Oskar Panizza Deutsche Thesen gegen den Papst und seine Dunkelmänner Leser, wenn dich an dieser Schrift etwas abstößt, so mußt du billigerweise bedenken, daß bei der Bedeutung dieser Sache nichts scharf genug gesagt werden kann. Hutten Das Buch dient dokumentarischen und wissenschaftlichen Zwecken, sein Inhalt findet nicht die ungeteilte Zustimmung des Verlags. Die erste Ausgabe dieses Buches erschien im Jahre 1894 unter dem Titel: Der deutsche Michel und der römische Papst – Altes und Neues aus dem Kampfe des Deutschtums gegen römisch-welsche Überlistung und Bevormundung in 666 Thesen und Zitaten . Die vorliegende Ausgabe ist eine Auswahl aus den 666 Thesen und Zitaten. Die Veröffentlichung erfolgt ohne Zusätze und Ergänzungen nach der Originalausgabe von 1894. Ich hab's gewagt mit Sinnen und trage keine Reu', mag ich nichts dran gewinnen – doch soll man spüren Treu' mit der ich's mein – nicht einem allein, wenn man's doch wollt' erkennen: dem Land zugut, wiewohl man tut, einen Pfaffenfeind mich nennen. Will nun ihr selbst nicht raten, diese fromme Nation, ihres Schadens sich's ergatten, wie ich's ermahnet hon, so ist's mir leid. Hiermit ich scheid. Will mengen bass die Karten. Bin unverzagt, ich hab's gewagt und will des End's erwarten. Hutten Aus dem Begleitwort des Michael Georg Conrad Wahn, Wahn, überall Wahn (Richard Wagners Hans Sachs) Wenn mein Sohn in die Jahre gekommen, will ich ihm dies Buch in die Hand geben und zu ihm sagen: Werde ein Mann, nimm und lies, denn hier ist Ehrlichkeit! Beschaue dir diese Welt, überdenke sie! Aus diesem Gedränge von Irrtümern soll die Wahrheit freie Bahn finden. Aus dieser Saat von Tollheiten soll reine Erkenntnis sprießen. Aus dieser Versammlung von Narren und Schurken, von Fratzenwesen und eingebildeten Halbgöttern, von Feiglingen und Helden soll eine geläuterte Menschheit wachsen. Aus diesem Erbe, bunt wie eine Trödelbude, sollst du dein Los ziehen. Aus diesem Tohuwabohu soll deine Seele nach eigenem Kontrapunkt Akkorde und Harmonien setzen. Aus diesem Chaos sollst du dir eine Welt zaubern, geordnet und schön, wert, deine Heimat zu sein und deines Geistes bleibende Statt. Aus dieser blutigen Verquickung von jahrtausendaltem kirchlichem Zwang soll deines Vaterlandes Freiheit erblühen. Werde ein starker Mann, mein Sohn, der keine Furcht kennt. Du weißt aus Natur- und Geschichtsforschung, und dein schlichtes Gefühl bezeugt dir's, woher wir Menschen stammen, wie in der Not und Trübsal des Entwicklungskampfes die Wissenschaften entstanden und die Künste und die Religionen, wie diese dann miteinander rangen, sich gegenseitig würgten und überholten in allerlei Offenbarungen und Testamenten, und wie heute, im Zeitalter der immer sieghafter hervorbrechenden Naturerkenntnis, alles Dogmatische nur noch als Überbleibsel längst vergangener Kulturzustände sein Dasein fristet. Überdenke dies, wenn du zu Schriften, wie der vorliegenden, nicht gleich den Reim findest. Jede Trennung der wissenschaftlichen Lehren und Erkenntnisse vom Leben, jeder Zwiespalt des Lebens mit der Allnatur stiftet Verwirrung und Unheil und verfälscht die Maßstäbe. Nur in der Einheit von Lehre und Leben, von Leben und Natur stehst du auf dem Grunde der Wahrheit, deiner Wahrheit, und bleibst deiner Menschenwürde und Willensherrlichkeit gewiß. Daß keiner über dein Gewissen herfalle, keiner dich mit Wortkünsten und scholastischen Blendwerken täusche, keiner dich mit welschem Dunst umneble, keiner dich fremde Wege führe, keiner deinen Heimatboden entwerte – sieh dich vor! Nichts ist wahr, was dem Sinn deines Lebens widerspricht, nichts ist geheiligt, was gegen deine eigene Natur streitet, nichts ist sittlich – gestatte dies von allen Unterdrückungssüchtigen und Scheinheiligen so gottesmörderisch mißbrauchte Wort –, was Ausnahmen von natürlicher Ordnung und Gesetzlichkeit fordert. Es gibt nicht zweierlei Wahrheit, denn es gibt nicht zweierlei Natur. Mit der Wucht der Einheit schlage sie nieder, die dir mit Dualismen und jenseitigen Regeln und Satzungen kommen wollen, den Mörderdolch wider Vernünftigkeit und Geistesfreiheit im heuchlerischen Gewande. Mit der Wucht der Einheit. Wer in Diesseits und Jenseits scheidet, will herrschen über die Diesseitigen, wer Göttliches und Natürliches trennt, will schwächen, damit seine eigene Macht den Vorteil habe. Alles war seither darauf gestellt in der Geschichte: Wille zur Macht, aber Wille in dieser Ausschweifung: Millionen Erwerbender und Darbender für tausend Besitzende und Genießende, Millionen Untertanen für hundert Herren, die ganze Christenheit eine Herde für einen Hirten, den Vizegott im Vatikan. Und damit diese Ausschweifung ihres Babylons froh werde und vor Zerstörung sicher sei, ward der Spruch erfunden: »Die Religion muß dem Volke erhalten bleiben.« Religion in diesem Sinne bedeutet aber nur: Kusch vor den Gewalthabern, kusch vor der Autorität der Priester, Wahrsager und Zeichendeuter. Religion in diesem Sinne aber ist Irr-Religion, Bestialität in der Maske der Göttlichkeit. Merkst du den Spuk? Wenn aber dereinst vom Vatikan kein Stein mehr auf dem andern sein wird und das mittelalterliche Rom toter als das antike, wenn es als unglaubliche Sage klingt das heute noch lebendige Märchen von der Unfehlbarkeit und den Verfluchungsbullen und den Himmelsschlüsseln und dem Pantoffel und dem Kastratengesang in der sixtinischen Kapelle: dann – Aber zu dieser Stunde äfft und narrt uns noch so vieles, sogar das Ladenschild eines Barbiers im vatikanischen Viertel in Rom, worauf ich in lebhaftester Erinnerung heute wie vor zwanzig Jahren die Inschrift lese in verwaschenem pompejanischem Rot: »Hier wird zur Ader gelassen, geschröpft und kastriert.« Heute noch – Nimm dieses Buch und lies! Es wird zuerst dein Herz bedrücken wie ein Alp, es wird dein Gehirn pressen wie Schrauben aus mittelalterlichen Folterkammern, es wird dich grabesnächtig anwehen wie aus Inquisitionskerkern, es wird dich andünsten wie schmorendes Menschenfleisch von Ketzer- und Hexenscheiterhaufen und wie Leichen- und Pestgestank von hundertjährigen Glaubenskriegen. Aber dann wird eine große Freudigkeit über dich kommen, eine helle, jubelnde Entschlossenheit und ein neues Heldengefühl. Du überwindest, wie deine Väter überwunden haben, du bist in unbezwinglicher Stärke gewachsen, beides im Geist und im Gemüt. Nun vollende, küsse den heiligen Boden deines Vaterlandes, erhebe den Blick zu seiner Sonne und hilf dein Volk zum Siege führen! So will ich zu meinem Jungen reden. München, 1894 Michael Georg Conrad Eingang Werfen wir doch die Fesseln der Dunkelmänner ab! Befreien wir uns doch von ihrem Joch! (Hutten) Ich weiß nicht, ob wir heute noch eine christliche Gesellschaft haben. Die übergroße Masse der deutschbewußten Menschen unserer Tage setzt ihren Stolz in ihre »Unchristlichkeit«. Die Katholiken, die sich von wenigen Intellektuellen gängeln lassen, wiederholen, soweit sie Agitatoren sind, eine seit Jahrhunderten eingeübte und auswendig gelernte katholische Fluchformel. Für einen geradlinigen Schriftsteller, wie den Verfasser, der nur den einen Anspruch erhebt: deutsch zu sein, könnte eine solche Betrachtung des zweifellosen Einschlafens des christlich-religiösen Interesses wenig Anlockendes bieten, wenn der unglückliche, religiös-politische Einfluß des Auslandes, des Vatikans – unglücklich, weil ausländisch –, sich entsprechend diesem weichenden Interesse vermindert hätte. Denn darüber kann heute kein Zweifel sein, daß das immer strengere Insichzusammenschließen der einzelnen Nationen jede ausländische Bevormundung, sei es in welcher Form nur immer, aufs bitterste empfinden muß. Nun sind aber die Forderungen des Vatikans im Hinblick auf politische Beeinflussung der Staaten der Welt in den letzten Jahren entschieden im Wachsen begriffen. Der Papst dringt in die Parlamente und entscheidet über Abstimmungen. Er beansprucht das Recht der Entscheidung bei seinen Angehörigen in allen Gewissensfragen; und wo käme bei einem ehrlichen Deutschen nicht das Gewissen in Betracht? Noch mehr: eine eigene pfäffische Soldateska, die in seinem persönlichen Dienst steht, lehrt und erzieht ihre Angehörigen in dem Sinne, daß jede Betonung der Interessen des Vaterlandes, jede Zusammengehörigkeit zur Heimat, jede Vaterlandsliebe im Interesse des Apostolischen Stuhls und der katholischen Religion zu unterdrücken sei; und verlangt für die Ausbreitung dieser ihrer Ansichten das Recht der Errichtung öffentlicher Schulen in Deutschland. Und das alles angesichts der zweifellosen Verminderung des Interesses für die christliche Religion überhaupt. Ein größerer Gegensatz läßt sich kaum denken: auf der einen Seite das immer entschiedenere Betonen der nationalen Zusammengehörigkeit; das Wachsen des Nationalstolzes; die Empfindung der Solidarität gemeinschaftlicher, vaterländischer Interessen. Auf der anderen Seite das Verlangen des Verzichtes auf jede Heimat, auf jedes Vaterland im Namen Gottes – wenigstens des jesuitisch-katholischen Gottes – und im Interesse der katholischen Religion. Und dies bei Deutschland, welches gerade durch den Zusammenschluß aller seiner so widerstrebenden Glieder seine überragende Stellung in Europa gewonnen, und durch seine nationale Einigung allen Gebieten, geistigen wie wirtschaftlichen, bei sich einen unvergleichlichen Antrieb gegeben hat! Hierzu kommt noch ein anderes: das römische Papsttum, weit entfernt, der religiösen Gleichgültigkeit Rechnung zu tragen, hat mit einer gewissen Verzweiflung die tollsten und wahnwitzigsten Zumutungen an das Gewissen seiner Angehörigen gestellt. Es hat durch Aufstellung des Syllabus im Jahre 1864 zwischen dem mächtigen Bau der exakten Wissenschaft im Abendland in der katholischen Kirche eine für alle Zukunft nicht mehr zu beseitigende Scheidewand aufgerichtet. Es hat durch Verkündigung des Dogmas der unbefleckten Empfängnis Mariä zum Entsetzen aller höher stehenden Katholiken gezeigt, daß es sich mit seinen Lehren nunmehr an den kindlichen Glauben von Köchinnen und Dienstmädchen wenden werde. Und es hat schließlich durch das Vatikanische Konzil, auf dem es, einen einzelnen Menschen für des Irrtums unfähig, wenn auch nur oder vielleicht gerade im Denken, erklärt, das einstimmige Gespött von ganz Europa herausgefordert. Und hierbei war es beachtenswert, daß eine immer gesteigerte Opposition von Seiten des Auslandes sich geltend machte: von den in einem Rundschreiben durch Pius IX. zu einem Gutachten über das zu verkündende Mariendogma aufgeforderten Bischöfen haben fast nur Vertreter aus Ländern des krassesten Aberglaubens und des Undeutschesten, was Welschland geboren, des Jesuitismus, sich zustimmend, und diese begeisternd, sich geäußert. Aber Pius, der gern süße Sachen aß, und für die eben so lüsternen Mäuler seiner südländischen Glaubensgenossen zu sorgen hatte, verstand nicht die eindringlichen Warnungen der hervorragendsten und weitblickendsten Köpfe und veröffentlichte dieses Konfektdogma am 8. Dezember 1854, ohne, wie es auf den alten Konzilien Brauch war, darüber abzustimmen, oder gar regelrecht darüber beraten zu lassen. – Dies war die erste Etappe der gewaltsamen Verwelschung deutscher Gewissen gegen den ausdrücklichen Willen deutscher Bischöfe lediglich auf den Willen einiger Jesuiten hin. Die Gläubigen kuschten, weil sie es so gewöhnt sind. Die nächste Etappe war die Enzyklika vom Jahre 1864 mit dem Syllabus, welche von der Wissenschaft, von der Politik, von der gesamten abendländischen Bildung, die in England, Frankreich und Deutschland vorzugsweise ihren Sitz hatten, blinde Unterwerfung unter die verfaulten Maximen der südromanischen Staaten, unter die Religions-Paragraphen einiger Jesuiten verlangte. Auch hier einmütige Frontmachung der bedeutendsten katholischen Köpfe im Norden Europas. Auf dem katholischen Kongreß in Mecheln, August 1853, hatte der berühmte Montalembert gesagt: »Von allen Freiheiten, die ich bisher verteidigte, ist die Freiheit des Gewissens nach meiner Ansicht die kostbarste, heiligste, berechtigste, notwendigste. Alle Freiheiten habe ich geliebt und ihnen gedient; aber ich rühme mich, der Streiter der letzteren zu sein. Ich erkläre: einen unüberwindlichen Abscheu empfinde ich vor allen Qualen und Gewalttaten, die man unter dem Vorwande, damit der Religion zu dienen, oder sie zu verteidigen, der Menschheit zugefügt hat. Die von einer katholischen Hand angezündeten Scheiterhaufen erregen eben so sehr meinen Abscheu wie die Blutgerüste, auf denen die Protestanten so viele Märtyrer hingeopfert haben. Der Knebel, welcher irgendeinem in den Mund gesteckt wird, redet aufrichtig für seinen Glauben; ich fühle ihn zwischen meinen eigenen Lippen und ich empfinde einen Schauder von Schmerz. Der spanische Inquisitor, der zum Ketzer spricht: die Wahrheit oder der Tod! ist mir ebenso verhaßt wie der französische Terrorist, der zu meinem Großvater sagte: die Freiheit, die Brüderlichkeit, oder der Tod! Das menschliche Gewissen hat das Recht zu fordern, daß man ihm nie mehr diese scheußliche Alternative stelle.« Die Enzyklika Pius IX. aber hatte gesagt: »die Lehre, die Freiheit des Gewissens und des Kultus sei einem jeden Menschen eigenes Recht, welches durch das Gesetz ausgesprochen und in jedem wohleingerichteten Staat gesichert werden müsse, und die Bürger hätten Anspruch auf die volle Freiheit, ihre Meinungen, welche sie auch sein möchten, laut und öffentlich kund zu geben, durch das Wort, durch den Druck, oder in anderer Weise, sind verwegene Behauptungen und Wahnsinn! « Und die nun folgende Verdammung von Irrtümern ließ darüber keinen Zweifel, daß jeder Staat, der in diesem Geleise sich bewege, das Schicksal Spaniens, oder doch Österreichs haben werde. Es kommt uns darauf an, hier zu zeigen, daß die Spaltung nicht zwischen Katholizismus und Protestantismus, nicht zwischen Katholizismus und der modernen Staatsrechtslehre, sondern zwischen Katholizismus und Katholizismus, zwischen südländischer, neapolitanisch-versumpfter Auffassung der Religion als eines Fatums, und nordischem Freiheit-Bewußtseins, zwischen verwelschter, käuflicher Jesuiten-Moral und germanischer Gewissens-Betonung, zwischen Unverantwortlichkeit und Verantwortlichkeit, eingetreten war. Die dritte, und vorläufig letzte Etappe des Versuchs welscher Religions-Zentralisierung in Rom war das vatikanische Konzil 1869-1870 und die Unfehlbarkeits-Erklärung des Papstes. Hier haben die deutschen Katholiken sich am energischsten gewehrt. Die andern, die Protestanten, die Indifferenten, die hohe Politik ging die Sache schon gar nichts mehr an. Die wirklichen Geistesmächte des Abendlandes fanden es schon gar nicht mehr der Mühe wert, aufzubegehren. So groß war die Kluft zwischen modernem Bewußtsein und den kindischen Versuchen eines in weiße Seide gekleideten Greises, sich zu vergotten. Auf dem Konzil selbst hielten sich die deutschen Bischöfe neben den französischen und ungarischen sehr wacker. – Der Papst selbst benahm sich in der kindischsten Weise: »Ich – sagte er zum Kardinal Schwarzenberg – ich, Giovanni Maria Mastai, glaube an die Unfehlbarkeit; zwinget Ihr den heiligen Geist, daß er Euch erleuchte!« – Und, wie das Tauschgeschäft und die merkantile Abwicklung in der katholischen Kirche bis in das Tiefste und Letzte, bis in das Bußsakrament, eingedrungen ist, läßt er sich vom Kardinal Patrizzi bei einem Empfang mit den Worten anreden: er, der Papst, »habe die Unfehlbarkeit redlich verdient als Belohnung für die große Ehre, die er der Jungfrau Maria erwiesen«, indem er ihre Unbefleckte Empfängnis proklamierte. Und heute? – Ist alles beim alten! – Warum? – Es fehlte an dem nationalen Widerstand, an dem sich die Bischöfe hätten anhalten können. Wir haben diese Orientierung vorausgeschickt, um zu der These zu gelangen, daß der Verwelschung des deutschen Gewissens, wie sie vom Vatikan aus seit einem halben Jahrhundert betrieben wird, nichts im Wege steht. Die Regierungen wollen nur um Gottes Willen Frieden; und lassen selbst die Jesuiten herein, wenn sie damit den Frieden mit Rom erkaufen können. Was Verwelschung des deutschen Gewissens heißt, sehen wir in Sitten und Gebräuchen in Tirol, sehen wir in Bayern, den Rhein hinauf und anderwärts. Und die ethische Forderung dieses katholischen Gewissens lautet auf den ultramontanen Versammlungen und in den Institutionen der Jesuiten: Du mußt den Papst höher stellen, als Dein deutsches Vaterland! Für den deutschen Katholiken, der sein Vaterland höher stellt, als einen Kardinal im Vatikan, gibt es nur eines: Los von Rom. – Aber die Bewegung muß vom Volk ausgehen. Denn die Oberen sind schon seit 20 Jahren gebunden und gefesselt. – Wir haben im folgenden einige Kapitel der römisch-katholischen Lehre von diesem Standpunkt aus beleuchtet; nicht als Katholik, nicht als Protestant, sondern als Deutscher. Und nicht vom Standpunkt einer besseren oder schlechteren transzendentalen Anschauung; sondern vom Standpunkte einer drohenden sinnlich-religiösen Vergiftung des deutschen Gemüts. – Wir beginnen mit der großen, schlüpfrigen Göttin der Päpste, mit der Jungfrau Maria. – Maria Groß ist die Diana der Epheser (Apostelgeschichte 19, 24) Keine christliche Göttin – die Drei-Einigkeit nicht ausgeschlossen – hat eine so rasche und glänzende Siegeslaufbahn genommen, wie die Maria. – Was habt Ihr, Papisten, nicht alles aus dieser simplen Jüdin gemacht? – An ihr herumgezerrt, sie geputzt, geziert, behangen, parfümiert, bis aus ihr die große Herrscherin im Himmel, die nicht zu umgehende Mittlerin, der große Unterrock der katholischen Kirche wurde, unter dem Euch so wohl ist?! Eure Religion ist eine Unterrock-Religion ! – Die Geschichte begann auf dem Konzil in Ephesus im Jahre 431. Dieses nannte sie »Gottesgebärerin«, während der Patriarch von Konstantinopel, Nestorius, ein kluger und besonnener Mann, sie »Menschengebärerin«, im besten Fall »Christusgebärerin« nennen wollte. In der Religion geht es wie im Wahnsinn: der Tollste hat Recht! Der Vernünftige muß unterliegen. Es handelt sich nur darum, glücklich den Instinkt der Masse vorzuriechen. »Gottesgebärerin« ward die Jüdin auf diesem Konzil. Und gleich hier schloß sich der hübsche, hierarchische Zug an, daß sofort erklärt wurde: »Wenn einer Maria nicht als Gottesgebärerin annimmt, der ist getrennt von der Gottheit!« Es ist dasselbe Schema, welches auch später beibehalten blieb! Und nun gibt es bald keine Grenzen mehr. Unbefleckte Taube wird sie jetzt genannt, Kleinod der Welt, unauslöschliche Lampe, Gefäß des Unerfaßlichen, Wegen welcher die Engel Reigen tanzen, die Erzengel aufspringen, furchtbare Hymnen austönend, der Festplatz des Erlösungsvertrags, das Brautgemach, die einzige Brücke Gottes zu den Menschen, der fruchtbare Webstuhl der Heilveranstaltung, auf welchem auf unsagbare Weise das Kleid der Vereinigung gewoben wurde, dessen Weber der heilige Geist, die Spinnerin die überschattende Kraft, die Wolle das alte Vließ des Adam, der Einschlag das unbefleckte Kleid der Jungfrau, die Weberlade die Gnade des Boten Gabriel. Wir befinden uns im Orient. Freilich! Aber die katholische Kirche befand sich stets im Orient. Ihre schwülstigen Gebärakte und brünstigen Sinnlichkeiten, mit denen sie die einfachen Christus-Lehren ausstaffierte, sind alles orientalische Arbeit. Orientalen waren ihre Liguori, ihre Sanchez, ihre Excobar, ihre Perrone, Malou und Pius IX. Treffliche Leute für ihre Kreise, für ihre Religion, für ihre Völker, die Welschen. Aber nicht für uns Deutsche. Seit Jahrhunderten wehren wir uns gegen diese wollüstigen Lehren, die im Vatikan fabriziert werden. Besonders gegen die Schlüpfrigkeiten im Marien-Kultus. Unser nordischer Sinn ist zu einfach und zu empfindlich für diese Sorte Religion. Und die Päpste wollen nicht begreifen, daß wir diesem pornografischen Kultus keinen Geschmack abgewinnen können. So wenig wir begreifen, daß man in den Händen fast jedes welschen Priesters gemeine Fotografien findet. Eines Tages werden sie es aber begreifen müssen. Die Nationen werden auch auf diesem Gebiet reinliche Scheidung vornehmen müssen. Höre ich stundenlang und tausendfach die folgende unartikulierte Weise, rhythmisch, nicht dem Sinn, sondern der Bequemlichkeit nach, von deutschen Frauen betont: »Gägrüsst saist Du Maria, Du best voller Gnaden, der Härr ist mit Dir, Du best gebenedaiet unter den Waibern, und gebenedaiet ist die Frucht Daines Laibes, Jesus Christus, Amen. Heilige Maria, Mutter Gottes, bett' für uns arme Sünder, jetzt und in där Stunde des Abstärbens, Amen.« – so wendet sich in mir das Geblüt, und ich schaudere über den Einfluß, welcher aus braven Menschen solche Puppen und Pagoden machen konnte. Diese einfache Jüdin, die wie jede andere in Schmerzen ihr Kind geboren hat, habt Ihr mit dem Rosenöl Eurer extravaganten orientalischen Phantasie übergossen, und uns im Norden so unerträglich gemacht. Denn wir verachten penetrante Gerüche. Dieses Weib, welches ihr wie eine Boudoir-Königin geschminkt, geziert und behängt habt, stieg zuletzt in Eurer wahnsinnigen, von sexuellen Beimischungen nicht freien Verehrung bis über Gottes Thron hinaus, wurde, »Mittelpunkt des Weltalls«, Mittelpunkt der christlichen Religion. Wären Papst und Pfaffen, wie einmal vorgeschlagen worden ist, vor Beginn ihrer Amtstätigkeit in Konsequenz ihrer Gelübde kastriert worden, es wäre nicht so weit gekommen: Eine simple Jüdin an Stelle der Figur eines Christus getreten, eine x-beliebige an Stelle des Lehrers der Menschheit, und als »Erlöserin«, als »Sündenvergeberin«, die Euch »von ihrem Fleisch zu essen«, »aus ihren Brüsten zu saugen« gibt, – das ist das Resultat Eurer Jahrhunderte langen schmutzigen Arbeit, Papisten! – Ich hätte nichts dagegen, wenn Ihr die Jüdin außer zum »Mittelpunkt der Erde«, zur »Ergänzung der Drei-Einigkeit«, zur »Mit-Erlöserin« und was Ihr ihr sonst noch angedichtet habt, endgültig zur Haupt-Gottheit des Christentums erhebt, wie es jetzt im Zuge ist, so daß sie die Sünden vergibt und uns den Himmel aufmacht. Statt dessen hat sie nur – geboren. Das haben die meisten übrigen Weiber auch. Ein Verdienst, recht groß, aber nicht groß genug, um zur Universalgöttin erhoben zu werden. Wie die Sache jetzt liegt, habt Ihr sie zur göttlichen Puppe gemacht, mit Gold und Firlefanz behängt, ihr ein Lächeln angelogen, Schwerter und Schmerzen angedichtet, und sie mitsamt ihren Schmerzen so verzuckert, daß das Gericht, außer für welsche Weiber, gar nicht mehr zu genießen ist. In der großen römischen Götter-Familie : Gott-Vater, Gott-Sohn, der heilige Geist, Maria, die heilige Anna und der Papst, sieht man sofort aus der Summe der Beinamen, aus den nach allen Seiten hin sich erstreckenden Beziehungen, wer eigentlich der Mittelpunkt des Systems, von welcher Richtung die meisten Strahlen ausgehen. Nur mit Grauen zitieren wir die folgenden Ehrentitel, die auf die merkwürdigen polytheistischen, blutschänderischen Beziehungen dieser katholischen Familie ein sattsames Licht werfen: Die heilige Anna ist Großmutter Gottes, Mutter der Maria, Schwiegermutter des heiligen Geistes. – Maria: Tochter Gott Vaters, Tochter der heiligen Anna, Gemahlin Gott Vaters, Tochter der Drei-Einigkeit, Mutter des Sohnes, Schwester des heiligen Geistes, Braut des heiligen Geistes, Gemahlin des heiligen Geistes, Vertraute der Drei-Einigkeit, Monstranz der Drei-Einigkeit, substantiell mit der Trinität vereinigt, die vierte Person der Drei-Einigkeit. – Gott-Vater: Vater des Sohnes, Vater der Maria, Gemahl der Maria. – Christus kommt mit zwei Beiworten weg: Sohn Gottes, Sohn der Maria. – Der Papst : Stellvertreter Christi, Gott auf Erden, Vize-Gott, kennt die Mysterien Gottes, bespricht sich familiär mit Christus, öffnet den Himmel, ist der Sohn Gottes, auf Erden allgegenwärtig. – Wir meinen, die Deutschen sollten mit diesem Rattenkönig von Verwandtschaften nichts zu tun haben, und Hände und Gewissen rein erhalten. Wer in diesem göttlichen Bilderkreis die eigentliche Göttin ist, darüber kann wohl kein Zweifel bestehen. Und bald sorgten Spekulation, Sinnlichkeit, Phantasie und zölibatisches Denken dafür, ihr aus der katholischen Kirche ein bequemes Bett zu zimmern. Die schönsten Kirchen wurden ihr gebaut, die Hauptaltäre ihr geweiht, ihre Statue überall vorne hin gestellt, und eine eigene Gebetsformel und ein eigenes Gebets-Werkzeug für sie erfunden, der Rosenkranz. Ein Weib begnügt sich nicht mit der stillen Verehrung ihrer Anbeter; es mußte viel, fortwährend und laut gebetet werden; 150 Ave-Maria's enthält ihr Gebets-Werkzeug; und jedes Ave bringt nach der Verordnung Benedikt's XIII. hundert Tage Ablaß. Das war eine lustige, bequeme, süße und sinnliche Religion. »Was soll man dann allhie sagen von dem großen Geschmück in den Kirchen, der von Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen und allerlei Geschmeide zusammengebettelt ist? Von den köstlichen Gemälden darinnen, von den Bildern und Tafeln, die unaussprechlich viel gekostet haben. In dem allen spüre ich gar keine Andacht, kann auch nicht denken, wie etwas Gutes von solchem Gezier kommen möge. Denn keine Buhlerin mag sich üppiger oder unschamhafter bekleiden oder zieren, als jetzund die Mutter Gottes, St. Barbara, Katharina und andere Heiligen.« – So heißt es im »neuen Karsthans« aus der Zeit Huttens. Ritterorden werden zu ihrer Ehre gestiftet; Erzbruderschaften gegründet, die sich nur mit ihrer Person und der Rosenkranzarbeit beschäftigten, sie besiegt die Sarazenen in Palästina, die Mauren in Portugal; baut die Kirche zu Chartres; heilt alle Kranken, Lahmen, Taubstummen; ihr Wohnhaus wird von den Engeln aus Palästina nach Loretto in Italien getragen, und ist dort der Anlaß zum Zusammenströmen großer Geldsummen; der heilige Franziskus gründet ihr zu Ehren den sog. Portiunkula-Ablaß, der erste Fall des Sündenvergebens durch sie, an einem bestimmten Ort und gegen Bezahlung; sie macht unfruchtbare Weiber fruchtbar; der Ritter, der zu ihr hält, gewinnt die Schlacht und die Geliebte; einzelne Orden, wie die Franziskaner, ergeben sich ganz ihrem Dienst; andere Orden, wie den Jesuitenorden, gründet sie; Urban IV. stiftet den Orden der »Miliz der Jungfrau«; drei italienische Edelleute den Orden der »Miliz der unbefleckten Empfängnis«; andere Orden, die sich ihren Dogmen oder ihrer göttlichen Verehrung entgegenstellen, wie die Dominikaner, verfolgt sie mit heftigem Zorn; sie besiegt die Engländer gegen die Franzosen; hunderte ihrer Bilder wirken auf wundertätige Weise, verdrehen die Augen oder schwitzen Blut; sie erscheint in zahllosen Visionen, unterhält mit einzelnen Heiligen und Asketen familiären Verkehr, wird im ganzen Abendland auf Bäumen, Wiesen, bei Quellen, in der Luft sichtbar; Mann, Weib und Kind tragen ihre Medaille; und diese Medaille heilt die schwersten Krankheiten wie Aussatz, Pest, Hundswut – und Protestantismus. Die Sorbonne in Paris ernennt niemanden zum Doktor, der nicht vorher einen Revers zugunsten ihrer unbefleckten Empfängnis unterzeichnet hat. Kaum aber hattet Ihr Eure Göttin spekulativ sichergestellt, und ihr als »Mittlerin zwischen Gott und Menschen« die Stelle Christi in den Herzen Eurer Anhänger angewiesen, so stürzten sich die Jesuiten, diese Maulwürfe in der katholischen Kirche, auf den jungfräulichen Leib ihrer Auserwählten und durchschnüffelten, durchbohrten, durchsaugten und durchrochen ihn, wie Ratten ihr Kellernest, bis jede Faser von ihr dogmatisch-sensualistisch verwertet war. Den ganzen Leib der Maria habt Ihr, wie Anatomen die Leiche zur besonderen Erklärung, in Regionen eingeteilt, und bis auf den Unterleib keine vergessen; und jede derselben besonderer Verehrung überwiesen; mit ihren Sekreten schlüpfrig-symbolischen Unfug getrieben und alles als »Offenbarungen Gottes« der staunenden Welt verkündigt. Solcher Dreck paßte für die geilen Welschen, die auch die Religion nicht ohne haut-gout genießen können; es war aber kein Gericht für die gesunden Deutschen. Schon bei dem Mönch Damiani im 11. Jahrhundert, dem zelotischen Helfershelfer von fünf Päpsten, finden wir die deutliche Absicht der katholischen Kirche, durch brutalste Vorführung der Geschlechtsvorgänge bei der Geburt das Interesse der Gläubigen für die Maria zu erwecken. So sagt er u. a.: »Gott selbst sei durch die Schönheit der Maria in sinnlicher Liebe zu ihr entbrannt, und solcherweise die Befruchtung der Maria zustande gekommen; sie fühlte den in ihre Eingeweide hineingefallenen Gott und dessen in der Enge des jungfräulichen Bauches eingeschlossene Majestät.« Der Dominikaner Alanus de Rupe erzählt »eines Tages sei die Jungfrau Maria in seine Zelle gekommen, habe aus ihrem Herzen einen Fingerring geflochten und sich mit demselben ihm verlobt; sich auch von ihm küssen lassen, und ihre Brüste ihm zum Berühren und daran zu Saugen hingereicht; nicht anders, als wie es zwischen Braut und Bräutigam geschieht«!! Was ist das aber alles gegen die Leistungen der Jesuiten: Einer dieser Schlecker lehrte: Maria gebe den mit dem Teufel Ringenden von dem süßen Inhalt ihrer Brüste zu kosten! In München wurden von den Jesuiten 1559 in der Michaeliskirche »allerley Haarbüschel« der Maria, ihr Schleier und ein Stück ihres Kammes gezeigt, und eigene Andachten für diese Gegenstände eingerichtet. – »Praecellus Uterus« – »Ausgezeichnete Gebärmutter« – beginnt der Jesuit Pontan einen Triumphgesang auf die verschiedenen Körperteile der Maria unter Hervorsuchung solcher, die mit dem Geschlechtsleben zu tun haben; ein Poem, das, auch nur lateinisch, hier mitzuteilen, zu anstößig sein dürfte. Wir schreiben das Jahr 1764. Während solches in München als höchste Leistung katholischer Frömmigkeit und jesuitischer Fingerfertigkeit produziert wurde, dichtete Klopstock als Ausdruck tiefster Verinnerlichung protestantischer Frömmigkeit hoch im Norden an seinem »Messias«. So hatte sich damals Deutsch und Katholisch geschieden. Ich frage Dich, Leser, auf welcher Seite war damals der deutsche Geist? Und wenn die Antwort hierauf nicht zweifelhaft sein kann, so frage ich weiter: Kann jemals Deutsch und Katholisch in alle Zukunft hin sich decken? Doch wir müssen im Dreck, d. h. in der katholischen Mariologie, weiterfahren. Etwa um die gleiche Zeit, etwas vorher, läßt sich der Jesuit Suarez in eine langwierige Untersuchung ein, ob Maria Christus mit oder ohne Nachgeburt auf die Welt gebracht habe; und entscheidet sich für letzteres. Ohne einen Kursus in Frauenkrankheiten durchgemacht zu haben, dürfte es für einen Professor der Dogmatik in einem Priesterseminar heute kaum mehr möglich sein, in dieser Materie das Wort zu ergreifen. Bände werden darüber verschmiert, ob die Erzeugung der Maria durch ihre Eltern Anna und Joachim mit oder ohne Wollust-Empfindung einhergegangen sei. Und Maria d'Agreda bestätigt in ihrer »Biographie« der Mutter Gottes, die diese ihr selbst in die Feder diktiert habe: »die heilige Anna und der heilige Joachim hätten keine sexuelle Lust empfunden, der Erzengel Gabriel habe ihre, der Maria, unbefleckte Empfängnis ihrer Mutter, der heiligen Anna, vorher angezeigt; sie habe dann an einem Sonntag stattgefunden, und Anna und Joachim hätten sozusagen auf Befehl des Engels gehandelt«. Bei Maria selbst, sagt Oswald, muß unterschieden werden: Maria als Mensch, und Maria als Weib; als Weib war Maria fleckenlos; als Mensch mit Sünden behaftet. Ferner: Die Sündlosigkeit der Seele, wie sie die Taufe bringt, sagt Oswald, muß genau unterschieden werden von der Begierlichkeit, die im Fleisch steckt; nur um die erstere handelt es sich bei der unbefleckten Empfängnis Mariä; von letzterer war sie zwar auch frei; aber unterschieden müssen beide doch werden. – Genau muß schließlich unterschieden werden zwischen der rein fleischlichen Sinnlichkeit, dem sexuellen Verlangen, und dem nur auf Erzeugung von Nachkommenschaft hinzielenden Begehren. Die erstere hatte Maria überhaupt nicht; die zweite wohl; sie wurde aber ausgelöscht; hatte sie also auch nicht. Trotzdem müssen beide unterschieden werden. Nun bei den Herrn Geistlichen ist es jedenfalls umgekehrt: bei ihrem Verkehr mit ihren Beichtkindern (s. u. »Zölibat«) sind sie jedenfalls von der Absicht auf Nachkommenschaft frei; während die Sinnlichkeit – ich schätze – vorhanden ist. Doch wir müssen weiter in unserem Gebär-Kursus: Die »jungfräuliche Empfängnis« wird weiterhin auf fünf Seiten abgehandelt: a) Mariens Leib ist bei der Überschattung durch den heiligen Geist von außen nicht beschädigt worden: »das Siegel der Jungfrauschaft an ihrem Fleisch ist nicht verletzt worden.« – b) »wir müssen die jungfräuliche Empfängnis als einen Vorgang im Innern des leiblichen Organismus betrachten«; dabei hören wir die erstaunliche Tatsache, »daß Maria bei der Empfängnis nicht das gemeine, unsaubere Menstruationsblut verwendete, sondern statt dessen das reinste, lauterste Herzensblut. – c) »die Überschattung durch den heiligen Geist ging ohne jede lüsterne Regung vor sich; aber ein körperliches Gefühl hatte Maria doch; eine geistige Ekstase, ein Verschlungensein des Fleisches durch den Geist.« Hm! Nach der »Empfängnis« die »Schwangerschaft«. Wir erfahren: »Die inneren Gefäße ihres heiligen Leibes sind nicht verletzt, zerrissen, gequetscht oder durchbrochen worden; da nun die jungfräulichen Organe ohne jede Verletzung das Gotteskind fassen konnten, so muß ein gegenseitiges Durchdringen des Fleisches Christi und des jungfräulichen angenommen werden, d. h. daß beider Leib in derselben Raumstätte anwesend waren«. Ich begreife nur nicht, warum der liebe Gott, statt die anatomischen und physiologischen Einrichtungen des menschlichen Körpers so fürchterlich zu mißhandeln, der Maria nicht lieber das Christuskind hinten am Kragen oder vorne beim Fürtuch herausgezogen hat. Ähnlich wie Minerva fix und fertig aus dem Kopf Jupiters heraussprang. Wie seid Ihr aber auch mit den drei Personen der Drei-Einigkeit umgegangen! Hier ist es wirklich schwer, keine Satire zu schreiben: Den »heiligen Geist«, überall habt Ihr ihn beseitigt, niemals ist er »komplett« (Nicolas); er ist zwar der »Bräutigam der Maria« (Liguori), sogar der »Gemahl der Maria« (Nicolas); trotzdem darf er nicht zur Ausübung seiner Rechte schreiten, denn »er ist nicht das Prinzip einer persönlichen Zeugung« (Nicolas); er darf nur »überschatten«, oder, »in Maria wohnen«, trotzdem muß er »operieren« (Laforet); und erst durch diese »Operation« wird er, der heilige Geist, »in der Jungfrau Maria und durch sie komplett« (Nicolas). Die Wirkung dieser »Operation« ist die Befruchtung Maria's; aber nicht er ist der Erzeuger dieser Frucht, sondern Gott; denn er, der heilige Geist, ist nur der »Repräsentant des zeugenden Prinzips« (Nicolas). – Kein Wunder, wenn ein so beschaffener heiliger Geist, der nie komplett, sondern nur halb ist, und erst von Maria in seiner Vollständigkeit abhängig ist, eines Tages ganz verschwindet. Nicht viel besser habt Ihr's mit Christus gemacht. Ihn, den Mittelpunkt der christlichen Lehre, habt Ihr dogmatisch zur Puppe degradiert, nur um Maria, Euren großen Unterrock, zu steifen und zu stärken: Nicht, weil er Christus, sondern weil er der »Sohn der Maria« ist, wird er verherrlicht: »Von Maria nimmt der Sohn Gottes diese wunderbare Verherrlichung an, die glorreicher ist denn die als Sohn Gottes« (Nicolas). – »Christus wurde nicht der Sohn Maria's, um in die Welt zu kommen, sondern er kam in die Welt, um der Sohn Maria's zu sein«!!! (Nicolas). Infolgedessen besitzt sie »Autorität« über ihn (Nicolas) Sie »weist ihm gegenüber auf ihre Verdienste hin« (Oswald) Sie ist »das wahre Bindemittel des Diesseits mit dem Jenseits«, »im eigentlichen Sinn die Mittlerin«, »sie ist uns die Nächste«, »alle Gnaden, welche vom Himmel auf die Erde herniedersteigen, gehen durch ihre Hände« (Oswald) und »ist als Erlöserin der Menschheit ihrem Sohne gleich«. Nicht anders seid Ihr mit dem alten Herr-Gott umgesprungen: »Maria verleiht Gott Vater eine unendliche Größe, die Er nicht in der Welt hatte, indem sie ihm seinen Sohn unterwirft: und in diesem Sinn erhöht und vervollständigt sie seine Majestät um den ganzen Unterschied des Wertes« (Nicolas); »Gott ist zu Pflichten Maria gegenüber gezwungen« (Guillou). Und Nicolas fügt hinzu: »Wir sagen hier nichts, was ein Katholik, ein Christ, ein Protestant sogar, nicht unterschreiben dürfte« Und jetzt, lieber Leser, lies einmal eines der ersten drei Evangelien, in denen doch Alles steht, was wir über Maria wissen, und dann erwäge die große Schwindelfabrik der Päpste. Aus der Vergessenheit habt Ihr diese einfache Jüdin hervorgezerrt, sie aufgeschmückt und aufgeputzt, und sie vergrößert, und zuletzt aus ihr den großen Unterrock der katholischen Kirche gemacht, unter dem Ihr Euch alle gläubig versammelt, und dann freilich nichts anderes als Unterrocks-Dogmen und Gebär-Vorgänge erblickt und konstruiert. Nun, und die Wirkung ist nicht ausgeblieben. Was Ihr wolltet habt Ihr heut erreicht. Maria ist die Göttin des Christentums. Wer etwas braucht, kommt zu ihr. »Auf ihr, sagt Pius IX., beruht unsere einzige Hoffnung«. Nur auf Gebete zur Maria ist Ablaß und Sünden-Vergebung ausgeschrieben; Sünden-Vergebung auf 30 Jahre, 25 Jahre, 15 Jahre, 10 Jahre, 7 Jahre, 60 Tage und auf Lebenszeit; je nach Ort und Zahl der Gebetsleistungen. Die Religion ist verweibst. Die Männer lachen. Als das Unfehlbarkeitsdogma im Anzug war, und einige Männer in München und sonstwo revoltierten, sagte man ihnen: Habt Ihr die »unbefleckte Empfängnis« geglaubt, könnt Ihr das auch noch glauben! Damit war der Gipfelpunkt der Verweibsung des Göttlichen, der Hysterischmachung des Himmels gekennzeichnet. Gebetet wird nur noch von den Weibern. Und auch hier meist nur von den alten. Und von diesen gegen Bezahlung. Auf den Friedhöfen der großen katholischen Städte stehen diese verwelkten Gestalten am Aller-Seelen-Tag, wie die Klageweiber zu Zeiten der Römer, und plärren und kauen mit den eingefallenen Kiefern ihre Tausende von Ave-Maria's gegen wenige Groschen herunter; während ihre Auftraggeber, die vornehmen Herren und Damen, die Nachkommen der in den Gräbern Ruhenden zu Hause auf dem Sofa liegen und die Zeitung lesen, zu empfindlich, um diesen verweibsten Kultus mitzumachen; zu stolz, um den großen Unterrock im Himmel für die Ruhe der Seelen ihrer Vorfahren im Fegfeuer anzuflehen. Das Beten ist wie das Tapezieren ein Geschäft geworden, welches in den Händen einzelner, eben dazu Befähigter, ruht. In Tirol kauft man die Gunst der Maria wie Wurscht und Käs. Wer selbst nicht Lust oder Zeit hat, zu beten, läßt es durch andere verrichten: »Ein Vaterunser mit Ave-Maria kostet drei Kreuzer; ein Rosenkranz, bestehend aus sechs Vaterunsern und 60 Ave-Marias, kostet zwanzig Kreuzer; eine lauretanische Litanei mit den dazu gehörigen Gebeten zehn Kreuzer; ein ›Gelobt sei Jesus Christus!‹ wird als Draufgabe dazu getan. Höher im Preis steht ein Rutschen auf den Knien um den Altar, oder gar ein ausgestrecktes Liegen in Kreuzesform auf dem kalten Steinpflaster.« Die dogmatisch-wissenschaftliche Form für diesen Unterrocks-Kultus lautet: »Wir verehren Maria hyperdulisch, widmen ihr einen spezifisch höhern Kult, weil sie Mutter Gottes und als solche Repräsentantin ihres Geschlechtes ist. Ihr Verdienst ist ein wesentlicher Beitrag zur Erlösung der Menschheit. Auch ist der himmlische Instanzenzug für das Gebet vollkommen klar. Christus ist Mittler. Maria auch Mittlerin als Christmutter. Christus vermittelt bei Gott und Maria vermittelt beim Sohne. Diese beiden Instanzen sind wesentlich. Die Heiligen sind nur Mittler durchaus im sekundären Sinn. Sie können bei ihrem Einschreiten der Gottheit nur Verdienste vorhalten, und zu unsern Gunsten geltend machen, die nicht so recht ihr Eigen sind. Maria bei ihrer Advokatie hält aber von ihrem Eigenen dem Sohne vor, sie verweiset auf ihre verdienstliche Muttertätigkeit: sie weist auf ihre Brüste und Zitzen hin.« Man beachte die merkantile Sprache! Immer ist es das kaufmännische System der Leistung und der Gegenleistung, welches durch die gesamte katholische Auffassung, durch ihre Ablaß-Lehre wie Pönitenz-Taxen geht, und dessen Schema lautet: Ich habe das und das getan, gebetet, gewallfahrt', was bekomm' ich dafür? Es ist das Zwei-Kreuzer-System für ein Ave-Maria in Tirol, das sich bis in ihre besten dogmatischen Köpfe und bis in den katholischen Himmel fortsetzt; auch dort verkehren die Gottheiten wie Kaufleute: Maria weist auf ihre Brüste hin als auf eine Leistung; sie präsentiert sie wie einen Wechsel; und Christus muß honorieren. Man mag Heide oder Türke sein, an Christus glauben oder nicht, jeder weiß, glaube ich, soviel, daß Christi Lehre in ihrem ursprünglichen, naiven Ausdruck das Gegenteil davon war: Gnade auch ohne Verdienst; Mitleid auch wo jede Gegenleistung gänzlich ausgeschlossen ist. In meiner Heimat, bei Würzburg, einem der gesegnetsten Landstriche unseres Vaterlandes, liegt hart am Main ein kleiner Hügel mit Namen »Käppele«. Ich weiß nicht mehr, wie viel hundert Stufen dort hinaufführen; es ist ein prächtiger Aussichtspunkt; an den Geländen wächst köstlicher Wein und das ganze Land ringsum ist ein Eden an Üppigkeit und Wohlgeruch. – Auf diesem »Käppele« findet die gemeinste Form weiblicher Prostitution statt, die mir je in meinem Leben vorgekommen ist. – Kann die Polizei keine Abhilfe treffen? – Die Polizei kümmert sich gar nicht darum, weil sie sich in kirchliche Dinge nicht mischt. – Kann die Kirche keine Abhilfe treffen? – Die Kirche unterstützt den fabelhaften Vorgang; und derselbe ist ihr Werk. – Es war an einem Sonntag-Vormittag und die Sonne vergoldete die dem Herbst entgegenreifenden Weinhügel. Ich hatte einige der gewiß über hundert Stufen betragenden Serpentinen hinter mir, als ich bei einer Biegung des Wegs einen dick zusammengepferchten Haufen junger Mädchen, es waren meist Bauerndirnen, gebückt und knieend die blanken Steinstufen langsam, eine nach der anderen, hinaufrutschen sah. Gleichzeitig schlug ein unverständliches Summen an mein Ohr, welches das Resultat einer mit fabelhafter Schnelligkeit produzierten Zungenfertigkeit war. Näher kommend bemerkte ich, wie jedes der Mädchen auf jeder Steinstufe längere Zeit sich aufhielt; und aus dem Lippenschnurren erkannte ich, – obwohl mit dem örtlichen Dialekt genügend vertraut, – nur einige Laute, wie »Marrea« oder Komplexe wie »Stunde das Abstärbens«, oder »där Du ihn getragen hast«; mit solch unerhörter Geschwindigkeit entstürzte das Silbenmeer den jungen Lippen. – Bald war mir klar, daß der Aufenthalt auf jeder Stufe nicht der Zeit nach, sondern der Lippenarbeit nach sich berechnete, da immer nach einer ganz gestimmten Phrase mit entsprechendem Tonfall das Hinauf-Rutschen auf eine nächsthöhere Steinstufe stattfand. – Ich wußte doch ganz genau aus meinem Reisehandbuch, daß da oben, auf dem Gipfel des Berges, kein indisches Götzenbild stand, auch kein afrikanischer König sich dort eingefunden hatte, dem man sich von einer halben Stunde entfernt schon knierutschend so näherte. Nein, es war keine Ehrfurchtsleistung; das erkannte ich sehr wohl. Es war eine, wie soll ich sagen – Schnelligkeitsleistung, eine Massenbewältigung von Silben, wobei jedoch der Körper vorwärts zu kommen trachtete. – In der Hand hielten die Mädchen alle Zählketten, eine Art Kerbholz, welches aber biegsam war, und die Stufen oder Skalen in Form von Kügelchen auf einer Schnur aufgereiht trug. Nicht nach einer bestimmten Zeit, sondern nach einem bestimmten Silben-Quantum rollte an der Holzschnur eine Kugel ab, und mehrere Kugeln entsprachen einer Steinstufe. Ich kam jetzt der Lösung näher; in der Erregung findet man plötzlich Worte und Ausdrücke, auf die man bei ruhiger Gemütslage nicht gekommen wäre; und ich war fast gelähmt und sprachlos vor Bestürzung, als ich die letzte Gruppe dieser Derwische eingeholt hatte; und mein Inneres arbeitete wie ein fotografischer Schnellapparat, um alles, was sich mir darbot, aufzunehmen. Aber ich hatte es jetzt: Es war ein Wettrennen mit dem Maul, welches durch den kleinen Holzapparat in der Hand kontrolliert, und durch Übertragung auf die Kniee äußerlich-räumlich ausgeführt wurde. Die Mädchen schwitzten wie Rennbuben oder abgehetzte Pferde; aber der Körper blieb ruhig, da er beim besten Willen zum Vorwärtskommen nicht beitragen konnte, und die Entscheidung einzig in den Kiefern lag, von deren Gelenkigkeit eben alles abhing. – Ich gebrauchte oben das Wort »Derwische«; bemerke aber hier, daß ich solche orientalischen Gebets-Gymnastiker nie gesehen; nur aus Beschreibungen wußte ich, daß dort ebenfalls die physische Leistung entscheidend ist; die dort allerdings nicht um ihrer selbst willen, sondern zur Erzeugung einer Art mit Berauschung einhergehenden Betäubung, also eines physischen Endstadiums halber, betrieben wird. – Wertvoll war hier, daß die bei der Arbeit nicht beteiligten Sinnesorgane, wie die Augen, die Ohren, soweit es die Konzentration gestattete, sich anderweitig beschäftigen konnten. Und so betrachteten diese Mädchen während ihrer heftigen Arbeit zum Teil ruhig die Gegend, oder hörten, was um sie her vorging. Ja, einzelne tauschten ausdrucksvolle Mienen und lächelnde Gebärden mit den Fußgängern nebenher aus. – Ich eilte vorwärts; traf auf dem Ziel Nähergekommene; wie es der enormen physischen Leistung entsprach, viele waren ermattet; manchen lief der Schweiß in Strömen herunter. Noch höhere Gruppen hatte eine Angst vor dem Fertigwerden erfaßt, die unheimlich wirkte. Das Weiße des Auges trat bei einigen heraus; viele gurgelten und stöhnten die letzten Perioden, und auf der letzten Stufe angekommen, stürzten etliche wie erschöpft zu Boden. Schon auf dem Heraufweg hatte ich, meine Neugier nicht bezähmend, eines der Mädchen gefragt, was die Zeremonie bedeute; erhielt aber statt aller Antwort nur einen vielsagenden, ängstlichen Blick; natürlich, wie konnte sie mir antworten, da ja eben Zunge und Lippen in fürchterlicher Tätigkeit begriffen waren; ebenso gut konnte ich einen Jockei während des Rennens fragen, wie viel Uhr es sei. – Oben selbst angelangt traf ich einen, wie es schien, einfachen Landmann, aufrechtstehend. Ich frug ihn mit dem Ausdruck des tiefsten Entsetzens, was das zu bedeuten habe, und ob es sich bei den Heraufrutschenden um die weiblichen, ungefährlichen Kranken einer Irrenanstalt handle. – Der Mann schluckte einigemal hinunter, bevor er mir antwortete, und sagte dann sehr ruhig, fast ernst mit skandiertem Hochdeutsch: »Das – geschieht – zur – Verehrung – Gottes!