Wilhelm von Polenz Der Pfarrer von Breitendorf – Erster Band M. von Egidy, seinem ehemaligen Rittmeister, in dankbarer Verehrung gewidmet vom                         Verfasser . Geschrieben Herbst 1892.                                         I. Pfarrer Gerland hatte seine dritte Predigt in Breitendorf gehalten. Er war noch keine vier Wochen in der neuen Stelle. Aber der Weg von der Kirche zur Pfarre herüber kam ihm schon so bekannt vor, als sei er bereits seit Jahren hier. Er kannte die fünf ausgetretenen Stufen, die von dem kleinen Pförtchen der Sakristei auf einen kiesbestreuten Vorplatz führten, so gut, daß er sie ohne Besorgnis zu stolpern, die Füße mechanisch setzend, erhobenen Hauptes herabschritt. Durch den Haupteingang unter dem Glockenturme strömte die Gemeinde zur Kirche hinaus. Hier und da bückte sich einer und legte eine Kupfermünze in das Opferkästchen, das am Boden stand. Die Männer trugen Cylinder von vorsündflutlicher Form und langschößige schwarze Röcke; bei diesem und jenem machte sich auch eine farbige Weste breit. Mancher, der den Mittag des Lebens längst überschritten, führte noch den Rock, den er zur Konfirmation eingeweiht hatte, der damals wohlweislich auf Zuwachs berechnet worden war. Die Frauen erschienen in weiten Röcken und bunten Kopftüchern; nur einige von den jüngeren, die auswärts gedient haben mochten, trugen Hüte mit falschen Blumen und anderen städtischen Putz zur Schau. Gegenüber der Kirchenthür hatte eine Hökerin Platz genommen, die an die Kirchgänger Würste, Semmeln und Kuchen verhandelte. Für den Geistlichen gab es durch den Gottesacker einen Privatweg nach dem Pfarrhause. Pastor Gerland warf einen forschenden Blick nach dem Himmel: tiefblau, kein Wölkchen weit und breit. Früh, als er zur Kirche herüberschritt, hatte ihm das Aussehen des Himmels Bedenken eingeflößt; im Osten drohten weißgraue Wolkenmassen, die Sonne verdeckend. Aber während der Predigt hatte es sich aufgehellt. Dem Geistlichen war das nicht entgangen, er hatte wohl bemerkt, wie allmählich lichtere Helle in die Kirche drang, bis die Sonne blendende Vierecke auf die Steinfliesen des Bodens malte. Sein Herz hatte frohlockt, denn er wollte heute, zum freien Sonntagsnachmittage, einen Spazierweg unternehmen: auf die Höhen, in den Wald – wer weiß wohin! – Pfarrer Gerland war Naturfreund. Er liebte die Erde und was sie hervorbringt. Er bewunderte die geheimnisvolle Kraft, welche die Scholle mit grünen Halmen bedeckt und an den kahlen Baumgerippen Blätter und Knospen hervorbrechen läßt. Er hatte Auge und Ohr für die Wunder der Natur. Und daß er sich über die Erklärung dieser Wunder nicht den Kopf zu zerbrechen brauchte, daß er sie hinnehmen durfte als etwas Gottgewolltes und Gottgeschaffenes, das war sein besonderes Glück. Mochte die Wissenschaft mit jedem Tage außerordentliches entdecken, mochten die Naturforscher Beobachtung auf Beobachtung häufen, neue Gesetze feststellen und alte über den Haufen werfen, das konnte nur dazu dienen, die Wunderbarkeit der Schöpfung zu erhöhen, Größe und Ruhm des Schöpfers zu vermehren. Gottes Allmacht, Weisheit und Güte wuchs ihm wie ein Berg unerforschlich aus dem Innern der Erde heraus in den Himmel hinauf, wo ihn Wolken verhüllen, – Anfang und Aufhören unserem Auge entzogen. – Dieses Bild liebte Pfarrer Gerland besonders. Er hatte es auch heute in seine Predigt eingeflochten. Ob ihn die Häusler und Bauern von Breitendorf verstanden haben mochten? – Die Kirche war gut besucht gewesen während der drei Male, wo er im neuen Amte gepredigt hatte. Die Breitendorfer schienen viel kirchlichen Sinn zu besitzen, sie folgten dem Gottesdienste mit Andacht; nur einige Alte hatte der Geistliche schlafen sehen. – Als Pastor Gerland heute das Pfarrhaus betrat, schlug ihm ein scharfer Bratengeruch entgegen. Unwillkürlich regte sich sein Appetit. Die Predigt und die nachfolgende langwierige Aufkündigung hatten ihn hungrig gemacht. Er legte schnell den Talar ab, zog den Sonntagsrock an und blickte dann in die Küche. Frau Menke, die Witwe seines Amtsvorgängers, war dort am Herde thätig. »Wann können wir wohl heute essen, Frau Pastorin?« fragte er, in der Küchenthür stehend. Die Witwe, eine stattliche Frau, noch in den dreißigen, mit hochaufgestreiften Ärmeln, antwortete aus einer weißlichen Dampfwolke heraus: in einer halben Stunde könne das Essen aufgetragen werden, wenn es dem Herrn Pastor recht sei. Gerland war damit einverstanden. Im Hausflur fand er eine alte Frau, die auf ihn wartete. Gerland blickte forschend in das braune verwitterte Gesicht unter der mächtigen schwarzen Haube mit den phantastischen Ohrenklappen. Mit weitvorgebeugtem Oberkörper stand sie da, auf einen Stock gestützt. Ein Wollrock von greller Farbe und eine wattierte Jacke mit altmodischen Puffärmeln war ihre Kleidung. Das ehrwürdige, ehemals goldschnittverzierte Gesangbuch, um welches zur Schonung ein Zipfel des buntgedruckten Taschentuches geschlagen war, fehlte nicht in ihren verdorrten Händen. Sie sprach mit zitterndem Haupte. Was sie sagte, konnte der junge Geistliche nicht verstehen; der Dialekt der Gegend bereitete ihm noch Schwierigkeiten. Er beugte sich zu der Alten herab. »Was wünschen Sie von mir, liebe Frau?« fragte er und versuchte seinen Zügen den freundlichsten Ausdruck zu geben. »Haa?« – machte die Alte, zum Zeichen, daß sie nichts verstanden habe und zeigte ihre lückenhaften Kiefer. Gerland wiederholte seine Frage. Als geborener Städter wurde es ihm so schwer, sich mit diesen Leuten zu verständigen. »Sein Se unse neier Pfarr?« »Allerdings, ich bin der Geistliche.« »Iche bi namlich de Heenzen huba vu dar Eibe, Märzliebs-Hanne tun se mich heeßa.« »Sie kommen von Eiba?« wiederholte Gerland, froh, daß er wenigstens das eine Wort verstanden hatte. »Sehen Sie einmal an, dann gehören Sie also zu meinen entferntest wohnenden Parochianen.« Grinsend sah sie ihn von der Seite an und blinzelte mit den Maulwurfsaugen. Er forderte sie auf, in sein Expeditionszimmer zu kommen, das er sich im Parterre eingerichtet hatte. Die Alte folgte ihm langsam, mit den ungewohnten Lederschuhen schwerfällig tappend. Die Thürschwelle bereitete ihr Schwierigkeiten. Der Geistliche faßte sie an der Hand und half ihr herüber. Das machte sie sichtlich zutraulicher. »Dankoch schiena, dank och schiena!« Gerland bot ihr einen Stuhl an und fragte sie von neuem nach ihrem Begehr. »Entschuld'gen Se ock, iche koan blußig bäuersch mit Se raden,« begann sie und wickelte in ihrer Befangenheit das Gesangbuch aus und ein. »Iche wullt ock fragn, ob Se niche heute zu unsarn klennen Madel kima kinnten?« »Ist das Mädchen krank?« »Se leit schun in zahnten Monda.« »Was fehlt ihr denn?« »Dar Dukter sagta übern Suhn und ar meenta, 's ginga nu ufs latzta mit er. –« »Und da wünschen Sie wohl, daß ich sie berichten soll?« »Ne ne, se is no ne kunfermiert.« »Wie, Sie hätten eine Tochter, die noch nicht eingesegnet ist?« »Ne, 's is ju dan Suhn senna Kleena. Karl Heenze is nämlich mei Suhn.« Gerland versprach der Alten, noch im Laufe des Nachmittags zu kommen. Er ließ sich Namen und Katasternummer genau angeben und geleitete sie dann nach der Hausthür. Sorgsam führte er die alte Frau einige steinerne Stufen hinab, die von der Schwelle in den Garten hinunter führten. Es war ihm nicht unangenehm, daß ein paar Gemeindemitglieder, die eben zur Gartenpforte eintraten, diesen Vorgang mit ansahen, und auch noch das warme »Bezahl's Gutt, bezahl' Sie 's dar liebe Gutt!« der alten Märzliebs-Hanne vernahmen. Einige Männer waren gekommen, welche Taufen anmelden wollten, ein anderer kam in Aufgebotsangelegenheiten. Es war Sitte in dem ausgedehnten Kirchspiele von Breitendorf, alles Geschäftliche mit dem Geistlichen am Sonntage zwischen den Gottesdiensten abzumachen. In einem fort ertönte die Klingel über der Hausthür, beim Öffnen in aufsteigender, beim Schließen in fallender Tonleiter. Auf diese Weise war die Essenszeit herangekommen. Die Pastorswitwe teilte Gerlands Mahlzeiten; ein Mädchen, das er sich als Aufwartung hielt, bediente. Pastorin Menke hatte Zeit gefunden, das Küchengewand mit einem schwarzen Kreppkleid zu vertauschen, das gut zu ihren frischen Gesichtsfarben stand. Ihr Mann, der vor einem Vierteljahr ganz plötzlich infolge eines Schlagflusses gestorben, war um mehrere dreißig Jahre älter gewesen, als sie. In ihren Witwenstand schien sie sich gut gefunden zu haben; nur hin und wieder hielt sie es für passend, dem Verstorbenen ein paar Thränen nachzuweinen, die ihr schnell zur Hand waren. Gerland hatte die Witwe seines Amtsvorgängers im Pfarrhause vorgefunden, als er die neue Stelle antrat. Ihm war es recht, daß sie das Gnadenjahr im alten Heim verbringen wollte. Sie erbot sich, auch in Zukunft die Wirtschaft zu führen. Er nahm das Anerbieten an, weil es so für alle Teile das bequemste erschien. Und es stellte sich bald heraus, daß er dabei nicht schlecht gefahren sei. Die Pastorin war eine energische Frau, griff überall selbst mit zu und hielt das Hauswesen in musterhafter Ordnung. Bei Tisch sorgte sie für die Unterhaltung. Sie sprach gern, vor allem über den lieben Nächsten, wenn auch nicht immer liebevoll. Sie kannte die Dorfleute genau und war mit dem Klatsch der ganzen Gegend vertraut; voll Eifer ging sie daran, den Neuling einzuweihen. Gerland ließ ihr das Vergnügen. Es war für ihn nicht ohne Wert, über die gänzlich fremden Verhältnisse der neuen Heimat etwas zu erfahren. Und dann unterhielten und zerstreuten ihn diese Gespräche auch. Er war sehr einsam; noch keinerlei Verkehr hatte sich bis jetzt für ihn gefunden, allerdings nicht ohne seine Schuld, denn er hatte noch keinen Umgang gesucht. Als Städter und studierter Mann fand er sich sehr schwer in die ländlich ungehobelten Sitten seiner Parochianen. Die gebildeten Leute waren äußerst dünn gesät in dem abgelegenen Gebirgswinkel. Auch die Pastorin war von ländlicher Herkunft, ihr Deutsch war nicht das beste, und mit der Orthographie lebte sie auf ziemlich gespanntem Fuße, wie Gerland aus ihren Wochenrechnungcn bereits ersehen hatte. Auch stützte sie beim Essen nicht selten die Arme auf den Tisch und benutzte mit Vorliebe das Messer zum Auflöffeln der Sauce. Der junge Geistliche, der vom Elternhause her an gute Manieren gewöhnt war, drückte darüber ein Auge zu. Sie hatte etwas Frisches in ihrem Wesen, das ihre Formlosigkeit erträglich machte. Ihre Ausdrücke, die nicht immer die gewähltesten waren, verletzten nicht, denn sie perlten mit natürlicher Lebhaftigkeit von einem roten Munde, der prächtige gesunde Zähne blicken ließ. Es war eine Lust, sie lachen zu sehen, obgleich sie dabei den Oberkörper über Gebühr hin und her warf und häufig die drallen Arme auf die breiten Hüften stützte. Er fand den Umgang mit ihr äußerst bequem; sie war immer guter Dinge, gleichmäßig heiter und unterhaltend. Daß sie sofort das Taschentuch hervorzog, sowie das Gespräch auf den verstorbenen Pastor kam, war eine Schwäche, die ihr Gerland, im geheimen darüber belustigt, gern nachsah. – Zum Sonntag hatte die Pastorin nach dem Braten eine süße Speiße auf den Tisch gebracht. Man war eben dabei, sie zu genießen, als Gerland Schritte im Garten vernahm. Nach dem Fenster blickend, sah er einen Mann auf das Haus zukommen. »Dornig!« rief der Geistliche, sprang vom Stuhle auf und eilte ans Fenster. Ein junger, korpulenter Mensch, bartlos, im schwarzen Rock, ein Brille vor den Augen, kam auf ihn zu und reichte ihm lachend die Hand zum Fenster hinauf. Gerland zeigte sich befangen. Es war ihm nicht unbekannt gewesen, daß sein ehemaliger Schulkamerad Dornig nicht weit von Breitendorf als Pfarrer angestellt sei, aber er hatte es bisher versäumt, ihn aufzusuchen. Das Bewußtsein dieser Unterlassung machte ihn unsicher dem andern gegenüber. Er versuchte es, sich zu entschuldigen und sein Ausbleiben zu erklären, verwickelte sich dabei aber in Widersprüche. Pastor Dornig lächelte gutmütig dazu. Er schien nicht im mindesten gekränkt. »Ich habe dich immer erwartet,« meinte er. »Und als du nicht kamst, dachte ich, da läufst du eben selbst mal 'rüber. Man marschiert immerhin seine zwei Stunden zwischen Färbersbach und Breitendorf. Ich bin gleich nach der Predigt fortgegangen.« Dornig hatte den Hut vom Kopfe genommen und wischte sich den Schweiß von dem breiten Gesichte und dem fleischigen Nacken. »Dann hast du also noch gar nicht gegessen?« »Nein, gegessen habe ich noch nicht.« »Aber, dann mußt du doch gleich – bitte, komm herein! Frau Pastorin, lassen Sie noch ein Gedeck auflegen.« Pfarrer Dornig wurde ins Zimmer genötigt. Es stellte sich heraus, daß er und Pastorin Menke Bekannte waren. Suppe und Braten wurden noch einmal hereingebracht. Dornig hieb tüchtig ein. »Ja ja, die Frau Pastorin kann kochen, das wissen wir,« meinte er, mit vollen Backen kauend, und blinzelte dem Amtsbruder zu. Gerland bat um Kaffee. Er erwartete, die Witwe würde sich dadurch veranlaßt fühlen, ihn mit dem Amtsbruder allein zu lassen. Aber sie trug dem Mädchen auf, das Kaffeezeug herein zu bringen; sie selbst blieb sitzen, um nur ja nichts von der Unterhaltung zu versäumen, die sich um die Geistlichen der Diözese und ihre Familien drehte. Sie wußte eine Menge Skandalgeschichten zu berichten, über den Lebenswandel der geistlichen Herren und ihrer Ehehälften. Dornig hörte dem mit Behagen zu, häufig unterbrach er sie mit einem breiten Lachen. Gerland war einsilbig geworden, ihn verstimmte dieses Gespräch. Sowie der Kaffee getrunken, schlug er dem Amtsbruder vor, ihn auf einem Gange zu begleiten. »Amtspflichten am Sonntag Nachmittage? Bist du so eifrig in der neuen Stelle?« meinte Dornig, der sich in seinem Lehnstuhle mit seiner Cigarre, in Gesellschaft der munteren Witwe behaglich fühlte und keine Lust zum Aufbrechen zu verspüren schien. »Ein Mädchen liegt im Sterben. Ich bin aufgefordert, sie zu berichten.« »So – das ist natürlich etwas Anderes.« – Die beiden machten sich auf den Weg. Erst ging's ein Stück die Dorfstraße hinauf. Die Leute standen in den Hausthüren oder hinter den Zäunen – die Männer mit sonntäglich frischen Hemdsärmeln – und genossen den ersten wirklich schönen Frühlingstag des Jahres. Die Geistlichen wurden neugierig begafft. Mehrfach geschah es, daß Kinder, die auf dem Wege spielten, aufsprangen, als sie der beiden schwarzen Röcke ansichtig wurden, und ins Haus liefen, um den Eltern zu berichten: »Dar Pfarr' kimmt, und no' enner!« Gerland grüßte, so oft er eines Erwachsenen ansichtig wurde, als Erster. Die Leute sollten sehen, daß er es sich angelegen sein ließ, ihr Vertrauen zu gewinnen. Nirgends klapperte heute der Webstuhl, dessen eintönige Musik dem jungen Geistlichen bereits vertraut geworden war. Als sie an der Schenke vorbeikamen, standen dort eine Anzahl jüngerer Männer mit geröteten Gesichtern, die Mützen schief auf dem Ohre, die Hände in den Hosentaschen. Der Lärm, der erst geherrscht hatte, verstummte, als die beiden Geistlichen herankamen. Einen Augenblick lang schien es, als wollten sie nicht Platz machen, aber schließlich trat man doch beiseite, wenn auch zögernd. Gerland schritt, den Hut lüftend, mit einem »Guten Tag!« durch die Rotte, gefolgt von Dornig. Hinter dem Dorfe schlugen sie einen schmäleren Fahrweg ein, nach dem hochgelegenen Eiba. Gerland blieb stehen, als man die halbe Höhe erreicht hatte, um Rundschau zu halten. Ein äußerst durchschnittenes Gelände dehnte sich ringsum aus, unregelmäßig durcheinanderliegende Höhenzüge, die Kuppen meist bewaldet. Das blendende Nachmittagslicht verhinderte die Aussicht auf den langgedehnten, hinter den Vorbergen aufragenden Gebirgsstock. In der Thalsenke lag Breitendorf, lang auseinandergezogen mit unsicheren Marken, einzelne Ausläufer hinaufschiebend bis an den Wald. Ein Fluß oder ein größerer Wasserspiegel fehlten der Gegend. Die Flur war verteilt in unzählige braune und grüne Streifen und Ackervierecke. Reich war die Gegend höchstens an Abwechselung. Strohdächer herrschten vor, die blitzende Fläche eines Schiefer- oder Ziegeldaches bildete einen auffälligen Punkt in dem Bilde. Pfarrer Gerland schaute nach seiner Kirche aus. Sie konnte sich sehen lassen. Das Dach war hoch und steil abfallend, mit hellroten Ziegeln gedeckt, die Wände weiß getüncht. Der Turm, etwas niedrig für die Größe des Gebäudes, hatte eine grüne Haube. Das Pfarrhaus daneben verschwand ganz in Bäumen. »Deine Parochie ist ganz gehörig groß,« meinte Dornig, »und sehr auseinandergelegen. Das wird dir oft höllisch unbequem werden.« »Unbequem, wieso?« »Das viele Laufen bei Hitze, oder im Winter bei hohem Schnee. Da habe ich's besser; meine Parochie ist halb so groß und hübsch zusammengelegen.« »Ich bin ein guter Fußgänger.« »Wart's nur erst ab. Wenn sie dich mitten in der Nacht aus dem Bette holen zum Berichten. Das lieben sie hier in der Gegend sehr. Der Schande halber kann man doch nicht nein sagen. Und nachher, wenn man hinkommt, ist's 'ne alte Frau, die zum zehnten Male sterben will, ›'s is mer su wia ims Harze,‹ sagt sie, wenn du sie fragst, was ihr fehlt. Und dafür bist du um deine Nachtruhe geprellt. – Das wirst du alles noch durchmachen; paß mal auf!« Dornig schritt vor Gerland her. Der sah den breiten Rücken des andern und den roten Nacken, in den die hellblonden von Schweiß zusammengebackenen Haarsträhne herabhingen. Dornig hatte sich doch nicht ein bißchen verändert seit der Schulzeit. Sie schwiegen längere Zeit. Es drängte Gerland, etwas von seinen Plänen zu verraten, das große Ziel, das er sich gesteckt hatte, wenigstens von weitem anzudeuten; aber rechtzeitig warnte ihn noch die Besorgnis, sein Heiligstes zu profanieren. Plötzlich fragte Dornig im Weiterschreiten: »Wie bist du eigentlich auf den Gedanken gekommen, dich zu der Breitendorfer Stelle zu melden?« »Sie war gerade vakant und da griff ich schnell zu.« Gerland lächelte in sich hinein, froh über sich selbst, daß er dem andern ausgewichen. Aber Dornig war nicht so leicht von einer aufgenommenen Fährte abzubringen. »Wenn's noch ein anderer gewesen wäre; aber du, du hattest es doch wirklich nicht nötig, nach der ersten besten Stelle zu haschen; du konntest es doch ruhig abwarten, bis sich was Besseres bot.« Gerland fühlte sich doch angenehm berührt durch die gezollte Anerkennung. »Nun, ich wollte eben aufs Land, in einfache Verhältnisse; das war von jeher mein Ideal.« »Du wirst noch dein Haar finden in den einfachen Verhältnissen. Was willst du in diesem Winkel anfangen? Von allem bist du hier weggesetzt. Ich wäre in der Stadt geblieben an deiner Stelle, das wüßte ich. In der Stadt kann man viel eher was erreichen.« »Ich will gar nichts erreichen – wenigstens was äußere Ehren anbelangt.« Dornig blieb stehen, vielleicht weil der Weg jetzt steiler wurde, und sah den Amtsbruder mit seinen wasserblauen Augen verwundert an. Er wollte etwas sagen, unterdrückte es jedoch, als er Gerlands ernstes Gesicht bemerkte. Beide mußten an die Schulzeit zurückdenken, als sie sich jetzt so nahe Auge in Auge blickten. Sie waren natürliche Antipoden gewesen in der Klasse. Schon als Knabe war Gerland seine eigenen Wege gegangen. Dornig nahm die Brille herunter und putzte daran herum, dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn, der dem fleischigen Manne aus allen Poren drang. Von jetzt an übernahm Gerland die Führung. Man trat kurz vor der Höhe in ein Stück Wald: Nadelholz. Nur hier und da leuchtete eine Birke mit weißem Stamme und hellgrüner Perücke aus dem braungrünen Ernste der Kiefern und Fichten hervor. Die Nachmittagssonne warf schräge Streifen über den sandigen Weg und den aufkeimenden Teppich von Gräsern und Heidelbeerkraut. Der Wald war zu Ende; einige hundert Schritt vor ihnen lagen strohbedeckte Hütten, etwa ein Dutzend an Zahl, über die Berglehne verstreut, auf grüner Wiesendecke, umstanden von knospenden Obstbäumen. Darüber erhob sich als steiler Hintergrund der Tannenforst. Es war ein Bildchen für sich, ausgeschnitten aus dem Rund der großen Welt. »Ist das schön!« rief Gerland aus, und hielt die Hand über die Augen zum Schutz gegen die Sonne. »Geh nur erst rein in die Holzstuben,« meinte Dornig, »da ist von Schönheit nicht viel zu spüren. Manchmal hocken sie drin zu zwei und drei Parteien – schlafen, essen, wirken und treiben alles in einem Raume. Gelüftet wird nie. Von Menschen kann man da kaum mehr reden.« – Gerland fand sich nach der Beschreibung, die ihm die alte Märzliebs-Hanne gegeben, bald zurecht. Das Haus lag etwas abgesondert von den übrigen. Eine Pfütze davor hatte ihm die Frau als besonderes Wahrzeichen genannt. Einige Gänse mit Jungen lagen am Rande; der Gänser fuhr bösartig zischend auf die Fremden ein. In der Thür stand ein Junge von etwa acht Jahren, im Feiertagsstaate, wie ein Erwachsener gekleidet, mit langen Beinkleidern, Schirmmütze, blauem Halstuch, Holzpantoffeln an den nackten Füßen. Offenen Mundes starrte er die Fremden an, ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen. »Wohnt hier Frau Heinze, mein Junge?« fragte Gerland. Der Junge blickte weg, als sei er nicht gefragt. »Kannst du mir nicht sagen, ob Frau Heinze hier wohnt, mein Junge?« »Mit denen muß man anders reden,« meinte Dornig herantretend. »Das sind Dickköpfe hier.« Er faßte den Knaben unter dem Kinn, zwang ihm das Gesicht in die Höhe und fragte, ihm scharf in die Augen blickend: »He, Bengel, wem gehört das Haus hier?« »Heenzes Karle,« knurrte der Junge. »Siehst du's, er weiß es ganz gut. Nur nicht zu höflich sein; das halten sie für Dummheit.« Er ließ das Kind los. Der Junge stolperte von dannen, so schnell es ihm die Holzpantoffeln gestatteten; als er die Pfütze zwischen sich und die beiden Geistlichen gebracht, brach er in ein wütendes Heulen aus. – Dornig lachte. Inzwischen war man im Hause rege geworden. Verschiedene Köpfe erschienen an den kleinen erblindeten Fenstern. Die beiden traten über die Holzschwelle auf den lehmgestampften Gang, der die Hütte in zwei Hälften teilte. Linker Hand war ein Bretterverschlag, Ziegen meckerten dahinter. Durch die offenstehende Hinterthür hatte man einen Ausblick auf den Misthaufen, der dicht am Hause lag. »Was habe ich dir gesagt?« flüsterte Dornig, »wie das liebe Vieh leben sie.« Jetzt öffnete sich die Thür zur Rechten, die alte Frau steckte den Kopf zur Spalte heraus. Als sie Gerlands ansichtig wurde, grinste sie über das ganze Gesicht: »Nu, kimmt ack rei, kimmt ack rei!« In der Wohnstube schlug den beiden ein stickiger, sauerstoffarmer Dunst entgegen. Der hochgewachsene Gerland mußte sich bücken, um nicht an den Tragbalken der niederen Decke anzustoßen. Eine Frau in mittleren Jahren, mit bloßen Armen, ein buntes Zipfeltuch um die Brust geschlungen, brachte zwei Stühle herbei, die sie sorgsam mit der Schürze abwischte. Gerland grüßte befangen nach allen Seiten. Diesen Leuten gegenüber beherrschte ihn stets die Besorgnis, für hochmütig gehalten zu werden. Er meinte in ihren Mienen Argwohn und Feindschaft zu lesen. Seine Überlegenheit, Bildung und günstigere Lage empfand er als bohrenden Vorwurf ihrem Elend gegenüber. Daß ein solcher Abstand zwischen Mensch und Mensch bestehen könne, fühlte er gewissermaßen als persönliche Schuld. Von solch sentimentalen Bedenken ahnte Dornig nichts. Selbstbewußt blickte er um sich und musterte die verschiedenen Persönlichkeiten, die in dem engen Raume zusammengepfercht waren, mit Kennermiene. »Hier muß man sich erst 'mal orientieren,« meinte er. »Ist das alles eine Familie?« »Ju, ju, mir geheeren zusammde!« erklärte die alte Frau. »Der doa is mei Suhn, Karl Heenze.« Sie wies auf einen hageren Mann mit ausgemergelten Gliedern und bartlosem hohlwangigem Gesichte, der in Hemdsärmeln und bloßen Füßen in der Hölle des Kachelofens hockte. »Schön, das ist also der Hausherr,« meinte Dornig. »Übrigens Sie führen doch einen ganz anderen Namen, als Ihr Sohn, wenn ich recht gehört habe?« »Se heeßen mich alls de Märzliebs-Hanne. Sahn Se, dos kimmt su: mei Vater sal'ch hieß Gottlieb und woar Uchsenknacht bein Märzenpauer. Se hießen en ock Märzlieb, mennen Voter. Dodarvune hoe ich dan Namen: Märzliebs-Hanne.« Dornig nickte mit dem Kopfe. »So so! das muß man nur wissen.« Und zu Gerland gewendet, erklärte er: »Hier führt nämlich niemand seinen wirklichen Namen. Sie haben alle Spitznamen.« Dornig war nicht scheu. »Wie viele Kinder haben Sie, Heinze?« fragte er den Hausherrn. »Fünfe, drei Madel und zwee Jungens – viera sein tud.« Dornig sah sich im Zimmer um und zählte. »Hier sind ja noch zwei mehr; wem gehören denn die?« Ein kurze Pause entstand, etwas wie Verlegenheit drückte sich in den Mienen der Leute aus. »Zweia sein dere do ihra,« erklärte endlich die jüngere Frau und wies mit dem Finger über die Schulter nach einem weiblichen Wesen, das hinter dem Webstuhle saß und jetzt kichernd das Gesicht abwandte. Ein Wochenkind lag neben ihr auf der Bank, das sie gestillt haben mochte, ehe sie durch den Eintritt der Herren gestört wurde. Sie mußte noch sehr jung sein, und hatte ein hübsches Gesicht mit frischen Farben. Unter dem Gestell des Webstuhles leuchteten ihre bloßen Waden rosig hervor. Einmal warf sie einen scheuen Blick nach den Fremden herüber, um dann sofort wieder ihr Gesicht zu verstecken. Auch an sie richtete Dornig seine Fragen, aber er erhielt nichts als Kichern zur Antwort. »Ga, doas sein dar ihre Kinder,« erklärte endlich die alte Frau. »Dar Liebsta is bein Suldaten.« – Gerland hatte das Gleichgewicht der Stimmung immer noch nicht wiedergefunden. Auf solchem Boden versagten ihm alle geistigen Hilfsmittel. Zuviel Widerliches stürmte auf sein Gemüt ein. Die schlechte verbrauchte Luft benahm ihm fast den Atem. All das Unästhetische, der Anblick der blassen, verwahrlosten Kinder, von denen eines häßliche Pusteln auf dem Kopfe hatte, verursachte ihm Ekel. Und dann die sittliche Verrohung, welche hier gedieh! Ihn verdroß auch das selbstbewußte Betragen des Amtsbruders. Schließlich war doch er der Hirte dieser Seelen. Jener mochte nur mit seiner Überlegenheit protzen, die Zeit würde schon kommen, wo er in ganz anderer Weise auf die Gemüter dieser Verwahrlosten einwirken wollte. Er fragte die alte Frau, wo das kranke Mädchen sei und bat, zu ihr geführt zu werden. Das Kind war in der Kammer neben der Wohnstube untergebracht. Es war ein elendes Verließ, vier Lehmwände, an denen hie und da noch die Überreste von ehemaligem Anstrich zu erkennen waren. Von den zwei winzigen Fensterscheiben, ohne Rahmen in die Wand eingelassen, war die eine zerbrochen. Gerland machte die Thür nach dem Wohnzimmer zu. Er wollte nicht beobachtet sein, vor allem nicht von Dornig; denn hier nahte eine ernste Stunde, das fühlte er, sobald er einen Blick auf die Kranke geworfen. Das Mädchen lag in einer elenden Bettstelle, die schief stand, da ein Fuß abgebrochen war und man einige Ziegelsteine als Ersatz hingestellt hatte. Aus dem Strohsack, auf welchem sie ruhte, blickten an mehreren Stellen die Halme heraus. Widerlicher Geruch erfüllte den Raum. Eine Menge Fliegen schwirrten umher. Der junge Geistliche bemerkte das alles, aber es focht ihn nicht an. Er empfand keinen Ekel mehr, die Krankenatmosphäre schien nicht auf seine Lunge zu drücken. Es war ihm leicht, die Hand der Kranken zu ergreifen und ihr in das abgezehrte Gesicht zu blicken. Diese Züge zogen ihn an in ihrer durchgeistigten Magerkeit. Vom ersten Augenblicke an fühlte er einen Konnex zwischen sich und dem Mädchen hergestellt. Die alte Frau fing an zu jammern und zu weinen, sie wollte die ganze Krankengeschichte erzählen. Gerland bat sie, sich zu entfernen. Er wollte allein sein mit dem Mädchen – Menschenkind gegen Menschenkind. Als die Alte gegangen, stellte er einige Fragen. Die Kranke antwortete mit leiser Stimme in ihrem Dialekte, für ihn kaum verständlich. Er nahm sie unter den Einfluß seiner Blicke, und es gelang ihm, ihre Augen, die anfangs scheu umherwanderten, in die seinen zu bannen. Er fühlte seine Macht wachsen. Und nun begann er zu sprechen, so, wie er meinte, daß sie es verstehen könne. Diese Welt sei ein Jammerthal und nicht wert, daß man sein Herz an sie hänge, jenes Leben aber würde voll Frieden sein und allen Erdenschmerz ausgleichen. Dort würden wir von Sünden frei sein und darum selig. Wer aber hatte die Macht der Sünde gebrochen? Christus, durch sein Blut. – So führte er sie zu der Gestalt, bei der er selbst in jeder Not seiner Seele noch immer Trost gefunden. Er rief ihr den Christus vor die Augen, der, ganz Mensch und Bruder, jeden Kummer des Menschengeschlechtes verstanden und geteilt. Nicht den Weisen, den Religionsstifter citierte er, auch nicht den erhabenen Richter, der voll eifernder Worte den Feinden seiner Sache mit Gottes Zorn droht. – An diesem Schmerzenslager sprach er von dem Christus, welcher an Lazarus' Grabe Thränen vergoß, dem Freunde der Menschen, dem kein Leid dieser Erde fremd gewesen. Die Worte drängten sich ihm auf die Lippen, schlicht und gut, er wuchs an der eignen Begeisterung. Die Lehre, welche er so oft im nüchternen Gotteshause vor einer halb verschlafenen Gemeinde verkündet hatte, erschien ihm dieser dem Tode verfallenen Gestalt gegenüber wie etwas Größeres und Neues; noch nie war er so von ihrer Wahrheit durchdrungen gewesen. »Glaubst du an Jesum Christum?« fragte er das Mädchen, »und daß er dich durch sein Blut erlöset hat?« Er sah mehr, daß sie bejahte, als daß er es hörte. »Dann wirst du selig sein in ihm.« Er ließ sich neben dem Bette auf die Kniee nieder, faltete die Hände vor dem Gesicht und sprach ein inbrünstiges Gebet. Er empfahl diese Seele dem allmächtigen Gotte, dessen Nähe er deutlich zu fühlen vermeinte. Dann erhob er sich und öffnete die Thür. Pastor Dornig sah den Amtsbruder mit einem Blicke an, als wolle er sagen: ›Na, endlich fertig!‹ – »Was meenen Se denne,« wandte sich die alte Frau mit besorgter Miene zu Gerland, »warn mer se ebissen missen, 's Madel?« »Das steht in Gottes Hand, liebe Frau.« »Kinnt ack der liebe Gutt ne a Einsahn han? 's wor su a hibsches Madel, und goanz gesund bis dohin. Gerne gahn mer se ne har. Arbeeten that se schun wie a Grußes.« »Ich sogs duch immer,« fiel die Mutter des kranken Mädchens ein, »wenn mer a Kind su weit hoat und se kinnen salber woas verdiena, dernoa missen se wag. Ich hoe 'r schun zwee uf'n Kirchhufe. Ne ne, 's gieht ne immer geracht zu ei dar Welt. Ich hoe duch su gebatet, su siehre gebatet hoe ich im dos Madel. Aber unserenen derhört dar liebe Gott ne. Drüben dar Bömichpauer, dar Hot och an kranken Jungen gehont; su krank wie dar woar, dar Dukter sogte, ar wirde dan Summer niche darlaben. Heute läuft ar rim wie ener. – Und dar Bömichpauer is duch su a schlachter Racker, a Viech- und Menschenschinder is dar; dos sogt a jeds. – Dan hot ar nu darhiert, und uns ne. Ne ne, ees koan duch moanchmol ne verstiehn, wos dar lieba Gott fürhot.« Die beiden Geistlichen brachen auf. Die alte Frau kam ihnen noch ins Freie hinaus nachgelaufen. »Pfarr'I« rief sie, mit ihren knochigen Armen winkend, »Pfarr'I« »Sie will dir noch was sagen, ich kann mir schon denken was!« meinte Dornig. Gerland kehrte um und trat zu der Alten. »Ich dank' och schiena, daß 'r gekumma sedt.« »Das war ja nur meine Pflicht, liebe Frau.« »Dar alte Pfarr' wär ne gekumma – nee, dar ne!« »Pastor Menke wäre sicher auch gekommen; das glaube ich bestimmt.« »Nee, dar ne!« Sie senkte ihre Stimme und blinzelte mit den kleinen roten Augen. »Dar hielt 's mit de Reichen. A Arms, das mußte dreimol schicken und darnoa kam er manchmol no ne. Su ener wor dar. – Menen Suhne woar's o gornich racht, daß 'ch Se gerufen hoe, ar hoat gebissen, als ar's hierte. Ich ho ibern gesogt, Karle, ho 'ch gesogt, ich warn Pfarrn bezahla, wenn de ne willst und bist su geiz'g, aber guttlus soll mer dos Madel ne sterba. – Na, und wos bi'ch denne anu schüldg?« – Gerland verstand diesen Gedankengang zunächst nicht. Dornig mußte den Interpreten machen. Als er endlich begriffen, was die Frau wollte, errötete der junge Geistliche über und über und konnte eine Gebärde des Unwillens nicht unterdrücken. Es dauerte einige Zeit, bis Dornig der Alten klar gemacht, daß sein Amtsbruder für den Gang keine Bezahlung annehme. Schließlich streckte sie Gerland freundlich grinsend die dürre, gebräunte Hand entgegen: »Na, dann bedank'ch mich och schienstens, – kimmt ack beede a mal wieder – dank och schiena!« – »Du hast noch viel zu viel Zartgefühl,« meinte Dornig im Gehen, »das muß man sich abgewöhnen mit denen.« Er triumphierte im Innern, wie glänzend sich seine Erfahrenheit dem Amtsbruder gegenüber dargethan hatte. – Eines der Häuser, an dem sie vorbei kamen, trug einen etwas städtischeren Charakter, als die andern. Es war eine Art Schaufenster vorhanden, mit Krämerware. Steinerne Stufen führten zu einer Thür mit bunten Glasfenstern empor. Über der Thür stand auf blauem Holzschild mit weißen Lettern zu lesen: »Krämerei und Branntweinschank.« Laute Stimmen ertönten aus dem Laden, wie von Leuten, die sich heftig stritten, dann klirrte eine zerbrechende Scheibe, die Thür flog auf, und eine Gestalt schoß jählings die steinernen Stufen hinab und blieb unten liegen. Gerland sprang hinzu, er glaubte, der Gestürzte müsse sich verletzt haben, aber der Mann erhob sich, machte ein paar Schritte nach vorwärts, stark torkelnd; unfehlbar wäre er von neuem gefallen, wenn er nicht zur rechten Zeit einen jungen Obstbaum erfaßt hätte, an den er sich anklammerte. Ein paar Männer waren hinter ihm drein die Steinstufen herabgestolpert, gleich dem Herausgeworfenen schwer betrunken. Sie hatten offenbar nicht übel Lust, den Streit im Freien fortzusetzen, aber der Anblick der beiden Geistlichen hielt sie im Zaume. Gerland betrachtete kopfschüttelnd die Szene. Der Gestürzte hielt sich noch immer an dem Baume fest, Blut floß ihm von der Stirn, er begann jetzt kläglich zu weinen. Gerland wollte auf ihn zu. Dornig hielt den Amtsbruder ab. »Unsinn!« sagte er halblaut. »Laß dich auf so was nicht ein! Am besten man hält sich ganz fern davon.« Die zwei anderen betrachteten die Geistlichen mit herausfordernder Miene und machten spöttische Bemerkungen. »Komm, gehen wir!« riet Dornig, dem die Situation bedenklich zu werden anfing. »Wenn die betrunken sind, sind sie zu allem fähig.« Aber der heißblütige Gerland ließ sich nicht halten, er that einige Schritte auf die Burschen zu, seine Augen blitzten, rote Flecken zeichneten sich auf seinen Backen ab: »Ist das die Art, wie ihr hier den Sonntag heiligt?« Die Männer standen mit verdutzten Gesichtern da. »Pfui!« rief Gerland, vor ihnen stehend, »pfui!« Mehr wußte er in seiner Erregung nicht vorzubringen. Der Gestürzte hatte den stützenden Baum inzwischen fahren lassen und saß jetzt im Grase. Er nickte Gerland, beistimmend zu und rief mit grölender Stimme: »Dos is unse Pfarr'! Ju ju, dos is unse Pfarr'!« Dann begann er, immer noch sitzend, »Jesus meine Zuversicht« zu intonieren. Mehr dem Gefühle des Ekels, als Dornigs Zureden Folge gebend, verließ Gerland den Platz. Höhnische Bemerkungen, Gelächter und Pfeifen klang hinter den Geistlichen drein. Gerland war totenbleich geworden, der Spazierstock zitterte in seiner Hand. Lange Zeit sagte er kein Wort. »Moralische Entrüstung ist ganz unangebracht in solchen Fällen,« meinte Dornig nach einiger Zeit. »Gewiß, es ist ja traurig! Aber so änderst du nichts daran. Ich fürchte, hier ist überhaupt nicht viel zu helfen.« »Das gebe ich nicht zu. Zu helfen muß sein!« »Wenn man eine Million in der Hand hätte, könnte man vielleicht einiges bessern. Die Verhältnisse der Leute sind eben zu elend.« »Nun, ist denn die Liebe gar nichts?« Pastor Dornig hatte einen kurzen eigentümlichen Seitenblick auf diese Bemerkung des Amtsbruders, als wolle er sagen: ›Wozu das, wenn wir unter uns sind?‹ Dann zuckte er die Achseln. Man schritt längere Zeit schweigend nebeneinander her. Sie waren inzwischen wieder in den Wald gekommen. Gerland achtete nicht auf Weg und Umgebung. Das Erlebte beschäftigte ihn ganz. »Was war mein Amtsvorgänger für ein Mann?« fragte er plötzlich. »Menke war kein schlechter Seelsorger – im allgemeinen. Er verstand sich auf die Leute, und hegte keine Illusionen; er kannte die Menschen, vor allem den Bauer. In den letzten Jahren war er etwas bequem geworden.« »Bequem – wahrhaftig! ein schönes Prädikat für einen Seelsorger.« »Gott – was willst du! Er hat sein halbes Leben in der Breitendorfer Stelle zugebracht. Er war so recht verbauert hier.« »Und das findest du so selbstverständlich?« »Ach Gott – der hohe Schwung, – die Ideale, das legt sich alles mit der Zeit, bei dem einen früher, bei dem andern später.« Wieder trat Schweigen ein. Pastor Dornig pfiff sich ein Liedchen und schlug mit dem Stocke die Köpfe der am Wege stehenden Blumen ab. Gerland fühlte in diesem Augenblicke einen Widerwillen gegen den Amtsbruder, der an Haß grenzte. Schien er nicht mit seinem phlegmatischen Lächeln, seinem trägen Achselzucken und jedem seiner flachen Worte doch immer recht zu behalten! – »Nein, Menke war noch gar nicht so übel; wenn nicht die dumme Geschichte gewesen wäre. – Seine Frau, die hat ihm eben das Renommee verdorben.« Gerland stutzte: »Wieso! – Was soll denn mit der Pastorin gewesen sein?« »Du hast wohl keine Augen im Kopfe, Gerland?« »Nun, daß sie nicht vom allerfeinsten Stoffe ist, das habe ich natürlich gemerkt,« erwiderte Gerland verwirrt. Pastor Dornig lachte und pfiff vor sich hin. »Was wird ihr denn vorgeworfen?« fragte Gerland beinahe ängstlich. »Sie war erst ein oder zwei Jahre Wirtschafterin bei dem alten Pastor, ehe er sie heiratete.« »Kein Wort weiß ich davon!« Dornig sah ihn zweifelnd an: »Das wäre ja spaßhaft!« »Wahr und wahrhaftig! Es ist das erste, was ich höre. Die Pastorin hat mir auch nicht mit einem Worte darüber eine Andeutung gemacht.« »Sie wird sich hüten! Die Sache war nicht ganz reinlich damals. Menke sah sich veranlaßt, sie zu heiraten, weil es anfing, ein öffentlicher Skandal zu werden. Die Affäre hätte ihm beinahe seine Stelle gekostet. Die Vorgesetzten drückten ein Auge zu, weil er bei der Gemeinde beliebt war und sich bis dahin nichts hatte zu schulden kommen lassen. Die Sache wurde nach Möglichkeit vertuscht, und mit der Zeit wuchs Gras darüber. Man hat sich allgemein gewundert darüber hier in der Gegend, daß du die Frau bei dir behalten hast. Wärst du nur zu mir gekommen, ich hätte dir manchen guten Rat erteilen können. Du mußt dich in acht nehmen, dir keinen bösen Leumund zu machen, Gerland. Die Leute sind hier schnell bei der Hand mit übler Nachrede, verstehst du! Schließlich, so schlimm ist die Frau gar nicht. Sie soll eine ausgezeichnete Wirtschafterin sein, jedenfalls kocht sie gut; das habe ich heute an deinem Tische gemerkt. Du bist vielleicht noch gar nicht so schlecht mit ihr gefahren. Auf alle Fälle bist du jetzt gewarnt. Ich hielt das für meine Pflicht als Freund. Wir Geistlichen sind gezwungen, auch auf die Dehors etwas zu geben.« – Dornig wußte noch manches über die Pastorin und ihren verewigten Gatten zu berichten. Gerland hörte nur mit halbem Ohre zu, er stand ganz unter dem peinlichen Eindrucke, den ihm das Vernommene bereitet. Das also war diese Pastorin, deren offenes Wesen einen gewissen Zauber auf ihn ausgeübt hatte. Ihm war zu Mute wie einem Menschen, der sich eine Speise hat munden lassen und der nachträglich von Unbehagen befallen wird, wenn er von der Zubereitung erfährt. Man war inzwischen ein gut Stück Weges vorwärts gekommen. Die Sonne stand nicht mehr hoch über dem Horizonte, ihr rötliches Licht gab dem Grün der Wiesen und jungen Saaten eine saftigere Färbung. Die beiden hatten auf dem Marsche einen Halbkreis um ihren Ausgangspunkt beschrieben, an der Berglehne hinwandernd. Breitendorf lag tief unten, ihnen zu Füßen, in breiter Thalmulde. In weiter Ferne, hinter den bewaldeten Kuppen der Vorberge, stieg jetzt der langgezogene Gebirgskamm auf. Ehern ruhig lag der mächtige Grat im Abendlichte, eine stahlblaue Silhouette, die sich vom aprikosenfarbenen Abendhimmel abhob. Weiße Streifen zogen vom Kamme hinab und verschwanden im Dunst der violetten Tiefe. Der Schnee war dort oben noch nicht ganz geschmolzen. Der Weg führte sie jetzt auf eine Gruppe Häuser zu, die sich am Berghange unter dem Hochwalde ausbreiteten. Eines der Häuser, über die andern emporragend, fiel sofort in die Augen, stattlich mit weißen Mauern und hohem Ziegeldach. Wie eine Gluckhenne lag es da mit ausgebreiteten Flügeln. Alte Bäume standen darum, ein parkartig gehaltener Garten zog sich hinauf bis an den Wald. »Wo sind wir denn hier?« fragte Pastor Dornig. »Das ist Eichwald,« erwiderte Gerland. »Und das große Haus gehört einem gewissen Doktor Haußner.« »Haußner – Doktor Haußner! Siehe einmal an, das ist ja interessant.« »Weißt du etwas von dem?« »Ich bitte dich, das ist ja der berühmteste, man kann wohl sagen berüchtigtste Mann der Gegend. – Ein stattliches Haus; es könnte ein Rittergut sein.« Dornig warf einen bewundernden Blick nach dem großen Steinhause hinüber, dem sie sich näherten. »Er soll reich sein. Gesehen habe ich ihn noch nie. Kenne ihn nur vom Hörensagen. Er muß ein ganz verschrobener Kauz sein. Hat sich hier vergraben wie ein Dachs; geht mit niemandem um.« Sie hatten sich inzwischen dem Gebäude genähert. Ein hoher Staketzaun, dahinter eine Weißdornhecke und in dritter Reihe dichte Bosketts von Ziersträuchern schlossen das Grundstück wie mit einem undurchdringlichen Wall von der Landstraße ab. Den Eingang bildete ein schweres schmiedeeisernes Thor, mit granitenen Standpfeilern. Das Thor war geschlossen, am Pfeiler hing eine Glocke. Das Ganze hatte etwas Vornehmes, Zurückgezogenes – Besonderes. »Seine Tochter hat er nicht taufen lassen,« sagte Dornig mit gedämpfter Stimme, während sie vorüberschritten. »Nicht taufen lassen!« rief Gerland in ehrlichem Entsetzen. »Er ist aus der Landeskirche ausgetreten. Es hat darüber viel Skandal gegeben vor Jahren. Es fing damit an, daß er sich weigerte, seine Kinder den Religionsunterricht besuchen zu lassen. Die Regierung ließ das natürlich nicht zu – kurz, es ist darüber ein langes Hin und Her gewesen. Auch mit deinem Amtsvorgänger, Pastor Menke, hat er Krakeel gehabt. An dem hat er sich sogar thätlich vergriffen.« »Was sagst du!« »Jawohl! Das ist eine ganz wilde Geschichte. Beim Begräbnisse seiner am Nervenfieber ganz plötzlich verstorbenen Kinder ist das passiert. Eine Bemerkung in Menkes Grabrede hatte ihm nicht gefallen, und da hat er dem amtierenden Geistlichen am offenen Grabe den Talar vom Leibe zu reißen gedroht. Ein angenehmer Herr – nicht wahr? – Übrigens, du kannst dich beruhigen, du wirst schwerlich Not mit ihm haben. Er soll jetzt ganz ruhig geworden sein. Zur Kirche geht er natürlich nicht, und der kirchlichen Rechte ist er ja entkleidet als Dissident. Das Krakeelen mit den Geistlichen hat er aufgegeben; ich glaube, er hat damals doch ein Haar in der Geschichte gefunden. Jetzt macht er stets einen großen Bogen, wenn er einem von uns begegnet. – Ein sonderbarer Heiliger – was?« »Und die Tochter nicht getauft? – Wie alt ist sie denn?« »Im Backfischalter, glaube ich, und sie soll ein hübsches Mädchen sein. Er hat sie ganz in seinen Anschauungen auferzogen. Angeblich ist sie noch schlimmer als der Vater selbst. Und dabei war ihre Mutter in einer Herrnhuter Anstalt erzogen und soll durchaus orthodox, ja geradezu pietistisch gewesen sein. Die Frau ist schließlich tiefsinnig geworden. Eine Jugendfreundin der verstorbenen Frau Haußner hat mir neulich die ganze Sache mit allen Details erzählt. Ein interessanter Fall – meinst du nicht?« – Sie waren jetzt an dem Grundstück vorüber. Unwillkürlich machte Gerland halt und blickte nach dem Hause zurück. Ein großer schwerfälliger Steinkasten, lag es da. Ihm mißfiel es auf einmal, trotz der alten Lindenbäume und des Kranzes von blühenden Obstbäumen darum. ›Wie kalt muß es da drinnen sein!‹ dachte der junge Geistliche. »Ein schönes Anwesen,« meinte Pastor Dornig in einem Tone, durch den ein leises Bedauern zitterte. »Schade, daß man mit dem Manne nicht umgehen kann.« – Sie wandten sich und schritten jetzt bergab auf Breitendorf zu. »Daß ein Mensch zum Häretiker werden kann, verstehe ich,« sagte Gerland, »wenn er sein Herz verstockt – auch Beispiel oder Lektüre können das bewirken – aber, – das eigene Kind auf diesen Weg führen! Wie kann ein Vater das auf sich nehmen?« »Persönliche Gereiztheit spielt dabei eine Rolle. Er ist verärgert. Man hat ihn, glaube ich, ganz falsch behandelt. Er ist künstlich in die Opposition getrieben worden.« »Um so schlimmer, wenn ihn persönliche Leidenschaften bestimmt haben. Wer darf sich unterfangen, das Heil einer fremden Seele zu beeinflussen; selbst ein Vater hat dazu kein Recht.« »Dann mußt du unsere Gesetze ändern. Wer sein Kind nicht taufen lassen will, kann es bleiben lassen.« Die Sonne tanzte eben über dem Horizonte als riesige feuerrote Kugel. Die Wälder lagen bereits in tiefem Schatten, die Fluren verschwammen im Zwielicht der Dämmerung. Höher als zuvor ragten die Berge, beinahe drohend, gleichfarben von oben bis unten, wie aus Stahl gegossene Riesenfesten. Gerland blieb von neuem stehen, als wolle er die Aussicht noch einmal genießen. Sein Blick überflog flüchtig das Bergrund, dann suchte er einen Punkt, an dem er haften blieb. Dort lag das Haus. Scharf hob sich das weiße Viereck von dem dunklen Walde dahinter ab. Der letzte Rand der Sonnenscheibe war eben unter dem Horizonte verschwunden, aber die Fenster des hochgelegenen Hauses leuchteten unheimlich, wie von eignem Lichte, als stehe das Gebäude in Flammen. Gerland starrte die Erscheinung an, betroffen. Als der Glanz der Scheiben schnell verblich, wandte er sich und blickte nach der andern Richtung hinab, wo Breitendorf lag. Über dem Dorfe schwebte weißlicher Dunst, ein breiter Streifen, der über dem Wasserlaufe stand. Kirche und Pfarrhaus waren zur Not zu erkennen. Der Geistliche schätzte im Geiste die Entfernung zwischen Haus und Haus ab. Er fragte sich, ob er wohl jemals den Weg hier herauf gehen und das schmiedeeiserne Thor durchschreiten würde. – Dann, wie eine Eingebung plötzlich, überkam es ihn: Diesen Mann zurückzuführen zu Gott, das ist deine Mission. Freudiger Schrecken durchzuckte ihn, ihm wurde warm und kalt. Und schon machte sich seine Phantasie geschäftig daran, einen Plan zu entwerfen und auszubauen. Die Dunkelheit brach schnell herein. Die beiden Fußgänger schlugen unwillkürlich schnelleren Schritt an. Bald waren sie in der Dorfstraße. Hier und da leuchtete schon ein Licht auf hinter den Fenstern. Im Gasthof war Tanzmusik; von der Straße aus konnte man sehen, wie sich die Paare langsam drehten. Gerland forderte den Amtsbruder auf, das Abendessen im Pfarrhaufe einzunehmen. Dornig nahm das Anerbieten ohne Zögern an. Dem Wiedersehen mit der Witwe sah Gerland mit peinlichen Empfindungen entgegen; er atmete auf, als das Dienstmädchen berichtete, die Frau Pastorin sei zu einer Freundin ins Dorf gegangen. Das Abendessen stand äußerst sauber angerichtet auf dem Tische. »Deine Pastorin ist doch eine ganz famose Wirtin,« meinte Dornig, während er kräftig einhieb. »Du hast schließlich ganz gut gethan, sie zu behalten.« – Bald nach dem Imbiß ging Dornig. Pastor Gerland begab sich in sein Wohnzimmer. Lange saß er dort im lederbeschlagenen Lehnstuhle, den Kopf auf die Brust gesenkt, in die gelbe Lampenglocke starrend. Vom Gasthof herüber schwirrten hin und wieder abgerissene Klänge der Tanzmusik. Vor ihm auf dem Tische standen Photographieen seiner verstorbenen Eltern und anderer Angehöriger. Neben ihm auf einem Bücherbrett breitete sich die bescheidene Bibliothek aus. Er hatte ein Buch vor sich aufgeschlagen: Schleiermachers Monologen. Aber er verspürte keine Lust zum Lesen heute. Im neuen Amte wars doch ganz anders, als er sichs gedacht. Soviel Feindliches, Häßliches, Verwirrendes – so viele Versuchungen, Unklarheiten, versteckte Abgründe – er dazwischen gestellt mit seiner gottsuchenden Seele, den heißen Wünschen seines Fleisches und seinem Hunger nach Erkenntnis. – Wie würde der Kampf ausgehen? II. Gerlands Vater war höherer Gerichtsbeamter in der Provinzialhauptstadt gewesen. Die Mutter entstammte einer Professorenfamilie. Der alte Gerland war ein ernster, wortkarger Mann, redlich, streng gegen sich und andere, schroff, zugeknöpft, stets im vollen Gefühle seiner Beamtenwürde, von beschränktem Gesichtskreise, ein abgesagter Feind der schönen Künste, aber auf den Gebieten, in denen er sich heimisch fühlte, ein ganzer Mann, mit viel geheimer Herzensgüte, die sich unter rauher Außenseite verbarg. Der Sohn mußte mehr nach der Mutter geraten sein, die im Wesen das gerade Gegenteil des Vaters darstellte. Sie war ein liebevoller, mitteilsamer, zur Schwärmerei neigender Charakter gewesen, begeisterungsfähig, stets bereit, sich für neue Pläne und Ideen zu begeistern. Ein goldenes Herz, voll reiner interesseloser Liebe für ihre Umgebung, geneigt, das Beste von den Menschen zu denken und zu erwarten, häufig getäuscht, ohne deshalb von ihrem Optimismus zu lassen. Aus jeder Blume wußte sie ihren Honig zu saugen. Sie besaß die seltene Gabe, sich an der Größe und Schönheit des Himmels zu erfreuen, wenn er auch noch so weit von ihr entfernt sein mochte. – Zwischen Mutter und Sohn bestand ein besonders inniges Verhältnis. Der Knabe hatte die Lebhaftigkeit und den Hang zur Schwärmerei von ihr geerbt. Er war geistig gut veranlagt und faßte schnell. Es wurde stillschweigend angenommen, daß er die Karriere des Vaters einschlagen werde. Er besuchte das Gymnasium und hielt sich ohne große Anstrengung unter den ersten der Klasse. Eine bedeutungsvolle Wendung im Leben des Knaben trat mit seiner ersten Liebe ein. Eine Nichte seiner Mutter, an zehn Jahren älter als er, kam ins elterliche Haus. Eines Frauenleidens wegen sollte sie einen bekannten Arzt der Stadt konsultieren. Der sechzehnjährige Gymnasiast verliebte sich leidenschaftlich in diese ätherische Schönheit von blassem Teint mit großen melancholischen Augen. Es fiel ihr nicht schwer, den jugendlichen Vetter, dessen Leidenschaft sie entzündet, geistig zu unterjochen und in ihre Kreise zu bannen. Der junge Gerland hatte bis dahin die Religion nicht anders geübt, als es im väterlichen Hause üblich war, gedankenlos, als Angewohnheit, die zum guten Ton gehört. Selbst der Konfirmationsunterricht hatte keinerlei nennenswerten Eindruck auf ihn hervorgebracht. Nun fing der Knabe mit einem Male Feuer für dieses Neue. Ein Sinn, der latent in seiner Natur gelegen, schien nur eines äußeren Anstoßens bedurft zu haben, um hervorzubrechen. Die Cousine verstand es, ihn auch darin zu leiten. Ihm war zu Mute, als betrete er an der Hand eines Engels ein neu entdecktes Wunderland, Zwei Pläne reiften damals in der enthusiastischen Knabenseele: die Cousine zu heiraten und Geistlicher zu werden. Als das Mädchen das Haus verlassen hatte und der Schmerz der Trennung überwunden war, verblaßte der erstere Plan zwar, aber der Anstoß, den sie seiner Entwickelung nach einer bestimmten Richtung hin gegeben, wirkte nach. Aus dem frischen, unbesorgten, leichtlebigen Knaben war ein nachdenklicher, grüblerischer, zeitweilig zur Melancholie neigender Jüngling geworden. Gegen den Wunsch des Vaters warf er sich, als er das Gymnasium absolviert hatte, auf das theologische Studium. Er war ein eifriger Kollegbesucher, und wurde bald ein sattelfester Theologe. Und doch brachte das Studium ihm nicht die Befriedigung, die er erhofft. Die kalte Weisheit des Katheders vermochte wohl seinen Kopf zu beschäftigen, aber sie stieß seine nach Wasser des Lebens dürstende Seele ab. Das Dogma, die Schablone, die man ihm bot, vermochte diesen Durst nicht zu stillen. Statt Brotes reichte man dem Hungrigen Steine, statt Fisches eine Schlange. Wie ein erstarrter Lavastrom kam ihm die einst aus göttlichem, menschenliebendem Herzen geflossene Lehre vor, die hier zerstückelt und zu niedlichen Sächelchen verarbeitet wurde. All das Schnörkelwerk, die Kämmerchen, Gänge und Ornamente, welche dem ehemals großen und schlichten Monumente der christlichen Lehre durch kluge, spekulierende Köpfe angefügt worden war, verwirrten ihn. Er suchte mit Eifer und in heißer Seelenangst, öffnete eine Thür nach der andern, in der Hoffnung, irgendwo das verborgene unverfälschte Heiligtum zu finden, überall stieß er auf Bildnisse, Werke von Menschenhand. – Wachsfiguren sollte er für lebende Geschöpfe nehmen. Er war zu redlich, um ein Kompromiß mit seiner Überzeugung zu schließen; und um sich der Richtung eines seiner Lehrer anzuschließen, sich einfach ins Schlepptau nehmen zu lassen von einer Autorität, wie es so viele junge Studenten thaten, dazu war er zu selbständig und zu skeptisch. Die Zeiten waren für ihn vorbei, wo er sich blindlings der Führung einer Persönlichkeit anvertraute. Über die Anschauungen der Cousine war er hinausgewachsen. Man hatte zwar all die Jahre hindurch eine rege Korrespondenz aufrecht erhalten, aber eine gelegentliche persönliche Zusammenkunft kühlte Gerlands Gefühle für die ehemals Angebetete völlig ab. Er fand ein älteres, verblühtes Mädchen. Geistig war sie dort hocken geblieben, wo sie früher wie ein Leuchtturm in der Brandung für ihn gestanden. Weite Meerfahrten lagen hinter ihm, und das Mystische hatte allen Sinn vor seinem Nachdenken verloren. Sie forderte nach wie vor geistige Unterwerfung; er war in ihren Augen das Geschöpf ihrer Hände. Die Erfahrung, daß er sich von ihrem Schürzenbande losgemacht habe, mochte eine bittere Pille für das alternde Mädchen sein. – Es konnte nicht fehlen, daß die Freundschaft einen Riß bekam. Seine Vereinsamung nach dieser Trennung war um so größer. Unter den Kommilitonen besaß er wohl Bekannte, aber keinen Freund. Einer Verbindung war er nicht beigetreten, die gewöhnlichen studentischen Vergnügungen stießen ihn durch ihre Derbheit ab. Den Studiengenossen Einblick in seine Gedankenwelt zu gewähren, mit ihnen von den Problemen, welche ihn beschäftigten, zu sprechen, das gab er bald auf. Was für Gründe die meisten von ihnen veranlaßt hatten, die theologische Laufbahn einzuschlagen, wurde ihm nur zu bald deutlich. Die Brot- und Magenfrage spielte die größte Rolle dabei. Es war leichter und mit geringeren Opfern verknüpft, ein Seelenhirt zu werden, als einen andern Beruf zu erlernen. Man kam schnell in Amt und Würden und war guter Versorgung gewiß. Viele hatten den Beruf aus reiner Gedankenlosigkeit gewählt, andere, weil ein Anverwandter oder Gönner in hoher kirchlicher Stellung saß und sie so auf Beförderung hoffen durften. Nur wenige waren darunter, die eine innere Berufung für den gewählten Stand fühlten. Den meisten war das in Aussicht stehende Amt, die Lebensversorgung, die Hauptsache. Sie waren gläubig aus Denkfaulheit, weil es doch nun einmal zum Berufe gehörte. Der Glaube war ihnen nicht ein Gut, das man sich unter Kampf und Zweifeln stets von neuem erobern muß, eine Fähigkeit, die geübt, ausgebildet und gestählt werden soll. Sie fühlen sich wohl und behaglich im Besitze überkommener Güter; diese zu sichten, oder neue hinzu zu erwerben, lag nicht in ihrem Sinne. Gerland galt ihnen als Sonderling, über den viel gelacht und gespöttelt wurde. Und er bekam auch Neid und Anfeindung zu kosten. Man warf ihm geistigen Hochmut vor, Stimmen wurden laut, die ihn als heimlichen Freigeist verdächtigten. In jener Zeit verlor Gerland beide Eltern. Sie folgten einander innerhalb eines Jahres im Tode. Besonders der Verlust der Mutter war für ihn ein harter Schlag. Die düsterste Zeit seines Lebens begann. Bedenken quälten ihn, ob er den richtigen Beruf erwählt habe. Die Begeisterung, welche ihn ehemals für das Priesteramt erfüllt, war verflogen. Die Kirche, wie er sie jetzt mit ernüchterten Augen sah, schien ihm ein morsches, baufälliges Institut, nach keiner Seite ihren hehren Zweck erfüllend. Und er blieb nicht dabei stehen, an der äußeren Form Anstoß zu nehmen, welche den Kern des christlichen Gedankens umgab, mehr und mehr nisteten sich Zweifel bei ihm ein an der Echtheit dieses Kernes selbst. Mit Entsetzen nahm er solche Vorgänge in sich wahr. Der Frevel erschien ihm ungeheuerlich. Er kämpfte und wütete gegen sich selbst; ganze Nächte brachte er auf blanker Diele zu, im Gebet – umsonst. Wenn er den Teufel des Zweifels auf der einen Seite ausgetrieben hatte, schlüpfte er unbemerkt in veränderter Gestalt auf der andern wieder hinein – mit einem » apage satanas !