahrten! Der heilige Leonhard war bei der heiligen Barbara, und wir zwei waren auch beisammen. Aber jetzt . . .« Er sah sich vorsichtig um, ob niemand sie beobachtete. Dann wollte er sie umfassen. »Hör' auf,« sagte sie. »Wenn das der Vater sieht.« »Ist er noch grad' so?« fragte er. »Mein Gott,« sagte sie. »Der läßt die heilige Barbara nie mehr zum heiligen Leonhard.« »Und der heilige Leonhard?« fragte er wieder. »Läßt der sich das gefallen?« »Ja, das weiß doch ich nicht,« sagte das Mädchen mit einem Seufzer. »Weißt du's vielleicht,« fragte sie leise, »ob er nicht doch einmal wieder zur heiligen Barbara kommt?« Der Bursche wußte ihr keine Antwort zu geben, aber er versprach, die Sache bedenken zu wollen. Zu Hause angelangt legte er den Finger an den Kopf und ging in seiner Stube umher. Diese ungewohnte Arbeit strengte ihn jedoch außerordentlich an und hatte obendrein gar keinen Zweck. Denn, wie er sein Hirn auf marterte, er fand keinen andern Ausweg, als daß man eben die Heilige hinüber oder den Heiligen herüber tragen müßte, und das war ein Unternehmen, bei dem man die fürchterlichsten Prügel zu riskieren hatte. Immerhin wäre es eine hohe That gewesen, die die beiden Heiligen gewiß mit wohlgefälligem Lächeln aufgenommen hätten. Sein Namenspatron hatte ja schon ein ermutigendes Zeichen gegeben, indem er die Ketten abwarf, also bekam auch der Bursche etwas mehr Zuversicht. Er ging in das Nachbardorf hinüber, und weil er vom Gesichte des Heiligen eine freudige Zustimmung, ein sehnsüchtiges Verlangen zu lesen glaubte, erteilte er zufriedenen Sinnes eines Tages im Stillen der Barbara die schuldige Antwort auf ihre letzte Frage. »Ja,« sagte er vor sich hin, »ich weiß es jetzt, vielteure Barbara, der heilige Leonhard kommt wieder zu seiner Herzenskönigin.« Damit beschloß er trotz aller Gefahren, in der nächsten Nacht bei Barbara einzusteigen. Er wollte die Sache zunächst am eigenen Leibe probieren. Glückte das, dann wollte er weiter sehen, was sich für die Heiligen thun ließe, damit sie nach so langer Entbehrung auch wieder einmal ein Vergnügen hätten. Im tiefen Dunkel schlich er auf weiten Umwegen nach Sankt Leonhard, wo er auf einer morschen Leiter ins Zimmer der Barbara stieg. Seltsamer Weise versagte sein Schutzpatron dem schönen Unternehmen seine wunderthätige Hilfe. Es ging übel aus, trotz aller Rosenkränze, die der tapfere Leonhard vorher zu ihm gebetet hatte. Der alte Lebzelter litt nämlich in letzter Zeit an sehr schlechtem Schlafe. Der bedeutende Aufschwung seines Geschäftes, sowie der beständige Argwohn gegen die elenden Barbarer ließen ihn schon beim geringsten Geräusche vom Lager emporfahren. Damit hatte der unbedachte Leonhard, der von früher her an einen recht kräftigen Schlummer des Alten gewöhnt war, garnicht gerechnet, und auch die leichtsinnige Barbara hatte es völlig vergessen. Ihr Vater aber litt schmerzlich darunter, und als er nun auf einmal sein altes Haus von oben bis unten in schwankender Bewegung fühlte, wie ein Schiff bei hohem Seegang, da packte ihn erst eine schreckliche Angst, dann eilte er, von schlimmen Ahnungen getrieben, zum Zimmer seiner Tochter Barbara. Dort setzte es einen Skandal, daß die Nachbarn zu Hilfe eilten, weil sie alle meinten, der arme Zachen sei plötzlich verrückt geworden. Sobald sie aber von dem schwerbeleidigten Vater die Ursache seines Jammers erfuhren, stimmten sie ein Wutgeheul an, daß die Barbarer auch noch aus den Betten sprangen und zu Knüppeln und Sensen griffen. Glücklicherweise gelang es Leonhard, in diesem allgemeinen Wirrwar den Dreschflegeln der erbitterten Leonharder durch einen Sprung aus dem niederen Heustadel zu entgehen und in sein Heimatdorf hinüber zu stürzen. Freilich, da kam er vom Regen in die Traufe! Die Barbarer mit ihrer hellen Auffassungsgabe errieten sofort an seiner luftigen Gewandung, woher er so eilig des Weges kam. »Du hast uns diesen Schimpf angethan,« schrieen sie ihm entgegen und prügelten ihn, daß selbst die Leonharder vollauf zufrieden sein konnten. Der schöne Plan war gründlich zu Wasser geworden. Wochenlang trug der Katzenbräu-Leonhard die deutlichen Zeichen an sich, daß die beiden Heiligen von einer so gewaltthätigen Wiedervereinigung nichts wissen wollten, und drüben weinte die arme Barbara vor dem Standbild des heiligen Leonhard aus schwergefoltertem Herzen, weil sie so fürwitzig gewesen war zu fragen, wann er wieder zur heiligen Barbara käme. Sie hatte bei dem Handel gleichfalls ihre blauen Wunder erlebt und schämte sich, wieder unter Menschen zu gehen. »Nur nicht gar so traurig,« sagte einmal der gutherzige Pfarrer zu ihr, als er sie immer des Abends an der gleichen Stelle fand. Barbara erhob sich schwerfällig: »Ach, Hochwürden . . .« Da nickte ihr der Pfarrer befriedigt zu und klopfte ihr beruhigend auf die bloße, runde Schulter. Er mochte Barbara von jeher gern leiden, denn sie war ein liebes Geschöpf mit hübschen, braunen Augen und gefälligen Manieren. Daß sie dabei auch auffallend stramme Hüften und eine gut entwickelte Büste besaß, mußte der Pfarrer wohl oder übel gleichfalls bemerken, wenn er mit seinen Gemeindekindern überhaupt reden sollte. Übrigens hätte er sich in dem Punkt nicht das geringste einreden lassen, weder von dem knochigen Pfarrer von Sankt Barbara, noch von einem Erzbischof. Darum sah er sich jetzt des Zachen saubere Tochter von oben bis unten mit aller Gemütsruhe an. So konnte er sich die ganze Schwere der Sünde vor Augen halten, die sie mit dem Leonhard wieder begangen hatte. Als er so lange nichts redete, fing Barbara unter seiner Hand leise zu zittern an, aber in dem Herzen des Pfarrers regierten ausschließlich Versöhnung und Milde. »Ja, ja, nur guten Muts,« wiederholte er, »der heilige Leonhard wird's schon machen.« Wie's der heilige Leonhard machen werde, verschwieg er, weil er's selber nicht gewußt hätte. Der strenggläubigen Barbara wäre es auch niemals in den Sinn gekommen, danach zu fragen. Sie war schon froh, daß sie der Hochwürden so freundlich angeredet hatte und opferte nun alle Sonntage voll zärtlichen Vertrauens in kleines Herz aus geweihtem Wachs, das sie vorher aus der reichen Vorratskammer ihres Vaters gestohlen hatte. Je mehr sie opferte, um so freundlicher nickte ihr der gütige Seelsorger zu, und dann drohte er eines Sonntags sämtlichen Weibern seiner Gemeinde in unzweideutiger Weise, sie sollten sich nicht unterstehen, etwa einen Stein zu werfen, sondern reumütig an den eigenen Busen klopfen. Barbara stieg in den Augen der Leonharder, und als der Pfarrer bei einer Wallfahrt gar noch dem Zachen energisch zusetzte, ihr zu vergeben, da war sie angesehener als jemals zuvor. Von einer Wiederversöhnung mit dem Katzenbräu-Leonhard hatte der Pfarrer dem Vater freilich kein Sterbenswörtchen gesagt, indessen mußte er als feiner Menschenkenner schließlich selbst wissen, daß dies bei dem alten Starrkopf vergeblich gewesen wäre, ganz vergeblich, na, und überberdies war das eben die Sache, die der gütige Pfarrer dem heiligen Leonhard überlassen wollte, der's schon machen werde. Aber der heilige Leonhard machte gar nichts, und der seinen Namen trug, des Katzenbräu arg verprügelter Sohn, heulte sich wieder die Augen wund. Ihn hatte sein Pfarrer mit ewiger Verdammnis bedroht, wenn er noch einmal der schändlichen Sünde verfallen werde, und sein Heimatsdorf wischte ihm eins aus, wo er sich sehen ließ. Die guten Barbarer brauchten nämliche einen Prügeljungen für ihren unaufhaltsamen Niedergang. Früher, bei den einträglichen Wallfahrten hatten sie einfach das Maul aufgesperrt, um die gebratenen Tauben hineinfliegen zu lassen; jetzt, wo die freundlichen Tiere ihrem Kirchturm fern blieben, wollten sie nicht wieder die Arbeit aufnehmen. Nur zu bald sollten sich die Folgen zeigen. Statt der frommen Pilger wurden die Gerichtsvollzieher die ständigen Gäste, und die ließen kein Geld sitzen, sondern nahmen es, wo sie's fanden. Schon sah man das Vieh aus den Ställen wandern und die Betten aus den Zimmern. Die Häuser verloren ihre Sauberkeit, die Blumen vor den Fenstern verdorrten in den Scherben, und durch das absterbende Nest schlich das lange, graue Elend mit ekler Grimasse. Da kam denn der Sohn des Katzenbräu gerade recht. Er konnte sich nicht wehren wie die verhaßten Leonharder, die Hieb mit Gegenhieb zu vergelten pflegten, während ihre Häuser immer blanker und ihre Börsen immer voller wurden. »Wir haben kein Glück mehr,« jammerte das Dorf. Der Leonhard mußte es büßen, daß sie kein Glück hatten. Alle Tage bekam er seine Prügel, alle Tage wurde er hohnlachend durch die Straßen gezogen. Und wo ganz Sankt Barbara mitthat, da wollte der eigene Vater doch nicht zurückbleiben, dessen Bier nur noch die Landstreicher tranken – wenn sie's geschenkt bekamen. Auch er hielt sich schadlos an seinem Buben und halste ihm schließlich der Bequemlichkeit halber die ganze Schuld an der allgemeinen Verachtung auf, die ihm sein böses Gebräu eintrug. Voll tiefster Zerknirschung kauerte der abgehetzte Leonhard zu Füßen der heiligen Barbara, seinem letzten, täglichen Zufluchtsorte. Hier in der grabesstillen Kirche gab es zwar niemand, der ihn getröstet hätte, aber hier durfte er wenigstens nicht geprügelt werden, hier konnten ihm nicht die Namen sämtlicher Stalltiere der Reihe nach an den Kopf fliegen, hier war er geborgen vor Barbarern und Leonhardern, denn in die Kirche ging zur Wut des Herrn Pfarrers schon bald keine Seele mehr. Die Barbarer hatten noch immer auf ein Wunder gehofft, das die Thalerstücke wieder ins Dorf würfe, als sich die Heilige aber gar nicht dazu anschickte, gaben sie jede Hoffnung endgültig auf und straften die einst so Gepriesene mit stiller Verachtung. Ihr letzter Verehrer war der Katzenbräu-Leonhard geworden, der seine zerschlagenen Glieder auf den marmorierten Holzstufen langsam zurechtlegte. »Dein heiliger Leonhard hat mich elend im Stich gelassen,« sagte er traurig. Zum Beweise dafür ließ er bittre Seufzer hören und langte mit beiden Händen auf die schmerzenden Stellen. Die Heilige hörte sehr aufmerksam zu und sah nachdenklich auf den einzigen Bittgänger ihres Dorfes herab. Eigentlich war er kein schwächlicher Bursche, im Gegenteil, er hatte Arme und Schenkel wie von Eisen, aber er war schwer von Entschluß, er wartete immer bis die andern schlugen, und dann war's natürlich lange zu spät. Seine braunen, verschwommenen Bollaugen, die jetzt andächtig zur heiligen Barbara hinaufgingen, sahen die Gefahr erst, wenn er mitten drinnen war, oder wenn er schon tüchtig zerwalkt auf der Strecke lag. Sonst hätte er doch dem frechen Lebzelter das Lästermaul stopfen müssen, als der alte Hallunke das ganze Dorf zusammenschrie und dabei die verächtlichsten Schimpfworte auf die heilige Barbara losließ. Oh, dieser Gotteslästerer! Leonhard erzählte der Heiligen mit weinerlicher Stimme, was der alte Zachen auf seine bewegten Vorstellungen vor Barbaras Bettstatt damals alles erwidert hatte. Er erzählte umständlich, in einem krausen Durcheinander. Daß sie überhaupt gar keine Heilige sei, daß die Geschichte mit dem Wunderschuh garnicht passiert sei, daß sie auch niemals den Katzenbräu-Leonhard mit seiner Tochter zusammen bringen werde, und daß es zu bedauern sei, daß sich der heilige Leonhard früher mit ihr eingelassen habe. Ob das der Zachen in der flughaften Eile jener schwülen Liebesnacht wirklich alles gesagt hatte, was er heute der Heiligen stundenlang vorrechnete, das hätte der Leonhard wohl selbst nicht beeidigen können. Er besann sich nur noch, daß er mitten in dem niedersausenden Prügelregen von dem wütenden Lebzelter den ersprießlichen Rat bekam, sich vom Wunderschuh der heiligen Barbara helfen zu lassen. Das andre dichtete er dazu, um zu sticheln und aufzuhetzen, auch vergaß er nicht, dazwischen den treulosen, heiligen Leonhard ein bischen anzuschwärzen, der zum Zachen gehalten hatte. Die Heilige hörte sehr aufmerksam zu, aber sie gab kein Zeichen von sich. Kerzengerade schwebte sie in einer blaugestrichenen Himmelswolke ein wenig über dem reichgestickten Meßtuch des Hochaltars. Auf ihrem Haupte trug sie eine schwere Krone, mit der hochgehobenen Linken hielt sie ein Sträußchen ganz verstaubter Blumen umspannt, und dorten unter dem fadenscheinigen Purpurmäntelchen lugte der goldgestickte Wunderschuh hervor, dessen Spitze ein grüner Edelstein von unermeßlichem Werte zierte. Leonhard sah nichts mehr auf der ganzen Welt als diesen Schuh. Seine Augen wuchsen langsam aus den Höhlen heraus wie aufgehende Seifenblasen, und seine Hände begannen zu zittern. Wer den Schuh besaß, konnte den Leonhardern tausendfach heimzahlen. Und so betete denn der fromme Leonhard ganz laut, daß es durch die Kirche hallte: »O, heilige Barbara, wirf mir deinen Schuh herunter, wie du das damals gethan hast, als der arme Geiger in Not war. Schau, heilige Barbara, ich bin auch in Not, ich darf nicht mehr zu meinem Mädel gehen, wie du nicht mehr zu deinem Leonhard darfst, aber ich gelobe dir auf Ehre und Seligkeit, du sollst statt dessen an mir zeitlebens einen treuen Verehrer haben, wenn du mir jetzt die hohe Gnade erweisen willst, ein Wunder zu wirken. Dann wird auch der heilige Leonhard einsehen, daß so etwas auch noch andere fertig bringen und wird sich gefügiger zeigen.« Die Heilige hörte wieder sehr aufmerksam zu und rührte sich immer noch nicht. Traurig schüttelte der Leonhard den Kopf. Es war doch auch manchmal mit den Heiligen eine eigene Sache. Wenn sie nicht wollten, dann konnte man tagelang betteln, sie blieben hartherzig und erhörten einen nicht. Schon zuckte es wieder um seine Mundwinkel, schon würgte er die aufsteigenden Thränen hinunter, als ihm plötzlich die kleine Puppe zu Füßen der Heiligen ins Auge fiel. Das graugekleidete Männchen mit dem Fiedelbogen war der Geiger, an dem sie das vielbezweifelte Wunder gewirkt hatte. Er kniete natürlich schon immer an der gleichen Stelle, aber noch niemals hatte ihn der Leonhard so mit den Augen verschlungen wie heute. Ein breites Grinsen teilte des Burschen rundes Gesicht mit klaffendem Risse. Jetzt hatte er's endlich gefunden! Auch er mußte sich vorher ein bischen plagen, wie der Geiger es gethan hatte, denn umsonst wirken die Heiligen keine Wunder auf Erden. Hastig griff er seine Taschen ab und suchte und suchte. Endlich verklärten sich seine Züge, er hielt eine Stelle an der Joppe fest und zog gleich darauf mit triumphierendem Gesichte seine Mundharmonika hervor. Ohne Zaudern spielte er nun der himmlischen Musikfreundin einen wiegenden Ländler auf, erst ein bischen langsam, dann immer wärmer, immer gefühlvoller, wie früher, wenn beim Katzenbräu getanzt wurde. Und jetzt geschah es wirklich, was der Bursche ersehnt hatte: Die Heilige konnte nicht widerstehen, als sie die Töne vernahm. Sie erhörte ihren gepeinigten Schützling und warf ihm mit holdseligem Lächeln ihren Goldschuh herunter, dem Zachen und allen Leonhardern zum Trotz! Ah, denen wollte der Leonhard den Wunderschuh unter die Nase halten! Nicht gleich auf das erstemal hatte er ihn erhalten. Die Heilige hatte noch nicht genug und verlangte mehrere Zugaben. So spielte er denn noch einen Walzer, einen Schuhplattler, aber da – als er sich die Lippen schon blutig gehobelt hatte und immer ärgerlicher mit dem Kopfe wackelte, wollte er auf einmal deutlich bemerkt haben, daß die Heilige den Wunderschuh ein ganz klein wenig bewegt habe. Zitternd war er näher getreten. Der Schuh saß zwar noch unbeweglich an der gleichen Stelle, aber jetzt wußte der Leonhard schon ganz bestimmt, daß er sich nicht geirrt hatte. Darum wollte er sich wenigstens gründlich überzeugen und der Heiligen bei ihrer löblichen Absicht etwas behilflich sein. Er zupfte ein bischen an dem faserigen Gewebe, dann wieder ein bischen, dann etwas ungeduldiger, und nun geschah es auf einmal, das große, gewaltige Wunder. Der Goldschuh fiel endlich herab, und mit ihm plumpste der gottbegnadete Leonhard vor freudigem Schreck wie ein vollgepfropfter Mehlsack auf die Altarstufen nieder. Der Pfarrer von Sankt Leonhard trat jeden Morgen, wenn er die heilige Messe gelesen hatte, an das offene Fenster seines Studierzimmers und schaute, ob Regen, ob Sonnenschein war, zur Kirche der heiligen Barbara hinüber, und der Pfarrer von Sankt Barbara trat gleichfalls jeden Morgen, wenn er die heilige Messe gelesen hatte, an das offene Fester seines Studierzimmers, und schaute, ob Regen, ob Sonnenschein war, zur Kirche des heiligen Leonhard hinüber. Dabei rauchte der Pfarrer von Sankt Leonhard gewöhnlich eine Pfeife und sah ganz verdrießlich vor sich hin, der von Sankt Barbara aber rauchte keine Pfeife und sah ganz zufrieden vor sich hin. Und da sich die beiden Pfarrhöfe auf Rufweite gegenüberlagen, hätten die hochwürdigen Herren wieder einmal gute Gelegenheit gehabt, die schönste Unterhaltung zu beginnen. Diesmal hätte freilich der Pfarrer von Sankt Barbara gelacht, und zwar sehr höhnisch, mit unverhohlener Schadenfreude. Der von Sankt Leonhard aber hätte sich nicht lange auf solche Auseinandersetzungen eingelassen, sondern höchstens in brummigem Tone erwidert: »Unterstehen Sie sich, und werfen Sie uns da herüben noch einmal Schwindel und Aberglauben vor, Sie . . . . Sie, Erzgauner da drüben.« »Die Heilige hat eben ihr Wunder wiederholt,« hätte der Pfarrer von Sankt Barbara mit gläubigem Aufblick erwidert. »Jawohl, aber mit einer kleinen, nicht unwesentlichen Abänderung, das werden Sie zugeben müssen.« Und das war auch ganz richtig. Der arme Geiger hatte damals noch einmal spielen müssen, um die Wahrheit seiner Worte zu beweisen. Erst dann schenkte man ihm Glauben und Leben. Dem Katzenbräu-Leonhard war das in Gnaden erlassen worden, die Mundharmonika ein zweitesmal vor der Heiligen in Bewegung zu setzen, seine hochbegeisterten Landsleute glaubten ihm schon auf das erste Wort. Da hatten es die Leonharder schon schlimmer mit ihm vor, an ihrer Spitze der rasende Lebzelter, der für dreißig schrie. Zu ihm war der Leonhard im ersten Fieber gelaufen, denn er sagte sich in seiner Dummheit: »Wenn der Alte den Schuh sieht, dann stürzt er überwältigt zur Erde und giebt mir heute noch meine vielgeliebte Barbara zum ehelichen Weibe.« Der Alte aber blieb ganz aufrecht stehen und gab ihm statt der vielgeliebten Barbara eine tüchtige Maulschelle. Dann rannte er von Haus zu Haus, bis endlich das ganze Dorf auf den Leonhard zustürzte und ihn mit Fäusten und Stöcken zur Kirche der bestohlenen Heiligen hinüberstieß. Dort verlangten die Leonharder mit erhobenen Stimmen von den ganz verblüfften Einwohnern entweder die Probe oder den Tod des Tempelschänders. Erst nach und nach begriffen die Barbarer, worum es sich handelte. Sie sahen bald auf ihren ganz verzweifelten Sündenbock, bald auf die tobenden Leonharder und wußten nicht recht, was sie sagen sollten. Endlich aber kam Leben in die versteinerte Masse, und da stürzten sie plötzlich mit lautem Hosiannageschrei vor dem Katzenbräu-Leonhard nieder wie vor einem Heiligen. »Er hat's vollbracht,« schrieen sie und küßten den Saum seiner Kniehosen. »Gestohlen hat er, gestohlen . . . .« wetterten die Leonharder. »Nehmt euch in acht mit euren Worten,« riefen die Barbarer in drohender Haltung. »He, he, he!« meckerten die Leonharder. »Wer hat's denn gesehen?« Wer es gesehen hatte? Auch darum waren die Barbarer gar nicht verlegen. Gleich humpelte ein alter Dorfbettler, ein schlichter Mann mit weißem Silberhaar, herbei, der zur selben Zeit in der Kirche gewesen war, dort wieder kam ein altes Frauchen mit Krücken und gab freudige Zeugenschaft, die Ministrantenbuben hatten es von der Sakristei aus beobachtet, ein Blinder sogar hatte das Wunder schauen dürfen, und schließlich wollte das ganze Dorf dabei gewesen sein. »Elende Lügenbrut,« schrieen die Leonharder. Wie eine Alarmtrompete wirkte dies Wort auf die halbverkrachten Barbarer. Aller schwer verhaltener Grimm brach mit einemmale heraus und entlud sich als schreckliches Gewitter auf die hochmütigen Leonharder. Was im Orte war an Waffen, an landwirtschaftlichen Geräten, am Feuerspritzen, wurde aus den Häusern gerissen, und nun sausten unter dem Geläute der Sturmglocken die Fäuste mit jener hohen Kraft hernieder, die jedes selbsterlebte Wunder gläubigen Seelen zu verleihen pflegt. Selbst als die Leonharder schon lange in ihr Dorf zurückgetrieben waren, ruhten ihre erbitterten Gegner nicht eher, als bis der letzte Mann in sein Haus geworfen war und nicht mehr muckste. Dann erst trugen sie ihren wunderbegnadeten Leonhard mit wildem Jubel zur heiligen Barbara hinüber. Ihr Pfarrer erteilte den Segen und ließ das Tedeum singen. Der Pfarrer von Sankt Leonhard aber ging unruhig im Zimmer des alten Zachen umher, dem der ganze Schädel blutig gehauen war. »'s ist zu dumm,« sagte er vor sich hin und lachte wie einer, dem gar nicht zum Lachen ist. »Alle meine Wunden wollt' ich geduldig tragen,« wimmerte der Zachen in seiner Bettstatt, »wenn nur nicht das schöne Geschäft kaput ginge!« Das war's ja gerade, was auch dem Pfarrer durch den Kopf ging. Es brauchte nur irgendwo ein neues Wunder zu geschehen – die Leute krochen auf allen Vieren hin wie die Fliegen zum süßen Leim. »Glauben Hochwürden nicht,« lispelte der Zachen wieder, »daß unser heiliger Leonhard bald auch einmal wieder was recht schönes vollbringt?« »Albernes Zeug!« brummte der Pfarrer. »Bildest du dir ein, das geht so alle Tage, wie beim Bäcker mit den frischen Semmeln?« Jahre mußten verstreichen, bis man dem heiligen Leonhard wieder ein bescheidenes Wunder glaubte, vorerst war's mal aus mit ihm. »O, du, mein Gott!« stöhnte der Lebzelter. »Ja, da kann man halt nichts machen,« meinte der Pfarrer achselzuckend. Das Wunder war zu groß, zu deutlich, es sprang so sehr in die Augen, daß alle andern dagegen schwächlich erscheinen mußten. Darüber war sich der erfahrene Seelsorger schon lange im Reinen. Ächzend hob der Zachen seinen verbundenen Kopf vom Kissen und deutete vorwurfsvoll auf seine Tochter: »An der ganzen Geschichte ist dein Liebhaber schuld, der elende Katzenbräu-Leonhard. Oh, wenn der Bursche nur noch einmal zum Fenster hereinsteigen wollte – lebendig käm' er mir nicht mehr hinaus.« Das Mädchen in der dunkeln Ecke gab keine Antwort, der Pfarrer aber war aufmerksam geworden. Dieser Leonhard, der an Heiligen Diebstahl beging, war auch imstande, trotz aller Gefahren nächtlicherweile wieder einzusteigen, meinte der Pfarrer. Warum er seine Meinung für sich behielt, wußte er eigentlich selbst nicht, jedenfalls aber sah er die gute Barbara auf den künftigen Einbruch ihres Leonhard noch bedeutungsvoller an als sonst und strich ihr beim Weggehen freundlich die Wangen. »Laß den Alten nur schimpfen,« sagte er. »Der heilige Leonhard wird's doch noch recht machen.« »Ach was, der heilige Leonhard,« meinte Barbara wegwerfend, »der hilft mir auch nichts mehr.« »Kann man nicht wissen, ich geb' die Hoffnung für euch noch nicht auf.« Und zu Hause sann er beim Scheine seiner Lampe noch lange nach. Besonders das saubere Mädel, die Barbara, wollte ihm nicht aus dem Kopf, und je länger er an sie dachte, um so ruhiger und vergnügter wurde er an diesem Unglückstag. Mit dem angenehmen Gedanken an sie legte er sich sogar zu Bette und träumte von ihr in verschwommenen Umrissen, daß sie es sein werde, die den ganzen Schwindel mit dem Wunderschuh wieder ans Licht der Sonne bringe. Aber Träume bedeuten das Gegenteil. Das mußte der besorgte Pfarrer von Sankt Leonhard gleich am andern Morgen erfahren, wo ihn die Dankesglocken von Sankt Barbara mit vollen Tönen erweckten. Laut und wuchtig ließen sie ihre ehernen Stimmen über das ganze Land ertönen, um die ungeheure Wallfahrt gebührend einzuläuten, die jetzt von Osten und Westen, von Norden und Süden einmütig unternommen wurde. Die Leonharder hatten gar nicht für möglich gehalten, daß es überhaupt so viele Menschen geben könnte, die jetzt in Sankt Barbara täglich zusammenströmten. Unermüdlich kamen die Pilger herbei, denn jeder wollte den Wunderschuh und vor allem den frommen Leonhard sehen, dem er zugeflogen war. Die ersten Wochen erschienen Landleute zu Fuß und zu Wagen, dann rückten die Mönche und barmherzigen Schwestern an, in langen Prozessionen, und als die Glockentöne immer noch weiter weckten, fuhren hochfeine Herrschaften aus Schlössern und Städten vor, mit vielzackigen Kronen auf den Equipagen und auf den Knöpfen ihrer Lakaien. Ähnliches war weder in Sankt Leonhard noch in Sankt Barbara jemals erschaut worden. In Sankt Leonhard sah man's auch jetzt nicht, denn jeder fromme Wallfahrer, kam er barfüßig oder in Lackschuhen, glaubte die ewige Seligkeit zu verlieren, wenn er nicht in dem Orte seine Lebsucht befriedigte, wo das Wunder geschehen war. Die glücklichen Barbarer mußten Baracken bauen, weil die Häuser nicht mehr genügten, der Katzenbräu aber hüpfte wie besessen in seinen Sudkesseln herum. Sein Bier tranken die wackern Pilger wieder, als ob's der Pfarrer dreimal geweiht hätte, und in seinem Hause durfte er verlangen, was ihm beliebte, weil die vornehmen Herrschaften alle bei ihm wohnen wollten, um dem wunderbegnadeten Leonhard so nahe wie möglich zu sein. Außerdem waren schon krummnasige Herren mit schweren Uhrketten und blitzenden Ringen bei ihm erschienen, die gegen schwere Bezahlung sein ganzes Besitztum samt dem wunderbegnadeten Leonhard in eine Aktiengesellschaft verwandeln wollten, ja ein frommer Minister hatte ihm sogar für die allernächste Zeit eine Klingelbahn nach dem gesegneten Wallfahrtsorte versprochen. Drüben die Leonharder schwindelte es. So etwas hatten sie in ihrer schlichten Weise niemals für möglich gehalten, und besiegt durch die Größe der Thatsachen, rafften sie sich nach einigen Monaten auf zu einem heroischen Entschluß. Sie wollten die Klügeren sein, sie wollten nachgeben. In geheimer Sitzung beschlossen sie, ihren heiligen Leonhard nicht mehr der heiligen Barbara vorzuenthalten. Ihr Pfarrer war wütend. Er hatte sich im Vertrauen auf de Lebzelters Tochter schon manches zurechtgelegt und schimpfte nun ganz gehörig. »Eine charakterlose Gesellschaft seid ihr,« fuhr er den Alten an. »Es ist halt ein Versuch,« meinte der Zachen, »man muß alles probieren bei den schlechten Zeiten.« Und Barbara faltete bittend die Hände. Auch sie hoffte sich etwas Ersprießliches von der Wiedervereinigung der Heiligen, wie ihr plötzlich so versöhnungsfreudiger Vater und die Leonharder. »Na, so geht zum Teufel!« schrie der Pfarrer. Zum Teufel wollten die Leonharder nicht, sondern zur heiligen Barbara, um die uralte Sitte der gemeinsamen Wallfahrten endlich wieder zu erneuern. Gleich am nächsten Sonntag machten sie den längst schuldigen Gegenbesuch. Aber da kamen sie schön an. Die Barbarer ließen sie überhaupt gar nicht ins Dorf hinein, geschweige denn in die Kirche. Sie hatten von dem wahnsinnigen Vorhaben ihrer Nachbarn noch rechtzeitig Wind bekommen und standen nun wie eine Mauer an der Grenze zusammen. Da winkten sie ab mit Händen und Füßen, und als sie den heiligen Leonhard auf seiner schwankenden Tragbahre erblickten, stimmten sie ein satanisches Gelächter an. »Tragt ihn nur wieder hinüber,« riefen sie, »wir haben jetzt selbst unsern heiligen Leonhard.« Und ob sie ihn hatten! Von der heiligen Barbara sprach schon bald keine Seele mehr. Alles galt der neue heilige Leonhard mit seinem Wunderschuh. Um den vielbegehrten Jüngling saßen jetzt vornehme Damen in seidenen Kleidern, seidenen Unterröcken und seidenen Strümpfen herum, die ihn mit zärtlichen Blicken verfolgten. Jede wollte erst dann an den vollen Erfolg ihrer Wallfahrt glauben, wenn sie mit ihm in Berührung gekommen war und sein täppisches Lachen vernommen hatte, jede wollte die andere überbieten an hoffnungsfroher Hingabe, um so in den Besitz der höchsten Gnaden zu gelangen. »Leonhard! Leonhard!« tönte es lockend von allen Seiten. Dem so zärtlich Gerufenen war das anfangs ganz recht. Er wußte zwar nicht, was er sagen sollte, aber er grinste mit dem ganzen Gesichte, wenn die schöngewachsenen Frauen andächtig in seine hochgeschossene Nase wie in einen Feldstecher hineinblinzelten und mit ihren Sammethänden seine mausgraue Joppe ehrfürchtig betasteten. Als das aber immer so fortging vom Morgen bis zum Abend, da begann er wieder einmal nachzudenken. Er grübelte nach über diese sonderbare Wirkung des Wunders und mußte sich sagen, daß er sich eigentlich etwas ganz anderes erwartet hatte. Die festen Brüste, die herrlichen Arme, die feinen Gesichter, die kostbaren Brillanten, das prickelte ja wohlig von den Nagelschuhen bis unter die pomadisierten Haare, aber mitten in diesem nie geschmeckten, sinnverwirrenden Duft sehnte er sich plötzlich nach dem kräftigen Stallgeruch seiner Barbara, die er nie vergessen konnte. Und da fühlte er sich kreuzunglücklich in der Rolle, die er täglich spielen mußte. Er hörte auf zu lachen, er verzog sein Gesicht, und schließlich heulte er. »Laßt mich 'naus!« schrie er eines Tages, als es ihm gar zu dumm wurde. Dann rannte er einige Stunden über die Felder, verfluchte die ganze Wundergeschichte und verfluchte die parfümierten Weiber. »Das sind so Wallungen,« sagte der Pfarrer. »Die werden sich geben.« Der Leonhard wußte nicht, was Wallungen waren. »Sie sind der Widerstand, den dir der böse Feind entgegensetzt,« erwiderte feierlich der Pfarrer. »Aber sei gewiß, du wirst ihn siegreich überwinden.