« – Er meinte die Marienkirche, die auf der Höhe gebaut ist. – Wenn ich mich heute dieser Szenen erinnere, und von Scham und Mitleid gepeinigt mir vorsage, daß es deutsche, fränkische Mädchen sind, die es nicht besser wissen, die auf den Wink eines Papstes, der uns soviel angeht, wie der Sultan von Siam, diese grauenhaften Exerzitien ausführen, dann steht mir der Verstand still, und ich will nicht begreifen, daß Deutschland Deutschland ist. – Zölibat Und er schuf sie, ein Männlein und Fräulein, und sprach zu ihnen: Wachset und mehret Euch. (1. Mose, 1, 27-28) Das Zölibat ist eine der miserabelsten Leistungen, die das Christentum gezeitigt; einer der unglücklichsten Gedanken, die je in eines Menschen Hirn entstanden; mit Recht weiß man nie: heißt es der, die oder das Zölibat; es ist weder männlich noch weiblich; es ist ein gräßliches Neutrum; ursprünglich, zugegeben, aus einer idealen Forderung entsprungen, hat es in seinen Folgen Millionen von Menschen unglücklich gemacht, zerrüttet, degeneriert, zertreten. Das Zölibat ist der indische Wagen von Jagernaut in's Abendländische übersetzt, unter dessen Walzen sich Tausende zu Ehren des Götzen zerquetschen lassen: die Ehre der Gottheit mit dem Tod des Anbeters erkauft. Es wäre überflüssig hier, die Entstehung und Fortbildung des Zölibats aus den sittlichen und asketischen Anschauungen der ältesten christlichen und orientalischen Lehren vorzuführen. Wir leben nicht im Orient, auch nicht in Süd-Italien. Wir leben in Deutschland. Und die deutsche Sittlichkeit richtete sich unseres Erachtens auch beim Geistlichen nach der Anatomie und Physiologie des deutschen Körpers. Wer darüber hinaus kann, mag ein sehr findiger Pfaffe, sogar ein Papst sein; ein Deutscher ist er nicht. Der Träger der zölibatären Anschauungen war ursprünglich das Mönchstum. Diese Art des beschaulichen Lebens stammt aus dem Orient, einem Klima, wo die Übung der Insichselbst-Versenkung dem Gemeinwesen keine Kosten verursacht, und wo Mäßigkeit und Einfachheit durch die Natur selbst vorgeschrieben sind. Die altchristliche Lehre der Selbstabtötung verpflanzte dieses beschauliche Leben in das Abendland, wo alle Verhältnisse dieser Art der Selbst-Hypnose feindlich waren, und wo schon das Klima zum Arbeiten und Sich-Tummeln anspornte. Heute im bevölkerten Deutschland erlauben weder Kultur noch christliche Auffassung das korporative Nichtstun auf Kosten anderer. Auch das korporative Beten für andere verträgt sich mit der modernen Auffassung der Selbst-Verantwortlichkeit nicht. Für Bettel-, Bet- und Maulaffen-Mönche ist heute kein Platz mehr in der Welt. – Beschaulichkeit, Zurückgezogenheit, Insichselbst-Versunkensein ist ein Vorrecht der Dichter und Denker, die ihre Gemütsanlage dazu treibt. Eine Krankheit ist es immer. Aber in diesem Fall eine Einzelkrankheit. Keine Korporativ-Krankheit, hervorgegangen aus Nachahmungssucht und Heuchelei. Bald finden wir denn auch in dem mit einer kräftigen Bevölkerung durchsetzten Abendland und bei dem Drängen der hervorragendsten Geister zu geistlichen Stellen und in die Klöster einen heftigen Kampf gegen die Zölibats-Forderungen des Orients, und die ganze Geschichte dieser Verirrung ist bis zum heutigen Tag eigentlich nichts anderes als das Unerfüllt-Bleiben oder Auf-Abwege-Geraten gegenüber einer unerfüllbaren Forderung. Der Mailänder Mönch Jovinian war der erste, der um 385 den schwärmerischen Anschauungen eines Augustin, Ambrosius und Hieronymus über den höheren Wert der Ehelosigkeit gegenüber dem Ehestand nicht nur mit geheimem Konkubinat, wie die andern, sondern mit offener Gegnerschaft und gründlicher Bibelfestigkeit entgegentrat, wobei er im Verlauf einiger heftiger Kampfschriften einmal die brüsk-barbarische Frage an seine Gegner richtete: zu was Gott den Menschen Genitalien verliehen habe; eine Frage, die der alte 70jährige Hieronymus in Bethlehem nur mit Unflätigkeiten zu beantworten wußte. Und der heilige Augustin, der spätere Glaubensheld und Verteidiger der Ehelosigkeit, war wenigstens so vorsichtig, erst seine Jugend ganz durchzukosten, um dann, als er schon im Begriffe stand, sich zu bekehren, noch eine Beischläferin aus Italien mit nach Afrika hinüberzunehmen, wie er uns selbst in seinen Bekenntnissen erzählt; auch Gott zu bitten: er möge ihm die Gabe der Keuschheit verleihen, aber nicht sogleich, erst nach Sättigung seiner Triebe. Eine entsetzliche Heuchelei war aber die folgende Institution: Schon im 2. Jahrhundert hatte, wie Augustin berichtet, eine christliche Sekte der in Afrika lebenden »Abeloniten«, die vollständiger Ehelosigkeit huldigen, die Gewohnheit, um den falschverstandenen Spruch 1. Kor. 7, 29: »Das ist die Meinung: die da Weiber haben, daß sie seien, als hätten sie keine«, buchstäblich zu erfüllen, als Mann ein junges Mädchen, als Weib einen Knaben, sich zur Gesellschaft zu erwählen, um auf diese Weise in Verbindung mit dem andern Geschlecht, und doch ehelos zu leben. Im Laufe des 3. Jahrhunderts finden wir dann in Italien die gleiche Sitte, nur mit dem Unterschiede, daß es unverheiratete Geistliche sind, die erwachsene Jungfrauen, die Keuschheit gelobt hatten, zu sich nahmen, um, wie sie vorgaben, »in geistiger Vertraulichkeit und in platonischer Liebe miteinander zu leben; sie teilten dasselbe Bett, und behaupteten, mitten unter den Flammen unverletzt zu bleiben.« Schon Tertullian spricht von der Schwängerung dieser gottgeweihten Jungfrauen als von etwas ganz Gewöhnlichem. Und da die Zahl dieser »Schwestern« als einer keuschen Absicht dienend, unbeschränkt war, so hatten namentlich die vornehmeren Geistlichen und Bischöfe eine ganze Anzahl derselben. So hatte Heuchelei und Eheverbot das Gegenteil von dem Beabsichtigten bewirkt. Nicht eine Ehe sollte es sein, und nun war es ein Harem. Hieronymus in seiner fuchtigen, derben Weise schreibt darüber: »Woher brach die Pest der ›Schwestern‹ in unsere Kirche? Woher diese neuen Eheweiber ohne Ehe. Woher dieses neue Geschlecht Konkubinen? Ich will noch deutlicher sagen: Woher diese Huren, die sich nur mit einem Mann abgeben? Die Jungfrauen verlassen ihren leiblichen Bruder, und suchen sich einen Fremden als ›Bruder‹. Unter dem Vorwand des geistlichen Trosts vereinen sie sich, um zu Hause fleischlichen Verkehr zu pflegen. Sie wissen sich unfruchtbar zu machen und morden die noch nicht geborenen Menschen. Fühlen sie sich von ihrer Ruchlosigkeit schwanger, so treiben sie die Frucht mit Gift ab. Oft sterben sie mit davon, und dreifachen Verbrechens schuldig gelangen sie in das Jenseits: als Selbstmörderinnen, als Ehebrecherinnen an Christus, als Mörderinnen des noch nicht geborenen Kindes.« Ich bitte, dieses in's Altbayrische, in's Rheinländische oder Kölnische zu übersetzen. Wer erkennt dann nicht unter den griechischen »Schwestern« die deutsche Pfarrköchin? – Die Welt ändert sich nicht; und ihre Begierden auch nicht. Nur unser Geschwätz ändert sich. Später nannte die Kirche die Bücher über die Frage: »Sudelliteratur«. Sehr gut. – Aber wem verdanken wir diese Sudelliteratur? – Ist das nicht, als wenn der verfolgte Dieb mit dem gestohlenen Gut unter die Menge läuft und ruft: Haltet den Dieb!? – Oder wenn der der Unsittlichkeit Angeklagte vor dem Richter sein Gesicht verhüllt: er könne über diese Dinge nicht sprechen? Als dann Luther, pochend auf seine germanische Gesundheit, diesen bestialischen Zölibats-Zwang brach, und mit lobenswertem Beispiel vorangehend selbst sich mit einer adligen Jungfrau, die, wie er, ehemals im Kloster gewesen, verehelichte, fiel die ganze Horde päpstlicher Zwangs-Verschnittener über ihn her, und beschuldigte ihn eben jenes Verbrechens, dessen Übung ihnen aus einer mehr denn 1000jährigen Tradition bekannt war, und nannte seine Ehe mit Katharina von Bora »Unzucht mit einer Nonne«. Doch der wahre Charakter der katholischen Kirche kam damals schon zum Vorschein: Benedikt VIII. beschuldigte auf der Synode zu Pavia, zwischen 1014–1024, die Geistlichen vor allem deshalb, daß sie nicht geheim, sondern öffentlich und mit Aufsehen mit Frauen Umgang hätten. Und zur Zeit Josef II. galt dann später allgemein der Grundsatz für und Ratschlag an die katholische Geistlichkeit Österreichs: Wenn nicht heilig, dann doch heimlich. Bald hatte aber die Unzucht am päpstlichen Hofe selbst unglaubliche Dimensionen angenommen; und, wie es bei den Herrn Dunkelmännern Sitte: das Knaben-Geschlecht stand ihnen näher, als das Weiber-Geschlecht; und da nur die Weiber-Ehe verboten war, die Verbindung zwischen einem Pfaffen und einem Knaben aber überhaupt nicht, weder als legal noch illegal, in ihrem Kodex vorgesehen war, so ertrugen die römischen Priester das Zölibat leichter als die ehrlichen Deutschen. Und so konnte denn 1060 der eifrige Mönch Damiani in seinem liber Gomorrhianus, dem »gomorrhischen Buch«, eine ganze Seite päderastischer Vergehen – wann Geistliche mit Knaben, wann Geistliche unter sich, wann sie mit Tieren, wann sie mit Beichtkindern Unzucht trieben – mit der Ruhe und Sicherheit einer Naturgeschichte vortragen, wobei wir erfahren, daß die Mönche, um ungestört ihren Fleischesübungen nachgehen zu können, sich selbst gegenseitig in der Beichte absolvieren. Papst Alexander II. lachte über das Buch, ließ sich aber das Manuskript geben, und gab es nicht mehr heraus, da er die Wirkung außerhalb Roms doch fürchtete. Schon ein Jahr vorher hatte Damiani an Nicolaus II. hinsichtlich Befolgung des Zölibats geschrieben: »Würde die Unzucht bei den Priestern geheim betrieben, so sei es zu ertragen, aber die öffentlichen Konkubinen, ihre schwangeren Leiber, die schreienden Kinder, das sei das Ärgernis der Kirche.« Dieser Damiani hatte schon den echten katholischen Geist: was geheim geschieht, ist nicht geschehen; nur was schreit, ist eine Sünde. Hüten wir uns vor diesem wechselnden, je nach Neigung, Gelehrsamkeit oder sexuellen Bedürfnissen der Päpste veränderlichen heiligen katholischen Geist; und halten wir uns an den deutschen heiligen Geist! Als auch jetzt Damiani bei den lombardischen Priestern kein Gehör fand, und viele lieber ihre Stelle, als ihre Frauen, aufgaben, wendet er sich, wie es der beleidigte Ehemann macht, statt an den Übeltäter, an den Verführer, und spricht die Priesterfrauen in einem Schreiben vom nächsten Jahr in folgender lieblichen Weise an: »Jetzt rede ich zu Euch, Ihr Schätzchen der Kleriker, Ihr Lockspeise des Satans, Ihr Auswurf des Paradieses, Ihr Gift der Geister, Schwert der Seelen, Wolfsmilch für die Trinkenden, Gift der Essenden, Quelle der Sünde, Anlaß des Verderbens; Euch, sage ich, rede ich an, Ihr Lusthäuser des alten Feinds, Ihr Wiedehopfe, Eulen, Nachtkäuze, Wölfinnen, Blutegel, die ohne Unterlaß nach mehreren gelüstet. Hört mich Ihr Metzen, Buhlerinnen, Lustdirnen, Ihr Mistpfützen fetter Schweine, Ihr Ruhepolster unreiner Geister, Ihr Nymphen, Sirenen, Hexen, Dianen, und was es sonst für Scheusalsnamen geben mag, die man Euch beilegen könnte; denn Ihr seid Speise der Satane, zur Flamme des ewigen Todes bestimmt. An Euch weidet sich der Teufel wie an ausgesuchten Mahlzeiten, und mästet sich an der Fülle Eurer Üppigkeit. Ihr Tigerinnen, deren blutiger Rachen nur nach Menschenblut dürstet, Harpyrie, die das Opfer des Herrn umflattern und rauben, und die, welche Gott geneigt sind, grausam verschlingen. Ihr seid die Sirenen, indem Ihr, während Ihr trügerisch-demütigen Gesang ertönen laßt, unvermeidlichen Schiffbruch bereitet. Ihr seid wütendes Otterngezücht, die Ihr vor Wollust Christus, der das Haupt der Kleriker ist, in Eurem Buhlen ermordet.« Übrigens wurde das Weib trotz aller Marien-Verehrung von der katholischen Kirche stets herabgedrückt und moralisch erniedrigt. Eine Kirchenversammlung zu Mâcon in Südfrankreich im 6. Jahrhundert erörtert lange die Frage »ob die Weiber Menschen seien« welche sie nach langen Debatten doch bejahte. Noch im Jahr 1518 erklärt eine Schrift, die sich mit den Eheweibern der Priester beschäftigt, das Verhältnis zwischen Mann und Weib folgendermaßen: »Das Weib, wenn es an wollüstige Umarmungen gewöhnt ist, sucht sich stets, auch in vorgerückten Jahren, mit dem Mann zu vermischen, angetrieben, nicht so sehr von ihrem eigenen Fleisch, als vom Teufel, dessen Werkzeug sie ist.« Hier erscheint also das Weib in Gemeinschaft mit Sirenen, Hexen, Böcken, Ratten und Schlangen in der Gefolgschaft des Teufels als ein willenloses, untergeordnetes Werkzeug desselben, dessen er sich bedient, um die Krone der Schöpfung, den Mann, in seine Gewalt zu bekommen. Aber auch noch in unserem Jahrhundert hören wir diese Sprache. Der Leib eines römischen Knaben, mit dem der päpstliche Priester Unzucht trieb, befleckte die sakramentale Handlung nicht; nur die »Hure«; denn die Hure war ja ein Weib; und das Weib war des Teufels. Und ist dies heute anders? Hat nicht der Verlauf des sogenannten Kulturkampfes in Deutschland in den 70er Jahren gezeigt, daß es eine große, mächtige Partei bei uns gibt, die den Papst als ihren König, den eigenen König als Landesverräter ansieht, sobald derselbe versucht, sich der päpstlichen Übergriffe im eigenen Land zu erwehren? Und ist es nach der Seite nicht berechtigt, von gewissen Katholiken in Deutschland eher als von Papisten, denn als von Deutschen zu sprechen? Das korrekteste Verfahren wäre, die katholischen Priester den Tag vor ihrer Weihe zu kastrieren, wie es im 1. Jahrhundert üblich war. Sind unsere Schwestern und Töchter nicht ebensoviel wert, wie die Huldinnen des Sultans? Und was tat der Sultan? Er kastrierte die Aufseher seines Harems. Zudem hat die römische Kirche durch ihre Knaben-Kastrationen zum Zwecke des Chor-Gesanges eine viel-hundertjährige Übung im Entmannen. Ist es den katholischen Priestern mit ihrem Keuschheits-Gelübde ernst, dann brauchen sie die Hoden nicht mehr; ist es ihnen nicht ernst, dann sollen sie, solange der Papst auf seiner Zölibatsforderung besteht, und – Gott sei's geklagt! – noch ein Wort in Deutschland zu sagen hat, auf den Priesterstand verzichten. – Die Operation ist bei dem heutigen antiseptischen Verfahren gänzlich gefahrlos; die Stimme bleibt weich und zart; also besonders geeignet für den Kirchengesang; und hervorragende Weiter-Entwicklung des Verstandes, die nach der Meinung einiger Physiologen an den Besitz der Hoden geknüpft sein soll, braucht doch der heutige katholische Priester nicht. Dann wird sich zeigen, wieviel wirklich dem Herrn Geweihte sich melden werden. Dann werden auch die deutschen Beichtkinder vor den Nachstellungen katholischer Geistlicher sicher sein. Dann wird der Beichtstuhl von schmutzigen Reden und Taten frei bleiben. Dann werden auch die zahlreichen, plötzlichen Versetzungen katholischer Priester wegen zunehmenden Ärgernisses unter der Bevölkerung und unerhörter Delikte, wegfallen. Gratian's im Jahre 1151 abgeschlossenes Werk der Kirchengesetze, das Jus canonicum, enthält noch das Zugeständnis, »daß die Eheverbote eine menschliche Erfindung seien, und ehemals Bischöfe und Priester sich verheiraten konnten, wie in der orientalischen Kirche auch.« Damals waren päpstliche Verordnungen noch Menschenwerk; heute sind sie »göttliche Offenbarungen« geworden. Was in den Klöstern geschah, ist teilweise zu bestialisch, um mitgeteilt zu werden. Man liest so bei Theiner den Fall aus dem Kloster Wattun, wo Nonnen einen Mönch, der sich mit einer der ihren vergangen hatte, durch die Schuldige in einen Hinterhalt lockten, und ihn dort entmannten. Inzwischen erlebte der geschlechtliche Versündigungs-Wahn unter dem großen Sittenprediger Bernhard von Clairvaux im 12. Jahrhundert eine neue Auferstehung. Die Ehe wurde jetzt vielfach auch bei den Laien als etwas Schimpfliches, Entehrendes, »eine Art Unzucht« angesehen. Die Jungfrau Maria (die doch selbst Kinder geboren hatte, auch außer Christus), erschien nächtlicher Weile den Ehegattinnen und beredete sie, sich des Umgangs mit ihren Ehemännern zu enthalten. Schließlich galt außereheliche Unzucht für eine verzeihlichere Sünde, als der Verkehr in der Ehe. »Während der Verwirrungen, die in Deutschland unter Heinrich IV. stattfanden, entsagten viele Verehelichte, von Verzweiflung ergriffen, der Ehe, begaben sich samt ihrer ganzen Habe unter die Leitung der Mönche, und begannen eine gemeinsame kanonische Lebensweise. Als mehrere hierüber ihr Bedenken äußerten, eilte Urban II. herbei, erklärte diese Lebensweise für die der ersten Christen, und bestätigte sie. Ungeheuren Profit hatten hiervon die Mönche. So geht es, wenn man den goldbehängten Römer auf dem Stuhl Petri statt gelegentlich für einen Verrückten, für einen Gott hält! Wie es in den Klöstern selbst aussah, davon geben Verordnungen von einem Konzil in Paris vom gleichen Jahre einen Begriff: dort wird u. a. befohlen, »daß Mönche und Kanoniker nicht zusammen im Bett liegen dürfen und Sodomiterei treiben«; »daß die verdächtigen Türen zu den Schlafsälen und sonstige gefährliche Aufenthaltsörter von den Bischöfen zu verrammeln seien«; ebenso »daß Nonnen nicht zusammen im Bett liegen dürfen«. Eine der häufigsten Strafen gegen die Priesterfrauen war, daß sie ergriffen und gewaltsam »kurz geschoren« wurden. So lautete eine Verordnung des Erzbischofs von Rouen 1231: »Wir befehlen, daß die Konkubinen der Priester öffentlich in der Kirche am Sonntag in Gegenwart des Volkes geschoren werden«. Ähnliches geschah später vielfach bei Freudenmädchen. Geht man dem tollwütigen Gedanken nach, der in dieser rohen Verordnung liegt, so ist es klar, man wollte dem Weib seine schönste Zierde rauben, es gleichsam zum Mann degradieren, und es als Beschimpftes öffentlich sichtbar machen. Derweil war gerade sie mehr Weib, als jede andere. So schlägt Natur, wenn man seinen eigenen Wahn gegen sie durchsetzen will, immer in Wahnwitz und Unnatur um. Und das ist der Inhalt der ganzen Geschichte des Zölibats: ein Kampf gegen die Natur, geführt von einem Heer unzähliger, meist zwangsweise geworbener Pfaffensoldaten, der in Unnatur und Selbstbeschädigung endet. Prachtvoll, und einen Einblick in den süß-schurkenhaften Gedankengang der katholischen Kirche gewährend, ist eine Aufstellung des Magister Heinrich vom Mendicanten-Orden zu Straßburg vom Jahr 1261, daß, »wenn eine Nonne, von Versuchung des Fleisches und menschlicher Schwachheit überwältigt, zur Verletzung der Keuschheit getrieben werde, geringere Schuld habe und mehr Nachsicht verdiene, wenn sie einem Kleriker, als wenn sie einem Laien sich hingebe«. Allmählich kommen wir in die Periode, in der der Priester wegen seiner Konkubine nicht mehr sein Amt aufgeben muß, nicht mehr seine Pfründe verliert, nicht mehr in Todsünde verfällt, nicht mehr ein Jahr gegen die Heiden kämpfen muß, sondern für sie eine Buße bezahlt. Dies ändert die ganze Situation. Die Priester bezahlen freudig und gern. Die Gelder fließen in die bischöfliche Kasse, und bilden einen Teil der regelmäßigen Einnahmen. Der Bischof zahlt einen Teil des Geldes an den Papst. Jetzt ist alles zufrieden; die Zölibatsfrage ist gelöst. Der Priester hat kein Eheweib. Er hat eine durch Kirchenbuße gereinigte, mit barem Geld bezahlte Konkubine. Jetzt wird nicht mehr geköpft, nicht mehr geschoren. Die Zölibatsgesetze werden strenger als je verkündigt; aber nur, um die Bußen in die Höhe schrauben zu können! Der Ort dieser neuen Erfindung ist natürlich Rom! Die Deutschen merkten davon nichts. Und hoch oben im Norden, in Skandinavien, Dänemark und teilweise auch in England, wo die aufrührerischen Zölibats-Gesetze eines Gregor gar nicht hingedrungen waren, oder keine Beachtung gefunden hatten, lebte alles in Ruhe und Frieden; die kirchlichen Mysterien erfüllten die Bewohner dieses düsteren und zu tiefsinniger Grübelei anregenden Klimas viel zu intensiv, um den lockeren Erörterungen eines päpstlichen Hofs Aufmerksamkeit zu schenken; und das Priesterweib nahm seine unerschütterte Stellung ein. So daß sich hier, auf diesem Punkt, die merkwürdige Perspektive ergibt, daß, während in Rom der Kreis von der legalen Priestersfrau zum gezüchtigten und geschmähten Weib im Hause des Geistlichen, und von da zur durch Geldbuße legalisierten Konkubine sich bereits vollendet hatte, hoch oben in dem beneidenswerten Norden die Gattin des Priesters, das Vorbild der evangelischen deutschen Pfarrersfrau, unberührt von diesen ekelhaften Kämpfen, noch ihre vornehme Stellung inne hatte. Einzelne Verordnungen aus der Folgezeit aber zeigen, wie tief der Schaden stellenweise gefressen: Auf einem Konzil zu Oxford 1322 wird den Geistlichen verboten, »an dunklen Orten die Beichte der Weiber zuhören«; – Und das Konzil zu Avignon verbietet den Priestern, Gift oder tödliche Kräuter zur Abtreibung der Kindesfrucht zu reichen. »Ja, wir finden in täglicher Erfahrung, daß die heilige römische Kirche viel lieber dulden will, daß ihre lieben heiligen Schwesterlein in den Klöstern als Nonnen und Beginen mit Tränken und Arznei ihre Frucht vertreiben, ehe daß sie geboren werde, oder auch freventlich erwürgen, wann's an das Licht gebracht ist, denn daß sie Männer sollten nehmen«, so schreibt 1582 der deutsche Dichter Fischart. Inzwischen freilich hatten sich die Päpste das Recht, in Sittlichkeitsfragen mitsprechen zu können, selbst benommen. Während durchweg in Deutschland die härtesten Zölibatsgesetze verkündet wurden, überließ sich der päpstliche Hof in Avignon während des ganzen 14. Jahrhunderts, wie uns Petrarca erzählt, Ausschweifungen und sexuellen Lastern von einem Ausmaß, gegen das das harmlose und ehrliche Eheband eines deutschen Klerikers, der lieber seine Pfründe, als sein Eheweib und seine Kinder aufgab, eine heilige Messe genannt werden muß. »Die zu Greisen gealterten Kirchenfürsten«, schreibt Petrarca 1304 bis 1317 im 20. seiner adresselosen Briefe – »vergessen, daß sie keine Zähne und Kräfte mehr haben, wagen Dinge, vor denen selbst ein unbändiger Jüngling zurückschrecken würde, und zeigen sich so, als ob ihr Heil nicht im Kreuz Christi, sondern in schamlosen Übungen auf lüsternem Pfühl zu finden sei.« Der große Strafprediger Nicolaus d'Oresme nannte 1364 die Avignonensischen Prälaten in Gegenwart Urban's V. »unzüchtige Hunde«. Und was Dante und Boccaccio und die übrigen Novellisten von der Lüsternheit römischer Priester zu erzählen wissen, brauchen wir hier wohl nicht anzuführen. Als Innocenz IV. 1245 das zu Lyon abgehaltene Konzil verließ, sagte der Kardinal Huge im Moment der Abreise des päpstlichen Hofes zu den Einwohnern der Stadt: der Aufenthalt des römischen Stuhls sei der Stadt doch von großem Nutzen gewesen: wie sie hergekommen seien, habe es hier drei oder vier Hurenhäuser gegeben, jetzt, bei ihrem Abzug, sei nur noch ein einziges da; dies reiche aber von einem Ende der Stadt bis zum andern. Solche Späße konnten sich die hohen Herren schon unter sich erlauben. Nur hinausdringen durften sie nicht; aber selbst da war die Gefahr nicht groß. Die blöden Deutschen waren glücklich, einen welschen Lüstling zum Herr-Gott zu haben, und sanken gläubig ins Knie, sobald sich nur der Zipfel eines päpstlichen Legaten blicken ließ. Und von Johann XXIII., der auf dem Konzil zu Konstanz 1415 gegen seine zwei Gegenpäpste abgesetzt wurde, und dessen Taten nur deshalb an's Licht kamen, da man, um ihn absetzen zu können seine Schandtaten angeben mußte, erzählt Dietrich von Niem, ein damaliger Chronist, »daß Johann nach einem öffentlichen Gerücht als Kardinal in Bologna an zweihundert Ehefrauen, Witwen und Jungfrauen, auch viele Nonnen, entehrt habe. Einige derselben sollen von ihren Ehemännern, andere von ihren Anverwandten, aus Schande um's Leben gebracht worden sein, ohne daß dies auf den eigentlichen Urheber dieser traurigen Ereignisse Eindruck gemacht habe. Bonifaz IX. habe ihn seiner Zeit nach Bologna geschickt, um ihn teils von seiner Beischläferin in Rom zu entfernen, damit diese nach Neapel zu ihrem Ehemanne zurückkehren könne, teils um sich durch ihn Bologna zu unterwerfen.« Seine Schandtaten wurden von den geistlichen Herren auf dem Konzil selbst unter 70 Anklagepunkten gebracht, von denen aber aus Schonung für die Zuhörer nur 50 zur Verlesung kamen, darunter: Hurerei, Ehebruch, Blutschande, Sodomie, Simonie, Freigeisterei, Räuberei und Mord. Als er merkte, was gegen ihn im Anzug war, floh er aus Konstanz als Postknecht verkleidet, wurde aber eingeholt und zur Unterzeichnung der Abdankungs-Urkunde gezwungen. Trotzdem machte ihn sein Nachfolger Martin V. wieder zum Dechant des Kardinalkollegiums. Auf demselben Konzil wurden Huß und Hieronymus, die ein tadelloses, sittenreines Leben, geführt, aber sich gegen den Papst gestellt hatten, verbrannt. Die Unzucht der Geistlichen, sagt Gerson, ist das geringere Übel gegenüber der Priester-Ehe, und drückt dies in folgendem horrenden Satz aus: »Lieber unenthaltsame Priester als gar keine.« (d. i. verheiratete!) Und an anderer Stelle sagt er: »Es ist zwar ein großes Ärgernis für die Pfarrkinder, wenn der Pfarrer mit einer Konkubine Beischlaf pflegt; aber ein weit größeres ist es, wenn er die Keuschheit seiner Pfarrtöchter verletzt.« Aber die Konkubine ist ja eine Pfarrtochter! Die Konkubinen fallen ja doch nicht als Geschenk Gottes vom Himmel herab, für jeden Priester eine! Sondern sie sind die Töchter des Landes. Und der Priester kann sie, da er nicht mit ihr verheiratet ist, jede Stunde wechseln. Und eine Bürgers- und Pfarrtochter nach der andern kommt dann dran! »Hat einer mit einer nit genug, nimmt er zwo, drei nach seinem Fug: Welch ihm nit gefällt, die laßt er gon, Nimmt ander, so viel er will hon,« sagt ein mittelalterlicher Spottvers. Das ist es ja eben, wogegen sich das nordische Bürgertum auflehnte. Das war der ehrliche, gesunde Gedanke Kaiser Sigismund's. Hier, auf diesem Konzil, kann man sehen, wie sich katholischer und deutscher Geist scheidet; katholischer, doktrinärer Starrsinn der Welschen und germanische, ehrliche Herzens-Einfalt; Gerson und Kaiser Sigismund. Lieber Unzucht der Priester und Rettung des doktrinären Lehrbegriffs, als verehelichte Pfarrer und Sauberkeit im Gottesdienst und in der Gemeinde. – Gerson ist der erste Typus jener vaterlandslosen, gewissensbaren Menschen, die aus Lust, der Kohorte des Papstes anzugehören, alles preisgeben! Das Konzil von Konstanz hatte durch seine Entscheidung über das Zölibat das eigentliche, geheime Denken der katholischen Kirche wie mit einem Schlaglicht grell beleuchtet: Man war zusammengekommen, hauptsächlich, um »Reformation« zu üben, »Reformation an Haupt und Gliedern«; einer der Hauptpunkte war die Priester-Ehe; man wußte, daß das Zölibat im Sinne wirklicher Keuschheitsübung nicht durchführbar sei, daß die strengsten Verordnungen und Strafen nichts genützt hatten; man gab zu, daß die Priester-Ehe den gegenwärtigen furchtbaren Zuständen in Sakristeien und Klöstern vorzuziehen sei. Aber man wußte auch seit Hildebrandt (Gregor VII.), daß die Ehelosigkeit der Priester das einzige Mittel sei, sie vom Vaterland abzutrennen und zu einem hierarchischen Werkzeug der Päpste zu machen. Wie hatte man sich also jetzt zu entscheiden: Entweder Priester-Ehe und Verminderung des päpstlichen Einflusses, oder Zölibat mit allen Unzucht-Konsequenzen und Aufrechterhaltung der Hierarchie. Man entschied sich für's letztere. Und nun kommen die dogmatischen Maulwürfe und wühlen nach der neuen Methode. Man höre Gerson: »Verletzt ein Priester das Gelübde der Keuschheit, wenn er eine unzüchtige Handlung begeht? – Nein! Das Gelübde der Keuschheit bezieht sich bloß auf das Nicht-Eingehen einer Ehe. Ein Priester, der also die stärksten Unzuchtsdelikte sich zu schulden kommen läßt, bricht, wenn er es als Unverheirateter tut, das Keuschheitsgelübde nicht.« Merkst Du, Leser, worauf es hinausgeht? – Da man die Priester-Ehe unter keinen Umständen gestatten kann, die Priester aber, wie die Erfahrung gezeigt hat, die Keuschheit ebenso wenig halten können, so muß man eben die außereheliche Geschlechtsgemeinschaft der Priester, sei es nun mit Konkubinen oder Beichtkindern dogmatisch konstruieren und verteidigen. Und das tut Gerson! Dies ist ganz echter katholischer Geist! Wenn man nur das den Katholiken in Deutschland täglich vorsagen könnte, daß es sich im Vatikan nicht um Religion handelt; daß seit fast 1000 Jahren, seit Gregor VII. die Herzens-Reinheit eines Menschen, sein transzendentaler Flug nach oben, seine moralische Sauberkeit, worauf alles der Deutsche so viel hält, dort gar nicht in Frage kommen; daß es sich dort nur um religiöse Herrschaft, oder päpstliche Religion handelt; wir wären frei von diesem Sumpf-Ort, dessen dogmatische Dünste tausendmal schlimmer sind, als sein sonstiger Pesthauch; und wären ein einiges Vaterland! Es ist besser, Schuldige ungestraft zu lassen, als Unschuldige zu bestrafen. Die Pfarrkinder werden aber gestraft, wenn ihnen der Umgang mit dem Pfarrer verboten, und so ihr Gewissen durch Zweifel beunruhigt wird. Wenn man Gründe hat, die Huren zu dulden, so hat man noch mehr Ursache, die hurerischen Priester zu dulden, sagt Gerson. Das ist wiederum ganz echter, reiner, katholischer Geist. »Ists aber nit eine Tyrannei, Daß man so zwingt zur Hurerei, In dem daß man die Eh' verbeut den Geistlichen? als wärns nit Leut Die an sich hätten Fleisch und Blut, Welchs dann, wie sein Natur ist, tut, Und Keuschheit niemand halten kann. Denn wie kann Feuer ohn Flammen sin? Gott gieß den Tau der Gnaden drin. Sieht noch von diser Keuschheit wegen, deren sie all Zeit (wie ghört ist) pflegen In ihrem so geistlichen Stand, Werden sie alle geistlich genannt – In fleischlich, viehisch, pfui der Schand, Daß man sol von Unchristen sagen Das d' Heiden hetten nie verdragen!« so heißt es in einem Spottlied aus der Reformationszeit! Von hier aus war es nur ein Schritt, die beim unbeweibten Priester unvermeidlichen Unzuchtshandlungen zu legalisieren und über sie weise Vorschriften zu geben. Aus diesen macht Gerson: »Das dritte Mittel – sagt er –, um Unzuchtsvergehen auszugleichen, ist ihnen eine große Anzahl guter Werke gegenüberzustellen. Auch gebe man Acht, erstere nur im Geheimen zu üben, nicht an Sonntagen und an heiligen Orten und nur mit Unverehelichten.« Wer die Wurzeln des Jesuitismus in der katholischen Kirche jenseits der Reformation aufsuchen will, muß hier anfangen! An anderer Stelle, erzählt er, zwingen die Bürger die Geistlichen, sich Konkubinen zu halten, um den Schändungen der Frauen und Jungfrauen einen Damm entgegenzusetzen. »Ist heute jemand zum Müßiggang geneigt, – sagt Nicolaus von Clemangis, – flieht er die Arbeit und will ein schwelgerisches Leben führen, so läuft er mit offenen Armen dem Priesterstand zu.« Von den Nonnen schreibt er, daß ihre Klöster nicht Gottes Heiligtümer, sondern dem Venusdienst geweihte Häuser seien, wo die männliche Jugend sich zur Sättigung ihrer Gelüste zusammenfinde. Und eine Jungfrau den Schleier nehmen lassen, heiße nichts anderes, als sie zur öffentlichen Lustdirne machen. Nun kam das Baseler Konzil heran: 1431 – 1449. Aufs neue erhoben sich Stimmen, den Geistlichen lieber die Ehe zu erlauben, als das Schandleben weiter mitansehen zu müssen. Besonders Nicolaus Tudeschi, der berühmteste Kanonist seiner Zeit, plädierte für die Abschaffung der, die Priester-Ehe verbietenden Gesetze. Und 1439 wurde sogar ein verheirateter Papst, Felix V. (1439–1448) gewählt. Als sich einige Stimmen dagegen vernehmen ließen, erklärte Aennas Sylvius, später als Pius II. selbst Papst: »Was streiten sich die Doktoren, ob ein verheirateter Papst schuldig sei, seiner Frau die eheliche Pflicht zu leisten; und ob ein Verheirateter Papst sein kann? Es gab, wie Ihr wißt, verheiratete Päpste. Vielleicht dürfte es gut sein, wenn sich die Priester verheiraten dürften; weil viele verheiratet im Priestertum ihr Seelenheil fördern würden, die jetzt ehelos zu Grunde gehen.« Auch der Carmelitermönch Thomas von Rennes sprach sich auf seinen Wanderpredigten durch England, Frankreich und Italien, sowie in seinen Schriften, entschieden für Wieder-Einführung der Priesterehe aus. In Rom wurde er 1433, weil er von der Konkubinats-Lehre der Kirche allzusehr abgewichen war, verbrannt. In Basel aber, auf dem Konzil, ließ man alles beim alten. Auf der Synode zu Eichstädt, 1447, werden die guten Deutschen wieder besänftigt. Dort heißt es: »Wer öffentlich behauptet oder dafür hält, daß ein Priester, der sich wegen Unzucht in einer Todsünde befindet, nicht den Leib Christi hervorbringen, oder seine Untergebenen nicht von Sünden lossprechen könne, soll für einen Ketzer gelten.« Merkst Du was, Leser? – Das System, gegen Entrichtung einer Geldsumme sich ein Weib zu kaufen, gegen das man zu nichts verpflichtet war, und das man wie einen Dienstboten jeden Augenblick entlassen konnte, hatte inzwischen auch in Laienkreisen Anklang gefunden. Die Synode zu Leutschau (Slowakei) verordnet, »daß es den Geistlichen ferner nicht erlaubt sein solle, den Laien das Konkubinat gegen Bezahlung einer Geldbuße zu gestatten«. Hier sieht man, was das päpstliche Zölibat für Wirkungen bis zum letzten Bauersmann ausübt, und wie das gesamte bürgerliche Leben vergiftet und zerstört war; nur, um im ehelosen Pfaffen ein blindes und gefüges Werkzeug zu haben: vom Papst kauften das Konkubinatsrecht die Bischöfe, die Bischöfe verkauften es an ihre Geistlichen, und die Geistlichen verkauften es an die Bürger. Jetzt fehlte nicht viel, und das bornierte Ideal Bernhards von Clairvaux im zwölften Jahrhundert war erreicht. Die Ehe wird als etwas Schimpfliches und Gemeines vermieden, und jeder kauft sich von seinem Pfarrer gegen eine bestimmte Taxe eine Konkubine. Einen Vorteil hatten in diesem ganzen Zölibatsgeschäft die Päpste; während die Laien den Geistlichen, die Geistlichen den Bischöfen, die Bischöfe den Päpsten die Konkubinat-Taxe zahlten, waren die Päpste selbst frei. Wem wollten sie für ihre Beischläferinnen Zins zahlen? – Dem lieben Gott? – Der nahm keinen an! Dies erwog Papst Pius II., von dessen Söhnen einer in Straßburg, der andere in Florenz untergebracht war, und der in einem seiner Briefe schreibt: »Ich fürchte die Enthaltsamkeit, die ich im übrigen lobe, und vor der es mir wahrscheinlicher dünkt, daß sie in Worten, als in Taten sich ausspricht. Warum soll ich den Gesetzen der Natur Widerstand leisten? Die Liebe bedingt alles, und wir unterwerfen uns ihrer Macht. Ich nehme es von mir ab, den der Liebesgott in tausend Gefahren gestürzt hat.« Später, als er älter wurde, schrieb er nicht anders, nur seinem Alter entsprechend. Einem Priester, der seine Richtung wohl kannte, und um Dispens zur Heirat nachgesucht hatte, antwortete er: »Ich muß bekennen, ich habe das Leben satt und überdrüssig. Die Venus ekelt mich an. Freilich nehmen auch die Kräfte ab. Mein Haar ist grau; meine Nerven sind ausgetrocknet, mein Gebein ist morsch und mein Körper übersät mit Runzeln. Ich kann keinem Weib mehr zur Lust dienen, keine mir. Von nun diene ich mehr dem Bacchus, als der Venus. Der Wein ernährt mich, erfreut mich und ergötzt mich und macht mich selig. Dieser Saft wird mir bis zum Tode süß sein. Wahr ist es, mich flieht mehr die Venus, als ich sie.« Der Mann war ehrlich. Jedes Wort ist hier verständlich und begreiflich. (Das heißt für jeden, der nicht den Papst für den »Sohn Gottes« hält.) Unbegreiflich ist nur, warum die andern Priester, die aus demselben Holz geschnitzt sind, sich zermartern und kasteien sollen. – Er schlug dem Priester (einem Deutschen, Jahn Frunt) die Bitte um Dispens zur Heirat ab. Mit dem Auftreten Luther's kommt nun Bewegung in die Entwicklung des Zölibats. Nachdem einmal der störende Eisenhebel an das Lehrgebäude der katholischen Kirche gelegt war, und ihre Autorität als eine vom Erfolg dieser Fundament-Prüfung abhängige, also nicht als göttliche, sondern menschliche, Fehlern unterworfene, erkannt war, nachdem die katholische Kirche als welsche angesehen, und ihr die deutsche Lehre als gleichberechtigt gegenübergestellt war, und dies in den höchsten, spekulativen Fragen, mußte natürlich der Zölibat, als eine päpstliche Einrichtung, fallen. Jetzt traten die höchsten Würdenträger, nachdem ihnen der einfache Augustiner-Mönch Mut gemacht, mit Anklageschriften hervor. Gleichzeitig erschienen die berühmten »epistolae obscurorum virorum« aus dem Huttenkreis, welche mit beißendem Spott das Luderleben der Pfaffen aufdeckten und andere Flugschriften. Wie es die Pfaffen trieben, zeigt ein Gedicht aus damaliger Zeit: »Rasch und behend der Pfarrer sprach: heut haben wir ein gute Sach, Meßner richt die Kirchen zu, Unser Nachbar Vogt ist tot, seid fröhlich. Lauf zum Pfaffen in der Nähch, das sie kommen in die Zech, zum Gabriel, eya, eya, derselb hat viel gute Fisch, so sitzen wir oben an dem Tisch, saufs gar aus, hodie der Baur ist tot, der Baur ist tot in diesem Dorf, gibt es kein Geld so legt man ihn nicht in Kirchhof.« »Der Pfarrer sprach zum Meßner schnell, mach mit dein Glocken ein groß Geschell, daß die Bauren in Kirchen gehn, darnach so zünd die Kerzen an, gar schnell. Merkt ihr Bauern was ist Rath, helfft der armen Seel aus der not, gebt Pfenning, eya, eya, mit Vigil, Seelmeß, Jahrstag, daß der Seel wohl helfen mag im Beutel. Hodie der Baur ist tot, der Baur ist tot zu dieser Frist, freut euch ihr pfaffen, wenn ein Reicher tot ist.« »Der Pfarrer sprach zu seiner Magd, dieser Tot ist mir nit leid, ein weil haben wir zu fressen dran, in unserm Haus, leb'n wir in Saus und gar fröhlich, Elselein, liebes Elselein so haben wir aber zu trinken Wein, sei fröhlich, eya, eya, so laß uns haben einen guten Mut, als der Baur der Baurin tut, im Kämmerlein. Hodie der Baur ist tot, der Baur ist tot zu dieser frist, die Sach haben wir getrieben mit großer List.« Und Luther selbst blieb natürlich nicht zurück: »Daß sie die Ehe verboten, und den göttlichen Stand der Priester mit ewiger Keuschheit beschweret haben, das haben sie weder Fug noch Recht gehabt, sondern haben gehandelt als die endechristlichen, tyrannischen, verzweifelten Buben, und damit Ursache geben allerlei erschrecklicher, greulicher, unzähliger Sünde der Unkeuschheit, darinnen sie denn noch stecken. Als wenig nun uns oder ihnen Macht gegeben ist, aus einem Männlein ein Fräulein, oder aus einem Fräulein ein Männlein zu machen, oder beides nicht zu machen; so wenig haben sie auch Macht gehabt, solche Kreatur Gottes zu scheiden, oder verbieten, daß sie nit ehrlich und ehlich beieinander sollten wohnen. Darum wollen wir ihren leidigen Zölibat nicht willigen, auch nicht leiden, sondern die Ehe frei haben, wie sie Gott geordnet und gestiftet hat.« »Des römischen Stuhles Kardinäle und Gesinde sind Zwitter, vorne Männer, hinten Weiber!« sagt Luther weiter. Der Danziger Mönch Jakob Knade war der erste Deutsche, der pochend auf die neue Lehre, und in dem sicheren Bewußtsein der Unabhängigkeit der deutschen Sittlichkeit von der römischen Unzuchtslehre die Kutte ablegte und 1518 die Anna Rosenberg heiratete. Jetzt wird auch bekannt, daß der »Hurenzins«, den die Bischöfe von ihren Geistlichen, gegen das Recht eine Konkubine zu halten, eintrieben, eine ihrer vornehmsten und sichersten Jahrgelder waren; daß deshalb Geistliche, die keine Konkubine hatten, von den Bischöfen nicht gern gesehen wurden, und schließlich auch diese den allen abgeforderten »Hurenzins« zahlen mußten. Einen kostbaren Einblick in die damaligen Verhältnisse gibt uns ein satirisches Gespräch aus dem Jahr 1524: Ein Hurenwirt (Bordellhalter) holt mit seinem Knecht zu Pferd auf der Heerstraße einen großen Zug Reisige ein: Hurenwirt: Kunz, mein lieber Gesell, was vor ein großer reisiger Zug zeucht do vor uns hin? Kunz: Es ist unser gnädiger Herr, der Bischof. Hurenwirt: Wo will er hin, Meister? Kunz: Er will gen Regensburg in concilabulum (der sog. Regensburger Konvent vom Jahr 1524). Hurenwirt: Wo will er hin? Zum Teufel? Kunz: Ei, die Bischof wollen ein Concilium halten und Ratschlag tun, wie man widerum das heilig Evangelion und Christum hinter sich druckt... Allmählich holen sie den Bischof ein: Hurenwirt: Was für ein Gespenst reitet dem Bischof nach? Kunz: Es ist seiner gnaden Koncubin. Hurenwirt: Was heisst Koncubin? Kunz: Eine Beischläferin oder eine Beiliegerin. Hurenwirt: Ich merk wohl, es ist des Bischofs Hürlin. Kunz: Ei jo, geb im Gott Beul (Hiebe)! er hat noch alle Monat ein neue; denn ich weiss es wohl, er bescheisst manchem Bürger sein Weib und Tochter. Hurenwirt: Woher weisst Du es? Kunz: Da ich im Stift Choralis gewesen bin, hab ich ihm die müssen kuppeln. Darnach bin ich sein Kämmerling geworden. Da hab ich erst erfahren, was der Bischoffen Keuschheit ist, ich hab aufs Bischofs Hof fressen, saufen, spielen, raßlen, schwören, fluchen, Hurerei und alle Leichtfertigkeit erfahren, und gelernt; dann da hört man »gleich wie auf anderer weltlichen fürsten höfen« selten oder nimmer von Gott reden, auch über Tisch, sondern nur von Kriegen und Huren... Sie haben jetzt den Bischof eingeholt und der Hurenwirt tut, als wisse er nicht, wen er vor sich habe: Hurenwirt: Gott grüss Euch, Herr Hauptmann, Gott grüss Euch! Bischof: Gott dank Dir, Gesell! Hurenwirt: Herr, Ihr habt einen großen Reisigen Zug, ich mein, Ihr wollt in Krieg oder auf Raub. Bischof: O nein, behüt uns Gott! denn uns gebührt weder zu kriegen noch zu rauben. Hurenwirt: Lieber Herr, zürnen nit! wer seid Ihr? Bischof: Wir sind der Bischof zu N. Hurenwirt: Ach, aller gnädigster Herr und Fürst, haben mir nichts für übel, denn ich hab Euer Gnaden nit kennt! Bischof: Nichts, nichts, mein Gesell. Hurenwirt: Wo will euer Gnad hin mit so viel Pferden? Bischof: Wir wollen gen Regensburg ins Concilium, Ratschlag zu tun wider die Lutherei mit dem römischen Legaten. Hurenwirt: Ich hör wohl, der Legat ist der sachen halb von Rom gesandt. Bischof: Ei jo, denn es ist kein Sach jetzt zumal, die unsern heiligen Vater Papst, der ein gemeine Sorg tragen muss für die christliche Kirche, wo hart angelegen als eben die Lutherei, und nit unbillich, denn großer und merklicher Schaden dem Stuhle zu Rom daraus täglich erwachst, desgleichen den Bischoffen und allen Geistlichen. Hurenwirt: Was wird euer Gnaden dieser Zug wohl kosten? Bischof: Nicht minder denn zwei tausend Gulden. Hurenwirt: Gnädiger Herr, es ist viel. Bischof: Der Fiscal muß es bezahlen. Hurenwirt: Kunz, was heisst ein frißgar? Kunz: Es heisst nit frißgar, sonder ein Fiscal, das ist meines gnädigen Herrn Geldsammler oder Einzieher oder Säckelmeister. Hurenwirt: Gnädiger Herr, woher kommt aber dem Fiscal solch Geld? Bischof: Ihm fallen jährlich über die 2800 Gulden nur von den Priestern um die Absolution. Hurenwirt: Kunz, lieber, was ist Absolution? Kunz: Es ist, so ein Priester ein Kind macht, so wird er irregularis, das ist ungeschickt Messe zu lesen, muß sich darnach absolvieren lassen und um die Absolution muß er dem Fiskal 2 oder 4, 5 Gulden geben, macht aber einer einer Nonne ein Kind, so er ein Gespons Christi geschmächt (die Schmach angetan) hat, muß er 10 Gulden geben. (Ein Gulden ist ungefähr fünfzig Mark heutigen Geldes.) Hurenwirt: Was muß aber einer geben, so er einem Mönch ein Kind macht? Kunz: Ach du lieber Gott! du fragst so töricht, man macht den Mönchen kein Kind, die Mönche machen aber den Nonnen Kinder. Hurenwirt: Nun gehen doch viele Mönche daher mit grossen Bäuchen wie die schwanger Frauen. Kunz: Es sind die gute Bissen und Schlücke, die die Bäuche dick machen. Hurenwirt: Nun, so gesegne es ihm mein Nachbar der Henker! Sag mir weiter, lasst man dem Priester, nach dem so er die Absolution bezahlt hat, die Hure im Haus? Kunz: O jo, denn nach der Absolution wird er wieder geschickt, Messe zu lesen um Geld und die Sacrament mitzuteilen. Hurenwirt: Gnädiger Herr, wenn ich auch Hurerei triebe und so ich ein Kind gemachet hät, möcht ich nit auch ein Absolution bezahlen und für und für in Hurerei mit sicherer Einwilligung verharren? Bischof: Nein, dann es ist nur den Geweihten (Priestern) zugelassen. Hurenwirt: Wer absolviert aber die Ordensleut, wenn die Kinder machen? Bischof: Sie sind frei und unser Jurisdiction durch päpstliche Bullen vorbehalten. Uns gebürt nur, unsere Priesterschaft zu strafen. Und nun die Stelle voll beißender Schärfe, wo der Hurenwirt dem Bischof Moral predigt: Hurenwirt: Ich merke wohl, ihnen ist frei, ohne alle Straf verhängt Hurerei zu treiben, gnädiger Herr, zürne nit! Mich dünkt, Euer Gnad (sei) übersichtig und brauche eine Brill oder Augenspiegel auf der Nasen, in die Weite zu sehen; wenn Ihr die armen Dorfpfäfflein auf dem Land gesehen und sind ihnen gar ungnädig und übersehen den Domprobst, den Vicarium und Domherrn. – Bischof: Ja, mein Gesell, wir haben dem Capitel ein Jurament gethan, sie bei alter Gewohnheit zu lassen, wir müssen stehen bei geistlichem Recht. Kunz: Meister, Du kannst nit merken, was seiner Gnaden angelegen ist. Hurenwirt: Was liegt ihm an? Kunz: Sollten seine Gnaden der Domprobst, der Vicaro und die Domherren ihre Metzen und Huren vertreiben und sie um der Hurerei willen strafen wie die Dorfpfäffen, seine Gnad würde böse Luft auf seinem Stift haben. Und so seine Gnad allweg für sein Leib auch ein Rösslin am Barren stehen und ein feins Hürlein bei ihm, so würden seiner Gnaden Capitilbrüder sprechen »medice, cura te ipsum!