Julius Stinde Wilhelmine Buchholz' Memoiren Allen Freunden der Familie Buchholz mit fröhlichem Gruße                                                 gewidmet. Inhalt. Ein Antwortschreiben Dienstmädchennoth Eine kleine Handarbeit Emmis Räthsel Geschäftliche Pflichten Sonntagsruhe Eine Aussprache Das Kind der Haide Strafgelder Musikalisch-Polizeiliches Ein frohes Ereigniß Heimsuchung Ein stilles Fest Großer Thee Ethisches Nach Harzburg Harz-Tage Eine Verlobungsfahrt Heirathen Unser aller Fest Ein Antwortschreiben. Von den Philippinen und den Drehschäfken – Von Doppelmorden und Naturgenuß mit Bierzwang – Mutter und Kind – Puppe oder Steckenpferd – Wilhelmine geht auf den Wagenhandel und erklärt, was Memoiren sind – Von Columbus im Album und Herr Kleines als Vorbild – Haremserlebnisse – Wenn Onkel Fritz unverwüstlich ist Sehr geehrter Herr Verleger! Es thut mir sehr leid, Ihnen diesmal einen Korb geben zu müssen, aber ich habe meine Gründe, und wenn Wilhelmine Buchholz Gründe hat, ist nichts mit ihr anzufangen. Das wird Ihnen meine sämmtlich Bekannt- und Verwandtschaft bestätigen, wenn Sie eine wissenschaftlich statistische Enquete anstellen, wie jetzt allgemein geschieht, sobald sie von Steuerwegen oder so ähnlich bezweifeln, wie wenig momentan in den letzten Jahren verdient wird. Meinem Manne schicken sie einen Rundfragebogen nach dem andern, aber er hat sich fest vorgenommen, wenn sie ihn wieder drangsaliren und wissen wollen, wie viele Maschen zu einem ausgewachsenen Herrenstrumpf gehören, ihnen einfach zu schreiben: ›zählen Sie selbst nach, meine Herren, einem einfachen Staatsbürger glauben Sie ja doch nicht.‹ Natürlich steht mindestens Schöffengericht darauf, aber wenn man es tribelirt, wird jedes Geschöpf ungemüthlich, und so auch der Unterthan. Ich beruhige ihn, wenn sich die Zorntolle bei ihm erhebt, und sage: »Karl, Du mußt Deiner Galle nicht so rücksichtslos Gehör geben, sondern bedenken, daß seit längerem die Wissenschaft das herrschende ist und die arbeitet mit den erstaunlichsten Genauigkeiten. Du kannst nicht mehr sagen: es muß so sein oder so, sondern Du mußt berechnen, warum und wieso und weshalb? Früher zum Beispiel kochten wir einfach Wirsing mit Rindfleisch, aber nebenan bei Betti nach dem neuen Kochbuch ist es Kohlhydrat und plasmatisches Zellengebilde mit so und so viel Stickstoff... »Und das verbitt' ich mir«, rief mein Karl. »So oft sie nebenan auf der Etage Kohl kochen, riecht bei uns die ganze Wohnung. Sie sollen es machen wie früher, da stank es nicht.« »Das liegt an dem Mädchen, das neulich das Kohlwasser wieder einmal auf die heiße Asche gegossen hatte. Ich habe ihr es strenge untersagt, allein Du weißt, mein Karl, verboten ist leicht etwas, aber sich nicht daran kehren, ist viel leichter.« »Dann 'raus mit der Philippine.« »Karl,« entgegnete ich milde lächelnd: »Ein halbweges Dienstmädchen ist heut zu Tage eine Perle ihres Geschlechts. Was im Allgemeinen in diesem Artikel umgesetzt wird, das ist bitter; mir geht schon ein Graul an, wenn ich blos an's Miethskontor denke. Wenn ich aber hin muß, um mich mit einer neuen anzuschmieren, das ist wie ein Gang in einen Hyänenkäfig. Und was haben die schönen Zeugnisse einem angedrechselt? Eine, die man froh ist, schleunigst mit Reu- und Kostgeld wieder los zu werden. Das vorletzte Mal war ein recht voraussetzungsvolles Mädchen da, das die wohllautendsten Zeugnisse vorwies. ›So,‹ sagte ich, ›hier ist der Thaler, also sind Sie von mir gemiethet.‹ – ›Das ist Madame ihre Sache,‹ sagte sie. – ›Ich verlange akkurate Arbeit,‹ sagte ich. – ›Die Arbeit ist meine Sache,‹ sagte sie. – ›Ich glaube, ich habe mich versehen,‹ sagte ich, ›der Thaler gilt nicht mehr.‹ – Da giebt sie mir rasch das Miethsgeld retour, das ich denn nun mit einem feinen Lächeln beisteche, indem ich sage: ›Mir scheint, als wenn wir nicht für einander in die Welt gesetzt sind, aber das ist eine Sache für sich. Adje.‹« »Karl, Du hättest blos hören sollen, was die Furien jetzt für auf den Schwung bringende Redensarten von sich gaben, die Angemiethete nämlich und die in ihrer Nähe stehenden Donnas. Ich hörte so etwas wie von Falschmünzerin, Beschuppmadam und, ›is die aber jerissen‹, allein da ich schon so gut wie draußen war, bezog ich die Zungenerzeugnisse der Philippinen nicht auf mich. Wir belegen die Mädchen jetzt alle mit diesem botanischen Gesammtnamen, um zu wissen, was wir meinen, sobald wir auf sie zu sprechen kommen, da man die einzelnen nicht behalten kann, theils weil sie ein wechselvolles Dasein führen, theils weil sie auch egal heißen. So war bei Onkel Fritz eine Emma und Schmidt's hatten auch eine Emma, und als Onkel Fritz seine Emma plötzlich gegen eine Anna veräußert hatte, wußte ja kein Mensch, ob die Emma die alte Emma war oder die neue Anna oder Schmidts Emma die gemeinte Emma, wenn die Rede von einer Emma war. Und alle die vorhergehenden: wer hat ein Gedächtniß für die, oder es müßte schon wie ein Adreßkalender geformt sein. Darum nennt Onkel Fritz seine immer schlicht Philippine und wir folgen ihm insofern darin, als es einfach und vielsagend, leicht behältlich und frei von Irrthümern ist. Dienstmädchen wollen sie ja nicht mehr heißen und ›Fräulein‹, womit die Bäcker und Schlächter, Krämer und Marktweiber sie anreverenzen, das ist bei mir nicht Mode und wird nicht Mode, und sollte die Aufklärung mit Extrazügen nach Berlin gefahren werden. Ich gehöre noch zu den Alten. Das wird Einem jedoch häufig verdacht; man woll modern sein. Nun wird aber Manches wieder neumodisch, was schon uralt ist, wie man an den Hammelkeulen-Aermeln erleben kann, die unserer Großmütter bereits ebenso trugen, wie wir heute Alle. Es kann eine kochen wie sie will und der Mann nicht mag, aber mit der Mode muß sie gehen, da muß sie bessernde Hand an sich legen, darum sieht man jetzt die Plusterärmel bei Groß und Klein, Hoch und Niedrig, und wie hätte man noch vor zwanzig Jahren darüber gelacht, damals als die Kleider ganz eng anlagen und die Aermel unzeitgemäß waren, wenn sie nicht in den Näthen knackten! Also, was ist alt und was ist neu? Hat man schon einiges erlebt und darüber nachgedacht, dann ist das Dasein nicht viel anders als so ein kleines Drehspielzeug, wie auf dem Weihnachtsmarkt immer für sechs Dreier bis zwei Gute zu haben war. Wenn man daran leierte kam ein Schäfken aus der Versenkung, noch ein Schäfken, ein Hirte, ein Hund, eine Ganz, ein Fuchs und jedes verschwand schräge kopfüber in einem Häuschen und kam hinten mit derselben Miene wieder hoch. Dazu klimperte es pink, pink. Spätestens am nächsten Tage war es geliefert mit sammt der Musike. Manches kommt wieder wenn die Welt sich dreht, gerade so wie die Schäfken, Hirte und Hund und wird von der Jugend und denen die nichts behalten als funkelnagelneu angestaunt und war doch schon einmal da, wenn auch vielleicht nicht so aufgeprezelt, wie sie es jetzt heraushaben. – Manches aber ist weg und bleibt weg. Mein lieber alter Weihnachtsmarkt! Der ist auch dahin. Daß wir so Vieles vergessen sollen und können es nicht. Vergessen ist Verlieren. Wer des Frühlings vergißt, wie kann der Blumen in dem Herbste seines Lebens haben? Ich meine die Blumen der Erinnerung. Es giebt freilich auch Erinnerungsnesseln, aber die Seele hat auch ihre Hände. Damit befaßt sie sich nicht, außer, es sei denn, daß sie sehr hartfellig ist. Und solche laufen auch herum. Wenn ich so die Greuelthaten lese, die mir die Zeitung jeden Tag zum Kaffee auftischt, – wir genießen sie als Morgenimbiß, weil sie gleich mit dem Frühstück gebracht werden, und das Gleichzeitige gewissermaßen in den Naturgesetzen liegt – dann denke ich mehr als manchmal, Viele, die ordnungsgemäß in den Standesamtlisten stehen sind blos mit Menschenhaut überzogen und andererseits erlebt man so entzückend Gutes, daß man die Frage hinausschreien möchte, warum wird Solches todtgeschwiegen, da der Tag, der mit Nachahmungswerthem beginnt, doch entschieden nützlicher und stärkender ist als einer, wo man über einen Doppelmord mit tödtlichem Ausgange sein Gebäck viel zu lange einstippt? Freilich folgt einem trüben Morgen oft ein heller Tag, aber wer einen frohen Tag haben will, muß ihn sich machen. Wer das heraus hat, der kann was. Wir waren im letzten Sommer an einen Sonntagnachmittag in der Hasenhaide. Wie die sich verändert hat, das ist einem Fremdling nicht auseinanderzupolken und wenn man auch den Handatlas von Velhagen und Klasing zur Hülfe nimmt, den mein Schwiegersohn sich angeschafft hat, weil er Reichlicheres und Eingehenderes für sein Geld nicht erwerben kann. Wo früher Leute Bier tranken sind jetzt Straßen und wo sie umsonst im Grase unter Kiefern lagen und ihr Mitgebrachtes knabberten, müssen sie jetzt Entree zahlen oder mit Gewalt etwas verzehren, um geduldet zu werden. Das ist sogenannter freier Naturgenuß mit Bierzwang. Die Haide hat sich in Stadt verwandelt, die Sandwege sind bestgepflasterte Straßen mit blitzhohen Häusern geworden, und Turnvater Jahn's Monument wird auch wohl bald weiter hinausgerückt um Baugrund zu gewinnen, denn wenn sie in dieser Gegend nicht um Plätze verlegen wären, würde man doch das Elisabeth-Kinder-Hospital nicht mitten zwischen den Biergärten errichtet haben. Rechts liegt der Hasenhaider Ausstellungspark mit zwei Musikchören, gegenüber Happold mit einem Trompetertempel und links wird auch nach Kräften gedrehorgelt. Rückwärts aber grenzen die Schießstände unmittelbar daran, so daß hinten geknallt und vorne getutet wird, was den kranken kleinen Wesen wahrscheinlich sehr förderlich zur Genesung ist. Es kann ja auch sein, daß sie rechtzeitig an das Militairische gewöhnt werden sollen, Alltags an das Schießen und Sonntags an die flotten Parademärsche, nur begreife ich nicht, wie Virchow seinen Segen zu dieser Anlage geben konnte, da er sonst doch gleich sieht, wo etwas im Staate ungesund angelegt wird und sich sträubt. Wir wandelten mit dem Menschenstrom hinaus, bewunderten den pilzartigen Aufschwung des Baugewerbes, sahen theils mit Staunen, theils mit Mitleid, was die Leute anstellen, um den Lebensnickel zu verdienen, wie sie Feuer fressen um Brot kaufen zu können und sich als Pojatze auskleiden, damit sie einigermaßen anständig gehen. Und die Rutschbahnen sind auch wieder aufgekommen, nachdem man sie Jahre nicht hatte, wogegen sie in unserer Kindheit zu den Unterhaltungsmerkwürdigkeiten gehörten. Dazu die riesigen russischen Schaukeln, als wenn an Schwindeligkeit Mangel wäre. Dicht neben der neuen Welt war eine von ganz gehöriger Größe im Gange und die Kinder baten und prampirten auch richtig so lange, bis ihnen einige Umdrehungen bewilligt wurden. es liegt wohl so im Menschen drinn, daß er am Beweglichen seinen besonderen Spaß hat. Weil nun die Kleinen durch die Luft schwangen, durchforschte ich das menschliche Getriebe, das auf diesem eingeplankten Seitenplatze ein ziemlich geknuddeltes war, indem die Leute sich hümpelweise vor den Buden ansammelten, beim Würfeln zusetzten oder besahen was sie nicht anfassen durften und sich wieder dünne machten, wenn sie ihren Wissensdrang gestillt hatten und das, was nachkommen sollte für eine Kapitalanlage gerade nicht werth erachteten. Dann gingen sie durch das Thor auf die Hauptstraße anderwärts hin, wo es auch schön war und Neue traten an, um sich zu überzeugen, ob das Vergnügen hier eben solche Schattenseiten hätte, als da, wo sie eben herkamen. An diesem Thor erlebte ich nun etwas Merkwürdiges. Das Thor an und für sich war, sie sonne Thore mehrstens sind, aus zwei eisenstäbigen Flügeln gezimmert, von denen der eine sperrweit aufstand. Den andern aber hatte ein Kind sich angeeignet, ein Würmeken in langem Kleidchen, einem armen Kleidchen, alltäglich am Sonntag, aus oft gewaschenem Kattun. Bräunliche löcherige Strümpfe hatte es und entzweiige Schuhchen. Einen Hut hatte es nicht, es lief so herum in seinem weißblonden Haar, das ihm glatt an dem Kopfe anlag. Aber mit seinen wasserblauen Augen blickte es lachend ins Leben, denn es hatte ein herrliches Spielzeug, den einen Thorflügel nämlich. Den schob es zurück und freute sich seines Thuns und auch wohl seiner Kraft, denn es stemmte mit Eifer und Anstrengung dagegen, obgleich es nicht viel über zwei Jahre sein mochte. War das Thor von dem Kleinen ganz geöffnet, dann gingen die Leute in zwei breiten Strömen ein und aus. Rechts wogten sie herein, links hinaus. Wenn das Kleine aber den Flügel zugemacht hatte, mußten die Leute sich mit dem hälften Durchwege begnügen und statt rechts und links glatt ein und aus, stuckte sich die Menge pausenweise, bis sie aneinander vorbei konnte. Da dachte ich, wann wird nun wohl Einer von den Vielen zu der Frau sagen: »Nehmen Sie doch Ihr Kind an sich, es versperrt ja die Passage.« – Denn die Mutter stand dabei, ebenso ärmlich wie das Kleine, aber nicht mit lachenden Augen, sondern trostlosen, gramvollen, mit Augen, die das Weinen aufgegeben hatten, weil es doch nichts half. Es sagte aber Keiner ein Wort. Ich wollte abwarten. Unseren Kindern gab ich daher noch einige Nickel zum Verfahren, damit ich ohne Aufsehen stehen bleiben konnte. Das Kleine schob das Thor auf und schob das Thor zu und die Menschen stauten sich und ließen's sich gefallen von dem Kinde. Keiner sagte ein Wort und Alle nahmen sich in Acht, daß sie das kleine Geschöpf nicht rempelten oder ihm zu nahe kämen. Das thaten sie wie etwas Selbstverständliches. Ich machte meinen Karl darauf aufmerksam. »So ist das Herz des Volkes,« sagte er, »einem Kinde fügt es sich, wenn es seinem natürlichen Empfinden folgt. Und was ich hier sehe, erfüllt mich mit der Zuversicht, daß es allen Ausstreuungen doch nicht gelingen wird, den alten guten Kern mit Giftlehren zu durchsetzen. Das macht mich recht froh.« »Freut mich, mein Karl, denn Du bist in letzter Zeit etwas gnedderiger veranlagt gewesen, als Du Dir früher jemals merken ließest, und wenn Du natürlich guter Laune irgendwodurch wirst, ist mir auch, als wenn der Klavierstimmer die Saiten meines Gemüthes nachgeschroben hätte. Ich wollte dem Jungeken vorhin schon ein Vergnügen machen – am liebsten mit einer gediegenen Kleinigkeit oder Eßbarem – meinst Du aber nicht auch, es wäre am richtigsten, ich wende mich zuerst mal an die Mutter, denn dieweil das Kind noch keine Hosen trägt, kann man ja nicht wissen, ob eine Puppe angebrachter ist oder ein Steckenpferd.« Mein Karl billigte zu und ich wandte mich an die blasse Frau: »Is det Ihr Kleener?« Die Frau sah mich an, als hätte sie nicht verstanden; dann nickte sie ein kaum erkennbares »Ja.« Also es war ein er. »Ich möchte ihm gern etwas schenken,« fuhr ich fort. »Was würd' ihm wohl am liebsten sein?« Die Frau warf mir einen gedankenlesenden Blick zu, der sich jedoch weniger mit meiner Physiognomie als mit meinem neuen Sommerumhang beschäftigte. »Wat hab' ick Ihnen jedahn,« fragte sie mit einer Art fremdländischer Wortbehandlung, »dett Sie mir und mein Kind verhöhnen? Wir wollen nischt jeschenkt haben; mein Junge, der wird sich sein Recht schonst nehmen, wenn er man erst jroß is.« Statt aller Antwort ging ich und kaufte in der nächsten Bude Honigkuchen und verehrte ihn dem Kleinen. Der nahm ihn, biß hinein und hielt ihn dann seiner Mutter zum Kosten hin. »Frau,« sagte ich, »wo wohnen Sie? Für den Jungen mußt was geschehen, der ist ja ein Herzensjunge. Ihnen geht es nicht gut...« »Nee,« unterbrach sie mich bitter, »Sammt und Seide drage ick nich,« und sah verächtlich auf meinen Umhang, einen einfachen von Gerson zu herabgelassenem Preise. »Wissen Sie, Grobheiten lass' ich mir nicht sagen,« wies ich ihre Redensarten kurzweg ab. »Ich hatte es ordentlich mit Ihrem Knaben im Sinn und dachte ihm wenigstens einen frohen Tag zu machen. Aber Sie sind ja die Mutter und müssen am besten wissen, was ihm bekommt. Adje.« Mit der Mutter war ich fertig, aber nicht mit dem Jungen; wenn ich nämlich einen Willen habe, setzt ich ihn auch durch und deshalb kaufte ich ihm ein roth und blau angemaltes Wägelchen. Als ich damit zurückkam, wie die Mutter keinesfalls gedacht hatte, und es dem Kleinen gab, der aus ganz runden Verwunderungsaugen sah, als er es befingern und behalten durfte, da sänftigte sich ihre Kratzbürstigkeit. Möglicherweise hatte sie sich auch eines Besseren besonnen, während ich auf den Wagenhandel gegangen war und verlegen stotterte sie: »Ick meente nich so... ick meente – mit uns meent et keener nich jut – alle meenen se...« »Liebe Frau, nu lassen Sie det meenen man sind,« redete ich, »damit kriegt der Junge nichts Warmes weder auf noch in den Leib und Beides scheint mir sehr angebrachtermaßen. Außerdem hab' ich keine Zeit länger. Also wo wohnen Sie, damit wir den Fall weiter besprechen können?« Da sie begriff, daß ich nicht gesonnen war, den Rest meines Lebens in dem Menschengeschubbse zuzubringen, kam sie mit ihrer in der Skalitzerstraße belegenen Hausnummer heraus und ich versprach, ihr verschiedenes Enkelabgelegtes zuzustellen, was nicht nur wohl erhalten ist, sondern für die Südostkante Berlins einen vollkommenen unterdenlindenhaften Sonntagseindruck macht, zumal wenn man im dritten Hof fünf Treppen hoch wohnt und dort unter den Armen noch zu den weniger Bemittelten gehört. Wie trübe es ihr ging, das erfuhr ich später, und auch warum und wieso, denn das meiste menschliche Unglück rührt von Ursachen her, obgleich Manches Einem auch wie Erkältungen anfliegt: ohne daß man sich darnach beträgt, hat man was weg. Meinem Karl war das Gewarte auch schon über und die Kinder mußten sich fügen; so gingen wir denn, um den Nachmittag irgendwo in Ruhe zu beendigen, was bei der ins Unendliche gesteigerten Auswahl von Lokalen jetzt eine ganz andere Ueberlegung erfordert als Anno damals vor der Erfindung der Weltstadt. – Verehrtester Herr Verleger, was müssen Sie von mir denken? Sie schreiben mir einen huldreichen Brief und machen mir den Vorschlag, meine Memoiren herauszugeben und legen eine Reihe Briefe aus verschiedenen Welttheilen bei, worin angefragt wird, ob die Buchholz nicht bald wieder etwas von sich hören ließe? Es würde nachgerade Zeit. Ich thäte den Leuten ja ganz gern den Gefallen, aber... es geht nicht. Denn, sehen Sie, was sind Memoiren? Ich habe einfach keine. Memoiren sind doch Beschreibungen, wie man mit hohen Herrschaften zusammenstieß oder wenn sich etwas Historisches ereignete, wobei mehr oder minder weitläufige Verwandte wirklich dabei waren, und worüber an eidesstatt versicherte Papiere vorhanden sein müssen. Oder auch solche Geschichten, wie sie in unseren Familien nicht üblich sind und wenn sie doch vorkommen sollten, schämt man sich davon zu sprechen, geschweige sie auf den Büchermarkt zu schleudern. Freilich, je größer eine Familie ist, je mehr sich heranheirathet, je verzweigter sie sproßt, um so reichlicher Gelegenheit zu Passirbarem bietet sie und ist sie lawinenartig ausgedehnt, geschieht auch alle Augenblicke etwas, sei es mit den Kindern oder den Neffen, oder den Nichten und selbst Onkel's scheniren sich manchmal nicht. Ich kenne eine stark multiplizirte Familie, in der ist immer Eins krank oder todt und sie kommen aus Ängsten und Trauer nie heraus, weshalb sie den schwarzen Kaschmir gleich stückweise nehmen. Und neulich – sie waren gerade einmal ohne Flor und Jett, als vergnügte Hochzeit werden sollte von Vetter und Kusine, die schon mehrmals aufgeschoben hatten, weil sie entweder Begräbniß gehabt hatten oder haben sollten – da starb ausgerechnet die nächste wenn auch alleinstehende Tante. Aber es verwunderte keinen der sie kannte: sie war immer so mißgünstig. Wer hieran zweifelt, der braucht blos ein Photographiealbum seiner eingehenden Betrachtung zu unterwerfen oder mit dem Finger auf die Einzelnen deuten und nach der Lebensgeschichte fragen. Freilich, es wird nicht Alles gesagt, was vorliegt, aber, wenn man jegliches erführe, ob da wohl eine einzige Familie wäre, die behaupten könnte: in unserem Album sind lauter Engel? Deshalb ist es sehr weise eingerichtet, daß die Photographie wohl das Äußere sehr naturgetreu abnimmt, das Innere jedoch verhüllt lassen muß. Nur die Bergfeldten macht kein Hehl daraus. Die sagt Jedem, dem sie ihres Sohnes Bild zeigt: »Das ist mein Emil, der hat sich todt geschossen. Aber er ist nicht schuld daran, das sind diese beiden Hexen.« Und dann schlägt sie die Seite auf, wo Emils Frau und Schwiegermutter stechen und haut mit der Faust darauf, wodurch die Bilder ziemlich von ihrer ursprünglichen Sichtbarkeit eingebüßt haben. Dennoch ist mir der Bergfeldten Geradeherausheit lieber, als wenn die Krausen ihren Eduard neben das Portrait von Columbus sticht und erklärt, ›er wäre jetzt auf einer Entdeckungsreise, die zu einem glänzenden Resultat führen werde‹, wo er trotz Lateinisch und Griechisch doch blos simpler Matrose ist und Gott danken muß, daß Jemand Amerika vor ihm entdeckt hat, weil er sonst nie dahin lang gekommen wäre. Wo er sich aufhält weiß sie selbst nicht, nur daß sein Schiff nach Baltimore oder da so herum bestimmt war. Schreibliebe besaß er von jeher nicht. Wie viele Emile und Eduarde, Emilien und Eduardinen wohl zum Vorschein kämen, wenn man einmal eine Umfrage mit straffälliger Bejahung anstellte? Und wo sie noch jung sind, wer sieht voraus, wie sie sich anrauchen? Welches Lied und Beschreibung wird einst zu ihrem Bilde im Album gesungen? Oder werden es Memoiren? Wer hat die Verantwortung, wenn die Kinder welche werden? Man verlangt allerdings, die Erwachsenen sollen ihnen als Vorbilder vorangehen. Das ist sehr bald gesagt, aber gutes Beispiel geben, hat so seine Mucken. Wenn zum Beispiel Herr Kleines sich voranschlängelt, was kann darnach kommen? Wie es Herr Kleines in Amerika betreibt, erfährt man nur gerüchtweise. Einige wollen wissen er hätte eine Dollarfabrik, andere, er wäre General geworden. Onkel Fritz meint, er beschäftigte sich wohl mit dem Anbau großer Rosinen. Ich behaupte: in jeder Küche ist angestoßenes Geschirr, selbst in der vornehmsten, und jede Familie hat irgend Jemand mit einem Spliß, bringt aber bei Besuch weder das Eine auf den Tisch, noch den Andern auf's Tapet. Von dieser Art Memoiren, verehrter Herr Verleger, habe ich nicht, da müssen Sie sich schon an Eine wenden, die es besser versteht als ich und sich feste auskennt. Mein Horizont ist zu klein, der reicht nicht weit über die Landsbergerstraße. Wenn Sie jedoch Memoiren meinen, wie man sie früher leidenschaftlich las, mit nächtlichem Davongeschleiftwerden, reizenden Seeräubern, unterirdischen Thürmen, vater- und mutterlosen Jünglingen, die nachher ganz andere sind, und Jungfrauen, die noch viel schöner aussehen als sie Guitarre spielen: die Nummer habe ich ebenfalls nicht auf Lager. Damals in Konstantinopel wäre wohl Gelegenheit gewesen, etwas zu erleben; der geeignete Platz war vorhanden, die Memoiren jedoch blieben aus. Nur eine Geschichte wurde mir dort erzählt und zwar von einem jungen Vergnügungsreisenden, der durchaus in einen Harem wollte. Nun kommt ein fremder Mann unter keinen Umständen in den Harem, aber da er immer wieder davon anfing und kein Abreden fruchtete, thaten sie ihm denn den Gefallen, einige von den Deutschen nämlich, die schon heimisch am goldenen Horn sind. Sie mochten wohl eingesehen haben, daß, wo Vernunftgründe nicht mehr ziehen, der Mensch gegen Thatsachen geprallt werden muß und zwar der Härte des Schädels angemessen. Als er ihren Worten wieder und wieder keinen Glauben schenken wollte und quoste daß er oft gelesen, wie mancher schon famose Abenteuer im Harem erlebt hätte und er sich nicht fürchtete und der ganze Orient fauler Zauber wäre, wenn man nicht einmal die Odalisken eines alten krummbeinigen, vierroßschweifigen Paschas kennen lernte, da sagten sie: wenn er heilig schwüre, sich ihren Anordnungen ohne Widerrede zu fügen und sie nicht zu verrathen, wollten sie seinen Gelüsten nachgeben und ihm den Zutritt in einen Harem vermitteln. Er müsse aber vorsichtig sein, denn der Bosporus sei tief und die Seefische, die er an der Gasthaustafel gegessen hätte, wären blos so fett von den Wasserleichen. Am Abend kam eine Sänfte, denn dieses von Menschen getragene Fuhrwerk ist die einzige in den echten Bergstraßen von Pera mögliche Droschke, und holte ihn mit verbundenen Augen ab. Wohin sie ihn schleppten konnte er nicht wissen, und weshalb er nicht sehen durfte, so helle war er nicht, darüber nachzudenken. Genug, als sie ihn aus dem Affenkasten ließen, befand er sich in einem Hofraum, und ein Sklave von sehr fatinitzahafter Beschaffenheit führte ihn in die inneren Gemächer, wo auf Divans drei verschleierte Schöne saßen, die ihn mit den dunkelsten Augen des Morgenlandes anplinkerten. Mein Jüngling natürlich außer sich: richtig im Harem und der Pascha zu Bier oder wer weiß wo? Mit einem Worte abwesend. Er nun heran an die Zuleima's und erklärt, daß es der glücklichste Moment seines Lebens, die Ehre zu haben, den Schönsten der Schönen seine Aufwartung zu machen. Die Schönsten der Schönen klappern mit den Augen und den Fächern aber reden keinen Ton. Er nun weiter in dieser Art Zwiegespräch, wo er Solo-Süßholz raspelt und keine Gegenliebe findet. Da fällt ihm denn mit einem Male ein, daß er nicht irgendwo in Berlin zum Thee ist, sondern sich Damen gegenüber befindet, die das sogenannte Türkisch sprechen, worin er, weil er es auf dem französischen Gymnasium nicht gehabt hat, gründlich passen muß. Dies war eben das Merkwürdige, daß bei allen Geschichten, die er gelesen hatte, die Dialektunkenntniß, das Verständniß nie gehindert hatte. Man kam und sah und konnte die fremde Sprache. Seitdem ich im Orient war, habe ich für meine Person einen Riesenverdacht auf die Erlebtheit solcher Geschichten und doch ist mir das Wunderbare geschehen, daß Anfragen an mich gerichtet wurden, ob ich wirklich die Reise gemacht hätte, die in »Buchholzens im Orient« beschrieben ist. Wie wohl Jemand am Schreibtisch reisen kann? Und wie wenig die Leute, die so etwas fragen, vom Schreiben verstehen. Na, für die hat die Buchholzen die Feder auch nicht strappeziert. Wie der Jüngling nun nicht weiß, mit welcher er zunächst anbändeln und was er überhaupt reden soll, da die Odalisken kichern und miteinander tuscheln und ihn anlächeln und fragen und er nicht antworten kann, da bammst es mit einem Male draußen gegen die Thür und ein Heidengetümmel wird vollführt. Die Mädchen kreischen; eine fällt in Ohnmacht; der Sklave stürzt herein. Man hört Waffengeklirr und Schießen. Der Jüngling wird blaß. Eine alte Sklavin wälzt sich hinter einem Vorhang hervor. »Fliehe, schöner Franke,« flüstert sie ihm zu, »der Pascha mordet Dich, wenn er Dich erwischt. Die drei werden morgen gesäckt. Komm durch das Hinterpförtchen.« Sie ihn mit sich gezogen ins Finstere, durch eine Thür ins Freie. Da aber waren wieder Welche. Die schrieen und schlugen um sich. Er an der Hand gefaßt, fortgezogen über Steine und Gräben, zuletzt durch eine Cactushecke gezerrt, daß die Stacheln ihn piekten und schunden. Da war er gerettet. Die Freunde waren in der Nähe und brachten ihn ins Hotel. Am andern Tage reiste er ab. Was ein Harem ist, das hatte er nun weg. Dasjenige, wo er geabentheuert hatte, war ebensowenig Harem wie ein gemüthliches Bürgerhaus in Berlin, wo man Scherz versteht. Einer der Deutschen hatte die armenische Familie, bei der er möblirt wohnte, gebeten, sich persönlich mit Mutter und zwei Töchtern an der vergnügten Hineinlegung des haremsgieperigen Jünglings zu betheiligen. Und da sie im Orient ebenso ulklustig sind wie in den germanischen Breitengraden, gelang der Feez zur völligsten Gediegenheit. Was jedoch die alte Sklavin war, so saß in diesem Kostüm der junge Mann, der mir die Sache erzählte, als wir bei Janni in der großen Perastraße einen Schoppen Löwenbräu genehmigten. Dies ist die einzige Memoire nach der abenteuerlichen Richtung hin, und da Hörensagen kein Augenschaun ist, übernehme ich nicht die geringste Gewähr dafür. Hingegen »Buchholz im Orient« trägt meine volle Verantwortung, die stimmt so genau, daß man darnach reisen kann, worüber Klüglinge, die nicht dort waren, natürlich nur ein falsches Urteil haben. Meine Gründe werden Ihnen nun wohl klar geworden sein, warum ich nicht schreibe. Ich sprach auch mit Onkel Fritz darüber, daß Sie Erinnerungen aus früheren Tagen wünschten. Er sagte: »Was gehen uns die alten Zeiten an, sie kümmern sich auch nicht um uns.« Das ist aber nicht seine eigentliche Meinung. Ich weiß ja, wie er in der Vergangenheit lebt, wenn man die Tage, in denen er mit allen Großen des Landes zusammen in den Krieg zog, Vergangenheit nennen will. Für ihn sind sie ein Unvergeßliches. Und rührt Jemand dran, wurmt es ihn, und wurmt ihn was, wird er wild. Das heißt nicht so wie sonst mit zuhauen oder sehr schnodderig, sondern ruhiger und es liegt mehr dahinter. Ist er hingegen aufgekratzt, dann ist er unverwüstlich. Was könnte ich von ihm erzählen! Sein Glück liegt im Häuslichen und darin finden wir Alle unsere Zufriedenheit. Sie aber wollen Memoiren. Die giebt's nicht, wo die Kinder noch im Gröbsten sind. Wen freut es, was die kleinen Geschöpfe thun und äußern als die Nächsten? Kommt man Fremden damit, rümpfen die ihre gelehrten Riechorgane und sagen: unsere sind viel vorwärtser für ihr Alter, von der angeborenen Intelligenz gar nicht zu reden. Was gehen uns Anderleutens an? Sehen Sie, das ist ungefähr das erste halbe Dutzend meiner Gegengründe, weshalb ich Ihrem geschätzten Verlangen nicht nachkommen kann, so leid es mir thut, denn ich habe Geschichten zu liegen, allein schon von meiner Philippine, mehr als auf eine Elephantenhaut geht. Ich unterlasse es aber, denn ich weiß Gottlob was Bildung ist.   Dienstmädchennoth. Wenn das Schicksal einen Krach fügt – Von Logik und Chlorkalk und was den Pastoren bleibt – Warum Wilhelmine ein zu scharfer Schütze ist und die Lene Ozon verlangt – Warum mein Karl den Faden findet und Onkel Fritz in die Schlummerrolle beißt – Warum Wilhelmine den Zettel schreibt und die Zuckerdose putzt – Warum man nie auslernt Und was Sie auch anstellen... ich thu's doch nicht. Ganz gewiß nicht, Herr Verleger! Allerdings haben Sie insofern Schlau- und Spürsinn, als Sie in den geheimsten Fächern meines Schreibsecretairs einen Posten Aufzeichnungen vermuthen, denn ich sage mit Goethe, was man schwarz auf weiß notirt, das besitzt man, aber ich lasse es mir nicht aus dem Hause tragen. Mir fiel nämlich vor längeren Jahren ein, das Allernöthigste, was fehlt, ist eine Grammatik über Dienstmädchen, woraus eine junge Frau oder Eine, die Aussicht hat, an die höhere Krippe gebunden zu werden und womöglich schon im Standesamtskasten befestigt ist, sich über die dienende Rasse gerade so genau belehren kann wie die Primaner über die alten Griechen und Römer, womit sie nachher ihr Fortkommen auf den Universitäten und in der höheren Staatsbeförderung bewerkstelligen. Ich dachte dabei vorwiegend an meinen Augapfel, an Onkel Fritzens Wilhelmine, die noch den ganzen gewundenen Lebenslauf vor sich hat und keine Ahnung, wie schwer es ist, Großmutter zu werden. Wenn ich so auf mich zurückblicke und mir sage: dem holdreichen süßen Engel wird nichts von Alle dem erspart, was Du hast probiren müssen, Wilhelmine, wie Du Dich abmarachtest, wie drange es manchmal ging, wie es darauf ankam, im rechten Augenblick das Richtige anzuordnen, wie es Lebens Süßigkeiten mit dem Theelöffel zugemessen werden, die Bitternisse hingegen eimerweise und immer gerade von den Dienstmädchen, Einem direkt vor die Füße, da erklärt es sich von alleine wie Brotschneiden, daß man auf das Schreibbedürfniß von solchem Buche verfällt. Keine Erfahrung wollte ich verschweigen, sogar solche nicht, woran ich selber schuld war, auf daß mein Herzblatt im Kampfe mit den Küchendrachen alle ihre Schliche kennt und schon längst da war, wenn sie etwas Herrschaftsärgerliches vorhaben, ihr sonstwie dumm kommen, die Männer aber behaupten, man hätte nicht die rechte Art, die Mädchen zu halten. Selbst mein Karl vertritt zeitweise die Ansicht, und wenn ich eben meine, ihn vom Gegentheil überzeugt zu haben, fügt das Schicksal gewöhnlich einen Krach mit der Besenfee, auf den er dann spottlächelnd hinweist und sich logisch rühmt. Nachgerade bin ich mir jedoch völlig klar, was die Männer unter Logik verstehen: wenn wir sie nämlich für uns beanspruchen, ist es Rechthaberei. Letzthin kam Onkel Fritz. Ich war im Nebenzimmer, nachdem ich so eben mit meinem Manne einen kleinen Meinungsstreit über Logik gehabt hatte – denn wer wirkliche Logik hat, zieht sich zurück – und sah seine Wäsche nach, weil ich keine bin, die sich mit unangenähten Knöpfen rächt, und die Beiden zählten wohl auf meine Abwesenheit, da sie sonst jedenfalls nicht in einen Dialog ausgeartet wären, der selbst die Familiengrenzen überschritt, die in Bezug auf Rücksichtslosigkeit leider Gottes selbst im gebildeteren Mittelstande genug gezogen zu sein pflegen. »Wo ist Deine Olle?« fragte Onkel Fritz. Anstatt sich diesen Kasernenausdruck zu verbitten, schlug Herr Karl Buchholz in dieselbe Kerbe und erwiderte: »sie booßt sich!« »Woso?« untersuchte Onkel Fritz. »Du bist doch auch verheirathet, was fragst Du? Zuerst legte sie sich mit der Philippine an, dann fing sie mit mir an, weil mich der Zank nichts anging, dann wurde ich ärgerlich und nun ist sie ärgerlich, weil ich ärgerlich ward, daß sie mit dem Mädchen ärgerlich wurde. Aber das Schlimmste ist, zuletzt wurde sie logisch.« »Ei, wei Backe!« rief Onkel Fritz in einem Tone, daß ich nicht erst abzuzählen brauchte, ob er Partei für die Schwester nahm oder für den Gatten? Weshalb auch noch das Gehirn mit Scharaden anstrengen, da doch die Männer den Frauen gegenüber stets einig sind? Ein großes Glück, daß sie uns nicht entbehren können. Wie mein Karl wohl manchmal ginge, wenn ich nicht für seine Außenseite strebte? Habe ich, um nur anzudeuten, je seine Hemden außer dem Hause dem Chlorkalk überantwortet? Aber sieht er es ein? Ich hätte leicht ein Hinwerfgeräusch mit einem Nähkastengegenstand verursachen können oder eine Erkältung mit Kröcheln heucheln, jedoch wozu Mätzchen machen, da mein Karl wissen mußte, daß ich mich in der Hörweite befand und wenn er nicht von einem plötzlichen Staar befallen war, sehen mußte, wie sperrangelweit die Thür aufstand. Mindestens drei Handbreit. »Sehr grollig?« fragte Fritz. »Das Gewitter zieht wohl wieder ab,« sagte mein Karl nach einer Pause. »Ich gebe Dir die Versicherung: an mir lag es nicht.« »Brauchst Du nicht erst bemeineidigen: wer mault, hat Unrecht.« Daß ich nicht auf- und dazwischen fuhr, war ein Beweis unmenschlicher Selbstbeherrschung; ich hätte blos sehen mögen, wenn ich die Krausen gewesen wäre. Ich lächelte vor mich hin, aber es war das sogenannte eisige Lächeln, das in Romanen immer da zum Vorschein kommt, wo die Sache schief geht. Ich maulte, demzufolge hatte ich Unrecht! Und das nennen die Männer Logik. Erstens maulte ich durchaus nicht, sondern hatte mich nur absentirt, um meinen Karl zu schonen, weil Aerger ihm schadet und er, wenn er erst im Zuge ist, mit Marlicen anrückt, die er sich nach und nach von Onkel Fritz angenommen hat. Ich bat ihn ja blos, eine ernste Mahnung an das Dienstmädchen zu richten, da ich das mir zu Gebote stehende Konversationslexikon ohne eine Spur von Erfolg erschöpft hätte. Und was antwortete er? »Wilhelmine, wenn alle predigen wollen, was bleibt dann den Pastoren? Dein ewiges Kanzeln nützt nichts, es macht sie höchstens gleichgültig. Jedes Uebermaß stumpft ab.« »Eben weil sie gleichgültig sind, muß ihre Achtsamkeit geweckt werden. Wenn Du etwas zweimal sagst und sie thun es nicht und noch dreimal und erst recht nicht und zum viertenmale und dann verdreht, kannst Du dazu schweigen? Nein, dann fährst Du mit ihnen ab und zwar auf den gesetzlich vorgeschriebenen Bahnen, weil sie sonst mit Dir abfahren und Du liegst drinn. Siehst Du, so verstehe ich Uebermaaß und ich kann nicht sagen, daß es ich abstumpft; im Gegentheil, meine Nerven werden jedesmal so spitz darnach, daß ich sie ordentlich kribbeln fühle.« »Ich auch,« entgegnete er, »sie stechen förmlich.« Als er dies gesagt hatte, ging ich; hier wäre jedes weitere Eingehen vom Uebel gewesen und das wollte ich vermeiden. Von Maulen konnte also keine Rede sein. Und Recht hatte ich. Onkel Fritz wußte von Nichts, der war ja nicht dabei gewesen. Aber das ist ja die heutzutagige Oberflächlichkeit: man merkt sich irgend einen Satz und bringt ihn als Weisheit an, er mag klappen oder nicht. Nein, mein verehrter Herr Bruder: nicht wer mault hat Unrecht, sondern man mault sehr oft nicht, obgleich man das volle Recht dazu hat, findet jedoch für solche Entsagung keine Anerkennung. Kann man es den Damen daher verdenken, wenn die Frage nach den Frauenrechten immer dringender wird? Wenn ich ferner meinen Karl bitte, einmal ein Machtwort in das häusliche Getriebe zu schleudern, muß doch wohl Nothwendigkeit vorliegen. Aber auch hiervon hatte Onkel Fritz keinen blassen Schimmer, denn sonst hätte er unmöglich meinen Karl aufgeputscht, indem er sagte: »Weißt Du Schwager, sie (mit dem einfach kleingeschriebenen ›sie‹ war ich gemeint) ist ein zu scharfer Schütze für ein kleines Revier. Früher, als die Familie noch beisammen war und Ihr sie sogar mit Stützen erweitertet, da konnte sie sich hinreichend loslassen, ohne daß der Einzelne zuviel abkriegte. Jetzt aber, wo sie ihre Gesammtthätigkeit auf den einen Dienstbolzen konzentriert, – Dich rechne ich nicht mit, weil Du Kummer gewohnt bist – hat sie das Unglückswurm natürlich gleich zur Strecke.« »Und unser jetziges Mädchen ist so still und bescheiden, so anspruchslos...« Dies war mir zu viel. Mich jedoch bezwingend, ruhig und gemessen trat ich wie die Medea aus dem Schauspielhause in meinem roth und schwarz gestreiften Morgenrock ein und rief nur das allerdings hinziehende Wort: »Karl, Du irrst Dich gründlich.« Die Wirkung war wie ich voraussah. Mein Karl wußte nicht wie bekehrt er war und Onkel Fritz machte ein so deutliches Fluchtversuchsgesicht, daß ich sagte: »Bleib, Du sollst nun auch mich anhören, mir kann es nicht gleich sein, ob man falsch über mich denkt oder aufrichtig und von meinem Karl verlange ich, daß er mir beisteht, denn die Lene ist eine so scheinheilige Kreatur, wie mir bis jetzt noch keine von der Vorsehung beschieden war. Du nennst sie anspruchslos, Karl, aber was sagst Du dazu, daß sie beansprucht, wenn es an ihrem Ausgehe-Sonntagnachmittag regnet, ich ihr in der Woche einen extra mit gutem Wetter freigebe, um sich in der Luft zu erholen. Als ich ihr geziemender Weise sagte, sie müßte sich an Falb wenden, der regierte das Klima, fragte sie gegen, wer das Krankengeld bezahlte, wenn sie aus Mangel an Ozon ihre Gesundheit zerrüttete? Mich wundert blos, daß ich ihr keine Equipage halten soll.« Sie sieht auch bleich aus, nahm mein Karl sie in Schutz. »Weil sie den ganzen Hafen Essigpflaumen ausgefuttert hat. Ich halte sie immer als Dauerkompott, weil sie in der Mehrzahl zu brandsauer sind und den abgehärtesten Schlünden widerstehen. Das spart mein Karl. Kein Wunder, wenn sie aussieht wie ihr eigenes Gespenst. Und das mußt Du doch selbst sagen, Fritz, für Eine, die so mit der Säure aufräumt, ist das süße Eingemachte nur ein Hauch.« »Ich habe für Kompötter kein Verständniß,« lehnte Onkel Fritz das seinerseitige Eingreifen in die Verhandlung ab. »Uebrigens,« fügte er nach einiger Ueberlegung hinzu: »setze ihr einen Topf voll doppelsohlenkauendes Nashorn hin, das ist gut gegen Säure. Vielleicht nascht sie sich gesund.« »Ich werde der Schleckerliese für mein Geld Natron kaufen, wenn sie sich den Magen mit meinem Eingemachten verkolkt. Das wäre zu übertriebene Unfallversicherung. Nein, ich lasse sie antreten und Du, mein lieber Karl, schärfst ihr ein, wie unzufrieden ich mit ihr bin und daß sie sich ändern muß, widrigenfalls ernste Maßregeln ergriffen werden. Du kannst einen Schutzmann mit einflechten oder sonst was Einschüchterndes... bedenke, wenn sie über mich triumphirt, bin ich so lange drunter durch als sie im Hause ist. Ihren Zettel habe ich so wie so geschrieben. Hat sie Ozon verlangt, stell' ich ihr die komplete Atmosphäre zur Verfügung.« Ohne den Herren der Schöpfung Zeit zu sogenannter logischer Besinnung zu lassen, gab ich der elektrischen Klingel einen festen Druck und zog Onkel Fritz mit mir in das Zimmer nebenan, dessen Thür ich soweit andrehte, daß hinreichende Schallwellen durchkonnten. Ich bin nicht für Horchen, denn es ist höchst schenant, wenn die Dienstmädchen die Schlüssellöcher als Telephonübertragung benutzen, hier jedoch, in diesem Falle, galt es aus dem Hinterhalt die Person in ihren eigenen Schlingen zu fangen. Auch war ich gespannt, wie mein Karl sich dabei haben würde so zu sagen als Ankläger, Vertheidiger und Gerichtspräsident in einer Person. Onkel Fritz freute sich unbändig darauf, er schmunzelte schon im Voraus. Diejenige kam; wir lauerten wie angenagelt. »Der Herr haben geklingelt?« fragte sie. Mein Karl brachte seinen Kehlkopf in Ordnung und sagte »Hm!« Onkel Fritz wollte losbrechen, aber ich winkte ihm strengstes Stillschweigen. Nun fiel mir ein, meinem Karl das Schlimmste von der Philippine noch gar nicht erläutert zu haben. Daß nämlich, weil wir doch wegen der immerwährenden Gasometerdifferenzen draußen ebensowohl Petroleum brennen wie in den inneren Gemächern, sie, als neulich die Flurlampe gequalmt hatte, was ihre Sache ist, sie mir auf einen so ruhig wie möglichen Verweis entgegenschnodderte: ›Das wird wohl der Herr gewesen sein‹. Wo bleibt der männliche Respekt des Hausherrn, wenn die dienende Person ihn für die Dielenlampe verantwortlich macht oder mir anmuthen will, ich könnte eine Havannah nicht von einem Rundbrenner unterscheiden? Solche Gedanken gehen mit Photographirschnelle vor sich, ja, ich hätte noch eine Mandel ähnlicher denken können, ehe mein Karl seine sonst so geläufigen Rednertalente entfaltete. Ich wollte ihn schon anpurren: »Karl, drucks' zu« als er den Faden bereits gefunden hatte. Wir beide also nicht schlecht gehorcht. »Lene« fing mein Karl an – »oder Helene... ich weiß nicht, wie Sie eigentlich heißen... –« »Magdalene,« flötete sie. Und ich bin fest überzeugt, sie machte solche unschuldig verschleierte Augen dazu wie stets, wenn sie etwas gerade eben kaput geschmissen hat und mir aufbinden will, sie hätte es nicht anders als zertöpfert gekannt. – Sage ich: »es war heil« sagt sie »aber nicht zu meiner Zeit«. Beweise hat man nicht und muß neu ergänzen, weil Herrschaften bei der Gesetzgebung in jeder Beziehung den Kürzeren ziehen. Es ward meinem Karl furchtbar schwer. »Also Magdalene?« begann er wieder. »Zu dienen,« antwortete sie schmachtend. »Ein hübscher Name,« sagte mein Karl. Onkel Fritz warf sich auf das Sopha, daß sie den Knack drinnen hörten, da mein Karl den Tonfall plötzlich änderte und recht bekümmert sagte: »Magdalene, läßt es sich denn gar nicht ändern, daß meine Frau immer mit Ihnen schelten muß?« »Ach,« entgegnete sie, »machen der Herr sich darüber nur keine Sorge, ich mache mir auch nichts daraus.« Ich war starr, als ich dies vernahm. Onkel Fritz dagegen biß in die Schlummerrolle und ruderte mit Händen und Füßen, als sei er in die Spree gestürzt und müßte ertrinken. Meinen Karl hatte die Antwort verdrossen und mit einer mir wohlthuenden Strenge sagte er darauf: »Ihre Bemerkungen lassen Sie besser unterwegs. meine Frau ist mit Ihnen im höchsten Grade unzufrieden, und wenn Sie es so weiter treiben, mache ich von den Rechten Gebrauch, die mir gesetzlich zustehen.« »Ich habe meine Schuldigkeit überall gethan, wo ich war,« sagte sie sanft, »und überall die besten Zeugnisse. Madame hat mein Buch ja selbst gelesen.« »Seine Schuldigkeit muß Jeder thun, das ist kein besonderes Verdienst. Hier handelt es ich aber um Essigpflaumen, um einen ganzen Hafen voll Essigpflaumen. Wo sind die geblieben?« »Es waren schon keine mehr da, als ich kam,« log sie mit solcher Treuherzigkeit, daß ich selbst einen Augenblick zweifelte, ob sie nicht wirklich alle gewesen sein könnten. Aber das waren die vorvorjährigten. »Gar keine?« fragte mein Karl mit einer gewissen polizeilichen Pfiffigkeit. »O ja... aber die...« Nun fing sie an zu weinen. Ich strammte mein Trommelfell, Onkel Fritz tauchte in die Höhe, da wir Beide den gemeinsamen Gedanken hatten: Was kommt denn nanu? »Wie war es mit den Pflaumen?« fragte mein Karl, der natürlich ebenso gespannt auf die Fortsetzung war wie wir. »Madame hatte die große Güte,« bekannte sie mit Thränenschluckunterbrechungen, »und gab mir eines Sonntags welche, aber ich konnte nur eine herunterkriegen und die nicht einmal ganz. Und da...« »Weinen Sie nur nicht. Und da...?« »Da gab ich sie Abends meinem Bräutigam,... und seit der Zeit... ist er nicht wiedergekommen. Uh...hu!« Nun war es aus. Onkel Fritz brach los und schlug mit den Hacken einen Triller auf den Fußboden, während ich vor Wuth über solche Durchtriebenheit nicht wußte, was ich angeben sollte. Hingehen und ihr vor den Kopf sagen, wie eine Lügenkatze sie sei und ihr dennoch das Gaudium bereiten, daß ich nebenan gelauert und ihre Anzüglichkeiten Buchstaben für Buchstaben genossen hatte? Oder sich stellen als wäre man auf dem Boden gewesen und ihr sagen, es müßte nothwendig gefegt werden? Doch dies ging auch nicht. Onkel Fritz hatte durch sein ungesittetes Gelächter unsere Gegenwart jenseits der vorstehenden Thür verrathen. Er taugt eben nicht als Gallerie bei feierlichen Angelegenheiten, er ist sogar im stande der Maria Stuart zu einem glänzenden Lacherfolge zu verhelfen. Die Donna war gegangen; mein Karl kam zu uns. »Nach vierzehn Tagen bin ich von ihr erlöst,« sprach ich, »wenn nicht eher. Jetzt gleich gebe ich ihr den Zettel. Wie ihr Zeugniß ausfällt, daran wird sie ihr Wunder haben. Ich sage Euch, es wird ausfallen.« »Nur keine Uebereilung Wilhelmine.« »Ich schreibe es erst in Kladde. Vorher aber fange ich sie. Wie eine Eingebung von oben ist mir der Gedanke an eine unfehlbare Falle gekommen, und ich sage Euch nochmals, ich lange sie mir. – Du hast Deine Sache lobenswerth durchgeführt, mein Karl, aber das wird Dir klar geworden sein: Die ist Dir über. Und Du, Fritz, Du solltest Dich was schämen.« Damit verließ ich die Herren der Schöpfung, und sie konnten sich über Logik weiter unterhalten. Der Philippine gegenüber that ich, als wenn garnichts geschehen sei. Die verstockte Person nahm auch den Zettel ohne irgend welche Gemüthsbewegung und ging an ihre Arbeit, die darin bestand, daß sie den leeren Pflaumenhafen ausbrühen mußte. Den daraus verschwundenen Inhalt berührte ich mit keiner Silbe, ich weiß wann es Zeit ist, sich etwas zu vergeben und wann nicht. – Mit Ruhe folgte ich der Offenbarung, die mir plötzlich von oben gekommen war. Ich glaube nicht an das Hineinragen einer Geisterwelt, weil die Vossische Sonntagsbeilage lese, aber daß es viel Unerklärliches giebt, lasse ich mir nicht abstreiten. Woher kam denn der flintenkugelige Gedanke an die Zuckerdose mit dem Glasdeckel, die ich von meiner Großtante her in der Servante zu stehen habe? Weil ich an das Bodenfegen dachte und an Abseiten-Gerümpel und alte Sachen? Nein, weil eine höhere Macht mir den Weg zeigen wollte, Trug und Hinterlist zu entlarven. Denn bei dem Zucker war sie mir auch schon gewesen. Ich nahm die Dose, putzte den Beschlag eigenhändig mit Silberseife und nahm sie in Gebrauch. So oft ich nachzählte, fehlten einige Stücke, was mir um so rechter war, als ich daraus sah, wie die Magdalene auf den Kurs der Sünde schlich. Mal ein Stück Zucker, davon will ich nichts sagen, aber täglich mehrere, das fällt unter Raub. »Karl,« erklärte ich am vierten Tage, »heute läuft ihr Maaß über. Gieb acht, wie ich sie greife.« »Verschone mich, ich habe genug von der Zucht!« »Aber ich nicht. Paß' auf: Du wirst dich freuen, wie schlau Deine Alte ist.« Er lächelte mir zu, der gute Karl, ich deutete es als Beifall. Einige Stunden später wußte ich, daß es seine alte Liebe gewesen war, die Mitleid mit mir gehabt hatte, um meine Hoffnungspläne nicht zu zerstören. Als ich nämlich nach Hause kam – ich war zu längerer Visite ausgegangen, wie ich dem Mädchen vorgab, während die Zuckerdose ganz unschuldig auf der Anrichte verblieb – lenkte ich meine ersten Schritte nach eben dieser Dose, denn die war die gedachte Falle. In diese selbe Zuckerdose hatte ich vier Fliegen gethan; öffnete sie jemand stehlenshalber, flogen die kleinen Verräther davon und das sogenannte Indizium war unanfechtbar. Ohne Opernglas erkannte ich sofort, daß ein geübter Griff voll fehlte, aber wie ich genauer hinsehe, krabbeln die Fliegen munter drin herum und machen Gletscherpartieen auf den schneeweißen Würfeln. »Aha« denke ich, »es waren Konservative mang, die sitzen, wo sie sitzen. Die andern werden schon auf und davon sein.« Wie ich aber nachzähle werden es immer mehr. Vieren hatte ich eingesetzt, nun waren es Sechsen. Ich alsogleich die Lene zitiert. »Sie haben Zucker aus der Dose genommen,« fahr ich sie an. »Nicht daß ich wüßte.« »Jawohl, die Fliegen verrathen Sie. Jetzt sind zwei mehr darin als vorher. Wie geht das zu?« »Die Biester werden wohl Junge gekriegt haben.« »Wahrscheinlich« sagte ich obenhin. Denn wie ist es mit den Fliegen? Brehms Tierleben hatte ich nicht zur Hand und in eingesperrter Angst ist am Ende Vieles möglich. Ich war geschlagen. Konnte ich meinem Manne dies erzählen? Nein, oder doch erst sehr später. Kann man überhaupt ein Lehrbuch der Dienstmädchenkunde schreiben? Nein. Warum nicht? Weil man eben bei der Gesellschaft nie auslernt.   Eine kleine Handarbeit. Woran Studierte erkannt werden – Vom vollgeweinten Taschentuch und dem italischen Kalender – Vom Sonnenschein an der Wand und Grundzügen der Schnelldichtung – Vom Localcolorit Sich von unter Einem stehenden Menschen schlecht behandeln lassen müssen und nichts dazu sagen dürfen das schrinkt. Und so war es mir nach dem Tanz mit der Magdalene, bei dem mir die Puste ausging, während sie in der Küche keine andere Melodie sang als »Siehste wohl da kimmt se, große Schritte nimmt se« und wie ich aus jedem Ton heraushörte, mir zum Tort. Sollte ich hingehen und ihr Gesinge verklagen? Was wird hernach, wenn der Richter unmusikalisch ist und sich nichts drin sieht? Das Ende von dem Liede kenne ich, das heißt: die Buchholz muß die Musike berappen. Aber die Herrschaft, bei der sie vor mir gedient hat! Oder ist man gezwungen ›konditioniren‹ zu sagen, um die Völkergerechtsame der ›Fräuleins‹ zu respektiren? Schon blos um dies nicht zu müssen, hätte ich Lust dem deutschen Sprachverein beizutreten und jedes unnöthige ausländische Wort abzuschwören, das man durch ein gutes deutsches ersetzen kann. Aber wie fällt die Unterhaltung mit Gebildeten aus, wenn blos einfach weg gilt, da doch nur Fremdworte gewählten Ausdruck ermöglichen? Man müßte sich wirklich schämen. Und Studirte erkennt man doch meistens daran, daß sie ihre Rede mit den Fremdwörtern spicken, die sie auf den Gymnasien erwerben; dadurch erzielen sie eine Art Nimbus, den Gewöhnliche nicht herausbringen, wie ich an meinem Schwiegersohn ersehe. Wenn der seine Behauptungen mit Sätzen vertheidigt, worin Ausdrücke aus den Nachschlagebüchern ordentlich grassiren dann schlichten sich Meinungsverschiedenheiten in der hälften Zeit, als unter Ungebildeten, weil keiner von uns es auf den Tippel versteht und Jeder glaubt, er hat Recht bekommen, und nachgiebt. Mit der Herrschaft hingegen, die die Philippine mit einem so unantastbaren Zeugniß auf den Schub brachte, daß ich sie in aller Leichtgläubigkeit miethete, rede ich simplemang direktes Deutsch von der behältlichen Qualität, die man so bald nicht vergißt. Irgendwo muß der Mensch sein Recht finden. Der Staat kann doch unmöglich dulden, daß die Unintelligenz auf der Intelligenz herumtrampeln darf? Ich kann wohl sagen, es that mir leid, mehr als ich meinem Karl eingestehen mochte, daß ich ihn und Onkel Fritz an dem Franzosensieg über das Mädchen theilnehmen ließ, namentlich den Letzteren. Mein Karl verzeiht nicht nur, sondern redet auch nie wieder von hinreichend Erledigtem, Onkel Fritz dagegen ist ein zu guter Haushalter, der hebt auf, was er gebrauchen kann und nichts ist ihm mehr Theater, als mir nachzuweisen, wenn ich mich mal ein Bischen verhauen habe. Daß er dies nächstens thut, ist so sicher, wie die Sonne hinter dem Friedrichshain aufgeht, blos das »wann« hängt wie das Richtschwert des Damokles an dem Faden der Ungewißheit über mir. So dachte ich, wenn auch nicht in dem poesiereichen Stil, in den ich erst kürzlich, und wie ich annehmen muß, durch Gewissensbisse des Schicksals hineingerieth. Mein Kummer war nicht groß, wenn ich ihn mit anderen größeren Kümmernissen verglich, es hätte sich ja Schlimmeres ereignen können, wem aber die Hühneraugen schmerzen, dessen Busen füllt sich nicht gerade mit besonderer Liebe für den Schusterstand, und weil ich durchaus nicht einsah, weshalb ausgerechnet ich zu solchem Verdruß erwählt wurde, erschien mir die Welt in sehr schwarzem Licht und als dunkelster Punkt darin: wie Herrschaft und Dienstboten umgekehrt im Verhältniß zu früher liegen. Von dieser Betrachtung aus war meine Gedrücktheit für Jeden verständlich, der auch einmal unverdient in die harte Hand der Vorsehung gerathen ist. Und wem passirte das noch nicht? Allein es ist keine Grube so rief gegraben, daß sie nicht wieder zuzupflastern wäre; auch das vollgeweinteste Taschentuch trocknet im Sonnenschein der Fröhlichkeit und Alles wird nach wie vor eben und rein. Der Erdkreis besteht zum Glück aus mehreren Etagen und nichts wirkt erhebender, als wenn man zu den höheren hinzugezogen wird. Dies erfuhr ich so recht eindringlich, als in meiner melancholischen Stimmung ein Brief ankam, der mich aufforderte, für einen Kalender, an dem nur die neueren Klassiker arbeiteten, einen geschätzten Beitrag einzusenden und dabei weniger auf Honorar zu sehen als auf das Bewußtsein meiner Hingabe für einen guten Zweck. Ein Muster des vorjährigen Kalenders folgte anbei. Genau weiß ich nicht mehr, wie der Wortlaut der mit einer Vervielfältigungsschreibmaschine hergestellten Zuschrift lautete, denn da ich sie ziemlich in der Familie rund zeigte – nicht wegen etwaiger Ruhmsucht, nein, sondern weil man es späteren Enkeln und dergleichen schuldig ist – ging sie bald in Unleserlichkeit über. Mein Karl sagte, als es gelesen hatte: »Wilhelmine, seit wann reitest Du den Pegasus?« –Woso?« entgegnete ich. »Nun, es wird in dem Zirkulair doch ein Gedicht von Dir verlangt.« Darüber habe ich ganz hinweggesehen. – Aber Karl, ich sagte bereits zu. Weißt Du, wenn sie Einem so liebenswürdig kommen...« »Einem? – Ich glaube verschiedenen Dutzenden.« – »Karl, Du mußt die Literatur nicht mit Deinem Geschäft vergleichen. Und dann ist das Ganze für einen guten Zweck. Da kann ich mich nicht ausschließen. Bedenke, für Zwecke stellen sich die adligsten Damen in einen Bazar hin und nehmen zwanzig bis hundert Mark für einen selbsteingeknopflochten Rosenstengel und nebenan steht eine von der Operette und kriegt dasselbe. Nein, ausschließen darf man sich nicht, wenn man sich für Wohlthätigkeiten hergeben kann. Ich dichte, darauf kannst Du Dich verlassen.« »Willst Du lieber nicht vorher anfragen, ob es nothwendig Gereimtes sein muß? Darin hast Du doch keine Uebung.« »Karl, wenn Alle, die reimen, erst lange üben wollten, wann käme dann wohl die Jugend zum Wort? Nein, das Dichten ist etwas Natürliches. Und dann stelle Dir vor, daß es ein »römischer Kalender deutscher Nation« ist, dessen voll und ganze Bedeutung zum Vorschein kommen muß, wenn erst die Italiener einen deutschen Kalender italischer Nation herausgeben, wodurch die gegenseitigen Beziehungen gekittet werden. Außerdem besteht der Kalender aus langen Papierstreifen, wie kleine Handtücher, oben kunstgewerblich von zwei bleiernen Schafsköpfen zusammengehalten und mit Aussprüchen aus Dichtermünden bedruckt. Ich dränge mich nicht dazwischen aber mit den ersten Tageslichtern zusammen an die Wand gehängt zu werden, kann man doch nicht ohne Weiteres ablehnen, schon allein um der Enkel willen. Ich halte es sogar für die Pflicht der Vorfahren, sich der Nachkommen möglichst würdig zu benehmen.« »Ich sehe schon, Dir ist nicht zu rathen.« »O doch, ich bin für jeden guten Rath dankbar, das war ich stets und je, aber wozu soll ich mir abrathen lassen, wenn ich nicht einsehe warum?« »Hast Du schon mit Anderen gesprochen?« »Einzig und allein mit dem Doktor.« »Was meint der denn?« »Karl, Du weißt doch, daß ich mich immer am besten dabei stehe, wenn ich das Gegentheil von dem thue, was er begutachtet. Hätte er geäußert: ›Nur munter zu, Schwiegermutterchen‹, ich sage Dir, Karl, die Feder in nicht die la main , aber da er nach der ersten Mittheilung sich seinerseits ablehnend verhielt, ward ich meinerseits nur um so geneigter.« »Wilhelmine, an seinem Geburtstag kannst Du ihn mit so viel Gedichten überschütten, wieder er eben vertragen kann, und sie haben den Vorzug, daß sie in der Familie bleiben.« »Wer die Poesie für Papierverschwendung hält, für den stürzt man die Musen nicht in Unkosten. Außerdem habe ich der Krausen einige Andeutungen gemacht...« »Also hast Du doch mit noch Jemand darüber gesprochen.« »Gesprochen durchaus nicht, nur so leicht hingeworfen, daß ich nächstens auch zur Verbrüderung mit Italien beitragen würde – sie ist ja gegen den Dreibund, und macht Alles, was mit Italien zusammenhängt schlecht, um mir das Land zu verekeln, wo wir so herrliche wiedererzählbare Wochen verlebten. Aber das gelingt ihr gründlichst vorbei. Kann man den Sonnenschein an der Wand übermalen? Die Krausen doch am allerletzten. Selbst wenn sie verbreitet, im italienischen Salat sind Trichinen, eß ich ihn unentwegt. Und der werd' ich zeigen, was es heißt, in die Leier greifen.« »Ziep nur nicht daneben. Nun mußt Du heran; die Krausen wird Dir keine Ruhe lassen. Es wäre besser, Du hättest sie nicht zu Deiner Vertrauten erwählt.« »Vertraute? Nicht über den Weg trau ich ihr. – Ja, Karl, wie kann ich Dir klarlegen, wenn Du weggegangen bist... wie der ganze Sachverhalt zum Ursprung kam?« Als ich mit ruhiger Ueberlegung sann, wollte mir fast scheinen, als wenn mein Karl nicht ganz Unrecht gehabt hätte, und je tiefer ich mich in das gegebene Versprechen versetzte, um so mehr empfand ich, ein wie abscheuliches Gefühl es ist, dichten müssen und lebhaft begriff ich, weshalb die Dichter immer so mager und elend abgebildet werden und selten ein einigermaßenes Alter erreichen. Es sind so zu sagen zwei Gefühle: das eine was sollst Du dichten, das zweite: wie sollst Du dichten und dazu das dritte, mehr im Hintergrund hochkommende: du wirst Dich schön blamiren. Ob ich Betti um Hilfe anging? Sie hatte ja bei Leuenfels gelernt. Aber sie war nicht mit in Italien, ihr fehlte die innerliche Anschauung. Zum Glück saß ich dabei, während Leuenfels sie in die Grundzüge der Schnelldichtung einweihte und wieder einmal bewies sich die Wahrheit des Wortes, daß man Alles einmal gebrauchen kann, was man gelernt hat und wäre es das Dümmste. Ich also zunächst die Reime gesucht, und als ich ein halbes Schock hatte, sie mit Gedanken versehen, gerade so wie Betti und ich es machten, als wir glaubten, sie könnte durch solche Beschäftigung das Lebensglück erringen, nach dem sie sich sehnte. Das Glück sah aber ganz anders aus, es hatte zwei kräftige Arme, mit denen es sie umfing und einen rothen Mund zum Küssen. Ob das Glück darin besteht, daß der rothe Mund sie küßt oder sie ihn, will ich dahingestellt sein lassen, ein Kuß ist so wie so ein Nichts, worin sich noch Zwei theilen. Aus dem Wege konnte ich dieser Strafarbeit nicht mehr gehen, so oft ich auch Lust hatte, Müdigkeit vorzuschützen: lieber im Barnim als im Munde der Krausen. Und siehe da es ging. Am Abend las ich meinem Karl meine Verfertigung vor. Ode         Zur Feder hab auch ich gegriffen Und schreibe schüchtern ein'ge Linien Zu der Orangen Preis und Pinien, Die Lorbeerblätter inbegriffen. Italien hat mich sehr ergriffen, Als ich es sah mit seinen Pinien Und seiner Maler Meisterlinien, Obgleich sie Manches auch vergriffen. Doch Fehlerhaftes ist erschienen So lang die Welt sich dreht in Angeln: Selbst können nicht der Menschheit dienen Pompejis klassische Ruinen Weil Thür und Fenster gänzlich mangeln. Wilhelmine Buchholz. Als ich geendet, brauchte er eine ziemlich meterlange Spanne Zeit zur Sammlung. »Nun, Karl, was sagst Du?