Balduin Möllhausen Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas – Band 2 Inhalt 21. Kapitel Aufbruch der Landexpedition – Die indianischen Führer – Reise auf der Kiesebene – Charakter derselben – Nachtlager im Gebirge – Übergang über den ersten Gebirgszug – Beales Paß – Ruhetag an der Quelle – Ausflug ins Gebirge – Reise der Expedition durch das weite Tal – Charakter desselben – Lager im zweiten Gebirgszug – Formation desselben – Übergang über denselben – Das zweite Tal-Lager am Rande desselben – Wasser- und Futtermangel – Sturm, Regen und Schnee – Ruhetag – Erzählung der ältesten Geschichte von St. Louis 22. Kapitel Reise durchs zweite Tal – Wassermangel – Aussicht auf das Aquarius-Gebirge – Lager an der Wallpay-Quelle – Der gesellige Verkehr mit den Führern – Der Ruhetag – Die erste Antilope – Die beiden Wallpays – Aufbruch von der Quelle – Die Hochebene – Music Mountains – Der Wallpay-Führer – Niedersteigen in die Wallpay-Schlucht – Lager in derselben – Warme Quelle – Aussicht in die Felsenschlucht – Besuch der Wallpays – Reise abwärts in der Wallpay-Schlucht – Die prachtvollen Felsformationen – Die Eingeborenen in der Schlucht – Der schwierige Weg – Ankunft am Diamond Creek 23. Kapitel Lager am Diamond Creek – Wanderungen an den Colorado – Heftige Stromschnellen – Der Ruhetag – Zeichnen am Colorado – Charakter des Stroms und seiner Ufer – Wallpay-lndianer – Egloffsteins späte Rückkehr aus den Gebirgen – Der Verlust des Hundes – Rückreise durch den Wallpay-Cañon – Entfliehen der Wallpay-Führer – Belohnen der Mohaves – Abschied der Mohaves – Reise zum Plateau hinauf – Lager ohne Wasser – Entfliehen eines Wallpay-Führers – Reise zum Wasser – Ausflug auf die zweite Etage des Plateaus – Charakter desselben – Antilopenjagd – Verirren eines Soldaten – Nächtlicher Schneesturm – Vergebliches Suchen nach dem Vermißten – Endliche Rückkehr desselben 24. Kapitel Peacocks Erzählung – Änderung des Reiseplans – Reise zum Plateau hinauf – Schneesturm und Gewitter – Das Lager im Schnee – Aufenthalt von zwei Tagen – Schmelzen des Schnees – Aufbruch – Die San Francisco und Bill Williams Mountains – Die Lagune – Auffinden einer neuen Straße – Lager ohne Wasser – Einbiegen in eine Schlucht – Wanderung auf dem gefährlichen Felsenpfad – Unüberwindliche Hindernisse – Umkehr der Expedition – Zurücksenden der Herde zur Lagune – Neuer Versuch, den Colorado zu Fuß zu erreichen – Die Wanderung in die Schlucht hinab 25. Kapitel Ersteigen des Plateaus – Die merkwürdige Formation der Schluchten – Der Felskessel – Wunderbare Aussicht auf diesen – Rückkehr ins Lager – Ausbleiben von Lieutenant Ives und seiner Abteilung – Sumpfvögel auf dem Plateau – Ankunft des Lieutenant Ives – Beschreibung der tiefgelegenen Schluchten – Vermissen von zwei Soldaten – Ausflug nach einem anderen Felskessel – Beschreibung desselben – Auffinden der Verirrten – Eintreffen der Maultiere – Teilung der Expedition – Erforschen der unbekannten Straße – Vereinigung und Lager der beiden Abteilungen am See – Weitere Reisepläne – Aufbruch zur Reise nach den San Francisco Mountains – Die niedrigere Abstufung des Hochlands – Wassermangel – Umherirren in den Schluchten – Beales Straße – Vulkanische Region – Wassersuche – Der Graue Bär 26. Kapitel Die Bärenjagd – Beschreibung einer Bärenjagd am Missouri – Reise am Partridge Creek hinunter – Rückreise in der Schlucht des Partridge Creek – Aufbruch gegen Osten – Das grasreiche Lager – Beschreibung des Landes – Lager nahe den Bill Williams Mountains – Weiterreise parallel mit Whipples Straße – Bären und Bärenjagd – Wild – Reise bis zu Leroux' Quelle – Lager daselbst 27. Kapitel Auszug aus Leroux' Tagebuch, betreffend den Rio Verde – Über die Richtungen der Völkerwanderungen nach Neu-Mexiko – Die Unzugänglichkeit der nördlichen Grenze von Neu-Mexiko – Die verschiedenen Arme, in die sich der Strom der Einwanderung teilte – Die mutmaßlichen Heerstraßen – Bevölkerung des nördlichen Neu-Mexiko – Zurückbleiben derselben bei der Wanderung gegen Süden – Aztekische Worte bezeichnen die Straße dieses Volkes an der Küste Kaliforniens – Wendung der Pimos gegen Süden – Beziehung dieses Stammes zu den Casas Grandes 28. Kapitel Aufbruch von Leroux' Quelle – Lager bei der vermeintlichen Cosnina Caves – Der Schneesturm – Der Ruhetag im Schnee – Reise abwärts, dem Colorado Chiquito zu – Ruinen indianischer Bauwerke – Ankunft im Tal des Colorado Chiquito – Teilung der Expedition – Hinüberschiffen über den Fluß der nach den Moqui-Städten bestimmten Abteilung – Reise am Fluß hinauf – Chevelons Fork – Zusammenkunft mit Savedra – Erzählungen über Savedra – Letztes Lager am Colorado Chiquito 29. Kapitel Der Rio Secco oder Lithodendron Creek – Der versteinerte Urwald – Carrizo Creek – Plötzliches Entstehen eines Stroms – Übergang über den Rio Puerco des Westens – Navahoe Springs – Jacobs Well – Ankunft auf der Ebene von Zuñi – Freundlicher Verkehr mit den Indianern – Jose Maria, der Kriegshäuptling – Pedro Pinos Besuch im Lager – Wanderung nach der Stadt – Pedro Pinos Haus und Gastfreundschaft – Der mexikanische Pater – Besuch bei demselben – Die Kirche von Zuni – Rückkehr ins Lager 30. Kapitel Der Mord – Das Begräbnis – Zuñi war früher die Stadt Cibola – Lager in der Schlucht – Ober die Ländereien der Navajos – Hinabgehen zum Puerco – Zahlreiche Viehherden der Navajos – Ankunft bei Fort Defiance – Verlegung des Lagers nach einer kleinen Schlucht – Die natürliche Brücke – Tierleben in der Schlucht – Der Diebstahl – Beschreibung der Umgebung des Forts – Cañon Bonito – Das Fort – Verhältnis zwischen den Amerikanern, den Maquis und den Navajos 31. Kapitel Die Navajos – Lieutenant Ives' Ankunft – Die Moqui-Indianer – Schlechte Aufnahme derselben in Fort Defiance – Aufbruch von Fort Defiance – Präriehundedörfer – Der See nahe der Wasserscheide – Besuch der Navajos im Lager – Mount Taylor – Lager am »Blue water« – Lager nahe der Camiño del Obispo – Begegnung mit einem Militärkommando – Die Lavaströme – Rio San José – Covero – Laguña – Vorsprechen beim Baptistenmissionar – Lager am Puerco – Ankunft am Rio Grande – Übergang über den Fluß 32. Kapitel Übergang über den Rio Grande – Lager auf dem linken Ufer – Die amerikanischen Soldaten – Die Fandangos – Des Doktors Sturz – Das Corpus-Christi-Fest – Zusammentreffen mit einem alten Bekannten – Erzählung von Erlebnissen in Illinois und New Orleans – Winkels Geschichte und seine Pläne für die Zukunft – Lieutenant Ives' Rückkehr von Santa Fé – Seine Instruktionen – Lieutenant Ives' Abreise nach Kalifornien – Letzte Vorbereitungen zur Reise durch die Prärien 33. Kapitel Aufbruch von Albuquerque – Parforcejagd der Indianer – Nachtlager in Algodones – Vergebliches Harren auf die Eskorte – Verlassen des Tals des Rio Grande – Romeros Rancho – Santa Fé – Exchange Hotel – Abschied von Santa Fé – Lager am Stone Corral und Zusammentreffen daselbst mit der Eskorte – Schöne Landschaften – Die Ruinen von Pecos – Lager daselbst – Trennung von der Eskorte – Die California-Emigranten – Der Rio Pecos – Das Städtchen San José – Das Tal des Pecos – Ojo del Verde – Abirren der Eskorte nach Anton Chico – Lager in Las Vegas – Die Heilquellen – Der See auf dem Hochland – Ankunft am Rand der Prärie und in Fort Union 34. Kapitel Das Lager bei Fort Union – Wahl des Reisehauptmanns – Erfolgreiches Angeln – Ankunft der Post vom Missouri – Leroux' Söhne – Fort Union und seine Lage – Aufbruch von Fort Union – Erzählung von Ben Shaws Ermordung durch die Apachen – Lager im Apache-Cañon – Übles Verhältnis zwischen der Expedition und der Eskorte – Lager am Canadian River – Erfolgreiches Angeln – Reise durch die Prärie am Point of Rocks vorbei – Lager nahe White's Massacre – Wetzstein Creek – Der Emigrantentrain – Die beiden hübschen Emigrantinnen – Gänzliche Trennung von der Eskorte – Rabbit Ear Creek – Cottonwood Creek – MacNisse Creek – Cedar Creek – Lager am Cool Creek 35. Kapitel Ankunft am Cimarron – Zusammentreffen mit Reisenden – Reise am Cimarron hinunter – Die mutmaßliche Räuberbande – Ankunft am Arkansas-Fluß – Die Indianer daselbst – Zusammentreffen mit dem Militärkommando – Der 4. Juli – Übergang über den Arkansas – Ruinen von Fort Mann – Der erste Büffel – Erlegen desselben – Dry Road und Water Road – Einfangen eines herrenlosen Pferdes – Coon Creek – Vegetation daselbst – Reise nach dem Walnut Creek – Die Tauschhändler – Vincenti 36. Kapitel Ankunft am Walnut Creek – Das Blockhaus – Gezähmte Büffel – Büffelherden – Lager an der Mündung des Walnut Creek – Büffeljagd – Der nächtliche Gewittersturm – Fortsetzung der Reise – Büffeljagden – Lager am Cow Creek – Der angeschwollene Strom hindert an der Weiterreise – Die Rollkäfer – Ankunft der Post – Die Post der Vereinigten Staaten – Die letzte Büffeljagd – Übergang über den Cow Creek 37. Kapitel Peacocks Erzählung von der Ermordung Jarvis' – Lager am Kleinen Arkansas – Turkey Creek – Diamantquelle – Der Neoscho – Das Städtchen Council Grove – Das Kolonisationswesen in den Vereinigten Staaten – Lawrence am Kansai – Der Kansas – Übergang über denselben – Der Umweg – Der Wolkenbruch 38. Kapitel Schluß Einundzwanzigstes Kapitel Aufbruch der Landexpedition – Die indianischen Führer – Reise auf der Kiesebene – Charakter derselben – Nachtlager im Gebirge – Übergang über den ersten Gebirgszug – Beales Paß – Ruhetag an der Quelle – Ausflug ins Gebirge – Reise der Expedition durch das weite Tal – Charakter desselben – Lager im zweiten Gebirgszug – Formation desselben – Übergang über denselben – Das zweite Tal-Lager am Rande desselben – Wasser- und Futtermangel – Sturm, Regen und Schnee – Ruhetag – Erzählung der ältesten Geschichte von St. Louis Am 23. März begannen wir also unsere Landexpedition auf dem linken Ufer des Colorado. Die fröhlich lärmenden Haufen der Mohave-Indianer hatten wir verlassen, und kaum dreihundert Schritt vom Fluß befanden wir uns schon auf der Kiesebene, auf der wir dem von Lieutenant Beale und seiner Kamelexpedition gebrochenen Pfad in nordöstlicher Richtung folgten. Unsere Gesellschaft bestand aus Lieutenant Ives, Dr. Newberry, Herrn von Egloffstein, Mr. Peacock und mir nebst zwei Köchen, zwei Dienern und sechs mexikanischen Packknechten; begleitet wurden wir von vierundzwanzig Soldaten mit fünf Packknechten unter dem Befehl des Lieutenant Tipton, was unsere ganze Gesellschaft auf fünfundvierzig Mann brachte. Die Zahl der Maultiere betrug ungefähr hundertfünfzig Stück, von denen etwa achtzig unsere Lebensmittel, Instrumente, Zelte und sonstige Lagerequipage trugen, und wenn die Tiere sich nur in einem etwas besseren Zustand befunden hätten, so wäre es eine zwar kleine, aber doch eine stattliche Expedition gewesen, die in langer Reihe auf der leicht ansteigenden Ebene dahinzog. Mein erstes Gefühl war, trotz der Schwerfälligkeit, mit der mein Maultier dem Zügel und den Sporen Folge leistete, das einer großen Behaglichkeit; wir waren ja von nun an Herr unserer eigenen Bewegungen und brauchten Sandbänke und verborgene Klippen nicht mehr zu fürchten. Es ist wahr, wenn wir oft unsere darbenden Tiere, um ihnen die Arbeit zu erleichtern, am Zügel führten, so wurden wir lebhaft an das Winden der »Explorer« über Untiefen hinweg erinnert, doch der Gedanke, nicht auf bestimmte Räumlichkeiten beschränkt zu sein, sowie auch die gesunde Bewegung verursachten, daß wir nur die Lichtseiten unserer Expedition im Auge behielten und von einem so frischen Mut beseelt wurden, als ob wir eben erst die Heimat verlassen hätten. Geführt von Iretéba und seinen Kameraden Colhokorao, Hamotamaque und Juckeye entfernten wir uns immer weiter vom Colorado; die Eingeborenen schienen im allgemeinen eine gewisse Abneigung gegen die dürre, steinige Ebene zu hegen, denn rückwärts schauend erblickte ich hin und wieder die obere Hälfte von dunklen Gestalten, die mit den Augen neugierig unsere Bewegungen verfolgten, und hinter ihnen dehnten sich wie ein grünendes Feld die Kronen der Cottonwood-Bäume aus, fast gänzlich den sonnigen Spiegel des Stroms verbergend. Schmale Rauchsäulen bezeichneten unser altes Lager, weit gegen Süden aber verriet eine dunkle Wolke, die wirbelnd dem Dickicht zu entsteigen schien, die Bewegungen des kleinen Dampfbootes. In gemessenem Schritt ging es bald über weite Strecken des mosaikartig mit Kieseln bestreuten Bodens, bald hinab in sandige und felsige Schluchten, die allmählich durch den heftigen Sturz großer Wassermassen entstanden waren; doch immer höher hinauf gelangten wir in dem Grad, als wir uns dem östlichen Gebirgszug näherten. Trotzdem wir uns in einer wirklichen Wüste befanden, gab es doch manches zu sehen und zu beobachten. Die Außenlinien der zackigen Gebirgszüge, besonders aber der Black Mountains, deren östlicher Verlängerung wir zuzogen, veränderten sich mit jeder Minute, und immer neue, phantastische Formen traten aus den verworrenen Felsmassen hervor. Buntes Gestein mancher Art, vorzugsweise aber Basalt, Grünstein, vielfarbiger Porphyr, Quarz, Achat, Jaspis, Karneol, Kalzedon und Obsidian, bedeckte dicht den Boden, und zwischen diesem schlüpften zierliche Hornfrösche und schön gezeichnete Eidechsen umher. Auch die Kakteen erregten unsere Aufmerksamkeit; nicht durch kräftigen Wuchs oder durch gruppenweises Zusammendrängen, sondern durch die verschiedenen Arten, die wir bis dahin im Tal des Stroms noch nicht bemerkt hatten; unter diesen die strauchartige, furchtbar bewaffnete Opuntia Bigelowii, die breitblättrige, knospenreiche Opuntia basilaris, Opuntia erinacea und Echinocactus polycephalus. Dr. Newberry sowohl als ich stiegen vielfach ab, um Exemplare für unsere Sammlungen zu sichern. Der Doktor erlebte bei dieser Gelegenheit einen neuen Unfall, der von den bösesten Folgen für ihn hätte sein können, glücklicherweise aber nur ein leichtes Unwohlsein für die nächsten Tage verursachte. Er war nämlich im Begriff, sein Tier zu besteigen, als dieses, vor der Botanisiermappe sich scheuend, ihn zu Boden warf, und zwar so, daß er noch mit dem Fuß im Bügel hängenblieb. Zufällig rannte das Tier gegen das meinige, wobei es mir gelang, es zum Stehen zu bringen, nachdem es den Doktor nur einige Schritte weit geschleift hatte. Ich weiß nicht, wer von uns beiden den größten Schrecken empfunden hatte; für mich war es jedenfalls ein gräßlicher Anblick, als ich meinen Freund in dieser Gefahr schweben sah; und ich hatte schon als einziges Rettungsmittel meine Büchse gehoben, um den tückischen Maulesel mittels einer Kugel durch den Kopf am Entlaufen zu hindern, als er gegen mich anrannte. Ungefähr neun Meilen hatten wir zurückgelegt, als wir das breite, aber trockene Bett eines Gießbachs erreichten und Iretéba uns meldete, daß wir in diesem Wasser finden würden. Wir folgten daher dieser natürlichen Straße aufwärts und befanden uns nach kurzer Zeit zwischen vulkanischen Felsmassen, die sich bald als runde Hügel, bald in Zuckerhutform aus der Ebene erhoben und diese endlich ganz verdrängten. Blumen und kleine Grasflächen, die unter dornigen Mesquitebäumen hervorlugten, deuteten auf die im sandigen Boden enthaltene Feuchtigkeit, und als wir zwei Meilen in der sich verengenden Schlucht aufwärts geritten waren, stießen wir zu unserer Überraschung auf eine Reihe verkrüppelter Weiden und Cottonwood-Bäume. Iretéba bezeichnete uns die Stelle, wo wir Wasser finden würden; es war eine Aushöhlung im Boden, in der wir noch etwas Feuchtigkeit entdeckten, die aber, nachdem sie gereinigt war, so viel Wasser lieferte, daß wir nicht nur zu unserem eigenen Bedarf einen hinreichenden Vorrat erhielten, sondern auch am folgenden Morgen jedem unserer Tiere einen halben Eimer voll reichen konnten. Mit viel Mühe erstieg ich kurz vor Abend noch die nächste Anhöhe, von wo aus ich die Umgebung zu übersehen vermochte, und war erstaunt, als ich meine Blicke auf die chaotisch übereinandergestürzten Felsmassen richtete, die nicht mit einem Gebirge, sondern mit den Trümmern eines Gebirges Ähnlichkeit hatten. Über mächtigen Anhäufungen von vulkanischem Geröll erhoben sich die Formen von Burgen, Wällen und langen Mauern; manche regelmäßig und senkrecht, wie um Jahrtausenden zu trotzen, andere wieder gespalten und überhängend, als ob die geringste Erschütterung sie hinabzustürzen vermöchte. Die dunkle, schwarze und rötliche Färbung des Gesteins hob den wilden Charakter dieser vegetationslosen Felsenwüste, aber über diese hin wölbte sich der reine, prächtige Abendhimmel; in duftigem Blau schwammen die fernen Gebirgszüge; wie ein leichter Nebel lagerte sich der Rauch der Feuer vor mir in der Schlucht, und friedlich schaute die bleiche Scheibe des Mondes auf diese leblose Wildnis. Ich befand mich bald wieder im Lager bei meinen Gefährten; der Abend war mild, und so vermißten wir weniger die lodernden Scheiterhaufen, an die wir uns im Tal des Colorado gewöhnt hatten, zu denen aber hier das trockene Holz fehlte. Wir blieben indessen bis in die tiefe Nacht hinein vor einem Häufchen glimmender Kohlen sitzen und ergötzten uns an der wunderbaren Mondbeleuchtung, die zwischen Felsen und Klüften spielte. Tot und starr erschien unsere Umgebung am Tag, gehüllt in nächtliches Dunkel aber war es, als sei die Natur einem tiefen Schlummer in die Arme gesunken; murmelnde Stimmen ertönten in unserer Schlucht; an den Abhängen der Hügel, auf dem harten Gestein, klapperten die bewaffneten Hufe der nach kärglicher Nahrung umherspürenden Maultiere; die Glocken der Leitpferde summten in kurzen Absätzen; auf zwei gegenüberliegenden Hügeln aber hielten die berittenen mexikanischen Hüter, der Lasso ruhte in der Faust, ihre Zigarillos glimmten, und wechselweise sangen sie mit melodischer, fröhlicher Stimme in die Nacht hinaus. Sie waren unerschöpflich in ihren Liedern und besangen alles, was zur Glückseligkeit eines Mexikaners gehört; sie priesen die schönen und liebeglühenden Señoritas, den perlenden kalifornischen Wein, die zauberische Wirkung klingender Gitarren und Tambourins, die anmutigen Verschlingungen im wilden Fandango; aber auch des roten Goldes und der südlichen Palmen gedachten sie, und gleichsam höhnisch klang es, wenn das Echo zwischen den nackten Felsen antwortete: »Gold und Palmen.« Da am Morgen des 24. März das Tränken der Herde mehrere Stunden in Anspruch nahm, so benutzte ich die Zeit, um den Vögeln nachzustellen, die aus weiter Ferne dorthin kamen, um ihren Frühtrunk zu nehmen. Vorsichtig schonte ich von den armen kleinen Tieren, die sich gleich mir des sonnigen Morgens freuten, soviel wie möglich und nahm nur, was mir von Wichtigkeit für meine Zwecke erschien. Ein reizender Kolibri hatte sich in diese Wildnis verirrt, und ich erhielt außer diesem einen Finken mit weißem Scheitel nebst mehreren anderen Finkenarten. Wir brachen endlich auf; vor uns lag ein Gebirgszug, der sich von Norden nach Süden erstreckte, und wir mußten daher suchen, in nächster Richtung an geeigneter Stelle über diesen hinüberzugelangen. Iretéba befand sich an der Spitze unseres Zuges, und demselben folgend, ritten wir noch gegen vier Meilen in dem Bett des Gießbachs weiter, wo dasselbe dann in zahlreichen Spalten und stufenförmigen Auswaschungen im Gestein endete. Der Weg, der durch tiefen Sand und losen Kies führte, blieb auf dieser Strecke gleichmäßig stark ansteigend, und immer verworrener drängten sich die vulkanischen Felsmassen um uns zusammen. Einzelne Agaven und Kakteen schmückten das schwarze Gestein, das hauptsächlich aus Trachyt und lavaartigem Basalt bestand; auf dem Sand in der Schlucht dagegen erblickte ich die verkümmerte Strauchvegetation, welche diese wüsten Regionen charakterisiert. Wie wir so in der wenig ansprechenden Umgebung dahinritten und die Blicke mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit über dürre Sandstrecken und starre Felsgebilde hinglitten, wurden wir plötzlich durch den Anblick üppig blühender Agaven erfreut, deren reichgeschmückter Blütenstock hoch über die steife, scharf bewaffnete Blätterkrone emporragte. Die Farbe der großen Blüten war gelblichbraun, und so schön waren sie gezeichnet, und in einer solchen Fülle drängten sie sich um ihren gemeinsamen Träger, daß man dadurch lebhaft an einen wohlgeordneten Blumenstrauß erinnert wurde. Wir schnitten uns einige der prachtvollen Blüten ab, befestigten sie an unseren Sätteln und ergötzten uns so lange an denselben, bis die sterbenden Kelche sich schlossen und die schönen Farben erbleichten. Vielfach habe ich diese Agave von Reisenden als die indianische Maguei erwähnt gefunden, und vorzugsweise in den Beschreibungen über die Gebirgsindianer Neu-Mexikos, denen diese Pflanze die Hauptnahrung liefert; doch vergebens suchte ich nach einem derselben beigelegten wissenschaftlichen Namen. Die Maguei Neu-Mexikos ist natürlich eine Spezies der Agave Americana und wird größtenteils fälschlicherweise mit dieser verwechselt, weil zu der äußeren Ähnlichkeit auch die gleiche Eigenschaft als Nahrungsstoff tritt; doch wird sich bei einem genauen Vergleich unzweifelhaft ein Unterschied zwischen der mexikanischen Agave und der weiter nördlich vorkommenden Maguei herausstellen, ein Unterschied, der mir bei oberflächlicher Beobachtung an Ort und Stelle auffiel. Wir gelangten endlich bis dahin, wo der gewundene Pfad an den steilen Abhängen des schwarzen Bergrückens hinaufführte und wo unsere matten Tiere nur mit der größten Anstrengung ihre schweren Lasten zu tragen vermochten. Die Reiter stiegen alle ab, doch war der schmale Pfad, der vielfach an tiefen Abgründen hinführte, so schwierig, daß wir oft halten mußten, um frischen Atem zu schöpfen. Nach mühevoller Arbeit erreichten wir endlich die Wasserscheide dieses Gebirgszuges, und es eröffnete sich uns dort eine weite Aussicht über einen Teil des Landes, das sich zu beiden Seiten der Höhe erstreckte. Wir befanden uns etwa 2500 Fuß über dem Spiegel des Colorado, dessen Lauf wir noch in nebliger Ferne zu unterscheiden vermochten. Vor uns führte eine wilde Schlucht, sich allmählich erweiternd, wieder abwärts, öffnete sich in der Entfernung von sechs Meilen in ein breites Tal, das sich nach der Mitte zu kesselförmig senkte, und das östliche Ende dieser Niederung wurde von einer Gebirgskette begrenzt, welche der ähnlich war, auf der wir hielten. Der Ansicht, die Lieutenant Ives zu jener Zeit aussprach, daß wir uns in dem Paß befänden, der im Jahre 1851 von Captain Sitgreaves entdeckt wurde, kann ich nach einem Vergleich mit Captain Sitgreaves' Report nicht beipflichten. Zwar lag eine Ebene vor uns, die der von Captain Sitgreaves beschriebenen im allgemeinen entsprach, doch reichten die westlichen Abhänge der Gebirgskette, durch die der Paß führte, nicht unmittelbar bis an das Ufer des Colorado, wie in jenem Report ausdrücklich bemerkt ist. Ich bin daher geneigt, zu glauben, daß wir uns nördlich – wenn auch nur in geringer Entfernung – von Sitgreaves' Paß befanden, und ich halte deshalb die Bezeichnung »Beales Paß« angemessener, zumal wir in dem von Lieutenant Beale gebrochenen Pfad reisten. Inwieweit nun dieser Gebirgszug als zusammenhängend mit den in Whipple's Report beschriebenen Cerbat Mountains angesehen werden kann, wage ich nicht zu entscheiden, jedenfalls glaube ich behaupten zu dürfen, daß er zu deren System gehört und eine gedachte südliche Verlängerung desselben entweder auf das nördliche Ende der Cerbat-Bergkette stoßen oder, was mir wahrscheinlicher vorkommt, sich westlich, aber parallel mit derselben hinschieben würde. Die Richtung der meisten Gebirgszüge zwischen den Bill Williams Mountains und dem Colorado weicht nämlich nur sehr wenig voneinander ab und kann als von Norden nach Süden laufend bezeichnet werden. Anfänglich war das Niedersteigen in die Schlucht mit bedeutenden Schwierigkeiten verbunden, doch bald wurde unser Weg verhältnismäßig bequem, und am Rande eines trockenen Gießbachs hinreitend, blieben wir beständig von einer malerischen Felsszenerie umgeben, der zahlreiche dunkelgrüne Zedernbüsche einen eigentümlichen Reiz verliehen. Die schwarzen Trachyt- und Basaltmassen blieben hinter uns zurück, schöne rot- und weißfarbige Porphyrwände nahmen deren Stelle ein, doch auch diese wurden bei unserem weiteren Niedersteigen von anderen Formationen verdrängt, und kahle Felsenhügel, bedeckt mit vulkanischen Trümmern, erhoben sich endlich wieder von allen Seiten. Sieben Meilen hatten wir im ganzen zurückgelegt, als Iretéba bei einer Biegung der Schlucht uns auf eine Quelle aufmerksam machte, die in starkem, kristallklarem Strahl aus dem Boden rieselte. Etwas Gras befand sich in der Nähe; wir hatten also das Notwendigste für unsere Herde gefunden, und obgleich es noch früh am Tag war, wurde jene Stelle doch zum Lager bestimmt. Es war ein reizendes Plätzchen; schattiges Strauchwerk umgab unsere Zelte, hörbar murmelte das Wasser über glattgewaschene Kiesel, erwachende Frösche prüften ihre heiseren Stimmen, und Gesang von Vögeln erfüllte die Luft, die in dem Bergkessel von den Strahlen der Sonne und dadurch von dem erhitzten Gestein aufs angenehmste erwärmt wurde. Nur im Mangel lernt man den Wert der geringsten Gaben schätzen, welche die Natur uns liebreich spendet – so auch hier; wir streckten uns, nachdem die Lagerordnung hergestellt war, gemächlich im Schatten hin und waren zufrieden mit uns und mit der ganzen Welt. Obgleich die Quelle als ein kleiner Bach dem felsigen Boden enteilte, so bewässerte sie doch nur auf eine kurze Strecke die talähnliche Erweiterung der Schlucht, denn schon in der Entfernung von fünfhundert Schritten versiegten die letzten Tropfen in dem durstigen Sand, und als staubige Straße senkte sich das Bett des Gießbachs der östlichen Ebene zu. Niedriges Gestrüpp bedeckte die Ufer der Quelle, und unter diesem hatten die kleinen Rebhühner ihre versteckten Pfade, auf den sie, gegen die Angriffe der Habichte geschützt, am Wasser hinauf- und hinuntereilten. Als die Dämmerung sich in unsere Schlucht senkte, wurde das nahe Gebüsch tausendfach von diesen zierlichen Vögeln belebt, die, aus dem Gebirge heimkehrend, ihr friedliches Tal von fremden Gästen eingenommen fanden und ihre Unruhe darüber bis tief in die Nacht hinein durch ängstliches Locken zu erkennen gaben. Der 25. März wurde zur Rast bestimmt, und ich kann wohl sagen, daß ein Ruhetag uns ebenso willkommen war wie den Lasttieren. Auch die Führer zeigten sich mit dem Aufenthalt einverstanden, und zwar hauptsächlich, weil ihnen dadurch Gelegenheit geboten wurde, einige tiefer im Gebirge lebende Familien der Apachen zu besuchen und Nachrichten über die benachbarten Ländereien einzuziehen. Das Wetter war klar und sehr warm, und am frühen Morgen schon unternahm ich daher einen kurzen Jagdausflug in die nahen Schluchten. In meiner Hoffnung, auf Wild zu stoßen, fand ich mich getäuscht, denn so weit ich auch umherstreifte, entdeckte ich weder die Spuren von Hirschen noch von Bären, und nur auf meiner Rückkehr ins Lager gelang es mir, noch einige interessante Exemplare für meine Sammlung sowie auch einige Rebhühner für unsere Küche zu erbeuten. Auch mehrere Taubenhabichte beobachtete ich, doch gelang es mir nicht, eins dieser scheuen Tiere zu erlegen. Einige Eidechsen und Frösche sammelte ich ebenfalls sowie eine winzige, aber prachtvoll rot, schwarz und weiß geringelte Schlange, die im westlichen Amerika unter dem Namen Königsschlange bekannt ist. Dr. Newberry hatte unterdessen fleißig zwischen dem Gestein umhergehämmert und zeigte mir außer den oben angeführten Felsproben einzelne Bruchstücke von Kalzedon und Achat in den schönsten Farben. Unsere Indianer trafen gegen Abend wieder bei uns ein, und daher stand am 26. März einem zeitigen Aufbruch nichts entgegen. Wir verließen die freundliche Quelle und gelangten, zwischen Trachyt-, Trapp-, Porphyr- und Konglomerathügeln hindurch, bald in das breite Tal. Wir verließen am Rande desselben die von Beales Expedition zurückgelassenen Spuren und schlugen eine mehr nördliche Richtung ein, die uns nach Iretébas Angabe gegen Abend an eine Quelle im gegenüberliegenden Gebirge führen sollte. Das Tal, das wir durchzogen, erhielt durch den fast gänzlichen Mangel an Vegetation einen überaus wüsten und öden Charakter. Der Boden war größtenteils lehmig und fest, und nur auf der östlichen Hälfte wurde er von sandigen Streifen durchzogen. Die Breite der ganzen Fläche betrug gegen zwölf Meilen, doch auf Grund der klaren Atmosphäre und der Senkung des Bodens nach der Mitte zu war man geneigt, die Entfernung für kaum halb so weit zu halten. Die Senkung von der eigentlichen Basis der Berge bis nach der Mitte des Tales betrug gegen achthundert Fuß, und wir glaubten anfänglich eines der vielen abgeschlossenen Becken vor uns zu haben, an denen die Territorien nordwestlich von Neu-Mexiko bis nach der Südsee hin so reich sind. Im Süden und Norden begrenzte der Horizont die Ebene, und nur einzelne Bergkuppen, welche abgesondert daraus auftauchten, verrieten die in weiter Ferne liegenden Gebirgszüge. In der Mitte des Tales stießen wir auf ein trockenes Flußbett, und nicht ohne Mühe vermochten wir zu erkennen, daß darin zeitweise Wasser nördlich geströmt war. Einen eigentümlichen Anblick gewährte der große Flächenraum, den wir von jedem Punkt der Ebene aus bequem zu übersehen vermochten: alles war tot und starr, nicht das geringste Leben zeigte sich in dem wüsten Tal; zwar erblickten wir eine feine Rauchsäule am Fuße der gegenüberliegenden Gebirge, doch auch sie verschwand, nachdem uns die scharfen Augen der dort hausenden scheuen Gebirgsbewohner entdeckt hatten, und durch nichts mehr wurde die Einsamkeit unserer Umgebung unterbrochen. Stunde auf Stunde verrann; die zackigen Gebirgsmassen schienen dicht vor uns, gleichen Schritt mit uns haltend, sich ebenfalls östlich zu bewegen, und der Abend war nicht mehr fern, als wir endlich eine breite Schlucht erreichten, die tief in das Gebirge führte. Nach einem Tagesmarsch von achtzehn Meilen fanden wir endlich in einem versteckten Winkel die von unseren Führern versprochene Quelle, an der wir zu übernachten beabsichtigten. Wir waren übrigens nicht die ersten Weißen, die dort lagerten, denn wir gewahrten hier die untrüglichsten Zeichen, daß auch Lieutenant Beale jene Stelle mit seinen Kamelen besucht hatte. Mühselig mußten sich die Tiere dort ihr kärgliches Gras zusammensuchen, das in Büscheln zwischen vulkanischen Trümmern an den Abhängen der Berge zerstreut umherstand. Auch zum Wasser gelangten sie nicht ohne Schwierigkeit, und ebendies war Ursache, daß am 27. März unser Aufbruch etwas verzögert wurde. Die Umgebung dort war übrigens nicht ohne Interesse für uns, denn die felsigen Berge, die sich verworren und dicht zusammendrängten, erschienen als Plateaus, die durch Schluchten und Spalten voneinander getrennt wurden. Mächtige Granitblöcke lagen in den Schluchten umher oder ragten teilweise aus dem Boden und am Fuße der Berge hervor, doch bestanden die abgeflachten Felsen, die sich dort kaum vierhundert bis sechshundert Fuß hoch über ihren Basen erhoben, aus starken Lagen von rotem Sandstein und Konglomerat, die eine Schicht Basalt deckte – eine Formation, der ich schon bei der Beschreibung der Mündung von Bill Williams Fork gedachte. Nachdem wir die enge Schlucht verlassen hatten, wurden wir von einem Weg begünstigt, der sich sogar für Wagen geeignet hätte. Dieser führte ununterbrochen zwischen Felsmassen eben beschriebener Art hin, und an diesen konnten wir deutlich wahrnehmen, in welchem Grad wir anstiegen, denn immer näher rückten wir der Basaltlage, die säulenähnlich wie Mauerwerk auf den regelmäßigen, an den Seiten aber phantastisch ausgewaschenen Sandsteinschichten ruhte. Wir erreichten endlich die Wasserscheide, und an geeigneter Stelle nach der Basaltschicht hinauflenkend, gewannen wir eine Aussicht auf die Ostseite des zweiten Bergrückens, der uns nunmehr schon vom Colorado trennte. Die Höhe, auf die wir gelangt waren (annähernd 3000 Fuß), war keineswegs so gleichmäßig und eben, wie ich zu finden erwartet hatte; zwar erschienen weite Flächen, wenn man über die Schluchten hinwegblickte, als wellenförmige Ebenen, doch erhoben sich über diese vielfach trachytische Kuppen, die sich in nördlicher Richtung zu einem Gebirgszug aneinanderreihten. Gegen Osten hatten wir abermals ein Tal vor uns, das in seiner Ausdehnung sowie im Charakter dem zuletzt beschriebenen ähnlich war. Die Richtung desselben war gleichfalls von Norden nach Süden, und die Ebene verschwamm im Süden mit dem Horizont, während nördlich eine blaue, niedrige Gebirgskette die Grenze bildete. Auf der Ostseite des Tales, in der Entfernung von ungefähr vierzehn Meilen, parallel mit dem Gebirge, das wir eben überschritten hatten, erstreckte sich ein anderes Joch, dessen Gipfel in frisch gefallenem Schnee und dessen Abhänge und Schluchten im Schmuck dunkelgrüner Tannen und Zedern prangten. Bei dem Anblick dieses Gebirges wurde ich lebhaft an die Aquarius Mountains und den Kaktuspaß erinnert, doch überzeugte ich mich einige Tage später, daß erst die darauffolgende Bergkette diejenige war, welche ich im Jahre 1853 überschritt und an deren Fuß in südlicher Richtung Bill Williams Fork zu zog. Das Tal an diesem Tag noch zu durchreisen, erschien uns nicht ratsam, wir verließen daher Beales Spuren, wandten uns gegen Norden und hielten uns in geringer Entfernung von dem rauhen Gebirge oder, des besseren Weges halber, am Rand des Tales, in welcher Richtung Iretéba uns an eine verborgene Gebirgsquelle zu führen versprach. Auffallend erschien es mir, daß der Boden, an dessen Zeugungsfähigkeit ich nicht zweifeln konnte, dennoch so wenig mit Gras- und Pflanzenvegetation bedeckt war, und ich kann mir dies nur durch den Mangel an Regen in jenen Breiten erklären. Hierzu gesellt sich noch der Umstand, daß jede dort niederschlagende Feuchtigkeit auf dem sich stark nach der Mitte zu senkenden Talboden verlorengeht und, ohne bedeutende Spuren zurückzulassen, den Niederungen zueilt, dieselben versandet und in den zahlreichen Betten alter Gießbäche dem zu einer Wüste bestimmten Tal entflieht. Auch hier vermißten wir fast jedes Leben, und sogar nach Spuren von Wild schauten wir vergeblich aus. Nur der große Hase schien sich hier heimisch zu fühlen, denn mehrfach wurden einzelne dieser verschlafenen Tiere von den Hufen der Maulesel unter vertrockneten Stauden hervorgeschreckt. Wir waren glücklich genug, mehrere derselben zu erlegen, die eine äußerst willkommene Zugabe zu unserem salzigen Schweinefleisch bildeten. Der klare Himmel, der uns in den Frühstunden erfreut hatte, bewölkte sich gegen die Mitte des Tages, ein rauher Nordwestwind sprang auf, und die angenehme Temperatur, die so lange geherrscht hatte, verwandelte sich schnell in eine empfindliche Kälte. Iretéba mit seinen beiden Mohave-Burschen schritt in einiger Entfernung vor dem langgezogenen Zug, die Tiere begannen zu ermüden, die Leute sehnten sich nach dem Lager und richteten ihre Blicke auf den zuverlässigen Führer, der unbekümmert, aber auch unverdrossen die eingeschlagene Richtung verfolgte. In jede Schlucht, an der Iretéba uns vorbeiführte, hofften wir ihn einbiegen zu sehen, doch obgleich diese einander so ähnlich waren, daß man sie nur bei genauer Beobachtung voneinander zu unterscheiden vermochte, so wandte der Indianer doch kaum seine Blicke nach ihnen hin, und nur gegen Abend erst begann er die Berge genauer mit den Augen zu prüfen und, zuweilen stehenbleibend, seine Blicke fest auf die Öffnungen zwischen ihnen zu richten. Unser getreuer Iretéba war aber seiner Sache gewiß, denn noch ehe es zu dunkeln begann, befanden wir uns in einer sandigen, talförmigen Erweiterung einer Gebirgsschlucht, und dieser zwei Meilen aufwärts folgend, erreichten wir deren Ende und zugleich die versteckte Quelle. Wir begannen sogleich damit, die Lagerordnung herzustellen, was zwischen den niedrigen, verkrüppelten Mesquitebäumen und den Talgholzbüschen nicht ohne Schwierigkeit war, und durchstreiften dann, der Sicherheit wegen, die nächste Umgebung. Durch einen Blick überzeugten wir uns, daß die Tiere dort wieder durch Futtermangel zu leiden hatten; doch das nicht allein – auch das Wasser reichte, selbst nachdem das kleine, natürliche Felsenbassin gesäubert war, nicht viel weiter, als um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. So hatten wir denn das traurige Schauspiel vor Augen, wie die verstreuten Tiere suchend an den Abhängen der Felsen umherkletterten, die trockene Zunge am Gestein kühlten und mechanisch an dürrem Strauchwerk nagten. Ich ging der Herde weit aus dem Weg, um die bittenden, gleichsam vorwurfsvollen Blicke nicht zu sehen, welche die armen Tiere auf jeden richteten, der sich ihnen nahte. Oftmals trennte sich eins oder mehrere von der Herde und kamen schnurstracks ins Lager, wo sie sich betrübt umschauten und den Kopf nach den gefüllten Mehl- und Maissäcken reckten; doch statt des erbetenen Bissens wurden ihnen Scheltworte zuteil, und mit Schlägen trieb man sie zu ihren Leidensgefährten zurück. Zwei alte Spuren von beschlagenen Pferden, die wir auf den lehmigen Stellen in jenem Winkel entdeckten, erregten unsere Aufmerksamkeit, und zwar um so mehr, weil die Tiere, von denen sie herrührten, dem Anschein nach von Weißen geritten worden waren. Die Spuren hatten sich noch zu gut erhalten, als daß wir sie unbedingt einigen umherstreifenden Mitgliedern der ein halbes Jahr früher dort vorbeigereisten Expeditionen des Lieutenant Beale hätten zuschreiben mögen, und für Trapper war die Gegend wieder nicht anlockend genug. Unsere Forschungen fortsetzend, gelangten wir auch an eine kleine Hütte, die von einem der vielen Nebenstämme der Apachen-Indianer herrührte. Diese war so klein, daß man sie eher für den Aufbewahrungsort von Lebensmitteln als für das Obdach von Menschen halten konnte. Sehr haltbar aus Pfählen und Strauchwerk backofenförmig errichtet und mit einer dicken Sandlage bedeckt, hatte sie ungefähr im Durchmesser vier Fuß, in der Höhe dagegen kaum drei Fuß. Der Umstand, daß sich die Hütte nahe einer größeren Wasserrinne befand, brachte mich auf den Gedanken, daß ich vielleicht die einfache Vorrichtung zu einem Dampfbad vor mir hatte, das freilich nur in nassen Jahreszeiten und nach heftigen Regengüssen, wenn das Wasser sich in den Gebirgen zu schäumenden Bächen vereinigte, von den Eingeborenen dortiger Gegend benutzt werden konnte. Die Nacht war kalt und stürmisch, Regen schlug auf die straffen Zeltwände, und als wir am Morgen ins Freie traten, erblickten wir zu unserer Überraschung die ganze Landschaft in eine leichte Schneedecke gehüllt. Der Himmel war mit schwerem Gewölk überzogen, Schneeflocken wirbelten in der trüben Luft, und gemeinsam mit feinem Regen durchnäßten sie alles, was nicht unter ein künstlich hergestelltes Dach gebracht werden konnte. Trotz der sichtbaren Not, die unsere Tiere litten, blieben wir an jener Stelle liegen. Nicht daß wir selbst oder unsere Leute gegen das Wetter zu empfindlich gewesen wären, aber eine alte Erfahrung hat gelehrt, daß Pferde oder Maultiere, denen der Packsattel nebst schwerer Last auf den vorn Regen durchnäßten Rücken gelegt wird, leicht unbrauchbar werden, indem die Haut dann sehr schnell durchgerieben wird und diese Wunden sich gewöhnlich bösartig entzünden. Das im trockenen Zustand bepackte Tier, die während des ganzen Tages im Regen marschiert und dessen Rückenhaut von Schweiß trieft, ist bei weitem nicht so sehr diesem Übel unterworfen. Sowenig Rücksicht man auch im gewöhnlichen Leben auf dergleichen Erfahrungen nimmt, so ist es doch anders bei Expeditionen, deren Existenz gleichsam von dem Zustand der Tiere abhängt, und mit einer gewissen Pietät läßt man selbst die unscheinbarsten Vorsichtsmaßregeln nicht außer acht, um dadurch größere Übel zu verhüten. Bei dem Mangel an trockenem Brennholz war es keine leichte Aufgabe für uns, eine erträgliche Temperatur in den Zelten herzustellen, doch der Gedanke an eigene Unannehmlichkeiten wurde durch den Anblick der armen Maultiere verdrängt, die, den beschneiten Rücken dem Wetter zukehrend, zitternd vor Kälte an den Abhängen der nahen Felsenhügel umherstanden und gelegentlich von dem frisch gefallenem Schnee leckten. Nachdem wir unser Frühmahl beendet hatten, wickelten wir uns daher wieder in unsere Decken, und während Regen und schmelzender Schnee in einschläfernder Weise auf die Wände des Zeltes rasselten, befanden wir uns in einer Stimmung, die der von Gefangenen nicht ganz unähnlich war. Wir versuchten zu schlafen, wir rauchten, und lange dauerte es, ehe wir eine Unterhaltung in Gang brachten, der wir alle mehr oder weniger unsere Aufmerksamkeit zuwandten. – Wir sprachen zuerst von den Annehmlichkeiten, die ein wohleingerichteter Gasthof bei schlechtem Wetter gewährt, und gingen über zu den westlichen Ansiedlungen sowie zu dem schnellen Aufschwung von Städten, die durch ihre Lage begünstigt werden. Allmählich befaßten wir uns mit der Geschichte der Weltstadt St. Louis nahe der Mündung des Missouri, und sowohl Peacock als früherer Bewohner des Staates Missouri wie auch Egloffstein, der mehrere Jahre in St. Louis verlebt hatte, wußten uns manche interessante Mitteilungen über jenen Ort zu machen. Wer nun geneigt ist, seiner Phantasie einigen Spielraum zu gewähren, dem wird es nicht schwer werden, in Gedanken sich zu uns ins Zelt zu verfügen; ein Kohlenbecken steht zwischen uns; dasselbe hat einen doppelten Zweck: es erwärmt die Luft in dem engen Raum, und dann zünden wir uns auch das unentbehrliche ewige Pfeifchen bei diesem an; der Rauch hindert nicht, ebensowenig die Wassertropfen, welche an den schadhaften Stellen der Zeltleinwand durchschwitzen und uns mitunter auf den Kopf fallen; und während es draußen stürmt, regnet und schneit, erzähle ich im Zusammenhang etwas von der Geschichte der Weltstadt St. Louis. »Vor hundert Jahren war das Tal des Mississippi Eigentum der französischen Krone und weit und breit bekannt unter dem Namen Louisiana und Oberlouisiana oder Illinois. Der Sitz der Regierung über diesen ausgedehnten Landstrich befand sich in New Orleans, und dorthin hatten sich alle diejenigen zu wenden, die das Vorrecht, mit den Indianern Tauschhandel treiben zu dürfen, für sich in Anspruch nehmen wollten. D'Abadie war im Jahre 1762 Gouverneur von Louisiana, und dieser erteilte einem gewissen Pierre Liguste La Clède und seinen Genossen das Privileg, unter dem Namen ›Louisiana-Pelzkompanie‹ auf der Westseite des Mississippi und am Missouri hinauf bei den Eingeborenen Tauschverkehr einzuleiten und zu diesem Zweck überall, wo es ihnen förderlich und angemessen erscheinen sollte, Handelsposten anzulegen. La Clède trat im folgenden Jahr mit seiner Kompanie, in der sich die beiden Brüder Auguste und Pierre Chouteau befanden, deren Geschichte so eng mit der von St. Louis verflochten ist, seine Reise stromaufwärts an. Sorgfältig untersuchten die Abenteurer jeden hervorragenden Punkt des mächtigen Stroms, vermieden manche zu ihren Zwecken scheinbar geeignete Stelle, und erst als sie an den südlichen, von Missouri und Mississippi gebildeten Winkel gelangten, überzeugten sie sich, daß gerade dort der Punkt sei, an dem der Handel des Missouri vorteilhaft mit dem des oberen Mississippi vereinigt werden könne. Da, wo jetzt St. Louis blüht, stieg also La Clède ans Ufer. Eine schöne, wellenförmige Prärie dehnte sich nach allen Richtungen hin aus, Gruppen stattlicher Bäume belebten die weite Fläche, und ebensosehr eingenommen von der anmutigen Umgebung als auch von der vorteilhaften Lage jenes Punktes, beschloß er dort die Hauptstation für seine Handelsunternehmungen zu gründen. Es war im Jahre 1764, als La Clède Besitz von diesen Ländereien nahm, die ersten Bäume zu den Palisaden und Blockhäusern fällen ließ, und den Posten ›St. Louis‹ taufte. Er erhielt indessen nie eine Ahnung davon, zu welcher Wichtigkeit sich die von ihm auserwählte Scholle emporschwingen würde, denn er starb schon im Jahre 1778 auf der Reise von St. Louis nach New Orleans, also zu einer Zeit, als St. Louis erst ein blühender Handelsposten war. La Clèdes Gebeine ruhen in der Nähe der Mündung des Arkansas; die Stelle, wo man ihn in die Erde senkte, ist in Vergessenheit geraten; der Name des Gründers der großen Weltstadt aber lebt fort und wird von deren Einwohnern nur mit den Gefühlen der Dankbarkeit und Verehrung genannt. Die Gründung von St. Louis fällt mit dem Vertrag von Paris vom Jahre 1764 zusammen, kraft dessen Frankreich alle seine Besitzungen östlich vom Mississippi – mit Ausnahme von New Orleans – an England, dagegen die westlich von diesem Strom, zusammen mit New Orleans, an Spanien abtrat. Zu jener Zeit lebten auf der Ostseite des Mississippi oder im Illinois-Territorium schon mehrere tausend Franzosen, die mit der neuen britischen Regierung so unzufrieden waren, daß viele von ihnen ihre Zuflucht auf der Westseite suchten und in der Nähe von St. Louis kleine Niederlassungen gründeten, die jetzt teilweise zu nicht unbedeutenden Städten herangewachsen sind. Der Hervorragendste unter den Neuzuziehenden war ein gewisser St. Ange de Belleville, früherer Kommandant des französischen Militärpostens Fort Chartres. Dieser wurde gleich nach seiner Ankunft im Jahre 1765 von den Bewohnern der Provinz Oberlouisiana mit der Macht eines Gouverneurs bekleidet, und obgleich ihn die spanische Regierung nicht eingesetzt hatte, so wurde er doch von derselben gewissermaßen anerkannt. Erst im Jahre 1770 folgte auf St. Ange de Belleville der erste gesetzliche spanische Gouverneur, und diese Regierungsform wurde unter verschiedenen Gouverneuren bis zum Jahre 1804 beibehalten, wo dann das Territorium an die Vereinigten Staaten von Nordamerika fiel. Obgleich der kleine Ort als die Hauptstadt von umfangreichen Territorien betrachtet wurde, so bietet die erste Geschichte von St. Louis nur wenig hervorragende und erwähnenswerte Punkte. Die Einwohner, lauter Franzosen oder Abkömmlinge derselben, verleugneten nicht ihren Nationalcharakter, das heißt, sie bildeten eine fröhliche, gesellige, leichtherzige Gemeinde, die, zufrieden mit geringem Gewinn, in Vergnügungen jeglicher Art den höchsten Lebensgenuß fand. So wie die Handelsartikel auf die beschwerlichste Weise in Booten von New Orleans stromaufwärts bis St. Louis gebracht wurden, so zogen von hier aus die Kompanien der kühnen Pelzjäger alljährlich den Quellen des Missouri und des Mississippi zu, um dort unter Entbehrungen, Gefahren und den merkwürdigsten Abenteuern Felle und Pelzwerk von den Indianern einzutauschen. Hatten sie dann den Herbst und den Winter auf ihren gefährlichen Reisen hingebracht, so kehrten sie im Sommer auf ihren ausgehöhlten Baumstämmen und Rindenkanus mit den gewonnenen Schätzen heim, um während des Sommers jeder Mann seinen Anteil am Gewinn im fröhlichen, geselligen Zusammensein zu verjubeln. Zu einer gewissen Annehmlichkeit dieser sorglosen Menschen gehörte, daß sie, entgegengesetzt von ihren britischen Nachbarn, stets im freundschaftlichsten Verkehr mit den Eingeborenen lebten und also nie deren Raub- und Mordüberfällen ausgesetzt waren. Dieser Unterschied zwischen den beiden Nationen hat sich übrigens bis auf den heutigen Tag erhalten, und noch immer sehen wir, wie der französische Abkömmling, ohne sich oder seinem Wesen irgendwie Zwang anzutun, das vollste Vertrauen der Eingeborenen gewinnt, während die Engländer und ihre Nachkommen, die Amerikaner – nur mit wenigen Ausnahmen –, unfähig sind, das Herz der verschlossenen Indianer für sich zu gewinnen. Dieses Zusammenhalten der Franzosen mit ihren eingeborenen Freunden gab den ersten Anlaß zu einem Zwischenfall ernsterer Art, der die Ruhe der kleinen Ansiedlung zu untergraben drohte. St. Ange, der innig befreundet war mit Pontiac, dem berühmten Ottawa-Häuptling, erhielt im Jahre 1769 Besuch von diesem. Während Pontiac nun in St. Louis die aufrichtigste Gastfreundschaft genoß, erging an ihn eine Einladung von den Illinois- und Cahokia-Indianern auf dem östlichen Ufer des Mississippi, einem großen Fest beizuwohnen. Pontiac, der keine Ahnung von Feinden unter diesen Stämmen hatte, leistete der Einladung Folge, und dieser große, weithin berühmte Krieger verlor bei jener Gelegenheit durch verräterische Hand sein Leben. Nach einem Gerücht wurde die schändliche Tat durch einen Kaskaskia-Indianer vollbracht, der von einem englischen Pelztauscher dazu gedungen war. Pontiac hatte nämlich seinen weitreichenden Einfluß unter den Missouri-Stämmen immer dazu benutzt, den ganzen indianischen Verkehr seinen Freunden in St. Louis zuzuwenden, und sein Untergang war deshalb schon längst von den Bewohnern von Illinois herbeigewünscht worden. Die Achtung und Liebe, die der große Häuptling sowohl unter der indianischen Bevölkerung als auch unter den Einwohnern von St. Louis genossen hatte, rief eine furchtbare Erbitterung am Missouri hervor, und in vieler Beziehung unterstützt von den Franzosen, hielten die Ottawas ein schreckliches Strafgericht auf der anderen Seite des Mississippi, und ihrer Rache fielen fast alle Illinois-Indianer zum Opfer. Die Leiche Pontiacs wurde von seinen Freunden nach St. Louis gebracht und in der Nähe des einen Forts feierlich bestattet. Eine Straße führt jetzt über das Grab des großen Kriegshäuptlings. Lange Zeit verging, ohne daß die Ruhe in der sehr langsam wachsenden Ansiedlung St. Louis wieder gestört worden wäre. Das Jahr 1779 rückte heran, die junge Republik von Nordamerika befand sich inmitten des Kampfes um ihre Unabhängigkeit, in den bis dahin die spanischen Besitzungen und mit diesen auch St. Louis noch nicht verwickelt gewesen waren – da erreichte plötzlich die Bewohner von St. Louis die Nachricht, daß der englische Kommandant von der Insel Mackinaw im Michigansee einen Überfall beabsichtige, und der Flecken wurde infolgedessen mit Befestigungen umgeben. Die Befestigungen nun waren der einfachsten Art: eine doppelte Palisadenreihe wurde um den Ort herumgeführt, der Zwischenraum zwischen dem Pfahlwerk mit Erde ausgefüllt, und nur drei Öffnungen wurden als Tore in diesem Wall gelassen. An den äußersten Enden ihres Städtchens, von wo aus sie imstande waren, die Tore mit einigen Kanonen vollkommen zu beherrschen, errichteten die vorsichtigen Leute sodann zwei kleine Forts. Fast ein Jahr war seit den ersten beunruhigenden Nachrichten verflossen, als plötzlich 1400 Indianer, angeführt von 140 britischen Soldaten, in jener Gegend, aber auf der britischen Seite des Stroms, erschienen und sich auf dem Ufer gegenüber von St. Louis in Hinterhalt legten. Der Überfall der Ansiedlung war auf den 26. Mai verabredet worden; und zum Glück auf diesen Tag, denn da am 25. Mai das Corpus-Christi-Fest gefeiert wurde, wo sich alle Einwohner zum Erdbeerpflücken hinausbegeben hatten, würde es dem Feind ein leichtes gewesen sein, die Ansiedlung samt ihren Bewohnern gänzlich zu vernichten. Der unvorhergesehene Angriff erfolgte also am 26. Mai; es fielen als erstes Opfer gegen zwanzig Menschen, die mit Feldarbeiten außerhalb der Palisaden beschäftigt waren, und die Leichen derselben wurden noch zum Überfluß auf die scheußlichste Art zerhackt und zerschnitten. Nach diesem Vorspiel stürzten sich die blutdürstigen Angreifer auf die Befestigungen, doch stießen sie dort auf einen so heftigen Widerstand, daß sie nach großem Verlust und nach manchem erfolglosen Versuch, die Tore zu stürmen, zum Rückzug gezwungen wurden. Innerhalb der Palisaden befanden sich nur gegen hundertfünfzig kampffähige Männer, denn die spanischen Soldaten, die den Franzosen zur Seite stehen sollten, verbargen sich feige, und da sogar Beweise gegen den damaligen Gouverneur Leiba vorlagen, daß er durch den Verkauf von Munition sich des Verrats schuldig gemacht hätte, so erforderte es die äußerste Anstrengung des kleinen Häufchens der tapferen Jäger, um nicht in diesem ungleichen Kampf zu unterliegen. Wie die Feinde gekommen waren, so zogen sie sich auch, und zwar wider alles Erwarten, gänzlich zurück, was der Nähe eines Haufens von fünfhundert Amerikanern zugeschrieben wurde, die den im Kampf gegen die Engländer verbündeten und hart bedrängten Franzosen zu Hilfe eilten. Der mißglückte Überfall hatte zur Folge, daß der Nachfolger des verräterischen Leiba St. Louis stärker befestigte; Bastionen entstanden, ein Turm wurde errichtet, Forts wurden angelegt und mit Kriegsmaterial versehen, doch hatten die Einwohner nie wieder Gelegenheit, zur Verteidigung ihrer Stadt aufzutreten. Der Rest der Geschichte von St. Louis unter spanischer Oberherrschaft, die nur noch bis zum Jahre 1800 reichte, ist arm an besonders hervorragenden Ereignissen; die Bevölkerung lebte patriarchalisch, nach gewohnter Weise, und merkwürdige Zwischenfälle und außergewöhnliche Ereignisse brachte sie gleichsam kalendarisch in ihre Jahrbücher. So ist zum Beispiel das Jahr 1785 infolge der Überschwemmungen des Mississippi ›L'année des grandes eaux‹ genannt worden; 1788 erhielt den Namen ›L'année des dix bateaux‹, weil zehn kleine Boote zu gleicher Zeit von New Orleans heraufgekommen waren – ein Umstand, der zu damaliger Zeit wichtig genug war, als ein Ereignis betrachtet zu werden. Die zehn Schiffe waren übrigens gegen die Flußpiraten ausgerüstet worden, gegen die die langsam stromaufwärts reisenden Handelsboote beständig auf ihrer Hut sein mußten. Die reiche Honigernte, die 1792 die wilden Bienen lieferten, wurde ebenfalls in den Annalen vermerkt; ferner der kalte Winter von 1799, in dem das Thermometer bis auf 32° unter Null fiel. Auch das Jahr 1798 war nicht ohne ein Ereignis geblieben, das ihm einen Namen verschaffte: einige Galeeren hatten nämlich Truppen von New Orleans heraufgebracht, und es entstand deshalb die Bezeichnung ›L'anéee des galères‹. 1801 war das Jahr der Blattern, und von dort ab erhielt die Geschichte von St. Louis einen ganz anderen und ernsteren Charakter. Nachdem St. Louis als zu Louisiana gehörend im Jahre 1800 an Frankreich zurückgefallen war, wurde dieser Staat im Jahre 1803 durch Vertrag an die Vereinigten Staaten für den Preis von 15 Millionen Dollar abgetreten und von letzteren am 10. März 1804 mit allen Förmlichkeiten übernommen. Im Jahre 1800 zählte St. Louis gegen 150 Häuser mit 925 Einwohnern. Im Jahre 1804 befanden sich dort erst zwei angloamerikanische Familien, doch zogen immer mehr Mitglieder der angelsächsischen Rasse zu, und mit diesen fand auch deren eigentümlicher Unternehmungsgeist seinen Weg in die damals noch abgelegenen Regionen, und es begann sich zu zeigen, daß St. Louis zu etwas anderem als zu einer bloßen Pelztauscherstation bestimmt sei. Im Jahre 1817 gelangte das erste Dampfboot, das in dem weiter südlich gelegenen Louisville erbaut worden war – zum Erstaunen der weißen Bevölkerung und zum Entsetzen der Eingeborenen ohne Segel oder Ruderstangen gegen die heftige Strömung arbeitend – nach St. Louis, dem im Jahre 1819 andere von New Orleans aus nachfolgten. Mit dem vergrößerten Verkehr auf dem Mississippi durch die unglaublich schnell wachsende Zahl der Dampfboote wurde auch die Wichtigkeit der Lage von St. Louis mehr hervortretend, und man kann in diesem Fall wohl mit Recht annehmen, daß Kolonisation und Zivilisation fast ausschließlich mittels Dampfkraft nach den Ufern des Mississippi und des Missouri befördert wurden. Wohl selten steigerte sich die Zunahme der Einwohnerzahl, und mit dieser auch der Wert des Grundbesitzes, einer Stadt in so verhältnismäßig kurzer Zeit in einem so hohen Grade und zugleich auf so nachhaltige Weise wie in St. Louis. Diese Stadt zählte im Jahre 1800, wie oben bemerkt, nur 925 Einwohner, zehn Jahre später erst 1400; im Jahre 1815 schon 2000; im Jahre 1820 4598 und im Jahre 1833 6000 Einwohner. Von nun ab begann aber die Einwohnerzahl sich alle fünf Jahre zu verdoppeln, und zwar belief sich die Seelenzahl im Jahre 1838 auf 13 000; im Jahre 1843 auf 25 000; 1848 auf 50 000 Einwohner, und im Jahre 1853 hatte St. Louis eine Bevölkerung von 100 000 Seelen. Schienenwege verbanden die Stadt mit den bedeutendsten Orten auf dem Kontinent, und 266 dorthin gehörende oder verkehrende Dampfboote, von denen keins unter sechzig Tonnen Last, einige aber mehr als 700 Tonnen trugen, wandelten diese gleichsam in eine Hafenstadt um. Wo also vor hundert Jahren der schnellfüßige Ottawa-Indianer den zottigen Bison und den schwarzen Bären jagte, da erhebt sich jetzt die stolze Weltstadt. Noch keine hundert Jahre sind seit deren Gründung verflossen, doch weit über hunderttausend Menschen drängen sich dort zusammen, und wenn auch in vielfachem Hader unter sich über Regierungsform und Sklavenhandel, genießen sie doch ungestört die Früchte, die ihnen aus einem rastlos tätigen Leben des Handels, des Verkehrs und nie endender Spekulationen ersprießen.« Zweiundzwanzigstes Kapitel Reise durchs zweite Tal – Wassermangel – Aussicht auf das Aquarius-Gebirge – Lager an der Wallpay-Quelle – Der gesellige Verkehr mit den Führern – Der Ruhetag – Die erste Antilope – Die beiden Wallpays – Aufbruch von der Quelle – Die Hochebene – Music Mountains – Der Wallpay-Führer – Niedersteigen in die Wallpay-Schlucht – Lager in derselben – Warme Quelle – Aussicht in die Felsenschlucht – Besuch der Wallpays – Reise abwärts in der Wallpay-Schlucht – Die prachtvollen Felsformationen – Die Eingeborenen in der Schlucht – Der schwierige Weg – Ankunft am Diamond Creek Das ungünstige Wetter, das uns während des größten Teils des Tages in den Zelten festgehalten hatte, legt sich endlich in den Nachmittagsstunden, die Wolken rissen auseinander, und träge um die Kuppen der Berge herumlagernd oder schwerfällig über dem beschneiten Tal niederhängend, ließen sie hin und wieder ein kleines Stückchen des schönen blauen Himmels durchblicken. Es war noch immer kalt, doch lud die erfrischte Atmosphäre zur Bewegung im Freien ein, und doppelt gern würden wir einer solchen Einladung Folge geleistet haben, wenn nicht der schlammige, schnell schmelzende Schnee in solchem Widerspruch mit unserem schadhaften Schuhzeug gestanden hätte. Wir beschränkten uns daher darauf, ein kleines Scheibenschießen mit Büchsen und Revolvern zu eröffnen, und ich weiß jetzt kaum zu sagen, worüber ich mehr Freude empfand – ob nun über einzelne der meisterhaften Schüsse oder über das Echo, das auf jeden Knall in dröhnender Weise ringsum antwortete. Als es zu dunkeln begann, war der Schnee bis auf kleine Anhäufungen in den Winkeln schon wieder verschwunden, und mit Freude gewahrten wir, daß Tropfen auf Tropfen von dem schwarzen Gestein niederrann. In unserer Hoffnung, am folgenden Morgen das kleine Felsenbassin mit Schnee- und Regenwasser gefüllt zu sehen, fanden wir uns aber getäuscht, denn die spärlich niederrieselnde Feuchtigkeit war schon unterwegs von den Ritzen und Spalten in dem porösen Gestein aufgesogen und der Vorrat der Quelle daher nur um ein geringes vermehrt worden. Er reichte indessen so weit, daß jedem Tier ein halber Eimer des trüben, übelschmeckenden Wassers verabreicht werden konnte, und etwas erfrischt durch dieses sowie auch durch die Ruhe, traten wir am 29. März unsere Weiterreise an. Es war ein klarer, schöner Morgen; der Schnee hatte der wärmeren Atmosphäre vollständig weichen müssen, und nur die Höhen der Gebirge schimmerten noch teilweise in der von der Morgensonne glänzend beleuchteten, weißen Hülle. Wir erreichten bald den Rand des Tals, und um eine vorspringende Hügelkette herumreitend, hatten wir wieder einen der Märsche vor uns, die so sehr ermüden, weil man das Ziel ständig vor Augen hat, durch die Bodengestaltung aber so leicht über die eigentliche Entfernung getäuscht wird. Wir schlugen auf Iretébas Rat die nordwestliche Richtung durch das Tal ein, die uns an das nördliche Ende einer kurzen, etwa fünfzehn Meilen langen Bergkette bringen mußte. Diese Bergkette lief parallel mit allen übrigen, das heißt von Norden nach Süden, und den schwierigeren Weg über diese hinweg vermeidend, suchten wir durch Umgehung uns dem darunterliegenden, bedeutenderen Gebirgszug zu nähern. Höher stieg die Sonne, und mit angenehmer Wärme trafen uns ihre Strahlen, als wir durch die tiefer gelegene Mitte des beckenförmigen Tals ritten; alles ringsum war öde, wüst und leer, abgestorbene Kräuter und Pflanzen bedeckten spärlich den tennenähnlichen Boden, und selten zeigte sich auf diesem der Abdruck der scharfen Nägel eines Wolfs oder eines Hasen. Nur die Mirage versuchte mit ihren Trugbildern die tote Einsamkeit zu beleben, indem sie uns bald wellenschlagende Wasserspiegel vorführte, bald die fernen Gebirge scheinbar in die wunderlichsten Formen zusammenknetete oder ausreckte. Gegen Mittag kamen wir am Rande eines umfangreichen Seebettes vorüber; dieses war trocken wie seine Umgebung, und nur an der Färbung des Bodens und der stärkeren, aber ebenfalls abgestorbenen Vegetation vermochten wir die Wasserlinien weithin zu unterscheiden. Zur späten Nachmittagsstunde erreichten wir endlich die Basis des nördlichsten Punktes des kurzen Bergrückens; unsere Straße lief dort wieder mit Beales Spuren zusammen, und diesen folgend, gelangten wir, stark ansteigend, um die Bergkette herum und zugleich auf den westlichen Abhang derselben. Als wir so in Beales Straße dahinzogen und vergeblich nach Merkmalen ausschauten, die uns die Nähe von Wasser verkündet hätten, verließ Iretéba die Spitze des Zuges, und sich uns nähernd, erklärte er durch leicht verständliche Zeichen, daß er nicht Lust habe, die Expedition in einer Richtung weiterzuführen, in der kein Wasser zu finden sei. Dafür wies er aber mit der Hand nach der östlichen Gebirgskette hinüber und gab zu verstehen, daß dort reichlich Wasser für uns und unsere Tiere vorhanden sei. Weitere Fragen und Erläuterungen ergaben, daß dasselbe aber noch gegen zwölf Meilen entfernt sei, und da wir schon fünfzehn Meilen zurückgelegt hatten und die leidenden Tiere sehr angegriffen schienen, so beschloß Lieutenant Ives auf Peacocks Rat, da, wo wir uns gerade befanden, die Nacht zuzubringen, und dann am folgenden Morgen mit dem Frühesten zu satteln und der Quelle zuzueilen. Für den Wasserbedarf der Menschen hatten wir gesorgt, indem wir stets einige mit Wasser gefüllte Fäßchen bei uns führten, doch für unsere Tiere gab es nichts, womit sie sich hätten laben können. Zum Glück wucherte in der Nähe nahrhaftes Gras im Überfluß, und dorthin wurde die Herde getrieben; doch war deren Durst zu überwiegend, als daß ihr die gute Weide von großem Vorteil hätte sein können. Nachdem die Lagerordnung hergestellt war, wurde ein Teil der Mexikaner ins Gebirge entsandt, um dort nach verborgenen Quellen oder in den Vertiefungen der Felsen zurückgebliebenem Schneewasser zu forschen. Auch Dr. Newberry, Egloffstein und ich beteiligten uns an dieser Aufgabe, wobei wir aber natürlich unsere entsprechenden Arbeiten mit im Auge behielten; denn während Egloffstein mit seinen Karten mühsam nach einer steilen Felsenkette hinaufkletterte, von wo aus er einen Überblick über eine umfangreiche Landschaft gewann, begab ich mich in der Gesellschaft des Doktors in eine Schlucht und gelangte in dieser bald tief ins Gebirge. Längere Zeit folgte ich den frischen Spuren einer wilden Katze, doch diese Jagd als fruchtlos erkennend, kletterte ich gemeinsam mit dem Doktor an den Felsenabhängen umher, wo es bald eine krause Zeder, bald eine schöne Tanne, bald malerisch übereinanderliegende Felsmassen, welche teils Trapp-, teils Granitformation zeigten, zu bewundern gab. In den Wasserrinnen entdeckten wir vielfach feinen, schwarzen Sand, der uns lebhaft an ähnlichen Sand in Kalifornien erinnerte, in dessen Nähe die Goldgräber gewöhnlich nicht vergebens nach dem edlen Metall suchen. Unsere Wanderung brachte uns allmählich nach der Höhe hinauf; es war kurz vor Sonnenuntergang, als wir dort anlangten, und der Anblick eines herrlichen, weiten Panoramas in der schönsten Beleuchtung belohnte uns für die Mühe des beschwerlichen Steigens. Wir standen auf dem Gipfel des nördlichsten Berges, und es hinderte also nichts die Aussicht auf die sanft ansteigende Ebene, die weit im Norden von blauen Gebirgszügen begrenzt war, deren anmutige Linien auf malerische Weise das Einförmige der ausgedehnten Fläche unterbrachen. Nur kurze Zeit weilten unsere Blicke auf dem westlichen Gebirgszug, dessen Fuß wir am Morgen erst verlassen hatten, desto länger aber betrachteten wir das östliche Gebirge, das sich, so weit das Auge reichte, von Norden nach Süden erstreckte und durch das zunächst unser Weg führen sollte. Dieses Gebirge erschien wie ein zerklüftetes Plateau, und da wir fast in gleicher Höhe mit ihm waren, vermochten wir tief in die mit Zedern und Tannen bewaldeten Schluchten hineinzublicken, die gleichsam den Übergang von den Talgründen zum Hochland bildeten. Ein schmales Tal, in dem das gewundene Bett eines Bachs deutlich erkennbar war, wand sich zwischen den beiden Gebirgszügen gegen Süden, und dessen Charakter bestärkte mich in dem Glauben, daß ich mich auf einem der Joche des Cerbat-Gebirges befinde, die Aquarius-Bergkette vor mir liege, ein Arm des Big Sandy sich tief unter mir der Bill Williams Fork zuschlängle und der Kaktuspaß in nicht allzugroßer Entfernung südlich von jenem Punkt liegen müsse. Wir kehrten ins Lager zurück; auch die ausgesandten Mexikaner stellten sich einer nach dem anderen wieder ein, doch war kein einziger so glücklich gewesen, auch nur soviel Wasser zu finden, als nötig gewesen wäre, um ein einziges Maultier zu tränken. Nachdem wir uns deshalb zu einem frühen Aufbruch vorbereitet hatten, begaben wir uns sehr bald zur Ruhe. Als die Sonne am 29. März den Aquariusbergen entstieg, wanderten unsere Tiere schon gesattelt im Lager umher, und bald darauf ritten wir in südöstlicher Richtung in das lange Tal hinab. Die Unebenheiten des Bodens, die sich der Niederung zu vergrößerten, zwangen uns, am Abhang der Berge unseren Weg zu verfolgen, und erst nach Zurücklegung von einigen Meilen gelangten wir an das trockene Bett des Bachs, der das Tal in zwei Hälften teilte. Hier nun überzeugte ich mich leicht, daß das sich dort zeitweise ansammelnde Wasser nicht, wie ich am vorhergehenden Tag von den Höhen aus vermutete, südlich abfloß, sondern in entgegengesetzter Richtung sich dem obenerwähnten See zugesellte. Dieser Umstand rief einige Zweifel bei mir hervor, ob wir wirklich die Aquariusberge vor uns hätten; als ich aber an dem ausgetrockneten Bach hinaufritt, gewahrte ich bald, daß das Tal durch eine Wasserscheide getrennt war und daß in geringer Entfernung von dem Punkt, wo die Schluchten sich zu einer Wasserrinne vereinigten, die sich gegen Norden senkte, ein zweites Bett auf gleiche Weise entstanden war, dessen Richtung entgegengesetzt verlief. Jetzt erst glaubte ich mich für überzeugt halten zu dürfen, daß wir uns nur eine oder zwei Tagesreisen nördlich vom Kaktuspaß befanden. Wir blieben ungefähr sechs Meilen in dem Tal, das trotz der anmutigen Abwechslung von Felsen, Hügeln, Niederungen und den diese durchfurchenden Wasserrinnen in Wirklichkeit nur einer öden Wüste glich, und bogen dann in eine breite, talähnliche Schlucht, die in östlicher Richtung einen Paß durch das Gebirge zu bieten schien. Dichte Gruppen von Weidengebüschen und vereinzelte grünende Cottonwood-Bäume bezeichneten hier einen zeitweise wasserreichen Bach, doch blieben unsere Forschungen nach zurückgebliebenen Lachen oder Pfützen erfolglos, und Meile auf Meile schleppten wir uns mit unseren durstigen Tieren in der wilden Schlucht weiter, in die kein kühlendes Lüftchen seinen Weg fand, wohl aber die Sonnenstrahlen mit ihrer versengenden Glut. Seit dem frühesten Morgen hatte ich unter den Felsmassen, die uns von allen Seiten umgaben, abwechselnd Granit und Trapp beobachtet; hier in diesem Paß aber schienen beide Formationen streng voneinander geschieden zu sein, denn links von uns erhoben sich mächtige Granitwände, während auf der anderen Seite Trapp und Basalt sich hoch aufeinander türmten. Bei unserem weiteren Fortschreiten nahmen die massiven Felsmassen mehr den Charakter von Hügeln verwitterten Gerölls an, und dichter bedeckten verkrüppelte, aber frisch grüne Zedern deren Höhen. Zwölf Meilen waren geritten, als wir in dem nördlichen Winkel eines kleinen Tals die gesuchte Quelle entdeckten, die in starkem Strahl zwischen Granitblöcken hervorsprudelte. Diese floß als kleiner Bach bis in die Mitte der Niederung, wo sie im losen Boden versank; zwischen den Felsen dagegen bildete sie ein tiefes Bassin, und wir beschlossen in der Nähe desselben unser Lager aufzuschlagen. Schon auf der letzten Meile hatten die Tiere die Nähe des Wassers gewittert und ihre Schritte beschleunigt, als sie aber den Bach erblickten, war an kein Zurückhalten mehr zu denken; mit einer Leichtigkeit, als ob sie von ihren Lasten befreit gewesen wären, stürzten sie zum Wasser, und zum erstenmal seit vier Tagen tranken sie, ohne daß ihnen die kärgliche Labung zugemessen wäre oder daß man sie von dieser ganz zurückgescheucht hätte. Ebenso lange hatte aber auch niemand von uns das verstaubte Gesicht und die Hände mit erfrischendem Wasser benetzen oder reinigen können, und wie bei unserer Ankunft die Tiere dichtgedrängt am Bach standen, so bildeten sich, nachdem jeder im Lager sich häuslich eingerichtet hatte, vor der Quelle in gleicher Weise Gruppen von Menschen, die gar nicht müde wurden, sich gegenseitig ganze Eimer voll Wasser über Kopf und Körper zu gießen. Andere legten sich vor der Quelle nieder, um von dem prachtvollen, kühlen Trank zu schlürfen und danach von neuem mit Baden und Waschen zu beginnen, oder sie tauchten die Kleidungsstücke, die nicht augenblicklich in Gebrauch waren, in den rieselnden Bach, breiteten sie dann zum Trocknen in der Sonne aus und nannten ein solches Verfahren hinterher »große Wäsche halten«. Wer in seinem Leben noch niemals die köstlichste aller göttlichen Gaben entbehrte, wer noch nie die Qualen eines anhaltenden Durstes erduldete und durch Trockenheit der Zunge und des Gaumens die Sprache verlor, wer noch nie diese Leiden an seinen Mitmenschen und an Tieren beobachtete, ohne helfend einschreiten zu können, der vermag es nicht zu fassen, was die Natur ihren Geschöpfen in diesem Element darreichte. Leute, die an ein Leben des Überflusses gewöhnt sind, ja Leute, die ihren Nebenmenschen als Lehrer und Vorbild dienen sollen, heften ihre Blicke auf den mit Wein und Leckerbissen beladenen Tisch und ergehen sich in frommen Dankesworten für die schönen, süßen Gaben, ohne dabei des Wassers zu gedenken. Diese sogenannten Heiden aber in Afrikas Steppen, wenn sie halb verschmachtet vor der rettenden Quelle niedersinken, richten ihre Blicke gegen Osten, und ehe sie die bebende, halbverdorrte Lippe ins Wasser tauchen, murmeln sie mit heiserer Stimme und andächtigem Herzen: »Gott ist groß!« Wie ich jetzt unsere Ankunft bei der Quelle beschreibe, tritt mir deutlich alles vor die Seele, was ich damals beim Anblick des kristallklaren Wassers empfand. Die Not hatte freilich ihren höchsten Gipfel noch nicht erreicht, doch die Freude und die Dankbarkeit, mit der wir die Quelle begrüßten, waren groß, und es mag dies als Entschuldigung dafür hingenommen werden, daß ich so lange bei der Beschreibung von Umständen verweile, deren Erwähnung von vielen – und vielleicht mit Recht – als überflüssig und ermüdend getadelt wird. Obgleich das Wasser der Quelle in geringer Entfernung versank, so unterlag es doch keinem Zweifel, daß dasselbe auf unterirdischem Weg die Richtung nach Bill Williams Fork einschlug, also in keiner Beziehung zum Yampai-Bach stand, der sich in den Colorado Chiquito, also in entgegengesetzter Richtung, ergießt. Das Felsenbassin, das ich oben erwähnte, war übrigens nur ein natürliches Reservoir, das sich am Fuße einer Abstufung im Gestein befand und das weiter oberhalb entspringende Wasser aufnahm. Oberhalb der Abstufung befand sich das vielfach gewundene Bett eines Bachs, das ebenfalls nur auf einer kurzen Strecke Wasser hielt und seinen Überfluß hinab in das Felsenbecken sandte. Ich nehme also an, daß jene Quelle die Fortsetzung eines höhergelegenen Bachs ist, der aber nur in nassen Jahreszeiten sein Bett ausfüllt, bei anhaltender Dürre dagegen langsam unter der Oberfläche des Bodens fortrieselt und nur da zutage tritt, wo Felsen seinen unterirdischen Lauf hemmen. Selbst die schwachen Adern, die sichtbar den Spalten der Granitfelsen entsprangen, halte ich für Wasser desselben Bachs, das sich in das geborstene Gestein hineindrängte und dann auf der anderen Seite einen Ausweg suchte. Der Abend fand uns in gemütlicher Unterhaltung mit den Indianern, mit denen wir uns immer besser verständigen lernten. Iretéba äußerte die Absicht, von dort aus wieder nach seinem heimatlichen Tal zurückzukehren, und es erforderte einige Überredung von unserer Seite, ihn in seinem Entschluß wankend zu machen. Es war diesmal mehr Anhänglichkeit von ihm als Aussicht auf erhöhten Lohn, was ihn dazu veranlaßte, unseren Wünschen nachzugeben. Mit seinen beiden Mohave-Gefährten und mit dem Yuma dagegen stand es anders; die drei ausgelassenen Burschen schienen nämlich für weiter nichts als für Tabak Sinn zu haben, und wenn Iretéba es gestattet hätte, würden sie für solchen mit uns bis ans Ende der Welt gereist sein. Sie waren ebenfalls beliebt bei der ganzen Expedition, und da wurde es ihnen denn nicht schwer, sich von jedem einzelnen Mitglied fast täglich etwas Tabak zu erbitten oder für kleine Dienstleistungen zahlen zu lassen. Sie waren mit allem zufrieden, selbst ein Stückchen, so groß wie eine Erbse, verschmähten sie nicht, und da sie ihren Vorrat stets verheimlichten, dabei aber vorzogen, ihn zusammenzuhalten und dafür mitunter einige Züge aus unsern Pfeifen zu tun, so gelangten sie allmählich auf systematische Weise in Besitz von mehr Tabak, als irgendeiner von uns noch übrigbehalten hatte. Erst am Tag ihres Abschieds zeigten sie uns jubelnd und triumphierend ihre Schätze, wohl wissend, daß es niemandem einfallen würde, sie auch nur um ihren mit Mühe zusammengebettelten Reichtum zu beneiden. Seit unserer Abreise vom Colorado war übrigens eine bedeutende Veränderung in dem Äußeren unserer braunen Freunde vorgegangen. Als vollständig unbekleidete Krieger hatten sie ihre Heimat verlassen, und jetzt prangten alle mehr oder minder in Kleidungsstücken, die ihnen von dem einen oder dem anderen der Expedition geschenkt worden waren. Die schönen, regelmäßigen Gestalten verloren natürlich in einem Schmuck, der nicht nach den Regeln der Zivilisation, sondern nach indianischem Geschmack verwendet war, und komisch-steif und gezwungen erschienen die Bewegungen der sonst so gelenken, wohlgeformten Glieder. In den meisten Fällen waren ihnen die Kleidungsstücke zu eng und zu kurz, und es bedurfte vielfach des Auftrennens von Nähten, ehe ein Rock auf dem breiten Rücken passen wollte. Übrigens nahmen es die harmlosen Burschen nicht so sehr genau mit dem Anzug, und ich erblickte sogar einmal die Arme und einen Teil des Oberkörpers in einer Hülle, die ursprünglich für die Beine bestimmt war. So eigentümlich verunstaltet unsere Führer auch erschienen, so blieben ihre offenen, fröhlichen und gutmütigen Gesichter doch unverändert, und diese Leute zeichneten sich durch eine Gefälligkeit und Dienstfertigkeit aus, die man nur zu oft an der weißen Bevölkerung vermißt. Wenn wir z. B. an Ruhetagen Ausflüge in die nahen Gebirge zu unternehmen beabsichtigten und zu diesem Zweck Begleitung wünschten, so waren unsere Indianer stets auf den ersten Wink bereit, sich jedem von uns anzuschließen und unverdrossen mit ihren nackten Füßen den Tag über zwischen scharfem Gestein und Dornen umherzusteigen. Doch auch im Lager wußten sie sich nützlich zu machen; sie schleppten Holz und Wasser herbei, und zwar nicht allein für unsere beiden Köche, sondern auch für die Soldaten und Mexikaner arbeiteten sie, und an jedem Feuer und unter jeder Gesellschaft schienen sie sich gleich heimisch zu fühlen; überall wurde ihnen Speise im Überfluß gereicht, und nie richteten sie vergebens das Wort »smoke« an jemanden, der das brennende Tonpfeifchen zwischen den Zähnen hielt. Diese Indianer, die erst in den letzten Jahren, während ihres mehrfachen Verkehrs mit den Weißen, einen Begriff vom Tabakrauchen erhalten hatten, schienen durchaus nicht der Wirkung unterworfen zu sein, den das brennende, narkotische Kraut auf diejenigen ausübt, die erst anfangen, sich der gerade nicht lobenswerten Gewohnheit zu ergeben. Ganz verschieden von allen übrigen amerikanischen eingeborenen Rauchern atmen sie den blauen Dunst in ihre Lungen ein und geben ihn dann nach einiger Zeit wieder in Wolken von sich, wobei sie es nicht an Zeichen des größten Wohlbehagens und der Wollust fehlen lassen. Sogar Kinder von acht Jahren sah ich begierig die ihnen dargereichte Pfeife ergreifen und mit einer Art Heißhunger den Tabakrauch verschlingen. Mit Rücksicht auf den Zustand unserer Herde wurde beschlossen, den 31. März an der Quelle liegenzubleiben. Es war wiederum ein klarer, sehr warmer Tag, und angelockt von der wilden Umgebung, brach schon am frühen Morgen ein Teil unserer Leute auf, um nach Wild in den sich kreuzenden Schluchten umherzuspüren. Da Egloffstein schon Iretéba zu seinem Begleiter gewonnen hatte, so wählte ich den zutraulichen Hamotamaque zum Gefährten und erstieg das Hochland in südlicher Richtung, wo ich auf Antilopen zu stoßen erwartete. Ich fand mich indessen in meinen Hoffnungen getäuscht; zwar erblickte ich frische Spuren größeren Wildes, doch beschränkte sich meine Beute nur auf kleine Vögel, die ich meiner Sammlung einverleibte, unter diesen einen Lerchenhabicht, eine Art Bachstelze und einen Finken. Auch einige Amphibien erhielt ich durch meines Begleiters Hilfe, und besonders interessant waren mir einige graue Frösche, die nahe der Quelle in den Felsspalten umhersaßen und durch abgebrochenes Krächzen ihre Schlupfwinkel verrieten. Als ich ins Lager zurückkehrte, traf ich fast zu gleicher Zeit mit einem der Soldaten ein, dem es gelungen war, eine Antilope zu erlegen, die er dann mittels eines Maultiers herbeischaffte. Es war ein schönes Exemplar der Antilocapra Americana, von der Professor Baird in Washington jetzt zwei verschiedene Spezies nachweist, die man sonst nur für eine gehalten hat. Die zweite »Antilopenart«, auf die ich mich in obigem Text beziehe, ist die weiße Ziege der Rocky Mountains oder »Bergziege«. Auf meinen Jagdzügen durch das westliche Nordamerika bin ich nie auf eine solche gestoßen, wohl aber auf Bergschafe und Antilopen. Das Tier wurde zerlegt und ausgeteilt, und das Fleisch reichte doch so weit, daß für die ganze Expedition zwei kleine Mahlzeiten erzielt werden konnten. Es war eine Art Festessen, dessen wir uns erfreuten, denn obgleich die dortige Gegend nicht arm an Wild ist, so wird bei dergleichen Expeditionen doch verhältnismäßig selten ein Hirsch oder eine Antilope erbeutet. Das Geräusch, mit dem ein starker Train reist, kann wohl als Grund dafür angegeben werden, und sich jagend aus dem Bereich desselben zu weit zu entfernen, ist in jenen Wildnissen für den einzelnen nicht immer ratsam, indem einesteils die Gefahr des Verirrens wohl zu bedenken ist, dann aber auch, weil die Eingeborenen auf jede Gelegenheit lauern, abstreifende Jäger ihrer Kleidung und Waffen wegen aus einem Hinterhalt zu überfallen und zu erschlagen. Als wir gegen Abend gemächlich vor den Zelten umherlagen, drangen plötzlich von einer entfernteren Höhe die lauten, kreischenden Stimmen von einigen Indianern zu uns herüber. Dieselben richteten augenscheinlich Fragen an unsere Führer, die in ähnlicher Weise antworteten und die Fremden zugleich aufforderten, zu uns in das Lager herabzukommen, was jene aber zur nicht geringen Belustigung der Mohaves aus Furcht vor den weißen Menschen ablehnten. Da die dortigen Gebirgsindianer eine genaue Kenntnis des Landes besitzen mußten – eine Kenntnis, die von größter Wichtigkeit für unsere Expedition sein konnte –, so drangen wir in unsere Führer, einige dieser Wilden herbeizuschaffen. Alsbald begaben sich denn auch Iretéba und Hamotamaque auf den Weg, und es dauerte keine Viertelstunde, bis sie sich auf der Höhe bei den scheuen Gebirgsbewohnern befanden. Wir beobachteten die Gesellschaft durch ein Fernrohr und waren überrascht vom großen Unterschied im Äußeren dieser Mitglieder von benachbarten Stämmen. Wie hagere, zu früh gealterte Kinder nahmen sich die fremden Indianer gegen unsere stämmigen Mohaves aus, und an den Bewegungen der ganzen Gruppe vermochten wir zu erkennen, daß Iretéba sich eifrig bemühte, das Gefahrlose eines Besuchs im Lager auseinanderzusetzen, und daß man seinen Worten keinen Glauben schenken wollte. Nach langem Hin- und Herreden entschlossen sich endlich zwei von ihnen, unseren Führern zu folgen, während drei oder vier auf der Höhe sitzen blieben, um das Schicksal, dem die beiden nach ihrer Ansicht gewiß tollkühnen Gefährten entgegengingen, kennenzulernen. Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck komischer Geringschätzung stellte uns Iretéba die Fremdlinge als Wallpay- oder Huallepay-Indianer vor, während Hamotamaque, Colhokorao und Juckeye sich augenscheinlich auf Kosten der beiden kleinen, verlegenen und furchtsamen Gestalten belustigten. Es waren ein junger und ein alter Mann und so unsauber aussehende Gesellen, wie man sie nur in den Gebirgswildnissen zu finden vermag. Ihre Kleidung bestand aus einem hirschledernen Jagdhemd und ebensolchen Halbstiefeln, die, vielfach zerrissen und stellenweise notdürftig geflickt, von sehr langem Dienst zeugten. Ihre Figuren waren unter der mittleren Größe, jedoch regelmäßig gebaut und besonders die Muskeln an den Beinen ungewöhnlich stark hervortretend. Ihre Züge boten durchaus den indianischen Typus, und in den scheuen Blicken war der Ausdruck des Mißtrauens nicht zu verkennen. Der jüngere von den beiden, ein Bursche von ungefähr achtzehn Jahren, gewann, nachdem er sich überzeugt hatte, daß keiner von uns ihm übelwollte, sehr bald seine Fassung wieder und ließ sich sogar willig finden, uns auf der ferneren Reise als Führer zu begleiten, doch vermochte selbst Iretéba ihn nicht dazu zu bewegen, sogleich die erste Nacht bei uns im Lager zu bleiben. Mit Einbruch der Nacht entfernten sich die Wallpays, und wir glaubten dadurch hinlänglich Grund zu haben, die Hüter zur Wachsamkeit aufzumuntern, denn trotz der Geschenke, die diese Wilden erhalten hatten, würden sie doch einen günstigen Augenblick benutzt haben, einige unserer Tiere in die nächsten Schluchten zu treiben oder auch des Fleisches wegen zu erschießen. Wir gaben uns die größte Mühe, ein Wortverzeichnis des Wallpay-Stammes zu sammeln, doch Ireteba, der unsere Absicht wohl verstand, erklärte uns, daß die Wallpay-Sprache auch die der Mohaves sei, und er glaubte solches nicht besser beweisen zu können, als daß er einzelne Mohave-Worte, die wir schon kannten, wiederholte und sie dann für Wallpay-Bezeichnungen ausgab. Obgleich die Prüfung, der wir die Wallpays unterwarfen, dasselbe Ergebnis lieferte, so bin ich doch nicht gänzlich davon überzeugt, daß Stämme, die in ihrem Äußeren wie auch in ihren Sitten und Bräuchen eine so große Verschiedenheit zeigen, in ihrer Sprache kaum durch einen Dialektunterschied getrennt sein sollten. Die gute Aufnahme, die die Fremdlinge am vorhergehenden Tag bei uns gefunden hatten, brachte in der Frühe des 1. April mehrere dieses Stammes zu uns ins Lager. Wir waren schon mit dem Rüsten zum Aufbruch beschäftigt, doch hinderte mich dies nicht, den neuen Ankömmlingen, die sich schüchtern in unserer Nähe auf den Boden kauerten, meine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Diese glichen, was die Gestalt und Unsauberkeit anbetrifft, vollkommen unseren ersten Wallpay-Bekannten, nur daß einzelne sich noch widerlicher und abschreckender ausnahmen. So erblickte ich einen alten Mann, dessen zum Skelett vertrocknete Gestalt kaum mehr Ähnlichkeit mit einem menschlichen Wesen trug; in dicken Runzeln umgab die rindenähnliche Haut die dürren Knochen und verhältnismäßig starken Gelenke; die unsteten, blitzenden Augen lagen tief verborgen hinter faltenreichen Lidern; struppiges Haar umgab den auf dünnem Hals ruhenden Schädel, und einzelne schwarze Borsten entsproßten der breiten Oberlippe und dem spitzen Kinn. Beim Anblick dieses Menschen wurde man unwillkürlich an Kröten erinnert, und ich kann wohl sagen, daß ich unter den Eingeborenen Nordamerikas niemals einen Menschen erblickte, der mir mehr Ekel und infolgedessen auch mehr Bedauern eingeflößt hätte als dieses lebende Wallpay-Skelett, das mit Bogen und Pfeilen bewaffnet vor mir stand und mit der lüsternen Gier eines hungrigen Wolfs seine Augen auf den Maultieren haften ließ, die eins nach dem anderen mit dem Gepäck belastet wurden. Wir verließen endlich die Quelle, und geführt von Iretéba, der gemeinsam mit dem jungen Wallpay-Burschen uns an den Colorado zu führen versprochen hatte, gelangten wir in eine von Trappmassen gebildete Schlucht. Diese öffnete sich auf eine weite, wellenförmige Ebene, die strichweise mit lichten Zedernwaldungen bedeckt war. Wir befanden uns dort gegen 4000 Fuß über dem Meeresspiegel und nahe an 3000 Fuß über dem Colorado. Diesen Strom, der in jener Breite (36–37° n. Br.) einen weiten Bogen gegen Osten beschreibt, wiederzufinden und den Charakter des Landes, das er dort durchschneidet, kennenzulernen, war zunächst unsere Aufgabe, und wir lenkten deshalb unsere Schritte gegen Norden. Obgleich wir schon eine bedeutende Höhe erreicht hatten, so erblickten wir doch noch – und zwar vorzugsweise in östlicher Richtung – die plateauähnlichen Überreste einer Hochebene, die in früheren Zeiten unstreitig jene Fläche ganz bedeckt hatte. Diese Überreste erhoben sich gegen tausend Fuß über ihrer Basis und bestanden aus zahlreichen horizontalen Lagen festen Gesteins und nachgiebigerer Erdmassen. Leider kamen wir ihnen nicht nahe genug, um uns genaue Kenntnis vom Charakter derselben verschaffen zu können; wir benannten diese daher nach ihrer äußeren Erscheinung, und zwar Music Mountains. Dadurch nämlich, daß an den Abhängen die Erdschichten mit Zederngebüsch bedeckt, die Lagen des Gesteins aber nackt waren und diese parallelen Linien sich in merkwürdig regelmäßigen Zwischenräumen wiederholten, wurde wirklich an den schroffen Abhängen eine auffallende Ähnlichkeit mit Notenpapier hergestellt, die in dem Maße zunahm, als wir uns von denselben entfernten. Bis um die Mittagszeit hatte die von uns eingeschlagene Richtung uns ununterbrochen, aber nur in geringem Grade bergan geführt, dann aber begannen zahlreiche Schluchten in nordwestlicher Richtung das Hochland zu durchschneiden und das Einförmige der Umgebung auf eine für das Auge gefällige Weise zu unterbrechen. Niedrige Tannen und krause Zedern bezeichneten weithin die Schwellungen und Senkungen des Bodens, und wenn wir uns zufällig in der verlängerten Linie einer Hauptschlucht befanden, dann war es, als ob uns ein Blick in das Innerste der Erde gestattet gewesen wäre, denn tiefer und tiefer senkten sich die felsigen Uferwände hinab, bis sie in der Ferne chaotisch in violettem Nebeldunst ineinander verschwammen. Bis zum Rand der Ebene hatten unsere fünf Indianer gemeinschaftlich die Richtung des Weges angegeben, als wir aber in die erste Schlucht hinabstiegen, die sich gegen Nordwesten zu stark senkte, eilte der kleine Wallpay behende eine kurze Strecke voraus, um auf dem kiesigen Boden nach zurückgelassenen Spuren von Eingeborenen zu suchen. Ich beobachtete den Burschen aufmerksam und zweifelte nicht daran, daß er einen für uns unkenntlichen Pfad verfolgte, denn oft schritt er längere Zeit, ohne links oder rechts zu schauen, dahin, oft blieb er stehen und prüfte mit den Augen höchst bedächtig die Umgebung, forderte die jungen Mohaves auf, in verschiedenen Richtungen den Boden zu untersuchen, oder trabte auch selbst emsig hin und her, ähnlich einem Schweißhund, der die leitende Spur verloren hat. Mochte unser Führer auch vielfach vom Pfad abgekommen sein, so fand er diesen doch stets wieder, und wir gelangten allmählich bis dahin, wo derselbe mehr betreten war und daher auf die Nähe von Schlupfwinkeln der Eingeborenen deutete. Wider Erwarten fanden wir diese zerklüftete Wildnis von Hirschen reich belebt, doch konnten wir es nicht wagen, in dem Labyrinth von Schluchten jagend umherzustreifen, und nicht ohne Mühe vermochten unsere Tiere auf dem sich stark senkenden Pfad mit den leichtfüßigen Eingeborenen Schritt zu halten. Sechzehn Meilen waren wir seit dem frühen Morgen gereist und hatten, auf dem letzten Teil dieser Strecke niedersteigend, einen Höhenunterschied von 1500 Fuß überwunden. Während dieser Zeit umgaben uns fast unausgesetzt mächtige Hügel von Kohlenkalk, der gleichsam die starke Decklage des umfangreichen Hochlandes bildete, das sich etwas gegen Nordwesten senkte. Wir erreichten gegen Abend eine klare, aber lauwarme Quelle, die, umgeben von Rohr und Schilf, eine ungewöhnlich bequeme Gelegenheit zur Ruhe für die Nacht bot. Das Wasser eilte als kleiner Bach einige hundert Schritt in die Schlucht hinein, versank dort im Sand, doch der Richtung desselben nachblickend, gewahrte ich einige Cottonwood-Bäume und verkrüppelte Eichen, die vom erneuten Hervortreten desselben zeugten. Auf dem von der Quelle befruchteten Boden waren die Spuren einer kleinen Maispflanzung sichtbar, und kaum glaubte ich meinen Augen trauen zu dürfen, als ich einen Pfirsichbaum entdeckte, der einsam am Fuße eines nahen Hügels dem feuchten Boden seine Nahrung entnahm. Vielfach ergingen wir uns in Vermutungen über die Art und Weise, auf welche der Pfirsichkern, dem das Bäumchen entkeimte, seinen Weg in diese abgeschlossenen Regionen gefunden hatte, und wir nahmen an, daß er durch die Apachen vom Rio Grande dorthin gebracht und absichtslos, vom Zufall geführt, gepflanzt worden sei. Vor uns, in der Entfernung von etwa einer Meile, wurde die Schlucht von hohen, senkrechten Felswänden eingeengt, die dieselben regelmäßigen horizontalen Schichten und Lagen zeigten, die ich bei der Beschreibung der Music Mountains schon erwähnte. Die eigentliche Öffnung des geheimnisvollen Cañons, in den unser Weg am folgenden Tag hineinführen sollte, wurde noch durch einige vorspringende Hügel verdeckt, und so erstieg ich denn die nächste Höhe, um mir von dort aus eine Zeichnung von diesem so interessanten Punkt zu sichern. Ein Gewirr von regelmäßigen und unregelmäßigen Linien, erstere aber in überwiegender Zahl, drängte sich dort in ein merkwürdiges und zugleich schönes Bild zusammen. Wie mächtige Wälle mit senkrechten Mauern schoben sich die zerklüfteten Plateaus aneinander vorbei, in bunten Farben schimmerten ihre fast waagrecht linierten Abhänge, und dunklere Schatten verrieten die Stellen, an denen es tief in den Schoß der Erde hinabging. Zedernbüsche schmückten ringsum die wellenförmig aneinanderhängenden Hügel, aber hinter diesen erhob sich das nackte Gestein in den prachtvollsten Formationen und, verursacht durch die verschiedenen Entfernungen, in den zartesten und immer mehr verschwimmenden Schattierungen. Lautlose Stille herrschte in dieser öden, aber schönen Wildnis, doch zu dem Aufmerksamen sprach es aus totem Gestein wie aus grünenden Zedern und keimenden Halmen in leichtverständlicher Weise: »Erhaben ist die Natur in allen ihren Formen!