« Hurenwirt: Wie ist das gemeint? Kunz: Es heisst: Du Arzt, mach dich selber gesund! Hurenwirt: Es ist wohl geredt. Bischof: Dein Knecht hat die sich erraten, wir müssen um der Rede willen durch die Finger sehen. Hurenwirt: Gnädiger Herr, Euer Gnad muss das Übel in Euch und in den andern strafen und bessern und der Priesterschaft und allen Menschen ein christliches, ehrsames Vorbild und Exempel vortragen. Ein Bischof, der seine Sünde nit abtilget und siner Sünde Laster nit bessert oder straft, der soll nit Bischof, sondern ein unzüchtiger oder unverschämter Hund genannt werden ... Der größte Widerstand ging jetzt in der Tat von den Bischöfen selbst aus, die sich in ihren Einnahmen enorm geschmälert sahen, wenn die neue deutsche Sittlichkeitslehre durchdrang. Die Taxen waren jetzt sehr hoch, und hatten sich nach den »Taxae aposto-licae«, der großen Sünden-Börse der päpstlichen Kurie, gerichtet: Ein reines Mädchen zu beschlafen kostete 56 Goldgulden, eine damals enorme Summe. Die Nonnen standen höher. Jetzt war man in Deutschland einig, das Priester-Zölibat war ein Saustall; Luther hatte in seiner dumben, oft barbarischen Weise auf die Naturvorgänge selbst hingewiesen, denen wir uns nicht entziehen könnten; und er hatte es in seiner korrekten Weise mit dem biblischen »Wachset und mehret Euch!« theologisch begründet; jetzt hatte man in Deutschland die Einsicht und den Willen, das Priester-Zölibat aufzuheben; es ging nicht; es scheiterte am Geldpunkt; die Bischöfe konnten die Einnahme an »Hurenzins« nicht entbehren. – Und nun erwägt, Deutsche, heute ist es noch dieselbe Geschichte. Der katholische Priester erwirbt heute seine Konkubine nicht mehr gegen die bischöfliche Taxe, sonderen gegen – die Nachsicht seiner Gemeinde, die alles weiß, und die Schande verbirgt. Und diese grandiose Schweinerei hält heute in Deutschland noch immer der Papst, wie ein lustiges Gaukelspiel zwischen seinen zwei Fingern. Heute, wie zu wiederholten Malen, sind Deutsche über die Notwendigkeit der Aufhebung des Priester-Zölibats einig. Der Papst verbietet's. Dieser einzige Römer verbietet eine der Grundlagen deutscher Sitte. Es geht gegen seine hierarchischen Prinzipien. Deutschland, dein Name ist Feigheit! Immer wieder muß ich sagen: die priesterliche »Liebe« gehört nicht nach Deutschland; und die ultramontane Religion nicht nach Deutschland. Die deutschen Katholiken behaupteten aber, ohne die päderastischen, vatikanischen Vorbeter könnten sie die Werke des Christentums nicht üben. Was ist da zu wollen? Mit diesem Schandgepäck im Gewissen setzten es die Päpste trotzdem durch, daß auf dem Reichstag zu Augsburg 1530 aufs neue Acht und Bann über die verehelichten Priester gesprochen wird. Wer ist an solcher Schmach schuld? – Immer die, die sich solches gefallen lassen. Hingegen waren die konkubinatorischen Priester nach wie vor frei; denn Konkubinat war ja keine Ehe, und berührte auch das Keuschheitsgelübde nicht. Damals kam die Redensart über die katholischen Geistlichen auf: »Es ist keyn feyner leben auff erden, denn gewiße zins haben von seinem lehen, eyn hürlin daneben, und unserm Herrn Gott gedienet.« Auch war es der katholischen Geistlichkeit in ihrem privilegierten Hurennest allmählich bequem geworden; sie wollten es durchaus nicht verlassen, und sich mit den Bürgern auf eine Stufe stellen. Die Stralsunder singen um diese Zeit: »Die Pfaffen, Münche und Nunnen Sind nur eine Bürde auf Erden, Sie haben sich des besunnen, Sie wollen nicht Bürger werden; Das macht allein jhr grosser Geitz, das sie beharren in Widerstreit Und wollen der Stadt nicht schwören. Ach du grosse faule roth, (Rotte) Wie lange treibst du mit uns den Spott? Die Haut soll man dir bläuen. Nun sprechen die pfaffen fein: Es mochte uns woll gereuen Sollten wir alle Bürger sein Und schwören unsere treue. So halten wir das ganz erwogen, wenn einer lege bei seiner Magd Bei Nacht, würde man zu jhm steigen, Die weigh (Weihe) wurde da nicht verschonet; Der Ehefrauen seint wir nicht gewohnet, Wir halten Haus mit Huren.« Ein Spottlied aus dieser Zeit läßt die Pfaffen singen: »Drum Vater Papst, Höllischer Herr, gedenke doch auf Mittel: Wie wir des Eidschwurs und Beschwer laß werden mit gutem Titel, unsre Köchin und Madonnen meist, samt den guten Rrebenden feist, mögen sicher behalten.« »Denn die Ketzer auf deinen Bann, und Decret nichts mehr geben: Als ob sie eine Gans pfiff an, und vernichten darneben alle Päpstlische Tradition, die Messe und Religion, so wir lang exerderet.« »Wir hören täglich mit Verdriess, Dass man uns trotzt, und saget: Pfaff und Vogel stirb oder friss, niemand ist der uns klaget, man rupft uns steiff die Federn auss, wir können in Frau Venus Haus jetzt wie zuvor nicht schleichen.« Inzwischen nahm katholischerseits das Zölibat oder die Ehelosigkeit ruhig ihren Fortgang: Auf einer 1563 abgehaltenen Visitation der Klöster in Niederösterreich fand man bei den 9 Mönchen des Benediktinerklosters Schotten 7 Konkubinen, 1 Eheweiber, 8 Kinder; bei den 18 Benediktinern zu Garsten 12 Konkubinen, 12 Eheweiber, 19 Kinder; bei den 7 Chorherrn zu Kloster Neuburg 7 Konkubinen, 3 Eheweiber, 14 Kinder; bei den 40 Nonnen zu Aglar 19 Kinder u. s. w. Man nannte dies Zölibat. – übrigens hatten ja Papst Julius III. und sein Kardinal Crescentius ebenfalls ihre Konkubinen, und zwar gemeinschaftlich, deren Kinder sie wie billig, auf gemeinschaftliche Kosten erziehen ließen; man braucht also mit den Herren von Kloster Neuburg nicht allzu streng zu verfahren. Am 11. November 1563 wurde in der 24. Sitzung des Tridentiner Konzils im 9. Canon bestimmt: »Wenn jemand sagt, daß die Kleriker, welche die Weihe empfangen, oder diejenigen, welche die Ordensgelübde abgelegt haben, eine Ehe eingehen können, und daß dieselbe gültig sei, der sei verflucht.« Und der 10. Canon lautete: »Wenn jemand behauptet, der Ehestand sei dem jungfräulichen Stande vorzuziehen, und es sei nicht besser und heiliger in der Jungfräulichkeit und in der Ehelosigkeit zu leben, als sich zu verheiraten, der sei verflucht.« Wer dem bisherigen Gang der Zölibat-Gesetze gefolgt ist, muß, wenn er Psychologe ist, ungefähr wissen, was nach der feierlichen Bestätigung des Verbots der Priester-Ehe im Land für eine Wirkung zu erwarten ist: Vermehrung der Konkubinen, Vermehrung der Unzucht, Selbstverständlichkeit dieser Priestermätressen gegenüber der Selbstverständlichkeit des Keuschheitsgelübdes, Erhöhung der Taxen. – Und so war's: Unter Bernhard von Raesfeld, Bischof von Münster, im Jahr 1565, nannten die Domherrn ihre Konkubinen Dompröpstinnen, Domdekaninnen, Domkantorinnen, Domküsterinnen u. dergl. Als Bernhard dagegen einschreiten wollte, erklärten ihm seine Domherrn, er möge erst seine eigenen Konkubinen entfernen. Im 18. und 19. Jahrhundert werden die Verordnungen und ewig gleichen Lamentationen seltener. Die Landessynoden, wo dergleichen Mißstände regelmäßig besprochen wurden, hörten allmählich auf. Man hatte eingesehen, es half nichts; und die schweren sakrilegischen Anklagen setzten nur die Priesterschaft bei der Bevölkerung herab. Das Volk, namentlich das deutsche, in seiner Gutmütigkeit, hielt zuletzt das Zölibat, wie die Trinität, und Sohn-Gottesschaft Christi, für eine Einrichtung Gottes. Der schwarzgerockte, rasierte Herr auf der Straße, das wußte man, der konnte nicht heiraten; warum nicht? Ei, weil ein katholischer Priester doch nicht heiraten kann. Weiter geht der Gedankengang eines Katholiken nicht. Man hat auch keine Zeit, über solche Geheimnisse nachzudenken. Zu was ist denn Rom da? Dort lebt das gemeinschaftliche Hirn der deutschen Katholiken. Und so blieb der gutmütigen deutschen Bevölkerung nichts anderes übrig, als für die menschlichen Bedürfnisse Seiner Hochwürden zu sorgen. Und in jedem Städtchen und Dörfchen wurde ihm der »Zehente« der hübschen Weiblichkeit gern abgeliefert. Und man war stolz, wenn das Hochwürdige Auge auf die Insassin eines Hauses fiel. Denn der Einfluß der deutschen Pfarrersköchin ist groß. Durch ihre Hände geht all der Eier-, Butter-, Fleisch- und Brot-Zins, den die Gemeinde getreulich abliefert. Und beim »Aufgebot«, bei »Taufen«, »Hochzeiten«, »Beerdigungen« kann der Pfarrer unglaublich viel und sie noch mehr. Meist hat eine Schwester oder entfernte Verwandte der Pfarrersköchin mehrere Kinder, die auch oft, vom 10. Jahr an, im Pfarrhaus als Neffen und Nichten erzogen werden. Und so singt man noch heut' in Deutschland: »Madle, wenn Du dienen mußt, Diene nur den Pfaffen, Kannst den Lohn im Bett verdienen, Brauchst nit viel zu schaffen.« Man war gegen die Erscheinung des schwarzgerockten, geistlichen Kapaunen in Deutschland zuletzt abgestumpft geworden! Der katholische Priester mit seiner großen Portion Klugheit und noch größeren Geschicklichkeit erkannte bald, daß er »vorne herum« nichts, »hinten herum« alles tun dürfe, und so hat er als »abgefeimter Spitzbube« und »feiger Hund« bei groß und klein, arm und reich, im Volk wie bei den Gebildeten, im Roman, in der Satire, im Volkswitz, in der Posse, auf dem Theater, seine feste, verächtliche Stellung. Dieser Typus kommt nur in Italien vor. In Deutschland war der bessere Typus auch immer noch der, der ein Auge zudrückte, und Ähnliches von seiner Umgebung erwartete, ein Keuschheits-Gelübde mit dem geheimen Vorbehalte tat, innerhalb seiner vier Wände und den Weibern gegenüber zu tun, was ihm beliebte, und was man ihm gewährte; der schmunzelnde, fette Priester mit viel Wohlwollen; feig auch er, vor den Ohren das Gesicht mit Heuchelei verlarvt, hinter den Ohren vollgepackt mit Duckmäuserei!; aber wenigstens gesund. – Der bedenklichere Typus sind jene Bornierten, aber Ehrlichen, die die Sache für Ernst nahmen, ein isolierter Organismus, im steten Kampf mit sich selbst, der das eigene Gespeie täglich wieder aufißt, sich innerlich zerrüttet, aber alle Selbst-Anklagen stumm hinunterwürgt, der bei uns mit dem gestochenen Kalbsgesicht umhergeht, einem nicht mehr in's Angesicht, geschweige den Himmel anzuschauen vermag, zermartert, verstumpft, von einer fremden Idee steif-suggestioniert, oft halb verblödet, gewiß die erbärmlichste Menschensorte, die bei uns herumläuft; ein gänzlich unberechnet gewesener anthropologischer Effekt dieses nun bald 1000jährigen päpstlich-hierarchischen Gedankens. Alles umsonst. Die Landstände erklärten ihre Nichtzuständigkeit; die Regierungen zauderten; die Fürsten hatten nicht den Mut, zu dekretieren. Zu den stärksten und wirksamsten Bekämpfern des Priester-Zölibats gehören die »Haberfeldtreiber« im bayrischen Gebirge; die üben ein Rüge-Recht, welches die begütertsten, angesehensten Bauern des Bezirks zu Mitgliedern hat, geheime Organisationen besitzt, und auf viele Jahrhunderte zurückgeht. Gänzlich unabhängig von Kirche oder Staat, wie deren administrativen Erwägungen, leiten diese Leute aus ihrem eigenen Empfinden das Recht ab, moralische Handlungen ihrer Mitbürger, die gegen ihre althergebrachten Sitten verstoßen, und vom Strafgesetzbuch nicht faßbar sind, in öffentlich-wirksamer Weise zu rügen. Hierher gehört das Konkubinat ihrer Priester. Und ohne Rücksicht auf einen Papst in Rom, oder eine angedrohte Ausschließung aus der Kirche, die sie höhnisch verlachen, umstellen sie nachts das Haus des Übeltäters, rufen den Geistlichen heraus, und lassen ein in Knittelversen abgefaßtes, rücksichtsloses; derbes Schmähgedicht über ihn ergehen, dem das halbe Dorf zuhört. Im Jahr 1790 quälten sie den hochangesehenen und reichen Propst von Fischbachau, der sich ihrem Gericht widersetzte, und einen der ihren nachts beim Treiben erschossen hatte, mit ihren versteckten Umtrieben so lang, bis er Abtei und Land verließ. Heute wissen wir aus den Krankengeschichten der Irrenhäuser und aus den psychopathischen Untersuchungen der Sexual-Psyche von welch fundamentaler Bedeutung für die geistige Entwicklung eines Menschen die Geordnetheit seiner sexualen Triebe ist. Der Nervenarzt ist uns heute in dieser Hinsicht eine wichtigere Persönlichkeit, als der Papst. »Denn es ist nicht ein frei Willkür oder Tath, sondern ein nötig, natürlich Ding, dass alles, was ein Mann ist, muss ein Weib haben, und was ein Weib ist, muss ein Mann haben«, – sagt Luther. Beichte und Ablass Was bedeutet es denn, daß ich etztliche von ihnen sehe in die Obren murmelen? (Hutten Gesprächsbüchlein) Es wohnt in Deutschland eine Sorte schwarzgerockter Menschen mit Riesenbäuchen, Stiernacken und festgesessenen Schwarten, glatten Fischmäulern und kolossalen Muschelohren, die sich damit beschäftigen, einzelne ihrer Nebenmenschen im Lauf der Woche aufzufressen und das Gewöll in irgendeiner Form wieder auszuspeien. In großen marktartigen Hallen hocken sie tagsüber in vergitterten Häuschen, dessen Öffnung geheime Griffe verlangt, mit ihren Wesens-Organen, die Abscheu erregen würden, verborgen, mit tintenfischruhiger Klarheit ihre Opfer erwartend, und die unsichtbaren Nesseln und Haken durch das Gitter hervorstreckend; bis ein harmloses Menschenwesen in ihre Nähe kommt, meist ein junges Mädchen, oder eine junge Frau, auch ein altes Weib, welches sie sofort packen, hereinziehen und verzehren. Bleich, ausgesogen und entstellt verlassen diese armen Geschöpfe die Tintenfischbude. – Diese schwarzgekleideten Menschen, die dieses ekle Geschäft betreiben, sind Priester einer ausländischen, der römischen Kirche, und stehen unter dem Befehl eines römischen Kardinals. Das Hotel, in dem diese Mahlzeiten ausgeführt werden, heißt Kirche oder Kathedrale; das Büfett heißt Beichtstuhl, und die Mahlzeit selbst – Beichte. Und weil das Maul in diesem Falle das Ohr ist: Ohrenbeichte. – Es handelt sich nicht um den irdischen Leib und dessen Aufzehrung – eine verhältnismäßig geringfügige Sache – sondern um den geistigen Leib, – eine sehr viel wichtigere Sache. Tausende von diesen deutschen Astral-Leibern, wenn ich so sagen darf, von diesen geistigen Innern der Deutschen, wandern wöchentlich in die Mägen der römischen Pfaffen; daher die stiermäßige Aufgedunsenheit dieser letzteren. Der Prozeß ist relativ neueren Datums. Christus und sein Evangelium wußten nichts von diesem ekelhaften Geschäft. Es geschieht zur Zeit auf Befehl eines in Rom wohnenden Papstes, der behauptet, über die Seelen der Deutschen verfügen zu können. – Wenn die Deutschen meinen, einmal wöchentlich oder monatlich ihre Seele von einem päpstlichen Sendling verspeist sehen zu müssen, so ist das ihre Sache. Wir behalten unsere Seele in uns; verantwortlich mit derselben, soweit sie sich in Taten umsetzt, nur dem irdischen Richter, so weit sie in Gedanken besteht, nur dem Gott, der über Wolken thront. »Wir fragen allhie Papst und alle die Seinen, woher sie Macht haben, die Beicht aufzulegen dem Christen, und wo das Gott geboten habe. Tret herfür ihr lieben Freund, zeigt Brief und Siegel!« – sagt Luther. »Im Geschäft der Seelen ist weder Brief noch äußerliches Zeugnis von Nöten«, sagt Hutten. In der Tat, ernster und tiefer kann man den Gedanken kaum ausdrücken: Nach der Sünde, nach einer Tat gegen Dein Gewissen, bist Du immer noch ein Schurke vor Dir selbst, – für den Fall Du ein ehrlicher Kerl bist – mag Dich ein Priester oder ein Freund getröstet und absolviert haben; nur Du selbst – wofern Du ein ehrlicher Kerl bist – kannst Dir verzeihen; wenn Du's kannst, und die Zeit wird es verwischen. Eine Tat kann niemals ausgelöscht werden, heiße sie gut oder schlecht. Eine Tat ist geschehen, wie ein Wort gesprochen; beides ist nicht aus der Welt zu schaffen, eine zweite Tat kann nur unsere Gesinnung hinsichtlich der ersten – falls sie schlecht war – dokumentieren, nicht sie auslöschen. – Hätten alle gleich empfindliche Gewissen, so bedürften wir des Strafrichters nicht. Nur die Gewissensrohen erzwingen die allgemeine Strafe für alle. Den mit empfindlichem Gewissen Ausgestatteten kann die Buße vor dem Richter nicht zufriedenstellen. Seine Tat ist getan; er muß sie mit sich selbst verspeisen, mit sich selbst in Ordnung bringen, »schweigend seinen Schmerz verzehren«, wie Calvin es einmal ausdrückt. Niemand kann ihm helfen. Er ist und bleibt vor sich ein Schurke. – Nur verändert die psychische Arbeit der Reue, mit der Zeit sein Gehirn; – und bald fühlt er, daß er ein anderer Mensch ist, eine andere Persönlichkeit. Erst jetzt, nachdem dieser Personen-Wechsel vollzogen, welches Monate dauern mag, ist die frühere Handlung, als Nicht-Resultat seiner gegenwärtigen Individualität, als nicht mehr ihm gehörig, vergangen und vergessen. Wegen einer Handlung, die man gegen sein Gewissen, gegen seine Prinzipien, gegen die ganze Macht seiner Persönlichkeit getan hat, tun mußte, weil es nicht anders ging, weil es eine unglückselige Verkettung war, weil man rein dynamisch einem stärkeren Einfluß erlag, begreife ich, daß man wochenlang wie ein Geschlagener, mit sich selbst uneins, umherläuft, und sich zergrimmt, bis der naturgemäße Wechsel den eigenen Körper in dieser Zeit seelisch wie körperlich verändert. Aber mit diesem Gewissensdruck zum Papst oder seinem Pfaffen gehen, und dort gegen Geld und gute Worte wie bei einem Käsehändler sich Sünden-Vergebung kaufen, um dann lustig wie ein Handwerksbursch weiterzuziehen, scheint mir eine unerhörte innere Feigheit zu sein, ein Prozeß, der durch und durch undeutsch ist. Von allen Völkern des Abendlandes ist es anerkannt, daß der Deutsche, der Germane, die tiefste Innerlichkeit besitzt. Dies setzt doch reichen innerlichen Verkehr mit sich selbst und ein empfindliches Gewissen voraus. Trotzdem läuft der Deutsche, der lockeren römischen Sitte folgend, zu einem fremdländischen, lateinisch sprechenden Menschen in ein kleines Holzhäuschen, und fragt ihn, den Fremden, was er über sein, des Deutschen, Gewissen denke. Welche Schande! Welche Feigheit! Welche schmachvolle Kapitulation vor dem eigenen Gewissen! Bei Hutten lesen wir folgenden Dialog (Phaeton und der Sonnengott fahren auf dem Sonnen-Wagen, sie sind auf der Höhe des Himmels angelangt und blicken auf Deutschland herunter): Phaeton: Was bedeutet denn das, daß ich etliche Leute sehe, die den Mönchen und Pfaffen irgend etwas in die Ohren murmeln? Sonne: Das heißen sie beichten. Denn es wird als eine geistliche und gottesfürchtige Tat angesehen, wenn jeder den Pfaffen bekennt, was er gesündigt habe. Dabei muß er nicht nur die begangene sündige Tat beichten, sondern auch den Gedanken, der ihn dazu veranlaßt hat. Also muß jedermann seine eigensten und heimlichsten Gedanken durch die Beichte preisgeben. Phaeton: Kann man denn nicht einen Menschen dazu überreden, daß er diesen losen Gesellen nicht seine Heimlichkeiten offenbare? Sonne: Alle Menschen tun das nach den Verordnungen und Gesetzen der Geistlichen, wohl aber auch aus alter Gewohnheit! Phaeton: Wenn nun aber die Pfaffen auf diese Art alle heimlichen Dinge erfahren, erzählen sie dann diese auch nicht weiter? Sonne: Da es so ist, daß manche still und verschwiegen, andere wiederum laut und schwatzhaftig sind, wird es für sich behalten oder weiter erzählt. Phaeton: Da ist es aber sehr gefährlich, diesen Pfaffen Geheimnisse anzuvertrauen, schon deshalb, weil sie oft mehr Wein saufen, als ihnen zuträglich wäre. – Daß sie aber auch von den Frauen eine Beichte hören wollen, gefällt mir gar nicht. – Und was machen sie eigentlich, wenn sie eine Beichte gehört haben? Sonne: Sie sprechen jeden frei von seinen Sünden. Von diesem Augenblick an ist er wieder rein, lauter und unschuldig. Phaeton: Das sind die, die vorher befleckt, schuldig und in der Sünde verstrickt waren? Sonne: Genau dieselben. Den ganzen Vorgang nennt man »absolvieren«! Phaeton: Was sagst Du? Die, die selber ein so sündhaftes Leben führen, maßen sich an, andere von ihren Sünden und Vergehen einfach freizusprechen!? Sonne: Ja! So heißt es in ihrer Religion! Und Ihr habt, um Eure feige Ohrenbeichte durchzusetzen, auch da Eure großen Lappen-Ohren hingehalten, wo noch nichts zu hören war, und der Kinder Herzen vergiftet, und sie Sünden gelehrt, damit sie Sünden beichten können! Welche Schmach für deutsche Schulkinder, sie herumtrippeln zu sehen, und sich gegenseitig »Sünden« ausfragen und abbetteln zu hören – nur um Namen und leere Begriffe handelt es sich dabei – um den vorgeschriebenen Beichtzettel ausgefüllt abgeben zu können. So hat sich das Krämer- und Kauf-Geschäft der päpstlichen Sünden-Börse bis auf die Kinder-Welt fortgesetzt: In katholischen Ländern verkaufen sich die Kinder gegen Zuckerwerk, Bleistift, Griffel und dergleichen »Sünden« aus Angst, im Beichtstuhl nicht die verlangte Anzahl nennen zu können. Auch das kommt auf Rechnung der verlotterten, welschen, hurenmäßigen Auffassung der Religion durch die Götter in Rom. Wenn Eure Beichte noch gewahrt bliebe! – War Euer seelisches Gerüst nun einmal so lidschäftig, daß es ohne Anlehnung an einen andern nicht bestehen konnte, – und darin liegt eine mangelhafte Tätigkeit der Seele – wenn dann wenigstens Eure geheimnisvolle Kommunikation gewahrt bliebe! Aber die wird preisgegeben und ausgeschwätzt, sobald der Vorgesetzte Eures Vertrauten, sei es Rom, sei es wer anders, es befiehlt. – Die Jesuiten haben allein auf diesen Punkt hin ein weltumfassendes Kommunikationsnetz konstruiert, dessen Fäden in Rom zusammenliefen. – Und dann steht Ihr in der ganzen Erbärmlichkeit und Hilflosigkeit Eurer Seele da! Noch heute hat jeder katholische Fürst seinen eigenen Beichtvater. Und früher wurden diese Beichtväter von Rom aus verschickt und den durchlauchtigsten Königen und Regenten beigegeben. Und ihre Stellung war unermeßlich hoch und einflußreich, da sie die Herzen ihrer Zöglinge »leiteten«. So wichtig waren diese lebendigen, schwarzen Schlummerrollen für die Herzen der Fürsten! Aber oft verkrümpelten sich die Beziehungen des Fürsten zu seinem Beichtvater, die durchlauchtigste Seele schlief nicht mehr so sanft auf der schwarzen Schlummerrolle; und nun war die Situation entsetzlich. Der Fürst war halbiert; der Beichtvater aus Rom hatte seine Seele sozusagen in Pacht. Und nun sollte er fort. Und ein anderer sollte kommen. Und diese Transaktion sollte geschehen, ohne daß die Seele des Fürsten Schaden leide. Und nun begannen diplomatische Verhandlungen. Und Bistümer und Grafschaften wog ein solcher neuer Beichtvater auf. Und oh, wenn der Heilige Vater sich erweichen ließ, wie in dem Falle Herzog Wilhelms II. von Bayern, und ließ sich herbei, dem gewünschten neuen Beichtvater die Seele des Fürsten zu übergeben; und oh, die Freude, wenn es ein Jesuit war; denn die Jesuiten waren unübertefflich geschickt im Beichtehören. Jetzt war der Fürst wieder ganz! Jetzt hatte er sein unentbehrliches, seelisches Kompliment aus Rom erhalten! – Mein Gott, die Sache ist ja herzbrechend! Aber, Gott verzeih mir, mich erinnert die Sache an unsere modernen Hypnotiseure und ihre Opfer: wo auch einer am Stuhl sitzt, unfähig, einen ganzen Menschen zu bilden, und der Beichtvater geht auf ihn zu und reicht ihm eine rohe Kartoffel und spricht: Essen Sie mein Freund, essen Sie diesen süßen Pfirsich! Und der Fürst ißt, ganz entzückt, und schlürft die süße Speise hinunter. – Mein Gott, die Sache ist ja herzbrechend schön; nur weiß man nicht, soll man darüber lachen oder weinen. – Sarpi schreibt in seiner Geschichte des Tridentiner Konzils über die Jesuiten als Beichtväter: »Niemand kann Gesinnung und Geheimnisse der Fürsten und Könige mit solcher Genauigkeit erforschen als ihre (der Jesuiten) Beichtväter. In der Beichte, besonders jener, welche über das ganze bisherige Leben Rechenschaft ablegt, werden ihnen die geheimsten Herzensfalten der Regierenden offenbar. Diese Art der Beichtablegung hält die Berater des Römischen Stuhls sicherer auf dem Laufenden, als es die Millionen des spanischen Herrschers (Philipp II.) vermögen, die dieser an seine Sendboten ausgeben soll.« Maria Theresia, eine große, weitblickende, aber bigotte Frau, wollte die Jesuiten in Wien auch nach Aufhebung des Ordens halten; bis man ihr die Abschriften ihrer in Wien abgelegten Beichte insgeheim von Rom aus, durch ihren eigenen Gesandten zustellte. In dem Breve vom 21. Juli 1773, mit dem Papst Clemens XIV. den Jesuiten-Orden aufhob, beruft er sich ausdrücklich auf »die schwersten Beschuldigungen, die den Mitgliedern des Ordens gemacht werden, und die den Frieden und die Ruhe der Christenheit stören«; eine dieser schwersten Beschuldigungen war das Brechen des Beichtgeheimnisses; »er wolle – schrieb Clemens weiter – den Gläubigen ihre Ruhe, der Kirche den Frieden wiedergeben«, und hob den Orden auf. Der gute Clemens war ein Papst, wie jeder andere; er hob den Orden auf, weil er mußte, und weil der Ansturm zu gewaltig war. – Ich wünschte nur, es möchte auch in Deutschland bald ein Ansturm entstehen, gegen den das gesamte Papsttum sich nicht mehr halten könne, und daß dann das Papsttum, in ähnlicher Weise, durch ein Breve, von kurzer Hand, von den Deutschen für Deutschland aufgehoben werde. Und aus neuester Zeit erfahren wir von dem aus dem Jesuiten-Orden ausgetretenen Grafen von Hoensbroech, also von autoritativer Seite, daß das Beichtgeheimnis bei den Jesuiten statutengemäß gebrochen wird. »Der Jesuitengeneral Claudius Aquaviva stellte als zu befolgenden Grundsatz auf, daß selbst, wenn die Gewissensrechenschaft abgelegt worden sei in Form der sakramentalen Beichte, dennoch der Obere das in dieser Beichte Mitgeteilte in der angegebenen Weise (das heißt zur Disposition der Oberen und des Generals) benutzen dürfe. Hier wurde also von Menschenhand das von Gott seinem Sakrament aufgedrückte Siegel zerbrochen!« Es kommt ein letztes hinzu: Wir wissen heute ein bißchen mehr von der Seele des Menschen, als zur Zeit des Jakobus-Briefes. Und da die Geistlichen ebenfalls Menschen sind, so unterliegen sie deren Bedingungen: Das Behalten eines Geheimnisses, selbst in der ehrlichsten Absicht, und selbst wenn beschworen, ist nicht immer in unseren Willen gegeben. Nicht nur wenn wir »voll« sind, wie Hutten meint – und das soll auch bei Geistlichen vorkommen –, sondern unter den verschiedensten seelischen Dispositionen, im Schlaf, im Traum, in der Hypnose, unter dem Einfluß bestimmter Medikamente, geben wir das unserem Unter-Bewußtsein Anvertraute ahnungslos von uns. Und, was wichtiger sein dürfte, unser gesamtes Gedächtnis ist das Material, aus dem wir, uns selbst unbewußt, unser gesamtes Tagesleben, unsere Handlungen, unsere Reden, unsere Andeutungen, unsere Bewegungen, unsere Gesten aufbauen. Mit einem uns anvertrauten Geheimnis in dieser Hinsicht als Baumaterial nicht rechnen wollen, liegt außerhalb des Bereiches unseres Willens; da die tiefste und letzte Verknüpfung dieses Materials im Unbewußten vor sich geht. Unsere Motive, als letzter Anstoß unseres Redens und Handelns reichen tiefer hinab, als unsere Jurisdiktion. Die Wahrung des Beicht-Geheimnisses ist also psychologisch unserem Willen entzogen. Das ist die katholische Beichte. Ein Narrenwerk; erst vergöttlicht; dann vermenschlicht. Ich glaube, auf Grund des Gesagten darf man jedem Deutschen zurufen: Beichtet überhaupt nicht! Euer Gewissen muß doch wahrhaftig mehr wert sein, als der Papst! – Und doch war diese Beichte noch ein Kinderspiel gegen das, was ihr folgen sollte: Was auch der Mensch getan haben mochte, schließlich, wenn er reumütig bekannte, mußte er absolviert werden. Die Schuld wurde vergeben. Er war frei. Zu schnell entschlüpfte der sündige Mensch dem kirchlichen Einfluß. Überwachung aber des Menschen in jedem Moment, auf allen seinen Gängen, bis auf seine nebensächlichsten Handlungen, war das Grundprinzip der katholischen Hierarchie. Hier mußte also etwas gefunden werden, um den armen Kerl festzuhalten. Man sagte: die Schuld ist vergeben; das können wir leider nicht hindern; Christus ist am Kreuz gestorben. Aus des Teufels Krallen seid Ihr erlöst. Aber die Strafe für die Schuld muß außerdem gebüßt werden; hier oder im Jenseits; besser hier; und die Strafe geht uns, die Kirche, an. Die Schuld war etwas Moralisches, Jenseitiges, in den Himmel Reichendes: hatte Christi Blut weggewaschen. Die Strafe war etwas Hiesiges, Irdisches, das Fleisch Treffendes, Meß- und Wägbares. – Die lehrhafte Unterscheidung dieser Beziehungen geht übrigens nicht auf einen Kirchenlehrer, auch nicht auf eine Zeit-Periode zurück, sondern entwickelt sich schon seit dem 3. Jahrhundert. Dazu kam aber noch etwas anderes. Das In-Bezug-Setzen einer bestimmten Menge der Strafleistung mit der Höhe der Schuld. Auch für rein geistige Strafleistungen, wie das Gebet: Wer zwanzig Geldstücke zahlen muß statt eines, um eine Schuld zu sühnen, empfindet die Strafe zwanzigmal stärker; wer zwanzig Rutenhiebe bekommt statt eines, ebenso; dies ist begreiflich und war bei den alten Germanen wie bei den übrigen Völkern Brauch. Aber daß zwanzig »Vaterunser« mehr sein sollen, als eines, wer hat das zuerst eingeführt ? Seit meinen Jugendjahren ist dies einer meiner furchtbarsten Gedanken: daß ein Dutzend Vater-Unser oder Ave-Marias mehr seien, als eines im Hinblick auf die Leistung wie auf die Gesinnung des Büßenden. Wer hat diesen entsetzlich rohen Gedanken zuerst in das Christentum eingeführt? Es ist dieser Gedanke der Grund, der mich beim Betreten einer katholischen Kirche alles Händefalten und Dortknieen für einen gegenstandslosen Schabernack, ihre Gottheiten im Gegensatz zum deutschen Herr-Gott für Opernfiguren, ihre ganze Religion für einen fremdartigen, mich neugierig machenden, orientalischen Kultus halten läßt. Ich kann mir nicht helfen, ich glaube hier einen ursprünglich orientalischen Einfluß zu erblicken: als ich zum erstenmal die Gebetsübungen der Derwische in einer blendenden Schilderung erzählen hörte, wie sie die Köpfe schlenkernd mit ihrem li la la illa hin und her warfen, und in immer schnellerem Tempo diesen stampfend vorgebrachten Rhythmus wiederholten, bis ihnen der Schaum vor den Lippen stand und sie berauscht und besinnungslos niederstürzten, um in einem Außer-Sich-Sein, in einem Verzückungsstadium, die psychische Vereinigung mit dem Göttlichen auf einige Minuten zu erleben, – war mir klar, daß diese religiöse Wort- und Körper-Gymnastik die Quelle unserer Litaneien und Rosenkranz-Übungen seien. Denn hundert oder hundertfünfzig Ave-Marias sind keine Verinnerlichung, keine Gesinnungs-Konzentration, sondern zweifellose Gymnastik; nur fehlt hier der Endeffekt des Orientalen: die Berauschung, die Verzückung. Denn das abendländische Hirn ist dieser Trans-Form auf dem Wege rhythmischer Körper- und Lippen-Leistung nicht fähig; aber der gymnastische Anlauf dazu liegt in der Litanei deutlich vor; und bei den keuchenden Beterinnen auf dem »Käppele« bei Würzburg mag ein Anfangs-Stadium der Berauschung, in Form von Schwindel, eintreten. Ich gebe hier meine Gedanken ganz wie ich sie habe, ohne ihre wissenschaftliche Begründung versuchen zu können: die Massen-Gebets-Leistung mit rhythmischer Akzentuierung in der katholischen Kirche ist orientalische Gottesdienst-Übung: die abendländische, und besonders die nordländische Art der Erhebung zu Gott ist spezifisch: Verinnerlichung in sich selbst, Versenkung in das eigene Gemüt, feierliche Stimmung, Zwiegespräch mit der Seele, Abschluß von der Außenwelt, Aufsuchen großer Stille und Zusammenfassen des Stimmungsinhalts in wenige, hergebrachte oder selbst erfundene Worte, die nicht laut gesprochen, sehr leicht innerlich geweint sein können. – Und nun mag, nachdem wir einige grundlegende Erörterungen und Unterscheidungen gepflogen, das Geißelknallen und endlose Psalmodieren der frühesten Kirche bis zu den großen Portemonnaie-Leistungen der sündigen Christenheit im prächtigen St. Peters-Dom zu Rom ihren Fortgang nehmen. Ein reines Gewissen wird gegen eine Tracht Prügel oder gegen eine Portion Maulfertigkeit verabreicht, und Sündlosigkeit verzapft wie Bier. »Seht an, was treibens in der Beicht. Denn wer dasselbig achtet leicht, der hat der Sachen nit Verstand. Ich will verschweigen die große Schand die da geschieht. So schwatzens ab, beid, Weib und Mannen, Gut und Hab. Wo dann ein Frommer sterben muss, in's Kloster geben, ist sein Buss« – sagt Hutten. »Und meynen die törichten Menschen, Gottes Huld und Gnad do mit zu erwerben, das sie ihr Geld zu geistlichem Gebrauch geben. Dann sie glauben gänzlich es sei wohl angelegt. Und zu voran die guten Fräulein, die dann erbärmlich betrogen werden, und mit wunderlichen Zusagungen, durch die Beichtiger überschmeichelt. Dieselbigen melken von jenen so viel sie wollen. Und meinen die guten frommen Weiblein, sie mögen doran nit sündigen« – sagt Hutten weiter. Das ganze merkantile System wird zusammengefaßt unter dem Wort Ablaß. Das Wort kommt nicht von: ablassen, im Sinne von: Sünden nachlassen; sondern daher, daß der Papst die von Orden und Betbrüderschaften durch sogenannte Leer-Beten, oder Im-Voraus-Beten und Kasteien, aufgehäufte Spannkraft, die man »Gnadenmittel«, oder »gute Werke« nannte, und die in Zahlen oder dem Druck nach angegeben werden konnte, zu seiner Verfügung nahm, und davon gegen Bezahlung »abließ«, was ihm gutdünkte. – Die Sache ist nicht direkt verständlich, und durchaus kein so einfaches Kassengeschäft, wie oberflächliche Protestanten oft meinten: Wenn z. B. einer einen Mord begangen hatte, so wandte er sich an einen Priester, und durch dessen Vermittlung erhielt er vom Papst einige tausend »Vater-Unser«, die irgendwo anders, von anderen, im Kloster, oder sonstwo, gebetet worden waren, die also als saubere, verwendbare, sündentilgungsfähige Vater-Unser dalagen. Diese tausend oder wieviel »Vater-Unser« also, die zwar gebetet, aber nicht verbetet waren, die also einen Wert repräsentierten, weil der betreffende Beter, der sich gerade sündenfrei fühlte, oder gerade absolviert worden war, für seine Vater-Unser nichts vom Himmel bekommen hatte, auch nichts nötig hatte, gab der Papst dem betreffenden Totschläger; und dieser zahlte dafür fünfzig Grossi, zirka zweihundertfünfzig Mark (dies war ungefähr der Sühnepreis für einen Mord in der Tax-Liste Papst Leos X.). – So weit war die Sache allerdings reines Kassengeschäft; nun kommt aber das Merkwürdige: der Totschläger bekam die »Vater-Unser« eigentlich nicht. Was sollte er denn mit den »Vater-Unser« tun? Er konnte ja damit nichts anfangen; was kann denn ein Totschläger mit »Vater-Unsern« machen. Er kann sich ja mit denselben krumm beten. Er kann sich in seiner Verzweiflung damit vor Gott hinwerfen: es hilft ihm nichts: der Katholik hat ja keine direkten Beziehungen zu Gott. Gott ist ja für den Katholiken keine Instanz. Er kann also mit den »Vater-Unsern« rein nichts anfangen. – Wer bekommt dann die »Vater-Unser«? – Gott, das allerhöchste Wesen, der Inbegriff unserer höchsten und heiligsten Vorstellungen! – Und von wem? – Vom Papst. Hat denn der Papst mit diesem höchsten Gott solche Beziehungen, daß er ihm »Vater-Unser« mit einer entsprechenden Weisung überreichen kann? – Das glauben in Deutschland Millionen Menschen, und geben ihren letzten Sparpfennig dafür her, und verraten ihren Fürsten, wenn es gewünscht wird. – Und der Mörder? – Erhält die »Vater-Unser« nur nominell; sie werden ihm angerechnet; und Gott muß ihn dafür von den ewigen Strafen befreien. – Muß? – Das ist eben die dritte Seite im Ablaß: erst die Beziehung des Mörders zum Papst; demnächst die Beziehung des Papstes zu Gott; und jetzt die Beziehung Gottes zum Mörder, die eigentlich keine Beziehung, nur eine unsichtbare Funktion ist. Gott muß für jedes Vater-Unser etwas leisten. Wird es von jemandem gebetet, der selbst keine Sünde begangen, so muß Gott das Vater-Unser für einen andern annehmen, und diesem eine Strafe erlassen. So ist der Pakt, den der Papst mit dem Herr-Gott geschlossen hat. Gott muß also dem Mörder, für den die nötige Anzahl »Vater-Unser« hinterlegt wurden, die Strafe erlassen, ohne daß er mit ihm in direkte Beziehung tritt. Dies ist lediglich ein Rechengeschäft. – So also ist der Instanzenweg. Der Ablaß ist, figürlich ausgedrückt, ein spitzes Dreieck. An der Spitze der Papst, unten an den Schenkeln der Sünder und Gott. Obwohl diese beiden Enden der Schenkel sehr nahe beieinander sind, ist doch eine Beziehung zwischen Gott und Sünder unmöglich; diese Drei-Eck-Seite ist nicht ausgezogen; muß als punktiert betrachtet werden. Ausgezogen ist nur die lange Linie vom Sünder hinauf zum Papst; dorthin geht der Instanzenweg; und ferner die lange Linie vom Papst herunter zu Gott; dies ist der Weg, den nur der Papst beschreiten kann. Ich sehe, einem jungen Menschen aus Norddeutschland, der vielleicht noch nicht zwanzig Jahre alt und der Sohn ehrlicher Leute ist, schwindelt hier das Hirn. Ich kann ihm aber nicht helfen. Zu irgendeiner Zeit muß eben jeder, der nicht zurückbleiben will, das schmutzigste System, das Menschen konstruiert haben, kennenlernen. Die Rechnung nach »Vater-Unser«, »Ave-Marias«, »Litaneien« und dergleichen war aber bald zu umständlich. Man rechnete nach »Monate« und »Jahre« Buße, einerlei, was vorgefallen war. Man sagte: ein Mord braucht, um hinsichtlich seiner Straf-Wirkung ausgelöscht zu werden, soundsoviel Monate »Buße«, und diese monatelangen Gebete und Kasteiungen kosten so und so viel. – Da aber die Buß-Zeit für den Missetäter gar kein Interesse hatte, da er sie ja nicht abbüßte, sondern nur bezahlte, so setzte man in den Taxbüchern gleich die Summe neben das Verbrechen, und sagte: Ein Mord kostet soundsoviel. – Und der Papst ließ die Mönche in den Klöstern fleißig beten und psalmodieren und gab ihnen einen Teil des dafür eingehandelten Geldes, und schenkte ihnen Privilegien; und »Tausende von Jahren Sünden-Vergebung« sammelten sich beim Heiligen Vater an; man nennt dies den Gnadenschatz der Kirche , und er gab davon ab an Könige, Fürsten und Herren, und beruhigte ihre Gewissen; nur die Armen ließ man in Verzweiflung, und rief ihnen zu, sie möchten sich selber kasteien, und beten, so gut es ging. Und was ein Papst an »Gnadenschatz« nicht brauchte, überließ er seinem Nachfolger, wie einen Schatz an barem Gelde, Die Höhe schwankte wie in jedem anderen Staats-Sau-Stall – wollte sagen: Staats-Haushalt. Ich weiß wirklich nicht, wie viel tausend Sünden-Vergebungs-Jahre der gegenwärtige Papst, Leo XIII., gesammelt, und was das Jahr kostet. – Und der Herr Gott im Himmel schlug diese verdammte Sünden-Krämer-Bude nicht in Trümmer? – Nein, lieber Freund, ehrliche Menschen schlossen aus dem Umstand, daß diese päpstliche Sünden-Bude aufgeschlagen werden konnte, daß es keinen Kirchen-Herr-Gott gebe! – »O ihr Mönche und Pfaffen, Was habt ihr gethan? Habt uns gemacht zu Affen; Die Läng' mag's nit bestan, Es soll euch bald gereuen, Das sage ich fürwahr, Das Fell soll man euch bleuen und ziehen bei dem Haar.« So sangen die Stralsunder im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts. Das Nächste war, daß man, nachdem man sich des Gewissens der Menschen bemächtigt hatte, nach ihrem Körper langte, ihren Magen untersuchte, was sie aßen, ihre Kleider visitierte, was sie trugen, ja bis ins Ehebett stieg, und alle Funktionen beobachtete und abzählte, und alles besteuerte und zur Sünde machte, nicht, um es zu verbieten, sondern um es auslösen zu lassen, und die menschlichen Funktionen gegen Geld zu verkaufen. »Hört zu ihr Deutschen, was ich sag, aus Gottes Stiftung nimmer mag bewiesen werden, uns schuldig sein, dem Papst zu geben Geld hinein, und um ihn kaufen geistlich War', Pfründ, Kirchen, Pfarren und Altar. Gott hats gegeben alls umsonst, und mag nit sein der göttlichen Gunst wo man die Sacrament verkauft. Kein hat Gott nie ums Geld getauft.« »Veräußerung des Innerlichsten« nennt Ranke mit einer glücklichen, vieldeutigen Wendung den Ablaß, als er auf die zerstörende Wirkung dieser frivolen, päpstlichen Einrichtung auf die Innerlichkeit und das Gemüt der Deutschen zu sprechen kommt. In der Tat, ihre Sünden glaubten sie verkauft zu haben, und ihren Anstand, ihr Gewissen, hatten sie in Wirklichkeit verkauft. – Der nächste Schritt war, daß man die Leute nach Rom zu kommen zwang; es genügte nicht, ihre Gewissen zu beherrschen, ihre Handlungen alle aus der Ferne zu kontrollieren; auf diesem Weg blieb zu viel Geld in den Händen der Zwischenhändler, der Bischöfe und der Geistlichen kleben; man wollte den Leuten zeigen, wo der Statthalter Christi wohne, von wo der direkteste Weg zum Himmel sei, wo die Wirksamkeit der Gebete und Almosen am größten sei; man wollte die Sündenvergebung lokalisieren. Schon Bonifaz VIII. fing im Jahr 1300 an, allen Rompilgern, welche während dieses Jahres nach Rom kämen und die Kirchen des Petrus und Paulus besuchten und daselbst beichteten, »nicht nur volle und reichlichere Sündenvergebung als sonst (man beachte die Sprache), sondern vollkommensten Nachlaß aller Sündenstrafen zu versprechen«; und dies sollte sich alle hundert Jahre wiederholen! Man nannte dies Jubeljahr, ein für einen Nordländer im Hinblick auf Sündenvergebung, Reue und Beichte kaum verständliches Wort. Der finanzielle Erfolg war enorm. Der Geschichtsschreiber Villani erzählt im achten Buch seiner Weltgeschichte als Augenzeuge, daß sich täglich während dieses Jahres zweihunderttausend Pilger in Rom befanden, die Zuströmenden und Abziehenden ungerechnet. Am Altar des Paulus standen Tag und Nacht zwei Geistliche, und scharrten mit Rechen das Geld der Gläubigen zusammen, wie ein Chronist berichtet, der sich selbst unter den Pilgern befand. Greise, Kranke, Kinder schleppten sich den langen Weg nach Rom hin, oft sich einander tragend, um gegen Geld ihre Sünden los zu werden, das heißt, ihre Furcht, in dem eigens für diese Zwecke konstruierten Fegfeuer sitzen zu müssen. In Rom angekommen rutschten sie auf den Knieen die Stiege zum Vorhof von St. Peter hinauf und warfen sich in Ekstase am sogenannten Apostelgrab nieder. Der Zweck wurde vollkommen erreicht: Die Sündenvergebung, von der wir oben meinten, sie ruhe als letzter Prozeß im Gewissen des Einzelnen, war hier an eine Steinplatte lokalisiert. Dante sah noch dieses Jubiläum und erwähnt es im achtzehnten Gesang seines »Inferno«. Das Gedränge muß darnach entsetzlich gewesen sein. Man berechnete allein die Kupfermünzen der Armen auf 50000 Goldgulden; die Gesamt-Einnahme auf dreizehn Millionen. Dieses Jubiläum, welches man mit Recht »das goldene Jahr« nannte, und sein enormer Geldeingang machte die Päpste, und noch mehr ihre Umgebung, zu gierigen Wölfen, zu goldfressenden Schakalen. In unseren Tagen sagt man, der erste Morphium-Genuß wirke auf dazu disponierte Leute derart, daß sie es unter allen Umständen wieder haben müßten, und sie würden darüber zu Dieben und Betrügern, und verlören das Gefühl für Schande. So wirkte das gelbe Metall damals auf die Päpste. Sie mußten es unter allen Umständen haben. Und wenn sie zu ehrlosen Betrügern dadurch wurden. Und die Römer erklärten, sie könnten ohne den Fremdenzufluß nicht mehr existieren. Ganz Rom bestand aus Wirtshäusern und Herbergen. So ließ man denn in der Welt sündigen, damit der Vatikan zu seinem Geld käme. Und wo nicht genug gesündigt wurde, konstruierte man neue Sünden. Gleich Clemens VI. setzte, kaum gewählt, 1344 das Jubiläum auf alle fünfzig Jahre herunter; wie er wehmütig hinzufügt, »als Gnadenkonzession aus dem unerschöpflichen Schatze der Verdienste Jesu Christi, zu dessen Haufen die Jungfrau Maria und alle Auserwählten ihre Verdienste bekanntlich hinzugäben«. Urban VI. setzte es noch im gleichen Jahrhundert auf alle 33 Jahre fest; und Paul II. im Jahr 1470 auf alle fünfundzwanzig Jahre; und was wäre erst gekommen, wenn die Päpste nicht 1309 auf ein volles Jahrhundert nach Avignon in Südfrankreich ausgewandert wären. In Rom entstanden jetzt die Sünden-Kanzleien mit einem Heer von Beamten und Schreibern, von denen Ablaß-Bullen und Indulgenzen, Lossprechungen vom Bann, bis herunter zu den kleinsten Butter- und Eier-Briefen in Tausenden und Abertausenden von Exemplaren gegen Barzahlung im Namen Gottes ausgefertigt wurden. Die Einnahme aus all diesen Quellen berechnen sich nach Hunderten von Millionen. Und Papst Leo X., der »große Ablaßkrämer«, konnte mit Recht zum Kardinal Bembo sagen: »Was Uns und den Unsrigen jenes Märchen von Christus für Vorteile gebracht hat, ist durch alle Jahrhunderte zur Genüge bekannt.