« stieß ich ihn an. »Ich meine... mich dünkt... ist das Gedicht nicht etwas zu lang?« fragte er. »Zu lang? Kürzer kann es nicht sein. Ich habe bei Goethe nachgezählt, der hat sie von derselben Länge.« »Vielleicht, wenn Du Deinen Namen wegließest. Eine Reihe macht mitunter viel aus.« »Daß diese spinöse Person Dir immer und immer maßgebend ist, begreife ich nicht. Kehre Dich doch nicht an ihr Gerede.« »Karl, klatschen kann sie so viel über mich wie sie will, aus der kommt die Bosheit nie rein heraus und wenn man sie durch die Wringmaschine zieht. Hat sie jedoch einen Splinter Thatsache zu ihren Verleumdungen: Gute Nacht Reputation. Ich habe gesagt, ich würde dichten, thu' ich es nicht, so redet sie mir eine Biographie nach, die wir mit stillschweigendem Mißvergnügen laufen lassen müßten. Denn wo hört die bilderreiche Ausschmückung auf und wo fanden die kongentionellen Lügen an?« Mein Karl seufzte. »Du hast noch nichts über den Inhalt gesagt. Ich meine, es ist Wahrheit darin, nach der wird jetzt ja am meisten geschrieen.« »Reichst Du Dein Gedicht schon bald ein, oder zeigst Du es noch Leuten, die mehr davon verstehen als ich?« »Morgen dem Doktor.« »Versäume es nicht.« – Als ich meinem Schwiegersohn das Gedicht vorgelesen hatte, fragte er: »Haben Sie das selbst gemacht?« »Wer denn sonst?« »Ich glaub' es nicht.« Dies genügte mir. Es mußte gut sein, weil er mir es nicht zutraute. Mit einem über den Parteien schwebenden Lächeln steckte ich es wieder zu mir. »Die Hauptsache ist das Colorit des Lokals« sagte ich, »wovon ungemein viel Wesen in den Kritiken gemacht wird. Es war nicht leicht, aber wenn man selbst auf den Trümmern Pompejis gesessen hat, bringt man die erforderlichen Lokalkenntnisse mit. Adje, lieber Schwiegersohn.« Am Abend schickte ich das Gedicht an Herrn Anton Breitner, den Herausgeber des römischen Wandhängekalenders und schloß mit dem Satze: »Seien Sie human gegen diese kleine Handarbeit von mir. Hat sie Ihren Beifall, senden Sie mir bitte zwei Exemplare, eins für mich und eins für eine Freundin, der ich damit eine Freude machen möchte. Ihre ergebenste               u. s. w.   Emmis Räthsel. Vorfreuden – Luftschlösser – Warum die Bergfeldten sich anbindet und Emmi die Indianerwaffen wegnimmt – Ein Vortrag über Pädagogik und ein Grand mit Vieren Meine Tochter Emmi, die Frau Doktorin äußerte neulich: »Gieb mal Obacht Mama, es geschieht etwas, wovon Du auch nicht die mindeste Ahnung hast.« »Was denn, Emmichen?« »Das wirst Du schon erfahren.« »Mir kannst Du's doch sagen?« »Nein, Mama, es bleibt für Alle ein Geheimniß.« »Auch für Deinen Mann?« »Der muß es zu allererst wissen« lachte sie. »Kind, ich kann mir doch nicht denken...« »Was Du meinst, ist nicht« rief sie und schüttelte das Köpfchen. »Gottlob. Dann ist es wohl mit Fritz und Franz, daß sie aufs Gymnasium sollen oder so? Eine Schwester wäre für die beiden ja sehr niedlich, ein Brüderchen dagegen würde sich schlecht eignen wegen des Unterschiedes in den Jahren. Die beiden Großen sind unzertrennlich zusammen, wie sie immer waren und haben schon mehr erfahren als das Kiek in die Welt, das sowohl körperlich wie geistig hinter ihnen her jampeln müßte und nicht mitkann. Ganz anders läge die Sache, wenn sie eben keine Zwillinge wären, da neigt sich der Aeltere in großer Liebe zu dem Jüngeren und freut sich mit den Eltern über den lang vermißten Spielgefährten. Dein Mann hat wohl nie daran gedacht, wie viel verantwortlicher Zwillinge sind, als Eins nach dem Andern, womöglich in bunter Reihe, wie sich das für ordnungsliebende Familien schickt. – Also was ist es denn?« Emmi ward um so aufgeheiterter je mehr ich redete, da es doch alle Augenblick Bredulljen giebt, die sie durchaus nicht schwer genug nehmen, sondern womöglich geistreich finden, besonders Er, obgleich man ihm lassen muß, daß wenn einer von den Zwillingen mit dem Kopfende zu genial vorangeht, er ihm ein entsprechendes Exempel auf das Südende statuirt. Ob das human ist, mag er vor seinem eigenen Gewissen verantworten. Ich mische mich grundsätzlich nicht in die Erziehung. »Emmi« nahm ich das Wort, als sie mit der Auflösung des Mysteriums immer noch zögerte, »jetzt kannst Du mir sagen, was es ist.« »Du wirst es schon erfahren, wahrscheinlich noch ehe der Monat um ist.« »Emmi, man muß nie eines Menschen Neugier erregen und ihn unbefriedigt abziehen lassen, denn nichts martert mehr als Gedanken, die immer wieder mit einem Fragezeichen abbrechen und die Ruhe rauben. Wenn du etwas zu erzählen anfängst und verheimlichst den Schluß, das ist gerade als wenn Du einem Kettenhund den Futtertrog so hinstellst, daß er nicht heran kann. Und das laß blos den Tierschutzverein sehen, dann erlebst Du was.« »Mama, Dein Vergleich stimmt nicht im Geringsten.« »Insofern das liebe Vieh in mancher Beziehung mehr Schutz hat, als sein Herr, allerdings nicht. Also, was ist es? Heraus damit.« »Ich darf nicht, Mama.« »Ist es etwas Unangenehmes?« »Nicht doch, ich wollte Dir ja nur eine kleine Vorfreude bereiten.« »Liebes Kind, ein andermal warte bis der Kuchen gar ist, ehe Du ihn lobst, Du weißt nicht, ob er klietschig ausfällt. Also, Du willst es mir nicht sagen?« »Mama, es wird Franz nicht recht sein....« »Wenn durchaus nicht, dann will ich nichts wissen. Hat Er etwas zu verbergen, wird er wohl Ursache haben.« »Mama, Du verkennst Franz absichtlich.« »Es soll mir lieb sein, wenn ich mich irre, schon um Deinetwillen. Aber nicht immer ist das, woran die Männer Vergnügen haben, gerade das Entzücken ihrer Frauen, wie zum Beispiel, wenn ein Mann sich auf das Fahrrad legt, sitzt die Frau daheim und ängstigt sich, welches Bein er wohl bricht oder ob er im Leichenmuseum zur Ausstellung gelangt? Also Du willst mir wirklich nicht sagen, was es ist?« »Jetzt, nein, Mama.« »Weil Du es mit Ihm hältst. Was bin ich Dir auch?« »Mama übertreibe nicht.« »Das überlasse ich Dir, ich bleibe immer und stets auf dem Boden des Thatsächlichen und rede zumal nie von unpassirten Ereignissen. Doch bedenke, von vorne sieht der Monat ganz anders aus als von hinten und ich will nur wünschen, daß Du am Ultimo nicht von den Trümmern Eurer Luftschlösser erschlagen bist, wozu Er natürlich den Riß geliefert hat. Oder ist es etwas Anderes?« Da sie nicht mit der Sprache herausrückte, sagte ich ein beschleunigtes Lebewohl mit der Versicherung, daß ich nicht im Geringsten neugierig sei. Und ich war es eigentlich auch nicht, ich wollte ja man blos wissen, was sie mir nicht sagen wollte. Sonst war Emmi immer die Mittheilsame und Betti die Verschlossene, und merkte recht wohl den Einfluß des Mannes heraus, der mir freilich stets mit Achtung begegnet und zuweilen sogar mir Herzlichkeit, aber man hat leider zu oft, daß Schwiegersöhne über Schwiegermütter sehr platonisch denken. Ich will damit nicht sagen, daß er möglicherweise zu seiner Frau gesagt haben könnte: ›gieb ihr mal was zu rathen auf‹ sondern diesen Gedanken weit von mir weisen. Wir werden ja noch sehen, was es ist und in wiefern Er dahinter sitzt. Vorläufig werde ich Emmi nicht in die Verlegenheit bringen, Dinge auszuplaudern, die die Oeffentlichkeit scheuen, obwohl sie weiß, daß ich schweigen kann wie die Singuhr auf der Parochialkirche wenn sie reparirt wird, und auch Ihm will ich nicht die Veranlassung zu der Bemerkung geben, meine Erziehungsweise widerspräche der neuzeitlichen Pädagogik. Zur Pädagogik braucht man doch einen gelernten Lehrer und wie Viele sind ehedems tüchtig und angesehen geworden ohne. Wir kriegten das Unserige hergebrachtermaßen und das langte, auch verstehen Eltern und besonders Großeltern doch besser, was dem Nachwuchs frommt als Wildfremde und wenn sie noch so historisch examinirt sind. Also, wozu Pädagogik? Denn was aus Seiner Erziehung herauskommt, das habe ich neulich erlebt. Wir sitzen und unterhalten uns, Emmi und ich, die Kinder spielen im Nebenzimmer und wir achten weiter nicht auf sie, da wir über die Bergfeldten sprechen, die seit längerer Zeit das linke Bein an den Bettpfosten bindet, damit sie Morgens nicht mit dem verkehrten Fuß aufsteht, um den Tag über kein Unglück zu erleben und sich nicht entblödet, das auch noch zu erzählen, da trotz dieser Vorsicht ein möblirter Herr das Vorderzimmer hat, der seinen Kaffee selbst macht und ihr mit der Spiritusmaschine Löcher in die Tischdecke brennt, daß sie nichts am Frühstück verdient und er mit Ausziehen droht, wenn sie ihm den Brandschaden auf die Rechnung setzt, der wiederum zu gering ist, um ihn bei der Assekuranz anzugeben, als der kleine Franz herein kommt und seiner Mama ganz treuherzig schwatzt, daß er Großmama entzwei geschossen hat beim Kriegspielen. Wir folgen ihm in das andere Zimmer und richtig hat die kleine Seele Pfeil und Bogen ein bischen auf meine schön eingerahmte Photographie in beinaher Lebensgröße gerichtet und das Glas verknackst. »Nu ja,« sage ich, »ganz wie der Vater: nimmt sich die Großmama zur Zielscheibe. Dies würde Fritz nie gethan haben, der ja auch mehr nach der Buchholzischen Linie schlachtet. Aber hübsch ist seine Aufrichtigkeit, daß er es von selber eingesteht und nicht die Schuld auf andere schiebt, wodurch verkehrte Bestrafung und Zwietracht zwischen Kindern und Eltern geschürt wird.« Emmi sagte: »Wen Ihr Stücke macht, nehme ich euch das Spielzeug weg. Ihr dürft Eure Soldaten auf dem Fußboden damit schießen, aber nicht die Bilder. Verstanden?« »Komm her, Franz,« sagte ich, weil die Kleinen über die Androhung sehr betrübt aussahen, »weil Du so hübsch aufrichtig gewesen bist, gebe ich Dir dies Täfelchen Chokolade. Sage immer, wenn Du etwas entzwei gemacht hast, dann bist Du ein süßer, artiger Knabe. Und nun gieb Großma' einen Kuß.« Das that er und während wir ein neues Gespräch aufnahmen, gingen die Beiden wieder an ihr Spiel. Wir hatten noch nicht lange gesessen, als Fritz kreuzfidel mit ausgestreckten Händchen antrabt und ruft: »Großma', ich auch Schak'lade.« »Wie so, mein Herzchen?« frage ich, »Bist Du besonders artig gewesen?« »Großpa' auch kaput,« sagt er strahlend. »Was ist dies?« fragte Emmi nach. Da wir Beides nichts Gutes vermutheten, traten wir wieder eine Wanderung in das andere Zimmer an und richtig, das Glas von meines Karls Bildniß, das als Seitenstück über dem Sopha prangt, war dito geliefert. »Wer hat das gethan?« forschte Emmi energisch. »Hab' ich Euch nicht verboten, hoch zu schießen? Her mit dem Bogen und den Pfeilen.« Dabei riß sie die Indianerwaffen an sich, worüber die Kinder in Thränen ausbrachen. Franz war besonders erregt. »Großma' – Schak'lade –« schluchzte er. »Und da hast Du auf Großpapa hingehalten?« fragte meine Tochter. Der arme kleine Kerl nickte. »Was kann er dafür,« nahm ich seine Partei, »vorn in den Bolzen sind blanke Messingnägel, da muß das Glas ja springen. Solche Unvernunft von dem Spielzeugfritzen...« »Wir wollen nicht untersuchen, auf wessen Seite die Unvernunft liegt,« entgegnete Emmi. »Was wird mein Mann sagen, wenn ich ihm erzähle, wie Du die Kinder förmlich zum Unfug anstiftest? Ueberhaupt finde ich es nicht richtig, daß Du immer die Tasche voll Näschereien hast. Das verdirbt die Kinder.« »Aber Emmi! Wie kann man so viel Worte um das Malheurchen verlieren. Schließlich tragen die Kleinen doch nur zur Hebung der Glasindustrie bei, und wenn Deinem Mann die Ausgabe für das Aufblühen des Gewerbes zu bedeutend sein sollte, leiste ich sie.« »Du wirst ja erfahren, wie Franz über Deine Schießprämien denkt,« antwortete Emmi. »Hast Du ihnen dazu die Bogen geschenkt?« »Weil ich es bin, kann ich mir das Resultat schon jetzt wie den Lokalanzeiger an die Wand malen: auf blauem Grunde leserlich von hier bis Rixdorf. Nur dies Eine will ich sagen: wären die Kinder nicht verkehrt erzogen, hätten sie mehr Respekt vor den Bildern ihrer Ahnen und keine solche Wilhelm Tellsachen gemacht. Wer weiß, wann sie mir oder meinem Karl die Augen ausschießen, wenn wir harmlos bei Euch sind? Und auch nur weil Er mit seiner schrecklichen Strenge die unschuldigen lieben Wesen auf falsche Bahnen bringt konnten sie mißverstehen, was ich in Duldung und Liebe und Anerkennung ihres reinen Herzens mit der Chokolade...« »Mama, was Du auch sagst, Du wälzest die Schuld doch nicht von Dir. Franz wird Dich freundlich bitten, nicht mit zu erziehen, wie schon öfter.« Und das hat er wirklich gethan. Er bullerte nicht auf, ach nein, er redete zartfühlend. Aber das war ja nur äußerlich denn er benutzte die Angelegenheit, mir einen erheblichen Vortrag über Pädagogik zu halten. Ich wartete immer auf Bemerkungen, die zu Gegenbeweisen geeignet waren, allein er gab sie nicht von sich. Innerlich hatte er sie jedoch. Das war vor längerer Zeit und heute war Emmi so. – – Als ich nach Hause kam, überlegte ich, wie ich meinem Karl die bittere Erfahrung mittheilen sollte, daß sie beim Doktor nach und nach zu selbständig werden? Mein Mann war im Kontor und ich setzte mich hin und sah auf den Hof hinaus, wo drüben der alte Kastanienbaum steht, der noch viel älter ist als ich, und wie ich Nachprüfung halte und Vergleiche anstelle zwischen der Jugend meiner Erinnerung und dem Jungsein der Enkel, sehe ich den Baum mit grünstacheligen Früchten vollhängen und an einigen Zweigen frisch aufgebrochene Blüthen im Sonnenlichte, als wäre der Mai wiedergekommen. Da bedachte ich mich. Solche Spätlinge blühen nur für die vermischten Nachrichten in den Zeitungen, weiter haben sie keinen Zweck, ihre Frucht setzen sie an für den Schnee. Wilhelmine, was willst Du deine Ideen ausstecken, es sind ja doch nur Winterblüthen. Da kam mein Karl. »Nun, Alte,« fragte er, »was simulirst Du?« »Wie ich alt werde,« antwortete ich. »Paßt Dir die ›Alte‹ nicht?« »Doch mein Karl. Mit wie viel Namen hast Du mich schon genannt. Erst Sie ich mein Fräulein und dann Du und mein Lieb. Dein Herz hast Du mich genannt, Dein Glück, ach und Namen so lieb, so schön, daß ich sie Dir nur wiedergeben konnte, weil ich keine bessern hatte und hätte sie so gern gehabt für Dich. Sie sind selten geworden mein Karl, wir wurden beide wohl ein bischen bequemer, aber wenn Du mich Alte nennst, dann meine ich immer, alle anderen Kosenamen lägen in dem einen beschlossen wie in einem Jubiläum, weißt Du, wie Blüthe und Frucht zugleich an einem Baum. Nicht für den Zeitungskäufer sondern für uns Zwei allein. Sieh Dir blos den alten kindisch gewordenen Kastanienbaum an. So was blüht im Herbst.« Da legte mein Karl seinen Arm um mich und sagte ›Alte‹ und küßte mich. Mir war es jetzt unmöglich, ihm Verdrußmittheilungen zu machen und auch war ja nicht ausgeschlossen, daß Emmi wirklich etwas Erfreuliches in Vorbereitung hatte. Weshalb sollte ich ihm den Mostrich zu kosten geben indeß die Wurst noch auf der Weide umherlief? So war ich denn auf Wartegeld gesetzt, wie Jemand, der den ganzen Abend kein Spiel in der Hand gehabt hat und auf einen Grand mit Vieren lauert. Und doch fehle es mir an Muße, mich der Lösung des Räthsels hinzugeben, mein Gehirn wurde, wie schon so oft, anderweitig gebraucht.   Geschäftliche Pflichten Eine neue Art Heringskartoffeln und wattirte Kniescheiben – Warum Wilhelmine heiser wird und Betti Brotkrumenißt – Von warmen Handschuhen und schlaflosen Nächten – Vom Finanzminister und von chinesischen Münzen – Warum Wilhelmine überzeugt ist – Vom amerikanischen Giftkompot – Warum Wilhelmine unheimlich wird und Betti einen Kursus giebt – Von Pantomimen und der heutigen Jugend – Warum der schwarze Mann leid thut und Wilhelmine nicht an Lessing geht – Von dem Patentleuchter und Lästerung in Gefahr – Warum Karl als Statue steht und Wilhelmine Schildwache liegt So sehr man auch zum harmonischen Zusammenvertragen veranlagt ist, ganz lassen sich Auseinandersetzungen mit nachfolgendem Uebelnehmen nicht vermeiden, wenn man auf derselben Etage wohnt und verschiedenes Rechtsbewußtsein hat. Ich gebe nach, wo und wie ich kann, und meiner Betti muß ich nachrühmen, daß sie ihre Bockigkeit, mit der sie mir in den geflochtenen Zopfjahren manchen Verdruß in der Gegenwart und manche Sorge für die Zukunft machte, bis auf einige kaum merkbare Knubben abgestoßen hat, aber ganz einige werden wie in mehreren Dingen doch nicht und da ich gewöhnlich recht habe, fühlt sie sich gekränkt oder thut wenigstens so. Sie ist so vernünftig, sich Auskunft bei mir zu holen, wenn sie in irgend einen Hausstandszweifel geräth, ob sie den Schmolkohl gleich mit Fett ansetzen soll, was Einige thun, oder erst abwellen und dann langsam das Schmalz mit feiner Empfindung daran geben, wie ich's von meiner Mutter lernte, die bekannt war, für einen gediegenen Happenpappen zu kochen. Oder wegen der Wäsche, oder es ist mit einem Kinde Abweichendes, oder sie kommt doch man so, da Thür an Thür in Freundschaft nie nahe genug ist. Aber viel zu dicht bei in Feindschaft. Wovon sie nichts wissen will, ist die alte Gewohnheit, daß man Geschäftskunden zum Mittagbrot bittet, das heißt auswärtige Kunden, die anständig kaufen und bestellen und Wünsche haben, die beredet und bethan werden müssen. Betti meint, solche Tischeinladungen wären krähwinkelige Gebräuche, aber so gemüthlich, bei einem Püllecken feinerer Röthe fluschen die Aufträge ganz anders als ungefrühstückt, und schon manches Groß Socken, das den Morgen über festgesessen hatte, wurde Mittags bei umsichtiger Tränkung locker. Da ist es die Pflicht der Hausfrau, eine hinziehende Prepelung zusammenzustellen, während der Gatte in den Keller steigt, einfach nur, um das Geschäft schwunghaft zu erhalten. Nun ist Felix Geschäftstheilhaber und Betti seine Frau, woraus sich selbstverständlich ergiebt, daß sie endlich und schließlich die Anfütterung der Kunden mit übernehmen müssen, meinen Karl und mich zu entlasten. Und das will Betti nicht. »Betti,« sagte ich, »wer mit vom Geschäft reißen will, muß auch einschießen.« »Es reißt sich nicht,« antwortete sie. »Der letzte Abschluß hat die Hoffnungen, die Felix bisher noch hegte, sehr heruntergestimmt.« »Die Zeiten sind schlecht, Dein Vater klagt über die nordamerikanischen faulen Zustände, die sich bis in unsere Fabrik hineinerstrecken, aber gerade deswegen darf man nichts verabsäumen, was den Absatz begünstigt. Kunden fangen ist nicht schwer, Kind, für jeden Artikel, den Du unter dem Kostenpreis weggiebst, findest Du Abnehmer, zumal mit endlosem Kredit obendrein; aber einen propperen Zahler halten, das will verstanden sein: das geschieht vermittelst Gediegenheit der Waare, vereint mit freundschaftlicher Beziehung. Und wie willst Du Beziehungen befestigen, ohne ein kleines Bundesmahl? Auf trockenem Wege erreicht man nichts.« »Mama, es ist mehr Mode, die Kunden in ein feines Restaurant mitzunehmen; das macht weniger Umstände.« »Aber horrende Kosten. Bei Dressel mußt Du Sekt geben, wenn auch nicht ozeanweise, so doch bis nach Mitternacht und später. Zu Hause dagegen, wenn Papa sagt, ›die Sektgläser scheinen vergessen‹, dann weiß ich, daß eine Flasche auf der Bestellung stehen kann und frage: ›die Schalen oder die Kelche?‹ Sagt er ›Schalen‹, giebt es von dem guten aber billigen Lothringer von Wachenhusen und Prutz, sage er ›Kelche‹ kommt ›Deutz und Geldermann‹ ran. Mit dieser Zeichensprache sparen wir manchen Groschen und unsere Tischgäste fühlen sich trotzdem hochgeehrt. Und man kann reichlich geben, was immer dankbar haftet.« »Davon haben wir als Kinder nie etwas gemerkt.« »Kinder dürfen auch nicht zu klug gehalten werden, doch finde ich es sträflich, wenn Töchter, zumal erwachsene, sich wie die Sphinxe betragen.« »Wen meinst Du damit, Mama?« »Nichts, Kind. Man sagt wohl mal etwas, ohne gerade ein Corpusdelicti zu haben, dankt jedoch seinem Schöpfer, wenn nachher Alles gut abläuft...« »Aber so sag' doch, Mama...« »Was soll ich sagen? Ich weiß nichts.« »Doch...« »Wirklich nicht.« »Kannst Du ›wahrhaftigen Gott‹ darauf sagen?« »Ich bitte Dich, Betti, wer wird so neugierig sein? Neugierde ist und bleibt ein Charakterfehler, der viele bei näherer Bekanntschaft häßlich entstellt, wie beispielsweise die Krausen. Richte Dich nur immer nach Deiner Mutter, die hat das längste Ende vom Leben gesehen und ist nicht gieperig auf den Rest.« In diesem Moment klingelte die Glocke vom Telephon, das von der Fabrik in die Wohnung leitet und mein Karl meldete einen Gast. »Bon! Schluß!« hallte ich durch den Draht retour, und sagte darauf zu Betti: »Es wäre mir sehr angenehm, wenn Du und Dein Mann heute bei mir essen wolltet, ich habe eine neue Manier von Heringskartoffeln, nicht das Ganze aber doch noch reichlich, und dann können Du und Dein Mann gleich sehen, wie sich die Behandlung der Kunden je nachdem einrichtet. Mein Karl und ich, wir haben allerlei Winke, damit keiner über seine Fähigkeiten angestrengt wird.« »Mir paßt es,« nahm Betti an, »ich habe doch nur Aufgewärmtes und das gönnt Felix der Kinderfrau ohne Beschränkung der Wohlthätigkeit.« »Behaltet Ihr sie noch lange?« »Karla hängt so sehr an ihr. Ueberhaupt, ich bin mit ihr und meinem Mädchen sehr glücklich dran.« »Ich nicht mit meinem. Uebrigens Deine gießt immer das Kohlwasser auf die heiße Asche, daß der Gestank die ganze Wohnung verpestet. Und dabei habe ich es ihr schon wiederholt streng verboten.« »Das ist es alleben; sie läßt sich von keiner andern etwas sagen, als von ihrer Herrschaft und die bin ich. Mit Heftigkeit richtest Du bei der garnichts aus.« »Bin ich heftig?« »Mama, Du meinst es ganz gewiß gut... aber« »Wie aber?« »Die Mädchen wollen nicht mehr, daß man auf sie herabsieht, sie verlangen respektirt zu werden, und aufrichtig gesagt: ich habe gefunden, daß man mit Freundlichkeit weiter kommt, als mit der mittelalterlichen Strenge.« »Ich werde mir die Kniescheiben wattiren lassen und die Philippine nur noch fußfällig anflehen, die Kartoffeln zu schälen, wenn ich sie mir mit der Pelle leid gegessen habe,« entgegnete ich nicht ohne einen Anflug von Hohn. »Dem dienenden Geist, dem ich mein Liebstes, meine Kinder anvertraue, muß ich mit Achtung begegnen, dann kann ich auch verlangen, daß er seine Pflicht mit voller Hingebung in Artigkeit und Freundlichkeit thut.« »Ich verlange von meiner Nichts und auch das macht sie noch verkehrt. Uebrigens was nützt das Meinungen austauschen, schließlich nimmt jede selbständige Frau doch ihre eigene wieder mit sich nach Hause. Aber ich sage Dir, wenn ich eine Meinung habe, ist sie nicht nur meine, sondern auch die richtige. Sag' Deinem Manne, Punkt drei essen wir.« »Findest Du Heringskartoffeln nicht etwas sehr bürgerlich?« »Für diesen Kunden nicht. Hätte Papa telephonirt, wir essen um Vieren, dann würden Umstände gemacht; jede viertel Stunde später bedeutet einen Gang mehr.« »Seid Ihr aber anschläg'sch,« lachte sie, denn es macht Kindern stets Freude, wenn sie mit zunehmendem Verständniß immer mehr die elterliche Bedeutung einsehen und neue Achtungswürdigkeiten entdecken. »Besondere Kleiderkunststücke haben heute wohl keinen Zweck?«, fragte sie im Abgehen. »Nimm das Perlgraue, es liegt eine gewisse Finesse darin. Geht man alltags ziemlich sonntäglich, sehen die Kunden, daß man so ganz billig nichts giebt. Eine Kleinigkeit hat oft Folgen, wie man sich im Traume nicht denkt.« – Daß ich hiermit eine leider nur zu unangenehme Wahrheit aussprach, sollte ich noch an demselben Tage erfahren und zwar ehe er sich um Mitternacht wendete. Daran werde ich denken. – So gegen Dreien erschien mein Karl mit dem Tischkunden. Mein erster Gedanke war: ›die Längde‹; mein zweiter: hat das Oberviertel oder das Unterviertel zu viel Meter? »Herr Niedlich,« stellte mein Mann ihn vor. »Auch nicht übel« dachte ich, aber ehe ich mir Bettis Gesicht ausmalen konnte, wenn sie erführe, daß ein so überlebensgroßes Gestell auch noch niedlich hieß, sagte der Mann in einer Art hoher Knabentonlage: »Mit einem t«. »Wie habe ich das zu verstehen?«, fragte ich. »Mein Name ist Niedlich mit einem t, nicht mit einem d. Er kommt von Nieten her...« »Haben Sie schon viele gezogen?« fragte ich unwillkürlich. Solche, die sich jedesmal mit der Nummer vor dem Gewinner beglücken, sind ja nicht selten und dieser Extra-Laban schien mir zu ihrer Partei zu gehören. »Er kommt von Nieten her,« fuhr er unbeirrt fort, »von solchen Nieten, die zum Nieten der Dampfkessel dienen, nie und nimmer von niedlich mit einem d.« Wenn Einer einen Erkältungstenor hat, muß er mit dem I-Laut keinen Mißbrauch treiben, um den Zuhörern das Verlangen nach Huststangen zu ersparen. Genug, mir wurde von der ersten Probe schon heiserig. ›Was dies wohl für ein ende nimmt?‹ fragte ich die allgemeine Unbewußtheit, die eine Vorahnung wohl aufkommen läßt, sie jedoch stets mit Unangenehmheiten beantwortet. Bei mir wenigstens noch nie anders. Betti und Felix traten an. Felix war auf Stadtkundschaft ausgewesen, weshalb ihn der Riesennietlich ebenso überraschte wie Betti, die ihn erstaunt musterte, wobei sie mehrere Absätze machte, wegen seiner Länge. »Herr Nietlich,« stellte mein Mann vor. »Mit einem t,« sagte dieser ganz gerade, akkurat genau ebenso wie vorher. »Allmächtige Güte« fing ich an zu denken, als er auch schon weiter haspelte: »Mein Name ist Nietlich mit einem t, nicht mit einem d. Er kommt von Nieten her.« »Haben die Nieten große Vorliebe für Sie?« fragte Betti. Der Lange seufzte, es klang wie entfernte Lokomotiven. »Den Witz bin ich schon gewohnt« sagte er, »den machen Alle. Nein, mein Name kommt von solchen Nieten her...« »Ich glaube die Suppe ist aufgetragen,« unterbrach mein Karl die Nietengeschichte. »Kommen Sie.« Dabei nahm er ihn an der Hand, die an einem langen Arm saß, wie der Griff an einem Pumpenschwengel. Betti lächelte mir vergnügt zu, als wenn sie sagen wollte: »Es kann ja noch recht hübsch werden.« Als wir nun zu Tisch gingen, mein Karl, der Nietliche, Betti, Felix und meine Wenigkeit, sagte ich, während wir andern bereits saßen: »Bitte, Herr Nietlich, nehmen Sie doch Platz,« worauf er stillschwieg und mich mit einem so wehleidigen Blick ansah, daß ich ihn für noch tapsiger hielt als bei der ersten Schätzung. »Geniren Sie sich durchaus nicht. Thun Sie, wie in Ihren eigenen vier Pfählen. Setzen Sie sich doch.« »Ich danke, ich sitze bereits« gab er zurück, wie ein leichter Herbstwind durch ein vorstehendes Bodenfenster. »Das ist recht von Ihnen« suchte ich meinen Beobachtungsfehler wieder gut zu machen, denn er saß wirklich. Aber wer ahnte auch, daß er auf dem Stuhle noch länger wurde, so daß er zwischen uns hockte, wie ein einziger Erwachsener am Kindertische, was sich überdies, da er sehr hager und sehr bleich mit tiefliegenden Augen und tornisterkurz geschnittenem Haar und schwarzen brillenartigen Augenbraunen war, sich am hellichten Tage ganz geisterhaft ausnahm und dabei eng bis an den Hals zugeknöpft. Betti aß Brotkrumen, was sie sonst nie thut. Ohne dieses Vorbeugungsmittel hätte sie sicherlich losgeprustet, zumal die Philippine, jetzt, da wir die Suppe so nothwendig hatten, uns ungebührlich warten ließ. Mein Karl schenkte, um uns aus der Verlegenheit zu helfen, einen kleinen Vortrunk ein und sagte zu Felix: »Herr Nietlich hat mehrere Erfindungen, die er uns anbietet. Da ist namentlich ein Hülfsapparat zum Weben von Handschuhen, der mich des Versuches werth dünkt. Haben Sie das Muster noch bei sich, Herr...?« Herr Nietlich machte sich ganz schmal, fuhr mit der einen Hand an sich herunter und langte einen Handschuh aus irgend einer Tasche hervor. »Ih, du meine Güte« rief ich, als ich den Sah. Betti that ihrer inneren Fröhlichkeit keinen Zwang mehr an. »Eine neue Sorte von Pavianspfoten« sagte Felix. »Was wollen Sie damit behaupten?« fragte ich, um jeglicher Kränkung des Gastes vorzubeugen. »So nennt man die verrückten englischen Handschuhe in ganz Berlin, Sie kennen doch die gestrickten Flossenfutterale...« »Die sogenannten Ringwood's,« fiel mein Karl erläuternd ein. »Ihrer Zeit ein gutes Geschäft.« »Dieses Muster ist noch unkluger« fuhr Felix fort. – »Beinahe, als wenn es einem besonders bunt getigerten Leoparden aus dem Fell geschnitten wäre,« sagte ich. Der Lange lächelte – oh es war ein so anatomisches Lächeln, daß mich fror, als hätte der Tod mir zugescherzt – und sprach meckernd »So ist es auch gedacht. Jedes Pelzmuster kann mit meiner Patentvorrichtung nachgestrickt werden. Ich gehe von der Idee aus, daß das Auge die übrigen Empfindungen verstärkt. Was einladend aussieht, schmeckt besser als unappetitlich Aufgetischtes; je geschliffener das Glas, um so feiner der Wein, einen je pelzartigeren Eindruck der Handschuh macht, um so wärmer kommt er den Leuten vor...« »Ganz gewiß« stimmte ich zu. »Ich kenne Zeug, das Schweiß treibt, blos wenn man Andere es anhaben sieht. Karl in diesen Tigerklauenhandschuhen liegt Gangbarkeit.« »Wenn der Artikel Mode wird, kann er möglicherweise gehen« redete Felix. »Wären die Zeiten nicht so miserabel, würde ich zu einem Versuch im Großen rathen. Wie aber, wenn wir mit der Waare sitzen bleiben? Angenommen, wir fabriziren im besten Vertrauen auf die Konjunkturen: es kommt ein kleiner Zollkrieg und wem warm bei den Handschuhen wird, das sind wir.« »Ich habe wochenlang schlaflose Nächte durchsonnen bis ich meine Idee recht erfaßt hatte,« sang der lang Aufgeschossene »sie muß, sie wird die Welt erobern...« Zum Glück kam die Suppe, eine kräftige Fleischbrühe mit Schwemmklöschen; ich gebe die Eier heiß in den abgerührten Teig, dadurch kochen sie nicht ab, selbst wenn sie lange stehen und auf den frühschoppenverhinderten Hausherrn warten müssen. Herr Nietlich fand die Klöße delikat, was ich ihm aufs Wort glaube, denn anderwärts kriegt er sie so nicht. Während der Suppe sah ich, daß er vor uns allen einen Vortheil hatte, indem wir pusten mußten, wogegen bei ihm jeder Löffel voll auf dem weiten Wege vom Teller bis an den Mund sich von alleine abkühlte. So sorgt die Natur für jedes ihrer Wesen, daß selbst anfangs unfaßbare Ungebachertheit, bei näherer Betrachtung doch noch ihren Nutzen abwirft. Nach der Suppe fragte Felix: »Sie haben noch mehr Patente?« »Eine Maschine, Ellenwaaren abzumessen, um einen Verkäufer zu sparen,« erwiderte der Lange und seufzte. »Sehr praktisch« lobte ich. »Da haben Sie gewiß immense Abnehmer?« »Ach nein. Die Maschine kam zu theuer, weil häufige Reparatur daran war. Nun ist das Patent verfallen und ich habe blos die Kosten davon. Die schlaflosen Nächte, die ich zum Nachdenken brauchte, rechne ich nicht mal mit.« »Die bezahlt wohl auch Niemand« sagte Betti spöttisch. »Man setzt viel beim Erfinden zu« erwiderte der Lange klagend, »ich spür' es an meiner Gesundheit. Ich kann nicht schlafen, wenn ich erfinde. Die Ideen lassen mir keine Ruhe. Ich fürchte, selbst im Sarge nicht.« »Erfinden Sie doch einen Patentschlummerpunsch,« rieth ihm Betti. Der Lange merkte, daß Betti ihn aufziehen wollte und sah schief von oben auf sie herunter. Ich gab Betti einen leichten Wink mit meiner Fußspitze auf ihren Spann, damit sie nicht weiter ginge. Denn kann sie Einen nicht ausstehen, wird sie manchmal sehr scharf. Und den Langen mochte sie nicht. Hingegen die Heringskartoffeln mochten sie Alle; dazu Saucischen. Weil nun die neue Art reichlich Bollen sowie Pfeffer in sich begreift und das Salzige durch angequirlte Eier lieblich wird, mundete ihnen nicht nur das Feste, sondern auch das Flüssige und die Stimmung nahm steigende Tendenz. Der Lange lächelte mir aus der Höhe zu, worauf ich sagte: »Ich bin fest überzeugt, wenn Sie ordentlich essen und trinken, schlafen Sie auch die Nächte ordentlich.« »Wann soll ich denn erfinden?« fragte er. »Am Tage muß ich meine Ideen verwerthen. Aber es ist so schwer, an die Minister zu kommen.« »Was haben die Ihnen gethan?« fragte Betti. Herr Nietlich sah wieder ganz schief auf Betti herab; ich gab ihr einen Tritt, aber einen festeren als vorher. Der Lange wandte sich von ihr ab und milde lächelnd mir wieder zu, als bäte er um Hülfe. »Man erfindet doch auch staatserhaltende Patente,« sagte ich, »wie z. B. den Dowe'schen Panzer oder den von selbst fliegenden Luftballon oder die Aluminiumkürassiere...« »Ich wollte zu seiner Exzellenz dem Herrn Finanzminister Miquel...« fistelte der Lange. »Eine Patentsteuerschraube?« fragte mein Karl mit einem Anflug von Humor, den wir Alle belachten. »Ach nein!« zirpte der Lange und suchte an sich mit der Hand herum. Dann drückte er oder riß er an einem Knopf – genau konnte ich es in der Geschwindigkeit nicht sehen – und ritsch sprangen alle Knöpfe auf und der Rock stand offen. Hierauf holte er aus der Westentasche ein Papier, aus dem er einige Geldstücke wickelte und sagte: »Meine beste Idee.« »Patentfalschmünze?« fragte Betti, den Spuren ihres Vaters folgend. Ich winkte in der vorhergehenden Manier ab, da ich sah, wie sehr ihre Randglossen den Langen verdrossen, der, wenn auch recht wegwünschenswerth, doch immer unser Gast war. Herr Nietlich räusperte sich und holte zu einem längeren Feuilleton Luft. »Jeder Mann,« begann er »jede Frau, jedes Kind, jedes Mädchen, jeder Diener...« »Wir sind mit einem Häppchen zufrieden,« wehrte ich ihm, »das Ganze nimmt wohl zu viel von Ihrer schätzbaren Zeit in Anspruch.« »O, ich habe Zeit,« spann er weiter, »genug, Jeder hat schon die Gelegenheit gehabt, sich in den Münzen unsers Deutschen Reichs zu vergreifen, ein Fünfzigpfennigstück für ein Zehnpfennigstück auszugeben, ja selbst ein Zwanzigmarkstück mit einem Nickel zu verwechseln.« »Das kommt nicht vor« rief ich. »Doch,« erwiederte der Lange: »in später Nacht...« »In später Nacht giebt man keine Zwanzigmarkstücke aus. Nicht wahr, mein Karl?« »Nein,« antworteten mein Mann und mein Schwiegersohn wie aus einem Munde. »Sehen Sie. Es giebt keiner Nachts Zwanzigmarkstücke aus.« »Man thut es, aber man sagt es nicht, und wer leugnet macht sich verdächtig,« entgegnete der Lange. Nun ward Betti falsch, es stieg so in ihr auf. Ich trat wieder zu. Es nützte aber nichts: »Sie müssen sehr merkwürdige Erfahrungen gemacht haben,« sagte sie spitz. »Viele böse,« antwortete er, »aber auch viele liebe.« Dabei lächelte er mich wieder an und zirpte weiter: »Am leichtesten ist die Verwechslung im angeheiterten Zustande, und bei dem grünlichen Gasglühlicht in den Nachtkaffees sieht das Gold so bleich wie Silber oder Nickel aus, da giebt Mancher...« »Ich glaube nicht, daß Ihre Erfindung uns interessirt,« unterbrach ihn Felix. »Durchaus nicht,« stand Betti ihrem Manne gereizt bei. »Wir verstehen überhaupt nicht, was Sie mit Ihren Reden wollen.« Ich trat energisch zu. »He, he« lachte der Lange. Betti wurde funkelnd roth. »Also bitte Ihre Erfindung,« mahnte mein Karl, »die Nebensachen sind zwecklos.« »Nach meinem Patent ist jede Verwechslung ausgeschlossen. Sehen Sie diese Probemünzen. Hier Gold: ein Geldstück wie bisher mit geriffeltem Rande, voll und massiv. Hier Silber: eine Münze mit einem lateinischen V durchbohrt und hier Nickel mit einem kleinen Kreise durchlocht. Da ist die Fälschung erschwert und jede Verwechslung sogar im Dunkeln und im Dämmerlicht der Pferdebahnen unmöglich.« »Wenn man Ihre Handschuhe nicht dabei anhat,« sagte Betti. »Auch selbst dann. Man hält die Münze gegen irgend eine Lichtquelle, wenn sie auch noch so fern ist und sieht ob rundes Loch »Nickel«, ob V-förmiger Einschnitt »Silber«, ob vollrandig »Gold«. »Ein Patent werden Sie darauf wohl nicht erlangen,« sagte Felix, »denn solche durchbrochene Münzen sind schon seit Jahrtausenden gang und gäbe bei den Chinesen und anderen asiatischen Völkern.« »Wenn man Dusel hat, werden die ältesten Projekte patentirt. Aber auch, wenn ich wieder mal Unglück hätte, würde ich mich mit einer Staatsbelohnung begnügen.« »Für Löcher giebt der Finanzminister nichts, der ist froh, wenn er keine sieht,« sagte mein Karl. »Aber da Sie ein solches Talent sind, warum erfinden Sie nicht einmal etwas Praktisches?« »Das hab' ich. Hier meine selbstöffnenden Knöpfe.« Bei diesen Worten deutete er auf seine bis oben hin zugeknöpfte helle Weste, sah lächelnd von oben herab, wie ein Zauberer von der Bühne, zog irgendwo und schnapp sprang die ganze Knopfreihe auf. Unter der hellen Weste hatte er eine dunkle mit ebensovielen Knöpfen. Schnapp, auf war sie. Auch der Hemdeneinsatz war knöpfig wie ein Liftjunge. »Bitte,« rief ich, »lassen Sie das Patent nicht weiter spielen, wir können es jetzt. Es ist sehr schön, aber zu viel davon doch wohl nicht für Damengegenwart geeignet.« Ich hatte das Angstgefühl, er würde nun so ebenmäßig weiter aufschnappen bis auf das baare Rückgrat. Dann aber Betti! Er griff unter den Tisch. »Nein, nein,« wurde ich eindringlich. »Wir sind vollkommen überzeugt. Bemühen Sie sich nicht unnöthig.« Betti murmelte blos das Wort »Unerhört«, wohl weil ich den Fußtelegraphen zu eindrucksvoll handhabte. Der Lange ließ sich jedoch nicht hindern, je mehr ich abredete, um so freundlicher nickte er mir zu. »Es ist grade für Damen,« sagte er, »die allein haben ein sachgemäßes Urtheil.« Er zog nun aus irgend einer Tasche ein Stück Taljentheil mit seinem Patentsprechanismus hervor, ihn näher zu erläutern, aber Betti sagte: »Das ist nichts für den Mittelstand.« »Aber bedenken Sie, wie viel Zeit dadurch erspart wird.« »Die haben wir Gott sei Dank noch über,«entgegnete sie. Ein kleiner behaglicher Kalbsrücken mit Salat und Kompot unterbrach die Vorstellung. Er war wie immer bei Buchholzens. Das Kompot dagegen erregte keinen Beifall. »Was hast Du da?« fragte mein Karl. »Das Zeug schmeckt ja niederträchtig.« »Die Essigpflaumen sind bekanntlich verdunstet,« erwiderte ich, »und da versuchte ich die amerikanischen Ringäpfel, die sehr gepriesen werden.« »Der Geschmack ist Zink,« sagte Herr Nietlich. »Die Amerikaner trocknen das Obst auf verzinkten Drahthürden; die Säure der Aepfel löst das Metall auf, es bildet sich apfelsaures Zink, das nicht nur schlecht schmeckt, sondern auch giftig ist...« »Woher wissen Sie das?« fragte Betti ungläubig. »Ich bin Techniker. Schon viele Nächte habe ich darüber nachgedacht, das Zink zu ersetzen...« »Dieses amerikanische Giftkompot wünsche ich nicht wieder,« sagte mein Karl. »Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Nietlich, daß Sie uns vor üblen Folgen behütet haben.« Dies sah Betti auch ein und ward freundlicher gegen den Mageren, der entschieden mehr Kenntnisse hatte als Fleisch auf den Rippen. »Ihnen ist wohl schon Manches schief geglückt?« fragte sie. »Ich ersinne Neues,« entgegnete er. »Wir werden sehen, wer mehr Ausdauer hat, ich oder das Patentamt?« Hierauf gab es wie üblich Butter, Brot und Käse. Der Lange fummelte wieder in seinen Taschen und brachte eine Art gepolsterter Wäscheklammer zum Vorschein. »Was ist das für ein technologisches Kunstgeräth?« fragte ich. »Meine siebenundvierzigste Erfindung, zum Patent angemeldet, eine Vorrichtung, um beim Verspeisen von altem Käse nicht von dessen Geruch belästigt zu werden.« »Einzig!« lobte ich ihn, »aber bei meinem Schwiegersohn, dem Doktor, werden Sie keine Gegenliebe finden, der ißt Kuhkäse nur mit der Nase.« Da dies Instrument Niemand begeisterte, standen wir auf und verfügten uns ins Wohnzimmer, den Mokka zu schlürfen. Nach dem Kaffee ging erst Betti, dann Felix, der längst heraus hatte, daß mein Karl den Patenterich los sein wollte, um eine kleine Nachmittagsfahrt in das Reich der Träume zu unternehmen. »Ich erwarte Dich gleich im Kontor,« log er noth, »es sind wichtige Sachen zu erledigen.« »Ich komme sofort nach,« log mein Karl mit, als Felix ging. »Ja, ja,« sagte ich, um nur etwas zu sagen, da der Lange schweigsam auf dem Stuhle sitzen blieb. »Sie haben auch noch in der Stadt zu thun?« fragte mein Karl. »Heute nicht mehr.« »Ich meinte, Sie heute Morgen dahin verstanden zu haben...« »Man ändert seine Absichten manchmal,« sagte er und lächelte mir mit der einen Gesichtshälfte zu, während er meinem Karl mit der andern Hälfte kühle Nichtachtung zuschnitt. Dies konnte er und es sah greulich aus. Ueberhaupt hatte er mich an seinen Blicken wie an der Leine, ich fühlte wie sie mir folgten, wo ich ging und wo ich stand und wenn ich mich umwendete, glupte er mich richtig an. Und jetzt beunruhigender ich seine Betrachtungsweise empfand, um so öfter mußte ich mich überzeugen, ob er immer noch nach mir sähe und jedesmal sah er fest und stier und lächelte. Mir ward ganz unheimlich. Wie oft hat man von Leuten gehört, die zu den Maschinen, die sie ausgrübeln, alle eigenen Schrauben gebrauchten bis sie keine mehr im Kopfe hatten und auch Winters Sommerfrische in Dalldorf beziehen mußten. Der Lange schlief ja nie; er erfand in einem fort. Das hält auf die Gehirnfasern. »Karl,« sagte ich deshalb, »gehe lieber nicht ins Komptor, ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du mir Gesellschaft leistetest.« »Wie so, Frau?« »Mir ist so, ich weiß nicht wie....« – Ich lehnte mich an den Tisch. »Ist Dir nicht wohl? Sollen wir zum Arzt schicken?« »O nein, in der Ruhe wird sich's schon geben.« – Nun, dachte ich, wird der Lange wohl so schlau sein und um seinen Abschied einkommen. – Denkt nicht dran; klebt weiter. »Sollte Ihre Kundschaft Sie nicht vermissen?« fragte mein Karl. – »Wenn ich in einem Hause bin, wo ich verstanden werde, liegt der Erwerb weit hinter mir in nebelgrauer Ferne,« entgegnete der Lange und neigte sich wie ein Dampfschiffschornstein vor der Brücke nach mir herüber. »Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich muß Sie doch bitten, sich wegen Ihres Handschuhpatentes in diesen Tagen wieder vorzubemühen. Also auf ein andermal.« Das half. Er reckte sich hoch und ging auf mich zu. Ich wollte schreien, konnte aber nicht, denn wie er einige Schritte vor mir stand, ratsch schlug er Rock auf, ritsch die Weste, und aus einer Seitentasche nahm er ein messingnes Rohrartiges, das er mir so zierlich überreichte wie seine Windmühlenarme gestatteten. »Mein neuestes Patent, ein Lichtstumpfhalter. Hier oben befestigt man das Licht, hier unten diese Federn fügen sich jeder Leuchteröffnung. Das kleinste Stümpfchen brennt bis zuletzt auf, eine riesige Ersparniß für jeden Haushalt. Darf ich Ihnen dies Exemplar als ein Zeichen meiner aufrichtigsten, innigsten Zuneigung verehren? Ja ich darf, ich weiß, ich darf. Ich verstehe jeden Wink des Herzens.« Dabei sah er von ganz oben aus der Höhe auf seine großen Füße herab. »Schon mehr Möbelwagen« mußte ich bei dem Anblick dieser Tretorgane denken. Ich nahm den Lichtsparer und reichte ihm einige Dankbarkeitsfinger. Er aber nahm die ganze Hand und drückte sie mit einer zärtlichen Gewaltsamkeit, daß mir ganz blümerant wurde. Ehe ich ihm zurufen konnte, »Herr, was fällt Ihnen ein,« seufzte er hörbar pfeifend und zog ab. Mit drei von seinen Schritten hatte er die Thür. Mein Karl eilte ihm nach, um zu verhüten, daß er zurückkäme und ich stand da mit dem Patentlichtstumpfhalter und wußte nicht wie mir war. »Ist er weg?« fragte ich, als mein Karl wieder eintrat. »Weg. Wie ist Dein Unwohlsein, Wilhelmine?« »Auch weg,« entgegnete ich, »mit dem Menschen. Karl, wenn Castan den sieht, der gießt ihn für die Schreckenskammer in Wachs. Wie konntest Du mir den anthun?« »Ich ward ihn nicht los. Ich fragte ihn, damit er ginge, ob er nicht zu Mittag essen wolle? Er sagte »danke, zu liebenswürdig« und blieb.« »Daß Du nicht dafür konntest, ist mir klar, oder dachtest Du, falls die Häringskartoffeln zu sehr nach dem neue Rezept schmeckten, würde ein Gast sie aus Höflichkeit vertilgen, damit sie Dir nicht wieder vor die Gabel kämen? Denn Karl, im Essen bist Du etwas egoistisch. So, nun lege Dich hin, ich springe eben hinüber, Betti einen Kursus über geschäftliche Verpflichtungen angedeihen zu lassen.« »Die Kartoffeln waren vorzüglich,« sagte mein Karl. »Dann schlafe den Schlaf der Unschuld, aber ein bißchen rasch. Es ist schon spät.« »Ich muß ins Komptor, der Patentmann hat meine Zeit mitgenommen.« »Lauf hinterher,« sagte ich, »wenn der auf dem Werderschen Markt ist, triffst Du seinen Schatten noch in der Königsstraße.« Er lachte, der gute Karl, und schlug vor: »Wir gehen heut Abend rechtzeitig in die Baba und holen das Versäumte nach.« – »Das thun wir, mein Karl. Wen man seine Arbeit und seine Pflicht vollendet hat, stellt sich Seelenfrieden ein. Ein gut gemachtes Federbett und ein gutes Gewissen sind eine schöne Schlafstubeneinrichtung und, Gott sei Dank, die haben wir. Du sollst sehen, wir liegen wie ungewiegte Murmelthiere.« So sprach ich aus voller Ueberzeugung. Aber was sind Ueberzeugungen, wenn man sechs bis zwölf Stunden älter ist? Als ich bei Betti kam, fragte die spöttisch: »Ist der Dauerbesuch alle oder bleibt er zum Abendbrot?« »Betti,« sagte ich mit Mäßigung, »etwas , was Du noch viel zu wenig nimmst, sind Rücksichten. Du konntest nicht im Voraus wissen, welche geschäftlichen Beziehungen noch mit dem Langen angeknüpft würden...« » An den Langen, wolltest Du wohl sagen...« »Betti, ich trieb bereits deutsche Sprache, eh' Du geboren wurdest und abonnire auf Nachhilfestunden bei Dir daher nicht. Von mir dagegen kannst Du manche Vollkommenheit erwerben, zum Beispiel wie man Gäste artig behandelt, auch wenn sie kaum angenehme Gesellschaft für einen Regensonntagnachmittag wären. Und ich gab Dir ein Zeichen nach dem andern, Deine Sticheleien nicht an den fremden Herrn zu verschwenden.« »Mir Zeichen?« fragte Betti wie aus den Wolken gefallen. »Immerzu!« »Dann waren sie so fein, daß ich sie nicht bemerkte.« »Mich wundert, daß Du nicht ein einzigmal Au geschrieen hast.« »Waren Deine Pantomimen denn so komisch?« »Betti, willst Du mich dumm machen? Hast Du denn kein Gefühl mehr? Ich trat doch nicht schlecht zu.« »Du tratest? Gern möglich, aber doch nicht mich!« »Nicht Dich?« rief ich in plötzlicher Ahnung. »Nein.« »Sollte ich am Ende gar...« »Wen anders? Bei der unendlichen Länge mußten seine Füße Dir zum Treten sehr bequem liegen.« »Betti, Kind... das ist schrecklich. Ich muß mich setzen, diese Erkenntniß drückt mich nieder. Und je heftiger ich trat, um so lächelnder ward er.« »Er feixte wie ein Verrückter.« »Was mag er von mir gedacht haben?« »Die Welt denkt immer gleich das Schlechteste,« sagte Betti und lachte. Ich fühlte mein Antlitz wie eine Feuerlilie aufblühen. Der Lange dachte weltlich. Betti wollte nur einen Scherz machen, aber mir ward dieser Scherz zum Schlüssel für das Benehmen und die schwulmigen Redensarten des Patentdenkers. So ein Unsal bildete sich ein, ich kokettirte mit ihm, wo nur eine Verwechslung der Familiengliedmaßen vorlag! Ueberhaupt mir so etwas zuzutrauen, in unmittelbarer Nähe meines Mannes, meiner verheiratheten Tochter und deren Gatten! Unerhört! »Ja,« rief ich empört, »ist dies die Moral der heutigen Jugend, dann muß das Ende des Jahrhunderts zusammenbrechen, dann ist nichts mehr heilig.« »Warum so aufgebracht, Mama? Dir kann doch sehr gleichgültig sein, was der Knopffritze von Dir denkt.« »Was er denkt , ja. Aber was er weiter erzählt. Und dann kommt es entstellt Deinem Vater zu Ohren....« »Was denn, Mama?« »Nichts. Du hast recht; es ist mir sehr egal.« – Ich versuchte Betti durch Vergnügtheit abzulenken, und um zu sehen, wie ich die Mimik fertig brächte, warf ich einen Blick in den mir gegenüber befindlichen Trümeau. Es ging; noch etwas freundlicher wie beim Photographen; noch einen Schuß Wohlwollen. So war's gut. Als ich derart mein Spiegelbildniß einrenkte, bemerkte ich, daß ich gerade einen guten Tag hatte und mit dem bischen Röthe und den aufgeheiterten Zügen es noch mit mancher Jüngeren aufnehmen konnte, die nichts an Gesundheit geerbt hatte und das in Gesellschaften verthut; wodurch sie stark in das abgeblaßt Lederige hineinschattirt. Aber wenn ich mich gut konservire, ja sogar ausgezeichnet, und dabei menschenfreundlich bin, verwahre ich mich entschieden gegen jegliche falsche Auffassung. Mir that der schwarze Mann mit den Aufspringwesten und der Schlaflosigkeit furchtbar leid – allein schon so ein langes Leib täglich zu füllen – ja ich hatte beim ersten Ueberdieschwellelaatschen das Bewußtsein: Der bringt Unglück oder hat Unglück oder was sich sonst auf Pech reimt. Und so war es. Aber nur nicht nachgeben. Mit einigermaßenem Willen kann sich jeder Mensch aufrappeln und das that ich. Flüchtig den Spiegel streifend erhob ich mich und sagte zu Betti: »Mein Kind, Du siehst, wie das Leben seine verschlungenen Pfade geht, wie man Menschen trifft und getroffen wird, wie es so ist. Aber der schlimmste Feind sind Mißverständniß und niedrige Auslegung. Ich stehe rein da, das weiß Dein Papa auch....« »Mama,« unterbrach mich Betti, als mein Geist nach Luft rang, um den richtigen Akzang zu finden, »Mama, – wir haben doch nur wenig getrunken, weder Schalen noch Kelche.« – Rasch steigerte ich mein Unterhaltungsvermögen. »Stimmt. Du siehst wie dämlich mich der Besuch gemacht hat. Ich wollte Dir ja nur sagen, Betti, wie unrecht es von Dir ist, sich den geschäftlichen Verpflichtungen zu entziehen. Den nächsten Kunden habt Ihr zu Mittag.« »Fällt mir garnicht ein,« lehnte sie ab. – Und das ist meine Tochter! Da ich nicht mehr sagen wollte, was mich anbelangte und nicht für gut hielt zu sagen, was sie anbelangte, kürzte ich das Zusammensein, obgleich über den Herrn mit den Patentknöpfen doch noch allerlei zu besprechen gewesen wäre, zum Beispiel, ob ich ihm wirklich gewissermaßen einen jugendlichen Eindruck machte? Doch wozu sich Bemerkungen aussetzen? Kinder, zumal Töchter, sind oft lieblos. – Als mein Karl zum Abendbrot kam, war ich äußerlich gefaßt, aber innerlich in peinigender Unordnung. Getreten hatte ich den fremden Herrn, das konnte ich nicht leugnen. Er hatte gelächelt, ich auch, aber doch nur aus gegenseitigem Irrthum. Während wir aßen – ich war nicht im Stande, auch nur an die geringste Ernährung zu denken – legte ich meinem Karl den Zwiespalt meiner Seele dar. »Alte,« sagte er, »liebe Alte, rege Dich doch nicht unnöthig auf.« »Bin ich reell so alt?« »Unsinn.« »Karl, Du liebst mich nicht mehr; ich bin Dir gleichgültig.« Nun rückten die Ereignisse des Tages mit ihrer ganzen Schwere auf mich ein und selbst die hervorbrechenden Thränen schufen mir keine Erleichterung. Immer wieder kam der Gedanke nach oben: der lange Patentmensch erzählt von dir und zeigt als Beweis seine blaugetretenen Schienbeine. Vielleicht hat er da auch Knöpfe. Der Abend verlief trübselig mit total unwirksamen Aufheiterungsversuchen. Als die Uhr die Zeit soweit gedreht hatte, schlug mein Karl Feierabend vor und aufrichtig gesagt: wir wußten auch mit diesem Tage nichts mehr anzufangen. Konnte ich aber schlafen? Mein Engelsmann hatte mir verziehen, Betti wußte nur Halbes, aber ich, ich hätte klarer sehen müssen, denn nun gab es einen Menschen in Berlin, einen schrecklichen, der falsch von mir dachte, falsch von mir sagte. Wenn man nicht weiß, daß irgend ein Stiefel einen herumbringt, ist es ja gut, aber wenn man weiß, es trägt einer was herum und nicht weiß was es ist, das martert. Mein Karl war müde, mir war als hätte ich noch nie von Schlaf gehört. Ich ging also etwas Leserliches auftreiben. Wenn man aber etwas zum Lesen haben will, ist nie nichts vorhanden. Schiller und Goethe stehen freilich da, auch Lessing, allein wer geht heran? Unsere anderen Bücher kannte ich. Wie ich auch suchte, ich fand nichts Kurzweiliges. »Wilhelmine,« sagte mein Karl, »thu mir den Gefallen und leg' Dich, ich möchte schlafen.« »Karl, gleich! Nur einen Momang. Lange will ich nicht machen, nur so lange dieses Lichtendecken brennt, womit ich gleich die Erfindung von dem, wie heißt er nur noch ausprobiere. Es ist doch schrecklich, er schläft nie. – Kannst Du schlafen, mein Karl?« »Minchen, laß mir meine Ruh!« »Gewiß, mein Karl.« – Ich klemmte die Messingfedern des Patents in meinen Porzellanleuchter, bohrte das Licht darauf, das gar nicht hacken wollte und schlüpfte ins Bett, zuletzt doch blos mit der Zeitung. Ich mußte, trotzdem ich las, immer an den Langen denken. Wie schaudervoll, wenn man so in gar kein menschliches Bett paßt und dabei immer wach liegt und erfindet. »Schläfst Du schon, Karl?« – »Ich bitte Dich, Mine.« Ich las weiter. – »Laß ihn erzählen«, dachte ich, »schließlich ist man doch zu erhaben. Wie gräßlich lang er ist. Wen er hier so herein käme.« »Karl« rief ich, »Du schnarchst.« – »Ich habe noch kein Auge zu. Lösch doch das Licht, Wilhelmine.« – »Gleich bin ich mit dem Roman fertig.« – »Ist der denn so fesselnd?« – »Nein, wie gewöhnlich. Sie kriegen sich und kein Mensch erfährt, wie unglücklich sie nachher leben.« – »Schmeiß das Zeug doch weg.« – »Das Quartal ist bezahlt.« – »Morgen ist auch noch ein Tag?« – »Aber jetzt ist Nacht. Ich kann den Menschen nicht los werden, er grinst mich überall an. Du hättest ihn mir nicht bringen müssen.« – »Quatsch morgen weiter, ich will schlafen; ich habe keine Mittagsruhe gehabt, gönne mir jetzt mein Theil.« – »Karl, waren die Heringskartoffeln nicht exellent? Und jetzt bist Du so? Ich komme den geschäftlichen Verpflichtungen in jeder Beziehung nach, ich leide sogar darunter, ich...« In diesem Augenblick geschah etwas Unerwartetes. Ob es Spuk war oder ob die Erfindung es so an sich hatte, wird wohl ewig räthselhaft bleiben, genug, der Patentlichtstumpfhalter machte mit einem hörbaren Schnurr einen Satz aus dem Leuchter und flog mit sammt dem brennenden Licht in die vierte Dimension. »Karl«, rief ich, »das Licht!« »Nun ist es von alleine ausgegangen« lachte er, »ein sehr vernünftiges Licht.« »Ausgegangen?« fragte ich, als hätte ich mich verhört, »das Licht ausgegangen?« »Natürlich. Es ist ja stickenduster.« »Damit beruhigst Du Dich? Weißt Du denn, wohin es geflogen ist? Mir schien, es segelte oben nach dem Spinde zu und gerade da liegt allerlei Brennbares.« »Unsinn, es losch im Fliegen aus, das sah ich deutlich.« »Karl, wie kannst Du ein außes Licht sehen? Das ist ja unmöglich. Wenn Du es sahst, brannte es auch, und das Brennende sieht man. Wenn es blos nicht zündet.« »Wenn Du wüßtest, wie müde ich bin.« »Staub liegt sehr auf dem Spinde. Abstäuben thun die Philippinen nicht, sie kucken statt dessen aus dem Fenster. Karl, hast Du nie von Staubexplosionen gelesen?« »Ich glaub' nicht alles, was in den Zeitungen steht.« »Bis Du es an Deinem eigenen Körper erfährst. Wenn es losplatzt, ist es zu spät. – Karl riechst Du nichts?« Wir schnubberten Beide in die Dunkelheit hinein. »Es wird immer stärker.« – »Nicht die Bohne.« – »Gieb Dir nur Mühe, ich rieche es deutlich.« – »Es riecht nach ausgeblasenem Licht, ja.« – »Ganz anders, nach Wolle. Entschieden nach ausgebrannter Wolle. Karl, es sengert irgendwo. Das muß ausgelöscht werden.« Mein Karl ward mittlerweile besorgt und fing ebenfalls an, brandigen Geruch zu verspüren. Er machte Licht und stand auf. – »Karl, so nicht; zieh Dir was über.« »Wo ist denn das Malefizding hingesprungen?« fragte er und leuchtete in allen Ecken umher. »Karl, sei vorsichtig, stifte nicht noch mehr Brand an den Gardinen und so.« »Ich frage, wo das Licht hingeflogen ist?« wiederholte er deutlich. »Ich sagte schon einmal, es nahm einen Wuppdich im Bogen auf das Spinde zu. Aber wenn Du natürlich Licht anstichst, kannst Du die schwach kohlende Feuersbrunst nicht wahrnehmen.« »Soll ich denn warten, bis die ganze Bude brennt?« »Ich sagte Dir ja: auf dem Spinde.« »Den Patentfritzen soll der Teufel holen,« fluchte mein Karl. »Ich glaube nicht, daß er seinetwegen anspannt« erwiderte ich, weil ich solche Lästerung bei drohender Gefahr in aller Nacht für sehr vermessen hielt. Gerade jetzt, da mein Mann einen Stuhl auf den Tisch baute, um auf dem Spinde nachzusehen, wie leicht konnte er da fallen oder sonst hart bestraft werden? »Karl« rief ich, angesichts des Gerüstes, – wenn er auch beinah wie in weißem Tricot aussah, ist er deshalb doch kein Akrobat – »klettere nicht auf dies Trapez, das endigt mit der Klinik. Nimm lieber die Kanne und gieße behutsam so viel Wasser oben auf das Spinde, bis Du zischen hörst. Dann ist das Feuer aus.« Diese List fand seinen Beifall. Er also die Kanne geholt, auf den Tisch gestiegen und zu gießen angefangen, ganz wie eine antike Statue mit erhobenem Kruge von unten malerisch durch eine flackernde Kerze mit Helldunkel beleuchtet. Plötzlich giebt's einen Krach, das Bild verschwindet und es plätschert. »Karl, was war das?« rief ich. »Bist Du gestürzt? Lebst Du noch?« »Der Henkel von der Kanne brach ab. Mach' rasch Licht, damit ich vom Tisch herunter kann.« Ich im Nu heraus, noch geschwinder als vorhin das unglückselige Patent, aber sofort mit den Füßen in den Wasserplantsch. Doch das war in der Angst nicht von Belang. »Karl, wo sind die Schweden?« – »Auf meinem Nachttisch.« – »Karl, halte Dich noch zwei Sekunden; ich bringe Rettung.« Zitternd, theils vor Angst, theils vor Schreck, theils wegen nasser Sohlen tastete ich mich an den Betten herum, nach meines Karls Seite zu gelangen. Mit einem Male trete ich auf etwas Scharfes und schrei auf. »Was hast Du?« fragt mein Mann. – »Karl, rühr' Dich nicht; noch einen Schritt und Du fällst. Ich trat eben auf einen Gegenstand; hier hab' ich ihn schon. Es ist der Patentleuchter.« – »Dann zünde ihn rasch an.« – »Er ist mit ohne Licht.« – »Dem Erfinder dreh' ich das Genick um.« – »Karl, versündige Dich nicht, Du bist noch nicht aus aller Gefahr.« Bei dem nothdürftigen Flämmchen eines Zündholzes erreichte mein Karl die ebene, wenn auch überschwemmte Erde. Da erlosch der Span. »Mache doch Licht, Weib,« schrie er mich an, als die Finsterniß wieder hereingebrochen war und wir Beide Wasser traten. Ich einen Zündbolzen angerissen und an seine Kerze gehalten. Aber ich wollte nicht, sie knisterte und empfahl sich. »Da soll doch...« begann er wild. – »Karl, es ist nur eine Kneippkur,« suchte ich ihn zu besänftigen, »mit halbseitigem Guß und im Feuchten waten.« »Wird es bald mit dem Licht? Ich muß mich von Kopf bis zu Fuß umziehen, daran bist Du allein Schuld.« »Ich? Wer anders hat den Henkel untergraben als das Mädchen? Sie bufft ja nur so mit dem Geschirr, daß es knapp mit den Gräten zusammenhängt. Die lapp' an, nicht mich.« Mittelst der Utan-Swafel gelang es mir, ins Wohnzimmer hinein und mit der hellstrahlenden Lampe zurück zu kommen. Wie war mein Karl naß; total vollgepladdert. Er fror jedoch weniger, als daß er brummte. Da ich half, war er bald trocken und wieder im Bett und auch ich legte mich. »Siehst Du wohl« sagte ich »ich hatte das untrügliche Vorgefühl, der lange Mensch würde Unheil bringen und so erfüllt es sich. Eine Stolperung im Dunkeln auf dem Tisch und Du schmetterst hin. Oder das Licht flog in die Bettvorhänge.... Karl, wo ist das Licht?... Die Spinde war blinder Lärm. Sollte es an einer anderen Stelle gefangen haben?« »Dreh die Lampe aus, ich will schlafen. Wenn wir morgen als Asche aufwachen, werden wir das Nähere wohl wissen.« Ich stellte auf sein Geheiß Düsterheit her, nahm mir aber vor, kein Auge zu schließen, um bei der ersten auflohenden Flamme als Feuerwehr einzugreifen. So lag ich Schildwache und mußte in einem weg an den Langen denken, der nun auch gewiß mit offenen Augen lag und Unfug für seine Nebenmenschen ersann. »Karl,« fragte ich, weil ich es garnicht mehr aushalten konnte, »bist Du fest der Meinung, daß das Licht aus war, als es flog?« »Ja.« »Du glaubst nicht, daß heimlich wo was glimmt?« »Nein.« »Es könnte aber doch sein. Es schwehlt manchmal tagelang.« Er antwortete nicht. »Karl, wie hoch steht unser Haus in der Brandkasse?« Er seufzte schwer. »Hast Du Alpdrücken, mein Karl?« Keine Antwort. Das also war der Dank für alle Sorge und Mühe, für Lasten und Beschwerden, die man auf sich nimmt, damit es dem Manne wohl gehe und dem Geschäft. Doch welche Thorheit, sich auf Dank zu spitzen, wo Alles, was man thut, einfach als angeheirathete Pflichtschuldigkeit ohne Quittung hingenommen wird. Fordere nie, Wilhelmine, Du kriegst doch nichts. Leide weiter, dulde und ertrage, bis sie Dir den hölzernen Schlafrock anziehen und Dich in die kühle Erde betten, wenn Du nicht vorher, ohne Reise nach Gotha, verbrannt bist. So lag ich wachend und wartete auf den Ausbruch des Feuers. Da es aber nicht ausbrach, und mein Karl besonders boshaft schnarchte, sah ich nicht ein, warum ich mich nicht auch an meine Portion Schlaf machen sollte? Und das that ich.   