« Jetzt war der Bursche so klug wie zuvor. »Die Leonharder wollten mit ihrem Heiligen herüber zu uns,« sagte er zögernd. »Ja, aber was geht das uns an?« fragte der Pfarrer verduzt. Oh, den Burschen ging es sehr viel an. War doch der Zachen mit seiner Tochter wieder dabei gewesen. Da hätte er vielleicht Versöhnung feiern und die liebe Barbara endlich heiraten dürfen. Ganz entsetzt prallte sein Seelsorger zurück: »Was fällt dir ein? Daran ist nicht zu denken!« Der gottbegnadete Leonhard, der Mann mit dem Wunderschuh, der reine Jüngling – heiraten! Und noch dazu die Tochter eines Leonharder Spitzbuben – das wäre ja! Welche von den vornehmen Damen glaubte dann noch an seine himmlische Sendung, an seine ungeschwächte Wunderkraft? Nein, das gab's nicht, das war unmöglich, das war ausgeschlossen für alle Zeiten. »So? Dann freut mich die ganze Heiligkeit nicht mehr,« sagte patzig der Bursche. Der Pfarrer zog die faltige Stirn noch dichter zusammen. »Was soll das heißen?« Verlegen sah der Bursche auf die Seite. »Nun ja, wenn mir das ganze Wunder nicht einmal so viel einbringt, daß ich die Barbara kriege, dann . . .« »Dann?« forschte der Pfarrer. »Nun ja, dann . . . dann . . .« stotterte der Leonhard und wußte nicht mehr weiter vor diesen stechenden Augen. »Ich möchte dir's raten,« sagte der Pfarrer mit eisernem Nachdruck. »Jetzt gehst du 'mal sofort zu der heiligen Barbara und betest zehn Rosenkränze zur Buße für deine Versündigung und zwanzig Avemaria noch extra, damit dir deine dummen Heiratsgedanken auf immer vergehen. Marsch!« Der Bursche that wie ihm befohlen war, aber weil die Gebete nur der Zahl nach und ohne Andacht verrichtet wurden, halfen sie nichts. Die Heiratsgedanken blieben, und der Leonhard versündigte sich weiter gegen das Wunder. »Es ist überhaupt gar keines gewesen,« sagte er ganz kalt zwei Wochen später am Biertisch. »Nein, es ist kein Wunder gewesen. Ich selber hab' den Schuh langsam heruntergezupft, damit ihr's nur wißt.« Jetzt wäre er bald wieder geschlagen worden wie damals, als er aus dem liebeswarmen Bette seiner Barbara direkt in die rauhen Arme seiner Landsleute lief. »Was? Du wagst eine solche Lüge,« hieß es, »wo's das ganze Dorf gesehen hat?« »Wer hat's denn gesehen?« fragte der Leonhard. Alle hatten es natürlich gesehen. »Jawohl,« sagte höhnisch der Leonhard, indem er die blitzenden Zähne fletschte. »Er ist verrückt geworden,« raunte der Biertisch und klapperte mit den zinnernen Stammkrügeln, damit die andern nichts hören sollten. Der Leonhard aber gab noch nicht nach. »Ein Schwindel ist's!« schrie er durch die ganze Stube hin. »Und das sag' ich, so wahr ich nächstens bei dem Zachen seiner Tochter 'mal wieder einsteigen werde.« Alle sahen sich an. »Bei der Barbara? Ja, was soll denn das sein?« »Das sind so Wallungen,« sagte der Pfarrer beschwichtigend. »Sie gehen schon vorüber.« Draußen aber nahm er seinen neuen Dorfheiligen auf die Seite und drohte ihm mit kräftigen Rippenstößen, daß ihm einstens der böse Feind den ganzen Hintern mit glühenden Zangen zerkratzen werde, und zwar ohne Erbarmen, immerfort, so . . . so . . . so . . . »Ach, nein, ach, ja nicht,« jammerte der Bursche, der vor der Hölle eine gräßliche Angst hatte. »Nun gut,« sagte er Pfarrer aussetzend, »dann wirst du endlich diese frevelhaften Reden lassen und nicht mehr an die Barbara denken.« Es half ihm alles nichts – er mußte der Heilige bleiben. »In Gottes Namen,« sagte er seufzend. Dann setzte er sich unter die vornehmen Herrschaften und nahm sich vor, niemals wieder in seinem Leben um ein Wunder zu bitten. Unten der Biertisch steckte noch lange die Köpfe zusammen. Glücklicherweise hatten die andern Leute nur des Burschen letzte Drohung vernommen, diese aber machte am andern Morgen schon die Runde durch Sankt Leonhard. »Schau, schau,« schmunzelte der dicke Pfarrer, »schau, schau, schon so bald.« Besser hatte er's ja gar nicht wünschen können. Seine Schutzbefohlenen waren mit ihrer unsinnigen Wallfahrt gehörig abgeblitzt, und der neue heilige Leonhard drängte mit allen Kräften zur tugendhaften Barbara. Mit Befriedigung wartete nun der Pfarrer auf das losbrechende Geschrei, das bald genug zum Fenster hereindrang. Die Leonharder nahmen den Mund gar voll, als sie von den lüsternen Absichten des sogenannten Heiligen Kunde bekamen. Sie hatten die erlittene Demütigung noch nicht vergessen und rieben sich kampfbereit die Hände. »Der soll uns kommen! Wir warten so schon lange auf ihn,« sagten sie. Ihre Nachbarn gaben sehr gereizte Antworten auf eine solche Zumutung und erklärten das ganze Gerede für freche Überhebung. Ihrem wunderbegnadeten Leonhard fiele es gar nicht ein, diese häßliche Barbara noch einmal aufzusuchen. Jetzt ging der Pfarrer bedächtig zum Zachen. »Deine Tochter ist nicht mehr sicher bei dir,« sagte er. »Jede Nacht kann der Leonhard anrücken, und du bist ein alter Mann.« Der Lebzelter hatte schon alle Vorbereitungen für einen möglichst feierlichen Empfang des nächtlichen Besuchers getroffen und behauptete, sich gar nicht zu fürchten. »Das geht unmöglich,« sagte der Pfarrer. »Nicht du, das ganze Dorf muß Barbara beschützen, und ich selbst will sogar ein besonderes Opfer bringen: Ich will Barbara in mein Haus nehmen.« Der Lebzelter erstarb vor Ehre und Dankbarkeit, Barbara aber zog am andern Tage in den Pfarrhof, begleitet von den Segenswünschen ihres Vaters und von sämtlichen Leonhardern. In feierlicher Prozession schritt sie inmitten alles Volkes, und hinter ihr trugen ihre Schwestern den heiligen Leonhard, der noch immer so erstaunt aussah, als wollte er fragen: »Was ist denn jetzt da wieder los?« Seine andächtige Gemeinde gab ihm keine Antwort, sondern sang mit frommen Gefühlen die vorgeschriebenen Gebete. Die guten Leute nahmen es bitter ernst mit ihrer Aufgabe und wollten den Barbarern schon zeigen, daß sie entschlossen waren, bis zum äußersten zusammen zu halten, wenn es galt, die Ehre einer unbescholtenen Jungfrau zu verteidigen. Und Barbara war auf dem besten Wege, in ihren Augen wieder eine zu werden. »Eine saubere Jungfrau! Ihr sollt euch was schämen,« riefen lachend die Nachbarn drüben. Mit hoheitsvoller Miene gingen die Leonharder über diese Sticheleien hinweg. Sie beteten immer fleißiger, sie wurden immer frömmer und sahen all ihr Heil und ihre Zukunft in der neu erstehenden Reinheit ihrer arg bedrängten Barbara. Nicht von heute auf morgen vollzog sich dieses Wunder, aber eines Tages war es geschehen, und alle Leonharder glaubten daran wie auf höhere Weisung. Den vorlauten Gegenzeugen versteckten sie stundenweit bei armen, verschwiegenen Leuten, und jener Nacht, wo sie des Zachen Tochter blau geprügelt hatten, wollte sich niemand im Dorfe besinnen. Da waren die Barbarer schon mit besserem Gedächtnis gesegnet. »Wenn wir reden wollten!« sagten sie höhnisch. Und sie redeten nur nicht, weil ihr wunderbegnadeter Jüngling damals sein redlich Teil an der Sache hatte. Die Leonharder nahmen das zarte Schweigen von der richtigen Seite und handelten um so ungestörter. Alle Wochen zogen sie mit ihrem neuen Wunderkinde durch das Dorf und flehten den Himmel an, daß er's schützen möge vor den unzüchtigen Schandthaten des frechen Leonhard. Das wurden den Barbarern endlich zu dumm. Sie gaben ihrem Jüngling eine ständige Ehrenwache, und als sie sich nun seiner wie eines schweren Verbrechers versichert hatten, riefen sie, um der Sache ein Ende zu machen: »So, entweder zeigt ihr uns jetzt sofort den Leonhard bei eurer Barbara drüben, oder ihr seid eine ganz gewöhnliche Schwindelgesellschaft. Punktum!« »Vielleicht geduldet ihr euch ein bischen,« sagte lächelnd der behäbige Pfarrer und riet seiner Gemeinde, nur fleißig die Prozessionen fortzusetzen, die immer besser besucht wurden. Schon kamen Landleute aus der Umgegend, schon konnte der Zachen wieder eine seiner Verkaufsbuden eröffnen, einmal erlebten die Leonharder sogar die Freude, einen Pilger bei sich zu sehen, der von dem Wunderschuh so gut wie gar keinen Erfolg gehabt hatte. Der fromme Mann war äußerst aufgebracht über die Zustände in Sankt Barbara. Das Bier sei noch schlechter als zu Zeiten der gemeinsamen Wallfahrten, in den Wirtshäusern gäbe es kaum einen Platz, die Preise seien unverschämt, und den neuen heiligen Leonhard bekäme nur der zu Gesicht, der dem Katzenbräu die Nase mit Geld stopfe. Die Leonharder sagten, das sei eine Gemeinheit und bewirteten den wackeren Pilger aufs beste. Da wurde er gesprächiger und erzählte noch mehr. Die einfachen Leute hielten sich von Sankt Barbara schon ferner, dagegen kämen immer noblere. Augenblicklich sei sogar eine wirkliche Prinzessin beim Katzenbräu abgestiegen, die für unermeßliches Geld gleich das ganze Haus auf lange gemietet habe und dem wunderbegnadeten Leonhard Tag und Nacht auf dem Kragen sitze. Wieder schüttelten die Leonharder die Köpfe und meinten, da seien bei ihnen doch gesündere Verhältnisse. Ihre neuerstandene Jungfrau aber, die alles gehört hatte, erzählte mit thränenden Augen ihrem geistlichen Schutzherrn von der Prinzessin. »Na, sei nur gut,« beschwichtigte er und klopfte ihr gütig das Mieder. »Die wird auch nicht ewig da drüben bleiben.« Barbara haßte diese vornehmen Weibsbilder überhaupt alle, ob's die Prinzessin war, oder eine andere. »Was liegt denn dran?« fragte der Pfarrer mit ganz eigentümlichem Lächeln, »um dich sitzen vielleicht in ganz kurzer Zeit ebenso feine Mannsbilder herum.« Vor einer solchen Aussicht bekreuzte sich Barbara heimlich. Sie faßte die Sache etwas anders auf als der gemütliche Pfarrer und war von nichts weiter entfernt als von gewöhnlichem Brotneid, denn sie hatte unter ihrer neuen Würde so wie so schon genug zu leiden. Ohne sie zu fragen hatten ihr die Leonharder diese Jungfräulichkeit aufgezwungen. Jetzt saß sie da mit ihr, und ihre Landsleute liefen des Nachts mit Spießen und Laternen durchs Dorf, um den angekündigten Besuch ihres Burschen zu verhindern. Die Barbara aber bedankte sich für dieses Wunder. Sie wäre bereit gewesen, die ganze verdammte Jungfernschaft heute noch ohne Gewissensbisse ihrem Herzallerliebsten wie die erste zu schenken, ja, sie hätte dazu sogar noch gelacht und den dummen Leonhardern was ordentliches gepfiffen. Freilich mußte sie das alles für sich behalten. In ihrer Dachkammer aber weinte sie ganze Nächte lang vor Eifersucht, und sie wäre noch unglücklicher gewesen, hätte sie einen Blick in des Katzenbräu festlich gestimmtes Haus werfen können. Dort ging es gar flott her seit dem Einzug der Prinzessin. Der Leonhard mußte Champagner trinken und mit der Mundharmonika aufspielen, wie damals vor der heiligen Barbara. Bis ins kleinste wollte die hohe Dame womöglich das Wunder in eigener Person erleben. Wenn nun der Leonhard tüchtig herumhobelte, dann schwelgte sie immer in reinstem Entzücken und warf ihm zum Danke ihren zierlichen Lederschuh an den Schädel, bis man die Beulen sah. Gleich darauf zog sie ihn mit ihren weißen Armen wieder an sich, daß dem Burschen die ganze Welt vor Augen tanzte. Und dabei lachte sie immer so herzlich, die gütige Prinzessin. Sie war gekommen mit einem Troß von Wagen und Koffern, von Bedienten und Kammerjungfern. Hundert Kleider hatte sie mitgebracht, vierzig Schlafröcke, ein großes Klavier, zwei Papageien, eine Badewanne, in der zwei Platz hatten, vier hellbraune Möpse und auch noch einen sehr gebrechlich aussehenden Herrn mit blendender Glatze und gelber Gesichtsfarbe, ihren Gemahl. Der schlich mit verdrießlichem Gesichte die Hintertreppen auf und nieder. Zu den Wundern des angebeteten Leonhard schien er wenig oder gar kein Vertrauen zu haben. Einmal sagte er sogar zum alten Katzenbräu, er habe schon so viel erlebt, daß er überhaupt nicht mehr imstande sei, zu glauben. Um so inniger glaubte die Prinzessin selbst, und der schwerfällige Leonhard hätte gar nicht aus Fleisch und Blut sein müssen, wenn er nicht schließlich auch mit voller Inbrunst an die Prinzessin geglaubt hätte. Er wurde ja mit goldenen Ketten behangen, er wurde gehätschelt, daß es ihm eiskalt über den Rücken lief, und prügelte ihn die Prinzessin in Stunden übler Laune auch mal mit der Reitpeitsche durch, so that das noch lange nicht so wehe, wie die Hiebe der Barbarer und Leonharder. So pfiffig war auch der Leonhard, und darum schlug er sich seine verlassene Barbara allmählich aus dem Sinn. Was blieb ihm denn auch andres übrig? Er bekam sie ja doch nicht. Halb aus Verzweiflung, halb aus Liebe gab er sich der Prinzessin hin und spielte ihr munter die Harmonika auf. Mit großer Genugthuung bemerkten die Barbarer diese Wandlung. Sie waren von Haus aus dankbare Menschen, die ein Verdienst zu würdigen wußten. Darum stellten sie die Ehrenwache ein und ließen den gottbegnadeten Jüngling wieder in Freiheit herumlaufen. Nun war es aber die Prinzessin, die sich nicht lumpen ließ. Aus edler Erkenntlichkeit gab sie den Barbarern ein glänzendes Fest, wie sie ein solches noch niemals gesehen hatten. In allen Straßen wurden dickleibige Fässer feurigen Weines aufgestellt, auf dem Marktplatz wurde ein großer Ochse gebraten, und zum Schlusse warf die Prinzessin von ihrem Balkon aus Gold- und Silberstücke auf die entzückte Menge hinab. Da ließ das trunkene Dorf die gütige Spenderin mit solchem Geschrei leben, daß sich die Leonharder ganz aufgeregt fragten, wann denn endlich die Strafe des Himmels auf das verruchte Sodom herniederfahren werde. Und diesmal brauchten sie nicht lange zu warten, das Verderben kam. Unbemerkt schlich es von der Seite daher in lockender, trügerischer Gestalt, und ehe sich noch die Barbarer besannen, hatte es sie schon bei der Gurgel gepackt. Gleich am andern Morgen kam es gezogen, als sich die Zechgenossen noch den Schlaf aus den Augen rieben. Eine Amerikanerin fuhr beim Katzenbräu vor mit einem Gefolge, das noch dreimal so groß war, wie das der Prinzessin. Die Dame war sehr jung, sehr schön und sehr nervös. Ohne viele Umstände sagte sie dem Katzenbräu, sie sei gekommen, um drei Monate hier zu bleiben und den wunderkräftigen Leonhard auf so lange zu pachten. Dann bot sie dem glücklichen Vater kurzweg das doppelte, was die Prinzessin bezahlte, wenn er diese Dame noch heute auf die Straße setze. Der Katzenbräu wurde sehr verlegen. Er wollte schon gern eine solche Riesensumme verdienen, aber er nannte sich einen ehrlichen Mann, der abgeschlossene Verträge gewissenhaft zu halten pflege. Außerdem sei die Prinzessin eine sehr feine, hohe Dame, der man so etwas doch nicht anthun könne, und überhaupt . . . Die Amerikanerin zuckte die Achseln und bot ganz gelassen das Fünffache, wenn bis morgen früh zehn Uhr das ganze Haus vom Dach bis zum Keller geräumt sei. Jetzt hielt der Katzenbräu nicht länger mehr Stand, denn mit dieser Summe konnte er ganz Sankt Barbara kaufen, und wenn's ihm paßte, Sankt Leonhard nebst einigen Ortschaften noch dazu. Er ging zur Prinzessin und sagte ihr auf. Das war ein schöner Schrecken! Die Ärmste fiel von einer Ohnmacht in die andere; dann tobte sie, weinte und wollte dem Alten mehrmals die Augen auskratzen. Aber das war alles umsonst, denn der Katzenbräu nannte sich einen Mann, der abgeschlossene Verträge gewissenhaft zu halten pflege. Da hörte die Prinzessin endlich zu weinen auf und erklärte plötzlich in ruhigstem Tone, daß sie morgen schon in aller Frühe das Dorf verlassen haben werde. Und sie hielt getreulich, was sie versprochen hatte, zur großen Freude des Katzenbräu und aller rechtlich denkender Barbarer. Am andern Morgen war sie richtig verschwunden, aber mit ihr war noch ein anderer verduftet, der gottbegnadete Leonhard, und das freute den Katzenbräu schon weniger und die Barbarer erst recht nicht. Ein gellender Wutschrei hallte durch das ganze Dorf von der einen Ecke zur anderen. Männlein und Weiblein liefen mit gerungenen Händen vor dem Katzenbräuanwesen zusammen und betrachteten verzweiflungsvoll die endlose Auffahrt der Amerikanerin, die nun statt des wunderkräftigen Leonhard nur noch den zurückgelassenen Gemahl der durchgebrannten Prinzessin vorfand. Alles wollte die junge Dame trösten, alles wollt sie bitten, noch einige Tage zu warten, da der Leonhard ja doch bald wiederkäme, aber die Amerikanerin ließ mit allen Zeichen des Abscheus die Pferde wenden, und hinter ihr flohen die erschreckten Pilger in hellen Haufen von der Stätte des grausen Zusammenbruchs eiligst hinweg. Mit lautem Jammergeschrei zogen sie nach Sankt Leonhard hinüber, wo zu Ehren der Jungfrau wieder mal eine große Prozession durch die Straßen marschierte. Die Flüchtlinge schlossen sich an und erzählten noch ganz aufgeregt, was sie eben mit Schaudern erlebt hatten. »Schützt unsere Barbara,« riefen die Leonharder. »Des Katzenbräu elender Sohn ist durchgebrannt und lauert ihr auf.« »Ach, wenn's nur wahr wäre,« stöhnte die Jungfrau aus tiefstem Herzensgrunde. Aber ihre Seufzer wurden erstickt von dem Schlachtgeheul der anrückenden Barbarer. Die guten Leute waren den ungetreuen Pilgern nachgelaufen und stürzten sich nun mit voller Wucht auf die andächtigen Nachbarn. »Ihr habt uns unsern Leonhard gestohlen,« tobten sie. »Gebt ihn heraus, oder wir bringen euch um.« Jetzt wurden die frommen Bittgänger böse: »Was? Wir haben gestohlen? Euer sauberer Leonhard will unsere Barbara stehlen. So liegt die Sache.« Die Barbarer stimmten ein wütendes Gelächter an. Sie wußten es am besten, daß der Leonhard diesmal wirklich nicht zur Barbara gegangen war, und durften den Gegenbeweis nicht ausspielen, wenn sie sich nicht noch lächerlicher machen wollten, als sie so schon waren. Weil sie aber neue Sündenböcke brauchten, schrieen sie immer noch ärger: »Den Leonhard wollen wir haben! Ihr habt ihn verzaubert, ihr habt ihn verhext! Ihr seid schuld an der ganzen Geschichte.« Ganz gelassen gingen die Leonharder in ihrer Prozession weiter, und von allen Seiten strömten noch neue Pilger herbei. Wütend sahen die Barbarer auf die zunehmenden Massen: »Aha, jetzt gedeiht das Wallfahrtsgeschäft mit eurer sogenannten Heiligen. Aber, wartet nur, wir setzen einen Preis aus für ihre neue Jungfernschaft, und unsere Burschen sollen sich darum bewerben, damit der Schwindel ein Ende hat.« »Schützt unsere Barbara!« riefen die Pilger aufs höchste erschrocken. Alle scharten sich um die Bedrängte, wie um eine Märtyrerin, die von wilden Tieren zerrissen werden soll. Das reizte die Barbarer zur sinnlosen Wut entfesselter Stiere: »Unser Leonhard wird sich befreien – er wird auch wieder seine Wunder wirken wie früher – er wird wiederkommen, ja er wird wiederkommen . . .« »Na, da soll er wiederkommen,« lachte der dicke Pfarrer. »Er ist wiedergekommen!« tönte plötzlich eine schrille Stimme dazwischen. Der Erzengel Gabriel wäre nicht jubelnder begrüßt worden, wenn er plötzlich in Flammen herniedergestiegen wäre, als diese Himmelsbotschaft von den Barbarern. In seliger Verzückung sahen sie nach ihrem Dorfe hinüber. Dort stand der, der gerufen hatte, ihr Pfarrer, an seinem Fenster und winkte leichenblaß, sie sollten alle nach Hause gehen. Das ließen sich die Barbarer nicht zweimal sagen. Wie die Narren hüpften sie in ihr Dorf zurück und eilten mit Purzelbäumen und Juchzern zum Katzenbräu: »Wo ist er? Wo war er? Wo war er? Wo ist er?« Der Pfarrer wehrte sie ab: »Ihr könnte ihn jetzt nicht sehen . . . . er ist noch sehr . . . . angegriffen . . . . Ihr müßt euch noch einige Tage gedulden.« Das war freilich kaltes Wasser auf die hochgestimmten Seelen, denn alle Barbarer hätten den Wiedergekehrten am liebsten auf die oberste Spitze ihres Kirchturms getragen, um den Leonhardern zu sagen: »Da schaut her! Da ist der Leonhard wieder. Jetzt seid ihr die Blamierten, denn ihr habt ihn uns doch nicht entreißen können.« So aber mußten sie mit langen Nasen abziehen, und wußte gar nicht wo aus und wo ein, denn sowohl der Pfarrer als der Katzenbräu sahen trotz der plötzlichen Rückkehr des gottbegnadeten Leonhard recht kummervoll in die Welt. »Also kann er noch keine Wunder wirken?« fragten sie ganz leise, um ja die Ruhe des Kranken nicht zu stören. Der Pfarrer machte ein schmerzliches Gesicht. »Vorerst noch nicht,« sagte er gedämpft. »Das wichtigste ist aber, daß der kranke Jüngling heimgekehrt ist.« Damit ging er in das leere Haus zurück, wo er mit dem Katzenbräu ratlos auf die Erde starrte. Der Pfarrer von Sankt Leonhard aber lachte zur selben Stunde, daß ihm der Bauch wackelte, und der totkranke Jüngling saß mit der Prinzessin im vornehmsten Weinlokal einer großen Stadt. Seine gütige Gebieterin hatte ihm einen Frack angezogen und einen Zylinder aufgesetzt, was dem wunderthätigen Leonhard wie dem Pudel im Cirkus zu Gesicht stand. An allen Ecken juckte es ihn, und schon nach zehn Tagen fühlte er sich im Trubel dieser ungeheuren Stadt so einsam wie niemals zuvor. Schon begann er die Peitsche der Prinzessin schmerzlicher zu empfinden als auf dem Lande, schon fürchtete er sich vor allen Menschen, die ihm begegneten und ihn so sonderbar anschauten. Eines Abends aber fing er zum großen Zorne seiner hohen Gönnerin bitterlich zu weinen an. Seine Barbara war ihm wieder eingefallen, seine Barbara, die er treulos verlassen hatte, und die er um keine Prinzessin vergessen konnte. Bei der nächsten Gelegenheit dachte er durchzubrennen. Das hatte der Pfarrer von Sankt Leonhard ja gerade gewollt! Auch er hätte es gern gesehen, wie die Barbarer, wenn der reine Jüngling wieder zurückgekehrt wäre und plötzlich auf der Spitze des Kirchturmes gehangen hätte, nur wünschte er ihn in Sankt Leonhard hoch oben zu sehen, nicht bei der wunderthätigen Heiligen. Für diesen Spaß wäre er bereit gewesen, was ganz besonderes zu spenden, ja, er hätte sich vielleicht sogar herbeigelassen, die Unschuld der neuen Heiligen dafür zu opfern. »Paß auf, ich krieg' dich doch noch,« sagte er wie die Köchin vor der Mausefalle, wenn er wieder mal eine Nacht auf den Leonhard gewartet hatte. Am andern Morgen flehte er denn vor versammeltem Volk den Schutz des Himmels für die verfolgte Jungfrau herab und segnete mit immer breiterem Schmunzeln die wachsende Zahl der Pilger und Pilgerinnen. Vierzehn Tage sahen das die Barbarer mit an. Der wunderbegnadete Leonhard war jetzt zurückgekehrt, also brauchten sie sich nicht weiter zu kümmern. Allerdings war er immer noch krank, so krank, daß ihn nur der Herr Pfarrer besuchen durfte, sonst keine Seele. Doch die Barbarer verzagten nicht. Den ganzen Tag gingen sie in den leergeblasenen Baracken spazieren, um sich die Zeit zu vertreiben, oder sie besprachen in den öden Kneipen mit unwilligem Kopfschütteln die immer größeren Wundererfolge der neuen Heiligen von Sankt Leonhard. »Daß man machtlos dagegen ist,« sagten sie und erhöhten den Preis um Barbaras Jungfernschaft, den noch keiner erworben hatte. Zahllose Burschen waren schon hinübergegangen, aber regelmäßig mit blutigen Köpfen zurückgekehrt, denn die Leonharder paßten auf, und den Barbarern verging mit den Tagen alle Freude auf ein Wiedersehen. Immer gereizter rotteten sie sich vor dem Katzenbräuanwesen zusammen. Dort, hinter einem dichtverhangenen Fenster im dritten Stocke ruhte ja ihre ganze Hoffnung, und die Barbarer suchten mit gierigen Augen durch den grünen Vorhang zu dringen, ob sich denn der kranke Leonhard immer noch nicht von seinem Schmerzenslager erheben wollte. »Lange dauert es schon,« brummte einer einmal, und hundert andere wollten ihm beipflichten. »Nun ja, es wird schon werden,« beruhigte ein zweiter, und ein dritter drängte sich an den alten Katzenbräu, der eben zur Thüre herauskam. »Geht's denn immer noch nicht besser?« »Wir sind genau so weit wie am ersten Tage,« war die Antwort des tiefgebeugten Vaters. »Das ist aber doch sonderbar,« murmelten die Leute. Und drüben die Leonharder fingen zu lachen an. »Wo ist er denn, euer Leonhard? Wo ist er denn?« »Ja, wo ist er denn?« fragte auch der dicke Pfarrer, wenn er seinen ganz geknickten Kollegen nach der Messe am Fenster sah. Der alte Zachen gab ihm eines Abends die Antwort darauf. Er stürzte plötzlich ins Zimmer, als ob ihm der Satan auf den Fersen folge: »Herr Pfarrer! Herr Pfarrer . . . Der Leonhard ist da!« »Bei uns herüben?« »Nein,« sagte der Zachen, »auf dem Felde draußen will ihn einer gesehen haben.« Der Pfarrer war etwas ernüchtert. Immerhin beschloß er diesmal besondere Maßregeln zu treffen. Er befahl seinen Leuten schon um acht Uhr ins Bett zu gehen und verbot dem Zachen irgendwie Lärm zu schlagen. Dann trat er an das Fenster und sah lange nach Sankt Barbara hinüber, auf das die Dämmerung langsam herabsank. Mit grauen, trübseligen Schatten schlich sie einher wie der Katzenjammer, der das ganze Dorf umsponnen hielt. Wieder hatten die frommen Bewohner vierzehn Tage gewartet, wieder waren sie durch die leeren Baracken gestiegen, mit bangen Sorgen für die Zukunft. Der gottbegnadete Leonhard aber rührte sich noch nicht. Jetzt verloren die Barbarer ihre mühsam bewahrte Haltung. Ein dumpfer Groll zog durch die gläubigen Seelen, anfangs noch mehr gegen das allgemeine Unglück gerichtet, allmählich aber nahm er bestimmte Formen an, und heute entlud er sich mit zügellosere Gewalt aufs Haupt des Pfarrers und seines Spießgesellen, des alten Katzenbräu. Vollzählig wie immer stand das ganze Dorf vor dem Fenster des Leonhard und lugte in der Dunkelheit zu dem matten Lichte hinauf, das hinter dem Vorhang allabendlich angezündet wurde, wie eine Wallfahrtskerze in der Kirche. Da drang auf einmal die unsichere Kunde durch die schweigende Menge, daß derselbe Leonhard, vor dessen Lager sie eben in finsterer Verzweiflung warteten, ganz kerngesund nicht weit vom Dorfe auf freiem Felde herumlaufe. Den Barbarern drohte das Hirn zu erkalten. Zwar fanden sie sich nach dem ersten Schrecken wieder und erklärten dieses Gerücht als einen rohen Gaunerstreich der pietätlosen Leonharder, aber argwöhnisch, wie sie das vergebliche Warten gemacht hatte, ließen sie eilig den alten Katzenbräu auf die Straße kommen. »Wo ist der Leonhard?« fragten sie, und ihr Ton verriet nichts gutes. »Auf seinem Zimmer,« lautete die mißvergnügte Antwort. »Wirklich?« »Na, wo denn sonst?« Wo sonst? Die Leonharder behaupteten ihn heute Abend gesehen zu haben. Ob der Katzenbräu das schon wisse? Nein, das wußte er allerdings noch nicht, der unglückliche Katzenbräu. Mit Entsetzen nahm er die Schreckensnachricht entgegen. Die Barbarer hatten ihn scharf in die Augen genommen und merkten gleich, wie er zitterte. »'Raus mit dem Leonhard,« schrieen sie, »wir wollen ihn haben, denn er muß uns helfen.« Ängstlich bat sie der Katzenbräu stille zu sein, der Leonhard habe heute einen besonders schlechten Tag. »Ach was,« schrien die Leute, »wir waren die ganze Zeit so still, daß er schon lange gesund sein müßte. Jetzt setzen wir uns einmal herein zu dir und gehen nicht eher fort, bis uns der heilige Leonhard in aller Glorie erschienen ist.« Der Katzenbräu mußte gute Miene zum bösen Spiele machen und anzapfen lassen. Als geiziger Filz that er das ungern, aber er hoffte, die Kerle würden im Rausche den Leonhard vergessen und wieder von dannen ziehen. Freilich in dieser Hoffnung sollte er bitter getäuscht werden. Die Barbarer blieben bis zum grauenden Morgen, sie fraßen alle Vorräte bis auf die Knochen und soffen die Fässer leer – nun aber, als es nichts mehr zu zehren gab, wurden sie erst recht ungemütlich: »Wo ist der Leonhard? Wo ist er? Wir fragen zum letztenmal!« Und da sie keine Antwort bekamen, warfen sie die letzte Scheu über den Haufen, die sie von dem geheimnisvollen Zimmer bis jetzt zurückgehalten hatte und stürmten die Treppe hinauf. Dem Katzenbräu gingen die Haare aus vor Angst und Verzweiflung. Er hörte, wie sie die Thüre einschlugen, er hörten ihren gräßlichen Wutschrei, als sie das Zimmer leer fanden, und nun hörte er mit bangem Schaudern, wie die rasenden Bestien sein ganzes, schönes Haus samt allem, was darin war, den Stockwerken nach ohne Schonung in Trümmer schlugen. Da klirrten die Fensterscheiben, da krachten die Spiegel, da flog das Porzellan an die Wände und dazwischen tönte das Geheul der gläubigen Barbarer, die auf so schnöde Weise um ihren Heiligen betrogen waren. »Wo ist der Leonhard?« kam es immer weiter herunter, und traf es den Katzenbräu selber, der wie gelähmt auf seinem Stuhle geblieben war. An seinem schuldbeladenen Haupte schlugen die Barbarer zum Abschied noch sämtliche Trinkgeschirre entzwei, denn er hatte diesen Sündenhandel mit der Amerikanerin geschlossen, er hatte den Fremden die Taschen geleert, er hatte den Leonhard entwischen lassen und hatte ihnen alles zerstört, ihre Existenz, ihren Glauben und vor allem ihre Ehre. Aber auch der Pfarrer, der sie so schändlich belogen hatte, sollte nicht zu kurz kommen, meinten die Barbarer und rannten in weiten Sätzen zur Kirche hinauf. »Wo ist der Leonhard!« tönte es auf einmal in das stille Studierzimmer herein. Dem Pfarrer schwante nichts gutes. Er schlug ein Kreuz und floh in die hinterste Ecke. Aber immer näher und immer wilder schallte es von unten herauf: »Wo ist der Leonhard? Wo ist der Leonhard?