« Ich stieg wieder zur Quelle hinab und wählte zu meinem Weg die nächste Richtung, die zufällig an einem steilen Abhang hinunterführte; das steinige Erdreich gab unter meinen Füßen nach, und untermischt mit verwitterten Trümmern von Kalkstein, rollten Fragmente von Sandstein, Marmor, weichen, schieferartigen Felsen und weiter unterhalb von Granit und Quarz vor mir hinab. Der Himmel hatte sich allmählich in einen dichten Schleier von Regenwolken gehüllt, so daß wir unsere Zelte gegen die etwa niederströmenden Wasser zu sichern begannen; mit der Dunkelheit aber, die sich pechschwarz in die Schluchten senkte, stellte sich auch ein starker Wind ein, dessen ursprüngliche Richtung wir, geschützt von allen Seiten, nicht zu erraten vermochten, der aber den Niederschlag der Wolken verhütete. Wir waren eben im Begriff, uns hinter unsere Zeltwände zurückzuziehen, als plötzlich nicht weit vom Wachtfeuer der Hüter ein anderes Feuer aufflammte und eine Rotte um dasselbe herumkauernder Eingeborene beleuchtete. Iretéba erkannte diese als Wallpay-Indianer und eilte auf Lieutenant Ives' Wunsch sogleich zu ihnen hin, um ihnen eine Einladung zu überbringen. Die Wilden schienen eine solche erwartet zu haben, und über unsere Absichten durch die Anwesenheit der Mohaves und des jungen Wallpay beruhigt, traten sie mit Iretéba furchtlos zu uns heran. Es waren dieselben kleinen, unsauberen und wild aussehenden Gestalten, wie ich sie weiter oben beschrieb; auch erblickte ich wieder die auffallend stark ausgebildeten Muskeln an den Beinen, was mir übrigens nicht mehr außerordentlich vorkam, seit ich mehr von dem heimatlichen Boden dieser Menschen kennengelernt hatte, auf dem diese von Kindesbeinen an darauf angewiesen sind, beständig mühsam kletternd sich ihren Unterhalt zu verschaffen. Der aus sechs oder sieben Mitgliedern bestehende Besuch schien uns seine freundlichen Gesinnungen darlegen zu wollen, denn gleich nach ihrer Ankunft reichten die häßlichen Schluchtenbewohner uns von ihrem schon zubereiteten Meskal, Meskal: ein aus dem Fleisch und den Fasern der Wurzeln der Agave bereiteter, wohlschmeckender Teig. der natürlich genommen und auch versucht wurde. Der Geschmack der in Tafelform gepreßten Kuchen erinnerte an Feigen und hatte durchaus nichts Widerliches. Im Vergleich aber mit der Masse eines solchen Kuchens war der darin enthaltene Nahrungsstoff nur sehr gering zu nennen und bestand aus einem honigähnlichen Saft, mit dem die zähen Wurzelfasern reich getränkt waren und den man mittels Kauens und Saugens von den ungenießbaren Bestandteilen trennen mußte. Bereitwilliger wurden zwei Hirsche hingenommen, die einer der Wallpays während des Tages erlegt hatte und die er uns zum Verkauf anbot. Der Größte und Ansehnlichste der wilden Bande, der in seiner äußeren Erscheinung seinen Kameraden in nichts nachgab, schickte sich endlich an, eine Rede zu halten, eine Rede, die unsere Mohaves höchlichst ergötzte, für uns aber nur ein anhaltendes Zetergeschrei war. Der freundliche Iretéba teilte uns mit, daß die Rede sehr schön und gut sei, daß sie die wärmsten Freundschaftsversicherungen und Schwüre der treuesten Aufopferung enthalte, daß er aber keinem von uns wünsche, in irgendeinem verborgenen Winkel unvermutet mit dem Redner und seiner Gesellschaft zusammenzutreffen, indem er dann nicht dafür einstehen könne, daß diese dann nicht ihre spitzen Pfeile auf verderbliche Weise anwenden würden. Ferner versicherte er, daß er, obschon mit den Wallpays befreundet, oder vielmehr von ihnen gefürchtet, auf der Heimreise nicht eher die Augen zum Schlaf schließen möchte, als bis er sich außerhalb des Bereichs dieses räuberischen Stamms befände. Bis tief in die Nacht hinein blieben die Gäste vor unseren Feuern sitzen und bezeugten durch viel Reden und Schnattern, welches Interesse ihnen unsere Gegenwart einflöße. Die dargereichten Pfeifen ergriffen sie auf ungeschickte Weise und rauchten daraus augenscheinlich mehr, um uns dadurch zu gefallen, als aus Liebhaberei. Beim besten Willen aber vermochten sie nicht ein tief gewurzeltes Mißtrauen gänzlich zu verstecken, ein Mißtrauen, das aus dem Bewußtsein entsprang, weiße Reisende verräterisch hintergangen, angefallen und auch ermordet zu haben. Auf der anderen Seite waren aber auch wieder einzelne von ihnen, wenn sie Expeditionen begegneten, von diesen ergriffen und zu unfreiwilligen Führern gemacht worden, ein Verfahren, das ihre feindseligen Gefühle noch mehr angeregt hatte. Natürlich waren dergleichen Gefangene bei der ersten Gelegenheit stets wieder entsprungen und hatten die Gewaltsamkeit der Weißen, die in solchen Fällen gewöhnlich von der bittersten Notwendigkeit herbeigerufen war, mit einigen unter die Maultierherde entsandten Pfeilen vergolten, die dann mit Büchsenkugeln beantwortet wurden. Unter solchen Verhältnissen konnten diesen unbändigen Menschen ihre Scheu und ihr Mißtrauen kaum verdacht werden, und mit ihren beschränkten Ansichten über die Zwecke unseres Erscheinens unter ihnen zeigten sie noch viel Mut, indem sie sich uns überhaupt näherten. Daß sie die nächtliche Stunde zu einer Zusammenkunft wählten, geschah nicht ohne Vorbedacht, denn ähnlich den wilden Raubtieren glaubten sie bei einem unfreundlichen Empfang in der Dunkelheit leichter entschlüpfen und ungestraft ihre Geschosse zurück an unsere Feuer senden zu können. Lieblich wölbte sich der klare Himmel über uns, als wir in der Frühe des 2. April unsere Tiere sattelten; an den Abhängen der Berge spielten die Strahlen der Sonne, und langsam schlichen die Schatten niederwärts. Wir verfolgten unseren Weg in der Schlucht und wurden auf einer kurzen Strecke von dem Bach begleitet, der aufs neue dem sandigen Boden entrieselte und zu beiden Seiten dürftige Vegetation nährte. Kohlenhaltiger Kalkstein bildete die Hauptformation unserer Umgebung, doch erblickte ich auch Sandstein und Granit, und als wir nach Zurücklegung von zwei Meilen in südlicher Richtung gegen Westen in die Hauptschlucht einbogen, hatten wir zu beiden Seiten hohe, senkrechte Felswände, auf denen die regelmäßig übereinandergeschichteten Gesteinsarten sich deutlich abzeichneten. Wir befanden uns dort noch immer in einer Höhe von ungefähr dreitausend Fuß über dem Meeresspiegel, und etwa achthundert Fuß hoch waren die steilen Ufer, welche die breite Schlucht einfaßten. Der sandige, trockene Weg führte stark abwärts, und in geringerem Grad senkten sich mit demselben die kolossalen Schichten und Lagen gegen Nordwesten. Als wir so dahinritten und der Höhenunterschied zwischen unserer Straße und dem Plateau sich mit jeder Meile bedeutend vergrößerte, die gigantischen und zugleich erhabenen Felsmassen immer dichter um uns zusammenrückten, neue Formationen und neue Farben dem Boden gleichsam entstiegen und sich zu prachtvollen und wie drohend überhängenden Gebilden vereinigten, da fühlte ich nicht die sengende Glut der Sonne, deren Kraft sich in dem engen Felsenkessel verdoppelte; ich hatte nur Gedanken und Blicke für die erhabene Szenerie, die scheinbar im wildesten Durcheinander von Meisterhand zu einem so schönen Ganzen geordnet war. Tiefer hinab führte unsere Straße, höher empor ragten die Felsen, schmaler wurde der Streifen des blauen, sonnigen Himmels, der so freundlich auf uns niederblickte, und mit jedem Schritt veränderten sich die Bilder, die ich nur der Erinnerung einzuprägen vermochte. Da standen Tempel mit wunderbaren Architekturen, lange Säulenhallen und mächtige, aber zierlich geformte Pyramiden; da öffneten sich weite Gewölbe, Bogenfenster und Tore, aber unten in der Schlucht, im trockenen Bett eines zeitweise niederschäumenden Gießbachs, befanden sich dürrer Sand und glattgewaschenes Geröll, und zwischen diesem sowie in den Felsritzen ragten stachlige Kakteen hervor – fast die einzige Vegetation in dieser unwirtlichen, ich möchte sagen unterirdischen Wildnis. Und doch lebten Menschen hier, Menschen, die in der tiefen Einsamkeit alle menschlichen Neigungen verloren zu haben scheinen, Menschen, die sich nicht sehnen nach geselligem Verkehr mit anderen Nationen und nur von der Not nach dem Hochland hinaufgetrieben werden, um dort zu jagen. Im sonnigen Felsenwinkel spärlich gewonnener Mais, Fische des Colorado und etwas Wild bilden den Unterhalt dieser elenden Geschöpfe, und träg und teilnahmslos wie das sie umgebende Gestein bringen sie ihr Leben ähnlich den Tieren dahin. Wir ritten in geringer Entfernung an einem Lager von etwa dreißig dieser bedauernswürdigen Wallpay-Indianer vorbei, die sich in einer Nebenschlucht ihre Heimat gegründet hatten, doch obgleich wohl nur einzelne von ihnen von der Existenz von weißen Menschen wußten, rührte sich doch keiner, um unseren Zug genauer zu betrachten; ja man hätte sogar glauben können, daß dergleichen Expeditionen dort täglich vorbeigezogen wären, so wenig Aufmerksamkeit schenkten sie uns. Dieselbe Beobachtung machte ich übrigens auch, als wir an mehreren Hütten dicht vorbeikamen, in denen die Bewohner so regungslos liegenblieben, als ob sie unsere Gegenwart gar nicht geahnt hätten. Die Hütten bestanden aus Lauben von Reisig und Baumrinde, die sich an die überhängenden Uferwände anlehnten und kaum dicht genug waren, um einigen Schutz gegen die Sonnenstrahlen zu gewähren. Wir begegneten einer alten Frau, die langsam und mühselig unter einer Bürde von Wurzeln und Kräutern dahinkroch; es war eine mitleiderregende Erscheinung, dieses alte, runzlige, krankhaft keuchende Geschöpf; ich reichte ihr ein Stück Brot hin, doch ohne es anzunehmen oder meine Absicht zu verstehen, schaute sie mich mit ausdruckslosen Augen von der Seite an und zog dann murrend und scheltend ihres Weges. Nachdem Iretéba uns angewiesen hatte, der Schlucht immer weiter nachzufolgen, kehrte er in einer der elenden Hütten ein, um, wie er zu verstehen gab, Erkundigungen über die dortige Gegend einzuziehen. Von der bezeichneten Richtung abzuweichen, war allerdings nicht möglich, doch stießen wir bei unserem weiteren Vordringen auf so ernste Hindernisse, namentlich auf herabgerollte Felsblöcke und Abstufungen im Weg selbst, daß wir schon daran zu zweifeln begannen, ob wir je in dieser Richtung den Colorado erreichen würden. Bei der Vorsicht, mit der wir uns nur auf dem gefährlichen Boden vorwärtsbewegen konnten, bei der Unruhe, die wir hinsichtlich unserer Tiere empfanden, die, ohne vorher gerastet zu haben, gewiß nicht mit ihren Lasten die Wallpay-Schlucht hätten wieder verlassen können, ging viel von den Eindrücken verloren, welche die imposanten Felsmassen notwendigerweise auf jeden ausüben mußten. Ermüdet hingen die meisten in den Sätteln und schauten vor sich nieder; fünfzehn Meilen hatten wir aber auch schon seit dem frühen Morgen zurückgelegt und waren auf dieser Strecke gegen zweitausend Fuß abwärts gezogen. Nach unserer Berechnung konnten wir uns also nicht mehr hoch über dem Spiegel des Colorado befinden, und bei jeder Biegung hofften wir endlich den ersehnten Strom zu erblicken. Plötzlich schien die Schlucht durch einen mächtigen Felsenwall abgesperrt zu sein, doch lieblich schimmerte uns aus einem dunklen Winkel grünendes Weidengebüsch entgegen, und wie aufmunternd drang das laute Rauschen eines Gießbachs zu uns herüber! Wir eilten, so gut es nur gehen wollte, darauf zu, und einige Minuten später tranken im Schatten von Weiden und Cottonwood-Bäumen Menschen und Tiere in langer Reihe aus den diamantklaren Fluten eines Gebirgsflüßchens. Dreiundzwanzigstes Kapitel Lager am Diamond Creek – Wanderungen an den Colorado – Heftige Stromschnellen – Der Ruhetag – Zeichnen am Colorado – Charakter des Stroms und seiner Ufer – Wallpay-lndianer – Egloffsteins späte Rückkehr aus den Gebirgen – Der Verlust des Hundes – Rückreise durch den Wallpay-Cañon – Entfliehen der Wallpay-Führer – Belohnen der Mohaves – Abschied der Mohaves – Reise zum Plateau hinauf – Lager ohne Wasser – Entfliehen eines Wallpay-Führers – Reise zum Wasser – Ausflug auf die zweite Etage des Plateaus – Charakter desselben – Antilopenjagd – Verirren eines Soldaten – Nächtlicher Schneesturm – Vergebliches Suchen nach dem Vermißten – Endliche Rückkehr desselben Rein und klar wie ein Diamant sprudelte der Bach aus einer nordöstlichen Schlucht an uns vorüber, wie ein kostbarer Stein lag in entgegengesetzter Richtung vor uns ein ganz kleines, mit dem anmutigsten Grün geschmücktes Tälchen, und Diamond Creek tauften wir das Wasser, das lustig dahintanzte und auf dem beschränkten Raum bis an den Fuß der starren Felsen hin nach besten Kräften seine Segnungen spendete, die sich in einer verhältnismäßig üppigen Vegetation verrieten. Eindrücke und die aus denselben entsprungenen Gefühle des Kindes wiederholen sich oft in späterem Alter. So erinnere ich mich, von unterirdischen Zaubergärten inmitten furchtbarer Wildnisse gelesen zu haben, und wie ich damals von größter Bewunderung für die Bilder einer reichen Phantasie hingerissen wurde, so freute ich mich hier beim Anblick der kleinen Bodenfläche, die mich so lebhaft an jene Zaubergärten mahnte. Zwar fehlten die schillernden Blumen und Vögel, und abgestorbene Bäume und Sträucher erzählten von der Vergänglichkeit dessen, was ich vor mir sah; doch an den schroffen Felswänden, die hoch emporragten, vermochte ich zu berechnen, wie tief ich mich unterhalb der Oberfläche des Bodens befand; ich hatte kennengelernt, daß schreckliche Wüsten in weitem Umkreis mich umgaben; ich hatte Befürchtungen um unser Geschick gehegt, und plötzlich lag vor mir im erquickendsten, mir fast fremd gewordenen Frühlingsgrün ein von der Natur gepflegtes, wildes Gebirgsgärtchen, und durch dasselbe murmelte das kristallklare Wasser über farbige Kiesel und an hindernden Felsblöcken vorbei. Vergessen waren nun die Mühen des Tages wie auch der Colorado, und mit einem an Wonne streifenden Gefühl beeilten wir uns, am Fuße einer überhängenden Felswand auf weichem Rasen unsere Zelte aufzurichten. Freude herrschte überall, scherzend verrichteten die Leute ihre Lagerdienste, und mit behaglichem Stöhnen wälzten sich die Tiere auf krautreichem Boden; auch Grizzly war vergnügt, und wie im Übermut kaute er an den frischen Halmen; der arme, treue Grizzly – es war sein letztes Lager. Gleich nach unserer Ankunft kletterte ich nach einer vorspringenden Felswand hinauf, und von dort aus, wo ich eine Aussicht auf das Tälchen und die dasselbe einschließenden Gebirgsmassen gewann, zeichnete ich eine Skizze von der ganzen prachtvollen Szenerie. Nicht wenig Mühe verursachten mir die zahlreichen Linien des über zweitausend Fuß hohen Berges, der gegen Südwesten den Lauf des Diamond Creek zu hemmen schien und dessen Fuß durch einen Vorsprung meinen Blicken entzogen wurde. Er glich einem mächtigen, unbeendeten Bau, den entsprechende Strebepfeiler und Türme umgaben. Bis zum Gipfel hinauf erkannte ich die regelmäßig übereinanderliegenden Schichten, die wie künstliches Mauerwerk über die ganze Breite des kolossalen Felsens reichten und durch den Einfluß der Atmosphäre und der zeitweise niederschlagenden Feuchtigkeit in so wunderliche Gebilde umgeschaffen waren. Ähnliche Berge tauchten nach allen Seiten hin im Hintergrund auf, und die Linien der verschiedenen Straten mit den Augen verfolgend, überzeugte man sich leicht, daß die jetzt durch weite Zwischenräume getrennten Berge einst ein festes Hochland bildeten und im innigsten Zusammenhang miteinander gestanden hatten. Ein eigentümliches Farbenspiel zeigte sich an den schroffen Wänden, denn während auf den ersten achthundert Fuß dunkles Braun und Blauschwarz vorherrschend waren, spielten die Höhen im schönsten Rosa, Gelb, Blau und Grün, je nachdem die Formationen verschiedener Epochen sich übereinanderreihten und von der Abendsonne malerisch beleuchtet wurden. Die außerordentliche Klarheit der Atmosphäre ließ übrigens die entfernteren Gegenstände viel näher erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren, und so lebten wir alle in der Meinung, daß der schöne Berg, den ich eben beschrieb, nur durch einen Felsvorsprung von uns getrennt sei; als ich aber ins Lager zurückkehrte, traf ich dort mit Iretéba zusammen, der mir versicherte, daß der Colorado noch zwischen uns und jenem Berg fließe. Der Abend war nicht mehr fern, und den Strom ganz in der Nähe wähnend, begaben sich mehrere von uns auf den Weg, um noch an demselben Tag einen Blick auf ihn zu werfen. Wir gelangten schnell ans Ende des Tälchens, dessen ganze Länge kaum fünfhundert Schritt betrug, und bogen dann in die enge Schlucht ein, in der der Bach immer mit gleichem Ungestüm sich von einer nach der anderen Seite hinüberwand und dem Colorado zueilte. Es war ein sehr mühevoller Weg, denn bald hinderten uns Ranken, bald Gestein oder auch der Bach selbst im Fortschreiten, doch in der Hoffnung, bei jeder nächsten Biegung am Ufer des stolzen Stroms zu stehen, arbeiteten wir uns unverdrossen weiter. Zwei Meilen hatten wir auf diese Weise zurückgelegt, als die Schlucht sich allmählich in ein breites, sandiges Tal öffnete und der Fuß des bekannten Berges nur noch durch kleine Weiden und Mesquitegebüsche verdeckt blieb. Das Ende des Tals, das eine halbe Meile lang war, vermochten wir fast mit den Augen zu erreichen; der Berg schien hier dem sandigen Boden zu entsteigen, und für kaum glaublich hielten wir es, daß sich dort noch der breite Spiegel des Colorado befinden könne. Als wir aber stillstanden und lauschten, da schlug an unser Ohr wie das Gestampfe unzähliger schwerfälliger Hufe dumpfes, unheimliches Rauschen und Toben, zu denen sich das friedliche Plätschern und Murmeln des Baches zu unserer Seite gesellte. Wir eilten mitten durch das Gestrüpp hindurch nach der nächsten Erhebung der sandigen Fläche und begrüßten in geringer Entfernung vor uns den schäumenden Spiegel des Stroms, der mit unwiderstehlicher Gewalt über die von ihm selbst losgerissenen Trümmer der nahen Felsenfesten dahinstürzte. Der Anblick machte uns verstummen, und mit einem Gefühl der bewundernden Verehrung schritten wir weiter, bis unsere Füße auf dem von den Wellen des Stroms befeuchteten Sand ruhten. Den Charakter unerschütterlicher, ernster Ruhe trugen ringsum die majestätischen Naturbauwerke; ebenso ernst folgten die unbändigen Wassermassen der von ihnen erkämpften Straße; gleichsam voll grimmiger Wut über den Widerstand, auf den sie fortwährend stießen, prallten sie von Fels zu Fels, von Stufe zu Stufe, und Wirbel und Schaum erzeugend drängten sie sich in das südliche Felsentor. Ich schaute stromaufwärts, wo der Fluß den finsteren Schluchten enteilte; ich beobachtete vor mir die breite, mit zahlreichen Wirbelkreisen bedeckte Wasserfläche und die beweglichen Spiegelbilder auf dieser, doch unwillkürlich wandten sich die Augen immer wieder gegen Süden, wo die Wasser wie im ewigen Kampf mit dem leblosen Gestein sich brausend und tobend überstürzten. Nur kurze Zeit schwelgten wir in dem Anblick der großartigen Szene, denn die hochroten Kuppen der Berge hatten sich schon in einen violetten, duftigen Schleier gehüllt, und tiefe Schatten begannen sich um uns her in die abgeschlossene Welt zu senken; wir schlugen den Rückweg ein, und als wir die enge Schlucht erreichten, umgab uns undurchdringliche Finsternis. Halb kriechend, stolpernd und oftmals stürzend suchten wir unseren Weg auf dem ungünstigen Boden; nur langsam gelangten wir von der Stelle, und die Nacht war schon weit vorgeschritten, als wir der ersten großen Feuer der mexikanischen Hüter ansichtig wurden, die Tal, Baum und Fels magisch beleuchteten. Das während des Tages von der Sonne erhitzte Gestein erhielt auch fast die ganze Nacht hindurch eine warme Temperatur in dem Felsenkessel; an dem schmalen Streifen des Himmelsgewölbes, der uns sichtbar war, funkelten und flimmerten die ewigen Sterne; die Mexikaner sangen, die Hufe der Maultiere klapperten auf dem Gestein, und niedriger brannten die vernachlässigten Feuer vor den Zelten. Ich legte mich auf mein weiches Lager und schlief ein mit dem Gedanken an heftigen Regen und Wolkenbrüche, die uns ganz bequem mit Tieren und Gepäck in den Colorado hätten spülen können. Die Frühstunden des 3. April waren so schön, daß man sich gleichsam neu belebt fühlte; eine erquickende Kühle herrschte in der schattigen Schlucht, und die Luft enthielt nur gerade soviel Feuchtigkeit, als erforderlich war, um das Atmen zu einer wahren Erfrischung zu machen. Fast unwillkürlich versuchte man die Brust und die Lungen auszudehnen, um in erhöhtem Grad von der Atmosphäre zu trinken, die durch die wohltätige Wirkung der Nacht auf so überraschende Weise umgewandelt war. Unserer Forschungen und Beobachtungen wegen, aber auch mit Rücksicht auf den Zustand der Herde, sollte erst am folgenden Tag die Weiterreise angetreten werden. Wir gewannen dadurch reichlich Zeit, die nächste Umgebung zu durchstreifen, und schon in aller Frühe verließen die meisten von uns das Lager. Egloffstein wählte den mühseligsten Weg, denn in Begleitung eines Soldaten, eines Indianers und leider auch unseres Hundes suchte er eine der Höhen zu gewinnen, von wo aus er imstande war, die Richtung des Colorado etwas weiter zu verfolgen und auf der Karte zu berichtigen; Dr. Newberry und ich dagegen begaben uns wieder an den Strom, und während ersterer emsig zwischen dem Gestein herumhämmerte, spähte ich nach einer geeigneten Stelle, von wo ich zum Zeichnen eine volle und zugleich schöne Aussicht auf das malerische Felsentor erhielt, in das der Colorado sich schäumend hineinstürzte. Die Höhe des Flusses über dem Meeresspiegel betrug an jener Stelle nach barometrischen Beobachtungen gegen tausend Fuß, am Black Cañon, wo wir mit dem Dampfboot umzukehren gezwungen waren, nur fünfhundert Fuß. Letzterer Höhenunterschied war also auf eine Strecke von fünfhundert Meilen verteilt oder vom Black Cañon bis hinunter zum Golf von Kalifornien, während die anderen fünfhundert Fuß das Stromgefälle von der Mündung des Diamond Creek bis zum südlichen Ende des Black Cañon oder eine Strecke von ungefähr neunzig Meilen ausmachten. Nach dem Charakter des Stroms zu schließen, soweit wir denselben schon kannten und am Diamond Creek zu übersehen und gleichsam zu erraten vermochten, bildete der Colorado in seinem Felsenbett bis zum Beginn der Schiffbarkeit keine wirklichen Wasserfälle, sondern mehr oder minder erhebliche Stromschnellen, die fast ununterbrochen aufeinanderfolgten und jedes Befahren von unten herauf oder auch von oben herunter unmöglich machten. Vor dem Beginn der Colorado-Expedition war mehrfach die Rede davon gewesen, diesen Fluß auf leichtere Weise in Booten von seinen Quellen abwärts zu erforschen. Hier nun, angesichts der Stromschnellen, wo sich der gegen zweihundert Fuß breite Fluß stellenweise mit einem auf sechzehn Fuß verteilten Gefälle von zehn Fuß über mächtige Felsblöcke stürzte und wo die aus den Fluten senkrecht aufstrebenden Mauern zusammen mit der Brandung jegliches Landen unmöglich machten, erhielten wir eine Ahnung davon, was wohl das Schicksal derjenigen gewesen sein würde, die es gewagt hätten, sich weiter oberhalb in Booten dem Colorado und seinen Cañons anzuvertrauen. Das Wasser des Stroms war hier ebenfalls lehmfarbig, geradeso, wie wir es auf dem ersten Teil der Reise kennengelernt hatten, und stark vermischt mit feinen, aber scharfen Sandbestandteilen, deren zerstörender Wirkung zu widerstehen selbst der Granit nicht fest genug war. Ich beobachtete nämlich vielfach Felsblöcke, die bei höherem Wasserstand der heftigen Strömung ausgesetzt gewesen waren und in die das sandhaltige Wasser im Laufe der Zeit regelmäßige Furchen hineingeschliffen hatte. Genauere Notizen, besonders aber eine geologische Sektion des Querschnittes des ganzen Plateaus, das sich dort zweitausend Fuß hoch über dem Spiegel des Colorado erhebt, verdanke ich meinem Freund Dr. Newberry. Hier erwähne ich nur, daß wir dem Anschein nach die nördliche Grenze des vulkanischen Gürtels des Mount Taylor und der San Francisco Mountains schon überschritten hatten und uns gleichsam innerhalb der ersten Etage des tafelförmigen Hochlands befanden, das von dort ab gegen Norden stufenweise ansteigt. Nachdem ich meine Skizze beendet hatte, begab ich mich in den südlichen Winkel des Diamond-Creek-Tals, um auch von der nördlichen Schlucht ein Bild zu entwerfen; und da saß ich denn im kühlen Schatten einer überhängenden Granitwand; dicht neben mir schäumte die heftige Brandung, und aus der weiten Öffnung des Diamond Creek fielen mit voller Kraft die Strahlen der Sonne auf den bewegten Wasserspiegel und auf die gegenüberliegenden schroffen Gebirgsmassen. Einige Soldaten und Mexikaner kauerten angelnd am Ufer, und mit trägem Flügelschlag zog ein einsamer Reiher an mir vorüber; aber in dem lauten Brausen des fallenden Wassers erstarb der heisere Schrei des Vogels wie das Lachen und Scherzen der Menschen, und ein eigentümliches Gepräge nie gestörter Einsamkeit ruhte auf dieser furchtbar schönen Wildnis. Die Mittagszeit war schon längst vorüber, als ich Büchse und Mappe ergriff und mich zur Heimkehr ins Lager anschickte; ich warf einen letzten Blick auf die schäumenden Wellen des Colorado und wanderte dann langsam am Diamond Creek hinauf. Bei meiner Ankunft im Lager herrschte dort eine tiefe Stille; die erquickende Morgenkühle war einer drückenden Wärme gewichen, und dem einschläfernden Einfluß dieser nachgebend, hatte sich der größte Teil der Gesellschaft an schattigen Stellen, die kleiner und seltener geworden waren, zum Schlummer auf den weichen Rasen hingestreckt. Einige Wallpay-Indianer hatten sich in unser kleines Reich gewagt; mit lüsternen und zugleich verlegenen Blicken betrachteten sie die Menge der ihnen unbekannten Gegenstände, und ruhig warteten sie, ob sich jemand um sie kümmern würde. Unsere Mexikaner waren die ersten, denen sie sich näherten, und bald darauf erblickte ich beide Teile in bunten Gruppen zusammensitzen und sich in den Versuchen einer geselligen Unterhaltung ergehen. Überhaupt habe ich vielfach beobachtet, daß zwischen den wilden Eingeborenen und der spanisch-amerikanischen Bevölkerung sich viel leichter ein freundschaftliches Verhältnis bildet als zwischen den Indianern und den weißen Amerikanern. Die dunklere Hautfärbung und der indianische Typus, der den mexikanischen Gesichtern in vielen Fällen aufgedrückt ist, mag wohl mehr vertrauenerweckend für die Eingeborenen sein, doch glaube ich aber auch, daß sie ein gewisser Instinkt erraten läßt, daß sie in den Augen der Mexikaner einen anderen Rang einnehmen als in denen der angelsächsischen Abkömmlinge und daß von den Amerikanern im allgemeinen nur ein geringer Unterschied zwischen den Mexikanern und den Eingeborenen angenommen wird. Iretébas Bemühungen gelang es indessen, die Wallpay-Indianer für uns zu gewinnen, und zwar so, daß sich zwei derselben bereit erklärten, uns auf der ferneren Reise als Führer zu begleiten. Es war nämlich des treuen Mohaves fester Entschluß, von dort aus mit seinen beiden Begleitern heimzukehren; er gestand uns dies mit schwermütiger Miene und fügte hinzu, daß er sich nicht weiter getrauen dürfe, indem er zu leicht feindlichen Indianerstämmen in die Hände fallen könne. Wir zweifelten nicht an seiner Aufrichtigkeit, denn zu häufig schon hatte er uns Beweise seiner Anhänglichkeit gegeben, und auch jetzt noch, als er im Begriff stand, von uns zu scheiden, suchte er brauchbare Führer durch die Wildnis für uns anzuwerben, die, wie er zu verstehen gab, bessere Kenntnis von den nördlichen Landstrichen besäßen als er selbst, da er nie einen Fuß in jene Gegenden gesetzt habe. Der Abend stellte sich allmählich ein, und schnell ging die Dämmerung in schwarze Finsternis über; die Wallpays hatten sich entfernt, die Lagerfeuer, die man zur Abendstunde selbst bei warmem Wetter nicht gern vor den Zelten entbehrt, flackerten lustig, und noch immer war Egloffstein nebst seiner Begleitung nicht von seiner Bergtour zurückgekehrt. Wir begannen Unruhe über sein Ausbleiben zu empfinden, und nicht ohne Besorgnis blickten wir nach den schwarzen Abhängen der Plateaus hinauf, deren einzige Grenze das sternenbesäte Himmelsgewölbe bildete. Zwar kannten wir seine Erfahrungen, die er sich auf früheren Reisen mit Colonel Frémont angeeignet hatte, doch war es uns wieder nicht fremd, daß er seinen Enthusiasmus nur schwer zu zügeln vermochte und dadurch leicht in unangenehme und sehr gefährliche Lagen geriet. So war auch das Niedersteigen von den schroffen Bergen zur nächtlichen Stunde derart, daß es Egloffstein samt seinen Begleitern das Leben kosten konnte. Ein Unglücksfall so ernster Art stand uns indessen nicht bevor; die Abwesenden kehrten spätabends mit zerrissenen Stiefeln, wunden Füßen und von Hunger und Durst gepeinigt ins Lager zurück, und es war diesmal bloß Grizzly, dessen Verlust wir zu beklagen hatten. Der arme Hund war nämlich ins Gebirge nachgefolgt, hatte auch glücklich die Höhe des Plateaus erreicht, war aber auf dem Rückweg dem Durst und der Erschöpfung erlegen. Egloffstein wie auch Hamotamaque hatten das arme Tier eine weite Strecke getragen, als aber die Dunkelheit einbrach und sie den gefährlichen Pfad nur noch mittels Tastens und Fühlens zu erkennen vermochten, hatten sie den Hund seinem Schicksal überlassen müssen, und es ist wohl anzunehmen, daß er in geringer Entfernung vom Lager entweder von den hungrigen Wölfen zerrissen oder von den ebenso raubgierigen Wallpays verzehrt worden ist. Uns allen war der Verlust Grizzlys schmerzlich, denn das freundliche, anhängliche Tier hatte uns von Pueblo de los Angeles an der Südsee über tausend Meilen weit durch die schrecklichsten Wildnisse treu begleitet, hatte uns durch sein zutrauliches Wesen und durch seine Munterkeit manche Unterhaltung gewährt, und gerade da, wo seine Wachsamkeit wertvoll für uns zu werden begann, ging es uns verloren. Am 4. April versammelte sich schon mit dem Frühesten ein Trupp Wallpay-Indianer bei uns im Lager und beobachtete uns aufmerksam, als wir die Vorbereitungen zur Abreise trafen. Iretéba stellte uns zwei über alle Beschreibung wild und unsauber aussehende Burschen als Führer vor und versprach zugleich, uns noch bis zum nächsten Lager zu begleiten. Der junge Wallpay, der sich schon seit einigen Tagen in unserer Gesellschaft befunden hatte, war nunmehr überflüssig geworden, als ihn aber Lieutenant Ives für seine Dienstleistungen belohnen wollte, war er spurlos verschwunden, und alles Forschen und Fragen nach ihm erwies sich als fruchtlos. Es war uns insoweit unangenehm, als uns dadurch die Gelegenheit genommen war, durch reiche Belohnung desselben in Gegenwart der neuen Führer letztere fügsamer zu machen und mehr an uns zu fesseln. Jedenfalls hatte das Mißtrauen wieder die Oberhand bei dem jungen Menschen gewonnen, und er fürchtete wahrscheinlich, an der Rückkehr verhindert und zur Weiterreise mit uns gezwungen zu werden. Wir zweifelten nicht daran, daß er uns von irgendeinem Schlupfwinkel aus beobachtete, als wir den Diamond Creek verließen und den Weg, den wir gekommen waren, wieder zurück einschlugen. Nicht ohne Mühe gelangten wir in der beschwerlichen, stark ansteigenden Schlucht vorwärts, und obgleich schon vertraut mit der Umgebung und mit dem Weg selbst, mußte doch oft angehalten werden, um die zurückbleibenden, schwer bepackten und keuchenden Tiere heranzutreiben. Ich wandte meine Aufmerksamkeit den Merkmalen zu, welche die zeitweise durch den Cañon stürzenden Wassermassen zurückgelassen hatten, und glaubte solche in einer Höhe von über dreißig Fuß an den Seitenwänden zu erkennen. Mit Rücksicht auf den Umstand, daß der Wallpay-Cañon in seiner ganzen Länge Hunderte von bedeutenden Nebenschluchten aufnahm und einen geraumen Teil der Hochebene entwässerte, kamen mir die furchtbaren Anschwellungen des Wassers nicht so außerordentlich vor, und mit besonderem Interesse betrachtete ich die riesenhaften Felsblöcke, die ein Spiel des empörten Bergstroms gewesen und von diesem niederwärts geschleudert worden waren. Nur sechs Meilen ritten wir in dem Cañon aufwärts und bogen dann, unseren Führern folgend, in eine nordöstliche Nebenschlucht, die sich aber schon nach einigen hundert Schritten in einem Bogen gegen Osten und dann, fast parallel mit dem Wallpay-Cañon, gegen Südosten wendete. Kaum eine Meile hatten wir in dieser Nebenschlucht zurückgelegt, als unsere Wallpay-Führer scheinbar ohne besondere Absichten sich etwas seitwärts vom Zug entfernten und plötzlich wie Katzen an den schroffen Abhängen der nahen Berge hinaufkletterten. Wir hielten an, denn ohne kundige Führer tiefer in diese wasserarme Felsenwüste einzudringen, hätte verderblich für die Expedition werden können; es blieb uns also nur übrig, zu versuchen, mit Güte oder Gewalt einige Eingeborene in unsere Hände zu bekommen oder die Quelle weiter oberhalb im Wallpay-Cañon wieder aufzusuchen und von dort aus unsere Operationen aufs neue zu beginnen. Iretéba war sehr verdrießlich über das Benehmen der Wallpays, und ein über das andere Mal wiederholte er kopfschüttelnd: »Wallpay mucho malo, mucho malo.« (»Wallpays sehr schlecht.«) Es gelang ihm indessen, durch den stets dienstfertigen Hamotamaque nach kurzem Aufenthalt zwei neue Führer herbeizuschaffen, und diese schärfer bewachend, folgten wir der von ihnen angegebenen Richtung, in der sich weder ein Pfad noch Spuren von menschlichen Füßen zeigten. Wir gelangten schnell aufwärts; die Granitformation blieb hinter uns zurück, ebenso die Sandstein- und Kalksteinlagen, bis wir uns endlich nach einem Marsch von zehn Meilen gegen 2500 Fuß über unserem letzten Lager und inmitten der Formation des Kalksteins befanden. Dort erblickten wir am Abhang des gegen Norden als Stufe ansteigenden Plateaus eine Quelle; Spuren einer kleinen Maispflanzung waren hier sichtbar, spärliches Gras bedeckte die kleinen Zwischenräume zwischen den Agaven, Talgholzstauden und Zedernbüschen auf den Hügeln, und so beschlossen wir denn die Nacht an jener Stelle zuzubringen. Gegen Abend wurde Iretéba mit seinen beiden Begleitern und dem Yuma-Indianer vor Lieutenant Ives' Zelt beschieden, um dort die für sie bestimmten Geschenke in Empfang zu nehmen. Ich war zugegen und freute mich innig, als ich wahrnahm, daß Lieutenant Ives von dem Gouvernementseigentum einen so guten Gebrauch machte und die Indianer so freigebig belohnte. Rote wollene Decken, weißes Baumwollzeug, farbige Tücher, weiße Porzellanperlen, Tabak, Messer, kleine Spiegel und viele andere Gegenstände wurden in vier Haufen hingelegt; der eine Haufen, der doppelt soviel enthielt wie die übrigen, wurde Iretéba übergeben, die anderen dagegen durch das Los an seine Gefährten verteilt, deren kühnste Erwartungen bei weitem übertroffen waren. Man sah es den beglückten Leuten an, wie sie mit den Gedanken in ihrer fernen Heimat waren und Verwandten und Bekannten ihren ungeheuren Reichtum zeigten. Das freudige Erstaunen der wirklich dankbar gesonnenen Menschen wurde aber aufs höchste gesteigert, als Lieutenant Ives Iretéba mitteilte, daß er vom »Großen Großvater in Washington« beauftragt sei, ihm am folgenden Morgen für seine Treue und für seine Anhänglichkeit auch noch zwei Maultiere zu schenken, damit er auf bequemere Weise seine und seiner Gefährten Habseligkeiten in das heimatliche Tal schaffen könne. Auch hinreichende Lebensmittel sowie einige Küchengeräte wurden hinzugefügt, und als die braven Mohaves die ihnen von der Regierung zugedachten Gegenstände in Empfang genommen hatten und sich wieder in ihrer zutraulichen Weise im Lager umherbewegten, da regnete es von allen Seiten noch kleine Geschenke auf sie herab, und es war wohltuend zu beobachten, wie selbst der rohe und sonst so teilnahmslose Soldat sich ein Stückchen Tabak abdarbte, um dem einen oder dem anderen unserer rothäutigen Freunde ein kleines Andenken mit auf den Weg zu geben. Die beiden Wallpay-Indianer wurden während der Nacht aufs strengste beaufsichtigt, und anscheinend sehr zufrieden mit der Behandlung, krochen sie in der Frühe des 5. April unter den dichten Zweigen eines Zedernbuschs hervor. Fast zu gleicher Zeit mit uns hatte Iretéba seine Tiere gesattelt und bepackt, und von jedem einzelnen Abschied nehmend, schritten die drei Mohaves zwischen den geschäftigen Leuten umher. Juckeye, der Yuma-Indianer, der aus bloßer Reiselust den Train ununterbrochen von Fort Yuma aus begleitet hatte, hegte indessen keine Neigung, jetzt schon heimzukehren, sondern erklärte, daß er sich später erst zusammen mit den Wallpays von uns trennen wolle. Er übergab daher mit dem seiner Rasse eigentümlichen Vertrauen auf die Rechtlichkeit der Stammesgenossen seine ganzen Schätze an Iretéba, bemerkte noch, daß er sich dieselben später abholen würde, und begab sich dann zu den beiden Wallpay-Führern, für die er eine innige Freundschaft zu hegen schien. Die Mohaves gelangten endlich auch zu uns, und jeden beim Namen nennend, reichten sie uns die braune Hand zum Abschied. Iretéba war sichtlich gerührt, und in seinem einfachen Wesen, in seinem offenen Auge sprachen sich soviel Redlichkeit und soviel Treue aus, wie man nur in einem unverdorbenen Gemüt finden kann, und ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß sich kein einziger in unserer Expedition befand, der nicht mit einer gewissen Wehmut den riesenhaften Mann mit der kindlich-harmlosen Seele von sich scheiden sah. Hamotamaque war ganz das Abbild von Iretéba, nur daß jugendlicher Frohsinn in dem schlanken Burschen noch überwiegend war. Als er Abschied von mir nahm, reichte er mir seine Waffen, nämlich Bogen und Pfeile, zum Geschenk; ich wies diese zurück und bedeutete ihm, daß er den weiten Weg nach dem Colorado nicht unbewaffnet zurücklegen dürfe, doch Hamotamaque bestand auf seinem Willen, er zeigte mit der Hand gegen Osten als die Richtung, in der meine Heimat liege, und wandte sich dann, um von mir zu gehen. Ich behielt die Waffen in meinen Händen, und als die Mohaves sich von uns trennen wollten, rief ich noch einmal den gutherzigen Hamotamaque, machte ihm verständlich, daß ich Bogen und Pfeile jetzt als mein Eigentum betrachte und deshalb ihm beides zurückschenke; ich löste darauf eine der zierlich geschlagenen Steinspitzen von dem befiederten Rohrschaft, steckte diese in die Tasche und hatte darauf die Freude, den Burschen als Krieger bewaffnet zu sehen. Ich kann nicht leugnen, daß ich die Waffen sehr gern zum Andenken mitgenommen hätte, doch erschien es mir fast sündhaft, den drei Mohaves, die nur wenige Mittel zur Verteidigung bei sich führten, auch diese noch zu entziehen. Übrigens scheint es mir, daß der Stamm der Mohaves von den Gebirgsindianern entweder sehr gefürchtet oder sehr geliebt wird, denn aus dem Benehmen unserer Freunde entnahm ich, daß sie in ihrer einsamen Reise, solange sie sich nicht einem unzeitigen Schlaf hingeben würden, nichts Gefährliches erblickten. Die drei Mohaves entfernten sich in südlicher Richtung; Colhokorao ritt das eine Maultier und führte das andere hinter sich an der Fangleine, während Iretéba und Hamotamaque langsam hinterher schritten; kein einziges Mal schauten sie sich nach uns um, wir aber blickten ihnen nach, bis sie hinter einem Felsvorsprung verschwanden. Bald darauf begaben sich Juckeye und die Wallpays an die Spitze des Zuges und führten diesen an dem steilen Abhang hinauf, der sich nördlich von unserem Lager erhob. Es war ein überaus mühseliger Weg, und nur durch Hin- und Herwinden ermöglichten wir es überhaupt, die schwer bepackten Tiere zum Plateau hinaufzubringen, das ungefähr tausend Fuß hoch in einer einzigen Abstufung über der Quelle lag. Die Reiter führten ihre Tiere am Zügel, und oftmals mußten wir auf dem steilen Pfad halten, um nach der heftigen Anstrengung Luft zu schöpfen. Ich befand mich unter den ersten, die das Plateau erreichten, und rückwärts schauend, erblickte ich die lange Reihe des Zuges, dessen Ende trotz der vielfachen Windungen noch bis in die Tiefe hinabreichte. Schwer keuchten Menschen und Tiere, und langsam folgte eins dem anderen in der frisch gebrochenen Spur; Erdreich und Gestein, das sich unter den unsicheren Tritten löste, rollte niederwärts, hinderte und verletzte die Nachfolgenden, und nicht ohne Mühe gelang es, die wiederholt rastenden und verschnaufenden Tiere immer wieder in Bewegung zu bringen. Endlich hielt die ganze Expedition auf der Höhe, wo wir nach kurzem Aufenthalt unsere Reise gegen Nordosten fortsetzten. Es lag nämlich in unserem Plan, um die Vereinigung der beiden Flüsse astronomisch bestimmen zu können, den Colorado da wieder zu berühren, wo sich der Colorado Chiquito in diesen ergießt. Da wir nun aus vielen sicheren Quellen wußten, daß wir uns in der Breite befanden, in welcher der Colorado die starke Biegung gegen Osten beschreibt, so konnten wir uns mit der Richtung, welche die Führer wählten, nur einverstanden erklären. Das Plateau, das sich nach barometrischer Messung über viertausend Fuß über dem Meeresspiegel erhob, erschien als eine weite, wellenförmige Ebene, die teilweise, besonders aber in den Niederungen, reich mit Zedern bewachsen war. Wir legten zehn Meilen an diesem Tag zurück und schlugen das Lager am Rand einer lichten Waldung auf, wo wir uns nur des Vorteils von etwas Gras und eines Überflusses an Holz erfreuten. Um so bald als möglich Wasser zu erreichen, rüsteten wir uns am 6. April schon bei Tagesanbruch, als wir uns dann aber nach unseren Führern umschauten, erblickten wir deren nur noch zwei, und Juckeye erzählte uns mit einem fröhlichen Gesicht, daß der eine Wallpay aus Furcht vor der Kälte auf dem Plateau unter dem Schutz der Nacht das Weite gesucht habe. Es ist wahr, daß ein Temperaturwechsel, namentlich zur Nachtzeit, schon bemerkbar war, doch schrieben wir die Flucht des Indianers mehr seinem Widerwillen, uns zu dienen, als seiner Empfindlichkeit gegen eine rauhere Atmosphäre zu. Wir reisten an diesem Tag nur vier Meilen, und zwar auf einem stark ansteigenden, kaum erkennbaren Pfad, der bald durch kleine, dunkelgrüne Zedernwaldungen, bald durch anmutige Lichtungen hinführte. Erst auf der letzten Meile gelangten wir zwischen zusammenhängende Hügelreihen, die den Anfang einer neuen, höher gelegenen Etage des Plateaus bezeichneten. Wir folgten einer wilden, mit niedrigen Tannen und Zederngestrüpp reich geschmückten Schlucht aufwärts und stießen dort mehrfach auf kleine Quellen sehr schönen Wassers, an denen wir zu halten geneigt waren, doch Juckeye, der sich durch den Wallpay einige Kenntnis des Landes zu verschaffen gewußt hatte, trieb uns immer weiter aufwärts, wobei er mit gewichtiger Miene von sehr viel Wasser sprach. Er hatte übrigens vollkommen recht, denn nach kurzer Zeit führte uns die Schlucht in ein schön gelegenes, von Hügeln und Überresten des Plateaus eingefaßtes Tälchen, in dem wir nicht nur einen großen Überfluß an klarem, trinkbarem Quellwasser, sondern auch nahrhaftes Gras für unsere Tiere fanden. Nicht wenig überraschte uns der Anblick einiger Schneebänke; es waren die letzten Überbleibsel größerer Anhäufungen, und die Feuchtigkeit des Bodens bewies, daß diese erst in jüngster Zeit vor den Strahlen der Sonne zergangen waren. Erinnerte uns der Schnee daran, daß wir uns schon weit über fünftausend Fuß hoch über dem Meeresspiegel befanden, so zeugte die Anwesenheit der weißen Rocky-Mountains-Tanne noch sicherer von der hohen Lage des Bodens. Dieser schöne, regelmäßig gewachsene Baum, der dort erst vereinzelt umherstand, war eine doppelt anmutige Erscheinung für uns, als wir seit unserer Abreise von Kalifornien kaum etwas anderes als Wildnisse kennengelernt hatten, in denen die Baumvegetation nur sehr spärlich war. Bis zu achtzig Fuß hoch ragten diese Tannen über ihrer Wurzel empor, doch auch die Zedern nahmen dort schon mehr Baumform an und bildeten, zusammen mit einer niedrigeren Tannenart, auf weiten Strecken dichte und regelmäßige Waldungen. Mit Rücksicht auf die rauhe Temperatur wählten wir zu unserem Lager eine Stelle, die nahe der Quelle am Abhang eines Hügels von drei Seiten durch dichtbezweigte Zedern laubenähnlich geschützt war, und angelockt durch die wildromantische Umgebung unternahm ich darauf einen weiteren Ausflug in südöstlicher Richtung. Ich vertiefte mich bald in ein Labyrinth von Schluchten, und geleitet von den Spuren eines Bären, entfernte ich mich immer weiter vom Lager. Nach langem, mühsamem Umhersuchen gab ich endlich diese Jagd als nutzlos auf und erstieg die Höhe des Plateaus, das sich dort nur gegen zweihundert Fuß über dem Boden der Schluchten erhob. Der Weg war hier ebener, doch vermochte ich auch dort nicht die Spuren von Wild festzuhalten, indem diese vielfach über weite Felsenflächen hinwegführten, auf denen sich nichts befand, was den Eindruck eines flüchtigen Fußes hätte annehmen können. Die Decke des Plateaus bestand nämlich aus einer sehr starken Lage (100 Fuß) bläulichen Kalksteins (Muschelkalk) mit zahlreichen fossilen Muscheln, Polypenstöcken und Encriniten, welch letztere besonders schöne, wohlerhaltene Exemplare von Gelenkstücken zeigten. Wie ich während der letzten beiden Tage beobachtete, hatten wir bei unserem Ansteigen seit Zurücklassung der unteren Kohlenkalkformation eine sehr starke Lage (300 Fuß) roten Sandsteins mit Muscheln und Gips überschritten, danach eine Schicht (150 Fuß) braunen Sandsteins ohne Fossilien, dessen Proben sich noch in der Nähe des Lagers vorfanden, und zuletzt eine gelbe Kalksteinschicht mit Muscheln, auf der dann der bläuliche Muschelkalk ruhte. Die südöstliche Richtung beibehaltend, erreichte ich endlich den Rand des Plateaus, von wo aus sich mir eine weite Aussicht über die niedrigere Stufe eröffnete, die wir an den beiden letzten Tagen durchreist hatten. Auf dem von uns beibehaltenen Weg waren wir gleichmäßig ansteigend auf die Höhe gelangt; hier aber, und soweit ich nach beiden Seiten hin wahrzunehmen vermochte, bildeten schroffe, mit der jenen Regionen eigentümlichen Vegetation bedeckte Abhänge die Verbindung zwischen den beiden Plateaus, die durch einen Höhenunterschied von achthundert Fuß voneinander getrennt waren. Der Horizont bestimmte in weitem Halbkreis von Nordosten nach Südwesten die Grenzen der Ebene, die sich scheinbar endlos im Süden vor meinen Blicken ausdehnte. Als Gruppen schwarzer Punkte, ähnlich zerstreut grasenden Viehherden, erschienen die fernen, lichten Zedernwaldungen, bis sie endlich in blauem Duft mit der Fläche verschwammen, und wie auf dem Ozean oder in Missouris Grasfluren wanderte das Auge ungehindert auf der scharf abhebenden Grenzlinie dahin, die kein Berg, kein Hügel unterbrach. Hinter mir sowie auch zu beiden Seiten erhoben sich der zerklüftete Rand und losgetrennte Überreste eines noch höher gelegenen Tafellandes; die Abhänge waren bewaldet, ebenso die in Bergform losgewaschenen Bruchstücke, doch überall traten die äußeren Merkmale der Straten hervor, die, regelmäßig geschichtet, sich übereinandertürmten. Ich wandte mich zur Rückkehr ins Lager, als ich plötzlich die Annäherung flüchtigen Wildes vernahm, das unstreitig von einem anderen Jäger aufgescheucht worden war. Schnell warf ich mich auf den Boden, um mich kriechend demselben auf Schußweite zu nähern, doch das dichte Holz gestattete mir nicht einmal zu unterscheiden, was für Wild ich verfolgte, und nur durch ihre Spuren verrieten sich die scheuen Antilopen. Da die erschreckten Tiere sich zu beruhigen schienen, so schlich ich geduldig immer aufs neue heran und glaubte schon auf einen saftigen Braten rechnen zu dürfen, als plötzlich das ganze Rudel in der Entfernung von etwa hundert Schritt an mir vorüberstürmte. Ich sah nichts, aber an dem Stampfen und dem Brechen trockener Zweige erkannte ich die Eile, mit der die Flüchtlinge sich entfernten. Sehr leicht konnten einige dort umherstreifende Eingeborene diese Störung veranlaßt haben, und um daher nicht einem hinterlistigen Überfall ausgesetzt zu sein, zugleich aber auch den Grund der Bewegung zu erfahren, drückte ich mich unter den niederhängenden Zweigen einer Zeder dicht auf den Boden und lauschte. Kaum lag ich aber da, als wenige Schritte von mir zwei mächtige Wölfe aus dem Dickicht hervorbrachen und mit Aufbietung ihrer ganzen Kräfte den Antilopen nachsetzten. Ohne Zeitverlust richtete ich mich auf die Knie und schoß hinter den Bestien her, aber ein knorriger Stamm nahm die in der Übereilung abgesandte Kugel in Empfang, die eigentlich für den größten der beiden unheimlichen Jäger bestimmt gewesen war. Dies war der ganze Erfolg meiner Jagd, von der ich mir soviel versprochen hatte; ich lud meine Büchse, als ich mich dann aber heimwärts wandte, wurde ich zu meinem nicht geringen Verdruß gewahr, daß ich im Jagdeifer zu weit gegangen war und nicht auf die Richtung geachtet hatte. Mein Taschenkompaß befand sich unglücklicherweise im Lager an meinem Sattel, und so blickte ich denn mißmutig zum bewölkten Himmel hinauf, wo ich den Stand der Sonne nicht entdecken konnte; ich hob den genäßten Finger empor, an dem sich keine Luftströmung fühlbar machte, und prüfte die Umgebung, die sich nach allen Richtungen hin ganz gleich ausnahm. Es blieb mir also nur noch übrig, meinen eigenen Spuren, die mich endlich an den Rand des Plateaus führen mußten, zurückzufolgen. Es war eine unangenehme und langweilige Arbeit, und stundenlang suchte ich zwischen den sich vielfach kreuzenden Abdrücken umher, ehe ich so weit gelangte, mit Sicherheit eine bestimmte Richtung einschlagen zu können. Ermüdet und hungrig kehrte ich endlich ins Lager zurück und erfuhr zu meinem Leidwesen, daß die übrigen Jäger nicht glücklicher gewesen waren als ich und daß einer derselben sogar vermißt wurde. Es war ein Soldat der Eskorte, doch da der Abend noch fern war und weit sichtbare Rauchsäulen den Lagerfeuern entstiegen, so glaubten wir auch keinen Grund zu ernstlichen Besorgnissen vorhanden und überließen es seinen Kameraden, ihn durch Signalschüsse herbeizulocken. Immer dichter bewölkte sich gegen Abend der Himmel, der Wind verstärkte sich und mit diesem auch die Kälte, die einen nächtlichen Sturm verkündete. Tiefe Schatten senkten sich in die düsteren Zedernwaldungen, die Kronen der hohen Tannen wiegten sich, laut knarrten einzelne morsche Stämme, und noch immer war der vermißte Soldat nicht zurückgekehrt. Feuer wurden auf hochgelegenen Punkten angezündet und bis tief in die Nacht hinein unterhalten, doch auch dies hatte keinen besseren Erfolg als die Signalschüsse, und mit tiefem Bedauern um den Menschen, den wir für verirrt und danach für verunglückt halten mußten, wurden alle weiteren Versuche zur Rettung desselben oder zur Aufklärung über das Geschick, das ihn betroffen hatte, bis auf den folgenden Morgen verschoben. In unheimlicher Weise sang der Sturm während der Nacht zwischen den Nadeln der Tannen und Kiefern, unhörbar senkten sich dichte Schneeflocken auf die straffen Wände der Zelte, und als wir am Morgen ins Freie schauten, wurden wir fast geblendet von einer zolltiefen Schneedecke, in die Berg und Tal gehüllt waren. Ein bleifarbiger Schleier verdeckte noch immer den Himmel, hoch oben zeichneten die Flocken vor dem Nordwind gerade Linien, doch kaum berührten sie die von Baum und Berg geschützten Luftschichten, so begannen sie sich zu wiegen und wie spielend einander zwischen den Tannen umherzujagen, bis irgendein neidischer Zweig sie auffing oder die eigene Schwere sie niederzog zu ihren Gefährten, die regungslos am Boden lagen und ihr Ende gleichsam erwarteten. Wer jemals mit Aufmerksamkeit das stets wechselnde Spiel leise fallender Schneeflocken beobachtete, dem erschien es auch wohl, als ob jedes Flöckchen ein Leben besäße und dem eigenen Willen gehorchte; sind wir nun geneigt, auf solche Weise tote und starre Gegenstände mit reger Phantasie zu beleben, so finden wir leicht und überall die ansprechendste Unterhaltung, und oft bietet uns das Beobachten von Naturszenen, die an sich unscheinbar sind, reichen Stoff zum Nachdenken. Die Betrachtungen über das anmutige Schauspiel des Schneefalls wurden bald unterbrochen durch die Nachricht, daß der verirrte Soldat noch nicht zurückgekehrt sei. Der Aufbruch der Expedition wurde daher verschoben und man sandte sogleich Patrouillen nach allen Richtungen hinaus, um die Spuren des mutmaßlich Verunglückten zu suchen, welche Arbeit der noch immer anhaltende Schneesturm bedeutend zu erschweren versprach. Stunde auf Stunde verrann; das Mitleid mit dem Vermißten sowie der Gedanke an seine Qualen behielten bei allen im Lager das Übergewicht und ruhten wie ein trüber Schatten auf unserer sonst so fröhlichen Gesellschaft. Einer nach dem anderen kehrten die Kundschafter zurück; sie waren weit in der Gegend umhergestreift, sie hatten mit dem Horn und mit der Muskete Signale gegeben, sie hatten sogar den Baum entdeckt, unter dem der Vermißte vor einem kleinen Feuer die Nacht zugebracht hatte, doch von dort ab waren alle Spuren wieder verschneit, und zur späten Nachmittagsstunde rückte die letzte Patrouille ins Lager, ohne Kunde von dem Verirrten zu bringen. Wenn wir ihn auch noch nicht vollständig aufgaben, so durften wir doch um unserer selbst willen an jener Stelle keine Zeit mehr verlieren, und es wurde daher beschlossen, am folgenden Morgen aufzubrechen, jedoch auf der verlassenen Lagerstelle Lebensmittel zurückzulassen, die dem Verirrten, im Falle er dort eintreffen sollte, in die Lage versetzen konnten, unserer Spur zu folgen und uns einzuholen. Der Himmel hatte sich am Nachmittag wieder aufgeklärt, der Schnee war vor dem Tauwind zergangen, und als es zu dämmern begann, zierten nur noch spärliche weiße Streifen die Abhänge, wo der Sturm größere Schneemassen zusammengefegt hatte. Es war empfindlich kalt, und um die Abendstunden auf behaglichere Weise vor dem Feuer hinbringen zu können, bauten wir aus Zedernzweigen eine Laube, die von der einen Seite die eisige Luft abhielt, während auf der anderen ein tüchtiger Scheiterhaufen wohltuende Wärme ausströmte. Plötzlich vernahmen wir bei unserer Arbeit fröhliche Ausrufe, die vom Lager der Soldaten zu uns herüberschallten. Der Vermißte war endlich wieder eingetroffen, und um die näheren Umstände seines Ausbleibens und die etwa überstandenen Abenteuer kennenzulernen, schritten wir zum Feuer hinüber, wo der halbverhungerte Mensch mit Lebensmitteln überhäuft und mit Fragen bestürmt wurde. Nur mit der geladenen Muskete und drei Patronen in der Tasche hatte er, getrieben von Jagdlust, sich am vorhergehenden Tag aus dem Lager entfernt. Ein Soldat, der gewohnt ist, die Wege, die er zu gehen hat, genau vorgeschrieben zu finden, verabsäumt leicht, auf dergleichen Zügen sich mit seiner Umgebung insoweit vertraut zu machen, daß er wenigstens seine eigenen Fußstapfen aufnehmen und zurückverfolgen kann. So war es auch ihm ergangen, denn noch keine zwei Stunden war er in den Schluchten umhergestreift, als er sich verirrt hatte und bei dem Versuch, wieder zu uns zu stoßen, immer tiefer in die Wildnis hineingeriet. In der Furcht, daß die Expedition am folgenden Morgen die Reise ohne ihn fortsetzen würde und dann einen sicheren Untergang vor Augen sehend, verlor er die ruhige Überlegung, und planlos, gleichsam einem Instinkt folgend, eilte er in einer Richtung dahin, die ihn immer wieder auf denselben Punkt zurückführte, was ihm vollends die letzte Spur von Nachdenken und Überlegung raubte. Die einbrechende Nacht nötigte ihn endlich, sich unter einer Zeder hinzuwerfen, und dort erwartete er schlaflos, gepeinigt von Hunger und Durst, den Anbruch des Tages. Kaum graute der Morgen, als aus dem Lager das Hornsignal schwach, aber deutlich zu ihm drang. Er raffte sich auf und eilte darauf zu, doch mußte er, getäuscht durch das Echo, die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen haben, denn er irrte noch den ganzen Tag umher, anstatt daß, wenn er eine Stunde länger unter dem Baum gewartet hätte, eine der Patrouillen ihn gefunden haben würde. Da wir jetzt keinen Grund mehr hatten, um ein Menschenleben besorgt zu sein, so kehrte auch der alte Frohsinn zurück, und bald darauf lagerten wir uns im Kreis um das mit wohlriechendem Zedernholz genährte Feuer; die künstlich errichtete grüne Wand hielt den rauhen Nordwind ab, Zweige und Decken schützten uns gegen die Feuchtigkeit des Bodens, die Sterne funkelten, die Pfeifchen dampften, und aufmerksam lauschte jeder dem redseligen Peacock, dessen Erzählung nur hin und wieder von ihm selbst durch einige sehr derbe Bemerkungen unterbrochen wurde, wenn ein neckischer Luftzug die Flammen erreichte und ihm den ätzenden Rauch in die Augen trieb. Vierundzwanzigstes Kapitel Peacocks Erzählung – Änderung des Reiseplans – Reise zum Plateau hinauf – Schneesturm und Gewitter – Das Lager im Schnee – Aufenthalt von zwei Tagen – Schmelzen des Schnees – Aufbruch – Die San Francisco und Bill Williams Mountains – Die Lagune – Auffinden einer neuen Straße – Lager ohne Wasser – Einbiegen in eine Schlucht – Wanderung auf dem gefährlichen Felsenpfad – Unüberwindliche Hindernisse – Umkehr der Expedition – Zurücksenden der Herde zur Lagune – Neuer Versuch, den Colorado zu Fuß zu erreichen – Die Wanderung in die Schlucht hinab »Wenn ich jetzt hohe Summen auf die Schnelligkeit eines Pferdes verwette oder gewinne«, begann Peacock, »oder wenn beim Scheibenschießen die Kugel über das Mein oder Dein entscheidet, dann denke ich oft voller Wehmut an meine Jugendzeit zurück, in der ich schon so bedeutende Anlagen zu der Leidenschaft des Wettens zeigte. Freilich hatten wir Knaben keine Büchsen oder Pferde, doch hatten wir andere Mittel, unsere Kräfte und Geschicklichkeit zu prüfen, wie zum Beispiel die Stockwette, bei der zwei Knaben sich gegenseitig abwechselnd mit einem dünnen Haselstock über die entblößten Schultern schlagen, bis einer derselben durch Weinen sich als Verlierender zu erkennen gibt. Meine Heimat befand sich damals in Independence am Missouri, wo die meisten nach Santa Fé bestimmten Handelskarawanen ausgerüstet wurden. Obgleich ich erst ein Knabe von vierzehn Jahren war, hatte ich doch schon eine ausgebreitete Bekanntschaft unter den Führern oder Hauptleuten der Trains, und ich sehnte mich nach nichts mehr als nach dem ungebundenen Leben in der Prärie. Zur Zeit, als ich meinen Eltern entlief – denn daß ich ihnen entlief, darf ich nicht leugnen –, befand sich in Independence eine Karawane von etwa vierzig Wagen und einigen hundert Ochsen, die eben im Begriff stand, abzureisen. Der Wagenmeister der Kompanie war ein alter Bekannter meines Vaters und, wie ich genau wußte, mir vor allen anderen Knaben meines Alters zugetan. Auch ich liebte den Mann, der mir so viele Zaubergeschichten aus den Prärien erzählt hatte und dadurch den ersten Keim zu meiner Wanderlust legte, und faßte den Plan, meinen alten Freund nach den Rocky Mountains zu begleiten. Um aber nicht von ihm an meine Eltern und danach an einen Schulmeister ausgeliefert zu werden, verbarg ich mich so lange mit Hilfe meiner Kameraden, bis der Train wirklich abgereist war, und ohne dann weiter Abschied zu nehmen, folgte ich diesem nach. Zwei Tage trieb ich mich in der Nähe der Wagen umher, ohne mich zu zeigen, und als ich dann glaubte, gegen das Zurücksenden gesichert zu sein, stellte ich mich plötzlich meinem Freund, dem Wagenmeister, vor. Dieser schien anfangs etwas verwundert; als ich ihn aber von meinen Absichten und Plänen in Kenntnis setzte, lachte er und gestattete mir, fernerhin bei ihm zu bleiben; ja er schickte sogar mit den nächsten Handelsreisenden, die uns begegneten, Nachrichten zurück an meine Eltern, so daß diese sich über mein Schicksal nicht weiter zu beunruhigen brauchten. Meine Wünsche waren also endlich in Erfüllung gegangen, und mit leichterem Herzen als ich zog gewiß noch niemand über die Prärien. Wo ich nur Gelegenheit sah, meine schwachen Kräfte mit Erfolg anwenden zu können, da arbeitete ich mit Lust und Liebe, und dies trug sehr viel dazu bei, mir den Aufenthalt bei der Karawane angenehm zu machen. Meine erste Reise führte nicht nach Santa Fé, sondern nach einem weiter nördlich gelegenen Handelsposten, wo wir nach einer dreimonatigen Reise anlangten und wo ich auch den Winter verbrachte. Im Frühling reiste ich mit derselben Gelegenheit wieder an den Missouri zurück und hatte dort die Genugtuung, daß sich niemand mehr dem von mir selbst gewählten Beruf eines Präriereisenden entgegenstellte. Mehrere Jahre gingen auf diese Weise dahin; ich sammelte mir die nötigen Erfahrungen, und mein achtzehntes Lebensjahr hatte ich noch nicht vollendet, als mir zum erstenmal die Führung eines Handelstrains übertragen wurde. Ich hatte Glück in meinen Spekulationen; nach einigen Jahren schon war ich im Besitz eines Kaufladens in Santa Fé, und da ich alljährlich selbst an den Missouri reiste, um dort meine Einkäufe zu ordnen, und auch selbst die Güter nach Santa Fé führte, anstatt wie so viele andere dieses Geschäft fremden Leuten zu übertragen, so mehrte sich mein kleines Vermögen schnell, und ich war auf dem besten Weg, ein reicher Mann zu werden. Sieben Jahre hindurch führte ich, ohne erhebliche Verluste zu erleiden, meine Geschäfte sowohl in Independence als auch in Santa Fé, denn an ersterem Ort hatte ich ebenfalls einen Kaufladen eingerichtet, der von einem Kompagnon verwaltet wurde; darin aber brach Unglück über mich herein, das mich fast mein ganzes, schwer erworbenes Vermögen kostete. Ich hatte nämlich am Missouri ein junges, liebenswürdiges Mädchen kennengelernt, das, wo ich mich auch immer befinden mochte, meine ganze Seele erfüllte. Es war die Tochter keines reichen, wohl aber eines angesehenen und allgemein geachteten Bürgers, und sie hatte eine Erziehung genossen, vermöge derer sie weit über mir stand, und zwar so weit, daß ich mit Zagen meine Neigung zu ihr zu verbergen suchte. Sie vermochte es indessen in meinem Herzen zu lesen, und anstatt mir ob meiner Verwegenheit zu zürnen, neigte sie sich immer mehr zu mir hin und sagte mir endlich aus freien Stücken ihre Hand zu. Wie glücklich ich war, brauche ich wohl nicht zu versichern, ich erwähne nur, daß ich mit doppeltem Eifer meine Geschäfte betrieb, um so bald als möglich in den Besitz von soviel Geld zu gelangen, als nötig war, mir und meiner zukünftigen jungen Frau ein sorgenfreies Leben am Missouri zu sichern. Zu meinem Verderben lebte aber in Santa Fé eine junge Mexikanerin, die in ihrer Gestalt sehr viel Ähnlichkeit mit meiner Braut am Missouri hatte. Sie war sehr schön, und dabei hatte sie ein Paar schwarze Augen, die in dem Grad wild und feurig glänzten, als die meiner Verlobten blau und sanft waren. Genug, ich schreibe es der Ähnlichkeit in der Figur zu, daß ich während meines Aufenthalts in Santa Fé die Gesellschaft der jungen Mexikanerin suchte und daß allmählich ein mehr als freundschaftliches Verhältnis zwischen uns beiden entstand. Meiner Braut am Missouri blieb ich nichtsdestoweniger treu, und ich dachte nie inniger und lebhafter an sie, als wenn ich den frischen roten Lippen der Mexikanerin Kuß auf Kuß raubte. Anders war es dagegen, wenn ich mich an der Seite des jungen, unschuldigen Wesens am Missouri befand und das Gespräch auf unsere baldige Vereinigung lenkte; denn in solchen glücklichen Stunden streiften meine Gedanken nie abwärts, und es gab für mich dann weder ein Santa Fé noch Mexikanerinnen, und ich ziehe daraus den Schluß, daß ich nicht, wie einige behaupten wollen, mein Herz zwischen Santa Fé und Independence teilte, sondern mit treuester Liebe an meiner Verlobten hing, selbst auch dann, wenn ich mich mit der schönen Mexikanerin lustig im wilden Fandango drehte und sie mit den schönsten seidenen Bändern aus meinem Laden schmückte. Jahre gingen dahin, Jahre des Glücks und der Freude, und näher rückte die Zeit, die ich zur endlichen Verwirklichung meiner Pläne bestimmt hatte. Mit dem Ende des siebenten Jahres meiner Selbständigkeit erreichte aber das glückliche Leben sein Ende. Fröhlich wie immer kehrte ich nach einer sechsmonatigen Abwesenheit nach Independence zurück und hatte eben die staubige Reisehülle abgestreift und mich in angemessenere Kleidung geworfen, um meine Braut zu begrüßen, als mir ein Brief von ihr überreicht wurde. Ich las ihn durch und überzeugte mich, daß nunmehr alle Begrüßungen überflüssig geworden waren. Ein guter Freund von mir hatte nämlich dem jungen Mädchen von meiner warmen Freundschaft für die hübsche Mexikanerin erzählt und es dabei nicht an den nötigen Ausschmückungen fehlen lassen, infolgedessen sie brieflich das zwischen uns bestehende Verhältnis auflöste und mir noch aufs wärmste Glück und Segen zu allen meinen Unternehmungen wünschte. Mein nächstes Gefühl war das der Erbitterung gegen den falschen Freund und gegen mein Geschick, und ohne an eine Aussöhnung zu denken, beeilte ich mich, meine Geschäfte in Independence zu beendigen, und trat dann, zerfallen mit mir und mit der ganzen Welt, meine Rückreise nach Santa Fé an. Dort nun stürzte ich mich alsbald in einen Strudel wilder Vergnügungen, die meine pekuniären Verhältnisse zerrütteten, und um das Maß vollzumachen, erhielt ich wenige Monate darauf von Independence die Nachricht, daß mein Kompagnon dort mein Geschäft mit Schulden belastet habe und dann davongegangen sei. Independence sowie Santa Fé waren mir jetzt verhaßt, und ich sehnte mich weg von Orten, an die sich so trübe Erinnerungen knüpften. Es fiel nicht schwer, einen Käufer zu finden, der mein Eigentum in Santa Fé für einen geringen Preis übernahm, und das gelöste Geld in der Tasche, begab ich mich mit nächster Gelegenheit zurück an den Missouri. In Independence fand ich meine Verhältnisse zerrütteter, als ich vermutet hatte, und es erforderte fast meine ganze in Santa Fé erworbene Habe, um mich dort mit meinen Gläubigern auseinanderzusetzen. Der Verlust des Geldes verursachte mir nur wenig Kummer, denn es blieb mir ja noch soviel, um mich zur Landreise nach Kalifornien auszurüsten, und Kalifornien erschien mir jetzt als der einzige Punkt der Erde, wo ich wieder glücklich werden konnte. Die wenigen Freunde, die ich in Independence noch zählte, rieten mir von meinem Unternehmen ab, doch ebenso leicht hätten sie die Rocky Mountains von der Stelle reden können, als meinen Entschluß wankend machen. Ein eigentümlicher Trotz war nämlich in meine Brust eingezogen, ein Trotz, der mich veranlaßte, selbst wohlgemeinte Ratschläge zurückzuweisen und eigensinnig die selbstgewählte Bahn zu verfolgen. Der Abschied vom heimatlichen Boden wurde mir schwerer, als ein Mensch es ahnen konnte; wenn man aber glaubte, daß mein Trotz brechen und ich zerknirscht zurückkehren würde, so irrte man sich. Ich bin jetzt seit acht Jahren in Kalifornien gewesen, ich habe zwar viel an meine frühere Braut gedacht, doch sehnte ich mich nie wieder an den Missouri zurück. Sehr ruhig blieb ich, als ich nach einigen Jahren vernahm, daß sie, die einst ihr Geschick mit dem meinigen zu verflechten gedachte, die Gattin eines anderen geworden sei; es ist wahr, daß ich in einsamen Stunden mit einem Wehgefühl jener goldenen Zeiten gedenke, doch glücklicherweise ist das Leben eines kalifornischen Viehzüchters, das ich jetzt führe, zu bewegt, als daß noch viel Zeit bliebe, nutzlosen und schmerzvollen Erinnerungen nachzuhängen. Ich bin Viehzüchter mit Leib und Seele, und es steht wohl in Aussicht, daß ich dereinst als ein reicher Junggeselle sterbe und mein Hab und Gut meinen Freunden und Gefährten hinterlassen werde, weil ich weiß, daß diese am wenigsten dergleichen von mir erwarten.« So etwa lautete Peacocks Geschichte, nur daß er zahlreiche Abenteuer aus seinem Reiseleben mit hineinverflocht, lauter Begebenheiten, deren Beschreibung unsere Aufmerksamkeit ständig fesselte und die unter der rauhen, leidenschaftlichen Hülle eines echten, vorurteilsvollen Kaliforniers gute und edle Regungen verrieten. Wir waren eben im Begriff, das gemächliche Plätzchen vor dem Feuer mit dem Zelt zu vertauschen, als Lieutenant Ives sich zu uns gesellte, um uns mit seinen nächsten Reiseplänen bekannt zu machen. Gemäß diesen sollte die ganze Expedition bis an die Mündung des Colorado Chiquito vordringen, dort aber in zwei Hälften geteilt werden, und zwar so, daß Lieutenant Ives in Begleitung von Dr. Newberry, Egloffstein und einer entsprechenden Anzahl von Soldaten und Packknechten an der ersten geeigneten Stelle den Colorado Chiquito überschritt, um einen letzten Versuch zu wagen, den Lauf des Rio Colorado bis zu der Vereinigung des Grand River und des Green River aufwärts zu verfolgen. Peacock, der Kommandeur der Eskorte, und ich sollten dagegen mit dem größeren Teil der Expedition am Colorado Chiquito bis in die Nähe der San Francisco Mountains hinaufziehen, uns dann südlich wenden und an den Quellen des San Francisco River, Rio Verde genannt, unser Lager aufschlagen, um dort Lieutenant Ives mit seiner Abteilung, im Falle er nicht vor uns dort angekommen sein sollte, zu erwarten. Lieutenant Ives sowohl als ich waren mit der Umgebung der San Francisco Mountains bei Gelegenheit der Reise unter dem Kommando des Captain Whipple schon zu vertraut geworden, als daß ein gegenseitiges Verfehlen zu befürchten gewesen wäre, und dann bildeten diese alten Vulkane so hervorragende Landmarken, daß wir auf beiden Seiten ganz bequem unsere Bewegungen nach der Lage derselben hätten bestimmen können. Nach unserem Zusammentreffen an jenem Punkt sollte ohne Zeitverlust zu der Erforschung des Rio Verde geschritten werden, und dessen Lauf nachfolgend, würden wir dann zuletzt an den Rio Gila gelangt sein, und zwar in der Nähe der Dörfer der Pimo-Indianer. Von dort aus wäre dann Fort Yuma und demnächst San Franzisko unser Ziel gewesen. Die Ausführung dieses Plans blieb indessen von der Beschaffenheit der Lebensmittel abhängig, denn stießen wir in nächster Zeit auf Hindernisse ernsterer Art, so konnten wir kaum darauf rechnen, unsere Reise weiter als bis an die Rocky Mountains auszudehnen, um von dort aus der nächsten Stadt am Rio Grande zuzueilen und einer möglicherweise eintretenden Not vorzubeugen. So anlockend auch die Erforschung des Rio Verde für uns alle war, so vermochte doch niemand die Zweifel zu unterdrücken, die er hinsichtlich der Ausführung dieses Plans hegte. Peacock wußte genau, daß die Lebensmittel kaum noch für einen Monat ausreichten; und daß wir in dieser Zeit nicht imstande sein würden, unsere Forschungen in dem schwer zugänglichen Gebiet zu beendigen, lag ziemlich klar zutage. Von den besten Wünschen beseelt, verfügten wir uns endlich auf unser Lager, doch lange noch unterhielten wir uns von den schönen Bärenjagden, die in der Umgebung der San Francisco Mountains unserer harrten. Eisigkalte Luft strömte uns entgegen, als wir am 8. April ins Freie traten; die Tiere waren zum Zweck eines frühen Aufbruchs schon herbeigetrieben worden, und rüstig schritt jeder an die sich täglich wiederholende Arbeit des Sattelns und des Packens. Unangenehm wurden wir durch die Nachricht berührt, daß Juckeye und der letzte Wallpay während der Nacht unbemerkt davongeschlichen seien. Die beiden Indianer hatten von allen Seiten stets die beste Behandlung erfahren, und ihr Verschwinden mußte uns um so mehr überraschen, als ihnen ein bedeutender Lohn für ihre Dienste zugesagt war und sie nun auf diesen verzichtet und dafür nur zwei wollene Decken mitgenommen hatten. Die Flucht schrieben wir daher weniger ihrer Böswilligkeit als dem winterlichen Klima und der so überaus rauhen Bodengestaltung zu, und wir suchten uns auf beste Art aus der Verlegenheit zu ziehen. Es waren nämlich von der Quelle aus in nordnordöstlicher Richtung die schwachen Spuren eines Pfades sichtbar; auf diese wurde ein berittener Mexikaner gestellt, mit der Weisung, in einiger Entfernung vor dem Zug den Windungen genau zu folgen und so der Expedition gleichsam als Führer zu dienen. Sechs oder sieben Meilen gelangten wir ohne Schwierigkeiten und ohne wesentliche Abweichung von der ursprünglichen Richtung vorwärts. Der Pfad war stark ansteigend und führte durch eine Wildnis, deren starrer Charakter durch anmutige Abwechslung von niederen Zedern, hohen Tannen und freundlichen Lichtungen bedeutend gemildert wurde. Stufe auf Stufe des Hochlands erstiegen wir, und schnell näherten wir uns den winterlichen Regionen der Hochebene. Bleifarbig wölbte sich in weitem Bogen der Himmel, hin und wieder senkte sich ein zartes Schneeflöckchen auf den breiten Rand der Filzhüte oder auf die struppigen Mähnen der Tiere; der Nordwestwind verstärkte sich, schneller aufeinander folgten die Flocken, und immer tiefer verschleierte sich die Fernsicht, bis sie sich zuletzt nur noch auf einen geringen Umkreis beschränkte. Obgleich der Schnee, der unmittelbar mit dem Boden in Berührung kam, Schlamm erzeugend zerging, mithin das Quecksilber im Thermometer nicht unter Null gesunken sein konnte, so wurde der unwegsame Boden doch bald mit einer drei Zoll tiefen Lage bedeckt, und wie mit weißen Tüchern verhüllt erschienen die dem Sturm zugewandten Seiten der Menschen und Tiere. Wir alle litten aufs empfindlichste, denn die vom schmelzenden Schnee genäßten Glieder erstarrten fast vor dem eisigen Wind, und wenn man sich durch die Bewegung des Gehens zu erwärmen suchte, dann war es, als ob man mit bloßen Füßen im kalten Morast wate. Das Schuhzeug befand sich nämlich allgemein in so mangelhaftem Zustand, daß es kaum soviel Schutz gewährte wie die indianischen Mokassins, zu denen ein Teil unserer Gesellschaft schon seine Zuflucht genommen hatte. Ununterbrochen ansteigend legten wir mühsam Meile auf Meile zurück; in dichten Wolken wälzte sich der Schnee vor dem Sturm dahin; heftig rollte der Donner, doch die Blitze blieben unsichtbar in der verdüsterten, mit Flocken angefüllten Atmosphäre, und auf beängstigende Weise erbebte das geheimnisvolle Hochland wiederholt unter den erschütternden Schlägen des ungewöhnlichen winterlichen Gewitters. Vierzehn Meilen hatten wir überwunden, als wir einiger weitverzweigter Zedernbäume ansichtig wurden, die zu unseren Zwecken geeignet erschienen; auch Gruppen von niederem Buschwerk, überragt von hohen Tannen, befanden sich in der Nähe, und in diesen willkommene Zufluchtsstätten für die Herde erkennend, beeilten wir uns, die notdürftigsten Vorbereitungen für die Nacht zu treffen. Der Sturm raste unterdessen mit ungebrochener Heftigkeit fort, gefallener und fallender Schnee wirbelten lustig durcheinander; in langen Pausen grollte der ferne Donner, und erschreckt von dem unheimlichen Getöse oder ermattet von dem Kampf gegen die empörten Elemente drängten sich die Tiere, denen man als Erwärmungsmittel die Packsättel und Decken auf den wunden Rücken gelassen hatte, in enge Knäuel zusammen oder suchten zitternd und bebend ein spärliches Obdach unter den niederhängenden Zweigen der Zederngebüsche. Wir selbst ergriffen Axt und Schaufel, und mit viel Mühe gelang es uns endlich, ein kleines Feuer zu erzeugen, das, genährt durch dürres, kienreiches Holz, bald in mächtigen Flammen aufloderte, deren Wärme, weithin fühlbar, die vorbeiziehenden Flocken in ebenso viele Wassertropfen verwandelte. Da standen wir denn im Kreis um den Scheiterhaufen, die Füße ruhten auf feuchtem, morastigem Boden, und während die Glut den ihnen zugewandten Kleidungsstücken heißen Dampf entlockte, lagerten sich auf der entgegengesetzten Seite Schneemassen, immer aufs neue die aufgetauten Glieder durchnässend und erkältend. Es dämmerte schon, als wir den letzten Pflock unseres Zeltes in den Boden trieben und die letzte Schaufel Schnee aus dem geschützten Raum entfernten. Unser Abendbrot war der einfachsten Art, doch mehr als nach wohlschmeckender Nahrung sehnten wir uns nach der erquickenden Ruhe zwischen den Pelzen und Decken, und mit einem Gefühl der Behaglichkeit beobachteten wir dann, wie die straff gespannte Leinwand sich vor der Gewalt des Sturms bog, und lauschten dem leisen Knistern, verursacht durch das Anprallen seiner Eisteilchen. Tiefer Winter umgab uns, als wir am 9. April nach ungestörter Nachtruhe ins Freie traten. Der Sturm wehte zwar nicht mehr mit derselben Heftigkeit, aber Schnee fiel noch immer in Massen, so daß an diesem Tag an eine Fortsetzung der Reise nicht gedacht werden konnte. Die Luft war schneidend kalt, eine Eiskruste hatte den von den Hufen der Tiere gekneteten Morast überzogen, und die Kälte verursachte wohl am meisten, daß die verstreute Herde ihre Schlupfwinkel verließ und emsig nach dürrem Gras unter dem Schnee scharrte. Wir dagegen blieben an unser Zelt gefesselt, und der größte Teil des Tages ging damit hin, daß wir die verrosteten Waffen reinigten und wieder in brauchbaren Zustand versetzten. Das Unwetter hielt gegen Abend endlich inne, und in schweres Gewölk trennte und sonderte sich der dunkle, einfarbige Schleier, der bereits seit mehreren Tagen über uns gehangen hatte. Die Masse des Schnees würde gewiß groß gewesen sein, wenn die untersten Schichten auf dem mit Wasser übersättigten Erdreich nicht zergangen wären; so aber deckte eine nur zwei bis drei Zoll tiefe Lage den aufgeweichten Boden, in den die Tiere bei jedem Schritt bis über die Fesselgelenke einsanken – ein Umstand, der sehr hindernd auf unsere Weiterreise zu wirken drohte. In hellem Sonnenschein schwamm am 10. April die herrliche Schneelandschaft, deren Mittelpunkt unser Lager mit den rauchenden Feuern bildete; wie eine wogenförmige Ebene dehnte sich die weiße Fläche nach allen Richtungen aus, und auf dieser schoben sich malerische Gruppen immergrüner Bäume aneinander vorbei. Auch ein winterliches Bild hat seine Reize, und zwar nicht allein durch schon vorhandene anmutige Formen in der Umgebung und deren eigentümliches Kolorit, sondern auch durch feierliche Ruhe und lautlose Stille, die vorzugsweise in den Wildnissen über einer Schneedecke zu schweben scheinen, auf der eigene Fußtritt gedämpft verhallt. Die beschneite Hochebene war schön in den Frühstunden, als die schrägen Strahlen der Sonne die Schatten von Baum und Strauch lang ausreckten und wunderliche Figuren auf der reinen Fläche zeichneten; sie war schön, als die warme Mittagssonne den Schnee in den immergrünen Bäumen auflöste und jede Nadel mit einem schillernden Wassertröpfchen schmückte; sie war aber auch schön, als gegen Abend schweres, goldumsäumtes Gewölk am Horizont aufstieg und glühendes Rot die westliche Richtung bezeichnete. Ich saß im Gipfel eines hohen Baumes und ergötzte mich an dem prachtvollen Schauspiel; ich beobachtete, wie ein im Norden emporragendes Plateau und die fernen Baumgruppen sich in nächtliche Nebel hüllten und ihre Umrisse allmählich ineinander verschwammen; ich sah auch einen Fuchs, der sich in der Einsamkeit des Hochlands heimisch zu fühlen schien und mit komischen, aber vorsichtigen Sprüngen eine Maus verfolgte. In grellem Widerspruch zu der endlosen Wildnis und zu der beängstigenden Einsamkeit, welche diese charakterisierte, stand das rege Treiben im nächsten Umkreis. Lustig flackerten ein Dutzend Feuer, kräftige Gestalten in abgetragenen, zerrissenen Kleidern und mit bärtigen Gesichtern reihten sich um diese; einzelne Leute schleppten trockenes Holz herbei, die Köche kneteten Brotteig, andere scharrten reinen Schnee zusammen, um bei dem schnellen Zergehen desselben am folgenden Morgen gegen Wassermangel gesichert zu sein. Überall aber nahm ich Frohsinn und Ausgelassenheit wahr, nur die Tiere standen traurig umher, und mißmutig krächzten ein paar Raben auf den nackten Zweigen einer vertrockneten Tanne, sie harrten ungeduldig auf unseren Aufbruch, um auf der verlassenen Lagerstelle nach fetten Bissen umherspüren zu können. Ich kletterte hinab von meinem luftigen Sitz, wo ich meine Erinnerung um einige schöne Bilder bereichert hatte, und lag bald darauf zwischen meinen Kameraden auf wohlriechenden Zedernzweigen vor dem knisternden Feuer. Am 11. April rüsteten wir uns frühzeitig zum Aufbruch; der letzte Schnee war während der Nacht wie durch Zauber verschwunden, die Wolken, die am vorhergehenden Abend drohten, hatten sich verteilt, und der feuchte Boden rauchte und dampfte unter dem Einfluß der erwärmten Atmosphäre. Sehr beschwerlich war anfangs unsere Reise, denn nur unter den größten Anstrengungen vermochten die Tiere mit ihren Lasten auf dem morastigen Weg hinzuschreiten, und mehrfach mußte menschliche Hilfe angewandt werden, um halbversunkene Tiere wieder zum Stehen zu bringen. Einem alten Indianerpfad folgend, behielten wir die nordöstliche Richtung bei und gelangten nach Zurücklegung von sechs Meilen auf festeren Boden, wo wir, ohne auf weitere Schwierigkeiten zu stoßen, rüstig dahinzogen. Der Charakter unserer Umgebung blieb während des ganzen Tages fast unverändert, nur die Lichtungen wurden häufiger und umfangreicher, und infolgedessen eröffnete sich uns auch eine freiere Fernsicht. So gewannen wir gegen Mittag einen Blick auf die San Francisco und die Bill Williams Mountains, deren beschneite Gipfel und Abhänge sich genau östlich vor uns erhoben. Sie waren noch über achtzig Meilen entfernt, doch traten ihre malerischen Formen hervor, erkennbar an den lichtblauen und weißen Flächen und Linien. Ich hielt an und begrüßte die stolzen Berge als alte Bekannte, und große Freude empfand ich bei dem Gedanken, bald wieder an ihren Abhängen jagen zu können. Gegen Norden lag ein durchaus anderes Bild vor uns. Dort wurde nämlich der Horizont von einem Plateau begrenzt, das der scheinbar ununterbrochenen Ebene senkrecht entstieg. Dieses erstreckte sich weithin von Westen nach Nordosten und war an mehreren Stellen gespalten und durchbrochen, so daß die losgetrennten Teile als regelmäßige Türme und Wälle gegen den blauen Himmel kontrastierten. Je mehr wir uns dieser eigentümlichen Formation näherten und je deutlicher das Farbenspiel der schroffen Wände sich von dem duftigen Blau der ganzen Masse löste, um so mehr befestigte sich bei uns die Ansicht, daß wir uns den Betten größerer Gewässer näherten und daß dort am Fuß der eben bezeichneten Uferwand tief unten im Schoß der Erde der Kleine oder der Große Colorado fließe oder auch diese beiden Flüsse sich gerade an jenem Punkt vereinigten. Kurz vorher, ehe wir der San Francisco Mountains ansichtig wurden, kamen wir an einem kleinen See vorbei; dieser schien den größten Teil des Jahres hindurch Wasser zu halten, doch keineswegs durch Quellen genährt zu werden. Wir befanden uns nämlich schon gegen neuntausend Fuß hoch über dem Meeresspiegel, also zu hoch, um unbedenklich, namentlich bei der Kenntnis der geologischen Formation des Bodens, die wir allmählich gewonnen hatten, dergleichen annehmen zu können. Eine massive Kalksteinlage deckte in jener Erhebung das Hochland in seiner ganzen Ausdehnung; diese befand sich nur wenige Fuß unter der Oberfläche des Bodens und bildete an jener Stelle eine bassinähnliche Senkung, die das Regen- und Schneewasser einer bedeutenden Fläche aufnahm. Wir tränkten hier die Tiere, und mit einer schwachen Hoffnung, in nächster Zeit wieder auf Wasser zu stoßen, verfolgten wir die alte Richtung. Gegen Abend wurden wir plötzlich durch den Anblick einer alten Straße überrascht, die unseren Pfad von Westen nach Osten durchschnitt. Genaue Untersuchungen ergaben, daß ungefähr zwanzig schwerbeladene Wagen diese gebrochen und die gerade Richtung vorn Colorado nach den San-Franzisko-Bergen gewählt hatten. Die Spuren waren schon einige Monate alt und sehr verwischt, weshalb wir die Zahl der dort getriebenen Pferde und Maultiere nicht festzustellen vermochten, doch deutete ein festgestampfter Pfad in der Mitte der Straße auf eine bedeutende Anzahl von Fußgängern und schwerem Vieh. Beales Straße hatten wir zu weit südlich gelassen, um sie mit diesen Spuren in Verbindung bringen zu dürfen, zumal da dieselben in ganz entgegengesetzter Richtung standen, und so glaubten wir denn nicht anders, als daß ein Trupp Mormonen den Großen Salzsee verlassen und die Ansiedlungen in Neu-Mexiko auf diesem Weg zu erreichen gesucht habe. Wir schmeichelten uns schon mit der Hoffnung, im Falle wir in der von uns eingeschlagenen Richtung auf unüberwindliche Hindernisse stoßen sollten, auf diese Weise zu einem geeigneten Übergangspunkt des Colorado geführt zu werden. Da wir uns nur noch in geringer Entfernung vom Strom befanden, so zweifelten wir doch sehr daran, ob wir bei einem Höhenunterschied von wenigstens siebentausend Fuß die zum Fluß hinabführenden Schluchten zugänglich für unsere Expedition finden würden. Nach einem Marsch von siebzehn Meilen lagerten wir am Rand einer lichten Zedernwaldung. Das Wasser für unseren eigenen Gebrauch lieferten die gefüllten Fäßchen und Krüge, die Tiere dagegen waren nur auf erträgliches Gras angewiesen, und es wunderte uns daher nicht, als wir bei Tagesanbruch entdeckten, daß ein Teil der Herde unter dem Schutz der Dunkelheit den Weg zurück nach dem See eingeschlagen hatte. Die ausgesandten Mexikaner kehrten erst nach einigen Stunden mit den Flüchtlingen zurück, und es stand daher die Sonne bereits hoch am Himmel, als wir am 12. April unsere Weiterreise antraten. Schon am vorhergehenden Tag waren die Tannen gänzlich aus unserer Umgebung verschwunden und die Zederngruppen niedriger und spärlicher geworden; an diesem Morgen nun genügte ein Ritt von wenigen Meilen, uns aus der Baumvegetation hinauszubringen. Die Schwellungen und Senkungen des Bodens wurden bedeutender, und von den Höhen vermochte das Auge ungehindert über weite Strecken zu streifen, auf denen nur hin und wieder einzelne Zedernbüsche wie verloren umherstanden. Die San Francisco und Bill Williams Mountains waren unseren Blicken wieder entzogen worden, dagegen erschienen im Westen die Gipfel blauer Gebirgszüge, und vor uns lag, in stets zunehmenden Dimensionen, das vielfach zerklüftete Plateau mit seinen grellfarbig, aber regelmäßig gezeichneten Uferwänden. Beim Hinblick auf die kolossalen Wälle und auf die weite graue Fläche, wo überall eine ermüdende Einförmigkeit und Öde zutage trat, und bei dem Gedanken, daß dennoch die großartigsten und gewaltigsten aller Naturszenen vor uns liegen mußten, beschlich mich ein eigentümliches Gefühl der Ungeduld, aber auch der Besorgnis, indem ich bei jeder neuen Senkung erwarten konnte, den Boden tief gespalten zu sehen und von der Natur ein gebieterisches »Halt!« zu vernehmen. Doch bergauf und bergab zogen wir, über Hügelreihen und durch Talgründe; der Boden senkte sich mehr und mehr, und endlich beschränkte sich unsere ganze Aussicht auf die nahen runden Hügel. Gegen Mittag erst, nachdem wir unseren Tieren einen dürftigen Trunk aus einer mit Regenwasser gefüllten Felsenvertiefung verabreicht hatten, bog der Pfad in eine Schlucht ein, und derselben abwärts folgend, gelangten wir bald an sechshundert Fuß tief hinab. Wir befanden uns dort auf einer Kalksteinstrate, während Schichten fossiler Muscheln und Kalkstein sich zu beiden Seiten von uns hoch übereinandertürmten und die schrägen, zugänglichen Abhänge nach dem Plateau hinauf bildeten. Nur auf eine kurze Strecke vermochten wir die enge Mitte der Schlucht als unseren Weg zu benutzen, dann aber hemmte ein vierzig Fuß tiefer Abgrund unsere Schritte, und an denselben hintretend, erkannten wir, daß die stürzenden Wasser hier die Lage des massiven Gesteins durchbrochen und sich dann mit wilder Zerstörungswut ihren Weg erweitert und abwärts gebahnt hatten. Wir begaben uns auf den kaum erkennbaren Pfad, der am äußersten Rand der Kalksteinschicht stets in derselben Höhe hinführte. Nach kaum hundert Schritten schon hatte die Tiefe der Schlucht, die sich unmittelbar neben dem Pfad öffnete, bis auf dreihundert Fuß zugenommen; weithin vermochten wir die horizontale Strate zu erkennen, doch nirgends erblickten wir eine Stelle, wo der Pfad hätte möglicherweise hinabführen können, und wohl schwindelte uns schon bei dem bloßen Gedanken, unsere Reise auf einem Weg fortsetzen zu müssen, der nur für Bergziegen und Antilopen geschaffen zu sein schien. Wir stiegen ab, um die Tiere am Zügel zu führen, schnallten die Sporen von den Füßen, und in die lange Reihe eintretend, begannen wir die gefährliche Wanderung. Wie an Tiefe, hatte die Schlucht auch in der Breite zugenommen, und die gegenüberliegende Uferwand bot uns zugleich ein Bild derjenigen, auf der wir uns befanden. Demnach bestanden beide aus gewaltigen, regelmäßig aneinandergereihten Felsentürmen mit hoher Bedachung, die schräg zur Deckschicht des Plateaus hinaufführte, während von der Gesteinslage, die unseren Weg bildete und deren Fortsetzung auf der anderen Seite deutlich hervortrat, eine einzige senkrechte Wand bis in die schauerliche Tiefe hinabreichte. Es ist gewiß nicht meine Absicht, durch allzu genaue Beschreibung von mißlichen Lagen, in die man auf dergleichen Expeditionen nur zu leicht gerät, bewundernde Anerkennung für Geleistetes und Überstandenes ernten zu wollen; doch wenn ich in Gedanken mich in jene Regionen zurückversetze und mir alles, was ich damals sah und fühlte, vergegenwärtige, dann ist es mir, als ob ich eine Verpflichtung übernommen hätte, der nachzukommen mir die innigste Freude gewährt, weil es gilt, die schöne, erhabene Natur in ihren verschiedenen Formen und Gestalten und die gewaltige, sie belebende Kraft preisend als treuergebener Schüler zu beschreiben. Fahre ich dann fort, ans Wunderbare grenzende Erlebnisse zu schildern und gefahrdrohende Momente in der Erzählung mit lebhaften Farben zu schmücken, dann geschieht es, um darzulegen, wie gegenüber einer alles umfassenden Macht der Mensch in ein ohnmächtiges Nichts zusammensinkt; sei es nun der Mensch im Scheinglanz eingebildeter Größe und Unfehlbarkeit oder der Mensch im Urzustand; der Mensch auf der höchsten Stufe des Eigendünkels oder der geknechtete Sklave mit systematisch verkrüppelten Geistesfähigkeiten. Spurlos verschwinden Nationen von der Erde, nur die Werke und Lehren wirklicher Weiser dürfen kühn neben die erhabensten Naturbauwerke hingestellt werden als langdauernde Denkmale dahingeschiedener wahrer Größen. Die lebhafte Unterhaltung in unserem Zug war plötzlich verstummt, lautlos schritt jeder in der bunten Reihe von Menschen und Tieren dahin, krampfhaft hielt die rechte Hand die schwere Büchse umklammert, während die linke, die Augen beschattend, den Rand des Hutes niederzog und der Fuß vorsichtig den Boden prüfte, ehe er das Gewicht des Körpers auf sich nahm. Man vernahm nur das Klappern der Hufe auf dem festen Gestein und einzelne Stimmen, welche die Maultiere je nach Umständen aufmunterten oder beruhigten; und wenn dann ein verwitterter Felsblock unter der ungewohnten Last aus seinen Fugen wich, geräuschlos weite Räume durchmaß und zerschellend mit dumpfem Klang tief unten aufschlug, dann durchzuckte ein leises Beben die Brust, und man erblickte kräftige Männer, die zagend wie Kinder sich niederkauerten, um einen Anfall von Schwindel zu besiegen. Doch die Tiere drängten immer wieder von neuem an, und aufgestört wurde jeder, der sich einer kurzen Rast hinzugeben gedachte. Nur zeitweise wagte ich zur Seite zu blicken, wo sich neben dem Pfad, dessen Breite zwischen drei und zwölf Zoll wechselte, der über tausend Fuß tiefe Abgrund öffnete; und schaute ich dann hinab, wo ziegelfarbiges Gestein durch die Entfernung wie mit einem violetten Hauch überzogen war, dann schienen die gegenüberliegenden Türme und Mauern sich zu beleben; mit träger Bewegung schoben sie sich aneinander vorbei, die Felsmassen aber, die zu meiner rechten Seite hoch übereinandergetürmt lagen, neigten sich drohend über mich hin, und es war dann die höchste Zeit, auf einige Sekunden die Augen zu schließen, um die gleichsam wankende Umgebung wieder zum Stehen zu bringen. Es war ein langer und ermüdender Weg, den wir auf diese Weise zurücklegten, doppelt ermüdend, weil die Sonne mit sengender Glut das Gestein erwärmte und dessen grell beleuchtete Farben zugleich das Auge blendeten. Mit einigem Neid beobachtete ich die schwerbepackten Maultiere, die mit unerschütterlicher Ruhe an den Abgründen hinkletterten und nur gelegentlich stillstanden, um mit gerecktem Hals und gespitzten Ohren in die Tiefe hinabzuschauen, wie um dieselbe mit den Augen zu messen. Obgleich wir von der Sicherheit der Maultiere mehr überzeugt sein mußten als von der eigenen, so wagte doch niemand, außer einigen Mexikanern, die in den Gebirgen von Sonora groß geworden waren, sich dem Sattel anzuvertrauen, und auf die Gefahr, hinuntergedrängt zu werden, suchte jeder nach besten Kräften seinen Platz in dem langen Zug zu behaupten. Zwei Meilen hatten wir überwunden, als wir eine Art Plattform erreichten, an deren westlichem Ende zwischen zwei der erwähnten Türme der Pfad in die Schlucht hinabbog. Ich befand mich zufällig unter den vordersten, und im Zickzack an dem steilen Abhang hinkletternd, gelangten wir gegen achtzig Fuß tief hinab, wo wir uns aber von der Unmöglichkeit überzeugten, anders als mittels Stricken unsere Reise fortzusetzen. Der Befehl zur Umkehr wurde erteilt und nicht ohne Mühe die Reihe der Packtiere auf dem gewundenen Pfad wieder zur Plattform hinaufgetrieben, wo glücklicherweise der größte Teil der Expedition noch versammelt war. Loses Gestein und Felsblöcke rollten uns zwar vielfach entgegen, doch ohne Unfall faßten wir endlich wieder festen Fuß und ordneten uns zur Wanderung zurück an den Abgründen hin. Hatte sich das Auge schon etwas an den grausigen Anblick gewöhnt und wurden die Anfälle von Schwindel und Übelkeit etwas seltener, so hatte dafür die Ungeduld der durstenden Herde zugenommen, die, in der Meinung, zum Wasser zurückgetrieben zu werden, auf wahrhaft drohende Weise drängte und nachschob. Auch die Sehnen an den Knien begannen zu schmerzen und zu erschlaffen, und krampfhaftes Zittern zuckte in den Waden. – So war denn der Rückweg nicht weniger gefährlich als die Hinreise, und ich muß gestehen, daß eine Art Wonnegefühl mich beseelte, als ich, bei dem ersten Abgrund angekommen, den Fuß wieder auf festen Boden stellte und das letzte Tier, das einen Teil unserer Sammlungen trug, in Sicherheit sah. Über unseren nächsten Plan entschied ein kleines mit Wasser angefülltes Felsenbassin, das wir von oben herab am Fuße der ersten Abstufung entdeckten und das für unser Personal und vielleicht für drei oder vier Tiere einen hinreichenden Vorrat auf mehrere Tage zu enthalten schien. Peacock und einige Mexikaner wurden zunächst mittels Stricken hinabgelassen; die leeren Gefäße folgten auf dieselbe Weise nach und wurden gefüllt wieder heraufgezogen; die zum Wassertransport bestimmten Tiere wurden getränkt, worauf wir mit der ganzen Expedition in der Schlucht weiter aufwärts eilten und nach einem Marsch von ungefähr zwei Meilen an geeigneter Stelle das Lager aufschlugen. Da wir uns überzeugt hatten, daß bei einem erneuten Versuch, mehr von diesem wunderbaren Terrain kennenzulernen, die Tiere uns nur von wenig oder gar keinem Nutzen sein konnten, so wurde auf Peacocks Rat die ganze Herde, mit Ausnahme der getränkten Tiere, noch an demselben Abend an den See zurückgesandt. Wir waren nun schon über dreißig Meilen von jenem Punkt entfernt, weshalb die zum Schutz der Herde bestimmten Mexikaner den Auftrag erhielten, erst nach zwei Tagen wieder zu uns zu stoßen. Wir selbst beabsichtigten, während dieser Zeit unsere Forschungen nach besten Kräften zu Fuß auszudehnen, um entweder an den Colorado selbst hinabzugelangen, oder wenigstens von der Höhe aus einen Blick auf ihn zu gewinnen. Ich unternahm noch vor Einbruch der Nacht einen kleinen Ausflug in nördlicher Richtung, doch geriet ich bald in ein solches Labyrinth von Schluchten, daß ich kaum wieder hinauszufinden vermochte. Mehrfach entdeckte ich feuchte Stellen, wo in neuerer Zeit Wasser gestanden hatte, doch deutete nicht die geringste Spur auf die Nähe einer Quelle, und nur einzelne ganz alte, kaum erkennbare Abdrücke von den Hufen flüchtiger Antilopen und Hirsche erblickte ich auf den Höhen. Selbst das Heulen der Kojoten vermißte ich zur nächtlichen Stunde – der sicherste Beweis, daß sich weder Eingeborene noch Wild auf viele Meilen im Umkreis befanden. Am 13. April in aller Frühe verließ eine Rekognoszierungsabteilung das Lager, um noch einmal die Wanderung in die wilde Schlucht zu unternehmen. Die Gesellschaft bestand aus Lieutenant Ives, Dr. Newberry, Egloffstein, Peacock, Lieutenant Tipton und mir nebst sechs Soldaten. Wir waren alle wohlbewaffnet, mit Mundvorrat und Wasser auf vierundzwanzig Stunden versehen, und führten mit Rücksicht auf die Bodengestaltung auch noch lange Stricke und Leinen mit uns. Wir erreichten bald die bekannte Zisterne, und da eben einige Arbeiter und Soldaten damit beschäftigt waren, Wasser zum Bedarf der im Lager Zurückbleibenden heraufzuziehen, so benutzten wir diese Gelegenheit, unsere Feldflaschen frisch zu füllen und uns noch durch einen Trunk von dem schönen, klaren Wasser zu laben. Hier war es, wo Dr. Newberry und ich uns von der übrigen Gesellschaft trennten, um den Versuch zu wagen, der Schlucht gleich von Anfang an zu folgen. Leicht gelangten wir an Stricken zu dem Wasservorrat hinab, und während unsere Gefährten hoch über uns auf dem Felspfad dahinzuschweben schienen, drangen wir immer tiefer abwärts. Fortwährend umgab uns auf unserem gleichsam unterirdischen Weg die interessanteste und großartigste Formation, denn überhängende Felswände, ausgewaschene Höhlen, herabgestürzte kolossale Blöcke und glattes Geröll reihten sich in einem so furchtbar wilden Chaos aneinander, daß wir vor Erstaunen oftmals kaum Worte zu finden vermochten. Bald an Abgründen hinkriechend, bald an Stricken uns niederlassend, rückten wir indessen allmählich weiter; wohltuende Kühle begünstigte uns bei der schweren Arbeit, und immer mehr gaben wir uns der Hoffnung hin, die geheimnisvolle Schlucht, in die nie ein menschlicher Fuß, auch nicht der eines Indianers, gedrungen war, bis zu ihrer Erweiterung erforschen zu können. Plötzlich aber hemmte ein Abgrund unsere Schritte, ein Abgrund, der über hundert Fuß tief hinabreichte und dem andere, kleinere und größere Abstufungen fast unmittelbar folgten. Wir schauten hinab, wir prüften die Seitenwände, die aus der schauerlichen Tiefe weit über unseren Standpunkt senkrecht hinausragten, wir maßen unsere Leinen, aber alles blieb vergebens, unsere Kräfte und unsere Mittel reichten nicht aus, derartige Hindernisse zu besiegen, und mit einem gewissen Widerstreben entschlossen wir uns endlich zur Rückkehr. Wir befanden uns bald wieder bei dem Wasservorrat, die Strickleiter hing noch da, und kurze Zeit darauf standen wir auf derselben Stelle, wo wir uns in der Frühe von unseren Gefährten getrennt hatten. Fünfundzwanzigstes Kapitel Ersteigen des Plateaus – Die merkwürdige Formation der Schluchten – Der Felskessel – Wunderbare Aussicht auf diesen – Rückkehr ins Lager – Ausbleiben von Lieutenant Ives und seiner Abteilung – Sumpfvögel auf dem Plateau – Ankunft des Lieutenant Ives – Beschreibung der tiefgelegenen Schluchten – Vermissen von zwei Soldaten – Ausflug nach einem anderen Felskessel – Beschreibung desselben – Auffinden der Verirrten – Eintreffen der Maultiere – Teilung der Expedition – Erforschen der unbekannten Straße – Vereinigung und Lager der beiden Abteilungen am See – Weitere Reisepläne – Aufbruch zur Reise nach den San Francisco Mountains – Die niedrigere Abstufung des Hochlands – Wassermangel – Umherirren in den Schluchten – Beales Straße – Vulkanische Region – Wassersuche – Der Graue Bär Da es uns nicht gelungen war, den Weg abwärts zu verfolgen, so faßten wir den Entschluß, uns nach der Höhe hinaufzuarbeiten, um möglicherweise von dort aus einen Überblick über die nächste Umgebung zu gewinnen, die in geologischer wie in topographischer Beziehung soviel Merkwürdiges und Ungewöhnliches barg. Als wir mühsam an den steilen Abhängen hinaufkletterten, erschien uns die Atmosphäre doppelt glühend und drückend, weil wir eben erst die gewölbeähnliche kühle Schlucht verlassen hatten, und vielfach waren wir genötigt zu rasten, ehe wir die Höhe des Plateaus erreichten, wo uns auf wellenförmig gestörter Kalksteinstrate ein verhältnismäßig ebener Weg offenstand. Wir wählten die westliche Richtung, und am Rand derselben Schlucht hinschreitend, in der unsere Gefährten verschwunden waren und wo sich tief unter uns der luftige Pfad hinzog, erblickten wir bald Formationen und Szenerien, wie sie die kühnste Phantasie nicht zu ahnen und zu schaffen vermag. Bis zu zweitausend Fuß tief schauten wir hinab, und dort traf das Auge auf dunkelroten Sandstein, der den Boden der trockenen, nackten Felsschlucht bildete, die sich in westlicher Richtung immer mehr senkte und erweiterte. Wie feines Geäder erschienen die zahllosen Wasserrinnen, die vom Fuß der senkrechten Mauern sich der Mitte zuschlängelten und dort zu einem tiefen Flußbett vereinigten, das, so weit das Auge reichte, die Farbe von rotglühendem Eisen trug. Aus der Schlucht stiegen die mächtigen Türme mit ihren regelmäßigen Architekturen und Bedachungen empor, gebildet durch die horizontalen Schichten verschiedener Epochen und je nach ihrer Nachgiebigkeit mehr oder minder ausgemeißelt durch die Einwirkung der Atmosphäre seit Tausenden und aber Tausenden von Jahren. Grellfarbige Streifen zogen sich in nie gestörter Ordnung an den gekerbten Wänden dahin, und während Dr. Newberry sorgsam an diesen Streifen die Geschichte der geologischen Formation des mächtigen Hochlands zu entziffern suchte, nahm ich mein Skizzenbuch zur Hand und schaffte mir ein Andenken an jenen merkwürdigen Punkt. Es war um die Mittagszeit, und mit sengender Glut fielen die Strahlen der Sonne auf das nackte Gestein, das, ebenfalls erhitzt, Wärme ausströmte und die nächsten Luftschichten in zitternder Bewegung erhielt. Die Winde schwiegen, das Atmen wurde schwer, aber mit ungeschwächtem Interesse studierten wir die Linien und Farben des wunderbaren Bildes, das in unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit, aber auch in schrecklicher Öde vor uns lag. Einschläferndes Gesumm von Insekten erfüllte den Raum, regungslos lagen auf dem erwärmten Felsen zahlreiche Eidechsen umher, wollüstig sogen sie mit weit geöffnetem Rachen die heiße Luft ein, aber im Schatten eines Felsblocks lugte hinter halbgehobener Falltür die giftige Tarantel Diese große schwarze, dichtbehaarte Spinne ist im südlichen Nordamerika allgemein unter dem Namen Tarantula bekannt, und ihr Biß ist sehr gefürchtet. Am häufigsten erblickte ich diese auf den dürren Flächen am Rand der Tularetäler, wo sie, ihrer Beute nachspürend, langsam dahinschlich oder auflauernd regungslos dasaß. Nur auf dem Hochplateau beobachtete ich mehrfach diese Tarantel in Erdhöhlen oder auch in Ritzen zwischen Gestein. Die Öffnung hatte sie dann immer so weit zugebaut, daß ihr nur ein bequemer Durchgang offen blieb, und derselbe schloß sich stets von selbst durch eine gespinstähnliche Tür, die, oben lose befestigt, in der Öffnung nach beiden Seiten hin- und herspielte, so daß die grimmige Bewohnerin durch einen leisen Druck ebenso leicht hinein wie hinaus gelangte. Den Kopf unter der halbgehobenen Falltür hindurchsteckend, lauert sie auf die zufällig vorbei eilenden Insekten; befinden sich diese in ihrem Bereich, so stürzt sie mit unglaublicher Schnelligkeit hervor und verfehlt nie ihr Opfer. Eine ungewöhnliche, sie erschreckende Bewegung in ihrer Nähe veranlaßt sie aber, sich tiefer in die Höhle zurückzuziehen, worauf sich die Tür schließt und durch nichts mehr die Anwesenheit der so giftigen Räuberin verraten wird. hervor. Wir hatten unsere Arbeit beendet und erhoben uns, um weiterzugehen, die Tür der Tarantel klappte zu, die Eidechsen stoben auseinander, aber das Geschwirr in der Luft hielt an und begleitete uns, als wir auf dem Rand des Plateaus dahinschritten. Immer umfangreicher wurde die Schlucht, auf die wir ständig unsere Blicke geheftet hielten; sie fiel endlich mit einem weiten Becken zusammen, in das aus allen Richtungen neue Spalten mündeten, die der zuerst erwähnten an Großartigkeit der Formation nichts nachgaben. Das Becken selbst verdient eine genauere Beschreibung, denn es war der Punkt, bis zu dem Lieutenant Ives und unsere übrigen Gefährten wie auf unterirdischem Weg durchdrangen und in dem uns, die wir auf der Höhe standen, ein vortreffliches und fast das einzige Bild des Charakters jener unzugänglichen Regionen geboten wurde. Ich zeigte später die von mir entworfene Skizze dem Lieutenant Ives und Herrn von Egloffstein, doch beide erkannten das Bassin nicht wieder, indem auf ihrer die Aussicht ständig von turmhohen Felswänden eingeengt gewesen war und sie sich in tiefen Schluchten befunden hatten, die ich von der Höhe herab nur für unerhebliche Wasserrinnen gehalten hatte. Die jenen Gegenden eigentümliche klare Atmosphäre ist bei Abschätzungen von Entfernungen vielfach die Ursache von Irrtümern, doch glaube ich, daß meine Angaben sich der Wahrheit nähern, wenn ich die Breite dieses furchtbaren Felskessels auf sechs bis sieben Meilen berechne. Die Einfassung zeigte ganz dieselben Schichten und Farben, wie wir sie in der ersten Schlucht beobachtet hatten, nur daß die wunderlichsten Gebilde die kolossalen Wände schmückten oder teilweise von ihnen losgewaschen waren und daß diese in phantastischen Linien und Formen miteinander zu wetteifern schienen. Der rote Sandstein bildete auch in dem Kessel den scheinbar ebenen Boden, und dieser lag über zweitausend Fuß tiefer unter uns; doch an zahlreichen schattigen Streifen, welche die ziegelrote Fläche in der vom Wasser vorgeschriebenen Ordnung durchschnitten, vermochten wir zu erraten, daß dort neue Spalten und Schluchten sich öffneten, die noch Tausende von Fuß tief hinabführten. Mitten in dem Bassin erhob sich noch ein letzter Überrest des Plateaus, der durch die Regelmäßigkeit seiner Formen auf das merkwürdigste gegen seine ausgezackte und zerrissene Umgebung kontrastierte. Es ragte nämlich auf der roten Unterlage ein mächtiger Kegel empor, dessen höchsten Gipfel ein Felsenturm zierte. Das abgerundete Dach desselben stand einst in Verbindung mit der Gesteinslage, auf der wir uns befanden, und als wir an dem Turm und an den Abhängen des Kegels niederschauten, erkannten wir überall die horizontalen Schichten, deren Fortsetzung an jedem senkrechten Durchschnitt des Hochlands leicht zu entdecken war. Hier nun, wo auf ausgedehntem Raum sich kolossale Massen in ein einziges Bild, aber doch nur zu einem kleinen Teilchen eines gewaltigen Ganzen zusammendrängten, schienen die mächtigen Dimensionen der einzelnen Wälle und Türme im Vergleich mit denen in engeren Schluchten zu schwinden, doch bebte man fast bei dem Eindruck, den die farben- und formenreichen, starren, regungslosen Massen ausübten, und kaum wagte man es, seine Stimme zu erheben gegenüber einer so furchtbar schönen Natur. Nicht ohne Mühe verfolgte ich die Linien, die vor meinen