Sonntagsruhe. Von Kinderhänden – Vom ausgesprochenen Protoplasma und Herrn Weigelts Beamtentick – Warum Wilhelmine Herrn Weigelt nicht fürchtet und in Selbstverzweiflung scherzt – Warum Zwei nach Tabak stöhnen und die Abgeordneten den Aufschnitt nicht essen – Warum Wilhelmine ein unklares Gewissen hat und Onkel Fritz Akkordarbeit annehmen will – Wie Wilhelmine ein Moschusthier entdeckt und Herr Kaulmann sauer sieht – Warum das Gesetz die Kirchthür schließt und Wilhelmine starr wird – Warum Kaulemännchen gottlob wird und Wilhelmine sich mit Proviant versieht Ich hatte Auguste Weigelt gesagt: »Wen Du nichts Besseres vorhast, besucht mich doch Sonntags, so viele Ihr abkommen könnt. Wir sehen uns zu selten, August, und aussprechen will sich der Mensch hin und wieder einmal; es ist wie mit dem Großreinemachen, daß der Staub aus dem Geistigen kommt und sich nicht fest setzt. Dein Mann stellt sich zum Abendbrot ein, da haben wir Mädchen den Nachmittag in voller Ausdehnung für uns.« »Machen Ihnen die Kinder auch nicht zu viel Molesten?« entgegnete sie mit der uns Frauen eigenen ablehnenden Einwilligung, worauf ich jegliche weitere Ziererei mit den Worten verhinderte: »Wozu wäre ich denn Großmutter, Auguste?« Der Grund zog. Großmütter sind ja auch nur dazu geboren, als Polster des Lebens für die Enkel zu dienen. Großmutter hat immer Zeit, sie zu verwarten, für ihr Inneren und Aeußeres zu sorgen, ihnen das Leid aus den Augen und aus dem Sinn zu wischen und ihre kleinen Freuden immer wieder vorzuholen, als würden sie nie alle. Kinderhände sind leicht gefüllt, Großmutterhände aber auch: man braucht nur einen Enkel hineinzulegen und sie umfassen eine ganze Welt. »Meine Mutter giebt nicht sehr um meine Beiden,« sagte Auguste. »Sie ist nicht gesetzt genug zur Großmutter,« fiel ich ihr in die Rede. »Es gehört eben zu allem Begabung und ich glaube nicht, daß sie je die dazu nothwendige Geduld erübrigt.« Auguste seufzte tief und wurde ganz unglücklich aussehend. »Ist etwas gefällig?« fragte ich. – Auguste schwieg und färbte sich mit Verlegenheitsröthe auf. »Aha,« dachte ich, »die Bergfeldten steht mal ich im Begriff,« legte aber meinen Gedanken den Zaum des Schweigens an, wie mir kürzlich in einem Roman so schön gefiel. Ich bin nicht sehr für Romane, weil man heutzutage vorher nie weiß, ob man hinterher mit Anstand bekennen kann, sie gelesen zu haben, allein mitunter findet man doch ein Gedächtnisjuwel. Ehe Auguste eine Ausflucht ersinnen konnte, drängte ich: »Komm nur baldigst heran, wir haben uns zu viel zu erzählen; Du weißt, es geht nichts über so vieräugige Gemüthlichkeit.« Sie sagte denn auch zu, was mir sehr lieb war, da mich die Bergfeldten doch ziemlich beunruhigte. Wenn ein Unglück geschehen ist, läßt sich viel darüber reden, aber mit Worten setzt man keinen Flicken auf. Und was ist labender, als ein vernunftgemäßes Zwiegespräch mit ungehindertem Fließen der Meinungen. Freilich, wie ich es denke, das weiß die Bergfeldten, warum wäre sie sonst so sparsam mit sich? Seit einem halben Jahre hat sie die Landsbergerstraße nicht mit ihrer Gegenwart beehrt. Wenn der Mensch jedoch auf Gemütlichkeit rechnet, stimmt die Regeldetrie mehrstenteils grundfalsch, weil man sie nicht wie Kaffee trichtern kann; genug, an den Sonntag werde ich denken. Denn erstens kam Auguste gerade, als unser Mädchen seinen Ausgehtag hatte. Das hätte sonst weiter nicht geschadet, aber da dieser Besen mir Nachlässigkeiten anthut wie er nur kann, war natürlich keine Feuerung in der Küche und das Brot vom Bäcker zu holen vergessen und absichtlich der Kaffeekuchen dazu. Für mich und meinen Karl langte das Mittagessen bis zum Abend; wir hatten Rest gemacht, da es uns ausgezeichnet schmeckte und die Donna jedes an die Seite schafft, was wieder hinauskommt und nachher behauptet, es wären blanke Knochen gewesen, ohne das Geringste daran. Aber Auguste und ihre Kinder konnten doch nicht darben. »Auguste,« sagte ich, »ein handlicher Kanten Landbrot ist noch da und gute Butter, und ein Stüllecken schmeckt zum Kaffee nicht übel, zumal auf Landpartien. Wenn Du willst, sperren wir die Fenster auf und stellen gediegenen Zug her und bilden uns ein, wir wären auf dem Pfingstberg bei Potsdam.« – »Nein, nein,« lachte sie, »das könnte uns bei dem kalten Wetter schlecht bekommen; Elsa hustet so schon seit einiger Zeit.« Ich sah mir die Kleine darauf an. »Sie ist ein bißchen behende für ihr Alter,« sagte ich, »aber das giebt sich bei richtiger Pflege. Weißt Du, wir rühren ihr ein Eigelb in den Kaffee und dem Jungen, dem Franz, dito. Es ist nichts hygienischer als Eier, denn weil die Schale drum herum ist, können keine Bazillen hinein und außerdem haben sie ausgesprochenes Protoplasma.« – »Sie wissen auch alles, Frau Buchholz.« – »Hat man einen Arzt in der Familie, drippt eine Masse Wissenschaft vorbei, man muß sie blos sammeln. Gleich sollen die Kinder haben, in der Minute.« Lächelnd ging ich, aber unlächelnd kam ich wieder. Kein Ei zu finden! Gewesen waren welche, ich hatte sie am Morgen mit meinen eigenen gesehen, weil ich zwei Dotter an die Blumenkohlsauce quirlte, denn ohne ißt mein Karl sie nicht so gerne, und die übrigen ließ, um nicht zu verschwenden. Nun hatte ich sie uns für die Köchin abgeknappst. »Auguste,« sagte ich, »wir müssen uns behelfen. Du würdest mir zu Gefallen gewiß einholen gehen, allein was nützen Dein guter Wille und meine Groschen, da doch nichts verabfolgt wird. Es ist ja Sonntagsruhe.« Auguste that so heiter wie sie konnte, aber es war doch nur oben hin, wie auch nicht anders möglich, denn wenn man sich selbst bescheiden auf Schnecken vorbereitet hat und es giebt nur simple Stullen, mit Vermeidung jeglicher Steigerung noch eine Stulle und noch eine und dazu die Sahne beschränkt, wenn auch der Kaffee reichlich und um den guten Willen zu zeigen, von beinaher Extrastärke: der gesellschaftliche Fluß stockt und die Gemütlichkeit rostet ein. Als nun noch der Junge anfing: »Mama, wo ist der Kuchen? Du sagtest doch, bei Tante Buchholz giebt es viel Kuchen!« und die kleine Elsa herankam mit großen Frageaugen, die die versprochenen Herrlichkeiten suchten und nicht fanden und mich ansahen, als hätte ich bitteres Unrecht gethan, was half es da, daß ich das bleiche Dingelchen nahm und streichelte und küßte? Kindern ist nun einmal Kuchen lieber als Küssen. Später ändert sich das freilich. Mein Karl war spazieren gegangen, er geht des Sonntags meistens mit unserem Schwiegersohn Schmidt ins Freie und dabei besprechen sie Geschäftliches. Häufig begleitet Berti sie und wenn die jungen Leute dann irgend ein Theater vorhaben, konzentriert mein Mann sich nach Hause, wo ihn das Abendbrot erwartet. Ich hatte für heute kalten Aufschnitt besorgt. Der Gedanke war ja recht gut, aber die Ausführung zu wenig, weil ich doch nicht auf Auguste und die beiden Kinder gerechnet hatte und nicht auf Herrn Weigelt, der jetzt kam, wobei zu bedenken war, daß von der Ackerstraße bis zur Landsberger eine ziemliche Appetitlinie ist. Weil mein Karl den Weinkellerschlüssel stets an sich nimmt und Cigarren bei uns nicht herumstehen, da Küchengünstlinge echte Importirte nicht zu würdigen wissen, mußte Herr Weigelt trocken sitzen. Ich hätte ihm eine Stulle anbieten können, allein mir fiel kein Scherz ein, sie damit zu belegen und wo war das begleitende Getränk dazu? Jeder andere wäre mir egal gewesen, nur Herr Weigelt nicht, bei dem sich der Beamtentick mächtig ausbildet. Gleich ist er beleidigt und paßt fortwährend mit innerlichen Fühlhörnern auf, ob ihm auch die Achtung voll und ganz entgegengebracht wird, die einem Angestellten zukommt. Wähnt er sich im geringsten zurückgesetzt, wird er spitzig, das heißt was er dafür hält; feiner Empfindende nennen es schon mehr Ausfälligkeiten und Grobheiten. »Sie müssen nicht übel nehmen, daß ich Ihnen nichts anbiete,« sagte ich, »aber daran bin ich nicht schuld, sondern die Sonntagsruhe.« »Ich weiß, daß man dem Volke sie nicht gönnt,« erwiderte er. »Am liebsten spannte man die Beamten auch noch Festtags in die Karre, ohne Rücksicht auf ihre geistigen Kräfte, die doch die eigentliche Stütze des Staates sind und ebenso gut der Ruhe bedürfen, wie die Köpfe der Herren Excellenzen mit den hohen Gehältern, die jeden Tag Sonntag haben. Aber wer etwas leistet, dem wir der gerechte Lohn vorenthalten... bis es anders kommt. Es ist schon mancher Große klein geworden und wen sie gering schätzen, der wurde gefürchtet.« Ich mußte lachen. Herrn Weigelt fürchten, das kam mir komisch vor, denn wenn einer sich als Barrabas aufspielen will und hat bloß so ein Selterwassergesicht, wird der Eindruck ein durchaus umgekehrter. »Wer zuletzt lacht, lacht am besten,« rief er laut und ärgerlich. Meine Heiterkeit verdroß ihn und überdies war der Mann ja hungerig. Welchen Segen hätte ein mittelgroßer Napfkuchen stiften können oder eine einzige Friedenszigarre. Nun klingelte es. »Gott sei Dank, mein Karl,« dachte ich, weil man immer denkt, was man wünscht. Aber der brauchte doch nicht zu schellen? Der hatte je den Drücker. Er war es auch nicht, sondern der Schwiegersohn Wrenzchen mit Frau und Kindern, die uns den Abend zu widmen gedachten. »Dies ist zu reizend,« rief ich, »zu reizend von Euch – –« dann brach meine Freude jäh ab wie ein Stück Endenblei. Ich hatte ja nur Aufschnitt für zwei Personen und nun waren wir schon zu neunt; wenn mein Karl kam, war das Dezimaldutzend voll. »Nur keine Umstände,« sagte der Doktor, »einige Würstchen, etwas Rührei...« »Rührei?« fragte ich. »Das bereiten Sie so ausgezeichnet, so sanft und so locker...« »Ja, wenn ich Eier habe,« entgegnete ich mit einem Anflug von Grimm über die Köchin. »Wir lassen welche holen.« »Es ist Sonntagsruhe,« sagte ich lächelnd, »die Krämerlehrlinge üben sich im Verbrauch der freien Zeit.« »Dann bleibt's bei Würstchen.« »Die haben auch Sonntagsruhe.« »Mama scherzt,« sagte meine Tochter Emmi, »sie will uns nachher um so erstaunlicher überraschen. Fritz und Franz bekommen abgekochte Milch, weißt Du, Mama. Willst Du ihnen eine Extrafreude machen, thust Du ein bißchen Chokolade hinein.« »Die Milch...« »... hat auch Sonntagsruhe,« lachte Emmi. »Hat sie auch,« rief ich durchaus ohne Lachen. Es giebt Zustände, in denen der Hohn sogar verstummt. Wir gingen hinein. Allgemein Begrüßung. Herr Weigelt rauchert, stieß ich den Doktor an, der natürlich leider keinen Tabak bei sich hatte, indem er meines Karls Colorados so vorzüglich findet, daß er den eigenen Vorrath zu Hause vergißt und jedesmal drei bis fünf mit auf den Heimweg nimmt. Die Herren geriethen bald in ein Gespräch über den politischen Horizont; Emmi und Auguste tauschten ihre Gedanken über die Kinder aus, die sich ruhig verhielten, da ich immer gleich mit Bilderbüchern anrücke. In einigen Häusern verabreichen sie Trompeten und Trommeln, aber es sind Eltern ohne Nerven. Ich ging in die Speisekammer und betrachtete den Aufschnitt. Selbst wenn ich ihn noch so künstlich auseinanderbreitete, wurde er nicht hinreichender. Eine Dose Ostseeheringe trieb sich noch umher und eine mit Stangenspargel: für Wilde eine geschmackvolle Zusammenstellung, für Gebildete jedoch keine Sonntagsverherrlichung. Aber der Hunger macht ja wild, scherzte ich in Selbstverzweiflung. Uebrigens mußten noch Oelsardinen da sein, sowie Sardellen. Aber wo? Ich legte mich auf's Forschen. Gerade als ich mit dem Schüreisen unter das Spinde fahren wollte, weil man, je eifriger man sucht, um so unbequemere Irrwege einschlägt, kam mir der beruhigende Gedanke: die Sardinen und -dellen sind auf einem Wege mit den Eiern, aber ich fuhr dennoch zu, wie man stets thut, wenn man in Rage ist und entdeckte, wie meist bei solchen Anlässen, denn auch Unerwartetes. Fischdosen kamen allerdings nicht zum Vorschein beim Steckern und Herausziehen, wohl aber hingestopfte Lappen und Papier und Brot- und Käserinden und Wurstpelle und was Mäuse sonst für Delikatessen halten und alles dies größtentheils schon angefressen und zu Müll zernagt von den lieben kleinen Thieren, die mir das größte Abscheu in der vierfüßigen Welt sind. Ich hatte der Köchin befohlen, sie sollte das althergebrachte Mauseloch in der Wand unter dem Spinde zustopfen, mit Glasscherben und Zement, wozu sie einen Auslagegroschen kriegte, aber statt dessen hatte sie dort eine förmliche Hecke anlegen wollen, daß, wenn sie unser Haus verlassen, das Mäusegesindel mich graulen sollte. Und den Zementgroschen hat sie frech aufgeschrieben. Ehe ich mich fassen konnte, riß wieder einer an der Thürklingel. »Gewiß brennt es oben,« dachte ich, »wundern sollte es mich nach dem Bisherigen nicht.« – Es war aber bloß Onkel Fritz mit noch jemand, den ich nicht kannte. »Mein Freund Kaulmann,« stellte er vor. »Sangesgenosse aus dem Verein Keuchhusten.« – Ich verbeugte mich, aber nicht tief, denn Singefreundschaft schätze ich nicht besonders hoch. – »Meine Schwester Wilhelmine,« fuhr er fort, »unübertroffen in Herzensgüte und Menschenverpflegung. Den Alkohol dazu liefert mein Schwager.« – »Tenor oder Bierbaß?« fragte ich mit einem Anflug von Abneigung. – »Kassirer ohne Stimmbänder,« entgegnete Onkel Fritz, »im bürgerlichen Leben Zigarrenmensch.« »Seien Sie herzlich willkommen,« rief ich. »Ganz gewiß haben Sie welche bei sich; drinnen sind zwei, die stöhnen nach Tabak und mein Karl ist nicht hier. Bitte treten Sie näher.« Herr Kaulmann hatte denn auch die Taschen voll Zigarrenproben, und da ich ausgezeichnete Zündhölzer liefern konnte, war die Gardinenräucherei bald auf das lebhafteste im Gange. Tabak soll ja den Hunger stillen, wie die Mediziner dadurch beweisen, daß wer ihn nicht gewohnt ist, sich gerade so beträgt, wie einer, der sich im Essen und Trinken übernommen hat, und ich war froh, daß die Herren vorläufig nicht auf Abendbrotgedanken kamen. Aber die Kinder! Ich konnte ihnen doch nicht kalten Stangenspargel zu lutschen geben? Und dann fiel mir ein, daß die Herren immer sagen, Rauchen trocknet die Trinkorgane aus. Wasser ist zwar ein gesundes Getränk und in der Leitung ist viel davon, aber in gastlichen Häusern wird es doch nur auf persönliches Verlangen vorgesetzt. Höchstens geht es noch als Thee und den mögen die wenigsten Herren im gesunden Naturzustande. Endlich kam mein Karl, ich horchte ja wie ein Osterhase auf jedes Geräusch an der Flurthür, und draußen war ich. »Karl,« fragte ich in halblauter Eile, »wo um Himmels willen bleibst Du?« »Wie so Schatz? Ich war sehr satt von heut mittag und wollte mir etwas Appetit laufen.« »Karl,« entgegnete ich vorwurfsvoll, »am Sonntag sich häuslichen Appetit laufen, ist für mich geradezu unbegreiflich. Bedenke, wir sind jetzt ein rund gerechnetes Dutzend zu zwölf Personen, und nichts im Hause als zwei Portionen Aufschnitt, eine Dose Heringe, eine Dose Stangenspargel und ein Kanten Landbrot, mit dem Onkel Fritz allein fertig wird. Und Herr Weigelt macht auf mich den Eindruck, als wäre er hohl bis in die Hacken. Und Du rennst Dir noch Extra-Appetit an! Unglaublich!« »Laß doch irgendwas herum holen.« »Karl, in welchem Zeitalter lebst Du? Von wo herum? Aber so geht es: Ihr Männer macht die Gesetze und wir Frauen müssen darunter leiden. Wählt doch Leute in den Reichstag, die was vom Hausstand verstehen.« Mein Mann war nun auch hungrig und infolgedessen übelnehmerisch. »Warum sorgst Du nicht rechtzeitig für Eßbares,« murrte er, »dann kommst Du nicht in Verlegenheit.« »Ha ha,« lachte ich kurzweg, denn ich hatte Ursache verdrießlich zu sein. »Wenn mir für zwölf Personen Aufschnitt den Sonntag über verdirbt und ich schicke ihn am Montag in den Reichstag, wo sie doch die Sonntagsruhe gedeichselt haben und lasse sagen, nun möchten die Herren Abgeordneten ihn essen: den Antrag lehnen sie mit einstimmiger Majorität ab.« »Wozu hast Du Dein Eisspinde?« »Feiertags blos als Kunstschrein. Wenn der Eisbolle sich verspätet und Du stehst und langst schon hin nach dem bißchen gefrorenen Rummelsburg, sowie die Uhr den letzten Schlag gethan hat, protekolliert ihn der Schutzmann wegen Sonntagslästerung. Und Du bist der Mitstaatsverbrecher und hast den ganzen Tag ein unklares Gewissen, aber kein Eis. I bewahre!« »Du bist ja ausnehmend rosenfarbig.« »Was soll Herr Kaulmann von uns denken? Zum erstenmal, daß er uns besucht, muß er seine Zigarren für die anderen hergeben und ihm wird nicht Fest noch Flüssig angeboten. Wie der sich wohl als unser Gast vorkommt? Ich will für mein Theil gern bis morgen früh fasten, aber es langt trotzdem nicht. Ob man mit elfen oder mit zwölfen in die vorhandenen Nährwerthe hineindividirt... satt wird keiner. – Geh, mein Karl, sorg' für Trinkbares, ich stelle mittlerweile die Gläser auf, es sieht dann wenigstens aus, als wenn was hinterher käme.« Mein Karl holte von dem herrlichen Johannitergarten herauf, den wir von Beckers Söhne am Dönhoffsplatz nehmen, und den mochten sie alle und mir wurde auch leichter zu Sinn, obgleich mir die Mausehecke nicht aus dem Kopfe wollte. So ein Pfalzwein kommt aus einem fröhlichen Lande, da sitzt Sonnenschein und Lust in der Flasche und außerdem ist es beruhigend, den Mann wieder zu Hause zu haben, wenn sich während seiner Abwesenheit eine Notlage ausbildete. Ganz beruhigt war ich, als mein Karl mit einem scherzhaften Hinweis auf die Sonntagsgesetze alle bat, unsere Gäste außerhalb des Hauses zu sein. Gläseranstoßend willigten sie ein und ich pries im stillen die goldene Arznei des Gemüthes, die in den Trauben heranwächst und auch hier Besänftigung erzielte, indem Herr Weigelt seine beleidigte Beamtenmiene glättete. Nur Onkel Fritz mußte wieder mit einer Randbemerkung ruinirend wirken. Was sollte es, daß er ausrief: »Wir fahren miteinander zu Dressel, das Couvert fünf Mark, Gurkensalat mit Schlagsahne, Champagner als Tischwein, Zahnstocher zum Dessert; der russische Handelsvertrag bezahlt alles.« Kaum hatte Auguste diesen Unsinnsvorschlag gehört, als sie aufstand: sie müßten jetzt nach Hause. – »Auguste,« sagte ich, »ungegessen lasse ich Euch nicht nach der Ackerstraße, das wäre noch schöner. Das nächste Mal schreibt Ihr vorher...« »Das sähe doch sehr unverschämt aus,« antwortete sie. – »Oder ich schreibe eine Sechserkarte und dann wird nicht gekargt. Allerdings, früher konnte man sich am Sonntag besuchen wie man wollte und war hochwillkommen, je mehr, je besser, weil man schicken konnte und bewirthen und vergnügt mit den Seinigen und guten Freunden sein und Bekannten. Anjetzt hingegen muß man fürchten, verquer zu kommen und in eine Hungerbude zu fallen, wie heute bei mir und da kriegt die alte Berliner Geselligkeit einen häßlichen Riß. Gerade die war des Sonntags und es war hübsch, von beiden Seiten ohne Gene, recht zur Befestigung des Familienlebens und der Freundschaft. Wenn man eigens einladet, muß es gleich vollaufer hergehen; wenn auch keine Mastgesellschaft, so doch mit einem Braten und dergleichen, mindestens mit Umständen, wenn man nicht auf Tadelblicke hinarbeiten will und entzweiende Nachrede. Man blieb am häuslichen Herd und fühlte sich wohl im Heim. Das ist nun vorbei.« »Sei gut Wilhelmine,« unterbrach mich Onkel Fritz. »Das ist eine nette Art von Reformation, die den Menschen in die Kneipen jagt,« ereiferte ich mich weiter. »Früher trieben doch höchstens quängelige Weiber die Männer hinein.« – »Als wenn sie nicht von selbst hinfinden könnten,« kam Onkel Fritz wieder dazwischen. »Siehste, in der Koppenstraße ist eine Wirthschaft mit der Inschrift: »Hier werden Biertrinker auf Sonntagsarbeit angenommen.« Was meinst Du, wenn wir uns da auf Akkord meldeten?« »Ich gehe nicht in Lokale, wo man sich selbst um so mehr zu verabscheuen anfängt, je länger man drin bleibt.« »Wir haben in der Nähe eine Restauration,« nahm mein Karl das entscheidende Word, »und wenn es just nicht so ist, wie meine Frau kocht« – ... »Das soll ihnen schwer fallen,« schaltete ich ein... – »hat man doch allen Grund, zufrieden zu sein.« – »Margarine ist auch Butter,« bemerkte Onkel Fritz und wandte sich zu den Kindern: »Nu man allat, Ihr kleinen Schluckhälse, die Hauptfütterung beginnt.« Das verschnupfte Herrn Weigelt; so etwas zu Beamtenkindern sagen! Und Emmi ward auch spitznäsig aussehend; ihre Kinder mit Weigelts in einen Topf zu werfen! Wozu hat man denn die Vornehmheit, wenn Nahestehende ihr die Schleppe abtreten? Aber Onkel Fritz ist einmal so. Angezogen war sich rasch. »Hast Du Geld genug beigestochen?« fragte ich meinen Karl. – »Es wird nicht zu theuer werden.« »Gelinde gerechnet dreimal mehr als im Hause und das von Staatswegen. Bei der nächsten Steuereinschätzung ziehst Du diesen Abend ab, das ist nicht mehr als recht.« Wir sagten dem Portier, wohin wir gingen, damit er schicken könnte, wenn Feuer ausbräche oder sonst ein Malheur, der Sonntag war noch nicht um. Dann gingen wir. Sonst sind die Wirthe sehr gehorsamst, wenn ein kompletes Dutzend auf einmal anrückt, aber da die Räume gestrichen voll waren, das Untere mit Menschen, das Obere mit Hecht, machte es den geehrten Herrn Kellnern kein Vergnügen, uns zusammengehörigen Platz zu verschaffen. Nach langem Gestehe und Gegehe und Hinundher unter Belästigung der Sitzenden gelang es, uns im Nebensaale anzusiedeln, wo die Menschheit dünner vertheilt war und zwar aus Gründen des Zugs von der einen und des Geruchs von der anderen Seite. Wenn jedesmal, wenn Jemand durchgeht, Einem ein Gemisch von Karbol mit Stalldunst zufliegt,. kann das ebensowenig gesund sein wie Alles, was sonst abscheulich ist, wie z. B. der moderne Moschusgestank, mit dem sich die Menschen verpesten und ihn nicht merken, weil sie hartnäsig sind. »Wer kann das Moschusthier hier in der Nähe sein?« wollte ich schon fragen, als ich es auch bereits entdeckte und mir das Wort im Munde versteinerte. Unsere Köchin war es. Sie saß uns schrägüber an einem Tische mit einem Kommisengel von ungefähr doppelter Feldwebelstatur und sah mich an, als wenn sie sagen wollte: vor der Sonntagsruhe sind wir gleich, da ist das Wirthshaus unser Aller Asyl! Mein Naturgefühl war aufstehen und abgehen; mit dieser Mausefabrikantin dieselbe Karbol- und Menschenluft athmen, das ging über meine Nervenkräfte. Da der Kellner aber schon das Bier gebracht hatte und die Herren die Speisen bestellten, mußte ich mich dem Schicksal beugen. Aber Stunden rinnen, selbst die längsten; einmal schlägt die Nachhausegehuhr doch. Wir ließen kommen, was es gab; der Eine von einem todten Kalb, der Andere von einem todten Schwein, Emmi Frikassee von Huhn für sich und die Kinder und diesem Beispiele folgten Weigelts. Ich nahm einfach ein Paar Jauersche, worin wahrscheinlich todtes Pferd vorwaltete, so daß so ziemlich das gesammte genießbare Thierreich vertreten war. Die kleinen Weigelts trinken ihr Bier wie die Großen, das ist so Mittelstandssitte; der Doktor hält es aber für Kinder schädlich. »Bringen Sie zwei Glas Milch für die Knaben,« sagte Emmi zu dem Kellner. Der entgegnete weder Ja noch Nein, sondern wand sich durch die Gäste hinweg. Nach und nach kam das Essen. Wie es eigentlich war, ließ sich nicht entscheiden, es schmeckte in dieser Atmosphäre alles überein nach Karboldunst und Tabaksrauch. Ich kostete das Frikassee, mein Urtheil war: Krebsbutter von vorjährigem Nierenfett. Onkel Fritz hatte ein Rumpsteak, das nicht zu beißen war. Nachdem er es halb hinter hatte, schob er es weg und rief: »Sonntagsarbeit ist verboten. Kellner, einmal Harzer, aber durchen!« – Herr Kaulmann begnügte sich mit einer Schinkenstulle. »Sag' mal, Mensch, Kaulemännchen, was hast Du?« fragte ihn Onkel Fritz, »Du siehst ja wie der Proppen auf der Essigflasche.« »Wovon soll ich vergnügt sein?« erwiderte Herr Kaulmann, den genauer zu überlegen ich bis jetzt noch nicht genügend Besinnung gehabt hatte. Er ist einer von denen, an die man sich bald gewöhnt: Durchschnittsgröße, daß er fertig aus dem Laden gekleidet werden kann, milder Gesichtsausdruck mit einem verwegen hochgespitzten Schnurrbart darin, offene, braune Augen und das schwarze Haar wie auf neu gebügelt, was nach den Schädelkundigen auf Ordnungssinn deutet und insofern stimmt, als er Vereinskassirer ist, wozu nur ordentliche Leute gebraucht werden können. Außerdem hat er Onkel Fritzens Freundschaft und die würde schon hinreichend bürgen, wenn er sich nicht obendrein mit den Zigarren hilfreich und gut erwiesen hätte. »Wovon Du vergnügt sein sollst?« fragte Onkel Fritz. »Du sollst Dich des Sonntags erfreuen. Prost Kaulemännchen. »Das kann ich nicht,« entgegnete Herr Kaulmann. »Bisher verdiente ich am Sonntage so viel wie in der ganzen übrigen Woche und konnte meinem Hauswirt gerecht werden, und der Steuer und was sonst dran hängt und kam vorwärts. Das ist nun wie mit einem Schlage vorbei. Meine Wohnung muß ich aufgeben, die wird mir zu theuer...« – »Deshalb kam ich eben mit Kaulemännchen,« erklärte Onkel Fritz. »Ihr habt ja in dem Fabrikgebäude die Stuben für den Werkführer, die Ihr nicht gebraucht, die könntet Ihr billig an meinen Freund vermieten, daß er mit seiner Einrichtung zu bleiben weiß, bis die Zeiten wieder besser werden.« »Sie sind möbliert?« fragte ich. – »Vollständig für zwei bis mehrere,« erwiderte Onkel Fritz. »Kaulemännchen wollte heiraten, nettes Mädchen sage ich Dir, Wilhelm, aber er ist nicht so leichtsinnig, daß er die Gefährtin seines Lebens mit in den Geschäftsrückgang hineinschliddern läßt. Denke Dir: Alles parat zum fröhlichen Ehestande – schrumm macht ihm die Sonntagsruhe einen Strich dadurch.« – »Dies ist unerhört,« rief ich, »so etwas kann das Gesetz doch unmöglich wollen. Das ist ja höherer...« – »Wilhelmine,« sagte mein Karl und zwickte mich, »wir sind in einem öffentlichen Lokale, rede Dich nicht vor den Staatsanwalt.« – Mein Mann kennt meinen Schauder vor jeglichem Gerichtlichen; schon ein Referendar macht mich beklommen, obgleich er nur so zu sagen der Stift der Jurisprudenz ist und lange lauern muß, ehe er von oben herab verknacken darf, und seine Warnung bewahrte ich vor Festung oder was darauf steht, denn ich war geladen und das mit Recht. Oder war es etwa besänftigend, daß man in dem Gestank bei dem miserablen Futter sitzen mußte, wo es zu Hause hätte so gemütlich sein können und billiger? Und war Herrn Kaulmanns zerstörtes Glück so gar nichts? Ist er nicht Onkel Fritzens Freund? Und seine Braut? So dicht vor der Kirchenthür und dann mit einem Male zugeklappt und auf Wartezeit gesetzt; das muß ja empören. Aber so ein Staatsanwalt. Ich beherrschte mich und sagte: »Sprechen Sie dieser Tage mit meinem Mann, Herr Kaulemännchen, wenn es irgend geht, sollen Sie die Zimmer haben. Und nun seien Sie vergnügt.« »Das kann ich nicht,« erwiderte Herr Kaulmann. »Wenn ich sehe, wie der Wirt an seine Gäste Zigarren verkauft, so viel sie wollen und ich denke, das ist doch mein Geschäft, aber ich darf nicht am Sonntag, was er darf, dann giebt es mir jedesmal einen Stich.« – »Das habe ich noch nicht bemerkt,« entgegnete ich und sah überzeugungshalber um mich. Dann aber stockte meine Gehirnthätigkeit. »Was hast Du, Wilhelmine. Was starrst Du?« fragte mein Karl. »Siehst Du Gespenster?« »Eier!« Weiter konnte ich nichts hervorbringen. War dies denkbar? Da saß meine Köchin mit dem Grenadier und holte ein Ei nach dem anderen aus ihrer Handtasche und er klopfte sie auf und ließ sie gleiten ohne eine Miene zu verziehen. Meine Eier! Daß ich nicht in Lachkrämpfe verfiel war ein Wunder und auch nicht passend für die Umgebung; nur den Trost hatte ich: gesättigt kriegte sie den Vierschrot nicht mit den Eiern, für dieses Grabmal meiner Sardinen ist eine Mandel bloß ein Kosthappen. Zum Glück fingen weiter hinten in dem Tabaksnebel welche an Radau zu verüben, mit Gelächter und Gelärme, mehr als volkstümlich. – »Schöne Sonntagsruhe!« sagte ich. – »Was willst Du?« lachte Onkel Fritz, »die bezahlen auch ihre Steuern.« – Ich weiß aber wie er es meinte, ich kenne ihn. Er war froh, daß er seine Frau nicht mit hatte. Der Doktor war mit seiner Atzung fertig. »Liebe Schwiegermutter,« redete er, »die Sonntagsruhe ist eine Nothwendigkeit. Sie giebt dem Arbeitenden die erforderliche körperliche und geistige Erholung.« – »Wir erholen uns hier prachtvoll,« höhnte ich. – »Der Mensch muß empfinden, daß ihm bei der Last des Lebens die Lust nicht verkümmert wird, daß er auch sein Vergnügen hat.« »Erlauben Sie,« unterbrach ihn Herr Kaulemännchen lebhaft, »Meine Arbeit ist mein Vergnügen. Ich bin nicht für Landpartien mit vollgestopften Stadtbahnen und überfüllten Kneipen oder Skat bis zum Stumpfsinn, das ist mir mehr Strapaze als die Kunden im Laden bedienen, woran ich meine Freude habe, indem jeder Groschen mein Glück bauen hilft. Und gerade Sonntagsnachmittags blühte das Geschäft. Warum darf der Wirth verkaufen, warum wird dem die Sonntagsruhe nicht auch gegönnt?« – »Das geht einmal nicht anders,« sagte der Doktor. – »Hätt' ich das vorher gewußt, wäre ich Kneipier geworden,« erwiderte Kaulemännchen, »dann könnt' ich das Fett vom Sonntag abschöpfen und heirathen. Wie schrecklich die Feiertage jetzt für mich sind, das vermag ich kaum zu sagen.« »Sie können ja auch in die Kirche gehen,« suchte ich ihn zu beruhigen. – »Das that ich sonst gern, aber was soll ich jetzt darin? Zu danken hab' ich nichts, weil mein Geschäft zurückgeht und bitten nützt nichts, weil Gesetze eben Gesetze bleiben. Es heißt bete und arbeite, aber mir wird das Arbeiten verboten, was soll ich da beten? Und mit Gewalt treibt mich keiner in die Kirche. Wenn ich mich verheirathe: bloß auf dem Standesamt und damit Punktum.« »Herr Kaulemann,« sagte ich, »wenn man vor lauter Gesetz und Recht das Rechte nicht mehr sieht, darf man nicht tücksch mit dem lieben Gott werden. Wer weiß, wie es noch kommt und wie Ihr Leben sich gestaltet? Sehen Sie sich die Stuben erst man an!« – Er seufzte. An dem Tisch nebenan versorgten sich junge Leute mit Zigarren. – Ich seufzte auch; der Soldat klopfte wieder ein Ei auf. Weigelts waren sehr schweigsam. Auguste schien es peinlich zu sein, uns mit der ganzen Familie in der Kneipe zur Last zu fallen und ihm war die Verpflegung sichtlich nicht flott genug. Aber was konnte ich gegen diese Festruhestimmung machen? Emmi hatte wiederholt Milch für die Kinder verlangt, aber sie kam nicht. Schließlich ward der Doktor ärgerlich und fragte fest und bestimmt: »Kellner, wo bleibt die Milch?« – »Hier ist nur Bierwirthschaft,« antwortete der anzüglich, als wenn er sagen wollte: »Kinder geben ja doch kein Trinkgeld.« – In dem Augenblicke als der Doktor eine Anstandsbelehrung für Kellner begann, stürzte unser Portier heran, der Herr Doktor möchten sogleich nach der Frobenstraße kommen, der Bote warte draußen. »Dir hilft alle Lobpreisung der Sonntagsruhe nichts,« sagte Onkel Fritz, »Du mußt an die Arbeit. Kurire Deinen Patienten und dann verklage ihn wegen Sonntagsgesetzübertretung. Wetten, daß ein schneidiger Richter ihn beisteckt?« Der Doktor hatte keine Zeit hinzuhören und da Einer ging, brachen wir Alle auf. Mein Karl berappte; Weigelts konnten die Pferdebahn benutzen, Emmi und die drei Knaben wurden in eine Droschke gepackt. Onkel Fritz und Herr Kaulemann blieben hocken. »Wir feuchten den sündigen Erdenstaub an,« sagte er, »das ist die richtige vom Staat gestattete Sonntagsthätigkeit.« Ich war froh als ich draußen war. Die Luft, der Lärm, die Köchin, die Eier, die grenzenlose Unbehaglichkeit, das lag zentnerschwer auf mir. Und so was mußte man obendrein theuer bezahlen. Dazu über die Bergfeldten nichts erfahren. Die Köchin mußte ich mir morgen angeln. Aber man ist auch hier so gut wie machtlos; läßt man sich hinreißen, wer garantirt für den Richterspruch? »Warum bist Du so still, Alte?« fragte mein Karl besorgt. »Schön war der Abend allerdings nicht.« »Karl, ich philosophire, wie die alte Häuslichkeit vor dem Untergange in der Sonntagsruhe gerettet werden kann. Man muß sich nämlich mit allem möglichen Proviant versehen, eingemachten Dosen, Schiffszwieback, Backobst, Dörrgemüse und was es nur giebt und ich schreibe dazu ein ›kaltes Kochbuch für die Sonntagsruhe‹. Du sollst sehen, dann kann es trotzdem noch einigermaßen wieder gemüthlich werden.«   Eine Aussprache. Vom alten Stelzenkrug und den Folterknechten – Von Pranger und Preßfreiheit – Gebäudeprunk und Ruftis – Von neusteröffneten Café's und dem grau Wollenen – Die Sendung der Professorin und die Bewegung der Atome – Warum Wilhelmine von der theuren Sorte nimmt und um ihren Toast gebracht wird Gelernte Dichter haben das Gemüth der Frau mit dem Weltmeere verglichen, und nicht mit Unrecht. Denn so war mir auch zu Muthe, das heißt wie vor dem Sturm. Wenn ich auf den Grund der Dinge ging, hatte die Philippine Schuld drang ich aber weiter, traf ich die Madame, auf deren Zeugniß ich hineinfiel. Mit dieser einen Ton über die Urkundenfälschung zu reden, hielt ich für nöthig, erstens weil durch solche Dienstbuchführung Treu und Glauben unter den Herrschaften gänzlich in die Brüche gehen und weil zweitens der Mensch ebenso gut Luft haben muß wie eine Trompete, die doch bedeutend unter ihm steht. Da sie sich Professorin Susanne Safratka unterschrieben hatte und in der Kleiststraße wohnte, konnte sie mir nicht entgehen. Mein Feldzugsplan war als wenn der Generalstab geholfen hätte: klingeln, hinein, vorstellen, fragen wie das Mädchen gewesen? Sagt sie gut, ihr sagen »nicht wahr«, sagt sie schlecht, entgegenhalten, daß ihr Zeugniß ein nicht zu entschuldigender Betrug sei, ob sie für den Schaden haften wolle, ob sie mir meine Nerven wieder repariren ließe, ob sie glaubte, zerklüfteter Familienfriede könnte mit Syndetikon geleimt werden und was ich sonst noch für sie im Laden hatte. Die wollt ich anwärmen. Das beste Hinkommen war Stadtbahn vom Alexanderplatz bis zum Zoologischen und dann die Kleiststraße hinterrücks vom Westen überfallen. Unseren Ausgangspunkt zu städtischen Unternehmungen bildet der Alexanderplatz, haben wir den erst zufassen, steht uns ganz Berlin offen. Früher war ja hier auch ein Thor und wo jetzt das große Hotel sich hinqueert, stand damals der Stelzenkrug, wo eine einsame Wirthin und ein armseliger Candidat wohnten, dem sie umsonst Kost und Logis aus reiner Barmherzigkeit gab, weil sie doch wohl wußte, daß sie nie etwas kriegen würde oder sehr klaterig, wenn er in Amt käme. Eines Tages aber lag die Wirtin mit einem Strick erdrosselt im Bette und die Schergen, wie die Schutzmänner derzeit hießen, schlugen den Jüngling in Bande, weil sie Sträfliches bei ihm witterten. In jenen Tagen genügte ein Verdacht, der gar keiner war, um einen Unschuldigen in den Thurm zu bringen und auf die Folter. Wen sie erst darauf hatten, der gestand, und wenn er nicht bekannte, keilte der Henker nach und hielt ihm brennende Lichter in die Achselhöhlen, bis es Blasen gab. Dann sagte er seine schwärzesten Verbrechen her. Aber die Kerzen mußten von den Priestern geweiht sein, sonst hatten sie nicht so viel Peinigungskraft. Der arme Mensch leugnete anfangs und sprach: wie er, ein Beflissener der Gottesgelahrtheit, an seiner Wohlthäterin solche Sünde begehen könnte und rief den Herrn und die himmlischen Heerschaaren als Zeugen an und weinte, daß sie ihn aus der Noth erretteten. Da hielten die Richter ihm vor: er sei ein Schelm, der Speis und Trank mit Teufelslohn bezahlt habe, er solle reumüthig seine Missethat gestehen. Und wieder bat er und flehte und sagte, er wisse von nichts. Da nahmen sie ihn, rissen die Kleider von ihm und streckten ihn auf die Stachelleiter, wo das Blut nur so rann und immer mehr quälten ihn die Knechte, bis er heulte und schrie: ›ich hab's gethan!‹ »Das wußten wir vorher,« sagten die Richter und verurtheilten ihn, daß er von vier Pferden zerrissen werde. Als sei ihn wieder in den Kerker geworfen hatten auf seine elende Schütte Stroh, mit wehen Gliedern und blutenden Schrunden, gefaßt vom Wundfieber und schlaflos vor Schmerz in dem gemißhandelten Leibe, da stöhnte er: »Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?« Und bat: »Vergieb mir meine Sünde, die Hand der Menschen lag zu schwer auf mir, vergieb, vergieb und sei mir gnädig.« Es kam aber kein Engel gegangen, sondern der Scharfrichter ging und sah sich einmal genau den Strick an, der um den Hals der Erdrosselten geschlungen war. Wer ihn dazu veranlaßt hatte, davon steht nichts in der Chronik. »Ei,« sagte der unehrliche Mann ganz ehrlich »den Knoten in dem Strick hat Einer gemacht, der zum Handwerk gehört, solchen Knoten versteht nur der Henker, der einen armen Sünder nach den Regeln der Kunst aufknüpft, den hat der Studente nimmer aus der Bibel schürzen gelernt.« Und dies Wort ging von Mund zu Munde, vom Stelzenkrug bis an das Thor, vom Thor in die Gassen, von Straße zu Straße. Wer es vernommen, trug es weiter, nicht verborgen im Innern, sondern laut auf den Lippen. Er mußte es sagen, er mußte. Und Einer, der es hörte, sprach: ich weiß einen fremden Henkersknecht, der zuzog um Arbeit zu suchen. Den faßten sie und er gestand alsbald ohne Folter, daß er die Wirthin erwürgt, um sie zu berauben. Der Kandidat aber hatte auch zugestanden, daß er es gethan. Da sah das Volk mit Entsetzen, wie das Gericht selber mit seiner Folter einen Unschuldigen zum Schuldigen verkehrt hatte, aber es konnte nicht ändern, was von rechtswegen seit Jahrhunderten für richtig galt, es hatte wohl die Erkenntniß des Unrechts und den Wunsch es abzuschaffen, aber keine Kraft. – Da gingen Männer hin zu Cocceji, der war Rath des Königs und Cocceji ging zum König und sagte ihm, was geschehen und der König verbot die Folter in seinem Lande von nun ab für immer. Den Verurtheilten befahl er sofort aus dem Kerker zu entlassen und seiner zu pflegen. Der sprach: der Herr hat mir geholfen durch meinen König und sprach weiter: habe ich unschuldig gelitten, daß fürder der Menschen Viele vor der Folter bewahrt bleiben, will ich Gott danken und preisen, daß er mich, der Geringsten einen zu seinem Werkzeuge auserwählte. Befiehl ihm Deine Wege, er wird es wohlmachen allezeit.« Diese Geschichte befällt mich fast jedesmal, wenn ich über den Alexanderplatz gehe, obgleich ich nicht mehr weiß, wo ich sie las, aber wahr ist sie, denn Cocceji's Marmorbüste steht noch im Kammergericht in der Lindenstraße. Und die Daumenschrauben sind auch abgeschafft, wie überhaupt jede Tortur. Es geht jetzt alles nur mit Worten, mit Präsidenten und Staatsanwälten, so zu sagen ohne jeglichen Druck und wenn der Fortschritt so weiter zunimmt, kann man auf das Angeklagtwerden zuletzt noch eine Vergnügungssteuer legen. Selbst schon das Kriminal-Backsteinpalais am Alexanderplatz hat etwas Einladendes als Tempel der Verbrecherwelt, wie so leicht keine zweite Stadt aufzuweisen vermag. Ueberall begegnet man in dieser Hinsicht der Zivilisation und genießt mit Ergötzung den Unterschied zwischen der Zeit, in der es Foltergeräth gab und Hexen, Ketzer und Wahn und Aberglauben, und der Jetztzeit, wo Aufklärung herrscht und Anständigkeit. Der Pranger ist abgeschafft und die Preßfreiheit steht in Blüthe und selbst wenn man Einer ein Freibillet für den Armsünderkarren bezahlen wollte: diese Wagenklasse existirt nicht mehr. Wir fahren stets nur Dritter auf der Stadtbahn; die Pferdebahn hat ja auch nur einen Rang. Ich kann jedoch nicht sagen, daß ich es glücklich traf, denn es stürmten noch soviel junge Menschen in das schon ziemlich gefüllte Abtheil, worin ich mich niedergelassen hatte, daß mehrere nur Stehsitz fanden und sich gerade vor mir aufpflanzten. Wenn ich auch zugebe, daß die Stadtbahn nicht zur Betrachtung von Naturschönheiten gebaut worden ist, muß ich doch sagen, daß der mir hier gebotenen Ansicht selbst eine Fahrt durch einen Tunnel vorzuziehen war. Verbittet man sich das... danke für die Antworten, denn auch jetzt unterhielten sich die Bengel so zuchtlos, daß man nicht wußte, wo man mit den Blicken bleiben sollte, die an den dargebotenen Rückansichten durchaus nicht haften wollten. Ich hatte bis jetzt noch nicht die Gelegenheit, mit einer Schaar solcher angehender Ruftis zu fahren und nahm mir vor: von jetzt an nur Zweiter. Es dürfen sich Leute nicht wundern, wenn man sich von ihnen zurückzieht. Nicht Hochmuth und Ueberhebung unserseits ist Schuld daran, sondern die Unmanier und Rüdigkeit ihrerseits. Diese Berührung mit einem recht unsauberen Theile des Volkes trug nicht zur Erhöhung meiner Stimmung bei und selbst der Gebäudeprunk der Kleiststraße prahlte vergebens. Was nützen vergoldete Balkone und die aufgeputztesten Vorderseiten des Hauses, wenn die Gemeinheit der Gesinnung in Stadtbahnwagen über harmlose Fahrende ausgespieen wird, die sich nicht wehren, ja nicht mal beschweren können? Da ist der Gegensatz zu groß zwischen Wohnpalast und Rederoheit. Und auch aufrichtig gesagt: Mir war manches Haus doch zu sehr verarchitekt und vom Gipskonditor verklackst. Etwas Ornament schmückt, aber blos Besatz hat keinen sittlichen Hintergrund. Beim Hausnummernsuchen wird das Urtheil über den Baustil unwillkürlich geweckt; das Resultat ist: was steht, steht und man muß es sich gefallen lassen. Endlich fand ich das Schild: S. Safratka, Professor der mathematischen Elektrizität. – »Das wird auch so ein Mondscheinlichtmacher oder Leitungsdrahtdirektor sein,« dachte ich, »oder er reist mit Nebelbildern, denn das Mathematische ist weniger zum Verdienen, als mehr in Schulen und ziemlich brotlos.« – Ich machte mich auf mindestens vier Treppen gefaßt. Als jedoch die Thürwartin, wie die Portiers jetzt gereinigt heißen, mir den Bescheid giebt, der Herr Professor Wohnten Hochparterre links, stutzte ich natürlich, und wie ich den rothplüschenen Treppenläufer sehe, und das rothseidensammtgepolsterte Treppengeländer und die polirten Stuckwände und das Glasgemäldefenster mit einer in Obst und Blumen schwebenden Badegöttin, und überall vergoldete Tippeln und Streifen, und Nägel und Leisten, überkommt mich das Gefühl, ob Umkehren nicht das Beste sei, da doch in diese Umgebung die von mir ausgearbeitete Ansprache nicht paßte. Hier mußte mehr in Rococco geredet werden und nicht Alexanderplatzisch. Während ich mich langsam hinaufzögerte, besann ich mich. Es war doch höchst interessant, die innere Einrichtung zu sehen, wo schon draußen ein Fürst mit verlorenem Etagenschlüssel, ohne Entwürdigung, übernachten konnte. Und wegen der Philippine mußte ich ein Lippchen riskiren; zum zwecklosen Spazierengehen ist die Zeit zu kostbar. Ich klingelte. Eine Art Zofe machte auf. »Ist die Frau Professorin zu sprechen?« – »Ich weiß nicht.« – »Also ist sie zu Hause.« – »Wen darf ich der gnädigen Frau melden?« – »Hier ist meine Karte und sagen Sie: in einer sehr wichtigen Angelegenheit.« Die Elvira ging hinter und ich durfte mir den Flur betrachten, der jedoch nicht zum Umfallen war, sondern nur einfach. »Aha,« dachte ich, »hier sie die Baugelder alle geworden.« Neugierig war ich aber auf die gnädige Frau. Früher besagte dieser Titel noch etwas, heute kriegt Jede ihn im Fünfzigpfennigbazar zu, die keine Pantinen hat. Sonntags, wenn die Käse-Lehmannen in das neusteröffnete Café geht, um zu sehen, ob es ihren Beifall als Verschönerung der Residenz in Anspruch nehmen darf, wird sie von den Kellnern mit gnädige Frau bedient und das schmeckt ihr, daß sie ordentlich ausleckt und dickes Trinkgeld giebt. Darüber hat sogar die Bergfeldten sich aufgehalten, als sie es erlebte. Aber wenn die andeutet: es wären Andere, denen die gnädige Frau zukäme und auch wie angegossen säße und sich damit meint, ist sie gründlichst in der Rangliste verbiestert. Dazu gehören eben ganz Andere. »Die gnädige Frau ließen bitten.« Ich wollte doch, ich hätte mein schwarz Ripsenes angehabt, als ich eintrat, denn mein grau Wollenes, das bei schlechtem Wetter zur Markthalle gut genug ist und es für simple Professoren ebenfalls gethan hätte, fiel in dieser Umgebung ab. Das war Alles wie frisch aus dem Gewerbemuseum: geschnitzte Stühle, jeder verschieden, riesenhafte Vasen mit unheimischen Gewächsen, Teppiche auf dem Fußboden, Teppiche an der Wand, Teppiche auf dem Tisch in zaubervollen Farbenmustern, dazu große Oelgemälde und Broncefiguren. Das sah man: die Leute hatten was und neuesten Geschmack dazu. Ich machte eine Verbeugung und wollte beginnen, aber meine Beredsamkeit war wie angebackt. Das Amöblemang hatte mich überwältigt. Was nun die Professorin war, kam auf mich zugegangen und sagte mit sanfter Stimme: »Sie sind Frau Wilhelmine Buchholz, nicht wahr? Mir sehr willkommen. Bitte, nehmen Sie Platz.« Während sie so sprach, geleitete sie mich an das Sopha: rothbrauner Damaststoff, mit orientalischen Goldarabesken gestickt, förmlich zu schade zum Daraufsitzen und ein Abstand zu meiner eigens ausgesuchten zweiten Garnitur, daß ich nicht an mir selber herabsehen mochte, als ich saß. Und die theuren feinen Sachen hingen unverwendet zu Hause im Spinde. Aber woran lag das? Weil die Lene von ihrer letzten Herrschaft immer blos als plundriger Gesellschaft erzählte, so lange wir anfangs noch harmonirten. »Frau Professorin hatte ein Mädchen,« begann ich, »eine Magdalene...« »Ich mußte sie entlassen,« nahm die gnädige Frau mir das Wort ab, »sie hatte mehr Fehler, als ich ertragen konnte.« »Eben deshalb,« sagte ich und kriegte Oberwasser, »gerade deshalb erlaube ich mir, hier zu erscheinen. Ich miethete die Person im Vertrauen auf das gute Zeugniß, das Frau Professorin ihr ausgestellt haben, muß aber ehrlich gestehen, daß es der Wirklichkeit sehr wenig entspricht...« »O doch,« unterbrach sie mich milde, »ich habe nur die guten Seiten des Mädchens betont. Die schwachen anzuführen widerspricht dem Gebote der allgemeinen Menschenliebe. Ich bin auch überzeugt, daß sie ihre Fehler ablegen wird...« »Ich nicht,« redete ich dazwischen, »in der sticht es drin und kommt nie und nimmer heraus. Das ist wie mit den Gurken, bei einer durch und durch bittern hilft kein Schälen und kein Kürzerschneiden.« »Der Mensch aber ist der Liebe zugänglich. Man muß den Strauchelnden gelinde zureden, sie kräftigen im Guten. Man muß Toleranz üben, sie leiten und lehren, ihnen die rechten Wege zeigen.« Obgleich die neben mir Sitzende in dem kremfarbenen seidenen Morgenrocke, auf dem ich zu meiner Beruhigung ein ganz Theil älterer und neuerer Kaffeeflecke entdeckte, eine gnädige Frau Professorin war, konnte ich doch nicht umhin, mir die Gegenbemerkung zu gestatten: »Warum haben Frau Professorin denn die Lene nicht behalten und zu einem Musterexemplar zurechtmodellirt? An der war massenweis auszubessern.« Sie sah mich gütig an. »Mit den Details gebe ich mich nicht ab, mein Streben ist auf das Ganze gerichtet, und damit ich ungehindert wirken kann, müssen hemmende Einflüsse mir fern bleiben. So fasse ich meine Sendung auf und den Beweis dafür sehe ich darin, daß mir Glücksgüter ausreichend zu Theil wurden und keine materielle Sorgen die Schwingen des Geistes beschweren.« »Ihr Herr Gemahl verdient wohl sehr bedeutend?« fragte ich und warf einen Rundblick auf die Sehenswürdigkeiten des Zimmers. »Meinem Mann fehlt der Sinn für das Praktische, aber hat ein Gelehrter, wenn er Doktor ist, nicht Anspruch auf eine reiche Frau? Das Geld erleichtert ihm die Carriere, er kann seine ganze Kraft zur Erreichung seiner Ziele einsetzen, während ungünstig Situirte erst für das Materielle sorgen müssen, ehe sie an die Lösung wissenschaftlicher Probleme gehen können. Mein Mann wurde Professor, weil er geradezu Hervorragendes leistet.« »Dann wird das elektrische Licht nächstens wohl billiger?« »Mein Mann arbeitet nur theoretisch; die streng mathematische Behandlung der elektrischen Erscheinungen ist sein Fach. Er berechnet die Wellenlängen der Aetherschwingungen und die Bewegung der Atome.« »Sie haben Bewegung?« fragte ich ungläubig. »Sowohl im Einzelnen, wie im Universellen,« belehrte sie mich eingehend. »Das ganze Weltall besteht aus Atomen, ohne sie ist nichts Seiendes, ohne sie nichts Festes, Flüssiges, Kaltes und Warmes, ohne sie das Urnichts. Und mein Mann berechnet sie.« »Sonderbar,« entgegnete ich. »Man sagt wohl mal Atom, aber man denkt sich doch nichts dabei.« »Das ist das Unglück der Menschheit, sie denkt nicht. Sobald wir nachdenken, treten uns alle großen Fragen entgegen, die Fragen der Zeit. Die Atome sind unleugbar, mein Mann ist ja eben durch sie Professor geworden und sie werden seinen Ruhm ungeahnt erhöhen, was aber noch Niemand gewiß weiß, das ist das geistige Prinzip, das Seelische. Selbst mein Mann sagt ignoramus. Und mir sagt mein Gefühl, wo Atome sind, ist auch geistige Kraft, also ist sie.« »Gerne möglich,« stimmte ich ihr zu. »Wir dürfen sie nicht verneinen, ohne sie verfällt die menschliche Gesellschaft dem Materialismus, alle Bande frommer Scheu werden zerrissen, entsetzliche Leidenschaften äußern sich ohne Halt, der Unterschied der Stände hört auf, der Haß wird geschürt, wer ist sicher gegen zügellose Gewalt? Was haben wir nicht schon erlebt? Was kann noch Alles kommen?« »Roher werden die Menschen,« pflichtete ich bei, aber aus Schicklichkeitsgründen verschwieg ich meine kurz vorher gemachten Stadtbahnkupee-Erfahrungen dritter Klasse. »Viel liegt mit an der Erziehung.« »Es mangelt der Menschheit an Ethik,« rief sie lebhaft, und sprang auf. »Wir Alle, Alle müssen daran arbeiten, daß Jeder, auch der Aermste, von den Prinzipien der Ethik durchdrungen werde. Dann beginnt das Zeitalter der Toleranz, der Humanität, dann bricht der allgemeine Weltfriede herein und jeder trägt sein Loos ohne zu murren. Ach wird das schön werden.« Sie sah recht niedlich aus in ihrem Eifer, mit blanken braunen Augen und üppigem, kastanienfarbigem Haar, wie sie sich im Voraus auf eine gänzlich zum Guten umgekrempelte Menschheit freute. So leid es mir that, mußte ich doch ihre Illusionen abkürzen, indem ich der Wahrheit gemäß einwarf: »Es giebt nur zu viel Pöbel.« »Man muß bessern. Auch sie, liebe Frau Buchholz, könnten unendlich fördern, aber leider... leider fehlt es Ihren Schriften an Ethik.« »Ich habe wohl von Ethik gehört, aber gehabt noch nicht. Können Sie mir schlankweg sagen, was es ist?« »Nein, wie wäre das möglich? Dazu bedarf es des Studiums, der ganzen Hingabe, der Hauptzweck ist jedoch eine höhere Auffassung des Lebens, des Daseins, der ganzen Welt zu erstreben. Treten Sie unserm Bunde bei, dem »Verein zur Verbreitung ethischer Prinzipien«, wir besuchen die Vorlesungen gemeinschaftlich, Sie erhalten sämmtliche Druckschriften des Vereins, der Beitrag ist ja so gering zur Großartigkeit der Sache, nur acht Mark das ganze Jahr zu vier Quartalen gerechnet und zwei Mark Eintrittsgeld, und fünfzig Pfennig für die himmelblaue Vereinsschleife, links am Halskragen zu tragen.« Sie ging an den Schreibtisch, kramte herum und kam mit einer Karte und einer blauen Schleife zu mir. »So,« sagte sie, »hier schreiben Sie Ihren Namen hin und wenn Sie die zehn Mark fünfzig erlegt haben, sind Sie Mitglied unsers Vereins mit seinen hochedlen Zwecken. Oder sind Ihnen zehn Mark fünfzig zu viel? Wir haben auch außerordentliche Mitglieder zu drei Mark das Jahr, aber ohne Schleife. Dazu würde ich Ihnen jedoch nicht rathen.« Bei diesen Worten taxierte sie meinen Anzug mit eingehenden Blicken, als ob ich mich wohl sehr nach den allgemeinen Geschäftszeiten kleiden müßte. Das verdroß mich. Zum Glück hatte ich kein mageres Portmonnai bei mir und sagte, indem ich es auf den Tisch legte und breit aufmachte: »Geben Sie mir nur von der theureren Sorte. Knickern hat die Buchholz nicht gelernt.« Als ich unterschrieben und bezahlt hatte, war die Professorin seelenvergnügt. »Die Vorlesungen sind auf der Rückseite der Karte verzeichnet, Sie dürfen keine versäumen. Und noch eins, ehe Sie gehen. Werben Sie fleißig Mitglieder für den Verein, von jeder Mark, die Sie einliefern, werden Ihnen fünfundzwanzig Pfennig baar zurückgezahlt.« »Der Verein gefällt mir,« antwortete ich, »bei dem ist ja etwas zu verdienen. Das gehe ich mir mal mit anhören.« »Wie gerne plauderte ich noch mit Ihnen, allein ich muß in eine Comiteesitzung,« sagte die Professorin. »Auf Wiedersehen, meine liebe Frau Buchholz, auf Wiedersehen, wenn nicht anders, dann in der nächsten Vorlesung. Adieu, meine liebe Vereinsgenossin, Adieu!« – Ich war außerhalb der Wohnung verfügt, ich wußte nicht wie? Um den Toast, den ich halten wollte, war ich herumgekommen, statt dessen stand ich in der Kleiststraße und war für zehn Mark fünfzig Vereinsmitglied geworden. Und wie viel hatte ich zu sagen gehabt. Aber die besten Sätze fallen einem erst ein, wenn man die Thür von draußen zugemacht hat. Auf die Ethik war ich sehr gespannt. Jedoch so viel steht fest, wenn sie eben so ist wie das Gesabber der Professorin, dann lieber einen ganzen Tag vor Johanni Carussel fahren. Viel düsiger kann man dabei auch nicht werden.   Das Kind der Haide. Vom Mühlendamm als Phönix und dem wehklagenden Holz – Vom kleinen Ferdinand und dem rothen F. – Wer Herr Sieber ist und von Hemden mit gründurchzogenen Kanten – Warum das Individuum aufhören soll und Wilhelmine Tonart redet – Warum Naue kein Verräther wird und die Stufen Zuwachs kriegen Liefe das menschliche Leben auf Schienen, wäre es leicht, nicht nur glatt, sondern auch zur rechten Zeit seine Ziele zu erreichen. Da aber das Bahnwesen verhältnißmäßig spät nach der Erschaffung der Welt erfunden wurde, muß man mit Hindernissen kämpfen, so oft man vorwärts will. Diese Idee kam mir, als ich, um nach der Skalitzerstraße zu fahren, in den entgegengesetzten Pferdebahnwagen gestiegen war, wodurch ein Groschen, reichlich zwanzig Minuten und meinerseitige Lobpreisungen der modernsten Errungenschaften verloren gingen. Pferdebahnen sind eben Errungenschaften, wenn sie auch nicht überall durchdürfen, aber es sind ihrer so verschiedene, daß man sie nicht genau merken kann, wenn eine Sondertour unternommen wird und selbst der Geübte sich versieht. Der Fehler großer Städte ist eben die Zuvielheit. Emmi hatte mir allerlei ältere Ober- und Unterkleidungsstücke von Fritz und Franz gegeben, die dem kleinen Knaben passen mochten, den ich in der Hasenhaide mit dem Thor spielen sah. Auch Betti gab von ihrem Aeltesten her, wo er herausgewachsen ist, so daß ich ein handliches Bündelchen hatte, und wer mich nicht kannte, in mir eine reisende Theilhaberin eines Mühlendammer Geschäfts vermuthen konnte. Aber der Mühlendamm ist nicht mehr. Spätere Geschlechter werden nicht verstehen, wie man bei einem nicht gut mehr gehenden Paletot zum Beispiel scherzend fragen konnte: »der ist wohl neu vom Mühlendamm?« Denn aus den alten Kleiderläden hat er sich wie ein Phönix hervorgeschwungen: Alles frisch lackiert und gepflastert und dem Brückenoffizier eine Burg hingebaut, daß er sich in weihevollen Stunden für einen Seeraubritter halten kann. Die Skalitzer-Straße ist durchweg mehr nutzbringend für Hauswirthe als zum Vergnügen der Bewohner, wenn man die aufgethürmten Stockwerke betrachtet, so egal und so lang, lang weg. Und die vielen Kinder, die aus den Thorwegen auf die Straße krabbeln. Jedes Gebäude ist wie ein Bienenstock, da schwärmen sie ein und aus, mit und ohne Fußzeug. Die Baarbeinigkeit herrschte ziemlich vor als ich den Bürgersteig längs schritt. Sie spielten, und lärmten und flitzten mit den Spatzen um die Wette, sie rannten über den Fahrdamm, dicht an den Pferdebahnwagen vorbei. Klingelt der Kutscher, laufen sie erst recht, droht er mit der Peitsche, lachen sie ihn aus, und schlagen darf er nicht. Denn auf Mißhandlung steht Untersuchung. Wo sollen die Kleinen auch anders hin als auf die Straße? Ein wahres Wunder, daß nicht mehr von Schlächter- und Bierwagen übergefahren werden als geschieht; sie sind aber auch flink wie die Wanzen. Die Kinder thaten mir nichts, weil sie wohl annahmen, ich ginge mit meinem Pack hausiren; als ich jedoch in den Thorweg einbiegen wollte und sie mich neugierig umringten, ward mir allerdings etwas sonderbar. Ich begab mich ganz allein unter wildfremde Menschen und der Mann, der aus dem Wurstfettkeller zusah, machte auch ein Gesicht: »was will denn die Person?« Und ich mußte auf den dritten Hof, ganz hinten hin, durch die Quergebäude, die in ihren grauen, rahmstreifigen Wänden eine Menge kleiner Löcher hatten. Das waren die Fenster, aus denen die Armuth heraussah – und eine größere Oeffnung, das war die Einfahrt, durch die die Armuth zu den Fenstern hingelangt und der Müllwagen fährt und der Leichenwagen. Andere Karossen kommen dort nicht vor, es sei denn, daß Hochzeit gemacht wird. Dann müssen sie eine Kutsche haben und alle Nachbarn sehen aus den Fensterlöchern zu. Ich fragte eines der größeren Mädchen: »Kannst Du mir sagen, wo Frau Naue wohnt?« – Nee, antwortete es. »Sie wohnt aber hier, dritter Hof gerade aus, fünf Treppen links.« – »Ach so, de Nauen soll et sind. Ja, die weeß ick, kommen Selbst man mit. Selbst nennen selbst immer de Arganisten, indem ihr Mann Strike studiren thut und der Schlafbursche bei de Arganisten jejangen is.« Ob ich umkehrte? Wo doch. Ein Kund schnabbert sich was zusammen. Die Frau war zwar nicht freundlich, aber doch ordentlich. Nur munter. Im ersten Quergebäude war eine Maschinentischlerei, wir hörten die Bretter kreischen, wie die Sägen sich durchfraßen; die Thüren standen offen und Sägespäne wehten auf den Hof. Den ganzen Tag wehklagt das Holz von früh bis spät, so lange die Dampfmaschine geht, die in einem weg buff, buff macht, als bliese sie oben aus dem Rohr jedesmal ein Stück von der Arbeitszeit gegen den Himmel und von dem Arbeitseinerlei, bis von dem Tag nichts übrig geblieben ist als der Abend. Auf dem zweiten Hofe war zu ebener Erde ringsum allerlei Betrieb, wie es schien meistens gröbere Arbeit, wegen des knappen Lichtes, das bei Bewölkung wie heute, sich nur als Dämmerung zu erkennen gab. Es war ja alles ziemlich sauber gehalten und aufgeräumt, so daß man auf einen klobigen Vicewirth schließen konnte, aber damit war die trübselige Nothdürftigkeit nicht beseitigt, die als elende Farbe an Fenstern und Thüren saß, die billigen Treppen abgetreten hatte und an allen Ecken und Kanten nach Reparatur japste. Und kein grünes Blatt für das Auge, nur Hof und Wohnung. »Ihre Puste is de Treppen wol nich jewohne?« fragte das Mädchen, beim Hinaufklimmen im dritten Hof-Quergebäude, als ich so ungefähr beim achten Absatz mich an dem knackenden Geländer festhielt und Luft schöpfte. Es that mir jedoch weniger das Steigen an als der Armeleute-Dunst, der sich von allen Stockwerken hier oben eine Zusammenkunft gab, so eine gebrauchte Luft, wie zu Atmosphäre gewordenes Aufwaschwasser. »Wir müssen noch weiter ruf,« trieb die Kleine an. Je höher wir kamen, um so heller wurde es, weil wir uns dem Dachfenster näherten. Endlich warnen wir oben. »Hier links den Jang lang,« sagte das Mädchen und deutete in einen dunklen Seitenflur hinein: »De fünfte Dhire rechts, da kloppen Se man.« »Ich danke dir, mein Kind.« »Nich mehr wie jerne jeschehen,« rief sie und sprang die Treppen hinunter. Ein liebes kleines Wesen. Ich tappte mich an den Thüren entlang. Die fünfte war die letzte. Auf mein Klopfen keine Antwort. Ich pochte noch einmal. Stärker, noch stärker. Da hörte ich drinnen sich's regen. »Ich bin es!« rief ich. »Machen Sie nur auf, Frau Naue. Ich bringe Ihnen etwas.« Nach einer Weile wurde ein Riegel zurückgeschoben und die Thür vorsichtig geöffnet. Es war die Frau aus der Hasenhaide. »Ach Sie sinn't?« sagte sie verlegen, als sie meiner ansichtig ward. »Bitte, kommen Se rin.« »Wo ist denn der Junge?« fragte ich. »Da ist er ja. Wie heißt er denn?« – »Fernand.« – »Ein hübscher Name.« – »Wir ham'n so nach Lassall'n jenannt.« – »Hm,« sagte ich vor mich hin. »Liebe Frau Naue,« fing ich an, da sie es vorzog, sich unterhalten zu lassen, »ich habe so Verschiedenes für den Kleinen. Ich hoffe, es paßt ihm. Wenn nicht, legen wir es ein, denn es ist eher zu völlig als zu eng.