Sonjas letzter Name Eine Schelmengeschichte von Otto Stoessl 1920 Georg Müller Verlag München   5 Der erste Name In freundlicher Stimmung saß eine kleine wohlvertraute Gesellschaft um den Tisch meines Wohnzimmers. Die gute Abendlaune war vorzüglich dem Herrn Dieter zu verdanken, der, so oft er kommt, irgendeine Munterkeit und ein Abenteuer, Schnurren und sinnreiche Berichte mitbringt, als ein Gastgeschenk, wie etwa ein anderer einen Blütenstrauß auf den Tisch stellt. Er ist der Sohn eines schlichten Mannes, der als einfacher Amtsdiener sich seiner Herrschaft, einer wissenschaftlichen Korporation, durch Anstelligkeit, Lebensgewandtheit und praktische Überlegenheit so unentbehrlich zu machen wußte, daß er, scheinbar untergeordneten Standes, seine Dienstgeber recht eigentlich beherrschte, indem er durch Geschicklichkeit und Eifer mehr zu ihrem Gedeihen beitrug, als ihre 6 wissenschaftliche Bedeutung bei der gelehrten Unbeholfenheit es vermocht hätte. Dabei verschaffte er seinen Kindern, vor allem Dieter dem Sohne eine gute Erziehung und bürgerliche Lebensstellung, so daß unser Freund schließlich zwar nicht allen Wünschen und der besseren geistigen Begabung gemäß, aber doch im Vergleich mit der Lage des Vaters höher in den Bereich der bürgerlichen Standeswelt aufgerückt, als Eisenbahnbeamter sich immerhin einer bescheidenen Ansprüchen genügenden Unabhängigkeit erfreut, deren ein innerlicher Mensch wie er bedarf, um Leute und Dinge teilnehmend und voll Verständnis zu betrachten, die gröbste Sorge um das tägliche Brot durch eine zwar langweilige und unersprießliche, aber mäßig verantwortungsvolle und untergeordnete Tagesarbeit abzuwehren und sich im übrigen selbst zu leben. Dies versteht unser Dieter nun im höchsten Maße. Dabei weiß er besser, als mancher Reiche seine Schätze, das Schönste der eigenen Lebensfreude und Treue mitzuteilen: Anschauung und Einsicht in die merkwürdigen menschlichen Zustände. Hier ist ihm sicherlich seine Herkunft von Nutzen, indem er, aus unsicheren, auf schlaue Wahrnehmung des Augenblicks angewiesenen Verhältnissen erwachsen, sich sozusagen im 7 Abenteuer und in der Ungewißheit zu Hause fühlte Die bürgerliche und laue Gleichgültigkeit der sogenannten »besseren Stände« entfremdet deren Kinder in der Großstadt jenem glücklichen und unbesorgten Herumtreiben unter dunkeln und oft nicht ungefährlichen Leuten und Verhältnissen, welche erst das eigentliche schwanke, geheimnisvolle und wieder großartige Wesen der Gesellschaft spüren lassen, die gleichsam über einem brodelnden, wühlenden und finsteren, von starken Trieben und bedeutungsvollen Leidenschaften durchschotterten Grunde errichtet, sich bei oberflächlicher Betrachtung nur allzu leicht als etwas Selbstverständliches darstellt mit allen ihren Rangstufen, geordneten Gliederungen, angemaßten und anerkannten Würden und Persönlichkeiten. Wer aber wie Dieter als Knabe schon, oft und gern eben in ihrer Tiefe sich bewegte, dem ist, was der hochmütige Alltagsverstand als »Romantik« mit einer leichten Verachtung, als mehr oder minder unbegreiflichen Hang zum unvernünftig Abenteuerlichen abtut, recht eigentlich eingeboren. Einem solchen Menschen bleibt denn auch der liebevolle und unstillbare Trieb nach Anschauung und Erkenntnis dieser menschlichen und Lebensunendlichkeit gemäß, der sich niemals 8 beschwichtigt und erst mit dem Augenblick erlischt, wo der Blick des Auges vom Lichte selbst für immer Abschied nimmt. Von allen Seiten her strömt ihm der Überfluß der Welt zu und vertraulich eröffnen sich ihm in Menschen und Begebenheiten ihre weiten Ausblicke. So bleibt Dieter scheinbar einer der vielen passiven, gelassen und behaglich für sich hinlebenden Beamten, ein rechter Abenteurer von ganz besonderer Art. Er bewegt sich zwar in einem einfachen, wohlgeordneten, sparsamen, überlegten und bescheidenen Hauswesen, aber in seinem Innern weilt er in der wahren Welt der Zufälle, merkwürdigen Begebenheiten, gefährlichen Zustände, wunderbaren Gesellschaften und ist geistig in der richtigen Romantik daheim, nach deren Lebensführung er eine unstillbare Sehnsucht oft genug eingesteht. Die schweifende und wanderhafte Abenteuerlichkeit seiner einsamen glücklichen Knabenjahre gilt ihm eigentlich als Traum und Wunsch seines Mannesalters und kann er nicht im wirklichen Dasein mit Vagabunden auf den Landstraßen irren, Prinzessinnen rauben, Obst plündern, Verkleidungen umtun, so bleibt es sein Liebstes, bei allen Leuten, die er trifft, jenen Kern von Rätsel und Wunder aufzuspüren, der in jedem menschlichen Geschick irgendwie auf dem Grunde 9 der Existenz, oder doch der Vergangenheit und Herkunft ruht. Unter seinem aufmerksamen Blicke wächst dann unversehens wie unter einer gütigen Sonne aus diesem dunkeln Keim die ganze Form eines Daseins ans Licht. Und eben weil jeder in ihm einen teilnehmenden, gutherzigen, verstehenden und niemals kleinlichen und splitterrichtenden Geist spürt, erweckt er auch, wohin er kommt, Vertrauen, so daß ihm, wunderbar genug, gerade das Abenteuerliche und Seltsame, das sich sonst schamvoll und vorsichtig verbirgt, von allen Seiten her zufließt und die merkwürdigsten Geheimnisse sich ihm gleichsam auf Schulter und Hand setzen, wie Vögel einem, der ihnen Futter streut, denn auch den armen Vögeln unter den menschlichen Seelen tut es wohl, in der bitteren Winterkälte der gemeinen Unduldsamkeit und frostigen Wohlanständigkeit einen Treuen zu finden, der keine Fallen stellt und keine Listen ausspannt, sondern mit freundlichem Blick die goldenen Körner des Verständnisses ausstreut, die ein solcher hungernder Vogel gar begierig aufliest, um nach einer Weile recht gewärmt und getröstet wieder in die Weite hinauszufliegen. Bei Gelegenheit erzählt Dieter vom 10 Wahrgenommenen auf die munterste Weise, wobei er das Schwere und Schlimme, das ewig Traurige und Schmerzvolle, das allem Dasein mitgegeben ist, durch eine freie Heiterkeit und Launenlust des Gemüts eben als das Abenteuer wiederzugeben weiß, das es bleibt. So war auch an diesem ausklingenden Märzsonntage das Gespräch auf die mannigfaltigen Zustände der Gesellschaft geraten und davon die Rede gewesen, wie sich die scheinbare Ordnung, Moral und Selbstgerechtigkeit der sogenannten besten Stände oft genug auf Zufälle gründet, wie schwere, listenreiche und geschickte Kämpfe, die sich im Dunkel abspielen, dann die schönste, bürgerliche Gesetztheit erobern, sich vor der Welt ehrbar und stolz mit allen Zeugnissen guten Verhaltens und mit allen üblichen und unerläßlichen Ausweisen sehen lassen, als sei alles von jeher in bester Ordnung. Die Gesellschaft gibt sich am Ende mit dem äußeren Anschein zufrieden und segnet schließlich mit ihrer Anerkennung schlau und duldsam, was ohne solche Weitherzigkeit, bei strengerer Durchforschung am Ende ihr ganzes lockeres Gefüge in die Luft sprengen würde. Denn ein Pulverkorn von Leidenschaft, von Betrug, von schwerem Irrtum und Vergehen, von List und Sünde ruht selbst in der scheinbar unanfechtbaren 11 Lage der meisten Leute, und es bedarf nur eines unglücklichen Zufalls, der seinen Funken in die geheimste Kammer eines Herzens wirft, und das ganze Gebäude der Wohlanständigkeit fliegt in Trümmer. Mit einem heiteren Lächeln der Erinnerung sagte Dieter, sich in seinem Stuhl zurücklehnend: »Ich will Ihnen, lieber Doktor, weil wir gerade nichts besseres vorhaben, eine Geschichte erzählen, wie inmitten unserer geordneten Gemeinschaft, unter der bevorzugten Klasse, ja unter der herrschenden Kaste unserer Offiziere, denen eine besondere Strenge aller Sitten durch die unnachsichtigste Kontrolle der Oberen und ihrer eigenen Genossen auferlegt wird, ein merkwürdiges Geschöpf aufgewachsen ist, das infolge der eigentümlichsten Zufälle und Begebenheiten nacheinander drei Namen trug, sich mit jedem zu seiner Zeit auswies und solange wirtschaftete, bis es damit nicht weiter sein Auslangen fand und sich darum einen neuen beilegte und aneignete. Erst unlängst habe ich einen Brief bekommen, der mir freudig ankündigte, daß das namenlose Ding zuguterletzt einen vierten Namen rechtens erwarb, den es nun fortan hoffentlich mit Ruhe tragen darf, wenn es das Schicksal erlaubt, das sich endlich einmal 12 vielleicht auf eine andere Seite schlagen und seinen bisherigen Opfern nunmehr den verdienten Frieden gönnen wird.« Mit erwartungsvollem Lächeln sahen wir übrigen auf Dieter, der nun zu erzählen begann: »Nachdem ich den Einjährigendienst hier in Wien mit größtem Eifer und bestem Erfolg beendigt hatte, bekam ich auf Grunde von Empfehlungen, die mir der Vater durch seine Gönner zu verschaffen gewußt, eine Stelle als Eisenbahnbeamter und sah mich in eine der schmutzigen, luftlosen und gottverlassenen Schreibstuben gesteckt, die Sie ja selber, lieber Doktor, nur zu gut kennen, wo ich Rechnungen und Frachtkarten mit roten Strichen bedeckte und beim Kalkulieren von Sendungen, die etwa vom innersten Osten des Reiches nach den schönsten Alpentälern, oder gar weiter bis ans Meer und darüber hinaus fahren durften, der verlorenen Zeit der Wanderfreiheit schmerzlich gedachte, die hinter mir versunken war und wohl niemals so schön wiederkommen würde. Ja, ich war bitter unglücklich und, ein rechtes Kind mit meinen zwanzig Jahren, so ungeberdig, daß ich meinem Vater erklärte, ich würde nur eine Woche im Amt verbleiben und mich dann nach etwas anderem umtun, sei es was immer. 13 Aber Sie wissen ja, hat man sich an einem solchen Schreibtisch niedergelassen und den ersten Gulden des mageren Gehalts auf die Hand bekommen, so ist man dem Amtsschimmel auf den Rücken gestiegen, der einen nie mehr abwirft, sondern mit seinem verzweifelten Trott durch die Trübsal des Schreiberdaseins trägt, nur zuzeiten tückisch bockend und den Reiter schüttelnd, damit er auf dem dürren Klepper nicht allzu üppig ins Träumen gerate. Kurz, es verging eine Woche über der anderen, ich bekam nach einem Jahr mein Anstellungsdekret und war nun übelbestallt genug. So brachte mir eines Frühlingstages erst die Einberufung zur Waffenübung wieder die Möglichkeit, wenigstens für ein paar Wochen hinaus zu kommen und mich im Freien zu tummeln und zu plagen, was von den meisten Reservesoldaten sonst wenig genug geschätzt, sogar oft gehaßt und geschmäht wird. Zudem war mein Regiment im äußersten Osten der Monarchie, weit draußen in einer galizischen Festung exponiert und ich hatte die angenehme Aussicht, ein unbekanntes fremdes Land, Menschen mit fremder Sprache und neuen Gebräuchen kennen zu lernen. So zog ich denn vergnügt meine leuchtende neue 14 Leutnantsuniform an, schnallte den glänzenden Säbel um, fuhr stolz davon und erreichte nach vier Reisetagen die Festung C. Diese lag in einem waldigen Talkessel, von verstreuten, einsamen, fast ganz in den Boden eingegrabenen Artillerieforts umgeben, im Süden sah man ferne die zarte Linie der Karpathen, während im Norden die weite Ebene bis in die Unendlichkeit zu reichen schien. Hinter den Forts, von der beherrschenden Festung zwei gute Wegstunden entfernt, aber mit ihr durch wohlgehaltene Kunststraßen verbunden, waren da und dort Lager auf größeren Lichtungen erbaut, wohin gewisse Bataillone einzelner Infanterie-Regimenter, darunter auch das meinige, zur Übung beordert wurden. Diese Lager bestanden aus niedrigen, überaus einfachen, nur zum Teile gemauerten, zum größeren Teile jedoch aus Holz gezimmerten Baracken, wo in großen Pferchen die Mannschaft, in einzelnen, reinlich geweißten Zimmern die Offiziere untergebracht waren. In einem dieser Lager war auch ich für die Dauer der Übung zu Hause. Von der Welt so ziemlich abgeschieden, bot es eine wunderliche Gemeinschaft, die wohl oder übel an sich selbst Genügen finden mußte, 15 was einem Zugereisten wie mir, für ein paar Wochen immerhin neu und reizvoll sein, den armen Truppenoffizieren aber, die dort eingeschlossen, schöne Lebensjahre verloren, wohl kein besonderes Vergnügen bieten mochte. Auf die vierhundert Mann des Bataillons, die in meinem Lager versammelt waren, kamen dreizehn Offiziere unter einem Major, dem König dieser Ansiedlung, mit Gewalt über die ganze untergebene Herde. Diese Menschenstallung war von einem mannshohen Zaune umgeben, der nur zwei Ausgänge hatte. Der eine, ein großes rotes Holztor, führt in den Wald zu den Übungsstätten der Truppe hinaus, wird nur bei Tag von einem Korporal bewacht, bleibt bei Nacht gänzlich verschlossen und nicht weiter beachtet, weil es in die völlige Wildnis schaut, aus der in Friedenszeiten niemand erwartet wird, und nach der man nur während der Übungen hinauskommen will. Der andere gemauerte dagegen, ein hoch und breit gewölbter Einlaß eines einstöckigen Gebäudes, der sogenannten Lagerwache, stellt die eigentliche Verbindung mit der Außenwelt her, mit der gepflegten Straße, die nach der Festung geht. Bei diesem Tor hält ein Leutnant mit einem Feldwebel und ein paar Gemeinen den Dienst, in der Lagerwache ist auch der Arrest, weiter 16 die ganze Verwaltung und Kontrolle des Lagers untergebracht, und hier befindet sich auch der Eingang für einzelne Besucher, die in dem Pferch irgendwas zu schaffen haben. Der Dienst war einfach und wie dazu angetan, allerhand Träumen und kleinen Beobachtungen nachzuhängen. Man führt die Kompagnie morgens hinaus in den Wald, macht ein paar Gewehrübungen, hetzt sie ein bißchen durcheinander, dann stellt man Wachen aus gegen den Feind. Das ist irgendein Vorgesetzter, dem es etwa einfallen könnte, sich vom Eifer der Übung zu überzeugen. Dann läßt man die Leute ruhen, das Gewehr zur Seite. Sie liegen bäuchlings im Gras und rauchen, kauen, murmeln, um, wenn der Posten irgend etwas Verdächtiges meldet, als behende Schwarmlinie eifrig nach einem Feind zu laden und zu schießen, als hätten sie die ganze liebe Zeit über nichts anderes getan. Aber nur höchst selten störte uns eine solche Meldung, denn der Major war ein Gartenfreund, der die anvertraute Wildnis des Lagers mit zierlichen Wegen, schönen Hecken, blühenden Rabatten, einer wohlgeratenen Rosen- und Zwergobstkultur verschönt und bei all dem reichlichen und der eifrigsten Pflege bedürftigen Wuchs übergenug zu 17 tun hatte, so daß er seinen Offizieren die angenehme Freiheit ließ, je nach ihrer Auffassung der Mannschaft gegenüber ihre Pflicht zu erfüllen. Mag sein, daß einer und der andere sie derart auffaßte, als müsse er die armen tierischen ruthenischen Bauern tüchtig plagen und zu willenlosen, doch präzisen Waffenmaschinen in atemloser Übung heranziehen, ich aber ließ die kleine Herde soviel ich konnte, sich in Frieden ihres kümmerlichen Lebens erfreuen. So lagen wir denn getrost im Grase. Zuzeiten rauchte ich meine Pfeife und sah in Gedanken nach dem blauen Himmel, zuzeiten nahm ich meine Leute vor, fragte sie nach ihrem Leben und ihrer Zivilbeschäftigung aus und gewann bald einen Einblick in die mannigfachen Verhältnisse, die hier in gemeinsamer Einförmigkeit des Soldatendienstes für ein paar Jahre verhalten und eingeschlossen, sich doch leicht und gerne eröffneten. Während die Ruthenen als beherrschte, gedrückte Landbevölkerung die Hauptmasse der Soldaten darstellten, eine demütige, überaus einfältige, fast tierische Schar, die manchmal geradezu an gutmütige Wiederkäuer erinnerte, wenn sie so stumpf dalagen und einander ausdruckslos anglotzten oder grinsend zuflüsterten, boten die zahlreichen Juden größeres Interesse. 18 Dieser gerade in Galizien mehr als sonst unauflöslich aneinandergekettete Stamm sondert sich dort merkbar von der übrigen Bevölkerung und gibt ein Mittelglied zwischen Herrschenden und Beherrschten ab, von beiden verachtet, verhöhnt und gefürchtet und von beiden doch wieder nicht leicht entbehrt. Die herrschende polnische Nation, in der Truppe vorzüglich durch die Offiziere vertreten, benützt die findigen, schlauen, selbst den widrigsten Verhältnissen angepaßten jüdischen Soldaten zu allen größeren und kleineren Geschäften, die Geschicklichkeit, Scharfsinn und sogar einen gewissen Mut zur Übertretung, wenn auch keinen zur leiblichen Gefahr verlangen, die Juden besorgen Einkäufe, vermitteln Anleihen und dienen, obgleich nicht eben zuverlässig, verhältnismäßig leicht, indem sie selbst bei Anstrengungen des Körpers dank einer eingeborenen Zähigkeit standhalten und mehr Unbilden überdauern, als der anscheinend rüstigere Bauer. Andererseits aber wissen sie, indem sie sich zu privaten Besorgungen skrupellos bereit finden lassen, allerhand Erleichterungen zu ergattern, machen sich auch dadurch angenehm, daß sie sich willig als Zielscheibe handgreiflicher Späße und rücksichtslosen Spottes darbieten, grinsen am Ende sogar dem strengsten 19 Offizier mit geduldeter Freimütigkeit ins Gesicht und denken sich selbst bei bösem Ungewitter ihr Teil. Eine Art von innerer Freiheit billigen sie sich eben in solcher Knechtschaft als Vorrecht ihrer Pfiffigkeit und Geduld zu und erwirken dafür auch eine gewisse Anerkennung. Bei der Menage traf man dann in der sogenannten Offiziersmesse wieder die Gleichgestellten, tauschte die üblichen Gespräche und lernte einander bald kennen. Besonders ein Reserveoffizier wie ich, der von der großen, westlichen Welt draußen kam und bald wieder in die herrliche Wienerstadt zurückkehren sollte, war der Gegenstand des allgemeinen Neides und Zutrauens. Am Abend, wo lange Stunden des Kartenspieles den armen Teufeln von unverheirateten Offizieren die Zeit verkürzen mußten, kam es, schon einen Tag nach meinem Einrücken dazu, daß mich etwa einer bat: »Lieber Dieter, du kommst ja in dein Zimmer hinauf, ich bitte dich, geh in meines und hole mir aus meinem Kasten Geld. Es liegen dort bei der Wäsche fünf Zehner, nimm zwei davon und bringe sie mir her.« So offenbarten sie einem wildfremden Menschen ihre ganze unverwahrte Kasse. Ich erzähle dies nur, um Ihnen einen Begriff von 20 der schrankenlosen Aufrichtigkeit und dem selbstverständlichen Vertrauen zu geben, das sich vielleicht unter den Offizieren überhaupt, insonderheit aber in einem solchen weltverlorenen Winkel ohne weiteres einstellt. Dieser Stand ist vielleicht der einzige, der unter einem Ideal von Ritterlichkeit, männlichem Mut und treuherziger Unbekümmertheit erzogen, die Vorsicht und Wahrung des geheimsten persönlichen Lebens sogar der zufälligen Kameradschaft preisgibt. Gleichviel, ob einer solche Offenherzigkeit verdient und besonders sympathisch oder sogar fremdgeartet ist, zunächst besteht die Voraussetzung, als Gleicher unter Gleichen teile er das gemeinsame Schicksal und müsse selbstverständlich in alles eingeweiht sein, was alle angeht. Bei dieser fast als Pflicht angesehenen Vertraulichkeit entwickelt sich, während nach außen die strengste Absonderung der bevorzugten Kaste eifersüchtig gewahrt wird, nach innen notwendig eine gewisse Freiheit und Duldsamkeit. Je mehr vor der übrigen Welt die Würde des Standes beobachtet wird, desto bereitwilliger findet unter den Kameraden, eben um des Standes willen, mancherlei ungehöriges Geschehen Nachsicht. Eine oft genug materiell gedrückte Lage, der Zwang der Ehelosigkeit, der alle von Hause nicht mit 21 Glücksgütern Gesegneten zu einer gewissen Abenteuerlichkeit in Liebesangelegenheiten nötigt, das Bedürfnis nach Abwechslung in den eintönigen Dienstverhältnissen verursachen auf höchst natürliche Weise allerhand Seitensprünge ins Dunkle und Fragwürdige, zwingen zum Einschlagen mancher Wege, die jezuweilen ins Unerlaubte führen, aus denen aber Geschicklichkeit und Geistesgegenwart einerseits, Nachsicht und bereitwillige Hilfe andrerseits wieder meist zur rechten Zeit Ausgänge finden lassen, die zurückmünden in die gemeinsame Sphäre des Möglichen und Gerechten. Die Geschichte, die ich hier erzählen will, gibt davon ein sprechendes Beispiel. Ich hatte also meine Waffenübung ohne besondere Vorfälle nahezu abgeleistet und bereitete mich schon wieder mählich darauf vor, den schönen Waffenrock mit dem schäbigen Zivilgewand zu vertauschen. Bevor ich frei wurde, sollte noch eine große Übung das ganze Bataillon, das bisher in seine Kompagnien zerteilt gewesen war, vereinigen, wobei sowohl die Tüchtigkeit der Mannschaft auf eine letzte entscheidende Probe gestellt, als auch diejenigen Offiziere einer Art von Prüfung unterzogen werden sollten, welche für besonders befähigt galten, seinerzeit die Kriegsschule in Wien 22 besuchen zu dürfen, was nur einer geringen, streng gesiebten Auslese als das schönste Ziel des Ehrgeizes und ferneren Fortkommens vorgesetzt ist. Bei dieser Übung nun sah ich zum ersten Male einen Oberleutnant, der bisher den Zusammenkünften der Offiziere ferngeblieben war, weshalb ich ihn nicht einmal dem Namen nach kannte, einen hochgewachsenen, schlanken Mann mit hellblondem Haar und Schnurrbart und einem scharfen, klaren, gescheiten Blick. Er saß nachlässig und gewandt auf dem Pferde und kommandierte das ganze Bataillon mit einer überraschenden Selbstverständlichkeit und Sicherheit, wobei er Bewegungen veranlaßte und Manöver ausführen ließ, die ungewöhnlich, Geist und Besonnenheit, unerwartetes Erdenken und zugleich zwingende Lösung von militärischen Schwierigkeiten verrieten und sich vom sonstigen Einerlei der Übungen vorteilhaft unterschieden. Unwillkürlich zog er meine Aufmerksamkeit auf sich, so daß ich meinen Nachbar um ihn fragte. Das sei der Oberleutnant Roszkowski, hieß es, der von den übrigen Offizieren ziemlich zurückgezogen lebe, sehr sparsam und menschenscheu, vielleicht ein Sonderling, er habe seine Eltern in der Festung unten und fahre 23 jeden Tag nach dem Dienst zu Mittag auf dem Zweirad heim, um bei der Mutter zu essen. Darum hätte ich ihn auf der Messe niemals angetroffen und kennen gelernt. Sowohl Anstand, als Neugierde geboten mir, nach der Übung mich ihm vorzustellen und zugleich auch von ihm zu verabschieden, da ich nun meine Entlassung aus dem Lager gewärtigen durfte. Die Truppe rückte verstaubt und ermüdet heim, der Oberleutnant an der Spitze. Er war vom Pferde abgestiegen, führte es am Zügel nach und ging, nicht eben stramm, sondern wie einer, der viel liest und schreibt, etwas vornübergebeugt seines Weges. Ich eilte an der Seite der Züge entlang nach vorn, bis ich neben ihn kam, schlug die Hacken zusammen, grüßte, stellte mich vor und sagte, daß ich mich zugleich auch beurlaube. Er reichte mir die Hand und meinte, es sei wohl für mich eine Erlösung, aus der dienstlichen Langeweile wieder in den gewohnten Beruf zurückzukehren, der mir jedenfalls mehr zu bieten habe. Seine ruhige Sprechart verriet deutlich, daß er sich mit den Dingen der Welt beschäftigt und vertraut gemacht hatte und darin mehr Bescheid wußte, als sonst einer seinesgleichen. 24 Er wünschte mir eine angenehme Reise und bedauerte, mich erst jetzt kennen gelernt zu haben. Nach einem freundlichen Händedruck, einer tiefen, förmlichen Verbeugung von meiner Seite, einer gelassenen und leichten von der seinen, schien die Unterredung beendigt, als er noch ganz zufällig die Frage hinwarf: »Was bist du in Zivil?« »Eisenbahnbeamter!« »Ei das interessiert mich! Ich reise nämlich viel und gern und studiere an dem Plane einer Orientwanderung, da könntest du mir vielleicht helfen.« Ich dachte schon: »natürlich will er Freikarten haben« und rüstete mich zur Antwort, daß ich damit nichts zu tun habe, sondern beim Rechnungsdienst weder Gelegenheit noch Ansehen genug besitze, ihm hierin dienlich zu sein. Er aber fragte mich nur, ob ich ihm etwa Fahrpläne auswärtiger Bahnen und Schiffahrtsgesellschaften verschaffen könnte, aus welchen er die geeignetsten, billigsten Routen und dergleichen entnehmen möchte. Das bejahte ich und gab ihm meine Wiener Adresse an, indem ich mich zu jeder Hilfe in dieser Hinsicht bereit erklärte. Dies erweckte wieder offenbar in ihm den Gedanken, 25 ich würde ihm auch sonst teilnehmendes Verständnis entgegenbringen, und so begann er gleich zu berichten, daß er sein unstillbares Verlangen, die Welt kennen zu lernen, durch Eifer und Sparsamkeit halbwegs zu befriedigen vermöge. Freilich müsse die Reise wohlfeil sein, er wisse sich aber aufs beste einzurichten und derart von seinem Gehalte, der für alles aufzukommen habe, sich das jeweils nötige Geld zusammenzusparen. So gedenke er demnächst die Orientreise zu veranstalten. Wie hoch ich etwa die Kosten einer solchen Fahrt veranschlagen würde. Ich blickte ihn, ohne die Frage zu beantworten, neugierig an, worauf er die Summe von zweihundert Gulden nannte. Ich fragte: »Für den Monat?« Lächelnd erwiderte er: »Nein, für die ganze Dauer der Wanderung, ich denke für mindestens sechs Monate, alle erdenklichen Spesen inbegriffen.« Wie er das bewerkstelligen könne? Das sei gar nicht besonders schwierig, er lebe ohnedies am liebsten von Gemüse und Brot, wisse Freikarten und sonstige Benefizien zu erlangen, die angenehmsten Wohngelegenheiten und passendsten Fahrtanschlüsse an die reichlichen und interessanten Fußwege zu ermitteln und fühle sich nur bei der äußersten Zwanglosigkeit und Unabhängigkeit wohl. Als er nun meine 26 lebhaf teste Teilnahme und das neugierigste Erstaunen bemerkte, erzählte er weiter, eben im vergangenen Frühjahr habe er einen kleinen Ausflug nach München unternommen und dort alles gesehen, was nur irgend berühmt sei: alte und neue Pinakothek, die Antikensammlung, Theater, Ausstellungen, Kirchen, Bierhallen und so weiter und dabei nicht mehr als zehn Gulden in einem Monat für den Aufenthalt gebraucht. Wo er denn logiert habe? Er antwortete: »In den Maximiliansanlagen.« »Das ist ja das teuerste Viertel, ich kenne München,« sagte ich. »Wo, in welchem Hotel hast du genächtigt?« »Hotel? In den Anlagen!« »Ja wo denn, in welchem Hause?« »In gar keinem Hause, auf den Bänken, es wäre doch zu schade gewesen, sich in die dumpfe Luft eines Zimmers einzusperren, bei diesen schönen, wolkenlosen, warmen Frühlingstagen. Alles hat geblüht und gerauscht. Der schöne Strom, die Vögel in den Büschen, die schattigen Bäume! Wenn ich mich erhob und die Sonne aufging, sah ich den großen Brunnen, den mit den weißen Götterpferden. Jedesmal, so oft ich vor ihn trat, hat er mein Herz ordentlich gestärkt. An 27 einem solchen Brunnen trinkt wirklich ein durstiger Mensch Mut und Zuversicht und Lust zu leben.« »Wo hast du denn gespeist?« »Man ißt ja so wunderbar gut und billig in München. Diese herrlichen Rettiche, das saftige Kraut, die weißen Würste, die frischen, eben erst angesäuerten Gurken vom Fasse, das wohlgeratene, schwarze Brot und das herrliche Bier überall! Für ein paar Pfennige speist man wie ein Fürst, wenn man sich nicht gerade einbildet, daß ein fürstlicher Magen anders, als ein gewöhnlicher Magen satt ist.« Er habe auch von dieser Reise, wie von jeder, die ausführlichsten Tagebücher, Aufzeichnungen aller Art, Ansichten mitgebracht und gesammelt, vielleicht finde sich noch einmal Gelegenheit, mir alles zu zeigen. Unter diesem Gespräch waren wir unvermerkt vor das Lager gekommen, er sah auf die Uhr, es war zwölf, bestürzt erklärte er, nach Hause eilen zu müssen, um bei der Mutter das Essen nicht zu versäumen, nahm dabei freundlich, doch unvermittelt Abschied und ließ mich recht erstaunt und durch seine Mitteilung neugierig angeregt zurück. Mit einem stillen Bedauern, den merkwürdigen Mann nunmehr wahrscheinlich für immer aus den Augen zu verlieren, ging 28 ich zum letztenmal in die Offiziersmesse, verzehrte mein Mittagmahl in der Gesellschaft der übrigen, suchte dann mein Zimmer auf, packte meinen Koffer und war eben daran, wieder meine Uniform mit dem bürgerlichen Gewand zu vertauschen und als schäbiger Zivilist die letzten Stunden vor der Heimfahrt zu verbringen, als eine Ordonnanz eintrat und meldete, der Herr Oberleutnant Roszkowski lasse den Herrn Leutnant Dieter höflich um seinen Besuch bitten. Ich ging denn augenblicklich hin und fand ihn in einem etwas größeren, doch häuslich eingerichteten, geweißten Zimmer, das ihm im ersten Stockwerk der Lagerwache angewiesen war. Er ging mir freundlich entgegen und begrüßte mich wie einen alten Bekannten. Er habe mir – vor Tische unterbrochen – doch ausführlicher von seinen Fahrten berichten und namentlich seine Bilder und Aufzeichnungen vorlegen wollen, um für seine frühere Erzählung die sichtbaren Zeugnisse beizubringen. Damit ging er nach seinem Schreibtische und holte aus dessen Lade das Nötige hervor. Unterdessen blickte ich mich im Raume um, der recht vollgepfercht war; zwei hohe Schränke bedeckten die eine Wand. Obenauf lehnte eine Badewanne, gegenüber sah man das eiserne Cavalet, 29 worauf er schlief, sauber gebettet, ich stand in der Mitte des Zimmers vor einem wackeligen, braunen, mit Papieren bedeckten Tische. Davor prunkten zwei schadhafte, aber samtgepolsterte Stühle, auf deren einem ich mich niederließ. Er brachte nun das Material herbei und begann es zu zeigen und zu erläutern. Einmal die Karten, welche den ganzen Weg vergegenwärtigten, auf äußerst sorgfältig und nettbeschriebenen Blättern waren die Routen aufgezeichnet, Bahn-, Post- und Fußwege geordnet und tage-, ja stundenweise angeführt, ein Diarium, das fast über jede Minute der Reise Rechenschaft ablegte, Zeichnungen der wichtigsten Gegenden, zunächst nach militärischen Gesichtspunkten angelegt, Terrain, Bewässerung, Kultur, Bevölkerung, aber auch bürgerliche Verhältnisse und politische Ordnung betreffend, Grundrisse der bemerkenswerten Gebäude, Verzeichnisse der interessantesten Objekte, ein Album dann mit Ansichtskarten, ferner Hotelrechnungen, die mich in Erstaunen setzten, da er doch angeblich keinen Gasthof aufsuchte. Auf meine Frage, warum und auf welche Weise er diese Zettel zustandegebracht, antwortete er, die beschaffe er sich von gelegentlichen Reisebekanntschaften, lese sie wohl auch von der Straße auf, um sich vor 30 seinen Standesgenossen hier im Lande gebührlich auszuweisen, denn er schulde der besseren Gesellschaft gewisse Rücksichten. Er müsse ihren Vorurteilen Rechnung tragen, um nicht als eine Art von Vagabund zu gelten. So wisse er immer auch von den Gepflogenheiten der üblichen Reisenden, kenne jedes Hotel in jedem Orte, die feinsten Speisen, die elegantesten Wirtschaften, die teuersten Preise, um sich auch diese immerhin wünschenswerte und unerläßliche Kunde von Land und Leuten zu verschaffen, aber auch um in den Salons seiner höheren Vorgesetzten und Gönner vorgeben zu können, sich überall aufgehalten zu haben, wo eben die Standesgenossen einzukehren pflegen. Dies erzählte er als so selbstverständlich, ohne daß auch nur das leiseste Lächeln entschuldigender Befangenheit über sein Gesicht gezogen wäre, daß auch ich jeden Gedanken an die sonderbare Lüge vergaß und von der Notwendigkeit gerade dieser Art zu reisen und zu täuschen ganz durchdrungen war. Ich habe im Leben oft genug bemerkt, wie ein sicherer und überzeugter, aber naiver Betrug, ein gelassener sittlicher Übergriff glattweg als gerecht, billig und selbstverständlich hingenommen wird und jedes Bedenken entwaffnet, solange die persönliche Kraft des Gegenüberstehenden den 31 Anwesenden einfach zwingt, alles so und nicht anders zu betrachten, wie es eben der andere tut und will. Ich glaube, daß auf diese Weise manche gefährliche Mitschuld, manche sträfliche Anteilnahme eines in ein ganzes Netz von bösen Unternehmungen geradezu zierlich verlockten Harmlosen begründet worden ist, bloß weil er eines schönen Tages ohne Arg einem sicheren Herrn gegenübersaß und sich was erzählen ließ. Gerade als Roszkowski ein Album mit Ansichtskarten öffnen wollte, wurden draußen auf dem Gange Schritte schwerer Soldatenstiefel vernehmlich und plötzlich steckte eine Ordonnanz grinsend den Kopf ins Zimmer. Roszkowski sagte: »Entschuldige!« legte das Album nieder, ging zur Tür und gab dem Soldaten, der noch nicht eingetreten war, sondern mit dem tschakobedeckten Schädel hereinsah, eine leichte, aber entschiedene Ohrfeige, worauf sich der Schädel rasch zurückzog und die Türe von außen sacht geschlossen wurde. Ohne weiter ein Wort zu verlieren, kehrte mein Gastfreund zu mir zurück, nahm das Buch wieder auf und wollte seine Erläuterungen fortsetzen, als er meine erstaunte Miene wahrnahm. Er sagte achselzuckend: »Hundertmal habe ich den Kerlen schon zugeredet, daß 32 es keine Art ist, so in ein Zimmer zu fallen, aber das Pack ist doch auf keine Weise zu einem menschenwürdigen Betragen zu erziehen.« Wir begannen nun das Album durchzusehen. Nach ein paar Minuten klopfte es bescheiden an der Türe. Roszkowski rief: »Herein« und dieselbe Ordonnanz trat zugleich schüchtern, doch festen Schrittes vor den Offizier, stellte sich in Positur, erstattete die Meldung, überreichte den Befehl, der unterschrieben wurde, gewärtigte die durch ein Augenzwinkern ausgesprochene Entlassung, machte Kehrt und verließ das Zimmer. Ich hatte etwa eine Stunde bei meinem neuen Freunde verweilt und dachte gar nicht ans Fortgehen, als er scheinbar unvermittelt aufstand, wie von einem plötzlichen Gedanken oder einem unsichtbaren Dritten gemahnt, das lebhafte Gespräch unterbrach: ich müsse wohl meine Vorbereitungen zur Rückreise treffen, er wolle mich nicht länger aufhalten, hoffe nunmehr eine Bekanntschaft angebahnt zu haben, die zu interessanten Mitteilungen und zu weiteren gemeinsamen Erlebnissen führen dürfte, er werde mir schreiben, sich anmelden, wohl über kurz oder lang auch nach Wien kommen und mich besuchen. Obgleich mein Zug erst spät abends abging, mochte ich doch einem so 33 entschiedenen Abschied keinen Widerstand entgegensetzen, wenngleich ich gerne noch mehr von ihm vernommen und ihn über manches ausgeholt hätte. So schüttelten wir einander die Hand und ich verließ ihn. Zur Zeit der nächsten Waffenübung, nach zwei Jahren war sicherlich mein Regiment anderswo, er zu einem neuen Dienst kommandiert oder auf Reisen. Kurz die Bekanntschaft mochte ein Abenteuer sein, dessen Beginn auch schon ein Abschluß ist und das man darum ohne Bedenken am angenehmsten würdigt und in Erinnerung behält. Ich war längst wieder daheim im Getriebe meiner langweiligen Beamtenarbeit versunken und dachte gar nicht mehr an diese Begegnung, als ich unversehens eine Ansichtskarte aus Triest erhielt, worin mir der Oberleutnant Roszkowski mit herzlichstem Gruße meldete: »Steche soeben in See«. Schön! Er tritt also wirklich seine Orientreise an und läßt von sich hören! In der Tat bekam ich von da und dort, von Athen und Konstantinopel, von Smyrna und schließlich von Palästina Ansichtskarten. Ich muß sagen, nicht grade besonders geschmackvolle, wie denn auch seine damaligen Sammlungen ohne jedes künstlerische Interesse, gleichsam typisch, exakt, zuverlässig, aber ohne den leisesten Hauch eines Gefühles, mich wie Pflichterfüllungen 34 eines gewissenhaften Verstandes angemutet hatten. Auch die Worte, die jeweils auf den Karten standen, entbehrten völlig jeder Laune und Eingebung, die doch sonst selbst gewöhnliche Leute mit dem Rausch des Reisens und der Fremde befällt und in Feuer setzt. Vielmehr benützte er stets, wie das erstemal den Satz vom Indieseestechen, die abgebrauchtesten, seellosesten Phrasen, als ob er auch von der Sprache stets nur das Wohlfeilste in Anspruch nehme und sich schlecht und recht vom billigsten Worte ernähre, das eben die Einsicht gerade zu sättigen vermag, ohne sie zu erfreuen. Zugleich fiel mir auf, daß die Ansichtskarten meist unfrankiert eintrafen und ein beträchtliches Strafporto kosteten, so daß die arg kolorierten und gepfuschten Bilder, die Meldung: »Ich habe das gelobte Land betreten,« und die Kunde, der Oberleutnant Roszkowski befinde sich im Orient, mir eine Steuer auferlegten, die ich das erstemal seiner Vergeßlichkeit, später aber seinem Reisesystem zuschrieb, welches ja auf die Vermeidung jeder überflüssigen Ausgabe gegründet war. Wieder nach manchen Monaten des Stillschweigens bekam ich – diesmal genügend frankiert – eine vierundzwanzig Seiten lange Nachricht. Er war nach C. 35 längst zurückgekehrt, berichtete ausführlicher von seiner Reise, teilte mit, daß er in Kürze nach Wien zur Kriegsschule kommandiert werde und erkundigte sich aufs einläßlichste nach den hiesigen Erziehungsanstalten für junge Mädchen, nach den niederen und mittleren Schulen, nach den Pensionaten, namentlich nach geistlichen, charitativen, wo Pfleglinge kostenlos oder doch halb umsonst aufgenommen würden, nach Freiplätzen, nach derartigen Handelsschulen, Fortbildungskursen, Näharbeitsstätten, Musiklehranstalten, Tanz- und Kochschulen. Ich nahm alle meine Kenntnisse zusammen und beantwortete diesen Brief höchst sorgfältig, legte ihm allerhand Drucksachen bei, die über seine Fragen, deren Grund mir freilich unbekannt war, Auskunft bieten konnten und sandte ihm ein dem seinen ebenbürtiges Schreiben. Ich war nicht wenig erstaunt, als dieses nach drei Tagen zurückkam, die Adresse des Empfängers ausgestrichen, und mit dem Vermerk: »Wird nicht angenommen« versehen. Dem Umstande, daß ich Namen und Wohnung des Absenders auf der Rückseite des Umschlages angeschrieben, hatte ich es zu verdanken, daß mir der umfängliche, mit dem doppelten Porto für schwerere Sendungen aufgegebene Brief wieder 36 rückgestellt wurde. Verblüfft und erstaunt betrachtete ich ihn. Was mochte den wunderbaren Menschen veranlaßt haben, so genaue Mitteilungen zuerst zu erbitten und dann zu verschmähen? Unwillkürlich erbrach ich das Kuvert und siehe da, ich fand statt meinem Schreibens und der Beilagen vierundzwanzig eng besetzte Seiten von seiner Hand, eine ausführliche Antwort und neuerliche weitergehende Fragen. Ich begriff nun mit einiger Heiterkeit, daß er, um die überflüssige und hohe Beförderungsgebühr zu ersparen und sich die zugleich wohlfeilste und sicherste Zustellung des Briefes zu verschaffen, ihn mit sauberer Geschicklichkeit spoliiert, seines Inhaltes entleert, die Antwort eingelegt, das Ganze wieder hübsch verschlossen und als nicht angenommen der aufmerksamen Rücksendung anheimgegeben hatte. Ich müßte kein Gassenbub und Schlingel gewesen, nicht von meinem Vater in allen notwendigen und praktischen Kenntnissen unterwiesen worden sein, um nicht zu wissen, wie man das macht. Haben Sie davon eine Ahnung, lieber Doktor? Man braucht nur eine Stricknadel in die oberste Lücke der verschlossenen Rückseite eines Briefumschlages zu praktizieren, dann sacht den gummierten Rand entlang zu 37 führen, und selbst ein dickes Siegel, jedenfalls aber der eingetrocknete Klebeverschluß öffnet sich, ohne auch nur einzureißen, wenn man genügend langsam, vorsichtig und genau verfährt. Ich habe denn auch späterhin seinen ernstgemeinten Spaß erwidert, und etliche Mitteilungen machten auf diese Weise eine wohlfeile Hin- und Rückfahrt, wobei er es immer so einzurichten verstand, daß ich zuverlässig derjenige war, welcher schließlich mit dem Frankieren wieder beginnen mußte. Um einen Brief blieb er immer im Vorteil. Eines Tages fand ich eine Postkarte, die mich für drei Uhr nachmittags, nach Schluß des Amtes, vor das naturhistorische Hofmuseum bestellte, wo er mich treffen wolle. Pünktlich fand ich mich vor dem Maria-Theresiendenkmal ein, dessen Anlagen mit den kleinen Blumenbeeten im Vorfrühling eben in zartem erstem Grün standen. An Wochentagen ist es dort, inmitten der Stadt doch ziemlich einsam, nur Liebespaare spazieren in ungestörtem Frieden. Kaum hatte ich mich auf dem weiten Gartenplatze umgesehen, als mir auch schon mein Oberleutnant Roszkowski von der Rampe des Museums 38 entgegentrat, recht verändert, denn er ging in Zivilkleidung. Aber in welcher! Er trug einen gelbbraunen zerknitterten Überzieher von äußerst hergenommenem Ansehen und einem so zuverlässigen Schnitte, daß er zwar keineswegs jemals modern gewesen sein, aber sicherlich auch nie aus der Mode kommen konnte, schwarze Hosen, die offenbar einem bejahrten Salonanzug zugehörten, gelbe Schuhe und einen grünen Lodenhut, dem man ansah, wie er oft genug mit einem Griff zusammengeschlagen und in die Tasche gesteckt wurde, so recht, was man in unserer Mundart »ein geschwindes Hütel« nennt. Nach der ersten Begrüßung fragte ich ihn, wohin er jetzt zu gehen gedenke. In die Kaserne, wo er eine vorläufige Dienstwohnung eingeräumt erhalten habe. Er bezeichnete mir eine gewisse Kaserne, die mitten in einem Geschäftsviertel gelegen, nur zum Teil von Soldaten und militärischen Schulen, zum andern von Geschäften und Mietparteien besetzt war. Schon wandte ich mich nach der angedeuteten Gegend, als er mich bat, einen Augenblick noch zu verweilen, er müsse erst seinen Schirm holen. Ich dachte, er hätte ihn in der Garderobe des Museums gelassen, aus dem er gekommen war. 39 Indes stieg er eilends in die sorgfältig umsäumten Rabatten des nächstgelegenen Gartenstückes bei einem der kleinen Rokokobrunnen über das gepflegte Rasenwinkelchen und zog zu meinem Erstaunen aus einem stattlichen Taxusgebüsch seinen alten Regenschirm hervor, trat, so gerüstet, in aller Ruhe über die Anlage den Rückweg an und ging nun mit mir in die Richtung seiner neuen Wohnung. Dabei erläuterte er mir, er sei nicht der Narr, einem kaiserlich königlichen Hofmuseum für die Aufbewahrung eines Regenschirmes ein Geldstück zu opfern; nur der grenzenlosen Dummheit und Geduld des Pöbels habe man es zu verdanken, daß eine Anstalt, welche der allgemeinen Bildung und Anschauung gewidmet sei, anstandslos eine so erniedrigende und überflüssige Summe ohne Widerspruch einhebe. Er sei nicht gesonnen, sich einem solchen Brauch zu fügen, zumal die hübsche Sitte, derartige Gebäude mit einer zierlichen Anlage zu umgeben, die beste Gelegenheit biete, in der freien Natur, die den Menschen von altersher den wirklich gastfreundlichen unentgeltlichen Schutz biete, auch eine sichere Aufbewahrungsstätte für solche unerläßliche Kleinigkeiten zu finden, die man in die Museumsräume nicht mitnehmen dürfe. Auf meinen Einwand, daß er sich bei 40 dieser Art von Garderobe doch der Gefahr aussetze, entweder von einem Wächter betreten, oder von einem Dieb bemerkt zu werden und entweder einen behördlichen Anstand, oder den Verlust seines Schirmes zu gewärtigen, erwiderte er trocken, von einem Polizisten lasse sich nur die Kanaille einschüchtern, er würde, obgleich ihm noch nie ein solcher Zwischenfall begegnet, nach ein paar Worten die Sache aufzuklären wissen. Was aber die Gauner betreffe, so fänden sie sich nur in Gegenden, wo ein starker Verkehr und reiche Leute sich bewegten. Hier aber seien doch nur harmlose Pärchen oder Menschen, die sich für Kunst und Wissenschaft interessieren, weil sie sich eben für den Mangel an Schätzen durch die Bereicherungen der Bildung entschädigen müßten. Auch sei seine Sitte eben bei der allgemeinen Blödigkeit in praktischen Dingen so unbekannt, daß wohl kein Halunke die Gebüsche nach Regenschirmen absuchen werde. Beschämt unterdrückte ich jede weitere Widerrede, als er mir auf letzte schüchterne Frage, wie er sich im Winter bei den kahlen Bäumen und beim dichten Schnee behelfe, mit einem gewissen Hohn erklärte, daß eben der Schnee das noch viel bessere Verbergen des schmalen Schirmes ermögliche. 41 Auf dem Wege erzählte er dann, er sei zur Kriegsschule kommandiert und gedenke nun, sich in Wien für eine geraume Zeit häuslich niederzulassen, berichtete von seiner Reise, die er ganz seinem Plane gemäß durchgemacht habe und wobei er billiger gefahren, als er vermutet. Zu Schiff habe er sich nämlich einer organisierten Reisegesellschaft angeschlossen, die von einem besoldeten Cicerone geleitet, die gleiche Route einzuhalten beabsichtigte. Dieser Führer habe in Athen plötzlich inständig davor gewarnt, Konstantinopel aufzusuchen, weil dort unvermutete politische Wirren einen Aufenthalt gefährlich machten. Der Schurke strebte nämlich durch eine Abkürzung der Reise, sich seinen vorausbezahlten Lohn infolge der ersparten Zeit zu erhöhen. Schon seien alle mit langen Gesichtern bereit gewesen, auf die türkische Hauptstadt zu verzichten, als er, Roszkowski, auftrat, die Angaben des betrügerischen Reisemarschalls entkräftete, auf die internationalen Sicherheiten des Verkehrs hinwies, sich selbst zur Leitung der weiteren Fahrt erbötig machte und mit seiner Person für das volle und schadlose Gelingen bürgen zu wollen erklärte. Auf diese Weise brachte er die genaue Einhaltung des Planes zustande, beschwichtigte die Bedenken, warf sich zum neuen Leiter der 42 Gesellschaft auf und wurde einerseits vom betrügerischen Reisemarschall durch die Zahlung eines ansehnlichen Geldbetrages gewonnen, von weiteren feindseligen Schritten gegen ihn, der um seinen Lohn fürchten mußte, abzustehen, andererseits von den freundlichen und dankbaren Genossen in jeder Weise regaliert und freigehalten, wofür er dann durch seine genauen Erfahrungen den werktätigsten Dank erstattete, indem er das mangelhafte Wissen des Führers ergänzte und überall einsprang, wo dieser versagte. Hatte er doch die ganze Reise so genau vorher studiert, daß er jeden Winkel der fremden Gegenden, ohne sie vorher besehen zu haben, wie seine eigene Tasche kannte. So bot ihm die schöne Fahrt allen nur wünschenswerten Gewinn, ohne seinen Sparpfennig aufzuzehren. Unter solchen Gesprächen waren wir in die Kaserne gekommen und suchten sein im dritten Stockwerke gelegenes Zimmer auf, das noch jeder Einrichtung entbehrte. Wie er mir mitteilte, war es nur eine vorläufige Unterkunft, da er auf eine größere und selbständige Wohnung Anrecht hatte, welche demnächst frei und ihm eingeräumt werden würde. In dem kahlen Gemach stand nur ein eisernes Bett mit einem Strohsack aus dem ärarischen Magazin, einem militärischen 43 Kotzen und einem unüberzogenen bunten Kissen, das er mitgebracht hatte. Bei näherem Umsehen bemerkte er, daß außer seiner Eingangstür das Zimmer eine zweite hatte, die in einen Nebenraum führen mußte und verschlossen war. Er schüttelte verdrießlich den Kopf. Daneben sollte ein Hauptmann wohnen. Wie ärgerlich, hier nicht ganz ungestört zu sein! Er versuchte die Türe zu öffnen, doch gab die Klinke nicht nach. So griff er denn in die Tasche und zog einen Coupéschlüssel hervor, der in einen Dietrich endigte. Solche Schlüssel werden meist von Handlungsreisenden benützt, um versperrte Waggonabteile zu öffnen und auch gegen den Willen der Schaffner und die Bahnvorschriften sich einen ungestörten Aufenthalt im Zuge zu sichern. Den Dietrich aber hatte er sich wohl für alle Fälle daranlöten lassen. Ohne weiteres steckte er ihn in das Schloß der versperrten Türe, öffnete sie unschwer mit einem erfahrenen Griff und einer leichten Drehung und betrat das Nebenzimmer. Unwillkürlich folgte ich ihm. Dort saßen in einem sehr nachlässigen und leichten Kostüm zwei Dämchen, die beim unerwarteten Eintritt der Fremden aufschrieen und zu flüchten Miene machten. Mit der höflichsten 44 Verbeugung und einer Gebärde reuigster Zerknirschung wandte sich Roszkowski den Erschrockenen zu: »Bitte tausendmal um Vergebung, meine Gnädigsten, ist der Herr Hauptmann nicht zu Hause?« Eine der beiden Damen antwortete stammelnd, er sei ausgegangen und werde erst am Abend zurückkommen. »Wie schade, ich wollte ihm eben meinen Antrittsbesuch machen und muß meine Absicht nun wohl verschieben. Ich bitte nochmals untertänigst, meine Kühnheit zu verzeihen und meine Huldigung Ihnen zu Füßen legen zu dürfen.« Mit einer tadellosen Verbeugung, die ich weniger sicher nachahmte, ließ er diese Huldigung zu diesen Füßen liegen, zog sich in sein Zimmer zurück, ich folgte betreten, und von daneben vernahm man nunmehr ein befreites freundliches Kichern, wie einen Nachgenuß des ausgestandenen und in unerwartetes Wohlgefallen aufgelösten Schreckens. »Um Gotteswillen, was stellst du an? Wie kann man denn in eine fremde Wohnung einbrechen? Was wird dieser Hauptmann von dir denken?« »Ich werde ihm morgen den angekündigten Besuch abstatten, die Türe war natürlich unverschlossen, ich 45 beabsichtigte, mich ihm vorzustellen und die direkte Verbindung meiner Wohnung mit der seinigen zu benützen. Das ist doch selbstverständlich.« »Aber, wenn die Frauenzimmer dich verraten! Du bist doch eingebrochen! Eine ist vielleicht seine Frau!« »Er ist unverheiratet, das sind zwei Damen, die es, vielleicht weniger keusch als du, sicherlich bedauern, daß wir nicht weiter zu ihrer Unterhaltung beigetragen haben. Weiber verraten niemals einen mutigen Mann. Selbst wenn sie den Einbruch in ihrem Schrecken überhaupt bemerkt haben würden, was kaum zu vermuten ist. Und sollten die Elenden einen Einbruch meinerseits erdichten und dem Hauptmann erzählen, wem meinst du, möchte er glauben, einem Kameraden oder einem leichten Frauenzimmer? Es ist doch, glaube ich, wahrscheinlicher, daß ein Weib einem Mann einen Bären aufbindet, als daß ein Offizier bei einem anderen einbricht. Nicht wahr? Also! . . .