« Ja, wenn das der Pfarrer gewußt hätte! Er hätte ihn ja vergolden lassen und seine Füße geküßt, er hätte die heilige Barbara vom Hochaltare genommen und den Burschen darauf gesetzt, aber so konnte er nur die Hände ringen und mit klopfendem Herzen dem Höllenspektakel lauschen. Schon flogen Steine ins Zimmer, schon schlug es gegen die Hausthüre mit Stecken und Beilen, schon kroch der Pfarrer unter das Sofa und stammelte ein Sterbesprüchlein, da – plötzlich ward es totenstill, als ob ein vernichtender Hagelschlag mitten im ärgsten Wüten eingehalten hätte. Und es fing auch nicht wieder an, es blieb ganz still, erst nach einigen Minuten tönte ein schwaches Gemurmel herauf, wie ferner, verschwindender Donner. Da nahm der Pfarrer sich endlich zusammen und kroch aus seinem Versteck wieder hervor. Als er aber mit aller Vorsicht den Kopf wieder aufrichtete, da blieb er stehen wie die Barbarer, regungslos und festgebannt, und schaute mit weitaufgerissenen Augen nach Sankt Leonhard hinüber. Dort stand der dicke Pfarrer am Fenster und rauchte mit freundlichem Lächeln seine Pfeife wie jeden Morgen. Das wäre nichts auffälliges gewesen, doch, was der Pfarrer von Sankt Barbara auf dem steilabfallenden Giebel des Pfarrhofes entdeckte, das trieb ihm den Schweiß aus allen Poren und seinen Schutzbefohlenen nicht minder. Von der schwindligen Höhe sandte der dicke Kamin schwere Rauchwolken zum hellblauen Morgenhimmel, daneben aber schlotterte einer herum im kurzen Hemde, das über und über mit schwärzlichem Ruße gefärbt war. Und dieser verschlagene Flüchtling war kein anderer als der langgesuchte, gottbegnadete Leonhard! Schon die halbe Nacht stand er dort oben, denn der dicke Pfarrer hatte ihm so tüchtig eingeheizt, daß er den Weg nicht mehr zurückkonnte, den er geflohen war. Sprachlos sah es sein Seelsorger, sprachlos sah es seine Gemeinde. Wie geblendet standen sie, und so mancher der tiefgläubigen Barbarer meinte wieder vor einem jener Wunder zu stehen, mit denen die beiden frommen Gemeinden in den letzten Monaten so überreich gesegnet waren. Nur der Pfarrer von Sankt Leonhard schien diesmal an kein Wunder zu glauben. Er rauchte ganz gemächlich seine Pfeife zu Ende, und manchmal blinzelte er zu den vernichteten Barbarern herüber, als wollte er sagen: »Na, da habt ihr euren Heiligen, holt ihn doch, und gebt ihm den Preis, den ihr ausgesetzt habt für die Jungfernschaft.« Aber die Barbarer wollten nichts mehr wissen von Preisen und Jungfernschaften. Sie sahen nur noch ihre Niederlage und sahen ihren heiligen Leonhard in seiner jämmerlichen Verfassung. Darum gingen sie hin und holten ihn. Nicht im Triumphzug wie damals, als er das Wunder vollbracht hatte, sondern ganz verschüchtert, ganz demütig, in Sack und Asche. Dann schlichen sie in die Kirche auf Geheiß ihres Pfarrers, der plötzlich that, als sei er vom Himmel erleuchtet worden, seine Schafe auf eine neue, verheißungsvolle Bahn zu geleiten. Dort nahmen sie die ganz vergessene, heilige Barbara herunter, die sich vor Ehre gar nicht mehr auskannte, und nun zogen sie mit ihr lautlos nach Sankt Leonhard hinüber, wo eben zum Danke für die wunderbare Errettung der tugendhaften Jungfrau eine feierliche Prozession aus der Kirche rückte. Langsam schritten die Pilger unter Posaunenklängen einher, und sie wehrten es nicht, als sich die Nachbarn mit ihrer Schutzpatronin ganz am Ende des Zuges anzuschließen wagten. Als sich dann im allgemeinen Gedränge die heilige Barbara etwas nach vorn schob, da schauten die Pilger freilich fast ebenso erstaunt drein wie der heilige Leonhard, der seine Wundergenossin nach so langer Trennung wieder erblickte, aber sie duldeten auch das. Erst dann wurden sie etwas unruhig, als des Katzenbräu tiefgeknickter Sohn in seinem Büßerhemde herbeiwankte und zerknirschten Herzens auch ein bischen teilnehmen wollte. Der dicke Pfarrer beruhigte sie wieder und gab vor allem Volke ein herrliches Beispiel christlicher Versöhnung. Er nahm den reuigen Sünder freundlich beim Arm und führte ihn zum Erstaunen aller Pilger mit lächelnder Miene neben die sanft errötende Barbara. Dann aber wandte er sich zu seinem Kollegen, der vor eifrigem Beten kaum mehr die Lippen zubrachte und sagte leise, aber doch sehr deutlich: »Ich hab' nichts dagegen, wenn der Leonhard und die Barbara ihre Wunder von jetzt an gemeinsam wirken, aber das sag' ich Ihnen, eine solche Blamage wie mit der Prinzessin kommt mir dann nicht mehr vor. Verstanden?« Sein Verstand Sein Verstand. So nannten ihn alle Freunde, die den weinseligen Maler und seinen vielgerühmten Verstand mit dunkelm Vollbart und leichtgewelltem Haupthaar jeden Abend am Stammtisch begrüßten. Der Verstand war nämlich kein wesenloser Begriff, sondern ein wirklicher Mensch mit zwei langen Beinen und zwei langen Armen. Ein Student war es, der den schmalen Kopf wie ein freier Künstler emporreckte und das bleiche Gesicht in nachdenkliche Falten zog. Ging es aus, dann trug er einen hohen Filzhut mit breiter Krempe und ließ unter den langen Wimpern seine wasserblauen Augen spielen, die gar deutlich verrieten, daß sie niemand schöner finden konnte, als der glückliche Besitzer. »Sein Verstand,« stießen sich auch heimlich die Damen an, wenn sie ihn so durch die Straßen steigen sahen, denn der schöne Student und sein Spitzname waren überall bekannt. »Mein Verstand,« nannte ihn der Maler selber, wenn er die dritte Flasche hinter die weingetränkte Binde gegossen hatte. Um diese Stunde begann er sich auf dem eichenen Stuhle seiner Stammkneipe in fortwährende Bewegung zu setzen, auch fuhr er mit dem Glimmstengel mehrmals über das runde Gesicht, als wollte er lästige Fliegen verscheuchen. Dabei lachte er ohne Unterbrechung wie der Vollmond in der Nacht und klopfte mit der kleinen, fetten Hand dem Studenten eins auf den Rücken: »Mein Verstand!« Es klang wie das befriedigte Knurren eines unförmigen Tieres, das sein Junges bei sich hatte. »Prosit, Maëstro,« erwiderte der Verstand. »Prosit, Maëstro,« riefen die Freunde. Der Maëstro wiegte sich auf dem breiten Gesäße und zeigte seine gelben Zähne vom ersten bis zum letzten: »'s ist doch ein fideler Kerl!« Den Verstand meinte er, und um ihn wieder einmal auf die Probe zu stellen, fragte er ihn mit breitem Gegrinse, wann denn eigentlich der olle Karl der Große regiert habe. Der ganze Tisch stimmte ein lautes Gelächter an, der Student aber wehrte ab: »Maëstro, Sie sind ja schon wieder besoffen.« Alles konnte der Maëstro vertragen, nur nicht diese bittre Wahrheit. Er verlor sofort seine Laune und schlug auf den Tisch: »Ich bin nicht besoffen.« »Wie kommst du dann zu so einer gelehrten Frage, alter Griesgram?« höhnte die Runde. Der Maëstro lachte wieder und trug neue Flüssigkeit zu den Lippen. »Peperl,« rief er der Kellnerin zu, »kannst du mir sagen, wann Karl der Große regiert hat?« »Ach, hören S' auf mit Ihren Schweinereien,« sagte das Mädchen sichtlich entrüstet. Der Tisch johlte um die Wette. »Na, wo bleibt denn mein Verstand?« rief der Maëstro. »Wo bleibt er denn?« »Zu solcher Stunde pariere ich nicht mehr,« sagte der Student. »Wenn Sie's wissen wollen, dann kommen Sie morgen zu mir herüber.« »Da schlagen Sie's wohl erst im Lexikon nach?« lachte der Maëstro. Sein Verstand sah ihn an, als wollte er fragen, ob sich der Maëstro etwa unterstehen wolle, heute noch dies heikle Gebiet mit ihm zu betreten. Der Maëstro aber hätte dies niemals riskiert. Er nickte nur mit dem großen Schädel, gleichzeitig griff er sich an das glattrasierte Kinn: »Ja, ja, 's ist schon gut, 's ist schon gut, ich sage ja nichts mehr, Sie wissen doch alles.« Und er bildete sich nicht wenig ein auf seinen Verstand. Alle Abende folgte ihm der treue Geselle in die rauchgeschwängerte Kneipe und hinterher in die alte Mietskaserne, denn der Verstand wohnte in dem gleichen Stockwerk, wo der Maler seit vierzehn Jahren sein Atelier aufgeschlagen hatte. »Gute Nacht, Maëstro,« sagte er, wenn er seinen schwankenden Herrn vor der Thüre abgeladen hatte. Dann schlüpfte er eilig in seine Bude, weil in der Nacht auch der Verstand mal zur Ruhe kommen wollte. Der Maëstro hingegen angelte mit dem Schlüssel noch eifrig herum, bis er endlich den Docht seiner Unschlittkerze am flackernden Streichholz erwärmte. Ging er des Morgens darauf mit einem Brummschädel an die Staffelei, dann freute er sich, daß ihm wenigstens sein Verstand in der letzten Nacht treugeblieben war. Doch kam es auch vor, daß er ihm zürnte, denn manchmal erwachte der Maëstro aus dumpfem Schlafe und fand neben sich in der engen Bettstatt zu seinem uferlosen Erstaunen ein lockres Mädchen, das nur gegen prompte Bezahlung die liebgewordene Stätte räumte. Da kamen dann Augenblicke, wo der Maëstro an seinem Verstande verzweifelte. »'s ist doch eine Gemeinheit,« murmelte er und kratzte sich in den wenigen Haaren, die ihm noch über der hohen Stirn verblieben waren. »Eine Gemeinheit,« widerholte er nach einer bangen Pause und pochte heftig an die Thür seines Nachbarn. »Sie! Ich bin wieder 'mal mit einem Frauenzimmer heimgekommen.« »Schämen Sie sich 'was,« lautete die übermütige Antwort. »Natürlich,« knurrte der Maëstro, »Sie können lachen! Warum passen Sie nicht besser auf mich auf?« »Bin ich denn auch noch Ihr Tugendwächter?« »Ach, Sie sind ein . . . .« Er sprach es lieber nicht aus, das böse, Wort, sondern zog Hose und Schlappschuhe an, kopfschüttelnd über sich und die sündige Welt. Auch fuhr er wohl manchmal mit frischem Wasser über Gesicht und Hände, ehe er an die Arbeit ging. Sein Verstand nahm es dagegen genauer mit waschen und ankleiden. Er brauchte eine Stunde bis jedes Härchen zurechtgestrichen war und die Flügel der schwarzseidenen Binde wie Siegesfahnen unter dem weiten Halskragen hervorflatterten. Nun nahm er mit übergeschlagenen Armen eine gute Weile Stellung vor seinem Spiegel, nickte sich einigemale zu wie ein Feldherr, der eben eine Schlacht gewonnen hat, und zog seinen großen Radmantel an, um langsam ins Freie zu wandern. »'s ist doch ein fideler Kerl,« sagte der Maëstro, wenn er ihm manchmal die Treppe nachblickte. »Einen Dusel hat er bei allen Familien, bei allen Weibern, bei seinen Lehrern . . .« Und er beschloß im stillen, sich auch einmal so fein anzuziehen. Mit der Ausführung haperte es ein bischen. Der Maëstro ließ keinen Salonrock anfertigen, sondern trug seinen gelben Anzug, den er vor einigen Jahren gekauft hatte, ohne Bedenken weiter und entschädigte sich für allen Familienverkehr durch die Schlickenrieder Nanni, seinem besten, weiblichen Modelle. Ihr hatte er den Vorzug gegeben vor allen anderen, die ihm die Bude belagerten, denn sie erfüllte alle Bedingungen die der Maëstro an ein richtiges Modell zu stellen pflegte. Sie roch nicht nach Patchouli, sie trug weder Hut noch Sonnenschirm, wohl aber Schürze und Kopftuch wie die Mörtelweiber und war von oben bis unten in festes, kräftiges Fleisch gepackt. »Hören S' auf,« quietschte sie, wenn sie der Maëstro in einer fröhlichen Arbeitspause in die Hüften zwickte. »Ach, du dummes Luder,« brummte der Maëstro, »du wirst doch nicht prüde thun.« Die Schlickenrieder Nanni that weder prüde, noch nahm sie 'was übel, sondern patschte auf ihre Schenkel herunter, daß es klang wie in der Küche, wenn fette Koteletten gehackt werden. »Bei Ihnen da gefällt mir's, Herr Maëstro,« wieherte sie. Eigentlich mußte ihr's auch gefallen. Wo sie hinblickte, aus allen Ecken des Ateliers lugte ihr rotes Gesicht. Dazwischen wand sie sich auch vor einem Totenkopf auf der Erde als büßende Magdalena mit nacktem Leib und aufgelösten Haaren, oder sie umschlang als lüsterne Hetäre einen heiligen Antonius, der sich in tausend Nöten krümmte. »Sie sind zu kraß, Maëstro,« sagte der Verstand, wenn er mit prüfendem Auge vor den Bildern weilte, »zu derb, zu naturalistisch.« »Hm, hm,« brummte der Maëstro. »Ich verkenne ja nicht,« fuhr sein Verstand fort, »wie eminent das alles gemacht ist, wie echt und wie wahr, aber ich will Ihnen sagen, es fehlt Ihnen doch etwas, was bei einem Künstler nicht so sehr zu verachten ist: Phantasie!« »Hm, hm!« »Sehen Sie doch die alten Meister an,« sagte der Verstand und hielt eine längere Rede über Rubens und Tizian. Der Maëstro aber dachte sich mancherlei: »Teufel! Sollte mein Verstand zu üppig werden? In letzter Zeit hat's fast den Anschein.« Und er besann sich, wie er denn eigentlich zu seinem Verstande gekommen war. Das hatte sich zugetragen wie die einfachste Sache von der Welt. Eines Morgens stieg er bei ihm zu der Thüre herein, ohne viel Umstände, ohne anzuklopfen und ohne den Hut abzunehmen. »So, da bin ich,« sagte er kurz. Der Maëstro stand in Flanellhemd und Hose vor der Staffelei und malte gerade die splitternackte Schlickenrieder Nanni. »Wer sind Sie? Was wollen Sie?« fragte er wütend. Der Student sah ihn an: »Na, Sie gefallen mir. Haben Sie mich nicht gestern Abend selber aufgefordert, ich soll Sie mal besuchen?« Damit ging er zu der kichernden Nanni und streichelte ihr mit größter Seelenruhe die großen, runden Backen, eine nach der andern. »Meine vierzig Jahre ist mir eine solche Frechheit nicht vorgekommen,« dachte der Maëstro. »Wissen Sie's wirklich nicht mehr?« fragte der Student, der sich an seinem Erstaunen weidete. »Was soll ich wissen?« »Na, daß Sie an meinen Tisch gekommen sind mit Glas und mit Flasche.« »'s ist doch eine Gemeinheit,« murmelte der Maëstro. Also war er richtig wieder einmal seinem alten Laster verfallen, die Gäste der Reihe nach abzuwandern und wie ein guter Kneipwart gehörig anzutrinken. Dabei mußte er natürlich auf den verdammten Musenjüngling geraten, der nun wie ein feiner Kunsthändler alle Bilder der Reihe nach musterte. »Sie malen wohl nur Huren und Heilige, Maëstro?« »Das geht Sie 'nen Dreck an,« entgegnete der Gefragte. »Sie kaufen doch keines von meinen Bildern.« »Ich freilich nicht,« lachte der Student. »Aber ich habe einen Onkel, der kauft viele Bilder.« »Lassen Sie mich aus mit Ihrem Onkel.« »Recht haben Sie, Maëstro,« sagte der Studiosus. »Mein Onkel ist ein Schafskopf, ein alter Filz! Übrigens, weil wir gerade von ihm reden: können Sie mir vielleicht hundert Thaler pumpen?« Kalter Schweiß trat auf die Stirne des Maëstro. War das Scherz, oder hatte er diesem Windbeutel in der Besoffenheit wirklich verraten, daß er in seinem alten Großvaterspinde immer einige blaue Scheine und auf der Sparkasse einen ganz anständigen Brocken ererbtes Vermögen liegen hatte? Imstande wäre er dazu gewesen, denn bei seinen feuchten Rundreisen schwatzte er mancherlei, was er am Tage niemals über seine Lippen gebracht hätte. Diese verdammte Sauferei! Schon wollte er den furchtbaren Schwur leisten, nie wieder den breiten Fuß in die elende Spelunke zu setzen, als ihm der Student noch rechtzeitig seine finstern Gedanken vom zusammengekniffenen Gesichte las. »Er glaubt's faktisch,« rief er lachend. »Ach, Maëstro, Sie sind ein gottvoller Kerl.« Die Atemführung des Maëstro wurde wieder regelmäßiger, sein Blick etwas freier. »Na, ich hätt' Sie auch die vier Treppen 'runtergeschmissen«, sagte er wesentlich freundlicher. »So gefallen Sie mir, wertester Kneipgenosse.« Und der Student gefiel jetzt auf einmal auch dem Maëstro ganz gut. »Sie sind ja ein fideler Kerl,« sagte er langsam. »Bin ich auch,« nickte eifrig der Student. Der Maëstro sah kopfschüttelnd auf den bartlosen Gesellen. »Was doch für Sachen passieren auf der Welt!« sagte er zu sich selber. »Man lernt doch nie aus, wenn man noch so alt wird.« Früher als gewöhnlich ging er diesen Abend in die Kneipe. »Ich bin über Nacht zu einem neuen Freunde gekommen,« sagte er mit besonderem Nachdruck. Am Stammtisch saß um diese frühe Stunde nur ein einziger das Karlchen, wie er kurzweg genannt wurde. Er erschien pünktlich zu jeder Jahreszeit beim Anbruch der Dämmerung in tadelloser Kleidung, mit scharfgezogenem Scheitel und aufgewichstem Schnurrbart, als ob er vom feinsten five o'clock und nicht vom Atelier käme. Lange Reden waren nicht seine Sache, deshalb beantwortete er die Mitteilung des Maëstro nur damit, daß er seinen goldenen Kneifer noch fester auf die stark herausspringende Nasenwurzel setzte und wieder das Peperl in Augenschein nahm, das vom nahen Schanktisch zu ihm herüberschmachtete. Peperl nämlich war Karlchens Herzenswonne. Beide schienen unermüdlich im Austausch von Geschenken. Sie hatte ihm seinen stolzen Namenszug schon in sämtliche Socken, Hemden und Taschentücher mit kühnen Schwingungen gestickt, er wieder hatte ihr ein ganzes Album voll schnurriger Zeichnungen gewidmet, in das jeder Stammgast nach Mitternacht seine Gefühle in Wort und Bild niederlegte. »Hast du nicht gehört, Karlchen?« fragte der Maëstro, dem der schwarze Student nicht mehr aus dem Sinne wollte. Karlchen riß den kleinen Kopf ärgerlich nach der Seite. »Das ist mir wurscht,« sagte er schnodderig. In derselben Nacht noch trank er Brüderschaft mit dem Studenten und brannte ihm einen solchen Schmatz auf die rosigen Lippen, daß das Peperl fast eifersüchtig wurde. »Na, und wir zwei, Maëstro?« fragte der Student mit hochgehaltenem Glase. Der Maëstro winkte ab, als wollte man ihm wieder an die Börse. »Nein, nein, das thun wir lieber nicht.« »Machen Sie doch keinen Unsinn,« jubelte der Student und umarmte ihn stürmisch. »Hol uns der Teufel,« schrie der Maëstro ganz außer Atem. »Hol uns der Teufel,« schrie der Student und zerrte ihn unter dem Beifall der Gäste mit lautem Gesang durch die ganze Stube. Der Maëstro begann nach dem Takte zu tanzen wie ein Bär, dem der Ring durch die Nase gezogen ist. Aber Brüderschaft trank er doch nicht. »Ich begreife dich gar nicht,« sagte einer der Zechkumpanen zu ihm, der ihn zu später Stunde nach Hause geleitete. Es war ein breitschultriger Mann, dessen weiche, singende Stimme seltsam von der kräftigen Erscheinung abstach. Muckl wurde er immer am Tische genannt, und unter diesem Namen kannte so ziemlich jeder lustige Lebemann das fette Gesicht mit der niedern Stirne, denn der Muckl verdiente Geld und gab flotte Gesellschaften in seiner prächtigen Wohnung. »Ja, wirklich, ich begreife dich nicht, du hast doch auch mit mir Brüderschaft getrunken und mit manchem andern, warum nun gerade nicht mit dem Studenten? Das ist doch ein reizender, prächtiger, lieber Kerl, ein ganz famoser Bursche. Faktisch! So einer hat mir schon lange gefehlt, unserm Tische aber auch, denn sag' 'mal ehrlich, wir waren alle auf dem besten Wege zu versumpfen.« Der Maëstro hatte wieder tüchtig geladen und konnte sich nicht mehr auf lange Dispute einlassen. Er brummte nur sein »hm, hm« und trat mit beiden Füßen abwechselnd den Bürgersteig herauf und herunter. Muckl aber konnte sich noch immer gar nicht beruhigen. »Was der Kerl gescheit ist! Hast du gehört, wie er geredet hat? Wie'n Buch. Ja, der versteht was von der Kunst, das merkt man sofort.« Und vor der Hausthüre erklärte er ganz aufgeregt, er werde Karlchens Beispiel folgen und mit dem Studenten nächstens auch Brüderschaft trinken. Der Maëstro wollte das nicht thun und bildete sich nicht wenig ein auf seinen festen Charakter. Am andern Morgen wachte er freilich mit leichten Gewissensbissen auf: »Teufel! Wenn der Student das übelgenommen hat, kommt er vielleicht gar nicht wieder?« Auch an den Onkel dachte er, der so viele Bilder kaufen sollte. Vielleicht wäre es doch möglich gewesen, daß dieser kunstverständige Mann eine Schlickenrieder Nanni erstanden hätte, die zum tiefen Kummer des Maëstro immer noch nicht ziehen wollte. »Ich hab' 'mal wieder eine Dummheit begangen,« sagte er, während er dem begeisterten Muckl im stillen recht gab. Ärgerlich drehte er sich auf die andre Seite und weil der Morgen so grau und das Zimmer so kalt war, kamen ihm immer trübere Gedanken. Er ließ die verkaterten Augen von Möbel zu Möbel wandern und heftete sie schließlich mit schmerzlichem Ausdruck auf das alte, treue Spinde. Da drinnen verstaubte in sammtener Hülle die goldene Medaille, die sie ihm einmal auf der großen Ausstellung für eine Kreuzabnahme verliehen hatten. »Alles Schwindel,« schimpfte der Maëstro, »ich möcht' am liebsten die lumpige Medaille verklopfen und versaufen. Was hilft sie mir denn? Kein Mensch kauft meine Bilder, kein Mensch kennt mich, kein Mensch kümmert sich um mich. Und dabei werde ich ein alter Mann, dem die paar Kröten auf der Sparkasse das Kraut auch nicht fett machen. Ja, ja, es ist schon ein Elend, es ist . . .« Weiter konnte er den finstern Gedankengang nicht ausspinnen, denn im selben Augenblick kam der Student herein, so froh und so munter, als ob nichts geschehen wäre. »Guten Morgen, farbenprächtiger Meister,« rief er mit tiefer Verbeugung. Schmunzelnd entwand sich der Maëstro dem schützenden Linnen. Sein ganzer Trübsinn war verflogen, sein Charakter war wiedergekehrt, seine Zukunft war vergessen. »Sind Sie schon auf?« brummte er zufrieden. »Schon auf? Erlauben Sie, es ist elf Uhr!« »Na ja, es war auch nur eine Redensart,« lachte der Maëstro. »Nun muß ich Ihnen aber gleich etwas wichtiges sagen.« Er nahm den Studenten bei der Hand und erhob den Zeigefinger zu einer feierlichen Erklärung. Wenn er jemandem Brüderschaft verweigere, so habe das seine wohlberechtigte Ursache in einem gewissen Prinzip, das er sich aus verschiedenen Gründen gestellt habe, und deshalb dürfe es ihm auch keiner verübeln, wenn er – »Verübeln?« lachte der Student. »Wo denken Sie denn hin? Das ist mir doch ganz wurscht, ob ich zu Ihnen, du alter Esel oder Sie alter Esel, sage.« »Hm, hm,« brummte der Maëstro. Er hatte sich etwas anderes auf diese schöne Auseinandersetzung erwartet und fragte den Studenten, ob es sich mit seinem Onkel auch so leicht rede. »Mit welchem Onkel?« fragte der Student, als höre er eine Stimme aus dem Jenseits. »Na, mit dem, der die vielen Bilder kauft?« Ein schallender Gelächter schlug dem Maëstro in das verdutzte Gesicht. »Sie sind aber schon mehr wie naiv. Glauben Sie denn alles, was man Ihnen sagt?« »'s ist doch ein fideler Kerl,« dachte der Maëstro. Am nächsten Abend ging er wieder mit ihm in die Kneipe, wo der Muckl schon lange wartete und Karlchen in aufrechter Haltung dem Peperl gegenübersaß. »Das ist 'mal recht,« rief der Muckl mit ausgebreiteten Armen. »Nun kommen Sie nur gleich her, mein Bester, und schauen Sie sich die beiden Brüder an, die gestern nicht dagewesen sind: Der eine mit den paar blonden Sardellen auf dem Kopfe ist der Lockspitzel, der andere mit der kupferroten Nase ist der Gewerbe-Otto.« »Sie haben ja reizende Namen,« sagte der Student. »I, das will ich Ihnen erklären,« eiferte der Muckl. »Lockspitzel nennt man den Herrn, weil er einem jeden so zu sagen die Würmer aus der Nase zieht – er ist nämlich Journalist und schreibt manchmal niederträchtige Artikel, hingegen unser Gewerbe-Otto –« »Halloh,« rief der Student, »das ist wohl derselbe, der alle Nachttöpfe in Lilien und Tulpen verwandelt?« »Erraten! Erraten!« schrie der Muckl, der vor Lachen fast unter den Tisch fallen wollte. Auch dem Lockspitzel und dem Maëstro zuckte es um die Lippen. Nur Karlchen sah unbeweglich zum Peperl hinüber, und der Gewerbe-Otto faßte mit seinen langen Fingern nach einem Glase Citronenwasser. »Sie studieren wohl jedenfalls Kunstgeschichte?« fragte er, ohne eine Miene seines schmalen Gesichtes zu verziehen. »Wie denn?« Der Gewerbe-Otto lächelte mit einer gewissen Überlegenheit: »Es kommt mir halt so vor.« Eine leichte Röte zog über die mageren Backen des Studenten. »Sie irren sich,« sagte er gezwungen. »Nationalökonomie, Finanzwissenschaft und Jurisprudenz, das sind meine Fächer.« »Was es doch für gelehrte Dinge giebt!« sagte kopfschüttelnd der Maëstro, indem er neuen Wein in sein Glas goß. Der Student war wieder lustig geworden. »Nicht wahr? Aber ich pfeife nächstens auf die Universität und schmeiß' den ganzen Krempel in die Ecke.« »Schade,« sagte der Gewerbe-Otto, »Sie hätten alle Anlage zu einem ordentlichen Professor gehabt.« »Denke gar nicht daran,« lachte der Student. »Ich weiß überhaupt noch gar nicht, was ich werden will – oder halt, daß ich die Wahrheit sage: eine Leidenschaft habe ich, ein Dichter möchte ich werden.« »Ein Dichter!« sang der Muckl mit dem Ausdruck höchsten Wohlgefallens. »Oder Künstler, oder so 'was ähnliches,« rief übermütig der Student. »Jedenfalls was freies.« Ohne auszusetzen sprang er vom Stuhle: »Fort mit dem Staube der Pandekten, Mit Afterweisheit und mit Wahn. Die Sonnenstrahlen, die mich weckten, Geleiten mich zum Licht hinan. Nicht länger mehr will ich verrosten, Ich heb' den Becher hoch mit Wein. Ich will die gold'ne Jugend kosten, Will Sänger, will ein Dichter sein.« »Haben Sie schon eine Harfe?« warf der Gewerbe-Otto ein. Der Muckl aber riß ihm das Wort aus dem Munde. »Großartig! Großartig! Und jetzt wird mich keiner mehr von euch verfluchten Stockfischen abhalten, Brüderschaft zu trinken.« »Sollst leben!« rief der Student. »Ein Prachtkerl bist du,« jauchzte der Muckl. Der Musenjüngling erwiderte seine Bruderküsse und drehte sich zu dem vorüberhuschenden Peperl. »Du bist auch ein Prachtkerl,« sagte er und faßte ihr mit beiden Händen in den weitausgeschnittenen Busen. »Ach, was wollen S' denn, Sie Hanswurst?« rief die Kleine entrüstet. »Was ich will?« flüsterte der Student mit der Grimasse eines Schauspielers. »Euer Schlafzimmer, Lady Anna, Euer Schlafzimmer.« »Das kannst du bleiben lassen,« schrie Karlchen, der plötzlich rebellisch geworden war. Der Student kümmerte sich den Kuckuck um seinen Einspruch. Er drückte der widerstrebenden Hebe einen festen Kuß auf die zuckenden Lippen und wandte sich gleich darauf mit ausgebreiteten Armen zu den andern: »Ward je in solcher Laun' ein Weib gefreit? Ward je in solcher Laun' ein Weib gewonnen?« »Shakespeare, Shakespeare!« klatschte der Muckl mit beiden Händen. »Ja, aber schlechter Shakespeare,« sagte der Student. Der Gewerbe-Otto lächelte wieder so eigentümlich wie immer: »Sie hätten die Szene natürlich viel besser geschrieben.« Diesmal hatte er kein Glück mit seinen Sticheleien, denn der Student nickte, als wäre ihm die gewöhnlichste Alltäglichkeit unterlaufen. »Ganz gewiß hätte ich diese Szene besser geschrieben! Das traue ich mir ohne Überhebung zu behaupten.« »Na, da müssen Sie halt den Shakespeare umdichten,« sagte plötzlich der Maëstro nach einer feierlichen Pause. Er hatte beide Handgelenke unter den weitherabhängenden Schnurrbart gehoben und wackelte mit dem Kopfe wie eine Pagode. Der Student sah ihn an, als wollte er sich erst überzeugen, ob man den Herrn überhaupt ernst nehmen könne. »Haben Sie sich jemals mit Psychologie befaßt?« fragte er kurz. Mit freundlichem Gezwinker erwiderte der Maëstro die forschende Frage. Seine großen Augen, die am Morgen immer so verschleiert blickten, als ob die Spinnen darüber gekrochen wären, sahen jetzt so klar und pfiffig drein wie nach zweitägigem Dauerschlafe. »Ich habe mich nie mir Psychologie befaßt, aber mir hat die Sache auch ohne so etwas immer ganz gut gefallen.« »Dann fehlt Ihnen eben für derartige Dinge der Verstand,« sagte der Student, mehr mitleidig als erregt. »Da soll ich mir wohl einen Verstand suchen?« lachte der Maëstro. »Höchste Zeit! Sonst blamieren Sie sich noch länger mit der Behauptung, daß eine solche Szene möglich ist.« Ganz verwundert schwieg der Maëstro einen Augenblick und überlegte sich wirklich, ob er selber der Esel sei oder der junge Bursche, der so eine Sprache führte. »'s ist doch richtig,« knurrte er und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Nein,« schrie der Student. »Stellen Sie sich vor: Ein Mann soll ein Weib in dieser Zeit herumkriegen – am Sarg ihres Gatten. Ich trau' mir ja auch was zu bei den Frauen, aber so was, das giebt's nicht.« »Mir ist das auch schon öfters aufgefallen,« mischte sich plötzlich der Muckl ein. Lachend drehte sich der Maëstro zu ihm: »Schwatz' doch kein Blech!« »Er sagt nur die Wahrheit,« donnerte der Student, »und ich will Ihnen sofort beweisen . . . .« »Quatsch! Quatsch!« schrie Karlchen wütend dazwischen. »Halt's Maul,« schrie der Student. »Shakespeare hat die ganze Figur der Anna . . .  »Mir ist die Anna wurscht, mir ist der Shakespeare wurscht, mir ist überhaupt alles wurscht,« schrie Karlchen. Um den ganzen Spektakel zu überbrüllen, war der Student auf den Stuhl gesprungen und hatte den Maëstro bei den Schultern gepackt: »Wenn Sie den Wahrheitsbeweis antreten wollen,« rief er mit blitzenden Augen, »dann nennen Sie mir eine Frau, eine Witwe, eine Königin, mit der Sie so etwas schon einmal erlebt haben.« Auf vieles war der Maëstro gefaßt gewesen – diese Wendung hatte er nicht erwartet. Ihm waren in seinem ganzen Leben außer der Schlickenrieder Nanni nur noch Damen ähnlicher Kreise, noch niemals aber eine Frau, eine Witwe oder gar eine Königin zu Gefallen gewesen. »Sehen Sie!« rief der Student von seinem erhobenen Standpunkt herab, als der Maëstro, gänzlich verstummt, seinen dicken Schädel wieder nach Art der Pagoden in Bewegung setzte. »Sehen Sie!« rief der Gewerbe-Otto. »Siehst du!« rief der Muckl befriedigt. »Der hat dir's besorgt.« »Jawohl,« nickte der Gewerbe-Otto. »Und da suchen Sie noch nach Ihrem Verstande?« Lächelnd schon der Maëstro die Achseln auf und nieder, als könnte er es selbst noch nicht fassen, was er eben erlebt hatte. Endlich hob er sein Glas zu dem Student empor: »Na, da kommen Sie halt her, mein Verstand.« »Sein Verstand!« jubelte der Muckl. »Sein Verstand!