« Dabei schnürte ich das Bündel auf und packte die Sachen auf dem Tisch aus. Der Tisch stand an dem einzigen Fenster, davor ein Stuhl und noch ein Stuhl zur Seite; das dritte Sitzmöbel war ein hölzerner Schemel, worauf gerade einige umgestülpte Teller und Kochtöpfe ausleckten. In er Ecke ein kleiner Kastenofen diente gleichzeitig als Heerd und war zu diesem Zwecke mit Ringen eingerichtet; das eiserne Knierohr ging hoch oben durch die Wand, an der eine Sechsertapete theilweise in Lappen herunterhing, weil in dem Kochbrasen der Kleister wohl aufgeweicht war, falls sie jemals welchen gesehen hatte. Ueber dem Herd war die Decke schwarz geblaakt, nach dem Fenster zu tönte sie mehr ins Gelbliche, wie mit einem Besen gestrichelt. An der einen Seite stand eine kieferne Holzbettstelle, an der anderen eine schmale eiserne, ordentlich aufgemacht beide, aber fast ohne Weißzeug, mit bunten Ueberzügen, denen nicht so leicht anzusehen ist, ob sie eine oder mehrere Wäschen überschlagen haben. Da die Frau durchaus keine Anstalten machte, nahm ich den Jungen auf den Schooß und pellte ihn aus: ein dünnes Röckchen und ein Hemdchen, das war Alles, was er anhatte, wenn man die Löcher in den Strümpfen nicht mitrechnete. Das Mitgebrachte saß wie nach Maaß und im Handumdrehen sah der Kleine reizend aus in dem marineblauen, mit weißer Litze besetzten Knabenkleidchen, dazu schwarz und weiße Ringelstrümpfchen und eine Matrosenmütze mit langen Wehbändern. Vorne dran war für Franz mit Seide ein rothes F gestickt zum Unterschied zum Fritz der grün hat. Das eignete sich für Ferdinand wie bestellt, da er sich auch mit einem F anfängt und roth hier ihre Gesinnungsfarbe ist. Frau Naue war stumm; sie sah nur immer ihren Jungen an, als wenn er es gar nicht wäre; ihre Augen glänzten, ihr Busen hob und senkte sich in Erregung, ihre Lippen öffneten sich, als wollte Freude hinaus, aber sie sprach kein Wort. Der Kleine lief auf sie zu mit erhobenen Aermchen; sie nahm ihn und küßte ihn und küßte ihn. Sie gab ihm der ärmsten Mutter reichste Gabe, alle ihre Liebe im seligsten Kusse. »Das Uebrige hier ist für den Zuwachs,« sagte ich, auf die größeren Kleidungsstücke deutend. »Verwarten Sie's ihm. Sie sollen sehen, was das erst für ein Kerlchen in Hosen ist.« Das Bischen Sonnenschein verschwand aus dem Gesicht der Frau, es ward wieder so kummereingefroren wie vorher. »De Hosen kricht er nich an,« sagte sie, »und det Röckchen ooch nich. Und dies Zeich behält er ooch nich. Ziehn' Se't ihn man widder aus und nehmen Se't an sich.« »Aber, Frau!« »Ziehn Se't ihn aus. Ick kann't nich.« »Sehen Sie doch, wie der Junge sich freut.« »Sie hätten't ihn nich anziehn soll'n.« »Ich verstehe Sie nicht...« »Nu wird'n 't Herz jroß, nu er't widder herjeben muß,« sagte sie bitter. »Muß? Unsinn, was ihm geschenkt ist, behält er.« »Er dürf nich.« »Wer will ihm das verbieten?« »Sein Vater.« »Der eigene Vater? Mich dünkt, wenn der Vater seinem Jungen nicht mal ein Unterjäckchen anschafft, soll er froh sein, wenn Jemand ihn von Kopf zu Fuß kleidet, daß er aussieht wie ein kleiner Prinz.« Die Mutter blickte den Knaben zärtlich an. »Et läßt ihn reizend schön... Aber er dürf donnich.« »Sein Vater wird's schon zugeben, wenn er ihn so sieht.« Die Frau seufzte. »Möglich sein könnt' et sind, dett er't dhäte, aber Herr Sieber leid't nich. Ne, der leid't nich.« »Wer ist der Herr Sieber?« »Unser Schlafbursche.« »Wo haben Sie denn den zu logiren?« »Da.« »Wo?« Die Frau nickte mit dem Kopfe nach der Wandseite hin, wo die eiserne Bettstelle stand. Ich versuchte dort eine Thür zu entdecken, allein es gelang mit mir angestrengtester Sehschärfe nichts weiter vorzufinden, als die Bildnisse von Bebel, Liebknecht und Singer, eingerahmt an der Wand und mit rothen Schleifen umstochen. Für die waren Groschen vorhanden, fünf Pfennig Stopfwolle zu Nanteken seinen Strümpfen konnten jedoch nicht herabgerückt werden. Mich übergrauste eine Ahnung, aber der Unglaublichkeit wegen fragte ich noch einmal: »Da neben an?« »Wir haben man blos diese Stube.« »Weiter nichts? – Keine Küche? – Keine Kammer?« Die Frau schüttelte mit dem Kopfe, so oft ich fragte. »Und Ihr Schlafbursche wohnt da in dem Bett?« Sie nickte zustimmend. »Und sie und Ihr Mann?« Sie nickkopfte nach der andern Bettstelle hin. »Und Nante?« »Uf de Erde.« In dem Winkel neben dem Bette stand eine Ruine von einem Korbe mit einem Kissen darin und halb mit einem verschossenen, schwarz und lilla karrirten Umschlagetuch bedeckt. Mit einiger Phantasie konnte man die Gesammtzusammenstellung für ein Kinderbett halten. «Das geht doch nicht. Sie müssen eine andere Wohnung haben.« »Wir jeben hier schonst Miethe jenug. Ohne de Schlafstelle wüßte ick nu mal jarnich, wie wir't machen sollten. Wir müssen ebend vermiethen, sonst schmeißt der Wirth uns raus. Vor den haben se Alle Bange.« »Verdient Ihr Mann denn nicht soviel, daß Sie eine Stube für sich allein haben? Scheniren Sie sich denn vor dem Fremden nicht?« »Weil ick so jar nischt anders an- und auszuziehn hab' als jeden Dag dieselben Lappen, muß ick mir ja mit mein Zeig schämen. Aber't kommen andere Zeiten; so jeht' et nich länger. Denn wohnen wir vorne raus un ick hab' eben so jut ne Frisöse, wie de Vicen, un Hemden, de Kanten jrien durchjezogen. Denn brauch ick mir nich mehr scheniren. Wat ick mir jetzt quäle is blos'n Uebergang; wir halten't aus. Det Schlimmste is bald überstanden.« »Haben Sie denn stets in solcher Entbehrung gelebt? Haben Sie nie bessere Tage gesehen?« »O ja, vor den ersten Strike, da kamen wir janz jut weiter, da wohnten wir in die Köpenickerstraße, Stube, Kammer und Küche freundlich jelegen, mit Aussicht in'n Jarten. Da legten selbst de Arbeet nieder un't Wochenjeld wurde knapp, bis et nischt mehr aus de Kasse jab. Da mußten wir bei Peten dragen, wat nich jrade zun druf sitzen war oder druf zu liejen, un da is mein jutet Kleid noch, wenn überhaupt de Motten 'n Fussel ibrig jelassen haben, indem't schon lange her is. Von die Zeit an sinn wir ejal weg in'n Rückstand. Un kommen ooch nich raus.« »Das sollte doch möglich sein.« »Nee. Wenn der Verdienst mal in'n Jange is, un bein Budiker is et ziemlich jlatt: jleich machen selbst widder Strike.« »Reden Sie Ihrem Mann doch zur Vernunft.« »Strike muß sind; je mehr Strike, um so eher kommt der Umsturz, sagt Herr Sieber.« »Wie viel besser könnten Sie leben, wenn Ihr Mann regulär arbeitete. Er hat doch genügend erfahren, daß das Arbeitniederlegen ihm keinen Nutzen bringt. Warum streikt er denn immer wieder?« »Er muß. Sieber hat sonne Kräfte. Wer den Strike bricht, den mischen se wat uf. Wat jlooben Sie, wat Sieber sich dafor kooft, Eenen lebenslänglich zu'n Krippel zu verhauen? Un davor bedankt sich mein Mann, da strikt er lieber.« »Das ist ja Tyrannei,« rief ich. Die harten Züge der Frau überflog ein Lächeln hämischer Verachtung. »Die Buschoa's sinn de Tyrannen« entgegnete sie. »Die mästen sich vom Schweiß der Proletarier. Aber der Kampf ums Dasein jeht machtvoll vorwärts, und et siegt unser Panier.« – Immer lauter wurde ihre Stimme, immer harscher, und ihre Augen begannen stechend zu leuchten. »Uf unsere Seite is de Wissenschaft, uns jehört de Zukunft. Nieder mit die Pfaffen, nieder mit die Kirchen, nieder mit'n Staat, nieder mit de Hauswirthe. Das Individuum muß ufhören. Wir wollen ooch mal rejieren, denn haben wir so ville Jeld, dett wir't nich ausjeben können. So muß et kommen.« Ich schwieg. Was sollte ich darauf antworten? Die Redensarten, die sie vorbrachte, waren mir nicht neu, ich kannte sie aus den Berichten unserer Zeitung über Versammlungen. Die Frau hatte sie behalten wie ein Löschblatt auch nur die Tinte von den dicksten Strichen. Es waren lauter Kleckse ohne Sinn drin. Der kleine Ferdinand sah mit den hellen blauen Augen zu seiner Mutter auf, als verstände er, was sie predigte. Jetzt verstand er es noch nicht, aber er wird es ihr nachlallen als ein Gebet des Hasses, nicht wie das Gebet der Liebe, das ich noch weiß von meiner Mutter her. – Arm Kindlein! Die Frau eines Besseren überzeugen konnte ich nicht, der Umsturz saß bei ihr schon zu fest, und da sie sich in Hitze geredet hatte, sah ich nicht die Erforderlichkeit ein, sie durch Gegenbeweise noch mehr anzuschüren. Wer Petroleum in den Herd gießt, explodiert selber mit. Um sie von den Krawallreden abzubringen fragte ich: »Wo ist denn dem Kleinen sein Wägelchen, daß er damit spielt? Für Politik hat er wohl noch nicht den nöthigen Grips.« »Den Wagen?« stotterte sie und ward verlegen. »Den Wagen hat er nich mehr.« »Schon kaput? Da müssen wir wohl für einen fester gebauten sorgen?« »Nee, nich,« rief die Frau rasch. »Sieber leid't nich. Sieber nimmt'n un knallt'n anzwee mit'n Fuß. Een Tritt un Jrus war er.« »Das dulden Sie?« »Wir nehmen nischt von die Burschoa's, wir ham'n keene Almosen nich neethig. Wenn't Kind jroß is, holt et sich sein Recht, denn holt et sich sein Eigenthum, wat de Burschoa's ihn jestohlen haben, denn hat et Allens, was et nur jiebt. Die Jeschenke von die Burschoas, dett selbst aus Angst man nischt nich jeschieht, die weisen wir zurück, wir wollen det Janze.« Ich war empört, und länger hielt ich nicht an mich. Der mußte ich in einer verständlichen Tonart kommen. »Wat Sie da reden ist Kaff,« sagte ich und stand auf. »Das Kund hat seine Freude an dem Wägelchen, das ich ihm schenke aus lauter Gutherzigkeit, weil es nischt zu spielen hatte, als das eiserne Thor und Sie sagen, ich hätt's aus Furcht gethan? Nee Frau, da kennen Sie die Buchholzen schlecht. Aus Mitleid war's mit dem Würmeken, das nischt auf sich und nischt in sich hatte, wo alle Leute dem Kleinen Platz machten, daß sie sein bißchen Vergnügen nicht störten. Und unter all den Leuten ist Einer in Berlin, der nimmt dem Kinde seine Lust und tritt sie entzwei, und Sie leiden das! Sie, die Mutter! Hat's Kind denn nicht geweint? Sagen Sie, hat es? – Sehen Sie, Sie schweigen. – Wenns groß wird, sagen Sie. Ja, wer verbürgt Ihnen, daß es groß wird, da Sie es darben lassen, es nichts anzuziehen hat, auf der Erde schlafen muß und ihm sein kleines Spielzeug in Rüdigkeit zertreten wird? Wenn es dann vor Gottes Thron klagt: »Ich hatte auf Erden keine Freude, meine Mutter ließ sie mir nehmen,« wie wollen Sie sich da verantworten? Und wächst es heran, haben Sie es zum wilden Thier erzogen, wer weiß, ob sein Dank dafür nicht ein Fluch ist?« Sie hörte nicht mehr. Sei war zu Boden gestürzt und hatte das Kund unter sich gezogen, es mit dem eigenen Leibe zu schützen und blickte angstlauernd um sich, als drohte wo ein Unsichtbares, es zu ergreifen. »Und wenn er stirbt,« rief sie heiser, »denn kenn ick mir nich mehr. Denn sollen die et büßen die Schuld an Noth und Armuth sinn, die sollen't büßen, die sollen't büßen!« Der Kleine schrie, das Ungestüm der Mutter hatte ihn erschreckt. Sie umschlang ihn und beruhigte ihn mit Schmeichelworten und sanftem Kosen. »Du verklagst mir nich,« flüsterte sie, »Du nich, mein Nante, mein Nante, mein Nante!« Plötzlich richtete sie den Kopf horchend auf. »Die Tischler machen Schicht,« sagte sie, »der Dampf jeht nich mehr. Wenn Se nu zu Hause jingen, wär't besser, als wenn Sieber Se hier treffen dhäte. Ihnen bin ick nich beese, Sie sind'n ooch jut, den Fernand. Ick wer't Zeig verstechen vor Sieberten.« »Kündigen Sie'n doch!« »Et jeht nich, um de Miethe.« »Wozu haben Sie denn Ihren Mann?« »Der wird nich zum Verräther an de Sache. Der is in de Destille un macht Strike.« »Es thut mir leid, liebe Frau, daß ich Ihnen so gar nicht helfen kann,« sagte ich. »Für den Kleinen hätte ich gern gesorgt. Aber Sie wollen ja nicht.« »Wir helfen uns schonst selber. Alle für Eenen, Eener für Alle. Unsere Stunde schlägt.« »Adje, Nante.« Er gab mir die Hand, als ich ihm die meine bot, und sah mich fragend mit den blauen Augen an, in die ich forschend blickte, ob ich wohl auf den Grund seiner Seele sehen könnte. Dann lächelte er, als ich ihm wehmüthig zulächelte. Wer weiß, ob ich diese Augen je wieder sehe, und wenn – was dann aus ihnen spricht? Oben, dicht vor der Treppe, sagte die Frau leise: »Bemühen Madame sich hier nich widder ruff. Et war sehr ehrenwerth, un Nante wird Sie't jedenken, aber Se sinn nu doch mal 'ne Buschoa.« »Ich werde Sie nicht wieder in die Verlegenheit bringen,« sagte ich kurz und stieg abwärts in das feuchtmuffige Düster der Treppe hinein; mir war, als hätten die Stufen mittlerweile Zuwachs gekriegt, so sehnte ich mich hinaus. In dem Thorweg begegnete ich einem jungen Menschen, dem die spielenden Kinder aus dem Wege wichen. Er sah mich an; ich fürchtete mich vor ihm. Die Ballonmütze, das rothe Halstuch ohne Wäsche, waren nicht das Schreckhafte, auch nicht die fein gefetteten Haare, die flach an den Schläfen lagen, aber die dünnen Lippen, die vortretenden Backenknochen und die grauen Augen unter der bösgefalteten Stirn, die waren schlimm. Er war noch jung, noch bartlos, aber schon der Welt so gram. Das begriff ich: so Einer läßt nicht mit sich reden, der haut und sticht. Als ich Athem schöpfend auf dem Bürgersteig stand und mir die freie Straße mit Menschen, mit Wagen und Pferdebahn, wie überirdisches Gefilde vorkam, machte sich die kleine Führerin an mich heran und sagte vertraulich: »Det war die Nauen ihr Arganist.« »Das ist er,« entgegnete ich ohne weiteres Nachdenken. Allerdings wußte ich, daß er es war, nur wußte ich es unbewußt. Ich gab dem Mädchen einen Nickel. »Kauf Dir was dafür, mein Kind.« »Den jeb' ick meine Mutter,« rief sie fröhlich. »Se sagt immer, jeder Jroschen hilft zu de Miethe.« Und nun drangen alle die Arbeiter aus der Tischlerei, und ich mußte nach der richtigen Pferdebahn sehen.   Strafgelder. Vom Kaffeekreis der Bergfeldten – Warum die Krausen losgeht und wer Herr Butsch ist – Von der Eier-Meiern und dem zweiten Treffen – Der Student mit dem goldenen Gemüth und das nächtliche Gepolter – Warum Erika sich die Hände wäscht und König Attalos der Athene opfert – Warum die Krausen gelb werden soll und Wilhelmine da Capo ruft – Warum die Bergfeldten häkelt und Fräulein Pohlenz kichert – Vom bunten Wassersport Ich war wie im Himmel. Das neue Mädchen war eine Erlösung, anstellig und ruhig, daß ich sagte: »Weißt Du, Karl, die Tage schweben mir wie auf Engelsfittigen dahin. Und propper, daß ich scherzte: »ich muß mir eigens noch für die Küche eine blaue Schutzbrille zulegen, so blank hält sie das Messinggeschirr.« Und bescheiden, wie mir noch keine vorgekommen ist, obgleich ich schon ein Regiment in den elementaren Hausstand einweihte. Ich fragte: »Dorette, Sie haben doch keinen Schatz? Ich dulde keinen Besuch in der Küche.« – Da antwortete sie: »Ich habe ihm verboten zu kommen, weil er sich erlaubte, über die Frau zu sprechen.« – »So? das that er? Und was sagte er denn?« – »Er sagte, er jlaubte nicht, daß die Frau schon Großmutter wäre, denn hätte die Frau wohl vor ihrer Jeburt jeheirathet. Wenn Einer so despektirlich über meine Herrschaft spricht, das leide ich nicht, lieber schaff' ich ihn janz ab.« »Das sollten Sie nicht, Dorette, man muß nie im Leben schroff sein, man muß mit Menschen ebenso vorsichtig umgehen wie mit dem feinen Porzellan. Hat die Liebe erste einen Spliß, giebt es dafür keine Kitt- und Brennanstalt. Und wer möchte mit einem genieteten Herzen herumlaufen?« – Die Dorette lachte. Dorette ist ein ganz hübscher Name. – »Jenietetes Herz ist sehr jut,« sagte sie heiter. »Die hat doch immer den richtigen Pli. Denn will ich mich lieber nicht mit ihm trennen, wenn die Frau es wünscht.« – »Nein, Dorette, das ist nicht im Geringsten meine Invention, durchaus nicht, und wenn er ein anständiger Mensch ist, kann er Sie gern abholen kommen an Ihrem Ausgehsonntag. Es ist doch zu einsam für ein ordentliches Mädchen, wenn es weiter keinen Begleiter hat als den Regenschirm. Und wenn er nicht raucht, kann er ja auch mal des Abends vorsprechen, denn das sehen Sie doch selbst ein, Dorette, Zigarrenqualm in der Küche, das geht nicht.« – »Dem wollte ich die zehn Gebote schon beibringen, wenn er sich unterstände,« sagte Dorette. »Ich finde überhaupt, Tabak ist bei den Männern man blos jeduldete Liedrigkeit. Man müßte sie viel strenger nehmen.« – »Man giebt doch immer wieder nach, Dorette; wir haben am Ende auch unsere kleinen Schwächen.« – »Das ist mir bis dato nich nicht bemerkbar jeworden,« sagte sie, und ging feste an ihre Arbeit. Ich bin im Allgemeinen nicht für Conversationsabende mit den Mädchen, aber wenn Eine wirklich mehr Bildung äußert als die durchschnittlichen Miethskontor-Rekruten, vergiebt eine Frau sich nichts mit herablassendem Wortwechsel, dem sie einige nützliche Maßregeln beimengt, zur gefälligen Darnachachtung. Die Vorhergehende war mit stiller Musik abgezogen. Um einen Krach wegen des Dienstbuches in der Wurzel zu knicken, hatte ich das Zeugniß so überlegt auf's Wort gestellt, daß sie es ohne Weigerung einstecken mußte. Hob die ethisch-elektrische Professorin nur die guten Seiten hervor: ich sagte offen und ehrlich, wenn auch in gewähltem Schriftdeutsch die Wahrheit. Außerdem befiehlt der Katechismus: du sollst nicht falsch Zeugniß reden! Und wozu hat man denn seine Religion? Mein Karl fand mich auch bedeutend umgänglicher und verjüngter als die ganze Zeit vorher und er hatte recht, denn ich war unternehmungslustig wie nie. Deshalb kam es mir sehr gelegen, als die Bergfeldten schrieb, ob ich Vergnügen daran fände, einen Damenabend bei Renz mitzumachen. Die Strafgelder von ihrem Kaffeekränzchen sollten verthan werden, die Kasse bezahle die Hälfte von dem Billet und in der Pause ein Glas Echtes. Sie lüde mich hiermit feierlichst ein. Die Sache schien mir, da ich das Abonnement auf ihren Kaffeekreis ein für allemal abgeschlagen habe; ich mag ihre Chambregarnisten nicht inkommodiren, und da ich sie eine halbe Ewigkeit nicht gesehen hatte, war ich um so gespannter, zu welchen Thorheiten sie die freie Zeit benutzt hätte, denn die Bergfeldten ohne Lenkung ist wie ein aufgedrehter Leitungshahn mit zu Bette gegangener Köchin: am andern Morgen kladdern die Decken ab. Und daß sie etwas im Sinn hat, ist klar, das merkte ich an Augustens kleinlautem Wesen, als ich sie letztens nach ihrer Mutter fragte. Es handelt sich, nach den Auseinandersetzungen der Kritiker in den Kunstbesprechungen, nur um das ›Was‹, um das ›Wie‹ ist mir nicht bange, das fällt Bergfeldtsch aus. – Sie kam mich abholen. Ich freute mich doch recht, als sie antrat. Man ist eben alt bekannt miteinander und sie ist auch nicht so unübel in Vergleich zu gewissen Persönlichkeiten, die sich einbilden mehr zu sein, weil sie niemals grade herauserfahren, was sie eigentlich sind. Hier hätte meiner Meinung nach die Aufklärung scharf einzuschreiten. »Bergfeldten,« rief ich ihr beim ersten Anblick entgegen, »ganz abgesehen davon, daß es sehr nett von Ihnen ist, mir das Geleite zu geben... was haben Sie für 'nen Hur auf?« – »Nicht wahr?« lachte sie. »Modernste Richtung.« – »Da ist ja die ganze Aegintha drauf.« – Blos drei kleine Piepmätzeken.« – »Die spielen wohl Huckezeck?« – »Buchholzen, sind Sie bei Wege; heut wird's lustig.« – »Wer ist denn alles mit?« – »Die Mehrsten kennen Sie: die Schülern, die Beckmann, die Krausen....« – »So,... die auch?«– »Nu natürlich, die hat so was Intimes, die wird man nie wieder los.«– »Man muß sehr bedenken, wenn man Bekanntschaften schließt: wie groß wird der Skandal, wen man sie wieder abwiegelt?« – »Buchholzen, das ist ein selten wahres Wort von Ihnen. Bei der geringsten Kleinigkeit ist sie immer gleich wüthend geworden. Die Markwarten sagte neulich noch: beim Skat lieber glatt herauskommen und nichts gewinnen, als daß die Krausen einen Sechser verliert. Um zehn Pfennige geht sie schon los wie sonne Trommel in der Schießbude; nicht zu halten.« Ich fügte nichts hinzu; wo Einsicht von selber keimt, ist es gesünder nicht daran zu rühren, und zumal bei der Bergfeldten, die so wie so zwei verkehrte Kehlen hat. »Was ist die Markwarten für eine?« fragte ich daher. »Sie hat was auf der Sparkasse, ihr erster Mann war Porzellankeller und ihr zweiter Seife und Licht. die hat sie miteinander vereinigt und steht sich breit. Und wer weiß, ob sie nicht noch den dritten beglückt? Talent hat sie dazu!« – »Wieso?« – »Sie ist knappe zwei Jähreken jünger als ich, und ich denke, in meinem neuen Hut ist der Unterschied nicht im geringsten zu merken, im Kontrolleur, es fragt sich, wer zuerst das Standesamt unsicher macht?« »Aber Bergfeldten,« rief ich, »Sie wollen doch nicht?« »Es ist so mein Rathschluß. Was die Markwarten prästirt, dazu hab ich ebenso gut die Traute. Das sagt die Burschen auch.« – »Wer ist denn das?« – »Herr Butsch seine Schwägerin.« – »Also Butsch heißt er. Und was ist er denn?« – »Er hat eine Weißbierstube, ein großartiges Geschäft, wenn's erst besser in'n Gang kommt.« »Bergfeldten, bedenken Sie, was Sie thun. Wird er Sie immer gut behandeln? Die vielen Weißen hitzen am Ende nicht an, aber die vielen Strippen. Und werden Sie ihn immer gut behandeln? Ihr Seliger hatte sehr verschiedene Tage bei Ihnen.« »Ich bin böse mit ihm gewesen, ich bin gut mit ihm gewesen, zuletzt hab' ich ihm ganz seinen Willen gelassen. Wohin hat das geführt? Er starb und ließ mich sitzen. Und leben Sie mal vom Vermiethen. Nee, lieber den Mann mit den vier unmündigen Kindern.« »Auch das noch? Bergfeldten, selbst vierzehn machen nicht glücklich. Ueberlegen Sie sich's doch gründlich.« – »Mir heirathert nun einmal. Das kommt justement gerade von dem ewigen Ueberlegen her.« – »Und Auguste, was sagt die dazu?« – »Sie zieht die Nase hoch. Aber kann man's den Kindern jemals recht machen? Sagt man Nee, wenn sie Ja wollen, ist's verkehrt, und will man selbst Ja, ist's auch verkehrt und sie sagen Nee. Außerdem ist es Fügung, das laß ich mir nicht abstreiten.« »Da wäre ich doch neugierig.« »Wir kommen zu spät, ich erzähl' es Ihnen unterwegens.« »Nur keine Hasenjagd. Die ersten Nummern im Zirkus lassen die Vornehmen stets vorübergehen.« »Was ich bezahlt habe, will ich auch sämmtlich genießen. So großpraatsch möchte ich gar nicht sein mögen, und von der Gans nur das Schmalz essen.« »Wie ist das mit der Fügung?« fragte ich, als wir die Landsbergerstraße lang gingen. »Sagen Sie selbst, Buchholzen. Damals, wie wir meinen Mann begruben, mir ist es noch wie gestern, da sagte der Todtengräber: ›Sie können sich jratuliren, Sie haben mit den besten Eckplatz auf den janzen Kirchhof!‹ – ›Ich finde, es weht hier ein Bisken‹, sagte ich, ›und mein Seliger hatte in der letzten Zeit so sehren Reißmatismus.‹ – ›Wer hier liegt, hat ausgelitten,‹ sagte er (und er mußte es ja auch wissen als Fachmann), ›ick meine bloß, der Platz ist jut für Ihnen. Hier müssen die janzen Gefolge vorüber und jetzt jrade biegen sie bei diese Ecke um nach die neuen Jrabstätten, und wenn eine fleißig ihren Ollen bejießen kommt, bemerkt sie der eine oder andere jebeugte Wittwer und sie jefällt ihm. Ich sage Ihnen, eine jarantirte Ecke.‹ Sehen Sie, Buchholzen, das war die Fügung. Ich habe meinen Seligen nicht vernachlässigt und es traf auch so ein, indem Herr Butsch mich gesehen hatte, als er damals seine Frau begrub, eine schöne Leiche, sag ich Ihnen, gelbpolirter Sarg mit unzählbaren Kränsen und ganzen breiten Schleifen; und später öfter wieder, weil er mehreren von seinen Stammgästen die letzte Ehre anthat...« »Da sehen Sie, in was für ein ungesunders Geschäft Sie hineinheirathen wollen.« »Es ist Fügung. Ich kann ja noch mal nach der Eier-Meiern gehen, aber mehr als das Richtige aus dem Schicksal lesen wird sie auch nicht.« »Wer ist die Eier-Meiern?« »Sie sagt wahr, aber sie will es nicht wahr haben von wegen der Polizeiverfolgung. Die Eier muß man selber mitbringen.« – »Ich dachte sie legte welche,« höhnte ich. – »Buchholzen, wollen wir zusammen hin?« – »Nein, hingegen Sie müssen in den ethischen Verein.« – »Was giebt's denn da?« – »Grade das, was Ihnen fehlt, die höhere Ansicht des Lebens.« – »Wenn Butsch mit macht, warum nicht? Wenn's uns zu hoch wird, klettern wir wieder run.« Sie war schon so familiär mit ihm, daß sie ohne Verzierungen blos Butsch sagte. Der neue Hut und einfach Butsch... Abgemacht. Sela. Ich dachte: wo Malz und Hopfen einmal verloren sind, nützt das klarste Wasser nichts. Wozu es ihr einschenken? Nahm mir aber vor, in kürzester Kürze Auguste zu besuchen und zu fragen, wie sehr sie sich auf den neuen Papa freute? Vielleicht redet die ein Wort zur Vernunft. – Wir kamen reichlich früh. Da jede der Damen ihr Billet bereits an sich genommen hatte, fanden wir uns an den Plätzen zusammen, und zwar in der Weise, daß Viere auf der ersten Bank und ebensoviele auf der Bank dahinter saßen, damit man über das Gesehene auch ein Wort sprechen konnte. So bildeten wir denn in dem Menschenmeere eine sogenannte Sprachinsel. Da diese Anordnung von der Krausen ausging, wie sie ruhmbegierig verkündigte, hatte sie sich selbst an meine rechte Seite arrangirt, wofür ich ihr mein Lob jedoch vorenthielt, und an die andere die Bergfeldten, neben der dann die Butschen kam. Die Schülern und Beckmannen bildeten das zweite Treffen mit der Markwarten und Fräulein Pohlenz, die mir ebenso wie die Butschen als neu vorgestellt wurden. »Ich vermuthe, es wird ein Genuß,« sagte die Beckmann. – »Herrjeh,« fragte ich, »wo ist denn die Stahlen? Für die ist wohl der leere Platz bei Frau Butsch?« – »Ach nee, die kommt nicht.« erwiderte die Beckmann. – »Renz ist ihr zu theuer.« – »Wenn die Hauswirthe schonst so stöhnen, was für ›Klagelieder Jeremiä‹ denn zum Besten geben?« warf die Markwarten ein. – »Ach wat, Sie stehen nischt aus« fuhr die Schülern sie an, »Seefe und Lichte jehen mit der menschlichen Cultur, die Seefe bei Dage und die Lichte beim Dunkelwerden. Aber die Stahlen hat die vierte Etage wieder jekündigt und es vermiethet sich sehr mies in den heutigen Zeiten?« – »Dann muß sie nicht so mit den Paragraphen asen,« warf die Beckmann ein. – »Sie will ebend in jeder Hinsicht als die Wirthin estimirt werden« entgegnete die Schülern, »und da braucht sie sich nächtliches Geschrei mit Tumult nicht jefallen zu jelassen.« – »Man träumt wohl mal,« entschuldigte sich die Bergfeldten, denn die hat ja die vierte Etage, woran ich anfangs nicht gleich dachte. »Wie war das nur noch?« fragte die Krausen. »Ach, Sie wissen's ja,« antwortete die Bergfeldten etwas verlegen. – »Wir haben alle so gelacht,« sagte Fräulein Pohlenz, »erzählen Sie's man noch mal.« – »Ich bin wirklich neugierig,« reizte ich weiter. – »Sieh, sieh,« sagte die Krausen, »also doch. Sonst behaupteten Sie immer, Neugierde überließen Sie Ungebildeten.« »Gewiß, meine Beste, das thu ich auch. Aber haben Sie schon bemorken, daß ich Sie um Ihre geehrten Geheimnisse ersucht hätte?«– »Ungemein scherzhaft,« sagte sie bissig. »Wer doch nur halb so witzig wäre.« »Strengen Sie sich nicht an,« gab ich ihr wieder, »es sind schon Komiker gestorben. Also wie war es, Bergfeldten?« »Eigentlich garnicht; es kam, mit Erlaubniß zu sagen, von dem Studenten her, der das kleine Zimmer hat, der wollte eine Ferienreise von verschiedenen Kilometern machen, nach dem Cremortatri oder da so.« – »Nach der Hohen Tatra, meinen Sie wohl,« brüstete die Krausen sich mit ihrer Schulbildung – ...»sage ich ja, Cremortatra,« blieb die Bergfeldten unentwegt bei, der es durchaus nicht darauf ankommt, wenn sie über ein Fremdwort stolpert und ihre Blößen zeigt – »aber da er von seinen Eltern nichts nicht mitgekiegt hat als das goldene Gemüth...« – »Ohne jeglichen Groschen auf die Welt gekommen,« fiel Fräulein Pohlenz bedauernd ein, »schon als Gymnasiast ging es ihm dreckrig« – »und bei mir erst recht,« sagte die Bergfeldten. – »Aber das muß man der Bergfeldten lassen,« plapperte Fräulein Pohlenz, »wenn er nichts nicht hatte und sich auch nichts, getheilt hat sie redlich mit ihm und nachher half er sich mit Stundengeben. Ich kenn' die Geschichte.« »Nur weiter,« sagte ich, »wenn ich von meinen Mitmenschen Gutes erfahre, bin ich furchtbar neugierig.« Daran konnte die Krausen lecken. »Na ja,« berichtete die Bergfeldten, »nun hatte er ein paar Märkelchen, aber weil die nicht für Blitzzüge mit Zuschlagsteuer langten, übte er sich Nachts das Schlafen in der dritten Klasse ein, um seine Sitzglieder für die lange Tour abzuhärten; indem er nur schwächlich ist...« – »Aber ein goldenes Gemüth,« fügte Fräulein Pohlenz hinzu, »ich kenn' die Geschichte ganz genau, und da hatte er sich die Stühle aufgebaut wie in der Eisenbahn, mit so gut wie gar kein Platz und hart und eng, und darauf schlief er in zusammengekrümmtem Zustande.« – »Und da war die Laube fertig,« bestätigte die Schülern. – »Und natürlich kriegt er das Uebergewicht,« nahm die Bergfeldten die Fortsetzung, »und bricht in aller Nacht, so um Uhrer dreie, damit nieder.« – »Nee, es war zwei Uhr,« verbesserte Fräulein Pohlenz, »ich kenn' die Geschichte; wir haben doch so gelacht.« – »Wo nicht gar, es war ziemlich nach Dreien,« vertheidigte sich die Bergfeldten, »ich war doch dabei.« »Es kommt auf die Minute nicht an,« entschied ich, »es ist ja keine astronomische Sonnenfinsterniß, bei der handelt es sich um Bruchtheile einer Sekunde.« Ich drehte mich nicht, aber ich fühlte, wie die Krausen sich ärgerte, daß Kenntnisse ihre Gegenwart nicht scheuten, sich zu entfalten. »Nee, so war es nicht,« widersprach Fräulein Pohlenz ungehalten. »Sie erzählten die Geschichte ganz anders, als wir so darüber lachten, es war um vor Zweien und weil Sie doch aufwachten von dem Gepolter und meinten, es sind Einbrecher, und einer von den Räubern hält Sie am Hinterfuß, und können nicht raus aus dem Bett, als mit dem obersten Ende, wo Sie doch das Bein angebunden hatten, und schreien Mord, und die Stahlen munter geworden und hinauf und ballert an die Thüre, und Sie immerzu gezetert und das goldene Gemüth in zittriger Angst aufgemacht und die Stahlen haste nicht gesehn... Sie sagten selber, es war vor Zweien.« – »Ich sage, eher nach, als vor Dreien ,« bestand die Bergfeldten auf ihrem Stück. – »Das stimmt nicht.« – »Warum streiten, meine Damen?« legte ich mich ins Mittel. – »Wir haben damals so gelacht,« betheuerte Fräulein Pohlen. – »Riesig,« stimmte die Beckmann bei. – »Wir kugelten uns,« sagte die Markwarten. – »Aber es war auch um Zweien, wie sie uns das erste Mal erzählte,« blieb Fräulein Pohlenz bei. »Das mag wohl sein,« erlaubte ich mir ein Ende machen zu wollen, »sehr ergötzlich finde ich die Geschichte jedoch nicht.« »Dann können Sie sie ja in Ihren Schriften verwenden,« wandte sich die Krausen an mich und lächelte süßt wie Streuzucker auf Syrup. »Leider nein,« entgegnete ich ruhig, »da ich nämlich nicht mehr schreibe. Ich hatte neulich allerdings die Aufforderung zu meinen Memoiren, allein ich lehnte ab.« »Da haben Sie recht gethan,« sagte sie so laut, daß die Umgebung vor, hinter und neben uns es verstehen mußte, »sehr recht. Es machen sich unendlich Viele ja blos über Sie lustig.« »Dann haben die doch auch mal ein Vergnügen,« entgegnete ich und lachte ihr grade ins Gesicht. »Mehr als Menschen amüsiren kann man nicht.« Mittlerweile waren die Herrschaften in der Trampelloge ungeduldig geworden, die Beleuchtung machte einen Satz ins Helle und die Musik legte los. Onkel Fritz sagt, wie es im Zirkus riecht, so klingt es auch; ich konnte dies mit meinen Sinnen nicht nachprüfen. Die Krausen hatte mir versetzt, was sie mir zugedacht. Deshalb die Platzvertheilung, deshalb die Strafkasse bei Renz verjuchheit, deshalb mich eingeladen und die Bergfeldten solche Drömlade, daß sie mich noch in ihr persönliches Schlepptau nimmt. Schließlich konnte mir es völlig gleichgültig vor denen sein, die mich kennen, aber die Markwarten, die Butschen und Fräulein Pohlenz, was mußten die von mir denken? Und warum die Wuth? Weil sie durch Erika in angeheiratheter Verwandtschaft mit uns steht und wir sie da liegen lassen, wohin sie gehört, nämlich links. Onkel Fritz kann sie nun einmal nicht besehen, weniger weil sie ihm unangenehm wäre als, wer weiß Wer und Welche, sondern weil Erika es nicht recht verträgt, wenn die Krausen ihr eine Visite mit überschwänglicher Zärtlichkeit macht und sie manchmal als liebe Kusine küssen will. Aber sie neigt sich so wenig wie eine weiße Lilie. Wenn die Krausen weg ist, wäscht sie sich die Hände, als hätte sie Widerliches berührt. Sie kann nicht anders, sonst greift es sie an. Was die da unten ritten, war mir entfernt, wie durch ein umgekehrtes Opernglas, ich konnte nicht in den Beifall einstimmen, wenn Einer sich das Genick zu brechen versuchte, und es hielt doch noch, oder es sprang eine so lange auf dem Pferde herum, bis sie schließlich herunterfiel. Für mich war selbst die höchste Kunst, auf dem Drahtseil unter dem Dache, eine große nichtige Null. Daß Leute über mich lachen, hatte mich nicht verletzt – lieber Gott, wie Viele lachen und haben keine Berechtigung dazu – aber daß die Krausen sich den Zirkus ausgedacht hatte, mir Schnödigkeiten beizubringen, die ich ihr nicht in die falschen Zähne zurückschleudern konnte ohne Aufsehen zu erregen, und sie weiß, daß man einen einmal bezahlten Platz nicht verläßt, das ergrimmte mich. Schlimmer betreiben Indianer es nicht, wenn sie ihre Gefangenen an den Marterpfahl binden und mit brennenden Zündhölzern pieken. Solche alte Rothhaut. Und sie immer in der haberigsten Weise: »Nein, welche Leistung! Sehen Sie doch diese Technik! Eben wegen der ikarischen Spiele bin ich hauptsächlich hergegangen, die schon zu den Zeiten der Griechen großartig ausgebildet waren.« – »Solches Kobolzschießen war durchaus nicht alterthümlich,« sagte ich, indem ich mich zur Markwarten umwandte, »das wird Jeder sagen, der etwas vom Homer versteht.« – »Mein Mann liest ihn in der Ursprache,« rief die Krausen hochtrabend. – »Mancher Gelehrte ist in der Vergangenheit wie zu Hause,« redete ich furchtlos zur Markwart weiter, »aber seine Frau weiß nicht in der Friedrichstraße zurecht zu finden. Ich habe damals das echt griechische Fest gesehen, das die Berliner Künstler vor dem Pergamontempel auf dem Ausstellungsplatze feierten: wie die Priester in weißen Gewändern, gefolgt von Hunderten von Sängern, mit Rosenkränzen im Haar, dem Siegeszug entgegenschritten, und in dem Zug die Krieger und die Beute, die Königtochter gefesselt, so schön und so stolz mit ihren Gespielinnen und die Wittwe des Egypters, schmerzgebeugt über die Mumie ihres Gemahls auf dem Kameel, und die Sklaven und Sklavinnen. Und dann kamen die heiligen Stiere mit vergoldeten Hörnern, und die Priesterinnen der Athene mit dem goldenen Standbild voran, alle in dunkelrothem leichten Stoff, und dann Flötenspieler und Tänzerinnen in mattem Blau, die umgaben den Siegeswagen de Königs Attalos, gezogen von vier milchweißen Rossen, und der König in Gold und Purpur mit dem grünen Lorbeer in der Krone, machtvoll auf das Schwert gestützt, umjubelt von der Menge, begrüßt mit den feierlichen Hymnen der Priesterchöre. Sehen Sie, das war was. Und als oben vor dem Tempel die Priesterin dem König sagt: »Was das Schwert gewonnen, kann auch das Schwert vernichten, darum verehre sie, die Göttin der Künste, der Wissenschaft und des Fleißes, Athene, die Hüterin des Friedens« und wie nun Attalos Krone, Lorbeer und Schwert auf den Altar legt und als erste That nach der Siegesheimkehr die Gefangenen frei giebt, da brauste Freude durch alles Volk. Und wie den Gefangenen die Ketten abgenommen wurden und sie die Trappe hinaufstürmten, dem König die Hände zu küssen und den Saum seines Gewandes, und Tauben wie weiße Wölkchen als Friedensboten in den sonnenstrahlenden Abendhimmel aufflatterten, da konnte sich Keiner halten und Alles jubelte und jauchzte mit den Künstlern: »Heil dem König!« Das nenne ich griechisch und großartig, und nicht das Umherrenken von den Gliederaussetzbrüdern da unten vor uns. Ueberhaupt gefällt mir seitdem so leicht keine mimisch-plastische Darstellung.« »Was die ollen Jriechen nich allens konnten,« sagte die Schülern. »Man muß eben ein Auge dafür haben,« gab ich ihr recht. Die Krausen zuckte mit den geschlossenen Lippen, als wenn sie eine Antwort zurecht mimmelte, aber sie kam nicht dazu, Sie von sich zu geben, weil eine blendende Dressurnummer unsere Theilnahme erforderte. Im Zirkus macht eben jeder Gebildete seinen Pferdeverstand bemerkbar, wenn nicht durch Reden, so doch durch hingebende Aufmerksamkeit für das Vollblut. Ich war theilnehmender geworden. Die Erinnerung an das Pergamonfest hatte mir zugeredet. Es ist so viel Schönes in der Welt, so viel Gutes und Herrliches, warum auch noch Genuß am Sich-Aergern finden? Warum ihn den Leuten vom Brot kratzen, denen sonst nichts schmeckt? Nur nicht so happig, Wilhelmine. Laß sie gelb werden. Nach der von zwanzig Rapphengsten ausgeführten ernsten Scene folgte nun eine lustige von drei Clowns, wie solche Menschen mit Hosen an, wie es garnicht giebt und ebensolchen Jacken, in der Kunstsprache heißen. Die sich denn nun geprügelt und in den Sand geworfen, und auf den Händen gelaufen und hingehauen, wo irgend nur der menschliche Körper knallt und dabei Witze gerissen, daß die Gallerie nur so brüllte. Die richtige Kunstbutter für's Volk. Wir lachten jedoch auch, weil Manches possirlich war und man nicht anders konnte. Blos die Krausen spielte die Feine und zog sogar ihren Schleier herab. Ich wollte schon sagen: »es sind keine Pferde zum Scheumachen da, bleiben Sie unbedeckt,« aber völlig so sieht sie doch nicht aus. Während wir uns vergnügten – die Schülern und die Beckmann sogar etwas zu lauthals und auch die Butschen schlug ihre Vorderseite mit den Händen, als könnte sie sich vor Gelächter nicht helfen – kuckt der eine Clown mit einem Male zu uns herauf, streckt den Finger auf mich aus und ruft: »Immer heran, meine Herrschaften, da sitzt die Buchholzen.« Das Publikum zu uns hergesehen. Einige lachten. Von der Gallerie gröhlten sie: »Rin in die Manege – Det is ja de Eisrieke. – Hoch mit dem Schleier.« – Daraus ersah ich, daß die Meisten meinten, die Krausen wäre als wie ich. Und sie meinte es auch wohl, denn sie ruckste ungemüthlich in einem fort auf ihrem Sitz hin und her. Wie ich mir nun den frechen Patron mit dem Opernglase näher heranhole, denke ich zuerst: Die Weltgeschichte irrt sich, und dann knuff ich die Bergfeldten: »Ich will mein ganzes Leben auf Brathuhn verzichten, obgleich ich es leidenschaftlich esse, wenn die rüdige Bolle nicht der Krausen ihr Eduard ist.« – »Wo doch? – Wer doch?« – – »Der da.« – »Ach der, den sie eben so vertobakt haben?« – »Jawohl, der mit dem härtesten Schädel.« – »Buchholzen, Sie könnten recht haben, in der Physiognomie liegt eine Art von Aehnlichkeit; er hat sich man so eingeschmurgelt.« – »Sehen Sie blos die Krausen; ihr ist was.« – »Nu natürlich, es ist ihr Junge.« – Eben hatten die Clowns ihm ein paar Tachteln verabreicht, daß es mächtig schallte, und da sie Alle über einanderpurzelten, wurde ihnen ein allgemeines Hallo gespendet. Je verdrehter, um so größerer Beifall. Ich rief: »Bravo Eduard, bravo, da Capo,« denn so Einer kann nicht Senge genug kriegen. »Wen meinen Sie mit Ihrem Eduardgerufe?« fuhr die Krausen mich an. »Den Hanswurst da, der jetzt alle die Katzen-Köpfe nachholt, die ihm in der Jugend vorenthalten wurden, den Pojatz, dem sie das Fell ausklopfen vor allem öffentlichen Publikum, der Ihrem Eduard so ähnlich sieht wie ein Osterei dem andern.« »Sie haben eine sehr rege Phantasie, meine Liebe. Ich habe von alle dem nichts gesehen.« »Vielleicht haben Sie im Zug gestanden und der ist Ihnen auf die Pupillen geschlagen.« »Meine Augen sind gottlob gesund; außerdem urtheile ich nie nach dem ersten Eindruck, dazu bin ich zu vorsichtig und zu gewissenhaft. Leiden Sie schon lange an Sinnestäuschungen? Sie sollten doch etwas dagegen thun. Sie haben es ja, Sie können sich einen gepolsterten Einzelsalon in der maison de santé Vorderhaus leisten.« »Nee«, lachte ich, »so verrückt bin ich denn nun noch nicht. Es soll mich freuen, wenn Ihr Eduard es nicht ist. Denn es muß den Eltern doch sehr entgegengesetzt vorkommen, wenn er Griechisch und Latein gelernt hat, blos daß ihm der Kopf schwer genug ist, darauf zu stehen. Nich wahr, Bergfeldten?« »Da ist er!« fuhr sie heraus und nickte nach dem Eingange zu. – »Wer denn?« – »Butsch.« – »Wo denn?« – »Sehen Sie blos das Vorhemd, er hält so sehr auf sich.« – Nach einiger Augenanstrengung trafen meine Blicke das Ziel ihres Zugriemens. Er war, wie so Weißbierwirthe sind, ansehnlich und kräftig, und ziemlich angelitert. – »Die Haltung!« flüsterte sie mir zu. »Flügelmann beim ersten Garde. Wie bildschön ihn die Uniform gelassen haben muß, wo er schon so in Civil aussieht.« – »Er hat wohl seine Kirchhofskluft an?« fragte ich. – »Wenn er ausgeht, macht er sich immer staatsmännisch.« Da nun die Pause eintrat, sollte das Glas Echte genehmigt werden; der Kellner wurde gewunken und das Geplauder mit Beiguß konnte beginnen. Die Krausen fragte, ob Eine zu einem Gang durch den Stall Lust hätte, das wäre das eigentliche Wesen der Equestrik. Sie wurde einhellig abgelehnt und strömte mit vielen anderen Gaulkennern davon. Herr Butsch aber kam heran. »Meine Damen!« begrüßte er uns vertraulich »die ganze Proste-Mahlzeit beisammen? Freut mich sehr. Mein Name ist Butsch.« – Er nahm dem Kellner das Bier ab, reichte Jeder ihr Seidel und bezahlte es aus einer braunseidenen Börse. »Von zarter Hand« sagte er, worauf die Bergfeldten verschämt wegsah. Fängt die aus Liebe das Häkeln an; also nicht mehr zu retten. Uebrigens gefiel Herr Butsch uns Allen recht gut, er wußte zu unterhalten und entwickelte treffende Ansichten über die enormen Kosten, die der Zirkus täglich verursacht, und wie viel die Gallerie allein einbringt und was die Schänke einnimmt. Das war außerordentlich belehrend. Herr Butsch tauschte den für ihn bestimmten Sitz mit seiner Schwägerin und setzte sich neben die Bergfeldten. Fräulein Pohlenz gab der Beckmann einen Rippenstoß und kicherte anzüglich. So ältere Jungfern denken sich doch immer mehr, als wirklich der Fall ist. Auf der Krausen ihrem Platz stand das für sie fällige Glas Echte. Sie mußte Pferde besehen! Wers glaubte? Mittlerweile hatten die Renzer die Reit-Sandtorte vermöge einer großen Gummischale in eine Badewanne umgebaut, weil als zweite Abtheilung die Wasserpantomime auf dem Zettel stand. »Wo bleibt die Krausen?« fragte die Butschen, »sie verpaßt den Anfang und ihr Bier steht ab. Willst Du es nicht lieber trinken, Schwager?« – »Nich in de Tüte,« antwortete dieser. »Weiße und Weiber allemal frisch.« – Fräulein Pohlenz jeckte sich barbarisch darüber, aber uns andere schmerzte dieser Witz etwas, weil die Bergfeldten und wenn sie sich noch einen Kolibri aufnäht, die verrannte Jugend doch nicht wieder einholt. Hagebutten sind eben keine Rosenknospen. Endlich kam die Krausen, und wie man ihr anmerkte von Ereignissen, jedoch gab sie ebensowenig was her wie ein verstopfter Automat. Ihr Bier aber trank sie in einem Ansatz aus; sie mochte wohl eine innerliche Löschung vorzunehmen haben. Nun ging die Komödie los. In dem Gummi-Seebecken waren ein dicker Engländer und einige Stallmeister, als plötzlich das Wasser über eine Felsenbrücke herabgeschossen kam und mitten in den Zirkus pladderte. Das rauschte und schäumte und die Stallmeister und der dicke Engländer thaten wie die Unklugen. Immer mehr Wasser stürzte brausend daher und Enten ließen sie zufliegen, die parkend und flügelschlagend die angewärmten Wellen belebten. Auch kamen Kähne angegondelt, den Engländer zu retten, der purzelte aber immer wieder retour ins nasse Element und alle mit ihm die im Boot saßen, Herren und Damen. Je strampeliger er es machte, je seitenhaltender wir lachten, blos die Krausen ward saurer und saurer, denn je öfter der Dicke tauchte, um so reiner wuschen ihn die Fluthen, und um so erkennbarer ward er als ihr Eduard, zumal die Flachshaarperücke auch aus dem Leime ging und selbstständig davon schwamm. Der aufgeblasene Gummibauch kam als Maske nicht in Betracht. Er war es. »Ihr Eduard spielt den Dusseligen über alle Erwartung gut,« sagte ich. Leugnen konnte sie nicht länger. »Nur aus Gefälligkeit, weil Renz in Verlegenheit war,« antwortete sie. »Eduard ist so außerordentlich talentvoll. Er kann Alles, was er will.« – »Blos nicht regulär arbeiten,« wischte ich ihr aus. »Meine Liebe, Sie scheinen doch zu wenig von der Welt und vom Fortschritt zu wissen. Eduard kann es als Künstler noch sehr weit bringen, er kann Direktor und Kommissionsrath werden. Ich wüßte bei der augenblicklichen schlechten Zeitlage keinen erfolgreicheren Beruf als Zirkus. Renz hat Millionen.« – »Das sagte Herr Butsch vorhin schon, also muß es wahr sein,« entgegnete ich. – Ebenso leicht wie die faßt man einen Aal mit Seifenhänden. Vortheilhafter widmete ich mich daher den badenden Damen, der Loreley und all dem bunten Wassersport im Zirkus, den eine Feuer und farbige Sterne speiende Fontaine beschloß. Herr Butsch lud uns sämmtlich in seine Weißbierstube, aber während die übrigen Damen annahmen, dankte ich mit aller mir zu Gebote stehenden Verbindlichkeit. – Ich hatte genug. Als ich wieder in der Stadtbahn saß, überblickte ich den Abend noch einmal von Innen aus. Die Krausen wollte mich ducken, nun aber war sie selbst hineingesegelt und hatte mit ihrem Hochmuth Schiffbruch gelitten. Ihr Eduard als festengagirter Fatzke! Das hatte die ewige Nemesis ihr sauber eingebrockt. Es war für mich ein Triumph, wenn auch kein schöner. So bald sie mich jedoch wieder zu ihren Strafgeldern invitiren, sage ich mit Herrn Butsch: »Nich in de Tüte!«   Musikalisch-Polizeiliches. Warum Kaulmann sich nicht bankerott wohnen will und Antonie sich hinterkniet – Vom Hausstand und von der sogenannten Thorheit – Warum Betti und Felix nach Tegel machen und Wilhelminens Stil beanstandet wird – Von Gesandten und dem Instanzenweg – Vom Schlafen als Sklavendienst und von der abschüssigen Bahn Es war schon früher einer meiner Gedankenflüge: »Was die Musik zusammenführt, soll der Mensch scheiden.« Das vierhändige Dichtsitzen geht bis zu einem gewissen kindlichen Alter. Sind sie aber erwachsen und doch noch unerfahren, meinen sie, das ganze Leben sei ein ewiges, eine, zweie, dreie, viere, mit lieblichen Melodieen und wenn sie sich verzählt haben mit freundlich lächelndem Wiederanfangen von der Bruddelstelle. Wupp, sind sie verlobt. Nachher jedoch, wenn es klar wird, daß ihr Essen und sein Essen sich nicht in ein und demselben Topf kochen läßt, rücken sie immer weiter aus einander, er gewöhnlich ins Wirthshaus und sie in ihren häuslichen Kummer und kein Komponist kriegt sie wieder an die Tasten. Oder der Jüngling wird von ihrem Gesange bezaubert und muß sie haben, weil er sich wonnig ausmalt, wie abends die süßesten Lieder aus ihrem Munde ihm das Dasein verklären. Was thut sie, wenn sie ihn hat und er verlangt eine Arie? Sie sagt, sie ist müde und damit er sieht, daß sie es wirklich ist, gähnt sie mit dem Zuckermündchen. Das ist dann ein Gutenachtlied ohne Worte, und er lernt es bald so auswendig, daß er sein rücksichtsloses Verlangen aufgiebt. Er muß doch bedenken, wie sie sich mit der Musik abgequält hat und ihr nicht zumuthen, sich weiter zu plagen, da doch dem geangelten Fisch keine Pieresel mehr verabreicht werden. Das Piano dient in solchen Fällen nur zum Staubwischen. Ob jungen Leuten anzurathen ist, Musik zu betreiben, um die Herzen der jungen Damen zu gewinnen, das läßt sich schwer entscheiden. Ein Freund Onkel Fritzens kannte ein junges Mädchen, das unendlich für die Zither schwärmte, aber ehe der Jüngling sie einigermaßen konnte, war es mit einem Andern verlobt. Brummeisen hätte ihm vielleicht günstiger gelegen, aber das ist seit meinen Kinderjahren aus der Mode. Genug, geholfen hat ihm die Macht der Musik nicht die Probe. Herr Kaulmann und Braut haben sich auf musikalischen Wegen begegnet und gefunden, wenn ein Familienkonzert vom Verein »Keuchhusten« höherer musikalischer Betrachtung unterzogen werden darf. Denn sobald sie gesungen haben, wird gescherbelt und verzehrt, als bräche morgen eine Hungersnoth herein. Wenn man da so dagegen die Singakademie nimmt, wo sie sich vor Andacht nicht rippeln und auch noch die Augen zumachen, damit die Töne blos in die Ohren hineinziehen, merkt man den Abstand. Aber es wird wohl weniger in der Singakademie verlobt, als wenn das Publikum wirklich vergnügt ist und der Herbergsvater desgleichen. So nennen die Keuchhüstler den Wirth, und sie selbst sind die allervergnügtesten. Sonst wäre Onkel Fritz auch nicht bei. Wir hatten ihm die beiden leerstehenden Räume in der Fabrik zugesagt und Herr Kaulmann war eingezogen, vorläufig so lange, bis er eine billigere und doch ansprechende Wohnung zum Hineinverheirathen gefunden hätte, oder bis die Bevölkerung wo thun würde, wie die Regierung sich vorher versprach und am Sonnabend ihre Zigarren kaufte, die sie zum Verräuchern des Sonntags braucht, was bis jetzt noch hartnäckig verabsäumt wird. Halbe Häuser waren mehr Freitag als seit Jahren, eben aus Herrn Kaulmanns Grunde: sie sprachen nicht an wegen des Preises. »Ich kann nicht geben, was sie verlangen,« sagte er, »ich verdiene nicht mehr so viel wie vor der Sonntagssperre und mich bankerott wohnen will ich nicht.« – Aber der Hauswirth kann nicht herunterlassen, sonst wird der pleite. Was ist das Resultat? Ueberall rothe Zettel mit der verständlichen Inschrift: Hier sind Wohnungen zu vermiethen. Als Herr Kaulmann nestwarm geworden war, fragte er, ob wir etwas dagegen hätten, wenn er ein Klavier einstellte? Dies ward ihm bewilligt, da er ein so sehr guter Mensch ist und ihm doch schreckliches Unrecht im Geschäft geschieht. Wäre er Bierwirth, könnte er Sonntags bildschön verdienen. Einige Tage später kam er mit seiner Braut vor. Sie war nicht unüberwindlich schön, aber doch ziemlich zum Beglücken für Einen, der nicht durch die heutige Malerei verleitet worden ist, jüngere und ältere Scheusäler für hübsch zu halten. Früher galten blos verfallene Gebäude für malerisch, heute verfallene Menschen. Ich hänge mir solche Unzier nicht an die Wand. Es ist wirklich hindernd, wenn Einer eine so adrette Braut hat wie Herr Kaulmann und sie müssen wieder zurück vom Standesamt. Deshalb ist sie auch entschlossen, durch Musikstunden mit zu verdienen, und ohne lange fackeln, [hat] sie sich in den Lokalanzeiger gesetzt. Aber was bietet der niedere Mittelstand? Vierzig bis fünfzig Pfennige die Stunde ohne Pferdebahnnickel, wenn sie z. B. nach der Anklamerstraße muß und von da nach der Marienstraße drei Treppen auf dem Hof. Die etwas mehr sind und einige Groschen leisten Können, verlangen eine genannte Lehrerin, ihren Kindern die Tatzen zu dressieren, eine, die einen Namen hat, natürlich blos um dicke mit zu thun. Dafür sitzt das festeste Geld locker. Fräulein Antonie Wehrhagen, zukünftige Kaulmann, sah daher ein, daß sie zu allernächst auf Berühmtheit hinarbeiten müsse, und da dies nur durch öffentliches Auftreten möglich ist, hat sie sich vorgenommen, ein Konzert zu veranstalten. Mir gefiel diese Resolutosität. »Gewiß können Sie so viel üben, wie Sie Lust haben, die Webstühle machen so viel Lärm, da geht es in Eins hin.« – »Ich bin Ihnen sehr dankbar,« sagte sie, »Alfons« – so schreibt sich ihr Kaulmann mit dem ersten Anfangsbuchstaben – »wird es Ihnen nie vergessen. Wir hätten schon so glücklich sein können... aber Sie sollen sehen, wie ich übe, wie ich mich dahinter kniee. Drei große Stücke muß ich können und drei Zugaben. Muß, muß, muß!« »Der Himmel gebe seinen Segen zu Ihrem Vorhaben« – sagte ich ganz gerührt über solche Willensfestigkeit. Ich wollte aber doch, ich hätte den Himmel aus dem Spiel gelassen. Er segnete nachher zu heftig. Mein Mann war mit meinen Abmachungen einverstanden. »Hat sie gute Ellbogen?« fragte er. – »Karl, man spielt Klavier mit den äußersten Spitzen der Finger.« – »Ich meine, ob sie Arme hat?« – »Ich denke doch. Onkel Fritz erklärt, sie hat sehr schöne Konzertarme.« – »Wenn sie ausgeschnitten geht?« – »Karl!« – »Wilhelmine, ein paar runde Arme machen mehr Glück beim Publikum als wenn ein Kleiderrechen Noten drischt. Doch das nur beiläufig. Ich meine, ob sie Aussicht hat? Es ist Platz genug in der Welt, aber Jeder will in der ersten Reihe stehen und dazu gebraucht er Armforsche, und wenn ihm die Hintermänner auf die Hacken treten, etwas plötzlich, ihnen den Hut anzutreiben.« »Karl, bist Du es, der so spricht, oder wo warst Du?« – »In einer Vorbesprechung zur großen Berliner Ausstellung.« – »Da gehst Du nicht wieder hin, Du kommst ja ganz unkenntlich ans Haus.« – »Konkurrenz verdirbt den Charakter; noch mehr als Politik.« – »Und politische Konkurrenten, Karl?« Er sagte blos die Worte: »Gott bessere es« und schwieg sich aus. Ich weiß, was er denkt; es giebt Gedanken, die thun erst recht weh, wenn Luft daran kommt. Und das wollte ich nicht. Daher sagte ich: »Karl, Du kannst mir nachher Deine Weste geben, in der rechten Tasche ist ein Loch. Sorge ich nicht stets für Dich, wie ich nur kann?« »Gewiß, Schatz; wie aber in aller Welt weißt Du von dem Loch? So viel ich mich entsinne, hab‘ ich Dir kein Wort davon gesagt.« »Eben deshalb...« stammerte ich und fand keine Entschuldigung. Er lachte. »Jung gewohnt, alt gethan,« sagte er. »Karl, wie Du wohl gingest, wenn ich Dein Zeug nicht nachsähe? Und auf wen zeigen sie mit Fingern, wenn der Mann wie ein Sonnenbruder umherläuft? Auf die Frau.« »Und auf wen zeigen sie, wenn die Frau sich überthut in ihrer Toilette? Auf den Mann. Und sie fragen, kann ers oder kann ers nicht?« »Karl, das frage ich auch, wenn ich Frieda sehe. Wie sie geht: ein Pfau mit zwei Wedeln ist nichts dagegen. Mußte sie nicht einen Sealskinmantel haben, zwei Handbreit länger als meiner, und Du weißt, was er kostet?« – Mein Karl seufzte. – »Karl, wenn man hinterher über ein Geschenk ächzt, verliert es an Werth.« – »Geschenk?« – »Nun ja, Du kamst nach und nach auf die Idee, daß ich mir gerade echten Sealskin wünschte, und gingst hin und thatest also.« – Er lachte. Ich lachte auch. – »Nun weiß ich doch, was Du unter schenken verstehst. Na, wenn es Dir nur gut bekommt.« »Mir schon, aber Max? Ich meine, Felix äußerte neulich so etwas wie von zu großartigem Hausstand, das heißt, ich nenne das nicht Hausstand, wenn Eine ihr Haus stehen läßt, wie’s steht, und geht alle Abende aus.« »Warum bleiben sie nicht gemüthlich daheim?« »Was sollen sie mit ihrem Currendeumhang bei sich anfangen? Der muß doch spazieren geführt werden und in den Bierhallen Schein werfen. Karl, die menschliche Eitelkeit ist Jeder angeboren, das bestreite ich nicht, und sie hat auch ihren Nutzen, wovon wollten sonst die Modegeschäfte leben, aber wenn Eine an ihre Seelenseligkeit gar nicht mehr denkt und blos daran, ob sie auch im Sarge gut aussieht, da fängt die sogenannte Thorheit an. Und solches Ende nimmt es mit Frieda.« »Das sollte mir leid thun.... um Deinetwegen. Du hast Dir viel Mühe mit ihr gegeben...« »Die rechne ich nicht. Sie nahm auch den richtigen Anlauf, aber siehst Du Karl, die Schuld liegt mit an ihm, wenn nicht hauptsächlich.« »Er ist doch Mann’s genug seinen Willen durchzusetzen.« »Karl, beurtheile nicht alle Männer nach Dir. Du bist eben ein ganz anderer, Du bist solide, dadurch hast Du Deine Stellung. Ich will nicht sagen, daß Max unsolide ist, das ist heut‘ zu Tage bei der Ueberhandnahme der Wirthshäuser nie genau ermittelt – denn wo hört das Bedürfniß auf und wo fängt das Kneipen an? – aber er kam öfter zuspät nach Hause, als es glaubwürdige Gründe giebt, und wenn der Mann erst etliche Male eingestehen muß, daß er Unrecht hat, dann ist er bald kirre. Max ist ein prächtiger Mensch, aber zu nachgiebig.« »Siehst Du auch zu trübe, Alte?« »Ich sprach mit Felix darüber, der ist fest mit Max befreundet, der sieht noch trüber. Und da Frieda das merkt, sucht sie die Beiden auseinander zu bringen. Weißt Du, wie sie das schiebt? Sie legt sich mit Betti an. Und wenn natürlich die Frauen einander erst böse sind, Siezen die Männer sich baldigst, so Du und Du sie auch waren. Betti aber thut ihr den Gefallen nicht um Felix wegen.« »Das ist nett von ihr. Wenn sie nur widersteht.« »Darüber kannst Du ruhig sein. Betti hat zu viel herbes Leid durchkämpft, als sie im Stillen dem Manne entsagte, den sie mit der ganzen Kraft ihres Herzens liebte – und siehst Du, deshalb dauern Kaulmann und Antonie mich so – und in all‘ ihrem Leid war ein Lichtblick, eine schmerzlich süße Erinnerung: der Tag in Tegel mit den beiden Freunden. Ihm, dem der Freund so gut war, dem beherzten wackeren Freunde, mußte sie auch gut sein, da dämmerte das Morgenroth ihres neuen Lebens auf und ehe sie sich’s versah, standen sie erglühend in den goldenen Strahlen der Liebe, er und sie, Betti und Felix. Ach Karl, so etwas vergißt sich nie. Ich briet die Carbonaden und er hatte Deinen Anzug an, weil seiner am Heerde trocknete; es war zu komisch. Da kann Frieda lange bohren, ehe sie in die Freundschaft ein Loch bricht. Sonst reden Betti und Felix nicht von der Vergangenheit. Was geschah, vordem er sie kannte, das ist abgethan und vergessen. Sie weiß, daß auch er gelitten hat. Nun freuen sie sich ihres Glückes, und alljährlich machen sie hinaus nach Tegel und wandeln dort Arm in Arm wie frisch Verliebte und sprechen: »Hier war es.« Und ich kann es ihnen durchaus nachfühlen, denn wie glücklich bin ich mir Dir, mein Karl, und vor Allem seitdem ich das neue Mädchen habe.« »Hm!« sagte mein Mann. »Bist Du vielleicht nicht glücklich?« »Sehr. Mir kam nur gerade der Gedanke, bei dem neuen Mädchen, daß Du mit dem alten doch wohl noch nicht ganz auseinander bist. Ich wollte die Sache eigentlich abmachen, ohne daß Du davon erführest, um Dir Verdruß zu ersparen...« »Karl, noch mehr Verdruß? Hab‘ ich nicht über und über von der Sorte? Aber wer schrubbt ein Haus vom Unglück besenrein, wenn es sich erst mal angesetzt hat? Rede nur, ich ertrage jedes Dynamitattentat ohne zu plinkern.« »Also, gerad heraus, Du hast ihr ein Zeugniß ins Buch geschrieben...« »Nur die Wahrheit!« »Daran zweifle ich nicht. Sie ist damit zur Polizei gegangen und hat angefragt, ob sie Dich auf Grund Deiner... Deines etwas strengen Urtheils verklagen kann?« »Nein, nein, nicht nach Moabit.« »Der Herr Polizeileutnant hat mir deshalb sagen lassen, es wäre in jeder Beziehung besser, Du nähmest die härtesten Ausdrücke zurück.« »Das kann ich nicht. Soll die Person über mich frohlocken? Lieber vor den Schöffenstuhl. Ich weiß, lebend komme ich nicht wieder aus dem Gerichtssaal oder mindestens halbtodt, aber nachgeben kann und kann ich nicht. Denn ich bin im Recht.« »Gewiß, gewiß. Nur der Stil wird beanstandet, in dem Du Deine unzweifelhaft richtige Ansicht aussprichst.« »An dem läßt sich nichts ändern, jeder Satz ist reiflich überlegt. Der Person sollte in keiner Hinsicht Unrecht geschehen, aber das ihr beikömmliche Fett mußte sie kriegen. Ich ließ Milde walten, das sage dem Herrn Polizeileutnant, weil in den letzten Tagen schwache Zeichen zur Besserung bei ihr durchbrachen und ich in keiner Weise nachträgerisch erscheinen wollte. Gestehe doch selbst, Karl: that sie je eine Arbeit aus freiem Antriebe, kam sie je von selber auf Großnothwendiges, schwang sie sich je zu Extrareinmachen auf? O nein, aber Trägheit, das war ihr Hauptthätigkeit. Die elektrische Klingel erlahmte Morgens beim Wecken, daß ich selbst herausmußte. Einer solchen gebe ich nicht ›Fleiß, zufriedenstellend‹. Das sage dem Herrn Polizeileutnant. Und wenn sie auch schließlich ihre Pflichten auf einem Zettel bleistiftete und ihn hinlegte, wo ich mit den Wimpern drauf stoßen mußte, machte das doch keinen Eindruck auf mich. Denke Dir, mit ›eins Aufstehen‹ fing ihr Register an, dann 2. Wasser, 3. Feuer anmachen, 4. Zimmer aufräumen, bis in die dreißigen hinein, wo sie mit Herdputzen endigte. Das sind doch Sachen, die sich von selbst verstehen und keine schriftstellerische Behandlung erfordern. Trotzdem rechnete ich ihr den guten Willen an und strich den einzig naturgetreuen Titel ›Faulthier‹ wieder aus.« »Ja, ja,« sagte mein Mann. »Karl, ja, ja ist nichts. Was willst Du damit behaupten?« »Wie Du sagst, nichts.« »Karl, bei Spitzen kommt es weniger auf die Wörter als auf den Ton an, und der gefiel mir nicht. Also bitte!« »Wilhelmine, der Herr Polizeileutnant macht Dir ja nur den Vorschlag, der Lene eine bessere Censur auszustellen.« »Laß ihn sie ein halbes Jahr bei sich nehmen, da sollst Du erleben, worunter er seinen Stempel haut.« »Es wäre mir lieb, wenn Du ihn selbst sprächest. Ich denke, wir gehen morgen früh zusammen auf sein Bureau. Sei gut, Alte. Hörst Du? Vielleicht überzeugst Du ihn, wie recht Du hast.« »Blos vielleicht? Ich sage Dir: aber sehr. Die Normalkerze, die ich ihm aufgehen lasse, wird schon Klarheit bringen und Du sollst Dich wundern, in welchem Lichte ich dastehe.