« Ich senkte überzeugt den Kopf und schwieg, behielt aber keine Zeit zu weiteren Überlegungen, denn er erklärte, nachdem er mir jetzt seine Wohnung gezeigt, müsse er zur Nordbahn gehen, wo er jemand zu erwarten habe, der Abends mit dem Personenzug eintreffe, er bitte mich, ihn dahin zu begleiten. 46 Auch dazu war ich bereit und schloß mich ihm an. Auf dem langen Weg begann er mit einer Art von Entschuldigung. Er habe mein Erstaunen über seine Weise zu leben und zu handeln wahrgenommen, wüßte ich, was es alles in der Welt gäbe, und was an merkwürdigen und höchst unwahrscheinlichen Ereignissen gerade in seiner Sphäre sich zutrage, so würde ich ihn vielleicht anders, und wenn er sich nicht durchaus in mir täusche, besser verstehen und beurteilen. So wolle er mir denn im Vertrauen von einem Kameraden erzählen, und was dieser in ein paar raschen Jahren erlebt habe, genug, um das Dasein manches Menschen bis zum Rande zu erfüllen. Was er mir nun berichtete, brachte er mit der größten Gelassenheit als ein fremdes Schicksal vor, so daß ich im Verlauf der ganzen Geschichte bis zum Schlusse nicht einen Augenblick vermuten konnte, daß es die seinige sei. Der Inhalt war folgender. Vor etlichen Jahren war er in einem westlicheren Orte Galiziens, unweit von Krakau garnisoniert, in einem kleinen, schmutzigen Neste, außer von Soldaten fast nur von den ärmlichsten Juden bewohnt. Eine Wein- und Spirituosenschänke gab den einzigen Versammlungs- und Unterhaltungsort für die Offiziere 47 ab. Obgleich selber kein Trinker, wurde er einmal durch einen Kameraden zum Besuche dieses Lokals verleitet, weil dort ein kleines Judenmädel die größte Anziehung ausübte. Da er von ihr soviel gehört, reizte es ihn immerhin, das wunderliche Tierchen kennen zu lernen. In der Tat war es ein eigentümliches Geschöpf, das hinter dem Schanktische zugleich lebhaft, heiter, laut und ungebärdig, aber selbstsicher, bedacht und im Gehaben sogar mit einer gewissen natürlichen Vornehmheit sich bewegte. Lea war erst dreizehnjährig, aber von der häufigen südlichen Frühreife der Jüdinnen und daher, wenn auch keineswegs voll entwickelt, sondern von noch kindlichem Körperbau, doch wissenden Blickes und von verlockendem Wesen. Um ihren braunen Kopf baumelten zwei starke, glänzende, schwarze Zöpfe und ihr Gesicht, jugendlich gerundet, zeigte einen breiten Mund mit den weißesten Zähnen. In der Garnison spielte diese Kleine bei dem fühlbaren Mangel annehmbarer Weiblichkeit eine wichtige Rolle und zog die ausgehungerten armen Offiziere mächtig an, die mit dem größten Ernst und Eifer um sie warben und sich nicht im geringsten ein Gewissen daraus gemacht hätten, sie sich anzueignen und die herbe Frucht vor ihrem Tag zu genießen. Aber die 48 kleine Lea, die neben einer zeitig gealterten Mutter als Dienstbote hier beschäftigt war, hütete sich sehr wohl und wußte zwar auf alle Späße einzugehen, aber sich des zudringlicheren Ernstes eben wie ein sicheres Kind zu erwehren, so daß ihr niemand nahe kam. Gar mancher bot ihr einen kleinen Ring, ein goldenes Herzchen, eine Schmuckkette oder ein seidenes Tüchlein an, um sich in ihre besondere Gunst zu setzen. Sie aber wies derlei Geschenke stets zurück, um sich nicht irgendwie zu verpflichten. Roszkowski erfuhr ihre ärmliche Lage und damit auch bald die Ursache ihrer frühen Erfahrung und Zurückhaltung. Sie hieß, ja, sie hieß eigentlich gar nicht, denn sie hatte ihren Namen Lea Weinrausch nicht von Rechts wegen und vor der staatlichen Behörde hätte sie das in Galizien übliche »recte Hopfen« hinzufügen müssen. Sie war nämlich in einer sogenannten Judenehe der Hinde Hopfen und des Leiser Weinrausch, eines jungen Handelsmannes, geboren worden. In diesem Lande sind solche lediglich religiöse Ehen üblich und die schwierigere staatliche Form nicht einmal besonders geachtet, die Kinder dieser geistlichen Bündnisse werden von den Vätern anerkannt und führen unter ihresgleichen auch den Vaternamen, daß 49 sie von den Behörden als unehelich behandelt und nach der Familie der Mutter registriert werden, ficht sie nicht weiter an bei dem allgemeinen Übelwollen und der stetigen Absonderung, die sie ohnedies von der sonstigen staatlichen Gemeinschaft fernhält. So bekannte sie sich vor ihrer Welt keineswegs zu dem Mutternamen »Hopfen«, der ihr eigentlich gebührt hätte. Ihre beiden Eltern hatten sich durch ein kleines Schnittwarengeschäft mit zwei Kindern, einer älteren Schwester und ihr, mühselig fortgebracht und einiges Geld zurückgelegt, als die erste Tochter, zu einem sehr schönen, üppigen Mädchen gediehen, mit sechzehn Jahren sich in einen Leutnant verliebte und von diesem verführt, unter Mitnahme der elterlichen Kostbarkeiten, alles Barvorrates, Silberzeuges und Schmuckes, ja sogar mit der eigentümlichen Kühnheit und Verachtung des Herkommens, wozu ein leidenschaftlich verliebtes Weib immer neigt, sogar etlicher goldener Tempelleuchter, welche ihr Vater verwahrte, das Weite suchte. Gänzlich verarmt begannen die schwergeprüften Eltern nun von neuem den mühseligsten Erwerb und konnten sich von dem argen moralischen und materiellen Schlag nicht mehr erholen, so daß, als zwei Jahre nachher, Leiser Weinrausch, der Vater, eines plötzlichen Todes 50 starb, seine Frau, Hinde Hopfen sich mit ihrer übriggebliebenen jüngeren Tochter bei dem Wein- und Schnapswirt, einem entfernt Verwandten, als Magd verdingen und ihrem Lebensunterhalt in dem gleichen, dem verfluchten und mit Schande bedeckten älteren Kinde so verhängnisvollen Ort nachgehen mußte. Dieses Beispiel der Schwester stand nun der kleinen Lea warnend im Gedächtnis und sie hütete daher ihr schmales Leben vor den schonungslosen Offizieren wie vor den schönen bösen Engeln des Herrn. Aber wie es dieser dunkle Gott der Rache und Liebe eben will, sollte sie mit offenen Augen in das gleiche Schicksal eingehen. Roszkowski beobachtete das Naturkind in seinem anmutigen unwillkürlichen und wieder klug vorsichtigen Gebahren und faßte zu ihm eine wahrhaft väterliche Neigung; er ließ sich von der armen, vergrämten und fast um ihr bißchen Verstand gebrachten Mutter des Geschöpfchens in ihrem jüdisch-polnischen Kauderwelsch ihr Unglück immer wieder geduldig erzählen und trieb mit dem Kinde selbst den harmlosesten Scherz, suchte aber auch auf dessen Verstand einzuwirken, es im Spiele über die einfachsten Dinge zu unterrichten, lehrte es mit der Wirtskreide die Ziffern schreiben. 51 Bisher hatte sich Lea nämlich damit beholfen, jedes Gläschen Kontuszowka oder Jerzebinka, das sie verabreichte, mit einem weißen Striche zu vermerken und die Zeichen schließlich zusammenzuzählen, worauf die Mutter die schuldige Geldsumme berechnete. Nun aber lernte Lea mit den Ziffern auch im Spiel die Rechnungsarten und erfreute sich der hierdurch erworbenen größeren Verantwortung. Die Mutter, die ihr nur zur Not die hebräischen Schriftzeichen hätte vermitteln können, sah es gerne, daß der brave Oberleutnant auf der Tischplatte dem Kinde mit seiner guten Hand das lateinische Alphabet vorschrieb und schließlich die Fibel mitbrachte, aus welcher er selbst die Anfangsgründe des Wissens erworben hatte. Während die anderen Offiziere in dem rauchigen, von einer übelriechenden Petroleumlampe dürftig beleuchteten Schankzimmer mit lautem Lachen und zweifelhaften Reden lärmend bei ihren Schnaps- und Weingläsern standen, beugte sich Roszkowski über den Ladentisch und benützte jede kleinste Pause in der Bedienung der Gäste, die kindliche Kellnerin zu unterrichten, die bei ihm der angeborenen lauernden Furcht vergaß, weil er der einzige war, der von ihr nichts verlangte, sondern gab. Seine Sparsamkeit nützte ihm hier, da er nicht 52 wie die anderen, leicht angeheiterten kühn wurde und sich Unverschämtheiten erlaubte, sondern nüchtern und völlig kalt, eine wunderliche Unterrichtsstunde wie ein Lehrer abhielt, ohne sich durch die Spottreden der übrigen irre machen zu lassen. Antwortete die Schülerin aufmerksam und klug, so zog er zur Belohnung eine Pomeranze aus der Tasche, welches Geschenk dem Sparsamen keine großen Unkosten auferlegte, aber für das ärmste Kind in dem nördlichen Lande eine wunderbare Gabe des Südens bedeutete, die auch getrost angenommen werden durfte. Streichelte er aber dem arglosen Tierlein den glatten Scheitel, so beugte sie willig den runden Kopf und ließ diese seltene Liebkosung gerne über sich ergehen, da sie niemand auf der Welt hatte, der sonst mit ihr so achtsam gewesen wäre, denn die vergrämte und des Verstandes schier beraubte Mutter redete mit ihr in dem schändlichen Judenkauderwelsch nur das Notwendigste, der Wirt konnte bloß schelten, die Gäste bloß zudringlich sein, und so gewöhnte sie sich an den einzigen, klaren, kalten, doch gütigen Gast wie ein gehetztes, getretenes und verkümmertes Hündchen an einen ruhigen Herrn, dem es auf einen Wink folgt und riefe er es in den Tod. Dieses harmlose Leben ging in sanfter 53 Einförmigkeit etliche Monate hin, bis der Oberleutnant plötzlich nach der Festung C. versetzt wurde, wohin er sich schon lange gewünscht hatte, weil dort seine Eltern zu Hause waren, kleine Landleute, die durch unglaubliche Sparsamkeit und Zähigkeit ein bescheidenes Gütchen erwirtschaftet und dem Sohne unter großen Entbehrungen zu seinem Stande verholfen hatten. Als Lea davon erfuhr, daß ihr Lehrer fortgehen sollte, brach sie in bitterliches Weinen aus und konnte sich gar nicht beschwichtigen. Ihr war, als ob der erste, kaum erblickte hellere Schein des Daseins nun für immer und so bald mit dem ernsten Mann entschwinde. Vergeblich suchte er die haltlos Jammernde, inmitten der belustigten Gäste vom Schmerz Geschüttelte zu beruhigen, indem er versicherte, er werde bald wiederkommen, vergeblich schmähte die Mutter, schrie der Schankwirt auf das bebende Geschöpf ein, das in seiner ratlosen Qual sich der Länge nach über den Tisch geworfen hatte, so daß die glänzenden schwarzen Haare in den riechenden Weinlachen lagen. Dem Oberleutnant blieb nichts übrig, als ohne Gruß zu verschwinden, während alle um die Kleine bemüht waren. Als er spät abends in seinem Zimmer den Koffer packte und seine Habseligkeiten zusammensuchte, 54 hörte er plötzlich ein leises Pochen an der Tür, öffnete und sah Lea vor sich, barfuß, im bloßen Hemd, es war Winter, draußen eine mörderische Kälte. Nachdem er die Stube verlassen hatte, war sie scheinbar ruhig auf das Zureden der übrigen eingegangen, so daß man sie schließlich getröstet und zur Vernunft gebracht zu haben glaubte. Als das Lokal geschlossen wurde, war sie mit der Mutter in den Verschlag gekrochen, wo beide in einem Lager schliefen. Und während die Frau von der Tagesarbeit sterbensmüde, nach ein paar Minuten in den schwersten Schlummer gefallen, blieb sie wach und beschloß, ihn um jeden Preis aufzusuchen. Da sie fürchtete, die Mutter aufzuwecken, wenn sie ihre Kleider im Dunkel zusammengeklaubt und angezogen hätte, stieg sie, wie sie war, leicht über den Leib der Mutter, gewann den Hof und rannte zur gegenüberliegenden Kaserne. Wie sie nun dort an der Wache vorbei, durch die langen Gänge und an sein Zimmer gekommen, blieb freilich ein Rätsel. In der Kaserne kannte sie sich wohl wie jedes Kind im Orte aus, da sie manches Mal etwa ein Glas Wein auf eine Stube hatte bringen müssen, und daß sie schließlich die Lage gerade seiner Wohnung wußte, mochte auch noch erklärlich sein, daß aber in dem von 55 mehreren hundert Menschen bewohnten, notwendig und pflichtgemäß bewachten Hause, wo doch selbst bei Nacht das Leben keineswegs völlig entschlummerte, niemand das weiße durchschlüpfende Wesen bemerkt, angerufen, festgehalten und zurückgebracht hatte, blieb eben nur durch den unbeirrbaren Drang eines Schicksals zu erklären, das den Willen eines Menschen gegen alle Bedenken der Wirklichkeit und Möglichkeit durch alle Hemmnisse hindurchführt. Der erstaunte Oberleutnant ließ die Kleine sofort ein, hüllte sie in seinen Mantel, bedeckte ihre nackten Füße mit einem Kotzen und überlegte, was nun zu tun sei. Zunächst schien ihm das Beste, sie sogleich nach Hause zurückzubringen, ihre Leute aus dem Schlaf zu wecken, das Vorgefallene zu berichten und den Flüchtling der besseren Bewachung zu übergeben. Aber dies war grausam, ja undankbar und zugleich auch nicht ungefährlich. Bei den lebhaften Nachstellungen, denen die Kleine ausgesetzt, mußte man nur allzuleicht vermuten, daß er durch seine berechnende Güte sie geschickter, als die übrigen angelockt und schließlich zu diesem Schritte verführt, einerlei ob er ihn ausdrücklich mit ihr verabredet, oder ihn schließlich, wenn auch überrascht, so doch dankbar begrüßt habe. Auf jeden Fall hatte sie ihn 56 zu nachtschlafender Zeit in seinem Zimmer besucht. Wer von all den in den schlimmsten Zuständen der schlimmsten Handlungen sowohl fähigen, als gewärtigen Menschen im Ort würde ihn gerade für gewissenhaft genug halten, eine so wunderbar sich selbst anbietende Stunde nicht auszunützen, ein so begehrtes Geschöpf ohne weiteres abzuweisen. Unbedingt würde jeder vermuten, er habe die Gelegenheit wahrgenommen und sein Opfer dann der doppelten Schande überlassen, sich zuerst preisgegeben zu haben und hernach in das alte Elend zurückgestoßen zu finden. Und dann gnade Gott dem unschuldigen kleinen Wesen! Kein Zweifel, daß binnen kürzestem ein anderer, minder besonnen als er, doppelt frech und skrupellos nachholen werde, was er versäumt, und das ratlose Kind in seinen unwissenden, doch reinen Hoffnungen verraten, nunmehr umso rettungsloser in das volle Verderben stürzen müßte. Alle diese Gedanken kämpften in ihm, als er die Kleine, in seinem großen Mantel noch von der ausgestandenen Kälte und Angst bebend, unter Tränen doch glücklich zu ihm emporlächeln sah. Er fragte sie, was sie denn nun von ihm wolle und was sie eigentlich bei dieser tollen Flucht gedacht. Ja, hätte sie das nur selbst gewußt! Sie wollte ihn eben sehen, nicht 57 verlieren, wieder bei ihm sein! Als er ihr nun zu erklären versuchte, sie müsse wohl oder übel wieder zurück, zeigte sie eine so angstvolle Verzweiflung, begann so laut aufzuschluchzen, daß er diese Zumutung aufgab. Durch die Anhänglichkeit des Kindes mehr, als er sich selbst eingestand, ergriffen, gewöhnte er sich allmählich an den abenteuerlichen Einfall, es bei sich zu behalten, ohne die schwierigen Folgen besonders zu bedenken. Die Polen sind ein Volk der Abenteuer und fühlen sich in ungewohnten Begebenheiten, Verkleidungen, Verwicklungen erst so recht wohl, bildet doch ihre ganze Geschichte eine Verkettung solcher romantischer Wirrungen. Schon die Phantasie ihrer Kinder ist an derartige Zustände und Sitten so gewöhnt, daß sie selbst in irgendeine ähnliche Lage gebracht, darin gar nichts besonderes erblicken und gerade im Abenteuer als in dem natürlichsten Zustand weiter leben und spielen und sich darin gefallen. Nur so konnte eine sonst kühle, ja berechnende, engherzige und genaue Natur, wie die meines Oberleutnants, sich in dieses waghalsige Unternehmen einlassen, das ihn mit Fährlichkeiten aller Art, mit einer von Stunde zu Stunde verstärkten Last und Verantwortung und am Ende mit Geldopfern bedrohte, die ihm sicherlich 58 am schwersten fielen. Aber ein hilfloses weibliches Geschöpf, das sich in der bittersten Not mit solchem Vertrauen an ihn gewendet, zu verraten und zu enttäuschen und sich feige zu entziehen, wäre ihm schändlich erschienen. Zudem hätte es seinen romantischen Vorstellungen von Ritterlichkeit, die er bei seiner sonstigen Nüchternheit doch wahrte, allzu böse widersprochen. Kein Mensch beleidigt so leicht die eigene Eitelkeit. Er beruhigte Lea und überlegte, was er tun sollte. Als er einen Plan zurecht gedacht hatte, fragte er Lea, ob sie wirklich mit ihm gehen wolle. Sie bejahte entschieden und freudig. Ob sie ihm von nun an wie einem Vater zu gehorchen und in allen Stücken zu folgen bereit sei, denn die ungewöhnliche Lage werde die verschiedensten Schwierigkeiten mit sich bringen, die er, wie sie sich wohl vorstellen dürfte, im Augenblick nicht im geringsten voraussehen könne. Alles wolle sie tun, was er gebiete und für richtig halte, nur möchte er sie bei sich lassen und nicht in ihr Unglück zurückstoßen. Er erwog nun, daß er jedenfalls vor Tagesanbruch, ehe Leas Verschwinden bemerkt und ruchbar worden, mit ihr fort müsse. Wie sollte er aber die Halbnackte aus der Kaserne nach der Eisenbahn schaffen? Er hatte keine weiblichen Kleidungsstücke für sie. Doch fand 59 er Rat. Sein Bursche, ein unendlich gutmütiger, dummpfiffiger, aber unbedingt ergebener ruthenischer Bauer, sollte ihn nach dem neuen Ort begleiten. Bald war die Zeit des Aufbruches gekommen. Er rief also den Diener, der das weiße Kind mitten in der Stube sitzen sah, aber nach einem kurzen Blick die ernsteste Miene der schuldlosen Unwissenheit zeigte. Der Oberleutnant machte ihm ein strenges Zeichen des Schweigens. Antipas grinste voll Demut, legte beteuernd die Hand aufs Herz und erwartete die weiteren Befehle. Der Offizier hatte seine Habseligkeiten bald gepackt. Antipas brachte sein eigenes Kofferchen, den Tornister, das Gewehr, den Brotsack und den eingerollten Mantel mit. Da breitete Roszkowski einen Kotzen, darüber ein Leintuch auf den Boden und hieß Lea sich darauf legen, wobei sie sich so gut es ging, zusammenkauern mußte. Klein, beweglich und gelenkig, wie sie war, wußte sie sich wirklich zu einem armseligen Häuflein zusammenzurollen, er schlug den Kotzen um sie, so daß nirgends ein menschliches Wesen aus dem Bündel hervorsah, verschnürte den Pack mit einem Stricke, trug Sorge, daß das Kind Luft fand und lud dem wartenden Antipas die Last auf die Schultern, während er selbst sowohl sein eigenes 60 Gepäck, als seines Dieners Holzkofferchen, Gewehr, Tornister, Brotsack und Mantel an sich nahm. So verließen sie die nächtliche Kaserne an der Torwache vorbei und wanderten zum Bahnhof, wo sie bald in den Zug einstiegen, der gegen Osten fuhr. Dem Offizier wurde selbstverständlich ein Coupé angewiesen. Dort schloß er sich mit seinem leblosen und lebenden Gepäck ein, zog die Vorhänge zu und war in Sicherheit. In C. angelangt, brachte er seine Schutzbefohlene auf die gleiche Weise nach seinem Zimmer draußen im Lager vor der Festung. Er hatte erwartet, daß die Mutter und die übrigen Anverwandten des Mädchens irgendwie nach dessen Verbleib forschen und etwa Verdacht gegen ihn erwecken würden, obgleich es ihm nicht schwer gefallen wäre, jedes Mißtrauen zu zerstreuen. Nichts dergleichen geschah, sei es, daß man die Ärmste ohne weiteres für verloren ansah und darauf gefaßt war, sie habe sich ein Leid angetan, sei es, daß man eine solche Flucht zwar vermutete, aber zugleich aus Furcht vor dem hohen Militär, bei der hilflosen Rechtsunsicherheit der Juden und aus Abscheu vor der Abtrünnigen keinen Schritt in der Sache unternahm. Kurz, niemand machte ihm seinen fragwürdigen Besitz streitig. 61 Hier im Orte fiel es ihm freilich überaus schwer, das Kind unbemerkt und ungefährdet zu verwahren. Seine Eltern lebten in der Festung; ohne sich der peinlichsten Nachfrage auszusetzen und seine ganze Zukunft zu gefährden, konnte er die Kleine unmöglich bei Fremden unterbringen, denn er hätte in diesem Falle sich irgendwie zu ihr bekennen müssen. Er richtete sich daher mit des getreuen Antipas Hilfe in seinem Zimmer so ein, daß Lea bei ihm wohnte. Bei Tag konnte sie sich, allerdings nur mit größter Vorsicht in dem geschlossenen Raume umherbewegen, er hatte ihr alte Kleider seiner Mutter gebracht, dann bessere im Ort gekauft und unter ihrer Mitarbeit eigenhändig zurechtgepaßt. Seine Menschenscheu galt in der Festung als sprichwörtlich, wodurch er jeden Unberufenen von einem Besuche auf seinem Zimmer fernzuhalten verstand, kam aber doch jemand, so mußte Lea rasch in einen Kasten schlüpfen und warten, bis die Luft wieder rein war. Manches Mal wurde freilich unerwartet die Tür geöffnet. Aber in der gefaßten Geistesgegenwart, die sich bei so ungewöhnlichen Lebensverhältnissen leichter, als man glaubt, bewährt, wußte er stets dem Eindringling so gegenüberzutreten, daß die Kleine eben noch Zeit fand, unter das Bett zu kriechen oder sich 62 sonstwie zu verbergen, waren doch die Möbel des Zimmers schon so aufgestellt, daß sie eine solche Zuflucht boten. Nahrung brachte er von zu Hause mit, wo ihm die sorgliche Mutter immer ein Restchen Fleisch, Kuchen und dergleichen als Zwischenmahlzeit für den Dienst mitgab, gelegentlich kaufte er dem Antipas dessen Menage um fünf Kreuzer ab, wobei dieser noch einen kleinen Gewinn hatte. Jede verfügbare Stunde benützte er zu Leas Unterricht und erfreute sich der bedeutenden Fortschritte des Kindes, das nach kurzer Zeit polnisch lesen und deutsch sprechen und, freilich nicht eben ohne Fehler, auch in beiden Sprachen schreiben konnte. Abends aber, wenn es dunkelte, brachte er sie auf einem stillen abseitigen Weg längs des Zaunes zu dem versperrten rückwärtigen, bei Nacht unbewachten Lagereingang, öffnete ihn mit einem Nachschlüssel und ließ das nach Luft und Bewegung verlangende Kind in den Wald entspringen, wo es sich wie ein Tier in der Freiheit für eine Stunde ergötzte, um sich nach Ablauf der vergönnten Zeit gehorsam wieder vor dem Tore einzufinden. Dort wartete Roszkowski längst schon auf sie, die leise pochte, er tat ihr auf, und wie sie gekommen waren, schlichen sie vorsichtig und ängstlich 63 durch das schlafende Lager nach seinem Zimmer. Hierbei war es ein Glück, daß die Stiege zu den Wohnräumen der Offiziere von dem Aufgange, der von der Lagerwache nach den Arrestlokalen, der Messe, den Dienststuben führte, getrennt und abseits lag. Um diese Zeit waren die Kameraden, welche in den anstoßenden Ubikationen hausten, längst noch beim Kartenspiel und Abendtrunk. Antipas hatte Befehl, ihn am Fußende der Treppe zu erwarten. Kam er mit Lea zurück, so ging der Bursche voraus, und forschte, ob niemand in der Nähe war. Erst wenn er leise, die Finger zwischen den Lippen, pfiff, getrauten sich beide hinauf und schlüpften gerettet in das Zimmer. Nun war mir freilich die Strenge begreiflich, mit welcher Oberleutnant Roszkowski auf einem höflichen Anklopfen der wachhabenden Ordonnanz bestand, und warum er so sehr um das gute Benehmen der sich anmeldenden Mannschaft Sorge trug. In dieser Weise lebten die beiden täglich unter dem Schwert des Schicksals, täglich in gleicher Gefahr der Entdeckung, vor aller Welt verborgen, aller Welt entfremdet, doch verhältnismäßig heiter und sogar getrost ein gutes halbes Jahr, wie Geschwister, oder wie Vater und Kind dahin. 64 Als ich den wunderlichen Oberleutnant besuchte, war Lea ohne Zweifel im Kasten untergebracht gewesen und hatte unser ganzes Gespräch belauscht, das nur ihretwegen so unvermittelt abgebrochen worden war, damit sie nicht allzulange in diesem engsten Gefängnis zubringen müßte und am Ende sich irgendwie verrate. Aber zwei junge, lebenskräftige und willige Geschöpfe in so unmittelbarer Nähe und durch ein abenteuerliches Schicksal schier untrennbar aneinandergefügt, müßten aller lebhaften Pulse der Natur entbehren, sollte in einer solchen Gemeinschaft nicht deren Blut und Herzschlag fühlbar und der Ruf der ohnedies in tausend anderen Beziehungen umerdrückten Instinkte laut werden. Täglich saßen sie stundenlang beisammen, oft genug, wenn er fürchten mußte, jemand zu begegnen, trug er sie wie bei ihrer Flucht, in einem Bündel auf den Schultern nach dem einsamen Tor, um sie in den Wald entspringen zu lassen, jeden Abend entkleidete sich Lea vor ihm und schwatzte dabei flüsternd, halb kindlich, halb weiblich von allen großen und kleinen Geheimnissen ihrer Existenz. Ihr zuliebe hatte er Nadel und Zwirn und Schere handhaben gelernt und richtete ihr die Kleider zurecht, die er ihrem Leibe anpaßte. 65 Die unvermeidliche Nähe entfernte jede Scheu, der kühne Entschluß Leas, sich ihm völlig anzuvertrauen und der seine, sie bei sich zu behalten, hätten eine überbehutsame Scham lächerlich und auch unmöglich gemacht. Aufeinander angewiesen, kannten sie voreinander kein Geheimnis und den ernsten, in harter Arbeit und selbstauferlegter Entbehrung aufgewachsenen jungen Mann überfiel, ohne daß er sich davon Rechenschaft gab, allmählich und unmerklich der wirkende Zauber des anderen Geschlechtes, indem er die Luft mit diesem frühreifen, starkrassigen Wesen teilte, dessen kleinen, braunen, beweglichen und vor ihm oft genug unbekümmert entfalteten Körper täglich vor Augen hatte, und indem er sie gar manches Mal wie ein Kind auf den Schoß nahm und fütterte. Erst wies er die wachsende Lust, Lea anders als eine Tochter anzusehen, mit Empörung zurück, wie ein Verbrechen gegen das Vertrauen, das sie ihm geschenkt und gegen den eigenen Vorsatz, den er sich zur Pflicht gemacht, dann schien ihm dieses nach der Lage der Dinge doch durchaus ungewöhnliche, ja unbegreifliche Verhältnis fast komisch und überspannt, oft genug fragte er sich in ruhelosen Nächten, wenn er den Atem der Schlafenden von dem Lager, das zu Füßen seines 66 Bettes für sie aufgeschlagen war, ruhig gehen hörte, warum er sich quäle, da dieses Geschöpf ihm doch so ganz gehöre, daß es vielleicht ersehne und verschweige, was er als sein Recht zu nehmen zögere, fragte sich, ob er denn die Kleine eigentlich liebe und wußte darauf ebensowenig eine entscheidende Antwort, wie auf so viele Bedenken, die sein merkwürdiges Dasein ihm entgegenhielt. Jedenfalls schlief zu seinen Füßen ein Wesen, das ihm anders erschien, als einem Vater das Kind, anders als einem Mann das Weib und doch durch eine wunderbare Schickung so völlig in sein innerstes Wesen eingedrungen war, als sei sie Blut von seinem Blute, Seele von seiner Seele, ein Stück seiner selbst, das jede Bewegung, jedes Wort und Lächeln, jeden Atemzug von ihm empfange und zugleich wieder ihm fremd und fern als ein unbegreifliches Stück Leben reizend ausstrahle. War sie frühreif und durch Beobachtung oder Mitteilung, oder kraft der unwillkürlich wissenden Natur des weiblichen Geschlechtes vielleicht selbst in Zweifeln und Erwartung? Freilich verriet ihr Lächeln und ihre kindlich unschuldige Liebkosung nicht im mindesten anderes, als die Gefühle des unverdorbenen, zwanglosen Alters, aber vielleicht regte sich auch in ihr der dunkle Trieb, wie 67 in ihm, doch sicherlich ohne seine Qual, ohne die Bedrückung auferlegter Pflichten und Zweifel. Sie nahm, was war und was kommen konnte, getrost hin, wie eben ein unbekümmertes Naturwesen den wachsenden Tag, die stärker brennende Sonne, das stille Sichaufschließen der leiblichen Organe. Einen Willen zu haben und eben an der Freiheit der Entscheidung zu leiden, bleibt das Schicksal des Mannes, das Opfer der innersten Bestimmung zu sein und sich selbstverständlich und ohne Angst darein zu ergeben, ist dem Weibe gemäß. Darum konnte das zierliche Ding so getrost auf dem Boden zu seinen Füßen schlummern, während er wach sich mit seinen Wünschen quälte. Dieser Zustand von Sorge, Mißmut, Zweifel, Unsicherheit und Angst, der die Gegenwart vergällte und die Zukunft verdunkelte, machte ihn betrübt, launenhaft und reizbar, so daß er Lea gegenüber nicht das gewohnte Gleichmaß gütiger Heiterkeit und Duldsamkeit einzuhalten vermochte, woran er sie gewöhnt hatte. Aus kleinen Anlässen schalt er sie über Gebühr, um sie ebenso unvermittelt wieder mit heißer Freundlichkeit zu verwöhnen. Und als er eines Tages ihrem munteren Plaudern andauernd die finstere Miene, eine gerunzelte Stirne, den umwölkten, in eine unbestimmte Ferne 68 gerichteten Blick entgegensetzte, fragte sie ihn bekümmert, was ihn denn bedrücke, ob sie ihm vollends lästig und peinlich geworden sei. Sie wisse, daß er sich mit ihr eine arge Bürde aufgeladen habe und sei nicht mehr so töricht, ihn dabei festhalten zu wollen. Er möge sie denn, wenn es sein müsse, fortschicken. Sie werde sich schon auf irgendeine Weise erhalten und in der Welt einen Unterschlupf finden. Freilich wisse sie noch nicht recht, wie, aber wenn er ihr nur im Anfang behilflich sei, würde sich das Weitere schon finden. Und was dergleichen haltlose Angebote eines opferwilligen und dankbaren Geschöpfes mehr waren. Darauf entgegnete er nur, davon könne keine Rede sein, sie solle sich darum nicht weiter sorgen. Als er indes unverwandt schwermütig und in Gedanken bekümmert blieb, setzte sie sich, wie sie es gewohnt war, auf seinen Schoß, streichelte und liebkoste ihn, küßte seine Stirne. Zuerst ließ er dies schweigend und duldend über sich ergehen und lächelte ihr traurig zu, aber indem sie seinen unveränderten Ernst wahrnahm, bemühte sie sich heftiger und leidenschaftlicher, ihn aus seiner finsteren Stimmung zu erwecken, umschlang ihn mit ihren mageren, sehnigen, braunen Armen und drängte sich eng und enger an ihn, wie um seiner Kälte von ihrer 69 Wärme mitzuteilen. Da überwog mit einem Male das ganze verhaltene Ungestüm die bisherige Bedachtsamkeit, er gab ihr schmerzlich und begierig, anders als sonst die Zärtlichkeit zurück, er umfing die schmale, auf seinem Schoß zusammengekauert Gestalt und berührte sie mit scheuen, fragenden Gebärden, wobei sie ohne Arg lächelte, bis er sie endlich nach seinem Bette trug und besaß. Sie schloß die Augen und lächelte. Als er sich dann voll Angst von ihr abwandte und vor Erregung und Reue zitterte, streichelte sie seinen blonden Kopf und richtete sich auf und suchte seinen Blick und bot ihm ihren Mund und sagte demütig zuversichtlich: »Du hast mich doch lieb!« In dieser Nacht teilte sie sein Lager und lachte morgends beim Erwachen: »Es ist doch schön, in einem Bett zu liegen.« Und als er sich über sie beugte, schloß sie wiederum die Augen und um ihren Mund lag ein eigentümlicher, zugleich stolzer und fragender Zug. So hatte sie fortan auch sein Bett erobert und behauptete es als ihr gutes Recht, ohne daß sich ihr Benehmen ihm gegenüber sonderlich geändert hätte, denn sie war nach wie vor sein gehorsames, heiteres Kind und ergebenes Geschöpf, wenngleich sie, begehrt und geliebt, immerhin einer gewissen Herrschaft über ihn und einer Art von 70 Anrecht bewußt, ihr Dasein und ihre Fügsamkeit ihm als willentliche Gabe darbot. Während er aber seiner mannigfachen Triebe und geistigen Bedürfnisse deutlicher inne wurde, genoß sie, wie es ihrer Natur gemäß war, diese einförmigen Tage als etwas Dauerndes und Selbstverständliches und dachte an gar keine Änderung des so ungewöhnlichen Zustandes, indes er sich längst die Frage vorlegte, wie er nun die Zukunft zugleich für sich und sie tunlich passend ordnen müsse. Eben da er statt bloß zu geben, von dem wehrlosen Geschöpf empfangen, was die Ärmste zu bieten hatte, und derart sich in ihrer Schuld fühlte, machte er sich klar, daß seine Verpflichtungen ihr gegenüber bedeutend gewachsen waren. Sich selbst schuldete er eine gewisse Freiheit, auf Welt und Menschen konnte und durfte er nicht verzichten, und wenn er auch Leas keineswegs überdrüssig, sich des hübschen Besitzes durchaus nicht auf leichte Weise zu entäußern gedachte, mußte er doch, sollte das Leben ihm nicht sinnlos vergehen und ihn um jeden Gewinn betrügen, seinen weiteren Wünschen nachgehen, vor allem wieder hinauskommen und reisen. Wie aber das kleine Geschöpf versorgen und vor weiteren Gefahren schützen? Jedenfalls galt es, wenn er 71 sie aus der Hand gab, sowohl für ihre leibliche Sicherheit und ihr Gedeihen, als auch für eine Art Erziehung und Bildung das Erforderliche vorzukehren. Sie mußte ihren Anlagen entsprechend Unterricht empfangen, und sollte er, Vater, Mutter und Geliebter in einer Person, vor sich selbst sein Schalten mit dieser anvertrauten Seele rechtfertigen, so war es seine unabweisliche Pflicht, sich fortan um eine bessere Zukunft des Mädchens zu bemühen. Wenn er wegging, Urlaub nahm und seine Orientreise antrat – daß dies geschehen müsse, stand bei ihm fest –, durfte sie unmöglich sich hier aufhalten, aber selbst, wenn er ihr zuliebe auf diese Pläne hätte verzichten können und wollen, wäre auf die Dauer ihres Bleibens im Lager nicht gewesen. Irgend einmal würde der peinliche Zustand, das sonderbare Verhältnis doch an den Tag kommen und dadurch seine ganze Existenz so erschüttert, daß er auch für die ihrige aufzukommen außerstande wäre. Er durfte sich und sie einer solchen Gefahr nicht weiter unterwerfen. Was bisher als unausweichlich hingenommen worden, erschien ihm nun als unverantwortlicher Leichtsinn, der auch nicht eine Stunde länger als nötig, andauern dürfe. In seinem Vaterland konnte er sie nirgends mit 72 Beruhigung unterbringen, ohne sich den peinlichsten Fragen nach ihrer Herkunft, nach seinen Beziehungen zu ihr auszusetzen. Jede wenn auch selbstverständlich unwahre Antwort drohte die Gefahr nur zu vergrößern. Seine Stellung als Offizier zur Gesellschaft war immerhin derart, daß irgend welche unregelmäßige Situation im Lande leicht durchschaut und unverziehen bleiben müßte. Auch kannte er keine Anstalt, wo er sie ohne große, unerschwingliche Kosten hätte bergen können. Etwas anderes war es, wenn es ihm gelang, irgendwo außerhalb der Heimat durch List und Geschicklichkeit seine Nähe zu ihr auf eine, wenn auch merkwürdige, so doch einigermaßen glaubhafte Weise zu ordnen, eine Art bürgerlichen Pflichten-Verhältnisses zu begründen, etwa als Vormund eines Mündels von dunkler Herkunft, oder dergleichen. War dieser Zustand durch eine gewisse Dauer bekräftigt und außer Zweifel gestellt, so konnte er selbst hier sich schließlich eher zeigen und etwaige Folgen auf sich nehmen. Er dachte mithin an einen Aufenthaltsort in Deutschland. In diesem vorwiegend protestantischen Reich, nahe der Grenze, in preußisch Schlesien gab es vielleicht ein Kloster, wo man ein junges, elternloses, katholisches Geschöpf um des Glaubens willen von 73 einem besorgten Vormund gern übernahm und erzog. Daß Lea katholisch werden müsse und als katholisches Polenkind zu gelten habe, war sein erster und unumstößlicher Wille, teilte er doch als Pole und Offizier, wenn auch dank seinem abenteuerlichen Leben natürlich vorurteilsfrei, doch den Haß der herrschenden Klasse gegen die Juden, gegen diese Fremden, nur als Sklaven Geduldeten, gegen eine in ihrer ganzen Führung trotz der Unterdrückung wieder hochmütig abgesonderte Menge. Sollte er Lea, wie es die Dinge mit sich gebracht, als Genossin, als Gleiche, als Mündel oder als Geliebte völlig anerkennen, so mußte er sie als Polin und katholisch, nicht als Judenkind, ansehen. Dieser Wunsch aber galt ihm auch gleich als Erfüllung. Sie mußte katholisch sein, so war sie es. Das sind schließlich einem unabhängigen und in Glaubenssachen gleichgültigen Geiste Fragen, die sich eben von selbst beantworten, wie man sie beantwortet haben will. Zudem war diese Wandlung bei Leas unwissender Unbekümmertheit, ja bei ihrem Haß gegen ihre Herkunft und Vergangenheit und bei ihrer anmutigen Art, sich jedem seiner Wünsche nicht nur äußerlich, sondern im innersten Herzen anzupassen, durchaus möglich. Sie war aber auch notwendig, wenn sein Plan ausgeführt 74 werden sollte. So betrachtete sich Lea als katholisch und glaubte selbst die schöne Erfindung, die er sich ausgedacht hatte. Sie sei die Waise eines verstorbenen Kameraden, der ihm, dem Oberleutnant Roszkowski, das mutterlose Kind auf dem Todeslager anvertraut. Nicht ohne Stolz genoß sie diese verklärte Herkunft und gedachte, ihrer würdig zu leben und sich zu halten. Die Eröffnung ihres Gebieters, daß sie sich für eine Zeit trennen müßten und daß sie in ein schlesisches Kloster zur Erziehung gebracht werden würde, nahm sie ruhig und fast freudig auf, ohne sonderliche Schwierigkeiten zu erheben. Mit ihren vierzehn Jahren war sie Kind genug, sich neuer Begebenheiten zu freuen und gewohnte Zustände leichten Herzens aufzugeben. Ernst Roszkowski hatte verschiedene Bücher, Karten und Gewährsmänner befragt, ehe er sich für Breslau entschied. Dort sollte ein Frauenkloster bestehen, welches für solche Fälle wie geschaffen war, es nahm Waisen angeblich ganz oder halb umsonst in Kost, Quartier und Unterricht, begnügte sich mit den Gaben, die ihm freiwillig geboten wurden und benützte ein reiches Stiftungsvermögen, um in dem für den Glauben immerhin unsicheren Zustand des großen 75 protestantischen Reiches und der argen Gegenwart katholisch zu wirken und zu sorgen. Dieses Kloster sollte Leas Zuflucht und neue Heimat werden. Zuvor aber gedachte er in der großen Stadt auch eine adelige polnische Dame für seinen Schützling zu gewinnen, die streng gläubig und überaus reich, sicherlich für die Waise eines Landsmannes und Offiziers sich interessieren lassen werde. Er hatte zufällig von ihr und ihrer Gastfreundschaft und Güte vernommen. Des weiteren mochte es ihm wohl gelingen, sich draußen in der fremden Welt irgendein Dokument zu beschaffen, welches dem gleichsam neugeborenen Kinde die erfundene Herkunft bürgerlich bescheinigte und begründete. War ein solches feierliches Zeugnis gewonnen, so ließ sich darauf der schönere Bau der Zukunft mit besserer Zuversicht errichten und durch neue Zutaten und Bürgschaften, die sich ihrer Zeit ergeben würden, immer mehr befestigen und ausschmücken. Lea war sicherlich nach Gaben und Benehmen, äußerlich und innerlich danach angetan, sich das schönste Recht auf Ansehen und Rang in der Welt zu erwerben, war nur einmal der Beginn mit Sorgfalt und ohne Fehl gemacht worden. 76 Als er diesen Beschluß gefaßt hatte, schritt er auch gleich an die Ausführung, nahm einen kleinen Urlaub, besorgte eine bescheidene Ausstattung von Wäsche und Kleidern für das Mädchen, packte diese Habseligkeiten in ein Kofferchen, seine eigene Galauniform und was zu einem höchst standesgemäßen Auftreten für ihn selbst als Offizier im fremden Lande notwendig war, in eine zweite Schachtel, dazu seine gewohnte Zivilkleidung, damit er seinen sparsamen Sitten gemäß inkognito reisen könne, ließ sich eine Marschroute ausstellen, die ihm als Standesperson bis zur Grenze die freie Fahrt verschaffte, nahm für Lea eine Karte und benützte wieder einen Nachtzug zur Reise. Auf dem vertrauten Umwege brachte er Lea zur Bahn, setzte sie in einen Waggon der dritten Klasse, bestieg selbst einen der zweiten, und so fuhren sie dem neuen Schicksal entgegen. In Oderberg, der Grenzstation, trafen sie sich wieder. In einem abgesonderten Raume legte er rasch seine Uniform ab, vertauschte sie mit den mitgebrachten Zivilkleidern und stieg nun mit seinem Schützling als ärmlicher Reisender in die vierte Klasse ein, um »stehenden Fußes«, wie er sich ausdrückte, nach Breslau zu eilen, denn in der vierten Klasse gibt es 77 kein behagliches Sitzen, sondern man ist mit dem gemeinen Volk in Rauch und Lärm eingepfercht, aber nirgends reist man so ungezwungen als Mensch unter Menschen, wie hier. In der neuen Stadt angelangt, vollzog er wieder die Wandlung zur Standesperson, legte seine Galauniform an und bekümmerte sich nicht im mindesten um das Verbot, in einem fremden Lande als Angehöriger einer fremden Wehrmacht in Waffen aufzutreten. Bekanntlich ist dies nur Offizieren gestattet, die in einer besonderen Mission tätig sind. Aber da eine Beanstandung bei seinem großartigen und sicheren Auftreten wohl kaum erfolgen würde und er sich bestimmt zutraute, jedes etwaige Mißverständnis durch die geistesgegenwärtigste Auskunft zu zerstreuen, und da er ja auf seine Art wirklich auch eine besondere Mission hatte, trug er kein Bedenken, hier als stattlicher österreichischer Offizier seinen Unternehmungen nachzugehen. Bescheiden, sittsam gekleidet und überaus zierlich, wie es einer adeligen jungen Polin geziemt, schritt Lea neben ihm her, sorgfältig Schritt vor Schritt setzend und bei aller Eile seinem großen Gang sich behend anpassend. Es war eben Mittagszeit, die geeignete Besuchsstunde, die er gleich auszunützen gedachte, um die edle Landsmännin 78 aufzusuchen, deren Hilfe ihm und seinem Schützling unentbehrlich war. In einer der belebtesten Hauptstraßen fand er ihre Wohnung in einem ansehnlichen Hause, schärfte auf der teppichbelegten Stiege noch einmal Lea alle nötigen Vorsichtsmaßregeln ein und ließ sich mit hochmütiger Vornehmheit durch den galonierten Diener bei der Dame des Hauses anmelden. Er betrat mit Lea einen reichgeschmückten Salon und wartete nicht lange, als auch schon die Gräfin eintrat, eine ältliche Dame mit einem Vogelgesichte, aus welchem zwei scharfe, kurzsichtige Augen blickten. Sie war kostbar, aber auch mit jener Achtlosigkeit gekleidet, die namentlich älteren Polinnen eignet, trug einen schönen Spitzenschlafrock, der doch einige Spuren von Unsauberkeit zeigte und an den Ärmeln ein wenig zerrissen war. Aber ihre Haltung ließ diese Mängel völlig vergessen, denn sie benahm sich wie eine Fürstin. Nicht ohne Erstaunen sah sie die beiden Fremdlinge an, ihre Züge erhellten sich indes aufs angenehmste, als Ernst Roszkowski sie mit einer so tiefen, ehrfurchtsvollen und edeln Verbeugung begrüßte, wie sie nur ein polnischer Edelmann zustandebringt und zugleich auch in den vertrauten und lang entbehrten 79 Worten der geliebten Muttersprache voll schmeichlerischen Wohlklanges anredete. Lea ihrerseits machte den zierlichsten Knix und blickte die Gönnerin mit den großen demütigen Augen der hilflosen und hoffnungsvollen Ehrfurcht an, so daß die Gräfin ihr, ohne sie noch zu kennen, gewogen und gütig zunickte. Freundlich hieß sie den Landsmann Platz nehmen, der in seiner Rede fortfuhr und zunächst die Angelegenheiten der gemeinsamen Heimat berührte, von allen Personen des Landes sprach, für die er bei der Dame ein Interesse vermutete, die engsten Beziehungen zu diesen exklusiven Kreisen teils durchblicken ließ, teils sich sogar darauf berief. Hiezu gab ihm seine sowohl aus Briefen und Zeitungen, als auch in der Gesellschaft selbst erworbene Kenntnis die beste Gelegenheit. Rasche, unwillkürlich eingeworfene Fragen und Erkundigungen beantwortete er mit den zuverlässigsten Einzelheiten, wodurch die genaueste Vertrautheit mit allen Leuten und Verhältnissen der obersten Schichte des gemeinsamen Vaterlandes sich ungezwungen darstellte. Die Gräfin erkannte mithin zu ihrer großen Freude, daß ihr unerwartet ein Gast ins Haus gekommen war, der mit allen Freunden der lang verlassenen Heimat befreundet, alle jene fürstlichen und 80 gräflichen Männer aus dem engsten Umgang mit ihren großen und kleinen, edeln und fraglichen Zügen, mit ihren zarten Schwächen und merkwürdigen Sitten kannte, unter denen sie sich in der einstigen Mädchenzeit in den alten Ahnensälen der vielen Schlösser des Landes und in den Gemächern der Stadtpaläste bewegt hatte. Sein bewundernder Blick verriet, daß er sehr wohl wußte, wie sie damals im Mittelpunkte der schwärmerischen Huldigungen gestanden, deren sie auch jetzt noch keineswegs unwürdig war. Ihre Erinnerung wurde auf die abenteuerlichen Feste gelenkt, wo sie als Königin gefeiert, mit dem Blicke ihrer dunkeln Augen kühne Adelige zu den verwegensten Taten angespornt, auf die Schlittenfahrten durch die winterlichen Felder, auf die Fuchsjagden, an denen sie hoch zu Roß teilgenommen, auf die sinnlos träumerischen Gelage, deren schönster Trunk aus ihrem weißen Seidenschuh geschlürft worden. Es freute sie, daß die Kunde ihrer einstigen Siege in ihrer Heimat so unvergessen war, wie die unverbrüchliche, gleichsam mit Eisen an jedes polnische Herz geschmiedete Erinnerung an Polens Freiheit, lag doch ein Abglanz ihres Zaubers selbst in den ehrerbietigen Worten des vornehmen Offiziers, der ihr hier gegenübersaß und alle verklungenen Stimmen 81 heraufbeschwor, die in ihrer stolzen Seele die schönste Musik des Triumphes und der glücklichen Jugend erwachen ließen. Schließlich ergab sich denn doch die Notwendigkeit, auch die Anwesenheit des fremden Kindes und den Zweck des unerwarteten Besuches zu erklären. Die Erinnerung der eigenen mannigfaltigen Abenteuer machte die Erzählung von Leas schöner, trauriger Geschichte doppelt interessant und glaubwürdig. Ergriffen und teilnehmend hörte sie von dem tapferen und hochherzigen Vater des kleinen Mädchens, der vor vielen Jahren Ernsts Vorgesetzter und Gönner, als Major, obgleich einer alten Familie des niederen Landadels angehörig, doch ganz verarmt, seine Frau früh verlor, mit dem einzigen Kinde sich durchs Leben schlug und bald einer schweren Krankheit unterlag, ohne für das kleine Wesen vorsorgen zu können, welches er auf dem Todesbette seinem jungen Freunde empfahl, der es für die heiligste Pflicht hielt, die Sorge für das arme Geschöpf nach besten Kräften auf sich zu nehmen. Er habe sie zunächst bei Verwandten einquartiert, wo sie schlecht und recht zwei Jahre zugebracht. Länger aber glaubte er sie nicht in diesen für die geistige Ausbildung und körperliche Pflege denn doch unzulänglichen Verhältnissen festhalten zu dürfen, 82 sondern habe sich entschlossen, sie hier in dem weltberühmten Kloster unterzubringen, wo sie eine zwar strenge und bescheidene, aber gläubige und zuverlässige Ausbildung erhalten könne. Doch dürfte ihre Aufnahme von einer Fürsprache der vornehmen Gönnerin abhängen, um die er hiermit als Vormund des Kindes kniefällig ersuche. Zugleich habe er zu bemerken, daß in einem Brande die Ausweispapiere der Kleinen zugrunde gegangen seien, weshalb, wohl nur um der Form zu genügen, die erforderlichen Dokumente nachträglich ausgestellt werden müßten. Da die Zeit gedrängt habe und bei der bekannten Langsamkeit der österreichischen Behörden die Ausfertigung gar ein Jahr und mehr in Anspruch genommen hätte, beabsichtige er, mit der Empfehlung der gnädigen Gräfin, die – eben nur der Form halber – unerläßlichen Bescheinigungen auf Grund seiner mündlichen, genauesten und durch das Zeugnis beliebiger vornehmer Landsleute jederzeit erhärtbaren Auskünfte, bei einem hiesigen Geistlichen zu erwerben. Aber wie gesagt, er sei in allem und jedem von der hohen Gnade der angerufenen Gönnerin abhängig, deren Rat er sich durchaus fügen wolle und deren Hilfe allein ihm den nötigen Halt gewähren könne. Gerührt und 83 geschmeichelt erklärte sich die gute Dame zu jeder gewünschten Unterstützung bereit. Daß irgendein schwereres Bedenken bestehe, konnte wohl nicht im geringsten vermutet werden, da keinerlei Geldbeitrag verlangt wurde. Bei einem beabsichtigten Betruge, wäre er nicht schon durch das tadellose Betragen des vornehmen Offiziers vollkommen ausgeschlossen erschienen, hätte eine solche Forderung unzweifelhaft ihre Rolle gespielt. So aber handelte es sich tatsächlich eben um eine freie Tat guten Herzens und hilfreicher Bereitschaft, zu der selbst ein Mann, vorsichtiger und in den Listen und Tücken der Welt erfahrener, sich finden läßt, wenn es weiter kein Opfer gilt, als eine Empfehlung und Rat. Um wieviel mehr mußte das weichere Herz einer alleinstehenden vornehmen Dame berührt und zu den erbetenen Wohltaten bewogen werden. Sie sprach Lea gütig an, fragte sie um verschiedene Dinge und erfreute sich der bescheidenen, klaren, leisen, doch klugen und sittsamen Antworten des Kindes. Schließlich bot sie den Gästen ein bescheidenes Gabelfrühstück an, das in einem dunklen, hohen Speisesaal serviert wurde, wobei sich der Oberleutnant gewandt benahm und mit der ungezwungensten Unterhaltung zur angenehmen Geselligkeit beitrug, während 84 Lea acht hatte, die Eßgewohnheiten der Herrschaften mit raschem Blicke zu beobachten und nachzuahmen. Als sie sich derart an einem auserlesenen kleinen Mahle erfreut und gestärkt hatten, das ihnen beiden nach der beschwerlichen Reise doppelt wohl tat, gab ihnen die Herrin des Hauses eine herzlich und überaus warm abgefaßte schriftliche Empfehlung an einen befreundeten Domherrn mit, der alles weitere in die besten Wege leiten werde, versprach auch unverzüglich im Kloster persönlich vorzusprechen, um, wenn irgend möglich, für den Schützling die Aufnahme zu erwirken und sich auch fernerhin nach dessen Befinden und Fortgang an dem gedachten Orte zu erkundigen, und wo es not täte, persönlich nach dem Rechten zu sehen. Damit erhoben sich die beiden, zuversichtlich, erfreut und innig dankbar, nahmen gerührten Abschied von der edlen Gönnerin, welche den Oberleutnant zu nochmaligem Besuche auf das freundlichste einlud, während sie Lea zärtlich wohlwollend auf die mit demütigem Knix dargereichte Stirne küßte. So verließen sie das Haus. Auf der Stiege brachen sie in das herzlichste, doch gedämpfte Gelächter aus und stürmten wie ausgelassene Kinder die Treppe hinab ins Freie. 