« war da nichts auszurichten. Aus seinem Innern stieg es empor, ungerufen, gegen seinen Willen, unentrinnbar, ein zersetzendes Element, ein eisiger Windhauch, vor dem sein Glaube zusammenfiel, wie ein Kartenhaus. Ein Verzweifelter lief er umher, trug sich mit Selbstmordgedanken. – Nachdem dieser Sturm ausgetobt, kam eine Periode großer Gleichgiltigkeit über ihn. Mit Kälte konstatierte er, daß er glaubenslos sei, und vermochte darüber zu lachen. Er teilte ja dieses Geschick mit Hunderttausenden. Wo gab es denn in jetziger Zeit noch Gläubige? Die Massen waren von Gott abgefallen. Und die Gebildeten? – Sie hatten kaum noch ein mitleidiges Lächeln für die durch die Wissenschaft tausendfach widerlegte Lehre vom Sohne Gottes. Und war es mit den Theologen selbst etwa besser bestellt? – Gab es nicht genug berufene Priester und unter ihnen manches Kirchenlicht, welche die unbefleckte Empfängnis, die Verklärung, die Auferweckung, die Transsubstantiation, die Auferstehung des Fleisches und alle Wunder, kurz alles Überirdische, als frommen Mythus betrachteten? – Und seine Lehrer! – Da war kaum einer, der noch ernsthaft von Gott dem allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde sprach. Um so mehr bekam er von Kausalität, von Monaden und Emanationen zu hören. Aus den Vorträgen manches Professors, der als Leuchte der modernen Theologie galt, war nur zu deutlich herauszuhören, das die Reinmenschlichkeit Christi für ihn eine Thatsache sei, so feststehend, daß es sich, darüber noch zu diskutieren, überhaupt nicht mehr verlohne. Und doch wurde äußerlich der Schein der Orthodoxie nach Möglichkeit gewahrt. Man leistete Großes in der Kunst, seine exstremsten Gedanken zu umschreiben, zwischen den Zeilen lesen zu lassen und die Skepsis mit Salbung zu verzuckern. Sein Heidentum offen zu bekennen, dazu fand keiner den Mut. Es hätte ihm ja Amt, Stellung und Reputation gekostet. Man zog es vor, sich offiziell noch zum Christentume zu bekennen, obgleich man innerlich längst mit ihm fertig war. Dem christlichen Staate und der christlichen Gesellschaft, in der man lebte, zu Liebe geschah das. Und so herrschte überall ein falsches Zwielicht, das die Wahrheit der nackten Thatsachen zwar zu verschleiern, aber nicht unsichtbar zu machen vermochte. – Es war die Zeit der Krompromisse. Und auch den jungen Theologen steckte diese allgemeine Krankheit an. Er suchte den Riß in seiner Weltanschauung, so gut es eben ging, auszufüllen. Er wußte, daß der Grund, auf dem er sein Haus errichtete, ein schwankender sei; da schien es immer noch das Beste, nicht zu tief zu graben. Er vermied alles ernstere und tiefere Nachdenken, er lebte in den Tag hinein. Warum sollte er sich denn allein abquälen in Gewissensängsten, da er so viele um sich her sah, die sich mit der Frage abgefunden hatten und glücklich und zufrieden dabei waren. – Der Leichtsinn, dem er sich in geistigen Dingen hingegeben, begann auch seinen Lebenswandel zu beeinflussen. Die Askese, zuvor bis zur Übertreibung geübt, warf er jetzt als unnützen Ballast über Bord. Er ließ den lieben Gott einen guten Mann sein. Jetzt, wo er mit dem großen Strome schwamm, fand er auch den Beifall seiner Umgebung. In Gesellschaft leichtgesinnter Freunde kostete er alle erlaubten und unerlaubten Vergnügen der Universitätsstadt durch. Der Rückschlag blieb nicht aus. Die Hefe im Becher der Lust schmeckte er zeitiger als andere. Er besaß von Natur nicht Leichtfertigkeit und Frivolität genug, um sich beim rein sinnlichen Genusse auf die Dauer wohl zu fühlen. Tief angewidert, zog er sich von der lockeren Gesellschaft zurück. – So trat er ins Examen und bestand es glänzend. Ein sicherer Weg schien vor ihm zu liegen. Nach kurzer Kandidatenzeit, die er zur Weiterbildung in seinem Fache benutzte, wurde er als Hilfsgeistlicher in der Vaterstadt angestellt. Über Mangel an Thätigkeit konnte er sich nicht beklagen; der Hauptgeistliche, ein bejahrter Mann, dessen Amtseifer dem Bedürfnis nach Ruhe zu weichen begann, war zufrieden, einen so arbeitsfrohen Gehilfen erhalten zu haben und überließ der jüngeren Kraft von den Berufsgeschäften soviel, als angängig. Die praktische Ausübung des Berufes brachte ihm manche Enttäuschung. Er fand es sehr schwer, jene Menschenliebe und Opferbereitschaft, die er an seinem großen Vorbilde wahrnahm, an sich zu erziehen. Er erlebte viel in sich selbst, das Herausgehen aus dem eignen Ich wurde ihm sauer. Nüchternheit und Kälte der Welt schreckten ihn auf sich selbst zurück. Und doch lebte ein heißes Verlangen in ihm, sich zu eröffnen, sich in Liebe hinzugeben. Darum hatte er Christum mit heißer Inbrunst umfaßt, leidenschaftlich hatte er sich um diese Säule gerankt. Das Christentum war ihm ein intimes Ereignis, und häufig hatte er das Gefühl, daß er sein Heiligstes profaniere, wenn er seine letzten und tiefsten Gedanken darüber ausspreche. Er fand, daß es zwei sehr verschiedene Dinge seien: Christ sein und sein Christentum ins Praktische umzusetzen. Wieviel ging auf diesem Wege vom begeisterungglühenden Herzen bis zur alltäglichen Lebensübung an Wärme, an Größe, an Erhabenheit verloren. Selbst dieses edle Metall nutzte sich ab, da es durch so viele grobe Hände glitt. Wieder kamen Zeiten großer Ernüchterung für den jungen Geistlichen. Jener innige, seelische Verkehr zwischen Gemeinde und Seelsorger, wie er sich ihn ausgemalt, war nicht möglich. Die Geister waren stumpf. Die Religion bedeutete ihnen nicht ein tiefquellendes Bedürfnis, im besten Falle eine Gewohnheit. Vom Geistlichen verlangten sie, daß er Sonntags und Feiertags in althergebrachter Weise, der Agenda gemäß, den Gottesdienst abhalte, und das Abendmahl administriere, daß er, wenn gerufen, zu Taufen erscheine, am Sarge erbauliche Worte spreche und im übrigen keinen auffällig schlechten Lebenswandel führe und einen schwarzen Rock trage. Eine rein äußerliche Gesinnungstüchtigkeit wurde verlangt. Versuchte er, sein Amt höher auffassend, ihnen als geistlicher Freund und Berater zu nahen, so stieß er auf verschlossene Herzen und Thüren. Das niedere Volk setzte seinem Werben offene Feindschaft und rohen Hohn entgegen, bei den Wohlhabenden stieß er auf Lauheit, und die Gebildeten lächelten über seine Bemühungen. Wie ein mächtiger Eisblock stand die rohe, starre Gleichgültigkeit der Massen vor ihm; was war das Flämmchen seiner Begeisterung dagegen gehalten? Er sah keine Frucht seiner Thätigkeit. Wohl war die Kirche nicht schlecht gefüllt, wenn er predigte, wohl hatte er einige Bewunderer und Verehrerinnen gewonnen, die nie auf ihren Plätzen fehlten, wenn er sprach, aber das war nicht das, was er suchte. Jene, die da unten saßen und seinen Worten mit scheinbarer Andacht folgten, um die war es ihm nicht zu thun. Was von dem Ernste und dem Feuer dieser offiziellen Gläubigen zu halten sei, darüber belehrte ihn der gesellschaftliche Verkehr mit ihnen. Den einen trieb Gewohnheit in die Kirche, den andren Langeweile, den dritten Sinn für das Schickliche und Althergebrachte. Andere machten noch niedrigere Beweggründe zu regelmäßigen Kirchgängern – von Hunger und Durst nach dem Heil war da nichts zu verspüren. Und er hatte wollen Menschen fischen, dem Heiland Seelen zuführen. – Damals entstand der Wunsch in ihm nach einer ländlichen Pfarrstelle. Er sehnte sich heraus aus dem faden ungesunden Leben der großen Stadt, nach primitiven Verhältnissen, natürlichen, unverdorbenen Menschen, nach dem Verkehr mit der Natur. Dort glaubte er eher einen Acker zu finden, der seine Saat aufnehmen würde, dort hoffte er das Ideal des wahren Priestertums verwirklichen zu können. Seine Bekannten und Anverwandten suchten ihn von der Ausführung dieser Idee abzuhalten. Er müsse in der Stadt bleiben; hier war die Aussicht auf Karriere eine viel günstigere, als auf dem Lande, wo niemand auf einen aufmerksam werden konnte. Und zudem wie übel würde er, der gebildete, verwöhnte Mann, sich in der Einsamkeit des Dorfes befinden. Er würde die Bauern nicht verstehen und sie ihn erst recht nicht. Seine Anlagen wiesen ihn nach einer ganz anderen Richtung; er müsse danach streben, sich einen Namen als Kanzelredner zu schaffen, wozu er durch den Wohlklang seines Organes und die Flüssigkeit seines Stiles entschiedene Anlage habe. So setzten ihn die guten Freunde von allen Seiten zu. Man schüttelte allgemein den Kopf zu seinem Vorhaben und konstatierte, daß er Hang zur Querköpfigkeit habe. Gerland besaß ein Paar ältere Schwestern am Orte; die eine war an einen Beamten, die andere an einen Kaufmann verheiratet. Beide hatten gute Partieen für ihn in Aussicht, und thaten alles, um ihn von dem voreiligen Schritte abzuhalten. Umsonst! – Zur ersten ländlichen Pfarrstelle, die frei wurde, meldete er sich, gefiel, hielt seine Probepredigt, wurde bestätigt und vom Superintendenten eingewiesen. Einige Wochen waren nun schon seit Gerlands Einweisung in das neue Amt ins Land gegangen. Der junge Geistliche war mit den Verhältnissen seines Kirchspiels mehr und mehr vertraut geworden. Daß kirchlicher Sinn in der Gemeinde herrsche, war nicht zu verkennen, aber er war rein äußerlicher Natur, darüber gab sich Gerland keiner Täuschung hin. Jeden Sonntag sah er die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt, aber von einem religiösen Leben in den Gemütern der einzelnen war wenig zu spüren. Unter Pastor Menke hatte sich das kirchliche Leben verschlafen in ausgefahrenen Gleisen bewegt. Menke selbst hatte gerade so viel gethan als notwendig war, um sich von der Aufsichtsbehörde keinen Verweis zuzuziehen. Das Patronat zeigte ebensowenig Interesse für die Zustände innerhalb der Gemeinde. Patron war Graf Mahdem, der Besitzer des Rittergutes Breitendorf. Der Graf, ein junger Mann, wohnte auf entlegenen Gütern, die Rittergutsloge in der Kirche stand jahraus jahrein leer. Der Gemeindekirchenrat ließ alles gehen, wie es wollte; nur auf zweierlei hielt diese Korporation streng: daß keine liturgischen Neuerungen eingeführt und daß keine unnötigen Geldausgaben für Kirchenzwecke gemacht würden. Die Gemeinde war an diesen Zustand gewöhnt und schien mit ihm zufrieden. Es war ein steriler Boden, auf dem Pastor Gerland seine Saat aussäen wollte. Er sagte sich das selbst, aber doch verzweifelte er nicht an der Möglichkeit, diesem Acker mit der Zeit eine grünende Ernte zu entlocken. Er hielt es für keinen Zufall, daß er gerade diese Stelle erhalten. Gott hatte ihn auf diesen schwierigen Posten gestellt. Der junge Geistliche bewegte mancherlei Pläne in seinem Herzen. Er wußte aus der früheren Praxis, wie er durch seine Persönlichkeit auf die Gemüter zu wirken vermochte. Auch setzte er einige Hoffnung auf die Frauen. – Durch den Konfirmationsunterricht und die Schulinspektion waren ihm Mittel in die Hand gegeben, auf die Jugend zu wirken. Er dachte ferner an Betstunden, die er im Winter abhalten wollte, wo die Leute nicht durch die Feldarbeit abgezogen waren. Der Plan, einen Leseverein unter den jungen Männern des Ortes zu bilden, schwebte ihm vor. Aber das stand alles noch im weiten Felde. Zunächst wollte er seine Beichtkinder kennen lernen und sich ihr Vertrauen gewinnen. Die Gelegenheit, welche ihm Begräbnisse, Taufen und Krankenbesuche boten, benutzte er eifrig, um persönliche Beziehungen anzuknüpfen und die ihm fremde Welt dieser Leute verstehen zu lernen. Vieles war da, was ihn abstieß, was seinen empfindlichen, verwöhnten Sinn verletzte. Er war wie einer, der mit zarten, weißen Händen die Pflugschar zu führen unternimmt; braun und schwielig und rauh mußte die Hand erst werden, welche die Erdscholle bearbeiten sollte. Gerland hatte sich ein ganz anderes Bild von dem Landmanne gemacht; dem Städter hatten die ländlichen Verhältnisse als Ideal der Unverdorbenheit vorgeschwebt. Er fand auch hier viel Schmutz, viel Verkommenheit und Roheit, von denen er sich nichts hatte träumen lassen. Aber zwischen all dem Unrat erkannte er doch auch menschliche Eigenschaften, Anzeichen eines höheren, geistigen und sittlichen Bedürfnisses, wahre gottesfürchtige Gesinnung. Ein solch tröstendes Beispiel war für ihn die alte Märzliebs-Hanne in Eiba. Gerland ging jetzt beinahe täglich nach dem hochgelegenen Walddorfe, die alte Frau und ihre kranke Enkelin aufzusuchen. Das Mädchen rang mit dem Tode. Fester täglich und fester sah Gerland die unbarmherzige Knochenhand das junge Leben umschließen. Zwischen ihm und dem Kinde hatte sich ein außergewöhnliches Verhältnis herausgebildet. Starr, mit gespannten Zügen, bleich wie eine Wachspuppe, lag die Kranke auf ihrem Strohsacke, teilnahmlos, gefühllos; die Fliegen liefen über ihr Gesicht, sie zuckte mit keiner Wimper. Da trat der Geistliche an ihr Lager, ergriff ihre Hand, legte ihr wohl auch die Hand auf die Stirn – und siehe da, ihre schlummernden Lebensgeister wurden wach unter dieser Berührung – wie aus weiter Ferne kehrte die Seele zurück. Er sprach ihr zu, sie antwortete auf seine Fragen, wenn auch meist wie eine Träumende, nur halb anwesend und doch auch manchmal mit verblüffender Klarheit. Wenn er ihr dann ein Gebet vorsprach, so betete sie es nach, den Blick auf seine Züge gerichtet, gebannt durch seinen Blick, mit dem Abglanze eines Lichtes in den großen Augen, das nicht von dieser Welt zu stammen schien. – Die alte Märzliebs-Hanne stand daneben, mit zitterndem Haupte, die runzeligen Hände gefaltet, und betete ihren Vorrat von Gesangbuchversen herunter, den sie vom Konfirmationsunterricht her noch im Gedächtnis hatte. Die alte Frau war außerordentlich bibelfest. Sie kannte viele Stellen wörtlich auswendig und liebte es, ihre Rede mit Bibelsprüchen zu verzieren. Sie wußte dem Geistlichen vielerlei Wunderbares zu berichten. Die kranke Enkelin sprach des Nachts häufig im Traume, und aus ihrem Phantasieren wollte die Alte erkannt haben, daß es Gerland sei, mit dem sie Zwiesprache halte. Ja, in der letzten Nacht sei er bei der Kranken gewesen, ihr die Hände auflegend, wie der leibhaftige Heiland selbst. »O, jerum, jerum, wie's Madel su oafing zu darzahlen, – ees kunnte sich duch urdentlich ferchten – wos se alles sak. Immer su ei da Ecke durte nieber that se gucka. Itze red' se mit an Pfarrn, ducht'ch. Hernoa warsch wieder mihr, als ibstse an Heiland salber säke. Worim sollt's denne o ne der Heiland sen, der zu dan Gichtbrichigen gesogt hoat: ›Stieh uf, hebe dein Bett auf und gieh heem!‹ – und er stand auf und ging heem. Und hernochen zu dan Weibe, das zwölf Juhre an Blutgoang gehot hatte: ›Sei getrost meine Tuchter, dei Glaube hoat dir gehulfen.‹ – Nee, nee, globen se mer's ack, das Madel redd mit Se ei dar Nacht. Se weeß och immer schon im vuraus, wenn Se kummen. Schun ganz ei dar Fruh sogte se heite iber mich: ›Grußemutter!‹ – ›Woas'n Christel?‹ sogt 'ch – ›Heute kummt a Pfarr zu mir,‹ sogt se. Und su is o eigetruffa.« – Die Besuche an diesem Sterbelager bedeuteten für Gerland Erbauung und Kräftigung, Hier war wieder einer jener rätselhaften Fingerzeige, die aus der nüchternen Welt hinauswiesen in die Übernatur, von deren Wundern uns hier und da eine Ahnung vermittelt wurde. III. Gerland hatte sich nunmehr doch entschlossen, den Besuch seines ehemaligen Schulkameraden Dornig zu erwidern. Er wählte dazu einen Morgen, der frei von Amtshandlungen war. Erst gegen Mittag traf er in Färbersbach ein. Der Ort besaß zwei Kirchen, eine katholische und eine evangelische, die in friedlicher Ruhe dicht bei einander lagen. Die evangelische Kirche war neu restauriert, ein viereckiger, weißer Kasten, mit großen, vom Boden bis zum Dache reichenden Fenstern, mit einem angeklebten Turme, dessen Größe in keinem Verhältnisse stand zu dem übrigen Gebäude. Das Gotteshaus lag mitten in den Häusern drin. Der Ort hatte einen städtischen Anstrich. Strohdächer und Fachwerkhütten waren hier verdrängt von massiven Gebäuden mit Ziegeldächern. Nur in den Ausläufern des Dorfes waren ländliche Behausungen mit Scheunen und Stallgebäuden zu erblicken. An verschiedenen Stellen ragten Fabrikessen auf, und an dem wasserreichen Bache arbeiteten Sägemühlen. Auf Gerland, der aus der Breitendorfer Einsamkeit kam, machte das Schnurren der Räder, das Stampfen und Summen der Maschinen den Eindruck regen städtischen Treibens, dessen er sich in der kurzen Zeit schon entwöhnt hatte. Auch das Pfarrhaus war größer und stattlicher als das Breitendorfer. Er verglich es im Geiste mit dem seinen; keine Frage, es fiel mehr in die Augen. Aber der Garten fehlte mit den mancherlei Blumen; Dornig schien nur einen schmalen Streifen zur Verfügung zu haben, dicht an der gepflasterten Straße, die Beete waren verwahrlost und unbebaut. – Als Gerland eben die Klingel an der Hausthür ziehen wollte, trat ihm der Amtsbruder entgegen. Er war zum Ausgang gerüstet, mit Hut und Stock. »Ich fordere dich gar nicht erst auf, ins Haus zu treten,« sagte Dornig, »ich will gerade zum Essen gehen. Du bist natürlich mein Gast.« »Speisest du denn nicht zu Hause?« fragte Gerland. »Nein, im Gasthofe. Das ist mir bequemer. Es ist nicht jeder in der Lage, sich eine Pastorswitwe zu halten.« – Dornig hatte sein breites Lachen, das Gerland so unangenehm war. – Der Gasthof lag nicht weit entfernt von Kirche und Pfarrhaus. Dornig führte den Amtsbruder sofort in ein reserviertes Zimmer. Hier waren am Ende einer Tafel acht Gedecke aufgelegt. Einige Herren saßen bereits vor ihren Plätzen, rauchend, Bier trinkend, Zeitungen lesend; man schien auf das Essen zu warten. Pastor Dornig machte seinen Freund mit den Anwesenden bekannt. Es waren da: der Arzt, ein Hilfslehrer, zwei Buchhalter, ein Postassistent und ein Volontär vom nahen Rittergute. »Frau Goksch, noch ein Gedeck!« rief Dornig. »Ich bringe einen Gast.« Die Wirtin, eine dralle Blondine, erschien und legte das Gedeck auf, den Fremdling neugierig von der Seite betrachtend. Bald darauf brachte ein Knabe von etwa zehn Jahren, in schmutziger Kellnertracht, die Suppenterrine herbeigeschleppt. Frau Goksch machte sich ans Austeilen. Cigarren und Zeitungen wurden weggelegt; man griff zum Löffel. Dornig nahm den Ehrenplatz an der Spitze der Tafel ein, Gerland saß neben ihm, sein Gegenüber war der Arzt. Dornig hatte eine Flasche Wein für sich und seinen Gast bestellt. Den Ton in diesem Kreise schien der Arzt anzugeben, ein junger Mensch von frischen Zügen, klugen, lebhaften Augen, blondem Haupt- und Barthaar. Doktor Herzner hieß der junge Mensch. Er war sarkastisch, und die ganze Gesellschaft hatte davon etwas angenommen. Die andren jungen Leute suchten ihn zu kopieren, ohne seinen Witz zu erreichen. Die beiden Buchhalter entwickelten beträchtliche Kleiderpracht. Sie trugen helle Beinkleider, bunte Vorhemden und unechte Krawattennadeln. Das Handgelenk eines dieser Dandys schmückte eine Kette mit Henkelthaler. Sie rümpften die Nase bei jeder Gelegenheit und tadelten das Essen. Der Hilfslehrer war ein bescheidener junger Mann. Erst kürzlich zu der Gesellschaft gestoßen, fand er sich offenbar noch nicht recht in den kecken Ton hinein. Das einzige Glänzende an ihm waren die abgeschabten Nähte seines ehemals schwarzen Rockes. Die beiden wohlgekleideten Buchhalter verachteten ihn so tief, daß sie es sogar unter ihrer Würde erachteten, sich über ihn lustig zu machen. Der Volontär, der Sohn eines reichen Grubenbesitzers, war groß und ungeschlacht. Er trug eine Jagdjoppe über dem Jägerhemd, aß auffällig unmanierlich und sprach viel und laut. Der Hilfslehrer war die Zielscheibe seiner groben Späße, bei welchen ihn der Postassistent sekundierte, ein junger Mensch mit Brille und wohlgepflegten langen Fingernägeln, der viel mit einer Talmi-Uhrkette spielte und die Manschetten häufig unter den Ärmeln seiner Uniform vorzog. Es herrschte in diesem Kreise ein gewisser aufdringlicher Lokalwitz, den man, um dem Gaste zu imponieren, heute besonders leuchten ließ. Mit der jugendlichen Wirtin schien man auf ziemlich vertrautem Fuße zu stehen, obgleich man sich in dieser Beziehung Gerlands wegen vielleicht einige Zurückhaltung auferlegte. Man sprach über den Charakter der Eingeborenen, witzelte über ihre Sitten und Gewohnheiten. Der Arzt stellte die Behauptung auf, ziemlich die Hälfte aller Geburten in dieser Gegend sei unehelich. »Du kannst nachher einer Taufe beiwohnen,« sagte Dornig zu Gerland, »wenn dir's Spaß macht. Die Tochter eines meiner reichsten Bauern in der Parochie bringt mir da ihr zweites Kind. Der Bräutigam, von dem sie das erste hat, ist beim Militär; dieses hier ist von dessen älterem Bruder, ihrem zukünftigen Schwager.« Die Tischgesellschaft brach in schallendes Gelächter aus, besonders der Volontär hielt sich die Seiten vor Lachen. Man fand den Fall interessant und rechnete aus, in welch verwickeltem Verwandtschaftsverhältnisse die einzelnen Mitglieder dieser Familie zu einander stehen würden. Dornig fühlte sich offenbar wohl in dieser Gesellschaft. Sein Blick schien Gerland zu fragen: Nun, wie gefällt dir mein Umgang? Er erhob sich zeitiger als die andern. »Ich muß zur Taufe,« erklärte er, als man ihm zurief, er solle doch zum Skat bleiben. »Kommst du mit, Herr Amtsbruder?« fragte er dann, seine ausgegangene Cigarre in Brand setzend. Dr. Herzner verzog den Mund. »Taufe?« sagte er »Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts – ein toller Anachronismus!« »Strafkasse!« rief Dornig, sobald sich das Gelächter gelegt. »Bitte, Frau Goksch, die Strafkasse heraus! Gotteslästerung kostet fünfzig Pfennig.« »Das war keine Gotteslästerung,« meinte der Arzt, »höchstens Sünde gegen den heiligen Geist.« Einzelne lachten, der Volontär schrie: »Bravo, ausgezeichnet gegeben!« Gerland war tief errötet. Er blickte gespannt auf Dornig, bestimmt erwartend, daß dieser den Spötter zurechtweisen werde. Dornig bemerkte Gerlands Erregung; er wurde doch ein wenig verlegen. Er meinte: »Wir haben hier nämlich eine Strafkasse. Ich habe das eingeführt. Wer zu spät kommt, zahlt zehn Pfennig.« »Und wer Frau Goksch anrührt zwanzig,« meinte der eine Buchhalter, indem er nach dem Kinne der Blondine griff, die eben die kleine grüne Büchse auf den Tisch setzte. Die Frau stieß einen Laut aus, halb Schreien halb Lachen, und schlug nach der dreisten Hand. Es entspann sich ein kleines Handgemenge. Dornig, der die Aufmerksamkeit des Amtsbruders von diesem Vorgänge abziehen wollte, erklärte: »Von dem Ertrage dieser Strafkasse wollen wir dann zu Weihnachten armen Kindern eine Freude bereiten.« »Wenn Pastor Dornig es nicht vorzieht, noch im Sommer eine Bowle zu arrangieren,« meinte Dr. Herzner. Erneutes Gelächter, »Der Mensch ist heute unglaublich!« rief Dornig. »Komm, Gerland!« – Auf dem Wege zum Pfarrhause suchte Dornig das Benehmen seiner Tischgenossen zu entschuldigen. »Es sind etwas lockere Gesellen,« meinte er. »Besonders der Doktor. Er geht manchmal zu weit. Aber schließlich, soll man solche Gesellschaft meiden? Ich glaube nicht! Man muß versuchen, einen sittlichen Einfluß auf sie auszuüben. So wenigstens fasse ich mein Amt auf.«. – Man betrat das Pfarrhaus. Dornig führte den Amtsbruder auf sein Zimmer. Ein nüchterner Raum, mit schlechten Möbeln und kahlen Wänden, in dem ein muffiger Geruch von kaltem Cigarrenrauch herrschte. Dornig öffnete Kleiderschrank und Kommode; er schien nach etwas zu suchen. Dann riß er die Thür zum Nebenzimmer auf und rief nach der Bedienung. Eine alte Frau kam herein, barfuß, eine unsaubere blaue Schürze vorgebunden. Sie verzog den faltigen, zahnlosen Mund zu einem Grinsen, als sie Gerland sah. Dornig fuhr sie an, sein Talar sei wieder einmal nicht da. »Den hoan Se ju drieben ei der Sakristei gelassen,« meinte die Alte und feixte. »Ach so, ja!« rief Dornig und forderte Gerland auf, mit ihm zur Kirche zu kommen, da es die höchste Zeit sei. »Eine verführerische Dame, meine Aufwartung – was?« fragte Dornig im Gehen. »Auch eine Witwe, aber nicht ganz so hübsch, wie deine.« – Der Kirchendiener kam ihnen auf halbem Wege entgegen. Er war abgeschickt, den Herrn Pastor zu holen; die Taufgesellschaft sei bereits vollzählig erschienen und warte. »Verdammt, ich habe mich verspätet!« mit diesen Worten betrat Dornig das Gotteshaus. In der Sakristei kleidete er sich hastig um. »Du kannst dir die Geschichte von der Pfarrloge aus mit ansehen,« meinte er, den Tatar überwerfend. – Die Taufgesellschaft bestand aus etwa zehn Personen. Sie hatten sich auf den vordersten Bänken am Altarplatz niedergelassen. Dornig hatte, sobald er den Altar betreten, seine volle Pastorale Würde gefunden. Langsam, mit Sicherheit und breiter Salbung sprach er die Einleitung. Sein volltönendes Organ, die kräftige, gesundheitstrotzende Erscheinung, sein ganzes breitspuriges Wesen besaß jene behäbige Breite, welche das Landvolk an seinen Pfarrern liebt. Es war der richtige Bauernpastor, wie er so da stand, wohlgenährt, vierschrötig mit seinem runden, glattrasierten Prälatengesicht. Der Täufling wurde von der Hebamme gehalten. Sie stand da mit ihrer weißen Haube, den Kopf zur Seite geneigt, den Blick, wie sich's ziemt, unausgesetzt auf den Täufling gerichtet, der in einem mächtigen Steckbett, das mit bunten Schleifen reichlich besteckt war, fast ganz verschwand. Wie eine ferne Begleitung erklang ihr summendes »Pscht – pscht!« zu den Worten des Geistlichen. Gerland, der von der Pfarrloge aus der Handlung zusah, blickte nach der Mutter aus. Jenes derbe Bauernmädchen, mit den hochgeröteten Backenknochen und dem hellgelben mit Wasser an den Kopf geklebten Haaren, das war sie offenbar. Die grobe Figur ins Konfirmationskleid eingezwängt, das vorn zu kurz war, um die weißen Strümpfe und schwarzen Lederschuhe ganz zu verdecken. Auch die Ärmel langten nicht mehr, zwischen ihnen und den kurzen hellen Handschuhen sah man ein Stück des braunroten Armes hervordringen. Der große, starkknochige Mann neben ihr war offenbar ihr Vater. Der Bauer schien nicht mehr ganz nüchtern zu sein, wie Gerland aus seinem stieren Blick und der dunklen Färbung des Gesichtes schloß. Zu beiden Seiten des Täuflings standen die Paten. Im Schiff der Kirche hatten sich einige Neugierige eingefunden, die dem Vorgange von weitem folgten. Dornig erteilte jetzt dem Täufling das Zeichen des Kreuzes an Stirn und Brust. Dann wandte er sich den Paten zu. Er gab ihnen die übliche Vermahnung, sprach das Glaubensbekenntnis, langsam, jedes Wort betonend, und verpflichtete die Paten im Namen des Kindes darauf. Dann schritt er zur eigentlichen Taufhandlung. Dreimal benetzte er das entblößte Haupt des Kindes mit Wasser. Nachdem das Westerhemd über das Getaufte gebreitet, legte er ihm die Hand aufs Haupt und sprach den Segen. Für Gerland hatte der Vorgang etwas unendlich Peinigendes. Er stand noch unter dem Eindrucke des zuvor Erlebten. Die Handlung erschien ihm wie eine Entweihung des Sakramentes, eine Verhöhnung des Mysteriums. Heftiger Unmut überkam den jungen Geistlichen. Er erhob sich und griff nach seinem Hute; einen Blick noch warf er hinüber nach der Taufgesellschaft. Eben traten die Paten zusammen um das Kind. Er wußte, jetzt würden sie das Geldstück, das sie von Anfang an wohlverwahrt in der Hand gehalten, in das Steckkissen schieben, zum Geschenk für die Hebamme. Dornig trat nach beendeter Amtshandlung ebenfalls zu dem Kinde, das durch das Wasser aufgeweckt, kräftig zu schreien begonnen hatte. Den Augenblick, wo Dornig über das Neugetaufte gebeugt stand, benutzte Gerland, um sich ungesehen aus der Loge zu entfernen. So schnell er konnte, ging er aufs Geratewohl vorwärts, um nur möglichst bald weg zu kommen aus diesem Bereiche. Im Geiste sah er Dornigs erstauntes Gesicht, wenn er die Loge leer finden würde. Mochte jener denken was er wollte, mochte er ihm die plötzliche Entfernung übel nehmen; Gerland wäre das gerade recht gewesen. Er schritt kräftig aus und hatte Färbersbach bald hinter sich. Als er sich hinlänglich sicher glaubte, blieb er stehen und hielt Umschau, um sich zu orientieren. Er befand sich über einer breiten Thalmulde, in deren tiefstem Punkt Färbersbach eingesenkt lag. Er ließ seinen Blick über den Ort schweifen, mit seinen roten Ziegeldächern und rauchenden Fabrikessen, mit dem breiten Wehr, unterhalb dessen eine große Holzschneidemühle ihre mächtigen Bretterhaufen und Holzstöße ausbreitete. Im grellen Licht des Frühnachmittags erglänzten die weißen Garnfelder einer Rasenbleiche; emsig sah er die Leute mit bloßen Füßen in Hemdsärmeln zwischen den Garnstreifen auf und ab laufen und ihre Gießkannen schwenken. Aus dem Gewirr der engen Gassen, der Ziegeldächer und Schornsteine, erhoben sich die beiden Kirchen, die katholische und die evangelische, die eine mit ihrem steilen Dach und schlanken Turm, die andere ein großer, weißgetünchter Kasten, prosaisch wie ein Gasthof anzusehen. Gerland sah sich nach seinen Bergen um. Von denen war hier nichts zu erblicken. Es zog ihn zurück nach Breitendorf. Der einsame, weltabgelegene Ort war ihm doch die Heimat geworden, und zum ersten Male kam es ihm recht zum Bewußtsein, wie ihm seine Gemeinde ans Herz gewachsen sei. Er kam auf den Gedanken, die nächste Höhe zu ersteigen; von dort mußte Aussicht sein – er, konnte dann den Nachhauseweg leicht bestimmen. Er schlug den ersten besten Feldweg ein, der in ungefährer Richtung auf sein Ziel losführte. Als Gerland die Anhöhe erstiegen hatte, fand er, daß er sich getäuscht habe. Ein dreißigjähriger Fichtenbestand versteckte alle Aussicht. Er entschloß sich, weiter zu gehen. Den ganzen Abend hatte er vor sich. Es war kein Unglück, wenn er einen Umweg machte. Der Fichtenbestand wurde abgelöst von hundertjährigem Tannenforst. Gerland konnte sich nicht entsinnen, jemals schöneren Wald gesehen zu haben. Die Bäume standen in weiten Entfernungen, jeder ein Herr für sich. Kerzengerade schossen die weißgrauen Schäfte empor; die Wipfel griffen ineinander. Ein aromatischer Duft stieg vom Waldboden auf, wo Schicht auf Schicht von Nadeln vermoderte, prächtiger Dünger für das Wurzelwerk dieser Riesen. Die Bäume gaben der Erde wieder, was sie von ihr entnahmen, mit ehrlicher Gewissenhaftigkeit. Am Boden zwischen Felstrümmern wucherten Farne und Heidelbeerkraut. Unterholz, junge Buchen und Strauchwerk schoß auf. Oben in der Höhe flüsterten die Zweige miteinander; die Häupter der Sonne zugekehrt, sangen sie dort im Chore uralte einfache Melodieen. Den jungen Mann litt es nicht länger auf dem Fahrwege; er sprang über den Graben in den Wald hinein. Hellgrüne Streifen leuchteten von weitem durch das Grau der Tannenstämme. Ein dünner Wasserlauf schlängelte sich hier in einer Bodenfalte durch Moos und Farnkraut, hin und wieder eine Lache von kristallklarer Durchsichtigkeit bildend. Gerland folgte den Krümmungen dieses Rinnsals nach aufwärts. Plötzlich lichtete sich der Wald; er stand am Rande einer kleinen Wiese. Hier wuchsen Primeln und Anemonen in gelben und weißen Beeten. Das Herz lachte dem jungen Geistlichen im Leibe, die alte Passion zum Botanisieren überkam ihn. Er pflückte eine weißliche Primelart, die ihm vor den andern auffiel. Der Platz war überhaupt eine wahre Fundgrube, Geranium gedieh hier, Hornkraut und Ehrenpreis. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen – schritt weiter in die Wiese hinein. Der Boden schwankte verräterisch unter seinen Füßen. Hier war offenbar der Ursprung des Wässerchens, dessen Laufe er gefolgt. Drüben winkte hinter einem Streifen von Birken und Erlen wiederum Nadelholz. Er strebte da hinüber, fand seinen Weg durch den feuchten Bruch. Feld- und Waldstücke wechselten ab. Auf einer Wiese standen Rehe; Gerland schaute ihnen eine Weile zu, wie sie ästen, dann bekamen sie Wind von ihm, äugten ihn verwundert an und zogen langsam zu Holze. Er begann allmählich Müdigkeit zu fühlen; die Blumen in seiner Hand fingen an zu welken und ließen die Häupter hängen. Er sehnte sich nach seinem Lehnstuhl, der Studierlampe und dem Bücherbrette. Das Gewissen schlug ihm, daß er so lange weggeblieben. Eigentlich hatte er den Abend verwenden wollen, um die Predigt für den nächsten Sonntag auszuarbeiten. Es war schon Freitag und noch nichts vorbereitet. Gott sei Dank, es wurde ihm ja nicht schwer, er konnte zur Not frei sprechen: ja, er sprach dann häufig am besten. Wenn er bedachte, wie manche Amtsbrüder sich abquälten mit Niederschreiben und Memorieren, konnte er sich eines überlegenen Lächelns nicht erwehren. Lange war er so dahingeschritten, ohne einem Menschen zu begegnen. Abenddämmerung brach herein, von den Wiesen stieg weißlicher Dunst empor. Die Gegend war einsam – weit und breit kein Anwesen. Er hätte gern nach dem Wege gefragt, denn er begann Zweifel zu fühlen, ob er den richtigen verfolge. Endlich sah er Menschen vor sich. Einen Mann und eine Frau, die einen mit dürrem Reisig hochbepackten Wagen vorwärts bewegten. Der Mann hatte sich vorgespannt, in der Hand hielt er die Deichsel, um seine Brust lag ein tiefeinschneidender Strick. Die Frau ging neben dem Gefährte, das auf dem holperigen Wege hin und her kariolte – eine kräftige, junge Person, mit hochgeschürzten Röcken, sie stützte und half schieben. Kurz vor dem Zusammentreffen mit Gerland machten sie Halt. Der Mann stöhnte und wischte sich mit der Hand den Schweiß vom Angesichte. Die Frau fand noch Zeit, ihr Brusttuch zurechtzuzupfen. Der Geistliche grüßte und fragte an, wo er sich eigentlich befinde. »Wo wulln Se denne hie?« fragte der Mann; – »Nach Breitendurf – do hoan Se immer nuch a Stunden a zwea zu lofa.« Nun beschrieb er in ausführlicher Weise den Weg, den Gerland zu nehmen habe. Gerland dankte und ging weiter. Die Frau war gar nicht häßlich gewesen. Der junge Geistliche hatte wieder jene Empfindung – jenes Gefühl einer leeren Stelle in seinem Dasein. Er dachte an Luthers Wort: »Ein Priester soll unsträflich sein, eines Weibes Mann.« – Würde er dieses Ideal jemals erreichen? Wie sollte er hier in dieser kulturabgeschiedenen Einöde ein weibliches Wesen finden, das seinen hohen Ansprüchen genügen konnte? Es gab ja genug Geistliche, die unter ihrem Stande heirateten, das erste beste Bauernmädchen, wenn sie nur eine Ausstattung brachte und einen gesunden Körper hatte. Vielleicht thaten diese Leute sehr recht daran, daß sie, unbekümmert um Verschiedenheit der Bildung und des Standes, einfach der Stimme der Natur folgten. Er mußte an die Pastorin Menke denken, deren frische Farben und kräftige Formen in der vollen Blüte reifer Weiblichkeit nach wie vor Eindruck auf ihn machten. Die Frau war ungebildet, ja er glaubte an ihr Spuren einer niederen Gesinnung entdeckt zu haben, aber nichtsdestoweniger vermochte er sich ihren Reizen nicht zu entziehen. Das Wesen dieser Person atmete etwas Animalisches aus, das ihn gewaltsam anzog. Gerland hatte sich eine hohe Achtung vor dem weiblichen Geschlechte bewahrt. Frauen erregten in ihm nicht das Begehren des Kenners. Eine tiefe, natürliche Sehnsucht trieb ihn zum Weibe. Auch heute Abend, beim Anblick der jungen, kräftiggebauten Person, die neben dem Reisigfuder herschritt, stieg jenes Sehnen blitzartig in ihm auf, gegen seinen Willen, stärker als irgend ein anderer Wunsch. Mit einer gewaltsamen Anstrengung, zu der ein Aufgebot aller sittlichen Kräfte nötig war, bezwang er diese Wallung. Es war zum Verzweifeln, wie mächtig die Sinnlichkeit wirkte. – Im Walde, den er zu durchschreiten hatte, herrschte bereits pechschwarzes Dunkel. Neben ihm klagte ein Tier, wohl ein Vogel, in fremdartigen, unheimlichen Tönen. Merkwürdig, das Geschöpf schien ihn zu verfolgen, zeitweise schwieg es, dann waren die melancholischen Laute plötzlich wieder da, bald vor ihm, bald hinter, oder dicht neben ihm. Gerland ging unwillkürlich schneller. Sträucher und Bäume nahmen drohende Gestalt an, schienen wie wegelagerndes Volk, das ihm die Straße versperren wollte. Hier ragte ein Arm, dort schwang einer eine mächtige Keule, dort hockte ein Kobold, Das Dickicht schien tausend unheimliche Augen zu haben. Dann fiel ein Laut, als sprächen Geister in der Luft. Der Wind ging durch die Bäume, daß sie gequält ächzten, wie gemarterte Geschöpfe. Du bist überall in Gottes Hand, sagte sich Gerland, und ging langsamer; er wollte doch sehen, ob er der Furcht nicht Herr werden könne. Wenn du hier durch Mörderhand umkämest, dachte er bei sich, was wäre daran gelegen; wie wenig Menschen giebt es, die sich darum grämen würden. Und der Schmerz, einsam zu sein, überkam ihn mit ganzer Gewalt. Der Wald lichtete sich. Er trat wie aus dunklem Zimmer ins Tageslicht. Ihm gegenüber zeigte ein weißlicher Schimmer durch Wolkenstreifen an, daß der Mond nicht mehr lange auf sich warten lassen werde. Vor ihm senkte sich das Gelände zum Thal hinab, wo Gerland einzelne Lichtpunkte aufblicken sah, wie Irrlichter. Er vermutete, daß er nicht mehr allzuweit von Breitendorf sei. Der Weg gabelte sich. Der eine breitere führte geradeaus, weiter auf dem Kamme hin, der andere schien seitwärts ins Thal hinabzugehen. Der Geistliche entschied sich, nach kurzem Überlegen, für den Seitenweg. Sein Fuß trat auf Kies, über einen schmalen Wasserlauf führte eine Brücke mit Naturholzgeländer, die Bäume lichteten sich und machten Raum für einen halbkreisförmigen Rasenplatz, auf dem eine Bank stand. Gerland machte erstaunt Halt und sah sich um – war er denn in einen Park geraten? Er ließ sich auf der Bank nieder. Von hier mußte am Tage schöne Aussicht sein. Vielleicht wenn der Mond hervortrat, konnte er sich über die Örtlichkeit orientieren. Der gegenüberliegende Bergrücken, dessen Silhouette sich gegen den Nachthimmel abhob, lag in Klarheit, aber das Thal zu seinen Füßen war von weißem Nebel erfüllt, der nichts erkennen ließ. Seine Blumen waren in einem traurigen Zustande; einige Stengel zeigten sich geknickt. Er überlegte, daß es nicht der Mühe wert sei, sie mit nach Hause zu nehmen; so schleuderte er sie denn beiseite. Jetzt hörte er verlorene Töne, wie von menschlichen Stimmen. Er lauschte, Menschen waren in der Nähe; schon konnte er Schritte vernehmen. Sie schienen den Berg herauf, auf ihn zu zu kommen. Er glaubte ein männliches und ein weibliches Organ zu unterscheiden. Bald vermochte er auch einzelne Worte zu verstehen. Das war nicht der Dialekt der Gegend, in dem sich diese nächtlichen Wanderer unterhielten. Gerland erhob sich und wollte gehen. Im selben Augenblicke trat ein Paar auf den freien Platz, ein Mann und eine Frau. Der Mond war eben aufgegangen. Der Geistliche erkannte eine untersetzte, bärtige Männererscheinung, die andere Gestalt war kleiner. Kurze Kleider, ein unbedeckter Scheitel. Das war alles, was Gerland im eiligen Vorüberschreiten bemerkte. Er grüßte mit »guten Abend«. Ein zögernder, verwunderter Gegengruß kam von den Lippen des Mannes, als der Geistliche bereits ein paar Schritte vorüber war. Immer klarer wurde es für Gerland, daß er in eine Gartenanlage geraten sei. Zu beiden Seiten des schlangenhaft sich windenden Weges standen Obstbäume, auf sanft abfallender Rasenlehne. Fliederduft drang zu ihm herüber. Einige hundert Schritt vor ihm, vom Mondlicht hell beleuchtet, erhob sich plötzlich ein großes, weißes Gebäude. Auf einmal wußte er, in wessen Grundstück er sich befinde. Doktor Haußner – das ist sein Haus – das Paar da oben das waren sie gewesen: er und seine Tochter. Gerland stand eine Weile ratlos. Sollte er umkehren und den Besitzer des Gartens um Entschuldigung bitten? Eine Art banger Verlegenheit hielt ihn davon zurück. Vielleicht war der andere Ausgang nach der Landstraße zu, an dem er neulich mit Dornig vorübergeschritten, offen. Er schritt also weiter, an dem Hause vorüber. Ein großes weißes Viereck, lag es da im vollen Mondlichte. – Das eiserne Gitterthor nach der Straße ließ sich leicht von innen öffnen. Eine Glocke im Innern des Hauses schien mit dem Thor in Verbindung zu stehen. Gerland vernahm ein starkes Klingeln vom Hause her, ein Hund schlug gleichzeitig an. Erleichtert, wenn auch noch immer klopfenden Herzens, schritt jetzt der Geistliche auf der Straße nach Breitendorf hinab. Er sann über dieses merkwürdige Zusammentreffen nach. In Gedanken hatte er sich in der letzten Zeit viel mit Doktor Haußner beschäftigt. Der Wunsch wollte ihn nicht loslassen, den Mann kennen zu lernen. – War es nicht sonderbar, daß er heute mit ihm zusammengetroffen war – durch einen Irrtum? Gerland war geneigt, auch dieses Ereignis als einen Fingerzeig von oben anzusehen. IV. Mit der Zeit begann Pfarrer Gerland in seiner Breitendorfer Einsamkeit doch empfindlichen Mangel zu fühlen an geistiger Anregung. Seine Büchersammlung, die er hin und wieder durch ein neues Buch vergrößerte, half ihm darüber nicht hinweg. Die Abende besonders dehnten sich in die Länge, und wunderliche Gesichte, wie sie die melancholische Einsamkeit gebiert, stiegen vor ihm auf. Erst jetzt begann Gerland zu begreifen, was für ein unersetzliches Gut der Umgang mit Gleichgebildeten, Ähnlichdenkenden und Ähnlichfühlenden sei. – Die Pastorin Menke legte es dem jungen Geistlichen mehrfach nahe, mit den Honoratioren des Ortes Umgang zu pflegen; sie deutete an, daß sie gern bereit sei, Bekanntschaften dieser Art zu vermitteln. Sie behauptete, ein Menge »feine Leute« der Gegend zn kennen. Dabei hatte sie wohl hauptsächlich einige wohlhabende Bauern, Gutsbesitzer und eine Anzahl schnell zu Reichtum gelangter Industrieller der Nachbarschaft im Auge. Ihr »Seliger«, wie sie ihren Mann zu bezeichnen pflegte, habe es stets mit diesen »Herrschaften« gehalten. Das sei sehr wichtig; denn, fügte sie naiv hinzu, die Art hätte viel in Gemeinde und Kirche zu bedeuten und könnte einem allerhand Schaden anthun. Gerland suchte auch wirklich die Bekanntschaft einiger dieser Leute auf, allerdings aus anderen Gründen, als die Witwe sie ihm zugemutet. Aber er fand größere Gefühlsroheit und Gesinnungsniedrigkeit bei ihnen, als bei den Ärmsten seiner Parochianen. Die parvenühafte Aufgeblasenheit dieser Klasse widerte ihn an. Man protzte mit seiner Roheit mindestens ebensosehr, wie mit seinem Gelde. Ein einziges Mittagessen, das in eine wüste Schlemmerei ausartete, genügte, um Gerland über den Geist aufzuklären, der unter diesen Emporkömmlingen herrschte. Die Pastorin hatte in Zukunft gut reden, sie vermochte nicht, ihm den Mund nach weiteren Bekanntschaften wässerig zu machen. So ergab er sich denn der Einsamkeit mit ihren geheimnisvollen Reizen. Der einzige Mensch, mit dem er hin und wieder ein Gespräch führen konnte, war der Lehrer und Kantor von Breitendorf. Kantor Wenzel war ein Mann von natürlichem Scharfsinn und von besserer Bildung, als man sie bei älteren Dorfschulmeistern gewöhnlich antrifft. Er war begierig, diese Bildung zu vervollkommnen. Der Geistliche borgte ihm Bücher, die Wenzel geradezu verschlang. Gerland wunderte sich, wie sicher und treffend häufig das Urteil des Lehrers über das Gelesene sei. Von seiten der Behörde war Gerland bald nach seinem Amtsantritt in vertraulicher Weise ersucht worden, auf den Kantor und Lehrer an der Kirchschule sein besonderes Augenmerk zu richten. Kantor Wenzel war den Vorgesetzten bekannt als ein unverbesserlicher Liebhaber geistiger Getränke. Seine große Nase redete mit ihrer blauroten Färbung eine deutliche Sprache, noch mehr der unsichere Blick der schwimmenden Augen. Im übrigen hatte das bartlose Gesicht mit der hohen, weißen Stirn, die sich in einem kahlen Schädel fortsetzte, einen klugen Ausdruck. An der hageren, knochigen Gestalt des Fünfzigers war keinerlei Zeichen des Verfalls zu erkennen. Auch dem Spiele sei Wenzel ergeben, so wurde dem Geistlichen von seiten des Gemeindevorstehers mitgeteilt. Einige Male schon war er ausgepfändet worden. In allerhand Liebeshändel sei er verwickelt gewesen – kurz, der Leumund des Mannes war nicht der beste. Bei der Schulbehörde stand Wenzel längst auf der Liste der Wackeligen. Daß man ihm nicht bereits früher den Laufpaß gegeben, hing vielleicht damit zusammen, daß Pastor Menke ihm wohlgesinnt gewesen und mit einem Zipfel seines Talares manchen Fehler seines Freundes zuzudecken gewußt hatte. Seinen Beruf verstand der Kantor von Grund auf. Er war musikalisch, hatte ein feines Gehör, und wußte der altersschwachen Breitendorfer Orgel Klänge zu entlocken, die mit Musik immerhin verwandt waren. In früheren Zeiten mochte er ein guter Sänger gewesen sein. Sein Gesangsunterricht war vortrefflich. Dazu kam die Routine im Unterrichten, welche er mit der Zeit erworben. Die Kinder hatte Wenzel in verhältnismäßig guter Zucht; er arbeitete zwar viel mit dem Bakel, doch war er nicht unbeliebt, da er gelegentlich einmal fünf gerade sein ließ. Mit den Eltern wußte er sich zu stellen. Er verstand es, den Bauern zu behandeln. Sein Laster wurde ihm von den gewöhnlichen Leuten nicht allzusehr nachgetragen; die Breitendorfer waren in dieser Beziehung tolerant. Er war ja nur ein Periodensäufer – zwei, dreimal im Jahre betrank er sich so, daß man ihn nach Hause schaffen mußte. »Wenzel hat wieder mal die Rolle«, hieß es dann; man lachte und war ihm nicht weiter gram. Wenzel besaß als Lehrer eine Gabe, die ihm sehr zu statten kam: er verstand, zu examinieren. Niemand brachte seine Abteilung so gut vor die Schulprüfungskommission wie Kantor Wenzel, das war eine bekannte Sache. Besonders sein Religionsunterricht galt als mustergiltig. Die Kinder schnurrten ihren Katechismus und eine erstaunliche Menge von Bibel- und Gesangbuchversen herunter, wie am Schnürchen. Gerland, der in seiner Eigenschaft als Lokalschulinspektor dem Unterricht bereits mehrfach beigewohnt hatte, durchschaute freilich die Sache. Die religiösen Kenntnisse dieser Kinder beruhten auf geschickter Dressur; von einem tieferen Eindringen in den Sinn des Erlernten und vor allem von einem Begreifen der Bedeutung und des Zusammenhanges im ganzen war hier nicht die Rede. Auf eine tadelnde Bemerkung, die Gerland dem Lehrer gegenüber über diese Methode des Religionsunterrichts fallen ließ, erhielt er die Antwort, daß die Kommission bisher mit seiner Art der Vorbereitung zufrieden gewesen sei. Gerland mußte diese Antwort gelten lassen, sie enthielt nichts Neues für ihn. Er wußte nur zu gut, wie rein auf das Äußere gerichtet der Religionsunterricht in der Volksschule betrieben wird, wie alles mehr oder weniger auf Gedächtnisarbeit, auf Herplappern von Sprüchen und Versen, auf Eintrichtern des Systems hinausläuft. Er wußte nur zu gut, wie man die wirklich wertvolle Seite dieser Disziplin, die ethische, in den Hintergrund zu drängen verstand. Nun, er hatte in Breitendorf die Lokalinspektion, er hatte ferner den Unterricht der Konfirmanden in der Hand. Unter ihm sollte das anders werden. Auf Herz und Gemüt der Kinder wollte er wirken, das gedankenlose Plappern der Lippen sollte aufs notwendigste beschränkt werden. Aber er wußte, daß man derartige Reformen nicht über Hals und Kopf einführen kann. Er teilte dem Lehrer vorläufig seine Ansicht über diesen Punkt in bündiger Form mit, und Wenzel versprach, künftighin in diesem Sinne unterrichten zu wollen. Überhaupt fand Gerland den Lehrer durchaus gefügig. Wenzel war seit mehr als zwanzig Jahren in Breitendorf und kannte die lokalen Verhältnisse genau. In Schul-, Kirchen- und Gemeindeangelegenheiten wußte er vortrefflich Bescheid. Die Bauern hatten ihn oft zur Führung von Protokollen und Abfassung von Petitionen herangezogen. Der Rat eines so routinierten Mannes war für den Neuling äußerst wertvoll. Der junge Geistliche gewann allmählich soviel Zutrauen zu dem Lehrer, daß er ihm manches von seinen Plänen andeutete. Er fand auch hier Verständnis und bereitwilliges Eingehen bei Wenzel. So kam Gerland allmählich zu der Ansicht, daß das allgemeine Gerücht dem Lehrer unrecht thue. Der Mann wurde entweder verleumdet, oder – und dieser Gedanke gefiel dem jungen Geistlichen besonders – mit Wenzel war ein Änderung zum Besseren eingetreten, seit er, Gerland, ins Amt gekommen. Er schmeichelte sich mit der Idee, bessernden Einfluß auf den Menschen ausgeübt zu haben. Vielleicht hatte es jenem nur an gutem Beispiel, an einem Vorbilde in seinem bisherigen Dasein gefehlt. Und dabei zog Gerland mit Wohlbehagen einen Vergleich zwischen sich selbst und dem verstorbenen Pfarrer. An Wenzel war viel gesündigt worden, schlechtes Beispiel mochte ihn verdorben haben. Jetzt, wo er ein anderes Vorbild sah, wo der Ertrinkende eine Hand gefunden hatte, die machtvoll nach ihm griff, richtete er sich auf, all die guten Seiten seiner Natur kamen nun hervor. Das Bewußtsein des eignen Edelmutes verdoppelte die günstige Meinung, welche Gerland für den alten Sünder hegte. Er war davon überzeugt, daß der Lehrer voll Dankbarkeit und Rührung zu ihm emporschaue, als zu seinem Retter. Es war angenehm zu denken, daß jener sich an ihm aufgerichtet habe und an seiner Hand einem besseren Leben zuschreite. – Kantor Wenzel war Junggeselle. Er pflegte seine Mahlzeiten in der Schenke einzunehmen. Der Mangel eines eigenen Herdes mochte den Hang zum liederlichen Leben bei ihm bestärkt haben. Gerland beschloß, ihn öfter an den eigenen Tisch zu ziehen. Als er der Pastorin diese Absicht mitteilte, hatte sie einen von ihren Lachanfällen. Sie saß da für Minuten und hielt sich die Seiten, ihre tadellosen Zähne zeigend. Jede Frage Gerlands, warum sie den Gedanken so lächerlich finde, rief nur einen erneuten Lachausbruch hervor. Alles, was mit Kantor Wenzel zusammenhing, schien die Witwe aufs Äußerste zu belustigen. Wenzel schien die Einladung des Herrn Pastors, am nächsten Sonntage bei ihm zu speisen, als keine geringe Ehre aufzufassen. Eine halbe Stunde vor der Essenszeit erschien er in einem etwas knappen Frack, den er über dem mageren Leibe zusammengeknöpft hatte, weiße Handschuhe an den großen Händen, einen widerhaarigen Cylinder auf dem Kopfe. Gerland, der sich im Garten aufhielt und eben die Knospen an den im Frühjahr neugepflanzten Rosenstöcken musterte, konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als er diese hagere Kranichgestalt durch das Gartenthor stolzieren sah. Den Hut in der Hand, mit tiefen Bücklingen, kam Wenzel auf den Geistlichen zu, Gerland hatte Mühe ihn dazu zu bringen, daß er die borstige Kopfbedeckung wieder auf das kahle Haupt setzte. Man ging noch ein wenig im Pfarrgarten auf und ab. Gerland zeigte seine Rosenstöcke und die Blumenrabatten, die er selbst angesäet hatte. Kantor Wenzel legte das größte Interesse hierfür an den Tag. Er schien auch auf diesem Gebiete Kenntnisse zu besitzen. Er erklärte dem Geistlichen in einleuchtender Weise, warum eine Anzahl Rosenaugen nicht gekommen seien und bot sich an, ihn das Okulieren zu lehren. Gerland gefiel Wenzels Bereitwilligkeit und die Art und Weise, wie er Rat erteilte, ohne sich aufzudrängen. Eines allerdings störte den jungen Geistlichen an dem jungen Manne, er pflegte beim Sprechen den Blick auf einen entfernten Punkt zu richten. Gerland erklärte sich dieses Verhalten als eine Art von Scham, die jener über seine verhängnisvolle Schwäche empfinden mochte. Vielleicht, daß der Mann nach und nach mehr Zutrauen fassen würde. Sie waren zu den Gemüsebeeten gekommen. Der Geistliche beklagte sich, daß einige feinere Sorten, die er angebaut habe, trotz eifrigen Düngens durchaus nicht gedeihen wollten. Wenzel hatte auch dafür sofort eine Erklärung. Dieser Teil des Gartens sei feucht, und das, in Verbindung mit der Kälte des Bodens, beeinträchtige das Pflanzenwachstum. Er behauptete, in dem Hügel hinter dem Pfarrgarten sei viel Wasser enthalten. Gerland fragte, warum der Kirchbauer, dem diese Felder gehörten, nicht drainiere. Wenzel erklärte, die Felder selbst seien durchaus nicht feucht, das Wasser laufe also wahrscheinlich auf einer undurchlässigen Thonschicht hin und dringe dann im tiefgelegenen Pfarrgarten zur Oberfläche. Gerland leuchtete die Erklärung ein; er fragte