« Den neuen Polizeileutnant kannte ich noch nicht; es war in der letzten Zeit häufiger gewechselt worden. Milas Vater sagte früher: bei Polizeileutnanten und Gesandten wäre das Leben ein immerwährendes ›Wie gefällt Dir dein Nachbar‹, so wie man meint man sitzt, ist man schon wieder unterwegs. Gewissermaßen sprach er damit eine Vorahnung aus, obgleich sie, die Frau, nicht im entferntesten daran dachte und stets beamtenhoch über der gewöhnlichen Menschheit stand; denn als sie umgezogen waren und ich ihr sagte, nun wohnen Sie ja Lehmanns gegenüber, gab sie mir von oben herab zu verstehen: ›Lehmanns wohnen uns vis-à-vis .‹ Und das uns drückte sie ordentlich breit mit der Zunge. Was sie damit sagen wollte, begriff ich erst, als es zu spät war, ihr wieder zu dienen. Wenn auch die Behörden etwas sind, können ihre Gattinnen doch unmöglich noch mehr vorstellen? Aber womit suchen sie dies zu erreichen? Theils mit Einbildung, theils mit dem Kredit in der Confectionsbranche, was hier beides zur Geltung kam. Ich bedauerte, daß sie unsere Gegend ganz verließen, an ihm fanden wir in manchen Angelegenheiten eine wahre Stütze; etwas Freundschaft schmeidigt die Umgangshärte, die die oberen Mächte uns durchschnittlich zu Theil werden lassen. Mit dem Neuen hatten wir keine gesellschaftlichen Anhaltspunkte, und gut ist es nicht, wenn das Gesetz so gar keine Kenntnisse von den Persönlichkeiten hat, gegen die es angewandt werden soll. Und mich kannte der neue Herr Polizeileutnant nicht im Geringsten. Wenn ihm gesagt wird, ich hätte bei des Teufels Großmutter kochen gelernt und er glaubt es... was dann? Und was wird nicht alles erzählt und gedruckt und geglaubt? Obendrein setzt die Polizei bei den wenigsten Menschen Talent zur Unbescholtenheit voraus. – Mir ward der Gang am nächsten Morgen nicht leicht. »Karl,« sagte ich, »wenn Schicksalsschläge bluteten, wie corpsstudentenhaft ich wohl aussähe?« »Du malst wieder mit dem großen Quast. Rede Dich nur nicht unnöthig auf.« »Gut, dann sage ich Schicksalsschrammen, oder ist Dir das auch noch zu viel? Oder ist es etwa kein Schicksal, daß gerade mich so etwas trifft? Warum nicht die Bergfeldten oder die Beckmannen? Deren Nerven sind auf Knüffe geaicht. Ich gehe dabei zu Grunde.« »Wilhelmine, die ganze Geschichte ist nicht werth, darauf zu niesen.« »Niese mal, wenn Du nicht kannst. Trüge Dich nur nicht auf Deine natürlichen Anlagen bei der Polizei. Du wirst schon sehen, was aus einer Niessache wird, sobald sie den Instanzenweg geht.« – Ich machte so kleine Schritte wie Unauffälligkeit nur irgend zuließ; ein Bureau ist für mich der reizendste Ort zum wegbleiben. Ich kann jedoch nicht anders sagen: der Herr Polizeileutnant war die Humanität in höchsteigener Person, von einer Liebenswürdigkeit, die ich kaum annehmen konnte, und mich in ihrer Unerwartetheit einigermaßen einschnürte. Nachdem wir uns gesetzt hatten, kam er ohne Umschweif auf den Fall. »Ihr Herr Gemahl, den ich darum ersuchen ließ, wird Sie, meine verehrte Frau, wohl schon instruirt haben, daß das zuletzt bei Ihnen bedienstete Mädchen höchst unglücklich über das von Ihnen ausgestellte Zeugniß ist, und da es, ohne jeden Anhalt und Schutz in Berlin, sich an die Behörde gewandt hat, Sie, meine verehrte Frau, um eine weniger strenge Auffassung ihrer Qualifikation zu bitten. Es kann Ihnen das ja nicht schwer fallen, wenn Sie bedenken, daß das weitere Fortkommen des Mädchens von dem Dienstbuche abhängt und ein wenig Nachsicht hier unendlich viel mehr nützen kann als ein gewiß nur allzugerechtfertigter Tadel. Leider sind ja die Dienstboten nichts weniger als vollkommen...« »Herr Polizeileutnant, Vollkommenheit habe ich mir längst abgewöhnt, aber wenn Herr Leutnant wüßten, wie ich unter der Person gelitten habe, was sie mir auf den Stock gethan, dagegen ist ein bodenloser Abgrund eine bloße Handvoll. Trotzalledem habe ich das eigentlich Kriminalistische unbenannt gelassen, wie z. B. die Eier, die der Sergeant zur Erhöhung der Sonntagsruhe vor meinen sichtlichen Augen konzert-aß...« Mein Karl hustete. »Ganz recht,« fuhr ich fort, »er schluckte sie und mir kamen sie in die Kehle...« »Meine verehrte Frau,« unterbrach mich der Polizeileutnant mit obrigkeitlichem Lächeln, »auf die Details einzugehen würde ich kaum für opportun halten. Unsere Unterredung ist allerdings eine vertrauliche, aber in meiner amtlichen Stellung müßte ich von Aussagen denunziatorischen Charakters dennoch Notiz nehmen, und das, glaube ich annehmen zu dürfen, würde im strikten Widerspruche mit der Güte Ihres vortrefflichen Herzens stehen. Ich befürworte noch, daß das Mädchen in Thränen aufgelöst war.« »Die fallen ihr bei der geringsten Gelegenheit wie Murmeln aus den Augen. Damit täuscht sie mich nicht mehr.« »Aber nicht wahr, Sie vernichten das alte Zeugniß und schreiben: ging ab, um sich zu verändern, oder: suchte einen leichteren Dienst.« »Dies letztere nun mal garnicht.« »Sie hatte doch sehr viel Arbeit bei Ihnen. Und ich muß sagen, nach diesem Verzeichniß zu urtheilen, nahmen Sie ihre Kräfte, ich will nicht sagen über Gebühr, wohl aber recht ausgiebig in Anspruch.« Der Herr Polizeileutnant schob bei diesen Worten zur genaueren Kenntnißnahme einen Zettel hin, der mir sofort als derjenige auffiel, an dem ich mir die Augen hatte verstauchen sollen, es aber wohlweislich nicht that. »Sie müssen doch gestehen, daß die Liste eine recht reichhaltige ist.« »Ja,« sagte ich, nachdem ich Athem für einen längeren Satz eingesogen, »die Speisekarte hat für weitere Genüsse keinen Platz mehr. Aber wenn sie Morgens aufstehen und sich mit Wasser und Seife beschäftigen in den Dienst berechnet, dann möchte ich mir doch ausbitten, daß sie auch das Schlafen als Sklavendienst extra bezahlt verlangt.« »Ich leugne nicht, einige Nummern scheinen etwas gesucht. Aber finden Sie nicht auch, daß das tägliche Herdputzen eine Ueberanstrengung in sich schließt?« »Tagtäglich den Herd? Doch blos alle Sonnabend, wie es Mode seit Erschaffung der Welt. Aber nie von alleine; jedesmal mußte sie dazu erst aufgeschwungen werden. Wenn sie mich verklagen will, mag sie es thun; ich ändere nichts.« »Wilhelmine, Du bist doch sonst nachsichtig,« sagte mein Mann. »Ueberall mit Vergnügen, nur nicht gegen Falschheit und Lüge.« »Sie werden wahrscheinlich im Rechte bleiben, wenn das Mädchen vor Gericht geht, vielleicht auch wird die Klage von vornherein abgewiesen...« – »Siehste Karl, es giebt noch Richter in Berlin,« rief ich aus. – »Das Mädchen hat keine Mittel, den Prozeß ins Rollen zu bringen« redete der Herr Polizeileutnant weiter. »Weshalb spart sie nicht...« »... sie giebt ihr Letztes aus und ist dann dem Elend verfallen. Das heißt in der großen Stadt: der Obdachlosigkeit, dem Hunger...« »Es ist ihr ja nicht verboten, einen neuen Dienst anzunehmen.« »Oh doch, meine verehrte Frau, das verbieten Sie ihr.« – »Ich?« – »Durch das Zeugniß. Welche Herrschaft nimmt ein Mädchen, dessen Buch ihm Unaufrichtigkeit, Unachtsamkeit, und zumal Ungenauigkeit nachsagt? Gegen den Ausdruck der Unehrlichkeit könnte es auf Beweise klagen, Ungenauigkeit, was so ziemlich dasselbe bedeutet, jedenfalls so verstanden wird, möchte manchem als nicht klagbar erscheinen. Ein unehrliches Mädchen findet keine Stelle, wenigstens so leicht keine, an der es ehrbar bleiben kann. Und was wird dann aus ihm? Durch Ihr Zeugniß ist es hinausgewiesen, dorthin, wo die abschüssige Bahn beginnt. Wissen Sie, meine liebe Frau, wo die endigt? – – Wir wissen’s, wir von der Polizei. Wir haben die Last davon, wir müssen brutal, grausam sein gegen Geschöpfe, die in erster Aufwallung verstoßen, allerdings ihrer erzürnten Herrschaft keine Sorge weiter bereiten. Dort stehen die Protokolle, wollen Sie darin lesen, wie solche Trauerspiele des Lebens enden?« Er deutete auf ein Gestell, das voll von dicken hohen Büchern war. Mich überlief es heiß und kalt. »Weil sie sich verändern wollte,« flüsterte ich. »Geben Sie das Buch her; ihre Seele komme nicht über mich.« Das alte Zeugniß wurde vernichtet; ich schrieb ein neues und der Herr Polizeileutnant ließ es stempeln. »Ich danke Ihnen,« sagte er. »Die Juristen sind der Meinung, mit Milde und Nachsicht bessere Resultat zu erzielen als mit rigoroser Strenge, und so ist die Richtung der Zeit. Auch ich hoffe, daß das Mädchen in sich gehen und die Fehler ablegen wird, über die Sie, meine verehrte Frau, sich noch zu beklagen hatten. Ich danke Ihnen nochmals.« Mir ward leichter, als wir die Straßenluft erreicht hatten. Die Luft drinnen will ich damit durchaus nicht für schlecht erklärt haben, nein, ich will mich hüten, sie athmete sich nur etwas beschwerlich. An der Ecke stand die Lene mit einer Kamerädin, einer aus demselben Paquet mit eben solchen Hohnblicken. »Das ist sie,« sagte unsere Frühere so laut zu der Anderen, daß die Telephondrähte summten, »die merk‘ Dir. Bei der ist die schlimmste Dienstmädchenschinderkule in ganz Berlin.« Ich machte so große Schritte als statthaft, ohne dem Publikum den Gratisanblick von Trabrennen zu gewähren und war nahe daran, umzukehren und das frische Zeugniß zu bereuen. »Karl,« sagte ich jedoch, »es wäre unhöflich, die Liebenswürdigkeit des Herrn Polizeileutnant sofort noch einmal zu bemühen, dazu ist er zu sehr Cavalier und zu fein gebildet, aber er kriegt sie später doch in sein Protokoll, denn erstens ist noch Platz auf dem Büchergestell und zweitens sorgt sie selbst dafür, daß sie aufgenommen wird. Ich bin nur froh, daß ich meine Hände nicht dazwischen habe.«   Ein frohes Ereigniß. Familien-Eigenthümlichkeiten – Warum Wilhelmine hopst und Dr.  Wrenzchen Sherry auffährt – Von der ärztlichen Konkurrenz und einsichtsvollen Männern – Von der Beschwerdecommission und den Millionärhaften – Warum die Enkel belohnt werden und Fritz ein Lazarus ist – Wer hat die Schuld? – Von höherem Benehmen – Wie Wilhelmine Räthin werden möchte und selbst in den Vorkostkeller geht – Von den Manieren der Vorsehung Wir sind ja schon gewohnt, daß mein medizinischer Schwiegersohn auf seinen Geburtstag keinen hervorragenden Werth legt und selbst Emmi ihn nicht dahin bringen kann, diesen Tag durch eine kleine Mehrleistung vor den übrigen auszuzeichnen. – »Unterstreichen Sie ihn meinethalben so dick im Kalender, liebe Schwiegermutter, wie Sie wollen,« entgegnete er auf einen mit dem zartesten Tulpenstengel verabreichten Wink, »ins Haushaltungsbuch kommt er mir nicht.« – »Wer spricht denn von dick? Sie sollen nicht vergeuden, blos Ihren Geburtstag festlich begehen.« – »Das ist nur äußerlich.« – »Aber was reden die Leute?« – »Was sie immer reden: Blech. Spart Einer sein Geld, nennt er sich ökonomisch, macht ein Anderer es ebenso, schilt er ihn geizig. Wirft Einer sein Geld weg, dünkt er sich generös, thut’s ein Anderer, schilt er ihn Verschwender. Ich denke daher, Jeder macht es so, wie er will.« – »Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, aber auch manchmal seines Nächsten Hölle, aber auch manchmal seines Nächsten Hölle,« sagte ich ohne weitere Betonung, wie man so Sprüche der Weisheit fallen läßt. – Er wandte sich um und sagte: »Liebe Schwiegermutter, ich habe nicht für mich allein, sondern auch für Andere zu sorgen, und da Sie für alte Schnäcke zu schwärmen scheinen, will ich Ihnen einen sagen, der mir des Behaltens besonders werth erscheint; der lautet: fette Küche – mageres Erbe.« »Und ich weiß einen, der heißt: es ist nichts trauriger, als wenn reiche Leute kein Geld haben.« »Das trifft mich leider nicht,« sagte er. »Wäre ich reich, ich ließe Sie in pures Gold fassen.« »Und dann versetzen, und den Pfandschein verlieren,« lachte ich. »Nein, so leicht werden Sie mich nicht los.« – »Damit wäre mir keineswegs gedient,« entgegnete er. »Sie hätten leicht eine schlimmere Schwiegermutter kriegen können,« beendete ich wohlwollend das kleine Scharmützel, wie wir solche von Zeit zu Zeit kämpfen. Ein Schwiegersohn muß mitunter ins Manöver, sonst artet er aus und verliert den Apell gänzlich. Meine Tochter Emmi hat die Zügel schon zu locker gelassen, er war auch zu sehr an ungebundene Junggesellenfreiheit gewöhnt, ehe er in unsere Behandlung kam und da er durchaus nicht für Friedens-Hüte ist oder Diamanten oder auch nur Handschuhe, um Versöhnung zu stiften, fängt sie lieber gar keinen Zank an. So hat jede Familie ihre Eigenthümlichkeiten. – Endlich hatte die Vorsehung die Gefälligkeit und sorgte für mein Vergnügen; sie mochte wohl eingesehen haben, daß sie mir nachgerade eine kleine Erfreuung schuldig geworden war. Das kam folgendermaßen. Ich sitze und bin mir gar nichts vermuthen, als die Dorette mit einem Briefe hereinkommt. »Jetzt Post?« fragte ich, »mitten zwischen den Bestellungen?« »Der Postbote hat ihn auch nicht gebracht,« sagte sie. »Wer denn?« – »Einer mit der rothen Mütze, so ein Eckenrath.« – »Ist er noch da?« – »Nein, er ging gleich, er sagte, er wäre bezahlt und auf Antwort brauchte er auch nicht zu warten.« Ich erkannte auf den ersten Blick Emmis Handschrift; also todt war sie nicht. Und doch war ich vor Besorgniß verwirrt, und las in fliegender Hast: Liebste Mama! Komme augenblicklich. Franz hat mir ein neues Kleid bewilligt. Wir suchen es zusammen aus und fahren gleich zur Schneiderin. Deine überglückliche Sanitätsräthin Emmi Wrenzchen. P. S. Dies war mein Geheimniß. Du begreifst, daß ich schweigen mußte, bis es amtlich war. D. O. Ein freiwilliges Kleid! Das war das Geheimniß? Deshalb einen Dienstmann aus seinem Stehschlaf schrecken? Das Kleid amtlich? Was hieß das? Ich las noch einmal. »Ha!« rief ich. – »Mein Gott« schrie Dorette, »ist Jemand verunglückt...?«  »Nein, nein. Schnell mein Schwarzrispenes, ich muß zu meiner Tochter der Frau Sa–ni–täts–räthin!« Dorette sah mich groß an. »Ja, Dorette, prägen Sie sich meinen Anblick nur recht getreu ein; so wie ich sieht eine Sanitätsräthinmutter aus.« Es kam eine Elastizität in mich bei diesem Gedanken, daß, ohne Dorettes Gegenwart, ich in einen Solo-Hopser ausgebrochen wäre, so aber legte ich die mir geziemende Würde an und sprach, indem ich mit dem Zeigefinger wie Maria Theresia auf die Erde deutete und die Augenlieder hoheitsvoll senkte: »Dorette, gehen Sie ins Comptoir und melden Sie dem Herrn, ich gäbe mir die Ehre, meine Tochter, die Frau Sanitätsräthin zu besuchen, ob er vom Geschäft abkommen und sich anschließen könne. Aber eiligst, Dorette.« Als die Dorette draußen war, hopste ich doch. Mein Mann hatte keine Zeit und ließ sagen, er käme nach. – »Freute er sich denn nicht, Dorette?«– »Ach nee. Der Herr schienen bereits zu wissen.« – »So wird es wohl sein.« – Natürlich wußte er und mir nichts gesagt! Die Männer halten eben zu sehr zusammen und deshalb werden die Frauen auch nie hoch kommen, wenn sie es ihnen nicht nachmachen. man vertraue der Bergfeldten etwas Verschwiegenes: am andern Tag ist es herum wie an den Säulen. Zu meinem Erstaunen standen bei Sanitätsrathens eine Flasche mit Gläsern auf dem Tisch und auch Zigarren waren offen hingelegt, wie es sich bei Gratulationserwartungen geziemt. Ich schloß Emmi gerührt in die Arme. Zu ihm sagte ich: »Herr Schwiegersohn, Sie stehen jetzt auf einem hervorragenden Sockel, eine gewissermaßen ehrengekrönte menschliche Statue auf dem Opernplatze des Lebens. Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück dazu, denn neben Ihnen steht mein liebes Kind, meine Emmi, und das, das macht auch mich so glücklich.« Er wurde ebenfalls ganz gerührt; er hat seine innerlichen guten Seiten, wenn er auch auf das Aeußerliche weniger giebt. Und doch schien es, als wenn ihm mit dem Sanitätsrath der Pflichtgedanke gekommen wäre, die Fassade seines bisherigen Daseins abzuputzen, indem er nicht nur Sherry und Zigarren aufgefahren und seiner Frau einen blauen Schein für Verschönerungszwecke gewidmet hatte, sondern sogar auf meinen Vorschlag einging, seine Ernennung durch ein kleines Fest einzuweihen. Was thut man mit der Freude? Wenn sie nicht ans Freie kann, kommen Motten hinein. Wie ich darlegte: im englischen Hause den großen Saal zu nehmen und die zahlreichste Verwandt- und Bekanntschaft zu entbieten, reimte nicht mit seinen Tendenzen, da er die Richtfeier der Standeserhöhung mit seinem erst später fälligen Geburtstage zusammenzulegen gedachte. Jedenfalls aber nicht mehr Gäste, als das eigene Heim zur Noth faßte. »Und eine Riesenkalbskeule,« fügte ich verletzt hinzu. »Das versteht sich. Wenn eine nicht langt, zweie!« »Alle Welt hält dergleichen außer dem Hause ab« wagte ich noch einen schwachen Bekehrungsversuch. »Und alle Welt macht Schulden und Pleite,« entschied der mit der bekannten Punktumhaftigkeit der Doktoren, die sie sich gar bald bei den armen, elenden, willenlosen, schwachen, ohne Muck gehorchenden Kranken anüben. »Jedoch nicht ohne Poesie,« riskierte ich einen letzten Angriff. »Sehr angenehm« sagte er. »Aber wenn mir der Pegasus das Haus volltritt, jag' ich ihn hinaus.« »Was soll das heißen?« »Daß Ich keine Gewaltsachen wünsche.« Die Unterhaltung wurde durch Gratulanten unterbrochen. Es kamen Herr Dr.  Paber, der auch schon Sanitätsrath ist, und mehrere Herren von der medizinischen Donnerstagsgesellschaft, ältere Kollegen und jüngere. Sie sprachen wohlgesetzte Worte, aber es zog sich durch alle das Bedauern wie ein rother Faden hindurch, daß mit dem Titel, der doch Standespflichten auferlege, kein Gehalt verbunden sei. »Erlauben Sie, meine Herren« ergriff ich die Unterhaltung, »ein Sanitätsrath kann meiner Meinung nach einen Besuch höher schätzen, als der einfache unräthliche Doktor. Auf diese Weise kommt noch ein Ueberschuß heraus.« »Verehrte Frau,« nahm Herr Sanitätsrath Dr.  Paber das Wort. »Ich glaube annehmen zu dürfen, daß wir alle Ihre treffliche Ansicht theilen, aber trotzdem läßt Ihr Vorschlag sich schwer ausführen, zumal jetzt, wo die Konkurrenz eine so kolossal gesteigerte ist, daß mehr Aerzte, als man glauben möchte, nicht über ein steuerpflichtiges Einkommen verfügen. Aber sie vertuschen bestmöglichst wie sie zu leben gezwungen sind, wie und woher sie sich die Mittel für den täglichen Bedarf verschaffen, womit sie ihre Familien erhalten, auf welche Weise sie die großen Summen, die ein fünfjähriges kostspieliges Studium verschlungen hat, wieder einbringen. Es ist eben nicht Jeder in der Lage, Jahre hindurch aus dem Geldbeutel seines Herrn Vaters zu leben oder sich von der Mitgift einer reichen Frau zu ernähren, welcher der Titel ›Frau Doktor‹ ihr Vermögen werth ist.« »Wie kann man so hinter einem Namen her sein?« warf ich ein »Ich finde es sehr unpassend, mit Geld zu concurriren, wo die Tüchtigkeit den Sieg davon tragen sollte.« »Heute tritt die Billigkeit mit in den Bewerb,« entgegnete Dr.  Zehner, ein höchst intelligenter jüngerer Freund und Kollege meines Schwiegersohnes. »Wo die allerdürftigste Cassenarztstelle ausgeschrieben wird, strömen die Aspiranten scharenweis herbei und machen vor Gevatter Schuster und Schneider, als den Vertretern der Kasse, ihre tiefsten Reverenzen. Da fahren sie vor in Frack und weißer Binde und sind hoffnungsbeglückt, wenn der im Verein angesehene Ra- Fri- und Masseur ihnen die kalte Seifenschaumhand reicht und sie im Vorstande zu erwähnen verspricht. Es ist aber nicht Jedermanns Sache, den an Demüthigungen reichen Weg der Gunsterbettelung zu beschreiten; gediegene Kenntnisse und Tüchtigkeit geben Selbstbewußtsein, und darum sind es nicht immer die Besten, die zur Existenz gelange, und nicht die Schlechtesten, die mit der täglichen Noth ringen.« »Es läßt sich das nun doch mal nicht ändern,« sagte mein Schwiegersohn, der Sanitätsrath. »Das Krankenversicherungsgesetz ist da und im Reichstag von einsichtsvollen Männern berathen.« »Die wohl nicht bedachten, wie viel von der Opferfähigkeit der Aerzte verlangt wird. Sehen Sie sich doch die Thätigkeit eines Kassenarztes an. Den ganzen Tag geht es Trepp auf, Trepp ab, des Nachts keine Ruhe, keine Ruhe an Sonn- und Feiertagen, keine Zeit zur Erholung oder zu weiterfördernder Beschäftigung, und für diesen Aufwand an Lebenskraft und Gesundheit eine geradezu jämmerliche Bezahlung: Vierzig Pfennig für eine Consultation in der Sprechstunde,« redete Herr Dr.  Zehner. »Gestatten Sie,« sagte Dr.  Paber, »in Berlin rechnet man nach Points. Drei Points für eine Consultation in der Sprechstunde in der Wohnung des Arztes, sechs Points in der Wohnung des Patienten.« »Die wundervolle Bezeichnung Points ist wohl aus dem Knobelkomment herübergenommen?« bemerkte einer der älteren Collegen. »Wahrscheinlich,« sagte Dr.  Paber und fuhr fort: »da nun mit den Points in die Beiträge der Krankenkassenmitglieder dividirt wird, kann der einzelne Point eine sehr verschiedene Höhe erreichen. Im vorigen Jahre kam der Point nur auf dreizehn Pfennige zu stehen, und da dreimal dreizehn neununddreißig macht, hat College Zehner einen Pfennig zu viel für die Consultation angegeben. Dies wollte ich nur feststellen.« »Danke verbindlichst für die gütige Revision,« sagte Dr.  Zehner lächelnd. »Ein Hausbesuch kam auf achtundsiebzig Pfennige.« »Davon kann kein Arzt standesgemäß leben!« rief ich aus. »Er muß doch das seinige verdienen.« »Das thut er auch, wenn er so zahlreiche Kunden hat, daß auf jeden zwei bis drei Minuten Sprechstunde fallen. Bei dreißig bis vierzig Patienten hat er einen Tagelohn von zwölf bis fünfzehn Mark.« »Und die Patienten?« fragte ich. »Kriegen denn die ihr Recht?« »Genau so, wie es sich aus dem Gesetz entwickelt: dem Entgelt entspricht die Leistung. Das ist die unumstößliche Lehre von der Erhaltung der Kraft, die der große Helmholtz begründet hat.« »Ueberall dasselbe,« fügte ich wissenschaftlich hinzu. »Wie der Lohn, so die Arbeit. Eine perfekte Schneiderin.... Emmi, wir wollten noch auf Besorgungen aus...« »Gleich, Mama. Wenn nun aber Einer nicht so Viele in der Sprechstunde hat, was dann?« »Dann häuft er die Besuche bei den Patienten außer dem Hause. Die Masse muß es auch hier bringen.« »Damit die Bäume jedoch nicht in den Himmel wachsen,« nahm ein jüngerer College das Wort, »werden z. B. in Nürnberg nur zehn Besucht für den Kopf des Patienten und das Vierteljahr bezahlt. Hat man bei einem Patienten fünfzehn, bei dem andern zehn Besuche im Quartal gemacht, zahlt die Kasse nur für zwanzig Visiten. Aber auch dabei leppern sich anständige Summen für überbeschäftigte Aerzte zusammen. Wenn hier in Berlin ein Arzt unnütz viel verschrieben und viele unnütze Besuche gemacht hat, streicht die Beschwerde- und die Revisionscommission ihm das ›Uebereifrige‹ ab.« »Das ist weder schön, noch hebt es das Ansehen des Stande,« sagte Herr Sanitätsrath Dr.  Paber, »wenn ein Arzt sein Thun von einer Commission kritisiren und sich Abstriche gefallen lassen muß, wie ein unreeller Handwerker bei Lieferungen. Darunter leiden auch die Anständigen. – Gott bessre es.« »Was können wir dabei machen?« fragte mein Schwiegersohn. »Zusammenhalten,« rief ich. »Ein einig Volk von Gebildeten müßte doch wohl das Beste erreichen, wenn es ernstlich will. Dies ist meine Meinung und es sollte mich freuen, wenn sie Anklang fände. Emmi, es ist höchste Zeit.« Wir verabschiedeten uns von den Herren, die sich wohl immer mehr in ihr Fach vertieft haben werden und fuhren nach Rudolph Hertzog. Wir gingen durch den großen Saal sozusagen mit zuen Augen, namentlich links an der ersten Ecke vorbei, wo man sich gewöhnlich in mehr Meter verliebt, als eigentlich beabsichtigt sind, weil der Herr Verkäufer die Stoffe so geschmackvoll vorzulegen versteht, daß einer davon eine durchaus nothwendig zu habende Neuheit der Saison wird. Schließlich läßt man es sich abschneiden. In der Abtheilung für Seidenwaaren verlangten wir von vornherein Preiswürdiges, weil sie sonst erst das Millionärhafte ausbreiten, denn preiswürdig ist der Ausdruck für verschämt Billiges. Ich sagte: »Meine Tochter, die Frau Sanitätsräthin, wünscht etwas Gediegenes, aber nicht zu Schweres. Haben Sie ein feines Grau, das namentlich bei Licht superben Effekt macht?« »Zu dienen,« sagte der junge Mann, und legte einen blendenden Stoff vor. »Vielleicht wählen Frau Räthin diese gebrochene Lavendelfarbe, die großartig gefällt.« Wie das that, so dies erste Frau Räthin, frei aus dem Publikum heraus, das läßt sich gar nicht beschreiben, ungefähr so als wenn man mit einem Sammthandschuh das Rückgrat heruntergestrichen kriegt und Pralines dazu ißt. Wir besahen noch alle gräulich-bläulichen Stoffe, die er hatte und noch einige hellgraue, rosa, lichtbraune und blaue, nahmen aber den ersten, der uns Beiden gleich so gut gefiel. Man kommt meistens auf Nummer zuerst zurück, aber sehen muß man das Andere doch auch. Mir zeigte der junge Mann ein Schwarz-Damast mit atlasartigen Ranken darin, wie ich in meinem Leben noch keine Nouveautät sah. Einfach lähmend. »Wir haben dies Muster ausschließlich,« sagte er. »Großartige Seide. Bereits an zwei Kommerzienräthinnen verkauft. Befehlen für Abendtoilette mit langer Schleppe?« »Nein danke. Ein andermal. Vorläufig kann ich keinen Gebrauch davon machen.« Für den Stoff mußte man in der That Kommerzienräthin sein. Der junge Mann winkte dem braun livrierten Diener – es war Nummer 98 – der nahm das Erstandene und trug es uns bis zur Kasse nach. Vorher gingen wir in das Lichtzimmer, das auch bei Tage mit Gas erleuchtet wird und mit Spiegelwänden tapeziert ist, damit man sehen kann, wie die Farben am Abend lassen. Das Gebrochenlavendelfarbige war ideal. »Emmi,« sagte ich, »es schreit förmlich nach Gemachtwerden, so bildschön ist es. Ich esse bei Euch zu Mittag und dann zur Nähseuse.« »Aber wo bleibt Papa?« »Der muß sich mit dem Telephon behelfen, durch das ich ihm guten Appetit wünsche. Und wenn er auch knurrt, für unsere Angelegenheiten wird den Männern das rechte Verständniß doch ewig fehlen; ertragen wir das mit Geduld. Hast Du hingegen an die Kinder gedacht?« – »Wieso?«  »Die dürfen zur Feier des Tages nicht unbelohnt bleiben, weil sie so sittsam sind und so lieb. Wir gehen in einen Spielwaarenladen, ich weiß, wonach ihr unschuldiges Gemüth sich sehnt.« Der Schwiegersohn war mit der Wahl des Stoffes zufrieden, als wir ihn zur Begutachtung auseinanderfalteten, hatte jedoch an unserem längeren Wegbleiben Aussetzungen. »Lieber Herr Rath,« sagte ich, »so geschwind, wie Massen-Kassenärzte ihre Patienten erledigen, können wir ein Kleid nicht kaufen. Fragen Sie die einfachste Arbeiterfrau, ob sie an dem Kattun zu ihrer Bluse nicht länger herumfingert und besieht als der Vierzigpfennig-Doktor an ihrem Mann, wenn er an zu quienen fängt und die Krankheit ist noch verborgen. Umtauschen kann er die Medizin nicht, wenn sie hinter gelöffelt ist, ebenso wenig wie einen verschnittenen Stoff retour geben.« »Mir ist nur unangenehm, daß Emmi heute nicht zurück kam, die Jungens haben wieder Unheil gestiftet.« »Franz natürlich.« »Nein, Fritz.« – »Sagen wir Beide, Franz giebt an und Fritz, der sanfte, thut ihm den Gefallen.« – »Auch möglich. Mehrfach ist ihnen verboten, sich mit dem kleinen Rothkopf aus dem Vorkostkeller nebenan einzulassen. Nun haben sie wieder eine Schlacht geliefert, der Lehrling aus dem Keller kommt dem Söhnlein seines Prinzipals zur Hülfe...«  »Solche Gemeinerei: so ein Rufti über unsere süßen Kleinen. Das muß ihm besorgt werden.« »Lassen Sie's nur gut sein, ich habe die Fensterscheibe schon bezahlt, die Fritz aus Rache eingeschmissen hat.« – »Der Engel; weil der Grützwurm seinen Bruder mißhandelte; das liebe edle Herz.« – »Weil Sie seine Lust am Zertrümmern mit Chokolade nähren, verehrteste Frau Schwiegermutter. Ich bitte mir ein für alle mal aus, sich nicht in die pädagogische Behandlung meiner Kinder zu mischen.« – »Thue ich denn das? Nicht einen Schlag geb' ich ihnen.« »Keine Minute kann man aus dem Haus sein, gleich passirt was,« sagte Emmi mißvergnügt. »Warum paßtest Du nicht besser auf?« »Was kann das Stück Fensterglas groß gekostet haben?« fragte ich. »Außerdem muß man sich nie zu sehr dem Mammon hingeben, sonst knöpft der liebe Gott ihn wieder ab.« »Ich denke, wir gehen zu Tisch,« sagte Er kurz. Wir folgten stumm. So sind die Männer immer, wenn sie ungestört unter sich waren. Als die Kinder kamen, erschraken wir Beide, Emmi und ich, denn Franz sah ziemlich verschwollen aus. »Mein Liebling!« rief Emmi, »Was ist Dir? Was hast Du da?« – »Kittauge,« sagte Fritz. – »Die Beute aus der Schlacht,« bemerkte Er spöttisch, anstatt sein eigenes, schrecklich zugerichtetes Fleisch und Blut zu beklagen. – Wie Du aussiehst,« sagte Emmi. – »Der andere Jung sieht noch viel döller aus,« berichtete Franz. – »Viel dölderer,« bestätigte Fritz, der kleine Lazarus. »So war's recht,« sagte ich, obgleich es eigentlich nur gedacht sein sollte, und richtig, Er gleich wie ein Oberlehrer: »So war's nicht recht. Ihr sollt Eurem Vater gehorchen, der Euch verboten hat, mit dem Knaben aus dem Keller Krakehl anzufangen.« »So wie Unsere fangen doch nicht an? Wenn hingegen einer ein meilenweit sichtbares Karnickel ist, denn schon der Rothkopf.« »Sollte nicht auch das Fenster aus eigener Bosheit geborsten sein?« spottete er. »Sehr möglich. So viel Philippinen ich schon gehabt habe: so oft eine Scheibe was weg hatte, beschwor eine jede, das sei ganz von selber gekommen. Es giebt eben noch Dutzende unaufgeklärte Naturgesetze.« »Scheint mir auch so,« brummte Er. »Schade, daß keine Professur mehr an der Universität frei steht.« Seine Retourkutschen blieben bereits stecken, ihn weiter triezen, hatte keinen moralischen Werth mehr. Emmi war besorgt um Fritz; wäre die auch Mutter, die bei der Verkeilung ihres Knaben nicht mitfühlte? »Wo thut es sonst noch weh?« fragte sie. – »Hier so,« sagte Fritz und legte den Handrücken vorsichtig dahin, wo die Beine oben endigen, wobei er furchtsam nach dem Vater schielte. – Wir wußten genug. Ja, warum waren wir nicht früher zurückgekehrt, anstatt die Stoffe zu beunruhigen, die wir nicht einmal dachten zu kaufen? Dann wäre dem süßen Liebling eine Mißhandlung erspart geblieben. Und wer weiß, ob Franz nicht eben so viel Schuld hatte? Ich sagte nur das eine halblaute Wort: »Wütherich!« Wir aßen wie an der Eisenbahntafel, wo keiner den andern kennt und Hunger die einzige Entschuldigung ist, daß man zusammensitzt. Auch die Kinder waren wie auf das Mündlein geschlagen, obgleich Er die Erziehung von der entgegengesetzten Richtung unternommen hatte. Sonst bei Tisch war es immer eine wilde Ecke, wo die Kleinen saßen und heute muxstill wie ausgestopft, nur daß es ihnen schmeckte, während wir bloß so thaten. »Na ja,« sagte ich. Emmi schwieg, und Er hielt es nicht für nöthig, seinen Geist anzustrengen. Er hatte bald ausgegessen und schützte Sprechstunde vor, uns zu verlassen. »Hübscher Ton!« konnte ich nicht umhin zu bemerken. »Wenn Er »Geheimer« geworden wäre, müßten wir uns wohl entschuldigen, überhaupt geboren zu sein?« »Mama, reize Franz doch nicht immer.« – »Ich?« – »Es sind doch schließlich seine Kinder.« – »Bestreite ich das? Aber wer ist der Schuldige, Franz oder Fritz, wer wagt bei der Aehnlichkeit einen Zeugeneid? Wer weiß, ob Franz nicht das blaue Auge verdient hat und die väterliche Bimse, worunter Fritz nun leidet? Er hätte wissen müssen: Zwillinge passen in einen modernen Haushalt nicht hinein!« – Sie lachte. »Emmi, höherer Grad verlangt höheres Benehmen. Ich an Deiner Stelle... ich sage Dir: die Conduite.« Wie ich ihr das nun so vormache, mit fein abgerundeter Handbewegung und den Kopf aristokratisch mit herablassendem Blicke in den Nacken geworfen, vergessen die Knaben ihren Trübsinn und werden heiter... »Ihr seid ja unartig,« ermahnte ich sie, »und dann eßt Ihr schon wieder mit den Fingern, das dürft ihr nie und nimmer thun. Ihr seid jetzt ja junge Sanitätsräthe.« – Das macht ihnen denn viel Spaß. – Noch mehr aber freute sie, was Großma' mitgebracht hatte, zwei schöne Pusterohre und zwei Schachteln Bleisoldaten. Hatte die hartherzige Mutter ihnen die harmlosen Indianerwaffen weggeschlossen, die gute Großmutter schaffte Ersatz. Sie sind ja auch Preußen und denen ist das Zündnadelige einmal angeboren. Nachdem Emmi sich überzeugt hatte, daß sich mit der Munition kein Troja zerstören ließ, fuhren wir mit dem Stoff zur Bekleidungskünstlerin. Wir mußten ziemlich warten, bis wir an die Reihe kamen und das Maaßnehmen und Bereden brauchte auch ein kleines Stündchen und darüber. Zur Stärkung sprachen wir in einer Conditorei vor, obgleich ich selten solches Dessert-Restaurant benutze; aber heute nach dem dürftigen Mittag gebot die Selbsterhaltung. Warum war Er auch solcher Appetitvergrauler? Ich hatte noch nicht den letzten Happen Apfelkuchen mit Schlagsahne genutscht, als mich die Ahnung durchschoß: ›jetzt wird Pech destillirt.‹ Ich habe das manchmal so. Es ist dann, als hätte ich schon einmal erlabt, was ich jetzt erlebe, und weiß genau, was kommt, genau was Einer im nächsten Moment sagen wird, oder was ich sagen werde und sagen muß, ob ich will oder nicht. Und darnach, je deutlicher das Wiedererleben war, um so eher, ereignet sich irgend etwas für mich Unangenehmes. Emmi sagte: »Meinst Du, daß ich an dem Neuen viel Gut haben werde?« – Darauf mußte ich antworten: »Was ist ein Tropfen im Strom?« und das Ahnungsgefühl war da. – »Wie meinst Du das?« – »Komm nur, wir müssen nach Hause. Papa holt mich nachher ab. Rasch einiges für die Kinder, sie sind auch nicht satt geworden. Komm.« – »Was hast Du, Mama?« – »Nichts, mir ist hier zu heiß. Bist Du so weit?« Es war, als hätte ich Hellsehen gelernt gehabt: Franz und Fritz, die Herzeken, hatten sich wegen der Schlacht am Morgen noch nicht beruhigt und, ganz wie Knaben nicht nur sind, sondern auch sein müssen, die Fehde wieder aufgenommen. Dabei sahen sie jedoch weniger auf Faustkampf sondern mehr auf strategisches Bombardement, wozu die Pustrohre wie geschaffen waren. Von Papa's Wartezimmer aus konnten sie dem Vorkostmenschen in das offene Fenster vom Lagerkeller feuern und das thaten sie redlich, wobei sie richtig ins Schwarze schossen, nämlich in ein Pflaumenmusfaß, das offen neben Sauerkraut, amerikanischem Schmalz und anderen Fressabilien stand. Emmi dies sehen, die Beiden klappsen und trotz ihres Geheules wegschleppen, das geschah mit Eisenbahnunglücksgeschwindigkeit. Ich aber athmete erlöst auf; das also war das ganze vorgeahnte Mißgeschick. Gottlob, denn wenn das Ungemach vorbei ist, hab' ich meistens längere Zeit Ruhe vor Aehnlichem. Die Pusterohre legte Emmi abseits zu der bereits konfiszirten Artillerie. Die Soldaten ließ sie ihnen. Die wollten die Zwillinge aber nicht mehr. Zur Strafe mußten sie ins Bett. Mein Mann kam; er gratulirte ohne besondere Entzückung. – »Ich verstehe Dich nicht,« nahm ich ihn vor, als Emmi nach dem Abendbrot sehen gegangen war. »›Rath‹ ist doch ein gehöriger Klacks Familienehre. Ich sage Dir, ich sah heute bei Hertzog einen Seidendamast, zwei Kleider sind schon für Kommerzienräthinnen herabgeschnitten, was meinst Du, wenn ich das dritte hätte? Kannst Du gar nicht ein Bischen dazu thun?« – »Nein, Minchen, solche Socken, wie dazu gehören, fabrizire ich nicht.« Der Rath hatte noch zu praktiziren. Als er eintrat, sah ich ihm sofort elektrische Ladung an und er donnerte auch nicht schlecht los: »Emmi! Emmi!« – Die Frau Räthin flog herbei. »Wer ist im Wartezimmer gewesen?« – »Ich war nach Mittag aus.« – »Wer war drinnen?« – »Wie so, Männchen?« – »Aha,« dachte ich, »die Ahnung hat noch ein Fortsetzung folgt.« – »Wo sind die Pillen geblíeben?« – »Welche Pillen?« – »Die in den runden Holzschachteln auf dem Ecktisch. Ich will sie wieder an ihren Erdinder zurückschicken – wir werden mit Arzneimittelproben überfluthet – weil sie zu drastisch wirken...« – »In wie fern dieses?« fragte ich so unbefangen wie möglich, obgleich in meinem Innern ein gräßliches Schreckbild aufdämmerte. »Es sind leicht lösliche Rhabarberpillen in drei Stärken; Nummer Drei ist aber für Pferde und nicht für Menschen.« – »Und die sind weg?« – »Nicht wahr, Sie finden das auch seltsam?« – »Gott,« sag' ich, »wie so Pillen wegkommen, der Eine braucht mehr, der Andere weniger.« – »Damit ist nichts erklärt.« – »Es kann ja ein Patient, dem das Warten langweilig wurde, sie aus Zerstreuung genommen haben.« – »Dann ist der bereits abgeschieden oder er schickt noch. Fatal, wenn ich in der Nacht herausmüßte.« Ich wußte, wo die Pillen waren. In dem Pflaumenmus. Was nun beginnen? Ihm reine Aufklärung einschenken? Ihm direkt sagen, wie unverantwortlich es ist, Pillen herumstehen zu haben, wo Kinder mit Pusterohren spielen? Da hätte er wahrscheinlich mir die Verantwortung aufgebürdet. Indem jedoch Emmi ihn bei meiner Meinung ließ, hatte ich auch keine Ursache, seinen guten Glauben zu erschüttern. Beim Abräumen halt ich thatkräftig. »Emmi,« sagte ich draußen, »leih mir einen Topf, ich gehe das Pflaumenmus kaufen. Die Kinder sind ja des Todes, wenn er es erfährt.« – »Die haben ihre Lektion. Mir ist es auch recht, wenn Du die Sache aus der Welt schaffst. Man muß seinem Gatten Aerger ersparen. – »Gewiß, das ist die oberste eheliche Pflicht. Hast Du einen Vier- oder Fünf-Pfund-Topf?« Ich also nach dem Vorkostkeller. »Nein, bitte geben Sie mir aus dem Lager, das ist frischer.« – »Mit Verjnüjen.« Fünfeinhalb Pfund Mus gingen in den Topf. Der Inhaber bemühte sich selbst mit Zubinden und war sehr höflich. Er gab mir sogar den Lehrling mit bis an die Sanitätsrathsthür und das war eine Behütung vom Schicksal, denn wenn ich ihn selber getragen hätte: Topf und Mus wären hingewesen, wie ich Adje sage und er sagt: Madame werden zufrieden sein, ick hab es mitten aus de Mitte herausjeholt.« Mir sanken die Arme schlank am Leibe nieder. Ich hatte das Mus, das keiner von uns dauernd ißt und die Pillen, auf die ich es abgesehen hatte, waren natürlich ordentlich in das Faß hinein mengelirt. Zum Scherzen war ich nicht aufgelegt, als wir wieder gemüthlich beisammen saßen. Die Herren rauchten und netzten das Gespräch mit einem leichten Mußbacher an, ich war aber theilnahmlos wie die linke Eckfigur am Göthedenkmal, die auch schreckliche Gedanken hat. An diesem Abend ward mir bewußt, was eigentlich tragische Schuld ist, nämlich die feste Ueberzeugung, daß man seinen Nebenmenschen ohne es zu wollen, Unheil angerührt hat und nicht weiß, wann, wo und wie es losgeht. – Die Nacht verbrachte ich unter qualvollen Träumen und dazwischen im Aufwachen die Sorge: Wer soll all das Mus mögen? In den nächsten Tagen fragte ich den Rath wie verloren nach dem Gesundheitszustand Berlins und seines Weichbildes. – Er nannte ihn zufriedenstellend. Was ist aber zufriedenstellend für einen Arzt: wenn es krankt oder nicht? »Gar kein unreifes Obst-Epidemisches oder Verwandtes in der Nähe?« forschte ich. – »Nicht die Spur. Im Gegentheil, ich habe weniger zu thun, als sonst. Es liegt wohl am Wetter.« »Die Vorsehung hat allerlei Manieren zu heilen und zu helfen,« sagte ich. »Wenige wissen, was ihnen gut ist und erhalten es doch auf Umwegen.« »Sie sind merkwürdig orakelhaft, theuer Schwiegermutter.« »Je älter man wird, um so deutlicher erkennt man das höhere Walten. Sie sind ja für Sprüche. Ich weiß einen sehr wahren: Das Leben ist die beste Schul' Von der Wiege bis an den Großvaterstuhl. Was sagen Sie dazu, Herr Sanitätsrath?«   Heimsuchung. Warum Menschen und Thiere verschieden sind und mein Karl diät leben soll – Warum mein Karl zu Bier geht und der Löwe sich fürchtet – Vom Notenlesen und dem Schönen aus der Schriftwelt – Warum die Tugend belohnt werden muß und Wilhelmine rathlos wird – Wilhelmine auf dem Posten Wer kennt die neuen Straßen so genau, daß er Bescheid wüßte, ohne die Eckschilder zu befragen? Und wie fremd ist dem Berliner manches Stück Berlin. Man kommt eben nicht hin. Geschieht es aber doch, versteht man, was das Wachsen einer Stadt heißt, und ist froh, wenn die Gesichter der Häuser wieder vertrauter werden. Alles Unbekannte beängstigt. So ist es aber auch mit den Geheimnissen. Bei dem täglichen Trott ist man von dem Gleichbleibenden des Zeitlaufs so fest überzeugt, daß man sich an- und ausärgert, ohne die Gemüthlichkeit zu beschränken. Wenn es aber Ernst wird, bitterer, drohender Ernst, dann ist man mit seiner Angst wie in der Fremde und weiß nicht wo aus, wo ein, woher und wohin, und es ist doch das eigene Leben. Wir waren guter Dinge. Der Winter war da, wie jedes Jahr: immer anders als die Wetterkartenleger ihn wahrsagen. Er sollte mit starkem Frost einsetzen, und das that er auch, wenn man sechs Grad warmes unaufhörliches Schlackerwetter für schneidende Kälte ausgiebt, wie beispielsweise die Assessor Lehmann thut, die mehr mit dem Ofen als mit ihrem Manne verheirathet ist und Sommers in den Bädern aufgebürstet werden muß, um halbwege wie neu zu scheinen. Die Aerzte sagten, dies Wetter sei nicht gesund, aber was konnte es uns anhaben? Die Dorette hatte das Pflaumenmus fast auf und ich hatte mehreremale mitgegessen und uns fehlte nicht das Geringste danach, daß ich schon den Verdacht hegte, die Pillen waren verfälscht, denn wenn ein Höker sagt, aus der Mitte, ist es erst recht Anschnitt, aber Dorettens Teint wurde reiner und sie selbst hurtiger, was immer ein Zeichen von Blutreinigung und Wohlbefinden ist. Meinen Mann ließ ich nicht mit Probe essen und doch wäre es ihm vielleicht sehr dienlich gewesen. Allein die Vorsehung hält das Panorama der Zukunft verschlossen und kein Gold der Erde löst den Deckel. Ganz so wie sonst hatte mein Karl sich all' die Zeit nicht befunden. Das Essen schmeckte ihm, sein Krug Echtes nicht minder, sein Schlaf war beneidenswerth und auch nach Tische wärmte er die Augen mit großer Virtuosität. Wenn ich fragte »Karl, noch eine halbe Tasse?« hatte er schon den ersten Ast durch. Aber er war nicht eigentlich munter. Freilich wurde er ein bischen dick, mein guter Karl, weshalb unser Haus-Sanitätsrath ihm Bewegung anempfahl. Er bewegte sich laut Befehl jeden Tag und es that ihm ausgezeichnet, denn mit solchem Appetit, wie er jetzt aufwies, hatte er mich lange nicht erfreut. Der Rath sprach allerdings von Einschränkung der Nahrungszufuhr, aber es sieht doch ein Kind ein: wenn ein Mensch nicht kriegt was er gebraucht, nibbelt er ab. Ebenso mit dem Echten. Das sollte mit einem Male schädlich sein. Und dabei verordnen die Aerzte gerade echtes Bier zur Stärkung. Das sind doch Widersprüche. Ich sagte: Karl, was Dir mundet bekommt Dir auch, Du lernst an jedem Thier: was ihm nicht gut ist, davon wendet es sich mit Abscheu. Das ist der Instinkt. Und hast Du Dich je vor einem Kruge Münchener geekelt? Die Doktoren haben ihre Wissenschaft doch auch blos von den Thieren, weshalb sie sich den lebendigen Hunde- und Katzenaufschnitt trotz aller Ankämpfungen nicht entringen lassen. Freilich, sagte Onkel Fritz zum Rath, die Versuche mit Thieren hätten garkeinen Werth für die Menschheit, das könnte man in Berlin in jeder Straße gewahr werden. – »Mir unerfindlich,« entgegnete der. – »Du kennst eben Berlin nicht,« erwiderte Onkel Fritz. »An so und so viel Brunnen steht ›kein Trinkwasser‹, sie sind mithin nach der Analyse verseucht. Nun aber saufen die Pferde das ungesunde Wasser täglich und wo siehst Du vor den Droschken neue? Immer nur alte. Ergo verträgt das Vierbein, was dem Menschen verderblich ist, woraus folgt, daß Beider Naturen grundverschieden sind, und die Wissenschaft nicht ohne Weiteres vom Thier zum Menschen übergehen kann. Ausgenommen, es beträgt sich Einer wie ein Vieh, den behandle man wie seines Gleichen.« Da jedoch bei Onkel Fritz der Scherz schwierig vom Ernst zu unterscheiden ist, weiß ich nicht, ob er recht hat? Und dann sind Droschkengäule ja das Unglaublichste gewohnt. Gerade weil mein Karl sich mitunter matt fühlte, mußte er gestärkt werden. Ich versuchte es Abends mit einem kleinen Eiergrogh, aber wir gaben den wieder auf, da er meinte, er würde kurzluftig danach. Ich sagte zum Schwiegersohn: »Lieber Rath, schreiben Sie meinem Manne doch eine Kleinigkeit gegen seine Engbrüstigkeit auf, etwas Erleichterndes, wenn er Treppen gestiegen ist, auch zuweilen Donnerstags nach Pökelfleisch mit Erbsen und Sauerkraut,« aber Er wollte von Tropfen oder Pulvern nichts hören, sondern meinte, der Papa müsse diät leben und eine Kur durchmachen. Arzeneien gäbe es gegen sein Leiden nicht, die Luftnoth hätte ihre Ursache in Fett am Herzen in Folge zu guten Lebens. »Ich habe noch nie gelesen, daß man mit dem Herzen athmet,« entgegnete ich. »Dazu nimmt jeder Vernünftige die Lunge, wie selbst Schulkinder jetzt lernen. Gott sei Dank, die Wissenschaften dringen immer mehr ins Volk.« »Blaakwissenschaft,« murmelte er. Mein Mann wollte nicht recht an eine Kur. Das Geschäft hält ihn. Felix reist, mein Karl leitet den Betrieb zu Hause. Wo soll da die Zeit herkommen? Der Rath schüttelte den Kopf und verbot ihm das Bier und den Nachmittagsschlaf. Vielleicht war es richtig... vielleicht auch nicht, wer ermißt das? Die Medizin hat so ihre Mucken. Man hätte sich, um nichts unversucht zu lassen, unter der Hand an einen Naturarzt wenden können, nicht um ihn zu gebrauchen, sondern mehr seine Ansicht zu prüfen und dann mit leichten Hausmitteln die Heilung einzuleiten und der Lebenskraft zur völligen Wiederherstellung das Feld zu überlassen. Als ich hierauf anspielte, protestierte mein Karl: »Blamire dich nicht und mich nicht vor unserm Schwiegersohn. Wenn etwas geschieht, dann nach seinen Anordnungen; mir bekommt leichte Säure entschieden besser als das Bier und ich bin Nachmittags bedeutend frischer, seit ich die Verdauungshypnose aufgegeben habe. »Aerzte machen Alles viel schlimmer, als es in Wirklichkeit ist. Du und ein Fettherz! Allerdings sind Deine Hosen im Bund etwas erweitert gegen früher, aber da hast Du Dein Herz nie zu sitzen gehabt.« Wir lachten, und auf seine gute Laue zählend, rieth ich zu den Sternmitteln, die so sehr gut sein sollen, zweimal täglich rothe Elektrizität und einmal gelbe oder grüne, und jeden achten Tag Antiscrofuloso, weil neun Zehntel aller Menschen an schlecht kurirten Scropheln leiden, die erst heraus müssen. »Dies hat ein italienischer Graf entlarvt, der von Medizin auch nicht mal blauen Dunst gehabt hat, genau so wie Columbus: keiner der Gelehrtesten seines Jahrhunderts wollte zugeben, daß Amerika entdeckt werden könnte und er fuhr direkt auf New-York los. Willst Du die Schriften vom Grafen lesen?« »Liebes Weib,« sagte mein Karl, »Du meinst es gut mit mir, aber Columbus war kein Charlatan, sondern ein klar blickender, denkender Kopf. Soviel weiß ich auch, daß es weder rothe noch gelbe, noch grüne Elektrizität giebt, und an Scropheln habe ich nie gelitten. Wenn ich mich nicht fühle wie sonst: bedenke, ich bin kein Jüngling mehr. Aber mach' Dir keine unnöthige Sorgen, ich kann arbeiten, mir schmeckts Essen und was die Aerzte auch sagen, heut Abend geh ich einmal wieder ordentlich zu Bier. Ein gut abgelagertes Bräu kann unmöglich schaden.« »Hast Du das Verlangen, geh wohin der natürliche Instinkt dich treibt und mach eine Ausnahme. Wir können etwas später Abendbrot essen – was meinst Du zu Gänsebrust und Kartoffelsalat – ich gehe auch meiner Wege, ich muß zu Erika.« »Ach so, es ist ja bald Weihnachten«, sagte mein Karl verständnißinnig. – Erika hat immer neue Ideen, gerade nicht was man unerhört überraschende nennt oder ausgefallene, nein, es ist nahe liegend und selbstverständlich, was sie thut und in so geräuschloser Weise, daß es nur spürt, wer will. Onkel Fritz entgeht nichts, aber er macht auch kein Leben davon. Sie verstehen sich eben. Ihre Wohnung ist mit der Zeit merkwürdig geworden, ganz anders, als jeder Tapezier nach der neueren Stilmode einrichtet. Allmälig ist hier ein Stück angeschafft und da eins, dies und jenes dafür weggethan und immer nur, wie es ihr gefällt. Ich glaube, ein Kind würde sich gerade so einbauen: nichts egal und doch zusammenpassend, lebhaft in der Farbe und zierlich von Gestell und doch anmuthig und brauchbar. Manchmal sitzt sie mit der kleinen Wilhelmine auf einem der schönen echten Teppiche, die sie so gern hat, höchstens, daß sie noch ein Sophakissen zu nehmen und besieht Bilder mit ihr, oder hilft ihr bei den Puppen, oder die Kleine schmiegt sich dicht an sie und sie sagen Beide kein Wort. Dann ist es selig still und nur der Straßenlärm treibt von Zeit zu Zeit eine unruhige Welle in den wachen Traum. Kommt Onkel Fritz, lagert er sich zu ihnen und sie spielen Oase in der Wüste. Dann ist Papa das Kameel, klein Wilhelmine reitet jubelnd auf ihm. Erika stellt die Fächerpalme auf einen Stuhl und die Karawane ist angekommen. Dann rasten sie alle drei, Erika mit der Wange an seiner Schulter und das Kind auf ihrer Beider Schooß. Werfen die Gaslaternen von draußen flackernden Schein durch das Fenster, sagen sie »die Wachtfeuer brennen, die Löwen können nicht heran.« – »Papa, wie brüllt der Löwe?« – Und Papa brüllt. – Der unkluge Fritz. Ich hab' es einmal mitmachen müssen, obgleich ich Fußbodenhucken nicht zu meinen Leibvergnügungen rechne und mich lieber unterhalte, als so in Schweigen zu schwelgen, aber mir war nicht rednerisch. Ich sah in dem ungewissen Lichte meines Bruders Auge glänzen, ich kenne den feuchten Blick, der kommt aus dem Herzen. Als die kleine Wilhelmine mahnte: »Papa, der Löwe hat noch nicht gebrüllt«, sagte er: »Der ist ausgerissen, der forcht't sich vor Tante Buchholz.« Da wurden wir wieder Menschen. Er ist lustig, Onkel Fritz, warum soll er es etwa nicht sein? Für jeden Menschen ist ein Deputat Fröhlichkeit von der obersten Verwaltung der Welt für das Leben ausgesetzt, und wer es sich nicht abholt, darf über Trübsalblasen nicht nörgeln. Gott giebt den Vögeln Futter, aber fliegen müssen sie danach, und so muß der Mensch seine Freuden zu finden wissen. Onkel Fritz weiß, wo sie wachsen und nimmt nicht nur sein Theil, sondern auch was Andere unter die Füße treten, weil sie keine Brille für ihre verehrten Hühneraugen haben. Und doch macht mir Keiner was vor: ganz hat Onkel Fritz seine alte Unverwüstlichkeit nicht, die springende singende Lust tobt nicht mehr so heraus. Ihn drückt irgend ein geheimer Kummer. Ist es der, daß er nur das eine Töchterchen hat und der Doktor die Zwillinge und bei Schmidts schon drei sind, ja selbst Weigelt es auf zweie gebracht hat? Das glaube ich kaum, Neid war nie seine Forsche. Und was nicht ist, kann ja noch kommen. Sein Geschäft geht und er ist vorsichtig. Letzt gedachte ein unsicherer Kantonist für etliche Tausend Waare auf Kredit zu nehmen, aber Onkel Fritz sagte, er sei abergläubig, am Freitag schlösse er nicht ab. – Der Pumpmeier hat gesagt: »Ich hab' doch gedacht, Sie wären ein aufgeklärter Mann?« – »Eben deswegen,« hat Onkel Fritz geantwortet, und da hat Jener gemerkt, daß zum Hineinlegen immer Zweie gehören, und zog Leine. Was also hat Fritz? Seine Häuslichkeit ist eitel Glück. Er sagte mir selbst einmal in überströmender Vertraulichkeit: »Wilhelm, mein Weib hat den Himmel im Herzen und darin den lieben Gott. Der spricht zu mir durch sie.« – Und gleich darauf, als ich sagte: »Du hast auch Verdruß genug gehabt, ehe die Eltern einwilligten, namentlich die Großmutter, und nichts festigt die Liebe mehr als Hindernisse,« entgegnete er: »Stimmt. Es stört sehr, wenn Romeo 'ran will und der alte Capulet sitzt auf dem Balkon und spielt Skat.« Ich behielt meine Gefühle bei mir; nach solchartigen Redewendungen ist er für Höheres so wenig zugänglich wie ein Schwan für Wassertropfen. Es haftet nichts. Wenn aber Erika ihm etwas sagt, das nimmt er auf. Sie ist für Bücher, nicht für viele, aber gute. Schlechtes liest sie nicht in sich hinein, sie legt es weg und wäscht die Hände. Findet sie einen schönen Gedanken, schreibt sie ihn aus und erzählt ihn ihrem Mann. Fritz sagte: »Wilhelm, ich habe nie gewußt, welche Schätze in den Büchern stecken. Meine Frau mag Musik, aber sie macht keine, und ich bin auch ihrer Meinung: wenn die vielen Mädchen, die nur halbes und Viertel-Talent haben, statt Noten lesen, deutsche Bücher lesen lernten, würden sie ein gut Theil gescheidter, denn das Erfassen schöner wahrer Gedanken steht doch höher als das mühselige Wiedergeben unbestimmter Gefühle in Tönen. Mich päppelt Erika mit Gedichten und Versen, und seitdem bin ich um eine Masse Freuden reicher. Wir brauchen kein Instrument, nur Buch und Gedächtniß, keine Fingerfertigkeit, nur Lust daran.« »Merkwürdig. Und dabei hat sie ihren Hausstand tadellos und auf den runden Backen der kleinen Wilhelmine zieht ihre Pflege die gesundesten Rosen. Und Du, mein Fritz...?« – »O danke, ich befinde mich« lachte er. – »Wo hat sie das her, Fritz?« – »Warum blüht die eine Blume so, und die andere so, und manches Kraut garnicht? Ihre Erziehung war hart, aber ihre Seele sucht überall Süßes wie ein Schmetterling. Und mein ist sie mit ihrer lieben Seele. Wilhelm, Scheuern macht nicht glücklich.« – »Aber Poesie erst recht nicht. Der Mensch lebt nicht von Muskatnuß allein.« – »Meinst Du, wir verhimmeln? Sie macht den Gänsebraten ebenso gut wie Du.« – »Wenn ich Alles andere glaube, das bezweifle ich.« – »Ich habe bei Dir schon verflucht zähen gegessen; mein einer Vorderzahn wackelt noch.« – »Das war einmal, als die Philippine eingekauft hatte.« – »Erika geht immer selbst.« – »Wo nimmt sie denn die Zeit für die Bücher her?« – »Aus demselben Schubkasten, woraus Andere die Zeit zum Klatschen nehmen oder zum Tastenkitzeln, zum Schlafen, zum Putzen, was weiß ich? Versuch es einmal ebenso, kauf Dir Erikas Lieblingsbuch, die Vierblätter, von Frieda Schanz, und merke Dir den Vers: »Wie sich Dein Leben wendet – wie lang Dich's quält, wie kurz Dir's lacht, – Die Zeit war nie verschwendet, – In der Du jemand froh gemacht.« »Kriegst Du jeden Tag Deinen Spruch?« – »Nein. Ich bringe ihr dann und wann etwas Hübsches aus dem Blumenladen mit, sie giebt mir dann und wann etwas Schönes aus der Schriftwelt. Dazu ist beides da, weißt Du, Wilhelm, zum froh machen.« – »Du selbst bist aber nicht froh, nicht ganz froh.« »Ich bin vergnügter, als ich nöthig habe.« »Ruf mal Hurrah!« »Das Hurrahrufen ist mir vergangen. Vielleicht später einmal.« »Fritz, was hast Du?« »Kannst Du schweigen?« – »Sehr.« – »Ich auch.« »Utz Andere, hörst Du.« – Ich traf Erika mit der kleinen Wilhelmine allein. Sie saß an der Nähmaschine und arbeitete Weißzeug. »Das ist für Minchen doch zu klein« sagte ich, nachdem ich es besehen. – »Für arme Kinder« antwortete sie. – »Wenn man nur Dank dafür hätte« sprach ich. – »Dank?« fragte sie und sah mich mit den holden Augen an. – »Ich habe recht bittere Erfahrungen gemacht« erwiderte ich, indem ich an das Kind der Haide dachte. – »Ich muß geben und wußte nie warum, jetzt weiß ich es aber durch meine liebe Frieda Schanz.« Sie gab mir ein Heft, worin ich las: »Wohl Dir, wenn Du bedenkst – dem Glanz und Glück beschieden: – was Du der Armuth schenkst, – das schenkst Du Deinem Frieden.« Ich dachte lange nach. »So ist es,« sagte ich dann. »Geben macht zufrieden.« – »Wir empfangen mehr als wir schenken,« sprach sie, »und unsere Selbstsucht freut sich dessen, ohne daß wir merken, daß sie es ist. Wie weit sind wir doch von reiner Barmherzigkeit.« – Mir war dies fast zu weit gegangen, denn das ist doch altbekannt: wird die Tugend garnicht ein bißchen belohnt, macht sie nichts weniger als Vergnügen und der Fleiß erlahmt. Wir beredeten hierauf, wie es am besten mit der Weihnachtsfeier gehalten würde, ich fragte, was sie meinte und immer rieth sie sehr richtig ab oder zu. Jedoch am zweiten Festtag Alle bei uns, das blieb verfassungsgemäß unabänderlich, wie jedes Jahr. Als Fritz aus dem Geschäft kam, beeilte ich mich nach Hause. Mit Erika plaudern und die kleine Wilhelmine verziehen, läuft die Zeit wie auf einem Fahrrad dahin, windartig und uneinholbar. Er begleitete mich eine Strecke. »Fritz, was wünscht sich Erika?« – »Meine Anerkennung.« – »Unsinn, rede vernünftig.« – »Das Bild ihrer Lieblingsdichterin hätte sie zu gern, aber wie dazu kommen?« – »Ich bitte sie direkt, paß auf, sie thut es, um ihres Friedens willen und ich rahme es in Schneeglöckchen ein, die nennen sie in einigen Gegenden Sommerthürlein.« – »Das wird Erika freuen. Mir kannst Du ein Tausendstel Kilometer Cervelatwurst verehren und der Kleinen Deine bisherige Gunst nebst einigen Pfeffernüssen und Du hast die ganze Familie glücklich. – Was macht der Alte?« »Danke, wohl und munter; er ist heute einmal wieder zu Bier gegangen.« – »Er wird ein bischen dick.« – »Um so mehr hab ich an ihm zu lieben.« – Er war aber nicht wohl und munter, mein Karl, und eher nach Hause gekommen als ich. »Mich friert« sagte er. – »Willst Du einen Grogh?« – »Ich habe schon einen getrunken, aber er schmeckt mir nicht.« – »Wenn ich Dir einen anrühre. In den Kneipen ist der Cognak selten gut.« – »Er war gut, aber mir ist nicht gut. Es zieht mir in den Gliedern und der Kopf thut mir weg.« »Karl, Du wirst mir doch nicht krank?« »Es wird eine Erkältung sein. Die giebt sich wieder. Am liebsten legte ich mich zu Bett.« »Ohne Abendbrot?« »Ich habe keinen Appetit.« Er war krank, das sah ich, wie ich ihm half, wie er im Bette lag und die Augen schloß, so bleiern, als öffneten sie sich nie wieder. Ich schickte das Mädchen zum Doktor, er möchte gleich kommen. »Nehmen Sie die Droschke erster, Dorette, so war der Herr noch nie.« Etwas gehustet hatte mein Karl in der letzten Zeit, nun jedoch in der Bettlage fing die Brust zu arbeiten an; es war eine Erkältung, aber noch etwas dabei. Was war das? Ich hatte mancherlei Medizinisches in Zeitschriften und Kalendern gelesen, allein hier war ich rathlos. Ich wußte nicht woher und wohin. Endlich kam der Doktor. »Was ist mit dem Papa?« fragte er. »Eine Wald- und Wiesenerkältung hoffentlich, die uns nicht viel Mühe machen wird.« – So sagte er, aber seine Gelassenheit war nur sehr äußerlich, er wurde recht bedenklich, als er an das Krankenlager trat. Er fühlte den Puls, er beklopfte Rücken und Brust, er behorchte das Herz mit dem Hörrohr und blieb sitzen und beobachtete. »Influenza« sagte er dann. »Heftige Influenza.« Er verschrieb etwas und gab genau an, wie der Kranke behandelt werden müsse. Dabei war er so freundlich, so bestimmt und sicher, daß ich ruhiger ward, nun da ich meine Pflichten kannte. Es ist doch ganz etwas anderes um einen studierten Arzt, bei einem schweren Fall, als mit den Hausmittel-Kenntnissen. Er weiß was geschehen muß, während wir zu viel guten Rath wissen und doch nicht den einzigen richtigen. Er versprach, früh am nächsten Morgen wieder nachzusehen und beorderte, sofort zu schicken, wenn große Schwäche einträte und der Husten sich nicht löse. Die Medizin sollte stündlich gegeben, der Schlaf, wenn er sich einstellte, jedoch nicht unterbrochen werden. »Morgen nehme wir eine Wärterin, diese Nacht wachen Sie wohl, liebe Schwiegermutter. Und Kopf oben, ich habe schon schlimmerer Fälle durchgebracht.« – »Mit der Wärterin hat es grad' keine Eile, noch bin ich auf dem Posten.« – Ich wachte. Ich reichte Arzenei, und doch keine Linderung. Stunde auf Stunde schlich dahin, er quälte sich und ich konnte nicht helfen. Gegen Morgen ward er etwas ruhiger. Er sah mich an und faßte meine Hand, ich legte die andere auf seine brennende Stirn. Leise zog er mich zu sich, mein Haupt zu seinem, seine Lippen suchten die meinen. Er küßte mich. Ich fühlte, er wollte mir alle Sorgen abnehmen, mir zeigen, er sei nicht hinfällig, aber die Krankheit war stärker als seine Liebe; sein Kuß war schneidendes Weh. Aber ich schrie nicht, ich weinte nicht. Ich sprach ermuthigend zu ihm und glättete seine Kissen, und als er einschlummerte, saß ich und wachte und betete: »Gieb ihm Genesung, lieber Herr Gott, Du hast die ganze Ewigkeit, ich bitte Dich ja nur um die paar Jahre.« Und wie mein Karl ruhiger athmete, da wußte ich, ihm würde geholfen. War es nicht schon Vorsehung, daß ein so außerordentlich geschickter Sanitätsrath in unsere Familie gerieth? Darin lag für mich eine feste Zuversicht trotz der Heimsuchung.   