« Nachdem der große Ablaß-Bau ausgeführt war, kamen noch eine Menge Ausschmückungen und Zierrate hinzu. Die wichtigste war wohl die, die Alexander VI. einführte, wonach der in Rom gewonnene Ablaß auch auf die »Seelen im Fegfeuer« ausgedehnt werden konnte. Welche Anstachelung der Phantasie! Ein Besuch in Rom verschaffte allen verstorbenen Verwandten das Himmelreich. Der gleiche Papst führte auch die sogenannte goldene Pforte auf, eine Türe der Peterskirche, die nur im Jubeljahr geöffnet ist, nach Schluß desselben wieder vermauert wird. Mit drei Schlägen eines goldenen Hammers und den Worten: »öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit« wurde sie vom Papst am ersten Tag des Jubeljahres geöffnet. Jeder, der durch sie hindurch geht, wird aller Sünden quitt und ledig, und kann dies auch für andere, zu Hause Gebliebene, mit dem gleichen Erfolg besorgen. – Eine größere Anzahl von Sünden und Vergehen behielten sich die Päpste vor, persönlich zu vergeben. Kein Priester oder Bischof konnte daran rühren. Selbst Christus nicht, auf den sich jemand hätte berufen können. Ihretwegen war es natürlich vor allem angezeigt, nach Rom zu pilgern. – Clemens VI. befahl in einer Bulle den Engeln im Paradies, allen etwa auf der Reise zum Jubeljahr nach Rom Verstorbenen direkt den Himmel zu öffnen, da ihre Seelen aus dem Fegfeuer schon befreit seien. Und in einer Bulle vom Jahr 1342 erklärte der gleiche Papst: Christus habe das Menschengeschlecht mit einem einzigen Tropfen seines Blutes erlöst; der Rest des vergossenen Blutes, welches doch nicht umsonst vergossen sein könne, bilde, vermehrt um die Verdienste Marias und der Heiligen, den unermeßlichen Gnadenschatz der Kirche, zu dem der Papst den Schlüssel habe, und von dem er zur Entsündigung der Menschheit ablassen könne, soviel er wolle, ohne Gefahr, denselben je zu erschöpfen. »... zu Rom, und nehmen täglich ein von Deutschen, unser Schweiß und Blut. Ist das zu leiden, und ist's gut? Ich rat, man geb ihn fürderhin kein Pfennig, das sie Hungers ersterben.« »All ding ums geld man kaufen muß, wer dies nicht hat, dem hilft kein Gruß, Und sind zu Rom die Pfründen feil. Sie sprechen auch der Seelen Heil, Vergebung aller Missetat; Und was die Geistlichkeit angaht gehör in solcher Kauffleut Schatz. So haben seitdem Päpste viel Gekartet ganz das Widerspiel, und machen neu Gesetz ohne Zahl, das Evangelium wurde schmal.« Dreierlei Dinge – sagt Hutten – bringen die zurück, die gen Rom zum Papst gehen: »ein verdorbenes Gewissen, einen bösen Magen, und leeren Säckel.« »Nur die Gutmütigkeit der Gläubigen – meint Ranke – gewährte dem Papst die großen Einkünfte aus Jubiläen und Indulgenzen.« – Nein, da kennt Ranke seine Landsleute denn doch zu wenig. Es war naiver, ehrlicher Glaube und Sorge für das Jenseits auf der einen, rücksichtslose Berechnung auf der andern Seite. – Laurence Sterne definiert in einer seiner Predigten das Papsttum als: »ein Gaunersystem, welches unter Berechnung der Schwachheiten und Neigungen der Menschen ihnen die Taschen plündert.« Gutmütig war nur das, aber zugleich ein Beweis für den Ernst der Auffassung, daß es keine Nation so weit und so bunt mit sich treiben ließ, wie die deutsche; so daß einst Alexander VI., als er hörte, sein Sohn Cäsar habe im Brettspiel hunderttausend Goldgulden verloren, achselzuckend erwidern konnte: »Es sind nur die Sünden der Deutschen!« »Da schickt der Papst uns sein Legaten Mit viel Gewalt, wenig Dukaten, Er gibt ihnen aber sonst daneben Die Ablaßbrief, davon zu leben, Da mit das, was in die Kisten fällt, Ihnen unverletzt werd' zugestellt, Und uns die Flügel mit gefärden Des soll dadurch beschroten werden. Wenn nun die Botschaft uns gesandt Kommt irgendeinem ein Stadt im Land, So muß man ihn entgegen gon Mit herrlicher Prozession, Sie führen hin mit großem Prangen, Mit Kreuzen, Fanen und Kerzstangen, Mit großem Gesang und auch Geschrei Von Pfaffen, Mönchen, mancherlei. Als dann so würd' ein Kreuz aufgesteckt, Damit der Menschen Herz bewegt, und würd der Ablaß wie der Wein Ausgerufen mit großem Gleiß und Schein. Da mit kommt's Geld dann auch von den, Die sonst gen Rom nit mochten gehn.« »Der dort auf Erden jetzt an meiner Statt Den Platz sich angemaßt, regieret, hat Aus meinem Grab gemacht 'ne Düngergrube Voll Unflat und voll Schmutz, – der Lotterbube An meiner Stelle Christus sein? – zum Lachen, Zum Lachen ist's und Hölle lustig machen!« – singt Dante. Wie fürchterlich Deutschland geblutet haben muß, zeigt uns ein lateinisches Gedicht des Konrad Geltes aus dem 15. Jahrhundert: »Gegen Rom« überschrieben: »Wie hast Du Dich verändert Rom, und wie gemein erscheint uns heute Dein Gesicht! Ehemals handeltest Du mit alten Körpern und Heiligenknochen, heute handelst Du mit Seelen. Unser gesamtes Deutschland ist infolge dieser Handelschaft vom Süden bis zum entferntesten Norden, von einer Grenze zur andern, ausgesaugt und ausgeplündert, all unser Gut in eure Spinde und Kästen gewandert, damit Du, gottloses Rom, deinen Lüsten Genüge tun könnest. Und die Gelder, die wir Euch schickten zum Aufbringen der Heere, die unsere Grenzen gegen die Heiden und Türken schützen sollten, die habt ihr in Rom vor den Altären des Bachus und der Venus vergeudet!« Man wird mir hier entgegnen: Der Ablaß ist ja vorbei. Die schmutzigste Ära ist überwunden! – Der Ablaß ist nicht vorbei. Er blüht in Deutschland und Rom, wenn auch nicht in dieser Form, aufs üppigste. Millionen werden jährlich in Deutschland für das Erlösen der Seelen aus dem Fegfeuer ausgegeben. Ich kenne manchen schwarzgerockten armen Teufel auf dem Lande, der auf dieses Fegfeuer-Geld angewiesen ist. – Ich sage nur: Laßt Euch nicht weiter beschmutzen von der päpstlichen Religion; laßt Euch nicht weiter verwickeln in ihre Unterrocks-Dogmen und heilige Gebärhaus-Exerzitien. Habt nichts zu tun mit den Erweiterungen zur »Christlichen« Religion, die nur die Erhöhung der Person des Papstes im Auge haben. Merkt Ihr denn nicht, daß man den Papst zum »Gott« machen will? In Frankreich wird er schon »Sohn Gottes« genannt. Wollt Ihr ihn denn anbeten? (Ihr habt es schon getan!) Was geht Euch ein Welscher an? Seid deutsch! Ihr habt doch deutsche Sprache, deutsche Kunst, deutsche Literatur, deutsche Herzen: warum wollt Ihr welsche Religion? Auch irrt Ihr, wenn Ihr meint, die katholische Kirche habe ein Titelchen ihrer Ablaß-Einrichtungen aufgegeben. Zweihundert Jahre nach Luther hat Pius VI. »das Schmähen gegen die in der Kirche gebräuchlichsten Ablaß-Verzeichnisse strenge gerügt und solches für vermessen, anstößig (!), ärgerlich und schimpflich für den heiligen Stuhl und für die in der ganzen Kirche bestehende Praxis« erklärt. Und der zweimalige Sturm des aufgeklärten katholischen Deutschlands gegen die Trierer Rockwallfahrt im 19. Jahrhundert ist ebenso vergeblich verrauscht wie der Zorn der Reformatoren gegen dieses sündenvergebende Kleidungsstück im 16. Jahrhundert; wie Luthers rücksichtslose Philippika aus dem Jahr 1531 vergessen ist: »Hilf Gott, wie hat es hier geschneiet und geregnet, ja eitel Wolkenbruch gefallen, mit Lügen und Bescheißerei? Wie hat der Teufel hie tote Knochen, Kleider und Geräte aufgemutzt. Wie sicher hat man allen Lügenmäulern geglaubt? Wie ist man gelaufen zu den Wallfahrten; welches alles der Papst, Bischoffe, Pfaffen, Mönche haben bestätigt, und die Leute lassen irren, und das Geld und Gut genommen. Was tat allein die neue Bescheißerei zu Trier mit Christus Rock? Was hat hie der Teufel großen Jahrmarkt gehalten in aller Welt, und so unzählige falsche Wunderzeichen verkauft? Ach was ists, daß Jemand hiervon reden mag? Wenn alles Laub und Gras Zungen wären, sie könnten allein dies Bubenstück nicht aussprechen.« Die Kirche hat immer ihr ganzes System im Auge, und verteidigt immer ihren ganzen Kodex und ihre ganze Geschichte. Und Du kannst Dir nicht das eine auswählen und das andere zurückweisen. Da nun die römische Kirche alle ihre Taten von Sylvester bis Leo XIII., die Schlächtereien der Waldenser wie die Nieder-Metzelung der deutschen verehelichten Geistlichen im 11. Jahrhundert, die Demütigungen deutscher Kaiser wie die Lehren der Jesuiten, den Ablaß, wie die Inquisition unter ihren Schutz nimmt, und als einziges göttlich-inspiriertes Ereignis feiert, so soll sie auch – wie Luther gelegentlich bemerkt – den ganzen Kübel ihrer Laster und Vergehen übergestülpt bekommen, damit sie bedeckt mit dem Schmutz von Jahrtausenden als das vor der Welt erscheint, was sie wirklich ist, und die Deutschen sich entscheiden können, ob sie hinter diesem Dreckwagen noch länger dreinmarschieren wollen. Auch Ihr habt noch nicht alles vom Ablaß gehört: Nachdem man unbeschränkte Sünden-Vergebung zu Rom wie zu Hause, mit oder ohne Reue, für sich wie für andere, für Tote wie für Lebende gegen Geld erhalten konnte, blieb für die Bequemlichkeit der Menschen wie für die Kasse des Papstes noch immer etwas zu tun übrig: – kein Deutscher war darauf gekommen – die Kirche vergab die Sünden im voraus. Und wie heute die englischen Reisenden mit den Kupons der Firma Cook in der Tasche für noch nicht gegessene Beafsteaks, noch nicht beschlafene Betten, noch nicht gesehene Sehenswürdigkeiten ihre Reise antreten, aber alle diese Kupons schon bezahlt haben, so könnte man von Rom aus mit einem bestimmten, im Namen Jesu ausgefertigten Pergament in der Tasche für vergebene Sünden nach Hause zurückkehren, und brauchte die Sünden jetzt nur noch zu begehen; wie jene Engländer die Beafsteaks nur noch zu essen brauchten. Am Hochaltar der Sebastianskirche in Rom konnte man gegen Bezahlung acht Seelen auf einmal aus dem Fegefeuer befreien und erhielt selbst zweitausendachthundert Jahre Ablaß hinzu. – Solche Altäre, deren es mehrere und mit verschiedener Wirksamkeit gab, hatten die Überschrift: »Wenn Jemand an diesem Altar eine Messe lesen läßt (dafür zahlte man je nach der Wirksamkeit des Altars eine verschiedene Taxe), so erlangt er vollkommene Vergebung seiner Sünden. Wenn aber die Messe für die Seele eines Abgestorbenen gelesen wird, so steigt dieselbe sogleich während der Handlung und Feier der Messe aus dem Fegefeuer in den Himmel auf, und wird bewahrt bleiben. Nichts ist gewisser!« Dreißigtausend Jahre Sündenvergebung versprach mit eigenem Munde Alexander VI. allen, die in Rom vor einem bestimmten Bild der heiligen Anna ein bestimmtes kleines Gebet sprächen. Die Kirchen Roms besaßen an und für sich das Recht der vollkommenen Sündenvergebung. Wollte eine ausländische Kirche diese Fähigkeit erwerben, so mußte sie bezahlen, wie z. B. die Deutsch-Orden-Kirche tausend Goldgulden. Diese konnte dann wieder ihre Taxen von den Gläubigen erheben. – »Hier wird dein göttlich Lehr ermordt, Hier tut man Gewalt der Predigt dein, Hier gibt man alles Lasters Schein, Hier lehrt man Rauben sei kein Sünd, Hier lobt man böse List und Fündt, Hier wird dein Evangelium veracht, Hier übt der Papst ein unverschämten Pracht, Hier man bekommt all Ding ums Geld. Und ist betört die ganze Welt. Hier gibt man Ablaß und Gnad, Doch keinem, der keinen Pfennig hat, Hier wird gelogen, hier gedicht, Eine Sünd vergeben, ehe sie geschieht. Darum der Schand trägt niemand Scham. Hier wird verschworn dein heiliger Nam, Und doch gehalten nit ein Wort, Das Recht gebracht an keinen Ort, Hier wird verkauft der Himmel dein, Geurteilt zu der Hölle Pein; Ein jeder der dagegen sagt, Hier wird, wer Wahrheit pflegt, verjagt, Hier wird deutsche Nation beraubt, Ums Geld viel böse Ding erlaubt, Hier bedenkt man nit der Seelen Heil, Hier bist du, Herrgott, selber feil, Und ist ein Leo geworden Hirt, derselb dein Schäflein schabt und schirrt und würgt sie nach dem Willen sein, Gibt Ablaß aus, nimmt Pfennig ein, Mit seiner Gesellschaft, die er hat, die geben diesen Dingen Rat, Viel Schreiber, und Kopisten viel Die machen was ein jeder will, Und schreibens dann der Kirchen zu, Als hättest das bewilligt du, Und sei zu Rom die Kirch allein, Ach Gott nun mach dich wieder gemein. Sieh wie man deinen Schäfer trägt Mit Seide, Purpur ausgelegt Wie er so weiblich ist geziert, Wie man ihm schmeichelt und hofiert. Sieh wie er Wollust treibt und Pracht, Dadurch wirst Du es nur veracht, Beim Heiden und im Türkenland, – Gott wird es aber rächen bald, Fürwahr du mir das glauben sollt, Denn er den Gerechten nie verließ, Verlaß dich drauf, es ist gewiß.« Ich hab's gewagt, Ulrich von Hutten. »O Rom Du bist das gemein Schauhauß der gantzen Christenheit, darinnen was geschehen würt, meynet man sey recht und billig. Du bist die weyt rüchtig Scheuer der welt, darein man fürt und zusamen trägt, was man von yederman geraubt und nommen hat, darinen mitten sitzt der unersättlich Geizwurm, der vil verschlingt und stets einen großen Hauffen guter Frucht verzehrt. Umgeben von seinen Mitfressern, die uns erstlich unser Blut ausgesogen, darnach vom Fleisch gefressen, biß sie uns jetzo an das Marck kommen, zerbrechen uns die innerlichsten Beyn, und was noch übrig ist, wollen sie auch verzehren. Suchen hie Deutsche nit waffen herfür? Gehen sie die nit mit Eysen und Flammen an?« Es war nach alle dem, nach all den riesigen Transaktionen in Sünden und Geld-Einheimsungen, nicht zu verwundern, wenn eines Tags einer dieser Legaten den Kopf verlor und in einem plötzlichen Raptus das Papsttum zum Verkauf ausbot: »Durch denselbigen Ablaß hat der Barfusser Mönch von Mailandt, Samson genannt, so viel tausend Gulden in allerley Landen gesammelt, daß sich die Welt darüber verwundert. Denn es trug über zwölf mal hundert tausend Dukaten; daß er auf einen Tag das Papsttum zu kauffen außbotte.« – Der Mönch hatte nicht so arg fehlgegriffen, als man auf den ersten Moment glauben sollte. Er hatte nur auf der unrechten Seite angefangen: Er konnte das Papsttum nicht verkaufen. Aber gekauft konnte das Papsttum werden; und ist wiederholt; sogar gegen bar, wie der Fall Alexanders VI. und anderer Päpste beweist, gekauft worden; und geschieht bis zum heutigen Tag in irgend einer Kaufform. – Aber das war nicht der Gedankengang des Mönchs. Der Mönch lebte noch in jener Zeit, in der die Sündenvergebung, nicht wie heute wie ein Pfund Wachs oder Wacholder, welches der Katholik kauft, angesehen wird, sondern wie eine transzendentale Leistung, die mehr oder weniger den Himmel passieren müsse. Nachdem nun dieser brave Mönch, der täglich, autorisiert von seinem Herrn, Tausende solcher Himmels-Transaktionen wie mit spielender Hand vorgenommen, juckte es ihn sozusagen, und er überlegte, und kam auf den nicht unebenen Gedanken, daß im Verhältnis zu dem, was ihm täglich an überirdischen Leistungen gegen bar durch die Hand gehe, das Papsttum als eine relativ geringe und irdische Sache nicht allzu teuer zu stehen kommen könne; ähnlich wie andere unter den Katholiken, die wußten, man könne sich den Himmel kaufen, auf die Meinung kamen, man könne sich die Maria, sich die Unbefleckte Empfängnis und ähnliches kaufen. Ähnliche Gedanken müssen damals überhaupt im Umlauf gewesen sein. Wenigstens läßt Hutten den »Pasquillus« in einem Dialog sagen: »Das hab ich lang wol gewisst, was für eine grosse Macht der Pfening het, dass ich nit allain die Pfründ, sondern Gott, die Sacrament, das Himmelreich und den Papst selbs kauffen möcht, dann diese ding seynd alle feil zu Rom, und so frey, dass hie zu Rom nicht freyeres gehandelt wird.« Eine Ablaß-Verkündigung des Erzbischofs Albrecht von Mainz aus dem berühmten Jahr 1517 »meldet und thut kund zu wissen, dass der allerheiligste Herr (Gott? – Gott bewahre!) Leo X., Papst, allen und jeden Christgläubigen, die nach unserer Verordnung zur Wiederaufbauung des Münsters St. Peters zu Rom hülfreiche Hand leisten, ausser dem vollkommenen Ablass, auch andere Gnaden und Vollmachten, nachgelassen, und vergönnet habe, dass sie einen bequemen und tüchtigen Beichtvater erwählen mögen, welcher von den von der erwählenden Person begangenen Verbrechen und Exzessen, wie auch allerhand andere Sünden, ob sie gleich schwer und gross seien, auch in Fällen, die besagtem Stuhl vorbehalten sind, auch in Ansehung eines Interdikts, so sie sich auf den Hals geladen – ausgenommen heimliche Empörung wider die Person des allerheiligsten Papstes einmal im Leben und in der Todesnot, wie oft dieselbe anstossen wird, obschon der Tod alsdann nicht erfolget, vollkommen absolvieren, wie auch einmal im Leben und in besagter Todesnot ihnen vollkommenen Ablaß und Vergebung aller ihrer Sünden (Strafen) widerfahren lassen, wie auch alle ihre Gelübde, die nach Gelegenheit und Zeit von ihnen getan worden, in andere Werke der Gottesseligkeit aus Apostolischer Macht verändern könne und vermöge. So hat auch dieser unser allerheiligster Herr (merke: der Papst) nachgelassen und erlaubt, dass vorbenannte Bezahlende (das ist der Inhaber des Ablaßbriefes) und ihre verstorbenen Eltern der Bitten, Fürbitten, Almosen, Fasten, Gebete, Vigilien, Züchtigungen, Wallfahrten, und aller anderen dergleichen geistlichen Werke, die in der ganzen, allgemeinen, allerheiligsten, streitenden Kirche und in allen ihren Gliedern geschehen, oder noch geschehen können, teilhaftig werden sollen. Gegeben den 1. Juli 1517.« – Deutscher Katholik, was willst Du mehr? Aller guten Handlungen in der Welt kannst Du für wenige Kreuzer teilhaftig werden, und Du selbst darfst ein Schurke sein. »Sie sollen uns wohl lehren Den alten Pfennig Tanz, Es sind gar feine Herren, Ja, Diebe meine ich ganz«, sangen die Stralsunder! In einer Ablaß-Predigt Tetzels heißt es: »Man kann in einem jeden Vergehen, ausgenommen Totschlag und Bigamie, Absolution und Dispensation erlangen. Ingleichen diejenigen, die durch Bluts-, Freundschafts- oder Schwägerschaft gehindert, sich doch verehelicht haben, können in der Ehe verbleiben, oder, wo nötig, sie von Neuem vollziehen, indem man die bereits geborenen Kinder für rechtmäßig erklärt. Ingleichen kann Absolution und Dispensation erteilet werden bei allen unrechtmäßiger Weise an sich gebrachten und durch Wucher erlangten Dinge. Daher so überlege denn das Volk, daß hier Rom ist. Hier ist jetzt die heilige Peterskirche. Gott und der heilige Petrus rufen Euch. Schicket Euch, wie Ihr eine so hohe Gnade, nicht nur vor Eurer, sondern auch vor der Eurigen Seelen Seligkeit erlangen möget. Verziehet doch ja nicht. Denn des Menschen Sohn wird zu der Stunde kommen, da Ihr es Euch nicht einbilden werdet. – Warum beichtest Du jetzo nicht vor Vertretern des Allerheiligsten Herrn Papstes? Jetzt hast Du ein Exempel an Laurentius, der die übergebenen Schätze, die er hatte, aus Liebe zu Gott ausgeteilet, und seinen Leib zu braten dargegeben hat. Und Du bringst die geringen Almosen nicht? Laufet doch alle nach Eurer Seligkeit! Höret Ihr nicht Eure Eltern und andere Verstorbene rufen und schreien: Ach erbarmet Euch doch! Wir müssen die allerhärtesten Strafen und Qualen ausstehen, davon Ihr uns doch durch ein kleines Almosen erlösen könnt. Und Ihr wollt doch nicht. Ach! – Ihr könnt ja jetzt Ablaß-Briefe haben, durch deren Kraft Ihr im Leben und in der Todesstunde, auch in vorbehaltenen Fällen, so oft Ihr nur ein solches verlangen werdet, vollkommene Vergebung aller Strafen erhaltet. O Ihr Menschen, die Ihr Gelübde getan, o Ihr Wucherer, o Ihr Räuber, o Ihr Totschläger (er nimmt sie doch hinzu) jetzt ist es Zeit der Stimme des Herrn zu gehorchen. – Die Murmler und Verleumder aber, die auf was Art und Weise es nur geschehen kann, heimlich oder öffentlich dieses Werk verhindern, sind ipso facto von unserem Allerheiligsten Herrn (hier steht »Allerheiligst!«) – dem obgesagten Papst Leo in Bann getan und stehen in Ungnade bei dem allmächtigen Gott, und werden auch von diesem Bann nicht befreit werden können, als nur vom Papst. Dahero hütet Euch, dass Ihr wider Gott im Himmel nicht murmelt!« Übrigens hatte Tetzel selbst Gelegenheit, die Kehrseite des Sünden-Ablasses kennen zu lernen! In Freiberg in Sachsen, wo er im Jahre 1507 innerhalb zweier Tage schon für zweitausend Goldgulden Ablaß verkauft hatte, mußte er plötzlich flüchten unter Gefahr, von den armen Bergleuten, die kein Geld für dergleichen Dinge hatten, aber doch gläubig waren, erschlagen zu werden. – Der Sohn eines solchen sächsischen Bergmannes war Luther. – Und auf dem Wege von Leipzig nach Jüterbog soll Tetzel von einem Edelmann überfallen, durchgeprügelt und seiner Ablaß-Kasse beraubt worden sein. Als er sich den Täter näher ansah, erkannte er in ihm einen Mann, dem er tags zuvor in Leipzig für dreißig Goldgulden Absolution für eben dieses Vergehen im voraus erteilt hatte. – Die Erzählung bewegt sich durchaus im Rahmen der damaligen Vorkommnisse. Denn die päpstliche Kurie schickte, wie wir bald sehen werden, eigene Legaten nach Deutschland, um solche, im Besitz von gestohlenem oder geraubtem Gut Befindliche gegen Bezahlung zu absolvieren. Tetzel bezog – gegen Luther, der noch nicht zweihundert Gulden bekam –, ein Jahresgehalt von neunhundertsechzig Goldgulden, bei freier Verköstigung, mit einem besoldeten Diener und drei Pferden »ohne was er gestohlen und namentlich in den Trinkhäusern und am Spieltische unnütz vertan.« Er war so frech und übermütig, daß er, wie Sleidanus erzählt, sich rühmte, »so große Gewalt vom Papste zu besitzen, daß er selbst denjenigen absolvieren könne, der die Jungfrau Maria geschändet und geschwängert habe!« »Solange Du kein Hirn hast, Deutschland« – ruft einer der Humanisten des 15. Jahrhunderts in bitterem Zorn aus bei Gelegenheit, des Hintritts eines Bischofs, nach dessen Tod die betreffende Diözese wieder ein neues Pallium, das Schulterband des Kirchenfürsten, um ungeheuren Preis, oft bis zu neunzigtausend Dukaten, in Rom kaufen mußte, – »so lange Du kein Hirn hast Deutschland, und so lange Du keine Augen hast, kaufe Du Pallien, und kaufe immer wieder Pallien, – und Du Verschacherer des Christentums, Papst in Rom, verkaufe Du Pallien, und verkaufe immer wieder Pallien – solange Deutschland kein Hirn hat und keine Augen!« Aber was sich nicht mehr diskutieren läßt, ist zum Beispiel die Nachlassung des Eids für sechzehn Grossi, das sind also zweihundertdreißig Mark. – Man starrt für den Moment. Ist das möglich? Aber man bleibe nur kühl! Was war die Folge? Man ließ, wenn jemand einen Eid zu schwören hatte, ihn sogleich einen zweiten schwören, sich von dem ersten durch den Papst nicht entbinden zu lassen!! Der Eid im Namen Gottes vor dem angeblichen Stellvertreter Gottes durch bürgerliche Jurisdiktion geschützt, das ist eine Situation, die die furchtbare Verwirrung der Köpfe zu Rom, die auf der Basis der Goldkrankheit entstandene moralische Insanität, und die Niederträchtigkeit dieser Statthalter Christi in ihrer ganzen Erbärmlichkeit offenbart. – Und doch, Leser ist das noch nicht alles. Du mußt noch tiefer in der Gemeinheit gehen, um Deinen Mann zu treffen: Der Papst löste auch diesen zweiten Eid, wie er früher den ersten gelöst hatte; er bekam ja doppelte Taxe. Und der Schurke, der sich auf die Gewalt des Papstes verlassen hatte, sah sich nicht getäuscht; und der sich auf Gott verlassen hatte, war betrogen. Um dreierlei Dinge – sagt Hutten – soll man Rom fliehen: »ein gut gewissen, andacht zu gott, und den eyd.« Eine der häufigsten Absolutionen war die für gestohlenes Gut; sie war teuer; ein Armer, – der ja jetzt, nachdem er gestohlen, nicht mehr arm war, zahlte zwanzig Grossi; ein reicher Mann fünfzig Grossi; eine ganze Stadt zahlte hundert Grossi. Um aber, wenn die Diebstähle größeren Umfang annahmen, – nicht etwa, das Verderben einzuschränken, sondern dem heiligen Stuhl seinen Anteil zu sichern, – mußte sich der Betreffende in jedem Fall außer Bezahlung der Taxe noch mit der Kurie »vergleichen«, das heißt, einen Teil des Geldes oder Gutes abgeben, um den Rest sicher behalten zu dürfen. Man wartete aber nicht, bis die Übeltäter kamen, sondern suchte sie durch Legaten auf, und ließ ihnen, auch wenn man sie gar nicht kannte, öffentlich verkündigen, der apostolische Legat sei jetzt da, und für gestohlenes Gut könne gegen Vergleich päpstliche Absolution und ewige Garantie des Besitzes erlangt werden. So gab Sixtus IV. 1480 seinem Legaten Angelus de Clavasio folgende Bulle mit, die mit den Worten »Im Namen unseres Herrn und Erlösers« beginnt: »Wir haben dem Angelus de Clavasio die Ermächtigung erteilt, über gestohlenes, zweifelhaftes oder durch Wucher erworbenes Gut in der Art zu vergleichen, daß die Schuldigen, nachdem sie einen Teil abgegeben haben, von der Zurückgabe des übrigen gestohlenen und erwucherten Gutes absolviert und auch weiterhin durchaus nicht zur Rückgabe verpflichtet sind.« Und der Erzbischof Albrecht von Mainz, der im päpstlichen Auftrag derartige Legaten ebenfalls im Land herumschickte, fügte seiner Spezial-Instruktion ausdrücklich hinzu: »Um derartiger Gnade teilhaftig zu werden, bedarf es der Reue und Beichte nicht.« Das war auch besser so. Unter diesen Umständen durften sich die Päpste nicht wundern, wenn sie Geschäfte, wie das folgende, machen mußten: Gregor XIII. (1572–1585) war seinem Sohn Giacomo, den er zum Gonfaloniere der Kirche machte, besonders zugetan; dieser letztere war aber von einem vornehmen Spießgesellen, Alfonso Piccolomini, der mit seiner Mordbande die ganze Campagna plündernd und raubend durchzog, bedroht; und dieser erklärte, er werde nur dann von der Ermordung Giacomos abstehen, wenn ihm alle seine früheren Mordtaten, mehrere hundert, vom Papst im Namen Jesu vergeben würden. Der Papst, aus Angst für seinen Sohn, ließ alle Sünden und Missetaten des Piccolomini durch einen Kurialbeamten als »vergeben« registrieren und es wurde ein Breve darüber ausgefertigt, welches der Papst dem adligen Räuber in Audienz überreichte. – Diese Sünden waren nicht etwa nur im Himmel vergeben – was dem Piccolomini ganz gleichgültig – sondern auch auf Erden, was viel wichtiger war; denn niemand konnte den Piccolomini nun belangen. – Das Sündenvergeben war eben damals nicht nur ein Kassen-, sondern auch ein politisches Geschäft. Nicht so gut ging die Sache mit einem andern, ebenfalls gefürchteten und vornehmen Räuberhauptmann, Marianazzo, unter dem gleichen Papst. Man leitete Verhandlung mit ihm ein, ob er die Sünden ebenfalls vergeben haben wolle; man hätte sie ihm gern vergeben, und wahrscheinlich noch Geld herausgegeben, wenn er nur sein Mordhandwerk aufgegeben hätte; so große Furcht hatte man vor ihm. Die Verhandlungen zerschlugen sich aber, und Marianazzo erklärte, es sei ihm so lieber; er fühle sich im nicht vergebenen Zustande sicherer. So tief sank das Lastergeschäft der päpstlichen Sünden-Vergebung. Ich muß sagen, dieser Räuber Marianazzo, und der deutsche Student Myconius, die beide sich weigern, aus solchen Händen Sünden-Vergebung zu empfangen, erscheinen mir noch als die propersten Menschen in dieser ganzen Gesellschaft. Nichts war dem Papst zu heilig, wenn es galt, einen hierarchischen oder politischen Zweck zu erreichen: Als der jüngere Sohn Kaiser Heinrichs IV., Heinrich, auf des Papstes, Paschalis II., Anraten sich gegen seinen eigenen Vater empört hatte, und der junge Empörer, um sein Seelenheil besorgt, an den Papst schrieb, schickte ihm dieser durch den Bischof Gebhard von Konstanz seinen päpstlichen Segen, und versprach ihm »Vergebung wegen seiner Empörung beim jüngsten Gericht.« Doch die stärksten Leistungen des päpstlichen Pönitenz-Buches finden sich erst unter der Rubrik »De absolutionibus« – »Wer das Beichtgeheimnis bricht« – sieben Grossi; – »Wer mit einem Weib in der Kirche coitiert« – sechs Grossi; – »Wer im Geheimen Wucher treibt« – sieben Grossi; dabei war der Wucher selbst als etwas so Schmähliches angesehen, daß – »Wer den Leichnam eines Wucherers wirklich bestattete« – sogar mehr, nämlich acht Grossi, betrug. – »Wer sich eine Konkubine hielt« – sieben Grossi; – »Wer mit Mutter, Schwester, Blutsverwandten, Verwandten oder Hausgenossen sich fleischlich vermischt« – nur fünf Grossi. Hier sieht man deutlich, daß die Sühne für Verbrechen nur nach finanziellen Gesichtspunkten geregelt war: das Halten einer Konkubine war etwas Alltägliches, fast Selbstverständliches,und noch immer der anständigste und gern gesehenste Ausweg für einen Kleriker in der Zwangslage des Zölibats; es war im gewissen Sinn ein Vorteil für ihn; hier mußte er also zahlen, und schon wegen der Häufigkeit dieser Taxe, nicht zu wenig, sieben Grossi; die Kirche betrachtet dies als eine Art Luxussteuer; der unzüchtige Verkehr hingegen mit der Schwester und dergleichen war doch etwas Seltenes, hier genügten fünf Grossi. Jede moralische Unterscheidung menschlicher Handlungen war diesen golddürstigen Vampyren unmöglich geworden. – »Wer eine Jungfrau schwächte« – stand natürlich höher, weil es häufiger vorkam: sechs Grossi; noch höher, wer Simonie trieb, – wer Ämter verkaufte, weil ja hier der Übeltäter schon eine Bestechungssumme erhielt: acht Grossi. Ein eigenes Kapitel bildet der Mord »Super homicidio«: Ein Laie, der einen Laien tötete – zahlte fünf Grossi; war der Täter ein Kleriker: sechs Grossi; wenn er alle höheren Weihen schon hatte, acht Grossi; ein Bischof und Dekan zwanzig Grossi. Die hohen Geistlichen, ganz in der Gewalt des Papstes und reich, wurden tüchtig herangezogen. – Wer Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Frau oder Blutsverwandten tötet, zahlt, wenn der Getötete kein Kleriker ist, fünf Grossi; ist es ein Kleriker, so werden sieben Grossi gezahlt und der Täter muß sich in Rom stellen. – Absolution für einen Mann und Frau, die ihr Kind neben sich »erdrückt« aufgefunden haben (wie vieldeutig!): jedes von ihnen sechs Grossi; Absolution für Kindesabtreibung: fünf Grossi; ist der Täter ein Kleriker, so wird die Sache behandelt, als wenn er einen »Laien« getötet hätte. Die höchsten Geldstrafen verlangte die Kurie nicht wegen Übertretung göttlicher Gebote, sondern wegen Auflehnung gegen päpstliche Verordnungen. So ließ sie sich für die Aufhebung des gegen eine Stadt ausgesprochenen Interdikts hundert bis hundertfünfzig Grossi bezahlen; also zwei bis dreitausend Mark. Und bei Lösung eines Banns, besonders gegen einen Fürsten, fanden nicht Gewissens- sondern diplomatische Verhandlungen statt, um so viel Geld, wie möglich zu erpressen. Die Kirche leistete überhaupt gegen Geld alles; sogar das Unmögliche; selbst Verschnittene, die als solche nicht Priester werden konnten, machte die Kurie gegen Geld wieder mannbar, oder wenigstens priesterbar, indem sie gegen Bezahlung der Taxe ihnen »das Abgeschnittene« auf den Nabel band und sie damit für wieder hergestellt erklärte. Die Taxe betrug ungefähr zweihundertachtzig Mark; sechzehn Grossi. – Selbst das schwerste Vergehen, Auflehnung gegen den Papst und »Ketzerei«, welche ursprünglich von jeder Remission ausgeschlossen sein sollten, konnten gegen Geld gut gemacht werden. »Es gibt nichts, was die römische Kurie ohne Geld verliehe«, sagt Pius II. mit eigenem Munde. Nur für die Armen war nichts zu hoffen. Deshalb sagt auch das Taxbuch an einer Stelle: »Merke, daß derartige Gnaden und Dispensationen an Arme nicht verliehen werden; da sie nicht zahlen können, können sie nicht getröstet werden.« Einen Auszug dieser Taxe hatten die Deutschen Stände ihrem großen Beschwerdebuch gegen die Habsucht, Geldgier, Krämerei und Sittenlosigkeit der römischen Kirche, welches sie auf dem Reichstag zu Worms 1521 Karl V. überreichten, stillschweigend angeheftet. Jeder Zusatz war in der Tat überflüssig; denn diese Taxae schrien laut für sich selbst. Aber unter Nr. 86 und 91 ihrer hundert Beschwerden hatten sie erklärt: Deutschland ist durch solchen (Ablass)-Handel zugleich des Gebets und der christlichen Frömmigkeit beraubt, Hurerei, Blutschande, Ehebruch, Meineid, Mord, Diebstahl, Raub, Wucher und der ganze Pfuhl der übrigen Laster sind die Folge. Denn vor welchen Übeltaten werden die Menschen noch zurückschrecken, wenn sie einmal überzeugt sind, dass sie sich von den Ablasspredigern die Erlaubnis und Straflösigkeit nicht bloss in diesem,sondern auch in jenem Leben mit Geld verschaffen können?« – Wenn man erwägt, es ist ein Papst, der sich so etwas sagen lassen muß! – Aber schon 1524 gab der päpstliche Legat Campigio als Antwort auf diese Schrift die Erklärung ab: »dass sich der Papst zu einer Abhülfe hinsichtlich der darin berührten Punkte unmöglich verstehen könne, da dieselben dem päpstlichen Interesse ganz entgegengesetzt seien.« Nachdem jedoch Luther mit seinen Brandschriften den entsetzlichen Augias-Stall der Ablaß-Einrichtungen beleuchtet, sodaß der Widerschein durch alle Länder leuchtete; nachdem er den stillen Herzens-Prozeß jenes sächsischen Studenten in Annaberg mit seiner Stentor-Stimme durch das ganze Abendland geschrieen – Huttens schneidende Dialoge und Erasmus witzige Colloquien nicht zu vergessen – und damit das ausgesprochen hatte, was tausende ehrliche Katholiken innerlich bewegte, sah man sich in Rom zum Einlenken genötigt. Es begann, um in der heutigen Morphium-Sprache zu reden, die Gold-Entziehungs-Kur. »Da liegt das Ablass, und sind Briefe und Siegel zerstoben und zerflogen, und ist nichts Verächtlichers in der Welt, denn das Ablass, also, dass sie auch selbst zu Augsburg den Kaiser baten, er solle den Papst vermögen, dass er keinen Ablass mehr nach Deutschland schicken wollte, angesehen, dass es in Abfall und Verachtung kommen wäre«, sagt Luther. »Ja, die Grundfeste alles Ablass, nämlich das warme, seelfegend Fegfeuer, der Probiertiegel der verschiedenen verdienstlosen Seelchen fing an zu erkalten, und ohne die Schürung der Messgabel und Feuerblas der Messtiftung abzugehen. Der Papst selber ward für ein Eulenspiegel, Gaukler, Medusischen Zauberkopf, Nachtraben und Hanfbuz angesehen; seine Bannstrahlen wollten nicht mehr haften; die Decreten und Decretalen, die Glossen der Sophisten, die Sententien, die Quodlibeten und andere Grillen der Kleriken begann man hinter die Bank nach den Mäusen zu werfen, oder Wurzbrief und Buchbinderpapp daraus zu machen; die Satisfactionen oder Genugtuungen und übrige Verdienste hatten ihren Glauben verloren; die Ohrenbeichte hatte schier ihre besten Tage erlitten; die Mess, die Mess, sag ich, ja die heilige liebe Mess lag so krank, dass man schon anfing ihr das Requiem zu singen; die Frau Fasnacht und der Graf von Halbfasten und Fronfasten hatten beinah den Hals gebrochen; alle die heiligen ansehnlichen Prozessionen, Ausfahrten, Seelgerät und stattliche Kreuzgäng wurden für eine Kinderpest geachtet; das heilige Monstranzen-Sakrament ward nicht mehr mit Pfeifen und Trommeln andächtig umhergeführt; in Summa alles Heiligtum der römischen katholischen Kirche fing an, in die Asche zu fallen«, so schrieb Johann Fischart. »Wie? Wenns mit der Zeit einmal eins ihnen auch mit ihrer Kirchengewalt und Weihe also gehen würde, dass, gleichwie die Ablassbriefe zerstoben und zerflogen, also auch beide Chresmen (Chrisma, das heilige Öl zum Salben) und Platten (Tonsuren) zerstreuet würden, daß man nicht wüsste, wo Bischof und Pfaffe bliebe«, so, und: »Gott ist wunderbarlich, er hat das Ablass gelegt, das Fegfeuer gelöscht, die Wallfahrten gedämpft, und viel ander des Mammonsgottesdienst und Abgötterei der Papisten niedergeschlagen durch sein Wort; ob er auch soviel Mark in seinen Händen noch hätte, dass er einen garstigen Chresmen hinter seinem Willen durch lauter Menschengedicht eingeführt, könnte ausstäubern? Wohlan, kompts dazu, lieben Papst und Bischöffe!«, – sprach Luther. Besonders für Leo X., den großen Ablaß-Löwen, war es schmerzlich, auf die gewohnten Gold-Eingänge verzichten zu müssen. Hunderte von neugeschaffenen Beamten, die ihr Amt vom Papst gekauft hatten, warteten auf den Eingang der Taxgelder, auf die sie mit ihren Zinsen angewiesen waren, auf die Fuhren Sünden der Deutschen, die über die Alpen kommen sollten, und sie kamen nicht. – Er starb; vergiftet; nicht an einer allegorischen Gold-Vergiftung; diese zerstört nur den moralischen Leib; sondern regelrecht, römisch, toxisch vergiftet nach Aussage der Ärzte und seines Zeremonienmeisters Paris de Grassis. So schnell, daß er, der Tausende von Absolutionen »in Gefahr des Todes, auch wenn er nicht eintritt«, verkauft hatte, selbst ohne die Sakramente von hinnen fahren mußte, und die Römer, – nicht die Protestanten – auf ihn den bissigen Vers machten: »Wenn Ihr wissen wollt, warum Leo in der Sterbestunde nicht mehr die heiligen Sakramente nehmen konnte: Er hatte sie verkauft!« Aber die Gesundung war nur von kurzer Dauer. Die nun bald beginnende, und staatlichen Schutz findende, definitive Trennung von Protestanten und Katholiken ließ die letzteren in ihren fortgesetzten Ablaß-Leistungen gegen den Papst von dem Spott und der Kritik der ersteren fortan unberührt. Und die Gegenreformation, der erwachende Jesuitismus, und für Deutschland besonders die glückliche Kriegführung der verbündeten katholischen Mächte Bayern und Österreich zu Beginn des 17. Jahrhunderts befestigten das ganze katholische System fester als jemals in unseren Landen. Speziell der Ablaß kam zwar nicht auf die marktschreierische Höhe wie unter Leo X., aber das System, und das war doch das Entscheidende, blieb, und ist geblieben bis zum heutigen Tag. Das katholische Gewissen ist heute noch dasselbe wie unter Tetzel und Bonifaz VIII.: Die Sünde ist etwas Äußerliches, nichts dem Herzen Anhaftendes, ein zufälliges Ereignis; um sie zu tilgen, muß wieder etwas Äußerliches geschehen: ein mechanisch ausgeübtes Werk, ein Auszahlen von Geld, ein Ausfüllen eines Beichtzettels, die Arbeit eines päpstlichen Kurial-Beamten in Rom. Die Transaktionen zwischen dem Sünder hier und dem Pontifex dort gehen hinüber und herüber wie Geschäfts-Korrespondenzen; sie sind das eigentliche Geschehnis, auf das die Aufmerksamkeit gerichtet ist; die Gewissen – wenn dieser Ausdruck an dieser Stelle nicht zu hoch ist – schlafen. Und so wie diese irdische Beziehung zwischen dem Sünder und Papst, respektive Priester; so ist jene zwischen Papst und Fegfeuer konstruiert. – Es ist hier gar nicht zu lachen! – Es handelt sich unter anderem um den Glauben von fünfzehn Millionen Deutschen! – Die Sünder im Fegfeuer leiden. Etwas rein Äußerliches. Um ihnen zu helfen, muß hier auf Erden wieder etwas Äußerliches geschehen. Der Papst kann ihnen helfen; nicht direkt; aber über Gott. Interessiert sind zunächst die Angehörigen. Sie kaufen sich Messen, Gebete, oder stellen am Alier-Seelentag betende, lebende Weiber neben ihre Gräber auf. Die Angehörigen tun nichts. Sie bezahlen. Sie leisten. Das genügt. Das weitere besorgt der Papst. Hören wir noch einen katholischen Gelehrten über diese beachtenswerte Materie sich äußern. Sehr deutlich erklärt uns der Jesuit Mendo in seinem Werk über die »Kreuz-Bulle« den Unterschied zwischen Nachlaß der Sündenstrafen durch den Papst – Absolution – und »Erlösung aus dem Fegfeuer« durch den Papst auf dem Weg der »Fürbitte«. Hinsichtlich der letzteren sagt Mendo: »Der Papst kann aus dem Schatz der Kirche (in dem die überschüssigen Verdienste der Gläubigen aufbewahrt werden), deren Verwalter er ist, Gott soviel zukommen lassen, als für jene Seelen im Fegfeuer (zur Tilgung ihrer Sündenstrafen) notwendig ist. Auf diese Weise verscharrt er, und zwar auf dem Wege der ›Fürbitte‹, nicht der ›Absolution‹, den Seelen im Fegfeuer den von den Lebenden (Verwandten) aufgewandten Sünden-(Strafen)-Nachlaß. Es ist kein Unterschied zwischen dem Nachlaß der Sündenstrafen auf dem Weg der Fürbitte, und dem auf dem Wege der Absolution, weder hinsichtlich der Größe, noch der Unfehlbarkeit der Wirkung. Denn in letzterem Fall läßt der Papst die Strafe nach als Richter, in ersterem Fall, indem er Gott einen der Strafe angemessenen Preis zahlt.« Der Papst offeriert hier Gott einen »Preis«, ähnlich wie er, der Papst, unter Sixtus IV., gewöhnt war, von Leuten, die unrechtes Gut an sich genommen, eine Abfindungssumme anzunehmen, um ihnen ihren Raub zu sichern; das heißt, der Papst konstruiert sein Verhältnis zu Gott nach seinem eigenen Verhältnis zu den Sündern und Verbrechern. – Diese »Kreuz-Bulle«, über die der Jesuit Mendo hier eine Aufklärung gibt, ist eine Art General-Ablaßbrief für Spanien, die von Pius IX. noch 1866 aufs neue bestätigt wurde, und die bis zum heutigen Tage in Spanien fleißig gekauft wird. Sie gewährt außer vollkommenem Sünden-Nachlaß und Befreiung der Seelen Verstorbener aus dem Fegfeuer eine Menge Vorteile: das Recht der Übertretung der Abstinenz-Gebote, Nachlaß vom Eid, das Recht für Richter und Advokaten, die durch Bestechung wissentlich falsches Urteil gesprochen, sich hinsichtlich des errungenen Profits mit dem geistlichen Kommissar zu »vergleichen«, ebenso für solche, die falsches Maß und Gewicht anwenden, für Ehebrecher, Ehebrecherinnen, Diebe, Wucherer, gegen eine Abfindungssumme sich absolvieren zu lassen. – Was meint Ihr, deutsche Katholiken, zu dieser »Kreuz-Bulle«, mit der die stolzen Spanier ihre stolzen Gewissen einschläfern? – Ihr habt den Staatsanwalt, meint Ihr! – Gewiß, gewiß, der sorgt für Euch! Aber es gibt ein Reich, wo der Staatsanwalt nicht herrscht. Wißt Ihr, wo das liegt? Der Jesuitismus ist immer als gesteigerter Katholizismus definiert worden. Auch der jesuitische Ablaß ist gesteigerter Ablaß. Der ehemalige Jesuiten-Zögling Bode schreibt, und dies gilt für das gegenwärtige Jahrhundert: »Vermöge der vorgeschriebenen Gebete erwirbt ein Mitglied (des Jesuiten-Ordens) jeden Monat sieben vollständige Ablasse, außerdem täglich sechzig Jahre und vierzig Tage, und nochmals extra hundert Tage; außerdem ist es ihm teils möglich, teils vorschriftsmäßig notwendig, gegen zwanzig vollständige Ablässe im Jahr zu gewinnen, die vielen einzelnen ›sechzig Jahre‹, ›hundert Tage‹, gar nicht gerechnet, überhaupt gehört nur der Vorsatz beim Aufstehen dazu, an allen unbekannten Ablässen, die irgendwo erworben werden können, teil zu nehmen, um eine Unzahl zu gewinnen; denn die Gesellschaft Jesu hat das Vorrecht, alle immer verliehenen Gnaden mitzugenießen. Hierbei ist das Abbeten des Rosenkranzes, wozu nur eine Viertelstunde gebraucht werden darf, noch nicht gerechnet; an jede Perle knüpfen sich hundert Tage Ablaß; also insgesamt sechstausend Tage, die man täglich verdient.« Ich frage, wo ist das Denken dieser Leute? – Sind wir hier in China – nein, in einem chinesischen Irrenhaus? Und über ihre Spiele in den Ferien und Erholungsstunden erzählt uns derselbe Autor, daß »die Novizen Billard und Domino um Ave-Maria's spielen. Wer verliert, ist verpflichtet, sogleich nach entschiedener Partie niederzuknieen, und ein Ave-Maria zu sprechen, welches dem Gewinner gehört.« Und Ziele und System dieser Gesellschaft bekräftigte und erneuerte vor wenigen Jahren Leo XIII. in seinem bekannten Breve vom 13. Juli 1886 mit diesen Worten: »... damit Unser Wohlwollen gegen die Gesellschaft noch mehr erkennbar werde, bestätigen wir und bekräftigen durch das apostolische Ansehen alle Apostolischen Schreiben, welche sich auf die Errichtung und Anerkennung der Gesellschaft Jesu beziehen, und erneuern alle Vorrechte, Freiheiten und Ausnahmen, welche durch diese Schreiben verliehen waren, oder aus ihnen gefolgert wurden. – Deshalb bestimmen wir, daß dies Unser Schreiben unverletzlich, gültig und wirksam sein, und denen, welche es angeht, in jeder Hinsicht zustatten kommen soll. – Es sei dies unser Schreiben ein Zeugniss für die Liebe, mit welcher Wir beständig die hochberühmte Gesellschaft umfassen, jene Gesellschaft, welche Uns und Unseren Vorgängern so ergeben, welche der Hort ist für gründliche und gesunde Lehre, und niemals aufgehört hat, freudigen Mutes den Weinberg des Herrn zu bauen. So möge denn diese verdienstliche Gesellschaft Jesu fortfahren zu arbeiten für das Heil der Seelen, fortfahren in ihren heiligen Bemühungen, Ungläubige zum Licht der Wahrheit zu führen, die Jugend in den christlichen Tugenden und edlen Künsten zu unterrichten. – Indem wir die uns so teure Gesellschaft Jesu liebend umfassen etc. ... Gegeben zu Rom.