85 Aber der besonnene Roszkowski gönnte sich und Lea nur eben diesen einen Augenblick der Selbstvergessenheit und mahnte, jetzt die günstige Gelegenheit sogleich aufs genaueste wahrzunehmen. Sofort schlugen sie den Weg zu dem Domherrn ein, den sie in einem der alten klösterlichen Häuser in einer schönen, hochgewölbten Wohnung antrafen. Die Empfehlung der gräflichen Dame, des glaubenseifrigsten und reichsten Mitgliedes seines Sprengels genügte dem würdigen Geistlichen, die beiden Ankömmlinge mit bereitwilliger Achtung aufzunehmen. Da es sich um fremde Staatsangehörige handelte, über die er den Behörden des eigenen Landes keine genaue Rechenschaft schuldete, ferner um eine Hilfe für Glaubensgenossen, die mit gutem Willen ohne besondere Verbindlichkeit geleistet werden konnte, hörte er die Erzählung des eleganten Offiziers mit Teilnahme an und interessierte sich insbesondere für die Einzelheiten jenes weltberühmten Brandes der Festung C., der vor zwei Jahren fast die ganze Stadt eingeäschert haben sollte, und wovon er in seiner geistlichen Abgeschiedenheit gar nichts erfahren hatte. Daß aus diesem Brande das junge Mädchen nur mit Mühe und Not das eigene nackte Leben gerettet, erweckte sein herzliches 86 Mitgefühl, ihre Absicht, als Zögling ins Kloster einzutreten, schien ihm durchaus angemessen und hiezu die erbetene Hilfe zu leisten für ihn ohne weiteres tunlich bei der Fürsprache einer so ausgezeichneten Frau und dem Zeugnis eines so angesehenen Beschützers. Auch er erkannte die Notwendigkeit der Beibringung eines Dokumentes aus formalen Rücksichten. Daß die Ausweispapiere in Österreich so schwer und langwierig zu beschaffen seien, glaubte er gerne und lächelte verständnisvoll zu den launigen Schilderungen seines Besuchers, welche Schritte hiezu erforderlich und welche gewaltigen Vorkehrungen für eine so einfache Angelegenheit zu treffen wären. Unwillkürlich gewann er dabei das angenehme Gefühl der Bürgerschaft einer prompteren und bei aller Genauigkeit doch zuverlässigeren Heimat und erfreute sich dieser staatlichen Überlegenheit über ein fremdes, in manchen Dingen so rückständiges Land. Heiter ergänzte er den offenherzigen Bericht Roszkowskis durch Erfahrungen, die er selbst gemacht hatte, da er oft und nicht ohne Bedauern mitansah, wie österreichische Staatsangehörige, katholische Männer und Jungfrauen, die hier lebten und einander zu ehelichen gedachten, ihre Ausweispapiere aus der Heimat erbaten, monatelang warten 87 mußten und schließlich dazu gedrängt würden, einen verwerflichen und traurigen Konkubinat einzugehen, da die zur bürgerlichen Eheschließung unerläßlichen Schriftstücke ihnen vorenthalten blieben. So konnte er oft nur das heilige Sakrament der Ehe unter Einem mit der Taufe eines im Stande der Sünde empfangenen Kindleins vollziehen, wenn die notwendigen Dokumente schließlich nach Jahr und Tag doch noch eingetroffen waren. Glücklicherweise, fügte er mit seinem Lächeln hinzu, stünde die Sache hier nicht so ernst und gefährlich. Er sei gerne bereit, das Notwendige zu bescheinigen. Hiemit zog er ein schönes weißes Urkundenpapier hervor und schrieb gewissenhaft, nach jeder Frage sein Gegenüber höflich anblickend und die weitere Auskunft gewärtigend, nieder, was Roszkowski ihm vorsagte. So kam eine umständliche und in altertümlicher Redeweise abgefaßte Äußerung zustande, des Inhalts, daß der gefertigte Domherr über Ersuchen des persönlich erschienenen Herrn Oberleutnants Roszkowski und der ihm bekannten hochwohlgeborenen Gräfin nach des Erstgenannten ehrenwörtlicher Aussage hiemit bestätige, das gleichfalls anwesende, vierzehnjährige Mündel des gedachten Herrn sei katholisch getauft, 88 das Kind des weiland Majors Stanislaus Podchmielski und seiner ebenfalls verstorbenen Frau Bronislawa, geborenen Stocka, mit Namen Charlotte, Eleonora, Sofia, welche Bestätigung er darum leiste, weil ihm der genannte Vormund an Eidesstatt mit seinem Offiziersehrenworte bekräftiget habe, daß Geburts- und Taufschein des Mündels anläßlich eines Brandes untergegangen seien. Hierauf folgten die genauen Geburts- und Taufdaten des Kindes und die Erklärung, daß auf Grund dieses durch mündliche Aussagen wohlbelegten Dokumentes der Aufnahme der gedachten Sofie Podchmielska in ein hiesiges Erziehungsinstitut keinerlei Bedenken vom Standpunkte der staatlichen Aufsichtsbehörde entgegenstehen dürften. Das vorliegende Schriftstück sei bis auf weiteres als Ersatz des nach den österreichischen Matrikeln abgefaßten Taufscheines anzusehen. Das Ganze bekräftigte er durch Unterschrift und Insiegel, der Oberleutnant unterfertigte sich als Zeuge und Vormund, und so war auch diese Sache nach Wunsch erledigt. Mit einem neuen, schönen und gültigen Namen ausgerüstet, verließen Vormund und Mündel unter gemessenen Dankesbezeugungen die geistliche Urkundsperson und erfreuten sich der gewonnenen Zukunft. 89 Hier wird es angebracht sein, die Wahl des Namens der Neophytin kurz zu erklären. Roszkowski trug nämlich Sorge, hierin die Vergangenheit seines Geschöpfes sowohl völlig zu verbergen, als auch für alle Zeit bedeutsam festzuhalten, indem das Wort Chmiel in seiner polnischen Muttersprache Hopfen, aber durch einen bezeichnenden Zusatz erweitert, auch einen Weinberauschten bedeutet und dergestalt den wahren Namen der wahren Eltern Leas in einem Ausdrucke vereinigte, der nur der allgemeinen Personenendung bedurfte, um einen stattlichen Geschlechtsnamen auszumachen, welcher gar wohl einem verstorbenen Kriegsmann aus alter Familie angehört haben konnte. An Stelle einer kleinen, abenteuerlichen Jüdin Lea setzte er aus eigenem Ermessen Charlotte, Eleonora, Sofia, um das neue Bekenntnis dreifach zu bekräftigen. Beide beschlossen nun, Lea solle in Hinkunft nicht anders als Sofia, oder wie es dem vertrauten, schönen und klangvollen Gebrauch entsprach: Sonja genannt werden und nur darauf hören, wie sie denn ihren traurigen, aber glücklich abgestreiften Familienstand so völlig vergessen hatte, daß sie sicherlich nicht einmal wenn ihre alte Mutter erschienen wäre und sie »Lea« angerufen hätte, auf diesen schlimmen 90 Mädchennamen gehöht, ja sich nicht einmal unwillkürlich dazu bekannt hätte. Vielmehr war sie als Sonja Podchmielska glücklich und zufrieden wie in einem angemessenen und schönen neuen Kleide, worin sie sich wiegte und wohlfühlte. An die hundert Male sang sie sich den neuen Namen in allen Tonarten, liebkosend, schmeichelnd, warnend, streng, sittsam, bekümmert, mahnend, gehorsam vor, als würde sie ihn für alle Zukunft hegen und bewahren und so wenig ablegen, wie ihren ganzen Leib und ihre ganze neue Seele. Freilich nahm sie nachmals ebenso willig und mit Freuden einen dritten und vierten an, jeden zu seiner Zeit, denn den Frauen wird es leicht, in einen Namen wie in ein Gewand zu schlüpfen und ihn wieder abzustreifen wie ein Gewand, wie es die Sitte mit sich bringt und verlangt, während ein Mann mit dem Namen seines Geschlechtes verwachsen ist, wie ein Baum mit der Erde. Aber darum sind wieder die Weiber beweglich und fügsam und bereitwillig, mit dem fremden Namen auch ein fremdes Schicksal auf sich zu nehmen und sich dabei vorsichtig nach Sonne, Wind und Regen zu richten, wie es just notwendig ist, so daß sie den Namen wohl auch überdauern 91 können, während ein Mann mit ihm lebt und stirbt. Doch davon genug. Für jetzt hieß Sonja Sonja, war mit diesem neuen Kleide vergnügt und nahm sich vor, seiner würdig zu leben. Zu diesem Zwecke begaben sich die beiden ins Kloster, wo sie mit Ehrerbietung aufgenommen wurden. Bei der alten Oberin erregte der stattliche Offizier in seinem prachtvollen weltlichen Gewand und Benehmen das Gefühl der zärtlichen Bewunderung. Da sie in den Heeressachen nicht eben bewandert war, hielt sie ihn gar für einen Oberstleutnant, was nach ihren Begriffen bei so jugendlichem Alter eine unerhörte militärische Bedeutung und Würde darstellte, sie sprach ihn auch mit diesem Titel an, was Roszkowski der guten Sache wegen gerne und ohne wahrheitsgemäße Berichtigung über sich ergehen ließ. Auch sie genoß die romantische Schilderung von Sonja Podchmielskas unglücklichen Zeiten, von ihres Vaters Bitte auf dem Todesbette, von des jungen Mannes willigem Gelübde, fand alles durch die feierlich produzierte Urkunde des ehrwürdigen Domherrn aufs genaueste bestätigt, zudem war die edle Gräfin ihrem Versprechen getreu, bereits vor einer Stunde im Kloster erschienen und hatte durch ihre mündliche Empfehlung die jetzige 92 Bitte der armen Waise um Aufnahme wirksam vorbereitet. Auch bat Roszkowski, für die Armen des Klosters eine kleine Spende nach seinen bescheidenen Mitteln beitragen zu dürfen und erlegte, wenngleich schweren Herzens, einen blauen Schein zu ihren Händen. Sie erklärte sich denn bereit, das fromme Kind, welches ihr demütig die Hände küßte und sich mit rührender Innigkeit ihrem Wohlwollen empfahl, in die Obhut des Klosters aufzunehmen. Konnte dies auch nicht ganz umsonst geschehen, so betrug das Monatsgeld doch eine wirklich geringfügige Summe, kaum ausreichend, nur für die einfachste Ernährung aufzukommen. Zwar leise enttäuscht, aber schließlich seinem Opfermut entsprechend, unterwarf sich Roszkowski dankbar den Bedingungen, erklärte leise, damit sein Mündel es nicht höre, sie sei bei den ungeregelten Verhältnissen ihres bisherigen Aufenthalts leider arg verwahrlost, weder in den Unterrichtsgegenständen, noch im Glauben irgendwie unterwiesen, somit in allen geistigen Angelegenheiten recht eigentlich eine kleine Wilde, für die er im Voraus um jede Nachsicht bitten müsse, doch hoffte er, sie werde, von Natur bescheiden und frommer, demütiger Gemütsart, 93 fügsam und lenkbar, bald den berechtigten Anforderungen zu genügen wissen. Die Oberin begütigte, es sei doch eben die Aufgabe ihrer Erziehungsanstalt, diese Tugenden und Lehren auszubilden, wären alle Zöglinge an Wissen und Glauben reif und vollendet, so bedürften sie doch einer solchen Stätte nicht, kurz, er konnte Sonja in jeder Hinsicht wohlaufgenommen sehen. Schließlich wurde noch festgesetzt, daß sie am kommenden Tage mit dem Frühesten eintreten solle, heute aber noch mit ihrem Vormund die fremde Stadt betrachten und etwa nötige Einkäufe besorgen möge. Unter lebhaften Dankesbezeugungen nahmen sie von der Oberin Abschied und gedachten nun den Rest des Tages und die Nacht zum genauen Besuche aller Sehenswürdigkeiten zu verwenden. Wieder entledigte sich Roszkowski der prachtvollen lästigen Uniform, packte sie sorgfältig ein, zog die mitgebrachten, angenehm schäbigen Zivilkleider an, setzte das geschwinde Hütel auf, nahm die Schachtel, an welcher der Säbel, mit Zeitungspapier umwickelt, angebunden wurde, unter den Arm und so strichen sie durch alle alten und neuen Straßen von Breslau, um das würdige, mit aller Laune eines wohlhabenden 94 Bürgertums heiter ausgezierte Rathaus, durch den Topfmarkt, beschauten den berühmten Gabeljürgen und vergaßen nicht, das alte Haus aufzusuchen, welches als die Stätte von Gustav Freytags »Soll und Haben« in allen Reisebüchern, die der Oberleutnant entlehnt und studiert hatte, eine besondere Stelle einnahm. Er kannte zwar dieses deutsche Werk nicht, wußte aber ungefähr, um was es sich handle, und wenn er gleich selbst den Taten der Poesie keine besondere Neigung entgegenbrachte, hielt er es doch für wichtig, nachdem einmal eine solche Dichtung historisch geworden und mit dem Leben einer Stadt verwachsen war, ihre Stätte mit jener Ehrerbietung zu besichtigen, welche der Fremde aus einer gewissen Selbstachtung derartigen wirklichen oder eingebildeten Würden entgegenbringen muß, um sie, heimgekehrt, in Berichten, in der Erinnerung hoch zu preisen. Sonja, die überdies mit ihrem neuen Namen und Schicksal genug zu tun hatte, erblickte freilich nur ein altes, gleichgültiges Haustor, einen nicht einmal sonderlich geräumigen Speicher und eine Materialwarenhandlung ohne jeden interessanten Gegenstand. Aber wie immer, um sich bereitwillig und gehorsam zu erweisen, antwortete sie auf seine eindringlichen Belehrungen: Ja, 95 ja und tat unter halb entzückten, halb gelangweilten Seufzerchen höchlich angeregt. Sie fand nachher reichlich Zeit, alles zu vergessen, wie denn die Frauenzimmer in ihren mannigfaltigen und einstürmenden Erlebnissen Meisterinnen des Vergessens und Abtuns alles Ungemäßen sind, während der Mann an seinem treuen, zum Gewissen gesteigerten Gedächtnis den zuverlässigsten, aber zuweilen unangenehm mahnenden Freund besitzt. Mit größerem Vergnügen wanderte sie durch die alten Ohlen, wo sich ein mittelalterliches Stadtbild mit dem eigentümlichen Zauber verwahrlosten Gerümpels und sorglosen Schmutzes behaglich in seiner Enge entfaltet und, wenn auch nur durch sein Gehenlassen, an vertraute Zustände polnischer Unordnung erinnerte. So vergingen die Stunden des Nachmittags im Fluge und unversehens war es Abend geworden, die Sterne zogen auf und die beiden Leutchen ließen sich, wie Roszkowski es gewohnt war, auf einer Bank in den Anlagen des weiland Stadtgrabens nieder. Es war hier recht einsam, und so konnten sie sich zum letztenmal für eine geraume Zeit herzen und als Geliebte aneinander, als an den einzigen wahren 96 Sehenswürdigkeiten erfreuen. Sonja küßte ihren strengen Vormund recht innig und weinte im Vorgefühle des Abschiedes. Dann faßte sie sich wieder und erweckte, um ihn nicht durch ihren Schmerz allzusehr zu betrüben, die heiteren Erinnerungen an den eben verbrachten Tag mit allen seinen so kühn und leicht überwundenen Schwierigkeiten. So schätzte sie sich glücklich, wie sie sagte, daß Ernst nicht in dieser gefährlichen Stadt bleibe, wo es der verführerischen, wenn auch betagten Gräfin zweifellos gelungen wäre, ihr den besten Mann abwendig zu machen und alle Triumphe der Vergangenheit durch den unvermuteten einer abendlichen Gegenwart zu krönen. Auch an den ehrwürdigen Domherrn erinnerte sie, der die Not der fehlenden Ausweispapiere so gerecht zu würdigen verstand und schließlich an die Oberin, der, wie sie mit dem scharfen Auge der grausamen Jugend bemerkt hatte, während des salbungsvollen Gespräches an der Spitze der langen, kreideweißen Nase ein sanftes braunes Tröpfchen gezittert hatte, das dennoch aus Anstand und Frömmigkeit bei der gerührtesten Ergriffenheit nicht abzufallen gewagt. Auf ihre Frage, warum es denn braun gewesen sei, verwies sie Roszkowski auf den eigentümlich beizenden klösterlichen Geruch, welcher nicht von der 97 Frömmigkeit, sondern von dem Gebrauche des Schnupftabaks stamme. Dies sei aber, meinte Sonja, die wahre Glaubensstärke, welche selbst ein so natürliches Nasenbedürfnis durchaus würdig zu beherrschen wisse, so daß das verständige braune Tröpfchen ehrfürchtig bebe und die heilige Trägerin verherrliche, während sich ihre eigenen, armseligen und vorwitzigen Tränen leider nicht abhalten ließen, über ihre Wangen zu rollen und alle guten Vorsätze zuschanden zu machen. Es war Roszkowskis Sache nicht, mit so wichtigen Dingen Scherz zu treiben und er hielt es für notwendig, die letzten Stunden ihres Beisammenseins zu benützen, seinem Mündel ernste Lehren und Verhaltungsmaßregeln für die Zukunft ans törichte Herz zu legen. Sonja fügte sich denn ins Unvermeidliche und war es zufrieden, ihn wenigstens dabei an der Hand zu halten, diese gelegentlich zärtlich an ihre Brust zu drücken, oder, indem sie höchst aufmerksam seine Worte mit den verständnisvollsten Bejahungen begleitete, doch unversehens ihn zu einem Kuß zu verführen, der sie für alle gegenwärtige und weitere in dunkeln Jahren der Klosterhaft etwa auszuübende Geduld im vorhinein leider kümmerlich genug entschädigen mußte. 98 Bei diesen Gesprächen saßen sie auf einer Bank unter einem blühenden Lindenbaume, der leise rauschte, dann spazierten sie wieder umher, so oft sich ein Schutzmann blicken ließ, der Obdachlose davonzujagen die Pflicht und den Beruf hat. Roszkowski sagte ihr in diesen letzten Stunden etwa folgendes: »Du weißt, liebes Kind, daß ich ein freier Mensch bin und auch dich so recht als freies Geschöpf angetroffen und bewahrt habe. Ich meinerseits glaube nichts und habe bisher keinen Augenblick das Bedürfnis empfunden, einen persönlichen Gott mit meinen Angelegenheiten zu befassen. Ich halte es für unwürdig, gerade wenn es einem schlecht geht und man in der Lage ist, sich selbst die höchste Kraft und Geschicklichkeit einer freien Klugheit und erfinderischen Tüchtigkeit beweisen zu müssen, einen unbeteiligten Dritten anzurufen, den man sonst weder gebraucht noch gekannt hat. Warum soll er gerade in der Not und Gefahr auf einmal der »liebe« Gott sein? Andere mögen es anders halten, ich bin auf mich gestellt und denke, jeder Mensch macht auf irgendeine Weise sich selbst zum Gotte, seine eigene Torheit und Güte, Hilflosigkeit oder Gabe, um sich dann gläubig auf den »lieben« Gott auszureden, wenn es schief oder gut 99 geht. Ich glaube an mich, und da ich keine Hilfe von oben erwarte, bin ich auf mich selbst angewiesen, aber auch gesonnen, alles auszunützen und mich sorgsam aller Möglichkeiten zu bedienen, welche diese Welt demjenigen bietet, der sie richtig zu fassen und zu gebrauchen weiß. Darum sollst du dich auch nicht wundern, daß ich, ein so ungläubiger Thomas, meine Geliebte in ein Kloster stecke und den Frommen zur Erziehung und Hilfe anvertraue. Eben dieses Kloster, eben die Frömmigkeit der anderen Menschen bietet auch hier einen guten Weg durch die Gefahr, den wir wohl oder übel benützen müssen. Du wirst es immerhin schwer haben bei deiner eigenen selbstverständlichen Gleichgültigkeit einem doppelt fremden Glauben gegenüber, dich den frommen Zuständen zu fügen. Aber auch das ist die Aufgabe jedes klugen Menschen, die Verhältnisse, in die er sich begeben muß, so zu nehmen, wie sie sind, sich ihnen geschickt anzupassen, aus ihnen Nahrung und Gewinn zu ziehen, wie es nur möglich ist und dabei seine eigene Freiheit still in der Brust zu bewahren und zu stärken, um, einmal des Zwanges entledigt, desto besser versehen zu sein. Nimm also diese umgebende Frömmigkeit nicht nur 100 geduldig an, sondern lerne auch, sie völlig zu verstehen und alle Geheimnisse des Glaubens zu durchdringen, weil das einzige Mittel der Armen, sich in der Welt zu behaupten: die sogenannte Bildung darin besteht, alles, was ringsum von Menschen gewußt wird, alle Übungen, Sitten, Gebräuche durch bereitwillige, eifervolle Erkenntnis zum Besitze zu machen. Was man lernt, ist am Ende bei der Unendlichkeit der vorhandenen Gegenstände fast gleichgültig, denn von überall kann sich der Geist Nahrung verschaffen und davon leben und das Dasein selbst aus dem Widersprechendsten Gewinn ziehen. Verschüttete Grubenarbeiter haben ihr Leben schließlich dadurch gefristet, daß sie am Holz ihrer Wägelchen nagten. Warum solltest du nicht auch deinen Geist ebenso von der Frömmigkeit nähren, selbst wenn sie leider ein dürres Holz ist. Aber du wirst dabei immerhin Gelegenheit finden, deinem Verstande andere Nahrung zuzuführen, hoffentlich werden die frommen Schwestern auch die Gegenstände des weltlichen Wissens nicht ganz außer acht lassen, so daß du dich auch daran wirst halten können. Vor allem aber sei fleißig, sittsam, unermüdlich. Da man dir immerhin Wohltaten erweist, mache dich durch das gewünschte Benehmen würdig, sie zu 101 empfangen. Gott sei Dank, kann selbst der eifersüchtigste Wohltäter nicht mehr verlangen, als das schönste Betragen, auf die innersten Gedanken darf er nur Anspruch erheben, wenn auch seine Gaben wert sind, aus der tiefsten Seele mit vollem Gefühl erstattet zu werden. Das ist die Gerechtigkeit des freien Menschen, in seinem Herzen Empfangenes ebenso zu erwidern, wie es geschenkt worden: mit genauem Maß, wenn es dürftig war, reichlich und im Überfluß, wenn es aus der Verschwendung der Güte gespendet wurde, was aber nur selten vorkommt. So wirst du dich den Menschen angenehm machen und doch deine Freiheit wahren, so daß du an jedem beliebigen Tage heraustreten kannst mit heiterer Stirne und unbeschwertem Herzen, wissend, daß du bei allem Trachten der Leute doch nicht geworden, was sie aus dir machen wollten, sondern du selbst geblieben bist. Sollte es aber wider alles Vermuten und alle sicheren Überzeugungen eines geordneten Verstandes einen Gott dennoch geben, ich setze nur den Fall, so könnte er doch bloß solche Menschen achten, die sich derart frei und sicher gehalten haben, daß sie jederzeit dastehen können und sprechen: ich bin immer ich selbst geblieben, mich hat kein Gebet umgestimmt, keine Not verändert, 102 aber ich habe gelernt und gearbeitet und weiß was Rechtes, vor allem habe ich mich behauptet und dich nicht bemüht, lieber Herr.« Derlei sprach er manches zu der armen Sonja, freilich nicht in so gesetzten Worten, die ich nur nach meiner Weise andeuten und fügen kann, sondern sicherlich um vieles nüchterner, einfacher, ohne jeden Schmuck, wie es eben in seiner durchaus kühlen, klaren Natur lag. Aber der Sinn war wohl so und es mochte als eine Art Glaubensbekenntnis eines zuversichtlichen Egoisten gelten, der die Welt für sich ausnützt und zum Reich seiner Erfüllungen macht, ohne anderseits einen gewissen guten Kern und Halt zu verleugnen, indem er gar wohl fähig war, auch ein anderes Wesen zu lieben und zu betreuen und durch die Wirrungen des Daseins zu führen. Bei diesen und ähnlichen Reden war es längst Mitternacht geworden, Wolken waren heraufgezogen, ein starker Wind sauste durch die vollen Bäume und es war merklich kühl. Sonja fröstelte bei den Lehren und bei der Witterung und war so müde nach der langen Reise, den Irrfahrten des Tages und der ruhelosen Nacht, daß sie nach einem stillen warmen Bett Verlangen trug. Aber sie durfte sich eine solche 103 Schwäche nicht merken lassen und schmiegte sich nur enger an ihren Lehrer an, nickte, wenn sie eine Zeitlang auf einer Bank saßen, wohl auch im Halbschlummer ein, um wieder, wenn er lauter sprach, ängstlich zu erwachen und seine Worte durch eifrige Bejahungen und unbedingte Zeichen der Zustimmung zu bekräftigen. Er aber benützte diese Gelegenheit, der jungen Geliebten seine wohlgemeinten Ratschläge zu erteilen und dabei sein eigenes volles Herz vertraulich auszuschütten. Denn er war sicherlich noch einsamer, als sie, längst gewöhnt, vor der Welt sein Inneres sorgfältig zu verschließen und hatte nur dieses halbe Kind, dem er sich getrost eröffnen konnte. Wenn er auch wußte, daß sie ihn nicht, oder nur halb, oder gar falsch verstand, so hörte sie doch geduldig zu, und er bedurfte dieser liebenden Teilnahme, denn schließlich war er selbst bei all seiner Weisheit ja auch noch jung und nicht selbstsüchtig genug, eben seine Erkenntnis für sich allein behalten zu wollen. Und das macht die Liebe und zärtliche Geduld eines Weibes dem Manne so teuer, daß er, was er im Innersten will und fühlt und weiß, guten Mutes bekennen darf. Ob verstanden oder nicht, schließlich antwortet doch ein sanftes Echo seiner Stimme und er 104 ist glücklich, in der weiten Öde der Welt sich nicht ganz allein fühlen zu müssen. Allmählich geriet die dunkle Stadt in Bewegung, allerlei Marktfuhrwerk rasselte durch die Straßen, in den Bäumen schien nach dem Schlaf der Nacht ein Leben wieder zu erwachen und mit einem Mal hörte man ringsum Hahnenschreie. Er war Morgen. Rüstig erhob sich der Oberleutnant, rieb sich die schweren Gedanken seiner Ungläubigkeit und Lebensklugheit aus den Augen, auch Sonja fand sich wieder munterer und sie folgten den Karriolen nach dem Rathause, wo sich der tägliche Markt eben zu seinem lauten Angebote rüstete. Hier gedachten sie, sich ein bescheidenes Frühstück zu verschaffen. Sie kauften sich also einen tüchtigen Laib Brot und ein stattliches Häuflein gesäuerten Krautes, welche Speise sie vor allen andern bevorzugten und suchten damit einen stillen Winkel auf, um die ersehnte Mahlzeit ruhig zu verzehren, denn nachher mußte Abschied genommen, Sonja in das Kloster eingeliefert werden. Der gewünschte Platz bot sich wieder auf einer Bank unter Bäumen vor einer alten katholischen Kirche, wo zur Zeit die Frühmesse abgehalten wurde. Man hörte draußen die Orgelklänge und das leise Summen der 105 Andacht. Eben bereiteten sie sich, das Frühstück zu verzehren und Sonja schnitt das schwarze Brot an, als sie plötzlich den Oberleutnant erschrocken anstieß, denn aus dem Kirchentor trat, das Gebetbuch in der Hand, die Gräfin, die als fromme Gläubige in aller Frühe ihre Morgenandacht gerade in diesem Gotteshause verrichtet hatte. Leider waren sie bereits bemerkt worden, rasch schob Roszkowski das Sauerkraut in die Tasche seines gelben Überziehers, das Brot in die andere und erhob sich schleunig, die Gönnerin gebührend zu begrüßen. Diese musterte nicht ohne merkliches Erstaunen das Paar, denn der stattliche Offizier sah in seinem Wanderinkognito bedeutend reduziert aus und auch Sonja schien verschlafen, ungewaschen und zerzaust, weit weniger sanft, nett und zierlich, als gestern. Aber die gewinnende, nie versagende Liebenswürdigkeit Roszkowskis machte alles gleich wieder gut. Auf die fragende Ansprache der Gräfin, daß sie zuerst ihren Augen gar nicht getraut habe, ihn in Zivil zu erblicken, erwiderte er, auf seine eigene Gestalt lächelnd hinabsehend, er komme sich selber in diesen niedrigen Reisekleidern wie verzaubert und als armseliger Bettelmann vor. Doch habe er bei der Eile der 106 Fahrt außer seiner gewohnten Uniform nur eben, was ihm an alten Kleidungsstücken gerade in die Hände gefallen, zusammengerafft, um sich nicht unnütz mit Gepäck zu beschweren. Zugleich erlaube er sich, über den günstigen Ausgang seiner gestrigen Unternehmungen voll Dank Bericht zu erstatten, Sonja sei aufgenommen, habe bereits ihre Habseligkeiten im Kloster untergebracht und hoffe, recht bald solches Wohlwollen durch die tadelloseste Führung zu erwidern. Die vielversprechende angehende Schülerin machte bei diesen Worten den verheißendsten Knix. Nach einer im Hotel verbrachten Nacht hätten sie beide die Morgenfrühe zu einem ersten und letzten Spaziergang in der Stadt benützt, da das Kind doch um acht Uhr im Kloster einzutreten habe und er selbst gleich danach wieder in die Heimat zurückreisen müsse, dabei wies er auf die Schachtel, die er im Arm trug, welche seine militärische Würde verwahrte. Während er dies und anderes auf die verbindlichste Art vorbrachte, bemerkte er plötzlich, daß die Gräfin eigentümlich die Nase rümpfte und zerstreut umherblickend einen peinlichen Geruch einzuatmen schien, dem sie betroffen mitten im Gespräch nachspürte. Da gedachte er des schönen unverspeisten Sauerkrautes und streifte mit verstohlenem und 107 zornigem Blick das vergällte Frühstück, welches, einzelne weißgelbe krause Blätter empordrängend, aus der zu engen Tasche ans Tageslicht strebte und den guten Saft in einer merklichen Spur längs des gelben Überrockes verräterisch niederrinnen ließ. Im Augenblick erwog er, daß für diese eigentümliche Nahrung eine passende Ausrede und Entschuldigung vorzubringen, wohl zu weitläufig sein dürfte und am Ende das Mißtrauen nur verstärken könne, daß zudem die gute Dame alles Nötige ohnedies getan habe, so machte er der Unterredung ein Ende, empfahl sich mit der stattlichsten Verbeugung der weiteren Huld und küßte der Gräfin die Hand, welche kopfschüttelnd mit erstauntem Lächeln dem sonderbaren Paare nachblickte, das eilends davonschritt. Nachdem die Betretenen endlich ein ungestörtes Plätzchen getroffen hatten, wo sie sich vom ausgestandenen Schrecken erholten und einigermaßen bestürzt das unglückselige Sauerkraut leider allerdings ohne rechte Lust verzehren konnten, suchten sie – Roszkowski hatte wieder in einem abgelegenen Orte die Uniform angetan – das Kloster auf und fanden in der Sorge um den unliebsamen Zwischenfall nicht einmal mehr Zeit und Laune, dem Schmerz des Abschieds nachzuhängen. 108 Freilich, als Sonja im kahlen Sprechzimmer ihrem Vormund Lebewohl sagte, weinte sie heftig und beugte sich bewegt über seine Hand, die sie inständig küßte. Er aber strich ihr sanft über das schwarze Haar, empfahl sie nochmals der Güte der frommen Schwestern, versprach, sich zeitweilig nach ihren Fortschritten zu erkundigen, erbat sich gelegentliche Berichte hierüber und ging dann eilends fort, die Schachtel mit den Zivilkleidern unter dem Arm. Im Bahnhof wechselte er abermals seine Tracht und fuhr »stehenden Fußes« nach Österreich zurück, während Sonja sich ihrem neuen Schicksal ergab. 109 Der zweite Name Ernst Roszkowski unternahm seine große Palästinareise zu Schiffe in der ausgewählten Gesellschaft, der er sich, wie schon erwähnt, nützlich und unentbehrlich zu machen wußte. Er besichtigte die berühmten Stätten des heiligen Landes als interessierter Pilgrim. Was ihm hierbei an Abenteuern und Zufällen begegnete, bleibe jetzt unerzählt, nur von seiner Rückkehr möchte in Kürze einiges berichtet werden. Er landete nämlich in Neapel und saß an einem Tischchen einer Trattoria am Hafen, mit Bedauern der arg zusammengeschmolzenen Barschaft gedenkend, die seinen Urlaub auf unfreiwillige Art bedeutend zu verkürzen drohte. Der Anblick des Vesuv, des heiteren Meeres, der mitten durch die Straßen getriebenen Schaf- und Ziegenherden, die dem Durstigen ohne weiteres einen Trunk boten, indem man ein Tier, wie 110 es dastand, molk und den Becher mit schäumender warmer Milch verkaufte, das klare, helle Licht des südlichen Himmels, alle diese Wunder sind dem nordischen Fremdling um so teurer und im herrlichsten Dasein zugleich um so sehnsuchterweckender, je näher die schlimmste Drohung winkt, sie bald verlassen zu müssen, und selbst ein nüchterner Geist, wie unser Freund, empfindet eine selige Angst vor dem Abschied. Jeder neapolitanische Bub, der auf dem Molo an einem schmalen Mäuerlein liegt, den Kopf in die Arme gedrückt, den Rücken der warmen Sonne zugewandt und inmitten des Lärmes schlummert, hat Anteil an diesem gemeinsamen Glück des Daseins, welches im Grunde ein einziges Gebet ist: hier recht lang leben zu dürfen, in der lichten Heimat. An einem Nebentische saßen drei Leute, Deutsche, vor sich eine große bauchige Flasche roten Weins, sie spielten Karten, lachten, schwatzten und warfen mit ihren Geldstücken herum, als wären diese wild gewachsen. Einer seufzte ingrimmig auf: »Just morgen soll ich Unglücksmensch nach Palermo reisen und Schmetterlinge sammeln, als hätte ich nichts Gescheiteres zu tun, als wäre es nicht gerade hier bei euch, meine Lieben, in Neapel am allerschönsten.« 111 »Aber bedenke doch: Der Jupitertempel und die Schmetterlinge und die deutsche Wissenschaft, die durch dein Stipendium gefördert wird, Pflichtvergessener. Das Reisen ist eine schöne Sache, besonders auf Staatskosten!« »Mir soll der Staat und die Wissenschaft bei Nacht begegnen. Dann können sie bei Gelegenheit meine Geliebte treffen, die ohnedies auf die Wissenschaft schlecht zu sprechen ist. Verschwinde ich aber morgen, wie ich soll und muß, dann gnade mir Gott. Warum bricht der Vesuv gerade heut nicht aus? Morgen geht mein Schiff! O, ich armer Narr, der ich doch, in aller Welt gerade ich, wegfahren muß, nach Schmetterlingen! Einen gescheiteren Reisezweck konnten sich die guten Gönner gar nicht ausdenken, als die Schmetterlinge von Sizilien.« Mit einer freundlichen Verbeugung näherte sich Roszkowski den Fremden und sprach sie mit treuherzigen deutschen Worten an, die ihm gar bald ihr Vertrauen erwarben, so daß sie ihm einen Becher Wein einschenkten und ihn an ihrer Heiterkeit und ihrem Kummer teilnehmen ließen. Der blonde Forscher erzählte ihm gleich seinen Schmerz. Er war von einer Hochschule Deutschlands, von einer der vielen 112 heimischen Betriebsstätten der zärtlichsten wissenschaftlichen Zwecklosigkeit mit einem ansehnlichen Stipendium nach Italien geschickt worden, um Schmetterlingsforschungen zu treiben und insbesondere eine Sammlung der sizilianischen Falter anzulegen. Aber, nachdem er ein halbes Jahr lang durch Mittelitalien gewandert war und nun in Neapel sich in ganz andere, bessere Unternehmungen eingelassen hatte, verursachte ihm der Zweck seiner Reise peinlichen Verdruß, und er fand, daß ein Mann wie er, schließlich Besseres zu tun habe, als Schmetterlingen nachzujagen. War denn nicht ein schönes, schwarzes Frauenzimmer ein edlerer Falter, als das farbigste Nachtpfauenauge, und war nicht jeder glühende Tag Neapels und seines jungen Lebens ein entflatternder Schmetterling, dessen Flügel das unwiederbringliche Gold der herrlichsten Zeit schwebend vor dem heißen Blick zittern ließen? Roszkowski machte einen ernsten Vorschlag. Er sei gegen einen bescheidenen Anteil der ausgeworfenen und verfügbaren Reisesumme, der ihm eben den Aufenthalt ermöglichte, bereit, an Stelle des hoffnungsvollen, aber verzweifelten jungen Gelehrten nach Palermo zu fahren; Schmetterlinge zu fangen, auszuspannen und in Korkbüchsen ordentlich zu verwahren, wisse er von 113 seiner Knabenzeit her, wo er mit ungemeiner Sorgfalt einst das Wappen Podoliens aus verschiedenfarbenen Schmetterlingen: Bläulingen, Weißlingen, Trauermänteln, Distelfaltern, Pfauenaugen, Eulen, Seglern, Zitronenfaltern, Auroren, Blutstropfen, Spannern, Schwärmern, Apollofaltern aufs kunstreichste dargestellt habe, welches noch heute in der Kadettenschule zur allgemeinen Bewunderung ausgestellt sei, er habe sich gerade für diesen Zweig der zoologischen Wissenschaft seit jeher aufs lebhafteste interessiert. Wenn er auch freilich die nötigen Spezialkenntnisse auf diesem Gebiete sich anzueignen später leider keine Gelegenheit mehr gehabt, sei er doch bereit, das Versäumte bei so günstigem Anlaß nachzuholen und schätze sich glücklich, auf diese Weise sowohl einem sympathischen Manne, als auch seinem eigenen Wunsche dienen zu können. Der Herr werde ihm doch sicherlich die erforderlichen Werke zur Verfügung halten können. Und dann käme es ja zunächst nur auf die Zusammenstellung des Materials an, dessen wissenschaftliche Verarbeitung der junge Gelehrte ganz wohl hier in Neapel vorzunehmen in der Lage sei. Genug, der abenteuerliche Vorschlag wurde von der abenteuerlichen Laune als der selbstverständlichste und 114 großartigste Ausweg angenommen. Gegen eine ehrenwörtliche Zusicherung des fleißigsten Schmetterlingsammelns in Syrakus und Palermo erhielt der rettende Geist eine hübsche, nach seinen Begriffen und Bedürfnissen reichliche Summe Geldes, ein paar große, grüne Netze, etliche geeignete Büchsen, ein Mikroskop, drei notwendig orientierende Bücher eingehändigt und reiste an Stelle des gelehrten Stipendiaten am nächsten Morgen für einen Monat nach Palermo auf Schmetterlingsjagd und ließ sich sowohl das neue Studium, als auch die Kunde von Land und Leuten angelegen sein, durchstreifte Ebenen und Höhen, bestieg den Ätna, wanderte unter Tempeltrümmern, begleitete Hirten mit ihren Herden, schoß mit jungen Jägern nach den kleinen Singvögeln, die er sich unter den glänzenden Sternen am einsamen Feuer briet, schlief zur Nacht auf den warmen Steinen; kam er bei Tag mit Schmetterlingsnetz und Büchse durch strotzende Obstgärten, so erwarb er sich die herrlichste Nahrung, duftende Pfirsiche, herbe Trauben, saftige Feigen aufs wohlfeilste in Abwesenheit des Besitzers, kurz er lebte eine wunderbare Zeit, die er um so seliger genoß, als es ihn nichts kostete, wodurch jeder Gewinn in der Welt recht eigentlich vervielfacht wird, denn es ist nicht zu 115 leugnen, ein gefundener Kreuzer freut inniger, als ein erarbeiteter Gulden. Nach Neapel zurückgekehrt, übergab er die ansehnlichste Schmetterlingssammlung der vollständig durchforschten sizilianischen Arten seinem Gönner zur weiteren wissenschaftlichen Bearbeitung und gedachte über Marseille schließlich heimzureisen. In dieser Stadt erwog er, wie schade es eigentlich wäre, bei dieser Gelegenheit die Riviera zu versäumen. Aber seine Barschaft war nur mehr sehr knapp. Er berechnete, daß er zwar Geld genug besitze, um von Genua nach Hause zu fahren und dabei, sparsam wie immer, für Essen, Trinken und Quartier, soweit er eines nötig hatte, aufzukommen, aber für die Strecke von Marseille bis Nizza, die er doch nicht wohl zu Fuß durchgehen mochte, blieb ihm nur wenig übrig. Von Nizza bis Genua gedachte er die herrlichste Wanderung anzutreten, aber wie würde er nach Nizza kommen? Nach seiner genauen Rechnung durfte er sich diese Fahrt vierundzwanzig Franken kosten lassen, nicht einen Rappen mehr. Der Schnellzug aber, den er benützen mußte, um die seinem Vermögen angepaßte strenge Reisezeit zu wahren, erforderte gerade fünfundzwanzig Franken. 116 Seine Erfahrung lehrte ihn, eben aus der größten Eile den möglichsten Vorteil zu ziehen. Er wartete daher den Abgang des Schnellzuges bis zur letzten Minute ab, stürzte voll Hast an den Schalter, verlangte ein Billett nach Nizza, warf seine vierundzwanzig Franken, gänzlich in Kleingeld umgewechselt, als einen wüsten Haufen vor den Kassierer und stürmte zum Zug. Leider aber hatte der Kassierer, noch bevor sich der Fahrgast auf den Waggon schwingen konnte, die Summe abgezählt und zu gering befunden. Schon pfiff die Lokomotive, schon stand Roszkowski auf dem Trittbrett, schon wollte sich die stampfende Masse ins Rollen setzen, als ein Schaffner dem letzten Passagier mit atemlosen Gebärden winkte und ihm in französischer Sprache zurief, er möge einen noch fehlenden Franken nachzahlen. Trotzdem Roszkowski auf deutsch und polnisch diesen frechen Burschen nicht zu verstehen versicherte und kühl die Tür zum Wagen öffnen wollte, zog ihn der Schaffner rasch und unnachsichtig wieder die Treppe hinab, und kaum stand er auf dem festen Erdboden, als der schöne Schnellzug brausend aus der Halle das Weite suchte. Dem zur Kasse zurückgeleiteten fremden Herrn wurde dort auf das eifrigste bedeutet, daß er zu wenig gezahlt habe, da die Karte 117 fünfundzwanzig Franken koste. Roszkowski seinerseits erklärte auf deutsch und polnisch, er habe den richtigen Betrag hingelegt, es sei seine Schuld nicht, wenn man hier den Reisenden so übervorteile und hindere. Aber um ernsteren Konflikten auszuweichen, gab er schließlich das durch den Abgang des Zuges ohnedies für ihn entwertete Billett zurück, strich seine vierundzwanzig Franken ein und stand betrübt im Bahnhofe, den er vor wenig Minuten auf das sinnreichste zu verlassen gedacht hatte. Doch belehrte ihn der Fahrplan, daß er nicht alle Hoffnung aufgeben müsse. In drei Stunden ging nämlich abermals ein Schnellzug, wenn er diesen in der nächsten Station erreichte, langten seine vierundzwanzig Franken zur Fahrt nach Nizza, und er hatte keinen Tag versäumt. Aber er mußte sich sputen und unbedingt längs der Bahn gehen. Die Fahrstraße führte, wie er wußte, in zahlreichen, zwecklosen und zeitraubenden Windungen weit über den Schienen, in die Höhe der Uferberge empor. Schlug er diese Chaussee ein, so konnte er keinesfalls zurecht kommen. Eilends machte er sich also auf, hatte bald die unangenehme Stadt im Rücken und ging längs der Schienen weiter. Diese boten aber nun gar keinen Fußweg mehr, sondern 118 fielen an einer Seite in raschen Haldendämmen ab, während an der andern eine steinige Lehne steil emporstieg, die hoch oben die verpönte Straße zeigte. Er hielt sich nun zwischen dem Geleise in der Fahrtrichtung. So oft ein Bahnwächter kam und ihn von dem gefährlichen Pfade verscheuchte, tat er dankbar und höflich, wie ein Verirrter, der den richtigen Weg verloren, kroch die Lehne, die zur Straße führte, scheinbar gehorsam empor, bis der Wächter außer Sicht war, um dann hurtig wieder den Schienenweg zu gewinnen. Nun ist aber diese schöne Uferbahn durch ein mannigfaltiges Felsterrain gelegt, wobei die stärksten Bergvorsprünge unterirdisch von Tunnels geradewegs bezwungen werden. Er mußte also seine Straße durch solche dunkle Schächte nehmen. Das war freilich nicht ganz ungefährlich. Aber auch hier half er sich auf ebenso einfache, wie sinnreiche Art. Er mußte nur trachten, in der Finsternis nicht die Schienen zu verlieren, längs deren er sich vorwärts bewegte. Einen entgegenkommenden Zug mußte er wahrnehmen und konnte sich durch einen Seitensprung retten, nur einen, der ihn rücklings überraschte, brauchte er zu fürchten. Daher hielt er sich an die Schiene der Gegenrichtung, streckte die Krücke seines bewährten Regenschirmes an den 119 leitenden Stahl und wanderte wie ein Blinder, von dem festen ehernen Pfad, an den er seinen Schirm hielt, geführt, durch die Finsternis. Kam ein Zug entgegen, so sprang er auf die andere Schiene, ließ ihn passieren, um dann ungehindert wieder das verlassene Geleise aufzusuchen, auf dem er schließlich genau nach seiner unfehlbaren Berechnung zur nächsten Station gelangte, wo er unangefochten das mühsam erkaufte, um einen Franken billigere Billett lösen und den Schnellzug besteigen konnte, der ihn nach Nizza brachte. Endlich muß auch die sinnvollste, sparsamste und genaueste Reise mit dem letzten Gulden ihren letzten Seufzer tun und aus sein. Er fand sich daher eines Tages, an Erinnerungen und Aufzeichnungen reicher als an Barschaft, neuerlich in seiner Festung. Hier war es höchste Zeit, wieder an seinen Schützling zu denken, von dem er eine Anzahl nicht gerade froher Briefe vorfand. Wenn Sonja auch zu stolz und zu vorsichtig war, geradeaus um Erlösung aus ihrer Klostergefangenschaft zu bitten, konnte er doch zwischen den Zeilen von ihrer argen Not lesen. Sie schrieb, daß ihr die Frömmigkeit große Mühen bereite, um so mehr, als sie ein Übermaß davon aufbieten müssen, die Mängel ihrer Kenntnisse und ihres Fortganges 120 vergessen zu machen. Durch ihren unzulänglichen Bildungsweg bedenklich zurückgesetzt, konnte sie offenbar die in geordneten Verhältnissen herangewachsenen Gefährtinnen in den Schulgegenständen leider nicht erreichen und sich die Nachsicht der frommen Schwestern nur durch bittere Werke des Glaubens erwerben, um in der heiligen Anstalt mühselig Duldung zu finden. So mußte sie morgens mit dem Frühesten auf den kalten Fliesen der Kirche betend knien und in Andacht versunken sein, tagsüber außer den Aufgaben, in denen sie sich nicht zurechtfand, köstliche Altardecken und Meßgewänder anfertigen, wobei sie ihre Augen so anstrengte, daß sie von der Arbeit und den vielen Tränen, die sie weinte, bereits trüb und blöde geworden. Es sei für ein ungläubiges verlassenes Geschöpf wie sie, doppelt schwer, stündlich der Frömmigkeit zu opfern, und eben diese angestrengte Gläubigkeit verleide ihr umso tiefer alles, was der Umgebung so teuer und selbstverständlich scheine. Der heilige Name des Erlösers werde ihr jeden Tag wie der bitterste Hohn vorgehalten, indem sie statt erlöst, recht eigentlich gefesselt sei und durch eine Art frommer Folter ihr armseliges bißchen Leben auf dem Altar des Glaubens kreuzigen müsse. Freilich drückte sie diese Gedanken, deren 121 Aufruhr sie als das wilde Naturwesen, das sie bei allem Anschein von ehrbarer Gesittung blieb, nur in den kindischsten und hilflosesten stammelnden Andeutungen aus, aber ihr Beschützer kannte sie gut genug, um sie völlig zu durchschauen. Ihre kindliche Bedrängnis stand ihm deutlich vor Augen. Zudem war er jetzt jeder überflüssigen Barschaft entledigt und konnte das Monatsgeldchen, das er ihr zu schicken hatte, nicht mehr entbehren. Er wollte sie daher unbedingt aus ihrer jetzigen Gefangenschaft abziehen und dadurch auch sich eine gewisse Erleichterung verschaffen. In einem halben Jahre mußte er nach seinen Berechnungen ohnedies nach Wien zur Kriegsschule kommandiert werden. Es galt also, bis dahin sie anderswo unterzubringen, wo es billiger und leichter geschehen könne. Von dem deutschen frommen Bildungswesen war er wohl endgültig abgekommen. Was sie in dieser Schule versäumt hatte, würde sein eigener Unterricht leicht ergänzen können. Vorerst tat ihr körperliche Freiheit, ja Anstrengung not, um sie aus dem geistlichen Eifer wieder tüchtig herauszuholen. Sollte er sie aber nach Wien mitnehmen und dort weiter für sie sorgen, so mußte er sich endlich auch in seinem Staate irgendeine Art von bürgerlicher Legitimation dazu verschaffen. 122 Als vermögensloser Offizier, der zudem an seinem Stande hing, ehrgeizig war und eine höhere Stufe erreichen wollte, durfte er nicht daran denken, sie zu heiraten, sondern nur, sie mit der geeignetsten Bildung zu irgendeiner Art von Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu erziehen, so daß sie sich in der Welt behaupten konnte. Vor der Gesellschaft mußte also das Verhältnis, um ihr wie ihm nicht zu schaden, dauernd als eine Vormundschaft aufrecht erhalten und jeder Verdacht einer zärtlichen Gemeinschaft vermieden werden. Um vor möglichen, ja wahrscheinlichen Nachforschungen gesichert zu sein, galt es, diese Vormundschaft auch dokumentarisch zu erweisen. Die in Breslau so leicht erwirkte Bescheinigung von Sonjas angeblicher Herkunft konnte in Österreich leider keineswegs genügen. Auf einem Manöver unweit von Lemberg war er einmal in ein kümmerliches Dörfchen geraten, wo er sich den Starosten, einen schlauen und zugleich kläglich armseligen Bauern, verpflichtet hatte, indem er ihm bei der Einquartierung allerhand Vorteile zugewendet. Diesen, einen gewissen Kobierski, suchte er jetzt auf, erzählte ihm, wie seinerzeit den Nonnen zu Breslau, die merkwürdige Geschichte von Sonjas Herkunft und seinem Treuschwure und bat ihn um 123 Ausstellung eines Scheines, durch welchen er zum Vormunde des Kindes ernannt werde. Er fand bei ihm selbstverständlich als der vornehme Offizier, dem sich der schmutzige Bauer nur mit unterwürfigen Küssen des Mantelsaumes zu nähern gewohnt ist, nicht so sehr Glauben, als unbedingte Bereitwilligkeit, die unter Umständen nützlicher ist, als alle Überzeugung. Bei dem nächsten Bezirksgerichte wurde auf Grund der Aussage des Gemeindevorstehers und des Oberleutnants ohne genauere Erhebungen die Ernennung vollzogen, und hiedurch Roszkowski in die Lage gesetzt, für die Zukunft vor aller Welt auf seine Verpflichtung dem Mündel gegenüber hinzuweisen. Zugleich erklärte sich der Starost bereit, für eine Zeit Sonja zu beherbergen, die auch in seiner Wirtschaft mithelfen sollte. Er erwarb derart eine Magd, ohne für Lohn aufkommen zu müssen, während der Oberleutnant sie solange, bis er sie nach Wien nehmen konnte, in aller Vorsicht bei ihm unterbringen durfte. Gleich begab er sich nach Breslau, stellte sich im Kloster wieder in aller Stattlichkeit vor und verlangte Sonja zurück, die ihm zwar unter lebhaften Beteuerungen des Bedauerns, aber doch bereitwillig ausgefolgt wurde. Man betonte ihre unermüdliche Frömmigkeit und stete 124 Glaubensbereitschaft, zeigte ihm die schönen Meßgewänder, die sie während ihres Aufenthaltes gestickt und überging die geringe Tüchtigkeit in den Lehrgegenständen mit zartfühlendem Stillschweigen, doch war aus der Leichtigkeit, mit der man sie freiließ, zu erkennen, daß sich alle Teile aus einer gewissen Verlegenheit erlöst fühlten. Sonja war in der Zeit nicht sonderlich gewachsen, wohl aber abgemagert und erschien recht blaß und verhärmt, ja ihre Züge hatten sich in der Umgebung den gemeinsamen Ausdruck der vertieften, fast verstörten Gläubigkeit und inneren Seligkeit angeeignet, der ihrem sonstigen lebhaften, raschen, wilden Wesen so entgegengesetzt schien, daß er sie gar nicht mehr recht wiedererkannte. Es war die höchste Zeit, sie endlich sich selbst zurückzugeben. Als er mit ihr allein war, wagte sie nur leise und allmählich ihre frühere Heiterkeit und Ungebundenheit zu äußern und bekannte sich endlich glücklich, erlöst zu sein. So fand Roszkowski keine besondere Schwierigkeit, sie zu überreden, für kurze Zeit bei dem Starosten in eine Art von Dienst zu treten. Er schilderte ihr die Zustände der ländlichen Freiheit und dörflichen Zwanglosigkeit mit den heitersten Farben und stellte ihr überdies die bevorstehende Vereinigung und die Reise nach Wien in 125 nahe Aussicht. Dankbar und bereitwillig folgte sie ihm in das dürftige Nest und wenn sie sich auch in der schmutzigen Bauernhütte, wohin sie schließlich geführt wurde, um dort einige Zeit zu verweilen, ein bißchen enttäuscht und erstaunt umsah, ließ sie doch die unterwürfige und kriecherische Freundlichkeit des Starosten mit Behagen über sich ergehen, da sie zum erstenmal wieder nach langer Zeit das Gefühl der Herrschaft und Vornehmheit an Roszkowskis Seite genießen durfte und gar nicht ahnte, daß der knechtische Bauer etwa sein Betragen wandeln könne, wenn der gefürchtete Offizier ihm den Rücken gekehrt. Beruhigt reiste dieser nun in seine Festung zurück und ließ Sonja in der neuen Umgebung. Da mußte sie nun gleich auf das schmerzhafteste die Veränderlichkeit der Menschen erfahren. Kaum war sie von der Bahn in die Hütte ihres neuen Herrn zurückgekehrt, als dieser sie mit unsanften Worten aufforderte, zur Arbeit zu greifen. Gleich mußte sie ihre Kleider ablegen, deretwegen er sie bitter höhnte, ob sie denn glaube, in diesem Staat herumgehen und die Schweine hüten zu können. Als sie ihn zweifelnd ansah, näherte er sich drohend und machte Miene, ihr das Gewand mit eigenen Händen vom Leibe zu ziehen. 