den Lehrer, wie dem abzuhelfen sein möchte. Drainieren sei das einzige, meinte Wenzel, aber dazu würde sich der Bauer nur herbeilassen, wenn Gerland den größten Teil der Kosten trage. Er bot sich an, die Unterhandlungen zu führen – er würde das Gewünschte billiger erreichen, als der Herr Pfarrer, meinte er – der Kirchbauer sei bekannt für eine Zähigkeit und Habgier. Er versprach die Sache zu Gerlands Bestem führen zu wollen. Die Pastorin rief zu Tisch. Gerland sprach ein lautes Tischgebet, wie er's immer that. Heut war Wein aufgesetzt. Die Witwe hatte ein leuchtend blaues Kleid angelegt; seit einer Woche etwa trauerte sie nicht mehr. In den schwarzen Kleidern schwitze sie so fürchterlich, hatte sie Gerland gegenüber erklärt. – Gerland bemerkte über Tisch, daß sie nicht im stande war, den Kantor anzusehen, ohne das Gesicht zum Lachen zu verziehen. Ihr Benehmen blieb ihm nach wie vor ein Rätsel. Der Kantor dagegen wahrte seinen gravitätischen Ernst durchaus. Gerland glaubte zu bemerken, daß er ihr gelegentlich einen mißbilligenden Blick zuwarf. Wenzel war während der ganzen Mahlzeit ziemlich wortkarg. Im Essen und Trinken zeigte er sich außerordentlich mäßig. Ein zweites Glas wollte er durchaus und durchum nicht annehmen, trotz Gerlands Zureden. Als der Geistliche versuchte ihm einzuschenken, hielt er die Hand über das Glas und versicherte, er wolle nicht mehr trinken. Gerland selbst fühlte sich sehr aufgeräumt. Was für ein angenehmes Gefühl war es doch, den Wohlthäter spielen zu können! – V. Es war merkwürdig, die Leute schienen zu ahnen, wie interessant Doktor Haußner und seine Tochter dem jungen Geistlichen seien; in seiner Gegenwart kam das Gespräch stets auf dieses Paar. Es mußte wohl einen ganz besonderen Kitzel bereiten, dem Pfarrer gegenüber von dem Dissidenten und seiner ungetauften Tochter zu sprechen. Die Urteile lauteten sehr verschieden. Manche spuckten aus, wenn sie den Arzt erwähnten – als sei er der Gottseibeiuns in eigner Person – andere nahmen ihn in Schutz und rühmten ihm allerhand gute Eigenschaften nach. Besonders bemerkenswert war Gerland das Urteil eines älteren, besonnenen Mannes aus dem Dorfe, das dahin lautete: Doktor Haußner sei ein besserer Mensch als viele andere, und an seinem Zwist mit der Kirche sei niemand anders schuld, als Pastor Menke selbst. Die Pastorin-Witwe war eine von denen, die keinen guten Faden an Haußner ließen. Sie geriet stets in moralische Entrüstung, wenn sie von ihm sprach. Es gab keine Schändlichkeit, die sie dem Arzte nicht nachgesagt hätte; für die Tochter hatte sie überhaupt keine andere Bezeichnung als: »der Heidenbalg«. Auch heute erging sie sich wieder in den wildesten Schmähungen über Vater und Tochter. Gerland gab nicht allzuviel auf ihre Reden; er hatte lange genug mit ihr an einem Tische gesessen, um zu wissen, was sie in übler Nachrede über den lieben Nächsten zu leisten im stande war. Von Haußners Charakter vermochte sich Gerland, trotz des vielen, was er über den Mann gehört hatte, kein rechtes Bild zu machen. Eines schien festzustehen, der Arzt war kein Durchschnittsmensch; dafür sprach schon der außergewöhnliche Gang seines Lebens. Das meiste und zuverlässigste darüber erfuhr Gerland durch Kantor Wenzel. Vor dreißig Jahren etwa war Haußner in die Gegend gekommen und hatte sich in der Kreisstadt als praktischer Arzt niedergelassen; dort verlobte er sich mit der Tochter eines reichen Holzhändlers. Er führte die Erbtochter heim, nachdem er, wie Pastorin Menkes böse Zunge behauptete, den Alten zu Tode kuriert hatte. Der Ehe entsprossen zwei Kinder. Als das älteste der beiden, ein Knabe, schulpflichtig wurde, war es über den Religionsunterricht, den der Vater persönlich erteilen wollte, zwischen Haußner und der Kirchenbehörde zum Streite gekommen, der damit endete, daß der Arzt aus der Landeskirche austrat. Die Pastorin Menke hatte eine andere Version, sie behauptete: Haußner habe einen so offenkundig schlechten Lebenswandel geführt und seine Frau so fürchterlich mißhandelt, daß der Superintendent sich schließlich veranlaßt gesehen habe, einzugreifen, daraufhin habe der Arzt den Geistlichen auf offener Straße insultiert. Sie fügte dann noch eine Anzahl Ungeheuerlichkeiten hinzu, die Gerland auf Rechnung ihrer offenkundigen Übertreibungssucht setzte. Damals erwarb Haußner seine jetzige Besitzung in Eichwald. Ursprünglich war dieses Grundstück ein selbständiges Rittergut gewesen, das im Laufe der Zeit parzelliert worden war und die Rittergutseigenschaft verloren hatte. Als Haußner das Gut kaufte, standen noch die Wirtschaftsgebäude; er riß alles nieder, ließ nur das Wohnhaus stehen, an dem er umfassende Veränderungen vornahm. Die hundert Morgen, welche noch zum Hause gehörten, gab er in Einzelpacht. Mit der Zeit erwarb er noch einige angrenzende Häuschen von kleinen Leuten hinzu; auch diese ließ er niederreißen und verwandelte das ganze Terrain rings um das Anwesen in Garten. Von der Frau des Arztes sah man wenig; sie schien leidend zu sein. Das Gerücht ging, daß Haußner sie eingesperrt halte, um sie mit Gewalt vom Kirchenbesuch und Teilnahme am Tische des Herrn fernzuhalten. Hin und wieder, besonders zu den hohen Festen, erschien sie doch einmal in der Kirche und brachte wohl auch eines der Kinder mit. Sofort nach beendetem Gottesdienste ging sie wieder nach Eichwald zurück, um hinter dem eisernen Gitter, mit dem Haußner sein Grundstück nach der Straße zu abgeschlossen hatte, zu verschwinden. Durch Dienstboten und andere Leute, die mit ihr in Berührung kamen, hatte sich das Gerücht verbreitet, daß bei ihr nicht alles richtig sei. Kantor Wenzel, der den Kindern Musikunterricht erteilt hatte, erklärte: die Frau habe ihm einen stillen und gedrückten, aber durchaus vernünftigen Eindruck gemacht. Während die Kinder sangen, habe er sie oft verstohlen weinen hören, besonders bei Liedern geistlichen Inhalts. Sie stammte angeblich aus einer streng orthodoxen Familie und war in einem Herrenhuter Pensionat aufgewachsen. Mit ihren früheren Freunden und den zahlreich in der Gegend lebenden Anverwandten hatte sie seit dem Austritte des Arztes aus der Kirche keinerlei Verkehr mehr gepflegt. Von ihrem Verhältnisse zum Gatten, nach dem Gerland mit besonderem Interesse fragte, konnte Wenzel nichts berichten, da er das Ehepaar niemals zusammen gesehen hatte. Haußner hielt einen Hauslehrer für die Kinder, einen Teil des Unterrichts erteilte er selbst; angeblich hätten die Kinder keinerlei Religionsunterweisung erhalten. Seine Praxis hatte Haußner aufgegeben; nur in ganz besonderen Fällen ließ er sich herbei, einen Kranken aufzusuchen. Eine Typhusepidemie brach in Breitendorf und den umliegenden Ortschaften aus. Doktor Haußner trat bei dieser Gelegenheit aus seiner Reserve heraus und widmete sich mit aller Kraft der Bekämpfung der Seuche; aber er schleppte sich den Krankheitsstoff ins eigene Haus. Seine beiden blühenden Kinder wurden ergriffen und starben im Laufe zweier Tage. Über das, was damals hinter den verschwiegenen Mauern des großen Steinhauses in Eichwald vorgegangen sein mochte, konnte Gerland aus allerhand widersprechenden Nachrichten sich nur eine vage Vorstellung bilden. War es über den frischen Leichen der Kinder zwischen den Eltern zu einem schweren Zerwürfnis gekommen? – Mochte die unglückliche Mutter in diesem Schicksalsschlage vielleicht die strafende Hand Gottes erblickt haben? – Hatte sich durch den furchtbaren Schmerz ihr Geist verwirrt? Ohne Hut, mit den Gebärden einer Wahnsinnigen, war sie auf der Dorfstraße erschienen, hatte die Leute unter Thränen gebeten, man möge ihren Kindern ein christliches Begräbnis gewähren. Der Gatte war ihr nachgeeilt und hatte sie, wie die Pastorin behauptete, mit brutaler Gewalt ins Haus zurückgeholt. Und nun war das Außerordentliche erfolgt, von dem Gerland bereits durch Pastor Dornig andeutungsweise erfahren hatte. Am offenen Grabe der Kinder war es zum Streite zwischen dem Vater und dem Geistlichen gekommen. Den Anlaß schien eine Anspielung der Grabrede auf die religiöse Stellung Haußners gegeben zu haben. – Ein Wortwechsel zwischen Arzt und Priester war entstanden, der damit geendet, daß sich Haußner an dem amtierenden Pfarrer vergriffen hatte. »Dafür hat er auch gesessen – drei Monate,« verfehlte die Pastorin niemals triumphierend hinzuzufügen, wenn sie auf diese Angelegenheit zu sprechen kam. Die Frau des Arztes war über alledem tiefsinnig geworden. Etwa ein Vierteljahr nach dem Begräbnisse der Kinder wurde sie von einem Töchterchen entbunden. Sie vegetierte noch einige Jahre in einer Anstalt für Gemütskranke, gebrochen an Geist und Körper. Haußner war damals fortgegangen aus der Gegend, das Kind hatte er mit sich genommen. Niemand konnte angeben, wo er sich in den nächsten Jahren aufgehalten haben mochte; Wenzel vermutete in der Schweiz. Sein Haus in Eichwald hatte er abgeschlossen. Das Grundstück lag einige Jahre lang völlig unbewohnt und verwahrloste. Späterhin brachte Haußner in jedem Jahre einige Monate in Eichwald zu. Man gab sich den abenteuerlichsten Vermutungen hin, was er in der Zeit seiner Abwesenheit treibe. In Eichwald war seine einzige Beschäftigung, den Garten wieder in Stand zu setzen. Man sah ihn in Hemdsärmeln, einen gelben Panamahut auf dem Kopfe, im Grundstück umhergehen, die Obstbäume ausputzen und in den Beeten graben. Hin und wieder nahm er Tagelöhner an, aber im übrigen ließ er niemanden sein Besitztum betreten. Das merkwürdigste war, daß er sich um die Ernte, die er zog, wenig zu kümmern schien; was er nicht selbst verzehrte, ließ er umkommen. Das Obst verfaulte an den Bäumen, das Gemüse schoß ins Kraut. Sobald er fortging, was meistens im Spätherbste geschah, unternahmen große und kleine Diebe einen wahren Plünderungszug in das unbewachte Grundstück. Eines Tages im Frühjahr kam er zurück und brachte ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren mit – seine Tochter. Sie richteten sich häuslich ein, nahmen Dienstboten an; alles deutete darauf, daß sie Eichwald von jetzt ab zu ihrem stehenden Aufenthalt machen würden. Haußner nahm verschiedene Verbesserungen an Haus und Garten vor, über welche die ganze Gegend staunte. Er grub nach Wasser und stieß auch wirklich auf einen Quell, den er zu einer Wasserleitung für das Haus verwertete; darauf wurde ein Badezimmer eingerichtet. Eine elektrische Klingel, die durch das ganze Haus ging, konstruierte er sich selbst. Dann ließ er ein Warmhaus nach seinem eigenen Plane bauen. Allerhand fremdartige Gewächse, deren Samen er mitgebracht, wurden auf einem Versuchsfelde angebaut. Einen Bach, der vom Walde herab in sein Grundstück fiel, staute er an verschiedenen Stellen zu kleinen Teichen an. Nach wie vor verkehrte er mit keiner Seele weit und breit; von den Verwandten seiner Frau, die ziemlich zahlreich in der Gegend lebten, sah er niemanden. Kantor Wenzel mußte wohl ahnen, wie interessant dem Geistlichen jede Nachricht über Doktor Haußner sei; bei jeder Gelegenheit trug er Gerland etwas Neues über den Einsiedler von Eichwald und seine Tochter zu. Pfarrer Gerland ging häufiger an dem Haußnerschen Grundstücke vorüber, als er es eigentlich nötig hatte. Nach Eiba hinauf gab es einen Weg durch die Felder, den der Geistliche sehr wohl kannte, aber er pflegte nichtsdestoweniger den weiten Umweg über Eichwald zu machen, immer von dem geheimen Wunsche beseelt, etwas von den merkwürdigen Bewohnern des großen Steinhauses zu sehen. Gelegentlich spielte er auch mit dem Gedanken, Doktor Haußner seinen Besuch zu machen. Dichte Bosketts von Flieder, Goldregen und anderen Ziersträuchern deckten das Grundstück nach der Straße hin. Nur durch das schmiedeeiserne Gartenthor, das die Einfahrt versperrte, gewann man eine Aussicht auf das Haus. So oft er den Blick auch, im Vorüberschreiten, verstohlen nach dem Gebäude hatte schweifen lassen, war es Gerland doch noch nie geglückt, eine lebende Seele dort zu erkennen. Eines Tages jedoch war ihm das Glück günstig; er näherte sich eben dem Haußnerschen Grundstücke, als ihn ein Glockenlaut von dorther stutzen machte, fast gleichzeitig that sich das Eingangsthor auf, ein junges Mädchen trat heraus auf die Straße. Gerland zweifelte keinen Augenblick, daß es die Tochter des Arztes sei. Er glaubte die Gestalt wiederzuerkennen, an der er neulich in größter Flüchtigkeit im Abenddunkel vorübergekommen war. Das Herz klopfte ihm mächtig. Sie schritt auf der Landstraße vor ihm her, ein Körbchen in der Hand. Er beschleunigte seine Schritte und kam ihr allmählich näher, seine Augen verließen ihre Gestalt nicht, keine ihrer Bewegungen entging ihm. Ihre Kleidung prägte sich ihm mit einer Deutlichkeit ein, daß er noch nach Jahren eine bis in die kleinsten Einzelheiten zutreffende Beschreibung davon zu geben im stande gewesen wäre. Sie war ein mittelgroßes, zierlich gebautes Mädchen. Man sah der Fünfzehnjährigen an, daß sie das Gleichgewicht ihrer in schnellem Wachstum begriffenen Gliedmaßen noch nicht recht gefunden hatte. Mit vorgebeugtem Oberkörper eilte sie hastig vorwärts, so daß Gerland Mühe hatte, ihr nachzukommen. Hin und wieder hüpfte sie auch ein paar Schritte, ihre Arme waren in beständigen pendelartigen Schwingungen begriffen. Die gelbblonde Farbe des Haares konnte Gerland an einem Zopfendchen erkennen, das zwischen den bunten Bändern ihres breiten Strohhutes hervorschimmerte. Der Hals war frei, ebenso die Arme vom Ellbogen an; Handschuhe trug sie nicht. Das buntgemusterte Sommerkleid gab ihr trotz seines einfachen Schnittes doch etwas Apartes; das Kleid ließ die Füße frei, an denen sie ein Paar starke Schnürschuhe von hellbraunem Leder trug. Es lag etwas durchaus Jugendliches, Halbentwickeltes in der ganzen Erscheinung, in dieser vorgebeugten Haltung, den abfallenden Schultern, dem häufigen Wechseln des Ganges, den etwas eckigen Bewegungen der Arme. Als der Weg bergab ging, bemerkte Gerland, daß sie einen Stein mit dem Fuße vor sich her kollere. Er war ihr schließlich so nahe gekommen, daß sie seine Schritte hörte; sie machte halt und sah sich um. Naiv musterte sie den Fremdling – dann, als empfinde sie plötzlich die Ungehörigkeit ihres Benehmens, wandte sie sich schnell und ging ihres Weges weiter. Sie hielt sich jetzt besser als zuvor und unterließ das Hin- und Herspringen. Dem Geistlichen hatten sich in der Eile ein Paar große fragende Augen in einem weißen Gesichte eingeprägt, eine zierliche Nase, eine überstehende, weichgeschwungene Oberlippe. Gerland war ein wenig enttäuscht; er hatte sich eingebildet, das Mädchen müsse schön sein. Dieses Gesicht aber war höchstens sympathisch zu nennen. Längere Zeit schwankte er, ob er noch weiter hinter dem Mädchen hergehen solle. Wenn er sie überholte, trat die Frage an ihn heran, ob er sie grüßen dürfe. Er wurde dieser Entscheidung überhoben. Aus dem ersten Hause von Eiba, das sie eben erreicht hatten, trat eine Frau, ein Wochenkind auf dem Arme, der Vorüberschreitenden zuwinkend: »Du, Kleene – Kleene!« Das Mädchen machte halt. »Kimm ock a mol rei, unsa Junga is su sihre krank.« Das Mädchen warf noch einen schnellen neugierigen Blick nach Gerland, der ihr jetzt ganz nahe gekommen war, und lief dann auf dem schmalen Fußpfade zu der Frau, mit der sie im Hause verschwand. Also, Doktor Haußners Tochter machte Krankenbesuche! – Allerhand kam dem Geistlichen in den Sinn, was er über dieses Mädchen gehört: sie sei vom Vater ganz in atheistischen Tendenzen auferzogen worden, für Frauenemancipation und freie Liebe schwärme sie, hatte es geheißen. Wenn Gerland sich das unschuldige Kindergesicht vergegenwärtigte, in das er eben geblickt, mußte er über derartige Behauptungen lächeln. Aber soviel stand fest, das Mädchen war ungetauft, und in der Kirche hatte sie auch noch niemand gesehen. Irgend eine religiöse Überzeugung mußte sie doch haben. Ein Mädchen in dem Alter und glaubenslos – das wäre eine Monstrosität gewesen, an die er nicht glauben wollte. Er mußte Einblick in ihren Seelenzustand gewinnen; eine Gelegenheit sie kennen zu lernen, würde sich schon finden. Er machte allerhand abenteuerliche Pläne, auf welche Weise er die Bekanntschaft erzwingen wollte. – So kam er schließlich am Ziele seines Ganges vor dem Heinzeschen Hause an. Die alte Märzliebs-Hanne stand vor der Thür und scheuerte mit Hilfe von Sand und Strohwisch ein Faß. Sie stand mit dem Gesichte nach dem Hause zu, ihren alten Rücken tiefgebeugt, und bemerkte die Annäherung des Geistlichen nicht. Gerland machte einen Augenblick halt und sah ihr zu. Ihn dauerte die Alte, wie sie so dastand, trotz ihres Alters schuftend, in glühender Vormittagssonne. Die Füße der Greisin waren geschwollen, durch die glänzend gespannte Haut schimmerte bläuliches Geäder, um die spitzen Ellbogen ihrer abgemagerten Arme schrumpelte sich die braune, lederartige Haut in tausend Fältchen. Gerland sah das alles; er hörte die Alte seufzen, und das Herz that ihm weh. ›Was wärest du wohl, wenn du in solcher Lage geboren,‹ sagte er zu sich selbst. Und der Gedanke, daß die Armut gottgewollt – eine göttliche Institution sei – konnte ihn heute nicht trösten. Nach einiger Zeit redete der Geistliche die alte Frau an; sie fuhr herum und starrte ihn offenen Mundes mit blöden Augen an. Gerland fragte nach dem Befinden der Enkeltochter. »Ich dank' och schina, Herr Paster, 's gieht a Brinkel a basser. Entschuld'gen Se ack, ich kinn Se keena Hand ne gahn, se sein su beschissen.« Der Geistliche erklärte, daß er das Mädchen besuchen wolle. »Doe missen Se ack hinten rim kimma, heite. Mir han nämlich gescheiert. Ju! – Kimma Se ack hinten rim; 's is alles naß ein Vurderstiebel.« Gerland folgte ihr zum hinteren Eingang. Er sah zu seinem Erstaunen, daß das Haus auf der Hinterseite noch baufälliger sei, als vorn. Der Dachstuhl schien sich gesenkt zu haben; der eine Giebel hing. Das Strohdach war moosbewachsen; man konnte es vom Erdboden aus bequem mit der Hand erreichen. Die Lehmwand zeigte Risse. Einige erblindete Fensterscheiben waren ohne Rahmen in die Wand eingelassen und schienen dazu bestimmt, das Licht vollends auszuschließen. Neben der niederen Thüre stand ein verfallenes Holzhäuschen, einem Schilderhause ähnlich, über einer offenen Grube, in der unter schillernder Decke, die Luft weit und breit verpestend, der Unrat stagnierte. – Es war, wie die Alte gesagt hatte, das Mädchen hatte Fortschritte gemacht in der letzten Zeit. Ihre mageren Wangen zeigten einen Schimmer von Farbe, die großen dunklen Augen waren frei von fieberischem Glanze und hatten einen ruhigen Ausdruck. Es fiel dem Geistlichen auf, daß das Lager der Kranken sauberer sei, als früher. Es war ein frisch überzogenes Kopfkissen da, das er sich nicht entsinnen konnte, vordem gesehen zu haben. Die Kranke selbst trug ein Hemd von tadellos weißer Farbe. Gerland wollte nicht fragen, woher das alles stamme; er hatte hin und wieder eine Unterstützung aus der eignen Tasche gegeben, die wohl in dieser Weise ihre Verwendung gefunden haben mochte. Das außerordentlichste aber blieb die Genesung des Mädchens. Fast ein Wunder schien es. Dieses Kind, das er eine sichere Beute des Todes geglaubt, war dem Leben zurückgewonnen. Die Frau erzählte voll Eifer, wie sich der Appetit ihrer Enkelin von Tag zu Tag steigere. Auch heute wieder gab sie es dem Geistlichen zu hören: er und niemand anders habe das Kind gesund gemacht. Gerland wehrte ab; er wies auf den Herrn über Leben und Tod hin, ohne dessen Willen kein Haar von unserem Haupte falle. Sie fiel sofort mit einem Psalmworte ein, um ihre Bibelkunde darzuthun: »Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.« – Sie sagte einen großen Teil des Gebetes Moses her, ohne auch nur anzustoßen. – Im Innersten fühlte sich Gerland durch die Behauptung der alten Frau angenehm berührt. Wunderbar blieb die Erhaltung dieses Lebens auf alle Fälle. Wenn er bedachte, wie er das Mädchen gefunden, als er zum ersten Male in diese elende Kammer getreten, und wenn er die Genesende jetzt ansah, wie sie vor ihm lag, immer noch zart und schwächlich zwar, aber mit den sicheren Anzeichen der Rekonvaleszenz in Erscheinung und Wesen, dann konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, daß Gott doch wohl sein Gebet erhört habe. War nicht vom Glauben gesagt, daß er Berge versetze; und daß er eine feste Zuversicht sei des, das man hoffet? – Nun, er hatte mit einer Zuversicht, die der Gewißheit gleichkam, gehofft, daß Gott sein Gebet um dieses Menschenleben erhören werde. Mit solchem Ernste und solcher Inbrunst hatte er selten gebetet, wie an diesem Lager. Sonst mischten sich häufig allerhand störende Reflexionen in seinen Verkehr mit dem Höchsten; aber hier war es wirklich gewesen, als schlüge die Flamme des Gebetes kerzengerade aus inbrünstigem Herzen empor zum Sohne Gottes. Denn an den Gekreuzigten wandte er sich, wenn er in besonderer Not war; ihn, den Erlöser, rief er an, der alle Schmerzen des menschlichen Daseins durchgekostet. Ihn hatte er auch um dieses Mädchens willen beschworen, und gerade hier war er erhört worden. Wies das nicht wieder auf jenes besondere, ihm allein bekannte Verhältnis hin, in welchem er zum Menschensohne stand, der ihm in den Weg getreten war, wie einst dem Saulus, um ihn für alle Zeiten seiner Sache zu gewinnen? Die Genesung des Kindes erschien ihm in geheimnisvollem Lichte. War etwa von jener Wunderkraft etwas auf ihn gekommen, die der Herr den ersten Verkündern seines Wortes hinterlassen, die durch Händeauflegen und Gebet Blinde sehend und Lahme gehend gemacht hatten? Derartige Gedanken, wenn sie auch vor dem nüchternen Verstande nicht Stich halten wollten, hatten doch was ungeheuer Einschmeichelndes. Es that so wohl, sich als Auserwählten zu fühlen. Und die alte Märzliebs-Hanne that das ihre, um ihn in diesem frommen Traume zu bestärken. Gleich, als er das erste Mal gekommen, habe man verspürt, daß mit dem Mädchen etwas Außergewöhnliches vor sich gegangen sei: »Noch an salbchen Abende sagt'ch über menen Suhn: Karle, sagt'ch, mit dan Madel is was für sich geganga. Und ei dar Nocht druffe hoat se och a grußes Bissel geredt, 's Madel, immer vum Heilande und immer vum Heilande! O jerum, jerum, was se da alles darzahlen that vun Himmel und vun dan sal'gen Engeln; das mußte se su sahn in ihrem Traumen, verstiehn se! Urdentlich baten that se. Und dernoe sprach se wieder vun Herrn Paster – das is dar sal'ge Geist Guttes, dar durch Sie uf dos Madel gekumma is. Herr Paster, Se kenn mers gleba. Wie's in dar Bibel heeßt: In meinem Namen werden sie Teufel austreiben – auf die Kranken werden sie die Hände legen, so wird es besser mit ihnen werden.« Um die Alte von solchen Reden abzubringen, fragte Gerland, ob sie einmal den Doktor befragt hätten. »An Duchter!« rief die Frau beinahe erschreckt. »Nee, nee, mir hoan keenen Duchter ne gefragt, Herr Paster, mir ne. Unse Pfarr ist besser als hundert Duchtersch, ho'ch gesogt. Se kenn mersch heilig gleba, Herr Paster, mir fragn in Laben keenen Duchter ne.« Gerland versuchte umsonst der Alten zu erklären, daß er nichts Unrechtes darin erblicke, den Arzt zu fragen. Dabei sei durchaus nichts Gott Mißfälliges, im Gegenteil, der Herr wolle nicht, daß man der Gefahr gegenüber die Hände in den Schoß lege. Aber sie blieb dabei, sich gegen den Verdacht zu verteidigen, als habe sie irgend etwas mit dem Doktor zu thun gehabt. Der Geistliche wunderte sich nicht allzusehr über solch ausgesprochenen Widerwillen gegen ärztliche Hilfe. Es war nicht das erste Mal, daß er diesem sonderbaren Vorurteile begegnete. Um so erstaunter war er, als sein Blick auf eine Medizinflasche traf, die halbversteckt zwischen den zurückgeschobenen Laden und der erblindeten Fensterscheibe stand. »Wer hat denn die Medizin dort verordnet?« konnte er sich nicht enthalten zu fragen. Die alte Frau schien zu erschrecken. »Die hot ack mei Suhn aus der Aptheke mitgebrucht,« beeilte sie sich zu versichern, »wie ar 's letzte Mol ei der Stadt wur. Die is ne vun Duchter, Se kenn mersch gleba! –« Die Alte wollte offenbar noch mehr über die Herkunft der kleinen Flasche mit der braunen Flüssigkeit berichten, aber jetzt wurde ihre Aufmerksamkeit durch Stimmen abgelenkt, die im Flur und gleich darauf im Nebenzimmer erklangen – zwei Frauenstimmen. Die alte Märzliebs-Hanne lauschte gespannt, den zahnlosen Mund geöffnet; dann wurde sie plötzlich sehr unruhig. »Entschul'gen Se ack,« meinte sie und wackelte zur Thür, »'s is ees gekimma.« Aber noch ehe sie zum Ausgang gekommen, öffnete sich die Thür, auf der Schwelle erschien ein junges Mädchen, einen Strohhut mit bunten Bändern auf dem Kopfe, in der Hand ein Körbchen. Voll Erstaunen blickten der Geistliche und Doktor Haußners Tochter einander an. Das Wiedererkennen war ein beiderseitiges, ihr weißes Gesicht färbte sich über und über rot; auch er fühlte das Blut in einer starken Welle zum Kopfe emporsteigen. Einen Augenblick stand sie zaudernd, mit verschämt umherirrenden Augen, auf der Schwelle. Die Alte hatte sich inzwischen so weit von ihrem Schrecken erholt, daß sie den Besuch auffordern konnte, einzutreten. »Kimma Se ack rei, Gertrud, – gun Tack och – gun Tack och! Nee, aber nee, daß Se och heite grade kumma missa.« Gertrud Haußner trat mit gesenktem Blick, Gerlands Gruß meidend, an das Lager. Die beiden Mädchen schienen sich gut zu kennen, sie lächelten einander vertraut zu; die Kranke mit einem so freudigen Ausdrucke, wie ihn Gerland noch nie zuvor auf diesen blassen Zügen bemerkt hatte. Gertrud hatte das Kopfkissen der Kranken zurechtgerückt, dann mit einem Blick nach der Medizinflasche in der Fensterecke, meinte sie: »Wenn die Arznei alle ist, können Sie mehr bekommen. Hier habe ich auch einen Löffel mitgebracht. Mein Vater sagt, wenn die Medizin anschlüge kann sie dreimal täglich einen Eßlöffel voll einnehmen.« – Die Alte erging sich in überschwänglichen Danksagungen. Das würde ihr sicher dereinst im Himmel gelohnt werden, sagte sie, die Hand des Mädchens ergreifend: »Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mich getränket – sagt unsa Herr und Erlöser.« Gertrud machte sich mit verlegener Miene los. Sie würde nächstens wiederkommen, meinte sie mit leiser Stimme. Sie lächelte dem kranken Kinde noch einmal zu und verschwand dann voll Hast durch die Thür, ohne einen Blick nach Gerland hinüberzuwerfen. Die Alte hatte vergebliche Versuche gemacht, sie zu längerem Bleiben zu bewegen. – »Warum haben Sie mir denn nicht gesagt, daß die Medizin da von Doktor Haußner stammt, gute Frau?« fragte der Geistliche, nachdem das Mädchen außer Hörweite war. Die Alte geriet in große Verlegenheit: »Ich meente ack, Herr Paster, weil duch Haußner guttlos is. De Leite darzahlen duch und se sagn, a leignete dan lieben Gutt, und will och von Herrn Christus nischt ne wissa; darim ducht'ch, Se kennten 's amende ibel nahmen, woan se derfihren, daß mer mit an Haußner woas zu schaffa hätten.« – Gerland fragte ärgerlich, wofür sie ihn eigentlich halte. »Nu dar vurge Pfarr sagte vun an Haußner, ar wär' dar Antechrist – das hu 'ch salber vun Menke gehiert! Aber Se warn mersch glebe oder ne, aber dos is ne a su schlimm mit dan Haußner. Dar is vill ville basser als manch a andrer, dar'n Namen Guttes vielleicht immer uf'n Lippen hoat, ober ne ein Harzen. Woas wor denne, als mer dozumale 's Narvenfieber dohie hotten, a Juhre funfzahn is wuhl har – woas wor denn doa, wenn mer'n Haußner ne hatten? Dar kam freil'ch nei eis Stiebel zu de kleena Leita und fragte nich zuvor, ibst sen och bezahlen kinnten, wie's de andern Duchter macha. Nee, Haußner is no ne dar schlachtste. – Ich will se mol wos sagn« – und damit trat die Alte dicht an Gerland heran, als wolle sie ihm ein großes Geheimnis anvertrauen: »Dan Haußner hoat dar vurge Pfarr ack su verargert.« – Gerland erfuhr damit nichts Neues. Immerhin setzte es ihn in Erstaunen, die Ansicht, welche er sich im stillen gebildet hatte, auch bei den gewöhnlichen Leuten verbreitet zu finden. Die Alte fuhr fort: »Soit ar dan Krakeel gehat hat, dozumale mit Paster Menken, giht ar ne mi zu de Kranken, dar Haußner; nu schickt ar aben de Tuchter. Aber dos is a gutts Dingla, de Gertrud. De Leite sogn vun ar, se wär' ne getoft; aber dos glob 'ch ne. Suwas läßt duch unse Herr Gutt gur ne zu. Die kennte duch gur ne su gutt sen, wenn se ne getoft war; menen Se nich och? – Nee, nee, dos glob'ch noch lange ne! De Leite raden zu vills, woas ne wohr is; laßt se ack raden! Ich bie alt genug; ich weeß, was biese Menschen sein und was gutte sein. Haußner und sene Tuchter dos sein gutta Menscha.« – Eine halbe Stunde später befand sich Pfarrer Gerland auf dem Wege nach Eichwald. Er ging mit großen Schritten, voll Hast, den Blick starr auf den Boden geheftet; sein Kopf war ganz von einem Gedanken erfüllt: er wollte Doktor Haußner aufsuchen. Endlich war der Entschluß zur Reife gediehen; er befand sich auf dem Wege zu dem Arzte. – Der Jäger, der sich der weit und breit gefürchteten Lagerstätte des Raubtiers naht, kann innerlich nicht tiefer erregt sein, als Gerland in diesem Augenblicke war. Er wußte, was er auf sich nahm; er hatte vor Augen, was man ihm über Haußners ungeselliges, menschenfeindliches Wesen erzählt hatte. Er wußte auch sehr gut, welchen Empfang der Arzt andern Geistlichen vor ihm bereitet hatte. Aber das alles konnte ihn nicht abhalten. Das Verlangen, den Mann kennen zu lernen, von dem so außerordentliche Dinge berichtet wurden, hatte sich allmählich bei ihm zur fixen Idee gesteigert. Im Schlafen und Wachen beschäftigte er sich mit dem Menschen. Sobald der Name des Arztes in seiner Gegenwart genannt wurde, fühlte er den Puls schneller gehen. Und was vielleicht den tiefsten verborgensten Grund seiner Erregung ausmachte, war die geheime Hoffnung, ihm möchte gelingen, woran so mancher Andere sich vergeblich versucht: diese Seele zu gewinnen, Haußner zurückzuführen zum Glauben. Der Goldgräber, der von einem außerordentlichen Schatze vernommen hat, der Vogelsteller, der einer seltenen Spielart auf der Spur ist, mag die fieberische Aufregung empfinden, die den jungen Geistlichen auf diesem Gange erfüllte. – Jetzt sah er schon den Giebel des großen Steinhauses zwischen alten Lindenbäumen vor sich auftauchen, das Herz schlug ihm hörbar. Es war doch ganz außerordentlich, was er vorhatte. – Noch einmal wurde er unsicher; innerhalb hundert Schritten bis zum Gartenthore nahm er den Plan zehnmal und öfter auf und verwarf ihn wieder, sah ihn in den verschiedensten Beleuchtungen. Er war verzweifelt über den eigenen Wankelmut, schämte sich seiner Feigheit, spornte sich an und ging weiter. Die Erwägungen, die ihn feige und bedenklich machten, sollten niedergeschlagen werden. Er faßte den glänzenden Griff des Glockenzuges scharf ins Auge, der rechts neben dem steinernen Thorpfeiler herabhing. Glänzend flimmerte der metallene Ring in der Sonne – wuchs vor seinen Augen, je näher er kam. Kaum wissend, was er that, hielt er den Griff in seiner Hand und zog daran. Der schrille Laut der Glocke erweckte ihn aus seinem befangenen Zustand; er erschrak heftig. Was hatte er vor! Schon wünschte er, niemand möge erscheinen, ihm zu öffnen. Aber da ertönten Schritte, nicht vom Hause her, sondern seitlings hinter dichten Büschen aus dem Garten. Der Arzt selbst erschien hinter den Stäben des Thores, in Hemdsärmeln, eine Hacke in der Hand. Ein breiter, gelber Strohhut beschattete den ganzen oberen Teil des Gesichtes, das in diesem Augenblicke aus einem einzigen graubraunen Barte zu bestehen schien. Er musterte den Geistlichen durch die Stäbe, dann öffnete er. Gerland blieb im Thorwege stehen, den Hut in der Hand, mit dem er nervös spielte. Der forschende Blick des Arztes verwirrte ihn. Alle Willenskräfte zusammenraffend, stammelte er: »Ich bin der neue Pfarrer; Sie wohnen in meiner Parochie. Ich wollte mir erlauben, Sie aufzusuchen.« Gerland hatte das ganz anders herausgebracht, als er's eigentlich gewollt. Er hatte sagen wollen, daß er es für seine Pflicht halte, als Seelsorger jeden Hausvater seines Sprengels aufzusuchen. Auch hatte er sich vorgenommen, möglichst sicher, mit dem Anschein der Gleichgiltigkeit aufzutreten. Es kam alles so ganz anders, als er gedacht. Der Arzt selbst war sehr verschieden von dem Bilde, das er sich von ihm gemacht hatte, und das verwirrte ihn. Zum Unglück fühlte er auch noch das Blut in seine Wangen steigen. Jetzt rot werden, dachte er bei sich, das fehlt gerade noch. Doktor Haußner blickte zu Boden, stieß ein paarmal mit der Hacke die Steinschwelle und ließ dann plötzlich, den Kopf erhebend, Gerland für einen Augenblick seine bohrenden Stahlaugen sehen. Dann mit einer tiefen, wohlklingenden Stimme, auf den Hut in der Hand des Geistlichen weisend: »Bitte, Herr Pastor, wollen Sie sich nicht bedecken?« Als habe er einen Befehl erhalten, beeilte sich Gerland, den Hut aufzusetzen. Der Arzt wandte sich mit einladender Geste nach dem Garten: »Bitte!« Seitwärts vom Hause lag eine Laube, in dichtem Gebüsch versteckt; auf diese schritt der Arzt zu. Mit einem abermaligen »Bitte« forderte er Gerland zum Eintritt auf. Clematis, die gerade in Blüte stand, rankte sich um die Thürpfosten; vor ihnen lag ein Rasenplatz, auf dem Wäsche ausgebreitet war. Eben ging eine Magd mit hochaufgebundenen Röcken über die Bleiche und begoß die einzelnen Stücke mit der Gießkanne. Die Sonne lag brütend auf dem Platze und auf der weißgetünchten Giebelwand des Hauses. Ein Duft von Wasser und Seife drang zu ihnen in die Laube. Sie saßen einander an einem aus Naturholz gezimmerten Tische gegenüber. Der Arzt hatte den Hut neben sich auf die Bank gelegt und wischte mit einem bunten Tuche die Tropfen von dem kahlwerdenden Haupte. Jetzt erst sah Gerland, welch mächtige Stirn über diesem bärtigen Gesichte thronte; neben der entwickelten Nase traten die Backenknochen stark hervor. Das Gesicht erschien von der Sonne dunkel eingebrannt bis zu den Augen, um so heller hob sich die weiße Stirn ab. Die kurzen, kräftigen Hände, die von häufiger Arbeit im Freien sprachen, waren mit einem Flaum von hellen Haaren bedeckt. Der Arzt hatte den rechten Hemdärmel emporgestreift und ließ den mächtigen Cyklopenarm sehen. Die Figur war untersetzt und fleischig, ohne korpulent zu sein; der Mann machte den Eindruck eines rüstigen Fünfzigers. Gerlands Auge erfaßte all diese Äußerlichkeiten, ohne daß er Zeit gefunden hätte, dabei zu verweilen. Sein ganzes Sinnen und Trachten ging jetzt darauf, einen möglichst günstigen Eindruck auf den andern hervorzubringen. In seinem Eifer wollte er soviel wie möglich auf einmal von sich zeigen – jenen im Sturme für sich einnehmen. Er knüpfte daran an, daß er den Arzt mit Gartenarbeit beschäftigt gefunden hatte, erzählte, daß auch er sich damit abgebe. In aller Eile ließ er einiges von seinen botanischen Kenntnissen durchblicken; besonders hierdurch hoffte er einen guten Eindruck hervorzubringen. Jener sollte von vornherein inne werden, daß er es mit keinem bildungsfeindlichen Ignoranten zu thun habe, vielmehr mit einem modernen, auf der Höhe wissenschaftlicher Bildung stehenden Menschen. Aber dem Arzte war nicht so leicht zu imponieren. In beinahe phlegmatischer Ruhe saß er da, die kurzen Beine von sich gestreckt, den breiten Oberkörper zurückgelehnt, mit der Hand seinen Bart vom Halse nach aufwärts streichend, und mit den Zähnen an den Enden der Haare nagend. Mit der gleichgiltigsten Miene von der Welt hörte er an, was Gerland vorbrachte, nur hin und wieder ließ er einen kurzen, scharfen Blick aus seinen grauen Augen nach dem Geistlichen hinübergleiten. Sein Verhalten begann Gerland zu beunruhigen; er bildete sich ein, etwas wie Spott um die Nasenflügel des Arztes zucken zu sehen. Er wechselte das Thema. Auf die Verhältnisse der Umgegend übergehend, sprach er von der Lebensweise der Leute, ihrer Nahrung, Kleidung und Beschäftigung, ihren Gewohnheiten und Lastern. Durch direkte Fragen, die er an den Arzt richtete, suchte er diesen aus seiner zuwartenden Stellung hervorzulocken. Aber der Arzt beteiligte sich an dem Gespräche, wie einer, der keine Eile hat, sich zu zeigen, und dem an der Meinung des anderen im Grunde herzlich wenig gelegen ist. Gerland war darauf zu sprechen gekommen, daß die Trunksucht ein in der Gegend weit verbreitetes Laster sei; er erwähnte einige Fälle von Alkoholismus, die er bei Gelegenheit seiner Seelsorgerbesuche beobachtet hatte. Er ließ nicht unerwähnt, daß ihm die mannigfachen Fälle von Anämie, Epilepsie, manche Nervenkrankheiten und besonders die große Kindersterblichkeit damit zusammenzuhängen scheine. Dazu die schlechte Nahrung, selten Fleisch, fast nur Kartoffeln und Brot, die verbrauchte Luft in den selten gelüfteten Holzstuben, die armselige Kleidung bei rauhem Klima, Mangel der einfachsten hygienischen Kenntnisse, die ausgesprochene Genußsucht, der Leichtsinn in geschlechtlicher Beziehung und im Winter die sitzende Lebensweise hinter dem Webstuhl, im Sommer die harte Feldarbeit bei jeder Witterung – alles das vereinigt, mußte die Gesundheit des Einzelnen ruinieren und auf die Generation den ungünstigsten Einfluß ausüben. – Er glaubte bestimmt, damit auf Verständnis bei dem Arzte zu stoßen; denn hier betrat er doch dessen eigentlichstes Gebiet. Aber Doktor Haußner schwieg. Gerlands Mißtrauen wurde rege; er glaubte, Geringschätzung aus den Mienen des Gegenübersitzenden zu lesen. Fand jener ihn etwa aufdringlich? Das beängstigende, peinvolle Gefühl, daß er sich lächerlich mache, beschlich Gerland auf einmal. Er hörte plötzlich auf zu sprechen. Eine Pause entstand. Im stillen hoffte der Geistliche immer noch, der andere werde nun die Gelegenheit ergreifen, etwas zu äußern und wenn es nur pro forma gewesen wäre. – Als jener aber beharrlich schwieg, stand Gerland auf. Doktor Haußner erhob sich mit ihm. Der Arzt brachte ihn bis zum Gartenthore, das er eigenhändig öffnete. Ein kurzer, frostiger Abschied. Gerland war rot im Gesicht und seine Hände zitterten. Der Arzt zuckte mit keiner Wimper. Aber der Geistliche glaubte etwas wie Triumph in den grauen Augen des Mannes aufblitzen zu sehen. Die Glocke erklang, das Thor schloß sich knarrend hinter ihm; eine Aufforderung wiederzukommen, vernahm er nicht. Der junge Geistliche meinte, noch nie im Leben eine tiefere Demütigung erfahren zu haben. – VI. Gerland war ausgegangen; man hatte ihn zu einem Kranken gerufen. Pastorin Menke wußte, daß er unter zwei, drei Stunden nicht zurückkehren könne; denn wie gewöhnlich hatte sie den Boten ausgefragt, ehe sie ihn beim Herrn Pastor vorließ. In der Wirtschaft war heute nicht viel zu thun; das Mädchen schälte Kartoffeln in der Küche, alles zum Mittagsessen Nötige hatte die Witwe bereits herausgegeben. – Ein paar freie Stunden lagen vor ihr. Womit die Zeit ausfüllen, bis das Fleisch angesetzt werden mußte? Sollte sie eine ihrer Freundinnen im Dorfe aufsuchen? Doch dazu war es noch zu früh. – Sie überlegte, einen Finger an der Nase. Auf einmal zuckte ein Lächeln über das rosige Frauengesicht; dann nahm sie ein Wischtuch zur Hand – des Mädchens wegen that sie das – und begab sich in Gerlands Studierzimmer im ersten Stock, als ob sie dort den Staub aufwischen wolle. Sie öffnete das Fenster. Das weiße Rouleau blähte sich wie ein Segel, sie zog es in die Höhe und stand eine Weile in Gedanken verloren da, umfächelt von dem frischen Luftzuge; die Hände auf dem Rücken gekreuzt, lehnte sie gegen die Fensterbrüstung. Wie ein reifer, rotwangiger Apfel lächelte ihr frisches, rundes Gesicht unter der Morgenhaube hervor. Sie galt trotz ihrer dreißig Jahre im Dorfe immer noch als die erste Schönheit. Und wenn man unter Schönheit nichts Anderes versteht als Gesundheit, Fülle und Kraft, so mußte man dem Geschmack dieser ländlichen Preisrichter beipflichten. Besonders wenn sie lachte, die Pracht ihrer Zähne entwickelte – auf jeder Seite ihres runden Kinnes erschienen dann ein paar allerliebste Grübchen – hatte sie etwas ungemein Frisches und Anmutiges. Eben ging der Sohn des Bauern Finke am Gartenzaun vorüber, mit grauer Joppe und blauen Beinkleidern. Er war Freiwilliger gewesen, und hielt etwas auf sein Äußeres. Der gutgewachsene junge Mann rief der Witwe einen »guten Morgen« zu und lachte dabei über das ganze sonnenbraune Gesicht. Die Pastorin lächelte ihm freundlich zu und rief: »Schönes Erntewetter heute!« Mit Wohlgefallen sah sie der kräftigen Männergestalt nach, bis der Bauernsohn hinter der Hecke verschwunden war. Dann trat sie an Gerlands Schreibtisch. Richtig, da hatte er endlich einmal den Schlüssel stecken lassen; darauf lauerte sie schon lange. – Noch einen Blick warf sie hinaus in den Gang; sie hörte das Mädchen unten in der Küche hantieren. Behutsam schloß sie die Thür und kehrte zum Schreibtisch zurück. Zunächst öffnete sie das Mittelfach; da war nicht viel drin, was sie interessierte. Manuskripte von Predigten, Niederschriften zu homiletischen Übungen, Exegesen und dergleichen. In dem linken Fache, an das sie sich nunmehr machte, fand sie Gebetbücher und einige Zeichenhefte aus der Schulzeit. Auch diesen Gegenständen konnte die Witwe nicht viel Geschmack abgewinnen. Mit großer Vorsicht legte sie jedes Stück, nachdem sie es geprüft, genau in die alte Lage zurück. Nun kam das rechte Fach an die Reihe; da endlich fand sie, was sie gesucht: Briefe. Die grauen Augen der Frau leuchteten auf, ihre Nasenflügel erweiterten sich; sie nahm die Bogen heraus und begann zu lesen. Sie war auf alte Familienbriefe gestoßen, von den verstorbenen Eltern und Schwestern des Geistlichen. Da war nichts Pikantes. Sie gab diese Lektüre nach einiger Zeit auf und grub weiter. Jetzt stieß sie auf ein Paket grünfarbener Bogen, die von einem blauen Seidenbändchcn zusammengehalten wurden. Hier witterte sie Interessantes. Mit geschickter Hand löste sie das Bändchen. Die Briefe waren sämtlich von einer Hand geschrieben, und trugen die Unterschrift »deine treue Cousine Katharina«. Auch hier wartete der Frau Pastorin eine Enttäuschung. In den Briefen wurden hauptsächlich religiöse Fragen in sehr eingehender Weise erörtert. Mit verächtlicher Miene schnürte sie das Packet wieder zusammen. In einer Ecke lagen Photographieen, auch nur Porträts von Verwandten; unter dem Bilde eines älteren Mädchens stand mit verblichener Tinte: Katharina. Dann stieß die Witwe auf eine Anzahl Gedichte, offenbar aus früherer Zeit; aber auch diese hatten nur religiösen und philosophischen Inhalt. Die Pastorin schloß mit enttäuschter Miene die Fächer wieder zu. Auf der Platte lag die Briefmappe. »Tagebuch« war die Aufschrift eines dünnleibigen Heftchens. Die Pastorin las. Die ersten Seiten behandelten Gerlands Ankunft in Breitendorf und seine ersten Eindrücke. Auch die Witwe des Amtsvorgängers hatte Erwähnung gefunden. Mit verhaltenem Atem las sie folgende Worte: »Pastorin Menke macht den besten Eindruck, rührend in ihrer Witwentrauer und echtem Schmerz um den Verstorbenen.« Die Frau lachte laut auf. Neugierig forschte sie weiter in dem Manuskripte; vieles blieb für sie unverständlich. Anspielungen, Citate, lateinische und griechische Brocken waren nicht selten. Zu ihrem Staunen fand sich Doktor Haußners Name öfter in dem Heftchen. Auch das letzte, was Gerland geschrieben hatte, betraf Doktor Haußner. Die Pastorin ersah daraus, daß er bei dem Arzte gewesen sei. Sie las: »Endlich Doktor Haußner persönlich kennen gelernt. Bittere Enttäuschung! Er setzte meiner werbenden Liebe kalte, schneidende Gleichgiltigkeit entgegen; und doch kann ich den Menschen nicht hassen. Hinter dieser hohen Stirn schlummert manches Geheimnis. Ich fürchte, für mich ist er nun auf alle Zeit verloren. Aufdrängen will und kann ich mich nicht! Es ist uns gesagt, daß wir die Perle nicht vor die Säue werfen sollen; und doch, sollte der Herr nichts Besonderes vorhaben mit mir und diesem Manne? Wie kommt es, daß ich mit der Tochter am Lager der kleinen Christel zusammentreffen mußte? Zufall giebt es nicht; alles ist vorhergesehen. Es kommt nur darauf an, die höheren Winke recht zu verstehen.« – Kopfschüttelnd las die Witwe diese Zeilen. Jetzt ertönte vom Garten herauf, durch das offene Fenster ein knarrendes Geräusch. Die Frau horchte auf; das war die Gartenthür. Schnell legte sie das Tagebuch in die Mappe, dann schlich sie zum Fenster und lugte vorsichtig hinab. Eine lange, hagere Gestalt wurde auf dem Gartenwege sichtbar; das war ja nur der Kantor. Völlig beruhigt trat sie ans Fenster und rief: »Wenzel – heda, Wenzel!« Der Kantor blickte suchend am Hause empor, die Hand über die Augen haltend, gegen die Sonne. Als er das Gesicht der Pastorin am Fenster erkannte, zeigte er lachend seine schlechten Zähne. »Ich wollte zum Pfarrer.« »Der ist nicht zu Hause.« Sie winkte ihm bedeutungsvoll. In der Hausflur kam sie ihm entgegen. »Die Luft ist rein,« meinte sie, »willst du frühstücken?« Er hatte nichts dagegen einzuwenden. »Geh nur derweile rauf; ich mache dir was zurecht. Vor zwei Stunden kommt er nicht zurück.« Wenzel hatte nicht lange zu warten. Auf einem Brett brachte sie Butter, Brot, kaltes Fleisch, Käse und eine Weinflasche herbei. Sie setzte das Brett vor ihn auf den Tisch, dann hielt sie ihm die Flasche dicht vor die Augen: »He, du, was ist denn hier drin – he?« Er griff hastig nach der Flasche, zog den Stöpsel mit den Zähnen heraus und roch in den Hals. Nach kurzem Prüfen erklärte er: »Tokayer.« Seine dunklen Augen blinzelten lüstern. »Riecht's der Kerl richtig!« meinte sie und schenkte ein. Er schlürfte das Glas hinter, ohne abzusetzen und leckte sich dann die Lippen. Sie beobachtete ihn mit verschränkten Armen, dabei stehend, voll Vergnügen. »Danke dir, Julie,« sagte er und griff nach ihr mit seinen langen, mageren Armen, um sie zu umfassen. Sie wich, ohne Entrüstung zu zeigen, ein wenig zurück. Als er noch weiter zudringlich wurde, brachte sie den Tisch zwischen sich und ihn. »Iß nur jetzt! Nachher setzt's noch ein Glas.« Er fing an, einzuhauen. Während des Essens ließ er seine unruhig leuchtenden Blicke auf ihrer Gestalt herumkreuzen. Mit vollen Backen kauend, fragte er nach Gerland. Die Witwe begann sofort allerhand auszukramen; sie machte sich weidlich über den Geistlichen lustig. Alle Welt betrog ihn und hatte ihn zum besten, meinte sie; er sei aber auch gar zu dumm. »Na, das wird alles besser werden,« meinte der Kantor, »wenn er erst wird geheiratet haben.« »Heiraten – wen denn?« fragte sie hastig. »Nun, dich – natürlich. Wen denn sonst?« Die Witwe warf dem Lehrer ein kräftiges Schimpfwort an den Kopf. Wenzel lachte kauend in sich hinein: »Na, du nähmst ihn doch gleich, Julie, wenn er dich fragte.« Sie drohte ihm jetzt, ernstlich erzürnt, mit Ohrfeigen. Er erkannte, daß er den Spaß nicht weiter treiben dürfe und aß schmunzelnd weiter. »Weshalb bist du denn eigentlich gekommen?« fragte sie nach einiger Zeit. Wegen der besprochenen Entwässerung des Pfarrgartens, erklärte er. Der Kirchbauer habe sich zu einem Vertrage verständigt, den er zur Unterschrift mitbringe. Der Kantor hatte inzwischen aufgeräumt, was ihm von Eßbarem vorgesetzt worden war. Er schielte nach der Flasche, die am anderen Ende des Tisches stand, und als die Pastorin immer noch nicht Miene machte, ihm einzuschenken, erhob er sich in seiner ganzen Länge und griff danach. Blitzschnell fuhr sie dazwischen und schlug ihm auf die Hand. »Warte, du Racker!« Er legte sich aufs Betteln. »Nein, du hast mich geärgert vorhin.« Es machte ihr Vergnügen, ihn zappeln zu lassen; sie trieb ein richtiges Spiel mit ihm, zeigte ihm die Flasche und versteckte sie, wenn er danach griff, geschickt hinter dem Rücken. Er geriet in immer größere Gier, seine Augen funkelten, sein Faungesicht verfärbte sich, auf den Backenknochen erschienen rote Flecken, Schweiß stand ihm auf der Stirn, mit den feuchten Lippen machte er unbewußt in einem fort die Bewegung des Kostens. Der Anblick, wie dieser hagere, kahlköpfige Geselle um sie herumsprang, schien die Witwe aufs höchste zu amüsieren. Es gelang ihm nicht, die Flasche zu erlangen; da veränderte er seine Methode. Er begann zu flehen und zu schmeicheln, wie ein Hündchen, sagte ihr die kräftigsten Schmeicheleien und wurde zärtlich. Damit gewann er sie endlich. Sie schenkte ihm ein; gierig goß er das Glas hinter. Sie stöpselte die Flasche sorgfältig zu und räumte das Geschirr weg. »Bezahl's Gott, Julie! Und sage dem Herrn Pastor meinen Dank,« meinte er spöttelnd. »Ich werde ein andermal wiederkommen, wegen der Drainage.« Er wollte sich entfernen. »Du, Wenzel, erst muß ich dir noch was Interessantes zeigen,« rief sie, und begab sich nach Gerlands Schreibtisch, wo sie die Mappe zur Hand nahm und öffnete. »Hier ist sein Tagebuch.« »Sein Tagebuch? Was du nicht sagst!« Wenzel setzte sich eine stählerne Brille auf die gerötete Nase und nahm das Heftchen vor die Augen. Er las, hin und wieder in einen Ausruf der Überraschung ausbrechend, oder den Kopf schüttelnd: »›Ich will diese armen Verkommenen einem höheren, sittlichen und geistlichen Ideale zuführen.‹ – Redensarten! Höhere sittliche und geistliche Ideale in Breitendorf? Ich habe dreißig Jahre in Breitendorf zugebracht. Ich kenne das.« Kantor Wenzel lachte ingrimmig in sich hinein und saß eine Weile nachdenklich da. »Er ist Idealist,« fuhr er fort. »Über den Unterricht hat er auch solche unpraktisch verrückten Ideen. Ich soll die Kinder mehr in den Geist des Christentums einführen, mit dem bisherigen Schematismus im Katechismusunterricht muß gebrochen werden. Das Auswendiglernen soll ersetzt werden durch Verstehen und Fühlen – und was dergleichen schöne Worte mehr sind. – Wir wollen uns mal nach einem Jahre wiedersprechen, – wollen mal hören, was die Schulkommission dazu sagen wird, zu derartigen Mätzchen. Er wird gehörig mit dem Kopfe an die Wand rennen, dann wird sich sein Eifer schon etwas abkühlen.« – Wenzel schob die Brille zurecht und las weiter; plötzlich lachte er laut auf: »Nein, das ist kostbar!« Er lachte so übermäßig, daß ihm die Brille auf die äußerste Spitze der großen Nase rutschte. »Was hast du denn?« »Hier, was er über dich schreibt: Pastorin Menke macht den besten Eindruck. Rührend in ihrer Witwentrauer und echtem Schmerz um den Verstorbenen, und so weiter. – Das ist ja kostbar!« Und er fuhr in seinem ausgelassenen Gelächter fort. »Halt's Maul!« rief sie ihm ärgerlich zu. »Du, Julie – das ist zu kostbar!« und er platzte von neuem los. »Warte nur übrigens, du! Über dich steht auch was drin, aber nicht gerade was Gutes.« Damit nahm sie ihm das Heft aus der Hand und begann nachzublättern. »Wo denn – wo steht was über mich?« Sie hatte inzwischen die betreffende Stelle gefunden. »Kantor Wenzel. – Wenzel kommt mir vor, wie ein Baum, der anstatt ein edler Stamm zu werden, ein Gestrüpp geworden ist. Ewig schade um so viel vergeudete Anlagen! Mir ahnt, daß die Verhältnisse viel an dem Manne verschuldet haben, am Ende ließe sich auch aus solchem Holze noch ein Werkzeug schnitzen, wenn auch kein Balken.« – Der Kantor war während des Lesens erbleicht, die Blätter zitterten in seinen Händen. Jetzt war es an der Pastorin, zu lachen. Er saß da, unruhig und verlegen; eine wunde Stelle schien berührt zu sein bei ihm. »He, was sagst du nun – he?« »Kommt noch mehr über mich?« fragte Wenzel und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Über Doktor Haußner schreibt er noch allerhand. Du – übrigens den hat er besucht, denke mal! Er ist bei ihm gewesen; ich glaube, er hat's auf die Tochter abgesehen. Was meinst du?« fragte sie mit lauernder Miene. Wenzel hörte nicht auf ihre Reden; er las die Stelle noch einmal durch, die von ihm handelte. Er wurde abwechselnd bleich und rot, und der feuchte Schimmer seiner Augen verstärkte sich. In nervöser Hast durchblätterte er das Manuskript, sein Auge blieb auf der bewußten Stelle haften. »Na, nun gieb's aber endlich mal her!« meinte die Witwe ungeduldig. »Er kommt uns womöglich noch über den Hals.« – Und nach dem Chronometer blickend: »Es ist schon ein Uhr.« Sie legte das Heftchen in die Mappe, und diese auf ihren alten Platz zurück. Es war die höchste Zeit; gleich darauf ging die Gartenthür. »Schnell 'runter ins Haus, Wenzel! Er kommt.« Der Kantor stolperte die Treppe hinab. Im Hausflur stehend, empfing er den Geistlichen, der gleich darauf eintrat. »Sie haben auf mich gewartet, Kantor; das thut mir leid,« meinte Gerland und bat ihn, ins Expeditionszimmer zu treten. Das eigentümliche Wesen des Lehrers fiel Gerland auf. Wenzels Hände zitterten. »Fehlt Ihnen etwas, Lieber?« fragte er teilnehmend. Wenzel verneinte und brachte die Angelegenheit, in der er gekommen war, zur Sprache. VII. Eines Mittags, Gerland saß noch bei Tisch mit Pastorin Menke, wurde ihm durch die Aufwartung ein Knabe gemeldet, der mit ihm sprechen wolle. Der Geistliche ließ den Jungen der Kürze halber sogleich ins Eßzimmer rufen. Er erkannte in dem halbwüchsigen, schlechtgenährten Bürschchen eines von den zahlreichen Enkelkindern der alten Marzliebs-Hanne. Der Junge blieb mit verschüchterter Miene an der Thür stehen, die Mütze in der Hand drehend, auf seine bestaubten Zehen blickend. Gerland stand vom Tische auf und trat zu ihm: »Was hast du mir auszurichten, mein Junge?« »De Grußemutter läßt och schiene bitten, und Se mechten ack schnell kimma, 's Christel wire su sihre geringe.« »Wie, der kleinen Christel geht es schlecht? Ich werde sofort kommen. – Frau Pastorin, geben Sie dem Jungen einstweilen etwas zu essen, hier gleich vom Tische.« Damit eilte Gerland auf sein Zimmer, um sich für den Gang zurechtzumachen. »Ich habe den Bengel in den Hausflur hinausgeschickt,« sagte die Pastorin, als Gerland in das Eßzimmer zurückkehrte.– »Warum das?« – »Er war mir hier zu schmutzig; draußen steht er und schlingt.