Blicken chaotisch ineinander verschwammen, und lange hätte ich noch weilen mögen in der tödlichen Einsamkeit, doch schmerzhaft wirkte das blendend beleuchtete, farbige Gestein auf meine Augen, und der Körper erschlaffte unter den brennenden Strahlen der Sonne. Wir rüsteten uns zur Heimkehr ins Lager, und an den Abhängen niedergleitend, füllten wir unsere Taschen mit schönen Exemplaren fossiler Muscheln, die in großer Anzahl unter den Trümmern des verwitterten Kalksteins umherlagen. Es war schon spät, als wir, erschöpft von der beschwerlichen Wanderung, uns endlich wieder in dem Schatten unseres Zeltes hinstreckten und erwartungsvoll der Rückkehr des Lieutenant Ives und seiner Abteilung entgegensahen. Die Sonne versank gleichsam in den fernen Schluchten, Dämmerung ruhte auf dem geheimnisvollen Hochland und ging schnell in nächtliches Dunkel über; doch nichts verkündete die Nähe der Abwesenden. Da diese übrigens den gefährlichen Pfad noch nicht betreten haben konnten, als die Tageshelle sie noch begünstigte, so war es nicht zu vermuten, daß sie ihre Wanderung in der Dunkelheit fortsetzen würden, und weiter nicht beunruhigt, traf die kleine Gesellschaft im Lager alle Anstalten, den Mangel an Mannschaften durch doppelte Wachsamkeit zu ersetzen. Ohne Störung verstrich die Nacht, und als ich in der Frühe des 14. April noch gemächlich auf der weichen Büffelhaut lag, vernahm ich plötzlich zu meiner größten Überraschung das schrille Pfeifen von großen Sumpfvögeln, die augenscheinlich unser Lager umkreisten. Ich ergriff mein Gewehr, trat ins Freie und erblickte in der Tat vier große, schön gefiederte Säbler, von denen ich gleich drei erbeutete. Ich präparierte ihre Bälge, das Fleisch dagegen lieferte ich in unsere Küche, und wenn dieses auch nicht wohlschmeckend war, so bildete es doch eine sehr annehmbare Veränderung auf unserem kärglich besetzten Tisch. Schon zur frühen Vormittagsstunde kehrten unsere Gefährten aus der Schlucht zurück und waren sehr erstaunt darüber, daß wir sie am vorhergehenden Abend noch erwartet hatten, da sie doch zwei Soldaten mit Nachricht für uns abgesandt hätten. Ihr Staunen wuchs aber, als sie vernahmen, daß die beiden Leute überhaupt nicht bei uns eingetroffen seien. Peacock, der kühne Reiter, der mit wunden Füßen nachgeschlichen kam, war der einzige, den die Nachricht nicht überraschte, und er beharrte mit stoischer Ruhe auf seiner komischen Ansicht, daß man jedem Soldaten einen Knaben zur Führung mitgeben müsse, wenn man gegen ein Verirren derselben gesichert sein wolle. Es wurden übrigens sogleich einige Leute mit dem Auftrag nach der Schlucht zurückgesandt, durch Abfeuern von Schüssen die Vermißten auf den rechten Weg zurückzuleiten. Lieutenant Ives' und Egloffsteins Berichte lauteten: Nachdem sie den Punkt erreicht hatten, wo wir mit dem Train zur Umkehr gezwungen worden waren, folgten sie dem Pfad abwärts und erreichten endlich nach vieler Mühe den Boden der Schlucht. Die westliche Richtung beibehaltend, gelangten sie immer tiefer, bis endlich hohe Felsmauern sich aufs neue zu beiden Seiten von ihnen auftürmten und jede weitere Aussicht nahmen. Es war dies die Stelle, die ich oben als die rote Sandsteinfläche, überragt von dem Felsenturm, bezeichnete. Soviel wie möglich einer bestimmten Richtung in den wirren Schluchten folgend, auch teilweise geleitet von einem kaum erkennbaren Indianerpfad, stießen sie endlich auf eine Abstufung von ungefähr zwanzig Fuß Tiefe, an der ein morscher Pfahl als letzter Überrest einer rohen Leiter angelehnt stand. Nicht weit davon erblickten sie einen Bach, der sich über die Felsen hinabstürzte und ein kleines Tälchen bewässerte. Durch Stricke und zusammengeknüpfte Gewehrriemen gehalten, kletterte Egloffstein, und zwar nicht ohne Lebensgefahr, hinab, doch stieß er dort auf neue Hindernisse, die ihn in seinen weiteren Bewegungen hemmten. Tiefer abwärts schauend, gewahrte er aber, daß der schmale Raum des Tälchens wie zur Bewässerung in kleine Felder abgeteilt war, und er glaubte auch Fischergerätschaften aus der Ferne zu erkennen. In seinen Beobachtungen wurde er plötzlich durch den Anblick eines Eingeborenen unterbrochen, der auf einer höhergelegenen Felswand saß und neugierig auf ihn herabschaute. In der Hoffnung, hier einen willkommenen Führer für unsere weiteren Operationen zu finden, suchte er den Wilden durch Zeichen zu bestimmen, zu ihm herabzukommen, doch der scheue Indianer, der die Zeichen wohl verstand, antwortete, daß er erst zu ihm hinaufkommen möge, was aber außer dem Bereich seiner Kräfte lag. Nach manchen vergeblichen Versuchen, den Wilden für sich zu gewinnen, kehrte er wieder zu seinen Gefährten zurück, und dann wurde nach kurzer Rast der Heimweg eingeschlagen. Die beiden Soldaten waren übrigens schon früher abgesandt worden, um uns vom Ausbleiben der Gesellschaft in Kenntnis zu setzen. Wie wir vermuteten, waren sie kurz vor Einbruch der Nacht am Fuße jenes unsicheren Pfades angekommen, hatten die Wanderung auf diesem bis zum folgenden Morgen verschoben und es vorgezogen, ohne Feuer, ohne Decken und nur mit einem sehr kärglichen Imbiß die Nacht auf dem harten Felsenlager zuzubringen. Wie ich schon oben bemerkte, erregte die von mir ausgeführte Zeichnung jenes Felskessels das größte Interesse, und Egloffstein entschloß sich, beseelt von dem Wunsch, einen ähnlichen Anblick zu genießen, trotz seiner wunden Füße, am Nachmittag Dr. Newberry und mich auf einem neuen Ausflug zu begleiten. Wir wählten diesmal eine mehr nördliche Richtung, weil wir gerade dort eine größere Senkung des Bodens entdeckten, die möglicherweise das tiefgelegene Bett des Colorado Chiquito sein konnte, den wieder zu erblicken unser nächster Wunsch war. Die Hoffnung, in jener Breite an den Großen Colorado hinabzugelangen, hatten wir ja schon vollständig aufgegeben. Nach einem Marsch von drei Meilen standen wir endlich am Rande der Schlucht, und vor mir lag ein Bild, das im Charakter ähnlich dem war, das ich schon beschrieb, und doch auch wieder so verschieden in seinen einzelnen Teilen und Formen. Der Eindruck, den der gewaltige Felskessel auf uns machte, wurde dadurch gehoben, daß wir hart am Rande des Plateaus standen und die grausige Tiefe sich unmittelbar vor unseren Füßen öffnete. Schüchtern schauten wir hinab auf das nahe an zweitausend Fuß tief gelegene dunkelrote Bett des trockenen Bassins; in unzähligen Windungen, ähnlich phantastischen Arabesken, zogen sich die verschiedenen Wasserrinnen dahin, und mit ihnen vereinigten sich die Schluchten, die aus den tiefen Spalten des Hochlands weit in das Becken hineinreichten. Die durchschnittliche Breite dieses Felskessels betrug nicht unter sechs Meilen, doch war er gleichsam in zwei Hälften geteilt durch eine mauerähnliche Verlängerung des Plateaus, die so merkwürdige Gebilde schmückten, daß man in der Tat die wohlerhaltenen Ruinen einer indianischen Stadt vor sich zu sehen glaubte. Auffallender noch war ein mächtiges Amphitheater, das sich in schöner, regelmäßiger Rundung zwischen unserem Standpunkt und der ruinengekrönten Felswand ausdehnte. Durch eine weite Öffnung stand dasselbe mit dem Hauptkessel in Verbindung, doch bildete es ein abgeschlossenes Bauwerk, das den Beobachter mehr als alles andere zu Betrachtungen hinreißen mußte. Wie sich nun oftmals auf meinen einsamen Wanderungen in jenen Urwildnissen Eindrücke, Gefühle und Gedanken wiederholten, so ist es auch wohl verzeihlich, wenn ich bei der Beschreibung dieselben Wiederholungen eintreten lasse; und gern ertrage ich den Tadel, den ich durch den Versuch einer abermaligen Schilderung jenes so merkwürdig zerklüfteten Hochlands vielleicht auf mich lade. Dort also auf schwindelnder Höhe, am Rande des Abgrunds, saß ich wiederum und zeichnete. Vor mir aus schauerlicher Tiefe türmten sich die Formationen verschiedener Epochen übereinander, deutlich erkennbar an den grellen Farbkontrasten, jede einzelne Schicht ein Weltalter bezeichnend. Senkrecht standen die Wände, als ob die geringste Erschütterung sie hinabzustürzen vermöchte, und wie eine Mahnung an die Unendlichkeit erschienen mir die Merkmale, die bewiesen, daß fallende Wassertropfen die Schlünde bildeten, die mir von allen Seiten entgegenstarrten. Ich saß und zeichnete und blickte sehnsüchtig hinüber zur hohen Felswand, die sich in der Entfernung von etwa zwanzig Meilen aus der Ebene erhob und an deren Fuß der Kleine oder der Große Colorado vorüberschäumen mußte. Beide Flüsse konnten sich, nach unserer Berechnung, in jener Breite nicht über fünfzehnhundert Fuß hoch über dem Meeresspiegel befinden, und da neuntausend Fuß die Erhebung des Plateaus war, so mußte das eigentümliche Bild verborgen vor uns liegen, in dem ein Fluß sich zwischen senkrechten Wänden von siebentausend und mehr Fuß dahindrängt oder in stufenweisen, unmittelbar aufeinanderfolgenden Fällen den Höhenunterschied überwindet. Nach meiner Rückkehr aus jener Gegend ist mehrfach die Frage aufgeworfen worden, ob der Colorado sich sein Bett nicht unter der Oberfläche des Plateaus durchgewühlt haben könne, da die Erhebung des Bodens nahe der Vereinigung des Grand River und des Green River nur an fünftausend Fuß betrage; das ist wohl denkbar, doch an Ort und Stelle erkennt man leicht die Unwahrscheinlichkeit einer Unterwühlung der massiven Gesteinslagen, die auf einem ungeheuren Raum die Erdoberfläche bilden. Außerdem zweifelt man nicht beim Hinblick auf die zahllosen Schluchten, die wie ein Geäder das Hochland durchziehen, daß die tiefen, bis jetzt noch unbekannten Betten der Ströme in jenen Regionen ebenso wie die Schluchten durch Auswaschungen von oben allmählich entstanden sind. Übrigens vermag man auch von den Höhen der San Francisco Mountains die Öffnungen der Spalten zu erkennen, in denen mutmaßlich die beiden Ströme fließen. Mit einer gewissen Wehmut blickte ich nach der mächtigen Uferwand hinüber, die den Lauf großer Gewässer bezeichnete und von der mich Hindernisse trennten, die zu überwinden mehr als menschliche Kräfte erfordert hätte; mit Wehmut beobachtete ich auch eine Weihe, die auf sicheren Schwingen in gleicher Höhe mit meinem lustigen Standpunkt über der Tiefe dahinschwebte. Ich beneidete den Vogel um seine Kraft, folgte ihm im Geist und schaffte mir in Gedanken mit ahnungsvollem Grauen ein Bild von dem Felsental des Colorado »des Westens«, das vielleicht noch für kommende Jahrhunderte dem Menschen ein Geheimnis bleiben wird. Als ich mich wandte, um ins Lager zurückzukehren, hatte ich wieder die scheinbar ununterbrochene Ebene vor mir; der Himmel hatte sich bewölkt, im Westen schimmerten einige rosenfarbige Streifen, den baldigen Untergang der Sonne verkündend, und ich eilte, um nicht zwischen den Schluchten von der Dunkelheit überrascht zu werden. Mit Freude vernahm ich, daß die beiden vermißten Soldaten eingetroffen seien. Dieselben waren an der Stelle, wo der Pfad aufwärts führte, vorbeigegangen und in eine falsche Schlucht eingedrungen. Sobald sie indessen inne geworden waren, daß sie vom rechten Weg abgekommen seien, hatten sie sich gelagert, und hoffend, daß man ihnen Hilfe senden würde, und in der Absicht, sich nicht aus dem Bereich dieser Hilfe zu entfernen, hatten sie beinahe vierundzwanzig Stunden auf derselben Stelle zugebracht. Es war das Verständigste, was sie in dieser mißlichen Lage tun konnten, denn nach langem vergeblichem Harren vernahmen sie endlich die Signalschüsse ihrer Kameraden, die ihnen, mit Lebensmitteln und Wasser versehen, nachgespürt hatten. Zur späten Nachtstunde trafen die Mexikaner mit den Maultieren wieder bei uns ein. Trotz der weiten Entfernung zum Wasser hatte sich die Herde während der letzten Tage etwas erholt, und wir reisten mit ungewöhnlicher Leichtigkeit, als wir am 15. April den Weg zurück einschlugen. Wir erfreuten uns bald wieder an dem prachtvollen Anblick des beschneiten San-Franzisko-Gebirges, und die Hälfte des Tages war noch nicht verflossen, als wir uns an der vermeintlichen Mormonenstraße befanden. Hier wurde die Expedition auf kurze Zeit geteilt, und zwar so, daß Peacock mit dem Haupttrain dem See zueilte, um uns dort zu erwarten, während wir übrigen, begleitet von sechs Soldaten und nur auf einige Tage mit Lebensmitteln versehen, uns auf der geheimnisvollen Wagenstraße westlich wandten. Da dieser Weg allem Anschein nach von einer Übergangsstelle des Colorado in gerader Richtung nach den San Francisco Mountains gebrochen worden war, so gaben wir uns abermals der trügerischen Hoffnung hin, noch einmal in Berührung mit dem ersehnten Strom zu kommen, und fröhlich ritten wir zwischen den zedernbewachsenen Hügeln dahin. Unsere freudige Hoffnung erreichte indessen schon nach einer dreistündigen Reise zusammen mit der Straße selbst ihr Ende. Wir stießen nämlich auf die alte Lagerstelle derjenigen, die vor uns dort gewandert waren, und erkannten leicht, daß wir dennoch durch die Spuren des Lieutenant Beale und seiner Kamelexpedition irregeführt worden waren. Unsere weiteren Forschungen ergaben, daß Lieutenant Beale, verlockt durch die Ebenheit des Hochlands, in dieser Richtung den geeignetsten Weg über den Colorado nach Kalifornien zu entdecken geglaubt hatte und daß er, nachdem er sich von der Unzugänglichkeit des Stroms überzeugt hatte, auf demselben Weg, den er gekommen, bis in die Nähe der Bill Williams Mountains zurückgegangen war, um sein Heil in einer südlicheren Richtung zu versuchen. Der Umstand nun, daß auf seiner Rückreise die Wagen sowohl wie die Kamele die schon gebrochenen Spuren kein einziges Mal verlassen hatten, war Ursache, daß wir uns über die Zahl der Wagen wie auch über den Zweck der dort Gereisten täuschen konnten. Der Irrtum war um so verzeihlicher, als schon seit einem halben Jahr Schnee, Regen und Sturm auf die schwachen Spuren eingewirkt hatten und wir Beales wirkliche Straße weiter südlich wußten. Ohne Zögern kehrten wir auf derselben Stelle um, wo auch Lieutenant Beale sich zur Rückreise entschlossen hatte, und schätzten uns glücklich, vor Abend eine kleine Felshöhle zu entdecken, in der ein geringer Vorrat von Schneewasser zurückgeblieben war. Wir schlugen hier unser Lager auf, und vor einem tüchtigen Feuer von leicht brennendem Zedernholz vergaßen wir die eisige Luft, die wieder mit Schnee zu drohen schien. Ein Marsch von fünfzehn Meilen brachte uns am 16. April an den See, wo wir Peacock unter einer Gruppe von hohen Tannen mit seinem Train gelagert fanden. Da Peacock erklärte, daß, mit Rücksicht auf den beunruhigenden Zustand der Tiere, einige Tage der Ruhe an jener Stelle, wo außer hinreichendem Wasser auch gutes Gras vorhanden war, sehr anzuraten seien, wenn wir nicht überhaupt nach kurzer Zeit auf unsere eigenen Füße angewiesen sein wollten, so errichteten wir unsere Zelte mit mehr Vorsicht als gewöhnlich, preßten mittels kleiner Erdwälle die Leinwand fest auf den Boden und gruben dicht vor den Türen tiefe Feuerhöhlen aus. Die Atmosphäre war nämlich wieder eisig kalt geworden, und nicht ohne Besorgnis beobachteten wir den umdüsterten Himmel, an dem die grauen Schneewolken sich jagten. Trotz der rauhen Luft und der vereinzelten Schneeflocken, die sich wie verloren hin und wieder auf den feuchten Boden senkten, gelang es uns doch mittels glühender Steine, eine überaus angenehme Temperatur in unserem Zelt herzustellen. Wir lagen den Abend über auf unseren Decken, und ohne das Tonpfeifchen zu vernachlässigen, wandten wir unsere ganze Aufmerksamkeit den abermals geänderten Reiseplänen des Lieutenant Ives zu. Die Erfahrung hatte uns gelehrt, daß westlich von den San Francisco Mountains an ein Überschreiten des Colorado Chiquito nicht gedacht werden könne; ebenso war es uns klar, daß der nördliche, von den beiden Strömen gebildete Winkel vollständig unzugänglich sei. Der durch zahlreiche Hindernisse verursachte Verlust an Zeit, der Mangel an Proviant sowie das Schwinden der Kräfte unserer Tiere – alles dies ließ uns daher jetzt nur noch zwei Wege offen, nämlich entweder noch einen letzten Versuch zu unternehmen, den Colorado Chiquito östlich von den San Francisco Mountains zu überschreiten und, uns dann nördlich wendend, in der Nähe der Moqui-Städte an den Colorado hinabzugelangen oder den Quellen des Rio Verde zuzueilen und diesen noch fast ganz unbekannten Fluß bis zu seiner Vereinigung mit dem Gila zu erforschen. Im letzteren Fall rechneten wir darauf, in den Dörfern der Pimo-Indianer unsere Lebensmittel für die Zeit der Reise am Gila hinunter bis nach Fort Yuma ergänzen zu können. Im ersteren Fall aber beabsichtigte Lieutenant Ives, die Expedition in Albuquerque am Rio Grande aufzulösen, Soldaten und Packtrain auf der Militärstation zurückzulassen und dann zusammen mit Dr. Newberry, Herrn von Egloffstein, Mr. Peacock und mir nebst unseren Sammlungen mit Postmaultieren auf der Gilastraße zurück nach Kalifornien zu eilen. Beide Routen hatten für mich dasselbe Interesse, doch erklärte ich sogleich, daß ich fest entschlossen sei, wenn ich am Rio Grande angekommen sei, nicht mit der Post am Gila hinunterzureisen, sondern mich in Albuquerque von der Gesellschaft zu trennen, um gemeinschaftlich mit einigen Pelzjägern oder Indianern – wie es gerade der Zufall fügen würde – den Ritt über die Prärien an den Missouri zu unternehmen. Die Gründe, die mich zu diesem Entschluß veranlaßten, waren überwiegend genug, wenn man die beiden Reisen miteinander verglich: Auf der einen Seite die Fahrt im Wagen bei der furchtbaren Hitze des Sommers, und dazu mit einer Schnelligkeit, daß jede Gelegenheit, etwas vom Charakter des Landes kennenzulernen, vollständig abgeschnitten wurde; auf der anderen dagegen der Ritt durch die endlosen Grasfluren mit ihren Antilopen und Büffelherden – wer hätte da wohl noch länger schwanken können? Und noch dazu jemand, der die Reize einer solchen Präriereise längst kennengelernt hatte? Wie ich nun meinen Reiseplan aufs wärmste verteidigte, das bezaubernde Leben in jenen Regionen beschrieb, der tauigen Morgen und der so überaus schönen Abende gedachte; ferner von den schwarzen Heersäulen der wandernden Bisons, von der aufregenden Jagd auf dieselben und von ihrem wohlschmeckenden Fleisch sprach, da gewahrte ich, daß Peacock längstvergangener Zeiten gedachte, denn seine Augen leuchteten vor Entzücken, und schmunzelnd wünschte er, noch einmal einen fettreichen Büffelhöcker bei langsamem Feuer rösten und inmitten der grasreichen Steppe verzehren zu können. Dr. Newberry räumte ein, daß er schon zweimal Kalifornien auf dem Wasserweg besucht, doch Prärie, Büffel und Büffeljagd nur aus der Beschreibung kenne, daß es ihn aber mächtig nach jenen Regionen hinziehe, über welche die Zivilisation in den nächsten Jahren sich weiter ausbreiten und mit ihrer Geißel die letzte Poesie einer romantischen Wildnis stören werde. Mit herzlicher Freude nahm ich wahr, daß es keiner großen Überredung bedürfe, um beide Gefährten für meinen Plan zu gewinnen, und ich unterließ es daher nicht, bei jeder vorkommenden Gelegenheit auf das herrliche Leben in der Prärie zurückzukommen und die Freuden desselben mit den lebhaftesten Farben zu schildern. Der 17. April begann mit hellem Sonnenschein, doch hatte die Kälte nicht nachgelassen; die am Horizont aufsteigenden, weißschimmernden Wölkchen begannen sich aber zu vergrößern, wie spielend die Sonne auf Minuten zu verschleiern, und endlich verbargen sie ganz das Blau des Himmels, das die zahlreichen Vögel im nahen Zedernwald zu fröhlichem Gesang und Gezwitscher veranlaßt hatte. Der unermüdliche Egloffstein unternahm eine Fußreise in der Richtung nach dem Colorado, um sich soviel wie möglich über die geographische Lage dieses Stroms zu vergewissern, während ich mit der Vogelflinte die nächste Umgebung durchstreifte, um einige Kenntnis über die auf dem Plateau eingekehrten gefiederten Wanderer zu erhalten. Ich bemerkte zuerst den kleinen Kreuzschnabel, dessen einfaches, melancholisches Flöten weithin durch den niedrigen Forst schallte; in seiner Gesellschaft beobachtete ich vielfach kleine Meisen, emsig damit beschäftigt, sich zwischen den Nadeln und Zapfen der Tannen ihr Futter zu suchen. Ferner erblickte ich den schönen westlichen Blauvogel, verschiedene Häher, dann einen reizenden Singvogel, dessen Lieblingsaufenthalt die Zedernbäume zu sein schienen, sowie auch das Rebhuhn und eine Finkenart. An Säugetieren bemerkte ich nur den großen, schwarzschwänzigen Hasen, und ich war auch so glücklich, einen derselben zu erlegen. Das Zubereiten der Vogelbälge füllte die übrige Zeit des Tages aus, und erst zur späten Abendstunde kehrte Egloffstein von seiner mühevollen, aber wenig erfolgreichen Wanderung zurück. Das kalte, windige Wetter und der zeitweise Fall von Regen und Schnee hielten uns am 18. April fast den ganzen Tag hindurch ans Zelt gefesselt; wir zeichneten, schrieben, unterhielten uns und öffneten die Tür nur, um die abgekühlten Steine durch glühende zu ersetzen. Die Zeit schlich uns indessen nur sehr langsam dahin, und wir schätzten uns glücklich, als wir am Morgen des 19. wieder unsere Tiere bestiegen, die sich während der Ruhetage bei dem ungewöhnlich guten Futter bedeutend erholt hatten. Unser nächstes Ziel war jetzt die Ostseite der San-Franzisko-Gebirge, denn da Lieutenant Ives sich nunmehr fest für die Reise zu den Moqui-Indianern entschieden hatte, so mußten wir vor allen Dingen suchen, auf das nördliche Ufer des Colorado Chiquito zu gelangen, ein Vorhaben, das, wie wir wußten, westlich von dem Gebirge nicht bewerkstelligt werden konnte. Wir folgten daher der südöstlichen Richtung, und kaum merklich, aber beständig niedersteigend, befanden wir uns nach einigen Stunden am Rande einer niedrigen Abstufung des Hochlands, die sich wie eine ununterbrochene Ebene von Nordwesten weithin gegen Osten ausdehnte und hin und wieder von konischen Hügeln und Felstürmen überragt wurde. Südlich von uns erstreckte sich eine Verlängerung des höhergelegenen Plateaus gegen Südosten, doch schien diese durch vulkanische Revolutionen gestört zu sein, und vielfach erblickte ich lavaartige Basaltmassen, welche die Gipfel des in Hügelform zerrissenen Hochlands bedeckten und die uns die nördliche Grenze des vulkanischen Gürtels der San Francisco und Bill Williams Mountains bezeichneten. Am Fuße dieser Hügel nun zogen wir dahin, doch kamen wir wegen der ungünstigen Bodengestaltung nur sehr langsam vorwärts, und häufig entdeckten wir erst nach längerem Forschen zugängliche Stellen, wo wir leichter durch die Schluchten gelangen konnten, welche die Ebene in nördlicher Richtung durchschnitten. Wir reisten nahe der Wasserscheide, welche die Zuflüsse der Bill Williams Fork von denen des Colorado trennt, und ich glaubte mehrfach deutlich zu erkennen, daß einzelne Schluchten des Hochlands sich gegen Süden senkten, während dessen nördliche Abhänge die niederschlagende Feuchtigkeit durch die scheinbare Ebene dem Colorado direkt oder durch den Kleinen Colorado zusandten. Vergeblich schauten wir aber nach Anzeichen von Quellen aus, und ebensowenig entdeckten wir natürliche Zisternen, die der auf den Höhen schnell zergehende Schnee hätte anfüllen können. Der Boden war trotz der jüngsten Schneefälle trocken und dürr, kleine Zedernwaldungen zierten die Abhänge der Hügel, doch auf der Ebene standen nur vereinzelte Büsche umher und wechselten durch die Luftspiegelung scheinbar in der Ferne ihre Gestalt oder ragten, abgestorben und ihres grünen Schmucks beraubt, ähnlich riesenhaften Geweihen vorweltlicher Hirsche empor. Gegen Mittag zogen wir quer über einen Wildpfad, der in südlicher Richtung in das Hochland hineinführte und der unbedingt zum Wasser führen mußte; eine Viertelstunde später berührten wir einen ähnlichen Pfad, der nach derselben Schlucht hinleitete und meine letzten Zweifel hinsichtlich der Nähe von Wasser vollständig beseitigte. Ich machte Lieutenant Ives auf diesen Umstand aufmerksam und bedeutete ihm, daß, nach der Bodengestaltung zu schließen und nach den Außenlinien der meinem Gedächtnis noch aus früheren Zeiten vorschwebenden Bergformen, wir uns nahe den Quellen des Partridge Creek Siehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 335. befinden müßten und daß die Wildpfade wahrscheinlich zu den wasserhaltigen Stellen jenes Bachs, und wenn nicht zu diesem, so doch jedenfalls zu irgendeiner Quelle auf Whipples Route führen würden. Lieutenant Ives aber, abgeneigt, die eingeschlagene Richtung zu verlassen, äußerte eine entgegengesetzte Meinung, und selbst als wir bald darauf einen dritten, ebenfalls nach jenem Punkt hinführenden Pfad entdeckten, beharrte er auf seinem Willen. So ritten wir denn weiter bis gegen Abend und bezogen dann in einer talähnlichen Schlucht unser Lager. Wir fanden dort ziemlich gutes Futter für die Tiere, auch reichlich Holz zu unserem Bedarf, doch das Wasser, dessen die Herde am meisten bedurfte, mangelte uns ganz, und nur durch den von dem See aus mitgenommenen Vorrat waren wir in die Lage versetzt, unsere Speisen zu bereiten. Die Nacht war mild, und ebenso schön war auch der Morgen, der auf diese folgte; die Tiere litten sichtlich, und um so bald als möglich Wasser zu erreichen, beschleunigten wir unseren Aufbruch. Mehrere Meilen zogen wir noch am Fuße des Hochlands hin, da diese Richtung aber zu weit nördlich führte und Lieutenant Ives nicht wünschte, abermals in Beales Irrstraße zu geraten, die, wie wir wohl wußten, zwischen uns und dem Colorado Chiquito lag, so bogen wir in eine weite Schlucht ein, die tief in das Hochland hineinreichte. Diese führte uns in südlicher Richtung nach der Höhe hinauf, die sich, ähnlich der Abstufung, die wir eben verlassen hatten, wie eine Ebene nach allen Seiten ausdehnte. Nur der Charakter des Bodens war hier gänzlich verschieden von dem tiefer gelegenen und weit und breit bedeckt mit vulkanischer Asche und lavaartigen Trümmerhaufen. Gegen Südwesten erblickten wir in einer Schneehülle die San Francisco Mountains, und um diese herum reihten sich zahlreiche kleinere vulkanische Kegel, die, teils nur mit einer Grasnarbe überzogen, teils mit Nadelholz bewachsen, das Eigentümliche der schönen Landschaft hoben. Der Boden schien sich nach den Bill Williams Mountains zu sanft zu senken und trotz der vielen bergähnlichen Schwellungen eine verhältnismäßig bequeme Straße zu bieten, doch hatte ich mich vor Jahren schon davon überzeugt, daß unzählige schwer zugängliche Schluchten und Spalten diese Regionen durchkreuzten und eine Reise sogar mit Maultieren sehr erschwerten. Ich riet daher ab, als Egloffstein sich an die Spitze des Zugs stellte, um eine Bienenlinie Gebräuchliche Bezeichnung in Amerika für eine gerade Linie, abgeleitet von dem geraden Flug der Bienen. nach dem Fuße der Bill Williams Mountains zu ziehen, wo Lieutenant Ives sowohl als ich die Lavaquelle Siehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 334. wußten, von der wir aber selbst in der geradesten Richtung noch über dreißig Meilen entfernt waren. Doch wiederum vermochte ich mit meiner Ansicht nicht durchzudringen, weil man, was gewiß verzeihlich ist, den flüchtig entworfenen Karten mehr Vertrauen schenkte als dem Gedächtnis eines Jägers und weil ein breites Aschenfeld vor uns lag, das meine Behauptung vollständig umzustoßen schien. Wir gelangten auf die Südseite des Aschenfelds, auf dem nur vereinzelte Lavablöcke hervorragten und auf dessen glattgewehter Oberfläche zahlreiche Hasen wie auf frisch gefallenem Schnee in den buntesten Linien ihre Spuren zurückgelassen hatten. Als wir dann, um die Richtung nicht zu verlieren, am Abhang eines mit Zedern bewachsenen Hügels hinaufzogen, ritt ich zu Lieutenant Ives, um ihn noch einmal zu bitten, von einem Versuch abzustehen, der den Untergang unserer halb verschmachteten Tiere herbeiführen könne, indem wir bald in ein Labyrinth von unpassierbaren Schluchten geraten würden, und daß er lieber einer direkt gegen Süden laufenden Schlucht nachfolgen möge. Doch Lieutenant Ives sowohl wie Herr von Egloffstein waren zu sehr von dem Wunsch beseelt, in möglichst gerader Richtung die Lavaquelle zu erreichen, als daß sie meinen Ratschlägen Gehör gegeben hätten, und zum größten Verdruß von Peacock, Dr. Newberry und mir behielten wir noch auf eine Viertelstunde die Gipfel der Bill-Williams-Berge als unser Ziel im Auge. Plötzlich aber hemmte eine tiefe Schlucht mit senkrechten Wänden unser weiteres Fortschreiten, und erst nachdem wir in nordöstlicher Richtung gegen tausend Schritt am Rande derselben hingeritten waren, erreichten wir eine Stelle, an der wir mittels Äxten einen Weg durch das dichte Zederngebüsch an dem steilen Abhang abwärts zu bahnen vermochten. Nach vieler Mühe gelangten wir endlich in die trockene Schlucht hinab, und während wir noch im Ungewissen waren, welche von den dort sich vereinigenden Schluchten am meisten unseren Wünschen entsprechen würde, stießen wir unvermutet auf Beales Straße, die der Schlucht von Nordwest gegen Südwest nachlief. Es war derselbe Weg, den Beale eingeschlagen hatte, nachdem er von seiner vergeblichen Reise nach der Hochebene hinauf zurückgekehrt war, und da wir nicht daran zweifelten, daß diese Wagenstraße zum Wasser führen mußte, so bogen wir sogleich in diese ein und reisten, von der größten Not dazu gezwungen, in einer für unsere Zwecke ganz entgegengesetzten Richtung. Obgleich die Bodengestaltung uns nun wieder begünstigte, konnten wir unsere Reise doch nicht bis zum Abend fortsetzen, indem Menschen und Tiere so vollständig ermatteten, daß einzelne derselben mehrere Meilen hinter der Spitze des langgereckten Zugs zurückblieben und sich nur noch mit Aufbietung ihrer letzten Kräfte von der Stelle zu bewegen vermochten. Wir hielten daher nach einem Tagesmarsch von zwanzig Meilen in geringer Entfernung von einer waldigen Hügelkette an und sandten sogleich unsere Mexikaner nach den Höhen hinauf, um nach Schneewasser zwischen dem Gestein umherzusuchen. Einen traurigen Anblick gewährten unsere armen Tiere, die vor Ermattung und vor Durst gleichgültig über grasreiche Stellen hinschritten und, wie um Wasser zu suchen, sich beständig vom Lager fortdrängten; ja die Unruhe der Tiere wurde so groß, daß die meisten von ihnen, um sie an der Rückkehr zum See zu hindern, während der Nacht angepflockt werden mußten. Es dunkelte schon, als einige auf den Höhen abgefeuerte Schüsse uns benachrichtigten, daß Wasser gefunden sei; leider war es aber keine Quelle, wie die Mexikaner anfänglich vermuteten, sondern eben nur Schneewasser, das in einer Vertiefung der Felsen zurückgeblieben war. Es reichte indessen so weit, daß einigen der durstigsten Tiere eine Schüssel Wasser verabreicht werden konnte, was in dieser mißlichen Lage von nicht geringer Wichtigkeit für uns war. Mit dem Frühesten machten wir uns am 21. April reisefertig, denn Wasser mußten wir an diesem Tag erreichen, wenn wir nicht Gefahr laufen wollten, den größten Teil unserer Herde zu verlieren. Leider stellte es sich heraus, daß trotz der großen Wachsamkeit der Hüter einige Tiere sich davongeschlichen hatten; zwei Mexikaner wurden daher angewiesen, mit den letzten Tropfen aus den Felsvertiefungen ihre Reittiere zu tränken und dann sogleich den Flüchtlingen nachzuspüren. Die Expedition setzte sich alsdann in Marsch, und über die Hügelkette hinüberziehend, gelangten wir auf eine ziemlich ebene Fläche, aus der sich ringsum abgesonderte Berge und Kuppen erhoben, die ich auf den ersten Blick wiedererkannte und nach denen ich mich mit größter Leichtigkeit orientierte. So erblickte ich vor mir den Picacho Siehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 337. mit seinen Granitformationen und schroffen Abhängen, und an der Stellung, in der sich unsere Expedition dazu befand, sowie an der Strecke, die uns von jenem hervorragenden Punkt trennte, konnte ich leicht berechnen, daß Whipples Straße sich nur etwa fünfzehn Meilen südlich von uns hinzog und daß ferner der Partridge Creek in der Entfernung von kaum fünf Meilen vor uns lag. Ich zweifelte jetzt nicht mehr daran, daß, wenn wir am 19. April den südlich laufenden Pfaden gefolgt wären, wir schon an demselben Tage oder spätestens am folgenden Morgen dasselbe Wasser erreicht hätten, zu dem uns jetzt Beales Straße führte. Der Charakter der Umgebung allein würde mich schon an die Nähe des Weges erinnert haben, den ich im Jahre 1854 in der Expedition von Captain Whipple zurücklegte, denn überall erblickte ich die schon bekannte Abwechslung von Kalk- und Sandstein sowie die schwarzen Lavafelder, die nach allen Seiten hin von tiefen Schluchten durchkreuzt wurden. Die fast einzige Baumvegetation bildeten verkrüppelte Zedern, die sich strichweise zu schwarzen, aber lichten Waldungen zusammendrängten oder umfangreiche Strecken nur noch mit ihren verdorrten, skelettähnlichen Überresten bedeckten. Kaum zwei Stunden waren wir geritten, als wir uns abermals am Rande einer weiten Schlucht befanden, die sich von Norden nach Süden erstreckte und in die, soweit ich wahrnehmen konnte, zahlreiche Nebenschluchten mündeten. Ich war zusammen mit Dr. Newberry und Peacock dem Zug etwas vorausgeeilt, und an geeigneter Stelle am lehmigen Ufer hinunterreitend, teilte ich meinen Gefährten eben mit, daß ich die Schlucht für das trockene Bett des Partridge Creek halte, als ich plötzlich vor mir im losen Erdreich die frischen Abdrücke eines Grauen Bären erblickte. Den Augen meiner Gefährten waren diese gleichfalls nicht entgangen, und gemeinschaftlich unternahmen wir es, denselben nachzuspüren. Doch keine fünf Schritte hatten wir uns zu diesem Zweck vom Weg entfernt, als wir plötzlich des Bären selbst ansichtig wurden, der auf der anderen Seite in dem durch eine Nebenschlucht gebildeten Winkel auf sorglose Weise süße Pflanzen aus dem Boden rupfte. Es war ein riesenhafter Bursche, und deutlich konnten wir alle seine Bewegungen in dem verdorrten Gestrüpp verfolgen, über das sein breiter schwarzer Rücken hervorragte. Wir waren ungefähr fünfhundert Schritt von ihm entfernt, hatten also Zeit, unsere Büchsen und Revolver zu prüfen und mit neuen Zündhütchen zu versehen, worauf wir vorsichtig in die Niederung hinabritten und dann im Jagdeifer unsere matten Tiere rücksichtslos zur größten Eile antrieben. Sechsundzwanzigstes Kapitel Die Bärenjagd – Beschreibung einer Bärenjagd am Missouri – Reise am Partridge Creek hinunter – Rückreise in der Schlucht des Partridge Creek – Aufbruch gegen Osten – Das grasreiche Lager – Beschreibung des Landes – Lager nahe den Bill Williams Mountains – Weiterreise parallel mit Whipples Straße – Bären und Bärenjagd – Wild – Reise bis zu Leroux' Quelle – Lager daselbst Begünstigt vom Wind gelangten wir nach einem kurzen Ritt bis auf fünfundzwanzig Schritte zu dem Bären heran, dem ein schmaler Streifen verdorrten Gestrüpps den Anblick auf uns entzog und der zu emsig beschäftigt war, sich vielleicht auch zu sehr Herr des Bodens fühlte, als daß ihn das durch uns erzeugte Geräusch gestört oder beunruhigt hätte. Nach kurzer Verabredung nahmen wir unsere Posten ein, und zwar so, daß wir den Bären von drei Seiten umstellten, indem Dr. Newberry ihm den Weg in die Hauptschlucht zu vertreten suchte, Peacock leise um ihn herumritt und ihm den Rückweg abschnitt und ich zwischen beiden mich zum Angriff bereitmachte. Die andere Seite nahm der steile Abhang eines Hügels ein, und wir rechneten darauf, den Bären an diesem hinaufzutreiben, wo wir alsdann unsere Büchsen mit sicherem Erfolg gebrauchen konnten. Ohne von unseren Tieren zu steigen, rückten wir dem Bären, der noch keine Ahnung von der drohenden Gefahr hatte, immer näher. Obgleich zuletzt nur noch wenige Schritte von ihm entfernt, deckte das Gestrüpp die verwundbarsten Teile seines Körpers dergestalt, daß keiner von uns seinen Schuß auf gut Glück hin abzugeben wagte. Ein Luftzug verriet endlich unsere Gegenwart, und wie um sich zu orientieren, richtete der grimmige Geselle sich plötzlich auf seine Hintertatzen auf. Ich hielt kaum fünfzehn Schritte von ihm und leugne nicht, daß die riesenhafte Größe des furchtbaren Feindes, der mich auf meinem Maultier noch weit zu überragen schien, mich fast stutzig machte; ich hob indessen schnell meine Büchse, um meine Kugel in den Haarwirbel auf der breiten Brust, die er mir zugekehrt hielt, zu senden und ihm das Rückgrat zu brechen; doch in dem Augenblick, als ich den Finger an den Drücker legte, drehte mein Tier den Kopf nach dem Bären hin und wurde durch dessen Anblick von einem solchen Schrecken befallen, daß es mit Heftigkeit seitwärts sprang und mich beinahe zu Boden geworfen hätte. Ich wurde zwar augenblicklich wieder seiner Herr, doch hatte der Bär sich ebenso schnell niedergelassen, und wie zuvor bargen ihn die dürren Stauden und Ranken. Ich erwartete jetzt seinen Angriff; nachdem er sich überzeugt hatte, daß ihm nach drei Richtungen hin der Weg versperrt war, wandte er sich feigerweise dem Hügel zu und schritt gleich darauf über eine offene Stelle, wo er von Peacock den ersten Schuß quer durch die Rippen erhielt. Gegen alles Vermuten zeigte er auch jetzt noch keine Lust, sich in einen Kampf mit uns einzulassen, sondern kletterte behend an dem Abhang hinauf, wo ihm dann nach wenigen Schritten meine Kugel der Länge nach durch den Leib fuhr. Jetzt erst wurde seine Wut rege; er kehrte sich um, und mit zurückgelegten Ohren und blitzenden Augen schien er einen Angriff unternehmen zu wollen, als der Doktor ihm aus geringer Entfernung zwei Ladungen Rehposten zusandte, deren schmerzhafte Wirkung und unheimliches Sausen ihn dazu veranlaßten, das Feld zu räumen. Tödlich verwundet, wie er war, kletterte er dennoch mit der Gewandtheit einer Katze nach dem Hügel hinauf, und ehe wir noch Zeit hatten, aufs neue zu laden oder ihm nachzufolgen, befand er sich auf der Höhe, wo er von den Kugeln der herbeigeeilten Soldaten begrüßt und zu Boden geworfen wurde. Als ich auf dem Hügel ankam, waren schon gegen vierzig Schüsse auf den verendenden Bären abgefeuert worden, denn die undisziplinierten Menschen schienen förmlich von einer Manie befallen, ihre Munition auf den wehrlos gewordenen Koloß zu vergeuden, der, sich zusammenrollend und seinen mächtigen Kopf mit den breiten Tatzen verbergend, gleichsam ergeben in sein Schicksal, wie ein Held starb. Trotzdem zeigte der Körper, nachdem er abgehäutet war, nur elf Schußwunden, von denen außer den beiden ersten nur noch drei tödlich waren; ja als ich zu guter Letzt noch mein Messer in die Brust des vermeintlich toten Tieres stieß, zuckte es noch mehrmals schmerzhaft zusammen. Nicht wenig verdroß es uns, daß die Jagd, die wir zu dritt zu beenden gedachten, verdorben war und daß eine grausame Schlächterei stattgefunden hatte, wo es sonst zu einem überaus interessanten Kampf gekommen wäre, in dem der Bär zuletzt auf kunstgerechte und weniger schmerzhafte Weise hätte erliegen müssen. Wir trösteten uns indessen mit der Aussicht auf frisches Fleisch, und unsere Freude wurde durch die Nachricht erhöht, daß in der felsigen Nebenschlucht eine klare Quelle aus dem vulkanischen Gestein sprudle. Wir überließen es den Leuten, den Bären abzuhäuten und zu zerlegen, und eilten hinab, wo wir unseren Train schon versammelt fanden und wo die noch bepackten Tiere sich an den Bach drängten, um endlich nach drei Tagen zum erstenmal wieder nach Herzenslust zu trinken. Nach kurzer Zeit standen die Zelte am Abhang des Hügels, und lange dauerte es dann nicht mehr, bis ein saftiger Bärenbraten auf unserem Tisch dampfte. Die warmen Mittags- und Nachmittagsstunden verbrachten wir im Lager, denn uns allen war nach den letzten beschwerlichen Märschen etwas Ruhe willkommen, und erst gegen Abend unternahm ich in der Gesellschaft des Doktors und Peacocks einen Spaziergang in die Felsschlucht hinauf, wo wir, geleitet durch zahlreiche Spuren, wieder auf einen Bären zu stoßen hofften. Wir erblickten indessen gar kein Wild, und einige Meilen zwischen den Trappmauern hinschreitend, gelangten wir zuletzt ohne Schwierigkeit auf die Höhe. Diese erschien als wogenförmige Ebene und zeigte im Schmuck des für dortige Gegend ungewöhnlich üppigen Grases sowie der malerischen Gruppen von Zedern und Tannen ein überaus anmutiges Bild, dessen Eindruck die schöne Beleuchtung der scheidenden Sonne noch um vieles hob. Auf weitem Umweg kehrten wir ins Lager zurück und trafen fast zugleich mit Fernando, einem unserer Mexikaner, ein, dem es nach langem Untersuchen und weitem Zurückreiten endlich gelungen war, die am Morgen vermißten Maultiere aufzuspüren und nachzubringen. Überhaupt sind die Mexikaner wie die Indianer in dergleichen Aufgaben unübertrefflich, und nicht ohne einige Wahrheit ist das Sprichwort, in dem es heißt: »Wenn das Maultier vor einem Amerikaner so ermüdet, daß er es nicht weiter fortzubringen vermag, so wird der Mexikaner dasselbe noch zehn Meilen weitertreiben, tritt aber ein Indianer an die Stelle des Mexikaners, so wird derselbe es noch zwei Meilen weit fortschaffen.« An diesem Abend brannten die Feuer vor unseren Zelten mehr aus Gewohnheit, als um gegen Kälte zu schützen, denn die Luft war so mild und angenehm, daß ich lebhaft dadurch an die schönen Maiabende in der Heimat erinnert wurde. Der schnelle Temperaturwechsel, der sich seit den letzten beiden Tagen bemerklich gemacht hatte, war übrigens mit von den verschiedenen Erhebungen des Bodens abhängig; denn verließen wir am 19. April das neuntausend Fuß hohe Plateau, wo noch Schneestürme mit kaltem Regenwetter abwechselten, so befand sich unser Lager am Partridge Creek nur wenig über fünftausend Fuß über dem Meeresspiegel. Welchen Einfluß aber einige tausend Fuß zu jener Jahreszeit in jenen Breiten hatten, das bewiesen die beschneiten Basen der San-Franzisko-Berge, deren Erhebung über dem Meeresspiegel etwas über siebentausend Fuß beträgt, während die Höhe des hervorragendsten Gipfels über seiner Basis nicht sechstausend oder über dem Niveau des Meeres dreizehntausend Fuß übersteigt. Am Partridge Creek war die tiefste Senkung, die wir zwischen dem hohen Plateau und den Gebirgen berührten. Auf unserer Weiterreise gegen Osten hatten wir wieder bedeutend anzusteigen, und wenn uns auch hier die mildeste Frühlingsluft umwehte, so fühlten wir uns trotz der Nähe des Maimonats noch immer nicht ganz sicher vor Schneestürmen. Doch im ganzen nur wenig besorgt um die Zukunft, gedachten wir in unserer Unterhaltung besonders vergangener fröhlicher Tage; auch die glückliche Bärenjagd besprachen wir lang und breit und zergliederten genau alle kleinen Umstände, welche diese begleitet hatten, aber auch all das, was möglicherweise hätte vorfallen können. An die neueste Begebenheit schloß sich die Erzählung älterer, und auch ich schilderte mit einem gewissen Selbstbewußtsein Szenen aus meinem früheren Jagdleben. »Versetzen wir uns also in Gedanken an den oberen Missouri, weit oberhalb der Mündung des Nebraska, da, wo die Puncahs, Pawnees und Omahas jagend umherstreifen. Dort nun in einem alten Blockhaus, dessen nachlässig zusammengefügte Wände den rauhen Märzstürmen aufs gefälligste zahlreiche Öffnungen boten, um bis zu den Bewohnern, die gewöhnlich vor dem Kaminfeuer saßen, durchdringen zu können, lag ich eines Nachts inmitten einer sehr gemischten Gesellschaft auf weichen Büffel- und Bärenhäuten und schlief recht sanft. Unter der Bezeichnung ›gemischte Gesellschaft‹ verstehe ich hier, daß die dunklen Gestalten, die mich umgaben, Repräsentanten verschiedener Rassen und Stämme sowie verschiedenen Geschlechts und Alters waren. Mochten sie aber sein, wer oder was sie wollten – es kümmerte sich wenigstens niemand darum, daß der Sturm lustig zwischen den Balken der Wände hindurchsang und ein übermütiger Windstoß gelegentlich in den Schornstein hinabfuhr und das Gemach mit seiner Asche und Rauch erfüllte. Ich schlief recht sanft, wie ich Ihnen versichern kann, und wenn mich auch wirklich ein baumlanger Indianer, mit dem ich mein Lager teilte, zuweilen durch Ellenbogenstöße weckte, so zahlte ich für die unwillkommene Gabe mit einigen wohlgemeinten Fußtritten; und wenn auf der anderen Seite eine diebische alte Squaw mir mein vorletztes Hemd unter dem Kopf hervor-, oder mein blankes Messer aus dem Gürtel stehlen wollte, so zauste ich sie dafür nach besten Kräften an ihren struppigen Haaren und schlief dann ruhig weiter. Dergleichen harmlose Zwischenfälle störten nämlich in keiner Weise das allgemeine gute Einvernehmen, und noch einmal wiederhole ich es: ich schlief sanft in dem Gemach voll Asche und Rauch sowie bei dem Konzert des Sturms, das durch Schnarchen, behagliches Stöhnen und schlaftrunkenes Murmeln und Grunzen verstärkt wurde. Es mochte etwa zwei Stunden nach Mitternacht sein, als mich abermals ein leises Zupfen aus meinem Schlummer störte und ich mechanisch die Faust nach dem Skalp der diebischen Indianerin ausstreckte, doch in demselben Augenblick legte sich eine Hand leise auf meinen Mund, und ich vernahm dicht vor meinem Ohr das leise geflüsterte Wort: ›Wabash!‹ Ich fuhr auf und erblickte den ›Gelben Marder‹, einen prachtvollen jungen Indianerburschen, der sich über mich hinneigte, bedeutungsvoll mit der Hand winkte und das Wort ›Wabash‹ wiederholte. Wabash ist eine indianische Bezeichnung für Bär, und ich brauchte mich also nicht sehr anzustrengen, um die Absichten des Burschen zu erraten. Wenn der Indianer dortiger Gegend einen Bären tötet, so wird ihm dies fast ebenso hoch angerechnet, als wenn er einen Feind erschlagen und skalpiert hätte; um also nicht genötigt zu sein, solchen Ruhm mit einem Stammesgenossen zu teilen, forderte der junge ehrgeizige Mensch mich auf, ihm bei der Erlegung des Bären beizustehen, dessen Morgenspaziergang er seit längerer Zeit ausgekundschaftet hatte. Die Aussicht auf eine Bärenjagd war hinreichend, die letzte Probe von Müdigkeit aus meinen Gliedern zu verscheuchen; schnell aufspringend ergriff ich meine Waffen, die bei mir im Bett lagen; und folgte dem jungen Menschen nach. Vorsichtig schritt ich über bemalte Krieger, schlafende Weiber und verhüllte Kinder hinweg; es traf mich wohl hin und wieder ein Blitz aus den dunklen Augen, doch schlossen diese sich wieder, nachdem sie mich erkannt hatten, und ungehindert gelangte ich durch die verhangene Türöffnung ins Freie, wo der heftige Sturm mich zwar erfrischte, aber meine Augen die schwarze Finsternis nicht auf drei Schritte weit zu durchdringen vermochten. Nach kurzer Zeit hatte ich mich indessen an die Dunkelheit gewöhnt und vermochte die schwarze Gestalt des Indianers zu unterscheiden, der mich anwies, ihm auf dem Fuß zu folgen. Unser Weg führte am Abhang der Hügel hin, die dort das Tal des Missouri begrenzen und deren Höhen sich zu weiten, grasreichen Ebenen vereinigen. Meine ungeteilte Aufmerksamkeit wandte ich indessen nur dem unwegsamen Boden zu, auf dem ich häufig stolperte und ausglitt, während mein Gefährte wie ein Schatten über denselben gleichsam hinschwebte; außerdem fehlte uns auch, da die Dunkelheit die Zeichensprache unmöglich machte, jedes andere Mittel zur Unterhaltung, und so schritten wir lautlos einige Stunden dahin, bis der Tag zu dämmern begann und der Indianer durch Stillstehen und das leise ausgesprochene ›Hau!‹ sich als am Ziel angekommen erklärte. Dort nun standen zerstreut in weiten Zwischenräumen niedrige Eichen umher, die gewöhnlich den Rand der Prärie charakterisieren; zu einem solchen Baum trat der junge Mensch heran, lehnte seine Büchse an den Stamm und kletterte zu meiner größten Verwunderung mit der Behendigkeit eines Eichhorns hinauf. Gleich darauf stürzte etwas schwer vor mir nieder, und nicht anders glaubend, als daß dem Indianer ein Unglück widerfahren sei, bückte ich mich zu der unförmigen Masse nieder, die regungslos dalag. Ehe ich mich indessen vollständig davon überzeugt hatte, daß ich den schon erkalteten und steifen Körper eines jungen Hirsches betastete, stand der Indianer bereits wieder an meiner Seite und drückte mir den einen Hinterlauf des Tieres in die Hand, er selbst ergriff den anderen, und mich gleichsam mit sich fortziehend, schlug er eine Richtung ein, die uns nach einem angestrengten Marsch von etwa fünfhundert Schritten auf Schußweite von den Hügeln brachte. Dort legte er den Hirsch nieder, worauf er dem nächsten Hügel zueilte und, auf dem Gipfel desselben angekommen, mir bedeutete, neben ihm auf dem Boden Platz zu nehmen und lautlos zu harren. Es begann jetzt zu tagen, und deutlicher vermochte ich selbst entferntere Gegenstände zu unterscheiden. Wie ein schwarzer Streifen zog sich das bewaldete Ufer des Missouri dahin, und zwischen diesem und uns dehnte sich das mit verkrüppelten Eichen spärlich bewachsene Tal aus. Allmählich erkannte ich auch die Stelle, wo wir den Hirsch niedergelegt hatten, ebenso den Hirsch selbst; dieser befand sich in gerader Linie etwa hundertfünfzig Schritt von uns entfernt, der Wind blies uns von dorther entgegen, und klar wurde mir der Plan, den der Wilde mit der seiner Rasse eigentümlichen Schlauheit entworfen hatte. Seit langer Zeit schon mußte er dem Bären nachgespürt haben, bis er endlich die Richtung ausgekundschaftet hatte, in der dieser zur frühen Morgenstunde vom Wasser zurückkehrend nach den weiter abwärts gelegenen, dicht bewaldeten Schluchten wanderte. Durch den Hirsch, den er am vorhergehenden Tag geschossen und in dem Baum aufgehängt hatte, bezweckte er nur, den Bären so lange aufzuhalten, als nötig war, um mit Sicherheit auf ihn schießen zu können; und daß er die Höhe zu unserem Standpunkt wählte, geschah ebensowohl unserer eigenen Sicherheit wegen, als um einen Überblick über die Niederung zu gewinnen. Wie genau der stattliche Junge, der neben mir im Gras lag, gerechnet hatte, erkannte ich sehr bald; denn noch war der letzte Schimmer der Dämmerung nicht aus dem Tal gewichen, als er mit dem dünnen Stab, den er beim Schießen als Rast für seine Büchse benutzte, nach dem Waldessaum hinüberwies, wo sich ein schwarzer Punkt vom Schatten der Bäume trennte. Es war wirklich der Bär, der sich mit aller Gemächlichkeit dazu anschickte, nach seiner Schlucht zurückzukehren, und in gerader Richtung auf unseren Hügel zuschritt. Als ich ihn erblickte, war er beinahe noch eine Meile von uns entfernt, da ich aber hier zum erstenmal den verrufenen grauen Gebirgsbären bekämpfen sollte, gegen den der schwarze Waldbär wie ein Kind erscheint, so kam mir sein vorhergehender Anblick sehr zustatten, um die Aufregung, in der ich mich befand, etwas zu unterdrücken und dadurch dem etwaigen Zittern meiner Hand beim Feuern vorzubeugen. Keine Sekunde wandte ich meine Augen von dem Bären, und wie ich damals mit der größten Aufmerksamkeit – ich kann wohl sagen mit einer Art von Freude – alle Bewegungen des scheinbar schwerfälligen Tieres beobachtete, so gebe ich Ihnen hier eine ausführliche Beschreibung der komischen Manieren, die mich zum Lachen reizten und mich fast vergessen ließen, zu welchem Zweck ich dort oben im feuchten Gras lag. Selbst dem wärmsten Verehrer der Natur und dem aufmerksamsten Forscher, der keine Mühe scheut, gelingt es nur selten, größere Raubtiere zu beobachten, wenn sie sich, ihren Eigentümlichkeiten folgend, gleichsam in ihrer Häuslichkeit ungestört und ungeniert bewegen. Mit gemessenem Schritt folgte der Bär also der eingeschlagenen Richtung; hin und wieder stand er still, schnupperte auf dem Boden umher, reckte seine Nase in die Luft, wie um den Wind zu prüfen, verfiel dann wieder in seine gemächliche Gangart und näherte sich uns auf diese Weise bis auf etwa vierhundert Schritt; dort schnupperte er längere Zeit wie suchend umher, kratzte zierlich mit den langen Nägeln zwischen dem dürren Gras, hielt die unförmige Tatze an die Spitze seiner Nase, und augenscheinlich befriedigt von dem Geruch, setzte er sie wieder auf die Erde, warf sich auf den Rücken und wälzte sich mit dem Ausdruck des größten Wohlbehagens einige Male umher. Als er sich von dem Duft der Pflanzen, die ihn zu dem sonderbaren Benehmen veranlaßt hatten, hinreichend durchdrungen glaubte, erhob er sich, schüttelte die Erde aus seinem zottigen Pelz und schritt gemächlich weiter. Nach kurzer Zeit stand er wieder still und verharrte wie nachsinnend einige Minuten regungslos; plötzlich setzte er sich nieder, und den Vorderkörper aufrichtend, kratzte er sich abwechselnd mit den Vordertatzen auf energische Weise die rechte und die linke Seite, fuhr sich mit den Armen einige Male über die Augen, betrachtete aufmerksam die langen Nägel, leckte das Innere der fleischigen Hände und lauschte dann wiederum gespannt einige Sekunden. Nachdem er sich dann mit den Hintertatzen die Schultern und den Hals etwas gerieben hatte, stellte er sich aufrecht wie ein Mensch hin, schaute nach allen Seiten, ließ sich auf alle viere nieder und verfiel dann, wie um die verlorene Zeit einzuholen, in einen kurzen Trab, der ihn nach kurzer Zeit bis in die Nähe des Hirsches brachte. Kaum gewahrte er aber das tote Wild, als er, wie von heftigem Schreck befallen, sich auf seine Hinterbeine aufrichtete; er senkte seinen Körper indessen sogleich wieder, und den Kopf von der einen zur anderen Seite neigend, betrachtete er aufmerksam mit krauser Stirn und gespitzten Ohren den Gegenstand seiner ersten Überraschung. Endlich schritt er ganz zu dem Hirsch hin, und nachdem er ihn von der einen Seite genug beschnuppert hatte, drehte er ihn auf die andere, um auch diese kennenzulernen, bei welcher Gelegenheit er uns seine Gestalt in der ganzen Breite zeigte. Der Indianer stieß mich jetzt ganz leise an und winkte, daß ich den Bären durch den Kopf schießen möge, während er selbst das Herz desselben zu seinem Ziel machen wolle, und fast zu gleicher Zeit gaben wir Feuer. Der Bär stürzte zusammen, doch schnaubend und winselnd richtete er sich ebenso schnell wieder auf seine Hinterbeine auf. Auch ich hatte mich nach dem Schuß aufgerichtet; als der Indianer aber den verwundeten Bären kampfbereit sah, riß er mich wieder zu Boden, jedoch zu spät, denn das wütende Tier, der keine Witterung erhalten konnte, hatte uns längst erblickt, und von mehr Mut belebt als der heute erlegte, stürzte er schnaubend mit geöffnetem Rachen vorwärts. Doch wiederum rollte er zu Boden, und wie ich bemerken konnte, infolge eines gebrochenen Vorderarms. Ohne mich daher weiter nach ihm umzusehen, folgte ich dem fliehenden Indianer nach, der mir den Weg in einen nahen Eichbaum zeigte. Wie ich auf den Baum hinaufkam, weiß ich heute noch nicht, jedenfalls aber muß ich zu jener Zeit eine ungewöhnliche Gewandtheit im Klettern bewiesen haben, denn es war noch keine Minute vergangen, als ich rittlings auf einem Ast saß und mich zum Laden meiner Büchse anschickte. Ich muß gestehen, daß ich nicht glaubte, daß der Bär uns nachfolgen würde, es erschien mir so unähnlich all dem, was ich bisher kennengelernt hatte; aber kaum hatte ich das Zündhütchen aufgedrückt, als er, auf drei Beinen gehend, am Rande des Hügels, also nicht fünfzig Schritt von uns, auftauchte. Der unwirsche Geselle war nicht ganz so groß wie unser heutiger, doch obgleich ich mich auf dem Baum sicher wußte, da die Grauen Bären nicht klettern, so glaubte ich doch, nie ein größeres und fürchterlicheres Tier gesehen zu haben als diese wütende Bestie, die blutend und schäumend in so geringer Entfernung aufrecht vor mir stand. Der Indianer begann jetzt laut zu sprechen, und als der Bär sich auf dieses Geräusch, das für ihn aus der Luft zu kommen schien, uns zuwandte und die Brust zeigte, schössen wir zu gleicher Zeit auf ihn. Mit lautem Stöhnen stürzte er tödlich getroffen zusammen, er wälzte sich noch einige Male herum, riß mit den langen Krallen Wurzeln und Rasen aus der Erde und lag dann endlich regungslos da. Wir blieben noch ein Weilchen auf dem Baum sitzen, um gewiß zu sein, daß er nicht einer bloßen Ohnmacht anheimgefallen sei, und näherten uns dann erst unserer Beute. Es war, wie ich schon vorhin andeutete, ein schönes Exemplar, das gut seine 800 Pfund wog. Die beiden letzten Kugeln waren dicht nebeneinander in die Brust gedrungen und hatten, augenblicklich tötend, das Rückgrat gebrochen; meine erste Kugel dagegen war über dem rechten Auge von dem flachen Schädel abgeprallt, während des Indianers Geschoß das Gelenk des rechten Vorderarms getroffen und die Bestie gelähmt hatte. Nachdem der »Gelbe Marder« unter wildem Jubelgeheul einige Male auf dem toten Körper herumgesprungen war, begaben wir uns sogleich an die Arbeit, das heißt, ich zündete ein Feuer an, der Indianer löste geschickt einige Pfund des zuckenden Fleisches aus den Schinken, und so bereiteten wir uns ein Mahl, dem zwar das Salz mangelte, um das uns aber nach meiner damaligen Ansicht ein Lukullus beneidet haben würde. Auf die Mahlzeit folgte etwas Ruhe, worauf wir sowohl von dem Hirsch als von dem Bären die Haut entfernten, beide zerlegten und stückweise in dem Baum aufhingen. Die Häute sowie etwa zwanzig Pfund Fleisch befestigten wir an einer langen Stange, die wir uns vom Ufer des Flusses geholt hatten, und dann die Enden derselben auf unsere Schultern nehmend, schritten wir, zufrieden mit dem Erfolg unserer Jagd, dem bekannten Blockhaus zu. Das übrige Fleisch wurde von den Weibern herbeigeschafft, und nicht wenig Ruhm erntete der ›Gelbe Marder‹, als er die weißgeschabten Krallen des Bären mittels Streifen von Otterfell zu einem wohlkleidenden Halsschmuck zusammengefügt hatte und zur Schau trug.« – Derart war also unsere Unterhaltung am Patridge Creek, und spät erst begaben wir uns Ruhe suchend in unsere Zelte. Um nicht abermals einer schrecklichen Wassernot ausgesetzt zu sein und um die Vorteile nutzen zu können, die eine schon bekannte Straße bietet, beschloß Lieutenant Ives, im Partridge Creek bis zu Whipples Route hinunterzugehen und derselben östlich bis an den Colorado Chiquito zu folgen. Zur gewöhnlichen Stunde brachen wir daher am 22. April auf, und uns südlich wendend, hatten wir auf einer Strecke von acht Meilen in der trockenen Schlucht verhältnismäßig bequemes Reisen. Auch unsere Umgebung war ansprechender als an irgendeinem der letzten Tage, wozu sich noch gesellte, daß liebliches Frühlingswetter uns begünstigte und von Zeit zu Zeit kleine Wasserspiegel aus den Winkeln der Schlucht uns entgegenschimmerten. Die geologische Formation blieb dieselbe, wie ich sie oben aufgeführt habe, denn bald war an den Uferwänden der Kohlenkalk und Kohlensandstein, bald die über denselben hingeflossene Lava vorherrschend, und nach dem Zeugnis meines verehrten Freundes Newberry kann ich hier nur bekräftigen, was Marcou in seiner Beschreibung jener Regionen sagt, Wenn ich hier von Kohlenlager spreche, so ist damit eben nur das Vorhandensein sehr schwacher Steinkohlenschichten verstanden. Im allgemeinen kann angenommen werden, daß in jener Breite von Ojo Pescado bei Zuñi bis nach San Pedro am Stillen Ozean die Steinkohle nicht in solcher Masse vorkommt, daß deren Gewinnung vorteilbringend sein könnte. daß dort wahrscheinlich mit Erfolg ein Kohlenlager gesucht werden könne. Wo sanfte Abhänge die Stelle der schroffen Uferwände einnahmen, da reichten auch die mit Parasiten geschmückten Zedern bis in das trockene Bette hinab, und zahlreiche kleine Vögel belebten die dunkelgrünen, schattigen Gruppen, während schön gezeichnete Antilopen bei unserer Annäherung die Schlucht zu beiden Seiten verließen und vom sicheren Standpunkt aus neugierig auf uns niederschauten. Allmählich verengte sich die Schlucht indessen so sehr und zog sich in so rasch aufeinanderfolgenden Windungen dahin, daß wir uns, des bequemeren Reisens wegen, an geeigneter Stelle nach der Höhe hinaufarbeiteten. Vermochten wir nun auch den Weg dort oben durch Abschneiden der Windungen zu verkürzen, so hatten wir bei dem Wechsel doch nur wenig oder gar nichts gewonnen, indem der scharfe Lavaboden schmerzhaft auf die Hufe der Tiere wirkte und deshalb nur sehr langsam gereist werden konnte. Abermals erblickten wir hier das Bild eines Zedernwaldes, dessen Bäume alle zu gleicher Zeit abgestorben waren, und zwar, wie ich vermute, infolge eines ausgedehnten Brandes, der das Holz nicht angegriffen, wohl aber die Rinde und Nadeln abgesengt hatte. Nach der Richtung zu schließen, in der wir uns zu dem Picacho befanden, überschritten wir nach meiner Überzeugung in den Nachmittagsstunden Whipples Straße. Da Captain Whipples Expedition aber zehn Meilen im Partridge Creek abwärts gezogen war, wir aber auf der Höhe immer noch keine Spuren davon entdeckten, so setzten wir unsere Reise bis gegen Abend fort und lagerten dann, nachdem wir eine Strecke von siebzehn Meilen zurückgelegt hatten, in der Schlucht selbst nahe einem Wasserpfuhl. Dort stießen wir auf die Spuren von Wagen und Maultieren, und obgleich schon vier Jahre seit ihrem Entstehen vergangen waren, so hatten sich die Abdrücke doch noch sehr gut erhalten, und dieser Umstand schien auf geringen Regenfall in jenen Regionen hinzudeuten. Captain Whipple belegte damals die Schlucht mit dem Namen Partridge Creek, weil wir in derselben eine so große Anzahl Rebhühner erblickten und erlegten. Bei unserer jetzigen Anwesenheit schien sie nichts weniger als gerade diesen Namen zu verdienen, denn wenn wir auch auf den Höhen vereinzelte dieser Vögel aufscheuchten, so war die Schlucht doch förmlich von ihnen gemieden. Trotzdem dies auf weitem Umkreis die einzige Niederung war, die allem Anschein nach das ganze Jahr hindurch Wasser, wenn auch nur in Pfützen von geringem Umfang hielt. Die Pflanze Polygonum amphibium, die an vielen Stellen im Partridge Creek wucherte, bewies nämlich hinlänglich, daß selbst in den dürrsten Jahreszeiten dort das Wasser nicht gänzlich austrockne und gewiß in geringer Tiefe unter der Oberfläche des Bodens zu finden sei. Am 23. April zogen wir im Partridge Creek auf demselben Weg zurück, den wir gekommen waren, und spähten fortwährend nach einer günstigen Richtung, in der wir, auf unserer Reise nach der Lavaquelle, mit den wenigsten Schwierigkeiten zu kämpfen haben würden. Nach einem Marsch von sieben Meilen öffnete sich das Land gegen Osten etwas, und da wir uns dort gerade in der Nähe eines großen Wasserpfuhls befanden, so verschoben wir, um die Tiere zu schonen, die Fortsetzung der Reise bis auf den folgenden Morgen. Der Tag war ungewöhnlich warm, und die Temperatur schien sich bis in die höheren Luftschichten auszudehnen, denn sogar die Gipfel der Bill Williams Mountains und die höheren Abhänge der San-Franzisko-Berge traten allmählich aus ihrer weißen Hülle hervor und schimmerten, wo hohe Tannenwaldungen nicht alles übrige verdeckten, in der blassen Farbe des winterlichen Grases zu uns herüber. In der Frühe des 24. April verließen wir endlich die Länge des Partridge Creek, um uns einen neuen Weg gegen Osten zu brechen. In der Wahl der Richtung waren wir vom Glück begünstigt gewesen, denn wenn wir auch bedeutende Schwellungen und Senkungen des Bodens zu überwinden hatten, so waren diese doch derart, daß wir ohne großen Aufenthalt vordringen konnten, und Zickzacklinien an den steilen Abhängen beschreibend, gelangten wir schnell aufwärts, so daß wir uns nach Zurücklegung von sieben Meilen schon gegen achthundert Fuß über dem Partridge Creek befanden. Nun führte der Weg wieder an hundert Fuß abwärts in eine talähnliche Schlucht, und als wir den üppigen Graswuchs um uns her beobachteten und unsere Bemerkungen über dessen Nahrhaftigkeit machten und wie sehr unsere Tiere solches Futter benötigten, wurden wir plötzlich durch den glänzenden Spiegel eines klaren Wasserpfuhls überrascht, der fast versteckt hinter einer überhängenden Felswand lag. Obgleich wir erst einen kurzen Marsch gemacht hatten, entschlossen wir uns, dort bis zum folgenden Morgen zu bleiben, und keine halbe Stunde nach unserer Ankunft standen die Zelte, schmorte Bärenfleisch über Zedernholz und schwelgten die Tiere im üppigen Grün am Abhang der Hügel. Die meisten von uns erfrischten sich durch ein kaltes Bad in einer entfernteren Lache, und die Wohltat eines solchen Bades vermag nur der zu ahnen, der wochenlang gegen den bittersten Mangel an Wasser zu kämpfen hatte und oft vergebens nach einigen Tropfen ausschaute, um seine Zunge zu netzen, und an ein Waschen des Gesichts und der Hände kaum denken durfte. Das kalte Bad, die üppige Mahlzeit und einige Stunden der Ruhe – all dies trug dazu bei, uns fröhlich zu stimmen und die größte Zufriedenheit mit unserer Lage hervorzurufen; unter dem Einfluß solcher Gefühle unternahmen wir gegen Abend kleine Ausflüge in die nahen Schluchten, um nach Exemplaren für unsere Sammlungen umherzuforschen. Das Wichtigste, auf das wir stießen, war eine neue Zedernart, die sich von der gewöhnlichen Juniperus occidentalis durch einen höheren und schlankeren Wuchs sowie auch durch die eigentümliche Rinde unterschied. Letztere zeigte nämlich nicht das Gewundene, Bastartige, sondern trug mehr Ähnlichkeit mit der vielfach geborstenen und vernarbten Rinde einer hundertjährigen Eiche. Mit Rücksicht darauf legte ihr Dr. Newberry den Namen Oakbark cedar (Eichenrindenzeder) bei. Als ich am 25. April in der Frühe neben meinem gesattelten Maultier stand, auf das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch harrte und meine Blicke auf die anmutige, wenn auch wilde Umgebung heftete, gedachte ich unwillkürlich längstvergangener Zeiten. – Als ich zum letztenmal dort reiste, bedeckte der Schnee die ganze Landschaft, und mit mangelhafter Kleidung und abgetragenem Schuhzeug vermochte ich mich kaum der Kälte zu erwehren. Jetzt war mein Anzug freilich in keinem besseren Zustand, doch übte die milde, sonnige Atmosphäre einen so wohltätigen Einfluß nicht nur auf den Körper, sondern auch auf das Gemüt aus, daß man sich wie neubelebt fühlte. Der bloße Anblick der zarten, frühlingsgrünen Keime, die so vielversprechend dem feuchten Boden entsproßten, war ja schon hinreichend, das Herz zu erwärmen und das Auge zu erfreuen. Doch wie ich nun dahinritt, immer dem Fuß der Bill Williams Mountains zu, und wie sich die geringe Anzahl von verschiedenen Baumarten zusammen mit Berg und Tal, mit Gestein und fruchtbarem Erdreich dennoch zu tausendfachen, anmutigen und überraschend schönen Bildern und Ansichten vereinigte, da erschien mir die fast nie betretene Wildnis wie ein verlockender Garten, und ich verglich die von Menschenhänden künstlich eingepferchten Blumenbeete mit den heiligen, noch unentweihten Werken einer phantasiereichen Natur. Und doch wurde man auch wieder durch regelmäßig begrenzte Waldungen und feldähnliche Lichtungen an die Klasse von Menschen erinnert, die aus erster Hand von der Natur ihren Segen empfängt, und ich glaube kaum, daß es mich im ersten Augenblick würde überrascht haben, wenn ich plötzlich ein weißes Häuschen aus dem Wald hätte hervorschimmern sehen oder unvermutet auf eine Herde friedlich weidender Kühe gestoßen wäre. Über diese schöne Landschaft hinweg, in der gleichzeitig mit unserem Ansteigen auch die hohe Tanne vorherrschend wurde, erblickte man gegen Norden und Nordosten runde, vulkanische Hügel, während die Aussicht gegen Osten von den malerischen Formen der San Franzisco Mountains und des Mount Sitgreaves, gegen Südosten und Süden aber von den Höhen der Bill Williams Mountains begrenzt wurde. Whipples Straße führte dort von Westen nach Osten, und in den Pfad einbiegend, den Lieutenant Beale auf seiner Rückkehr von Kalifornien gebrochen hatte, durchschritten wir diese von Nordwest nach Südost. In ganz geringer Entfernung zogen wir nördlich an der Lavaquelle vorbei und befanden uns eine Stunde darauf weit südlich von derselben, und zwar am Rande einer Prärie, aus der zwei Meilen südlich von uns die Bill-Williams-Berge aufstiegen. Die Prärie war teilweise von dem Wasser der Gebirge überschwemmt, und in vielen Windungen wurde diese von zahlreichen Bächen und Wasserrinnen durchschnitten, in denen der geschmolzene Schnee in schnellem Lauf dahineilte, um sich in weitem Bogen mit den westlich gelegenen Zuflüssen der Bill Williams Fork oder des Gila zu vereinigen. Wir hatten seit dem Morgen zehn Meilen zurückgelegt, und da wir am Rande der Prärie gutes Gras, Wasser und Holz – mithin alles, was wir nur wünschen konnten – fanden, so beschlossen wir dort zu übernachten, und schleunigst wurden alle Vorkehrungen zum Lagern getroffen. Wenn auf dergleichen Expeditionen sich häufig Tage der Reise, sowohl hinsichtlich der Umgebung als auch der Temperatur, so sehr gleichen, daß mit Ausnahme der zurückgelegten Meilenzahl die Beschreibung des einen auch auf den anderen zu passen schien, so bietet doch jeder Tag etwas Neues und Merkwürdiges, was in der Erinnerung die Zeitabschnitte voneinander trennt und das gegenseitige Verschwimmen des Geschehenen und Erlebten verhindert. In unserem Lager nahe den Bill Williams Mountains war es die prachtvolle Abendbeleuchtung, die mich am meisten interessierte und die mir jetzt in allen Nuancen und Schattierungen wieder lebhaft vor die Seele tritt. Wer hätte nicht schon in seinem Leben schöne Bergformen und düstere Tannenwälder bewundert, die sich ja so vielfach auf beiden Kontinenten wiederholen? So saß auch ich an jenem Abend auf einer Anhäufung von Lavageröll und wandte meine ungeteilte Aufmerksamkeit den Bill-Williams-Bergen Diese malerische Berggruppe, die sich ungefähr vierzig Meilen südwestlich von den San Francisco Mountains erhebt, ist augenscheinlich ein ausgebrannter Vulkan von mächtigem Umfang. Die Lavaergüsse desselben verfolgten vorzugsweise die nordwestliche Richtung, und es grenzt ans Unglaubliche, welche ungeheuren Flächen diese bedecken. zu, auf denen grasige Lichtungen mit gedrängt stehenden dunkelfarbigen Koniferen so malerisch abwechselten. Schmale Schneestreifen schmückten die steilen Abhänge, und über den dicht bewaldeten Schluchten schwebte zarter, nebelgleicher Duft, gebildet durch die Temperaturverschiedenheit in der frühlingsfeuchten Atmosphäre. Dr. Newberry saß an meiner Seite, und unsere Bewunderung ging in lautes Staunen über, als die Sonne hinter den westlichen Bergen versank und rosenfarbiges Licht sich über Berg und Tal ergoß. Es war wie das Glühen der Alpen, nur milder und zarter; ohne das Kolorit der Bäume, der Lichtungen oder der letzten Schneereste zu stören, verhüllte der zauberische Schimmer die kleinsten hervorragenden Gegenstände; und wie künstlich beleuchtet von bengalischen Flammen erschienen die Gipfel der Berge selbst dann noch, als die Dämmerung schon längst auf den Niederungen ruhte und schwarze Schatten sich in die Schluchten senkten. Wir erhoben uns, als der letzte rötliche Schein von der Dunkelheit verdrängt war, und dem Lager zuschreitend, erblickten wir, glühend beleuchtet von den Flammen kienreichen Holzes, die wilden, bärtigen Gestalten unserer Expedition. Am 26. April wählten wir eine mehr östliche Richtung und reisten ziemlich parallel mit Whipples Straße, die sich zwischen zwei und drei Meilen nördlich von uns hinzog. Wie am vorhergehenden Tag führte der Weg uns durch anmutige Täler und stolze Waldungen, die vorzugsweise die südlich von den San-Franzisko-Bergen sich ausdehnenden Ländereien charakterisieren. Die Bodengestaltung war indessen weniger günstig, denn wenn wir auch nur selten auf tiefe Schluchten stießen, so bildeten doch großteils Lavatrümmer die Oberfläche, und dies, zusammen mit dem starken Ansteigen, wirkte sehr ermattend auf die Tiere. Gegen Mittag zogen wir am Mount Sitgreaves vorbei, und ich vermochte die Lage von New Years Spring Siehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 329. zu erkennen, die am 2. Januar 1854 von Captain Whipple so benannt wurde. Zahlreiche Antilopen erblickten wir sowohl auf der kahlen Fläche vor New Years Spring als auch in den Wäldern selbst, doch die Soldaten, die nach Willkür weitab vom Zug streifen durften und lustig mit ihren Musketen hinter dem Wild herknallten, sorgten dafür, daß niemand von uns zum Schuß kam, und der Zustand der Tiere gestattete nun nicht mehr, uns auf Umwegen von dem geräuschvollen Zug zu entfernen. In den Nachmittagsstunden ritten wir, ohne unsere Richtung zu verändern, über eine umfangreiche Prärie. Mount Sitgreaves blieb nördlich von uns liegen, und immer deutlicher traten die Linien und Formen der San Franzisko Mountains hervor, deren südlicher Basis wir zueilten. Als wir am Abend nach einem Marsch von fünfzehn Meilen am Rand des Waldes auf der Ostseite der Prärie unser Lager aufschlugen, befanden wir uns noch gegen zehn Meilen von Laroux' Quelle entfernt, die unser nächstes Ziel war. Dagegen hatten wir aber wieder eine Höhe von 6870 Fuß (nach Whipple) erreicht, und obgleich dort ebenfalls sich nur noch an den Abhängen der Hügel Schnee zeigte, so war die Luft doch rauh und kalt, und mehr als angenehm waren die Lagerfeuer, die wir gleich nach unserer Ankunft anzündeten und mit tüchtigen Holzscheiten nährten. Vor Einbruch der Nacht streifte ich, nur mit der Vogelflinte bewaffnet, zwischen den benachbarten Hügeln umher und erlegte außer einigen kleineren Vögeln auch das schöne Eichhorn jener Gegend. Frische Bärenspuren veranlaßten mich indessen, bald wieder ins Lager zurückzukehren, um die leichte Flinte mit schwereren Waffen zu vertauschen; kaum befand ich mich aber in meinem Zelt, so stürzte Fernando mit der Nachricht herbei, daß er ganz in der Nähe des Lagers, gleich hinter dem ersten Hügel, eine alte Bärenmutter mit einem stattlichen Jungen gesehen habe. Die Neuigkeit brachte natürlich das ganze Personal in Aufruhr, und einige Augenblicke nachher sah man eine Gesellschaft von wenigstens zwanzig Mann, die, von Kopf bis Fuß bewaffnet, in der von Fernando angegebenen Richtung dahinstürmte. Auch ich hatte der Jagdlust nicht widerstehen können; ebenso befanden sich Dr. Newberry und Peacock unter den Jägern, obgleich es vorherzusehen war, daß in Gesellschaft der verwilderten Soldaten auf keinen sonderlichen Erfolg gerechnet werden konnte. Wir bekamen die Bärin bald zu Gesicht, und sie würde uns wahrscheinlich nicht entgangen sein, wenn nicht ein Soldat, sobald er dieselbe erblickte, auch auf sie geschossen hätte. Dem ersten Schuß folgten andere nach, die Bärin aber, besorgt um ihr Kleines, wartete nicht auf das Näherrücken ihrer Feinde, sondern begab sich sogleich auf die Flucht und befand sich dann sehr bald aus dem Bereich aller Kugeln. Es war ein fast rührender Anblick, die grimmige alte Mutter aus der Ferne zu beobachten, wie sie ihr Kleines zur Eile anspornte und wie sie es, wenn es zurückblieb, durch einen wohlangebrachten Schlag mit der Tatze einige Schritte vor sich herrollen machte, und wie der kleine zottige Geselle, die derben Winke der Mutter verstehend, mit aller Kraft fortgaloppierte. Fernando, der sich mit einer Büchse bewaffnet hatte, sah ebenfalls das Vergebliche einer solchen Jagd ein und wandte sich bald nach uns zur Heimkehr ins Lager. Einen Umweg beschreibend, gelangte er auf eine kleine Wiese, und als er am Rande derselben hinschritt, bemerkte er plötzlich einen voll ausgewachsenen Bären, der sich ein tiefes Loch in die Erde gewühlt hatte und nach Wurzeln suchte. Ohne Bedenken schlich er heran und war so glücklich, durch einen wohlgezielten Schuß das Kreuz desselben zu brechen. Der Bär war dadurch ungefährlich geworden, doch ehe noch Fernando seine Büchse wieder geladen hatte, stürzten die durch den Knall aufmerksam gewordenen Soldaten herbei, und wie bei einer früheren Gelegenheit verendete das ohnmächtige Tier unter dem Pelotonfeuer der brutalen Horde. Ich befand mich im Lager, als der Bär im Triumph eingebracht wurde, und muß gestehen, daß ich nicht wußte, worüber ich mich mehr wundern sollte: ob nun über die Frechheit, mit der ein Soldat den ausgesetzten Preis für den ersten Schuß beanspruchte, oder über die Schüchternheit, mit welcher der junge, unerfahrene Kommandeur der Eskorte den Soldaten den Sieg zuerkannte. Es war für mich ein neuer Beweis, daß gegenüber dem geringsten Amerikaner es dem Mexikaner ebenso schwer wird, sein Recht zu erlangen, wie dem Neger und dem Indianer. Das frische Fleisch war uns übrigens sehr willkommen, mochte es nun herkommen, woher es wollte, denn schon am vorhergehenden Abend hatten die Köche aus den Knochen des Bären vom Partridge Creek eine zwar übermäßig gepfefferte, aber sehr kräftige Suppe bereitet, die uns in mancher Beziehung an die Schildkrötensuppen von New Orleans erinnerte. 27. April. Eine dünne Eislage bedeckte die kleinen Wasserpfützen, an denen wir in der Frühe vorbeizogen; das Wasser selbst aber war der letzte Überrest des geschmolzenen Schnees, und mehrfach fanden wir den Boden so sehr durch dasselbe aufgeweicht, daß wir nicht ohne Schwierigkeit über denselben hinweggelangten, und sogar einige Male zu Umwegen gezwungen waren. Das Eis löste sich indessen sehr bald wieder auf, der Himmel bewölkte sich, und durch das Verschwinden der tiefen Schatten und der grellen Beleuchtung erhielt die ganze Landschaft jenen ruhigen Charakter, den zu beobachten wir an trüben Frühlings- und Herbsttagen in unseren heimischen Gegenden so oft Gelegenheit haben. Das Wilde in der Umgebung wurde freilich dadurch nicht gemildert, diese erschien im Gegenteil noch ungastlicher; darum aber nicht minder schön und malerisch, denn in einem unbeschreiblichen Gewirr erblickte man ständig die jenen Regionen eigentümliche Baumvegetation in allen nur denkbaren Stadien und Zusammenstellungen. Da standen kleine Tannen, die unter den Hufen der Tiere knickten, und Bäume von mächtigem Umfang und erstaunlicher Höhe, aber beide voll jugendlicher Lebenskraft und Frische; dazwischen ragten alte, abgestorbene Stämme empor, an denen einst der Brand hinaufgeleckt hatte oder deren Kronen vom Hurrikan oder vom Blitz zu Boden geschmettert wurden. Auf der mit rötlichen Nadeln und Tannenzapfen dicht bestreuten Erde gewahrte man zersplitterte und entwurzelte Bäume, die, teils noch grünend, teils mehr oder weniger vermodert, auf die furchtbaren Wetter deuteten, die sich alljährlich in dieser Höhe wiederholen. In regelmäßigen Entfernungen voneinander standen die schön gewachsenen, riesenhaften Gelbtannen, und zwischen denselben hindurch erblickte man in dunklen Gruppen die Douglastanne, die Rocky-Mountains-Weißtanne, die Balsamtanne, die Nußtanne, die rote Zeder und die süßbeerige Zeder; doch auch Laubholz zeigte sich hin und wieder, und zwar vorzugsweise eine Eichenart und die Zitterespe. So ritten wir in dem schönen Wald dahin, jede Biegung, jeder Hügel und jede Senkung des Bodens führten uns neue Forstbilder vor, die einander an Mannigfaltigkeit der Zusammenstellung zu übertreffen schienen. Auch einige kleine Lichtungen schimmerten zuweilen zwischen den hohen Stämmen hindurch und bildeten mit ihrer gebleichten Grasvegetation einen malerischen Kontrast zu den schwarzen Lavamassen, die wallähnlich den Forst nach allen Richtungen durchkreuzten. Wir mochten uns wohl noch gegen eine Meile von Leroux' Quelle befinden, als unsere Richtung mit Beales und zugleich mit Whipples Straße zusammenfiel und wir bald darauf in die Prärie einbogen, die sich ununterbrochen bis in den wasserhaltigen Winkel der San-Franzisko-Berge erstreckt. Wir schlugen um die Mittagszeit unter einem Felsabhang unser Lager auf und hatten von dort eine herrliche Aussicht auf die stolzen Berge und zugleich auf das geschützte Fleckchen, auf dem im Jahre 1853 Whipples Lager stand. Leroux' Quelle lag fast versteckt in einer Sackschlucht, und das Bett des nach kurzem Lauf versiegenden Baches zog sich zwischen uns und Whipples alter Lagerstelle hin. Ich fühlte mich bald wieder heimisch an jener Stelle, die, was das Romantische der Umgebung anbetrifft, von keinem der früheren Lager übertroffen wurde. Die Höhe von 7378 Fuß über dem Meeresspiegel, die wir nunmehr erreicht hatten, machte sich zwar durch die rauhe Temperatur bemerklich, doch vermochte der Wind nicht bis zu uns herabzugelangen, wenn er auch heftig an den Kronen der Bäume rüttelte, an deren Fuß unsere Zelte standen. Eine Anzahl Häher umschwärmte unser Lager, und es gelang mir nach vieler Mühe, einen derselben zu erlegen. Diese so eigentümlichen Vögel erinnerten mich lebhaft an den europäischen Häher und ich fand bei genauerer Beobachtung, daß sie sowohl in ihren Gewohnheiten als in ihrem krächzenden Schrei nur wenig oder gar nicht von diesen abweichen. Dieser Häher, dort auch »Clarkes Krähe« genannt, hält sich vorzugsweise in hochgelegenen Regionen auf, wo ihm die gelbe Tanne in ihrem Samen Futter im Überfluß gewährt. Außerdem erhielt ich an diesem Tag ein Exemplar des gelbhaarigen Stachelschweins, das Egloffstein mit der Pistole erlegte, als es eben im Begriff war, an einer Tanne hinaufzuklettern. Er ließ es von unserem Koch zubereiten, doch konnte keiner von uns dem übelriechenden Braten Geschmack abgewinnen, was aber wohl auf Rechnung des saftigen Bärenfleisches geschrieben werden kann, das uns zu derselben Zeit entgegenduftete. In den Felsritzen entdeckte ich zahlreiche Eidechsen, und auch von diesen erbeutete ich einige Exemplare sowie eine kleine Klapperschlange, die sich zu früh aus ihrem Winterversteck hervorgewagt hatte. Gegen Abend ließ der Wind nach, und die Luft wurde milder, so daß sogar einige Fledermäuse die dunklen Felsspalten verließen und munter zwischen den dichten Kronen der Tannen umherflatterten. Von diesen sicherte ich mir ein Exemplar, das sich besonders durch den schönen fuchsroten Balg auszeichnete. Herr von Egloffstein hatte den Wunsch ausgesprochen, daß die Expedition noch einen Tag an Leroux' Quelle verweilen möge, damit er den höchsten Gipfel der San-Franzisko-Berge ersteigen könne, um einen Blick auf die nordwestlichen Ländereien zu gewinnen und etwas Genaueres über die geographische Lage des Kleinen und des Großen Colorado nahe ihrer Vereinigung zu erfahren. Doch mit Rücksicht auf den Mangel an Zeit und an Lebensmitteln schlug Lieutenant Ives ihm die Bitte ab, deren Erfüllung gewiß nicht ohne Wichtigkeit gewesen wäre. Leroux's Spring ist der Punkt, der bis jetzt noch von allen Expeditionen, die jene Gegenden durchzogen, berührt worden ist, und diese Quelle hat dadurch eine gewisse Bedeutung erhalten. Die Quelle liegt (nach Whipples Beobachtungen) unter 35° 16' 48« nördlicher Breite und 111° 39' 32'' westlicher Länge von Greenwich und ist zugleich der höchste Punkt von Whipples Straße zwischen den Rocky Mountains und dem Colorado. Sie bildet gleichsam die nördliche Grenze des paradiesischen Landstrichs, der sich vom Gila bis dort hinaufzieht und den der Rio Verde oder der San Francisco River bewässert. Es ist übrigens auffallend, daß diesem Flüßchen, das bei den früheren Völkerwanderungen unbedingt eine bedeutende Rolle gespielt haben muß, von seilen der in jenen Gegenden reisenden und arbeitenden Expeditionen bis jetzt sowenig Aufmerksamkeit zugewandt worden ist. Was wir bis jetzt über jene Territorien wissen, ist noch sehr dunkel und unbestimmt und beruht größtenteils auf Erzählungen von Trappern und Jägern, die, wie uns die Erfahrung vielfach gelehrt hat, nur zu leicht zu Übertreibungen und phantastischen Ausschmückungen neigen. Captain Whipple, die Wichtigkeit der Erforschung des Rio Verde wohl erkennend, beauftragte im Jahre 1854 nach seiner Ankunft in Kalifornien den nach Santa Fé zurückreisenden Führer Leroux, seinen Weg vom Gila aus am Rio Verde hinauf zu nehmen und zugleich eine Beschreibung dieses Flusses in Form eines Tagebuchs abzufassen. Leroux führte den Auftrag nach besten Kräften aus, doch dienen die auf solche Weise gesammelten, bis jetzt fast einzigen authentischen Nachrichten dazu, den Wunsch und das Verlangen nach genaueren Aufklärungen zu vergrößern, statt ihn im geringsten zu befriedigen; denn es geht aus denselben hervor, daß die kulturfähigen und von der Natur so sehr bevorzugten Länderstrecken am Rio Verde, die freilich nur geringen Umfang haben, einst einem zahlreichen Volksstamm zum Aufenthalt dienten. Siebenundzwanzigstes Kapitel Auszug aus Leroux' Tagebuch, betreffend den Rio Verde – Über die Richtungen der Völkerwanderungen nach Neu-Mexiko – Die Unzugänglichkeit der nördlichen Grenze von Neu-Mexiko – Die verschiedenen Arme, in die sich der Strom der Einwanderung teilte – Die mutmaßlichen Heerstraßen – Bevölkerung des nördlichen Neu-Mexiko – Zurückbleiben derselben bei der Wanderung gegen Süden – Aztekische Worte bezeichnen die Straße dieses Volkes an der Küste Kaliforniens – Wendung der Pimos gegen Süden – Beziehung dieses Stammes zu den Casas Grandes Zum leichteren Verständnis der Ideen, die mich bei der Fortsetzung meiner Arbeit, namentlich in den zunächst folgenden Blättern, leiteten, ist es vielleicht von Wichtigkeit, daß ich hier einige Notizen aus dem Tagebuch Leroux' voranstelle. Leroux verließ auf seiner Reise von Pueblo de los Angeles in Kalifornien nach Neu-Mexiko den Gila am 16. Mai 1854 in der Nähe der Pimo- und Coco-Maricopa-Dörfer und lagerte am 17. Mai zum erstenmal am San Francisco River (Rio Verde). Dort besuchte er die Ruinen einer alten indianischen Stadt, doch geht er nicht näher auf die Beschreibung derselben ein. An den folgenden Tagen, dem Fluß aufwärts folgend, schildert er das Land als gebirgig, dabei aber reich bewässert und bedeckt mit üppiger Gras- und Baumvegetation. »Am 21. Mai, während wir Mittagsrast hielten« – ich benutze hier Leroux' eigene Worte –, »wurden wir überrascht durch die Schönheit einiger Ruinen, wahrscheinlich die einer alten Indianerstadt; diese befanden sich in der Mitte eines offenen Tals. Die Mauern des Hauptgebäudes, die ein langes Rechteck bilden, sind an einigen Stellen zwanzig Fuß hoch und drei Fuß dick und haben an vielen Punkten kleine Öffnungen wie eine Festung. Die Mauern waren so regelmäßig aufgeführt wie Gebäude von zivilisierten Nationen. Nach dem verwitterten Zustand der Steine zu urteilen, mögen diese Ruinen mehrere Jahrhunderte alt sein (vielleicht die einer Montezuma-Stadt). Haufen zerbrochener und versteinerter Gefäße liegen nach allen Richtungen verstreut umher. Nahe dem Lager befinden sich die Ruinen einer anderen Indianerstadt. Diese Ruinen beweisen, daß dieses Land einst kultiviert war; wer die Bewohner waren und was aus ihnen wurde, ist schwer zu sagen. Straße hügelig, aber überall zugänglich. Gras und Wasser im Überfluß. 21. Mai: Lager am San-Franzisko-Fluß. Straße sehr hügelig, aber nicht unwegsam; reichlich Holz und Wasser. Heute überschritten wir zwei hohe Berge (à pied), die sich ausnahmen wie der Übergang über die Alpen. Unser Lager befindet sich auf einer Anhöhe in einem überaus reizenden Tal, der Fluß ist auf unserer Linken, gigantische Felsengebirge zu beiden Seiten und die Kronen hundertjähriger Bäume über uns. 22. und 23. Mai: Lager am San-Franzisko-Fluß. Straße gut; Gras reichlich und Holz sowohl wie Wasser im Überfluß. In der Nacht des 22. wurden wir von Indianern angegriffen, es waren Tontos der Yampay-Nation, doch obgleich sie eine Anzahl Pfeile ins Lager schossen, so wurde doch weder Mann noch Tier verwundet. 24. Mai: Lager an einem kleinen Bach. Wir verließen den San-Franzisko-Fluß heute morgen. Der Bach, an dem wir lagern, fließt zwischen zwei Ketten sehr steiler, felsiger Berge. Am Nachmittag überschritten wir einen 1500 Fuß hohen Berg; der Übergang wurde in zwei Stunden bewerkstelligt. Der Bach, an dem wir lagern, ist ein Zufluß des RioSanFrancisco und ergießt sich von Osten in diesen. Die Straße ist ziemlich gut, das Gras reichlich, Wasser und Holz haben wir im Überfluß. Das Gebiet, über das wir zogen, ist fast ganz mit alten Ruinen bedeckt.« So lautet Leroux' Beschreibung seiner Reise am Rio Verde. Nimmt man an, daß Leroux ganz in der Weise eines kanadischen Trappers heimkehrte, daß heißt mit größtmöglicher Schnelligkeit und zugleich, um Zeit zu sparen, in möglichst nächster Richtung, so ist es wohl kaum zu bezweifeln, daß er nur einen Teil der alten Städte und Ruinen sah, und zwar nur diejenigen, die er eben von seinem Weg aus mit den Augen zu erreichen vermochte. Als feststehend kann es aber wohl betrachtet werden, daß das Tal des Rio Verde einst die Wiege eines zahlreichen Volksstamms war, der sich im Laufe von Jahrhunderten so stark vermehrte, daß die Ländereien an diesem Fluß nicht mehr zu seinem Bedarf ausreichten und er sich deshalb anfänglich abgelegenen Quellen und Nebenflüssen (wie dem Pueblo Creek in den Aztec Mountains) Siehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 348. zuwandte, dann aber, nachdem auch das nördliche Neu-Mexiko auf diesem Weg bevölkert worden war, sich weiter südlich ausgedehntere Ländereien suchte. Ein reicher Schatz an Kenntnissen müßte mir zu Gebote stehen, wenn ich es wagen wollte, über den Charakter und die Zeitabschnitte der Völkerwanderungen zu schreiben, denen Zentralamerika einst so große und bevorzugte Nationen verdankte. Doch ist es auch nicht im entferntesten meine Absicht, den Meinungen anderer blind zu huldigen, und zwar Meinungen und Ansichten, die, in vielen, ja in den meisten Fällen von zufälligen Umständen geleitet, sich zwar bei Reisenden an Ort und Stelle bildeten, aber doch nur als oberflächliche Bemerkungen wiedergegeben wurden und deshalb ebensowenig bestimmt waren, dem wirklichen Forscher einen Anhalt zu bieten, als einer strengen Kritik unterworfen zu werden. Dadurch nun, daß ich in den Jahren 1853-1855 das nördliche Neu-Mexiko auf dem 35. Grad n. Br. forschend durchzog; ferner dadurch, daß ich von der Mündung des Colorado in den Golf von Kalifornien bis zu den Rocky Mountains (bis zum 36. Grad n. Br.) in weitem Bogen an der westlichen, nordwestlichen und nördlichen inneren Grenze von Neu-Mexiko, soweit dasselbe zugänglich war, herumreiste, glaube ich das Recht erworben zu haben, meine nach den aufmerksamsten Beobachtungen gewonnenen Ansichten über die »Richtung« der Völkerwanderungen aussprechen zu dürfen. Ist es nun auch nicht meine Absicht, meinen vielleicht vorschnell gefaßten Meinungen übertriebene Wichtigkeit beizulegen, so unterwerfe ich sie doch willig der Kritik und füge nur noch hinzu, daß ich bei meinen Beobachtungen weniger die Traditionen der Völker im Auge behielt als die Gesetze, welche die Natur den Menschen vorschreibt; Gesetze, die abhängig sind von der Bodengestaltung sowie von der Richtung befruchtender Gewässer. So kann ich vor allem einer unmittelbaren Einwanderung von Norden oder von Nordwesten in die nördlich vom 32. Breitengrad gelegenen Territorien oder die Länderstrecken zwischen dem Rio Colorado, dem Gila und den Rocky Mountains nicht unbedingt beipflichten. Ich beziehe mich hier auf eine Stelle in Buschmann, »Über die aztekischen Ortsnamen«, 1. Abteilung, Seite 60. Es heißt dort unter anderem: »Da in einem Bild Boturinis ein Mann in einem Boot über einen Strom setzt, so ließ Boturini die Azteken (aus Asien kommend und an der amerikanischen Küste herabziehend) über den südlichen Teil des Meerbusens von Kalifornien setzen. Clavigero sah in dem Fluß den Rio Colorado von Kalifornien; Gallatin setzt dem entgegen, daß das ganze Land zwischen diesem Fluß und der kalifornischen Gebirgskette eine unfruchtbare Wüste ist und daß die Azteken, wenn sie aus einem Land nördlich vom Gila kamen, südwärts nicht den Colorado passieren konnten.