126 Empört wies sie ihn mit einer stolzen Gebärde zurück, was er sich unterstehe, ob er denn nicht wisse, wer sie sei und wie er sich ihr gegenüber zu benehmen habe. Grinsend schrie er sie an, er wisse nur allzugut, daß sie ein Offiziersbankert, der jedem Menschen zur Last falle, ihm ins Haus gesteckt worden sei, um endlich zu arbeiten und zu irgend etwas zu taugen. Sonja fauchte und drohte zornig, sie werde unverzüglich dem Oberleutnant schreiben und ihn um Hilfe anrufen. Das könne sie ja tun, er werde sich glücklich schätzen, einen solchen Mitesser wieder los zu werden, der vom Brote der Armen zehren wolle, ohne es sich zu verdienen, er habe sich nicht um eine solche Bettelfürstin beworben, sondern sei nur gezwungen worden, sie aufzunehmen; fort mit Schaden, wenn sie ihr Vormund, der edle Herr wieder hole, aber bis dahin habe sie ihm, dem Starosten zu gehorchen und er rate ihr in aller Güte, dies rasch und unbedingt zu tun, da er sonst eine gute Hand und seinen Stock anwenden werde. Damit stieß er sie an die Arbeit. Sie bekam ein zerrissenes Kittelchen, das kaum ihre Glieder bedeckte und schlief schlechter als jemals in ihrer Kindheit, wo sie doch auch kein Bett gehabt. 127 Die Hütte bestand aus zwei Verschlägen, in dem einen hausten die Schweine, deren Grunzen durch die Reiserwände drohend in den zweiten drang, wo der offene Herd seinen Rauch emporsandte, der durch eine runde Öffnung im Dach seinen Ausweg suchte. Vorher schlug er sich an die Wände, beizte die Augen und verunreinigte alles. In der Mitte des Raumes befand sich eine Grube, wo aller menschliche Unrat, alle Abfälle gehäuft waren und die Luft verpesteten, an der Wand lag Streu aufgeschichtet, auf welchem der Starost, sein Weib, eine stumpfe, einfältige, boshafte, magere, gierige, dreiste und schamlose alte Vettel, und sie selbst schliefen. Warm war es freilich in dieser aus Lehm und Reisig, aus Kot und Ästen mehr zusammengekneteten, als gebauten Behausung, aber diese Luft schien ihr immerhin noch fragwürdiger, als der Weihrauch der schönen großen Kirche, und wenn auch ungläubig, so doch inständig zu beten und zu knien ein geringeres Opfer, als mit Tagesanbruch sich zu erheben, gepufft, geschmäht, bedroht, sich in den anstoßenden Koben zu schleppen, die Schweine zu füttern, dann den Unrat aus der Grube aufs Feld zu führen, den Boden zu harken, mit Spaten und Pflug zu arbeiten wie ein Knecht, ein Brot zu essen, 128 das halb aus Hafer, halb aus Spreu zusammengebacken war und als beste Speise Kartoffeln in allen Gestalten, gesotten, gebraten oder als Brei. Abends fiel sie erschöpft und steif wie ein Stück Holz auf ihre Streu und hörte weder die unflätigen Reden ihres Herrn, noch spürte sie die Rippenstöße der Frau, die neben ihr lag. Sonntag ging sie mit dem Starosten und seinem Weibe in die Kirche, wobei sie den schmutzigen Kittel trug, während ihre eigenen armen Habseligkeiten der Alten zum Schmucke dienten, die damit einherprunkte. Von Schreiben war wohl keine Rede und es war nicht zu denken, daß sie ihrem Beschützer auch nur eine Zeile hätte zugehen lassen können, denn Tinte und Feder fand sie beim Starosten nicht. Wozu auch? So mußte sie tagaus und -ein das elende Dasein fortschleppen, hatte sie der Geliebte vergessen und preisgegeben, so würde sie wie ein räudiger Hund auf dem Stroh verrecken, ohne daß irgendwer auf der Welt nach ihr auch nur den Kopf wandte. Niemand wußte, wer sie war, sie hatte keine Eltern, keine Stätte der Heimat, keine schützende Herkunft, dem schlimmsten Geschick war sie entkommen, ohne Recht und Anspruch zu besseren Zuständen emporgehoben, um jetzt desto tiefer und rettungsloser hinabgestürzt zu sein in die 129 äußerste Verkommenheit. Wer sollte sich ihrer annehmen, wer sie befreien? Wen konnte sie anrufen, wen zum Zeugen des Unrechts machen, das ihr geschah? Und war es denn ein Unrecht? Warum sollte gerade sie aus tausenden elenden Geschöpfen auserlesen sein, auf Glück, Ordnung und Behagen Anspruch zu erheben? Da lag sie denn im Dreck und hätte Zeit gehabt, nachzudenken, warum die Irdischen einen Gott erfunden haben, Zeit, bitterlich zu fühlen, wie schön es wäre, einen Gott über dem Haupte zu wissen, das kein Mensch beschützt, einen Gott, der über dem Verlassensten wacht und die Sorge um den Elendsten nicht vergißt, der nicht nach Eltern und Beziehungen, nach Herkunft und Ausweispapieren fragt, sondern was er geschehen läßt, nach einem Plane fügt, den kein Unglücklicher ergründet. Aber sie glaubte nicht. Zu spät war Name und Begriff der Frömmigkeit und von fremden Worten ihr beigebracht worden, um besser als ein lauter Sehall in ihren Ohren zu tönen, den sie vergaß, sobald er verstummte. Sie war auf sich allein gestellt, recht wie ein kleines Tier, ohne Frage, ohne Bedenken, gewohnt, bei allem, was geschah, sich vor dem sinnlosen Zufall zu ducken, oder sich in ihm zu sonnen, der heute mürrisch, morgen freundlich ein 130 verlassenes Wesen unterwirft, heute in eine fremde Höhe emporzerrt, morgen in eine ungeahnte Tiefe hinunterstößt, kalt wie der windige Tag der Ebene, sternenlos wie die öde Nacht und unerbittlich wie nur die Unvernunft. Sie war aber nicht danach geschaffen, sich über alle Begebenheiten, in die sie gezogen wurde, viel Gedanken zu machen. Sie litt nur oder jubelte, wälzte sich in Seufzern oder hüpfte vor Freude, je nachdem sie getreten oder geliebkost wurde und hatte nur einen Wunsch, aus dem Elend wegzukommen, wie sie in guten Zeiten nur einen hatte, sich das Fell in der schönen Sonne so lang wie möglich wärmen zu dürfen. So lebte sie eine geraume Zeit, wußte kaum, ob Wochen oder Monate; kein Zeichen verriet ihr den Fortgang, die Dauer, den Wechsel der einförmigen Zustände, ein Tag kam und ging wie der andere; morgens spürte sie beim Aufstehen nicht einmal, ob und wie lange sie geschlafen, denn es schien ihr, sie habe eben erst das von Ungeziefer starrende Lager aufgesucht, abends fühlte sie nicht, ob sie hungrig oder satt sei, noch weniger merkte sie, welcher Wochentag hingegangen, konnte sie doch nur gerade hinfallen vor Müdigkeit, denn sie stand bei der steten Anstrengung in Schweiß und hatte keine Zeit, sich umzuschauen. Es 131 war ihr auch einerlei, dem Unglücklichen steht bloß das Unglück vor den Augen und er sieht nichts als seinen Jammer. Aber für den Elendsten kommt einmal der Augenblick, wo er, vom Schicksal unterjocht, in ungeheuerem Entschlüsse, seiner Herr wird und sich auf irgendeine Weise dem Zwang entzieht, sei es, daß das Ungemach den Lebenswillen gänzlich übermochte, so daß er selbst dem Dasein ein Ende macht, oder hingerafft wird, sei es, daß seine verhaltene Kraft im letzten Ansturm ihrer inne wird und ihn über sich selbst hinausreißt, daß er nicht einmal weiß, was er und wie er es überwunden. So stand sie eines Nachts wie im Traume auf, kroch wie damals vor zwei Jahren, als sie zu ihrem Beschützer floh, über den Körper der Frau, die neben ihr schlief, zog ihren schmutzigen Kittel an, schnitt einen Mugel Brot ab und steckte ihn zu sich, stahl aus der Tischlade ein paar Kreuzer, die das Barvermögen ihres Herrn ausmachten, gewann durch die unversperrte Tür der Hütte das Freie und ging davon. Wohin? Zu ihrem Beschützer wollte sie. Sie wußte nur, daß er in der Festung C. wohne, dorthin mußte sie kommen. Wie weit der Weg sei, und wie sie alle Schwierigkeiten der Wanderung überstehen könne, bedachte sie gar nicht. 132 Nur, daß in all ihrer Not ihre einzige Zuflucht bei ihrem einzigen Beschützer sei, war ihr selbstverständlich, sowie, daß die Eisenbahn, die er zur Heimfahrt benützt hatte, zu ihm führen müsse. Ohne daher weiter über den Weg nachzusinnen, begann sie längs der Bahnschienen über das ebene Land zu laufen. Es tagte, da war sie schon manche Stunde gerannt, damit sie der Starost nicht etwa einhole. Jetzt war wohl nicht mehr zu fürchten, daß sie erreicht und zurückgebracht würde. Darum setzte sie sich eine Weile auf einen Stein und erholte sich von ihrem atemlosen Rennen und von der ausgestandenen Angst. Mutiger erhob sie sich und ging nun langsam ihrer Wege weiter. Die Sonne brannte, aber sie spürte es nicht, die Sonne ging unter, aber sie sah es nicht, Wolken zogen herauf und die Nacht war da und es wurde plötzlich kalt, aber sie merkte es nicht, sie wanderte stumm und ohne anderen Gedanken, als an ihr Ziel dahin, sie ging und ging wie im Taumel, so daß sie gar oft an einen Stein oder Baum stieß und hinfiel und sich die Knie blutig schund, bis sie vor Müdigkeit umsank und mitten im Felde einschlief, in sich zusammengekauert und die Arme über den Kopf zusammengelegt, wie um sich vor Schlägen zu schützen. 133 So lag sie, bis wieder die Sonne schien und sie aufweckte. Darauf erhob sie sich gestärkt, verzehrte ihr Brot und ging weiter, bis es wieder Mittag wurde. Auf einem Felde fand sie Hirten, die an einem Feuer Kartoffeln brieten. Sie blieb ein paar Schritte vor ihnen stehen und fürchtete sich, den fremden Menschen nahezukommen. Aber der Hunger trieb sie schließlich näher. Die Leute taten ihr nichts zuleide und glotzten sie nur an, wie ein Tier das andere. Und als sie endlich unwillkürlich die Hand nach einer gebratenen Kartoffel ausstreckte, die gar zu verlockend in die Nase duftete, wehrte ihr keiner, so faßte sie sie und schlang sie hinab, eine zweite, eine dritte. Die Buben lachten. Endlich fragte sie einer, wohin sie gehe. Sie antwortete: nach der Festung C. Der grinste, das sei weit; sie fragte wie weit; zwei Tage vielleicht, oder drei. Sie nickte. Als sie satt war, machte sie sich wieder auf, ohne sich umzusehen, während die Burschen ihr nachblickten und murmelten. Am Abend brach ein Unwetter aus, sie lief im strömenden Regen immer längs der Bahn, bei jedem Blitz und Donner erschreckend, wie vor einer bösen Stimme, die sie anrief. Sie fand ein Gehöft, das unter dem 134 Sturm geduckt dalag. Sie hörte eine Kuh im Stall ängstlich muhen und brüllen und tastete sich diesen Lauten nach durch die niedrige Tür in den dumpfen, warmen, feuchten Raum, wo gerade noch ein Eckchen frei war, in das sie sich schmiegen konnte. Hockend schlief sie ein. Als sie erwachte, wußte sie erst nicht, wo sie war, dann roch sie den guten freundlichen Stallgeruch und sah in der Dämmerung die schmutzige weiße Kuh vor der Raufe stehen und hörte sie malmen. Sie schlich sich näher an das Tier heran, da sie Durst hatte. Unwillkürlich langte sie nach dem vollen Euter und beugte ihren Kopf darunter, molk ein bißchen und ließ sich die warme süße Milch in den Mund und über ihr Gesicht laufen und trank sich satt. Das gutmütige Tier, als geduldige Milchmutter daran gewöhnt, ließ es geschehen. Dann seufzte Sonja befriedigt auf und schlich wieder davon, ohne daß sie von irgendwem gesehen worden. So ging sie den zweiten Tag hindurch und kaufte in einem Dorfe ein Stück Brot und wanderte weiter, schlief abermals im Felde. Am dritten Morgen spürte sie plötzlich etwas Warmes, Feuchtes auf ihrem Gesichte und wachte erschrocken auf. Da stand ein zottiger, 135 schwarzer Hund, der sie beleckt hatte und als sie ihn bestürzt ansah, leise bellte. Sie erhob sich eilig, aber niemand war in der Nähe. Der Hund lief mit schweren, klatschenden Tritten davon, und sie ging weiter, bis sie gegen Mittag auf einem Platze Soldaten exerzieren sah. Da freute sie sich und hoffte, in der Nähe der ersehnten Festungsstadt zu sein. In der Tat kam sie bald zu den ersten Gebäuden und ging längs der dürftigen Straße eines Vorortes. Sie sah auf die Inschriften der Häuser und Tafeln und erkannte den Namen der Festungsstadt. Plötzlich merkte sie an einer Kirche große schwarzgeränderte Zettel. Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt ist, daß in Polen die Todesanzeigen an die Mauern allenthalben angeschlagen zu werden pflegen, damit die Nachricht allgemein kund wird. So finden sie sich in jedem größeren Ort und an allen besuchten Plätzen. Unwillkürlich las sie, endlich auf dem Hauptplatz angelangt, einen solchen Anschlag. Sie kannte zwar die polnische Sprache nicht aus dem Grunde, aber immerhin genug, um den Inhalt einer solchen Anzeige zu erfassen. Und da fand sie unter einem großen schwarzen Kreuze den Namen: Ernst Roszkowski. Mit einem furchtbaren Aufschrei fiel sie hin. Das war ja ihr Beschützer, 136 ihr Gebieter, der einzige Mensch, den sie hatte! Wie lange ihre Ohnmacht gedauert, wußte sie nicht. Doch erhob sie sich endlich wieder und fragte jemand schluchzend nach der Wohnung des Verstorbenen, indem sie auf den unheilvollen Zettel deutete. Man wies ihr den Weg. Weinend schleppte sie sich eine ansteigende Straße zu einem einsam gelegenen Hause empor. Sie mußte den Toten wenigstens sehen, seine kalte Hand noch einmal ergreifen. Es konnte nicht sein, daß er schon begraben sei und unter der Erde liege, nachdem sie drei Tage zu ihm gewandert war. Und hätte sie ihn auf dem Friedhofe ausscharren müssen, noch einmal mußte sie ihn sehen. Und der Tote müßte noch einmal seine Lippen öffnen und ein Wort sprechen. Denn wie sollte sie lebend wenn er ihr nicht sagte, was sie zu tun habe. Um ihretwillen mußte ein Wunder geschehen. Da war sie nun vor dem Trauerhause, hörte von drinnen die Gebete und murmelnden Stimmen vieler Leute, wagte doch nicht einzutreten und überlegte in Tränen, was sie tun solle, als plötzlich die Tür sich öffnete und der Sarg herausgetragen wurde, dem ein geordneter Zug leidtragender Paare folgte. Mit einem wilden Lachen jauchzte sie plötzlich auf, das wie der inbrünstige Schrei eines befreiten Tieres 137 aus ihrer Brust hervorbrach, als sie den Geliebten lebend, in voller Uniform, eine schwarzgekleidete, schwergebeugte alte Frau am Arme führend, unmittelbar hinter dem Sarge einherschreiten sah. Alle Blicke waren auf dieses armselige Geschöpf gerichtet, das wie eine Wahnsinnige gebrüllt hatte. Sie aber schaute mit einem Ausdruck wunderbarer Seligkeit auf den ihr Wiedergegebenen. Der Oberleutnant lächelte ihr nur einen Augenblick lang freundlich und wieder gebietend zu, er hatte sie erkannt, sie senkte fast bestürzt den Kopf und stand still da, ließ den Trauerzug vorbei, der sich die Gasse entlang, gemessen nach der Kirche bewegte und folgte in weiter Entfernung wie ein furchtsamer, treuer Hund, erwartete dann vor der Kirche die Einsegnung, bis der Zug neuerdings hervorkam und zum Friedhofe wanderte. Immer wieder blickte sie nach dem schlanken Offizier, der an der Spitze schritt, und ob er es auch wahrhaftig sei, der da lebte und sie erkannt hatte. Es war sein Vater, dessen Vornamen auch er führte, der gestorben war und heute bestattet wurde. Beim Kirchhofe blieb sie vor der Gitterpforte stehen und sah, wie man den Sarg ins Grab senkte, wie der Geistliche das Räucherfaß schwang, wie die 138 Leidtragenden beteten und weinten und aus einem Schäufelchen die ersten Schollen warfen, bis die Zeremonie beendet war und die Schar in gelöster Ordnung wieder zurückkam. In weitem Abstande folgte sie den Trauergästen, die sich in das Haus des Verblichenen zurückbegaben, um den Leichenschmaus zu genießen, der hier im Lande mit besonderer Reichlichkeit bereitet und gefeiert wird. Sie duckte sich hinter einen Baum und war fröhlich in ihrem Herzen, wo in dieser einen Stunde unversehens der große Gott der Ewigkeit erwachte und sprach: Siehe, hier lebe ich und bin. Nie hatte sie von ihm gewußt, nie an ihn gedacht, alle Lehren vergessen, die ihn ihr in gleichgültigen Zeiten eingeredet: der Gott, dem sie verdrossen und gequält bittere, prunkende Meßgewänder gestickt, den sie auf schwachen Knien in einer kalten Kirche mit plapperndem Munde, unmutigen Herzens angebetet, wachte in dieser Stunde auf, er schien seine mächtigen Arme auszubreiten und sie gütig zu umfassen, ein gepeinigtes, verlassenes, aufs tiefste bedrücktes Wesen, das vor dem schwersten Ende stand. Er war da, er mußte da sein, wo es solches Glück und solche Rettung gab. Hier war ein Mensch zu erlösen, da war auch ein 139 Erlöser. Und in der schwersten Not war er gut genug, erfunden, gefühlt, mit blöden Worten gepriesen zu werden, er, der Gott, im Zufall, im Glück, in der endlichen Zuflucht. Sie schluchzte und lachte und freute sich, bis allmählich das Wunder hinabsank in die Tiefe ihrer befreiten Brust und ihres kindlichen Vergessens, bis sie das Unerwartete wieder als selbstverständlich, den köstlichen Gewinn als natürliche Lösung eines peinlichen Mißverständnisses und ihre Rettung als Notwendigkeit empfand, da sie zu gut, im Unrat zu ersticken und besserer Tage würdig sei. So ging mit einem wehmütigen Glanz und in schweigsamer Güte, wie es dem alten Gott der Menschen gemäß ist, der Ewige unter in die Vergangenheit und hinter den hohen Berg des gemeinen irdischen Daseins, wie seine Sonne, die ihr Tagewerk getan hat. Im Hause ward es laut und lauter, mannigfache männliche und weibliche Stimmen ließen sich vernehmen, jeweilen sogar ein schüchternes Lachen, welches verstohlen erst, dann zuversichtlicher erscholl, der Lärm klirrender Geschirre, angeklungener Becher, von Reden und Antworten. Plötzlich trat, verstohlen um sich blickend, der 140 Oberleutnant aus der Türe, ein Päckchen in der Hand. Er entdeckte gleich die hinter dem Gebüsche verborgene Sonja und eilte zu ihr. Sie küßte ihn lachend und erzählte ihm mit fliegender Hast ihre Schicksale. Er beruhigte sie, hieß sie auf ihn bis zum Ende des Mahles warten und sich indessen an den mitgebrachten Speisen sättigen. Die Mutter habe sie ihm selbst zugerichtet für das arme Bettelkind, das sie mit dem eigenen scharfen Blick der Frauen dem Zuge folgen und sich so wunderlich betragen gesehen habe. Vielleicht ahnte sie irgendwie, daß dieses fremde Wesen mit ihrem Sohne in einer eigentümlichen, dunklen Verbindung stehe. – An dem nächsten Abend brachte sie der Oberleutnant in ein Haus zu einer Witwe, welche an Offiziere Zimmer vermietete. Er wagte es doch nicht mehr, sie bei sich selbst einzuquartieren. Bei dieser Frau bekam sie ein Stübchen, dessen einziges Fenster auf die dunkle Treppe hinausging, so daß sie weder Luft, noch Licht genug hatte. Aber ihr Geliebter und Vormund kam doch täglich, nach ihr zu sehen. Um sich aber keinen weiteren Fragen und Nachforschungen auszusetzen, besuchte er sie nicht etwa in ihrer Kammer, sondern schloß Freundschaft mit einem völlig gleichgültigen Kameraden, der im oberen Stockwerke hauste, um ihn immer 141 gegen Abend auf eine Viertelstunde zu besuchen, eine Tasse Tee mit ihm zu trinken und dummes Zeug zu schwatzen, oder anzuhören, dann sich zu verabschieden, über die finstere Stiege hinabzutasten und vor Sonjas Fenster stehen zu bleiben, wo sie ihn schon erwartete. Sie küßten sich, er steckte ihr ein bißchen Futter zu von dem Essen, das seine Mutter ihm für den Dienst mitgegeben hatte, und nach ein paar Minuten ging er eilends fort, wenn ihn irgendein verdächtiges Geräusch nicht schon früher von seinem gefährlichen Stelldichein verscheucht hatte. So vergingen wieder zwei Monate, oder drei, bis endlich seine Versetzung nach Wien an die Kriegsschule zustandegekommen war. Nun packte er seine Habseligkeiten und sie selbst zusammen und fuhr hierher. Da war er nun. Heute hatte er seine vorläufige Wohnung besichtigt und mir die Geschichte seiner Abenteuer als die Erlebnisse eines befreundeten Offiziers anvertraut. Ich wußte in der Tat bis zu diesem Augenblicke auch nicht im mindesten, daß dies seine eigenen Angelegenheiten waren. Als er geendigt hatte, fragte er mich: »Nun, was hältst du von einem solchen Kerl! Was würdest du zu ihm sagen?« 142 Ohne mich zu besinnen, antwortete ich: »Das ist ein prächtiger Mensch und er hat recht getan. Mich freut dies alles als Beweis, daß das Leben doch nicht so öde und gewöhnlich ist, wie es die Armseligen alle ausschreien, um ihren faulen Frieden und ihr dummes Behagen zu rechtfertigen. Auch das Mädchen muß solcher Geschicke und Teilnahme würdig sein. Der Mann hat an ihr brav gehandelt, zuerst, daß er sich ihrer in der bitteren Not annahm, dann, als er der Versuchung nicht mehr widerstand, sie nicht wegwarf, sondern erst recht beschützte und seine Pflicht auf sich lud, für sie zu sorgen, trotzdem es ihm nicht leicht fallen konnte. Er darf jedem Vorurteilslosen getrost ins Gesicht sehen.« Da lächelte der Oberleutnant freundlich und mit seinem Blick sagte er: »Nun also, die beiden sind zusammen nach Wien gereist, er verließ sie in der ersten schlesischen Station, fuhr mit dem Schnellzug voraus, während sie mit dem Personenzuge nachkommt, der jetzt auf dem Nordbahnhof eintrifft. Ich erwarte sie eben. Willst du auf den Perron mitkommen? Sie kennt dich schon; als du damals in unserem Zimmer warst und die Reiseerinnerungen aus München betrachtetest, hat sie dich aus dem Kasten gehört.« 143 Ich machte wohl ein recht verdutztes Gesicht bei dieser Eröffnung, entschuldigte mich aber, Sonja müßte doch wohl zuerst in der fremden Stadt sich einleben, habe auch bei der Ankunft zunächst das Wichtigste mit ihm abzureden und bedürfe der Ruhe. Also wollte ich sie beide lieber einmal besuchen, wenn sie in der neuen Heimat bereits ein bißchen eingewöhnt seien. Dann würde ich mich freuen, sie näher kennen zu lernen und bei ihnen angenehme Stunden zu verbringen. Er billigte diese Absicht und drückte mir herzlich die Hand. Wir waren vor dem Nordbahnhofe angelangt. Ich ging fort, während er die Stiege zum Perron hinaneilte, um seinen Schützling abzuholen, der Zug mußte gleich in die Halle einfahren. Sie können sich denken, daß ich sehr neugierig war, diese kleine Wilde zu sehen und insbesondere den Haushalt zu beobachten, der von dem Paare geführt wurde. Daher war ich recht erfreut, schon nach kurzer Zeit eine Einladung in die Kaserne des Oberleutnants zu bekommen. Er hatte bereits eine vollständige Wohnung, aus Vorzimmer, Küche und Zimmer bestehend, eingeräumt erhalten. Als ich sie betrat, erwarteten mich drei 144 Leute bei der Tür, um mich zu begrüßen: Antipas, der öffnete und feierlich, die Hand an der Hosennaht, in Habtachtstellung dastand, Roszkowski und einen Schritt hinter ihm – Sonja. Wenn ich sie jetzt schildern, oder vielmehr mir deutlich machen soll, ob und wie der erste Anblick des jungen Wesens sich von der Vorstellung unterschied, die ich mir aus den Erzählungen ihres Schicksals selbst im Geiste gebildet, weiß ich nur das eine, daß ich immerhin erwartet hatte, ein sehr junges, aber doch voll bewußtes, reifes Weib zu sehen und eine entschiedene, obschon eigentümliche Schönheit. Wie war ich erstaunt, ein kleines, zierlich gewachsenes, und zwar weiblich entwickeltes aber zugleich überaus kindliches Geschöpf zu finden. Sie hatte ein volles rundes braunes Gesicht. Ihr starkes, veränderliches Mienenspiel ging von Ernst, Feierlichkeit und Würde sofort in ausgelassene Heiterkeit über. Sie trug kurze Kleider und eine gestickte Schürze, aus dem Röckchen sahen nette zierliche Füße hervor, ein langer schwarzer, glänzender Zopf baumelte ihr im Rücken. Ich verneigte mich stumm und förmlich, sie machte einen vollendeten Kurknix wie eine Hofdame, indem sie mit jeder Hand ihren Rock sorgsam zwischen die Fingerspitzen nahm, 145 sich in das rechte Knie niederließ und mit einem Schritt nach rückwärts aufrichtete, wobei ihre Miene einen gewissen strengen und ärgerlichen und zugleich wieder schlauen Ausdruck annahm, wie ihn oft kluge Kinder haben, die sich beobachtet wissen. Roszkowski sagte: »Das ist also mein lieber Dieter, von dem ich dir schon so viel Gutes erzählt habe und den du ja bereits vom Kasten aus C. her kennst. Ich hoffe, er wird unser Freund bleiben und soll mir helfen, dich in manchen Dingen zu unterrichten.« Ich weiß nicht, wie ich auf den Einfall kam, das gute Kind aus seiner damenhaften Haltung zu befreien. Ich sagte nicht viel, sondern nahm meinen Hut ab und schlug damit heftig an die kahle Wand, wo bei anderen Leuten sonst ein Haken die Kleidungsstücke aufzunehmen pflegt, während hier natürlich kein solches Möbel zu finden war, tat äußerst erstaunt, daß der Hut nicht hängen blieb und sah mich ratlos um, bis ich ihn ohne weiteres auf den Kopf des verdutzten Burschen stülpte. Dieser Antipas grinste – der Treffliche kannte mich bereits von der Waffenübung her – und begann aus der tiefsten Brust zu lachen, Sonja aber verlor über diesem recht bescheidenen Scherz ihre ganze Fassung, 146 brach in einen hellen Jubel aus, und als ich sagte: »Habt ihr aber einen schönen Hutständer!« tanzte sie wie besessen von einem Bein auf das andere, Antipas ahmte sie mit meinem Hut auf dem Schädel nach, so daß eine tiefe und eine helle Stimme, ein zierliches und ein plumpes Tier in Uniform mit einem steifen Zivildeckel auf dem Kopfe, in dem Vorzimmer solange wieherten und stampften, bis Sonja atemlos niedersank und seufzend, schluchzend vor Lachen liegen blieb. Roszkowski sah achselzuckend auf die Kleine. Ich wunderte mich über die großartige Wirkung meines mäßigen Witzes und wartete, bis Sonja sich etwa fassen und erheben würde. Sie aber tat nichts dergleichen, sondern klagte nur: »ich kann nicht, ich kann nicht,« bis der Oberleutnant sagte: »Ich bitte dich, Dieter, faß an, wir müssen sie ins Zimmer tragen. Gutwillig steht sie nicht auf.« So packte ich sie bei den Schultern, Roszkowski bei den Füßen, wir trugen die leichte Last ins Zimmer auf einen Stuhl, wo sie zufrieden sitzen blieb und vor Vergnügen keuchte. Auf solche Weise war unsere Bekanntschaft und Freundschaft beschlossen und in dieser Art einer Hanswurst-Komödie spielte sich von nun an immer mein 147 Verkehr mit Sonja ab, da ich sehr bald erkannte hatte, daß ich zu einem ernsthaften Lehrer für sie nicht taugte. Sie war leider schlau genug, auch wenn ich ihr nach Roszkowskis Wunsch ernsthafte Kenntnisse in der Geographie beibringen wollte, hinter jedem Satze einen Spaß zu vermuten und die Lehre, daß es fünf Weltteile gebe, für einen köstlichen Witz zu nehmen. Sie trug nämlich gar kein Verlangen nach Bildung, sondern litt unter solcher Belästigung wie unter einer ungerechten Quälerei und trachtete, sich derartigen Zumutungen, so gut es ging, zu entziehen. Bei ihrem strengen Herrn war dies freilich nicht möglich, denn der setzte jedem Versuche, zu lachen und zu scherzen, die finsterste Miene und den bösesten Zorn entgegen, so daß sie sich seufzend ins Unvermeidliche schickte, sittsam neben ihm saß und aufmerksam tat. Seinen Vorträgen hörte sie scheinbar mit gespannter Geduld zu und antwortete mit verständnisvollem Jasagen und Kopfnicken, als gäbe es in aller Wissenschaft nichts, was sie nicht sofort begriffen hätte. Er aber freute sich ihrer großartigen Fassungskraft und hoffte, sie für das weite Reich der Bildung durchaus zu gewinnen. Als ich aber auch noch mit gelehrten Zumutungen kommen wollte, half sie sich entschlossen und 148 störte durch die gewandtesten Einfälle den Unterricht. Da ich weder Lust hatte, mich mit der Ungebärdigen zu plagen, noch mir ihre freundliche Gesinnung durch Pedanterie zu verscherzen, gab ich es bald auf, sie zu belehren und seither vertrugen wir uns als zwei spaßhafte Kameraden recht angenehm. Roszkowski hatte einen vollständigen Unterrichtsplan für Sonja entworfen, mit der peinlichsten Sorgfalt aus allen Wissensgebieten das Nötigste zusammengestellt und einen großen Folianten angelegt, in welchen er alle Lehrgegenstände der Reihe nach eintrug. Da standen die schönsten geometrischen Figuren, die Formeln für den Flächeninhalt der verschiedenen Gebilde, die Beweise für den pythagoreischen Lehrsatz, die ludolfische Zahl auf fünfzehn Stellen entwickelt, die Grundsätze des Quadrierens und Kubierens und Wurzelziehens, Zinseszinsrechnung und Gleichungen mit einer, zwei und drei Unbekannten, mathematische Geographie mit den Argumenten für die Kugelgestalt der Erde, Nachrichten über die Bewegungen der Himmelskörper, die Entstehung der Jahreszeiten, das Verhältnis von Sonne und Mond zur Erde, Bevölkerungszahlen aller Weltteile und Länder, aller Staaten und bewohnten Orte, die Regierungszeiten sämtlicher 149 Monarchen von Numa Pompilius bis auf Franz Josef den Ersten, die unregelmäßigen Verba der französischen Sprache, Grundsätze der deutschen Rechtschreibung und Grammatik, Literaturgeschichte mit den Namen aller Klassiker von Horaz bis Mickiewicz. Es war grausam schön. Dieses mit der tadellosesten Kalligraphie geschriebene und geordnete Buch nannte er das »goldene« und Sonja blickte mit geheimem Entsetzen in dessen unendliche Wirrsale, für sie gab es nur eine Hilfe, sie mußte gewisse Stunden wirklich dem Lernen opfern, bei ihrer leichten Auffassung kannte sie, wenn er sie prüfte, tatsächlich ihr Pensum, brachte es aber fertig, alles sofort wieder zuverlässig zu vergessen, so daß die Wissenschaft für sie so unergründlich blieb, wie nur für einen Bekenner der Nichtigkeit aller menschlichen Einsicht. Dafür betätigte sie aber in allen wirtschaftlichen Angelegenheiten die tüchtigste Begabung und Geschicklichkeit und wußte so recht nach Roszkowskis Neigung, Geschmack und Plan von wenig mehr als nichts zu leben und Mähler zu richten. Gelegentlich gaben sie ein sogenanntes Fest; mit meiner Hilfe wurde das Wohnzimmer auf höchst bunte Weise ausstaffiert, indem etwa ein alter Faßreifen mit rotem Papier überhängt in der Mitte des Raumes als 150 Kronleuchter angebracht wurde. Auf ihm saßen Kerzchen, die unter dem farbigen Papier prächtig glühten. Antipas in seiner Uniform trug mit feierlicher Würde die Speisen auf; einen alten Fez aus meinem Besitze hatte er stolz auf dem Kopfe, es gab zwar nur drei Teller und Eßbestecke, aber sie wurden nach jedem Gange abgeräumt und in der Küche geschwind gewaschen, so daß sie beim nächsten Gericht wieder tadellos auf den Tisch kamen. Was gab es da für eine ungeheure polnische Mahlzeit, endlos, mit einer Reihe von Speisen, beängstigend abwechslungsreich! An der Spitze der berühmte Barez, den sie meisterlich zubereitete, in einer roten Rübenbrühe schwammen fette Fleischstücke und Kohl, dann kam ein Huhn in einer rätselhaften Sauce mit Kartoffeln und so weiter, bis zu merkwürdigen Mehlspeisen und als Krone ein grauer, wie verwittertes Felsgestein gefärbter Käse, dem sie den stolzen Namen »Fromage de Kanczuga« beilegten, angeblich nach dem geheimnisvollen heimatlichen Erzeugungsorte. Später kam ich darauf, daß dieser Magenzerfresser nichts weiter war, als Milch, die vierzehn Tage lang stehen gelassen, dann mit allerhand Gewürz versetzt und verrührt worden, bis sie würdig erschien, eine Mahlzeit zu beschließen. 151 Roszkowski erzählte voll Stolz, wie Sonja sich das Beste um das billigste Geld zu verschaffen wisse. Vor einem solchen Feste ging sie, von Antipas begleitet, der ihren Korb trug, als Offiziersdame auf den Naschmarkt und war bei allen Weibern verrufen. Kam sie etwa zu einem Geflügelstande, so suchte sie sich geschickt die zwei schönsten Hühner aus und faßte jedes in eine Hand, wobei sie sich nach dem Preise erkundigte. Dann hieß es, das eine koste sechzig, das andere siebzig Kreuzer. Nun wog sie beide sorgsam rechts und links, zählte die Knochen, griff an das Fett, zerrte die Haut, befühlte die Eingeweide der gelblichen, gerupften Vögel und erklärte schließlich, das billigere Stück zu nehmen, wobei sie auf die Hand wies, die es eben hielt. Das Marktweib, froh, daß sich die wählerische Dame endlich entschlossen hatte, richtete ein Papier her, den Kauf darein zu wickeln, während Sonja mit einem kühnen unbemerkten Griff die Hühner vertauschte, so daß sie das bessere, teuere in die bezeichnete Hand hinüberbekam und damit zum geringeren Preise erwarb. Stolz gab sie es Antipas in den Korb und ging mit seinem Neigen des Kopfes grüßend davon, während die Händlerin nachher auf den kleinen Betrug kam. Roszkowski erzählte solche Stücklein der gewandten 152 Schelmin voll Genugtuung, denn nur so gelinge es, den ungeheuren Zwischengewinn der Einzelverschleißer, der eine schonungslose Ausbeutung des Publikums darstelle, ein wenig zu verringern. Hörte man ihn, so war ein solches Verfahren nicht nur etwa fromm und erlaubt und selbstverständlich, sondern geradezu sittlich erhaben als freie, menschliche Gerechtigkeit, wie denn seine Lebensanschauung überhaupt ein erbarmungsloses System der Selbsthilfe bedeutete. An den Tagen aber, wo keine Feste gefeiert wurden, lebte man von dem Wenigsten, von Kartoffeln in allen Gestalten, oder von Antipas' Menage, die ihm abgekauft wurde, oder von einem Stücklein Rindfleisch, das Sonja bei ihrem Lieferanten eingehandelt hatte. Auch hier erfand sie eine gute Art, sich etwas Besonderes zu verschaffen. Sie ging nämlich zum Fleischhauer nicht in Begleitung des Offiziersburschen als große Dame wie sonst auf den Markt, sondern recht schäbig und dürftig mit einem kümmerlichen Umhängetuche und traurigem Gesichte und bat den behäbigen Zuschrotter um ein schönes Stückchen Fleisch für ihre kranke Mutter, die gar so arm und elend zu Hause liege und ihrer Pflege und Kost sehnlich gewärtig sei. Aus Mitleid und um Gottes Willen wog ihr der gute Mann reichlich zu, warf auch 153 einen bedeutenden Knochen, ein schönes Stück Leber oder Milz oder Fett für eine kräftige Suppe auf die Wage und in ihr Körbchen und bildete sich ein, einem kümmerlichen treuen Kinde etwas Rechtes um Gotteslohn gegönnt zu haben. Die Portion reichte dann für die beiden gesunden Leute aus und wurde mit allem Behagen genossen. Roszkowski war aber unablässig um Sonjas weitere Ausbildung besorgt. Das wichtigste schien ihm zunächst: Kleidernähen und Tanzen. Das Nützliche und Angenehme, Gewandtheit in allen häuslichen und gesellschaftlichen Tugenden sollte sich in der Erziehung seines Schützlings harmonisch vereinigen, um sie des hohen Schicksals würdig zu machen, das ihr zuteil werden mußte. Er mochte mit ihr große Pläne vorhaben, über die er sich nicht deutlicher und genauer äußerte, welche er aber von dem gerechten Schicksal voraussetzte, das über ihren Häuptern stand. Erriet ich seine Absichten, so zielten sie wohl darauf, daß Sonja etwa von einer hohen Persönlichkeit adoptiert und zur Erbin eines nur auf sie wartenden, vorläufig in irgendeiner Ecke der Welt und in der feuersicheren Kasse eines kinderlosen Millionärs harrenden Riesenvermögens gemacht werden sollte, oder es konnte 154 sich auch ein Fürst in sie verlieben und ihr eine Krone aufsetzen. Er war vorurteilslos genug, sich und ihr auch diese und sei es nur eine morganatische Zukunft zu vergönnen. Oder sie mochte in der Gesellschaft eine solche Rolle spielen, daß man sie nicht anders, als mit den höchsten Ehren belohnte. Kurz, der Möglichkeiten des Glücks gab es genug. Sonja war wie ein starker Schößling, der selbst durch einen Felsen zu wachsen und seinen grünen Trieb ans Licht zu bringen versteht und müßte er in den schwierigsten Windungen Luft und Sonne suchen. Sie konnten beide nicht untergehen. Einstweilen galt es aber, das Mündel durch Erziehung zu fördern, muß man doch selbst das großartigste Schicksal gewissermaßen zurichten, denn wenn es allein gehen und kommen soll, lahmt es und schlägt aus, schwingt sich aber einer beschickt auf seinen Rücken, so wachsen dem Wundertier Flügel und es trägt seinen Meister zu den Sternen. Daher schickte er Sonja in eine Näh- und in eine Tanzschule zur harmonischen Ausbildung ihrer Persönlichkeit. Bei einem gelegentlichen Besuche fand ich ihn über den großen Tisch seines Zimmers gebeugt, der mit 155 Pappendeckelschichten, Zirkeln, Linealen, mit verschieden gewundenen Flachhölzern, mit Scheren, zackigen Schneiderrädern und sonstigen Geräten aller Art bedeckt vor. Er entwarf auf braunem Papier mit farbigen Stiften merkwürdige Figuren, erklärte mir, daß er eben das Schnittzeichnen studiere und seine Kenntnisse des menschlichen, insonderheit des weiblichen Körpers zu erweitern trachte, um Sonja die Teilnahme an dem Näherinnenkursus zu erleichtern. Wie immer, wenn es etwas zu lernen galt, saß sie nämlich dort beim Unterricht und tat, als ob sie alles aufs rascheste und beste verstünde, während sie von den unzähligen Schnitten und Mustern betäubt, nur ein paar dunkle technische Ausdrücke behielt, mit denen sie vor ihm überlegen herumwarf, ohne klaren Bescheid zu wissen. Deshalb beschloß er, die Sache gleich selbst zu lernen und Sonjas Garderobe zu Hause mit ihrer Hilfe anzufertigen. Die Frucht dieser Übungen waren einige ausführliche Niederschriften in dem »goldenen Buche« und ein kühnes Ballkleid, in welchem Sonja die bevorstehende Abendunterhaltung der Tanzschule zieren sollte. Dieses Ballkleid hatte auch sonst eine hübsche 156 Geschichte. Es war ein kleiner Teil eines ausnahmsweise rechtmäßig erworbenen Gewinnes. Bekanntlich sind die Galawagen, worin Österreichs Erzherzoginnen, die Palast- und Hofdamen zu Festen fahren, mit schönen, zartfarbigen Seidenstoffen ausgeschlagen, die jedoch unter der Sonne leiden und, wenn sie auch nur ganz leise verblaßt sind, sofort abgenommen werden. Desgleichen werden die Courkleider nach kürzestem Gebrauch zertrennt und weggegeben. Nun besteht die Sitte, daß man alle diese Vorräte an kostbaren Zeugen um einen lächerlichen Geldbetrag an Bevorzugte abgibt, die davon wissen. So können insbesondere Offiziere solche Reste aufs wohlfeilste erwerben und ihre Damen mit Kleidern, die daraus gefertigt sind, wieder in ihren Kreisen die prächtigsten Figuren machen. Es ist gleichsam ein zweiter Rundlauf der Herrlichkeit. Wie wäre Roszkowski, der alle Wege der Vorsehung kannte, gerade dieser entgangen! Um ein paar Gulden erstand er einen ganzen Stoß von Seidenstoffen. Den größten Teil davon schickte er seiner Mutter, welche damit in der Festung C. einen schwunghaften Handel trieb, indem sie den 157 putzsüchtigen, doch nicht genügend reichen Offiziersfrauen diese königlichen Reste um einen Preis verkaufte, der zwar bedeutend die Kosten der Erstehung überschritt, doch natürlich sich wieder weit niedriger belief, als wenn die Seiden neu im Modemagazin erworben worden wären. Zudem hätte man sie in der Kleinstadt draußen nicht einmal um das teuerste Geld bekommen können, sondern nach Wien oder Paris fahren müssen, um derlei Pracht zu finden. Es war daher das reine Geschenk des Schicksals, daß diese brave Witwe solche Schätze anbot, die nach bestem Wissen verarbeitet, auf den Garnisonsbällen als großartige Pariser Kostüme die Damen der Offiziere schmückten. Der Erlös fiel dem Sohne zu, der damit einen willkommenen Beitrag zu seinem bescheidenen Einkommen fand und ihn wieder sowohl für seine Reiseersparnisse, als für Sonjas Ausbildung benützte. Der Ball der Tanzschule winkte als das erste Fest des Wiener Aufenthaltes, wo Sonja in die Welt eingeführt werden sollte. Freilich war es nicht gerade die Gesellschaft, die ihr gemäß schien und wozu sie nach Roszkowskis Vorstellungen gehörte, lernten doch weder der Hochadel, noch die Geldaristokratie in dieser Fußausbildungsstätte Tanz und Zeremonie. Die 158 sogenannten oberen Zehntausend hielten sich leider fern. Das Publikum setzte sich vielmehr zusammen aus jungen Bürgermädchen und Handlungsbeflissenen, kleinen Nähfräulein, Kontoristinnen und dergleichen Damen und Herren des unteren Mittelstandes, aber Sonja fand sich doch immerhin in einem weiteren Kreise als in der bisherigen engbegrenzten Abgeschiedenheit. Und irgendwie konnte sogar von hier aus der Faden des Schicksals sich hinauf zu höheren Sphären anspinnen. Auch freute sich das Kind königlich der erwarteten Unterhaltung. Allerdings konnte Roszkowski als Offizier nicht daran teilnehmen, denn solche Tanzschulen waren nicht eben standesgemäß. Aber er mußte doch Sonja hinbegleiten als ihr Beschützer, Vormund und Ballvater. Wie sollte dies nun bewerkstelligt werden? Als Zivilperson dabei zu sein, behagte ihm nicht. Erstens war seine Garderobe für solche Fälle nicht eingerichtet. Er besaß keinen Frack. Zweitens mochte er doch auch des Glanzes und der Überlegenheit nicht entbehren, welche die Uniform einem jungen Mann verleiht. Anders als mit dem Nimbus von Rang und Würde aufzutreten, widerstrebte der Gewohnheit des Angehörigen einer privilegierten Kaste. 159 Als er mir die schwierige Angelegenheit unterbreitete, fand ich einen Ausweg. Wie wäre es, wenn er in Beamtenuniform erschiene? Auch sie kleidet die unscheinbarsten Schlucker und verhüllt die Dürftigkeit verschuldeter Schreiberlein mit Standespracht und Ansehn. Ferner ist der Beamte nicht wie der Offizier an eine strenge Wahl der Gesellschaft gebunden, sondern mag sich zeigen, wo er will. Er paßt überall hin und der Paradedegen, der Waffenrock, die Aufschläge und Rosetten machen ihn inmitten des gewöhnlichen Pöbels zu einem begehrenswerten Würdenträger. Wie beschafft man sich aber diese Zaubertracht? Ich hatte einen Bureaukollegen, der außer den sonstigen Beamtentorheiten auch nebst reichlichen Schulden eine Uniform besaß, in welcher er gelegentlich bei Festen und sonstigen heiteren oder ernsten Anlässen sich sehen ließ. Ein armer Narr übrigens, der, glattrasiert, eine hohe zurückweichende Stirne und rollende Augen, eine umflorte Stimme, allerhand Zitate und gelesene oder gehörte Rollenfragmente überall spazierenführte als Anzeichen einer verkannten, höheren schauspielerischen Begabung, die in der Schreibstube verkümmerte und verstaubte. An diese Uniform dachte ich. Freilich war der Arme 160 klein gewachsen, Roszkowski hoch und schlank, aber die Uniform paßt schließlich jedem, der sie tragen will. Wir wollten sehen, ob sie dem Unglücklichen zu entlocken wäre. Ich weihte Roszkowski in die Eigentümlichkeiten des Besitzers ein. Und eines Tages schickte es sich scheinbar von ungefähr, daß ich mit dem verkannten Genius das Bureau verließ, vor dem Hause den Oberleutnant traf und die Herren bekannt machte. Der Inhaber der Uniform war stolz und glücklich mit einem wirklichen und wahrhaftigen Offizier sprechen zu können und auf der Straße gesehen zu werden. Roszkowski betörte ihn vollends durch die schmeichlerischeste Liebenswürdigkeit. Am andern Tage konnte der Gute nicht genug Worte finden, die neue Bekanntschaft zu preisen. »Ja, du hast ihn sehr interessiert, er fragte mich, in welchem Theater und für welches Fach du engagiert seist und war ganz entsetzt, zu hören, du wärest gar nicht Schauspieler, sondern Beamter und mein Kollege. Er meinte, man sehe dir die tragische Begabung schon auf hundert, oder sagen wir auf zehn Schritte an. Er konnte sich gar nicht fassen vor Enttäuschung. Möchtest du ihm übrigens deine Uniform für ein paar Tage leihen?« 161 Nicht bloß diese, sein ganzes, leider nur negatives Vermögen hätte er ihm überlassen, seiner Seele Seligkeit, wenn er sich ihrer hätte entäußern können, alles für die Anerkennung seines tragischen Aussehens. So bekam Roszkowski die Uniform. Der Rock und die Kappe paßten zur Not, nur die Hosen waren viel zu kurz. Aber sie wurden sorgfältig gebügelt und ließen glanzvoll gewichste Schuhe hervorsehen, so daß ihre Kürze etwa als Modetorheit eines eleganten Mannes gelten konnte. Selbdritt ging ich mit Sonja, die in ihrem Courkostüm beiläufig wie eine siamesische Prinzessin in europäischer Tracht recht abenteuerlich erschien und mit dem als Beamten verkleideten Roszkowski zur Tanzunterhaltung, wo der Oberleutnant als Vormund einer interessanten jungen Polin und selbst als junger, ansehnlicher Mann seine Rolle spielte, eifrig tanzte, sich um die anwesenden Damen bemühte und auch den Eltern wohlgefiel. Der Zufall wollte es, daß der Vater einer seiner Tänzerinnen ein älterer Bahnbeamter war, der Roszkowski in ein eingehendes Gespräch über Bureauverhältnisse zog, welches mehrmals drohende Wendungen nahm, sobald die genaueren Eigentümlichkeiten des Berufes zur Sprache kamen. Aber der 162 Oberleutnant, von seinen Reisen in manchen Einzelheiten unterrichtet, wand sich mit seiner auserlesenen, von nichtssagenden Floskeln verbrämten Ausdrucksweise immerhin auch aus diesen Fährlichkeiten und konnte von weitem für einen strebsamen Bediensteten gelten. Ferner wurde Sonja zur Verbesserung ihrer Schrift – sie bediente sich ihres merkwürdig polnisch-deutschen Idioms mit kläglicher Pfote – zu einem Kalligraphen gegeben. Die Folge war, daß sie eine Zeitlang zwar sehr tintenbeschmutzte Finger hatte, aber äußerst sorgfältige Zeilen schrieb, mit den schönsten Haar- und Schattenstrichen und dem beliebigen Wechsel aller künstlichen Schriftarten. Kaum aber hatte sie den Kurs beendigt, so kamen die angestammten Krähenzüge im hübschesten Durcheinander, nur durch gelegentliche blasse Erinnerungen an das Gelernte wunderlich unterbrochen, wieder zum Vorschein. Dafür aber wies das goldene Buch neuerdings mehrere Seiten exaktester Kalligraphie auf und der Oberleutnant hatte von Sonjas Schönschreibkurs dauernd profitiert. Unversehens war es Sommer geworden und in Wien blühte und glänzte die heiterste Jahreszeit. Für Roszkowski galt es nun, die Landschaft kennen zu lernen 163 und sich auch in dieser Stadt alles Sehenswerte nach seiner Weise anzueignen. Als Soldat konnte er sich Wanderungen über Land nur an militärische Probleme geknüpft vorstellen. Es hieß also einmal: »Interessant wäre es, das sollte man einmal untersuchen, ob man längs der Donau von Tulln nach Wien an der Hand der Generalstabskarte 1:75000, gehen kann und zwar so, daß man immer den Strom im Auge behält. Antreten um vier Uhr nach Beendigung des Dienstes in Tulln, am rechtsseitigen Brückenkopfe! Uhr richten!« Gehorsam trat ich nach meinem Amt in Tulln um vier Uhr am rechtsseitigen Brückenkopfe an, wo mich Roszkowski und Sonja, gefolgt von Antipas, der seinen Brotsack auf der Schulter trug, bereits erwarteten. Die Wanderung begann. Wir bestiegen die nächste Anhöhe und gingen längs des Kammes der Uferberge durch Dick und Dünn, ohne Weg und Steg, ja mit Verachtung aller ausgetretenen Pfade, die ins schöne kühle Waldinnere führten, sich aber freilich um die ständige Aussicht auf die Donau nicht kümmerten. Das Problem, den Strom nicht aus dem Auge zu verlieren, blieb die Hauptsache und es schien höchst strafbar, wenn 164 es nur eine Minute lang vergessen wurde. Was war alle Schönheit der Wiesen und Hügel gegen das treue Bewußtsein der erfüllten Aufgabe, sich in Schweiß und Mühe durch das dichteste Gehölz, über bebaute Felder und steinige Halden durchzuwinden, aber dafür die Donau immer zu sehen, die sich unten im Tale durch das weite Land in mächtig gewundenem Wege glänzend hinzog. Kein Weinberg, keine Wiese, keine sorgfältige Schonung blieb unbetreten. Kam ein Zaun, so hieß es: »Hindernis nur für Infanterie gültig.« Wir aber stellten eine gedachte Kavallerie vor und mußten selbstverständlich das Hindernis nehmen, Roszkowski an der Spitze, ich todesmutig der zweite, Sonja, wie es gehen mochte, die dritte. Als kleine gewandte Katze kam sie überall durch und zeigte das geduldigste, entschlossene Gesicht. Antipas stampfte unverdrossen hinterdrein. Auf dem höchsten Punkte wurde Rast gemacht, immer im Angesicht der Donau. Kein schattiger Baum durfte die Aussicht verstellen und wäre nicht der Wind auf der Höhe kühl genug gewesen, so hätte auch die erwünschte Ruhe wenig Erholung geboten, denn die Sonne brannte tüchtig, und wir hatten uns ordentlich Bewegung gemacht als rüstige Kavallerie. Zur 165 Belohnung öffnete Sonja feierlich den Brotsack des Antipas, aus welchem ein Dutzend Kartoffeln auf die Steine rollen. Man sammelte Reisig, machte ein Feuer an und briet sie im Freien, Roszkowski spendete die Würze aus einem mitgebrachten Salzbüchschen, ein Kommißbrot wurde aufgeschnitten und des weiteren gab es noch eine Kostbarkeit als besondere Belohnung, einen alten Kuchen, den die Mutter aus C. geschickt hatte, steinhart und ranzig, dessen Fülle aus Eingesottenem längst verdorrt und eingetrocknet war, so daß ich meinen Teil in aller Stille ins Gebüsch warf, während Sonja und Ernst sich dabei gütlich taten und gebärdeten, als genössen sie eine Auserlesenheit der vornehmsten Küche. Schließlich kam der weltberühmte und unvermeidliche »Fromage de Kanczuga« zum Vorschein. Auch er wurde gebührend gewürdigt. Dann durfte man sich ein Weilchen erholen, ins Gras legen und in die blaue Luft schauen. Ich hatte mich bequem ausgestreckt, eine Pfeife gestopft, blies eben den schönsten Rauch in die Luft und freute mich dieses zarten halbwachen Zustandes, der die Rast nach einer heißen Anstrengung so gedankenlos glücklich empfinden läßt, als Roszkowski mich anredete: 166 »Nun, wie gefällt dir ein solches Wanderproblem?