« Gerland verdroß ihre Art, verächtlich von der Armut zu sprechen. Gern hätte er das Kind wieder ins Zimmer geholt, schon um ihr eine Lektion zu erteilen; aber heute war dazu keine Zeit. Er faßte den Knaben, der seinen Teller inzwischen blank ausgelöffelt hatte, an der Hand und verließ mit ihm das Pfarrhaus. Heute wählte der Geistliche den kürzeren Weg durch die Felder, die Straße, welche an Doktor Haußners Grundstück vorbeiführte, vermeidend. Eine große Anzahl Leute waren in der Ernte; an vielen Stellen erhoben sich schon die Kornpuppen. Die alte Märzliebs-Hanne hatte ihn vom Hause aus bemerkt und war ihm entgegengegangen. Sie weinte, »'s gieht uf's latzte, Herr Paster,« meinte sie unter Schluchzen; »'s gieht uf's latzte mit unsen kleenen Madel.« Gerland redete der Alten zu und verwies sie auf Gottes Güte und Allmacht. »Ich weeß, Herr Paster, ich weeß. Ich hobe ju och su gebatet, aber's hilft nischt, se hoat's Fieber zu sihre. Ne, ne, das überlab'ch ne, wenn mer der lieba Gutt, und er nimmt mer das Madel!« Sie waren in die Holzstube getreten; das Zimmer schien auf den ersten Blick leer zu sein. »De andern sein alle im Kurne, mir hoan a Scheffel a zwee gepacht.« In einem Korbe, der mit zwei Stricken an dem Hauptträger befestigt war, lag ein kleines Kind, einen Zulp im Munde. Als Gerland zufällig einen Blick nach dem Ofen warf, erblickte er dort ein paar häßliche Füße aus der Hölle herausgucken. Als er näher zusah, erkannte er den Hausvater, der wohl sein Schläfchen hielt. Der Alten war es offenbar nicht lieb, daß er diese Entdeckung gemacht hatte. »Kommen Se ack hier nei.« Damit wies sie nach der Kammer. »Ibrigens Haußnern sene Gertrud is och do.« Der Geistliche erschrak; aber es war doch mehr freudige Überraschung. Er fand die Tochter des Arztes neben dem Bette sitzend; sie erhob sich zum Gruße, als er eintrat, dann senkte sie den Blick sofort wieder. Gerland erkannte, daß der Fall ernst sei; das Gesicht der Kranken war hochrot und gedunsen, die Lippen bläulich und vertrocknet. Sie verdrehte die Augen, deren Pupillen häufig ganz im Kopfe verschwanden. Unter dem leichten Tuche, mit dem er zugedeckt, wurde der Körper in krampfartigen Schauern hin und her geworfen. Gertrud Haußner hielt die Hände der Kranken mit sanfter Gewalt auf die Bettdecke gedrückt. »Keen Bette will se nich uf sich leden,« erklärte die Alte. »Mir hoan se urndlich feste halen missa und geschriechen hoat se vurden, daß de Nubern zusammdeliefen.« Gertrud hatte den Hut abgelegt; Gerland sah zum ersten Male ihren schön geformten Kopf und den schlichten, blonden Scheitel. Er wagte es, sie anzureden – unter Herzklopfen. Eine Frage, den Zustand der Patientin betreffend, stellte er. Sie antwortete mit leiser Stimme. Die Kranke verzog jetzt den Mund schmerzlich, und stieß winselnde Töne aus, die in einem hilflosen Röcheln endeten. »Gutt, ach, lieber Gutt in deinen Himmel huben,« betete die Alte, das verwitterte Gesicht ganz von Thränen überströmt, »nee laß mer ack dos Madel, nimm ack mich lieber zu dir, ich bi alt und nischt meh nütze uf der Walt, aber das junga Laben – lieber Gutt!« – Schluchzen erstickte ihre Stimme. »Laßt uns beten!« sagte Gerland. Er kniete an dem Bette nieder, faltete die Hände, richtete den Blick aufwärts und sprach ein kurzes, inbrünstiges Gebet, wie es ihm der Augenblick eingab. Als er aufstand, bemerkte er, daß auch Gertrud die Hände gefaltet hatte; er sah, daß ihre Augen groß waren und glänzten. Sie blickte weg, als sie seinem Blicke begegnete und machte sich wieder an der Kranken zu schaffen. Gerland fragte die Alte, was eigentlich die Verschlimmerung im Zustande des Kindes herbeigeführt habe. Schon immer habe die Kranke gebettelt, erfuhr er, man möchte ihr doch einmal ihre Lieblingsspeise zubereiten: ›Quargkleesa mit Speck‹. Bisher hatte es immer an Mitteln gefehlt, um dem Kinde den Wunsch zu erfüllen, endlich war soviel Geld im Hause gewesen, um sich einen allgemeinen Festtag zu gönnen. Zu einer Art Feier war dieses Mahl geworden; die Branntweinflasche hatte nicht gefehlt. Die besten Bissen wurden der Rekonvalescentin vorgelegt, und sie hatte mit Heißhunger gegessen. Mit Vergnügen hatten sie alle zugesehen, wie es dem Christel schmeckte. Soviele gute und seltene Sachen: Quark, Zucker, Gewürz, Speck, meinten diese Thoren, müßten die Genesende vollends herstellen; sie ahnten nicht, was sie angerichtet in ihrer beschränkten Gutmütigkeit. Und als das Kind vor ihnen lag, vom Fieber geschüttelt, ächzend und in Schmerzen sich windend, standen sie ratlos da und begriffen nicht, was geschehen sei. Der Vater des sterbenden Kindes hatte sich bei Gelegenheit dieses Festes einen Rausch angetrunken, von dem er noch nicht wieder erwacht war. – Der Geistliche fühlte sich um eine Illusion ärmer. Das Verhältnis, in dem er zu dem kranken Kinde gestanden, hatte er von Anfang an als etwas Besonderes betrachtet, er war geneigt gewesen, seinem Gebete bedeutenden Einfluß auf die Genesung der Kranken zuzuschreiben; eine überirdische Macht schien ihre Hand im Spiele gehabt zu haben. Die Lösung, vor der er jetzt stand, war beredt. Die Trivialität dieses Abschlusses vor allem verletzte ihn. Daß das Kind im Sterben liege, war kaum noch zweifelhaft. Er äußerte, daß es gut sein möchte, die übrige Familie, vor allen: die Eltern des Kindes, herbeizurufen. Alle Anzeichen ließen darauf, schließen, daß es sich hier nur noch um Viertelstunden handeln könne. Die alte Hanne rief ihren Enkel, denselben, der Gerland heraufgeleitet hatte, herbei und gab ihm den Auftrag, die übrigen Familienmitglieder zu holen. Im Nebenzimmer fing jetzt der Säugling an, gottserbärmlich zu schreien; mit seinem Gummilutsch alleingelassen, mochte ihm die Zeit lang geworden sein. Die Alte lief sofort hinüber. Der Geistliche und Gertrud hörten, wie sie das Kind beruhigte. Als ihr dies gelungen war, schien sie Versuche zu machen, den Sohn aus seinem Rausche aufzuwecken. Die Sterbende, welche für einige Minuten wie bewußtlos dagelegen hatte, bekam jetzt einen erneuten Anfall; die Augen erweiterten sich, der Augapfel trat aus seiner Höhle, sie kämpfte die Bettdecke in ihren Händen zusammen und zog die Beine zum Oberkörper empor, biß die Zähne aufeinander, hin und wieder heisere Schmerzensschreie ausstoßend. Dazwischen vernahm man das ärgerliche Keifen der Alten im Nebenzimmer und die unzufriedenen, grunzenden Töne des Betrunkenen, der sich nicht in seiner Ruhe stören lassen wollte. Die Tochter des Arztes verlor ihre Ruhe nicht. Immer wieder zog sie der Kranken die Decke empor, welche die Fiebernde nicht mehr auf sich dulden wollte, stützte ihr den Kopf und strich das zerzauste Haar zurecht; mit jenem Instinkte der Frauen für das Wohlanständige, der sie selbst in außergewöhnlichster Lage nicht verläßt. Gerland folgte voll wachsender Bewunderung jeder ihrer weichen, abgerundeten Bewegungen. Die Kranke bäumte sich eben wieder hoch im Bette auf und wäre unfehlbar hinausgestürzt, wenn nicht Gertrud und der Geistliche sie mit vereinten Kräften gehalten hätten. »Kann man denn gar nichts thun?« rief Gerland entsetzt. »Ich werde meinen Vater holen,« sagte Gertrud in plötzlichem Entschlusse; sie setzte ihren Hut auf und erklärte der alten Hanne, die eben wieder eintrat, ihre Absicht. »Ju ju – rufen se ack dan Vater, Gertrud – sein Se so gutt, vielleicht kimmt ar und ar bredt nuch woas mit dan Madel.« – Gertrud verließ das Haus. Gerland bemerkte auf einmal, daß in der Kammer eine Schwüle herrschte, die er nicht länger ertragen zu können glaubte. Er trat vor die vordere Thür und blickte dem davoneilenden Mädchen nach, bis sie seinen Augen verschwand. Seine Gedanken folgten ihr noch weiter. Nein, diese schlichten, kindlichen Züge konnten nicht heucheln; sie war das, was sie schien: liebevoll und gut. Und noch eine andere Überzeugung hegte er, daß sie unschuldig sei und unverdorben – rein wie ein Bergquell. Und doch blieb sie ihm ein Rätsel. Sie war nun einmal Doktor Haußners Tochter. Wie einen körperlichen Schmerz empfand der Geistliche diese Thatsache, als er an das liebliche, sympathische Geschöpf dachte, das eben von hier gegangen. Immer wieder mußte er an den rätselhaften Ausdruck ihres Gesichtes zurückdenken, wie er es für einen Augenblick, gesehen, als er sich vom Beten erhob. Es hatte noch mehr als Innigkeit in ihrem Blicke gelegen. Vielleicht legte er zuviel in diesen Ausdruck, sah etwas, das nicht vorhanden war – aber vergessen konnte er's nicht: die gefalteten Hände, die frommen, innigen Augen. Dann erwog er, wie er dem Arzte, nach dem, was sich ereignet, gegenübertreten solle. Zurückhaltung schien das Gebotene. Doktor Haußner sollte keinen zweiten Triumph feiern; die Demütigung von neulich schmerzte noch. – Er wurde durch die Angehörigen des kranken Kindes, die jetzt herbei kamen, aus seinem Sinnen gerissen; allen voran lief die Mutter, in bloßen Armen, ein Tuch über dem Haar. Es war die höchste Zeit, daß sie kamen. Gerland bemerkte die außerordentliche Veränderung, die während der letzten halben Stunde mit dem Kinde vor sich gegangen. Das Gesicht schien verlängert, zeigte jetzt eine aschfahle Färbung, die Augen hatten den fieberischen Glanz verloren, der Körper lag ruhig – wie erstarrt. Die Mutter rief das Kind mit ihrer rauhen Stimme bei Namen, faßte die Sterbende an der Schulter und rüttelte sie. Das Mädchen wandte den Kopf und starrte die Frau an; kein Zeichen in dem fahlen Gesichte deutete darauf, daß sie die Mutter wiedererkenne. Nun kamen auch die Geschwister herbei, das älteste Mädchen mit einem ihrer Kinder auf dem Arme, die Kleineren mit verdutzten, unverständigen Mienen. Ein großes Weinen begann, als sie den Zustand der Schwester zu begreifen anfingen. Auch der Vater, der seinen Rausch nun endlich ausgeschlafen, steckte den Kopf um die Ecke, dann wagte er sich, nur mit Hemd und Hose bekleidet, näher heran. Anfangs schien er nicht recht zu wissen, um was es sich handle, stimmte aber bald in das allgemeine Lamento ein. Die Mutter des Kindes wahrte noch am meisten die Fassung, Sie äußerte zu Gerland über den Fall philosophierend: »Und doas kimmt nu alls vu dan Bissel Assen. Mer denkt, mer tut dan Kinde woas Gutts oan, und mer ließen se assen, weil's er su sihre schmacken dhat, doderweilen frißt se sich an Tud oan Hals. – Nee, aber och suwas – wer denkt denne gleich suwas.« – Und sich zu ihrem Manne wendend, der jetzt in haltlosem Schmerze über der Sterbenden lag und sie jammernd liebkoste: »Moan, laß ack dos Kind in Ruha, laß se ack. Mit dar wird nischt mih, das sah'ch nu schun. Laß se ack in Frieden gihn.« »Mei Christel – nee, du gutts, kleens Dingla,« heulte der Vater, »gih ack ne vun uns, mir hoan dich ju alle su lieb!« Die alte Hanne war an den Geistlichen herangetreten, ihr weißes Haupt zitterte; sie faßte seine Hände und meinte: »Wulln Se nich a Gebat für se sprecha, zum Heilande.« Gerland entsprach ihrem Wunsche; nachdem er sich Ruhe verschafft, sprach er das »Jesus meine Zuversicht«. Er fügte dem Liede ein Paar kurze Worte hinzu und schloß mit dem Vaterunser, in das er die Anwesenden einzufallen aufforderte. Mit bebenden Liftpen sprachen sie ihm das Gebet des Herrn nach; zerknirscht, als elende Schächer standen sie da. Sie fühlten die Schwingen des Todesengels über dem Haupte. Hier, wo der Gedanke an die eigne Hinfälligkeit so unabweisbar vor sie hintrat, wo das Grauen vor der ewigen Nacht, in die auch sie einmal hinabgestoßen werden sollten, sie überwältigte, in diesem Augenblicke waren sie wirklich fromm, da beugten sie die Kniee. Die sonst so leichtsinnigen, gleichgiltigen, stumpfen Geister waren im innersten ergriffen und zerknirscht, bereit zu glauben und zu thun, was immer für ihr Seelenheil ersprießlich schien. Es war nicht das erste Mal, daß Gerland diese Erscheinung an Sterbelagern beobachtete. – Die lautlose Stille, die nach dem gemeinsam gesprochenen Gebete eingetreten, wurde durch Schritte im Gange und ein kräftiges Pochen an der Thür des vordern Zimmers unterbrochen. Gerland wußte, wer draußen stehe. Doktor Haußner trat in die Holzstube, gefolgt von Gertrud. Mit seinen grauen Stahlaugen, die etwas von der Sonde an sich hatten, musterte er die Anwesenden; ein rascher Seitenblick streifte auch den Geistlichen. Gerland wartete, ob der Arzt ihn grüßen werde. Da er nichts dergleichen wahrnahm, blieb auch sein Rücken steif. Gertrud hatte inzwischen den Vater zu der Kranken geführt. Das Kind lag da, den Hinterkopf in die Kissen gebohrt, mit erhobenem Kinn, zusammengebissenen Zähnen, die Augen starr nach aufwärts gerichtet. Haußner musterte die Erscheinung, er sagte kein Wort. Eine ihrer Hände ergriff er am Gelenk mit prüfender Miene; er hob die Hand wie einen Gegenstand und ließ sie los – sie fiel schwer auf die Decke zurück. »Hm,« – meinte er dann, sich zu seiner Tochter wendend, »ich bin umsonst gekommen, mein Kind.« Die Familienmitglieder drängten sich heran; einzelne hatten noch nicht begriffen, was geschehen. Die alte Großmutter fragte, ob der Arzt nicht was verschreiben wolle. »Hier hilft keine Arznei mehr,« meinte Haußner trocken, »das Kind ist tot.« – Schrecken und Schmerz äußerten sich sehr verschieden bei den Einzelnen. Gerland hatte nur Augen für eine: Gertrud. Er sah eine sanfte Röte ihr weißes Gesicht überziehen und ihre großen Augen sich mit Thränen füllen; kein Zeichen von Angst oder Entsetzen trübte die kindlichen Züge. Ihr Kinn erzitterte, und ein paar Thränen liefen über die Wangen; das war alles, dann hatte sie auch schon ihr Gleichgewicht wiedergefunden. Gerland sah sie zu der alten Hanne treten, die wie vom Schlage gerührt, starr, mit leeren Augen an der Leiche stand. Die andern liefen kopflos umher, jammerten und schwatzten sinnlos durcheinander, stellten Fragen an den Arzt und den Geistlichen, ohne Antwort abzuwarten. Haußner machte eine kurze, ungeduldige Bewegung mit dem Kopfe; er schien unzufrieden, daß er zwecklos gerufen worden war. Er gab seiner Tochter ein Zeichen, daß er zu gehen wünsche. Gertrud verließ sofort die alte Frau und kam zu ihm – ein gehorsames Kind. Als würde etwas Teures unwiederbringlich von ihm gerissen, war es dem Geistlichen, als er sie mit dem Vater von dannen gehen sah. VIII. In der Kreisstadt war Missionsfest angesagt, Gerland hatte eine Aufforderung dazu erhalten. Ihm war die Gelegenheit willkommen, die Amtsbrüder der Umgegend kennen zu lernen, dann wollte er auch dem Superintendenten der Diözese seine Aufwartung machen. Er nahm für zwei Tage Abschied von Breitendorf und fuhr nach der Stadt. Superintendent Großer war derselbe, wie ihn Gerland bereits von seiner Einweisung her kannte. Dem jungen Geistlichen war es bekannt, daß er sich gern sprechen höre und so ließ er denn mit Vorbedacht dem Redefluß seines Oberen freien Lauf. Während Gerland mit scheinbarer Andacht den Worten des Superintendenten lauschte, wurde diesem ein anderer Geistlicher gemeldet: Pfarrer Polani. Das Alter des Neueintretenden war schwer zu bestimmen; er mochte ein angehender Vierziger sein. Sein Gesicht war glatt rasiert, das dunkle, seidenartig glänzende Haar lang und gut gepflegt. Pfarrer Polani schien Wert auf äußere Erscheinung zu legen; seine Halsbinde zeigte die Weiße des frischgefalleneu Schnees, der lange, schwarze Rock war durchaus Pastorat und entbehrte dabei nicht eines gewissen Chics. Gerland, der jeden Amtsbruder mit besonders kritischen Augen betrachtete, entgingen solche Äußerlichkeiten keinesfalls. Er mußte sich sagen, daß Polani mit seiner schlanken Figur und dem scharfgeschnittenen, intelligenten Gesichte eine äußerst ansprechende Persönlichkeit sei. Polani blieb nur wenige Minuten. Er entschuldigte die Kürze seines Besuches damit, daß er beim Landrat zu Mittag speise. Es schien, als lasse er diese Bemerkung nicht absichtslos fallen. Nachdem er sich vom Superintendenten verabschiedet, kam er auf Gerland zu, reichte ihm die Hand und meinte: »Wir werden uns hoffentlich ein andermal näher kennen lernen, Herr Amtsbruder.« Darauf trug er seinen schwarzen Rock und den glänzenden Cylinder mit vielem Anstand zur Thür hinaus. Das Gespräch wandte sich sofort auf den Gegangenen, Gerland erfuhr, daß Polani in einem Badeort der Nähe Pfarrer sei. Der Superintendent meinte, daß er eine besonders schwierige Stelle inne habe, weil die überwiegende Mehrheit der dortigen Bevölkerung katholisch sei. »Polani ist ein Diplomat, und darum besonders geeignet für diesen Außenposten, in partibus infidelium ,« sagte der Superintendent; und Gerland that seinem Oberen den Gefallen, über die Bemerkung zu lächeln. Superintendent Großer ließ sich noch weiter über Polani aus. Nach ihm war jener einer der tüchtigsten und brauchbarsten Geistlichen der Provinz. Er sei ein hervorragender Kanzelredner, ein äußerst gelehrter und belesener Mann, dabei ein liebenswürdiger Gesellschafter, und auch bei den weltlichen Behörden ausgezeichnet angeschrieben. Noch andere Einzelheiten erfuhr Gerland über diesen interessanten Pfarrer. Polani besaß eine schöne und wohlhabende Frau und hielt sich Equipage. Als sich Gerland nach einer halben Stunde von dem Superintendenten verabschiedet hatte, klang ihm Polanis Leumund noch in den Ohren nach. Er nahm sich vor, den Mann, wenn irgend möglich, näher kennen zu lernen. – Gerland war in dem größten Gasthofe abgestiegen, der dem Rathause gegenüber am Ringe lag. Die Stadt war überfüllt von Leuten, die dem Feste beiwohnen wollten. An der Wirtstafel hatte man für die zahlreich erschienene Geistlichkeit besonders gedeckt. Gerland saß als der Letzte einer langen Reihe von Schwarzröcken; neben ihm waren noch eine Anzahl Stühle frei. Einige Geistliche erschienen erst, als man bereits beim Braten angelangt war. Ein hochbetagter Mann wurde Gerlands Nachbar. Von Anfang an bestach ihn der Neugekommene durch seine würdige Erscheinung; milchweißes Bart- und Haupthaar umrahmten ein mildes Patriarchengesicht. Die Figur schien vom Alter nur wenig gebeugt. Der Alte war eine von den seltenen Erscheinungen, auf welche die Jahre mehr einen verschönenden als zerstörenden Einfluß ausüben. Gerland entdeckte zu seiner Freude sehr bald, daß persönliche Liebenswürdigkeit bei dem Greise Hand in Hand gehe mit einnehmender Erscheinung. Es entwickelte sich ein Gespräch zwischen ihnen. Der Alte war Landgeistlicher, er nannte den Namen seiner Parochie. Vorm Jahre habe er sein fünfzigjähriges Amtsjubiläum gefeiert, berichtete der Greis. Wie's schien, hegte er aber keineswegs die Absicht, sich emeritieren zu lassen; seine Gemeinde müsse ihm Weib und Kind und alles ersetzen, da er Witwer sei und Gott ihm keine Kinder beschert habe. Man berührte im Laufe des Gespräches die verschiedensten Gebiete. Der alte Mann hatte durchaus nichts Geistreiches an sich, seine Ansichten trugen den Stempel des Altmodischen, bei einer Gelegenheit gestand er seine Unbekanntschaft mit einer allgemein bekannten theologischen Frage offen ein. Aber die Herzlichkeit und schlichte Ehrlichkeit, die aus jedem Worte dieses Mannes sprach, ersetzte reichlich, was ihm an Kenntnissen und Geisteskultur abgehen mochte. »Ich habe fünfzig Jahre unter Bauern gelebt,« meinte er entschuldigend, »und um mir Bücher anzuschaffen, dazu reichte das Gehalt nicht, und so bin ich etwas ins Hintertreffen geraten.« Schon vorher hatte er angedeutet, daß er eine sehr kleine Stelle innehabe. »Solche Gelegenheit, wie heute, wo man viele gelehrte Leute trifft und stets etwas Neues hört, benutze ich daher um so lieber, meine Kenntnisse aufzufrischen.« Er sprach mit großem Respekt von der Gelehrsamkeit, welche die jungen Leute sich jetzt auf den Universitäten aneigneten; und Gerland hörte es nicht ungern, daß der Alte auch ihn zu diesen jungen, gescheiten Leuten rechnete. Es lag etwas Kindliches in seiner naiven Bewunderung für das Wissen, das er selbst nicht besaß. Was aber Gerland am meisten an dem greisen Amtsbruder bewunderte, war die echte und tiefe Begeisterung, die er für seinen Beruf empfand. Glauben und Pflicht schienen sich bei ihm in schönster Weise zu decken. Er hatte kein Kompromiß zwischen Überzeugung und Lebensklugheit nötig. Und dieser Mann war grau im Dienste der Kirche geworden. Eine solche Erscheinung hatte etwas ungemein Tröstliches. Während Gerland auf dieses ehrwürdige Haupt, auf die gutmütigen, kindlichen Züge blickte, fühlte er die Hoffnung in sich wachsen, daß auch er noch in dem erwählten Stande Befriedigung finden möchte. Gerland hielt bei dem Alten aus, als dieser seine Mahlzeit längst beendet und die anderen sich zum großen Teile entfernt hatten. Sie waren schließlich auf Land und Leute zu sprechen gekommen; der Alte konnte dem Jüngeren manche interessanten Aufschlüsse geben. Auch von Gerlands Vorgänger, dem Pastor Menke, wußte er zu erzählen. Sein Urteil schien Gerland besonders gewichtig, weil er durchaus parteilos war. Die Runzeln in diesem milden Greisenangesicht waren gewiß nicht durch Neid und Haß dort eingegraben worden. Gerland stutzte, als der Amtsbruder gelegentlich erklärte, Pastor Menke habe durch Intoleranz viel Unheil gestiftet. Das klang besonders bedeutungsvoll aus diesem Munde. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Amtsbruder zu fragen, ob ihm ein gewisser Doktor Haußner bekannt sei, der in Eichwald wohne. Das freundliche Gesicht des Alten nahm bei Gerlands Frage einen ernsten Ausdruck an. »Ob ich Haußner kenne? – Seine Frau war meine Nichte.« – Gerland war aufs höchste überrascht. Also hatte er die ganze Zeit über ahnungslos mit Pastor Valentin gesprochen, dessen Namen er mehr als einmal in Verbindung mit dem Haußners gehört. »Mit dem Falle Haußner verknüpfen sich für mich sehr traurige Erfahrungen.« Gerland hörte den Alten seufzen; er war auf einmal schweigsam und nachdenklich geworden und schien alten Erlebnissen nachzusinnen. Gerland hätte nur zu gern noch mehr über das angeregte Thema erfahren. Nun war er ja endlich an die richtige Quelle gekommen; hier war jemand, von dem man ein maßgebendes Urteil über Doktor Haußners Vergangenheit erwarten durfte. Sehr zu Gerlands Verdruß kam jedoch die Zeit heran, wo man an Aufbruch denken mußte; der Festgottesdienst war um zwei Uhr Nachmittags in der evangelischen Hauptkirche des Ortes angesagt. Ein Geistlicher aus der Provinzialhauptstadt hatte die Festpredigt übernommen. Als Schauplatz für das Fest war ein Garten außerhalb der Stadt gewählt worden, in welchem für gewöhnlich Vogelschießen und andere profane Festlichkeiten abgehalten wurden. Der Platz lag auf mäßiger Anhöhe, die in früheren Zeiten eine Bastion gewesen sein mochte. Man genoß von da aus einen guten Blick auf das Städtchen mit seinen verschiedenen Kirchen, von denen sich die evangelische Hauptkirche durch ihren Zwillingsturm auszeichnete, dem altertümlichen Rathause, dem Reste der alten Umwallung, dessen graues Gemäuer hier und da noch zwischen den Häusern zum Vorschein kam, und einem Gewirr von verzweigten Gassen und Gäßchen. Nach diesem Platze wurde von der Kirche aus in feierlicher Prozession gezogen. Man verfuhr dabei nicht ohne berechnete Ostentation. Der Ort war paritätisch, und man ließ eine solche Gelegenheit nicht gern vorübergehen, ohne den Katholiken zu zeigen, wie stark der evangelische Anhang sei. Der Zug stellte sich in einer engen Seitengasse neben der Hauptkirche auf und bewegte sich dann über den Ring, eine Zeit lang der städtischen Promenade folgend, hinaus nach dem Festplatze. Die Geistlichkeit marschierte geschlossen an der Spitze, voran der Festredner, der Superintendent und andere Würdenträger. Vergebens suchte Gerland nach Polanis schlanker Gestalt; der mochte wohl noch beim Landrat sein. Dafür traf sein Auge auf eine andere ihm wohlbekannte Persönlichkeit. Der breite Rücken mit dem fleischigen Halse, in den zusammengebackene Strähnen hellblonden Haares hinabhingen, konnte keinem anderen gehören, als Dornig. Gerland hatte von ihm nichts mehr gesehen und gehört, seit er neulich so plötzlich die Taufhandlung des Färbersbacher Amtsbruders verlassen. Es war nicht unmöglich, daß Dornig ihm das übelgenommen hatte. Gerland beschloß nichtsdestoweniger, ihn anzureden. In der That zeigte sich Dornig anfangs äußerst kühl. »Wirklich, bist du auch da – du machst dich ja sonst sehr rar – wirst's wohl hier auch nicht lange aushalten?« – Gerland achtete nicht auf die versteckten Spitzen. Er wollte den Schatten, der letzthin zwischen ihn und den alten Schulkameraden gefallen war, auf jeden Fall bannen. Dornig schien auch nicht gewillt, lange zu zürnen. Bald war der vertrauliche Ton zwischen ihnen wieder hergestellt. Der Pfarrer von Färbersbach war froh, einen Neuling in der Gegend gefunden zu haben, dem er die anwesenden Persönlichkeiten erklären konnte. Man war inzwischen, durch mehr als eine laubumwundene Ehrenpforte schreitend, auf dem Festplatze angekommen. Hier spielte Musik, ein gemeinsamer Choral wurde abgesungen. Auf einem Brettergerüst gegenüber der Rednertribüne hatten sich weltliche und geistliche Honoratioren zusammengefunden. Gerland erfuhr, daß jene starke Dame in heller Toilette die Landrätin sei, neben ihr saß die Frau des Bürgermeisters; auch der Landadel der Umgegend war vertreten. Auf eine große, auffällig gekleidete Brünette weisend, fragte Dornig: »Würdest du die dort, mit den roten Mohnblumen, für eine Pastorsfrau halten?« »Ist das etwa die Frau des Pfarrers Polani?« »Woher weißt du denn etwas von dem?« »Ich habe ihn heute früh beim Superintendenten getroffen.« Gerland blickte mit Interesse nach der Frau hin, die ihm als Pastorin Polani bezeichnet worden war. Sie saß im Gespräche mit zwei niedlichen, im Backfischalter stehenden, jungen Dingern – Komtessen, wie Dornig erklärte. »Die Polanis werfen sich immer an die Vornehmen heran,« flüsterte Dornig voller Gift. »Sie ist eine Fabrikantentochter aus –« er nannte ein durch seine Leinwandindustrie bekanntes Städchen. »Eine pompöse Ausstattung hat sie mitgebracht. Jeden Tag wird bei Polanis Champagner getrunken; das hat sie sich vor der Hochzeit ausgemacht.« Ihre Erscheinung fesselte Gerlands Aufmerksamkeit, er mußte immer und immer wieder nach den großen, lebhaften Augen blicken. Sie trug ein dunkles Kleid, einen schwarzen Strohhut mit roten Blumen darauf. Gerland kam es vor, als sei sie von den anwesenden Damen am gewähltesten gekleidet. Die Hauptnummer des Programms, das eigentliche Zugstück, bildete die Rede eines Missionars, der, aus Afrika zurückgekehrt, gegenwärtig in einer Herrenhuter Kolonie der Nachbarschaft weilte. In wenigen Wochen wollte er an die Stätte seiner Wirksamkeit zurückkehren. Inzwischen hatte er sich eine Braut erwählt, die ihn als Lebensgefährtin auf dem gefahrvollen Pfade begleiten sollte. Das Mädchen, in ihrem Konfirmationskleide, mit der roten Korallenkette um den Hals, machte den Eindruck eines halben Kindes. Der Missionar, ein kleiner und wenig schöner Mann, sprach ohne Redebegabung, häufig stockend, oder sich überhastend; aber auf Gerland machten seine Worte Eindruck. Es steckte Leidenschaft in dem Manne – eine heiße, innere Glut für die Sache. Der kleine Mann mit dem sommersprossenbedeckten Gesichte und dem struppigen roten Barte, der seine schwerfälligen Satzgefüge mit ein und derselben hämmernden Bewegung des rechten Armes begleitete, war kein Phrasenheld, vielmehr ein Mensch, der bereit war, seinen Glauben mit dem Leben zu bekennen. Der Ernst, welcher ihn vom Scheitel bis zu den Füßen erfüllte, gab dieser unbedeutenden Erscheinung eine gewisse Schönheit. So mochte auch seine Braut denken; Gerland bemerkte voll Rührung, wie ihre Blicke bewundernd an diesen abstoßenden Lippen hingen. – Nach dem Missionar sprach Superintendent Großer, den starken Wein, den jener geboten hatte, durch breite Geschwätzigkeit verwässernd. Schließlich trat auch Pastor Polani auf die Tribüne. Gerland empfand eine gewisse Bangigkeit – würde dieser Mann sich kleiner zeigen, als er ihn taxiert hatte? Polani erklärte, er wolle einige Briefe, die er kürzlich von einem Missionar aus Indien erhalten habe, verlesen. »Polani muß natürlich was Besonderes haben,« raunte Dornig seinem Nachbar ins Ohr. Nach Vorlesung der Briefe, die von Missionsangelegenheiten handelten, gab der Redner einen gedrängten Überblick über den Kulturzustand unter den Drawidavölkern. Er wußte mancherlei über eigentümliche Gebräuche, Lebensweise, Religion und Litteratur der Bevölkerung des Deckhans zu berichten. Schließlich verlas Polani einen von ihm selbst übersetzten Lobgesang auf den Heiland, den ein zum Christentum bekehrter Tamule verfaßt hatte. Gewählt wie sein Äußeres, war auch die Sprechweise des Geistlichen. Er erntete reichen Beifall, vor allem von seiten der Damenwelt. Die Reden nahmen sobald kein Ende. Aber die Aufnahmefähigkeit des Publikums schien erschöpft, man sprach und lachte durcheinander und schenkte den Vortragenden nur geringe Aufmerksamkeit. Einzelne Gäste fingen an sich zu entfernen. Dornig holte Gerlands Ansicht ein, wie man den Abend verbringen solle; denn da man einmal in der Stadt sei, müsse man die Gelegenheit auch ausnützen. Gerland war nicht im Zweifel, was er unter dem »die Gelegenheit ausnützen« verstehe. Seine Annahme wurde bestätigt, als er bald darauf den wohlgenährten Amtsbruder in lebhaftem Disput mit einigen jüngeren Geistlichen, über die Güte des Bieres in den verschiedenen Lokalen des Ortes, begriffen fand. Gerland empfand wenig Lust, in dieser Gesellschaft einen Abend zu verderben. Er erwog im stillen, ob er nicht sogleich den Rückweg nach Breitendorf antreten solle. Während er sich von der Menge nach dem Ausgange des Festplatzes schieben ließ, berührte ihn plötzlich eine Hand. Zu seinem Erstaunen erkannte er Polani. »Ich suchte Sie, Herr Pfarrer.« Das Gedränge ersparte dem verdutzten Gerland die Antwort, um die er auch in diesem Augenblicke verlegen gewesen wäre. Als sich die beiden auf einen ruhigeren Fleck gerettet, meinte Polani: »Zunächst gestatten Sie mir, daß ich Sie meiner Frau vorstelle – Sie ist hier in der Nähe.« – Der rote Sonnenschirm war nicht zu übersehen in der dunklen Menge; sie steuerten auf die Pastorin zu. »Ich suchte dich!« rief sie, sobald sie des Gatten ansichtig wurde. »Wollen wir nicht gehen? Es fängt an langweilig zu werden.« Polani machte sie auf Gerland aufmerksam. Sie reichte ihm sofort die Hand, lächelte entgegenkommend und erklärte, daß sie sich sehr freue. Gerland empfand die Notwendigkeit, irgend etwas zu sagen. Er begann von dem, was ihr voraussichtlich am meisten gefallen mußte: von dem eben erlebten Erfolge des Gatten. Sie gab sofort zu verstehen, daß auch sie sich lebhaft für die Drawidavölker interessiere, kramte allerhand Kenntnisse auf diesem Gebiete aus. Im großen und ganzen wiederholte sie das, was ihr Mann über das Thema gesagt hatte, hier und da ein wenig ausschmückend und nach Frauenart Ungenauigkeiten begehend. So schritt man langsam in der vorwärts drängenden Menge der Stadt zu. Gerland durchströmte ein sanftes Wohlbehagen; er hatte so lange alle feinere Geselligkeit entbehrt. Die Unterhaltung mit ihr war bequem, man brauchte sich nicht besonders anzustrengen, sie besaß Phantasie und verlangte keine Gründlichkeit. Und so floß das Gespräch leicht und gefällig, wie ein angenehm plätscherndes Wasser dahin, nicht so tief, daß man den Grund nicht hätte erkennen können – und dazu die lebhaften Augen der Frau Pastorin, die auf manches an sich ganz unbedeutende Wort ein Schlaglicht setzten. Polani ging hinter den beiden her, im Gespräche mit zwei Herren, die Gerland nicht kannte. Man war auf das schlechte Pflaster des Städtchens gekommen. Da die Drawidavölker nunmehr durchgesprochen waren, traf sich's günstig, daß die Hauptkirche mit ihrem gotischen Portale soeben ins Gesichtsfeld kam. Nun fand Gerland Gelegenheit, sein Licht leuchten zu lassen. Er sprach über die Gotik im allgemeinen und über ihre Abart in dieser Gegend im besondern; und sie hatte die Liebenswürdigkeit, auch hierfür Interesse vorzugeben. Polani war inzwischen frei geworden und kam zu den beiden. Es stellte sich heraus, daß man in demselben Gasthofe abgestiegen war. »Was unternehmen Sie heute abend?« fragte Polani. »Ich wollte eigentlich noch nach Breitendorf zurück, wenn's geht.« »Und wenn es nicht geht?« »Dann bleibe ich hier über Nacht und gehe morgen früh bei Zeiten hinaus.« »Ein tüchtiger Marsch.« »Ich bin ein guter Fußgänger.« Die Pastorin mußte ihrem Gatten ein geheimes Zeichen gegeben haben; nach kurzer Pause meinte er: »Wissen Sie was, lieber Pastor! Kommen Sie mit zu uns nach Annenbad, in meinem Wagen ist Platz für dreie. Wir fahren noch heut abend; dann haben wir morgen einen reizenden Tag zusammen, und ich lasse Sie nach Breitendorf zurückfahren, wann Sie wollen.« Gerland machte allerhand Ausflüchte; er könne das nicht annehmen, meinte er. »Was wollen Sie denn heute abend hier anfangen?« fragte Polani. »Zu Biere gehen mit den andern in den Ratskeller? – Sie sehen mir nicht danach aus, als sei das Ihr Geschmack.« Gerland fühlte sich geschmeichelt; er schwankte bereits. Und nun fiel auch noch die Pastorin ein: »Bei uns ist es gar nicht übel. – Sie werden mal sehn! Zum mindesten werden wir eine reizende Fahrt haben, heut abend.« Gerland stand schon ganz und gar unter dem Banne ihrer dunklen Augen; er willigte ein. Während er seine Handtasche packte, gereute es ihn beinahe, so schnell zugesagt zu haben. Bedenken überkamen ihn. Was er that, war zum mindesten unvernünftig. Aber warum sollte man denn nicht einmal unvernünftig sein – einmal nur, für einen Tag; und dann beseelte ihn auch Neugier. Daß er da auf ein Paar nicht ganz alltäglicher Vögel gestoßen sei, wußte er jetzt schon. Es war ihm sehr lieb, daß er seine besten Kleider auf sich hatte; die Pastorin machte den Eindruck, als wisse sie den guten Sitz eines Rockes zu würdigen. Als er herunterkam, stand die offene Halbchaise des Geistlichen bereits vor der Thür, zwei stattliche Braune vorgespannt, ein Kutscher in anspruchslos dunkler Livree auf dem Bocke. Während Polani und Gerland vor dem Gasthofe standen, auf die Pastorin wartend, kam ein alter Mann auf sie zu, in dem Gerland, erst als er den Hut grüßend abnahm, Pfarrer Valentin wiedererkannte. Es fiel ihm selbst auf, wie schnell er den Alten über der neuen Bekanntschaft vergessen hatte. Pastor Valentin blieb bei den beiden Amtsbrüdern stehen. Er sprach seine lebhafte Freude über das aus, was er im Laufe des Nachmittags gehört hatte. Sein gutes altes Gesicht leuchtete von ehrlicher Bewunderung, als er auf die außerordentliche Gelehrsamkeit zu sprechen kam, die Polani in seinem Vortrage entwickelt habe. Er meinte, daran werde er nun wieder für Wochen zehren. Dann bat er Gerland, ihn doch ja einmal in Göhdaberg aufzusuchen. Gerland versprach, der Einladung Folge zu leisten. Inzwischen war die Pastorin heruntergekommen, sie bat um Entschuldigung, daß sie solange habe warten lassen, und stieg ein. Gerland mußte sich auf Wunsch des Ehepaares neben die Frau Pastorin in den Vordersitz setzen. Polani nahm ihnen gegenüber auf einem niedrigen Sitze Platz. So ging es rasselnd über das holperige Pflaster des Ringes, zur Stadt hinaus. Die Fahrt versprach schön zu werden. Die drückende Hitze des Tages wich eben einem klaren, windfrischen Abende. Nicht eine Wolke war zu entdecken, der Wagen flog angenehm federnd auf der Landstraße dahin, die Pastorin in einem vom Luftzuge leicht geschwellten Staubmantel lehnte bequem in die Kissen zurück, den Schirm über sich, von roten Strahlen umflutet. Die Gegenwart der schönen Frau erfüllte den jungen Mann mit einem wohligen Gefühle von Behagen. Man fuhr an einzelnen Villen, die aus der Stadt herausgebaut waren, an Gärten und Fabriken vorüber. Die dreie waren in der Laune, alles schön und bemerkenswert zu finden. Man besprach, was sich zeigte, lernte einander dabei kennen, ohne sich auszuforschen. Die Landstraße lief in einem breiten Thale hin, dem Laufe eines Flüßchens entgegen, das sich weidenbesäumt durch flache Wiesen schlängelte. Durch Dörfer gings, mit manchem schönen Herrensitze, der stolz über Bauerngehöfte und Gärtnerwohnungen emporragte. Baumgruppen und Häuser schwammen in der Ferne bereits ineinander, über den Wiesen schwebte ein leichter Dunst; der Himmel erschien heller als zuvor und leuchtete am Horizonte in gelbweißer Färbung. Die Pastorin hatte ihren Schirm vor einer ganzen Weile herabgespannt und hüllte sich enger in ihren Staubmantel. Die beiden Männer zogen die Überzieher an: vom Wasser her kam ein kühler Zug. Plötzlich wendete sie sich wieder an Gerland: »Mein Mann erzählte mir schon heute früh von Ihnen, als er Sie beim Superintendenten kennen gelernt hatte.« – Sie stockte, legte ihrem Gatten die Hand aufs Knie und fragte: »Arthur, darf ich?« – »Erzähle nur, wenn du willst. Ich habe ja, soviel ich mich entsinne, nichts Ungünstiges über Pfarrer Gerland geäußert.« »Mein Mann erzählte mir, er habe soeben einen Amtsbruder kennen gelernt, dessen Erscheinung und Wesen – so sagtest du, glaube ich – ihm sofort aufgefallen sei, und dessen Bekanntschaft er gern weiterpflegen möchte.« »Ich hatte genau dieselbe Empfindung Ihrem Gatten gegenüber,« versicherte Gerland. »Ach, sehen Sie, und darum freue ich mich so, daß Sie unsere Einladung angenommen haben.« Die Dämmerung, welche den Gesichtsausdruck zu verhüllen begann, begünstigte die Offenheit, mit der die Unterhaltung jetzt geführt wurde. Allen dreien that die gegenseitige Anerkennung wohl. Für Gerland war die Zuvorkommenheit dieser Frau wie ein süßer Trank, der ihn mit sanftem Rausche umnebelte. Von der Bedenklichkeit, die ihm Frauen gegenüber sonst eigen war, fühlte er sich heute ganz befreit; er legte auf einmal Talent zur Unterhaltung an den Tag. Da sie ihn nach seiner Familie und seinem früheren Leben fragte, erzählte er eine Menge Dinge, über die er kaum jemals zu irgend einem Menschen gesprochen hatte. Voll geheimem Entzücken merkte er, daß er fessle mit seinen Erzählungen. Auch über Breitendorf und seine jetzige Lebensweise wollte sie hören. Merkwürdig, er berichtete darüber in komischem Tone. Noch nie war es ihm bisher eingefallen, seine Umgebung von der lächerlichen Seite zu betrachten. Das Lachen dieser Frau verführte ihn dazu. Die Sprache der Leute, ihre hinterwäldlerischen Sitten und Gewohnheiten, mußten herhalten, um sie zu unterhalten. Auch über die Pastorin Menke machte er sich lustig. Sie fragte sofort, wie alt diese Frau sei, und neckte ihn mit der reizenden Witwe. Von Doktor Haußner und seiner Tochter erzählte Gerland nichts, obgleich es ihm ein paar mal auf der Zunge lag, auch davon anzufangen. Wie unendlich weit schien ihm alles gerückt, was sonst sein Interesse am lebhaftesten in Anspruch nahm; er befand sich in einem beseligten Taumel – so leicht, so frei, so zum Leichtsinn aufgelegt. Man hatte inzwischen das Flußthal verlassen und fuhr über einen bewaldeten Bergrücken. Als der Wald aufhörte, zeigten sich rechts und links der Straße wieder Häuser, im Villenstil gehalten, und in abgeschlossenen Gärten gelegen. Dann kreuzte man eine Promenade; von einem erleuchteten Gebäude her ertönte Musik. Der Kursaal, wie Polani erklärte. Man war in Annenbad angelangt. Die evangelische Kirche lag am äußersten Ende des Städtchens, das Pfarrhaus dicht daneben. Ein Mädchen öffnete; man begab sich in ein Parterrezimmer. Hier stand der Tisch gedeckt, die Pastorin legte eigenhändig ein drittes Couvert auf. Auf einem Nebentische glänzte der Theekessel, dessen Wasser bald zu brodeln anfing. Etwas wie Neid stieg in Gerland auf gegen Polani, der alles dies so als selbstverständlich hinnahm, mit ruhiger Würde sein Abendbrot verzehrte und gar nicht zu empfinden schien, welch entzückendes Wesen ihm den Thee zurecht machte. Seit drei Jahren waren sie verheiratet. Kinder schienen sie nicht zu haben – Gerland hatte mehrfach an diese Möglichkeit gedacht, aber nicht zu fragen gewagt. Die Tafel war reich besetzt. Gerland erneuerte alte Bekanntschaften mit Delikatessen, die er in seiner Breitendorfer Eremitage nie zu sehen bekam. Das Geschirr, die Ausstattung des Zimmers waren eleganter, als Gerland sie je zuvor in einem evangelischen Pfarrhause gesehen. Manches von Dornigs hämischen Bemerkungen stieg jetzt wieder in Gerlands Erinnerung auf. Etwas Kaltes lag in Polanis Zügen, das Auge war nicht seelenvoll, der Mund konnte Härte ausdrücken. Mit dem überscharfen Auge des Eifersüchtigen beobachtete Gerland den Verkehr der beiden Eheleute. Polani bat um ein Stück Brot; sie sprang auf und schnitt es am Buffett. Gerland nannte dies Tyrannei in seinem Herzen. Sie bot sich an, dem Gatten die Kartoffeln zu schälen; der Eifersüchtige fand, daß er sich bedienen lasse, wie ein Pascha. Polani ließ es sich schmecken, er zog das Mahl in die Länge. Auf seinen Befehl wurde noch eine Flasche besonderen Rheinweins aus dem Keller hervorgeholt. Der Wirt stieß auf das Wohl des Gastes an. Seine Kordialität erweckte nur Gerlands ärgerliche Mißbilligung; es schien also doch wahr, Polani war in Materialismus versunken. Gerland war einsilbig geworden; Polani leitete jetzt das Gespräch. Anknüpfend an eine auf der Fahrt gemachte Bemerkung, sprach er über die Gegenreformation und besonders über die Thätigkeit des Jesuitenordens. Gerland konnte sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß der andere große Kenntnisse besitze und sie interessant vorzubringen wisse. Aber der Gedanke, daß all dies angelerntes Wissen und daß Polani im Grunde doch nur ein Doktrinär sei, tröstete ihn geradezu. Erst gegen Mitternacht fand sich Gerland auf seinem Schlafzimmer allein. Es erschien ihm unnütz, zu Bett zu gehen; er kannte sich darin, in solcher Stimmung konnte er nicht einschlafen. Von einem bequemen Lehnstuhle aus, das großblumige Muster der Tapete verfolgend, ließ er sich von der Flutung seiner Gedanken tragen. Wie schnell sich Beziehungen zwischen Menschen anknüpfen! Vor zwölf Stunden hatte er nichts davon geahnt, daß diese Frau überhaupt in der Welt lebe, und jetzt war es ihm schon, als sei er seit Jahren mit ihr befreundet. Immer wieder durchlebte er den verflossenen Nachmittag, wog jedes ihrer Worte, wie einen Schatz, den der Finder liebäugelnd nach allen Seiten dreht und wendet. Er hatte Eindruck auf sie gemacht, er gefiel – sie bewunderte ihn wohl gar – das schien aus ihren Worten und noch mehr aus ihren Blicken – diesen besonderen Blicken, die sie für ihn gehabt – hervorzugehen. Wie süß dieses Bewußtsein war, sich verstanden zu wissen von einer Frau. Er nannte es vor sich selbst »verstanden«. Einzelne Gedanken standen als Ankläger gegen ihn auf. Sein Verhalten war sittlich nicht zu rechtfertigen, aber es gab Entschuldigungen für ihn. War eine Seelenfreundschaft etwas Verbotenes? – Würden nicht einem solchen Verhältnisse die edelsten Keime entsprießen? Was ihn heute erhoben und beseligt hatte, konnte unmöglich schlecht sein. Und doch konnte er sein Verhalten mit der Lehre des Heilands nicht in Einklang bringen. Es herrschte wieder jener Zwiespalt in seiner Seele, wie in allen wichtigen Augenblicken des Lebens. Das Christentum beherrschte eben doch nicht sein Dasein, so wie er es fordern mußte. Von hundert seiner Gedanken waren gewiß neunundneunzig weltlicher Natur. Dieses Bewußtsein, das ihn als jungen Menschen zu blutigen Thränen und leiblichen Kasteiungen getrieben hatte, überfiel ihn auch jetzt wieder mit ganzer Trostlosigkeit. Er war lange nicht schlicht genug, ihm fehlte jene Demut und Einfalt, wie sie die ersten Christen ausgezeichnet haben mochte. Unter tausend äußeren Interessen verlor sich bei ihm jene große, starke Liebe, die den ganzen Menschen durchdringen soll. Er war viel zu sehr moderner Mensch, voll Skepsis und Nervosität. All dem ansteckenden Wesen hatte er entfliehen wollen. Aus dem Gefühle dieser Krankheit heraus war in ihm der Wunsch nach Einsamkeit, Weltabgeschiedenheit, einfachen Menschen erwachsen; deshalb war er nach Breitendorf gegangen. Was hatte es ihm genützt! Die Versuchung, der er entwichen, war ihm nachgezogen; oder vielmehr, er hatte ihre Keime mit sich hinausgetragen. Wieder war das Gleichgewicht semer Seele gestört. Das Fleisch, das er kreuzigen sollte, wollte leben. Und in alter bekannter Gestalt standen die Gespenster des Zweifels um ihn. – IX. »Lieber Pastor!« meinte Polani beim Frühstück. »Sie haben die Wahl, wollen Sie sich mir anschließen, ich habe einen Gang vor in die Parochie; oder ziehen Sie vor, in Gesellschaft meiner Frau sich unseren Ort anzusehen? – Aber, wie gesagt – ganz wie Sie wollen.« Die Pastorin antwortete an seiner Stelle: »Laß Herrn Gerland nur mit mir gehen, Arthur; er muß doch den Kursaal sehen und die Promenade. Nicht wahr, Herr Gerland, das macht Ihnen mehr Spaß, als langweilige Krankenbesuche; gestehen Sie es nur offen!« »Von einer freien Wahl ist da kaum mehr die Rede,« meinte der Gatte spottend. Polani machte sich sofort nach dem Frühstück auf den Weg. Die Pastorin lief ihm nach, als er schon in der halbgeöffneten Thür war und umarmte ihn. Polani lächelte, küßte sie mit kühler Miene auf die Stirn und ging dann. Sie kehrte errötend zu Gerland zurück. Befangenheit beherrschte die beiden während der nächsten Minuten. Die Frau war voll unnatürlicher Gesprächigkeit; dann kam sie auf einen Einfall, der beiden wie eine Erlösung erschien: »Ich will Ihnen doch mal unser Haus zeigen.« – Sie führte ihn durch eine Flucht von Zimmern. Vor allem in ihrem Salon gab es viel zu sehen. Als er die bunte excentrische Einrichtung dieses Raumes betrachtete, überkam ihn ein Gefühl des Befremdens; er faßte sich ein Herz und sagte ihr, daß er solchen Luxus in Pfarrhäusern nicht gewohnt sei. Sie lachte, seine Bemerkung schien ihr nicht zu mißfallen. »Ich bin auch keine gewöhnliche Pastorsfrau – will es gar nicht sein,« meinte sie und sah ihm übermütig in die Augen; dann etwas ernster: »Machen Sie mir wirklich einen Vorwurf daraus, daß ich ein wenig Geschmack besitze? Sehen Sie, man muß doch einen Spaß haben in der Welt!« Das Studierzimmer des Pastors lag neben ihrem Salon; es war einfacher eingerichtet. Eine ansehnliche Büchersammlung nahm den größten Teil der Wände ein. Gerland konnte sich eines Ausrufes staunender Freude nicht enthalten, als er die wohlgeordneten Reihen sah. Der bloße Anblick dieser prächtigen Rücken sprach für Echtheit und Gehalt der dickleibigen Bände. Er wollte sich daran machen, die Titel zu studieren; aber sie rief ihn davon weg, nach dem Schreibtische des Gatten. Hier standen Photographieen in glänzenden Rahmen. Sie nahm eines der Bilder zur Hand und wischte den Staub davon; sie selbst war es, im Ballkleide mit bloßen Schultern und Armen. »Das bin ich als Mädchen,« sagte sie und reichte ihm das Bild. »Seit ich verheiratet bin, habe ich keinen Schritt mehr getanzt. – Würden Sie Ihrer Frau das Tanzen verbieten, Herr Gerland?« – »Ich glaube – ja!« »Ach, wie langweilig!« – Sie setzte das Bild schnell wieder an seinen Ort. Er wollte seine Ansicht begründen, aber sie ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Lassen Sie nur, ich sehe schon, Sie sind auch so – wie soll ich sagen –« Dann sprang sie auf ein anderes Thema über. »Dort ist die Büchersammlung; das ist Arthurs ganze Passion. Er ist der reine Bücherwurm, sage ich Ihnen. Er kann es gar nicht vertragen, wenn ich ihn beim Lesen störe. Das ist, glaube ich, das einzige, womit man ihn wirklich böse machen kann. – Ich lese übrigens auch sehr viel, er hat mich damit angesteckt. Was soll man schließlich den ganzen Tag anfangen!« »Was lesen Sie hauptsächlich, wenn ich fragen darf?« »Alles, was er mir giebt. – Wissen Sie, Herr Gerland, mein Mann ist ein sehr gescheiter Mensch, das glauben Sie wohl gar nicht?« Gerland erklärte, daß er sich davon in den ersten zehn Minuten der Bekanntschaft überzeugt habe. Sie begann ihren Mann zu preisen, geradezu, als wolle sie ihn verteidigen – gegen wen, war nicht abzusehen. Dann plötzlich rief sie: »Jetzt wollen wir ausgehen; bitte, warten Sie hier einen Augenblick, ich will mich zurechtmachen.« Sie blieb lange weg. Gerland fand inzwischen Muße, die Büchersammlung zu mustern; theologische Schriften wogen vor. Er fand da von den Kirchenvätern und den Reformatoren die hervorragendsten Namen vertreten. Dann die mittelalterliche Scholastik und Mystik. Von den Philosophen: Wolf, Leibnitz, Spinoza, Kant, Jacobi, Herder, Fichte; von den neueren: Schleiermacher, Hegel, Feuerbach, Lange, die Tübinger Schule, die englischen Moralisten, den Rationalismus in seinen bedeutendsten Vertretern, bis herab zur modernsten Theologie. – Manches Buch war da, das man nicht auf dem Bücherbrette eines Geistlichen gesucht hätte. Französische, englische und deutsche Unterhaltungsbücher standen in einer besonderen Abteilung. Die Pastorin trat jetzt in das Zimmer, in hellem Promenadenkleid; Hut und Schirm von gleicher Farbe. Sie verließen das Haus durch die Hinterthür und schritten durch den Pfarrgarten. Gerland sprach seine Bewunderung über die Blumen aus; sie bekundete keinerlei Interesse dafür. »Das besorgt alles eine Frau von nebenan,« meinte sie. »Wollen Sie etwa die Kirche sehen?« fragte sie stehenbleibend. »Viel ist nicht daran; übrigens, das können Sie auch ein andermal, wenn Sie wiederkommen. Und dann müssen Sie Arthur predigen hören; während der Badesaison ist die Kirche immer so voll, daß kein Apfel zur Erde kann.« – Durch ein Pförtchen am Ende des Gartens gelangte man direkt in die Anlagen des Badeortes. Gerland sah unter ihrer Führung die Hauptsehenswürdigkeiten: das Kurhaus, die Wandelbahn, das Brunnenhaus. Auf Veranlassung der Pastorin mußte er auch einen Becher des Hauptquells trinken. Auf der Brunnenpromenade erregte ihre Erscheinung ein gewisses Aufsehen, von vielen wurde sie gegrüßt. Man schritt jetzt eine schattige Kastanienallee hinab, daneben lief die Fahrstraße. Die Aufmerksamkeit der Pastorin wurde plötzlich durch einen eleganten Zweispänner in Anspruch genommen, der die Straße herab kam. Ein Herr in hellem Anzuge saß auf dem Bocke, hinter ihm der Kutscher in dunkelblauem Livreerock mit verschränkten Armen. Der Herr auf dem Wagen schien die Pastorin erkannt zu haben. Er parierte die Pferde aus stärkstem Trabe, warf dem Kutscher die Zügel zu, sprang vom Wagen und kam über den frisch angesäten Rasenstreifen, der die Promenade begrenzte, auf sie zugeschritten. Schon von weitem zog er den Strohhut, riß sich die Fahrhandschuhe von den Händen. Dann als er vor ihr stand, verbeugte er sich tief und küßte ihr die Hand. Der Herr mochte Ende der zwanzig sein. Er war von großer, hagerer Figur mit langgezogenem, bartlosem Gesicht von braunroter Farbe, aus dem eine scharfe Hakennase weit vorsprang. Beim Lachen zeigte sein großer Mund starke, gesunde Zähne. Der Kopf war auffällig und glich in seiner vornehmen Häßlichkeit einem rassigen Pferdegesicht. Das Haar war fast bis auf die Kopfhaut herab geschoren, der magere Hals mit dem ausgeprägten Kehlkopfe ragte aus einem blauen Hemdkragen hervor. Die außerordentliche Magerkeit dieser langen Gestalt wurde etwas durch den weiten, bauschigen Flanellanzug verdeckt. So stand er vor der Pastorin, Hut in der Hand. Sie bat ihn schließlich, sich zu bedecken. Sie machte die Herren miteinander bekannt; zu Gerlands Staunen hörte er den Namen: Graf Mahdem. Hatte er in diesem jungen Manne wirklich seinen Patronatsherrn vor sich? Dem Alter nach konnte er es immerhin sein. Gerland hatte kurz nach seinem Antritt dem Patron von Breitendorf den schuldigen Besuch auf seiner Herrschaft Althaus gemacht, ohne ihn anzutreffen. Es hieß damals, der Graf sei noch nicht von Berlin zurück. Man schritt jetzt die Allee zu dreien herab. Gerland war verwundert über den kordialen Ton, den Graf Mahdem der Pastorin gegenüber anschlug. Die Hände in den Rocktaschen, schritt er nachlässig neben ihr her, halb ihr zugewandt und ihr unverfroren ins Gesicht blickend. Sie schien sein Benehmen nicht unpassend zu finden. Leicht und elastisch schritt sie dahin, sah sich selbstbewußt um, nicht unangenehm berührt, daß die Blicke der zahlreichen Spaziergänger auf sie und die außergewöhnliche Erscheinung ihres Begleiters gerichtet waren. So bummelte man wohl ein halbdutzendmal auf und ab; der Graf klemmte hin und wieder sein Monocle ein und musterte die Badegäste. Aus einigen Bemerkungen, die er machte, erfuhr Gerland, daß die Hauptquelle des Badeortes Eigentum des Grafen sei. Am unteren Ende der Allee erschien jetzt Polani zu Gerlands großer Freude, der sich so ganz außerhalb der Unterhaltung in peinlicher Lage befand. »Ah, da ist ja auch der Gatte,« rief der Graf. Polani schien ebenfalls gut mit dem Grafen bekannt zu sein. Man schüttelte sich lebhaft die Hände. »Ich habe wirklich fabelhaftes Glück,« meinte der Graf, »komme hierher, um mal den Brunnen zu visitieren, und treffe gleich Herrn und Frau Pastor.« »Sie kommen doch zu Tisch zu uns, Herr Graf,« bat die Pastorin. Der Eingeladene verbeugte sich tief. »Also um zwei Uhr,« meinte sie. »Sie sehen, wir halten an der spießbürgerlichen Mittagsstunde fest.« Graf Mahdem verabschiedete sich von ihr, indem er ihr abermals den Handschuh küßte, dann trat er zu Gerland, der bis dahin nicht für ihn existiert hatte; er reichte ihm die Hand und meinte: »Es freut mich, Sie kennen gelernt zu haben, Herr Pastor; habe sehr bedauert, daß Sie sich im Frühjahr umsonst nach Althaus bemüht haben. Hoffe ein andermal!« – Damit riß er den Hut noch einmal vom kahlgeschorenen Kopfe und eilte dann im Laufschritt nach seinem Wagen, der auf der Straße nebenan hielt. Gerland hatte sich seinen Patronatsherrn etwas anders vorgestellt. Er äußerte diese Ansicht unverhohlen Polani gegenüber. »Machen Sie mir den nicht schlecht,« fiel die Pastorin ein; »er ist ein ganz reizender Mensch.« Auch Polani rühmte ihn. Nach seiner Aussage war der Graf ein junger Mann von nicht alltäglicher Begabung. Im Laufe des Gespräches erfuhr Gerland daß Polanis Bekanntschaft mit dem Grafen älteren Ursprungs sei. Polani war in seiner Kandidatenzeit Erzieher in einem Magnaten-Hause gewesen, dort hatte er den jungen Grafen Mahdem, einen Verwandten, mit erzogen. Man schritt jetzt dem Pfarrhause zu. Die Pastorin wollte, wie sie sagte, noch einige Vorbereitungen für den unvorhergesehenen Gast treffen. »Ich habe Diakonus Fröschel für heute zu Tisch gebeten, Agathe,« erwähnte Polani. »Den Diakonus!« rief sie und blieb mitten auf dem Wege stehen. »Ja, ich wünschte, daß Pastor Gerland ihn kennen lernen solle.