Ein stilles Fest. Erika als Erscheinung – Von Mosaikblumen und Kaulmanns Zigarren – Die eigensinnige Pfeffernuß So weit auch die Thüren meines Herzens geöffnet standen, die Hoffnung blieb vor der Schwelle. Sie that zwar auf Stunden als wenn sie hineinwollte, aber die Sorge, die drinnen war, scheuchte sie von dannen. Als aber der Doktor sagte: »Wir sind über den Berg, das Fernere hängt von der rechten Pflege ab,« da packte ich sie und sperrte sie ein. Pflegen war meine Sache, nun konnte es nicht fehlen. So sprach er am Tage vor dem heiligen Abend, und am nächsten Morgen sah mein Karl wie sonst theilnehmend in seine Umgebung: er fing wieder an, mit uns zu leben. Das war mein Weihnachten. Am Abend ging ich einen Augenblick zu Betti hinüber zur Bescheerung. Papa wollte es so. Die Kleinen jubelten und die Eltern waren weihnachtsfroh mit ihnen. Und auch mir thaten sie wohl: Lichterglanz und Kinderjubel und der Duft von Tannen und Kuchen: sind sie doch das irdische Gewand für himmlische Güter. Die hatte ich wiederum erfahren, mein Liebstes ging nicht von mir. Betti war mir eine unersetzlichen Stütze während der bangen Zeit, wie sie für All und Jedes ein schnelles tüchtiges Abmachen hatte und so leisecken, daß das Krankenzimmer nichts vom Hausstand merkte. – Ruhe ist eine so wichtige Arznei, doch nicht alle Kranke kriegen sie, und doch kostet sie kein Geld – nur Liebe. Auch Emmi kam und Frieda, und viele Nahestehende, jede meinte es gut, aber sie konnten nicht mit anfassen, dazu was ihre Zeit zu bemessen und ich konnte mich ihnen nicht widmen, da meine Zeit meinem Karl gehörte. Erika kam täglich. Sie war da ohne zu schellen, Dorette mußte sie einlassen. Sie saß, wie eine Erscheinung, plötzlich neben mit an seinem Bette und deutete mir stumm zu gehen. Dann ruhte ich oder that meine häuslichen Pflichten. Sie war die Erste, die sagte, es geht zur Besserung, sie schaute das unbedeutendste Zeichen und flüsterte es mir zu. Dann wich das Zagen. Einmal sagte mein Karl in seinen Phantasien: ein windschwebendes Blumenblatt habe sich schmerzlindernd auf seine Stirn gelegt, es war aber Erikas Hand gewesen. Und an einem Tage, es war der böseste, selbst der Doktor wurde sorgenvoll, da sprach sie »die Liebe stirbt nicht, ewig lebt die Seele, die liebt.« – Mich überkam es: »dann sehen wir uns wieder, mein Karl und ich.« – Fanden wir uns hier, finden wir uns auch dort und lassen nie von einander. Der Trost gab mir Kraft, nun mochte kommen was sollte, ich konnte das Schwerste überstehen. Fritz hatte recht, in Gedanken liegt beseligende Macht. Mit Clavierspielen hätte sie das nicht zu Stande gebracht und wenn sie das Gebet der Jungfrau vor- und rückwärts könnte. Wenn die Nachtigall Worte hätte, wo da wohl die Dichter blieben? Sie hat aber blos Töne. – Mit meinem Schenken sah es diesmal ärmlich aus. Dürres Geld hat nichts Weihnachtliches, die baumwollene Weste gehört dazu; selbst Fritz sagt »aus Thalern kann man keine Himmelsleiter bauen«, aber den Gedanken hat er durch sie und der war natürlich viel poetischer, bevor er ihn umdachte. Betti und Erika übernahmen die Einkäufe für mich, aber die Geschenkinnerlichkeit fehlte, wenn auch die respectiven Enkel sich nichts daraus machten. Eine kleine Feuerwehr mit Spritze und Plumpe unterblieb, Emmi leistete sich sogar die spitze Bemerkung, ob ich nicht einige Torpedos für geeigneter hielt, da wäre das Haus mit einmal hin statt streifenweiser Verwüstung. Blos meinetwegen, weil ich ihnen fortwährend ruinirendes Spielzeug mitbrächte, müsse der Vater die Kleinen hart behandeln, und ihm selbst thäte das am wehesten. – Emmi sagte ich: »Knaben sind Knaben; je mehr Mumm darin sticht, um so prächtiger werden sie. Welch ein Unband war mein Bruder Fritz, wogegen Weigelt schon mehr ein Kamillentheekind gewesen sein soll. Bedenklich wäre höchstens für sie, wenn Dein Mann als Tambour gedient hätte, als Arzt hat er eine sanfte Hand und kennt die Weichtheile. Und entwickeln sie sich nicht sichtlich, namentlich Fritz? Das liegt so in der Buchholzschen Art.« »Mama, einer ist wie der andere.« – »Na ja, die unglückselige Zwillingszucht; keiner soll etwas voraus haben. Und doch ist Fritz der intelligentere.« Für Erika hatte ich glücklich die ersehnte Photographie. Ich fand einen gediegenen Anknüpfungspunkt, indem Frieda Schanz sich auch hatte breitschlagen lassen, ein Gedicht für den römischen Handtuchkalender zu arbeiten und so setzte ich ihr denn als Kollegin die Pistole auf die Brust. Das Bildniß ließ ich in Mosaik-Feldblumen einrahmen, die sind das Lieblichste der Heimath. Für meinen Karl und mich wurden viele Gaben gebracht. Die Thür stand vor, damit das Geklingel nicht störte und Dorette saß auf dem Flur, die Boten zu empfangen. Herr Kaulmann kam selber. Er hatte ein Kistchen Zigarren, wie er sagte: voll, leicht und kräftig, sie meinem Karl zu verehren. – »Wenn er schon soweit wäre«. – »Wenn ihm rauchert, die erste geben Sie ihm bitte, von dieser Sorte, das sollte mich ganz besonders freuen.« – Das gute Kaulemännchen. Mir hatte Betti ein Buch aufgebaut, groß und schön mit vielen Bildern, das »Hamburger Weihnachtsbuch«, in dem Jahre herausgegeben, das der alten Hansestadt so schwere Wunden schlug, als der asiatische Tod wüthete und würgte. Es war ein Weihnachtsbuch in doppeltem Sinn, denn von dem Reinertrage wurde den Waisen ein heiliger Abend bereitet und das konnte geschehen, da es über siebentausend Mark gebracht hatte. Dies erfuhr Betti von Otto Meißner, dem Verleger, und es ging sie um so mehr an, als sie einen Beitrag darin hatte, allerdings unter anderem Namen, wie es in der schreibenden Welt oft geschieht, besonders, wenn Hochstehende in die Druckerschwärze hinabsteigen. Betti wollte mein Urteil haben, aber ich sagte, Wohlthätigkeitsgaben sind immer gut und hochwillkommen, bis auf Schuhe und Stiefel, wenn sie nicht passen. – Ich mußte wieder hinüber. Karl verlangte zu essen; ein leichtes Süpplein von Huhn schmeckte ihm herrlich. Nun schickte Betti Karpfen mit viel Rogen, der sollte Glück bringen, noch mehr Glück! Sie denken doch an Alles, die Kinder. Als mein Karl schlief, nahm ich das Buch. Wir waren beide allein, kein Wort, kein liebes Du. Und doch ein Fest, wenn auch stilles Fest, das Fest der Genesung. Dies dachte ich und dann las ich:   Die eigensinnige Pfeffernuß. Es war einmal eine Pfeffernuß, die wollte mehr sein als die anderen, mit denen sie aus dem Backofen in die Welt gekommen war, eine ganze Platte voll, zwanzig Reihen und in jeder Reihe zehn einzelne. Der Bäcker wußte ganz genau wie viele das waren, er wußte auch, wieviel Honig und Zucker, Mehl und Gewürz dazugehörte und was er verdienen würde, wenn er sie alle verkaufte. So klug war der Bäcker. Als er die Platte in den Ofen schob, kam die linke Ecke zuerst hinein. »So ist es recht,« dachte die Pfeffernuß, die dort auf der Ecke lag. »Nun bin und die Erste,« und die Hitze des Ofens buck diesen Gedanken so fest in sie hinein, daß sie ihn nie wieder los ward. Es war sehr heiß in dem Ofen, aber sie wühlten, wie sie äußerlich und innerlich besser wurden. Innerlich wurden sie gar, – sie waren ganz roh vorher – und äußerlich braun und blank, während sie vorher voll Mehlstaub saßen und hübsch glatt und rundlich, genug, sie waren kaum wiederzuerkennen, als der Bäcker sie herauszog. »Die werden schmecken,« sagte er. »Was das wohl ist?« dachten die Pfeffernüsse und freuten sich darauf, daß sie schmecken würden. Nur die eine Pfeffernuß oben in der linken Ecke brummte: »Ich will nicht schmecken, das überlasse ich den anderen. Ich bin die Erste«. »Sagtest Du was?« fragte die nächste Pfeffernuß aus der zweiten Reihe. Die Pfeffernuß in der Ecke antwortete garnicht. War die andere auch eine Erste, war sie doch eine Reihe unter ihr und der Abstand zu groß; sie hielt sich zu gut, mit einer Niedergeborenen zu sprechen. Nach einer Weile löste der Bäcker die Pfeffernüsse ab und that sie in eine spiegelblanke Trommel. Alle sprangen sie willig von dem Blech ab, bis auf die eine – die war eigensinnig und wollte nicht. Der Bäcker betrachtete sie und sprach: »Du hast mehr Hitze als die andern in Deiner Ecke gekriegt, aber es ist nicht zu viel geworden, es geht noch.« Dann nahm er ein Messer und schnitt sie mit einem Ruck los, so schwer sie sich auch machte. »Nun ist sie auch noch etwas ausgebröckelt,« sagte der Bäcker, »ich muß sie wohl obendrein geben.« Dann warf er sie zu den übrigen und klappte den Trommeldeckel zu. Es war freilich stockdunkle Nacht in der Blechtrommel, aber die Pfeffernüsse unterhielten sich recht gut miteinander und waren zufrieden. Sie kannten es ja nicht anders. »Wenn es nur erst soweit wäre, daß wir schmecken,« sagten sie, das war ihr Wunsch. »Warum stimmst Du nicht mit ein?« fragten sie die Nuß von der Plattenecke. »Weil ich mich nicht mit euch gemein machen will.« »Oho, Du bist doch auch nur was wir sind.« »Wie dumm ihr seid. Erstens war ich die erste im Ofen, zweitens habe ich mehr Hitze gekriegt, als ihr...« »Du bist beinah verbrannt,« rief eine mutige Pfeffernuß, die sich von solchen Vorzügen nicht blenden ließ. »Und dann werde ich »obendrein« gegeben, und das werdet ihr nicht.« Da schwieg auch die mutige Pfeffernuß; die anderen waren längst mäuschenstill. Soweit würde es doch keine von ihnen bringen. Nach einiger Zeit wurde die Trommel geöffnet. Der Bäcker schüttete eine ganze Menge Pfeffernüsse auf die Wagschale. »Nur nicht so knapp,« sagte eine Frau vor dem Ladentische. »Die Nüsse sollen an den Tannenbaum, und wir haben vier Kinder.« »Ich habe schon reichlich gewogen,« erwiderte der Bäcker, »aber eine geb ich Ihnen noch obendrein.« Da legte er noch die Eck-Pfeffernuß auf die Wage. »Ach die ist ja angesengert und ausgebröckelt dazu.« »Hängen Sie sie am allerhöchsten, da sieht es keiner. Und schmecken thut sie ebenso wie die andern.« »Habt ihr's gehört?« fragte die Pfeffernuß, als der Bäcker sie in die Düte schüttete. »Ich werde die aller-allerhöchste! Ihr seid doch ganz gewöhnliches Volk, nicht einmal angesengert und ausgebröckelt seid ihr. Pfui über euch.« Die Pfeffernüsse blieben still und stumm, keine wagte die Anmaßende zurückzuweisen. Sie hatten ja auch weiter keine Bildung genossen, als die im Backofen und waren nicht oben links in der Plattenecke die Erste gewesen. Diese Thatsache konnte niemand bestreiten. Aber sie hofften doch unbeirrt, daß sie schmecken würden, das glaubten sie, das hatte der Bäcker gesagt und der hatte sie ja auch aus Teig gemacht. Die Frau, die sie gekauft hatte, nahm eines Abends eine große Nadel und zog damit durch jede Pfeffernuß einen weißen Faden. Der Mann dieser Frau knotete den Faden zusammen und dann kamen beide und hingen die Pfeffernüsse an einen grünen Tannenbaum. »Die werden den Kindern schmecken,« sagten sie. »Endlich,« sagten die Pfeffernüsse. »Wenn doch die Kinder nur kämen.« – Die vier aber lagen in ihrem Bettchen und schliefen. »Morgen ist Weihnacht,« sagten sie beim Zubettgehen, »einmal müssen wir noch ausschlafen. Einmal!« Und das thaten sie jetzt. Während sie schliefen, zog der heilige Tag daher aus fernem Osten, aus weitvergangener Zeit. Ihm voran flogen Engel mit Flügeln so weiß wie der Schnee, vor denen versteckte sich böses Nachtgethier, Unholde und Gespenster. Dann folgten kleine Englein mit brennenden Kerzen in den Händen, sie auf die Weihnachtsbäume zu stecken und dann kamen Engel in Morgenrot und Lilienglanz, die sangen »Friede auf Erden« so schön, so schön! Und dann kam der heilige Tag, der war so herrlich, daß Alle die Augen schlossen und sich vor ihm beugten. Der aber senkte sich in der Menschen Herzen und machte sie selig. – Als nun der Weihnachtsbaum brannte und sein Goldputz flimmerte, riefen die Eltern die Kinder herein. Da jubelten sie und sprangen über die Schwelle. Als sie den Tannenbaum sahen, sein Licht und seine Pracht, und die Geschenke darunter ausgebreitet, blieben sie stehen und ihre Augen öffneten sich weit und strahlend. Die Eltern hielten sie umschlungen und blickten herab auf die Kinder, in ihren Herzen war Weihnachtsseligkeit. Die Pfeffernüsse an dem Baume hingen ganz still an ihrem Faden. Das Flittergold zitterte vor innerer Aufregung, sie aber schauten auf die Kinder. Denen also sollten sie schmecken. »O,« sagte eine Pfeffernuß, »wenn ich dem kleinen Lockenköpfchen schmeckte, das da eben seine neue Puppe küßt, dann wäre ich glücklich.« – »Und was meinst Du, wenn der Knabe, der jetzt sein Steckenpferd einreitet, mich wählte? Er hat so niedliche weißt Zähne.« Ein Tannenzweiglein knisterte in einer Lichtflamme. Das hieß: »Wollt ihr wohl stille sein.« Die Pfeffernüsse erschraken und schwiegen. Sie sahen nach, ob auch die erste Pfeffernuß den Verweis gehört hätte; sie konnten sie aber nicht entdecken; sie hing wohl zu hoch oben. Aber nicht die Pfeffernüsse allein sahen sie nicht, auch vor den spähenden Augen der Kinder war sie versteckt. Als der Vater die Mutter fragte: »Wo bleiben wir mit der angesengten Abgebröckelten?« antwortete sie: »Oben im Baum, meinte der Bäcker.« Die Nuß aber wollte ganz hoch hinaus und glitt wieder von dem Aestlein ab, über das der Vater sie hängte. Da rutschte sie in das Dickicht der Zweige und hielt sich fest. »So,« sagte sie, »hier bin ich verborgen, niemand sieht mich und ich habe es besser als die andern. Ich will nicht geschmeckt werden, wie die.« Und so kam es auch; sie behielt ihren eigensinnigen Willen. Als der Baum geplündert wurde, wie schmeckten da die anderen Pfeffernüsse, es war ein Vergnügen. Die Kinder freuten sich, die Eltern freuten sich, der Bäcker hatte sich schon gefreut. Der wußte ja im voraus, wie es kommen würde; am meisten aber freuten sich die Pfeffernüsse, denn es war ihre Bestimmung, daß sie zu Weihnachten schmecken sollten und ihre Pflicht. Und dies Bewußtsein erfüllte sie mit berechtigtem Stolz, mit so viel Stolz, als in eine Pfeffernuß hineingeht, und das war mehr als man ihnen zugetraut hätte. So endeten sie zufrieden wie Weltweise und die Kinder sagten: »Sie schmeckten wunderschön!« Das war ihr Nachruf. Als der Tannenbaum abgeschmückt war, wurde er in einen Winkel des Hofes geworfen. Der Schnee hatte Mitleid mit ihm. Der sagte: »Hast Du kein Gold- und Silberpapier mehr an, will ich Dir wenigstens eine reine Decke geben.« Da deckte er ihn mit weichen Flocken zu und die Pfeffernuß auch, die keines von den Kindern gefunden hatte. Da war sie nun, verworfen, verschneit. Als Tauwetter ward, zertropfte der Schnee und leckte auf die Pfeffernuß. Wie ihr das unangenehm war, da sie doch in der Hitze erzogen wurde und es immer trocken gehabt hatte. Sie ward weich, und verlor ihre Form und so schwer ward sie, daß sie zuletzt von dem Faden abriß und auf die Erde fiel. Die Sperlinge kamen und pickten davon, schalten aber und sprachen: »Pfui über das Zeug. So schlecht wie das schmeckt, giebt es nichts auf der Welt. Ein Haferkorn auf dem Düngerhaufen ist zehnmal besser.« Da ward die Pfeffernuß sehr traurig und es that ihr leid, daß sie immer so eigensinnig und hochmüthig gewesen war. Alle andern hatten einen so schönen Nachruf gekriegt und ihr schimpften die Spatzen auf das Grab. Es waren aber noch Weihnachtsengel am Himmel zurückgeblieben, um Nachschau zu halten, ob auch wo ein Menschenkind den heiligen Tag verschlafen habe. Die drückten eine Regenwolke aus und der Regen nahm die Pfeffernuß mit all ihrer Traurigkeit hinweg. Da war auch sie zufrieden.   Großer Thee. Von den Schattenseiten – Warum Schutzleute den Asphalt probiren und Onkel Fritz keine Rücksicht nimmt – Warum Emmi Wachspuppen einladen soll und der Freilichtmaler empfindlich ist – Warum Antonie nicht schwach wird und der Lohndiener schwankt – Von Helgoland nach Sansibar und von der Negerfarbe – Warum Säuglinge lächeln und Kaulmann einen Tenor haben müßte Die Tage wurden merkbar länger und mit dem wachsenden Lichte schritt auch die Genesung vor, ja sie überholte die Entwicklung der sogenannten besseren Jahreszeiten, indem Kälterückfälle eintraten und die Kohlen im Preise stiegen. Wie sollte ich mich den Schwiegersohn nun in unvergeßlicher Manier erkenntlich zeigen? Mit gemünztem Gelde? Das schleppt er auf die deutsche Bank. Mit Betheuerungen in ausgesuchten Satzbildungen? Er kann so ein Gesicht machen, als ob ihm etwas gefiele, aber das ist äußerlich. Mit einem Angebinde? Er wünscht sich einen elektrischen Beleuchtungsapparat mit Magenfernrohr, die inneren Krankheitsbilder zu betrachten, wie Emmi sagt, aber es ist doch unfein, aus Dankbarkeit Brauchbares zu schenken. Ich schlug die Sitzmarmorfigur des sterbenden Schwindsüchtigen aus der letzten Kunstausstellung vor, aber mein Karl fand sie sogar für abgehärtete Hospitalwärter zu naturwahr, und kam zu dem Schluß: »Es ist das Beste, er schickt seine Rechnung.« »Dazu bist Du noch nicht kräftig genug. Wenn er seine Bemühungen in kassenärztliche Points umrechnet, kannst Du ruhig Deinen Concurs anmelden; da hättest Du Dich mit dem Besserwerden sputen müssen, daß sie nicht so anliefen. Es ist ja halbe Nächte nicht von deinem Bette weggekommen und noch immer horcht er an Dir herum und zählt den Puls, es fehlt blos noch, daß er Dir Fenster einsetzt.... Weißt Du, er wird doch wohl am meisten Spaß an der innerlichen Lichtquelle haben und Dich müßte er bedeutend genauer untersuchen, denn ganz bist Du mir noch nicht auf dem Damm. Aber ohne Extrahonorar.« »Ich lag auch zu sehr drinn. Erkundige Dich bei einem seiner Kollegen...« – »Was die Maschine kostet? Heute noch. Er selbst verkneift sie sich; so sehr er für fortschreitende Neuerungen ist, an die Tasche dürfen sie ihm nicht kommen.« Gleich nach Tisch machte ich mich auf. Aus Geselligkeit esse ich meines Mannes beschränkte Kost mit und werde, wie er, mit einem Glase Maurodaphne belohnt, mit dem köstlichen Wein, den die deutsche Gesellschaft Achaja in Patras baut. Das ist ein Tropfen mit mildem Feuer, zu beleben und zu erwärmen. Der Sanitätsrath verordnet ihn immer statt des sogenannten Tokaiers und anderer süßer Ungarweine, mit denen zu arger unlauterer Wettbewerb betrieben wird. Ueber den landläufigen Malaga und Madeira schüttelt er nur den Kopf. Ein Fehler ist, daß man den griechischen Stärkungstrank durch Friedr. Ott in Würzburg beziehen muß anstatt aus einer Filiale in Berlin. Aber wo vonvornherein keine Schattenseiten sind, macht der Mensch künstliche. So fing Adam an und seitdem ist die Welt nicht schlauer geworden. Der Dr.  Zehner ist ein jüngerer Heilkünstler, der die letzten Errungenschaften der Wissenschaft noch frisch hinter den Ohren hat und mit mir zum Mechaniker fuhr. Billig wird die Sache nicht, aber wie vielen Leidenden kann sie nützen. Ich sagte, Bescheid würde erfolgen und wenn mein Mann den Preis bewilligt, sollte der Kasten mit Zubehör am sechsundzwanzigsten Januar Morgens ohne Aufsehen in des Sanitätsraths Haus gebracht werden. Der Mechaniker versprach Pünktlichkeit und da man sich auf das Wort eines richtigen Berliner Geschäftsmannes verlassen kann, gondelten wir weiter nach Onkel Fritz, der Herr Dr.  Zehner und ich. Ich hatte dem Schwiegersohn eine poetische Doppelfeier zugeschworen und seine Frau und Onkel Fritz waren dabei, um so mehr als meines Karls Influenza, (warum muß er auch Alles mitmachen wollen?) mich sowohl um die Ober- als Unterleitung brachte. Onkel Fritz und Dr.  Zehner konstituirten sich als ständiges Festkomitee, das jedoch meistens auf Skatklopfen ausfiel, wozu sie, obgleich bei der herrschenden Arbeitslosigkeit an dritten Männern mehr Angebot als Nachfrage ist, die nicht zu entschuldigende Verruchtheit begingen, ein junges unschuldiges Mädchen in die Laster des Kartenspiels einzuweihen und zwar Erikas jüngste Schwester Henni, die zum Besuch gekommen war, sich Residenzschliff anzugewöhnen. Ihre Vaterstadt kriegt Erdbeben, wenn sie mit Onkel Fritzens Ausbildung wieder antritt. Möglich ist aber auch, daß er die Alten, die ihn so schunden, mal wieder ein Vergnügen anthun will. – »Fritz,« fragte ich daher, »wie kannst Du? Wo Du doch weißt, daß sie bei ihr zu Hause nicht mal Visitenkarten anfassen, viel weniger gestempelte Stralsunder?« – »Die Henni hat ausgeprägten Skatsinn, die lernt es leichter als Du. Sie fürchtet sich nicht mal mehr vor einem Nullouvert.« – »Das ist doch keine Ausbildung im Hausstande und dergleichen. Wie steht es damit? Hat sie Talent für die feinere Küche?« »Riesig, Caviarbrödchen ißt sie schon.« »Du mußt wissen, was Du zu verantworten hast; das arme Mädchen!« – »Laß sie, Wilhelm; sie ist jung und lebensfroh und zum erstenmale in Berlin, gönne ihr die paar Sonntage. Du hast keinen Besen, die Wolken wegzufegen, wenn der Himmel sich bezieht.« – »Was sagt Erika dazu?« – »Wie einfältig Du fragst, eine Frau ist stets voll und ganz, unverkürzt und unentwegt der Meinung ihres Gatten.« – »Hm. – Und wie weit seid Ihr mit den Vorbereitungen zu des Doktors Geburtstag und der Sanitätsratheinweihung.« – »Wilhelm, Galavorstellung im Opernhause ist die reine Holzauktion dagegen.« – »Nur nicht zu hübsch, davon ist er kein Freund.« – »Was ist denn ville: ein bischen Musik und Gesang, ein paar lebende Bilder...« – »Die denk ich mir überirdisch.« – »Es kann sein, es kann ooch nich sind. Wir haben einen jungen Maler modernster Richtung, der stellt sie.« – »Wie kommt ihr bei den?« – »Wo warm gegessen wird, finden sich auch Leute, die die Gesellschaft durch ihre Gegenwart heben.« – »Ach ja, solche Reliefgäste. Die Hauptsache ist, daß der Abend nicht auf Herrenbad und Damenbad ausfällt.« – »Du meinst, die Herren für sich und die Damen für sich, dann gemeinschaftliche Hauptfütterung, abermalige Trennung der Geschlechter, bis endlich Dankesehrschöngewesenseinsagen kommt, Trinkgeldsteuer, Keinennachtwagenkriegen und Nichteinsehen, wozu die Umstände.« – »Fritz Du hast manchmal Verstand, wenn blos deine Orthographie weniger vogtländsch wäre.« – Und was gab er mir zurück? »Familienfehler sind leider unheilbar.« »Adje,« sagte ich. Genau abgezirkelt zehn Tage vor dem Geburtstage kam die Einladungskarte »zum Thee«. Sie war als Ehrendiplom etwas zu klein, für an den Spiegel stechen etwas zu groß, aber bei Otto untern Linden hergestellt, das ist das Hochfeinste. »Wenns schon so anfängt,« sagte ich, »wie wirds dann enden, ich fürchte, Onkel Fritz läßt zum Schluß noch Raketen aus dem Schornstein steigen. Der Gedanke einer poetischen Feier stammte allerdings von mir, aber was wird aus einer Idee in verkehrten Händen? – Nackenschläge. – Der Thee machte mir Sorgen, aber absagen durfte ich nicht, obgleich mein Karl sich die Strapatze noch nicht zutraute und zeitiges Zubettgehen für zuträglicher hielt als die Familiennacht, denn ich hatte ihm heilig versprechen müssen, hinzugehen. Wie ich beim Kaffee über die Zeitung hinweg schwarz sehe, tobt in einer Aufregung Onkel Fritz herein. »Hast Du gelesen?« ruft er »Hast Du?« – »Nein, was denn?« – »Natürlich siehst Du erst die Wochenbettdepeschen durch und das Wichtigste, das Größte entgeht Dir: Bismarck kommt nach Berlin. Wir sehen ihn wieder! Gewiß und wahrhaftig, er kommt!« – »Fritz, wäre das möglich?« – »Ja, es ist. Ihr haltet wohl noch Winterschlaf? Wo steckt Deine andere Dir angetraute Schlummerhälfte?« »Karl ging eben ins Kontor.« – »Denn laß' ihn, kannst ihm's nachher erzählen. Also der Kaiser hat dem Fürsten durch seinen Adjutanten eine Flasche des ältesten edelsten Rheinweins aus seinem Keller gesandt. Und ihn eingeladen. Und am sechsundzwanzigsten kommt er. Wilhelm, ich hab es immer im Stillen gehofft. Sie waren ja einst Freunde – auf einem Bilde zusammen photographirt in Friedrichsruh – und haben Beide ein deutsches Herz.« Ich las. Fritz hatte recht, so stand es in der Zeitung. Rasch telephonirte ich meinen Karl herbei und wir beschlossen, am sechsundzwanzigsten Januar unter die Linden zu gehen, zum Einzug des Fürsten Bismarck. »Und alle Kinder mit. Wenn ihnen die Nasen abfrieren, um so besser behalten sie den Tag,« sagte Onkel Fritz. – Wie die Zeit hinstürmte bis zu dem Tage. Rechtzeitig waren wir zwischen der Friedrichstraße und dem Brandenburger Thor. Die Straßen waren geschmückt, wie sich's in der kurzen Frist beschaffen ließ, überall Fahnen und Gewinde aus Tannengrün und Winterblumen, auf dem Schlosse die Kaiserstandarte, auf den Kasernen die Flaggen, nur der Rathhausthurm stand kahl, wie ein großer Nachttisch in der guten Stube, am Ende der Lindenaussicht. Für den Ehrenbürgere Berlins hatte der kein Willkommszeichen. Das war auch gleichgültig. Bürger Berlins standen von Friedrich dem Großen bis zum Lehrter Bahnhof wie die Mauern und aus den Fenstern sahen sie mit Weib und Kind und auf den Dächern saß es dicht bei dicht. Und alle warteten sie auf die Ankunft des Einzigen, ihn zu begrüßen, ihm zuzujubeln. Der Asphalt war frei, nur von Zeit zu Zeit probierten reitende Schutzleute ihn, ob er noch hielt, und wer stand, blickte nach dem Thor zu. Gesprochen wurde nicht viel, es wußte Jeder ja, wie es sein Nachbar meinte und Genaues konnte doch Keiner antworten, was man auch fragen möchte. Aber Jeder fühlte. Dann war es wie ein fernes Singen, das kam näher und schwoll an zu lautem brausendem Jubel. Durch die Säulen des Brandenburger Thores ritt das Ehrengeleite ein, ihm folgte der Wagen, worin der Altkanzler des Reiches saß. Entblößten Hauptes grüßten die Männer und aus ihrem weißen Tüchlein machte jede Frau eine wehende winkende Friedensfahne. Wir hätten gern sein Angesicht gesehen, ach, wie gerne, doch es wehte kühl und besser, wir verzichteten, als daß böser Wind ihm schadete. Unsere Gedanken begleiteten ihn bis in das Schloß, wo Kaiser und Kanzler sich die Hand reichten und Auge in Auge blickten wie einst. Und manchen Mannes Gemüth war tief bewegt und in seinen Augen standen Thränen, Freudenthränen. Onkel Fritz redete nichts. Er hielt die kleine Wilhelmine auf seinem Arm, damit sie sehen konnte. Als der Wagen mit dem Fürsten verschwunden war, drückte er sie innig an sich und küßte sie lange. Auch sagte er ihr etwas, aber zu leise für andere. Ihn fragen wäre umsonste Anstrengung. Oefter ziehe ich gar keine Antwort von ihm vor, als eine, die danach ist. Warum gingen wir nun nicht nach Hause? – Warum er immer auf und ab und wir hinterdrein? – – Er keine Rücksicht genommen? – – – Weder auf seine Frau, noch auf seinen Besuch,. – – – – Nicht einmal auf meinen Karl. – – – – – Auf mich erst recht nicht. »So,« sagte ich, »wir – das wir dreifach unterstrichen – wir gehen jetzt in ein Restaurant und legen etwas vor, damit wir heut Abend nicht wie die Steppenwölfe in den Rathsthee fallen. Und Du wirst schon flau, nicht wahr, mein Karl?« – »Ihr denkt an essen?« fragte Fritz. – »Du etwa nicht?« – »Erst recht. Komm Weib, komm Schwägerin. Hin, wo die größten Portionen sind, die Familie Buchholz will prepeln.« Diese ungehörige Bemerkung verletzte mich dermaßen, daß ich schwur, den Mund nur zur Absorbirung des Menus zu öffnen und mit Onkel Fritz überhaupt für längere Zeit zu grollen. Meinem Karl schien sie dito nicht behagt zu haben, oder auch, er fühlte sich angegriffen, genug, die Speisung dehnte sich zu erheblicher Länge wegen der durch Ueberhäufung verlangsamten Bedienung aus, und da ich die Stumme von Portici spielte, nahmen die Männer Zeitungen zum Kaffee, während wir aus dem Fenster Beobachtungen anstellten und begutachteten, was sie anhatten – Erika's Schwester konnte sich nicht satt sehen an so viel Völkerschaft; wir Berlingewöhnten sprachen vom Rathsabend und daß ich früher hinginge, um helfend einzugreifen. Da wurde es unruhig draußen im Volk; es gab Gedränge; Viele blieben stehen. Und nun ein Ruf, den Niemand that, den aber Jeder hörte, »der Kaiser,« hieß es, »der Kaiser«. Und eins zwei drei bezahlt und hinaus. Da kam der Kaiser auch schon geritten, vom Schloß her. Wie königlich er zu Pferde saß, wie sein Auge blitzte, wie freundlich lächelte sein Mund. Gewiß, er war froh, und Alle, die ihn sahen, wurden es auch und riefen ihm Hoch zu und Hurrah. Am lautesten aber rief Onkel Fritz und schwenkte den Hut: »Hurrah! Hurrah!« Mein Ingrimm war geschwunden. »Du kannst ja wieder Hurrah rufen,« sagte ich, und fragte mit einem Blicke, den er allein verstand: »War es das?« »Ich kann's aus voller Brust,« erwiderte er freudestrahlend. »Fast hätte ich erwartet, Bismarck würde bei ihm sein; es wird ihm wohl zu viel. Ich wollte nicht nach Hause, ich wußte, ich würde ihn heute noch sehn, ich mußte ihn sehn.« »Wen, Fritz?« »Meinen Kaiser! Nun bin ich zufrieden.« »Ich auch, aber Karl muß an's Haus und wir sollen nachher zum Rath, zum Thee.« »Thee?« lachte er. »Heute blutet sein Weinkeller, darauf kannst Du Dich verlassen.« – »Fritz, Emmi wünscht sich heute höchste Etepetigkeit.« – »Da hätte sie sich Wachsonkel und Tanten aus dem Panoptikum einladen müssen. Paß auf, wie die sich schneidet. Ich bin zu vergnügt.« »Auf Wiedersehn, Fritz« – Bei Emmi war Alles zum Empfang der Gäste bereit, als ich in meinem neuen Penseegeblümten erschien. Der Lohndiener machte die Thürenhonneurs (man hätte ihn für den Herrn des Hauses halten können). Daß die Tafelassistenten ebenso in Frack und weißer Binde gehen, wie die Gäste, ist ein sogenannter gesellschaftlicher Widersinn, da doch dem entsprechend, bei großen Feezen, die aufwartenden Dienstmädchen in Schleppkleidern traben müßten. Das Warum liegt wohl darin, weil bei der öffentlichen Meinung, nach der sich Alles richtet, der rechte Verstand so sehr oft mit dem linken vertauscht ist. Auf dem Corridortische lag das jetzt vielfach beliebte Platzkommando ausgebreitet, kleine Kärtchen mit der Order: Herr Soundso wird gebeten, Frau oder Fräulein Soundso zu Tisch zu führen, wie in diesem Falle Herr Sanitätsrath Dr.  Paber mich. Meine Tochter, die Räthin, sah wonnig aus in ihrem Gebrochenlavendelfarbigen, so blühend, wie eine Braut, die vor den Altar soll. Die Erregung war ja auch begreiflich: wie leicht konnte etwas mißrathen und wer hatte dann die Nachrede? Nicht der Traiteur, denn warum nahm man just den? Nein, die Frau vom Hause. Und die mußte sich auf fremde Leute verlassen, auf den Koch, auf den Lohndiener, auf den Maler, der die lebenden Bilder stellte und Onkel Fritz als Festkomitee. Lieber Gott, da mußte ihr ja fieberig werden. »Was ist denn das?« dachte ich, »Ihr habt so keinen Platz und baut noch eine Staffelei mit einem Gemälde und künstlicher Beleuchtung zum Darüberfallen auf. Was soll der Blödsinn?« – – – »Mama, ich bitte Dich, nur unter der Bedingung, daß wir eins von seinen Kunstwerken ausstellten, übernahm Herr Oxenstirna das Arrangement der Tableaux vivants. Er ist Ausländer, Pleinairist mit aufsehensvoller Zukunft, und sehr empfindlich.« – »Was ist denn eigentlich mit dem Bilde los, ich werde nicht klug daraus?« – »Sielräumung in der Potsdamerstraße bei Nacht mit Lichtflimmereffecten.« – »Thu es weg, Emmi, es verschimpfirt das ganze Lokal: Alles ist festlich bis auf die gemalte Kanalisation.« – »Nein, es muß bleiben. Vielleicht behalten wir es sogar in Anerkennung seiner künstlerischen Mitwirkung bei den Gruppirungen.« – »Er nimmt auch weniger. Weißt Du, wir stellen das Gemälde auf den Kopf, und sagen, es sei der Vesuv mit Ausbruch. Lava ist anständiger als Siel. Bedenke, wir die Leute sich mokiren.« Rasch drehten wir das Kunstwerk auf die entgegengesetzte Kante und es glich nun wirklich einem vulkanischen Unglück im Dunklen. »Die wahre Kunst hat mehrere Seiten,« sagte ich. Die ersten Herrschaften kamen. Der Rath in einem neuen Frack, so gräflich, daß ich unwillkürlich dachte: jetzt fehlt blos noch der Orden. Ob er wohl das Aeußerliche weniger unterschätzte, wenn er einen tragen dürfte? Allmälig füllte es sich bis zur Aengstlichkeit, da keine der berechneten Absagen eingetroffen war. »Emmi,« rieth ich, »sobald wie möglich zu Tisch, damit das Berliner Zimmer frei wird und die Herrschaften sich ausdehnen können.« – »Das geht nicht. Erst wird musizirt, – nach dem Essen singt Keiner und Keine – darauf die lebenden Bilder, dann wieder Clavier, die Zeit für den Abbruch der Bühne auszufüllen. Dann Abendbrot.« – »Also lange Nacht.« – »Du wolltest es so, Mama, Du fingst von poetischer Feier an.« – »Nun ja, einige Guirlanden, rechtzeitig zu Tisch, einen ordentlichen Happenpappen und dann Gesang und Scherz, so ist meine Auffassung von Poesie.« – »Schützenfeste werden bei mir nicht gegeben,« sagte Emmi schnippisch. – Mit solchen Sorgen Jedem, der fragt, wie es geht, lächelnd zur Antwort geben, danke, ausgezeichnet, das ist mehr als Tortur, aber man muß. Der Thee fand Zuspruch und ebenso das Theegebäck. Kaulmann, den sie gebeten hatten, weil seine Antonie als Clavierrelief geladen war, sagte mir, er hätte schon vier Tassen; ob es noch lange dauerte? »Ich hoffe, sie fangen bald an,« erwiderte ich. – »Antonie ist auch ziemlich dünne; ich habe ihr schon einige von den Kakes zugesteckt, damit ihr nicht schwach wird.« Ich eilte hinter des Raths Sprechzimmer, wo Theatergarderobe war. »Was wird noch genelt?« rief ich, »die Herrschaften mopsen sich schon.« – »Wer sind Sie?« fragte ein junger Herr mit Seehundsfrisur, spitzem Knebelbart, weißer Weste, hohem Stehkragen und Manschetten, mindestens wie ein Gesandtschaftssecretair. – »Wo ist der Pleincarriere-Maler?« – »Mein Name ist Oxenstirna.« – Ich hatte mit Einen mit wallendem Gelock und Sammtjacke, im Freien mit übergeworfener Talentwindel und Schlapphut vorgestellt und nun war es ein Patentgesteppter. »Sehr angenehm,« erwiderte ich, »aber es ist die höchste Eisenbahn.« – »Gleich,« sagte er, »ich bitte die Damen zu rufen und die Herren sich in das Bühnenzimmer zu verfügen; sobald der Knabe fertig ist, beginnen wir.« Dem Rath eine besondere Aufmerksamkeit zu erweisen, sollte Sansibar und Helgoland von Franz und Fritz gestellt werden. Weil Er einmal auf Helgoland war und dort so billige Hummer aß, hat Er eine Schwäche dafür. Franz war bereits in der Tracht des jüngsten Reichsgebietes und Fritz, als Wilder, wurde gerade von dem Künstler schwarz angemalt. »Er ist nicht genug realistisch,« sagte der Maler, »er muß ganz in Natur dastehen.« – »Bitte,« sagte ich, »wir sind nicht in Ostafrika.« – »Aber die Brust und die Arme muß.« – Und ehe ich ihm wehren konnte, hatte er Fritzen das schwarze obere Tricot ausgezogen und bearbeitete den Jungen mit einem großen Pinsel und allerlei braunen, rothen, schwarzen und blauen Farben, was dem Kleinen unendlich spaßig vorkam. – »So,« sagte der Maler, »der Ton ist fein.« – »Wie kriegen wir das wieder herunter?« fragte ich. – »Das weiß ich nicht,« sagte der Maler, »die Hauptsache ist der Ton. Der Ton ist echt; so, das bläuliche Braun.« Dabei blinzelte er seine Künstlerleistung an, als wäre er Raphael und Rubens in einer Person. Drinnen baritonte Einer, ich weiß nicht wer und was, denn als ich in der Küche nach dem Rechten sehen wollte, schalt der Koch, wenn es noch lange dauerte, garantirte er nicht mehr für das Essen, dann hätte man es auf später bestellen müssen. Er war sehr großneesig mit der weißen Schürze. Und das Mädchen sagte mir, zwei Flaschen Rum wären zum Thee getrunken; ihr däuchte, der Lohndiener schwankte schon jetzt. Es waren vierzig Personen beieinander, sehr beieinander. Wie in einem Treibhause. Einige Herren baten eine Dame, – mir war sie fremd, – um einige Lieder. Sie aber weigerte sich in einem zu, und damit nicht noch mehr Zeit vertrödelt würde, unterstützte ich die Bitten. »Ich kann heute nicht, ganz gewiß nicht,« wehrte sie ab, bis ich sie mit scherzendem Zwange an das Clavier führte. Na, sie sang. Die Gesellschaft sah sich gegenseitig bestürzt an; sie konnte wirklich nicht singen. Aber sie war sehr hübsch. Nach meiner Meinung taugte ihre Stimme höchstens zum Feueranmachen. Und ihretwegen die Verpflegung hinausschieben. Sofort kamen jetzt die lebenden Bilder. Die Thür zum Berliner Zimmer war mit einem Goldrahmen verstellt, den ein Vorhang ausfüllte, dahinter befand sich die kleine Bühne und dahinter standen zusammengerückt die gedeckten Tische. Die Damen wurden vor den Rahmen gesetzt, die Herren standen in Reih und Glied hinter ihnen. Rühren konnte sich Keiner. Einige redeten von Dampfbad, aber mit Medizinern muß man es so genau nicht nehmen und das waren wohl die meisten. Alle kannte ich sie nicht. Nun wurde dunkel gemacht, der Vorhang ging auf. Das erste Bild: Kaiser Rothbart im Kyffhäuser. Onkel Fritz mit langem Bart im Talar, geisterhaft beleuchtet. Sehr schön. Applaus. Pause. Und was für 'ne Pause; ich saß wie auf glühenden Sprungfedern und wollte schon hin und dem Maler seinen Standpunkt klar machen, als das zweite Bild erschien: eine Dame in japanischer Tracht. Sehr schön. Applaus. Pause. Diese Pause war noch mehr Pause. Es fielen Bemerkungen mit nachfolgendem Gelächter. Drittes Bild: Abschied. Dr.  Zehner und Erika's Schwester, er als Wallensteiner, sie in weißem Atlas. Ein allgemeines »Ah« und sofortiger Applaus. Sie sah aber auch zu entzückend aus, ein Mädchen mit der Schönheit eines Weibes und keine Ahnung davon, wie schön. Dies Bild mußte dreimal gezeigt werden. Stürmischer Applaus. Pause. Nun wurde das Publikum unruhig. »Lieber Rath,« rief Einer, »Deine Bildergalerie ist exquisit, aber weitläufig.« – »Den Rest besehen wir morgen,« schlug ein Anderer vor. »Morgen ist schon jetzt,« rief ein Dritter. Hohngelächter. Man hörte den Maler hinten schimpfen, auf ein Publikum, das nichts von Kunst versteht; er danke für die übrigen Bilder. Rasch ging der Vorhang auf: »Sansibar und Helgoland.« – »Reizend – süß, zu niedlich,« riefen die Damen. »Ach, die Kinder müssen hier bleiben« und eins zwei drei Franz aus dem Rahmen gehoben und Fritz auch. »Sehen Sie sich vor,« rief ich, »der Schwarze ist frisch gestrichen. Allgemeiner Aufschrei und Aufstand. Der Gas wurde hochgedreht, aber es war schon zu spät. Die Eine hatte blos schwarzgefleckte Handschuhe gekriegt, ein älteres kinderküsseriges Fräulein war im Gesicht geschwärzt und an der Taille und Emmis Gebrochenlavendelfarbiges hatte das Kind so eingesielt, daß zwei Bahnen wenigstens erneuert werden mußten. Das Gethu und Gehabe und Gerede und Gebarme. Der Rath holte Salmiakgeist, Emmi Tücher und nun ging es an Fleckenausmachen, eine Art von Gesellschaftsspiel. Dazu trug noch Antonie ihre verabredeten Clavier-Nummern vor, ohne jedoch, wie Kaulmann nachher klagte, die Aufmerksamkeit zu finden, die ihr Talent beanspruchte. Ich zog Fritz mit mir – immer eine Armweite vom Kleide – ins Schlafzimmer. Aber Wischen half nicht, es war zu viel Negerfarbe auf ihm. Hier konnte nur ein Bad reinen Grund schaffen. Die Badewanne her, Wasser hinein, so dickköpfig die Philippine auch aufbegehrte, sie hätte keine Zeit, und rin mit Fritzen. Ich ihn geseift und gethan. Andere Arbeitskraft war nicht vorhanden, Großmama war gerade dazu passend, das Dulderlamm aus dem Afrikanischen ins Europäische zurückzuversetzen. Wie ich nun denke, er ist wieder menschlich und nehme ihn aus der Wanne, sieht er beinahe noch greulicher aus, wie vorher. Das schwarze Fett schwamm oben und hackte immer wieder an, sobald er hoch kam, selbst da, wo vorher kein ›Ton‹ gesessen hatte. Wie so ein Leopard. Neues Wasser, neuer Kampf mit der Philippine, neues Seifen. Dann schöpfte ich das Oberste mit einer Untertasse ab, wie Sahne von der Milch, wobei Fritz schrie, wenn er das Köpfchen untertauchen mußte, und dann stieg er wie Amor an's Licht. Das heißt, genau besehen war er stellenweise doch noch mulattig. Ich hatte ihn noch nicht 'mal angezogen, als Emmi hereinstürzte. »Mama, wo bleibst Du? Es soll zu Tisch gegangen werden und Du fehlst.« – »Ich halte Schafwäsche,« sagte ich ruhig. »Emmi, wie sieht Dein Kleid aus.« – »Mir ist das Weinen näher als das Lachen, durch den Salmiakgeist ist mein Kleid ganz verdorben.« – »Das bischen Helgoland kommt theuer zu stehen,« bemerkte ich. »Was das Kind sonst noch einschweinerirt hat, wird sich morgen wohl ausweisen. Aber Frist ist nicht schuld, sondern der Ochsenkopf. Schöne Kunst, etwas voll schmieren und es nicht wieder wissen reine zu machen.« – »Komm nur, Mama!« Das Mahl verlief wie alle solche Mähler, anfangs still wegen Ueberhungrigkeit, dann lebhafter und lebhafter bis zu heiteren Tischreden und ausbrechender Lustigkeit. Onkel Fritz machte sich unsterblich verdient, daß selbst die von Sansibar angeschornsteinfegerten Damen und deren Männer sich in ihr Schicksal fanden und dachten, Spindlern Morgen in Nahrung zu setzen, heute aber fünf gerade sein zu lassen. Es ist ein altes praktisches Rezept, den Verdruß zu ertränken und das geschah. Nicht, daß Onkel Fritz alle Toaste selber hielt, nein, er brachte den ersten Trinkspruch auf den Kaiser aus, dessen Geburtstag glücklicherweise erreicht war, und dann erst später einen auf die Damen, dagegen aber veranlaßte er die übrigen Herren zum Reden, auf den Rath, dessen Geburtstag gestern gewesen, auf die Räthin, auf die Kinder, auf meinen Karl und mich, auf die lebenden Bilder, auf die Sänger und Spieler; und immer austrinken. Und das muß ich dem Rath nachrühmen, er knappste nicht mit deutschem Schaumwein und gediegener Röthe. Onkel Fritz dirigirte den Kellerschlüssel. Das erklärte auch Vieles. Nur einer war mißvergnügt, der ausländische Maler nämlich; wahrscheinlich weil ich Deutsch mit ihm geredet hatte. Daraus machte ich mir wenig, mehr aber aus dem, was ich sah, als ich den Tapezier und seinen Gehülfen von einer theuren Flasche Schloßabzug verjagte, wie ich vor Tisch nachschaute, ob sie die Bühne zusammengepackt hätten. Auch daß der Lohndiener vorbeischenkte, kam nicht darauf an, das Tischtuch war doch schon wie durch das rothe Meer gezogen. Sie sangen und wurden recht fröhlich, wie es sein muß, und als es Gesegnete Mahlzeit hieß, wären die Meisten am liebsten sitzen geblieben. Warum aber vorher so lange zoddeln, da man doch nachgerade weiß, daß erst nach dem Essen die wahre Gemüthlichkeit hereinbricht. Wegen der freundlichst gelieferten Kunst? Wenn die Leutchen wüßten, wie viel mehr Beifall sie nach Tisch finden, als in der Hungerperiode vor Tisch, sie würden nicht so grausam klassisch sein. Lächeln doch auch die Säuglinge in der Wiege nur, wenn sie satt sind. Und wie viel humoristische Unterhaltungen kamen jetzt zum Vorschein; schade, daß es schon so spät war und die Trennung heranrückte. Der Maler war verschwunden. Als er sein gekantetes Gemälde sah, dem ein ziemlich rechtwinklig blickender Jüngling lebenswahre Auffassung zurühmte, nahm er seinen Klapphut und verließ die Festräume. Draußen hat er unter Vergessung des Trinkgeldes höhnisch auf deutsches Pack geschimpft. »Wäsche wie in Gipsverband,« sagte die Philippine, »aber natürlich Waschgeld schuldig. Ich hab ihm beim Herunterleuchten die Frackschlippen unter seinem Paletot nicht schlecht mit Stearin bedrippt.« – Sie erhielt einen Verweis, aber nicht sehr. Das Rinnstein-Gemälde brauchten Raths jetzt, Gottlob, nicht mehr zu behalten. Das war wenigstens ein Gewinn. Auch der elektrische Apparat wurde bewundert, er stand als Geburtstagsgeschenk bekränzt im Salon. Der Rath erklärte ihn den Kollegen und den Damen, und Kaulmännchen mußte sich hinsetzen, worauf ihm der Kehlkopf erleuchtet wurde, und die Damen sehen konnten, wie seine Stimmbänder schwingen. »Sagen Sie A,« befahl der Rath. »A,« krächzte Kaulmann. – »Jetzt O« – »O«, kam es etwas unklar, – »jetzt U.« Das U gurgelte er nur, jedoch nicht lange. Mit vorgehaltenem Taschentuch stolperte er in schleunigster Eile hinaus, wie er sich nachher entschuldigte: er hätte das kiddeln im Halse nicht länger aushalten können. Hat die Philippine aber gescholten. Es war in der That keine schöne Arbeit. Warum aß er auch so viel? Die Aerzte erklärten, den völlig normalen Stimmbändern nach zu urtheilen, müßte Herr Kaulmann einen Heldentenor ersten Ranges haben. »Hätte ich den, belachte ich die ganze Sonntagsruhe,« sagte er, »und sänge blos noch Sonntags, ohne Strafe, für Heidengeld. Aber leider ist nicht.« – Was nützt der Apparat, wenn er zu solchen Resultaten führt? – Es war spät, als aufgebrochen wurde. Ich langte mir Onkel Fritz. »Du,« sagte ich, »Du bist mir der Rechte. Mit meinen eigenen Augen habe ich gesehen, wie Dr.  Zehner die Henni umarmte und küßte. Was sagst Du dazu?« »Das schmeckt kalt ooch jut,« lachte er. Ich schwieg. Mit ihm war heute 'mal garnichts anzufangen. Im Uebrigen endete der Thee ja sehr animirt und alle waren beim Abschied dankerfüllt. Wenn Raths 'mal wieder Aehnliches beabsichtigen, werde ich sagen: »Kinder, macht was Ihr wollt, nur nehmt keine modernste Kunstrichtung dazwischen, die weiß noch nicht Bescheid mit den Farben.«   Ethisches. Die Schönheit als Siegerin – Von der blauen Schleife und der menscheneinenden Halle – Warum Wilhelmine Deutsch wissen will und was auf Bahnhöfen fehlt – Warum die Bergfeldten noch im Vorhof steht und der Katzentisch hoch kommt Die Vorwürfe, für den Verein zu Verbreitung ethischer Prinzipien noch nichts gethan zu haben, hatten ihre Berechtigung, aber, wie die Professorin Safratka auf ihren Mahnpostkarten verlangte, den Gatten mit dem Thermometer unter dem Arme liegen lasen und Vereinsschwestern einfangen, das war mir zu ethisch. Schließlich tanzte sie in eigener Person an, und da mein Karl schon wieder ein wenig an die Luft ging und thätig zu sein versuchte, half keine Unschlüssigkeit, ich mußte mit. »Erst überzeugen Sie sich und dann wirken Sie in Ihren Kreisen; die gute Sache gebraucht Mitglieder. Der mittlere Bürgerstand fehlt uns noch sehr und gerade der liegt Ihnen. Bedenken Sie, von jeder Neuen zu zehn Mark mit der Schleife haben Sie zwei Mark fünfundsechzig Pfennige Provision. Das giebt schon hübsches Handschuhgeld.« »Schmugroschen habe ich nie nöthig zu machen gehabt,« war meine Entgegnung. Für was hielt sie mich? »Uebrigens zweie habe ich schon auf der Klappe, die Bergfeldten und Herrn Butsch, Fräulein Pohlenz ist noch unsicher.« – »Das wäre herrlich, und nicht wahr, die Provision theilen wir? Es brauchen ja nicht Alle zu wissen, daß sie für Novizen Prozente verlangen können; die lassen wir uns auszahlen.« – »Nein, sagte ich, »was die Bergfeldten sich verdienen kann, hinterziehe ich ihr nicht, sie muß sich kümmerlich genug durchschlagen. Ich habe in Gedanken schon Fräulein Pohlenz an sie veräußert und desgleichen Herrn Butsch. Solches Judasgeld nehme ich nicht.« Die Professorin lachte allerliebst; ihr Vorschlag war gewiß nur ein Scherz. »Ach kommen Sie in unsern Verein, mit Ihren liebenswürdigen Vorurtheilen. Judasgeld? Es hat nie einen Judas gegeben, solche Fabeln beseitigt die Ethik. Kommen Sie, damit Sie erkennen, wie falsch Alles ist, was bisher gelehrt wurde. Die Kirche sagt, es muß der Glaube sein; das ist verkehrt, die Gesinnung muß es sein. Glaubt macht orthodox – puh – Gesinnung macht tolerant. O wie wundervoll wird die Welt sein, wenn die Toleranz herrscht!« – »Das sagt ich Ihnen, aber ich verlange auch, daß man gegen mich tolerant ist und mir kein durchtriebenes Dienstmädchen anlügt.« »Sie haften noch an den Nebendingen, die erledigen sich von selbst nach den Hauptsachen!« – »Und die wären?« – »Zunächst aus den Banden der Kirche.« – »Was hat die mit den Dienstmädchen zu schaffen?« – »Erst das Nahe, dann das Fernliegende, das ist zielwärts.« – »Mir ist die Dienstbotennoth nahe genug gegangen.« – »Können Sie leugnen, daß die Kirche sich überlebt hat?« – »Es werden ja auch neue gebaut und die alten renovirt.« – »Weg mit den Kirchen: es sei ein großer Dom, der alles umfaßt, Schule, Theater, Poesie, Kunst, Wissenschaft als Gemeingut der Menschen auf ethischer Grundlage.« – »Wo bleibt dann die Religion?« »Das ist sie!« rief sie begeistert. »Jene Hallen, wo sich Mensch und Menschen einen. Die Christenheit hört auf, an ihre Stelle tritt die Menschheit.« – »Wie macht sie das?« – »Dies auszudenken ist dem Einzelnen überlassen, das kann man nicht mit Worten sagen.« – »Warum denn nicht?« – »Das ist eben die Ethik. Sie werden es schon begreifen, je fleißiger Sie die Vortragsabende besuchen.« – »Mich dünkt, das ist nicht was für Frauen.« – »Gerade. Wir Frauen können viel mehr durchsetzen als die Männer, da ein Mann nicht gegen uns grob werden darf, und wenn wir sie erst ethisch haben, werden sie noch rücksichtsvoller. Dann ist die Frauenfrage durch.« – »Ich fürchte, es kommt anders. Jetzt lassen die Männer die Frauen noch zuerst einsteigen oder vorangehen; sind sie aber erst gleichberechtigt, steigt der Stärkere zuerst ein und drängt die Frau ganz zurück.« – »Eben deshalb müssen ethische Prinzipien verbreitet werden. Sollen wir Frauen uns noch länger von den Männern unterdrücken lassen?« – »Liebe Frau Professorin,« sagte ich, »bis jetzt haben die Frauen die Männer noch unter, weniger durch Nachahmung des stärkeren Geschlechts als durch die Gaben der Weiblichkeit. Schönheit ist immer Siegerin und selbst eine häßliche wird verheirathet, wenn sie liebenswürdig ist.« – »Einen Mann zu erobern ist doch nicht das Ideal des Weibes.« – »Einen Mann lieben und beglücken galt früher als das höchste Ziel, heut wollen sie Männerarbeit verrichten und können es ihnen doch nicht in Allem gleichthun. Vielleicht wenn sie tauschen und in die Eisenhütten gehen, in die Bergwerke, Militair werden, Matrosendienst nehmen und so weiter, indeß die Männer die Kinder kriegen... aber ich hege starken Zweifel, daß die gesammte Reichstagsklugheit im Stande ist, ein Gesetz auszubrüten, das die Naturgesetze umstößt. Sehen Sie, das ist meine Ethik.« – Sie lachte so herzlich, die Frau Professorin, als hätte ich ihr das Neueste aus den Fliegenden erzählt. »Ihnen ist das Licht der Ethik noch nicht aufgegangen,« sagte sie, »sonst wären Sie toleranter. Haben Sie Ihre blaue Schleife? Heut Abend ist Vortrag über ›Ethik am häuslichen Heerde‹, den verstehen Sie.« – »Die andern auch, hoffe ich,« bemerkte ich schärflich. Für was hält die Frau mich? – »Sie stehen noch im Vorhofe, meine liebe Frau Buchholz. Aber bald sind Sie die unsrige voll und ganz.« – Als wir in der Königgrätzerstraße in dem Saale landeten, wo die Versammlung stattfand, war die Ethik schon in vollem Gange. Damen und Herren saßen an gedeckten Tischen und hörten einem Manne zu, der wie ein entlassener Anstaltsgeistlicher aussah und mit einer dumpfen Baßstimme redete. Ich nahm mir erst mal die Gesellschaft in Augenschein, weil man doch wissen will, wo man mang ist. Mein Ueberschlag war: mehrstens ältere unverheirathete Jahrgänge, aber gebildet. Die Herren schienen auch alle nicht besonders kräftig, sie glichen gut gekleideten armen Leuten. Die rechte Lebenslust saß nicht drin. Die Meister hatten die blaue Schleife angelegt, es muß doch Jeder zeigen, was er vor seinen Nebenmenschen voraushat. In den Vereinsschriften, die mir zugesandt wurden, hatte ich freilich gelesen, daß die Ethik billiger und weiser macht, hier sah ich aber noch nichts davon. Als der Redner eine Wassernipp-Pause machte, rückten wir in den Saal vor, obgleich ich wegen vielleichter unmerkbarer Entweichung den Platz an der Thür gern behalten hätte. Die Safratka'n grüßte verschiedene der Anwesenden, aber ich kam mir verrathen und verkauft vor, wie Joseph in der Löwengrube, da ich keine Seele kannte. Nachdem wir uns gesetzt – der Redner grimmte mich an und die Damen wetzten ihre Blicke – fragte ich: »Kann man hier ein ethisches Glas Bier haben?« – »Was denken Sie?« schauderte die Safratka'n. – »Ich meinte, weil doch die Tische gedeckt sind.« – »Als Symbole; weiß ist die Farbe der Reinheit.« – »Also trockene Bowle,« wollte ich scherzen, aber der Redner räusperte sich, stellte mich mit seinen Augen und begann: »Der Gedanke, den ich soeben aussprach, muß Jeden mächtig ergreifen, Jede und Jeder wird denselben nach eigener Begabung ausdenken, ich habe nicht nöthig, denselben weiter auszuführen.« – »Wenn ich selbst denken soll,« fing ich meine Verwunderung an. – »Scht! Scht!« zischten welche. »In der frühesten Jugend muß die Empfindung für das Wahre, Gute, Edle, Tüchtige, Saubere, Reine, mit aller Kraft gepflegt werden. Nicht darf man dem Kinde und wenn dasselbe noch so klein ist, mit dem schwarzen Manne drohen, nein, wenn dasselbe die Tuschfarbe in den Mund steckt, muß man ihm sagen, daß dieselbe Arsenik enthält, welches auf das Mesenterium wirkt, muß demselben klar machen, daß man wohl mit der Puppe spielen, dieselbe aber nicht küssen darf, weil leicht Bazillen sich an derselben befinden, die unsere Lieblinge dahinraffen. Und so der Beispiele unzählige, es wird Ihnen nicht schwer fallen, dieselben bis auf eine Legion zu vermehren. Haben wir diesen Saamen erst in die Herzen der Kleinen gesät, können wir das Weitere getrost der Zeit überlassen. Hier, in dieser Stunde, handelt es sich um die Anregung, nicht um den Ausbau der großen, alle Menschen einenden Halle, deren Pfeiler eben die Anregungen sind, die Formung der Gedanken, deren Wölbung das Streben der neuen, anbrechenden Zeit umfängt. Nur Sophisten machen uns Vorwürfe mangelnder That, denn das Wort ist That, der Gedanke ist That...« »Halten Sie das öfter aus?« fragte ich. Scht! Scht! »Der kann mir viel erzählen,« dachte ich. »Wenn er doch nie sagt, was er eigentlich will, und die Zeit die Hauptarbeit thun soll, kann er mir gewogen bleiben.« Ich hörte auch nicht mehr hin. Und als er verkündete: »Es kann ja nicht fehlen, wenn Alle für Ethik Begeisterte, ihre Ueberzeugung in das Volk tragen, den Einzelnen mittheilen, die Kultur rapide wächst und die Menschheit sich auf ein Niveau der Gesittung erhebt, daß es eine Freude sein wird, in dieser Welt zu leben,« da wollte ich ihm die Ruftis von Berlin seiner persönlichen Vorsorge empfehlen und die Flegel aus der Stadtbahn; aber man durfte ja nicht Piep sagen. Auch vom Teufel hatte er was, er nannte ihn schnöden Pfaffenbetrug. Dann schlief ich bruchstückweise. – Als er mit den Worten schloß: »Die Ethik wird nicht mehr bitten, sie wird das Recht fordern, das ihr zukommt« und die Versammlung bravoklatschte, da dachte ich an Nante und seine Mutter. Die werden auch fordern. Ich weiß nicht, Alle wollen sie haben und keiner geben, als Redensarten. »Ungemein tief. Nicht wahr?« fragte die Frau Professorin. »Unser Keller ist nichts dagegen,« antwortete ich. »Wenn mir jetzt blos Einer sagen wollte, was Ethik ist?« – »Das ergiebt sich aus den Gesammtbestrebungen, kommen Sie nur regelmäßig in die Versammlungen.« – »Was heißt denn eigentlich Ethik?« – »Etwa so viel wie philosophische Moral, das heißt, treffend läßt Ethik sich deutsch nicht wiedergeben, – es sind eben unsere Prinzipien –, die das griechische Wort bezeichnet.« – »Schade, ich hätt' es gern erfahren, mir die Vorträge zu ersparen, bei mir heißt es: Kurze Gebete und lange Wurst und nicht, wie bei Ihnen, umgekehrt.« – »Bringen Sie uns nur Mitglieder, Sie kommen schon dahinter.« – Ich kann viel vertragen, nur nicht wenn Eine nicht mit der Sprache heraus will oder nicht kann. Altes abschaffen ist leicht gesagt, aber nun mit der That beweisen: – so wird's besser gemacht, da stuckt es. Verdient die Bergfeldten einige Groschen durch den Verein, mir lieb, wenn sie auch, wie ich fürchte, die Ethik noch weniger zu fassen kriegt, als ich. Aber mit der Safratka getheilt wird nicht. Hat sie sich für ihr Geld einen doktorirten Mann zugelegt, wird sie wohl noch nicht verhungern, ohne das bischen Handschuhgeld. – Da mein Karl jetzt viel an die Luft mußte, machten wir gemeinschaftlich täglich Spaziergänge, in den Friedrichshain, nach dem Humboldtshain sogar, oder in den Thiergarten, der mit der Stadtbahn ja leicht zu erreichen ist. Nur ein großer Mangel macht sich auf den Stadtbahnhöfen fühlbar: es sind wohl für Gepäck, aber nicht für Personen Aufzüge vorhanden. Wer Treppensteigen vermeiden soll, alte Leute und solche, die in die Bäder reisen, für die ist nicht gesorgt. Das heißt, sie können sich von Kofferträgern hinaufschleppen lassen, aber die Umstände und die Kosten sind nicht zeitgemäß. Was in den Hotels für Reisende nothwendig erscheint, dürfte Bahnhöfen nicht fehlen, die nur auf hohen Treppen zu erreichen sind. So ist sogar in Berlin noch manches der Verbesserung bedürftig. Wir mußten langsam hinauf steigen und in dem Menschengedrang wurde mein Karl oft gnedderig: er war ja auch noch nicht auf dem Posten. Nur einmal freute er sich. Es kamen da zwei Jungen, so neun- bis zehnjährige, mit brennenden Zigaretten im Munde und einem Kinderfahrschein in der Hand, lächerlich anzusehen für vernünftige Leute und ärgerlich, daß solche Steppkes sich nicht schämen, weil Keiner ihnen gute Sitte beibringen darf. Mein Karl fing schon an, sich zu entrüsten, als der Treppenschaffner mit der Lochzange innehielt und zu den Herren Jungs sagte: »Wat, Ihr wollt uf Kinderbillet fahren und roocht wie die Jroßen? Augenblicklich zaruck und 'n Fahrschein für Erwachsene jelöst. Nächstens werd't Ihr Euch wohl verheirathen?« – Der Hohn, wie sie abzogen. »Siehst Du, Karl,« sagte ich, »so ungefähr stelle ich mir die Ethik vor; giebt dem Mann ein Douceur, schon allein, weil Du lachst.« – Die Bergfeldten kam öfters heran. Die Heirath mit Herrn Butsch lag ihr doch schwerer auf, als sie gestehen mochte und deshalb schloß sie sich mehr an mich, als sonst. In der Noth wird der Mensch gesellig. Abreden ließ sie sich jedoch nicht. – »Das Vermiethen ist ein zu unsicheres Brot,« klagte sie. – »Sie haben doch den jungen Mann mit dem goldenen Gemüth.« – »Ne nette Biele,« brach sie zornig aus. »Nu er was von einem heimlichen Onkel geerbt hat, kündigt er mir und geht bei die Pohlenz, die olle Stieze. Aber die begieß ich nicht mit Schokolade, darauf kann sie Gift nehmen.« »Ich weiß einen Verdienst für Sie,« sagte ich und legte ihr den ethischen Prinzipienverein klar. »Sie müssen an Ihrer eigenen Vervollkommnung arbeiten und immer nachdenken.« – »Das will ich ganz gerne, wenn es auch nur eine Kleinigkeit einbringt; die Zeiten sind hart.« – Nun kam mir das ethisch Gelesene zu paß, um sie etwas einzuweihen, damit sie mit verblüffender Unwissenheit es nicht gleich gänzlich verdirbt. »Haben Sie nie etwas gethan, was Sie nachher bereuten?« fragte ich. – »Wo werd ich?« – »Nie über Ihre Nachbarn geurtheilt?« – »Immer erst nach der ersten Wäsche, dann sieht man, was für Volk ins Haus gezogen ist.« – »Nie im Kartenspiel betrogen?« – »Na, das bereut man doch nicht?« – »Das müssen Sie. Glauben Sie an den Teufel? Den haben sie abgeschafft.« – »Ich hab nie recht Meinung für ihn gehabt, im Puppentheater kriegt er ja immer die Kalasche.« – »Woran glauben Sie denn?« – »Blos noch an Leichenverbrennung.« – »Das genügt nicht; ich will Ihnen die Schriften unseres Vereins geben. Die Hauptsache ist die Toleranz.« – »Meinetwegen.« – »Und das Jenseits. Bedenken Sie die furchtbaren Martern: eine geschlagene Ewigkeit.« – »Ja an die Martern glaube ich schon, man bloß, daß ein Mensch sie so lange aushalten kann, das will mir nicht in den Sinn.« – »Sie stehen noch im Vorhof, Bergfeldten, lesen Sie die Papiere und gehen Sie in die Vorträge. Und machen Sie es nicht wie die Sophisten, das mögen die Ethiker nicht.« – »Ich auch nicht. Ich habe einen im Vorderzimmer, und soll die Miethe vom vorigen Monate noch kriegen und kriege sie auch nicht, der Kerl ist ein zu sehrer Sophist!« – »Wieso?« – »Er liegt doch den ganzen Tag auf dem Sopha und thut nichts. Das sind die schlimmsten. Bei Butsch hab' ich doch nicht die Sorgen und den Verdruß, wie mit den Chambregarnisten.« Sie blieb zum Mittag bei uns; sie kann ja am Ende nichts dafür, daß ihre Ausbildung nicht die jetzt allgemein vorgeschriebene Höhe erreicht. Und dabei hat sie von ihrem Schwiegersohn zu leiden, der sich immer mehr einbildet als Beamter und den Kopf ganz steif trägt. Sie ist zu bedauern. Ich wünsche ihr von Herzen, daß sie nicht fehlgreift. Nachher machten wir eine Partie nach dem Viktoriapark, wie der Kreuzberg jetzt heißt, nachdem der Sandhaufen in eine Gebirgslandschaft umgekatert ist, die sich sehen lassen kann. Und wenn der Kreuzberg auch kein Montblanc ist, wo giebt es zum zweitenmale in der Welt einen Berg, von dem man Berlin überblicken kann, das Häusermeer mit seinen Thürmen, Kuppeln, Gasometern, mit dem Schloß und dem Reichstagsgebäude, das goldig glänzt, wenn die Sonne scheint? Die Anlagen sind überraschend. Da ist eine Wolfsschlucht, große Rasen, steigende Wege und abwärts führende, verschlungene und gerade, da sind Teiche, murmelnde Bäche und der große Wasserfall. Zwei Millionen achtmalhundertneunundvierzigtausend und etliche Mark verschlang der Park, wobei die zur Erweiterung des von dem diesmal lieberalen Fiscus überwiesenen Parksandlandes erforderlichen Grundstücke über zwei Millionen schluckten, so daß der Katzentisch höher zu stehen kam als die Haupttafel. Aber das Unglück fügt es bisweilen, daß gerade da, wo eine Straße durch oder eine Markthalle hin muß, sehr theure Grundstücke liegen. Das sehen aber die Wenigsten ein, die sich des Parkes erfreuen, am allerwenigsten die Kindermädchen. Denen ist das Tempelhofer Exercirfeld nebenan bedeutsamer. Der Wassersturz, der im Sommer seinen Achtstundentag hat, wofür zweiunddreißigtausend Mark jährlich fließen, damit die ungeahnten Wassermassen wieder hochgepumpt werden: wo findet man eine Stadt, die Aehnliches für die Erholung der Bürger leistet? Und, steht Natur nicht über Kunst? Wir kamen gerade zu dem Moment, als der Sturz seine Nachmittagsschicht begann. Das Wasser wälzte sich von oben herunter, über die Felsen, unter der Brücke durch, in breiten und schmalen Güssen, schäumend und plätschernd. Die Bergfeldten war vollkommen überwältigt von diesem Anblick. »Ganz wie bei Renz,« sagte sie. Wie viel Ethik gehört noch dazu, ehe sie einigermaßen wird?   