« Inzwischen hat das Ablaß-Wesen durch Verquickung mit modernen Institutionen die wunderlichsten Formen angenommen: Während des ganzen 18. Jahrhunderts waren in Frankreich die großen Bankiers die Verkündiger des Ablaß. Sie nannten sich »banquiers expeditionnaires en cour de Rome«; sie gaben gedruckte Preis-Kurants heraus, in denen jeder die Dispense für Verwandtschaftsheiraten, Bigamie und sonstige Sünden und Verbrechen nachlesen konnte. Aufhebung des Keuschheitsgelübdes (für die französischen Geistlichen eine wichtige Sparte, um den Zölibats-Zwang ruhig über sich ergehen lassen zu können) ließ sich der Papst damals mit fünfzehn livres, nominell heute zwölf Mark – dem Wert nach etwa sechsunddreißig Mark – bezahlen. Das Recht, verbotene Bücher zu lesen, mit achtundzwanziglivres. Mord stand damals hoch: achtundachtzig livres. Die Kurie hält bis zum heutigen Tage, nicht nur dogmatisch, sondern auch rein geschäftsmäßig, ihre Pönitenz-Taxen aufrecht. Freilich, um Diebstahl zu sichern, wird sich heute niemand mehr einen Dispens von Rom kaufen; nicht, weil ihn der Papst nicht hergäbe, sondern weil er vor der weltlichen Gerichtsbarkeit nichts mehr hilft! Das gleiche gilt für Ehebruch, Bigamie, Mord, Totschlag, Wucher, Entjungferung und Blutschande. Die päpstlichen Dispense halfen außerhalb des Kirchenstaates nichts mehr. An Stelle der päpstlichen Sündenvergebung um Geld trat die weltliche Sünden-Bestrafung auf Staatskosten. Wenn noch ein Geschäft ging, ging es geheim: Im Jahre 1857 Versandte ein französischer Advokat Sgambaty eine Dispens-Liste im Namen des Papstes an alle französischen Geistlichen, in der Nachlaß des Eids, Ehedispense, diverse Sünden-Ablässe, Absolution vom Ehebruch und Gattenmord und ähnliche liebliche Dinge gegen Geld angeboten waren. In der Einleitung zu dem Zirkulare findet sich der Satz: »Unser Zweck ist ein wesentlich sittlicher.« – Ein französischer Geistlicher hatte den Mut, das Schriftstück zu veröffentlichen, mit der Aufforderung an den päpstlichen Nuntius in Paris, den Advokaten bloßzustellen. – Der Nuntius schwieg. – Dann haben wir auch nichts zu sagen. An Ehe-Dispensen nimmt heute noch der Papst Unsummen aus allen Ländern ein. Allein aus dem kleinen Bayern zog die Kurie innerhalb sechs Jahre rund fünfunddreißigtausend Gulden für Ehedispense. Und die Geistlichkeit selbst wird geschröpft nach Noten; ist aber zu vorsichtig, um Lärm zu machen. Für jedes Käppchen, das der Bischof während der Messe statt der Mitra trägt, für jeden Privat-Altar, der in der Haus-Kapelle eines Adligen errichtet wird, muß bar an die Kurie bezahlt werden. Auch die mönchische Form des Ablasses, des Ab-Betens, des Ab-Kasteiens, des Ab-Geißelns für Andere, für fremde Sünden, – das Miserabelste für ein ehrliches Gewissen, das Prinzip der Arbeitsteilung aus der merkantil-ökonomischen Welt in die Ethik übertragen – blüht heute noch in Deutschland: So las ich an der Damenstifts-Kirche in München folgenden Anschlag der »Erzbruderschaft zur Sühnung der Gotteslästerungen«: »Gelobt sei Jesus Christus! In der St. Peters-Stadt-Pfarrkirche ist am künftigen Sonntag den 30. Juli um zwei Uhr Convent für die Mitglieder der Erzbruderschaft zur Sühnung der Gotteslästerungen. Zur Teilnahme sind die Mitglieder der Erzbruderschaft eingeladen.« – Ihr Herr-Gott-Sakramenter, was braucht Ihr für fremde Flüche zu sühnen?! Da lassen sich diese Erz-Brüder die Gotteslästerungen ihres Bezirks per Brief und Paket zusammenschicken, und gehen dann an die Arbeit und sühnen, und leiern unendliche Rosenkränze prestissimo durch ihre wackelnden Kiefer. – Ihr Gotteslästerer! – Wenn Ihr in Amerika am Panama-Kanal nur eine Stunde in der Sonnenhitze arbeitetet, und stürbet dann am Fieber, hättet Ihr Verdienstvolleres vollbracht, als mit Eurer Jahrzehnte langen, fauligen Zahnarbeit. Eure Gotteslästerungs-Tilgungs-Arbeit ist wahrhaftig auch ein solcher Panama-Kanal, der nie fertig wird: die Ihr Euer Verhältnis zu Gott so roh-physisch, Wagenladungsweis auffaßt. – Fluchet nicht, arbeitet, dann kommen Euch keine so verrückten Anwandlungen. – Aber die katholische Kirche hat durch jahrhundertelange Vergiftung und Umwertung aller religiösen Werte dafür gesorgt, daß jeder Katholik für den andern die Sünden der Welt tragen will, jeder ein bißchen »Christus« spielen will, eine jede ein bißchen »Jungfrau Maria« und »Unbefleckte Empfängnis« spielen will. Und Er selbst, der römische Pontifex, spielt bekanntlich schon seit Jahrhunderten – Gott. Wie geht es erst außerhalb Deutschlands zu! Jede Spur der ursprünglichen christlichen Lehre ist dort fast verwischt. Und eine Schilderung der dortigen Gebräuche liest sich wie die Erzählung eines exotischen, fremden Gottesdienstes. Über den meisten Kirchen empfängt den Besucher die Inschrift: »Indulgentia plenaria, sempiterna, quotidiana pro vivis et mortuis« – »vollständigen, immerwährenden und täglichen Sünden-Ablaß für Lebende und Tote«; man meint wirklich, die Sünden seien das erste und letzte im Christentum; in den gesamten überlieferten Aussprüchen des Jesus von Nazareth, also in den vier Evangelien, kommt das Wort, glaube ich, noch nicht ein Dutzend mal vor. In den sämtlichen Beschlüssen des Tridentiner Konzils, der letzten großen Fixierung der katholischen Lehre, findet sich das Wort »Ablaß«, indulgentia, vier mal; und für das Volk Italiens ist es das erste und letzte, das Mittagessen und Abendessen. Neben der Verehrung der Maria kennen sie nur noch den Ablaß. Und was ist das? »Der Ablaß besteht darin – lautete in einem Fall die Auskunft – daß jemand, der hundert Jahre im Fegfeuer sein müßte, nur zehn Jahre drin bleibt. Der Priester besorgt das. Wir zahlen und der Priester macht dann alles.« Der Unterschied zwischen »Sünden-Vergebung« – und »Nachlaß der Sünden-Strafen«, wie ihn die Kirche selbst dogmatisch festhält, ist ebenfalls vollständig verwischt und wird selbst von dem Haupt der katholischen Christenheit in seinen Erlassen nicht mehr auseinandergehalten. Das Volk würde es sowieso nicht auseinanderhalten. Das Volk weiß nur, daß es gegen Geld von seiner Fegfeuer-Angst befreit wird. Auf Erden besorgt dies der Priester durch Messe-Lesen; im Himmel besorgt es die Maria durch Fürbitte. Das ist die Gesamtsumme der Religion der Kurie. Und mit diesem Ablaß stopft sich das Volk voll bis zum Platzen. Wer ein Salve Regina betet, erhält vierzig Tage Ablaß; für die Maria-Litanei zweihundert Tage; für eine Kniebeugung beim Sakrament ebenfalls zweihundert Tage; wer immer den Rosenkranz trägt, hundert Jahre; wer fünf Pater noster und Ave Maria bei der Passion Christi und den Schmerzen der Maria sagt, erhält zehntausend Jahre; »wenn man sechs Vater-Unser, Ave Maria und ›Ehre sei dem Vater‹ zu Ehren der heiligsten Dreifaltigkeit und der unbefleckten Jungfrau Maria betet, so gewinnt man jedesmal alle Ablässe von Rom, von Portiuncula, Jerusalem und Galizien.« Und die Kirche gibt Ablässe »bis zu zweihunderttausend Jahren«. Die Kirchen der verschiedenen Betbrüderschaften in Neapel – sagt Santo-Domingo – besitzen die verschiedensten Privilegien: »Da ist eine gesegnete Stiege, zu der man auf einem Bein hinaufhüpfen muß; jede Stufe bringt Ablaß; dort rutscht man auf den Knieen hinauf; und wieder wo anders auf allen Vieren.« In drei Kirchen Süd-Italiens, in »St. Anastasia« am Vesuv, in Corpo di Cava bei Salerno, und in »St. Gaudioso« in Neapel, befindet sich unter Glas und Rahmen der Umriß einer Schuhsohle und darunter die Inschrift: »Umriß vom Schuh der allerheiligsten Madonna, der in einem Kloster Spaniens verwahrt wird. Papst Johann XII. bewilligte dreihundert Tage Ablaß dem, welcher dies Bild küßt und drei Ave sowie drei Gloria patri sagt. Klemens VIII. hat dies bestätigt. Dieser Ablaß ist übertragbar – auf die Seelen im Fegfeuer. Man kann von diesem Bild Kopieen nehmen, welche dieselbe Wirkung haben.« Im Jahre 1886 entstand in Scafati, bei Pompeji eine Aktien-Gesellschaft, welche in den Zeitungen folgendermaßen anzeigte: »Diese Gesellschaft bietet für eine einmalige Zahlung von dreißig centesimi allen Teilnehmern für immer ca. fünfhundertsiebzig jährliche stille und gesungene Messen – sowie zahlreiche Priviligien und vollständige Indulgenzen, da diese Gesellschaft der Primärkirche von St. Maria di Monterone in Rom zugesellt worden ist. Die genannte Gesellschaft kann in Wahrheit den im Fegefeuer befindlichen Seelen einen reichen Schatz von Verdiensten bieten und stellt sich unter das Protektorat der allerheiligsten Jungfrau. Der Erzbischof von Tarent Mons. P. Jorio, hat bereits dreihundert Aktien gezeichnet. So etwas kommt wohl in Deutschland nicht vor? – Am 23. Mai 1893 versandten Kapuziner-Mönche in München per Post unter dem Segen des Münchener Erzbischofs Einladungen an gänzlich Unbekannte zum Kirchenbau-Beitrag mit dem Versprechen, für die Zahlenden, ein ganzes Jahr hindurch wöchentlich drei heilige Messen zu lesen; außerdem war ein gedrucktes vierstrophiges Gedicht an den heiligen Antonius von Padua beigelegt mit dem Zusatz: »Hundert Tage Ablaß jedesmal; wer dieses Responsorium einen ganzen Monat hindurch täglich betet, kann an einem beliebigen Tage des Monats einen vollkommenen Ablaß gewinnen. Mit Oberhirtlicher Bewilligung.« Es ist wie zu Zeiten Leo's X. Man braucht eine Kirche; man sammelt Geld bei den Gläubigen, und verkauft an sie im voraus Sünden-Vergebung für beliebige Tage und beliebige Vergehen; und diese Sünden-Berechtigungs-Scheine gehen wie Bankbillets von Hand zu Hand, und werden sogar im Jenseits als Zahlung angenommen. Und Die können nun bauen, und Jene können sündigen. Ich weiß es, deutsche Katholiken, daß Tausende von Euch dieses Verfahren für selbstverständlich halten, und nicht einmal merken, wo hier die Niedertracht liegt, das Chinesische, woran wir die tiefe Kulturstufe erkennen. So ist Euer Gewissen ruiniert, und Eure geistige Nase von dem römischen Weihrauch verstopft! Diejenigen aber, denen beim Lesen der letzten Kapitel doch einige Bedenken aufgestiegen sind, frage ich, da ich eine »Warnung an meine lieben Deutschen« im Stile Luther's nicht schreiben kann, nur soviel: Gefällt es Euch in Eurem welschen Religions-Gebäude? – Wenn Nein?! Dann verlaßt es, und werdet Deutsche! Vom eisigheissen und süssbitteren Fegfeuer Ich bin des trocknen Tons nun satt (Goethe, Faust I}. Das Fegfeuer ist eine Konstruktions-Anlage der katholischen Kirche, deren Existenz dem gegenüber zu leugnen, der dran glaubt, eine gefährliche Sache sein dürfte. Unter den sechs »Örtern des Jenseits« jedenfalls der Bedeutendste. Die »Hölle« hat längst ihre Schrecken verloren. Jeder, der einmal im Leben oder im Tod »Absolution« oder »Vergebung seiner Sünden« erhalten hat – und jeder Katholik kann sie erhalten, sobald er sich nur die Mühe nimmt, zu beichten, – mag er getan haben was er wolle, – ist damit vor der Hölle bewahrt. Selbst der Delinquent, der zum Tode geführt wird, wird vor seinem letzten Gang absolviert, kommt also nicht in die Hölle. Ist er einmal im Fegfeuer, so ist keine Gefahr mehr. Sein Selig-Werden ist dann nur noch eine Frage der Zeit. Und höchstens diejenigen, die während einer grausigen Tat, oder während sie die Sünde wider den heiligen Geist begehen, vom Tod überrascht werden, gelangen direkt in die Hölle. Dies sind aber nur wenige; und auch hier haben die römischen Banditen – ich meine die Räuber in den Abruzzen – vorgebaut, indem sie sich »vollkommenen Ablaß an einem beliebigen Tag« erkauften, und diesen für alle Fälle mit dem Tag ihres Mord-Anschlages zusammenfallen ließen. Also die »Hölle« existiert eigentlich nicht mehr, weil niemand mehr hineinkommt. An die Hölle glauben sie im Grunde nicht, weil ihnen die Schwere der Sünde nicht aufgegangen ist, und weil sie demgemäß zu einem Leben in Gott nicht zu bewegen sind. Daher schließt die Kirche durch das Bußsakrament die Hölle. Aber daß es ihnen einst eine lange Zeit hindurch sehr schlecht gehen werde, und daß sie ihre Sünden sämtlich einmal abbüßen müssen, das glauben sie. Darum eröffnet die Kirche das Fegfeuer. Der nächste »Ort« des Jenseits, der »Himmel«, erregt das Interesse der Gläubigen weniger, als man erwarten sollte. Doch ist es bei näherem Zusehen ganz folgerichtig. Denn da, wie gezeigt, niemand, der sich zur rechten Zeit absolvieren läßt, in die »Hölle« kommt, und dann als definitiver Aufenthaltort für die Ewigkeit nur der »Himmel« übrig bleibt – da das Fegfeuer nur Durchgangsstation – so kommen so zu sagen alle Katholiken, oder nahezu alle, in den »Himmel«. Wie der aussehen wird, werden sie ja sehen; da sie gewiß hineinkommen; worüber sich da den Kopf zerbrechen? Gewiß ist, daß sie da bei mehrstimmigen Chören und Harfen- und Posaunen-Klängen alle Füllhörner der Seligkeiten erschöpfen werden; das Nähere wird sich dann finden; eine ganz gewisse Sache erregt nie so sehr das Interesse, wie eine zweifelhafte; deswegen sind alle Angaben über den Zustand im Himmel in den theologischen Lehrbüchern sehr knapp; genug, daß es »der Himmel« ist, und daß man dort »selig« sein wird. Der »dritte Ort«, der »limbus infantium«, die »Vorhölle der Kinder«, woselbst die ungetauft sterbenden Neugeborenen bis zum Eintritt des Weltgerichtes verweilen, hat durch den Umstand, daß Kinder, besonders wenn sie so jung sterben, noch keine dogmatischen Spekulationen anstellen oder sich um ihr Seelenheil kümmern, wenig Beachtung gefunden; und die erwachsenen Katholiken geht er nicht an; aber dogmatisch existiert er. – Ähnlich, oder noch ungünstiger, verhält es sich mit dem »vierten Ort«, dem »limbus patrum«, der »Vorhölle der Väter«, das heißt, jener Frommen aus dem alten Testament, welche, vor Christus gestorben, an gesondertem Ort, das Weltgericht erwarten. Es sind, dem Charakter des alten Testaments entsprechend, meist Juden. Und da es Juden, und sie alle gestorben, so ist natürlich das Interesse der heutigen Generationen für den »limbus patrum« sehr gering. Ein »fünfter Ort«, der, wie ich zu meiner Verwunderung sehe, selbst katholischen Theologen unbekannt ist, »der Löwensee , lacus leoninus«, der auch »lacus profundus«, oder »os leonis« in dem Kanon der Toten-Messen genannt wird, liegt in dichtester Nähe des »Fegfeuers« selbst. Ich halte ihn seines liquiden Gehalts wegen an diesem Ort für wichtig, für spekulativ wie sanitär wertvoll, und komme auf ihn zurück. Der »sechste«, und weitaus wichtigste »Ort des Jenseits« ist aber das Fegfeuer selbst. Seine Existenz wird meist auf Papst Gregor den Großen zurückgeführt (590-604); wohl deshalb, weil er zuerst Seelen in größerer Menge dahin geschickt, und mit einigen von da Zurückkehrenden sogar gesprochen hat. Doch reicht es viel weiter zurück; schon der heilige Augustin im 4. Jahrhundert spricht von ihm, wie von einer unvermeidlichen dogmatischen Schöpfung; und Tertullian im 1. Jahrhundert hat es wenigstens schon angedeutet. Ob Gänge desselben bis zu dem griechischen Tartaros, oder noch weiter, auf der einen Seite bis nach Persien, auf der andern Seite bis zu den Gräberhöhlen der Ägypter führen, wie viele meinen, soll uns hier nicht weiter aufhalten. Als Deutscher kann ich hier nicht in die Lage kommen, Persönliches über das Fegfeuer auszusagen, da ich nicht, wie viele Katholiken, weder dort war, noch eine Seele daraus erlöst habe, noch selbst daraus erlöst worden bin. Ich kann mich deshalb im folgenden, wo ich eine getreue Schilderung dieser merkwürdigen Institution zu geben beabsichtige, nur an die objektiven Berichte der katholischen Kirchenlehrer halten; und habe zu diesem Zweck den Tertullian, den heiligen Ambrosius, Cyprian, Hieronymus, Augustinus, Origines, Gregorius den Großen, Basilius, Theodoret, Alcuin, Anselmus, Haymo, Innocenz II., Thomas von Aquin, Bonaventura und andere mit vielem Fleiß studiert; nicht minder auch das wertvolle Büchlein der Gebrüder Benziger in Einsiedeln »Trost der armen Seelen, Belehrungen und Beispiele über den Zustand der Seelen im Fegfeuer, samt einem vollständigen Gebetbuche zum Trost derselben; herausgegeben von Pfarrer Joseph Ackermann«; leider steht mir nur die vierzehnte Auflage vom Jahr 1857 zur Verfügung; ich kann also die Neuerungen der letzten vierzig Jahre nicht mehr berücksichtigen. Das »Fegfeuer«-Reich, welches im Gegensatz zur »Hölle« oder »infernus inferior«, auch »infernus superior« genannt wird, befindet sich »mit Rücksicht auf das Feuer« in nächster Nähe der Hölle und ist mit dieser durch eine Tür verbunden; es scheint demnach, wenigstens nach der Ansicht meines Landsmanns, des Würzburger Augustiner-Mönchs Bartholomäus, sein Feuer aus der Hölle zu beziehen; Oswald dagegen (den ich nicht mit dem Marien-Oswald zu verwechseln bitte), will das Feuer-Reich »nicht zu nahe an die Hölle rücken und geradezu zu einer Vorhölle machen; in der Tat ist es weit eher als ein Vorhimmel anzusehen«; die Qualität des Feuers will er aber auch mit dem in der Hölle zusammenfallen sehen. Schwierige Dinge! Die ältere, tröstliche Aussicht, daß es sich bei dem Brennen nur um eine Allegorie, um eine geistige Pein, um »die Pein des Verlustes des Himmels«, wie der Pfarrer in Einsiedeln will, handle, scheint sich leider neuerdings nicht zu bestätigen; es ist ein wahrhaftiges »Brennen«, und Oswald hält »wissenschaftlich die Ansicht von einem körperlichen Feuer in der fünften Auflage für die bei weitem wahrscheinlichere«. Die Schmerzen »überbieten verhältnismäßig weit alle Leiden dieser Welt« und sind »grausig und furchtbar«; und auch die rein »geistigen Schmerzen« des Einsiedler Pfarrers, oder »die Qual des Verlustes« sind nach ihm schlimmer, »als tausendfaches Feuer«. Kompliziert wird dieses »Fegfeuer« dadurch, daß darin vollständige Finsternis herrscht: »Es gibt im Fegefeuer nebst der Feuerpein noch andere Peinen der Sinne oder der Empfindlichkeit, vorerst die Finsternis«; auch kommen eine Menge »scharfer« säureähnlicher Stoffe dort vor, »gegen die in diesem Leben nichts Schärferes und nichts Heftigeres erdacht werden kann«; eine weitere Komplikation des »Fegfeuers« ist eine wahnsinnige »Kälte«: »Diejenigen, welche sich im Reinigungsort befinden, erwarten die Erlösung, müssen aber zuerst durch die Hitze des Feuers, oder die Schärfe der Kälte gepeinigt werden«; kein Wunder, daß diese Leute »ohne Unterlaß« schreien und als letzten Kontrast meldet uns Oswald, daß bei allen Feuer-Schmerzen daselbst »viele himmlische Freude« bestehe »wegen der völligen Übereinstimmung ihres Willens« mit den verhängten Leiden. Ich kann hier nicht mit einer Ansicht zurückhalten: Dieses Fegfeuer mit seinen lohenden Flammen, mit seiner entsetzlichen Hitze, Dunst und Qualm, mit seinem Fettgeruch und Schmalzpfannen, den vielen sauren und gebeizten, scharfen Sachen, die da gegessen werden, dem großen Durstgefühl daselbst, der entsetzlichen Kälte in der Nähe der Türe (trotz großer Hitze im Inneren), dem fürchterlichen Geschrei und dabei doch himmlischen Fröhlichkeit, »wegen der Übereinstimmung ihres Willens mit ihrem Aufenthaltsort«, erinnert mich lebhaft an das deutsche Wirtshaus mit Garküche; schrecklicher kann dort der Qualm nicht sein; nicht schrecklicher das Geschrei; und schlimmer können nicht die Unholdinnen sein, die dort die »armen Seelen« bedienen. Ich halte deshalb »wissenschaftlich die Ansicht für die wahrscheinlichere«, daß seiner Zeit ein päpstlicher Legat Papst Gregor dem Großen die merkwürdige Beschreibung eines deutschen Wirtshauses aus Germanien mitgebracht, und Gregor, betroffen, hiernach die Konstruktion des Fegfeuers in seinen heiligen Büchern gemacht hat. Denn mit der Begründung der Existenz des Fegfeuers aus der Bibel steht es sehr schlimm. Ich bitte Dich, lieber Leser, bei der folgenden Stelle genau Obacht zu geben, ob Du etwas von einem Feuer entdeckst, ob da etwas »brennt«; es ist die einzige, auf die sich die katholische Kirche ernsthaft beruft; sie steht nicht einmal in einer der Offenbarungs-Schriften; sondern in der erzählenden Literatur à la Susanna; in den Makkabäern II, 12, 43-46, und berichtet von einem jüdischen Feldherrn Judas und seinem Totenopfer für die Gefallenen: »Er ließ eine Sammlung veranstalten, und schickte den Betrag, zwölftausend Drachmen, nach Jerusalem, um sie als Opfer für die Missetaten der Gefallenen darzubringen; denn er glaubte seiner Religion gemäß an die Auferstehung; sonst hätte er das Beten für die Verstorbenen für überflüssig erachtet; und er meinte, daß diejenigen, die fromm gestorben seien, am sichersten die ewige Ruhe gewännen.« Bei den Spielen der Kinder, wenn etwas versteckt wird, und der Suchende kommt in die Nähe, ruft man »Es brennt, es brennt!« Hier brennt nichts. Aus dieser Stelle ergibt sich nur, daß die Juden an die Auferstehung glaubten, daß sie bei der Bestattung der Toten für sie beteten, und ihren Körper zur ewigen Ruhe im Grab liegend dachten. – Ja, von den modernen katholischen Dogmen, der »Unbefleckten Empfängnis der Maria«, der »Unfehlbarkeit des Papstes«, ist keine fester genagelt; im Gegenteil, sie sind noch lidschläfriger. »Das Fegfeuer ist ein lauter, erdichtet Ding, Trödelmarkt und Geldkram, davon in der heiligen Schrift nicht ein Wort stehet, darauf, doch das ganze Papsttum mit seinen Opfermessen-Vigilien und andere Abgötterei gestiftet und gegründet ist; und ist Dir unverschämtem Buben, Epicurer und Böswicht nur ums Geld zu tun, Deine Tyrannei zu erhalten, nicht um die Seelen!«, – sagte Luther. »Die reden von der Höllen Pein als ob die je bekannt möcht sein. Und was uns geb für Freuden Gott, die meßen sie aus, mit dem Lot«, – sagte Hutten. Weit eher finde ich einen Beweis für das Dasein eines zwischenräumlichen »Orts der Abgeschiedenen« in jener ägyptischen Stelle, die Maspero aus einer Toten-Kammer beschreibt, wo der derselben eingegrabene Text den Besucher um »Hersagung einer Formel bittet, die ihm, dem Verstorbenen, die Reise in die Ewigkeit erleichterte«. Dort finden wir auch schon die mechanische Aufzählung »guter Werke« des Verstorbenen, die damals in der »Lieferung von Ochsen; Gänsen, Wein, Bier, Kuchen und Parfümen bestanden«, auf die sich der Tote mit katholischer Sicherheit hinsichtlich Erringung der ewigen Seligkeit beruft, und die später der römischen Kirche die ungezählten Ablaß-Gelder deutschen Ochsen und Gänsen eingebracht haben«, – sagt Hutten weiter. Oder auch in der berühmten Stelle bei Vergil, Aeneidos lib. VI, 739–744: »Dort werden sie nun in Qualen herumgetrieben und sühnen so die Strafen vergangener Verbrechen. Die einen hängen, blutleere Schemen, ausgestreckt, den flatternden Winden preisgegeben; andern stürzt ein gräulicher Gießbach über die befleckten Glieder; wieder andere brennen. Jedes büßt die unvermeidliche Schuld. Und wenige nur gelangen in die freundlichen Gefilde.« – Hier brennt wenigstens etwas! Die katholische Kirche kennt diese Stelle nicht. Um so besser kannte sie Dante. Doch bleiben wir beim katholischen Fegfeuer – da wir ins ägyptische oder lateinische keinesfalls kommen – und sehen zu, was hier für »gute Werke« nötig sind, um den armen Seelen, die auf Erden nicht eine genügende Menge derselben vollbracht haben, zu helfen. Eigentümlicherweise haben sich hier die Parfüme aus Ägypten in ihrer sünden-tilgenden Kraft gerade in der ältesten Zeit erhalten. Der heilige Hieronymus schreibt über den Tod einer Frau: »Man streut über den Leichenhügel Veilchen, Rosen, Lilien und purpurfarbene Blumen, und benetzt die heilige Asche, und die verehrungswerten Gebeine mit dem Balsam des Almosens; mit diesen Salben und Wohlgerüchen erquickt man die ruhende Asche.« Weit wird man heute damit nicht kommen. Sonst wären unsere Parfürmerie-Handlungen längst zu kirchlichen Ablaß-Läden geworden. Wichtiger ist, daß man sich an die »Vermittler« wendet, denn ohne Vermittler kann ja der Katholik in himmlischen Sachen nichts tun; man wendet sich also an die Jungfrau Maria, die bekanntlich »mit einigen Tropfen ihrer Milch das Fegefeuer auslöschen kann«. Demnächst an den Priester, der für eine Mark – den Preis einer Messe – gewaltige Dinge im Jenseits vermag; auch Engel und Heilige können eingreifen, wenn sie nur angerufen werden. Daß Christus, oder Gott-Vater, oder gar der heilige Geist das Geringste im Fegefeuer vermögen, habe ich in keinem einzigen Lehr- oder Andachts-Buch gelesen. Überrascht hat mich die Wirkung des Wachses, wegen seiner leichten Schmelzbarkeit und Brennbarkeit, als geeignet den Seelen im Fegefeuer zu helfen; noch mehr die des Öles, was doch in diesem Fall direkt »Öl ins Feuer gießen« heißt; sowie die Empfehlung des Weihrauchs, der doch den Dampf nur vermehren würde, als ich die Stelle bei Bartholomäus de Usingen las: »Die erste Art, den Seelen im Fegefeuer zu helfen, ist durch das Sakrament des Altars .... Hierher gehören auch Wachs, Weihrauch, Öl und ähnliche Brennstoffe, obwohl die Lutheraner es verurteilen und darüber lachen.« Unter den Bibelstellen zweiter Ordnung, auf die sich die katholische Kirche bei der Lehre des Vorhandenseins eines Fegfeuers beruft, befindet sich auch die: Psalm 65, 12: »Wir gingen durch Feuer und Wasser, und Du hast uns herausgeführt an den Ort der Erquickung.« – Da sich ein Fege-Wasser mit derselben Sicherheit, wie ein Fegfeuer, beweisen läßt, so ist vielleicht doch in älterer Zeit, vielleicht unter Tertullian oder Gregor dem Großen, eine dogmatische Verwechslung vorgekommen, und es besteht als dieser ominöse »Ort« im Jenseits ein Fege-Wasser. Mir persönlich ist es gleich, in welchem Element sich die Katholiken martern lassen; da der, der an diesen Ort nicht glaubt, auch nicht hinkommt. Überrascht hat mich auch, daß den Seelen im Fegfeuer das »Lichterbrennen« helfen soll. Der Einsiedler Pfarrer schreibt: »Es sind der Mittel ihnen beizuspringen viele: Anrufung der Mutter Gottes, der Engel und Heiligen, Bußwerke, Aufopferung der eigenen Verdienste, Lichterbrennen.« Merkwürdig war mir auch, daß mein schon wiederholt zitierter Landsmann Bartholomäus von Würzburg den armen Seelen mit »Büchern« und »Kleidern« helfen will: »Auch ist es unter den Gläubigen eine ausgemachte Sache, daß es den armen Seelen im Fegfeuer eine Hilfe ist, wenn bei der feierlichen Handlung (Totenmesse) mit Rücksicht auf sie dargebracht werden Bücher, Kerzen, Kleider und sonstige Schmuckgegenstände.« Sind denn die Seelen im Fegfeuer nicht nackt? Und, wenn sie Kleider tragen, verbrennen denn die, und sind nicht imprägniert? Und wozu Bücher? Wollen sie denn studieren? Hören denn die Examina auch im Jenseits nicht auf? Unter den Bußübungen zur Hilfe der armen Seelen hebt Bartholomäus besonders das »Umherlaufen mit nackten Füßen« hervor: »Die vierte Art, den Seelen im Fegfeuer zu helfen, ist durch Fasten der Angehörigen; und hierher gehört jede Form von Züchtigungen und Körperstrafen, die man zur Sühnung der Sünden auf sich nimmt, wie das Tragen von härenen Gewändern, das Umhergehen mit nackten Füßen, das Enthalten von einigen Speisen und Getränken, und ähnliches derart.« Ein, wie mir scheint, nicht ganz ungefährliches, und in die diesseitigen Verhältnisse doch empfindlich eingreifendes Mittel zur Befreiung der armen Seelen gibt der Einsiedler Pfarrer an: »ihre Schulden zu bezahlen«, und führt Benedikt XIII. als Autorität an: »Große Hülfe bringt es den armen Seelen, wenn ihre Schulden bezahlt werden«. – Es ist uns eine große Beruhigung, wenn der genannte Papst seine diesbezügliche Auseinandersetzung selbst mit den Worten schließt: »Doch darf nicht gefolgert werden, daß die Seelen, wenn ihre hinterlassenen Schulden gar nicht bezahlt würden, deswegen fortwährend im Fegfeuer bleiben müßten, sondern nur, dass sie durch solche Erstattungen viel geschwinder, oft ganz geschwind erlöst werden«. Mag dem sein, wie ihm wolle; mag man Eine-Mark-Messen lesen lassen, oder des Verstorbenen Schulden bezahlen; Geld ist jedenfalls das sicherste Mittel, eine Seele aus dem Fegfeuer zu erlösen, und zwar hiesiges Geld. Dies wußte schon Papst Innocenz III. zu Beginn des 13. Jahrhunderts, der sich fünfhundert Mark in Gold vom englischen König Johann ohne Land auszahlen ließ, um eine, sogar exkommunizierte Seele eines Verwandten dieses Königs glatt aus dem jenseitigen Feuer-Schlund zu befreien. Über die Dauer des Feg-Feuer-Aufenthaltes begegnen wir den verschiedensten Ansichten. (Die Lehre ist zweifellos noch nicht ausgebaut). Maldonatus, »einer der größten katholischen Exegeten«, Spanier, 1534-1583, gab als längste Zeit des Verweilens einer Seele im Fegfeuer zehn Jahre an; wurde aber »heftig gerügt«, und sogar der Häresie beschuldigt; waren doch Fälle von »hundert Jahren« damals aus Visionen und Mitteilungen von Erlösten vielfach bekannt; (der Spanier berechnete wohl die Zeit nach seinem eigenen heißen Klima;) auch gibt ja die Kirche schon bis zu zweihunderttausend Jahren Ablaß; und wenn dies auch zunächst rein »irdische« Berechnung ist, so muß doch, da der Ablaß jederzeit auf die Seelen im Fegfeuer »anwendbar« ist, eine Berücksichtigung jenseitiger Verhältnisse angenommen werden. Ganz zweifellos ist die von Oswald aufgestellte Lehre, daß »die mögliche Zeitdauer der Fegfeuer-Strafen für den Einzelnen mit jedem Tag kürzer wird.« – Das Fegfeuer überhaupt dauert nur »bis zum Weltende«, also nicht »ewig«. Trotzdem werden Vermächtnisse und fromme Stiftungen für die Seelenruhe nach dem Tode »auf ewige Zeiten« gemacht und von der Kirche angenommen. Dadurch ist nicht nur jedem Katholiken reichliche Gelegenheit gegeben, aus dem Fegfeuer befreit zu werden, sondern jeder Katholik, der ins Fegfeuer kommt, – und man nimmt das jetzt absichtlich bei jedem an, weil es das Sicherste ist, wieder hinauszukommen – muß auch daraus erlöst werden, denn da die Stiftungen auf »ewig« gemacht sind, hier also »bar Geld«, der stärkste Faktor für die jenseitigen Gewalten, vorliegt, und nach Befreiung des Stifters und Erblassers selbst, »die Frucht der frommen Stiftung den sonstigen Bedürftigen im Fegfeuer zukommt«, so kann das »Welt-Ende« nicht eher beginnen, als bis sämtliche Seelen aus dem Fegfeuer, für die Stiftungen »auf ewig« da sind, erlöst sind. Also muß jeder Katholik selig werden. Ich komme hier noch einmal auf den »lacus leoninus«, den »Löwensee«, zu sprechen, der stets den Gegenstand meiner tiefsten und freudigsten Betrachtung gebildet hat. Er ist doch da. Die Kirche betet doch ausdrücklich in der Totenmesse: »König der Glorie, befreie die Seelen aller gestorbenen Gläubigen aus dem Fegfeuer und aus dem tiefen See, befreie sie aus dem Rachen des Löwen, daß sie der Tartarus nicht verschlinge, und sie nicht in Finsternis fallen!« – Der See ist also da. Will man etwa, nachdem man das Fegfeuer in der Bibel nicht gefunden und hineininterpretiert hat, den See, der klar dasteht, wegdisputieren? »Errette sie aus dem See, aus dem Rachen des Löwen!« heißt es ausdrücklich. Der Name des Sees ist nicht genannt. Sein Name ist auch nicht wesentlich. Ich nenne ihn Löwen-See – ohne damit einen dogmatischen Druck ausüben zu wollen – weil die Bezeichnung »Rachen des Löwen« gleich daneben steht; welcher ich nur allegorische Bedeutung zumessen kann, da sonst in der entscheidenden Stelle von einem Löwen nicht mehr die Rede ist, und der Ausdruck sich auf das wie ein Löwenmaul zerrissene Ufer des Sees beziehen mag, oder bei tieferer Ergründung des bildlichen Ausdrucks, auf die verschlingende Kraft und verderbenbringende Tiefe des »lacus profundus«. Auch in anderer Beziehung müssen wir die Anwesenheit eines abkühlenden Sees in nächster Nähe des Fegfeuers, wenn der Ausdruck gestattet ist, für glücklich erachten. Wer je in einem russischen Dampfbad war, kennt die Wohltat eines daneben befindlichen mit kühlem Wasser gefüllten Bassins. Auch ist dies kein obenhin geführter Vergleich. Schon der Volksmund spricht von »im Fegfeuer schwitzen«; der Vorgang muß wohl in etwas Ähnlichem bestehen, als wenn man sich mit entkleidetem Körper in einem heißen, mit Dunst angefülltem Raum befindet; analoge Vorgänge verlangen analoge Folgen; und schon eine einfache, auf die physiologischen Bedingungen des menschlichen Körpers eingehende Erwägung lehrt, daß das Schwitzen schließlich ein Ende haben muß, wenn nicht Abkühlung und Wasser-Ersatz erfolgt. Der See ist also vom dogmatischen wie pastoral-medizinischen Standpunkt aus eine Notwendigkeit; und ich halte »wissenschaftlich« daran fest; wenn auch zugegeben werden soll, daß damit dem sinnlichen Ausschmückungs-Bedürfnis der Menge entgegengekommen wird, wovor die fünfundzwanzigste Sitzung des Tridentinums ausdrücklich warnt. Aber welch neue Beweiskraft erhielte nun die Stelle Psalm 65,12: »Wir gingen durch Feuer und Wasser, und du hast uns herausgeführt an den Ort der Erquickung«, die, wie bisher, nur auf das Feuer allein bezogen, die ihr anhaftenden Schwächen nicht verbergen konnte. – Möge DER, der »die verborgenen Ratschlüsse und Mysterien der Gottheit schaut, der mit Christus selbst freundschaftlich umgeht«, wie der Bischof von Asti vom Papst so schön gesagt, diese kurze Erörterung als eine fromme Meditation, die seinem Richterspruch unterworfen ist, ansehen. Mehr sollte es nicht sein. – Neu war mir die Tatsache, daß viele Seelen das Fegfeuer verlassen und wieder auf die Erde zurückkommen, sogar in ihr Dorf, in ihr Städtchen, um hier, am Ort ihres früheren Aufenthalts, zu »büßen«, Dies gilt nicht als Milderung, sondern als Verschärfung der Strafe. – Es erinnert mich dies an das Gegenstück, wo Menschen, die noch nicht gestorben sind, die Erde verlassen, und als Geister sich zum Beispiel an einem nächtlichen Kirchgang beteiligen, der jedes Jahr in der Nacht vom 1. auf den 2. November stattfindet. Die an einem solchen Kirchgang sich Beteiligenden sterben aber während des folgenden Jahres. Raupach hat die Anschauung in seinem bekannten Allerseelen-Drama »Der Müller und sein Kind« verwertet. Dogmatisch festgelegt ist diese letztere Anschauung noch nicht; wohl aber erstere, vom Verlassen des Fegfeuers, welche, wie uns der Pfarrer von Einsiedeln berichtet, »Wandeln« heißt, und zu deren Stütze er den Thomas von Aquin anführt, einen Kirchenlehrer, dem man den Vorrang vor allen andern einräumt. »Mit Fabeln die sie han erdicht Von Seelen (das dann nimmer geschicht), Daß sie erscheinen hier und da In Feuers Flammen, bald anders wo, Muß so viel Jahr im Fegfeuer sein Und leiden unaussprechliche Pein, Man thu ihnen dann viel Messen nachlesen Und andere dergleich Gaukelwesen, Haben gethan Vigil, Mess, Jahrzeitstiften Und das alles außerhalb der Schriften. Daher ist jetzt alle Welt voll Messen...« Trotz dieser Künste und der großen Empfänglichkeit des Volkes für das Grausige und Schauerliche erhob sich in den folgenden Jahrhunderten merklicher Widerstand gegen die neue Lehre. Die Armen mit ihrer feinen Nase für das, was ihrem schundigen Leib noch mehr Kräfte entzog, rochen wohl heraus, daß es die neue Fegfeuer-Institution im Jenseits auf ihren diesseitigen Geldbeutel abgesehen hatte. Und da auch sie selig werden wollten, so glaubten sie nicht an das teure Fegfeuer. So widersetzten sich die »Lombardischen« und »Lyoneser Armen« der Lehre des Fegfeuers, wie sie auch »allen Prunk, Reichtum, Lichter, Weihrauch, Weihwasser, Prozessionen, Wallfahrten, Gewänder, Zeremonien« verwarfen, und »alle Veranstaltungen, die ins Jenseits hinüberwirken sollten«. In andern Ländern dagegen, wie England, fand die feurige Lehre bald großen Anhang. Und Burnet schließt seinen Bericht über das Fegfeuer und die Seelenmesse in damaliger Zeit mit den Worten: »Die neue Lehre nahm bald so überhand, daß, ohne eigens deshalb erlassene Gesetze gegen Verschwendung, der größte Teil des Volksvermögens für Seelenmessen in die Klöster geflossen wäre«. Dabei glaubten die Priester selbst nicht ans Fegefeuer. »Die Römische Geistlichkeit, was Leute von Verstand, wissen auch gar wohl, dass das von der Römischen Kirche erdichtete Fegfeuer nichts anderes sey, als ein frommer Betrug, dadurch der Papst die einfältigen und abergläubischen Laien, als die Kinder mit dem Popantz, im Zwange und Gehorsam erhält, und ihnen dadurch zu seiner so vielen Geistlichen reichlichen Unterhaltung, und der Päpstlichen Kammer Bereicherung, ihr Vermögen aus den Händen künstelt.« So berichtet Magister Hausen in seiner »Hirtentasche«, daß, als er zu Rom mit seinem Ordensbruder P. Bonaventura Pisano zusammentraf, und seine Furcht vor dem Fegefeuer zu erkennen gegeben, dieser ihm geantwortet: »Glaube, daß das Fegefeuer nichts anderes ist als eine fromme Erdichtung unserer Mutter Kirche, bestimmt zur Züchtigung der Sünder und Ernährung ihrer Priester.« »Damit man aber diejenigen, so ihre Sünde weder selbst noch durch die Ordens-Leute genugsam gebüßt, desto besser schrecken und zu reichen Steuerungen bereden möchte, erdachte man das Fegfeuer, darinnen die Verstorbenen Seelen von ihren übrigen Sünden-Makeln gereinigt, und hernach erst von St. Petro ins ewige Leben eingelassen werden sollten.« »Das Fegefeuer schmauchte den Ablass hervor. Denn weil die guten Layen des Feg-Feuers Hitze fürchteten, erdacht man zu Rom den Ablass, als ein Mittel, dadurch man dieselben von solcher Peyn befreien, und sie stattlich ums Geld schneutzen könnte. Dahero die Vermögenden bei Zeiten, und damit sie der Tod nicht übereilen möchte, sich um Ablass-Bullen bey dem Papst bemühet, welche sie auch auf etliche tausend Jahre um grosses Geld erkaufen konnten.« »Aber Peyn der Höllen, oder des Fegfeuers, wer da von ein Wörtlein sagt, unter den tapferen Römern, des Rede halten sie für ein Altesweibergeschwätz«, heißt es in Huttens Schriften. »Dieses ist des Papsttums reicheste Fund- und Goldgrube gewesen, aus welcher sie mehr Gold und Geldes geschmelzet, als alle Könige und Potentaten der ganzen Welt aus ihren Bergwerken und fündigen Klüften vielleicht nicht überkommen. Sintemal kein Mensch, so etwas Vermögen hatte, leichtlich sterben konnte, dem nicht in der Beichte das Gewissen, zu Bekennung aller begangenen Tod-Sünden zum heftigsten gerühret, und weil er nicht Zeit hatte, dieselbe durch zeitliche Strafe zu büßen, das Fegfeuer so heiß gemacht ward, daß er viel lieber sein Vermögen den Seinigen entzogen, als die Pein des Fegfeuers lange auszustehen erwählet. Und also ist, durch Stiftung vieler Millionen Seel-Messen den geitzigen Pfaffen fast alles Vermögen der Laien, so sie die Zeit ihres Lebens sorgsam zusammen gebracht, in ihren geizigen Rachen geflogen.« In unserer Zeit des faden Leisetretens und der Angst vor jedem verkrümpelten Pfaffengesicht mag eine Stelle aus einem Dialog über diese Seelenmessen aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts erquicken, um welche Zeit unsere deutschen Vorfahren noch den Mut hatten, auch in religiösen Dingen ein kräftig Wörtlein zu sagen: »Der Kardinal redet zum Papst: Allerheiligster Vater, mir ist aus deutschen Landen eine Epistel zugeschrieben worden: Sommer Bocks Marter! Erschrecklicher, grausamer Ding hab ich nie gehört, ist meiner Vernunft auch nie vorgekommen. Besser wärs, dass das ganze Jerusalem zu Trümmern ging und auf einen Haufen zerstöret würde. Papst: Bocks Angst, Herr Kardinal, fahrt schon! (geht langsam!) Erschreckt mich nicht so sehr! ich bin im Bade gewesen: Laßt mirs wohl bekommen! Kardinal: Es sei gebadet oder geschadet, Sommer bocks Erdreich! So bin ich erschrocken, dass mir die bösen Zähne im Kopf wackeln und mich (leider) sehr schwindelt. Papst: Mein lieber Herr, was ist denn? Betriffts das ganze Erdreich oder sonderliche Leute, oder geht es über einen gemeinen Stand? Kardinal: Ja freilich betriffts den besten, stärksten Stein im Fundament, darauf unsere ganze Pfaffheit erbauet ist. Papst: Das walt' alle die Teufel die zwischen Himmel und Erde sind, dass es nur nicht die Messe sei! Wo das Armbrust abginge, sind wir alle erschossen. Kardinal: Wahrlich, allerheiligster Vater, Euer päpstliche Heiligkeit habens erraten. Nicht allein die Hochgelehrten, ja die groben Bauern speien die Messe an und ist ihnen ein Affenspiel und ärgerlicher Greuel daraus geworden. Papst: Bocks Schweiss, wie stehet es dann um die Messe? Ist nicht Rat und Hoffnung zu finden? Entgehet uns der Schemel, so liegen wir gar im Dreck und wird unser Prangen und Hoffart aus sein. Kardinal: Ich bin ganz verstumpft. Rat ihr zu! ich habe weder Vernunft noch Atem. Mich scheissert, ich mach mir sonst gar in die Hosen. Papst: Was ist doch der Unfall oder welche Gestalt erhebt sich da? Leidet denn die Messe solche grosse Not? Ei, dass Gott erbarm! Kardinal: Sie ist angeklagt und bezichtigt, sie sei ein Menschen Tand, ein falscher Gottesdienst, ein Greuel und Gotteslästerung und betrüglich Geldnetz, ja eine große Abgötterei, so unter der Sonnen ist nie erwachsen. Papst: Bocks Hirn! Ist es aber gewiss wahr oder ist es nur ein Abschrecken? Kardinal: O ho! Es ist gewiss wahr, wie der Tod allem irdischen Leben: allhie ist keine Lüge.« Sehr schön aber sagt der sonst nur humoristisch aufgelegte Verfasser der »Geschichte des Papsttums«, J. C. Weber, »Mit dem Fegfeuer scheint es zu stehen, wie mit dem Teufel, er ist in uns, nicht außer uns – es gibt ein Fegfeuer, aus dem weder Messen, noch Fürbitten der Heiligen noch Päpste erlösen können – das böse Gewissen.« Kardinal Bellarmin lehrte: »Der Papst könnte jetzt schon das Fegfeuer abschaffen, wenn er es für gut hielte.« Die Kritik, die in diesen wenigen Worten über Fegfeuer, Papsttum und katholische Kirche heute liegt, hat der große Päpstler vor dreihundert Jahren wohl kaum geahnt. Nachdem wir gehört haben, daß es für den Ablaß-Handel sogar Aktien-Gesellschaften gibt, dürfen wir uns nicht wundern, wenn es für die Fegfeuer-Erlösung General-Pächter gibt. Santo-Domingo erzählt: »die Geistlichkeit vergibt die Seelen im Fegfeuer in Regie; sie nimmt einen Generalpächter; dieser hat wieder Unterpächter; und diese wieder ein Heer von Subalternen, Mönchen, Nonnen, Handwerkern, Lazzaroni und dergleichen. Diese gehen zu jeder Tageszeit durch die Straßen Neapels und sammeln offiziell für die armen Seelen. Jeder hat eine lange Stange, an deren Ende sich eine Ledertasche befindet, die jedem durch die Straße Gehenden oder an den Fenstern Liegenden oft aus weiter Entfernung und mit dem Ruf präsentiert wird: »für die armen Seelen im Fegfeuer«. Niemand entgeht ihnen. Der Ruf wird mit klagendem Ton ausgestoßen. Auf der Ledertasche sind die Seelen im Feuer gemalt. Niemand entzieht sich der Gabe; da bei arm und bei reich der Glaube festgewurzelt ist, daß ein Versäumnis bei dieser Gelegenheit die schwersten Folgen nach sich ziehen könnte: eine frühzeitige Entbindung, ein verlorener Prozeß, ein Beinbruch, Untreue des Geliebten, würde mit Sicherheit auf ein solches Versäumnis zurückgeführt. Man kann oft bis zu dreißigmal am Tage in dieser Weise angegangen werden. Aber man gibt, wenn auch die kleinste Münze, und küßt dann gleich die auf der Tasche abgemalten Seelen und Flammen.« Auf dem Tridentinischen Konzil wurde die Lehre vom Fegfeuer im Jahr 1563 als eine heilsame Doktrin – »sana doctrina« – und im bewußten Gegensatz gegen die Protestanten, die vom Konzil ferngeblieben waren, festgelegt. Wenn man heute einen gebildeten Katholiken, einen katholischen Geistlichen, ja einen katholischen Theologen über das Fegfeuer fragt, im Hinblick auf dessen Echtheit, so schaut er einen groß an, und sagt dann im ahnungslosesten Ton: ja das hat ja das letzte große Konzil definitiv bestätigt. – Das ist die letzte Wand, die er greift: »wir müssen der Kirche glauben, auch ohne ausdrückliches Zeugnis der Schrift, wenn wir selig werden wollen, da nicht alles in der Schrift stehen kann« – sagt mit kostbarer Ruhe der Augustiner-Pater Bartholomaeus –»möglicherweise, ja wahrscheinlich, hat Christus viel mit seinen Jüngern über das Fegfeuer und die Reinigung daselbst gesprochen;(!!) aber es ist kindisch!