« »Laß mich in Frieden, ich brauche zum Wandern kein Problem!« »Eben deshalb wirst du auch im Leben niemals weiterkommen, du solltest schon wissen, daß man, wo immer man geht, ein Ziel haben muß, denn sonst ist man eines schönen Tages am Ende und hat nichts gefunden und erreicht, als das bittere Nichts.« »Aber man kann auf dem Wege auch etwas versäumen, mein Lieber: das süße Nichts.« »Nun, lassen wir das, es ist schade um dich. Aber ich wollte dir etwas anderes sagen. Du weißt, auch Sonja geht ihren Weg.« »Was, Sonja geht auch ihren Weg?« Unwillkürlich sah ich mich nach ihr um. Ich wollte sie anschauen, ob sie zu dieser Behauptung etwas zu sagen habe, denn daß sie mit strategischem Bewußtsein durchs Leben wandere, schien mir doch eine kühne Annahme. Sie lag mit eingezogenen Füßen ein paar Schritte neben uns und schlief, ihr Gesicht hatte den sorglosen Ausdruck eines ruhenden Kindes, die trotzigen Lippen waren halb geöffnet und atmeten tief die gute, warme Luft und schienen gleichsam hungrig, sich mit Schlummer und Ruhe gierig zu erfüllen. Antipas aber hockte 167 ihr in der angestrengtesten Stellung zu Häupten und beschirmte ihren Kopf mit einem ausgebreiteten Stück Zeitungspapier vor der Sonne. Als ich ihn ansah, grinste er zugleich freundlich und besorgt, man möchte die ihm Anvertraute stören. Lächelnd wandte ich mich zu Roszkowski zurück, der aber den sichtbaren Widerspruch seiner Behauptung nicht zu beachten schien und streng wiederholte: »Auch Sonja geht ihren Weg!« »Immer die Donau im Auge nach der Karte 1 zu 75000 laut Vorschrift?« »Kurz, es ist Zeit, daß sie ihre Kenntnisse verwertet. Sie hat jetzt den vielseitigsten Unterricht genossen!« »Das war aber ein Genuß!« »Einerlei, sie ist allen gerechten Ansprüchen gewachsen. Ich will, daß sie jetzt ihre Fähigkeiten verwerte. Wenigstens bis sie ihre eigentlichen Ziele erreicht, muß auch sie trachten, sich das Leben zu verdienen. Sie wünscht nichts anderes, als selbständig zu werden und sich durch eigene Arbeit zu erhalten.« Ich verzichtete darauf, diese angebliche Sehnsucht der Schlafenden zu bezweifeln und blickte ihn wortlos an. Er fuhr fort: »Es ist daher an mir, ihren Wunsch 168 zu erfüllen und ihr eine Stellung zu verschaffen. Nun habe ich gedacht, dir bei deinen guten Verbindungen würde es sicherlich leicht fallen, ihr und mir behilflich zu sein und das Geeignete ausfindig zu machen.« »Was phantasierst du von meinen Verbindungen! Ich bin ja nur ein armer Hund. Oder: ich geh selber betteln, wenn's finster ist.« »Laß diese Floskeln. Ich weiß, du hast die besten Beziehungen hier in Wien. Ich bin fremd im Lande und muß dich daher in Anspruch nehmen. Du wirst mir deine Unterstützung nicht versagen. Mich hat dieses Halbjahr in Wien sehr viel gekostet, ich bin am Ende meiner Hilfsmittel angelangt, meine Ersparnisse sind zur Hälfte aufgezehrt, die andere Hälfte gehört für meine Reise und ich will nächstens nach Paris zur Weltausstellung, bis dahin muß Sonja versorgt sein.« Es gab keinen Widerspruch, ich fragte daher bescheiden, an welche Stellung er für seinen Schützling etwa gedacht habe. Er blickte mit nachdenklichen Augen in die Ferne, über den Strom hinaus ins Unbestimmte und sagte: »Es gibt so vielerlei. Vielleicht als Vorleserin und Gesellschafterin, das schickt sich doch für ihren Stand am besten.« 169 Sonja hatte eine heisere Stimme, mit einem seltsamen Urlaut von Unbändigkeit; wenn sie heiter oder zornig war, fauchte sie wie eine gereizte Katze, was ihrem ungebändigten Wesen immerhin gemäß war, aber doch nicht der für eine Vorleserin und Gesellschafterin nötige Wohllaut. Auch pflegte sie beim Lesen nach Art der ungewandten Kinder sorgfältig, aber fehlerhaft zu buchstabieren, so daß der Hörer ebenso Mühe hatte, wie sie selber, das Gelesene langsam zu verstehen. Ich schüttelte lächelnd den Kopf, Roszkowski schlug ferner vor: »Lehrerin der Elementargegenstände, Stütze der Hausfrau, Repräsentantin, kurz womöglich ein anständiger, das heißt ein dauernder Posten mit Pensionsberechtigung, wenn's angeht, damit sie unter Umständen dabei bleiben kann.« Wie Sonja sagte auch ich geduldig, jeden Einwand als zwecklos unterdrückend: »Ja, ja,« und ließ ihn seine Pläne ausführlich weiterentwickeln. Nachdem er eine Weile gesprochen hatte, sah er mich erwartungsvoll an, als müßte ich nun sogleich mit der passenden Stellung herausrücken. Ich konnte aber nur mit ängstlicher Dienstwilligkeit beteuern: »Du überschätzt meine Macht, ich bin der 170 Niemand, kenne niemand, habe niemand. Aber ich will daran denken. Jedenfalls rate ich dir, sieh dich selber um, du wirst sicherlich etwas Geeigneteres für sie finden.« »Also es bleibt dabei: du suchst etwas Ordentliches für das Kind.« Schweigend nahm ich den Befehl entgegen, ähnlich dem heutigen: »Antreten um vier Uhr beim Brückenkopf in Tulln!« Damit war das Gespräch beendigt, der Zweck der Rast erreicht, Roszkowski sprang auf, kommandierte Abmarsch. Sonja schlug die Augen auf, sah seufzend um sich, holte tief Atem und klagte lachend: »Ach, so schön habe ich geschlafen.« Roszkowski war reisefertig, es blieb ihr nichts übrig, als sich zu erheben, sie räkelte sich, gab Antipas einen Nasenstüber; worauf auch dieser gutmütig aufstand und den leeren Brotsack umhing. Schließlich klaubte auch ich meine Knochen zusammen und wir marschierten weiter, die Donau im Auge behaltend nach der Vorschrift. Die Sonne neigte sich immer näher zu den westlichen Höhen, schien goldener und milder und brannte weniger, allmählich wurde es Abend, alle Täler und Wiesen und Wälder färbten sich höher, es 171 fielen längere Schatten, der Himmel ging aus heißem Blau in lichtes Gelb und feuriges Rot über, das unablässige Geigen der schrillen Zikaden und die hohen Lerchenrufe spannen ein silbernes Netz über das weite Rund, wir wanderten durch hohes Gras, das von Insekten durchsummt, vom Wind durchwallt, wie der Atem einer lebenden Brust sich hin und wieder hob, unten floß der Strom, jetzt stand die Sonne zum letztenmal, eine rote Laterne, im Dunst vor dem Berg, der sie bald aufnahm. Eine mahnende Kühle, dann der merkliche Tau der Uferlandschaft zeigte ihren Untergang an, der Himmel glühte mählich ab, die wachen Farben verstummten und versöhnten sich im Schein der wachsenden Dämmerung zu großen einförmigen Flächen, die Hügel dunkelten und traten mächtiger hervor. Weit unten glommen die ersten Lichter auf. Wir aber trabten weiter. Wir hatten, immer die Donau vor Augen, mancherlei geschwätzt, gelacht, jetzt aber legte uns die Stille des Abends unwillkürlich Schweigen auf, auch spürten wir wohl die Müdigkeit des langen Marsches. Roszkowski und Antipas gingen noch recht rüstig, ich etwas bescheidener, Sonja blieb als letzte hinter uns zurück, ließ sich aber nichts merken und wanderte mit verbissenen Zähnen 172 weiter. Jetzt wurde die leuchtende Riesenstadt sichtbar, der Weg senkte sich und längst standen die Sterne am Himmel, als wir den anwachsenden Lärm der bewohnten Gegenden, die Pfiffe der Eisenbahn vernahmen und schließlich von der letzten Höhe des Leopoldsberges in einem plötzlichen Laufschritt hinabstürmten. Sonja fiel dabei mehrmals nieder. Auf meine teilnehmenden Fragen, ob sie recht müde sei, wies sie mich zornig zurück, erhob sich mühsam, aber entschlossen und hinkte ohne jede Hilfe schweigend mit. So kamen wir schließlich eben zum letzten Zuge zurecht, der uns nach Wien zurückbrachte. Wir saßen im Waggon, Sonja lehnte an Roszkowskis Schulter und schlief, Antipas schnarchte, ich war auch recht erschöpft, aber der Oberleutnant schien seelenvergnügt und erklärte, die Übung sei wohl gelungen und das Problem anständig gelöst worden. Beim Abschied ermahnte er mich, das Versprechen nicht zu vergessen. »Welches Versprechen?« fragte Sonja, die kaum noch stehen konnte und wie eine kleine Trunkene hin- und herwankte. »Liebe Sonja, du gehst einen weiten Weg, immer mit einem Problem, den Strom vor Augen, verstehst du endlich?« 173 »Du bist ein Narr, Dieter. Wann wirst du einmal vernünftig, du dummer Bub?« »Ich warte nur auf dich, du mußt damit anfangen, aber bald, denn sonst ist es zu spät.« Sie lachte heiser und hing sich schwer in Roszkowskis Arm. »Laß sie wenigstens mit der Tramway nach Hause fahren, sie kann ja kaum mehr stehen.« »Ach, du bist doch nicht müde, Sonja, es ist ja auch nicht mehr weit, höchstens dreiviertel Stunden!« Sonja nickte stumm. Sie wäre gern gefahren, aber da Ernst eine solche überflüssige Ausgabe verachtete, wagte sie nicht, etwas zu sagen und grüßte mich traurig. Wir nahmen Abschied, ich stieg in einen Stellwagen, um nach meiner Wohnung zu gelangen, während sich die anderen, Roszkowski aufrecht und stattlich, Sonja an seinem Arm bedenklich hinkend, Antipas mit Bauernschritten hinterdrein noch den letzten Teil des Problems: »Heimkehr in die Kaserne« zu beendigen anschickten. Zuerst hatte ich versucht, in der angeregten Frage meiner Verbindungen nichts weiter zu tun und hoffte, Roszkowski würde die Sache entweder vergessen oder als aussichtslos fallen lassen, denn ich wußte 174 wirklich nicht, wie ich seinen Wunsch erfüllen sollte. Zudem hätte ich seine Ansprüche nach einer standesgemäßen Stellung für Sonja keinesfalls befriedigen können, da ich sein übergroßes Zutrauen in ihre Gaben nicht eben teilte. Aber in seiner unnachsichtigen Verfolgung jedes einmal gefaßten Planes war er von seinem Willen, mich für Sonjas Laufbahn dienstbar zu machen, nicht abzubringen. Er vergaß das aufgestellte Problem wahrlich nicht und behielt auch diese Aussicht unverwandt im Auge. Auch waren vielleicht andere Bemühungen, etwas Geeignetes zu finden, gescheitert und seine Hilfsmittel arg gelichtet. Kurz, er lag mir, so oft er mich sah, immer dringender in den Ohren, meine Verbindungen endlich spielen zu lassen. Es blieb mir daher nichts übrig, als zu versuchen, Sonja irgendwo unterzubringen. Ich machte somit meine »Verbindungen« geltend, indem ich meinen Vater aufsuchte, der meine ganzen Beziehungen zur großen Welt der Stellungen, Würdenträger, einflußreichen Kreise in seiner Person darstellte und vereinigte. Ich erzählte ihm wahrheitsgetreu den Stand der Sache, schilderte ihm, was Sonja ungefähr sei und könne, verschwieg auch nicht meine eigene Meinung über ihre Begabung und Beschaffenheit und bat 175 ihn, sich für sie umzutun. Der Vater kraute sich hinter dem Ohr und sagte verlegen: »Ja, etwas besonders Feines wird für sie wohl nicht herausschauen. Ein Kamel geht nun einmal nicht durch ein Nadelöhr. Aber mir scheint, gerade sie will besonders hoch hinaus. Das kann ich ihr nicht versorgen. Sie muß eben nehmen, was es gibt.« Gutmütig und hilfbereit wie er war, rannte er gleich zu allen seinen Bekannten und fragte in seinen Wirtshäusern und bei seinen Freunden gelegentlich herum, ob man nirgends ein kleines Frauenzimmer brauchen könne, sie sei zwar nichts und wisse nichts, aber schließlich nehme sie nicht viel Raum weg und habe auch zwei ganze Hände, mit denen ja schließlich doch das Meiste gemacht werden könne. Kurz, er hätte wen und wisse wen. Und wenn der und jener auch was hätte und was wisse, so könnte man auf ein Loch einen Deckel setzen, und wie seine Redensarten eben waren, die auf die unscheinbarste und treuherzigste Weise den schwachen, guten Willen stärkten und am Ende gefügig machten. Am Ende war ein Buchdrucker, der ihm manchen lohnenden Auftrag verdankte, unwillig bereit, eine Hilfsarbeiterin aufzunehmen, nicht weil er sie brauchte, aber weil mein Vater ihn halb zornig, halb freundlich 176 nötigte. Sonja sollte mit einer Schar anderer Frauenzimmer Papier falzen und zusammenlegen und die Blätter zurichten helfen, ehe sie auf die Presse kamen. Schon am nächsten Tage durfte sie ihren Dienst um sieben Uhr früh antreten. War sie anstellig, so konnte man sie vielleicht besser verwenden und entlohnen. Einstweilen aber sollte sie einen Taglohn von anderthalb Gulden bekommen. Da ich wußte, für die beiden bedeuteten bei allem Hochmut vierzig Gulden im Monat eine Art Himmelsleiter zur irdischen Seligkeit, hoffte ich, Roszkowski werde sich darein finden, daß die Beschäftigung nicht so standesgemäß sei, wie er wünschte. Ich stellte mich so weit unwissend, daß ich ihm nur diese Summe und ganz beiläufig die Art schilderte, wie sie zu erwerben sei, beschränkte mich auf eine umfassende Gebärde, Sonja habe eben in der großen Druckerei, einer der schönsten Firmen der Stadt, die verschiedenartigsten Hilfsdienste zu tun, ehe sie in den Betrieb vollends eingeführt, zu feineren und höheren Leistungen herangezogen werde. Bei ihrer Tüchtigkeit, Begabung und Gewandtheit könne es ihr nicht fehlen, binnen kurzem die rechte Hand des Chefs zu werden, und dann sei ja alles gewonnen. Bis dahin müsse sie sich allerdings eine Zeitlang 177 bescheiden, die linke Hand des Chefs zu sein. Nachdem ich die bevorstehende Angelegenheit möglichst allgemein, aber verlockend geschildert hatte und die beiden, von der märchenhaften Summe geblendet, bereit waren, sich mit dieser zwar in Wirklichkeit nicht unbedeutenden, aber für Sonjas Wesen, Ansehen und Bildung keineswegs angemessenen Entlohnung vorläufig zufrieden zu geben, verließ ich sie schleunig und war gespannt, wie sich die Kleine mit der Sache abfinden werde. Daß sie sich besonders glücklich fühlen würde, hoffte ich freilich nicht, wohl aber erwartete ich, sie würde sich mit ihrer Zähigkeit standhaft durchbeißen. Darin hatte ich mich aber arg getäuscht, denn als ich am nächsten Abend Roszkowski aufsuchte, um zu erfahren, wie es gegangen sei, empfingen mich die beiden sehr kühl und wortlos. Ich witterte sofort Unrat und sprach allerhand Gleichgültiges, bis schließlich Sonja losfuhr: »Eine saubere Stellung hast du mir verschafft. Sie kann mich gern haben, mein Lieber. Morgen geh ich nicht mehr hin!« Ich sah sie fragend und bedauernd an und Roszkowski bekräftigte: »Das kann man wirklich nicht von ihr verlangen. Es ist zu viel.« 178 Sonja übersprudelte: »Ich stehe um sechs Uhr früh auf und zieh mich anständig an und bin richtig Punkt sieben im Geschäft. Sie haben mich ja ausgelacht, wie sie mich nur sahen, die ordinären Weibsbilder! Lauter Fabriksmädel mit bloßen Armen und Kopftüchern! Man gibt mir einen Stoß Papier. Da hast du was! Ich weiß nicht, was ich mit dem Zeug anfangen soll. In einem Zimmer, das nach Öl gestunken hat, knotzen zwanzig Frauenzimmer, daneben stampft es, daß man sein eigenes Wort nicht hört. Und da habe ich den ganzen Tag stehen müssen, daß mir der Rücken weh getan hat, und Papier falzen. Ich war mit meinem Ballen noch nicht fertig, als die andern schon zehn zugerichtet hatten. Dabei haben sie mich von oben angesehen und sich immerfort zugetuschelt und Witze gemacht. Zu Mittag hat jede ein Essen, in fettes Papier gewickelt, hervorgezogen, und auf dem schmutzigen Tisch haben sie den Fraß ausgebreitet, mich ging ein Grausen an. Solchen Hunger hatte ich und nichts mitgebracht. Eine schenkte mir aus Barmherzigkeit ein Stück Brot, sonst hätte ich keinen einzigen Bissen in den Magen bekommen. Bis sechs Uhr abends! Dann bin ich nach Haus gekrochen. Einmal und nicht wieder, mein lieber Dieter. Beim Weggehen war der Herr da 179 und hat mich angeschaut, aber ich habe ihn nicht begrüßt. Er soll nur wissen, was er mir zugemutet hat! So ein Kerl!« Beschämt blickte ich zu Boden und wagte gar nicht, diesen Unglücksbetrieb weiter zu verteidigen, oder die beiden daran zu erinnern, daß sie ja selbst gewohnt seien, von einem Stück Brot zu leben, oder sich von Kraut und Wurst zu nähren, die sie in einem fetten Papier bei sich trugen. Denn das war natürlich etwas anderes, als freier Mensch sparsam, aber vornehm sein Leben nach eigenem Ermessen so zu führen, daß es niemand etwas anging. Aber sich in eine fremde Ordnung zu fügen, mit allerhand Menschen zusammenzustehen und ein Stück demütigende Arbeit mit geduldiger Hand aufrecht und unverdrossen hinter sich zu bringen, war freilich eine fertige Beleidigung. Ich dachte im stillen: »sie wird's schon noch billiger geben« und bedauerte lebhaft, daß man ihr so schlimm mitgespielt. Vielleicht hätte sich, wenn sie geduldig gewesen, die Sache doch besser entwickelt, aber da sie den Anfang nicht ertragen, müsse ich das Ende eben hinnehmen. So war ich meiner unfreiwilligen Verpflichtung ledig und konnte nunmehr unbeteiligt beobachten, was Roszkowski für seinen Schützling ausfindig machen werde. 180 Ich empfahl mich bald und wurde mit einiger Kälte verabschiedet, so daß ich mich entschloß, eine Weile vergehen zu lassen, ohne das Paar zu besuchen. Ich vermied es auch eine Zeitlang, meinen Vater wiederzusehen, der sich um meinetwillen durch diese peinliche Angelegenheit gewiß Verdruß auf den Hals geladen hatte. Da ich um diese Zeit nach längerem Brautstande heiratete und mit meiner bescheidenen Einrichtung, den ganz neuen Verhältnissen, die immerhin Mühe, Geduld, Eifer erforderten, mehr als genug zu tun hatte, kümmerte ich mich nicht weiter um das Paar, sondern zeigte Roszkowski bloß in einem freundschaftlichen Briefe meine Vermählung an und sprach den Wunsch aus, ihn und Sonja, wenn es ihm passe, einmal bei uns begrüßen zu können. Ich erhielt eine recht herzliche, vier Seiten lange Gratulation, der auch ein paar Krähenfüße Sonjas angeschlossen waren, und wieder vergingen etliche Wochen. Unversehens trat eines Abends Roszkowski in meine Wohnung, benahm sich äußerst verbindlich gegen meine Frau, überaus herzlich gegen mich und teilte mir mit, er werde seine Reise nach Paris mit zwei Freunden 181 demnächst antreten. Zwei Kollegen aus der Kriegsschule, die schon lange sein großartiges Reisesystem bewundert, hätten ihn gebeten, sie mitzunehmen. Er sei der Verwalter des gemeinsamen Reiseschatzes, zu welchem jeder fünfzig Gulden beigetragen. Die ganze Summe müsse auf zwei Monate verteilt werden und reichlich genügen, die Fahrt, den Aufenthalt, die Eintrittsgelder, Vergnügungen, Passionen, Abenteuer, Sehenswürdigkeiten, hellen und dunklen Genüsse der Weltstadt für drei Personen zu bestreiten, sie wollten einmal das große und vornehme Leben mit vollen Zügen auskosten. Ich zweifelte nicht an dem Gelingen unter so kundiger Führung und fragte nur zögernd: »Nun und Sonja?« »Eben ihretwegen wollte ich dich eigentlich bitten.« »Braucht sie eine Stellung?« »Gott bewahre, sie ist glänzend versorgt. Aber du möchtest dich, namentlich deine verehrte Frau Gemahlin, ihrer ein wenig annehmen.« Der eine Reisegenosse, Jean Ferdinand Eclair, Freiherr von Bézincourt, Oberleutnant und Sprößling eines alten, französischen Adelshauses, das in den Zeiten der Revolution hier Zuflucht gefunden hatte, war so gütig gewesen, Sonja bei einer Familie seiner 182 Verwandtschaft unterzubringen; diesmal war ihre Stellung wirklich nach Wunsch und fast eine Erfüllung des geheimen Traumes, das Kind eines großartigen Hauses zu werden. Als Waise eines tapferen Offiziers, als merkwürdiges und reizendes Geschöpf hatte er sie seinem Oheim empfohlen, welcher mit einer geborenen Gräfin Weidenberg verheiratet, kinderlos, ohne besondere Tätigkeit, als reicher Aristokrat eine schöne Villa im Cottage bewohnte. Das alternde Ehepaar trug nach einer gewissen freundlichen und lachenden Bewegung des sonst stillen Hauses Verlangen und war daher gerne bereit, einen so eigenartigen Schützling zu beherbergen, Roszkowski hatte mit seiner traditionellen Liebenswürdigkeit beim ersten Besuch das Herz der Dame, Sonja mit ihrer wilden Kindlichkeit und rauhen Grandezza das Gefühl des Herrn erobert. In zwei Tagen war die ganze Sache gemacht. Von irgendwem hatte Ernst einen amerikanischen Reisekoffer von stattlichem Äußern entliehen, in welchem Sonjas Effekten, möglichst sorgfältig gereinigt und ausgeputzt, aufgefrischt und auf den Glanz hergerichtet, nach der Cottagevilla gebracht wurden. Sie selbst fuhr dahin im Dogcart, das der alte Baron selbst lenkte, der es sich nicht nehmen ließ, den neuen 183 kleinen Gast, seinen munteren Finken, wie er Sonja nannte, in den Käfig einzuholen. Da war sie nun wie die Tochter des Hauses. Das feine Ehepaar tat für sie alles nur erdenklich Gute, kaufte ihr Kleider, hüllte sie in Wohlleben, fütterte sie herrlich heraus, kurz, sie lebte in Freuden. Aber Roszkowski wünschte doch, den Herrschaften zu beweisen, daß auch er und sein Mündel sich gewisser angenehmer und feiner Verbindungen erfreuten und im sorgfältigsten Umgange mit der besten Gesellschaft standen. Da Lügen kurze Beine haben, legt ihnen ein besonnener Geist gerne und rechtzeitig Krücken unter, mit deren Stütze sie sich behaglicher und sicherer fortbewegen. Kurz, Roszkowski verlangte, wir beide, namentlich meine Frau sollten Sonja in ihrem neuen Heim besuchen und die vornehmen Freunde spielen. Ich hatte Bedenken, ob wir eigentlich zu dieser Rolle taugten, aber Roszkowskis unerschütterliche Überzeugung, sein gebieterische Wille machten mich eben vornehm, wie in alter Zeit einer aus einem Bauernburschen über Nacht zum Ritter werden konnte, wenn ein großer Herr ein Schwert zur Hand hatte und eine grobe Schulter damit schlug. So waren wir also zur besten Gesellschaft Wiens rekrutiert. Ich hätte noch immer 184 gezögert, wenn nicht meine Frau, neugierig wie alle Weiber, große Lust gezeigt hätte, Sonja und ihre vornehme Umgebung kennen zu lernen, sich schön und stattlich ausgerüstet in adeligen Wohnzimmern unter Ahnenbildern zu bewegen und sich bei billiger Gelegenheit im eigenen Glanze zu sonnen. Auch beteuerte Roszkowski, die Hand aufs Herz gelegt, wir hätten gar keine weiteren Verpflichtungen, keine Vorspiegelungen zu machen, keine Auslagen, keine Unannehmlichkeiten! Nur ein Besuch, nichts weiter! Er habe eben alle seine Wiener Bekannten darum gebeten. Jeder sei bereit und vom Verlaufe der Zusammenkunft höchst befriedigt gewesen. Denn das gräfliche Paar zeige sich zumeist gar nicht, es genüge, daß Sonja eben Freunde habe und nicht als hergelaufenes Bettlerkind, sondern als das erscheine, was sie sei und wofür sie gelte. Mit heißen Dankesworten nahm er unsere Bereitwilligkeit auf und erklärte, nunmehr beruhigt seine Reise antreten zu können, wenn er wisse, daß wir uns um Sonja kümmerten und von Zeit zu Zeit nach ihr sähen. So hätte sie denn auch für die fernere Zukunft eine Stätte in unserem Hause, falls ihr irgendwas zustieße, und auch darum wolle er insbesondere meine Frau aufs innigste gebeten haben. Die ließ sich seinen 185 tiefgefühlten Dank wie einen roten Rosenstrauch gerührt zu Füßen legen und war nun so wie ich in das große, unendliche und verwickelte Komplott endgültig einbezogen, als welches sich Roszkowskis Dasein unvermeidlich darstellte und fortspann. Um meinem Versprechen zu genügen, machten wir uns an einem der nächsten Tage so schön wie möglich. Ich band eine violette Halsbinde vor und legte meinen schwarzen Gehrock an, meine Frau ihr Gesellschaftskleid, welches jede Dame besitzen muß, auch wenn sie gar keine Gesellschaft hat, schwarzer Tafft, der so rauscht wie das Meer und worin die Venus eingehüllt ist, als sei sie darin geboren, sie nahm einen Spitzenkragen, Goldkette, Großmutterbrosche, seidene Handschuhe, weißen Sonnenschirm und so weiter. In dieser Rüstung bestiegen wir beide, nicht wie es mein vornehmer Stand geboten hätte, einen Fiaker, sondern das Fahrzeug des elektrischen Fortschrittes und kamen in das Cottage. Wir läuteten an einem schmiedeeisernen Gittertor, das sich darauf wie nach einem Zauberworte von selber auftat, gingen einen weißen Kiesweg entlang zum Hauseingange, der gleichfalls bereits offen stand und fanden uns in einer weiten Halle, durch deren 186 Bogenfenster die Bäume eines schönen Gartens sichtbar waren, deren schwankendes Grün in dem hohen Raume die schimmernde Dämmerung eines sonnigen Laubtages verbreitete. Da standen einladende englische Korbstühle auf weichen samtartigen Teppichen, Vasen mit Blumen auf niederen kachelbelegten Tischen, ein Flügel war aufgeschlagen und ließ seine Klaviatur blinken, wie ein Ungeheuer die Zähne. Hier harrten wir Sonjas. Sie erschien nicht sogleich, denn die erste Sitte der vornehmen Welt gebietet, auf sich warten zu lassen, nur der Pöbel ist immer zur Stelle. Nach einer kleinen Weile wurden im anstoßenden Raume Schritte, eine bekannte, lachende, heisere Stimme laut und das anspringende Bellen von Hunden. Sonja trat in die Türe wie ein Bild in einen breiten Rahmen, von zwei weißen, schlanken, russischen Vorstehhunden umspielt, die mit leichten, raschen Tritten um sie hertappten und nach ihren Händen fuhren, während sie mit einer Reitgerte scherzend nach ihnen schlug. Sie war wie ein halberwachsenes Kind gekleidet, sportgemäß, in einen fußfreien Flanellrock, in eine feine, schimmernde Bluse, aus welcher ihr brauner Hals und 187 ihr wildes Gesicht wie ein steter Widerspruch hervorsahen. Als sie uns erblickte, schlug sie die Hände zusammen und rief: »Servus Dieter. Also das ist deine Frau! Willkommen Sie Liebe! Sie sind so schön! Wie ich mich freue, daß Sie da sind! Jetzt geht es mir gut. Sieh nur, wie herrlich alles ist, nicht wahr, Dieter, ich kann zufrieden sein? Und wie man mich verwöhnt! Meine teueren Eltern . . .« Ich frage staunend: »Deine Eltern?« »Nun, ich sage nur so, denn sie sind wirklich wie Vater und Mutter zu mir!« Jetzt schilderte sie uns das vornehme Haus, den herrlichen Glückszustand, worin sie sich wärme. Gleich erklärte sie, wir müßten alles besehen, und auf meine ängstliche Frage, ob wir denn die Herrschaften nicht störten, beruhigte sie uns, niemand sei zu Hause, wir könnten machen, was wir wollten. Damit trat sie an den Flügel und schlug ein paar Tasten greulich an, sie lerne Musik, versicherte sie, wobei sie den beiden Hunden wehrte, die mit den Köpfen fast ebenso schön klavierspielen konnten, wie ihre Herrin. Dann führte sie uns durch die Zimmer und ließ in jedem alle Eigentümlichkeiten des Hausrates bewundern. Im Rauchzimmer öffnete sie den Zigarren- und Likörschrank und 188 wollte mir durchaus ein Gläschen Chartreuse und eine Havanna aufnötigen, im Boudoir warf sie sich auf eine Chaiselongue und ließ sich emporschnellen, um die Elastizität des gepolsterten Sitzes zu zeigen. Im Badezimmer drehte sie alle Hähne auf, damit das Wasser in die weiße Wanne von allen Seiten brause. »Möchtest du baden?« fragte sie mich. »Oder vielleicht die gnädige Frau?« Es bedurfte der lebhaftesten Versicherungen, daß wir kein Bad brauchten, um sie von dem verlockenden Anerbieten abzubringen. So wanderte sie treppauf und -ab, durch alle Räume und brüstete sich ihrer Vertrautheit mit dem ganzen Luxus eines vornehmen Landhauses, im Stalle tätschelte sie die Pferde und zeigte eine schöne braune Stute, auf der sie täglich auszureiten pflege, im Park wies sie uns den Tennisplatz, wo sie die geschickteste Spielerin sei. »Der Graf sagt, ich könnte an einem wirklichen Tournier teilnehmen und einem Engländer ein Game vorgeben.« Auf unserer Reise durch diese Herrlichkeiten trafen wir eine ältliche Miß, die in einem Gartenstuhle saß und las und sich bei unserem Kommen grüßend erhob. Sonja stellte sie vor und sprach sie mit sozusagen englischen Worten an, bei ihr lernte sie die fremde Sprache. Sie habe die schönsten Fortschritte gemacht, 189 wenn Ernst wiederkommen werde, wollte sie ihn so anreden, daß er sie nicht verstehe. »Warte nur auf das goldene Buch, meine Liebe!« Sonja lachte. Schließlich landeten wir in der Küche, wo sie mit den Mägden sehr vertraulich tat, die mit dem Souper beschäftigt waren. Sie ging zum Herde, wo allerhand Töpfe brodelten und schmorten und hob von jedem den Deckel, in einem schien ihr etwas besonders Gutes zu kochen und sie griff, hungrig wie sie war, mit dem Finger hinein, um einen Bissen herauszufischen, verbrannte sich, schrie auf. Die Köchin gab ihr ernst und schweigend einen Kochlöffel, worauf Sonja sich da und dort bediente, nicht ohne auch uns leidenschaftlich anzubieten. Nachdem wir ihr ganzes Reich besichtigt hatten, erklärten wir, schon um dem heimkehrenden gräflichen Paare nicht begegnen zu müssen, daß es an der Zeit sei, aufzubrechen. Nun wurde sie wieder ganz Dame, versuchte uns mit den schönsten Komplimenten zurückzuhalten und erst, als dies vergeblich blieb, geleitete sie uns ans Gittertor und verabschiedete uns mit einem lächelnden Neigen des Hauptes. Da wir sie so wohl versorgt wußten und auch mit 190 unserem Hausstande genug zu tun hatten, ließen wir eine Zeit verstreichen, ohne sie neuerlich zu besuchen. Auch fürchteten wir, ihren adeligen Hausgenossen zu begegnen und etwa doch nicht so vornehm befunden zu werden, wie wir von rechtswegen hätten sein müssen. Und siehe da, eines Tages, bereits im Spätherbst trafen wir eine Karte in unserem Briefkasten mit der Nachricht, Roszkowski, von seiner Pariser Reise zurückgekehrt, werde sich freuen, uns bei sich begrüßen zu dürfen. Wir folgten der Einladung und fanden ihn und Sonja in der Wohnung. Ich war allerdings ein wenig enttäuscht, daß sie so rasch aus dem schönen gräflichen Hause ausgeschieden sei, wo sie doch so reizend aufgenommen und als das Kind der Familie gehalten worden. Aber natürlich durfte man nicht eher fragen, als bis sich eine passende Gelegenheit darbot. Daher ließ ich zunächst Roszkowski über die Reise berichten, die denn auch planmäßig und genau nach Wunsch verlaufen sei. Freilich hatten sich seine Gefährten schwer an die Methode gewöhnen können, die er ihnen mit unnachahmlicher Strenge auferlegt, nicht jeder vermag von einer Mahlzeit, bestehend aus Sauerkraut und Brot, zu leben, stundenlang zu Fuß laufen, wo die schnellste Eisenbahn zu Gebot steht. Und in 191 Genf waren einmal seine Gesellen so hungrig und müde gewesen, daß sie gemeinsam einen Aufstand veranstalteten und sich weiterzumarschieren weigerten, wenn er nicht gestatten wolle, eine Wurst zu kaufen und sich endlich einmal nach Wunsch gütlich zu tun. Mitten auf der Straße fielen sie auf die Knie und bettelten um ein fleischliches Abendessen. Roszkowski ließ Gnade für Recht ergehen und gab aus seiner Tasche das Geld für die erbetene Extramahlzeit heraus. In Paris hatten sie im übrigen alles Sehenswerte gesehen und unter seiner Anleitung die Weltausstellung ernsthaft abgearbeitet. Nun waren sie längst schon einen Monat hier und nur gewisse peinliche Begebenheiten hätten ihn bisher gehindert, uns einzuladen. Leider habe Sonja in dem gräflichen Hause arge Enttäuschungen erfahren und es schließlich im Bösen verlassen, was ihm um ihretwillen leid tue. Andererseits freue es ihn aber wieder, weil es ihrem strengen Gefühle Ehre mache, sich gegen jede Ungerechtigkeit zu wehren, was sie dort habe tun müssen. Als nämlich sein Reisegefährte Jean Ferdinand Eclair, Freiherr von Bézincourt wieder zurückgekommen war, hatte er sich bei seinen gräflichen Verwandten eingefunden, die auch Sonja beherbergten. Wie der 192 Sohn des Hauses gehalten, logierte er sich auch sofort wieder bei ihnen ein und, obgleich selber arm und völlig mittellos, lebte er dort wie der Herr des Gutes, ja, er hatte sich, offenbar von den Entbehrungen der Pariser Reise bis zum äußersten ausgehungert, in die Vergnügungen des Wiener Lebens gestürzt, gespielt, Schulden gemacht und auf den Namen seiner Verwandten Wechsel gezogen, wie er denn überhaupt deren Vermögen in der schnödesten Weise als das seinige behandelte, ungeniert aus der Kasse Geld nahm und jede gute Laune seiner Tante dazu benützte, ihr möglichst große Summen mit einem Kuß oder Liebesworte zu entlocken. Während der Graf, als der Wechsel präsentiert wurde, in größten Zorn geriet und zwar die Summe bezahlte, aber seinem Neffen erklärte, ein zweites Mal unter keinen Umständen solche Schulden berichtigen zu wollen, konnte die Tante in ihrer weiblichen Schwäche oder Güte und in der gewissen Verliebtheit älterer Damen für einen so schönen jungen Offizier sich nicht entschließen, mit dem hübschen Burschen streng zu verfahren. Vielmehr gab sie ihm heimlich Geld und unterstützte ihn auch weiter in seinen Torheiten. Darüber kam es zu Zwistigkeiten unter den Eheleuten, Sonja war empört, daß der junge 193 Mann die Gutmütigkeit seiner Verwandten so unbescheiden ausbeute und nahm während einer Auseinandersetzung der beiden Gatten unverhohlen gegen ihn Partei. Dies führte zu einer peinlichen Szene, in welcher die Gräfin Sonja zu verstehen gab, sie hätte am wenigsten Ursache, sich in solche Angelegenheiten zu mischen, denn wenn der junge Herr als Verwandter ihre Gefühle für sich zu rühren wisse, habe sie als Fremde das Herz ihres Gatten verführt und als eine dreiste kleine Abenteurerin sich in eine Familie eingeschlichen mit allerhand dunklen Absichten, deren Ende vielleicht für das gräfliche Haus bedrohlicher sei, als die harmlosen Streiche eines munteren Jünglings. Kurz, Sonja wurde so deutlich der Friedensstörung angeklagt, daß ihr nichts übrig blieb, als mit dem ganzen gekränkten Stolz der beleidigten Unschuld das Feld zu räumen, den herrschaftlichen Tennisplatz, das schöne braune Reitpferd, das brausende Badezimmer, die englische Miß, das blinkende Klavier und mit ihrem amerikanischen Koffer schleunigst zu Fuß die schöne Stätte ihrer Triumphe zu verlassen und den Käfig, wo sie sich so wohl gefühlt, mit der bitteren Freiheit zu vertauschen, die nun einmal ihre Heimat bleiben sollte. 194 So war sie wieder bei ihrem Beschützer angelangt, um einen Traum und um ein Erwachen reicher. Nun sollte aber ihres Bleibens in der freien Wohnung auch nicht mehr länger sein, denn Roszkowski mußte nach Ablegung seiner Stabsoffiziersprüfung irgendwohin zur Truppe rückversetzt werden und daher sein Dienstquartier in der Kaserne räumen. Bevor er jedoch einen neuen Garnisonsort zugewiesen bekam, sollte er an einer sogenannten Offiziersreise teilnehmen. Das sind Übungsfahrten, die von berittenen Offizieren in verschiedenen Gegenden abgehalten werden zur Ausbildung, zur praktischen Erprobung, zu Mappierungszwecken. Sie führten ihn zunächst nach Mähren und da hoffte er, zuweilen mehrere Tage frei zu bekommen, wollte gelegentlich seine alte Mutter in der Festung C. besuchen und auch mehrmals nach Wien zurückkehren, um Sonja häufig wiederzusehen. Nachher aber, wenn er in eine bestimmte Garnison einquartiert und einem neuen Regimente zugeteilt worden, galt es, für längere Zeit von Sonja Abschied zu nehmen, denn es war wohl kaum zu ermöglichen, daß sie ihm dorthin folgen und seinen neuen Aufenthalt so unbefangen wie bisher teilen könne. Als davon gesprochen wurde, hatte Sonja Tränen 195 in den Augen und sagte, sie fürchte sich recht sehr vor der neuerlichen Trennung, Roszkowski aber beruhigte sich und sie. Bei ihrer erworbenen Bildung werde sie leicht einen passenden Beruf ergreifen und sich einer angenehmen Selbständigkeit so lange erfreuen, bis sich eine Wiedervereinigung leichter und besser bewerkstelligen lasse. Kommt Zeit, kommt Rat. Mit verschiedenen ziemlich deutlichen Anspielungen suchte er mich und meine Frau zu bewegen, Sonja, bis sie etwas Geeignetes gefunden habe, bei uns aufzunehmen. Aber unsere beschränkten und bescheidenen Verhältnisse, die Enge unserer Wohnung und das unwillkürliche Bedürfnis zweier Menschen, ihr Leben ungestört ohne das Beisein eines Dritten nach eigenem Ermessen zu führen, verboten uns, solche Wünsche zu berücksichtigen, um so mehr als wir fürchten mußten, auf diese Weise Sonja monatelang beherbergen zu sollen. Wir taten daher wie auf Verabredung recht schnöde, als verstünden wir nicht. So blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Hausstand aufzulösen. Seine Möbel verkaufte er zum Teile mit Gewinn, den Rest stellte er irgendwo unter, nur sein lebendiges Hausgerät, sein Sklave Antipas, blieb ihm übrig. Wie sollte er den, bis er seine neue 196 Garnison bezog, versorgen? Der treue, ergebene Bursche hatte ihm die wichtigsten Dienste geleistet, jede Arbeit verrichtet, sich zu allem möglichen und denkbaren bereit erwiesen, namentlich pflegte er seine Soldatenkost dem Herrn gegen eine Entschädigung von fünf Kreuzern abzutreten, was besonders wichtig und schätzbar war. Die Menage der österreichischen Soldaten ist nämlich für einen anspruchslosen Geschmack recht gut. In den blechernen Eßschüsselchen schwimmt täglich in einer kräftigen Suppe ein fettes saftiges Stück Rindfleisch, auf dem zugehörigen Teller aber liegt ein Häufchen Gemüse mit einer derben Mehlspeise, einem Knödel oder dergleichen. Das Gemüse ist freilich grob eingebrannt: alte Erbsen, Kohl, Linsen, was es eben gibt. Aber man wird satt davon. Dazu das schwarze, wohlschmeckende Kommißbrot. Ein Spartaner wie Ernst Roszkowski kommt bei solcher Mahlzeit immerhin auf seine Rechnung. Billiger konnte er sich nirgends ein Mittagessen verschaffen. Wenn er nicht zu Hause bei der Mutter speiste, war ihm die Offiziersmesse viel zu teuer, ganz abgesehen von dem Verkehr der gleichgültigen Kameraden, die er mied, wo er nur konnte. Und Antipas seinerseits war es auch zufrieden, seine Portion um fünf Kreuzer zu verkaufen, denn 197 diese ruthenischen Bauern sind wahrlich eine solche Fleischkost nicht gewöhnt, leben sie doch zu Hause bei ihren Feldarbeiten von schlechtem Brot und Kartoffeln; Milch, Fleisch, Gemüse bleiben ihnen Leckerbissen, denen sie nicht einmal besonderen Geschmack abgewinnen. Werden sie zu den Soldaten gesteckt, so vertragen manche nicht einmal die reichlichere Nahrung und bekommen allerhand Magenzustände. Für fünf Kreuzer aber konnte sich Antipas zu seinem Kommißbrot einen Käse oder ein Stückchen dürre Wurst kaufen und an anderen Tagen sich mit dem trockenen Brote begnügen, das Geld aber sparen. Denn auch er schätzte, wie sein Herr einen gewonnenen Kreuzer. Übrigens war der Wille des Oberleutnants höchstes Gesetz. Wenn ein Soldat einem Offizier als Bursche zugewiesen wird, hat er außer auf seine Löhnung auch Anspruch auf einen Monatsgehalt von drei Gulden. Diese Summe hatte Roszkowski dem Antipas aber nicht auf die Hand bezahlt, sondern monatlich in ein Sparkassenbuch gelegt. Als er nun seinen Hausstand in Wien auflöste, gedachte er den Antipas zwar zu behalten, aber ihn doch für so lange wegzuschicken, bis er in seiner Garnison eingetroffen wäre: mithin beschloß er, den Burschen zu beurlauben. Auch Antipas sollte wieder einmal seine Eltern, seine Heimat aufsuchen und sich zu Hause erholen, besonders da er ihn jetzt nicht brauchte. Roszkowski rief ihn also vor und sagte ihm: »Antipas, mein Sohn, ich muß jetzt auf Übungsreise gehn, das Fräulein bleibt hier in Wien, ich komme erst nach Wochen in meine neue Garnison. Dich will ich behalten, denn du bist zwar ein Rindvieh, aber immerhin ein ergebener Mensch. Weil du mir treu gedient, habe ich darum ersucht, daß du mir auch fernerhin als Bursche zugeteilt bleibst und nicht zum Regimente rückversetzt wirst. Ich will mich deiner noch weiter annehmen. Bis ich aber in der neuen Stadt eingekehrt bin, kannst du auf Urlaub gehn und zu deinen Eltern. Siehst du, wie gescheit ich gehandelt habe, dir dein Monatsgehalt nicht auszubezahlen, sondern in die Sparkasse einzulegen! Sonst hättest du es für allerhand Dummheiten vertan, so aber besitzest du ein hübsches Vermögen; davon kannst du die Reise bestreiten, deinen Leuten etwas mitbringen und in den kommenden Wochen wie ein Herr auftreten. Also da sind deine fünfzig Gulden, sieh zu, daß du sie nicht verschleuderst. Du bekommst fünf Wochen Urlaub, dann rückst du wieder zu mir ein. Das Geld aber spare, wenn du wiederkommst, mußt du mir genau 199 verrechnen, was du ausgegeben hast, denn ich will nicht, daß es heißt, der Oberleutnant Roszkowski kümmere sich nicht um seinen Knecht und lasse ihn leer und blank aus dem Dienst treten. Auch wenn deine Kapitulantenjahre um sind, sollst du etwas besitzen und in die Zivilstellung nicht als Bettler treten, sondern mit einem gewissen ersparten Vermögen. Ich will mich dann auch weiter für dich umsehen. Hast du mich verstanden, du Esel?« Antipas grinste seelenvoll und nahm gerührten Abschied. Namentlich von Sonja, der er von Herzen zugetan war, wie einem Kinde, das unter seinen Augen groß geworden. Wie oft hatte sie ihm eine schallende Ohrfeige gegeben, daß es eine Lust war, manches Mal hatte er sie auf seinen Armen, in einen Kotzen gewickelt, ein gutes Stück weit getragen und ihre Launen waren ihm teuer, wie einem anderen die Wetterwillkür der Heimat. Auch Sonja konnte sich der Tränen nicht erwehren, als der große, derbknochige, etwas krummbeinige Bursche mit der Miene, von welcher man nie wußte, ob sie traurig oder heiter sei, in Habtachtstellung vor ihr stand und stammelte: »Melde gehorsamst, Antipas, Bursch von Pan Oberleutnant Roszkowski rückt ab. Pani Sofia, oh Pani!« 200 Sie winkte ihm zu und gab ihm die Hand und weinte. Dann stieß sie ihn in den Magen und wandte sich ab, denn es war ihr, als gehe mit ihm auch ihre ganze wunderliche, aber schöne Vergangenheit auf Urlaub, dies dunkle ungewisse und wieder geliebte Geheimnis ihres Schicksals und ihre Freiheit selbst. Denn nun würde sie unter fremde Menschen kommen; statt einer treuen Seele, wie diesem Antipas zu befehlen und einen Knecht allen ihrer Wünsche zur Seite zu haben, der ihren Schlaf bewachte, würde sie jetzt selber anderen Leuten dienen müssen, manches böse Wort hören, das sie sonst ausgesprochen, selber Launen ertragen, statt sie haben zu dürfen, selber in Wind und Wetter wie eine Wache, wer weiß für wen und allein stehen, keine Herrin, sondern eine arme Magd. So begann sie laut zu schluchzen, während Antipas sich abgewandt hatte und ebenfalls in seine Mütze hineinheulte, bis der Oberleutnant ihn gutmütig-unwillig zur Türe hinausschob. Roszkowski quartierte seinen Schützling bei irgendeiner Frau in einem Vorortehause um billiges Geld in einem dürftigen Kämmerlein ein und reiste ab. Nun war Sonja, was die Abnützung der Menschen anlangt, ungleich bescheidener, mäßiger und klüger, als er, und ich muß ihr das Zeugnis ausstellen, daß sie, 201 erging es ihr in der bittersten Einsamkeit und Kümmernis schlecht und litt sie Not, lieber Hunger ertrug, als fremde Hilfe anrief. Ich hatte ihr wiederholt meine Bereitschaft erklärt, sie zu unterstützen, wenn sie dessen bedürfe, sie möchte mich als ihren zuverlässigsten Freund betrachten, dem sie jede Sorge getrost anvertrauen könne. Aber wenn es mit ihr jämmerlich stand, vergrub sie sich mit ihrem Elend und arbeitete sich, so gut sie konnte, mit verbissenen Zähnen allein durch, übertauchte das Ungemach und kam fröhlich und munter wieder hervor, als sei es ein kräftigendes Bad gewesen, das ihre Seele neu belebt hatte. So weiß ich alle ihre Abenteuer, die sie nun, in ihres Lebens trübster Zeit bestanden, nur von ungefähr aus ihren konfusen, gelegentlichen, unklaren und scherzhaft verstellten Berichten, kann diese nur durch begründete Vermutungen ergänzen und dartun und bin auf absichtlich dunkle Andeutungen angewiesen, nicht auf meine eigenen unmittelbaren Kenntnisse. Vor seiner Abreise händigte mir Roszkowski noch einen »Kriegsschatz«, wie er ihn nannte, ein, ungefähr zweihundert Gulden, die er sich wieder, weiß Gott durch welche Sparsamkeit zusammengelegt hatte. 202 Damit er nicht in Versuchung käme, ihn anzugreifen, sollte ich das Geld verwalten, welches für eine Weltreise bestimmt war, die er nach ein paar Jahren vorhatte. Er wollte Indien, Amerika, Japan, Neuseeland besuchen. Falls Sonja davon bedürfte, sollte ich ihr jeweils einen kleinen Betrag einhändigen. Er selbst gedachte ihr zehn Gulden monatlich auszusetzen, womit sie, wenn sie gar nichts anderes verdiente, immerhin sich weiter fristen könne, so daß sie mich wohl kaum bemühen würde. Das Kapital möchte ich für ihn nutzbringend anlegen. Um es aufrichtig zu sagen, ich sollte mit diesen zweihundert Gulden auf seine Rechnung für ihn wuchern. Erschrecken Sie nicht! Ich habe es getan und konnte es bei den eigentümlichen, elenden Verhältnissen des Beamtenwesens, worin ich steckte. Die armen Teufel von Amtsbrüdern, überall verschuldet, auf Wucherer und unanständige Wege teuerster Geldbeschaffung angewiesen, sind froh, von einem Kameraden im Notfall sofort ein Sümmchen auf die Hand zu bekommen. An die ausbeuterischen Zinsen gewöhnt, erstatten sie am Gehaltstage gern auch ein beträchtliches mehr zurück, als sie empfingen und fühlen sich keineswegs überhalten, sondern wissen für die leichte, rasche Aushilfe noch Dank. 203 Wer mit solchen kleinen Beträgen dienen kann, wird geschätzt und geehrt. So übernahm ich es ohne allzu große Bedenken, Roszkowskis Vermögen nutzbringend zu verwerten, diente der Ertrag doch einem höheren Zwecke, einer schönen Reise und der Erfüllung eines Schicksals. Auch schützte ich mich leicht vor jedem Verdacht, indem ich dem Hilfesuchenden immer ausdrücklich sagte, es sei nicht mein Geld, das ich verleihe, nicht mein Gewinn, den er zinse. Und da ich allgemein als aufrichtig bekannt war, hatte die Sache keine andere Schwierigkeit, als daß sie mich mit Sorgen um die Eintreibung, genaue Verrechnung und Buchführung der Außenstände belastete, was ich aber um der Freundschaft willen eben auf mich nahm. So führte ich eine Art von winzigem Bankgeschäft, verlieh auf einen Monat zehn und bekam einen Schuldschein auf elf Gulden, der am Gehaltstage eingelöst wurde. Der Schuldner brauchte keinen Wucherer draußen aufzusuchen, und sich etwa um Bürgen und Lebensversicherungen zu kümmern, zu warten, oder gar abgewiesen zu werden und war es zufrieden. Freilich fiel mir dieser zweideutige Dienst recht beschwerlich, und ich war herzlich froh, ihn später mit gutem Grund abzuschütteln, aber 204 einstweilen verwaltete ich Roszkowskis Kriegsschatz nach bestem Können. Nachdem ihr Beschützer fort war, mußte Sonja zusehen, wie sie sich allein in der Welt weiterbringe, denn mit dem geringen Monatsgelde ließ sich nicht auskommen. Sie begab sich daher in ein Gouvernantenheim, das man ihr bezeichnet hatte, und gedachte, eine Stelle als Erzieherin anzustreben, wofür sie sich nach Roszkowskis Überzeugung am besten schickte. Sie selbst machte sich über ihren Beruf keinerlei Gedanken, denn im Grunde war ja jede Arbeit lästig. Ob sie aber auch wirklich zu leisten imstande sei, was man von einer Erzieherin verlange, war ihr gleichgültig, denn sie konnte den Kreis einer Pflicht nicht ermessen und wußte in ihrer angeborenen und fröhlichen Gleichgültigkeit nichts von inneren Zweifeln und Ängsten des Gewissens. Durch Roszkowski zuversichtlich gemacht, hatte sie von allen vielfältigen Lehren nur die eine behalten: »Es geht schon!« Was aber etwaige Bildungslücken betraf, je nun, sie besaß das gefürchtete »goldene Buch«, da würde sie schon im Notfalle Auskunft finden. Das Gouvernantenheim lag in einer der dunklen 205 Seitengassen des »Grabens«, in einem verdächtigen Hause in einer verdächtigen Gegend und schien selbst ihr, als sie unbefangen eintrat, nicht ganz geheuer. Die Pensionsinhaberin, eine fette Dame mit gebrannten, pfefferbraunen Haaren und einem abgetragenen, speckglänzenden schwarzen Kleide kam ihr entgegen, musterte sie und ihr kleines Köfferchen und fragte schließlich, was für eine Stelle sie wünsche. Einen Gouvernanten- oder Bonnenposten, und wenn sich kein solcher finde, sogar einen als besseres Kindermädchen. Was sie für Zeugnisse habe. Sonja antwortete, zur Zeit besitze sie ihre Dokumente nicht, die ihr erst aus der Heimat nachgeschickt werden müßten. Die Dame nickte: Aha! Es sei eine böse Zeit für solche Stellen und könne immerhin eine Weile dauern, bis sich etwas Geeignetes zeige. Inzwischen müsse Sonja aber bei ihr wohnen, um stets zugegen zu sein, wenn jemand ihre Dienste suche. Hiefür habe sie einen Gulden pro Tag zu entrichten, und da es der Institutsinhaberin natürlich nicht zuzumuten sei, Unterkunft und Stellenvermittlung auf Kredit zu gewähren, müsse sie vorerst so freundlich sein, für zehn Tage vorauszubezahlen. 