Nach Harzburg. Warum Herr Butsch ins Theater geht und mein Karl nach Harzburg – Wo Leute wohnen und wo es zu schön ist – Warum Karl viel Brunnen trinken muß und Buchholzens klettern – Vom alten Krodo und dem Ballhaus der Krausen – Von der Höhenluft und der schönen Stadt Braunschweig – Schmolicke tritt an – Eine Hundegeschichte – Warum Karl nicht schwören will Obgleich mancherlei unerledigt und die eigentlich vornehme Saison noch nicht angesteckt war, gab ich dem Drange meines Karls nach, Kreuzberg und Friedrichshöhe mit wirklichen Bergen zu vertauschen und ein vorgeschriebenes Leben zu beginnen. Außerdem ist der Harz nicht weit, man kann bequem von Berlin mit dem Finger hinzeigen. Meine Abschiedsbesuche beschleunigte ich. Die meisten Bekannten hielten es für sehr verständig, daß mein Mann sich seiner Gesundheit widmete, da seine Erholung doch noch zu wünschen übrig ließ, blos mit Ausnahme der Bergfeldten, die meinte: »Sie halten ihn zu stramm in den Sielen; Butsch sagt, selbst eine Gepäckdroschke kriegt manchmal Trabgelüste.« »Bei Ihrem Zukünftigen verkehren wohl hauptsächlich Rosselenker?« entgegnete ich kühl abweisend. »Was meinem Manne noth thut, ist Wechsel des Klimas.« »Deshalb braucht er doch nicht von Berlin? Hier wechselt das Klima dreimal des Tages und öfter.« Ich vermochte ein gewisses Lächeln nicht zu unterdrücken, obgleich sie mir leid that, wie ihr Sinn für Höheres abnimmt und belehrte sie geduldig: »Gerade weil die Berliner Witterung an meines Mannes Leiden schuld ist, reisen wir!« – »Warum macht er es nicht wie Butschen's Bruder. Wenn der Winters mal ausgeht: blos ins Theater, da ist es warm und er erkältet sich nicht. Das kalte Bier und den Tabaksrauch in den Wirthshäusern kann er nicht vertragen.« – »Ihnen geht es gut?« fragte ich, weil mir der Vergleich mit den Butschen's keineswegs zusagte. – »Danke der gütigen Nachfrage, es ginge so la la, wenn nicht der Lohnkampf mit den Mädchen wäre; ich kann doch nicht geben, was sie jetzt verlangen und im Handumdrehen ist man im Gefecht.« Da ich kürzlich in einem Hausfrauenblatte gelesen hatte, Dienstbotengespräche zeugten von einem Mangel an Geist, empfahl ich mich. Und ich bin ja mit meiner recht zufrieden. – Wir hatten am Abend noch einen ärztlichen Vortrag und dampften am nächsten Morgen vom Potsdamer-Bahnhof ab. »Freue Dich,« sagte ich zu meinen Karl, als wir rutschten, »wir dürfen die nächsten Wochen faul sein ohne Vorwürfe, ja es wird gewissermaßen Pflicht. Das sind endlich einmal aufrichtige Ferien.« – »Schlimm genug, daß man Zeit und Geld für seine Körperreparatur ausgeben muß.« »Du bist jetzt in den Jahren, so man anfängt über seine Gesundheit nachzudenken, aber immer wenn Dir die Leber zwischen die Ideen geräth, brummelst Du.« – »Dummes Zeug; das Gehirn denkt und nicht die Leber. Was verstehst Du davon?« – »Von meinem Sanitäts-Schwiegersohn erwerben sich medizinische Kenntnisse spielend. Besieh Dir die Landschaft, mein Karl, Potsdam ist und bleibt reizvoll. Gegen die Wahrheit dieser Beobachtung wußte er nichts. Später jedoch, als das Flache und Oede überhand nahmen, meinte er: »Hier herum lernen wohl die modernen Maler?« – »Das scheint so. Bei noch mehr Wirklichkeit müßte sie die Leinewand unbestrichen lassen.« Allmälig wurde es hübscher und Karl milder. »Ich bin froh, daß ich den Stammtisch für eine Zeit nicht sehe, Schmolicke machte mir mein bischen Mosel noch saurer, als er von jahrgangswegen sein durfte.« – »Du schiltst über Schmolicke, aber seine Geschichten erzählst Du mir nie, also kann ich nicht urtheilen.« – »Weil sie sich nicht wiedergeben lassen.« – »Schon aus diesem Grunde müßten die Stammtische staatlich verboten werden.« – »Was Du denkst ist nicht.« – »So? Warum denn nicht einmal eine Probe?« – »Nein.« – »Da haben wir's.« – »Du irrst Dich.« – »Du brauchst ja nur andeuten.« – »Das geht nicht.« – »Was wohl Alles an solchen Stammtischen vorfällt?« – »Wie kann ich Geschichten wieder erzählen, die keine Pointe haben?« Es stiegen Reisende ein, entschieden Leute von Stande, die auch nach Harzburg wollten, und, wie sich herausstellte, schon öfter dort geluftkurt hatten. »Ist es wirklich so bildschön, wie gesagt wird?« fragte ich. – »Gnädige Frau waren gewiß schon in Berchtesgaden?« – »Dicht dabei,« antwortete ich, weil mein Karl mich durch Grienen über die hoch elegante Anrede in Verwirrung setzte. – »Es erinnert in seiner Lage an diesen durch seine Schönheit weltberühmten Ort,« fuhr der Herr fort, »nur ist bei Harzburg das Großartige in das Anmuthige übersetzt, in die Romantik unseres deutschen Waldes.« »Wir lieben den Harz,« sagte die Frau, »ich bekenne es offen. Seine Art ist von der des Norddeutschen, er gewinnt bei näherem Kennenlernen, da er seine Vorzüge nicht prunkhaft zur Schau trägt und seinen vollen Reichthum nur dem Suchenden offenbart. Aber wie Wenige kennen die Perle Norddeutschlands, den Harz. Ging es uns nicht ebenso?« wand sie sich an ihren Gatten. »Wir wurden durch einen Amerikaner auf den Harz aufmerksam gemacht, den wir unterschätzten, vielleicht weil er zu nahe ist, vielleicht, weil Deutsche leider mit Vorliebe fremdes Land und fremde Reize in Wort und Schrift schildern und die Schönheit der engeren und weiteren Heimath verschweigen, sei es aus Bescheidenheit oder aus Mangel an Vaterlandsüberzeugung. Dem Amerikaner aber, der uns sagte, der Harz biete an Mannigfaltigkeit der Scenerie auf beschränktem Raume mehr als sonst ein Gebirgsland, stimmen wir bei, und wenn er ferner sagt, es wäre der beste Platz, die im zehrenden Getriebe der neuen Welt angegriffenen Nerven wieder herzustellen, muß er es wissen, denn er hat die weite Reise von drüben bereits dreimal gemacht und auf den Bergen und in den Thälern des Harzes gefunden, was er suchte: Gesundung an Seele und Leib.« Tröstliche Aussichten sind immer die besten. Jetzt erschien die Gegend sonniger und jeder Baum und Busch, an dem wir vorbeisausten, hatte für mich um so größeres Interesse, je mehr wir uns unserem Ziele näherten. Von ferne sahen wir schon lange den Brocken; nun ward das Gebirge deutlicher und wuchs empor. Der Bahnhof war, wie so Bahnhöfe sind. Der Hausdiener von ›Juliushall‹, wo wir Wohnung bestellt hatten, nahm uns in Empfang. Mit einem ›Adieu, gnädige Frau,‹ verabschiedeten sich unsere Gefährten und wir stiegen in den Hotelwagen. Viel schönes Gefährt belebte die Kastanienallee, durch die wir nun fuhren: rechts und links Wohnhäuser und Geschäfte, Hotels und Villen. Sehr schöne Villen, namentlich eine in einem großen Park gelegene, fiel uns auf. Sie spiegelte sich in einem Teich, und bläuliche Blumen rankten an der Veranda in die Höhe, deren Wände mit landschaftlichen Gemälden geschmückt waren. Der Besitzer und seine Gattin gingen lustwandelnd auf dem breiten Kieswege und eine große Dogge begleitete sie. »Karl,« sagte ich, »hier wohnen Leute.« Das Kurhotel ›Juliushall‹ stammte nicht völlig aus den Zeiten der Kreuzzüge, wohl aber aus den Zeiten Harzburgs, als es das einzige, die damals verwöhntesten Ansprüche befriedigende war. Es lag uns recht, weil die Soolbäder unmittelbar daran stoßen, und in dem Kurgarten die Krodoquelle entspringt, von deren Heilkraft wir viel erhoffen. »Sie wirkt etwas stärker als Kissingen,« hatte der Sanitätsrath gesagt, »ohne eine so peinliche Diät zu erfordern, da sie nicht so viele, die Verdauung beschwerende Kalksalze enthält und das Herz nicht ungünstig beeinflußt, da ihr das aufregende Uebermaß an Kohlensäure fehlt.« – Ich hatte mit diese Worte wohl eingeprägt, erstens für meinen Karl, und zweitens für mich; es hatte mir auch immer zu gut geschmeckt. Es ist doch merkwürdig: erst kocht man seinen Mann fett und dann muß er wissenschaftlich wieder aufs Mittelmum vermindert werden. – »Nur keine Uebertreibung,« sagte der Doktor. »Sie, geehrte Schwiegermutter, trinken Brunnen zur Controlle mit; sie haben ihn auch nöthig.« Unser Zimmer lag wohlthuend abgeschieden nach einem epheuumsponnenen Hofe hinaus; die Wirthstafel sagte uns zu; wir hatten es gut getroffen. Am Nachmittage pilgerten wir nach den »Eichen«, kaum zwei Minuten von uns. Dort stehen Verkaufsbuden, viele Tische und Stühle unter herrlichen Eichen und ein Musiktempel, worin die Kurkapelle Morgens und Nachmittags älteste und neueste Musik spielt. Die beliebte Ourverture zur Felsenmühle, Tannhäuser und Russische Kavallerie standen oft auf der Tonfolge. Niedliche Teiche sind unter den Eichen, und in Wasserfällen rauscht das klare Gebirgswasser von einem zum andern. In dem größeren ist ein Springbrunnen, der wird um die Musikzeit auf sachte gedreht. Auf diese Weise besiegt die Kunst die Natur. Von den Eichen gingen wir zum gegenüberliegenden Kurhaus, von da höher hinauf zum Harzburger Hof, dem Hotel und sahen von der Terasse vor uns die Berge und das Thal zwischen den Bergen. Wir wurden ganz still bei diesem Anblick. Es war zu schön. »Warum seufzt Du, mein Karl?« »Ich möchte hinein wandern in die Schönheit vor uns, durch den Wald hinauf auf die Berge, in die klare sonnige Höhe, aber ich fühle es, ich muß hier unten bleiben. Das Alles ist mir zu weit und zu hoch. Wilhelmine, wo ist meine Jugend? Ich bin ein alter, kranker Mann.« – »Nach mitteleuropäischer Zeit bist Du in den besten Jahren. Man ist nur so alt wie man ein Gesicht macht; nur nicht verzagt, mein Karl. Morgen beginnst Du mit dem Brunnen. Uebrigens, unsere Reisegefährten haben recht, es ist hier göttlich. Karl, wenn Du erst so wärst wie sie.« – »Ach was, eine ›gnädige Frau‹ spendir ich Dir doch nicht.« Um vor sieben Uhr am nächsten Morgen standen wir vor der Grotte und ließen uns von der Brunnenphilippine den ersten Becher Krodoquelle reichen, den wir langsam unter behaglichem Schreiten im Kurgarten ausnippten. »Wie schmeckt es Dir?« fragte ich. – »Wie es muß, wie Fischwasser.« – »Wieso?« – »Siehst Du denn nicht, daß es aus dem Rachen des Fisches heraussprudelt, den der alte Wassergott zu seinen Füßen hat.« – »Es giebt hier doch allerlei Unverständliches; nachher holen wir uns in der Woldag'schen Buchhandlung einen Führer und belernen uns. Nichts ist unverzeihlicher als städtische Unwissenheit.« Wir kamen erst kurz vor Mittag zum Bücherkauf, denn nicht allein das Trinken erfordert seine Zeit, sondern auch das Gehen mit dem Brunnen in sich, das beschauliche Beobachten seiner Wirkung, das Frühstück, das Hinauswandeln in die Natur behufs der gesunden Bewegung und was sonst daran bammelt. Aber wir lebten uns mit Berliner Schleunigkeit ein. – Nach und nach wurden uns die Taufnamen der Einzelheiten geläufig, aus denen die Umgebung Harzburgs besteht. Der Prachtberg, an dessen Fuß die Juliushaller Soole entspringt und die Krodoquelle ist der Burgberg und die Säule darauf die Bismarcksäule. Die wurde als ein Mahnmal deutscher Einigkeit und deutschen Sinnes errichtet mit dem Bildnisse Bismarcks und der Inschrift: »Nach Kanossa gehn wir nicht.« – Als ich meinem Karl dies vorlas fragte er: »Wenn nicht nach Kanossa, dann nach anderen schönen Plätzen. Der Deutsche findet schon Gelegenheiten. um Entschuldigung zu bitten, daß er stolz an die Größe des Reiches glaubte.« – »Karl, Du mußt noch viel Brunnen trinken, Du machst Politik mit der Leber.« Wir durften in den ersten Tagen nicht weit gehen; sobald das Herz Polka anfing oder das Athmen schwer wurde war die Anstrengung zu groß gewesen. Wie angenehm war der Philosophenweg, zurück an den Teichen und Quellen im kalten Thal, oder zur Sennhütte hinauf und in den Laubweg hinein bis an den Burgberg. Auch nach dem Heinrichsbrunnen gingen wir. Ich meinte, der Quell sei trocken, als ich die hellen Kiesel auf seinem Grunde so deutlich erblickte, aber ein Käferchen kam und berührte die Oberfläche des krystallklaren Wassers, so daß sie leicht erzitterte. »Solches Wasser in Berlin,« sagte ich, »das Liter nicht unter zehn Pfennig, wie gesund wäre das. Und hier rinnt die Hygiene so in die Wildniß hinein.« Ein Reh begegnete uns mit seinem Zicklein, das wollte wohl zu dem Brunnen. Auch Vögel zwitscherten in den Zweigen. Und der Wald duftete. Wo die Sonne auf die Tannen schien, war die Luft mit Nadelbalsam förmlich durchdampft. Das muß ja den Nerven gut thun. Immer kilometriger wurden unsere Ausflüge, Krodoquelle und Gehübungen, die sog. Terrainkur, halfen miteinander und doch war es erst das Vorspiel. Die Eichen sahen uns immer seltner, die Thäler und Hügel um so öfter. Durch den Wald nach dem Silberborn, und zurück durch die blühenden Salzwiesen. Das ist die reizendste Nachmittagstödtung, die ich kenne. An Bänken fehlt es nirgends, und Zeit hatten wir mitgebracht. Das schwächste Wurm kann ohne Ueberlastung in die Ferne schweifen. Allmälig wurden leichtere Steigungen genommen, als Klimmschule für Anfänger, während Geübtere die steilsten Wege hinaufturnten. »Wartet man, bis Buchholzens klettern« dachte ich, wenn bei Tisch der Eine seine Beinfähigkeit noch mehr rühmte als der andere, und jeder doch bezweifelte was ihm vorgerechnet wurde. Lügen darf meiner Ansicht nach nur gestattet werden, wenn es interessant ist. Es war am vierzehnten Tage unsers Aufenthaltes in Harzburg – ich werde ihn nie vergessen – als wir unsern Morgengang unternahmen und von der Sennhütte abbiegend immer weiter gingen und weiter. Es war so frisch und schön und der Waldpfad so einladend und uns beiden so froh und leicht, daß wir plaudernd und scherzend nicht auf die Richtung achteten, sondern arglos vorwärtstappten. »Das Gehölze ist so dicht, man sieht keine Spur von der umliegenden Geographie. Wo sind wir eigentlich?« fragte ich. – »Irgend wo,« lachte mein Karl. – »Natürlich verirrt, nun man rasch.« – »Nur keine Ueberstürzung, was hilft alles Laufen, wenn man auf dem verkehrten Wege ist? Solltest Du nicht wieder ans Haus finden, setzt ich Dich in das Harzburger Wochenblatt: dem Wiederbringer eine anständige Belohnung.« »Du denkst bedeutend klarer; wenn Du nur nicht zu klug durch die Kur wirst,« entgegnete ich. Auf das Ende eines unbekannten Weges wißbegierig zu sein, ist verzeihlich, weil menschlich, und deshalb bemerkte ich: »Neugierig bin ich, wo wir landen?« – »Das kann ich Dir ganz genau sagen,« antwortete mein Karl, »wir sind oben auf dem Burgberg.« – »Ach, Unsinn.« – »Hier siehst Du den Wegweisen, da steht's drauf. Und dort jetzt vor uns liegt die Spitze, in zehn Minuten sind wir oben.« – »Und dein Herzmuskel, Karl, tobt er nicht wie besessen?« – »Nicht die Spur.« – »Aber Dein Athem ist alle?« – »Auch nicht; keinerlei Beschwerde.« – »Und Du barmtest, Du würdest nie hier heraufsteigen können.« – »Mir ist es selber wie ein Wunder.« – »Karl, der Krodo ist doch nicht so übel. Man soll freilich nicht an alte Heidengötter glauben, aber sie wußten am Ende doch auch Manches. Wenn Krodo hier früher angebetet wurde, ehe sie die braunschweigische Religion kriegten, geschah es sicher, weil er Vielen geholfen hat; mit ist die Taille ebenfalls schon ein gut Theil schlanker geworden, und Deine Schnalle hab' und heute Morgen beinahe um zwei Zentimeter einziehen müssen. Das sind doch meßbare Erfolge. Ich hoffe, bei Woldag ist seine Photographie zu haben.« »Laß auch die köstliche Luft photographieren,« sagte mein Karl. »Wie sie die Brust weitet, wie sie belebt. Komm Alte; dort noch um die Ecke und wir müssen oben sein.« – Nun standen wir an dem Bismarckstein und blickten hinab auf Harzburg und weit in das Land hinein auf Dörfer und Städte, Wald und Feld und ferne Anhöhen. Da lag im Sonnenglanze vor uns fleißgesegnetes Gefilde des Vaterlandes. Unter uns rauschten die Kronen der Bäume im Winde, über uns zogen lichte Wölkchen wie weiße Friedensvögel. Da legte sich sein Arm um mich. »Wie ist das Leben doch schön,« sagte mein Karl. Ich sah nichts mehr von der Herrlichkeit vor uns, mein Blick umflorte sich. Das that die Freude. Ich hatte ihn wieder. Mit Ehrfurcht betrachteten wir die Bismarcksäule; wir sind noch so erzogen, daß wir vor wahrer Größe uns beugen. Für die neuen Lehren vom Fehlersuchen, Fehlerfinden, Besserwissen und Selbstbewundern sind wir schon zu alt, die überlassen wir den Jungen. Wir beschlossen, unser Mittagsmahl in dem Hotel Burgberg einzunehmen, was sich als einer der besten Gedanken von Schiller erwies, da Küche und Keller uns zu dem Festtage ein wahres Festmahl lieferten, und die gegenseitige Warnung, ›denk' an Krodo‹, des öfteren nöthig wurde. Krodo erlaubt Vieles, aber nicht zu viel. Was kann es nützen, des Morgens das Fett von den Organen wegzuspülen und den Umfang mittelst Bewegung ins Verhältniß zu bringen, wenn man durch Schlemmen wieder ansetzt? Klapprige und sonst Unzulängliche müssen sich hingegen so unersättlich laufen, daß der Pensionswirth bitterlich weinend in sein Kämmerlein schleicht, um nicht zu sehen, wie sie zulangen. Wir schrieben Postkarten mit Ansichten an den Schwiegersohn, wie trefflich seine Kur anschlüge, an Erika, an Betti, und spazierten darauf weiter auf dem Gebiet des Burgbergs, nachdem wir den tiefen Kaiserbrunnen in Augenschein genommen hatten, der vor achthundert Jahren gegraben wurde, wie der Hausknecht versicherte, der das Brunnenhaus verwaltet. Es ist eigenthümlich, daß die Hausknechte vieles so genau wissen, worüber Gelehrte sich zanken und streiten. Nach dem Süden zu sieht man in den Harz. Berge und Berge und darüber den höchsten, den Brocken. »Also das ist er,« sagte ich. »Ich hätte mir ihn schlanker vorgestellt. Aber er ist mir trotzdem sehr betrachtenswerth.« »Warum das?« – »So seh' ich doch auch einmal das Lokal, wo die Krausen zu Ball geht.« – »Ich hoffe, wir machen gelegentlich einmal hinauf.« – »Ich nicht. Bedenke, wenn Onkel Fritz fragt, ob ich auf dem Blocksberg war und ich muß eingestehen.« – »Albernheit.« – »Etwas muß doch dran sein und, unter uns, wenn die Krausen es könnte flöge sie.« Wir nahmen von diesem Tage an eine Höhe nach der andern. Ueber den Ettersberg stiegen wir nach dem Molkenhaus, wo die Hühner so zahm sind, daß sie Einem ins Essen träten, wenn sie die Kröpfe nicht so voll hätten; nach den Rabenklippen waren wir und nach der Kattenäse, mit der Fernsicht über Berge und Gelände nach Wernigerode, Halberstadt und über viel deutsches Land. Und dann nach dem Bärenstein! Und wer weiß wo sonst noch hin, nach dem Riefenbachsthal, nach dem Eckerskrug, dem Elfenstein. Ueberall wo man geht und steht, ein wahres Fest für die Augen, eine Labe fürs Gemüth. Sogar nach den Kästenklippen wanderten wir zu Fuß. Ich sah im Opernhaus die Walküre, wo die Brünhilde in Schlaf gezaubert wird. Das ist auf de Kästenklippe passiert. Ich erwartete jeden Augenblick die Schlachtjungfrauen und Wotan und das Feuer, mußte mich jedoch mit der Phantasie begnügen. Manchmal, wenn wir weit ab im stillen Fichtengehege wanderten, zwischen Felsen und Gestein, hätte ich darauf schwören mögen, hinter diesem oder jenem Block lugte ein Erdmännchen hervor, das verschwand, sobald man es gewahrte. Dann war der Harzwald wie ein aufgeschlagenes Märchenbuch und wir gingen darin spazieren. Ich schenke den Enkeln eins an ihrem Geburtstage, damit sie die Märchensprache lernen und den Stimmen der Natur antworten können, wenn sie groß geworden, aus dem Kampf um die blauen Scheine flüchten und wieder Kind sein möchten, wo es grünt und blüht. Mit dem Hochsteigen hatte mein Karl voll gewonnenes Spiel. In der Höhenluft, so erklärte uns ein kluger Doktor den fühlbaren Einfluß der Bergpartien, vermehren sich die rothen Blutkörperchen schon in einer halben Stunde ungeheuer, und die sind es, die den Sauerstoff aufnehmen und neues Leben durch den ganzen Körper bringen, bis in die feinsten kleinsten Aederchen. Daher das Gefühl der Leichtigkeit, des Wohlbehagens, der Lebenslust. Unten im Thal nimmt ihre Anzahl wieder ab, aber es sind die alten verbrauchten Blutkörperchen, die zu Grunde gehen. Sorgt man mit etwas Krodo für Durchschwemmung, befreit man sich von den Schlacken und schädlichen Resten. Neuer Anstieg wiederholt die Bildung der Blutzellen bis zuletzt das Blut wirklich verbessert und erneut ist. So verstand ich seine längere Auseinandersetzung. Ob die ganz Klugen noch klügere Erklärungen haben, weiß ich nicht, Thatsache aber ist, daß wir uns Beide ausnehmend wohl befanden und es zahllosen Kurgästen ebenso erging und seit Jahren ergangen ist. Aus allen Ländern kommen sie und reisen gesundet und gestärkt für ferneren Lebenswandel wieder ab. Vorläufig dachten wir nicht an Berlin; es waren noch kohlensaure Soolbäder zu nehmen, da in Harzburg eine besonders kräftige Soole entspringt. Außerdem wollten wir mehr vom Harz sehen als zu Fuß oder auch zu Wagen mit dem angebrochenen Nachmittage, den die Morgenkur ließ, ohne Hetzjagd abzumachen war. Bei großer Julischwüle wurde nur so viel gegangen als ohne Erschlaffung geschehen konnte, und fing der Himmel an zu schwitzen, fanden wir Geselligkeit, genug skatkundige Männer in Auswahl, denn allmälig wurde Harzburg Vorort von Berlin, Hamburg und Hannover, von Braunschweig gar nicht zu reden. Wir spritzten einmal hinüber. Die Stadt gefiel mir gar sehr. Das Neugebaute ist gediegen und das Alte noch gediegener, und Wasser und Anlagen darum her wie eine Bekränzung. Die alten Häuser und Schnitzereien und Malereien sind so lustig anzusehen wie die gute alte Zeit selber, von der uns ja meist nur Vergnügtes erzählt wird. Die Baumeister, die sie dort haben, bauen nicht in derselben Manier weiter, weil die Wohnbedürfnisse ebenso viel größer wurden, wie die Miethen, aber sie phantasiren nicht so heftig in Zementguß wie bei uns, und über den Gemeindeschulenstil der Berliner Backsteinräthe, der aus einer Kreuzung von Gefängniß mit Kaserne hervorgegangen ist, sind sie hinaus, den überlassen sie der Reichshauptstadt zur Zier, und entlegenen Jahrhunderten zur Anerkennung. Mein Karl kümmert sich um Bauliches und wenn wir Straßen besehen, theile ich pflichtgemäß seine Ansichten. Ueber den Dom hatten wir dasselbe Urtheil: ein Juwel in deutschen Landen. Und der Platz bei dem Dom mit der wiederhergestellten Burg, der ist einzig. »Sieh Dir das an,« sagte ich. »Der reine Lohengrin. Vor uns Elsa's Palast mit der Treppe, auf der die singenden Hofdamen wie hinter dem Sarge herunterschreiten und rechts die Kirche, wo die Trauung stadtfindet.« – »Du siehst wohl überall Opern?« warf mein Karl mir vor. – »Ist es ein Fehler, in der Wirklichkeit wieder zu erkennen, was in der Kunst entzückte?« – »Fehler wäre wohl zu viel, aber man thut so etwas nicht.« – »Das scheint nun mir ein Fehler. Der Mensch ist doch kein Wollsack, der blos Muff sagt, wenn er vom Boden fällt, sondern ein Echo aller Dinge.« – »Wilhelmine, bändige Deine Gescheitheit. In Braunschweig giebt es hochgelehrte Männer, schweige und laß theoretische Zoddeleien. Wenn die Dich hören?!« – »Wirklich Gelehrte sind gute Menschen, die fürchte ich nicht, aber Leute, die Alles wissen, die sind mein Schrecken.« – »Kennst Du denn solche?« – »Persönlich nicht, aber lies mal Kritiken. Schade, daß von denen keiner bei der Erschaffung der Welt seinen Senf zugab, sie wäre tadellos gerathen. Aber was kraucht jetzt Alles herum?« So war es. Als wir am nächsten Morgen unter den Eichen – die Kurgästefülle jetzt, nachdem die Schulferien angegangen waren – den ›holden Abendstern‹ genossen, trat ein Herr heran, der meinen Karl mit den schnöden Worten begrüßte: »Na da sind Sie ja! Immer noch so knickstiebelig? Ganz netter Ort hier. Was?« »Herr Schmolicke,« stellte mein Mann vor. Also das war Schmolicke, ein solch alter Esel, ganz schneiderschneidig und langmanschettig mit aufgekrempten Beinen, Strohhut wie ein Butterblümchen, den graulichen Schnurrbart bis in die Augen gedrillt und gethan wie ein knapper Dreißiger. Die richtige Jugendkonserve. Wenn mein Karl sich solchen Sommerflanellanzug konstruiren lassen will, die Mittel sind da, aber er schändet den Familiengeschmack nicht. Schmolicke setzte sich zu uns als wenn ich mindestens seine Cousine wäre und gejohlt: »Na, Buchholz, altes Seitengebäude, geben Sie eine Wiedersehensrunde aus?« »Meinem Manne ist vom Arzte beschränkte Flüssigkeitszufuhr auferlegt,« bemerkte ich eklig höflich mit dem verständlichen Hintergedanken ›mein Junge, Du kennst mein Herz noch lange nicht.‹ »Er läßt sich sonst doch nicht nöthigen.« »Wer weiß, wer ihn auf dem Gewissen hat?« sagte ich anzüglich. »Nicht der, dem das viele Bier schlecht bekommt, ist tadelnswerth, sondern wer ihn dazu verleitet. Außerdem haben wir bereits bestellt.« Der Kellner brachte für meinen Karl ein Glas Milch und einen kleinen Cognac und für mich Juliushaller Sauerbrunnen. »Nanu,« rief Schmolicke, »Buchholz schlappt Milch? Das muß ich den Brüdern schreiben, die lachen sich todt.« »Schade, daß sie nicht dabei sind,« versetzte ich ihm. »Wo so? – Ach so. – Ih wo doch. – Kiekemal,« äußerte Schmolicke sein aufdämmerndes Begriffsvermögen. »Zu nett, meinen alten Freund gleich auf ersten Anhieb getroffen zu haben!« – »Ich verstehe unter Freundschaft absolute Sympathie der Seelen,« wies ich sein Anklammern ab. – »Ick ooch,« entgegnete er. Den Kellner, der Schmolicke ein Glas Spaten brachte, konnten wir nicht um einen andern Gast bitten, da gerade unsere Reisegefährten von der Herfahrt herankamen, liebenswürdige feine Leute, mit denen wir verkehrten, wie es in Bädern üblich ist: man hält sich zu einander ohne Verpflichtungen. Diesen mußten wir Schmolicke vorstellen, so hart uns der Zusatz »aus Berlin« auch wurde, denn solche Reisende arbeiten nicht günstig für die Stadt der Intelligenz. »Wir waren gestern wieder einmal nach dem Ra dau Wasserfall,« begann die Dame ihre Mittheilungen. »Erlauben Sie, es heißt Rad au ;« unterbrach sie Schmolicke. »Das kenn' ich nun als Berliner.« »Auch wir haben schon vom Berliner Rad au gehört,« erwiderte die Dame, »ziehen aber die Harzburger Ra dau vor.« »Es giebt viele Berliner, die gar keine sind,« sagte ich mit einem Seitenblick. »Es giebt aber kein mehrerlei Rad au . Das macht man mir nicht weis,« sagte Schmolicke. »Die Ra dau ist der Gebirgsbach, der durch das ganze Thal fließt,« sagte mein Karl zu Schmolicke. »Was Ihnen nicht Alles bekannt ist?« entgegnete der. »Wissen Sie denn auch, warum der Hund immer dreimal niest?« »Was für ein Hund?« fragte ich. – »Es kommt auf die Rasse nicht an,« erwiderte Schmolicke. »Es hatte mal Jemand einen Hund, der trug eine Nachtmütze.« – »Der Hund?« – »Nein, der Mann. Der hatte eine schlimme Pfote.« – »Der Mann?« – »Nein, der Hund.« – »Nachts wird der munter.« – »Und bellt?« – »Wozu hält man sich Hunde, wenn man selbst bellen soll? Nein, der Mann.« Mein Karl wurde schon unruhig als Schmolicke anfing. Jetzt sagte er ziemlich erregt: »und so weiter. Ich glaube nicht, daß die Herrschaften Gefallen an Ihren Geschichten finden.« »O doch,« bat die Dame, »ich habe Hunde sehr gern; mich interessiren Beispiele ihrer Klugheit und Anhänglichkeit. Wie wurde es weiter?« »Weiter geht die Geschichte nicht, das ist ja eben der Witz.« – Und er lachte rüpelhaft. Von den Nebentischen sah man befremdet zu uns herüber. Und ich schämte mich. »Aber Sie sagten uns noch nicht, weshalb der Hund immer dreimal niest?« nahm der vornehme Herr das Wort. Schmolicke schwieg und machte listige Augen. »Vielleicht hängt es mit der Empfindlichkeit seiner Geruchsnerven zusammen?« Schmolicke verzog das Gesicht zum Grinsen. Mir ahnte Unheil und schon wollte ich vorbeugen: »Keinen Ton mehr,« als der Herr fragte: »Oder liegt eine Anpassung und Vererbung zu Grunde?« »Er niest ja gar nicht dreimal,« brüllte Schmolicke los. »Auf den Witz saust auch noch Jeder herein.« Oh und dies Gelächter, das er aufschlug! Der Herr und die Dame standen auf, verbeugten sich kühl und gingen. »Den Umgang haben wir gehabt,« war mein mich nie trügendes Gefühl. Ich zeigte Schmolicke noch, daß ich es ebenso konnte wie die Dame, und dann ließen wir ihn mit dem Tisch allein. Meinem Karl war der Auftritt so peinlich, daß er kein Wort sprach und mir willig folgte, wohin ich ihn führte: in den Kurpark zur Quellengrotte. »Karl,« sagte ich feierlich, »jetzt kenne ich Schmolickes Geschichten und will nie wieder davon hören, sie thun nicht gut. Unter den Eichen, angesichts der himmlischen Natur, in Gegenwart reizend feiner Leute entblödet er sich nicht, solche Unterhaltung zu bieten. Giebt es mehr solcher Menschen? Karl, mir ist jetzt begreiflich, daß Du an Deinem Stammtisch ungesund werden mußtest, Schmolicke ist ja das reine Gift. Was müssen die Leute von ihm denken, von uns, von Berlin? Karl, hier stehst Du vor Krodo; er hat Dir geholfen, schwöre mir bei ihm, daß Du nie wieder an Deinen Stammtisch willst....« »Wilhelmine, Dir pickt er wohl,« sagte mein Karl. »Der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts braucht Kneipenluft.« »Das bestreite ich nicht... aber gute. Die Schmolicke's verpesten sie. Wie unternehmen von jetzt an große Touren und überlassen Schmolicke den Eichen zum unsicher machen.« »Sein Publikum wird er schon finden.« »Er ist Dir augenscheinlich nachgereist,« mutzte ich ihm Schmolicke auf, »und Du willst ihn kalt stellen? Ist das die berühmte Stammtischbrüderlichkeit?« »Sei gut, Wilhelmine.«   Harz-Tage. Was die Schleifmühlen mahlen und Erklärung der Volkspoesie – Wilhelmine am Rande des Verbrechens und auf der Kuppe des Ziegenkopfes – Von der Zahnradbahn und dem alten Archimedes – Von Quesenköpfen und der Hermannshöhle – Von der politischen Wildniß und den schönsten Rosen Das kalte Thal nebst Zubehör war jetzt thiergartenartig menschenbelebt, die Saison und die Rosen blühten. Große und Klein erlabte sich an der Natur. Wo die Tannen so schlank, Busch und Baum so in Kraft, die Rosen in herrlichster Schönheit, da muß auch der Mensch in Frische gedeihen. Seinen Namen trägt es mit Recht das kalte Thal. War der Tag heiß, am Abend, sobald die Sonne zur Ruhe, zieht aus dem kalten Thal mild kühle Gebirgsluft in das Städtchen Harzburg und zu den Schlafstätten der Erholungssuchenden. Da ist denn die Nacht doppelt erquickend, wenn man an die Häuser Berlins denkt, die um Mitternacht noch mit ihrer am Tage aufgesammelten Sonnenwärme die Straßen heizen. Zuweilen fuhren wir nach Ilsenburg und freuten uns in dem Garten des wohlbekannten Hotels ›zu den rothen Forellen‹ an den schönen Blumen und den wohlgepflegten Gemüsebeeten, fütterten die kleinen Fische in dem Teiche, auf dem man mit Schwänen um die Wette gondeln kann, besuchten das Ilsethal, wo des Abends im rauschenden Wasser immer noch Elfen und Nixen spielen, wie die Dichter sagen, und auch ich überzeugt bin; denn wenn sie sind, wo es zum Verweilen schön ist, müssen sie beim Ilsenstein und da herum sein. Nach der andern Seite hin liegt das Okerthal, wohin der Weg durch einen Schnitt Hölle führt, solchen Gestank machen die Hüttenwerke mit Schwefel, Dämpfen, Flammen und Qualm. »Siehste und riechste,« sagte ich, »so ist es bei Teufels, bloß üppiger.« – »Mumpitz, der kocht auch schon mit Gas.« – »Beweise.« – »Weil der Fortschritt bereits bei Deibel ist.« – »O Karl, um eins bitte ich Dich: nimm Dir Schmolicke nicht zum Muster, das wäre die schrecklichste Folge des Stammtisches.« Unser Kutscher hieß Wellner; wir fuhren gern mit ihm, weil er die Gegenden kannte und mit den Sehenswürdigkeiten auf Du und Du war. Er sagte, eine junge Fichte sei ebensoviel werth, wie eine herangewachsene Buche, für jede kriegte der Holzdieb dasselbe Strafmaß. Wir fragten ihn, was das für Mühlen wären, die von der Oker getrieben werden. »Das sind Schleifmühlen,« belehrte er uns, »die schleifen das Holz fein, woraus Papier gemacht wird.« – »Aha,« sagte ich, »die liefern Spielhagen das Papier, der schreibt den hölzernsten Stil im ganzen Reiche.« – »Hast Du darüber ein Urtheil?« fragte mein Karl. – »Urtheilt er über meine Leistungen, werde ich auch wohl die Freiheit haben, mich über seine zu äußern. Lies seine geschriebenen Knüppeldämme laut: nach einer Viertelstunde mußt Du zum Stotterdoktor. Uebrigens seine letzten Bücher gefielen mir am besten.« – »Also doch.« – »Die hab ich nämlich nicht gelesen.« Man kann auch von der Kästenklippe und der Feigenbaumsklippe ins Okerthal gelangen nach Romkerhalle und dem Wasserfalle, es geht ziemlich steil hinunter. Karl wollte. Ich lehnte ab: »Das Hinauf macht mir allerdings an solchen Naturtreppen ohne Stufen keine Mühe, bloß hinunter sind meine Gehmuskeln das Abschüssige nicht so gewöhnt.« – »Ich glaube die Bergfeldten ist besser zu Fuß als Du.« Ein Blick genügte – und er sah weg. Wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander. »Karl,« unterbrach ich die Gewitterstimmung, »Nichts täuscht mehr als weiße Strümpfe; in den modernen schwarzen mißt sich jede Andere mit ihr. Uebrigens geht sie Dich nichts an, sie heirathet nächstens und ihr Butsch hat ein schwunghaftes Armgelenk. In Deiner Stelle würde ich ihm nie ohne Salicylwatte nahen.« – »Hab' keine Bange. Wer mit mir anfängt, bleibt auf dem Verbandplatz.« – »Daß Du mir keinen Krodo mehr trinkst, Du wirst schon zu verwegen.« Die Lebenslust war erwacht aus der Arbeitsmüdigkeit, befreit von der Stadtschwere und der Bazillenlähmung, der Harzzauber hatte sie erweckt wie der Prinz das schlafende Dornröschen, was neuestens dahin gedeutet wird, daß allzuviel spinnen, nähen und stricken ungesund und der Achtstundentag nothwendig ist. Dies nennen sie vernunftgemäße Erklärung der Volkspoesie. – Mittlerweile war Theater gekommen, im Kursaal traten Kunstgrößen verschiedenen Kalibers auf, Kinderfeste amüsirten so die Kleinen wie die Eltern; Militärkonzerte lösten die Kurmusik ab und Reunions und Bälle gaben allen denen, die Sool- und Fichtennadelbäder brauchten, beste Gelegenheit, die wiedergewonnene Geschmeidigkeit und Ausdauerfähigkeit ihrer Tanzbeine zu prüfen. Den Glanzpunkt aber bildete das Rennen. Da ward es munter in Harzburg. Wir machten mit, nur war schade, daß mein Karl keinen hellen Rennanzug hatte. Einige liefen darin wie zweibeiniges Vanilleneis. In dem herzoglichen Gestüt zu Harzburg werden solche Pferde gezogen, die Preise gewinnen. Auf der Auktion wurden ein Jahr alte Füllen mit zwanzigtausend Mark bezahlt. Wir sahen die herrlichen Geschöpfe und auch bei Woldag Photographien der berühmtesten Renner, die nach Prof. Sperlings Oelgemälden aufgenommen waren, von dem auch die »fünf Sinne« gemalt sind, durch fünf Hundecharaktere dargestellt, die ja weltbekannt sind. Diese eine Ecke des Harzes bot so viel, daß uns wenig Zeit für das übrige Gebiet blieb, als die Kur beendet war, aber ein gut Stück wollten wir noch haben, wenn auch der Rest für das nächste Jahr verwahrt bleiben muß. So fuhren wir denn in schmuckem Gefährt über die Plessenburg nach der steinernen Renne. Wo es steil wurde, machten wir es den Pferden leicht und schritten durch das Waldesgrün. An freien Stellen blühte Fingerhut, mitunter einzeln, und dann wie eine stilgerechte rothe Wachskerze, oft aber auf den Halden in dichten Massen wie an der Sonne ausgebreiteter Purpur des Bergkönigs. Von dem tosenden Wasser der steinernen Renne konnten wir uns kaum trennen, es schäumte durch die Felsen und stürzte grünlich schimmernd in die Tiefe, floß wieder eine Strecke ruhig und ward dann wieder uneins mit dem Gestein, in steter Abwechslung ein unbeschreibliches Schauspiel der Natur. Wir gingen mit dem Gewässer hinab aber zahlreiche Menschen kamen die Pfade an beiden Seiten des Felsenbaches herauf, junge Herrchen und weißgekleidete Jungfrauen, dieweil es Sonntag war. Das sah lustig aus: die vielen geputzten Menschen in dem Tannenwalde, wie sie langsam rechts und links anstiegen und auch wohl stehen blieben, die wirbelnde Wasserschönheit zu betrachten, und wieder dem Wirthshause oben zustrebten, wo das Bier schäumte und eine Hornmusik blies! Sonnenlichter fielen auf Welle und Gischt, auf helle Kleider und farbige Bänder, auf frohe Gesichter mit frischen Wangen und leuchtenden Augen, umzweigt von Wald und Busch. Das war so sonntäglich. – »Karl,« sagte ich, »der Harz hat es in sich; man muß es nur gut treffen.« – Wernigerode mit seinem alterthümlichen Rathhause, wo wie meist in Rathhäusern eine Trinkgelegenheit gastlich einladet, mit seinem Schloß, von dem man eine Aussicht hat, die das Herz weit macht, lag in Sonntagsruhe. Nur den mit Harzandenken handelnden Geschäften war Ladenöffnung gestattet. »Sieh,« sagte ich zu meinem Karl, »da liegt »Für gewöhnliche Leute« von Johannes Trojan im Fenster; das hast Du Dir immer schon gewünscht.« – Wir hinein und das Buch verlangt. – »Bedaure sehr,« wies uns der Mensch ab, »Bücher darf ich am Sonntage nicht verkaufen!« – »Auch keine Bibel; kein Gesangbuch?« – »Ich werde in Strafe genommen, nur Harzandenken sind gesetzlich. Wünschen Sie vielleicht diesen Kletteraffen mit Miniaturansicht vom Rathskeller?« – »Augenblicklich keinen Bedarf. Aber wenn ich in das Buch eine Widmung mit Erinnerung an Wernigerode schreibe, dann ist es doch ein Harzandenken?« – Er gab mir eine Feder, ich schrieb in das Buch: »Ihrem lieben Karl zur Erinnerung an Wernigerode im Jahrhunderte des gesunden Menschenverstandes,« zahlte die Silberlinge und nahm das stolze Bewußtsein mit, hart am Rande des Verbrechens den Pfad der Tugend innegehalten zu haben. »Was sagst Du dazu?« fragte ich meinen Mann. – »Herr Gott, wie ist Dein Thiergarten groß. Oder was meinst Du sonst noch?« Am Spätnachmittag kamen wir in Blankenburg an. Wie hübsch, wie sauber, wie romantisch Kirche und Schloß auf hohem Berge. Zum Sonnenuntergang waren wir aber auf dem Ziegenkopf, von wo eine herrliche Schau auf die Stadt ist und auf den Brocken und Hexentanzplatz. Der Wirth dort oben hat die Kuppe des Ziegenkopfes käuflich erworben aber rund herum pflanzt der Fiscus Tannen an und wenn die nach etlichen Jahren hoch sind, dann adje Aussicht, und Blankenburg ist um einen Hauptanziehungspunkt so lange ärmer, bis nach vielen Jahren abgeholzt wird. »Was macht die Stadt dann?« fragten wir, »muß Bädecker die Aussicht streichen? Reisen die Fremden so lange nach der Schweiz? Denn der Fiscus hat statt des Herzens einen großen Tintenfleck, den rührt nichts.« »Der Harzklub hat sich bereits der Sache angenommen,« hieß es, »der baut einen Thurm, höher als die Tannen und die Aussicht ist nicht ganz verloren.« – »Harzklub, was ist das?« – »Ein Verein, dem nicht ausschließlich Harzer angehören, sondern auch viele Freunde des Harzes in den Städten deutschen Landes, der sich die Aufgabe gestellt hat, durch seine Zweigvereine die Schönheiten des Gebirges zu erschließen und zu erhalten, dem Reisenden das Wandern zu erleichtern, ihn zu schützen, mit einem Worte, den Harz zu einem Naturgarten zu gestalten, wie ihn die weite Welt nicht zum zweiten Male aufweisen kann. Ueberall ebnet er die Wege oder legt neue an, über sechstausend wegweisende Schilder, mit der Tanne darauf, brachte der Harzklub an, gegen zweitausend Ruhebänke stellte er auf.« »Viele Bänke, das ist wahr,« sagte mein Karl, »aber leider ist vor mancher, wo früher wohl eine Aussicht war, der Wald hochgewachsen, so daß man gegen eine grüne Wand sieht. Warum wird an solchen Stellen nicht zum Vortheil des Fremdenverkehrs gekappt?« – Sie sagten blos »Fiscus«. »Man sollte denken, es wären genug Bäume im Harz, um einige der Ausschau zu opfern.« – »Fiscus.« – »Aussichten sind für den Harz doch so werthvoll, wie die paar Stämme, die sie verhindern. Ihretwegen kommen die Touristen. – »Der Harz macht mehr aus dem Fremdenverkehr als aus seinen Forsten.« – »Weiß das der Fiscus nicht?« – Sie zuckten die Achseln. – »Dann hat er wohl Tintenfässer statt Ohren,« entschied ich, »und kann nicht hören.« Als es dunkelte, blitzten in Blankenburg in einem Nu die elektrischen Straßenlaternen auf. Das war hübsch, und als wir hinabgingen, leuchteten im Kraut am Wege Glühwürmchen. Das war auch hübsch. Wir hoben eins auf, setzten es auf das Uhrglas und konnten bei seinem Scheine die Zeit ablesen. So macht sich jeder Licht wie er es versteht. Mit und ohne Fiscus. In dem Garten des »weißen Adlers« zu Blankenburg, der uns gute Herberge bot, steht ein merkwürdiger Baum, eine Eiche nämlich, die im Jahre 1871 die Franzosen gepflanzt haben, als sie ihre angenehme Gefangenschaft in Deutschland ertrugen. Denen hat es so ausgezeichnet in Blankenburg gefallen, daß sie dies grünende Andenken als Dankeszeichen hinterließen. Mein Karl äußerte, die Franzosen wären an und für sich gar nicht so übel, bloß ihre Zeitungen taugten nichts, die hetzten und petzten und redeten ihrem nationalen Anmaßungsklapps zu Gefallen, woran sie alle mehr oder weniger litten. – »Wie schön, daß solche Verhältnisse bei uns nicht vorkommen,« freute ich mich. – »Wir sind bescheiden – kann man uns in Afrika Uebergriffe vorwerfen?« – »Wir haben keine Aufstachelpresse – wie wundervoll schläfst Du immer bei den Leitartikeln ein, und die Extrablätter, womit literaturverteilende Pennbrüder die Straßen rebellisch machen, sind ja meistens erlogen. Das arme Frankreich.« – »Aber warum schüren die Blätter denn immer Haß und Verachtung und Parteigeist?« – »Geld zu verdienen, Mienchen, um Geld dreht sich Alles.« – »Schade, daß ich kein Französisch kann, denen würde ich ihren Standpunkt klar machen und der ewige Friede wäre gesichert.« – »Recht so, die Waffen nieder und den Unterrock an. Heiliger Molke!« – »Karl, was willst Du damit sagen?« – »Daß wir an den Bahnhof müssen.« In Harzburg hatte man uns schon von der hochinteressanten Harz-Zahnradbahn zwischen Blankenburg und Tanne erzählt, deren Idee von dem Schweizer Abt herrührt, die jedoch zum ersten Male vom Geheimen Baurath Schneider ausgeführt wurde, obgleich kein Mensch glaubte, daß sie ginge, und die Sachverständigen völliges Mißlingen prophezeiten. Denn wenn das Patent so vortheilhaft wäre, wie behauptet, hätten die Engländer es längst. Da die jedoch nichts davon wissen wollten, konnte es unmöglich taugen. Unter solchen Aufmunterungen eine neue Bahn zu bauen, dazu gehört Willenskraft und Ueberzeugung. Nun ist sie fertig und geht wie irgend was Altes von Archimedes oder so einem. Wir hatten einen Herrn in dem Aussichtswagen, der Bescheid wußte. Diese Wagen sind nach dem Grundriß der Rheumatismuswagen unserer Berliner Pferdebahn mit Quersitzen und nach beiden Seiten offen, so daß der Blick in die Reize der Natur nur dann versperrt ist, wenn die Vorhänge gegen Regen zugezogen werden. So lange die Lokomotive in der Ebene vorgespannt ist, zieht sie wie andere Dampfrösse auch, sobald aber starke Steigung beginnt, liegt eine dreifache Zahnradschiene zwischen dem Geleise und die Maschine fängt an doppelt zu arbeiten, wobei sie nicht schlecht poltert, denn es gilt einen ganzen Zug steilauf zu schieben über die Höhen. Wird die Strecke wieder ebener, hört die Zahnschiene auf und man fährt wieder wie sonst überall. Der Vortheil aber besteht darin, daß die Geleise nicht um die Berge herum geführt werden und weniger Tunnels nöthig sind. Dadurch wird der Weg kürzer und ist billiger in der Anlage, dieweil gradeaus klettern, wenn es auch langsamer geht, doch eher zum Ziele führt als Rascherfahren auf weitem Umwege. Die Hauptsache bei dieser Bahn ist das richtige Eingreifen des Zahnrades in die Zahnschiene, und das geschieht so einfach, als wenn sich ein paar vernünftige Menschen die Hand geben. Als die Bahn sich über alle Erwartung bewährte, waren Alle mit einem Male klug und sagten, sie hätten vorausgesehen, wie es kommen mußte. Das hatten aber blos Albert Schneider und die Wenigen, die zu ihm hielten. Nach und nach stellten sich Engländer, Franzosen, Italiener, Schweizer ein, die Harzer Zahnradbahn zu studiren. Die Folge davon ist, daß nach ihrem Muster Bahnen in England und anderen Ländern, ja sogar in Indien gebaut wurden. Solches vernahmen wir mit Vergnügen, als wir in den unverfälschten Morgenäther hineinfuhren und der Harz uns neue Bilder zeigte; es ist diese Anerkennung des Unternehmensgeistes und deutscher Tüchtigkeit in der That ein Glanz mehr für Blankenburg, das schöne. Während wir fröhlich genossen, was sich den Blicken bot, und in gewissermaßener Erkenntlichkeitszufriedenheit hinnahmen, was in der Art der Verhältnisse begründet ist, konnte ein Mitreisender nicht umhin, sich wie ein Rohrspatz zu betragen. Wo die Lokomotive beinahe auf den Rücken fällt, kann sie doch nicht galoppiren. Er aber über Schneckenpost und vorsündfluthliche Beförderung geschimpft. Warum stieg er denn nicht aus und lief? Mußte die Maschine umgespannt werden, weil sie hinauf von hinten schiebt und hinabwärts voran bremst, damit solche Quesenköpfe ihren Deetz nicht in den Abgründen zerschmettern, er geschrieen: »Was ist das wieder für eine unglaubliche Halterei? Wird hier übernachtet?« Und dabei wußte er doch nach dem Fahrplan, wann der Zug ankommt: nicht eine Minute früher oder später. Solche Kupeegenossen sind herbe und kann man den Schaffnern verargen, wenn sie kurzab werden durch höhnisches Gefrage? Wo wirklich Unzuträglichkeiten vorfallen: ran an das Beschwerdebuch, wenn es, was selten, noch vor Weiterfahrt des Zuges zu ergattern ist. »Karl,« sagte ich, »der Mann leidet gewiß an der Leber; wüßte er von Krodo'n, wie würde er saugen, um sich von dem belästigenden Zustande zu befreien.« – »Nie; der gefällt sich darin. Und das sind die schlimmsten Narren, die ihre Kappe mit Bewußtsein tragen.« In der Hochgegend, wo es ärmlich wurde, wo wenig wächst, aber Eisenerz gebuddelt wird, ging ihm das Redewerk wieder schmählich. »Das sind nun die renommirten Harzscenerien. Solche Wüstenei. Nicht einmal eine anständige Feldblume.« »Darf ich Ihnen einen Rath geben?« fragte ich, und ehe er verneinen oder bejahen konnte, empfahl ich ihm: »Werden Sie Harzklubmitglied und beantragen Sie, daß eigens für Sie Levkojen an der Bahn längs gesät werden, Dann haben Sie hoffentlich Ruhe und wir auch.« – So, das war leserlich. Völlige Mundleiche war er dennoch nicht. Die Dampfglocke an der Lokomotive mißvergnügte ihn, obwohl sie, wie uns erzählt worden war, auch eine dortige, durch Beobachtung der Wind- und Druckverhältnisse gemachte Erfindung ist, und schon deshalb Anerkennung verdient. Warum blieb der Mann nicht in Blankenburg in der großen Nervenheilanstalt, die eigens wegen der kräftigenden Luft angelegt ist? Wie viel Nervenschwache es doch heut giebt. Früher, wenn der Mensch mit Sorge und Kummer kämpfen mußte, rief er den lieben Gott zur Hülfe und ward stark im Kampf. Jetzt wirft er die Flinte ins Korn und sich selbst dem Nervenspezialisten in die Arme, wobei Alkohol und Morphium helfen und die Ethik nichts ausrichtet. In Rübeland nahmen wir Aufenthalt. Dort sind die Baumanns- und die Biels- und die neueste und beliebteste – die Hermannshöhle. Auch in Höhlen giebt es Novitäten. Mit einem gut gemessenen halben Hundert forschungsbedürftiger Männlein und Weiblein, die sich auch einmal den Erdglobus von innen besehen wollten, wurden wir von einem Knappen, der einen ledernen Schniepel anhatte und eine grüne Kappe auf, hineingeführt. Aber die Kälte. Im Urzustande sind Höhlen für das große Publikum ungenießbar und nur Bergleuten und Gesteins-Gelehrten zusagend, so aber, mit Gängen und Treppen und elektrischer Beleuchtung machen sie auch auf Nichtkenner einen wunderbaren Eindruck. Der Führer wies auf die Tropfsteine hin, die wie Kanzeln gebacken sind, wie Schweine, wie Köpfe, meistens jedoch wie zu weit durchgewachsene Petersilienwurzeln, ebenso weiß und länglich. Wer einen solchen Stein abbricht, muß fünfzig Mark Strafe bezahlen »und dieses ,« sagte der Bergmann, »ist für das Vergnügen ein zu theurer Spaß, dafür kann man besseres haben.« In der Höhle sind viele ganze Bärenschädel gefunden, aber in der Verkalkung drin liegen noch Tausende von Höhlenbärenknochen durcheinander. »Es ist nicht anzunehmen,« sagte der Führer, » daß die Bären zu ihren Lebzeiten in der Höhle gelebt haben , sondern wie ein jedes Thier, wenn es den Tod fühlt, sich in einen verborgenen Winkel zurückzieht, so sind die Bären in diese Höhle gegangen, um zu sterben. Darum nennt man diese Ecke hier den Bärenkirchhof.« – Noch mehr wußte der Mann, vielmehr als ein Vergnügungsreisender an Wissenschaft ohne Ueberfracht in sich aufnehmen kann. Meinem Karl war es höchst wissenswerth, daß aus der Rübelander Gegend und weiter hinter der Kalk gebrochen wird, mit dem man in Berlin jetzt vorzugsweise die Häuser mauert. Früher kam der Baukalk für Berlin viel aus Schlesien, aber seitdem die Zahnradbahn den Transport verbilligt, haben sich die Lieferungen verschoben. So ändert irgendwo eine Anlage das Geschäft an einem ganz entgegengesetzten Ende. Auf dem Bahnhof zu Rübeland aßen wir trefflich zu Mittag. Der Gallige war abhanden gekommen; um so freundlicher lachten uns Tannengrün und Sonnengold zu. Mein Karl hielt einen Schaumwein vom Rhein hier angebracht, ich nicht minder. Das erste Glas galt dem Stück Erde, dessen wir so froh waren, dem Harz, das zweite dem Harzklub, dessen Wirken wir auf Schritt und Tritt zu unserer Annehmlichkeit empfanden. »Man sieht, wie Großes im Stillen geschaffen werden kann,« sagte mein Karl, bevor wir anstießen, »wenn Viele einig sind und sich nicht durch Parteihader gegenseitig hemmen. Hier wollen sie, daß der Harz sich nach jeder Richtung vervollkommne und sie erreichen es; wollte Gott, im großen Vaterlande nähmen alle, die das Wort führen, sich das Bestreben dieser Männer zum Vorbild und schüfen aus der politischen Wildniß einen wonnigen Garten, ein hohes, großes, unantastbares Deutschland. Die Väter des Harzklubs H. C. Huch und Geheimrath Albert Schneider sollen leben.« – Wir stießen an, und wie! Die folgenden Gläser leerten wir auf das Wohl lieber, freundlicher Menschen, denen zu begegnen wir das Glück hatten. Wir gedachten ihrer mit innigem Danke. Dann holte der Zug uns ab und nach einigen Tagen waren wir wieder in Harzburg. Ob ich auf dem Brocken war, das laß ich Onkel Fritz rathen. Wir mußten wieder in die Heimat, die Ferien waren um. Goslar hätte ich gern noch zum zweitenmal gesehen, die Kaiserstadt, wo der wahre alte Kaiserstuhl ist, den sie im Jahre 1809 einem Klempnermeister Namens Mäveres für siebenundzwanzig Thaler zum Einschmelzen verkauften. Zufällig kam der einstige Thron in Kennerhände, denen Prinz Karl ihn für dreitausend Mark abkaufte. Jetzt steht er an seiner alten Stelle im Saale des wiederhergestellten Kaiserhauses, den Prof. Wislicenus mit Wandgemälden schmückt. »Kannst Du Dir vorstellen, wie es in und mit Deutschland aussah,« fragte mein Karl, »als sein Kaiserthron an Klempner Mävers verschleudert wurde, weil Niemand darnach fragte und Leute ihn hatten, die weder seinen Metallwerth noch seinen Kunstwerth, geschweige seinen Würdewerth kannten? Wo war das einstige große deutsche Reich? Zertreten und vergessen. Da kam Einer und fügte es wieder mit Blut und Eisen und es war ein Hoher, Edler, Großer, dem Gott die Kaiserkrone bestimmt hatte, Wilhelm der Erste, der Hohenzoller. Nun wird das Reich bleiben, der Hohenzolleradler hat scharfe Fänge.« – Für den letzten Nachmittag hatte wir denn dem Burgberge unsern Abschiedsbesuch zugedacht. Als ich zum Gärtner ging und Harzburg noch einmal durchwandelte, hörte ich aus einer Villa Harfenklänge, denen ich schon öfter gelauscht. Warum wird einem immer das Herz schwer gemacht, wenn man abreisen muß? »Was willst Du mit den Rosen?« fragte mein Karl, als ich ihn abholte. – »Ich fand sie so schön,« antwortete ich. – »Nie sah ich köstlichere,« gab er mir Beifall. Wir stiegen hinan, nicht den leichten Weg, sondern den mühevolleren über den kleinen Burgberg; wir konnten jetzt klettern wie in Freiheit dressirte Gemsen. Und oben schlossen wir alle Lieblichkeit und Schönheit, die sich dem Auge bietet, noch einmal so recht fest in uns ein. Dort, wo der Blick ungehindert ist, oben auf dem Burgberg, nahm ich die Rosen und streute sie in das Grün des Abhangs hinab. Mein Karl sah mich verwundert an, ich aber sprach: »Mir hat es Herr Pastor Eyme gesagt, der so hübsche Sachen in der Harzer Mundart schreibt, daß einst ein Göttinger Student sich auf dem Burgberg verlobte und das muß an dieser Stelle gewesen sein nach meiner Meinung, weil er von hier in das deutsche Land hineinsah, das er zur Größe führte, weil er es liebte mit aller Kraft. Der Student war Otto von Bismarck; die Rosen streue ich seiner Johanna, die ihm unwandelbar blieb in Liebe und Treue.«   Eine Verlobungsfahrt. Warum Wilhelmine philosophiert – Warum Onkel Fritz nichts heilig ist und Mila Aussichten gab – Die Ehrenplätze und die Familie Piefke – Von der Seelenwanderung und dem neuesten Lied – Warum Onkel Emanuel Blindekuh spielt und Wilhelmine die Phantasie schont – Wie die Einjährigen sind und das Gewissen einschläft – Warum Komplimente gewürgt werden und die Unkultur oben schwimmt – Von Flitter und Hochmuth »Man kann Einem bald eine Hochzeitsreise anrathen, aber mit wem?« – Das war immer Onkel Fritz' Antwort, wenn ihm auseinandergesetzt wurde, wie schädlich das Alleinstehen für ihn sei und welche Lieblichkeiten das eheliche Dasein dem Menschen bietet. Zu meinem Manne sagte er sogar einmal: »Karl, schreib mir die Lieblichkeiten doch auf einen Stempelbogen, hübsch specifizirt und nach der Qualität geordnet, damit ich mich überzeugen kann.« Als ob eheliche Glückseligkeiten gewebte Waaren wären? – Ich entgegnete: »Dein Spott ändert nichts an den Thatsachen. Wie viel ist schon über die Siegessäule räsonnirt worden und sie steht immer noch hoch erhaben, also wirst Du auch den seit Jahrtausenden geheiligten Stand der Ehe nicht in Stücke reden...« »Wilhelmine, halt die Luft an, sonst kriegst Du die Kiemen nicht wieder zu,« sagte er. Natürlich schwieg man und dachte: die Nemesis wird ihn schon noch hineinlegen, aber das Schicksal hat ihm recht etwas Liebes bewilligt oder vielmehr er holte es sich. Onkel Fritz war von jeher für selbst zulangen. Männer sind hierin ja auch bevorzugt und ich glaube nicht, daß es nach der Einführung des Mädchengymnasiums anders wird. Wenn Eine auch weiß, wie Gatte, Hausstand, Wäsche, saure Gurken und dergleichen auf Lateinisch heißt, nützt es ihr in dieser Hinsicht doch nichts: die Damenwahl bleibt auf den Ballsaal beschränkt. Im ernsten Leben mit Standesamt und Prediger werden die Jungfrauen, wie bisher üblich, mit auf halb gestellten Augendeckeln auf die Jünglinge waren müssen. Allerdings vermag eine umsichtige Mutter viel, und manche Männer sind förmlich zum Nachhelfen geboren, aber man muß nicht nur vorsichtig dabei sein, sondern auch im Verborgenen ohne Apparat, und nicht wie die Polizeilieutenanten mit den Aufgebot sämmtlicher Verwand- und Bekanntschaft. Wenn es ihr dennoch nicht vorbei gelang, so wird sie hoffentlich einsehen, wem sie Dank dafür abzustatten hätte, wenn er verlangt würde. Ueber feinere Gefühle stellt man aber keine Rechnung aus, wenigstens nicht unter Gebildeten. Wie immer, wenn man denkt, die schönen Tage von Aranjuez wären einmal bleibend angebrochen, daß man den letzten Verdruß wirklich hinter sich hatte, oder in bekannten Familien ereignete sich, was man längst vorausgesehen hatte, genug ich war ahnungslos, als Onkel Fritz antrat und mir den Vorschlag machte, am Sonnabend an einer Kremserfahrt nach Saatwinkel theilzunehmen; es würde riesig gemüthlich. »Fritz,« sagte ich, »ob eine Fahrt gemüthlich wird, das hängt von denjenigen welchen ab.« »Welche welchen?« »Den Mitmachern. Bringen die richtige Gemüthlichkeit mit, so kann es gemüthlich werden, obgleich der Tag lang ist. Sind aber solche mit bei, die meinen, Gesellschaft bestehe hauptsächlich aus marmorartigem Stillsitzen, die stören mit ihrer Unbewußtheit ebenso sehr, wie solche, deren innerer Mechanismus erst durch Alkohol in Gang geräth, wie eine Nickelfalle, weißt Du, wo man oben den Nickel hineinsticht und unten das Paquet heraustrudelt. Hinein kriegen sie das Destillirte und heraus kommen Redensarten und Anzüglichkeiten, sozusagen der unkultivirte Naturmensch, und das munter begonnene Friedensfest ist reif für die Sanitätswache.« »Wilhelmine,« sagte er und machte eines von seinen ernsten Gesichtern, auf die jeder, der ihn nicht kennt, sofort hereinschliddert, »Du studirst wohl Philosophie?« »Menschenkenntniß und Menschenerfahrung!« entgegnete ich ebenso ruhig, da ich herausmerken wollte, worauf er loszielte. »Es kann Dir unmöglich gut thun, in einsweg bei den Büchern zu sitzen, und wenn Schopenhauers gesammte Werke auch noch so billig sind.« »Was willst Du mit Schopenhauer sagen?« entgegnete ich beleidigt, »Du weißt, wie wenig Bier ich trinke.« »Ich meine Dein Grübeln und Herummurksen. Komm mit hinaus, in die Luft, ins Grüne, hör' die Padden singen und sieh die Nachtigall aus dem Bächlein saufen und mach's ebenso.« »Fritz, ich bin zu alt und zu bequem.« »Ach was, so hoch in den Kilos bist Du doch nicht.« »Lustbarkeit und Freude ist für die Jugend.« »Du hast noch lange Zeit, Dich auf den Kirchhof zurückzuziehen, bis dahin genieße, was das Leben bietet.« »Fritz; in allem Ernste: glaubst Du, ich glaubte, eine Kremserfahrt sei ein sogenannter Genuß?« »Wer's nicht glaubt, kommt auch noch hin,« erwiderte er und wurde dann wirklich ernsthaft. »Wenn Du übrigens so sagst, will ich Dir reinen Wein einschenken...« »Also, Du hattest verfälscht angesetzten für mich parat. Danke! Jetzt bin ich für nichts und gar nichts mehr zu haben.« »Mach keine Maffeeken. Um zwei Uhr mitteleuropäischer Zeit wird vom Brandenburger Thor abgegondelt.« »Bei der Hitze!« »Zum Mittagsschläfchen im Wagen ist nichts geeigneter als höheres Thermometer. Dann fahren wir am Kanal lang durch die Jungfernheide nach Saatwinkel, da trinken wir erst Kaffee...« »Welche ›wir‹, Fritz?« »Zuerst und obenan Du, mein Schatz, dann Dein Engelskarl...« »Ist er auch.« »Deine Schwiegersöhne mit ihren Gattinnen...« »Betti kann nicht, und ihr Mann wird nicht so taktlos sein, sie allein zu lassen.« »Meine Frau dito, aber sie hat den Takt, mir holdlächelnd Erlaubniß zu geben. Sie ließ sogar einen Aluminiumhausschlüssel machen, daß ich nicht so schwer zu schleppen habe.« »Ich bleibe auch zu Hause.« »Und womit willst Du Dich entschuldigen?« Als ich nach glaubwürdigen Gründen suchte, fing er an barbarisch zu lachen. »Wilhelm, bleib!« schrie er außer sich vor Vergnügen, »Wilhelm, bleib. Aber mein Schwager muß mit und so oft Dein Wohl und Dein Familienwohl trinken, bis er sich wie'n frisch verlobter Bräutigam vorkommt. Seit Harzburg ist er überhaupt ein Erzschwerenöther.« »Dir ist nichts heilig,« rief ich ärgerlich. »Du wärst im Stande...« »Bin ich.« »Wer macht mehr mit?« »Der Herr Sanitätsrath.« »Das ist etwas anderes, wenn mein Schwiegersohn, der Herr Sanitätsrath, Zeit haben. Nimmt meine Tochter, die Sanitätsräthin, die Rathskinder mit?« »Du hast selbst mal gesagt, Kinder und Brautpaare verbubanzen die schönste Fahrt.« »Ja, weißt Du, wenn es nämlich anderer Leute Kinder sind. Aber dem Sanitätsrath seine...« »Sind auch Rangen.« »Kinder sind Kinder, besonders Fritz, aber es wird was daraus. Paß acht. Und wie ist es mit Bräutigamen.« »Sehr einfach. Polizeileutnants Mila fühlt sich schon seit mehreren Jahren wie in den neunundzwanzigen.« »Ach so, aus die Luke kiekst Du?« »Ganz aus der nämlichen. Siehste, Willem, als er noch im Dienst war, sahen sie sogenannte bessere Tage.« »Und sie in moosgrün Plüsch und Mila'n eine Erziehung in der Schweiz gegeben mit französischem Akzang, aber für Hausstand hat die Nerven und natürlich nimmt sie keiner. Das habe ich längst deutlich gesehen, ich habe die Augen nicht bloß zum Schlafen.