« »Gerade heute, wo der Graf bei uns speist, diesen Menschen! – Kannst du das nicht rückgängig machen?« »Nein! Das wäre eine Beleidigung, die ich Fröschel nicht anthun will.« »Ach, bei dem kommt's nicht darauf an. Bestelle ihn doch auf ein andermal.« »Nein, Agathe, das geht nicht!« sagte er sehr bestimmt. »Das ist wirklich zu fatal!« rief sie, verzog das Gesicht und warf dem Gatten einen feindseligen Blick zu. Polani zuckte nur die Achseln. »Nun ist mir der ganze Spaß verdorben.« Gerland bemerkte Wasser in ihren Augen. Bei Tisch war sie wieder in der besten Laune. In einem ausgeschnittenen, schwarzen Kleide, das ihren schönen Hals zur Geltung brachte, saß sie zwischen dem Grafen und Gerland. Von ihrem vorigen Grame war nicht das geringste zu bemerken. Graf Mahdem im Gehrock, mit hohem, steifem Kragen und mattleuchtender Perle in der seidenen Krawatte, sah jetzt einem Standesherrn entschieden ähnlicher als zuvor. In Diakonus Fröschel hatte sich ein unansehnlicher, blasser Mensch vorgestellt, der eine Brille trug und sich linkisch verbeugte. Es lag etwas Frühreifes, vorzeitig Gealtertes in diesem kleinen, runden Gesicht, das die kurzen, unausgeprägten Formen eines Kinderkopfes trug. Als er mit seinem abgetragenen Rock und den plumpen Stiefeln eintrat, begriff Gerland das Benehmen der Pastorin. Ihre Miene nahm einen nervös ängstlichen Ausdruck an, als der Diakonus dem Grafen vorgestellt wurde. Aber dieser reichte auch ihm huldvoll seine lange, magere Hand. Im übrigen existierten weder Gerland noch Fröschel für den Grafen. Seine Aufmerksamkeit war völlig durch die Pastorin in Anspruch genommen. Er berichtet ihr vom Leben der Berliner Hofkreise, und sie hing an seinen Lippen. Ein paar Anekdoten erzählte er, die eine starke Zumutung an ihre Leichtgläubigkeit bedeuteten. Sie lachten beide viel, auch wenn wenig Grund dazu vorlag. Ein bewußter Übermut schien sie zu beseelen. Die triumphierenden und dabei doch schuldbewußten Blicke, die sie hin und wieder nach dem Gatten und Gerland gleiten ließ, schienen zu forschen, ob ihr Benehmen jenen auch den erwünschten Verdruß bereite. Gerland blickte voll Neugier auf Polani. Dessen Mienen blieben völlig kalt, nichts in seinem Wesen deutete auf Eifersucht. Diakonus Fröschel beteiligte sich nicht an dem Gespräche, obgleich Polani wiederholt den Versuch machte, den bleichen, stillen Menschen in die Unterhaltung zu ziehen. Aber jener schien sich auf das Zuhören beschränken zu wollen. Mit kleinen, tief im Kopfe lagernden Augen, blickte er um sich, lächelte hin und wieder trübe zu einzelnen Bemerkungen. Es war merkwürdig, diese Züge wurden durch ein Lächeln nicht aufgeheitert, sie erschienen noch um einen Grad melancholischer. Polani legte eine Belesenheit und Detailkenntnis an den Tag, welche Gerland sehr bald zwang, die Rolle des Zuhörers anzunehmen. Dann wurde durch eine plötzliche Wendung des Gespräches naturwissenschaftliches Gebiet gestreift. Hier zeigte Polani eine gewisse Reserve, die Gerland nicht entging. Daß er die Ergebnisse der neuesten Forschung kenne, und daß er Stellung dazu genommen, nahm Gerland von einem Mannes wie Polani, an. Es reizte ihn ungemein, gerade hierhin die Ansichten des älteren Amtsbruders zu erkunden; daß Polani ein Mensch sei, der sein Innerstes mit vielfachen Verkleidungen verschanzt hielt, war ihm nachgerade klar geworden. Gerland machte einige Bemerkungen, die als Köder dienen sollten, auf den jener stoßen möchte. »Das scheint mir die größte Frage für den gebildeten Christen,« meinte er, »ja vielleicht die größte Frage unserer Zeit überhaupt: wie setzt man sich mit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung auseinander? Wie stellt man sich zu den Resultaten der Forschung? Denn daß Resultate, ganz bedeutende Resultate, vorliegen, das können und dürfen wir doch nicht leugnen, wenn wir ehrlich sein wollen.« Noch ehe Polani geantwortet, mischte sich hier auf einmal die Pastorin ganz unerwarteter Weise ins Gespräch: »Naturwissenschaftliche Forschung?« ließ sie sich vernehmen, »damit meinen sie wohl Darwin? Pfui! von dem mag ich gar nichts hören. Vom Affen stammen wir nicht ab – das ist ja zu geschmacklos.« Gerland konnte sich nicht enthalten, zu lachen. Diakonus Fröschel rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her und rieb sich nervös die Hände. »Meine Ansicht ist die,« sagte der Graf, von der andern Seite des Tisches, »daß man mit solchen Dingen nicht spaßen soll; dazu sind sie viel zu ernst.« Sein Gesicht nahm dabei einen indignierten Ausdruck an. Gerland glaubte, daß diese Bemerkung seines Patronatsherrn auf ihn gemünzt sei; er sann noch über eine passende Antwort nach, als zu seinem nicht geringen Staunen Diakonus Fröschel das Wort ergriff: »Natürlich sind das sehr ernste Dinge, die ernstesten, die es überhaupt giebt. Aber gerade deshalb soll man sich mit ihnen abgeben, nicht sie totschweigen. – Ein Vogelstraußverfahren ist hier geradezu Verbrechen.« Der Diakonus hatte das hastig hervorgestoßen; er war noch bleicher als sonst, und Gerland fühlte ihn neben sich zittern. Das lange Gesicht des Grafen wurde noch länger; er öffnete den Mund, ohne etwas zu sagen. Die Pastorin, wohl in der Absicht, der fatalen Situation ein Ende zu bereiten, rief: »Daß solche Bücher überhaupt gedruckt werden dürfen, begreife ich gar nicht!« »Welche Bücher?« fragte Gerland. »Nun eben solche – das müßte verboten werden.« »Allerdings eine einfache Lösung der Frage,« meinte Fröschel halblaut. Graf Mahdem hatte sich inzwischen so weit von seinem Staunen erholt, daß er eine Antwort geben konnte. »Es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, daß freie Ansichten selbst unter den Theologen Anhänger zu finden scheinen. Kein Wunder dann, allerdings, wenn die Verwilderung im Volke erschreckende Fortschritte macht.« Er sah sich herausfordernd um, ob jemand hierauf noch etwas erwidern würde. Fröschel wollte etwas sagen, verstummte aber plötzlich; das traurige Lächeln erschien wieder auf seinem kränklichen Gesichte, während er in sich zurück sank. Der Graf schien sich als Sieger zu betrachten, er nahm eine selbstzufriedene Miene an, und bald darauf hörte Gerland, wie er die Pastorin fragte: »Haben Sie »Auf Gottes Wegen« gelesen, gnädige Frau? Ein wirklich gutes Buch, von einem positiven Christen geschrieben; wenn Sie gestatten, schicke ich es Ihnen zu.« – Im Salon der Pastorin, wo man nach Tisch den Kaffee einnahm, hatten sich Gerland und Diakonus Fröschel, abseits von den anderen, in einer Fensternische zusammengefunden. Jeder von ihnen hatte viel Unausgesprochenes auf dem Herzen behalten. Mit Staunen sah Gerland, wie der stille Mensch, der ihm einen knabenhaft unbedeutenden Eindruck gemacht hatte, sich als eine höchst eigenartige Individualität entpuppte. Schmalschultrig, mit gekrümmtem Rücken, stand der kleine, gebrechliche Mann vor ihm, nervös die Finger gegeneinander reibend. Das Tischgespräch hatte Fröschel offenbar an einer empfindlichen Stelle verletzt. Auf seinen Backen zeigte sich etwas wie Röte; die kleinen, versunkenen Augen funkelten unstät hinter den Brillengläsern. Man hatte zunächst einige allgemeine Bemerkungen gewechselt: über Herkunft, Studienzeit und gemeinsame Bekannte. Aber das waren nur Präliminarien; jeder wußte von dem anderen, daß er ihm Bedeutsameres mitzuteilen habe, und jeder wartete auf den anderen, daß er den Anfang machen solle. Nachdem man so eine Weile Fühler nach einander ausgestreckt hatte, nahm plötzlich Fröschel die Hände auf den Rücken, richtete sich auf und blickte Gerland mit einem scharfen Blicke an. »Sie sprachen da vorhin von dem Gegensatze zweier Weltanschauungen,« sagte er, »der religiösen und der wissenschaftlichen – so will ich mich einmal der Kürze wegen ausdrücken. – Sie schienen beiden Anschauungen Existenzberechtigung zuzugestehen. – Habe ich Sie darin recht verstanden?« »Allerdings! Und ich sagte, daß es mir das größte Problem der Zukunft erscheine, wie diese beiden sich scheinbar ausschließenden Weltanschauungen zu vereinigen seien.« – »Die eine Weltanschauung wird die andere vernichten, das scheint mir die einzig mögliche Lösung.« »Sie halten ein Aufgehen in einander, für ausgeschlossen?« »Für völlig ausgeschlossen! Ebensogut könnten Sie hoffen, daß sich Wasser und Feuer dermaleinst zu einem neuen Elemente vereinigen lassen möchte. Freilich, bei Gott ist alles möglich; aber das werden Sie mir zugeben, Wunder sind keine Argumente – und, wie eine derartige Vereinigung ohne ein Wunder eintreten könnte, kann ich nicht absehen.« Gerland blickte mit wachsendem Staunen auf den Sprecher. Auf was für einen merkwürdigen Gesellen war er da gestoßen! »Entweder man glaubt,« rief Fröschel, »oder man glaubt nicht, Tertium non datur! Die eine Weltanschauung schließt die andere aus.« Er blickte Gerland herausfordernd an und wippte sich auf den Spitzen seiner plumpen Stiefeln. »Erlauben Sie,« erwiderte ihm Gerland, »hier handelt es sich doch eigentlich gar nicht um verschiedene Weltanschauungen.« »So, um was denn?« Gerland suchte für einen Augenblick nach Worten, um einen ihm selbst noch nicht geläufigen, eben erst gefundenen Gedanken auszuprägen. »Nicht um eine Weltanschauung handelt es sich, sondern um eine Fähigkeit, um eine Disposition der Seele, wenn Sie so wollen. Glaube, das heißt in diesem Sinne Fähigkeit, sagen wir: Wille zum Glauben. Den objektiven Glauben, das Dogma, allerdings wird man schwer vereinigen können mit den Resultaten moderner Forschung. Hier steht eben Theorie gegen Theorie, System gegen System. Aber der Glaube, von dem ich spreche, ist ein subjektiver, eine Fähigkeit, ein bestimmter Zustand der Seele.« »Also, Ihr Glaube wäre am letzten Ende einer Kantschen Kategorie sehr ähnlich –« »Jetzt haben wir uns verstanden.« »Was Sie da sagen, klingt nicht gerade sehr lutherisch; damit kommen wir auf die trostloseste aller Lehren, die Prädestinationslehre. Der eine ist von vornherein zum Glauben befähigt, der andere zum Unglauben – kann es etwas Gröberes, etwas Roheres geben? Der Mensch ist der Spielball höherer, parteiischer Mächte. Dann ist alles Zufall. Persönliche Freiheit, Individualität, Selbstzucht, haben damit ein Ende. Glauben Sie mir, in den Abgrund dieser Frage habe ich geblickt. Der Glaube ist eine Fähigkeit; damit verdammen wir alle Suchenden, alle Zweifelnden, die nach neuer Wahrheit dürsten – also die Besten. Die alle werden, wenn Ihr Wort wahr ist, in Verzweiflung getrieben.« »Natürlich, die Fähigkeit zum Glauben kann auch verscherzt werden,« meinte Gerland voll Eifer, »wie alle guten Eigenschaften, die Gott in uns gelegt. Nicht umsonst sagt Christus: ›Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählet‹.« »Und Paulus sagt: ›So erbarmet er sich nun, welches er will, und verstocket, welchen er will,‹« erwiderte Fröschel. »Sie sehen, ich kenne mein Neues Testament auch.« »Ich kann mein Herz verstocken gegen die göttliche Gnade. Wer nicht glaubt, verfinstert sein Gewissen.« Fröschel blickte den anderen mit schnellem, forschendem Blicke von der Seite an, als wollte er fragen: ›Meinst du das wirklich aufrichtig?‹ Dann flog ein Zug von Spott um seinen Mund. »Um so schlimmer für den armen Schächer von Menschen! Vielleicht ist ihm die Fähigkeit zum Glauben, von der Sie sprachen, von Natur versagt, dann kann er sich von vornherein die Worte über Dantes Infernum zum Wahlspruche nehmen. Oder er gehört zu den Auserwählten – auch dann ist er nicht sicher, in der Gotteskindschaft zu bleiben. – Nein, mit Ihrer Erklärung kommen wir nicht weiter. Sie übersehen, daß der Glaube zwei Seiten hat, von denen die eine nicht ohne die andere bestehen kann; subjektiver und objektiver Glaube müssen sich decken. Ich habe alles zu glauben oder nichts. Denn die christliche Lehre ist ein System, und man kann nicht willkürlich einzelne Steine herausreißen, ohne das Ganze zum Sturze zu bringen. Behaupten, daß man nicht an die Empfängnis durch den heiligen Geist und die Himmelfahrt glauben könne, wohl aber an die Auferstehung und Erhöhung, das ist entweder Mangel an Logik oder Mangel an Wahrhaftigkeit. Es kommt eben schließlich doch auf das heraus, was ich behauptet habe. Unglaube und Glaube schließen einander aus. Darüber giebt es nur zwei Brücken, und beide sind schlecht. Kompromiß heißt die eine – unsere weichliche, verbildete Generation benutzt sie mit Vorliebe – den ernstlich Suchenden, der nicht Bequemlichkeit will, sondern Wahrheit, den trägt diese Brücke nicht. Das andere Mittel, den Abgrund zu verdecken, ist das schlimmere: die Lüge. Ich spreche hier nicht von Selbstbetrug, verstehen Sie mich wohl: von der Lüge, der bewußten Lüge, spreche ich. Ich könnte Beispiele anführen, wenn ich wollte, aus nächster Nähe. Man kann sehr hochangesehen sein und über und über von Tugend und Ehrbarkeit glänzen – und dabei ein Lügner und Schauspieler sein durch und durch!« – Der kleine Mann war sehr erregt, auf seinen Backenknochen zeichneten sich runde, rötliche Flecke ab. Es lag etwas persönlich Gereiztes, Giftiges in seinen letzten Worten. Er sprach hastig und mit gedämpfter Stimme, häufig nach dem anderen Ende des Zimmers blickend, wo Polani, der Graf und die Pastorin bei Kaffee, Cigarre und Liqueur um einen kleinen, niederen Tisch saßen. Es war keine Gefahr vorhanden, daß jene ihn hören konnten, sie waren ganz mit sich selbst beschäftigt und schienen sich, ihrem häufigen Lachen nach zu schließen, vortrefflich zu unterhalten. Gerland folgte unwillkürlich Fröschels Blicken. Wen meinte er – den Grafen? – Daß er von Polani in dieser Weise sprechen könne, wollte Gerland nicht in den Sinn. Wie eine Antwort darauf erklang es aus Fröschels Munde: »Tausendmal lieber, als solche Schlangen, sind mir Leute, wie der Graf dort. Sie werden sich vielleicht gewundert haben, daß ich heute Mittag auf seine letzte Bemerkung nichts erwiderte. Es giebt ein Stadium des Dünkels, das unangreifbar ist. Aber solche Leute sind wenigstens konsequent und aus einem Gusse in ihrer beschränkten Sphäre. Wohl ihnen! Sie sind die eigentlich Zufriedenen; sie besitzen die Wahrheit handgreiflich, – so wie man Geld und Gut besitzt. Sie sitzen auf ihren wohl mit Positivismus gefüllten Säcken. Es fällt mir gar nicht ein, ihnen diesen ihren Seelenzustand zu verargen – im Gegenteil, ich könnte sie beneiden. Mit solcher Veranlagung muß sich's sehr bequem leben. Aber ganz was andres ist es, wenn einer genau weiß, daß diese Säcke Sand enthalten und trotzdem vorgiebt, es sei lauteres, unverfälschtes Gold darin; den Ruin der Firma kennen und dennoch weiterwirtschaften mit glattem, ruhigem, freundlich lächelndem Gesichte – so thun, als wäre alles in schönster Ordnung – keine Gefahr vorhanden, keine Fäulnis – nicht alles in Zersetzung begriffen, in Auflösung – die alten Werte längst morsch und wurmstichig, durch und durch – erstarrte Götzenbilder mit thönernen Füßen, ohne Herz, mit wackelnden Köpfen – und helfen, diesen Puppen immer wieder neue Kleider anfertigen, um ihre lächerliche Nacktheit zu verstecken – recht eigentlich, Flicken auf Flicken nähen und Risse verkleistern – Sehen Sie, das ist in meinen Augen die Thatigkeit des modernen Theologen.« – Es war schwer zu sagen, ob er aus Mangel an Atem hier abbrach, oder weil ihn die Wucht seiner Empfindungen überwältigte. Auch Gerland war still; er brauchte einige Zeit, um sich von seinem Staunen zu erholen. »Das müssen Sie mir erklären.« Aber Fröschel wollte auf keine Fortführung des Gespräches eingehen; fast schien es, als bereue er, zuviel von seinem Innersten gezeigt zu haben. Gerland meinte, da man so viele Berührungspunkte gefunden, dürfe man nicht scheiden, ohne sich ganz ausgesprochen zu haben. – Fröschel schüttelte eigensinnig den Kopf: »Es hat keinen Zweck – gar keinen Zweck.« Graf Mahdem unterbrach sie; er hatte seinen Wagen bestellt und kam jetzt auf Gerland zugeschritten. »Ein paar Worte mit Ihnen, mein Herr Pastor!« Der Graf zeigte sich jetzt weit weniger zugeknöpft, als zuvor; das Diner und die Unterhaltung mit der Pastorin hatten ihn offenbar in joviale Stimmung versetzt. Er habe bisher wenig Gelegenheit gehabt, sich um die kirchlichen Verhältnisse auf seinen Besitzungen zu kümmern, erklärte er; aber das habe seinen Grund nicht in Mangel an Interesse. »Im Gegenteil, ich interessiere mich außerordentlich für das Religiöse. Ich halte die Kirche für die wichtigste Institution in unserer Zeit; für die Institution, mit der wir stehen und fallen. Ordnung und Moral und alles Übrige« – dieses Übrige sollte eine vage Handbewegung ausdrücken – »alles das ruht eben doch schließlich auf der Religion.« Der Graf begann sich dann näher nach der Gemeinde zu erkundigen. Im allgemeinen schien er nicht viel von den Breitendorfer Verhältnissen zu wissen; nur über zweierlei fand ihn Gerland genauer unterrichtet: daß Pastor Menke seine ehemalige Wirtschafterin geheiratet habe; und: »das skandalöse Benehmen dieses atheistischen Doktors – wie heißt er doch gleich?« »Der Herr Graf meinen jedenfalls Doktor Haußner in Eichwald.« »Haußner, ganz recht!« – Graf Mahdem erging sich darauf des weiteren über den bekannten Zwist des Arztes mit den kirchlichen Organen; er bezeichnete Haußner als den »Schandfleck der Gegend« und erklärte, daß er viel darum geben würde, wenn man ihn auf irgend eine Weise »fortgraulen« könne. Gerland hielt es nicht für nötig, anzudeuten, daß er mit Haußner in persönliche Berührung getreten sei. Er verhielt sich dem Grafen gegenüber vorsichtig. Diese plötzliche, unvermittelte Leutseligkeit seines Patronatsherrn war verdächtig; er hatte das Gefühl, daß ihm auf den Zahn gefühlt werden solle. »Der Kirchenbesuch ist doch hoffentlich gut?« fragte der Graf. Gerland bejahte. »Das freut mich zu hören – freut mich sehr; denn das ist ja doch schließlich die Hauptsache.« – Er nickte. »Wie gesagt, ich werde nächstens einmal nach Breitendorf kommen und mich persönlich vom Stande der Dinge überzeugen. Bis dahin auf Wiedersehn, mein Herr Pastor.« – Mit verbindlicher Miene reichte er Gerland die Hand. Mit Handkuß und einem besonderen Blicke nahm der Graf Abschied von der Pastorin. Gerland sah sich nach Fröschel um; der Diakonus war bereits gegangen. Gerlands Abschied von der Pastorin war kurz und frostig. Polani begleitete den Amtsbruder bis vor den Ort, um ihm den Weg nach Breitendorf zu zeigen. »Nun, was sagen Sie zu meinem Diakonus?« fragte er. »Ein merkwürdiger Mensch – was?« Dann rühmte er Fröschels Kenntnisse und stellte seiner Begabung ein ausgezeichnetes Zeugnis aus. Gerland wartete auf das »aber«, das voraussichtlich diesen Lobsprüchen folgen würde – und richtig, es kam. »Schade, schade, um den jungen Menschen!« meinte Polani; »er zersetzt sich in seiner eigenen Schärfe. Das taugt nicht für einen Theologen.« Bald darauf trennte man sich. Polani sprach noch einmal die Bitte aus, daß Gerland nach Annenbad herüberkommen möge, so oft immer es seine Zeit erlaube. – Auf dem mehrstündigen Heimwege fand Gerland reichlich Zeit, den Eindrücken der beiden letzten Tage nachzuhängen; er hatte mehr denn einen interessanten Menschen kennen gelernt. Aber unter all den neuen Gesichtern, die in der Erinnerung dieser zwei Tage vor ihm auftauchten, war doch die merkwürdigste und nachdenkenswerteste Erscheinung der kleine Diakonus mit dem blassen Kindergesicht, den versunkenen Augen und dem bitteren Leidenszug um die schmalen Lippen. X. Es war Sonntag, Pfarrer Gerland saß in seiner Gartenlaube und las; er hatte wieder einmal seinen Kant vorgenommen, der sonst auf dem Bücherbrette verstaubte. Die Laube in der Ecke des Gartens war sein Lieblingsplatz, hier konnte er lesen, von niemandem belauscht und von nichts gestört, als höchstens einmal von einem Falter, der sich zu ihm verirrte und ihn mit Surren umschwärmte. Hinter ihm schlief das Dorf, kein Wagen rasselte zum Feiertage auf der Dorfstraße, kein Webstuhl klapperte, nur hin und wieder schlug ein Hund an, weithin hörbar durch die Stille und von der Turmuhr fiel der Stundenschlag in regelmäßigen Zwischenräumen. Gerland liebte es, in dem Stahlbade Kantscher Philosophie von Zeit zu Zeit seinen Geist zu stärken; aber heute kam der junge Geistliche zu keiner rechten Aufmerksamkeit. Vor ihm auf dem wackeligen Holztische lag das alte Buch, das er als Student antiquarisch erworben hatte. Er blickte über die gelben Blätter hinaus in den Garten nach seinen Rosenstöcken, die eben zum zweiten Male blühen wollten. Jeder Windhauch, der durch die offene Thür zu ihm hereindrang, war geschwängert mit betäubendem Blütenduft. Jetzt ging die Thür im Pfarrhause, die Klingel spielte die ihm so wohl bekannte Tonleiter auf und abwärts; er lauschte, Schritte näherten sich. Die kräftige Gestalt der Pastorswitwe erschien in der Thür; sie trug ein bunt karriertes Kleid und einen Hut mit rosa Blumen. Gerland hatte sich schon oft im stillen über ihre Vorliebe für schreiende Farben belustigt. »Ich gehe aus,« sagte sie und verschwand lächelnd. Er hörte, wie sie durch das Gartenthor schritt; sie ging wohl zu ihren Freundinnen ins Dorf in diesem Aufzuge. Seine Gedanken sprangen von ihr auf den verstorbenen Pastor über. Menke hatte diese Laube angelegt. Sie hatte ihm gesagt, wie manche Stunde sie hier mit ihrem Seligen zugebracht habe. Wenn die Laube erzählen könnte! – – Gerland hatte ein Bild von Menke gesehen: ein grobsinnliches Gesicht, aus dem nichts sprach, als niedere Triebe – Weg damit! Er wollte lesen. – Bald störten ihn ein paar kleine Vögel; die im Weißdorn nebenan mit impertinentem Zwitschern sich belustigten. Er stand auf; es schienen Graumeisen zu sein. Wieder setzte er sich und fuhr zu lesen fort, wo er aufgehört hatte. Wie kam es nur, daß, alle diese nüchternen, gedruckten Zeichen verlöschend, plötzlich die Gestalt der schönen Pastorin von Annenbad vor ihm stand, mit roten Lippen und unkeuschen Augen, wie sie ihn häufig bei Tag- und Nachtzeiten verfolgte. Aber heute sollte ihn diese Vision nicht stören; er zwang seine Gedanken in das Buch. Doch er war nicht in der Stimmung für methaphysische Studien. Diese fleischlosen Abstraktionen sahen ihn an, wie Leichengesichter – eine Gesellschaft, in der er nichts zu suchen hatte. Der Duft von Rosen und Reseda schien stärker zu werden, je mehr der Abend hereinsank; die Vögel lärmten in den Büschen. Die Dämmerung verwischte die Zeilen vor seinen Augen; er legte das Buch weg und träumte in den Abend hinein. – Jetzt ertönten Schritte auf dem Fußsteige draußen, der an dem pastorlichen Gartenzaune vorbeiführte; junge Mädchen mußten es sein, sie schwatzten und kicherten. Nicht lange darauf kam ein Troß Burschen lachend und lärmend desselben Weges. Gerland wußte, wo sie sich hinbegaben. Der Weg führte auf eine bewaldete Kuppe hinter dem Dorfe, welche Gemeindeeigentum war. Dieses Büschchen bildete ein beliebtes Stelldichein für die Jugend des Ortes. Jeden Sonntag, im Laufe des Sommers, sah er die Jünglinge und Jungfrauen von Breitendorf gegen Abend dort hinausziehen. Er hatte mit dem Gemeindevorsteher und einigen Kirchenvätern bereits darüber Rücksprache genommen, wie dieser Unsitte zu steuern sei; aber, es war ihm erwidert worden, daß seit unvordenklicher Zeit sich die Breitendorfer Buben und Mädchen in dem Gemeindewäldchen getroffen hätten – fast schien es, als habe er da eine altehrwürdige Institution des Ortes angegriffen. Heute war es etwas wie Neid, was sich in die Brust des jungen Geistlichen einschleichen wollte, als er aus der Ferne das Gelächter vernahm. Mit Studien war's nichts mehr; ein Gefühl großer Unruhe überkam ihn, Sehnsucht nach Unnennbarem – die Herbheit des einsamen Lebens peinigte. Er beschloß, zu seiner Zerstreuung einen Gang zu unternehmen; unwillkürlich richteten sich seine Schritte nach Eichwald. – Als er an Doktor Haußners Grundstück vorüberkam, herrschte bereits Halbdunkel. Die Hausthür stand offen, er hörte drinnen weibliche Stimmen. Gerland blieb, gedeckt von der Mauer, stehen; durch die eisernen Stäbe des Gartenthores konnte er die Stirnseite des großen Hauses bequem übersehen. Eine weibliche Gestalt trat aus dem Hause; die weiße Schürze leuchtete durch die Dämmerung. Das Gesicht war nicht zu erkennen, aber der schlanken Figur und den elastischen Bewegungen nach zu schließen, war's die Tochter des Arztes. Sie verschwand unter einer großen Linde, die seitwärts vom Hause stand. Gerland entsann sich, bei seinem neulichen Besuche dort einen runden, um den Baumstamm gefügten Tisch bemerkt zu haben. Jetzt kam auch ein anderes, mit Holzpantoffeln klapperndes Frauenzimmern die Stufen vor der Hausthür herab, offenbar eine Dienstmagd. Gerland vernahm deutlich Gertruds Stimme; sie schien anzuordnen, Gläser und Geschirr klirrten, die Magd verschwand wieder im Hause. Der Geistliche konnte sich nicht sogleich aus seiner lauschenden Stellung losreißen; der Reiz des Unerlaubten fesselte ihn an diese Stelle. Der Klang ihrer Stimme hatte ihm die ganze Persönlichkeit des Mädchens wieder ins Gedächtnis gerufen. Sein Auge hatte sich inzwischen an die Dämmerung gewöhnt. Er erkannte Gertrud nunmehr genau; sie war mit Decken des Tisches beschäftigt. Wie allerliebst sie ihm vorkam mit ihren eiligen Bewegungen und fliegenden Mädchenröcken. Jetzt lief sie ein paar Schritte nach dem Hause zu. »Abendessen – Vater!« rief sie nach den Fenstern hinauf. Eine tiefe Stimme antwortete von drinnen. Sie lief schon wieder nach dem Tische zurück, immer springend, wie ein echtes Kind. – Gerland riß sich mit Macht von dem Anblicke los und ging; er war noch trauriger geworden. Er strebte dem Walde zu. Im Holze herrschte Schwüle, die Luft war geschlossen wie im Zimmer. Mit tiefen, bellenden Tönen hörte er einen Rehbock schrecken. Er ging und ging weiter, tief in Gedanken. »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei« – dies uralte Wort der Schöpferweisheit gab heute den Grundakkord seiner Stimmung an. Die Bäume warfen Schatten; immer weißer wurden die hellen, immer schwärzer die dunklen Streifen, quer über den Weg. Wie versilbert ragten die Wipfel der Tannen in den metallfarbenen Himmel empor. Granitquadern lagen am Wege, grell vom Mondlichte getroffen, Grabsteinen gleich. Kein Lüftchen, das sich regte, unendlich einsam schien der Wald und endlos. Plötzlich, als er aus dem Hochwalde trat, erblickte er das Mondgesicht über einem schwarzen Dickicht junger Fichten. Da oben stand er, wie ein Mensch blickte er drein; die Natur erschien wie belebt, ein persönliches Element war hereingekommen. Überallhin folgte dem Wanderer die Gegenwart dieses neugierigen, melancholischen Koboldgesichtes. Durch die buschigsten Baumkronen hindurch schien er zu blicken, in jeden Winkel. Komisch in seiner Maskenstarrheit blickte er herab auf die dämmerige Landschaft. In sanfter Klarheit lag das Thal ausgebreitet, keine harten Formen, kein aufdringliches Gewirr von Linien, keine blendenden Lichter, wie sie sich im hellen Tageslichte tausendfach verwirrend in das Auge drängen – alles aufgelöst und verwischt in versöhnende, weiche, heimliche Keuschheit. Ein zarter Schleier verhüllte freundlich das Gesicht der Dinge, ließ die Schönheit der Welt ahnen, ohne ihre Alltagshäßlichkeit zu zeigen. Gerland stand lange in der Landschaft und meinte, in ihr zu verschwimmen; er hätte die Arme ausbreiten mögen und die Luft umarmen vor Sehnsucht. – Laute Tanzmusik tönte ihm vom Kretscham her entgegen, als er sich dem Dorfe, vom Walde herabkommend näherte. Durch die hohen, kirchenfensterartigen Scheiben des Gasthofs fielen helle Lichtstreifen auf die Gasse, Gruppen von jungen und alten Leuten standen davor, der Lärm war groß draußen und drinnen. Gerland befürchtete, daß die Trunkenheit arg sei. Er versuchte unbemerkt vorbei zu kommen; ändern konnte er ja doch nichts, wenigstens jetzt nicht – in diesem Augenblicke nicht. Jahre von Arbeit würden hingehen, das wußte er, ehe seine stille Arbeit Früchte tragen konnte. Mehr als dreißig Schritte mochte er schon von dem Kretscham entfernt sein, als plötzlich ein Gekreisch aus den offenen Fenstern des Tanzsaales ertönte, das die Musik übergellte, dann ein markdurchdringender Schrei, wie von wahnsinnigem Schmerze abgepreßt. Der Geistliche machte Halt; der Ton war ihm durch alle Glieder gefahren. Er lauschte voll Spannung – die Musik hatte ausgesetzt – er glaubte ein dumpfes Summen, wie von vielen Stimmen, zu vernehmen. Unwillkürlich kehrte der Geistliche um; hier mußte ein Unglück geschehen sein. Vor dem Gasthause blieb er stehen und erwog noch einmal, ob er sich einmischen solle. Nach den Fenstern des Tanzsaales hinaufblickend, konnte er eine Menge Gestalten wild durcheinander laufen sehen. In diesem Augenblicke traten einige junge Leute aus dem Hause, in großer Aufregung durcheinander sprechend. Alle redeten auf einen hochgewachsenen, jungen Menschen ein: »Mach d'ch furt, Karle! – Er blutt wie a Schwein!« – Soviel konnte Gerland gerade noch verstehen, dann sah er den Troß im Geschwindschritt in der nächtlichen Gasse verschwinden. Er beschloß hinaufzugehen. In einer Ecke des dunsterfüllten Tanzsaales sah er eine Anzahl Menschen stehen. Aus dem Haufen heraus ertönte Weinen von Weibern. Er trat heran. »Der Pfarr!« erklang's von verschiedenen Seiten; man trat auseinander. Ein Körper lag am Boden. Gerland erkannte einen jungen Menschen mit bleichem, schmerzverzerrtem Gesichte und halbgeschlossenen Augen. Weste und Hosenbund waren geöffnet, man sah das blutbefleckte Hemde; eine dunkelrote Lache breitete sich über die Diele aus. Der Geistliche fragte die Umstehenden, was geschehen sei. »Se hoan en ein Bauch gestuchen,« war die Antwort; mehr war nicht aus den Menschen herauszubekommen. Gerland ließ zunächst den Verwundeten vom Boden aufheben und auf ein paar Stühle legen. Die Leute waren ihm zu langsam und unbeholfen dabei; er mußte das meiste selbst thun. Ob denn schon etwas geschehen sei, ob man nach dem Arzte geschickt habe, fragte er. Man blickte ihn mit stumpfen Mienen an; wie im Halbschlafe standen die Leute da. Gerland riß den Rock herunter, beugte sich über den Verwundeten. Er begann vorsichtig das Hemd von der Wunde zu entfernen, dann rief er nach Wasser. Die Energie, die sie den Geistlichen entwickeln sahen, rüttelte einige doch aus ihrer Stumpfheit auf. Man fing an, ihm zur Hand zu gehen; das gewünschte Wasser ward herbeigeschafft. Gerland konnte das Blut wegwaschen und die Verletzung bloßlegen. Er fand eine Stichwunde in der Nabelgegend. Der Geistliche überlegte, was zu thun; wie weit innere Organe verletzt seien, konnte er nicht feststellen. Augenblicklich erschien ihm der Blutverlust die größte Gefahr. Er hatte in der Studentenzeit einen Kursus als freiwilliger Krankenpfleger durchgemacht, das kam ihm jetzt zu statten. Er ließ Handtücher herbeischaffen und stellte aus ihnen eine Bandage her, die er, so gut er es verstand, dem Verwundeten anlegte; dann ließ er ihn, der nur halb bei Bewußtsein schien, ins Nebenzimmer tragen, wo er auf einem Ledersofa bessere Lagerstatt fand. Er instruierte die Leute, wie sie den Körper anzufassen und zu tragen hätten, so wie er es selbst vor Jahren gelernt hatte. Man fing an, seine Überlegenheit zu erkennen und fügte sich den Anordnungen, die er traf. Inzwischen mochte sich die Kunde, daß eine Stecherei auf dem Tanzboden stattgefunden habe, im Dorfe verbreitet haben. Eine Menge Neugieriger erschienen, deren Gesichtern das Bedauern, einen so interessanten Vorfall verpaßt zu haben, deutlich anzusehen war. Gerland beriet sich mit dem Gemeindevorsteher und einigen älteren Leuten, was zu geschehen habe. Einen Arzt gab es nicht in Breitendorf. Bis zur Stadt, wo der Kreisphysikus wohnte, war es immerhin drei Stunden. Ehe er zur Stelle, konnte sich der Verwundete längst verblutet haben. Gerland hatte sofort an Haußner gedacht; man wandte ihm ein, der Eichwalder Arzt praktiziere nicht mehr. Als vorm Jahre einem Holzfäller im gräflichen Walde das Bein von einem fallenden Stamme zerschmettert worden, habe er die Hilfe verweigert. Gerland erklärte sich bereit, den Arzt selbst herbeizuholen. Der Gemeindevorsteher riet ab. »Herr Pastor,« meinte er, »mit Haußnern is ne gut Kirschen assen. Und nu erscht a Geistlicher – vun dan will er nischt ne wissen.« Gerland blieb bei seinem Vorsätze. Er erklärte, Garantie dafür zu übernehmen, daß der Arzt diesmal seine Hilfe nicht versagen werde. Der Geistliche wußte sehr gut, wieviel er damit wage – vor diesen Leuten blamiert dazustehen, war noch das wenigste. Die Erfahrung, welche er mit Haußner gemacht, haftete frisch in seinem Gedächtnisse. Ganz im geheimen hoffte er auf einen besonderen Beistand – Gertrud! Sie war es gewesen, die ihren Vater vermocht hatte, das sterbende Enkelkind der alten Märzliebs-Hanne in Eiba aufzusuchen. – Nachdem er in Hast noch einige Anordnungen gegeben, machte er sich auf den Weg. Ein paar junge Burschen, mit einer Laterne, begleiteten den Geistlichen aus freien Stücken. Im Laufschritt ging es vorwärts, quer über Kornstoppeln und Kartoffelfelder. Aus zwei Fenstern des Erdgeschosses schimmerte noch Licht, als Gerland vor dem Grundstücke des Arztes, atemlos anlangte. Man lag also noch nicht im Schlummer, was er im stillen befürchtet hatte. Er zog mit Kraft an dem Griff des Glockenzuges, deutlich hörte man die Klingel im Hause ertönen. Der Geistliche wartete mit Herzklopfen; alles blieb still. Er klingelte ein zweites Mal, mit verdoppelter Kraft. Hinter einem der erleuchteten Fenster erschien eine dunkle Gestalt. Das Fenster wurde aufgethan, Haußners tiefe Stimme fragte, wer da sei. »Ich, Pfarrer Gerland! Ein Unglück ist geschehen. Sie werden gebeten, zu Hilfe zu kommen.« Keine Antwort erfolgte fürs erste, Haußners bärtiger Kopf verschwand. Das Fenster blieb offen, durch die Stille der Nacht konnte Gerland deutlich vornehmen, daß drinnen gesprochen wurde. Bange Minuten verstrichen. Gerland überflog noch einmal alles, was er von dem Manne da drinnen wußte: den Streit Haußners mit der Behörde wegen des Religionsunterrichts der Kinder, seinen Austritt aus der Landeskirche, seinen Zwist mit der Geistlichkeit, den Bannfluch, den man über ihn gesprochen – und die Katastrophe: der Tod der Kinder, die Scene mit Pastor Menke über den frischen Gräbern – und was man über Haußners Verhalten der eigenen Frau gegenüber gehört, die er angeblich in den Wahnsinn getrieben hatte. – Alles das stand vor Gerlands Seele mit jener unheimlichen Deutlichkeit, die solchen Augenblicken gespannter Erwartung eigen ist. Endlich that sich die Hausthür auf; Haußner kam selbst herab, um das Thor zu öffnen. Auf der Schwelle des Hauses stand ein weibliches Wesen, mit einer Lampe in der Hand. Gerland trat ein; die begleitenden Burschen bedeutete er, draußen zu warten. Die Gestalt mit der Lampe kam die Stufen herab – es war niemand anders, als Gertrud. Das Herz des jungen Geistlichen hüpfte vor Freuden, nun schien ihm seine Sache schon halb gewonnen. Man trat in ein großes Zimmer; Vater und Tochter hatten hier offenbar noch zu später Stunde beisammengesessen. Auf dem Tische lag ein aufgeschlagenes Buch und weibliche Handarbeit ausgebreitet. Gerland berichtete in Kürze den Fall und rief den Arzt um Hilfe an. Haußner schüttelte den Kopf, seine Antwort bestand in einem schroffen »Nein!« Der Geistliche wurde nur um so dringlicher. Er stellte die verzweifelte Lage des Verwundeten mit beredten Worten dar. Haußner ging im Zimmer auf und ab, die Hände in den Taschen; er hatte den Hemdkragen abgelegt, die Weste stand ihm über der breiten Brust offen. Unwillkürlich wandte sich Gerland, während er zu dem Vater sprach, hilfeflehend mit seinen Blicken an die Tochter. Das Mädchen war gleich ihm bleich vor Erregung. Er ahnte, daß sie auf seiner Seite stehe. Gerland versuchte einen Appell an Haußners gutes Herz. Der Arzt lachte höhnisch auf: »Philanthropie – kommen Sie mir, bitte, damit nicht! Das ist eine Kinderkrankheit, die ich mir vor vielen Jahren abgewöhnt habe.« Einem Haußner konnte man mit dem Hinweis auf Christenpflicht und Barmherzigkeit, der ihm auf der Zunge lag, nicht kommen, sagte sich Gerland. Er sah sich genötigt, seine Gedanken umzukleiden, sprach von der allgemein geltenden Pflicht, einem Mitmenschen, der in Lebensgefahr schwebe, beizuspringen. Bei Haußner begannen sich Zeichen aufsteigenden Ärgers zu zeigen. »Unsinn!« rief er, »das ist ja alles gedankenlose Phrase. Wo ist denn die berühmte Bruderliebe? Nirgends! Sie steht im Glasschrank bei den übrigen schönen Sachen – man hütet sich wohl, sie herauszunehmen.« Gerland meinte, der Arzt werde es doch nimmermehr auf sein Gewissen nehmen wollen, einen Menschen, dem seine Hilfe das Leben retten könne, ruhig umkommen zu lassen. Da fuhr jener auf, seine vierschrötige Gestalt belebte sich, die Augen blitzten drohend, er sprach mit erhobener Stimme: man solle ihn in Ruhe lassen, grollte er, die ganze Sache gehe ihn nichts an, mit Redensarten werde man ihn nicht fangen, man möge nach dem Kreisphysikus schicken, der sei für dergleichen angestellt. Gerland machte geltend, daß es weit sei zur Kreisstadt, und daß der Verwundete sich längst verblutet haben möchte, bis der Physikus zur Stelle sei. Er begann seine vorigen Argumente zu wiederholen. Mit vollem Bewußtsein war er aufdringlich – heute konnte er es ja sein. Er war in der günstigen Lage, scheinbar selbstlos eines anderen Sache zu führen, und dabei plaidierte er doch mindestens eben so viel für die eigene Person. Haußners Augen waren feindlich auf den Geistlichen gerichtet. Da kam diesem die längst ersehnte Hilfe von Seiten des Mädchens. Gertrud trat zum Vater und legte ihm die Hand auf die Schulter: »Geh doch, Vater – geh!« Haußner knurrte unwillig, sie wiederholte ihre Bitte eindringlicher. Er erwiderte ihr anfangs barsch: »Laß mich in Ruhe mit dem Unsinn!« Aber es war nicht mehr das Grollen des Zornes, sondern das Poltern eines Menschen, der zu der Einsicht gekommen ist, daß er wird nachgeben müssen. Sie ließ nicht nach: »Vater, es ist doch gar nicht so weit bis zum Kretscham.« Er widersprach bereits nicht mehr. Gerland hütete sich wohl, ein Wort zu äußern. Gertrud brachte des Vaters Hut herbei und machte sich daran, ihm den Hemdkragen anzuknöpfen; er ließ es, wenn auch mit mißmutiger Miene, über sich ergehen. Ob Karbollösung und Verbandwatte im Hause sei, fragte er, immer noch in ärgerlichem Tone. Sie versprach, das Gewünschte sofort zu beschaffen und eilte leichtfüßig von dannen, daß die blonden Zöpfe flogen. Der Arzt begann in den Fächern eines mächtigen Schreibtisches zu kramen; um Gerland kümmerte er sich nicht weiter. Der stand noch immer da, Hut in der Hand; er hatte jetzt Zeit, sich mit neugierigen Blicken im Zimmer umzusehen. Es war ein großer Raum, der viel bewohnt worden zu sein schien. Der Arzt mußte ein starker Raucher sein; das ganze Zimmer hatte eine Rauchatmosphäre angenommen. Gerlands forschender Blick glitt über allerhand Hausrat nach den Bücherbrettern hinüber, auf denen sich Band an Band reihte. In einem Schrank mit Glasfenstern standen Flaschen, Präparate in Essig enthaltend, auf einem anderen Schranke sah er ausgestopfte Vögel stehen. Ferner bemerkte Gerland einen Globus, Karten und eine größere Anzahl meteorologischer Instrumente in den tiefen Fensternischen. Eine große Wanduhr tickte und zeigte jetzt eben mit schnarrendem Tone die elfte Stunde an. Von Schmuck und unnützem Zierat war nichts in dem ganzen Zimmer zu erblicken. Dem Raume war anzusehen, daß hier ein gelehrter, arbeitsamer Mann wohne. – Gertrud kam mit einem Paket zurück. Der Arzt hatte inzwischen verschiedene Instrumente in seine Rocktaschen versenkt und setzte den Hut auf. Ohne ein Wort zu sagen, öffnete er die Thür und ließ den Geistlichen hinaus. Gertrud folgte den beiden Männern mit der Lampe bis zum Gartenthor. Gerland hätte ihr nur zu gern ein Wort des Dankes gesagt; aber die Gegenwart des Vaters hinderte ihn daran. Er mußte sich mit einem einfachen »gute Nacht« von ihr verabschieden. – Von den jungen Leuten gefolgt, die draußen gewartet hatten, schritten sie den Weg nach Breitendorf hinab. Ein Gespräch entwickelte sich nicht. Trotzdem Mitternacht nicht mehr weit entfernt war, trafen sie vor dem Kretscham auf eine große Menschenmenge. Das Ereignis der letzten Stunden hatte seine Anziehungskraft noch nicht verloren. Als der Geistliche mit dem Arzte erschien, ging ein Flüstern durch die Reihen, man machte lange Hälse und steckte die Köpfe zusammen: »Saht ack – nee, saht ack, dar Eichwälder Duchter!« – In dem Zimmer, wo der Verwundete lag, fanden sie ebenfalls eine Menge Neugieriger. Haußner ließ sofort räumen, dann befahl er die Fenster zu öffnen. Nur der Wirt und der Gemeindevorsteher durften bleiben. Der Wirt, der sich wichtig zu machen versuchte, erklärte, dem Patienten sei »geringe geworden.« Sie hätten befürchtet, er könne auslöschen, weil er die Augen so verdreht hätte. »Mir hoan en ane Neege Schnaps gegan – da wurd's 'n glei basser; itze schläft er.« Was der gute Mann für Schlaf gehalten, war tiefe Ohnmacht. Haußner hielt dem Verwundeten eine starke Essenz unter die Nase; er reagierte nicht im geringsten darauf. Der Arzt begann nun die Wunde bloßzulegen, »Wer hat die Bandage angelegt?« fragte er. Der Geistliche erklärte, daß er es gewesen sei. Haußner erwiderte nichts darauf. Eine Schicht schwarzen geronnenen Blutes zeigte sich, als die Leinwand entfernt war. Doktor Haußner machte sich daran, die Masse vorsichtig mit Karbolwasser zu entfernen. Die Wunde stellte sich als eine kleine, blauumränderte Öffnung dar, die nicht mehr blutete. Der Arzt erweiterte die Wundränder ein wenig mit den Fingern und führte die Sonde ein. Der Geistliche, dem derartige Dinge nichts Neues waren, hielt die Lampe. Nach einiger Zeit erhob sich der Arzt: »Die Sache ist nicht lebensgefährlich – ein paar Millimeter tiefer und das Messer hätte edlere Teile verletzt. Der starke Blutverlust stammt daher, daß ein paar Adern durchschnitten sind; die Bandage hat eine völlige Verblutung verhindert.« Fast mehr noch als über diese Thatsachen war Gerland beglückt, durch die Anerkennung, die er zwischen den Worten des Arztes lesen konnte. Dieser machte sich nun daran, von Gerland unterstützt, die Wunde von neuem zu verbinden. Der Verwundete erwachte unter ihren Händen aus seiner Ohnmacht. Haußner ordnete noch in seiner kurzen, rauhen Weise verschiedenes an. Der Patient sollte die Nacht über im Gasthofe bleiben. Gerland erklärte, den Transport am nächsten Morgen selbst beaufsichtigen zu wollen. Der Wirt und der Gemeindevorsteher waren bereit, die Nachtwache zu übernehmen. Im übrigen solle man sich an den Kreisarzt halten, erklärte Haußner, während er seine Utensilien zusammenpackte, denn er persönlich werde sich nicht weiter um den Patienten kümmern. Der junge Geistliche befand sich in merkwürdig gehobener Stimmung. Wäre er dem Drange seines überströmenden Gefühls gefolgt, so hätte er den Arzt ans Herz gedrückt und ihm in überschwenglichen Worten seine Achtung und Bewunderung versichert. Es hatte sich etwas wie ein Verhältnis herausgebildet zwischen ihnen, durch das gemeinsame Rettungswerk; so wenigstens meinte Gerland. Sie traten jetzt hinaus auf die Dorfstraße. Der Mond war verschwunden, der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt, ein Gewitter schien im Anzuge, rings am Horizonte wetterleuchtete es. Gerland wagte es unter Herzklopfen, dem Arzte seine Begleitung nach Eichwald anzubieten; aber jener meinte trocken, er kenne den Weg. Damit verschwand seine massive Gestalt im Nachtdunkel. Der Geistliche blieb nachdenklich in der Gasthofthür stehen. Die Brücke, die er im Geiste schon so oft errichtet gesehen, war immer noch nicht geschlagen, zwischen ihm und dem großen Steinhaus in Eichwald. XI. Pastor Gerland hatte jetzt, wo der Herbst mehr und mehr vorrückte und die Ernte in der Hauptsache eingebracht war, Bibelstunden eingerichtet, die er einmal wöchentlich zur Abendzeit im Schulgebäude abhielt. Besonders zahlreich war seine Zuhörerschaft eben nicht zu nennen; zur Eröffnung des Kursus waren zwar eine Anzahl Mitglieder des Gemeindekirchenrates und des Militärvereins erschienen – wohl aus persönlicher Gefälligkeit für den Geistlichen, oder weil sie damit ihre kirchliche Gesinnung zu dokumentieren wünschten – aber späterhin blieben diese offiziellen Gläubigen aus. Von Männern erschien überhaupt nur noch der alte Lumpensammler Tobis aus dem Armenhause, und der war stocktaub. Ihn mochte das warme Zimmer locken und der Wunsch, sich lieb Kind beim Herrn Pastor zu machen, der ja bei der Verteilung der Armengelder ein gewichtiges Wort mitzureden hatte. Bis auf diesen einen Vertreter der Männerwelt, bildeten nur Frauen und Kinder Gerlands Zuhörerschaft. Den jungen Geistlichen hatte dieser Beweis lauer Gesinnung von seiten der Honoratioren wohl betrübt, aber Verwunderung hatte er ihm eigentlich nicht bereitet. Er kannte diese Erscheinung bereits, sie kehrte hier wie überall wieder: der Glaube gehörte zum eisernen Bestande der sogenannten guten Gesinnung. Das Christentum war keine Herzenseigenschaft, sondern ein vorgeschriebenes Garderobenstück, das man zu besonderen Gelegenheiten hervorholte, wie den Sonntagsrock für den Kirchgang, und das man für die übrige Zeit, fein säuberlich eingepackt, vor Motten und allerhand Ungeziefer geschützt hielt. Aber Gerland ließ sich durch den Anblick des kleinen Häufleins nicht entmutigen. Die Mühseligen und Beladenen, die Zerstoßenen und Zerschlagenen, die Witwen und Waisen, die Kindlein, die Armen jeder Art, die Verachteten und Gedemütigten, das war ja die Gemeinde gewesen, die auch der Heiland am liebsten um sich gesehen hatte. Mit ganz besonderer Sorgfalt bereitete er sich für diese Vorträge vor. In einer Versammlung von Gelehrten und Wohlunterrichteten zu sprechen, war vielleicht weniger schwer, als vor diesen unmündigen Kindern und einfältigen alten Weiblein, an die Gelehrsamkeit und Geist und alle Mittel der Rhetorik verschwendet waren. Hier nutzten ihm Exegetik, Hermeneutik, Homiletik und alle auf Universität und Seminar gesammelten methodischen Kenntnisse sehr wenig; im Gegenteil, dieser komplizierte Apparat war überall im Wege. Hier galt es, sich in den Zustand ungebildeter, unentwickelter Seelen zu versetzen, etwas von der Schlichtheit und Einfalt dieser geistig Armen anzunehmen, auf ihr primitives Niveau vom Sockel der Gelehrsamkeit und des geistigen Hochmuts hinabzusteigen. – Bei dem halben Dutzend Bibelstunden, die Gerland bisher abgehalten, hatte die alte Märzliebs-Hanne noch keinmal gefehlt. Er wußte, daß es keine Kleinigkeit für die Greisin sei, den steilen Weg von Eiba nach Breitendorf zur Abendzeit hinab und hinauf zu gehen. Sie kam gewöhnlich von einem oder dem anderen ihrer Enkelkinder begleitet. Es war dem Geistlichen immer eine Erquickung, ihr altes, treues, verwittertes Gesicht unter dem Katheder zu sehen. Sie war gewiß keine von den offiziell Frommen, aber in ihrem Herzen wohnte echte Gottesfurcht und Glaubensinnigkeit, die manches Kirchenlicht beschämen mochten. Keinen Augenblick während des Vortrages wandte sie Auge und Ohr von Gerlands Lippen. Und wenn er am Schluß ein Kirchenlied anstimmen ließ, war sie es, die mit gebrochener, blecherner Greisenstimme mühsam den Strophen nachhinkte. Gerland betrat in der achten Abendstunde das Schulzimmer. Wie gewöhnlich beleuchteten die beiden auf dem Pulte aufgestellten mageren Kerzen nur eine kleine Versammlung – lauter Arme und Geringe. Sein Blick glitt über die runzligen, kopftuchverhüllten Gesichter alter Frauen, manch ein Kinderköpfchen dazwischen; gescheitelt, wenn Mädchen, borstig, wenn Knabe. Der echte Armeleutegeruch erfüllte bereits den ganzen Raum. In der äußersten Ecke hockte der taube Tobis, die alte Märzliebs-Hanne fehlte nicht auf ihrem Platze zu Gerlands Füßen. Er wollte ihr zunicken, wie er's immer that, da fiel sein Blick auf eine ungewohnte Erscheinung neben der alten Frau. Ein dunkler Hut, darunter ein Mädchengesicht mit gesenkten Augen. Träumte er denn, täuschte ihn eine Vision? Die Tochter des Eichwalder Arztes bei ihm, in der Bibelstunde! – Er fühlte sich nicht im stande, ein Gebet zu extemporieren, wie er es zur Einleitung bisher immer geübt hatte, so ganz war er außer Fassung geraten; ein Kirchenlied mußte als Lückenbüßer herhalten. Während des Gesanges gelang es ihm, sich einigermaßen zu sammeln; er bemerkte, daß Gertrud Haußner mit der alten Hanne in dasselbe Gesangbuch blickte. Das Mädchen sang, etwas ängstlich, wie es schien, und kaum vernehmbar. – In seinem Vortrag sollte ihn die Anwesenheit der Fremden auf keinen Fall stören, nahm er sich vor. Sie war unerwartet gekommen und mußte vorlieb nehmen mit dem, was sie fand. Zur Auslegung hatte er sich für heute das Gespräch Jesu mit der Samariterin aus dem Johannisevangelium gewählt. Nachdem Gerland den historischen Hintergrund mit einfachen Strichen gezeichnet, dem Verstande seiner schlichten Gemeinde sich anpassend, begann er, auf die Begebenheit selbst einzugehen. Er ließ die Gestalt dieses einfältigen, niederen Weibes aus Samaria vor ihnen lebendig werden, wie sie den fremden jüdischen Mann, den sie auf dem Brunnenrande sitzend findet, zunächst erstaunt betrachtet. Vielleicht denkt sie, er will sie zum besten haben, als er ihr von »lebendigem Wasser« spricht, das er ihr geben will; vielleicht auch überlegt sie bei sich, daß es nicht ganz richtig sein könne bei ihm und superklug erwidert sie: »Herr, hast du doch nichts, damit du schöpfest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? Bist du mehr, denn unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.« – Der Geistliche verweilte bei dem wunderbar schönen Gegensatze, in den hier Weisheit, Tiefsinn, Güte und alle edlen und vornehmen Gaben des Geistes und Gemütes, die je in einer Persönlichkeit vereinigt waren, gegenübergestellt werden der Neugier, Beschränktheit und Trivialität des Alltagsmenschen, dessen Typus dieses leicht daherschwatzende Weib ist. Und Jesu Antwort: »Wer dieses Wassers trinkt, den wird wieder dürsten, wer aber des Wassers trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillet.« Und nun auf solche Worte die pfiffige Antwort der praktischen Frau in ihrer ganzen Natürlichkeit: »Herr, gieb mir dasselbe Wasser, auf daß mich nicht dürste, daß ich nicht herkommen müsse, zu schöpfen.« – Sie ahnt noch immer nicht, wen sie vor sich hat; ihr stumpfer Blick erkennt nicht den großen Geist, der aus menschlicher Maske zu ihr spricht. Für sie ist er ein Jude, ein Fremder, mit dem ein Viertelstündchen am Brunnenrande zu verplaudern, ihr willkommene Kurzweil bedeutet. Die Geistesblitze, die über den Worten des Mannes zittern, sind ihr wohl verwunderlich, und sein eigenartiges Wesen erregt ihre Neugier, aber ihr Verstand ist zu blöde, zu beschränkt, um ihn ganz zu erkennen; er muß ihr ein Zeichen seiner Macht geben, das nicht zu hoch ist, um von ihr begriffen zu werden. So befiehlt er ihr denn, ihren Mann zu rufen, worauf sie antwortet: »Ich habe keinen Mann.« Da entlarvt er die Sünderin, daß sie bloß dasteht in ihrer Schande: »Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann. Fünf Männer hast du gehabt, und den du nun hast, der ist nicht dein Mann; da hast du recht gesagt.« – Nun endlich merkt sie, daß er kein gewöhnliches Menschenkind ist; das Zeichen seiner Allwissenheit hat gewirkt. »Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist!« ruft sie. Und da sie einen solchen mit der Gabe der Hellseherei ausgestatteten Mann vor sich zu haben glaubt, kommt sie sofort mit einem Bedenken: »Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, zu Jerusalem sei die Stätte, da man anbeten solle.« – Und seine Antwort auf diese Frage, die so recht herausgewachsen ist aus dem kleinlichen Hader religiöser Parteiungen der Zeit, ist scheinbar viel zu tief und hehr für die geringe Person, der sie erteilt wird. Es ist das erste Mal, daß der Heiland die ganze Größe und Bedeutung seiner allumfassenden weltenweiten Mission in Worten ausspricht: »Weib, glaube mir, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge, noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten. Ihr wisset nicht, was ihr anbetet. Wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Zeit, und ist schon jetzt, daß die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit; denn der Vater will haben, die ihn also anbeten. Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.« – Und in ihrem armen Kopfe blitzt beim Anhören solcher erhabenen Weisheit eine Ahnung auf. Die große, allgemeine, die ganze Welt erfüllende Hoffnung auf einen Heiland ist auch bei ihr lebendig. »Ich weiß, daß Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn derselbe kommen wird, so wird er uns alles verkündigen.« – Und darauf das große, gelassene Wort des Mannes: »Ich bin es, der mit dir redet.« – Es wurde Gerland nicht schwer, von diesem packenden Vorgange ein einfaches, lebensvolles Bild zu geben. Ob seine Zuhörer im stande waren, die psychologische Feinheit der Fabel und all die bedeutungsvollen Lichter, welche die Stelle auf Lehre und Entwicklungsgang des Herrn wirft, zu begreifen; ob es ihm gelungen war, in ihnen von diesen geheimen Beziehungen und Tiefen auch nur eine Ahnung zu erwecken, das wußte er nicht. Er hatte heute länger vorgetragen, denn je zuvor. Fast schien es zuviel für seine Gemeinde; der alte Tobis war in seiner Ecke eingenickt, einzelne der Kinder fingen an, unruhig zu werden. Diejenige, um deren Interesse es ihm am meisten zu thun war, ließ durch kein Zeichen erkennen, wie seine Worte auf sie gewirkt. Es gelang ihm nicht, Gertruds Blick zu fangen, sie blickte geflissentlich weg von ihm. – Das Gebet, das er zu Anfang versäumt hatte, sprach er heute am Schlusse und ließ dann noch ein Lied singen. Während des Gesanges quälte ihn der Gedanke, ob er sie anreden solle. Es gab tausend Fragen, die er hätte an sie richten mögen. Und gerade das, was seine Wißbegier am meisten reizte, konnte er ja doch nicht erfragen: Wie kam es, daß sie, die Tochter des Dissidenten, die Ungetaufte und religionslos Auferzogene, seine Bibelstunde aufsuchte? Hatte Doktor Haußner dazu seine Einwilligung gegeben, oder war sie ohne Vorwissen des Vaters gekommen? War es Neugier, oder Heilsbedürfnis, was sie hierher getrieben, oder vielleicht gar ein persönliches Interesse für ihn, den Geistlichen – oder war es nichts von alledem? Nachdem das Lied verklungen und er wie gewöhnlich die Bitte um den Segen des Herrn gesprochen, trat er auf die alte Frau in der ersten Bank zu und reichte ihr die Hand. Dann begrüßte er das Mädchen, eine möglichst ungezwungene Miene annehmend. Sie erwiderte ein schüchternes: »Guten Abend!