« Ich gehe weiter und wage zu behaupten, daß die von Gallatin bezeichnete Kalifornische Wüste nicht nur ein Überschreiten des südlichen Colorado, sondern des Flusses in seiner ganzen Ausdehnung vom 36. Breitengrad bis zu seiner Mündung oder der ganzen westlichen Grenze von Neu-Mexiko unmöglich macht. Es ist wahr, ich selbst habe mehrfach unter verschiedenen Breiten sowohl den Colorado überschritten als auch die Wüste durchzogen, doch wie aus meinen Beschreibungen vielleicht zu entnehmen ist, bot die furchtbare Wüste selbst der geteilten und wohlausgerüsteten Expedition derartige Hindernisse, daß man nicht zaudert, jeden Gedanken an die Wanderung eines Volksstamms, der den Gebrauch von Lasttieren ebensowenig kannte wie die Lasttiere selbst, durch diese unwirtlichen Wildnisse sogleich aufzugeben. Nimmt man nun an, daß auf diese Weise die ganze Westseite von Neu-Mexiko einer Einwanderung verschlossen gewesen ist, so läßt sich dasselbe mit noch mehr Sicherheit von der Nordwest- und Nordgrenze, und zwar bis zu der Kette der Rocky Mountains, behaupten. Die vollständige Unzulänglichkeit jener Regionen glaube ich in den vorhergehenden Kapiteln genug beschrieben und bewiesen zu haben, und es bedarf gewiß keiner Erläuterungen mehr, die Unmöglichkeit einer Einwanderung von Nordwesten und von Norden aus den Territorien nördlich vom 36. Grad n. Br. nach Neu-Mexiko als unumstößlich fest hinzustellen. Gleichsam als Tor, durch das zahlreiche Völkerstämme ihren Weg sowohl nach Neu-Mexiko als auch nach den südlicher gelegenen Provinzen von Anahuac gefunden haben, betrachte ich die Küste von Sonora bis hinauf an die Mündung des Rio Gila. Ich glaube demnach in dem Bild, »in dem ein Mann in einem Boot über einen Strom setzt«, den Meerbusen von Kalifornien erkennen zu dürfen, der zu jener Zeit sehr leicht bis an die Mündung des Rio Gila hinaufgereicht haben kann. Obgleich der Colorado von Kalifornien als der größte und bedeutendste Strom des Fernen Westens – und mit Recht – bezeichnet wird, so erscheint er mir, nachdem ich ihn, soweit er schiffbar ist, befahren habe, doch nicht bedeutend genug, um den Übergang eines wandernden Volkes über ihm als einen Abschnitt in dessen Zeitrechnungen gelten zu lassen; dagegen muß der Übergang über den Meerbusen von Kalifornien eine Epoche bei einem der Schiffahrt wenig kundigen Volk gebildet haben – eine Epoche, die wichtig genug war, um in hieroglyphischen Bildern der Nachwelt aufbewahrt zu werden. Ohne die Frage, ob der Ursprung dieser Nationen in Asien zu suchen sei, berühren zu wollen, neige ich mich aufgrund der obenerwähnten Bodengestaltung zu dem von wirklichen Forschern angeregten Glauben hin, daß alle in den Provinzen von Anahuac und den weiter nördlich gelegenen Territorien eingewanderten Völker an der Küste von Kalifornien auf dem Ozean selbst oder in den diesen Staat von Nordwesten nach Südosten durchschneidenden Tälern bis auf die Halbinsel von Kalifornien gelangten. Sie waren also im strengsten Sinne des Wortes von Nordwesten gekommen. Ob sie dann auf hundertjähriger Wanderung das Hochland von Mexiko oder, nordöstlich ziehend, die jetzigen Moqui-Territorien erreichten, das änderte nichts in ihren hieroglyphischen Traditionen; sie betrachteten das ganze Land als eine zusammenhängende Scholle, auf die sie aus nordwestlicher Richtung gelangten. Ich halte dies für den Grund, daß die Abkömmlinge jener Völker – die jetzigen Pueblo-Indianer von Neu-Mexiko – noch heute bei der Frage nach ihrer Herkunft gegen Nordwesten zeigen, von wo aus oben angeführten Gründen nach menschlichen Begriffen eine Einwanderung unmöglich erscheinen muß. Auf die nördliche Richtung, die ebenfalls von anderen Stämmen als die ihrer früheren Heimat angegeben wird, werde ich weiter unten zurückzukommen Gelegenheit finden. Die am Golf von Kalifornien ankommenden Völker wählten sich nach meinem Dafürhalten ihren Weg nach verschiedenen Richtungen hin, und zwar wandte sich ein Strom (nicht unwahrscheinlich die Tolteken, mit denen die Geschichte der mexikanischen Völkerbewegung beginnt) dem Hochland von Mexiko zu. Die größere Vollkommenheit in der Bauart der Ruinen in Chihuahua, Mexiko und Guatemala im Vergleich mit denen von Neu-Mexiko läßt wohl kaum einen Zweifel darüber aufkommen, daß die Tolteken niemals den Rio Gila und die nördlich von diesem Strom befindlichen Ländereien berührten. Da, wie Buschmann ausdrücklich angibt, »alles, was den späteren Völkern von Anahuac nützlich war – alle ihre Künste, alles, was ihre Kultur ausmachte –, von den Tolteken abgeleitet wurde«, aber in den Trümmern der alten Bauwerke in Neu-Mexiko sich kein großer Kunstsinn verrät; da ferner, wie Alexander von Humboldt nach langem und tiefem Forschen aufs bestimmteste sagt, »keine Verwandtschaft in den Sprachen des Nordens mit der aztekischen aufzufinden ist«, und Buschmann dies auf geistreiche Weise bekräftigt und erläutert, so glaube ich darin den Beweis zu finden, daß der sich südlich wendende Strom der wandernden Völker ursprünglich in keiner Beziehung zu demjenigen stand, der, dem Gila aufwärts folgend, die Provinz Neu-Mexiko so reich bevölkerte. Bei der Frage nun, warum einzelne Stämme, an der Mündung des Colorado angekommen, dem damals wahrscheinlich noch nicht bevölkerten Tal dieses Stroms aufwärts folgten, weise ich auf meine Beschreibungen im ersten Band dieses Werkes hin, die hinlänglich dartun, daß auf den ersten zweihundert Meilen oberhalb des Gila der Colorado abschreckende Wüsten durcheilt, während die weiter nördlich gelegenen Täler nicht den Flächenraum bieten, der einer großen, Ackerbau treibenden Bevölkerung genügen könnte. Die ältesten Erfahrungen haben gelehrt, wie der Lauf von Gewässern bei Völkerwanderungen gewöhnlich die einzuschlagende und beizubehaltende Richtung bestimmt. Zahlreiche aufeinanderfolgende, vielleicht nur kleine Stämme (ich gebrauche hier das Wort »zahlreich« mit Rücksicht auf die Sprachverschiedenheiten in Neu-Mexiko) folgten der Straße, die ihnen der Rio Gila bezeichnete. Sie gründeten Städte und kultivierten das Land, und zwar in der ganzen Ausdehnung des Tals dieses Stroms, wo nur immer der Boden sich als zu ihren Zwecken geeignet auswies. Wie die durch stete Einwanderung doppelt schnell wachsende Bevölkerung des östlichen Amerika in dem Zeitraum von einem Jahrhundert die Zivilisation von dem Littorale des Atlantischen Ozeans bis in das Herz des großen Kontinents trug und wie jetzt die Zivilisation, den großen Strömen aufwärts folgend, sich sogar über die weiten Grasfluren bis zu den Rocky Mountains wie ein weitmaschiges Netz ausspannt – ebenso führten einst die Zuflüsse des Gila neuankommende Völker wie schon einheimisch gewordene und im Wachstum begriffene bis an die äußersten Grenzen von Neu-Mexiko, wo die Natur ihrem weiteren Vordringen einen Damm entgegenstellte. Als die beiden Hauptheerstraßen bezeichne ich den Rio Verde und den Flußarm, der bis an seine Quellen den Namen Gila trägt. Dieselben trennen sich voneinander in der Nähe der vielfach beschriebenen Casas Grandes, welche damals wahrscheinlich die Hauptstadt und der Mittelpunkt der aus verschiedenen Ursachen schnell wachsenden Bevölkerung waren. Wie am Gila, so entstanden auch am Rio Verde volkreiche Städte, deren Bewohner bald die kleinen Täler ausfüllten und gleichsam überschwemmten, so daß Mangel an Raum fühlbar wurde. Wie weit diese ersten Ansiedler dann ihre Forschungen nach neuen, zu Wohnsitzen geeigneten Ländereien ausdehnten, davon erhielt ich Beweise auf dem hohen Plateau in dem Winkel zwischen dem Kleinen und dem Großen Colorado. Ich fand dort nämlich ein rundes Stück Eisenschlacke von der Größe eines Hühnereis, dessen äußere Form viel Ähnlichkeit mit einem mit reichem Haar geschmückten menschlichen Kopf zeigt. Um die Ähnlichkeit zu vergrößern, sind dem eisenähnlichen Stein mittels eines scharfen Instruments (wahrscheinlich aus Stein) Augenhöhlen nebst Brauen, Nase und Mund eingeschliffen worden, so daß das kleine Gebilde jetzt lebhaft an einen indianischen Götzen erinnert. Da ich während eines längeren Verkehrs mit den Indianern ihre Sitten, Gebräuche und Neigungen genug kennenlernte, um die Ausarbeitung des kleinen Götzen nicht den Eingeborenen neuerer Zeit zuzuschreiben, so glaube ich denselben als eine Spur jener ersten Einwanderer betrachten zu dürfen. Wie genau diese aber ihre Forschungen verfolgten, davon zeugen die Trümmer von Bauwerken halbzivilisierter Völker, wie man sie in den Aztec Mountains am Pueblo Creek Siehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 348. und an vielen anderen abgelegenen Quellen und Bächen westlich vom Rio Verde findet. Merkwürdig erscheint es mir, daß ich auf meiner früheren Reise an Bill Williams Fork nicht auf dergleichen Spuren stieß, was übrigens mit dafür spricht, daß der Colorado in keine Beziehung zu jenen Nationen gebracht werden kann. Von den Quellen des Rio Verde bis zum Colorado Chiquito ist eine Strecke von etwa drei Tagereisen. Der Weg dahin führt fast ausschließlich über vulkanischen Boden, und massive Gesteinslagen, vulkanische Asche und Lava bilden größtenteils dessen Oberfläche. Nachdem die sich immer weiter ausbreitende Bevölkerung am Rio Verde den Entschluß gefaßt hatte, im Tal des Colorado Chiquito neue Ansiedlungen zu gründen, legte sie in geeignetster Richtung eine Straße dorthin an, was freilich nur darin bestand, daß sie an wasserhaltigen Stellen der tiefen Schluchten kleine rechtwinklige Wachttürme errichtete. Auf meiner vorletzten sowie auf meiner letzten Reise stieß ich auf die Überreste von dergleichen Baulichkeiten; diese zeigten Mauern von zwei bis drei Fuß Höhe, welche einen Raum von acht Fuß Länge und sechs Fuß Breite einschlossen. Die Mauern bestanden aus fest übereinandergeschichteten Steinen, die nicht durch Mörtel oder Lehm miteinander verbunden gewesen waren, deshalb dem Einfluß der Atmosphäre nicht nachgaben und dem Zeitraum von Jahrhunderten leicht trotzen konnten. Nach den Trümmerhaufen zu urteilen, welche die auf unerschütterlichen, natürlichen Fundamenten ruhenden Mauerüberreste umgeben, mußten die Türme einst gegen sechzehn Fuß hoch emporgeragt haben. Vorzugsweise erblickte ich diese Art von Ruinen auf der Strecke von den San Francisco Mountains zum Colorado Chiquito, wodurch ich zuerst zu der Idee einer alten Verbindungsstraße zwischen dem Rio Verde und letztgenanntem Fluß gelangte; dann aber in der geraden Richtung von der nördlichsten Biegung des Colorado Chiquito nach der Stadt Zuñi, auf diesem Weg sich aber außer den Überresten von Wachttürmen auch noch die Spuren von untergegangenen Städten befinden. Einer der am besten erhaltenen, freilich aber sehr rohen Türme liegt etwa 40 Meilen weit östlich von den San Francisco Mountains auf dem linken Ufer einer Schlucht, die dem Kleinen Colorado zuführt; ein anderer nahe an Whipples Straße, ungefähr sechs Meilen von dem Punkt, wo sie in der Richtung von Zuni her den Colorado Chiquito zum erstenmal berührt. Die nächste Folge der Verbindung zwischen dem Rio Verde und dem Colorado Chiquito war, daß sich das Tal des letzteren bevölkerte, und wir erblicken an diesem Fluß von den San Francisco Mountains an, wo die tiefen, unzugänglichen Cañons und Wasserfälle beginnen, bis hinauf an seine Quellen Ruinen und Fundamente zahlreicher kleinerer und größerer Städte. Die westlichsten und zugleich bedeutendsten sind die von Captain Sitgreaves beschriebenen. Diese liegen auf hohen Felsen und sind aus Steinen aufgeführt, während die Trümmerhaufen, die sich in geringen Zwischenräumen am Fluß hinauf wiederholen, auf Bauwerke von Adebas – das sind an der Luft getrocknete Ziegel – deuten. Captain L. Sitgreaves umging die San Francisco Mountains nördlich, um an deren Südseite zu gelangen, und entdeckte zwischen dem Gebirge und dem Colorado Chiquito die Ruinen von Indianerstädten, welche teilweise noch drei Stockwerke umfaßten. Die nähere Beschreibung dieser zerfallenden Städte siehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 307. Diese Verschiedenheit in der Bauart findet man über die ganze Provinz Neu-Mexiko verbreitet, und sie ist augenscheinlich von dem in der Nähe befindlichen Baumaterial abhängig gewesen, obgleich ich zugebe, daß in vielen Fällen angestammte Gewohnheit die durch Sprachen voneinander getrennten Völker auch in dieser Beziehung voneinander schied. Nachdem nun endlich die Flußgebiete des Rio Verde und des Colorado Chiquito einerseits, des Gila und seiner zahlreichen nördlichen Zuflüsse bis an die äußersten Quellen andererseits bevölkert waren, die Bevölkerung selbst aber sich in den schmalen Tälern nach den von Wüsten begrenzten Seiten hin nicht ausbreiten konnte, so bildeten diese Flüsse gleichsam, wie oben bemerkt, Heerstraßen, auf denen neu ankommende Stämme sowie neue Generationen der schon angesiedelten so lange fortzogen, bis sie endlich herrenlose, fruchtbare Ländereien erreichten, die ihnen hinlänglich Raum zu ihren Ansiedlungen gewährten. Wenn wir stufenweise aufsteigen von Jahrhundert zu Jahrhundert bis an die Grenzen des undurchdringlichen Altertums, so finden wir in der Geschichte, daß die Natur durch ihre mannigfaltige Gestaltung die Neigungen der Völker bildete und gleichsam ihre Geschicke lenkte. Wir erkennen das an den Pyramiden bauenden Geschlechtern Ägyptens, die durch wunderbar große und massive Grabsteine ihre Leichen gegen das Verschütten durch den Wüstensand sicherten; wir finden es wieder in Kalifornien und Australien, wo der schimmernde Glanz des Goldes zu unbegreiflicher Energie anspornt. Wir dürfen es aber auch nicht verkennen bei den in Neu-Mexiko eingewanderten Völkern, die nicht durch Golddurst oder Eroberungssucht, sondern durch die friedliche Neigung zum Ackerbau geleitet und von der natürlichen Bodengestaltung und Bodenbeschaffenheit in ihren Wanderungen bestimmt wurden. Dieselbe Neigung hat sich übrigens auch bei den Nachkommen aus jenen Zeiten, den jetzigen Bewohnern der Pueblos, bis auf den heutigen Tag erhalten, denn was ihre Vorfahren einst zum Wandern veranlaßte, das fesselt sie jetzt an den Boden, dem sie ihren Unterhalt entnehmen, und macht sie zugleich zu dem besseren Teil der gemischten neumexikanischen Bevölkerung. Die Zuflüsse des Colorado Chiquito und des Rio Gila führten bis in die Nähe der westlichen Abhänge der Rocky Mountains und zu Gebirgspässen, durch welche die nachdrängenden Völker leicht an den Rio Grande del Norte gelangten. Begünstigt durch weite, reich bewässerte, fruchtbare Länderstrecken, bildete sich nun ein breiter Gürtel von Städten und Ansiedlungen, die wir teils noch von den Nachkommen der ersten Einwanderer eingenommen und stark bevölkert sehen, teils aber nur noch als Schutthaufen oder wohlerhaltene Ruinen wiederfinden. Vom Rio Verde, dem Kleinen Colorado und dessen Nebenfluß Rio Zuñi aus wurden zuerst die jetzt noch bewohnten Städte der Moquis, Zuñis, Acomas sowie die zahlreichen zwischen diesen verstreut umherliegenden, zerfallenden Ansiedlungen gegründet, und an diesen vorbei zog sich zunächst der Strom der Einwanderung, bis er nach kurzer Reise den Rio Grande erreichte. Dort nun, wo der Raum nicht beschränkt war, entstanden stromaufwärts bis nach Taos (36° n. Br.) hin und stromabwärts bis über Albuquerque hinaus neue Städte, die sich größtenteils samt ihrer Bevölkerung bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Bei dieser Wanderung gegen Süden am Rio Grande hinunter mußten sich verschiedene Völkerschaften begegnen, denn wie die Heerstraße im Norden durch die Pässe der Rocky Mountains verlängert worden war, so hatte ein anderer Zug wandernder Stämme den Rio Grande weiter südlich erreicht, vielleicht in der Richtung von der südöstlichsten Biegung des Gila nach der nicht weit entfernten westlichsten Spitze des Rio Grande hin (33° n. Br.), und sich dann ebenfalls südwärts und nordwärts ausgebreitet. Lebende und tote Spuren führen zu dieser Vermutung, und leicht erklärlich erscheint es, daß die jetzigen Bewohner der indianischen Pueblos von Neu-Mexiko die Richtung des letzten Teils ihrer Reise von Westen nach Osten und Nordosten weniger beachteten und vergaßen und in ihren Traditionen nur noch die Kunde von der großen Wanderung aus dem Nordwesten fortlebt. Der gleiche Zustand des Verfalls nun, in dem sich die Ruinen an den als Heerstraßen bezeichneten Flüssen und in den angrenzenden Territorien befinden, deutet auf ein gleichzeitiges Aufgeben der Wohnsitze, wofür wohl unbedenklich eine allgemeine Auswanderung als Grund angegeben werden kann. Stämme wie die Moquis, Zuñis und mehrere andere, außer denen an den Ufern des Rio Grande, nahmen nicht teil an dieser Bewegung. Waren sie nun zu streng geschieden durch Sitten, Sprache und Gebräuche; befanden sich ihre Wohnsitze zu abgelegen; waren ihnen Eroberungsgelüste fremd oder begnügten sie sich als friedliebende Menschen mit dem, was ihnen die fruchtbaren Niederungen boten – genug, sie blieben zurück und sind dieselben Stämme, von denen Buschmann vorsichtig sagt: »Wenn man die Zivilisation betrachtet, die auf mehreren Punkten der Nordwestküste Amerikas, am Moqui und an den Ufern des Gila herrscht, so würde man (ich wage es hier zu wiederholen) versucht sein zu glauben, daß bei der Wanderung der Tolteken, Akolhuer und Azteken mehrere Stämme sich von der großen Masse des Volks getrennt hätten, um sich in diesen nördlichen Gegenden festzusetzen.« Buschmann fährt fort: »Von dieser Zivilisation sagt Gallatin: ›Es war viel weiter nördlich, im Tal des Rio del Norte, vom 31. bis zum 38. Grad und in einem Teil wenigstens des Landes, das vom Großen Colorado des Westens entwässert wird, wo Indianer gefunden wurden, die, obgleich siebenhundert Meilen von den Mexikanern entfernt und getrennt durch wilde Nationen, einen Grad von Zivilisation erreicht hatten, der fast in jeder Beziehung hinter dem von Mexiko und Guatemala zurückstand, doch bei weitem den aller anderen eingeborenen Stämme von Nordamerika übertraf.‹« Unstreitig bezieht sich Gallatin hier auf die Shipap-Indianer, deren Pueblo weit nördlich von Taos liegt, mithin die nördlichste aller Indianerstädte ist; unter den Stämmen der Territorien des Colorado können nur die Moquis und Zuñis gemeint sein. Die Strecke von siebenhundert Meilen, die die eben genannten Stämme von den Mexikanern trennte, war aber einst, wie wir jetzt genau wissen, reich bevölkert, reicher, als man es beim Hinblick auf den Umfang der Ruinen ihrer Städte glauben sollte, denn damals wie noch jetzt reihten sich die Wohnungen terrassenförmig übereinander, und eine unglaublich große Seelenzahl beschränkte sich auf einen verhältnismäßig kleinen Raum, was wir an den noch bewohnten Pueblos bestätigt finden. Die wilden Indianerhorden, von denen es heißt, daß sie die im Norden lebenden halbzivilisierten Völker von den Mexikanern trennten, breiteten sich erst über jene Gegenden aus, nachdem das Volk, das diese so lange bewohnte, fortgewandert war und das einst blühende Land wieder den Charakter einer öden Wildnis angenommen hatte. Die Auswanderung aus den Territorien zwischen dem Gila, dem Großen Colorado, dem Colorado Chiquito und den Rocky Mountains wandte sich gegen Süden. Ob nun getrieben von Eroberungssucht oder von dem Wunsch, in den Besitz zusammenhängender fruchtbarer Ländereien zu gelangen, vermag ich nicht zu entscheiden; unstreitig stießen sie aber auf ihrer Wanderung auf Nationen, die sie hinsichtlich der Kultur und der Baukunst weit überragten. Doch die Neigungen der damals schon gewiß sehr bedeutenden Einwohnerzahl von Anahuac teilend, lernten sie von ihnen; und mochten sie nun als Unterdrücker oder als heimatlose Fremdlinge dort angekommen sein – sie schwangen sich zu der Stufe, auf der die Tolteken standen, empor und vergaßen im Verkehr mit den ihnen geistig überlegenen Menschen ihre eigenen Muttersprachen. Als besten Beweis dafür, wie wenig Zeit erforderlich ist, um bei einwandernden Völkern die letzte Spur der Muttersprache zu ersticken, führe ich die in Amerika sich niederlassenden Deutschen an: Wo Deutsche dicht zusammengedrängt beieinander leben und teilweise die angelsächsische Bevölkerung an Zahl weit überragen, da erhält sich freilich das deutsche Element länger; wo aber beide Nationen zu gleichen Teilen untereinander vermischt sind, da vergessen die eingewanderten Kinder schon nach wenigen Jahren ihre Muttersprache, während die unter solchen Verhältnissen geborenen Kinder deutscher Eltern diese sogar nie lernen und in vielen Fällen wenn sie erwachsen sind, sich augenscheinlich ihrer Abstammung schämen und sorgfältig alles vermeiden, was ihre Herkunft verraten könnte. Es bleibt mir noch übrig, die hier – vielleicht übereilt – ausgesprochenen Ansichten mit der Annahme der »Einwanderung in Anahuac von Norden her« in Einklang zu bringen. Buschmann berührt in seinem vortrefflichen Werk diesen Gegenstand auf folgende Weise: »Mehrere Jahrhunderte nach den Tolteken (deren Blüte Prescott auf vierhundert Jahre rechnet) wanderten in kurzen Zwischenräumen nacheinander eine ganze Anzahl von Völkerstämmen aus Norden in Anahuac ein, zwischen denen wir einen Zusammenhang suchen können und großteils überliefert erhalten haben. Gallatin setzt sie sogar mit den Tolteken in nächste Verbindung. Er stellt die Vermutungen auf, die Azteken, Akolhuer usw. würden Kolonien der Tolteken gewesen sein oder ein zurückgebliebener Teil derselben, nachdem die große Masse nach Anahuac gezogen war, oder endlich eine Ausdehnung der Tolteken, vielleicht der nördlichste Teil jener Monarchie.« – In diesen letzteren Fällen würde das »Vergessen der Muttersprache« allerdings nicht nötig gewesen sein, doch wäre es dann unerklärlich, daß bei den Moquis, den Zuñis den Acomas und den Stämmen am Rio Grande keine Worte ihrer früheren Nachbarn, mit denen sie in stetem Verkehr leben mußten, haften geblieben sind. Da nun weder die Tolteken, Azteken noch andere in Anahuac einwandernde Völker von Nordwesten oder Norden her in Neu-Mexiko eingedrungen sein können, ja ich gehe noch weiter, indem ich wiederhole: da die Tolteken und Azteken sich nie am Rio Gila oder nördlich von diesem Strom befanden, so kann es nicht befremden, daß wir vergeblich nach zurückgebliebenen mexikanischen Worten in diesen Gegenden suchen. Leichter denkbar wäre es, daß von den am Gila, am Rio Verde, am Colorado Chiquito und an deren Zuflüssen \<i\>erstarkten\</i\> Völkern einzelne Bezeichnungen der Moquis, Zuñis, Acomas und anderer westlich von den Rocky Mountains noch bewohnten Pueblos nach dem Süden getragen worden wären. Daß die ersten in Anahuac (also aus Nordwesten) einwandernden Nationen auf der Reise Proben ihrer Sprache aussäten, die jetzt schwach die Richtung ihrer Straße bezeichnen, scheint mir dadurch erwiesen, daß Prescott sagt: »In den nordwestlichen Distrikten Neu-Spaniens, tausend Meilen von der Hauptstadt entfernt, sind Dialekte entdeckt worden, die eine innige Verwandtschaft mit der mexikanischen Sprache zeigen; und zwar in der Provinz Sonora am Kalifornischen Meerbusen«, also in Gegenden, die ich als Eingangstor der gegen Südosten und gegen Norden wandernden Völker bezeichnet habe. Ferner bemerkt Alexander v. Humboldt, wie er »bei einer genauen Prüfung der im Nutka-Sund und zu Monterey aufgenommenen Wortsammlungen verwundert gewesen sei über das Zusammentreffen der Laute und die dem Mexikanischen ähnlichen Endungen mehrerer Wörter«. Ich gehe über zu den Eingeborenen, die wir jetzt am Gila sowie am Colorado wiederfinden. Mit der Auswanderung der neumexikanischen Stämme scheint die Einwanderung ebendaselbst keineswegs ihr Ende erreicht zu haben, denn wir erblicken in den Tälern beider Flüsse die große und weitverzweigte Nation der Yumas, zu denen ich (nach Whipple) die im ersten Teil dieses Werkes vielfach erwähnten Mohaves, Cuchans, Coco-Maricopas und Diegeños zähle. Diese Nation, obgleich ebenfalls zum Ackerbau sich hinneigend, befand sich auf einer niedrigeren Stufe der Kultur als alle ihre Vorgänger und schloß zugleich die Einwanderung aus dem Nordwesten. Ein kleiner Teil wandte sich von der Mündung des Colorado stromaufwärts und wuchs zu der jetzt dort lebenden, zahlreichen Bevölkerung heran, während ein anderer Teil am Gila hinauf der durch Trümmer bezeichneten alten Straße folgte. Da sowohl den Stämmen am Colorado als denen am Gila das Beispiel eines anstrebenden, energischen Nachbarn fehlte, so blieben sie Jahrhunderte hindurch unverändert auf derselben Stufe, und es lassen sich daher die ältesten Beschreibungen der forschenden spanischen Missionare noch heutigentags auf diese anwenden. Außer diesen Eingeborenen befinden sich am Gila in der Nähe der Casas Grandes die Pimos und die Cocopas – zwei Stämme, die nicht nur in steter Feindschaft mit den zuletzt eingewanderten Yumas leben, sondern auch in Sprache, Sitten und Gebräuchen sich streng von ihnen unterscheiden. Buschmann sagt von ihnen: »Die Pimos sind alte Bewohner; ihre Tradition verkündet, daß sie von Norden kamen. Die Coco-Maricopas wollen von Westen gekommen sein, ... diese drei Stämme (die Nijoras, Yumas und Coco-Maricopas) sind friedlich und bilden einen Gegensatz zu den nördlicheren wilden Völkern.« Kamen nun wirklich die Pimos von Norden, so sind sie wahrscheinlich bei der allgemeinen Wanderung gegen Süden am Gila zurückgeblieben und nahmen in diesem Fall Besitz von den verlassenen Casas Grandes sowie anderen, etwas nördlicher gelegenen Städten. Diese Ortschaften nun halte ich für die, welche Marco de Nica im Jahre 1539 auf seiner Forschungsreise nach dem Königreich Cibola (Zuñi?) berührte und mit Übertreibung beschreibt. Die Strecke zwischen dem Tal des Gila und dem des Zuñi war nach jenen Beschreibungen damals schon nicht mehr bewohnt, doch werden die Ruinen nicht erwähnt, die heutigentags noch auf eine frühe und sehr zahlreiche Bevölkerung schließen lassen. Die Vorfahren der jetzigen Pimos halte ich nicht unbedingt für die Erbauer der Casas Grandes, obgleich ich zugebe, daß sie diese nach ihrer Rückkehr aus dem Norden längere Zeit bewohnt und in baulichem Zustand erhalten haben mögen, infolgedessen wir diese Bauwerke trotz der Lehmmauern noch so wohlerhalten finden. Die Feindseligkeiten indessen, die beständig zwischen den Pimos und den Cocopas einerseits und den Yuma-Stämmen andererseits fortdauerten und sogar zunahmen, ließen eine Vermehrung dieser Stämme nicht zu, und die zeitweiligen Bewohner der Casas Grandes, nunmehr wieder das Beispiel und die Aufmunterung energischer Nachbarn entbehrend, sanken in die ihrem Stamm eigentümliche Trägheit zurück. Sie verließen die Wohnsitze, deren Erhaltung ihnen zuviel Arbeit und Mühe verursachte, und begnügten sich gleich den ihnen feindlichen Stämmen mit kleinen ärmlichen Hütten und soviel Bodenerzeugnissen, wie zu ihrem Lebensunterhalt nötig waren. So sehen wir denn jetzt in den Pimos einen Volksstamm vor uns, der, betriebsamer als irgendeine eingeborene Nation östlich der Rocky Mountains, doch ebensowenig wie diese über seine Vergangenheit Kunde zu geben vermag und dessen Traditionen unklar und unbestimmt in ein nicht zu entzifferndes Gewirr zusammenfallen. Dies nun sind meine Ideen über die frühen Einwanderungen in Neu-Mexiko und in die südlicheren Provinzen; diese bildeten sich während meiner Reisen in jenen Regionen. Ich würde es nicht gewagt haben, auf den Versuch einer Darlegung derselben einzugehen; da ich aber von vornherein nach fester Überzeugung und in den bestimmtesten Ausdrücken eine Einwanderung in Neu-Mexiko von Norden und Nordwesten her als eine Unmöglichkeit bezeichnen mußte, so glaubte ich zugleich die Verpflichtung übernommen zu haben, auf die Wahrscheinlichkeit der Einwanderung aus einer anderen bestimmten Richtung und an einem bestimmten Punkt aufmerksam zu machen und zugleich die an Ort und Stelle gewonnenen Eindrücke zu verteidigen. Wenn ich in dieser Absicht von Vorgängen, über denen ein undurchdringliches Dunkel ruht, wie von unbestrittenen Tatsachen sprach, so geschah dies nur, um die eigenen Meinungen klar hinzustellen und willig und gern diese einer strengen Kritik und einem gerechten Tadel zu unterwerfen. Es ist vielleicht von Interesse – wenn auch an sich unerheblich –, wenn ich darzulegen versuche, wie die Reisenden der Wildnis bei der Wahl der Richtung von einem übereinstimmenden Gefühl, ich möchte fast sagen gleichen Instinkt geleitet werden. Ich hatte vielfach Gelegenheit, dies in früheren Jahren zu beobachten, als ich heimat- und obdachlos, aber unabhängig, mit indianischen Freunden und Gefährten die weiten Grasfluren Missouris durchstreifte und so weit gelangt war, daß sich meine Neigungen nur noch wenig von denen der eingeborenen Jäger unterschieden. Wo wir auch immer waren – ein Zweifel oder ein Streit über die einzuschlagende Richtung entstand nie, und als wenn wir von denselben Gefühlen geleitet wären, zogen wir gemeinschaftlich dahin, selbst auch dann, wenn die Steppe wie ein Ozean vor uns lag und weder Baum noch Strauch uns freundlich aus der Ferne winkte. Auf meiner letzten Reise, besonders aber wenn ich mich in der Nähe von alten Heerstraßen zu befinden glaubte, versetzte ich mich in Gedanken zurück in die Lage eines planlos umherstreifenden Wanderers und blickte nach der Richtung hin, die ich in solchem Fall eingeschlagen hätte. »Ein wanderndes Volk, das eine Heimat suchte, kann nur dorthin gezogen sein«, war der nächste Gedanke, und häufig fand ich meine Ansicht durch die deutlichen Spuren untergegangener Ortschaften bestätigt. Ließ ich mich durch dieses instinktähnliche Gefühl auch nicht in der Bildung meines Ideengangs bestimmen, so diente es doch dazu, mich gleichsam von Station zu Station zu führen, und es entstand allmählich vor meiner Seele das Bild, das ich in diesem Kapitel zu schildern versuchte. Achtundzwanzigstes Kapitel Aufbruch von Leroux' Quelle – Lager bei der vermeintlichen Cosnina Caves – Der Schneesturm – Der Ruhetag im Schnee – Reise abwärts, dem Colorado Chiquito zu – Ruinen indianischer Bauwerke – Ankunft im Tal des Colorado Chiquito – Teilung der Expedition – Hinüberschiffen über den Fluß der nach den Moqui-Städten bestimmten Abteilung – Reise am Fluß hinauf – Chevelons Fork – Zusammenkunft mit Savedra – Erzählungen über Savedra – Letztes Lager am Colorado Chiquito Heftig fegte der Wind durch die kleinen Täler, als wir am Morgen des 28. April von Leroux' Quelle aufbrachen und Beales Straße gegen Osten folgten. Die Gipfel der San Francisco Mountains waren in dichten Nebel gehüllt, der sie wie eine regungslose Masse umlagerte; an dem sonnigen Himmel dagegen trieben kleine Wölkchen eilig dahin, und mit ihnen hielten gleichen Schritt die tiefen Schatten, welche bald die bewaldeten Abhänge der Berge, bald die grasreichen Prärien verdunkelten. Wir zogen bergauf und bergab, durch hohe Tannenwaldungen und durch liebliche Täler. Wir verließen Beales Straße, um Whipples Wagenspuren zu verfolgen, wir verloren letztere auf felsigem Boden und wandten uns der ersteren wieder zu; doch wo wir uns auch immer befanden, überall tauchten bekannte Bergkuppen und Waldungen auf, die mich lebhaft an jene Zeiten erinnerten, in denen ich mir mühsam mit meinem Tier Bahn durch den tiefen Schnee brach. Es wurde Nachmittag, und ich riet, die nähere Richtung des Captain Whipple einzuschlagen, die ich genau wiedererkannte, doch zog es Lieutenant Ives jetzt vor, den deutlicher ausgeprägten Spuren von Lieutenant Beale zu folgen, die gemäß der von letzterem selbst eingezogenen Nachrichten an die wasserhaltige Schlucht bei den Cosnina Caves führen sollten, also zu demselben Punkt, an dem Whipples Expedition das Weihnachtsfest feierte. Ich überzeugte mich indessen, daß wir uns zu weit südlich hielten und in der Entfernung von sechs Meilen an jener Stelle vorüberzogen. Auch vermißte ich die hohe Tannenwaldung, die damals so sehr zur Behaglichkeit unseres winterlichen Lagers mit beigetragen hatte; wohl aber vermochte ich solche über die Zederngruppen hinweg nördlich von uns zu unterscheiden. Der Boden, über den wir ritten, war trotz zahlreicher Schwellungen und Senkungen wegsam, und selten nur stießen wir auf Hindernisse, die eine Verzögerung in unserem schnellen Fortschreiten eintreten ließen. In den Schluchten, die wir passierten, erblickten wir überall Kalksteinformation, und auf dieser ruhten die ungeheuren Massen der Eruptivfelsen, die ihr Vorhandensein den nunmehr schlummernden Vulkanen verdankten, an deren Fuß wir die letzte Nacht zugebracht hatten. Weite Aschenfelder wechselten mit schwarzen Lavaströmen ab, und zwischen den bewaldeten Bergen hindurch erblickte man immer neue, fast jeder Vegetation entbehrende Kegel, deren Krater einst als glühend-flüssige Masse an den Abhängen niedersandten, was diese jetzt wie ein schwarzes Geäder schmückte. Der Abend rückte unterdessen immer näher, die Atmosphäre wurde kälter, unheimlich heulte der Sturm durch die strichweise abgestorbenen Zedernwaldungen, und erst kurz vor dem Scheiden der Sonne erreichten wir die Stelle, die von Lieutenant Beale für die Cosnina Caves gehalten worden war und wo auch die deutlichen Spuren seines Lagers noch sichtbar waren. Lieutenant Beale hatte auf seiner Hinreise nach Kalifornien in Albuquerque einen von Whipples alten Führern, den Mexikaner Savedra, in seine Dienste genommen. Dieser nun mußte beim Hinaufgehen vom Colorado Chiquito in die Gebirge die sehr schwachen Spuren von Whipples Expedition verloren haben; vom Zufall begünstigt, hatte er aber sechs Meilen weiter südlich eine ähnliche, aber bei weitem nicht so tiefe, wasserhaltige Schlucht entdeckt, die er alsdann seinem Kommandeur trotz des Nichtvorhandenseins der Höhlen als das Wasser bei den Cosnina Caves bezeichnete. Lieutenant Beale war gezwungen, den Versicherungen Savedras Glauben beizumessen, und wenn ich nicht sehr irre, so war dieses Lager gerade der Punkt, von dem Lieutenant Torborn, einer von Lieutenant Beales Assistenten, mir in Kalifornien versicherte, daß Captain Whipple in seinen astronomischen Beobachtungen einen Irrtum begangen haben müsse. Wenn wirklich die von beiden Expeditionen im Lager bei den Cosnina Caves angestellten Beobachtungen sich als nicht übereinstimmend ausweisen sollten, so ist der Fehler nicht in einer der astronomischen Berechnungen, sondern lediglich in dem Umstand zu suchen, daß zwei einander ähnliche Punkte durch Zufall für denselben gehalten worden sind. Vulkanische Asche und Lavablöcke bildeten den Boden, auf dem wir mühsam unsere Zelte errichteten; astreiche, niedrige Zedern umgaben uns, und es fehlte nicht an trockenem Holz zu den Feuern vor den Zelten. Doch gepeitscht von dem heftigen Sturm leckten die Flammen den schwarzen Boden, und kaum gelang es uns, die während des langen Rittes erstarrten Glieder vor der flüchtigen Glut zu erwärmen. Nach alter Weise rollten wir daher künstlich erhitzte Lavablöcke in die Zelte, und behaglich rauchten wir dann auf den Feldbetten ein Pfeifchen, während draußen der Sturm tobte und in heftigem Andrang morsche Bäume im hohen Forst umknickte. Das eigentümliche Singen des Windes zwischen den Nadeln der Kiefern, das Heulen des Sturms, wenn er stoßweise in eine enge Felsschlucht hinabfuhr, das ferne, dumpfe Krachen niederschmetternder Bäume, zusammen mit dem Aufschlagen einzelner schwerer Regentropfen auf die straffe Zeltleinwand – all dies vereinigte sich zu einer einschläfernden Musik, und nur der Gedanke an unsere armen Tiere, die zum Schutz gegen das Unwetter in eine enge, bewaldete Schlucht getrieben worden waren, störte uns in unseren gemütlichen Betrachtungen. Einer nach dem anderen verstummte endlich; tiefe Ruhe herrschte im Lager; im Schatten der Bäume schlichen die verhüllten Schildwachen umher, und blitzschnell entfernten sich helle Funken von den glimmenden Feuern, um auf den Flügeln des Windes in der undurchdringlichen Finsternis des Waldes zu sterben. Peacock war der erste, der sich in der Frühe des 29. April von seinem Lager erhob, um einen Blick ins Freie zu werfen. Schneller aber, als er die Zeltwände auseinanderschob, ließ er diese wieder zusammenschlagen, als ihm durch die Türöffnung eine ganze Ladung Schnee entgegenfiel. Gleichzeitiger als an diesem Morgen hatten wir uns noch kein einziges Mal ermuntert, denn der Schnee fand gedankenschnell einen Weg zwischen unsere Decken, und besonders der Doktor und Egloffstein, die der Tür zunächst lagen, waren sehr reichlich mit der unwillkommenen Morgengabe bedacht worden. Nachdem der erste Schrecken vorüber war, bestand unsere nächste Arbeit darin, daß wir in unseren Feldbetten nach überzähligen Kleidungsstücken und Wäsche suchten, und diese übereinander auf unsere Körper streiften; dann erst, als wir uns nach besten Kräften gegen die Kälte geschützt hatten, traten wir hinaus ins Freie, wo die ganze Umgebung im schönsten winterlichen Schmuck prangte. Gegen drei Zoll tiefer Schnee bedeckte den Boden, und ununterbrochen wirbelte der Sturm immer neue Massen auf uns nieder, so daß wir kaum die Augen zu öffnen vermochten und jeden Gedanken an die Weiterreise sogleich aufgaben. Hierzu gesellte sich noch, daß eine Anzahl der Maultiere sich unter dem Schutz des Unwetters von der Herde getrennt hatten und ihre Spuren vom Schnee zugetrieben worden waren. Nach langem, vergeblichem Suchen wurden die armen Tiere endlich einzeln aufgefunden; sie hatten sich unter dichtem Buschwerk gleichsam verkrochen, und bebend vor Kälte standen sie da mit genäßtem und beschneitem Rücken. Erst gegen Mittag klärte sich das Wetter etwas auf, und die leidenden Tiere begannen an den Abhängen der Hügel nach kärglichem Futter unter dem Schnee zu scharren. Nicht wenig beunruhigte uns das Befinden des Doktors, der an diesem Tag von einem solchen Unwohlsein und von einer solchen Schwäche befallen wurde, daß wir schon für sein Leben fürchteten und nicht ohne Sorge an unsere Weiterreise dachten. Die Ruhe, die er zwischen seinen Decken den Tag über im Zelt genoß, sowie die warme Temperatur, die wir in dem eingeschlossenen Raum durch glühende Lavablöcke herstellten, übten indessen einen so wohltätigen Einfluß auf ihn aus, daß er am Morgen des 30. April sein Tier wieder besteigen konnte, und wenn auch nicht ohne bedeutende Anstrengungen, so hielt er doch den Tag über mit uns aus. Das Schneelager befand sich, wenn ich es in gleicher Höhe mit den Cosnina Caves rechne, doch noch 6139 Fuß über dem Meeresspiegel; wir beeilten uns daher, jene winterlichen Regionen zu verlassen, in denen ein neuer Schneesturm uns jeden Augenblick überraschen konnte. Das Wetter war freilich milder geworden, doch hatten wir in den letzten Tagen kennengelernt, wie schnell auf solcher Erhebung die Temperatur wechselt. Die Richtung unserer Reise war ziemlich genau östlich, und nach Zurücklegung von vier Meilen auf dem sich stark senkenden Weg überschritten wir die östliche Grenze der jungen Schneedecke. Es hatte natürlich tiefer abwärts auch geschneit, doch waren die Flocken dort ebenso schnell geschmolzen, als sie den Boden berührten. Fast gleichzeitig mit dem Schnee erreichte auch die hohe Baumvegetation ihr Ende, und bald befanden wir uns zwischen nackten vulkanischen Kegeln, die der ganzen Landschaft das Gepräge einer wilden, unfruchtbaren Wüste verliehen. Ein Marsch von neun Meilen brachte uns auf die Westseite der konischen Hügel, und wir bezogen unser Lager nahe einer Gruppe von Zedernbüschen, die uns sehr spärlich trockenes Holz zu den unentbehrlichen Lagerfeuern lieferten. Wasser befand sich dort nicht, doch lag gegen Norden vor uns die weite Senkung des Bodens, in dessen Mitte der Colorado Chiquito floß, und es gewährte einigen Trost, uns in nächster Zeit gegen Wassermangel gesichert zu wissen. Obgleich sonnig, war es am 1. Mai doch sehr kalt, und da uns heftiger Nordwind gerade ins Gesicht wehte, so fühlten wir das Unangenehme der rauhen Temperatur doppelt. Mit rüstigem Schritt folgten wir indessen Beales Spuren, die an geeigneter Stelle zum Fluß hinabführen mußten, und trotz der vielen Windungen gelangten wir schnell vorwärts in der unbeschreiblich öden Wildnis. Die Unebenheiten des Weges waren vergleichsweise nur gering zu nennen, denn die tiefen, unzugänglichen Schluchten liefen, in derselben Richtung mit uns, dem Fluß zu und hinderten nicht weiter, als daß sie uns zuweilen zu Umwegen zwangen. Die Oberfläche bestand größtenteils aus massiven Gesteinslagen, und da diese ungeachtet des verschiedenen Alters und der verschiedenen Härte mit merkwürdiger Gleichförmigkeit dem Fluß zu niedergewaschen waren und wir deren Stärke früher an den korrespondierenden Straten der tiefen Cañons beobachtet hatten, so konnten wir mit ziemlicher Genauigkeit an der Farbe und dem Charakter unseres Weges berechnen, um wieviel Fuß wir uns von Meile zu Meile niedriger befanden. Lavafelder und Ströme bedeckten nach allen Richtungen hin den Kalkstein; den weiten Umfang dieser Formation hatten wir schon auf der Westseite der Gebirge kennengelernt, und gegen Norden nach dem durchbrochenen Plateau hinüberblickend, vermochten wir leicht die Fortsetzung dieser fast horizontalen Gesteinsschicht an der Farbe wiederzuerkennen und mit den Augen weithin zu verfolgen. Ehe wir die Lavaanhäufungen verließen, gewahrte ich die Ruinen eines kleinen indianischen Bauwerks, dieselben, die ich in dem vorhergehenden Kapitel als die Überreste eines Wachtturms bezeichnete. Beim Hinblick auf die felsige, nicht zur geringsten Nutzung geeignete Wüste mußte es befremden, daß einst gerade an solcher Stelle menschliche Wesen hausten. Ich ritt daher zu den Trümmern hin, um deren Charakter genauer kennenzulernen, und wider Erwarten fand ich die tiefe Schlucht, auf deren Ufer sie sich erhoben, vollständig trocken. Allerdings konnte unter dem vulkanischen Sand, der den Boden der Schlucht größtenteils bedeckte, eine Quelle oder eine zur Zisterne sich eignende Felsvertiefung verborgen liegen, doch erblickte ich sonst nichts, was selbst einen wilden Eingeborenen zum Verweilen an jenem Ort hätte veranlassen können. Der turmartige Bau der Ruinen, die augenscheinlich nicht zur Wohnung von Menschen bestimmt gewesen waren, ferner der Umstand, daß sich diese auf dem nächsten und gangbarsten Weg von den Quellen des Rio Verde nach dem Colorado Chiquito und zugleich eine Tagesreise von diesem Fluß befanden, war der erste Grund zur Idee einer früheren Heerstraße zwischen diesen beiden Flüssen; eine Idee, die sich im Verlauf meiner ferneren Reise und im Vergleich mit den Erfahrungen früherer Jahre immer mehr und mehr festigte. Während unseres Rittes auf dem metallähnlich klingenden Gestein hatten wir gegen Norden und Nordwesten beständig eine Aussicht vor uns, die, obgleich in bläulichen Duft gehüllt, uns an die tiefen Cañons, wie ich sie früher beschrieb, lebhaft erinnerte. Es war in der Tat eine östliche Ausdehnung jenes hohen Plateaus, nur daß hier die zerstörenden Wirkungen des Wassers und der Atmosphäre nachdrücklicher gewesen und mehr von den oberen Schichten des Plateaus fortgenommen, dagegen nicht so tief in die feste Erdrinde hineingewühlt hatten. Das Farbenspiel war übrigens ganz dasselbe wie früher, und auch das Gewirr von abgesonderten Wällen, Mauern und Türmen zeigte denselben Charakter wie jene in den Cañons; dagegen gewahrte ich gegen Nordosten eine Anzahl basaltischer Kuppen, die sich auf dem Trias-Plateau erhoben. Nach einem Marsch von etwa zehn Meilen erreichten wir die Lage des roten Sandsteins, die alsdann bis in die Nähe des Flusses die Oberfläche des Bodens bildete und auf das wunderlichste ausgewaschen und abgespült war. Der Sandstein war durchzogen mit roten Lehmstreifen, und mehrfach traten magnesiahaltiger Kalkstein und Dolomit in regelmäßigen Schichten von sechs Zoll bis zu einem Fuß Stärke zutage, und diese senkten sich wie die ganze massive Gesteinslage in einem Winkel von zehn bis sechzehn Grad gegen Norden. Beständig niedersteigend, gewannen wir endlich die Aussicht auf das Tal des Colorado Chiquito, der sich in vielen Windungen, so weit das Auge reichte, aus Südosten gegen Nordwesten hinzog und dort in den tiefen Schluchten verschwand. Ich war überrascht, als ich die waldigen Uferstreifen erblickte und zugleich bemerkte, daß der Frühling dort noch nicht eingekehrt war. Zwar ruhte es wie ein leiser, grünschimmernder Hauch auf Baum und Strauch, doch war die winterliche Farbe noch vorherrschend, aber demungeachtet war es, als ob das Tal mit seinem Strom und die Ufer mit ihrem Laubholz uns freundlich entgegenlächelten. Wir trieben die Tiere an, und auf den letzten vier Meilen einer Schlucht nachfolgend, erreichten wir noch vor Abend den ersehnten Fluß, nachdem wir seit dem frühen Morgen eine Strecke von 17-1/2 Meilen zurückgelegt hatten. Es war nicht schwer, eine angenehme Lagerstelle zu finden, denn Holz, Wasser und Gras befanden sich überall, und es kam also nur darauf an, die sich etwa bietenden größeren Bequemlichkeiten im Auge zu behalten und womöglich weichen Rasen zu Unterlagen für unsere Betten zu entdecken; eine willkommene Zugabe, nachdem unsere Glieder so lange von scharfem Gestein gepeinigt worden waren. Wir lagerten ganz in der Nähe des Punktes, an dem die Expedition Captain Whipples im Jahre 1853 diesen Fluß verließ, und somit nach dessen Berechnung unter 35° 18' 43" 78'" n. Br. und 110° 53' 37" 05'" westlich von Greenwich. Die Erhebung des Lagers über dem Meeresspiegel betrug nur noch 4597 Fuß, und dies war zugleich der niedrigste Punkt, den wir zwischen den San Francisco Mountains und dem Rio Grande del Norte berührten. Ehe wir am Abend das Feuer verließen, wurde ein neuer Plan für die Fortsetzung unserer Reise entworfen. Lieutenant Ives nämlich, noch immer von der Hoffnung beseelt, den Großen Colorado wiederzufinden, beabsichtigte einen letzten Versuch zu wagen, in nördlicher Richtung durchzudringen, um in der Nähe der Moqui-Städte, vielleicht von den Indianern selbst geführt, an den Strom hinabzugelangen. Der Zustand unserer Tiere sowie auch der Mangel an Lebensmitteln gestatteten es indessen nicht, diese Reise mit der ganzen Expedition zu unternehmen, es sollte deshalb zu einer Teilung derselben geschritten werden, und zwar so, daß Lieutenant Ives, Dr. Newberry und Egloffstein, begleitet von einigen Soldaten und Packknechten und ausgerüstet mit den besten Tieren sowie mit Lebensmitteln auf fünfzehn Tage, sich nördlich wandten, während die Hauptexpedition, nur noch auf acht Tage mit Rationen versehen, versuchen sollte, in kürzester Zeit die Stadt Zuñi zu erreichen. Von dort aus sollte sie, nach Vervollständigung der etwa mangelnden Lebensmittel, in nördlicher Richtung nach Fort Defiance ziehen, um auf diesem Militärposten wieder mit Lieutenant Ives und seinem Kommando zusammenzutreffen. Obschon ich mehr Neigung fühlte, die Moquis zu besuchen, so mußte ich mich doch entschließen, mit der Expedition nach Zuñi zu reisen, denn da ich den Weg sowie die Wasser- und Lagerstellen dorthin genau kannte, glaubte Lieutenant Ives meine Kenntnis des Landes nicht besser verwerten zu können, als wenn er mich aufforderte, dieser Abteilung gleichsam als Führer zu dienen. In Fort Defiance nun sollten abermals Lebensmittel bezogen werden, und zwar soviel, als zur Reise bis nach Albuquerque am Rio Grande erforderlich waren, wo alsdann die Auflösung der Expedition und danach die Heimreise der einzelnen Mitglieder bevorstand. Dr. Newberry, Peacock und zuletzt auch Egloffstein – der ursprünglich nach Kalifornien zurückzukehren beabsichtigte – hatten sich endlich für meinen Plan der Reise durch die Prärien entschieden, und so wurde uns denn von Lieutenant Ives, der sich von unserem festen Entschluß überzeugt hatte, jede Hilfe von seiten des Gouvernements zugesagt, wobei er den Wunsch äußerte, daß wir die Arbeiten und Sammlungen der Expedition auf diesem Weg mit uns nach den Vereinigten Staaten führen möchten. Natürlich waren wir gern bereit dazu, doch erhoben wir Einwände, als er uns zum Schutz gegen die Eingeborenen eine Eskorte aufdrängen wollte. Denn einesteils erblickten wir in einer Militäreskorte eine Last, die uns nur in unseren freien Bewegungen hinderte, dann aber auch glaubten wir uns mit unseren Erfahrungen leichter zwischen feindlichen Indianerhorden hindurchwinden, als diesen mit einigen Dutzend Soldaten die Spitze bieten zu können. Die nächste Zukunft beschäftigte uns indessen zu sehr, als daß wir schon an die Ausrüstung zum Ritt durch die Steppen hätten denken mögen, und allein schon beglückte mich vorläufig die Aussicht einer Reise, deren Freuden ich in früheren Jahren so vielfach und so lange genossen hatte und für die ich noch immer mit ganzer Seele schwärmte. Der 2. Mai wurde zum Ruhetag bestimmt und die Teilung der Expedition vorgenommen. Die für Lieutenant Ives und sein Kommando bestimmten Gegenstände wurden mittels eines Leinwandbootes nach der Nordseite des Flusses hinübergeschafft und in beiden Lagern die Vorbereitungen zu einem frühen Aufbruch am folgenden Tag getroffen. Ich durchstreifte unterdes jagend die nächste Umgebung, erblickte auch zahlreiche frische Spuren von Hirschen, doch das Wild selbst hatte sich wie gewöhnlich aus der Nachbarschaft des geräuschvollen Lagers entfernt, und nur kleinere Vögel der mannigfaltigsten Art belebten die Baumgruppen, die mit niederem Buschwerk und Gestrüpp abwechselten. Unter den Bäumen bemerkte ich kaum etwas anderes als die einzige Art des Cottonwood-Baums; zwar lagen sehr vereinzelt einige modernde Stämme von Eichen und Nußbäumen umher, doch schienen diese aus weiter Ferne dorthin geschwemmt und diesem Teil des Colorado Chiquito nicht eigentümlich zu sein. Talgholzsträuche und Artemisien bedeckten dicht weite Strecken, und nahrhaftes Gras wucherte nur da, wo es von dem ebengenannten Gestrüpp nicht erstickt worden war. Die Vogelwelt am Kleinen Colorado lieferte mir dafür reichere Beute, und manche Art erkannte ich wieder, die ich schon vor Jahren in derselben Gegend bemerkt und teilweise auch gesammelt hatte. Der Fluß selbst erschien mir ganz anders als bei meiner früheren Anwesenheit in jener Gegend, denn der letzte Schnee in den Gebirgen war im Zergehen, und wo früher ein seichter Bach rieselte, da drängte sich jetzt ein tiefer, reißender Strom zwischen den lehmigen Ufern hin, so daß es Mühe verursachte, die unbepackten Tiere, die zur Moqui-Expedition bestimmt waren, durch diesen schwimmen zu lassen. Die Teilung war endlich bewerkstelligt, und aufs herzlichste nahmen wir Abschied voneinander, als das Boot am Abend mit der letzten Ladung unserer Gefährten über den Fluß setzte. Jedes Mitglied wußte, daß wir uns nun in dem Gebiet der Navajos-Indianer befanden, von denen wir in dieser abgelegenen Wildnis alles zu fürchten hatten, wenn sie uns in überlegener Anzahl begegneten. Wir teilten uns daher scherzweise gegenseitig unseren Letzten Willen mit für den Fall, daß der eine oder der andere nicht in Fort Defiance eintreffen sollte, und bald darauf plätscherte der Strom zwischen den beiden vollständig abgesonderten Expeditionen. Fast gleichzeitig verließen die beiden Trains am 3. Mai ihre Lager, um in entgegengesetzten Richtungen demselben Ziel zuzueilen. Das Wetter war herrlich, die Straße eben, und schnell vergrößerte sich der Zwischenraum zwischen uns und unseren Gefährten. Wir bogen schon nach kurzer Zeit aus dem Tale, das einen weiten Bogen gegen Norden beschrieb, ab, und die südöstliche Richtung beibehaltend, rechneten wir darauf, am Abend wieder an den Fluß zu gelangen. Unsere Umgebung blieb während des ganzen Tages unverändert und war durchaus nicht geschaffen, ein besonderes Interesse zu erregen. Der Weg führte über roten Lehmboden und umfangreiche Kiesfelder, welche häufig von Schluchten aufgerissen waren; der öde, trübe Charakter des Landes aber, in dem sogar Artemisien und Talgholzpflanzen zu den Seltenheiten zu gehören schienen, blieb ununterbrochen derselbe. Doppelt freundlich schimmerte dafür der Waldstreifen des Flusses aus der Ferne zu uns herüber, und wenn dieser Anblick uns durch eine neidische Schwellung des Bodens entzogen wurde, dann ergötzte ich mich an den schönen Bergformen, die am Horizont auftauchten und die ermüdende Einförmigkeit der ringsum ansteigenden scheinbaren Ebene malerisch unterbrachen. In lichteres Blau hüllten sich allmählich die San Francisco Mountains, doch unverändert in Farbe und Gestalt blieben südlich von uns die nebligen Gipfel des Mogollon-Gebirges liegen. Im Norden spielte die Mirage mit den buntschillernden Felsformationen, und vor uns auf dürrem Boden schaffte sie wie neckend trügerische Wasserspiegel, die, gleichsam mit uns Schritt haltend, sich ebenfalls gegen Südosten schoben. Eidechsen und Hornfrösche schlüpften zwischen den Hufen der Maultiere hervor, große Weihen schwebten über dem Tal des Colorado Chiquito, neugierige Antilopen betrachteten uns aus der Ferne, wir aber zogen ungestört unsere Straße und erreichten endlich nach einem Marsch von achtzehn Meilen wieder das Tal des Flusses, wo wir sogleich unter einer Gruppe von Cottonwood-Bäumen unser Zelt aufschlugen. Vor Einbruch der Nacht durchforschte ich sorgfältig das Tal in seiner ganzen Breite, doch entdeckte ich nur zwei ältere Fährten, die von den Mokassins einiger jagender Apachen herrührten, ein sicherer Beweis, daß die Navajos ihre Frühlingsjagd hier noch nicht begonnen hatten und wir hoffen durften, nicht vor unserer Ankunft in ihren Ansiedelungen mit dieser räuberischen Nation zusammenzutreffen. Die Nacht verging ohne Störung, und als am 4. Mai die ersten Strahlen der Sonne in den Kronen der Bäume spielten, waren wir schon zur Weiterreise gerüstet. Diesmal verließen wir das Tal nicht, sondern zogen in geringer Entfernung vom Fluß hin, wobei wir nach einer passenden Übergangsstelle ausschauten. Nach Zurücklegung von sechs Meilen stießen wir auf ein Flüßchen, das, aus dem Süden kommend, sich im Tal des Colorado in mehrere Arme teilte und danach sich mit diesem Strom vereinigte. Ich erkannte es als Chevelons Fork, das ich früher als eine trockene Schlucht gesehen hatte. So unbedeutend der Bach erschien, so verursachte dessen Überschreiten doch viel Mühe, und wir waren nahe daran, einige der schwächeren Tiere in dem aufgeweichten, sumpfigen Boden zu verlieren. Nachdem wir, ohne ernstlichen Unfall zu erleiden, über Chevelons Fork gelangt waren, wandten wir uns sogleich dem Colorado Chiquito zu, wo wir bald eine Stelle entdeckten, deren fester Sandboden und ebenso feste Ufer uns den Übergang zu erleichtern versprachen. Die Strömung war indessen sehr stark, und um nicht samt den Tieren fortgerissen zu werden, entkleideten wir uns, befestigten Zeug wie Waffen auf den Sätteln, und jeder sein Tier am Zügel führend, stiegen wir in die eisigkalten Fluten hinab. Der Andrang des Wassers, das uns bis über die Hüften reichte, war sehr heftig, und nur mit Mühe vermochten wir uns auf den Füßen zu halten; wir erreichten indessen wohlbehalten das jenseitige Ufer, und es blieb uns dann noch die schwierigere Arbeit, auch die beladenen Packtiere hinüberzuschaffen. Nachdem wir vorsichtig die beste Richtung erforscht und die Ufer hatten niederstechen lassen, wurden die kräftigsten Tiere in den Fluß getrieben, Leute mit Peitschen hielten sie in einer Reihe hintereinander, und so stiegen sie denn eins nach dem anderen nach dem nördlichen Ufer hinauf, wo sie sogleich ihrer Last entledigt und die Vorbereitungen zum Lagern getroffen wurden. Es war freilich noch nicht um die Mittagszeit, als der letzte Mexikaner den Fluß durchschritt, doch wurde der übrige Teil des Tages zum Trocknen der durchnäßten Gegenstände und zur Ruhe für die Tiere bestimmt. Unser Lager befand sich hart am Ufer des Flusses; weithin gegen Westen, Norden und Osten dehnte sich das Tal aus, das an dieser Stelle durch ältere und neuere Überschwemmungen versandet war und daher nur wenig Gras zum Durchbruch hatte kommen lassen. Da wir indessen die Fläche, auf der sich kein Baum erhob, nach allen Richtungen hin zu übersehen vermochten, so wurde die Herde der Freiheit überlassen, damit sie sich nach Willkür ausdehnen und die wenigen grünen Halme aufsuchen konnte, die vorzugsweise in der Nähe der alten Anhäufungen von moderndem Treibholz und zwischen den jungen Weidenschößlingen wucherten. Den Nachmittag brachte ich mit Angeln hin, doch schien das trübe Wasser arm an Fischen zu sein, und nur ein einziges Exemplar erhielt ich aus jenem Fluß, das ich sogleich meiner Sammlung beifügte. Es war dieselbe Gattung, die ich schon am Großen Colorado kennengelernt hatte und die sich durch den Höcker auf dem Rücken auszeichnet. Wir setzten in der Frühe des 5. Mai unsere Reise fort, und zwar ritten wir in nordöstlicher Richtung dem nördlichen Saum des Tals zu, wo wir, möglichst gerade gegen Südosten ziehend, die zahlreichen Windungen vermieden, in welchen der Fluß beständig von dem einen nach dem anderen Talrand hinüberschwankte. Gegen Mittag kamen wir durch das trockene Bett der Cottonwood Fork, eines augenscheinlich nur bei heftigem und anhaltendem Regen Wasser führenden Flusses, der sich aus Nordost dem Colorado Chiquito zugesellt. Vereinzelte Cottonwood-Bäume bezeichnen das breite, sandige Flußbett, und diese waren die Veranlassung, daß Captain Whipple der trockenen Schlucht einst den Namen eines Nebenflusses beilegte. Abwechselnd befanden wir uns im Tal selbst oder in der angrenzenden Wüste, je nachdem es die von uns eingeschlagene Richtung erheischte und ebener Boden uns zu Abweichungen von dieser veranlaßte. In der geologischen Formation war keine Veränderung bemerkbar, nur selten trat grauer Sandstein zutage, doch häufiger bedeckten glattgewaschene Fragmente schönfarbigen versteinerten Holzes die nackte Erdoberfläche. Wir reisten sechzehn Meilen und bogen dann in das Tal ein, wo wir in einem anmutigen Winkel auf dem Ufer des Flusses unser Lager bezogen. Nicht weit von unseren Zelten entdeckte ich eine Stelle, an der ein Trupp Navajos bei Gelegenheit der Herbstjagd längere Zeit verweilt hatte. Eine überhängende Felswand, die ihnen etwas Obdach gewährte, hatte sie angezogen, und daß ihre Jagden dort sehr erfolgreich gewesen waren, davon zeugten die zahlreichen Schädel und Geweihe starker Hirsche, die den Boden des verlassenen Lagers gleichsam bedeckten. Als eine sehr annehmbare Zugabe zu unseren dürftigen Speisen betrachteten wir die wilde Zwiebel, die dort vorzugsweise heimisch zu sein schien. Sie war nur klein, doch stand sie stellenweise so dicht umher, daß wir mit geringer Mühe soviel einsammeln konnten, als nötig war, um auf einige Tage unsere Speisen zu würzen. Die Nacht war stürmisch und kalt, und schwere Wolken umdüsterten den Himmel, als wir am 6. Mai unsere Weiterreise antraten. Nach gewohnter Weise zogen wir am Rande des Tals dahin und befanden uns kaum zwei Meilen von unserem Lager, als wir plötzlich in der Ferne eines Reiters ansichtig wurden, der in gerader Richtung auf uns zueilte. Dem Reiter folgten zwei Fußgänger, die ein paar Maulesel oder Pferde vor sich hertrieben. Der zufällige Anblick eines Menschen in einer Wildnis, wo man am wenigsten auf Menschen zu stoßen erwartet, ist immer hinreichend, die größte Neugierde bei Reisenden hervorzurufen, und jeder einzelne ergeht sich gern in Mutmaßungen und Schlüssen über das Woher und Wohin des einsamen Wanderers, die nicht eher ihr Ende nehmen, als bis direkte Fragen an diesen gestellt werden können. Bei unserer Gesellschaft entstand allgemein zuerst die Frage: Sind es Indianer oder weiße Menschen? Als wir uns für überzeugt hielten, daß es keine Eingeborenen waren, folgte die zweite Frage: sind es amerikanische Trapper oder mexikanische Jäger? Unsere Zweifel wurden bald gelöst, als ein vierschrötiger Mexikaner zu uns herantrabte und uns mit höflicher Bewegung sein »\<i\>Buenos dias, señores\</i\>« zurief. Ich hatte den Fremden aufmerksam betrachtet, seine Züge erschienen mir bekannt, doch kaum vernahm ich den Ton seiner Stimme, als ich ihm antwortete: »\<i\>Come le va, compadre Savedra\</i\>?« Savedra, denn es war wirklich Captain Whipples alter Führer, stutzte, blickte mir in die Augen, spornte sein Tier an meine Seite, und mit dem Ausruf: »\<i\>Mi care amigo\</i\>!« breitete er mir seine Arme entgegen. Ebensowenig, wie es mit unserer Gevatterschaft ernst war, hatten auch die innigen Freundschaftsbezeigungen einen tieferen Grund, doch gestehe ich, daß es mir viel Freude gewährte, hier mit einem Bekannten zusammenzutreffen und von diesem so herzlich begrüßt zu werden. Ich folgte also Savedras Beispiel, und nachdem ich, um einer tragischen Szene vorzubeugen, meine Büchse, die vor mir quer auf dem Sattel lag, über die Schulter geworfen hatte, umarmten wir uns mit dem ganzen Zeremoniell wohlerzogener Mexikaner, die trotz der abgerissenen, nicht zu sauberen äußeren Hülle das Herz und den Wert des besten Caballeros in sich zu fühlen glauben. Das Fragen und Antworten nahm endlich seinen Anfang; um uns herum hielten unsere Packknechte und Soldaten sowie auch Savedras Begleiter, und gespannt lauschte jeder auf die Unterhaltung zwischen Señor Savedra, Peacock und mir. Außer daß wir uns gegenseitig sehr umständliche Berichte über den in den letzten Tagen zurückgelegten Weg, über die besten Lagerstellen, Wasser, Gras sowie auch über die etwa zu begegnenden Eingeborenen machten, erfuhren wir auch noch, daß Savedra den Lieutenant Beale auf seiner Rückreise von Kalifornien nach den Vereinigten Staaten bis an den Rio Grande begleitet hatte und daß letzterem im Tal des Colorado Chiquito einige Maultiere verlorengegangen seien. Nach ihrer Ankunft in Albuquerque, von wo aus Lieutenant Beale direkt nach Fort Shmith am Arkansas reiste, hatte Savedra sich mit zwei Gefährten auf den Weg begeben, um, wie er sagte, für Lieutenant Beale die drei oder vier Maultiere zu suchen. Peacock, der während seines langjährigen Aufenthaltes in Neu-Mexiko ganz eigene Ansichten über den Charakter der Mexikaner gewonnen hatte, lächelte zwar ungläubig zu Savedras Worten, doch war ich der Meinung, daß ein Mann, der über zweihundertfünfzig Meilen durch die Wildnis reise, um verlorengegangene Maultiere zu suchen – und der überhaupt wenig Aussicht auf sicheren Erfolg hatte, da einesteils die Tiere schon längst von den Indianern gefunden sein konnten und andernteils, wenn er sie wirklich fand, doch immer zusammen mit seinen eigenen die Raublust der Navajos reizen konnte –, wohl dazu berechtigt sei, auf diese Weise erworbenes, bereits aufgegebenes fremdes Eigentum als sein eigenes zu betrachten. Nachdem wir uns gegenseitig genug gefragt und erzählt hatten, richtete Savedra die Bitte an uns, ihm mit Salz und Mehl auszuhelfen. Die Bitte war schwer zu bewilligen, denn wir selbst mußten uns schon seit längerer Zeit mit halben Rationen begnügen und konnten nicht wissen, ob wir nicht durch unvorhergesehene Fälle gezwungen sein würden, länger, als wir erwarteten und rechneten, auf der Strecke bis zur Stadt Zuñi zubringen zu müssen. Es wurde ihm indessen Salz sowie etwas Mehl verabreicht, und als wir uns dann voneinander trennten und in entgegengesetzter Richtung dahinritten, erging sich Peacock in den bittersten Bemerkungen über die Mexikaner und ihre Fehler. »Da verlassen diese Menschen ihre Heimat«, grollte er, »um eine Reise von vielen hundert Meilen zu unternehmen; ihr ganzer Mundvorrat besteht aus einem kleinen Säckchen mit Pinole; Pinole besteht aus Mais und Weizen, der zwischen zwei glatten Steinen zu überaus feinem Mehl gerieben und sodann mit braunem Zucker vermischt wird. Ein Löffel voll dieser Masse, in kaltem oder kochendem Wasser aufgelöst, genügt, um eine sehr nahrhafte Suppe herzustellen. Befindet sich unter dem Pinole ebenso fein geriebenes, gedörrtes Rindfleisch, so läßt sich kaum etwas Geeigneteres für Reisende jener unwirtlichen Regionen denken; denn ein Mann kann auf diese Weise seinen notwendigen Lebensunterhalt auf vier Wochen ohne Unbequemlichkeiten mit sich führen. ein Löffel desselben täglich genügt, um ihnen das Leben zu erhalten, und so hungern sie ihre Zeit hin, bis sie anderen Reisenden begegnen, die dann gleichsam gezwungen sind, ihnen von ihren kargen Lebensmitteln zukommen zu lassen.« Peacock trug in seiner Beschreibung der mexikanischen Reisenden die Farben ziemlich stark auf, doch hatte er im Grunde recht, denn es erscheint oft kaum glaublich, daß ein gesunder Mann mit so wenig Nahrungsmitteln sein Leben zu fristen vermag, mit denen der Mexikaner schnell und ausdauernd reist. Unser Marsch betrug zwölf Meilen, und er brachte uns bis zu dem Punkt, wo der Colorado Chiquito sich südlich wendet, während Zuñi fast genau östlich von jener Biegung liegt. Es war also unser letztes Lager an jenem Fluß, und wir hatten von dort ab lange Märsche durch wasserlose Wüsten zurückzulegen, bevor wir uns den indianischen Pueblos an den Abhängen der Rocky Mountains, und somit den Ansiedlungen im Tal des Rio Grande näherten. Aus diesem Grund verließen wir auch den Fluß an diesem Tag nicht mehr, obwohl wir noch wenigstens sechs Meilen bis zum Abend hätten zurücklegen können, und hielten an der nördlichsten Spitze des fließenden Wassers, wo wir leicht eine geeignete Lagerstelle entdeckten. Der Donner krachte, Blitze sprühten, Hagel und Regen prasselte auf uns nieder und als das Wetter sich aufzuklären begann, waren wir gerade mit dem Aufrichten der Zelte fertig geworden und beeilten uns dann, vor einem tüchtigen Feuer unsere genäßten Kleidungsstücke wieder zu trocknen. Das Gewitter hatte einen heftigen, sehr kalten Westwind zurückgelassen, der den Aufenthalt im Freien unangenehm machte, wir begaben uns daher frühzeitig auf unsere Feldbetten, besprachen aber bis tief in die Nacht hinein die neuesten Tagesereignisse, zu denen besonders unser Zusammentreffen mit Savedra gehörte. Peacock wurde, als wir auf die neumexikanische Bevölkerung zu sprechen kamen, überaus redselig, und zwar tadelte er an den Männern alles, so daß zuletzt kein gutes Haar an ihnen blieb; die Mexikanerinnen dagegen erhob er in den Himmel, sowohl ihrer Schönheit als auch ihres Charakters wegen, und mit Enthusiasmus schilderte er die wonnigen Tage, die ihm in früheren Jahren das schöne Geschlecht in Santa Fé bereitet hatte. Da meine Ansichten weniger kalifornisch waren, so nahm ich die Männer wieder mehr in Schutz, doch konnte ich auch nicht umhin, durch das Erzählen kleiner Ereignisse die neumexikanische Eitelkeit und Tapferkeit zu illustrieren. »Don Savedra, den Sie heute mit soviel Mißtrauen beobachteten«, hob ich an, »ist einer der freundlichsten und gefälligsten Menschen, die man nur finden kann; ich will seine Eigenschaften als Führer und Waldläufer gerade nicht als außerordentlich rühmen, doch zeigt er stets einen so eifrigen, guten Willen, daß man sich gern geneigt fühlt, über kleine Mängel hinwegzublicken. Als er im Jahre 1853 von Captain Whipple engagiert wurde, übernahm er die Rolle eines zweiten Führers – der bekannte Antoine Leroux war ja der erste –, und der gutmütige Mexikaner schien sich seinen Landsleuten gegenüber nicht wenig auf seine Stellung sowie auf das in ihn gesetzte Vertrauen einzubilden. Einen komischen Beweis hierfür erhielt ich damals im Lager am Lithodendron Creek, einem trockenen Flußbett, in dem wir wahrscheinlich morgen übernachten werden. Die uns begleitenden Zuñi-Indianer beabsichtigten nämlich vom Colorado Chiquito aus wieder heimzukehren und zugleich die bereitgehaltenen Briefe des einen oder anderen von uns nach Albuquerque zu befördern. Auch Savedra hatte geschrieben, doch waren die eigenen Worte ihm nicht genügend, seinen Verwandten und Bekannten einen Begriff von der Wichtigkeit seines Postens sowie von seinen Fähigkeiten beizubringen, und er wünschte diesem Schreiben auch noch ein Porträt von sich hinzufügen zu können. Er trat also zu mir ins Zelt und ersuchte mich auf das höflichste, eine leichte Bleifederzeichnung von seiner ganzen Figur zu entwerfen. Natürlich war ich sogleich bereit, ihm nach besten Kräften seine Bitte zu erfüllen, doch kaum befanden sich Papier und Stift in meinen Händen, als er mich mit etwas verschämter Miene noch einen Augenblick zu zögern bat, um seine Ansichten und Wünsche hinsichtlich des Bildes zu vernehmen. Diese lauteten ungefähr folgendermaßen: ›Zeichnen Sie mich auf die Mitte des Papiers, wie ich durch eine wasserlose Wüste dahingaloppiere und mit der rechten Hand, in der ich einen gespannten Revolver halte, auf eine schöne, frische Quelle zeige. Im Hintergrund bringen Sie den ganzen Train an, der sich nach langem Wassermangel mühsam dahinschleppt; einige Schritte hinter mir bitte ich Sie die Gentlemen der Expedition zu zeichnen, wie diese voll Freude über meine glückliche Entdeckung ihre Tiere zur Eile anspornen, aber lassen Sie alle recht müde und durstig aussehen!‹ So kindisch mir auch Savedras Anliegen erschien, so suchte ich doch seinen Wünschen so genau wie möglich nachzukommen. Ich zeichnete daher die wichtigsten Punkte und Gegenstände, die mehr als alles andere ins Auge fallen sollten, unverhältnismäßig groß, was nicht wenig zu Savedras Zufriedenheit beitrug. So erhielt er selbst zum Beispiel einen Bart, der ihm bis auf den Sattelknopf reichte, was keine geringe Schmeichelei für sein kurzes, krauses Bärtchen war. In die Hand gab ich ihm einen Revolver von der Länge seines Arms, an die Seite hing ich ihm statt des kurzen Dolchmessers ein langes, zweihändiges Schwert, und die Ohren seines Lieblingsmaultiers, das er ritt, zeichnete ich, damit es ja nicht mit einem Pferd verwechselt werden sollte, so lang wie seine Beine. Die Quelle nun glaubte ich nicht treffender darstellen zu können, als durch einen Springbrunnen, der einen mächtigen Wasserstrahl bis in die Wolken sandte. Nachdem ich sodann die Reiter und deren Tiere sowie alle sichtbaren Menschen und Maulesel des ganzen Trains zum Zeichen ihres Durstes und ihrer Müdigkeit mit ellenlangen, herabhängenden Zungen geschmückt hatte, überreichte ich mit verbissenem Lachen Don Savedra meine Arbeit. Unter den Versicherungen der größten Dankbarkeit nahm der eitle Mexikaner das Blatt hin, betrachtete es aufmerksam, und immer deutlicher wurde der Ausdruck innerer Zufriedenheit auf seinen Zügen, als er die große Verständlichkeit gewahrte, durch die das Bild sich auszeichnete. Er überschüttete mich förmlich mit Danksagungen, siegelte alsdann das Bild in einen Brief, und ich bin überzeugt, daß es in irgendeiner kleinen Stadt von Neu-Mexiko unter Glas und Rahmen zwischen einigen Heiligenbildern hängt. Übrigens schenkte mir Savedra, als wir uns später in Kalifornien trennten, ein Paar Sporen zum Andenken, die ich mit nach Europa nahm und bis jetzt sorgfältig aufbewahrt habe; es sind monströse Dinger, wenigstens ein halbes Pfund schwer und reich mit klirrenden Ketten und Zierat behängt.« »Echt neumexikanisch!« rief hier Mr. Peacock aus. »Nein, echt menschlich, müssen Sie sagen, denn dem kleinen Bryan, der auf der ›Explorer‹ nach Fort Yuma zurückkehrte und der kein Neu-Mexikaner, sondern ein gesunder, amerikanisierter Irländer ist, mußte ich ja einen ähnlichen Dienst erweisen, und zwar wünschte dieser ein Porträt für seine Braut. Er wollte nur mit angelegtem Gewehr gezeichnet sein, und als Staffage mußte ich ein halbes Dutzend tote Indianer zeichnen, die schon von seiner Büchse gefallen waren. Der kleine, närrische Mensch stand beinahe eine Stunde vor mir mit zeitweise angelegtem Gewehr, gerade so lange, bis ich Indianer, Bäume und Vordergrund fertig gezeichnet hatte, denn obgleich sein Gesicht in der eigentümlichen Stellung ebensowenig in Natur wie auf dem Papier zu sehen war, so glaubte er doch nicht, daß man imstande wäre, auf andere Weise zu porträtieren. Ich ließ ihn in seiner Stellung und bei seinem Glauben, war es mir doch leichter, eine Ähnlichkeit der Figur ohne Gesicht als mit diesem auf dem Papier herzustellen, und nicht geringer als Savedras Dankbarkeit war die des Irländers Bryan, als er seine kurze Figur in dem Bild wiedererkannte. Das Gegengeschenk aber, das er mir in Form eines Dollars bot, schlug ich freilich aus. Von dem Mut Savedras habe ich keine so schlagenden Beweise als von seiner harmlosen Eitelkeit; ich weiß nur, daß er einst mit mehreren Gefährten – unter diesen auch einige der sonst so friedliebenden Moquis und Zuñis–eine kleine Expedition gegen die Apachen unternahm, um Kinder derselben zu Peons oder Leibeigenen zu rauben. Es ist ein solches Verfahren vielleicht nur deshalb verzeihlich, weil sich zahlreiche Mexikaner unter den Apachen befinden, die ebenfalls als Kinder ihrer Heimat entrissen wurden und ihr Leben teils als Sklaven, teils als anerkannte Mitglieder der eingeborenen Stämme hinbringen. Savedra gelangte mit seiner Expedition wirklich bis in die Nähe des anzugreifenden Dorfes, doch liefen die Wilden ganz wider Erwarten diesmal nicht davon, sondern fielen über ihre Feinde her und jagten sie nach einem, wenn ich nicht irre, ganz unblutigen Kampf in die Flucht. Ich glaube, dies war das erste- und letztemal, daß Savedra sich an dergleichen Unternehmungen beteiligte. Ein Vorteil ist ihm übrigens aus dieser Expedition erwachsen, und zwar der, daß er sich mit den San Francisco Mountains soweit bekannt gemacht hatte, um sich später zu dem einträglichen Posten eines Führers durch jene Regionen anbieten zu können.« Neunundzwanzigstes Kapitel Der Rio Secco oder Lithodendron Creek – Der versteinerte Urwald – Carrizo Creek – Plötzliches Entstehen eines Stroms – Übergang über den Rio Puerco des Westens – Navahoe Springs – Jacobs Well – Ankunft auf der Ebene von Zuñi – Freundlicher Verkehr mit den Indianern – Jose Maria, der Kriegshäuptling – Pedro Pinos Besuch im Lager – Wanderung nach der Stadt – Pedro Pinos Haus und Gastfreundschaft – Der mexikanische Pater – Besuch bei demselben – Die Kirche von Zuni – Rückkehr ins Lager Am 7. Mai legten wir dreizehn Meilen zurück und überschritten auf unserem Weg mehrere kleine trockene Betten von Wasserläufen, die sich von Nordosten dem Colorado Chiquito zugesellten. Der bedeutendste derselben war Leroux's Fork. Wir gelangten zwar bis in die Nähe des Rio Puerco des Westens, dessen sandiges Bett weithin an einzelnen Gruppen von Cottonwood-Bäumen zu erkennen war, doch bogen wir von demselben gegen Norden ab, um die tiefen Schluchten, durch die er weiter östlich sich seinen Weg gebahnt hat, zu vermeiden, und eilten in nordöstlicher Richtung dem Lithodendron Creek zu. Es ist dies dasselbe Flußbett, das ich in meinem ersten Reisewerk »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 299. mit dem spanischen Namen Rio Secco (Trockener Fluß) bezeichnet habe. Wie vor Jahren traf ich auch diesesmal den Fluß trocken, doch war der sandige Boden infolge jüngst gefallener Regen fest und wegsam geworden, so daß wir mit Leichtigkeit auf demselben hinzogen. Die Ufer wurden zu beiden Seiten allmählich hoch und schroff, und als wir den Punkt erreichten, wo wir den Rio Secco verlassen mußten, um eine mehr östliche Richtung einzuschlagen, bezogen wir eines nahen Wasserpfuhls wegen in einer Nebenschlucht unser Lager. Kaum standen unsere Zelte, als abermals ein heftiger Regen losbrach, doch war dieser nicht anhaltend, und schon nach einer halben Stunde beschien die Sonne in ihrem vollsten Glanz das nasse Erdreich, und ich fand hinlänglich Zeit, noch vor Einbruch der Nacht die nächsten Schluchten zu durchforschen und wie früher mich an den Überresten des versteinerten Urwalds zu ergötzen. Schon in meinem Tagebuch von Whipples Expedition beschrieb ich genauer den versteinerten Urwald im Tal des Rio Secco Ebda., S. 300. und fügte zum besseren Verständnis eine an Ort und Stelle aufgenommene Zeichnung bei. Der Güte des Herrn Geheimen Medizinalrats Göppert in Breslau verdanke ich über den Charakter jener versteinerten Hölzer eine erläuternde Anmerkung, Ebda., S. 492, Anmerkung 21. die ich demselben Werk einverleiben konnte, und ich gehe also jetzt nicht auf eine Wiederholung des früher Gesagten ein. Nur über den Umfang dieses großartigen Lagers fossiler Stämme, in welchem wir mächtige Koniferen mit baumartigen Farnkräutern vereinigt finden, ist es vielleicht nicht unangemessen, mich näher auszusprechen. Obgleich in der Länge des von mir bezeichneten »versteinerten Urwalds« bis zum Gila hinunter noch einzelne Fragmente fossilen Holzes gefunden werden, so will es mir doch scheinen, als ob das Hauptlager sich zwischen dem 35. und 36. Grad n. Br. ausdehnt. Auf meiner letzten Reise, die mich nur in geringer Entfernung südlich an Whipples Übergangspunkt über den Rio Secco vorüberführte, entdeckte ich bei weitem nicht so große und zahlreiche verkieselte Holzmassen wie früher, dagegen erhielt ich später durch Dr. Newberry in äußerst schönen Bruchstücken die untrüglichsten Beweise, daß der fossile Wald nördlich bis über die Moqui-Städte hinaus oder gewiß bis zum 36. Breitengrad reicht. Die dunklen Wolkenstreifen, welche die Sonne kurz vor ihrem Untergang verschleierten, drohten mit Regen; Mitternacht war in der Tat auch noch nicht vorüber, als das Geräusch fallender Tropfen mich weckte; doch nur kurze Zeit lag ich munter, denn wie einzelne Tropfen mich aufgestört hatten, so sang mich die eintönige Musik niederrauschender Wassermassen wieder in den Schlaf, und Stunde auf Stunde verrann in behaglicher, erquickender Ruhe. Der Tag brach endlich an, und um den Stand des Wetters zu beobachten, trat Peacock ins Freie; kaum hatte er sich aber dem Bett des Rio Secco genähert, als er in lauten Ausrufungen seine Verwunderung zu erkennen gab, denn da, wo wir am Tag vorher geritten waren, und kaum einen Fuß tiefer als der Boden, wo unser Zelt stand, tobte jetzt mit Heftigkeit ein Strom an uns vorüber. Überraschen konnte es freilich nicht, daß in dem sandigen Bett so schnell ein Fluß entstanden war, denn das Erdreich war so sehr mit Wasser gesättigt, daß die geringste Vermehrung desselben notwendigerweise an die Oberfläche treten mußte. Der Regen hielt uns den ganzen Vormittag ans Zelt gefesselt, und in den Nachmittagsstunden erst, als der Himmel sich etwas aufklärte und die zum größten Teil schon wunden Rücken der Tiere abgetrocknet waren, rüsteten wir uns, um noch einige Meilen zu reisen. Obgleich das Wasser in dem jungen Strom ebenso schnell fiel, als es gestiegen war, zogen wir es doch vor, anstatt noch eine kurze Strecke dem Flußbett aufwärts zu folgen, uns sogleich nach der Höhe hinaufzubegeben. Wir gelangten dort in Whipples und Beales Straße, und bald beleuchtet von der sich senkenden Sonne, bald durchnäßt von Regen- und Hagelschauern, zogen wir durch die Wüste dahin. Ich sage Wüste, denn ein öderer, trostloserer Anblick ist kaum denkbar, als der, den uns die vegetationslose, wellenförmige Ebene bot, auf der Lichtstreifen und Wolkenschatten einander gleichsam jagten. Das ungünstige Wetter mochte mit dazu beitragen, den trüben Eindruck zu erhöhen, denn bei dem gänzlichen Mangel an schützenden und Brennholz liefernden Bäumen in der weiten Umgebung und beim Anblick des morastigen, aufgeweichten Erdreichs, in das die Tiere bis über die Hufe einsanken, schaute man fast unwillkürlich nach einem Obdach aus und gedachte dabei der kommenden Nacht. Zehn Meilen marschierten wir indessen noch und erreichten kurz vor Abend das trockene Bett eines Bachs, auf dessen Ufern wir einige dürre Talgholzstauden erblickten, die uns wenigstens Brennmaterial für die Zubereitung der Speisen versprachen. Weit gegen Norden erhoben sich zedernbewaldete Hügel, doch lag unser Ziel gegen Osten, und Zeit und Lebensmittel mangelten zu sehr, um uns so weit aus unserer Richtung entfernen zu dürfen. Peacock, Lieutenant Tipton und ich waren dem Zug etwas vorausgeeilt, und an dem trockenen Bache hinaufreitend, spähten wir nach einer Wasserpfütze für die Herde, als plötzlich unser Auge durch einen glänzenden Wasserspiegel gefesselt wurde, der in dem Flußbett mit großer Geschwindigkeit auf uns zueilte. Da wir während des ganzen Nachmittags schwere Regenwolken beobachtet hatten, die sich gerade bei den bewaldeten Hügeln entluden, so befremdete uns dieser Umstand nicht, doch trieben wir den Train zur größeren Eile an, um noch rechtzeitig den Bach zu durchschreiten, in dem die Fluten mit rasender Geschwindigkeit anschwollen. Wir gelangten ohne Unfall auf das östliche Ufer, und wenn die vordersten Tiere sich kaum die Hufe genetzt hatten, so reichte das Wasser den letzten Nachzüglern schon bis über die Knie, und bedeutend höher noch waren die Fluten gestiegen, als wir, nach Brennholz suchend, uns wieder dem Bach näherten. Während der Nacht hatten sich die letzten Regenwolken vollständig verzogen, und als wir in der Frühe des 9. Mai aus dem Zelt traten, blitzten in dem hellen Sonnenschein Millionen von kleinen Eiskristallen, die sich als weißer Reif auf die ganze Landschaft gelagert hatten. Selbst das Wasser in den Gefäßen, die zur Vorsorge noch am Abend gefüllt wurden, war mit einer leichten Eisrinde überzogen, und ungelenkig steif zeigte sich die vom Regen genäßte und danach gefrorene Zeltleinwand, als die Leute diese zusammenrollten. Der Bach (Carrizo Creek) war wieder gefallen, und nur noch in kleinen Rinnen floß etwas lehmiges Wasser gegen Süden dem Puerco zu, so daß sich wohl annehmen ließ, daß nach einigen Stunden schon das Bett wieder so trocken wie am vorhergehenden Abend sein würde. Bald über sanft ansteigende Hügel, bald durch talähnliche Senkungen verfolgten wir unseren Weg gegen Osten. Die Luft war voll Sonnenschein, der Himmel blau, und wir hätten uns kein angenehmeres Wetter zur Reise wünschen können. Nach einem Marsch von fünf Meilen gelangten wir in das Tal des Rio Puerco, der von Nordosten her unsere Straße durchschnitt. Der letzte Regen hatte sich schon wieder verlaufen, nur pfuhlweise war das Wasser noch in dem lehmigen Flußbett zurückgeblieben, und spärlich sickerte eine trübe, flüssige Masse in kleinen Rinnen auf der fettig glänzenden Oberfläche dahin. An den Ufern aber erkannten wir, daß noch während der Nacht der Rio Puerco als ein wirklicher Strom dort vorbeigeschäumt war und daß gefährlicher, sumpfiger Boden uns von der Ostseite des scheinbar trockenen Flusses trennte. »Es wird uns Mühe kosten, hinüberzugelangen«, sagte ich zu Peacock, der neben mir auf dem Ufer hielt und mit dem größten Gleichmut ein Stückchen Tabak zwischen die Zähne schob. »Maybe, maybe not – Kann sein, vielleicht auch nicht«, antwortete er mir, und lenkte sein Tier nach einer Stelle hinunter, die weniger sumpfig schien. Ich kann nicht leugnen, daß Peacocks unerschütterlicher Gleichmut mich in diesem Fall etwas verdroß und daß ich einige Schadenfreude empfand, als ich ihn ruhig in das Flußbett hineinreiten sah. Kaum hatte aber sein Tier zwei Schritte auf dem trügerischen Boden getan, als es durchbrach und gleich so tief in den Morast sank, daß auch des Reiters Beine bis über die Knie mit in der gelben, halbflüssigen Masse staken. »Es wird wohl besser sein, wenn Sie absteigen«, bemerkte ich mit Peacockscher Ruhe. »Ich glaube es fast selbst«, antwortete er und stieg gelassen ans Ufer, wo mich sein Aufzug nicht wenig ergötzte. Peacocks Humor und Ruhe waren indessen ebensowenig durch den Unfall selbst als durch meinen Spott gestört worden, und einen Blick auf das halbversunkene Tier werfend, sagte er: »Zuerst müssen wir den Esel aufs Trockene schaffen und danach eine Brücke bauen.« »Ich glaube es fast selbst«, erwiderte ich lachend in Peacocks Weise, und die alte Freundschaft war wiederhergestellt. Unser Train war unterdessen herangekommen, und den vereinten Anstrengungen von einem halben Dutzend Mexikanern gelang es, nach kurzer Zeit das Maultier auf festen Boden zu bringen; schwieriger aber war es, eine Brücke zu bauen; doch auch damit kamen wir endlich zu Rande, und durch Anhäufungen von Gras, dürren Stauden und Binsen schafften wir einen Pfad, auf dem die ganze Gesellschaft glücklich nach dem jenseitigen Ufer hinübergelangte. Auf längere Zeit hatten wir jetzt ebeneres Land vor uns, dem es an Fruchtbarkeit nicht zu fehlen schien; Gras war freilich nicht mehr vorhanden, doch unzählige Spuren von Schafen bewiesen, daß wir uns auf den von den Navajos benutzten Weideplätzen befanden. Auch auf Wasser stießen wir um die Mittagszeit, das, da es in nie versiegenden Quellen bestand, jener Gegend einen erhöhten Wert verlieh. Es waren die Navahoe Springs, und wir hielten hier einige Minuten, um die Tiere zu tränken und die Flaschen und Schläuche zu füllen; denn wenn ich auch wußte, daß wir noch an demselben Tag Jacobs Well, den in einem tiefen Krater befindlichen See, erreichen würden, so kannte ich doch auch die Eigenschaft jenes Wassers, die es für Menschen fast untrinkbar macht und daher diese Vorsicht nötig machte. Die Navahoe Springs sind ebenfalls nicht ganz frei von Magnesia, doch ist der Geschmack des Wassers keineswegs ekelerregend. Ich benutzte die kurze Zeit, die mit dem Tränken der Tiere hinging, um den nahe gelegenen Überresten einer alten indianischen Stadt einen flüchtigen Besuch abzustatten. Ich fand diese gerade so, wie ich sie schon früher kennengelernt und auch beschrieben habe, »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 296. das heißt, ich erblickte Spuren der Fundamente, von denen die Lehmmauern längst fortgespült waren, und dann die Anhäufungen von Topfscherben, unter denen mir besonders die mit einer Glasur versehenen auffielen. Ähnliche, aber besser erhaltene Trümmerhaufen befinden sich auch am Rio Secco, und schwächere Merkmale einer frühen Kolonisation wiederholen sich auf der ganzen Strecke vom Colorado Chiquito bis nach Zuñi. Es ist daher wohl glaublich, daß bedeutendere Ruinen den Colorado Chiquito bis zu seinen Quellen hinauf gleichsam charakterisieren und einst zahlreiche, durch Ansiedlungen bezeichnete Heerstraßen die jetzige Wildnis durchkreuzten. Gleich hinter den Navahoe Springs begann unser Weg zu steigen, und bald darauf hielten wir auf dem Rücken einer langen Hügelkette oder vielmehr auf einem Teil der höher gelegenen Abstufung, von wo aus wir das Land weithin gegen Osten und Nordosten zu überblicken vermochten. Dasselbe bildete eine etwa sechzig Fuß tiefer gelegene, umfangreiche Ebene, an deren Rand sich die Zedernwaldungen der abschüssigen Hügelabhänge hineindrängten. Die weite Fläche, von der das Gras teils durch zahllose Schafherden, teils durch die Winterfröste entfernt worden war, zeigte eine rötliche Farbe, und nur durch die dunklere Schattierung traten die Senkungen des Bodens hervor, durch die sich zeitweise die aus der Atmosphäre niederschlagenden Feuchtigkeiten stromähnlich dahinstürzen. Ich orientierte mich leicht und bezeichnete Peacock die Stelle, wo sich, wie ich wußte, Jacobs Well befand. Er schüttelte ungläubig den Kopf, als ich ihm versicherte, daß wir auf der dürren Ebene einen tiefen See finden würden, den sein Auge von der Höhe herab nicht zu entdecken vermochte. Seine Ungläubigkeit verwandelte sich aber in stummes Erstaunen, als er, in der Entfernung von fünfzig Schritten von Jacobs Well, den Boden sich weit öffnen sah und nähertretend den glänzenden Wasserspiegel in schauerlicher Tiefe gewahrte. Hart am Rande des wasserhaltigen Kraters richteten wir unsere Zelte auf, und jeder einzelne der Expedition begab sich alsdann auf den Weg, um nach etwas Brennmaterial in der Nachbarschaft umherzuspähen. Trotz der Nähe einer lichten Zedernwaldung, deren Bäume kaum fünfhundert Schritt vom Wasser entfernt standen, hielt es ebenso schwer für uns, brennbares Holz wie für die Tiere nahrhaftes Gras zu finden. Wie wir leicht aus den zahlreichen alten Feuerstellen entnehmen konnten, war im verflossenen Jahr hier der Sammelplatz der Eingeborenen mit ihren Herden gewesen, und die Hirten hatten das letzte Stückchen trockenes Holz und die Schafe den letzten Grashalm zu ihrem eigenen Nutzen verwendet, so daß uns nur wenig mehr blieb als der nackte, lehmähnliche Boden und das magnesiageschwängerte Wasser in der Tiefe. Wie vor Jahren wanderte ich auch diesmal zu dem hundertfünfzig Fuß tief gelegenen See hinab, und ich hatte Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, daß darin zahlreiche Fische vorhanden waren. Wie ich nun dort unten in dem Kessel am Rand des Wassers stand, die beiden schlanken Zedern und das Weidengestrüpp wieder vor mir sah und deren umgekehrte Spiegelbilder auf den Fluten beobachtete; die langen Binsen gleichsam zählte, welche die unergründliche Tiefe wie mit einem Rahmen einfaßten; und wie ich dann aufwärts schaute zum düster werdenden Abendhimmel und zugleich die kleinen menschlichen Figuren bemerkte, die sich hoch oben am Rande der Tiefe hin und her bewegten – da versetzte ich mich im Geist zurück in jene Zeiten, als ich mich zum erstenmal in jener Gegend befand und ebenfalls zur Abendstunde zu dem verborgenen See hinabgestiegen war. Wie damals, so folgten auch jetzt ermüdete Lasttiere dem gewundenen Pfad aufwärts; die menschlichen Gestalten aber verwandelte ich, begünstigt von der eintretenden Dämmerung, mit reger Phantasie in Reisegefährten, die längst meinem Gesichtskreis entschwunden waren, und wie durch Zauber vergaß ich auf Momente die vier langen Jahre, die seit jener Zeit verflossen waren. Doch nur einige Momente dauerte dies, denn doppelt frisch traten wieder diese vier Jahre mit ihren Erlebnissen und Erfahrungen, mit ihren Veränderungen und Umwälzungen hervor; der Zeitraum erschien mir so kurz, die Erlebnisse aber so reich und mannigfaltig, und dies um so mehr, weil ich mich in einer Umgebung befand, an der diese Zeit spurlos vorübergezogen war; selbst die aus nachgiebigem Erdreich gebildeten hohen Uferwände schienen unempfindlich gegen alle äußere Einwirkung geblieben zu sein. Unser Tagesmarsch betrug sechzehn Meilen, und von Zuni, unserem nächsten Ziel trennten uns noch achtundzwanzig Meilen. Die Entfernung bis zum nächsten Wasser rechnete ich auf zwanzig Meilen, und wir beabsichtigten, diese Strecke am 10. Mai zurückzulegen. Frühzeitig traten wir daher unsere Weiterreise an und erreichten nach zwei Stunden den östlichen Rand des Tals, wo wir, stark ansteigend, sehr schnell auf das vierhundert Fuß höher gelegene Plateau gelangten, das sich mit einer geringen Hebung bis über Zuñi hinaus ausdehnt. Den Colorado Chiquito hatten wir an dem Punkt verlassen, der (nach Whipple) unter 34° 53' l" n. Br. und 110° 3' 33" westlich von Greenwich liegt. Die Erhebung desselben über dem Meeresspiegel beträgt 5015 Fuß, und beständig von dort aus gegen Osten ansteigend, befanden wir uns am Lithodendron Creek 5499, am Carrizo Creek 5550, an den Navahoe Springs 5655, an Jacobs Well 5973 und auf dem eben bezeichneten Plateau 6100 Fuß hoch über dem Niveau des Meeres. Die Stadt Zuñi liegt in der Höhe von 6260 Fuß unter 35° 4' 2" n. Br. und 108° 42' 43" w. L., und wir hatten uns also ebenso, gleichmäßig, wie wir angestiegen waren, auf der Reise nach Osten auch gegen Norden bewegt. Das Plateau nun, das uns noch von Zuñi trennte, zeigte sich als eine wellenförmige Ebene; diese war reichlich mit Zedern bewaldet, die uns zugleich die Aussicht auf die Zuñi-Berge oder vielmehr auf die ersten Joche der Rocky Mountains fast beständig raubten und nur gelegentlich einen Blick auf die hohen, malerischen Felsentürme und Wälle gestatteten, was aber genügte, mich die Lage der Indianerstadt genau erraten zu lassen. Es schien fast, als ob die Nähe von menschlichen Wohnungen auch die Tiere des Waldes herbeigelockt habe, denn als wir uns auf dem gekrümmten Pfad zwischen dem immergrünen Buschwerk hinwanden, schreckten wir vielfach kleine und große Hasen aus ihrem Lager auf und wurden umkreist von hungrigen Wölfen, die, wenig scheu, sich uns so weit näherten, daß es mir gelang, vom Sattel herab einen von ihnen mit der Büchse zu erlegen. Sehr zahlreich waren die den Zedernwaldungen eigentümlichen Vögel, unter diesen vorzugsweise die verschiedenen Häherarten mit schönem, blauschillerndem Gefieder, außerdem auch die Elster und der Rabe; in wiesenartigen Lichtungen die Haubenlerche, in dichtem Unterholz die Drossel und zahlreiche Blauvögel. Zur späten Nachmittagsstunde ritten wir an der Stelle vorbei, auf der Whipples Expedition auf der Reise nach Kalifornien gelagert hatte, und bald nachher erhielten wir eine volle Aussicht auf das Tal und die Stadt Zuni mit den prachtvollen Felsformationen im Hintergrund. Große Schafherden weideten ruhig nach allen Richtungen hin; auf den Ländereien aber, die an den Zuñi-Fluß stießen, erblickte ich eine bedeutende Anzahl von Männern, die sich wie die Bienen untereinander bewegten und emsig mit der Frühjahrsbestellung ihres Bodens beschäftigt waren. Der dunkle Hintergrund mußte wohl unsere Expedition für die fleißigen Indianer nicht so sehr hervortreten lassen, denn wir waren schon weit ins Tal hineingeritten, als einige der Zunis unsere Annäherung erst bemerkten und die ganze Gesellschaft sich schleunigst in einen Haufen zusammenrottete. Augenscheinlich waren die Leute über unser unvermutetes Erscheinen erschreckt (wie sie uns später erzählten, hatten sie uns aus der Ferne für feindliche Navajos gehalten), als ich aber mit Peacock heranritt und sie aufs freundschaftlichste begrüßte, ihnen den Zweck unserer Reise mitteilte und zugleich nach den beiden Häuptlingen José Maria und José Hatche sowie nach Pedro Pino, dem Gobernadore, fragte, da schwand ihre Besorgnis, und aus meiner Bekanntschaft mit den Namen ihrer vornehmsten Krieger schlossen sie, daß ich schon früher dort gewesen sein müsse. Mit größter Dienstfertigkeit führten sie uns an einen Wasserpfuhl in dem fast ganz ausgetrockneten Fluß, in dessen Nähe wir sogleich unsere Zelte aufschlugen. Die friedliebenden Menschen füllten bald unser ganzes Lager an, denn in der Überzeugung, daß sie nichts von unserem Eigentum berühren, viel weniger noch entwenden würden, riet ich dazu, ihnen in jeder Beziehung freundlich zu begegnen und nicht das Gefühl von Männern zu verletzen, die sich wie harmlose Kinder um uns scharten. Da die meisten der Zuni-Indianer der spanischen Sprache und auch einiger englischer Worte mächtig sind, so war bald nach unserer Ankunft keinem von ihnen mehr der Zweck unserer Reise fremd. Als die Sonne sich den westlichen Berggipfeln zuneigte, bestiegen sie, augenscheinlich mit der größten Befriedigung über unsere Anwesenheit, zu zweien und dreien ihre nahebei weidenden geduldigen Esel und trabten, mit den Waffen an der Seite und den Ackergerätschaften auf der Schulter, fröhlich ihrer friedlichen Stadt zu, die sich in der Entfernung von sechs Meilen auf einem kleinen Hügel erhob. Nicht wenig erfreut war ich, als kurz vor Abend der Häuptling José Maria auf einem schönen Pferd zu uns ins Lager galoppierte und mir sogleich unverhohlen seine Freude über das Wiedersehen zu erkennen gab. Wir teilten ihm mit, daß wir vor unserer Abreise nach Fort Defiance einen Tag dort zu rasten wünschten und am folgenden Morgen die Stadt besuchen sowie dem Gobernadore unsere Aufwartung machen würden. Der Indianer äußerte, daß wir ihnen willkommen seien, daß von ihrer Seite nichts, was zu unserer Sicherheit und Bequemlichkeit beitragen könne, verabsäumt werden solle, und stellte uns, als Beweis hierfür, einen jungen Krieger vor, den er beauftragt hatte, bei uns im Lager zu verweilen und die Herde bewachen zu helfen. »Ihr seid jetzt auf dem Gebiet der Zunis«, sagte er; »jedes Tier, das euch hier verlorengeht, wird uns angerechnet; da nun die Navajos, unsere Erbfeinde, jede Gelegenheit suchen, uns in der Meinung der Amerikaner zu schaden und mit Freuden auf unsere Rechnung Tiere von euch stehlen, so soll der Zuni bei euch bleiben, um euch von dieser Seite aus sicherzustellen!« Natürlich erfreute uns José Marias Benehmen, und wir sprachen unser Bedauern darüber aus, daß wir auf unserer langen, mühseligen Reise nichts übrigbehalten hatten, womit wir ihn für seinen guten Willen hätten belohnen können. Er schien uns hier mißverstanden zu haben, denn er erwiderte, daß der Wächter nicht von uns bezahlt zu werden brauche, indem dieser mit zur Erhaltung des guten Rufs der Zunis dienen solle. José Maria empfahl sich endlich, nachdem er uns versprochen hatte, seinen Besuch am folgenden Tag zu wiederholen; der indianische Wächter streckte sich bei uns hin, und wir selbst erfreuten uns an einem Hammelbraten, den wir der Vorsorge Peacocks verdankten. Unsere Lebensmittel waren nämlich schon so sehr zusammengeschmolzen, daß wir außer Brot und Kaffee nichts weiter mehr in unserer Küche gehabt hätten, wenn nicht Freund Peacock auf die weise Idee gekommen wäre, einige Schafe von den Zunis für einen mäßigen Preis zu kaufen. Die Nacht verging ohne Störung, wie es nicht anders zu erwarten war; kaum graute aber der Tag, so wurde es doch auch wieder belebt in der Richtung nach der Stadt hin. Denn wie am vorhergehenden Abend die Zunis von ihrer Feldarbeit heimkehrten, so begaben sie sich in aller Frühe auch wieder an ihr Tagewerk, nur daß die schwerbeladenen Eselchen alle zu einem Umwege an unserem Lager vorbeigezwungen wurden, damit ihre Reiter einen Blick auf unser Treiben werfen und uns zugleich ein »Buenos dias« oder »Haudu (How do you do)« bieten konnten. Es war ein schöner, milder Frühlingsmorgen; aufs malerischste beleuchtet, schimmerten die altertümliche Stadt und die unbeschreiblich erhabenen Felsenketten im Hintergrund; etwas eigentümlich Friedliches ruhte auf der ganzen Umgebung, und wie zu einer Festlichkeit freute ich mich auf den Spaziergang nach der Stadt. Auch Peacock und Lieutenant Tipton waren begierig, die Zunis, von denen sie schon soviel gehört hatten, in ihrer Häuslichkeit kennenzulernen. Lieutenant Tipton besonders wurde durch den ungewohnten, interessanten Anblick so sehr hingerissen, daß er sogar den Soldaten, die, wie er sich ausdrückte, so lange in der Wildnis umhergeirrt waren, die Freude eines Besuchs der Stadt gönnen wollte. Ich erschrak fast, als er uns dieses mitteilte, und versuchte ihm das Törichte eines solchen Benehmens begreiflich zu machen, indem ich darauf hinwies, daß seine Soldaten sich wohl schwerlich um Naturschönheiten und Sitten fremder Völker kümmern würden und daß ihr gieriges Suchen nach materiellen Genüssen in dem friedlichen Ort zu ernsten Auftritten Veranlassung geben könne; daß ferner die Indianer keine Beleidigung ihres Hauses und ihrer Familie würden ungerächt hingehen lassen und es unverantwortlich wäre, durch Beurlaubung seiner zum größten Teil zügellosen Bande unnützes Blutvergießen herbeizuführen. Peacock stimmte meinen Ansichten vollkommen bei, doch vermute ich, daß unsere Einwände gerade das Gegenteil bewirkten, denn noch ehe wir uns zum Frühmahl niedersetzten, erhielten die Leute, die unter Lieutenant Tiptons Befehl standen, Erlaubnis, nach Willkür die Stadt in Augenschein zu nehmen. Wir waren eben im Begriff, uns zum Aufbruch nach der Stadt zu rüsten, als der Gobernardor Pedro Pino auf einem Esel ins Lager trabte. Ich erkannte den würdigen Indianer auf den ersten Blick wieder, denn auch nicht eine einzige Runzel seines faltenreichen Gesichts hatte sich seit unserer ersten Bekanntschaft geändert, und ebenso stattlich wie vor vier Jahren lenkte er mittels eines kleinen Stäbchens sein geduldiges Tier, das kaum hoch genug war, die Füße seines Reiters nicht in Berührung mit dem Boden kommen zu lassen. Als Pedro Pino meiner ansichtig wurde, stieg er ab, kam mit gemessenen Schritten auf mich zu und umarmte mich auf die zärtlichste Weise; darauf ergriff er einen ledernen Sack, der vor ihm auf dem Sattel gelegen hatte, und denselben ausleerend, beschenkte er mich mit indianischem Maisbrot, Das Brot der Zunis besteht aus sehr fein geriebenem Pinole und wird durch Vermischung mit Wasser in einen flüssigen Teig verwandelt. Zum Zweck des Backens wird ein äußerst glatter, runder Stein in das Kaminfeuer geschoben; hat derselbe die erforderliche Hitze erreicht, so wird mittels eines breiten Haarpinsels der Teig ganz dünn auf denselben gestrichen und die dadurch augenblicklich entstandene, papierähnliche Scheibe sogleich wieder entfernt und das Verfahren von neuem begonnen. Die mit großer Schnelligkeit hintereinander angefertigten Scheiben werden zu dreißig oder vierzig übereinandergelegt, wodurch eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einem riesenhaften Wespennest entsteht. Um das Zerbröckeln dieses eigentümlichen Gebäcks zu verhüten, bewahren es die Hausfrauen in feuchten Winkeln und Räumlichkeiten auf. Sein Geschmack ist, wenn mit etwas Salz bestreut, durchaus nicht unangenehm. mit Salz, Zwiebeln und Hülsen von Maiskolben, die in Neu-Mexiko allgemein zu Zigarillos verwendet werden. »Ihr kommt von Kapornin (Kalifornien)«, sprach er zu mir, »und habt eine lange, weite Reise gemacht; eure Kleider sind zerrissen, eure Lebensmittel aufgezehrt, ihr seid jetzt arm und könnt also bei eurer Durchreise durch das Land der Zunis keine Geschenke austeilen. Wenn ihr vom Rio Grande kämet, so würdet ihr euch freigebig zeigen, doch jetzt könnt ihr es nicht. Das hält mich aber nicht ab, euch von allem zu bringen, was ich besitze; außerdem lade ich euch ein, mein Haus zu besuchen und in diesem mit mir zu essen, zu trinken und zu rauchen.« Die aufrichtige Gastfreundschaft des Indianers, die ganz im Einklang mit seinem würdigen Äußeren stand, rührte mich, und lange sann ich vergeblich, ob sich zwischen meinen Sachen etwas befände, womit ich ihm eine Freude machen könne; aber ich hatte nichts, gar nichts, bis ich endlich auf einen schönen, noch wohlerhaltenen, türkischen Fes verfiel, den ich gewöhnlich im Lager trug und den ich einst von einem lieben Freund, einem berühmten ägyptischen Reisenden, zum Andenken erhalten hatte. Ich entschloß mich kurz, nahm den reichbequasteten Schmuck von meinem Kopf und drückte ihn auf die schwarzen, langen Haare des Gobernardor, wobei ich ihm versicherte, daß dies das einzige Schenkenswerte sei, was sich noch unter meiner Habe befinde. Es gehörte nicht viel Scharfsinn dazu, die Wahrheit einer solchen Behauptung zu erkennen, denn die Indianer, die jetzt frei mit uns verkehrten, nahmen sich in ihrer malerischen ledernen Kleidung, die reich mit Knöpfen und Stickerei verziert war, und in ihren buntfarbigen Hemden gewiß vorteilhafter und wohlhabender aus als wir in dem abgetragenen und unzureichenden Reisekostüm. Die Freude Pedro Pinos über das unerwartete und in seinen Augen gewiß außerordentlich reiche Geschenk entschädigte mich für die Kopfbedeckung, an die ich mich so sehr gewöhnt hatte. Auch grollt mir mein ägyptischer Freund wegen des Verschenkens seines schönen Andenkens ebensowenig, wie ich ihm, daß er die von mir in gleicher Weise empfangenen Pistolen nicht wieder aus dem Orient zurückgebracht hat. Die eine Pistole liegt tief gebettet im Schlamm des Nils, die andere befindet sich in den Händen eines Arabers; der orientalische Fes ruht zur Zeit noch auf dem Haupt eines würdigen Indianers; mein Freund aber und ich, wir befinden uns wieder in der Heimat, führen statt der Pistolen die Feder, tragen statt der türkischen Mütze einen wohlgebürsteten Zylinder und erzählen uns gegenseitig unsere Erlebnisse im Morgen- und im Abendland. Zusammen mit Pedro Pino verließen wir bald darauf das Lager und schritten langsam am Zuñi-Fluß hinauf der Stadt zu. Der alte Gobernardor war sehr redselig, und oftmals blieb er stehen, um durch wohlkleidende Pantomimen seine ausdrucksvolle Rede, die er in spanischer Sprache führte, zu begleiten. Er erzählte uns besonders viel über die Navajo-Indianer, wie die Zuñis so schwer durch die räuberischen Einfalle dieser Horde zu leiden hätten und wie ihnen Pferde und Schafe von jenem Stamm gestohlen würden. Ich fragte ihn darauf, ob die Zuñis nicht Kraft und Mut genug besäßen, die feindlichen Angriffe der Navajos zurückzuweisen. »Wir sind stark und mutig«, antwortete Pedro Pino, »doch die Navajos sind soviel zahlreicher, und auf hinterlistige Weise kommen sie während der Nacht, um unser Eigentum zu rauben. Es ist erst wenige Jahre her«, fuhr der Indianer fort, »als eine starke Macht der Navajos einen Kriegszug gegen unsere Stadt unternahm; wir hatten ihre Annäherung erfahren und verließen infolgedessen unsere Mauern, um die Feinde im offenen Feld zu bekämpfen. Wir schlugen uns während des ganzen Tages und gingen siegreich aus dem Kampf hervor. Während nun alle Krieger fern von der Stadt so beschäftigt waren, näherte sich eine andere starke Abteilung der Navajos auf versteckten Pfaden unserem Pueblo, um dieses zu zerstören sowie Weiber und Kinder zu töten oder als Gefangene mit fortzuführen. Unsere Weiber, Greise und Kinder waren indessen auf der Hut; sie versammelten sich auf den flachen Dächern der Häuser, und von dort aus schlugen sie die wiederholten Angriffe der Feinde ab, die davonflohen, als sie uns siegreich heimkehren sahen. Seit jener Zeit ist es nie wieder zum offenen Kampf gekommen, denn die amerikanische Regierung drang ernstlich auf den Frieden und brachte diesen auch wirklich zustande, doch dem Rauben und Plündern vermochte oder wollte sie keinen Einhalt tun, und auf beiden Seiten fallen durch die Verräterei der Navajos noch Opfer genug. Vor einigen Wochen erst wurde in dem Wald hinter eurem Lager ein erschossener Navajo gefunden, und niemand weiß, wer die Schuld an seinem Tod trägt. Wahrscheinlich kam er, um zu stehlen, oder er war auch im Begriff, mit seinem Raub davonzueilen, als ihn die sichere Kugel eines Zuni erreichte.« Allmählich waren wir so weit gelangt, daß die Formationen des kolossalen Plateaus, auf dem sich die Ruinen Die Ruinen des alten Zuni auf dem Plateau bestehen aus Mauerüberresten einer alten Stadt, die, wie deutlich zu sehen ist, einst auf den Trümmern einer viel älteren Stadt errichtet wurde. Spuren, daß die jetzigen Zunis sich dort oben noch zeitweise in religiösen Verehrungen ergehen, sind reichlich vorhanden. Vergl. »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 283. des alten Zuni befinden, deutlicher sichtbar wurden, und auf eine von der steilen Felswand abgesondert stehende Säule deutend, bat ich den gefälligen Indianer, meinen Gefährten die Sage Das versteinerte Paar. Bei fast allen Völkern findet man die Tradition von einer großen Wasserflut mehr oder weniger erhalten. Die Zunis knüpfen daran noch die Sage vom versteinerten Paar, wozu die merkwürdigen Gebilde, die die Seiten des Plateaus schmücken, unstreitig die erste Veranlassung gegeben haben. Um den Zorn der höheren Wesen zu sühnen, die das Wasser bis zum Plateau hinaufsteigen ließen, wurden auf den Rat der weisen Männer ein Jüngling und eine Jungfrau in die Fluten gestürzt. Als die Wasser sich verliefen, entdeckte man eine vom Plateau wahrscheinlich durch den Einfluß des Wassers getrennte Säule, in der man die verschlungenen Leiber der Geopferten zu erkennen glaubte. Vergl. »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 283. über diese mitzuteilen. Pedro Pino begann sogleich mit Eifer von der großen Flut zu sprechen, und immer lauter wurde seine Stimme, als er die derselben gebrachten Opfer beschrieb. Wie er aber von der Versteinerung des Knaben und des Mädchens sprach, da stand er still, seine Augen leuchteten in schwärmerischem Feuer, er legte meine Arme um seinen Hals und die seinigen um meine Hüften, und sich zu Peacock wendend, rief er ihm zu: »So standen vereinigt die unentweihte Jungfrau und der Jüngling, als sie von jenem Felsen in die Flut hinabgestürzt wurden, so vereinigt trieben sie auf dem Wasser, ohne zu sinken, und so vereinigt wurden sie in Stein verwandelt, als die Wasser sich verlaufen hatten.