« Ihr betet für die armen Seelen im Fegfeuer, und bezahlt Messen und Gebete für sie, und sorgt und kümmert Euch ab? – mein Gott, laßt die armen Seelen arme Seelen sein; Ihr macht sie nicht reich noch glücklich, nicht kalt noch warm; wo die sind, gelangen unsere Gebete, gelangt unser Schluchzen nicht hin. Hier ist das Fegfeuer! Hier ist Geschrei und Kampf, Elend und Not, Kälte des Herzens und Wahnsinnsglut! Hier soll Euch das Feuer auf die Fingernägel brennen! Hier werft Eure Brände in die Messe und laßt Eure Flammen leuchten! Hier mitgekämpft und geglüht zu haben, ist höheres Verdienst, höheres Glück und gibt Euch einmal höhere Rechte auf ewige Ruhe, als quietistische, bezahlbare Gebete für Andere zu lallen, – fern vom Schuß, fern von den Flammen! – Deutsche Ich frag, wo ist der teütschen mut? Wo ist das alt gemut und sin? Ist gfaren nun all mannheit hin? (Hutten) Ein Fluß nimmt bei seinem Gang durch ein neues Land von seiner Ursprungsstätte – bei aller befruchtenden Wirkung – Schmutz und Schlamm mit. Das Christentum kam zu uns aus dem Orient, anfänglich direkt, später fast nur mehr über Rom. Was auf diesem Wege für römisch-orientalischer Dreck bei uns abgelagert worden ist, ist unermeßlich. Es war eine der unglücklichsten Verbindungen, die je in der Geschichte eingegangen wurden, als die fränkischen Könige sich im 8. Jahrhundert für Italien und den römischen Bischofsstuhl interessierten. Unermeßliches Blut von Deutschen ist wegen dieser Verbindung in Deutschland und Italien geflossen. Die politische Frage ist heute gelöst: Der römische Bischof braucht heute nicht mehr die Hilfe der deutschen Regierung; und die deutsche Regierung braucht heute nicht mehr den Segen des römischen Bischofs. Aber wann werden die deutschen Katholiken ohne die Hilfe des römischen Bischofs zu Gott zu beten imstande sein? Das erste Jahrtausend christlicher Zeitrechnung war auf religiösem Gebiet fast ausschließlich der christlichen Spekulation, der Vertiefung und Ausgestaltung der christlichen Lehre geweiht. Das ganze zweite Jahrtausend bis zum heutigen Tage ist auf religiösem Gebiet nichts anderes als die Ausschlachtung der christlichen Lehre von Seite des zu großer Machtbefugnis gelangten römischen Bischofs zu hierarchischen Zwecken, nicht, um direkt und zuletzt die Gemüter zu beherrschen, sondern um durch Beherrschung der Gemüter weltliche Zwecke, und nicht zuletzt, die Steigerung persönlicher Machthoheit bis zur Vergöttlichung, zu erreichen. Im Jahre 753 kam Papst Stefan II. zum Frankenkönig Pipin und bat mit einem Fußfall um Hilfe gegen die Langobarden, die ihm gewährt ward. Noch 1024 feierte die Geistlichkeit Kaiser Heinrich II. als »Leiter der Kirche Gottes«, und noch 1054, nach dem Tode des Papstes Leo IX., kam die römische Geistlichkeit nach Deutschland und bat Kaiser Heinrich III. um einen neuen Papst mit der Erklärung, daß künftighin kein Papst mehr ohne den Willen des Kaisers geweiht werden solle. Und zweiundzwanzig Jahre später, 1076, erklärte Gregor VII. betreffs des Sohnes des zuletzt genannten Heinrich, Kaiser Heinrich's IV.: »von Seiten des Allmächtigen Gottes spreche ich ab dem König Heinrich die Zügel des ganzen Reiches der Deutschen, und löse alle Christen von dem Banne des Eids, den sie ihm geleistet haben oder leisten werden, und verbiete, daß irgend jemand ihm als König diene, weil er sich gegen die Kirche erhob, mit Exkommunizierten verkehrte, und meine Mahnungen verachtete; ich binde ihn mit den Banden des Fluches im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.« Das war die Wendung zum Hierarchischen, zur irdischen Gottesherrschaft über Kaiser und Könige, über Völker und Länder im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. – Es handelt sich gar nicht darum, ob das heute zum Totlachen ist, ob und auf wie weit die päpstliche Anmaßung heute ermäßigt ist, sondern einfach darum, ob ein römischer Kardinal, der sich selbst bis zur Wahnwitzigkeit göttlicher Dimension hinaufgeschraubt hat, der von den romanischen Völkern »Sohn Gottes« genannt wird, der nur von welschen Kardinalen gewählt wird, auf eine Nation, wie die deutsche, in religiöser wie in politischer Hinsicht unberechenbaren Einfluß ausüben, und den Stumpfsinn und Fetischismus welscher Religionsübung auf Millionen von deutschen Gemütern ferner ausbreiten darf. Es muß entschieden werden, ob die orientalische Gottes-Verehrung, wie sie von der Kurie getrieben und von dort vorgeschrieben wird mit Bückungen, blauem Rauch, Firlefanz, Gebetsmaschinen und kastriertem Knabenchor, – ob das deutsch ist. – Die Vorstellungen des innerlich gearteten Deutschen über Gottes-Verehrung sind andere. – Die Nation hat sich jetzt gesammelt, politisch und bürgerlich. Sie will sich jetzt von allem ihr Fremdartigen scheiden. – Daß tausend Vaterunser in der ethischen Wert-Schätzung der Herzens-Inbrunst mehr wert seien, als eines, wird der Deutsche niemals, auch der Katholik, der durch unendliche Tradition vergessen hat, darüber nachzusinnen, einsehen. – Behaltet ihr Welsche eueren asiatischen Gottesdienst mit Straußenfedern und Edelsteinen, Parfümen und Gebetstrommel, Kniegerutsche und Fuß-Abküssen! Wir bedürfen keines Gottes, der eine Krone auf dem Haupt hat, größer, als sein Kopf, der wie ein Türke umhergetragen wird, auf den in der Kirche von St. Peter ein dreifaches, donnerndes Hoch ausgebracht wird. Einen solchen sichtbaren, vergoldeten Gott brauchen die Deutschen nicht! – Was ist der Papst der Katholiken? – Ein rasierter, hodentragender, mit Gold umhängter Welscher?! Euer Gott, Papisten, soll ja nur Latein verstehen; ebenso, wie Euer heiliger Geist! – Dann können wir Euch nicht brauchen. Unser Herr-Gott muß Deutsch können. Solange eine Nation sich ihren Glauben in einer fremden Sprache vorsagen lassen muß, ist sie feig und charakterlos, und verdient ebenso, ihr Glaubensbekenntnis chinesisch auswendig lernen zu müssen, wenn sie es nicht deutsch fordern kann. Die nationale Einheit haben wir; können wir die religiöse nicht gewinnen? Nicht die dogmatische, nicht die zeremonielle; Gott bewahre! Keine Proselytenmacherei! Aber die Einheit religiöser Unabhängigkeit! – Sollen wir dann die goldene Tiara, die bubenschändenden Gebräuche der Päpste, das Kauderwelsch der Ultramontanen akzeptieren, die ihren Herr-Gott lateinisch anreden?! Ehedem hatte Deutschland auch ausländische Kaiser und Könige, die nicht etwa Deutschland vorher erobert, sondern, die sich Deutschland wie eine fremde Ware kommen ließen, und die sich, wie zum Beispiel der verrückte Spanier Karl VI., herausnahmen, dem deutschen Gewissen Gesetze zu geben. – Wenn man heute Deutschland einen Spanier zum Kaiser anböte, erhöben sich, glaube ich, Millionen von Fäusten – aber einen fremden Gott, einen Welschen, der allein sich von Gott inspiriert ausgibt, den lassen sich Millionen von Deutschen gefallen; als sei es selbstverständlich, da man keinen deutschen Gott haben kann, sich einen römischen zu kaufen. Wer sagt Euch, daß dieser Pfaffe ein Gott sei? – Betet, Deutsche, singt Litaneien, bewegt euch in seriösen Tänzen, schneidet Fratzen, geißelt euch, – wenn ihr meint, ihr habt es nötig, – tut Sack-Laufen, tragt Prozessionsfahnen, zittert und bebt, wenn euch euer Gemüt es vorschreibt, aber tut es deutsch; und erwägt endlich, ob ihr euch den Zustand eures Gemüts von einem feilen, jesuitisch geschulten, geriebenen, in allen Verstellungs- und diplomatischen Künsten geschulten Ausländer vorschreiben zu lassen fortfahren wollt! Das deutsche Gewissen, welches von jeher, und wie wir schon von Tacitus wissen, als ein ehrlicheres und saubereres Ding angesehen wurde, als das ähnliche seelische Vermögen irgendwelcher anderer Völkerschaften, besonders der Romanen, wird in der Ohren-Beichte einem kirchlich-gedrillten, jesuitisch erzogenen Päpstler ausgekramt, ausgekramt unter Berufung auf Gott, mit dem das deutsche Gewissen von jeher, insonderheit seit den deutschen Mystikern, eigenen Verkehr haben zu können sich herausgenommen hat. – Pfui! – Pfui! – Deine Sünden, Deutscher, müssen zum Papst, um dort Gott vorgetragen zu werden; Deine feinsten und keuschesten Empfindungen müssen durch den katholischen Priester nach Rom vor den Thron eines welschen Kardinals, abgefeimten Diplomaten und – wie oft! – lasterhaften Menschen, um dort analysiert, durchstöbert, auf ihre Wertigkeit geprüft, päpstlich umgemünzt zu werden. Und wehe Dir, wenn Du Dein Gewissen nicht päpstlich eingerichtet hast! – Pfui der Schande! – Ulfilas übersetzte die Bibel ins Deutsche, und Ihr übersetzt Euer Christentum wieder ins Welsche. Nicht einmal deutsch beten dürft Ihr am Altar! Nicht einmal das Alt-Gothische »Atta unsar, thu in himinam!« (Vater unser, Du in dem Himmel) sprechen. – Als ob der Herr-Gott droben nur lateinisch verstünde! – Weil der Papst nur lateinisch kann, und er der Vermittler zwischen Gott und Eurem Gemüt ist, müßt Ihr lateinisch zu Gott beten. Schämt Euch, Deutsche, nicht einmal mit dem Herr-Gott deutsch zu reden wagen! Ist der Himmel in Deutschland ferner, als in Rom? – Und Quantität und Qualität, und Rhythmus und Tonfall, und Perioden und Gesatz, und Affekt und Kopfhaltung ist Euch vom Papst vorgeschrieben. Eure Gebetsbücher sind, soweit sie deutsch sind, aus dem Lateinischen übersetzt und Eure Gebete sind abgewogene Leistungen, die Euch emballiert und verschnürt, in egalen Gebets-Paketen, wie Pressehefe, vom Vatikan aus zugeschickt werden. Auf einer meiner Reisen kam ich eines Tages in einer wundersamen Gegend, in Tirol, in eine Dorfkirche. Sie war edel und freundlich gebaut; im Innern luftige Hallen; an den Säulen und Wänden auf den Postamenten standen Apostel und Heilige in verzückten Stellungen, ihre Marterwerkzeuge ostentativ in der Hand haltend; und unten in den Stühlen lagerten schwarze, gebeugte Massen: lebendige Menschen; gleich beim Eintritt empfing mich ein eigentümliches Plätschern, Klirren, Schnurren und Rasseln, wie von englischen Webstühlen. Ich glaubte wirklich anfangs, es seien irgendwo im Keller versteckt Häckselmaschinen, die arbeiten, oder hinterm Chor eine Dampfmaschine, die Getreide drischt. – Aber bald fiel mir auf, daß in den schnurrenden Geräuschen regelmäßig wiederkehrende Perioden von bestimmter Länge zu unterscheiden waren, und daß, vergleichbar dem auf jenen Webstühlen Gewobenen, bestimmte Muster und Farben-Einschüsse in maschinensicherer Abwechslung immer wieder kamen und gingen. Und hier waren diese Muster zu meiner nicht geringen Verwunderung Sprach-Perioden und Satz-Komplexe. »Maria, Gebenedeite«, und »jetzt und in der Stunde des Absterbens«, waren die stets wie auf Gittergewebe gewobenen, vorüberrauschenden Figuren und Laut-Nuancen. Und nun merkte ich wohl, daß es die im Kirchenschiff kauernde Menge war – lebende Menschen, von deren Lippen und Zähnen dieses Schnurren und Brausen kam. Vorn, ganz vorn, stand in einem weißen Kittel der Vorarbeiter, und was er lallend und gurgelnd – und wie ich wohl sah, in seiner Arbeit überaus geschickt – angab, woben und schnurrten die andern nach; zuerst die Alten in den vorderen Kirchstühlen; und dann hinten die Fabrikmädchen; und was diese mit den fleißigen Zähnchen lieferten, klang, als wenn man Erbsen in irdene Töpfe prasselnd fallen läßt; so hellen Diskant woben die kleinen Finger. Lang lang blieb ich stehen, wohl eine halbe Stunde, stumm und erstarrt, und konnte es nicht fassen. Fast so lang, wie vor dem Rheinfall bei Schaffhausen; eingelullt von dem ewig gleichen Rauschen und Brausen. Bis endlich der Wasserfall aufhörte, und das Brausen ein Ende nahm; und ich erwachte; und nun wohl erkannte; das, was ich gehört hatte, waren die Gebets-Geräusche der katholischen Kirche; und das Webestück, die Arbeit, die sie vollbracht hatten, nannten sie – Gebet. – War Eure Niedertracht noch weiterzutreiben, als eine internationale, papstgefällige Gebets-Sprache Euch aufzwingen zu lassen? Welches Volk hätte je seine Götter in einer fremden Sprache angesprochen? Den lebendigen Gott in einer toten Sprache? Konntet Ihr noch tiefer sinken? – Ja! Ihr konntet Euren Gebets-Lieferanten, den Papst, selbst anbeten! Und das habt ihr getan! – Ihr habt in Rom konstruierte Gebete an den Papst gesprochen. – Ein Hundsfott jeder Deutsche, der das weiß, und sein Maul nicht aufmacht! – Und wie sorgfältig wird seit Jahrhunderten im Vatikan darauf geachtet, daß keine Landessprache sich mit der Religion vermische; daß kein Dogma sich in der vulgären Sprache präsentiere; daß keine Meß-Litanei dem nationalen Tonfall anheimfalle. Und gar die Bibel, von dessen Lehre man sich schon seit einem Jahrtausend behufs Vergöttlichung der Kardinale in Rom entfernt hat – daß dieses Buch nicht übersetzt, und wenn übersetzt, nicht autorisiert, und wenn autorisiert, dem Laien verboten werde! Und daher die Wut auf Luther, den »wahnsinnigen« Mönch, der die Bibel in volksmäßiges Deutsch übersetzt, und den Gottesdienst in deutscher Sprache zu halten gelehrt. »Der Geist in den Deutschen schmeckt den Romanisten nit fast wohl«, schreibt Hessus in einem Dialog aus der Reformations-Zeit. »Denn weil sich die römischen Spitzbuben dahin begeben, und wie sie allezeit sich beflissen haben, die Sprachen zu verwirren, dass der Spitzbube zu Rom Rothwelsch antwortet, wo der Kaiser und des Reiches Stände schlecht Deutsch reden, so werden sie in der Sprache nimmermehr einig, schweige, dass ein Konzilium werden könne.« Warum sollen die Deutschen lateinisch beten? – Nachdem sie deutsch exerzieren, dreinschlagen, fluchen, lieben und trinken! – Ist die Sprache Meister Eckharts, des Schöpfers der deutschen Mystik, zu gering? »Latein ich einst geschrieben hab, das war einem jeden nit bekannt. Jetzt schrei ich an das Vaterland Deutsche nation in ihrer Sprach zu bringen dissen Dingen Rach«, – schrieb Hutten, Aber deutsche Sprache war den Päpsten beim katholischen Priester ebenso verhaßt, wie deutsche Ehe, weil beides die mächtigsten Hilfsmittel sind, eine Religion zu nationalisieren, und sie vom Papst freizumachen. Paul V. verlangte vom Kaiser Ferdinand, es seien in Deutschland nur päpstliche Druckereien zu dulden. – Im Lande der Erfindung der Buchdruckerkunst ein solches Verlangen ernsthaft gestellt haben zu können, beweist allein den unglaublichen Servilismus der Deutschen. Wenigstens hier antwortete der Kaiser, Seine Heiligkeit sei wohl – krank. Zu Huttens Zeiten, 1514, verbot Papst Leo X. durch eine Bulle, daß der Tacitus in Deutschland gedruckt werde »auss keiner anderen Ursach, auf dass der Römisch Drucker desto mehr gwinn«. – Hutten fragt den ängstlichen Drucker zu Mainz, der meinte, wenn er gegen des Papstes Verbot handle, »des Teufels zu sein«, ob er sich auch vom Papst verbieten lasse, »Weyngarten zu arbeiten, Wasser zu drinken etc.« – Ihr lacht?! – Laßt Ihr Euch denn nicht heutigen Tags noch viel mehr vom Papst verbieten?: die Art Eures Denkens, die Art Eures Handelns, Eure Entscheidung im Reichstag, Eure Gebete, die Lehre über den Kaiser, ob Ihr dem Lande gehorsam sein, ob Ihr in den Krieg ziehen sollt, den Umfang Eures Glaubens, die Lehre über den Papst, das Dogma seines weltlichen Territoriums, das Urteil über die Jesuiten, die Einrichtung Eures Gewissens. – Sind das nicht tausendmal schlimmere Sachen als »den Tacitus drucken«? Euer Leib, Deutsche, der ist in Deutschland in der Schänke, oder sonstwo; aber Euer Geist, der geht immer noch nach Canossa. – Spurlos sind an Euch die Tage von 1870/71 vorübergegangen. Ja, einige behaupten, Ihr hättet Euch damals besiegt empfunden, weil Frankreich katholisch war. Und als bald darauf Preußen den Versuch auf Euer Deutschtum, auf Euren Patriotismus machte, stemmtet Ihr Euch mit Händen und Füßen entgegen, erklärtet, Euer König sei der Papst, und wenig fehlte, Ihr wäret, wie zur Zeit Gregors VII., über Euern Landesherren hergefallen. Nicht an Euch lag's, nur an Pius IX., der nicht wie Gregor in großer Politik, sondern in sanfter Mariologie machte. – Ich weiß, daß es heute unter Euch ehrliche Deutsche, brave Patrioten gibt; aber warum schweigt Ihr? – Der Papst unterdrückte alles. Der Papst will nicht haben, daß in der katholischen Kirche Deutschlands Deutsch gesprochen wird. Also kuscht Euch, Deutsche, wie ihr es seit tausend Jahren gewohnt seid. »Alle freien Deutschen ich vermahn, zu sein in diesem Schimpf bereit, dass geholfen werd' dem ganzen Land, und ausgetrieben Schad und Schand. Und hör nit auf, ich schrei und gilf, bis man der Wahrheit kommt zur Hilf, und schicket sich zu diesem Krieg; wer weiß, ob ich noch unterlieg«, sagte schon Hutten. Wollen die Deutschen zusammentreten und ein Gesetz unter sich machen, gehe es nun über Holz oder Schmalz, über Bücher oder Waffen, über Gefängnisse oder Gedanken, so ist eine große Partei da, die deutschen Namen trägt, die erklärt, sie müsse erst anderweitig Kunde einholen, da ihr eigenes Gewissen für sie nicht ausreiche. – Darauf rennen sie keuchend nach Rom, schellen an der Glocke des Vatikan und stellen sich in die Positur der Gottes-Verehrung. Dort tritt dann ein Greis heraus, beladen mit dem Fluch tausendjähriger Hurerei, Menschenverstümmelung, Lug und Trug, Mord und seelischer Vergiftung, und behaftet mit dem untilgbaren Geruch lüsterner, orientalischer Perversität; und auf die Frage dieser blondsträhnigen, biederen Deutschen, von denen vielleicht jeder noch eine Portion Ehrlichkeit abgeben könnte, ohne entfernt an den seelischen Schmutz des Obenstehenden hinzureichen, auf ihre Frage an ihren Gewissensgebieter: Wie denkst Du über Holz oder Schmalz? Wie denkst Du über Bücher und Waffen, und wie über Gefängnisse oder Gedanken? – antwortete der ehrwürdige Greis mit dem Jesuiten-Gift zwischen den Zähnen: Wartet, freundliche Deutsche! Wir wollen uns erst drinnen mit unseren Freunden benehmen, und über das, was Euren Gewissen am besten frommen möchte, uns beraten. – Und den deutschen Köpfen fallen die blonden Strähnen auf die Erde, und sie warten, was drinnen die Römer ihrem, dem deutschen Gewissen, welches eine ihrer kostbarsten, ursprünglichsten Eigenschaften gewesen sein soll, vorschreiben werden. Auch im deutschen Reichstag sitzt so eine päpstliche Kohorte, eine Art vatikanischer Schweizer, die mit der Hellebarde im Maul herausfahren und sagen: Wir wollen nichts wissen von Kaiser und Reich. Auch der Erbfeind der Deutschen, die Franzosen, gehen uns nichts an. Wir sind nur aus Zufall in Deutschland geboren. Wir sind päpstlich. Mag das Reich in Trümmer gehen, wenn nur der Papst gerettet wird. Sein weltliches Territorium ist uns wichtiger als Brandenburg oder Bayern. Und die römische Campagna wichtiger als Kurhessen oder Sachsen. Mag der Rhein von den Franzosen genommen werden, wenn nur der Tiber dem Papst bleibt. Dieser Pfaffe verfügt gänzlich über unser Gewissen. Er ist unser Befehlshaber und unser Gott. Ihm empfehlen wir unsere Seele beim Zu-Bett-Gehen, und beim Aufstehen, und des Tags über. Wir sind nur Deutsche, um für den Mann in Rom, der Gott ist, in Deutschland zu agitieren. Und nur soweit sind wir Deutsche. Die lateinische Sprache des römischen Gottes, wenn er offiziell spricht, ist uns wichtiger als Euer Goethe und Schiller, die Heiden waren und in heidnischer Sprache schrieben. Wir ruhen nicht eher, als bis der Papst über alle deutschen Gewissen gebietet und auch in irdischen Dingen ein Wort mitzureden hat; bis die deutsche Regierung, wie einst Friedrich Barbarossa, vor IHM zu Boden fällt und IHM den Fuß küßt. Dies zu erreichen ist Pflicht eines jeden ehrlichen, braven, wahren Deutschen. »Sie wollen bei des Papstes Heiligkeit stehen Und sollte Deutschland ganz untergehen, Das haben sie beschlossen«, sangen die Stralsunder. Um einen tausendjährigen Bann des Aberglaubens zu brechen, gehört eine Portion Übermut und Narrheit auf Seite des die abergläubische Verehrung in Anspruch-Nehmenden, und eine Portion Kourage auf Seite dessen hinzu, der diesen Bann brechen will. Erst als Bonifaz VIII. erklärte, er sei Papst und Kaiser, niemand Untertan, und wenn er die Seelen der Gläubigen zur Hölle führte, niemand Rechenschaft schuldig, sich, als erster, eine doppelte Krone aufsetzte, und neben dem päpstlichen auch im kaiserlichen Ornat mit Krone, Szepter und Küraß sich öffentlich zeigte, zwei Schwerter sich vorantragen ließ, das weltliche und das geistliche, – erst jetzt konnte der mutige Philipp IV. von Frankreich, der, weil er nicht die geforderten Gelder nach Rom abführen ließ, exkommuniziert und seines Landes für verlustig erklärt worden war, dem verrückten Bonifaz antworten: »Wisse Deine allerheiligste Albernheit, dass Wir in weltlichen Fragen niemandem unterworfen sind; dass die Besetzung vakanter Kirchenämter und Präbenden Uns nach königlichem Recht zusteht, sowie während der Dauer der Vakanz, deren Nutzniessung; dass die von Uns bisher gemachten und in Zukunft zu machenden Belehnungen rechtskräftig sind, und daß Wir deren Inhaber gegen jedermann schützen und verteidigen werden. Wer anders denkt, den erklären Wir für albern und begriffsstutzig.« Freilich eines gehört zu solchem Auftreten: daß die eigenen Landsleute nicht über den Landesherren auf Befehl des Papstes herfallen, wie es die Deutschen bei Heinrich IV., Philipp von Schwaben, Friedrich II., Ludwig dem Bayern und in andern Fällen gemacht haben. »Drey Ding – sagt Hutten – sind Rom leid: der Deütschen Fürsten Einigkeit, des Volkes rechter Verstand und, dass ihr Büberei wird erkannt.« Als Gregor XIII. gegen König Heinrich IV. von Frankreich den Bann schleuderte und ihn des Reiches für verlustig erklärte, trat das französische Parlament zusammen, und ließ die päpstliche Bannbulle öffentlich in Paris durch den Henker verbrennen. Als Innocenz IV. auch noch nach England seinen Legaten Martinus sandte mit Carte-blanche-Bullen, die der beutegierige Legat zur Eintreibung des Zehnten nur auszufüllen brauchte, und den verzweifelten Prioren und Äbten die Pferde aus dem Stall zog, vereinigten sich alle Stände des Königreichs zum Widerstand. Der aufgebrachte und Gehorsam-gewöhnte Legat rannte mit Beschwerden von den Geistlichen zu den Baronen und von den Baronen zu den Geistlichen. Endlich ging er zum König und frug, ob dieses Spiel gegen den Abgesandten des Papstes abgekartete Sache sei. Und der König (Heinrich III.), dem endlich die Geduld riß, herrschte den Legaten an, er soll sich zum Teufel scheren! Hier wurde der Pfaffe plötzlich sanft und bat nur um sicheres Geleite durch das erregte Land. Er wurde an die Küste gebracht. Kam nicht wieder. Aber auch die Deutschen, Stände wie Bischöfe, Fürsten wie Bürger, wußten sich gelegentlich dem tollen Beginnen der Päpste kräftig entgegenzusetzen: Kaiser Friedrich Barbarossa jagte 1187 die Gesandtschaft Hadrians IV., die ein Schreiben überbrachte, in dem das Wort »beneficium«, »Lehen«, im Hinblick auf das Deutsche Reich gebraucht wurde, mit Schimpf und Schande zum Land hinaus – sie wäre beinahe von den deutschen Rittern erschlagen worden – und erließ ein Manifest an seine Großen und an die Geistlichkeit, worin er den Versuch des Papstes, das deutsche Reich als päpstliches Lehen zu betrachten, als lügenhafte Anmaßung kennzeichnet. Bei anderer Gelegenheit schreibt ihm Barbarossa: »Desgleichen Euren Kardinälen sind die Kirchen Unseres Reiches zugeschlossen, und die Städte stehen ihnen auch nicht offen, weil wir sehen, dass sie nicht praedicatores (Prediger), sondern praedatores (Räuber) sind; nicht pacis et orbis reparatores (Friedensstifter und Weltbesserer), sondern auri insatiabiles corrosores (unersättliche Gold-Zusammenscharrer). Als Barbarossa zu Venedig 1177, nach erbittertem Kampf mit den mit dem Papst verbündeten italienischen Städten, mit Alexander III., dem Nachfolger Hadrians, Frieden schloß, und bei der Begegnung vor ihm niederfiel, und nach damaliger Sitte ihm den Fuß küsste, nicht ohne mit Vorsicht hinzuzusetzen: Nicht Dir, sondern Petrus! antwortete der Papst: Mir und dem Petrus!, setzte dem dortliegenden Kaiser den Fuß auf den Nacken und zitierte den Bibel-Spruch: Auf Schlangen und Ottern wirst Du gehen, und treten auf junge Löwen und Drachen. – Weber hält das ganze für ein »anmaßendes Pfaffenmärchen; ein Mann, wie Barbarossa, hätte dem Kirchen-Alexander mit dem Szepter über die Ohren geschlagen«. Luther rast über den Schimpf: »Und solche böse Tat dieses schändlichen, verdampten Papsts Alexandri sollten die Kaiser, Könige, Fürsten und weltliche Herrn den Päpsten, ja Bestien, nimmermehr vergeben; sondern ewiglich gedenken und aufrucken zu ewiger Schande dem römischen, teufelischen Stuhl. Denn es reuet sie nicht, sie büssens nicht, die lästerlichen, verzweifelten Buben, sondern lachens noch dazu, und haben Wohlgefallen daran; wollten wohl gern an allen Kaisern, Königen, Fürsten solch greulich Exempel üben, wenn sie dazu kommen könnten; und wer ein frommer Christ ist und sein will, der sollt auch allein umb dieser einigen That will den Namen Papst anspeien, so oft er ihn hört nennen, oder läse, oder dran gedächte.« Als Gregor IX. Kaiser Friedrich II. wegen einer hohlen Nuß bannte, und seine Boten durch ganz Deutschland zogen, um das Volk aufzuhetzen, traten die deutschen Bischöfe zusammen und erklärten: »Der römische Oberpriester habe ohne Zustimmung der deutschen Bischöfe keine Rechte in Deutschland; möge der römische Pontifex seine italienischen Schafe weiden; sie (die Deutschen) würden von ihren Schafsställen die Wölfe im Schafpelz abhalten.« – Wann haben deutsche Bischöfe wieder so mit der Kurie gesprochen? Und wenn heute ein Leo oder ein Fuchs im Schafspelz mit einem goldsaugenden Dogma nach Deutschland schleicht, welches ihn zum »Sohn Gottes« oder die Jungfrau Maria zu seiner »Mutter« macht, oder dergleichen, werden deutsche Bischöfe wie im Jahr 1229 sprechen, oder den Schwanz einziehen wie 1870? Als Gregor IX. am Palmsonntag 1239 den Kaiser zum zweitenmal bannte, weil er ihm nicht die gewünschte weltliche Politik trieb, und »seinen Leib dem Teufel übergab«, sowie seine Untertanen des Eides der Treue entband, richtete Friedrich II. ein Manifest an seine Kollegen auf den Thronen Europas, worin er schrieb: »Das Haupt der Kirche ist ein brüllender Löwe, ein besudelter Priester, ein wahnsinniger Prophet; Unsere Schmach ist auch die Eurige; Uns liegt ob, dass Christi Herde nicht länger von solchem Hirten irregeführt wird. Wir müssen mit allen unseren Pfeilen diesen Feind angreifen, bis er verwundet niederstürzt.« Der heutige Leo brüllt nicht so wie der neunte Gregor; er ist ein dünner Fuchs, der sich noch geschickter in den deutschen Weinberg einzuschleichen weiß; aber ob Fuchs, ob Leo, ob Gregor, jeder Papst ist ein geborener Feind des Deutschtums; schon der deutsche Charakter ist ein immerwährender Protest gegen die doppelzüngige Schlange, die sich »Sohn Gottes« nennt, und ein Mensch nach dem Ideale der Jesuiten ist. Und eine kaiserliche Sprache à la Friedrich II. sähen wir heute lieber als ein freundliches tête-à-tête zwischen Kaiser und Papst zu Rom. Als der gichtbrüchige Papst Honorius IV., der eine Maschine brauchte, um die Messe zu lesen und die Hostie aufheben zu können, seine lahmen Glieder bis nach Deutschland ausstrecken wollte, und durch seine Boten den Vierten aller geistlichen Einkünfte auf fünf Jahre im voraus einzutreiben befahl, versammelten sich die deutschen Bischöfe in Würzburg, und der Bischof Probus von Toul (welches damals zu Deutschland gehörte), der seinen Cicero nicht vergessen hatte, begann seine catilinarische Rede mit den Worten: »Wie lange, teure Mitbrüder, werden diese römischen Geier noch unsere Nachsicht, um nicht zu sagen Torheit missbrauchen? Wie lange noch werden wir ihre Schandtaten, ihren Geiz, ihren Stolz, ihren Luxus ertragen? Dieses pharisäische Geschlecht schlimmster Art wird nicht eher ruhen, bis es uns alle in die tiefste Armut und niedrigste Knechtschaft gebracht hat...« Und als Leo X., der große Goldschlund, zum so und so vielten Male Legaten nach Deutschland schickte, um Geld zu einem angeblichen Türkenkriege, mit dem man die Deutschen seit hundert Jahren äffte, zu erpressen, ließ sich ein Deutscher, dessen Name nicht überliefert, folgendermaßen an die Fürsten vernehmen: »Die Türken wollt Ihr überwältigen? Löbliches Unternehmen. Ich fürchte nur, Ihr irrt im Namen. In Italien sucht, nicht in Asien. Gegen die Türkengefahr ist jeder unserer Fürsten zum Schutz seiner Grenzen selbst genug. Aber um jenes anderen Türken Begehren zu erfüllen, genügt nicht der ganze Erdkreis. Jener, der mit seinen Grenzvölkern immer im Hader liegt, hat uns noch nicht geschadet. Dieser mästet sich bei uns, und saugt das Blut der Armen. Diesen Cerberus könnt Ihr nicht anders befriedigen, als mit einem Goldstrom. Es sind keine Waffen nötig; kein Türkenheer ist es, was der Papst will. Geld, Ertrag der Zehnten, das ist ihm lieber wie Reiterschwadronen und Heerhaufen ...« Deutschland war überhaupt immer der offene Markt für die Geldbedürfnisse der Päpste: »In Italien – schreibt Hutten – hab ich niemand gesehen, sollicher Ding etwas tun, die unsere Deutschen so mit großem allgemeinem und auch eigenem Schaden zulassen. Dann sie kaufen kein Ablaß. Ja kaum nehmen sie den umsonst. So geben sie auch nit Geld zum Türkenkrieg, und wissen, dass Mittel sind erfunden, die barbarischen Deutschen damit zu ködern, halten die auch darum für fremd, und sie nit betreffend. Noch geben sie Geld zur Vollbringung Sankt Peters Münster wie wir, nit ein Pfennig. Allein Deutschen bedünken sie ihnen brauchbar sein, die sie so lang, und in so macherlei Gestalt äffen. Derhalben auch, wenn sie sehen uns Deutschen sollichs überredt sein, verlachen sie uns bis zum Keuchen.« Unter den »dreissig artickel«, die ums Jahr 1522 einige deutsche Jungherren und Ritter »mitsamt ihrem Anhang hart und fest zu halten geschworen haben«, sind: »zum fünfften: den Papst zu Rom für einen Antichrist zu halten und ihm in allen Dingen entgegen zu sein. Zum siebenten: dass sie den Hof zu Rom und des Papstes Gesinde die Vorhöllen nennen wollen. Zum zehnten: das sie einen jeden päpstlichen Legaten für einen Verräter deutscher Nation und gemeinen Feind unseres Vaterlands halten wollen. – Zum dreizehnten: schwören sie eine ewige Feindschaft allen päpstlichen Bullen und Briefen, und allen den, die sie ausgeben oder sie beschirmen. – Zum fünfzehnten: das sie hinfür auf Freitagen und andern Fasttagen unterschiedlich Fleisch, Fisch, und was ihnen vorkommt wie an andern Tagen essen wollen. – Zum einundzwanzigsten: dass sie keinen Pfarrer bei ihnen leiden wollen, er sei dann genugsam das Evangelium und christlich Gesetz zu predigen, und daneben eines ehrbaren frommen Lebens. – Zum dreiundzwanzigsten: kein Bildnis fortan, sie seien von Stein, Holz, Silber oder wie sie gemacht, sondern allein Gott im Geist anzubeten und ihm zu dienen. – Zum vierundzwanzigsten: keinen Tag mehr denn den Sontag zu feiern, und sich in dem nicht an der Pfaffen Gebot zu kehren. – Zum fünfundzwanzigsten: kein Brot, Wein, Salz, Wasser, Kraut, Wachs oder anders hinfür zu weihen lassen, sondern alles, das sie mit Danksagung geniessen, für geweiht und gesegnet zu halten. – Zum neunundzwanzigsten: der heimlichen Beichte halber Doktor Luther und andere der Sache Verständigen und Unparteiischen zu suchen, und ihres Rats darin zu pflegen, unangesehen, wie es die geizigen Pfaffen bisher gehalten. – Zum dreissigsten: dass sie in allen obgeschriebenen Artikeln ihr Leib und Gut zusammensetzen wollen. Und rufen Gott zu Gezeugen, dass sie nit ihr eigene Sach hierin, sondern die göttliche Wahrheit und des gemeinen vaterlands wohlfahrt bewegt. Und was sie tun, geschieht in einer guten Meinung.« Es tut einem wahrhaftig wohl, diese Sprache zu hören. »Drei Ding sind es, die Rom freventlich hasset: rechte Lehnsherrn, freie Wahl der Bischöfe und der Deutschen Nüchternheit; doch ist es diesem dritten am allergefährlichsten gram und zuwider. Wird es auch länger nit leiden, sondern eher ein Gebot ausgehen, darin Trunkenheit gelobt und vielleicht nit Ablass begabt werde, auf das nit, wo die Deutschen nüchtern wären, der Römischen bösen Stück und Trügerei desto eher erkennten« – sagte Hutten. Und als sie endlich wirklich nüchtern wurden, und die Ablaßkrämer zum Land hinausjagten, nannte man sie »Bestien« und »Barbaren«: »Die römischen Legaten heissen die Engländer und Deutschen tolle unversonnene Leute, beklagen sich, dass sie kein Geld mehr hergeben, dieweil zuletzt die Deutschen auch weiser worden sind, wiewohl sehr spät, so dünkt es doch ihnen viel zu früh, sie sehen eine andere Welt, andere Zeit, und nimmer die, die sich vorher hat durchführen lassen« – sagte Hutten weiter. »Man fürchtet, die trunken Deutschen fallen von dem Römischen Hof. Die Kardinal sind Ketten, damit man die ungezäumten Hälse der Deutschen bei Römischem Gehorsam behält« – sagte Hessus in einem Dialog vom Jahr 1521. »Und nicht mehr wollen noch können die Päpste in Deutschland bei den Bestien (wie sie die Deutschen nennen) ein Concilium leiden; sie sorgen, es möchte das Exempel (Konstanzer) Concilii wider sie gebraucht werden, und möchte einer als Papst einreiten, aber als ein armer Tropf ausreiten: darum ist ihnen hieran gelegen, und haben sich bedacht, sie wollen zu Rom bleiben, ohne Concilia und über Concilia, und sollte die Welt untergehen«, heißt es bei Luther. »Das ist die Sprache des Stuhls zu Rom, wenn er ein freies Concilium gibt, dass du ihn hinfort auch römisch verstehen könnest: wenn sie frei sagen, dass es gefangen heisse bei uns Deutschen; wenn sie weiss sagen, dass du schwarz verstehen müssest; wenn sie christliche Kirche sagen, dass du die Grundsuppe aller Buben zu Rom verstehest; wenn sie den Kaiser einen Sohn der Kirchen nennen, dass es also viel sei, als der verfluchtest Mann auf Erden, welchen sie wollten, dass er in der Hölle wäre, und sie hätten das Reich; wenn sie Deutschland die löbliche Nation nennen, dass es heisse, die Bestien und Barbaren, die nicht wert sind, des Papsts Mist zu fressen«, – sagte Luther. Noch im Jahr 1724 glaubte Benedikt XIII. die Bulle Unigenitus, welche den der verlotterten Religions-Auffassung feindlichen Jansenismus in Frankreich verdammte, auch in Deutschland einführen zu können, und sagte: »Die Deutschen sind dumme Bestien!« – Aber einer seiner Kardinäle, der früher Legat in Deutschland gewesen war, warnte ihn, und sagte: »Die Deutschen halten den Papst schon lange nicht mehr für untrüglich!« Am tiefsten aber mußte den Übermut und den Hohn des verwelschten Papstes kosten, und »der größte Märtyrer der Päpste und ihrer Legaten« war, Ludwig der Bayer. – Bei seinem Regierungsantritt 1314 erklärte Johann XXII., ein Papst aus der Schule Gregors, sofort aufs Entschiedenste, daß die kaiserliche Würde in Deutschland, wie die Rechte des Kaisertums nur »Lehen vom Papst« seien, und Ludwig nach Rom als Vasall bittend kommen müsse. – Um diesen Satz hat Kaiser Ludwig wie ein angeschossener Eber sein ganzes Leben gekampft, und brach zuletzt, von Ausländern und seinen eigenen Landsleuten gehetzt, wie ein Wild tot zusammen. – Es handelt sich heute gar nicht darum, ob der päpstliche Stuhl diese Ansprüche nur noch als Lehre, nicht mehr als Praxis, aufrecht erhält. Der päpstliche Stuhl fordert in petto stets alles. Er zeigt in jedem Fall immer nur die Seite seiner Forderungen, die zum Zeitgeist paßt. Der Papst kann sogar modern sein. Aber aufgeben kann er nicht ein Titelchen seiner Vorrechte. So gut, wie er heute noch die alten erdichteten Blei- und Kanzlei-Taxen rechnet, und, wenn sich, wie in der Regel, die Bischöfe und Diplomaten weigern, sie zu bezahlen, sie in jedem einzelnen Fall »nachläßt«, aber sie nie annulliert, so betrachtet er heute noch, wie es Pius IX. im »Syllabus« lehrt, seine Macht als über der weltlichen stehend, ohne von ihr Gebrauch zu machen. Es handelt sich gar nicht darum, was der päpstliche Stuhl heute noch fordert; es handelt sich um Ausrottung einer Macht vom deutschen Boden, die sich in der Geschichte stets als nur ingrimmigster Feind gezeigt hat; es handelt sich um Vertreibung des Fremden aus unserm Vaterland. Mit einem Wort, es handelt sich darum, auch in der Religion, nicht mehr welsch, sondern deutsch zu sein. – Am 8. Oktober 1323 veröffentlichte Johann XXII. die erste Drohung gegen Kaiser Ludwig: Die Prüfung, Billigung und Zulassung oder Zurückweisung des zum Kaiser Gewählten – heißt es hier – stehe beim Papst. Ludwig hat aber darum nicht nachgesucht, sondern sich den Königstitel angemaßt, sogar die Reichsregierung ausgeübt: »Kraft Unserer päpstlichen Machtvollkommenheit fordern wir nun Ludwig unter Androhung des Bannes auf, die Regierung niederzulegen und nicht eher aufzunehmen, bis er von uns bestätigt ist. Die Untertanen werden bei Strafe der Exkommunikation, des Interdikts, der Privilegien- und Lehns-Verlustes aufgefordert, Ludwig nicht mehr als König und Kaiser zu gehorchen; die Eide, die sie ihm geschworen, werden durch apostolische Autorität für ungültig erklärt.« – Dies Reskript wird an die Türen des Domes zu Avignon, wo die Päpste residierten, angeschlagen. Ludwig verwahrt sich dagegen zu Nürnberg am 18. Dezember 1323, erklärt sich als getreuer Anhänger und Schirmvogt des christlichen Glaubens, aber auch als deutscher Kaiser, da der von den deutschen Kurfürsten Gewählte und Gekrönte ein Recht habe, sich Kaiser zu nennen. Am 23. März 1324 sprach der Papst über Ludwig und seine Anhänger den Kirchenbann, über Deutschland das Interdikt aus. – Am 2. Juli erklärte er ihn der königlichen und kaiserlichen Würde für verlustig, und verbot allen Christgläubigen, ihm Gehorsam zu leisten. Doch blieben Städte und Bürger, aber auch Geistliche, und von den etwa fünfzig deutschen Bischöfen die Mehrzahl dem Kaiser treu; ebenso die meisten Klöster in Bayern und Mitteldeutschland; die Freisinger Domherrn verjagten ihren Bischof, weil er zum Papst hielt; und die Straßburger erklärten den Dominikanern, als diese den Gottesdienst einstellen wollten: »Seither sie hätten vorgesungen, so sollten sie auch fürbass singen oder aus der Stadt springen.« Und der Bischof Lupold von Bamberg erklärte in seinem Schreiben vom Jahr 1325, mit dem ganzen Bistum des Königs gewärtig zu sein, ihn zu verteidigen gegen jedermann, der von Papstes wegen ihn angreifen könnte. Kein Brief, Prozeß und Urteil des Papstes wider den König soll angenommen oder vollführt werden »und geschähe, dass wir wider dies unser Gelübde (Eid) von dem Papst erledigt (entbunden) würden, dass sie uns es abnehmen, oder uns zwingen wollten, es nicht zu halten, das soll uns wider unsere Treue nicht helfen! Wir halten sie stet und ganz.« – Das war ein deutscher Bischof! Ende des Jahres 1327 zog Kaiser Ludwig nach Italien, unterwarf sich die Lombardei, Mailand, Pisa, und ließ sich Anfang 1328 in Rom, dessen Bevölkerung ihm jubelnd entgegengekommen war, von dem inzwischen aufgestellten Gegenpapst Nikolaus V. krönen. Der gegnerische Papst in Avignon bannte alles, Geistliche, Bischöfe, Gelehrte, die dem Bayer halfen. Aber Ludwig versäumte es, in Rom das Eisen zu schmieden, so lang es heiß war; politische Wunschbilder bedrängten ihn, und so mußte er, bei dem wetterwendischen Charakter der Römer selbst, ein viertel Jahr später Rom wieder verlassen; ein Jahr später gab er auch Italien auf und residierte 1330 wieder in München, umgeben von einer auserlesenen Schar ausländischer Gelehrter, die der gleiche Widerstand wider den Papst an den Münchener Hof gefesselt hielt. – 1334, als der Papst in Avignon starb, war die Streitsache auf dem alten Standpunkt. Mit dem neuen Papst, Benedikt XII., wurden sofort Verhandlungen angeknüpft. Ludwig, nur um die schrecklichen Konsequenzen des Interdikts für Deutschland abzuwehren, erbot sich zu den demütigsten Bedingungen; Bedingungen, die man allgemein noch demütigender ansah, als die Heinrich IV. in Canossa angeblich auferlegt worden waren. Der gesamte deutsche Klerus schloß sich in einer Bischofs-Versammlung zu Speyer den Bitten des Kaisers um Versöhnung an. – Umsonst. Der Papst in Avignon war in den Händen Frankreichs. Der französische König Philipp VI. hatte dem Papst geschrieben, er werde ihn schlimmer behandeln, als sein Vorgänger seiner Zeit Bonifaz VIII., wenn er den Kaiser vom Bann löse. Der französische König hoffte von der Eides-Entbindung der deutschen Fürsten für seine politischen Zwecke. Die französischen Kardinäle, die die Majorität im Kollegium hatten, waren mit ihren Einkünften wiederum auf den französischen König angewiesen. So kam die Versöhnung nicht zustande. Nun war klar, daß der Papst, ohne jede persönliche Macht ein rein politisches Werkzeug in fremden Händen war. Benedikt hielt den Fluchapparat, und der französische König zündete die Blitze an. Und das deutsche Volk schmachtete noch immer unter dem Interdikt. Das arme, abergläubische Volk! – Aber, wie es geht, der Deutsche, nachdem er sich wie ein Packesel gebeugt und sich den Nacken mit dem Unerträglichsten hat beladen lassen, springt, kommt dann noch die Demütigung, kommt noch der Fußtritt hinzu, plötzlich auf, wirft die Last ab, und stürzt mit geschwellten Adern seinem Gegner, heiße er Papst oder König, an den Leib. In der höchsten Not sprangen die deutschen Fürsten ihrem gedemütigten Kaiser bei, und an dem denkwürdigen 15. und 16. Juli 1338 zu Lahnstein und Rense an den Ufern des Rheins erklärten die versammelten Kurfürsten, darunter die Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier: der durch die Wahlfürsten zum Kaiser Gewählte bedürfe keiner Bestätigung durch den päpstlichen Stuhl; die kaiserliche Gewalt stamme unmittelbar von Gott. Eine diesbezügliche, an die gesamte Christenheit des Abendlandes gerichtete, Erklärung wurde an das Portal des Doms zu Frankfurt angeschlagen. Es ist eine der bedeutsamsten Kundgebungen in deutschen Landen für alle Zeiten. Die nächste Folge war nun, daß man allerorts, ohne sich um das Interdikt zu kümmern, die geistlichen Handlungen wieder aufnahm. Freilich hatte die lange Zeit der Sperre nur bewirkt, daß man die geistlichen Gnadenmittel wie Zensuren geringer schätzte. Die deutsche Einigkeit machte, wie immer, in der Fremde, am Avignonensischen Hofe, Eindruck. Der Papst schickte jetzt, wo die Unterhandlungsbasis eine ganz neue geworden war, und das deutsche Kaisertum von Papstes Gnaden aufgehört hatte zu existieren, seinen Hofkaplan zu Ludwig. Doch kam nichts zustande. Und 1342 starb Benedikt XII. Gleich der neue Papst Clemens VI. stellt an den noch immer gebannten Kaiser die Forderung, »der Kaiserwürde für immer zu entsagen«, und als er dies nicht tat, erging an ihn der Befehl, »vor dem päpstlichen Richterstuhl zu erscheinen.« – Es dauert nur kurz, und Ludwig, der jetzt auch zu Hause politisch nicht mehr so sicher ist, muß sich aufs neue den demütigendsten Bedingungen unterwerfen. Der Papst hatte im Einvernehmen mit den Kardinälen, die fast alle Franzosen waren, achtundzwanzig der erniedrigendsten Artikel aufgesetzt, die der Kaiser beschwören sollte, in der Erwartung, er werde die Schmach zurückweisen, und es werde eine Lösung des im Namen des Allmächtigen Gottes gesprochenen Bannes, die man nicht wünschte, und die der König von Frankreich verbot, unnötig sein. Der Kaiser, nur um Frieden im Lande zu gewinnen, beschwor die Artikel, worunter sich die Verpflichtung befand, den Kaisertitel abzulegen, eine Pilgerfahrt übers Meer zu machen, Kirchen und Klöster zu bauen, wie es der Papst befehle, Almosen zu geben, Wallfahrten zu veranstalten etc. Ja, die Gesandten, die das beschworene Schriftstück überbrachten, hatten Vollmacht, die Artikel noch umzuändern, wenn sie nicht genügten. Und einer von ihnen schrieb treuherzig an den Schluß der deutschen Übersetzung: »Gott gebe, dass es wohl ginge!« Es ging nicht! Am päpstlichen Hofe war man in der größten Verlegenheit. Kein Mensch hatte erwartet, daß der Kaiser nach den Kurfürsten-Tagen von Lahnstein, Rense und Frankfurt solche Demütigungen unterschreiben werde. Der Papst und das heilige Kollegium – berichtet Mathias von Neuenberg – wunderten sich sehr und sprachen untereinander: »Der ist vor Angst verrückt geworden!« – Da man den im Namen des Allmächtigen Gottes geschleuderten Bann aus politischen Gründen nicht lösen und keine Aussöhnung wollte, der Papst auch schon aus der ihm befreundeten Luxemburgischen Familie einen Gegen-Kaiser in petto hatte, so blieb nichts anderes übrig, als noch härtere Bedingungen zu stellen! Jetzt sollte Ludwig auch der Königlichen Würde entsagen, alle seine Regierungshandlungen für ungültig erklären, seine Fürsten selbst vom Eid entbinden, und die authentische Auslegung aller abzuschließenden Verträge dem Papst und seinen Nachfolgern überlassen. – Jetzt merkte Ludwig, daß man Friede und Versöhnung dort, am päpstlichen Hof, um keinen Preis wolle. Und der zum so und so vielten Mal in den Staub getretene Mann erhob sich aufs neue. So ging man mit einem deutschen Kaiser um. Ludwig der Bayer war persönlich ein höchst aufgeklärter, freimütiger Fürst, einer der gebildetsten Männer seiner Zeit. Und »der geistig bedeutendste Teil des deutschen Volkes war und blieb in diesem Kampf« – wie Peger schreibt – »auf des Kaisers Seite.