« johlte die ganze Kneipe. So war der Maëstro zu seinem Verstand gekommen. Aus Freude darüber leerte er in jener Nacht so viele Flaschen, daß ihn am frühen Morgen drei Kneipbrüder wie einen Elefanten nach Hause zogen, der nicht mehr in seinen Käfig hinein will. »Das muß anders werden,« sagte er unwillig, als er nach langem Schlummer wieder die Farben mischte. Überhaupt war es ein Unsinn, die dumme Geschichte mit dem hergelaufenen Studenten. Der Kerl schwatzte ja einen Mist zusammen, den die ganze Stadtverwaltung in Tagen und Monden nicht wieder entfernen konnte. So über Shakespeare zu urteilen, mit solcher Frechheit, solchem Unverstande, von dem elenden Gedichte, das der Bursche selber verbrochen hatte, schon gar nicht zu reden! Und da sollte sich der Maëstro hergeben, den guten Onkel zu spielen? Nein, dazu war er denn doch schon zu alt geworden und auch zu sehr Künstler, um sich von einem solch grünen Jungen anulken zu lassen. Er wollte der Sache mit dem sogenannten Verstand für immer ein Ende bereiten. »Ein einzigesmal noch gehe ich in die miserable Spelunke,« knurrte er. »Dort werd' ich dem Studenten meine Meinung sagen, und dem Muckl will ich's schwarz auf weiß geben, daß er ein Esel ist, weil er solches Geschwätz ernst nimmt.« Vorher aber wollte er den Journalisten aufsuchen, der gestern Abend kein Wort geredet hatte. Lockspitzel hatte eben diesen Windbeutel gleichfalls gründlich durchschaut, und weil er somit der einzig Vernünftige war, lenkte der Maëstro seine Schritte am selben Abend zu ihm. Der immer freundliche Herr empfing ihn an der Thüre seiner behaglichen Wohnung mit kavaliermäßigem Gruße und einem Rufe angenehmster Überraschung: »Besser konnten Sie's gar nicht treffen! Denken Sie sich, drinnen bei der Miez sitzt Ihr Verstand.« Der Maëstro wollte etwas erwidern, er wollte dem Lockspitzel in schroffer Form abwinken, aber, ehe er noch den Mund aufbrachte, war er bereits in die Stube geschoben, wo der Student auf weichem Sofa einem elegant gekleideten Frauenzimmer den dicken Cigarettenrauch in den weitgeöffneten Mund blies. »Trinken Sie doch,« bat der Journalist und reichte dem Maëstro ein Glas Wein. »Ich trinke nie etwas am Tage,« war die barsche Antwort. »Na, na, renommieren Sie 'mal nicht,« drohte lächelnd der Student. »Ach« – der Maëstro hatte schon wieder etwas recht böses auf den Lippen, aber er sprach es doch nicht aus, sondern ließ sich von dem Journalisten willenlos auf einen Stuhl drücken. »Siehst du, Miez,« sagte der Student nach einer weihevollen Pause, »das ist der Maëstro.« Gegen diese Thatsache konnte der neue Gast keinerlei Widerspruch erheben. Er preßte mit beiden Händen seinen schäbigen Filz auf den knorrigen Griff seines Stockes, als fürchtete er, es könnte ihm ein frecher Dieb dies kostbare Heiligtum gemeinerweise entwenden. Dabei redete er kein Wort, nur manchmal wandte er mit leichtem Hüsteln das starkgerötete Antlitz nach der kleinen Person auf dem Sofa, der der Student so vertraut mit den Augen zunickte, als sei sie seine Geliebte und nicht die des Journalisten. Lockspitzel schien wenig eifersüchtig zu sein, sondern das kosende Spiel eher mit freundlichen Blicken zu verfolgen. Er drehte sich eine Cigarette und wies dabei mit bedeutungsvollem Winke auf den Studenten: »Er hat uns eben seine Gedichte vorgelesen. Ganz famos, sage ich Ihnen.« Der Maëstro besann sich, daß er eigentlich hierher gekommen war, um über die Dichtkunst seines Verstandes bittere Klage zu führen. Statt dessen saß er da, und es ging ihm wie so häufig im Leben, er fand wieder 'mal keine Worte. »Eminent, wie gesagt,« fuhr der Journalist fort. »Wir werden einige in der Sonntagsbeilage veröffentlichen.« »In der Sonntagsbeilage?« Der Maëstro drehte die Krempe seines Hutes durch die fettigen Finger und trommelte mit beiden Absätzen unablässig auf den Boden. Sein ganzer Groll, den der anfangs empfunden hatte, verwandelte sich bei der Mitteilung des Journalisten in scheue Bewunderung. »Da kommt dieser junge Laffe daher,« sagte er sich, »lernt durch mich den Lockspitzel kennen, steigt ihm gleich auf die Bude, kneift sein Mensch in die Schenkel und giebt ihm aus Dankbarkeit seine elenden Gedichte, für die der Schafskopf noch obendrein ein teures Geld zahlt. Ich aber, dem schon die Haare ausgehen, bleibe immer auf dem gleichen Fleck sitzen und bekomme alles von den illustrierten Blättern zurückgeschickt. Ja, ja, man lernt halt nie aus im Leben.« Seine Bewunderung stieg immer mehr, daß er sogar den Widerwillen gegen das noble Frauenzimmer verwand und schließlich doch noch den dargebotenen Wein ergriff. »Wir wollen eins trinken,« lachte er, nun wieder ausgesöhnt mit dem Leben und mit seinem Verstande. »Wir wollen eins trinken,« rief auch der Student und las nun noch einmal seine Gedichte vor. Geduldig hörte der Maëstro zu, als er aber nach einer Stunde mit dem Studenten zur Kneipe wanderte, nahm er ihn mit einer gewissen Feierlichkeit unter den Arm, wie er das immer that, wenn er etwas besonders wichtiges zu sagen hatte: »Ich freu' mich für Sie, daß Sie so viel Glück haben, aber ganz im Vertrauen: Ihre Gedichte finde ich miserabel, ja, ganz miserabel.« Er war froh, daß er es endlich heraus hatte, denn dies zu sagen, war ihm eine heilige Pflicht gewesen, mochte der andere nun erwidern, was er wollte. Seltsamerweise nahm jetzt der Student die vernichtende Kritik seiner Lieder ebenso wenig krumm, wie die Ablehnung der Brüderschaft, sondern bemerkte ganz ruhig, daß sie bis auf eines oder zwei so ziemlich alle nichts wert seien. Mitten auf der Straße blieb der Maëstro stehen: »Ist das möglich?« »Gar nichts halte ich davon,« lachte der Student. »Nur sage ich mir mit voller Klarheit: Sie sind nicht besser und nicht schlechter als die andern, die gedruckt werden, und da sie denn der Lockspitzel um jeden Preis herausgeben will, müßte ich doch ein furchtbarer Hornochse sein, wenn ich sie ihm nicht verkaufen wollte.« »Da hat er recht,« dachte der Maëstro. Als er sich aber wieder vom Platze bewegte, sagte er sich: »'s ist doch ein fideler Kerl, mein Verstand. 's ist doch ein fideler Kerl.« Und er staunte ihn immer mehr an, je öfter er in den nächsten Wochen mit ihm zusammenkam. Am meisten imponierte ihm die Art, wie er mit den Weibern umzuspringen wußte. Eins, zwei, drei, da hatte er sie schon, ob's in der Kneipe war, oder auf den gemeinsamen Spaziergängen, denn alle Kellnerinnen, alle Kindermädchen, alle Modelle lachten glückselig, wenn ihnen der Student auf einmal sein bleiches Gesicht hinstreckte, als ob er sie küssen wollte. Peperl war die einzige gewesen, die sich geweigert hatte, die andern nahmen es hoch auf, und der Maëstro wäre zu jeder Wette bereit gewesen, daß auch seine Schlickenrieder Nanni gar gerne ein Techtel-Mechtel mit dem hübschen Burschen begonnen hätte. »Gelt, der gefällt dir?« fragte er einmal. »O mein, mir ist 'n jeder recht,« sagte die Nanni ganz gleichgültig. »Na, aber das wäre dir doch der liebste?« Die Nanni zuckte die fleischigen Schultern: »Ich weiß nicht. Der Mensch macht immer solche Augen.« »Was denn für Augen?« »Nun ja, er macht halt solche Augen.« Sie konnte es nicht recht ausdrücken, daß ihr andere Vorzüge viel lieber gewesen wären. Diese sonderbare Zurückhaltung nahm der Maëstro sehr krumm. Er nannte sie eine eingebildete Gans, die sich 'was besseres dünken wollte. Wenn ihr so ein Adonis nicht gut genug war, ja, was wünschte sie sich denn eigentlich? Der Student brauchte sie wahrhaftig nicht, dem liefen ganz andere Weiber nach. Hatte es doch der Maëstro selber schon beobachtet, daß ihm sogar feinste Damen freundliche Blicke zuwarfen, wenn er sie mit voller Unverfrorenheit im vorübergehen musterte. Neulich gar, wenn die Nanni dabei gewesen wäre bei dem großen Feste, das der Muckl dem Studenten zur Ehren veranstaltete. Da hätte sie 'was erleben können, denn an jenem Abende gab es nicht nur die erlesensten Weine, die besten Trüffeln und Austern, sondern auch wunderschöne Frauen, die den Studenten nicht eher in Ruhe ließen, bis er endlich mit dem Maëstro die Wohnung des gastfreien Malers verließ. »Kinder, seid vergnügt,« hatte der Muckl geschrieen, seine aufmerksame Gemahlin aber war von Stuhl zu Stuhl gewandert, um fleißig zum Essen aufzufordern. Beim Maëstro war das eigentlich nicht nötig; er aß auch ohne die dringenden Bitten der Hausfrau mit großem Behagen, nachdem er den ersten Ärger über die geputzten Weiber und die fremden Leute mit mildem Sherry ein bischen hinabgeschwemmt hatte. »Sonderbar,« sagte er sich, »was der Muckl für eine Unmasse Bekannte hat.« Jedesmal sah man neue Gesichter bei ihm, und mit allen war er verbrüdert, als kenne er sie von Kindesbeinen an. Wo die alten blieben, das erfuhr weder der Maëstro, noch einer der andern Stammtischbrüder, die in angemessener Abwechslung so ziemlich die einzig wiederkehrenden Gäste waren. Heute nun schien es ein besonders gewählter Kreis zu sein. Ein hagerer Herr mit kurzgestutztem Vollbart und großer Glatze saß an der reichbesetzten Tafel und redete in belehrendem Tone über Kunst und Litteratur. Alle Anwesenden verfolgten seine Worte, nur der Maëstro ließ sich nicht stören, sondern aß eifrig weiter, bis sein ohnehin schon zu enger Frack wie ein Weinschlauch gebläht war. Als die Stimme aber fortwährend in sein Ohr drang, wie der Schall des Perpendikels, setzte er einen Augenblick aus und hörte, daß sich der redselige Herr gerade gegen einen Vorwurf des Studenten verteidigte. »Nein nein, wir sind keine Reaktionäre mehr auf den Universitäten,« tönte es herüber. »Für diese Type können Sie die verblaßte Figur aus den Witzblättern nehmen. Heutzutage freut man sich über jede junge Saat und bringt dem wahren Talent ein offenes Herz entgegen.« »Wo hat der Muckl nur diesen Kerl wieder aufgegabelt?« fragte sich der Maëstro im eifrigsten Kauen. Der gescheite Herr hatte keine Ahnung, daß am Tische so häßliche Gedanken gebrütet wurden und redete immer weiter. »Herr Professor,« nannte ihn der Muckl, der zur Abwechslung wieder 'mal ganz begeistert war. »Herr Professor,« nannte ihn auch der Student, der sich gar nicht verblüffen ließ. Rede und Gegenrede wechselten, endlich erklärte der Student mit aller Seelenruhe, er könne nur sehr bedingt beipflichten. Bis zu einem gewissen Grade möge der Professor ja recht haben, im allgemeinen aber hätten sich die Universitäten sehr zopfig gegen die junge Bewegung verhalten. Um die Lippen des Professors ging ein Lächeln, das er selber für sehr geistvoll zu halten schien: »Ob daran nicht doch vielleicht die junge Bewegung Schuld gewesen ist?« »Keine Ahnung,« sagte der Student, »einzig und allein die verdammte Reaktion.« Und jetzt führte er das große Wort am Tische statt des Professors, der den Zuhörer spielen mußte. Er sprach gewandt, mit gefälligen Bewegungen, daß die Damen aufmerksam wurden. Sie rückten zusammen, um den gebildeten, jungen Mann näher ins Auge zu nehmen, und der Maëstro, der ununterbrochen weiter aß, bemerkte deutlich, daß der Student seiner Nachbarin unter dem Tische verstohlen die Hand drückte. »Ich habe Ihre Gedichte gelesen,« sagte die Dame dabei mit bedeutungsvollem Blicke. »Nun, gefallen sie Ihnen?« »Reizend, ganz reizend finde ich sie.« »Die Gedichte in der letzten Sonntagsnummer, die sind von Ihnen?« mischte sich der Professor ein. Der Student bejahte mit einer Miene, die höchst verwundert schien, daß man diese Gedichte überhaupt einem anderen zutrauen konnte. »Na, sehen Sie,« rief der Professor, »die haben mir gut gefallen vom ersten zum letzten.« Wieder machte der Student ein sonderbares Gesicht, diesmal drückte es eine gewisse Selbstverständlichkeit aus, als ob man seine Gedichte doch unmöglich anders beurteilen könne. »Und dabei reden Sie von Zurückhaltung und Reaktion!« rief der Professor. »Ich erkenne es gerne an, aus den Gedichten spricht ein guter Geschmack, ein maßvoller Zug, und, was ich doch bei allem Neuen nicht völlig vermissen möchte, ein idealer Schwung.« »Ganz meine Ansicht,« lächelte wieder die Tischnachbarin des Studenten. Der Herr Professor winkte mit einer leichten Handbewegung, als ob er ihm gratulieren wollte: »Jedenfalls sind Sie ein starkes Talent.« »Bin ich wohl auch,« nickte der Student. »Das will ich meinen, er ist ja mein Verstand,« tönte es plötzlich die Tafel herunter. Der Maëstro war's. Er hatte genug gegessen und die Serviette abgelegt. Jetzt war die Stunde gekommen, wo er reden und trinken wollte. »Na, Sie wissen ja, was ich von Ihren Gedichten halte, Sie maßvolles Rauhbein,« grinste er zu seinem Verstande hinüber. Herren und Damen drehten sich mit sichtlichem Erstaunen zu der neuen Erscheinung, die plötzlich auftaute, wie der Eisklumpen in der Sonne, der Professor aber warf dem Maëstro einen Blick zu, als wollte er sagen: »Ich kann Ihnen im Augenblick nicht mit Worten ausdrücken, wie sehr ich Sie verachte.« Einige Engel gingen durch den Speisesaal, unhörbar und leise wie Engel nun einmal auftreten. Diese Sorte himmlischer Erscheinungen konnte der Muckl gar nicht vertragen: »Ich denke . . . . wir . . . . wir sind hier vergnügt genug gewesen, vielleicht gehen wir 'mal . . . . in mein Bibliothekzimmer hinüber.« Drüben reichte er große Cigarren auf kostbaren Schalen herum, und als er zum Maëstro kam, flüsterte er: »Lieber Freund, thu' mir den Gefallen und fange keinen Krakehl mit dem Professor an . . . . Das ist ein riesig bedeutender Mensch . . . . schon viele Jahre hier an der Universität . . . . Litteraturhistoriker, erste, wissenschaftliche Kraft, und dabei durch und durch moderner Mensch wie wir . . . . Na, du hast's ja selber gemerkt.« Zum Professor aber sagte er gleich darauf: »Sie dürfen ihm nicht böse sein, 's ist ein herrlicher Kerl, der Maëstro, nur trinkt er bisweilen zu viel.« »Auch Maler?« fragte der Professor leichthin. »Sogar einer unserer ersten. Hat schon die goldene Medaille.« »Jedenfalls sehr modern?« Der Muckl bejahte eifrig: »Von der äußersten Linken!« »Das dachte ich mir aus seinem Wesen,« sagte der Professor. »Dieser Mensch malt, wie er trinkt.« »Vollkommen erraten,« lachte der Muckl. »Der Maëstro geht zu weit. Ich bin ja selbst geborener Revolutionär, aber schließlich weiß ich doch immer, wo die Grenze liegt.« »Es hängt das eben alles von dem jeweiligen Grade von Bildung ab, die der einzelne Künstler besitzt,« bemerkte der Professor. Dabei sah er die hohen Wände hinauf, die über und über mit Büchern tapeziert waren. »Sehr richtig,« sagte der Muckl und streichelte die kostbaren Einbände, als wären es liebgewordene Schoßhündchen. »Ich lese wenigstens immer,« fügte er bei. »Ich könnte gar nicht anders existieren.« »Nicht so aufschneiden!« rief der Student aus der andern Ecke des Zimmers. Als ob er eine Schrotladung in den Rücken bekommen hätte, drehte sich der Muckl um: »Aufschneiden . . . .?« Der Student hielt einen Band in die Höhe: »Jawohl! Nicht so viel mit der Bildung aufschneiden, lieber die Bücher aufschneiden!« Der Muckl war ganz außer Fassung: »Auf der Stelle giebst du das Buch her . . . . ich habe es erst gestern erhalten . . . . ich . : . .« »Beruhigen Sie sich,« sagte der Professor, »wie ich sehe, haben Sie nicht viel damit versäumt, es ist wieder einmal der griesgrämige Apotheker aus Norwegen.« Und er erzählte dem Studenten, ein Kollege aus Christiania habe ihm beim letzten Psychologenkongresse versichert, daß die Menschen da oben ganz anders seien, als sie von dem alten Brunnenvergifter fortwährend geschildert würden. »Das ist schon ein ganzes Viech,« brummte der Maëstro auf dem Heimweg. »Warum denn?« fragte sein Verstand. »Wenn Sie dafür noch eine lange Erklärung brauchen . . . .« »Darum bitte ich allerdings,« sagte der Student, der die Ansichten des Professors über Erziehung und Bildung ganz vortrefflich nannte. »Na, da lassen Sie sich von ihm doch zum Dichter abrichten,« höhnte der Maëstro. »Jedenfalls werde ich ihn 'mal aufsuchen, sobald ich aus den Ferien zurückkomme.« »Sie gehen fort? Wohin denn?« Der Student that äußerst geheimnisvoll: »Das darf ich nicht verraten.« »So lassen Sie 's bleiben,« knurrte der Maëstro, indem er mitten auf der Straße umkehrte. Geraden Weges eilte er in die Kneipe, denn heute mußte er sich noch ausschimpfen, und außerdem merkte er auch mit Bedauern, daß er noch lange nicht die nötige Bettschwere im Leibe hatte. »Mein Verstand ist ein greulicher Kerl,« sagte er seufzend zu Karlchen. Karlchen saß in aufgeregter Haltung dem Peperl gegenüber und erwiderte nichts, aber der Gewerbe-Otto, der auch mit am Tische saß, lächelte mitleidig: »Zu dieser wertvollen Entdeckung haben Sie Monate gebraucht?« »Ach . . . ,« der Maëstro hatte schon wieder was recht böses auf den Lippen, und gerade dem Gewerbe-Otto hätte er's gern ins Gesicht geschleudert, weil er gegen ihn schon seit einiger Zeit einen leisen Groll hegte. Indessen bezwang er sich noch einmal und brummte nur: »Kann ich dafür, daß ich auf so was verfalle?« »Wer denn sonst?« lachte der Gewerbe-Otto. »Sie sind die Ursache,« brummte der Maëstro. »Sie haben sich nicht mehr um mich gekümmert, während Sie früher täglich bei mir aus und ein gingen.« Alles, was er gegen ihn mühsam zurückgehalten hatte, brach jetzt auf einmal heraus. »Sie brauchen mich doch nicht mehr,« meinte der Gewerbe-Otto, »Sie haben ja jetzt Ihren Verstand.« »Ich pfeif' auf ihn,« sagte der Maëstro und sehnte im Stillen die Zeiten herbei, wo der Gewerbe-Otto auch so was ähnliches wie seinen Verstand vorgestellt hatte. Mehrere Jahre hatte das gut gethan, eines Tages aber war es vorbei. der Maëstro konnte die Sticheleien und das fortwährende Lachen nicht mehr ertragen, und die plötzliche Ankunft des Studenten schlug dem Fasse noch vollends den Boden aus. »Da ist doch Frische, da ist doch Jugend da ist doch Herzlichkeit,« hatte der Muckl immer gesagt, und der Maëstro hatte das gleiche gefunden. Heute freilich nannte der Maëstro den gastfreien Muckl das größte Kameel für diese Entdeckung und sich selber auch. Frische und Jugend! Ha, ha, ha! Eine blasierte Nervenmolluske war der Student, und der Maëstro hätte die ganze grüne Schulweisheit des albernen Jungen für einen einzigen Ratschlag des Gewerbe-Otto hingegeben, der denn doch anders zu reden verstand. Wie man sich so irren mochte, wie man so hinter's Licht geführt werden konnte – es war schon eine Gemeinheit! Immerhin wollte er lieber Schwefelsäure in seinen Rotspohn gießen, als den Gewerbe-Otto um eine Gnade bitten. »Mag er draußen bleiben wie der andre,« sagte er zu sich selber, und vielleicht hätte er's auch über den Tisch geschrieen, wenn nicht im selben Augenblicke der Muckl als später Nachzügler ins Zimmer gewankt wäre. »Kinder, mit dem Studenten ist es nichts,« sagte er wie einer, der eben vom Friedhof kommt und dort etwas teures für immer begraben hat. »Na, warum denn?« fragte der Gewerbe-Otto. »Er wird ein Poseur.« »Jetzt auf einmal?« »Ich hab's schon immer gemerkt,« meinte der Muckl, »aber so wie heute ist mir's noch nie aufgefallen. Ihr hättet ihn nur sehen sollen, wie er die Damen angesäuselt hat, und wie er sich erst gegen den Professor gebläht hat – ekelhaft, einfach ekelhaft.« »Na, dein Professor ist aber erst recht nichts wert,« sagte der Maëstro mit gereiztem Gesicht. »Das verbitte ich mir,« schrie der Muckl. »Gar nichts ist er wert.« »Ich will mich nicht streiten,« sagte der Muckl, »denn du verstehst von den Menschen so viel wie die Katze vom Malen.« »Na, weißt du . . . .« »Wie die Katze vom Malen,« wiederholte der Muckl, »sonst hättest du uns erwachsenen Leuten den jungen Burschen überhaupt gar nicht in die Kneipe bringen können.« »Wer hat denn die dicke Freundschaft angebändelt,« schrie der Maëstro, »du oder ich?« »Du hast angefangen,« antwortete schlagfertig der Muckl. »Du hast mit ihm herumgetanzt am ersten Abend, als ob du schon zwanzig Jahr sein Busenfreund wärst.« »Na, so hab' ich herumgetanzt,« schrie der Maëstro. »So hab' ich Freundschaft geschlossen, und so soll's mich nicht reuen, denn der Student ist mir noch lieber als dein Professor und als alle die kalten Menschen, die nur mit dem Kopf rechnen.« »Wenn er Ihnen so lieb ist, warum haben Sie dann auf ihn geschimpft?« fragte der Gewerbe-Otto, ohne eine Miene zu verziehen. Der Maëstro rutschte auf seinem Sitze herum: »Weil . . . . weil . . . . Himmel, Herrgott, 's ist eben eine Gemeinheit, daß ich immer von so einem Kerl abhängig sein muß.« »Schlimm genug bei deinem Alter,« sagte der Muckl. »Eben bei meinem Alter,« eiferte der Maëstro. »Um mich wird's immer einsamer, und ihr laßt mich elend auf dem Strohsacke verenden, wenn's drauf und dran kommt. Der Student aber, der schaut sich wenigstens noch nach mir um, und wenn er zehnmal ein Schafskopf ist, er hat wenigstens Treue und Anhänglichkeit.« »Auch was gescheites,« höhnte der Muckl. »Treue ist, so lang kein andrer kommt.« Der Maëstro sah weniger auf ihn als auf den Gewerbe-Otto, der fortwährend mit einem Zahnstocher gespielt hatte. »Sagt, was ihr wollt, alle miteinander, 's ist doch ein fideler Kerl, mein Verstand.« Dabei schlug er mit geballter Faust auf den Tisch und fragte den Lockspitzel, wie lange solche Ferien dauerten. Das war nun schon eine hübsche Zeit, so lange, daß sich der Maëstro genügend den Kopf zerbrechen konnte über den mutmaßlichen Aufenthalt seines Verstandes. Zu Muttern war er nicht gegangen, das hatte er von der Hauswirtin erfahren, die beiden die Betten richtete und alle heilige Zeiten das Zimmer wischte. Also, wo war er? Der Maëstro dachte und dachte, denn ohne Verstand herumzulaufen war ihm auf die Dauer sehr schmerzlich. »Verdammte Geheimniskrämerei!« Wenn der Kerl wenigstens eine Karte hinterlassen hätte! Aber nein, er verduftete spurlos, und als der Maëstro nach jener Gesellschaft bei Muckl am späten Mittag erwachte, da war der Student schon lange aus dem Zimmer entwichen, das er erst vor kurzem bezogen hatte. »Übrigens kann mir's ja wurscht sein,« brummte der Maëstro eines Tages, indem er nach langer Pause wieder die Pinsel ergriff. Er wollte arbeiten, tüchtig arbeiten, womöglich ein großes Figurenbild, das wieder so auffallen sollte, wie seine Kreuzabnahme. Aber, wie er es auch anfing, es wollte ihm nichts von der Hand gehen. Alle möglichen Entwürfe wälzte er durch den Kopf, zu keinem konnte er sich entschließen. »'s ist ein Elend,« seufzte er verstimmt. Und er trug seinen Kummer spazieren mitten in leichten Frühlingstoiletten und lachenden Gesichtern. Langsam schritt er die Straße hinunter und traf ihn zufällig das Auge eines Vorübergehenden, dann sah er zu Boden, als suche er ein verlorenes Geldstück. Was musterten denn diese Leute immer sein Gesicht, was musterten sie seinen Anzug? Er blickte doch auch keinen andern an, sondern ging ruhig seines Weges, wenn es ihn auch mehr wie einmal gereizt hätte, den glänzenden Cylinder eines Stutzers einzutreiben oder einem lachenden Frauenzimmer die Schleppe des seidenen Kleides herunter zu treten. Alle die Laffen ärgerten ihn, denn er sah gar nicht ein, was die Menschen für einen Grund hatten, sich besonders zu freuen. Dieses Leben bedeutete ein elendes Dasein voll ewiger Enttäuschungen, und war es jetzt schon erbärmlich, wie mochte es für ihn erst in Zukunft werden, wenn er sich immer so weiter fretten mußte mit der bescheidenen Rente seines Vermögens und ohne Aussicht auf jemaligen Absatz seiner zahllosen Werke? »O, meine nichtsnutzigen Bilder!« brummte er. Am liebsten wollte er sie heute noch dem Trödler verehren, aber er mußte ja fürchten, daß sie ihm der geschäftskundige Mann mit Hohnlachen zurückgeben könnte, weil er solch scheußliche Dinger nicht einmal geschenkt haben wollte. Und das war dann die Kunst! Der Maëstro lachte bitter über die hehre Göttin, der er zwanzig Jahre seines Lebens geweiht hatte. Die ganze Kunst war nichts anderes, als müßiger Zeitvertreib für reiche Protzen, und der Maëstro beneidete jeden Holzhauer, an dem er vorüberging, vor allem aber um seine Zufriedenheit. Ja, wer's verstanden hätte, wie der Muckl, wie der Gewerbe-Otto! Die bekamen bezahlt, was sie verlangten für ihre Arbeiten und für ihren guten Geschmack. »Ihnen fehlt eben das Liebliche, das Gefällige, was die beiden haben,« hatte der Verstand schon öfters gesagt, und damit hatte er allerdings zwei Eigenschaften genannt, die seinem preisgekrönten Freunde nicht in die Wiege gelegt waren. Zwar hatte sich der Maëstro schon die größte Mühe gegeben, bei festverschlossenen Thüren so was ähnliches herauszubringen, aber immer war es ein Zerrbild geworden, das eher den Gesichtern jener grotesken Karikaturen glich, die Karlchen zum Entsetzen seiner einstigen Lehrer so meisterhaft zeichnete. »Dem geht's auch so wie mir,« seufzte der Maëstro, »nur mit dem Unterschied, daß er einen Alten von vielen Millionen hat, er kann leben und schaffen, wie er will, ich aber habe ein paar lumpige Groschen und kann elend verhungern.« »Oder wenigstens verdursten,« fügte er grimmig bei, denn die Flasche stand bei ihm noch höher als sämtliche Kalbsbraten der Stadt. Der furchtbare Gedanke, daß einmal der Tag kommen könnte, wo er nichts mehr zu trinken hätte, regte ihn dermaßen auf, daß er nahe daran war, so ein paar Tagediebe mit kräftigen Stößen in den Straßenkot zu rempeln, aber plötzlich drehte er auf dem Absatz um, wie ein Spitzbube, der sich vom Schutzmann entdeckt sieht. »Das ist mein Verstand gewesen, ganz sicher ist er's gewesen.« Sofort hatte er ihn wieder erkannt, trotzdem er ein Frauenzimmer bei sich hatte und einen schwarzen Vollbart trug wie der duldende Nazarener. »Aber, Maëstro, warum laufen Sie denn schon wieder davon?« tönte es jetzt hinter ihm. Eigentlich war der Maëstro gerade daran, sich dieselbe Frage vorzulegen. Und weil er fand, daß er wahrhaftig keine Ursache zum ausreißen hatte, blieb er stehen, indem er sein geängstigtes Gesicht seinem Verstande zudrehte: »Sie sind doch in Gesellschaft,« sagte er zögernd. »Ach was, die Dame kann warten.« »Ist das nicht Ihre ehemalige Tischnachbarin?« fragte der Maëstro sehr leise. Sein Verstand that wieder so geheimnisvoll wie an jenem Abend. »Also mit so etwas treiben Sie sich in den Ferien herum?« brummte der Maëstro. »Und mich lassen Sie sitzen?« »Darüber reden wir morgen,« lachte der Student. »Ich muß Ihnen ohnehin viel erzählen.« »Na, da kommen Sie und suche Sie endlich Ihr verlassenes Zimmer auf,« sagte der Maëstro. »Schauen Sie aber auch zu mir ins Atelier herüber.« »Ob ich komme!« rief der Student und gab ihm die Hand. Der Maëstro hielt sie einen Augenblick fest. »Was doch für Sachen passieren auf der Welt,« sagte er langsam. »Ich treffe Sie da so zufällig, und im selben Augenblick, wieder ich Ihren neuen Vollbart sehe, kommt mir eine großartige Idee.« »Was für eine Idee?« »Ich will Sie als Christus malen.« »Soll mir angenehm sein,« sagte der Student und empfahl sich. Der Maëstro aber stolzierte nach Hause, summend wie eine Biene, und hatte in wenigen Stunden den ganzen Entwurf einer großen Kreuzigungsgruppe vollendet. »Das soll mir der Muckl oder der Gewerbe-Otto nachmalen,« lachte er zufrieden. In der Kneipe beschloß er den aufregenden Tag bei einigen Flaschen Champagner, denn, wenn's auch nicht viel war, was er jährliches Einkommen hatte, die paar lumpigen Pullen konnte es immer noch decken. Das wußte der Maëstro als guter Haushalter, der noch niemals gepumpt hatte und darauf sehr stolz war. »Du mußt vergnügt sein, Karlchen,« sagte er, »nicht immer so borstig dahocken.« Karlchen aber war gar nicht vergnügt. Er hatte an den Alten geschrieben, daß er Peperl heiraten wolle und statt der erhofften Zustimmung eine beleidigende Antwort erhalten. »Nun ist mir alles wurscht,« sagte er schnodderig. »Na, na, na,« brummte der Maëstro, und er erzählte von den romantischen Umständen, unter denen er seinen Verstand wiedergefunden habe. »Wie der Kerl zu diesen Weibern kommt, ist mir ein Rätsel. Wenn ich mir vorstelle, ich sollte so etwas probieren . . . .« Je ungeheuerlicher ihm dieser wahnwitzige Gedanke erschien, um so stärker bewunderte er seinen glücklichen Verstand, der so etwas spielend zu Weg brachte. »Na, denken Sie noch immer wie damals?« fragte er ihn am andern Tage, nachdem der erste Redeschwall erschöpft war. »Über was denn?« »Über den schlimmen Richard den Dritten und die Anna?« Der Student verschränkte die Arme und hob langsam den Kopf, als blicke er zurück in ungemessene Fernen: »Wahrhaftig. In dem Falle mögen Sie Recht behalten. Ich habe doch möglicherweise die Schnelligkeit unterschätzt, mit der man Erfolge bei Frauen erringen kann.« Er sprach gemessener als sonst, mit einem gewissen Ernst, der ihm gut zu dem dunklen Vollbart stand. »Sehen Sie wohl,« schmunzelte der Maëstro, »der olle Shakespeare ist doch nicht so übel.« »Ach, man schwatzt manchmal dummes Zeug, wenn man noch jung und bekneipt ist,« antwortete der Student wie zur Entschuldigung. »Jetzt soll es schon anders werden.« »Na, warum denn?« fragte der Maëstro. »Das war ja gerade so fidel an Ihnen.« »Schweigen wir davon,« sagte der Student. »Ich dachte zu verächtlich von Bildung und Wissenschaft. Nun aber habe ich eine starke, innere Wandlung durchgemacht.« Das merkte jetzt auch der Maëstro. »Was wollen Sie denn thun?« fragte er ganz kleinlaut. Der Student durchmaß mit großen Schritten das Zimmer. »Ich will umsatteln . . . . ich will Litterarhistoriker werden.« »Ich meinte immer, Dichter wollten Sie werden?« »Selbstredend, aber ohne die richtige Grundlage kann ich's im ganzen Leben zu keiner wirklichen Bedeutung bringen.« »Hat Ihnen das der weise Professor in den Kopf gesetzt?« Der Student lächelte: »Ach, Maëstro, für solche Dinge fehlt Ihnen ja doch jeder Verstand.