« Unter solchen Gesprächen verstrich die Zeit schnell, und kurz erschien mir der zurückgelegte Weg, als wir uns vor der altertümlichen Stadt befanden und sogleich in die nächste Straße einbogen. Schon früher lieferte ich »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 284. eine umfangreiche Beschreibung der äußeren Erscheinung dieser Pueblos; da aber zur Zeit meines ersten Besuchs jener Gegenden die Stadt Zuñi aufs schrecklichste von den Blattern heimgesucht wurde und ein zu enger Verkehr mit den Bewohnern nicht ratsam war, so bot mir das Innere der eigentümlichen Baulichkeiten jetzt ebensoviel Neues und Interessantes wie meinen beiden Gefährten. Mit einer gewissen Andacht folgte ich daher unserem Führer durch die Straßen nach und richtete meine Blicke auf die terrassenförmig übereinanderliegenden Häuser, auf deren flachen Dächern die Weiber ihren häuslichen Arbeiten oblagen und nackte Kinder ausgelassen umherspielten. Die ganze Umgebung erinnerte mich lebhaft an das Innere eines Bienenkorbs; in dem die fleißigen Tierchen hinauf- und hinunter-, von Zelle zu Zelle eilen. So auch hier; hinauf und hinunter ging es an den zahlreichen Leitern, bald waren es Kinder, die sich in tollen Sprüngen gegenseitig verfolgten, bald Weiber mit leeren oder gefüllten Tongefäßen auf den Köpfen oder Männer, die mit der Axt und der Hacke auszogen oder heimkehrten. Aus den Öffnungen der Dächer tauchten mancherlei braune Gestalten empor, während andere gleichsam in der Unterwelt verschwanden und auf dunklen, aber bekannten Wegen der heimischen Zelle zueilten. Wohin ich aber blicken mochte, überall beobachtete ich den Ausdruck der Zufriedenheit und der Behaglichkeit; wilde Ausbrüche froher Laune dagegen nahm ich nur an Kindern wahr. »Glückliche Menschen!« dachte ich, als ich Pedro Pino durch eine Tür zur ebenen Erde in ein würfelähnliches Haus folgte und mich nach Durchschreitung eines länglichen Vorgemachs in einer geräumigen Halle befand, die ihr schwaches Licht von oben erhielt. Was ich zuerst bemerkte, war die Sauberkeit in den Gemächern selbst sowie auch die Ordnungsliebe, die im kleinsten Winkelchen durchblickte. Möbel waren freilich nicht vorhanden, dafür zog sich aber eine niedrige Lehmbank ringsum an den Wänden hin, und als Tisch lag auf dem tennenähnlichen Boden eine zierlich geflochtene Strohmatte ausgebreitet. In dem Winkel nächst der Tür standen mehrere große Tongefäße mit klarem, frischem Wasser und daneben auf einem roh gezimmerten Bänkchen phantastisch bemalte Schüsseln und Töpfe von derselben Masse sowie einige zu Trink- und Füllgefäßen ausgearbeitete Flaschenkürbisse. An den Wänden hingen auf ausgespannten Riemen wohlgeordnet nebeneinander Bogen, Köcher, Büchsen, Pulverhörner, Jagdtaschen sowie die Kleidungsstücke der Hausbewohner; auf dem Fußboden dagegen lagen Decken und einfach getrocknete sowie auch weichgegerbte Häute des Wildes dortiger Gegend aufgeschichtet, welche augenscheinlich dazu bestimmt waren, zur Nachtzeit als Lager ausgebreitet zu werden. Als wir in das große Gemach traten, kamen uns ein junges Mädchen von ungefähr zwölf Jahren und ein Knabe von etwa vier Jahren entgegen. Nachdem Pedro Pino einige Worte zu dem Mädchen gesprochen hatte, das auf seinen Wink in der kleinen Türöffnung eines dunklen Nebengemachs verschwand, stellte er uns den Knaben als seinen Sohn vor, und dann auf eine menschliche Gestalt deutend, die ganz verhüllt unter Decken in einem Winkel lag, erzählte er, daß dort seine Frau liege, die ihm während der letzten Nacht einen kleinen Sohn geboren habe. Es mußte dieses seine zweite Familie sein, da er seine erste im Jahre 1854 durch die Blattern verlor. Nach dieser kurzen Einführung legte er einige zusammengefaltete Decken auf die Lehmbank, lud uns ein, Platz zu nehmen, schob die Strohmatte vor uns hin und ließ sich dann gegenüber auf einem kleinen Holzblock nieder. Schweigend, wie es sich entfernt hatte, kehrte bald darauf das junge Mädchen zurück, setzte mehrere Schüsseln mit papierdünnem Maisbrot sowie Salz auf die Matte, legte vor jeden eine Handvoll Hülsen zu Zigarillos und begab sich dann geräuschlos zu der Wöchnerin, mit der sie ein leises Gespräch führte. Auf den Wunsch unseres indianischen Wirts langten wir zu, ließen uns zu seiner Zufriedenheit das merkwürdige Gebäck vortrefflich schmecken und lauschten zugleich der lebhaften Erzählungen, mit denen er uns fortwährend unterhielt. Nachdem wir gespeist und uns durch einen Trunk Wasser erquickt hatten, brachte Pedro Pino seinen kleinen Tabakvorrat, doch bat ich ihn sogleich, diesen zurückzulassen und mit von dem meinigen zu rauchen. Ich legte sodann allen Tabak, den ich entbehren konnte und glücklicherweise bei mir führte, auf die Matte; Peacock und Lieutenant Tipton taten dasselbe, und bald darauf waren wir emsig damit beschäftigt, seine Zigarillos zu rollen und zu rauchen. Niemals in meinem Leben fühlte ich das Bittere einer gänzlichen Dürftigkeit mehr als zu jener Zeit, wo ich die unbegrenzte Gastfreundschaft des wohlwollenden Indianers genoß und zugleich meine Blicke auf die junge Wöchnerin heftete, die geduldig ihren kleinen Säugling stillte. Wie gern hätte ich das Herz der jungen Mutter oder des alten Vaters durch Geschenke erfreut, doch ich besaß, ebenso wie meine Kameraden, weder Geld noch Gut; selbst unsere Kleidungsstücke waren so sehr abgetragen und zerrissen, daß sie sich nicht mehr zu Geschenken eigneten, und glücklich schätzte ich mich noch, daß ich dem Gobernador eine Flasche Pulver und etwas Blei überlassen konnte. Als wir in gemütlicher Unterhaltung dasaßen, wurden wir plötzlich durch die Ankunft von zwei anderen Hausbewohnern aufmerksam gemacht. Ein hochgewachsener, aber vor Alter ergrauter Indianer mit einer Hacke unter dem Arm trat nämlich herein, und eine nur wenig jüngere Indianerin, ebenfalls mit einer Gartenhacke gerüstet, folgte ihm auf dem Fuß nach. »Mi padre, mi madre«, sagte Pedro Pino, indem er auf die beiden alten Leute wies; »sie sind heute früh hinausgegangen und kehren jetzt von ihrer Feldarbeit zurück.« Da Pedro Pino nicht mehr unter fünfzig Jahre alt sein konnte, so mußten seine Eltern sich schon in den Siebzigern befinden, aber so rüstig und fröhlich bewegten sich die beiden Alten, als ob sie eben erst den Kinderjahren entwachsen wären; dabei entbehrten sie indessen nichts von der schönen Würde, die gewöhnlich hohes Alter ziert, sondern sie erschienen mir wie Greise mit jugendlichen Herzen. Ich erhob mich und begrüßte die bejahrten Leute mit ungeheuchelter Wärme und beobachtete dann genau ihr Benehmen, das so ganz verschieden von all dem war, was ich bis jetzt unter den Eingeborenen von Nordamerika kennengelernt hatte. Nachdem wir uns nämlich der Reihe nach die Hand mit vielmals wiederholtem »Buenos dias« gereicht hatten, stellten die beiden Alten ihre Gerätschaften in die Ecke, begaben sich sodann zu den großen Tongefäßen, gössen sich gegenseitig Wasser über die Hände, wuschen zuerst diese und danach das Gesicht, trockneten sich wieder ab, worauf der alte indianische Herr sich mit dem glücklichsten Gesicht von der Welt vor der Matte zum Essen niederließ, während seine Frau sich zu der Wöchnerin begab und Mutter und Kind mit einer Innigkeit beobachtete, die man leider nur zu oft in allen Ständen der Zivilisation vermißt. »Glückliche Menschen!« dachte ich wieder. »Glückliche Menschen mit eurer Halbzivilisation; möge die volle Zivilisation eurer friedlichen Heimat fern bleiben.« In meinen Betrachtungen wurde ich plötzlich durch Pedro Pino gestört, der uns mitteilte, daß sich ein Missionar in der Stadt befinde, um zu predigen und zu taufen; zugleich schlug er uns vor, diesem einen Besuch abzustatten, wozu wir natürlich sogleich bereit waren. Wir verließen des Gobernadors Haus, und indem wir ihm in eine Seitenstraße folgten, gelangten wir an einen freien Platz, auf dem sich die alte Kirche und neben dieser das im neumexikanischen Stil erbaute Pfarrhaus befand. Für gewöhnlich besitzen die Zuñis keinen Geistlichen, doch werden sie während des Jahres mehrere Male von umherreisenden Pfaffen besucht, die es sich dann sehr angelegen sein lassen, gegen Pelzwerk und getrocknete Wildhäute zu predigen und Kinder zu taufen. Diese scheinen über ihren geistlichen Verrichtungen ihr eigenes leibliches Wohl nicht zu vergessen, wohl aber das der armen Indianer; denn während sie ihren Mund von Warnungen und Segnungen überfließen lassen, behandeln sie oberflächlich die wirklichen Segnungen, mit denen die Natur den Menschen vertraut machte, wie z.B. das Impfen der Schutzblattern, wodurch doch so manches Leben der dahinschwindenden Rasse erhalten werden könnte. Wir traten durch die Tür des Missionshauses in ein kleines Vorgemach, an das zu beiden Seiten größere Räumlichkeiten stießen, und wandten uns der Halle zu, die als Aufenthalt des sehr ehrwürdigen Paters bezeichnet wurde. Das erste, was ich erblickte, war der Pater selbst, ein noch ziemlich junger, schmächtiger Mexikaner mit verschmitztem Gesicht, der sich aufs behaglichste auf einer Matte hingestreckt hatte und uns mit dem Anstand eines Caballero zum Niedersetzen einlud. Während nun Peacock auf eine Unterhaltung mit dem Geistlichen einging und sich nach den letzten Nachrichten über den Mormonenkrieg erkundigte, ließ ich meine Blicke bis in die verborgensten Winkel des Gemachs umherstreifen, um nach meiner gewohnten Weise von den sichtbaren Gegenständen womöglich auf den Charakter der Bewohner schließen zu können. Außer indianischen Trommeln, Spielapparaten und Waffen gewahrte ich einen Haufen Pelzwerk, auf den sich zwei Diener oder Peons (Leibeigene) des frommen Mannes nachlässig hingeworfen hatten und wie ihr Herr ihre größte Andacht dem Rauchen widmeten. Zwischen getragener Wäsche und anderen nicht sehr einladenden Gegenständen, welche die Rückenpolster des Geistlichen bildeten, gewahrte ich etwas, das einer vielgebrauchten Bibel oder einem Gebetbuch nicht ganz unähnlich war. Deutlicher erkannte ich einen bedeutenden Vorrat von Tabak und zierlich geschnittene Zigarrenhülsen, vor allen Dingen aber eine Anzahl leerer Flaschen, die den oberen Körper des Verbreiters der christlichen Religion wie ein Heiligenschein umgaben, sowie auch die wohlgepfropften Köpfe einiger noch vollen, die wie neugierig und verwunderungsvoll zwischen den Kleidungsstücken hervorschauten. Was aber in den Flaschen enthalten war, vermag ich nicht anzugeben, ebensowenig wie die Sekte, zu welcher der fromme Pater gehörte; denn meine langjährigen, auf vielen Reisen gesammelten Erfahrungen haben mich gelehrt, ebensowenig nach dem Inhalt einer nicht für mich bestimmten Flasche wie nach dem religiösen Glauben bekannter oder unbekannter Menschen zu fragen, und wie den Wein, so beurteilte ich auch den Menschen gleichsam nach seinem Geschmack, d.h. nach dem Eindruck, den er nach genauerer Bekanntschaft auf mich gemacht hat. Als der Pater sich nach einer Weile anschickte, uns nach der Kirche zu begleiten, wandte sich Peacock mit einem vielsagenden Lächeln zu mir, indem er fragte: »Wie gefällt Ihnen so ein wandernder Missionar?« »Es ist hier wie in der ganzen Welt«, antwortete ich, »und meine Meinung ist, daß Leute, die sich selbst, die Welt und den Himmel zu täuschen suchen, in meinen Augen die verächtlichsten Kreaturen sind. Doch leider: je höher auf den Stufen der Zivilisation, um so schwerer ist das Wahre von dem scheinbar Edlen zu unterscheiden, um so künstlicher ist die Hülle, mit der angefaulte Gemüter sich zu umgeben wissen, und um so salbungsreicher die Worte, scheinheiliger die Mienen, hinter denen der Jesuitismus aller Religionen und Sekten sich verbarrikadiert.« »Sie haben recht«, erwidert Peacock, »aber unhöflich bleibt es doch von dem Pater, daß er uns armen Reisenden nicht einen Schluck aus einer der gekorkten Flaschen anbot; aber ich lasse mich hängen, wenn die Soldaten, die hier in den Straßen herumziehen, den Spiritus nicht wittern und sich zu verschaffen wissen und heute abend oder auch morgen früh erst berauscht ins Lager zurückkehren.« Unterdessen waren wir an die Pforte der altertümlichen Kirche gelangt, die sich nicht wesentlich von allen anderen Kirchen, die in Neu-Mexiko von den spanischen Missionaren gegründet wurden, unterschied. Die getreue Abbildung einer solchen Kirche siehe in »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, Kirche der Pueblo de Santo Domingo. Hohe, dicke Lehmwände schlössen eine länglich-viereckige Halle ein; zwei kleine Türmchen zierten die Mauerecken zu beiden Seiten der großen Tür; ein altes, rohes Heiligenbild vertrat die Stelle des Altars, und tiefer Sand füllte den ganzen Raum aus, auf dem die Besucher kniend, liegend oder stehend die Zeit während der religiösen Feierlichkeit zubringen konnten. So einfach die Kirche auch war, so erfüllte mich der Anblick derselben doch mit ganz besonderer Teilnahme, denn ich konnte nicht umhin, der Zeiten zu gedenken, in denen sie mit frommen Absichten gegründet wurde; und mit einer gewissen Wehmut beobachtete ich ihren jetzigen Verfall, das wahre Bild der alten spanischen Energie. Wir dankten dem Pater für seine freundliche Begleitung sowie für die Höflichkeit, mit der er die Schadhaftigkeit des Gebäudes entschuldigte, und begaben uns dann mit Pedro Pino zurück nach seiner Wohnung, wo wir diesmal das Dach zu unserem Aufenthalt wählten. Dasselbe war ebenso sauber wie die inneren Räume und ringsum mit einer drei Fuß hohen Mauerbrüstung umgeben. Ich vermochte von dort aus die ganze östliche Hälfte des Tals mit seiner imposanten Felseinfassung zu überblicken, dagegen lag hinter mir, stufenweise ansteigend, die altertümliche Stadt mit ihrem regen Leben. Auf den Mauern saßen einzelne Truthühner und gezähmte Adler, Schon in den ältesten Nachrichten der spanischen Missionare über jene Völker findet man vielfach das gezähmte Federvieh erwähnt, und zwar vorzugsweise die Truthühner. Gezähmte Adler erblickte ich in fast allen indianischen Pueblos, teils in Käfigen, teils, ähnlich den Truthühnern, frei auf den Mauern umhersitzend. Das Einsammeln der Federn dieser Vögel scheint am meisten zum Brauch des Haltens derselben beigetragen zu haben. und auf der Straße bewegten sich in friedlichem Durcheinander Menschen, Schafe und Esel. Nachdem ich die Aussicht nach allen Richtungen hin meinem Gedächtnis nach Kräften eingeprägt hatte, stiegen wir in das Innere der Wohnung hinab, sagten ein herzliches Lebewohl der ganzen Familie und begaben uns dann auf den Heimweg nach dem Lager. Pedro Pino, der getreue Mentor, schien an unserer Gesellschaft Gefallen zu finden, denn als wir ins Freie traten, teilte er uns mit, daß er uns zurückbegleiten würde. Dreißigstes Kapitel Der Mord – Das Begräbnis – Zuñi war früher die Stadt Cibola – Lager in der Schlucht – Ober die Ländereien der Navajos – Hinabgehen zum Puerco – Zahlreiche Viehherden der Navajos – Ankunft bei Fort Defiance – Verlegung des Lagers nach einer kleinen Schlucht – Die natürliche Brücke – Tierleben in der Schlucht – Der Diebstahl – Beschreibung der Umgebung des Forts – Cañon Bonito – Das Fort – Verhältnis zwischen den Amerikanern, den Maquis und den Navajos Wie Peacock vorhergesagt hatte, so geschah es auch. Schon in den Nachmittagsstunden trafen einige Soldaten mit schweren Köpfen im Lager ein, und als wir uns am späten Abend in unser Zelt zurückzogen, wurden einer von Lieutenant Tiptons Mexikanern sowie auch der Hornist seines Kommandos als abwesend gemeldet. Da beide gesehen worden waren, als sie im trunkenen Zustand und miteinander hadernd die Stadt verließen, so beunruhigten wir uns nicht weiter und lebten in der Meinung, daß sie, von einer starken Ladung Whisky zum Gehen unfähig gemacht, sich für die Nacht auf der offenen Straße oder unter irgendeinem Busch einquartiert hätten. Die Nacht verging ohne Störung, und das erste Grau des Tages trieb uns, zum Zweck eines frühen Aufbruchs, ins Freie. Kaum hatten wir das Zelt verlassen, als der wachhabende Sergeant die Meldung überbrachte, daß zwar der Mexikaner mit furchtbar zerschlagenem Gesicht zurückgekehrt sei, aber von dem Soldaten, der mit ihm zugleich die Stadt verlassen habe, nichts wissen wolle. Lieutenant Tipton war schon im Begriff, eine Patrouille nach diesem auszusenden, als der Kriegshäuptling José Maria herangaloppierte und uns benachrichtigte, daß auf dem Weg nach der Stadt ein Soldat liege. Noch immer war uns der Gedanke an einen Mord fern, und wir glaubten nichts anderes, als daß der übermäßige Genuß des Branntweins den Menschen in einen besinnungslosen Zustand versetzt habe. Es wurde indessen sogleich eine Anzahl Leute abgesandt, den Toten oder Scheintoten herbeizuschaffen. Mit unserem frühen Aufbrach war es jetzt natürlich vorbei, und ich benutzte daher die Zeit, meine Aufmerksamkeit unserem Freund José Maria zuzuwenden und Erkundigungen über meinen alten Reisegefährten José Hatche einzuziehen, den ich bis dahin noch nicht wiedergesehen hatte. José Maria wies auf meine Frage mit der Hand in der Richtung nach der Stadt hin, wo sich einige Reiter auf uns zu bewegten, und teilte mir mit, daß José Hatche eben komme, um uns zu begrüßen, daß ich ihn aber nicht wiedererkennen würde, indem sein ganzes Gesicht durch eine Krankheit zerrissen und zerstört worden sei. Ich konnte nicht anders vermuten, als daß er von den Blattern heimgesucht worden sei, doch wie erschrak ich, als ich die Gestalt meines alten Gefährten erblickte und in seinen Zügen, die von einem Krebsschaden zerfressen waren, kaum noch Ähnlichkeit mit einem menschlichen Wesen entdeckte. José Hatche hatte mein Erschrecken und mein Bedauern wohl bemerkt, es war vielleicht das erstemal, daß er jemandem begegnete, der ihn zur Zeit seiner Blüte kennengelernt und, ohne den allmählichen Fortschritt der furchtbaren Krankheit von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr beobachtet zu haben, ihn nun plötzlich so gräßlich entstellt wiedersah. Ich wiederhole, José Hatche war nicht blind für die Trauer, die sich, gewiß nicht absichtlich, in meinen Zügen spiegelte und natürlich seinen eigenen Schmerz aufs neue wachrief; denn ich bemerkte, wie seine tränenlosen Augen sich höher röteten und wie ein herber Seufzer sich seiner breiten Brust entrang, als er sich von seinem Eselchen zu mir hinneigte und mit aller Kraft meine Hand drückte. Der arme entstellte Häuptling, der einst seine lange, schwere Büchse wie ein dünnes Rohr schwang und wie spielend das wildeste Pferd bändigte; seine Tage waren jetzt gezählt, für seine Leiden und für seinen Schmerz gab es keine Heilung, keine Linderung mehr als den Tod; mag er nicht lange mehr auf sich haben warten lassen! Ich reichte José Hatche mein letztes Restchen Tabak und wandte mich dann den Leuten zu, die eben auf einer Decke die Leiche des Hornisten herbeibrachten. An dem Blut, das durch die Decke träufelte, sah ich schon von fern, daß der Mensch auf gewaltsame Weise ums Leben gekommen war, und als die Leute ihn dann niederlegten, überzeugte ich mich leicht von der Todesart desselben. Eine Revolverkugel war ihm auf der Stirn zwischen die Augen in den Kopf gedrungen, hatte das Gehirn zerschmettert und war am Hinterkopf wieder herausgefahren. Ich untersuchte die Wunden genau und zweifelte nicht daran, daß er den Schuß nicht in verräterischer Weise von hinten, sondern in ganz geringer Entfernung von vorn erhalten hatte. Der Tod mußte augenblicklich erfolgt sein, denn die Augen hatten sich noch nicht geschlossen, und beide schielten mit gräßlichem Ausdruck nach der Wunde hin; auch die Hände und steifgewordenen Glieder bewiesen durch ihre Stellung, daß nicht das geringste Zucken dem sicheren Schuß gefolgt war. So lag er nun da, der junge Mensch, ein Opfer des Trunks und der Zügellosigkeit. Die Menschheit hatte durch das Unglück nur wenig verloren, denn nach allem, was ich über den Burschen erfuhr, stand sein Ende vollständig im Einklang mit seinem Leben; aber in der Szene vor mir sowie in dem ganzen Vorfall die Abscheu erregende Gesunkenheit zu beobachten, bis zu der sich das Menschengeschlecht herabzuwürdigen vermag, das war genug, um zu tiefem Ernst und zur Traurigkeit zu stimmen. Daß der Mexikaner, der in der Gesellschaft des Verunglückten trunken und hadernd die Stadt verlassen hatte, auch der Mörder war, unterlag keinem Zweifel; daß aber der Soldat durch Mißhandlungen den Rachedurst des Mexikaners aufgestachelt hatte, davon zeugte dessen verschwollenes, blutunterlaufenes Gesicht; und da dieser keinen Revolver führte, so mußte er dem Soldaten während des Ringens den eigenen entrissen oder aus dem Gürtel gezogen und nach dem Mord fortgeworfen haben. Die Waffe war nämlich spurlos verschwunden, dagegen hatte man die Leiche mit der Decke des Mexikaners verhüllt gefunden und bei dem mutmaßlichen, noch trunkenen Mörder dafür die halb ausgeleerte Branntweinflasche des Getöteten. So klar die Sache auch vorlag, so leugnete der Mörder doch hartnäckig die Tat; er wurde indessen gefesselt, eine Schildwache zu ihm hingestellt und dann zur Beerdigung des Erschossenen geschritten. Am nördlichen Rand der Zuñi-Ebene, wo der Boden hügelweise zu steigen beginnt und wo dunkelgrüne Zedern sich vereinzelt von der Höhe hinab in die Ebene hineindrängen, ist eine nackte, abgesonderte Erhebung des Bodens bemerkbar. Man hat eine herrliche Aussicht von dort über die Felder der Zuñis, auf die graue Stadt und auf die mächtigen Felswälle, welche hinter derselben und auch zu beiden Seiten majestätisch emporragen. Dorthin begaben sich einige Mitglieder der Eskorte, um ihrem Kameraden ein Grab zu schaufeln, während andere die Leiche sauber in Decken einnähten und sodann auf Zeltstangen zu ihrer letzten Ruhestätte hintrugen. Neun mit Musketen bewaffnete Soldaten folgten unter dem Kommando des Lieutenants; auch Peacock und ich schlossen uns dem Zug an, und dahin ging es im langsamen Schritt durch die sandigen Felder der Zuñis. Als wir den Hügel erreichten, war das Grab fertig, und sogleich wurde die Leiche in die Erde gesenkt. Eine Rede wurde nicht gehalten, ein Gebet nicht gesprochen, statt dessen aber krachten dreimal neun Schüsse über das offene Grab und seinen einsamen Bewohner, worauf alle Hand anlegten, durch eine Schicht von Zedernzweigen und schweren Steinen die Leiche gegen den Angriff der Wölfe zu sichern. Die Schaufeln wurden danach wieder zur Hand genommen, und bald darauf erhob sich ein einfacher Grabhügel auf dem nackten, steinigen Boden. »Gewehr auf! Kehrt! Marsch!« kommandierte Lieutenant Tipton. »Ich wünschte, der Bursche wäre im Kampf gegen die Indianer gefallen«, sagte Peacock, indem er seinen Arm durch den meinigen schob. »Tot ist tot«, antwortete ich, »mögen ihm die Tränen seiner Eltern, die jetzt vergeblich auf seine Rückkehr harren, nicht angerechnet werden, und mögen die Wölfe seine Gebeine in Ruhe lassen.« Das war das Begräbnis in der Wüste. Als wir ins Lager zurückkehrten, trafen wir alle Anstalten zum schleunigen Aufbruch, denn da wir uns nur noch drei Tagereisen weit von Fort Defiance befanden, so zogen wir es vor, den Mörder nicht zu richten, sondern mit dorthin zu nehmen. Uns wären ja doch nur zwei Wege offengeblieben, und zwar, entweder den Menschen, in Ermangelung eines Baumes zum Hängen, sogleich zu erschießen oder ohne Waffen und Lebensmittel entspringen zu lassen, und ich glaube fast, daß bei einer aus unserem Personal zusammengesetzten Jury mehr Stimmen für letzteres laut geworden wären, um so mehr, als der gewiß bald zurückkehrende Savedra sich des hilflosen Landsmanns gewiß angenommen hätte. Auch der mexikanische Pater in Zuñi würde dem armen Sünder schwerlich den leiblichen Trost versagt haben. Eine geringe Verzögerung trat noch dadurch ein, daß einige Maultiere von der Herde abhanden gekommen waren und die ausgesandten Leute zwei derselben nicht wieder auffinden konnten. Unsere Rationen, die nur noch auf zwei Tage ausreichten, erlaubten uns indessen nicht, länger zu verweilen, und nachdem wir José Maria den Auftrag erteilt hatten, die fehlenden Tiere suchen zu lassen und uns nachzusenden, verließen wir gegen Mittag das Lager. Wir ritten nach der Ostseite des Zuñi-Tals hinüber und gelangten bald in eine alte Fahrstraße, die in nördlicher Richtung nach dem Militärposten Fort Defiance führte. Ein Navajo-Indianer befand sich in unserer Begleitung; dieser hatte sich besuchsweise einige Tage in Zuni aufgehalten, und es schien José Maria sehr gelegen, denselben als Führer mit uns senden zu können; dabei riet er aber, dem Menschen nicht zu trauen und ihn besonders während der Nacht scharf zu bewachen. Wer nicht imstande ist, auch in einer stiefmütterlich behandelten Naturumgebung wahre Freuden zu suchen und zu entdecken, der findet auf dergleichen Expeditionen oftmals nur sehr geringen Ersatz für erduldete Beschwerden und Entbehrungen. Es genügt nicht, daß man einen Genuß im freien Jagdleben findet, denn solcher Genuß wird häufig auf Wochen durch den gänzlichen Mangel an Wild verkürzt; es genügt nicht, daß man aufmerksam die Geheimnisse der Natur zu erforschen strebt, denn auch hier vermag man zuweilen in längeren Zeiträumen keine wesentlichen Veränderungen wahrzunehmen, selbst wenn auch die äußeren Formen bei jedem Schritt voneinander abweichen und dem Auge eine beständige, bis ins Unendliche hineinreichende Abwechslung bieten. Innige Liebe aber zur schöpferischen Natur macht jeden Augenblick wertvoll und erfrischt das Gemüt wie das Auge sogar in unwirtlichen Wildnissen. Wie oft habe ich auf meinen einsamen Ritten durch grausige Felswüsten mit dem Echo gespielt und mich an der Deutlichkeit der zurückschallenden Worte ergötzt! Und wie melodisch erschienen mir die heiseren Töne, wenn sie in leisen Schwingungen von Schlucht zu Schlucht getragen wurden! Mit welcher Wonne begrüßte ich dann wieder den ersten grünen Baum, und wie oft hielt ich bewundernd vor einem kleinen Grasplätzchen still, um mich wollüstig auf grünem Rasen auszustrecken, während mein Tier emsig die saftigen Halme abrupfte! Wie erfüllte mich der blaue, sonnige Himmel mit Frohsinn, zürnendes Gewölk mit Verehrung und das in nächtlicher Beleuchtung strahlende Firmament mit Andacht! In solchen Augenblicken ist es, als ob es aus jedem Felsen, jedem Baum, jeder Blume und jedem Blatt zu dem Menschen spräche, zu dem Menschen, der mit seinem Hader so vielfach die heilige Natur entweiht. So dachte ich, als ich mich am Rand des Zedernwaldes umwandte und einen langen Scheideblick auf das Tal der Zuñis und auf ihre Stadt warf. Die Mängel übersehend, hatte ich nur ein Auge für Schönheiten, und vergessen waren für Momente die jüngst erlebten widrigen Ereignisse. – So ernst und majestätisch standen sie da, die in bläulichen Duft gehüllten, unerschütterlichen Felsmassen; so ruhig und friedlich dehnte es sich aus, das weite Tal mit seiner altertümlichen Stadt und seinen betriebsamen Bewohnern! Die Sonne beleuchtete alles gleich freundlich, die Berge wie die Ebene, die Wohnungen friedfertiger Menschen wie den von gewaltsam vergossenem Blut geröteten Sand. – So erschien mir das Tal der Zuñis jetzt, so war es schon damals, als eisenbekleidete Spanier zum erstenmal verwunderungsvoll auf diese Landschaft niederblickten. Ich wandte mein Tier, um der vorangeeilten Expedition nachzufolgen, und wie ich durch die niedrige, aber düstere Waldung dahinritt, tauchten vor meiner Seele die phantastischen Bilder längst entschwundener Zeiten auf. Wenn wir die aus dem sechzehnten Jahrhundert stammenden alten spanischen Beschreibungen des Königreichs Cevola oder Cibola Marco de Nica, der dieses Königreich zuerst besuchte und beschrieb, nennt es »Cevola«. Coronado verwandelte den Namen in »Cibola«, und jetzt werden allgemein in Neu-Mexiko unter Cibolo Büffel verstanden. Whipple leitet diese Bezeichnung von den Büffelhäuten her, die in großer Anzahl in diesen Ländern gegerbt wurden. Glaublicher noch ist es, daß in diesem Fall der Name von den Büffelherden abgeleitet wurde, die, wie erwiesen, von jenen Nationen als Haustiere gehalten wurden. mit der jetzigen Stadt Zuñi und deren Bewohnern vergleichen, so zweifelt man kaum, daß Zuñi und die nächsten Trümmerhaufen, vielleicht auch noch einige der benachbarten bewohnten Pueblos, einst das Königreich Cibola bildeten. Man wird in dieser Ansicht bestärkt, wenn man die alten Reisejournale aufmerksam verfolgt und auf die Territorien von Neu-Mexiko, soweit dieselben bekannt sind, anwendet. Nach einem solchen Journal verließ Pater Marco de Nica am 7. März 1539 San Miguel in der Provinz Culiacan, zog durch die Wüste, die sich zwischen dem Rio Yaqui und dem Rio Sonora ausdehnt, und gelangte nach Überschreitung einer anderen Wüste in östlicher Richtung in ein weites, reich bevölkertes Tal mit großen Städten, wahrscheinlich die Casas Grandes am Gila. Dort erhielt er genauere Nachrichten von der dreißig Tagereisen weiter nördlich gelegenen Stadt Cibola und setzte seine Reise in der angegebenen Richtung fort. Nach mühseliger Wanderung und nach Berührung von zahlreichen Städten, deren geographische Beschreibung jetzt auf manche Trümmerhaufen anwendbar erscheint, gelangte Marco de Nica endlich in die Nähe der Stadt Cibola, die ihm als die kleinste von sieben das Königreich bildenden Städten bezeichnet wurde. Furcht vor den Feindseligkeiten der Bewohner aber, die seinen Neger schon erschlagen hatten, hielt den ehrwürdigen Bruder ab, sich in die Stadt selbst hineinzuwagen, doch genoß er von einem Berg aus eine Aussicht auf diese, und er beschreibt sie in folgender Weise: »Die Stadt Cibola liegt in einer Ebene am Fuß eines runden Hügels; es scheint eine schöne Stadt zu sein, und sie ist besser angelegt als irgendeine andere in dieser Gegend. Die Häuser sind regelmäßig gebaut, haben verschiedene Stockwerke und flache Dächer.« Wenn nun auch diese Beschreibung auf jedes andere Pueblo von Neu-Mexiko paßt, so ist Zuñi doch die einzige Stadt, die ich bis jetzt kennenlernte, die sich auf einem Hügel in einer Ebene befindet. Alle übrigen liegen entweder in Ebenen, wo keine Unregelmäßigkeiten des Bodens bemerkbar sind, oder auch auf hohen Felsplateaus. Francisco Vasquez de Coronado besuchte Cibola im Jahre 1540, und seine Nachrichten stimmen mit denen des Marco de Nica ziemlich genau überein; auch erwähnt derselbe noch besonders die gezähmten Truthühner, die nicht ihres Fleisches, sondern ihrer Federn wegen gehalten wurden. Andererseits widerspricht Coronado den märchenhaften Berichten, die Marco de Nica über den Goldreichtum jener Völker machte und die wohl mehr berechnet waren, die Forschungen nach jenen Gegenden hinzulenken. Als Neu-Mexiko in den Jahren 1581 und 1583 von Augustin Ruyz und von Antonio de Espejo Der Franziskanermönch Augustin Ruyz und andere verließen im Jahre 1581 Santa Barbara und reisten 250 Leguas nördlich in eine Provinz, die de los Tiguas genannt wurde. Nachdem hier einer der Mönche von den Indianern getötet worden war, kehrten die Soldaten nach Mexiko zurück und ließen die übrigen Missionare bei den Wilden. Im folgenden Jahr (1582) brach eine neue Expedition unter dem Kommando des Capitan Antonio de Espejo auf und gelangte an den Rio Grande del Norte. Espejo reiste längere Zeit im reichbevölkerten Tal dieses Stroms aufwärts, erreichte, sich dann westlich wendend, Zuñi und, wie aus den Beschreibungen hervorgeht, auch die Moqui-Städte. besucht wurde (auf der Gila-Straße), drangen diese bis zum Rio Grande del Norte durch, wo sie eine sehr dichte Bevölkerung entdeckten. Diesem Fluß bis oberhalb des 34. Grades n. Br. aufwärts folgend und sich danach wieder westlich wendend, gelangten sie nach Pueblo Acoma und von dort nach Zuñi, »das von den Spaniern Cibola genannt worden war«. Die volkreichen, weiter westlich gelegenen Städte, welche sie ebenfalls teilweise besuchten, können nur die Pueblos der Moquis gewesen sein, denn die am Colorado Chiquito gelegenen Ansiedlungen waren zu jener Zeit wohl schon längst wieder verlassen und in Trümmer zerfallen. Aus all diesen Beschreibungen nun, mögen sie dem Altertum oder der Neuzeit angehören, geht immer hervor, daß die Zuñis einen der wenigen Völkerstämme bilden, die, obgleich fremdem Einfluß unterworfen, doch Jahrhunderte hindurch ihre Nationalität auf größtenteils friedlichem Weg zu behaupten wußten. Beim Hinblick hierauf gewinnt man unwillkürlich Interesse, ja Achtung vor einem Volk, dessen Charakter, patriarchalische Sitten und Bräuche im Sturm der Zeiten unverändert blieben, während die zahlreichen Nachbarstädte durch Auswanderung entvölkert wurden und ihre einst blühende Umgebung in eine öde Wildnis zurücksank. Wie vor dreihundert Jahren, so steht auch jetzt noch in einer Ebene auf einem Hügel die Stadt Zuñi. Wann aber die Ruinen des alten Zuñi, die sich auf noch viel älteren Trümmerhaufen auf dem hohen Felsplateau erheben, verlassen und die neue, am Zuñi-Fluß gegründete Stadt bezogen wurde, das liegt begraben in tausendjähriger Vergangenheit. Zivilisierte Völker besuchen die von ihren Vorfahren herstammenden Ruinen, um daselbst froh die Gegenwart zu genießen. Die Zuñis haben auf den Gräbern ihrer Väter Altäre gegründet, und obgleich katholische Christen, beten sie dort nach ihren altherkömmlichen Bräuchen. – Der Packtrain hatte fortwährend die alte Fahrstraße beibehalten, ich entdeckte indessen einen schmalen Pfad, der in gerader Richtung die gewundene Straße vielfach durchschnitt, und auf demselben hintrabend, gelangte ich bald wieder an die Spitze des Zuges, wo sich auch Peacock wieder zu uns gesellte, der nach der Stadt zurückgeritten war, um Pedro Pino selbst von dem Fehlen der Maultiere in Kenntnis zu setzen. – Lieutenant Tipton sowohl wie Peacock bezweifelten, je etwas von den Tieren wiederzusehen, ich dagegen behauptete das Gegenteil und bestand darauf, daß, wenn dieselben nicht von den Navajos geraubt worden seien, sie sich innerhalb vierundzwanzig Stunden wieder in unserem Lager befinden würden. So ritten wir dahin, streitend und erzählend, bergauf und bergab; trockener Kies bildete beständig unseren Boden und krüppelige Zedernwaldung unsere Umgebung. Zwölf Meilen hatten wir zurückgelegt, als wir uns plötzlich am Rande einer breiten Schlucht befanden, aus welcher uns grüne Rasenplätze und blanke Wasserspiegel entgegenschimmerten. Der Weg führte steil abwärts, doch erreichten wir mit unseren Packtieren leicht den wegsameren Boden der Schlucht, der wir dann auf eine kurze Strecke folgten. Auf den Rat des Indianers lagerten wir nahe einem teichähnlichen Gewässer, um hier am folgenden Morgen die Fahrstraße zu verlassen und einen näheren, nur für Packtiere zugänglichen Pfad über die Höhen in nördlicher Richtung einzuschlagen. Wasser war natürlich mehr als im Überfluß vorhanden, doch hatte es einen so übeln, brackigen Geschmack, daß es fast untrinkbar dadurch wurde; selbst die Tiere schienen es zu meiden und verließen sogar den dichten, aber mit Alkalistaub überzogenen Rasen, um an den Abhängen der hohen Ufer nach spärlicherem, aber dafür nahrhafterem Futter zu suchen. Wie leicht und gern verschmerzt man Unbequemlichkeiten, wenn man dafür durch eine anmutige, gleichsam lachende Umgebung entschädigt wird. Da lagerten wir in der Mitte eines länglichen Felsenkessels, senkrechte Wände schienen uns nach allen Richtungen hin den Ausweg abzusperren, und wie um das Starre der massiven Gesteinslagen zu mildern, drängten sich überall die lebensfrischen Kronen schlanker Tannen und die eigentümlichen Formen der Zedern hervor. Auch hohe Felsentürme und Pfeiler standen abgesondert umher, doch war nur die obere Hälfte derselben sichtbar, indem schattiges Buschwerk vorzugsweise in den Felsenwinkeln wucherte und die Basen der Gebilde verbarg. Was indessen der ganzen Umgebung den eigentlichen Reiz verlieh, das waren die schönen Farben, die auf so gefällige Weise miteinander abwechselten, und der grelle Kontrast, hergestellt durch die hellgelbe und rötliche Sandsteinformation und die dunkelgrünen Massen des Nadelholzes. Dieselbe Formation und auch ähnliche Abwechslung der Umgebung beobachtete ich, solange ich mich in den Territorien der Navajo-Indianer befand. Die Grenzen derselben stoßen im Süden an das Gebiet der Zuñis, im Westen und Nordwesten an das der Moquis; im Norden dagegen wird der in den Colorado mündende Rio San Juan und im Osten der Hauptrücken oder die Wasserscheide der Rocky Mountains als Grenze angenommen. Die Eigentümlichkeiten dieses umfangreichen Landstrichs, die ihn gleichsam charakterisieren, sind seine Berge und seine Schluchten, größtenteils gebildet durch ein einstmals zusammenhängendes, jetzt aber vierfach gespaltenes Plateau. Die Schluchten, die in den meisten Fällen von senkrechten Felswänden eingeengt sind, dienen hauptsächlich zur Kommunikation in diesem durchbrochenen Terrain. Diese sind durch äußere Einflüsse allmählich so sehr erweitert worden, daß sie jetzt zusammenhängenden, malerischen Tälern gleichen, in denen die zahlreichen Herren der Navajos während des größten Teils des Jahres nahrhaftes Gras und während der winterlichen Schneestürme notdürftigen Schutz und mitunter sogar auch Obdach in natürlichen Höhlen finden. Die Baumvegetation beschränkt sich auf die verschiedenen Zedernarten, Zwergeichen und Tannen, und letztere erreichen in den Niederungen solche Höhe und Umfang, daß sie sich vortrefflich zu Bauholz eignen. Überhaupt kann ich die Ländereien der Navajos nur als überaus schön, romantisch und ansprechend schildern, und eine äußere Ähnlichkeit zwischen diesen und einigen Punkten der Sächsischen Schweiz ist ganz auffallend; doch gebe ich zu, daß die Fruchtbarkeit der Täler in keinem Verhältnis zu ihrer einladenden, freundlichen Erscheinung steht. Ein Hirtenvolk vermag es dort leichter als der Ackerbauer, sich mit einer gewissen Art von Wohlstand zu umgeben, denn wohin man sich auch in den kleinen Ebenen und Tälern wendet – überall erblickt man den Sodastaub, der die Fruchtbarkeit so sehr beeinträchtigt, während das kurze, aber sehr nahrhafte Gras an den Abhängen und auf den Plateaus selbst eine überaus wertvolle Zugabe zu den Salzweiden in den Niederungen bildet. In der Frühe des 13. Mai, als wir eben im Begriff waren, uns zum Frühmal niederzusetzen, trabte plötzlich ein Zuñi-Indianer mit den beiden verlorenen Maultieren ins Lager. Wie er angab, waren diese bald nach unserem Aufbruch gefunden worden, doch hatte er sich gescheut, sie am Tag nachzubringen, und sich unter dem Schutz der nächtlichen Dunkelheit sicherer gegen die verräterischen Navajos gefühlt. Es sollten ihm Speisen verabreicht werden, doch konnte Peacock ebensowenig wie Lieutenant Tipton sich dazu entschließen, mit einem Eingeborenen an demselben Tisch zu sitzen, und der Indianer kauerte sich daher bei den Köchen nieder, die, weniger von Vorurteilen befangen, sich durch die braune Hautfarbe nichts von ihrem Appetit nehmen ließen. Übrigens glaubte ich in dem Benehmen des Indianers zu erkennen, daß er sich weniger um unsere Gesellschaft als um die Speisen und die ihm verabreichten zwei Dollars kümmerte. Wir verließen die Schlucht, die in dortiger Gegend unter dem Namen Posos bekannt ist, und uns nördlich wendend, folgten wir einem schmalen, vielfach gewundenen Pfad aufwärts, der uns an manchen tiefen Abgründen vorbei und endlich auf das Hochland führte. Nach kurzer Zeit aber schon befanden wir uns wieder am Rande eines tiefen Cañons, bei dessen mühseliger Durchschreitung wir es bedauerten, nicht der bequemeren Wagenstraße gefolgt zu sein, denn nicht wenig Verzögerung verursachte das Umpacken der Lasten, die sich auf den abschüssigen Wegen beständig mit den Sätteln verschoben und zuweilen auch ganz von dem Rücken der Tiere herabglitten. Nach dreistündigem Ritt gelangten wir endlich in die Nähe des Rio Puerco. Dieser lag ungefähr zwölfhundert Fuß tief unter uns, und wir vermochten sein dürres, sandiges Tal weithin gegen Süden zu überblicken, wo es sich in eine wüste Ebene öffnete, während gegen Nordosten gigantische rote Sandsteinfelsen sich in das Tal hineinschoben und seine nördliche Verlängerung unseren Augen verbargen. Wir stiegen ab, und die Tiere am Zügel führend, folgten wir vorsichtig einer dem anderen auf dem gefährlichen Pfad, zu dessen beiden Seiten abwechselnd sich tiefe, schauerliche Abgründe öffneten. In geringer Entfernung, aber getrennt durch das trockene Bett eines Wildbachs, erhoben sich höher und höher, in dem Maße in dem wir abwärtsstiegen, die phantastisch ausgewaschenen Strebepfeiler und Kuppen des mächtigen Sandsteinplateaus, dessen von der Sonne grell beleuchtete rote Farbe das Auge fast blendete. Immer tiefer hinab zogen wir, immer bläulicher schimmerten die Zedern, die das Plateau krönten, bis wir uns endlich im sandigen Bett des Wildbachs befanden, wo ein ebenerer Weg offenstand. Das Tal des Puerco lag jetzt versteckt hinter Felsvorsprüngen, nach einem kurzen Ritt bogen wir aber in dasselbe ein und fanden zu unserem nicht geringen Verdruß den Fluß vollständig trocken. Einige vereinzelte Cottonwood-Bäume erhoben sich wohl hin und wieder auf den Ufern und bezeichneten die gewöhnlich wasserhaltigen Vertiefungen und Senkungen des Bodens, doch auch diese waren dürr und trocken, und statt des gewünschten trinkbaren Wassers erblickten wir nur festen, vielfach geborstenen, lettigen Boden. Unser Pfad fiel hier wieder mit der Wagenstraße zusammen, die weiter südlich in das Tal des Puerco einbog und diesem dann aufwärts folgte. Ohne Mühe gelangten wir durch das staubige Flußbett, und in nordwestlicher Richtung allmählich ansteigend, befanden wir uns ununterbrochen in einer so reizenden Umgebung, wie sie nur durch eine malerische Verteilung von Fels und Tal, von Wald und Wiese geschaffen werden kann. Eigentümlich kontrastierten gegen die schöne Landschaft die zahlreichen gebleichten Skelette von Ochsen und Pferden, die untermischt mit den letzten Überresten von zertrümmerten Wagen in der Nähe der Straße umherlagen und darauf hindeuteten, mit welcher Schwierigkeit die Trains zu kämpfen hatten, die zuerst das zur Anlage des Militärpostens nötige Material durch diese Wildnis schafften. In den Nachmittagsstunden führte der Weg uns durch eine lange, mit stolzen Tannen geschmückte Schlucht, die in ein weites, von bewaldeten und grasigen Hügeln eingefaßtes Tal mündete. Zwei große Wasserspiegel bedeckten einen Teil der Ebene, doch schienen diese nur durch das letzte Schneewasser entstanden zu sein oder, vielleicht auch ursprünglich kleine Seen, nur auf kurze Zeit durch die von allen Seiten zuströmenden Bäche so sehr an Ausdehnung gewonnen zu haben. Ich erblickte hier die ersten Herden der Navajos; und zwar nicht nur unglaublich starke Schafherden, die ähnlich denen der Zuñis aus ebenso vielen schwarzen wie weißen Mitgliedern bestanden, sondern auch zahlreiche Rudel von wohlgenährten Pferden, die teils ruhig grasten, teils mit wildem Ungestüm durch die Ebene hingaloppierten. Die Stellen der Hirten wurden fast ausschließlich von Kindern ausgefüllt, von denen einzelne noch so klein waren, daß sie kaum ihre kurzen Beine über die breiten Rücken der Pferde zu spreizen vermochten, doch hinderte sie das nicht, in toller Weise den dahineilenden Herden zu folgen. Wie ich schon oben bemerkte, bilden die Schluchten die Mittel zur Kommunikation in diesem durchbrochenen Terrain, und wir folgten daher einer solchen nach, in der wir die schwachen Spuren von Wagenrädern entdeckten. Ein schmaler Bach, der aber viel lehmiges Wasser mit bedeutender Schnelligkeit den beiden Seen zuführte, bildete gleichsam unseren Wegweiser, und wir zogen an diesem aufwärts, wobei wir nach einem geeigneten Weideplatz ausschauten, um dort die Nacht zuzubringen. Doch das Frühlingsgrün ruhte noch verborgen in feuchter Erde, und das alte Gras war von den Herden der Navajos dicht auf dem Boden abgenagt worden, so daß uns kaum noch eine Wahl übrigblieb. Nach einem Marsch von achtzehn Meilen hielten wir an, errichteten unser Zelt unmittelbar auf dem Ufer des Bachs und teilten unsere Lebensmittel so ein, daß uns für den folgenden Tag noch zwei Mahlzeiten übrigblieben, mit denen wir Fort Defiance zu erreichen hofften. Unser Lager füllte sich bald mit Eingeborenen, die auf flüchtigen Pferden herbeigesprengt kamen und wenn auch nicht mit großer Besorgnis, so doch mit unruhiger Neugierde nach dem Zweck unserer Reise forschten. Die Leute schienen kein gutes Gewissen zu haben und brachten die unvermutete Ankunft einer amerikanischen, bewaffneten Macht augenscheinlich mit einigen ihrer zuletzt verübten Räubereien in Zusammenhang, um so mehr, weil wir aus einer Richtung kamen, die seit langer Zeit nicht von den Amerikanern bereist war. Wir beruhigten sie indessen sehr bald und suchten ihnen dann einige ihrer flinken, dauerhaften Pferde abzuhandeln; natürlich für Geld und Gut, was wir auf dem Fort zu beziehen hofften. Wir fanden sie indessen wenig geneigt, sich von guten Pferden zu trennen, und schlechte konnten uns auf der Büffeljagd in den Prärien, zu welchem Zweck wir Rennpferde wünschten, von keinem Vorteil sein. So begnügten wir uns denn mit der Unterhaltung, welche uns die einsilbige, wilde Gesellschaft bot, sorgten aber dafür, daß vor Einbruch der Dämmerung sich der letzte Indianer mit seinem Pferd aus unserer Nachbarschaft entfernte. Wir setzten am 14. Mai die Reise in der Schlucht fort, deren Charakter im allgemeinen beständig derselbe blieb. Nur dadurch, daß unser Weg langsam anstieg, das Plateau sich aber in geringem Grad gegen Norden senkte, rückten wir der zedernbewaldeten, höchsten Gesteinslage näher, und vielfach erblickten wir die verschiedenartigsten Gruppen von Eingeborenen, die träge auf den Felsabhängen umherkauerten oder -lagen und mit einem gewissen Gleichmut auf uns niederschauten. Die Nachricht von unserer Ankunft hatte sich übrigens schon weit verbreitet, denn bei jeder Biegung der sich erweiternden Schlucht beobachteten wir berittene Indianer, die emsig bemüht waren, die Pferde und Maultiere, die zu Tausenden das Tal belebten, von der Straße abwärts zu treiben, um sie nicht mit unserer Herde in Berührung kommen zu lassen. Auch zwischen kultivierten Feldern führte unser Weg hindurch; diese waren künstlich bewässert, und Mais und Weizen waren mittels Hacken in den Boden gebracht worden, doch sah man der Arbeit an, daß sie auf träge Weise und mit einem gewissen Widerwillen verrichtet war. Der Boden der Täler und Schluchten lag endlich nur noch wenige Fuß niedriger als die abgesonderten Flächen des Plateaus, doch nah und fern ragten über diese hinaus höher gelegene Steinschichten und Gebirgsmassen. Ein weiterer Überblick war uns nunmehr vergönnt; und es überraschte mich die Unzahl von Pferden, Kühen, Ochsen und Schafen, welche die Ebenen bedeckten und auf einen verhältnismäßig großen Reichtum der Bewohner deuteten. Die Hütten der Eingeborenen, die ich mehrfach zu beobachten Gelegenheit hatte, standen dagegen in gar keinem Verhältnis zu dem reichen Viehstand und zeugten mehr als alles übrige von der Trägheit und von den eigentümlichen Neigungen dieses wilden Volksstammes. Die Wohnungen bestanden einfach aus großen Lauben von Zedernzweigen, deren Wölbung auf starken Pfählen ruhte und von außen teilweise mit Erde, Lehm und Steinen bedeckt war. Trotz der schön gestreiften wollenen Röcke, mit denen die Weiber bekleidet waren, und trotz der ebenso grellfarbigen Decken, welche Männer, Weiber und Kinder in malerischen Faltenwürfen um die Schultern trugen, zeichnete sich doch die ganze Gesellschaft durch eine so ekelerregende Unsauberkeit aus, daß es mir jetzt fast unerklärlich erscheint, wie ich mir damals für einige Schuß Pulver einen Schafskäse kaufen und denselben auch mit dem größten Appetit verzehren konnte. Der Hunger tut aber weh, und wenn sich auch noch keine peinigende Not bei uns eingestellt hatte, gegen die wir uns durch ein geschlachtetes Maultier oder durch Schafe der Indianer leicht hätten schützen können, so fehlte es uns doch an Lebensmitteln, die durch ihre Nahrhaftigkeit der beständigen Bewegung im Freien entsprechend gewesen wären. Um die Mittagszeit erreichten wir nach einem Marsch von zehn Meilen eine grasreiche Wiese, die zum Militärposten gehörte und zur Heuwerbung für die Besatzungspferde bestimmt war. Eine klare Quelle sprudelte am Rande derselben aus felsigem Boden, und da auf den nächsten Anhöhen verdorrte Zedern zwischen den noch grünenden umherstanden und es also bei der rauhen Temperatur nicht an dem nötigen Brennholz fehlte, so beschlossen wir, hierzubleiben und unsere Herde so lange auf der Heuwiese grasen zu lassen, bis uns vom Fort aus eine geeignetere Stelle angewiesen werden würde. Wir waren nur sechs Meilen von Fort Defiance entfernt, und Lieutenant Tipton unternahm es daher, nach dem Posten zu reiten, um den kommandierenden Offizier noch an demselben Tag von unserer Ankunft in Kenntnis zu setzen und zugleich den Verbrecher abzuliefern. Ich freute mich, als ich den auf ein Maultier festgeschnürten Mexikaner unter Bewachung von zwei Soldaten das Lager verlassen sah, denn wenn ich mich auch stets von diesem entfernt gehalten hatte, so konnte ich doch nicht verhüten, daß zuweilen, gerade wenn ich es am wenigsten wünschte, meine Blicke auf die unglückliche Gestalt fielen, was dann immer auf längere Zeit meine Stimmung umdüsterte. Peacock sowohl als ich hatten uns zur nächtlichen Ruhe in unsere Decken gewickelt, als wir plötzlich Pferdegetrappel vor den Zelten vernahmen und gleich darauf auch die Stimme des zurückkehrenden Tipton erkannten. Er war nicht allein, sondern ein junger Dragoneroffizier von der Besatzung hatte ihn begleitet, um die Nacht bei uns zuzubringen und uns am folgenden Morgen eine andere Lagerstelle anzuweisen. Welker hieß der junge Mann, der unsere Gastfreundschaft beanspruchte und sich auf liebenswürdige Weise mit einem Stoß Zeitungen und einer Flasche vom besten Arrak bei uns einführte. Schnell rollten wir daher zwischen unseren Decken hervor, und während unsere Diener die drei Betten in vier umwandelten, fachten wir das niedergebrannte Feuer zu hellen Flammen an, schlürften aufs gemütlichste unseren Grog und lasen uns gegenseitig einzelne Artikel aus den alten Journalen vor. Nach einem Glas Grog schläft man gewöhnlich sehr gut, trinkt man aber vor dem Niederlegen deren zwei oder mehrere, so schläft man um soviel besser. So lautet ein altes Sprichwort unter den Steppenreisenden, und es verging uns denn auch in der Tat die Nacht so ruhig, wie wir es nur erwarten konnten. In aller Frühe waren wir indessen am folgenden Tag, dem 15.Mai marschfertig, und geführt von Lieutenant Welker folgten wir der Straße noch drei Meilen nach, worauf wir der westlichen nahen Bergkette zulenkten, wo wir nach einem Ritt von fünfzehn Minuten eine wasserhaltige Sackschlucht erreichten, die sich vortrefflich zu unseren Zwecken eignete. Da wir darauf rechneten, wenigstens acht Tage an jener Stelle verweilen zu müssen, so waren wir sorglicher bei der Errichtung der Zelte und berücksichtigten nicht nur die Bequemlichkeit, sondern auch das Anmutige der Umgebung, die, als wir aus der grauen Ebene in den grünenden Winkel eintraten, uns gleichsam entgegenlächelte. An jenen Winkel knüpfen sich angenehme und schöne Erinnerungen; angenehm durch den geselligen Verkehr mit den Offizieren der Garnison, schön, weil die Natur hier aufs freigebigste so vieles geschaffen und zusammengefügt hatte, was ein empfängliches Gemüt mit inniger Freude erfüllen mußte; und ich beschreibe daher auch jenen Punkt mit einer ganz besondern Vorliebe. Zwei etwa fünfundzwanzig Schritt voneinander entfernt stehende Felswände, die auf einer kurzen Strecke parallel miteinander hinliefen, waren die nächste Umgebung unseres abgeschlossenen Lagers; die Wände waren nicht hoch, doch bildeten sie die Basis baumreicher Hügel, die sich wieder an den nahen felsigen Gebirgszug anschlossen. In der Entfernung von hundert Schritt öffnete sich diese Schlucht in ein reizendes Tälchen, das teils von schroffen Abhängen, teils von massiven, hohen Felsmauern eingefaßt war. Das Westende der kleinen Fläche lief wieder in eine felsige Schlucht aus, die sich mehr und mehr verengte und bis hoch ins Gebirge hinaufreichte. Was nun jenen Punkt am meisten auszeichnete, das war eine natürliche Brücke, die gleich hinter dem Eingang in das verborgene Tal die beiden Felsenufer miteinander vereinigte. Diese bestand aus einer einzigen kolossalen Platte von Konglomerat, die, fünfundzwanzig Schritt lang, zwölf Fuß breit und zwischen einem und zwei Fuß stark, in der Höhe von zehn Fuß horizontal auf den Uferwänden ruhte. Eine kristallklare Quelle rauschte aus dem Gebirge nieder, und ungestüm durch das Tälchen sprudelnd, polterte sie als kleiner Bach unter der Brücke durch, suchte sich um glattgewaschene Felsblöcke herum ihren Weg hinaus ins Freie, wo sie nach kurzem Lauf in dem porösen Boden versank. Hohe Tannen und Zedern mit geborstener Rinde schmückten die nahen Abhänge und standen vereinzelt in der Schlucht und in dem Tal selbst, und da der Frühling in dem geschützten Winkel schon eingekehrt war, so gesellte sich zu der dunklen Farbe harziger Nadeln von Koniferen in den anmutigsten Schattierungen das lichtgrüne Laub von Zwergeichen, Cottonwood- und Weidenschößlingen, während an den losen Felsblöcken und Wänden sich wilde Stachelbeerstauden und junge Hopfenranken anschmiegten. Wo nun nacktes Gestein nicht die Oberfläche des Bodens bildete, da schimmerten lieblich kleine Grasplätze, als wenn sie mit künstlerischer Hand angelegt und sorgsam gepflegt worden wären. All dies befand sich also auf dem beschränkten Raum; wenn ich aber schildern sollte, in welchem unnachahmlichen, schönen Einklang und doch malerischen, wilden Durcheinander die grauen Felsen, der sprudelnde Bach und die mannigfaltige Vegetation wie durch Zufall hingeworfen erschienen, so würde das meine Kräfte übersteigen; ich kann nur sagen, daß der Anblick der winzigen Landschaft mich überraschte und daß ich glaubte, in einen der verborgenen Gärten zu treten, auf welche die Natur in ihrem stillen, unerklärlichen Walten ihre ganze Sorgfalt verwendete, wie um dem einsamen Wanderer eine unvermutete Freude zu bereiten. Im Eingang der Schlucht befand sich unser Lager, heller Sonnenschein erwärmte die Atmosphäre, hoch oben in den Kronen der Tannen sang der Wind in seiner eigentümlichen Weise, und im Schatten der Bäume und überhängenden Felswände dehnten sich träge die bestaubten, bärtigen Gestalten unserer Expedition. Da mich keine Geschäfte nach dem Fort hinaufriefen wie Peacock und Lieutenant Tipton, die beide für Lebensmittel zu sorgen hatten, so zog ich vor, im Lager zurückzubleiben und die nächste Umgebung zu durchforschen. Wie mich auf der Ebene vor der Schlucht das muntere Treiben der Präriehunde und Erdeulen ergötzte, deren reich bevölkerte Dorfschaften sich über Quadratmeilen ausdehnten, so erfreute mich in der Schlucht selbst, vorzugsweise aber in dem Tälchen, die kleine Vogelwelt, die sich gleich mir von der Umgebung angezogen fühlte. Singvögel mancher Art belebten das niedere Strauchwerk; an den Felswänden kroch hüpfend umher der zierliche Zaunschlüpfer und an den alten Stämmen der kleine Baumläufer. Von den bewaldeten Abhängen schrien mit heiserer Stimme die Häher und Spechte. Von den Gipfeln der hohen Bäume herab ließ die Turteltaube ihre melancholische Stimme vernehmen, während Schwalben den Tag über mit fröhlichem Gezwitscher die Lüfte durchschnitten und der die Dämmerung liebende Ziegenmelker mit unhörbarem Flügelschlag die Lagerfeuer umkreiste oder aus finsterem Winkel seinen klagenden Ruf zu uns herübersandte. So fand ich zu jeder Zeit des Tages und nach jeder Richtung hin etwas zu beobachten; selbst der Bach, der dicht an meinem Zelt vorüberrieselte, fiel mir durch sein merkwürdiges Wesen auf, denn als ob die Arbeit des Tages ihn ermüdet hätte, so stellte er gegen Abend seinen Lauf ein und zeigte nur in den Felsvertiefungen noch kleine Wasserpfützen. Am folgenden Morgen dagegen rauschte er wieder mit neuen Kräften dahin, und erst gegen Mittag machte sich die Verringerung des Wassers von neuem bemerkbar. Da die Quelle auf dem größten Teil des Weges durch die Schlucht über zusammenhängende Gesteinslagen rieselte, diese aber durch die Sonnenstrahlen bedeutend erhitzt wurden, so trat in der zweiten Hälfte des Tages eine außerordentlich schnelle Verdunstung ein, der die nächtliche Kühle erst wieder entgegenwirkte. Die Tage des Harrens in diesem Lager vergingen in ungestörter Ruhe und unterschieden sich voneinander nur durch kleine Zwischenfälle, von denen einzelne des Hervorhebens wert sind, jedoch die Tagebuchform überflüssig machen. Ich zeichnete, jagte und vergrößerte meine Sammlungen in den Vormittagsstunden und widmete den übrigen Teil des Tages den uns besuchenden Offizieren des Forts. Diese schätzten sich glücklich, ihre vier Wände mit einem Plätzchen vor unserem gemütlichen Lagerfeuer vertauschen zu können, so wie es uns eine nicht weniger angenehme Unterhaltung gewährte, zeitweise unter Dach und Fach auf bequemen Stühlen zu sitzen und aus kristallenen Gläsern statt aus Zinnbechern zu trinken, alte Zeitungen zu lesen, Erkundigungen über das Land und seine Bewohner einzuziehen, zu plaudern, zu singen und zu musizieren. Die Indianer besuchten uns nur selten, und auch dann nur zu zweien oder dreien; doch wurden wir gleich am zweiten Tag auf äußerst empfindliche Weise daran gemahnt, gegen diese räuberische Horde auf der Hut zu sein. Unter dem Gepäck befanden sich nämlich auch vier leichte lederne Koffer, in denen Lieutenant Ives seine Journale und Notizen aufbewahrte. Als wir uns am Colorado Chiquito voneinander trennten, übergab er diese Peacocks besonderer Obhut, der nicht ermangelte, allabendlich die Koffer der Sicherheit wegen neben unserem gemeinschaftlichen Zelt unter der Felswand übereinander hinstellen zu lassen, und die Schildwachen erhielten strenge Anweisung, während der Nacht ständig umherzugehen und ihre Aufmerksamkeit zwischen der Herde, dem Gepäck, den Zelten und den lose umherliegenden Gegenständen zu teilen. Es geschah alles wie angeordnet, doch als wir am frühen Morgen des zweiten Tages ins Freie traten, bemerkte Peacock augenblicklich, daß einer der Koffer fehlte. Nach einigem Umherspähen entdeckten wir, daß ein frecher indianischer Räuber unter dem Schutz der Finsternis an der Felswand heruntergeklettert war, die jedesmalige Abwesenheit der umherwandernden Schildwachen dazu benutzt hatte, den Koffer einige Fuß weiter nach dem Abhang hinaufzuschaffen und dann mit seiner Last über die Berge davongegangen war. Peacock begab sich sogleich mit drei Mexikanern auf den Weg, um dem Räuber nachzuspüren, und es gelang ihm auch, trotz des ungünstigen steinigen Bodens, die Fußtapfen des Indianers auf einer Strecke von vier Meilen zu verfolgen; dort aber war der schlaue Dieb in einen vielbetretenen Pfad eingelenkt, wo einige ihm zufällig begegnende Eingeborene seine ohnehin schon leichten Spuren vollständig verwischt hatten. Es blieb nun noch als einziges und letztes Mittel, den Kommandanten des Postens von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen, da er es vielleicht vermochte, durch Drohungen oder auch durch Verhaftung einiger Häuptlinge den Dieb zur Herausgabe seines Raubes zu bewegen, der überdies für einen Indianer nur sehr wenig vorteilbringend war, indem er aus beschriebenen und unbeschriebenen Büchern und Papieren bestand und also höchstens bloß zu Zigarrenhülsen verwendet werden konnte. Ganz gegen unser Erwarten bot der Kommandant eine bedeutende Summe Geldes und volle Straflosigkeit demjenigen, der die Papiere, wenn auch ohne Koffer, zurückbringen würde; der Dieb aber, wie es vorauszusehen war, eine Falle hinter solchen Anerbietungen vermutend, ließ nichts von sich hören oder sehen. Erst einen Tag vor unserer Abreise brachte ein Indianer einen Teil der Gegenstände, die er wahrscheinlich dem ersten Dieb entwendet hatte, um den versprochenen Lohn dafür in Empfang zu nehmen, doch fürchte ich, daß viele der astronomischen Beobachtungen, die Lieutenant Ives an der Mündung des Colorado anstellte, verlorengegangen sind. Das milde Verfahren des Kommandanten diente gewiß nicht dazu, die Eingeborenen vor ähnlichen Räubereien zurückzuschrecken, und es blieb uns also nur übrig, die Wachsamkeit der Leute zu verschärfen und bekanntmachen zu lassen, daß jeder, der sich zur Nachtzeit verstohlen dem Lager näherte, von den Schildwachen erschossen werden würde. Die Drohung schien gefruchtet zu haben, denn die Diebe hielten sich fern von uns, und nichts ging uns mehr verloren während der ganzen Dauer unseres Aufenthalts bei Fort Defiance. Unter 35° 40' n. Br. und 109° 14' 30" westlich von Greenwich und in der Erhebung von 8300 Fuß über dem Meeresspiegel liegt in einem unregelmäßig begrenzten Tal Fort Defiance. Die nächste Umgebung bilden Berge und Reste eines höher gelegenen Plateaus, in denen die Sandsteinformation (new red sandstone) überall vorherrschend ist. Nur in der Entfernung von acht Meilen von dem Fort, in östlicher Richtung, erhebt sich auf kahler Ebene eine lange Reihe phantastisch geformter vulkanischer Felsen. Sowohl die schwarze Farbe des Gesteins, seine äußeren Formen, als auch der Umstand, daß die ganze Kette wie plötzlich aus der Ebene aufgetaucht erscheint, läßt kaum einen Zweifel über ihren Ursprung, und man ist beim bloßen Hinblick auf diese schon geneigt, sie als Produkt des alten Vulkans Mount Taylor zu betrachten, dessen Lavaströme nicht nur die östlichen Abhänge der Rocky Mountains vielfach bedecken, sondern auch ihren Weg auf der Westseite bis über Zuñi hinaus gefunden haben. Der Kontrast zwischen den roten Sandsteinfelsen, die an den Abhängen der grasigen, mit Zedern geschmückten Berge hervortreten oder als mächtige Wälle sich kulissenähnlich hintereinander schieben, einerseits und den abgesonderten, schwarzen, dreihundert Fuß hohen Türmen und Kuppen andererseits ist über alle Beschreibung lebhaft und bei der Klarheit der Atmosphäre selbst in der Ferne scharf ins Auge fallend, und die ganze Landschaft erhält dadurch einen eigentümlich wild-romantischen Charakter. Die Lage des Forts mit seinen zahlreichen Baulichkeiten ist kaum schön zu nennen, indem man aus allen Richtungen in der Entfernung von einer Meile kaum etwas anderes als den Flaggenstock wahrzunehmen vermag. Ersteigt man aber jeden beliebigen nahen Berg und schaut dann niederwärts, so kann man nicht umhin, sich über die Art zu freuen, in der die grauen Baracken, Ställe und Häuserreihen jedesmal das wie ein Teppich ausgebreitete Bild vervollständigen. Zur Wahl jener Stelle hat ein nie versiegender Bach Veranlassung gegeben, der aus einer nahen Schlucht, dem Cañon Bonito, schönes, klares Wasser dem Fort mit seinen Menschen, Tieren, Gärten und Feldern zuträgt. Es ist fast zu bedauern, daß die Militärstation aus strategischen Rücksichten nicht näher an der ebengenannten Schlucht gegründet werden konnte, in welchem Fall eine anmutigere Lage wohl kaum denkbar gewesen wäre; denn ich kann wohl sagen, daß, während meiner Reise in den Navajo-Territorien, ich keinen einzigen Punkt gefunden habe, wo sich auf verhältnismäßig geringem Raum imposantere und malerischere Formationen zusammengedrängt hätten, als im Cañon Bonito. Die Schlucht bildet gleichsam ein mächtiges Felsentor, das durch einen Gebirgszug führt, so daß man vom Fort aus, auf ebenem Weg, zwischen Feldern, Gärten und reich bewässerten Wiesen hindurch, auf eine jenseits des Bergjochs befindliche Prärie gelangen kann, die von bewaldeten Hügeln lieblich umsäumt ist. Die Länge der Schlucht beträgt kaum eine Meile, die Breite vierhundert bis fünfhundert Fuß, und wie keine Unebenheit den in Felder und Wiesen abgeteilten Boden in derselben stört, so erheben sich auch über tausend Fuß hoch die dunkelroten, senkrechten Wände, ohne durch Spalten oder Vorsprünge unterbrochen zu werden. Einzelne Kakteen und verkrüppelte Zedern haben in kleinen Rissen oder auf Anhäufungen von Geröll am Fuß der Wände Wurzel geschlagen, doch außer diesen belebt nichts die drohend emporragenden felsigen Flächen. Das Fort – oder die Militärstation, wie man es wegen des Mangels an Befestigungen richtiger bezeichnet – ist im gewöhnlichen mexikanischen Stil aufgeführt, das heißt, die einzelnen Gebäude erheben sich in Würfelform, und ein flaches Dach ruht auf den dicken Adobe- oder Lehmmauern. Die Kasernen und Wohnungen der Offiziere bilden ein großes, längliches Viereck, in dessen Mitte sich ein Brunnen befindet. Militärische Ordnung und Reinlichkeit zieren die Gebäude, und sogar der frische, grüne, von regelmäßigen Pfaden durchkreuzte Rasen schien zur Zeit meiner Anwesenheit militärisch zugestutzt zu sein. Um die Baracken herum liegen weniger schön geordnet die Pferdeställe, Werkstätten, Kaufhäuser und Beamtenwohnungen, und an diese schließen sich die zum nächtlichen Aufenthalt der Herden bestimmten Einfriedungen und die Gärten an. Und so macht denn das ganze Etablissement den Eindruck einer blühenden, jungen Stadt, deren äußerer Erscheinung weiter nichts fehlt als Obst- und Zierbäume, die wir ja gewohnt sind, in der kleinsten Ansiedlung zivilisierter Gegenden zu finden. Doch auch diese werden nicht lange auf sich warten lassen, denn obgleich erst acht oder neun Jahre seit der Gründung der Station verflossen sind, so erblickt man in den Gärten doch schon zahlreiche, kräftige Schößlinge, die versprechen, einst ebenso kräftige Bäume zu werden. Die Besatzung von Fort Defiance besteht gewöhnlich aus zwei Schwadronen Dragoner, einer Schwadron reitender Jäger, zwei Kompanien Infanterie und einer Batterie von vier sechspfündigen Kanonen. Die Stärke der Besatzung ist übrigens von der Stimmung abhängig, in der sich die Navajos befinden, und die Übergriffe dieser Wilden, die mit Bequemlichkeit eine Streitmacht von dreitausend Kriegern zu stellen vermögen, haben schon mehrfach eine Verstärkung der Garnison veranlaßt, die in solchen Fällen neue Truppen von Albuquerque und Santa Fé an sich zog. Die Indianer, die sich noch immer als die Herren ihres angestammten Landes betrachten, begnügen sich übrigens damit, durch Räubereien, ja durch Drohungen die Amerikaner herauszufordern und in dem Augenblick, wenn diese im Begriff sind, zu Repressalien zu schreiten, sich wieder fügsam zu zeigen. Seit langen Jahren waren die Navajos eine wahre Geißel aller benachbarten Länder und Völker, und in dem Bewußtsein ihrer Kraft, und gefürchtet wie sie waren, dehnten sie ihre Raubzüge bis unter die Mauern von Santa Fé aus, wo sie sich mit grenzenloser Frechheit der Herden der Einwohner bemächtigten und dann eilig ihren Schluchten und Bergen zuzogen. Da sie stets unvermutet erschienen, so kam die zu ihrer Verfolgung aufgebrachte Mannschaft immer zu spät, und von den Bergen herab verlachten sie ihre Feinde, während die Beute in den labyrinthischen Schluchten in Sicherheit gebracht wurde. Doch ebenso, wie sie die spanische Bevölkerung Neu-Mexikos heimsuchten, so übten sie und üben sie auch noch heute auf die friedlichen Stämme der benachbarten Zuñis und Moquis einen Druck aus, der den Viehstand, besonders aber die Pferdezucht dieser Städte bauenden Indianer nie zu einem rechten Emporblühen kommen läßt. Die Gründung einer Militärstation im Herzen ihres Landes, wo in jedem Augenblick Repressalien an ihren zahlreichen Herden genommen werden können, hat freilich dem großen Raubsystem der Navajos gegen die Weißen etwas Abbruch getan, doch seufzen die Moquis und Zuñis noch immer unter dem Joch der ihnen an Zahl so weit überlegenen Nachbarn, gegen die sie selbst vor den Amerikanern, die ihnen Schutz gewähren sollen, keine Gerechtigkeit finden. Es ist eine Tatsache, die sich nicht ableugnen läßt, daß die Navajos den Offizieren von Fort Defiance täglich Klagen über die Räubereien der Zuñis und der Moquis vorbringen, und nie stärker, als wenn sie selbst einen glücklichen Raub an jenen vollbracht haben; Tatsache ist es ferner, daß ihren Klagen Glauben beigemessen wird, während doch augenscheinlich die Herden der Pueblo-Indianer nie zunehmen, die der Navajos sich dagegen bis ins Unglaubliche vermehren. Welchen Grund ich solch ungerechtem Verfahren von Seiten der ihr Gouvernement vertretenden amerikanischen Offiziere zuschreiben soll, weiß ich nicht. Ist es nun der Umstand, daß die Moquis und Zuñis bei Vorbringung ihrer Klagen auf dem Fort keine willigen Ohren fanden und auf ihrer Heimreise durch das Gebiet der Navajos noch Spott und Hohn von diesen ernteten und sich infolgedessen ebenfalls durch Diebstahl schadlos zu halten suchten, oder ist es der Wunsch der kommandierenden Offiziere, Blutvergießen zu vermeiden, in Frieden mit der mächtigen Nation zu leben und es den Eingeborenen zu überlassen, ihre Zwistigkeiten unter sich zu beseitigen? Was es auch immer sei, ich selbst muß solches Verfahren für ungerecht erklären, weil in meinen Augen der Pueblo-Indianer, der in moralischer Beziehung den größten Teil der übrigen Bevölkerung von Neu-Mexiko so weit überragt, ganz dieselben Rücksichten verdient wie jeder andere Mensch, mag nun eine Haut so weiß wie Elfenbein oder so schwarz wie Ebenholz seine Seele decken. So sehen wir hier wiederum, wie das Vorurteil gegen eine dunkler gefärbte Haut Ungerechtigkeiten und Verderben veranlaßt. Doch leider gibt es in den Augen eines großen Teils der amerikanischen Bevölkerung nur eine weiße und eine farbige Rasse, und während sich zwischen den Lästerern der Farbigen und ihren Opfern geschlechtliche Verbindungen bilden; während die Sprößlinge der verbrecherischen Leidenschaften Weißer und der unterdrückten, verkrüppelten Erziehung Farbiger den großen Kontinent überschwemmen, eifern Sklavenzüchter und Indianerfeinde gegen alles, was nicht ihre Hautfarbe teilt, und in diesen Fällen leider nur zu oft gegen ihr eigenes Fleisch und Blut. Einunddreißigstes Kapitel Die Navajos – Lieutenant Ives' Ankunft – Die Moqui-Indianer – Schlechte Aufnahme derselben in Fort Defiance – Aufbruch von Fort Defiance – Präriehundedörfer – Der See nahe der Wasserscheide – Besuch der Navajos im Lager – Mount Taylor – Lager am »Blue water« – Lager nahe der Camiño del Obispo – Begegnung mit einem Militärkommando – Die Lavaströme – Rio San José – Covero – Laguña – Vorsprechen beim Baptistenmissionar – Lager am Puerco – Ankunft am Rio Grande – Übergang über den Fluß Die Navajos, Navahoes oder Apaches de Nabajoa – wie sie von den alten spanischen Reisenden genannt wurden – gehören ursprünglich zu der weitverzweigten Nation der Apachen. Hinsichtlich der Raublust ist zwischen den Navajos und den jetzigen Apachen, ihren Todfeinden, gewiß kein Unterschied zu entdecken, doch zeichnen sich erstere durch größere Neigung zur Viehzucht sowie auch durch größere Geschicklichkeit in Handarbeiten aus. Beide Stämme gehören zu den Eingeborenen, die mich nicht sonderlich für sie einnahmen, und zwar weniger wegen ihrer Raubsucht, der fast alle Indianerstämme in höherem oder geringerem Grad huldigen, als wegen tief gewurzelter Falschheit und Verräterei, die sie nicht nur gegen ihre Feinde, sondern auch gegen ihre scheinbaren Freunde, ja sogar gegen die eigenen Stammesgenossen an den Tag legen. Die äußere Erscheinung der Navajos als eine nationale zu beschreiben, wage ich nicht, denn ich erblickte unter ihnen so viele verschiedenartige Gestalten und Gesichter, die auf eine Vermischung des Stammes mit den von anderen Nationen geraubten Sklaven deuteten, daß ich es für fast unmöglich hielt, den ursprünglichen Typus herauszufinden. Diejenigen, die mir als vollblütige Navajos bezeichnet wurden, waren große, wohlgebaute Gestalten mit hohen, vorstehenden Backenknochen, zurückgebogener Stirn und gerader Nase. Der ganze Stamm wird von mehreren Häuptlingen beherrscht, doch scheint deren Einfluß nur in gewissen Fällen zur Geltung zu kommen und für gewöhnlich regiert jeder Besitzer seine Familie und seine Herden nach eigenem Gutdünken, ohne einem anderen irgendwie Einspruch in seine Angelegenheiten zu gestatten. Ja die Weiber behaupten sogar eine Art von Selbständigkeit und halten ihre eigenen Herden streng geschieden von denen ihrer Gatten. Die Beschreibung ihrer Hütten gab ich schon oben, doch leben auch manche Familien in geräumigen Felshöhlen, an denen das dortige Territorium ungewöhnlich reich ist. Stirbt jemand, so wird augenblicklich die Sterbewohnung verlassen, um nie wieder bezogen zu werden, und es stammen daher auch die zahlreichen Überreste alter Hütten, die auf eine Abnahme der Seelenzahl zu deuten scheinen. Die Stärke der Nation, die ihrer Herden wegen ziemlich zerstreut lebt, wird als zwischen siebentausend und neuntausend Mitglieder angegeben, und ich bin geneigt zu glauben, daß letztere Zahl gewiß nicht überschritten wird. Eine Abnahme der Bevölkerung, wie wir es vielfach bei anderen Stämmen beobachten können, ist bei den Navajos kaum denkbar; denn wenn sie sich auch auf ihren Raubzügen dem Kriegsglück und den damit verbundenen Verlusten aussetzten, so sind sie doch im Herzen ihres schwer zugänglichen Landes gegen verderbliche Überfälle gesichert; auch die ansteckenden Krankheiten können nicht solche Verwüstungen unter ihnen anrichten, indem sie familienweise getrennt voneinander leben und es ihnen daher nicht schwer wird, Reviere, in denen Erkrankungsfälle vorgekommen sind, zu meiden. Wie bei allen Urvölkern des amerikanischen Kontinents herrscht auch hier die Sitte der Vielweiberei, und der Mann kauft seine Frauen von deren Vätern gewöhnlich für den Preis von Pferden, deren Zahl von der Liebenswürdigkeit der jungen Gattin und von der elterlichen Zuneigung zu derselben abhängig ist. Übrigens ist die Frau nicht gezwungen, mit ihrem Gatten zusammenzuwohnen, wenn z.B. die Pflege ihrer Herden, die getrennt voneinander weiden, es nicht ratsam erscheinen läßt. Sehr merkwürdig ist es, daß das Eigentum des Vaters nicht auf den Sohn übergeht, sondern daß Neffen und Nichten als die rechtmäßigen Erben anerkannt werden, wenn nicht der Vater bei Lebzeiten schon seine Habe an die eigenen Kinder geschenkt hat. Ihre Gefangenen behandeln sie freundlich, und sie erzielen dadurch, daß diese sich sehr bald bei ihnen heimisch fühlen und sich ganz von selbst ihrer Nation einverleiben. Überhaupt liegt Grausamkeit, nach allem, was ich über diesen Stamm vernahm, nicht in ihrem Charakter, wenn sie auch wirklich auf kaltblütige Weise morden und ihre Verräterei endlos ist. Gastfreundschaft ist eine große Tugend unter ihnen, und auch hier herrscht der Brauch, daß Besucher alle Lebensmittel in der Hütte ihres Wirts als ihr Eigentum betrachten und so lange und soviel davon genießen dürfen, wie ihnen nur immer beliebt. Ihre Kleidung ist außerordentlich verschieden und richtet sich nach den Stoffen, die jedem einzelnen durch Zufall in die Hand gespielt werden, sowie nach dem Geschmack, mit dem er diese zur Bedeckung seines Körpers verwendet. Ich sah einzelne Navajos, die in ihren reich mit Knöpfen besetzten ledernen Kniebeinkleidern und Gamaschen sowie dem farbigen Jagdhemd kaum von einem Pueblo-Indianer zu unterscheiden waren; dagegen erblickte ich auch andere, die in weiten, baumwollenen Kleidungsstücken von weißer Farbe an die orientalischen Nomadenvölker erinnerten. Als Nationaltracht möchte ich fast die schönen Decken bezeichnen, welche beide Geschlechter gewöhnlich um die Schultern tragen. Diese werden von den Frauen aufs sorgfältigste gewebt, die sich in der Wahl der Farben und der Zusammenstellung von bunten Streifen und phantastischen Figuren in dem Gewebe gegenseitig zu übertreffen suchen. Ursprünglich trugen die Decken nur die verschiedenen Farben der Schafe in breiten Streifen, doch seit die Navajos farbige, wollene Stoffe aus Neu-Mexiko beziehen können, verschaffen sie sich solche, um sie in Fäden aufzulösen und diese dann zu ihrer eigenen Weberei zu verwenden. Vorzugsweise erblickte ich geschmackvolle Satteldecken, und es gelang mir auch, einige derselben zu erstehen, dagegen wurden mir für schöne, große Decken, die zur Bekleidung dienten, solch hohe Preise abgefordert, daß ich unter den damaligen Verhältnissen kaum imstande gewesen wäre, diese zu bezahlen, und mir ebenso leicht ein Pferd hätte kaufen können. Wie ich schon oben bemerkt habe, besteht der ganze Reichtum dieser Leute in ihren Herden, und sie sinnen und wirken nur einzig für diese. Schon von Kindesbeinen an suchen sie ihr lebendes Eigentum zu vergrößern und scheuen kein Mittel, keinen Weg, um sich in den Besitz von Pferden, Schafen und Ziegen zu setzen, nach deren Zahl im Mannesalter ihr Ansehen und Einfluß bestimmt wird. Bei einem solchen ununterbrochenen Streben kann es nicht überraschen, daß einzelne Persönlichkeiten weit über tausend Pferde und vielleicht sechstausend Schafe und Ziegen ihr Eigentum nennen; dagegen muß es einen befremden, daß sie noch ebenso wie der elendeste Apache jeden Reisenden anbetteln, während sie doch sicher imstande wären, durch den Verkauf eines oder mehrerer Pferde oder einer Anzahl Schafe sich mit manchen Bequemlichkeiten zu umgeben. – Es herrscht übrigens in Neu-Mexiko eine gewisse Abneigung dagegen, von einem Navajo ein gutes Pferd zu erstehen, denn der Navajo trennt sich nur dann von einem guten Tier, wenn ihm die Aussicht bleibt, dieses gelegentlich zurückstehlen zu können. Die Hauptwaffe dieser Indianer ist eine zwölf Fuß lange Lanze mit degenähnlicher Spitze, die sie mit außerordentlicher Geschicklichkeit vom Pferd herab zu führen verstehen, doch ist der Bogen in ihren Händen auch keine zu verachtende Waffe. Zu leugnen ist es nicht, daß ein auf diese Weise ausgerüsteter Krieger auf dem hohen Sattel mit den kurzen Steigbügeln, halb verhüllt mit der faltenreichen Decke, sowie mit den langen, flatternden Haaren gewiß keinen ungünstigen Eindruck macht; und es ist leicht erklärlich, daß eine Horde dieser wilden Reiter früher imstande war, Schrecken im Tal des Rio Grande zu verbreiten. Der einzige Indianerstamm, den die Navajos fürchten und vor dem sie gewissermaßen Hochachtung hegen, sind die jetzt so sehr zusammengeschmolzenen Delawaren. Siehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 57. Sie hatten sich nämlich einst an dem Eigentum einiger dieser kühnen umherstreifenden Jäger vergriffen, und die Folge hiervon war, daß die Navajos wenige Tage später mehrere ihrer Familien skalpiert fanden und die Delawaren mit einer reichen Beute an Pferden in ihre Heimat zurückkehrten. Über die Religion der Navajos etwas zu erfahren, gelang mir nicht, doch glaube ich, daß sie sich sehr wenig um ein Leben nach dem Tod kümmern, weil sie die Gewißheit hegen, ihre Pferde und übrigen Herden zurücklassen zu müssen. Über ihren Ursprung wissen sie ebenfalls nichts; einige geben vor, daß ihre Urväter einst aus der Erde kamen, andere nähern sich der Wahrheit, indem sie behaupten, daß ihnen die Geschichte ihres Stamms unbekannt sei; und so bietet das Volk selbst nichts, was bei etwaigen Forschungen zum Anhalt dienen könnte, es sei denn die Sprache, nach der sie als Verwandte der Apachen betrachtet werden müssen, mit denen sie aber jetzt in bitterster Feindschaft leben. Der Versuch nun, die ganze Familie der Apachen, mit den Navajos als deren aufgeklärtesten Mitgliedern an der Spitze, in irgendeine Beziehung zu den wandernden Völkerstämmen zu bringen, die einst Neu-Mexiko überschwemmten, würde, ganz abgesehen von den Sprachverschiedenheiten, vollständig scheitern. Ich weise nur darauf hin, daß, wie die Städte bauenden Indianer Jahrhunderte hindurch ihren angestammten Sitten, Bräuchen und Neigungen bis auf die jetzige Zeit treu geblieben sind, auch unter den Navajos keine wesentliche Veränderung eingetreten ist, obgleich sie während eines hundertjährigen Zeitraums von halbzivilisierten Nationen umgeben waren. Finden wir in den Pueblos und deren Bewohnern vieles, das auf einen früheren innigen Verkehr mit den gegen Süden gewanderten Völkern hindeutet, so vermissen wir dergleichen Spuren bei den Navajos ganz, denn es fehlt ihnen nicht nur die Neigung zur Anlage regelmäßiger Städte, sondern sie zeigen sogar Widerwillen dagegen. Sie beschäftigen sich nicht mit Töpferarbeit, pflanzen auch keine Baumwolle, zähmen Vögel oder sammeln Federn zu ihren Staatskleidern; sie sind jetzt, was sie vor Jahrhunderten schon waren: eine wilde, zügellose Horde. Übermütig geworden durch die allmählich gewonnene Macht über ihre Nachbarn, knechteten sie diese, und im Bewußtsein ihrer Straflosigkeit übten sie Verräterei und Falschheit, bis diese sich als erblich ihrem Charakter einverleibten und sie zu dem machten, was sie sind. Ein schönes Feld für den frommen Eifer der Missionare würde die Nation der Navajos bieten, und ich kann nicht begreifen, warum jetzt das Evangelium nur auf schon längst angebahnten Wegen vorwärts und rückwärts getragen wird, anstatt in edlem Kampf gegen tiefgewurzelte böse Leidenschaften angewendet zu werden. Als wir am 22. Mai in den Vormittagsstunden in weitem Kreis vor dem Kaminfeuer in Webers einfachem Salon saßen und wieder mit der sorgenfreien Gegenwart beschäftigt waren, dabei in lebhaften Erzählungen der jüngsten Vergangenheit gedachten, öffnete sich plötzlich die Tür, und herein traten, dicht verhüllt mit ihren Mänteln und Decken, Lieutenant Ives, Egloffstein und Dr. Newberry. Zu gleicher Zeit versammelte sich auf der Straße ein Haufen Moqui-Indianer, die sie begleitet hatten, um in Fort Defiance ihre Klagen über die Räubereien der Navajos vorzubringen. Während nun die Indianer einen leeren Schuppen zu ihrem Aufenthalt wählten, der Packtrain nach dem Lager bei der natürlichen Brücke zog, nahmen wir die Gefährten in unsere Mitte, und nachdem sie sich durch Speise und Trank hinlänglich erfrischt hatten, begannen wir sie über ihre Erlebnisse sowie über den Erfolg ihrer Reise auszufragen. Vor allen Dingen teilten sie uns mit, daß ihre Mühe insoweit eine vergebliche genannt werden könne, als es ihnen nicht gelungen sei, den Rio Colorado wiederzufinden. Die Erfahrungen auf der Reise selbst beschränkten sich darauf, daß sie eine mühevolle Wanderung durch die Schluchten des hohen Felsplateaus zurückgelegt hatten, und nur die Schilderung ihrer Zusammenkunft mit den Moqui-Indianern sowie auch deren hoch gelegener Städte verdiente größere Aufmerksamkeit. Leider waren indessen nur mündliche Nachrichten über dieses abgesondert lebende Volk eingezogen und gesammelt worden, und man hatte ebensowohl versäumt, Wortverzeichnisse der noch vollständig unbekannten Sprache als auch Zeichnungen von den Städten mit zurückzubringen. Nach den Beschreibungen, die ich Dr. Newberry verdanke, unterscheiden sich die Moquis in Sitten und Bräuchen kaum von den Zuñi-Indianern, und auch die Lebensweise beider Stämme ist ganz dieselbe. In einer Stärke von 6720 Seelen (nach Whipple) bewohnen die Moquis sieben Städte, die auf den fast unzugänglichen Überresten des vielmals erwähnten hohen Plateaus gegründet sind. Die größte derselben heißt Oraibe, die vier hinsichtlich ihrer Einwohnerzahl gleich großen Städte sind bekannt unter den Namen Schuhmuthpa, Muschai-i-nah, Aleh-la und Gualpi, und die beiden kleinsten unter den Namen Schiwina und Tequa. Außerdem befinden sich noch zahlreiche Trümmer in jener Gegend, welche auf eine früher bedeutend stärkere Bevölkerung schließen lassen. Die Städte liegen in geringer Entfernung voneinander, sind ziemlich regelmäßig gebaut und mit Steinmauern umgeben. Die Häuserreihen bilden einen öffentlichen Platz oder Hof; und wie bei den anderen Pueblos von Neu-Mexiko befindet sich der Eingang in die Wohnungen auf den flachen Dächern, zu denen man mittels Leitern hinaufgelangt. Quellen, die auf den Höhen aus dem festen Gestein hervorsprudeln, sowie natürliche Zisternen versorgen die Moquis mit Wasser und geben ihnen zugleich Mittel an die Hand, auf längere Zeit einer Belagerung Trotz bieten zu können; denn da der Aufgang zu einzelnen dieser luftigen Sitze aus treppenähnlichen Abstufungen im Gestein besteht, würde es gewiß eine große Übermacht erfordern, um diese mit Gewalt einzunehmen. An den Abhängen, wo nur immer die Natur es gestattete, liegen terrassenförmig die Gärten übereinander, und in denselben erblickt man außer den Stauden von Melonen und Kürbissen wohlgepflegte Pfirsichbäume. In dem umfangreichen Tal, in dem sich die städtegekrönten Felsentürme erheben, dehnen sich die Felder aus, auf denen diese betriebsamen Menschen trotz der großen Ungünstigkeit der Bodengestaltung und des Wassermangels Baumwolle, Mais, Melonen und Kürbisse erzielen, und zwar mehr, als zu ihrem eigenen Bedarf notwendig ist. An der Arbeit beteiligen sich Männer und Frauen, und dadurch fällt der krasse Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern, der unter den meisten Indianerstämmen so sehr hervortritt, bei diesen halbzivilisierten Menschen schon von selbst weg. Sie besitzen einen gewissen Reichtum an Schafen, dagegen eine verhältnismäßig sehr geringe Zahl von Pferden und Eseln, wofür wohl die gefährliche Nachbarschaft der Navajos als Grund angenommen werden kann. Die Kleidung der Moquis ist sehr einfach und besteht hauptsächlich aus selbstgewebten Stoffen; die Weiber tragen einen langen, schwarzen, wollenen Rock oder Überwurf, die Männer aber gewöhnlich ein leichtes Jagdhemd und über diesem eine dicke wollene, mit blauen und schwarzen Streifen gezierte weiße Decke. Wie ich erfuhr, sollen die Moquis nicht alle eine und dieselbe Sprache haben und die Bewohner einiger Städte nicht nur fremde Dialekte, sondern sogar fremde Sprachen reden, so daß nur mittels Dolmetscher eine Verständigung zwischen diesen bewerkstelligt werden kann. Inwieweit diese Angaben begründet sind, vermag ich nicht zu entscheiden, und es ist aufs höchste zu bedauern, daß nichts Authentisches über diese gewonnen worden ist. Was nun die äußere Erscheinung der Moqui-Indianer betrifft, so fand ich diese durchschnittlich weniger kräftig gebaut als die Zuñis, doch möchte ich den Ausdruck ihrer Physiognomien noch milder und zutrauenerweckender nennen, und sie sind auch wirklich weit und breit als eine friedliebende und betriebsame Nation bekannt. Ihre Schüchternheit gegen Fremde grenzt an Furchtsamkeit, und ihre Klagen dringen infolgedessen auch viel weniger durch als die Anschwärzungen der verwegenen, übermütigen Navajos. Die Behandlung, die der aus fünfundzwanzig Mitgliedern bestehenden Moqui-Deputation in Fort Defiance zuteil wurde, erfüllte mich übrigens mit den bittersten Gefühlen; auch Dr. Newberry, der bei jeder Gelegenheit die größte Menschenfreundlichkeit und Teilnahme für seinen Nächsten, ohne Unterschied der Farbe, an den Tag legte, war entrüstet, als er die traurigen Mienen der in ihren Erwartungen so getäuschten Moquis beobachtete. In solcher Stimmung versprachen wir uns gegenseitig das zu tun, was in unseren Kräften stand; nämlich nicht nur dort unseren Tadel laut auszusprechen, sondern auch in unseren für die Öffentlichkeit bestimmten Arbeiten desselben zu gedenken. Als nämlich Lieutenant Ives das Fruchtlose seines Unternehmens, an den Colorado hinabzugelangen, eingesehen hatte, wünschte er von den Moquis einen Führer anzunehmen, der ihn nach dem Cañon de Chelly oder auf den nächsten Weg nach Fort Defiance bringen sollte. Statt eines stellten sich deren über zwanzig, die sich bereit erklärten, ihn ganz nach der Militärstation zu begleiten, um einesteils die kleine Expedition auf den kürzesten Pfaden zu führen, dann aber auch, um unter amerikanischem Schutz die Länder der Navajos durchziehen und als Deputation dem Kommandanten ihre Klagen über die Räubereien der Navajos vorbringen zu können. Lieutenant Ives, stets bedacht, die ihm von seinem Gouvernement zur Verfügung gestellten Mittel auf alle mögliche Weise zu sparen, erklärte indessen, daß er nur eines oder zweier Führer bedürfe und daß er nicht geneigt sei, die ganze Gesellschaft für Dienstleistungen, die er nicht von ihr gefordert hätte, zu belohnen; daß er sie indessen nicht zurückhalte, wenn sie sich seiner Gesellschaft anschließen wolle. Die Moquis rüsteten sich daher mit Lebensmitteln aus und bildeten auf der ganzen Strecke die freundlichen und gefälligen Führer und Begleiter der Expedition. Gleich nach ihrer Ankunft schon lernten indessen die armen Indianer kennen, wie weit die ihnen selbst angeborene Gastfreundschaft von den weißen zivilisierten Menschen erwidert wurde und was sie von einem Volk erwarten konnten, das sich nicht nur als Verbreiter der Zivilisation auf dem großen Kontinent, sondern auch als dessen unumschränkten Herrn und Gebieter betrachtet. Die Moquis wurden nämlich gar nicht beachtet; sie begaben sich zwar nach dem zur Aufnahme fremder Indianer bestimmten Schuppen, doch bemerkte ich nicht, daß man ihnen Lebensmittel verabreichte; und als sie dann mit traurigen Mienen vor Webers Wohnung umherstanden und Lieutenant Ives ihrer ansichtig wurde, erklärte er, daß er sie nicht als Führer gedungen habe und deshalb auch nicht gesonnen sei, die Freigebigkeit des Gouvernements durch unverdiente Geschenke an die Eingeborenen zu mißbrauchen. Lieutenant Ives handelte verständig, aber in dieser Hartherzigkeit, die nicht von der liberalen Regierung der Vereinigten Staaten anempfohlen wird, äußerten sich die Vorurteile gegen eine dunkler gefärbte Haut auf eine Weise, daß es sogar den Indianern nicht verborgen bleiben konnte. Aber es waren ja nur Eingeborene; ob nun friedliche, harmlose, und vor allen Dingen moralische Menschen oder verräterische Räuber – ihre Haut war braun, und wie könnten wohl braune oder schwarze Menschen auf Milde und Freundlichkeit von der weißen Rasse rechnen? Welche Gefühle nach solchem Verfahren die Moquis beseelen mußten und mit welchen Begriffen über die weißen Eindringlinge sie wieder nach ihren friedlichen Städten zurückkehrten, das läßt sich leicht erraten. Die Weißen hatten sie besucht, und die sogenannten Wilden waren den Fremdlingen mit Freundlichkeit entgegengekommen. Die Wilden hatten dann, Gerechtigkeit suchend, sich den Weißen genähert und nur Spott von den Navajos geerntet; doch bin ich überzeugt, daß, wenn abermals Weiße sich in die Städte der Moquis verirren, sie nichtsdestoweniger die Tür jedes Hauses von gastfreundlichen Menschen geöffnet finden werden. Am folgenden Tag predigte in Fort Defiance ein wandernder Pater; viele Menschen befanden sich in der Kirche und beteten andächtig, dankten vielleicht auch Gott dafür, daß ihre Haut so weiß sei und ihr Herz so fromm; zur selben Zeit aber befanden sich fünfundzwanzig hungernde Moqui-Indianer auf der Reise nach ihrer Heimat. Einige Stunden nach der Ankunft von Lieutenant Ives' Kommando ritt ich in der Gesellschaft des Dr. Newberry dem Lager zu, wir hatten uns lange nicht gesehen und deshalb mancherlei zu erzählen; besonders viel aber sprachen wir von den Moquis, und laut rühmend gedachte ich meines geschätzten Freundes, des Captain Whipple, der die Gabe besitzt, nicht nur erfolgreiche Forschungen unter den Eingeborenen anzustellen, sondern auch durch weise verteilte Geschenke, mehr aber noch durch vertrauenerweckendes Entgegenkommen das Gemüt des wildesten Indianers für sich zu gewinnen. Als wir im Lager anlangten, befand sich schon ein Trupp Moquis dort; schweigend saßen die armen Leute umher, und so traurig und vorwurfsvoll war der Ausdruck ihrer Augen über die Rücksichtslosigkeit, mit der sie behandelt wurden, daß ich mich schämte, mein Zelt zu verlassen, denn ich war ja auch ein Weißer, an deren Hartherzigkeit, deren Ungerechtigkeit und deren Eigendünkel noch lange in den Moqui-Städten gedacht werden wird. Dr. Newberry, fast der einzige von uns, der noch etwas Wäsche und einige Kleidungsstücke übrigbehalten hatte, suchte alles hervor, was er nur irgend entbehren konnte, reichte es einem schlanken Indianer, drückte ihm die Hand und nahm freundlich Abschied von allen, doch merkte ich an dem Benehmen des braven Doktors, wie sehr es ihn schmerzte, daß den Leuten, die seit mehreren Tagen seine Reisegefährten gewesen waren, keine Speisen verabreicht wurden, obgleich wir Lebensmittel genug aus den Magazinen des Forts beziehen konnten. Doch ich wiederhole: Es waren ja nur Indianer, die, bitter getäuscht, langsamen Schrittes und hungrig unser Lager verließen, und es waren der Regierung – gewiß gegen ihren Wunsch und Willen – dafür einige Dollar erspart worden! Am 24. Mai verließ endlich unsere Expedition das Lager bei Fort Defiance, und wir wandten uns in östlicher Richtung dem Campbells Paß zu, durch den die Verbindungsstraße zwischen Fort Defiance und Albuquerque führt. Wir waren wieder alle vereint, sogar der mittels Handschellen gefesselte Mörder fehlte nicht, denn da er einem Zivilgericht übergeben werden sollte, so war Lieutenant Tipton gezwungen, den Menschen zu unserem Leidwesen mit nach Albuquerque zu nehmen. Die Bodengestaltung war unserer Reise sehr günstig; die weite Ebene überschreitend, gelangten wir nach einer Stunde in die Fahrstraße und befanden uns dann bald zwischen Felsen, die, gebildet von den oberen roten Sandsteinschichten des Plateaus, überaus malerische, imposante Formationen zeigten. Da schoben sich von beiden Seiten in den talähnlichen Paß kolossale Wälle, geschmückt mit dunkelgrünen Zedern und Tannen, hinein; da ragten einzelne Hügel von Kalksteingeröll hoch empor; dort erstreckten sich weit in die Nebenschluchten, wie auf künstliche Weise hergestellt, lange Mauern mit zierlichen Pfeilern und scheinbar schwankenden Türmen; auch weite Tore nahm ich wahr, die das Gebirgswasser allmählich ausgespült hatte und durch die der klare, blaue Himmel hinter anmutigen Baumgruppen hervorschimmerte. Bei jeder Biegung der Straße, bei jeder Bewegung nach vorn verwandelten sich die Landschaften und Szenerien, so daß wir in der Naturumgebung ununterbrochen die ansprechendste Unterhaltung fanden. Die Straße war eben und glatt, doch zeigten sich in den alten, von dem dörrenden Wind festgebackenen Wagengeleisen überall die Spuren einer in nassen Jahreszeiten vorherrschenden Unwegsamkeit des Bodens. Obgleich der Frühling sich in jenen hohen und weniger geschützten Regionen kaum angemeldet hatte und man noch erwarten durfte, einige vom Winter zurückgebliebene Feuchtigkeit zu finden, so suchten wir doch vergeblich nach Wasser in den Betten alter Gießbäche und den beckenähnlichen Niederungen, und sechzehn Meilen hatten wir zurückgelegt, als wir, durch die Nähe des Abends dazu veranlaßt, auf einer hügelähnlichen Anschwellung des Bodens unser Lager aufschlugen. Kalter Westwind fegte durch die Schluchten, sang melancholisch zwischen den Zedern, die uns und unserer Herde Schutz gewährten, und trieb prasselnd die Flammen der Scheiterhaufen empor, um die wir bis tief in die Nacht hinein plaudernd und rauchend versammelt waren. 