« Aber was half das? Der übrige und größte Teil des Volkes schaute mit den glanzvollen Blicken eines Schafs hinüber auf den Stuhl von Avignon, wo »Gott« saß, während in seiner Nähe nur ein Kaiser lebte; und von jenes, des Gottes Seite, genügte für das Volk ein Wink, um diesen, ihren Fürsten, wie einen Verbrecher anzustarren. – Man staunt heute. – Aber ist es denn heute anders? Ist denn das glückselig-anstarrende Verhältnis mancher Katholiken zum heiligen Papst nicht genau dasselbe, wie damals? – Und nun, nachdem sich Ludwig gegen die drückendste Schmach gewehrt hatte, weil er wußte, sie helfe nichts, konnte der Papst, wie er es wünschte, sein griechisches Feuerwerk losbrennen; er sprach jetzt den großen Kirchenbann über den Kaiser aus, und da lesen wir: »Wir bitten die göttliche Macht, dass sie die Raserei Ludwigs zerschmettere, seinen Hochmut (!!) niederdrücke und auslösche, ihn selbst mit der Stärke ihrer Rechten darniederstrecke und in die Hände seiner Feinde gebe. Möge er einer Fallgrube begegnen, die er nicht sieht, und hineinstürzen! Verflucht sei sein Eintritt, verflucht sein Austritt! Der Herr schlage ihn mit Wahnsinn, Blindheit und Raserei! Der Himmel entlade seine Blitze über ihn! Der Zorn des Allmächtigen Gottes entbrenne gegen ihn in diesem und dem kommenden Leben. Der Erdkreis kämpfe gegen ihn. Die Erde öffne sich und verschlinge ihn lebendig. In einer Generation werde sein Name verwischt und verschwinde sein Gedächtnis von der Erde. Alle Elemente seien ihm entgegen! Seine Wohnung werde öde. Die Verdienste aller Heiligen sollen ihn zu Boden drücken, und ihm schon, in diesem Leben die Rache zeigen, die sich über ihm öffnet! Seine Söhne sollen von ihren Wohnungen vertrieben werden und vor seinen Augen in die Hände ihrer Feinde geraten, die sie verderben.« Das war im April 1346. Im gleichen Monat fand sich ein deutscher Fürst, der alle päpstlichen Artikel, auch die später von Ludwig geforderten, und die das deutsche Königtum zu einem päpstlichen Lehen herabdrückten, beschwor, und damit auf des Papstes Befehl in Deutschland als Karl IV. zum Gegen-Kaiser gewählt wurde. Er konnte aber nicht aufkommen. Das sentimentale Volk hielt – jetzt! – zu Ludwig. 1347 starb der halb zu Tode gehetzte Kaiser, wie man sagte, vergiftet. Sein Grab steht in der Frauenkirche zu München. Nach Ludwigs Tode zog der neue, jetzt Anerkennung findende deutsche Kaiser, Karl IV., mit einer päpstlichen Absolutions-Kommission im Land herum, um diejenigen zu absolvieren, die Ludwig Treue bewahrt hatten. Hier hatten wenigstens einige den Mut zu erklären, wegen der Treue, die sie ihrem Kaiser gehalten hätten, bedürften sie keiner Absolution. – So sind auch die bedeutendsten Anhänger und Gelehrten Kaiser Ludwigs, Johann von Jandun, Marsilius, Caesena, Occam, im Bann gestorben. Auch der große Prediger Johann Tauler in Straßburg stand auf des Kaisers Seite, und hatte das päpstliche Interdikt nicht beachtet. Wer die Geschichte Kaiser Ludwigs von Bayern gelesen hat, muß auch für die heutigen Tage wissen, ob er in seinem Herzen Deutscher oder päpstlicher Schlüssel-Soldat ist. – »Wer will hinfürt unter dem ganzen Himmel sich vor uns Deutschen fürchten, oder etwas Redliches von uns halten, wenn sie hören, dass wir uns den verfluchten Pabst mit seinen Larven also lassen äffen, närren, zu Kinder, ja zu Klötzen und Blöcken machen? Es sollte billig einen jeglichen Deutschen gereuen, dass er deutsch geboren wäre, und ein Deutscher heißen soll!« – heißt es bei Luther. Lasst nit so gar erlöschen die deutsch männliche That, allzeit nach Ehren getröschen, bestanden in viel grosser Not; was niemand mocht überwinden, han die Deutschen gethon. an's loch lasst euch nit binden, uns wird sonst des Ochsen Lohn.« Ihr deutschen Hund, wollt ihr beissen euer eigen Vaterland? Euer eigen Nest bescheissen? Einem Volke, euch unbekannt, Wollt ihr dazu verhelfen, wider Gott, Ehr und Recht? Merkt auf, ihr jungen Welfen, dazu ihr deutschen Knecht!« – singt ein altes deutsches Volkslied. Schande und Wollust Läge Rom in deutschen Landen Die Christenheit würde zuschanden Die erste große Säuberung, die Reformation des im Papsttum konzentrierten, verbuhlten und verschacherten Christentums, auf die die nordländische Christenheit seit Jahrhunderten hin gedrängt hatte, die aber von Rom nicht ausgehen konnte, ging schließlich von Deutschland aus. Die nackte und simple Frage, die wir uns heute stellen, ist nun einfach die: Ist die Machtstellung und die Selbstbewußtheit Deutschlands groß genug, ist das deutsche und nordische Empfinden der zur Zeit von der päpstlichen Religion noch abhängigen Kreise Deutschlands mächtig genug, und ist das wahre religiöse Empfinden bei uns heute noch an und für sich tief genug, um sich von historisch gewordenen Religions-Pächtern, wie die römischen Kardinale und ihr römisches Oberhaupt, der Papst, von ihren schwülen Sumpf-Dogmas Malaria-vergifteter Sensualität und lächerlichen Selbst-Vergöttlichungs-Versuchen loszumachen, die Weiterentwicklung der christlichen Religion auch in katholischer Richtung deutschen Männern zu überlassen, und sich solcherart politisch wie ethisch auf eigene, nationale Füße zu stellen? Wir begreifen, daß man zur Zeit der italienischen Renaissance, der höchsten Blüte, die dieses Land hervorgebracht, Klassiker und Philologen aus Italien bezog, daß die ganze Architektur dieses Landes, diese Bewegung in sinnlichen Formen für uns mustergültig, daß das ganze Abendland der italienischen Malerei zu Dank verpflichtet, daß die deutsche Oper in Italien ihre Wiege hatte; ebenso wie wir begreifen, daß wir heute noch Orangen und Feigen und Vanille aus Italien beziehen; nur eines will mir nicht zu Kopf: daß man ethische Forderungen, moralische Grundsätze und Formulierungen der christlichen Religion heute noch aus dem Ausland beziehen soll. – Daß das Land der Kunst die Bereitungsstätte für unsere moralischen Anschauungen in christlicher Form war, darin liegt es, daß man heute unter den meisten Gebildeten christliche Übung, wenigstens im Bereich der katholischen Kirche, für etwas Niedriges und Verächtliches ansieht. Der Jesuitismus ist ein spanisches Produkt. Und wenn wir spanische Geschichte und Kultur uns vor Augen halten, so finden wir, daß Pflanzen und Boden zueinander stimmen. Aber, daß nach Kant und seinem kategorischen Imperativ noch Jesuitische Denk-Mechanik bei uns Eingang finden soll, das begreifen wir nicht. Mit jener Sicherheit, wie sie Blut, Abstammung, Temperament, Rassenangehörigkeit und Umgebung verleihen, haben Päpste und Kardinale, nicht nur zur Zeit der Renaissance, sondern auch in Avignon, in der byzantinischen Periode, unter den deutschen Kaisern, zur Zeit der Reformation und bis auf den heutigen Tag das Christentum wie sinnlich-südländische Menschen gehandhabt, es schlüpfrig ausgestaltet, mit dem rohesten Aberglauben vollgepropft; oder es merkantil ausgebeutet, zu hierarchisch-politischen Zwecken benutzt; die eigene Familie damit fundiert; in allen dogmatischen oder äußerlich-kirchlichen Fragen eine rein persönliche Note »das Interesse des päpstlichen Stuhls« beigemischt, und für die mechanisch sich gestaltende Moral der romanischen Völker ein bequemes Ruhebett daraus gezimmert; allen Korrektur-Versuchen, sei es eines Savonarola, oder Wickliff, eines Huß oder Luther, die höhnischste Verachtung, »sittliche« Entrüstung oder brutale Gewalt entgegengesetzt, und, wie echte Feiglinge, immer abgewartet, was kommt, nie selbständig eingegriffen, und schließlich jenen Typus des katholischen Priesters erzeugt, wie er in Italien, Spanien und Frankreich als verächtliche, unehrliche Menschen-Sorte vom Volk angesehen wird. Man muß sich die Laufbahn eines Mannes, wie Alexander's VI., gegenwärtig halten, der durchaus keine Ausnahme, sondern nur der Typus, und zwar der selbstverständliche Typus des katholischen geistlichen Würdenträgers seiner Zeit ist. Die Borgias kommen aus Spanien, und einer der ihren, Alonza de Borgia, war schon als Kallixtus III. auf dem päpstlichen Thron. Dadurch wird es Alexander, dem späteren Papst, als Rodrigo Borgia leicht, ins Kardinals-Kollegium zu kommen. Der genossene Bildungsgang spielt gar keine Rolle. Die höchsten Würden sind Familienbesitz. Eine schöne Schwester ist wichtiger, als vieljähriges Universitäts-Studium. Er wird mit fünfundzwanzig Jahren Kardinal; im folgenden Jahr schon Vize-Kanzler der Kirche; von einer unbekannten Mutter hat er zwei uneheliche Kinder, die in seiner Nähe erzogen werden; er lebt mit einer schönen Römerin, Vanozza, von der er fünf Kinder hat, darunter die in der politischen Geschichte jener Zeit bekannten Lukrezia und Cäsar Borgia: moralische Scheusale, sonst hübsch, gefällig, gebildet, sogar »fromm«, im ganzen selbstverständliche Erscheinungen in diesem Umkreis katholischer Religion. Als Kardinal in Siena wird Alexander besonders dadurch bekannt, daß er im Verein mit anderen Prälaten und geistlichen Würdenträgern nächtliche, schlüpfrig-perverse Bälle und Soiréen mit den vornehmen Frauen und Mädchen der Stadt abhält unter ausdrücklichem Ausschluß von deren Gatten, Vätern oder männlichen Verwandten. Und Pius II., der derzeitige Papst, der selbst aus Siena ist, hat davon Kenntnis. Mit sieben Jahren erhält der inzwischen legitimierte Kardinalssohn Cäsar von Sixtus IV. die Einkünfte des Kanonikus von Valencia, ein Jahr darauf das Benefiziat von Xativa, und mit neun Jahren wird er kirchlicher Schatzmeister von Cartagena. Mit zwölf Jahren ist er Protonotar des apostolischen Stuhls. Als 15jähriger Student in Pisa wird Cäsar von Innocenz VIII. (das ist schon der dritte Papst in diesen Beförderungen) zum Bischof von Pampeluna ernannt, und ein Jahr später, 1492, kauft sein Vater Rodrigo Borgia, Vizekanzler der Kirche, gegen bar, gegen Versprechungen, Ernennungen, einige Paläste, einige große Einkünfte, sich selbst die Papst-Würde und wird Alexander VI. »Jeder Sieg, jeder Raub, jede Ketzer-Exkommunikation, jede Privatrache, jede Erwerbung im Namen der Kirche war für ihn Gelegenheit besonderer Gunstbezeugungen an seine Kinder in Form von Würden, Belehnungen, Zuwendungen, Schenkungen.« Einmal Papst, richtet sich Alexander VI. im Vatikan mit seiner großen Familie gemächlich ein; seinen Sohn Cäsar macht er im folgenden Jahr, mit siebzehn Jahren, zum Kardinal; seine Tochter Lukrezia wandert aus den Händen eines fürstlichen Gatten in die des andern, je nachdem die politische Konstellation dies verlangt, wobei der je vorhergehende mit Gewalt weichen muß, oder wie der Fürst von Bisceglie, vom eigenen Schwager ermordet wird. Vanozza, die Maitresse Alexanders, die jetzt alt geworden, erhält ein eigenes Witwen-Palais. Die noch jüngeren Kinder werden bei einer Kusine des Papstes, Adriana Mila, erzogen. In deren Hause kommt der Papst auch mit seiner zweiten Maitresse, der sehr jugendlichen Julia Farnese, regelmäßig zusammen. Deren Bruder, Alexander Farnese, der sie überwachte, hatte man zum Kardinal gemacht, weshalb ihm das Volk den Beinamen »Cardinale della Gonella«, »Unterrock-Kardinal«, gab (was aber nicht hindert, daß er 1534 als Paul III. den päpstlichen Stuhl besteigt;) sie selbst hatte man pro forma mit dem Sohn ihrer Pflegerin, jener Adriana Mila, in deren Haus sie wohnte, mit Orsini, verheiratet, der aber außerhalb Roms auf dem Lande lebte; und ihr, der Julia Farnese selbst, hatten die Römer, wegen ihrer Beziehungen zum Stellvertreter Christi, den Namen »Sposa del cristo«, »Braut Christi«, beigelegt. Von dieser Julia bekam Alexander VI. noch zwei Kinder, für die er sich als Vater eintragen läßt, und deren eines, Laura, ein späterer Papst, Julius II., glücklich sein muß, für die Hand seines Neffen, Nikolas von Rovero, zu gewinnen. Und während dieser Zeit hatte der fanatisch-visionäre Asket Savonarola in Florenz einen förmlichen Sittlichkeits-Staat eingerichtet, und auch das Laster-Leben Alexander VI. offen getadelt. Alexander VI. bot ihm, ihn einschätzend wie einen ändern geistlichen Würdenträger, 1495, die Kardinalswürde. Savonarola schlug aus und griff den Papst noch heftiger an. Zwei Jahre später traf ihn der Bannfluch. Und 1498 wurde er auf Befehl des Papstes als Ketzer, Schismatiker, Ruhestörer und Volksverführer gehenkt. Indessen hatte Alexander VI. seine besondere Art, sich zu amüsieren, aus Siena mit in den Vatikan verpflanzt. Ein Deutscher, Burckhardt, war sein Zeremonienmeister und aus seinem »Diarium« erfuhr die ahnungslose Nachwelt die Einzelheiten der merkwürdigen Beschäftigungen dieses »Sohn Gottes«. Die kirchlichen Zeremonien waren durchaus Nebensache, und wenn sich der Pontifex beteiligte, dann saßen die Damen und seine Kinder scherzend und lachend vorne im Priesterchor, so daß selbst das Publikum oft laut zu murren anfing. Abends amüsierte sich dann der Papst im Kreis seiner Familie mit den öffentlichen Dirnen der Stadt. »Jeden Tag« – berichtet das »Diarium« – »läßt der Papst Mädchen bei sich tanzen, oder gibt andere Feste, an denen Mädchen sich beteiligen. Cäsar und Lukrezia wohnten einem dieser Feste am 27. Oktober 1501 bei, obwohl letztere sich am 15. September mit dem Herzog Alfons von Este verheiratet hatte. Nach dem Abendessen, an dem der Pontifex teilnahm, ließ man etwa fünfzig Kurtisanen herein, die mit der Dienerschaft oder den Eingeladenen tanzten; anfangs bekleidet, ziehen sie sich später vollständig aus; man stellt auf den Boden große Kandelaber, welche die Festivität beleuchten; der Papst, sein Sohn, der Herzog, und seine Tochter Lukrezia werfen Kastanien unter sie, und belustigen sich, wie diese Armen hin und her fahren, haschen und sich raufen. Endlich hat der Pontifex ein anderes Spiel als Krone dieser Belustigungen ersonnen: Liebeskämpfe, bei denen der Kräftigste als Sieger – abgesehen vom Besitz des betreffenden Mädchens – noch mit hübschen Preisen bedacht wird.« Am 4. November 1501 berichtet der florentinische Gesandte Franzesko Pepi seiner Republik: »An diesem Tag Aller Heiligen und Aller Seelen kam der Papst weder in St. Peter, noch in die Kapelle, weil er den Schnupfen hatte, was ihn nicht hinderte, die Nacht vom Sonntag, die Nacht von Allerheiligen, bis um zwölf Uhr beim Herzog (seinem Sohn Cäsar) zuzubringen, der Kourtisanen und öffentliche Mädchen hatte kommen lassen, mit denen sie sich in Tanz und Scherz die ganze Nacht vertrieben.« Und Augustinus Vespucci schreibt am 16. Juli des gleichen Jahres an Machiavelli: »Ich muß noch einer Nachricht gedenken, die hier im Umlauf ist, daß sich nämlich der Papst auf seinem Landsitz, wo er gewöhnlich seine Mädchen-Orgien abhält, jeden Abend fünfundzwanzig und mehr Frauenzimmer zwischen Ave Maria und ein Uhr in der Früh gruppenweise von einem Unbekannten in den Palast bringen läßt; es sollen sich sehr schöne darunter finden«. Eines seiner Haupt-Vergnügen war auch – wie Burckharts »Diarium« berichtet – mit seiner Tochter Lukrezia von den Fenstern des Vatikans aus in einen der Höfe hinabzuschauen, wo Reitknechte Hengste und rossige Stuten aufeinander hetzen mußten. Wir haben hier nicht nötig, die weiteren politischen Unternehmungen dieses Papstes, die meist das Glück und die Zukunft seiner Kinder betreffen, noch die Mord- und Greueltaten seines Sohnes, die sich in der eigenen Familie und mit Wissen des Papstes abspielen, zu schildern. Sein frivoles Wort über die »Sünden der Deutschen«, die sein Sohn in einer Nacht verspielt hatte, steht an anderer Stelle. Im August 1503, wenige Tage, nachdem der Papst mit seinem Sohn bei dem reichen Kardinal Adriano de Corneto auf dessen Weinberg gespeist hatte, erkrankten beide, Vater und Sohn, und der Papst starb wenige Tage darauf. Es ist bezeichnend für die Borgia, daß sofort das Gerücht entstand – nicht der Kardinal Adriano habe den Papst – sondern der Papst den Kardinal Adriano vergiften wollen, um dessen Güter einzuziehen; – was der damaligen Kirchenpraxis entsprach – und der Kardinal von seinem Koch unterrichtet, sei zuvorgekommen, und habe dem Papst, wie dessen Sohne, nach den einen – vergifteten Wein, nach den andern – vergiftetes Konfekt gereicht. An dieser Meinung hielten dann die Historiker bis zum heutigen Tage fest. Noch Ranke glaubt daran, und stützt sich auf einen Bericht aus der Chronik Sanutos, der voller Unwahrscheinlichkeiten ist. Gregorovius läßt die Frage untentschieden. – Bezeichnend aber für den Charakter des Papsttums ist die Äußerung Cäsar Borgias, der, – sein Vorleben in Betracht gezogen – im Hinblick auf die Ansichreißung der päpstlichen Würde, später die Äußerung zu Machiavelli machte: »Ich hatte alle Fälle beim Ableben meines Vaters vorgesehen, nur den nicht, daß ich selbst zu der Zeit totkrank darniederliegen würde.« – Totkrank hatte er noch die Geistesgegenwart, den Kirchenschatz im Betrag von dreihunderttausend Goldgulden, wie Burckhart erzählt, an sich zu reißen, und damit durch einen unterirdischen Gang den Vatikan in der Richtung zur Engelsburg zu verlassen. Gehen die Ansichten über die Vergiftung des Papstes auseinander, so sind diejenigen über den Charakter Alexanders VI. ziemlich einstimmig. Guicciardini, der berühmte Staatsmann und Geschichtsschreiber des 16. Jahrhunderts, schreibt: »Den Hauptgrund seiner Erhebung auf den päpstlichen Stuhl verdankt er einem um jene Zeit gerade aufgekommenen Verfahren, indem er nämlich teils durch bares Geld, teils gegen Versprechen von Ämtern und geistlichen Pfründen, die er in ungeheurer Menge zu vergeben hatte, die Stimmen der meisten Kardinale öffentlich kaufte.« Die Römer machten auf ihn den Vers: »Alexander verkaufte (im Ablaß) Kreuze, Altäre und Christus; mit Recht kann er sie verkaufen; er hat sie ja vorher gekauft.« Über seinen Tod schreibt Guicciardini: »Er starb den 18. August (1503). Seine Leiche, die schwarz, aufgebläht und gänzlich entstellt die offenkundigen Zeichen der Vergiftung an sich trug, wurde nach päpstlichem Ritus begraben. Daß Gift die Ursache des Todes gewesen, war die allgemeine Meinung. Man wußte nämlich, daß der Papst selbst samt seinem Sohn die Gewohnheit hatten, mit Gift nicht nur seine Feinde aus Gründen der Rache oder aus Furcht aus dem Wege zu räumen, sondern auch Kardinäle und Höflinge, die sich in nichts vergangen hatten, deren Reichtum aber in der Seele des Papstes die Gier nach dessen Besitz entfacht hatte. Dies war auch bei dem Kardinal von St. Angelo der Fall, der bei einer Einladung auf seinem eigenen Weinberg aus dem Weg geräumt werden sollte. Der Papst, der bei großer Hitze zuerst erschien, trank nichtsahnend von jenem bereitgestellten vergifteten Wein, der für den Kardinal bestimmt war, und so starb an eigenem Gift jenes Untier, das durch maßlosen Ehrgeiz, schändliche Untreue, entsetzliche Grausamkeit, ungeheuerliche Wollust, nie erhörten Geiz und durch rücksichtslosen Handel mit geweihten und profanen Dingen den gesamten Erdkreis vergiftet hatte.« Und an anderer Stelle: »Seine Laster überwogen um ein Ungeheuerliches seine Tugenden; seine Sitten, die denkbar obszönsten; keine Ehrlichkeit, keine Scham, keine Wahrheit, keine Treue, keine Religion, unersättliche Habsucht, unbändiger Ehrgeiz, eine mehr denn barbarische Grausamkeit, und ein rastloses Streben, seine Kinder, deren er einen Haufen hatte, in glänzende Verhältnisse zu bringen.« Dabei war Alexander VI. durchaus keine monströse Erscheinung in damaliger Zeit. Er war nur der Typus in seltener Vollendung. Wie schon oben Guicciardini sagt: die Käuflichkeit der päpstlichen Würde war die Regel; das Hinwegräumen unliebsamer Personen durch Gift die Regel; und was die Kinderzahl anbetrifft, so hatte der Vorgänger Alexander's, Innozenz VIII. Kinder, die er ebenso, wie Alexander, in Anwesenheit des ganzen Vatikans unter großen Festlichkeiten vermählte. Der Nachfolger Alexander's, der achtzigjährige Pius III., hatte zwölf Söhne und Töchter, und nur sein rascher Tod hinderte ihn, sie am päpstlichen Hof gut zu versorgen. »Alle Päpste« – sagt Yriarte – »seit 1400 bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts waren im Besitz einer zahlreichen Familie, die Frucht ihrer Zerstreuungen mit Kurtisanen und den vornehmen Damen der römischen Gesellschaft; es gilt als außerordentliche Ehre, sich mit ihren Töchtern zu verheiraten und ihre Söhne knüpfen königliche Verbindungen.« Es klingt fast zum Totlachen, wenn man das Folgende liest: »Am gleichen Tage, da Alexander VI. seiner Tochter Lukrezia 1501 einen neuen Gatten gab, berief er das heilige Kollegium, um über die Verbesserung der Sitten in den Klöstern zu beratschlagen.« Kurz vorher unter Pius II. muß der Geistlichkeit in Rom verboten werden, »Spiel- und Hurenhäuser zu unterhalten, und daraus ihren Profit zu ziehen.« Und das »Diarium« Burckhardts berichtet aus damaliger Zeit: »Die gesamte Geistlichkeit läßt sich nichts angelegener sein, als sich eine Familie zu gründen. Und vom Höchsten zum Niedersten haben denn auch alle unter der äußeren Form der Ehe Konkubinen und zwar öffentlich. Diese Verderbnis erstreckt sich bis auf die Mönche und Ordensbrüder, so daß faktisch fast alle Klöster der Stadt Hurenhäuser sind.« Von welcher anderen Seite aber man auch das Sittenleben jener Rasse, oder jener Kardinale untersuchen möge, die durch eine unglückliche geographische oder historische Anordnung dazu berufen sein sollen, uns Deutschen die Lehren des Christentums zu interpretieren, überall stoßen wir auf die Merkmale jener Degenereszenz, die Romanen- und Germanentum in ihren transzendentalen Anschauungen grundsätzlich voneinander scheidet, überall auf jene rohe, sinnfällige Verweltlichung des Göttlichen, der bis zum Fetischismus reicht. Schon die Messe mit ihrem orientalischen Putz und die von Innocenz III. 1215 dogmatisierte Transsubstantiations-Lehre ist eine post-evangelische sinnfällige Zubereitung der rein übersinnlichen Christuslehre für eine mit rohen Anschauungen operierende Masse unter orientalischem Einfluß. »Die Messe, was ist das doch anders, denn ein eitels Beschwören und Verzaubern, da Brot und Wein, so doch leblose, stumme Kreaturen sind, durch Kraft der Pfaffen Atem und der fünf Wort in Fleisch und Blut verändert werden? Also dass es öffentlich erscheinet, dass all ihr Gottesdienst und Zeremonien voll Beschwörung, Abgötterei, Aufrichtung und Anbetung der Bilder, und voll allerlei Menschengebot und eigen Gutdünken sein«, – erkannte schon Fischart. Blödsinniges, deutsches Volk, zu Tausenden liegt Ihr vor einer glitzernden, allein dort stehenden Monstranz, und betet dort auf des Papstes Befehl das Produkt irgend eines, vielleicht schlecht-gewaschenen Bäckerjungens an. Denn, Hand aufs Herz! Wie viele von Euch glauben, daß eine hinter einem Glas steckende runde, milchige Scheibe aus Mehl und Wasser ein Stück Fleisch jenes ums Jahr Dreißig von den Römern hingerichteten Christus enthalte? Es handelt sich hier gar nicht um die Abendmahls-Lehre oder das Sakrament der Eucharistie. Es handelt sich darum, daß eine Oblate hinter einem Glas aufgestellt wird und dem Volk gesagt wird: das ist Euer Gott. Betet ihn an! – Mehr taten die Feuer- und Stein-Anbeter auch nicht. – Es handelt sich darum, daß eine Holz-Statue, die die Madonna darstellt, und vor der täglich Hunderte betend dort knien, deren hölzerne Arme und Hände mit Votiv-Geschenken vollgepfropft sind, in Italien vom Papst, in Deutschland, wie im Jahr 1892 in Kevelaer, auf Befehl des Papstes gekrönt wird, womit dem Volk gesagt wird: dieses Holzbild ist Euer Gott. Die alten Deutschen, die eine blühende Eiche als Symbol des kräftigen Lebens verehrten, standen unvergleichlich höher. – Oder wenn in einer Kapelle des Bamberger Doms neben einem Nagel vom Kreuz Christi die Worte stehen: »Heiliger Nagel, bitt' für uns!« – »Jede wahre Religion«, sagt Leibniz, »ist Verehrung des unsichtbaren Gottes.« Dies aber ist Fetischismus. Bände werden von den römischen Rechtsverdrehern verschmiert, was zu geschehen habe, wenn eine Mücke in den Abendmahls-Kelch fällt; ob selbe konsekriert zum Fleisch und Blut Christi geworden, und, für alle Fälle, am besten zu verzehren sei. Im Jahr 1548 fraß eine Maus in der Marienkirche zu Paris eine konsekrierte Hostie. Die Geistlichkeit, voller Schrecken, ließ den Altar abbrechen und den ganzen Fußboden ausheben, um das hungrige Tierlein, respektive ihren verzehrten Gott, zu ergreifen; fanden es aber nicht. »Zur Versöhnung des Gottes – geht der Bericht weiter (man glaubt im Livius zu lesen) – wurden Prozessionen veranstaltet, und ein wundertätiges Marienbild an den Ort der Tat gebracht.« – So geht es, wenn man sich einen Gott aus Holz oder Pappe macht; er kann einem gestohlen oder gefressen werden. Anfang der siebziger Jahre wurde in München ein junger Gymnasiast relegiert, also von der Möglichkeit des Weiterstudierens in seinem Land für immer ausgeschlossen, weil er beim Kommunizieren die Hostie statt in den Mund in die Westentasche gesteckt hatte. Ist dieser junge Mensch, der vielleicht einen guten Kopf hatte, nicht mehr wert, als ein Millionstel Partikel Eures Gottes aus Pappe? Ich kenne einen Fall, wo ein Priester das von einem Geisteskranken, der die Sterbesakramente erhalten hatte, Erbrochene aufaß, weil nach seiner Meinung die Hostie noch nicht verdaut sein konnte. – Ist das Verehrung des unsichtbaren Gottes? Zur Statuenliebe in der katholischen Kirche schreibt Victor Hehn in seinen bekannten »Reisebildern« aus Genzano in der römischen Kampagna vom 18. Oktober 1839: »Abends wohnte ich noch einer Litanei in der Kirche bei. Das hohe und weite Gebäude war von einzelnen sparsamen Lampen geisterhaft beleuchtet, die das dichte Dunkel mehr streiften, als durchdrangen. Dazu plärrten die Priester, und immer dieselbe fürchterliche Formel. Eine Schar Kinder, deren Unterricht darin besteht, sangen ihnen nach. Arme junge Seelen! Schon so früh entstellt! Ein hölzerner Christus am Kreuz ward über einen Stuhl gelegt und jeder Knabe mußte ihn von Kopf bis zu Füßen mit Küssen bedecken. Selbst die Erwachsenen, die Männer im Weibergewand, knieten am Ende nieder und taten dasselbe. Wahrlich, wären wir selbst nicht auch vom zarten Alter daran gewöhnt, so daß wir nichts mehr fühlen, wir würden glauben, Narren des Irrenhauses zu sehen.« Aber denselben hölzernen Götzendienst können wir heute noch jedes Jahr am Karfreitag in Deutschland beobachten, wo eben die päpstliche Religion Geltung hat, in München, Mainz, am Rhein, in Würzburg. Auch dort küssen Hunderte und Tausende die dort am Boden liegenden hölzernen Kruzifixe. Die Leute tun es mit der stumpfsinnigen Gewohnheit, die dem römischen Katholiken eigen ist; sie sind brav und ehrlich dabei; glauben wirklich ein gutes Werk zu verrichten, und nur wenige werden syphilitisch. »Ihr habt nun oft von mir gehört, dass ich gepredigt habe wieder die närrischen Gesetz des Papstes. Unter anderm hat er geboten, dass kein Weib soll das Tuch waschen, darauf der Leichnam Christi sei gehandelt worden (Altartuch), und wenns gleich auch eine reine geweihete Nonne wäre, es sei denn, dass es ein Pfaff oder Mönch zuvor gewaschen habe. Auch wenn ein Laie den Leib Christi oder den Kelch mit blossen Händen anrührete, dem müsste man die Finger beschneiden, oder mit einem Ziegelstein die Haut abreiben; und was der närrischen Gesetze mehr sind unter dem Papsttum: darüber ihnen (sich) die Papisten mehr Gewissen gemacht haben, denn über ihre Hurerei und Gotteslästerung, die so öffentlich wider Gott und so hell am Tage sind gewesen, dass auch die Kinder auf der Gassen davon gesungen haben«, so geißelte Luther die päpstlichen Laster! Das ganze Religionswesen zieht aus dem Innern des Menschen hinaus in die Peripherie. Nicht Deine innere Heiligkeit ist es, sondern die Heiligkeit des Metall-Gefäßes; nicht Sauberkeit Deines Herzens, sondern heilige Sauberkeit des Altartuches; die runde Scheibe der Hostie ist die Heilstatsache schlechthin geworden. Diese komplette Versinnbildlichung und Veräußerlichung des ursprünglich Transszendentalen, die Hinausprojizierung der Herzens-Vorgänge in weißen und gelben Altar-Zierrat, und das Verrücken der Seele in die Epidermis, ist rein orientalisch, der absolute Gegensatz zum nordischen Empfinden. Unnötig zu sagen: undeutscher, als undeutsch. Und noch etwas: Der Priester, was ursprünglich jeder in der Gemeinde sein sollte, wird hier immer mehr abgesondert, verheiligt, mit besonderem Blut und Fleisch begabt, denn er kann nicht beflecken. Die Entwicklung, die der Papst vom römischen Pfarrer zum Provinzial-Bischof, zum Stellvertreter Christi, zum »unfehlbaren Mitwisser der göttlichen Geheimnisse«, zum »Sohn Gottes« durchgemacht hat, macht jeder Priester für sich durch: er wird zum Herrgöttchen. Er spricht am Altar in einer fremden Sprache; er steht über dem Gesetz; nur mit Hilfe des Teufels kann er beleidigt werden; er allein kann die heiligen Gegenstände, in denen für ihn das ganze Christentum steckt, unbeschadet berühren. Kommt ein Laie daran, so kann er, obwohl von Haus aus schmutzig, die Gegenstände zwar nicht beflecken; dazu sind sie zu heilig; aber er selbst würde heilig; das darf nicht sein; wegen des Abstands zum Priester. Und nun kommt das kostbare Charakteristikum: die Fingerspitzen werden ihm abgeschnitten, oder doch mit Ziegelsteinen abgerieben. Es wird nicht etwa untersucht, ob er wenigstens bei lauterer Gesinnung Kelch oder Altartuch berührt. Nein, er darf nicht heilig werden, und die geheiligte Schicht muß schleunigst abgerieben werden. In diesem Ziegelstaub steckt der gesamte Katholizismus. Ist aber der Priester so heilig, so entfernt vom Laien in die Nähe von Gott gerückt, so kann ihn auch nichts beflecken, und menschliche Handlungen können ihm nichts anhaben. Schon bei Gerson, bei Gelegenheit der Zölibatsfrage, lernten wir die dogmatische Konstruktion der Priester-Konkubine kennen, die wohl lässige, leicht tilgbare Sünden mit sich bringt, aber weder Priester-Weihe noch Keuschheits-Gelübde zerstört. Nun steht der Priester überhaupt erhaben über den Menschen da, und für den jungen Altar-Gott ist nun freie Bahn für allerlei Hantierung geschaffen. Und nun begreifen wir, daß Geistliche unter Alexander VI. die Einkünfte von Spielhäusern und Bordellen bezogen, daß die Klöster Bordelle genannt werden; daß Sixtus IV. in Rom öffentliche Huren-Häuser errichtet und daraus ein jährliches Einkommen von vierzigtausend Goldgulden bezieht; daß Päpste und Kardinale mit den Frauen und Mädchen ihrer Residenz unter Ausschluß sonstiger Männer gemeine Feste der Ausschweifung feiern, oder sich Gruppen von Prostituierten in den Palast bringen lassen, daß sie den blöden abendländischen Völkern ihre Sünden gegen Geld abnehmen, und dieses Sünden-Geld ihrer Schwester schenken, oder im Spiel vertun; daß man schöne Schwestern gegen Kardinalstellen eintauscht, für die dummen Deutschen, die »Bestien«, neue Sünden konstruiert, und Fastengebote und Ehehindernis stipuliert, die einen selbst nichts angehen; und daß man als Papst im Purpurkleide und mit der dreifachen Krone auf dem Haupt, wie sein Gesetzbuch sagt, »supra Jus, contra Jus, extra Jus, Deus in terris«, über dem Gesetz, gegen das Gesetz, außerhalb des Gesetzes, als ein Gott über der Menschheit schwebt. »Gleisst schön von Pracht und Reverenz, Der Welt Verderb und Pestilenz, Schwatzt viel von Fasten, auch Andacht, Ihm säuberst fette Tage schafft. Verkauft Fuchsschwänz, kurz, lang und breit, Das Volk um's Geld und Hab geseit. Derhalb Er Judas-Beutel schlecht An seinem Halse führet recht, Dazu ein'n langen Rosenkranz, Hat fleissig Acht auf seine Schanz, Nachdem die Welt töricht und blind Ihm folget samt der Menschen Kind. So führt er sie auf losen Sand, Gibt ihn'n für's Geld ein'n grossen Quant, Schafft Platten, Kappen, holzen Schuh, Nächtlich Geschrei im Chor ohn Ruh, Reich Opfer bei der Toten Pein, Geweihte Rosen, Öl und Wein, Annaten und Vigilien, Gross Ablass samt dem Requiem, Geschmückt' Altär', auch wächsene Licht, Monstranzen, heimlich Ohren-Bicht, Kirchen, Kapell, gross' Klöster reich, Weihwasser, Salz, das Kraut zugleich, Palmen und Kelch, das Osterfeuer, Geschmierte Kreuz' an hoher Mäuer, Bringt alles Geld und ist fast teuer, Die Hölle samt dem Fegefeuer; Hat auch dabei seine Creaturen, Tragen rote Hüte mit langen Schnuren, Ein Teil lang Haar, ein Teil beschoren, Ha'n Kleider als gemeine Toren, Von schwarz, grün, weiss, auch himmelblau, scheckigt und bunt, rot, gelb und grau, Werden wie Dieb' gebunden auch, Ha'n dicke Hälse und fetten Bauch, Müssen nicht reden, sind ganz stumm, Beugen den Schalk grad und krumm. Dazu hat er auch Jägerhund Mit Krämerei zu aller Stund, Verkaufen, Messen, Eigenwerk Auf dass sich mehr' sein Reich und stärk', Ein Teil schlemmen und gehen in Saus, Halten glatt' Pferd und Huren aus. Er hat auch eigene Henkersknecht', Das Krumm' bewegen sie gerad und schlecht, Als Curtisan, diebisch Fiskal Procurator, Official, Fürwahr ein seltsam Hofgesind, Desgleichen man bei Pluto nicht find't, Zu locken hieher auf dieser Erd Die Menschen auf seinen Vogelherd«, – lautet ein Spottlied um 1549. Zu dem Charakter sündlosen Erhabenseins der Päpste und ihrer Priester über menschliche Sitte und Satzungen gehörten auch ihre voluptuösen Beziehungen zum gleichen Geschlecht, Sodomiterei, wie man es damals nannte, Päderastie, wie man es heute nennt, eine Sache, so selbstverständlich im Bereich päpstlicher Religionsübung, daß das Volk nurmehr schlechte Witze darüber macht. In Deutschland nannte man es »Welsche Hochzeit«. Schon Damiani im 11. Jahrhundert war der Sache so kundig, daß er die verschiedenen Methoden dieser unsauberen Übung in seinem »liber gomorrhianus« in ein förmliches System bringen konnte, worüber Alexander II. aber nur lachte. – »Sollt ich, die sodomitisch sind, der welschen Hochzeit grausam Schand erzählen, ihr würdet alle samt ein'n Gräuel han, erschrecken drob«, – rief 1546 der deutsche Richter J. Schradin aus Reutlingen. »Nit allein hat man zu Rom Unkeuschheit für ein Regierern menschlichs Lebens, sonder auch legen die Romanisten ihren Sinn daruff, wie sie in mancherley Gestalt, und uff seltzame Art, auch wunderlich Weyss, und wie vor nie gehört Unkeuschheit pflegen, damit sie auch den Kaiser Tiberius übertreffen. In der Summ davon zu reden, schlechter Gestalt und gewöhnlicher Weyss Unkeutschheit treiben verachten sie und heissen es Baurenwerk. Dann zu Rom thut man ding, der wir uns hier zu reden schämen«, schrieb Hutten. »Wann man die Buchstaben verkehrt, Ist Roma Amor, das heisst Lieb, Die Lieb steht in verkehrtem Trieb: Denn Rom pflegt allezeit der Knaben – Ist gnug, man sollts verstanden haben«, – heißt es in einem alten Flugblatt. Julius II. schändete zwei junge, französische, adlige Knaben, die erziehungshalber von der Königin Anna von Frankreich nach Italien geschickt worden waren. Julius III. machte einen jungen sechzehnjährigen Menschen, Innocenz, einen seiner Lieblingsknaben, zum Kardinal, und wurde deshalb von den Römern als »Jupiter, der mit Ganymed spielt«, herumgezogen. – Und der Sohn Pauls III., Ludovico, notzüchtigte sogar den jungen, schönen Bischof von Faenza, worüber dieser aus Scham und Kränkung starb, während der Papst es nur für »jugendliche Unenthaltsamkeit« erklärte, und seinen Sohn absolvierte. Dieser Paul III. selbst schändet schon als Legat unter Julius II. eine adlige junge Dame in Ancona, und muß flüchten, überläßt gegen einen Kardinalshut seine Schwester Julia Farnese Alexander VI., und hat selbst Verkehr mit der eigenen zweiten, jüngeren Schwester, und seiner Base Laura Farnese. In ganz Deutschland wußte man die Schande. In einem im Jahr 1537 erschienen Pasquille heißt es: »Deutscher: Wahrlich, Du malest mir in dem heiligen Vater einen wahren Taugenichts. – Pasquill: Das wirst Du erst sagen, wenn Du hörest, wie er (Paul III.) zuerst zum Kardinalshut gekommen und dann wie er Papst geworden ist. Man sagt, er habe eine sehr schöne Schwester gehabt, da Julius der zweite Papst gewesen ist. Diese hat Alexander heftig lieb gehabt, und da er nicht gewusst, wie er sie sollte zu sich bringen, um seine Unkeuschheit mit ihr zu treiben, hat er diesen jetzigen Papst Paul vermocht, seine Schwester ihm zuzuführen. Dafür hat er ihn zum Kardinal gemacht. Also sagt man, und die Römer sagen es selbst. – Deutscher: So wäre er besser zum Hurenwirt, als zum Papst! Wer sollte denn einem solchen verzweifelten Bösewichte glauben, und auf solchen vermeinten Concilium (zu Mantua) erscheinen, der mit solchen schalen Fratzen umgeht, in dem keine Treue und kein Glaube zu hoffen ist.« »Denn also pflegten die Päpst von gar schändlichem Mutwillen und abscheulicher Unkeuschheit zu brennen, dass sie denen Bischofs- und Kardinals-Hüt verheissen, die ihnen ihre Schwestern oder das noch greulicher zu sagen ist, ihre jungen Brüder zum Schänden zuführen. Mit diesen Künsten pflegen ihrer viel gar feiste Pfründen zu erjagen. Und ist, wie Agrippa (von Nettesheym) sagt, kein anderer näherer Weg dazu.« Und von dem Verkehr Pauls III. mit den Huren in Rom, deren amtliche Schätzung unter seinem Nachfolger Julius III. vierzigtausend ergeben hatte, heißt es, daß er ihnen »Zins forderte; an Gulden silberne und andere Müntz, darnach sie schön gewesen, haben sie geben müssen. Dieselbigen werden vom Bapst in grossen Ehren gehalten, die küssen des Bapstes Füss, die halten mit dem Bapst freundlich Gespräch, die haben mit dem Bapst Tag und Nacht Gemeinschaft.« Sixtus IV. (1471 – 1484), der zuerst Staatsbordelle in Rom errichtete, ließ jeden Geistlichen die jährliche Konkubinen-Taxe von einem Dukaten zahlen, auch wenn er keine Konkubine hatte; andererseits wies er die Einnahmen von einer bestimmten Anzahl Huren anderen Geistlichen als Pfründe an; so daß Agrippa von Nettesheym mitteilt, die Einnahmen eines geistlichen Würdenträgers hätten ungefähr so gelautet: »er hat zwei Benefizien, ein Curat mit zwanzig Dukaten, ein Priorat mit vierzig Dukaten, und drei Huren im Bordell.« Die Einnahmen aus den Staatsbordellen werden auf jährlich achtzigtausend Dukaten geschätzt; dies erscheint begreiflich, wenn wir lesen, daß allein der eine Sohn Sixtus' IV., Peter, wie Machivelli erzählt, für seine Mittagstafel oft zwanzigtausend Florenen ausgab, und in den zwei Jahren seines Kardinalats zweihunderttausend Dukaten durchbrachte. Die Summe kirchlicher Greuel und geistlicher Knabenschändung deckt eine parodistische Beschreibung eines »Konklaves römischer Huren« auf, worin selbe beschließen und fordern, daß auf das Halten von Pagen und jungen Knaben bei den Kardinälen eine hohe Taxe gelegt werde; denn solange einer dieser Herrn männlichen Geruch in seiner Umgebung spüre, nehme er nichts anderes an; und der wachsende Verkehr der Geistlichen mit Kammerdienern, Aufwärtern, Barbieren, und Ladenschwengels schädige sie, die Huren, in ihrem Gewerbe auf das Schwerste. – Das war das Ende des eigensinnigen Versuchs Gregor's VII. hinsichtlich der Ehelosigkeit der Priester, daß man diese, gar in Italien, in Scheusäligkeiten hineintrieb, die sie zu einer neuen, psychopathischen, homosexuellen Rasse machte, so daß man später aus hygienischen Gründen froh gewesen wäre, wenn die Herrn in Lila oder der Gott in Purpur ein Weib angerührt hätten. »Wie gefällt es Dir aber, daß man zu Rom handelt mit dreierlei Kauf-Schatz: Christo, geistlichen Lehen und Weibern?« – »Wollt Gott allein mit Weibern, und gingen nit oft aus der Natur«, sagte Hutten. »Und welche verdammte Bösewichter wollen alle Welt bereden, daß sie der Kirchen Häupt, Mutter aller Kirchen und Meister des Glaubens sein, so man sie doch an ihren Werken in aller Welt erkennet; nämlich, daß sie bei gesunder Vernunft so öffentlich rasend und tolle sind worden, daß sie nicht wissen, ob sie Mann oder Weib sind, oder bleiben wollen; sich nicht schämen doch vor dem weiblichen Geschlecht, da ihre Mutter, Schwester, Muhmen unter sind, die solchs von ihnen hören und sehen müssen mit großen Schmerzen. Ei pfui euch Sodomiten-Päpste, Kardinäl' und was ihr seid im römischen Hofe, dass ihr euch nicht fürchtet vor dem Pflaster, darauf ihr reitet, dass euch verschlingen möchte«, sagte Luther. Die Päpstin Johanna, die durch Betrug und List im 9. Jahrhundert den päpstlichen Thron bestiegen, und, nach mancherlei Schande und Wollust, auf demselben ein Kind geboren hat, so daß der päpstliche Stuhl zum Gebärstuhl wurde, diese Erzählung, die uns überliefert ist, war sicherlich nur eine Fabel; aber es war charakteristisch, daß so etwas auf Männer erfunden werden konnte; es war vor- wie nachbedeutend für das eigentümlich wollüstige Leben der Päpste, für die Verweibsung dieser rasierten Leute in Weiberstoffen und Goldhauben, und bezeichnend für die besondere Art ihres psychischen Gebärens, die dem Weib gegenüber das Gefühl als Mann verloren haben, und über die »Menstruation« und »Milch« der Maria Bände und Dogmen fabrizieren, als wäre es ihre eigene Sache. – »Ein weibisch Volk, eine weiche Schar, ohn Herz, ohn Mut, ohn Tugend gar, da seind wir überstritten von. Im Herzen tut mir weh der Hohn«, – klagte Hutten. »Lasset die Kleinen zu mir kommen, und wehret ihnen nicht!« Matth. 19, 14. – Das habt ihr Papisten so verstanden, daß ihr bis auf Clemens XIV. jährlich ca. viertausend Knaben kastriertet, sie wie Indianer behandeltet und an ihren Qualitäten des Verschnittenseins euch vergnügtet. Von den Jesuiten stammt der Spruch aus der Zeit der Gegen-Reformation: sie wollten um jeden Preis die gesamte christliche Welt wieder dem Papst unterwerfen: »ac si cadaver esset« – »und wenn er ein Kadaver wäre.« »Kadaver« für den Papst und aus dem Munde der Jesuiten ist kein schlechtes Beiwort: stagnierend wie ein Leichnam und stinkend wie ein verfaulendes Aas. – Charakteristisch für den weibischen Charakter des päpstlichen Hofes ist – im Bedürfnisfalle – ihre Vorliebe für Gift – für andere. Während sonst beim Südländer rasch das Messer blitzt, und der »Bravo«, der seinen Dolch gegen Bezahlung jedermann zu Verfügung stellt, zur typischen Figur geworden war, gebrauchen die Päpste das lautlose, schleichende, von hinten anfallende Gift – die feige Umbringungsart, aktiv wie passiv, und die regelmäßige bei dem des Muts entbehrenden Weib. Es geht in der Geschichte nur unter dem Namen: Kirchengift. Die Industrie war vollständig ausgebildet und in den Händen empirisch-chemisch-geübter Leute; nicht nur das, sondern auch die Praxis der Gegen-Gifte – man mußte sich doch selbst vorsehen – wurde mit großer Sicherheit geübt. Die schwierige Forderung an ein solches ahnungslos wirkendes Toxikon war: geschmacklos, geruchlos, und farblos. Meist wird von einem weißen Pulver gesprochen, welches man dem Gebäck oder Wein beimischte. Von diesem erhielt wahrscheinlich jener türkische Prinz Dschem, der Bruder und Nebenbuhler des Sultans, den Alexander VI. im Gewahrsam hatte, und wie seine Korrespondenz mit Bajesid II. ergibt, für dreihunderttausend Goldgulden aus dem Wege zu räumen versprach. Als Karl VIII. von Frankreich Rom besetzte, beeilte sich Alexander, und lieferte Dschem dem französischen König derartig aus, daß er vier Wochen später in des letzteren Lager vor Neapel starb. – Auch Burckhardt spricht von dem »Gift der Borgia«, dessen Wirkung auf bestimmte Termine berechnet werden konnte. Und der zuverlässige päpstliche Geschichtsschreiber, Onofrio Panvini, weiß allein von vier vergifteten Kardinalen zu berichten (Orsini, Ferrari, Michiel und sogar ein Verwandter der Borgia, Giovanni Borgia), die auf Rechnung Alexanders VI. und seines Sohnes Cesare kommen. – Das Volk war in Rom mit den Leichensymptomen nach solcher Vergiftung, auch wenn das Siechtum sich längere Zeit hinzog, vollständig vertraut. Berüchtigter und gefährlicher noch war das »aqua tofana«, dessen Erfindung dem Ende des 17. Jahrhunderts angehört. Es ist nach Santo Domingo eine wasserhelle, absolut geschmack- und geruch-freie Flüssigkeit, die in Neapel zuerst hergestellt wurde, und nach der Ausage eines neapolitanischen Arztes Kantharidin und Opium, nach Garelli, der die Kriminal-Akten der 1720 in Neapel hingerichteten Giftmischerin Tofana kannte, als Hauptbestandteil Arsenige Säure enthalten haben soll. Es war kein plötzlich wirkendes Gift, wie unsere modernen toxischen Alkaloide, sondern mußte lange, oft Wochen fort gegeben werden, was bei seiner Schmacklosigkeit leicht gewagt werden konnte. Meist wurde es in Früchte instilliert, wie in Feigen, deren intensiver, reichwürziger Geschmack allerdings auch schmeckende Stoffe wie Opium zuzudecken imstande war. Mit dieser seiner Lieblingsfrucht soll Ganganelli, als Papst Clemens XIV., der durch Aufhebung des Jesuiten-Ordens sich zahlreiche und rücksichtslose Feinde gemacht hatte, nach übereinstimmenden Berichten, und nach seiner eigenen Aussage auf dem Krankenlager, vergiftet worden sein. Er starb nach sechsmonatigem Dahinsiechen in vollständiger Erschöpfung. Haare und Nägel fielen bei der Leiche ab; sogar die Glieder sollen sich gelöst haben. Das Gesicht mußte bei der Ausstellung verdeckt werden. In einer so giftgeübten Stadt wie Rom hatte natürlich jeder in gefährlicher wie exponierter Stellung für sein Leben zu sorgen. Und so vergifteten nicht nur Päpste, sondern sie wurden auch vergiftet; nach der Schätzung Höniger's allein einundzwanzig. Es kam eben darauf an, wer zuerst kam; wer zuerst von dem Anschlage des Gegners erfuhr, und dann den Spieß umdrehte, wie in dem Fall des Kardinal Hadrian. Es erscheint fraglich, ob Kaiser Heinrich VII., der wegen seines Zuges nach Neapel vom Papst mit dem Bannfluch belegt war und in Buon-Convento, wo er schon krank von einem Dominikaner-Mönch das Abendmahl erhalten hatte, starb, durch eine Hostie, wie man damals und später glaubte, vergiftet werden konnte, – die Deutschen stürzten nach dem Kloster und stachen die Mönche nieder. – Entweder muß damals das »Brot«, das man beim Kommunizieren reichte, größer gewesen sein, als die heutige Oblate, die knapp imstande wäre, die nötige toxische Gabe unserer jetzigen stärksten Alkoloide aufzunehmen, oder der Kaiser mußte am Geschmack und der sofortigen Wirkung den Vergiftungs-Versuch merken, womit allerdings stimmt, daß ihm sein Arzt riet, durch ein Brechmittel sich von der Hostie wieder zu befreien, wozu aber der Kaiser zu fromm war. »Drei Dinge« – sagt Hutten – »braucht man nicht nach Rom zu bringen: Altertümer, zerstörte Mauern und – Gift.