« Mit leichtem Brummen gab sich der Maëstro wieder zufrieden und griff nach Pinsel und Palette, um ihn richtig als Christus zu malen. Ihm zu Füßen setzte er die Schlickenrieder Nanni als büßende Magdalena, rechts vom Kreuze die alte Hauswirtin als Muttergottes und links den Lockspitzel als den Jünger Johannes. »Fehlt nur noch, daß ich den Muckl und den Gewerbe-Otto als Schächer verwende,« brummte er. Der Gewerbe-Otto hätte wohl seine rote Nase dazu geliehen, weil ihm so 'was Vergnügen machte, Muckl aber wäre unter gar keinen Umständen bereit gewesen, sich auf einem Bilde mit dem Studenten verewigen zu lassen, dem er sogar schon in der Kneipe auszuweichen begann. »Daß du den Posenfatzke überhaupt malen magst,« sagte er. »Der ist doch noch viel greulicher geworden, seitdem er zurückgekehrt ist.« Natürlich ließ sich der Maëstro dadurch nicht abhalten, sondern schuftete, was das Zeug hielt, einen Tag nach dem andern. Es gab lustige Sitzungen in dem alten Atelier, denn Lockspitzel brachte außer seinem Mädel auch noch Champagner mit, nur der Verstand vergaß manchmal seine neue Wissenschaft, wenn unter ihm die Schlickenrieder Nanni ihre vollen Brüste entfaltete. Das Mädchen aber fühlte sich ganz als büßende Magdalena und wollte von einem Sündenfall mit dem Studenten nichts wissen. »Na, ich denke immer, Sie haben viel bessere Ware?« sagte der Maëstro zu seinem Verstande. »Trotzdem bin ich kein Kostverächter, wie Sie glauben.« »Und was würden wohl Ihre feinen Damen dazu sagen?«` »Alles zu seiner Zeit und an seinem Orte,« lachte der Student. Der Maëstro begriff es immer noch nicht. Erst neulich hatte er seinen Verstand wieder auf der Straße ertappt, diesmal mit einem noch schöneren Frauenzimmer. »Ein toller Kerl,« hatte er kopfschüttelnd gesagt, und er war froh, daß er wenig spazieren ging, sonst hätte er vielleicht seinen Verstand alle Tage mit einem andern feinen Frauenzimmer begegnet, die ihm im Grunde doch furchtbar zuwider waren. »Warum sind sie Ihnen denn gar so zuwider?« fragte der Student mit spöttischem Lächeln. Freilich, das konnte der Maëstro selber nicht sagen. »Also ist es weiter nichts als ein albernes Vorurteil,« sagte der Student, »um so mehr zu bedauern, als gerade Ihnen so ein Verkehr sehr nötig wäre.« »Na, wieso?« »Weil Sie dann jedenfalls bessere Bilder malen würden.« »Male ich Sie vielleicht nicht schön genug, Herr Verstand?« »Mich malen Sie ganz gut, aber im allgemeinen haben Sie viel zu wenig Geschmack.« Der Maëstro wurde ein bischen unruhig. »Das sollte ich nun eigentlich doch selber wissen.« »Ei freilich,« lachte der Student, »aber wann hätten denn die Künstler je im Leben einen Begriff von den Forderungen der Kunst gehabt?« Jetzt wußte es der Maëstro. Sein Verstand hatte es ihm wieder einmal so gründlich besorgt, daß er gar kein Wort zu erwidern versuchte, sondern seine bösen Gedanken im Stillen verarbeitete. »Es geht nicht mehr länger mit ihm,« sagte er sich. »Ich male ihn nur noch als Christus fertig, weil er mir dafür gerade paßt, dann aber schmeiße ich den frechen Kerl ganz sicher zur Thüre hinaus.« Der Student war unverändert in seiner Stellung am Kreuz geblieben. »Wie gesagt, es liegt nur an den rohen Formen, die Sie immer vor Augen haben. Verkehren Sie mal mit wirklichen Damen von Geist und Erziehung, da wird Ihnen eine neue Welt aufgehen, und Sie werden auch bald ganz anders verdienen.« »Wenn er doch Recht hätte?« fragte sich der Maëstro mit scheuem Mißtrauen. »Hinausgeworfen ist er gleich, aber drinnen ist er so bald nicht wieder.« Deshalb fragte er de Studenten, wie man denn das mit so einem Verkehr mache. »Nichts leichter als das,« war die fröhliche Antwort. »Ich führe Sie ein.« »Soll ich, soll ich nicht?« zog es mit bangen Zweifeln durch den Kopf des Maëstro. »Ich soll,« sagte er eines Tages, weil er nichts unversucht lassen wollte, um doch einmal auf einen grünen Zweig zu kommen. So ließ er sich richtig einen neuen Anzug machen und wanderte mit ihm und seinem Verstande in jene geheimnisvollen Kreise, die er sein Lebelang ängstlich gemieden hatte. Ein schrecklicher Kater begleitete ihn wieder nach Hause, ein Kater, wie er noch niemals einen solchen gesehen hatte. Das grausame Tierchen hüpfte ihm munter auf dem Leibe hinauf und ließ ihn auch am Morgen noch lange nicht locker, wo sich der Maëstro mit bösen Empfindungen aus seinem Bette wälzte. Wäre es Wein gewesen, Schnaps oder Bier, was ihm solche Beschwerden verursachte, aber darin bestand ja gerade die Niederträchtigkeit, daß die Bestie aus ganz anderen Stoffen erzeugt war, als aus den gewöhnlichen der Stammkneipe und der andern Lokale, wo der Maëstro zu trinken pflegte. »Eine Gemeinheit! Eine Gemeinheit!« murmelte er. Nur aus grauen Nebelschleiern dämmerte ihm die Erinnerung auf an die entsetzlichen Stunden, die er sich hilflos an den Wänden herumgedrückt hatte, ohne zu reden, ohne zu schauen. Erst hatte man eine Stunde lang auf den Marterkasten geklopft, zweihändig, vierhändig, dann mit einstimmigem, zweistimmigem und dreistimmigem Gesang. Dann hatte einer auf der Violine herumgekratzt, ein anderer auf dem Cello, ein dritter hatte die Flöte geblasen, und schließlich war dem Studenten ein Tischchen vor die Beine geschoben worden, auf dem er mit höchstem Pathos seinen neuen Einakter vorlas. »Zerrissene Seelen« war die Schauersache benannt, und der Herr Professor, der auch diesmal fast ausschließlich das Wort führte, hatte es wieder sehr maßvoll und vornehm gefunden, wie die ganze hysterische Gesellschaft, die dem glücklichen Dichter frenetischen Beifall klatschte. Zu essen aber hatte es fast gar nichts gegeben, außer einem belegten Brötchen, und zu trinken nur Leitungswasser und Thee. »Hol' mich der Teufel,« stöhnte der Maëstro und wankte ohne langes Besinnen zur Thüre seines Nachbarn. »Sie! he! Machen Sie auf, oder ich haue Ihnen die Thüre ein.« »Na, zum Kuckuck, was wollen Sie denn?« schrie der Student. »Ich will Ihnen nur sagen, daß ich Sie seit gestern Abend gründlich durchschaut habe.« »Wieso denn?« »Die ganze Geschichte ist Schwindel. Ihre angeblichen Erfolge bei den Weibern sind auch nichts als Schwindel, ich glaub' nicht daran, ich hab' überhaupt nie daran geglaubt, nie, nie, nie! So, und jetzt unterstehen Sie sich nicht, noch einmal einen Fuß auf meine Schwelle zu setzen.« »Ganz wie Sie wollen,« rief der Student durch die Thüre. »Ich komme also nicht mehr und werde auch sogleich die Dame abbestellen.« »Welche Dame?« »Eine Dame, die sich gestern Abend ungemein für mein Porträt als Christus interessierte.« »Na, was ist denn mit der Dame?« fragte der Maëstro sehr unruhig. »Ach nichts! Sie wollte das Bild heute besichtigen und vielleicht auch kaufen.« »Das kann sie ja immer noch,« meinte der Maëstro. »Nein, die Sache ist jetzt erledigt, nachdem Sie mich einen Schwindler geheißen haben.« »Wer wird denn gleich alles so schroff nehmen?« »Ja, so bin ich nun 'mal,« antwortete der Student und ließ den Maëstro ein paar Stunden qualvoller Ungewißheit verleben. Es wurde elf Uhr, zwölf Uhr und schon ging der Zeiger zur Verzweiflung des Maëstro langsam auf ein Uhr hinüber. »Wenn ich mir diese Geschichte wieder verscherzt habe, dann kann ich mich selber aufhängen,« stöhnte der Maëstro. Sein gütiges Schicksal verschonte ihn vor solcher Zwangsmaßregel, denn kaum waren zehn Minuten vergangen, da klopfte es endlich, und sein Verstand, der liebe, herzensgute Kerl, der doch nichts nachtragen konnte, kam mit der Dame richtig zur Thüre herein. »Ich bin gerettet,« sagte der Maëstro zu sich selber. Immer zweifelhafte, ob die beiden kämen oder nicht kämen, hatte er es doch für nötig erachtet, einige besonders schlimme Akte der Schlickenrieder Nanni beiseite zu schaffen und den verschiedenen Spinnen an Fenstern und Wänden mit rauhem Griffe die Wohnung zu kündigen. Nun stand er neben der Staffelei und machte eine Verbeugung, um die ihn ein Höfling beneiden konnte. »Höchst interessant,« sagte der feine Besuch, der sich in diesem Raume seltsam genug ausnahm. »Hm, hm!« sagte der Maëstro. Er hatte in der Dame die Tischnachbarin seine Verstandes wiedererkannt, die er an dem Abend bei Muckl so schön gefunden hatte. Jetzt, wo er sie ganz in der Nähe sehen konnte, wollte sie ihm mit ihren zahlreichen Fältchen und der unreinen Gesichtsfarbe viel weniger gefallen als damals und gestern, wo sie bei der langweiligen Vorlesung kein Auge von dem Studenten gewandt hatte. »Die hat geradeso ihre vierzig Jahre auf dem Buckel, wie ich selber,« dachte der Maëstro, und sein sonst so glücklicher Verstand erschien ihm in diesem Augenblicke nicht sonderlich beneidenswert. »Wie gesagt, höchst interessant,« wiederholte die Dame, das Lorgnon vor den Augen. »Und was mich besonders freut, daß Sie den leidenden, schwärmerischen Zug unseres gemeinsamen Freundes so ausgezeichnet getroffen haben.« Sie sah zärtlich zu dem Studenten empor, der ihr zunickte wie in tiefen Gedanken. Dann wandte sie sich wieder zum Maëstro: »Dieser gebrochene Blick . . . . dieser namenlose Schmerz um etwas Verlorenes . . . . diese Entsagung . . . . ich, Sie haben aus seiner innersten Seele geschöpft.« »Wenn sie nur das Bild kauft,« dachte der Maëstro, »dann kann sie meinetwegen noch ein paar Stunden so weiter schwatzen. Und sie kaufte das Bild. Ohne langes Feilschen bewilligte sie den ganzen Preis, den der Maëstro nur zögernd herausbrachte, dann ging sie wieder von dannen, indem sie noch freundlich ersuchte, ihr das Werk gleich nach der Vollendung ins Haus zu senden. »Kommen Sie her,« schrie der Maëstro seinem Verstande zu. »Sie sind doch ein fideler Kerl.« »Haben Sie je daran gezweifelt?« fragte der Student. »Jawohl! Gestern Abend, als Sie diesen schauderhaften Mist vorgelesen haben,« antwortete der Maëstro. Er war froh, daß er es wieder heraus hatte, denn das hatte er sagen müssen, trotz aller Dienste, die er dem Studenten verdankte. »Na, Sie halten ja selber nichts davon,« fügte er hastig bei, als er in dem Gesichte des Studenten einen erstaunten Zug zu lesen glaubte. »Wer sagt Ihnen denn das?« fragte der Verstand. »Ich meine halt . . . . weil Sie bei den Gedichten so vernünftig waren.« »Ach, erinnern Sie mich nicht immer an die Jugendthorheiten, die glücklicherweise vorbei sind.« »Da sind Sie wohl sehr böse auf mich?« fragte der Maëstro. »Keine Ahnung. Es ist mir ganz gleich, was Sie davon denken, weil Ihnen in dem Punkte eben doch der Verstand fehlt.« Der Maëstro war weit entfernt, heute etwas übel zu nehmen. Er klopfte auf seinen Bauch, als ob er ein Weinfäßchen wäre und verriet dem Studenten die feste Absicht, von jetzt an immer in solche Gesellschaften zu gehen. »Nicht wahr? Sie sind doch nicht so übel?« Mit komischem Ernste legte der Maëstro seine Rechte auf den hochgehobenen Brustkasten: »Na, ich verstehe mich aber auch in diesen Kreisen entsprechend zu bewegen.« Beinahe hätte er selbst an die schöne Phrase geglaubt, denn der ungeheure Erfolg stieg ihm zu Kopfe wie Champagner. Jetzt hatte er Geld, jetzt brauchte er nicht mehr mit jeder Flasche ängstlich zu rechnen, die er als Zugabe noch trinken wollte, jetzt konnte er auch ein bischen auftreten wie Gewerbe-Otto und Muckl und wollte sich nicht mehr über die Achsel ansehen lassen als der preisgekrönte Maëstro, der für seine Bilder wohl goldene Medaillen, aber kein Kupferstückchen gangbare Münze bekam. Und dieses Wohlleben sollte keinen Müßiggänger aus ihm machen, im Gegenteil, jetzt wollte er erst recht arbeiten, denn hatte diesmal die eine Dame von ihm gekauft, das nächstemal kaufte eine andere, dann eine dritte, und so immer weiter, bis das alte Spinde das viele Geld gar nicht mehr fassen konnte und der Maëstro einen großen eisernen Schrank anschaffen mußte. »Wie sie den die vier Treppen heraufbringen werden, weiß ich heute noch nicht,« sagte er zu seinem Verstande. »Da giebt's Unannehmlichkeiten mit dem Hausherrn.« Immer tollere Sprünge machte seine Phantasie, während er sich die Zukunft zurechtlegte und den neuen Anzug mit dem altgewohnten vertauschte. Die vornehmen Damen sollten nicht nur Bilder kaufen, sie sollten auch selber welche malen, und weil sie das wohl nicht von heute auf morgen so ohne weiteres fertigbrächten, heckte der Maëstro einen neuen Plan aus, den er sich allerdings seinem Verstande nicht direkt ins Gesicht zu sagen traute. Er ließ daher sein Flanellhemd einen Augenblick auf dem Kopf hängen, daß man die haarbedeckte Mannesbrust sah und erklärte dabei, er sei fest entschlossen, sich neben den wechselnden Bilderverkäufen auch ein regelmäßiges Einkommen zu sichern durch eine Damenschule, die er in diesen Tagen gründen wolle. »Sind Sie verrückt?« fragte der Student. »Dazu gehört doch noch etwas mehr persönliche Liebenswürdigkeit.« Der Maëstro war tötlich beleidigt, denn er hielt die Idee einer Malschule für sehr raffiniert und meinte, daß nur ein so gerissener Geschäftsmann, wie er einer war, darauf verfallen könne. »Eine Weiberkneipe können Sie nicht dirigieren,« lachte der Student, »aber keine Damenschule.« »Sie halten sich natürlich für den allein richtigen Mann, solch ein Unternehmen zu wagen?« »Was kann ich dafür, wenn sich mir alle Weiber an den Hals werfen?« »Ist's denn wirklich gar so toll?« fragte der Maëstro mit hochgezogenen Augenbrauen. »Manchmal wird's mir schon fast zu viel,« sagte der Student wie einer, der drei Nächte nicht mehr geschlafen hat. Nachdenklich richtete der Maëstro seine Blicke auf ihn. »Ja, ja, Sie sind ein toller Kerl, ein ganz toller Kerl . . . . Aber warten Sie, . . . . wenn ich erst 'mal sechs Wochen in den Kreisen verkehre.« Und er stieg wie ein Pfau durch das Zimmer. Weil sein Verstand aber gar nicht auf die großartige Idee eingehen wollte, bändelte er nach langer Zeit wieder mit dem Gewerbe-Otto an. »Was meinen Sie dazu?« fragte er ihn am selben Abend. »Wenn die Damen kommen, warum denn nicht?« Die würden schon kommen, meinte der Maëstro und erzählte mit vollen Backen von seinem unerhörten Dusel mit der Kreuzigung. »Haben Sie schon das Geld in der Tasche?« fragte der Gewerbe-Otto. »Nein,« sagte der Maëstro gedehnt. »Aber das ist ja doch so gut wie sicher.« »Wenn Sie glauben . . .« »Wenn ich glaube –?« Der Maëstro glaubte bereits gar nichts mehr, sondern begann auf dem Stuhle zu rücken, und weil ihm der Wein auf einmal nicht mehr schmecken wollte, that er etwas, was seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr geschehen war: Er ging um elf Uhr nach Hause. Heute noch wollte er den Studenten sprechen, um dieser Ungewißheit ein Ende zu bereiten. Als er aber an die Thüre seines Nachbars das Ohr lehnte, stieß er einen leisen Fluch aus: »Jetzt muß der Kerl gerade ein Frauenzimmer bei sich haben.« Schon manchmal hatte er sich heimlich gefragt, wen er wohl wieder auf die Bude geladen habe. Diesmal aber empfand er keinerlei Neugierde, sondern zog ärgerlich die Decke hoch über die Ohren. Am nächsten Morgen pochte er um so heftiger und erzählte von dem ungeheuren Floh, den ihm der Gewerbe-Otto ins Ohr gesetzt hatte. Der Student meinte, der Herr höre zwar das Gras wachsen, diesmal aber irre er sich, denn die Dame sei steinreich und werde schon deshalb halten, was sie versprochen habe, weil er den Christus darstelle. Das brachte er alles mit solcher Sicherheit heraus, daß der Maëstro wieder seine Ruhe gewann. »Sie haben gestern gelumpt,« sagte er lächelnd. »Woher?« rief der Student. »Ich war um zehn Uhr zu Bett.« »Ja, aber nicht allein,« rief der Maëstro. »Auf Ehrenwort.« »Na–nu?« schrie der Maëstro ganz entsetzt. »Das wagen Sie zu behaupten, und ich habe deutlich gehört . . . .« Feuerrot war der Student plötzlich geworden. »Maëstro . . . . Maëstro . . . . Sie sind ein Schuft,« sagte er mit ganz eigentümlichem Lachen. »Möglich,« meinte der Maëstro. »Jetzt aber will ich schnell das Bild fertig malen und dann soll's ein großes Atelierfest gegen mit Wein und Weibern.« Sieben Tage malte er noch, und diese Woche dünkte ihm fast die schwerste seines Lebens. Nicht wegen der Arbeit. Die ging glatt voran und war am Sabbath auch richtig beendet wie das Werk des Schöpfers. Aber sonst hatte der Maëstro so vielerlei auszustehen in diesen Tagen, daß ihm fast seine Freude an dem gut gelungenen Bilde verleidet wurde. Da kam Besuch auf Besuch zu der Thüre herein, Herren und Damen, und alle wollten das Kunstwerk bewundern. Dem Maëstro ging erst in diesen Tagen das Licht auf, was sein Verstand eigentlich für ein Mordskerl war. »Nun muß ja die Damenschule gedeihen,« hatte er gesagt. Als das aber immer so weiter ging wie in einem Bienenstock, begann ihn das ganze Spektakel zu ärgern. Die Herrschaften blieben nämlich geraume Zeit und trugen ihr Kunstverständnis auf der Zunge. Erst nahmen sie feste Stellung in einer Ecke und legten die Hand über die Augen, dann traten sie etwas näher und neigten den Oberkörper vor, während besonders feine Kenner den Kopf nach der Seite bogen und dabei mit den Augen blinzelten. Selbst der Herr Professor hatte sich eingefunden und dem Maëstro versichert, daß, wenn er auch die ganze Auffassung nicht teilen könne, er doch für die wertvollen Details das größte Interesse habe. In diesem Augenblicke hatte der Maëstro schon wieder etwas recht Böses auf den Lippen gehabt, als ihm der Herr Professor gerade noch zur rechten Zeit gratulierte, daß es ihm vergönnt war, den jungen Dichter und künftigen Gelehrten zu malen, von dem man so schönes erwarten dürfe und den er mit Stolz seinen Schüler nenne. »Am liebsten möchte ich den Kerl das heißen, was er ist, einen Schafskopf oder sonst einen Vierfüßler,« hatte sich der Maëstro gesagt, »aber vielleicht hat er eine Tochter, vielleicht hat er eine Frau, vielleicht hat er beides, und die kämen dann sicher nicht in die Malschule.« So schluckte er dann auch diese Pille hinunter und pinselte weiter mit zitternden Händen, bis er endlich am letzten Tage zwei Packern den Auftrag erteilte, das Bild in die Wohnung der freundlichen Dame zu bringen. Jetzt erst atmete er wieder leichter: »Das wäre überstanden.« Die Leute schlugen die Kreuzigung in ein großes Leinen und trugen sie langsam zur Thüre hinaus. Nachdenklich sah ihnen der Maëstro bei dieser Arbeit zu: »Als ob sie einen Toten fortschafften.« Trotz des vorteilhaften Verkaufs wollte ihn fast eine gewisse Wehmut überkommen, daß er seine Kunstwerke nie wieder sehen sollte. »Na, trinken wir eins,« sagte er, »dann vergeht der üble Eindruck.« Und sein Durst war so groß, daß er nicht einmal das Geld abwartete, sondern die Freunde noch auf denselben Abend zu sich lud. Alle kamen auch richtig um sechs Uhr daher. Zuerst der Verstand mit einer Theerose im schwarzen Salonrock, den dunkeln Christusbart peinlich zurecht gestrichen, dann kam Lockspitzel im feinsten Frack mit der Miez, die ein ausgeschnittenes Gesellschaftskleid trug, hinter ihnen gleich der Gewerbe-Otto im dunkelblauen Gehrock, der unten wie eine Glocke auseinanderfiel, auch Karlchen ließ nicht auf sich warten, sondern stolzierte daher im kurzen Smoking, in der Hand einen langen Spazierstock, am Arm das glückstrahlende Peperl, das sich eigens einen freien Abend gemacht hatte, und ganz am Schlusse erschien der Muckl, über und über in schwarz von den Lackschuhen bis zum Zylinder, mit dem Gesichte eines Leichenbitters. Der Maëstro hieß seine Gäste willkommen und wies einen jeden mit vielsagendem Blicke auf die furchtbaren Batterieen der zahllosen Flaschen am Atelierfenster. Dieser feuchten Seite der Feierlichkeit schien er größeres Gewicht beizulegen, als hohlen Äußerlichkeiten wie Kleidung und Wäsche, denn während sich die Freunde ihm zu Ehren festlich geschmückt hatten, bewegte er sich zwanglos in seinen ledernen Schlappschuhen und in jenem hellgelben Anzug, der sich viele Jahre hindurch so trefflich bewährt hatte. Auch die häusliche Stütze des Abends, die Schlickenrieder Nanni, hatte ihr graues Kattunkleid nicht gewechselt, mit dem sie regelmäßig zur Sitzung kam. Für den Maëstro, der sie sonst nur nackt in seinen vier Wänden herumlaufen sah, war das schon Veränderung genug. »Du bist ja fein beisammen,« schmunzelte er. »Jetzt aber gieb 'mal die Platten her und mach' zunächst fünfzehn Flaschen auf.« Mit verbindlicher Bewegung lud er die Gäste an den großen Tisch, den er eigens geborgt hatte. Langsam gruppierten sie sich, wie's ihnen gerade am nächsten war. Nur der Student, der Peperl und Nanni schon öfters in die Backen gekniffen hatte, eilte mit weiten Sprüngen zum Sofa und rückte Schenkel an Schenkel neben die kreischende Miez. »Heute Abend werde ich dich regelrecht belagern.« Die Miez wollte etwas erwidern, aber sie wurde von einer Stimme unterbrochen, die wie schneidender Kommandoton durch die ganze Gesellschaft drang: »Meine Damen und Herren!« Lockspitzel war es, der sich erhoben hatte. Er hielt sein Glas mit zwei Fingern umspannt und feierte nun den Maëstro, der so ein bedeutendes Kunstwerk geschaffen habe, sich selbst und allen Kunstverständigen zur Freude, ein Kunstwerk, dessen Entstehung sie mit höchstem Erstaunen verfolgt hätten, und das seinen Meister nicht minder ehre, wie die feinsinnige Kennerin die es erworben habe. Daß sie es aber erworben habe, sei neben der genialen Kraft des Maëstro vor allem dem segensreichen Einfluß seines fast nicht minder bedeutenden Verstandes zu danken, und deshalb erhebe er jetzt sein volles Glas auf diese beiden. »Der Maëstro und sein Verstand sollen leben,« rief die Miez und die andern, mit Ausnahme von Muckl, stimmten in das dreimalige Hoch ein. »Hol' uns der Teufel,« schrie der Maëstro. Sein gefeierter Verstand aber neigte seine Augen noch dichter zur Miez und flüsterte zärtliche Worte. »Hören Sie nicht?« rief der Maëstro. »Der Lockspitzel hat Sie leben lassen und er hat recht . . . . Sie haben alles gemacht . . . . Sie haben . . . . Sie haben . . . . Sie sind . . . . Sie sind . . . ., na, ja, hol' uns wirklich der Teufel!« »Hat er Ihnen auch schon das Geld gebracht?« fragte der Gewerbe-Otto mit freundlichem Lächeln. »Lassen Sie mich doch endlich aus mit dem verfluchten Geld,« wetterte der Maëstro. »Sie ruinieren mir ja jedesmal meine Stimmung.« »Das Geld kommt morgen,« rief der Student. Er hatte jetzt auf seine andre Seite auch noch das Peperl gedrückt und die Schlickenrieder Nanni auf seinen Schoß gesetzt. So saß er da wie ein richtiger Pascha zwischen seinen Weibern und zwickte sie, daß sie wieherten. Der Anblick solch sonniger Behaglichkeit gab auch dem Maëstro seinen Frieden wieder. »Da schaut euch meinen Verstand an,« rief er lachend, »ich hab's ja immer gesagt, ein toller Kerl – ein toller Kerl.« »Peperl, komm zu mir herüber,« knurrte Karlchen. Dem Peperl wie der Nanni schien es heute auffallenderweise bei dem Studenten zu gefallen, und die Miez drehte ihrem Herrn und Gebieter eine lange Nase herüber. Lockspitzel that, als achte er nicht darauf. Er hatte schon tüchtig getrunken und stieß jetzt den schweigsamen Muckl in die Weichen, der seit seinem Eintritt kaum ein Wort mehr geredet hatte: »Lachen Sie doch, lachen Sie doch!« »Warum soll ich lachen?« erwiderte der Muckl und blieb sitzen, als ob er Bitterwasser gekostet hätte. »Mir ist heute alles gleich,« rief Lockspitzel, »und wenn die Miez dem Verstand einen Kuß giebt, soll mir's auch recht sein.« Die Miez weigerte sich entschieden und nannte ihren Liebhaber einen läppischen Einfaltspinsel. »Na, dann später,« flüsterte der Student, »wenn wir allein sind.« »Später,« schrie der Maëstro. »Ihr zwei wachst heut so noch zusammen.« Ein schrilles Gelächter tönte in der Runde, aber plötzlich verstummte alles, denn Karlchen war mit stark gerötetem Gesichte vom Stuhle gesprungen und hatte mit brüllender Stimme Silentium geboten. In tadelloser Haltung stand er am Tische, und nun schlug er mit seiner Cigarre den Takt und sang mit näselnder Stimme: » 'Darling, darling,' flüstert das holde Ding, » darling, my darling, mein süßer Plumpudding . . . .« »Karlchen ist aufgewacht,« lachte Lockspitzel. »Gnad' uns Gott, vor drei Stunden hört er nicht mehr auf.« »Bind' ihm das Maul zu!« rief der Student. »Nein, laßt ihn weiter singen,« schrie der Maëstro. Karlchen beachtete keinen der Zwischenrufe, sondern sang und sang, immer dasselbe, immer im gleichen Tone. »Weiß niemand was besseres?« fragte der Student, der seine Arme um die Hüften der Weiber geschlungen hatte. »Ich weiß was besseres,« rief Lockspitzel und zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche. »Los damit!« riefen die andern. ». . . . Das ist gewiß, das ist gewiß. Eine richtige englische Miß . . . .« fuhr Karlchen ungestört fort. »Hör' doch auf,« schrie der Student. »Nicht nötig,« lachte Lockspitzel, »ich kann noch lauter brüllen.« Und nun las er mit dröhnender Stimme einen Absatz vor, dessen Verfasser er sich selber nannte. Ganz konnte er nicht durchdringen, da Karlchen munter sein »Darling!« dazwischen schrie. Immerhin gelangten einige Schlager an die Ohren der Gäste: ». . . . bedeutender Meister . . . . Kreuzigung vollendet . . . . junger Dichter . . . . herrlicher Christuskopf . . . . tiefer Eindruck . . . . Privatbesitz übergegangen . . . . kostbare Gallerie der Frau . . . . ganz immenser Preis . . . .« »Hurrah,« rief der Maëstro. »Wir sind in der Zeitung, ich und mein lieber Verstand.« ». . . . Mein süßer Plumpudding,« sang Karlchen. »Seid doch still, seid doch still!« rief die Miez. »Es hat ja schon ein paarmal geklopft.« »Wahrscheinlich der Hausherr,« meinte der Gewerbe-Otto, »wegen nächtlicher Ruhestörung.« »Will doch mal selber sehen,« brummte der Maëstro sehr mißtrauisch. Er wankte nach der Thüre, aber kaum hatte er geöffnet, da flog er auch schon wieder zurück, als wäre ihm einer begegnet, den er schon lange für tot gehalten hatte. »Na, was sind denn das für Klopfgeister?« fragte der Muckl. Der Maëstro achtete nicht auf seine Worte, sondern guckte mit stieren Augen auf die kräftigen Blousenmänner, die jetzt schwerfällig zur Thüre hereinstolperten, und einen großen Gegenstand bedächtig auf die Erde setzten. »Das ist mein Bild!« stöhnte der Maëstro und riß das weiße Leinen herunter. Heute Morgen hatte er ihm mit blutendem Herzen aufs Nimmerwiedersehen Lebewohl gesagt, und jetzt kam es richtig schon wieder wie ein treues Kind, das die Trennung von seinem Erzeuger doch nicht verwinden konnte. »'s ist doch eine Gemeinheit!« schrie der Maëstro. Die Gäste erhoben sich, je nach ihrer Verfassung schnell oder langsam, auch der festgeschlungene Weiberknäuel um den Studenten begann sich zu lockern. Nur Karlchen ließ sich nicht stören und sang ununterbrochen seine eintönige Melodie. »Da haben wir auch einen Brief,« sagte einer der finstern Eindringlinge. Mit zitternden Händen griff der Maëstro danach. Eilig riß er den Umschlag auf, und nun fuchtelte er voll verzweifelten Bemühens an dem Lichte herum: »Malefizpratze, verdammte!« »Geben Sie her,« sagte der Gewerbe-Otto. Und er las mit scharfer Betonung, die er bei einigen Worten mit leisem Spotte vermischte: Sehr verehrter Herr! Ich bin unmöglich in der Lage, für alle verliebten Dummheiten meiner Frau aufzukommen, die dieselbe stadtbekannterweise begeht. Eine solche Dummheit ist der gegen meinen Willen und ohne meine ausdrückliche Genehmigung abgeschlossene Bilderkauf, den ich absolut nicht anzuerkennen gesonnen bin, und beehre mich deshalb noch heute Abend die Kreuzigung beifolgend mit dem Ausdruck höflichen Bedauerns und mit der Versicherung vorzüglicher Hochachtung zu retournieren. Ergebenster                                     Kommerzienrat . . . . . .« »Der Name ist rein unleserlich,« fügte der Gewerbe-Otto bei. »Nicht nötig,« lachte der Muckl, »wir kennen die Dame auch so schon zur Genüge.« Er lief im Zimmer herum und war auf einmal wie elektrisiert. »Na, was sagst du nun?« wandte er sich zum Maëstro, »was sagst du nun zu deinem Verstand? Hab ich dir's nicht immer prophezeit?« »Laß mich aus,« tobte der Maëstro. »Natürlich,« lachte der Muckl sehr bissig. »Jetzt willst du's wieder nicht gewesen sein. Aber du hast ja nicht hören wollen, du hast das Herrchen so lange verpepelt, bis er glücklich dein sogenannter Verstand geworden ist, und darum trägt auch an der ganzen Blamage kein andrer Mensch Schuld als du, du ganz allein.« Der Maëstro hielt sich die Ohren zu vor den kreischenden Tönen. »Fahr' ab, fahr' ab, altes Schandmaul, je schneller, je besser.« »Gerne,« sagte der Muckl und warf sich in Positur. »Hiermit aber sind wir geschiedene Leute. Ich bedaure es, daß auch du zu meinen zahllosen Enttäuschungen gehörst, doch bin ich das von dieser undankbaren Welt nicht besser gewohnt.« Damit ergriff er seinen Zylinder und folgte in stolzer Haltung den Dienstleuten, ohne sich noch ein einzigesmal nach dem unterbrochenen Gelage umzusehen, das in seiner heillosen Verwirrung ein krauses Stillleben bot. Dort in der Ecke lag Lockspitzel mit seiner Zeitung, die den glänzenden Verkauf aller Welt verkündet hatte, neben ihm kauerte Peperl auf der Erde mit gläsernen Augen und schlaffherabhängenden Armen, während zwei Schritte von ihr die Schlickenrieder Nanni mit dem Kopfe wackelte, als wollte sie jeden Augenblick in ein besseres Dasein hinüberschlummern. Auf dem Sofa aber lag die Miez, die alle viere von sich streckte, und ihr gegenüber sang Karlchen immer noch sein scheußliches Tingeltangelcouplet. Jetzt hatte freilich auch seine Haltung bedenklich gelitten. Der Kneifer war in ein Weinglas gefallen und die Kniee begannen zu zittern, trotzdem schrie er weiter und schwang den Cigarrenstummel in der Luft herum. Nur der Gewerbe-Otto und der Verstand des Maëstro saßen noch aufrecht an dem weinbegossenen Tische. Der eine war seiner Gewohnheit treu geblieben und hatte auch heute Abend keinen Alkohol genommen, der andere schlürfte mit großem Behagen in kleinen Dosen von dem Rotspohn, als ob gar nichts vorgefallen wäre: »Maëstro, mein Kompliment! Der Wein ist wirklich vortrefflich!