206 Bekümmert erlegte Sonja aus ihrem schmalen Geldbeutelchen zehn Gulden und behielt nur etwa den gleichen Betrag noch übrig. Hierauf wurde sie in den »Salon« geführt. Das war ein großer, vierfenstriger, aber düsterer Raum, der auf die dunkle Gasse sah, mit hohen goldgerahmten Spiegeln und verschlissenen Rokokosamtstühlen und Divans, auf denen man recht peinlich saß. Hier wurden die Damen empfangen, welche Gouvernanten oder Bonnen suchten. Eine Glastür, durch einen Vorhang unschädlich gemacht, ging in die Pensionszimmer. Da sollte sie nun zu Hause sein und sich's bequem machen, lud sie die Herrin des Heims herablassend ein. Weil Sonja für zehn Tage bereitwillig im voraus bezahlt hatte, erfreute sie sich vorläufig eines gewissen Ansehens, das die mangelnden Zeugnisse immerhin er setzen konnte. Die zwei Pensionszimmer – mehr gab es nicht, die Inhaberin selbst bewohnte die Küche – waren ganz finster und gingen in einen schmalen Lichthof, der nach allerhand Speisen aus allerhand Küchen, nach dem Stall, der unten im Hause war, nach Chemikalien und schlimmeren Dingen roch. Möbel gab es keine, sondern bloß Matratzen mit Leintüchern, Kissen und 207 Decken von zweifelhafter Reinlichkeit und an der Wand Haken zum Aufhängen der Kleider. Auf den Matratzen kauerten fünf oder sechs halbangekleidete Frauenzimmer und begrüßten Sonja mit verheißungsvollem Gelächter und allerhand Anreden die sie freilich nur zum Teil verstand, zum Teile immerhin erriet. Eine kämmte sich vor einem zerbrochenen Wandspiegel, eine andere, Französin und »Bonne supérieure«, wie sie sich brüstete, saß in einem hochroten Seidenhemde mit nackten Armen, die Beine eingezogen und rauchte eine Zigarette, eine dritte war betrunken und sang ungarisch. Eine vierte, dick wie ein Faß, wälzte sich auf dem Lager und schrie, man solle sie schlafen lassen. Sonja setzte sich seufzend auf ihr Kofferchen und beschloß, die Nacht abzuwarten. »Hast du einen Geliebten?« wurde sie von einer gutmütigen blonden Person gefragt, die am Fenster stand. Sonja schüttelte schweigend den Kopf. Sie saß vielleicht zwei Stunden lang auf ihrem kleinen Koffer und wartete. Heute kam wohl niemand mehr, um ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Schließlich zog sie sich aus, hing ihre Kleider auf den Pflock zu Häupten ihrer Matratze, stellte ihren Koffer 208 unter das Kopfkissen, die Schuhe zu Füßen ihres Lagers und legte sich nieder. Sie wollte wenigstens schlafen. Ein Lämpchen wurde angezündet. Die anwesenden Damen begannen zu nachtmahlen, wobei sich ein beträchtlicher Lärm entwickelte, Würste wurden angeboten und getauscht, Orangen verzehrt, mit deren Schalen man sich bewarf, Sonja aß ein Stück Brot, die letzte Schnitte des guten Kommißbrotes. Zwei Pensionärinnen wurden handgemein, eine dritte spielte dazu auf der Maultrommel, die Französin sang » Au clair de la lune, mon ami Pierrot «. Endlich erschien die Pensionsinhaberin, gebot Ruhe und nahm das Lämpchen wieder fort. Allmählich trat Ruhe ein, plötzlich wurde aber im »Salon« eine Männerstimme laut. Die Glastür öffnete sich und eine aufgedonnerte Person trat mächtig lachend am Arme eines Kavaliers in das Zimmer. »Schlaft ihr schon, ihr Schlumpen?« rief sie. Die Angerufenen schrien sie an: »Hinaus mit dem Mannsbild!« »Ruhig, hab ich nicht doppeltes Pensionsgeld bezahlt, ihr Schweine?« antwortete der Bedrohte und stieg mit seiner Dame gelassen über die Schlafenden hinweg. Er beleuchtete mit einer mitgebrachten 209 Wachskerze die Gesichter. Die Drohung der Frauenzimmer war nicht so ernst gemeint, wohl mehr Neid, als beleidigtes Schamgefühl, denn da er ihnen mit dem Licht vor den Augen herumfuhr, lachten sie ihn recht vergnügt und freundlich an, Sonja aber zog die Decke über sich, um seinen Blicken zu entgehen. »Wer ist denn die hier? Eine Frischgefangene? Nun, zeige dich nur, oder bist du gar zu häßlich?« Die anderen warfen sich über sie und entwanden ihr die Decke, so daß Sonja weinend mit den Händen ihr Gesicht schützen mußte. »So schaust du aus? Na, beruhige dich, ich bin versorgt, wenn du aber durchaus willst, darfst du mit mir schlafen.« »Lassen Sie mich in Frieden, mein Herr . . .« »Ach, eine Sittsame! Nun, du wirst dich schon noch daran gewöhnen, gute Nacht mein Kind. Und wenn du Lust hast, brauchst du mir's bloß zu sagen, du weißt, nur ein Wort.« Er verschwand mit seiner Dame vergnügt ins zweite Zimmer. Es dauerte lange, bis Stille einkehrte und Sonja schließlich in einen schweren, von argen Träumen gehetzten Schlummer fiel, um müde zu 210 erwachen und sich an einem finsteren Morgen in diesem dumpfen Raume bei den merkwürdigen Erzieherinnen wiederzufinden. Zwei Tage verbrachte sie in diesem Heim, saß stundenlang in dem Schlafzimmer und bemühte sich, mit ihren Genossinnen freundlich zu sprechen, um sie nicht gegen sich aufzubringen. Hie und da ging sie auf ein Viertelstündchen spazieren, in die freie Luft unter die wohlgekleideten stattlichen Menschen, die auf dem »Graben« im schönen Frühling einherspazierten. Dies war der zweite Lenz, den sie in Wien erlebte. Im ersten Sommer hatte sie als das Kind des gräflichen Paares Tennis gespielt und reiten gelernt und sich auf die höchste Zukunft gefreut. Welche niedrige würde nun der zweite Frühling bringen? Gar oft erwog sie, sich aus dem Staube zu machen und die Pension ohne Abschied zu verlassen. Was aber sollte sie in der großen Stadt allein und ohne Geld anfangen, wie sonst sich helfen und ihr Brot verdienen? Hier hatte sie ja im Voraus bezahlt und war sparsam genug, der niederträchtigen Stellenvermittlerin zehn Gulden nicht ohne weiteres schenken zu wollen. So kehrte sie immer wieder in das schlimme Haus zurück und wurde schließlich doch belohnt. An einem Vormittag rief man sie in 211 den »Salon«, wo eine Dame wartete, der sie sich vorstellen sollte. Eine Ungarin sprach Sonja in gebrochenem Deutsch an, sie sei von ihrer Schwester beauftragt, für deren zwei Kinder eine deutsche Lehrerin zu suchen, welche im Unterricht der Elementargegenstände bewandert, auf der Sommerfrische am Plattensee die beiden weiblichen Zöglinge von acht und elf Jahren überwachen müßte. Verlangt werde vor allem eine schöne deutsche Aussprache. Sonja antwortete auf die gestellten Fragen bescheiden und höflich, wie sie es verstand und auch ihre Aussprache wurde für recht hübsch befunden. Ein wahres Glück, daß eine Ungarin dies beurteilte, denn Sonja redete zwar geläufig deutsch, aber mit der wunderlichsten Wort- und Satzbildung, mit polnischen Floskeln und Wendungen und einem weichen slavischen Anklang. Ebenso hätte sie wegen ihres trefflichen polnischen Ausdrucks belobt werden können, denn auch in dieser Sprache bewegte sie sich wieder mit deutschen Phrasen und Gedanken, wie sie eben als das heimatlose Wesen, das sie war, überall und nirgends zu Hause, sogar die Worte und Einfälle ihres unmittelbaren Gefühls wie eine Fremde suchen und sich daran mühselig forttasten mußte. Ihr selbst schien freilich 212 das erteilte Lob durchaus verdient, sie nahm es mit Würde und Bescheidenheit an. Schließlich wurde ein Vertrag für zwei Monate abgeschlossen. Länger benötigte man ihre Dienste nicht. So war sie wenigstens bis Anfang Juli versorgt. Am nächsten Tage sollte sie bereits nach ihrem neuen Ort fahren und die Stelle antreten, eine Fahrkarte wurde ihr eingehändigt. Sie reiste also hin und wurde in einem netten Landhause von ihrer neuen Herrschaft freundlich aufgenommen. Die Dame verständigte sich mit ihr in einem herzlichen Kauderwälsch von Ungarisch, von deutlichen Gebärden und ein paar deutschen Brocken, die Kinder aber, zwei aufgeweckte Mädchen, sprachen recht gut deutsch, führten sie im Garten umher und waren zufrieden mit ihr, da sie sich augenblicklich zum Spielen hergab, mit ihnen um die Wette lief und lachte. Auf den Befehl der Mutter brachten sie endlich ihre Hefte und Bücher herbei und zeigten ihre Schulaufgaben. Sonja setzte ein ernstes Gesicht auf und betrachtete äußerst interessiert diese fremden Dinge. Das war nun eine höchst gefährliche und drohende Sache. Da gab es merkwürdige Rechenexempel, schwierige französische Exerzitien, deutsche Sprachbeispiele, sogar ein Aufsatz sollte geschrieben werden, mit dem Titel: 213 Beschreibung unseres Sommeraufenthaltes, denn die Kinder besuchten in Budapest ein vornehmes Institut, welches auf allgemeine Bildung eingerichtet war. Da wurde Sonja übel zumute, sie klagte, nachdem das Abendessen vorbeigegangen, über Kopfschmerzen und Müdigkeit und bat, sich zeitig zur Ruhe begeben zu dürfen, was man ihr nach der Fahrt in der großen Hitze des wolkenlosen Maitages gern und unter Ausdrücken herzlichen Bedauerns zugestand. In ihrem Mansardenstübchen, endlich wieder in einem reinen anständigen Zimmer, setzte sie sich an den Tisch und überlegte, wie sie diese schwierigen Aufgaben der Erziehung werde bewältigen können, denn sie zeigten sich doch nicht eben als selbstverständlich. Das beste schien ihr, an Ernst zu schreiben, da das »goldene Buch« begreiflicherweise nur die allgemeinen Grundsätze der Wissenschaften verriet, ohne auf die unvorhergesehenen Zufälle ihrer praktischen Anwendung Bedacht zu nehmen. Mit einer kurzen Nachricht über ihre verschiedenen Erlebnisse verband sie daher eine genaue und ausführliche Auseinandersetzung dieser Themen und erbat eine umgehende Beantwortung. Darauf legte sie sich beruhigt schlafen und stand am 214 nächsten Morgen gar nicht auf, sondern band sich einen Umschlag über den Kopf. Als man ihr das Frühstück brachte, seufzte sie bitterlich und stöhnte wie eine Schwerkranke, sie habe wahnsinnige Kopfschmerzen und fiebere wohl auch. Mitleidig fragte man, ob sie eines Arztes bedürfe, doch wehrte sie ab, leider seien ihr diese Zustände vertraut, die nach zwei Tagen regelmäßig vorübergingen, und für diese kurze Zeit erbitte sie die gnädige Nachsicht. Am ersten Tage lag sie also im Bette und ruhte aus und legte sich nur im Essen eine, freilich unangenehme Beschränkung auf, da es einer Unpäßlichen doch nicht geziemt, hungrig zu erscheinen und mit Appetit zu speisen. Immerhin genoß sie eine seine leichte Krankenkost mit Vergnügen, verzehrte süße Bisquits, kräftige Suppen, Milch und Rotwein. Am zweiten Tage erhob sie sich, trug eine leidende, aber etwas erleichterte Miene zur Schau, ging wie eine mühsam Genesende mit bedächtigen Schritten an der Seite der braven teilnahmsvollen Kinder spazieren und schien sich unter den Bäumen des schattigen Gartens, am schilfigen Seeufer in der angenehmen Luft zusehends zu erholen. Die Dame des Hauses, eine gutmütige Frau ließ ihr jede Schonung augedeihen. 215 Am dritten Tage langte endlich der ersehnte Brief an, Roszkowski hatte den ihrigen bekommen, sich sofort hingesetzt und alle Aufgaben bis in die Nacht hinein sorgfältig und mit der ausführlichsten Erklärung, mit den genauesten Weisungen für den mündlichen Unterricht, gelöst. Nun hatte sie Stoff für ein paar Lehrstunden und konnte mit Geschick und pädagogischer Ausdauer, Gründlichkeit und Genauigkeit ungefähr eine Woche getrost ausfüllen. Jetzt war sie ganz wieder hergestellt, zeigte sich munter aufgelegt zur geliebten Tätigkeit, setzte sich mit ihren Zöglingen in eine schattige Laube und begann den Unterricht, den sie dank den erhaltenen genauen Fingerzeigen recht schön abwickelte, nicht ohne die bevorstehenden neuen Themen zu bedenken und aufzuschreiben, so daß sie mit der Antwort auf einen zweiten Brief wieder neues unerläßliches Material für ihre weiteren Lektionen gewärtigen durfte, welches denn auch rechtzeitig mit aller wünschenswerten Ausführlichkeit eintraf. Wie aber Kinder scharfblickend und auf ihren Vorteil bedacht sind, merkten ihre beiden Schülerinnen gar bald, daß Sonja die Aufgaben fertig zur Stunde mitbrachte und durch unwillkommene Zwischenfragen in Verlegenheit besetzt wurde. Sie schlugen ihr daher 216 rundweg vor, anstatt, daß sie sich mit den Arbeiten in ihrer freien Zeit plagen sollten, möge ihnen das Fräulein doch die Themen lieber gleich geben, sie würden sie einfach recht schön abschreiben und rascher fertig werden und alles käme in Ordnung, ohne daß sich beide Teile sonderlich bemühen müßten. Gutwillig ergab sich Sonja in diese notgedrungene, aber keineswegs unkluge Fügung der Dinge. Ernst plagte sich in seiner siebenbürgischen Garnison mit den Aufgaben, schickte sie pünktlich ein, Sonja lieferte sie ihren Zöglingen aus und diese schrieben sie ab. So war der einfachste, praktischste Vorgang hergestellt, in den Unterrichtsstunden aber spielte man allerhand kleine Spiele, die beim Kommen der Mutter oder anderer Uneingeweihter unterbrochen und von den ernsthaftesten Fragen und Antworten abgelöst wurden. Auf diese Weise verstrichen die zwei Monate in allseitigem Einvernehmen und schönster Ruhe. Dann reiste die ungarische Dame mit ihren Kleinen in ein Seebad und mußte zu ihrem Bedauern die tüchtige kleine Lehrerin mit der schönen deutschen Aussprache entlassen. Da der Sommer angebrochen war, konnte Sonja nichts besseres tun, als in dem bewährten Gouvernantenheim einen zweiten Posten erwarten. 217 Als sie dort die gleichen zweifelhaften Zustände vorfand, wobei nur einige frühere Kolleginnen fehlten, die sich nunmehr als würdige Erzieherinnen betätigten, während neue die alten Matratzen mit der gleichen Ungezwungenheit besetzt hatten, fühlte sie sich bereits besser zu Hause, als das erstemal, gewöhnte sich an die frechen Sitten und die offenen Zweideutigkeiten und wartete mit mehr Geduld auf eine neue Erlösung, die sich tatsächlich nach ein paar Tagen einstellte, indem sie in den Salon gerufen, einen Hauptmann antraf, der ihre Dienste begehrte. Sie wußte eigentlich nicht, warum sie schon beim Anblick der bekannten Uniform ein gewisses Mißtrauen spürte und den kommenden Dingen mit Beunruhigung entgegensah. Aber sie hatte wahrlich nicht die Wahl, jetzt vorsichtig oder launenhaft einen Posten auszuschlagen. Auch duldete der energische Mann von vornherein keinen Widerspruch, sondern behandelte sie gleich wie seine willenlose Sklavin, wie einen weiblichen Offiziersburschen. Er fragte sie, wie sie heiße, um ihr Alter und ob sie stark genug sei, einen Säugling zu tragen, fähig, mit Kindern umzugehen und die sonstigen Dienste einer Magd zu tun: Wäschewaschen, Nähen, Kochen und dergleichen. »Du erhältst also acht Gulden für den 218 Monat und fährst morgen mit mir und den Meinigen aufs Land. Du bist um sechs Uhr früh beim Westbahnhof mit deinen Sachen und bekommst deine Fahrkarte. Adieu.« Ohne Gegenrede war sie angeworben und fand sich gefaßt und gehorsam beim Westbahnhofe zur angegebenen Stunde ein. Im Wartesaal stand die Reisegesellschaft schon in Bereitschaft, der Hauptmann neben einer starken, üppigen Blondine mit recht gemeinen Zügen, zwei verwahrloste Kinder, ein Knabe und ein Mädchen in abgetragenen unordentlichen Kleidern, jedes mit einem Ranzen, der Hauptmann selbst trug das Jüngste, das ihrer besonderen Obhut anvertraut bleiben sollte, in Windeln eingeschnürt war und bitterlich weinte. Der Offiziersbursche aber schleppte zwei Koffer mit den Habseligkeiten der Herrschaft. »Also, da bist du, nimm mir das Kind ab und dem Burschen den einen Koffer, du fährst in der dritten Klasse, gib acht, daß der Kleinen nichts passiert, laß sie nicht schreien und lege sie trocken, da hast du die Milchflasche, wenn's notwendig ist. Wir fahren zweiter.« Damit stiegen er, die Frau und die beiden andern Kinder in den Zug und Sonja mußte einen Wagen 219 der dritten Klasse aufsuchen, wobei sie Mühe genug hatte, den Koffer, ihr eigenes Gepäck und das schreiende, lebendige Bündel so zu tragen, daß sie nichts fallen ließ. Eine gewisse Menschenkenntnis, die abenteuernde Leute immerhin gewinnen, sagte ihr, daß diese Familie nicht eben eine ordentliche militärisch-bürgerliche Ehe darstellte, sondern eine wilde Gemeinschaft, denn die blonde Frau schien keineswegs vornehm und standesgemäß, sondern verwahrlost und gleichgültig, wie eine schlecht bezahlte Geliebte, die so gut es gehen mag, mit ihrem Anhang ausgehalten wird. Trug sie doch weder einen Ehering am Finger noch bekümmerte sie sich sonderlich um eine ehrbare Haltung und anständiges Aussehen. Wohl eine ehemalige Köchin vom Lande, stieg sie äußerst protzig in die zweite Klasse ein, als gebühre ihr dieser Platz im Leben und sah verächtlich auf die kleine Magd herab, welche in die dritte gehörte. Ein verdrossener und bei der Unterdrückung doppelt empfindlicher Stolz quälte Sonja in ihrer neuen Lage. Dies also war ihr Schicksal, daß sie einer gemeinen Offiziersmätresse Magddienste tun und deren uneheliches Kind pflegen sollte. Die Madame durfte in allem Ansehen den schönen Platz einnehmen, während sie sich 220 abschleppen und placken mußte. Und niemand ahnte, wer sie, Sonja, eigentlich sei und was ihr von rechtswegen gebühre. Der Zug fuhr ab, sie saß unter vielen fremden Menschen eingepfercht, mit einem schreienden Bündel am Arm und hatte Hunger, Zorn und Angst. Der Säugling brüllte unverwandt. Sie wiegte ihn erst geduldig, dann verzweifelt, endlich unwillig, sie sang ihm etwas vor, er schrie und schrie, sie reichte ihm die Milchflasche, er schrie, trank und schrie weiter. Die übrigen Fahrgäste beschwerten sich über den Lärm, Sonja entschuldigte sich voll Scham, das Weinen war ihr näher, sie wußte sich in keiner Weise zu helfen. Das Kind sei das Fahren eben nicht gewöhnt, das komme davon, wenn man Säuglinge auf die Eisenbahn mitnehme, meinte ein Menschenfreund. Sonja wiegte das neuerlich kreischende Päckchen mächtig hin und her. Eine ältere Dame, die ihr gegenübersaß, sagte endlich: »Aber liebes Fräulein, halten Sie das Kind doch ruhig, denken Sie nur, wenn Ihnen etwas fehlte und man würde Sie so rütteln und schütteln, meinen Sie, es täte Ihnen wohl?« 221 Sonja sah erstaunt auf und hielt ihre Last ruhig. Das Kind aber schrie gottsjämmerlich weiter. »Sie werden es eben aufmachen müssen und trocken legen, deshalb schreit es so sehr,« erklärte die Dame. Gehorsam öffnete Sonja das Paket und sah, was sie sehen mußte. Ingrimmig und vom Gelächter, wie von den unwilligen Ausrufen der Mitreisenden verhöhnt, bemühte sie sich, das verhaßte kleine Wesen möglichst unauffällig und rasch zu reinigen und neu einzuwickeln, wobei sie sich manche mißbilligende Worte und Winke der erfahrenen alten Dame gefallen lassen mußte. Die hatte freilich gut reden. Sie war sicher eine brave Mutter erwachsener Kinder und empfand beim Anblick eines solchen hilflosen Würmchens das alte, sehnsüchtige Gefühl der fernen Zeit, da sie selbst ihre Kleinen geboren und gepflegt hatte. Sonja aber entbehrte durchaus unschwer diesen sonst den Frauen eigentlich eingeborenen Trieb der Mutterschaft und Zärtlichkeit, der Treue und Fürsorge für ein Kind. Zu sehr war sie Zeit ihres Lebens gezwungen gewesen, an sich selbst und die eigene Erhaltung zu denken, sich listenreich und gewandt durch alle Fährlichkeiten durchzuwinden, als daß sie die sanfte 222 Sicherheit und Klarheit des Gefühls hätte gewinnen können, welche notwendig ist, um ein fremdes Kind, wenn auch nicht wie ein eigenes zu lieben, so doch eben als das armselige Wesen, das es ist, zu beschützen. Sonja würde, wie so viele ihresgleichen die bittersüße Pflicht der Mutterschaft und die weitere, weibliche Treue für alles, was Kind und hilflos ist, wohl auch eben erst gelernt haben, wenn sie, grausam genug, in der Pein der Selbsterhaltung noch der Nötigung ausgesetzt worden wäre, ein solches Wesen zu gebären, in Schmerzen zur Welt zu bringen und auf der mühevollen Erde zu bewahren. Vielleicht stand ihr auch dies noch einmal bevor, jetzt aber empfand sie nur Wut und Haß, diese schreiende, unsinnige, ungeduldige, zappelnde, schmutzige, boshafte Kreatur in ihren Armen zu sehen, der sie, weiß Gott warum, ihre Kraft und Jugend, Zeit und Geduld, ihren Stolz und ihre Freiheit opfern mußte. Erleichtert seufzte sie auf, als der Zug endlich in der bezeichneten Haltestelle anlangte. Sie lud sich mit Beschwerde ihre dreifachen Lasten auf und verließ, gefolgt von allerhand peinlichen Zurufen, den Waggon. Auf dem Bahnsteig warteten bereits die übrigen. Nun galt es noch zwei Stunden Weges zu wandern, denn das Dorf, wo der 223 Erholungsaufenthalt angetreten werden sollte, lag weit drinnen im Lande. Es war wirklich keine vornehme Sommerfrischgegend, sondern die schlichte, einförmige niederösterreichische Hügellandschaft, die sich nahe dem Wienerwalde weit gegen Westen und Norden hinstreckt. Eine tüchtige Bauernsommersonne brannte nieder und das Trüpplein setzte sich verdrossen in Bewegung. Voran ging der Herr Hauptmann mit seiner Kebse, eingehängt und mit einem widerlichen Gebaren von Stattlichkeit und ungebührlichem Ansehen. Dahinter schleppte sich Sonja mit ihrem Gepäck, während die beiden älteren Kinder zwischendrein liefen, bald wie zudringliche Hunde um sie kläffend, zankend und stoßend, bald zu den Eltern voraneilend. Der Weg ging schmal und uneben durch Wiesen und Felder ohne Schatten, nur selten kam ein Baum, hie und da wurde ein Bach durchschritten, wobei sie doppelt achthaben mußte, nicht zu Fall zu kommen oder auch nur zu straucheln, um den Säugling nicht zu beunruhigen. Denn wenn er zu schreien begann, wandten sich der Hauptmann und sein Weib entrüstet nach ihr um, schalten sie wegen ihrer Ungeschicklichkeit, und das Frauenzimmer riß ihr das Kind aus den Armen, küßte es leidenschaftlich schmatzend, belegte es mit den 224 dümmsten Kosenamen, trug es aber nicht selbst weiter, sondern überließ es ihr wieder mit einem gemeinen Schimpfwort. So mußte sie immerzu das verhaßte Paar vor sich herstolzieren sehen und war in ihrem innersten Herzen über die Zuchtlosigkeit der Welt empört, welche derartige Verhältnisse zuläßt und ruhig solche gesetzlose Familien duldet, die ungehörig alle Ordnung einer ehrbaren Gesellschaft in Frage stellen. Daß sie selber ähnlicher Schonung ihr Glück und ihre ungestörte Existenz verdanke, kam ihr nicht im mindesten bei, wie denn jeder Mensch leichthin bereit ist, sich als einzig berechtigte Ausnahme von der Regel gelten zu lassen. Sonja empfand nichts als Haß und Verachtung dieser unehelichen Gemeinschaft und bedauernswerten Unsittlichkeit, welche ihr das Ehrenkleid des Soldaten so recht zu schänden und zu verunzieren schien. Aber wehrlos knirschte sie ihre Empörung zusammen und würgte all den Ingrimm hinab, denn der Muß ist ein harter Herr, wie ein polnisches Sprichwort sagt, und sie spürte seinen Griff an allen Gliedern. Zerschlagen und zum Umfallen müde langte sie endlich in dem Bauernhause an, wo sie die kommenden Wochen zubringen sollte. Hier, offenbar in der Heimat der 225 Frau, fand die Sippe das Sommerquartier. Man schritt durch einen schmutzigen Hof, wo Hühner gackerten, ein Hund an der Kette belferte, ein schmutziger Wagen mit langer Deichsel den Raum versperrte, zu einem geweißten niedrigen Hause, an welches eine hölzerne Scheune stieß, in deren Untergeschoß ein Stall lag, worin zwei Kühe und ein Ackergaul futterten, während oben der Heuboden untergebracht war. Die Frau und der Hauptmann wurden vom Bauern und seiner Gattin begrüßt, barfüßige, blondschopfige, ungewaschene Kinder standen mit offenen Mäulern und glotzenden wasserblauen Augen da, man trat in eine feuchte niedrige Stube, wo ein breites Doppelbett das sogenannte Ehepaar erwartete, während für die beiden größeren Kinder ein Sofa bereitstand. Das vergitterte Fenster sah auf Felder weithin ins sonnige, staubige, öde Sommerland. Ihr aber wies man einen Verschlag in der Scheune an, neben dem Stall, aus welchem das unablässige, dumpfe Malmen und Wiehern der Tiere drang, ähnlich wie seinerzeit in dem Unglücksdorf beim Starosten. Auch ein Strohsack sollte wie damals ihr Lager werden, indes für den Säugling eine hölzerne Wiege neben ihrem »Bette« hergerichtet wurde, damit sie das Kind 226 gleich höre und zur Hand hätte, wenn es schrie. So war sie nun einquartiert und versah ihren Dienst vier endlose Wochen lang. Bei Nacht konnte sie kaum eine Stunde ungestört schlafen, denn der Säugling begann mit unerhörter Bosheit gerade dann zu heulen, wenn sie eben die Augen geschlossen hatte und im ersten Schlummer das Elend des Tages zu vergessen anfing. Auch der Stallgeruch, Mücken, Würmer, Ungeziefer aller Art bedrängten sie, früh morgens aber mußte sie aufstehen, Holz spalten und das Frühstück bereiten, denn die mitgebrachte Magd sollte ja auch dem Bauern die Wirtschaft erleichtern und die Gastfreundschaft durch ihre Hilfe bezahlen. Ferner mußte sie die Windeln waschen, die Kleider und Schuhe putzen, das Zimmer der Herrenleute aufräumen, die größeren Kinder reinigen und anziehen, und war dies alles geschehen, mit ihrem Säugling dem Paare ins Freie folgen, wo man sich eben des Sommers und der Erholung freute. Für die stille, geduldige Schönheit dieser Bauernlandschaft und der warmen, sonnenglänzenden Felder voll gelben Korns und bunter Blumen, duftenden Heues und heißen Wohlgeruchs, für das behagliche Murmeln des Baches, für die sanften Weiden an 227 seinem Ufer, für den ruhigen, gleichmäßigen blauen Himmel und die gelassen vorüberziehenden Abendwolken oder für die brausende Schönheit der plötzlich einbrechenden Gewitter, für alle diese Reize der schlichten Natur hatte Sonja in ihrem Zorn und ihrer bitteren Mühsal wahrlich kein Verständnis, sondern nur Abscheu, sie haßte diese ganze Gegend, das armselige Bauernhaus, die einförmige Hitze und schattenlose Erntewelt, das Gackern der Hühner stach ihr wie ein erbarmungsloser Hohn in die Ohren, überall erblickte sie nur ihre Knechtschaft, ihre Schmach, ihre gezwungene Unterwürfigkeit, das war ihre Sommerfrische! Sie hatte bloß einen Gedanken: ob ihr dieser Schurke von Hauptmann am Monatsschluß auch ihren Lohn ausbezahlen würde, dann sollte natürlich die Stunde ihrer Befreiung schlagen, dann wollte sie sich unbedingt und unverzüglich davonmachen. Dann mochte sich der jämmerliche Wickelbalg in seiner Wiege zu Tode schreien und die fette blonde Kebse alle die Dienste tun, die sie ihr, dem stolzen Polenmädchen zugemutet. Aber, ob der Hauptmann wohl mit den acht Gulden herausrücken werde! Und wie sie ihn dann zwingen könne, wenn er etwa Miene machte, sie um den verdienten Lohn zu prellen! 228 Die Tage schlichen mühselig dahin, von Hitze und Sorge beschwert, daß es ihr immer schien, als wollte es gar nicht Abend werden und in den schlaflosen Nächten, als wolle die Sonne nicht wieder aufgehen, und wenn endlich die Hähne schrien, als zögere der Morgen heraufzuziehen, um sie nur länger noch zu peinigen. Aber nichts ist sicherer, als daß dem Menschen die Zeit über seinem Scheitel vergeht, der Monat war um, und der Hauptmann zahlte ihr knurrend den Lohn aus, den sie unterwürfig empfing, dabei reichte er ihr die Hand zum Kusse hin, und sie tat so, wie es einer Magd geziemt. Das geschah zu Mittag, nach dem Essen. Die Frau schlief mit den Kindern in der Stube, die Bauern waren draußen auf dem Felde, der Hauptmann zog sich gähnend zu den Seinen zurück, Sonja suchte ihren Verschlag auf und begann mit wahnsinniger Eile ihre Habseligkeiten zusammenzusuchen und in das Kofferchen zu packen, wobei zudringliche Schmeißfliegen sie umsummten und peinigten, als wollten sie sie noch im letzten Augenblicke hindern. Kaum war sie fertig, so fing das Wickelkind schrecklich zu brüllen an. Da nahm sie es zum letzten Male 229 aus der Wiege und schüttelte es in furchtbarem Ingrimm, als wollte sie ihm die Seele aus dem Leibe beuteln und siehe da, dieser Zorn setzte das kleine Wesen offenbar in solches Staunen, daß es demütig verstummte und zu weinen abließ, worauf sie es mit ihrem vertrauten Schimpf: »Psiakrew«, den sie, damit der Wurm doch die Anrede zu würdigen wisse, noch deutsch wiederholte: »Hundsblut verfluchtes«, in die Wiege zurückwarf. Das Kind begann augenblicklich von neuem zu schreien, sie aber lachte höhnisch und lief davon, ohne sich umzusehen und erreichte die Haltestelle und fuhr mit dem nächsten Zuge nach Wien zurück. Mit den zehn Gulden, die ihr Ernst geschickt und den Ersparnissen ihrer Löhne aus den beiden Stellungen hoffte sie sich immerhin eine Weile in der Stadt zu halten, bis sie wieder etwas anderes fand, sich fortzubringen, bis das Schicksal einen günstigeren Fahrwind schickte, Roszkowski sie zu sich nahm, der erwartete Millionär sie adoptierte, oder sonst was immer für ein Zufall ihr das gebührende Glück in den Schoß würfe. Also mietete sie sich bei einer armen Quartierfrau in der Vorstadt ein und lebte von der Hand in den 230 Mund, wobei freilich kaum mehr als ein trockenes Stück Brot diesen Weg zurücklegte. Aber sie verhehlte ihre traurige Lage, um ihn nicht in übergroße Sorge zu versetzen, da sie zuversichtlich genug auf die Wendung der Dinge rechnete, die ohne Zweifel eintreten mußte, denn immer war es ihr nach einer bösen Zeit plötzlich wieder gut ergangen, Reden und Schreiben half nichts, es galt nur den Augenblick wahrzunehmen und da sie sonst nichts zu tun hatte, konnte er ihr doch nicht unbemerkt vorübergehen. Sie wartete also auf den Augenblick, wobei ihre Barmittel immer mehr zusammenschmolzen. Der Quartierfrau war sie bereits das Bettgeld für einen vollen Monat schuldig, zwar half sie ihr, einer Wäscherin, bei der Arbeit, aber das wurde nicht als Geldeswert veranschlagt, so daß die arme Person ihr bereits in den Ohren lag, sie möchte endlich etwas zahlen. Sonja vertröstete sie, ihr Vormund werde schon Geld schicken, oder sie erwarte demnächst eine beträchtliche Anweisung und was dergleichen wirksame Ausreden mehr waren. Schließlich wurde sie vom Hunger und den Entbehrungen noch krank und lag gerade im Bette, als unversehens ein Postbote eintrat, er habe 231 eine Sendung für das Fräulein Sofia Podchmielska zu bestellen, ob diese hier wohne. Das tat sie freilich. Ja, da sei aber eine Schwierigkeit. Das Paket erscheine auf den hohen Wert von zwölfhundert Gulden versichert, könne daher nur gegen eine genaue Legitimation der Empfängerin ausgefolgt werden, sie möchte daher ihre Papiere vorweisen und ihre Identität dartun. Das war nun allerdings eine mißliche Forderung, denn sie besaß bekanntlich keine Dokumente. Außer der Bescheinigung des schlimmen Starosten, daß sie Roszkowskis Mündel sei und der Erklärung des Breslauer Domherrn über ihre adelige, durch Ehrenwort bekräftigte Herkunft bestanden überhaupt keine amtlichen Bescheinigungen ihres Daseins. Und diese ohnedies recht fragwürdigen Urkunden befanden sich in Ernsts Händen. Sie fuhr daher den Briefträger streng an, was er denn glaube, sie sei die gesuchte Sofia Podchmielska, die adelige Offizierswaise und so weiter und ob er sie für irgendeine hergelaufene Betrügerin halte. Das sei fern von ihm, aber die Vorschriften verlangten nun einmal unbedingt eine genaue Legitimation und er dürfe die Sendung zu seinem Bedauern nicht ausfolgen. Damit empfahl er sich höflich. 232 Auf dem Postamte, wohin sie sich am nächsten Morgen recht mühselig schleppte, verweigerte man ihr gleichfalls die Ausfolgung. So glaubte sie das gelobte Land des reichlichen guten Geldes vor sich zu sehen und konnte es doch nicht betreten dank den unerhörten Schikanen des Amtsgebrauches. Doppelt elend kroch sie in ihr Bett zurück und überlegte lange, was sie tun sollte, um die verheißene Gabe endlich doch in die Hand zu bekommen und dem schlimmen Schuldenwesen mit einem Schlage ein Ende zu bereiten. Aber wenigstens war ihre Wirtin durch die Aussicht auf die Sendung für eine Weile beschwichtigt und gab ihr Ruhe. Doch ist die kaiserlich königliche Post in ihrer Pflichttreue nicht saumselig und läßt keine Sendung vergeblich in ihrem Schalter liegen. Es trat daher eines Morgens, wenige Tage nach ihrem erfolglosen Einschreiten beim Postamte, ein Wachmann säbelklirrend, den Helm auf dem Haupte, in ihre Kammer und fragte barsch, ob hier eine gewisse Sofia Podchmielska wohne. Auf ihre mit matter Stimme gegebene Bejahung, sagte er kurz angebunden, sie habe ihm ungesäumt auf das Kommissariat zu folgen. Da regten sich unversehens alle Geister des 233 beleidigten Adelsstolzes und der alten Kraft in der Kranken, sie richtete sich im Bette auf und schrie den arglosen Diener des Gesetzes an: »Was unterstehen Sie sich, was glauben Sie denn? Zuerst nehmen Sie den Helm ab, wenn Sie zu einer Dame ins Zimmer treten, verstanden, sonst werde ich über Sie Beschwerde führen und kostete es Ihre Stellung! Das fehlte noch, daß man sich ein solches Benehmen gefallen lassen müßte!« Der Wachmann war über diese Belehrung so verdutzt, daß er in der Tat den Helm abnahm und barhaupt mit möglichster Höflichkeit seine Aufforderung wiederholte, Sonja möge ihn zur Ausweisleistung ins Kommissariat begleiten. Da ein weiterer Widerstand nur gefährlich erschien, beschloß sie, ihm zu folgen, hieß ihn in der anstoßenden Küche warten, bis sie Toilette gemacht habe, stand auf, kleidete sich an und ging, von den argwöhnischen Blicken und höhnischem Flüstern der Hausinsassen verfolgt, mit dem Polizeimanne fort. Dieser hüllte sich in das ernste und feierliche Stillschweigen, welches untergeordneten Dienern des Staates am besten zur Wahrung ihres Ansehens verhilft. Etliche Versuche Sonjas, aus dem eingeschüchterten Amtsorgan 234 näheres über das ihr zur Last gelegte Verbrechen zu erfahren, blieben erfolglos. Er schwieg und murmelte höchstens etwas Unverständliches. Dagegen war der Polizeikommissär, in dessen Bureau sie geführt wurde, weit gesprächiger, empfing sie mit einem ganz niederträchtigen Lächeln, sah sie von oben bis unten mit einem erfahrenen Blicke an, setzte behaglich eine Zigarette in Brand und fragte sie um ihre Lebensverhältnisse. Wieder erzählte sie ihre Schicksale, nannte ihren Namen, ihren Waisenstand, sagte, daß der Herr Oberleutnant Roszkowski ihr Vormund sei, der ihr offenbar eine wertvolle Sendung zugedacht habe, die man ihr jedoch nicht ausfolge. »Schön, schön, aber wovon leben Sie hier?« »Von meinen Ersparnissen. Übrigens was geht das irgendwen an, wovon ich lebe.« »Doch, mein geschätztes Fräulein. Die Polizei muß leider so neugierig sein, sich nach den Verhältnissen gewisser Verhältnisse zu erkundigen. Sie sind hier allein, ohne nähere Ausweise über Ihr Vermögen, ohne merkbare Beschäftigung, bei einer Waschfrau in einer Kammer, Sie können über Ihre Lebensumstände nichts anderes vorbringen, als eine Geschichte von einem Vormund, die ja wahr, aber ebensogut auch schön erfunden 235 sein kann. Wir kennen solche Märchen gerade genug. Der Herr Oberleutnant unterstützt Sie. Er lebte früher in Wien, nun da war Ihre Lage vielleicht klarer, aber jetzt müssen Sie doch irgendwie anders Ihre Existenz fristen. Nicht wahr? Und es macht sich nun der begründete Verdacht geltend . . . Nun, Sie verstehen mich doch, also vielleicht machen wir es kurz, ersparen Sie mir weitere Erörterungen, reden Sie die Wahrheit! Haben Sie vielleicht andere Herrenbekanntschaften oder dergleichen? Oder bleiben Sie bei Ihren Angaben?« Wieder empörte sich Sonja mit allem Stolz ihres beleidigten Gefühles und ihrer gekränkten Ehre und erklärte, sie lasse sich solche unverschämte Zumutungen nicht gefallen, sie werde seinerzeit dafür Genugtuung verlangen, vorläufig aber möge man unverzüglich beim genannten Oberleutnant die nötigen Erkundigungen einziehen, das Weitere werde sich dann finden. Der Kommissär zuckte mit einiger Verlegenheit die Achseln und meinte, wenn sich ihre Angaben nicht genau bewahrheiteten, stünden ihr Unannehmlichkeiten bevor und nur, um ihr solche zu ersparen, habe er ihr gütlich zugeredet, von einer Beleidigung könne nicht wohl die Rede sein, man werde also durch das Korpskommando ungesäumt den genannten Offizier befragen 236 und bis zum Einlangen der Auskunft sie nicht weiter behelligen. Träfen ihre Äußerungen zu, so würde man ihr das eingelangte Paket ausfolgen, wo nicht, so müsse sie sich auf weitere Schritte der Polizeibehörde in der angedeuteten Richtung immerhin gefaßt machen. Sie habe es nur seiner, des Kommissärs bewährter Menschenfreundlichkeit zuzuschreiben, daß sie nicht schon jetzt in den Arrest gesetzt werde. Tief bekümmert verließ Sonja das Amt und verbrachte einige angstvolle Tage bis zum Einlangen der ersehnten Aufklärungen. Sie schrieb die ganze widrige Geschichte dem Oberleutnant, der ihren Bericht zugleich mit der amtlichen, militärbehördlichen Anfrage erhielt, welche er mit einigen, dank seiner Geschicklichkeit leicht gehandhabten Formalitäten zur Zufriedenheit beantwortete, indem er sich als Vormund des gedachten Fräuleins bekannte, das zum Teile vom Ertrag ihrer verschiedenen Stellungen als Gesellschafterin und Erzieherin, zum Teile von seinen gelegentlichen Unterstützungen lebe. Er legte das einzige brauchbare Dokument seiner Bestellung als Vormund vor und damit war die Sache abgetan. Sonja aber bekam endlich das leidige Postpaket ausgehändigt. Und siehe, es enthielt eine rotgestickte 237 rumänische Bauernschürze, höchstens einen Gulden wert, die Roszkowski ihr zum Geschenk machen wollte. Da er aber ihr Ansehen in ihrer gedrückten Lage zu erhöhen gewünscht, hatte er die so geringfügige Sendung durch die großartige Wertangabe versichert und war dergestalt selbst an all der Verlegenheit und Not schuld, die über Sonja hereingebrochen waren. Als diese das Paket öffnete und statt der erwarteten Kostbarkeiten die arme Schürze fand, schrie sie weinend vor Zorn auf und zerriß die Gabe in Fetzen. Roszkowski aber, der ihre Not und Hilflosigkeit nunmehr bis zur unmittelbaren Gefahr gesteigert sah, konnte nicht umhin, sie wieder zu sich zu nehmen. Das will eigentlich heißen, nicht zu sich, aber wenigstens in seine neue Heimat. Er hatte ihre Ankunft geschickt genug vorbereitet, von seinem vornehmen Schützling die nötige Kunde mit einigen vorsichtigen romantischen Details vorbereitet und den gutmütigen Obersten seines Regiments dazu gebracht, Sonja in sein Haus zu seinen eigenen, erwachsenen Töchtern einzuladen und als Gast zu beherbergen. Roszkowski schickte seinem Mündel das nötigste Geld. Sonja traf mit ihrer Quartiergeberin einen billigen Ausgleich, indem sie ihr die Hälfte der Summe 238 gab, die sie schuldig war und die zweite Hälfte unter tausend Eiden nachzuschicken versprach, bis sie in ihrem neuen Wohnort angelangt sei. Hiermit hatte sie sich losgekauft und es braucht nicht versichert zu werden, daß sie diese Eide mit dem stillen Vorbehalt schwur, sie als erzwungen und unbillig nicht zu halten. An Ort und Stelle vergaß sie sie auch pünktlich und wäre nur höchlich erstaunt gewesen, wenn irgend jemand zu sagen gewagt, in Wien habe die Bettfrau noch für den Unterstand etwas von ihr zu fordern. Hätte sie doch sogar die bloße Behauptung, daß sie bei einer Wäscherin Quartier genommen, als die gemeinste Verleumdung betrachtet, denn alles Schlimme, was ihr unterlief, schüttelte sie so glücklich und leichten Mutes ab, daß sogar seine Tatsächlichkeit selbst von ihr wie ein Wassertropfen vom Gefieder eines Vogels ablief. 239 Der dritte und der vierte, richtige Name Als Roszkowski, in seiner neuen siebenbürgischen Garnison einquartiert, für Sonjas Aufnahme, Ausstattung, Schuldentilgung und Weiteres Geld benötigte, verlangte er von mir Auskunft über die verwalteten Beträge und die Zusendung eines Teiles der anvertrauten Summe. Ich legte ihm Rechnung über jeden Heller und es ergab sich ein recht ansehnlicher Zinsgewinn. Er antwortete darauf, die Buchungen stimmten ihm nicht genau, es fehle ihm ein Posten von ungefähr zehn Gulden, worüber er ungesäumt Aufklärung erbitte. In dieser Zumutung, die zwar völlig seiner Natur entsprach, aber für mich doch peinlich war, mußte ich eine Art undankbaren und übelangebrachten Mißtrauens erblicken, brachte das Beanstandete mit allen Belegen, jeden Zweifel ausschließend ins Reine, machte 240 sein ganzes Guthaben flüssig und sandte es ihm kurzer Hand mit ein paar Zeilen ein, ich habe ihm die Gelder schon lange genug verwaltet und bitte ihn, mich der unangenehmen Sorge um ihre Verwertung in Gnaden zu entheben. Bei meiner unwillkürlichen Mißlaune war mit diesem Brief unsere alte Freundschaft leise verstummt und der Verkehr zumindest vorläufig unterbrochen. Er antwortete nicht mehr, und so mochte sein und seines Mündels Schicksal sich in Hinkunft ohne meine weitere Mitwirkung abspielen. Aber es ist ein alter Irrtum des Menschen, zu glauben, sie könnten irgendeine Beziehung, die sie einmal angeknüpft, willkürlich lösen und mit Leuten und Verhältnissen nach Belieben aufräumen. Nicht bloß im Gedächtnisse, auch in den tatsächlichen Zuständen des Daseins bleibt alles, womit man sich je befaßt, unfehlbar eingeschlossen, wie in einer ehernen Kammer, und alle Bande lösen sich erst mit dem Tode. Denn die Einleitung der merkwürdigen Verkettungen von verschiedenen Personen, Schicksalen, Zuständen scheint wohl zufällig und eigenmächtig, ihr Fortgang aber folgt unentrinnbarem Zwange, und dies macht eben die rätselhafte Lage des Menschen im Leben aus, der 241 niemals sich selbst allein gehört, sondern irgendwie mit zarten oder straffen, sanften oder einschneidenden und schmerzlichen Fäden an die Gesamtheit gebunden, sich ihrem Anspruch, mag er sich dessen noch so klug erwehren, in einzelnen vertrauten oder feindlichen Gestalten immer wieder gegenüber findet. So hatte auch ich im Laufe zweier Jahre den Oberleutnant und sein Mündel längst vergessen und nur zuweilen mit einer rasch abgeschüttelten Frage des wunderlichen Paares gedacht, als ich wieder einmal unversehens eine Postkarte aus Wien vorfand, auf welcher nur die Worte standen: »Herzlichen Gruß von Sofia Kobierska, das ist die Sonja!« Sie hatte also schon wieder einen Namen, den dritten, wenn ich alle wußte und war damit in Wien. Nun, es ging ihr sicherlich gut, weil sie von sich hören ließ, denn in schlechten Zeiten verkroch sie sich, aber im Glück hatte sie das Bedürfnis, sich mitzuteilen und ihre Freude bei Licht besehen zu lassen. Nun würde sie sich wohl auch bald zeigen. In der Tat kam sie eines Tages in meine Wohnung gestürzt, elegant angezogen wie eine Dame, mit einer hochgehenden Beredsamkeit von fünfundzwanzig Worten in der Sekunde, umarmte meine Frau, fiel 242 auch mir nebenbei um den Hals, weinte, lachte, schrie, sprang, warf sich auf die Erde, schüttelte sich und ließ sich nach ihrer Art von uns beiden mühsam aufheben und auf einen Stuhl setzen! »Da bin ich wieder. Meine lieben guten Eltern sind . . .« »Ei was, Eltern hast du auch?« »Ja, freilich, mein Vater . . .« »Dein Vater? Ist er denn aus dem Jenseits aufgestanden, der brave gottselige Leiser Weinrausch?« »Aber Dieter, du bist immer noch der alte Narr, ich meine doch den Kobierski.« »Wer ist denn das?« »Nun mein Vater. Du weißt doch, der Starost, bei dem ich vor Jahren untergebracht war. Und meine liebe Mutter . . .« »Das ist nun wohl die Frau des Herrn Starosten?« »Gewiß, sie ist so gut zu mir.« Ich war völlig verwirrt vom Sturm dieser unerwarteten zärtlichen Familienverhältnisse. Sie schienen mir zwar mit den bisherigen Begebenheiten immerhin in einem Widerspruche zu stehen, ich durfte ihn aber bei Sonjas erprobter Wandlungsfähigkeit keineswegs für unerklärlich halten. 243 »Also liebes Kind, setze dich endlich ruhig nieder, da hast du einen kleinen Schnaps, trink und stärke dich, überlege die Dinge einmal ordentlich und erzähle dann deutlicher, was du sagen willst, damit man auch verstehen kann, was man dir glauben muß.« »Du wirst Augen machen, Dieter, warte nur, bis du meinen Bräutigam kennen lernst. Die Sonja ist nämlich verlobt. Gelt, da schaust du, das hättest du nicht von mir geglaubt!