« Er wußte, daß er beobachtet werde; das Erscheinen des jungen Mädchens hatte nicht verfehlt, Aufsehen zu erregen. Ein paar alte Weiber standen im Hintergrunde beieinander und warteten mit neugierigen Mienen, was weiter zwischen dem Pastor und Doktor Haußners Tochter vorgehen würde. Gertruds offenkundige Befangenheit machte auch ihn befangen, da half ihnen die Alte zur rechten Zeit über die Peinlichkeit des Augenblicks hinweg. Mit eifriger Geschwätzigkeit pries sie seine Bibelauslegung: »Nee aber, su schina wie Se 's heute gemacht hoan, Herr Pastor – nee, ich finda gur keene Wurte ne; su schiena wie das wor! Wenn de Leita und se warn dodervuna ne frumm, dernoe weeß 'ch 's ne. Wie Se alles su verklären, daß en urntlich is, als säk mersch mit dan Herrn Christus und dan samaritschen Websen. – Nee, nee, zu schiene wor doas! – Meenen Se nich och, Gertrud – hoat Se's nich och gefallen, wos der Herr Paster gesagt hoat?« – »Ja – sehr! –« Ihr niedergeschlagener Blick und heftiges Erröten bei den zudringlichen Fragen der Alten sagten ihm mehr, als sie mit noch so vielen Worten überschwenglicher Anerkennung hätte ausdrücken können. Die alte Frau grinste, blickte das Mädchen und dann den Geistlichen an, und machte ihm ein bedeutungsvolles Zeichen; sie schien ihre Hintergedanken zu haben. »Sahn Se, Gertrud,« meinte sie und tätschelte den Arm des Mädchens mit ihren braunen Fingern, »nu nahmen Se duch wengstens a schienes Angedenka mit fürt vu dar Hehmde und vu an Herrn Paster – uf de Reese.« – Gerland stutzte. »Verreisen Sie denn?« fragte er. Die Alte antwortete statt des Mädchens: »Wissen Se denn dos no ne? Se verreest duch murgen schunde.« – Den Geistlichen überraschte die Nachricht vollständig. Er erkundigte sich nach Ziel und Dauer der Reise und erfuhr von Gertrud, daß sie mit dem Vater für den Winter nach Zürich gehe. Sie hatten inzwischen das Schulzimmer verlassen, draußen war es abendlich dunkel, ein herbstlicher Regen ging nieder. Obgleich Gerland weder Schirm noch Überzieher hatte, unterließ er es nicht, die beiden Frauen zu geleiten. Sein Neues Testament barg er in der Brusttasche vor den Unbilden der Witterung. Was er soeben über Gertruds und des Arztes Abreise vernommen, beschäftigte ihn weit mehr, als er es zeigen mochte. Ob sie denn gern von Haus weg gehe, fragte er das Mädchen. Gertrud meinte, sie freue sich darauf, ihre Schulfreundinnen in Zürich wiederzusehen. Der alten Hanne wegen mußten sie langsam gehen. Die Greisin ächzte und stöhnte, ihr Enkelsohn ging neben ihr mit einem trüben Laternchen; hin und wieder stützte sie sich auf den halbwüchsigen Knaben. »Nee, lassen Se mich ack alleene, Herr Paster, gihn Se ack mit der Gertrud – gihn Se ack! Warten Se ne uf mich – gihn Se ack mit der Gertrud.« – Die Alte schien es durchaus so haben zu wollen; Gerland und das Mädchen sollten vorausgehen. Sie blieb wiederholt stehen: »Nee giht ack, giht ihr beeda. Ihr müßt ne gleba und 'r bleibt mit mir alten Websen, ich finda menen Weg schu alleene mit dan Jungen dohie. – Giht ack, giht alleene!« – Gerland wagte es nicht, ihrer Aufforderung Folge zu leisten; er fühlte sich beklommen. Die Empfindung, daß es unpassend sei, allein mit dem jungen Mädchen durch die Nacht zu gehen, hielt ihn zurück. Bis die Alte halblaut zu Gertrud äußerte: »Mach ack, daß de noch Hansa kimmst, Gertrud. Wenn de ne federst, kimmt der dei Voter wumiglich nuch ibern Hals.« – Sie war also doch ohne Vorwissen des Vaters in seinem Vortrage gewesen! Das Herz klopfte Gerland freudig bei der Entdeckung. »Ich werde mir erlauben, Sie bis vor Ihr Haus zu geleiten,« sagte er in förmlichem Tone. »Dar lieba Gutt behitta dich und bewohre dich, Gertrud!« meinte die alte Hanne zum Abschied; dann rief sie dem Mädchen noch nach: »Un kumm ack rächt gesund wieder ufs Frühjuhr, wenn dar lieba Gutt und ar läßt mich's nuch derlaba.« – Der Geistliche und Gertrud gingen jetzt mit eiligen Schritten die Fahrstraße nach Eichwald hinauf, zunächst schweigend, dann fand er, begünstigt durch die Dunkelheit, Mut zu der Frage: »Ist Ihr Herr Vater zu Haus, Fräulein?« Sie berichtete, daß der Vater zur Stadt gefahren sei, um noch vor der Abreise verschiedenes abzumachen. »Weiß er, daß Sie heute Abend in der Bibelstunde waren?« Sie zauderte mit der Antwort, dann hörte er ein hastig kaum vernehmbar geflüstertes: »Nein!« Wieder eine Pause. »Würde er's Ihnen denn verboten haben, wenn Sie's ihm gesagt hätten?« »Ich glaube – ja!« Er war mächtig erregt. So vieles drängte ihn zur Aussprache, daß seine Zunge geradezu gelähmt schien. Schwer atmend suchte er Schritt mit ihr zu halten. Sie lief jetzt beinahe – irgend eine Angst schien sie vorwärts zu treiben. Schon war man dem Haußnerschen Grundstück nahe; noch ein paar hundert Schritte und sie würde zu Hause sein. Da löste sich ihm endlich die Zunge. »Ich habe hier ein Buch,« sagte er mit zitternder Stimme, »das Neue Testament. Es stammt von meiner seligen Mutter; sie gab es mir zur Konfirmation – darf ich es Ihnen schenken – Fräulein? – Vielleicht lesen Sie darin – hin und wieder – das würde mich sehr freuen – hier!« Er hielt ihr das Buch im Dunkeln hin. Es dauerte eine Weile, ehe sie zugriff. Kein Wort des Dankes hörte er, nur das eigne und ihr Atmen. – Nun waren sie am Gartenthore angelangt, sie schloß hastig auf. Wie gebannt stand er, war ihr nicht einmal behilflich, die schwere Thür zu öffnen – lauschend, ob sie denn nichts sagen würde. Da hörte er, während sich das Thor schloß, einen Hauch, der »Danke!« bedeuten konnte. Dann drehte sich der Schlüssel, und er sah durch die Eisenstäbe einen Schatten nach dem Hause zu verschwinden. Er blieb noch eine Weile stehen, ganz untergegangen in der Flut seiner Gefühle. Wie im Traume sah er im ersten Stockwerke des großen Hauses zwei Fenster hell werden; dort also schlief sie. – Dann hob er mechanisch die Füße und schritt den Weg nach Breitendorf zurück, jetzt im heftig strömenden Regen, den er kaum bemerkte. Auf der Straße näherten sich ihm durch das Nachtdunkel vom Thal herauf ein Paar glühende Augen. Ein Fuhrwerk holperte den Berg hinauf, eine Bauernkalesche mit herabgelassenem Verdeck. Man sprach drinnen. Gerland erkannte Doktor Haußners tiefe Stimme. Hastig, um nicht erkannt zu werden, huschte der Geistliche durch den hellen Kreis, den die Laternen um das Fuhrwerk verbreiteten. XII. Der reichste Mann im Dorfe, der Großbauer Finke, hatte das Zeitliche gesegnet. Er war ein Bauer von der alten Art gewesen; am Werkeltage trug er Lederhosen, am Sonntag den schwarzen Rock und die bunte Weste, nur einmal in der Woche rasierte er sich, am Sonntag Abend. Er scheute sich nicht, wenn Not am Mann war, selbst hinter dem Pfluge herzugehen, und bis zu seinem letzten Jahre ließ er sich's nicht nehmen, an der Spitze einer langen Reihe von Knechten und Mägden als erster ins Korn zu hauen. Sein ältester und einziger Sohn war von ganz anderem Schlage. Der junge Finke ließ sich nicht Bauer nennen, sondern beanspruchte den Titel: Ökonom. Er hatte als Freiwilliger gedient – daß er nicht zum Gefreiten befördert worden, verhinderte ihn nicht, die Manieren des Offizierstandes schlecht zu kopieren – hielt sich ein Reitpferd, trug Stege an den eng anliegenden Beinkleidern, verachtete alle Handarbeit als nicht standesgemäß, und verbrauchte in einem Jahre mehr für Wein und Cigarren, als der alte Finke in seinem ganzen Leben für Knaster und dünnes Bier ausgegeben hatte. Natürlich konnte sich dieser moderne Bauer mit dem altmodischen Vater nicht vertragen. Sie hatten getrennte Wirtschaft geführt – der Sohn auf einem kleineren Gute, das er von der Mutter ererbt. Dort führte er mit seiner jungen Frau, Krämerstochter aus der Stadt, ein für Breitendorfer Verhältnisse äußerst luxuriöses Leben. Als echter Bauer ließ sich der alte Finke keinen Arzt an den Leib kommen. Dafür hatte die Besprechfrau Tonchen, die schon manchen in Breitendorf und Umgegend vom Leben zum Tode befördert, ihre Künste an ihm versucht. Der Erfolg war denn auch, daß eines Morgens die Großemagd, als sie ihrem Herrn die gewohnte Morgensuppe brachte, den alten Mann kalt im Bette vorfand. Gerland war bereits mehr als einmal auf die Thätigkeit dieser »Tonchen« – wie sie im Volksmunde allgemein hieß – aufmerksam geworden. Die Leute wandten sich mit Vorliebe an die ehemalige Hebamme, der die Konzession entzogen worden war. Daß sie mit der Behörde in Konflikt geraten, gab ihr bei der Dorfbevölkerung einen besonderen Nimbus. – Der alte Finke-Bauer war also gestorben, und der Sohn und Erbe ließ es an einer prunkhaften Bestattung nicht fehlen. Es gab »ene gruße Leiche.« Von allem soviel wie nur irgend möglich: Singechor, Glockenläuten, Leichenpredigt und Grabrede, Vorlesung des Lebenslaufes, Intonation mit Responsorium und Kollekte. Der Sohn schien, als er das Begräbnis beim Pfarrer bestellte, zu bedauern, daß die Agenda nicht noch mehr Ehren aufweist. Der Geistliche war per Wagen abgeholt und nach dem Trauerhause gefahren worden. Dort herrschte keineswegs die Ruhe, die man in der Nähe einer Leiche erwartet; vielmehr vernahm Gerland schon beim Einfahren in den Hof lautes Stimmendurcheinander und Lärmen. Der junge Finke kam ihm aus dem Hause entgegen, die breite Bauernfigur in einen neuen schwarzen Anzug von städtischem Schnitt gezwängt. Seine Versuche, die übliche Trauermiene mit den Formen des gastfreien Wirtes zu verbinden, fielen nicht besonders glücklich aus. Nach einigen angelernten, heute wahrscheinlich schon oft verwendeten Redensarten, daß es Gott also gemacht und wir Menschen uns in seinen unerforschlichen Ratschluß zu fügen hätten, forderte er den Geistlichen auf, zunächst eine Kleinigkeit anzunehmen. Was er darunter verstehe, wurde Gerland alsbald klar, als er den Geruch von Speisen und Getränken wahrnahm, der das ganze Haus erfüllte. Überall im Flur und den Wohnzimmern saßen und standen essende und trinkende Leute umher. Der Leichenschmaus war in vollem Gange, in das laute Stimmengewirr hinein klirrten Messer, Gabeln und Gläser. Eine Magd stürmte pantoffelklappernd an Gerland vorüber, in der Hand eine eben geöffnete Champagnerflasche, deren emporschäumenden Inhalt sie mit krampfhaft aufgepreßtem Daumen zurückzuhalten versuchte. Durch eine halboffene Thür erblickte der Geistliche für einen Augenblick den kahlen Kopf und die große Nase Kantor Wenzels, der mit kauenden Backen, die lange hagere Figur über einem Teller zusammengebrochen, dasaß und schlang. Der junge Finke wollte den Geistlichen in ein besonderes Zimmer führen, wo, wie er sich ausdrückte, »die feineren Herrschaften« säßen. Aber Gerland erklärte, er danke. »Sie werden mir das doch nicht anthun, Herr Pfarrer!« rief der junge Mann, der, wenn er sich zusammennahm, leidlich hochdeutsch sprach. »Der frühere Herr Pastor hat das Frühstück niemals abgewiesen bei solchen Gelegenheiten.« – Gerland lehnte aufs bestimmteste ab; er fragte, wo die Leiche aufgestellt sei. Mit der Feier habe es ja Zeit bis nach dem Frühstück, meinte der Sohn des Verstorbenen. Gerland fühlte, daß es hier gelte, ein Prinzip durchzusetzen. Er erklärte, er sei nicht gekommen, um zu frühstücken: er werde sich, bis man damit fertig sei, im Freien ergehen. Der junge Finke machte noch einige Anstrengungen, ihn von diesem Vorsatze abzubringen. Schließlich meinte er in beleidigtem Tone: »Übrigens, Sie brauchen sich nicht zu ekeln, Herr Pastor, wir werden Ihnen nichts Schlechtes vorsetzen.« Gerland verließ nichtsdestoweniger das Haus, und ging im Hofe auf und ab, in welchem die zahlreichen Wagen der Trauergäste standen. An den Fenstern erschienen neugierige Köpfe; er wußte, daß sein Thun kein geringes Aufsehen errege. Das war für den Augenblick unangenehm und doch freute er sich, seinem Vorsatze treu geblieben zu sein. Nur durch das Beispiel konnte man gegen solche Roheit ankämpfen. – Der junge Bauer kam wieder heraus. Es sei nun so weit, meinte er. Er ließ es den Geistlichen deutlich merken, daß er gekränkt sei. Wenn er das gewußt hätte, bemerkte er hämisch, würde er freilich nach einem anderen Geistlichen geschickt haben. Gerland würdigte diese Impertinenz keiner Antwort und schritt zur Leichenfeier. – Auf dem Wege zum Kirchhofe überfiel sie Regen. Kalter Wind schlug dem Geistlichen den nassen Talar an den Leib. Unter strömendem Regen zog man langsam durchs Dorf; vor dem Sarge, geführt von Kantor Wenzel, marschierten die Schulkinder mit Kruzifix und Gesang. Gerland war tief verstimmt. Das Wetter schien so recht zu seiner Stimmung zu passen. Wahrend der Grabrede und der langen Kollekte drang ihm die Kälte bis in die Knochen. Ins Pfarrhaus zurückgekehrt, kleidete er sich zähneklappernd um. Später, als der Frostzustand sich nicht legen wollte, bat er die Pastorin, ihm eine Tasse Thee zu bereiten. Die Witwe hatte der Feier auf dem Kirchhofe beigewohnt. An einigen Bemerkungen, die sie fallen ließ, merkte er, daß sie über das Vorkommnis im Trauerhause bereits unterrichtet sei. Sie meinte, Gerland habe nicht weise daran gethan, den Leichenschmaus abzulehnen. Der junge Finke sei aufs tiefste gekränkt und auch die Gäste hätten ihr Befremden ausgesprochen. Ob sie nicht gut genug für ihn seien, hätten sie gefragt; allgemein habe man sein Verhalten als Hochmut ausgelegt. Mit der unbefangensten Miene lächelnd, teilte sie ihm all dies mit, bis es Gerland schließlich zuviel wurde. Er erklärte, daß es ihm völlig gleichgiltig sei, was diese Art von ihm dächte. – Dann setzte er sich an sein Schreibpult, aber sehr bald mußte er das Arbeiten bleiben lassen. Der Schüttelfrost wurde ärger, heftiger Kopfschmerz und Übelkeit gesellten sich dazu. Er legte sich zu Bett, und verbrachte eine schlechte Nacht. Als er früh den Versuch machte, sich zu erheben, vermochte er vor Schwäche nicht auf den Beinen zu stehen; er begriff, daß die Sache ernsterer Natur sei. In Breitendorf selbst war kein Arzt. Vor Jahren hatte sich zwar ein frisch von der Universität gekommener junger Mediziner im Orte niedergelassen, aber es war ihm nicht gelungen, sich eine Praxis zu begründen. Er konnte nicht aufkommen gegen den Einfluß der alten Tonchen, die mit Besprechen und Sympathie die Leute behandelte. So räumte denn der junge Mann bald wieder das Feld. Der nächste Arzt war Doktor Herzner in Färbersbach, den Gerland durch Pastor Dornig kennen gelernt hatte. Es knüpften sich nicht gerade die angenehmsten Erinnerungen für ihn an jene Tischgesellschaft in Färbersbach – die Blasphemieen des jungen Arztes waren Gerland noch gut im Gedächtnis. Nur mit Widerwillen dachte er daran, seine Hilfe anzurufen. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig. Bis zur Kreisstadt war es weit, und so entschloß er sich denn, einen Boten nach Färbersbach zu Doktor Herzner allzuschicken. Inzwischen pflegte ihn die Witwe; ihr Eifer wurde ihm beinahe zu viel. Sie legte ihm wiederholt die Hand auf die Stirn, fühlte ihm den Puls und wollte ihn bequemer betten. Beständig hielt sie sich in seiner Nähe. Er machte Andeutungen, daß er allein sein wolle, die sie wohl hätte verstehen können; sie blieb, und er fühlte sich zu schwach, um etwas dagegen zu thun. Das Fieber stieg. Es ward ihm unleidlich warm im Bette; die Anwesenheit der Frau zwang ihn, sich zugedeckt zu halten. Zeitweise verfiel er in Halbschlaf; wenn er aufwachte, sah er sich erstaunt um. Warum kam nur der Arzt nicht? Er versuchte es, sich wach zu erhalten, indem er seine Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand fixierte, aber sie entschlüpften ihm, oder arteten in abenteuerliche Phantasieen aus. Die Pastorin war nicht mehr im Zimmer. Ja, diese Pastorin! Was für ein sonderbares Wesen! Man konnte nicht aus ihr klug werden. Wie sie ihn vorhin angelächelt hatte. – Wie lange dauerte eigentlich ihre Gnadenfrist noch? Er rechnete, zählte die Wochen und Monate, kam aber nicht damit zu Stande, – Schlaf hielt ihn schon wieder gefangen. Er träumte: in einer Hängematte liege er, und blicke in den Himmel. Ganz deutlich sah er das Himmelsblau und eine Menge kleiner weißer Wolken darüber hinweghuschen. Er hielt Kants Kritik der reinen Vernunft in der Hand und wollte lesen; es war einer seiner Bände, in marmoriertem Papier mit braunem Lederrücken, auf dem die goldenen Buchstaben schon halb verwischt waren. Auf einmal hörte er eine Stimme an seinem Ohre flüstern. Er wandte sich erstaunt um. Eine Dame stand neben ihm und legte ihm die Hand auf die Stirn, sie war merkwürdig gekleidet: Arme und Hals entblößt, fertig zum Balle, wie's schien. – Sie lächelte; an diesem Lächeln erkannte er sie wieder. Er sah ihre Augen und ihre weißen Zähne plötzlich dicht vor seinem Gesichte, als sei sie ein Raubtier, dem es nach seinem Fleische gelüste. Mit einem Schreie fuhr er auf und fand sich in seinem Bette sitzend – allein. Welch ein Traum! Er war ziemlich klar bei Sinnen und grübelte dem Geträumten nach. Beunruhigt warf er sich im Bette hin und her. Es war beinahe dunkel geworden. Jetzt glaubte er Stimmen zu vernehmen, er spannte – unten im Garten sprach man. Die Witwe war dabei, soviel konnte er heraushören. Er vernahm, wie sie kicherte – ihr wohlbekanntes helles Kichern. – Was gab es nur da unten, daß man sich so belustigte? – Wieder dämmerte er ein wenig ein, dann erweckte ihn ein Geräusch im Zimmer. Die Witwe war eingetreten. »Ist der Doktor da?« »Nein!« »Wer war denn eben unten?« »Vorhin? – Ach das war nur der Kantor. Er hatte gehört, der Herr Pastor sei nicht wohl, und kam her, um sich nach dem Befinden zu erkundigen.« ›Merkwürdig, dabei mußte so gelacht werden‹, dachte Gerland bei sich. Wenzel! Er sah ihn, wie er sich ihm zuletzt eingeprägt hatte, bei dem Leichenschmause, über dem Teller hockend schlingen. Wenzel!–Und wieder schwanden ihm die Gedanken. – Als er das nächste Mal aufwachte, standen zwei Gestalten an seinem Bette. Es bedurfte einiger Zeit, bis er herausgefunden hatte, wer diese Männer in dunklen Überziehern seien. In dem jungen Menschen, der näher stand, erkannte er den Färbersbacher Arzt; die andere gedrungene Gestalt, die sich gegen das helle Fenster abhob, schien Dornig zu sein. Die Witwe war auch nicht fern. Man unterhielt sich im Flüstertone. Eine Nachtlampe brannte im Zimmer. Die Pastorin erzählte Gerlands Krankheitsgeschichte in ihrer Art, mit starken Übertreibungen. Gerland verdroß ihre Wichtigthuerei. Doktor Herzner schien zu bemerken, was den Kranken störe; er bat die Pastorin doch eine Wassersuppe für den Patienten herzustellen. Die Witwe entfernte sich, Dornig trat jetzt an das Bett. »Na, was machst du denn für Geschichten, alter Junge!« rief er mit einer Stimme, die den ganzen Raum erfüllte. »Bitte, nicht so laut, Pastor Dornig!« meinte der Arzt. »Sie sind hier nicht auf der Kanzel.« Dornig lachte dröhnend. »Na, Sie thun ja wirklich, als ob's bereits zum letzten ginge. Aber das macht ihr Ärzte ja immer so, um hernachen mit euren Wunderkuren zu prahlen.« »Sie irren sich, Pastor Dornig, wir sind es nicht, die mit Wundern manipulieren.« Dornig war durch die schnelle Antwort des Arztes etwas aus dem Texte gebracht. »Was wird's denn weiter sein, als ein bißchen Schnupfen,« meinte er. »Mehr ist es doch; wenn auch von Lebensgefahr keine Rede ist.« »Ich hoffe, er übersteht's, obgleich er Sie zum Arzte hat.« – Dornig lachte weidlich. Der Arzt zeichnete nicht weiter auf ihn und beschäftigte sich mit dem Patienten. Dornig setzte sich neben das Bett. »Du hast ja da wirklich eine famose barmherzige Schwester! – Das muß ich sagen, von der ließe ich mich auch gleich pflegen.« »Irritieren Sie doch den Kranken nicht,« raunte ihm der Arzt zu. Dornig kicherte. »Werde ich am nächsten Sonntag predigen können?« fragte Gerland nach einiger Zeit. »Auf keinen Fall! Sie müssen sich halten; unter acht bis vierzehn Tagen lasse ich Sie nicht hinaus.« Gerland seufzte. »Herr Pastor Dornig wird sich gewiß ein Vergnügen daraus machen, Sie in Ihren Amtsgeschäften zu vertreten,« meinte der Arzt mit diabolischem Lächeln. Dornig erklärte, er habe gerade genug in seiner eignen Parochie zu thun. – Nachdem der Arzt Verhaltungsmaßregeln gegeben, entfernte er sich und nahm auch Pastor Dornig mit fort. Am meisten Sorge bereitete Gerland der Gedanke, daß sein Amt für längere Zeit unversorgt bleibe. Er hatte dem Ephorus pflichtschuldigst seine Erkrankung gemeldet. Die Order kam zurück, daß der Kantor am nächsten Sonntage lesen möge. Dem jungen Geistlichen war der Gedanke peinlich. Wenzel, dem Reinheit und Würde so gänzlich abgingen, an geheiligter Stätte lesend, das erschien ihm wie Entweihung. Er sann nach, was zu thun sei, damit die Gemeinde das Gotteswort, von einem berufenen Diener vorgetragen, nicht entbehre. Seine Gedanken blieben bei Polani haften; der mußte Hilfe schaffen. In Annenbad waren ja zwei Geistliche – einer von ihnen konnte füglich die Vertretung übernehmen. Er schrieb, im Bette aufsitzend, mit zitternder Hand ein Paar Bleistiftzeilen, und ließ den Brief durch ein Schulkind nach Annenbad befördern. Antwort kam zurück: Diakonus Fröschel werde am Sonntag herüberkommen und die Predigt halten. Außerdem brachte das Botenkind ein Körbchen mit, in welchem Weintrauben eingepackt waren – eine Aufmerksamkeit der Pastorin von Annenbad, die ihm gute Besserung wünschen ließ. Der Sonntag kam heran. Gerland hätte Diakonus Fröschels Predigt nur gar zu gern gehört; er hatte oft an das eigenartige Gespräch zurückdenken müssen, das er mit dem jungen Menschen gehabt. Das kleine blasse Knabengesicht mit den müden Augen und dem verbissenen Zug um den Mund war noch manches Mal vor seinem geistigen Auge aufgetaucht, seit sie sich in Annenbad gesehen hatten. Er konnte sich den Diakonus nicht recht auf der Kanzel denken. Auch ein paar Taufen, die nicht gut aufgeschoben werden konnten, warteten nach dem Gottesdienste auf Fröschel. – Pastorin Menke war im Gottesdienste gewesen, sie kam zu Gerland herein, den Kirchenhut auf dem Kopfe, und berichtete brühwarm über den Eindruck, den der fremde Geistliche gemacht. Es sei nicht viel Gescheites, meinte sie. Bei der Gemeinde habe er auch keinen Anklang gefunden. »Da kann's unser Pfarrer doch ganz anders,« war die allgemeine Ansicht gewesen. Gerland fragte die Witwe näher aus nach dem Inhalte der Predigt. Sie meinte, es wäre eben nicht Fleisch, nicht Fisch gewesen; man sei nachher ebenso klug wie zuvor. Die Moral habe gefehlt. Da hätte ihr Seliger es freilich besser gekonnt, der habe den Leuten tüchtig die Hölle heiß gemacht. Da sei aber auch Gottesfurcht dahinter gewesen und die scheine dem jungen Herrn, der heute gepredigt habe, abzugehen. Und dann sei er ja auch so ein kleiner, häßlicher Mann, meinte sie, und wollte sich ausschütten vor Lachen, über das lächerliche Gesicht und die dünne Stimme Fröschels. »Der hat uns nicht imponieren können,« schloß sie, »da sind wir's doch eben ganz anders gewöhnt.« Gerland mußte über ihre grobe Schmeichelei lachen. Unangenehm war es ihm ja gerade nicht, zu hören, daß ihn der Fremde nicht ausgestochen habe vor seinen Pfarrkindern. – Der Diakonus kam zwischen den Gottesdiensten ins Pfarrhaus herüber, um Gerland zu sehen und das Mittagessen einzunehmen. Gerland dankte ihm für die Vertretung und sprach die Hoffnung aus, Fröschel ein zweites Mal nicht Herüberbemühen zu müssen – am nächsten Sonntag, hoffe er, die Kanzel wieder selbst betreten zu können. Er wollte und mußte gesund werden. Der Konfirmationsunterricht sollte beginnen, eine Kirchenratssitzung stand bevor, in der er einen längstvorbereiteten Antrag einbringen wollte. Gerland klagte bitter über die sinnlose Thorheit des Zufalls, der ihn gerade jetzt aufs Krankenlager geworfen, wo so vieles Wichtige zu beschicken war. Fröschel, neben dem Bette sitzend, hörte dem allen mit skeptischer Miene zu. »Sind Sie denn wirklich so für den Beruf begeistert?« fragte er. Gerland sah ihn erstaunt an, ob dieser Frage. »Natürlich bin ich begeistert.« – Fröschel lächelte melancholisch: »Schön, schön – wohl Ihnen!« »Aber ich bitte Sie!« rief Gerland und setzte sich vor Eifer im Bette auf. »Das müßte doch wahrhaftig ein trauriger Geselle sein, der seinen Beruf nicht liebte. Wo gäbe es denn mehr Gelegenheit, Gutes zu stiften, als in der Stellung eines Landgeistlichen?« »Was nennen Sie Gutes stiften?« fragte der Diakonus, und Gerland glaubte etwas wie Gereiztheit aus seinem Tone herauszuhören. »Die Leute in der Kirchlichkeit erhalten, etwa? Denn das ist doch das einzige, was wir noch erreichen können. Lächerliche Figuren sind wir geworden, wir evangelischen Geistlichen, in dieser Zeit; wie Hennen, denen die anvertrauten Entlein aufs Wasser gehen, wohin wir nicht folgen dürfen. – Die Kirche kommt mir vor, wie ein schadhafter Mehlsack, dem von allen Seiten das Mehl entweicht, und wir sind angestellt, zu halten, was doch nicht, zu halten ist. Eine leidlich volle Kirche und möglichst wenig Fälle von Ungetauften und Trauungsverweigerern, die Renommierchristen auf einer hohen Präsenzziffer erhalten, das ist neuerdings das Gemeindeideal geworden. Ist denn diese Art offizieller Kirchlichkeit wirklich soviel wert, daß man die Arbeit eines Lebens daran verschwenden möchte?« Gerland brannte die ganze Zeit über darauf, den andern zu unterbrechen. Fröschel hatte da ein Gebiet berührt, das, wie kein anderes, sein Denken beschäftigte. »Natürlich rede ich nicht von der offiziellen Kirchlichkeit. Ich verachte sie, weil sie heuchlerisch und selbstgemacht und dem wahren Geiste und Sinne des Evangeliums zuwider ist. Ja, ich hasse sie als den tödlichsten Feind. Wer seinen Lebensberuf darin sieht, diese morsche Ruine zu stützen, den bedaure ich. Aber ich dachte, es gäbe doch schließlich noch andere Aufgaben, die für den evangelischen Pfarrer zu lösen bleiben.« »Und die wären, wenn ich fragen darf?« »Nun – jede Art von Hilfe und Tröstung. Gerade in jetziger Zeit, wo eine neue Weltanschauung einzudringen beginnt, wo alle Stützen wanken, wo alle ratlos umhertasten, kann man Großes wirken, durch Lehre, Beispiel und Hilfe, durch Stärkung und Festigung im Glauben.« »Jawohl, im Glauben,« meinte Fröschel und lachte bitter; »das klingt sehr gut und ist sehr leicht gesagt – und es sind eben doch nur Redensarten.« Gerland fuhr auf, stark errötend; fast noch mehr als seine Worte reizte ihn die geringschätzige, spöttische Miene des anderen. »Redensarten – Wie meinen Sie das! – Glauben Sie, daß ich mich mit einer Überzeugung schmücke, die ich nicht hege?« »Ich wollte Sie nicht beleidigen; verzeihen Sie, wenn ich mich falsch ausgedrückt habe. Ich meinte, ganz im allgemeinen, daß wir Theologen mit Worten wie Tröstung, Festigung im Glauben und dergleichen zu schnell bei der Hand sind. Alle diese Worte sind so abgebraucht, bedeuten gar nichts mehr, weil sie über hundert heuchlerische Zungen gegangen sind. Aber sie laufen einem von selbst unter; ich weiß das aus eigner Erfahrung. Die alten Phrasen sind fadenscheinig geworden; aber man holt sie eben doch immer wieder hervor – denn Flicken und Löcher zustopfen, das ist ja unser Handwerk. – Ich will gern glauben, daß Sie es ernster meinen; Sie scheinen durchdrungen von einem Enthusiasmus, der mir leider abgeht. – Sagen Sie mir nur das eine, aber aufrichtig: haben Sie die Überzeugung, Seelen – auch nur eine Seele – für das, was wir das Reich Gottes nennen, gewonnen zu haben in Ihrer bisherigen Thätigkeit?« – Die Frage kam unerwartet und überraschte Gerland. Er sann nach und suchte: Seelen, die er für das Reich Gottes gewonnen? Vor seinem geistigen Auge mußte die Schar der Beichtkinder Revue passieren. Wie wenige es doch im Grunde waren, die da in Frage kamen. »Seelen, für das Reich Gottes?« – Ein jugendlich anmutiges Gesicht tauchte vor seinem Gedächtnisse auf. Sollte er jenen in sein kostbarstes Geheimnis einweihen – sollte er ihm von Gertrud Haußner erzählen? – Er verwarf diesen Gedanken ebenso schnell, wie er ihn gefaßt hatte. – »Wer wollte sich vermessen,« meinte er, »sich solcher Erfolge zu rühmen? Man müßte ein Herzenskundiger sein, um sagen zu können, wie man mit Gottes Hilfe gewirkt. Aber eines darf ich ohne Überhebung wohl behaupten: von dem Samen, den ich hier ausgestreut, ist doch einiges aufgegangen. – Sie sollen Beispiele haben.« – Er erzählte dem anderen von der alten Märzliebs-Hanne und ihrer Familie; auch von dem gottseligen Tode der Enkeltochter gab er Bericht. Unbewußt verlieh er der Erzählung eine Färbung, die mehr seinem Wunsche, das Behauptete zu erhärten, als der nüchternen Wirklichkeit entsprach. Die Bibelstunde und ihre Erfolge wurden nicht unerwähnt gelassen. So verrottet, wie er die Gemeinde von dem Amtsvorgänger übernommen, war sie jetzt doch nicht mehr. Er führte Kantor Wenzel an, der sich unter seinem Einflusse des Trunkes entwöhnt hatte; durch Erwähnung des Lehrers kam er auf seinen Plan, den Religionsunterricht zu verinnerlichen und zu durchgeistigen. Der Konfirmationsunterricht sollte ihm eine weitere Handhabe zur Erweckung der jugendlichen Seelen bieten. Predigt, Taufe, Trauung, Sterbelager, Grab, boten Gelegenheit, auf die Geister einzuwirken. Und wenn nur alle Möglichkeiten mit Energie ausgenutzt wurden, mußte es schließlich doch gelingen, die schlafenden Gemüter aufzurütteln, und bei Alt und Jung den christlichen Sinn neu zu beleben. Fröschel hörte aufmerksam zu; der ironische Zug schwand um seinen Mund, ein wenig färbten sich seine gelben Wangen, seine kleinen, im Kopfe versunkenen Augen wanderten unstet hinter den Brillengläsern. »Sie sind zu beneiden! – wirklich zu beneiden!« rief er ein über das andere Mal, in nervöser Unruhe die Hände reibend. »Wieso zu beneiden?« »Um Ihren Optimismus.« »Aber, lieber Amtsbruder, können Sie denn nicht genau dasselbe thun wie ich? ›Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.‹ Sie brauchen ja nur zuzugreifen; häuserhoch wartet unser die Arbeit. Stürzen Sie sich nur einmal hinein mit Eifer; Sie werden sehen, was das für Befriedigung gewährt.« »Ein guter Rat! Ungefähr so, als ob Sie einem Tauben den Vorschlag machten, sich an dem Gesang der Vögel zu erfreuen; das würde ihn über seine Taubheit trösten,« meinte jener bitter. »Lieber Amtsbruder – sprechen wir nicht länger in Vergleichen und Rätseln,« sagte Gerland und versuchte besondere Herzlichkeit in Ton und Miene zu legen; »reden wir frei zu einander; eröffnen Sie sich mir doch ganz!« Er ergriff dabei Fröschels Rechte. Aber jener entzog ihm seine Hand und rückte ab; Gerland blickte befremdet in ein verdüstertes, mißmutiges Gesicht. Man mußte vorsichtig sein in Behandlung dieses Herrn, der, wie es schien, Teilnahme als Kränkung auffaßte und jedes Entgegenkommen mißtrauisch ablehnte. – Aufdrängen wollte sich Gerland auch nicht. Ein sonderbarer, verschlossener Geselle! aber Interesse konnte man ihm doch nicht versagen. – Gerland lenkte das Gespräch auf ein unverfänglicheres Thema; man sprach über Bücher. Anlaß dazu gaben einige Bände, die Polani dem Diakonus zur Lektüre für Gerland mitgegeben hatte. Es zeigte sich, daß auch Fröschel die reichhaltige Bibliothek Polanis eifrig benutze. »Die bessere Hälfte dieses Herrn,« wie Fröschel die Büchersammlung seines Pastors spottend benannte. Gerland staunte über die Belesenheit des anderen. Fröschel gestand, daß er Nächte über den Büchern zubringe. »Sie leben unvernünftig,« meinte Gerland. »Das sagt meine Mutter auch. Aber schließlich, jeder hat seine Passion: Sie Ihren Optimismus – ich die Wissenschaft. – Wozu soll man sich denn auch schonen; es ist ja nicht der Mühe wert.« »Sie haben eine Mutter – Sie Glücklicher!« »Ja – wir leben zusammen.« »Sehen Sie, nun ist es an mir, Sie zu beneiden. – Eine Mutter – wenn man seine Mutter noch hätte!« »Wenn Sie mich einmal besuchen wollen, werde ich Sie mit meiner Mutter bekannt machen.« »Das wird mir eine große Ehre sein.« Sie verabredeten, daß Gerland, sobald er wieder völlig hergestellt sei, nach Annenbad herüberkommen solle. Fröschel war jetzt völlig aufgeräumt und schien seine vorige Mißstimmung überwunden zu haben. »Eine alltägliche Frau ist meine Mutter nicht, das sage ich Ihnen im voraus.« »Nach dem Sohne zu schließen, konnte ich das auch nicht erwarten.« – XIII. Ein Paket aus der Heimatstadt kam für Gerland an, seine älteste Schwester schickte ihm warmes Unterzeug; er hatte ihr seine Erkrankung mitgeteilt. Ihre schwesterliche Teilnahme that ihm wohl, aber der beiliegende Brief verdroß ihn. Aus jeder Zeile las er, daß ihn die Schwester nicht verstehe. Sie schrieb ihm, daß der Geistliche an der Trinitatiskirche schwach auf der Brust werde, und daß er's voraussichtlich nicht mehr lange treiben würde. Fräulein von Enterlein hätte neulich gesagt: daß wäre doch eine Stelle für den Herrn Bruder, und auch andere Leute, deren Stimmen etwas gälten, schienen so zu denken. Dann ließ die gute Schwester so ganz gelegentlich eine Bemerkung über die glänzende Karriere einfließen, die Paul, ein entfernter Vetter, gemacht, der ins Provinzial-Konsistorium berufen worden war; und ihr Mann habe gesagt: wer sich in jetziger Zeit nicht an den Laden lege, der bringe es zu nichts. – Gerland wußte genau, was all das bedeuten sollte. Das Paket mit dem Briefe war eingelaufen, als der Geistliche bereits in Rekonvalescenz begriffen war. Doktor Herzner hatte ihm gestattet, im Zimmer auf und ab zu gehen; ins Freie durfte er noch nicht. Gegen das Verbot des Arztes suchte Gerland auch schon wieder das Expeditionszimmer im Parterre auf, wo sich mancherlei Arbeit angehäuft hatte. Trotz des dicken Überziehers, den er angelegt, dünkte es ihm kalt in dem ungeheizten Raume; er beschloß daher oben zu schreiben. Er suchte zusammen, was er nötig hatte, und ging die Treppe hinauf. Es fiel ihm auf, daß die Thür zu seinem Zimmer, die er geschlossen zu haben glaubte, offen stehe. Jemand mußte drinnen gewesen sein. Seine Filzschuhe verrieten ihn nicht; ungehört trat er auf die Schwelle. Was mußte er sehen! Die Pastorin, ihm den Rücken zuwendend, ganz in die Lektüre des Briefes vertieft, den er auf dem Schreibtische liegen gelassen. Er räusperte sich, um ihr seine Anwesenheit bemerkbar zu machen. Wie mit Blut übergossen stand sie da, auf frischer That ertappt; dann stammelte sie eine sinnlose Entschuldigung: sie hätte geglaubt, es sei einer ihrer Briefe gewesen, den sie seit einiger Zeit vermisse. Er sagte kein Wort. Die Frau hielt es für das klügste, sich zu entfernen. Jetzt wurden ihm mancherlei Erscheinungen klar, die er wohl bemerkt, aber denen er bisher keinerlei Bedeutung beigelegt. Sein Tagebuch hatte er gelegentlich an einem ungewohnten Flecke gefunden, einer seiner Briefe war auf rätselhafte Weise verschwunden. Kein Zweifel mehr, sie hatte seine Korrespondenz und sein Tagebuch gelesen. Der Gedanke, daß sie so Mitwisserin seiner intimsten Geheimnisse sei, war ihm unsagbar peinlich. Er begann sich Vorwürfe wegen seiner übergroßen Vertrauensseligkeit zu machen. Diesem Zustande mußte, sobald es nur anging, ein Ende bereitet werden. Das Gnadenhalbjahr war in wenigen Tagen abgelaufen; er wußte, die Witwe trug sich mit der Hoffnung, noch länger bleiben zu dürfen. Sie hatte öfters darauf angespielt, und im Scherze bemerkt: er müsse jemanden haben, der ihn bemuttere. Gerade in der letzten Zeit, während seiner Erkrankung, hatte sie es verstanden, sich ihm unentbehrlich zu machen. So war es zu einer Art stillschweigenden Abkommens zwischen ihnen gekommen, daß sie auch nach Ablauf der Gnadenfrist im Hause bleiben und ihm die Wirtschaft führen werde. Damit war es natürlich jetzt vorbei. Da er einen begreiflichen Abscheu vor Weiberthränen hegte, teilte er ihr die Kündigung schriftlich mit. Das Briefchen hatte zur Folge, daß sie nicht zum Essen erschien. Durch das Mädchen ließ sie sagen, sie sei erkrankt und müsse das Bett hüten. Gerland bekam den ganzen Nachmittag und Abend nichts von ihr zu sehen; er war gespannt, wie sich die Dinge weiter entwickeln würden. Am nächsten Tage erschien sie wieder bei Tisch, blaß, mit verweinten Augen. Warum sie ihr Witwenkleid, nachdem sie längst die Trauer um den Seligen aufgegeben, heute wieder angelegt, war schwer zu verstehen. Mit Ostentation hielt sie die Blicke zu Boden gerichtet und sprach kein Wort, die Befehle an das bedienende Mädchen gab sie mit leiser, trauriger Stimme. Dieselbe betrübt feierliche Miene beim Abendbrot. Gerland wurde es schwer, den Zustand zu ertragen. Sie bewies Menschenkenntnis bei der Wahl ihrer Methode. Schon fing das Mitleid an, in seinem Herzen Stimme für sie zu erheben. War seine Maßregel nicht allzuhart? Die Frau hatte in diesem Hause glückliche Jahre verlebt. War es nicht grausam, sie, die kein Heim hatte, auszuweisen? – Der Witwe schien die Wandlung in Gerlands Stimmung nicht entgangen zu sein, sie sprach zu ihm im demütigen Tone der reuigen Sünderin. Ihre Derbheit, der burschikose Ton waren verschwunden, hatten einem verfeinerten, weicheren, geläuterten Wesen Platz gemacht. Im Hause zeigte sie den größten Eifer. Jeden Wunsch schien sie ihm von den Augen ablesen zu wollen. Und wenn Gerland mit absichtlicher Schroffheit ihre Dienste ablehnte, hatte sie einen so wehmütig bittenden Blick, daß er sich besiegt fühlte. Schon war der Zeitpunkt, an dem sie nach Gerlands ursprünglicher Bestimmung das Haus verlassen sollte, überschritten; stillschweigend war sie geblieben. Er konnte sich nicht entschließen, kurzen Prozeß mit ihr zu machen, obgleich ihn eine geheime Stimme häufig dazu mahnte. Die unsichtbaren Beziehungen zwischen Mensch und Mensch mit einem Rucke zu zerreißen, schien so unendlich schwer. Auch Vernunftsgründe sprachen dafür, sie zu behalten. Wo eine andere Haushälterin herbekommen? Sollte er, wie Dornig, in den Gasthof zum Essen gehen? Die Wage begann sich zu Gunsten der Witwe zu neigen. Gerland, der seinen früheren gesunden Schlaf wiedergewonnen, erwachte mitten in der Nacht von einem Geräusch an der Thür. Erstaunt setzte er sich im Bette auf; der Dunkelheit wegen konnte er zunächst nicht das geringste erkennen. Er suchte seine Gedanken zusammen und fragte sich, ob er nicht geträumt habe. Da, ein Klopfen! – jetzt ganz deutlich, an der Thür. Auf seine Frage, wer da sei, antwortete die Pastorin mit zaghafter Stimme. Sie fürchte sich so sehr, unten habe es an einen Fensterladen gerüttelt – sie glaube, man wolle einbrechen. Im ersten Augenblick durchfuhr den jungen Mann ein heftiger Schreck; doch sprang er sofort aus dem Bett und rief: er werde kommen. Dann machte er Licht und fuhr in die ersten besten Kleidungsstücke, die ihm in die Hand fielen. Während des Anziehens überlegte er, daß er keinerlei Waffe besitze. Ein Stock, das war alles, was er auftreiben konnte; den nahm er zur Hand und öffnete die Thür. Die Witwe stand vor ihm, ein Licht in der Hand. »Wie ich aus dem Bette komme, so stehe ich vor Ihnen, Herr Pastor,« flüsterte sie. »Ich habe solche Angst. Jemand will einbrechen – ganz gewiß!« Gerland ließ sich in Eile beschreiben, was sie wahrgenommen habe. Sie blickte sich ängstlich um und berichtete, daß sie von einem Geräusche erwacht sei, vom Expeditionszimmer her. Ganz deutlich habe sie flüsternde Stimmen vernommen. Dann sei es eine Zeitlang ganz still geworden, aber plötzlich habe sie Lärm an der Hinterthür gehört, als feile jemand Eisen. Da sei sie aufgesprungen und hergelaufen – »gerade wie ich bin – weil ich so erschrak.« Man stand eine Weile und lauschte mit angehaltenem Atem; nichts ließ sich hören. Die Nacht war windstill. Dennoch beschloß der Geistliche, ins Erdgeschoß hinab zu gehen. Er faßte seinen Stock fester und forderte die Witwe auf, ihm mit dem Lichte zu folgen. Das Herz klopfte ihm, er zitterte, aber er schritt doch vorwärts. Im Hausflur blieben sie von neuem stehen und lauschten. Nichts zu hören. Er untersuchte die vordere, darauf die hintere Thür, beide waren unversehrt. »Haben Sie sich nicht getäuscht, Frau Pastorin?« Sie beteuerte, daß sie verdächtigen Lärm gehört habe. Vorsichtig öffnete er die Thür zum Expeditionszimmer; der Raum war leer und in gewohnter Ordnung. Gerland schüttelte den Kopf. »Sie müssen sich getäuscht haben, Frau Pastorin.« »Herr, mein Gott!« schrie die Witwe plötzlich auf und umklammerte seinen Arm. Unwillkürlich fuhr Gerland zusammen. »Was ist denn?« »Hörten Sie's denn nicht?« »Was denn?« »Schon wieder! – Im Garten.« »Was?« »Stimmen – ganz deutlich! – – Ach Gott, Herr Pastor – ich fürchte mich so.« Und sich an ihn schmiegend, suchte sie Schutz bei ihm. »Das ist ja Unsinn!« rief Gerland ärgerlich und machte sich los. Dann schritt er zum Fenster, riß es auf, öffnete auch die äußeren Läden; die Nacht war still. Noch einmal ließ er sich den Vorgang von ihr berichten; sie erzählte mit großer Ausführlichkeit und mit Einzelheiten, die sie zuvor nicht erwähnt hatte. Er hörte ihr aufmerksam zu. Ob es möglich war, daß sie das alles geträumt hatte, ob sie eine so lebhafte Phantasie besaß? Denn welchen Grund konnte sie haben, dergleichen zu erfinden? Die Ahnung eines Verdachtes stieg in ihm auf; er musterte sie scharf. Sie senkte den Blick und zog die offenstehende Nachtjacke über der Brust zusammen. »Sehen Sie mich doch nicht so an, Herr Pastor!« Er erschrak heftig. Was bedeutete das Wort? Sie schlug die Augen zu ihm auf, mit einem Ausdrucke, der ihm den Verstand rauben wollte. Ihre Hand nestelte an der Jacke herum, die von neuem auseinandergefallen war. Gerland lehnte gegen die Wand, schweratmend, kreidebleich. Der Raum schien sich um ihn zu drehen, der Boden ihm unter den Füßen zu schwinden. Er und sie – – kein Mensch, der sie sah – und ihre Blicke! – – Mit weitgeöffneten Augen starrte er sie an. »Sehen Sie doch nicht so auf mich!« Die Flamme, die in ihren Augen aufleuchtete, strafte ihre Worte Lügen. Er bebte am ganzen Leibe, schwankte, wollte Fuß und Arm heben. Vergangenheit und Zukunft schienen in eins zusammenzufließen. Tausend Gedanken mochten in einer Sekunde sein Hirn durchsausen. Das Fazit eines Lebens wurde hier gezogen. Ein kurzer Kampf, der über Glück, Reinheit und Würde seines Daseins entschied. Und gleichsam zum Zeichen, daß der Kampf entschieden sei, richtete er sich mit einem Zusammenraffen des ganzen Körpers aus seiner schlaffen Stellung auf, stellte sich vor das Weib hin, lachte ihr ins Gesicht, und schritt an ihr vorbei, hinaus, sich im Dunkeln den Weg nach seinem Zimmer suchend. In dieser Nacht ging er nicht mehr zu Bett. Das Bewußtsein, einer riesenhaften Gefahr entgangen zu sein, hielt alle seine Sinne wach; er war wie einer, der in traumwandelnder Sicherheit an einem Abgrund dahingeschritten und nachträglich, wo er auf seinen Weg zurückblickt, erst vom Schwindel gepackt wird. Welch teuflische Raffiniertheit wohnte in dieser glatten Haut, die sie seinen Blicken so schamlos preis gegeben. Er dachte zurück; ein Zug fügte sich zum andern, bis das Bild fertig war und er ihren wohlerwogenen Plan von Anfang an zu durchschauen glaubte. Das Bild seines Amtsvorgängers tauchte vor ihm auf. Mit einem war ihr's gelungen; er hatte ein zweiter Menke werden sollen. Immer neues Material brachte sein Gedächtnis herbei. Blicke, Gebärden, Andeutungen, denen er früher keinen Wert beigelegt, bekamen jetzt eine ganz andere Bedeutung; er war umstellt gewesen von Schlingen die ganze Zeit über. Was kann dem erhebenden Gefühl, dem reinen Glücke, dem seligen Stolze gleichkommen, die der junge Mann empfand, bei dem Bewußtsein, überwunden zu haben in einer Versuchung, wie sie ihm das Leben so riesengroß, dämonisch und überraschend noch nicht gebracht. Merkwürdig, als er da unten gestanden, an die Wand gelehnt, vor sich die reife Frucht, die sich ihm anbot, da hatte er an keinen Gott gedacht, kein Gebet um überirdische Hilfe war von seinen Lippen gekommen. Aus selbsteignem Entschlüsse heraus hatte er dort sein Geschick entschieden. Aber jetzt in der Überfülle seines Glückes über den jungen Sieg, mußte er die aufquellende Gewalt der Gefühle auslassen und mitteilen; das Bedürfnis zu danken und zu preisen überkam ihn mit Gewalt. Höchste Not und höchstes Glück vermag der Mensch nicht allein zu ertragen. Und Gerland beugte die Kniee. XIV. Pastorin Menke war gegangen; zum Schlusse hatte sie ihr wahres Gesicht gezeigt. Auseinandersetzungen häßlichster Art waren es, die zwischen der Scheidenden und dem jungen Geistlichen stattfanden; die Witwe machte allerhand Forderungen geltend, die ihr angeblich aus der Wirtschaftsführung noch zukamen. Von mehreren Stücken, die Gerland als Inventar des Pfarrhauses übernommen hatte, behauptete sie, daß sie ihrem verstorbenen Gatten persönlich zugehört hätten. Gerland, in geschäftlichen Dingen unbewandert, zog bei diesen Verhandlungen natürlich den kürzeren. Sie hatte die Stirn, auch noch die unschuldig Gekränkte zu spielen; Gerland hätte ihr den Stuhl vor die Thüre gesetzt, sprengte sie aus, treibe sie, die Verlassene, ohne jeden Anlaß aus dem Hause, wo sie glückliche Jahre an der Seite des geliebten Gatten verbracht hatte. – Gerland merkte es an den Mienen und einzelnen versteckten Bemerkungen seiner Beichtkinder, daß die Sympathieen auf seiten der Witwe seien. Man zieh ihn der Härte und Grausamkeit. Was konnte er gegen den ungerechten Verdacht thun? Sollte er hintreten und öffentlich erklären, was sich in einsamer Nachtstunde zwischen ihm und der Frau zugetragen? – – Er atmete daher auf, als sie endlich abgezogen war. Ihr Abschied vom Pfarrhause fand unter starkem Zulaufe statt. Es schien fast, als wollte man demonstrieren. Der junge Gutsbesitzer Finke war mit Frau und Anhang erschienen und hatte mehrere Wagen mitgebracht. Schwarz gekleidet, das Taschentuch vor den geröteten Augen, so schwankte die Witwe, von zwei Freundinnen gestützt und von einem kleinen Zuge Bekannter gefolgt, zum letzten Male vom Pfarrhause nach dem Gottesacker, wo sie sich auf dem frisch bekränzten Grabe des Seligen niederwarf und ihrem Witwenschmerze Ausdruck gab. Dann fand in drei Geschirren die Abfahrt statt, nach der Kreisstadt. Gerland behielt das Mädchen, welches bereits unter der Pastorin gedient hatte, im Hause. Freilich um sein tägliches Brot war es von jetzt ab traurig genug bestellt. Aber wenn auch sein Magen hin und wieder knurrte, einen guten Mittagstisch wollte er doch nicht um den Preis seiner Ruhe erkaufen. Jetzt, nachdem er sich völlig hergestellt fühlte, dachte Gerland daran, seine Freunde in Annenbad aufzusuchen. Eines Morgens machte er sich zeitig auf den Weg. Über Brettendorf lag noch dichter Nebel. Strohdächer, Holzgiebel und die Kronen der Obstbäume ragten aus weißem Dunste hervor. Es hatte zum ersten Male gefroren in der vergangenen Nacht; er erkannte es an den Georginen, welche Häupter und Blätter trauernd hängen ließen. Über dem Grase lag Reif. Als er an der Scheune des Kirchbauers vorüberschritt, ertönte von der Tenne her der Dreitakt des Dreschflegels. – Die Sonne hielt sich hinter Schleiern, die Berge waren verdeckt durch niedriggehende Wolken. Nebelschwaden lagen über den braunen Äckern und grauen Stoppeln. Hier und da waren Leute auf den Feldern beschäftigt, Männer hinter dem Pfluge. »Hotte ho!« klang es. eintönig durch den Nebel zu dem Wanderer auf,der Landstraße herüber. Einzelne dreiste Krähen und Dohlen folgten der Pflugschar in der frisch aufgeworfenen Furche. Nach zweistündigem Marsche etwa kam Gerland an eine Wegteilung. Unter drei alten Lindenbäumen stand hier ein Erlöserbildnis, em buntgemalter Holzkorpus mit goldglänzendem Heiligenscheine. Die rotblutende Wunde in der Seite, fehlte nicht. »O Mensch, bedenk' das Ende, Bedenke das Gericht, Es müssen alle Stände Vor Jesu Angesicht. –« stand darunter zu lesen. Aus den Feldgemarkungen kam der Geistliche in waldiges Gelände; stundenlang kein Dorf, kein Haus am Wege. Der Wald legte schon sein buntes Herbstkleid ab; Ahorn, Birke und Linde waren kahl, nur die Steineiche hielt ihre braunen verdorrten Blätter mit mannhafter Zähigkeit fest. Eichelhäher waren in großer Schar thätig, flogen dreist und neugierig neben dem Wanderer her, von Baum zu Baum. Dann kam eine nebelumhangene Wiesenmulde, auf schwarzem Moorboden spärlicher Gras- und Binsenwuchs; hier und da die Rasennarbe abgeschält und der Torf zu Haufen geschichtet, an einem dunklen, träge fließenden Wasser lüderliche Erlenstümpfe. Eine öde, erbärmliche Landschaft, erstorben, trostlos, als sei niemals Sommer gewesen und als könne niemals wieder Frühling sein. Gerland fühlte sich angesteckt von der Melancholie der Umgebung. Schwer und trübselig schlichen seine Gedanken am Boden hin, wie die grauen Nebelstreife. – Gott sei Dank! Endlich lüftete sich der Schleier ein wenig; ein gelber, mattglänzender, braunumränderter Fleck am Himmel ließ ahnen, wo die Sonne stehe. Frischer Wind strich über die Höhen, die Bergketten wurden frei; der Ort da unten im Thale mit den beiden Kirchen war Annenbad. – Eine Stunde darauf saß Gerland auf bequemem Lederstuhle vor einem guten Frühstück, ihm gegenüber die Frau Pastorin von Annenbad; Polani war ausgegangen in Amtsgeschäften. Sie waren beide befangen gewesen beim Wiedersehen, Gerland und die Frau. Man suchte sich darüber durch vieles Sprechen hinwegzuhelfen. Sie erzählte von der Badesaison, die vorbei sei, und dem langweiligen Winter, der nun vor der Thür stehe; dann plötzlich, ziemlich unmotiviert, begann sie vom Grafen Mahdem. Halb und halb suchte sie sich über ihn lustig zu machen, und Gerland entsann sich doch sehr wohl, wie ihr die Aufmerksamkeit des Magnaten gefallen hatte. – Alles was sie vorbrachte, machte einen schiefen, gesuchten Eindruck, das schien sie auch selbst zu empfinden. Er begriff heute nicht, daß sie jemals Eindruck auf ihn hatte hervorbringen können. Er stand nicht mehr unter dem Banne ihrer dunklen Augen; der Rausch, den das Gefühl ihrer Nähe bei jener abendlichen Fahrt ihm erregt, war verflüchtigt. Seine Stellung zum Weibe hatte sich verändert, ohne daß er sich selbst Rechenschaft über diese Wandlung gegeben. Der geheimnisvoll duftige Zauber, den jedes weibliche Wesen bisher für ihn gehabt, war zerstört. Seit er sich selbst in der Versuchung besiegt hatte, fühlte er sich überlegen in seiner Männlichkeit; sein Sinn war ernüchtert und sein Auge dem andern Geschlechte gegenüber geschärft. Sie führte ihn diesmal nicht in ihren Salon. Man blieb im Eßzimmer am gedeckten Frühstückstisch sitzen, sie mit einem elegant gebundenen Buche in der Hand, in dem sie spielend blätterte. Gerland empfand, daß es auf die Dauer ermüdend wirke, mit ihr zu sprechen; wenn sie es auch nicht an Worten fehlen ließ, so gab sie doch ungemein wenig Gedanken. Er mußte unausgesetzt neuen Stoff zu Tage fördern, damit das Bächlein der Unterhaltung nicht ganz zum seichten Rinnsale werde. Um etwas zu sagen, fragte Gerland, was für ein Buch sie da in der Hand halte. Sie reichte ihm das goldverzierte Bündchen hin: »Auf Gottes Wegen«. – »Graf Mahdem hat mir das geborgt,« erklärte sie. »Ist es nicht schön, daß sich ein solcher Herr so für das Religiöse interessiert?« Ihn reizte es, zu erfahren, wie sie selbst zur Religion stehe. Sie sei religiös, erklärte sie, und bete viel. Sie könne nicht einschlafen, ohne ihr Gebet gesprochen zu haben, und jeden Morgen lese sie ihre Andacht. Nicht gebetet, das komme ihr so vor, als ob man sich nicht gewaschen habe; es seien ja auch nur die »ganz schlechten und ordinären Menschen«, die nicht glaubten. Ihr seichter, dünkelhafter Positivismus war unausstehlich. Unwillkürlich drängte sie ihn in die Opposition. Er rief ihr zu: der könne überhaupt garnicht vom Glauben sprechen, der nicht einmal völlig am Glauben verzweifelt sei. »Aber was sind Sie denn eigentlich für ein Geistlicher!« meinte sie ehrlich entsetzt. »Sie sprechen ja wie ein Heide.« Er mußte lächeln und meinte, so schlimm sei es nicht. Ob er vielleicht der »Ritschelschen Richtung« angehöre, fragte sie, offenbar nicht wenig stolz, daß sie von der Existenz dieser Theologenschule etwas wisse. Schulen und Richtungen gäbe es überhaupt nicht für ihn, erklärte er; für ihn gäbe es nur das Evangelium Jesu Christi. »Nun, dann sind Sie ja also fromm; das freut mich! Was Sie vorhin sagten, klang sehr liberal. – Wissen Sie, eigentlich spreche ich mit meinem Manne nie über Religiöses – ist das nicht sonderbar?« – Gerland bestätigte, daß dies in der That merkwürdig genug sei; über diese größte aller Fragen müsse man sich, so denke er, zwischen Eheleuten doch am allerersten auseinandersetzen. »Ach – wissen Sie – das ist beim Verheiratetsein ganz sonderbar« – sie blickte von Gerland weg – »in vielen Dingen bleibt man sich fremd. – So zum Beispiel, wie wir beide jetzt gesprochen haben, könnte ich mich mit meinem Manne nie unterhalten – das wäre ganz unmöglich.