« »Hm, hm! Sonst sagen Sie gar nichts? Wirklich gar nichts?« »Was soll ich denn sagen?« »Na, ich meine halt bloß,« sagte der Maëstro. Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch und saß schwer atmend dem Studenten gegenüber. Dann nahm er eine volle Flasche und goß den Inhalt mit zitternden Fingern in einen Glasbecher. Seltsame Dinge gingen ihm dabei vor den Augen herum. Ihm war es, als ob sich das ganze Zimmer in Bewegung setze, als ob die Gläser und Teller alle zu tanzen anfingen, und da sprang er auf und schleuderte die Flasche mit voller Wucht gegen den Studenten. »Sie sind ein Rindvieh, daß Sie's wissen, ein Rindvieh sind Sie!« Gerade noch rechtzeitig hatte sich der Student der vollen Ladung entzogen. »Gehen Sie zu Bett,« sagte er herausforderend, »Sie sind besoffen.« Ungelegener hätte dies böse Wort niemals den Maëstro treffen können: »Ich bin besoffen . . . . ich bin bei klarem Verstande . . . . aber ich lasse mich nicht zum Hanswursten machen . . . . ich lasse mir das nicht gefallen . . . . und wenn Sie's noch einmal sagen . . . .« »Hundertmal sage ich's Ihnen,« rief der Student, »Sie und Ihre ganze Kunst sind besoffen, sonst wäre Ihnen das Bild niemals zurückgeschickt worden.« Den Maëstro drehte es im Kreise herum, als ob er mitten in eine Windhose geraten wäre. »Sie, das überlegen Sie sich,« ächzte er. Aber sein Verstand war in voller Auflösung begriffen und wollte nicht mehr gehorchen. »Ich habe mir nichts zu überlegen,« sagte er kurz. »Ihnen aber möchte ich einen freundschaftlichen Rat geben: Üben Sie endlich Mäßigkeit und saufen Sie nicht mehr so viel, dann wird's mit Ihnen auch wieder bergauf gehen.« Vieles hatte der Maëstro ertragen von seinem Verstande. Er hatte geschwiegen die ganzen Monate, als ihm der Bursche an seiner Kunst herummäkelte, er hatte geduldet, daß ihn der Laffe als Spielball behandelte, ja, er hatte es sogar stillschweigend hinuntergeschluckt, daß er ihm diese Niederlage mit dem Bilde bereitete – die unverschämte Zumutung aber, er sollte der Flasche entsagen, brachte ihn in helle Raserei: »Ich lasse mir von keinem Menschen was einreden!« Und nun tanzten die Flaschen, die Gläser, die Teller nicht mehr in seiner erhitzten Phantasie durchs Zimmer, sondern sie flogen wirklich von seinen Händen geschleudert vom Boden zur Decke, als ob alle Spukgeister entfesselt wären. »Kommen Sie mir nicht zu nahe,« schrie der Maëstro zu seinem Verstande hinüber, »sonst reiße ich Ihnen sämtliche Haare von Ihrem Frisierschädel herunter.« Seine Warnung war überflüssig – der Student wäre auch ohne sie ausgerissen. Er hatte die schlaftrunkene Miez vom Sofa gehoben, und trug das schreiende Frauenzimmer, so schnell er konnte, zur Thüre hinaus. Da rüttelte der Maëstro den Lockspitzel an Armen und Schultern: »Wachen Sie auf, wachen Sie auf, der Student hat die Miez in sein Zimmer geschleppt.« Lockspitzel rührte sich kaum, sondern brummte nur einige unverständliche Laute. »Ihnen wachsen die Hörner noch heute zum Kopfe heraus,« schrie der Maëstro. Selbst diese Drohung schien auf den Journalisten nicht mehr zu wirken. »Besoffenes Elend,« brummte der Maëstro und taumelte auf den finsteren Gang zur festverschlossenen Thüre seines Verstandes. Einige Male fuhr er fluchend mit dem Kopf an die Wände, endlich pochte er, als ob er Tote erwecken wollte: »Lassen Sie die Miez heraus oder des geht Ihnen schlecht.« Aber weder die Miez noch der Student zeigten die geringste Lust, die intime Nachfeier des lebhaften Festes zu unterbrechen. »Es hilft ihnen nichts,« knurrte der Maëstro, »ich leg' mich jetzt vor die Thüre und morgen, wenn sie herauskommen, verhau ich ihn und das treulose Weibsbild.« Wie ein finsterer Rachegott, der Verderben geschworen hat, blieb er die ganze Nacht auf derselben Stelle liegen. Manchmal fiel er in einen leichten Halbschlummer, gleich darauf schreckte er daraus empor und ballte die Fäuste mit dem sicheren Gedanken an den strafenden Morgen: »Alle Männer soll der Bursche doch nicht unglücklich machen.« Und er wachte bis der matte Strahl des dämmernden Tages in den dunkeln Gang fiel. Nun erhob er sich endlich mit bleiernem Schädel, ächzend und gähnend, um flüchtig in sein Atelier hinüber zu sehen, was aus den andern geworden war. Dabei blickte er immer wieder nach rückwärts zum Zimmer des Studenten, das er keine Sekunde aus den Augen verlieren wollte, und erst, als er seiner Sache ganz sicher war, daß auch kein Mäuschen daraus entwischt war, wagte er es, einen scheuen Blick durch die offen stehende Thüre in sein Heiligtum zu werfen. Zerbrochene Gläser, zerbrochene Platten, halbgefüllte Flaschen grinsten ihn an, und obendrein stieg dem Maëstro ein Duft von ausgebrannten Cigarren, von Asche und Speiseresten in die Nase, daß er eilig die Hand vorhielt. Plötzlich aber ließ er sie fallen und neigte langsam den Kopf vor. Er wußte nicht, ob es ein Trugbild war, was ihm sein Kater da vor die geröteten Augen zauberte, oder schreckliche Wirklichkeit. »Ja, was ist denn das? . . . . was ist denn das . . . . ?« stammelte er. Auf dem Sofa lag die, um deretwillen er eine Nacht auf dem harten Boden wie auf den Pritschen der Wachtstube zugebracht hatte, die freundliche Miez, ganz gemütlich neben dem Lockspitzel, der gerade langsam erwachte und mit wächsernem Ausdruck bald den Maëstro, bald das schnarchende Karlchen, bald das weinende Peperl anstierte, als sei er äußerst erstaunt, statt in seinem Bette in diesem greulichen Sumpfe sich wieder zu finden. »Guten Morgen,« sagte endlich der Maëstro. »Recht guten Morgen,« sagte die Miez. »Guten Morgen,« schluchzte das Peperl, das sich nicht wenig schämte. Wie Unkenrufe drangen die verkaterten Stimmen durch den hohen Raum. Unwillig räusperte sich der Maëstro ein paarmal, dann zog er auf seinen Schlappschuhen zum Sofa, die verwunderten Blicke fest auf die gähnende Miez gerichtet. »Hab' ich geträumt oder war ich so besoffen?« fragte er schüchtern. »Weshalb denn?« fragte die Miez. »Ich meine deutlich gesehen zu haben, daß Sie mein Verstand auf sein Zimmer getragen hat.« »Nur bis vor seine Thüre,« lachte die Miez. »Da bin ich ausgerissen und bin zu meinem Schatze herübergelaufen.« »Und das soll ich gar nicht gemerkt haben?« brummte der Maëstro sehr argwöhnisch. »Sie werden doch wohl schon sehr hoch gewesen sein,« meinte die Miez. Der Maëstro verneinte eigensinnig. »Dann war die Nanni oder das Peperl beim Studenten, wenn Sie nicht drin waren.« Peperl weinte noch stärker als zuvor über eine solche Zumutung, und die Nanni erklärte sehr patzig, mit einem solchen Laffen gehe sie überhaupt nicht aufs Zimmer. »Hol' euch alle der Teufel,« schrie der Maëstro, »eine muß drin gewesen sein.« Sämtliche Damen erhoben sich von ihren Plätzen und gingen mit lautem Geschimpfe auf ihn los wie schnatternde Gänse. »Leugnen Sie's nur nicht,« sagte der Maëstro zur Miez. »Das ist schon eine Unverschämtheit,« rief die Beklagte. Der Maëstro sah sie so mißtrauisch an wie nach jener Nacht den Studenten, der ihm das Liebesabenteuer aus dem Gesichte leugnen wollte: »Aber ich habe doch ganz deutlich gehört . . . .« »Was haben Sie gehört?« eiferte die Miez. »Gar nichts haben Sie gehört. Und jetzt schämen Sie sich was, daß Sie drei anständige Mädchen in solcher Weise verdächtigen.« Wütend fuchtelte der Maëstro mit den Armen herum. »Gehen Sie mir doch mit Ihrer Anständigkeit! Ich weiß, was ich weiß, und auf der Stelle soll ich tot umfallen, wenn der Student nicht was besonders von Ihnen gewollt hat.« »I, gewollt hat er schon,« lachte die Miez, »aber zu so was gehören schließlich doch immer zweie.« »Allerdings,« sagte der Maëstro. »Einer allein –« Ein überlegenes Lächeln zog auf einmal über sein ganzes rundes Gesicht. Er sah mit pfiffigen Augen auf die Thüre des Studenten, dem er in dieser Sekunde alles verzieh, trotz Kreuzigung, trotz des Professors und trotz seiner Frechheit. »'s ist doch ein fideler Kerl,« sagte er schmunzelnd, »'s ist doch ein fideler Kerl.« Und er humpelte gleich zu der Thüre, um ihn zu fragen, was es denn mit der Damenschule wäre, nachdem die Sache mit dem Christus leider mißlungen war. Der strohblonde Augustin, der brennrote Kilian und die sittliche Weltordnung. »Der Herr geb' ihm die ewige Ruh,« pflegte der strohblonde Augustin mit demütiger Miene zu sagen, wenn er wieder einmal einem Menschen den Hals umgedreht hatte. »Und das ewige Licht leuchte ihm,« flüsterte der brennrote Kilian nicht minder ergeben, wenn er gleichfalls einen Menschen ins Jenseits befördert hatte. Der brennrote Kilian war nämlich sehr fromm, und der strohblonde Augustin womöglich noch frömmer. Schon von Kindheit an waren sie das, wo sie als ungewaschene Bauernjungen durch ihr Heimatdorf tappten und in der klotzigen Felswand hinter den Hütten der Väter so ziemlich das Ende der Welt erblickten. Vor jedem Heiligenbilde hatten sie damals den Filz verschoben, in jede Messe waren sie gegangen, mit geweihtem Wasser hatten sie die struppigen Haare bespritzt, und weil sie sich das gottesfürchtige Herz treulich bewahrt hatten, wollten sie auch heute von diesen Gewohnheiten nicht lassen, wo der strohblonde Augustin zum Schrecken der Menschheit ein weitberühmter Mörder geworden war, und der brennrote Kilian als hochnotpeinlicher Scharfrichter sein treffliches Auskommen hatte. »Der Herr lasse ihn ruhen in Frieden! Amen!« Mit einem Rosenkranz in den Händen verrichteten sie solch ein Gebet. Dabei hoben sie fleißig die Augen zum Himmel empor und leiteten die frommen Gedanken zu einem freundlichen alten Herrn mit roten Backen und weißem Vollbart, den ihnen der hochwürdige Expositus in der kleinen Dorfkirche als Gott Vater bezeichnet hatte. »Erhöre mich,« flehte der brennrote Kilian, »erhöre mich, Gott Vater im Himmel, und erhalte den Menschen die so nötige sittliche Weltordnung, auf daß jeder den Tod erdulde, der Gut und Böse nicht unterscheiden kann.« »Erhöre mich,« flehte auch der strohblonde Augustin, »erhöre mich, Gott Vater im Himmel, und sende deine Blitze auf diese sogenannte sittliche Weltordnung hernieder, auf daß ich ungestört weiter morden kann, wie es nun 'mal meine berechtigte Eigentümlichkeit ist.« Dann fuhr sich jeder der beiden mit dem Zeichen des Kreuzes über die Stirne, während Gott Vater, den sie gerufen hatten, aus den Wolken herunterschaute und die frommen Gebete mit peinlicher Sorgfalt im Hauptbuch des Himmels verzeichnete. War der Andacht aber Genüge geschehen, dann legte der brennrote Kilian den eben Gerichteten ohne weitere Umstände in den bereitstehenden Sarg, und der strohblonde Augustin neigte sich auf sein neuestes Opfer herab, das sich ebenfalls nicht mehr bewegte. Ein zufriedenes Lächeln zog wellige Falten über sein glattrasiertes Gesicht. »Es geht nichts über eine ruhige, sichre Hand,« sagte er und hob seine gelenken Finger gegen die Sonne. Ohne sie hätte er zu rohen Gewaltmitteln greifen müssen, wie der brennrote Kilian, oder zu Messer und Flinte, und das wäre ihm schmerzlich gewesen, sehr schmerzlich. Der strohblonde Augustin war nämlich Gemütsmensch – er konnte kein Blut sehen. Schon von Kindheit an nicht, wo er jedesmal in die fernsten Wälder floh, wenn bei hohen Kirchenfesten ein Kalb oder Schwein gestochen werden sollte. »Nur kein Blut nicht,« hatte er immer gejammert, und je stärker er zitterte, um so hämischer lachte der brennrote Kilian. Ihm war so ein Schlachttag noch lieber als Sacklaufen und Preisschieben, und wenn nun das frische Blut den Leuten auf Nase und Bauch spritzte, dann kannte er sich vor Vergnügen gar nicht mehr aus. Am lautesten jubelte er, wenn er selber etwas scheiden, stechen oder hauen durfte. »Da schau her, strohblonder Augustin,« kicherte er und schliff das große Küchenmesser mit Absicht recht umständlich. Aber der strohblonde Augustin wollte nichts davon wissen, und wie er sich damals Augen und Ohren zugehalten hatte, wenn ein unschuldiges Tierchen geopfert werden sollte, so that er es heute noch, wenn draußen auf der Vogelwiese ein armer Sünder gerädert oder gevierteilt wurde. Voll des tiefsten Grauens wandte er sich ab und nannte den brennroten Kilian, der alle diese Strafen mit breiter Gemütsruhe zu vollziehen verstand, das größte Scheusal unter der Sonne. »Wenn ich den Kerl mal unter die Finger bekomme,« brummte er, »ich wollte in bei der Gurgel fassen, aber recht langsam, recht nachdrücklich, daß er die stärksten Atmungsbeschwerden verspüren möchte, und auf seine letzten Augenblicke noch das Schielen lernen sollte.« »Ganz nach Belieben,« meinte der brennrote Kilian, als ihm diese freundliche Botschaft durch einen seiner Gehilfen überbracht wurde. »Ich freue mich ohnehin schon lange auf ein Wiedersehen mit dem strohblonden Augustin und hoffe, daß sie ihn recht bald auf dem Schinderkarren zu mir heraus fahren werden. Dann will ich ihn herzlich willkommen heißen, will ihm seine gelbliche Haut gemächlich über die Ohren ziehen und will ihn von oben bis unten mit eisernen Nadeln spicken wie einen frisch geschossenen Hasen, damit er sich allmählich an Blut gewöhnen kann, der erbärmliche Spitzbube.« »Vollkommen einverstanden,« lachte der strohblonde Augustin zu den wohlmeinenden Absichten seines ehemaligen Spielgenossen. »Aber erst müßt ihr mich erwischen.« Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem Menschen den Hals umgedreht. Der brennrote Kilian schimpfte auf die miserable Polizeiverwaltung, auf die langen Beine des strohblonden Augustin, und nicht zuletzt auf das hinterlistige Verfahren, das der grausame Mordgeselle fortwährend anwandte. »Jeder auf seine Weise,« meinte der strohblonde Augustin. »Mein Verfahren ist ein völlig geräuschloses und thut noch lange nicht so weh, als die vermaledeiten Schinderwerkzeuge des brennroten Kilian.« Damit betrachtete er wieder seine Finger und pries den gütigen Zufall, der ihn einstmals darauf verwiesen hatte. Das war zu einer Zeit, wo der strohblonde Augustin noch garnicht ans Umbringen dachte, sondern mit dem brennroten Kilian die Hühner des Dorfwirtes durcheinander hetzte, auf die er es besonders hatte. Im ersten Frühling war es. Da erschien jedes Jahr, wenn der heiße Föhn über die Berge wehte und der schmelzende Schnee die halbe Einöde samt Menschen und Hütten hinwegtrug, eine dickbauchige Kutsche im Thale, der vier gestrenge Herren in weißen Perücken entstiegen. Die nobeln Gäste besahen kopfschüttelnd den Schaden, hockten drei Tage kopfschüttelnd im Wirtshaus und fuhren am vierten Tage wieder kopfschüttelnd von dannen. Mit offenem Munde glotzte ihnen der strohblonde Augustin jedesmal nach, wenn sie in ihren Schnallenschuhen gravitätisch umhergingen. Durch seinen Schädel zog so etwas wie eine leise Ahnung, daß es noch andere Wesen auf der Erde gebe, als Bauern und Tiere, denn die prächtig gekleideten Herren verlangten Respekt und schlugen dem strohblonden Augustin einfach den Deckel herunter, als er nicht grüßte. Heulend lief der Bursche zum brennroten Kilian und klagte sein Leid. »Sei doch froh,« sagte der, »deine Läuse wollen auch einmal Luft schnappen.« Der strohblonde Augustin wußte nicht, was er antworten sollte und suchte wieder die Hühner zu fangen. Freilich, die blieben nicht stehen, sondern liefen gackernd hinweg, und der große Hahn hackte den eigensinnigen Verfolger gar tüchtig in die Hand. Zeter und Mordio heulte der Bursche, aber plötzlich verstummte er, denn die Wirtin war im Hofe erschienen und hatte mit sicherem Griffe eines der Hühner gepackt. Eilig nahm sie es zwischen die Beine, und ehe es noch einmal den Schnabel öffnen konnte, hatte sie ihm schon den Hals umgedreht. Der strohblonde Augustin und der brennrote Kilian rissen mächtig die Augen auf – so etwas war ihnen noch niemals vorgekommen. »Ei, Frau Wirtin, was thut Ihr da?« fragten sie wie aus einem Munde. »Ihr seht es ja,« lachte die Wirtin, indem sie wieder ein Huhn packte. »Ich mache den Ludern den Garaus, damit unsere vornehmen Gäste etwas zu essen haben.« Der brennrote Kilian hatte begriffen und nickte verständnisvoll, der strohblonde Augustin dagegen zitterte, als ob ihm eisiges Wasser über den Rücken gegossen würde. »So vergeßt auch den Hahn nicht!« eiferte er. »Dieser Schurke hat mich blutig gehackt.« Die vielbeschäftigte Frau schien es eilig zu haben. Stillschweigend drehte sie noch ein paar Hühnern den Kragen um und verlud die ganze Beute mit zufriedenem Gesichte in ihre blaue Schürze. »Den Hahn, den Hahn!« schrie ihr der strohblonde Augustin nach. »Pack' ihn doch selber,« wisperte der brennrote Kilian. »Was ist denn dabei? Da fließt ja kein Blut.« »Allerdings,« sagte der strohblonde Augustin und stürzte sich mit kampfbereiter Miene auf seinen Gegner. Gleich beim ersten Anprall bekam er ihn auch bei der Gurgel zu fassen, aber der strohblonde Augustin war damals noch Anfänger und hatte noch nicht zwei Hafendeckel als Hände wie heute. So hieb ihm denn der Hahn das ganze Gesicht auseinander, daß brühwarme Bäche über die mageren Backen herabliefen. Wie der Bursche das merkt, kriegt er einen furchtbaren Schreck, er stampft und schreit, endlich aber knickt er den Hahn auf die Erde und dreht ihm mit einem solchen Rucke die Kehle um, daß ihm die eigene Hand aus dem Gelenke springt. »Das hab' ich gut gemacht,« sagte er aufatmend. »Alle Hochachtung,« rief der brennrote Kilian. »Dafür mußt du auch eine Belohnung haben.« Diese feine Belohnung konnte der strohblonde Augustin heute noch nicht vergessen, und jedesmal, wenn er daran dachte, geriet er in eine furchtbare Wut auf den brennroten Kilian. »Der nichtsnutzige Verräter!« murmelte er. Er hatte sich damals im Vollgefühle seines schwererrungenen Sieges neben seine Trophäe gestellt, aber kaum waren Wirt und Wirtin auf dem Hofe erschienen, da schlugen sie schon von beiden Seiten auf ihn los, und herzueilende Bauern schrieen um Vergeltung und Rache. »Ist denn die ganze Welt auf einmal verrückt geworden?« fragte sich der strohblonde Augustin. Der Expositus gab ihm an andern Tage die Antwort mit dem pfeifenden Rohrstock. Schon seit Jahren plagte sich der hochwürdige Herr vergebens, dem strohblonden Augustin den Unterschied zwischen dem A, dem B und dem C zu erklären, nun sah er sich auch noch vor die schwierige Aufgabe gestellt, ihm den nicht minder bedeutsamen Unterschied zwischen Mein und Dein in den Schädel zu bläuen. Er sollte bald merken, daß dieser Begriff seinem verstockten Schüler noch schwerer fiel als schreiben und lesen. Der strohblonde Augustin schien von der fixen Idee behaftet, da0 die Erde eine große Vorratskammer sei, aus der jeder nur zu nehmen brauche, wie es ihm paßte. »Heiliger Vater!« rief der Expositus. »Ihr seid doch nicht mehr im Paradiese, ihr müßt doch arbeiten.« Freilich mußte man arbeiten, manchmal sogar an bösen Stellen, wo Nasen und Hände auf Nimmerwiedersehen hinwegflogen; was die Arbeit aber mit dem Gockel des Wirtes zu thun hatte, das vermochte der strohblonde Augustin wieder nicht einzusehen. Da führte der Expositus den Burschen in die Kirche und machte ihn vor dem Bilde Gott Vaters darauf aufmerksam, daß es auf dieser Erde eine sittliche Weltordnung gebe. Zum erstenmal in seinem Leben hörte der strohblonde Augustin dies sonderbare Wort. »Sittliche Weltordnung?« fragte er, als ob er nicht richtig verstanden hätte. »Jawohl, und ihr hat sich jeder zu fügen, sonst verfällt er der Strafe des himmlischen Vaters.« Langsam reckte der Augustin seine strohblonde Mähne zum Hochaltar empor und sah sich den alten Herrn im rotblauen Gewande auf die sittliche Weltordnung ein bischen genauer an. »Wo hat er sie denn?« fragte er begierig. »Überall, zu jeder Stunde und an jedem Orte,« antwortete der Expositus. Noch einmal blickte der Bursche den Schöpfer des Himmels und der Erde von oben bis unten mit starker Beklemmung an. Als er aber gar nichts Neues entdecken konnte und schließlich den freundlichen Augen begegnete, die so lustig dreinschauten wie immer, da mußte er innerlich lachen über den Expositus und die ganze sittliche Weltordnung. »Der himmlische Vater ist viel zu vernünftig für so einen Blödsinn,« sagte er zu sich selber, und diese Überzeugung konnte von jenem Tage an nie mehr in ihm erschüttert werden, ja, sie bohrte sich immer fester, je weiter er durch die Lande zog und je öfter er mordete. Gott Vater sah mit ernster Miene aus den Wolken hernieder und erwiderte das Vertrauen des strohblonden Augustin mit gänzlichem Stillschweigen, der brennrote Kilian aber ärgerte sich über seinen ehemaligen Spielgenossen und ballte die Fäuste: »Er soll nur warten, bis er einmal ins Jenseits kommt. Der himmlische Vater wird ihm schon einheizen im Fegefeuer und in der Hölle.« »Herr Scharfrichter! Davor mögen sich andere fürchten,« drohte der strohblonde Augustin, »denn, wenn drüben wirklich gleiches mit gleichem vergolten wird, dann kommt der brennrote Kilian aus den Röstmaschinen und Marterwerkzeugen des leibhaftigen Gottseibeiuns die ganze Ewigkeit nicht mehr heraus!« Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem Menschen den Hals umgedreht. Weil er sich aber neben der Arbeit auch eine Erholung gönnen wollte, ging er dazwischen ein bischen auf die Jagd nach Hirschen und Rehen, die er besonders bevorzugte, nachdem er mit den Hühnern so schändlich verunglückt war. »Mach' dir nichts daraus,« hatte ihn der brennrote Kilian damals getröstet, als die Wirtsleute ihren Gockel immer noch nicht vergessen konnten. »Ja, mach' dir nichts daraus. Ging es damit nicht, geht es im Walde, da sind noch viel schönere Viecher.« Und er zeigte ihm, was da alles zwischen den Bäumen herumsprang. Der strohblonde Augustin war ganz begeistert, aber die sittliche Weltordnung ging ihm trotz seines Zutrauens zum himmlischen Vater doch noch ein bischen im Kopf herum. Deshalb fragte er den brennroten Kilian, wie es damit bestellt sei, wenn man diese reizenden Tierchen ins Netz lockte. »Mit der sittlichen Weltordnung?« fragte sein Freund. »Was ist denn das?« »Weiß nicht,« sagte der strohblonde Augustin, »der Pfarrer behauptet, daß es wirklich so etwas gäbe.« Ungläubig schüttelte der brennrote Kilian den Kopf. »Ich hab' sie mein Lebtag noch nicht gesehen.« »Ich auch nicht,« meinte der strohblonde Augustin und legte nun Schlingen, wo und wie er nur immer konnte. Anfangs wollte garnichts hineingehen, aber plötzlich sollte es glücken, dank der trefflichen Maschen, die die Botenkuni mit geübten Fingern zu knüpfen wußte. Dies wackere Mädchen mit krummen Beinen, stumpfer Nase und faltigem Kropfe wohnte gerade zwischen dem Häuschen des brennroten Kilian und dem Häuschen des strohblonden Augustin. Von der sittlichen Weltordnung wußte sie ebenso viel wie ihre beiden Nachbarn, trotzdem sie alle vierzehn Tage aus dem Dorfe herauskam und im nächsten Marktflecken Lebensmittel und Post holte. So guckte sie denn bald dem strohblonden Augustin, bald dem brennroten Kilian in die Fenster, bis eines Abends die beiden Burschen um sie herum hockten wie um einen Ofen, der behagliche Wärme verbreitet. Da schlang sie Masche an Masche beim Scheine des Herdfeuers, und ihre Verehrer fingen nun ein Reh um das andere. Der strohblonde Augustin drehte den Tierchen die Hälse um, daß es schon eine Freude war, und der brennrote Kilian konnte der Botenkuni garnicht genug erzählen von der zunehmenden Geschicklichkeit seines Freundes. Lächelnd nickte die Botenkuni und sang mit schmelzender Stimme so sehnsüchtige Lieder, daß der strohblonde Augustin wie ein Schloßhund heulte, der drei Tage nichts mehr zu fressen bekommen hat. Auch der brennrote Kilian hatte kaum widerstehen können, und je ergriffener die Burschen zuhörten, um so runder, um so fetter wurde die Kuni von dem vielen, vielen Singen. »Es waren doch wonnige Stunden,« sagte der brennrote Kilian träumerisch, wenn er heute noch eine jener wohlbekannten Melodieen in trauter Erinnerung vor sich hinsummte, und dabei einem Delinquenten gerade den Bauch aufschnitt. »Ja, es waren doch wonnige Stunden, und es ist eigentlich schade, daß sie für immer dahin sind.« »Wer ist denn schuld daran?« fragte der strohblonde Augustin. »Nur der elende Kilian selber. Er hat uns verraten, wie er mich mit dem Gockel verraten hat, und wenn er das vielleicht gar nicht mehr wissen sollte, dann bin ich gerne bereit, seinem schlechten Gedächtnis ein bischen aufzuhelfen.« Er kannte die Sache nämlich noch sehr genau, vom Anfang bis zum Ende. An einem milden Herbstabend hatten sie wieder zu dritt beisammen gesessen, so behaglich wie immer, als plötzlich die Thüre aufging und ein Grünrock mit einem Landgendarm hereinkam. Sehr erschrocken sprangen der brennrote Kilian und die Botenkuni empor, der strohblonde Augustin aber blieb sitzen und schaute im Vollbesitze seines guten Gewissens auf die ungebetenen Gäste, die sich lächelnd anstießen: »Da steckt ja das würdige Kleeblatt . . . . haben wir euch endlich? . . : . nun wartet, jetzt geht's in die Stadt hinein . . . . vorwärts marsch!« »Ist denn die ganze Welt wieder einmal verrückt geworden?« fragte ich der strohblonde Augustin, als er nun auf einmal an Händen und Füßen mit festen Stricken gefesselt wurde. Aber seines Staunens sollte kein Ende werden, denn noch in selber Nacht wurde er samt der Botenkuni und dem brennroten Kilian auf einen Karren geladen, der immerzu rollte, ohne Unterbrechung in unbekannte Fernen und Länder. Wie ein Kalb lag der strohblonde Augustin neben seinen Leidensgenossen. Er sah nichts, als hoch über sich die ragenden Berge, und als die allmählich kleiner und kleiner wurden, da sah er nur noch den Himmel und meinte, es müßte jetzt direkt zu Gott Vater hinaufgehen, den er in seiner Verzweiflung beständig um Hilfe beschwor. Der himmlische Vater schaute auch richtig werden aus den Wolken herunter, aber er machte ein sonderbares Gesicht und fand es nicht angezeigt, den Pferden in die Zügel zu fallen. »'s ist zum Verzweifeln,« stöhnte der Augustin. »Halt' doch dein Maul, du machst einen ja ganz desperat,« sagte der brennrote Kilian, und die Botenkuni wimmerte kläglich, sie möchten doch beide vor den Richtern auf die Ehre und Unschuld eines armen Mädchens Bedacht nehmen. »Was heißt da Bedacht nehmen?« ächzte der Kilian. »Wir müssen schauen, daß wir uns herauswinden, jeder für sich, so gut es geht.« Und er fing zu jammern an über sein Unglück, in das er schuldlos geraten war. Das ärgerte den strohblonden Augustin, und er wandte sein Gesicht mit großer Anstrengung zu der dicken Botenkuni hinüber. »Sei nur ruhig!« lispelte er. »Ich sage nichts von dir.« »Du guter Augustin,« schmeichelte die Kuni, »ich hab' dich auch immer besonders lieb gehabt und will dich lieben bis an mein seliges Ende.« »Eine Verlobung auf dem Schinderkarren,« höhnte der Kilian. »Du bist mir eine nette Person, du saubere Botenkuni. Oh, wären mir nur nicht Hände und Füße gebunden, ich wollte eurem verdammten Liebesgetändel ein grausames Ende bereiten.« Und er spuckte auf gut Glück in die Luft, bis ihm die Kehle so trocken war, wie im glühendsten Hochsommer. Botenkuni und der strohblonde Augustin aber grüßten sich zu, als gute Freunde, die sich für immer gefunden haben. Zwei Tage ging das langsam so fort, am dritten aber ließ der Kutscher plötzlich die Peitsche knallen, und nun stolperte der Wagen mit lautem Gepolter über rundliche Steine hinweg, daß den gefesselten Fahrgästen Magen und Därme nur so durcheinander geworfen wurden. »Gott, Vater, erbarme dich meiner,« stöhnte der brennrote Kilian, der immer kleinlauter wurde, je länger die Fahrt dauerte. Der strohblonde Augustin hingegen sagte garnichts, sondern schaute und schaute. Er sah seltsame Dinge aus der Erde wachsen, Häuser, die zehnmal so hoch waren als die Schenke im Dorfe, Türme, die bin in den Himmel reichten, und Wagen, so prächtig, daß der Herrgott selber drin herumfahren konnte. Und gar die Menschen! Erst glaubte der strohblonde Augustin, die vier Herren wiederzusehen, die alle Jahre in die Einöde kamen, aber gleich darauf sah er sie wieder, dann sah er sie noch einmal, und schließlich waren ihrer so viele, als die höchsten Zahlen betrugen, die der Herr Expositus je in der Schule an die schwarze Tafel geschrieben hatte. Alle scherzten mit vornehmen Frauenzimmern und gingen neben dem Wagen einher bis zu einem großen, weiten Platze, wo der strohblonde Augustin wieder einmal meinte, daß die ganze Welt verrückt geworden sei. Da drehte sich alles im Kreise, auf Schaukeln, auf Rutschbahnen, auf blechernen Pferden und hölzernen Schwänen, da wiesen buntgekleidete Männer und Frauen mit hohen Stöcken auf seltsame Bilder, und dazwischen schwirrte es nur so durcheinander von Glocken, Pfeifen, Trompeten und Drehorgeln, daß es dem strohblonden Augustin beinahe das Trommelfell zerriß. »Das ist die Menschheit,« stöhnte der Kilian, »weh uns, daß wir in ihre Hände gefallen sind.« »Warum wehe uns?