« Ich richtete mich ehrfurchtsvoll auf und meine Frau leuchtete vor Neugier, jetzt wurde die Sache großartig, denn wenn eine einen Bräutigam hat, ist sie auch dem besten Frauenzimmer gleich doppelt verdächtig. Bei ihrer Ungeduld und hilflosen Ausdrucksweise, die tausend unbekannte Dinge voraussetzte, um das tausendunderste klar zu machen, berichtete sie recht verwickelt die Geschichte ihrer jüngsten Vergangenheit, die ich hier nach bestem Vermögen etwas umständlicher ins Klare bringen muß, soweit dies eben bei solchen Wirrsalen möglich. Mit heiler Haut den Wiener Übelständen entronnen, war sie in der wohlvertrauten Gestalt eines liebenswerten Offiziersmündels und edlen Polenkindes in die siebenbürgische Stadt gelangt, wo sie durch 244 Roszkowskis Bemühungen und interessante Erzählungen in das Haus seines Regimentskommandanten, eines braven Obersten Eingang fand. Freilich hatte sie in diesem neuen Heim manche Schwierigkeiten zu bestehen, bis sie schließlich auch hier wieder ausgeschieden wurde, denn die Seßhaftigkeit in fremden Familien war ihr nun einmal versagt. Aber vorläufig, durch ihre Erfahrungen gewitzigt und herabgestimmt, schmiegte sie sich mit all ihrer kindlichen Anpassungsfähigkeit in die neuen Verhältnisse bei den neuen Wohltätern. Diesen Ehrennamen verdiente eigentlich nur der Oberst um sie, der ein mitleidiges Herz und ein freundliches Gemüt hatte und schon darum gerne, wo er nur konnte, etwas Liebes erwies, weil er auf diese Art doch auch ab und zu einem Strahl von Heiterkeit, von heller Dankbarkeit und fröhlicher Zuneigung begegnete, den er bei seiner trübseligen Familie leider entbehren mußte. Obgleich wohlhabend und ohne Geldsorgen, fand er zu Hause kein munteres Dasein. Seine Frau und seine beiden Töchter waren nämlich von einer grausamen Natur durchaus mißmutig und dumpf gemacht worden. Und da sie innerlich kein Licht besaßen, erhellte sie auch kein Licht von außen, sei es von heiteren Menschen, sei es von einem schönen Tage der schönen Welt. 245 Die Gattin mit ihrem bräunlichen Vogelgesicht und einer Habichtsnase schien mit dieser, wie mit ihrem ganzen spitzigen, boshaften Verstande und eiskalten Herzen auf jeden Menschen, der ihre Beute wurde, loszuhacken, ohne eigentlich ein besonderes Ziel zu haben, es sei denn, daß sie in zwecklosem Ehrgeiz ihrem Manne sowohl eine außerordentliche Stellung wünschte, als in gewohnter Verachtung ihn wieder jeder solchen Würde für durchaus unfähig hielt. Sie hatte nur eine Tugend, und die geriet ihr und ihren Mitmenschen erst wieder zu beständig neuem Verdruß und Kummer und Enttäuschung: die Mutterliebe. Ihre zwei Töchter waren nämlich so beschaffen, daß sie nur von dieser Mutter geliebt werden konnten, während alle anderen Menschen ihnen in respektvoller Scheu fern blieben. Eben diese Einsamkeit ließ die bereits ziemlich hoch in den Jahren stehenden Frauenzimmer mit einer Art von gefühlloser Zähigkeit zusammenhalten, wie zwei saure Kirschen an einem Stengel. Jahrelang hatten sie vergeblich auf allen geselligen Festen, inmitten der Offiziere und heiteren Damen die jungen Mädchen gespielt, immer von heißer Erwartung voll, dabei äußerlich streng und herb gefaßt, wie es ihrer Gemütsart und der Vornehmheit entsprach, 246 die sie als ihre höchste Pflicht betrachteten. Aber wie gerne hätten sie sich begehren, verführen, erstürmen lassen, doch niemand machte einen Versuch dazu, man behandelte sie mit Achtung, befaßte sich mit ihnen aber nur so viel, wie es die Pflicht den Töchtern des Kommandanten gegenüber gebot und führte sie bei den Bällen nach den genau abgemessenen Touren höflich wieder zur lauernden Mutter zurück. In solchen Jahren vergeblichen Harrens wachsen Enttäuschung und Verdruß mächtig an wie eine harte Kruste und das menschliche Herz sitzt endlich wie ein Stein in dem unbegehrten Busen. Mit knapper Not fand die ältere schließlich doch noch einen bejahrten Hauptmann als Freier, der mangels jeder Begabung im Dienste schwer vorwärtskam und jetzt seine Laufbahn durch eine Ehe mit der Tochter seines Chefs zu beschleunigen hoffte. Das gab nun einen kühlen, sauersüßen Brautstand, der auch nur eben den äußerlichen Formen, leider nicht dem tieferen Begehren entsprach. Die jüngere Tochter aber spähte, von der Gefahr gänzlicher Vereinsamung bedroht, umso ärger und zäher nach einer angemessenen Verlobung für sich selbst. In diesen Kreis geriet nun Sonja. Bei solchen Leuten hatte sie doppelt Mühe, nicht als der 247 ungebärdige Sauerteig der Gesellschaft auseinandertreibend zu wirken, der sie mit ihrer Heftigkeit und leidenschaftlichen Ungebundenheit immer war und blieb. Der Oberst hatte sie wegen ihrer heiteren Zwanglosigkeit gar bald in sein Herz geschlossen, bedurfte aber seiner ganzen väterlichen Autorität und Gattenwürde, um diese respektlose Schelmin in der eisigen Würde seiner Wirtschaft zu erhalten. Die Frau und die Töchter duldeten sie nur gerade und dies vielleicht just wegen Sonjas harmloser Ungezogenheit, an welcher sie des Maßes und der Zucht des eigenen Wesens in jedem Augenblick mit einer Art von innerer Zufriedenheit bewußt werden durften. Sie benützten Sonja sozusagen als lebendiges Vergleichsobjekt, indem sich ihr eitler Stolz gleichsam an Sonjas unschuldiger Unbändigkeit, wie an einer Kletterstange zur vollen Höhe der Verachtung und Selbstgenügsamkeit emporschwang, von wo sie zugleich triumphierend und hohnvoll auf die ganze Welt herabsahen. Daß bei diesen Klettereien Sonja alle Krallen weidlich zu spüren bekam, ließ sich eben nur ertragen, weil sie aus einer bösen Zeit geflüchtet, dies kümmerliche Obdach nicht verscherzen wollte, vergleichsweise sogar schätzte, und weil sie Zeit ihres Lebens eben gewöhnt 248 worden war, sich fremden Menschen zu fügen. Ihr einziger Trost blieb die unverlierbare Zuversicht, einmal doch auf einen grünen Zweig zu kommen. Am schwierigsten aber war es, die Musik dieser Gesellschaft gutwillig zu ertragen. Sonja war nämlich bei all ihrer vielseitigen Ausbildung so unmusikalisch wie eine Katze. Die Erinnerung an das schöne Klavier bei dem Freiherrn von Bézincourt, an die Lektionen, die sie damals in schauerlicher Glückseligkeit genossen hatte, war bis auf das furchterweckende Bild einer Reihe weißer und schwarzer Zähne eines tönenden Ungeheuers ausgelöscht, wurde aber jetzt auf das bitterste lebendig, denn diese Töchter des Obersten waren, es ist unglaublich zu sagen, äußerst musikalisch. Man sollte meinen, diese Kunst verschließe sich harten, gefühlsarmen und seelisch leeren Menschen als die eigentliche Äußerung des innigsten Gemütes. Gar oft aber bietet ihre eigentümliche Inbrunst den gottverlassensten Wesen eine beständig neue Gier erregende, unfruchtbare Nahrung. So war die Musik auch hier die einzige wahre Leidenschaft der beiden Töchter des Hauses. Den ganzen Tag hallte und schallte es in der öden, sauberen, mit zwecklosen, bunten, widerwärtigen Handarbeiten ausstaffierten Wohnung von 249 rauschenden Tönen. Skalen wogten auf und nieder, Fingerübungen turnten atembeklemmend in die Höhe und Tiefe, um großartigen Tonstücken zu weichen. Eine Tochter exerzierte am Vormittag und machte der anderen am Nachmittag Platz, bis sich beide am Abend zu vierhändiger Klavierlust vereinigten. Die Mutter aber saß dabei auf dem Sofa und lauschte voll Stolz und Andacht. Diese Folter mußte Sonja geduldig ertragen. Der Oberst selbst war daran gewöhnt und so abgehärtet, daß er den Lärm gar nicht mehr zu hören schien, es sei denn, daß ihn eine der Töchter besonders darauf aufmerksam machte, sein Lieblingsstück komme jetzt an die Reihe. Man zog auch immer neue Gelegenheiten zu ausgedehnten musikalischen Darbietungen so recht bei den Haaren herbei. Da galt es, jeden Geburtstag durch ein neu einstudiertes Werk zu feiern, jeden Sonntag durch eine passende Musik, gibt es doch leider für jeden Tag neue Herrlichkeiten der Tonkunst, die sich an Zahl, Vielfältigkeit und Auswahl nicht spotten läßt. Kam ein Gast, so mußte er sich anstandshalber den Genuß einer Sonate oder Ouvertüre erbitten, unterließ er's, so wurde das Gespräch so lange um die Musik gedreht, bis es endlich auf die einzig schickliche Art 250 dadurch abgeschlossen werden konnte, daß sich die beiden Töchter gefällig an den Flügel setzten und eine Symphonie oder auch zwei, vierhändig exekutierten. Sonjas eingeborener Lärm wurde durch diesen harmonischen äußeren recht niedergedrückt. Es war nur ein Glück, daß sie zuweilen diesem rauschenden Käfig entfliehen durfte, denn als vornehmes Polenkind genoß sie doch einige Freiheit. Ja, die Frau Oberst spielte die bedeutende Herkunft ihres Schützlings vor sich und der Welt als einzige Rechtfertigung dafür aus, daß sie diese kleine Person überhaupt aufgenommen hatte und duldete. In der kleinen Stadt genoß Sonja als junge Dame, welche das reiche Leben, die Saisonereignisse, Moden, Gesellschaften Wiens mitgemacht und die bezauberndsten Erfahrungen der großen Welt aufgenommen hatte, das beste Ansehen. Ihr heiteres Wesen, ihre gewinnende Zwanglosigkeit machten sie allgemein beliebt. Roszkowski führte einen, wie immer zwischen äußerster Sparsamkeit und dem Anschein vornehmer Lebensführung geteilten Junggesellenhaushalt, gab gelegentlich auch hier seine kleinen Festmahle, zu welchen er Sonja vom Obersten als Repräsentantin ausbat. In solchen Fällen machte sie in gewohnter Weise die 251 Hausfrau, bereitete mit Antipas ihre großartigen polnischen Speisen aus fünfzig Nichtigkeiten mit fünfundvierzig Zutaten, schnöder österreichischer Champagner wurde mit irgendwo errafften echten französischen Etiketten versehen und als Perle der Veuve Clicquot aufgetischt, die Teller und Bestecke nach jedem Gang in der Küche eilig gewaschen und neu hereingebracht, zum Schlusse der berühmte »Fromage de Kanczuga« herumgereicht. Und wenn die Gäste am nächsten Tage sich ängstlich fühlten, konnten sie es nur der ungewohnten Kostbarkeit der Gerichte zuschreiben, keineswegs ahnen, daß sie es den wohlfeilsten, aber schwer verdaulichen Bestandteilen der mannigfaltigen Mahlzeit zu verdanken hatten. Sogar der Divisionär, dessen legendäre, in der ganzen Armee bekannte Großmut Roszkowski in Wien zur Wahl dieser Garnison bewogen hatte, wohnte solchen Gastereien leutselig bei, was für den Oberleutnant immer einen wertvollen Spesenbeitrag zu den Kosten der Feste bedeutete. Denn das großartige Trinkgeld von fünf Gulden, welches der leutselige Mann beim Weggehen dem aufwartenden Antipas in die Hand steckte, wurde diesem verabredeterweise und auf Grund eines mündlichen Vertrages bis auf einen Gulden abgenommen. Wozu braucht auch ein dummer Bauer, der ohnedies seinen Lohn und anständige Behandlung hat und mit allem versorgt ist, eine so ungebührliche Summe, die ihn als unmoralischer Gewinn nur von der strengen Pflicht der Arbeit ablenken könnte! Die vornehme Gesellschaft der Stadt zog natürlich den lebensgewandten Offizier und Sonja mit der Familie des Regimentskommandanten allen Festlichkeiten, Bällen und Konzerten bei. Wie in Wien wurden auch in dem schönen fremden Gebirgslande allerhand Ausflüge gemacht mit ebenso strengen, sinn- und geistreichen Problemen vom militärischen Gesichtspunkte. Und wie seinerzeit ich als Wegweiser mitgezogen war, hatte sich dort ein junger, ernster und strenger Offizier, ein Kamerad Roszkowskis, der wie dieser die eitle und nichtige Gesellschaft der Spieler und Trinker mied, dem Paare zugesellt. Sie bestiegen einmal einen hohen Berg ohne richtige touristische Ausrüstung, in Uniform, mit leichten Schuhen und geringem Mundvorrat, verirrten sich, mußten im Freien nächtigen, konnten zuerst den richtigen Aufstieg nicht finden und kletterten an Felsen 253 empor, wobei sie sich mit den Säbeln mühselig einen Weg durch das Gestrüpp hieben. Sonja marschierte tapfer und lustig mit, und als es Abend wurde, merkte man ihr freilich die Erschöpfung an, denn sie ging mit halb geschlossenen Augen wie im Schlafe weiter, fiel bei jedem zehnten Schritte nieder, wies aber empört jede Hilfe des neuen Freundes, des Oberleutnants Heiner, zurück und überwand wie immer die Mühsal. Dieses tüchtige Benehmen, der ganze abenteuerliche Reiz, der von dem jungen Mädchen ausging, wirkten auf den jungen Offizier nachhaltig ein und er suchte unwillkürlich ihre Gesellschaft, wobei sie die üblichen schüchternen Komplimente, mit denen er sich hervortraute, heiter zurückwies. Im Verkehr mit den Frauen wird selbst der strengste und ehrlichste Mann zum Kinde und wagt die alten ewigen Versuche der naiven Werbung und Huldigung. So brachte er ihr Blumen, sie roch daran, natürlich errötend und gab sich dem angenehmen Gefühl hin, wieder einmal beschenkt und verehrt zu werden, was im allgemeinen von jedem weiblichen Geschöpfe gewürdigt wird, im besonderen aber von Sonja, die derlei schon lange nicht gespürt. Doch bedachte sie gleich, daß sich der arme junge Mann, 254 der wie Roszkowski überaus sparsam von seinem Gehalte leben mußte, durch solche Ausgaben in Unkosten stürze, weshalb sie ihm mit einer ernsten, mütterlichen Miene, die vollends sein Entzücken erregte, zusprach, er möge doch solche teure und zwecklose Gaben unterlassen, da ihr sein guter Wille für alle derartigen Taten gelte und hiermit von Herzen bedankt sei. Roszkowski beobachtete die zarte, beiden Leuten kaum bewußte Neigung, welche hier im stillen aufkeimte, mit ruhigen Augen und voll Zurückhaltung, denn bei all seiner sonstigen Selbstsucht und unbarmherzigen Energie betrachtete er die Geliebte, die er sich herangezogen hatte, wie ein Gärtner seine merkwürdige Pflanze, doch keineswegs als sein Eigentum und seine Sache, sondern eben, da er sie liebte, bei aller Vertrautheit doch wieder als ein köstliches Ding der Anbetung, das ihm nicht selbstverständlich, sondern wunderbar schien. Obgleich, oder gerade weil er sie zu dem Wesen gemacht hatte, das sie nun war, schien sie ihm in ihrer Art durchaus einzig, seinen Händen entwachsen, ein Werk seines Geistes, seines Herzens, in freier Vollendung vor ihm zu wandeln, wie sein leibhaftiger Gedanke. Gleich einem Schöpfer sann er, halb eifersüchtig in Liebe, halb erstaunt ehrfürchtig und geradezu 255 väterlich ihrer Zukunft und ihrem Glücke nach, das nun wohl ebensowenig allein in seinen Händen lag, wie das Schicksal eines Werkes in denen seines Urhebers. Dem Sinn und Verstand, den schaffenden Kräften entstiegen, geht es unbekümmert mit der undankbarsten Gelassenheit und Sicherheit seiner Wege mitten unter die Menschen. An ihnen will es seine ganze Macht erproben, an ihnen wird es seiner Tugenden inne, von ihnen bestimmt, aufgenommen, heimgesucht, sieht es sich erhoben oder gekränkt, bis es stirbt oder zu der Höhe aufsteigt, fern seinem Schöpfer, der ihm nicht ohne Staunen und mit bestürzter Befremdung nachblicken muß. Von jeher hatte er indessen mit Sicherheit Sonjas Gedeihen vor Augen gesehen. Es war fern von ihm, irgendwie mit plumper Hand in ihre Bestimmung einzugreifen, vielmehr hatte er sie allen Zufällen und Gefahren der Selbständigkeit absichtlich überlassen, eben um ihrer eigentlichen Zukunft gleichsam den Weg freizugeben. Aber seien wir vorsichtig! Im Menschen ist Höchstes und Niedriges wunderbar ineinandergewirkt. Auch Ernsts Selbstsucht, sein Trieb, sich in Freiheit und ungebundener Willkür nach seiner Weise zu behaupten, 256 spielte ohne Zweifel mit, wenn er seine Eigenliebe und Eifersucht unterdrückte, als er das leise Morgendämmern dieser beginnenden Neigung gewahr wurde. Lange genug hatte er die schöne, aber immerhin schwere Bürde dieses fremden Schicksals getragen. Sie mochte ihn zuzeiten drücken und irgendwie hatte er immer mit dem Gedanken gescherzt, ein König möchte Sonja krönen, sei es auch nur morganatisch und dabei für ihn einen guten Dank wissen, daß er dieses Kleinod bisher beschützt, oder ein Millionär möchte sie an Kindesstatt annehmen, oder ein reicher Edelmann sie heiraten. Denn schließlich, er hatte viel, er hatte genug getan für ein Kind, das der Zufall, nicht seine Wahl ihm zugeführt. Es gibt Stunden für einen Mann, der die Unendlichkeit des Lebens begierig vor sich sieht, wo er mehr die Qual der Fesseln, als deren Glück, mehr die Not der zärtlichen Abhängigkeit, als deren Lust empfindet und wieder einmal allein, frei, aufrecht seiner Wege gehen, aufatmend ohne Zwang, sich mutvoll ins neue schönere Dasein stürzen will, das er wieder einmal mit seinen zwei einsamen Augen schauen möchte. Im Winter wurden sie von einem reichen rumänischen Bojaren auf seine Besitzung eingeladen, wo die beiden Offiziere und Sonja bis in das späte 257 Frühjahr als willkommene Gäste geehrt blieben. Es gab Bärenjagden, tolle Ritte, vornehme Gelage, an welchen die rumänischen Damen in reichem Schmuck teilnahmen. Sonja hatte Mühe, hier ihre gute Erziehung zu bewähren, denn die Umgangssprache war französisch, aber sie half sich immerhin so ziemlich aus den Verlegenheiten und wenn sie wirklich irgendeine Ungeschicklichkeit beging, ein Glas umwarf, in der Heiterkeit aufschrie wie ein Ferkelchen und sich im Stuhl zurückwarf, daß sie das Gleichgewicht verlor und lachend auf dem Boden sitzen blieb, bis Ernst sie mit strafendem Blick aufhob, und was dergleichen Zwanglosigkeiten mehr waren, so wurde alles dies nachsichtig als ein Reiz mehr bewundert. Obgleich sicherlich nach den allgemeinen Begriffen nicht schön, ja vielleicht nicht einmal hübsch zu nennen, galt sie doch bei den Herren als bezaubernd, bei den Damen als merkwürdig, und am Ende darf ein junges Geschöpf, das den Männern gefällt, sich vieles erlauben, denn der Erfolg entscheidet und die böse Gesinnung der Zurückgesetzten wagt sich nur insgeheim mit einem leichten Achselzucken oder einem spöttischen Blick und fragenden Lächeln hervor. Sonjas Sieg war unbestritten, und die Fürstin Isopescul, die tonangebende Dame der Gesellschaft, 258 erklärte sie als » beauté du diable «. Das war die Formel für ihr Wesen, mit der die Anbeter ihre Bewunderung, die Neider ihre Mißgunst begründen konnten. Hier kam auch die Seide der Wiener Hofgalawagen wieder zu Ehren, denn Sonja trug ein herrliches Courkleid. Dort, wo der Stoff von den Knöpfen der Kissen etwas verletzt und brüchig, seine Herkunft zu verraten drohte, malten die beiden Freunde mit vereinten Kräften zartfarbige Blüten hin, ein Kunstwerk vieler Tage für ein Fest, wo Sonja in einem Gewande erschien, das den leibhaftigen Frühling darstellte, indem auf rosigem Grunde leichte blaue Blumen und zarte grüne Blättchen und Ranken hingestreut erschienen, was als die äußerste Pariser Modezier die gebührende Bewunderung fand. Daß sie keinen Schmuck trug, galt als die auserlesene Einfachheit des vornehmsten Geschmackes. Auf diesem Feste – sie sollte nach längerem Aufenthalte wieder mit ihren Beschützern nach der siebenbürgischen Stadt zurückkehren – faßte sich der Oberleutnant Heiner ein Herz und beschloß, Sonja seine Liebe zu entdecken. In einer Pause, als sie recht erhitzt vom Eifer des Tanzes und vor junger Munterkeit glühend in einer Fensterecke stand, erklärte er sich und sagte gleich, er 259 fürchte, vielleicht ältere Rechte seines Freundes zu verletzen, wenn er sie um ihre Hand bitte. Sollte dies der Fall sein, so möchte sie es ihm unumwunden gestehen, dann wolle er schweigen, verzichten und seinen Kummer zu vergessen suchen, indem er sich in irgendeinem fernen Winkel verberge, wo nicht, dann liege sein Glück bei ihrer Gnade. Da trat nun wieder das Schicksal mit einer drängenden Entscheidung in einem Augenblicke vor, als sie sich dessen wahrlich nicht versah, denn Sonja hatte sich über den angenehmen neuen Freund wenig Gedanken gemacht; gerne hatte sie sich seine stillen und bescheidenen Huldigungen gefallen lassen, war ihm auch recht günstig zugetan gewesen, aber daß es nun dreist an ihr Herz ging, kam doch überraschend genug und daß er gar sogleich ihre Hand begehrte, verwirrte sie vollends. Bei aller selbstverständlichen Unbescheidenheit, mit der sie das Leben beim Schopfe zu nehmen gewohnt war, hatte sie sich doch nur selten soweit vorgewagt, zu wünschen, daß sie geheiratet werde. Das war eine Zukunft, zu welcher ihr Vergangenheit und Gegenwart doch allzuwenig Rechte gewährten: Hätte sich Roszkowski endlich dazu entschlossen, so wäre ihr das nicht gar zu verwunderlich erschienen, denn im 260 Grunde beherrschte sie diesen freiesten Mann und wußte um ihre Macht ihm gegenüber. Auch irgendeines reichen Bojaren oder Kaufmannes Werbung hätte sie sich wohl zurechtgelegt, denn einen solchen Gatten einzusaugen, hatte ihr Ernst schon oft, halb scherzhaft, halb bestimmt zugeredet. Nun aber erschien ein junger Offizier, ein ernsthafter, gescheiter, närrisch verliebter Mensch als Freier, dem sie keine Laune war, der man nachjagte, die man ergriff und wieder wegwarf, sondern ein ersehnter Lebensgewinn. Daß er ihr gefiel und daß eine solche Gelegenheit nicht so bald wiederkehrte, wußte sie gar wohl. Wie war es aber mit ihrem Beschützer und älteren Freunde? Sie sah ihn an der anderen Ecke des Saales allein vor einer Karte stehen, in der er zu studieren schien, während die übrigen ringsum, alte und junge, tanzten und fröhlich waren. Zum erstenmal betrachtete sie ihn mit fremden, aufrichtigen Blicken, wie er, etwas vornübergebeugt, dastand, sie sah ihn von rückwärts, sein blonder Kopf war leicht geneigt, zum erstenmal bemerkte sie, daß sein Haar im Scheitel gelichtet, eine beginnende kahle Stelle zeigte. Unwillkürlich wandte auch Heiner sich nach ihm um und ein paar Sekunden vergingen, ohne daß beide ein Wort sprachen. 261 Ein leichter zarter Schleier von Traurigkeit senkte sich über Sonjas Augen und sie erblickte nun einen anderen in ihrem bisherigen Beschützer, wie in jenem Zauberspiele, wo die Jugend ihren Günstling verläßt und das Alter ihm seine Hände auf das Haupt legt, so daß er mit einem Schlage verwandelt dasteht. Sie sah in Ernst plötzlich nicht mehr den Geliebten, sondern den treuen Freund und Beschirmer, der ihr Vater und Mutter ersetzt hatte, und Tränen traten in ihre Augen. Schließlich flüsterte sie, wie das schüchternste, sittsamste junge Mädchen: »Sprechen Sie mit ihm.« Gehorsam ergriff Heiner ihren Arm, und um nicht aufzufallen, traten sie zur Quadrille an, bei der Ernst mit einer anderen Dame ihr Gegenüber war. Und indes sie sich gemessen in den strengen, gezirkelten Touren einherbewegten, trug Heiner, so oft er neben Roszkowski zu stehen kam, seine Werbung vor, immer wieder unterbrochen, immer wieder an die Seite der fremden Tänzerin gebracht, dann neuerlich das entscheidende Gespräch aufnehmend, hier Sonja tröstend und zärtlich ihre Hand drückend, dort den Kameraden eindringlich fragend. Roszkowski hörte Heiner freundlich an und sagte 262 ihm schließlich, da sei noch anderes und mehr als er glaube, zu besprechen, er bitte, ihm bei der Heimreise Gehör zu schenken. Das Fest endigte fröhlich. Noch eine Nacht schlief Sonja im fremden Schlosse, am nächsten Morgen traten sie die Rückfahrt an. Der ganze Schwarm der Gäste begleitete sie zur Freitreppe, vor der sie zwei scharrende Rappen, an einen Kutschierwagen gespannt, die ziemlich lange Straße zur nächsten Bahnstation zu führen harrten. Ein elegantes, selbstgefertigtes weißes Frühjahrskostüm mit fußfreiem Rock ließ Sonja zugleich kindlich und üppig erscheinen, ihre achtzehn Jahre konnten, wenn sie wie ein kleines Mädchen tollte, getrost vergessen werden, als sei sie eben erst aus der Schule gekommen, auf dem schwarzen üppigen Haare saß keck die Konfederatka, die eigentümliche polnische Mütze, die sie aus den übrigen, fremden, modischen Rumäninnen hervorhob. Ein Liebhaberphotograph nahm sie in der stolzen Stellung auf, wie sie von der Treppe mit einem leichten Neigen des halb rückgewandten Kopfes zu den Gastfreunden emporgrüßte, während die beiden Offiziere unten auf sie warteten. Sie zeigte mir später das wohlgelungene Bild, als die Verewigung eines 263 Lebenshöhepunktes, wo sie inmitten einer vornehmen Welt als der hellste Stern leuchtete und verschwand. Nach ein paar Stunden lag die Herrlichkeit hinter ihrem Rücken und vor ihr die Bahnstation. Sie besetzten gemeinschaftlich ein Coupé, und als sie zu dritt still beisammensaßen, kam Heiner auf seine Werbung zurück. Sonja sah Ernst fragend an, dieser schien bekümmert, doch nicht unwillig, er sagte ihr: »Du wirst müde sein, leg dich nieder und ruhe aus, wir wollen auf den Gang hinausgehen und ein wenig rauchen.« Damit verließen sie die beiden, Sonja nahm die krönende Konfederatka ab, streckte sich gehorsam auf der Bank aus und lag stundenlang in Angst und Sorgen mit offenen Augen. War dies eine Zeit, zu schlafen und zu ruhen, indessen die beiden draußen vielleicht um ihretwillen Todfeinde wurden! Auf dem Gange des Waggons standen Ernst und Heiner und rauchten, Ernst erzählte, Heiner hörte zu und fragte und vernahm Zug um Zug die Geschichte seiner Erwählten. Roszkowski verschwieg und beschönigte nichts, ersparte sich und dem Kameraden keine einzige, noch so verschämte Wahrheit, keinen listenreichen Betrug, kein fragwürdiges Auskunftsmittel, er enthüllte ihm sein Verhältnis zu Sonja, die eigene Schwäche und die eigene Kraft, alle Sorgfalt und Leidenschaft, alles. Am Ziele ihrer Fahrt angelangt, sagte er dem ganz still und nachdenklich gewordenen Freunde: »So, jetzt weißt du alles, nun geh nach Hause und überlege dir die Sache, ich stehe Euch beiden nicht im Wege. Ich habe alles aufrichtig einbekannt, weil ich es für meine Pflicht halte, dich über gar nichts im Unklaren zu lassen. Sie ist ein Kind, wenn irgendwer an allem, was geschehen ist, eine Schuld trägt und wenn hier von einer Schuld gesprochen werden darf, so habe ich sie begangen, aber ich glaube, sie verantworten zu können, trotz allem. Wie immer du über die Sache denkst, das eine bitte ich mir aus, daß du Sonja niemals etwas Böses merken läßt und sie gering anschaust, das verdient sie nicht, denn sie ist tausendmal besser, als wir beide. Jetzt mache dich fort, damit sie dich heute nicht mehr sehen muß. Ich begleite sie nach Hause.« Heiner gehorchte und ging fort, ohne sich von Sonja zu verabschieden. Diese blickte Roszkowski, der gelassen ins Abteil trat und ihr aussteigen half, dann den Arm bot, um sie ins Haus des Obersten zu führen, fragend 265 an. Er erwiderte ihren Blick still und klar, ohne weiter ein Wort zu sprechen. Stumm wanderten sie das kurze Stück Weges und stumm schüttelten sie einander die Hände, als sie vor dem Hause des Obersten standen, und Roszkowski ging ruhig fort. Sie sah ihm eine Weile ratlos nach, bis er bei der nächsten Straßenecke einbog und verschwand. Dann stieg sie langsam die Treppe hinauf. Nun vergingen drei Tage, ohne daß Heiner etwas von sich hören ließ. Man mag sich vorstellen, in welcher Angst Sonja diese Tage hinbrachte, mit welchen Gefühlen sie vor jedem Klingelzuge erschrak, oder wenn die Türe ging. Aber keine Botschaft traf ein. Wie schwer empfand sie die Rückkehr ins öde Haus des Obersten, der über ihre ungewohnte Stille und Traurigkeit verdrießlich den Kopf schüttelte, als fehle ihm etwas; er blickte umher und suchte die abhanden gekommene Freude in allen Winkeln und schnitt ein grimmiges Gesicht, wenn er anstatt der vermißten Heiterkeit die strengen Züge seiner Ehefrau oder die verbissenen seiner beiden Töchter gewahrte, oder statt eines lieblichen Gelächters – der Frohsinn der Jugend ist immer die allerschönste Melodie – irgendein vierhändiges Scherzo zu hören bekam. Es war, als 266 wollte man den Hunger eines armen Teufels nach freundlicher irdischer Nahrung durch den großmütig dargebotenen Anblick eines recht saftigen Stillebens mit gemalten Eßwürdigkeiten der schönsten Art stillen. In diesen Tagen glaubte Sonja vollends zu erfrieren. So oft der Oberst sie durch irgend einen Scherz aufzumuntern suchte, blickte sie, was doch sonst nicht ihre Art war, ganz erstaunt und stumm und als er sagte: »Mir scheint, Sie haben Ihr Herz bei den Bojaren verloren,« konnte sie nur erröten, seufzen und nein sagen. In dieser Zeit der enttäuschten Erwartung und zitternden Hoffnung fühlte sie, und vielleicht zum erstenmal seit ihrer lang versunkenen Kindheit, den mächtigsten, ruhelosen, klagenden sehnsuchtsvollen Schlag des Herzens. Solange Heiner still um sie geworben, hatte nur ihre Eitelkeit sich in der behaglichen Wärme der fremden Neigung gestreckt und wohlig gedehnt, als er seine Liebe gestand, hatte sie vergnügt von diesem Reiche neuer Erfüllungen Besitz genommen, aber jetzt, da sich Heiner vielleicht für immer zurückzog, wußte sie erst, wie völlig sie selbst von diesem Gefühle beherrscht war und daß die ganze, eben erst erschlossene Welt wie mit einem Schlage verhüllt und 267 entzogen sei. Das trostlose Grau ihres abenteuerlichen und im Grunde ziellosen Daseins überwältigte all ihre Zuversicht, sie sah sich ganz allein und was sollte sie mit sich beginnen! Jetzt wußte sie erst, daß sie diesen Mann über alles liebte, der ihr von der Vorsehung, wie immer die endliche Rettung aus aller Not, zuguterletzt entgegengesandt worden. Unsägliche Dankbarkeit, mit einer tollen Sehnsucht verbunden, benahm sie so ganz, daß ihr Wunsch nach diesem Glücke, das ihr erschienen war und sich nun vielleicht auf Nimmerwiedersehen verbarg, jede Fiber ihres Körpers spannte, der Wunsch saß in ihren Fingerspitzen, in ihren Haaren, klang in ihren Ohren, lebte an jeder Stelle ihrer Haut, er zuckte in ihrem Munde, glühte auf ihren Wangen, sie wollte und wollte glücklich sein. Und zugleich empfand sie zum ersten Mal in ihrem Leben ihren Unwert, litt unter der Unbilligkeit ihres Wunsches, hielt sich vor, was sie verschuldet, sah deutlich all ihr vergangenes Geschick als grausamsten Zeugen vor sich, der wider sie aussagte und den Geliebten von ihr entfernte. Und doch hatte alles geschehen müssen, sie hatte Zeit ihres Lebens doch nichts getan, als was der Augenblick von ihr verlangt. Und nun sollte sie dafür so bitter gestraft werden! In der höchsten Not war sie 268 immer obenauf geblieben und hatte gewußt: mir ist die Sonne bestimmt, nicht der Schatten. Aber jetzt war sie zum erstenmal in der wirklichen Sonne gewesen und sollte in den Schatten zurück! Sie fror bei dem Gedanken. Und Heiner konnte zögern, an dem ganzen Schatz ihrer unverbrauchten, riesenkräftigen Liebe zweifeln! Freilich, was hatte sie ihm auch zeigen können, ein munteres Gesicht, einen törichten Witz, einen lächerlichen Einfall ihrer kindischen Laune? Was wußte er von ihrer Liebe? Sie hatte ihn zu Ernst geschickt, wie zu einem Vater! Aber was wußte auch der von ihrer Liebe, was konnte Ernst von ihr sagen, von eines Weibes Gefühl und von allen den wartenden Gaben ihrer Empfindung. Wie albern war sie doch, einen Menschen, den sie liebte, an einen anderen und sei es an den Besten zu weisen! Nun mußte Heiner unkundig mit sich allein zu Rate gehen. Was Wunder, daß er zweifelte! War sie nicht alt genug, endlich ihr Schicksal selber zu führen zum guten oder schlimmen Ende, nach ihrem eigenen Willen? War sie dem Geliebten und sich selbst nicht die Wahrheit ihres Gefühles schuldig, ihm Rede zu stehen: Da bin ich, so bin ich, das und das habe ich getan, aber ich liebe dich! Er mußte ihr ins Gesicht das Urteil sprechen. Es konnte 269 nicht sein, daß er sie verwarf, hätte sie denn einen so törichten Menschen lieben können? Drei Tage ging sie in dieser Not des Herzens umher. Sie hoffte: Mein Wille wird stark genug sein, ihn über allen Abgrund zu mir zu ziehen. Sie fürchtete: Er ist allein und wird an mir verzweifeln, weil ich schwieg. Am vierten Tage machte sie sich auf und ging zu Heiner. Sie pochte an seine Tür; als er ihr auftat, lachte sie verlegen mit ihrer heiseren, beklommenen Stimme, er aber lächelte und dies schien ihr über alle Maßen hold, wie ein aus Wolken erlöster blauer Himmel. Und nun wußte sie sich gerettet, sie warf sich an seinen Hals und er sagte mit einer leisen, ernsten Feierlichkeit, die sie erbeben machte, er habe es in dieser Stunde, ehe sie kam, beschlossen, er wolle ohne sie nicht leben. So waren ihre Gefühle in diesen drei bösen Tagen einander auf unsichtbarer Brücke über den Abgrund entgegengewandelt und umschlossen sich nun auf immer. Sonja sagte: »Aber ich bin zuerst gekommen.« Und nun gingen sie miteinander zu Ernst, um sich als Verlobte vorzustellen, denn es gab manches zu beraten, doch was galten alle Schwierigkeiten und 270 Sorgen bei der endlichen Sicherheit ihrer Liebe und den vereinigten Kräften ihres glücklichen Willens! Sie glaubten nicht mit schweren Sohlen auf der schmutzigen Erde, sondern mit geflügelten Schritten durch die strahlenden Gefilde zu eilen, wie Götter, die selbst die Sterne aus dem Gefüge des Himmels wie Blumen pflücken können nach ihren Gelüsten. Aber der Rauch und Dunst erhob sich auch um diese Brautleute, der bekannte lästerliche Provinzlärm wirbelte auf und sie konnten sich der unbegehrten Teilnahme um so weniger entziehen, als die Standesgesetze der Offiziere eine Art von Ehrenprüfung jedes Verlöbnisses gebieten, das den versammelten Regimentskameraden angekündigt werden muß. Erst ohne Einwand angehört und aufgenommen, gilt es und besteht zu Recht. Freilich ist auch das nur eine Form, welche durch die bei erwachsenen Ehrenmännern übliche und selbstverständliche Duldsamkeit ihre Strenge einzubüßen pflegt, indem selten einer den Beruf fühlt, sich um die Ehe seines Nächsten zu kümmern und ihn gern nach seinem Wunsche selig werden läßt. Aber die Ehre des Standes verlangt immerhin, daß keine Unwürdige sich in den auserwählten Kreis stehle. Doch Sonja und Ernst, ihr väterlicher Beschützer, müßten nicht die ewigen 271 Abenteurer und Ausnahmen von jeder Regel gewesen sein, wären ihnen nicht auch hier unerwartete Schwierigkeiten begegnet. Wie konnten die bittere Frau Oberst und ihre Töchter der kleinen hergelaufenen Person ein so unverdientes Glück gönnen, hatte sich doch die jüngere, freilich ohne sein Wissen, auf Heiner Hoffnungen gemacht und sollte nun, zum wievielten Male, zusehen, wie eine andere, Unwürdige, ihr einen guten Mann wegnahm. Da sammelte sich denn alle Kraft ihres beleidigten Gemütes zu einer werktätigen Handlung gegen die Glückliche. Allerhand wahre und falsche Nachrichten über deren dunkles Vorleben wurden in den Brennspiegel dieses unerbittlichen Neides gefangen und strahlten daraus in aller Pracht der Sünde und schmählichen Hoffart wieder. Roszkowski und Heiner hatten Sonja den spitzen Reden und Anspielungen der feindseligen Weiber längst entzogen und sie nach abgestattetem Dank für die genossene Gastfreundschaft aus dem Hause des Zornes entfernt. Sie quartierten sie bei einer freundlichen alten Dame ein. Aber so leicht entkam Sonja nicht dem einmal erwachten Grimm, hatte sie doch als Gast in des Obersten Hause der Tochter ihres Wohltäters einen 272 Freier abwendig gemacht. Wieder einmal hatte man eine Schlange am Busen genährt. Die drei erzürnten Damen fanden mit ihren Lästerungen, Nachreden, Erfindungen über Sonjas dunkles Vorleben bei dem geraden und rechtschaffenen Hausherrn, dem Obersten, kein Gehör, der sich derlei verbat und Ruhe haben wollte, aber desto mehr bei dem Bräutigam der älteren Schwester, dem Hauptmann, einem beschränkten und eingebildeten Tropf, der wie alle niedrig gesinnten, ohnedies von jedem Nebenmenschen nur die eigene Erbärmlichkeit voraussetzte. Dem lagen sie nun mit ihrem Zorn und Eifer in den Ohren, eine solche Person dürfe nicht in den reinen Kreis der Auserwählten treten und die Ehre des Regiments gefährden. Er müsse sich mit seiner ganzen Kraft einsetzen, dieses Ärgste zu verhüten. Welche Gelegenheit, sich wichtig und als Retter des Standes zu fühlen! Er verschwor sich mit ihnen und die dunkle Unternehmung wurde besiegelt, indem die beiden Frauenzimmer schmetternd die »Aufforderung zum Tanze« klappern ließen. Beim Liebesmahl der Offiziere, welches recht vergnügt und heiter verlaufen war, erhob sich am Schluß der Oberst und sagte mit seiner herzlichen Liebenswürdigkeit, noch eine Kleinigkeit sei zu erledigen, Herr Oberleutnant Heiner 273 habe seine Verlobung mit dem Fräulein Sophie, Eleonora, Charlotte Podchmielska angemeldet, er glaube im Namen aller Anwesenden vorschlagen zu dürfen, daß das Regiment die Anzeige glückwünschend zur Kenntnis nehme. Alle stimmten mit freundlichem Zuruf bei, als der Hauptmann, der ganz unten am Ende der Tafel saß, sich erhob und mit ernstem Gesichte stammelte: Da sei doch immerhin einiges zu bedenken und aufzuklären, es seien allerhand Gerüchte im Umlauf, man spreche dies und jenes. Der Oberst unterbrach den unliebsamen Redner nicht ohne Zorn, er habe ihm nicht das Wort erteilt, ihn nicht gefragt, doch war es bei der eingetretenen peinlichen Stille nicht mehr möglich, die Sache aufs harmlose Gleis zu schieben, die Ehre einer Dame war in Frage gestellt worden, alle hatten es gehört, die Angelegenheit mußte ausgetragen werden, natürlich ritterlich, nicht etwa durch einen Beweis von Sonjas tadelloser Lauterkeit, sondern durch das unmögliche Gottesurteil der Waffen. Roszkowski, als der Vormund und Beschützer der Waise, war ihr einziger berechtigter Vertreter und sandte dem Beleidiger unverzüglich »zwei Unangenehme«, wie man die Sekundanten zu nennen pflegt, welche 274 ein Duell unter den schwersten Bedingungen verabredeten. Schon am nächsten Tage wurde im Kasernenhofe gefochten und es gelang Roszkowski, dem Gegner ein paar recht gefährliche Wunden beizubringen, wodurch Sonjas Ehre hergestellt und der Hauptmann dauernd abgeführt war, so daß nunmehr das Verlöbnis rein und ohne Makel dastand. Sonja ging gerade mit ihrem Verlobten auf dem Hauptplatze spazieren und freute sich dieses Sieges, als ihr die Braut des Verwundeten, die eben von seinem Lager kam, begegnete. Doppelt erregt durch die schmähliche Niederlage ihrer bösen Pläne und durch den gefährlichen Zustand ihres Verlobten, den sie am Ende auch noch verlor, konnte sie den Anblick des verhaßten fremden Glückes nicht ertragen und stürzte auf Sonja mit erhobenen Armen los, schrie sie voll Zorn an und belegte sie mit den gemeinsten Schimpfworten: »Soldatenliebchen«, »Offiziersdirne« und dergleichen anderen ausgewählten Ausdrücken, die ihr wohl im stillen längst geläufig waren. Nur mit Mühe gelang es dem besonnenen Heiner, seine Braut vor tätlichen Angriffen der halbwahnsinnigen Feindin zu beschützen und in Sicherheit zu bringen. 275 Als Sonja dieses Erlebnis schluchzend ihrem Beschützer erzählte, frohlockte Ernst: »Du wirst glänzend gerächt werden. Dich hat sie um den Mann bringen wollen und nun wird sie selber ihren Hauptmann nicht heiraten können. Das schwör ich dir zu. Sei getrost!« Da diese Beleidigung nicht von einem Manne ausgegangen war, konnte sie auch auf dem Waffenwege nicht gesühnt werden, es sei denn, daß man den Vater der Dame vor den Säbel gerufen hätte, den Obersten. Doch dies verbot sich, weil der Brave Ernsts Vorgesetzter war. Er brachte also gegen die Dame die Klage beim ordentlichen Richter ein wegen Ehrenbeleidigung. Dem Prozesse sah er mit heiterer Ruhe entgegen. Doch ließ ihn der friedfertige Oberst ganz demütig durch einen Vermittler ausholen, ob sich denn die leidige Angelegenheit, welche er selbst aufs bitterste beklage, nicht irgendwie anständig ordnen und aus der Welt schaffen lasse, woran doch wohl allen Beteiligten gelegen sein müsse. Ehrfurchtsvoll stimmte Roszkowski zu, nichts könne ihm erwünschter sein, namentlich um sich seinem geliebten und ehrwürdigen Kommandanten, dem er zu 276 Dank verpflichtet sei, in allen Stücken gehorsam zu erweisen. Kurz, so schwer es der armen Beleidigerin, der empörten Mutter, der gekränkten Schwester, dem verlegenen alten Vater fiel: als an einem Abende, der die ganze ehrengestrenge Gesellschaft der Provinzstadt bei einem Promenadekonzerte vereinigte, Sonja inmitten ihrer Beschützer, weithin sichtbar, auf einem Ehrenplatze saß, trat die Tochter des Obersten vor sie und trug, merklich blaß, eine Entschuldigung mit ziemlich lauter Stimme vor, deren grausamer Text von den Beteiligten vorher genau verabredet worden war. Darauf erhob sich Sonja in vorgeschriebener Rührung von ihrem Stuhle und breitete die Arme aus, in welche sich die Gedemütigte auf einen Augenblick ergab. Sie küßten sich unter bitteren und süßen Tränen dreimal auf die rechte, dreimal auf die linke Wange, oder sie rieben vielmehr die Wangen dreimal auf jeder Seite aneinander vorbei, indem die eine dachte: Du verruchter Teufelsbraten, und die andere: Dir hab ich aber den Spaß versalzen! Und daraufhin wurde die Klage zurückgezogen. Aber die Folge dieser Begebenheiten war die notwendige Auflösung aller bisherigen Verhältnisse, Roszkowski 277 konnte in dieser Garnison nicht weiter dienen und kam um seine Versetzung ein. Heiner erhielt einen sechsmonatigen Urlaub zur Regelung seiner privaten Angelegenheiten, der mühsam geheilte Hauptmann aber mußte ehrenhalber von dem Verlöbnis mit der so öffentlich gedemütigten Tochter des Obersten zurücktreten. Somit war alles in schönster Ordnung. Diese Ordnung herrschte jedoch nur vor der Welt, welche Mühe und Verworrenheit verursachte sie aber den Beteiligten! Besonders Ernst und das jungverlobte Paar sahen sich in einem ganzen Urwald von Schwierigkeiten, aus jedem Beginnen, jedem täglichen Zustand, jedem Gespräch und gar aus jeder auf die endgültige Fassung ihrer bürgerlichen Verhältnisse gerichteten Absicht, streckten sich ihnen drohende Arme, giftige Schlinggewächse von Fragen entgegen, zischten sie Schlangen von böser Nachrede an. Bei jedem Schritt zagten sie vor einer neuen Fußangel oder vor einer Löwengrube. Wäre nicht Ernst mit Gleichmut, eisernem Willen und hoher Verachtung der gemeinen Welt bis an die Zähne bewaffnet gewesen, zu allem fähig, aber auch allem gewachsen, so daß er wie ein Pfadfinder der freien, vorurteilslosen Gesittung durch das urweltliche Dickicht der bürgerlichen, durch den Sumpf der 278 Standesmoral aufrechten Hauptes voranschritt, die beiden Schützlinge wären längst verzweifelt den äußersten Entschlüssen rettungslos zum Opfer gefallen. Doch Ernst erwog immer neue Pläne und machte immer neue Unmöglichkeiten möglich. Da drohten vor allem zwei Todesgefahren. Die Verlobung konnte Sonja noch als Eleonora, Charlotte, Sofie Podchmielska schließen, aber die Ehe? Nach dieser peinlichen Affäre waren die genauesten Ausweispapiere der Braut zur Vorprüfung des Ansuchens um Eheschließung durch den Offiziersehrenrat ganz unentbehrlich. Was sollte Roszkowski vorzeigen? Nicht einmal ein ordnungsliebender Priester hätte sie auf Grund der Bescheinigung des weiland Domherrn zu Breslau, daß sie zwar katholisch geboren und getauft, aber durch einen Brand an der Vorbringung echter Geburts- und Taufpapiere behindert sei, trauen und in die Eheregister eintragen dürfen, um wieviel weniger konnte diese Bescheinigung einer genauen Ehrenprüfung gewissenhafter und strenger Standesgenossen genügen! Auch seine Bestellung als Vormund, die er damals bei dem Starosten erwirkt hatte, war jetzt höchst fragwürdig. Der Vormund konnte wohl anerkannt werden, aber wie war's 279 eigentlich mit dem Mündel? Betrachtete man diese Verhältnisse, so verdunkelten sie sich gleich, entfernten sich zusehends ins Nebelhafte und verflüchtigten sich endlich wie ein Räuchlein, das hinter dem Pferdefuße des Teufels aufsteigt und übel riecht. Der sterbende Oberst, der ihm die Tochter anvertraut hatte, war ja für Breslau und überhaupt für eine größere Entfernung sehr ansehnlich, aber nun mußte man ihn, da er seine Vaterdienste geleistet, ohne je gelebt zu haben, wohl am besten still in die Erde versenken, denn welchen toten Armeeangehörigen sollte man der Urheberschaft Sonjas bezichtigen? Ihr Name und ihre bürgerlichen Verhältnisse bedurften mithin einer neuen und ausreichenden Fassung, die doch auch wieder einigen Spielraum für die Zukunft bot. Mit einem Worte: es war höchste Zeit, daß sie endlich ordentliche, ehrliche Eltern bekam. Die zweite Gefahr lauerte hinter der ersten. Gesetzt den Fall, Sonja hätte standesmäßige und mögliche Erzeuger und damit ausreichende Ausweispapiere zur Eheschließung aufgebracht, wo nahm sie das Geld zur Heiratskaution her? Die strengen Gesetze des Berufes verlangen nämlich eine in barem oder in mündelsicheren Wertpapieren zu hinterlegende Bürgschaft, durch 280 deren Zinsenertrag dem Ehepaare eine notwendige Ergänzung des vom Staate gewährten geringen Offiziersgehaltes gewährleistet wird. Sonja hatte kein Geld, das stand fest. Und eher bekam sie noch standesgemäße Eltern, als eine leibhaftige Mitgift. Heiner aber war der Sohn eines Regimentsarztes, der in einer ungarischen Kleinstadt das Garnisonspital leitete und sich ein hübsches Vermögen erspart hatte, auf welches außer der Mutter noch Heiner und eine erwachsene, ledige Schwester rechneten. Solange aber beide Eltern lebten, durfte Heiner kaum einen Zuschuß erwarten. Roszkowski schüttelte den Kopf: wo Geld ist, kann man es auch herauslocken. Und hatte man nur eine Hälfte der Kaution, so fand sich die andere wohl auch. Schlimmstenfalls müßte man sie auf Borg nehmen. Gegen einwandfreie Bürgen, eine Lebensversicherungspolize und hohe Zinsen leihen gewisse Geldinstitute solche zweite Hälften von Kautionen am Ende her, da die Papiere amtlich verwahrt bleiben, dem Eigentümer oder Schuldner nicht ausgefolgt werden und die Gefahr eines Betruges, oder Verlustes bei der peinlichen Ehrengenauigkeit des Standes verringert ist. Bekäme man nur die erste Hälfte! 281 »Eines nach dem anderen!« sagte Roszkowski. »Zunächst wollen wir uns nach Eltern für Sonja umsehen.« Ein ehrlicher Vater, eine ehrliche Mutter waren schon einen Hunderter wert! Deshalb hatte er ja all die Jahre nach einem adoptierenden Millionär gefahndet, denn für ein so interessantes Kind sollte von rechtswegen auch gutes Geld gegeben werden! Aber diese Grundsätze der wahren Billigkeit konnten jetzt nicht eingehalten werden, überhaupt richtete er die Grundsätze nach den Tatsachen ein, nicht umgekehrt wie die Narren, welche gemeiniglich die Tatsachen nach Grundsätzen zwingen wollen. Da ein Adoptivelternpaar Sonja nicht kaufen wollte, hatte sich diese die benötigten standesamtlichen Erzeuger im Notfall für bares Geld zu beschaffen. Man mußte nur sehen, wie man ein solches Paar möglichst wohlfeil bekam; da nichts als ein anständiger, unzweifelhafter Name verlangt wurde, ließ sich hoffen, man werde eine bescheidene, aber brauchbare Elternware käuflich an sich bringen können. Zur rechten Zeit wie immer, besann sich Ernst des Starosten jenes Dörfchens, der ihn als Sonjas Vormund bestellt und diese selbst eine Weile, freilich schnöde genug, beherbergt hatte. Der Mann war kinderlos, also der geborene Adoptivvater. Sogleich 282 nahm Ernst Urlaub und fuhr nach Lemberg. Dort bestieg er ein geliehenes Pferd und eilte nach dem Dörfchen. Der Starost war nicht wenig erstaunt, den Offizier wiederzusehen. Roszkowski ritt drohend auf ihn zu und setzte ihn einem peinlichen Verhör aus, wie er sich habe unterstehen können, seinerzeit den ihm anvertrauten Schützling so schnöde zu behandeln. Ob er denn nicht wisse, daß Sonja von fürstlicher Abkunft sei und daß hinter der Waise höchste Würdenträger des Staates stünden mit schützenden, aber auch mit drohenden Armen, die ihn wegen seiner damaligen Niedertracht beim Schopfe zu packen und in den dunkelsten Abgrund des Gefängnisses zu werfen bereit seien. Der Starost hörte gläubig und entsetzt zu. Genügte doch schon der Anblick des bewaffneten Mannes, der so einen armen Hund einfach niedersäbeln konnte, sich auf die Knie zu werfen, den Boden erst, dann die Stiefel des unerwarteten Racheengels zu küssen und schluchzende Abbitte zu tun. Womit könnte er nur die verscherzte Gnade wieder gewinnen. Roszkowski warf ihm die Zügel des Rosses zu, stieg ab und ließ sich mit finsterer Miene in ein näheres Gespräch ein. Allerdings vermöchte er, der 283 Unglücksmensch von Starost, sich wieder in Gnade zu bringen und sogar ein Stück Geld zu gewinnen, wenn er Sonja an Kindesstatt annehme. Er habe doch hoffentlich kein Kind? Nein. Er sei doch schon ein bejahrter Esel, mindestens fünfzig Jahre alt, sein Weib, die schamlose Hündin desgleichen? Ja, Gott sei es geklagt. Dann stünde einer solchen gesetzlichen Handlung nichts im Wege, welche darum erforderlich sei, weil Sonja ihre fürstliche aber uneheliche Herkunft allezeit verbergen müsse, um mit Hilfe ihrer hohen Gönner, deren Abgesandter er sei, eine Ehe mit einem angesehenen und reichen Offizier zu schließen. Er, der Hund von Starost, sei nun in der Lage, einmal im Leben sich nützlich zu machen und Sonja seinen Namen zu geben. Doch müsse er zugleich mit der Adoption auch erklären, sie sei sein wahrhaftes, eheliches Kind und mit einem Eide bei der jungfräulichen Gottesmutter beschwören, von den ihm anvertrauten Dingen keiner lebendigen Seele jemals etwas zu verraten. »Du schamloser Knecht hast sie als kleines Kind so schändlich behandelt, gezüchtigt, unterm Vieh herumgejagt, und geschlagen, daß sie dir davonlief. Auf und davon! Jahrelang hast du sie nicht gesehen. Bis du 284 sie bei der wunderbaren Fügung Gottes durch mich wiedergefunden hast. Ich aber habe sie als Kind auf der Landstraße irgendwo aufgegriffen und aus Gnade und Barmherzigkeit erzogen und beschützt, damals führte sie den Namen Podchmielska, verstehst du, die herumziehenden Vagabunden, bei denen ich sie fand, nannten sie so, weil sie einen tollen Weinrausch hatten, als sie ihnen begegnete. Als Sonja Podchmielska habe ich sie gerettet. Jetzt aber bist du auf ihre Spur gekommen, denn ich suchte immer den Vater des edlen Kindes, bis ich dich, Hund, entdeckte. Du hast ihre Schuld verziehen, denn immerhin, es ist ein Vergehen einer Tochter, dem Vater durchzubrennen. Du aber hast bereut, Schurke, und sie in Gnaden als dein verlorenes, beweintes Kind aufgenommen und anerkennst sie als solches. Um ihr aber die Rechte des Kindes zu sichern, bleibt dir nichts anderes übrig, als sie zu adoptieren, denn die bösen Leute könnten einem solchen Hundsfott wie du, am Ende nicht glauben, daß er mit fünfzig Jahren unversehens eine Tochter wiederfindet, die er einmal hatte, oder auch nicht.