« Er schwieg betroffen. Sie hatte das viel ernster gesagt, als alles, was er je zuvor von ihren Lippen vernommen. Ihr Mund zuckte; sie bewegte die Lippen, als wolle sie etwas sagen, er sah gespannt weiteren Eröffnungen entgegen. Aber dann, als habe sie ihren Sinn geändert, sprang sie auf ein gleichgiltiges Thema über, und überließ ihn seinen Vermutungen über den verborgenen Sinn ihrer Worte. – Nachdem er so eine Stunde und mehr mit ihr verplaudert, bat er sich Urlaub aus; er habe noch einen Besuch im Orte vor. Wen er in Annenbad besuchen wolle, fragte sie neugierig. Geringschätzig zuckte sie die Achseln, als sie hörte, daß es nur Diakonus Fröschel sei. Auch den Diakonus traf er nicht zu Haus an: aber die ältere Dame, welche ihm öffnete, erklärte, wenn er Pfarrer Gerland von Breitendorf wäre, so sei sie ermächtigt, ihn anzunehmen. Ihr Sohn habe ihr eingeschärft, den Herrn Pastor auf keinen Fall fortzulassen, falls er selbst nicht zu Haus sei. Sie bat ihn, ins Zimmer zu treten. Das Quartier machte, besonders nach dem Polanischen gesehen, den Eindruck der Enge und Ärmlichkeit. Die alte Dame nahm auf einem verschossenen Sofa Platz, das vor einem runden Tisch mit weißer Decke stand. Schmuck und Luxusgegenstände fehlten vollständig. Keine Blumen, keine Nippsachen, nicht einmal ein Spiegel war vorhanden, doch hingen einige Stiche in einfachen Rahmen an den Wänden: Geburt, Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt darstellend. Außerdem wurden die grau und grünen Streifen der Tapete nur noch durch eine Anzahl schwarzer Pappvierecke unterbrochen, auf denen in goldenen Buchstaben Bibelsprüche zu lesen. Über einem niederen Betpulte erhob sich ein hölzernes Kruzifix mit weißem Elfenbeinkorpus. Bibel, Gesangbuch und einige andere stark abgegriffene Bücher lagen auf der Pultplatte, mit mannigfachen Buchzeichen versehen. Schnell erfaßte Gerlands Blick den Gesamteindruck dieses Zimmers, und mit verdoppeltem Interesse betrachtete er die Erscheinung der Frau, die in solcher Umgebung hauste. Fröschels Mutter war eine mittelgroße, hagere Frau mit ausdrucksvollen Zügen. Ähnlichkeit mit dem Sohne konnte auf den ersten Blick vielleicht nur in der starken, gewölbten Stirn und den tiefliegenden Augen gefunden werden. Die Gesichtsfarbe war gleichmäßig pergamentfarben, das Haar beinahe ganz ergraut. Sie trug ein dunkles, anliegendes Kleid vom einfachsten Schnitt und als einzigen Schmuck ein Metallkreuz. In dieser Erscheinung lag nichts, was auf frühere Anmut hätte schließen lassen, aber sie war in ihrer ernsten Schlichtheit voll Würde; die straffe Haltung der Sechzigerin, die gemessene Sicherheit des Auftretens, hatten etwas Imponierendes. Die Unterhaltung wandte sich naturgemäß auf den abwesenden Sohn. Sie halte darauf, daß er sich Bewegung mache, erklärte sie – er brauche Bewegung als Gegengewicht für seine angestrengte geistige Thätigkeit. – Die Gewähltheit ihrer Sprache fiel Gerland auf, und doch lag nichts Gesuchtes in ihren Worten. Er begriff, daß er eine Frau von Bildung und Urteil vor sich habe; unwillkürlich nahm er sich in dem, was er äußerte, besonders zusammen. Der Eindruck, den er hervorbringen würde, konnte ihm nicht gleichgiltig sein, einer solchen Persönlichkeit gegenüber. Man kam auf den Studiengang ihres Sohnes zu sprechen; Gerland fand sie erstaunlich wohlunterrichtet über das theologische Handwerkszeug. Sie sprach, als sei der Umgang damit ihre alltägliche Beschäftigung. Der Geistliche konnte nicht umhin, ihr sein Erstaunen auszudrücken. Es war das erste Mal, daß er ein Lächeln ihre ernsten Züge beleben sah. Und mit diesem halb melancholischen, halb ironischen Zucken der Mundwinkel, sah sie auf einmal dem Sohne sehr ähnlich. Eigentlich könne sie von sich sagen, daß sie mit ihrem Moritz um die Wette Theologie studiert habe. Gerland fand, daß sie nicht müde wurde, von ihm zu sprechen. Alles, das Kleinste, was auf ihn Bezug hatte, schien von Interesse für sie zu sein. Sie erwähnte gelegentlich, daß Moritz sehr anerkennend von Gerland gesprochen habe; die bedeutsame Art und Weise, wie sie das vorbrachte, bewies, daß sie dies im Grunde für das größte Lob halte, das einer Person zu Teil werden könne. – Sie sprach von seinen Angewohnheiten und Liebhabereien, citierte einige Aussprüche, die er gethan hatte. Die mütterliche Zärtlichkeit verlieh selbst dem Belanglosen einen gewissen Wert. Gerland konnte zwischen den Worten lesen, daß der Sohn ihr Stolz und ihre Wonne sei. Gelegentlich erwähnte sie auch, daß sie noch nie für lange Zeit von ihm getrennt gewesen – selbst als er die Universität besucht, hatte er bei ihr gewohnt. Endlich erschien der Liebling der Mutter in eigner Person. Sein schlecht gepflegtes Äußere und seine nachlässigen Manieren fielen Gerland heute ganz besonders auf, im Vergleiche zu dieser Frau, welche die Akkuratesse und Korrektheit in Person schien. Unrasiert, mit einem schäbigen Überzieher angethan, trat er ins Zimmer, warf den Hut auf einen Stuhl, riß den Paletot ab – alles, noch ehe er Gerland begrüßt hatte. Als er dem Gaste schließlich die Hand reichte, hatte sein Gruß etwas Spöttisches: »Sie sind hier!« meinte er. »Du hast dich doch nicht erkältet, Moritz, in dem dünnen Überzieher?« forschte die Mutter mit besorgter Miene. »Laß deine Hände fühlen – ganz kalt – du mußt etwas Warmes zu dir nehmen.« Er widersprach lebhaft. »Ich mache dir Glühwein – Herr Pfarrer Gerland nimmt vielleicht auch ein Glas an.« – Damit verschwand sie. »Nun, was sagen Sie eigentlich zu meiner Mutter? fragte der Diakonus in dem geringschätzigen Tone, der Gerland niemals ganz echt an ihm erschienen war. »Zunächst einmal halte ich sie für eine sehr kluge Frau.« »Das ist sie.« – »Und eine wirklich tiefe, umfassende Bildung scheint Ihre Frau Mutter zu besitzen.« »Die besitzt sie. Ist Ihnen vielleicht aufgefallen, wie wenig dieser außergewöhnliche – für eine Frau außergewöhnliche – Bildungsgrad dabei ihr Wesen beeinflußt hat?« »Um das beurteilen zu können, kenne ich Ihre Frau Mutter doch zu kurze Zeit.« »Hm! – Nun, ich kann Ihnen versichern, sie ist dieselbe geblieben, die sie immer gewesen. Sehen Sie, das ist der Unterschied: wir Männer formen unsere Weltanschauung gemäß der geistigen Atmosphäre, in der wir leben. Es ist eine Art physikalischer Prozeß – verstehen Sie! Die geistige Nahrung, die wir zu uns nehmen, wird umgesetzt und bildet die Struktur unseres inneren Menschen. Bei den Frauen ist das etwas anderes. Hat Ihnen meine Mutter erzählt, daß sie mit mir studiert hat?« »Jawohl!« »Meine Kolleghefte hat sie abgeschrieben und durchgearbeitet; um die Wette mit mir hat sie exegetische Übungen gemacht – alles aus Passion. Philosophie und Metaphysik hat sie getrieben. Schleiermacher, Hegel, Feuerbach, ja sogar Schopenhauer haben wir gelesen – und meine Mutter hat diese Schriften begriffen. – Und nun, bitte, sehen Sie sich einmal hier um;« – er wies auf die Bilder der Auferstehung und Himmelfahrt – »die Frauen besitzen eben die Kunst, nur soweit zu verstehen, wie sie verstehen wollen. Was sie nicht zu sehen und zu hören wünschen, das fließt wie Wasser an ihnen ab – sie schütteln sich und sind die Alten. Die Frauen, glauben Sie mir das, sind glücklicher organisiert als wir, die wir uns einwühlen in Fragen, bis wir nicht mehr vorwärts noch rückwärts wissen.« – Gerland lag die Frage auf der Zunge, wie sich die Mutter zu dem religiösen Freisinn des Sohnes stelle. Aber er hatte noch von neulich her Fröschels Verhalten vertraulichen Fragen gegenüber im Gedächtnis. So unterdrückte er das. Er meinte nur, ein solches Verhältnis zwischen Mutter und Sohn erscheine ihm beneidenswert. »Eine rührend gute Mutter ist sie – da haben Sie recht,« erklärte Fröschel mit ernst nachdenkender Miene, der jeder ironische Zug fehlte. »Sie spricht mit der größten Liebe und Bewunderung von Ihnen.« »Ach, hat sie Ihnen von mir vorgeschwärmt? Konnte ich mir ja denken!« »Wie gut Sie es haben mit solch einer Mutter! Stets eine Stätte zu wissen, wo man all seine Sorgen hintragen kann – alles durchsprechen mit einer klugen Frau – alle Zweifel –« Fröschel unterbrach ihn mit einer gewissen Hast. »Ja ja – das ist sehr schön – gewiß! – Meine Mutter verpflegt mich wundervoll, wie exemplum zeigt. –« Die Mutter erschien mit einem Brette, auf dem dampfende Gläser standen. Gerland blieb bei Mutter und Sohn, so lange es ihm sein Versprechen, im Pfarrhause zu Mittag zu speisen, erlaubte. – – – Polani empfing ihn in seinem Studierzimmer. Die Pastorin war noch bei der Toilette. »Sie kommen von meinem Diakonus, lieber Amtsbruder,« rief ihm Polani entgegen. »Ich freue mich, daß Sie sich zu dem jungen Manne halten – sich nicht durch seine Eigenheiten abstoßen lassen.« – Gerland sprach von der Mutter unter dem starken Eindruck, den sie auf ihn gemacht. Polani nannte sie eine »erprobte Christin«. – »Ich hoffe, sie wird den Sohn auf den rechten Weg führen; der junge Mensch steht in der gewissen Krise, die wir Theologen ja mehr oder weniger alle durchgemacht haben. Auch er wird, denke ich, noch zu positiven Anschauungen kommen.« – Polani wußte allerhand über die Vorgeschichte der verwitweten Frau Fröschel zu berichten. Sie war Erzieherin gewesen und hatte erst in vorgerücktem Alter geheiratet – aus Neigung, wie es schien; wenigstens hatten sie lange auf einander gewartet. Beide waren im Lehrfach thätig gewesen, er als Mathematiker. Später, nachdem ihnen der Sohn geboren, hatten sie zeitweise getrennt gelebt. Der Hauptgrund ihrer Uneinigkeit sei Meinungsverschiedenheit auf religiösem Gebiete gewesen. Gerland interessierten diese Nachrichten aufs höchste; er hätte gern noch mehr in Erfahrung gebracht. Aber jetzt erschien die Frau des Hauses. »Ach sprecht doch nicht schon wieder von diesen unausstehlichen Fröschels – das ist ja langweilig!« unterbrach sie das Gespräch. XV. Aus der großen Masse der Parochianen hoben sich für Gerland mehr und mehr Gestalten und Gesichter Einzelner ab, die ihm vertraut und lieb waren; von Tag zu Tag mehrten sich die Anknüpfungen zwischen ihm und seinen Beichtkindern. Hier hatte er ein Paar getraut, dort ein Kind getauft, in dem einen Hause einen Sterbenden berichtet, in dem andern einen Genesenden besucht. Die Kinder kannte er vom Schulunterricht, die heranwachsende Jugend vom Konfirmationsunterricht her. Mit den Honoratioren des Ortes endlich brachten ihn Schul- und Kirchensachen in häufige Berührung. Bei jeder Gelegenheit, wo Kenntnisse und höhere Begabung gebraucht wurden, rief man die Hilfe des Pfarrers an. Er mußte Schriftstücke revidieren, Anträge verfassen, und zum Sedanfeste hatte ihn der Kriegerbund ersucht, die Rede am Denkstein der Gefallenen zu halten. Mit der zunehmenden Einsicht in die mannigfachsten Verhältnisse hatte er an Vertrauen und Sicherheit gewonnen. Früher hatte ihn eine Art geistiger Anämie verhindert, unangenehmen Dingen auf den Leib zu gehen. Diese Zimperlichkeit verlor sich in der ländlich scharfen, mit dem Dufte der frischen Ackerscholle, des tierischen Düngers und menschlichen Schweißes geschwängerten Luft, schnell. Seine verwöhnte Städternatur lernte allmählich in dieser ätzenden Atmosphäre zu atmen. Kräftiger und gesünder stand er da, mit gestärkten Lungen, abgehärteter Haut, geschärften Augen; alle Organe schienen neue Kräfte aus diesem fruchtbaren Humus gesogen zu haben. – Gerland hatte sich ein Herbarium angelegt, mit dem ursprünglichen Plane, eine möglichst vollzählige Sammlung aller Gräser, Blumen und Kräuter seiner Parochie zusammenzustellen. Bereits war ein hübscher Anfang gemacht. Jetzt ließ er die Hefte unbeachtet in einer Ecke verstauben. Ein neuer und größerer Plan hatte die frühere Liebhaberei verdrängt; Buch wollte er führen über lebendige Seelen. Es fehlte weder an tragischen noch an komischen Figuren. Da war der Säufer Heinze, der taube Tobis, die Besprechfrau Tonchen, der junge Gutsbesitzer Finke. Unter den Kindern hatte er seine Lieblinge, die ihren Platz bekamen. Kantor Wenzel nahm einen großen Raum ein. Doktor Haußner war registriert in einer besonderen Abteilung, gleichsam als auswärtiges Mitglied. Über Gertrud hatte er noch nichts dem Papiere anvertraut; was er über sie wußte, bewahrte er im Herzen, als unentweihtes Geheimnis. – Mit der schriftlichen Niederlegung seiner Gedanken wuchs das schärfere Erkennen des einzelnen Charakters und der Verhältnisse, die ihn gebildet. Und je tiefer er blickte, je mehr verstand er und je mehr verzieh er. – Als der junge Geistliche frisch von der städtischen Kanzel in die ländliche Gemeinde getreten, war mehr als einmal seine sittliche Entrüstung in heller Lohe aufgeflammt. Zwei Laster waren es vor allem, in denen er den Krebsschaden der ländlichen Verhältnisse zu erkennen glaubte: Trunk und geschlechtliche Sünden. Übertriebenen Branntweingenuß fand er bei Arm und Reich verbreitet, und von den Folgen vorzeitigen Geschlechtsverkehrs sah er manche zarte Mädchenblüte angefressen. Bei den meisten Bräuten, die zum Altare traten, strafte der körperliche Zustand den Brautkranz Lüge. Enthaltsamkeit schien der Bauer nicht zu kennen. Wie viele Ehen gab es, wo die Frau Jahr für Jahr gebar! Und wie wurde die Kinderwartung und Erziehung betrieben! Die einfachsten Begriffe der Pädagogik fehlten. Man verzog die Kinder einerseits, gab jedem ihrer unvernünftigen Wünsche nach, dann wieder züchtigte man sie aufs grausamste, ohne Sinn und Verstand, nur nach Laune. In dem, was anständig und erlaubt sei, herrschten die wunderlichsten Begriffe. Erwachsene und Halberwachsene beiderlei Geschlechts schliefen häufig in einem Raume durcheinander, manchmal sogar in einem Bette. Niemand scheute sich, körperliche Verrichtungen in Gegenwart anderer ungeniert vorzunehmen. Die Sprache strotzte von den unflätigsten Schimpfworten. Mittelalterlicher Aberglaube beherrschte das tägliche Leben. Vor dem Arzte fürchtete man sich wie vor dem Gottseibeiuns und griff zu Quacksalberei und Sympathie. Für geistigen Genuß gab es keinen Sinn; jede Verbesserung und Verfeinerung des Lebens und der Sitte scheute und verachtete man als Neuerung. Dabei waren die Leute voll Selbstzufriedenheit und Dünkel; daß es anderswo besser sein könne, wollte niemand glauben. – Gerland ging die Not dieser Menschen zum Herzen; glühend von Eifer, ließ er sich dazu hinreißen, von der Kanzel herab eine Philippika zu halten; deutlich gab er es den Leuten zu verstehen, was er von den sittlichen Zustanden in der Gemeinde halte. Gespannt war er auf die Wirkung; aber sie blieb vollständig aus. Nicht einmal Anfeindungen brachte ihm diese Bußpredigt. Die Gemeinde trug den gewöhnlichen verschlafenen Eindruck zur Schau, wie an jedem andern Sonntage. Sein harter Tadel stachelte sie nicht auf; wie Wasser liefen seine Ermahnungen an ihren dicken Häuten ab. Gelegentlich erfuhr dann Gerland, daß die Breitendorfer an Bußpredigten gewöhnt waren. Das war gerade des verstorbenen Pastors Menke starke Seite gewesen. Und zu der sittlichen Entrüstung auf der Kanzel als Folie: der berüchtigte Lebenswandel des Mannes! Das mochte wohl die Gemeinde gegen geistliche Ermahnung abgebrüht haben. Diese und andere Beobachtungen führten den jungen Geistlichen zu der Einsicht, daß er auf falschem Wege sei. Solche tiefeingewurzelten Laster mit Drohung und Ermahnung bekämpfen zu wollen, war verfehlt. Mehr und mehr erkannte er, welcher Abstand zwischen ihm, dem Gebildeten, und diesen Unkultivierten bestand. Sie waren anders geartet, standen auf einer tieferen Stufe, fühlten, dachten, urteilten anders als er, sie hatten ihre besondere Sittenlehre, Rechtsanschauung und Religion. Bei tausend Anlässen drängte sich ihm diese Bemerkung auf, die er anfangs als vermessen weit von sich weisen wollte. Das gab ihm viel zu denken. Hier war Mensch und Mensch, Christ und Christ, und dennoch grundverschiedene Wesen – ein größerer Unterschied als der, den Rasse, Nation und Konfession begründen – ein Unterschied im Fundamente. Aber wie den Leuten Licht in ihre Dunkelheit tragen? Wie sie erleuchten und erwärmen und den göttlichen Funken der Menschlichkeit, der in ihnen allen schlummerte, entfachen? Sie hatten ja Kirche und Schule, wurden mit Bibel, Katechismus und Gesangbuch bekannt gemacht, die Grundsätze des Dekalogs dem kindlichen Gemüte vor allem andern eingeprägt. In der Kirche boten sich die Heils- und Gnadenmittel für jedermann dar – und alles das schon seit Hunderten von Jahren. Was hatte es genützt? Die Leute hatten sich ihre eigne Religion zurechtgestutzt, für ihren Bedarf. Tausend Pforten und Pförtchen gab es, wo Eigennutz, Haß und Unzucht hineinschlüpfen konnten in Christi Religion der Selbstlosigkeit, des Friedens und der Reinheit. Ein guter Christ wollte jeder von ihnen heißen, aber von einem Eindringen in den tieferen Sinn des Evangelismus und nun gar von einem Leben im christlichen Geiste, war keine Rede. Kirche und Glaube fiel bei diesen Leuten zusammen. Eine Trennung zwischen Kern und Schale vorzunehmen, ging über ihren Horizont. Die Kirchlichkeit war ihnen eine eingebläute Angewohnheit. Man mußte nur den Verlauf eines Sonntags erleben. Schon am Sonnabend Abend ließ man sich den Wochenbart abnehmen, Sonntag früh wurde ein frisches Hemd und die Feiertagskleider angelegt, das Gesangbuch aus Truhe oder Schrank hervorgesucht, die Frauen pflückten sich kleine Sträuße – womöglich von starkduftenden Kräutern, die an Stelle des Flacons unter die Nase gehalten wurden, um den Kirchenschlaf zu unterbrechen. – So vorbereitet trat man den Weg zum Gotteshause an, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit. Ohne triftigen Grund blieb keiner gern fern; Gerland hatte anfangs seine helle Freude gehabt an dem eifrigen Kirchenbesuch. Allmählich aber verflüchtigten sich die Illusionen, er wurde sich klar über den Geist, aus dem diese rege Frömmigkeit stamme. Viele von denen, die das Schiff und die Emporen so dicht füllten, vermochte kaum die Liturgie wach zu erhalten, während der Predigt nickten sie unfehlbar ein. Bei der Aufkündigung dagegen fehlte ihm gewiß kein Ohr. Wer das Amen der Predigt etwa verschlafen hatte, wurde von dem Nachbar geweckt, denn die Nachrichten über den lieben Nächsten: die Geburts- und Todes- und Trauungsmitteilungen waren der interessantere Teil des Gottesdienstes. – Er hatte oft das Gefühl, daß er Perlen vor die Säue werfe. Um sich packen, begeistern oder umwandeln zu lassen, kam keiner an diese Stätte. Gewohnheit, nicht Hunger, nicht Heilsbedürfnis und Drang nach innerer Erleuchtung trieb sie zu ihm. Und als er gar erleben mußte, wie so mancher dieser mit dem Anschein der Würde und Anständigkeit begonnenen Sonntage im Gasthofe mit Tanz, Trunkenheit und Schlägerei endete, da war er geneigt, nicht mehr viel auf den regen Zulauf zu seiner Predigt zu geben. – Von der Kanzel aus an ihre Herzen zu dringen, war nicht möglich. Der Gottesdienst, wie ihn die Agende vorschrieb, kam ihm wie ein altes, stumpf gewordenes Schwert vor; er begann sich nach schärferen Waffen umzusehen. Er hatte oft das Gefühl, als müsse er von dieser Kanzel herabsteigen, die den Priester ebensosehr von der Gemeinde entfernt, wie sie ihn über sie erhebt – herab auf gleichen Boden mit ihnen, um, befreit von allem Formelwesen, Mensch gegen Mensch, einfach und natürlich zu ihnen zu sprechen. Persönliches Beispiel bedeutete sehr viel; aber er allein war zu wenig. – Viele Verhältnisse entzogen sich ihm vollständig. Er konnte nicht zu den Frauen gehen und ihnen Reinlichkeit lehren, oder sie zur Enthaltsamkeit im Geschlechtsgenusse ermahnen; er konnte nicht Unterricht in Kinderpflege, Erziehung und Krankenwartung erteilen. Hier mußte weibliche Hilfe herbei. Ein stiller, zarter, frauenhafter Einfluß würde in diesen intimen Angelegenheiten größeres wirken, als zürnender Eifer oder trockene Belehrung. Mehr und mehr verliebte er sich in den Gedanken, eine Gemeindediakonisse anzustellen. Im Hintergrunde standen noch andere weitschauende Pläne: ein Krankenhaus für den Ort – aber das sollte erst später kommen. Eine Gemeindediakonisse! – Er sah im Geiste die freundliche, tröstende Gestalt, ihr bescheidenes, mildes Walten an Kranken- und Sterbelagern, beim Kindbett und in der Wochenstube. Wie würde von einer solchen edlen, gütigen, selbstlosen Persönlichkeit, wie er sie träumte, Reinheit, Gesundheit und Sittsamkeit ausströmen und sich verbreiten unter den Verwahrlosten. – Die Ausführung dieses neuesten Planes war nicht ohne Geldmittel durchzuführen. Sie würden beschafft werden, man mußte nur an die richtigen Thüren klopfen. Zur rechten Zeit fielen ihm in der Provinzialhauptstadt einige ältere wohlhabende Damen ein, die seine Predigten eifrig besucht hatten. Eine oder die andere dieser ehemaligen Verehrerinnen entsann sich seiner doch vielleicht noch, und würde ihre mildthätige Hand öffnen, wenn er mit dem Klingelbeutel nahte – dessen war er sicher. Dann besaß er ja auch selbst ein kleines Kapital, von einem unverheirateten Onkel ererbt; bisher hatte er nur die Zinsen davon verbraucht. Wenn er sich einschränkte, konnte er zur Not von seinem Gehalte und dem Ertrage des Pfarrackers leben. Er hatte einige Liebhabereien, die einigermaßen ins Geld liefen: er liebte es, sich gut zu kleiden, und kaufte sich gern hin und wieder ein Buch. Auch für seine Gartenpassion ließ er Geld aufgehen. In Zukunft wollte er alle diese Ausgaben nach Möglichkeit einschränken, was er nur irgend ersparen konnte, für seinen großen Zweck zurücklegen. – Vor allen Dingen aber wollte er die Gemeinde selbst zu einer Beisteuer heranziehen. Soviel Einsicht durfte er den Vätern von Breitendorf doch wohl zutrauen, daß sie für einen Zweck, dessen Ersprießlichkeit klar in die Augen sprang, Hilfe übrig haben würden. Zum nicht geringen Erstaunen der Breitendorfer las man im Laufzettel, der die Kirchen- und Gemeinderatsmitglieder zur gemeinsamen Sitzung in die Sakristei einlud: »Punkt drei der Beratung, Antrag des Herrn Pfarrers, Berufung und Anstellung einer Gemeindediakonisse betreffend.« Man steckte die Köpfe zusammen, manch einer fragte, was das sei, eine Gemeindediakonisse. Fremd wie das Wort, war den guten Leuten der Gedanke. Es wurde viel darüber hin und her gesprochen, im Kretscham und in den Holzstuben. Viele lachten, manche räsonnierten. Die Besprechfrau Tonchen, das Dorforakel, die mit Sympathie und Wunderkuren eine schwunghafte Praxis trieb, zog von Haus zu Haus und besprach mit den Weibsleuten die unerhörte Absicht des Pfarrn, »ene Diakunissen reizubringen.« »Die sein duch katholsch,« hieß es, »freilch sein die katholsch de Diakunissen – se giehn ju wie de Nunnen – schwarz und weeß.« Der Windmüller, welcher in seiner Handwerksburschenzeit irgendwo in der Fremde krank geworden und im Lazarett gepflegt worden war, bestätigte die Behauptung, alle Diakonissen seien katholisch. Also stand es fortan fest, der Pfarrer wolle die Gemeinde römisch machen. – Die Sitzung war die bestbesuchteste, die Gerland bisher in Breitendorf erlebt. Beide Körperschaften, der bürgerliche und der kirchliche Gemeinderat, waren vollzählig in der Sakristei erschienen. Gerland hatte absichtlich vorher mit niemandem über seinen Antrag gesprochen. Die Leute sollten überrascht, womöglich im Sturme gewonnen werden; er hoffte etwas von seiner Beredsamkeit. Den ersten Punkt der Tagesordnung bildete die Aufnahme und Verpflichtung des Gutsbesitzers Finke in den bürgerlichen Gemeinderat; der junge Bauer war an Stelle seines verstorbenen Vaters gewählt worden. Hiermit hatte der Geistliche nichts zu thun. Auch Punkt zwei: Amortisierung einer bei Gelegenheit des Schulumbaus aufgenommenen Schuld berührte ihn nicht. Als es endlich soweit war, erhob sich Gerland und hielt unter gespannter Aufmerksamkeit der Gemeinde- und Kirchenältesten eine wohlvorbereitete Rede. Er legte zunächst die Notwendigkeit seines Vorschlages dar, eine Gemeindeschwester zu berufen. Mit möglichster Schonung wies er auf die Mängel hin, die in der Gesundheitspflege, Reinlichkeit, Krankenbehandlung und Kinderwartung am Orte herrschten. Der zweite Teil seiner Rede betraf die Möglichkeit einer Besserung solcher Zustände. Er bat um Vorschläge aus der Mitte der Versammlung; der seine bestehe in Anstellung einer gelernten Krankenpflegerin. Schließlich verlas er einen von ihm aufgestellten Kostenanschlag: Gehalt, Wohnung und Verpflegung der Pflegerin betreffend. Er schloß mit der Erklärung, daß er für die Hälfte des veranschlagten Jahresgelds persönlich aufkommen werde. Der erste Redner, welcher nach ihm sprach, der Gemeindevorsteher, ging nicht gerade mit Enthusiasmus auf den Antrag des Geistlichen ein. Bedenken machte er geltend, wie das Geld aufzutreiben sein würde, auch hatte er seine Zweifel, ob sich die Leute von einer »solchen Dame«, wie er sich ausdrückte, pflegen lassen möchten. Er erwähnte, daß man ja einen Kreisphysikus in der Stadt habe, und daß es öffentliche Krankenhäuser gebe. Andere Redner, die nach dem Gemeindevorsteher sprachen, hatten die Absicht des Geistlichen offenbar völlig mißverstanden. Sie kamen mit allerhand Einwürfen, die weit an dem Antrage vorbeischossen. Gerland hatte Mühe, die Debatte, welche sich zu verzetteln drohte, immer wieder zum eigentlichen Gegenstande zurückzuführen. Die Aussichten, seinen Antrag durchzubringen, wurden immer geringer; bisher hatte Gerland nur Bedenken und Einwände zu hören bekommen, gewonnen schien er niemanden zu haben. Nur noch ein Redner stand auf der Liste, der Schuster Herklotz. Gerland war äußerst gespannt, wie sich der Mann zu seiner Idee stellen werde. Herklotz war, was die Bauern einen »Lieberalen« nennen. Die kleinen Leute hatten ihn in den Gemeinderat gewählt. Er war berüchtigt seiner »ratenkahlen« Ansichten wegen. Der Geistliche hatte erst kürzlich in unliebsamer Angelegenheit mit Herklotz zu thun gehabt; es war nötig gewesen, den Mann zu ermahnen, sein jüngstes, bereits dreijähriges Kind zur Taufe zu bringen. Die Ermahnung hatte Frucht getragen; aber der Vater selbst war nicht zum Taufakte erschienen. Langsam erhob sich der kleine, verwachsene Mann. Zwischen den hohen Schultern des Buckeligen saß ein unproportioniert großer Kopf, sein schräg liegendes, unstetes Auge sagte nichts Gutes. Ehe er zu sprechen begann, fuhr er sich ein paarmal, wie zur Vorbereitung, mit der klobigen Rechten über den breiten Mund, dann hob er an mit, krähendem Organe. Gift und Galle lösten sich sprudelnd von seiner Zunge; ein Satz rannte in den andern hinüber, er überhaspelte sich in Gedanken und Worten, nahm sich kaum Zeit zum Schlucken und Atemholen, immer wieder fuhr die Hand über die nassen Lippen, und hammerartig arbeiteten die langen Arme auf und ab. Gerland erschrak über das Unmaß von Bosheit, Haß und Feindschaft, das sich da in der Seele eines Menschen gegen ihn angesammelt hatte. Wenn überhaupt ein Sinn aus dieser wilden, unzusammenhängenden Rede herauszuhören war, so schien es der: dem Geistlichen sei Hochmut und Vermessenheit vorzuwerfen. Wie könne er sich unterstehen, die Breitendorfer herunter zu machen, ihnen Unwissenheit und Unsittlichkeit nachzusagen und zu behaupten, sie erzögen ihre Kinder schlecht? Wie komme der Herr Pastor dazu! Er sei ja ein ganz junger Mann – was verstehe er von Kindererziehung und dergleichen? Er appelliere an die versammelten Gemeindeväter, ob sie schlechte und unwissende Leute seien, wie der Pfarrer behauptet hätte. Der Herr Pastor möge sich doch um das kümmern, was seines Amtes sei, und der Gemeindevertretung nicht ins Handwerk pfuschen. Sie wüßten schon, wo sie der Schuh drücke – das brauchten ihnen nicht erst gelehrte Herren zu sagen – zu viel Steuern hätten sie; und da komme der Pfarrer auch noch mit einer neuen. Für einen solchen Herrn, der sich von der Gemeinde ernähren lasse, sei es freilich leicht, kostspielige Anträge zu machen. Er und die anderen Gemeinderatsmitglieder seien Familienväter, die sich und ihre Kinder von ihrer Hände Arbeit ernähren müßten. Neue Ausgaben für allerhand Unfug wollten sie nicht. – Damit schloß dieser dörfische Thersites seine Rede. Die Worte waren nicht ohne Eindruck geblieben. Sonst als der Vertreter umstürzender Ansichten von den wohlsituierten Leuten, die den größeren Teil der Versammlung ausmachten, gehaßt, hatte Herklotz diesmal eine Saite angeschlagen, die auch den anwesenden Gutsbesitzern und Bauern angenehm klang. Den Landmann berührt nichts unangenehmer, als wenn seine Einrichtungen, mögen sie noch so übel sein, bemäkelt werden; und nun gar von einem »Gestudierten« läßt er sich Belehrung nur sehr ungern gefallen. Denn die Gebildeten sind Nichtsthuer, die auf Kosten des arbeitenden Standes leben. Und so war es denn den meisten der Anwesenden gar nicht unlieb, daß der Pastor sein Fett wegbekommen hatte; er war ihnen überhaupt viel zu apart und hochmütig der Pfarrer. Daß er neulich den Leichenschmaus beim Begräbnis des alten Finkenbauer abgewiesen hatte, wurde ihm von vielen nicht vergessen; es war ihm ganz gesund, daß er einmal geduckt wurde. Die ungehobelte Grobheit des Schusters hatte sie im stillen belustigt. Man stieß sich beifällig an, zwinkerte sich mit den Augen zu. »Der hat's dem Pfarrn aber mal ordentlich gegeben,« das war das allgemeine Gefühl, als Herklotz endete. Gerland war kreidebleich geworden. Soviel Niedertracht und Bosheit verwirrte ihn vollständig. Mit Schrecken fühlte er Ruhe und klares Denken von sich weichen, deren er in diesem Augenblicke doch so sehr bedurfte. Was sollte er auf diese hämischen Anschuldigungen erwidern? Solcher Perfidie gegenüber war man ja waffenlos. Er fühlte die Ohnmacht des anständigen Menschen gegen niedrige Gesinnung. Und doch mußte er irgend etwas erwidern, sonst stand er in den Augen der Leute gerichtet da. Er sah es aus ihren spöttischen Mienen, daß sie auf Seiten seines Angreifers standen. – Jetzt schwieg jener. – Ruhe! nur Ruhe! – Er mußte ruhig werden. Mit bebender Stimme begann er seine Widerlegung; wie er voraus gewußt hatte, unglücklich – hastig, nicht frei von persönlicher Gekränktheit, nicht überlegen. Er fühlte, daß er sich in den Augen seiner Zuhörer nur immer mehr verwickelte, er las es aus ihren schadenfrohen Blicken. Er setzte sich. Die Anständigeren unter den Leuten mochten vielleicht etwas wie Mitleid mit ihm empfinden; die große Masse triumphierte und lachte sich ins Fäustchen. Die Abstimmung ergab nicht eine einzige Stimme für den Antrag des Geistlichen. – XVI. Der Konfirmationsunterricht hatte seinen Anfang genommen. Sechs Knaben und acht Mädchen kamen dazu wöchentlich dreimal ins Pfarrhaus. Ein Enkelsohn der alten Märzliebs-Hanne befand sich unter den Kindern. Die Greisin war selbst im Sonntagsstaate von Eiba herabgekommen, um dem Herrn Pastor das Kind zu überbringen, damit er einen Christen daraus mache. – Es war ein eignes Gefühl für den jungen Geistlichen, vor dieser Schar von Blondköpfen zu stehen, die ihn mit furchtsam neugierigen Augen musterten; sich als ihren Meister zu fühlen, der diese werdenden jungen Menschen in die erwachsene Christenheit einführen sollte. In diesem schmiegsamen Material hinterließ noch jeder Druck seine Spuren. Ihre Aufmerksamkeit und ihr Vertrauen gehörten ihm ganz; sie glaubten jedem seiner Worte. Er konnte auf ihnen spielen, wie auf einem Musikinstrumente. Jede Stimmung: Freude, Trauer, Begeisterung, Entrüstung vermochte er in ihnen hervorzurufen. Gerland sorgte dafür, daß der Unterricht niemals langweilig oder ermüdend wurde. So wenig wie möglich quälte er die Kinder mit Gedächtnisarbeit; die Schule hatte sie ja genug mit Auswendiglernen geplagt. Jetzt sollten sie verstehen und mitfühlen lernen, und damit würde er sie vielleicht zur höchsten Stufe führen – zur Liebe. Er bereitete sich selbst für die Konfirmationsstunde aufs sorgfältigste vor. Für diese jungen Seelen erschien ihm das beste nur gerade gut genug. Soviel wie möglich suchte er auf die Phantasie der Kinder zu wirken. Nüchternheit, das wußte er aus eigner Erfahrung, war der gefährlichste Feind des Religiösen. Er versuchte die Materie auf jede Weise zu beleben, zu durchwärmen, zu versinnbildlichen; er verschrieb sich eine Bibelillustration, die seine Vorträge unterstützen mußte. Nach Möglichkeit suchte er das Dogmatische aus dem Stoffe zu bannen. Wozu die naiven Seelen dieser Kleinen mit dem schwerverdaulichen, verkünstelten Schematismus überbürden. Den Kindern wollte er eine edle, einfache, unversalzene Kost bieten. Schwerlich würde die vorgesetzte Behörde, wenn sie zufällig den Konsirmationsunterricht visitiert haben sollte, sich mit seiner Methode einverstanden erklärt haben. Darüber machte er sich keine Skrupel. Er fühlte, daß er den Kindern darum nichts Schlechteres bot, wenn er von der althergebrachten Leier abwich. Aus ihren Antworten und Mienen erkannte er, daß ihre Aufmerksamkeit und ihr Verständnis wachse; er sah es an den geröteten Wangen, den geöffneten Lippen, den glänzenden Augen, daß er ihnen die Leidensgeschichte Christi nahegeführt habe. War das nicht mehr wert, als wenn sie die gesamten Hauptstücke und noch soviele kniffliche Definitionen ohne Anstoß hätten aufsagen können? – Und für sich selbst – was gewann er nicht aus diesen Stunden, die er im Verkehr mit der kindlichen Schar verbrachte. Er wuchs mit ihnen an Innigkeit und Schlichtheit; und das Bewußtsein, daß sie ihn liebten, diese unverdorbenen Gemüter, mußte ihm eine Entschädigung sein für manche herbe Erfahrung der letzten Zeit. – Der Winter war inzwischen über Breitendorf mit sanfter Decke herabgesunken. Gern lauschte Gerland, von der Arbeit aufhorchend, dem Dreiklang der Dreschflegel im Dorfe, der ihm eine vertraute Melodie geworden. Schwer, mit knarrenden, holzbesohlten Stiefeln kamen die Bauern den frostharten Kirchsteig am Pfarrgarten herabgepoltert, mit Schafwollpelzen und Fausthandschuhen, die Gesichter blaurot angelaufen, die Frauen vermummt, in Kopftüchern und wattierten Puffjacken. Immer tiefer spann sich der junge Geistliche ein in seine Gedankenwelt, wahrend draußen der Schnee das einsame Thal immer dichter und dichter einhüllte – er ließ es schneien. Die Post war des tiefen Schnees wegen für ein paar Tage völlig ausgeblieben – immer zu! Ihm war es recht; er fing an, die Einsamkeit als beste Freundin zu lieben. Wie wohlthuend war der Anblick dieser weiten Schneedecke, unter der gleichsam alle Wünsche und Triebe schliefen, wie still und schicksalsergeben die Wälder unter ihrer schweren Bürde, wie gleichmäßig resigniert das Stumpfgrau des Himmels, das sich nach kurzem Tage in ein mattes, schnell von der Nacht verhülltes Rosagelb verwandelte. – Gerland unternahm häufig weite Spaziergänge; auf dem harten Schnee in der klaren Winterluft marschierte es sich herrlich. Unter dem weißen Leichentuche schlummerte der braune Acker und die grüne Saat. Es glitzerte auf der lichten Decke von Milliarden Schneekristallen, Die Bäume an der Straße standen verglast bis an die äußersten Äste und Ästchen vom Reiffrost. Das Wild war kirre geworden durch die anhaltende Kälte, Hasenfährten führten bis an die Gärten des Dorfes, die braunen Punkte im Schneefelde waren Rebhühner, die ängstlich nach Futter wühlten. Der Wald war herrlicher denn je in seinem Schneekleide: kirchenstill, die Äste tiefgefenkt; hin und wieder entledigte sich einer emporschnellend seiner Last. Aber besonders die Höhen suchte Gerland in dieser Zeit auf, mit ihrer Aussicht über die weite Schneelandschaft. Graublau, das Bild wie eine Mauer abschließend, stand die stolze Gebirgskette im Hintergrunde. Auf einem seiner Ausflüge kam er in ein hochgelegenes, zwischen Wäldern ganz verstecktes Dörfchen, dessen idyllische Lage ihn überraschte. Etwa zwei Dutzend Fachwerkhütten lehnten sich an ein schindelgedeckes Kirchlein, das, von alten, jetzt blätterlosen Lindenbäumen überragt, kirchhofumgeben auf dem höchsten Punkte des Dorfes lag. Das einstöckige, ziegelgedeckte Haus daneben mochte das Pfarrhaus sein. Reichtum herrschte hier nicht; kein protziger Bauernhof zu sehen, selbst die übliche Schenke fehlte. Kirche, Pfarrhaus und Schule, das waren die einzigen, trotz ihrer Winzigkeit auffälligen Gebäude. Bis an das Strohdach hinauf waren die Hütten verpackt mit Laub und getrockneten Quecken zum schützenden Winterkleide. Bläulicher Rauch zog aus den Lehmessen in die klare Winterluft hinaus; in den meisten dieser Häuschen klapperte der Webstuhl. Gerland meinte, er habe selten etwas Heimlicheres, Friedlicheres, Weltabgeschiedeneres gesehen, wie diesen Erdenwinkel; hiermit verglichen war ja sein Breitendorf eine Stadt zu nennen. Er fragte ein paar vorübergehende Holzarbeiter, welche Gemeinde dies sei. »Göhdaberg,« hieß es. »Wie? Göhdaberg! – Heißt euer Herr Pastor etwa Valentin?« »Ju, ju! Valentin tut ar heeßa.« – Gerland fühlte Pastor Valentin gegenüber ein böses Gewissen. Damals, beim Missionsfeste in der Kreisstadt hatte er's dem alten Manne versprochen, ihn aufzusuchen. Über anderen Ereignissen war das Versprechen vergessen worden, und nun führte ihn der Zufall vor das Haus des Mannes; vorübergehen konnte er nun doch nicht gut. Er schritt durch das Pfarrgärtchen ein paar ausgetretene Stufen zur Thür des kleinen Hauses empor. In der steingepflasterten, weißgetünchten Hausflur war niemand zu erblicken, er warf einen Blick in das Expeditionszimmer, das ebenso wie die Küche leer war. Auf schmaler, knarrender Holzstiege schritt er zum ersten Stock hinauf. Über einer Thür las er auf einem Papierbogen, umgeben von verblaßten Immortellen die Worte: »Deinen Eingang segne Gott!« Hier würde der Herr Pastor wohl zu finden sein. Er klopfte an – keine Antwort! Wohl aber verriet ihm ein gleichmäßig wiederkehrendes Geräusch von drinnen, daß jemand in tiefen Atemzügen schnarche. Er klopfte noch einmal; das Schnarchen setzte aus, ein Seufzen war zu vernehmen, dann ein Gähnen. Endlich wurde die Thür geöffnet. Vor Gerland stand der alte Pastor Valentin im Schlafrock, ein goldgesticktes Käppchen auf dem weißumrahmten Patriarchenkopfe. Erstaunt, mit leeren Blicken, sah der alte Mann den Fremden für eine Weile an, bis ihm die Erinnerung mit einem Male wiederkam. »Mein lieber Pastor – lieber Amtsbruder!« – und er hielt ihm beide Hände entgegen. Gerland trat in ein niederes Zimmer mit schadhafter Holzdiele; die kahlen Wände waren mit blauem Farbenmuster übersät, an der Decke prangten kühne Arabesken – wohl das Werk eines Dorfkünstlers. Der zimtfarbene Kachelofen strahlte eine gedeihliche Hitze aus. Unter den Gerüchen, die den Raum erfüllten, war der von Kamillenblättern vorherrschend. Der Alte zwang den jungen Geistlichen in einen wackeligen Lehnstuhl. Geschäftig eilte er selbst im Zimmer umher, ohne daß man eigentlich den Zweck seines Eifers hätte absehen können. Offenbar war er verlegen, weil ihn Gerland im Schlafe überrascht hatte. Auf dem Tische stand eine halbgefüllte Tasse, die Pfeife mit langer Quaste lag daneben. »Ich habe den Herrn Amtsbruder wohl im Mittagsschläfchen gestört?« fragte Gerland. – »Nein, bewahre, bewahre! Ein kleiner Nicker – allerdings. – Sonst ist das wirklich nicht meine Gewohnheit. – Jetzt werde ich Ihnen aber einen Kaffee kochen lassen.« – Trotz Gerlands Sträuben lief er nach der Thür: »Hanne! – Hanne!« Hanne erschien; ein altes, gebeugtes Weiblein, mit freundlichem eingeschrumpftem Gesichte unter grauer Haube. Der Herr Pastor trat mit ihr zur Thüre hinaus und erteilte ihr seine Anordnungen. – Die Alte mochte wohl schwerhörig sein; jedenfalls konnte Gerland jedes Wort verstehen. – Kaffee sollte sie kochen, aber ganz starken, und besonders schnell – und die guten Cigarren von unten herauf bringen. »Ich habe mir nämlich den Kaffee nach Tisch abgewöhnt,« erklärte er, ins Zimmer zurückkehrend. »Ich litt hin und wieder an einem bösen Kopfschmerz, und Hanne meinte, das käme vom Kaffee. Seitdem trinke ich Kamillenthee mit etwas Süßholz. Das schmeckt fast ebensogut, wenn man sich daran gewöhnt hat, und ist bedeutend billiger.« – Er fragte den Gast mit besorgter Miene, ob es ihm auch warm genug sei. Gerland, der sich am liebsten über schier unerträgliche Hitze beklagt hätte – der Ofen meinte es mindestens ebensogut wie der Herr Pastor – wollte den alten Mann nicht kränken, und lobte das schöne warme Zimmer. »Ja, das ist der einzige Luxus, den ich mir gönne,« erklärte Pfarrer Valentin. »Ein warmes Zimmer, darüber geht nichts. Soviel in den Ofen geht, lasse ich heizen; das muß die Stelle schließlich noch abwerfen.« Gerland entsann sich, gehört zu haben, daß Göhdaberg eine der schlechtbezahltesten Stellen der Diözese sei. Die Einrichtung sah auch ärmlich genug aus; aber der Alte machte durchaus keinen unzufriedenen Eindruck. Hin und wieder seufzte er mit gefalteten Händen; doch war das nicht ein Zeichen von Sorgen oder Kummer, mehr der Ausfluß harmonisch beschaulicher Stimmung. Auch die Züge des Mannes sprachen von Frieden mit der Welt und mit sich selbst. Haß und Neid waren dieser Seele gewiß ebenso fremd wie Zweifelsucht. Der Geist der Moderne war bis in dieses stille Gebirgspfarrhäuschen nicht vorgedrungen; etwas Schlichtes, Ursprüngliches und Einfältiges haftete dem Manne und seiner Umgebung an. In diesem Stile mochten die evangelischen Pastoren guter alter Zeit gelebt und gewirkt haben, als das Luthertum noch etwas von dem bäurisch starken und innigen Geiste seines Begründers unverfälscht aufwies. Nicht mehr als ein Dutzend stark abgenutzter Bände auf dem altersschwachen Schreibtische schienen das ganze litterarische Handwerkszeug des greisen Pfarrers darzustellen. An den Wänden erblickte Gerland ein paar Farbendrucke: die Reformationshelden. Unter einem mit menschlichem Haar auf Kanevas gestickten Bibelspruche hingen in gepreßten Papprahmen einige Daguerreotype – Familienbildnisse offenbar. »Es sieht wüste und leer bei mir aus,« meinte der Alte, Gerlands musterndem Blicke folgend. »Sie sind's wahrscheinlich anders gewohnt. Ja, sehen Sie, lieber Amtsbruder, wenn man so seit dreißig Jahren verwitwet ist – Früher – ja früher – als ich noch meine Emmy hatte –« Er stand auf und nahm eine der Daguerreotyven von der Wand: »Sehen Sie, so sah meine Emmy aus – das war sie.« Die graubraun nachgedunkelte Platte ließ in matten Umrissen eine Frauengestalt erkennen, in weißer Bluse mit großkarriertem, durch die Krinoline geschwelltem Kleide; ein rundes, weißes Gesicht, in dem eigentlich nur die Augen als ein paar schwarze Flecken erkenntlich waren. Den Wangen hatte der Künstler einen zarten, rosa Ton verliehen. Gerland sah voll Rührung, wie der Alte das Bildchen mit den Augen liebkoste. Dreißig Jahre waren es her, daß dieses Gesicht, von dessen Frische das Konterfei gerade noch eine Ahnung gab, mit Erde zugedeckt worden war. Aber bei dem Gedanken, wie hübsch seine Emmy gewesen, strahlten die Züge des alten Mannes von naivem Stolze. Er faltete die Hände und seufzte: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobet!« – Sorgfältig wischte er das Bildchen ab und hängte es an seinen Platz zurück. »Hier, das wird Sie vielleicht interessieren; hier habe ich ein Bild von der seligen Bertha Haußner.« »Von Doktor Haußners Frau?« »Ja, von meiner Nichte Bertha.« Er nahm eine Photographie von der Wand und reichte sie Gerland hinüber. »Das war Bertha Haußner als Braut.« Mit tieferem Interesse, als der andere wohl ahnen mochte, betrachtete Gerland das Bildchen. Ein feines Gesicht, zarte, unentwickelte Züge, große, gute Kinderaugcn md ein freundlich lächelnder Mund. Das Gesicht sprach ihn auf den ersten Augenblick an, nicht bloß wegen der unverkennbaren Ähnlichkeit mit Gertrud. Für ihn hatten diese sanften Mädchenzüge in ihrer glücklichen Ungetrübtheit etwas Wehmütiges. Vor diesem Bilde begriff er, daß ein solches Wesen an der Seite eines herzenskalten, schroffen Mannes hatte zu Grunde gehen müssen. »Die gute – unglückliche Bertha!« – meinte Valentin. »Ein freundlicheres, liebevolleres Gemüt habe ich nicht gekannt, und sie war eine Christin im besten Sinne des Wortes. – Für ihren Mann hätte sie alles aufgegeben – gern und ohne ein Wort der Klage – nur nicht ihren Glauben. Der Kampf, in den sie gestellt wurde, war zuviel für sie. – Lieber Amtsbruder, ich kann Ihnen sagen, etwas Traurigeres als Bertha Haußners Geschick, habe ich mein Lebtag nicht mit angesehen.« Hanne, die mit dem Kaffee kam, unterbrach ihn. Mit besonderer Weihe schenkte der Alte ein. Sich selbst gewährte er heute auch ein Täßchen aus der goldumränderten, bis in die Schnauze vollen Kaffeekanne. Dann bot er Cigarren an, und konnte sich nicht genug darüber wundern, daß der Amtsbruder gar nicht rauche. Behaglich mit gefalteten Händen lehnte der alte Mann in seinem Lehnstuhle, hin und wieder seufzend. Weiß wie der Schnee, der draußen die Welt einhüllte, quoll sein Haupthaar unter dem goldgestickten Mützchen hervor. Im Ofen krachten und pufften die Holzkloben, die Hanne zu guter Letzt noch nachgelegt hatte. Vor dem Fenster erhob sich der schindelgedeckte Turm des Kirchleins. Zufriedene, einlullende Stille ringsum. Als ob das Dörfchen mit seinem greisen Pastor durch Jahrzehnte geschlummert hätte in weltabgeschiedener Selbstvergessenheit. Weit, weit draußen schien der Strom der Zeit vorüberzubrausen. – Gerland hätte gar zu gern noch mehr über das Thema gehört, welches der Alte begonnen. Es fiel nicht schwer, ihn von neuem auf die Geschichte seiner unglücklichen Nichte zu bringen. »Wie Haußner zu seiner Frau gekommen? – Ja, sehen Sie, lieber Amtsbruder, Gott führt die Menschen wunderbar zusammen. Bertha, deren Bild Sie vorhin gesehen, lebte damals mit ihren Eltern – beide sind jetzt tot – in der Kreisstadt. Ihre Mutter war, wie schon gesagt, die Schwester meiner seligen Frau. Der Vater betrieb den Holzhandel im großen; er galt für einen der wohlhabendsten Leute der Gegend. Die Kinder wurden streng christlich aufgebracht; Bertha genoß ihre Erziehung in Gnadenthal im Schwesternhause. Es herrschte bei den Wendtlebens – so hießen meine Verwandten – ein durchaus frommer, gottergebener Sinn. – »Haußner kam von auswärts zugereist in die Stadt. Er war vorher Schiffsarzt gewesen, soviel ich weiß, und auf diese Weise in aller Herren Länder herumgekommen. Er schien erfahren und tüchtig in seinem Berufe und erwarb sich bald eine große Praxis. Auch bei den Wendtlebens war er Hausarzt. »Man traf sich, wie das in so einer Stadt ja geht, oft in Gesellschaft. Mein Schwager Wendtleben hatte ein offenes Haus. Er sah den Arzt wohl auch manchmal an seinem Tische; doch ahnte Wendtleben lange Zeit nichts, daß zwischen seiner Tochter Bertha und dem jungen Manne eine ernsthafte Neigung bestehe, bis eines Tages Haußner um Bertha anhielt. »Mein Schwager wollte anfangs nichts von der Sache wissen, da Bertha noch sehr jung sei und ihre Gesundheit nicht sonderlich fest schien, aber er konnte nicht viel ausrichten, die jungen Leute waren einig geworden miteinander und hielten fest zusammen. Und so mußte sich denn Wendtleben drein ergeben. – »Die Trauung fand statt. Ich selbst habe sie zusammengegeben. »Um die religiösen Anschauungen des Bräutigams hatte sich niemand gekümmert – leichtsinnig wie wir waren. Die beiden liebten sich, Haußner war ein vielversprechender, von aller Welt hochgeschätzter Mann; alles schien glückverheißend. Wer konnte damals, als sie vor dem Altare standen, ahnen, welch schweren Konflikten dieses Menschenpaar entgegenging. – »Wendtleben starb bald darauf, und einige Jahre später auch seine Frau. Die Haußners kamen dadurch in glänzende Verhältnisse; aber man konnte ihnen nicht vorwerfen, daß das viele Geld sie hoffärtig gemacht habe. Er praktizierte mit großem Eifer weiter. »Wir verkehrten damals viel in seinem Hause; meine selige Emmy lebte ja noch, und Bertha war ihre Lieblingsnichte. »Durch meine selige Frau wurde ich auch zuerst darauf aufmerksam, daß im Haußnerschen Familienleben nicht alles so sei, wie es unter christlichen Eheleuten sein soll. Er neigte zum religiösen Freisinn, das war uns zu unserem Schmerze nach und nach allen klar geworden, und darüber kam es zwischen ihm und Bertha, die eine gefestigte Christin war, zu Meinungsverschiedenheiten; und als nun die Kinder, die ihnen inzwischen geboren waren – zwei an der Zahl – heranwuchsen, gab es über deren Erziehung ernste Kämpfe. »Er wollte nämlich die Kleinen in seiner freien Anschauung auferziehen. Mir wurde damals ein Wort von ihm hinterbracht; er sollte geäußert haben: Er werde nicht zulassen, daß seinen Kindern das ›christliche Gift eingeimpft‹ werde. – Natürlich kränkte und betrübte uns seine offene Religionsfeindschaft tief. Oft hatte mich meine selige Emmy gebeten, ich sollte eingreifen; aber ich sagte mir, daß dies Dinge seien, welche die Ehegatten untereinander abzumachen hatten. Gelegentlich habe ich Haußner doch ins Gewissen geredet – ohne Erfolg leider – er lachte mich einfach aus; ich konnte nichts ausrichten. Im stillen allerdings hoffte ich immer, der Herr in seiner Allweisheit und Güte werde diese verstockte Seele schon noch zu sich führen. – »Nun kam die Zeit, wo Haußners ältestes Kind, ein Knabe, schulpflichtig wurde. Wie man nachmals erfuhr, hatte er mit dem damaligen Rektor der Hauptschule, seinem guten Freunde und, wie ich glaube, Gesinnungsgenossen, ein Privat-Abkommen getroffen, wonach das Kind vom Religionsunterricht dispensiert wurde. – Das soll ungefähr ein halbes Jahr unbemerkt und unbeanstandet gegangen sein. Ich selbst war durch meinen vergeblichen Versuch, Haußner auf den rechten Weg zu führen und vor allem durch den Tod meiner seligen Frau ihm damals etwas entfremdet worden. »Eines Tages erzählte mir ein Amtsbruder als neueste Nachricht aus der Stadt, zwischen Doktor Haußner und dem Superintendenten Großer sei ein heftiger Streit ausgebrochen; die ganze Stadt spreche von nichts anderem, ja sogar in den Blättern wurden lange Artikel darüber veröffentlicht. Ich hatte hier oben davon nichts gelesen und gehört. »Natürlich ging ich sofort zur Stadt, und suchte zunächst meine Nichte Bertha auf; sie war krank – vor Herzenskummer. Ich konnte nur Haußner sprechen. Er empfing mich sehr wenig verwandtschaftlich, war schroff und unfreundlich, nichts konnte ich von ihm erfahren; ich suchte also den Herrn Superintendenten auf. »Was ich da erfuhr, bestürzte mich aufs äußerste. »Dem Herrn Superintendenten war zu Ohren gekommen, daß der kleine Haußner am offiziellen Religionsunterrichte seiner Klasse nicht teilnehme; er hatte davon umgehend der Regierung Mitteilung gemacht. Von seiten der Regierung war eine Untersuchung des außergewöhnlichen Falles eingeleitet worden; der Rektor der Schule bekam einen ernsten Verweis, und Haußner wurde bedeutet, den Knaben fortan in den Religionsunterricht zu schicken. »Haußner antwortete damit, daß er aus der Landeskirche austrat. Nun behauptete er, als Dissidenten könne man ihn nicht zwingen, seine Kinder am Religionsunterricht teilnehmen zu lassen. »Darüber gab es ein langes Hin und Her; die Sache ging bis vors Ministerium. In der Stadt war natürlich das Aufsehen groß; sehr viele häßliche Thaten wurden damals leider auch von Christenleuten verübt. Haußner und die arme Bertha erhielten Droh- und Schmähbriefe gemeinster Art. Wenn Haußner sich irgendwo öffentlich blicken ließ, gab es Leute, die aufstanden und sich entfernten, als ob seine bloße Nähe verunreinigend wirke. Auch das unglückliche Kind, dessentwegen der Streit entbrannt war, hatte viel zu leiden von seinen Mitschülern. Ja, ruchlose Buben entblödeten sich nicht, dem kleinen Knaben ein Plakat mit Spottversen auf den Rücken zu kleben. In den Zeitungen wimmelte es von Verdächtigungen. Haußner verlor damals einen großen Teil seiner Praxis. Es wird eine Geschichte erzählt – ihre Wahrheit kann ich nicht verbürgen – mehrere Damen hätten sich an den Herrn Superintendenten gewendet mit der Frage, ob sie sich noch fernerhin von Doktor Haußner behandeln lassen dürften und Superintendent Großer hätte mit einem »nein« geantwortet – heißt es. »Lieber Amtsbruder, so tief ich Haußners Abfall vom Christentum beklage, und so scharf ich seine Auflehnung gegen die Kirche verwerfe, ich glaube doch, darin hat der Herr Superintendent nicht recht gethan. Dem Manne die Ehre abzuschneiden, ihn zu verbittern und immer tiefer in seinen Haß hineinzutreiben, das war weder weise gehandelt, noch läßt es sich mit dem Geiste unseres Meisters Jesu Christi in Einklang bringen. »Der äußere Abschluß des Zwistes war, daß von oben der Bescheid kam, das Kind habe am Religionsunterrichte teilzunehmen; worauf Haußner den Jungen aus der Schule nahm. »Von jener Zeit ab war mit dem Manne nicht mehr in Frieden zu verkehren; wenigstens für einen unseres Standes nicht, so aufgebracht und ergrimmt zeigte er sich gegen die Kirche und ihre Diener. Heimlich mußte ich mich ins Haus schleichen, wenn ich die arme Bertha besuchen wollte. »Die Unglückliche hat während dieses Streites Folterqualen ausgestanden, und wäre sie nicht eine wahrhaftige Christin gewesen, sie würde soviel Schweres nicht ertragen haben. Ihre Gesundheit und ihr Gemüt waren tief zerrüttet; bereits damals begann ich für ihren Verstand zu fürchten. – »Das Familienleben war völlig zerstört; die Ehegatten waren einander entfremdet worden. »Mir wies Haußner damals die Thür, in einer so schroffen Weise, daß ich es meinem Kleide schuldig zu sein glaubte, seine Schwelle fortan nicht mehr zu übertreten. »Bald darauf zog Haußner ganz von der Stadt weg. Das Haus in Eichwald hatte er schon früher angekauft, und Bertha pflegte im Sommer mit den Kindern dorthinzugehen. Jetzt machte er diese Besitzung ganz zu seiner Heimat. »Ich habe die Verwandten aus dem angeführten Grunde niemals in Eichwald aufgesucht; aber ich blieb in Briefwechsel mit Bertha. »Aus ihren Briefen begann ich Hoffnung zu schöpfen. Haußner schien sich zu finden; er verhinderte es wenigstens nicht, daß Bertha den Kindern religiöse Anschauungen einprägte; ja hin und wieder gestattete er ihr den Kirchgang mit den Kleinen. Für ihre Erziehung hielt er einen Hauslehrer; einen Teil des Unterrichts erteilte er auch selbst. »Damals schien manches auf dem Wege zum guten mit der Familie. Berthas Gesundheit besserte sich, ihre Briefe lauteten heiterer und lebensfroher, und ich wagte zu hoffen, daß sich noch alles zum besten wenden möchte. – »Und nun erst kommt das Traurigste, was ich Ihnen, lieber Amtsbruder, zu berichten habe. »Ein Geistlicher war es, ein christlicher Pfarrer, der unserem Herrgott ins Handwerk pfuschte und all diese Keime, aus denen mit der Zeit hätte gutes erwachsen können, zerstörte, durch Unduldsamkeit und – ich muß es geradezu aussprechen – frevelhafte Vermessenheit. »Pastor Menke, Ihr Vorgänger im Amte, ist es, von dem ich spreche. – »Haußner pflegte, den unbemittelten Leuten der Gegend unentgeltlich Arzeneien zu verabreichen, in dringenden Fällen ging er wohl auch selbst zu einem Kranken. – Er soll in dieser Weise viel Gutes gestiftet haben. – »Unseren Pastor verdroß das; er legte dem Arzte allerhand in den Weg, untersagte seinen Beichtkindern, sich von einem Atheisten und Gotteslästerer behandeln zu lassen; ja ging in seinem unheiligen Eifer soweit, dem Arzte und seiner Familie in der ganzen Umgegend den schlechtesten Leumund zu bereiten. »Daß es kein leichtes Ding für einen Geistlichen ist, einen Dissidenten in der Parochie zu haben, ist gewiß wahr, aber der nunmehr verewigte Menke hätte sich doch wohl bedenken sollen, welcher Sache man dient, wenn man mit unreinen Waffen kämpft. »Haußner trat ihm in keiner Weise zu nahe. Der Kirche und dem Geistlichen ging er aus dem Wege; nie habe ich etwas davon gehört, daß er andere zu seinen kirchenfeindlichen Anschauungen herüberzuziehen versucht hätte. Er führte ein durchaus zurückgezogenes, gegen alle Welt abgeschlossenes Leben; in die Gemeindeangelegenheiten hat er sich nie eingemischt. – »Es wird Ihnen bekannt sein, lieber Amtsbruder, daß vor ungefähr achtzehn oder neunzehn Jahren eine heftige Typhusepidemie in Breitendorf, Eichwald und Umgegend ausbrach. »Nun, damals fehlte es sehr an ärztlichen Kräften, um die Seuche zu bekämpfen, und Haußner griff in wirklich edler Selbstlosigkeit aus freien Stücken ein. »Was thut unser verstorbener Amtsbruder Menke in geradezu unbegreiflicher Verblendung? Als sich die beiden an einem Sterbelager treffen, erhebt sich Menke und verläßt mit Ostentation das Zimmer. Haußner eilt ihm nach ins Freie und stellt ihn zur Rede. »Was für Worte damals gefallen sind, habe ich nie mit Sicherheit erfahren können, aber von diesem Augenblicke an herrschte tödliche Feindschaft zwischen den beiden. »Und nun erkrankten die Haußnerschen Kinder; den Ansteckungsstoff mochte der Vater wohl selbst ins Haus gebracht haben. Wie sich das Traurige eigentlich zugetragen, darüber fehlen mir alle näheren Nachrichten. – Kurz, die beiden Kleinen waren im Laufe eines Tages Leichen. »Darüber verlor Bertha den Verstand. Sie rennt ins Dorf, weinend und klagend – in anderen Umständen gerade damals – und erzählt den Leuten, was sich ereignet. Gänzlich verwirrt fleht sie, daß man ihren Kindern ein christliches Begräbnis gewähren möge. – Haußner war ihr nachgeeilt und wollte sie ins Haus zurückholen – mit Gewalt – denn sie widersetzte sich und schrie ganz laut, daß die vielen Leute, die hinterdrein liefen, es hören konnten: ihre Kinder seien keine Heiden gewesen, und sie müßten ein Eckchen auf dem Kirchhofe bekommen. – »Und von alledem erfuhr ich damals nichts. Hätten sie mir doch nur ein Wort mitgeteilt! Ich wäre herüber gekommen, und das Schlimmste hätte sich nicht ereignet. – »Die beiden kleinen Leichen wurden gleichzeitig der Erde übergeben. Haußner hatte sich jede Leichenrede ausdrücklich verbeten, und von den Zeremonieen wollte er nur das unumgängliche Notwendige haben. »Warum konnte Pastor Menke dem Wunsche des hartgeprüften Mannes nicht willfahren, warum mußte er am offenen Grabe, in Gegenwart des Vaters von einem Gottesgerichte sprechen? – Sie wollen mir's nicht glauben! – Es ist geschehen, lieber Amtsbruder – es ist geschehen! Über den beiden kleinen Särgen hat er das Wort ausgesprochen: Ein Gottesgericht. »Sie schütteln ungläubig den Kopf – hören Sie nur weiter, lieber Amtsbruder. Aus Bösem folgt Böses. – Haußner ist ein leidenschaftlicher, zum Jähzorn geneigter Mensch. Am offenen Grabe hat er sich an dem amtierenden Geistlichen vergriffen – den Priester des Herrn in Ausübung seines heiligen Berufes angerührt – und wenn nicht Leute dazwischen gesprungen wären, hätte er ihm wohl gar den Talar vom Leibe gerissen. – »Entsetzlich! nicht wahr? – Menke strengte gerichtliche Klage an, und Haußner wurde verurteilt. »Noch während er sich in Haft befand, kam Bertha nieder. Das Kind kennen Sie – es ist Gertrud. »Alle diese Dinge ergriffen mich tief, der Gedanke an Haußners Seelenheil ließ mir keine Ruhe. Ich suchte ihn auf in seiner Haft; ich fand ihn verhältnismäßig ruhig und gefaßt. Kein hartes Wort fiel; aber er gab mir zu verstehen, daß er mit keinem Priester mehr etwas zu thun haben wolle. – Ich ging unverrichteter Sache von dannen. »Haußner machte von der Befugnis Gebrauch, sein Kind ungetauft zu lassen. »Bertha ward in einer Anstalt für Gemütskranke untergebracht. Ich suchte sie auf, so oft ich konnte. »Ob ihre verstorbenen Küchlein der ewigen Seligkeit leilhaftig geworden; ob sie, die Mutter, die beiden Kleinen im Jenseits an Gottes Throne wiederfinden würde: das war die Angst, die ihrem armen, zerrütteten Gemüte keine Ruhe ließ. »Und da half kein Zureden, kein geistlicher Trost; alle Gnadenmittel waren wirkungslos. Gebetet habe ich mit ihr – gerungen mit ihrer Seele – umsonst! – Der Gedanke, die Angst um die Kinder, wollte nicht von ihr weichen, und immer tiefer sank sie in die Nacht der Verzweiflung. »Ihr Tod trat ganz schnell ein. Ich war nicht zugegen, auch Haußner nicht. Erst an der Leiche trafen wir uns. – »Ich habe sie bestattet in aller Stille auf dem Kirchhofe der Anstalt. Haußner reiste bald darauf mit dem Kinde ins Ausland. Ich habe weder ihn noch das Kind seitdem wieder gesehen. – Das Mädchen, Gertrud war damals ein süßes, goldiges Dingelchen. Sie kennen sie ja, Herr Amtsbruder – sagen Sie, ist sie dem Bilde der Mutter dort ähnlich? – »Jetzt ist die Reihe an Ihnen, mir von der Tochter der unglücklichen Bertha zu erzählen!