« fragte sich der Augustin, der die Menschheit äußerst vergnüglich fand. Er hätte sie gerne ein bischen genauer angesehen, aber plötzlich hielt der Wagen vor einem ungeheuren Gebäude, vor dem Soldaten in hohen Tschakos und weißen Bandelieren ihre Schießprügel spazieren trugen, so ernst, so gravitätisch und gemessen, wie sie der Augustin schon in Bilderbüchern gesehen hatte. Leider störte das Geschrei des brennroten Kilian, der jetzt gänzlich verzweifelt war, die ruhige Betrachtung. »Ich will alles gestehen, ich will alles bereuen,« jammerte er. Der strohblonde Augustin aber jammerte gar nicht, sondern ließ sich ganz geduldig die langen Gänge forttragen, immer weiter, immer weiter in ein tiefes, finstres Loch, wo er Morgen und Abend nicht unterscheiden und die Fülle der neuen Eindrücke mit Muße verarbeiten konnte. Wenn er sich heute diese Stunden vergegenwärtigte, dann konnte er sehr bitter werden, der strohblonde Augustin. »Wasser und Brot hat's gegeben,« brummte er, »und mein einziger Zeitvertreib bestand darin, daß ich den Ratten und Mäusen ein bischen die Hälse verdreht habe.« Möglich, daß er das alles geduldig ertragen hätte, wenn nicht zu dem Elend das verächtliche Benehmen des brennroten Kilian gekommen wäre, das er niemals verzeihen konnte. Er hatte sich's in dem dumpfen Loche schon ganz behaglich eingerichtet und dachte an die lustige Menschheit mit den Schaukeln und Drehorgeln, die ihm zu gut gefallen hatte, da wurde er auf einmal wieder ans Tageslicht gezerrt und trepp auf und trepp ab geschoben. Als er aber die schmerzenden Augen verrieb und sich langsam an die Helle gewöhnte, da befand er sich in einem mächtigen Tonnengewölbe, und neben ihm kniete mit käsefarbenem Gesichte die weinende Botenkuni. »Wo ist denn der brennrote Kilian?« fragte der Bursche. Auch der war zugegen, aber er kniete nicht auf der Erde, that auch gar nicht mehr so verzweifelt wie bei der Einlieferung, sondern ging mit lächelndem Gesichte herum und machte tiefe Bücklinge vor zwei würdigen Herren mit glattrasierten Gesichtern, in schwarzen Talaren und weißen Perücken. Der strohblonde Augustin kannte sich noch immer nicht aus und sah sich genauer um in dem modrigen Raume. Wunderliche Dinge erblickte er da. Von der weißgetünchten Decke hingen schwere Eisenketten mit wahren Kanonenkugeln, rings an den Säulen standen bequeme Sessel mit spitzen Nägeln auf Sitzen und Lehnen; verschiedene Werkzeuge, wie Schrauben, Bohrer und Beißzangen hingen an den Wänden herum, während eiserne Räucherbecken auf dem Boden bläuliche Wolken zur Decke sandten, und närrische Fratzengesichter mit stachligen Halskrausen aus Nischen und Ecken hervorgrinsten. Einige Schritte ging der strohblonde Augustin zum brennroten Kilian. »Was ist denn das?« fragte er gedehnt und deutete auf die sonderbaren Instrumente. Der brennrote Kilian machte eine wichtige Miene. »Das ist die sittliche Weltordnung,« sagte er nachdrücklich. »Die sittliche Weltordnung?« Mit höchstem Erstaunen blickte der strohblonde Augustin die Wände hinauf und hinunter – er hatte sich die Sache ganz anders vorgestellt. »Also hatte der Pfarrer doch recht?« begann er nach langer Pause. »Freilich hatte er recht,« lachte der Kilian, »und wenn du dich jetzt nur noch einen Augenblick geduldest, dann sollst du mit der sittlichen Weltordnung gleich nähere Bekanntschaft machen.« Mit abermaliger Verbeugung wandte er sich zu den beiden Herren, die unter dem schwarzen Talare je einen Schmerbauch herbeitrugen, noch dicker als jener der jammernden Botenkuni. »Hochgebietender Herr Bürgermeister, hochgelehrter Herr Doktor! Was verordnen Sie?« Schmunzelnd wandten sich die Herren die roten Gesichter zu: »Ich denke, wir geben dem Burschen mal die Daumenschrauben,« sagte der eine. »Vortrefflicher Einfall,« sagte der andre, »und das verstockte Frauenzimmer, das so aufgedunsen ist wie eine Dampfnudel, könnt Ihr der Abwechslung halber ein bischen auf die Bratpfanne setzen.« »Das giebt ein Fest, noch fideler als Kirchweih und Vogelwiese,« lachte der brennrote Kilian und legte dem strohblonden Augustin die Eisen auf die Fingernägel. »Ist denn die ganze Welt wieder einmal verrückt geworden?« fragte der Bursche. Der brennrote Kilian aber lachte noch stärker als zuvor und sah dem strohblonden Augustin tief in die Augen: »Siehst du, mein Junge, nun sollst du mir sagen, ob du ein schweres Unrecht zu fassen vermagst, und ob du's von ganzem Herzen redlich bereuen willst, wie sich's für einen wackren armen Sünder gebührt, der sich drüben die ewige Seligkeit erhofft.« »Ich habe nichts zu bereuen,« sagte der strohblonde Augustin, »und es sollte mir leid thun, wenn Gott Vater im Himmel die Erteilung der ewigen Seligkeit von so etwas abhängig machen wollte.« »Ich rate dir gut,« sagte sein ehemaliger Spielgenosse, »denn, wenn du jetzt nicht auf der Stelle Vernunft annimmst, dann ziehe ich mit hoher Genehmigung des Herrn Bürgermeisters und des Herrn Doktors die sittliche Weltordnung zusammen. Siehst du, so!« »Au, au, au,« schrie der strohblonde Augustin, »du elendere Kilian, du hast doch auch gejagt und dasselbe begangen wie ich. Wie kommst du jetzt auf einmal dazu, mich zu peinigen?« »Das will ich dir erklären,« wisperte der brennrote Kilian. »Ich habe mich mit der sittlichen Weltordnung in allen Ehren versöhnt und bin heute in ihre Dienste getreten.« Der strohblonde Augustin wollte für immer seiner angebeteten Botenkuni entsagen, wenn er von diesem Gefasel ein einziges Wort verstand. »Besinne dich nur,« mahnte der brennrote Kilian. »Ich konnte doch von jeher so prächtig Blut vertragen, ich konnte immer häuten und stechen, was man nur wollte, und da die hohe Regierung diese trefflichen Eigenschaften gebührend zu würdigen geruhte, soll ich den alten Herrn Scharfrichter ersetzen, um an seiner Stelle die verstockten Sünder alle so kräftig zu zwicken, wie ich dich jetzt zwicke.« »So soll dich und deine sittliche Weltordnung auf der Stelle der Teufel holen,« tobte der strohblonde Augustin unter Höllenqualen. »Ich will ein ehrlicher Kerl bleiben.« Der brennrote Kilian löste die Schrauben und sah fragend auf den Herrn Doktor, der dem Delinquenten bedächtig den Puls fühlte. »Dann müssen wir es mal mit was anderem probieren, denn es wäre schade, wenn der strohblonde Augustin nicht bald zur Überzeugung käme, daß die sittliche Weltordnung im Grunde doch ein recht heilsames Ding ist.« Und weil der Doktor zustimmend nickte, legte der brennrote Kilian den schweren Verbrecher auf die Streckbank und dehnte ihm die Glieder auseinander, daß der strohblonde Augustin mit hörbarem Rucke in die Länge schoß und alle seine Mitmenschen um einen guten Kopf überragte. »Wenn du dir nicht vielleicht zu groß vorkommst,« sagte er brennrote Kilian und griff nach der Säge, »die sittliche Weltordnung kann dich auch werden nach Belieben kürzer machen.« »Eher mußt du mich schon in Stücke zerschneiden,« schäumte der strohblonde Augustin, »ehe ich dir eingestehe, daß ich ein Unrecht begangen habe.« »Dann sollte man dir wohl gar mit einem glühenden Eisen den Star stechen?« forschte der brennrote Kilian. »Was meint der Herr Doktor?« Der Herr im schwarzen Talare griff nachdenklich an die Nase. »Ein merkwürdiger Fall,« sagte er und fuhr mit beiden Daumen dem strohblonden Augustin am Kopf hinauf und hinunter. Dann horchte er lange am Herzen, beklopfte Bauch und Rücken, als ob er ein Zimmermann wäre und ließ sich auch noch die Zunge zeigen. »Da ist nichts zu machen,« brummte er. »Dem strohblonden Augustin fehlt das Organ für die sittliche Weltordnung.« »Könnte man's ihm nicht eintreiben?« fragte der brennrote Kilian wieder, indem er Nägel und Hammer herbeiholte. »Wird schwer halten,« meinte der Doktor, »so einen tappigen Kerl läßt man am besten wieder laufen.« »Thut das nicht,« warnte das würdige Stadtoberhaupt. »Wir erwischen so selten einen Spitzbuben, daß wir ihn schon deswegen behalten sollten.« »Thut das nicht,« warnte auch der Kilian, »es könnte euch einmal gereuen.« »Hä, hä, hä,« grinste der Doktor, »ich werde mir doch nicht in die hohe Wissenschaft pfuschen lassen, und wenn's zehnmal der Herr Bürgermeister wäre, oder der Scharfrichter.« Schweren Herzens löste der brennrote Kilian die Ketten des strohblonden Augustin. »Na, so geh,« sagte er grimmig, »aber die Botenkuni, die will ich wenigstens hier behalten und will sie durch die sittliche Weltordnung zu meinem braven, ehelichen Weibe erziehen, auf daß sie mir Braten und Suppe kocht und stattliche Kinder gebiert.« »Dich werd' ich wohl heiraten, du schlechter Kerl,« eiferte die Botenkuni. »Ich geh' mit dem strohblonden Augustin, von dir aber will ich gar nichts mehr wissen.« Der brennrote Kilian lächelte sehr verschmitzt. Er war ein energischer Brautwerber, der sich auf die erste Weigerung nicht abschrecken ließ. Darum schloß er die rundliche Kuni mit brünstigen Empfindungen in seine Arme und hob sie mit sanfter Bewegung auf die glühende Bratpfanne. »Willst du mein Weib sein?« fragte er, so zärtlich er konnte. Und die Botenkuni vergaß ihren Starrsinn und gab ihm unter fürchterlichem Gebrüll das Jawort fürs Leben. »Du hast gewählt!« jauchzte der Kilian. »Nun komm wieder herunter, und wenn ich den hundertsten Verbrecher ins Jenseits befördert habe, dann wollen wir Hochzeit halten auf meine feste Anstellung, wie es Brauch und Sitte bei rechtschaffenen Scharfrichterseheleuten.« Der strohblonde Augustin führte heute noch die sonderbarsten Dinge auf, wenn er sich diese schrecklichen Stunden vergegenwärtigte. Gedachte er der eigenen Qualen, dann schleckte er zur nachträglichen Linderung die gefolterten Daumen ab, wie ein Händchen die Pfoten, gedachte er der geliebten Botenkuni, dann legte er voll innigen Mitgefühls beide Hände erst auf den Bauch, dann auf den rundesten Teil seines Körpers, gedachte er aber der sittlichen Weltordnung, dann drehte er am liebsten gleich ein paar Leuten den Hals um und hielt ein vertrautes Zwiegespräch mit Gott Vater im Himmel, der wieder mit höchst eigentümlichem Gesichte aus den Wolken herunterschaute. »Diese Menschheit! Diese elende Menschheit!« Übel genug hatte sie ihm mitgespielt im Verließ und in der Folterkammer, übel genug spielte sie ihm mit, als er mit verrenkten Gliedern wieder entlassen wurde. Da stand er nun vor dem ungeheuren Hause, in der fremden Stadt, auf dem harten Pflaster, und glotzte die langen Straßen hinunter. »O, du miserabler brennroter Kilian,« stöhnte er, »aber wart' nur, ich schaffe mir jetzt eine eigene sittliche Weltordnung an, dann hol' ich dich und spiel' dir auf, wie du mir aufgespielt hast.« »Immer zu!« antwortete der brennrote Kilian vom Fenster herunter. »Aber so eine sittliche Weltordnung kostet mehr Geld, als du in der Tasche hast, und außerdem brauchst du auch noch die hohe, obrigkeitliche Bewilligung, ohne die selbst bekanntlich keine sittliche Weltordnung giebt.« »Und wenn ich keinen roten Heller in der Tasche habe und keine obrigkeitliche Bewilligung,« tobte der strohblonde Augustin, »ich schaff' mir's doch an, und Gott Vater im Himmel und die Menschheit auf Erden sollen mir dazu verhelfen.« Damit ging er fest entschlossen in jene Richtung, aus der der wohlbekannte Spektakel drang. Seine lange Nase führte ihn trefflich, denn in die weitgeöffneten Flügel zogen mit einemmale die schmackhaften Düfte gebratener Würste und Heringe, die den strohblonden Augustin immer weiter lockten, bis er richtig auf jenem Platze herumging, wo es ihm bei der Herfahrt schon so trefflich gefallen hatte. Kaum aber hatte er die Wunderdinge besichtigt, da tönte es plötzlich von allen Seiten: »Schaut den langen Kerl an mit den dürren Beinen, das muß ein Riese sein, der aus einer Bude ausgekommen ist.« »Um so besser,« riefen andre, »da braucht man kein Eintrittsgeld zu bezahlen, man sieht ihn gratis.« Erst allmählich merkte der strohblonde Augustin, daß diese Rufe keinem anderen als ihm galten. »Richtig,« sagte er sich, »mich haben sie ja um einen Kopf länger gemacht.« Bei dieser Entdeckung kam er sich als sehr bedeutende Person vor und wandte sich mit freundlichem Gesichte zu der gaffenden Menge: »Ich bin kein Riese von Geburt, ihr lieben Leute, sondern komme direkt von der Malefizbank herunter.« »Ah, oh, eh, wie merkwürdig,« riefen die Leute, »da bist du aber wohl tüchtig geschunden worden?« »Das könnt ihr euch denken,« sagte der Augustin. »Der brennrote Kilian hat mich in die Länge gezogen wie eine Schweinsblase. Und wißt ihr, warum? Weil ich kein Organ für die sittliche Weltordnung habe.« Er hatte gesprochen und meinte, die Leute müßten jetzt alle sehr entrüstet auffahren, aber sie thaten gar nicht dergleichen, sondern lachten nur und mehrten sich indessen um ihn, wie die Flöhe zur Winterszeit in der warmen Bettlade. »Habt ihr's gehört?« ging es durch die Reihen. »Ihm fehlt das Organ für die sittliche Weltordnung.« Unwillig drehte sich der Augustin im Kreise herum. Die Leute da sahen so fett, so wohlgenährt aus, sie hielten Maßkrüge in den Händen und führten gesalzene Brezeln zum Munde, um seinen Jammer aber kümmerte sich keiner. »Wenn ihr nichts anderes thun könnt als gaffen, dann schert euch von dannen, oder gebt mir wenigstens was zu fressen, ich habe Hunger.« »So ein Tagedieb,« kicherten die Menschen. »Merk dir's, zu essen bekommt man nur dann, wenn man eine Börse voll Geld hat, oder wenn man arbeitet von früh bis zum Abend.« »So sagt mir doch, was ich arbeiten soll?« rief der strohblonde Augustin, dessen Magen zu zwicken begann wie die Daumenschrauben der sittlichen Weltordnung. Die Leute lachten wieder: »Ist das unsere Sache? Das muß ein jeder selber wissen, und wenn du nicht verhungern willst, dann mußt du dich ebenso plagen, wie wir uns alle plagen und schinden müssen.« Und sie hoben wieder die Maßkrüge und bissen in die Brezeln hinein. Dem strohblonden Augustin war das Weinen näher wie das Lachen. »Laßt mich doch wenigstens auf einem Karussel herumfahren,« jammerte er. »Ein Vergnügen will er auch noch! Ist das nicht eine Niederträchtigkeit?« So höhnte die Menge, und der strohblonde Augustin war drauf und dran, an ihr zu verzweifeln, als sich gerade noch ein guter Kerl fand, der ihm den Glauben zur rechten Stunde noch wieder gab. Dieser treuherzige Geselle war ein verkrüppelter Knirps mit schwarzen Haaren und bleicher Gesichtsfarbe. »Komm mit mir,« sagte er, »du sollst ein Vergnügen haben und sollst auch zu essen bekommen.« Der strohblonde Augustin wußte noch nicht, was das zu bedeuten hatte. Er wanderte gehorsam mit, die lange Budenstraße hinunter, und wo er hinkam, erhob sich ein überschäumender Jubel. »Aufgepaßt!« schrie der Knirps. »Aufgepaßt, jung und alt, hoch und niedrig!« Mit lautem Gebrüll antwortete die Menschheit, und alles drängte sich zu dem neuesten Weltwunder, dem strohblonden Augustin. Da grüßten ihn die Riesenweiber, dort warfen die Jongleure ihre Kugeln in die Höhe, die Zauberkünstler winkten ihm zu, und die Jungfrauen aus den Schießbuden und Wirtschaften warfen verschämte Blicke nach ihm, während die Affen, die Elefanten, die Kakadus und die Löwen munter dazwischen heulten. »Immer herbeispaziert, meine Herrschaften, immer herbeispaziert,« jauchzte der Knirps. »Ich kenne mich nicht mehr aus,« jammerte der Augustin. Hinter ihm tollten die Leute, und vor ihm stolzierte der Zwerg mit einem langen Stocke, indem er ein Gedicht zum besten gab, das er mit gellender Stimme hinausschrie: »Ihr lieben Leute, schaut wohl hin: Das ist der strohblonde Augustin, Ein ganz verkomm'ner, schlechter Lump, Lebt nur von Gaunerei und Pump. Drum, lieben Leute, schaut wohl her, Er kommt grad' von der Folter schwer. Dort hat man tüchtig ihn gestreckt, Weil man mit Abscheu hat entdeckt, Daß für die Ordnung dieser Welt Ihm das Organ im Bauche fehlt. Sagt selbst, ist das nicht int'ressant? Drum öffnet schnell die Spenderhand, Und zahlt herein in diesen Teller Pro Mann und Weiblein dreizehn Heller!« »Ein munt'rer Bursche,« riefen die Leute, die sich nicht satt sehen konnten. »Ein munt'rer Bursche,« dachte der Augustin, dem jetzt langsam ein Licht aufging, als er die Geldstücke fliegen sah. »Wann bekomme ich denn meinen Braten?« fragte er. »Du gefräßiger Kerl,« antwortete der Knirps, »erst wollen wir noch mehr verdienen.« Wieder stimmte er sein seltsames Lied an und führte ihn fort, immer tiefer und tiefer ins Menschengewühl. »Wenn mich jetzt die Botenkuni sehen könnte,« seufzte der strohblonde Augustin, »sie hätte sicher ihre Freude daran, aber die Ärmste ist in den Händen dieses Schurken, des brennroten Kilian, sie muß sein Weib werden, sie muß ihm Kinder gebären. Oh, Schimpf und Schande, es ist eben nichts vollkommen auf dieser Welt.« »Mach' nur kein so trauriges Gesicht,« kläffte der Knirps, »sondern schau lustig drein, die Herrschaften werden sonst untreu. Also lustig, immer lustig.« Da sperrte der strohblonde Augustin das Maul auf, daß ihm die Türmer bis in den Magen schauen konnten, und nun wurde die Menschheit auf einmal freigebig. Sie zeigte nach ihm wie nach einem Raubtier, Das zur Fütterung geführt wird, und warf ihm Nußschalen, Käserinden und Rettichfetzen unter lautem Gelächter in den Schlund hinab. »Siehst du, das hast du alles nur mir zu verdanken,« sagte der Knirps. »Und nun sollst du neben dieser köstlichen Mahlzeit auch dein Vergnügen haben, wie dir's versprochen war.« Just in der Mitte des Festplatzes waren sie angelangt. Im weiten Umkreis schlangen sich grüne Guirlanden um bunte Stangen mit flatternden Wimpeln, die Schaukeln flogen zum blauen Himmel hinauf und herunter, die Trompeten schmetterten, die Pauken dröhnten, und die Drehorgeln begleiteten mit sanften Melodieen die unaufhörliche Kreisung der Karussels, die noch immer den stillen Herzenswunsch des strohblonden Augustins bildeten. »Darf ich endlich fahren?« fragte er zögernd. »Das macht so schwindlig,« meinte sein Führer. »Aber ich will dir dafür etwas zeigen, was du sicher noch niemals gesehen hast.« Lächelnd wies er ihn auf ein hohes Gerüst, das kerzengerade aus dem Platze hervorwuchs. Dorthin strömten die Menschen, als ob Freibier geschenkt würde, und dorthin richtete jetzt auch der strohblonde Augustin sein verdutztes Gesicht. »Merkst du was?« fragte der Knirps. »Ich merke noch gar nichts,« antwortete der Augustin. »Aber ich soll ein dummer Kerl sein, wenn das dort oben in dem feurigen Mantel nicht wieder der brennrote Kilian ist mit dem Herrn Doktor und dem Herrn Bürgermeister.« »Was du treffliche Augen hast,« lachte der Knirps, »er ist es wirklich. Nun schau nur recht genau hin, und kümmere dich nicht mehr um mich, denn jetzt geht es schon los. Da – hörst du die Glocke?« Auf seinem ehrlichen Totenbette wollte sich dereinst der strohblonde Augustin den schauerlichen Klang ins Gedächtnis zurückrufen, mit dem das Ungetüm alle Trommeln und Drehorgeln der Festwiese siegreich übertönte. Wie die Kuhglocken auf den Dörfern war es geformt, oben breit und unten schmal, aber das Rindvieh, das diese Schelle um den Hals tragen sollte, mußte erst noch geboren werden, so groß war sie. Beide Hände brauchte der brennrote Kilian, um sie an dem hochgespannten Griffe zu schwingen, und als er endlich die jauchzende Menge festlich zusammengeläutet hatte, da zitterte er vor Anstrengung am ganzen Körper. »Gebt ihm Bier, viel Bier,« riefen die Leute. »Er soll sich stärken, dann aber soll er auch zeigen, was er kann.« Dem strohblonden Augustin lief das Wasser im Munde zusammen, als er so viele Maßkrüge hinaufwandern sah, bald aber verging ihm der Geschmack denn der brennrote Kilian auf dem Gerüste hatte kaum ausgetrunken, da lud er ein Mannsbild mit höflicher Geberde zum Sitzen ein, und im nächsten Augenblicke schlug er dem Ahnungslosen mit einem breiten Schwerte den Schädel herunter. »Soll man denn so eine Rohheit für möglich halten?« wandte sich der strohblonde Augustin nach der Stelle, wo sein Impresario stehen sollte. Aber wie er sich auch umschaute – der Knirps war verschwunden und verduftet, mit samt seinem Stocke, mit samt dem Gelde und mit samt den schönen Versprechungen vom Karussel und vom Braten. »Tod und Verdammnis!« schrie der strohblonde Augustin. »Jetzt wird mir's aber zu dumm!« Alles tanzte ihm vor der Nase herum, der brennrote Kilian, der fortwährend weiterhieb, als ob er Krautköpfe vor sich hätte, und die ganze besoffene Menschheit, die ihm unter lautem Gejohle die herabsausenden Schädel wieder aufs Gerüste hinaufwarf. »Jetzt wird mir's zu dumm,« tobte er noch einmal und schlug mit den Fäusten um sich. Die Leute glaubten erst, der strohblonde Augustin wolle auch eine Vorstellung zum besten geben, als er aber mit seinen Händen so wütend nach ihnen haschte, und seine grünlichen Augen gar unheimlich funkeln ließ, da stoben sie mit lautem Gekreische auseinander, wie damals die Hühner im Wirtshofe. »Ja, gackert nur, so viel ihr wollt,« tobte der Augustin. »Jetzt geht's euch elendem Gesindel, samt eurer sittlichen Weltordnung an den Kragen.« Und ehe man sich's versah, hatte er schon den ersten bei der Gurgel gepackt und drehte ihm den Hals um, daß ihm die Augen heraushingen wie dem Gockel der Wirtin. »Das hab' ich gut gemacht,« sagte er ausatmend. »Alle Hochachtung!« nickte der brennrote Kilian herunter. »Du hast die Sache famos im Gedächtnis behalten. Nun aber komm auch gleich zu mir herauf, damit ich dir deine Belohnung erteile.« »I, wozu hast du mir denn selber so lange Beine gemacht,« wieherte der strohblonde Augustin und hüpfte über die Köpfe der entsetzten Menschheit hinweg wie über die Stufen zur Dorfkirche. »Fangt ihn doch, fangt ihn doch!« brüllte der Kilian. Die Leute griffen erst nach ihren Köpfen, dann griffen sie in die Luft, und als sie den Augustin nirgends ertappten, griffen sie in ihrer Wut zu den unflätigsten Schimpfworten: »Das elende Schinderaas, das Rabenfutter, die verfluchte Henkersmahlzeit!« Solch böse Worte ärgerten den Herrn Doktor, der im schwarzen Talare neben dem brennroten Kilian stand und einen der gerichteten Verbrecher nach allen Regeln der medizinischen Wissenschaft sezierte. »Seid nicht ungerecht, ihr lieben Menschen,« rief er hinab, »dem strohblonden Augustin fehlt eben das Organ für die sittliche Weltordnung.« »Ei, deswegen braucht Ihr ihn doch nicht laufen zu lassen,« wetterte der Herr Bürgermeister. »Natürlich,« sagte der brennrote Kilian. »Die Leute wollen auch etwas zu sehen bekommen. Für was zahlen sie denn die vielen Steuern?« Drunten die Menge stimmte ihm bei: »Ja, warum habt Ihr ihn laufen lassen? Gebt Antwort, Herr Doktor, der Ihr uns auf diese Weise das ganze, schöne Fest verschandelt habt.« Der Herr Doktor that sehr hochnäsig um sich blicken, er blähte die Backen auf und hob seinen Bauch heraus: »Das versteht ihr doch nicht, wenn ich's euch auch zehnmal erkläre, denn der Fall des strohblonden Augustin ist eine Sache der Wissenschaft, die nur ein grundgelehrter Kopf, aber kein einfacher Bürger zu fassen vermag. Darum trinkt euer Bier aus, oder geht nach Hause, ihr guten Leute, denkt auch nicht zu viel, regt euch nicht unnötig auf, sondern habt Mitleid mit dem armen Augustin, und danket Gott, daß ein jeder von euch sein wohlausgebildetes Organ für die sittliche Weltordnung tagtäglich bei sich trägt.« Als die Leute soviel gelehrtes Zeug auf einmal zu hören bekamen, da verstummten sie alle, und weil der letzte Verbrecher schon geköpft war, und es für heute nichts interessantes mehr zu sehen gab, wanderten sie langsam in die Kneipen und Buden, wo sie den merkwürdigen Fall noch eifrig besprachen. Ihr würdiges Oberhaupt aber, der Herr Bürgermeister, stieg in bangen Zweifeln vom Gerüst herunter, und der brennrote Kilian warf mit verächtlicher Geberde sein treues Schwert auf die Seite: »Wenn solch waschlappige Ansichten etwa Platz greifen sollten, dann komme ich niemals zum heiraten und pfeif' auf die ganze sittliche Weltordnung.« »Ist er's schon sobald überdrüssig geworden?« lachte der strohblonde Augustin aus sicherem Versteck hervor. »Ich fange mit meinem Gewerbe erst richtig an.« Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem Menschen den Hals umgedreht. »Nur immer so weiter,« brummte der brennrote Kilian, »meinetwegen kann der strohblonde Augustin gleich der ganzen Menschheit den Garaus machen, er hat ja die behördliche Genehmigung dazu bekommen.« »Brauch' ich nicht,« lachte der strohblonde Augustin. »Eure ganze Obrigkeit schert mich den Teufel, denn so lang ihr mir nicht schlagend beweisen könnt, daß mein rechter Arm wirklich der rechte ist und nicht etwa der linke, so lange ihr nicht Gott Vater selbst auf die Erde herunter holt, damit er mir die miserable sittliche Weltordnung als seine Erfindung vorstellt, so lange thue ich, was mir beliebt, und drehe den Leuten den Kragen um, wie sie mir gerade in die Hände laufen.« »Warum denn nicht?« giftete der Kilian. »Fang' sie dir alle, am liebsten den wohlweisen Herrn Doktor für seine blödsinnige Humanitätsduselei.« »Einer nach dem andern,« beschwichtigte der strohblonde Augustin, »auch der Herr Doktor kommt an die Reihe, denn ich lasse mir's nicht nachsagen, daß in meinem höchst ebenmäßigen Körper auch nur das kleinste Organ fehle; zunächst aber habe ich 'mal wichtigeres zu thun und lauere auf einen, dem ich's besonders auswischen möchte, auf den brennroten Kilian, diesen Verräter, der in den Staatsdienst getreten ist, diesen Verbrecher, der mir die sittliche Weltordnung auf den Hals geladen hat, und diesen Dieb, der mir die Botenkuni samt meinem rechtmäßigen Kinde gestohlen hat.« »Oho,« rief der Botenkuni aufs tiefste beleidigt, »nenne mich meinetwegen den gemeinsten Spitzbuben, aber das Kind der Botenkuni, das ist von mir.« »Von mir ist es,« tobte der strohblonde Augustin, »du kraft- und saftloser Scharfrichtergeselle! Du kannst wohl die Leute schinden, was andres bringst du im ganzen Leben nicht fertig.« »Willst du mich hinterher noch zum Hahnrei machen?« brüllte der brennrote Kilian. »Das ist vergebens. Ich warte jetzt nur bis das Kind glücklich geboren ist, dann halte ich Hochzeit und Taufschmaus zugleich, und keiner soll mir die Freude daran verderben.« »Halte du Hochzeit und Taufschmaus,« rief der strohblonde Augustin, »aber vergiß nicht, mich einzuladen, denn ich möchte mir's anschauen, das Kind, und wenn's dann dieselben Pockennarben in der Fratze hat wie du, wenn's vielleicht gar deine roten Spitzbubenhaare und deine Kartoffelnase trägt, magst du's gerne behalten, wenn nicht, dann nehm' ich es mit, samt der trefflichen Botenkuni, und du kannst dich umschauen, mit wem du dann Hochzeit hältst.« »Sollst es haben,« sagte der brennrote Kilian, »ich mag es ohnehin nicht, wenn ihm deine niederträchtige Spitzbubenmiene auf die Visage geschrieben ist, und wenn ihm deine verschimmelten Strohhaare aus dem Schädel wachsen.« »Weißt du, mit dir nehm' ich's noch auf in der Schönheitskonkurrenz,« lachte der strohblonde Augustin. Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem Menschen den Hals umgedreht. Der brennrote Kilian ärgerte sich die Galle ins Gesicht, daß er beinahe so gelb wurde wie sein ehemaliger Spielgenosse. Er ging in seine Behausung und schmierte die ganze sittliche Weltordnung mit Schweinsfett und Olivenöl ein bischen zurecht. Weil er sie aber für den strohblonden Augustin leider nicht verwenden konnte, nahm er die Botenkuni bei der Hand und legte ihr die frischgeputzten Eisen auf Daumen und Zeigefinger, um sich seiner Vaterschaft auf immerdar zu vergewissern. Erst wollte die Botenkuni gar bockig thun, als aber der brennrote Kilian immer eindringlicher fragte und dabei die Schrauben ein bischen spielen ließ, da konnte sie ebensowenig widerstehen, wie einst bei der Werbung auf der Bratpfanne und gab ihm mit grimmigen Flüchen die frohe Gewißheit, daß er es gewesen sei und kein anderer. »Da soll mir noch einer was auf die sittliche Weltordnung sagen,« meinte der brennrote Kilian, »alle Menschen haben ein fein entwickeltes Gefühl für sie, nur dieser strohblonde Augustin, dem soll eine besondere Suppe gekocht werden, und der infame Bursche mordet nun so weiter, neun, zehn, elf, zwölf, dreizehn Leute.« »Verrechnet,« lachte der strohblonde Augustin, »verrechnet, es sind ihrer schon vierzehn.« »Na, so sollen's ihrer noch hundert werden, just so viel, als ich selber brauche, um heiraten zu dürfen,« tobte der brennrote Kilian auf seinem Blutgerüste. »Seid munter, ihr Leute, genießt noch das Leben, wer weiß, ob euch alle der strohblonde Augustin nicht morgen schon bei der Gurgel hat.« Die Menschen steckten bedächtig die Köpfe zusammen. Von Tag zu Tag waren sie scheuer geworden, als es immer von neuen Mordthaten des strohblonden Augustin hieß; jetzt aber wollte ihnen auf einmal das Bier nicht mehr schmecken; und das Köpfen nicht mehr gefallen. Der brennrote Kilian arbeitete umsonst, die Drehorgeln verstummten allmählich, die Schaukeln setzten sich nicht mehr in Bewegung, und über der ganzen Festwiese lag es, als ob aus der großen Menagerie plötzlich ein schleichendes Reptil entkommen wäre, das unsichtbar, bald hier, bald dort, einen Ahnungslosen in die Waden zwicke. »Eine böse Sache,« raunten die Leute, »mit der sittlichen Weltordnung stimmt es nicht mehr genau.« »Herr Doktor, hört Ihr die Stimme des Volkes?« fragte der Bürgermeister mit gerunzelter Stirne. »Ich höre sie,« sagte der Doktor. »Aber da ist schwer was zu machen.« »Kreuzschockschwerenot!« seufzte der Bürgermeister. »Glaubt Ihr denn nicht, daß dem Augustin das fehlende Organ noch einmal nachwachsen wird?« »Wer kann's wissen?« antwortete der Doktor. »Man müßte in mal von Zeit zu Zeit untersuchen.« »Das ist eine Idee!