« Es brauchte lange Zeit, dem verdutzten Bauern diese Geschichte mundgerecht zu machen und einzuprägen. Der Starost bedachte sich ängstlich und fragte nur, 285 ob er keine Scherereien zu gewärtigen habe und nicht am Ende noch zahlen müsse, oder für seine Verbrechen bestraft werden könne, wenn er so tue. Aber als Roszkowski ihm hundert Gulden versprach, fünfzig, wenn die Adoption bewirkt, und weitere fünfzig, wenn die Heirat glücklich vollzogen sei, seufzte der Starost und fand sich bereit, sein Vergehen zu sühnen, Sonja an Kindesstatt anzunehmen und beim Pan Bezirkshauptmann mit Roszkowskis Hilfe alles zu erklären. Sofort ordnete Roszkowski das weitere an. Damit auch Sonja ihre wiedergefundenen Eltern so recht kennen und lieben lerne, übergab er dem Starosten einige hübsche Schmuckgegenstände, welche Heiner auf diesem Umwege seiner Braut zukommen lassen wollte, Sonja wurde in das Dorf beschieden, zu ihren einstigen Peinigern geführt und mit unterwürfiger Zärtlichkeit, mit einem rechten Gemisch von Verehrung, Mißtrauen und Angst empfangen. Der Starost überreichte ihr als zärtlicher Vater ein goldnes Kettlein und Kreuzchen und segnete sie, sein Weib bestaunte sie als einen leibhaftigen Engel Gottes und allgesamt gingen sie zum Bezirkshauptmann, das neue Märchen zu Protokoll zu geben. Der bereitwillige Beamte, von dem übrigens 286 befreundeten Oberleutnant unterrichtet, und ohnedies von der Ehrfurcht für die überragende Militärmacht überwältigt, nahm die Erklärung auf; was war bei Gott und in Polen nicht alles möglich! Noch viel wunderbarere Dinge geschehen unter der Sonne. Man kann nicht alles sehen, erforschen und prüfen, denn der Ratschlüsse des Geschickes gibt es viele und alle sind dunkel. Irgend etwas Außerordentliches steckte hinter der Sache, aber eben das machte seine Geschicklichkeit und seinen Diensteifer erforderlich. Einem gewöhnlichen Anliegen hätte er Schwierigkeiten bereitet, ein so merkwürdiges sah er als eine Probe auf seine besonderen Fähigkeiten an, Berge zu ebnen und Hindernisse wegzuräumen, Roszkowskis Andeutungen ließen ihn ahnen, daß eine höhere Stelle hinter der Angelegenheit hervorschaue und sich für das Gelingen interessiere. Wozu hat ein intelligenter Amtmann seine Augen im Kopfe, als um sie beizeiten zuzudrücken! Auch waren die Voraussetzungen der Adoption gegeben. Alles geschah höchst gesetzmäßig. Ebensowenig machte der Richter, nachdem der Bezirkshauptmann die Vorbedingungen geprüft, irgendwelche Schwierigkeiten und nach Ablauf weniger Wochen war Sonja das eigentlich eheliche, aber nach der gesetzlichen Lage adoptierte 287 Kind des Starosten, hatte Eltern, Vater und Mutter, an denen sie mit Liebe hing, deren sie, wie ihre erste Begrüßung bei mir bewies, mit Zärtlichkeit gedachte. Ihrem kindischen Herzen tat es wohl, einmal wirklich Vater und Mutter sagen zu können und eine kleine Kette, ein goldenes Kreuz am Halse zu tragen, das von wahrhaftigen Eltern geschenkt war. Gleichzeitig gaben diese auch ihre Zustimmung zur Verehelichung ihres minderjährigen Kindes mit dem Oberleutnant Heiner. So hatte Sonja ihren dritten Namen bekommen, den sie allerdings nicht gar zu lange mehr tragen zu müssen hoffte. So standen die Dinge, als Sonja uns in Wien aufgesucht hatte. Den zur Eheschließung notwendigen Namen hatte sie nun freilich mit Mühe aufgebracht, die Kaution aber ließ auf sich warten, denn Heiners Vater hatte auf seines Sohnes Bitte um Hilfe ganz trocken geantwortet, er bedaure sehr, kein Geld zu besitzen. Roszkowski hatte bereits mancherlei versucht, den Mangel zu beheben, er wäre sogar bereit gewesen, selber eine Braut mit reicher Mitgift zu gewinnen, um seinen Schutzbefohlenen zu helfen, aber da er bisher niemals Heiratspläne getragen, war er in diesem Geschäfte ganz unerfahren; auch drängte die Zeit, denn 288 Heinern waren zur Ordnung seiner Vermögensverhältnisse sechs Monate eingeräumt worden, verstrich diese Frist, ehe es ihm gelang, alles befriedigend zu vollenden, so mußte er seine Charge niederlegen. Die Standesehre kennt keinen Aufschub. So war Sonja, obgleich als junge, zärtliche und verliebte Braut glücklich und hoffnungsvoll, doch von einer zehrenden Wehmut und Ungewißheit erfüllt, welche ihr sonst so stürmisches und lautes Betragen angenehm und durchaus vorteilhaft milderten. Bald suchte uns auch der Bräutigam auf, ein ernster, stiller, bescheidener, strenger, junger Mann, der zu der Schelmin und Abenteurerin im wunderlichsten Gegensatze stand. Er zog mich zu Rate, was er beginnen und wie er sich helfen solle. Er dachte nämlich allen Ernstes daran, den Soldatenstand aufzugeben und in irgendeinem bürgerlichen Berufe das bescheidenste Auskommen zu suchen, um sich und seine Frau anständig zu ernähren. Aber wie schwer wird ein solches Vorhaben bei der einseitigen und unzureichenden Ausbildung der Offiziere! Ganz abgesehen von der nötigen, völligen Veränderung aller Lebensgewohnheiten, die bisher auf Befehlen, auf freie Bewegung in gesunder Luft, auf äußere Würde und Ansehen in 289 der Welt gerichtet, nun demütig einer neuen kleinlichen Schreibstubenarbeit sich anpassen sollen. Zudem bedarf das Unterkommen in das kümmerlichste Ämtlein besonderer Fachkenntnisse, Zeugnisse und einer ungeheuerlichen Protektion durch Verbindungen mit der großen Welt, die dem Offizier fremd geblieben. Was sollte ich ihm da raten? Auf meine Frage, zu welcher Art von Tätigkeit er am meisten Lust fühlte, zog er ein Notizbüchlein hervor, worin er allerhand Erfindungen aufgezeichnet hatte, die er in seinen Mußestunden ausgeheckt. Anfänglich war ich gegen diese Art von Abenteurerei mißtrauisch, denn wer sonst keinen Zeitvertreib hat, erfindet gewiß ein lenkbares Luftschiff oder einen Flugapparat oder dergleichen, und die ungelehrten Leute glauben sich gerne jeder technischen Bildung und gewissenhafter Vorstudien überhoben, wenn sie irgendeinen unreifen Einfall gegen alle Naturgesetze und Erfahrungen behaupten und hinzeichnen. Er aber war keiner von diesen ganz armseligen Projektenmachern. Was er mir zeigte, leuchtete durch solide Logik und folgerichtige Ausführung eines sinnreichen Gedankens ohne weiteres ein. Da war zum Exempel eine geistreiche Hutventilation, um der dichten Soldatenkopfbedeckung, dem Tschako 290 und der Offiziersmütze, dem Helm und der Haube, Luft zuzuführen. Zufällig hatte ich in Ausstellungen eine oder die andere der Erfindungen, die er in der Abgeschiedenheit seiner Garnison mühsam erdacht, tatsächlich mit größerer technischer Gewandtheit und mit den bereitstehenden Hilfsmitteln einer reichen Industrie ähnlich bereits ausgeführt gesehen. Ich machte ihn schonend aufmerksam, er strich dann mit bescheidener, bekümmerter Miene die betreffende Erfindung in seinem Notizbuche aus und sagte wehmütig lächelnd: »Sehen Sie, lieber Herr Dieter, das ist eben mein Unglück. Ich lebe so aus der Welt, habe leider keine technische Vorbildung und bin auf meine eigene mühselige, einsame Arbeit so angewiesen, daß ich alle die Gegenstände, mit denen ich mich abgebe, aus der Erfahrung gar nicht kenne, sondern aus Büchern, die ich mir ohne Rat und Wahl um teures Geld kaufen muß. Aber selbst diese gelehrten Schriften leicht zu bewältigen, fehlt mir die Grundlage eines ordentlichen Realunterrichtes. Der Kenner liest die gedruckte Darlegung, ihm sind alle Fachausdrücke geläufig, die Zeichnungen mit allen ihren Feinheiten überfliegt er nur zur rascheren Einsicht des Texten. 291 Ich aber muß umgekehrt verfahren, die Illustrationen stundenlang auf jede Einzelheit hin betrachten und bis ins kleinste studieren, denn erst daraus lerne ich die Fachausdrücke des Textes und schreite zum richtigen Verständnis der Sache selbst vor. Bis ich nun eine Verbesserung eines Motors ausgedacht, ohne jemals einen an der Arbeit gesehen zu haben, ist sie von einem anderen Wohlunterrichteten längst schon ins Werk gesetzt worden, und mir bleibt das Nachsehen.« Wie sollte er auf Erfolge hoffen, da er kein Vermögen besaß, seine Projekte auszuführen, etwaige Patente zu bezahlen und nicht die geringsten Verbindungen, andere dafür zu interessieren. So stand er mitten unter Einfällen, die einen anderen vielleicht zum reichen Manne gemacht hätten, recht arm und durstig und ohne Aussicht da, auf sich gestellt, tüchtig und bescheiden und mußte der bleiben, der er war, ohne von den mannigfaltigen Schätzen seines Notizbuches den richtigen Gebrauch machen zu können. Ich gab ihm nach bescheidener Einsicht Ratschläge und etliche Empfehlungen mit, aber wir wußten alle, daß er damit wohl kaum etwas Ordentliches ausrichten würde. Derart blieb die Stimmung sämtlicher Beteiligten 292 recht gedrückt. Die erforderliche Kaution hing unerreichbar irgendwo. Sonja zuckte die Ungeduld und Unsicherheit in allen Gliedern, endlich erklärte sie, vielleicht habe Heiners Vater doch das Nötige und es bedürfe nur eines ordentlichen Verfahrens, ihn zur Herausgabe zu veranlassen. »Ihr seid allesamt ungeschickt. Wie soll dein Vater, lieber Heiner, für eine Schwiegertochter einen Kreuzer hergeben, die er nicht kennt. Ich will selbst zu ihm und dann mag er mir verweigern, was mir zukommt!« Heiners Angebot, sie zu seinen Eltern zu begleiten, wies sie entschieden zurück, sie wolle alles allein anfassen und zu Ende bringen. Kopfschüttelnd unterwarf sich Heiner, wie jeder richtige Soldat, dem Weibe und ließ sie ziehen. Sie machte sich nach ihrer Weise schön und suchte den künftigen Herrn Schwiegervater nicht etwa in seiner Wohnung auf, wo er durch die stärkere Gattin oder durch die Tochter in seiner angeborenen Großmut oder Schwäche beeinflußt werden konnte, sondern im Garnisonspitale, wo er als Feind ihr und ihrem Angriffe allein standhalten mußte. Man wehrte ihr den Eintritt, doch sie erklärte kurzweg, sie sei die Schwiegertochter des Herrn 293 Regimentsarztes und müsse ihn unbedingt sofort sprechen. Darauf ließ man sie in einen Operationssaal ein, wo eben etliche nackte Bursche auf die ärztlichen Handreichungen warteten, einer auf einem Tische ausgestreckt lag und auf das böse Messer des Chirurgen gefaßt war. In dieser Luft von Kasernen- und Spitalgeruch stand der ältliche Mann in seinem Operationskittel, mit Brillengläsern und einem recht mürrischen Gesicht, als sie beherzt auf ihn zuging. Er hatte ein blitzendes Besteck in den Händen und gar keine Möglichkeit, sich des Überfalles zu wehren. Mit der heitersten Selbstverständlichkeit begrüße sie ihn: »Ich bin die Sonja. Sie wissen ja!« Er konnte nur ärgerlich den Kopf schütteln und mit verwirrtem Stammeln heftig nach einer Richtung deuten, wohin sich Sonja zunächst begeben müsse. Sie sah wohl ein, daß sie augenblicklich hier nicht am Platze sei und gehorchte, trat in das Nebenzimmer, einen ärztlichen Ordinationsraum, der an den Saal stieß und beschloß, hier zu warten. Es verging eine gute Stunde, während welcher sie draußen abgerissene Scheltworte, unterdrückte oder aufbrüllende Wehrufe der Kranken hörte. Mit einem Male wurde es still. Da die Türe geschlossen blieb, vermutete sie mit Recht, der 294 Regimentsarzt sei jetzt mit seinem Arbeit fertig geworden, so daß er keine Ausrede mehr hätte, sich ihr zu entziehen. Daher öffnete sie leise die Tür und bemerkte eben, daß sich der schlaue Mann in aller Eile davonmachen wollte, in voller Uniform, mit Mantel und Säbel setzte er sich gerade in Bewegung und hätte sie seelenruhig in seinem Operationszimmer bis zum jüngsten Tage warten lassen. Aber für derlei Ausflüchte war sie nicht zu haben, ihr mußte man sich stellen. Sie rief ihn mit starker Stimme, so daß er Halt machte, erklärte, sie werde ihn begleiten, sie müsse ihm wichtige Dinge sagen und er wichtige Dinge hören. Ein Spaziergang gebe die beste Gelegenheit, alles anzubringen und zu erledigen. Mit gesenktem Kopfe fügte sich der alte Sünder ins Unvermeidliche und führte die dringliche kleine Person ins Freie. Hier trug sie ihm nun umständlich und konfus, halb fromm verschämt, halb dreist verwegen, nach ihrer Art die ganze Not und Sorge vor, stellte seinem Kopf und Herzen die Hilfe als recht und billig, ja als unabweisliche Pflicht dar und schrie sich um so lauter in ihre Leidenschaft hinein, als sie zu erkennen glaubte, daß der künftige Schwiegervater nicht nur hartherzig, sondern 295 auch harthörig sei, so daß man ihm jeden Punkt nicht nur dreimal sagen, sondern auch mit Gebärden und Rufen verständlich machen müsse. Der geriebene alte Sünder war aber nichts weniger als taub, sondern stellte sich nur so, um auch dieses naheliegende Mittel nicht unverwandt zu lassen, etwas Unwillkommenes überhören zu können. Aber da sie immer lauter wurde und sich so stark vernehmen ließ, daß sich die Leute nach ihnen umsahen, bedeutete er ihr größere Ruhe und ließ sich in die Erörterung ein. Was sie denn eigentlich wolle. Sein Sohn sei mündig, er mische sich nicht in solche Angelegenheiten. Heiner wolle heiraten, er solle tun, was er nicht lassen könne. Aber da er von seinem Sohne nicht gefragt worden sei, als die Verlobung zustande kam, sei doch jetzt kein besonderer Anlaß, ihn damit zu beschäftigen. Wenn es Sonja um seinen Segen zu tun sei, so gebe er ihn in Gottes Namen. Aber unentgeltlich, denn für seines Sohnes Brautstand noch zahlen zu müssen, scheine ihm doch eine unerlaubte Zumutung. Darauf entgegnete Sonja, was ihr die helle Verzweiflung und Sehnsucht eben eingab. Er könne doch nicht zusehen, wie Heiner unglücklich werde, bloß, weil er ihm die lumpigen paar Gulden versage. 296 »Weil ich nicht ruhig zusehen will, wie er unglücklich wird, rate ich ihm eben aus meinem väterlichen Herzen, eine so törichte Verbindung aufzugeben, und wenn er durchaus heiraten will, sich eine Braut zu suchen, die ihm, wie es in der Welt der Brauch, Geld zubringt, statt eines zu verlangen. Der Mensch muß sich nach den Gesetzen seines Standes und der Welt richten, wenn er ruhig auskommen will. Wer das nicht tut, muß die Folgen tragen und nicht verlangen, daß sich andere für ihn opfern, weil er selber dazu keine Lust hat. Wenn wir aber schon vom Opfern reden, warum machen Sie, liebes Fräulein, nicht den Anfang? Sie wissen, die Ehe mit Ihnen wird dem Burschen seinen Stand kosten, wenn er die Kaution nicht aufbringt. Nun, Sie haben ja ein großes Herz, wie Sie versichern, also tun Sie das Ihrige, geben Sie ihn frei, treten Sie zurück, und alles ist in bester Ordnung.« Da verlor Sonja ihre mühsam bewahrte Fassung und schrie mit bitterer Verachtung jeder Rücksicht und Schonung, was er denn glaube, daß er sie mit solchem Hohne behandle, sie sei eine Dame, keine Hergelaufene, die man zuerst überhaupt verleugne, die man vor den gemeinen Soldaten stehen lasse und dann mit solchen 297 Redensarten abspeise. Auf der Welt seien die jungen Leute die wichtigsten, nicht die alten mit ihrer Schäbigkeit und ihrer Selbstsucht. Es gebe kein Recht, das von zwei Liebenden den Verzicht verlangen dürfe, und kein Gesetz, das ein ehrliches Gefühl verbiete. Was aber das Gesetz betreffe, nach dem man sich, wie er sagte, so genau richten müsse, so frage sie ihn jetzt in aller Stille, wenn er aber Lust habe, wollte sie die Frage ohne weiteres recht laut wiederholen, wie er denn sein Vermögen erworben habe, auf welchem er jetzt so breit dasitze. Ob die feinen Militärbefreiungen und ärztlichen Zeugnisse der Waffenuntauglichkeit, denen er seine Beliebtheit verdanke, etwa dem strengen Gesetz entsprächen, oder vielleicht auch einer gewissen Vorliebe und schnöden Leidenschaft für das liebe Geld. Ob seine schönen Ersparnisse nicht auf eine gewisse Duldsamkeit zurückzuführen seien, die er gegen sich selbst so gerne betätigt habe und gerade seinem Sohne und ihr so hartherzig verweigere. Jetzt habe sie die ganze Heuchelei satt und wolle klar reden und ohne Umschweife. Wenn er schon sein Geld durch allerhand weise Vorkehrungen erworben habe, müsse er seinen Nächsten auch etwas steuern, denn sonst geschehe ein Unglück; sie überschlug sich im Sprechen und begann zu weinen, 298 da sie keinen Nachsatz mehr wußte, mit dem sie das angedrohte Übel so recht ins Licht setzen konnte und auch fühlte, weiter gegangen zu sein, als die Schicklichkeit erlaubte, sogar so weit, daß ein Rückzug in ein edles, schwiegertöchterliches sanftes Verhältnis fast unmöglich war. Über diesen unvorhergesehenen Gefühlsausbruch schüttelte der Regimentsarzt verlegen den Kopf. »Ja, liebes Fräulein, da Sie so gut wissen, wie man sich Geld beschafft, können Sie mir vielleicht auch einen Rat geben, ich habe nämlich selber keines und brauchte es notwendig, schon weil ich Ihnen gerne damit aushelfen möchte.« Nun war das Staunen an Sonja. Sie stammelte ganz fassungslos: »Sie sollen doch ein Vermögen haben.« »Gehabt haben,« verbesserte der Alte mit geneigtem Haupt. Sie sah ihn zweifelnd an. »Ja, liebes Fräulein, ich habe hübsch ein paar Gulden zusammengebracht, aber der Teufel hat sie geholt.« »Was haben Sie denn damit angefangen?« »Ich habe sie recht gut verwerten wollen, daß sie rascher anwüchsen, als sie bei mir zu Hause mochten und statt dessen sind sie davongegangen.« 299 »Also verspielt!« schrie Sonja verzweifelt. Der Alte nickte schmerzvoll und sah nach der anderen Seite, als ob er seinem guten Gelde nachblickte, das doch längst schon verschwunden war . . . »Da schämen Sie sich aber recht in die Erde hinein, ein alter Mann und so töricht, sein sauer Erworbenes in die Luft zu jagen! Wissen Sie denn nicht, was man mit erspartem Geld machen muß? Darauf sitzen! Sonst hat man's nicht lange. Und da haben Sie Frau und Kinder und verspielen Ihr Geld!« Sie verschluckte ingrimmig ihre Tränen. Der alte Herr nickte schuldbewußt. »Freilich, freilich war es ein Unsinn, aber was nützt es jetzt, davon zu reden. Hin ist hin.« »Schade, schade, wir hätten es so gut brauchen können, aber nichts für ungut. Vielleicht hätten Sie uns doch geholfen, wenn Sie das Geld gehabt hätten. Nicht wahr? Also muß ich wieder zurück.« Der Regimentsarzt begleitete sie zum Bahnhof und faßte einige Zuneigung zu dem entschlossenen, jungen Mädchen, welches ihn nun nach ihrer Weise zu trösten suchte. Sie und Heiner seien ja noch jung und würden sich schon zurecht finden, wenn es auch schwer sei, sich alles auf der Welt selber schaffen zu müssen und 300 nichts, aber auch gar nichts zu überkommen. Dabei dachte sie vielleicht: nicht einmal einen simplen Namen erbt unsereins. Schließlich nahmen sie recht herzlich voneinander Abschied und Sonja kam um eine Erfahrung reicher, das heißt um eine Hoffnung ärmer, in Wien an. Als sie diesen letzten Versuch der Geldbeschaffung und sein klägliches Scheitern ihrem Bräutigam und ihrem Beschützer berichtete, ließen anfänglich alle drei betrübt die Köpfe hängen, als seien ihnen drei schwer mit Gold beladene Schiffe untergegangen. Roszkowski, der auf ein paar Tage nach Wien gekommen war, um nach dem Rechten zu sehen, faßte zuerst wieder Mut, tröstete und beruhigte die beiden anderen. Noch gab es ein allerletztes Mittel: ein Gnadengesuch an den Monarchen um Befreiung von der Kautionsleistung. Es mußte an die kaiserliche Kabinettskanzlei berichtet werden. Diese stellt die peinlichsten Untersuchungen über die Würdigkeit der Werbenden an und unterbreitet nur bei einwandfreister Lage der Dinge, wenn die höchste Billigkeit für die Ehe zweier so Armen spricht, die Entscheidung dem Monarchen selbst. Bei dieser Untersuchung ist auf eine Abweisung der Bitte zehn gegen eins zu wetten. Aber 301 die Welt ist nicht bloß aus Wahrscheinlichkeiten und Gewißheiten, sondern auch aus Wundern und unerhörten Schickungen zusammensetzt, warum sollten sie nicht einmal, wie sonst auf einen glücklichen Zufall hoffen und das ihrige tun, ihn herbeizuführen, während gewöhnliche Leute so töricht sind, ihn abzuwarten, als ob ein Wunder von selbst käme und nicht der richtigen Mühe bedürfe, sich herbeizwingen zu lassen. Da Roszkowski wußte, daß bei dieser Untersuchung Nachforschungen nach dem Vorleben, der Herkunft und dem Charakter der Braut gepflogen werden, die weit strenger und eindringlicher verfahren, als der Offiziersehrenrat, welcher etwaige Zweifel durch ein gelungenes Duell aus dem Wege räumt, erwog er, wie er Sonjas Abstammung auf möglichst einwandfreie Weise dartun und erklären könne. Es gab ein rechtes Stück Arbeit, die schwierigen Verhältnisse gebührlich und mit aller Unterwürfigkeit, doch schwungvoll, darzustellen. Er erklärte zunächst, als langjähriger Vormund für Sofia Eleonore Charlotte Kobierska das Wort zu ergreifen, da deren Vater, der Starost Jaroslav Kobierski der Schrift unkundig und auch sonst nicht in der Lage sei, die schwierigen Umstände auseinander zu 302 setzen, welche bis zu diesem Tage über seinem Kinde gewaltet. Er, Oberleutnant Roszkowski, beim ..ten kaiserlichen und königlichen Infanterieregimente so und so bedienstet, habe vor etwa sieben Jahren auf einem Ritte durch eine verlassene Gegend Polens eine Bande von Vagabunden getroffen, welche eben ein kleines, halbwüchsiges Mädchen mißhandelten, dessen jämmerliche Schreie ihn zwangen, näherzukommen und sich der Hilflosen anzunehmen. Auf seine Fragen habe er von der Bande herausgebracht, daß das Kind angeblich die Tochter zweier verstorbener Angehörigen sei, die ihnen nun am Halse hänge. Die Kleine zöge mit ihnen so im Lande herum, helfe ihnen betteln und nehme an ihrem kümmerlichen Schicksale teil. Obgleich sie recht zerlumpt und verwahrlost erschien, glaubte er doch Zeichen einer besseren Art und Herkunft an ihr zu bewahren. Die Vagabunden versicherten ihm, sie sei getauft und heiße Podchmielska, doch seien ihre Ausweispapiere bei einem Brande untergegangen. Er glaubte in diese Geschichte berechtigte Zweifel setzen zu sollen und nahm an, daß sich das Gesindel wohl auf irgendeine verbotene Weise des armen Geschöpfes bemächtigt habe. Da ihn das Wesen, das mit großen 303 bittenden Augen auf ihn sah, dauerte, habe er es um ein geringes Geld losgekauft und auf sein Pferd genommen und unterwegs erst überlegt, was er mit diesem wunderbaren Funde beginnen wolle. Schließlich habe es ihn das beste gedünkt, die Kleine seinen Eltern ins Haus zu bringen, wo sie aus Gnade und um Gottes Barmherzigkeit willen anständig aufgenommen werden würde. Auf seine Frage hin habe die verschüchterte Kleine allmählich Zutrauen gefaßt und erzählt, sie sei nicht unter diesen Leuten geboren worden, sondern das Kind von Bauern und den Schlägen und Mißhandlungen eines strengen Vaters vor zwei Jahren entlaufen, auf dem Wege von den Herumziehenden aufgegriffen und nun durch ihn von noch viel schlimmeren Zuständen erlöst worden. Ihren Namen habe sie freilich nicht gewußt, oder vielmehr den einer »Podchmielska« als eigen angesprochen, so daß er mit Grund vermutet habe, sie heiße wirklich so. Nachforschungen in dieser Richtung führten aber nicht dazu, ihre Herkunft aufzuklären. Nachdem er das Kind in der Tat bei seinen Eltern untergebracht – es braucht nicht gesagt zu werden, daß Roszkowski seine Mutter entsprechend von ihrer damaligen großmütigen Handlung genau unterrichtete, 304 bevor er sie als Zeugin in diese Geschichte verwickelte – nachdem also Sonja zwei Jahre auf dem Gütchen gelebt und sich dort als fügsames, braves und begabtes Kind erwiesen hatte, redeten ihm seine Eltern zu, auf diesen Schützling doch rechte Sorgfalt zu verwenden und ihm eine bessere Erziehung angedeihen zu lassen. Da er selbst sich dieser guten Handlung angesichts des Gedeihens der Kleinen freute, beschloß er, weiter für sie einzustehen und brachte sie, obgleich seine Mittel recht beschränkt waren, nach Breslau ins Kloster, wo sie in allen Gegenständen des Unterrichtes und der weiblichen Fertigkeiten unerwiesen, sich als frommes Mädchen gedeihlich und von den gütigen Schwestern geliebt, entwickelte. Nach einem weiteren Zeitverlaufe verlangte sie als erwachsene Jungfrau für ihr Leben durch Arbeit und Verwertung ihrer Kenntnisse selbst aufzukommen, deshalb nahm er sie, zumal die Kosten der Erziehung zu entrichten ihn nachgerade schwer fiel, aus dem Kloster und brachte sie nach Wien, wo sie in den verschiedensten Berufen, als Gesellschafterin, Erzieherin, als kunstfertige Stickerin, ihren bescheidenen, aber ausreichenden Erwerb fand. Zu ihrer Erholung sei sie – von der Anstrengung 305 des Wiener Arbeitslebens übermüdet – nunmehr im Vorjahre nach Siebenbürgen gereist, um ihn, ihren Vormund wiederzusehen, und dort habe sie Heiner kennen gelernt, welcher um ihre Hand anhielt und sie auf das Inständigste nun zu heiraten wünsche. In aller dieser Zeit habe er, Roszkowski, es sich angelegen sein lassen, die Herkunft dieses Kindes zu ergründen und ihm die Eltern zuzuführen, welche jeder Mensch, am meisten ein junges Mädchen, so sehr braucht, um sie recht zu ehren und zu lieben und von ihnen die Anerkennung seines Standes und Herkommens zu erlangen. Mannigfache Spuren hätten ihn immer wieder in die Irre geführt, manches Stück Geld sei vergeblich aufgewendet worden, bis er endlich auf eine merkwürdige Weise, die in diesem Gesuche des weiteren auseinanderzusetzen wohl nicht der richtige Anlaß sei, in dem Dörfchen unweit Lembergs den Starosten und dessen Gattin als Eltern Sonjas entdeckt habe. Eine genaue, Glied an Glied passende Kette von Umständen habe jeden Zweifel ausgeschlossen, leibliche und seelische Anzeichen bekräftigten die scheinbar ganz unglaubliche Nachricht. Tatsächlich bekannte der Starost, durch Fragen in die Enge getrieben, daß ihm ein einziges Kind vor Jahren durchgebrannt sei, nahm 306 es nunmehr mit Freuden auf und als besten Beweis seiner Vaterschaft adoptierte er Sonja, da er auf andere Weise wohl kaum in der Lage war, die Abstammung der Tochter rechtens zu erhärten. Dies und noch manches andere stand in dem Gesuche. Wenn man heute und in einer heiteren Abendlaune davon erzählt, mag es ganz unglaublich erscheinen, daß ein ernsthafter Mann einem ernsthaften und so hohen Amte mit solcher Unbefangenheit einen solchen Bären aufbindet und mit allem Eifer voraussetzt, es würde ein solches Märchen glauben. Aber die glaubhaftesten Regelmäßigkeiten des Daseins sind es nicht, welche um außerordentliche Hilfe flehen und wunderbare Auswege, barmherzige Rettungen suchen. Wer in verzweifelter Lage verzweifelte Schritte tut, hat wohl auch verzweifelten Grund dazu und die Wege seines Schicksals mögen dunkel genug in die Irre gefangen sein. Wer weiß, wie viele Abenteuer und fabelhafte Berichte in solchen Gesuchen ausgebreitet und mit einer Klarheit dargelegt werden, daß diejenigen, welche darüber entscheiden sollen, den Unglauben allgemach verlieren und infolge ihrer ständigen Prüfung solcher Vorbringungen das Leben nicht wie wir Unerfahrenen nur als ziemlich glattes und klares, sondern 307 als schmerzlich verworrenes und fragwürdiges Spiel betrachten lernen, worin das Unmögliche tatsächlich wird. Könnte sonst übrigens der fromme Glaube Berge versetzen, wenn sich nicht im tiefen Lebensinneren für alles Wunderbare und Unerhörte, für alles Staunenswerte und Ungewöhnliche ein liebendes Zeugnis regte und Fürsprache leistete? So mochte eben vor einem Amte das Gesuch Roszkowski mehr Gewicht haben, als wir anzunehmen geneigt wären. Zumal da er es mit den deutlichsten Hinweisen und Berufungen auf lebende Zeugen belegte. Da war seine Mutter, die Sonja zwei Jahre lang als ihren Pflegling beherbergt, die frommen Schwestern in Breslau, die sie unterrichtet, – er verabsäumte nicht, sie auf eine etwaige Zeugenschaft vorzubereiten und ihnen ihren einstigen Schützling durch eine persönliche Rücksprache und reichliche Geldspenden in angenehmste Erinnerung zu bringen – da war Jean Ferdinand Eclair, Freiherr von Bézincourt und das gräfliche Haus, wo Sonja als Tochter gehalten worden war. Roszkowski besaß den Mut der Verzweiflung, sogar diese vornehmen Herrschaften als Urkundpersonen anzugeben, bei denen Sonja sich ehemals 308 leider unmöglich gemacht hatte. Aber sie würden einem armen Geschöpfe wohl nichts Böses nachreden. Da waren die rumänischen Bojaren, die sie schätzten, der Adoptivvater, er selbst. Das Wunder erschien bei näherem Zusehen doch durchaus glaublich und natürlich. Jedenfalls zogen sich die Untersuchungen, welche von der Kabinettskanzlei angestellt wurden, recht in die Länge, von den gewährten Urlaubsmonaten des Bräutigams waren bereits vier verstrichen und er mußte darauf gefaßt sein, wenn seine Bitte abschlägig beschieden wurde, seine Charge niederzulegen und einen bürgerlichen Erwerb zu suchen. Roszkowski hatte mittlerweile in seiner neuen Garnison ein genaues Verhör über sein Gesuch zu bestehen gehabt und bei dieser Gelegenheit durch Verbindungen und gewandte Umfragen erfahren, in welcher Art man über Sonjas Vorleben und Schicksale Erhebungen gepflogen und Auskünfte erhalten. Das Kloster hatte sich über ihre Schulzeit, ihre Frömmigkeit und namentlich über ihre kunstfertigen Stickereien höchst lobend ausgesprochen, ihre Sittsamkeit gerühmt und ihr das beste Zeugnis ausgestellt. Seine Mutter hatte alle gewünschten Auskünfte 309 seiner Weisung gemäß erteilt, Jean Ferdinand Eclair, Freiherr von Bézincourt sammelte glühende Kohlen um das Haupt des jungen Mädchens, das ihm seinerzeit solche Schwierigkeiten bereitet, er äußerte sich mit tadellosem Edelmute über Sonja, wies alle Bedenken, die über ihr Vorleben bestanden und ihm in deutlichen Fragen vorgehalten wurden, entrüstet zurück, und auch seine gräflichen Verwandten hatten nur Lobsprüche für den einstigen Gast. Zum Starosten war ein hoher Offizier mit besonderer Vollmacht geschickt worden, der als Abgesandter der Kabinettskanzlei die Andeutung Roszkowskis leibhaftig zu bestätigen schien, daß höhere Mächte an diesem Wesen Interesse hätten. Um so unterwürfiger bekräftigte der Bauer alle eingelernten Angaben, seine Lügen zu verleugnen außerstande, hätte er doch sonst die bösesten Folgen auf sein Haupt beschworen. Wie dumm er auch war, sein Verstand reichte immerhin aus, sich noch dümmer zu stellen. Der Abgesandte erfuhr von ihm nur, was Roszkowski ihn wissen lassen wollte. Aber diesen schönen Zeugnissen standen allerhand dunkle und fragwürdige gegenüber, Gerüchte, Verwicklungen, die keine Aufklärung fanden, Sonjas Aufenthalt in Wien, ihre Beanstandung durch die Polizei, 310 ihre Stellen, denen keine Belege entsprachen, große Zeiträume schienen offen, ohne daß bewiesen werden konnte, wo sie damals gewesen und was sie getrieben, die peinliche Geschichte ihrer Siebenbürger Verlobung, das Duell Roszkowskis, die Ehrenbeleidigung nach dem Prozesse und dergleichen Bedenken mehr. Wo war nun die Wahrheit? Zwischen Unbegreiflichkeit und Lüge, wunderlichen, aber belegten Aussagen und unerklärlichen Lücken schwankte die unerhellte Erkenntnis und wie vor dem überirdischen Richter neigte sich die Wagschale dieses menschlichen Geschickes hier zum Guten, da zum Schlimmen und welcher Sterbliche möchte entscheiden, ob sie selig zu sprechen oder aus allen Himmeln auszuschließen sei? Um diese Zeit verschwand Sonja mit ihrem Verlobten plötzlich ohne Abschied. War sie fortgereist, standen ihre Aussichten schlimm und tauchten beide irgendwo unter in dem Strom der Not und neuer Abenteuer, oder war sie in Wien geblieben und verschmähte es, sich sehen zu lassen, mit ihrer alten, rechtschaffenen Schamhaftigkeit, die sie davon abhielt, ihr Unglück zu zeigen? Besorgt und bekümmert nahm ich umso größeren Anteil an ihrem Geschick, bis ich in diesen Tagen den 311 Brief bekam, der mich vom glücklichen Ausgange der Dinge in angenehme Kenntnis setzte. Nachdem ihr wieder die Sonne aufgegangen, zeigte sie sich auch wieder frisch, munter und siegreich, den Brief lese ich Ihnen dann vor, zunächst erzähle ich die Lösung der verwirrten Ereignisse, die ihn veranlaßten und die ich durch einen zweiten späteren Brief erfahren habe, dessen Kauderwelsch ich Ihnen hiemit halbwegs verdeutsche. Die Sache ging so vor sich. Sonja war in Wien geblieben, nicht fortgereist. Das Ausbleiben jeder Erledigung des Majestätsgesuches versetzte sie in immer ärgere Angst und Aufregung, nicht nur, daß ihr jede Hoffnung versank, sie fürchtete von dem kühnen Anliegen schwere Folgen für ihren Geliebten. Eines Tages erhielt sie eine amtliche Vorladung, in Sachen des Einschreitens bei der Kabinettskanzlei zur Erteilung notwendiger Aufklärungen zu erscheinen. Man mag sich ihren Zustand vergegenwärtigen. Sie zitterte am ganzen Körper, da war nicht eine Fiber, die nicht erregt gewesen wäre, alle Bedrängnis ihres ganzen Lebens, alle Schelmenstreiche, alle Notlügen, alle Versuche, sich trotz allem zu behaupten, bedrückten sie wie eine jahrelang angehäufte Last von Schuld, die nun an 312 einem letzten Faden schwer und unheimlich über ihrem Haupte hing. Gleichwohl faßte sie sich, so gut sie konnte und zog sich möglichst standesgemäß an. Ist doch die Anmut eines von Natur liebenswürdig gemachten Geschlechtes, der Reiz gefallsamer Tracht, eine nie versagende Hilfe der Weiber. Sie verfügte sich in die alte Burg, wo eine prächtig gekleidete Wache sie empfing, ihre Vorladung einem galonierten Diener weitergab, der sie aus einem Vorsaal in den nächsten führte, bis sie am Ende in ein großes, reich ausgestattetes Gemach eingelassen wurde, in dessen Mitte an einem ungeheuren, mit Schriftstücken bedeckten Tische ein schlanker Herr in Generalsuniform saß, mit angenehmen, gebräunten und leicht geröteten Gesichtszügen, weißen, sorgsam gescheitelten Haaren und sehr aufrechter Haltung. Sie blieb schüchtern bei der Tür stehen, er blickte auf und erhob sich mit natürlicher Liebenswürdigkeit und ungezwungener Ehrerbietung, die den vornehmen Adeligen zeigte, der einer Dame gegenüber keinen Augenblick in der Gewährung der förmlichen Huldigung zögert. Mit einer Verbeugung und einem leisen, fast unmerklichen Lächeln lud er sie ein, näher zu treten und an seinem Tische, auf einem Fauteuil neben 313 dem seinen Platz zu nehmen. Als er derart die Zeugin so recht in seiner Nähe hatte, begann er im leichten Gesprächston: »Also meine Gnädigste, ich bin erfreut, die Heldin solcher Abenteuer endlich kennen lernen zu dürfen, wie Sie in dem Gesuche geschildert sind, das der Kabinettskanzlei unterbreitet worden ist, von Herrn Oberleutnant Roszkowski, wenn ich den Namen richtig behalten habe.« Sonja nickte Bejahung. »Ich habe mithin die Ehre, Fräulein Kobierska vor mir zu sehen?« Sonja nickte beklommen Bejahung. »Nun sind Sie oder vielmehr Ihr Vormund um Erteilung der Bewilligung zur Ehe mit Herrn Oberleutnant Heiner unter Nachsicht der Kaution eingeschritten. Sie haben sich wohl nicht verhehlt, daß ein solches Gesuch seine Schwierigkeiten macht, denn der Erlag der geforderten Summe bietet immerhin eine gewisse Bürgschaft für das Vorhandensein aller jener Bedingungen, die eben für die Ehe eines Offiziers unerläßlich scheinen. Das Geld erspart uns sonst eine strengste Prüfung aller Voraussetzungen.« Sonja zeigte einen bekümmerten Gesichtsausdruck. 314 »Sie nennen das mit Recht betrüblich, ja grausam, in einer Summe Geldes, die man dem glücklichen Schicksal, reichen Eltern verdankt, den Ersatz für alle anderen Beweise der menschlichen Ehrbarkeit und Tadellosigkeit zu erblicken. Auch ich finde dies traurig, aber ich kann die Gesetze nicht ändern, denen immerhin manche Erfahrung recht gibt. Es ist einmal schon so in der Welt, daß, wer reich ist, eine gewisse Erleichterung guter Führung, unanfechtbarer Haltung und standesgemäßen Betragens gleichsam mit dem Gelde mitbekommt. Wenn nun ein Gesuch um Nachsicht von dieser Bedingung unterbreitet wird, haben wir die Pflicht, die Voraussetzungen für seine Gewährung auf das Strengste zu prüfen. Dieser Aufgabe habe ich mich unterzogen, sie war, ich kann es gestehen, in Ihrem Falle nicht leicht. Das wissen Sie wohl selbst am besten. Vieles ist mir dunkel und so unerklärlich geblieben, daß ich Ihre Hilfe und Zeugenschaft nicht gern entbehren mag. Sie waren also das eheliche Kind des Starosten Jaroslav Kobierski, Sie sind seinen Mißhandlungen als kleines Mädchen entflohen im Alter von . . .« »Zehn Jahren.« »Ja, leider sind manche Eltern grausam genug 315 gegen ihre Kinder, gar ein so ungebildeter polnischer armer Bauer, Sie verzeihen, daß ich Ihren Vater derart pietätlos kennzeichne, aber Sie werden kaum anders über ihn denken.« Sonja nickte bekümmert Bejahung. »Dann sind Sie mit Zigeunern umhergezogen, die leider spurlos verschwanden, ich konnte über diese Zeit Ihrer Jugend gar keine Daten sammeln. Die späteren Jahre sind einigermaßen, wenn auch nicht widerspruchslos aufgehellt. Sie wurden von Herrn Oberleutnant Roszkowski aufgefunden, gerettet, verschiedentlich untergebracht, Sie blieben eine Weile bei seinen Eltern, dann wurden Sie in Breslau bei frommen Schwestern unterrichtet, ergriffen in Wien den Beruf einer Erzieherin und so weiter. Aber folgendes hat sich ergeben. Ihr Herr Vater, der Sie rechtens adoptiert hat, besaß niemals ein eheliches Kind.« Sonja erschrak. »Das ist ja kein Hindernis der Adoption, die ist gesetzlich unanfechtbar, es fehlten freilich genaue Ausweispapiere des anzunehmenden Kindes, aber dies mag der Richter verantworten, vor uns sind und bleiben Sie Kobierskis Tochter. Nur die Behauptung, daß 316 Sie von Natur aus ihm angehören, eigentlich sein wahres, wirkliches, eheliches Kind sind, ist leider unrichtig. Der Mann hatte niemals ein Kind.« »Hat er das gesagt?« »Nein, er nicht, aber die Leute im Dorfe erklärten einstimmig, Jaroslav Kobierskis Ehe sei niemals mit Kindern gesegnet gewesen. Folglich konnte er Sie auch nicht mißhandelt haben, Sie konnten nicht entflohen sein, die Zigeuner sind ebenso unwahrscheinlich und lassen sich daher auch nicht auffinden. Das gibt nun, wenn ich so sagen darf, einen Geburtsfehler ihres Gesuches, einen wesentlichen Mangel an der ersten Voraussetzung für seine Bewilligung, ich meine die unbedingte Glaubwürdigkeit.« Sonja schwieg. »Ich bitte, verehrtes Fräulein, Sie haben bisher noch keine Aussage gemacht, Sie tragen daher gar keine Schuld, seien Sie unbesorgt, ich habe nur das Gesuch Ihres Vormundes nacherzählt, der sich für seine Angaben selbst zu verantworten haben wird. Aber jetzt frage ich Sie, ich bitte Sie vielmehr: Haben Sie Vertrauen und sagen Sie mir, wie sich die Dinge verhalten, vielleicht können Sie mir alles besser aufklären, die Wahrheit ist das richtigste Auskunftsmittel.« 317 »Aber was soll ich sagen?« »Nicht ein Wort mehr, als Sie aus freien Stücken sagen wollen. Ich habe ein Gesuch zu erledigen, keine Untersuchung. Die wird Herr Oberleutnant Roszkowski bestehen müssen.« »Nein, das darf nicht sein, nur das nicht. Er soll nicht weiter Schaden und Unglück durch mich erfahren, er hat genug für mich getan, genug gelitten, jetzt sollte er noch für mich gestraft werden! Das darf nicht geschehen. Bei Gott nein, wegen einer tausendmal Elenden; er ist unschuldig wie ein Kind, ich habe alles auf dem Gewissen.« Sie weinte. Der General beugte sich mitleidsvoll über sie und sprach ihr Trost zu: »Wenn Sie sich mir freundlich anvertrauen wollen und wenn der Herr Oberleutnant wirklich, wie Sie sagen, so ganz schuldlos ist, kann ja noch alles gut werden; fassen Sie Mut, wir sind ja allesamt nur Menschen mit unseren Schwächen und Torheiten und dürfen nicht zu streng miteinander ins Gericht gehen. Also Fräulein Kobierska, sagen Sie mir getrost, wer sind Sie, wer waren Sie, vor Ihrer Adoption, wie kamen Sie zu dem Namen Podchmielska?« 318 Sonja schüttelte verzweifelt den Kopf. »Also nicht Podchmielska, Eleonore, Charlotte, Sofie Podchmielska, wie denn?« Sonja schwieg. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, der ganze Körper schluchzte, endlich blickte sie entschlossen auf und sagte: »Ich heiße oder ich hieß Lea Weinrausch, oder Hopfen.« Der General lehnte sich in seinen Stuhl zurück und lächelte, nur einen Augenblick lang, um gleich die Fassung wieder zu gewinnen und mit teilnehmendem höflichen Ausdruck alles weitere zu gewärtigen. Und nun begann Sonja zu reden, die Last alles verschwiegenen, verstellten, erfundenen Schicksals wälzte sie sich, erst zögernd, dann rascher und immer rascher von der gequälten Brust, sie befreite sich von der ganzen jahrelangen Qual der Verheimlichung, sie fühlte fast eine Art von Glück, endlich, endlich die Wahrheit zu bekennen, was lag jetzt an all den Lügen, sie mußte einmal die Wahrheit sagen, sich und ihren Beschützer frei machen von den schwer getragenen Fesseln, von denen sie beide jetzt am Halse gewürgt waren. Sie sprach immer lauter und lebhafter, ihre heisere Stimme, ihr ungeschicktes, stammelndes, 319 unordentliches Erzählen, die hilflosen doch beredten Gebärden ihrer Hände, der ganze zugleich flehende und erlöste Ausdruck ihrer klugen Augen, die merkwürdige Folgerichtigkeit aller ihrer Lügen, Ausflüchte, Rettungen, aller Verbindungen, die kaum ersonnen und benützt, wieder als wertlos zerrissen wurden, das ganze Gewebe, das in diesen Jahren mit immer neuen Erfindungen geflickt, immer wieder auf den Glanz hergerichtet worden war, erschien in ihrem Berichte so wahrhaft, so glaubwürdig, so völlig notwendig, und durchaus bedingt, daß kein Zweifel mehr übrig blieb. Schließlich seufzte sie erlöst auf. Der General blickte sie nicht unfreundlich an und sagte nun: »Mein Gott, was habt ihr aber alles aufgeboten! Wenn die Sache zuletzt nur nicht gar so kühn geworden wäre. Da habe ich ein Gesuch, wie soll ich mir helfen? Ein Offizier hat das geschrieben! Was er getan hat, war nicht eben das einfachste und geradeste, aber es läßt sich in der Beleuchtung der zwingenden Ereignisse bis zu einem gewissen Grade verstehen, doch wie soll man es entschuldigen? Es ist eine Fabel, die er dem Obersten Kriegsherrn weiszumachen versucht hat. Hält er die Menschen wirklich für so leichtgläubig, daß er das so ohne weiteres wagen 320 konnte? Die Vergangenheit berechtigt ihn allerdings zu solcher Annahme.« »Sie wollen ihn jetzt noch strafen? Jetzt noch, für alles, was er um meinetwillen getan hat? das will ich nicht erleben, das kann ich nicht ertragen.« »Seien Sie mutig, Fräulein, wir wollen alles überlegen, vielleicht findet sich irgendein Ausweg. Ich kann Ihnen nichts versprechen, die Angelegenheit ist allzu verwirrt. Wir haben den Knoten freilich durchhauen, aber wie wird die Sache wieder ganz? Doch seien Sie getrost und fassen Sie sich. Sie haben einmal im Leben gebeichtet. Ich will mich als Ihren Beichtvater betrachten, der die ärgsten Sünden in seiner Brust verschließt und gar so Schlimmes haben Sie ja im Grunde nicht begangen. Das Leben hat Sie eben arg durchgetrieben und Sie haben sich Ihrer Haut gewehrt. Wir Soldaten können das schon verstehen.« Sonja lächelte ein wenig, ganz zaghaft und verstohlen glitt dieses Lächeln über ihr verweintes Gesicht. Der General, der bisher nicht recht verstanden hatte, daß diese kleine Person solche Abenteuer erregen, zu solchen Stücken einen braven Mann hatte zwingen können, recht als ein Schicksal selber, sah dieses Lächeln, welches ein ganzes, hilfloses, schlaues und wieder 321 törichtes, unendlich kräftiges und wieder durchaus zartes Wesen mit dem geheimen gütigen Glanze der Jugend, des stillen Reizes der Hilfbedürftigkeit, der Dankbarkeit und Treue überstrahlte. Und nun begriff er, daß man auch um einer solchen Schelmin willen ein Schelm, um eines armen, schutzlosen, sehnsüchtig ans Licht verlangenden kleinen Mädchens ein wunderlicher Lügenheld und gewandter Erfinder werden konnte. Er begriff es, denn man hat in seinen Jahren mancherlei Erfahrungen willentlich und unwillkürlich gesammelt, die Haare werden grau davon, aber vom kräftigen Herzen fließt ein starker Strom warmen Blutes durch die Glieder, jenes Blutes der Männer, die, was sie erleben, oft genug durch ein Weib erleben und um eines Weibes willen das Schicksal erleiden und bestehen, das sie zu dem gemacht hat, was sie sind. Er sah Sonja mit einem raschen Blicke an, während sie in ihr Taschentuch hinein leise schluchzte und er dachte: Eigentlich ist sie ein Fisch, der durch eine mächtige Welle in den Sand geworfen worden ist und nun schnellt und springt, qualvolle, sehnsüchtige, jämmerliche Augenblicke lang, um wieder ins Wasser zu kommen und zu leben, denn leben wollen alle 322 lebenden Wesen, alle. Sollte das geschmeidige, hurtige, muntere Fischlein im Sand verenden? Wie schmerzlich blickten ihre Augen, wie schnappte sie nach ihrem Element! So nah war die Rettung, so weit! Und er war ausersehen, ihr den rechten Schwung zu geben. Er, der alte Mann, hatte ein Schicksal, nein drei Geschicke in seiner Hand. Lea Weinrausch, was wird aus dir? Er erhob sich endlich, in Gedanken versunken, doch nicht unfreundlich und sagte: »Nun liebes Fräulein, gehen Sie mit Gott und bleiben Sie stark.« »Was wollen Sie ihm tun?« »Das weiß ich nicht, aber ich hoffe, wir werden das Richtige finden, Sie haben dem Herrn Vormund viel zu verdanken, vielleicht haben Sie ihm heute alles abgestattet, was Sie ihm schulden. Aber in Zukunft seien Sie streng und genau und stellen keine solchen Streiche mehr an, denn sonst gilt's den Kopf. Also viel Glück und Gott befohlen.« – Damit war Sonja entlassen. Und nun den Brief, den ich aus der neuen Garnison des Oberleutnants Heiner bekam, mit kräftigen, munteren Schriftzügen, denen man schon von außen ansieht, daß sie mit dem Laufe der Welt, nicht gegen ihn 323 segeln und unter günstigem Wind des Schicksals aufrecht stehen, nicht von bösem geknickt und gebeugt sind. Er lautet aber so: »Lieber Dieter! Sie werden sich schon allerhand Gedanken gemacht haben über mein plötzliches Verschwinden ohne Abschied und Dank für Ihre Gastfreundschaft. Aber unsere Schicksale waren so schwierig und wir hatten in der letzten Zeit vor unserer Hochzeit so vielerlei zu erledigen, anzuordnen und vorzukehren, daß wir die kurze Frist vor dem Ende meines Urlaubs durchaus zu benützen genötigt, jeden Tag vergeblich Abschied zu nehmen gedachten, bis wir abreisen mußten, ohne es getan zu haben. Nun sind wir schon seit einem halben Jahre glücklich verheiratet und Sonja ist eine geschickte und tüchtige Hausfrau geworden, die sich um alles selbst annimmt und überall Bescheid weiß. Sie hat auch wirklich alle Hände voll zu tun, um unsere kleine Wirtschaft zu führen und mit den geringen Mitteln zu bestreiten, zumal uns keine Zinsen einer Kaution eine Ergänzung unseres Einkommens bieten. Aber wir haben uns recht behaglich eingerichtet, führen ein kleines, doch angenehmes Haus, wir haben eine mäßige, aber für unsere bisherigen Verhältnisse ausreichende Wohnung inne: drei 324 Zimmer, Vorzimmer, Badezimmer und Küche. Da gibt es denn mancherlei zu tun, besonders wenn man gerne Gäste bei sich sieht und außer dem Offiziersburschen nur ein Dienstmädchen hat. Ein einziger Kummer trübt leider unser junges Glück; mein armer Vater wurde nämlich ohne vorhergehende Krankheit plötzlich vom Tode dahingerafft, doch erlebte er noch unsere Heirat und beherbergte uns als Brautpaar in seinem Hause. Sonja aber freut sich ihrer Würde und ist sehr zufrieden. Wir wünschen nur beide, Sie möchten sich recht bald mit Ihrer verehrten Frau Gemahlin bei uns einfinden und alles in Augenschein nehmen, was wir uns selbst geschaffen haben. Dann wird es auch allerhand zu erzählen geben, worauf sich schon von Herzen freut Ihr dankbar ergebener Heiner, Oberleutnant.« Unter diesen Zeilen stand mit übermütigen und vertrauten Krähenfüßen: »Schönen Gruß auch von Eurer glücklichen Sonja Heiner.« So hatte also das kleine Ding Lea Weinrausch, recte Hopfen, vulgo Sofia Eleonore Charlotte Podchmielska, rechtens Kobierska zu guter Letzt doch nach all den Stürmen ihrer unruhigen und ungemäßen Namen den stillen Hafen eines einfachen, ehelichen gewonnen und lag in Ehren neben einem braven 325 Manne, wie es der Wunsch jedes Frauenzimmers ist, das am Ende doch gerne weiß, wo es eigentlich hingehört. Hoffentlich gewährt ihr das Schicksal jetzt Ruhe und Frieden und Wohlergehen und erspart ihr die Mühe, Schlauheit und Listenspinnerei, an einen Namen immer das dichte Gewebe eines angeblich besseren zweiten und dritten zu drehen. Denn der ehrliche Name, der eines anständigen guten Mannes ist haltbar und kleidet stattlich, daß man sich ungescheut vor den Leuten sehen lassen kann. Ich schrieb den beiden denn auch auf der Stelle einen recht aufrichtigen und herzlichen Glückwunsch, nicht ohne Sonja daran zu erinnern, daß sie viel, ja alles Gute ihres Lebens dem einen Menschen zu danken hätte, der die Abenteuer ihrer Jugend treulich mit ihr bestanden und sie durch alle Fährnisse einer bösen Zeit heil hindurchgeführt. Wenn ich auch selbst mit Roszkowski nicht eben gut ausgekommen war, da seine Taktlosigkeit anläßlich der Rechnungslegung über seine Ersparnisse mich erzürnt hatte, gedachte ich doch angesichts der glücklichen Lösung freundlicher des merkwürdigen Menschen und vergaß, was uns getrennt, denn bei allen Schelmenbräuchen ist er im Grunde 326 doch ein ehrlicher und ganzer Kerl, dem das Leben mehr ungerade als gerade Wege auferlegte und den die Hindernisse ringsum zwangen, seinen guten Willen mit allen möglichen Mitteln durchzusetzen. Wer das muß, hat keine Wahl, wählerisch zu sein und mag sich am Ende freuen, wenn alles geht, wie es eben ging. Mit Sonjas Glück und viertem letzten Namen hatte er alles reichlich gesühnt, was er etwa Schlimmes angestellt und ausgeheckt. Und nun, da sie versorgt und wohlgeborgen war, trat er still, bescheiden und selbstverständlich in das Dunkel zurück, als sei sein Verzicht die natürlichste Sache. Und selbst wenn er die kleine Jüdin, das edle Polenmädchen, die angebliche Offizierswaise, die verjagte und wiedergefundene Starostentochter einmal geliebt und nach kurzer Blüte der Leidenschaft nicht mehr als Weib, sondern nur wie ein eigenes Kind im Herzen gehegt hatte, so war doch gerade diese wunderlich verworrene Zeit seines Daseins Sinn, Ziel und Glück gewesen, wovon er nun hatte Abschied nehmen müssen. Und wer weiß, ob nicht in späteren Jahren einmal über den unverdrossenen Wandersmann mit der Müdigkeit des Alters der Schmerz der Einsamkeit kommt und die wehmütige Erinnerung an diese Tage der Jugend, der 327 munteren Lügen und der gewandten Ausflüchte, an Tage, bittersüß, heiß und kalt, stürmisch und hell wie ein Sonnenregen im April. Während aber ein Vater sich die Füße am Herd der Tochter wärmen darf und Kinder spielen sieht, die sein Geschlecht weiterführen, blieb ihm, der Sonja wie ein Vater beschützt hatte, dieser einstige Friede wohl versagt, denn in ihrer Ehe war kaum für den Mann ein Platz, der sie geliebt und auf sie verzichtet, der sie besessen und abgetreten, der ihr drei Namen verschafft und den eigenen nicht hatte geben dürfen. Auf meinen Glückwunsch bekam ich von Sonja den erwähnten zweiten Brief, worin sie mit dem gewohnten Kauderwelsch mir die Aufklärung über ihre letzten entscheidenden Erlebnisse gab und insbesondere für die Worte dankte, die ich ihrem gütigen Beschützer gewidmet, mich bat, zu vergessen, was er mir zugefügt und seiner wieder in alter Freundschaft und Treue zu gedenken, wie früher. Er sei jetzt auf ein ganzes Jahr beurlaubt, und habe seine lange beabsichtigte Weltreise angetreten. Aller Verantwortung ledig, wie es sein Wunsch seit jeher gewesen, stach er, um mich seines Ausdruckes zu bedienen, endlich in die See und heute, wo wir seine 328 und die Geschichte von Sonjas vier Namen in aller Ruhe hier in diesen vier Wänden besprechen, fährt das Schicksal des wunderlichen Schelmen als ein einsames Schifflein irgendwo draußen im unendlichen Meer.