« Von den Gift-reichenden Päpsten hat sich das französische Sprichwort erhalten: »Qui mange du Pape en meurt«: »Wer vom Papst ißt, stirbt.« – Eine andere Zerstörung, die sich vom ersten Moment ihrer Erscheinung an an die Ferse der Päpste und Kardinäle heftete, ist die Syphilis. Bartholomäus Montagna, Professor zu Padua, einer der ersten Schriftsteller über die Lustseuche, wurde zuerst durch die Verbreitung dieser Krankheit unter der höchsten Geistlichkeit Italiens zur Abfassung seiner Schrift veranlaßt. Die Krankheit hatte damals einen sehr heftigen, zerstörenden Charakter; und entsetzlich ist die Beschreibung des Leidens, die er von einzelnen Geistlichen gibt. Pinctor, Leibarzt Alexander's VI., beschreibt die langwierige Heilung der Lustseuche bei diesem Papst und kommt dabei auf die Ausschweifungen des ganzen päpstlichen Hofes zu sprechen. Der Kardinalbischof von Segoria, der als Magister domus sacrii Palatii die Aufsicht über die Bordelle in Rom führte, starb an der Krankheit. Kaspar Torella, ein anderer Leibarzt Alexander's VI., und Kardinal, gibt dem Papste und dem gesamten päpstlichen Hof die für die damaligen Sitten und medizinischen Anschauungen bezeichnende Vorschrift: unzüchtige Handlungen nicht morgens nach der Messe, sondern nachmittags nach geschehener Verdauung, und ja nicht mit suspekten Weibern vorzunehmen! Von Julius II. sagt sein Leibarzt: »Eine Schande ist es zu sagen, daß kein Teil seines Körpers nicht mit dem Zeichen einer ungeheuerlichen und scheußlichen Wollust bedeckt gewesen wäre.« Er konnte am Karfreitag, wie sein Zeremonienmeister Grassis mitteilt, niemand zum üblichen Fußkuß zulassen, weil sein Fuß durch Syphilis fast zerstört war! Und Leo's X. Wahl soll, wie Bayle erzählt, dadurch beschleunigt worden sein, daß seine brandigen Wunden, »die er sich in den Kämpfen mit der Venus geholt«, einen solchen pestilenzialischen Geruch im Konklave verbreiteten, daß die Kardinale sich beeilten die Wahl zu vollziehen, umsomehr, als die Ärzte ihnen sagten, Leo könne nicht mehr lange leben, und es werde also bald wieder Papstwahl sein. »Denn jedermann jetzt sehen mag, Ihr greulich Tun, und ist am Tag Ihr Gestank und Französischer Leib Mit welchem sie gross Schalkheit treib', Weil man ihr' Greuel noch nicht Sehen Konnt', nun man aber tut's ausspähen, Dass sie so greulich sind verwundt im Teufelsleben ganz ungesund ...« – heißt es in einem »Fliegenden Blatt«. Wo der Schaden ist, da stellt sich auch der Spott ein: Aus der Zeit der Dunkelmänner-Briefe stammt ein satirisches französisches Gedicht, welches einem hohen Geistlichen in den Mund gelegt ist, dessen Nase durch die Syphilis zerstört und bald abgenommen werden soll. Er hält eine ergreifende Ansprache an diese Nase, nennt sie Kardinal, Spiegel aller Gelehrsamkeit, die sich niemals auf Häresieen eingelassen habe, wahres Fundament der Kirche, wert, kanonisiert zu werden, und hofft, sie werde im späteren Leben noch römischer Papst werden. Viele, die nach Rom zogen, um sich Ablaß und Sündenvergebung zu holen, kamen mit der Syphilis zurück: »Ihr habt so lang getragen hin, viel Geld und Gut aus Deutschem Land, herwider bracht all Laster Schand, die zu erzählen mir nicht ziemt«, – sagt Hutten. Die Deutschen nannten das neue, epidemisch um sich greifende Leiden »französische Krankheit« oder die »Franzosen« und zweifellos hat die Übertragung auch von französischer Seite aus stattgefunden; doch früher scheint dieselbe von Italien her durch die geistlichen Geschäftsreisenden erfolgt zu sein: »Und haben bracht in unser Land, das vor den Deutschen unbekannt, da habens uns beflecket mit. Wer war der erst, dazu je riet, dass man ein Römisch Weis' annähm? Je mehr ich sag, je mehr ich schäm«, – sagt Hutten weiter. Der italienische Dichter und Arzt Fracastoro, der unter Leo X. lebte, widmete sein großes lateinisches Gedicht: »Syphilis, oder die Gallische Krankheit« dem Sekretär dieses Papstes, Cardinal Bembo. Wir erfahren aus demselben, daß man damals schon den Gebrauch des Quecksilbers kannte, dessen heilende Wirkung Fracastoro bei seinen hohen Würdenträgern nicht genug zu schätzen weiß. Fracastoro mußte später sogar die hohen geistlichen Herrn auf das Konzil nach Trient geleiten. Auf diese Konzilien kamen die Päpste und Kardinale mit ganzen Scharen von Huren und Knaben. Auf dem Konstanzer Konzil (1414–1418) »waren offen gemein Frauen durch die ganz Stadt hinweg, in Frauenhäusern, Ställen und Winkeln ab siebenhundert (on die heimlichen).« – Ein anderer Chronist zählt im ganzen fünfzehnhundert, und meldet, daß eine dieser »Frauen« sich achthundert Gulden auf diesem Konzil verdient habe; (nach heutigem Geldwert ca. sechzigtausend Mark; das Konzil dauerte fünf Jahre.) Und auf das Tridentiner Konzil kam eine römische Kurtisane mit einem Gefolge von dreißig Personen. »Nun hat man neue Märe in dem Lande vernommen, seit das Konzilium gen Konstanz ist kommen; die Dirnen sind gemelich und sind auch worden wacker und rich. Die schwäbischen Mägde, die sind einfältig gewesen, nun hat man also die letzen in wohl gelesen, dass sie die Künste treiben recht; sie kumment eben Herren und Knecht. Die fremde Sprach hat sich zu uns gemischet, etlich hat den ihren da erwischet. Dukaten, Nobeln und Kron wollen die schwäbischen Dirnen von den Gästen hon. Der Papst ist zu deutschen Landen kommen, das haben die hübschen Frauen wohl vernommen, wie sich die Geschicht ergangen hat, das schaffen alles die Kurtisant, denn die Pfennig haben sie in der Hand. – Die hübschen Frauen sind geringer geworden, des hat mein Herr, der Bischof um sie geworben. »Seid willkommen, Herr Kurtisan! Wollt ihr einen Gulden geben, so will ich mit euch schlafen gan'« Wenn sie des Abends auf der Gassen laufen so schreien die Knaben ... den Spott müssen wir Armen von ihnen han', das schaffen alles die Kurtisan, wenn sie viel Geld han, darum mögen wir ihnen nit beistan!«, – heißt es in einem alten Spottlied. Die katholische Kirche sagt immer, man müsse sie als Ganzes nehmen; nicht ein Dogma glauben, und das andere zurückweisen. – Einverstanden! Auch wir wollen die römisch-katholische Kirche als Ganzes nehmen. Wenn aber heute die deutschen Katholiken auf ihren Versammlungen singen: »Den Gruß laßt erschallen Zum Ewigen Rom, Zum Herzen, das uns allen Schlägt in Sanct Peters Dom Leo, Leo,....« usw. so bezweifeln wir, ob sie die ganze Geschichte der Päpste kennen. »O Fürsten, merket mich gar schon, dahin werd Ihr's nit bringen, dass Dütschland werd unterthon, dem Papst sein Lied zu singen; das geschieht nit mehr, kein Papst noch Herr den Tag wird nit erleben, dass Dütschland kam Euch in die Hand und um den Papst werd geben«, sang man damals in Deutschland. Papst Mocht jemand hie denken, ich büßete hiemit die Lust, mit so spöttischen, verdrießlichen, stachlichen Worten an den Papst. O, Herr, Gott, den Papst zu spotten, bin ich unmäßlich zu geringe. Er hat nu wohl über sechs hundert Jahre die Welt gespottet, und ihrem Verderben an Leib und Seel, Gut und Ehre, in die Faust gelacht, höret auch nicht auf, kann auch nicht aufhören. Luther Wir lachen heute über den Dalai-Lama. Und doch war und ist er eine der gefürchtetsten Persönlichkeiten; sogar Gott; und trotzdem lachen wir über ihn; und wenn wir eine in irgendeinem Kreise einflußreiche Persönlichkeit, die, geschwollen und aufgeblasen von eingebildeter Würde, ihre Funktionen mit gottähnlichen Allüren ausüben sehen, so sagen wir: er sitzt auf seinem Sessel oder auf seinem Präsidentenstuhl wie ein Dalai-Lama. – Und warum lachen wir über den Dalai-Lama? – Weil er uns so unendlich entfernt ist, geographisch wie bildlich, und weil er uns gar nichts mehr angeht. Wer war Dalai-Lama? – Die Priester in Tibet in Hinter-Asien, heißen Lamas, und sind zugleich gewissermaßen Götter. Sie sind für das Volk der Grund der Existenz (Nicht in Tirol, in Tibet), die Quelle des Heils, die Substanz des geistigen Lebens. Die Mitglieder der Priesterschaft sind sehr zahlreich; fast aus jeder Familie wird einer der Söhne ein Lama. Hauptbeschäftigung der Priester ist Betrachtung, Meditation, Gebet, Umgang und Assimilation mit dem Göttlichen. Daher leben sie zurückgezogen von der Welt, ohne Teilnahme an den weltlich materiellen Beschäftigungen (in Tibet, nicht in Tirol) größtenteils in Klöstern, mäßig, enthaltsam (oder soll es heißen: mäßig enthaltsam), ehelos. Da aber die ganze Leitung des Volkes, auch die politische, in ihrer Hand liegt (in Tibet, nicht in Bayern), so haben sie sich auch positiv geistig zu beschäftigen. (Unerhört!), Ihre Hauptarbeit ist die geistige Bildung des Volkes, Unterricht und Erziehung, (wir sind in Tibet) mithin auch (!!) Pflege der Wissenschaft. – Daß sie hierarchisch geordnet seien, versteht sich von selbst. An der Spitze steht der Groß-Lama, oder Dalai-Lama, der im südlichen Tibet residiert und herrscht. Einzelne der höchstgestellten Lamas haben sich von diesem mehr oder weniger unabhängig gemacht. Aber auch noch heutigen Tags gilt doch im Grunde der Dalai-Lama als der absolut höchste. Er empfängt selbst durch den (römisch-deutschen? nein, den tibetanischen) Kaiser göttliche Verehrung. Der Kaiser kniet vor ihm, während er sich nicht erhebt, sondern sitzend die Hand auf des Kaisers Haupt legt, um ihn zu segnen. Mit göttlicher Verehrung ist es überhaupt daß dem Dalai-Lama begegnet wird; daher nie jemand aus dem Volk ihn zu sehen bekommt. Was hiermit ausgesprochen ist, nämlich daß er Gott sei, ist buchstäblich zu nehmen. (Kein Katholik faßt es anders auf.) Er ist der inkarnierte, als Mensch existente Gott. (Genau so haben Veuillot und der Bischof Mermillod Pius IX. bezeichnet.) Stirbt er, so ist es nur, um alsbald in einem anderen Menschen wieder zu erscheinen. (Genau wie in Tibet.) Daher bestimmt in der Regel er selbst, kurz vor dem Tode, seinen Nachfolger. Die Lamas haben dann diesen neuen Dalai-Lama zu erkennen. Nicht selten ist es ein Kind.« (Benedikt IX. bestieg als zehnjähriger, Johann XII. als achtzehnjähriger Junge, den päpstlichen Stuhl.)- Kann man eine köstlichere Parodie lesen? – Das ganze, außerhalb der Klammern Mitgeteilte stammt aus dem katholischen Kirchen-Lexikon von Wester und Welte, Freiburg 1851, unter dem Artikel »Lamaismus«. Es fehlt nur noch der Zusatz: daß die Lamas, die gewissermaßen die Götter sind, und die »ehelos« sind, mit den Tibetanerinnen reichliche Kinder zeugen, wozu deren Brüder und Väter merkwürdige Augen machen, es aber schließlich einsehen, da jene »gewissermaßen die Götter sind«, – und die tibetanische und römisch-katholische Hierarchie könnte ohne Merkens, linker Hand rechter Hand, vertauscht werden. – Ich sagte oben: »Wir lachen über den Dalai-Lama«. Ich sage weiter: Wir dürfen auch über den römischen Dalai-Lama lachen, »dem mit göttlicher Verehrung begegnet wird«, den »inkarnierten, als Mensch existenten Gott«; und wenn Deutschland nicht tibetanisch werden will (oder Chinesisch, was dicht daneben liegt) so hat es die sittliche Pflicht, über den römischen Dalai-Lama zu lachen. Und warum dürfen wir über den päpstlichen Dalai-Lama lachen? Seit Innocenz III. behaupten die Päpste, der Unterschied zwischen Papst und Kaiser sei wie der zwischen Sonne und Mond, und wie dieser von der Sonne sein Licht erhalte, so der Kaiser seine Autorität und Existenz-Recht vom Papst: »Weißt Du nicht,« – schreibt Innocenz an den Kaiser – »daß, wie Gott zwei große Lichter am Firmament gesetzt hat, ein großes und ein kleines, die Sonne und den Mond, so hat er auch am Firmament der Kirche zwei Lichter geschaffen oder zwei Würden eingesetzt, die päpstliche Autorität und die königliche Macht; die erstere aber welche die geistige ist (spiritualismus) ist die höhere; die andere, die irdische (carnalis), die geringere. So groß nun der Unterschied zwischen Sonne und Mond, so der Abstand zwischen Papst und Kaiser.« Eine Glosse zum Kanonischen Recht hatte ausgerechnet, daß der Papst siebenundvierzig Mal, eine andere, daß er siebentausend-siebenhundert-vierundvierzig Mal größer sei, als der Kaiser. Luther fügt hinzu: »das will ein Päpstlein werden, wenn's nu auswächst.« – Der gute Innocenz wußte nicht, daß die Sonne siebenzig Millionen mal größer als der Mond ist. – Dürfen wir nicht über den römischen Dalai-Lama lachen? Einige andere Sätze des Kanonischen Rechts lauten: »Der römische Papst hat alle Rechte in seinem Brustkasten verschlossen.« – »Der Papst hat die Macht, über die zeitlichen Güter aller Christen zu Gunsten der Kirche zu verfügen.« – »Aller menschlicher Kreatur ist es zu ihrem Seelenheil notwendig, sich dem Papst unterzuordnen.« – »Der Papst hat unbeschränktes Verfügungsrecht über die Benefitien der ganzen Erde.« – »Der Papst erhält alle seine Macht und Jurisdiktion von Gott selbst, und erkennt auf Erden keinen Höheren über sich.« – Dürfen wir nicht über den römischen Dalai-Lama lachen? Eine bittere Lache in seiner Art schlug vor dreihundert Jahren ein Deutscher, Agrippa von Nettesheim, über dieses päpstliche Gesetzbuch auf: »Eine saubere Arbeit, die die Formeln der Habsucht und des Raubs mit dem Glorienschein der Frömmigkeit umgibt, von Gottes Wort so gut wie nichts enthält; ein unentwirrbarer gordischer Knoten von Falschheit und Tücke, der die großen Diebe laufen läßt, die kleinen fängt, und aus Christi Lehre eine unerträgliche Last gemacht hat.« Der römische Papst sagt von sich: »Ich bin der König der Könige; mein Gesetz ist das höchste auf Erden.« – Und der Jurist Baldus sagte von ihm »der Papst ist über dem Gesetz, gegen das Gesetz und außerhalb des Gesetzes«; – »Gott auf Erden«; – »die Ursache aller Dinge, und der ersten Ursache voraussetzungsloses Dasein«. – Tibetanischer kann man sich nicht mehr ausdrücken. Mehr hat der Dalai-Lama von sich kaum behauptet. Den Gottesbeweis für den Papst tritt ein anderer Satz des Kanonischen Rechts in folgendem Sinne an: Gott kann von Menschen nicht gerichtet werden; auch der Papst kann von Menschen nicht gerichtet werden; also ist der Papst Gott. In England nennt man jemanden, der sich selbst zu etwas gemacht hat: self-made man; in diesem Sinne können wir den römischen Dalai-Lama self-made god nennen. »Ist denn das nit ein übermässige Hoffart, Benamung der Seligkeit annehmen, und sich den Allerheiligsten grüssen lassen, den, der noch im Körper lebt?«, fragt Hutten. Auf dem 5. Lateran Konzil 1512–1517 erhielt Leo X. folgende Anreden und Verehrungsformeln: »der Papst, Fürst und König« (in der dritten Sitzung); – »Herr der ganzen Welt«, (ebenda); – »die Hochachtung vor Eurer göttlichen Majestät« (in der neunten Sitzung); – »der Gottähnlichste, den alle Völker anbeten müssen« (dritten und zehnten Sitzung). Gregor VII. sprach am 7. März 1080 die Bischöfe des Konzils folgendermaßen an: »Wohlan denn, Ihr Väter und Fürsten der Kirche, es möge die ganze Welt erkennen und einsehen, daß, wenn Ihr im Himmel binden und lösen könnet, Ihr auf der Erde die Kaisertümer, Königreiche, Fürstentümer, Herzogtümer, Markgrafschaften, Grafschaften, und aller Menschen Besitzungen nach Gebühr einem jeglichen nehmen und geben könnt. Denn Ihr habt oft genommen die Patriarchate, Primate, Erzbistümer, Bistümer den Schlechten und Unwürdigen und sie gegeben Frommen. Wenn Ihr also über die geistlichen Dinge richtet, was muß man dann glauben, daß Ihr hinsichtlich der weltlichen könnt. Und wenn Ihr über die Engel, welche allen stolzen Fürsten gebieten, richtet, was könnt Ihr tun mit deren Sklaven? Mögen nun die Könige und alle Fürsten der Welt lernen, wie hoch Ihr seid, was Ihr könnet, und mögen sich hüten, gering zu achten das Gebot Eurer Kirche: und so übet denn rasch an besagtem Heinrich (der deutsche Kaiser Heinrich IV.) Euer Urteil, daß alle wissen, daß er nicht zufällig fallen wird, sondern durch Eure Macht.« Und auf der gleichen Synode heißt es: »Deshalb vertrauend auf dies Urteil und die Barmherzigkeit Gottes, und dessen frömmster Mutter der steten Jungfrau Maria, unterwerf ich den oft genannten Heinrich, den sie König nennen, und alle seine Anhänger der Exkommunikation und binde sie mit dem Banne des Fluchs: und von neuem ihm untersagend das Reich der Deutschen von Seiten des allmächtigen Gottes nehme ich ihm alle königliche Gewalt und Würde, und verbiete, daß irgendein Christ ihm als seinem König gehorche, und spreche los vom Versprechen des Eides alle, die ihm im Reich geschworen haben oder schwören werden. Heinrich soll mit seinen Anhängern in keinem Kampfe Kraft haben und in seinem Leben keinen Sieg gewinnen.« Über den Bann könnten wir viele Worte verlieren, und über dieses fünfzackige Feuerwerk, welches aus der geballten Papst-Faust hervorquirlte, weitere illustrierende Beispiele aus der Geschichte geben. Unnötig! Der Bann wurde niemals von Gebildeten geachtet; nur die abergläubische Hefe des Volkes horchte auf dieses knatternde Geräusch. In den ersten Jahrhunderten bannte alles: Papst, Bischof, Prälat, Geistlicher; kein Mensch kümmerte sich darum. Päpste bannten sich gegenseitig; die Theaterblitze zündeten nicht. Erst als das weltliche Interesse dazukam, gewann der Bannfluch symbolische Bedeutung. So war es in der Fluch-Affaire zwischen Heinrich IV. und Gregor VII. Wäre unser deutscher Kaiser seiner weltlichen Großen und seiner eigenen Kinder sicher gewesen, dann konnte der gute Gregor hinten in Rom Kolofonium verschwenden, so viel er wollte, es war wie sonst wirkungslos. Aber da Heinrich im eigenen Reich Aufwiegler hatte, und Gregor dies wußte, und den Zeitpunkt vorbereitete, so war der Bannfluch der auslösende Hebel für die endlosen nun folgenden Streitigkeiten und Verwüstungen im deutschen Land. – An sich war also der Bann ein kindliches Vergnügen und den Päpsten wohl zu gönnen; frivol war nur, daß sie dabei regelmäßig den Eid der Treue der Untertanen des gebannten Kaisers aufhoben. Denn der Untertanen-Eid wird im Namen Gottes geschworen und hat heute noch symbolisch-bindende Bedeutung auch für den Atheisten. Der Bann wird im Namen des Papstes, oder höchstens des päpstlichen Gottes geschleudert, an den nur der Papst selbst glaubt, und hat für niemand bindende Kraft, außer wem's gefällt. Aber auch hier traf der Papst oft auf einen Mann, vor dessen Charakterstärke er größeren Respekt empfinden mußte, als vor dem Hohnlachen der gebannten Großen selbst: Dietrich, Bischof von Verdun, schrieb Gregor hinsichtlich des Entbindens der Untertanen, des Kaisers vom Eid der Treue: »Es wäre ein Unglück, wenn auf jede heftigere Gemütsbewegung des Papstes gleich die göttliche Verdammung folgen sollte. Weder bezeugt es die Schrift, noch billigt es die Vernunft, daß Exkommunikationen, welche aus Privat-Leidenschaft oder wegen einheimischer Beleidigungen ausgesprochen werden, eine verdammliche Kraft haben sollten. Und was die Lossprechung vom Untertanen-Eid betrifft, so sagt damit der Papst: Versagt ihm auf mein Ansehen die Treue, welche ihr ihm eidlich versprochen habt. – Aber was sagen sie (die Untertanen) dazu? Hierin gehorchen wir Dir nicht, Herr Papst. Wir versagen ihm die versprochene Treue nicht. Denn wir haben sie nicht bloß versprochen, sondern auch geschworen. Und wenn der Mund, der bloß lügt, die Seele tötet; so muß er dies noch mehr tun, wenn er durch einen Meineid lügt.« Heute ist der Bann kaum mehr ein Theater-Requisit zum Spektakelmachen. Ehemals konnte man durch die päpstliche Verfluchung wenigstens zu Ansehen und Ruhm gelangen, wie Luther, dem Hutten schrieb, als er von dessen Exkommunikation hörte: »Wie groß, Luther, bist Du, wenn das wahr ist.« – Aber heute wirkt der Bann nicht einmal nach dieser Richtung. Einer der Letztgebannten, Döllinger, starb fast vergessen; nicht wegen des Bannfluchs, sondern trotz des Bannfluchs. Die Leute sagten sich: »Wir suchten in dem vom Bannstrahl Getroffenen einen großen Mann, und fanden nur einen großen Gelehrten.« Wohl konnte Heinrich IV. auch selbstbewußte Briefe schreiben. Und er schrieb 1076 an Gregor: »So hast Du Dich auch nicht gescheut, Dich gegen die königliche Gewalt selbst, die Uns von Gott verliehen ist, zu erheben, und es gewagt, Uns zu drohen, Uns dieselbe zu entziehen; als ob wir von Dir das Reich erhalten hätten, als ob in Deiner und nicht in Gottes Hand Reich und Königliche Macht lägen ....« – Aber was halfs? Seine Untertanen glaubten dem römischen Papst mehr als ihrem Kaiser. Wer dem Dalai-Lama glaubt, ist verloren, er, sein Land, sein Kaiser, alles. Die armen, blöden Deutschen glaubten damals an den Dalai-Lama, und die Folge war: Bürgerkrieg, Entzweiung, Gegenkaiser, Mord und Plünderung auf dreißig Jahre (1076 bis 1106). Der gute Kaiser war wohl für seine Person aufgeklärt genug, über den Dalai-Lama in Rom zu lachen. Aber was halfs ihm? Seine Untertanen glaubten dem tibetanischen Gott in Rom. Und so mußte er selbst dran glauben. Er wurde förmlich geisteskrank; trotz Zusprache einer großen Anzahl Getreuer und Anhänger verlor er allen Mut, warf die Waffen von sich und winselte und weinte wie ein Geschlagener. So richtet der Wahn den Menschen zu Grund, der Glaube an eine eingebildete Gottheit! »... endlich kam er zur Stadt Canossa« – schreibt Gregor VII. selbst – »wo Wir weilten, mit wenigen, und stand dort drei Tage vor dem Tore elendiglich entblößt von allem königlichen Schmuck, barfuß und in wollenem Gewande und hörte nicht eher auf mit vielem Flehen die Hilfe und den Trost der tibetanischen pardon: apostolischen Barmherzigkeit zu erbitten, als bis es alle, die zugegen waren und zu denen die Kunde kam, bei solcher Frömmigkeit und Barmherzigkeit des Mitgefühls antrieb, daß sie sich für ihn mit vielen Bitten und Tränen verwandten und ob der ungewohnten Härte unseres Sinnes verwunderten. – « Doch der Dalai-Lama ändert sich nicht. – Wir müssen uns ändern. Der Dalai-Lama ist der Ausdruck unseres Aberglaubens, der aus unseren Herzen hinausprojizierte, von uns vergoldete, von uns geschwellte, von uns geborene, gehätschelte, gemästete Popanz. Sobald wir nicht mehr wollen, steigt er herunter vom Thron, und überreicht uns lächelnd seine Papier-Krone; die Luft geht hinaus, und der aufgetriebene Ballon sinkt zu einer runzligen, lächerlich kleinen Größe zusammen. Und der welsche, mit orientalischer Lüsternheit sich wendende und gebärdende Gott, der uns die Produkte seiner sensualistischen, weihrauchdampfenden Phantasie, als »Glaubenswahrheiten« vorsetzt, hört auf für uns welsch und orientalisch zu sein, sobald wir deutsch sind. Er hört auf für uns unfehlbar zu sein, sobald wir nicht mehr an ihn glauben. Und er hört auf, sich über unsere Regierung Gerechtsame anzumaßen, sobald wir sie ihm nicht mehr geben. Bonifaz VIII. in seiner bekannten Bulle »Unam Sanctam« 1302 erklärte: »Daß in der Gewalt des Petrus zwei Schwerter, das geistliche und weltliche, sind, lehrt uns das Evangelium. Jedes der beiden Schwerter ist also in der Gewalt der Kirche. Das Geistliche und das Weltliche. Ersteres ist in der Hand des Priesters; letzteres in der Hand der Könige; aber nach dem Wink und der Zulassung des Priesters. Ein Schwert muß unter dem ändern sein, und die weltliche Autorität der geistlichen Gewalt unterworfen sein. Folglich, wenn die weltliche Gewalt abweicht, wird sie abgeurteilt werden von der geistlichen Gewalt. – Und so erklären wir, sagen wir, entscheiden wir: Dem römischen Pontifex unterworfen zu sein, ist für jegliches menschliche Geschöpf zum Heile notwendig.« Je mehr wir uns von dieser tibetanischen Gottheit gefallen lassen, je Stärkeres mutet sie uns zu: Dalai-Lama Gregor schrieb 1077 in einem Brief nach Deutschland: »Wir haben durch das Urteil des heiligen Geistes befohlen und geboten, dass in Eurem Reich ein Reichstag stattfinde.« – Hier kann man wirklich herzlich über den guten Dalai-Lama lachen. – Aber sobald er sich aufbläht und wirklich zu reden anfängt, verkriechen sich doch die meisten, sogar die gelehrtesten und energischsten Bischöfe, und lispeln ihr demütiges: »Wir unterwerfen uns.« Dalai-Lama Urban der Zweite predigte 1096 in der Kirche der heiligen Thekla zu Mailand, »daß der geringste Priester jedem König vorgehe«. – Und Lama Gregor ergänzt es dahin: »Wer also, der auch nur einige Kenntnisse hat, möchte zweifeln, daß die Priester den Königen vorgehen? Wenn nun die Könige für ihre Sünden zu richten sind, von wem müssen sie dann rechtmäßiger gerichtet werden, als vom römischen Papste?« In dieser Weise verfluchten und bannten die Päpste Fürsten und Obrigkeiten, Laien und Geistliche, wer ihnen, auf politischem oder geistlichem Gebiet, in die Quere kam. Kaiser Friedrich Barbarossa, Friedrich II., Ludwig der Bayer, Philipp der Schöne von Frankreich, und viele ungezählte Kleinere kamen dran. Und auch die Reformation brachte keine Vernunft. Heinrich VIII. von England wird mit Anna Boleyn exkommuniziert, sein Land mit dem Interdikt belegt, die Untertanen des Eids entbunden und die, die ihm treu bleiben, »als Sklaven« verkauft. – Aber so hoch im Norden zündeten die römischen Blitze nicht mehr. Und über den stürmischen Wassern des Kanals La Manche löschten die päpstlichen Raketen meist aus. Pius V. donnerte in der Bulle »Regnans in Excelsis« im Jahr 1570: »Der Herrscher in der Höhe übergab zur Regierung in der Fülle der Gewalt die eine heilige Kirche, außerhalb deren es kein Heil gibt, dem römischen Pontifex. Diesen einen setzte er über alle Völker und Reiche zum Fürsten, auf daß er ausrotte, zerstöre, zerstreue, vernichte, pflanze und baue. Gestützt also auf die Autorität Gottes erklären wir die genannte Ketzerin Elisabeth (die Königin von England) und ihre Anhänger dem Fluch verfallen und abgesondert von der Einheit des Leibes Christi. Dieselbe sei des angemaßten Rechtes über ihr Reich, jeglichen Eigentums, jeglicher Würde, jeglichen Vorrechts beraubt. Alle Stände, Untertanen und Völker ihres Reichs sind von jeder Pflicht der Lehenstreue und des Gehorsams entbunden.« – Aber die große Elisabeth kümmerte sich wenig um die Bannflüche in Rom; sie ließ die bigotte und landesverräterische Maria Stuart enthaupten und wurde die Begründerin der Größe Englands. – Immer kam es darauf an, welch persönlicher Charakter es war, den der tibetanische Fluch traf; und welcher Art und Gesinnung Land und Untertanen. Leider war es in letzter Hinsicht immer miserabel in Deutschland bestellt. Und schwadronenweis stürzte hier das blöde Volk auf die Knie, wenn der tibetanische Gott in Rom rot und feurig sich aufblies. Dalai-Lama gibt es nur für den, der an die Gottheit glaubt, und zerschmettert wird nur der, der sich fürchtet! Innocenz X. erklärte in der Bulle »Zelo domus dei« vom 20. November 1648 »kraft Apostolischer Machtvollkommenheit den Artikel des Westfälischen Friedens für nichtig, ungültig, unbillig, ungerecht, verdammt, verworfen, vergeblich, der Kräfte und Erfolge entbehrend für alle Zukunft.« Er hätte gewünscht, daß der dreißigjährige Krieg, der Deutschland auf Generationen in seiner Entwicklung gegen andere Kulturvölker zurückgeworfen hatte, und es ausgesogen und verarmt zurückließ, noch länger dauere. Und dann hatte dieser Friede einer Sekte Menschen in Deutschland Existenz-Rechte verliehen, die an Dalai-Lama nicht mehr glaubten. Seitdem ist das Ansehen des Dalai-Lama gewaltig gefallen. Eine große Portion Luft wurde aus dem Ballon herausgelassen. Als Pius VI. 1782 nach Wien kam zum Besuch Kaiser Josefs II., und sie sich einige Posten vor Wien trafen, küßten sie sich schon à la française; der Pantoffelkuß und das Hinfallen zur Erde waren schon »unmodern«; und als der Papst dem Kanzler Kaunitz einen Besuch machte, und die Hand zum Kusse reichte, schüttelte dieser gar dem betroffenen Pontifex die Hand nach englischer Manier: How do you do? – Aber in dem Vorzimmer zu den päpstlichen Gemächern stand der Pantoffel des Papstes zum Küssen ausgestellt, und die Wienerinnen kamen in Masse und schleckten den seidenen Pantoffel ab; und in den hocharistokratischen Häusern zirkulierte ein anderer Pantoffel, der gläubig verehrt wurde: Immer sind es die Gläubigen, die den Dalai-Lama machen! Noch immer sieht es Dalai-Lama gern, wenn Fürsten sich von ihm krönen lassen. Weil bei dieser Gelegenheit der Kaiser tiefer steht oder vor ihm auf den Knien liegt; und symbolische Vorgänge und Situationen der Art liebt Dalai-Lama. Doch war der kleine Napoleon, der seiner Statur wegen nicht hätte zu knien brauchen, selbstherrlich genug, sich in Gegenwart des Papstes, den er nach Paris kommen ließ, die Krone selbst aufzusetzen. »Denn der Papst läst keinen Kaiser sein, er fall ihm dann vor die Füss, und empfange die Kaiserliche Krone von seinen Füssen, verschwöre ihm auch das Italienische Reich, und die Stadt Rom« schreibt noch Hutten. Aber Karl V., den er erlebte, war der letzte deutsche Kaiser, der sich vom Papst krönen ließ 1530. Trotzdem läuft der Papst heute noch den fürstlichen Machthabern nach, sie sollen ihm die »statt Rom verschwören«. So lief er dem Kaiser Wilhelm 1870 ins Kriegslager, damit er ihm »die statt Rom verschwöre«. Als dieser dies weigerte, wurden in ganz Deutschland die Lamaisten und Tibetaner aufgeboten, daß sie ihm zur Stadt Rom verhelfen sollten. Und wenn es nach ihnen gegangen wäre, wäre Deutschland in blutige Kriege gestürzt und zerstückelt worden; denn höher als Deutschland steht ihnen ihre Tibetanische Gottheit in Rom. Hat der lamaische Gott in Rom aber seit dem Mittelalter bedeutend an politischem Einfluß eingebüßt, so hat er doch nicht eines seiner Vorrechte aufgegeben. Einer seiner heiligsten, geschwelltesten Repräsentanten, Pius IX., hat in seinem Gesetzbuch, dem Syllabus, folgendes verkündet: »Die bürgerlichen Gesetze sollen und dürfen von der göttlichen Offenbarung und der Autorität der Kirche nicht abweichen.« Da nun Dalai-Lama die göttlichen Offenbarungen selbst bestimmt, so bestimmt er auch die Abweichungen der bürgerlichen Gesetze von ihnen und somit die bürgerlichen Gesetze selbst. Ein anderer Satz dieses Dalai-Lamas lautet: »Die geistliche Gerichtsbarkeit für weltliche Zivil- wie Kriminal-Angelegenheiten der Geistlichen ist durchaus nicht abzuschaffen, auch nicht ohne Befragen und gegen den Einspruch des apostolischen Stuhls.« – Da aber Urban II. in einer kirchlichen Verordnung erklärt hat »Denjenigen, die Exkommunizierte töten, läge nach der Sitte der römischen Kirche und seiner eigenen Intention eine passende Buße auf, damit sie sich vor den Augen der göttlichen Einfalt wohlgefällig machen; denn wir halten dieselben nicht für Mörder«; und da der Jesuiten-Orden, den Leo XIII. in seinem jüngsten Breve »den Hort für gründliche und gesunde Lehre« nennt, den Mord an vom Papst Gebannten unter allen Umständen für rechtlich hält; auch der Jesuit Mariana dem Dominikaner-Mönch Jakob Clement, der nach vorheriger Instruktion bei den Theologen seinen König, Heinrich III. von Frankreich, 1589 ermordete, das höchste Lob spendet, auch Sixtus V. diesen Mord in einer Ansprache an die Kardinäle einen »Success« und die Folge einer unmittelbaren Eingebung Gottes nannte; und schließlich Gregor XIII. beim Eintreffen der Nachricht von der Pariser Bluthochzeit, die schon sein Vorgänger Pius V. lebhaft betrieben hatte, und wobei an hunderttausend Hugenotten ermordet wurden, dem Kardinal, der die Nachricht überbrachte, zweihundert Goldgulden schenkte, eine Prozession und Feuerwerk veranstaltete, und von der Engelsburg Freuden-Salute schießen ließ, – so stünden wir mit Pius IX. geistlicher Gerichtsbarkeit für Kriminalangelegenheiten der Geistlichen mit Leib und Leben gänzlich in der Willkür des apostolischen Stuhls, oder seiner Boten; es sei denn wir würden Dalai-Lamiten. Wir wollen aber Deutsche sein. Weiter erklärt Dalai-Lama: »Könige und Fürsten sind weder von der Jurisdiktion der Kirche ausgenommen, noch stehen sie bei Entscheidung von Jurisdiktions-Fragen höher, als die Kirche.« – Aber wie es bei diesen Jurisdiktions-Fragen unsern Fürsten ging, haben wir an Ludwig dem Bayer, Friedrich II. und anderen zur Genüge gesehen. Sie wurden gebannt, ihr Volk revoltiert, und ihr Land der Verwüstung und Zerstörung preisgegeben. In der am 18. Juli 1870 von Pius IX. verlesenen Bulle erklärt Dalai-Lama, »Daß, wenn der Papst, von seinem Lehrstuhl aus (ex cathedra) sprechend, eine den Glauben oder die Sitten betreffende Lehre entscheidet, er jene Unfehlbarkeit besitzt«. Nun, wie sie eben einem Dalai-Lama zukommt. – Was sind das aber genau umschrieben, »Sitten«? – Das zur Zeit häufigst in den Seminarien gebrauchte katholische Moral-Kompendium von Gury zählt zu Gegenständen der »Sitte«: »Die menschlichen Handlungen; das Gewissen; die Gesetze; natürliches, göttliches, kirchliches, bürgerliches Recht; die Sünden; die Tugenden; die zehn Gebote; die Kirchengebote: Beichte, Kommunion, Fasten; die Gerechtigkeit und das Recht: Eigentum, Erwerb, Nutznießung, Diebstahl, Verträge, Versprechen, Eid, Schenkung, Leihvertrag, Zinsen, Pfandhäuser, Wechsel, Lotterie, Wetten, Spiel; die Stände: Geistliche, Laien, Richter, Advokaten, Gerichtsvollzieher, Schreiber, Ankläger, Zeugen, Ärzte, Chirurgen, Apotheker, Wald- und Feldhüter ...« – ja, lieber Dalai-Lama, das umfaßte ja die ganze Welt! – So will's der Dalai-Lama. Wie Dalai-Lama die bürgerlichen Gesetze, »die von der Autorität der Kirche abweichen« zurückweist und ungültig macht, mag eine Allokution Pius IX. vom Jahr 1868 dienen, wo es heißt: »Am 11. Dezember vorigen Jahres ist von der österreichischen Regierung ein abscheuliches Gesetz als Staatsgrundgesetz erlassen worden, welches in allen Reichsteilen die volle Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Glaubens- und Gewissens-Freiheit, Freiheit der Wissenschaft, Unterrichts- und Erziehungs-Freiheit, sowie Gleichstellung der vom Staate anerkannten Religionsgesellschaften gewährleistet. – Dieselbe Regierung hat am 25. Mai ein Gesetz erlassen, welches bestimmt, daß in gemischten Ehen, die Knaben die Religion des Vaters, die Mädchen die der Mutter erhalten sollen, sowie daß die Katholiken dulden müssen, daß auf ihren Friedhöfen die Leichname der Ketzer (Protestanten) beerdigt werden, wenn diese Ketzer keine eigenen haben. – Ihr seht, ehrwürdige Brüder, wie heftig zu tadeln und zu verdammen derartige abscheuliche Gesetze der österreichischen Regierung sind, welche der Lehre der katholischen Kirche, deren Autorität, Unseres apostolischen Stuhles Gewalt und dem Naturrecht zuwiderlaufen. Deshalb erheben Wir die apostolische Stimme und kraft Unserer apostolischen Autorität verwerfen und verdammen wir diese Gesetze der österreichischen Regierung und alles, was in dieser Hinsicht von der Regierung oder ihren Behörden verfügt, getan oder versucht worden ist; erklären, daß diese Dekrete mit allen Folgen gänzlich nichtig, ohne jegliche Kraft gewesen sind und sein werden. Ihre Urheber aber beschwören wir, sich der Kirchen- und geistlichen Strafen zu erinnern, welche die päpstlichen Gesetze gegen die Schädiger der kirchlichen Rechte als von selbst eintretend verhängen.« Aber auch der neueste Dalai-Lama, Leo XIII., bleibt an Autorität und göttlicher Vollmacht nicht hinter seinem Vorgänger zurück. Er und Pius IX. nannten die protestantischen Schulen »moralische Vergiftungs-Anstalten«, die protestantischen Missionare »Männer des Trugs«, »Vorkämpfer des Satans«, bezeichneten die protestantischen Kirchen als »Bordelle«. Im Jahr 1864 erklärte Pius IX. im Syllabus, daß an »der Lehre von der weltlichen Herrschaft des römischen Papstes alle Katholiken aufs Unerschütterlichste festhalten müssen«. Und Leo XIII. hat es bei allen Gelegenheiten wiederholt. – Dies wird freilich den Lamaisten gegenwärtig etwas schwer. Aber der Glaube bewegt sich ja vorwiegend in nicht wirklichen Dingen. Und da kann er ja von der derzeitigen Wirklichkeit in Rom abstrahieren. Und der Osservatore Romano definiert in Nr. 165 seines Jahrgangs 1891 den Papst folgendermaßen: »Der Stellvertreter Christi ist nicht nur Papst, sondern König über alle Völker der Erde.« Haben sich sonach Ansprüche und Vorrechte des Dalai-Lama bis zum heutigen Tage keineswegs verringert, so hat sich seine Heiligkeit und göttliche Verehrung im Umkreis seiner Anhänger in den letzten Jahren entschieden noch gesteigert; Die Podolatrie, oder Verehrung durch den Fußkuß, eine ursprünglich orientalische Ehren-Bezeugung, die die römischen Kaiser übernahmen, und die vielleicht aus Tibet stammt, wurde durch das päpstliche Hof-Zeremoniell zu einer Verehrung jedes einzelnen Körperteiles der Gottheit erweitert: Das Knie verehren die Bischöfe; sie allein haben das Recht, das Knie des Papstes zu küssen: Chirolatrie, die Hand-Verehrung. Der Fuß gehört der übrigen Menschheit. Und viele müssen sich mit dem ledigen Pantoffel begnügen. Sobald ein neuer Dalai-Lama gewählt ist, wird er auf den Hochaltar gesetzt, die siebzig Kardinäle knien um ihn herum, »adorieren« ihn, und rufen ihm laut zu: »Wisse, daß Du der Herr des Erdkreises bist!« Niest der Papst, so stürzt der nächste Kardinal sogleich zu Boden, und bringt in dieser Positur seine Verehrung dar. Bei der Messe zelebriert der Papst nur einen Teil; er geht dann vom Altar fort, um sich zu seinem Thron zu begeben; die Kardinäle stürzen zu Boden, die Nobelgarde präsentiert, und der Papst besteigt den Thron; ein Kardinal bringt ihm dann den Herr-Gott an den Thron hin, – sozusagen ans Bett. – Auch in Deutschland wird Dalai-Lama von den Lamaisten angebetet. In Rhede, in Westfalen, wird die Statue des Papstes von Blumen und Kerzen umkränzt vor den Hochaltar gestellt, während die Gläubigen ringsum auf den Knien liegen. »Weißt Du auch ein ganz absonderlich Ding zu Rom? – Daß den Papst seine Schmeichler für einen Gott ausgeben!« sagt Hutten. Da Dalai-Lama Gott ist, so wird er auch »Gott in Rom« genannt: »Inkarnation Gottes«; »höchste Personifikation Gottes auf Erden«; »das lebendige Sakrament«; »die heilige Kommunion«; »Fortsetzer des Geheimnisses der Fleischwerdung Gottes«; und Pius IX., der als früherer Kürassier-Offizier doch auch noch Menschliches in sich fühlte, sagte: er verehre in sich selbst »die Stellvertreterin der Gottheit«. Natürlich ist der Anblick Dalai-Lamas für den, dem er zuteil wird, eine überirdische Erscheinung: »Der Papst – heißt es in einem von Pius IX. benedizierten Schriftchen – ist für uns die sichtbare Figur Jesu Christi. Seine Macht erstreckt sich über unsere Seelen, wie die des göttlichen Erlösers selbst. Ausgenommen die wirkliche Gegenwart Jesu Christi im Sakrament des Altars, ist nichts so geeignet, die göttliche Person des Erlösers unseren Sinnen nahezubringen, als der Anblick des Papstes. Es ist, als ob immer der Himmel geöffnet sei über seinem Haupte, als ob das göttliche Licht auf ihn herabstrahle. Wir dürfen uns daher nicht die unehrerbietige Unredlichkeit erlauben, an ihm Menschliches und Göttliches auseinanderhalten zu wollen.« »Denn sie heißen ihn einen irdischen Gott, der nicht schlecht Mensch, sondern aus Gott und Mensch zusammengemenget sei, wollten wohl gern sagen, daß er gleich, wie Christus selbst, wahrhaftiger Gott und Mensch wäre«, heißt es bei Luther. Natürlich tut Dalai-Lama auch Wunder, und seine Kleider stehen im Werte des Rocks von Trier: Ein deutscher Schullehrer in Donauwörth erhielt von einer hochgestellten Persönlichkeit aus der Umgebung Pius' IX. »ein Stück von seinem Leibrock; eine Reliquie, die schon jetzt höchst verehrungswürdig, nach der in Aussicht stehenden Heiligsprechung höchst kostbar werde.« – Eine französische Dame wurde zu Lebzeiten Pius' von einem Beinleiden dadurch geheilt, daß sie einen alten Strumpf seiner Heiligkeit trug. – Ein Knabe aus Bovolone, der an Epilepsie litt, wurde durch den Gebrauch eines Stückchens roter Seide von den Kleidern Pius' IX. geheilt. – Eine Krume Weißbrot vom Tische Pius IX. heilte noch nach Jahren, nachdem sie im Besitz einer gräflichen Familie Schlesiens gewesen, Krämpfe. – Und angewendet werden außerdem: »Scharpie, die bei dem Verbinden einer Fußwunde Pius' IX. diente«; »Fäden aus seinem Kopfkissen, auf dem er während seiner letzten Krankheit gelegen«; »ein Läppchen von dem Unterfutter seiner Soutane in Wasser gelegt und tropfenweise täglich mit lebendigem Vertrauen getrunken«. Lieber Leser, diese Dinge sind alle recht lustig, und geben uns das Recht, über Dalai-Lama recht herzlich zu lachen. Aber sie haben ihre verflucht ernste Seite, solange dieser Dalai-Lama in Deutschland über viele Millionen Menschen kommandiert, und, was schlimmer, über viele Millionen deutscher Gewissen. Dieser Dalai-Lama in Rom hat seit einem Jahrtausend die größte Zwietracht über unser Land gebracht, Blutvergießung und Zerstörung rücksichtslos geübt, unsere Fürsten mit Fußtritten behandelt, Städte und Länder mit einem Wink seines Interdikts in Einöden und Feuerstätten verkehrt. Ohne Dalai-Lama kein Dreißigjähriger Krieg, kein Schmalkalder Bund, keine Schweden im Land, keine englischen und spanischen Kaiser auf deutschem Thron. Wenn das Christentum für Deutschland auf einem Papste beruht, dann ist das tief traurig. Und dann wird die geistige wie politische Konstellation Deutschlands auf absehbare Zeit von einem Ausländer abhängig sein. Heute handelt es sich nicht darum, katholisch oder protestantisch zu sein. Es handelt sich darum, deutsch zu sein. Und nicht gegen den Papst oder Dalai-Lama handelt es sich Front zu machen, sondern gegen den Ausländer, der es jeden Tag in der Hand hat, Deutschland in zwei feindliche Parteien zu spalten. Dieser Kampf muß heute noch in Deutschland ausgekämpft werden; dauere er dreißig oder hundert Jahre; damit es in Deutschland nur mehr Deutsche gibt; und nicht eine Partei, die jeden Moment vom Ausland her gezwungen werden kann, gegen die Interessen des eigenen Vaterlandes sich zu kehren. Auskehr Was hindert uns nun lenger, das römisch Joch abzuwerfen? Hatt Deütschland nit eyssen? hat es nit fewèr? Hutten Wir zitieren immer wieder die Kämpfer und Volksstimmen aus der Reformations-Zeit, weil wir hier den kräftigsten Widerstand des Deutschtums gegen die feige, wollüstige, merkantile Auffassung der Religion der päpstlichen Kardinäle fanden. Der Ablaß war undeutsch, gewissenlos, niederträchtig; deswegen mußte er fallen; nicht weil er katholisch war. Und von deutscher Seite mußte er fallen, weil das deutsche Gewissen sich dagegen auflehnte. Und heute liegt der Fall ähnlich oder schlimmer: Die päpstliche Unfehlbarkeit, die Zentralisierung der Religion auf einen welschen Kopf, auf eine artfremde Empfindung, für ein Land, in dem der krasseste Götzendienst floriert, ist undeutsch, mit den seelischen wie geistigen Forderungen der Deutschen – nicht der Katholiken oder Protestanten – unvereinbar. Also muß er fallen. Und er muß von deutscher Seite fallen, weil unsere Nation, mehr wie jede andere des Abendlandes, in den letzten Jahrzehnten sich am energischsten zusammengeschlossen, ihre Eigenart am sichersten und kräftigsten herausgekehrt hat, und deutsch und päpstlich heute unvereinbarer einander gegenüberstehen, als jemals in früherer Zeit. Auf das Geschrei der Ultramontanen dürfen wir nicht aufpassen: »Dann werden sie über uns rufen, wir seien Verfolger der Kirche, – dann also nennen sie alle diejenigen, die einen Finger gegen ihn aufheben – wir seien Schismatici, das heißt Abtrünnige, werden auch schreien, wir wollen den ungenähten Rock Christi zertrennen, mit Bannen und Maledeiung um sich werffen«, sagt schon Hutten. Und weiter: »Dieweil offt gesagt, die Deutschen werden einmal eine redliche Tat tun, und es doch bisher keinen Vorgang gehabt, hält mans für Gespött zu Rom bei den Römischen Wollüstigern, wenn einer sagt, die Deutschen werden noch Rom reformieren.« »Darum wäre das Beste, Kaiser und Stände des Reichs ließen die lästerlichen, schändlichsten Spitzbuben und die verfluchte Grundsuppe des Teufels zu Rom immer fahren zum Teufel zu; da ist doch keine Hoffnung einiges Gutes zu erlangen«, sagt Luther. »Alles, seht Ihr, zielt dahin, und lässt hoffen, jetzt mehr denn jemals, dass die römische Tyrannei gebrochen und der welschen Krankheit ein Ziel gesetzt werde. So wagt es denn endlich und legt Hand ans Werk. Lasst Euch daran erinnern, dass Ihr Deutsche seid!« Das ist Huttens Testament!