25. Mai. Auf den stürmischen Abend und auf die rauhe Nacht folgte ein Morgen so schön und lieblich, wie ihn der erwachende Frühling nur zu bieten vermag. Es war freilich in den Frühstunden kalt, doch konnte man in der stillen, sonnigen Atmosphäre gleichsam die belebende Kraft fühlen, die Menschen und Tiere mit Wollust einatmen und die, sich verhüllend in Millionen von Tauperlen, die verborgenen Wurzeln von Gräsern und Kräutern wohl zu finden weiß. Ja, es war ein herrlicher Morgen, einige Navajo-Familien befanden sich bei uns im Lager; in malerischen Gruppen kauerten sie um die niederbrennenden Feuer oder standen auch umher, aufmerksam zuschauend, wie die Mexikaner das Gepäck auf den Rücken der geduldigen Tiere befestigten. Wir selbst prüften die Decken, die auf den braunen Schultern runzliger Krieger und schlanker Burschen hingen oder die Oberkörper unsauberer Weiber und klaräugiger Mädchen bedeckten, und stellten Versuche an, einzelne derselben, die sich durch schöne Farben auszeichneten, einzutauschen; doch leider hatten wir in Fort Defiance kein Geld beziehen können und waren so verarmt, daß wir nur noch durch unsere Federmesser die Indianer zu reizen vermochten, und es gelang uns auch wirklich, für kleine, zweiklingige Messer schöne Satteldecken einzuhandeln. Wir brachen endlich auf und folgten unserer Straße in östlicher Richtung über Hügel, durch Schluchten, Wiesen und Waldungen. Der Charakter der Umgebung blieb beständig derselbe, doch ein steter Wechsel in der Verteilung von Fels, Baum und Ebene erfreute das Auge, und zahlreiche Herden verrieten eine verhältnismäßig dichte Bevölkerung. Der Abend rückte näher, die Tiere hatten wir in der Mittagsstunde aus einer Pfütze am Weg getränkt, und als wir daher die zurückgelegte Meilenzahl bis auf zwanzig gebracht hatten, hielten wir an, wo wir uns gerade befanden, nämlich am Rande einer weiten Grasebene, wo wir zwar Futter für die Tiere, aber kein Wasser fanden. Einige Navajos, die sich zu uns gesellten, teilten uns mit, daß wir zehn Meilen weiter auf einen umfangreichen See stoßen würden, und wir brauchten uns also nicht weiter zu beunruhigen, da wir darauf rechnen konnten, in den Frühstunden des folgenden Tages imstande zu sein, zum erstenmal seit unserer Abreise vom Fort die Tiere nach Herzenslust trinken zu lassen. Die Navajos waren sehr niedergeschlagen und ergingen sich in lauten Klagen über ihren Bruderstamm, die Apachen. Diese hatten nämlich in der vorhergehenden Nacht die äußersten Ansiedlungen der Navajos überfallen, neun Männer erschlagen und außer einer bedeutenden Anzahl von Pferden auch noch zwanzig Weiber und Kinder gefangen mit fortgeführt. – Ich darf nicht leugnen, daß ich über den Verlust der Pferde einige Schadenfreude empfand und dabei an die Moquis und Zuñis dachte; daß aber von seiten der Regierung der Vereinigten Staaten geduldet wird, daß die Eingeborenen sich untereinander in wilder Rachsucht aufreiben und sogar ihre Schlächtereien in der Nähe von Militärstationen ungestraft vornehmen dürfen, das konnte ich nur tief beklagen. Wir setzten am 26. Mai unsere Reise fort und befanden uns fast ununterbrochen zwischen Präriehundedörfern, deren regsame Bewohner uns aus der Ferne unwillig anbellten, bei unserer Annäherung aber die kleinen Hügel vor ihren Wohnungen verließen, in ihre Höhlen hineinkrochen und, nur den Kopf hervorstreckend, eifrig weiterkläfften. Glaubten die kleinen, reizenden Tiere dann die Gefahr an sich vorübergezogen und weit genug entfernt, dann nahmen sie ihre Lieblingsplätzchen auf den Hügeln wieder ein, wedelten mit dem aufrecht stehenden Schwänzchen, sandten uns wie ungezogene Gassenbuben noch einige Scheltworte nach und vereinigten sich endlich zu tollen Spielen auf staubigem Sand im lachenden Sonnenschein. Die fröhlichen, harmlosen Tierchen – wie oft habe ich sie aufmerksam belauscht und mich an ihrem geselligen Zusammensein, an ihrem munteren Wesen erfreut! Nur wenige Meilen waren wir erst geritten, als wir einem starken Wagentrain begegneten, der Proviant nach Fort Defiance führte. Wir hielten einige Minuten an, wechselten das Woher und Wohin, wünschten uns gegenseitig glückliche Reise, wie es gebräuchlich ist, beneideten uns gegenseitig um die besten Tiere, wie es gewöhnlich ist, wandten uns dann den Rücken, wie es natürlich ist, und gedachten einer des anderen nicht weiter als unumgänglich notwendig; und es war das gewiß eine sehr kurze Zeit in einer Naturumgebung, die dem Auge und dem Gemüt soviel Schönes, soviel Edles bot. Wir befanden uns schon seit dem vorhergehenden Tag zwischen zwei Bergketten, die in der Richtung von Nordwesten nach Südosten parallel aneinander hinliefen. Beide waren nicht hoch – kaum über achthundert Fuß –, doch insoweit verschieden voneinander, als die südliche nur sanft ansteigende, zedernbewaldete Abhänge zeigte, während die nördliche als massiver roter Sandsteinwall senkrecht aus dem ebenen Boden emporragte. Ich glaubte übrigens zu bemerken, daß der südliche Abhang der südlichen Bergkette ebenfalls mauerähnlich abfiel und daß der nördliche Abhang der nördlichen Felsenreihe sich sanft gegen Norden senkte. – Es ist dies eine Eigentümlichkeit der meisten der einander parallel laufenden Bergketten in den Navajo-Territorien, und es hat ganz den Anschein, als ob einst die ungeheuren Gesteinslagen des hohen Plateaus vielfach linienweise durchbrochen und die solchergestalt entstandenen langen Felder auf der einen Seite furchenähnlich aus dem Boden emporgehoben worden seien, während die andere Seite in der ursprünglichen Ebene haften blieb. Diese Revolution schreibt man, beim oberflächlichen Hinblick auf diese, gern den frühesten Wirkungen der San Francisco Mountains und des noch näheren Mount Taylor zu; bei genauerer Forschung aber ist man mehr geneigt, das Erhebungssystem der Kette der Rocky Mountains als Grund hierfür anzunehmen. Der nördliche Abhang bildete indessen keine fortlaufende, zusammenhängende Felswand, sondern dadurch, daß das Wasser Jahrtausende hindurch in den Querrissen des gehobenen Jochs niedergeströmt war, hatten die Spalten sich allmählich zu Schluchten erweitert, und wie mächtige Wälle reihten sich nun die halb getrennten Berge aneinander. Der Weg führte uns in der Entfernung von ungefähr vier Meilen an der Felsenreihe hin, so daß wir rückwärts und vorwärts schauend eine weite Strecke derselben zu überblicken vermochten, und wie an den imposanten Formationen, so erfreute ich mich nicht weniger an dem prachtvollen Farbenspiel, das durch die verschiedenen Entfernungen bewirkt wurde. Hochrot erschienen die zunächst gelegenen Sandsteinmauern; stufenweise nahmen diese eine violette Färbung an, in der, durch die Atmosphäre erzeugt, das Blau immer mehr vorherrschte, bis es endlich mit den duftigen Schatten entfernterer Gebirgszüge und namentlich des auf breiter Basis ruhenden Mount Taylor zusammenfiel. Nach dreistündigem Ritt erblickten wir den See und lenkten sogleich auf diesen zu. Er schien noch einen hohen Wasserstand zu haben, obwohl die Tiere weit in denselben hineinwaten konnten, ehe auf dem festen Boden ihre Hufe vom Wasser bedeckt wurden, und es läßt sich wohl annehmen, daß in trockenen Jahreszeiten nur eine kleine Lache vom See zurückbleibt, der zur Zeit meiner Anwesenheit dort einen Flächenraum von wenigstens fünfzig Morgen bedeckte und dessen Stand wohl größtenteils unmittelbar von der Masse der niederschlagenden Feuchtigkeiten bestimmt wird. Der Aufenthalt am See war nur kurz; wir tränkten die Herde, füllten Feldflaschen und Krüge und setzten uns dann wieder in Bewegung auf der staubigen Straße, die uns in gerader Richtung zum Mount Taylor führte. Nach einem Marsch von einundzwanzig Meilen hielten wir in einer lichten Zedernwaldung an; Wasser war nicht in der Nähe, dagegen erblickten wir erträglich gutes Gras, und so beschlossen wir denn, an jener Stelle zu übernachten. Der kalte Wind, der gegen Abend aufgesprungen war, wehte bis zum folgenden Morgen, und bald nach Mitternacht gesellte sich zu dem melancholischen Gesang desselben auch noch das eigentümliche Geräusch vieler Tausende von Schafen und Ziegen, die herdenweise von den durch die Apachen erschreckten Navajos an unserem Lager vorbei und tiefer in die Gebirge getrieben wurden. Mehrere Stunden hindurch dauerte diese Störung, denn kaum war das Geblöke und Gemecker einer Herde im Heulen des Windes verklungen, als von der anderen Seite der Lärm einer sich nähernden uns zugetragen wurde und es aufs neue die Aufmerksamkeit aller Leute erheischte, um nicht in der Verwirrung einige Maultiere mit den Navajos davongehen zu lassen. Der Tag brach endlich an, und mit dem ersten Schimmer der Sonne stellten sich auch eine Anzahl der Eingeborenen jeglichen Alters und Geschlechts bei uns ein, die in tönernen Gefäßen Schaf- und Ziegenmilch zum Verkauf anboten. Gefäße sowohl wie Milch sahen nicht übermäßig sauber aus, doch mit dem schwarzen Kaffee auf dem Tisch und der weißen Milch vor unseren Augen überwanden wir leicht jedes andere Gefühl und suchten bei unserer Gesellschaft nach den letzten kleinen Münzen, für die wir von den Eingeborenen mehr Milch erhielten, als wir zum Frühmahl brauchten, so daß wir noch einige Flaschen damit anfüllen und bis zum nächsten Lager mitführen konnten. Der dörrende Wind wehte noch immer mit Heftigkeit, und eisig kalt war die Luft, als wir das Lager verließen und in südöstlicher Richtung der westlichen Basis des Mount Taylor zu zogen. Der Boden senkte sich sanft gegen Osten, und da nunmehr niedriges, spärliches Gestrüpp die Stelle der lichten Zedernwaldung einnahm, so erhielten wir sehr bald eine volle Aussicht auf den ausgebrannten Vulkan, der jetzt in majestätischer Ruhe vor uns lag. Einen merkwürdigen Anblick gewährte dieser Berg, dessen regelmäßige, weit gedehnte Form fast den ganzen südwestlichen Horizont begrenzte und dessen Höhe weniger hervortrat, weil die Anhänge sich nach allen Seiten hin nur sanft senkten und die Basis so viele Meilen weit vom Mittelpunkt hinausrückten. Die Höhe des Gipfels über der Basis schätzte ich auf viertausend Fuß und die Entfernung der letzteren von dem alten Krater durchschnittlich auf nicht weniger als fünfundzwanzig Meilen. Wir befanden uns nahe genug, um die Formen und Linien an den Abhängen genau unterscheiden zu können, und ich erkannte leicht die unglaublich großen Lavamassen, die, einst niederwärts rollend, das flüssige Gestein stromweise viele Meilen weit in die Ebenen hinausgedrängt hatten. An einigen Stellen bildeten sie Erhebungen der in breiten Schichten übereinander abgekühlten Lava, an anderen wieder schluchtähnliche Vertiefungen, als ob der glühende Strom das schon Verhärtete wieder geschmolzen und in gewaltigem, unwiderstehlichem Andrang mit sich fortgerissen hätte. In der Ebene nun, unmittelbar an der Basis, erhoben sich Berge und Hügelketten von massiver Lava, und Ströme von derselben fest zusammengebackenen Masse liefen wie Strahlen vom Berg nach allen Richtungen hin durch das Land. Wir überschritten einige dieser schwarzen, gewundenen Wälle, und zwar an Stellen, an denen schon seit Jahren die Kommunikation hinübergeführt hatte, doch unverändert hatte sich die scharfe Kruste unter dem Druck der eisenbeschlagenen Hufe und Wagenräder erhalten, und nur durch den Sand in den Fugen und durch die an Vorsprüngen zurückgebliebenen Eisenteilchen zeichneten sich solche Übergangsstellen aus. Nach Zurücklegung von achtzehn Meilen erreichten wir eine umfangreiche, grasige Ebene, in der sich mehrere tiefe Lachen befanden und die als Lagerplatz aller dort Vorüberreisenden unter dem Namen »Blue water« oder Blaues Wasser bekannt ist. Was zu einer solchen Benennung Veranlassung gegeben hat, vermochte ich nicht zu erraten, denn das Wasser spiegelte den wolkenlosen Himmel nicht blauer als jedes andere, und an sich trug es die Farbe, die dergleichen stehenden Gewässern eigentümlich und die nichts weniger als blau ist. Wir trafen dort mit acht Mexikanern zusammen, die sich mit Packtieren und Waren auf dem Weg zu den Navajos befanden, um dort Tauschhandel zu treiben. Auch der wandernde Geistliche, der in Fort Defiance Gottesdienst abgehalten hatte, langte bald nach uns am »Blue water« an, wo er gleich uns zu übernachten beabsichtigte. Der Pater selbst fuhr in einem leichten, mit zwei Maultieren bespannten Wägelchen, seine beiden Diener begleiteten ihn zu Pferde, ebenso einige Soldaten, die auf der Reise durch die Länder der Navajos für die Sicherheit des frommen Mannes Sorge zu tragen hatten. Lieutenant Ives hatte schon in Fort Defiance Freundschaft mit dem Geistlichen geschlossen, und da letzterer vermöge seiner besseren Tiere soviel schneller als wir reiste, so kam Lieutenant Ives die Bekanntschaft jetzt sehr zustatten, indem er sich dem Pater anschließen und mit ihm zwei Tage vor uns Albuquerque erreichen konnte. Es war dies um so wünschenswerter, als an jenem Ort die Expedition aufgelöst werden sollte und zum Zweck des Ablohnens der Leute das nötige Geld möglicherweise von Santa Fé herbeigeschafft werden mußte. Die Rechnungen schloß Lieutenant Ives übrigens schon im Lager am »Blue water« ab, auch mit uns verständigte er sich über unsere Heimreise. Er versprach, da er uns fest entschlossen fand, den Ritt durch die Steppen zu unternehmen, einen Wagen mit der hinreichenden Bespannung, Reittiere für uns und außerdem drei Diener zu stellen, was unsere Gesellschaft, die aus Peacock, Dr. Newberry, Egloffstein und mir bestand, auf sieben Mann brachte. Wir kamen also mit unseren Verabredungen zu Rande; Albuquerque wurde zum Ort des Aufbruchs bestimmt, dort sollten wir unsere Ausrüstung und Geldmittel in Empfang nehmen, und während Lieutenant Ives, den die dringendsten Geschäfte nach Fort Yuma und San Franzisko zurückriefen, seine Pläne zur Rückreise nach Kalifornien mittels Postgelegenheit auf der Gilastraße entwarf, träumten wir nur von Grasebenen und Büffelherden und wünschten uns gegenseitig Glück zu dem herrlichen Ende unserer mühseligen Expedition, auf der wir während einer Reihe von Monaten mit Hindernissen der drohendsten Art zu kämpfen hatten. Vor Einbruch der Nacht begab ich mich in der Gesellschaft des Dr. Newberry zum Rand der Blue-Water-Ebene, wo der Anblick weißer Felsformation unsere Aufmerksamkeit erregte. Wir fanden dort Kalkstein, der reich mit großen fossilen Muscheln angefüllt war, und es gelang uns endlich nach vieler Arbeit, Proben des harten Gesteins selbst sowie auch einige Exemplare der verschiedenen Muscheln loszusprengen. Dr. Newberry glaubte dieselbe Formation wiederzuerkennen, die wir zwei Tagereisen nördlich von Iretébas Abschiedslager entdeckt hatten, was sehr leicht erklärlich ist, wenn man annimmt, daß der granitische Kern der Rocky Mountains auf der Wasserscheide dieses Gebirgszugs, die auch unter dem Namen Sierra Madre bekannt ist, die ihn deckenden Gesteinslagen gehoben und durchbrochen hat. Denn wie man auf den westlichen Abhängen ansteigend von der Triasformation über die jurassische und untere Kohlenformation bis zum Granit gelangt und alle Formationen mehr oder weniger mit Lavaströmen bedeckt findet, so wiederholen sich auf den östlichen Abhängen dieselben Formationen in entgegengesetzter Ordnung ebenfalls, und zwar noch in höherem Grad überdeckt mit den Auswürfen des Mount Taylor. Die Wasserscheide zwischen dem Atlantischen Ozean und der Südsee hatten wir am »Blue water« schon längst überschritten, und nach Captain Whipples Beobachtungen, die von den in Fort Defiance angestellten um ein geringes abweichen, stieg und senkte sich unsere Straße in folgender Weise: das Lager bei Zuñi befand sich 6336 Fuß über dem Meeresspiegel; Ojo del Poso 6400, Fort Defiance 6860, der Punkt nahe unserem ersten Lager östlich des Forts 6622, nahe der Wasserscheide in Campbells Paß 6952, am »Agua azul« oder »Blue water« 6852 und das folgende Lager, genannt Hay Camp, 6080 Fuß, und von dort ab verringerte sich die Erhebung langsam und gleichmäßig bis zu den Ufern des Rio Grande. Am »Blue water« befanden wir uns im Tal eines der Zuflüsse des Rio San José, und am 28. Mai unsere Reise in demselben fortsetzend, gelangten wir bald zu dem Fluß selbst, dessen trockenes Bett und Tal für den übrigen Teil des Tages unseren Weg bezeichneten. Bald auf sandigem, unfruchtbarem Boden, bald durch abgeweidete Wiesen hinziehend und vielfach breite Lavawälle überschreitend, näherten wir uns allmählich dem Punkt, wo die Camino de Obispo, »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 262. derselbe Weg, den ich vor Jahren mit Captain Whipple zog, in unsere Straße mündete. Umfangreiche Wiesen wechselten hier mit mächtigen Lavaanhäufungen ab, und mit Rücksicht darauf, daß die Besatzungstruppen von Fort Defiance dort mehrfach Heu geerntet hatten, war jener Stelle der Name Hay Camp beigelegt worden. Unser Marsch betrug zwanzig Meilen, und da wir in einiger Entfernung vor uns die Zelte einer anderen Karawane erblickten, so hielten wir bei dem ersten Wasser, das wir fanden, und lagerten dort, trotzdem dieses, in Pfützen stehend, einen starken Beigeschmack von Magnesia führte, während weiter unterhalb gutes, trinkbares Wasser kristallklar unter dem schwarzen Gestein hervorrieselte. Ich wanderte zu dem anderen Lager hinüber und traf dort einen amerikanischen Captain, Mr. Hatch, der sich mit einem Militärkommando auf der Reise nach Fort Defiance befand. Der Futtermangel auf jener Station hatte nämlich Veranlassung dazu gegeben, daß die Pferde der Dragoner zur Überwinterung an den Rio Grande geschickt worden waren, und Captain Hatch stand jetzt im Begriff, diese wieder zurückzubringen. Es waren lauter schöne, große Pferde, nach meiner Ansicht jedoch zu schwer für den Dienst, zu dem man sie bestimmt hatte, und die auf solchen Pferden berittenen Dragoner oder Jäger können nie auf den Namen einer leichten Kavallerie Anspruch machen. Wie weit schwere Kavallerie in Gebirgsgegenden, sowohl mit Rücksicht auf die Bewegungen als auch auf die Mühe, die es kostet, die Pferde zu erhalten, hinter der leichten zurücksteht, das haben die Erfahrungen schon tausendfach gelehrt, und um so weniger begreife ich, warum die für die westlichen Regionen bestimmte Reiterei nicht statt der großen, eleganten Kürassierpferde die an Entbehrungen und Witterungseinflüsse gewöhnten, leicht beweglichen indianischen Ponys erhält. Wie vor Jahren, so kletterte ich auch diesmal auf den Lavamassen umher, die überall noch so aussahen, als wenn sie eben erst erkaltet seien und die in halbflüssigem Zustand zu den merkwürdigsten Formen zusammengedrängt und -geschoben worden waren. Mit dem größten Interesse beobachtete ich die Eichhörnchen, welche die Höhlen des vielfach geborstenen und gesprungenen Gesteins schon seit undenklichen Zeiten zu ihrem Aufenthalt gewählt hatten und die nun, als ich über die metallähnlich tönende Masse hinschritt, neugierig an die Oberwelt eilten, mich mit ihren schönen, schwarzen Augen einen Moment betrachteten und dann wieder blitzschnell verschwanden. Auch die prachtvollen Blüten der Kakteen erfreuten mich, und gewiß bildeten diese fleischigen, saftreichen Pflanzen mit ihrem schimmernden Schmuck den grellsten Kontrast zu dem einfarbigen Gestein, in dessen Ritzen sie notdürftig Wurzel geschlagen hatten. Nur eine kurze Strecke zogen wir am 29. Mai noch auf der Ostseite des San José zwischen den Lavaanhäufungen und einer abschüssigen Hügelkette dahin und überschritten dann an der Stelle, wo Captain Hatch gelagert hatte, das Flüßchen sowie auch einige kurz aufeinanderfolgende Lavawälle. Vier Meilen führte die Straße noch im Tal des San José weiter, der bald durch grasreiche Wiesen hinglitt, bald zwischen Lavablöcken hindurchschäumte, bis er endlich in ein weites Tal einbog und sich am westlichen Rand desselben herumschlängelte. Wir überschritten dort abermals das Flüßchen und befanden uns sodann im Tal von Covero, »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 262. durch welche Stadt der Weg uns in südöstlicher Richtung führte. In Covero hielten wir nur lange genug, um die Gastfreundschaft eines rothaarigen Amerikaners in Anspruch zu nehmen, der uns mit einem Glas verdünnten Brandy bewirtete. Den Geschmack des widrigen, aber doch erwärmenden Stoffes verdrängten wir durch einen tüchtigen Trank aus der Quelle, die im Mittelpunkt der Stadt, aus massivem Gestein sprudelnd, diese mit Wasser versorgt; auch unsere Flaschen füllten wir aus der freigebigen Quelle und zogen dann durch die breite Schlucht dem Tal von Laguna zu, in dessen Mitte wir nach einem Marsch von siebzehn Meilen an einem fließenden Bach unser Lager aufschlugen. Wie ganz anders erschien mir das Tal, das ich früher im herbstlichen Kleid und geschmückt mit mehreren breiten Wasserspiegeln kennengelernt hatte! Das letzte Grün hatte der Winter mit fortgenommen, und einfarbig und öde nahm sich jetzt die ganze Umgebung aus. Die größtenteils vertrockneten Seen, das Wasser in den Kanälen und Bächen, die Felder und die Wiesen, die zerstreut umherliegenden Ansiedlungen und die Kalksteinplateaus – alles trug eine gelblich-graue Farbe, und nur entferntere Gebirgszüge und die düsteren Abhänge des Mount Taylor unterbrachen einigermaßen die ermüdende Eintönigkeit. Schon in aller Frühe des 30. Mai erreichten wir Pueblo de la Laguña, das auf dem linken Ufer des San José liegt. Indianische Wohnungen und mexikanische Häuser reihen sich bunt aneinander, und obgleich die Indianer hier in der Mehrzahl sind, so erblickt man auf den Straßen und in der nächsten Umgebung der Stadt vieles, was das mexikanische Element verrät; ich meine die widrige Unsauberkeit, wohin vor allem die von der Luft gedörrten Kadaver von Hunden und Vieh jeder Art gehören – ein Übelstand, den ich sonst an den indianischen Pueblos nur in geringerem Grad bemerkt hatte. Da der Train eine Strecke hinter uns zurückgeblieben war, so beschlossen Dr. Newberry und ich, in irgendeinem Haus einzukehren, und zwar ließen wir uns in der Wahl durch die ansprechende äußere Erscheinung eines Gehöfts leiten, das etwas abgesondert von den übrigen Wohnungen lag. Wir hatten glücklich gewählt, denn als wir eintraten, wurden wir von einem Amerikaner und seiner Frau bewillkommnet, und gewiß konnte es uns nur auf das angenehmste berühren, als wir bemerkten, daß die Frau, nachdem sie ihre beiden Kinder sonntäglich gekleidet hatte, sogleich zur Bereitung eines frugalen Frühstücks schritt. Der Mann war ein Baptistenmissionar, und er sowohl wie seine Gattin erschienen mir als überaus achtenswerte Leute. Es ist wahr, man fand dort nicht die umfassenden Kenntnisse und die Bildung, die im allgemeinen von der Geistlichkeit verlangt wird und ohne die inmitten einer in jeder Beziehung fortschreitenden Zivilisation das Amt eines christlichen Hirten gar nicht mehr denkbar ist. Ebenso vermißte man die salbungsreichen Worte und die gottergebenen, schmachtenden Blicke, nach denen leider nur zu oft die Würde und das Talent der höheren Geistlichkeit bestimmt werden; doch wurde man wohltuend berührt durch die kindliche Einfalt und einfache, aber wahre Religiosität, die sich in den Worten und Gedanken des Missionars ausdrückten. Wir unterhielten uns vorzugsweise über das Land selbst, und um keinen Preis hätte ich dazu lächeln mögen, als der Missionar von seinen dort während eines Zeitraums von vier Jahren gesammelten Erfahrungen sprach, die er sorgfältig niedergeschrieben hatte und im nächsten Jahr nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten zu veröffentlichen beabsichtigte. Eine seiner wichtigsten Entdeckungen, die nach der Ansicht des braven Mannes allgemeines Erstaunen hervorrufen mußte, war, daß das Gestein an den Abhängen des Mount Taylor einst flüssig gewesen sei. »Es klingt unglaublich«, sprach der Missionar, »daß wirklich Felsmassen einst wie Flüsse und Bäche durch das Land rieselten; aber tagelang habe ich mich forschend an jenen Abhängen aufgehalten; aufmerksam habe ich das Gestein geprüft, und so bin ich denn endlich so weit gelangt, daß ich mit reinem Gewissen die Behauptung aufstellen kann, daß jener Berg, dessen Basis bis in unser Tal hineinreicht, sich in flüssigem und glühend heißem Zustand befand. Man wird es bezweifeln, doch gegen Zweifel bin ich gerüstet mit mühselig eingesammelter Erfahrung und aus daraus gewonnener Überzeugung.« So äußerte sich der Missionar über die Geologie des dortigen Landes, aber weder der Doktor noch ich lächelten über die Einfalt; ebensowenig versuchten wir die Illusionen des Mannes durch Unterweisungen zu stören. Herzlich erfreute es mich, als ich die Duldsamkeit des Missionars in Religionsangelegenheiten bemerkte, denn mit ohne Neid und Eifer setzte er uns davon in Kenntnis, daß er sich mit einem katholischen Priester in die einzige Kirche von Laguña teile, abwechselnd mit diesem Gottesdienst abhalte; daß er vorzugsweise Indianer zu seinen Zuhörern zähle und sich mit dem Unterrichten von deren Kindern beschäftige. Unser Train hatte schon längst die Stadt verlassen und das Flüßchen überschritten, als wir dem Missionar und seiner kleinen Familie die Hand zum Abschied herzlich drückten. Alle begleiteten uns bis zur Tür, und als wir im Sattel saßen, zeigte uns der gefällige Mann eine Furt im San José, durch die wir in einer näheren Richtung in die Hauptstraße gelangten, auf der unsere Gefährten schon weit vorausgezogen waren. Allmählich ansteigend erreichten wir das Plateau, auf dem die Ruinen einer alten Indianerstadt »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 257. liegen. Unser Weg bestand dort aus massivem, zusammenhängendem Gestein, und es erforderte einige Vorsicht, auf der Westseite des Plateaus in das Tal des gekrümmten San José niederzusteigen, indem die Hufe der Tiere auf der abschüssigen Steinfläche keinen Halt zu finden vermochten. Nahe der Stelle, an der ich im Jahre 1853 am 11. und 12. November gemeinschaftlich mit Lieutenant Ives und einer kleinen Abteilung gelagert hatte, um die Ankunft des Captain Whipple mit der Hauptexpedition zu erwarten, holten wir die letzten Nachzügler ein, und vereinigt mit diesen folgten wir der Straße, die am Fuße des südlichen Plateaus hinführte. Nach einem Marsch von sechs Meilen erreichten wir das Ende der mit natürlichen Türmen und Mauern malerisch geschmückten Höhen und befanden uns dann auf einer der sandigen, wellenförmigen Ebenen, an denen Neu-Mexiko so reich ist und die außer verkrüppelten Zedern, die sich strichweise in lichte Waldungen zusammendrängen, kaum eine andere Vegetation zeigen. Hier nun gewannen wir eine volle Aussicht auf die imposanten Gebirgszüge, die in jener Breite das Tal des Rio Grande charakterisieren und über deren Entfernung man sich bei der außerordentlichen Klarheit der Atmosphäre immer so sehr täuscht. So hatten wir in östlicher Richtung die stolzen Gipfel des Sandiagebirges vor uns, das mit seiner nördlichen Verlängerung das Placergebirge teilweise verdeckte. Gegen Südosten ragten die gewaltigen Formen der Manzanaberge und gegen Süden die schöne Sierra de los Ladrones empor. Alle diese Berge schimmerten in einem so schönen Blau, und durch dieses hindurch vermochte man wie durch einen Schleier die Formationen und Farben so deutlich zu erkennen, daß man gern die Blicke von der wüstenähnlichen Umgebung wandte, um sie auf jenen Höhen haften zu lassen, die als stumme Zeugen schon seit Jahrtausenden auf den an ihnen vorbeieilenden Strom niedergeschaut hatten. Nach einem beschwerlichen Marsch von fünfundzwanzig Meilen erreichten wir endlich das Tal des Rio Puerco, der über dreihundert Fuß tiefer ein weites Tal bewässerte. Wir wanden uns an den Abhängen der Hügel hinunter und errichteten die Zelte auf dem Ufer des Flusses, der zwar schmal war, aber dickes, lehmiges Wasser in großen Massen führte. Seit langer Zeit hatten wir kein übleres Lager kennengelernt; denn außer daß trockener, lehmiger Boden ohne jede Vegetation die Oberfläche des Tals bildete, konnten die Tiere auch nur in der schmalen Furt oder mittels Gefäßen getränkt werden, indem die aufgeweichten Ufer sowie der Boden des Flüßchens selbst nicht die geringste Last zu tragen vermochten und jedem sich nähernden Tier mit Untergang drohten. Nicht ohne Gefahr und mit größter Mühe gelang es uns, am folgenden Morgen unseren Train durch den angeschwollenen Puerco zu schaffen, wir hatten indes keinen Verlust zu beklagen, und auf dem linken Ufer desselben gleichmäßig, aber stark aufsteigend, erreichten wir bald die letzte Höhe, die uns noch vom Rio Grande trennte. Dort oben erwartete uns ein ähnlicher Anblick wie am vorhergehenden Tag, nur mit dem Unterschied, daß der Sand loser und tiefer und die Vegetation spärlicher und kümmerlicher wurde. Eidechsen und Hornfrösche mancher Art schienen dagegen dort zu Hause zu sein, denn auf all meinen Reisen erblickte ich nie zahlreichere Exemplare und Varietäten auf geringem Raum als gerade dort. Der Wind hatte sich gelegt, heller Sonnenschein erwärmte den feinen Sand, und so lagen sie denn regungslos umher, die schön gezeichneten Tierchen; den Rachen hielten sie weit geöffnet, und augenscheinlich mit Wollust atmeten sie nach der winterlichen Kälte sowie nach langdauernder Erstarrung die warme Luft ein. Mehrere Stunden waren wir geritten, als der Boden sich plötzlich vor uns senkte und wir die erste Aussicht auf den Rio Grande und sein Tal gewannen. Ich hielt an, denn vor mir erblickte ich den breiten Strom mit seinem niedrigen, ebenen Tal und der wüsten Taleinfassung, die grauen Städte und Dörfer mit ihren grünenden Obstgärten, die bei dem gänzlichen Mangel an Waldungen mit Oasen zu vergleichen waren. Da sah ich auch vor mir die Stadt Albuquerque und die alte Lagerstelle, an welchen Ort sich so manche angenehme Erinnerungen knüpften. Zahlreiche Wege zogen sich wie gelbe Bänder von dem Punkt aus, wo ich stand, niederwärts, jeder Weg hatte sein eigenes Ziel, und wenn es auch nur ein kleines Gehöft war. Wir wählten die Straße, welche dahin führte, wo wir durch das Fernrohr eine Fähre entdeckten; denn die dunkelbraune Farbe des Wassers und der Umstand, daß der Strom sein Bett vollständig ausfüllte und die niedrig gelegenen Wiesen teilweise überschwemmte, bewiesen uns, daß ein Durchwaten desselben zu den Unmöglichkeiten gehöre. Als wir in das Tal hinabgelangten, wurden wir durch den hohen Wasserstand zu manchem Umweg gezwungen, denn die Kanäle, die zur Befruchtung des Bodens nach allen Richtungen hin aufgegraben und geöffnet waren, hatten das schwere, lehmige Erdreich in klebrigen Morast verwandelt und die Wege zum Teil unter Wasser gesetzt. Auch die Straßen der Stadt Atrisco, die in geringer Entfernung vom Fluß liegt, wurden mit kleinen Booten befahren, doch ragte zwischen dieser und dem Strombett ein schmaler Wiesenstreifen aus dem Wasserspiegel hervor; und weil an demselben die Fähre anlegte, so beschlossen wir, hier die Zeit bis zu unserem Hinüberschiffen zuzubringen. Obgleich die höchsten Stellen der Wiese sich kaum 6 Zoll über dem sie umgebenden Wasser erhoben, fanden wir den Boden doch trocken genug, um hier zu lagern, und da der Tag zu weit vorgerückt war, um noch mit dem Einschiffen beginnen zu können, so ließen wir uns hart am Uferrand häuslich nieder, schlugen die Zelte auf, und in kurzer Zeit dufteten kräftige Speisen über den Lagerfeuern, wozu uns einige Mexikaner das Holz sowie auch Eier und Zwiebeln lieferten, das heißt, gegen das Versprechen, sie am folgenden Tag mit barer Münze zu bezahlen. Wenn ich unvermutet auf das Ufer des Rio Grande versetzt worden wäre, so würde ich wohl schwerlich den Fluß wiedererkannt haben, durch den ich einst ritt, ohne vom Maultier herab mir die Füße zu netzen, und dessen Bett damals aus einer Reihe von Sandbänken gebildet war, zwischen denen das gelbliche Wasser träge hinrieselte oder auch pfuhlweise stillstand. Denn abgesehen davon, daß der Strom jetzt mit den angrenzenden Ebenen eine ununterbrochene Fläche bildete, tobte das Wasser mit einer solchen Wut dahin, daß man eine Reihe von aufeinanderfolgenden Stromschnellen vor sich zu sehen glaubte; und nicht ohne Besorgnis dachte ich an unsere entkräfteten Tiere, welche die reißende Flut durchschwimmen sollten. Der Rio Grande befindet sich bei Atrisco übrigens in einer Höhe von 5030 Fuß über dem Niveau des Meeres; daher kann die furchtbare Strömung nicht überraschen, mit der die Schneewasser der zahlreichen Gebirge in diesem einzigen Kanal dem Golf von Mexiko zueilen. Um Nachrichten von Lieutenant Ives einzuziehen, der schon am vorhergehenden Tag den Rio Grande erreicht hatte, zugleich aber auch, um auf der Militärstation in Albuquerque unsere Ankunft zu melden und neue Lebensmittel zu beziehen, ließ sich Peacock sogleich in einem kleinen Boot über den Fluß setzen. Er kehrte vor Einbruch der Nacht zurück und teilte uns mit, daß Lieutenant Ives gleich weiter nach Santa Fé gereist sei, um dort Geld abzuheben und daß uns nichts im Wege stehe, sobald wie möglich den Rio Grande zu überschreiten und auf dem linken Ufer desselben vorläufig unser Standquartier zu errichten. Auch von Fort Yuma brachte er uns Nachricht, und zwar die angenehmste, die wir nur wünschen konnten, nämlich, daß unsere kleine »Explorer« ohne Unfall die Rückreise auf dem Colorado bewerkstelligt habe, und ferner, daß man in Fort Yuma sich um unser Schicksal beunruhige, indem selbst die dort verkehrenden Indianer, sowohl die vom Gila als die vom Colorado, weiter nichts über unsern Verbleib wußten, als daß wir nördlich gezogen seien. Über den Mormonenkrieg erfuhren wir nur Unbestimmtes; die Mormonen hatten die Gebirgspässe befestigt und besetzt, und die amerikanischen Truppen, die während des Winters furchtbar gelitten hatten, zogen immer mehr Verstärkungen an sich, um beim Beginn des Sommers den Krieg mit Nachdruck eröffnen zu können. Außer diesen Neuigkeiten brachte Peacock noch ein gefülltes Fläschchen, und so hatten wir denn weiter keine Ursache, während des Abends mit unserem Los am Ufer des Rio Grande unzufrieden zu sein. Zweiunddreißigstes Kapitel Übergang über den Rio Grande – Lager auf dem linken Ufer – Die amerikanischen Soldaten – Die Fandangos – Des Doktors Sturz – Das Corpus-Christi-Fest – Zusammentreffen mit einem alten Bekannten – Erzählung von Erlebnissen in Illinois und New Orleans – Winkels Geschichte und seine Pläne für die Zukunft – Lieutenant Ives' Rückkehr von Santa Fé – Seine Instruktionen – Lieutenant Ives' Abreise nach Kalifornien – Letzte Vorbereitungen zur Reise durch die Prärien 1. Juni. Das breite Fährboot hielt dicht vor unserem Lager, unsere Sachen waren gepackt und zum Einschiffen bereit, ruhig weideten die Maultiere, und nachdem wir das Frühmahl beendet hatten, begab sich alles rüstig an die Arbeit. Unsere Equipage wurde zuerst verladen, ihr nach folgten wir selbst und so viele Leute, wie das Fahrzeug ohne Gefahr zu tragen vermochte, und auf das Signal: »Alles fertig!« wurde das Boot gelöst. Kaum aber schlüpfte das Tau durch den Ring, als die Strömung das Fahrzeug erfaßte und es mit der Gewalt und der Schnelligkeit einer Lokomotive, in schräger Richtung zur Mitte des Flusses hinter eine sichtbare Sandbank führte. Der Andrang des Wassers hatte dem Boot einen solchen Schwung gegeben, daß es bis in das stille, seichte Wasser hinter der Insel glitt, wo dann die Fährleute zusammen mit unseren Knechten über Bord sprangen und das Fahrzeug auf der Ostseite der Insel stromaufwärts schleppten. Es war eine harte, ermüdende Arbeit, doch gelangten wir endlich an den Punkt, von wo aus die Strömung nach dem linken Ufer hinüberdrängte, und uns derselben abermals anvertrauend und mit Ruderstangen nachhelfend, erreichten wir schnell und glücklich die Ausladestelle, in deren Nähe wir sogleich zur Errichtung unseres Lagers schritten. Mehr Mühe verursachten die Maultiere; die ganze Herde wurde nämlich an der Abfahrtsstelle in einen dichten Haufen zusammengetrieben, die beiden Leitpferde an den bereitliegenden Kahn gefesselt und auf ein gegebenes Signal der Kahn losgebunden; die Pferde wurden ins Wasser gestoßen und mit Peitschen und Schreien die Maultiere den Fluten zugedrängt. Als diese aber sahen, mit welcher Eile die Fluten den Kahn samt den Pferden fortführten, erschraken sie, wandten sich um, durchbrachen die Reihe der Leute und zerstreuten sich auf der Wiese. Die beiden Pferde waren unterdessen glücklich auf der Insel gelandet worden, worauf sich die Fährleute wieder zurückbegaben, um ohne diese und nur mit deren Glocken versehen einen neuen Versuch zu unternehmen. Dieses Mal glückte es besser, denn einige der vordersten wurden von ihren nachdrängenden Gefährten ins Wasser gestoßen, und die anderen folgten dann williger nach. Es lag etwas Komisches in dieser Szene, wie die Tiere eins nach dem anderen mit der Schnelligkeit eines Pfeils fortgerissen wurden und wie sie die Nasen und die langen Ohren hoch emporreckten und sehnsüchtig nach dem Kahn hinüberschauten, in dem ein Mexikaner mit den beiden Leitglocken aus voller Kraft läutete und die Herde gleichsam zur Ausdauer anfeuerte. Wohlbehalten erreichte die ganze Gesellschaft die Sandinsel, und den Weg von dort zu uns herüber legte sie in gleicher Weise ohne Unfall zurück, so daß wir um die Mittagszeit mit unserer ganzen Expedition den Rio Grande hinter uns hatten und unsere Aufgabe als glücklich beendet betrachten durften. Hier nun, auf dem linken Ufer des Stroms, befanden wir uns also wieder bei den vollen Fleischtöpfen; doch auch unsere Tiere, denen vom Fouragemeister in Albuquerque Heu und Mais im Überfluß verabreicht wurden, waren plötzlich aller Not enthoben. An demselben Tag suchten wir uns übrigens zur Reise durch die Prärien die vierzehn besten und kräftigsten Reit- und Zugtiere aus, um diesen im Lager die aufmerksamste Pflege angedeihen zu lassen, während die übrigen dem Quartiermeister des Postens übergeben wurden, der sie sogleich seiner Herde einverleibte. Unser Aufenthalt im Lager vor Albuquerque dauerte neun Tage, und wir verbrachten diese Zeit teils in der Stadt in der Gesellschaft der Offiziere, die sich als liebenswürdige und gastfreie Leute zeigten, teils in unserem Lager, wo wir uns dann mit den Vorbereitungen zu unserer Reise beschäftigten. Zu den Vorbereitungen gehörte mancherlei; wir übergaben den Fluten des Rio Grande, was unbrauchbar geworden war, besserten schadhafte Gegenstände aus oder ersetzten sie durch neue und umgaben uns zu gleicher Zeit mit all dem Luxus, den Albuquerque aufzuweisen hatte. Die Nähe der Stadt mit ihren Trinkstuben gereichte uns in mancher Beziehung aber auch zum Ärger, denn zu jeder Zeit des Tages fand man im Lager betrunkene Soldaten, die auf geräuschvolle Weise miteinander haderten und uns besonders dadurch belästigten, daß sie sich ständig Geld von uns borgten. Anfangs willfahrten wir ihren Wünschen, weil wir wußten, daß sie seit ihrer Abreise von Fort Yuma aus den natürlichsten Gründen keine Löhnung empfangen hatten. Als wir aber bemerkten, daß sie ihre Decken und sonstigen Gegenstände an die Mexikaner für Whisky verhandelten und vertauschten, blieben wir taub gegen die Bitten und Versprechungen dieser leichtsinnigen Gesellen, und zwar zu unserem eigenen Vorteil, denn von dem, was wir schon geliehen hatten und was sich zusammen auf eine namhafte Summe belief, erhielten wir nie etwas wieder. Auch an die betrunkenen Soldaten gewöhnten wir uns, und um so leichter, als wir unser kleines Lager etwas abgesondert von dem ihrigen aufgeschlagen hatten und sie anwiesen, sich fern von uns zu halten. Zwei Irländer, die uns in der Eigenschaft als Koch und als Diener von San Franzisko aus begleitet hatten, und die große Lust bezeigten, nach den Vereinigten Staaten zurückzukehren, behielten wir in unseren Diensten, und zu diesen mieteten wir noch einen jungen, rüstigen Amerikaner, der uns als ein tüchtiger Wagenführer empfohlen worden war. Er erhielt sogleich seine acht Maultiere nebst einem starken Wagen, und er fand hinreichend Beschäftigung, indem er sich mit allem vertraut machte, die Tiere beschlagen ließ – mit einem Wort sich sorglich zu der bevorstehenden Reise einrichtete. Mit Ungeduld erwarteten wir nun noch die Rückkehr des Lieutenant Ives, um die letzten Anordnungen zu treffen und demnächst nach Santa Fé aufzubrechen, wo wir gemeinschaftlich mit Peacock einige alte Bekannte desselben zu besuchen und noch einen Vorrat von Lebensmitteln einzulegen beabsichtigten. Wir ließen uns indessen nicht abhalten, alle Vergnügungen zu genießen, die uns in Albuquerque geboten wurden, und dahin gehörten in erster Reihe die Fandangos, zu denen uns regelmäßig Einladungen zugingen. Wir unterhielten uns bei solchen Gelegenheiten vortrefflich, und wenn ich auf die niedlichen Mexikanerinnen schaute, die ich schon vor vier Jahren als graziöse Balldamen kennengelernt und mit denen ich mich vielfach im raschen Walzer herumgeschwungen hatte, dann war es mir, als wenn erst ebenso viele Tage verflossen seien, denn frisch und blühend wie damals lächelten mir entgegen die schwarzäugige Schata, die rotwangige Juanita und wie sonst noch die Señoritas alle hießen. Ihre Reihe hatte neuen Zuwachs erhalten, aber die alten Veteranen im Kranz hübscher Mädchen sahen nicht weniger blühend und frisch aus als die jungen Nachkömmlinge und wetteiferten mit diesen in kindlichen Manieren und Bewegungen, geradeso wie in der ganzen Welt, nur daß hier die Kunst, sich zu konservieren und die Zeit um einige Jahre scheinbar zu betrügen, einen höheren Grad erreicht hatte, einen Grad, um den manche Schönheit der verfeinerten Zivilisation die armen Señoritas gewiß beneidet haben würde. Lag es nun an der besseren Schminke oder am Klima, daß die alten Mädchen in Albuquerque jugendlicher erschienen als ihre Altersgenossinnen in östlicheren Regionen – ich weiß es nicht zu sagen; wohl aber weiß ich, daß fehlende Haare und Zähne in Neu-Mexiko nicht durch die Kunst ersetzt werden müssen, denn überall erblickte ich natürliche Haarzöpfe, wie sie nicht schöner aus der Werkstatt eines talentvollen Haarkräuslers hervorgehen, und Zähne so weiß und schön, wie sie die berühmteste Fabrik nicht besser zu liefern vermag. Traf ich auf den Fandangos viele bekannte Jungfrauen, so waren mir die Musikanten nicht weniger bekannt, denn ich erblickte hier den pergamenthäutigen alten Mann mit seiner Harfe, den schwarzlockigen Jüngling, dem unterdessen ein spärlicher Bart gesproßt war, mit der Gitarre; dann erkannte ich auch den alten Violinisten sowie den Klarinettisten, und beide gaben wie früher noch immer dieselben kreischenden Töne auf ihren Instrumenten, die mehr geeignet waren, den nüchternen Gast in die Nebenstube ans Büffet als auf den Tanzplatz zu treiben. Am Büffet, nun ja, da gab es für schwere, klingende Münze El-Paso- und Champagnerwein, auch Brandy und Whisky sowie Kuchen, alles ganz genauso wie früher; und ebenso wie früher drängte sich dort eine überaus vergnügte Gesellschaft durcheinander. Um die Mitternachtsstunde verließen wir Auswärtigen gewöhnlich das geräuschvolle Leben, bestiegen unsere Maultiere, die vor der Tür geduldig unserer harrten, und aufgestachelt von einem Anfall froher Laune oder von dem Wunsch, recht bald das drei Meilen entfernte Lager zu erreichen, stellten wir dann ein nächtliches Wettrennen an, bei dem wir nur die Sporen gebrauchten und es dann den Tieren überließen, uns in nächster Richtung ans Ziel zu bringen. »Wir werden uns mit dergleichen Kindereien noch alle das Genick brechen«, sagte eines Abends Egloffstein, als wir in wilder Jagd die Stadt verließen; wir übrigen fanden diese Bemerkung durchaus weise und zweifelten nicht daran, daß es wirklich dazu kommen würde, rieten uns gegenseitig, das Rennen einzustellen und langsamer zu reiten, wobei aber jeder die Sporen seinem Tier tiefer in die Weichen drückte. Plötzlich verschwand jedoch der schwarze Schatten des Doktors und seines Tiers aus unserer Mitte, und gleich darauf vernahmen wir ein tiefes Stöhnen hinter uns auf der Straße. Wir hielten an, ritten zurück und fanden des Doktors Maultier zwar wieder auf den Füßen, aber der unglückliche Reiter lag wie leblos auf dem tennenähnlichen, festen Boden. Kein geringer Schrecken bemächtigte sich unser, als wir den Doktor aufrichteten und fast unfähig zum Gehen fanden. Da wir erst eine kurze Strecke von den Baracken der Garnison entfernt waren, so erschien es uns am geratensten, den Patienten sogleich zurückzubringen und in ärztliche Behandlung zu geben. Nach vielen Umständen erhielten wir endlich ein Bett, den Garnisonsarzt und einen Wärter, und als wir uns überzeugt hatten, daß außer einem Bruch des Backenknochens und einer Art von Skalpierung des Gesichts kein ernstlicher Unfall unseren Freund betroffen hatte, ritten wir sehr langsam und sehr ernst gestimmt dem Lager zu. Mehrere Tage hindurch mußte Dr. Newberry das Bett hüten; Wundfieber und Gliederschmerzen peinigten ihn während dieser ganzen Zeit, doch genas er bald wieder so weit, daß wir nach unserem ersten Plan die Reise antreten konnten, obgleich sein Gesicht noch mehrere Wochen hindurch die entstellenden Spuren des heftigen Sturzes trug und die schwache, aber anhaltende innere Blutung das sehr langsame Heilen des zersplitterten Backenknochens verriet. Gewohnheit tut übrigens viel im Leben; schon in den ersten Tagen unserer Reise wurde des Unfalls nur noch scherzweise gedacht, und als wir fünf Wochen später den Missouri erreichten, war des Doktors »geborstener Schädel«, wie wir es zu nennen beliebten, vollständig zusammengeheilt, ohne daß auch nur ein Fünkchen seiner wirklichen Gelehrsamkeit oder seiner ehrenwerten, menschenfreundlichen Gesinnungen, die ihn bei allen, die ihn kannten, beliebt machten, durch die Ritzen entschlüpft wäre. »Morgen müßt ihr frühzeitig zur Stadt kommen, morgen ist das Corpus-Christi-Fest.« So hieß es, als wir am Abend des dritten Juni unsere Tiere bestiegen, unseren Freunden eine gute Nacht wünschten und guter Dinge dem Lager zutrabten. Wir hatten die Aufforderung nicht vergessen, denn am 4. in aller Frühe standen die gesattelten Tiere vor dem Zelt; und da uns ein Sonntagskleid fehlte, so begnügten wir uns damit, den Staub aus unseren Röcken zu schütteln, mit einer Speckschwarte über die Stiefel hinzufahren, und eine halbe Stunde später befanden wir uns auf dem Marktplatz von Albuquerque inmitten einer fröhlichen Bevölkerung, von der mancher schon ein, vielleicht auch zwei Gläschen über den Durst zu sich genommen hatte. Der Marktplatz, in dessen Mitte sich die altertümliche Kirche mit ihren Lehmmauern erhebt, hatte nach dortigen Begriffen ein überaus festliches Ansehen erhalten, denn die grauen Giebel der Häuser waren von den Bewohnern von oben bis unten mit Decken, Shawls, Tüchern und farbigen Zeugstreifen behängt worden, und da die meisten dieser Gegenstände reiche Spuren von vielfältigem und anhaltendem Gebrauch trugen, so bedurfte es nur wenig Phantasie, um sich inmitten einer großen Anzahl von Trödelbuben zu wähnen. Doch welchen Charakter die eigentümliche Dekoration auch immer tragen mochte, die Vorliebe der Bevölkerung für grelle Farben war nirgends zu verkennen, und ihre Verehrung für geräuschvolles Leben bewies sie aufs deutlichste durch das Musketenfeuer, mit dem die feierlichsten Momente der Messe begleitet wurden. Wir begaben uns nach unserem gewöhnlichen Zusammenkunftsort, einem Eckhaus hinter der Kirche, von wo aus wir die Bewegungen der Prozession, die ihren Umzug auf dem Platz hielt, beobachten konnten. Unter mehreren Verandas hatten die Eigentümer kleine Altäre errichtet, auf denen, von dem merkwürdigsten Schmuck umgeben, die Jungfrau Maria als Bild, als Gipsfigur oder als glänzend geschmückte Puppe angebracht war, und nach diesen hin zog in feierlichem Schritt – voraus der Priester mit den Chorknaben – die andächtige Doppelreihe schön geputzter Señoritas und Señors. Begleitet wurden sie von dem Musikkorps der Garnison, das der kommandierende Offizier freundlicherweise der Kirche für diesen Tag zur Verfügung gestellt hatte. Die Musikanten, größtenteils Deutsche, spielten natürlich lauter Märsche, doch benahm das der Feierlichkeit nichts von ihrem Glanz, der noch auf mexikanische Weise durch das beständige Knattern der Musketen bedeutend erhöht wurde. Vor jedem Altar las der Priester eine Messe, und als die Prozession darauf wieder die Kirche bis zum Erdrücken anfüllte, begaben auch wir uns dahin, um dem Schluß der Vormittagsfeierlichkeiten mit beizuwohnen. Nichts störte die Ordnung in der zahlreichen Versammlung; friedlich knieten nebeneinander kokette Señoritas und ehrbare Pueblo-Indianer, bigotte Irländer und eitle Señors; mit gemessener Bewegung verrichtete der Priester sein Amt, und gewandt folgten die aufmerksamen Chorknaben seinen Winken; eilfertig glitten die Rosenkränze durch die Finger, und im raschen Takt vereinigten sich Pauken, Trompeten und Klarinetten zu einer Bravouraufführung der »Donaulieder«, an die sich »Webers Aufforderung zum Tanz« schloß. »Drauf, als der Priester fromm sich neigt Und zum Altar gewandt Den Gott, den gegenwärt'gen, zeigt, In hoch erhob'ner Hand ...« da donnerten die Musketen aus der Kirchenpforte, die Trompeter bliesen einen lauten, lang anhaltenden Tusch, Pulverdampf vermischte sich mit Weihrauch, tiefer neigten sich die andächtigen Zuhörer, aber am tiefsten die hübschesten Mädchen der Stadt, die mir zugleich auch als die leichtfertigsten bezeichnet wurden. Ich verließ endlich die Kirche und zugleich die gefährliche Nähe der Musketen, die von ihren enthusiastischen Inhabern mit doppelter und dreifacher Ladung versehen wurden, und gesellte mich zu den lustigen Menschen, die gruppenweise den Marktplatz anfüllten. Mit Aufmerksamkeit beobachtete ich das Treiben um mich her und vertiefte mich in Betrachtungen über das, was ich kurz vorher gesehen und vernommen hatte. Plötzlich rief ein mir unbekannter Mann mich beim Namen und forderte mich auf, ihm zu folgen. Wir gelangten bald aus dem Gedränge, und auf einer offenen Stelle sich zu mir wendend, fragte der Fremde in deutscher Sprache, ob ich ihn kenne. Ich betrachtete ihn genau und entdeckte in seinem Gesicht allerdings vertraute Züge, doch vermochte ich lange nicht den jungen Menschen in dem nach dortigen Verhältnissen anständigen Zivilanzug, dessen Haltung und wohlgepflegter Schnurrbart den Soldaten verrieten, in meiner Erinnerung aufzufinden. Endlich erkannte ich ihn, doch meiner Sache noch nicht ganz gewiß, fragte ich: »Sind Sie nicht –?« »Ja, der bin ich, doch heiße ich jetzt Winkel«, gab er zur Antwort. »Also Winkel?« fragte ich wieder. »Es ist jetzt schon über fünf Jahre her, als wir ebenso unvermutet auf dem Kai in New Orleans zusammentrafen! Damals hatten Sie das Äußere eines ehrbaren Kaufmanns mit glattgeschorenem Gesicht, und jetzt erblicke ich in Ihnen, wenn ich nicht irre, einen flotten Soldaten.« »Sie haben nicht ganz unrecht«, antwortete Winkel, »zwar bin ich nicht mehr in Reihe und Glied, doch habe ich vier Jahre bei den Dragonern gestanden und bekleide jetzt den Posten eines Sekretärs beim Fourage-Amt; trinken wir aber, ehe wir erzählen.« Mit diesen Worten schob er seinen Arm durch den meinigen und führte mich nach einer nahe gelegenen Trinkstube, wo wir dem edlen El-Paso-Wein zusprachen und dabei mit Wärme der vergangenen Zeiten gedachten. Am Nachmittag begleitete ich Winkel nach seiner Wohnung, und lange saßen wir dort beisammen, vertieft in die Mitteilungen unserer Erlebnisse der letzten fünf Jahre. Als ich im Jahre 1852 in Illinois das Leben eines Jägers zu meinem Beruf gewählt hatte und als darauf in der nassen Jahreszeit ein solches Leben zu mühselig und zu wenig lohnend wurde, sehnte ich mich danach, einige Monate in der Stadt zu leben, d.h. nicht als Müßiggänger, sondern beschäftigt auf eine mir zusagende Weise. Ich begab mich daher nach Belleville, dem nächstgrößeren Ort. Am ersten Tag schon machte ich die Bekanntschaft des Mr. Winkel, der zu jener Zeit als Sekretär beim Gericht angestellt war. Im Verlauf unserer Unterhaltung erfuhr ich, daß er seine Stellung für die eines Buchhalters in einem größeren Kaufmannshaus aufgeben wollte, und er schlug mir vor, mich um seinen alten Posten zu bewerben. Eine solche Beschäftigung war mir sehr willkommen, denn außer, daß sich mir ein angenehmer Erwerbszweig eröffnete, fand ich auch dort Gelegenheit, mich in der englischen Sprache zu vervollkommnen. Da man in Amerika bei Besetzung von Beamtenstellen gewöhnlich mehr auf die Befähigung als auf Empfehlungen Rücksicht nimmt, so wurde es mir in diesem Fall leicht, meine Wünsche erfüllt zu sehen, und mehrere Monate hindurch wohnten, lebten und arbeiteten Winkel und ich nachbarlich miteinander. Von jener Zeit her stammte also unsere erste Bekanntschaft. Ein unbesiegbarer Drang nach den wilden Regionen des westlichen Teils des amerikanischen Kontinents ließ mir indessen nicht lange Ruhe hinter dem Schreibtisch; ich nahm daher eines Tages Abschied von Freunden und Bekannten in Belleville, und einige Monate darauf durchzog ich mit der Büchse auf dem Rücken das Land meines Sehnens und meiner Träume: die endlosen Prärien des Westens. Ich brauche hier wohl nicht zu wiederholen, wie ich lange für tot und verschollen galt, »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«: Erzählung der Abenteuer am Nebraska. ich erwähne bloß, daß ich nach anderthalb Jahren zum Erstaunen meiner Freunde wieder in Belleville erschien, daß ich dort vergeblich nach Winkel forschte und nur in Erfahrung brachte, derselbe sei ebenfalls abgereist und verschollen. Einige Monate später führte mein Weg mich nach New Orleans, wo ich sechs Wochen verweilte und meine Zeit haushälterisch dazu verwandte, die Stadt und ihre Umgebungen so genau als möglich kennenzulernen. – Wie in allen von mir besuchten Hafenstädten, waren auch hier Märkte und Kais in den Frühstunden mein Lieblingsaufenthalt, und es gewährte mir eine überaus angenehme Unterhaltung, auf ersteren die Schätze zu beobachten, die das Meer und die tropische Zone dem Menschen zu seinem Bedarf und zu seinem Genuß liefert; auf letzteren dagegen dem lustigen Treiben der Neger zuzuschauen, die ewig jubelnd und hadernd mit Riesenkräften mächtige Ballen und Fässer an den Rahen hinaufwanden, um sie, je nach Umständen, den dunklen Räumen schwerfälliger Kauffahrer zu entführen oder ihnen anzuvertrauen. Eines Tages hatte ich ebenfalls mein Frühmahl beendet, das heißt, ich hatte auf dem Markt an einem der langen Tische für ein Billiges scharf gepfefferte Suppe – zu der eine nahebei hängende, noch lebende Seeschildkröte das Fleisch geliefert hatte –, einige Hummerscheren, Krabben und Austern zusammen mit einem Stückchen Brot und einer Tasse Kaffee zu mir genommen und war zu einem französischen Dreimaster hinübergegangen, aus dem man Faß auf Faß der edelsten Weine mittels der Rahwinden auf den Kai schaffte. Plötzlich wurde meine Aufmerksamkeit durch einen Mann gefesselt, der, den Heber in der einen, das Notizbuch in der anderen Hand, auf den Fässern umherkletterte, sich dieses oder jenes öffnen ließ, das einfache, aber sehr brauchbare Instrument tief in den edlen Rebensaft tauchte und mit weiser Kennermiene die verschiedenen Weine prüfte. Ich irrte mich nicht: es war ein alter Bekannter, und zwar Winkel. Er war so sehr in seine Beschäftigung vertieft, daß er mich nicht eher bemerkte, als bis ich neben ihm auf dem eisenbeschlagenen Oxhoft saß und ihn freundlich aufforderte, doch auch mein Urteil über den Wein einzuholen. Winkel heftete seine Blicke auf mich, beschaute mich von oben bis unten, und mit dem Ausdruck des größten Erstaunens rief er aus: »Sie sind also doch nicht skalpiert worden?« »Nicht ganz, aber beinahe«, antwortete ich, indem ich den breitrandigen Strohhut von meinem Kopf zog und ihm den mit stattlichem Haarwuchs bedeckten Schädel zeigte. »Sie tragen vielleicht eine Perücke?« fragte Winkel wieder, wobei er seine Hand auf mein Haupt legte. »Wahrhaftig!« fuhr er fort. »Es ist Ihr eigenes Haar; hieß es doch allgemein, daß die Indianer Sie der Mühe des Haarschneidens auf ewige Zeiten enthoben hätten!« Nun ging es ans Fragen und Erzählen, wir blieben dabei aber auf dem Faß sitzen, ein mächtiges Stück Segeltuch gewährte uns Schutz gegen die sengenden Strahlen der Sonne, eine erfrischende Brise wehte uns vom Golf entgegen, das offene Spundloch befand sich zwischen uns beiden, Heber und Becher dagegen bald auf der einen, bald auf der anderen Seite, und so rührten wir uns nicht eher von der Stelle, als bis die Seebrise einschlummerte und die Hitze uns nach verschiedenen Richtungen hin dem heimischen Gasthof zutrieb. Winkel war also Buchhalter in einem großen Weingeschäft geworden und bekleidete nicht nur eine angenehme, sondern auch einträgliche Stelle. Während meines sechswöchigen Aufenthalts in New Orleans waren wir viel zusammen, und wenn ich den Tag über in den benachbarten Sümpfen den Schlangen und Alligatoren für naturhistorische Sammlungen nachgestellt hatte, bei welcher Beschäftigung ich vor Hitze fast umkam, so fand ich des Abends Erholung, wenn nächtliche Kühle sich auf die dann auflebende Stadt senkte und ich mit Winkel auf dessen Balkon saß und gemeinschaftlich mit ihm Havannas und Frankreichs edelste Produkte der Gegenwart sorglos opferte. Der Balkon, auf dem wir uns befanden, reichte über mehrere Häuser hinaus, war aber vor jeder Wohnung durch hohe Wände von der angrenzenden getrennt, so daß man alles, was in der Nachbarschaft vorging, durch die geöffneten Türen und Fenster deutlich vernehmen konnte, ohne dabei die Bewohner selbst zu erblicken. In der zweiten Wohnung von unserem Balkon, aber in gleicher Höhe mit demselben, lebte eine Sängerin; diese nun machte sich ebenfalls die schönen Abende zunutze und sang stundenlang mit ihrer klaren, lieblichen Stimme so schöne Lieder und Melodien, daß wir uns keine ansprechendere Unterhaltung hätten wünschen können. Winkel, der schon längere Zeit dort wohnte, hatte die Sängerin, die uns allabendlich so reichen Genuß verschaffte, trotz seiner Bemühungen noch nie zu Gesicht bekommen, doch stimmten wir beide in unseren jugendlichen Ansichten überein, daß diese von der Natur so bevorzugte Dame nur ein junges, vielleicht ein sehr schönes Mädchen sein müsse. Winkels Neugierde, die schöne Nachbarin kennenzulernen, stieg in dem Grad, als ich ihm davon abriet. »Denn«, sagte ich, »wenn Sie sich in Ihren Erwartungen getäuscht finden, so schwinden auch die Illusionen; der Heiligenschein, mit dem Sie in Gedanken die Sängerin umgeben, fällt wie ein gebrauchter Mantel zur Erde, und mit weniger Aufmerksamkeit werden Sie später den Liedern lauschen.« Er wollte mir durchaus nicht Recht geben und wunderte sich nur über meine Art zu philosophieren. »Heute muß ich die Sängerin sehen, und sollte ich vom Balkon auf die Straße hinabstürzen«, so rief Winkel eines Abends um die Mitternachtsstunde, als die letzten Worte der Gnadenarie eben verklungen waren und er eine neue Flasche aufs Eis gestellt hatte. »Bleiben Sie hier«, rief ich ihm lachend zu, »es könnte Ihnen leicht eine Revolverkugel das Vergnügen versalzen!« »Und wenn es Kanonenkugeln wären, so würde ich mich nicht zurückhalten lassen«, gab er zur Antwort, und gleich darauf befand er sich außerhalb des Balkongitters, wo er sich an den eisernen Sprossen festklammerte. Die Straße war schon ziemlich leer, und die einzelnen Leute, die noch vorübergingen, konnten ihn kaum bemerken, weil er sich im zweiten Stockwerk befand; wenn er dann aber an erleuchteten Türen und Fenstern vorüberglitt und der Schimmer des Lichts ihn sichtbar machen mußte, hielt man sein Benehmen wohl nur für einen harmlosen Scherz, und vor Bewohnern des gegenüberliegenden Hauses war er sicher, indem sich dort statt erleuchteter Fenster ein im Bau begriffenes, riesenhaftes Hotel befand. Ich bediene mich nun Winkels eigener Worte: »Vorsichtig lugte ich um die erste Scheidewand, der Balkon war leer, und Ruhe herrschte in der Wohnung; nicht ohne Gefahr gelangte ich bald darauf an die zweite Scheidewand, auch dort war alles sicher, und nach Zurücklegung von einigen Fuß erhielt ich endlich eine freie Aussicht in das Gemach und auf die Sängerin, die so lange meine unbesiegbare Neugierde rege gehalten hatte. Die dreifenstrige Stube, aus der mir die glockenreinen Triller und Modulationen aufs neue entgegenschallten, war keineswegs reich, aber doch elegant eingerichtet; ein weicher Teppich bedeckte den Boden, und auf demselben lagen zwei schlafende Kinder. Auf einem Ecksofa saß nachlässig angelehnt ein alter Kreole mit grimmigem Ausdruck im bärtigen Gesicht; er las eine Zeitung und schien sich ebensowenig um die Musik als um anderes zu kümmern. In der Mitte des Gemachs, vor einem aufgeschlagenen Flügel, beleuchtet von zwei Lampen, saß meine Sängerin; ich sah nur ihr Profil, doch kaum hatte ich den ersten Blick auf sie geworfen, als ich tief aufseufzte und mich wieder an Ihre Seite zurückwünschte. Da sah ich nämlich vor mir im leichten, weißen Gewand, das kokett von den alabasternen Schultern herabhing, eine weibliche Gestalt, die ungefähr zwei Zentner wiegen mochte. Ihr Hals war lang, aber schien mehr eine Fortsetzung der fetten Schultern, als ein besonderes Glied zu sein, und ein dreifaches Kinn zierte die untere Hälfte des Gesichts, in dem ein unglaublich großer Mund die hervorragendste Rolle spielte. Die Augen waren schwarz, klein und geschlitzt, die dunklen Haare dagegen von ungewöhnlicher Stärke und Schönheit; auch der Teint, von dem, der Wärme wegen, mehr wie unumgänglich notwendig mir entgegenschimmerte, ließ nichts zu wünschen übrig und stand im grellsten Kontrast zu den Flechten und Locken, die halb aufgelöst auf die breiten Schultern herabfielen. So saß sie da, die geheimnisvolle Sängerin; anmutig wiegte sie den schön geformten Kopf, mit großer Gewandtheit eilten die fleischigen Hände über die Tasten des Instruments, und leiser, gleichsam einschläfernd, verhallten allmählich die lieblichen Töne, die zwischen zwei Reihen perlenähnlicher Zähne hindurchgehaucht wurden. Verwunderungsvoll schaute ich hinüber und bezweifelte fast, daß die korpulente Dame wirklich die Künstlerin sei; aber ein Irrtum war nicht möglich, und sehr enttäuscht begann ich mich an der Außenseite des Balkons langsam zurückzubewegen. Ich hatte die erste Scheidewand noch nicht erreicht, als plötzlich die Musik verstummte und gleich darauf die hagere Gestalt des finsteren Kreolen in der Tür erschien. Ich glaubte mich schon entdeckt und drückte mich krampfhaft an das Gitter, doch der Mann hob träge seine Arme, reckte und dehnte seine Glieder und rief dann aus: ›Welch herrlicher Abend!‹ Kaum hatte er das letzte Wort gesprochen, als die umfangreiche Dame – ohne Zweifel seine Gattin – sich an seine Seite drängte, zärtlich ihren Arm durch den seinigen schob und ihm auf französisch antwortete: ›O mein Guido! Du mein einziges Glück, welche Wonne, an deiner Seite den herrlichen Abend zu bewundern, welch ein Zauber!‹ ›Laß doch die Narrheiten‹, unterbrach sie barsch der gestrenge Eheherr, ›und kümmere dich lieber um deine Kinder!‹« Diesen Augenblick hatte Winkel benutzt, um leise um die Ecke zu gleiten, und bald darauf saß er wieder an meiner Seite und berichtete mir genau über das Gesehene und Gehörte. Häufig noch vernahmen wir an späteren Abenden den Gesang, wir fanden ihn gewiß nicht weniger schön, doch regte sich bei Winkel nie wieder die Lust, einen nächtlichen Gang an der Außenseite des Balkongitters zu wagen. Mein Aufenthalt in New Orleans erreichte sein Ende, ich nahm Abschied von Winkel, und bald trennten uns Hunderte von Meilen. Jahre flogen dahin, für mich abwechselnd Jahre der süßen, heimatlichen Ruhe und des bewegten Reiselebens, und unvermutet trafen wir endlich in Albuquerque wieder zusammen. Bald nach meiner Abreise von New Orleans hatte auch Winkel jene Stadt verlassen; ich glaube, eine Kreolin war ihm untreu geworden, und wenn auch nicht mit gebrochenem Herzen, so hatte er sich doch mit gebrochenen Finanzen und in sehr verdrießlicher Stimmung dem Staat Texas zugewandt. Dort war er weniger vom Glück begünstigt worden, und nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, sich wieder emporzuarbeiten, hatte er sich endlich dem Soldatenstand in die Arme geworfen. Mit einigem Bedauern vernahm ich letzteres, denn da die stehende Armee der Vereinigten Staaten mit Ausnahme der Offiziere nur aus Leuten besteht, die nicht arbeiten mögen, oder aus solchen, die, durch Unglück dazu getrieben, den Soldatenstand als letzte Quelle zum Lebensunterhalt betrachten, so hat sich allgemein ein gewisses Vorurteil gegen diese gebildet, so daß man nicht gern einen alten Bekannten oder Freund darin weiß. Winkel, der durch seine Kenntnisse und seine Bildung bald auffiel, war übrigens schnell zum Wachtmeister befördert worden, und als er nach Ablauf seiner vierjährigen Dienstzeit entlassen wurde, war er zum Fourage-Amt übergetreten, hatte als Trainmeister eine Regierungskarawane nach Neu-Mexiko begleitet und befand sich also jetzt als Sekretär in Albuquerque. Er war sehr beliebt bei seinen Vorgesetzten, doch äußerte er gegen mich seine Absicht, mit der nächsten Gelegenheit nach Kalifornien zu gehen, um auch dort sein Glück zu versuchen. Ich zweifle nicht an Winkels gutem Fortkommen, nachdem er eine so verschiedenartige und größtenteils harte Schule durchgemacht hat; und die gesammelten Erfahrungen befähigen ihn wohl dazu, sich in dem regen Geschäftsverkehr Kaliforniens leicht und schnell von Stufe zu Stufe emporzuschwingen. Winkels Leben in den westlichen Regionen, in einem Regiment, das unbedingt dazu bestimmt war, eine Schutzmauer gegen die feindlichen Eingriffe der Komantschen und Kiowa-Indianer bilden zu helfen, war reich an abenteuerlichen Ereignissen, und manche Stunde – sowohl in seiner Wohnung als auch im Lager – brachten wir damit hin, uns gegenseitig die Lichtpunkte aus den letzten fünf Jahren zu schildern. Als wir uns später trennten, hieß es: »Auf Wiedersehen!« Aber wo wiedersehen? Ob nun am heimatlichen Herd in Europa, ob in Afrikas Wüsten, ob in Australien, Asien oder abermals in Amerika – das ruht verborgen im Schoß der Zukunft. Vielleicht sehen wir uns auch gar nicht wieder. Das Corpus-Christi-Fest wurde durch Fandangos beschlossen, und wie die religiösen Feierlichkeiten den Tag über die Straßen bunt belebten, so bot die Stadt nach Einbruch der Nacht nicht weniger lebhafte Szenen. Musik schallte aus allen Richtungen, und nach derselben hin eilten alt und jung, um nach Herzenslust der unbezwinglichen Tanzwut zu frönen. Die Bewohner von Neu-Mexiko sind nämlich noch harmlos genug, zu glauben, daß rauschende Vergnügungen und notwendige Arbeiten an Fest- und Sonntagen ihr Seelenheil nicht beeinträchtigen. Den Mörder hatte ich seit unserer Ankunft am Rio Grande gänzlich aus den Augen verloren; nicht wenig überraschte es mich daher, als ich auf mein Fragen nach seinem Schicksal erfuhr, daß er entsprungen sei. Es war für uns natürlich das Bequemste, denn im anderen Fall hätten wir noch einige Monate in Albuquerque zurückbleiben müssen, um bei der gerichtlichen Untersuchung als Zeugen vernommen zu werden – ein Umstand, der wohl zu überlegen war, ehe man den Menschen wirklich dem Gericht übergab. Die Flucht, die ihm möglicherweise nicht sehr erschwert wurde, enthob uns aller Widerwärtigkeiten, und ich erinnere mich auch nicht, daß irgendwie Versuche zum Einfangen des Verbrechers angestellt worden sind. Die Strafe wäre jedenfalls nur sehr gelinde ausgefallen, denn die Trunkenheit und mithin die Unzurechnungsfähigkeit des Mörders während der Tat konnte bewiesen werden, und dies ist in den Händen dortiger Juristen gewöhnlich eine treffliche Handhabe, um einen überwiesenen Verbrecher dem Galgen zu entreißen. Am 7. Juni kehrte Lieutenant Ives von Santa Fé zurück, und alsdann wurden die Leute sogleich entlassen und die Expedition für aufgelöst erklärt. Nur wir, deren nächstes Ziel der Missouri war, blieben noch auf dem Ufer des Rio Grande zurück; wie auch die Eskorte, die zu unserer Begleitung bestimmt war. Auf Veranlassung des Generalkommandos in Santa Fé ging uns durch Lieutenant Ives die Weisung zu, auf unserer Reise die Militärstation Fort Union, die sich am Fuß der östlichsten Ausläufer der Rocky Mountains befindet und an der die alte Handelsstraße in geringer Entfernung vorbeiführt, zu berühren, um dort den noch fehlenden Proviant zu beziehen und zugleich unsere vierzehn Tiere noch einige Kräfte zu dem bevorstehenden scharfen Ritt sammeln zu lassen. Außerdem harrte auf jener Station ein Offizier, der nach den Vereinigten Staaten zurückkommandiert war; und um diesem Gelegenheit zu geben, sich mit seiner Familie uns anschließen zu können, sollten wir unseren Aufenthalt in Fort Union nach Umständen verlängern. Auch die nötigen Geldmittel zur Bestreitung der Reisekosten nach unserer Ankunft am Missouri händigte Lieutenant Ives uns ein, und er versah uns zugleich mit weitreichendem Kredit, so daß wir gegen alle Zufälligkeiten vollkommen gesichert waren. Als nächstes Ziel wurde Fort Leavenworth am oberen Missouri bestimmt; dort sollten wir unsere Tiere nebst ganzer Ausrüstung dem Kommandeur des Forts übergeben und dann unsere Reise auf Eisenbahn und Dampfboot nach Gefallen und Bequemlichkeit fortsetzen. Lieutenant Ives selbst verließ uns schon am Abend des folgenden Tages, also am 8. Juni. Wir begleiteten ihn bis zu dem leichten Reisewagen, der ihn hinunter nach El Paso und von dort nach Fort Yuma und San Diégo bringen sollte, und ich glaube nicht, daß einer von uns ihn um diese Reise beneidete. Dagegen äußerte er mehrmals sein innigstes Bedauern, nicht mit uns vereint die Grasfluren durchwandern zu können. Wir nahmen Abschied voneinander, bestimmten noch im letzten Augenblick einen Gasthof in New York, wo wir wieder zusammenzutreffen beabsichtigten, und dahin eilte die mit sechs leichtfüßigen Maultieren bespannte Post der Vereinigten Staaten, und ihr nach trabten ein halbes Dutzend eskortierender Dragoner. An den beiden folgenden Tagen nahmen das Packen des Wagens und das Herbeischaffen von immer neuen Lebensmitteln fast ausschließlich unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Jeder entdeckte noch etwas in der Stadt, was ihm des Mitnehmens wert schien und was er vor sich auf dem Sattel mit ins Lager brachte. Der eine trabte herbei und schwang von weitem schon lustig einen Schinken; ein anderer balancierte auf dem Sattelknopf einen Korb mit Flaschen; wieder ein anderer schleppte verschlossene Zinnbüchsen und in diesen eingemachte Austern und Hummern herbei; auch kleine Fäßchen, vier an der Zahl, mit starkem und stärkendem Inhalt erschienen allmählich bei uns sowie gedörrtes Hirsch- und Büffelfleisch. Genug, es war einmal unsere Absicht, auf der Strecke von neunhundert englischen Meilen keine Not zu leiden, im Gegenteil unsere Reise in eine wahre Lustreise umzuwandeln, und was daher irgend dazu beitragen konnte, uns in den Grassteppen einen Genuß oder eine kleine Freude zu gewähren, und es lag nur in dem Bereich unserer Kräfte, das wurde herbeigeschafft und fand leicht ein Unterkommen auf dem geräumigen, mit Leinwand verdeckten Wagen. Als wir uns dann am Abend des 10. Juni zur Ruhe begaben, konnten wir uns gestehen, daß wohl selten eine Gesellschaft durch die Prärien zog, die auf so glänzende Weise ausgerüstet gewesen wäre als wir. Dreiunddreißigstes Kapitel Aufbruch von Albuquerque – Parforcejagd der Indianer – Nachtlager in Algodones – Vergebliches Harren auf die Eskorte – Verlassen des Tals des Rio Grande – Romeros Rancho – Santa Fé – Exchange Hotel – Abschied von Santa Fé – Lager am Stone Corral und Zusammentreffen daselbst mit der Eskorte – Schöne Landschaften – Die Ruinen von Pecos – Lager daselbst – Trennung von der Eskorte – Die California-Emigranten – Der Rio Pecos – Das Städtchen San José – Das Tal des Pecos – Ojo del Verde – Abirren der Eskorte nach Anton Chico – Lager in Las Vegas – Die Heilquellen – Der See auf dem Hochland – Ankunft am Rand der Prärie und in Fort Union 11. Juni. In aller Frühe schon waren wir reisefertig; acht kräftige Tiere in festen Geschirren standen vor dem schwerbepackten Wagen, in dem eben die Feldstühle, der Tisch und das zusammengerollte Zelt geschoben wurden; sechs andere Tiere harrten ihrer Reiter, und als dann der Fuhrmann mit lauter Stimme ausrief: »All ready!« und den Ruf mit dem Knallen seiner zähen Peitsche begleitete, schwangen wir uns in den Sattel, und lustig trabten wir Albuquerque zu, durch welche Stadt unser Weg führte. Die Eskorte war ebenfalls mit dem Aufbruch beschäftigt, wir bezeichneten daher Lieutenant Tipton die Stadt Algodones als den Punkt, an dem wir zu übernachten beabsichtigten, und zogen dann guter Dinge unseres Weges. Wie ich schon oben bemerkte, bildeten wir mit unseren Dienern eine Gesellschaft von sieben Mann, und zwar waren es alle so kräftige und mutige Leute, wie sie nur jemals das Gras der Prärien betraten. Es fehlte uns nicht an Erfahrung und, nachdem der Doktor sich wieder erholt hatte, auch nicht an Gesundheit; und da wir mit Büchsen, Doppelflinten, Revolverpistolen und langen Messern reichlich versehen waren, so bildeten wir eine kleine Macht, die sich gewiß nicht vor einigen Dutzend Indianern zu scheuen brauchte und bei entsprechender Wachsamkeit sich unbelästigt zwischen allen Präriestämmen hindurchwinden konnte. Reisende Karawanen sind in Albuquerque gewiß etwas Alltägliches; als wir aber durch die Straßen der Stadt zogen, schloß sich mancher unserem Zug an, freilich weniger aus Neugierde, als um in dem bekannten Eckhaus am Markt einen Abschiedsbecher mit uns zu trinken. Ruhig sandten wir daher unseren Wagen und die Diener voraus, kehrten noch einmal auf der Ecke ein, und fröhliche Stimmen und Klirren von Gläsern erfüllten bald die in Tabaksdampf schwimmenden Räume des Sutler-Ladens. – Gaserleuchtete Salons mit getäfeltem Fußboden und mächtigen Spiegeln, die lieblich die bezaubernden Bilder zarter Herren mit süßlich-verbindlichen Mienen und kühn gedrehten, duftenden Schnurrbärtchen zurückstrahlen, und wo aus umfangreichen Bergen von Seide und Spitzen die halbnackten Büsten schöner Frauen und Mädchen emporragen, lassen allerdings einen Vergleich mit einer Trinkhalle des Westens nicht zu. Doch wirft man einen Blick in letztere, wo hinter rauher Hülle Offenheit, Frohsinn, und oft auch Geist verborgen sind und wo das staubige, zerrissene Jagdkostüm und der zottige Bart den wohlerzogenen Mann nicht ganz zu verstecken mögen (ich spreche hier nur von einer bestimmten Klasse von westlichen Trinkhallen), dann bezweifelt man es fast, daß das Schönste und Glänzendste auch immer das Verständigste ist, und ohne Kummer erträgt man die Vorwürfe, die für den Aufenthalt an solchen Orten oder auch nur für die Beschreibung derselben gemacht werden. So werde auch ich die letzten Stunden in Albuquerque niemals bereuen, sondern ich werde mich ihrer noch recht oft mit Freunden erinnern, ohne dabei einen einzigen der bei jener Gelegenheit ausgebrachten Toasts, die Glückwünsche oder die Händedrücke zu vergessen, die uns begleiteten, als wir unsere Tiere bestiegen und im Sattel den letzten Becher leerten. »Glück auf die Reise!« schallte es uns nach, als wir den Tieren die Sporen gaben und durch die Stadt ritten. Die Hufe klapperten auf der festen Lehmstraße, und bald lag die graue Stadt hinter uns, vor uns aber das Tal des Rio Grande, auf dessen Ufer wir stromaufwärts zogen. Unser Wagen war schon weit voraus, auch die Mitglieder der Eskorte schwankten schon vor uns her oder lagen vereinzelt besinnungslos in den nächsten Gräben. Die Eile, mit der wir ritten, mußten wir aber bald einstellen, indem der Weg uns durch Niederungen führte, die von den Fluten des Stroms aufgeweicht oder auch ganz bedeckt waren, und so vergingen denn einige Stunden, ehe wir unseren Wagen wieder erreichten. Mit wenig Unterbrechung umgab uns während des ganzen Vormittags ebener, fruchtbarer Boden; Kanäle, Gräben und tiefe Furchen durchzogen vielfach das Tal; alle Schleusen waren von den dortigen Bewohnern geöffnet worden, um dem Erdreich eine nachhaltigere, befruchtende Feuchtigkeit zuzuführen, und so gelangten wir denn an manchen Stellen nicht ohne Mühe durch die Vertiefungen, in denen das Wasser unaufhaltsam dahineilte. Kleine Städte, Dörfer und Gehöfte zierten vielfach die weite Ebene, überall waren die Frühlingsarbeiten schon in Angriff genommen worden, die Wiesengründe begannen sich in lichtes Grün zu kleiden, und am östlichen Rand des Tals, da, wo dürrer Kiesboden die Grenze bildete und gleichmäßig zur Basis des Sandiagebirges aufstieg, erkannte ich die Straße, auf der ich vor Jahren in der Gesellschaft meines verehrten Freundes, des Captain Whipple, reiste. Gegen Mittag näherten wir uns der Indianerstadt Bernalillo; uns erwartete dort ein überaus interessantes Schauspiel. Die Indianer waren nämlich in großer Anzahl zur Hasenjagd ausgezogen und hatten sich, auf guten Pferden beritten, über das ganze Tal, so weit das Auge reichte, zerstreut, so daß zwischen den einzelnen Reitern ein Zwischenraum von fünfhundert bis tausend Schritt blieb. Langsam umherreitend, störten sie die Hasen aus dem Lager und verfolgten sie so lange in gestrecktem Lauf, bis der nächste Nachbar die Jagd aufnehmen konnte, der das geängstigte Tier dann einem anderen Reiter zutrieb, um von diesem die Jagd fortsetzen zu lassen. Wohin die armen Hasen sich auch wenden mochten – überall stießen sie auf Indianer, die auf ihren flinken Pferden wie toll dahinstürmten und sich in ihrer wilden Jagd weder durch Kanäle noch Gräben aufhalten ließen. Und so bot denn das Ganze ein umfangreiches, aber äußerst belebtes Bild, und mit Wohlgefallen betrachtete ich die festlich geschmückten Krieger, wie sie gewandt ihre schäumenden Rosse lenkten und jubelnd ihre kurzen, krummen Stäbe schwangen – die einzige Waffe, die sie gegen die ermattenden Hasen anwendeten. Jeder Reiter führte drei bis vier dieser einfachen Instrumente, und seine Aufgabe bestand darin, während des Rennens die eigentümliche Waffe zu schleudern und sich die Beute durch einen wohlgezielten Wurf zu sichern. Auf andere Weise der Beute habhaft zu werden, schienen sie gänzlich zu verschmähen, denn als ich einmal meine Büchse hob, um einen der verfolgten Hasen zu töten, der mit schlagenden Seiten nicht weit von mir auf dem Ufer eines Grabens saß, schrien und winkten mir mehrere herbeigaloppierende Jäger zu, ihnen nicht ihre Freude zu verderben. Natürlich ließ ich die Büchse sogleich wieder vor mich auf den Sattel gleiten und war dann Zeuge, wie das geängstigte Tier noch einige Male im Kreis herumgehetzt wurde und nach dem zweiten Wurf mit einem der wirbelnden Stäbe leblos zusammenrollte. Bei Bernalillo verließen wir die Talgründe und bogen in die Straße ein, die den kulturfähigen Boden gleichsam vom Wüstenland trennt. Das milde Wetter, dessen wir uns fast während des ganzen Tages erfreut hatten, veränderte sich gegen Abend; ein heftiger Nordsturm sprang auf, trieb Sand und Staub in unsere Augen und wälzte schwere Regenwolken über uns hin. Wir erreichten indessen vor Einbruch der Dämmerung die Stadt Algodones und sprachen bei einem amerikanischen Kaufmann vor, von dem wir, da er Regierungslieferant war, gegen Quittung Futter für die Tiere und einen Schuppen zu unserem eigenen Aufenthalt erhielten. Ein Gewitter, von heftigem Regen begleitet, entlud sich während der Nacht, als wir aber nach ungestörter, bequemer Nachtruhe am Morgen des 11. Juni ins Freie traten, entstieg die Sonne im vollsten Glanz den östlichen Gebirgen, und in ungetrübter Klarheit wölbte sich über die Landschaft der lichtblaue Frühlingshimmel. Da die Eskorte am vorhergehenden Abend nicht eingetroffen war, so harrten wir noch mehrere Stunden auf diese, doch waren wir endlich gezwungen, aufzubrechen, wenn wir noch vor Einbruch der Nacht das Gehöft des nächsten Regierungslieferanten erreichen wollten. Wir hinterließen daher für Lieutenant Tipton die Nachricht, daß wir einen Abstecher nach Santa Fé machen und ihn demnächst wieder einholen würden, und zogen dann weiter am Rio Grande hinauf, bis wir uns angesichts der Pueblo de Santo Domingo, Siehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 217. und gegenüber der auf dem rechten Ufer gelegenen Indianerstadt San Felipe befanden. Dort wandten wir uns, der Hauptstraße folgend, gegen Osten, und stark ansteigend gelangten wir in den Nachmittagsstunden nach der Hochebene hinauf, an deren nördlichem Rand, geschützt von hohen Gebirgsmassen (Santa Fé Mountains), die Stadt Santa Fé liegt. An der Stelle, wo wir den Rio Grande verließen, betrug die Erhebung über dem Meeresspiegel 5220 Fuß, in der Nähe der alten Vulkane Los Cerritos, wo wir die Nacht zubrachten, dagegen schon über 6000 Fuß. Den Weg, den wir an diesem Tage zurücklegten, fanden wir größtenteils ungünstig für Wagentransporte, besonders aber im Bett des Galisteo-Flusses, dem wir mehrere Meilen nachzufolgen hatten. Im übrigen führte die Straße beständig abwechselnd bergauf und bergab über steinigen, unfruchtbaren Boden, wo nur strichweise verkümmerte Zedern gediehen. Erst zur späten Nachmittagsstunde, als wir die von zahlreichen Quellen bewässerten Niederungen nahe den Cerritos erreichten, erblickten wir wieder größere Ansiedlungen und Ranchos, umgeben von umfangreichen kultivierten Feldern. Unser Tagesmarsch betrug sechsundzwanzig Meilen und wir lagerten in der Nähe von Romero's Rancho, wo wir nicht nur Futter für die Tiere, sondern auch Hühner, Tauben, Eier und Milch für unsere Küche bezogen. Die Nacht war klar und mild, der Morgen des 12. Juni frisch und kalt, und wohl war es merklich, daß wir uns sehr hoch über dem Meeresspiegel befanden. Wir verließen Romero's Rancho frühzeitig, und als wir die nächste Erhebung des Bodens erreichten, schimmerte uns aus nordöstlicher Richtung, wie in Nebel gehüllt, das altertümliche Santa Fé entgegen. Der größte Teil der Stadt, der in dem niedrigen Tal des Rio Chiquito liegt, blieb uns zwar unsichtbar, doch deuteten die zahlreichen Rauchsäulen, die scheinbar der Ebene entstiegen, auf die weite Ausdehnung derselben. Auch an den Abhängen des Gebirges, dessen beschneite Gipfel stolz zu den Wolken emporragten, erblickte ich dergleichen Anzeichen vom Vorhandensein menschlicher Wohnungen. Die Ebene selbst, über die wir eine Strecke von fünfzehn Meilen zu reiten hatten, trug wieder vollständig den Charakter einer unwirtlichen Wüste, doch wurde das Öde – ich möchte fast sagen Abschreckende – bedeutend durch den Umstand gemildert, daß man nach allen Richtungen hin die Grenzen zu übersehen vermochte und daß hinter diesen sich die malerischen Formen mächtiger blauer Gebirgszüge erhoben. So lagen südlich von uns, wie miteinander verbunden, die Massen des goldbergenden Es ist erwiesen, daß die Gebirge Neu-Mexikos sehr reich an Gold, Kupfer, Eisen und auch Silber sind, und es finden sich überall die Spuren, daß zur Zeit der Oberherrschaft der Spanier in jenem Teil Amerikas die Minen mit größerem Fleiß und infolgedessen mit größerem Erfolg bearbeitet wurden. Der ungeordnete Zustand, in dem Neu-Mexiko sich noch immer befindet, der Mangel an Betriebskapital und die an Trägheit grenzende Gemächlichkeit der besitzenden Klasse sind wohl die Hauptursachen der Vernachlässigung des Bergbaus. Die meist armen Goldgräber erblickt man in ganz kleinen Abteilungen von zwei bis sechs Mann, wie sie mittels Hämmern das goldbergende Quarz zertrümmern und durch Waschen das edle Metall von dem Gestein scheiden oder auch in den Betten der Gebirgsbäche und Ströme mühsam den Goldstaub durch Wasser vom Sand trennen. Der »Alte« und der »Neue Placer« in der Nähe von Santa Fé haben übrigens in neuerer Zeit wieder die Aufmerksamkeit der Goldgräber auf sich gelenkt, und hier werden jetzt Minen regelmäßig bearbeitet. Das gewonnene Gold wird fast durchwegs nach den Vereinigten Staaten geführt, und dadurch ist eine Berechnung des Ertrags kaum möglich. Placer und des Sandiagebirges, westlich die nebligen Kuppen der Jemez Mountains, nördlich und nordöstlich das Santa-Fé-Gebirge. Die Öffnungen zwischen diesen Hauptzügen füllten waldige Hügel oder abgesonderte, weniger bedeutende Felskegel aus, so daß man sich fast in der Mitte eines weiten Beckens wähnen konnte. Santa Fé ist die Hauptstadt von Neu-Mexiko sowie der Sitz des amerikanischen Generalkommandos und der Legislatur jener Provinz. Die größte Wichtigkeit erhält aber der Ort dadurch, daß er schon seit seiner ersten Gründung der Stapelplatz aller für Neu-Mexiko bestimmten Güter ist, die ihm fast ausschließlich vom oberen Missouri aus zugeführt werden. Freilich kommen jetzt auch schon Handelskarawanen von Texas herauf und bringen die von Dampfbooten an der texanischen Küste ausgeladenen Waren, doch stehen diese in gar keinem Verhältnis zu den Tausenden von schweren Frachtwagen, die jährlich auf der alten Handelsstraße durch die endlosen Grassteppen ziehen. Die Einwohnerzahl wird bis 20 000 angegeben, doch dies ist unwahrscheinlich; jedenfalls muß ein ständiges Schwanken vorherrschen, da ein großer Teil der Einwohner jenen Ort nur zum zeitweisen Aufenthalt wählt und sich nach einigen glücklichen Geschäftsjahren wieder den mehr kultivierten Gegenden zuwendet. Die Bevölkerung besteht aus Mexikanern, Amerikanern, Deutschen und Franzosen, und der Handel bildet die Hauptbeschäftigung von allen. Daß Santa Fé übrigens zu gewissen Zeiten eine verhältnismäßig größere Anzahl von umherstreifenden Abenteurern birgt als irgendeine andere Stadt des amerikanischen Kontinents, ist leicht erklärlich, da Leute, denen Lust oder Gelegenheit zur Arbeit mangelt, am Missouri leicht Anstellungen bei den Karawanen finden, deren Ziel die westlichen Regionen sind. Dergleichen Anstellungen dauern gewöhnlich nur so lange wie die Reise selbst, und Santa Fé wimmelt deshalb von Menschen, deren einzige Beschäftigung es ist, den gewonnenen Lohn zu verjubeln und auf eine neue Reisegelegenheit zu harren. Eine andere, aber ehrenwertere Klasse von Menschen, die freilich auch mit ihren Gelagen und tollen Streichen zuweilen die ganze Stadt in Aufregung bringt, sind die Fallensteller, Pelzjäger und Tauschhändler. Unter Gefahren und Entbehrungen durchstreifen diese kühnen Leute in kleinen Gesellschaften die wildreichen Niederungen und Täler in den Rocky Mountains von den Quellen des Canadian bis hinauf zum Yellowstone River. Kehren sie dann im Sommer zurück, um das erbeutete Pelzwerk zu verwerten, sich neu auszurüsten und mit Tauschartikeln zu versehen, so stürzen sie sich wie Seeleute, deren Schiff im sicheren Hafen eingelaufen ist, in einen Strudel wilder, rauschender Vergnügungen, aus dem sie nur wieder hervorgehen, um mit Büchse und Fallen ihrem gefährlichen Handwerk nachzuhängen. Die Straßen von Santa Fé sind eng, unregelmäßig und unsauber, selbst der Marktplatz beweist, daß dort niemand an die Verschönerung der Stadt denkt. Die Häuser, fast alle im spanisch-mexikanischen Stil erbaut, haben durchwegs ein wenig einladendes Äußeres. Im Inneren derselben vermißt man allgemein die ordnende Hand einer Hausfrau, und tritt man am Markt und in den Hauptstraßen durch eine der niedrigen Türen, so kann man gewiß sein, sich entweder in einer Trinkhalle, in einem Fandangosaal oder in einem Kaufladen zu befinden. Unter den Eigentümern der ersteren findet man alle Nationen ziemlich gleich vertreten, ja es fehlt sogar nicht die unvermeidliche deutsche Bierstube. In den Kaufläden dagegen stößt man vorzugsweise auf Amerikaner und deutsche Juden, und es gewährt eine gewisse Freude, zu beobachten, wie hier die Verschiedenheit der Nationalität oder der Religion ohne Einfluß auf den geselligen Verkehr bleibt. Wir kehrten im Exchange Hotel ein und fanden hier unter mexikanischen Mauern lauter bequeme amerikanische Einrichtungen. Der Tisch war so gut, wie man es unter dortigen Verhältnissen nur erwarten durfte, und die Betten – wir konnten uns nämlich den Genuß nicht versagen, endlich einmal wieder eine Nacht in Betten zuzubringen – erschienen uns, trotz ihrer Mängel, als ganz außergewöhnlich komfortabel. Die Zeit flog sehr schnell dahin, denn Peacock traf immer neue Freunde und Bekannte, denen er uns vorstellte und mit denen wir selbstverständlich vor allen Dingen einen »Trunk nehmen« mußten. Zuletzt betrachtete ich schon jeden Eintretenden mit einer gewissen Scheu, indem ich, sobald ich ein Erkennen zwischen ihm und unserem Freund Peacock wahrnahm, mich auch zu einem neuen Glas verurteilt sah – eine Ehre, die ich nicht zurückweisen durfte, wenn ich nicht für einen Mann ohne Takt und ohne alle Bildung gelten wollte. Der folgende Tag, der 13. Juni, war ein Sonntag, und unsere Abreise war auf zwölf Uhr mittags festgelegt worden, doch bis nach zwei Uhr standen unsere gesattelten Tiere vor dem Haus, und wenigstens vier Stunden hindurch versicherten uns die neuen Bekannten, daß sie augenblicklich zu ihren Wohnungen zurückkehren müßten, wo sie zum Essen oder dringender Geschäfte halber erwartet würden. Die Zeit verrann, Mittag ging vorüber, unser Wagen mit den Dienern hatte die Reise schon längst angetreten, und noch immer standen wir, umdrängt von Deutschen und Amerikanern, mit denen wir mehrfach durch die unvermeidliche Zeremonie des Abschiedstrunks zu gehen hatten, ehe sie überhaupt gestatteten, uns von den Stühlen zu erheben. Als die große Wanduhr zwei schlug, brachen wir uns mit Gewalt Bahn ins Freie, und gleich darauf galoppierten wir durch die engen Straßen, als wenn es ein Ritt ums Leben gewesen wäre. Der Weg führte nun an der nördlichen Grenze der Ebene hin, und zwar in nordöstlicher Richtung; die Ausläufer des nahen Gebirges durchschnitten vielfach gegen Süden unsere Straße, und wir befanden uns dadurch in einer beständigen Abwechslung von Hügel und Tal, geschmückt mit schöner Baumvegetation. Grünende Pfosteneichen schimmerten uns aus den feuchten Klüften entgegen, während hochstämmige Tannen sich an den Abhängen hinaufzogen und kurzes Zederngebüsch von den Höhen gleichsam in die Niederungen hinabschaute. Und so war denn unsere Umgebung gänzlich entsprechend unserer Stimmung, das heißt, sie war lebensfrisch und romantisch, und mit einem gewissen Wonnegefühl ritten wir durch die anmutigen Gegenden, die ein milder Regen während des Tages erquickt hatte. Zwölf Meilen hatten wir zurückgelegt, als wir eine kleine, von waldigen Höhen eingeschlossene Lichtung erreichten. Der Weg führte mitten über diese, und an den zahlreichen fast verwischten Aschenhaufen und neueren Feuerstellen zu beiden Seiten erkannten wir sogleich eine vielbenutzte Lagerstelle, die schon seit langen Jahren von Reisenden und Karawanen als die erste oder letzte Station vor Santa Fé betrachtet worden war. Unseren Wagen erblickten wir auf der Mitte der Lichtung, und unsere Leute waren eben damit beschäftigt, die Tiere an langen Leinen anzupflocken, während etwas weiter zurück Lieutenant Tiptons Zelt stand und seine Soldaten mit mehr Ernst und Haltung als in Albuquerque ihre Vorbereitungen für die Nacht trafen. Allen Reisenden, die jemals Santa Fé besuchten, ist der Name »Stone Corral« oder Steineinfriedung gewiß nicht unbekannt. Stone Corral heißt nämlich der Punkt, an dem wir mit unserer Eskorte zusammentrafen, und die Trümmer eines alten Mauerwerks, das sich nur wenige Schritte von der Quelle entfernt befindet, haben Grund zu dieser Bezeichnung gegeben. Die Ruinen bestehen aus den letzten, aber deutlichen Überresten einer aus Feldsteinen aufgeführten Mauer, die, ähnlich dem Fundament eines Turms, eine runde Fläche von etwa sechzehn Fuß Durchmesser einschließt. Ob sich nun einst Adobemauern auf dem Steinwall erhoben und einen wirklichen Turm bildeten, ob die Ureinwohner sich dort gegen feindliche Nachbarn zu schützen suchten oder ob Pelzjäger sich hier gegen Eingeborene verteidigten und die feste Einfriedung um ihre Warenvorräte zogen, vermag ich nicht anzugeben, denn die Baulichkeit ist so, daß Jahrhunderte den Steinwall nicht wesentlich verändern können und daß man dessen Ursprung ebensogut ins Altertum als in die Neuzeit verlegen kann. Ich bin indessen geneigt, zu glauben, daß der sogenannte Stone Corral, der zu klein ist, um als ein alter Viehstall betrachtet zu werden, sein Entstehen denselben Völkern verdankt, deren kreisförmige Befestigungsspuren man mehrfach im östlicheren Nordamerika findet und die zu beobachten ich vor Jahren im Nebraska-Territorium Gelegenheit hatte. Die erwähnten Spuren eines solchen Bauwerkes im Nebraska-Territorium erblickte ich über 500 Meilen weit westlich vom Missouri, in der Entfernung von drei Meilen vom Nebraska oder Platte River selbst. Diese bestanden nur noch aus einem sehr niedrigen Erdwall mit einer grabenähnlichen Vertiefung hinter demselben. Durch die wandernden Büffelherden dem Boden fast gleichgemacht, würde die Unebenheit mir kaum aufgefallen sein, wenn nicht eben die regelmäßige Kreisform so hervortretend gewesen wäre. Eine ähnliche Mauerruine hatte ich übrigens kurz vorher, ehe wir die Lichtung erreichten, auf einer der Höhen dicht am Weg wahrgenommen. Die Forschungen, die ich bei den Bewohnern jener Gegend betreffs der Stone Corrals anstellte, erwiesen sich als fruchtlos, doch darf ich nicht unerwähnt lassen, daß mein Aufenthalt von zu kurzer Dauer war, als daß dieselben als erschöpft betrachtet werden könnten, und ich gebe also in diesem Fall nur die Beschreibung der durch eigene Anschauung gewonnenen Eindrücke. 