« »Eben deshalb. Es sind nämlich Aussichten für Mila.« »Was hat er?« »Auch Aussichten.« »Zu solcher Mesalliance reiche ich meine Hand nicht.« »Sollst Du auch nicht, Du hast ja Deinen Karl. Also der junge Mann, er hat eine Hilfsstelle beim Magistrat und später wird er fest angestellt...« Es fuhr mit mir Entsetzen durch, daß in dieser Hinsicht der Magistrat nicht pensionsfähig ist und fragte daher: »Wie wird es, wenn er stirbt und sie sitzt mit den Kindern da?« »Vorläufig hat sie noch keine und Noth wird sie auch nicht leiden, wenn sein Onkel erst mal die Kaution stellt, fernere Zuschuß giebt und nach seinem Tode ihnen etliche Knöppe vermacht.« »Was ist dieser Onkel?« »Früher Bauer in Schöneberg mit noch einigen abseits liegenden Grundstücken.« »So, so! Und verstehe ich das Komplott richtig, dann soll der Onkel in Feststimmung versetzt werden, seine Einwilligung geben, Gelder herabrücken und so weiter. Da habt Ihr auf mich vergebens gerechnet.« »Du sollst ja auch nur zur Verherrlichung des Ganzen dienen. Redest Du einen Ton mit dem Onkel – und wer könnte das besser als Du –, so ist's gut; wenn nicht, denn nicht. Aber die Polizeileutnanten und Mila und er...« »Er ist ja nur noch Agent für moussirende Schaumweine!« »Nur noch... stimmt. Sie alle hofften auf Dich. Adje Wilhelmine. Sonnabend zwei Uhr. Zu Hause bleiben kannst Du nicht, Dein Mann macht mit.« Und weg war er. Ich überlegte viel. Freilich wahr war es; nachdem dem Polizeilieutenant sich irgend ein Hinderniß in das Avancement geworfen hatte, laut ward es nie, mußte er sich nach einer Nahrung ohne festes Gehalt umsehen, und das ist ein bißchen sehr harte Arbeit für einen Mann über die mittleren Jahre. Und sie standen groß da. Im ganzen Bezirk nicht rühr an. Mit ihr mag man nicht darüber sprechen. Sie sagte »mein Mann hatte die Gebundenheit satt«. Ich wollte schon entgegnen »da sind Sie wohl reinweg aus Freiheitsdrang von der zweiten in die vierte Etage gezogen?« aber ich ließ es. Wahrheit thut am allerwehesten, wenn man sich eben vorher recht schön belogen hat. – Schließlich bin ich auch durchaus nicht für Landpartien zu abgelagert. Im Gegentheil, mein Karl und ich sind von ungetrübter Frische. Wir waren um Zweien beim Brandenburger Thor. Anderthalbe Kremser saßen schon voll; in dem annoch leeren lauerten die Ehrenplätze auf uns. »Fritz!« fragte ich. »Woher stammt diese viele Menschheit?« »Verwandte und Bekannte.« »Hat er denn mehrere Neffen oder gar Nichten?« »Ein halbes Dutzend etwa.« »Von einem mehrfach getheilten Onkel giebt es nur wenige Grieben auf jeden. Wo ist er aber?« »Der da.« »Der mit dem Gesicht? Der macht auf mich den Eindruck wie einer vom Kommunalen.« »War er auch, und ist sein Bruder, der Bräutigamvater, noch. Er heirathete aber die Wittwe in Schöneberg, auch eine geborene Piefke, und nun ist er Wittwer und die meisten sind aus Schöneberg und Umgegend, und etliche haben Groschen und etliche keine. So, nun weißt Du Bescheid.« »Mehr als zuviel.« Ich wollte einige ablehnende Bemerkungen machen, denn manches Geld in Schöneberg soll durch Wasserzusatz zu Milch erworben sein und wäre als straffälliges Pansch-Vermögen recht etwas für Miquel seine Steuerpläne, wogegen er z. B. Wollwaarenfabrikate unangetastet lassen könnte, aber Mila kam gerade mit ihren Eltern. Sie sehr sommerlich, Waschkleid mit vorjährigem Hut (zu einem passenden langte es wohl nicht), sehr weißblühend in der Gesichtsfarbe und sehr schmachtend unter den Augen (kleine malerische Nachhülfe). Mila freute sich, mich zu sehen und sie, die Mutter, auch. »Ich hatte lange keinen frohen Tag,« sagte sie leise zu mir, »ich sehne mich, einmal hinauszukommen in die Luft, ins Grüne. Man erstickt fast da oben unter dem Dach.« Er, der Vater, war liebenswürdig und nett. Nur die Nasenkulör gefiel mir nicht, und schwer begreiflich ist es, wie weißer Schaumwein so ins Röthliche schattiren kann. Wir nehmen ja auch davon aus Freundschaft, aber die Farben ist noch bei keinem durchgebrochen, indem er nur bei Außergewöhnlichkeiten gereicht wird, wie Kindtaufen, wo Betti zu der nächsten denn von unserm Vorrath abkriegt. Wir also hinein in die Gondel; das heißt erst Vorstellung. Die Gesammtheit war die Familie Piefke mit Anhang, die Haupteinzelheiten waren der Onkel, der Bruder Piefke, der seiner Frau auf den Namen Leopold hörte, der junge Piefke, – der zukünftige Milas-Gatte, wenn etwas daraus werden sollte, mit dem poetischen Namen Ferdinand – Fräulein Malwine Piefke, Ella Piefke, Theodora Piefke, Egon Piefke und so mehr alle aus dem Buchstaben P. Es paffte nur so. Die meisten Kremser haben von den alten Aegyptern her die Einrichtung, daß erst der Kutschersitz kommt, dann eine Bucht, wie eine zweisitzige Kutsche, und daran schließend die Langsitze für die Jüngeren, wogegen die Aelteren in das Chaisenartige gesetzt wurden: ich neben den Onkel, der ausgerechnet Emanuel heißt. Mein Bruder Fritz saß gerade hinter mir in dem Langtheil des Kremsers und hatte statt seiner einen jungen Mann zu uns gethan, einen Herrn Stein, der sich mit Momentdilettantenphotographie beschäftigt und sich auf diese Weise zum modernen Künstler ausbilden will. Mittel, daß er nicht verhungern braucht, hat er, aber doch nicht genug, um z. B. Mila glücklich zu machen. So fuhren wir denn ab, immer wärtser und wärtser, bis wir die Chaussee zu fassen hatten und Plötzensee sich den Blicken zeigte. Herr Stein war fremd in Berlin. Konnte ich nun sagen: »Dieser ummauerte Palast, den Sie hier sehen, ist der moralische Müllkasten von Berlin, blitzen Sie los,« ohne den früheren Polizeilieutenant ins Gespräch zu bringen, der doch damals Lieferant für die Strafgerichtsanstalten war? Nein, es mußte jede trübe Anspielung vermieden werden. Deshalb fragte ich: »Wie gefällt Ihnen die Gegend?« »O,« sagte er, »ich habe schon ziemlich den Mund voll, aber Geschmack kann ich ihr noch nicht abgewinnen.« »Warten Sie nur,« belehrte ihn Onkel Fritz, »gleich sind wir am Kanal, der stäubt nicht im geringsten.« Mein Karl unterhielt sich mit dem Herrn Polizeileutnant a. D., Mila war einsilbig und der betreffende Ferdinand schaute sie mit so großen Laueraugen an, ob sie ihm nicht ein Liebesbröcklein zukommen ließe, als wäre er ein seelenwandernder Pudel. Anders kann ich mir von einem Manne solche Schmachterei nicht erklären. Und seine wissenschaftlichen Feuilletons liest man ja in den Zeitungen. Seelenwanderung und so was kommt jetzt sehr auf. Am Plötzensee-Gefängnis und an der Militär-Badeanstalt sind wir glücklich vorbei und die Jungfernheide streckte ihre grünen Arme aus, die Kremser zu empfangen, von denen der hinterste ganz in aufgewühlte Gegend gehüllt war, als der Onkel Piefke sich ohne Veranlassung an mich wendet und sagt: »Nun machen Sie doch mal einen Witz, Frau Buchholz; Sie sollen ja so komisch sein.« Es giebt Blitzschläge, solche die nothwendig aus ungeordneten Luftverhältnissen hervorgehen, damit die Natur wieder ins Gleichgewicht geräth, und solche, die von Menschen mit untergeordnetem Denkungsvermögen losgelassen werden und sich verletzen. So wirkte die Anrede des Schöneberger Onkels auf mich. Wäre er nur Schöneberger, von Hause aus so zur Welt gebracht, ich hätte gedacht, Bauer bleibt Bauer und wenn er den ganzen Tag Gurkensalat ißt, aber er stammt doch aus städtischer Familie und sein Bruder Leopold ist Beamter. Dies in schnellster Kürze überlegend, wollte ich ihm eben seinen Standpunkt klar machen, als ich fühlte, wie die Frau Polizeileutnanten a. D. meine Hand mit der ihren ergriff und preßte und zitternd an sich zog. In demselben Augenblicke rief Onkel Fritz, der sein Auge überall hat, wenn es gilt, in unser Abtheil hinein: »Kennen Sie denn schon das neueste Lied?« »Nein!« riefen wir alle. »Na, denn mal aufgepaßt. Der erste Vers geht sehr gefühlvoll. Denkt Euch so Sangesbrüder, die singen ihn mit der ganzen Rührung des Dichterkomponisten, daß der Ortsgensdarm sich vor Wehmuth nicht mehr zu helfen weiß. Aber es sind Berliner mang den Zuhörern. Sowie der Vers zu Ende ist, rufen die ganz laut und vernünftig: »Muß selbst ooch.« – Bitte also zu rufen, meine Herrschaften, wenn's so weit ist.« Onkel Fritz sang nun gefühlvoll und getragen, die Melodie erinnerte sehr an den Walzer eines Wahnsinnigen, den die Töchter früher spielten, als er in Moden war: Seid nur vergnügt, ihr lieben Brüder, Schiebt die bangen Sorgen auf. Morgen geht die Sonne wieder An dem blauen Himmel auf.« »Muß se ooch!« riefen wir. – Nun kam der zweite Vers, der war aber genau wörtlich ebenso. Wir übten ihn aber unermüdet weiter und in Zeit von einer Viertelstunde machte unser Kremser auf jeden unahnend Vorübergehenden den Eindruck totaler Verrücktheit. Wir sangen alle den gefühlvollen Vers und riefen hinterher mit ganzer Kraft der Ueberzeugung: »Muß se ooch.« Und wenn man drüber nachdenkt, muß sie es ja auch. Das Lied hat allerdings nur den einen Vers, der sich jedoch ungeschwächt wiederholen läßt. Und mit dem kamen wir nach Saatwinkel hin. Saatwinkel in der Heide, dicht am Tegeler See, ist wirklich schön, lieblich und anmuthend. Und wie wird solche Gegend erst durch das Mitgebrachte. Den Kaffee nahmen wir im Wirthshause ein, das Abendbrot war als Freitisch im Grünen gedacht mit vorhergehender ländlicher Unterhaltung. Diese ist für die Jugend allerdings ein besonderer Reiz: Ringspiel, Zeck und was es sonst noch giebt, wobei man läuft und sich greift, aber für das Alter ist doch mehr die Ruhe, wo allein schon das Schnackenvertreiben mehr Arbeit macht, als sich mit dem Achtstundentag gesetzmäßig verträgt. Ich hätte deshalb auch zu den jungen Leuten gesagt, laßt Onkel Emanuel sitzen, wo er sitzt, als sie ihn mit Gewalt zum Blindekuh zerrten, aber weil er doch wegen seiner tödtlich beleidigenden Anrede von vorhin Strafe verdient hatte, redete ich zu. Da ferner sein Neffe und Mila mit in dem Ringelreihen sprangen, konnte das Gehüpfe in der Hitze beiden nicht schaden, weder dem Onkel noch dem verliebten Neffen. Leopold und Frau sahen zu, wie der Onkel so herablassend war, mitzuspielen, da doch Bauern furchtbar dickköpfig sein können und Schöneberger erst recht. Denn Geld verhärtet den Schädel. Wie sie sich freuten. Sie hofften ja ebenso wie Polizeileutnants a. D. Mehr als den Ferdinand hatte sie nicht, aber er war auch danach. Onkel Fritz sagte: Als wenn es an Zuthaten gefehlt hätte. Sie hatten ja auch nichts von jeher. Und Kinder, namentlich Söhne, wollen satt gemacht werden. Ganz weg waren sei in ihren Jungen; er war verliebt und sie waren es mit ihm. Ich bin überzeugt, wenn eine gräßliche, verwachsene, krumme Hexentochter es ihm angethan hätte, die Eltern würden sie auch hübsch und nett finden, weil der Sohn sie liebte. Nun aber war es Mila, die doch recht ansehnlich ist und aus Familie. Ihr Sohn war in ihren Augen ein Gott. Durfte ich darüber einen Vorwurf verlieren? Geht es mir nicht schon beinahe fast ebenso mit den Enkeln, bin ich nicht zu nachsichtig, wo ich Strenge müßte walten lassen? Sie sind aber mein Blut und ich kann nicht anders als lieben. Ich kann nicht. Ich saß mit der Polizeileutnanten a. D. im Gespräch beim Spielzusehen; sie aber mochte nicht sagen, was sie dachte und ich nicht, was ich dachte, und doch wußten wir, was es war, das wir immer wieder behutsamlich unterdrückten, wenn es Worte werden wollte. Ins Grüne hatte sie sich gesehnt, an einem frohen Tag möchte sie sich im Sonnenschein erlaben... und am liebsten wäre sie weit weg aus dem Grase und dem Baumschatten hier, und statt Labung zu schlürfen, nagte sie Kummer. Die gänzliche Piefke-Familie stimmte doch nicht mit ihrer Familie! Hatte sie für die Rasse ihre Mila Höheres lernen lassen? Und war es Mila wirklich herzensernst mit Ferdinanden? War es nicht die Not, die harthändige Not, die dahinter stand und sie vorwärts drängelte, ihm in die Arme, der wohl so ganz entgegengesetzt aussah, als sie sich Jemand in den Rosenjahren geträumt hatte? Ich wenigstens hätte mir etwas wie Ferdinand Piefken niemals geträumt. Nein, er war zu sehr zum Phantasieschonen. Man kann ja mit noch so wenig auskommen, wenn es nur genug ist; die meisten haben keine Ahnung davon, wie viel Einschränkung der Mensch abkann: jedoch nur, wenn die Liebe ertragen hilft. Soll der p. p. Piefke junior allein schleppen? Denn wie kann Mila mittragen, wenn sie keine Liebe hat? Ich glaube nicht, daß es irgend ein Einmaleins in der Welt giebt, dies Exempel zu dividiren. Es konnte ja aber auch sein, daß Mila die Liebe mehr in der Tiefe trug; das ist jedoch, als wenn Jemand einen Diamantring vom Schiff in die Spree verliert. Man kann nicht gerade sagen, daß er weg ist, weil man ja weiß, wo er ist, aber niemand borgt einem einen Dreier darauf. So dachte ich. Von Zeit zu Zeit sagte ich: »Wirklich schönes Wetter. Wir hätten es nicht besser treffen können.« »Sehr schön,« antwortete die Polizeileutnanten. »Nur die Schnaken sind reichlicher, als man verlangen kann.« »So?« »Sind Sie denn nicht gepiekt?« »Ich habe nicht drauf geachtet.« Und dabei hatte sie zwei so hoch aufgegangene Mückenstiche am Hals, als wären Bäume darin. Sie hatte daher solche Gedanken, bei denen man kleine Leiden nicht spürt. Das sind entweder hoch glückliche, mit himmlischer Betäubung oder traurige, die stumpf machen, wie erstarrt. Ich folge ihren Blicken. Die hafteten auf dem augenverbundenen Onkel Emanuel mitten in dem Spielkreis, als wenn von dem Blindekuh das Dasein abhinge. Mein Karl und der Herr Polizeileutnant a. D. waren in die Haide gegangen und kamen nun wieder zurück. Was sie miteinander geredet hatten, konnte man fast erraten, denn Milas Vater sah weniger gemüthstrübe aus als vorher und wer meinen Karl kennt wie ich, der wußte, daß eine Strecke Zukunft glatt gelegt worden war. Wie viel Meter, das entscheidet mein Karl. Der Polizeileutnant a. D. kann ja auch unmöglich sich in Geschäften so auskennen wie mein Karl und schließlich ist keiner zum Lernen zu alt. Und was ist guten Rath annehmen, denn anderes als der Vernunft dienen? Aber die meisten meinen wie Einjährige, sie hätten ausgelernt. Da ist denn alle Mühe umsonst. So kam das Abendbrot heran. Die Herren hatten eine Lagerungskute entdeckt und halfen den Damen, die mitgebrachten Sachen von den Wegen herbeizuholen, die Gedecke, die Teller, das Gabelwerk, die Lebensmittel, denn jeder war verpflichtet, seinen Beitrag zu liefern, der so weit es die jüngeren Herren betraf, in Dosenheringen bestand. Die sind billig, handlich und höchst willkommen, wie jeder denkt, der nicht denkt, daß der andere ebenso denkt. Na die Piefkes der hier vertretenen Linie sind nach meiner Beobachtung durchweg hartfrettsch, da kam es denn auf die Egalität der Nahrung nicht an. Der Gebildete aber will Abwechslung. Inzwischen gruppte der Herr Stein mit seinem Momentapparat, wo Menschliches vor ihm stand. Schnick! und die Aufnahme war gemacht. Ich verbat mir jedoch seine Kunstausübung an meiner Person, weil die Photographie wohl geschwinder geworden ist, aber nicht verschönender. Ueberdies ist der photographische Kasten schlimmer als das menschliche Gewissen. Hat man sich einmal verthan, so ärgert man sich zu erst, weil man eben ein Gewissen hat, nachher läßt man das Gewissen murmeln, bis ihm die Sache selbst zu langweilig wird und es einschläft. Solche Maschine aber, die nimmt auf, was man thut und wie man aussieht und das bleibt und kann nachher allen Leuten gezeigt werden, woran Boshafte sich amüsiren. Deshalb bin ich gegen sogenannte Amateure. Es wurde bald recht lustig. Einige hatten vorher Getränke zu sich genommen, um den Heringen einen Goldfischteich einzurichten, andere nahmen es nachher, weil, wie sie sagten, der Fisch schwimmen wollte, worüber die Piefkes unmenschlich lachten. Bier war ein großes Faß da, das hatten sie gleich in die Erde gebuddelt, damit es kühl blieb. Onkel Fritz, feinfühlend wie immer, hatten an Weiße gedacht. Selters kühlt ja auch und ist vornehm, aber es schmeckt immer so nach den Gummiringen an den Stöpseln. Dies gefiel dem Onkel Emanuel. Er stieg in die Weiße und sagte zu Onkel Fritz: »Herr Nachbar, ick sehe Ihnen.« »Is mir lieb, det Selbst nich blind sind,« antwortete der. Aber warum ulkte er mich an, als ich trank, indem er rief: »Jott segne de Schiffahrt!« – Wer vermag etwas gegen seinen Durst, wenn er eine Weiße vor sich hat? Ob es in der Kute nebenan, wo Polizeileutnants a. D., mein Karl, der Sanitätsrath und andere sich malerisch gelagert hatten, weiß ich nicht, denn an unserer Tafel vergingen mir Hören und Sehen, seitdem der Nordhäuser angerissen worden war. Nicht nur, daß Onkel Piefke sich mit Hemdärmeln bekleidet hatte, nein, er setzte auch noch die Flasche an den Mund, obgleich Gläser vorhanden waren. Und die Malwine Piefke trank mit den Herren, als wüßte sie nicht, daß Damen nach jedem Schluck Alkoholischartigem ein unangenehm berührtes Gesicht machen müssen, wenn sie auf Erziehung Anspruch erheben wollen. Ob aber die Piefkes überhaupt erheben? Ich zweifle. Mir war nur lieb, daß die Frau Polizeilieutenanten das nicht sah, obgleich sie die Momentphotographie nicht ableugnen kann, wenn sie einmal wieder ahnenstolz werden sollte. Man wird auf Picknicks bald satt, weil die Speisen allmälig so durchgesucht zu einem gelangen und da sättigt der Anblick. Schon dutzendemale hatte ich die ewig kreisenden Bouillonheringe abgewiesen, obgleich die neben Onkel Piefke hockende Schwägerin mir die Dosen immer von neuem hinhielt, bis ich schließlich sagte: »Ich danke, dies esse ich nur auf ärztliche Verordnung, dagegen wäre mir ein wenig von der Torte willkommen.« Durfte ich mich auf meine Ohren verlassen oder nicht, als der Onkel mir mit einem freundlichen Lächeln die Süßigkeitsarchitectur anbot und sagte: »En jutes Schwein frißt allens; nehmen Se man.« Ich wollte aufbegehren, würgte das Kompliment aber hinter und fragte ruhig: »Sie verstehen sich wohl sehr auf Thierzucht, Herr Piefke?« »Na ob.« »Und sind jetzt so ganz allein?« »Det is et ja ebend.« »Möchten Sie nicht stets in so heiterem Kreise leben?« »Ne, 'n andern Tag die Koppweh.« »Sie bedürfen der Pflege, einer lieblichen Häuslichkeit.« »Det stimmt; ja, wenn Sie noch zu haben wären, Mutter Buchholz, denn jleich rin ins Verjnüjen. Oder aber ooch, ick bin doch woll'n zu oller Knerjel jeworden, mir wieder zu verändern. Meine Selige...« »Lassen Sie se ruhn, die Toten sind nicht sehr für Störung. Aber was hindert Sie denn, andere glücklich zu machen? Und muß der Name Piefke nicht erhalten bleiben? War es nicht ein Piefke, der Düppel musikalisch durch den Sturmmarsch einnehmen half...« »Der's nich mit uns verwandt.« »Es ist aber derselbe Name. Und Ihr Neffe Ferdinand ist ein so prächtiger junger Mann...« »Fernand meenen Se?« »Gerade den.« »Fernand is'n Hottepese.« »Sie irren sich.« »Kommt er denn vorwärts?« »Eben, weil ihm die Kaution fehlt...; und eine Frau, die ihn begeistert und ihn antreibt. Daran sind Sie allen schuld.« »So wie icke?« »Jawohl.« Nun kam Onkel Fritz heran und stieß mit dem Onkel an. Und was gab er ihm? Einen Bierseidel voll von Polizeilieutenants Schaumwein. Da ward er lustig und guter Dinge. Und dann ward er gerührt und weinte, da er nicht wußte, ob er nicht bald stürbe. Und dann sagte er, seines Bruders einziger Sohn solle nicht leer ausgehen; seiner Schwester Kinder und die anderen Piefkes hätten ja zu leben. Und dann wurde Verlobung gemacht. Mila und Herr Ferdinand Piefke! Deutlich mußte der Onkel wiederholen, wozu er sich verpflichtete, besonders das Kautionstellen und die dazu gehörigen Nebenausgaben. Dies gefiel jedoch den übrigen Piefkes nicht, die stark von Erbgedanken beseelt waren und nun voraussahen, daß sie möglicherweise geschmälert würden. Und der Onkel weilte noch lebend unter ihnen, wenn auch etwas angesäuselt. Der Aufstand und die Redensarten und das Krakehlen entfuselte ihn jedoch etwas und als einer von den Piefkes ihm sagte, er wäre ein richtiger Potsdamer und hoch über seine Eselsohren reingelegt, da wurde er wild und schrie: »Un nu erst recht. Nu kriegt Fernand allens un ihr könnt Rooch schnappen.« Da hatten wir die von mir vorgeahnte Ungemüthlichkeit; nun schwamm die Unkultur oben? Der Herr Polizeilieutenant a. D. wollte Ruhe befehlen, allein wo waren Uniform, Degen und Achselklappen? Weg mit der Stellung und mit ihnen die Autorität. Die Piefkes höhnten ihn einfach an. Die Frau Polizeilieutenant a. D. bebte vor Aufregung. Ich nahm sie und führte sie abseits von den Streitenden. Da im dunkeln Schatten weinte sie gramvoll und schluchzt: »So büße ich meine Schuld. Diese Demüthigung mit diesen Menschen wäre uns erspart, hätte ich nicht zu hoch hinaus gewollt. Mein armer Mann; mein armes Kind!« »Es wird noch alles gut,« tröstete ich, wenn solche Redensarten Trost sind! Aber was soll man anders sagen, wenn man selbst nicht überzeugt ist? »Nie, nie,« klagte sie. »O, Frau Buchholz, ich achtete das Geld ja nicht; für Flitter und Hochmuth machte ich Schulden, bis sie meinen Mann aus der Stellung drückten. Und nun müssen wir uns des Geldes wegen so erniedrigen. Die Heirat ist Milas Rettung. Sie hat ja nicht gelernt, ihr Brot zu verdienen.« »Der junge Mann liebt Mila.« »Meinen Sie?« »Ganz gewiß.« »Das wäre ein Hoffnungsschimmer. Sie wird ihn auch lieben, durch seine Anhänglichkeit gewonnen. Ist ihre Jugend auch schon etwas verblaßt, ihr gutes Herz ist doch geblieben.« »Das wäre die beste Aussteuer. – Nun aber kommen Sie; mich dünkt, es wird aufgebrochen.« So war es auch. Mit Papierlaternen ging es durch die Haide, Piefkekinder voran und dann das Brautpaar, hintenan wieder Piefkes. Herr Stein machte eine Momentmagnesiumlichtblitzaufnahme. Ein greulich langes Wort für einen Knipps. Und dann fuhren wir durch die lauwarme Julinacht heim. Die meisten waren müde, theils von der Luft, theils vom Getränk, theils vom Streiten. Onkel Emanuel sägte nicht schlecht; alle Augenblicke saß er an einem Ast fest, aber dann gleich weiter. Rütteln half nicht. Wenn er nur seine Zusagen nicht verschläft. – Nach einigen Tagen kam Onkel Fritz mit den Momentphotographien von der Partie. »Schön ist was anderes,« sagte ich. »O bewahre, ganz nach der neuesten Kunstrichtung. Namentlich hier der Fackelzug.« »Der sieht ja aus, als wenn dem seligen Darwin sein sämtlicher Affenstall ausgebrochen wäre,« entgegnete ich. »Man erkennt ja niemand.« »Das ist jetzt künstlerisch. Aber was sagst Du zu dieser sogenannten Belauschungsphotographie?« »Herrjeh, Mila giebt ihrem Herzallerliebsten einen Kuß. Fritz, das muß die Mutter sehen; wenn sie ihn nämlich nur ein ganz bißchen liebt, ist immer noch Glück dabei. Wird die aufathmen.« Und doch mischte sich ein wehmüthiger Gedanke in die Freude, die ich für Mila und die Frau Polizeilieutenanten empfand: wenn nämlich der alte Piefke sich wieder verheiratet, sind sie die nächsten Leidtragenden.   Heirathen. Vom Verlieben und vom Taubenzufliegen – Vom Folgen der Leithämmel und von zu viel Idealismus – Warum die Laune verdorben war und die Augen verbunden wurden – Von Herrn Weigelts Nagel und dem lieblichen Krokodil – Von dem Konzertabend und unmusikalischen Geräuschen Erika's Schwester war wieder da, und was diesmal ausgebildet werden sollte, konnte mir nicht lange verborgen bleiben. Der junge Herr Dr.  Zehner und Fräulein Henni hatten, wie die frühere romantische Ausdrucksweise lautet, es sich angethan. Daß sie es ihm, war verständlich; sie brauchte dazu weder Frauen-Gymnastik noch Ethik, sondern nur ihre von der Natur angeborenen Pathengeschenke: den hübschen Kopf mit dem vollen Haar, den reizenden Hals, die gesunde Brust und die lebenquellende Gestalt, mit einem Wort, die Anbeißfrische. Ich hätte es dem Dr.  Zehner kaum zugetraut, so rasch Hand auf solchen Schatz zu legen, da ich ihn taxirte, daß er immer pünktlich zu Mittag kommt, weder zu früh, noch zu spät. Was sie an ihm findet, ist schwer zu ergründen, aber wem wird überhaupt klar, warum ein Weib liebt? Mancher sogar selbst nicht. Die Schöne nimmt oft ein Ungethüm, die Geistreiche einen Kerl, dumm wie ein Rammblock, die Schmachtende einen Grenadier und manche große, stattliche hat einen Mann, wie eine verhungerte Spinne. Alt nimmt Jung und Jung nimmt Alt, daß man es nachfühlt, wenn bei Trauungen von erröthenden Bräuten geschrieben wird, so roth müssen sie über den Gegenstand ihrer Heirath werden, bescheint ihn das unverblümte Tageslicht. Doch ich will keiner ihr Glück madig machen, nur soviel weiß ich, einen wie meinen Karl haben sie Alle nicht. Henni hat sich wegen ihrer Wahl keinen Vorwurf zu machen, obgleich abwarten vielleicht empfehlenswerth gewesen wäre. Warum nicht Richtschnur bei einer kundigen Frau einholen? Aber just die unerfahrenen Dinger, die weder Kochen, Waschen, Backen noch sonst was los haben: Verlieben können sie. Bloß verlieben, daß man es nicht merken soll, das könne sie nicht. Das konnte Henni auch nicht, so viel Mühe sie sich gab. Erika lächelte, wenn die Beiden in ihrer Gegenwart Fremde spielten, wenn Henni ihm erlaubte, der Gegenstand seiner Höflichkeit zu sein, und er sie nicht anders anredete als verehrtes Fräulein. Onkel Fritz hatte Redensarten bündelweis, ließ sie aber verschnürt. Was hätte er sonst so oft Ursache gehabt, sinnlos, ohne handlichen Anlaß laut aufzulachen? Mich hielten Henni und der Dr.  Zehner für neugeboren-unwissend, indem sie thaten, als wüßten sie nicht, was ein Er und was eine Sie ist, und ich doch gesehen hatte, wie sie sich küßten. Und weil sie das nicht wußten, amüsirte ich mich schneeköniglich über ihre Komödie. So kam es, daß wir immer furchtbar vergnügt waren, sobald wir gemeinschaftlich etwas unternahmen; Fritz und Frau und ich, wir jeckten uns im Stillen und Henni und Dr.  Zehner waren selig im Stillen. Wir lachten über ein Nichts, über das Nuttigste, wenn es nicht zu irrsinnig war, denn das Lachen lag in uns. Und mein Karl, die Seele, lachte mit. Gingen wir irgendwo hin, erschien wie zufällig auch mein Herr Doktor. »Wie ist Berlin doch klein,« sagten wir dann so ernst wie möglich, »überall begegnet man sich.« – »Sehr klein. – Man sollte es kaum glauben.« – »Kennst Du den Unterschied zwischen einem Klavier und einer Nähmaschine, Henni?« fragte Onkel Fritz. – »Nein.« – »Dann laß Dir ja keine Nähmaschine in die Hand stecken, wenn Du ein Klavier kaufen willst.« – Nun losgepruscht, ohne die Beiden, die uns sichtlich bedauerten, daß wir über solche Geschichten lachen konnten. Und darüber lachten wir wieder. Theater kam uns nicht theuer. Fritz lieferte verschiedenen Bühnen leihweise Lampen, Schreibzeuge, Stutzuhren und derlei Prunkstücke zur stilvollen Aufputzung der Scenerien, wovon der Werth der Stücke immer abhängiger wird, und erhielt, wenn ein Drama trotzdem nicht recht ziehen wollte, einige Paquete Sitzscheine, damit das Haus in den Zeitungen gefüllt erschien, weil, wo Tauben sind, Tauben zufliegen. Auch für die »Gespenster« mußten wir Lockvögel machen, einmal, aber nie wieder. Da ist eine Frau, die zum Andenken ihres verstorbenen Mannes, eines Kammerherrn, ein Asyl bauen läßt, aber weil er trank und liederlichte, macht sie sich Vorwürfe, daß sie sich und die Menschen mit diesem Baudenkmal belügt und den Pastor beschuldigt sie, daß er nicht mir ihr auf und davongegangen ist, als sie ihrem Manne weggelaufen war und in der Predigerei anklopfte. Nette Gattin! Ihr Sohn Oswald ist Maler, der kommt aus Paris und findet es in seiner norwegischen Heimath zu grau, weshalb er mit dem Tischler Engstrand seiner Tochter Champagner trinkt und schön thut. Die Mutter weiß, daß das Mädchen ihres Sohnes Halbschwester vom verstorbenen Kammerherrn her ist und sagt: nur noch 'ne Flasche, das Leben ist kurz und mein Sohn will sich veramüsiren, das hat er vom Vater. Solche angeerbte Neigungen sind Gespenster. Nette Mutter. Dann brennt das Asyl ab, Oswald hilft löschen, die Anstrengung giebt ihm den Rest, er wird auf der Bühne brägenklieterig – von Vatern her – und verlangt von seiner Mutter die Sonne. Die giebt ihm, da sie schlecht an das sogenannte Tagesgestirn heran kann die Morphiumpulver, die er sich aufgespart hat, weil ein Arzt ihm gesagt hatte, er müßte an Gehirnerweichung zu Grunde gehen, das wäre die Erbschaft vom Vater. Wir waren erleichtert, als es aus war, so hatte das Stück uns beängstigt und gequält, ohne daß wir einsahen wozu? Um dem Publikum vorzuschulmeistern, daß Kinder nie vorsichtig genug in der Auslese ihrer Eltern sein können? – »Was für ein Pappkopf der Oswald wohl geworden wäre, wenn er den Pastor zum Vater gehabt hätte?« fragte Onkel Fritz, aber es erfolgte keine eingehende Antwort, da die Erinnerung nicht bei dem Stück verweilen mochte, wogegen wir sonst oft, besonders nach Wilhelm Tell im Schauspielhause, bis über die Mitternacht in Wieder- und Wiederdurchsprechen schwelgten. Und die Jungfrau von Orleans mit der Lindner. Ach wie schön. Und wie wohl wurde Einem darnach. Ganz schweigsam war Erika, sie machte auf mich den Eindruck, als sei sie von Jemand gekränkt und litte nicht blos seelisch, sondern auch körperlich. – Onkel Fritz faßte sie fest unter und führte sie behutsam aber rasch. Wir andern folgten. Da fragte mein Mann: »Herr Doktor Zehner verhält, sich das wirklich so mit der Vererbung von Gehirnerweichung, wie in dem Stück eben?« – »Nein« sagte der, »das Stück ist vom medizinischen Standpunkt unhaltbar und selbst wenn es das nicht wäre, ist es als Drama miserabel. Denken Sie sich Oswalds Vater wäre ein pflichttreuer Forstmann gewesen, der Wild- und Holzdieben eifrig nachging und auf den nächtlichen Streifzügen Lungenleiden erwarb, dem er schließlich erlag, Oswald erbt die Anlage zu Lungenerkrankung, steigert als Landschaftsmaler die Disposition dazu durch das Sitzen im Freien, erkältet sich bei dem Löschen des Feuers, und geht auf der Bühne an Pneumonie ein. Das wäre dasselbe Stück, nur mit einer kleinen Verschiebung der Krankheitsursache, aber das Undramatische, das Kleinliche des Motivs, das Armselige an künstlerischem Inhalt tritt selbst für den klar zu Tage, der sich durch geschickte Scenische Detailmalerei und die bühnenmäßig gedachten Charaktere blenden ließ, von denen die Hälfte in eine Idiotenanstalt gehört. Der Pastor und die Mutter ebensowohl wie der paralytisch werdende Sohn.« »Nun ist's wohl genug« rief Onkel Fritz. – »Sehr richtig« sagte ich. »Herr Doktor, Ihnen macht so leicht keiner Stuß vor.« – »O, bitte« lehnte er ab. – »Sie mir aber auch nicht,« flüsterte ich ihm zu und stieß ihn schäkernd an. Er gefiel mir sehr. Ein Mann muß sein eigenes Urtheil haben und nicht immer einigen Leithammeln folgen, denn das ist schaafsmäßig. Onkel Fritz hatte ein kürzlich eröffnetes Wirthshaus mit neualtdeutschbaroccrenaissancener Ausstattung zum Ankerplatz ausersehen, nicht nur weil er dort Hypotheken in Kronleuchtern hatte, sondern namentlich mit Rücksicht darauf, daß für jeden Wunsch der Gäste gesorgt war und Erika laues Wasser und Seife zum Waschen der Hände haben konnte. Dies war ihr unerläßlich, um sich wieder wohl nach dem Schauspiel zu fühlen. Darauf saßen wir in ziemlicher Behaglichkeit zusammen und sprachen von etwas Anderem. »Sie halfen mir bei dem Ankauf des elektrischen Apparates,« sagte ich zu Herrn Dr.  Zehner, »Sie müssen mir noch einmal beistehen.« – »Mit Vergnügen.« – »Wir haben doch den Kaulmann im Hofgebäude zu wohnen und seine Antonie zu üben.« – »Hm; hm!« krekelte mein Mann. – »Karl, kriegst Du die Miethe vielleicht nicht? « – »Die ist ja nur der Form wegen.« – »Und sie denkt nun daran, ihr großes Konzert zu geben.« – »Es wird höchste Zeit.« – »Wieso?« – »Daß das Ueben ein Ende nimmt, die Arbeiter halten es nicht mehr aus.« – »Die hören doch bei dem Lärm der Webstühle nichts?« – »Dann aus anderen Gründen.« – »Eben sie will verdienen, weil sein Geschäft nicht mehr so geht wie früher. Ich finde dies Verhältniß sehr ideal.« – »Zu ideal.« – »Es kann nichts zu ideal sein.« – »O doch; warum hat sie es so eilig mit dem Konzert, da es dem Publikum ganz einerlei sein kann, ob sie als Fräulein Wehrhagen oder als Frau Kaulmann auftritt.« »Sie wollten doch erst heirathen, wenn das Konzert ihr reichlich Stunden verschafft hat.« »Das war eben zu viel Idealismus.« – »Karl, ich garantire für Antonie Wehrhagen.« – »Ich aber nicht für Kaulmann.« – »Morgen zieht er aus.« – »Ich bestimme über die Wohnung. Du hast die Geschichte eingerührt, sieh' zu, wie sie am reinlichsten ausgegessen wird. Je eher das Konzert, um so angebrachter.« Mir war wie von einer Dampfwalze zerdrückt. Dieser Kaulemann, so ein Kaulemännchen! Aber ich hätte mir vorher sagen müssen, Musik betäubt die Besonnenheit. Wovon wollen sie leben, wenn das Konzert nicht einschlägt, oder richtiger, wovon werden sie hungern? Eine Hecke Kaulemännerchen geht doch nicht auf unserem Hof. – »Herr Doktor, Sie wissen also, worum es sich handelt?« fragte ich. – »Wie... bitte?« stammelte er. – »Sie müssen Konzertbillets unterbringen.« – »So... so!« sagte er und stierte in das Lokal. – »Sie wollen wohl die Sonne haben?« scherzte ich, »Was giebts denn?« – »Einige Herren erlauben sich, mit unverschämten Blicken her zu sehen.« – »In einem Gastzimmer kann Jeder sehen, wie er will,« sagte Onkel Fritz. – »Aber nicht frech!« entgegnete Dr.  Zehner. – »Lassen Sie doch die Bankjungen, die sehen immer so, das lernen sie in dem Theater.« – »Ich erlaube Keinem, das Fräulein hier zu beleidigen.« – »Da komme ich erst,« sagte Onkel Fritz ruhig, »ich bin der Schwager, und ich hoffe, Sie werden meine Schwägerin nicht durch studentische Thorheit kompromittiren, lieber Doktor.« Henni wollte zu weinen anfangen. »Wir gehen,« sagte ich, »wir sind nach dem Stück wie mit verdorbenem Magen, so mit verdorbenere Laune.« Ich fragte Fritz: »Warum machen die Beiden keine Anstalten zu regelrechter Verlobung? Er ist ja so eifersüchtig, daß er in jedem männlichen Individuum einen Nebenbuhler wittert.« – »Ihre Angehörigen verweigern, wie bei mir, die Einwilligung« – »Und zwingen die jungen Leute zu Lug und Trug.« – »Sie wollen das Ja sagen, aber es muß erst ablagern.« – »Fritz, in unserer raschlebigen Zeit mit Jaworten zögern ist mehr als kleinstädtisch.« – »Erika sagt: nur nicht übereilen, es wird schon recht werden.« – »Dann bin ich beruhigt.« Wie mein Mann gesagt hatte, mußte das Konzert beschleunigt werden. Antonie hatte sich schier zu Schanden getonleitert. Sie konnte alle Stücke auswendig und mit kammradartiger Sicherheit ohne den einen Konzertwalzer von Rubinstein. Wenn bei dem so ziemlich alle Schwierigkeiten erschöpft sind und mitten auf dem Klavier etwas Melodiöses gebracht worden ist, muß sie mit der linken Hand Wie wahnsinnig hochfahren und ganz oben eine genau bezeichnete schwarze Taste mit dem kleinen Finger tippen und dann, was sie kann, von oben herab in den Baß hinunterrasseln. Alles konnte sie, bis auf die Taste. War sie in Aufregung, haute sie daneben. Ich fragte: »muß es denn sein?« – »Es muß« weinte sie, »wenn ich die Taste nicht treffe, habe ich umsonst geübt, umsonst gehofft.« – »Nehmen Sie ein anderes Stück.« – »Es ist zu spät, ich bleue es nicht mehr ein.« – Und verschieben ließ sich das Konzert nicht. Unmöglich. Ich rieth: »tuppsen Sie mehrere von den hohen Tasten auf einmal nieder, da kann sich Jeder die richtige heraussuchen.« – »Nein, es darf nur die eine sein. Hören Sie selbst.« Sie spielte den Walzer und traf den Ton prachtvoll. »Sehen Sie, Sie können es« rief ich erfreut. – »Nein,« klagte sie, »es war der nebenliegende. Und je mehr ich daran denke, um so gewisser vergreife ich mich. Ich habe die Stelle schon drei Tage mit verbundenen Augen probirt, aber unter zehnmal nur drei Treffer.« Sie wiederholte die Nummer; diesmal glückte es. – »Ja,« lamentirte sie, »eben ging es, aber wie wird es vor all den Menschen gehen, den Kennern, den Kritikern?« »Regen Sie sich nicht auf, das ist schädlich. Sie müssen auf Ihre Körperlichkeit achten, daß Sie nicht zu sehr herunter kommen.« »Und der Vorverkauf geht so schlecht, die Kosten werden immer größer, der Saal, und was sonst daran hängt. Die Sängerin kriegt dreißig Mark, abgeholt in der Kutsche, ein Bouquet zu fünf Mark und Abendbrot; der Violinspieler die Hälfte, ohne Bouquet aber mehr Bier. Er ist noch jung. Wenn wir nichts einnehmen geht Alles drauf, was wir groschenweise zurückgelegt haben.« Sie dauerte mich; sie will doch vorwärts und die Saffratka sagt ja, man muß tolerant sein. Ein Weib ist schwach und hingiebig, wenn sie sich so auf Tönen wiegt und ihr das ganze Leben wie ein Schunkelwalzer erscheint. Wie leicht geht sie da im Idealismus zu weit. Aber dieser Kaulmann hat keine Entschuldigung, der hätte mit der Hochzeit warten müssen, anstatt nun das Konzert zu überstürzen wobei sie ganz von Füßen kommt, wegen der alten demlichen Taste. Mir ging es schon ebenso. »Tippt sie die richtige oder tippt sie sie nicht?« Das war die Frage, die mich immerwährend belästigte wie eine Fliege beim Nachmittagseinschlummern; förmlich zum nervös werden. Ich fuhr zur Saffratka mit Billeten und stellte ihr die Lage der jungen Leute vor. »Wären sie Mitglieder unseres Vereins, würde ich etliche nehmen« sagte sie freundlich lächelnd, »aber da sie das nicht sind, wendet man die Mittel Würdigeren zu. Da Ihnen jedoch daran liegt, daß Persönlichkeiten unter dem Auditorium gesehen werden, finden ich und vielleicht Muße, wenn Sie mir zwei gute Plätze zur Verfügung stellen. Aber bitte, Vorderreihe, nicht wahr?« lachte sie. – Ich mußte meine Deutlichkeit an mich halten, denn ich ging ja schnorren. Und was muß das Publikum von solcher Kunst halten, die wie saures Bier ausgeboten wird? Nicht blos geschenkt, nein noch was zu! Flotter ging der Billethandel mit dem Verein Keuchhusten. – Der gab sich Mühe und brachte baares Geld. Hübsch von ihnen; die sind doch da, wenn sie helfen können, die frohen Sangesbrüder. Sehr hübsch. Auch die Bergfeldten versprach, einige von den billigen Plätzen zu verhandeln, da Herr Butsch viele Bekannte hätte, die solche Mildthätigkeitsbillete nähmen, wenn sie so bei der vierten Weißen wären. Sie will keine große Hochzeit; nur Standesamt mit Frühstück. Ich rieth ihr Kirche an, schon allein, daß Butsch mal wieder hineinkommt, aber sie meinte, sie betrachtete ihre Stellung mehr als unkündbare Haushälterin. Vielleicht gingen sie. Es wurde ihr nur zu schwer durch Augustes Mann gemacht, der sich abscheulich über ihre Veränderung äußerte. »Und was ist er? Was wäre er ohne meine Tochter? Aber den Nagel, den er hat. Und Butsch ist zehnmal mehr. Butsch hat gedient, und ihn haben sie wegen seiner Hühnerbrust gar nicht genommen, nicht mal bei den Tränksoldaten.« – Der Polizeileutnanten a. D. gab ich viel Billete zum Saalfüllen. Mila ist Frau Piefke. Nach dem Glück mochte ich mich nicht erkundigen, die Frau sah mir zu verweint aus. Sie dankte herzlich für den bevorstehenden Genuß, sie käme jetzt nirgends hin. Die Unterhaltung riß immer wieder ab. Mir wurde der kurze Besuch lang. Auguste Weigelt sandte die Billete zurück, die Kleine kränkelte; ich bat den Sanitätsrath hinzugehen, denn ich weiß, Auguste schont das Doktorgeld und von ihr nimmt der Rath nichts. Er hat so seine Tugenden, aber sehr innerlich. So kam das Konzert immer näher. Antonie übte sich zu einer Art mißgestalteten Schatten und Kaulmann, mit dem ich das Geschäftliche erledigte, kriegte so viele Anlappungen von mir, daß er aus Scheu und Schüchternis gar nicht herauskam und auch schon so aussehen ward. Er soll sich später Luft gemacht haben, ›ich wäre gut, aber meine Güte griffe an‹, was ich ihm weiter nicht krumm nehme, denn er hat gelitten. Mit vieler Mühe hatten wir den Saal halb verkauft, halb verschenkt, aber ob die Hauptsache kommen würde, die Kritik, das blieb zu errathen, denn in einigen Zeitungen stand, bei den achthundert für die Spielzeit angemeldeten Konzerten könnten nur die hervorragenden berücksichtigt werden, ein Kritiker sei auch nur ein Mensch. Warum nimmt er denn solches Amt an, wenn er ihm nicht nachzukommen vermag? Das machte uns Sorge; wenn nicht geschrieben wurde, war die ganze Abrabbatzerei für die Pantherkatzen, einer gewöhnlichen Muimau war die Mahlzeit zu heftig. Inzwischen machte die Bergfeldten Hochzeit. Auguste kam weinend zu mir; ihr Mann hätte ihr verboten hinzugehen, Butsch und Konsorten ständen zu tief unter ihnen; solche Verwandtschaft würde bei der Versetzung in Betracht gezogen; er hätte nicht Lust übergangen zu werden. – »Da hast Du Dir ja ein liebliches Krokodil an Deinem Busen großgezogen« sagte ich. – »Ach, Frau Buchholz, wir sind jetzt besser eingerichtet, ordentlich mit blauen Portieren und einem Teppich in der guten Stube und Plüschmöbel und das bischen Ersparte, das übernimmt ihn. Und ist er nich Beamter? Das sind doch nur Wenige; er steht mithin höher als Viele. Aber es muß mehr für die Beamten geschehen, die bilden eigentlich den Staat. Und wenn nichts geschieht, wird der Staat wohl erst einsehen, was er hätte thun müssen, wenn es zu spät ist.« »Auguste, lern' doch Deinen Mann nicht auswendig und laß ihm seinen Tick alleine. Geh nur ruhig zur Hochzeit, Du bist die Tochter.« – »Nein, nein. Auf dem Standesamt hat der eine von Herrn Butschens Zeugen statt der Legitimation eine unbezahlte Weinrechnung vorgelegt. Für solche Gesellschaft muß ich mich zu gut halten, nicht blos meines Mannes wegen, sondern auch meinetwegen. Ich bin nun doch einmal die Frau eines Beamten. Was würden meine Kolleginnen sagen?« »Denn nicht, Auguste.« Mein Karl und ich waren hin zum gratuliren. Es war gediegen und propper in Herrn Butsch' Privatwohnung, die Kinder kulten sich liebebedürftig an die Frau Butsch verwittwete Bergfeldt und der Mann sagte: »Kathinka, schenk ein.« – Wir stießen an und wünschten ihnen viel Glück. Sie bedankten sich Beide für unser Hochzeitsgeschenk, besonders aber für unser Erscheinen. »Wir sind um so gerührter,« sagte die Bergfeldten, »als meine Kinder mich nicht mehr kennen. Ich habe aber neue, die sind nun meine.« Endlich kam der Konzertabend. Antonie hatte sich wie fieberndes Espenlaub oder so ähnliches Zitteriges und er war sein eigener Dienstmann, bis wir in dem Künstlerzimmer neben dem großen Saal im Hotel de Rom den Andrang erwarteten. Wir kannten die für die Herren Kritiker abgesandten Nummern und schauten, ob sie sich herbeiließen. Auf die ersten kritischen beiden Plätze setzten sich zwei Damen. – »An die Nähmamsell verschenkt,« sagte Kaulmann enttäuscht. Während der Saal sich rasch füllte, blieben die Plätze, auf die es ankam, leer. Antonie gehörte also nicht zu denen, die ein Wort verdienen. Und wie hatte sie sich gequält. Wir sagten ihr das nicht, aber Kaulmännchen war das Weinen nahe. Mir etwas anderes. Indeß sie sind ja auch nur Menschen. Auf den Saffratkaplätzen etablirten sich zwei entschieden Ungehörige. Kaulmann hin und sie aufmerksam gemacht, daß die Plätze reservirt seien. »Wir haben die Billete à eine Mark von Frau Professor gekauft,« sagte der eine Mann grob, »und das wird wohl stimmen.« – »Entschuldigen Sie,« bat Kaulmännchen höflich. – Hatte sie die Gratis-Dreimarkeinlaßkarten für zwei Mark verkauft. Die kluge Frau. Wir gingen nun auch in den Saal; ich saß neben der Butschen, um sie für Weigelts Geringschätzigkeit zu entschädigen. – »Tippt sie jetzt richtig?« fragte sie mich, da ich ihr meine Aengste nicht verschwiegen hatte. – »Hoffen wir!« – »Wir müssen den Daumen drücken.« Antonie trat ein und stieg mit dem Bouquet in den bebenden Händen auf das Podium. Riesenempfangsklatschen vom ›Keuchhusten‹ und solchen, die meinten, es müßte so sein. Sie verneigte sich und spielte Klassisches, das leichten Mittelbeifall erntete. Dann kam die erste Zugabe, auch so etwas für Kenner. Hierauf kam der Geiger mit seinem Begleiter. Dann wieder Antonie; dann die Sängerin und so, wie eine Schichttorte den Abend weiter bis zu dem Stück mit der Taste. Der Applaus war bis jetzt ziemlich gleichmäßig gewesen, es ließ sich schlecht sagen, wer sich am meisten zuziehen durfte. »Nun kommt das Stück,« flüsterte ich. »Herrjeh,« erwiderte die Bergfeldten, »geben Sie mir Ihren Daumen und nehmen Sie meinen, das hilft. Nicht wahr, Butsch?« – »Ob,« sagte der hinter uns. Wie er immer klatschte, der gute Herr Butsch mit seinen schönen großen Händen und hart wie die Waschhölzer. Sie krachten förmlich. Antonie fing an. Viele schienen den Kniff bei diesem Stück zu kennen, denn es verbreitete sich stille Aufmerksamkeit. Mir wurde ganz dieselig vor Unruhe. Immer näher kam die verhängnißvolle Stelle, jetzt wrummelte sie das Melodiöse mitten auf dem Klavier und jetzt.... Mit einem Male schrie etwas laut auf neben mir. Es war die Butsch-Bergfeldten. »Au, au,« schrie sie. Ich hatte ihr in der höchsten Aufregung den Daumen wohl zu mächtig gekniffen. Das Publikum klatschte donnernd. »Hat sie getippt?« fragte die Butschen noch mit halbwegs schmerzverzerrtem Gesicht. – »Sie muß wohl, ich habe nichts gehört.« – »Gottlob,« sagte sie. »Solche Sympathie hat doch ihren Nutzen. Gottlob, daß sie so schön durch ist.« Antonie wurde sehr ausgezeichnet; sie spielte die letzte Zugabe. Das Publikum brach auf und der Marterabend war zu Ende. Ob sie die richtige Taste getroffen hat, wußte sie selbst nicht und es wird auch wohl nie ein Mensch erfahren. – Eine einzige Zeitung schrieb über das Konzert, nicht ganz gut und nicht ganz schlecht von dem hohen Treffton blos: man hätte ihn wegen unmusikalischer Geräusche nicht gehört. Und deshalb beinahe auf die Bahre geübt. Und meine Nöthe. Und der guten Butschen ihr Daumen. Kaulemännchen und Antonie gingen bald darauf auf das Standesamt, in die Kirche wollte er nicht wegen der Sonntagsruhe, die hätte ihn zurückgebracht. Sie sind der Hoffnung, daß das Konzert ihr von Vortheil sein wird, wenn auch nicht gleich, so doch später und wohnen einfach aber zufriedenstellend. Ein wahrer Segen, daß Krodo und der Harz mich so gekräftigt hatten; ohne die beiden wäre ich den Konzertanstrengungen unterlegen. Gegen Kunst ist Pferdearbeit so zu sagen eine leichtere Beschäftigung.   Unser aller Fest. Von der Familientrumpfsieben und dem Wunschzettel – Von strömendem Wasserdampf und Schwindelgegenden – Ein glückliches Brautpaar und ein Wiedersehen – Von Engelsstimmen Den zweiten Weihnachtstag hab ich sie Alle bei mir, dann gehen die respektiven Philippinen aus, den Verdruß über den Ausfall ihrer Geschenke zu vertanzen und die Herrschaften suchen Unterkommen in einem Restaurant. Meine Dorette aber hilft mir und geht ein andermal. Es giebt ja auch Trinkgeld und ihr Bräutigam denkt an Selbstständigkeit. Er ist sehr häuslich in unserer Küche und schlimm betreibt er es nicht mit dem Rauchen, zumal ich ihm des besseren Aromas wegen bisweilen eine Zigarre aus meines Mannes Vorrath widme, wofür er sich in allerlei Handreichungen nützlich erweist. Und Dorette erkennt es hoch an. Auch Sanitätsraths kommen, da Emmi wieder kann und die Kinderfrau den Jüngsten sehr in Obacht nimmt, der, wie ich natürlich voraussah, ein Junge ist. »Lieber Rath,« hielt ich dem Vater vor, »es hätte ein Mädchen sein müssen oder wieder Zwillinge, damit nicht das Restküken wie eine Familientrumpfsieben immer drunter durch ist, indem die großen Brüder ihm überall den Rang ablaufen. Das scheinen Sie nicht genügend berechnet zu haben und ist offen gesagt, geradezu unverantwortlich.« »Ganz meiner Meinung,« entgegnete er, »aber Sie verschwenden Ihren Zorn an einen Unwürdigen, verehrte Schwiegermutter. Wenn einer ihn verdient, ist es doch wohl der Storch.« – »An die unschuldige Kreatur habe ich wirklich nicht gedacht,« rief ich. »Na, vielleicht macht er seinen Fehler wieder gut und bringt gelegentlich etwas Passendes dazu.« – »Das versteht sich. Allein schon, um Ihre Zufriedenheit zu erwerben,« sagte der Rath, verschmitzt lächelnd. – »Wie soll er denn heißen?« – »Otto.« – »Was das nun wieder ist? Gesetzt den Fall, bei Onkel Fritz käme ein kleiner Otto, und anders thut er es nicht, dann wären wieder zwei Gleiche da und mit ihnen ewiger Kuddelmuddel. Nennen Sie ihn Wilhelm. Etwas können Sie mir auch mal zur Liebe thun.« – »Es wird mein Bestreben sein, mir Ihr Wohlwollen zu erhalten,« versicherte er, »wenn meine Frau damit einverstanden ist.« – »ich Bitte mir den Namenwechsel als Weihnachten aus. Billigeres finden Sie in ganz Berlin nicht.« Fritz und Franz weilten einige Wochen bei uns in der Landsbergerstraße, wie ich es für richtig hielt und der Rath schließlich nachgab. Das Brüderchen war ihnen zwar recht, aber sie hatten es sich doch wohl mehr zum Spielen vorgestellt und waren enttäuscht, daß es nicht mit jacherte, denn nur aus diesem Grunde kann ich die allgemeine Hausklage über ihre Unbändigkeit verstehen, die derart ausartete, daß der Rath ihnen androhte: »Ihr bekommt nicht ein Stück zum Weihnachten. Dafür bedankt Euch bei Großmama.« – Den Zusatz hätte er sparen können. Wenn sie bei mir mal herumranzten – ich kenne Kinder, die hundertmal tobiger sind – gleich waren sie wie die Häschen und lauschten, wenn ich vom Weihnachten anfing und wie wir einen Wunschzettel aufsetzen wollten. Warum hatte ich sie denn sofort gehorsam? Nun weinten sie, daß sie nicht an den Weihnachtsmann schreiben durften. – »Wir sind so unartig gewesen,« klagte mir Franz, »wir kriegen nix.« – »Kriegt Papa was?« fragte Fritz. – »Gewiß, er ißt seine Suppe...« – »Angebrannte nich',« sagte das kluge Kind. – »Er schreit nicht,« lobte ich weiter. – »Kriegt Baby was?« – »Baby kriegt was?« – »Baby kriegt was?« – »Baby schreit den ganzen Tag.« – »Hm.« – »Großma', bringt der Weihnachtsmann Papa, was Du aufschreibst?« – »Ich denke doch.« – »Ein Pferd ordentlich mit'n Schwanz für Papa?« forschte Fritz, »und 'n Trommel und n' ganzen Berg Nüsse?« – »Und noch 'n Pferd,« meldete sich nun Franz, »und noch 'n Trommel...« Ich hatte Fritz schon beim Wickel und küßte ihn. »Du bist mit Spreewasser getauft,« rief ich. »Sieh' Einer die Krete an?« – Franz nahm ich an die andere Seite und knutschte ihn auch ab. Ich hatte einen Kasten mit Kegeln für sie zum Weihnachten, aber ich konnte nicht anders, ich gab ihn jetzt schon her. Zu lieb, die Jungs. Ob Max und Frieda uns die Ehre schenkten, das stand noch aus. Ich wollte, sie kämen. Man denkt leicht bitter über Leute, die man vernachlässigt. An solchem Feste wird, was ausrutschte, oft wieder ins Loth gebracht. Und Felix fehlt was, wenn Max ausbleibt. Weigelts dürfen nicht absagen. Auguste bedarf aufheiternder Zerstreuung und da ihr Mann einsehen mußte, was sie an Butsch haben, wird es ihm wohl genehm sein, den neuen Schwiegervater auch vielleicht bei uns zu treffen, wenn das Geschäft ihn losläßt. Merkwürdig: die Bergfeldten paßt wie darin aufgewachsen und die Karre geht. Augustens Elsa war ja krank, erst mit Hausmitteln und dann gleich die höchste Gefahr. Butsch eins, zwei, drei den Rath geholt, das Kind in die Droschke genommen und in die Klinik, wo sie die Luftröhre schnitten und es auch durchbrachten. Und sie, die Butschen alles gethan, was in ihren Kräften stand. So in der Noth krempelt sie sich völlig um. Aber weil das Kind von den bösartigsten Bazillen gehabt hatte, kamen die Leute von der städtischen Desinfektionsanstalt und alles eingepackt, da der Rath früher schon verordnet hatte, das Kranke in die helle, beste Stube zu legen. Die Betten nahmen sie, die Plüschmöbel und die blauen Portieren und rubbelten die Tapeten ab und beizten den Fußboden mit Insektengift, daß alles schädliche Gethier entweder todt auf den Rücken fiel oder wimmernd floh. Auguste sagte: die Angst um das Kind und die Verwüstung dazu, das wäre kaum zum Ueberleben gewesen und wie die schönen Sachen, die sie mit so vieler Mühe angeschafft hatten, wieder gebracht wurden, da hätte sie nicht gewußt, ob sie überhaupt noch weinen könnte. Alles ruinirt, Alles dahin. Im strömenden Wasserdampf waren die Sessel gewesen und die Clavierdecke und der Teppich und jedes Stück. »Nicht wieder zu erkennen,« sagte sie, »ihre ganze Freude an dem bischen Hab und Gut verbrüht... Und mein Weigelt außer Rand und Band hin nach der Desinfektionsanstalt und Schadenersatz beansprucht. Hat ihm aber nichts genützt. Die Sanitätskommission beordert die Desinfection, die Stadt liefert nur die Mittel zur Ausführung und ist nicht verantwortlich für etwaige Ruinirung der Gegenstände. Die Hauptsache war, daß die Bazillen sich nicht mehr rührten und Herr Weigelt die Kosten bezahlen mußte. Aber hat er geschimpft. Ja, er wollte auswandern, nach Freiland oder sonst so ne Schwindelgegend, wo der Mensch wahrhaft frei wäre und kein strömender Wasserdampf ihn um die Frucht jahrelangen Fleißes brächte. Zum Glück kam gerade die Nachricht von der verkrachten Freilandexpedition, daß er sich besann und Berlin seine holde Gegenwart nicht entzog. Ich fragte den Rath, ob es kein Mittel gäbe, die Bazillen zu morden ohne gleichzeitig die Möbel umzubringen und die Polstersachen. Er meinte, Schering's Formalin desinfizierte und beschädigte, weil es gasartig verdunstet wird, nicht das Geringste, aber der Wasserdampf sei nun einmal offiziös. – Da seufzte ich. Hat jedoch der Dampf Herrn Weigelts Hochmuth etwas gedämpft, wäre der Nutzen nicht gering anzuschlagen. Aber als er getröstet wurde, der Wissenschaft müsse man sich beugen, selbst wenn sie Hemmniß und Entwerthung brächte, stieß er solche Magistratsbeleidigungen aus, daß ihm in der Feudalzeit sicherlich lebenslängliches Verließ aufgebrummt worden wäre. Heute denkt man toleranter. Wer hoch steht, was thut es dem, wenn mal ein Quatschkopf belfert? – Wo die Tage jetzt blieben, das weiß ich: unterwegs. Es war so vielerlei zu besorgen, die Steckenpferde und die Trommeln für Fritz und Franz, dann Niedliches für Wilhelmine, für Betti ihre, für Weigelt's, für Frieda's – ich wollte sie so gerne behalten – für die Großen und – für meinen zweiten Feiertag. Erika hatte den Plan entworfen und ich und Dorettens Bräutigam, der Tapezierer und Dekorateur ist, wir führten ihn aus, indem das Berliner Zimmer durch gut halb mannshohe Zeltwände aus billigem Stoff und hölzernen Trägern in verschiedene Puppenstuben umgebaut wurde, aber derart, daß die Kinder selber darin spielen konnten und so zu sagen ihre eigenen Puppen waren, während wir Erwachsenen von oben hineinsehen konnten in das Getriebe der Kindheit. Da war eine Wohnstube, eine gute Stube, eine Küche, ein Kaufladen, eine Wache, und in der Mitte die Straße, und am Ende vor der Anrichte stand der Tannenbaum. Die Abtheilungen waren möblirt eingerichtet, jede in ihrer Art, die Küche mit einer Aufwasche, einem Heerd und so reizendem irdenen Geschirr, daß ich mich auf das Bänkchen setzte und am liebsten damit gespielt hätte. Sollte ich deshalb erröthen? Ist unser ganzes Leben nicht am Ende nur ein Spiel und Jemand, der weiß, wie große Kinder wir sind, sieht von oben zu und lacht uns nicht aus, weil er uns lieb hat mit all unseren Schwächen und Thorheiten. Und wir spielen bis das letzte Licht am Weihnachtsbaum herabgebrannt ist und es heißt: nun sagt gute Nacht, Kinder, es ist Zeit heimzugehen! Ich hatte es so eingerichtet, daß die Kleinen am Nachmittage allein kamen und dann die Großen, um damit das Spiel der Kinder im Gange wäre, und wir sie sich selbst überlassen könnten. Aber die Eltern spielten mit, bis ich sie mit Gewalt an die Verpflegung trieb. Onkel Fritz half exerciren, Betti in der Küche, Felix in dem Kaufmannsladen, aber weil er immer Rosinen zugab, daß das Kästchen bald leer war, kündigten sie ihm und Weigelts Franz übernahm den Handel. Als Parade gespielt wurde, mußten auch die kleinen Mädchen mit in Reih und Glied und wurde getrommelt und geblasen, daß es nur so dröhnte. Und dann wurde das Militär eingeladen und speiste in der guten Stube, wo Klein-Wilhelmine die Wirtin machte. Und dann spielten sie Braut und Bräutigam. Franz Weigelt war der Bräutigam und Klein-Wilhelmine die Braut. Sie kamen zu uns in das Zimmer und wir mußten sie leben lassen. Gerade als Onkel Fritz rief: »Das Brautpaar hoch, dreimal hoch,« traten Dr.  Zehner und Henni ein. Sie kamen aus Lingen, glücklich am Weihnachtsabend verlobt. Das war denn eine große Freude. Und Butsch und Frau erschienen; Herr Weigelt war durchaus nett gegen sie. –Max und Frieda hatten sich brieflich entschuldigt. Während Dorette und ihr Tapezier zum Abendbrot deckten, gingen wir zu den Kindern, wo ich an Groß und Klein verschiedene Scherzgeschenke vertheilen wollte. Der Tannenbaum brannte und nun kam eine Ueberraschung, die Erika mit den Kindern heimlich vorbereitet hatte. Unter dem Baum standen Fritz und Franz, in der Mitte klein Wilhelmine, die Knaben in rauhen Gewändern, die Erika verfertigt, mit Schäferstäben als Hirten, Wilhelmine in ihrem weißen Kleidchen mit zwei kleinen Flügeln und einem Schneeglöckchenkranz als Engel. Und dann sangen sie ein Weihnachtslied. Wir waren alle still; am stillsten Onkel Fritz. Sie hatten es noch nicht ausgesungen, als Dorette mir zuflüsterte, es sei wer die Hintertreppe heraufgekommen; so elend; eine Frau. – »Mit einem Knaben?« fragte ich. – »Ja.« – Draußen war ich. »Frau Naue, da sind Sie ja. Und Nante. So ist's recht.« – Die Frau schluchzte. Wie war sie verhärmt, wie jammervoll. Da war was geschehen, das sah ich auf den ersten Blick. »Warum kamen Sie nicht schon längst?« warf ich ihr liebreich vor. »Dorette, gieb der Frau erst mal eine Tasse Fleischbrühe und ein Brödchen und dem Kleinen desgleichen.« »Ick wußte nich wo un nich wer,« sagte sie, »aber als se mir in't Jlinik brachten, da fragte ein Herr, wo Nante bei den Hut käme, det wäre ja seinen Fritz seiner; da hab ick ihn't jesagt. Und jefragt, ob er die Frau kennen däthe? Und auf die Art bin ick hier.« »Sie sind krank gewesen?« fragte ich. »Ick bin't noch, aber et jeht. Sieber hat mir'n Tritt jejeben, von wegen Naten sein feinet Zeig, dett ick bin lang hinjeschlagen. Det war zu ville.« »Frau, Frau, welch ein Glück, daß Sie in der Klinik mit meinem Schwiegersohn zusammentrafen und Nante das rothe  F vorm Kopf hatte und der Rath es auch sah. Und Sie wollten nichts mehr von mir wissen, wo ich doch den Jungen so lieb hab. Wie es ihm schmeckt. Kommen Sie, Frau Naue, Sie sollen Weihnacht mit uns feiern. Ich seh' mir was drinn, daß Sie sich gerade heute hergefunden haben. Es giebt keinen Zufall, es giebt eine Lenkung über uns. Kennen Sie die Geschichte von dem Kandidaten im Stelzenkrug? Nein? Ich erzähle Sie Ihnen gelegentlich, mein Karl wird leichte Arbeit für Sie haben. – Oder müssen Sie wieder zu Ihrem Mann?« Sie schüttelte das Haupt, und alles je erduldete Leid vergrämte das schmale Gesicht. »Unser Jlück ist dahin für de jute Sache. Se sagen ja: det Weib is frei. Ick bin frei von ihn'n.« – Das sprach sie mit merkbarer Aufathmung. Dann brach sie zusammen und weinte bitterlich. Mein Karl suchte mich. Ich setzte ihm die Bewandtniß rasch auseinander. Die Frau blieb. Wir können nicht Allen helfen, aber doch jeder, wo er kann. Frau Naue fühlte sich gestärkt, mein Karl hatte drinnen erzählt wie es war, der Herr Rath erinnerte sich des Zusammentreffens, als er und Butsch die kleine Elsa Weigelt zur Operation brachten und ich führte die Frau und den Knaben hinein. Allerdings muß ich sagen, für regelrecht Veranlagte war das mit Zeltwand durchschorene Berliner Zimmer eine Klappssache, für Nante aber eine Entrückung in eine ungeahnte Welt. Er war scheu und stumm, er sah nur. Dann redeten die Kinder mit ihm und gaben ihm von den Sachen, die sie vorher empfangen. Als er sich eingesehen und eingelebt hatte, betrachtete er immer noch die geflügelte kleine Wilhelmine mit verwunderten Augen und blödem Unverständniß. Das fühlte sie wohl, und während Dorette die Pastetchen hineintrug, die wir zur Fleischbrühe haben wollten, und darauf Rinderbraten – aber kein altes Rückenkissen, sondern saftig und beißbar – nahm das resolute kleine Ding Fritz und Franz bei der Hand und ging mit ihnen an die Singstelle, und sie sangen unter dem strahlenden Weihnachtsbaum. Wir kannten das Lied schon von vorher, aber Nanten war es neu. Er lehnte sich an seine Mutter und umklammerte ihre Hand. Als sie seine hochrothen Wangen sah und die leuchtenden Augen, überflog auch ihr wachsbleiches Antlitz ein Schimmer von Glück, und mir schien, als wenn sie wie in Erinnerung mit einstimmte: Alle Jahre wieder Kommt das Christuskind Auf die Erde nieder, Wo wir Menschen sind.