« meinte der Bürgermeister und ließ an allen Straßenecken gedruckte Aufforderungen ankleben, der schlimme strohblonde Augustin möge binnen drei Tagen sich der ärztlichen Untersuchung stellen, andernfalls es ihm gar nicht zum besten gehen sollte. Als aber die drei Tage vorüber waren und der strohblonde Augustin sich immer noch nicht blicken ließ, da sandte der Herr Bürgermeister einen reitenden Schutzmann nach Norden, einen nach Süden, einen nach Osten und einen nach Westen. Die sollten den strohblonden Augustin einfangen, aber ihm ja nichts zu leide thun, sondern ihn fein säuberlich abliefern, ohne ihm auch nur ein Härchen gekrümmt zu haben. »Schaut euch gut nach ihm um,« sagte er, »schaut euch gut nach ihm um.« Die Schutzleute folgten seinem Befehle. Sie schauten sich um, vier volle Tage, und als sie am fünften wieder durch die verschnörkelten Thore der Stadt ritten, da schauten sie sich immer noch nach ihm um. Aufrecht wie sonst saßen sie auf den Pferden und hielten die Zügel in den Händen, die Sporen an den Flanken, wie es Vorschrift im Dienste ist, nur das Gesicht war nicht mehr an der gleichen Stelle. Es blickte unbeweglich in die Richtung, woher sie kamen, immer noch nach dem strohblonden Augustin, während nach vorne, zum Pferdekopf, die Haare unter dem Tschako herabhingen. »Alle guten Geister!« schrie der Vater der Stadt. »Jetzt hat er strohblonde Augustin auch diesen die Hälse verdreht.« Die ganze Stadt starrte mit Entsetzen auf die schweigsamen Reiter, die gespenstig dahinzogen, nur der brennrote Kilian, der den ganzen Tag, die Hände in der Tasche, mit trotzigem Gesichte spazieren ging, lachte verächtlich: »Schweinewirtschaft, vermaledeite!« Und um sich ein bischen Luft zu machen, ging er eines Abends nach dem Gebetläuten, in einen schweren Mantel gehüllt, auf die Straße und rannte ein paar Leuten das Messer in den Bauch, weil er doch gerne in Übung bleiben wollte. Jetzt wurde es in der Stadt aber äußerst bedenklich. »Steh uns bei,« schrie die Menschheit voll Entsetzen, »nun kommt gar noch ein Spießgeselle und leistet dem strohblonden Augustin Handlangerdienste.« Dem Herrn Bürgermeister lief der Schweiß in Strömen herunter, als ihm diese neuen Opfer vor die Regimentsstube geschleppt wurden. »Was soll ich anfangen?« fragte er. »Ei, was Ihr anfangen sollt?« riefen die Leute. »Den Mörder sollt Ihr zur Stelle schaffen, aber sputet Euch und nehmt die Schlafmütze vom Kopfe herunter, damit Ihr ihn nicht wieder entwischen lasset, wie Ihr alles entwischen ließet seit Jahren: den Grünschnabel, den Rotschnabel, den Gelbschnabel, den Langfinger, den höckrigen Theobald, und wie sie alle heißen, die ehrenwerten Herren, die uns an Hab und Gut, an Leib und Seele geschädigt haben. Darum steht nicht so unthätig da, sondern gebt Antwort, Herr Bürgermeister, und sagt, wo ist der neue Mörder?« Der Herr Bürgermeister wand sich in Krämpfen. Er war schon drauf und dran, vor dem Anprall der wütenden Menge zu verzweifeln, da öffnete sich ihm noch im letzten Augenblicke ein Ausweg, den ihm ein glänzender Gedanke eingab: »Wo der Mörder ist, das kann ich noch nicht sagen, aber wer er ist, das will ich euch verrathen: der strohblonde Augustin hat die Unthaten begangen, wie er die andern begangen hat, die in meiner Amtsthätigkeit nicht entdeckt werden konnten, weil der verfluchte Bursche mit dem Teufel im Bunde steht.« »Mir fehlt der Ausdruck für so eine Schlechtigkeit,« tobte der strohblonde Augustin, als ihm diese Botschaft hinterbracht wurde. »Glaubt der Herr Bürgermeister vielleicht, daß ich ihm den Sündenbock abgebe für alle seine Dummheiten, und daß ich mir alle die blutrünstigen Mordthaten aufhalsen lasse, die jetzt täglich in der Stadt verübt werden und früher verübt wurden? Ich bedank' mich dafür! Mit solchen Schuftereien habe ich nichts gemein. Ich war Gemütsmensch mein Lebelang und will Gemütsmensch bleiben bis an mein seliges Ende.« Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem Menschen den Hals umgedreht. »Bravo,« sagte der brennrote Kilian, der auch nicht zurückbleiben wollte. Und ehe man sich's versah, hatte er schon wieder einem friedliebenden Bürger das Messer in die Brust gerannt. Jetzt zögerte der Herr Bürgermeister nicht länger. Er ließ statt der erdrosselten Schutzleute vier Kompagnieen Soldaten durch die Stadt, vier weitere Kompagnieen nach allen Himmelsrichtungen über Land ziehen, alle wohl ausgerüstet mit Kanonen, Säbeln und Schießprügeln. »Geht in Gottes Namen,« sagte er mit bebender Stimme, »aber fest geschlossen in Reih' und Glied, einer neben dem andern, sonst passiert euch dasselbe wie den wackern Schutzleuten. Jedenfalls aber bringt uns den strohblonden Augustin und zwar so bald als möglich, oder die sittliche Weltordnung geht uns noch ganz aus dem Leim.« Nahe genug war sie allerdings dem Untergang, die schöne sittliche Weltordnung. Der brennrote Kilian putzte sie nicht mehr, sondern unternahm jeden Abend ganz gemächlich seine blutigen Spaziergänge, und der strohblonde Augustin zog hinter den ausgesandten Soldaten durchs Land, wobei er muntere Liedchen pfiff und die Finger keinen Tag rasten ließ. Da wartete auch die Menge nicht länger auf die Rückkehr der Soldaten. »Helft uns, Herr Bürgermeister,« tobte sie immer aufgeregter, »oder wir bringen Euch selber um statt des strohblonden Augustin.« In heller Verzweiflung streckte das würdige Stadtoberhaupt die Arme gen Himmel: »Was peinigt ihr mich! Geht zum wohlweisen Herrn Doktor, der hat den ganzen Schaden angerichtet mit seiner unheilvollen Entdeckung, der hat den strohblonden Augustin laufen lassen, nicht ich.« Die Leute wurden ein bischen ruhiger und überlegten sich die Sache. »Eigentlich hat er recht,« sagten sie. »Der Herr Doktor hat dem strohblonden Augustin das Organ für die sittliche Weltordnung abgesprochen, da könnten wir jetzt eigentlich zum Herrn Doktor gehen und nachsehen, ob er selber dieses wichtige Organ besitzt.« Und sie holten den Herrn Doktor im Sturmlauf aus seiner Sprechstunde und schleppten ihn ohne viele Umstände zum Justizgebäude. Der brennrote Kilian aber rieb sich die Hände, als der diesen Spektakel vernahm: »Wenn der Pöbel über die sittliche Weltordnung kommt, dann setzt's etwas besondres und es soll mich wundern, wenn der Herr Doktor noch länger auf seinem wissenschaftlichen Standpunkt verharren möchte.« Was er für ein guter Prophet war, sollte er gleich selber erfahren, der brennrote Kilian, denn kaum hatte der Herr Doktor die ersten Schrauben empfunden, da widerrief er schon alles, was er gesagt hatte und stellte dem strohblonden Augustin auf feinstem Pergamentpapier das trefflichste Reifezeugnis aus für hängen, rädern und die Haut abziehen. Die Menge war äußerst befriedigt: »Jetzt haben wir glücklich das Organ des strohblonden Augustin für die sittliche Weltordnung, jetzt brauchen wir nur noch den strohblonden Augustin selber.« »Allerdings,« sagte der brennrote Kilian. »Tausend Goldgulden, wer ihn uns bringt,« riefen die Leute. »Das wäre doch zu überlegen,« meinte der brennrote Kilian, »denn mit so viel Geld kann man leicht einen Hausstand gründen und alle Tage ein Schöppchen Wein hinter die Binde gießen.« Der Gedanke gefiel ihm immer besser, und so wandte er sich dann mit eifriger Geberde zu dem staunenden Volke. »Ich hab' ein Mittel, den strohblonden Augustin zu fangen,« sagte er pfiffig, »ein so treffliches Mittel, daß ich meine eigene Kehle zum Pfand setze für das Gelingen.« Halb erstaunt, halb ungläubig sahen in die Leute an: »Du bist sonst ein geschickter Bursche, aber wie willst du das anfangen?« »Hört nur weiter,« sagte der brennrote Kilian, »der strohblonde Augustin ist bis über beide Ohren in meine angebetete Botenkuni verliebt, die mir heute Nacht außerehelicherweise ein entzückendes Knäblein geschenkt hat, nebenbei bemerkt, wie ich mir schmeicheln darf, mein vollendetes Ebenbild.« »Ei, da gratulieren wir ja von Herzen,« riefen die Leute. »Danke bestens,« sagte der brennrote Kilian. »Wenn ihr nun gestattet, daß ich als glücklicher Vater meine Hochzeit mit der Botenkuni schon früher halte, ehe ich noch den hundertsten Verbrecher ins Jenseits befördert habe, dann dürft ihr überzeugt sein, daß wir den strohblonden Augustin erwischen, denn er hat mir zugesagt, bei meiner Hochzeit zu erscheinen, und wie ich ihn kenne, ist er ein Mann von Wort, der zu halten pflegt, was er versprochen hat, schon deshalb, weil er neben der Vorliebe für meine Botenkuni auch eine besondere Vorliebe für neugeborene Kinder hat.« Nach langen Wochen zum erstenmal wieder begannen die Bürger der Stadt ein bischen Atem zu schöpfen. »Das ist ein guter Einfall,« sagten sie, »darum heirate du, je eher, je lieber, und lade den strohblonden Augustin feierlich zu Gaste.« »Ich will alles vorbereiten für einen herzlichen Willkomm,« meinte der brennrote Kilian, »wohlgemerkt aber, ihr ehrenwerten Bürger: lange gefackelt wird dann nicht mit Prozessen und Paragraphen, sonder der strohblonde Augustin gehört mir, wie ich ihn fange draußen auf der Vogelwiese, wo ich Hochzeit und Taufschmaus unter dem Galgen begehe.« »Dir gehört er,« riefen die Leute, »mit Haut und Haar, mit Fleisch und Knochen, und wir wollen uns drunten freuen, wenn du ihm die neugerettete sittliche Weltordnung gehörig in Bauch und Rücken versenkst.« »Abgemacht,« lachte der brennrote Kilian, »und nun geht wieder hinaus auf die Vogelwiese, schaut dem Kasperle zu, und laßt euch das Bier schmecken, denn es soll lustig hergehen, wenn der Henker mit der Botenkuni und dem strohblonden Augustin glückliche Hochzeit feiert.« Die Leute behaupteten, daß der brennrote Kilian ein grundgescheiter Mensch sei, und bald darauf zogen wieder durch alle Straßen die schmackhaften Düfte von Bratwurst und Hering, wozu die Musik ihre munteren Weisen spielte. Auch der brennrote Kilian wollte nicht zurückbleiben. Er zimmerte an seinem Gerüste herum und baute einen Galgen, so hoch, daß er fast in den Himmel reichte. Auf endlosen Leitern kroch er selbst hinauf und ließ am Querbalken den langen Strick herunterbaumeln, an dem zwanzig Seiler drei volle Wochen gesponnen hatten. »Auf diese Weise kann ich ihn gleich zu Gott Vater hinaufziehen,« meinte er lächelnd, »und außerdem spürt's der strohblonde Augustin auch 'mal am eigenen Halse, wie wohl es thut, wenn's immer enger, immer knapper wird mit der Luft.« »Gieb nur acht,« meinte der strohblonde Augustin, der sich den Galgen aus weiter Ferne betrachtete, »giebt nur acht, wer von uns beiden zuerst zu Gott Vater auffliegt.« Der brennrote Kilian achtete dieser Warnung nicht, sondern ließ die ganze sittliche Weltordnung auf das Gerüst schaffen, das er mit bunten Blumen geschmackvoll verzierte, und Gott Vater sah aus den Wolken immer erstaunter auf das hölzerne Ungeheuer herunter, das in schwindelnder Höhe von der Erde emporwuchs. »Für einen so großen Lumpen gehört auch ein so großer Galgen,« meinte der Kilian. Als er ab eines Sonntags fertig war, wischte er sich den Schweiß von der Stirne und zog sein bestes Wams an. Auf seine Brust steckte er ein frisches Rosmarinzweiglein, in die linke Hand nahm er die Armesünderglocke, in die rechte eine schnalzende Geißel. »Komm mit mir,« sagte er zur festlich geschmückten Botenkuni, die als Henkersbraut einen Kranz von stechenden Disteln in den Haare trug, »komm mit mir, und nimm dein Kind mit, denn wir wollen hinausfahren zu unserm Ehrentage.« Damit lud er sie beide auf die schmalen Latten des wackelnden Schinderkarrens, indem er dem alten Grautier die Peitsche auf die offenstehenden Rippen hieb: »Vorwärts, vorwärts, du kennst ja den Weg.« Beide Ohren spitzte der Esel und zog so heftig, daß die ganze Wagenladung durcheinanderflog, der brennrote Kilian auf die Botenkuni, und die Botenkuni mitsamt dem Kinde mitten durch die Latte auf den Boden, wo alles die Beine zum Himmel streckte. »Kein gutes Zeichen,« sagte der brennrote Kilian, »aber wir fangen trotzdem wieder von vorne an.« Und er schlug dem Esel dreimal über die Ohren, bis er endlich zum Thore hinaussauste. Nun rollte der Wagen durch die Straßen, und wo ihn die Menschen erblickten, eilten sie mit lautem Jubel herbei. »Schaut, schaut,« riefen die Gassenjungen, »der Henker kommt mit seinem schmucken Bräutchen und mit seinem frühgeborenen Kindchen.« Dabei liefen sie neben dem Wagen einher, streckten die Zunge heraus und schrieen, daß auch die Mädchen herzueilten. »Heut giebt's lustige Stunden,« riefen die. »Ein solcher Tanz ward noch nicht aufgeführt.« Der Kilian aber knallte mit der Geißel wie in jungen Tagen, wenn er auf seinem Holzkarren durch's Dorf fuhr: »Macht uns Platz, ihr Buben und Mädel, lauft hinaus auf die Festwiese und schmückt euch die Haare, ihr sollt uns Kranzelherrn und Kranzeljungfern abgeben.« »Was man alles erleben muß,« jammerten die alten Weiber, an denen der Wagen vorüberrollte. »Habt ihr das verkommene Weibsbild gesehen? Daß Gott erbarm', die Zeiten werden immer schlechter.« Die Männer aber lachten sie aus und winkten begeistert dem Fuhrwerk zu: »Hoppla, hoppla, brennroter Kilian, hau dem verdammten Langohr noch einmal über, damit du schneller hinauskommst auf die Festwiese, wo schon alles deiner wartet.« Und nun liefen sie hinter dem Karren daher, die Männer, die Weiber, die Buben, die Mädchen, sie pfiffen, sie sangen, sie bliesen auf Kindertrompeten, bis auf einmal hoch über dem ganzen Spektakel, über Fahnen und Zelten, über den Walfischskeletten und Adlerscheiben der ungeheure Galgen aus dem Gerüste hervorragte, der dem nahenden Henker den düsteren Gruß sandte. »Heissa, juchheissa,« brüllte die Menschheit, »du hältst ja fröhliche Hochzeit, du brennroter Kilian.« »Thu ich auch,« lachte er, indem er wieder die Geißel schwang, »und gebt mal acht, ihr guten Leute, wo's lustig hergeht, da wird auch mein Trauzeuge nicht fehlen, den ich mit inniger Sehnsucht erwarte, der gute strohblonde Augustin.« »Schrei nur nicht so, da bin ich ja schon,« tönte es plötzlich hinter dem fröhlichen Wagenlenker. Wenn der Teufel den Leuten auf einmal im Kragen gehockt wäre, er hätte kein größeres Entsetzen hervorgerufen, als das jähe Erscheinen des verruchten Mordgesellen. Der brennrote Kilian ließ seine Zügel fallen, der Esel schlug nach vorn und hinten aus, die Botenkuni brach wieder die Latten durch, und der Säugling schrie so mörderisch, als ob ihn die Wanzen zerbissen. Alle Hochzeitsgäste aber, die just noch so munter gewesen waren, schlugen ein Kreuz um das andere und starrten dabei auf den strohblonden Augustin, der sich katzenartig unter den Füßen durchgewunden hatte und nun auf dem Schinderkarren saß, so schön und gemütlich, wie sich's der brennrote Kilian immer gewünscht hatte. Jetzt freilich schien der Herr Scharfrichter kein sonderliches Gefallen an ihm zu finden: »Bist du's oder bist du's nicht, strohblonder Augustin?« »Ob ich's bin, brennroter Kilian! Ich hab' dir ja versprochen, zu Hochzeit und Taufschmaus zu kommen, und du hast selber gesagt, daß ich dir hochwillkommen bin. Drum fahr' nur zu, alter Herzensfreund, zum Galgen hinaus, den du so stattlich erbaut hast.« Dem guten Kilian standen seine brennroten Haare zu Berge, als zöge man sie mit feinen Schnürchen hinauf. Geistesabwesend ergriff er die Zügel, und während er dem Grautier einen festen Tritt auf den Hintern gab, sah er mit aschfahlem Gesichte auf die gaffende Menge. »Bindet ihn, bindet ihn,« bat er mit stotternder Stimme. Aber die Leute wichen vor dem Schinderkarren zurück, als ob Pestkranke darauf säßen und drängten sich zu solchen Knäueln zusammen, daß Weiber, Kinder und Greise erdrückt wurden. »Immer gemütlich,« rief der strohblonde Augustin und zog eine Flasche Wein aus seinem Rocke hervor, »immer lustig, ihr Leute! Wir fahren jetzt zur Hochzeit hinaus, drum laßt mich anstoßen mit dem Bräutchen des Henkers, das mich auch einmal geliebt hat, laßt mich sein Kindchen betrachten, das wirklich dieselben Haare hat, wie sein wohlbestellter Herr Vater, und laßt mich ein Hoch ausbringen auf eure löbliche sittliche Weltordnung, die mir jetzt von da oben so freundlich entgegengrinst.« Damit that er einen tüchtigen Schluck und wiegte sich mit übergeschlagenen Beinen auf den zitternden Latten des Karrens. »Wundert ihr euch, daß ich so üppig lebe?« lachte er, »Ha, ha, ha, ich sag' euch, und hab' so manchem reichen Protzen den Hals verdreht, daß ich mir's leisten konnte. Freilich, ich hab' auch alles wieder durchgebracht, ich bin abgebrannt bis auf die Knochen, drum kann ich singen den ganzen Tag, bis sie mich glücklich den Galgen hinaufziehen: Ei, du lieber Augustin, Alles dein Geld ist hin, Ei, du lieber Augustin, Alles ist hin!« Damit warf er die Flasche in weitem Bogen in die Leute hinein. »Du bist ein verkommener Verbrecher,« sagte der brennrote Kilian, der immer stärker zitterte, je näher sie dem Galgen kamen. »Wie man's auffaßt,« gab der strohblonde Augustin zurück. »Ich hab' ja der Menschheit gehörig aufgespielt, aber ich bin dabei der ehrliche Kerl geblieben, der ich bleiben wollte, und hab' kein Sündengeld für schändlichen Verrat in die Tasche gesteckt.« »Hör' doch auf,« sagte der brennrote Kilian, indem er vom Wagen stieg. »Aufhören?« lachte der Augustin. »Jetzt, wo wir am heißersehnten Ziele sind? Nein, Freundchen, jetzt soll das Fest erst richtig beginnen. Komm her, Henkersbraut mit deinem Kindchen, du gehst in der Mitte die Treppe hinauf, der brennrote Kilian auf der rechten und ich auf der linken Seite.« Auf der obersten Stufe waren sie angelangt und sahen sich gegenseitig an. »Brennroter Kilian,« sagte da der strohblonde Augustin nach einer langen Pause, »du siehst nicht gut aus! Du zitterst ja wie damals, da sie uns drei auf dem Karren nach der Stadt gezogen haben. Ist dir nicht gut an deinem Hochzeitstage?« »Ich . . . . ich habe manchmal das Fieber,« sagte der brennrote Kilian mit schlotternden Knieen. »Ei, da mußt du aber mit dem Herrn Doktor sprechen, daß er dir ein Pülverchen oder ein Schweißmittel verordnet.« Dem brennroten Kilian schlugen die Zähne aufeinander. »Ich hab' alles versucht,« stöhnte er, »aber es hilft nichts.« »Da wäre dir wohl eine Luftveränderung von größtem Vorteil?« meinte der strohblonde Augustin und führte ihn am Arme langsam zum Galgen. »Weißt du, so ganz hoch da droben, in den reinen, freien Regionen, wo's keinen Schüttelfrost und keine sittliche Weltordnung giebt.« »Helft mir, ihr Leute, helft mir! Der strohblonde Augustin hat mich bei der Gurgel gepackt!« So schrie der brennrote Kilian, aber im nächsten Augenblick schwebte er schon, von seinem Jugendgespielen gezogen, am Galgen empor, immer weiter und weiter in Wolken und Nebel hinein. »Seht den brennroten Kilian! Seht ihn, wie er fliegen kann!« rief der Augustin vom Gerüste herab und schwang die Armesünderglocke. Da kam die Menge, die bis jetzt wie angegossen gestanden hatte, langsam zu sich. Sie regte sich wieder, sie streckte sich, als ob sie in langem Winterschlafe gelegen hätte, und sich erst auf sich selber besinnen müßte. Lautlos war sie neben dem Wagen einhergetaumelt bis zum Gerüste, lautlos hatte sie zugesehen, als das närrische Kleeblatt die Treppe hinaufwanderte, und mit starrem Entsetzen hatte sie den brennroten Kilian hoch in den Wolken verschwinden sehen. Erst jetzt, wo die schrille Glocke über das Feld tönte, erwachte alles wieder zum Leben und grauenvollen Bewußtsein. Die Drehorgeln begannen wieder zu spielen, die Bestien begannen wieder zu brüllen, und die Leute wiesen zum strohblonden Augustin empor, der ungestört weiter wirtschaftete. Er hatte das große Henkerbeil ergriffen und begann mit wuchtigen Hieben die ganzen Folterwerkzeuge gemächlich in Stücke zu hauen, wie ein fleißiger Holzhacker, der ein Klafter zurecht spaltet. »Seht ihn da oben, seht ihn!« Erst ging es wie ein dumpfes Gemurmel durch die Menge, aber das schwoll immer stärker, immer grausiger über das Feld, und jetzt platzte es los mit einem lauten, gewaltigen Schrei: »He, he! Soll uns der Kerl alles in Stücke hauen, was wir mühsam aufgebaut haben?« »Niemals, niemals!« riefen wieder andere. »Also, wagt euch dran, was ist denn dabei? Er ist ja allein, und wir sind die mehreren. Jawohl, wir sind die mehreren.« Damit prallten sie zum Gerüste, daß die Treppe zu tanzen begann. Der strohblonde Augustin aber hielt nicht ein, sondern hieb noch weiter, als die tobenden Massen schon auf ihn losgingen. »Eilt euch, wenn ihr noch recht kommen wollt, eure sittliche Weltordnung ist baldigst in Fetzen gehauen.« »Schlagt ihn nieder, den Halunken,« brüllten die Leute, »schlagt alles nieder, was euch in den Weg kommt, den Doktor, die Pfaffen, die ganze Obrigkeit mitsamt dem Bürgermeister, denn nun regieren wir einmal mit dem, was noch übrig ist von der sittliche Weltordnung.« »Jetzt wird's lustig,« lachte der strohblonde Augustin, »jetzt kann ich mein Testament machen und mein Totenliedchen singen.« Und während ihn die Leute zu Boden rissen, sang er mit gellender Stimme: »Ei, du lieber Augustin, Alles ist hin.« »Recht hast du!« tobte der Pöbel und griff nach seiner Gurgel. Der strohblonde Augustin spürte so etwas wie Atmungsbeschwerden, er schnappte nach Luft und merkte noch, wie ihm der Kragen immer enger und engere, das Licht vor Augen immer dunkler und dunkler wurde, auf einmal aber fühlte er sich befreit von all diesen Qualen, ein unnennbares Wohlgefühl durchströmte den Körper, und es ward ihm so leicht und frei zu Mute, wie einem jungen Vogel, der zwitschernd durch die Lüfte emporzieht. Von der Menschheit hörte er nichts mehr, als tief unter sich ein fernes und dumpfes Brausen, aber von oben tönte auf einmal ein lauter Gesang, und als es immer klarer, immer köstlicher jubelte, da teilte sich plötzlich mit hellem, blendendem Glanze der weite ungeheure Äther, in dem der strohblonde Augustin pfeilgerade emporschwebte, und auf hohem, goldenem Throne saß der freundliche, alte Herr mit den roten Backen und dem weißen Vollbart, den der Herr Expositus dem störrischen Bauernburschen in der kleinen Dorfkirche als Gott Vater bezeichnet hatte. Staunend sah der strohblonde Augustin den Himmel in seiner ganzen Glorie. Er hatte sich zwar immer schon etwas recht schönes darunter vorgestellt, aber diesen Luxus hatte er doch nicht erwartet. Zahllose Engel standen hinter Gott Vater mit langen Flügeln und prächtigen Gewändern. Die einen hielten goldene Harfen, die andern große Notenblätter in Händen, und zwischen allen ging der heilige Petrus herum, geschäftig wie ein richtiger Hausmeister, und sprach bald mit Gott Vater, bald mit dem Satanas, der dort in der Ecke, der Befehle des Himmels gewärtig, auf seiner langen Heugabel hockte. Seine ganze Jugend fiel dem strohblonden Augustin wieder ein. »Also hab' ich doch nicht umsonst gebetet,« sagte er ich näherte sich Gott Vater. Aber auf einmal fuhr er zurück, als ob ihn noch oben im Himmel eine giftige Fliege in die Nase gestochen hätte. »Das ist ja der brennrote Kilian,« schrie er entsetzt. »Wie kommt dieser Hallodri in den Himmel herauf?« Alle Engel legten mit sichtbarem Unbehagen die Hände an die Ohren, und der brennrote Kilian, der im langen, weißen Hemde, einen Palmenzweig in der Linken, mit fein geölten Haaren, daher schritt, sagte mit verächtlichem Blicke auf seinen einstigen Spielgenossen: »Jetzt hat sich dieser Schweinehund richtig auch noch in die himmlischen Heerscharen eingeschlichen.« Gott Vater aber winkte die beiden Neuangekommenen mit strenger Miene zu sich: »Vor allem merkt euch eines: Geschrieen wird da heroben überhaupt nicht, sondern höchstens gesungen. Also bitt' ich mir Ruhe und Frieden aus, denn bei uns geht's nicht zu wie da drunten auf der großen Vogelwiese, es spielt sich vielmehr alles äußert gemütlich und äußerst geräuschlos ab.« Der strohblonde Augustin nickte: »Dann will ich dir, o himmlischer Vater, mit aller Gemütlichkeit sagen, daß ich bittere Klage zu führen habe über den brennroten Kilian und über die abscheuliche Einrichtung, die die Menschheit sittliche Weltordnung nennt.« »Du hast alle Ursache, mäuschenstill zu sein,« sagte Gott Vater in drohendem Tone, »wart' nur, du kannst dich auf was nettes gefaßt machen mit deiner verwünschten Halsabdreherei.« Seine beiden langgezogenen Ohren glaubte der strohblonde Augustin auf seiner himmlischen Reise verloren zu haben, so sonderbar klangen ihm die Worte des alten Herrn. »Ja, bist du denn einverstanden, himmlischer Vater, mit dieser sittlichen Weltordnung?« Ärgerlich rückte Gott Vater auf seinem Stuhle herum: »Einverstanden? was heißt da: einverstanden? Laß mich aus mit dieser dummen Fragerei. Eine Ordnung muß doch sein auf der Welt. Wo kämen wir denn sonst hin?« »Für so eine Ordnung bedanke ich mich,« antwortete der strohblonde Augustin. »Kannst du vielleicht etwas besseres machen?« fragte Gott Vater sehr gereizt. »Na, weißt du, ich will mich nicht überheben,« sagte der strohblonde Augustin, »aber so was bring' ich zur Not immer noch fertig.« Jetzt wurde Gott Vater sehr böse: »Die Welt ist einmal so eingeteilt, also werde ich dir auch nicht des Langen und Breiten auseinandersetzen wieso und warum. Nun sei aber auch so freundlich und mach' dir keine weiteren Gedanken mehr, das liebe ich überhaupt nicht.« Mit grimmigem Gesichte sah der strohblonde Augustin zum brennroten Kilian hinüber, der ein schadenfrohes Lächeln nicht ganz unterdrücken konnte. »Du freust dich natürlich, du elender Halunke.« »Willst du mich jetzt gar noch beim himmlischen Vater verleumden?« fragte der brennrote Kilian. »Deine Schandthaten will ich dir eintränken,« schrie der strohblonde Augustin, »weil ich immer noch hoffe, daß es da heroben noch mehr Gerechtigkeit giebt, als auf Erden.« »Heiliger Petrus,« seufzte der himmlische Vater, indem er vom Stuhle sprang, »ist es nicht manchmal zum Verzweifeln, was uns von da drunten für Exemplare heraufgesandt werden? Jetzt will der Bursche da absolut nicht an die sittliche Weltordnung glauben.« Der heilige Petrus nickte bekümmert, der brennrote Kilian aber fing bitterlich zu weinen an: »Und ich hab' mir so viel Mühe gegeben, sie ihm beizubringen.« »Sag' noch ein Wort, du heuchlerischer Geselle!« schrie der strohblonde Augustin in drohender Haltung. Der brennrote Kilian trocknete seine Thränen und rieb sich die Hände: »Geh nur her, ein zweitesmal laß ich mich nicht unterkriegen.« »Ruhe!« gebot der himmlische Vater mit donnernder Stimme. Der strohblonde Augustin achtete nicht mehr darauf, sondern schlug seinen Ärmel zurück und sah auf den brennroten Kilian: »Noch zehnmal möcht' ich dich umbringen, du elender Staatskrüppel, du.« »Ruhe bitte ich mir aus!« schrie Gott Vater, so laut er nur konnte. Der brennrote Kilian aber legte den Palmenzweig beiseite und winkte dem strohblonden Augustin: »Na, so fang' doch an, wenn du Schneid hast.« »Holt mir mal schnell den Teufel,« ächzte der himmlische Vater, »der soll die beiden Burschen für immer auseinander bringen, denn sonst drehen sie sich gegenseitig noch im Jenseits die Hälse um und ein paar unschuldigen armen Seelen dazu.« Eifrig hinkte der Teufel herbei und stellte sich mit höhnischem Gelächter zwischen die beiden. »Himmlischer Vater, hab' Erbarmen mit mir,« jammerte der brennrote Kilian, »ich war immer auf rechten Pfaden und habe immer zu dir gebetet . . . .« »Du bist auch nicht der beste,« sagte Gott Vater, »glaubst du vielleicht, ich hätte nicht gemerkt, daß du den friedliebenden Bürgern nächtlicherweile dein Küchenmesser in den Bauch ranntest?« »Alles im Interesse der sittlichen Weltordnung.« »Genug,« schrie Gott Vater, »der brennrote Kilian kommt in das Fegefeuer, und der strohblonde Augustin fährt wegen gänzlicher Verstocktheit auf immer zur Hölle.« »Wenn hier allerdings solche Ansichten herrschen,« sagte der strohblonde Augustin, »dann ist mir der Teufel samt seiner Frau Großmutter immer noch lieber.« »Besinne dich zum letztenmal,« sagte Gott Vater, indem er zur Thüre wies, »dort schau hin, und du kannst dich selber überzeugen, wie nötig die sittliche Weltordnung ist.« Der strohblonde Augustin blickte zur weitgeöffneten Himmelspforte, wo es lebhaft zuging in ewigem Kommen und Drängen. Lauter bekannte Gesichter gewahrte er da. Erst schwebte die Botenkuni mit ihrem Kinde daher, dann kam der Herr Doktor, auch die vier Herren, die jeden Frühling in die Einöde gekommen waren, flogen kopfschüttelnd herbei, und hinter ihnen zog noch die ganze Obrigkeit, den Herrn Bürgermeister an der Spitze, mit Prälaten, Offizieren und Polizeibeamten in festlicher Ordnung zum Himmel herein. Alle Engel stimmten ein lautes Wehegeschrei an, Gott Vater aber winkte dem strohblonden Augustin mit hocherhobenem Finger: »Da siehst du's, wie's zugeht. Jetzt haut unten der Pöbel alles zusammen, und ich darf schauen, wie ich mit meiner Allmacht die ganze Geschichte wieder zusammenleime, damit wieder ein bischen Ordnung in die verrotteten Massen kommt.« »Na, dann mach's besser wie das erstemal,« lachte der strohblonde Augustin, »ich mag nicht mehr mitthun, ich probier's in der Hölle, wo's glücklicherweise keine sittliche Weltordnung giebt.« »Höchste Zeit, daß du fortkommst,« donnerte Gott Vater und winkte mit beiden Händen. Der Teufel machte eine tiefe Verbeugung und spießte den strohblonden Augustin im Handumdrehen auf seine Heugabel. Im rasenden Fluge stürzten sie beide vom Himmel zur Hölle hinab, und der strohblonde Augustin sah gerade noch seine Leiche hoch oben am Galgen hängen, als er an der Vogelwiese vorübersauste. Da streckte er der ganzen Menschheit die Zunge heraus, so lang und so weit er nur konnte.