14. Juni. Lieutenant Tipton hatte sich schon frühzeitig mit seiner Eskorte auf den Weg begeben; wir folgten eine Stunde später nach, und ungestört, wie wir von allen Seiten blieben, hatten wir den vollen Genuß einer wahrhaft schönen und paradiesischen Umgebung, die, aufs neue erfrischt durch nächtlichen Regen und darauffolgenden schweren Tau, sich den wärmenden Strahlen der Sonne entgegenzudrängen schien. Schroffe Felsen wechselten mit waldigen Hügeln ab; klare Bäche und Quellen rieselten durch kultivierte und unkultivierte Niederungen; in wunderlieblichen Gruppen vereinigten sich dunkelfarbige Koniferen und üppiges Laubholz; Kräuter, Pflanzen und Sträucher bedeckten wuchernd die Waldlichtungen; an den Blättern, Nadeln, Halmen und Knospen funkelten, ähnlich ebensovielen Diamanten, in den prächtigsten Regenbogenfarben Millionen von Tropfen, gleichsam miteinander wetteifernd im Zurückwerfen der Sonnenstrahlen, die, wie undankbar, all die kleinen Spiegel zerstörten. Doch was die Tautropfen zerstörte, das wirkte wohltätig auf die dickköpfigen Grillen, die Locusts, Locust wird allgemein auf dem amerikanischen Kontinent die große Zikade genannt, die durch das schmetternde Gerassel beim Auffliegen häufig den Spaziergänger erschreckt. Den Heuschrecken ähnlich, erscheinen die Locusts in manchen Distrikten herdenweise, wo sie dann zur Landplage werden. die in großer Anzahl auf den Zweigen umhersaßen und die genäßten Flügel und Trommeln den trocknenden Sonnenstrahlen preisgaben. Dumpf rasselten sie in der Frühe in kurzen Absätzen mit ihren geräuschvollen Instrumenten; als aber die zunehmende Wärme die kleinen Trommelhäute unter den Flügeln straff spannte, da begannen die endlosen, tausendfachen Wirbel in Baum und Strauch, ein gellendes Geschwirr und Gesumm erfüllte die stillen Lüfte und übertönte fast den Gesang der reizenden Spottdrossel, die verstohlen im schattigen Winkel saß und fröhlich ihre süßen Lieder in die Welt hinaussandte. Aber auch Menschen belebten die anmutigen Landschaften, und wo die Leute selbst nicht sichtbar waren, da zeugten kleine Gehöfte und Blockhäuser von deren Nähe; Einfriedungen von Pfahlwerk, echt amerikanische »Fenzen«, schimmerten hin und wieder durch das Gebüsch, und darauf saßen Hühner, laut gackernd und sich sonnend. So vermeint man oft die Natur in ihrem schönsten Festkleid vor sich zu sehen, und wie Lobgesang klingt das leiseste Geräusch, welches das kleinste Leben in ihr verrät. Ich versuchte mich zu überreden, daß der Übergang von dürren Wüsten und baumlosen Ebenen zu dem waldgeschmückten Gebirgsland mir alles lieblicher erscheinen lasse; doch wenn auch der »wiederkehrende« Wechsel in der Natur im allgemeinen deren Reiz erhöht, so schwebt mir jetzt, nachdem ich so manchen gesegneteren Landstrich durchzog, jener Morgen noch immer als ein überaus genußreicher in der Erinnerung vor, und beim geistigen Rückblick auf jene Zeiten vergegenwärtigen sich auch die Gefühle und Eindrücke, die damals hervorgerufen wurden, und fast unwillkürlich versuchen diese, sich in meine Beschreibung mit hineinzudrängen. So zogen wir also unseres Weges; Meile auf Meile legten wir zurück, und wärmer schien die Sonne auf unseren Scheitel. Wir überholten die Eskorte bei einem Gehöft, das unter dem Namen Cottonwood Spring bekannt ist. Ein Franzose wohnt hier, und er entnimmt wirklich Schätze dem von ihm kultivierten Boden, da der von ihm gewonnene Mais an der dicht vorbeiführenden Straße stets Käufer findet. Auch wir bezogen dort Futter für unsere Tiere, und nach anderthalbstündiger Rast reisten wir auf der gewundenen Straße weiter. Siebzehn Meilen hatten wir seit dem frühen Morgen zurückgelegt, als wir plötzlich in einem weiten Tal die Trümmer und Ruinen der alten Indianerstadt Pecos vor uns erblickten. Es war ein prachtvoller Anblick, dieser weite, hügelige Kessel, den hohe Plateaus begrenzten; graue, zerfallende Mauern schmückten das Bild vor uns, blaue, schneebedeckte Gebirge bildeten dagegen den Hintergrund, und so wußte man kaum, nach welcher Richtung man zuerst seine Blicke wenden sollte, um den vollen Eindruck der schönen Landschaft zu empfangen. Der Weg führte in geringer Entfernung an den Ruinen vorbei, und da wir dort auf einen klaren Bach stießen und gutes Gras in der Nähe wucherte, so beschlossen wir, hier zu übernachten und die übrige Zeit des Tages zu einem Besuch der Ruinen zu verwenden. Lieutenant Tipton war mit unseren Ansichten nicht einverstanden, er hielt den Marsch für zu kurz; wir aber, sehr wohl wissend, daß es ganz in unserer Macht lag, die Eskorte nach unserem Belieben hinter uns zurückzulassen, beharrten auf unserem Willen und sahen auch bald darauf das Militärkommando zwischen den Hügeln verschwinden. Nachdem wir uns an geeigneter Stelle häuslich niedergelassen, den Staub von Gesicht und Händen entfernt und uns durch Speise und Trank gestärkt hatten, begab ich mich zu der verfallenen Stadt hinüber, und zwar nach dem südlichen Ende derselben, das sich etwa fünfhundert Schritt nördlich von der Straße befindet und durch eine noch ziemlich wohlerhaltene spanische Kirche gebildet wird. Spuren von zahlreichen Einfriedungen, die ursprünglich zur Aufnahme von Viehherden bestimmt gewesen waren, bedecken den Raum, über den ich schritt, ehe ich an die ersten Trümmer von Wohnungen gelangte. Die alten Viehhöfe sind kaum noch an den Fundamentsteinen und kleinen Wällen kenntlich und stehen ohne Zweifel mit der ältesten Geschichte der Stadt in Verbindung, als gezähmte Büffel noch den einzigen Viehstand jener eingewanderten Völkerstämme bildeten. Das nächste, was ich sorgfältig untersuchte, war die Kirche; obgleich schon zerfallen, unterscheidet sie sich in Bauart und innerer Einrichtung kaum von den anderen christlichen Kirchen, die von den spanischen Missionaren in den meisten indianischen Pueblos errichtet wurden. Diese scheint indessen von gewölbeähnlichen Gebäuden umgeben gewesen zu sein, die – bis auf eins jetzt verschüttet und zerfallen – kaum noch die einfache Architektur erkennen lassen. Das Holzwerk in der Kirche ist noch größtenteils vorhanden, sogar Farbe bedeckt die mit einfachem Schnitzwerk verzierten Balken, doch schimmert der blaue Himmel zwischen den Dachüberresten hindurch, und windschief hängen die verwitternden, schweren Türflügel in den rostigen Angeln. Das Gebäude liegt auf dem abgeflachten Kamm eines länglichen Hügels, der sich von Süden nach Norden erstreckt und in dieser Richtung auch an Breite gewinnt. Der westliche Abhang des Hügels, auf dem sich die Spuren der alten Viehhöfe zeigen, senkt sich sanft und geht allmählich in die wellenförmige Ebene über; auf der Ostseite dagegen steigt derselbe schroff aus dem niedrig gelegenen Tal eines Flusses auf, der wohl nur in nassen Jahreszeiten Wasser führt. An die Nordseite der Kirche stößt die alte Stadt; anfangs nur schmal, gewinnen die alten Fundamente und Steinhaufen an Zahl wie an Ausdehnung, bis sie endlich wieder an die Ruine der Häuserreihen stoßen, die einst die Ringmauern dieses Hauptteils der Stadt bildeten. Deutlich erkennt man an den Ruinen zwei verschiedene Zeitabschnitte, denn auf den Trümmern einer alten Stadt erheben sich die Reste einer neueren; erstere zeigen die Spuren von Steinmauern, während letztere aus Adobes oder ungebrannten Ziegeln zusammengefügt sind. Die Wohnungen, die terrassenförmig übereinanderliegen und teilweise noch in ihrer eigentümlichen Bauart erhalten sind, erinnern in jeder Beziehung an die von Zuñi und anderen Indianerstädten; auch die Dachöffnungen, durch die man mittels Leitern in das Innere der Häuser gelangte, sind noch größtenteils zu erkennen. Spuren von Straßen konnte ich nicht entdecken, doch schlossen die Häuserreihen einst einen länglich-viereckigen Platz ein, der offenbar zu öffentlichen Versammlungen und zur Ausübung der religiösen Feierlichkeiten bestimmt war. Auf diesem geräumigen Hof, der jetzt durch die niedergerollten Mauertrümmer die Form eines gleichschenkeligen Dreiecks erhalten hat, befinden sich drei Estufas, in denen einst das Ewige Feuer brannte. Diese Estufas bestehen in zirkelförmigen Aushöhlungen von zwölf Fuß Durchmesser und drei Fuß Tiefe. Die Seiten sind durch dicht nebeneinandergefügte Stäbe gestützt, um das Niederrollen der Erde zu verhüten, und über der westlichsten Höhle ruht ein starker, runder Balken, der diese in zwei Hälften teilt. Außer den nackten Wänden verfallener Häuser und verwitternder Trümmerhaufen, aus denen hin und wieder harzreiche und deshalb noch feste Balken und Pfähle hervorragen, findet man nichts, was auf die Sitten und Gewohnheiten des verschollenen Volkes deuten könnte. Wie ich schon oben bemerkte, ist eine Ähnlichkeit mit den jetzt noch bewohnten Pueblos nicht zu verkennen, doch vermißte ich hier in der Nähe den kulturfähigen Boden, der den früheren Bewohnern die Mittel zum Unterhalt geboten hätte. Nicht ohne Mühe gelang es mir, die überschütteten und fast verwischten Fundamente zu erraten, zu verfolgen, und einen ziemlich genauen Grundriß der ganzen Stadt zu entwerfen. Der Umfang derselben ist nicht bedeutend, aber bei der Unzahl von kleinen Gemächern, welche teils unter, teils über der Erdoberfläche in enger Verbindung miteinander standen und doch jedesmal abgesonderte Wohnungen bildeten, kann kein Zweifel darüber bestehen, daß einst eine sehr zahlreiche Bevölkerung hier auf spärlichem Raum zusammengedrängt lebte. Mein Suchen nach Altertümern erwies sich als fruchtlos; es ließ sich auch kaum anders erwarten, da die Straße so dicht an den Ruinen vorbeiführte und gewiß Tausende von Reisenden schon vor mir dort umhergespürt hatten. In einzelne der unterirdischen Gemächer hätte ich eindringen können, doch standen deren Mauern so wankend, daß ich befürchten mußte, bei der geringsten Erschütterung lebendig begraben zu werden; so begnügte ich mich damit, Zeichnungen von der Kirche sowie auch von der Stadt zu entwerfen und meine Taschen mit Topfscherben zu füllen. Diese Scherben unterschieden sich übrigens gar nicht von denen, die ich früher zwischen anderen Trümmerhaufen fand, nur daß ich hier viele glasierte entdeckte. Wie bei fast allen Pueblos von Neu-Mexiko ruht auch über der Geschichte des alten Pecos und seiner Bewohner ein undurchdringliches Dunkel. Man weiß wohl, daß auch dort die spanischen Missionare ihre Bekehrungswerke übten und daß in den Estufas das heidnische Feuer brannte, während in der nahen Kirche Messen gelesen wurden. Man weiß auch, daß die Kirche schon wieder zerfiel, als noch einige zurückgebliebene Familien ununterbrochen das Ewige Feuer nährten, und daß erst vor wenigen Jahren die letzten Mitglieder eines durch feindliche Überfälle und durch Krankheit untergegangenen Volksstamms ihre Zuflucht in anderen Pueblos fanden; doch alles, was hierüber hinausgeht, fällt in das Reich dunkler Sagen, die an verschiedenen Orten verschieden erzählt werden und bei einer etwaigen Zusammenstellung ein nicht zu entzifferndes Gewirr bieten. Ähnlich wie in der Geschichte der vier Tagereisen von Santa Fé gelegenen Stadt Quivira, Ungefähr 100 Meilen südsüdöstlich von Santa Fé, auf dem Plateau, befinden sich umfangreiche Salzseen oder »Salinas«, von denen in trockenen Jahreszeiten ein großer Teil des Salzbedarfs für Neu-Mexiko gewonnen oder vielmehr einfach von Karawanen eingesammelt und abgeholt wird. Nicht weit von diesen Seen liegen die Ruinen der Stadt »Gran Quivira«. In der Sage über diese Trümmer heißt es, daß dort eine sehr reiche, mächtige Stadt stand, aus deren Minen alljährlich zweimal große Goldsendungen nach Spanien gebracht wurden. Einst, als man Anstalten traf, einen neuen Transport des edlen Metalls abzusenden, wurde die Expedition von den Indianern angegriffen, worauf die Arbeiter ihre Schätze, gegen 50 Millionen, vergruben und flüchteten. Die Indianer setzten ihnen aber nach, und töteten alle bis auf zwei, welche Mexiko erreichten und dort um Hilfe und Rettung der Schätze ersuchten. Furcht vor den Eingeborenen sowie auch die große Entfernung hielten indessen jeden von dem gewagten Unternehmen zurück, doch gelang es dem einen der beiden Flüchtlinge, später in New Orleans eine Kompanie von 500 Mann anzuwerben und für seine Pläne zu gewinnen. Die Expedition brach wirklich auf, doch wurde nie wieder von ihr gehört. In neuerer Zeit wurden jene Ruinen mehrfach von Franzosen und Amerikanern besucht, und obgleich sie vergeblich nach den vergrabenen Schätzen forschten, so brachten sie doch sichere Nachrichten, daß sich dort ein Aquädukt, die Ruinen einer Kirche mit einem spanischen Wappen sowie Höhlen, wahrscheinlich die verschütteten Eingänge zu den Silberminen, befänden. Wislizenus zweifelt deshalb nicht, daß Quivira eine spanische Goldgräberstadt gewesen sei, die bei der allgemeinen Erhebung der Indianer in Neu-Mexiko gegen die Spanier im Jahre 1680 zerstört wurde. Eine genauere Beschreibung der Ruinen von Quivira, aber ähnlich der vorhergegangenen, ist im »Smithsonian report« 1854 veröffentlicht worden. Es heißt dort, daß ursprünglich Indianer die Stadt bewohnt und den Bau einer katholischen Kirche sowie den Aufenthalt von siebzig Priestern und Mönchen bei sich gestattet hätten. Bei der bekannten Erhebung 1680 seien diese nach Vergrabung des Goldes und der Kirchenglocken bis auf zwei ermordet worden. Der letzte Kazike von Quivira soll den Ort, wo die Schätze vergraben wurden, gekannt haben, und es existiert auch eine Beschreibung dieses Punktes, wie sie dem Mund des Kaziken entnommen und in spanischer Sprache niedergeschrieben wurde. Die infolgedessen angestellten Nachforschungen haben sich indessen stets als erfolgslos ausgewiesen. Sagen von vergrabenen Schätzen und vergeblichem Suchen nach denselben wiederholen sich vielfach im mexikanischen Nordamerika wie in Südamerika. die jetzt ebenfalls in Trümmern liegt und die ihrer Goldminen wegen eine Rolle in den spanischen Zeiten gespielt haben soll, knüpfen sich auch an die Stadt Pecos Traditionen von verschütteten Goldminen sowie auch von geopferten Kindern, welche gegessen wurden. Es gelang mir indessen nicht, Beschreibungen und Berichte zu erhaschen, die klar genug gewesen wären, um ihnen hier eine Stelle anweisen zu dürfen. Einem Zweifel unterliegt es nicht, daß zur Zeit der spanischen Conquista edle Metalle in den Gebirgen Neu-Mexikos gewonnen wurden; ob aber die dortigen Goldminen damals einen reicheren Ertrag geliefert haben als jetzt, bleibt sehr unbestimmt, denn einesteils sind die Berichte über die früher dort aufgefundenen Schätze, die sich mitunter auf den Wert von fünfzig Millionen belaufen haben sollen, gewiß sehr übertrieben, dann aber ist man nicht imstande, annähernd anzugeben, wieviel der Wert des Goldes beträgt, das jetzt unter der Hand jährlich von Neu-Mexiko nach den Vereinigten Staaten geschafft wird, aber gewiß nicht den fünfzigsten Teil der eben angeführten Summe übersteigt. Die Gebirge von Neu-Mexiko sind übrigens reich, sehr reich, sie bergen Gold, Silber und Kupfer, und ich bin überzeugt, daß, wenn der Strom der Auswanderung sich mehr jenen Distrikten zuwenden und eine systematische Bearbeitung der Bergwerke erfolgen sollte, der Reichtum des Landes sich als weit unterschätzt herausstellen wird. Als die Sonne sich dem westlichen Horizont zuneigte, verließ ich die Ruinen, zwischen denen – wie auf einem Friedhof – regungslose Stille herrschte. Zahlreiche Menschen hatten einst dort gehaust und gelebt, sie hatten nach ihren Begriffen Freude, Kummer und Sorgen kennengelernt und empfunden; sie hatten gehaßt, geliebt und gehofft, und jetzt liegen dort unter den Trümmern begraben ein Volk und seine Geschichte. Gras wuchert zwischen dem alten Gemäuer, schönes, grünes Gras, das die Ziegen bis in die verborgensten Winkel lockt. Der Mensch aber, der über jene Trümmer hinwegschreitet, widmet einen Gedanken den verschollenen Geschlechtern und wundert sich vielleicht darüber, daß auch christliche Kirchen ähnlich heidnischen Städten zugrunde gehen können; daß aber die erhabenen Bauwerke der Natur, die ihn dort umgeben und die als zederngeschmückte Plateaus oder als schneegekrönte Riesen zu den Wolken emporstreben, keiner sichtbaren Veränderung unterworfen sind, das wundert ihn nicht. Als ich mich der Kirche wieder näherte, feuerte ich meinen Revolver ab. Eine Schar von Krähen, erschreckt durch den Knall, verließ das alte Gemäuer und flatterte mit heiserem Geschrei im Kreis herum; sie schienen sich recht heimisch dort zu fühlen, denn kaum hatte ich einige Schritte weiter getan, als sie sich wieder senkten und reihenweise ihre Plätze auf den Balken und in den Fensteröffnungen einnahmen, von wo aus sie mir in ihrer Weise Scheltworte nachsandten. Mit dem Frühesten verließen wir am 15. Juni das Lager bei den Ruinen und folgten dem Weg, der uns bald über waldige Hügel, bald durch anmutige Niederungen führte. Die Sonne schien warm, so daß man dem Schatten schon einige Aufmerksamkeit zu schenken begann; und in der Tat lagerten wir auch mehrfach unter weitverzweigten Tannen, um den Wagen zu erwarten, der auf der gewundenen, steilen oder abschüssigen Straße nicht so schnell zu reisen vermochte. Bei einer solchen Gelegenheit gesellten sich zwei Amerikaner zu uns, die sich mit ihren Familien und einer starken Viehherde auf der Reise nach Kalifornien befanden. Als sie vernahmen, daß wir eben von dort herkämen und die Territorien, die sie jetzt noch von den Küsten der Südsee trennten, mit Aufmerksamkeit und Fleiß durchforscht hatten, richteten sie Frage auf Frage an uns, und als ob ihre Existenz von unseren Antworten abgehangen hätte, so verschlangen sie gleichsam unsere Worte und die Ratschläge, die wir ihnen erteilten. Es war dies die erste Karawane, die es im Vertrauen auf Lieutenant Beales günstige Berichte über die Straße des 35. Grades nördlicher Breite gewagt hatte, die Reise in dieser Richtung zu unternehmen, und sie mußte schon bei der ersten Andeutung des Frühlings vom Missouri aufgebrochen sein. Die Strecke durch die Prärien hatten die Reisenden also schnell und glücklich zurückgelegt; ihre Herden, die vorzugsweise aus Rindvieh bestanden, waren außergewöhnlich kräftig und wohlgenährt und befanden sich, nach den Aussagen der Leute selbst, in weit besserem Zustand als zur Zeit ihrer Abreise vom heimatlichen Boden. Das Vertrauen auf ihr Glück war daher bedeutend gesteigert worden, und Beales Berichte, die ich später zu Gesicht bekam, enthielten auch wirklich nichts, was dieses Vertrauen hätte erschüttern können. Mit innigem Bedauern blickte ich auf die Familien, die ihre ganze Habe in Rindvieh angelegt hatten, und warf mir die Frage auf, wieviel von diesem Reichtum den Colorado und später Kalifornien erreichen würde. Mit Bedauern blickte ich auch auf die starken Ochsen und die glatten Kühe, die in nächster Zeit die fetten Prärieweiden mit wasserlosen, dürren Steppen vertauschen sollten, wo die weichen Hufe, die gewohnt waren, auf nachgiebigem Erdreich und Rasen nach Bequemlichkeit zu rasten, über scharfes, verletzendes Gestein hinwegklettern sollten. Ich dachte daran, wie unsere eisenbeschlagenen Maultiere in jenen Regionen oft erlahmt waren und wie oft der anhaltende Wassermangel sie dem Untergang nahe gebracht hatte, und zwar zu Jahreszeiten, die noch als feucht und deshalb günstig bezeichnet werden konnten. Was aber erwartete diese Leute mit ihren Herden in den Wüsten zu beiden Seiten des Colorado im hohen Sommer, wenn das erhitzte Gestein kein Gras in seinen Fugen und Ritzen duldete? Wenn ferner die verborgenen Quellen kaum noch einen kärglichen Trunk für den Menschen boten oder auch ganz versiegten und die wunden Hufe des schweren Viehs es nicht mehr gestatteten, in Gewaltmärschen drei bis vier Tagereisen vom Wasser bis zum nächsten Wasser zurückzulegen? Ich gedachte aller Widerwärtigkeiten, mit denen ich selbst auf der Strecke von den Rocky Mountains bis zur Sierra Nevada so vielfach zu kämpfen gehabt hatte, und ich bedauerte die Leute, die so bald bitter enttäuscht werden sollten. Anders wäre es bestimmt gewesen, wenn anstatt des Rindviehs das leichtfüßige und zähere Schaf als Mittel zum Transport des Geldes und zur Vermehrung desselben Nicht nur Händler treiben zahlreiche Viehherden vom Missouri und von Neu-Mexiko nach Kalifornien, um sie dort oft für das Dreifache des Einkaufspreises zu veräußern, sondern auch Emigranten legen vielfach ihre bewegliche Habe in Vieh an, indem bei größeren Herden ihnen schon ein bedeutender Vorteil erwächst, wenn es ihnen gelingt, auch nur die Hälfte derselben glücklich nach Kalifornien durchzubringen. gewählt worden wäre. Vereint mit meinen Kameraden sprach ich den Emigranten indessen Mut zu und ließ, wo es nur immer anging, einen guten Rat mit einfließen; auch die Adresse unseres Freundes Savedra gaben wir ihnen, wobei wir denselben als jener Route kundig bezeichneten und als Führer empfahlen. Unser Wagen erschien endlich, und wir bestiegen unsere Tiere, wünschten den Fremden Glück und guten Erfolg zu ihrer Reise nach dem Goldland, und nach kurzer Zeit ritten wir an den prachtvollen Herden vorbei, die in den buntesten Gruppen nahe den rastenden Familien weideten. Die Straße führte uns während des Vormittags in der Entfernung von ungefähr zwei Meilen am Rio Pecos hinunter. Zuweilen erhielten wir eine kurze Aussicht auf die tiefe Schlucht, in welcher der wilde Strom unaufhaltsam gegen Südosten stürzte und die sich bald zu kleinen, überaus anmutigen Tälern erweiterte, bald wieder als düsteres Felsentor die klaren, heftig andringenden Fluten in sich aufnahm; doch da wir uns ständig gegen sechshundert Fuß über dem Spiegel desselben befanden, so brachte der Fluß selbst nur geringe Abwechslung in die uns umgebende Landschaft. Hügeliges, zedernbewachsenes Land mit fester, lehmiger Oberfläche und vereinzelt zutage tretenden Sandsteinstraten bildete die plateauähnliche Höhe, die das Tal des Flusses, so weit das Auge reichte, zu beiden Seiten einfaßte; und über diese hinaus ragten in der Ferne die Überreste höher gelegener Tafelländer, die im Lauf der Zeit mehr Bergform angenommen und ihre Abhänge in dunkelfarbigen Baumschmuck gehüllt hatten. Um die Mittagszeit bog die Straße gegen Nordosten und führte, sich stark senkend, nach der Stadt San José im Tal des Pecos hinab, wo wir den Strom zu überschreiten hatten. Die Stadt oder vielmehr der Flecken befindet sich auf dem rechten Ufer, und wir hielten hier bei einem bestallten Kornlieferanten, um einige Säcke mit Mais für unsere Tiere aufladen zu lassen. Ich beobachtete während der Zeit ein Rudel gebräunter Kinder, die ausgelassen auf der Straße im Staub spielten. Es waren Knaben und Mädchen im Alter von sechs bis zehn Jahren, und trotz der unsauberen, zerlumpten Kleidung bildeten sie solch liebliche Gruppen, wie sie die kühnste Phantasie nicht malerischer zusammenzustellen vermag. Die kleinen, runden Gesichter mit den großen schwarzen Augen und der Einfassung von dunklen Locken waren durchgängig schön und zeigten so viel Frohsinn und Schalkhaftigkeit, daß man sich unwillkürlich von ihnen angezogen fühlte. Ein Mädchen von etwa neun Jahren fesselte besonders unsere Aufmerksamkeit; das Kind verband nämlich in seiner kleinen Person soviel Liebreiz und soviel kindliche, rührende Schönheit, wie man wohl kaum zum zweiten Mal wiederfinden möchte. Wir bewunderten das kleine Wesen und verhandelten darüber, ob es wirklich so unrecht wäre, es zu entführen und dem traurigen Geschick zu entreißen, das wahrscheinlich seiner einst harrte. Ich wandte mich deshalb zu Peacock, zeigte ihm das schöne Kind und fragte, wie er über dessen Entführung denke. Peacock, der ebensowenig Gefallen an schönen wie an häßlichen Kindern fand, würdigte das kleine Geschöpf eines flüchtigen Blickes und antwortete dann: »Wenn das Ding acht Jahre älter wäre, so ließe ich mir den Vorschlag schon gefallen; aber den Eltern die Freundlichkeit zu erweisen, ihnen eins vom Dutzend ihrer wilden Rangen fortzunehmen und uns selbst eine solche Last aufzuladen, wäre gewiß nicht nach meinem Geschmack! – Wenn Sie übrigens Kinder haben wollen«, fuhr Peacock fort, »so brauchen Sie keine zu entführen, da Sie genug davon geschenkt erhalten können.« Wenn nun auch aus Peacocks Worten einige seiner Vorurteile gegen die spanisch-mexikanische Nation hervorlugten und er, was das Verschenken von Kindern anbetrifft, sehr übertrieb, so lag seiner Behauptung doch auch viel Wahres zugrunde, denn ich muß einräumen, daß in den Städten Neu-Mexikos, die ich besuchte und kennenlernte, die Verwahrlosung der Kinder mir stets auffiel. Wir verließen San José, gingen durch den Fluß, der an jener Stelle gegen zwanzig Schritt breit war und an der tiefsten Stelle unseren Maultieren bis an die Brust reichte. Als wir dann am steilen Abhang der linken Taleinfassung langsam hinaufritten, erhielten wir eine volle Aussicht auf eine weite Strecke des gewundenen, kaum eine halbe Meile breiten Tals, das mit Gehöften und Dörfern dicht besät war. Wenn man nun von der Höhe, die durch die Zedernwaldungen einen so eigentümlich düsteren Charakter erhielt, niederschaute, so glaubte man fast eine andere, abgeschlossene Welt vor sich zu erblicken, denn im üppigsten Grün prangten die Wiesenstreifen und die Felder, und dicht belaubte Weiden- und Obstbäume spiegelten sich in den glänzenden Fluten des Stroms, der in Schlangenlinien dahineilte und nach allen Seiten hin reichen Segen spendete. Wir befanden uns in bedeutender Höhe über dem Tal, und so erschien uns alles dort unten so klein und winzig, doch darum nicht minder deutlich; und wie eine reizende Weihnachtsbescherung auf samtgrünem Tisch, so reihten sich aneinander zierliche Häuser- und Baumgruppen, der glänzende Fluß, Wiesen und Feld. Neidische Erhebungen des Bodens entzogen uns bald wieder die Aussicht auf das anmutige Tal, und begünstigt von gutem Weg zogen wir in schnellem Schritt über das hügelige Land, auf dem Tausende und aber Tausende von Schafen ihren reichlichen Unterhalt fanden. Unser Marsch betrug an diesem Tag achtundzwanzig Meilen, und als wir gegen Abend die Eskorte an einer Quelle namens Ojo del Verde einholten, lagerten wir zum zweiten Mal seit unserem Aufbruch von Albuquerque nahe bei derselben. Der Zufall fügte es, daß dies auch das letzte Mal war, daß wir gute Nachbarschaft hielten und uns mit Lieutenant Tipton gegenseitig Besuche abstatteten. Als wir am folgenden Morgen, dem 16. Juni, noch auf das sorgloseste und gemächlichste mit unserem Frühstück beschäftigt waren, verließ Lieutenant Tipton mit seinen Soldaten schon das Lager. Eine Stunde später, nachdem wir Menschen und Tieren ihr volles Recht hatten widerfahren lassen, zündeten wir vor den Lagerfeuern die unvermeidlichen Pfeifen an, schwangen uns in den Sattel; und fröhlichere Menschen als wir trabten wohl selten durch jene romantische Gegend, die schon begonnen hatte, sich unter den wärmenden Strahlen der Sonne zu beleben, und die dem Auge und dem Gemüt so manchen schönen und reinen Genuß bot. Wir begegneten einer bedeutenden Anzahl von Arbeitern, die mit der Ausbesserung der unwegsamen Stellen der Straße beschäftigt waren; sie schienen lustig und guter Dinge zu sein, denn reicher Lohn für ihre Mühe stand ihnen in Aussicht von den endlosen Handelskarawanen, die sich schon in den Prärien befanden und vielleicht mit Besorgnis der hindernisvollen Strecke des Weges von Santa Fé gedachten. Wir begrüßten alle auf das freundlichste, und mit mexikanischer Höflichkeit bezeichneten sie uns die Nebenwege und Pfade, auf denen wir einige Meilen der Hauptstraße abschneiden und ersparen konnten. Um zehn Uhr befanden wir uns angesichts der Stadt Tucalohte, die in einem wasserreichen Tal, mit den schroffen, prachtvollen Tucalohte-Bergen im Hintergrund, einen überraschend schönen Anblick gewährte. Die Häuser waren auch hier größtenteils würfelähnliche Hütten, doch standen diese vollkommen im Einklang mit der ganzen Umgebung, deren Charakter man eine gewisse Wildheit nicht absprechen konnte. Auf der Ostseite der Stadt teilte sich unsere Straße, und zwar behielt der Hauptarm die nordöstliche Richtung bei, während ein anderer Weg östlich abbog und dem Pecos und der Stadt Anton Chico zu führte. Leider hatte Lieutenant Tipton letzteren eingeschlagen, und da er sich schon aus unserem Bereich befand, so mußten wir es ihm überlassen, sich anderweitig Aufklärung über seinen Irrtum zu verschaffen, und ohne weiteren Zeitverlust zogen wir unserer Straße. Bald nach Mittag erreichten wir die Stadt Las Vegas, die auf dem rechten Ufer eines Flüßchens gleichen Namens liegt, das sich in südlicher Richtung mit dem Tucalohte vereinigt und danach dem Rio Pecos zugesellt. Da wir an jenem Ort wieder Futter beziehen mußten, unser Marsch schon dreiundzwanzig Meilen betrug und eine gleiche Strecke uns noch von Fort Union trennte, so beschlossen wir, daselbst zu übernachten. Wir fanden die freundlichste Aufnahme bei dem Kornlieferanten, der zugleich Kaufmann war, und dieser stellte uns, da in der Nähe der Stadt das Gras längst abgeweidet war und zahllose Schweine mit ungebührlicher Dreistigkeit überall umherstöberten, einen fest eingefriedeten Viehhof zur Verfügung, auf dem wir, gegen die Zudringlichkeit der vierfüßigen Gäste gesichert, unser Zelt aufschlugen. Der Kaufmann, dem wahrscheinlich um die Gesellschaft, die wir ihm bieten konnten, zu tun war, mutete uns übrigens nicht zu, auf seinem Viehhof die Nacht zu verbringen, und bot uns einige bequeme Betten in seiner Wohnung an – ein Vorschlag, den wir mit um so größerer Bereitwilligkeit annahmen, als ein nächtlicher Gewittersturm drohte und wir unseren Leuten statt des Wagenverdecks den Schutz unseres Zeltes von ganzem Herzen gönnten. Kurz vor Einbruch der Nacht erst, als wir in gemütlicher Unterhaltung auf der Bank vor dem Haus unseres Wirts saßen, traf Lieutenant Tipton ein und teilte uns in mißvergnügter Stimmung mit, daß er die Stadt Anton Chico wirklich besucht habe. Er schlug es aus, die Nacht bei uns zuzubringen, und führte als Vorwand an, daß er unmöglich in der Nähe eines Ortes lagern dürfe, wo seine Soldaten Gelegenheit finden könnten, sich mit Branntwein zu versehen. Wir priesen seine Vorsicht, er dagegen wünschte uns eine angenehme Nachtruhe, zog noch einige Meilen weiter und übernachtete dann mit seinen erschöpften Leuten und Tieren am Abhang einer Schwellung der hier schon beginnenden Prärie. Von unserem Wirt erfuhr ich mancherlei über das dortige Land und seine Bewohner, doch bei weitem nicht soviel, als ich von einem dort angesiedelten Amerikaner erwartete. Die Amerikaner, Deutschen und Franzosen, die sich zwischen der mexikanischen Bevölkerung niederlassen, leiten nämlich durch größeren Fleiß und Energie fast alle Geschäfte in ihre eigenen Hände, und es versteht sich dann von selbst, daß ihnen ein bedeutender Verdienst an Geld und Vieh zufließt. Der wachsende Reichtum nun stumpft sie allmählich immer mehr für alles, was außer dem Geschäftsleben liegt, ab, und dies ist die Ursache, daß man sogar von Leuten, die eine Reihe von Jahren dort ansässig gewesen sind, wenig mehr über ihre Umgebung in Erfahrung zu bringen vermag, als man auf flüchtiger Durchreise aus eigener Anschauung lernt. Ich hielt jedoch Kenntnis vom Vorhandensein heißer Quellen, die sechs Meilen weiter oberhalb der Stadt an dem Flüßchen liegen und denen besondere Heilkräfte zugeschrieben werden. Unser Wirt versicherte mir, daß er schon mehrmals seine Zuflucht zu ihnen genommen habe, als starke Erkältungen ihn krank und siech gemacht hatten. Nur wenige Bäder hatten dann jedesmal genügt, ihn wieder vollkommen herzustellen, und er äußerte sich dahin, daß diese Heilquellen bei richtigem Gebrauch einen Arzt in jener Gegend fast überflüssig machten. Ferner erzählte er mir auch von einem See, der sich auf der Hochebene nahe bei den Ruinen von Pecos befinde. Wahrscheinlich haben in diesem Fall die Bewohner der untergegangenen Stadt ihre Felder und Gärten dort oben angelegt gehabt, weil es die Bodenbeschaffenheit im Tal nicht gestattete und die gegen rauhe Temperatur Schutz gewährenden Höhen sie dennoch veranlaßten, ihre Wohnungen in der Niederung zu gründen. Jetzt bringen die Viehzüchter dortiger Gegend ihre Herden teilweise nach den Hochebenen hinauf, wo diese zu gewissen Jahreszeiten gutes Futter finden und zugleich besser gegen die feindlichen Überfälle der Komantschen und Kiowa-Indianer geschützt sind, die ihre Raubzüge nicht selten bis in die Nähe von Santa Fé ausdehnen. Auf den nächtlichen Gewittersturm folgte ein klarer, schöner Frühlingsmorgen; der Staub von den Straßen war wieder verschwunden, und in frischerem Grün prangte die weite Ebene, die sich im Osten mit dem Horizont verband, während nach anderen Richtungen hin waldige Hügelreihen dieselbe von den noch mit Schnee gekrönten, mächtigen Gebirgszügen trennten. In geringer Entfernung von der Stadt teilte sich die Straße, und wiederum hatte Lieutenant Tipton die falsche Richtung eingeschlagen. Er hatte diesmal den befahrensten Weg gewählt, und derselbe führte ihn zwar ebenfalls nach Fort Union, aber auf einem Umweg, so daß, als er die Station am Abend erreichte, er uns schon vorfand. So schafft der Mensch aus Laune, aus Eigendünkel und aus angeborener Neigung zum Hader sich selbst oft trübe Stunden und Nachteil. Glücklich, wenn der Nachteil bei denen stehenbleibt, die ihn verschulden, und wenn nicht Nationen zu leiden haben unter den Fehlern einzelner, die, vergessend, daß sie selbst sterblich sind, zur Geißel ihrer Mitmenschen werden. Nach einem Marsch von zehn Meilen erreichten wir eine schmale, grasreiche Niederung, an deren Rand sich mehrere kleine Gehöfte befanden; ein Bach, der Sapeo, schlängelte sich durch dieselbe, und da uns die Zeit nicht drängte, rasteten wir hier einige Stunden und freuten uns über die Tiere, die sich behaglich in dem üppigen Gras wälzten und mit Wollust fette Bissen abrupften. Auch wir gingen nicht leer aus; herbeigeeilte Mexikaner brachten frische Eier, Wigham, unser irländischer Diener, reichte eins der blauen, gehenkelten Fäßchen aus dem Wagen, Hendrichs, der Fuhrmann, spülte die Zinnbecher und schaffte Wasser herbei, und während O'Connor, unser Koch, die Eier zu Schaum schlug, mischten wir selbst bedächtig Kognak, Zucker und etwas Wasser zusammen, dem O'Connor dann später den gelben Schaum beifügte. Da wir unsere Leute, drei so brave, aufmerksame Burschen, wie nur je welche einen rohen Whisky schlürften, bei derartigen Genüssen gleichberechtigt mit uns hielten, so kann es nicht überraschen, daß, als wir den Sapeo verließen, die Schalen von drei Dutzend Eiern die Stelle bezeichneten, auf der wir gerastet hatten. Nach Zurücklegung von abermals fünf Meilen gelangten wir an waldige Schluchten und Hügel, welche in der Richtung von Norden nach Süden die grüne Ebene auf eine kurze Strecke unterbrachen. In einer dieser Schluchten stießen wir auf den Moro, einen der westlichsten Zuflüsse des Canadian River. Das angrenzende liebliche Tal war belebt von Viehherden, und ein Städtchen, teils aus Blockhütten, teils aus Lehmhäusern bestehend, schmückte malerisch die östlichen Abhänge des Hochlands, das sich sanft bis unmittelbar an das Ufer des Moro senkte. »Lona Parda heißt unsere City«, antwortete mir ein trotzig aussehender, amerikanischer Grobschmied, als ich mich nach dem Namen der Ansiedlung und nach der Entfernung von Fort Union erkundigte; »Lona Parda heißt unsere City, und nach Fort Union ist es nicht mehr sehr weit!« Ich gab mich zufrieden mit der Antwort und folgte meinen Gefährten nach, die sich schon auf halber Höhe des Abhangs befanden, und stieg wie diese ab, um meinem Tier die Last auf dem steiler werdenden, felsigen Weg zu erleichtern. Nachdem wir die Höhe erreicht hatten, zogen wir abwechselnd über Prärie und durch lichte Waldungen; letztere bezeichneten die Schluchten und Senkungen, die hauptsächlich von Nordwesten nach Südosten das Land durchschnitten, und deshalb wurde die freie, weite Aussicht, die wir von den Schwellungen des Bodens aus genossen, durch die Bäume nur wenig behindert. Doch die Aussicht, wenn auch schön, blieb einförmig, der Charakter der endlosen Prärien trat immer mehr hervor, und nur in nördlicher Richtung und in weitem Bogen gegen Westen reihten sich aneinander die blauen, teilweise beschneiten Gipfel der Rocky Mountains, unter denen besonders die Moro Peaks, die Taos und die Raton Mountains hervortraten. Zweiundzwanzig Meilen betrug der Tagesmarsch, als wir nach kurzem Ritt durch einen Waldstreifen uns plötzlich an einer starken Abstufung des Bodens befanden. Obgleich schon längst vorbereitet auf den Anblick der eigentlichen Prärie, war ich doch freudig überrascht, als ich diese nun plötzlich in Wirklichkeit wieder vor mir sah. Schon oft hatte ich die weiten Grasfluren betreten, schon oft meine Blicke an der Linie hingleiten lassen, die dort wie auf dem Ozean in weitem Kreis den Horizont begrenzt; doch immer neu, immer frisch blieb der Eindruck, den sie bei mir hervorrief, und so stand ich auch diesmal in tiefster Bewunderung vor der erhabenen Naturszene und schaute nach der Richtung hinüber, in der unser Ziel lag. Die Linie des Horizonts wurde zwar noch hin und wieder durch Hügel und Berge unterbrochen, die wie Inseln aus der grünenden Ebene auftauchten, doch sanft ansteigend lag sie vor mir, die schöne freie Prärie mit ihren Freuden und ihren Genüssen, aber auch mit ihren Schrecken; ich begrüßte sie wie einen alten lieben Freund und blickte dann niederwärts, wo am Fuß der Abstufung die Militärstation Fort Union lag. Vierunddreißigstes Kapitel Das Lager bei Fort Union – Wahl des Reisehauptmanns – Erfolgreiches Angeln – Ankunft der Post vom Missouri – Leroux' Söhne – Fort Union und seine Lage – Aufbruch von Fort Union – Erzählung von Ben Shaws Ermordung durch die Apachen – Lager im Apache-Cañon – Übles Verhältnis zwischen der Expedition und der Eskorte – Lager am Canadian River – Erfolgreiches Angeln – Reise durch die Prärie am Point of Rocks vorbei – Lager nahe White's Massacre – Wetzstein Creek – Der Emigrantentrain – Die beiden hübschen Emigrantinnen – Gänzliche Trennung von der Eskorte – Rabbit Ear Creek – Cottonwood Creek – MacNisse Creek – Cedar Creek – Lager am Cool Creek Auf abschüssigem Weg gelangten wir in die Ebene hinab und wandten uns dann einem abgesondert stehenden Haus zu, vor dessen Tür wir einige Offiziere erblickten. Man hieß uns freundlich willkommen und bezeichnete uns in geringer Entfernung von dem Posten einen tiefen Teich, dessen grasreiche Umgebung sich vortrefflich zum Lager eignete. Holz war dort freilich nicht vorhanden, doch wurde uns dieses sowie auch Mais im Überfluß von dem sehr gefälligen Quartiermeister des Postens nachgesandt, und es erging auch zugleich die Weisung an uns, alles, was wir nur irgend noch während unseres Aufenthalts daselbst oder zu unserer ferneren Reise gebrauchen sollten, zu nennen und zu beziehen. Ferner riet man uns, einige Tage dort zu verweilen, um die Tiere bei gutem Futter noch einige Kräfte sammeln zu lassen, sowie einem gewissen Captain Gibs und seiner Familie Gelegenheit zu geben, sich zur Reise an den Missouri uns anschließen zu können. Wir waren natürlich mit Freuden bereit dazu, obgleich wir die Eskorte sehr gern an Captain Gibs abgetreten hätten und ohne Verzug weitergereist wären. Die große Freundlichkeit der Offiziere sowie das angenehme Leben in unserem Lager, wo es uns nicht an Bequemlichkeiten und Unterhaltung fehlte, entschädigte uns übrigens reichlich für den Verlust an Zeit; nur Captain Gibs, der vereint mit uns die Prärien zu durchreisen beabsichtigte, hielt sich fern von uns, und wir wußten keinen anderen Grund dafür zu finden, als daß er vielleicht gesonnen war, als ältester Offizier gleichsam der Kommandeur unserer ganz unabhängigen Gesellschaft zu werden. Es ist nämlich Sitte bei Reisenden oder Emigranten, die im Begriff stehen, die Grasfluren zu durchwandern, unter sich einen Captain zu wählen, dessen Anordnungen Folge zu leisten sich jedes Mitglied der Gesellschaft auf die Dauer der Reise verpflichtet. Auch wir vier schritten zu einer solchen Wahl; und zwar kamen wir überein, unseren Freund Peacock, der jene Straße so genau kannte, als unseren Reisehauptmann anzuerkennen und keinem anderen Menschen – ob nun von weißer, roter oder schwarzer Farbe, ob Freund oder Feind – eine Einmischung in unsere Angelegenheiten zu gestatten. Bis zum 23. Juni blieben wir in Fort Union – also fünf Tage – und fanden durchaus keine Ursache, über Langeweile zu klagen, denn jede Stunde, die möglicherweise dem Müßiggang hätte gewidmet sein können, brachten wir mit Angeln hin. Da es nur fünf Schritte von unserer Zelttür bis zu dem fast bodenlosen Teich war, so wurde es uns leicht, ständig einen Vorrat von wohlschmeckenden Fischen für unsere Küche zu halten, und ich erinnere mich, an einzelnen Tagen über achtzig Stück schnell hintereinander aus dem Wasser gezogen zu haben. Waren der Doktor und ich unermüdlich im Angeln, so erwiesen sich O'Connor und Wigham unermüdlich im Schuppen und Reinigen der Beute, und nur Egloffstein und Freund Peacock fanden Genuß darin, uns müßig zuzuschauen. Außer den Fischen, unter denen ich nur eine einzige Art der Pomotis entdeckte, befanden sich in dem Teich zahllose gefleckte Salamander, die von Zeit zu Zeit, wie um Luft zu schöpfen, an die Oberfläche des Wassers kamen und ebenso schnell wieder verschwanden, als sie erschienen. Es gelang mir nicht, eines dieser absonderlichen Tiere zu erhaschen, doch zog ich ganz unvermutet einen schwarzen, riesenhaften Salamander, der wohl ein halbes Pfund wiegen mochte, aus der Tiefe. Der dickköpfige Geselle mit seinen gefiederten Kiemen und ungestaltenen Füßen schien mir einer noch unbekannten Art anzugehören, und ich trug Sorge, denselben wohlbehalten nach Washington zu schaffen. Die Post der Vereinigten Staaten, die in diesen Tagen vom Missouri eintraf, brachte nur unwesentliche Neuigkeiten; auf dem Kriegsschauplatz, am Großen Salzsee, war wenigstens noch nichts von Bedeutung vorgefallen; man rüstete mit Macht auf beiden Seiten, man zeigte sich die Zähne, stieß die fürchterlichsten Drohungen aus, doch gewann es den Anschein, als ob es dabei bleiben sollte und als ob sich das Recht nach der Seite neige, wo das meiste Geld vorhanden war. Es entging mir übrigens nicht, daß die Vereinigten Staaten ihre Mormonenfeinde weit unterschätzten und, wie aus ihren unverantwortlich schwachen Truppensendungen leicht zu schließen war, ähnlich wie im mexikanischen Krieg drei Mormonen auf einen Amerikaner rechneten. Ich mag nicht leugnen, daß ich vor den Amerikanern auch als Soldaten die größte Achtung hege, doch kann es keinem Zweifel unterliefen, daß in einem Guerillakrieg der einzelne Mormone vollkommen soviel wert ist wie der einzelne Amerikaner und in manchen Fällen vermöge seiner in der Wildnis gesammelten Erfahrungen denselben noch überwiegt. Unter den Passagieren, die den Postwagen zu Pferd begleiteten, befanden sich auch zwei Söhne meines alten Freundes Leroux, zwei hübsche junge Burschen von siebzehn bis zwanzig Jahren. Sie kamen von St. Louis, wo sie die Schule besucht hatten, und ihr nächstes Ziel war Taos, der Aufenthaltsort ihrer Eltern. Ich freute mich, die Söhne meines alten Reisegefährten kennenzulernen, doch ist es wohl erklärlich, daß ich lieber ein Stündchen mit ihrem Vater verplaudert hätte. Es blieb mir also weiter nichts übrig, als dem alten Leroux meine herzlichsten Grüße zu senden. Das Fort nun, das wie die meisten dergleichen Etablissements jeder Befestigung entbehrt und mehr militärische Ansiedlung als irgend etwas anderes ist, hat eine überaus günstige Lage, indem die Abhänge der höheren Ebene dasselbe gegen Nordwesten schützen, während gegen Osten und Südosten die Prärie sich ausdehnt und wie in einem Becken die erste Frühlingswärme auffängt, gleichsam um diese den Gärten und Feldern der Station zugute kommen zu lassen; aus denselben Gründen mag aber auch die Hitze des Sommers mitunter ans Unerträgliche grenzen. Reichlich Wasser befindet sich in der langgedehnten Senkung des Bodens, die sich ähnlich dem Bett eines Flusses von Norden nach Süden an dem Posten vorbeizieht und das Wasser eines bedeutenden Landstrichs aufnimmt, jedoch nur nach heftigen und anhaltenden Regen stromweise gegen Süden dem Moro zuführt. Für gewöhnlich zeigt das fast zugewachsene Flußbett nur eine Reihe abgesonderter, sehr tiefer und sumpfiger Teiche, die, nie vertrocknend, den angrenzenden Viehweiden den eigentlichen Wert verleihen. Das Wasser, obgleich frei von alkalischen Bestandteilen, eignet sich nicht sonderlich zum Trinken und führt einen starken Beigeschmack von dem Moder, der in Unmassen den Boden der kleinen Seen deckt; dagegen befindet sich nur einige hundert Schritt entfernt von den südlichsten Gebäuden des Postens eine Quelle, die mehr schönes, klares Wasser liefert, als nötig wäre, um eine zehnfach größere Ansiedlung und eine zehnfach stärkere Besatzung damit zu versorgen. Um den Andrang des Viehs zurückzuhalten, hat man ein kleines Häuschen über der Quelle errichtet, die, aus ebener Erde hervorsprudelnd, sorgfältig vertieft und ausgemauert ist. Stundenlang saß ich zur heißen Mittagszeit dort unter dem schattigen Dach, schaute hinab in den vier Fuß tiefen, mit dem klarsten Wasser gefüllten Behälter und ergötzte mich an den Blasen, die ununterbrochen an verschiedenen Stellen des sandigen Bodens hervorquollen und das Überrieseln des Beckens bewirkten. Eingeborene bemerkte ich in Fort Union gar nicht, auch nur wenige Mexikaner, und es schienen Leute, die in keiner Verbindung mit dem Posten standen, sich überhaupt fern von dort zu halten. Militärische Sauberkeit und Ordnung blickte überall durch; die Gebäude waren regelmäßig und fest von Adobes aufgeführt, und besonders sprachen mich die zierlichen Häuser der Offiziere und Beamten an, weil sie trotz der Einfachheit einer gewissen Behaglichkeit in der Einrichtung nicht entbehrten. So angenehm uns die Zeit auch in Fort Union verstrich und so liebenswürdige Leute wir auch dort fanden, so waren wir doch sehr erfreut, als wir am 22. Juni Gewißheit erhielten, daß wir am folgenden Tag endlich unsere Reise antreten konnten. Wir verabredeten uns daher mit Lieutenant Tipton, dessen Kommando eine Meile von uns lagerte, mit ihm und Captain Gibs im Apache-Cañon zusammenzutreffen, um dort zu übernachten; und als am 23. Juni die ersten Sonnenstrahlen Fort Union beleuchteten, bestiegen wir unsere kräftigen Tiere, und dahin ging es in raschem Schritt auf der ebenen Straße. Der Weg führte uns in nordwestlicher Richtung zwischen kurze Gebirgszüge hinein, so daß die Sierra de las Gallinas und die Wagon Mounds südlich von uns liegen blieben; doch nur kurze Zeit hemmten diese Höhen die freie Aussicht, und schon am Nachmittag konnte das Auge wieder ungehindert über die Ebene hinschweifen, die sich mehr und mehr vor uns auseinanderzurollen schien. Die ehrwürdigen Gipfel der Raton Mountains, der Taos Mountains, der Spanish Peaks und des Fisher's Peak dagegen, die sich in weitem Bogen von Nordosten nach Nordwesten hinzogen, blieben uns sichtbar, und nach mehreren Tagen beobachteten wir noch die weißhauptigen Berge, wie sie sich allmählich in einen duftigen Schleier verhüllten und unseren Blicken endlich ganz entschwanden. Um die Mitte des Tages gewahrten wir die Eskorte mit ihrem Train, sie folgte in der Entfernung von sechs Meilen langsam unseren Spuren; als wir indessen durch die starken Schwellungen des Bodens die Aussicht auf sie verloren und auch auf der höher gelegenen weiten Ebene nicht wieder gewannen, gaben wir die Hoffnung auf, diese am Abend bei uns im Lager zu sehen, und kamen daher überein, uns, unsere Tiere und Sachen fortan selbst zu bewachen. Wir waren sieben Mann, und wir hielten den Koch für den einzigen unserer Gesellschaft, der während der Nacht nicht gestört werden durfte, weil bei unserem jedesmaligen Aufstehen das Frühstück bereitgehalten werden mußte. Es wurde diesem also die erste Tagesstunde für die Dauer der Reise als Wache zuerkannt, während wir übrigen uns in die Zeit von abends neun Uhr bis morgens um drei teilten und uns regelmäßig von Stunde zu Stunde ablösten. Wer an einem Tag um neun Uhr auf Wache zog, erhielt in der folgenden Nacht die Stunde zwischen zehn bis elf, in der darauffolgenden die zwischen elf und zwölf und immer so weiter, bis er die ganze Nacht durchgewacht hatte und wieder von vorn anfangen konnte. Wir bezweckten mit diesem Wechsel, uns gegenseitig das Leben soviel wie nur möglich zu erleichtern, denn da wir darauf angewiesen waren, Tag für Tag zwölf bis fünfzehn Stunden im Sattel zuzubringen, so mußten wir mit unserer Nachtruhe geizen und unseren Körper frisch zu erhalten suchen. Auch versäumten wir nicht, durch Erzählungen von Indianerüberfällen und grausigen Mordtaten in der Prärie die Wachsamkeit unserer Leute anzustacheln und sie recht besorgt um ihren Skalp zu machen. Unser Haupterzähler blieb während der ganzen Reise Freund Peacock, denn fast jeder hervorragende Punkt und jede vereinsamte Baumgruppe, die weithin sichtbar als Landmarke betrachtet werden konnten, riefen in seiner Erinnerung Erlebnisse längst vergangener Zeiten wach. »Dort drüben, wo die beiden Hügel wie verloren aus der Prärie emporragen«, begann Peacock, kurz bevor wir den Apache-Cañon erreichten, »ungefähr sechs Meilen von hier, zieht sich die alte Santa-Fé-Straße hin; es ist dieselbe, die wir bei Las Vegas verließen und die kurz vor dem Canadian River mit unserer Straße wieder zusammenfällt. Im Jahre 1850 reisten Ben Shaw und Captain Frank Hendrichson, zwei meiner Freunde, an jenem Punkt vorbei; sie kamen vom Missouri, und ihre Karawane bestand aus zehn mit Maultieren bespannten Wagen und zwölf Knechten. Ihre Reise war soweit glücklich vonstatten gegangen, und in zwei Tagen schon hofften sie Tucalohte und in zwei anderen ihren Bestimmungsort Santa Fé zu erreichen. Fort Union stand damals noch nicht, doch hielten sie sich durch die Nähe der Ansiedlungen, vielleicht aber noch mehr durch ihr gutes Glück, gegen die feindlichen Angriffe der Indianer geschützt, und mit weniger Vorsicht, als es sonst ihre Gewohnheit war, näherten sie sich jenen Hügeln. Da sie auf der ganzen Reise – wahrscheinlich infolge ihrer Wachsamkeit – nie zur nächtlichen Stunde gestört worden waren, so erwarteten sie gewiß nichts weniger als einen Angriff am hellen Tag, und anstatt auf dem Sattel, ruhten ihre und ihrer Leute Büchsen in den Wagen. Wenn sie indes auch ihre Waffen wirklich zur Hand gehabt hätten, so würde es doch nur wenig genützt haben, denn als sie sich mit ihrem ganzen Zug den Hügeln gegenüber befanden, krachten plötzlich hinter Felsblöcken und aus Vertiefungen hervor eine Anzahl von Schüssen, die sogleich Ben Shaw, Frank Hendrichson und fünf ihrer Leute von den Pferden warfen. Mehrere Zugtiere waren ebenfalls getötet worden, so daß in den Gespannen eine allgemeine Verwirrung entstand, und bevor noch die unglücklichen Leute sich zur Wehr setzen konnten, war eine Schar der wildesten aller Steppenbewohner, der Apachen, aus dem Hinterhalt auf sie hereingebrochen und hatte sie bis auf den letzten Mann unter schrecklichem Triumphgeheul mit Pfeilen niedergeschossen. In Las Vegas war die Ankunft dieser Karawane schon durch einen vorausgesandten Boten angemeldet worden; da sie aber nicht zur bestimmten Stunde eintraf, so begaben sich einige von Ben Shaws Freunden auf den Weg, um die Ankommenden zu begrüßen und sich zugleich nach der Ursache der Verzögerung, die sie dem Zusammenbrechen eines Wagens zuschrieben, zu erkundigen. Achtzehn Stunden ritten diese Leute ununterbrochen auf der Straße, auf der sie der Karawane jeden Augenblick zu begegnen erwarteten, ohne auch nur eine Spur von ihr zu entdecken; als sie sich dann aber den Hügeln dort drüben näherten und die auf der Ebene verstreut umherstehenden Wagen erkannten, außer einem Rudel von Wölfen und einigen Krähen aber kein Leben bei denselben wahrnahmen, wurden sie von den schwärzesten Ahnungen erfüllt. Immer deutlicher traten die einzelnen Gegenstände hervor; und durch die Anwesenheit der wilden Bestien zu der Überzeugung gelangt, daß sie sich einer Szene des Verrats und des Mordes näherten, die Räuber aber sich schon längst entfernt hatten, beeilten sie ihre Schritte, um das Unglück, das ihre Freunde betroffen hatte, in seinem ganzen Umfang kennenzulernen. Der Anblick, der sich ihnen dort bot, war über alle Beschreibung schreckenerregend, denn außer daß die Wagen ihres Inhalts entledigt waren und dieser, soweit die Räuber ihn als wertlos oder als zu schwer zum Transport erkannt hatten, nach allen Richtungen hin die Ebene bedeckte, lagen auch noch zwischen den getöteten Tieren die Leichen von Ben Shaw und seinen Gefährten. Alle waren skalpiert und bis auf einen Wagenführer mehr oder weniger von den Wölfen angefressen worden. Dieser letztere nun war beim ersten Angriff durch den Hieb eines Tomahawks betäubt zusammengesunken und erwachte erst wieder, als einer der grausamen Sieger ihm die Kopfhaut vom Schädel streifte. Die Liebe zum Leben ließ ihn die gräßliche Tortur, die mit Schnelligkeit ausgeführt wurde, ohne Zucken ertragen, und erst als die Räuber sich mit der Herde und sovielen Waren, als sie fortzubringen vermochten, entfernt hatten, wagte er wieder, sich umzuschauen und an die Selbsterhaltung zu denken. Da er durch den Blutverlust und die rasendsten Schmerzen so geschwächt war, daß er sich kaum noch erheben konnte, die Indianer aber alle Tiere bis auf die erschossenen fortgeführt hatten, so beschloß er, einige Lebensmittel zusammenzusuchen und in einem der Wagen geduldig sein Schicksal zu erwarten. Beim Umherspüren nach gefüllten Wasserflaschen stieß er auf drei seiner Gefährten, die noch schwache Lebenszeichen von sich gaben, aber nicht mehr zum Bewußtsein gelangten; und als die Nacht sich einstellte, war er der letzte Lebende von den vierzehn Männern, die am frühen Morgen lustig durch die Prärie zogen. Zweimal vierundzwanzig Stunden waren seit jenem Abend verflossen; die Schwäche des Verwundeten hatte in solchem Grad zugenommen, daß er den Wagen nicht mehr verlassen konnte, und mit kaum vernehmbarer Stimme begrüßte er die Leute, die zu spät kamen, um ihn zu retten. Ehe noch der zu seinem Transport bestimmte Wagen eintraf, starb der Unglückliche. Es bildete sich zwar eine Kompanie, die schleunigst zur Bestrafung der indianischen Räuber aufbrach, doch hatten diese einen zu weiten Vorsprung gewonnen, und unverrichteter Sache kehrte diese zurück, nachdem sie zwei Wochen in der Wildnis umhergeirrt war. Und hier ist der Apache-Cañon«, fuhr Peacock fort, indem er sein Maultier am Rand einer neuen Abstufung der Prärie anhielt. »Dort ist die Schlucht, wo wir Wasser finden und übernachten müssen und wo ebensogut einige Dutzend Apachen verborgen sein können wie nicht.« Ungefähr hundert Fuß tiefer lag also die Abstufung, die sich wie mächtige Wogen unabsehbar gegen Osten ausdehnte, deren Einförmigkeit aber durch keinen Baum, keinen Strauch unterbrochen wurde. Leicht gelangten wir hinab an die Mündung der Schlucht, wir fanden da gutes Gras, und an einer Stelle, die entfernt von Felsblöcken und Gestrüpp war, die verräterischen Räubern ein Versteck hätten gewähren können, schlugen wir unser Zelt auf. Unsere nächste Beschäftigung war, die Tiere zum Wasser zu treiben und uns zugleich mit dem Charakter der Umgebung bekannt zu machen. Die Schlucht, die in nordwestlicher Richtung wieder nach der höher gelegenen Ebene hinaufführte, war allmählich durch niederströmendes Wasser gebildet worden. Felsblöcke und wildes Gestrüpp bedeckten die steilen, aber doch zugänglichen Abhänge, und einzelne knorrige Eichen beschatteten die Quelle, die, zwischen geborstenem Gestein hervorrieselnd, nach kurzem Lauf in der Schlucht selbst wieder versank. Ein viel betretener Pfad, auf dem die Tiere nur eins hinter dem anderen getrieben und getränkt werden konnten, führte zum Wasser, doch beendeten wir unsere Arbeit sehr schnell, und als die Dämmerung sich einzustellen begann, pflockten wir die Tiere im Kreis um unser Lager an, verabreichten jedem ein Dutzend Maiskolben und streckten uns dann noch ein Stündchen vor dem Zelt ins Gras, um den herrlichen, milden Abend zu genießen. Es ist mir nicht möglich, eine genaue Beschreibung der behaglichen Zufriedenheit wiederzugeben, der man anheimfällt, wenn man nach einem ermüdenden Ritt so unter dem lieben blauen Himmel sein Obdach gewählt hat und sich zusammen mit der schönen Natur der Rast und der Ruhe hingibt; alles ringsum ist so friedlich still, bläuliche Nebelstreifen lagern sich auf den Niederungen, das milde Licht des Mondes erhellt die feuchte Atmosphäre, heimlich senkt sich der Tau auf Blumen und Gräser, und Stern auf Stern entsteigt der fernen Ebene, um sich mit seinen vorangeeilten Gefährten zu Bildern zu vereinigen. Man scheut sich fast, zu solcher Stunde den Schlaf zu suchen, und trennt sich mit Widerstreben von dem kleinen niedergebrannten Feuer, mit dessen Rauch sich der Dampf der Pfeifen vereinigt und vor dem so manche schöne Geschichten erzählt wurden, so manches fröhliche Lachen erschallte und so mancher herzliche Gedanke der fernen Heimat galt. Unsere Eskorte traf also wirklich nicht bei uns ein, und mit Freuden versah jeder den Dienst, der ihm durch die Abwesenheit der Soldaten zugefallen war. Die Nacht verstrich ohne die geringste Störung, und frühzeitig schon waren wir am 24. Juni bereit, unsere Reise fortzusetzen. Wir kamen indessen überein, die Ankunft der Eskorte zu erwarten, die möglicherweise durch irgendeinen Unfall aufgehalten sein konnte. Sie ließ indessen lange auf sich warten, und erst gegen acht Uhr erschienen Lieutenant Tipton und Captain Gibs, gefolgt von ihrem Train, am Abhang des Apache-Cañons, und während ihre Wagen auf der Straße weiterzogen, sprengten die beiden Offiziere in unser Lager. Egloffstein war außer den Leuten der einzige, der sich beim Wagen befand, und Captain Gibs richtete die Frage an ihn, ob wir nicht zu reisen gedächten. Egloffstein setzte ihm dagegen deutlich auseinander, daß wir aufbrechen würden, wann es uns beliebte; die beiden Herren ritten darauf im Galopp davon, und wir hatten den ersten Beweis erhalten, daß an ein freundschaftliches Verhältnis zwischen uns und den Offizieren nicht zu denken sei. Eine Stunde später folgten wir der Eskorte und holten diese nach einem Marsch von zwölf Meilen am Ocate-Flüßchen ein, wo sie, um einige Stunden zu rasten, die Tiere ausgespannt hatte. Unsere Kavalkade war noch vollständig frisch, und so beschlossen wir, in einer Tour bis an den Red River (den oberen Canadian River) zu reiten, und dort die Nacht zuzubringen. Um eine Annäherung zwischen den beiden eigensinnigen Gesellschaften zu ermöglichen, richtete Peacock an Lieutenant Tipton die Frage, ob er ebenfalls am Canadian River zu lagern und sich zu uns zu gesellen gedenke. Lieutenant Tipton, oder vielmehr der kleine, breitschultrige Captain Gibs, sagte zu, und eine Stunde später hatten wir sie schon wieder aus den Augen verloren. In einiger Entfernung vom Ocate River, einem Zufluß des Canadian River, der aber kaum einen anderen Namen als den eines Bachs verdient, verfolgten wir unsere Straße, die mit wenig Unterbrechung die nordöstliche Richtung beibehielt. Der Ocate und sein Tal zeichneten sich nur hin und wieder durch kleine Schilfstreifen und dunkler gefärbtes Gras aus, doch nicht genug, um in der Ferne wahrgenommen werden zu können; so wurde das Einförmige unserer Umgebung fast während des ganzen Tages nicht unterbrochen. Neugierige Antilopen beobachteten uns aus der Ferne und gaben durch ihr scheues Wesen zu erkennen, daß sie hier vielfach gejagt worden seien, denn ich brauchte mich nur eine kurze Strecke vom Wagen zu entfernen, um sie in weiten Sprüngen davoneilen zu sehen. Auch Wölfe zeigten sich schon in größerer Anzahl; träge, mit niederhängendem Kopf schlichen sie wie in Gedanken dahin, und nur gelegentlich standen sie einige Sekunden still, um uns mißtrauisch zu mustern, worauf sie mürrisch ihre einsamen Spaziergänge wieder fortsetzten. Die weite Fläche, die wir überblicken konnten, war also nur wenig belebt, denn wie vereinzelte Weihen und Prärielerchen im endlosen Luftraum verschwanden, so verschwanden auch die wenigen Tiere, ja sogar unsere kleine Karawane in der unabsehbaren Steppe. In den Nachmittagsstunden gelangten wir zwischen eine Reihe zusammenhängender Hügel, und bald darauf schauten wir hinab in das Tal des Canadian River, das baumlos wie die angrenzenden Höhen den Charakter einer tiefen Senkung der Prärie trug. Mehrere Quellen bemerkte ich an den Abhängen, als wir niederwärts zogen, und diese hatten, wo ihnen der Abfluß fehlte, den Boden so sehr aufgeweicht, daß es mehrfach der ganzen Kraft unserer Tiere bedurfte, um ihre Lasten über sie hinüberzuschaffen. Ungefähr sechshundert Fuß betrug der Höhenunterschied zwischen der Ebene und dem Tal des Flusses, und letzteres erstreckte sich weithin von Norden nach Süden in einer durchschnittlichen Breite von anderthalb Meilen. An der Furt trafen wir einen starken Train von achtzehn mit Ochsen bespannten Wagen gelagert; derselbe hatte am heißen Mittag dort Halt gemacht und beabsichtigte, die Reise gegen Abend wieder fortzusetzen – eine gewöhnliche Art der Karawanen, zu reisen, wenn sie das gegen übermäßige Hitze so empfindliche Rindvieh mit sich führen. Wir gingen durch den Fluß, der an jenem Punkt ungefähr dreißig Fuß breit ist und eine bedeutende Masse trüben, aber guten und trinkbaren Wassers führt, und eine massive Sandsteinlage bildet den Boden der Furt, wodurch den zahlreichen Karawanen, die alljährlich den Strom überschreiten, gleichsam eine Brücke ersetzt wird. Auf dem linken Ufer, wenige Schritte von den eilenden Fluten, richteten wir unser Zelt auf, und nachdem wir uns durch ein Bad im kalten Wasser erfrischt hatten, suchte ich meine Fischergeräte hervor und füllte die Zeit bis zum Abend mit Angeln aus. Merkwürdigerweise verschmähten die Fische den sonst so beliebten fetten Speck, den ich als Köder gebrauchte, und erst als die Sonne untergegangen und ich im Begriff war, meine Bemühungen als fruchtlos einzustellen, riß es heftig an der Schnur, und gleich darauf zog ich einen großen Katzenfisch ans Ufer. Diesem ersten folgten bald mehr, und als ich mich endlich zur Ruhe begab, hatte ich einen Vorrat von schmackhaften Fischen, der uns zum folgenden Morgen eine luxuriöse Mahlzeit versprach. Meine Wache fiel zwischen zwölf und ein Uhr, der Mond schien hell, weithin vermochte ich die Umgebung zu überblicken, die Fische bissen vortrefflich, und selbstverständlich setzte ich mein Angeln fort – zum größten Vorteil Wighams, dessen Wache dadurch bis auf eine halbe Stunde verkürzt wurde. Leider war es am folgenden Tag so warm, daß der ganze Vorrat von Fischen, den wir mitführten, verdarb und als unbrauchbar fortgeworfen werden mußte. Gern hätte ich Captain Gibs von dem in den Prärien seltenen Gericht für seine Familie im Überfluß mitgeteilt, doch hatte sich leider die militärische Gesellschaft abermals abgesondert und ihr Lager zwei Meilen hinter uns bezogen. Die ersten Sonnenstrahlen beleuchteten die Abhänge der westlichen Hochebene, und Schatten ruhte noch auf dem Canadian River und seinen grünen, betauten Ufern, als wir unsere Maultiere bestiegen und den östlichen Abhängen zueilten. Der Weg nach der Ebene hinauf war steil, aber nicht sandig, und führte fast ununterbrochen über Kreideformation; als wir aber die Höhe erreichten, dehnte sich die weite Ebene wieder vor uns aus, in größter Ähnlichkeit mit einem endlosen Ozean, dessen langsam und regelmäßig bewegtes Wasser plötzlich in eine regungslose Masse verwandelt wurde. Am Rand der Ebene wandte ich mich noch einmal zurück und schaute zum Fluß nieder, an dem ich vor Jahren in südlicheren Breiten so viele Monate zugebracht hatte; ich verglich in Gedanken den schmalen, aber reißenden Strom vor mir mit dem breiten, sandigen, wasserarmen Canadian River, wie er mir noch in der Erinnerung vorschwebte; ich gedachte auch der Umstände, die mich noch einmal an den Fluß zurückgeführt hatten, von dem ich einst auf ewig Abschied zu nehmen glaubte. Ich sah das rege Treiben der am Ufer lagernden Handelskarawanen und die Eskorte, wie sie bedächtig durch die Furt setzte; ich schwenkte meinen alten Strohhut, gab meinem Maultier die Sporen, und nach wenigen Minuten befand ich mich wieder an der Seite der Gefährten. In dem Maß, wie wir uns östlich bewegten, nahmen auch die Schwellungen und Senkungen der schattenlosen Prärie zu, so daß unsere Umgebung mehr einem Hügelland glich, durch das sich die feste, chausseeähnliche Straße hinwand. Die Junisonne brannte heiß auf uns nieder, und äußerst willkommen war es daher, als wir gegen Mittag einige Wasserpfützen erreichten, wo wir die Tiere tränken konnten. Das Hügelland nahm sein Ende, und daran schloß sich wieder die ebene Fläche an, in die von Norden her die Ausläufer der Raton Mountains oder vielmehr des Fisher's Peak, keilförmig hineinragten und in einigen zusammenhängenden schroffen Hügeln endeten. Unsere Straße führte dicht an letzteren vorbei, und nicht ohne Interesse betrachtete ich die versteckten Schluchten, die als Lieblingsverstecke raubsüchtiger Indianerhorden verrufen sind und aus denen so oft schon das Verderben über Vorbeireisende hereinbrach. Point of Rocks oder Felsenspitze heißt jene Landmarke, die einst die ersten Reisenden in der Wahl ihrer Richtung leitete; eine kleine Pyramide, von Feldsteinen aufgeführt, erhebt sich, weithin sichtbar, auf dem südlichsten Punkt, und der Name mag von diesem unbedeutenden Mauerwerk hergeleitet sein. Ob nun die Pyramide, die nur ihrer hervorragenden Stellung wegen Erwähnung verdient, von den Weißen errichtet wurde, um die Landmarke kenntlicher zu machen, oder ob die Indianer sich dort oben einen besseren Überblick über die Ebene zu verschaffen suchten, vermag ich nicht anzugeben, doch bin ich geneigt, letzteres zu glauben, indem die Hügelreihe auch ohne den Steinhaufen ein unverkennbares Zeichen für jeden Präriewanderer ist und Baulichkeiten jeder Art überflüssig macht; vielleicht befindet sich auch dort das Grab irgendeines großen Häuptlings. Eine schwache, aber sehr klare Quelle rieselte am Fuß des Point of Rocks zwischen schwarzen Basaltfelsen hervor; wir tränkten dort, füllten unsere Feldflaschen und setzten unsere Reise nahe dem trockenen Bett eines Bachs, des Arroya de Don Carlos, auch Willow Point Creek genannt, in östlicher Richtung bis dahin fort, wo der Bach gegen Süden abbog und eine Reihe von sumpfigen, tiefen Wasserpfützen barg. Nach einem Ritt von sechsundzwanzig Meilen lagerten wir an dem langen Abhang, der von der Prärie zu dem Arroya hinunterführte, und zwar entfernt genug von Bäumen und Strauchwerk, um gegen etwaige verräterische Handlungen umherstreifender Indianer gesichert zu sein. Wir befanden uns nämlich auf dem Boden, der unter dem Namen »White's Massacre« bekannt ist, eine Bezeichnung, die an und für sich schon hinreicht, Reisende, die zwischen den Schluchten und Verstecken jener Gegend lagern, zur Vorsicht und Wachsamkeit zu mahnen. Freund Peacock teilte uns die Geschichte von Whites und seiner Karawane Ermordung durch die Indianer noch an demselben Abend mit, und obgleich die Erzählung sich nur durch die Namen von der früher gegebenen unterschied, so lauschten wir doch nicht weniger gespannt, und es war schon spät, als wir uns zur Ruhe begaben. Am 26. Juni ließen wir die Eskorte, die nur eine Meile von uns gelagert hatte, weit hinter uns zurück und erreichten nach einigen Stunden den Wetzstein Creek, von dessen kühlem, prachtvollem Wasser wir einen Vorrat für den ganzen Tag mitnahmen. Der Bach oder vielmehr die Quelle rieselte unter einer niedrigen Wand von Sandsteinfelsen hervor, die, in dünnen, horizontalen Schichten übereinanderliegend, das Ufer einer unbedeutenden Senkung des Bodens bildete. Der Sandstein war von grauer Farbe und so fein, daß jedes Bruchstück, das man leicht loszutrennen vermochte, sich vortrefflich zum Schärfen von Messern und Äxten eignete, was natürlich Veranlassung zu den Namen gegeben hatte. Auch mehreren Emigrantenzügen begegneten wir wieder; ihr Ziel war Kalifornien, und es herrschte ein fröhliches Treiben unter den Mitgliedern jeglichen Alters und Geschlechts, die teils zu Wagen, teils zu Pferd langsam dem Land ihres Wünschens und Hoffens zu zogen. Mit den meisten wechselten wir Grüße und Glückwünsche, auch wohl einen Händedruck, wenn wir Ratschläge, die unbekannte Straße betreffend, erteilt hatten. Einige Männer äußerten mir gegenüber Besorgnis hinsichtlich ihres Übergangs über den Colorado sowie der Stimmung der dortigen Eingeborenen. Ich gab ihnen eine flüchtige Beschreibung von allem und ließ sie die Namen Kairook und Iretéba aufschreiben, die ich ihnen zugleich als Männer bezeichnete, deren guten Willen sie vor allen Dingen zu gewinnen suchen sollten. Ich gab ihnen auch meinen Namen, und zwar mit dem eigentümlichen Akzent, mit dem die eben genannten Häuptlinge denselben auszusprechen pflegten; ich bat sie, meine alten Freunde von mir zu grüßen, ihnen in meinem Namen einige Geschenke zukommen zu lassen und sie beim Übergang über den Strom um ihre Hilfe zu bitten. – So geringfügig dergleichen Umstände auch oftmals erscheinen, so hat die Erfahrung doch vielfach gelehrt, daß es dem Fremden bedeutend erleichtert wird, sich bei den Eingeborenen einzuführen, wenn er imstande ist, sich als der Freund jemandes auszuweisen, der nicht nur den Indianern persönlich bekannt ist, sondern dessen sie sich als eines Freundes erinnern. Die Urwilden haben sich nämlich trotz ihres mehrfachen Verkehrs mit der zivilisierten Rasse noch nicht soweit emporgeschwungen, daß es der Vetterschaft oder der warmen Fürsprache großer Häuptlinge bedürfte, um von jemand anders als von Dienern der öffentlichen Sicherheit beachtet zu werden; sie sind noch einfältig genug, »den Freund ihres Freundes« auch als den eigenen Freund zu betrachten, selbst auch dann, wenn ihnen die neue Bekanntschaft weder von Vorteil noch von Interesse erscheint. Mit Dank nahmen die Leute jeden Rat hin, und Wagen auf Wagen rollte bei uns vorüber; einzelne mit Lebensmitteln, andere mit Kaufmannsgütern und wieder andere mit weiblichen Passagieren beladen, während die berittenen Männer und Knaben des Zugs eine zahlreiche Viehherde umschwärmten. Plötzlich lenkte einer der Wagen aus der Reihe, und als er neben mir hielt, vernahm ich aus dem Innern desselben das von zwei freundlichen Mädchenstimmen gesprochene: »Guten Morgen, Fremder!« Ich bog mich vom Sattel, schaute unter das Leinwandverdeck und erblickte auch wirklich zwei junge, niedliche Mädchen, welche die vordere Hälfte des Wagens zu ihrem Parlour eingerichtet hatten. Beide befanden sich in dem interessanten Alter von sechzehn bis achtzehn Jahren, hatten also ein doppeltes Recht, von jedermann Höflichkeit und Zuvorkommenheit zu beanspruchen, ein Recht, das durch vier schöne Augen noch vervierfacht wurde. »Guten Morgen, meine schönen Damen!« rief ich in den Wagen hinein, und gleich darauf weidete mein Tier am Weg, ich selbst aber stieg auf die Deichsel, stützte meine Arme auf einen schweren Kasten, der gleichsam eine Barrikade vor den beiden hübschen Emigrantinnen bildete, und ihnen recht freundlich in die Augen blickend, fragte ich, ob ich mit irgend etwas dienen könnte. »Gewiß!« antworteten beide lachend, und einige Briefe aus ihren Busentüchern hervorziehend, fragten sie, ob ich diese wohl mit an den Missouri nehmen und dort auf irgendeine Post geben wolle? »Mit Freuden!« rief ich aus. »Und zwar nicht allein die Briefe, sondern auch euch selbst, wenn Ihr es verlangt!« »Wenn wir nur dürften, gingen wir schon mit Euch zurück«, erwiderte die Wortführerin, »denn es wird uns schon bang in der Wildnis; aber ich sage Euch, wir dürfen nicht, und so müßt Ihr Euch wohl mit den Briefen zufriedengeben.« Ich nahm die Briefe hin, las die Adressen: An Herrn N. und an Herrn N., und zu den Mädchen aufblickend sagte ich mit verzeihlicher Präriefreiheit: »Unglückliche Liebe, wie es mir scheint!« Die Mädchen erröteten, und hastig flüsterte die Wortführerin: »Sprecht nicht so laut, damit unser Wagenführer Eure Worte nicht vernimmt; ja, Ihr habt recht, es ist unglückliche Liebe, die aber, so Gott will, noch eine recht glückliche werden soll; denn denkt Euch nur, Fremder, wir beide sind gegen unseren Willen und Wunsch der Heimat entrissen worden, und deshalb bitten wir Euch vertrauensvoll, die Briefe an ihre Adressen gelangen zu lassen; es befinden sich dort Leute, die uns folgen werden und deren Ankunft in Kalifornien wir schmerzlich, aber voll Hoffnung entgegensehen; das andere könnt Ihr Euch schon alles denken.« »Natürlich kann ich es mir denken und gratuliere«, antwortete ich; »aber ich denke zugleich, daß Leute, die ein Paar so liebenswürdige Damen, wie Ihr seid, durch die Steppen reisen lassen, ohne sich in ihrem Gefolge zu befinden, nicht wert sind, daß Ihr noch Briefe an sie richtet.« »Ja, sie sind es wert«, rief zornig die schweigsamere Schöne jetzt; »es fehlten ihnen nur die Mittel dazu, sich uns anschließen zu können, und –« »Laßt nur gut sein«, unterbrach ich hier das eifernde Mädchen, »ich fühle mich nicht befugt, in Eure Herzensangelegenheiten einzudringen, aber Eure Briefe werden befördert, oder die Komantschen müßten mir denn den Skalp vom Schädel streifen.« »Redet doch nicht so fürchterliche Worte«, fiel hier die erstere ein. »Ihr seht ja, daß meine Nachbarin schon bebt bei der bloßen Erwähnung der Indianer; besorgt unsere Aufträge, und verdient Euch einen Gotteslohn.« »Verlaßt Euch darauf«, antwortete ich, »daß sie ausgeführt werden; und was die Indianer anbetrifft, so braucht Ihr Euch vor ihnen nicht zu fürchten, denn Ihr seid ein Paar so schöne Damen, daß selbst die Eingeborenen sich Euch gegenüber wie Gentlemen benehmen werden. Aber ich sehe, Ihr habt Milch im Wagen, wollt Ihr mir meinen Wasserschlauch damit füllen?« »Gewiß«, antworteten beide zugleich, »die Milch ist ganz frisch und erst heute früh gemolken; gebt nur Euren Schlauch her!« Ich sprang zu meinem Maultier, löste den Behälter vom Sattelknopf und beobachtete dann die beiden zarten Präriereisenden, wie sie vorsichtig den Schlauch füllten und sich gegenseitig die Milch auf den Schoß gossen. »Hier ist Eure Milch«, sagte endlich die Ältere. »Nehmt im voraus unseren Dank für Eure Güte; und jetzt müssen wir uns trennen.« Auch ich sprach meinen Dank aus, drückte, nicht ohne ein Gefühl der Rührung, den beiden Mädchen die Hand, bestieg mein Tier und trabte an den letzten Wagen vorbei, meinen Gefährten nach. Einem einzelnen Reiter begegnete ich noch, es war ein hagerer, finsterer Amerikaner, und nach dem gewöhnlichen »How do you do?« fragte dieser: »Wie viele Meilen zum nächsten Wasser?« »Sechs Meilen«, antwortete ich und fragte ebenso kurz: »Wie steht's mit den Büffeln dieses Jahr?« »Viel Büffel acht Tagesreisen von hier«, lautete der Bescheid, und jeder zog seiner Straße. Das war das Begegnen in der Prärie. An die beiden jungen Mädchen habe ich oft gedacht, ich hoffe, daß sie Kalifornien glücklich erreicht haben; die Briefe sind pünktlich besorgt worden, und es mag die Erfüllung ihrer geheimen Wünsche wohl nicht lange auf sich warten haben lassen. Dreiundzwanzig Meilen legten wir an diesem Tag zurück; die ununterbrochene grüne Ebene bildete ständig unsere Umgebung, auf dieser spielten herdenweise muntere Antilopen, und hin und wieder erblickte ich einen gebleichten, verkalkten Büffelschädel, der mit hohlen Augen in die Sonne starrte und an die Zeiten erinnerte, in denen die Bisonherden noch die Prärien vom Mississippi bis an die Rocky Mountains überschwemmten. Lehmiger Boden schimmerte überall zwischen dem Rasen hindurch, und wo niederströmendes Regenwasser das Erdreich fortgewaschen hatte, da zeigte sich mehrfach das schwarze Gestein der Trappformation. Wir lagerten an einer wasserhaltigen, grasreisen Vertiefung der Steppe, an deren Abhängen oder vielmehr Ufern der Basalt in großen Massen hervortrat, weshalb jenem Punkt auch wohl der Name Rock Creek oder Felsenbach beigelegt worden ist. Obgleich wir am 27. Juni fast unausgesetzt mit der Verfolgung von Antilopen beschäftigt waren, brachten wir die Reise des Tages doch bis auf achtundzwanzig Meilen. Während der heißen Mittagsstunde rasteten wir am Fuß einer kurzen Hügelreihe, an welcher der Rabbit Ear Creek oder Hasenohrbach entspringt. Das Flüßchen ist nach dem hervorragendsten der Trapphügel benannt worden, doch gehört keine geringe Einbildungskraft dazu, eine Ähnlichkeit des konischen Hügels mit dem Ohr eines Hasen herauszufinden. Die ersten Reisenden dieser Regionen nahmen es aber nicht so genau mit den Benennungen, und von ihnen haben sich die merkwürdigen Namen bis auf den heutigen Tag erhalten. Wir übernachteten am Ufer des Cottonwood Creek, dem trockenen Bett eines Gießbachs, in dem sich da, wo massive Sandsteinfelsen den Boden bildeten, einzelne Wasserpfützen erhalten hatten. Die wenigen Baumgruppen, von denen der Bach seinen Namen herleitet, prangten im vollsten Blätterschmuck und standen in schönem Einklang mit der dort so üppigen grünen Wiese, in der sich Blume an Blume hervordrängte, wie um das liebliche Bild des Frühlings zu vervollständigen. Als ich am folgenden Morgen durch die paradiesischen Fluren dahinritt, da war es mir, als ob ich mich in einem wohl gepflegten Garten befände. Balsamischer Duft erfüllte die Atmosphäre, schillernde Tautropfen beschwerten die gebogenen Halme und reizenden Blütenkelche, Falter verschiedenster Art sonnten ihre prächtigen Schwingen, und fleißige Bienen summten nahe dem Boden. Doch nur auf eine verhältnismäßig kurze Strecke erfreute uns die Prärie in ihrem Festkleid, denn als wir die nächste Anschwellung der Ebene erreichten, umgab uns wohl noch der frische grüne Rasen, aber die Blumen suchten wir vergebens, und statt ihrer erblickten wir einen Streifen verkrüppelter Zedernbüsche, die fast jeder Landschaft einen so eigentümlich melancholischen Charakter verleihen. »Dies ist MacNisse's Creek«, sagte Peacock, als wir durch das trockene Bett eines Bachs ritten. »Er ist nach einem Handelsmann benannt worden, der vor einigen Jahren auf jenem Hügel unter dem weitverzweigten Zedernbaum erschossen wurde.« »Heraus mit der Mordgeschichte«, riefen wir fast gleichzeitig, und Peacock, nachdem er den Tabak in seinem Mund einige Male hin und her gerollt hatte, begann: »MacNisse war ein Handelsmann, wie es deren so viele gibt; das heißt, er kaufte Waren am Missouri, schaffte sie über die Ebenen, verkaufte sie in Santa Fé mit Vorteil und war auf dem besten Weg, ein reicher Mann zu werden, als der Tod ihn plötzlich ereilte. Es ist ungefähr zehn Jahre her, als er, vom Missouri kommend, mit einem starken Train diese Gegend erreichte. Er war seiner Karawane eine Strecke vorausgeeilt, und ermüdet und erhitzt hatte er sich unter jenem abgesondert stehenden Baum zur Ruhe hingestreckt, während sein Pferd es sich auf der üppigen Weide schmecken ließ. Eine Stunde mochte vergangen sein, als der Train hier anlangte und die Leute MacNisse aus der Ferne erkannten, wie er im Schatten des Baumes rastete, aber auch zugleich sein Pferd vermißten, das er sonst nie weit von sich ließ. Um den Schlafenden zu wecken und auf das Abirren des Pferdes aufmerksam zu machen, ging ein Arbeiter hinüber und fand zu seinem nicht geringen Schrecken den Kaufmann zwar in einer gemächlichen, ruhenden Stellung, allein mit zerschmettertem Haupt. Natürlich hielt die Karawane augenblicklich an, und genaue Nachforschungen ergaben, daß ein vereinzelt umherstreifender Indianer MacNisse im Schlaf überrascht, mit dessen eigener Büchse getötet und sich danach mit dessen Pferd und den Waffen davongemacht hatte. Also das Pferd und die Büchse hatten die Raubsucht des Wilden gereizt und gewissermaßen die Veranlassung zu dem Tod des Kaufmanns gegeben. Der arme Mensch liegt dort im Schatten des Baums begraben, und das Andenken an ihn wird nur so lange fortleben, wie diese Schlucht seinen Namen trägt oder bis eine wissenschaftliche Expedition hier übernachtet, einen anderen Namen erfindet und auf der Karte niederschreibt.« Während Peacock in seiner gleichmütigen Weise erzählte, hatte ich einen großen Wolf beobachtet, der auf unserer linken Seite in guter Büchsenschußweite gleichen Schritt mit uns hielt. Als die Geschichte nun beendet war, brachte ich mein Tier zum Stehen, und da der Wolf meine Bewegung nicht sogleich bemerkte, pfiff ich auf dem Finger, was auch die beabsichtigte Wirkung hatte, daß der grimmige Geselle sich breit hinstellte und zu mir herüberschaute. Langsam hob ich meine Büchse, und da mein Tier mit jeder Art von Jagd vertraut war, so konnte ich mit aller Ruhe mein Ziel nehmen. Endlich gab ich Feuer, und durch den Dampf hindurch sah ich den Wolf, wie er gegen fünf Fuß hoch in die Luft emporschnellte, wieder auf seine Füße zu stehen kam, einige Male mit den Zähnen nach seiner Seite schnappte und dann spornstreichs davonrannte. Er lief indessen nicht weit, und schon auf der nächsten Schwellung des Bodens, also in der Entfernung von einer halben Meile, brach er zusammen. Nach kurzer Zeit erreichten wir eine andere Schlucht, die nach einigen Zedernbüschen, die ihre Ufer schmückten, Cedar Creek genannt worden ist. Wir tränkten daselbst, zogen dann nach der Ebene hinauf, wo wir an einer grasigen Stelle rasteten, und eine Stunde später verfolgten wir wieder die alte Straße, die von nun ab vorzugsweise über ebenes Land ohne Schwellungen und Senkungen dahinführte. Die Sonne neigte sich dem Westen zu, weithin dehnten sich unsere Schatten aus, doch keine Senkung des Bodens verriet die Nähe einer Quelle oder Pfütze; die Dämmerung brach ein, wir ritten abseits von der Straße, um nach Wasser zu spüren, aber vergeblich; der Mond entstieg der östlichen Fläche und beleuchtete eine Hügelreihe vor uns, aber eine Lagerstätte erreichten wir erst, nachdem wir den größten Teil des Weges zwischen den Hügeln hindurch zurückgelegt und unseren Tagesmarsch auf vierzig Meilen gebracht hatten. Es war schon zehn Uhr, als wir am Coal Creek das Zelt aufschlugen und die Tiere anpflockten; eine halbe Stunde später saßen wir fröhlich um unseren Feldtisch. Nach Beendigung der Mahlzeit hing ich mir die Doppelflinte über und umkreiste als Schildwache das Lager, während alle übrigen sich der Ruhe hingaben. Wenn nächtliche Ruhe über der ganzen Umgebung schwebt, der Mond mit seinem milden Licht selbst entferntere Gegenstände deutlich hervortreten läßt, die satten Tiere behaglich stöhnen oder mechanisch das taufeuchte Gras abrupfen, Grillen und Heuschrecken ihre endlosen Triller dazu singen, der lichtscheue Uhu unheimlich lacht und heulend der Wolf in der Ferne seine Beute verfolgt, dann bietet eine Stunde der Wache ebenfalls ihre Annehmlichkeiten. Ohne die Aufmerksamkeit von der Umgebung abzuwenden, läßt man die Gedanken frei wandern, wandern über Länder und Meere. Schon im jugendlichen Alter bietet die Vergangenheit zahlreiche Punkte, die man sich gern vergegenwärtigt und bei denen man geistig länger und lieber weilt. – Wo nun das Leben reich ist an Ereignissen und Erfahrungen, die nicht allein durch lange Zeitabschnitte voneinander getrennt sind, sondern auch durch Tausende von Meilen, da fliegt der Gedanke leicht über Zeit und Entfernungen hinweg. Fast in demselben Augenblick befindet man sich am friedlichen, heimischen Herd, in prächtigen, hellerleuchteten, aber fremden Räumen oder in der Urwildnis; man durchfurcht den weiß schäumenden Ozean, man wandert mühsam im Schatten dicht berankter Wälder, und überall findet man Anknüpfungspunkte. Einen kalten Blick wirft man im Vorübergehen auf den trügerisch schimmernden Teil der menschlichen Gesellschaft, aber freudig pocht man an die heimatliche Tür. Lauter liebe, bekannte Gesichter tauchen dann freundlich in der Erinnerung auf, und kühn versucht die Phantasie den dunklen Schleier der Zukunft zu lüften. Wieder erscheinen die lieben, bekannten Gesichter, man vernimmt den freudigen Ruf des Willkommens, man bemerkt mit Entzücken eine Träne der Freude und ... Doch was ist das? Ängstlich schnaubt ein Maultier, ein anderes folgt dem Beispiel, man wirft sich auf den Boden, um die niedrigeren Gegenstände zwischen das Auge und das lichtvolle Firmament zu bringen, und lauscht. Das Schnauben der Tiere vermehrt sich, und bald darauf unterscheidet man einen räuberischen Wolf, der sich bis in die Nähe des Zelts gewagt hat; man könnte ihn durch einen Schuß erlegen, warum aber eines Wolfs wegen die Kameraden aus dem erquickenden Schlummer stören? Sie würden auf das gegebene Signal sogleich an den Tisch vor dem Zelt stürzen, auf dem wohlgeordnet nebeneinander geladene Doppelflinten und Büchsen liegen; Revolver und Messer trägt ja jeder im Gurt. Warum also die Störung? Man erhebt sich, schreitet auf die Bestie los, die feige die Flucht ergreift, und einige Minuten später herrscht wieder lautlose Stille im Lager, nur die Grillen singen noch, und die beruhigten Maultiere atmen lang und tief. Mein Nachfolger im Wachdienst war Wigham, unser getreuer, verschlafener Irländer, und keine geringe Mühe kostete es mich jedesmal, dem unwirschen Gesellen begreiflich zu machen, daß er wirklich aufwachen müsse. Wenn er indessen die Augen erst aufgeschlagen hatte, so gab es keinen gewissenhafteren Wächter als ihn. Um nun die Zeit nicht mit nutzlosem Wecken zu verlieren, versuchte ich ein ganz neues Mittel, das sehr guten Erfolg hatte und einen solchen Anklang fand, daß es später mehrfach angewandt wurde. Fünf Minuten nämlich vor Ablauf der Wache nahm ich einen Becher, füllte ihn bis zur Hälfte mit Wasser und zur Hälfte mit Kognak, fügte den entsprechenden Zucker hinzu und stellte das Ganze dicht vor Wighams schnarchende Nase. »Wigham, es ist Zeit!« rief ich dann, wobei ich mit dem Teelöffel in dem blechernen Gefäß rasselte; Wigham stand auf, trank den Punsch, ergriff sein Gewehr und verschwand in der Dunkelheit, und ich glaube, in der schwärzesten Nacht hätte sich keine Schlange, viel weniger noch eine Rothaut unbemerkt zu uns ins Lager schleichen können. Jeder wußte aber auch, daß von der Wachsamkeit allein die Existenz unserer kleinen Expedition abhing. Fünfunddreißigstes Kapitel Ankunft am Cimarron – Zusammentreffen mit Reisenden – Reise am Cimarron hinunter – Die mutmaßliche Räuberbande – Ankunft am Arkansas-Fluß – Die Indianer daselbst – Zusammentreffen mit dem Militärkommando – Der 4. Juli – Übergang über den Arkansas – Ruinen von Fort Mann – Der erste Büffel – Erlegen desselben – Dry Road und Water Road – Einfangen eines herrenlosen Pferdes – Coon Creek – Vegetation daselbst – Reise nach dem Walnut Creek – Die Tauschhändler – Vincenti Als wir am Morgen des 29. Juni ins Freie traten, gewahrte ich, daß wir in einer grasigen Niederung angehalten hatten, die auf drei Seiten von Hügeln kesselähnlich eingefaßt war. Ein sumpfiger Bach mit klarem, aber magnesiahaltigem Wasser, das zur Zeit wegen des niedrigen Standes nicht floß, wand sich durch die Wiesen dahin, und in demselben erblickte ich Tausende von Fischen verschiedener Größe, die eilfertig zwischen den Schilfstauden hinschlüpften. Wir nahmen uns nicht die Zeit, einige derselben zu fangen – um so mehr, als ich nur die einzige Art der Pomotis erkannte –, und bald lagen daher die Hügel mit ihren verborgenen Quellen, unter denen die Cimarron-Quelle die bedeutendste ist, hinter uns. Nach einem Marsch von fünfundzwanzig Meilen erreichten wir in den ersten Nachmittagsstunden den Cimarron, ein Flüßchen, an dem hinauf wir unsere Reise auf längere Zeit fortzusetzen hatten, und wir trafen sogleich Anstalt, hier zu übernachten. Die Hauptquellen des Cimarron befinden sich am östlichen Abhang der Raton Mountains (104° w. L. von Greenwich), und von dort aus eine nordöstliche Richtung beibehaltend, nähert er sich auf dem 101. Grad dem Arkansas bis auf wenige Meilen; dort aber wendet er sich plötzlich gegen Südosten, und die nördliche Biegung des Arkansas abschneidend, vereinigt er sich erst auf dem 96. Grad mit diesem Strom. Soweit ich auf dieser Reise den Cimarron kennenlernte, gleicht er einem Bach, der sich durch grüne, baumlose Wiesen hinwindet und dessen Spiegel nur wenige Fuß tiefer als die Oberfläche seiner breiten, aber geringen Talsenkung liegt. Wie viele Bäche und Flüsse in diesen Breiten, rieselt auch der Cimarron streckenweise unter der Oberfläche fort, und nur zur Zeit, wenn er die Schneewasser der westlichen Berge in sich aufnimmt, gleicht sein weites Tal einem Strom, der sich wild schäumend in den Arkansas ergießt. Wo man in trockenen Jahreszeiten auf fließendes Wasser des Cimarron stößt, hat dasselbe nur einen geringen Beigeschmack von Magnesia, in den Pfützen dagegen wird es durch die alkalischen Bestandteile fast untrinkbar, und es gesellt sich hierzu noch ein übler, moderähnlicher Geruch, der das Wasser förmlich widerlich macht. Ich bemerkte übrigens, sooft ich durch das Flüßchen ritt, daß nur eine dünne Sandlage den Boden deckte und sowohl Wagenräder wie die Hufe der Tiere übelriechenden, blauschwarzen Moder zutage förderten, der dem stehenden Wasser der nahen Bäche und Pfützen die eigentümlichen Eigenschaften verlieh. – Wider Erwarten fand ich das Gebiet des Cimarron arm an Wild; zwar beobachtete ich zahlreiche Büffelpfade, sogar auch eine zur Mumie ausgetrocknete Büffelleiche – was darauf hindeutete, daß in manchen Jahren der Bison seine Wanderungen bis dorthin ausdehnt –, doch das eigentliche Standwild, die Antilope und den weißschwänzigen Hirsch, erblickte ich nur in geringer Anzahl und meist nur in weiter Ferne. Zur gewohnten Stunde verließen wir am 30. Juni unser Lager und folgten der ebenen, aber gewundenen Straße im Tal des Cimarron. Mehreren Handelskarawanen begegneten wir; auf schweren, zwölfspännigen Ochsenwagen führten sie Güter nach Neu-Mexiko, und von allen Leuten, mit denen wir uns in Unterhaltung einließen, erfuhren wir, daß der größte Teil der Büffelherden schon gegen Norden gezogen sei, daß wir aber noch immer auf eine vortreffliche Jagd würden rechnen können. Dergleichen Nachrichten veranlaßten uns, die Reise noch zu beschleunigen, und wenn die Sonne in den Mittagsstunden fast senkrecht über unserem Haupt stand, der eigene Schatten unter den Füßen fast verschwand, die erhitzte Atmosphäre vor den Augen zitterte und flimmerte und die Mirage uns mit ihren Trugbildern neckte, dann ritten wir ebenso fröhlich und rüstig dahin wie am frühen Morgen nach stärkender Nachtruhe oder in den kühlen Abendstunden, wenn aus der Ferne ein Wasserspiegel winkte. Lustig jagten wir mit unseren kräftigen Tieren den tückischen Wolf und die flüchtige Antilope, und wenn wir dann während des Tages einige Stunden rasteten, lagerten wir im Kreis um den Wagen und steckten den Kopf in dessen Schatten, um nicht während eines kurzen Schläfchens der gefährlichen Wirkung der Sonnenstrahlen ausgesetzt zu sein. Nach einem Ritt von fünfzehn Meilen erreichten wir die Stelle, an der die Straße aus dem Tal nach der Ebene hinaufführt, und trafen hier mit der Post der Vereinigten Staaten zusammen, die sechzehn Tage früher den Missouri verlassen hatte. Sie brachte nur sehr kärgliche Neuigkeiten, hob aber besonders hervor, daß sie auf ihrem Weg mit zahlreichen Indianerhorden zusammengetroffen und nur durch ihre Eile und Schnelligkeit deren Belästigungen entgangen sei. Wir ließen uns die Punkte, an denen die Eingeborenen lagerten, bezeichnen, und nicht sonderlich um unsere Zukunft beunruhigt, begaben wir uns nach der Ebene hinauf, um auf dieser bis zum Abend unsere Reise fortzusetzen. Zwölf Meilen weit ritten wir über eine Fläche, die fast an einen Billardtisch erinnerte, und gelangten dann wieder in das Tal hinab, wo wir sogleich anhielten. Dicht bei uns lagerte ein kleiner Trupp Reisender, die augenscheinlich vom Missouri kamen. Wir gingen zu ihnen hinüber, um das Woher und Wohin mit ihnen auszutauschen, und wurden aufs angenehmste überrascht, als Peacock in dem Anführer einen langjährigen bewährten Freund wiedererkannte. Wir befanden uns bald in lebhafter Unterhaltung, und als ein Beispiel, wie in den Prärien Gastfreundschaft angeboten und angenommen wird, führe ich hier ein Gespräch zwischen den beiden alten Freunden an: »Wie ist es, Peacock«, fragte der Fremde, »habt Ihr auf schlechtes Wasser gerechnet und so viel stärkendes Getränk mitgenommen, daß Ihr bis an den Missouri keine Not zu leiden braucht?« »Als wir Santa Fé verließen«, antwortete Peacock, »waren wir im Besitz von so vielen vollen Flaschen und Fäßchen, daß wir glaubten, noch etwas am Missouri verkaufen zu können; nun stießen wir aber ständig auf so schlechtes Wasser, die Sonne wurde so heiß und der Durst so groß, daß ich nicht ohne Besorgnis an die Zukunft denke.« »Und dann ist auch keine Aussicht vorhanden«, unterbrach ihn der andere, »daß Euer Durst sich vermindern wird; glücklicherweise ist mein Train noch hinter mir zurück, und so freue ich mich denn, Euch gegen Not einigermaßen sicherstellen zu können.« Bei diesen Worten riß er ein Blatt Papier aus seinem Notizbuch, schrieb mit Bleistift einige Worte darauf, und Peacock den Zettel hinreichend, sagte er: »Morgen abend oder übermorgen früh werdet Ihr meinem Train begegnen, grüßt nur den Wagenmeister von mir, gebt ihm diese Quittung und ein leeres Fäßchen, und wenn Ihr dieses nicht mit so gutem Brandy, wie er nur je über die Prärien geführt wurde, gefüllt wieder zurückerhaltet, so will ich mich hängen lassen!« »Aber nicht in der Prärie«, fügte Peacock schmunzelnd hinzu. »Es möchte sonst schwer halten, einen Baum für Euch zu finden.« Bis tief in die Nacht hinein saßen wir zusammen, und als wir am folgenden Morgen ins Freie traten, fanden wir die Lagerstelle des Gastfreundes verlassen; er war schon in der Nacht aufgebrochen. Am 1.Juli blieben wir nur noch kurze Zeit im Tal des Flüßchens; ehe wir uns indessen nach der Ebene hinaufbegaben, bogen wir seitwärts in eine Niederung, um an der dort befindlichen Quelle (Middle Cimarron Spring) die Wassergefäße zu füllen. Denn trotz des scharfen Reitens konnten wir doch nicht darauf rechnen, an demselben Tag noch das fließende Wasser des Cimarron wieder zu erreichen, der dort einen Bogen gegen Südosten beschreibt und weiter nichts als einige Pfützen in seinem Bett aufzuweisen hat. Achtundzwanzig Meilen betrug unser Tagesmarsch, und als die Sonne sich senkte, näherten wir uns wieder dem grasigen Tal, in dem wir einen Pfuhl trüben Wassers für unsere Tiere entdeckten. Wir hielten dort, und kaum hatten wir die letzten Vorbereitungen für die Nacht beendet, als ein Gewitter sich zu entladen begann. Ein feiner, nässender Regen verhüllte die ganze Landschaft wie mit einem Schleier und beschleunigte den Einbruch der Nacht. Es regnete noch, als wir am folgenden Morgen die Maultiere bestiegen und die alte Richtung verfolgten, die auf den ersten zwölf Meilen mit dem Cimarron zusammenfiel. Wie die Sonne höher stieg, so verminderte sich auch der Regen, und als wir uns gegen elf Uhr einer der bedeutendsten Quellen im sonst trockenen Tal des Flusses näherten, hatten sich die Wolken zerteilt, und gierig saugten die fast senkrechten Strahlen der Sonne die niedergeschlagene Feuchtigkeit wieder auf. Wir rasteten zwei Stunden an jener Quelle und erhielten dort Besuch von einer Rotte zerlumpter Mexikaner, die angeblich von den Comanche-Indianern zurückkehrten, mit denen sie Tauschhandel getrieben hatten. Nie im Leben erblickte ich eine schönere Auswahl von Räuberphysiognomien als unter dieser Gesellschaft; ja einige derselben zeigten einen wahrhaft abschreckenden Ausdruck, und es hatte durchaus nicht den Anschein, als ob ein einziger von ihnen vor einem kaltblütigen Mord zurückgeschreckt wäre. Es waren etwa zwanzig an der Zahl, und ich kann wohl sagen, daß wir es uns nicht zur besonderen Ehre anrechneten, als einige von ihnen sich zu uns gesellten und nach besten Kräften auszufragen begannen. Wir gaben ihnen kurze und, was die Fortsetzung unserer Reise anbetraf, falsche Antworten, denn wir alle zweifelten nicht daran, daß wir eine der Räuberbanden vor uns hatten, die jene Handelsstraße unsicher machen und die zahlreiche Verbrechen begehen, die den Indianern zur Last gelegt werden. Wir waren zu gut bewaffnet, als daß wir die unheimliche Gesellschaft am Tag zu fürchten gehabt hätten, und nur um einem nächtlichen Überfall und dem Verlust der Maultiere vorzubeugen, leiteten wir die Frager durch unsere Antworten irre. Als wir unsere Reise fortsetzen, waren wir einer Plage unterworfen, die wir zwar schon an den vorhergehenden Tagen kennengelernt, die sich aber nach dem milden Regen verdoppelt hatte. Kleine, kaum sichtbare Fliegen erfüllten nämlich die dunstige Atmosphäre und senkten sich scharenweise auf uns und die Tiere; wir versuchten wohl, uns durch Verhüllen des Kopfes und der Hände zu schützen, doch gelang es nicht, die kleinen Tierchen ganz von uns fernzuhalten, und diese verkrochen sich vorzugsweise im Bart- und Haupthaar, wo sie uns dann durch Bisse und Stiche auf das empfindlichste peinigten. Erst als wir das Tal verließen und nach der Ebene hinaufzogen, auf der wir von nun ab bis zum Arkansas weiterreisten, erreichte die Qual ihr Ende. Gegen Abend, nach Zurücklegung von siebenundzwanzig Meilen, gelangten wir zu einer Senkung der Ebene, die unter dem Namen Sand Creek bekannt ist. Wir übernachteten in der Nähe eines trüben Wasserpfuhls, den wir in dem Bett des selten fließenden Baches fanden, und fast gegen alles Vermuten blieben wir ungestört. Wir hatten nämlich nicht geglaubt, daß die Räuberbande, der wir am vorhergehenden Tag begegneten, es würde übers Herz bringen können, nicht wenigstens einen Versuch des Diebstahls an unseren Maultieren zu wagen. Während der letzten Hälfte der Nacht regnete es stark, und im Regen sattelten und bestiegen wir am Morgen des 3. Juli unsere Tiere. Die Umgebung hatte ein zu ödes, trostloses Aussehen, als daß wir dort besseres Wetter hätten abwarten mögen, wir schlugen daher eine Decke um die Schultern, und in starkem Schritt zogen wir über die ebene Fläche, deren Grenzen von dem fallenden Regen wie durch bleifarbige Wände bestimmt wurden. Mehrfach begegneten wir an diesem Morgen Handelskarawanen und unter diesen auch der erwarteten; Peacock hatte den Zettel sorgfältig aufbewahrt und übergab ihn der Verabredung gemäß dem Wagenmeister; er erhielt dafür auch wirklich ein Fäßchen Brandy, von dem man wohl sagen konnte, daß nie besserer seinen Weg durch die Prärien fand. Wiederum klärte sich der Himmel gegen Mittag auf, und unabsehbar, ohne die leiseste Schwellung, dehnte sich dann die Prärie nach allen Richtungen aus. Obgleich Regenwasser genug sich pfützenweise in den Vertiefungen der Straße angesammelt hatte und es mithin nicht an geeigneten Lagerstellen fehlte, so reisten wir doch bis gegen Abend ununterbrochen weiter und schlugen dann auf einer grasreichen Bodensenkung das Lager auf. Im vollsten Glanz versank die Sonne in der Ebene, und ebenso glanzvoll entstieg sie am 4. Juli dem feurigen Osten; kein Wölkchen trübte den lieblich blauen Himmel, große Tautropfen schmückten die kurzen Halme des nahrhaften Büffelgrases, und in den merkwürdigsten Figuren durchkreuzten sich die Pfade der weidenden Maultiere, die mit schleppendem Schritt den Tau vom Rasen abgestreift und diesem auf kurze Zeit eine dunklere Färbung gegeben hatten. Es war ein schöner, ein herrlicher Morgen – ein Morgen, wie es deren in der Prärie so viele gibt; wir hätten uns für die einzigen lebenden Wesen und mithin für die einzigen Herren der ganzen Welt halten können, denn für uns gab es ja nichts als die weite, grüne Ebene, das unendliche Himmelsgewölbe, die liebe, schöne Sonne und unsere Expedition. Es ist wahr, unsere Schuhe begannen schon von den Füßen zu fallen, und die wenigen Kleidungsstücke zeigten geringe Lust, noch länger bei uns ausharren zu wollen; doch unsere Umgebung, so einfach sie nur war, erschien uns darum nicht minder erhaben, und aus voller Brust, mit lautem Jubel und Gesang begrüßten wir den neuen Tag – ähnlich den Lerchen, die keinen anderen Kummer als trübes Wetter und keine andere Lust als hellen Sonnenschein kennen. Mein Maultier schloß behaglich die Augen, als ich zu ihm herantrat – vielleicht mit der Absicht, um nicht von mir bemerkt zu werden –, es seufzte tief, als ich den Sattelgurt straffer zog; als ich mich aber hinaufschwang, da spitzte es seine unförmigen Ohren und trabte lustig in der Reihe seiner Gefährten dem polternden Wagen voran. Auf einer Strecke von vierzehn Meilen veränderte unsere Umgebung ihren Charakter nicht im geringsten, dann aber gelangten wir zwischen eine Reihe sandiger Hügel, und eine Stunde später befanden wir uns am Rand des Tals des Arkansas. Zwei Karawanen lagerten hier, zahlreiche berittene Indianer schwärmten in der Nähe umher; doch ehe ich meine Aufmerksamkeit diesen zuwandte, blickte ich in das Tal hinab, das der breite, lehmfarbige Arkansas in zwei Hälften teilte. Manche Prärieströme habe ich auf meinen Reisen schon beobachtet – unter diesen den Nebraska, den Canadian River und den Arkansas –, doch ist mir im allgemeinen keine hervorragende Verschiedenheit im Charakter derselben aufgefallen. Überall sah ich dasselbe breite, sandige und seichte Bett; überall die flachen Ufer, die ebenen, grasreichen Täler; überall die hügelige Taleinfassung und nirgends so viel Baumvegetation, daß es des Rennens wert gewesen wäre. Der letztere Umstand ist wohl vorzugsweise Grund, daß diese Flüsse beim ersten Anblick keinen so erfreuenden Eindruck hervorrufen, wie man es bei Strömen in bevorzugteren Gegenden erfuhr. Man muß sich gleichsam an diese gewöhnt haben, um sie liebzugewinnen, man muß wochenlang aus ihren Fluten getrunken und in ihren Wellen gebadet haben, um sich mit Widerstreben von ihnen zu trennen – und so ist es auch mit dem oberen Arkansas, der bald steigend, bald fallend durch die Steppen eilt und einen großen Teil des Wassers der östlichen Abhänge der Rocky Mountains dem Vater der Flüsse, dem Mississippi, zuführt. Die Indianer, mit denen wir dort zusammentrafen, gehörten den Nationen der Cheyennes, Kiowas und der Arapahoes an, doch war ich nicht imstande, in ihrem Äußeren irgend etwas zu entdecken, was auf eine Stammesverschiedenheit gedeutet hätte. Es waren lauter große, schön gebaute Leute, echte Steppenbewohner, in deren Haltung eine gewisse Kühnheit und in deren Rüstung eine indianische Wohlhabenheit nicht zu verkennen war. In langen Flechten fiel das Haar zu beiden Seiten des bemalten Gesichts auf die Knie herab, während die phantastisch geschmückte Skalplocke zusammen mit den Haaren des Hinterkopfes bis aufs Kreuz herabreichte. Der Anzug war bei allen verschieden und so bunt, so merkwürdig verziert und geschnitten, daß man sich unwillkürlich über die Erfindungsgabe dieser Menschen wunderte, die es verstanden, ihren Geschmack in so zahlreichen abweichenden Formen darzutun. Doch nicht nur die Mokassins und die Leggins prangten unter einer Last von Porzellanperlen, fein geschnittenen Riemen, Schellen, kostbaren Pelzstreifen und Ringen, sondern auch das Sattelzeug ihrer kräftigen und dauerhaften Pferde. Die wilden Präriereiter zeigten sich überraschend freundlich und umgänglich, und einer nach dem anderen sprengten sie heran, um uns die Hand zu reichen. Nur kurze Zeit verweilten wir auf der Höhe bei den Karawanen, und an dem sandigen Abhang niederreitend, gelangten wir bald in das Tal hinab, das kaum hundert Fuß tiefer als die eigentliche Prärie lag. Auf dem grünen Ufer des Stroms spannten wir die Tiere aus, um eine Stunde zu rasten; kaum wurde dies indessen von den Indianern auf der Höhe bemerkt, als eine Anzahl derselben herbeigaloppierte, und sich ganz in unserer Nähe niederließ. Es war nicht unsere Absicht, uns zu tief mit dem Besuch, dessen Gesinnung wir nicht erraten konnte, einzulassen, doch die auffallende Bescheidenheit derselben bewirkte diesmal mehr, als die gewöhnliche Zudringlichkeit getan haben würde, und bald befand ich mich in der lebhaftesten Unterhaltung mit einem, wie es mir schien, der angesehensten Krieger. Ich benutzte als Mittel zur Verständigung die Zeichensprache, wie ich diese während meines Aufenthalts unter den nordöstlichen Stämmen am oberen Missouri gelernt hatte, und war sehr erfreut, als ich mich verstanden sah und die in ähnlicher Weise gegebenen Antworten sehr deutlich fand. So erfuhr ich, daß die Arapahoe-, die Cheyenne- und die Kiowa-Indianer weiter oberhalb am Arkansas versammelt seien, um die Geschenke in Empfang zu nehmen, die ihnen von dem Indianeragenten Bent im Auftrag der Regierung der Vereinigten Staaten überbracht werden sollten. Diese Stämme erhalten nämlich alljährlich einen kleinen Tribut, wenn von den Karawanen keine Klagen über sie geführt werden, und wir verdankten es wohl hauptsächlich diesem Umstand, daß sie sich uns gegenüber so höflich und zurückhaltend benahmen. Bent treibt für gewöhnlich Tauschhandel mit allen Eingeborenen am oberen Arkansas, und seine Hauptniederlage befindet sich in Bent's Fort (103° w. L. von Greenwich), einem befestigten Posten, von wo aus die Geschäfte und Unterhandlungen auch mit entfernt lebenden Eingeborenen betrieben werden. Dadurch, daß Bent zum Agenten der Vereinigten Staaten, also gewissermaßen zum Vermittler zwischen letzteren und den dortigen Indianern, ernannt worden ist, und alle für diese bestimmten Zahlungen und Geschenke durch seine Hand gehen, sind sein Einfluß und sein Ansehen bedeutend erhöht worden, und es hat sich allmählich ein Verhältnis der gegenseitigen Zuneigung gebildet, wie man es in den westlichen Regionen noch häufig findet. Natürlich erwachsen für Bent die größten Vorteile aus einem solchen Verkehr, indem alle Indianer, in deren Bereich er sich befindet, sich gleichsam für gebunden halten, ihr gewonnenes Pelzwerk nur an ihn zu vertauschen. Der Ankunft des Agenten sahen also die Indianer entgegen, und sie hatten sich teils weiter oberhalb, teils weiter unterhalb der Stelle, wo wir den Arkansas zuerst berührten, versammelt, um Bent zu begrüßen und danach nach seinem Fort zu begleiten. Seit mehreren Wochen warteten sie dort, und es begann sich schon etwas Mißtrauen unter ihnen einzuschleichen, weil ein Tag nach dem anderen verging, ohne daß ihre Hoffnung sich erfüllt hätte. Wie ich indessen schon oben bemerkte, enthielten sie sich streng jeder Äußerung desselben und ließen die zahlreichen Karawanen unbelästigt bei sich vorüberziehen. Die Stämme, über welche die Begleitung der Post geklagt hatte, waren die Osagen und die Kaw- oder Kansas-Indianer, und diese standen in keiner Beziehung mit denen, die auf Bent angewiesen waren; im Gegenteil herrschte eine Spannung zwischen diesen, und es kam zur Zeit unserer Anwesenheit in jener Gegend zu blutigen Gefechten zwischen den Osagen und den Komantschen. Nach zweistündiger Rast brachen wir wieder auf und folgten den Indianern nach, die uns in wildem Rennen am Arkansas hinunter vorausgeeilt waren. Schon von weitem vermochten wir die Furt zu erkennen, denn ein starker Train war eben im Begriff, durch den Strom zu setzen und brachte in dem Augenblick, als wir bei ihm anlangten, seinen letzten Wagen nach dem rechten Ufer hinauf. Es war ein Regierungstrain, begleitet von einem Kommando reitender Jäger, das sich auf dem Weg nach Fort Union befand. Die Offiziere kamen uns aufs freundlichste entgegen, und da sie an dem U. S. (United States), mit dem unsere Tiere und Wagen gezeichnet waren, uns ebenfalls als eine Regierungsexpedition erkannten, so bedurfte es keiner großen Förmlichkeiten, um schnell ein kameradschaftliches Begegnen herzustellen. Wir hatten kaum eine Stunde Zeit, denn das Militärkommando mußte aufbrechen, um eine grasreichere Lagerstelle zu suchen, und wir selbst beabsichtigten noch vor Abend durch den Fluß zu gehen und ebenfalls nach einem guten Weideplatz für unsere Tiere auszuschauen, doch war eine Stunde genug, um uns gegenseitig zu begrüßen und auszufragen. Übrigens war es ja auch der 4. Juli – ein Tag, dessen bloße Erwähnung jeden rechtschaffenen Amerikaner in Ekstase bringt; es war ja das Konstitutionsfest, das ein großer Teil der Bürger der großen Republik nicht würdig genug zu begehen meint, wenn er nicht zum Schluß der Feuerwerke einige Häuser mit abbrennt und dann in künstlich erzeugter glücklicher Laune die nächtliche Ruhe sucht. Wenn wir auch kein Feuerwerk abbrannten, so hatten wir doch hinlänglich Stoff für den Konstitutionsdurst, und indem wir um Körbe und Kasten herumstanden, tranken wir zu jedem Toast; mochte er nun der Konstitution oder dem Kaiser von China, den Demokraten oder den Whigs, dem Sklaven oder dem freien schwarzen Mann oder jedem anderen dem Untergang oder dem Aufblühen bestimmten Gegenstand gelten; genug, wir tranken, und es mundete uns vortrefflich. Auch die Leute blieben nicht hinter uns zurück, denn jeder, ohne Unterschied des Ranges oder der Person, erhielt zur Feier des Tages eine doppelte Ration Branntwein. Nicht weit von uns hielt ein hochrädriger leichter Reisewagen, und in diesem erblickte ich eine schöne bleiche Frau nebst einer weißen und einer schwarzen Dienerin. »Es ist meine Frau«, bemerkte der kommandierende Offizier, »ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Sie nicht vorstelle; das arme Wesen hat sich aber beim Durchgehen durch den Fluß, als der Wagen umzuschlagen drohte, so geängstigt, daß es noch unfähig ist, zu sprechen.