« – XVII. Weihnachten war da. Der junge Geistliche freute sich, wie eifrig das Fest im Dorfe vorbereitet wurde. Aus allen Essen rauchte es. Selbst die Frau des kleinsten Häuslers buk ihren Striezel, und fleißig wurden die Christbäume angeputzt. Ein wenig in dieser Freude fand Gerland sich durch den gräflichen Revierförster gestört. Mit einem Schnurrbarte, der zum Eiszapfen gefroren war, rotem Gesichte, die Büchse über den Rücken, kam der alte Mann am Tage vor dem heiligen Abende die Dorfstraße herab. »Kommen Sie auch mal zur Kirche?« konnte sich Gerland nicht enthalten, den Alten lächelnd zu fragen. »Nein, Herr Pfarrer!« gab ihm der Forstmann zurück. »Aber ein Schock Christbäume sind wieder mal gestohlen worden, mitten aus den Kulturen heraus. Der ganze Wald ist voll Fußspuren, die nach dem Dorfe führen. Diebsgesindel, verdammtes! Nächstes Jahr werden Eisen gelegt. – Predigen Sie mal über das siebente Gebot, Herr Pastor, das wäre ein ganz passender Text für die Christbaumdiebe.« – Der Christabend war feierlich. Wer irgend konnte, kam an diesem Abend zur Kirche. In Breitendorf herrschte noch die alte Sitte, Lichter in die Christnacht mitzubringen. Das schlichte, weißgetünchte Gotteshaus erstrahlte im Glanze von Hunderten von Kerzen. Gerland hatte sich mit seiner Vorbereitung für die Rede auf das notwendigste beschränkt; er wußte, daß er weit wärmer sprach, wenn er nicht memorierte. Kein Text lag ihm so wie dieser: das Hervorbrechen der lichtweißen Christusgestalt aus der Nacht des Heidentums. Hier brauchte man keine starken Effekte aufzusetzen, nicht zu moralisieren und zu drohen, um auf die harten Bauernköpfe Eindruck hervorzubringen – man brauchte auch nicht, wie bei manchem anderen Texte sich zu winden und zu drehen, um das, was nur historisch erklärbar war, auch für den Nichttheologen verständlich und genießbar zu machen; hier war keinerlei Verkleidung oder Ausschmückung nötig, keinerlei Erklärung und spitzfindige Begründung. Durchdringen nur mußte man sich lassen von dem frommen Geiste dieser schlichten Kindergeschichte, die für einfache Geister erzählt war und nur in einfachem Geiste verstanden werden konnte. – Wie ein warmer Strom ergoß sich die Rede aus seinem Innern. Kopf an Kopf standen die dunklen Gestalten im Schiff und auf den Emporen, die Lichter zitterten und flackerten, an der Holzdecke malten sich unruhig wechselnde Schatten – als schwebten Geister mit heimlichem Flügelschlage durch den Raum. Kein Laut ertönte, als die helle Stimme des jungen Geistlichen und hin und wieder ein unterdrücktes Husten, oder der erstaunte Ruf eines Kindes, das schnell von der Mutter zum Stillschweigen gebracht wurde. Zur Christnacht war es Sitte, die Kinder, selbst die kleinsten, mitzunehmen. Gerland hatte sich selten so durchdrungen gefühlt von der Bedeutung des Predigerberufes, wie in diesen Augenblicken. Er, der einzige, denkende Kopf, alleinstehend und hocherhoben über diese dunkle Masse, die unter der Gewalt seines Mundes stand – der er überlegen war, wie der Hirt seiner Herde überlegen ist. Als er das »Amen« gesagt, herrschte für einige Sekunden das tiefste Schweigen; dann brach ein allgemeines, lang anhaltendes Husten und Schnäuzen aus. Die Orgel setzte ein, gleichzeitig öffnete sich die Thür dem Altare gegenüber, und herein flutete ein leuchtender Strom, vor dem aller bisheriger Lichterglanz verblaßte. Die Schulkinder waren es mit brennenden Christbäumchen. Wie eine feurige Schlange bewegte sich der Zug langsam durch den Mittelgang. Vor dem Altarplatze nahmen sie halbkreisförmige Aufstellung und intonierten unter Kantor Wenzels Leitung das: »Heilige Nacht, stille Nacht!« – Dem jungen Geistlichen liefen die hellen Thränen über die Wangen. Der Gedanke, daß vielleicht die Hälfte dieser Christbäumchen gestohlen sei, mischte sich nicht störend in seine Rührung. Er stand ganz unter der Gewalt seiner Nerven. Der sinnbenebelnde Weihrauch dieser Stunde umschleierte sein Nachdenken. Eine Einladung von Polanis war gekommen; Amtsbruder Gerland sollte den nächsten Sonntag mit ihnen in Annenbad verbringen. Es traf sich glücklich, daß Gerland einen entfernten Verwandten auf einige Tage bei sich zu Besuch hatte, der Kandidat der Theologie war und die Predigt in Breitendorf übernehmen konnte. Beizeiten machte sich der Geistliche in einem Bauerwägelchen nach Annenbad auf. Dort angekommen, begab er sich direkt in die Pfarrloge. Er betrat eine geräumige Kirche mit massiven Säulen und breiten Emporen, große Fenster spendeten reichliches Licht. Die Apsis war mit Frescogemälden geschmückt, von der gewölbten Decke hingen drei glänzende Metallkronleuchter herab. Die Kanzel mit buntem Baldachin befand sich über dem Altare, der reiche Kirchengefäße und Paramente aufwies. Und doch sagte sich Gerland, daß ihm seine bescheidene Dorfkirche mit ihrem weißgestrichenen Holzwerk und den vertrockneten Erntekränzen lieber und heimlicher sei, als dieses große mannigfach verzierte Gotteshaus. Die Kirche füllte sich rasch. Gerland hatte gehört, daß im Sommer, wo der Ort voll Fremder war, das Haus die Zahl der Zuhörer oft nicht zu fassen vermöge. Polani genoß den Ruf eines bedeutenden Kanzelredners weit über die Grenzen seines Kirchspieles hinaus. Gerland war gespannt, ob dieser Ruhm heute Stich halten werde. Als erste nach ihm erschienen in der Pfarrloge Diakonus Frösche! mit seiner Mutter. Man reichte sich nur stumm die Hand, da die Gemeinde bereits das Eingangslied angestimmt hatte. Die Pastorin erschien erst, als ihr Gatte schon am Altare stand und die Epistel verlas. Polanis Erscheinen auf der Kanzel zog Gerlands Aufmerksamkeit nunmehr dorthin. Er sprach mit schönem, klangvollem Organ; seine Gesten waren abgerundet und geschmackvoll – dazu das regelmäßige Gesicht und die langen, dunklen, seidenartigen Haare, die das feine, weiße Profil umrahmten – kein Wunder, daß er Eindruck machte. Gerland hatte seine Freude an der Meisterschaft, mit welcher der Redner die Form beherrschte. Klar bis zur Durchsichtigkeit floß der Redestrom. Trotz der strengsten Folgerichtigkeit im Aufbau war von Monotonie nichts zu merken. Hier und da schweifte er ab, zog Historisches an, brachte Beispiele aus dem Leben, aber immer wieder klang durch alle Variationen das Leitmotiv des Textes durch. Gerland war viel zu sehr Fachmann, um hier nicht echte Künstlerfreude zu erleben, und doch, je länger jener da oben sprach, je stärker begann er mit Befremden einen Mangel zu empfinden, den alle Klarheit und Formvollendung nicht verdecken konnte. Die Predigt war offenbar aufs sorgfältigste ausgearbeitet, aber das Herz hatte keinen Anteil daran gehabt; darum war der Vortrag interessant, aber er packte nicht. Während er den Mann mit dem geistvollen Gesichte da oben seine wohldurchdachten, feinziselierten Perioden vortragen hörte, wollte Gerland das Wort des Korintherbriefs nicht aus dem Sinn kommen: Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. – Und doch wollte sich Gerland seine hohe Meinung von Polani nicht gern verderben lassen. Er wartete immer noch auf den Augenblick, wo die Begeisterung durchbrechen müsse, wo jener aus seiner kühlen Zurückhaltung herausgehen werde. Er wartete umsonst. Mit einem sachlichen, durchaus korrekten Überblicke über das Ganze schloß Polani; sein Amen klang nüchtern und frostig durch das Gotteshaus. Fürbitte, Danksagung und Abkündigungen nahmen bei der starken Seelenzahl der Parochie längere Zeit in Anspruch. Nachdem der Schlußvers abgesungen, erhob sich die Pastorin und kam auf Gerland zu. »Endlich kann man sich die Hand geben.« – Die Dame legte sofort Beschlag auf ihn, sodaß er nicht einmal Gelegenheit fand, ein paar Worte mit Frau Oberlehrer Fröschel zu sprechen. Er war erfreut, auf dem Wege zum Pfarrhause von der Pastorin zu hören, daß sie heute den Diakonus mit seiner Mutter zu Tisch erwarte. »Wir konnten es nicht umgehen, die Leute wieder einmal einzuladen. – Arthur hielt es für nötig,« fügte sie hinzu. Gerland bemerkte, daß es ihm eine große Freude sei, Mutter und Sohn wieder zu sehen. »Nun, das ist eben Geschmackssache. Den Herren scheint diese Madame Fröschel ja überhaupt zu gefallen. Arthur behauptet sogar, sie sei eine interessante Frau. Die Witwe eines Oberlehrers – und das spielt sich auf!« Als Gerland die beiden Frauen bald darauf im Salon verglich, begriff er, daß sie nicht dazu geschaffen seien, mit einander zu harmonieren. Ein größerer Abstand war schwer zu denken: die eine geziert in Manieren und Worten, dabei doch nicht imstande, ihre mangelhafte Geistes- und Herzensbildung zu verstecken, die andere voll Würde in nüchterner, beinahe herber Schlichtheit, ein ernster, strenger, tiefgegründeter Charakter. – Die Pastorin kam, bald nachdem man sich zu Tisch gesetzt hatte, auf ihr Lieblingsthema: Graf Mahdem. Nach dem, was sie erzählte, kam er jetzt öfter nach Annenbad herüber. Gerland war zerstreut. Halb und halb befand er sich mit seiner Aufmerksamkeit am anderen Ende des Tisches; dort war zwischen Polani, dem Diakonus und Frau Oberlehrer Fröschel eine Unterhaltung im Gange, die den Geistlichen interessierte. »Ach lassen Sie doch die da unten,« – raunte ihm die Pastorin zu, als sie ihn beim Lauschen nach der anderen Seite ertappte. »Die sprechen natürlich schon wieder über Religiöses.« – Der Diakonus schien eine Behauptung Polanis mit wachsender Leidenschaftlichkeit zu bestreiten. Wie immer, wenn er erregt war, überhaspelte er sich, und fiel in einem fort aus der Konstruktion. Mit Sachlichkeit und Ruhe versuchte ihn Polani zu widerlegen. Die Mutter warf auch hin und wieder ein wohlbedachtes Wort dazwischen. Wie es Gerland vorkam, stand sie jedoch mehr auf Polanis Seite, als auf der des Sohnes. Man besprach die Amtsentlassung eines Geistlichen; ein Fall, der sich kürzlich in Süddeutschland ereignet und viel Staub aufgewirbelt hatte. Der Mann war an verschiedenen Bekenntnissätzen irre geworden, hatte der Gemeinde von seinen Zweifeln Mitteilung gemacht, wurde darob bei der vorgesetzten Behörde denunziert und hatte seine Stellung unter Verlust des Pensionsanspruchs niederlegen müssen. Der Diakonus verteidigte die Handlungsweise des betreffenden Pfarrers. Gerland hörte ihn bemerken: »Die Behauptung, daß Kämpfer« – so hieß der entlassene Geistliche – »seinen heterodoxen Standpunkt vor der Ordination hätte darlegen müssen, bestreite ich. Dürfen wir Theologen uns vielleicht nicht fortentwickeln? Soll uns nicht das Wort von der Freiheit des Christenmenschen gelten?« – »Schön!« meinte Polani. »Ich lasse Ihre Verteidigung gelten. Kämpfer soll meinetwegen ursprünglich positive, mit dem Bekenntnisstande der Kirche völlig übereinstimmende Ansichten gehegt haben, und erst später, nach seiner Ordination an diesem und jenem Glaubenssatze irre geworden sein – das meinten Sie doch wohl, lieber Amtsbruder?« – »Ich denke, wir sind nicht an einen Block geschmiedet mit unserer Überzeugung.« »Nun gut! – Wenn dem so war, sage ich, hatte Kämpfer zunächst die Pflicht, sich zu prüfen – ernsthaft zu prüfen – verstehen Sie! Er konnte sich auch mit anderen beraten – mit Amtsbrüdern zum Beispiel –« »Mit Amtsbrüdern?« »Ja!« »Als ob die so etwas ernst nehmen würden! – Ja, wenn es sich um Pfarräcker oder Stolgebühren gehandelt hätte.« – »Lassen Sie mich ausreden, mein Lieber! – Ich wollte sagen, wenn der Mann nach reiflichster Selbstprüfung zu dem Resultate gelangt, daß er seine heterodoxe Ansicht nicht zu ändern vermöge, daß auch für alle Zukunft keine Aussicht dafür vorhanden sei – dann –« »Nun – was dann?« »Dann mußte er dem Konsistorium davon Meldung machen und abwarten, was über ihn verfügt wurde.« »Bravo! Dem Konsistorium Meldung machen. – Als ob in irgend einem Konsistorium der Welt Leute saßen, die sich von dem Seelenzustande eines ernst ringenden Menschen auch nur eine Vorstellung machen könnten.« – Hier fiel ihm die Mutter ins Wort. »Moritz, du gebrauchst sehr schroffe Worte.« »Mutter, entschuldige – aber du gehörst zu den Laien – daher deine rosige Anschauung. – Es ist sehr leicht gesagt: wer Zweifel hegt, der soll der Behörde Meldung machen. Darüber, Herr Pastor, werden Sie doch wohl keinen Augenblick im Zweifel sein, was der Erfolg einer solchen außerordentlichen Naivität gewesen sein würde?« »Der Abschied – vielleicht.« – »Nein, der Abschied sicher!« »Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß man dem Betreffenden, wenn er den rechten Weg eingeschlagen und die richtige Form gefunden, eine Gnadenfrist gewahrt hätte; in der Hoffnung, daß er noch zu einer annehmbaren. Basis in seinem Glaubensleben gelangen möchte.« – »Auf deutsch, man giebt dem braven Manne den Rat, sich die Sache noch einmal zu überlegen – nicht allzu rigoros zu sein. Viele Wege führen ja nach Rom – und in unserer bösen Zeit will man doch nicht gern den Frieden der Kirche stören, oder neuen Stoff zur Lästerung geben. – Villeicht sind dem armen Schlucker inzwischen noch zur rechten Zeit seine brotlosen Kinder eingefallen, und daß es im Schoße der Kirche doch wärmer ist, als draußen. Die Pensionsberechtigung ist am Ende auch 'ne Messe wert – und das Kompromiß ist fertig.« – »Herr Amtsbruder, das ist Ihre eigne tendenziöse Auffassung. – Sie verschieben den Fall vollständig. Weder hat das betreffende Konsistorium ein solch schmähliches Kompromiß vorgeschlagen, noch ist der betreffende Geistliche darauf eingegangen –« »Das lag jedenfalls an dem Geistlichen, der ein ganzer Mann zu sein scheint.« »Moritz, kannst du denn wirklich mit einem solchen Menschen sympathisieren?« fragte die Mutter dazwischen. »Mutter, sieh mal an – es giebt doch so etwas wie eine Überzeugung. Viele lassen sich diese Überzeugung freilich binden. Aber hier und da tritt doch einmal einer auf, der es unter dem Gewissenszwange nicht aushält. – Luther und sämtliche Reformatoren haben nicht anders gehandelt.« »Vergiß nicht, Moritz, daß die Reformatoren nicht eigentlich negierten, sondern nur wiederherstellten – die verdunkelte Lehre zu ihrer ursprünglichen Reinheit zurückführten. Wer leugnet, übernimmt damit die Pflicht, etwas Besseres an die Stelle des Geleugneten zu setzen – und das ist hier nicht geschehen.« – Der Sohn war durch dieses Argument der Mutter offenbar in die Enge getrieben. Gerland bemerkte, daß er die Brille abnahm und schnell wieder aufsetzte. Polani nahm wieder das Wort. »Sie haben sehr recht!« – damit wandte er sich an die Mutter. »Der Vorwurf unverantwortlichen Leichtsinnes, ja der Gewissenlosigkeit trifft diesen Kämpfer. Er hat großen Schaden angerichtet – Schaden, der nicht wieder gut zu machen ist.« »Wieso? – das möchte ich bewiesen haben!« rief Fröschel außer sich, und blitzte den ersten Geistlichen zornig mit seinen kleinen Augen an. Über Polanis matte Haut flog ein rötlicher Schimmer, aber er wahrte die Haltung. Gerland bewunderte im stillen seine Selbstbeherrschung, wie er der flackernden Hitze des jungen Mannes überlegene Gelassenheit entgegensetzte. »Gewiß muß eine solche Handlungsweise Schaden stiften – die Gemüter verwirren – viele zum Zweifel verführen – und über unseren Stand ganz falsche Ansichten hervorrufen. – Ich dächte, die Kirche besäße der Feinde und Angreifer genug in unserer Zeit – müssen sich auch noch aus ihrem eignen Schoße Angreifer erheben, die an ihrem Bestande rütteln mit vermessenen Händen?« »Und wenn dieser Bestand nur ein Schein ist! – Sind wir Geistliche dann nicht berufen, der Wahrheit die Ehre zu geben?« – »Sie verkehren schon wieder das Thema, Herr Amtsbruder; die Frage ist hier nicht, was soll ein Geistlicher thun, oder nicht thun – sondern –« »Sondern?« – »Sondern, welche Verpflichtungen verletzt er – nicht als Diener der Kirche allein – sondern, ganz allgemein, als Mensch von Gewissen und Zartgefühl – wenn er vor eine Gemeinde gläubiger Christen hintritt, die seiner Seelsorge anvertraut ist, wenn er vor eine solche Versammlung hintritt und durch seine Zweifel sie zum Zweifeln herausfordert. Wiegt die Befriedigung, die ihm die Thatsache bereiten mag, seine Ansicht an den Mann gebracht zu haben, wohl die Beunruhigung der Gemüter auf, die ein solches Vorgehen des Seelenhirten notwendig hervorbringen muß? – Kann er als Mensch, als gewissenhafter Mensch, das verantworten? frage ich.« – Beistimmend zitierte die Mutter halblaut: »Es muß ja Ärgernis kommen; doch wehe dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt.« – »Dagegen, Mutter, halte ich dir ein anderes Wort des Heilandes: Eure Rede sei: ja ja, nein nein – was darüber ist, das ist vom Übel.– Welche Verpflichtung, welche Ordination, frage ich, kann einen anständigen, ehrlichen Mann dazu zwingen, zu lügen – jawohl, zu lügen, mit jedem Male zu lügen, wo er auf die Kanzel tritt – wenn das nicht mehr sein Glaube ist, was zu bekennen ihm die Kirche vorschreibt?« »Vielleicht die Bescheidenheit,« – fiel Polani ein – »die allerdings häufig erst mit den Jahren kommt.« Ein ironisches Lächeln zuckte über sein Gesicht. »Denn wer dürfte sich vermessen, das was in Jahrhunderten bessere und weisere Männer, als wir sind, an Glaubensschätzen angesammelt, als Lüge zu bezeichnen?« – »Das ist es ja eben! – Wir plappern Sätze nach, die uns oktroyiert worden sind – noch schlimmer, zwingen sie den Leuten auf. Gedanken, die vor tausend und mehr Jahren wertvoll gewesen sein mögen – Ansichten, die unter fremdem Himmel, bei einer fremden Rasse entstanden – in Jahrhunderten der Roheit – der –« »Moritz!« unterbrach ihn die Mutter in strengem Tone: »Wovon sprichst du eigentlich? – Ich will nicht hoffen, daß dies deine Ansichten über das Christentum sind!« »Mutter!« rief er gequält, »ich will eben nur sagen – ich meine nur – viele von uns leiden Pein, entsetzliche Pein unter diesem Zwange – dieser furchtbaren Kruste, die sich über alles gelegt hat. – Ach, es ist Unsinn, darüber zu reden!« – Rote Flecken zeichneten sich auf seinen Backenknochen ab. Die Mutter blickte ihm besorgt ins Gesicht, und wollte seinen Blick fangen, wohl um ihm ein Zeichen zu geben. »Ich möchte Ihnen fast raten, lieber Amtsbruder,« begann Polani, »aber nehmen Sie mir den Rat nicht übel – versuchen Sie einmal, die christliche Lehre – die Bibel – unsere ganze religiöse Entwicklung, historisch zu würdigen. Mit der kritischen Methode allein kommt man nicht aus, oder vielmehr, man kommt zu schnell am Ende aller Dinge an. Betrachten Sie einmal, ohne alle vorgefaßte Meinungen, den Gang der Weltgeschichte, von der die christliche Epoche ja nur der notwendige Abschluß ist. – Vergleichen Sie das Neue und Große, das mit dem Christentum in die Welt gekommen, mit dem Größten und Besten, das frühere Epochen hervorgebracht, halten Sie die Güter des Glaubens gegen Wissenschaft, Philosophie und Kunst – und dann, wenn Sie wirklich mit Ernst geprüft haben – dann, lieber Amtsbruder, werden Sie sehr bald die – verzeihen Sie den Ausdruck – etwas jugendlich exccntrischen Ideen abstreifen, die sie jetzt noch hegen. Sie werden zu gefestigteren Anschauungen kommen, und niemand wird sich mehr darüber freuen, als ich.« Die Mutter nickte dem ersten Geistlichen dankbar zu. Der Diakonus schien etwas erwidern zu wollen, blickte auf die Mutter – das Wort erstarb ihm auf der Zunge vor der energischen Kopfbewegung, mit der sie ihm bedeutete, zu schweigen. Er starrte fortan auf seinen Teller, tief verstimmt. Gerland ging zeitig am Nachmittag fort; er hatte dem Vetter versprochen, zum Abendessen wieder in Breitendorf zu sein. Als er Abschied nahm, schloß sich ihm der Diakonus an. Kaum war man draußen, so erklärte Fröschel: »Ich muß mit Ihnen sprechen! – Haben Sie eine Stunde Zeit übrig für mich?« »Ich habe einen Wagen hier und wollte nach Hause.« »Schicken Sie doch, bitte, den Wagen voraus – thun Sie mir den Gefallen. Wir gehen ein Stück Wegs zusammen; – geht das nicht?« Gerland erklärte sich mit dem Vorschlage einverstanden. Bald hatten sie den Ort hinter sich; auf der hartgefrorenen Straße schritten sie hinter dem Bauerwägelchen drein, das langsam bergan rollte. Der Sturm vom Tage zuvor hatte den Bäumen die Schneelast abgestiebt; schwarzgrün ragten die Wälder aus der weißschimmernden Fläche auf, in der Ferne in bläuliche Tinten übergehend, bis zum matten Tone angelaufenen Stahles; darüber ein klarer Winternachmittagshimmel, milchfarben, im Westen zu orangefarbenem Rande abgetönt. – ›Jetzt wird es kommen,‹ dachte Gerland bei sich, als sie an den letzten Häusern vorbeigeschritten waren und Fröschel mit dem Putzen seiner beschlagenen Brillengläser endlich ein Ende gefunden hatte. Aber immer noch ein paar Hundert Schritte gingen sie schweigend nebeneinander her, bis Fröschel abrupt bemerkte: »Ist dieser Polani nicht ein abscheulicher Heuchler?« Gerland blickte den Sprecher verdutzt an. »Das heißt, – das ist doch allzu hart geurteilt!« »Ist es vielleicht keine Heuchelei, eine Sache, über deren Nichtigkeit man innerlich völlig im klaren ist, mit Aufwand von soviel sittlichem Pathos verteidigen? Haben Sie unsere Tischunterhaltung heute nicht mit angehört? Mir kam es so vor, als lauschten Sie zu uns herüber.« »Allerdings – ich will nicht leugnen, daß ich einiges aufgeschnappt habe.« »Nun, und da sind Sie noch nicht hinter das wahre Wesen dieses Herrn gekommen? Ich hätte Sie für einen besseren Psychologen gehalten. – Übrigens, daß ich Ihnen nicht unrecht thue, Polani ist ein feinerer Heuchler als die meisten von uns – raffinierter und schwerer zu durchschauen.« »Ich glaube, Fröschel, Sie sind persönlich gegen ihn eingenommen.« »Nein! – Ich hatte einstmals sogar eine sehr hohe Meinung von Polani. Wissen Sie, daß es dem Menschen gelungen ist, mich anfangs völlig zu überrumpeln? Als ich vorm Jahre hier eintrat, erwartete ich in dem ersten Geistlichen einen vom gewöhnlichen Schlage vorzufinden. Ich war angenehm überrascht – das kann ich nicht leugnen – als dieser Mann vor mich trat. Er imponierte mir in gewisser Beziehung durch seine Formen, seine Sicherheit, seine Bildung, deren Grenzen ich damals noch nicht erkannte. Sein Bücherbrett stellte er mir sofort zur Verfügung – womit er mein Herz vollends gewann. – Von seinen Forschungen über den Jesuitenorden erzählte er mir natürlich. Und hier und da ließ er mir im vertraulichen Gespräche durchblicken, daß auch für ihn die Welt nicht in sechs Tagen geschaffen sei, und daß man die Augustana am Ende nicht ganz wörtlich zu nehmen brauche. Aber alles das nur zwischen den Zeilen zu lesen – verstehen Sie! – Polani wird sich nie kompromittieren. – Ich beging eine große Dummheit; durch seinen Pseudoliberalismus ließ ich mich zu Geständnissen verlocken. Sprach sehr offen – enthüllte meine letzten Ansichten. Und sehen Sie, Gerland, das vertrug er nicht – auf einmal nahm er eine ganz veränderte Miene an, meinte, das schicke sich nicht – kurz – steckte den ersten Geistlichen heraus. – Wenn es etwas auf der Welt giebt, das ich nicht vertragen kann, das mir von Grund der Seele zuwider ist, so ist es solches Hinter-dem-Berge-halten, dieses Nicht-Fleisch-nicht-Fisch-sein, diese weibische, blutarme Ängstlichkeit – diese zweideutige, sinassierende Spitzfindigkeit. – – Da ist mir doch jeder vierschrötige Landpastor am kleinen Finger lieber, der seinen Bauern die Geschichte von Bileams Esel in aller Ruhe vorerzählt, ohne Bedenken. Aber eine solche tief innerliche Verlogenheit, die auch noch mit ihrer Abgelecktheit prunken will, das ist doch die ekelhafteste Entartung, zu der es unsereiner bringen kann. – Seien wir doch wenigstens ehrlich, wenn wir untereinander sind. Unsere Amts-Vorgänger, die alten Auguren, waren andere Kerle als wir; ihr Lachen stünde uns besser zu Gesichte, als diese aufgeblasene Wichtigthuerei, die das Armesündergefühl doch nicht wegzuheucheln vermag.« »Sie scheinen eine geringe Meinung von unserem Stande zu haben.« »Die habe ich allerdings! – Übrigens denken Sie nicht, ich sei hochmütig; ich bilde mir nicht ein, besser zu sein, als die anderen. Ganz und gar nicht! Nur empfinde ich die Schmach stärker, die darin liegt, einer Sache zu dienen, deren Hohlheit man durchschaut hat.« »Und diese schmeichelhafte Meinung haben Sie natürlich auch von mir.« »Gerland – ich will Ihnen etwas sagen – Sie sind mir in gewisser Beziehung eine Ausnahme; Sie besitzen wissenschaftliche Bildung und – Sie sind ein Mensch, der nachdenkt. – Schon dadurch fielen Sie mir unter den Amtsbrüdern auf. Doch schließlich, Bildung und Nachdenken teilen Sie mit Polani – aber sehen Sie, Sie haben noch etwas Besonderes vor uns voraus – Sie sind illusionsfähig – haben sich eine gewisse Herzenswärme gewahrt, die sie über den großen Riß hinwegträgt, der nun einmal durch unser aller Weltanschauung geht. Das fehlt mir, und das kann ich mir nicht geben. Ich beneide Sie. Ja, wahrhaftig, ich beneide Sie, Gerland!« »Sie sagen, Ihnen fehlten diese Eigenschaften, die Sie bei mir konstatieren zu können glauben. Aber ich bitte Sie, mein Freund, wenn Sie diesen Mangel zugeben, so ist damit doch eigentlich schon der erste Schritt zur Besserung gethan. – Sie werden sich mit der Zeit zur Freude am Berufe durchringen; bei Ihrem ernsten Streben bin ich davon überzeugt.« »Nein, das ist kein Unterschied der Auffassung; das ist im letzten Grunde vielleicht ein Unterschied der Temperamente. Ihr Blut muß anders zusammengesetzt sein, als das meine. Sie besitzen die Fähigkeit zu hoffen und zu glauben; ich muß alles untersuchen, kritisieren und zersetzen. In meinem Charakter fehlen die positiven Seiten. – Sie sind wohl gar nicht imstande, sich in einen solchen Zustand hineinzudenken.« »Lieber Freund! Sagen Sie mir nur das Eine – wie sind Sie eigentlich unter die Theologen geraten?« Fröschel hielt im Gehen inne, stemmte die Hände in die Seiten und lachte gerade heraus. »Warum lachen Sie?« »Ich lache darüber, wie Sie es ahnungslos verstanden haben, das Tragische in meinem Leben in einem kleinen Satze auszudrücken. – Wie bin ich unter die Theologen gekommen? – Ein Mensch, wie ich, Theologe! – Klingt das nicht fast wie ein schlechter Witz? – Theologe! – Wo einer gesättigt sein muß mit Positivismus. Ich bin auf den breiten Gewässern christlicher Scholastik wie ein Fahrzeug mit zu wenig Ballast – ich kann nicht schwimmen und auch nicht untergehen. – Wie soll ein Mensch, wie ich, erbaulich reden können – wie soll ich Begeisterung erwecken, Tröstung spenden, Sicherheit geben? Es liegt so etwas Entwürdigendes in der Heuchelei; Sonntag um Sonntag hintreten zu müssen und ein Symbol aufsagen, das für mich nichts ist, als wertlose Kompilation antiquierter Formeln – und dabei immer die Miene machen, als sei man von der Wahrheit und Heiligkeit dieser Sätze durchdrungen. – Auf der Kanzel fühle ich mich wie ein armer Sünder. Mir ist die salbungsvolle Aufgeblasenheit von Natur versagt, die, wo sie selbst nichts denkt und fühlt, mit der Ornamentik der Phrase das Manko zu verdecken versteht. Ich könnte mir nicht erbärmlicher und lächerlicher vorkommen, wenn ich dazu verdammt wäre, falschen Schmuck oder künstliche Blumen herzustellen. Mein Gewissen verklagt mich auf Schritt und Tritt. Ich zittere vor dem Augenblick, wo mich ein Sterbender auf Ehre und Gewissen fragen könnte, ob ich denn selbst an das ewige Leben glaube, dessen Versicherung ich ihm mit Brot und Wein gebe. – Verstehen Sie, Gerland, welch ein elender Zustand das ist? Ist es nicht geradezu verbrecherisch – ist es nicht das Vergehen wider den Geist?« »Lieber Frösche! hätten Sie denn alles das nicht besser bedacht, ehe Sie diesen, Beruf wählten?« »Beruf wählen? – Gut gesagt! Sie könnten mich mit gleichem Recht damit trösten, mein Bester, warum waren Sie auch so dumm, geboren zu werden. – Gerland, so wie der Mensch ins Leben kommt, ohne seinen Wunsch und Willen, bedingt durch tausend Umstände und Zufälle, vorbestimmt und belastet – sehen Sie, Gerland, ebenso bin ich zu dem Berufe des Geistlichen gekommen. – – Vieles könne ich Ihnen darüber erzählen – eine ganze Leidensgeschichte – eine Geschichte geistiger Vergewaltigung – aber ich will mich kurz fassen: »Mein Vater muß ein merkwürdiger Kopf gewesen sein, nach allem, was ich über ihn gehört habe, und den wenigen Schriftlichkeiten, die von ihm übrig sind. Sie wissen wohl, daß er Gymnasial-Oberlehrer war. Die Welt hat nicht viel von ihm wissen wollen – er galt ihr als ein unzufriedener, menschenscheuer, eingebildeter Grübler. Seinen Kollegen war er ein unsympathischer Sonderling. – Ich hege nichts destoweniger eine wehmütige Verehrung für den Mann – ich glaube, er war sehr unglücklich, sein Geschick war dem meinen nicht unähnlich. Ich weiß, daß er Unsägliches gelitten hat, unter geistiger Bevormundung von seiten derer, die er am meisten liebte. – Was ich selbst in gleicher Lage leide, weiß ich nur zu gut! »Sie scheinen mich nicht ganz zu verstehen; ich werde mich erklären. »Sie kennen meine Mutter. Sie ist eine kluge Frau – eine geistvolle Frau sogar – ich verehre sie – ich liebe sie über alles in der Welt – und das ist keine Redensart. Aber sehen Sie, Gerland, wie sie meine beste Freundin, so ist sie auch meine Feindin. Orthodox bis in die Knochen. Hier liegt der tiefe, unüberbrückbare Gegensatz zwischen uns, der dadurch natürlich verschärft wird, daß ich Priester bin. – Sie ist klug, sagte ich Ihnen, und für eine Frau hat sie erstaunlich viel gelernt und gelesen, und doch ist sie über die letzten Vorurteile nicht hinausgekommen. Mit verblendeter Energie hängt sie sich an diese Vorurteile. Nur eine Frau bringt das Kunststück fertig, mit gutem Gewissen Aufklärung und starren Glauben in sich zu vereinigen. Mit engherziger Beschränktheit hält sie am letzten Buchstaben des Dogmas fest. Und dabei kann ich Ihnen versichern, giebt es wenig Dinge, die sie nicht zu begreifen vermöchte. Aber in ihrem Verstehen giebt es irgendwo eine Schranke, über die sie nicht hinweg kann, vielleicht nicht hinweg will. – Sehen Sie, Gerland, das ist der dunkle Punkt zwischen mir und ihr, und der ist es, wie ich vermute, auch zwischen ihr und meinem Vater gewesen. – Früher haben wir uns oft gestritten, meine Mutter und ich – streiten ist ein viel zu mattes Wort dafür – – jetzt kommt das selten noch vor, aber der Gegensatz ist darum nicht vermindert. – Glauben Sie mir, meine Mutter, die äußerlich so ruhige, abgeklärte Frau, hat ihre Leidenschaft: die Religion. Sie ist religiös bis zum Fanatismus. Nichts wird sie erweichen; nicht Argumente, nicht Erlebnisse. Sie hat Schweres durchgefochten mit meinem Vater. Die Religion hat diesen beiden Menschen, die sich liebten, das Zusammenleben verbittert – hat sie einander entfremdet. Selbst diese trübe Erfahrung vermochte nicht, sie zu belehren, oder ihren Eifer zu dampfen. Daß mein Vater ungläubig gestorben, daß es ihr nicht gelungen, ihn zu bekehren, nagt noch jetzt an ihrer Seele. Nun soll ich die Enttäuschung gut machen, die sie an ihm erlebt. – Ja, Sie mögen lächeln, aber es ist so – ich sollte zum Opfer gebracht werden – ich sollte den Himmel versöhnen. Die Frauen bleiben eben doch dieselben zu allen Zeiten. Lebten wir noch im Mittelalter und glaubten an Askese und Werkgerechtigkeit, meine Mutter hätte mich sicherlich dem Kloster dargebracht, in majorem gloriam domini . Aber da meine Mutter evangelisch ist, fanatische Protestantin sogar, so kannte sie keinen brennenderen Wunsch, als daß der Sohn ein großes Licht ihrer Kirche werden möchte, und darauf los also bin ich von frühester Jugend an dressiert worden. Ich bin in orthodoxer Zimmerluft aufgewachsen, gefüttert mit positivem Christentum. Und wie merkwürdig das Resultat dieser Erziehung ausgefallen, das wissen Sie. Das gerade Gegenteil von dem, was sie gewollt, hat meine Mutter erreicht. Die Ungereimtheiten unseres Glaubenssystems fielen mir schon frühzeitig auf; bereits als Gymnasiast war ich arger Häretiker, und habe meiner Mutter manche Nuß zu knacken gegeben, mit verfänglichen Fragen und frühreifen Zweifeln. Ob das die Art meines Vaters ist, die da durchschlägt? – Ich bilde mir manchmal ein, ihm verzweifelt ähnlich zu sein. – Und sehen Sie, so sorgfältig ich auch gehütet wurde, es sind eben doch die Spuren einer anderen Weltanschauung in mich hineingetragen worden – und, wie es scheint, haben sie einen günstigen Boden vorgefunden. Meine Mutter hat es nicht hindern können – unter ihren Augen und Händen bin ich das geworden, was ich bin. Sie sieht das auch jetzt selbst ein und nimmt ihre Stellung dazu – sucht mich zu widerlegen, so gut sie kann, und wartet im übrigen. Mit der Zeit, denkt sie, kommt er doch herum. Ich glaube auch, daß sie für mich betet. Daß sie viel um meinetwillen leidet, weiß ich – aber, kann ich es ändern? Kann ich einen Glauben in mir hervorzaubern, der nicht in mir gewachsen ist? – Und nebenbei ist sie auch nicht unthätig; durch tausend Kleinigkeiten sucht sie mich zu beeinflussen, mich mürbe zu machen. Bald spielt sie mir ein sogenanntes gutes Buch in die Hand – ein positives, Sie verstehen – ihre Gespräche mit mir haben alle einen bestimmten Zweck, der wie ein Leitmotiv durch alles hindurchklingt – mich zu bekehren. Sie ist eine Virtuosin darin, alles und jedes auf diese Moral zuzuspitzen. Sie ist eine kluge Frau, wiederhole ich Ihnen, Gerland, doch diese eine einfache Thatsache kann sie nicht begreifen – will sie nicht begreifen, daß man sich zum Glauben nicht zwingen kann. Und so drehen wir uns um einander herum, in einem circculus vitiosus , und thun uns unendlich viel Schmerz an. Jedes Ereignis unseres Lebens, jede Person, mit der wir in Berührung kommen, sieht sich meine Mutter daraufhin an, wie sie sie nutzbar machen könnte, mich nach dieser bestimmten Richtung hin zu beeinflussen. Sie werden es mir nicht glauben, Gerland, auch Sie hat meine Mutter mir gegenüber ausgespielt. Sie hat mir den Pfarrer Gerland von Breitendorf hingestellt als Beispiel dafür, wie man wissenschaftlich gebildet und doch ein positiver Christ sein könne. Und von Polanis Einftuß auf mich erhofft sie ganz Außerordentliches. Daß er nicht aufrichtig sei, will sie nicht gelten lassen. So trübt diese fixe Idee selbst ihre Menschenkenntnis. Polani soll mich missionieren; heute Mittag haben Sie ein Pröbchen davon erlebt. Sehen Sie, so bin ich umstellt von allen Seiten, und das schwerste für mich ist, daß es nicht Feindschaft ist, die mir solche Netze stellt, sondern Liebe – blinde Liebe, die nicht versteht, welche Qualen sie bereitet. Sehen Sie, Gerland, daß ist die entsetzliche geistige Bevormundung, unter der ich lebe.« – Eine längere Pause entstand. Beide Männer marschierten im Gleichtakt auf der Landstraße weiter, dann meinte Gerland: »Eins, lieber Freund, ist mir immer noch nicht klar geworden: Wie ist es möglich, daß Sie sich dieser Bevormundung, wie Sie es selbst nennen, nicht haben entziehen können?« »Ja, es ist beschämend für mich, aber es ist so; ich habe nicht die Kraft – nicht den Mut dazu gefunden. Jeder Mensch, glaube ich, sollte zunächst seine Eltern überwinden, so oder so – in Güte, wenn es geht, wenn nicht, muß er den Mut der Rücksichtslosigkeit finden. Es ist ja schließlich weiter nichts als Notwehr. Und wenn sie es noch so gut zu meinen glauben – die Alten; was uns not thut, können sie ja nicht verstehen. Man muß sich losreißen – freimachen und das beizeiten. Ich habe diesen wichtigsten Schritt versäumt. Meine Mutter hielt mich fest mit tausend Fäden der Liebe. Ich bin unbeholfen und unpraktisch, kann mich in Dingen des gewöhnlichen Lebens nicht aus fünf Birken herausfinden – vielleicht hat meine Mutter diese Eigenschaften in mir begünstigt, um mich länger am Schürzenbande zu halten. – Sie haben ganz recht; irgend einmal mußte ich mich emanzipieren, irgend einmal mußte der Schritt gethan werden. Damals, als ich das Gymnasium verließ, wäre wohl der richtige Moment gewesen. Da mußte ich mein Leben selbst bestimmen, mußte mir einen Beruf wählen nach meinem Herzen und Geschmack. Jurispludenz, Medizin, selbst Philologie – alles wäre besser gewesen, als gerade das theologische Studium. Aber sie wußte mich so sanft hinüber zu leiten, wußte es als so selbstverständlich hinzustellen, daß ich Prediger würde, daß ich Thor den Seelenverkauf gar nicht merkte. Und wahrend des Studiums, wo ich mir mehr und mehr der Zwangsjacke bewußt wurde, die ich mir hatte überziehen lassen, war sie stets wachsam, stets um mich – beschwichtigend und meine Bedenken einlullend. Und wenn ich mich gelegentlich aufbäumte, wenn die Kathedertheologie allzu harte Opfer von meinem logischen Denken verlangte, da war sie schnell zur Hand, mich auf das zukünftige Amt zu vertrösten. Da sollte alles gut werden. Statt des trockenen Einpaukens wissenschaftlicher Materie, würde ich da Religion erleben. Was hat sie mir nicht alles für lockende Bilder vorgegaukelt: die Freude an Amt und Stellung, die Arbeit an den Gemütern, die Gewinnung von Seelen für das Reich Gottes, die hohen ethischen und kulturellen Aufgaben der Kirche in unserer Zeit. »Alles das, mein Freund, hört sich so schön an, und schließlich sind es doch nur Phrasen für den, dem die treibende Kraft des Glaubens fehlt. – Aber das sollte ich erst erfahren, als ich im Amte war – nun es zu spät ist. »Sehen Sie, so ist es meiner Mutter gelungen, mich aus der großen, weiten Lebensströmung, die vor mir lag, hineinzutreiben in das enge stagnierende Wasser des Kirchentums. Was soll ich im Priesteramte? Ich bin kein Menschenfischer – mir fehlt die Begeisterung, die Liebe, die Freudigkeit. – Ich hasse mein Amt, es lastet auf mir mit Centnerschwere. – Können Sie verstehen, Gerland, welch ein verzweifelter Zustand das ist?« – »Ja, ich verstehe das, lieber Fröschel! – Und soll ich Ihnen meine Meinung frei heraus sagen?« »Ja, thun Sie das!« »Es ist hohe Zeit für Sie, daß Sie sich retten.« »Ich soll mich freimachen?« »Allerdings!« »Und – wie – das?« »Ich glaube, es giebt nur einen Weg für Sie – lieber Fröschel.« »Das Amt quittieren?« »Ja!« »Denken Sie, daß ich das nicht selbst hundertfach bei mir erwogen hätte, Gerland?« »Sie dürfen nicht länger zaudern, lieber Freund.« »Es ist zu schwer, Gerland – es ist zu schwer! Ich finde den Mut nicht dazu. – Wenn es sich nur darum handelte, ein Abschiedsgesuch zu schreiben, das wäre ja schnell gethan. Aber bedenken Sie, wie soll ich meiner Mutter die Notwendigkeit klar machen. Ich wage gar nicht auszudenken, was sie thun könnte; – wie sie das aufnehmen würde, wenn ich vor sie hinträte und sagte: Mutter, ich ertrage diesen Zustand nicht länger, gieb mich frei, laß mich meinen eignen Weg wählen; der, den du mir vorgezeichnet, war verfehlt. Was würde das anderes bedeuten, als ihr sagen: Deine gesamte Lebensarbeit war umsonst. – Das wage ich ihr nicht zu eröffnen, Gerland. Nennen Sie mich feige – aber – ich bringe es nicht übers Herz.« »Nun und wenn sich nun ein anderer bereit fände, es zu thun.« »Wie meinen Sie das?« »Ihrer Mutter das auseinander zu setzen.« »Wer würde dieser andere sein?« »Ich! – Wenn Sie mich einer solchen Mission für würdig erachten.« »Gerland!« Beide waren gleichzeitig stehen geblieben. Noch war es nicht so dunkel, daß nicht einer die Züge des anderen hätte erkennen können. Es arbeitete in Fröschels Mienen, wie von Rührung, Gerland ward es feierlich zu Mute, als jener seine Hand ergriff und mit halbersticktcr Stimme hastig etwas von Dank hervorstieß. »Und – wann – wollen Sie's thun?« »Sofort, wenn es sein kann. Ein solcher Entschluß darf nicht kalt werden.« Gerland rief den Wagen an, der noch immer vor ihnen herfuhr; er möge nach Breitendorf zurückkehren, sagte er dem Bauer, für heute brauche er seine Dienste nicht mehr. Dann gingen sie den Weg, den sie eben gekommen, wieder zurück. »Willst du mit meiner Mutter allein sprechen, Gerland?« – Das »du« hatte sich ganz von selbst, wie etwas Notwendiges zwischen ihnen eingefunden. »Das mußt du entscheiden.« »Ich werde im Nebenzimmer sein.« – Lange Pause. Gewichtiger als vorher ertönten die Schritte der beiden Männer durch die abendliche Dunkelheit. Vor ihnen erglänzten schon die Lichter von Annenbad, dessen ersten Häusern sie sich nahten. Dann in weicherem Tone, als gewöhnlich, sagte der Diakonus: »Eins laß nicht außer acht, bei dem, was du vorhast, lieber Freund, daß mich meine Mutter sehr liebt. Teile es ihr schonend mit.« »Dessen kannst du versichert sein.« Erneuter Händedruck. – Von da ab schritten sie schweigsam bis vor die Thür des Hauses, wo Frau Oberlehrer Früschel wohnte. Gerland fühlte sich wundersam gehoben und auch wieder beunruhigt in dem Gefühle, etwas Großes und Ungewöhnliches vorzuhaben. »Sie ist zu Haus!« flüsterte der Diakonus dem Freunde zu, als sie ins Vorzimmer getreten waren. Eine Thür öffnete sich. Es war die Mutter, den ergrauten Scheitel hell von der erhobenen Lampe beleuchtet. »Bist du es, Moritz?« »Jawohl, Mutter! – Und hier ist auch Pfarrer Gerland. – Er hat mit dir zu sprechen.« – Damit schritt er an der Mutter vorbei nach seinem Zimmer. In den Zügen der Matrone malte sich Staunen; sie bat, der Herr Pastor möge eintreten. Gerland hatte das, was er sagen wollte, im Kopfe fertig. Die Mutter setzte sich ihm gegenüber und blickte ihn forschend an. Ein Neues Testament lag aufgeschlagen auf dem Tische. Die Frau konnte ein kurzes, nervöses Zwinkern ihrer Augenlider nicht unterdrücken. Im Nebenzimmer hörte man den Diakonus, der hastig auf und ab ging. Gerland begann seinem Plane gemäß von der Amtsentlassung des Pfarrers Kämpfer zu sprechen – an das Tischgespräch anknüpfend. Er meinte, der Fall Kämpfer sei nur ein Symptom, das auf einen allgemeinen fehlerhaften Zustand hinweise. Die Kirche, die sich in unseliger Weise mit der Staatsgewalt verquickt habe, majorisiere die religiöse Überzeugung vieler Laien und auch Theologen. Kämpfer habe im geheimen manchen Gesinnungsgenossen unter den Amtsbrüdern, und es würde besser um Kirche und Christentum bestellt sein, wenn alle den Mut der Ehrlichkeit fänden, der jenem seine Stelle gekostet. – Noch sprach er ganz im allgemeinen, ohne den eigentlichen Zweck seiner Worte anzudeuten. Er hoffte sie zur Aussprache zu bewegen, sie sollte eine Ansicht äußern – ihm widersprechen – dann würde es ihm leichter werden, das Gespräch dahin zu bringen, wo er es haben wollte. Aber die Frau ließ ihn reden; ihre grauen, gleich denen des Sohnes tief unter der Stirn verborgenen Augen, fixierten ihn scharf, voll Mißtrauen – sie mochte das Manöver durchschauen. Im Nebenzimmer ertönten immer noch die unruhigen Schritte; fast klang es, als mahnten und drängten sie. Nervöse Hast überkam den jungen Geistlichen, und nach ziemlich plumpem Übergange sprach er der Mutter plötzlich von dem Sohne und seinem Widerwillen gegen den geistlichen Beruf. Das Mienenspiel der Frau veränderte sich, ihre Augen wanderten, sie strich mit der wachsbleichen, mageren Hand über die gehäkelte Decke vor sich auf dem Tische. Gerland floß die Rede, jetzt, wo er zum Zwecke sprach, freier von der Zunge; er benutzte vieles von dem, was noch von Fröschels eigenen Worten frisch in seinem Gedächtnisse war. Auch jetzt unterbrach ihn die Mutter nicht; sie saß mit gefalteten Händen da, den Kopf ein wenig gesenkt. Gerland bemerkte, daß sie sehr bleich sei. Nebenan war es still geworden. Der Sprecher begann sich an den eignen Worten zu erwärmen. Er glaubte Eindruck zu machen; er war durchdrungen von dem Gefühle, die Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit zu verfechten. »Glauben Sie denn nicht, Frau Oberlehrer,« fragte Gerland – und suchte seiner Stimme den angenehmsten Ton zu verleihen – »daß Ihr Sohn sich glücklicher fühlen würde, wenn er sich befreite von einem Amte, das ihn täglich und stündlich zur Zweideutigkeit und Unwahrhaftigkeit zwingt? Und Sie selbst, meine ich, konnten doch auch an einem solchen Zustande keinen Gefallen finden, der Ihrem Sohne die drückendsten Überzeugungsopfer auferlegt – der ihn zu Kompromissen treibt. Dem Reiche Gottes ist damit sicherlich nicht gedient. In der Offenbarung heißt es: »Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder warm wärest. Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.« – »Herr Pastor!« unterbrach ihn die Matrone plötzlich. »Sie treiben Mißbrauch mit dem Worte Gottes.« – Gerland sah ein gänzlich verändertes Gesicht vor sich; ihr Auge flammte zornig. »Wieso?« stammelte der Geistliche überrascht. »Jawohl! – Es ist hohe Zeit, daß ich Sie an Ihre Stellung erinnere. Die Art, wie Sie von dem geistlichen Berufe sprechen, ist empörend.« »Verzeihen Sie – Frau Oberlehrer – aber um mich handelt es sich doch hier gar nicht.« »Sie nehmen die Partei meines Sohnes; Sie wollen, er soll den Beruf aufgeben, der ihm von Gott zugewiesen ist – der größte, der edelste Beruf, den es giebt. Welche Motive Sie dazu treiben, meinem Sohne die Brücke zu treten, das weiß ich nicht. Jedenfalls ist es schlimm, daß Geistliche so gering von ihrem Stande denken.« »Ich kann Ihnen versichern, Frau Oberlehrer, daß ich sehr hoch von meinem Berufe denke – daß ich für meine Person, um keinen Preis der Welt, den Talar ablegen möchte – aber –« »Aber meinen Sohn, den verführen Sie dazu – nicht wahr?« »Frau Oberlehrer – ich weiß wirklich nicht –« Gerland stand ratlos vor einer Gereiztheit, die das sonst so gemessene, würdevolle Wesen dieser Frau in sein gerades Gegenteil verkehrt hatte. »Sie sind noch sehr jung, Herr Pastor,« sagte sie, »und auch mein Sohn ist jung. Ihnen beiden fehlen die Erfahrungen – die inneren Erlebnisse – die man nur durch langjähriges Gebetsleben und Ringen erwirbt. Es hängt nicht alles vom Einzelwillen ab, wie die Jugend meint; Gott führt uns und stellt uns auf unseren Posten. Merkwürdig genug, daß ich einen Geistlichen darauf hinweisen muß, daß es eine Berufung und eine Erleuchtung giebt. Wir sind nichts aus eigener Kraft; verderbt und in Sünden befangen von Jugend an sind wir, und nur die Gnade Gottes kann uns befreien. Wenn auch die jetzige Zeit diesen Grundsatz umstoßen will; er bleibt nichtsdestoweniger der Kernpunkt des Evangeliums. – Wir haben nicht das Recht dazu, wir elenden Menschen, unseren Leib und unseren Geist als unser ausschließliches Eigentum zu betrachten, und mit uns selbst zu schalten und zu walten, wie es uns beliebt. Unser Leben ist das Pfund, mit dem wir zu wuchern haben.« – »Frau Oberlehrer,« unterbrach sie Gerland, »es ist mir nie beigekommen, das zu bestreiten.« – »Sie haben sich unterfangen, zu behaupten, mein Sohn sei seiner Veranlagung nach nicht zum Geistlichen berufen. Einmal erkläre ich, daß niemandem ein solches Urteil zukommt; ich denke, wenn jemand meinen Sohn kennt, so bin ich es doch wohl, die Mutter! Ferner – kennen Sie denn die Wege, die der Herr meinen Sohn noch leiten wird? Wollen Sie unserem Herrgott ins Handwerk pfuschen? – Der, welcher zu dem Gichtbrüchigen gesprochen: ›Stehe auf und wandle!‹, wird am Ende auch noch Mittel und Wege finden, mein Kind zu sich zu führen.« – »Ich weiß nicht, ob das im Sinne unseres Herrn und Meisters ist!« – begann Gerland. »Evangelisch ist eine solche Auffassung jedenfalls nicht; dann kämen wir zur Gnadenwahl. Ob er sich zum Priesteramte berufen fühlt, darüber muß schließlich der Erwachsene selbst urteilen dürfen. Der Herr will keinen Zwang und keine Vergewaltigung in geistigen Dingen. Das Wesen des Evangeliums ist Freiheit. –« »Das Wesen des Evangeliums ist der Glaube an Jesum Christum, den Sohn Gottes!« – rief sie außer sich. »Und den Glauben habt ihr jungen Leute verloren. Euer Wesen ist Überhebung. – Die Demut fehlt euch – die Zerknirschung. – Ihr wollt euch nicht leiten lassen – wollt selbst euer Leben bestimmen. – Das ist der Geist der Auflehnung – der Geist der Negation – der keine Autorität mehr anerkennt, weder die Gottes, noch die der Eltern. – Wie können Sie von Zwang und Vergewaltigung sprechen? – Ich weiß, was meinem Sohne not thut – ich allein weiß es.« – Sie stand jetzt aufrecht vor Gerland und sprach mit zitternder, aber laut vernehmbarer Stimme: »Mein Sohn ist mündig; nach den Gesetzen kann er thun, was er will. Aber ich erkläre ein für allemal, mit dem Augenblicke, wo er seinen Beruf verläßt, trenne ich mich von ihm, und keine Einmischung Fremder wird daran etwas ändern.« Inzwischen war der Diakonus hinter ihr eingetreten. Er sah noch bleicher aus, als gewöhnlich und kam sofort auf Gerland zu. »Laß, Gerland – laß! – Es ist unnütz. – Mutter, errege dich nicht! Pastor Gerland ist gänzlich unschuldig, mach' ihm keine Vorwürfe.« – Er drängte Gerland, der kaum wußte, wie ihm geschah, zum Gehen. Als sie draußen standen, sagte der Diakonus: »Wir haben eine große Thorheit begangen, Gerland. Ich mußte das vorher wissen – mir kann niemand helfen. Du hast dein möglichstes gethan. – Ich danke dir. Meine Mutter wird nichts belehren – vielleicht Thatsachen allein. – Lebewohl, Gerland – ich danke dir!« – (Ende des ersten Bandes)