« Wir dankten und waren nicht unbefriedigt darüber, denn während unserer langen Reise hatte unser Äußeres einen so räuberartigen Anstrich erhalten, daß wir mit Recht fürchten mußten, auf eine Dame, die eben den höheren Kreisen entrissen war, einen unangenehmen, beängstigenden Eindruck zu machen. Da der Stand des Arkansas ungewöhnlich hoch war und das Wasser den Maultieren bis über die Schultern reichte, so ließ der Kommandeur der Jägerabteilung zwei seiner größten Pferde an die Spitze unseres Gespanns vor den Wagen legen, und wir hatten dann die Freude, nach kurzer Zeit unser Hab und Gut wohlbehalten auf dem linken Ufer des Stroms zu sehen. Wir nahmen alsdann herzlich Abschied, und die Füße auf dem Sattel übereinanderschlagend, ritten wir in den Fluß. Der Andrang des Wassers war heftiger, als ich geglaubt hatte, und auf dem falschen, sandigen, von der Strömung furchenweise ausgespülten Boden erforderte es die ganze Kraft der Tiere, sich mit ihrer Last aufrecht zu halten. Ohne Unfall gelangten wir jedoch über den Arkansas, der an jener Stelle ungefähr sechshundert Fuß breit ist; einige Arapohoes hatten uns zu Pferd begleitet, wir beschenkten sie dafür mit etwas Tabak; der Karawane, die sich auf dem jenseitigen Ufer eben in Bewegung setzte, winkten wir ein Lebewohl nach, und einige Minuten später befanden wir uns auf der höher gelegenen Ebene und trabten lustig auf dem Weg dahin, der gleichsam die Grenze zwischen dem Tal des Arkansas und der eigentlichen Prärie bildete. Gegen Abend lenkten wir dem Fluß zu und übernachteten in der Nähe des hohen Grases, das einen Streifen sumpfigen Bodens bezeichnete. Am 5. Juli setzten wir unsere Reise im Flußtal fort; der Weg war gut, das Wetter überaus angenehm, doch die Abwechslung in der Naturumgebung war so gering, daß sie als kaum vorhanden betrachtet werden konnte. Wenn wir daher die unbestimmten Formen von drei oder vier Cottonwood-Bäumen am fernen Horizont bemerkten oder an weidenbewachsenen Inseln vorüberzogen, dann wandten wir diesen unsere ganze Aufmerksamkeit zu und fanden Gegenstände schön und anmutig, die in anderen Gegenden kaum beachtet worden wären. Um die Mittagszeit rasteten wir in der Nähe der letzten Überreste eines alten aufgegebenen Militärpostens, und Peacock bezeichnete diese als das frühere Fort Mann. Dasselbe war im Jahre 1847 von einem gewissen Daniel P. Mann im Auftrag der Regierung zum Schutz dort weidender Viehherden gegründet worden. Die Errichtung von neuen Posten in westlicheren und holzreicheren Gegenden machte indessen die Erhaltung von Fort Mann überflüssig, und da die vorüberreisenden Karawanen in dem Gebälk der verlassenen Schuppen und Hütten willkommenes Brennmaterial erblickten, so fielen die ihrer Stützen beraubten Lehmmauern sehr bald in Trümmer, und ein einfacher Erdwall in Form eines unregelmäßigen Dreiecks ist das letzte, was von dem Posten übriggeblieben ist. Der Arkansas beschreibt an jener Stelle eine bedeutende Biegung gegen Süden; da wir nun in Erfahrung gebracht hatten, daß die Komantschen mit Weib und Kind in jenem Winkel lagerten, wir aber kein starkes Verlangen trugen, unseren Weg mitten durch ihr zeitweiliges Dorf zu nehmen, so beschlossen wir die Biegung des Stroms abzuschneiden und über die Ebene in gerader Linie an ihnen vorbeizuschlüpfen. Gefahrbringend war eine Zusammenkunft mit den Komantschen zur Zeit freilich nicht, doch konnten wir möglicherweise aufgehalten werden, was wir doch zu vermeiden wünschten. – Es führt übrigens ein Weg über die Höhe; derselbe, bekannt unter dem Namen Dry Road, ist sogar kürzer als die Straße am Fluß hinunter, die Water Road genannt worden ist, doch wird er des Wassermangels wegen von den Ochsentrains stets und von den Maultiertrains gewöhnlich gemieden. Am Nachmittag befanden wir uns nach einem Marsch von fünfundzwanzig Meilen in der Nähe des Punktes, wo die Straße sich teilt, als wir plötzlich einen schwarzen Punkt bemerkten, der sich, über unsere Straße hinweg, langsam dem Strom zu bewegte. Die Meinung, daß wir einen Bison vor uns hätten, wurde bestätigt, als Peacock sein Fernrohr darauf richtete, und sogleich beschlossen wir Jagd auf ihn zu machen. Da ich allein eine Büchse führte, meine Gefährten dagegen mit Doppelflinten bewaffnet waren, so übernahm ich die Aufgabe, den zottigen Burschen durch eine wohl angebrachte Kugel zum Stehen zu bringen oder doch wenigstens seine Eile so weit zu mäßigen, daß meine Kameraden Zeit gewannen, dicht heranzureiten und von ihren Gewehren Gebrauch zu machen. Peacock bemerkte zwar, daß er auf allen seinen Reisen noch nie die Erfahrung gemacht habe, daß der erste Büffel, der sich gezeigt habe, auch getötet worden sei, doch ließ ich mich dadurch nicht von dem Versuch abschrecken, sondern spornte mein Tier zur größten Eile an, und einen weiten Bogen beschreibend, brachte ich den Büffel zwischen mich und den Strom. Der Wind war günstig, und anstatt davonzulaufen, wandte das riesenhafte Tier sich nach mir hin und beobachtete mich, wie ich, Schlangenlinien beschreibend, ihm Fuß für Fuß näher rückte. Fast befand ich mich schon in Schußweite, als es plötzlich schnaubte, sich umwandte und dem Strom zugaloppierte. Augenblicklich setzte ich mein Tier in Galopp, und als der Büffel nach kurzem Lauf anhielt und sich nach mir umschaute, hielt auch ich wieder regungslos, ohne indessen die Entfernung zwischen uns verringert zu haben. Schnell warf ich aber jetzt die Fangleine, die dazu diente, das Maultier am Entlaufen zu hindern, auf den Boden, glitt leise vom Sattel, und mich niederstreckend, kroch ich auf den Büffel zu, der seine Augen nicht von dem weidenden Maultier wandte. Ich hatte mich schon bis auf zweihundert Schritt genähert, als er plötzlich meiner ansichtig wurde und zum Zeichen seines Mißtrauens den kleinen Schweif emporrichtete. Ich sprang daher sogleich auf, und ehe er noch Zeit gewann, an die Flucht zu denken, fuhr ihm meine Kugel hinter dem Schulterblatt durch die Rippen. Der Koloß bebte unter der heftigen Erschütterung, doch hielt er sich aufrecht und trabte schwerfällig dem Fluß zu. Die Kugel hatte indessen das Leben berührt, und schon nach zwanzig Schritten stellte er sich wieder hin und beobachtete abwechselnd mich und meine Gefährten, die sich ihm langsam näherten. Eine zweite Kugel aus meiner Büchse erschütterte abermals den riesenhaften Körper, aber ohne ihn zum Wanken zu bringen, und erst nach dem dritten Schuß brach er sterbend zusammen. Meine Gefährten waren unterdessen herangekommen, und mit dem größten Interesse betrachtete besonders Dr. Newberry, der noch nie einen Büffel in der Wildnis gesehen hatte, das wehrlose Geschöpf, das immer noch nicht verenden wollte. »Ich möchte auch einmal auf den Büffel schießen«, sagte der Doktor, als wir kaum noch fünfzig Schritte von diesem entfernt waren und die grimmigen Blicke bemerkten, die das Tier auf uns richtete. »Mit Vergnügen, Doktor!« antwortete ich, indem ich ihm die Büchse reichte. »Nur denken Sie daran, daß das Herz bei einem Büffel tiefer liegt als bei jedem anderen Wild.« Der Doktor hob das Gewehr, zielte, gab Feuer, und das Tier sprang mit seiner letzten Kraft auf, erreichte in zwei Sätzen das Ufer des Stroms und stürzte sich kopfüber in die Fluten hinab. »Aber, Doktor«, rief ich aus, »Sie schießen ja wieder lebendig, was ich totgeschossen habe«, und lachend schritten wir nach der Stelle hin, wo der Büffel verschwunden war. Glücklicherweise war er nicht in tiefes Wasser gefallen, sondern ruhte, obschon zur Hälfte von den Fluten bespült, auf festem Boden; es wurde uns daher nicht schwer, das nunmehr verendete Tier heranzuziehen und genauer zu untersuchen. Es war ein Stier, und ich muß gestehen, daß ich selten einen Büffel sah, der diesen an Höhe und Umfang übertroffen hätte; das Alter hatte indessen schon die wolligen Haare von seinem Rücken und seinen Seiten entfernt, so daß er vielleicht nur noch den Appetit sehr hungriger Menschen oder der uns umkreisenden Wölfe reizen konnte. Wir begnügten uns damit, ihm die Zunge herauszuschneiden sowie etwas Haut für Riemen von seinem Rücken zu trennen, und nicht ohne einen Anflug von Reue, das mächtige Tier um so geringen Vorteils willen getötet zu haben, schlugen wir unser Zelt auf dem Ufer des Flusses auf. Am 6. Juli, gleich nachdem wir das Lager verlassen hatten, begaben wir uns nach der Ebene hinauf, die sich dort gegen fünfzig Fuß hoch über dem Tal des Stroms erhebt. Das Gras auf derselben hatte den Einfluß der fast unerträglichen Sonnenhitze schon empfunden, denn nicht mehr grün, wie wir es gewohnt waren, sondern fahl und dürr nahm sich die endlose Fläche aus, die sich ohne Senkungen oder Schwellungen mit dem Horizont zu verbinden schien. Der Weg war indessen so fest wie eine Tenne, und um am folgenden Tag zur frühen Stunde wieder Wasser zu erreichen; beschleunigten wir den Schritt unserer Tiere. Das Glück begünstigte uns aber, denn zweimal entdeckten wir Wasserpfützen, wo wir tränken konnten, und das letztemal nach einem Marsch von zweiunddreißig Meilen in dem trockenen Bett eines Gießbachs, den Peacock als den Coon Creek bezeichnete und wo wir dann selbstverständlich das Nachtquartier aufschlugen. Unsere Kavalkade, die aus acht Zug-, sechs Reitmaultieren sowie einem Rennpferd bestand, wurde an diesem Tag um ein kräftiges Pferd vermehrt. Wir erblickten nämlich von der Straße aus einen gezähmten Mustang, der wahrscheinlich den im Tal des Flusses in gleicher Höhe mit uns lagernden Komantschen entlaufen war. Da wir weit und breit keinen Menschen erblickten, so kamen wir überein, das Pferd für herrenlos zu halten und für uns einzulangen. Es war aber keine leichte Aufgabe und erforderte unsere ganze Aufmerksamkeit, das scheue Tier bis zu der Stelle nachzutreiben, wo wir lagerten. Dort nun unternahmen wir mit vereinten Kräften einen neuen Angriff, und nach mehreren vergeblichen Versuchen, die uns nebenbei eine interessante Unterhaltung gewährten, gelang es uns endlich, den flüchtigen Renner so zu umstellen, daß wir imstande waren, ihn mit dem Lasso zu fangen und zu fesseln. Als das Pferd sich erst in unserer Gewalt befand, zeigte es sich gefügig; auch erkannten wir auf seinem Rücken die untrüglichen Merkmale, daß es in jüngster Zeit viel angestrengt und wahrscheinlich auf der Büffeljagd gebraucht worden war. Jedenfalls lohnte sich unsere Mühe, und nach Prärieweise kümmerten wir uns nicht weiter darum, wer früher der rechtmäßige Eigentümer gewesen war. Die Wölfe, die sich in der Nähe der Indianerlager vorzugsweise in größerer Anzahl aufhalten, belästigten uns vielfach während der Nacht, und um so mehr, weil wir in der durch einen Wolkenschleier verdichteten Finsternis nicht genau unterscheiden konnten, ob die Unruhe der Tiere von den wilden Bestien oder von räuberischen Komantschen verursacht wurde. Der anbrechende Morgen überzeugte uns, daß wir von ungebetenen Gästen verschont bleiben sollten, denn die Ebene war, so weit das Auge reichte, öde und leer; im Tal des Arkansas dagegen, dessen Rand sichtbar war, entstiegen zahlreiche Rauchsäulen den Zelten der Eingeborenen, und hungrige Wölfe umkreisten das Lager, um nach unserem Abzug sogleich Besitz von diesem zu nehmen. Wir waren auch in der Tat noch keine zweihundert Schritt entfernt, als sie sich schon um die Abfälle unserer Küche schlugen; ich schickte ihnen eine Kugel zu, und spornstreichs eilte die wilde Gesellschaft davon, als sie einen aus ihrer Mitte, von dem mörderischen Blei getroffen, lautlos zusammensinken sah. Rüstig verfolgten wir sodann unseren Weg, und als die Glut der höher steigenden Sonne ermattend zu wirken begann, da schimmerte uns aus der Ferne wie aufmunternd ein schmaler Waldstreifen entgegen. In vielen Windungen zog sich der dunkelgrüne Streifen von Norden nach Süden, dem Arkansas zu; und daß dort im kühlen Schatten ein Flüßchen unablässig seinen Lauf verfolgte, das sagte uns die ganze Bodengestaltung. Durch den Instinkt über die Nähe des Wassers belehrt, lehnten sich die Tiere fester in die bestaubten Geschirre, und willig folgten sie den Sporen und der Peitsche. Wir hatten die Pawnee Fork vor uns, einen beliebten Sommeraufenthalt der Eingeborenen jener Gegend. Durch die uns begegnenden Karawanen waren wir darauf vorbereitet worden, daß wir dort mit einem bedeutenden Teil der Cheyennes und Arapahoes zusammentreffen würden, doch zu unserer nicht geringen Überraschung fanden wir das Tal verödet und leer, und nur über den künstlich hergestellten Lauben, die als zeitweilige Wohnungen benutzt worden waren, schwebten kreischend Raben und Krähen – der sicherste Beweis, daß noch in jüngster Zeit Menschen dort gelebt hatten. Die Spuren der Pferde und der schleppenden Die Prärie-Indianer befestigen, wenn sie sich auf der Wanderung befinden, die 16 bis 20 Fuß langen Zeltstützen zu beiden Seiten der bepackten Tiere, so daß das dünne Ende derselben auf dem Boden nachschleift. Kinder, kranke und altersschwache Leute legen bedeutende Reisen mit verhältnismäßig großer Bequemlichkeit in den Steppen zurück, indem die zu beiden Seiten schleppenden Pfähle hinter den Pferden durch ausgespannte Büffelhäute verbunden und diese die Federkraft nicht entbehrenden Lager ihnen zum Aufenthalt angewiesen werden. Zeltpfähle, die in westlicher Richtung dem Fort Bent zu standen, belehrten uns, daß eine Abteilung von wenigstens vierhundert Seelen dort gelagert hatte und daß diese erst am vorhergehenden Tag von dort aufgebrochen war. Wir beschlossen daher, obschon wir erst fünfundzwanzig Meilen zurückgelegt hatten, an der einladenden Stelle nicht vorüberzuziehen, und errichteten auf dem linken Ufer des Stroms ein kleines Lager. Ich beeilte mich, mit meinen Fischergeräten an den Strom hinab zu gelangen, doch warf ich meine Angeln vergeblich aus, denn obgleich zahlreiche Fische die Fluten belebten, so schien doch keiner davon geneigt, den Köder anzurühren. Lange saß ich indessen am Rand des Flusses und ergötzte mich an den eilenden Fluten, die gegen zwanzig Fuß breit und drei bis fünf Fuß tief, ungestüm um die Anhäufungen des Treibholzes herumrieselten und auf ihrer beweglichen Oberfläche die schroffen Ufer mit ihrer schattigen Baumvegetation spiegelten. Gewiß bietet die weite Prärie mit ihrer erhabenen Ruhe und ihrer majestätischen Ausdehnung manches, was ein empfängliches Gemüt anspricht und zum Denken veranlaßt. Wenn man aber nach langer Reise durch die endlosen Grasfluren sich plötzlich in einer Umgebung befindet, wo mächtige Walnußbäume, Sykomoren, Eichen und Weiden mancher Art ihre belaubten Kronen in dunklen Massen zusammendrängen und Lianen und Weinranken girlandenweise den lieblichsten Schmuck bilden; wo sich also in üppiger Vegetation im knorrigen Stamm wie im schwankenden Reis das im dunklen Schoß der Erde wirkende Leben und eine unerschöpfliche Zeugungskraft verraten, so scheint sich der Genuß, den die auf verschwenderische Weise ausgestattete Landschaft gewährt, zu verdoppeln. Aber auch doppelt schön erscheint das Bild der Grassteppe, die man eben verlassen hat und in die man abermals einzudringen gedenkt. – Wie ein liebevoller Gruß der Natur lächelt dem Präriewanderer der kleinste Waldstreifen entgegen; wie ein Gruß dringen ihm das Gezwitscher und der Gesang befiederter Waldbewohner ans Herz; und sogar in dem klaren Auge der Schildkröte, die ihren Kopf aus den Fluten hebt und aufmerksam seine Bewegungen beobachtet, glaubt er einen Gruß zu erkennen, ja es lächelt ihm von allen Seiten freundlich und verständlich zu, wenn er sich aufmerksam den tausendfältigen Stimmen zuneigt, die selbst aus scheinbar toten Gegenständen zu ihm sprechen. Die Moskitos vertrieben mich endlich vom Fluß, und als ich ins Lager zurückkehrte, traf ich meine Gefährten damit beschäftigt, durch das Fernrohr einen Bison zu beobachten, der langsam auf unser Lager zuschritt. Natürlich machten wir uns sogleich zu einer Jagd fertig, doch das Tier, gleichsam die Gefahr ahnend, bog plötzlich von der eingeschlagenen Richtung ab und ging weiter unterhalb durch die Pawnee Fork dem Arkansas zu. Ohne Störung verstrich die Nacht, und frühzeitig befanden wir uns am 8.Juli schon wieder unterwegs. Ein milder Gewitterregen hatte die ganze Landschaft erquickt, in frischerem Grün prangte der Waldstreifen, den wir von der Höhe aus weithin gegen Süden zu überblicken vermochten; in frischerem Grün prangte die Ebene selbst, und auf kurze Zeit vom lästigen Staub befreit, zog sich unsere breite Straße in östlicher Richtung dahin. Wir näherten uns zeitweise dem Arkansas und entfernten uns wieder von ihm je nachdem der Strom selbst seine Windungen beschrieb oder je nachdem wir einen Übergangspunkt über die trockenen Betten von Gießbächen wählten, die mehrfach unsere Straße von Norden nach Süden durchschnitten. Einem einzelnen Arapahoe begegneten wir; dieser war im Begriff, seinem Stamm die bevorstehende Ankunft des Agenten anzuzeigen, der sich nach seiner Aussage noch vier Tagereisen zurück befand. Der Indianer zeigte das Bild eines stattlichen Kriegers, und trotzdem er sich mit Waffen und phantastischem Schmuck, besonders mit Eulen- und Habichtfedern, förmlich überladen hatte, so führte er doch sein mutiges Pferd mit außerordentlicher Anmut und Sicherheit. Nach seinen Waffen zu schließen, mußte er ein vornehmer Häuptling sein, denn vorn auf seinem Sattel ruhte eine lange Büchse, an seiner linken Schulter hingen ein Schild aus festem Büffelleder sowie ein Bogen aus Elkhorn nebst wohlgefülltem Köcher, in der rechten Faust ruhte die leichte Lanze, während in seinem Gürtel der Tomahawk und das Messer blitzten. Nach kurzem Aufenthalt ritt jeder seines Wegs, doch begegneten wir bald wieder drei einzelnen Reitern, die wie toll auf ihren wilden Pferden durch die Ebene jagten. Als sie uns erblickten, lenkten sie auf uns zu, und wir erkannten schon von weitem zwei Amerikaner und einen Indianer, die sich in ihrem Äußeren nur sehr wenig voneinander unterschieden. Erstere nämlich – zwei junge Burschen mit verwegenem Ausdruck in ihren bartlosen Zügen – hatten durch Vernachlässigung ihrer Person und durch teilweise indianische Kleidung viel von dem Charakter der Eingeborenen angenommen, während der Indianer, den ich seiner hellen Farbe wegen für einen Halfbreed hielt, sich durch Haltung und Kostüm wieder der weißen Rasse zu nähern suchte. Sie teilten uns mit, daß sie in Verbindung mit einem Tauschhändler ständen, dessen Etablissement wir im Lauf des Tages am Walnut Creek erreichen würden, und daß sie im Begriff wären, sich zu den Komantschen zu begeben, wohin sie schon einige Wagen mit Tauschartikeln vorausgesandt hatten. Es bedarf gewiß der Nachsicht, daß ich in meiner Beschreibung sogar der Begegnung mit einzelnen Leuten gedenke, doch wie in der Wirklichkeit das Erscheinen von menschlichen Gestalten in der unbeschreiblichen Einsamkeit der Prärie gleichsam als Ereignis betrachtet wird und sich infolgedessen der Erinnerung mit unauslöschlichen Farben einprägt, so ist es mir, als ob ich hier nicht unterlassen dürfte, solcher geringfügigen Umstände Erwähnung zu tun. In diesem Fall ist die Rückerinnerung besonders lebhaft, weil mein Auge mich täuschte und ich einen Menschen nicht wiedererkannte, mit dem ich in früheren Zeiten monatelang gemeinsam die Steppen durchwanderte. Ich erfuhr nämlich in dem Haus des Pelztauschers, daß der vermeintliche Halbindianer ein junger Mexikaner namens Vincenti sei, der, als Kind von den Komantschen geraubt, allmählich deren Sitten und Neigungen angenommen habe. Seine Züge und der Ton seiner Stimme waren mir allerdings aufgefallen, doch nicht hinlänglich, um mich dadurch veranlaßt zu fühlen, nach seinem Namen zu fragen; und daß der hübsche, schlanke Indianer, dessen reich bestickte Mokassins und Leggins darauf hindeuteten, daß recht geschickte Squaws ihn bedienten, daß dieser also der kleine Vincenti Über Vincentis Geschichte siehe »Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee«, S. 60. sei, der einst Whipple's Expedition als Dolmetscher begleitete, das hätte ich nie vermutet, so sehr hatte sich der Knabe in dem Zeitraum von vier Jahren verändert. Ob nun Vincenti mich wirklich nicht wiedererkannte oder aus Laune nicht erkennen wollte, vermag ich nicht zu entscheiden; genug, wir trennten uns wie fremde Menschen voneinander, und einige Stunden später erfuhr ich erst, daß die Prophezeiungen, die ich einst dem verwilderten Jungen machte, eingetroffen waren: daß er sich nämlich in dem ungebundenen Leben eines Indianers glücklich fühlte und im Besitz von einigen hübschen Frauen gar nicht geneigt war, sein Los mit irgendeinem anderen zu vertauschen. Sechsunddreißigstes Kapitel Ankunft am Walnut Creek – Das Blockhaus – Gezähmte Büffel – Büffelherden – Lager an der Mündung des Walnut Creek – Büffeljagd – Der nächtliche Gewittersturm – Fortsetzung der Reise – Büffeljagden – Lager am Cow Creek – Der angeschwollene Strom hindert an der Weiterreise – Die Rollkäfer – Ankunft der Post – Die Post der Vereinigten Staaten – Die letzte Büffeljagd – Übergang über den Cow Creek Nach einem Marsch von dreißig Meilen gelangten wir an den Walnut Creek, ein Flüßchen, das im Charakter und in seiner Größe dem Coon Creek vollständig ähnlich ist. Ich erblickte dieselben malerischen Baumgruppen, dieselbe Verschiedenheit der Baumarten, dasselbe kräftige, dunkle Grün und dieselben abschüssigen, lehmigen Ufer. Wir gingen durch den Fluß, und uns an diesem hinunter dem Arkansas zuwendend, erreichten wir nach kurzer Zeit die Blockhütte des Pelztauschers. Der Eigentümer des Handelspostens war, wie uns einige dort hausende junge Leute mitteilten, an den Missouri gereist, um das gewonnene Pelzwerk zu verwerten und gleichzeitig neue Waren herbeizuschaffen. Zum Schutz seines Eigentums, zu dem namentlich eine schöne Viehherde gehörte, hatte er sechs junge Amerikaner und Vincenti zurückgelassen, und diese führten allem Anschein nach ein überaus glückliches und sorgenfreies Leben. Die Eingeborenen, denen ein Tauschhändler an jenem Punkt willkommen war, trieben nämlich ihre Belästigungen nur bis zu einem gewissen Grad, und an Lebensmitteln konnte es ihnen auch nicht fehlen, da zu dem Mehlvorrat, den die Blockhütte barg, nie Mangel an frischem Fleisch eintreten konnte. Der östliche Winkel zwischen dem Walnut Creek und dem Arkansas war ja ständig von Büffeln belebt, und es bedurfte nur einer geringen Mühe, von einem schnellen Pferd herab den einen oder den anderen von ihnen zu erlegen. Nahe bei der Blockhütte, auf dem Ufer des Flüßchens, beschlossen wir also zu übernachten und begaben uns alsbald zu den jungen Leuten, die uns zwar keine gewählte Gesellschaft, aber doch immerhin eine interessante Unterhaltung gewährten. Auch fanden wir dort Gelegenheit, unsere Stiefel, die nicht mehr zusammenhalten wollten, durch weiche indianische Mokassins zu ersetzen, und wir erhielten einen schlechten Whisky zum Kauf, der mich zu dem Verdacht führte, daß den Indianern hier für ihr Pelzwerk oft etwas Aufregenderes als die gewöhnlichen Tauschartikel bezahlt wurde. Ganz sicher fühlten sich die Bewohner des Handelspostens indessen nicht, und besonders die Wintermonate flößten ihnen große Sorge ein, zu welcher Zeit sie zahlreichen Besuch von Eingeborenen erhielten, die lediglich dorthin kamen, um sich durchfüttern zu lassen, und die nicht zurückgewiesen werden durften, wenn man es sich nicht mit dem ganzen Stamm verderben wollte. Ich kann nicht leugnen, daß ich seit meiner Bekanntschaft mit dem Fernen Westen gewissermaßen ein Verehrer des abenteuerlichen Lebens der Pelzjäger und Pelztauscher gewesen bin, und zwar in so hohem Grad, daß es keine geringfügigen Umstände erforderte, mich von dem Entschluß abzubringen, mein ganzes Leben in den romantischen, verlockenden Urwildnissen zuzubringen. Nirgends fühlte ich mich behaglicher als in den Blockhäusern am oberen Missouri und in den Rocky Mountains und nirgernds fröhlicher als in der Gesellschaft weißer Jäger, mochten auch sonst Verhältnisse der widrigsten Art auf mich einstürmen und mich von allen Seiten bedrohen. Hier nun, in dem Handelsposten am Walnut Creek, war es anders, und wenn ich auch den Grund dafür nicht anzugeben vermag, so fühlte ich doch heraus, daß manches nicht so war, wie es hätte sein sollen, und daß dieses Etablissement nicht in die Reihe der Handelsposten der American Fur Company gebracht werden konnte, von der, mögen auch sonst gerechte Vorwürfe diese treffen, die Eingeborenen stets nach gewissen Prinzipien behandelt werden und wo militärische Ordnung den Mangel des Gesetzes teilweise ausfüllt. Viel Freude gewährten mir sechs gezähmte Büffel, die gegen Abend mit dem übrigen Rindvieh der von starken Palisaden hergestellten Einfriedung zugetrieben wurden. Obgleich noch nicht ausgewachsen, waren sie doch stattliche Tiere und unterschieden sich in ihrem Wesen und Benehmen nicht im geringsten von ihren scheckigen Kameraden, die eine besondere Freundschaft für sie gefaßt zu haben schienen. Auffallen mußte, daß die gezähmten Büffel sich nie den zahlreichen Herden der wilden zugesellten, die täglich in ihrer Nähe weideten, und dies bestärkte mich in der Meinung, daß der nordamerikanische Bison – wie er richtiger genannt wird – sich ebensogut zum Haustier eignet wie das Schaf oder das gewöhnliche Rindvieh. Diese Büffel waren als Kälber, nachdem man die Mutter bei ihnen totgeschossen hatte, mit geringer Mühe eingefangen und dem übrigen Rindvieh beigefügt worden, und die jungen Tiere hatten von der ersten Stunde an weder Unruhe noch Abneigung gezeigt, sich von Menschen treiben oder leiten zu lassen. Ihre Bestimmung war, an den Missouri geführt und dort verkauft zu werden, und man betrachtete dort den Büffelhandel als einen Erwerbszweig, der wohl einige Aufmerksamkeit verdiente. Leider wird der den zivilisierten Gegenden zugeführte Bison nur zu Schlachtvieh verwendet und pfundweise zu sehr hohen Preisen an Leute verkauft, die den Geschmack des weltberühmten Fleisches kennenlernen wollen. Der augenblickliche Gewinn gestattet also nicht, daß man sich in Amerika mit der eigentlichen Bisonzucht befaßt, doch habe ich allmählich die Überzeugung gewonnen, daß der Bison bei einigermaßen sorgfältiger Pflege nicht nur leicht zu zähmen ist, sondern sich auch akklimatisiert und dessen Einführung in Europa weniger mühevoll und mehr gewinnbringend sein würde, als man im ersten Augenblick vermuten möchte. Es war schon zu spät, um an diesem Tag noch eine Jagd zu beginnen, ich unterhielt mich daher bis zum Abend damit, die fernen Herden durch das Fernrohr zu beobachten, und ergötzte mich an dem harmlosen Treiben der riesenhaften zottigen Tiere, die gesättigt dem Wasser zuschritten oder wiederkäuend gemächlich umherlagen. Die langbärtigen, kraftvollen Gestalten hatten durchgehends ein überaus ernstes Ansehen; um so komischer nahm es sich daher aus, wenn einzelne wie im jugendlichen Übermut mit ungraziösen Bewegungen umhersprangen oder sich im Kampfspiel gegenseitig mit ihren stumpfen Hörnern anfielen. Die Greise der Gesellschaft blickten gleichgültig zu dem jungen Volk hinüber, die Kühe putzten und leckten ihre rotbraunen Kälber, und auf den gekrümmten Rücken von allen ließen sich Flüge der zutraulichen Kuhvögel nieder, um die Brut giftiger Fliegen aus dem zottigen Pelz zu entfernen. – Die scheidende Sonne beleuchtete ein Bild des tiefsten Friedens, ein Bild des Friedens, auf dem nur der Mensch fehlte, um es zu stören; denn nur des bloßen Anblicks eines solchen hätte es bedurft, um die Herden erschreckt davonfliehen zu machen und mithin auch die reizenden Vögel zu verscheuchen. In der Frühe des 9. Juli entdeckten wir zu unserem größten Verdruß, daß eins der Reittiere unter dem Schutz der Dunkelheit im Schatten der Bäume davongeschlichen war. Genaue Nachforschungen ergaben, daß es den Weg zurück eingeschlagen hatte, und wir veranlaßten sogleich einen der jungen Leute des Blockhauses, dem Flüchtling nachzureiten und ihn schleunigst wieder herbeizuschaffen. Wir selbst begaben uns an die zwei Meilen entfernte Mündung des Walnut Creek, um dort, auf dem grasigen Ufer des Arkansas, den folgenden Tag und die Rückkehr des entflohenen Maultiers zu erwarten. Die Hitze war drückend, und vergeblich suchten wir uns im Schatten des Wagens und des Zeltes der Sonnenglut zu entziehen; wir vergaßen fast, daß wir uns in der Büffelregion befanden, und waren daher nicht wenig überrascht, als wir plötzlich in der Mitte des Arkansas neun mächtige Stiere gewahrten, die schwerfällig den Strom durchwateten. Nach der Richtung zu schließen, in der sie sich bewegten, mußten sie eine kurze Strecke unterhalb unseres Lagers das Ufer erreichen, und ich beeilte mich daher, sie an jener Stelle mit meiner Büchse zu empfangen, während der Doktor und Peacock die beiden Pferde sattelten und sich zur Verfolgung bereithielten. Wir hatten sie indessen etwas zu spät bemerkt, denn noch befand ich mich nicht in geeigneter Schußweite, als der vorderste aufs Ufer sprang und das Wasser aus seinem Pelz schüttelte. Ihm nach folgten die anderen, und sich umschauend gestatteten sie mir nicht, die Entfernung, die mich noch von ihnen trennte, zu verringern. Als sie dann den Wagen und die Maultiere erblickten, wurden sie unruhig, und sich zur Flucht vorbereitend, reckten sie die kurzen Schweifchen empor; ich lag indes im Gras und hatte mir den feistesten zum Ziel für meine Kugel ausgewählt, und in dem Augenblick, als der vorderste sich in Galopp setzte, gab ich Feuer. Schwer getroffen sank das Tier auf die Knie, doch sich schnell wieder aufraffend gesellte es sich seinen Kameraden zu, die wie rasend über die Wiesen dahineilten. Sowie der Schuß gefallen war, verließen der Doktor und Peacock zu Pferd das Lager, und in der einen Hand den Revolver, in der anderen die Peitsche schwingend jagten sie den flüchtigen Büffeln nach. Eine Schwellung des Bodens entzog sie samt ihrer Beute bald meinen Blicken, doch belehrten mich die rasch aufeinander abgefeuerten Schüsse, daß sie die kleine Herde eingeholt und zerstreut hatten. Ich war im Begriff, meine Büchse wieder zu laden, als ich durch unseren Koch auf einen versprengten Büffel aufmerksam gemacht wurde, der in gerader Richtung auf das Lager zueilte. Wigham, den die Neugierde ebenfalls hinausgetrieben hatte, befand sich zwischen mir und dem heranstürmenden Stier, und ich rief ihm zu, denselben dem Fluß zuzujagen, so daß er genötigt gewesen wäre, mir gerade entgegenzulaufen. Doch Wigham, unser getreuer Irländer, war anderer Meinung; in der Absicht, den Anblick seiner Person dem erschreckten Tier, das ihm über alle Beschreibung fürchterlich erschien, zu entziehen, legte er sich auf den Boden und verbarg sich, so gut es gehen wollte, in dem niedrigen Gras. Unglücklicherweise befand er sich aber genau in der Richtung, die der Büffel eingeschlagen hatte, und in Todesangst sah er denselben auf sein Versteck losstürmen, aus dem er sich nicht herauswagte, aus Besorgnis, von der scheinbar wütenden Bestie verfolgt und eingeholt zu werden. Als der Stier aber nur noch ungefähr zwanzig Schritt von ihm entfernt war, konnte er den furchtbaren Anblick nicht länger ertragen; er glaubte sich entdeckt, sah sich im Geist schon von den dicken Hörnern und schweren Hufen zermalmt, und indem er seine ganze Kraft zu einem letzten Rettungsversuch zusammennahm, sprang er auf und eilte spornstreichs dem Lager zu. Kaum aber sah der Büffel eine menschliche Gestalt vor sich aus dem Gras auftauchen, als er, nicht weniger erschreckt, zur Seite sprang und in weitem Bogen um den Irländer herumgaloppierte. Trotzdem ich mich im vollen Lauf dem Büffel zu nähern suchte, entging mir doch nicht das unbeschreiblich komische Bild, in dem der Mensch und der Büffel sich gegenseitig ängstigten und voreinander flohen. Deutlich sehe ich in der Erinnerung den getreuen Wigham vor mir, wie er in der einen Hand seinen Revolver, in der anderen seinen Hut hielt, wie die langen gelben, vor Schreck gesträubten Haare sein gerötetes Gesicht ähnlich einem Heiligenschein umgaben und wie er seine korpulente Gestalt zu Sprüngen zwang, auf die eine Antilope hätte stolz sein können. In guter Schußweite stürmte der Büffel bei mir vorüber, und ich verfehlte nicht, meine Büchse auf ihn abzufeuern. Mit lautem Krachen bahnte sich die Kugel ihren Weg durch das Schulterblatt, das Tier sank zusammen, erhob sich in dessen wieder und eilte halb schwimmend, halb watend durch den Arkansas, auf dessen jenseitigem Ufer es sterbend zusammenbrach. Ich wandte mich jetzt dem vor Schreck noch immer sprachlosen Wigham zu und überhäufte ihn mit Vorwürfen, weil er nicht meinem Wunsch gemäß den fliehenden Büffel dem Strom zugetrieben hatte, in welchem Fall es ein Leichtes für mich gewesen wäre, das Tier wenige Schritte vor unserem Zelt zu töten. Doch Wigham, der die Feigheit der fliehenden Büffel nicht kannte, erwiderte, daß er es für keinen Spaß halte, von einer so schrecklichen Bestie angegriffen und verfolgt zu werden, und daß er sich für alles Gold Kaliforniens und für alle Büffelzungen der Prärie nicht in den Kampf mit einem solchen einlassen möge. Der gefallene Stier wurde den Wölfen, die von allen Seiten herbeieilten, nicht weiter streitig gemacht, denn es verspürte keiner von uns große Lust, durch den trügerischen Strom zu setzen; übrigens erhielten wir so viel Fleisch von dem zuerst geschossenen und von einem zweiten, den der Doktor und Peacock mit ihren Revolvern erlegten, daß wir für den Rest der Reise genug gehabt hätten, wenn es nicht durch den Einfluß der glühenden Sonnenhitze zu schnell verdorben wäre. Recht behaglich fühlten wir uns bei dem Luxus, mit dem unsere Küche jetzt ausgestattet war, und unsere Zufriedenheit wurde gesteigert, als der abgesandte Bote kurz vor Abend mit dem entflohenen Maultier bei uns eintraf. Unserer Weiterreise stand also kein Hindernis mehr entgegen, doch blickten wir nicht ohne Besorgnis auf den nordwestlichen Horizont, an dem die scheidende Sonne sich hinter schweren Gewitterwolken verbarg, die drohend mit rasender Schnelligkeit emporstiegen und beim Einbruch der Nacht den ganzen Himmel in einen schwarzen, feuersprühenden Schleier verhüllten. – Als wir uns zur Ruhe begaben, rasselten die ersten Regentropfen auf die straff gespannten Zeltwände, und dumpf, ohne Pausen, rollte der Donner, während das elektrische Feuer die ganze Umgebung magisch erhellte und nur auf Augenblicke in schwarze, undurchdringliche Finsternis zurücksinken ließ. Das gleichmäßig zunehmende Getöse und die drückende Atmosphäre hinderten uns indessen nicht einzuschlafen, und erst um die Mitternachtsstunde, als der Regen sich in einen Wolkenbruch verwandelt hatte und die Erde unter dem Krachen der heftigen Donnerschläge bebte, fuhren wir empor und gewahrten, daß die Zeltpflöcke sich in dem aufgeweichten Boden lösten und das Wasser unter uns durch- und teilweise in unsere Betten hineinrieselte. Wir eilten sogleich hinaus, um das Zusammenbrechen des Zeltes zu verhüten, und nur mit knapper Not gelang es uns, die durch die Nässe schwer gewordene Leinwand wieder straff zu spannen, wodurch zwar die Feuchtigkeit von oben abgehalten, dagegen das Steigen des Wassers auf dem Boden nicht verhütet wurde. Um die Decken vom gänzlichen Durchnässen zu retten, rollten wir diese zusammen und legten sie auf die herbeigeschafften Feldstühle; wir selbst nahmen dann auf den erhöhten Sitzen Platz, und die Füße zu uns heraufziehend, beobachteten wir das Wasser, das im Gras stieg und für den Rest der Nacht jeden Gedanken an Ruhe unmöglich machte. Bis zum Anbrach des Tages tobte das Wetter mit ungebrochener Wut fort, und wie im endlosen Kampf schienen die erzürnten Elemente gleichsam um die Oberherrschaft zu ringen. Zahlreiche Gewitter hatten sich von allen Seiten über der Mündung des Walnut Creek zusammengezogen; Blitze schleudernd stürmten sie aufeinander ein, und wo eins zurückwich, da geschah es, wie um neue Kräfte zu sammeln und mit verdoppelter Gewalt in den Kampf zurückzustürzen. Die Dunkelheit war vollständig verdrängt, in bläulichem Licht schwamm die ganze Atmosphäre, weiße Zickzacklinien durchschnitten unausgesetzt die niederströmenden Wassermassen, gewundene Feuersäulen verbanden sekundenlang das hängende Gewölk mit dem zitternden Erdboden, dazu rollte der Donner auf betäubende Weise, und rasch aufeinander krachten die scharfen, durchdringenden Schläge, wenn der Blitz sich zischend ins schäumende Wasser senkte, den Baum spaltete oder die Erde tief aufwühlte. Ängstlich drängten sich die Maultiere wie schutzsuchend zu uns heran; doch welchen Schutz konnten wir gewähren, die wir selbst durchnäßt, auf sumpfig gewordenem Boden vergeblich nach einer Lagerstätte umherforschten? Wie gern vergißt aber der Mensch unbequeme Lagen, wenn es ihm dafür vergönnt ist, sein Wissen und seine Erfahrungen im Reich der Natur zu erweitern! Ist es doch, als wenn diese zu solcher Stunde den geheimsten Teil ihres Buches vor ihm aufschlägt, um ihn eine Seite in demselben lesen zu lassen; im lautesten Donner, in den hellsten Blitzen verkündigt sie ihre weisen Gesetze und erweckt innige Verehrung, ja kindliche Liebe bei ihren warmen Anhängern, wenn sie den Tieren und krankhaften Gemütern Schrecken einflößt. Als am 10. Juli die Morgendämmerung der Tageshelle wich, zerteilten sich die Gewitter, schwere Wolken bedeckten indessen noch immer den Himmel, und aus denselben ergoß sich unausgesetzt ein heftiger Regen. Wo sich unser Lager befand, war der Boden nicht nur aufgeweicht, sondern auch teilweise mit Wasser bedeckt; wir hielten es daher nicht für ratsam, noch länger hierzubleiben, und nachdem wir mit einem kärglichen Mahl vorliebgenommen hatten, beeilten wir uns, den sumpfigen Winkel zu verlassen und ihn mit der höher gelegenen Ebene zu vertauschen. Ehe wir aufbrachen, kam noch einer der jungen Tauschhändler zu uns; er war krank und suchte Rat und Hilfe bei unserem Doktor. Ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß es am vorhergehenden Tag zu ernstlichen Reibungen zwischen den Komantschen und den Osagen gekommen war, und daß letztere unbemerkt in einige abgesonderte Zelte der Komantschen gedrungen seien, dort zwei Weiber lebendig skalpiert, einige Männer erschlagen und mehrere Weiber und Kinder gefangen mit fortgeführt hätten. Auch teilte er uns mit, daß ein Mexikaner, der, um Büffel zu jagen, dem Train, zu dem er gehörte, vorausgeeilt war, am Cow Creek auf der Straße von einem Osagen erschossen worden sei, und er riet uns, in den nächsten Tagen auf unserer Hut zu sein. Wir dankten dem jungen Menschen, obgleich unsere Wachsamkeit nicht mehr verschärft werden konnte, und langsam zogen wir dann durch die grasreiche Ebene, in der die Wagenräder tief einschnitten und die Tiere bis über die Fesselgelenke durchtraten. Wir erreichten indessen bald die feste Straße auf der Höhe, und Peitsche und Sporen anwendend, vergrößerten wir die Schnelligkeit unserer Reise bis zu drei Meilen in der Stunde. Um die Mittagszeit befanden wir uns zwischen einer Reihe sandiger Hügel, und da der Regen nachgelassen hatte, rasteten wir hier eine Stunde. Wir waren eben im Begriff, unsere Reise wieder fortzusetzen, als ich einer Herde Büffel ansichtig wurde, die ruhig in einer kesselförmigen Senkung des Bodens zwischen den Hügeln weidete. Während nun Peacock und der Doktor die gewöhnlich leergehenden Pferde sattelten, ritt ich in weitem Bogen um die Herde herum, um womöglich einen aus ihrer Mitte zu erlegen und die übrigen der Straße zuzutreiben, wo dann von meinen Gefährten die Hetzjagd aufgenommen werden sollte. Alles ging nach Wunsch, ich ließ mein Tier zurück und gelangte unbemerkt bis an den Rand des kleinen Tals. Leider befand sich die Herde immer noch zu weit von mir entfernt, als daß ich mit Sicherheit auf Erfolg hätte rechnen können; ich gab indessen dreimal hintereinander Feuer, und dreimal zuckte ein Büffel schmerzhaft zusammen, ehe er sich langsam zu seinen abwärts weidenden Gefährten begab. Da die Schützen unterdessen ihre Posten eingenommen hatten, so bestieg ich mein Tier und verfolgte sodann die fliehende Herde bis über den Weg, wo die Jagd sogleich von dem Doktor, Peacock und Egloffstein fortgesetzt wurde. Es war ein interessantes Schauspiel, die Reiter zu beobachten, wie sie die Herde voneinander trennten, abwechselnd an einen einzelnen Büffel heransprengten und in vollem Rennen Schuß auf Schuß aus ihren Revolvern auf denselben feuerten, bis das erschöpfte, aus vielen Wunden blutende Tier endlich sterbend zusammenbrach. Ich hatte mir den angeschossenen Stier zu meiner Beute ausersehen, und ermattet, wie er schon war, wurde es meinem Tier nicht schwer, gleichen Schritt mit ihm zu halten; ich ritt so dicht an ihn heran, daß das Feuer meines Revolvers seine Wolle versengte, doch bedurfte es noch mehrerer Schüsse, bis das grimmige Tier sich stellte und es mir gestattete, seinem Leben ein Ende zu machen. Die Jagd hatte uns weit voneinander getrennt, feiner, aber sehr dichter Regen verhüllte die ganze Landschaft, und erst nach einigem Umherirren trafen wir wieder bei dem Wagen zusammen, der ungestört seine alte Richtung verfolgt hatte. Es regnete ununterbrochen bis gegen Abend, als wir uns aber nach einem Marsch von siebenundzwanzig Meilen angesichts des Cow Creek befanden, klarte es im Westen auf, und die scheidende Sonne spiegelte sich in den zahllosen Regentropfen, welche die gebogenen Grashalme beschwerten oder als letzte Spende der abwärts eilenden Wolken aus der abgekühlten Atmosphäre niedersanken. Die Dämmerung war schon eingetreten, als wir auf dem grünen Ufer des Flüßchens anhielten und zur Errichtung des Lagers schritten. Naß waren der Boden, das Gras und die grünen Eschen am Ufer; naß waren das Zelt, die Decken und unsere Kleidungsstücke; es blieb uns also keine große Wahl – wir breiteten die Feldbetten auf feuchtem Rasen aus und wärmten die Füße an dem spärlichen Feuer aus Büffeldung, über dem frisches, saftiges Fleisch schmorte. Ein siedend heißer Grog brachte das Blut in Wallung, und naß, wie wir waren, krochen wir dann zwischen die nassen Decken, wo wir uns nur rührten, um die Wache zu übernehmen und fröstelnd eine Stunde das Lager zu umkreisen. Das Zelt dampfte unter den Strahlen der Sonne, als wir uns am 11. Juli um unseren Tisch versammelten, und da der Cow Creek, der für gewöhnlich kaum einen bis zwei Fuß tiefes Wasser führte, bis zu sechzehn Fuß Höhe angeschwollen war und wir ihn also nicht überschreiten konnten, so war der helle Sonnenschein uns doppelt willkommen, um die genäßten Gegenstände auf dem grünen Rasen zum Trocknen ausbreiten zu können. Die Atmosphäre war drückend heiß, sichtbar entstieg die Feuchtigkeit als Dampf dem Boden, und nicht länger vermochten wir das Fleisch zu halten, das wir vom Walnut Creek aus mitgeführt hatten. Uns daher auf das beschränkend, was wir am vorhergehenden Tag erbeutet hatten, warfen wir das ältere fort; als aber die höher steigende Sonne dasselbe in den Zustand der Gährung versetzte, da zogen aus allen Richtungen Tausende und aber Tausende grüner und roter Goldkäfer herbei, um das verwesende Fleisch zur Nahrung für ihre Brut zu sichern. Es war ein Brummen und Gesumme, als wenn wir von Bienenschwärmen umgeben gewesen wären; haufenweise umlagerten die schillernden Insekten die übelriechenden Fleischklumpen, und um das Zelt und den Wagen hatte sich ein dicker Kreis dieser unbeholfenen Tiere gebildet, die im heftigen Flug an der straff gespannten Leinwand angeprallt und rücklings auf den Boden gefallen waren. Nie erblickte ich Käfer in solchen Massen wie an jenem Morgen, und es hatte fast den Anschein, als ob die schwerfälligen, aber prachtvoll beschwingten Tiere aus meilenweitem Umkreis herbeigezogen wären. Besonders zahlreich vertreten fand ich den jedem Präriewanderer bekannten Rollkäfer, an dessen merkwürdigen Manieren ich mich so vielfach auf meinen Reisen ergötzte. Diese Insekten von der Größe der gewöhnlichen Mistkäfer bilden nämlich einzeln oder zu zweien aus Dung und anderen verwesenden Stoffen regelmäßige runde Kugeln von der Größe eines kleinen Taubeneis. Ist eine solche fertig, so spannen sie sich vor, und zwar so, daß, wenn dieses Eigentum eines einzelnen Herrn ist, dieser rückwärts auf den vier Vorderfüßen gehend mit den beiden Hinterfüßen die Kugel nach vorn rollt, und wenn zwei sich in den Besitz des kleinen Kunstwerks teilen, der zweite sich auf die andere Seite vorspannt und die Last nach sich zieht. So schaffen die fleißigen Tierchen ihren Schatz oft weite Strecken fort, vergraben ihn zusammen mit ihrer Brut an einem sicheren Ort und fliegen davon, um neuen Vorrat auszumeißeln und nach einer andern Richtung hinzurollen. Auf Wegen, wo Vieh getrieben worden ist, findet man diese merkwürdigen Käfer am häufigsten und man sieht sie dann rastlos ihre Kugeln den Wagengleisen nachrollen, bis sie endlich eine Stelle entdecken, an der sie ihre Last aus der für sie gewiß fürchterlichen Schlucht hinauswinden können. Oft bin ich abgestiegen und habe den eifrigen Arbeitern einen Weg gebahnt, um sie nicht von den Wagenrädern zermalmen zu lassen, oft aber auch habe ich sie ringsum mit einem Erdwall umgeben, um sie zur Aufbietung ihrer ganzen Kräfte zu zwingen. In letzterem Fall verließ das Tierchen seine Kugel, eilte spornstreichs an den Abhängen umher, forschte nach der geeignetsten Ausgangsstelle, begab sich zu seiner Ladung zurück, und die beschwerliche Arbeit des Hebens und Schiebens begann. Nun aber wußte ich nicht, worüber ich mehr erstaunen sollte, ob über die Kraft des kleinen Tieres, das die glatte Kugel bergan schob und dabei im Gleichgewicht hielt, oder über seine Ausdauer, wenn, an einem Absatz angekommen, die Kugel seinen Krallen entglitt und zusammen mit ihm wieder in die Tiefe hinabrollte und dieses dann seine Arbeit unverdrossen von neuem begann. Bis zu sechzigmal ließ ich einst einen solchen Käfer seine Kugel vergeblich nach der Höhe hinaufrollen, doch erreichte ich nicht, daß er sein Eigentum aufgab und davonflog, denn meine Geduld war der seinigen nicht gewachsen; ich öffnete ihm daher ein bequemes Tor, sah noch, wie er gleichsam im Triumph sich hinter die Kugel spannte und mit ungeschwächter Kraft seine Last von dannen schob. Im Laufe des Vormittags langte die Post der Vereinigten Staaten am Cow Creek an; diese hatte den Missouri erst acht Tage früher verlassen, und ihre Führer waren unangenehm berührt, als sie sich plötzlich durch das angeschwollene Flüßchen in ihrer fluchtähnlichen Reise aufgehalten sahen. Die Führer sind nämlich kontraktlich verpflichtet, die Reise durch die Steppen in einem gewissen Zeitraum zurückzulegen, und es werden nur wirklich unübersteigliche Hindernisse als Entschuldigung für versäumte Zeit angenommen, wogegen sie in anderen Fällen Geldabzüge zu gewärtigen haben. Das Postwesen befindet sich in den Vereinigten Staaten fast ausschließlich in den Händen von Privatpersonen, und diese beziehen von der Regierung bedeutende Summen für die schnelle und sichere Beförderung von Briefen und Personen; auch haben sie zugleich das Recht, auf den Routen zwischen dem Missouri und der Südsee, wo die Straßen zeitweise sehr unsicher sind, von einem Militärposten bis zum anderen Eskorten zu requirieren, die dann gezwungen sind, gleichen Schritt mit der kleinen Karawane zu halten. Die Postkarawane besteht gewöhnlich aus einem bis sechs leichten Reisewagen, je nachdem, wie viele Passagiere sich zur Reise gemeldet haben; jeder Wagen ist mit vier oder sechs der besten Maultiere bespannt, führt aber die doppelte Zahl bei sich, damit die Tiere von vier zu vier Stunden abgelöst werden können; und da der größte Teil der Fracht aus schwerem, nahrhaftem Futterkorn besteht, die Tiere also nicht aufs Gras allein angewiesen sind, so werden ihnen von vierundzwanzig Stunden auch nur sechs, höchstens acht zur Ruhe vergönnt. Bei jedem Wagen befinden sich außer dem Fuhrmann noch zwei berittene Treiber, von denen der eine die leer gehenden Tiere zu überwachen hat, während der andere bald auf der einen, bald auf der anderen Seite des Wagens reitet und mittels einer langen Peitsche die Zugtiere in schneller Bewegung hält. Und so eilt denn die Post mit der Geschwindigkeit von durchschnittlich vier Meilen in der Stunde über die endlosen Ebenen dahin; und versehen mit den ausgesuchtesten Tieren, wird es ihr nicht schwer, täglich fünfzig bis siebzig Meilen zurückzulegen und in der unglaublich kurzen Zeit von achtzehn Tagen vom Missouri nach Santa Fé oder zurück zu gelangen. Mehrfach zur nächtlichen Stunde, wenn ich das Lager umkreiste und kein anderes Geräusch als das tiefe Atmen ruhender Menschen und Tiere die Stille unterbrach, schallte es aus der Ferne zu mir herüber wie das unheimliche Getöse einer gespenstischen, wilden Jagd. Deutlicher vernahm ich allmählich aufmunternde Rufe, Peitschengeknall, Stampfen von Hufen und Wagengerassel. Ich versuchte die Dunkelheit mit den Augen zu durchdringen, doch nur einzelne Funken entdeckte ich, welche eisenbeschlagene Hufe den Kieseln im Weg entlockten oder vom Luftzug den glimmenden Pfeifen entführt wurden. Allmählich traten die unbestimmten Umrisse von Wagen, Reitern und Tieren hervor, und herbei rasselte die flüchtige Karawane. Plötzlich, in Schußweite vom Lager, hielt sie an, ich vernahm das Knacken von Pistolenhähnen und zugleich den Ruf: »Wer lagert da?« »Regierungstrain!« war die Antwort. »Die Post!« schallte es zurück, die Peitschen knallten, die Ketten und Ringe an den Geschirren klirrten, und mit lautem »Hallo!« trabte sie vorbei, die »Vereinigte-Staaten-Post.« Ein Reiter trennte sich vom Zug, richtete an mich einige Fragen mit Bezug auf die Straße oder die Eingeborenen, gab mir flüchtig Auskunft über das, was ich zu wissen wünschte, spornte sein Tier an, und dahin galoppierte er den Wagen und Reitern nach, die schon in der Dunkelheit verschwunden waren, deren Getöse aber noch aus weiter Ferne hörbar war, als ich ins Zelt kroch, um meine Ablösung zu wecken. Eine solche Karawane war also zur frühen Morgenstunde am Cow Creek angekommen und lagerte uns fast gegenüber. Wir begrüßten uns mit den Leuten, die diese begleiteten, doch störte der schäumende Strom zu sehr unsere Unterhaltung, als daß wir sie lange hätten pflegen mögen, und der Schatten der Wagen und Zelte war jedem willkommener als die sonnigen, gegen jede Luftströmung geschützten Ufer. Wir hatten übrigens erfahren, daß wir auf unserer ferneren Reise keine Büffel mehr finden würden, und da ich westlich von uns noch mehrere Herden erblickte, die grasend langsam gegen Norden wanderten, so unternahm ich gegen Abend noch einen Versuch, um – wie ich wohl mit Recht annehmen konnte – meine Büffeljagden für dieses Leben zu beschließen und vielleicht wie die Indianer auf eine Fortsetzung derselben in den seligen Jagdgefilden zu hoffen. Schon während des Nachmittags hatte ich gegen zwanzig prächtige Stiere durchs Fernrohr beobachtet, die sich kaum merklich in der angegebenen Richtung fortbewegten. Nach meiner Berechnung mußten sie kurz vor Sonnenuntergang die Straße an einer Stelle überschreiten, wo ich am vorhergehenden Tag einige vom Regen aufgewühlte Furchen entdeckt hatte, die sich vortrefflich zu Verstecken eigneten. Ich begab mich also rechtzeitig auf den Weg, und zwei Stunden vor Einbruch der Nacht befand ich mich etwa drei Meilen vom Lager und beobachtete von meinem Hinterhalt aus die langbärtige Gesellschaft, die in meinem Blickfeld weidete. Eine Stunde verging, und noch immer waren die Büffel eine Viertelmeile von mir entfernt; die Sonne neigte sich der Ebene zu, doch die Büffel beschleunigten nicht ihre Schritte. Ich sah endlich ein, daß ich bis in die Nacht hinein, vielleicht auch bis zum folgenden Morgen auf ihre Ankunft würde harren müssen, und beschloß daher, sie in offenem Feld anzugreifen. Ich schob Revolver und Messer auf den Rücken, nahm die Büchse in die linke Hand, und mich ins Gras streckend, begann ich die langweilige Arbeit des Kriechens auf einem Boden, der so eben war wie ein Tisch und wo kein Stein, kein Strauch mir Gelegenheit bot, mich, ohne bemerkt zu werden, ausruhen zu können. Der Wind war mir günstig, und die Sonne berührte eben den westlichen Horizont, als ich mich in Schußweite von einem Stier befand, der mich aufmerksam betrachtete und, durch das lange Haupthaar geblendet, wahrscheinlich für einen Wolf hielt. Unglücklicherweise hatte er mir den Kopf und die Brust zugewandt, und ich mußte also längere Zeit harren, ehe ich imstande war, der Kugel eine tödliche Richtung zu geben. Auf den Schuß machte der Büffel eine krampfhafte Bewegung, doch ohne zu wanken schritt er zu seinen Gefährten, und nur an der Unruhe, mit der er sich zwischen diesen umherdrängte, erkannte ich, daß er wirklich schwer verwundet war. Wie bei allem Rindvieh, brachte auch hier der Geruch des Blutes, das reichlich aus der Wunde quoll, die ganze Herde in wutähnliche Aufregung; mit hohlem, unheimlichem Gebrüll senkten die erbitterten Tiere die buschigen Köpfe, und wo das Blut den Boden gerötet hatte, da wühlten sie den Rasen mit ihren kurzen Hörnern auf, und mit den schweren Hufen scharrend, schleuderten sie Erde und Rasen hoch empor. Ich benutzte die allgemeine Verwirrung, um schleunigst meine Büchse wieder zu laden und noch näher heranzukriechen, und als ein feister Stier mir dann die breite Seite wies, nahm ich vorsichtig mein Ziel und gab zum zweitenmal Feuer. Doch auch dieser stürzte nicht gleich zusammen, sondern zwischen seinen Kameraden umherschreitend, trug er durch seinen Blutverlust dazu bei, die ganze Herde, die nur aus Stieren bestand, in die grimmigste Wut zu versetzen. Zufrieden mit dem Erfolg meiner Jagd, denn die beiden Verwundeten vermochten sich kaum noch aufrecht zu halten, gebrauchte ich weniger Vorsicht, und um beim Laden in meinen Bewegungen nicht behindert zu sein, richtete ich mich auf die Knie. Plötzlich, wie auf ein gegebenes Zeichen, hoben alle ihre Köpfe empor und betrachteten mich unter den buschigen Mähnen hervor einige Sekunden lang sehr aufmerksam. Ich kann nicht leugnen, daß es mir gar nicht gefiel, als ich die ganze Gesellschaft in gemessenem Schritt schnaubend auf mich zukommen sah, doch war es augenscheinlich, daß sie mich noch immer nicht für einen Menschen, sondern für einen Wolf hielten und ihre Wut an dem so verhaßten Feind auszulassen gedachten. Ich sprang daher auf und schwenkte, um sie zurückzuscheuchen, meinen Hut; doch diese Bewegung hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung, denn die Tiere begannen sich aneinanderzudrängen, und indem sie ihre Schritte beschleunigten, näherten sie sich mir mit allen Zeichen unfreundlicher Absichten. Es blieb mir jetzt nur noch ein einziges, aber sicheres Mittel, mich den drohenden Hufen und Hörnern zu entziehen, und ich zögerte keinen Augenblick mit dessen Ausführung: ich eilte nämlich, so schnell ich nur zu laufen vermochte, in westlicher Richtung um die Herde herum, und als die vordersten derselben kaum noch dreißig Schritt entfernt von mir waren, befand ich mich in derselben Linie mit ihnen und dem Nordwestwind, der leise über die Ebene strich. Kaum witterten aber die Büffel die Nähe eines Menschen, als sie, von jähem Schrecken ergriffen, in wilder Flucht unaufhaltsam davoneilten und mir abermals Gelegenheit gaben, einen erfolgreichen Schuß zu tun. Die drei Verwundeten trennten sich sogleich von der Herde, und nur eine kurze Strecke von mir stürzte einer derselben zu Boden. Ich ging sogleich hin, machte mit meinem langen Messer seinen Leiden ein Ende, schnitt ihm die Zunge heraus, und als ich mich dann aufrichtete und nach den Flüchtlingen ausschaute, erblickte ich in der Entfernung von einer Meile nur noch die beiden anderen Verwundeten, von denen der eine sterbend auf der Seite lag, während der andere wie sinnend dabeistand. Die Dämmerung, die schnell in Dunkelheit überging, hielt mich indessen ab, mich noch weiter zu entfernen, und nicht ohne eine Anwandlung von Reue, im Jagdeifer wegen einer einzigen Zunge drei der stattlichsten Büffel der Prärie getötet zu haben, wandte ich mich dem Cow Creek zu. Die Nacht war sternenklar, aber dunkel, die Lagerfeuer bezeichneten mir die Richtung, und auf das leiseste Geräusch in meiner Umgebung lauschend, eilte ich an der Stelle vorbei, wo wenige Tage vorher der Mexikaner durch eine feindliche Kugel sein Leben verlor und wo ihn seine Freunde dann eingescharrt hatten. Am 12. Juli in der Frühe war unser erster Gang nach der Furt; wir trafen hier mit der Begleitung der Post zusammen, und gemeinschaftlich untersuchten wir die Tiefe des Stroms, der schon bedeutend gefallen war, aber den Durchgang noch immer nicht gestattete. Erst gegen Mittag unternahm es die Post, den Weg zu eröffnen, sie gelangte glücklich zu uns herüber; ihr nach folgte Bent, der im Lauf des Vormittags mit einigen leichten Wagen dort eingetroffen war; und als dann das letzte seiner Pferde nach dem rechten Ufer hinaufstieg, zogen wir nach dem linken hinüber, wo wir mit verdoppelter Eile unsere Reise fortsetzten. Siebenunddreißigstes Kapitel Peacocks Erzählung von der Ermordung Jarvis' – Lager am Kleinen Arkansas – Turkey Creek – Diamantquelle – Der Neoscho – Das Städtchen Council Grove – Das Kolonisationswesen in den Vereinigten Staaten – Lawrence am Kansai – Der Kansas – Übergang über denselben – Der Umweg – Der Wolkenbruch Nachdem wir den Cow Creek überschritten hatten, führte der Weg uns nach einer Höhe hinauf, von wo aus wir den gewundenen Lauf des Flüßchens mit seinen bewaldeten Ufern bis dahin, wo es sich mit dem Arkansas vereinigte, überblicken konnten. Wir ritten nebeneinander und lauschten Peacocks Erzählung, in dessen Gedächtnis die Umgebung wieder eine seiner Mordgeschichten wachgerufen hatte. »Bemerken Sie dort unten die kurze Biegung des Cow Creek?« fragte er uns, und als wir dasselbe bejahten, fuhr er fort: »In jenem Winkel lagerten vor zwölf Jahren zur kalten Winterszeit, also wenn der Verkehr auf dieser Straße nur sehr gering ist, zweiundzwanzig Reisende. Sie führten nur so viele Wagen oder vielmehr Packtiere mit sich, als gerade zum Transport ihrer Lebensmittel dienten, denn es waren teils Kaufleute, die in Santa Fé ihre Niederlagen hatten und dorthin zurückkehrten, teils Leute, die den Missouri verließen, um sich in eben genannter Stadt für den kommenden Frühling und den Sommer Anstellungen in der gegen Mexiko bestimmten Armee zu sichern; mithin lauter Männer, die möglichst schnell zu reisen wünschten und dabei weniger auf Bequemlichkeit Rücksicht nahmen. Ein reicher Kaufmann namens Jarvis befand sich ebenfalls unter der Gesellschaft; er war teils wegen seines Ansehens, teils wegen seiner Erfahrungen zum Reisehauptmann gewählt worden, und da er gegen hunderttausend Dollar Regierungsgelder bei sich trug, so schätzte er sich glücklich, von einer Wache umgeben zu sein, die nicht nur mit dem Leben in den Wildnissen vertraut, sondern auch teilweise schon in den Indianerkriegen Erfahrungen gesammelt hatte. Ohne Unfall, ja ohne Verdruß gelangte die Gesellschaft bis in jenen Winkel; sie hätte auch ebensogut hier an der Straße lagern können, wo sie ebenfalls Brennholz im Überfluß gefunden hätte; da aber die ganze Mannschaft sich einstimmig für jenen Winkel erklärte, so gab Jarvis, der keine Ahnung von Verrat hatte, nach und verließ mit der ganzen Karawane die Straße, um dort in Verborgenheit zu übernachten. Als Jarvis am folgenden Morgen seine Vorbereitungen zur Weiterreise traf, überraschte es ihn, daß kein einziger der Gesellschaft seinem Beispiel folgte; mehr aber überraschte es ihn, daß, als er nach der Ursache eines solchen Benehmens fragte, ihm niemand Rede stehen wollte, und ihm alle scheu aus dem Weg gingen. Ein gewisser MacDaniel, Jarvis' Vertrauter und zugleich der Rädelsführer, der es verstanden hatte, die ganze Gesellschaft für seine verräterischen Pläne zu gewinnen, trat endlich vor Jarvis hin: ›Ihr seid im Besitz von hunderttausend Dollar‹ hob er an. ›Jetzt schaut auf uns – wir alle sind einig, daß das Geld unter uns geteilt werden soll; um dies aber auszuführen, müßt Ihr sterben.‹ Jarvis, der wohl einsah, daß ihn nichts mehr aus den Händen seiner Mörder retten konnte, wandte sich darauf an die Leute: ›Seid ihr wirklich Willens‹, sagte er, ›mir mein Eigentum zu rauben, so nehmt es hin, zusammen mit meinem Schwur, nie ein Wort darüber zu verlieren und euch im unbestrittenen Besitz desselben zu lassen; nur gestattet mir heimzukehren zu meiner Familie, und besudelt eure Hände nicht mit meinem Blut, was gewiß mehr um Rache gegen euch schreien wird als das Geld, nach dem euch gelüstet.‹ Diese Rede brachte eine Bewegung unter den Leuten hervor, und es bildeten sich alsbald zwei Parteien, von denen die eine für den Tod des Kaufmanns und die andere gegen denselben stimmte. Wenn sich auch wirklich einzelne dabei befanden, die gern zurückgetreten wären und die am liebsten Jarvis mit seinem ungeschmälerten Reichtum zu den Seinigen hätten heimkehren lassen, so durften diese es doch nicht wagen, ihre Stimme zu erheben, wenn sie nicht ebenfalls spurlos in der Prärie verschwinden wollten. Es blieb also bei den zwei Parteien, und diese schritten alsbald zur Abstimmung über Leben und Tod. Das Resultat ergab, daß von einundzwanzig Mann acht auf dem Mord bestanden, dreizehn dagegen unter der Bedingung des erwähnten Eides Jarvis unberührt lassen wollten. Ein Streit erhob sich, und es wäre gewiß auch zu Tätlichkeiten gekommen, wenn nicht MacDaniel plötzlich mit den Worten: ›Die Toten können nichts nachreden‹ seine Büchse angelegt und dem unglücklichen Jarvis eine Kugel durchs Herz geschossen hätte. Nach dem Mord schritt man zur Teilung des Raubes, verpflichtete sich gegenseitig durch Schwüre und Drohungen zu unverbrüchlichem Stillschweigen, scharrte die Leiche am Rand des Creeks in den Boden und trennte sich voneinander mit den Worten: ›Auf Nimmerwiedersehen‹ Die acht Mörder schlugen den Rückweg nach dem Missouri ein, die übrigen dreizehn dagegen, von denen sich die Hälfte unfreiwillig an dem Raub beteiligt hatte, zogen nach Santa Fé und machten trotz aller Schwüre und Drohungen das Verbrechen sogleich bekannt. Natürlich wurden auf frischer Tat Kuriere nach Independence am Missouri gesandt, und obgleich die Mörder sich schon längst voneinander getrennt und verschiedene Richtungen eingeschlagen hatten, so gelang es der sie verfolgenden Polizei doch, sie einen nach dem anderen einzufangen, und sie büßten bis auf einen oder zwei für ihr Verbrechen am Galgen.« So lautete Peacocks Erzählung; kaum hatte er diese beendet, als er sich einer anderen, ähnlichen erinnerte, und wir berührten wenig Bäche oder Flüsse, die in seinem Gedächtnis nicht ein eigenes Erlebnis oder die Abenteuer anderer Reisender wachgerufen hätten, in denen Raub und Mord gewöhnlich die Hauptrolle spielten. Aber dergleichen kann nicht überraschen; denn wie der weite Spiegel des endlosen Ozeans unbekümmert um das, was seine Tiefe birgt, den ewigen Gesetzen der Natur folgend in angewiesener Richtung dahinwogt oder sich ebnet und glättet, so keimt, grünt und verdorrt die blumenreiche Steppe, unbekümmert um die Verbrechen, die vielfach ihre Oberfläche entweihen. Auf den Gräbern der Erschlagenen keimen Blumen, und jeder Frühling deckt mit einem neuen Mantel den von Blut geröteten Boden, um gleichsam die »Geheimnisse der Steppe« zu verhüllen, von denen nur sehr wenige verlauten. Nach einem Ritt von achtzehn Meilen erreichten wir den Kleinen Arkansas, ein Flüßchen, das sich tief in den lehmigen Boden hineingewühlt hat und auf seinen schroffen Uferwänden die Baumvegetation Missouris zeigt. Wir lagerten auf dem rechten Ufer in der Nähe eines kleinen Blockhauses, das sich einige Abenteurer zum Zweck des Tauschhandels mit den Kaw-Indianern errichtet hatten. Das Lager der Indianer erblickten wir weiter oberhalb in der Entfernung von ungefähr vier Meilen; auch einen vereinzelten Krieger sahen wir, dieser schlich im Schatten des Waldes dahin und schien uns zu meiden, doch wurden wir wider Erwarten während der Nacht nicht beunruhigt, und wenn die diebischen Kaws nach indianischer Gewohnheit die frühe Morgenstunde wählten, um sich einige unserer Tiere anzueignen, so kamen sie zu spät, denn noch ehe der Tag graute, befanden wir uns schon wieder unterwegs, während auf der verlassenen Lagerstelle die absichtlich mit trockenem Holz genährten Feuer lustig flackerten. Feiner, aber durchdringender Regen machte die Reise während der ersten Hälfte des Tages beschwerlich, am Nachmittag dagegen klärte das Wetter sich wieder auf, die warme Sonne trocknete unsere Kleider sowie unsere Straße, und fast sichtbar hoben sich Halme und Blütenstengel, die infolge der anhaltenden dürren Hitze sich traurig dem Boden zugeneigt hatten. Überhaupt umgab uns, in dem Maße, wie wir uns dem Missouri näherten, üppigere und frischere Vegetation; das kurze, unscheinbare, aber deshalb nicht weniger nahrhafte Büffelgras verschwand ganz, und an dessen Stelle trat das lange, dunkelgrüne, krautreiche Gras, das sich so vortrefflich zu Heu eignet. Die Senkungen des Bodens wurden tiefer, die Schwellungen höher und zahlreicher die Quellen und Bäche, deren Bett unsere Straße durchschnitt. Hinauf und hinunter ging es in der wellenförmigen Ebene, und nach einem Marsch von siebenundzwanzig Meilen erreichten wir den Turkey Creek, wo wir zu übernachten beschlossen. Warum das Flüßchen nach den wilden Truthühnern benannt worden ist, konnte ich mir nicht erklären, denn so weit ich dasselbe zu übersehen vermochte, entdeckte ich keinen Baum oder Strauch, und bekanntlich wählen die Turkeys vorzugsweise Waldgegenden zu ihrem Aufenthalt, um sich zur Nachtzeit in den Kronen der Bäume ihren zahlreichen Feinden entziehen zu können. Der Marsch des 14. Juli brachte uns um die Mittagszeit an den Cottonwood Creek, ein über alle Beschreibung reizendes Flüßchen, das mit seinem sanft ansteigenden Tal und seinen prachtvollen Baumgruppen schon einige Ansiedler herbeigelockt hatte. Die wenigen kleinen Blockhütten, die ich in weiten Zwischenräumen voneinander wahrnahm, änderten freilich noch nichts in dem Charakter der Landschaft, doch wurde das Auge angenehm berührt durch eine schmale Rauchsäule, die dem Schornstein einer menschlichen Wohnung entstieg; durch die Einfriedung, die ein grünendes Maisfeld umgab, und durch die scheckigen Kühe, die am Rand des Bachs im fetten Gras weideten. Wir rasteten mehrere Stunden an dem plätschernden Wasser im Schatten eines mächtigen Cottonwood-Baums, und erst als die Strahlen der Sonne schräger fielen, bestiegen wir wieder unsere Tiere und ritten noch sieben Meilen weiter bis zu einer wasserhaltigen Schlucht, in der wir dann übernachteten. Am 15. Juli befanden wir uns auf der ganzen Strecke von achtundzwanzig Meilen zwischen Landstrichen, die wie zur Urbarmachung und Bevölkerung geschaffen schienen. Wenn auch manche Höhen weiter nichts als gute Weiden versprachen, so zeigte sich dafür in den Niederungen eine so anmutige Abwechslung von Wiesenflächen und schmalen Waldstreifen, und in der kräftigen Baum- und Grasvegetation verriet sich eine solche Zeugungsfähigkeit des Bodens, daß man sich unwillkürlich davon angezogen fühlte und eine gewisse Neigung verspürte, alle Mühen und Hindernisse, mit denen die ersten Ansiedler stets zu kämpfen haben, zu übersehen und nur an die Genüsse zu denken, die eine paradiesische Umgebung sowie ein dankbarer Boden dem fleißigen und genügsamen Ackerbauer gewähren. Leider besteht aber in diesen Regionen ein so krasser Unterschied zwischen dem Winter und den wärmeren Jahreszeiten, daß doch mancher, dessen Auge und dessen Gefühle bei seinem ersten Besuch im milden Frühling oder in den ersten Sommermonaten bestochen wurden, sich trotz der ihm gebotenen Vorteile in seinen Erwartungen getäuscht findet; und größtenteils deshalb, weil es ihm schwer wird, sich an die Einsamkeit zu gewöhnen – eine Einsamkeit, die nur dann bitter empfunden wird, wenn der scharfe Winter mit seinen Schneestürmen die Kommunikation hemmt und den Ansiedler wie in einem Gefängnis an seine Blockhütte bannt. Kurz vor Abend erreichten wir eine solche abgesonderte Ansiedlung; diese lag malerisch am Abhang eines kleinen Tals, wo eine eisig kalte, kristallklare Quelle aus dem Gestein sprudelte. Diamond Spring oder Diamantquelle ist jener Punkt genannt worden, und einen angemesseneren Namen hätte man wohl kaum ersinnen können, denn wie Diamanten quillt ein starker Wasserstrahl aus dem Boden hervor und rieselt bachähnlich dem nahen Tal zu. Obgleich noch weit von den Grenzen der Zivilisation entfernt, schienen die Bewohner jener Ansiedlung, unter denen ich auch einige Frauen und Kinder erblickte, doch überaus zufrieden mit ihrer Lage zu sein. Hauptsächlich bauten sie Mais, und außer daß sie stets Gelegenheit fanden, ihre Bodenerzeugnisse auf der nahen Handelsstraße zu verwerten, hatten sie auch noch den Vorteil, daß ihnen von den Reisenden das Geld ins Haus gebracht und die Ware dafür mitgenommen wurde, der Transport ihnen also nicht die geringste Mühe verursachte. Auch wir erstanden hier einige Säcke Futterkorn für unsere Tiere, denn wenn diese auch im besten Zustand den Rio Grande verlassen hatten, so begannen ihre Kräfte jetzt doch sehr zu schwinden, und die einst so kräftige, wohlgenährte Herde zeigte nur noch hagere, schattenähnliche Gestalten. Wir lagerten einige Meilen östlich von Diamond Spring an einem namenlosen Bach. Hohes Gras umgab uns; ein Übelstand, dem wir nicht ausweichen konnten – und ein empfindlicher Übelstand, weil starker Tau dasselbe schon in den Abendstunden beschwerte und wir bei jeder Bewegung, besonders aber in der Frühe, als wir uns zum Aufbruch rüsteten, bis über die Hüften durchnäßt wurden und weder Kleidungsstücke zum Wechseln noch brauchbares Schuhzeug mehr besaßen. Ein Gewitter drohte die unleidliche Nässe noch zu vergrößern; es verzog sich indessen während der Nacht mit viel Geräusch, ohne daß dabei ein Tropfen Regen gefallen wäre, und der klare, blaue Himmel spiegelte sich in der betauten Prärie, als wir am Morgen des 16. Juli unsere Reise fortsetzten. Nach einem Marsch von sechs Meilen auf einer höher gelegenen Abflachung befanden wir uns plötzlich am Rand des Tals des Neoscho, dem letzten Zufluß des Arkansas, den wir auf unserer Reise berühren sollten. Schon am Walnut Creek hatten wir uns aus der unmittelbaren Nähe des Arkansas, der dort eine südsüdwestliche Richtung einschlägt, entfernt und waren dafür dem Kansas näher gerückt, mit dem wir die gleiche Richtung gegen Nordosten verfolgten. So nahe wir uns auch dem letzteren Strom befanden und so schnell sich die Entfernung bis zum Arkansas vergrößerte, so hatten wir bis jetzt doch nur Nebenflüsse des letzteren überschritten. Seit unserem Übergang über den Arkansas warer wir dagegen immer im Kansas-Territorium gereist, dessen südliche Grenze der Arkansas und dessen nördliche der Nebraska oder Flache Fluß bildet. Die Benennung ist dem Strom entnommen, der die ungeheure Landstrecke fast in der ganzen Breite durchschneidet. Seit mehreren Tagen zogen wir also durch Landschaften, nach denen jetzt vorzugsweise der Strom der Auswanderung hingelenkt wird, und zwar von zwei verschiedenen Parteien, deren jede darnach trachtet, durch überwiegende Stimmenzahl die neue Konstitution des jungen Staates zu beeinflussen und denselben nach den Grundsätzen oder vielmehr nach den persönlichen Interessen der siegenden Partei zu einem »Freien oder einem Sklavenstaat« zu bilden. Wie aus den letzten Seiten meiner Beschreibung hervorgeht, waren die Ansiedlungen in dortiger Gegend noch sehr spärlich zerstreut, doch kann es keinem Zweifel unterliegen, daß unter Verhältnissen, in denen zwei mächtige Parteien um den Vorrang streiten, das Anwachsen der Bevölkerung beschleunigt werden muß; und ob nun der freie Mann im Schweiße seines Angesichts sein Brot ißt oder der farbige Sklave unter der Peitsche eines grausamen Herrn zuckt – dem Andringen der Zivilisation kann kein Damm mehr entgegengestellt werden, ebensowenig wie der endlichen Lösung der Sklavenfrage, die wohl noch auf künstliche Weise während kommender Jahrzehnte in der Schwebe gehalten werden mag, aber als naturwidrige Einrichtung, zumal in einer Zeit des Fortschritts und der keimenden Aufgeklärtheit, in sich selbst zusammenbrechen muß. Wir erreichten also den Rand der Höhe, von wo wir eine Aussicht auf das bewaldete Tal des Neoscho und das anmutig gelegene Städtchen Council Grove gewannen, und wir hielten fast unwillkürlich an, um uns längere Zeit in den Anblick der über alle Beschreibung lieblichen Landschaft zu versenken. Der dichte, lebenskräftige Wald mit seinen scharf begrenzten wunderlichen Außenlinien entzog das Flüßchen selbst zwar unseren Blicken, doch wie ich niederschaute auf die Kronen der Eichen und Hickorys, der Sykomoren und Cottonwood-Bäume, die sich mit ihren prachtvollen Färbungen wie zu einem einzigen Teppich zusammendrängten, und wie ich die Schatten kleiner Federwolken beobachtete, welche träge, aber doch gleichsam belebend über die Waldfläche dahinglitten und das frische Grün der Bäume auf Minuten dunkler färbten – da glaubte ich nie etwas Schöneres und Anmutigeres gesehen zu haben, und aufmerksam verfolgte ich mit den Blicken die Windungen des Tals aufwärts und niederwärts, bis dahin, wo bläulicher Duft holzreiche Niederungen und grasige Höhen schleierähnlich verhüllte. Aus den Winkeln des Waldbrandes lugten graue Blockhäuser hervor, an den grünen Abhängen weideten Viehherden, und gerade vor mir lag die Ansiedlung mit ihren beiden Häuserreihen, ihren Einfriedungen und Maisfeldern. Auf der Straße spielten Kinder, Hunde bellten, Hähne krähten, und deutlich vernahm ich den regelmäßigen Schlag des Hammers, der, geführt von kräftiger Hand, schwer auf das sprühende Eisen und den klingenden Amboß fiel. Council Grove oder Beratungshain heißt das aufblühende Städtchen, und zwar zur Erinnerung daran, daß vor wenigen Jahren noch die wilden Söhne der Steppe sich dort zu ihren Beratungen versammelten und auch jetzt noch alljährlich die benachbarten Stämme dort eintreffen, um sich mit den Weißen in Verhandlungen einzlassen, die gewöhnlich neue Gebietsabtretungen oder die Zahlungen für die schon abgetretenen Ländereien betreffen. Die nächste Umgebung von Council Grove ist den Konzas – auch Kaw- oder Kansas-Indianer – vorbehalten worden, und es befindet sich dort eine Missionsschule, auf der die Kinder der Eingeborenen zu Christen erzogen und zu fleißigen Bürgern herangebildet werden sollen. Doch der Hang zum freien, ungebundenen Nomadenleben ist bei den nordamerikanischen Indianerstämmen zu tief gewurzelt, als daß er plötzlich erstickt werden könnte, und deshalb durchstreifen die Konzas, mit Ausnahme einer kaum nennenswerten Zahl, die schon zum Ackerbau hinneigt, noch immer jagend, kämpfend und raubend die Prärien. Wir ritten hinab, und als wir in die einzige, sehr breite Straße einbogen, erblickten wir zu beiden Seiten an allen Häusern, deren Zahl sich auf ungefähr dreißig belaufen mochte, roh gemalte Schilder, die darauf hindeuteten, daß ausschließlich Geschäftsleute den Ort bevölkerten. Doch auch zwei Gasthöfe machten sich durch ihre weiß angestrichenen Außenwände bemerklich, und wir sprachen in einem derselben vor, in dem mit der Gastwirtschaft zugleich ein Kaufmannsladen verbunden war. Wir hielten hier nur lange lange genug, um eine erst acht Tage alte Zeitung zu lesen und ein Frühstück einzunehmen, mit dem uns eine alte Negerin bediente und in dem frische, kühle Buttermilch und Maisbrot die Hauptbestandteile bildeten. Von der Buttermilch erstanden wir soviel, als wir in unseren Schläuchen fortzubringen vermochten, und auf diese Weise bereichert, verließen wir die Stadt, um nach Überschreitung der Neoscho im Schatten hoher Bäume einige Stunden zu rasten. Während die Maultiere es sich im fetten Gras wohl sein ließen, erfrischten wir uns durch ein Bad in dem Flüßchen, und erst, als die Sonne die Mittagslinie durchschnitten hatte, verließen wir das anmutige Tal. Ich vermeide es, den Rest der Reise ferner in Tagebuchform zu beschreiben, denn auf der ganzen Strecke vom Neoscho bis an den Missouri, einer Strecke, die wir in sechs Marschtagen durchzogen, befanden wir uns ständig in einer Umgebung, deren Charakter unverändert blieb, die uns aber deshalb nicht minder schön und einladend von allen Seiten entgegenlächelte. Denn wenn auch blumenreiche Grasfluren, schattige Haine und klare Bäche sich wiederholen, ebenso wie der mit schwarzen Wolken verhangene, drohen entflammte Himmel mit lieblichem, sonnigem Blau abwecheslt, so bleibt doch ewig neu, was die Natur dem Menschen bietet; denn mit den wiederkehrenden Formen, Gestalten und Farben wiederholen sich bei Freunden der Natur auch die ungeschwächten Eindrücke. Wir stießen jetzt nur noch auf Zuflüsse des Kansas-Flusses, die teils als unscheinbare Bäche, teils als angeschwollene Ströme paradiesische Landstriche vielfach durchschnitten und bewässerten. Überall aber nahm ich die Spuren furchtbarer, in jüngster Zeit gefallener Regengüsse wahr, und wir mußten mehrfach vor Bächen liegenbleiben, die, durch einen einzigen nächtlichen Regen in reißende Ströme verwandelt, die Weiterreise auf einen ganzen Tag unmöglich machten. Wir setzten durch den Rock Creek, in dessen Tal die Kornfelder der Ansiedler durch heftige Wolkenbrüche größtenteils fortgeschwemmt waren, und überschritten danach den Bluff Creek und den »Creek 142«, letzterer benannt nach der Zahl der Meilen, welche die Entfernung von dort bis nach Independence beträgt. Am Elm Creek harrten wir auf das Fallen des Wassers, erreichten am folgenden Tag den Punkt, wo die Independence-Straße sich von der Fort-Leavenworth-Straße trennt, und übernachteten in der Nähe von Brownsville, einer anmutig gelegenen Stadt von ungefähr dreißig Häusern. Wir erfuhren an jenem Ort, daß die Brücke über den Kansas bei dem Städtchen Topeca von dem angeschwollenen Strom fortgerissen sei, und wandten uns deshalb der weiter östlich gelegenen Stadt Lawrence zu, wo die Verbindung zwischen den beiden Ufern des Kansas notdürftig durch eine Fähre aufrechterhalten wurde. Am 19. Juli überschritten wir den Waucarusa, und am 20. gegen Mittag lagerten wir angesichts der Stadt Lawrence, wo wir am folgenden Tag den Übergang über den Kansas zu unternehmen beabsichtigten. Zahlreiche Ansiedlungen hatten wir in den letzten Tagen von der Straße aus wahrgenommen, doch waren die wenigsten derselben wirklich bewohnte Gehöfte, und an den regelmäßigen Zwischenräumen, in denen sich die kleinen, mit einer Einfriedung umgebenen Blockhütten erhoben, erkannte ich leicht, daß die Landspekulanten auch hier den eigentlichen Ansiedlern vorausgeeilt waren. Wenn nämlich die Regierung der Vereinigten Staaten durch Übereinkommen oder Kauf die Ländereien von den Indianern an sich gebracht hat, so beeilt sie sich vor allen Dingen, diese vermessen und in Bezirke und danach in regelmäßige sogenannte »Blöcke« von achtzig und hundertsechzig Morgen einteilen zu lassen. Diese Blöcke überläßt nun die Regierung an die neuen Ansiedler und Ankömmlinge zu dem geringen Preis von 1-1/4 Dollar für den Morgen. Um aber eine schnellere Kolonisation zu bewirken, wird dem Käufer die Bedingung gestellt, nicht nur eine geringe Grundsteuer zu zahlen, sondern auch auf seinem Besitz ein Haus zu bauen, Acker unter den Pflug zu bringen sowie einzufrieden und dann auch wenigstens einen Teil des Jahres dort zu wohnen oder einen Pächter oder Knecht dort wohnen zu lassen. Außerdem werden an die Soldaten, wenn sie ihre Zeit abgedient haben, bei ihrem Abgang Zertifikate verabreicht, kraft deren ihnen für jede vier Dienstjahre achtzig Morgen Land gehören, die sie sich von den Regierungsländereien, wo es ihnen nur immer beliebt, auswählen dürfen. Diese sogenannten »Landwarrants« werden indessen nur in den seltensten Fällen von ihren ursprünglichen Besitzern in der von der Regierung beabsichtigten Weise benutzt und wandern, je nach Umständen, für den Preis von einer Flasche Whisky bis zu hundert Dollar in die Hände der Landspekulanten. Wendet sich nun der Strom der Einwanderung nach einer bestimmten Richtung hin, so eilen die Leute, die sich im Besitz von hinreichenden Mitteln oder auch nur von Landwarrants befinden, dem Ackerbauer voran, realisieren die auf die Soldaten lautenden Zertifikate und kaufen noch so viele Blöcke dazu, wie ihnen angemessen erscheint oder wie sie bezahlen können. Um dann dem Gesetz zu genügen und ihre Ansprüche nicht zu verlieren, errichten sie auf jeweils hundertsechzig Morgen eine kleine Hütte sowie etwas Einfriedung, pflügen auch wohl ein Stückchen Wiese um, lassen einen Menschen abwechselnd auf einer ganzen Reihe von sogenannten Farmen wohnen und warten dann ruhig so lange, bis die andringende Bevölkerung ihnen Gelegenheit gibt, das Doppelte und Dreifache von dem, was sie kurze Zeit vorher selbst zahlten, einzunehmen. Dem Mißbrauch, der auf diese Weise mit der Freigebigkeit der Regierung getrieben wird, ganz Einhalt zu tun, wird wohl schwerlich jemals gelingen; doch ist es vorauszusehen, daß sich Stimmen gegen ein Verfahren erheben werden, durch das die dem Unbemittelten zugedachten Erleichterungen und Wohltaten nur Leuten zugute kommen, die deren nicht bedürfen. Leider befinden sich unter den Landspekulanten Leute vom größten Ansehen und Einfluß, Leute, die ein schweres Gewicht in die Waagschale zu werfen vermögen, wenn es jemandem einfallen sollte, ihre Freiheit des Willens und des Handelns anzugreifen, auch dann, wenn ein derartiger Angriff mit den Gesetzen der Menschlichkeit im Einklang steht. Doch um solche Übelstände, ich möchte sagen Krebsschäden in der menschlichen Gesellschaft, zu entdecken, bedarf es nicht der Reise nach dem Fernen Westen; wir finden sie überall, wo Menschen gesellig beieinander leben und deshalb Egoismus, Vorurteil, Eigendünkel und Meinungsverschiedenheiten existieren und den Grund zu Unterdrückung und nie zu schlichtendem Hader bilden. Die Stadt Lawrence hat eine schöne Lage auf dem rechten Ufer des Kansas unter den Abhängen der ungefähr dreihundert Fuß höher gelegenen Prärie, die sich dort dem Strom mit seinem waldigen Tal bis auf tausend Schritt nähert. Die Einwohnerzahl mag sich auf 12 000 belaufen, und es herrscht ein überaus lebhaftes Treiben in den regelmäßigen Straßen, die von schönen, massiven, vierstöckigen Häusern, von Bretterbuden und Blockhütten eingefaßt sind. Kaufläden, Billardsäle und Branntweinstuben reihen sich überall in buntem Gemisch aneinander, und zwischen diesen erblickt man hin und wieder ein deutsches Bierhaus, in dem von untersetzten »Landsleuten« gutes bayerisches Bier ausgeschenkt wird. Die Vorurteile der Amerikaner gegen alles, was aus Deutschland stammt, sind nämlich in einigen Beziehungen schon bedeutend geschwächt worden, denn wenn zum Beispiel – wie ich mich genau erinnere – vor wenigen Jahren noch unter den geborenen Amerikanern das Tragen von Schnurrbärten ebenso verpönt war wie das Biertrinken lächerlich, so erblickt man jetzt dafür selbst in den östlichen Staaten unter allen Klassen der Gesellschaft Bärte, die einem deutschen Demagogen Ehre und einen verzärtelten Fähnrich stolz machen würden; wie auch die an stärkere Getränke gewöhnten Amerikaner jetzt Bier trinken, als ob sie es auf deutschen Universitäten gelernt hätten. Wenn auch ersteres, wie alle der Mode unterworfenen Bräuche, weiter keine Bedeutung hat und ich desselben nur als einer Merkwürdigkeit gedenke, so ist letzteres dagegen bis zu einem gewissen Grad nicht ohne eine segensreiche Wirkung für die Nation, denn augenblicklich nimmt der Geschmack am Alkohol in dem Maße ab, wie die Liebe zum Malzgebräu wächst. Wir begaben uns sogleich an den Fluß hinunter, und ich war nicht wenig erfreut, als ich den breiten Strom wiedersah, der, angeschwollen durch die zahlreichen Regengüsse, wie in wilder Wut dahintobte und -schäumte. Die Kommunikation war am vorhergehenden Tag vollständig gehemmt gewesen, und erst kurz vor unserer Ankunft hatte man begonnen, mittels eines geräumigen Flachbootes harrende Reisende nebst Wagen, Pferden und Rindvieh hinüber- und herüberzuschaffen. Als ich nun das schwere Fahrzeug beobachtete, das wie eine Feder auf den empörten Wogen tanzte und jeden Augenblick Gefahr lief, von mächtigen Treibholzstämmen zerschmettert zu werden, da gedachte ich längst vergangener Zeiten, und vor mir tauchte in der Erinnerung der friedliche Kansas auf mit seiner spiegelglatten Oberfläche und seinem sicheren Boden, wie ich ihn damals kennenlernte, als ich zum erstenmal die Fluren Missouris betrat und in der Gesellschaft des Herzogs Paul von Württemberg eine kurze Strecke oberhalb jener Stelle durch denselben setzte. Der Fährmann störte mich in meinen Betrachtungen: »All ready, gentlemen!« rief er uns zu, und bald darauf waren wir emsig mit dem Einschiffen unserer Sachen und Tiere beschäftigt. Ohne Unfall gelangten wir auf das linke Ufer des Stroms, wo wir sodann unsere Reise ohne Zeitverlust fortsetzten. Die Straße führte durch niedrige Talgründe, die teilweise überschwemmt waren, und wir kamen daher nur sehr langsam von der Stelle. Gegen Mittag dagegen erreichten wir höheren Waldboden, und als wir eben die Hoffnung aussprachen, nun nicht ferner durch Unwegsam keit gehindert zu sein, befanden wir uns plötzlich am Rande einer tiefen, mit Wasser gefüllten Schlucht, von der die letzten Regengüsse die Brücke fortgerissen hatten. Zu beiden Seiten erblickte ich Gruppen von Menschen, die im Begriff standen, auf einem von den Überresten der Brücke zusammengefügten Floß die Passage wieder zu eröffnen. Da selbstverständlich unter den Reisenden, die übergesetzt zu sein wünschten, je nach ihrer Ankunft Reihe gehalten werden mußte, so konnten wir nicht darauf rechnen, noch am gleichen Tag unsere Reise fortzusetzen. Wir überließen daher unsere Tiere der Freiheit und lagerten auf dem Ufer, von wo aus wir zuschauten, wie die Menschen unter Lebensgefahr und die Wagen stückweise auf dem gebrechlichen Fahrzeug befördert wurden. Die glühende Sonnenhitze machte die Atmosphäre in dem schattigen, feuchten Wald fast unerträglich; dies zusammen mit dem Umstand, daß oft Wagen und Gepäck in den Fluten versanken und erst mit Hilfe einiger gefälliger Shawnee-Indianer herausgezogen werden konnten, wir aber unsere Sammlungen vor allen Dingen gegen Nässe schützen mußten, veranlaßte uns, Erkundigungen einzuziehen, ob nicht ein anderer Weg nach Fort Leavenworth führe. Ein junger Irländer, der dort unter den Shawnees lebte und ebenfalls hilfreiche Hand beim Hinübersetzen leistete, teilte uns mit, daß er allerdings einen anderen Weg kenne, daß dieser aber wenigstens sechs Meilen weiter sei. Die Gefahr für die Sammlungen erschien uns indessen zu groß, als daß wir uns vor dem Umweg gescheut hätten, und da der Irländer sich willig finden ließ, uns als Führer zu dienen, so sattelten wir noch vor Abend auf und folgten ihm an der Schlucht hinauf nach. Wir befanden uns bald in einer umfangreichen Wiese, die ringsum von Waldstreifen eingefaßt war, und eilig ritten wir dahin durch das hohe Gras, dessen Halme über unsere Sättel hinaufreichten. Nicht ohne Besorgnis beobachteten wir den westlichen Himmel, den drohendes Gewölk nit rasender Schnelligkeit überzog und der durch die versteckten Strahlen der Sonne eine feuerrote und schwefelgelbe Schattierung erhielt. Wir vernahmen bald das dumpfe Rollen des Donners, einzelne heftige Schläge wurden deutlich, und ehe wir noch übereingekommen waren, wo wir das Nachtlager aufschlagen sollten, brach das Wetter mit einer Heftigkeit über uns los, wie ich es bis dahin noch nie kennengelernt hatte. Wir suchten uns gegen den Wolkenbruch zu schützen, indem wir die Sättel auf den Boden legten und uns selbst, mit den Schußwaffen unter uns und einer Decke um die Schultern, auf diese hinkauerten, doch das Himmelsgewölbe schien zusammenzubrechen, und nach wenigen Minuten schon saßen wir in tiefem Wasser, das heftig dem Kansas zuströmte. Die gelbe Färbung hatte sich unterdessen der ganzen Atmosphäre mitgeteilt, und wie ein feuriger Dom schien das berstende Gewölk auf blendenden Säulen und Zickzacklinien zu ruhen. Das Krachen des Donners war endlos; die Erde bebte unter den betäubenden Schlägen, und furchtsam drängten sich die Tiere zu uns heran, wie schutzsuchend gegen die empörten Elemente. Da, als das Wetter seinen Höhepunkt erreicht hatte, trennte sich plötzlich die schwarze Wolkendecke von der Ebene, ein feuriger Streifen schoß gegen Norden und Süden dahin, und im vollsten Glanz zeigte sich auf wenige Minuten die scheidende Sonne. – Der Regen verzog sich bald, aber während der ganzen Nacht fühlten wir unter dem sternenklaren Firmament den erkältenden Einfluß der übermäßigen Nässe. – Das war unser letztes Erlebnis in der Prärie. Begleitet von dem Irländer gelangten wir am Abend des folgenden Tages in die Hauptstraße, welche direkt nach Fort Leavenworth, unserem Ziel, führte, von dem uns nur noch zwei starke Märsche trennten. Achtunddreißigstes Kapitel Schluß Wenn nach langer, mühevoller Arbeit das Ende derselben nicht mehr fern ist, so stellt sich, obwohl man ungern von der nach besten Kräften gelösten Aufgabe gänzlich scheidet, gewöhnlich eine besondere Neigung ein, durch vergrößerte Eile das Ziel schneller zu erreichen. So geht es mir jetzt, da mir nur noch wenige Seiten zu berichten übrigbleiben; so fühlte ich damals, als wir uns schnell dem Missouri näherten und die schön gelegene, aufblühende Stadt Leavenworth endlich erblickten. Seit des Irländers Abschied hatten wir uns mehr oder weniger zwischen Ansiedlungen, eingefriedeten Gärten und Feldern befunden; wir bewunderten alles, wie es nach einem langen Aufenthalt in der Wildnis kaum anders zu erwarten ist; doch nur im Vorbeiziehen, denn zum Anhalten war keine Zeit, und ihre letzten Kräfte mußten die armen Tiere aufbieten, um so schnell wie möglich ihre Herren an die Grenzen einer vorangeschrittenen Zivilisation, sich selbst aber auf die fetten Weiden des Militärpostens zu bringen. Sogar die vielen Hunderte von schweren Wagen, die wir überall wahrnahmen und die zum Transport von Lebensmitteln für die am Großen Salzsee konzentrierte Armee bestimmt waren, entlockten uns nur oberflächliche Bemerkungen, seitdem wir erfahren hatten, daß ein Waffenstillstand zwischen den Vereinigten Staaten und den Mormonen geschlossen sei und ein baldiger Friede in Aussicht stehe. Interessanter war uns, daß wir, je näher wir der Stadt kamen, mit um so neugierigeren Blicken betrachtet wurden, denn da in unserem Äußeren und an dem Zustand der Tiere die Spuren einer langen, scharfen Reise nicht zu verkennen waren, so wurden wir gewöhnlich für Kuriere vom Kriegsschauplatz gehalten, und wenn wir dann einzelnen Fragern von der Colorado-Expedition erzählten, dann lächelten sie ungläubig, blinzelten mit den Augen und erwiderten: »Wir wissen schon, ihr kommt vom Salzsee mit geheimen Depeschen und wollt nicht ausgefragt sein. Glück auf den Weg«, rief man, wenn wir uns losmachten und lustig unseres Weges trabten. Am 24. Juli, bei Einbruch der Nacht, lenkten wir endlich in die Stadt Leavenworth, deren erleuchtete Häuser uns bald in dunklen Massen umgaben. Wir ritten die Straßen hinauf und hinab, ehe wir einen Gasthof entdeckten, für den wir uns entschieden. Der eine war nach Peacocks Ansicht zu vornehm für unsere Erscheinung, der andere nach meiner Meinung wieder nicht vornehm genug, und es war daher schon spät, als wir vor einem sogenannten Boarding House (Logierhaus) abstiegen, um hier den kommenden Morgen zu erwarten. Zum Glück hatten wir unsere Begleitung außerhalb der Stadt ihr Lager aufschlagen lassen, denn nur mit knapper Not fanden wir vier ein Unterkommen in den ziemlich unsauberen Räumen. Unerwähnt darf ich wohl nicht lassen, daß wir erst die gewünschte Bequemlichkeit erhielten, nachdem wir uns als zahlungsfähig ausgewiesen hatten. Verdenken konnte man den Leuten dies nicht, denn alles zusammengenommen, was wir außer den Waffen auf dem Körper trugen, war nicht mehr soviel wert, um das Nachtquartier eines einzigen damit bezahlen zu können; und die ermüdeten Tiere bedurften gewiß einer langen und sehr sorgfältigen Pflege, um überhaupt wieder zur Arbeit verwendet werden zu können, weshalb diese sich ebenfalls nicht zu willkommenen Pfändern geeignet hätten. Wir vergaßen das in uns gesetzte Mißtrauen indessen nicht, denn am folgenden Morgen, nachdem wir durch ein Bad und durch die Hände eines schwarzen Friseurs gegangen waren und uns danach in einem Kleiderladen von Kopf bis Fuß umgezogen hatten, eilten wir zu unserem Wirt – wo inzwischen die Leute mit dem Wagen eingetroffen waren –, bezahlten unsere Rechnung und siedelten dann, trotz höflicher und unhöflicher Einladungen, nach dem ersten Hotel der Stadt über. Unser nächstes Geschäft war, die Leute abzulohnen, danach Maultiere, Wagen, Geschirr und Sattelzeug – kurz alles Eigentum der Regierung – auf dem drei Meilen abwärts, und zwar sehr malerisch gelegenen Militärposten abzuliefern; und da wir weiter nichts als unsere Tagebücher und Sammlungen zurückbehalten hatten, so wurden wir nicht gehindert, bis zur Abfahrt des nächsten St.-Louis-Dampfbootes uns ganz den kleinen Genüssen hinzugeben, welche die Zivilisation bietet und die uns so neu geworden war. Am 27. Juli gingen wir mit allen Sachen an Bord eines prächtigen Missouridampfers. Egloffstein hatte in Leavenworth einen Bekannten gefunden und blieb deshalb noch einige Zeit zurück; Peacock verließ uns noch am gleichen Tag mit dem erbeuteten Pferd, das ihm niemand streitig machte, in Independence, seiner alten Heimat, und so bildeten denn der Doktor und ich den ganzen Rest der Expedition, die zwei Tage später wohlbehalten in St. Louis landete. – Dort nun trennten auch wir uns, jedoch nur auf zwei Tage, indem der Doktor direkt nach Cleveland in Ohio zu seiner Familie eilte, während ich selbst mit allen Sammlungen dorthin nachzufolgen versprach. Ich hielt Wort und erreichte Cleveland nach einer glücklichen Reise auf der Eisenbahn, auf der ich weiter nichts Besonderes erlebte, als daß die Lokomotive, der Tender und einige leere Packwagen zu dicht ans Ende einer halb abgebrochenen Brücke über ein totes Nebenwasser des Mississippi gerieten, mit derselben zusammenbrachen und dann spurlos in den morastigen Fluten versanken, nachdem es noch gerade geglückt war, die gefüllten Personen- und Gepäckwagen loszuketten. Wenn die Stadt Cleveland mit ihrer malerischen Lage am Eriesee, mit ihren reizenden Villen und Gärten schon einen angenehmen Eindruck hervorrief, so wurde derselbe noch bedeutend erhöht, als ich das Haus meines alten Freundes und Reisegefährten Newberry betrat und von ihm und seiner liebenswürdigen Gattin nebst den drei prächtigen Knaben auf so warme und herzliche Weise willkommen geheißen wurde. Acht Tage lang genoß ich die Gastfreundschaft bei dieser mir so lieben Familie; wenn ich aber beschreiben wollte, wie man alles hervorsuchte, um meinen Aufenthalt dort zu einem angenehmen zu machen, so würde das allein schon ein ganzes Werk bilden. Es wären ja nicht nur die reizenden Ausflüge und Reisen in der Umgegend zu schildern, unter denen ich die Fahrt nach den wunderbar schönen Cuyahoga-Fällen zu des Doktors Eltern obenan stellte, sondern vorzugsweise die heimische Ruhe, die mich umwehte, wenn ich im stillen, häuslichen Kreis all die kleinen Aufmerksamkeiten beobachtete, die mir gespendet wurden, um mich gleichsam für die nötig gewordene Verzögerung meiner Abreise nach der eigenen Heimat zu entschädigen und zu trösten. Mit innigster Freundschaft gedenke ich des Dr. Newberry, seiner anmutigen Gattin sowie deren Kinder und sende ihnen auf diese Weise meinen Dank und Gruß über das Meer. Nicht ohne einen Anflug von Wehmut schied ich von Cleveland und eilte auf dem Schienenweg der Stadt New York und danach Washington zu. Wie bei meiner Ankunft im vorhergehenden Jahr, so besuchte ich jetzt vor meiner Abreise nach Europa ebenfalls alle Freunde und Bekannte. In New York traf ich sodann im bestimmten Hotel mit dem von Kalifornien auf dem Seeweg heimkehrenden Lieutenant Ives zusammen, verabredete mit demselben die zu liefernden Ausarbeitungen und war endlich reisefertig, um in dem Schraubendampfer »Saxonia« am 1. September 1858 die Fahrt über den Atlantischen Ozean anzutreten. Als ich an Bord ging, prangte New York, wie alle übrigen Städte des amerikanischen Kontinents, in seinem schönsten Festkleid. Flaggen schmückten Schiffe und Häuser; Kanonen donnerten von den Bastionen und Verdecken; bunt uniformierte Bürgersoldaten bewegten sich auf der Straße und in den Schenken; Musik ertönte überall, und warm strahlte die Sonne auf das allgemeine fröhliche Treiben, einen schönen Abend versprechend, an welchem das Sonnenlicht durch Illumination und Feuerwerke ersetzt werden sollte. Es war ein tolles Treiben; aber es galt ja auch die beiden Depeschen zu verherrlichen, welche die Königin Victoria und der Präsident Buchanan auf unterseeischem Weg mittels des elektrischen Funkens gewechselt hatten. Gleichviel, ob es nun die ersten und letzten auf diesem Weg beförderten Depeschen waren oder ob noch andere folgten – es war und blieb ein großer Tag, denn der menschliche Geist feierte einen schönen Triumph, und mächtig stiegen die Aktien (freilich nur auf kurze Zeit) der Atlantischen Telegraphen-Kompanie. Die besten Geschäfte aber machten die Goldarbeiter Jiffany und Comp. am Broadway, die einige hundert Ellen des übriggebliebenen, von ihnen erstandenen Telegrafenkabels in dünne Scheiben schnitten, diese in Gold und Silber faßten und an das freudetrunkene Publikum verkauften. Von allen Seiten donnerten die Geschütze, als die »Saxonia« ihren Ankerplatz verließ und, mit ihren beiden sechspfündigen Kanonen tapfer antwortend, zwischen den zahlreichen Fahrzeugen hindurch dem Ausgang des Hafens zu dampfte. Die Häuserreihen verschwammen bald ineinander, doch solange noch ein Turm zu sehen war, schaute ich nach dem festlichen New York hinüber; dann aber wandte ich meine Blicke gegen Osten über die still wogende Wasserfläche nach der Richtung, wo meine Heimat, mein Vaterland lag.